Kr. 346 s. flbonnementS'Bedlngungen: klbonnements- Preis dränumerando: Bi-rteljShr!. 3,30 fflit, monafl. 1,10 Mk., wöchentlich 28 Psg. frei WS Haus. Einzelne Nununer 5 Psg. Sonniags- nummet mit illustrierter Sonntags- Veilage„Die Nene Welt" 10 Pfa. Post- Zlbonneuirnt: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZcitmiaS- Vreislistc. Unter Kreuzband iür Deullchland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland S Mark pro Monat. Postabonnements nehinen aiu Belgien, Dänemark, Holland, Italien. Luxemburg, Portugal. Mumänien» Schweden und die Schweiz. cklchtwl lSgllch i blick llloiitt«. Grtrn-Ausaatie. 39. Jahrg. Verlinev Volll5»blc»kt. Zentralorgan der rozialdcmokratifchen parte» Deutfcblands. Die TnfertlonS'Gebfllsr Beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zelle oder deren Raum 60 Psg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen il0 P,g. „Kleine Anreisen", da- seltgcdruckte Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg Etcllengesuchc und Cchlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buch- Stäben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nummer müssen bis i Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abend- geöffnet, Telegramm- Adresse: „SoztalddDeknt BertU", Rcdahtion: SN. 68, Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Montag, den 31. Oktober 1913. JL 6xpcditton: SN. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. nr Freiheit und Frieden! Oer Zug der Ticrtclmillion nach Crcptow. WaS denn die Sozialdemokratie berechtigte, im Namen des preußischen Volkes zu sprechen, hatte bekanntlich am Sonnabend ein bcthmann-offiziöses Organ gefragt. Die guten Leutchen hätten sich nür einen Tag gedulden und einmal den Demonstrationen der Sozialdemokratie die Ehre ihres Be suches schenken sollen. Sie würden dann ihre naiv dreiste Frage schwerlich noch getan haben. Denn die Demonstrations kundgebungen des Sonntags brachten eine solche Masse prcußi- scher Wähler auf die Beine, wie sie die bürgerlichen Parteien bei der LandtagSwahl schwerlich niustern können. War doch der Zudrang zu den Demonstrationen überall ein ganz kollossaler. Und nicht zuletzt in Berlin! Trotz des frostigen Spätherbst Wetters, trotz des drohenden Barometerstandes und der Regenwolken, die mehr als einmal die Sonne verfinsterten nnd noch am Vormittag einen Sprühregen herabgesandt hatten, hatte sich nach dem Zeugnis aller Teilnehmer diesmal noch eine gewaltigere Menschenmenge auf dem historischen Versammlungsplatz des Berliner Volkszusammen gedrängt, als je zuvor! Und was von Berlin galt, gilt von den Kundgebungen in ganz Preußen, in ganz Deutschland. Der enorme Besuch der sozialdemokrattschen Protestkund gebung wiegt um so schwerer, als es sich bei den Massenkundgebun gen unter freiem Himmel ja um nichts Neues, Sensattonelles mehr handelt, sondern um einen Aufmarsch der roten Armee, der den Zauber des Ungewohnten und Unerhörten längst eingebüßt hat. Die Behörden sind nachgerade vernünfttg genug geworden, um nicht ihrerseits für die proletarischen Massenkundgebungen noch besonders Stimmung und Reklame zu machen. Kein Jagow'scher Ukas hatte Berlin in einen Lachtaumel versetzt, keine schneidige Kampfansage den Trotz der Arbeiterniassen erweckt, keine lustige Irreführung der wohllöblichen Herman- dad hatte die Tcnionsttation mit dem Reiz des Pikanten umkleidet. Nüchtern und ernst war der Aufruf zum Auf- marsch der Arbeiterbatallone ergangen. Daß trotzdem die Massen in so übergroßer Zahl nach dem weiten Anger im Treptower Park hinausströmten, bis nur noch ein einziges schwarzes Meer den weiten Wiesenplan ausfüllte, daß Hunderttausende und Aberhundcrttauscnde sich um die Rednertribünen geschart hatten, das bewies nicht nur die ciscrnc Disziplin und Pflichttreue des kämpfenden Pro- lctariats, sondern zeugte auch von der ungeheuren Er- b i t t e r u n g, die die Rcgicrungspolitik in den brei- testen Schichten des Volkes aufgestachelt hat. Wenn die Herrschenden überhaupt noch der Belehrung sähig sein sollten, so sollten sie jetzt endlich lernen, die verhängnisvolle Wirkung ihrer Attioncn richtig zu erfassen und schleunigst andere Wege zu wandeln, bevor es zu spät ist! Da dem proletarischen Aufmarsch jedes sensattonelle Vor- spiel fehlte, war es allein die Erkenntnis der uncr- t r ä g l i ch e n Lage, die die Riesenmassen zur wuchtigen Kundgebung getrieben hatte. Die agrarisch Ausgcwuchcrten. die Opfer der deutschen Zollpolitik, die von der beispiellosen Fleischteuerung am schwersten Getroffenen waren es, die Protest erheben wollten gegen unsere ganze Zoll- und Wirt- schaftspolitik und gegen die äffenden Halbheiten der winzigen Mittclchcn, mit denen nian den ungeheuren Notstand bekämpfen will. Wie tief von den Massen die Aus- Hungerungspolitik empfunden wird, das bewies die leidenschaftliche Zustimmung, die jedes drastische Wort über die traurige Lage des Proletariats auslöste. Wenn die Regierung die Absicht hegen sollte, bei den preußischen Land- tagswahlen der Sozialdemokratte möglichst viel Sttmmen zuzutteibcn, so kann sie diese Absicht in der Tat nicht besser fördern, als wenn sie bei ihrer gegenwärtigen Haltung be- harrt und es den teueren Krautjunkern zuliebe bei den jetzigen gänzlich unzulänglichen Palliattvmittclchcn bewenden läßt. Daß aber die Landtagswahl, erfolge sie unter welchen Wahlbestimmungen immer, ohnehin eine schwere Abrech- nung mit der preußischen Reaktton und ihrer Beschützerin, der Regierung, werden wird, das vernet der Sturm der Empörung, der losbrach, wenn die Redner von dem unein- gelösten Königswort, von dem Junkerhohn, dem Zentrumsttug und der liberalen Lauheit sprachen. Das Gefühl der Schmach, die das Dreiklaffenwahlrecht den proletanschen Wählermassen antut, ist so tief und so brennend geworden, daß nichts Aufreizenderes erfunden werden könnte, als die längere Hinausschleppung der nun bereits seit vier Jahren verheißenen und noch viel, viel länger fälligen preußischen Wahlreform! Nicht zuletzt richtete sich der Protest der Volksmassen auch gegen die Kriegsgefahr und gegen jene K r i e g s g e l ü st e, wie sie sich vor noch gar nicht zu langer Zeit in den Kreisen unserer Chauvinisten und Kriegsintereffenten so unverfroren hervorgewagt. Mit Recht traut man den Friedcns- verheißungen der internationalen Noten und den opttmisttschen Redeergüssen deutscher Diplomaten nur herzlich wenig. Man weiß, wie der Ausbruch des Kricgsplanes auf dem Balkan aller verspäteten Diplomatenkünstc gespottet und geradezu den Bankrott unserer kapitalistischen Diplomatie er- erwiesen hat. Man weiß, wie systemattsch das unausgesetzte Wettrüsten zu Wasser und zu Lande das Mißtrauen und die Abneigung der herrschenden Klassen der verschiedenen Staaten untereinander entfacht nnd geschürt hat. Man weiß, wie die deutsche Diplomatie Deutschland in der ganzen Welt unbeliebt gemacht und isoliert hat. Kurz man hat alles Vertrauen verloren zu der Ehrlichkeit und zu den Fähig- ketten der eigenen und fremden Diplomattc. Das Proletariat hat erkannt, daß der europäische Friede weder durch bie Bündnisse und Machenschaften der kapitalistischen Diplomatie gesichert werden kann, sondern einzig durch den entschlösse- nen Friedenswillen der Volksmcheit der großen Nationen selbst, durch die sozialistische Rtassen aufklär ung und den r a st l 0 s e n Aus- bau der nationalen und internationalen Organisationen des Proletariats! In dieser Einsicht gelobte denn abermals das deutsche Proletariat, mit äußerster Entschlossenheit den Krieg gegen den Krieg führen und alles daransetzen zu wollen, um das Ucbergreifen des Kriegsbrandes auf die großen Kulturstaaten Europas zu der- hindern I Die Demonsttan ten haben ihr Gelöbnis abgelegt und sie werden dafür sorgen, daß ihr Protest nicht unbeachtet verhallt. An der Regierung, an den herrschenden Klassen aber ist es, die Zeichen der Zeit zu beherzigen! Keelln demonitriert. Der Hufmarrch der JMalTeti. Frühmorgen, Sonntag-stille in den Straßen der Weltstadt. Die Läden in den.Straßen haben ihre Pforten bereits wieder geschlossen, Milch- und Bierwagen rattern im flotten Tempo nach Hause zu- rück. Alte Frauen mit großen Gesangbüchern und Kinder in hellen Kleidern trippeln eilfertig den Gotteshäusern zu. Von den Türmen herab läuten die Glocken mit wuchtigen Schwingen den Sonntag ein. Tie Klänge zittern durch den grauen Herbstmorgen, dumpf und schwer wälzen sich die metallischen Fluten über das Straßengewirr hinweg. In der proletarischen Hochburg Berlins vürd eS allmählich lebendig. Ein ungewöhnliches Bild entfaltet sich. AuS den Fenstern und von den Ballonen herab blicken erstaunte Gesichter in das buntbewegte Treiben: Der sechste Berliner Reichstags- Wahlkreis ruft et zum Abmarsch nach Treptow. In langen, langen Zügen winden sich Menschen dahin, Männer, Frauen, in unübersehbarer Anzahl—„und will sich nimmer er- schöpfen und leeren, als wollte das Meer noch ein Meer gebären". Durch die trostlos graue Wolkenschicht bricht die Sonne— nun hellen sich auch die Gesichter der Demonsttanten auf und selbst die zweifelsüchtigsten unter ihnen können sich nicht enthalten sagen: „Na, am Ende hält es sich doch noch." Aus allen Richtungen schlängeln sich schon die Züge heran Der Wedding, die Oranien- burger Vorstadt, Moabit, all die Stadtteile scheinen ein unerschöps- liches Menschenreservoir zu sein, das nunmehr für eine Weile seinen ganzen Inhalt entleert. Vom Gesundbrunnen her zogen die Brunnenstraße hinab die Genossen aus dem Norden der Stadt. Von der Gegend des Humboldthains bis zum Rosenthaler Tor eine ununterbrochene zu- sannnenhängende Menschenmasse, welche die eine Seite der Straße füllte. Im unabsehbarem, kilometerlangem Zuge bewegten sich die Demonsttanten dem gemeinsamen Ziele entgegen. Polizei war, außer den alltäglichen Posten an den verkehrsreichsten Straßen- kreuzungen, nicht zu sehen. In ungestörter Ordnung konnten die Genossen vom Norden her bis in das Herz der Stadt, ja bis an die Nähe des, wie immer bei solchen Gelegenheiten, durch Roß und Reisige geschützten Königsschlosses gelangen. Die Schutzleute stecken den Daumen hinter den breiten Ledergurt und schauen mit stoischer Ruhe dem immer wieder neuen Schau- spiel zu. Das Königliche Schloß liegt in ttefem Schlafe da, als die schwarzen Demonstrantenzüge schweigend vorüberziehen. Hier tritt der Fuß auf historischen Boden, hier floß dereinst Bürgerblut, hier kämpfte da? Volk den Kampf um feine Rechte gegen Kanonen- schlünde und Bajonette aus, hier mußte ein gekrönter Despot die pulvergeschwärzten Rebellenleichen grüßen.