N-.283. Nvonnemenk-Veäingungen: Abouneinents- Preis"ränumeranda: Werteijährl. SP0 Mk., Lionatl> 1.10 Mk., wvchenllich 23 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Sluinmcr 5 Psg. SonntagS- tiummct mit illustrierter Soimtags- Beilage..Die Neue Well" 10 Pfg. Post- Llbomiemenll l,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Untcr Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen um Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, kumänie», Schweden und die Schweiz. CTMclot Wich auBtr tiUntags. * Berliner Volksblnkk. 29. IahrZ. Sie sttkertions-Keböh? beträgt für die fechsgespaltenc Kolonek- geile oder deren Raum W Psg.. für politische und gewerkschaftliche Vereins- lind Vcrfainmlnngs-Anzeigcn 80 Psg. „Kleine Hnietgen", daS fcitgcdrtulle Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafstcllciian- zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes lociterc Wort S Psg. Worte über luBuch- ltaben zählen für zwei Borte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition vögegeben werden. Die Exvcdmon ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Wrcsse: „SKiäidiIRSlirät Biliill". Zentralorgan äer fozialdemottrati fd�cn parte» Oeutfchlands. Rcdahtiotii 8M. 68, Lüidcnatrassc 69. Fernsprecher: Amt Morillplaii, Nr. 1983. Mittwoch, den 4. Dezember 1912. Sxpcdttion: 8Lll. 68, Ltndcnatrasec 69. Fernsprecher: Amt Moritzplast, Nr. 1981. llm Krieg und frieden! Wenn der zweite Tag der Debatte über die aus- wärtige Politik im Reichstage nicht einen solchen niederdrückenden Eindruck hinterlassen wird, wie der erste Tag, so sind die bürgerlichen Parteien daran fürwahr un- schuldig. Sie haben am gestrigen Tage alles getan, was in ihren Kräften stand, um eine große Sache des deutschen Volks zu einem kleinlichen Parteigezänk zu machen. Aber es ist ihnen nicht gelungen. Die Sozialdemokratie war auf dem Posten, in zwei glänzenden Reden hat sie den gewaltigen Gegensatz zwischen der bürgerlichen Kriegshetze, möge sie sich verschämt oder unverschämt gebärden, und der proletarischen Tatbcrcitschaft zum Frieden aufgezeigt, hat sie den inter- nationalen Chauvinismus und der legalisierten Massen- schlächterei das Kulturidcal des Friedens und der Menschlich- keit entgegengehalten. Gewiß hat der Fortschrittler, Herr von Pah er, eine Rede gehalten, die manche wirkungsvollen Stellen aufwies. Er wagte sogar einige wohl angebrachte Liebenswürdigkeiten über politisierende Offiziere und über die zunehmende Vermilitarisierung der Jugend. Aber was soll man dazu sageck, wenn selbst dieser angebliche Demokrat sich eifrig be- mühte, die machtvolle Friedensdemonstration des Proletariats in Basel herabzusetzen und die ernsten Versammlungen, in denen die Arbeiter aller Länder seit Wochen und Monaten die Friedcnsfrage erörtern, mit billigen Scherzen zu verun- glimpfen! Die Vertreter einiger kleiner Parteien dürfen wir in diesem Zusammenhange übergehen. Um so bezeichnender für die Stellung einflußreicher Kreise auf der bürgerlichen Seite waren dagegen die Reden des Zentrumsredners, des Fürsten zu L ö w eü stein° Wer th ei m, und des Konservativen, Dr. O e r t e l. Wenn es nur auf diese beiden Redner, besonders auf den letzteren, angekommen wäre, so hätte der Deutsche Reichstag der Welt ein erschreckendes Bei- spiel von dem Tiefstand des deutschen Parlamentarismus ge- geben. Ter junge Zentrumsfürst schien den eigentlichen Gegen- stand der Debatte vergessen zu haben, statt dessen gefiel er sich in einer ebenso