—„Hut ab! und er kam gewankt..." Doch dahin führte der Weg der Demonstranten nicht. Teils durch die Neue Friedrichsttaße, teils durch die Alexanderstratze be- wegte sich der stattliche Zug, der inzwischen durch Genossen des fünften Wahlkreises verstärkt war, über die Jannowitzbrück«, um mit dem großen Menschenstrom, der die Köpenicker Straße ein- nahm, nach Treptow zu gelangen.' „Zunächst die Arbeit für den Wahlkampf, dann die Demon- stration in Treptow", so lautete heute die Parole für die tätigen Parteigenossen des ersten Wahlkreises. So füllten sich denn die Straßen dieses Kreises zwischen Lindenstraße nnd Alexanderplatz, durch die ich wanderte, erst kurz vor 11 Uhr mit den aus ihren Zahlstellenlokalen koinmenden Parteigenossen des Kreises etwa zur selben Zeit, als schon die ersten Riesenkolonnen des 6. Kreises aus der Neuen Friedrichstraße in die Kcriser-Wil- helmstraße einbogen. Bald wuchs die Menge getvaltig an. Am Alexanderplatz waren die verschiedenen Züge von einem etwa auf der Straßenbahn befindlichen Beobachter nicht mehr auseinander- zuhalten. Man konnte sich aber auch darauf verlassen, daß diese Massen in ihrem keineswegs dunklen Drange sich des rechten L�ges nach Treptow durchaus bewußt bleiben würden. Die Flucht der Danziger, Elbinger. Petersburger und War- schauer Straße bildet vom Nordosten her den bequemsten Zu- gang nach Trcpwtv. In der Danziger Straße liefen die aus der Schönhauser und Rosentaler Vorstadt kommenden Gruppen der Parteigenossen zusammen. Dann ging es in einem endlos schei- iienben, aus Zehntausenden bestehenden Zuge, von Ordnern mit roten Armbinden begleitet, den Promenadenweg entlang. Im Osten Berlins bietet sich uns dasselbe Bild: Um 11 Uhr sehen wir die Genossen ihren Bezirkslokalen zueilen, Schutz- leute begeben sich nach deil Polizeirevieren, neugierige Bewohner der Vorderhäuser beivunderu das schon frühzeitig veränderte Straßenbild. Gegen f,12 Uhr beleben sich die Straßen durch kleinere Trupps Demonsttanten. Erst bleibt zwischen den ein- zclnen Gruppen immer ein größerer Abstand, je weiter aber die Zeit vorschreitet, um so mehr verschwinden diese Zwischenräume und mittags bewegt sich ein schier endloser Zug von Männern uitd Frauen die breite Petersburger Straße herunter über die Warschauer und Obecbaum-Brücke mit ihrer prächtigen Architek- tur. Aus allen Straßen des Ostens quillt es hervor, von dort, wo die rühmlich bekanntgewordene Freibank des Berliner Schlacht- Hofes den Aermsten der Armen den Sonntagsbraten liefert, kommen die Massen, um gegen den gesetzlich festgelegten Lebens- mittelwucher, gegen das Dreiklasscnunrecht, gegen den Völker- mordenden Krieg zu demonstrieren und zu protestieren. Nirgends eine Störung; ruhig, ohne Gesang und Lärm, be- wegen sich die Ricfciimasseii vorwärts. Es sind Genossen aus Niederbarniin, aus dem 6. ReichstagSwahIkreiS, die sich mit den Zügen aus dem östlichen Teil des 4. Kreises auf der Oberbaum. brücke vereinen. Dort, wo die Fa-Ickenstein-Straße in die Schlc- fische Straße, der Ausläufcrin der Köpenicker Straße, mündet, treffen die Züge mit dem Gros der Demonstrationsteilnehmer zu- sammen, dort befindet sich auch eine Kreuzung mehrerer Straßen- bahnlinien und auch sonst herrscht dort ein starker Wagcnverkehr. Aber alles vollzieht sich in bester Ordnung, ohne Störung und ohne jede Schwierigkeit gliedern sich die Züge an dieser Kreuzung zu einem großen Aufmarsch, der die ganze Breite der Straße ein» nimmt. Die Straßen des Südens, die so oft der Schauplatz militärischen Gepränges sind, boten heute«in anderes Bild. Nicht gezwungen marschierten die Massen auf den Straßen, sondern in freiwilliger Disziplin. Aus dunklen Höfen, aus den Mietskasernen des Prole- tarierviertels wie aus den Hinterhäusern im vornehmen Westen waren die Proletariermassen gekommen, um sich zu zählen uno um von ihrem Recht auf die Straße Gebrauch zu machen. Schon zeitig sammelten sich die Genossen in ihren Zahllokalen. Die Genossen des Westen?, die den weitesten Weg hatten, versammelten sich in einem großen Lokal in der Bülowstratze und gelangten von dort in einem imposanten Zuge, der die ganze Dorkstraße füllte, nach dem Süd- westen, wo sie sich mit den dortigen Genossen, die inzwischen auch ihre Sanimelstellen verlassen hatten, vereinigten. Immer mehr schwoll der Zug an. Wie aus kleinen Quellen Bäche und Flüsse sich zum gewaltigen Strome sammeln, so flössen von allen Seiten dem Zuge neue Massen zu, sich schließlich vereinigend zu einer großen, endlosen, unübersehbaren Kette. In dem Zuge schritten unsere alten Kämpfer in Reih und Glied mit unseren jungen Genossen und erfreulicherweise nahmen an der Demonstration auch sehr viele Frauen teil. Ganze Familien konnte man so im Zuge bemerken, ein Zeichen, wie sehr das arbeitende Volk durch Teuerung, Kriegsgefahr und Wahlunrecht ausgerüttelt ist. Ernst und ruhig bewegte sich der Zug vorwärts. An den ab- gehärmtcn Gesichtern mancher Proletariermütter konnte man deut- lich ablesen, wie sehr die Not im Volke gestiegen ist, die es auf die Straße treibt. Aber nicht nur das Elend gab sich auf den Gesichtern der Proletarier kund, nein, aus den Augen leuchtete auch der feste Wille, die zielklare, unbeugsame Entschlossenheit, für die Sache der Entrechteten zu kämpfen. Im vornehmen Westen bildete ein großes Schutzmannsaufgebot das würdige Spalier des Zuges der Ausgebeuteten und Unter- drückten. Mit umgeschnalltem Revolver standen die Vertreter der Staatsgewalt bereit. Im Südwesten und Süden schien die Polizei die Gefahr der„Zusammenrottung" nicht für so groß zu halten, denn hier fehlten den meisten Hütern der öffentlichen Sicherheit das Schießeisen. In der Nähe der Kaserne begegnet« inan niehreren Trupps Offizieren, die erstaunt auf die in eindrucksvoller Ruhe Dahinziehenden sahen und sich wohl ihre eigenen, von keiner Sachkenntnis getrübten Gedanken gemacht haben mögen. Rad- fahrende Schutzleute fuhren eifrig dahin, Bericht erstattend über die Bewegung des„Feindes". Daß die Demonstration auch nicht ohne Einfluß auf das Bürgertum blieb, bewies die Tatsache, daß in allen Straßen, die der Zug passierte, sich an vielen Fenstern neugierige Gesichter zeigten. Und die meisten der Zuschauer werden wohl mit Sympathie dem Zug der Demonstranten nachgesehen haben, ist doch die Not des Volke? nicht auf die Arbeiterschaft beschränkt geblieben, sondern weit in die Kreise des Bürgertums ein» gedrungen. Ueberall, wohin man kam, in der Straßenbahn, in den Restaurants, fand man auch die nicht an der Demonstration Be- teiligten lebhaft an der Frage des Tages interessiert, und dieses Interesse entlud sich in mehr oder minder heftigen Debatten, so daß auch auf diese Weise die Demonstration aufklärend gewirkt hat. Im Südosten der Stadt waren alle Zugangsstraßen zum Treptower Park— und hier führten schließlich all« Wege nach Treptow— von 11 Uhr ab stark belebt, und immer schneller wuchsen die Menschenströme an, denn von allen Seiten fanden sie Zufluß. Als der vierte Reichstagswahlkreis, soweit er den Süd- oscen umfaßt, seine Mannen und Frauen stellte, mit dem Wander- ziel zur Treptower Versammlung, da unterschieden sie sich nicht mehr in der Menge, wem: sie auch in noch so starken Trupps Plötz- lich hier und da aufmarschierten. Ueber die Wiener Brücke und noch weit mehr über die Sch lesisch« Brück« wälzte sich die Volksmasse hinein in den Park, daß man an das Dichterwort denken konnte: „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los.. Und es war doch kein Volk in Waffen, sondern ein friedliches, auf sein gutes Recht pochendes Volk, bewaffnet nur mit— Regen- schirmen, was auch nicht einmal nötig war, denn das„Schweine- glück der Sozialdemokratie" bewährte sich wieder, und die drohenden Wollen öffneten sich nicht, die Sonne blickte im Gegenteil mehrmals hervor und beleuchtete freundlich den weiten Plan, wohin das Volk strömt«, um seine Stimme mit Macht zu erheben. Schon um 1412 Uhr guerten die ersten Gruppen der Neu- k ö I l n e r Genossen den Hertzbergplatz. Dann wurden die Gruppen immer dichter und dichter und von?L12 Uhr ab war es ab Richard- und Hertzbergplatz ein einziger langer Zug, dessen Aiarsch durch die Treptower Straße volle V/> Stunden dauerte. Auch das Neuköllner Polizeipräsidium bildete einen Sammelpunkt großer Massen der Demonstranten, die ihren Weg nach Treptow durch die Wildenbruch- straße nahmen. Besanderes Aufsehen erregte der Zug der Demon- stantcn über den verkehrsreichen Hcrmannsplatz und die Ueber- querung der Berliner und Bergstraße. ES wird so ziemlich das Richtige teffen, wenn man die Zahl der Demonstranten aus Neu- kölln allein auf 20— 26 000 schätzt. Der Polizeipräsident von Neukölln, der originelle nächtliche Chorführer in den Wäldern von Ziegenhals, hatte in seiner Angst wieder ei» beträchtliches SchutzmannSaufgebot in Bereitschaft gc- halten, auf die Straße jedoch nicht mehr Posten gestellt, als an gc- wöhnlichen Tagen. Di« Genossen aus dem entfernteren Teltow-Beeskow kamen auf den verschiedensten Wegen heran. Von den Charlottenburger Genossen wurde zum Teil die elektrisch« Bahn bis zum Görlitzer Viertel in Berlin benutzt, von wo aus man dann durch die Wiener, Kiefholz- und Puderstrvße heranmarschierte. Einen Zug von 600 bis 700 Personen bildeten die Schöneberger Genossen, die ihren Weg durch die Kreuzbergstraße, Bergmannstraße, Kamphausenstraße und den weiteren Süden und Südosten Berlins nahmen, um durch die Kiefholzholz- und Elsenstraße den Versammlungsplatz zu erreichen. Genossen aus anderen südlichen Vororten kamen über Neukölln. Die Britzer Genossen erreichten das Ziel durch die Grenzstvaß« und Köpenicker Landstraße. Andere Züge, die au» dem Osten heran- marschierten, setzten sich zusammen aus den Genossen von Johannis- thal, Niederschöneweide. Köpenick. Adlershof. Baumschulenweg und so weiter. Auch die Genossen aus Wusterhausen und Umgegend waren verteteu. Die Genossen aus den weiter entfernten Vororten hatten zu einem Teil die Bahn benutzt, einen Teil des Weges aber zu Fuß zurückgelegt. Als alle die Gruppen und Züge aus dem Platze und vor den Tribünen zusammengeströmt waren, bildeten sie eine gewaltige Masse, die sich bald mit den Massen um die benachbarten Tribünen berührte, Im Treptower Park- Grün ist zwar der Rasen noch im Treptower Park, draußen im Osten, aber braun und schwarz sind schon an den Bäumen die Blätter, die der Wind noch nicht herabgerissen hat, und durch die Natur geht das große Sterben. Und als ob es wirklich ein Naturgesetz wäre, daß nicht nur das Alte, Ueberreife, Kranke, nicht mehr Widerstandsfähige sterben müsse, so gehen jetzt dort drunten auf dem Balkan Tausende und Abertausende junger, kräftiger Männer in die Schlacht, in den Tod, in das Siechtum, als hätte diese Welt nichts mehr, das sie zurückhielte, als wäre niemand da in den Dörfern und Städten der slawisch-mohammedanischen Balkanwelt, der diese Menschen braucht, der an ihnen hängt, mehr als am eigenen Leben. Ausgetilgt der Anflug kauni anerzogener Menschlich- keit, abgestreift die in den heuchlerischen Manifesten der Fürsten bis zum Ueberdruß beteuerte Lehre des Christentums — der alte Urständ der Natur kehrt wieder, wo Mensch dem Menschen gegenübersteht.... Ist das Schicksal, Kismet, gegen das wir nichts tun können? Müssen wir es über uns hereinbrechen lassen ohne Widerrede, ist der Wille der Kriegsinteressenten allein auf der Welt da, und hat er allein zu gebieten? Doch: es lebt noch eine Flnmme! Nicht nur die Kriegs- fackel ist entzündet, das Fanal des Befreiungskampfes der arbeitenden Massen leuchtet siegesgewisser, und die trüben Strahlen des blutigen Rots, die vom Südosten Europas her- überfallen, verdunkeln es nicht. Zu Tausenden und Tausenden zieht das Proletariat der deutschen Reichshauptstadt heran. Je näher Du— aus welcher Stadtgegend des Dreimillionenquartiers immer herankommst, um so dichter ballen sich die Massen. Und da, wo die Ringbahn über die Straße braust, ist es schon ein un- übersehbarer, dichtgedrängter Massenzug, der sich zu beiden Seiten oer Chaussee langsam, Schritt für Schritt in den Park wälzt. Da öffnet sich die Lichtung der großen Wiesen, wo sonst im Sommer Kinder spielen und von der Berliner Arbeitshast Müde lagern. Bekommen wir endlich Luft? Nein, nein— wohin der Blick reicht, überall schon schwarze Menschenmauern. Und immer neue Massen rücken an. Rot leuchtet es her von den herbstbraunen Busch- und Baumrändern des weiten Wiesenplans. Zehn Tribünen sind aufgeschlagen, deren Brüstungen rot umkleidet sind. Der weiße Fleck nach der Mitte zu ist das große Sanitätszelt. Jede Tribüne trägt ihre Nummer, nach der sich die Wahlkreise ordnen. Aus dem wimmelnden, ernstgestimmten Menschen- gewoge ragen kleinere Nummernschilder auf: die stramme Gliederung unserer Organisation in ihre Bezirke und Gruppen— Ihr buntberockten Drillmeister des Preußen- Volks, habt Ihr nicht Eure Freude daran?— bleibt auch hier aufrecht.— Auf den Straßen Berlins war sehr wenig Polizei zu sehen. Vielleicht sogar weniger als sonst. Man ist bereit und konsigniert. Aber hier draußen am Treptower Park steigt nur ein einsamer Gendarm daher. Man vermißt die Ordnungswächter nicht, die eigenen Ordner halten zum Aerger der Asphaltagrarier von der„Deutschen Tages- zeitung" die selbstgewollte und darum unübertreffliche Ord- nung aufrecht. Und das ist bei dem einmaligen Zusammen- treffen von so ungefähr einer Viertelmillion Menschen zu einer bestimmten Stunde eine Aufgabe, vor der jede andere Macht verzagen müßte. Selbst für den Zeitungsmann, dem sie willig Platz machen, ist es nicht leicht, bis zu einer der Tribünen vor- und auf sie hinaufzudringen. Da aber erst umfängt der Blick das ganze unbeschreibliche Bild. Meeting an Meeting. Massenver- sammlung an Massenversammlung, soweit man sieht. Nur ein schmaler Verkehrsweg bleibt zwischen ihnen. Ab und zu sieht man von hier oben eine funkelnde Helmspitze langsam durch die Massen ziehen. Die Stille der Erwartung senkt sich hernieder, die Uhr zeigt eins. Auf der Haupttribüne— sie trägt die Nummer 4— erhebt sich Eugen Ernst, um mit wenigen markigen Worten die Versammlung des sechsten Wablkreises, der sich um diese Tribüne geballt hat, zu eröffnen. Gleichzeitig wird von den übrigen neun Tribünen das erste einleitende Wort gesprochen. Alle Vorsitzenden verlesen am Schluß ihrer kurzen Ansprachen folgende Resolution: „Die am 20. Oktober, dem Tag«, an dem vor vier Jahren der König von Preußen die Acnderung dcs elenden preußischen DreiklasseutvahlrechiS als ein« der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart bezeichnete, versammelten Männer und Frauen geben ihrer Empörung darüber Ausdruck, daß das Dreiklassenwahl- unrecht in Preußen noch nicht beseitigt, das in der Thronrede dem preußischen Volke feierlich gegebene Versprechen immer noch nicht eingelöst ist. AlS eine Schmach empfinden sie es, daß ihnen das in den süddeutschen Bundesstaaten längst eingeführte gleiche Wahlrecht weiter vorenthalten wird, sie dadurch zu Reichsdeutschen zweiter Klasse gestempelt werden. Sic geloben daher aufs neue, nicht eher zu ruhen und zu rasten, bis dieser unwürdige Zustand beseitigt und auch dem preußischen Volke das allgemeine, gleich«, geheime und direkte Wahlrecht eingeräumt worden ist. Mit Entrüstung weisen die Versammelten den Versuch der Nutznießer der wucherischen Hungerpolitik zurück, die preußische Regierung wegen ihrer ganz unzulänglichen Maßnahmen gegey die Teuerung im Dreiklassenparlament zur Rechenschaft zu ziehen und fordern auf das nachdrücklichste die sofortige Einberufung des Reichstages, damit das Haus der Volksvertreter Maßnahmen beschließe, die geeignet sind, die schier unerträgliche Not lveiter Volksschichten zu beheben. Die Einberufung des Reichstages ist um so notwendiger, als durch die imperialistische Politik der kapitalistischen Klassen- staaten nicht nur Teuerung und Notstand über die Völker Europas heraufbeschworen, sondern auch ein Weltkrieg in bedrohliche Nähe gerückt ist. Hell lodert bereits die Kriegsfackel auf dem Balkan: sie kann leicht in dem waffenstarrenden Europa einen Weltbrand entzünden. Die Versammelten protestieren gegen dieses von der Dipl» matte der europäischen Großmächte mit verschuldete Völker» morden und verlangen von der deutschen Regierung, daß sie jede Einmischung in die Kriegswirren unterlasse, strikte Neutralität übe und in dieser Richtung auch bei den übrigen Großmächten ihren Einfluß geltend mache. Gemeinsam mit dem klassen- bewußten Proletariat aller Länder bekämpft die deutsche Sozial- demokratie den Krieg, der ein« Begleiterscheinung der imperia- listischen Beutepolitit des Kapitalismus ist." Noch dichter ballen sich die Männer und Frauen um die Tribünen. Der scharfe Wind, der zu Beginn der Veriamm- lung den Rednern das gesprochene Wort in weite Fernen weg- zureißen drohte, hat nachgelassen, auch das etwas unsichere Wetter hellt sich auf. Klar und scharf dringen die Worte der Redner durch den weiten Raum. Es ist so still, und die Ge- Hölze rings um den Versammlungplatz halten jeden stören- den Schall von den Verkehrswegen draußen so gut ab, daß mitunter die Redner der nächsten Tribünen in einzelnen unterstrichenen Worten mit zu verstehen sind. Ueberall sprechen drei Genossen hintereinander. Ihnen ist die Aus- gäbe gestellt, in dem Drittel einer Stunde die drei Forde- rungen der Resolution zu begründen. Zuerst das Wahl- rechtl Sind es doch auf den Tag vier Jahre, seitdem ein Königswort, an dem man nicht deuteln und nicht drehen soll, dem Preußenvolk die Beseitigung der Dreiklassenschande an- kündigte.'Vier Jahre, reich an Umwälzungen in der Wirt- schaft, in der Technik, im Leben der Menschheit und jedes einzelnen, doppelt reich an Umwälzungen in dem kurzen Leben des Proletariers. Im Reich ist die reaktionäre Mehr- heit hinweggefegt, in der Welt hat sich das Verhältnis aller Mächte zueinander verschoben. Auf dem Schlachtfelde von Kapital und Arbeit sind die größten Kämpfe ausgefochten worden; das Können der Menschen hat sich auf den mannig- fachsten Gebieten vermehrt, und die Bedeutung der Arbeiter- klasse ist von Tag zu Tag mit den Anforderungen an jeden einzelnen gewaltig gestiegen. An der Verwaltung des ersten deutschen Staates, an der inneren Organisation des am raschesten vorwärtsstrebenden Landes der alten Welt ist das alles spurlos vorübergegangen. Mit frechem Hohn darf der Junker in Preußen schalten, kein