plunipen, wie unzeitgemäßen Polemik gegen die Sozialdemokratie. Mit Behagen ging er ausführlich auf den Baseler Kongreß ein, zitierte alle möglichen Redner des Kongresses und stellte schließlich mit feierlicher Geste eine persönliche Frage an Ledebour und die übrigen Sozialdemo- kraten: was die Sozialdemokraten im Falle eines Krieges zu tun gedächten? Ob sie den Massenstreik und die Revolution proklamieren würden? Durch den persönlichen Charakter der Frage wollte der Herr Fürst den Sozialdemokraten mit christlicher Barmherzigkeit die Beantwortung der Frage auch dann ermöglichen, wenn sie etwa durch den Schluß der Debatte um eine sachliche Beantwortung kommen sollten. Der listige Plan, eine solche ernste Angelegenheit inmitten der Stachel- drohte einer persönlichen Bemerkung austragen zu lassen, mißlang. Der Zentrumsredner hatte zwar die Debatte ans ein Nebengleise zu schieben versucht, aber er war dabei doch wenigstens ernsthaft geblieben. Herr Oertcl dagegen, der korpulente Vertreter magerer Gedanken, schob die Debatte nicht nur mit Erfolg weiter auf diesem Nebengleise des schwarzen Blockbundcs: er führte diese Arbeit auch von Anfang bis Ende mit soviel freiwilliger und unfreiwilliger Komik, mit so vielen grotesken Späßen, mit so vielen beabsichtigten körperlichen und geistigen Verrenkungen aus, daß man zum Greifen deutlich erkennen konnte, in welchem Maße die häufigen Tagungen der Bündler in einem Zirkusgebäude anregend ans Geist und Gemüt des Herrn Oertel gewirkt haben. Es war geradezu bejammernswert, in welcher Weise dieser Redner eine bitterernste Sache des deutschen Volkes, bei der es um Tod und Leben, um die wichtigsten Interessen geht, zum willkommenen Sprungbrett für seine Geschicklich- keit in billigen Späßen, in Witzchen und Mätzchen benutzt. � Die Sozialdemokratie rettete die Ehre des Tages. Viel- leicht wird diese Behauptung öfter aufgestellt als notwendig ist, wenn sie nicht durch zu häufigen Gebrauch entwertet wer- den soll. Aber auf die Dienstagsitzung des Reichstages trifft sie in vollein Maße zu. Es war eine bedeutende Rede, die Genosse David gehalten hat. Weit genug holte er aus, um alles, was zur Sache gehörte, in den Rahmen seiner Erörte- rnng zu zwingen, und doch gehörte wiederum alles so un- bedingt zum Thema seiner klaren und schneidigen Beweis- sührung, daß auch nicht ein Wort seiner Rede als überflüssig empfunden werden konnte. David hatte deshalb auch vom ersten bis zum letzten Worte zahlreiche Zuhörer, die sich dem zwingenden Ernst der Darlegungen des sozialdemokratischen Redners nicht entzogen. Nur der Herr Reichskanzler entwischte der günstigen Gelegenheit, aus dem Munde eines Sozial- demokraten zu erfahren, wie das deutsche Volk über Krieg und Frieden denkt, auch an diesem zweiten Tage durch ebenso rasche Flucht wie an: ersten Tage. David erklärte in einem Punkte die Uebereinstimniung der Sozialdemokratie mit der Regierung: in d e in Wunsch, den Frieden zu erhalten. Er erklärte auch an einer späteren Stelle seiner Rede nochmals unter der allseitigen Zustimmung der Fraktion, daß ein Staatsmann. der die Verständigung der westeuropäischen Kulturvölker an- strebe, statt direkt oder indirekt auf ihre Zerfleischung hin- zuarbeiten, die Masse des deutschen Volkes, auch die Sozialdemokratie, hinter sich haben würde. Um so energischer wandte sich David gegen die Kriegshetzer aller Arten, aller Grade und aller Nationen. Er geißelte die klerikale Kriegshetzern in Oesterreich und wies dabei auf