Volksparlament, keine Regierung hemmt die Ausbeutung, die Aushungerung, die Unterdrückung, die Verwahrlosung, die der Kapitalismus am Volke oerübt. Von den Bergarbeitern war in den letzten Monaten so viel die Rede in Preußen. Namenloses Unglück ist durch die furchtbarsten Katastrophen über sie gebracht worden. Aber statt Bergarbeiterschutz hat dieses Preußen für seine Kohlengräber, für die Ernährer seiner Industrie Maschinengewehre. Polizeikarabiner und Bluturteile I Und wie die Bergarbeiter, so lernten alle Arbeiter dieses Landes ihre„Volksvertretung" kennen. Stürmische Zustimmung antwortet jedem Satz, der dieser Schmach gewidmet ist, und krätigste Entschlossenheit malt sich auf allen Gesichtern, da von dem unausweichlichen Kampfe gesprochen wird, der auch die Preußen zu gleichberechtigten Bürgern dieses Reiches machen muß. Redner aus den Gewerkschaften sind es zumeist, die das zweite Hauptthema, die Teuerung, besprechen. Wer so von der Triiüine aufmerksameren Blickes die Versammelten mustert, dem rann nicht entgehen, wie auffallend groß gerade bei dieser Kundgebung die Zahl derjenigen ist, deren einge- fallenen Gesichter, deren müdes Auge, deren schlaffe Haltung die Unterernährung deutlich genug zu erkennen gibt. Und wenn da die Reichsregierung eines Bethmann Hollweg, eines Delbrück und eines Kühn in zögernder Halbarbeit sich ent- schließen muß, nachdem man dem Militarismus neue Hundertmillionenopser gebracht hat, in einer Kleinigkeit wenigstens nachzugeben, da wollen es die Geldsackritter des Privilegienparlaments noch wagen, diesen Akt der Reichs- gesetzgebung vor ihren mit der Pickelhaube gekrönten Richter- stuhl zu fordern. Sofortige Einberufung des Reichstages ist die Parole, die die Massen, dem Beispiel der Reichstagsfraktion folgend, erheben, und man müßte in der Tat meinen, daß die Reichsregierung selbst, ohne jede Anregung von außen, diesen Schritt hätte tun müssen, wenn es ihr ernst ist um die Durchführung selbst der wenigen Maß- regeln, die sie gegen die Teuerung ergreifen will, und wenn es ihr überhaupt auch nur ernst war um die Betonung des grundlegenden Rechtssatzes, das Reichsrecht vor Landrecht gehen soll. Und welche Aufgabe sollte für die Reichsgesetz- gebung größer sein, als die. den darbenden Bürgern dieses Reiches zu helfen? Aber freilich, ist es denn einem Beth- mann Hollweg ernst darum, die Teuerung zu mindern und damit die Riesenprofite der Großgrundbesitzer auch nur um ein Bescheidenes zu kürzen?! Und nun sprechen die Redner über die Kriegs- g e f a h r. Vor wenigen Wochen hat der Parteitag sein Votum über den Imperialismus gefällt, dem das Leben der Völker nichts gilt beim gierigen Erraffen immer neuer Reich- tümer. Warum der Balkankrieg? Mag auch bei den süd- slavischen Völkern gewiß das Mitgefühl mit ihren Stammes- brüdern mitsprechen, die noch unter der Fremdherrschaft der Osmanen stehen, so ist zweifellos auch hier nicht von den Völkern der Krieg verlangt worden. Selbst in den doch nicht auf der vollen Höhe der Krupp- und der Schneider-Creuzot- Kultur stehenden Kleinstaaten jenseits der Donau gibt es schon einflußreiche Leute, die an dem verzehrenden Feuer des Krieges ihr SUpplein zu kochen verstehen. Und die aus dem nicht versorgten Familienüberschuß mitteleuropäischer Herrscherhäuser herbeigeholten Balkankönige wissen sehr wohl, wie ihre Throne wackeln, und es däucht ihnen, daß auch ihnen, wie einst der Eugenie Montijo, ein„kleiner Krieg" von Nutzen sein könnte.... Unbedingte Neutralität des stärksten Militärstaates der Welt fordern die Sprecher der Viermillionenpartei und unter donnernder Zustimmung erklären sie die Entschlossenheit des Proletariats nicht nur Deutschlands, sondern aller Kulturstaaten, alles aufzubieten, um wenigstens das Weiter- greifen des fressenden Feuers über den Balkan hinaus zu verhindern. Um 2 Uhr schließen die Redner. Ein Trompetenstoß und dann Hunderttausende Hände, im Sonnenglanz erhoben. Sie alle geloben, daß die Massen der Berliner Arbeiter eins sind und eins bleiben mit den Proletariern der ganzen Welt. Wer diesen unvergeßlichen Anblick miterlebt, vor dem ver- schwinden alle Drohungen und Verfolgungen, alle Entwürfe und Pläne der Feinde der arbeitenden Menschheit in Nichts. Was kann Polizei und Militär, Justiz und Verwaltung gegen die weltumfassende Bewegung des internationalen sozialisti- scheu Proletariats! «» * Vor den CnbUnen. Die Versammlung auf Tribüne 1 wurde durch Genossen Brühl eröffnet. Pacteisekretär Bühler als erster Redner wandte sich an di« Wahlrechtsfreunde und Kampf- genossen, denen er zurief, zu demonstrieren für ein gerechtes Wahl- recht und zu protestieren gegen die anmaßende Frechheit der Junker- und Pfaffenbrut Eine Ironie der Weltgeschichte sei es. wenn heute die Republikaner hinter dem Königswort— die organische Fortent- Wicklung des Wahlrechts betreffend— ständen. Eine Ironie sei cS. wenn die Königstreuen die Einlösung des Versprechens verhindern Die zur Karikatur hcrabgesunlene preußische Volksvertretung müsse beseitigt und die Zahl unserer Vertreter vermehrt werden, damit diese nicht nur Objekt, sondern Subjekt der Gesetzgebung würden. Redner forderte auf zum Kampfe gegen Knechtschaft und Unter- drückung, damit bei den nächstjährigen LandtagSwahlen die Fahne der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufgepflanzt werde. Genosse Hugo P o e tz s ch wandte sich scharf gegen da? heutige Wirtschaftssystem und brandmarkte die Zoll- und Wucherpolitik, die im Interesse einer kleinen� aber einfluhreiKen Mque das Volk so enorm belaste. Seine Ausführungen gipfelten in den Schluß, daß der Reichstag sofort einberufen werden und die Anfhebung aller indirekten Steuern sowie Zölle erfolgen müsse. AlsdritterRedner sprach.mitJubel begrüßt, Abgeordneter S t a d t- Hagen: Der Weltkrieg ist in nahe Möglichkeit gerückt. Nicht um Lebens- interessen der Völker willen, sondern im Interesse von Kapitalisten- gruppen, der schweren Industrie, der Großbanken und auch des Großhandels. Der Imperialismus heischt seine Opfer. Ein Weltkrieg— das zeigt uns der Lauf der Geschichte— würde aber auch einläuten die s o z i a l e R e v o l u t i o n, die mir dem schnelleren Sieg des Sozialismus unter Ueberwindung des Kapitalismus enden muß. Dann hat die Stunde der Herrschaft der internationalen Unterdrücker geschlagen. Dann gehört das Feld der Sozialdenrokratie, die die Kullurgemeinschaft aller Völker anstrebt. Da heißt es klarzumachen den noch abseits der Sozialdemokratie Stehenden, wie notwendig es ist, die Mahnung der braven 4L er zu erfüllen: o seid gerüstet, leid bereit und schaffet, daß die Erde, darin wir liegen strack und starr, ganz eine freie werde. Die Referate wurden von stürmischem Beifall begleitet. Von der Tribüne 2 sprach als erster Redner Genosse Landtags abgeordneter Hirsch. Es sei ausgeschlossen, daß nun die Regierung in der letzten Session des Landtages den Wünschen des Volkes entgegenkomme, die Neu- Wahlen zum Landtag würden sich somit unter dem alten Dreiklassen- unrecht vollziehen. Die Hoffnungen auf eine Wahlreform scheiterten, weil im Landtag Junker und Zentrum die Mehrheit bilden und diese nichts von ihrer Machtstellung einbüßen wollen. So bleibe dem arbeiten- den Volke in Preußen vorenthalten, was den Arbeitern in Süddeuischland und in Elsaß-Lothringen gewährt ist. In kräftigen Strichen charakteri- sierte Redner die Bedeutung der Eroberung der Rechtsgleichhe t und wessen sich das Volk zu gewärtigen hat, wenn der Macht des Junker- tums, die im preußischen Landtag ihren Sitz habe, nicht durw den Willen des Proletariats gebrochen werde. Diesen einheitlichen Willen gelte es heute zu bekunden, es gelle, erneut den Kampf um die Rechtsgleichheit aufzunehmen, die Macht der Junker und Pfaffen zu brechen. iStürmischer Beifall.) Genosse ReichsragSabgeordneier Büchner geißelte in scharfen Worten die Wirtschaftspolltik des Reiches, die das arbeitende Volk an den Rand einer Hungersnot gebracht und keinen Ausweg offen lasse, aus der wirtschaftlichen Mücre herauszukommen. Die Reichs- regierung achtel nicht der Rot und hört nicht auf die Stimme des Volkes. Die von ihr gebotenen Maßnahmen zur Linderung der Fleischnot seien wirkungslos durch die Balkanwirrcn, der philosophische Kanzler habe die kommenden Dinge im Orient vorhergesehen und mit seinen Vorschlägen das Volk jedenfalls zun: Besten gehalten. Ohne die Aufhebung des K 12 des Fleiscbbeschaugesetzes sei eine aus- reichende Fleischeinfuhr unmöglich, diesen Paragraph aber zu beseitigen, weigere sich die Regierung, weil sie nicht gegen den Willen der Junker handeln dort. Nach einer kurzen Schilderung der deutschen Wirtschaftspolitik und ihren Folgen, den Bestrebungen der Sozial- dcmokratie schließt Redner, indem er als Ziel der Partei bezeichnet, aus dem Vaterland der Unterdrückung ein Vaterland der Menschen- liebe zu machen.(Stürmischer Beifall.) Dem Protest gegen Krieg und Militarismus wußte Genosse Stadtverordneter D u p o nt in inarkanten Worten Ausdruck zu geben. Im Volke lebt die Ueberzeugung, daß Kriege nicht mehr notwendig sind, daß die Angelegenheiten der Staaten friedlich erledigt werden können. Wir kennen keinen Feind jenseits der Grenzen? unser Feind, der Kapitalismus, befindet sich im Lande selbst. Auch mit diesen führen wir den Kampf auf dem Boden des Gesetzes. Redner wendet sich an die ebenfalls in der Lohnarbeit aus- gebemelen Frauen, den Befreiungekampf mitzukämpfen. Unsere Reihen, unsere Organisationen müssen stärker werden, wenn wir unseren Willen auf Verwirklichnng unserer Ziele, auf Erhaltung des Weltfriedens verwirklichen wollen. Wenn wir in diesem Sinne wirken, dann können wir mit voller Berechtigung ausrufen: Mit uns das Volk, mit uns der Sieg I(Stürmischer Beifall.) Nach der Abstimmung stimmten einige sangestundige Genossen ein Arbeiterlied an, das durch den gediegenen Vortrag wesentlich beitrug, die begeisterte Stimmung noch weiter zu heben. Auf Tribüne 3 trat als erster Redner der Stadtverordnete Adolf Ritter auf, der für das politisch schon längst mündig gewordene Volk in Preußen das freie Wahlrecht forderte, die Wahlreform, die durch ein Königswort in Aussicht gestellte, verlangte und energisch pro- testierte gegen die politische Vergewaltigung des Proletariats in Preußen. Ihm folgte P a u I L i t f i n, der die wirtschaftlich)- Hoch- konjunktur mit der Teuerung im Lande verglich, der herrschenden Not der SDiassen beredten Ausdruck gab und gegen die Zollpolitik der Regierung, wie sie von unseren Junkern befohlen wird, scharfen Einspruch erhob. Dann folgte als dritter Redner Adolf Hoff- mann, und die Massen rückten enger zusammen, um ihn zu hören, wie er gegen die Kriegsbestie und den schrecklichen Menschenmord in Massen seine Stimme erhob und die Staatsmänner Ivarnte, nicht mit Menschenglück und Menschenleibcrn zu spielen. In einem ausbrechenden europäischen Kriege ginge es diesmal um mehr, als sich mancher Diplomat träumen läßt, nämlich um Kronen und Szepter und um die kapitalistische Ordnung in der Welt.— Die Redner fanden durchweg großen Beifall. Kopf an Kopf gedrängt umstanden die Genossen vom Gesund- brunnen sowie aus der Rosenthaler und Schönhauser Vorstadt die ihnen zugewiesene Tribüne 4. Punkt 1 Uhr eröffnete Genosse Ernst die Versammlung mit einem kurzen Hinweis auf Zweck und Bedeutung der Demonstration. Dann erhielt Genosse Weber das Wort. Scharf und treffend kennzeichnete er die preußische Wahlrechtsschmach. Zwar hat der König feierlich die Reform des Wahlrechts versprochen. Aber stärker als der Wille des Königs von Preußen ist der Wille des ungekrönten Königs, des Herrn v. Hehdebr'andt. Es sollte keine Wahlreform zustande kommen und es ist keine zustande ge- kommen. So können wir denn heute den vierten Jahrestag eines unerfüllten Königswortes seiern. Es hilft nichts, wenn an dem Dreiklasscnwahlrecht herumgedoktert würde. Nur die gänzliche Be- seitiguiu. dieses Unrechts kann dem Volke genügen. Das klagen- bewußte Proletariat wird weiterkämpscn, bis das fteie und gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen errungen ist. Der zweite Redner, Genosse Link, schilderte die Ursachen der Teuerung, die volksausbeutende Agrarierpolitik und deren traurige Folgen. Nickt ruhen und rasten darf das Volk, als bis der Raub- Politik der Agrarier ein Ende gemacht ist. Genosse L e d e b o u r, der als dritter Redner an die Reihe kam, klagte den profitgierigen Kapitalismus und seine Interessenten der Schuld der seit Jahren bestehenden Gefahr eines Weltkrieges an. Der Redner zeigte, daß nur durch den festen Willen des klassenbewußten Proletariats aller Kulturländer der Weltkrieg bis jetzt verbindert werden konnte. Auch jetzt, wo die Kricgsflamme am Balkan entbrannt ist. legt das Proletariat in ganz Europa seine Stimme in die Wagschale gegen den Völkermord. Auch wir protestieren im Jnterefse der Völker, die niedergemetzelt werden sollen;>ir protestieren im Interesse des klassenbewußten Prole- tariats der ganzen Welt. Wir müssen alles tun, um einen Welt- krieg zu verhüten. Nieder mit dem Krieg! Hoch der siegreiche Sozialismus! Der lebhafte Beifall, mit dem die Ausführungen der Redner aufgenonunen wurden, zeugte von vollkommener Uebereinstimmung der vieltausendköpfigen Menge. Tribüne 5. In vielen Tausenden walzen sich die Truppen der Oranienbur- zer Vorstadt, des Weddings und von Moabit heran. Immer be- angftigender wird das Getriebe. Schon hat Theodor Fischer da« Wort ergriffen, doch immer mehr Menschen wälzen sich heran. Die Menge staut sich, nur in kleinen Schritten kommen sie vor- wärt«. Schonungslos, mit wuchtigen Worten geißelt Fischer die preu- ßische Reaktion, legt er die Ungerechtigkeiten des Dreiklassenwahl- rechts dar und zeigt an der Hand der Wahltreiseinteilung, wie das Volk in seinen heiligsten Rechten beeinträchtigt wird. Vielhun- dertfache Zustimmung wird dem Redner zuteil und als er schließt mit den Worten, daß wenn jeder von den Anwesenden seine Pflicht tue. es anders werden müsse, da braust der Beifall wie der Sturm dahin. Mit trefflichen Worten zeichnet sodann Dr. Wehl die Lebens- mittelverteuerung und wenn er an besonders markanten Stellen seinen beißenden Sarkasmus über die Regierung und ihre Hintermänner ausschüttet, reißt er die Menge zu stürmischen Beifallsäußerungen und Lachsalven hin. Der Landwirtschaftsminister hat erklärt: er stehe und falle mit den bekannten schikanösen Bestimmungen in dem Gesetz über diu Einführung von argentinischem Fleisch! Nun, er mag fallen und Bethmann Hollweg hinterher. Wir geben ein Dutzend solcher Leute für einen gefrorenen Hammel. Tosende Heiterkeit und Zustimmung folgt. Und Zustimmung erntet auch die Aufforderung, Bresche zu schlagen in den Wall der Reaktion, denn— Freiheit ist Brot und Brot ist Freiheit! Hierauf ging S t r ö b e l auf die Kriegslage ein und entwickelte ein großzügiges Bild von den Ursachen und Begleiterscheinungen der Marokko-, Tripolis- und Balkanwirren, brandmarkte beson- dcrs das Verhalten unserer Diplomatie und Regierung in dieser Angelegenheit und forderte mit zündenden Worten, oft von donnerndem Beifall unterbrochen, das organisierte Proletariat auf, dem Wahnsinn des Wettrüstens und der Verhetzung der Völker ein Ende zu bereiten, vor allem aber dafür einzustehen, daß die blutigen Balkanhändel nicht den Weltkrieg entfachen und namenloses Elend durch die kulturvcrwüstende, menschenmordende Kriegstreiberei über die Kulturwelt gebracht werde. Von der Tribüne k. sprachen über das Preußenwahlrecht der Genosse Düwell, über die Fleischnot der Genosse P ä tz e l und schließlich über die Kriegs- gefahr Genosse Dr. B e r n st e i n. Alle drei Redmer wären außer- ordentlich gut zu verstehen, die Kunst des MoetingredenS scheint in Deutschland bereits Heimatrecht erworben zu haben.— Genosse Düwell ging von dem feit nunmehr vier Jahren der Einlösung harrenden KönigSworte aus; er erinnert« daran, daß es nicht das einzige nicht eingelöst« oder gebrochen« Versprechen sei, dessen sich das preußisch« Volk zu erinnern habe, sei doch das heutige preußische Wahlrecht unter Bruch eines Königsversprechens zustande gc- kommen. Redner führte dann weiter aus, wie dieses Wahlrecht zur Entrechtung des Volkes führe und wie auch das Reich davon mitbetroffen wüvd«, da Preußen im Bundesrate die entscheidend« Stimme habe. Natürlich lieg« ein solches Wahlrecht durchaus im Interesse der regierenden Funker, von denen ein nicht unoeträcht- licher Teil offenbar sogar auf dem Standpunkt stehe, lieber die Völksmassen in einem Weltkrieg hinschlachten, als sich durch die- selben zu Konzessionen in der WahlrechtSfrag« drängen zu lassen. Einem solchen Plan müssen die Arbeiter äußersten Widerstanid ent- gegensetzen. Genau wie si« sich schließlich das Recht auf derartige Massendemonstrationen erkämpft hätten, würden sie auch schließlich das gleiche Wahlrecht erobern.—„Bor Krankheit, Krieg und Hungersnot bewahr unS lieber Herregott." In diesen Worten, so begann der zweit« Redner, habe seitierzeit eine große Wahrheit gelegen, als es einen Weltverkehr im heutigen Sinne noch nicht gab, als man einen Seuchenschutz im modernen Sinne noch nicht kannte, da seien Hungersnot und Epidemie nicht zu verhindern gewesen, heute, wo Mittel in ausreichenderweisc zur Verfügung ständen, um Nahrungsmittel in ausreichendem Maße von draußen einzuführen, wenrt im Inlands eine Mißernte bestehe, brauche man sich bei doch bestehender Not nicht an den lieben Gott zu wenden. Da müsse man mit unserer Regierung abrechnen, die anscheinend bemüht sei, das Problem zu lösen, diejenigen Grenzen zu öffnen, über die kein Fleisch hereinkommen könne. Zur Teuerungsfrage sprach zunächst auch der dritte Redner noch einige Worte. Er faßte die Frage von dem ihm als Arzt naheliegenden sozialhygienischen Standpunkte aus an, indem er mit Entschiedenheit betonte, daß Säuglingssterblichkeit und Tuberkulose bei reichlicher Fleisch- nahrung verschwinden würden. Zur Kriegsfrage übergehend, wies er darauf hin, daß der Rüswngstaumel ein schlimmerer Wahnsinn sei, als er in in längerer Praxis in Irrenhäusern jemals hätte beobachten können. Besonders die Idee eines deutsch-englischen Krieges sei vom Standpunkte der Atbeiterklasse entsetzlich. Die Arbeiterklasse sei vielleicht noch nicht imstande, jeden Krieg zu ver- hindern, sie werde aber sich keinesfalls für einen Krieg noch jemals begeistern lassen, bei dem es sich nicht um die Verteidigung von Kulturgütern handle. Ein deutsch-englischer Krieg erhalte nicht solche Güter, er vernichte sie. Die Balkansiwation bringt solchen Krieg in gefährliche Nähe, deshalb protestiert das Volk von Berlin heut« mit Entschiedenheit, um vielleicht das Schlimmsie zu ver- hüten. Für den zweiten Wahlkreis bestimmt war die Tribüne 7 wo die Genossen Richard Fischer. John und Rosenfeld zundenoe Ansprachen hielten. Was das arbeitende Volk über Kriegsgefahr, Teuerung und Wahlunrecht denkt, das brachten die Redner klar zum Ausdruck. Die Arbeiterschaft allein ist es, die den drohenden Weltkrieg verhindern kann! so rief Genosse Fischer aus. Die Arbeiter- schaft, die ökonomisch wichtigste Klasse, darf nicht länger Hunger leiden! so klang es aus dem Munde deS Genossen John und: Keine Ruhe in Preußen, bis nicht ein gerechtes Wahlrecht für �..Arbeiterschaft errungen ist! so forderte Genosse Rosenfeld. stürmischer Beifall folgte den Worten der Referenten, kein thea- tralischer Beifall, sondern ein Beifall, der aus dem Herzen kam, weil oie Redner der Menge aus dem Herzen gesprochen halten. Der dritte Kreis nahm vor Tribüne 8 Aufstellung. Die Verhandlungen eröffnete der Vorsitzende Pohl mit Verlesen der Resolution. Als erster Redner sprach Genosse G r o g e r zum Wahlrechts- kämpf. Einleitend bemerkt Redner, der preußischen Arbeiterklasse ist die Aufgabe zugefallen, in Preußen für bessere, würdigere Zu- stände zu kämpfen. Die großen wirtschaftlichen Umwälzungen sind spurlos an der be, uns herrschenden Junkerklasse vorübergegangen. Tie Herren regieren den größten Staat im Reiche wie einen Guts- Hof in Hinterpommern. Aber die in den Organisationen zu Mil- lionen vereinigten Proletarier werden auch hier dem Reiche sowie Preußen die Rechte zu erringen wissen, die zu einer friedlichen Aufwärtsbewegung der Bevölkerung vonnöten sind. Wenn auch die Herrschenden drohen, gegen die Arbeitermassen schärfere Mittel zur Unterdrückung anzuwenden, so läßt sich das Proletariat da- ourch nicht schrecken, sondern wird immer, mehr und immer stärker den Ruf nach dem gleichen Wahlrecht ertönen lassen, durchdrungen von dem Gedanken, daß die Beste des Dreiklassenwahlrechts nieder- gerissen werden muß.