die engen Beziehungen zwischen den österreichischen Klerikalen und den deutsckien Zentrumsklerikalen hin. Er wandte sich gegen die friedensfeindliche Rolle Rußlands und gegen die Schürer des angeblichen Gegensatzes zwischen Deutschland und England. Um so nachdrücklicher betonte er demgegen- über die Bedeutung einer Verständigung zwischen Deutsch- land und England für den Weltfrieden, für die Beziehungen Deutschlands zu Frankreich und endlich auch für die wirk- schaftlichen Interessen Deutschlands. Mit scharfen Worten traf David die Kriegshetzerei des national-internationalen Ausbeutertums, das seine Profite aus dem Krieg und der Vorbereitung zum Kriege zieht, und das sich in stillschweigen- der internationaler Verständigimg gegenseitig den Wind in die Segel treibt. Spöttisch tat er die Kriegsnarren und Kriegsprofessoren im eigenen Lande ab. die jederzeit bereit sind, mit der Feder in der Hand Schlachten zu schlagen. Gründlich und überzeugend ging der Redner auch auf die Beziehungen Deutschlands zu Oesterreich und auf Deutsch- lands Bundespflichten ein. Er führte diese Pflichten an der Hand des Bündnisvertrages auf das richtige Maß zurück und trat dadurch wirksam den kriegsfeindlichen Ausführungen entgegen, mit denen der katholische Christ Spahn am Tage zuvor Deutschland zum willenlosen Schild- Halter Oesterreichs hatte machen wollen. David verlangte das unbedingte Recht für Deutschland, die österreichische Politik, die uns unter Umständen in ernste Verwicklungen stürzen könnto," zu überprüfen. Eindrucksvoll waren auch Davids Ausführungen über die deutschen Interessen auf dem Balkan und die Darlegung der Ursachen, die zum Zusammenbruch der türkischen Herrschaft geführt haben. Demgegenüber wünschte David die Entstehung eines großen einheitlichen Staatenbundes auf dem Balkan nach Schweizer Muster. Die Rede klang in einem begeisterten Bekenntnis zum Weltfrieden und zum Kulturfortschritt aus. Den Schluß der Dicnstagsitzung und zugleich den Schluß der Debatte über die auswärtige Politik bildete eine Rede des Genossen H a a s e, dem dadurch die Gelegenheit geboten wurde, mit den Angriffen abzurechnen, die bürgerliche Redner im Anschluß an Davids Rede gegen die Sozialdemokratie erhoben hatten. Besonders die gehässige Ausnutzung des ge- fälschten Berichts über S ch e i d e m a n n s Rede in Paris, die David schon zurückgewiesen hatte, die aber trotz- dem noch nachher in der Debatte eine Rolle spielte, wies Haase energisch und schlagfertig zurück. Ebenso gab er dem neugierigen Fürsten Löwenstein eine klare und unzweideutige Antwort auf seine Frage über die Stellung der Sozialdemo- kratie im Falle eines Krieges. Herrn Oertels unwürdigen Späßen setzte Haase den ganzen Ernst gegenüber, den eine solche Angelegenheit erfordert, vor allem betonte er diesem Jugenderzieher gegenüber, der schon die Kinder im Sinne der Kriegsbegeisterung erzogen wünscht, das Kultnrideal der Menschlichkeit. Die Sozialdemokratie will aus Europa nicht ein ungeheures Me n s ch e n s ch l a ch t h a ns machen, sondern eine Stätte des Friedens und des Fortschritts? sie will die Kultnrerrnngenschaften nicht zerstören, sondern vermehren. Mit diesem wirkungsvollen Schlußwort ging die Sitzung aus. Endo gut, alles gut! Wenn die beiden Tage dazu bei- tragen sollten, die Friedenssicherheit in Europa zu erhöhen, so darf die Sozialdemokratie den größten Teil des Vor- dienstes an dieser erfreulichen Tatsache für sich in Anspruch nehmen.