(Lebhafter Beifall.) Als nächster Redner sprach Genosse Braun gegen Hungers- not und Lebensmittelwucher. Wenn Wilhelm II. bei einem Fest- essen, vielleicht nach dem fünften Gang, sagt:„Wir können zu- frieden sein", so steht andererseits fest, daß die Masse der Be« völkerung, die unter der jetzigen Teuerung schwer zu leiden hat, nur von dem einen Wunsche beseelt ist, die gegenwärtige Zeit der schweren?tot so schnell wie möglich beendet zu sehen. Auf der einen Seite die übervollen Tafeln der Reichen, auf der anderen seite das Elcnbsbilo der Armen, welche die Nacht hindurch vor den Räumen der Freibank auf einige Stücken minderwertigen Fleisches warten. Seit Monaten gellt der Schrei durch die Lande: „Die Grenzen auf!" Doch die Regierung rührt sich nicht. Mit Zahlen und Statistik beweist sie uns, daß in Deutschland genug Rindvieh vorhanden ist.(Heiterkeit.) Doch das Volk will keine Zahlen sondern Fleisch. Und nicht ruhen und rasten werden wir, bis daß die Zollschikanen und der LckenKmktteViNlcher beseitigt ist. (Starker Beifall.) Als dritter Redner sprach sodann Genosse Däumig gegen Krieg und Kriegsgefahr. Aus dem Pulverdampf des Balkan- krieges steigt das Gespenst eines Weltkrieges empor. Der Blutzar hat schon längst sein Augenmerk aus Konstantinopel gerichtet; auch Oesterreich hat seine Armeekorps mobilisiert, um seine vermeint- lichen Rechte am Sandschak Novibasar zur Geltung zu bringen. Greift Rußland ein, fühlt sich Frankreich verpflichtet, den Bundes- genossen zu unterstützen, dann schreckt wiederum Oesterreich nicht zurück, die Kriegssackel zu entzünden und dann marschiert auch Deutschland, lleberall in Europa stehen offene Pulverfässer. Diesen kriegerischen Gelüsten müssen wir den Schrei nach Frieden entgegensetzen. Die Entstehung eines Weltbrandes würde auch den herrschenden Kreisen gefährlich.(Sehr richtig!) Unsere Aufgabe ist es, die Köpfe zu revolutionieren, damit sich nicht die Massen, welche noch stumpffinnig dahinleben, bei Beginn eines Krieges vom Dluthunger hinreißen lassen. Nur mit der Verwirklichung des Sozialismus schwindet Kriegesgefahr und Massenmord.(Stür- Mischer Beifall.) Um die Tribüne 3 hatte sich die Division Neukölln geschart. U ck o S, de« ersten Redners Thema war der Kamps ums preußische Wahlrecht. In großen Zügen malte er die Geschichte dieser Spottgeburt eine« Wahlrechts, erinnerte daran, daß sich das preußische Volk durch die Revolution schon einmal das allgemeine Wahlrecht erobert hatte und wie es durch einen verbrecherischen Staatsstreich von oben durch das jetzige Unrecht ersetzt wurde. Wenn auch das„Berliner Tageblatt" und die„Volkszeitung" in ihren Leitartikeln„Das nicht eingelöste Königswort" nicht den Mut besaßen, das Bürgertum auf die Kund. gebung der Sozialdemokraten am Sonntag aufmerksam zu machen, so werde der fortgesetzte zähe Kampf des Proletariats allein seine Wirkung nicht verfehlen. Ein Erfolg sei schon zu verzeichnen. Vor drei Jahren noch vernagelte man den Treptower Park gegen sozial- demokratische Wahlrechtsdemonstranten und heute sehe der Paick schon die dritte der gewaltigen Kundgebungen. Vor drei Jahren noch warnte Jagow vor der Benutzung der Straß« und heut« habe sich das Proletariat das Recht auf die Straße erobert. Mit An- spannung aller Kräfte und mit Aufwendung zähester Energie werde die Sozialdemokratie den Kampf um ein gerechtes Wahlrecht fort- setzen. Den mit lebhaftestem Beifall aufgenommenen Worten folgte eine Ansprache Mohs' über die Teuerung. Auch diesem Redner zollte die Menge, besonders die zahlreich anwesenden Jvauen. leb- haste Beifallskundgebungen. In zündenden, hinreißenden Worten sprach als dritter Refe- rent H a a s e über den Baliankrieg, der als Hohn auf das 20. Jahr- hundert von den Balkanfürsten im Namen der Kultur, im Namen des Christentums und der„heiligen Kirche" geführt werde. Die heutige Riescndemonstratiou des Proletariats sei ein Tag ernstester Mahnung, alle unsere Kräfte anzufpannen, um zu verhindern, was noch zu verhindern ist: das Ueberspringcn des Kriegsbrandes auf andere Nationen Europas. Haase, der einige Tage zuvor von der „Konservativen Korrespondenz" der bürgerlichen Presse als Hoch- Verräter besonderer Aufmerksamkeit empfohlen worden war, diktierte unter stürmischem Beifall der Taufende den etwa anwesenden Spitzeln in deutlichen, eindrucksvollen Worten seine in Chemnitz schon zum Ausdruck gebrachte Meinung über den Krieg in die Feder:„Man kann die Proletarier wohl in den Krieg komman» dieren. man kann sie aber nicht zwingen, mit Hingabe und Be- geistcrung dem Kommando zu folgen!" In brausendem Beifall kam die Uebereinstimmung der Zuhörer mit den Worten des Redners zum Ausdruck. Tribüne 13. Lautlose Stille trat ein, als Genosse Pageis nach einigen einleiteuden kernigen Worten dem Genossen B ö s k e als erstem Redner das Wort erteilte. B ö s k e sprach über d en Kämpf gegen das Dreiklassenwahlrecht in Preußen. Leb- haften Widerhall bei den Versammelten fand Redners Dar- legung, daß die Arbeiterschaft im Kampfe dagegen auf ihre eigene Kraft angewiesen sei. Immer noch seien in Preußen die Junker allmächtig, darum müsse vor allem in ihre Burg, in daS Drei- klassenun-'ö" Bresche geschlagen werden. Die Losung sei: Nieder mit Volksentrcchtung, hoch das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht!(Stürmische Zustimmung.) Genosse Kaliski sprach dann über die Teuerung der Lebensmittel. Nach dem Willen der allmächtigen Groß. agrarier seien die Grenzen verschlossen gegen Einfuhr billiger Nah- rungsmittel. Demselben Junkertum öffneten sich aber die Grenzen, damit es gewaltsam deutsches Getreide hinauswerfen könne, wofür es prämiiert werde. Der russische Müller zahle für den Roggen S0 M. weniger als der deutsche, Und Frankreich habe ihn mn 55 M. billiger als daS deutsche Volk. Dieses System sei geradezu ein Verbrechen.'Das Volk müsse den Kampf gegen den Nahrungsmittelwucher und den Wahlrechtskampf mit dem heiligen Eifer führen, der notwendig sei, um Großes zu erreichen.(Stür- Mischer Beifall.) Genosse Fritz Z u b e i l, der Abgeordnete des KreifeS, behandelte dann speziell die Kriegsgefahren. Im Hexenkessel Europas, dem Balkan, habe das Menschenmorden seinen Anfang genommen. Nicht nur, daß jährlich Hundcrtiausende dem In- dnstrialismus geopfert würden, jetzt sollten auch noch Hundert- taufende im großen Menschenschlachthaus fallen. Immer näher rückten wir einem Weltbrande. Eine dauernde Quelle der stän- diaen Kriegsgefahr sei die imperialistische Kolonialpolitik, die wir mit allen Mitteln zu bekämpfen hätten. Des Volkes Interesse liege in der Erhaltung des Friedens. In dem Sinne demonstriere heute das internationale Proletariat fast aller Länder. Die deutsche Sozialdemokratie werde ebenfalls ihre Pflicht und Schuldigkeit tun. So erheben wir denn heute auch Protest gegen Krieg und Kriegshetzer.(Anhaltender lebhafter Beifall.) per Hbrnarfcb. Mit großer Besonnenheit und Geduld löste sich die Versammlung auf. Die Massen blieben ruhig in den Wegen und schoben sich lang- sam vorwärts, ohne in Ungeduld zu geraten und über die fteien Graöflächen hinweg»ach der Chaussee auszubrechen. Die Massen bewahrten eine wunderbare Disziplin: sie warteten mit Ruhe und Geduld, und leicht und sicher entwirrten sich die Menschenlnänel. Las(Proletariat Dcutlchlands gegen Aahlentrechtung, Neuerung und Krieg. Nicht nur, um gegen politische Volksentrechtung zu de- moustricren, sondern auch, um gegen das gegenwärtig Herr» schende Volkselend und gegen die brennende Kriegsgefahr Prolest zu erheben, marschierten gestern die deutschen Arbeiter in Massenversammlungen auf. Dieser dreifache Protest gab den Demonstrationen sein besonderes Gepräge, und die Riesenbeteiligung in allen Orten verlieh ihnen besondere Wucht. Schon vor Jahresfrist, als anläßlich der Marokko- affäre das Kriegsgespenst auftauchte, hat die deutsche Ar- beiterklasse gezeigt, daß der Gedanke des Völkerfriedens ge- rade in ihrem Kreise tiefe Wurzel gefaßt hat. Dieser Gc- danke kommtz jetzt, zu einer Zeit, in der der Weltsriede durch die Kriegsfackel am Balkan bedroht ist, noch mit weit größerer Gewalt zum Durchbruch. In begeisterten Zustimmungen gaben gestern viele Hunderttausende von Zuhörern zu er- kennen, daß sie mit aller Kraft für den Völkerfrieden einzu- treten gewillt sind. ■ Fast allerorten fanden die Protestversammlungen unter freiem Himmel statt. Nur wo kleinlicher Polizeigeist die Ge- nehmigung versagte, drängten die Massen in Versammlungs- sälen sich zusammen, während vielfach Tausende umkehren mußten, die keinen Einlaß fanden. Potsdam. Die Protestversammlung war von über 1500 Personen besucht. Genosse Siering-Berlin referierte. Die Polizei, die in den Regierungs- und öffentlichen Gebäuden versteckt war, hatte keine Veranlassung einzuschreiten. Nach Schluß der Versammlung zogen die Genossen in geschlossenem Zuge nach dem Lokal Friedrichs-Cafs, wo noch ein gemüt- liches Beisammensein stattfand. Spandau. Die Protestversammlung in der Brauerei Pichelsdorf, war von 2500 Personen besucht. Parteisekretär Genosse Eichhorn hielt ein mit großem Beifall aufgenommc- ncs Referat. Tie Polizei verhielt sich sehr zurückhaltend.. Die Parteigenossen der einzelnen Bezirke zogen in geschlossenen Gruppen nach der Versammlung. Nach Schluß der Versamm- lung zerstreuten sich die Besucher ohne Zwischenfälle. In Ebcrswalde referierte vor der von 600 Personen besuchten Versammlung Genosse Knüpfer. Die Versammlung hat hier einen guten Eindruck gemacht: besonders fiel die An- Wesenheit einer großen Anzahl von Frauen auf. Eine Kundgebung unter freiem Himmel in Brandenburg nahm einen begeisterten Verlauf. Teilnehmerzahl 2S00.