— Der Friede noch nicht gesichert. Die Rede des Reichskanzlers v. Bcthmann Hollweg findet nur in der schivarzgelben Hetzprcsse und in den offiziösen Blättern Italiens freudigen Widerhall. Sonst ist man über die Erklärungen des Reichskanzlers enttäuscht. Vielfach wird auf den Widerspruch hingewiesen, der zwischen den Re- gierungserklärungen im Reichstage und den offiziösen Noten der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" klafft. Tatsächlich hat die Unterstreichung der deutschen Bundcstreue zu Oester- reich wieder die Segel der dortigen Kriegstreiber geschwellt. Die österreichische Presse ist drauf und dran, den mysteriösen Fall Prochaska zu einer Staatsaktion aufzubauschen, um nur ja keine Friedensstimmung aufkommen zu lassen. Schuld an diesem Treiben trägt aber die deutsche Regierung, die anstatt Oesterreich zur Vernunft zu mahnen, der klerikal-militaristi- scheu Thronfolgerpartci den Rücken gesteift hat. Auch die inncrpolitischen Maßnahmen Oesterreichs, wie die drakonischen Mobilmachungsgesetze, sind nicht dazu angetan, Beruhigung zu schaffen. Der Frieden Europas ist also nach wie vor ge- fährdet, und Herr v. Bcthmann Hollweg muß sich schon ge- fallen lassen, daß ihm ein Teil der Verantwortung für die noch immer drohende Kriegsgefahr aufgebürdet wird. Die Unterzeichnung des Waffenstillstandes ist noch immer nicht erfolgt. Damit werden aber naturgemäß auch die Friedensverhandlungen verzögert. Von Tag zu Tag stellt sich immer deutlicher heraus, daß die Einheit der Staaten des Balkanbundes sich zu lockern beginnt. Eifersüchteleien und Landhunger der einzelnen Staaten werden noch manche Sch>vicrigkeiten schaffen, ehe der Frieden auf dem Balkan wieder einzieht. Damit ist aber eine ständige Beunruhigung Europas gegeben. Das internationale Proletariat darf also seine Wachsamkeit nicht erlahmen lassen. Tic englische Preffe über die Kanzlerrcde. London, 3. Dezember.(P r i v a t t e l e g r a m m des ..V 0 r w ä r t s".) Des Reichskanzlers Rede hat die eng- lischen Erwartungen nach all dem schönen Gerede der letzten Tage stark enttäuscht. Die Erklärung, daß Teutschland seinen Verbündeten beistehen werde, sollten diese von dritter Seite angegriffen und dadurch in ihrer Existenz bedroht werden, wird hier als unnütz bezeichnet.„Standard" schreibt dazu: „Es ist ein Gemeinplatz, aber es besteht die Gefahr, daß Gemeinplätzen, die an hervorragender Stelse ausgesprochen werden, ein ganz unwirklicher Grad Bedeutung beigemessen werden kann." Die„Times" bemerkt:„Es braucht kaum ge- sagt zu werden, daß diese Erklärung nichts Provoziereudes an sich hat. so derb sie auch sein mag." Mehr als ein Blatt stimmt dem Genossen Ledebour in seiner Kritik der Rede bei. Den besten Kommentar liesern die„Daily News", die heute schreiben�„ES ist bemerkenswert, daß der Reichskanzler keine klarere Sprache führte. Herr Ledebour, der nach ihm redete, protestierte, daß er nichts gesagt habe, um Oester- reichs Haltung zu modifizieren. Das ist sehr richtig, und Oesterreich braucht ebensosehr einen Wink von Deutschland, wie Rußland. Wenn der Frieden erhalten werden soll, ist es Pflicht der Mächte, wie Deutschland, Frankreich, Groß- britannien, die nicht direkt verwickelt sind, den anderen klar zu machen, daß ein Krieg nicht stattfinden darf." Der Jubel der österreichischen Hetzprcsse. Wien, 3. Dezember. Die„Neue Freie Presse" führt zu der Rede des Reichskanzlers im Reichstage vuS: Ein hoher Festtag war es für das Bündnis zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn, und