— Fürstenberg a. O.: Gutbesnchte Versammlung.— In Guben gab es eine gctvaltige Massendemonstration. Im Regierungsbezirk Magdeburg fanden in allen große- ren Orten Massenversammlungen statt, die zum Teil unter freiem Himmel abgehalten wurden. Soweit Nachrichten vor- liegen, war die Beteiligung überall außerordentlich stark. In Magdeburg selbst sprach der Reichstagsabgeordnete Wurm in einer Nicsenversammlung. Die Polizei hatte sich auf alle Eventualitäten vorbereitet, Doppclposten aufgestellt und der- gleichen mehr. In Nordhausen, Ellrich und Bleicherode fanden überfüllte Demonstrationsversammlungen statt. In der Nordhauser Versammlung, in der Reichstagsabgeordneter Dr. Oscar Cohn sprach, waren 2500 Personen erschienen, in Ellrich 300 und in Bleicherode etwa 500. In Mühlhausen in Thür, hatten sich die Demonstranten wegen des schlechten Wetters in einem Saal zusammenge- funden: es waren über 1000 Personen anwesend. Nach Schluß der Versammlung zogen die Teilnehmer durch die Straßen. Gutbesnchte Versammlungen fanden ferner statt in Lan- gensalza, Sömmerda und Tennstädt. 2500 Teilnehmer der Proteswersammlung im Tivoligar- ten zu Erfurt nahmen nach dem Referat des Reichstagsabge- ordneten Heinrich Schulz einstimmig die Resolution an. Die Polizei verhielt sich reserviert, nur einige Kriminalbeamte patrouillierten in der Nähe des Versammlungsplatzes umher. In Kassel i'vrachen in zwei massenhaft besuchten Ver- sammlungen. die Reichstagsabgeordneten Hüttmann und Grenz. Die gesamte Polizei hatte Bereitschaft, bekam aber nichts zu tun. Auch in weiteren sechs Orten des Bezirks ver- lief die Demonstration musterhaft. Im Kreise Frankfurt a. M. fanden fünf Versammlungen statt. Davon war die in Wiesbaden von 1000 Personen be- sucht.� Weiter fanden sehr gut besuchte Versammlungen statt in Höchst a. M. und Fechenheim. Die am stärksten besuchte Versammlung fand im großen Saale der städtischen Festhalle in Frankfurt statt, die der sozialdemokratischen Partei zum ersten Male zur Verfügung stand. Es waren zirka 18 000 Personen anwesend. Die Reichstagsabgeordneten Quarck, Simon und Liebknecht sprachen über das Iunkerparlament, die Teuerung und die Kriegsgefahr. Wiederholt durch- brausten wahre Beifallsorkane den Saal. Zwei Massenversammlungen in Hanau beschäftigten sich mit Teuerung. Wahlrechtskampf und Weltkrieg. In einem Lokal sprach vor über 2000 Personen Genosse Liebknecht- Berlin. Die Resolution wurde in beiden Versammlungen einstimmig angenommen. Die Arbeiter aus den Frankfurter Vororten von Hanau beteiligten sich an der Frankfurter Ver- saminlung. Die Absicht der Polizeipräsidenten in Breslau, die Protestversammlung unter freiem Himmel durch Verbot zu verhindern, ist mißglückt. Nachdem die Säle des Lokals gefüllt und die Polizei alle Zugänge in den Straßen ab- gesperrt hatte, wurde die' Versammlung in denselben Garten verlegt, für den der Polizeipräsident die Genehmigung ver- sagte. Genosse Hermann Müller- Berlin sprach unter stürmischem Beifall. Eine Resolution, die den Genossen der Balkanländer brüderliche Grüße entsendet und die Kriegs- greuel verurteilt, wurde einstimmig angenommen. Die ge- samte Polizei Breslaus war seit frühmorgens auf den Beinen. Der große Exerzierplatz, auf dem das königliche Schloß in unmittelbarer Nähe des Versammlungslokales liegt, war in seinem ganzen Umfange durch dichte Schutzmannsketten ab- gesperrt. Zu Zusammenstößen ist es nirgends gekommen. Zu gleicher Zeit fand in einem anderen Lokal eine Ver- sammlung statt, die ebenfalls sehr gut besucht war. In der Provinz Schlesien wurden rund 40 Versammlungen ab- gehalten. Trotz strömenden Regens demonstrierten in Königsberg über 2000 Personen in einer Versainmlung unter freiem Himmel. Ein starkes Polizeiaufgebot harrte vergeblich der Arbeit. In Zwickau waren etwa 1200 Personen in der Versamm- lung erschienen, in der Redakteur Barth sprach. Tie 10 000 Menschen fassende Halle der Stuttgarter Nollschuhbahn war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach einer wirkungsvollen Ansprache des Versammlungsleiters Genossen Wc st meyer referierte Genosse C r i s p i e n, der die Zusammenhänge des Balkankrieges eingehend schilderte. Unter den Klängen der Arbeitermarseillaise ging die Ver- sammlung auseinander. In Magdeburg kam es nach Schluß der Versammlung zu einer eindrucksvollen Demonstration, die sich durch die Hauptstraßen der Stadt nach dem alten Markt bewegte. Hier vor dem Rathaus sang die Masse die Marseillaise und brachte Hochrufe auf das Wahlrecht aus. Die Polizei, die in un- geheuerer Menge aufgeboten war, zerstreute die Menge, ver- hielt sich aber sonst reserviert. In, Saalkreise gab es imposante Demonstrationen in Wörmlitz und Bölbcrg, wo Genosse K u n e r t sprach. In der Stadt Halle wird die Demonstration am Montag Veranstalter. In Hamburg hatte sich die Arbeiterschaft am Sonntag- morgen zu einer machtvollen Demonstration gegen die Kriegshetze im Sagcwiel-Etablissemcnt vcrsammett. Etwa 12 000 Personen fanden im großen und dem daneben liegenden Saale Platz: Tausende und Abertausende mußten aber wieder umkehren. Mit einem brausenden Hoch auf die internationale BerantwortliÄcr Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Sozialdemokratie nahm die imposante Versammlung ihr' Ende. Viele der Versammlungsteilnehnier, etwa 4000 Personen, zogen nach dem Geschäftslokal des„Hamburger Echo", brachten Hochrufe aus und gingen unter Absingen der Mar- seillaise und anderer Arbeiterlieder über die Kolonnaden, Jungfernstieg nach dem Hohen Gleichen, wo sich die Geschäfts- räume des„Fremdenblatt" befinden, das die Demonstration als eine Heuchelei bezeichnet hatte. Hier stieß die empörte Menge Pfuirufe aus. Unter Hochrufen auf das Wahlrecht ging es dann nach dem Rathausmarkt, wo vor dem Rathaus ein Pfui auf die Wahlrechtsräuber über das andere erscholl. Dann zog die Menge durch die Steinstraße nach dem Geschäfts- lokal der sozialistentöterischen„Hamburger Nachrichten". Schutzleute suchten den Zug abzulenken, doch gelang es ihnen nicht.— Von hier aus ging es nach dem Eewerkschaftshause, wo die Menge sich im großen Saale nochmals sammelte, wo- mit die Demonstration ihr Ende fand. politische(lebersicdt. Berlin, den 20. Oktober 1912. Eine antiklerikale Kaiserrede. Kriegslärm und Waffengetöse hat zu allen Zeiten in den zu religiöser Mystik neigenden, romantischen Gemütern seit- samen religiösen Ueberschwang ausgelöst. Es ist deshalb begreiflich, wenn auch jetzt wieder in den ganz- und halb- offiziellen Aufrufen der am Krieg auf der Balkanhalbinsel beteiligten kleinen christlichen Staaten eine gewisse religiös- mystische Exaltation zutage tritt. Ferdinand von Coburg auf dem bulgarischen Thron hat den Kampf der Bulgaren, Serben, Griechen, Montenegriner gegen die Türkei sogar offiziell als neuenKreuzzug.als den Kampf des christlichen Kreuzes gegen den Halbmond bezeichnet. Ist es um seine eigene Romantik und Religiösität, die sich so schön politischen Nützlichkeitserwägungen anzupassen weiß, auch keineswegs glänzend bestellt, so weiß er doch recht gut, daß derartige Phrasen zurzeit nicht nur in„seinem" eigenen Volk, sondern auch in Rußland einen starken Widerhall finden. Doch nicht nur im Osten, auch anderswo scheint der Kampf am Balkan bereits allerlei eigenartige religiöse Stimmungen ausgelöst zu haben. So z. B. bei Wilhelin II., der am Sonnabend in Wilhelmshaven bei der Einweihung des Coligny-Denkmals wieder eine die geschichtliche Kritik her- ausfordernde religiös-romantische Rede gehalten hat. Nachdem er den Mut seines„Ahnherr n", des franzö- fischen Admirals und Staatsmannes Gaspard de Coligny, des Schwiegervaters des„großen Oraniers", bei der Verteidigung von St. Ouentin im Jahre 1557 gewaltig gepriesen hatte, kam der Kaiser auf die Glaubcnstreue des französischen Admirals zu sprechen und sagte nach dem offiziösen telegraphischen Bericht: „Was soll das für uns hier in Wilhelmshaven bedeuten? Ein Zwiefaches. Zunächst war er ein tapferer Kriegsheld, wie dieser Borgang beweist. Er hat seinem Landesherrn die Treue gehalten, die er ihm geschworen hatte, und ihm Stadt und Festung gerettet. Er war ein Beispiel von k»iegerischer Mann- hastigkeit und Tapferkeit. Aber noch mehr. Er war nicht nur ein Kriegsheld, sondern er war auch ein Glaubensheld. Als Führer der Hugenotten, die ihres Glauben? wegen schon damals viel