nachhaltig wird der Eindruck in der ganzen Wjelt sein. Die Rede des Reichskanzlers wird nie vergessen werden, wie auch die in schweren Krisen bewiesene Nibelungen- treue fortlebt, die das Bündnis so anschaulich, so faßlich, jedem Ver- ständnis zugänglich und so volkstümlich gemacht hat. Das ,.N eue Wiener Tagblatt" erklärt: Die Rede des Reichskanzlers ist ein Dokument der Weltgeschichte und eine poli- tische Tat, für die ihm der aufrichtigste Dank aller Freunde des Friedens gebührt, der herzlichste Tank von feiten jenes Staates, dem er die prächtigste Bekundung seiner Vündnistreue brachte, Oesterreich-Ungarn. Die Ausführungen des deutschen Reichs- kanzlers bekundeten das Bestreben, den Frieden zu erhalten, den Willen hierzu und die Hoffnung hierauf, die er mit Tatsachen begründete. Ter Dreibund ist einig und stark. Er befindet sich aber nicht im Gegensatz zu den anderen Mächten. Ein lebhafter Ge- dankenaustausch unter den Mächten nimmt den Verlauf freund- lichen Entgegenkommens, und dies ist die willkommenste Ergänzung zu der starken Grundlage ,dcS Friedens, welche in der inneren Harmonie der Interessen Teutschlands und Ocsterrcich-Ungarns und in der unverbrüchlichen Treue, welche böse Stunde auch schlagen mag, gegeben ist. Die„R c i ch s p 0 st" hebt hervor: Die Rede des Reichskanzlers ist eine der stärksten Taten für den Frieden, die in der harten, gefahrvollen Zeit geleistet worden ist. Die deutsche Offenheit, mit welcher Herr von Bethmann Hollweg die Auffassungen und Vor- sätze Deutschlands darlegte, ist eine gute Wegmarkierung für die freundschaftliche Auseinandersetzung der Mächte. Wenn irgendwo die Illusion bestanden haben sollte, daß man den Dreibund durch eine Einschüchterung Oesterreich-UngarnS niederwerfen könne— und diese Illusion scheint, wenn auch nicht in Kreisen der verant- wortlichen Staatsmänner der Großmächte, tatsächlich bestanden zu haben— so ist sie jetzt zerstört. Der Dreibund ist solidarisch, und in seiner Einigkeit liegt wohl, wenn Vernunft und Gewissen in diesen Zeiten noch eine Kraft haben, eine große Friedensbürgschaft. Französische Pres, stimmen. Paris, 3. Dezember.(P r i v a t t e l e g r a m m des „Vorwärts".) Ter„Tcmps" schreibt: Alle Staatsmänner, sogar Bcrchtold, haben in ihren Reden die Friedens- idee in die erste Reihe gestellt, Bethmann den Krieg. Beth- mann geht aber hinaus über den österreichischen Bündnis- vertrag, dessen Artikel 2 bestimmt, daß die Unterstützung dann eintritt, wenn Oesterreich von einer anderen Macht als Rußland angegriffen wird und Rußland diese Macht untcr- stützt. Bethmann aber sagt, wenn Oesterreich seine Interessen geltend macht und dabei von Dritten angegriffen wird. Deutschland marschiert also selbst dann, wenn Oesterreich an- greifender Teil ist. Seit 2 Monaten hat niemand in der Hauptstadt in so unfreundlicher Form gesprochen. Vielleicht wollte Bethmann Oesterreich für die kalte Note in der„Nord- deutschen Allgemeinen Zeitung" entschädigen. Festgestellt wird, dag Deutschland in den Verhandlungen zwischen den Staatskauzleien sich maßvoll und konziliant verhielt, trotz- dem ist der Eindruck der Rede ein schlechter, weil sie eine direkte Drohung gegen die Balkanstaaten enthält, Eine deutsch-englische Annäherung? Nach einem Telegramm aus London schreibt die „Evening News" in ihrer Nunimer vom Dienstagabend unter der Ueberschrift„Freundschaft mit Deutschland", daß das Ende des Balkankrieges einen vollständigen Ausgleich der deutsch-englischen Angelegenheiten einschließlich der Mittelmeer- und afrikanischen Fragen herbeiführen werde. Noch keinen Abschluß der Waffenstillstandsverhandlungen. Sofia, 3. Dezember. Heute nachmittag um i Uhr wird eine neuerliche Zusammenkliuft der Bevollmächtigten für den Waffen- stillstand stattfinden. Man glaubt, dicS werde die letzte Zusammen- kunft sein. Griechischer Widerstand gegen den Waffenstillstand. London, 3. Dezember. Das Rrutersche Bureau meldet anS Sofia: Mit Bezug auf das Gerücht, die intranfigcnte Haltung der Griechen könnte den Abschluß des Waffenstillstandes verzögern, wird an zuständiger Stelle erklärt, der Waffenstillstand werde nötigenfalls ohne die Griechen unterzeichnet werden, die den Krieg allein fortsetzen könnten, wenn sie es wünschten. Verstärktes Bombardement von Skntari. Njeka, 3. Dezember. Seit gestern donnern die schweren Ge- schütze ununterbrochen vor Skutari, das augenscheinlich gegenwärtig die schwersten Angriffe zu bestehen hat. Das Wetter ist äußerst schlecht. Nach Meldungen von unterrichteter Seite leisteten die türkischen Truppen in Skutari. auf dem Tarabosch und in den umliegenden, noch in türkischen Händen befindlichen Stellungen gestern eine heftige Beschießung der Montenegriner ein, welche kräftig erwiderten, indem sie die schwersten Angriffsbatterien, welche bisher wenig gebraucht worden waren, aufstellten. Der Ausgang des Kampfes ist bisher unbekannt, Die bulgarisch-griechischen Eifersüchteleien. Paris, 3. Dezember. Dem„Tcmps" wird aus Athen gemeldet. daß der Bericht des bulgarischen Generals Thcodorow über die Unterwerfung der türkischen Besatzung von Saloniki in gricchi- scheu Kreisen lebhaftes Befremden hervorgerufen habe. Es sei be. kannt, daß die Türken sich erst ergaben, nachdem der griechische Kronprinz Befehl zum Vormarsch gegeben hatts und seine Vorhut bereits mit türkischen Truppen in Fühlung getreten war. Unbe- greiflich sei es, daß die Bulgaren an 60 000 Mann von ihrer thrazischen Armee nach Saloniki geschickt hätten, wo ihre griechischen Verbündeten keinerlei Verstärkung bedurften. Diese 60 000 Mann wären vor Adrianopel und Tschataldscha notlvendiger gewesen, wo sie zu eijicm raschcli Erfolg der bulgarischen Offensive beigetragen hätte»._ politifcbe debcrficbt Berlin, den 3. Dezember 1912. Kleine Zlnfragen. Was die neue Einrichtung der kurzen Anfragen rni Reichstage dem deutschen Volke nützen kann, zeigte am Dienstag die Anfrage des Genossen Liebknecht über die Ein- fchleppung der Cholera nach Deutschland. Die 'Auskünfte, die die Regierung auf die Anfrage gab, konnte sachlich befriedigen und wird in weiten Kreisen der Bevölke- rung erwünschte Beruhigung schaffen. Daß eine gute Einrichtung aber auch durch falschen Ge- brauch lächerlich gemacht werden kann, bewies die Anfrage des Herrn Mumm, der die Regierung naiv fragte, ob dem Reichskanzler bekannt sei, daß Wagners Parsifal demnächst schntzfrei wird. Der Staatssekretär des Reichs» justizamts hatte Mühe, sein Lachen vor dem in stürmische Heiterkeit ausbrechenden Hause zu verbergen, als er erklärte. daß diese Tatsache dem Reichs tanzler allerdings nicht unbe- kannt sei. Herr Mumm soll seinen Tatendrang zügeln. Er darf sich freuen, daß die Lächerlichkeit nicht tötet. Wo wäre der Aermste sonst schon seit langem! Und abermals der Wagenmangel. Der Wazennicmgel im rheiiiisch-westfälischen Industriegebiet. der bereits einmal das Abgeordnetenhaus und auch das Herrenhaus beschäftigt hat. war am Dienstag wiederum