zu leiden hatten, hielt er fest bis zu letzten Atemzuge die Treue seinem himmlischen König, und als er in der Schreckens- nacht von St. Bartholom� dahin sank, vom Mordstahl getroffen, gewann er noch seinen Verfolgen: Respekt ab durch die Art, wie er im Sterben kühn mit dem Leben abschloß, ein Opfer seines Glaubens. So wurde er in jener Nacht, die stets einSchand- fleck des Christentums bleiben wird, ein Märtyrer, ebenso wie in späterer Zeit sein Schwiegersohn, der große Oranicr, Mein Ahnherr, die Treue bis zum Tode bewahrte, die alle Kriegsmänner zu pflegen berufen sind. Jahraus, jahrein kommeJch hier nach Wilhelms- Häven, um den Rekruten vor Augen zu halten, daß die Treue zum König nur auf denr Boden wachsen kann, Ivo der Glaube herrscht und die freudige Be- geisterung im Glauben an die Persönlichkeit unseres Herrn. So wollen wir Kriegsleute, Meine Käme- rade» von der Marine, den Admiral de Coligny uns zum Beispiel nehmen. In jeder Lage, in jedem Stande und in jedem Alter tritt die Versuchung an uns heran. Wenn wir dann den Mut haben, uns zu schlagen, wie Colignv, als er schrieb regem babemus, so werden wir bestehen können. So hoffe Ich, daß das Standbild jedem von euch, der hier vorbeigeht, jung und alt, Stärkung und Kräftigung geben möge auf seinem Lebe ns- pfad, und daß er auch daran denken möge, in seinem inneren und äußeren Menschen seinem König die Treu zu halten, und daß er hierzu nur bereit sein wird, wenn er seinem himmlischen König die Treue hält." Daß diese Ausführungen bei allen unseren heutigen Staatserhaltenden Anklang und Zustimmung finden werden, möchten wir bezweifeln. Die Klerikalen, die doch jetzt mit den Konservativen die anerkannten Regierungsstützen im Reich bilden, tverdcn gar manches an der tvohlvorbereitetcn Rede auszusetzen haben. Zwar die Aeußerung. daß„die .treue zum König nur auf dem Boden machsen kann, wo der Glaube herrscht", wird ihnen recht wohl in ihre Melodie passen, vielleicht auch noch das dynastische Bild von dem himmlischen König; aber die Erinnerung an die Pariser B l u t h o ch- zeit, an die blutige Nieder metzelung der Hugenotten in der Bartholomäusnacht des I a h r e s 157t tvird� ihnen sicherlich wenig Freude bereiten, zumal Wilhelm II. diese Niedcrmctzclung als einen„S ch a n d- jleck des Christentums" bezeichnet; ein Ausdruck, der �n diesemFallnichts anderes besagt und besagen kann als Schand- fleck des Katholizismus". Schwerlich werden die Ultramontanen diese Charakteristik ihres Glaubens und ihrer Kirche ruhig ein- flecken. Sie werden antworten— und so-iverden mir vielleicht in den nächsten Tagen das heitere Schauspiel erleben, daß sie als Regierungspartei entrüstet an den Geschichtskenntnissen des Kaisers herummäkeln und ihm auf Grund katholischer Geschichts- erzählung auseinandersetzen, der große Ahnherr sei gar kein starkervorbildlicher Glaubensheld gewesen, seine Feindschaft gegen die Regentin Katharina von Medici habe sich erst 1562 eingestellt, als er vom Hofe verdrängt worden mar, zur lieber- nähme der Führerschaft der Hugenotten hätte er förmlich von seiner Frau gedrängt morden müssen und schon drei Jahre nach ihrem Tode habe jm sich wieder am Hofe Kathcrincns als Gunst suchender Hofmann eingefunden usw. usiv. Schlimme Aussichten für den Philosophen des Un- bewußten von Hohenfinow, der die Ultramontanen für seine Politik so wenig zu entbehren vermag._ Jniercuemeu verantw-: Th- Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: VorwäriS i Der ßalftantoieg. Auch die heute von den Kriegsschauplätzen eingegangenen Nachrichten geben noch kein vollständig klares Bild über das militärische Ergebnis der einleitenden Grenzkämpfe. Immer- hin scheint es Tatsache zu sein, daß die Bulgaren bei ihrem Vorstoß asif Adrianopel Terrain gewonnen und sich in den Besitz des Grenzortes Mustafa Pascha gesetzt Hadem Oestlicher Kriegsschauplatz. Bulgarische Mkldungeu. S o f i a, 2l). Oktober.(Meldung der Agence Telegraphtime Bulgare.) Die bulgarischen Truppe» besetzten gester« um 5 Uhr nachmittags die beiden Ufer der Maritza bei Mustafa Pascha und zogen in dir Stadt ein, wo große Mengen Lebens- mittel und Futter vorgefunden wurden. Die Brücke über die Ma- ritza war von den Türken leicht beschädigt worden, aber sie Nmrde nichtsdestoweniger zum Uebergang für den Train benutzt. Der Bahnhof und die Telegraphcnstation waren von den Türke««n» beschädigt gelassen worden. Die während deS gestrigen Tage? gegen Adrianopel operierenden Truppen trieben be« Feind bi» vor die Fortifikationslinie zurück und machten gegen hundert Gefangene. Die Truppen rückten in alle« Stellungen vor. Mehrere Höhen- Positionen wurden mit dem Bajonett genommen. Wie man meldet, nahmen die Türken in den Dörfern bulga- rische Notabeln gefangen, für die sie Lösegeld verlangen. I« den Dörfern Batschevo, Jakurada, Tolno-Tralischte wurden mehr als 400 bulgarische Bauern geschlagen und mitzhaa- delt. DaS Dorf Malkotschlaw wurde von den Türken während ihres Rückzuges angezündet. Ein türkischer Erfolg? Konstantinopel, 20. Oktober. Amtlich wird gemeldet, daß eine tausend Mann starke bulgarische Truppenabteilung die Grenze in der Richtung auf Maktochlar, nördlich von Kirkkilisse(östlich von Adrianopel) zu überschreiten versuchte. Türkische Truppen ver- hinderten das Vorgehen der Bulgaren und besetzten die den Weg beherrschenden Punkte. Nordwestlicher Kriegsschauplatz. Vordringe» der Türken auf serbischem Gebiet. Konstantinopel, 20. Oktober. Nach Privatdepeschen der türki- schen Blätter dauerte der Kainpf der Türken mit den Bulga- ren zwischen Timrasch und Djumbala 36 Stunden. Es wurde aus beiden Seiten mit äußerster Heftigkeit gekämpft. Die Bulgaren wurden gezwungen, ihre befestigten Stellungen zu verlassen; sie wurden von den Türken verfolgt, die strategisch wichtige Höhen zu besetzen vermochten. Die Türken sollen auch gegen Koestendtl vorrücken. Türkische Truppen und Albanesen sind ferner in Serbien vorgedrungen und trotz des Widerstandes von vierzig serbischen Bataillonen bis Kurschumlje vorgerückt. Vom montenegrinischen Kriegsschauplatze. Erneute Offensive der Montenegriner. P o b g» r i tz a, 20. Oktober. Heute vormittag soll G» s i« i e von den Montenegrinern genommen worden sein. Erazelheite« fehlen noch. C e t i n j e, 20. Oktober. Der rechte Flügel der Truppe« deS Generals Martinovitfch hat die Höhen vonBelajebesetzt und die türkischen Truppe« zurückgeworfen, die sich in Unordnung zurückzogen. Türkische Meldungen. Konstantinopel, 20. Oktober. Jeni Gazetta meldet aus authen» tischer Quelle, daß bei Mojkovatz ein heftiger Kampf mit Monte- negrinern stattgefunden habe und daß diese große Verlust« erlitten und in Unordnung zu fliehen begannen.— Albanesen unter Suleiman Bawfcha sind in montenegrinisches Gebiet eingedrungen. Sie sollen bis Rjeka vorgerückt fein und die Rückzugslinie der Montenegriner besetzt haben. Tie Einnahme von Tuzi in türkischer Beleuchtung. Konstantinopel, 20. Oktober. Jeni Gazetta meldet aus amthen- 'olgende Mitteilung über die Lage in Tuzi: Tuzi ist ein kleines Dorf, entblößt von allen Verkehrsmitteln und unbefestigt. Es be- hcrbergt nur eine Kompagnie. Die montenegrinischen Truppen griffen diese Kompagnie in großer Zahl an. Ein« zweite Kompag. nie, die mit acht alten Kanonen herbeigeeilt war, wurde in ver- rätcrischer Weise vor revoltierenden Malissoren angegriffen. Die beiden Majore, die die Kompagnien befehligten, und eine Anzahl türkischer Soldaten wurden getötet. Die anderen zogen sich in Ord- nung über Helm zurück. Der Vorfall, den die Montenegriner als eine große Schlacht darstellen wollen, ist ein gewöhnliches Gefecht. Der Umstand, daß ein« kleine Garnison durch fünf Stunden die überlegenen montenegrinischen Streitkräfte in Schacht hielt, bedeutet einen militärischen Erfolg der Türken. Die Montenegriner können nicht über Tuzi hinaus vorrücken. Vom südlichen Kriegsschauplätze. Einfall der Griechen in Thessalien. Athen, 10. Oktober. Nach vierstündigem Kampfe hat die gel e- ch i sche A r m e e die Türken aus ihren sehr starken Stellungen vor E l a s s o n(nördlich von Caripa) vertrieben und die Stadt eingenommen. Die griechischen Verluste sind unbe- deutend. Die Truppen haben die Höhen in der Umgegend von Elassona besetzt. Die Türken haben sich in der Richtung auf Serfidj« zurück- gezogen. Athen. 20. Oktober. In der Kathedrale fand heute zum Dank für den Sieg des Heeres eine feierliche Messe in Gegenwart des Königs und der Vertreter von Bulgarien, Serbien und Italien statt. Athen, 20. Oktober. König O S k a r hat an die verbündeten Fürsten folgendes Telegramm gerichtet: In dem Augenblick, wo die griechische Armee die Grenze überschreitet, flehen die Gebete von vier Völkern den Segen des All. mächtigen auf den neuen Kreuzzug herab. Das Volk, das Heer und der König Griechenlands richten an die ver- bündeten Fürsten. Völker und Heere brüderlichen Gruß. Ihr« Blicke sind auf das Kreuz gerichtet, und sie erinnern sich des Wahlspruchs: In boc signo vinces.(In diesem Zeichen wirst du siegen.) Ein österreichisches Dementi. Das Christentum gepredigt aus Äanonenschlünden. Wien, 20. Oktober. Das vom Konstantinopler Korrespondenten eines auswärtigen Blattes gemeldete Gerücht, der österreichisch» ungarische Botschafter habe der Pforte mitgeteilt, seine Regieruiig sei gesonnen einzugreifen, um eine Besetzung des Sand» schals durch Serbien und Montenegro zu verhindern, falls die Türkei dazu nicht imstande sei. ist, wie das„Neue Wiener Tagblatt" auf Grund von Informationen an zuständiger Stell« erklärt, un, ricbtia und jeder talsächlichen Grundlage entbehrend._ 'uchoruckerel u. Vertagsanimu Paul Singer a.«o.. Berlin SW."