Gegenstand lebhafter Debatten im Abgeordnetenhause. In Würdigung der dadurch hervor- gerufenen VerkehrSnot mit ihren in das Wirtichaftsleben tief ein» schneidenden Folgeerscheinungen hatte der Präsident aus eigenem Antriebe unter nachträglicher Genehmigung des Hauses zugleich mit einer den Gegenstand behandelnden Interpellation des Zentrums den Bericht der Schleppmonopolkominiiston über die Petitionen der Ruhrbergwerke über den Wagenmangel auf die Tagesordnung gesetzt. ES sei vorweg bemerkt, daß das Plenum im Gegensatz zu dcr Kom- Mission, die sich mit der Ueberlocisnng der Petition an die Re- gierung'als Material begnügt hatte, die Petitionen zur Berücksichtigung dahin überwies, daß mit tunlichster Bc- schleunigung die stehenden Anlagen und das rollende Material der Staatsbahnen zur betriebssicheren Bewältigung auch stark steigenden Verkehrs instand gesetzt werden. Redner aller Parteien waren sich darüber einig, daß die Eisen- bahnvcrwaltung sich ihrer Aufgabe nicht gewachsen gezeigt hat, und wenn«S auch die Vertreter der bürgerlichen Fraktionen ängstlich vermieden, dem Minister persönlich Vorwürfe zu machen, so war doch deutlich herauszuhören, daß sie mit der Tätigkeit des Herrn v. Breitenbach keineswegs zufrieden find. Nach unserer Ansicht trägt die Schuld an der Kalamität weniger der Eisenbahnminister, als daS ganze System, da« daraus zugeschnitten ist. möglichst viel lleberschiisse aus den Eisenbahnen herauSznwirtschaften, anstatt sie in erster Linie dem Verkehr dienstbar zu machen. DaS wird erst dann anders werden, wenn wir ein von der Finanzverwaltung un- abhängiges Eisenbahnmintsterium haben. Diesen Standpunkt der- trat nachdrücklichst Genosse Ströbel, der als einziger von allen Rednern auch auf den Lohnausfall hinwies, den weite Schichten von Arbeitern, vor allem die Bergarbeiter durch den Wagenmangel zu erleiden haben. Ströbels Kritik an der antisozialen Haltung des Ministerium» rief Herrn V. Breitenbach. der schon vorhrr seine N.rwaltung z» r-chtftriigen gesucht hatte, noch einmal auf den Plan. nlbmend hervorznheben. wie gewaltige Lohnaufbesserungen die Eisenbahner im Laufe der Jahre bcfommcu haben. Daß diese ™e»vroletaricr mit ihren Lohnen trotzdem immer noch weit hinter w.n«-idmsge°�. in der Privatindustrie hinterherhinken, ja daß s ie mm aute n Teil noch mit Hungerlöhnen abgespeist werden, geht ° n Zahlm des Ministers mit Deutlichkeit hervor. Leider macht- ein auch vom Zentrum unterstützter Schlußantrag den Sozialdemokraten die Festnagelung dieser Tatsache unmöglich. Mittwoch wird an erster Stelle die Interpellation über die Winzernot besprochen werden. Auch die Interpellation über das Vorgehen des Berliner Polizeipräsidenten gegen die Feuerwehrleute steht auf der Tagesordnung, doch ist es fraglich, ob sie noch an die Reihe kommt._ Das Volksschnlgesetz im sächsischen Landtage angenommen. Am Dienstag wurde die Beratung des Volksschulgesetzes im sächsischen Landtage zu Ende geführt. Angenommen sind: Schulgeldfreiheit, allgemeine Volksschule. Herabsetzung der Klasseufreqnenz, obligatorischer Mäochcnfortbildungsschul- Unterricht, Einschränkung der geistlichen Aufsicht des Religions- Unterrichts, ferner Nichtbeteiligung der Dissideutenkinder am Religionsunterricht. Der Religionsunterricht wird nicht nach dem Buchstaben des Bekenntnisses, sondem nach einer freieren religiösen Auffassung(Zivickauer Thesen) erteilt. Die sozialdemokratische Fraktion konnte nach diesem Aus- gang für daS Gesetz stimmen. ES fand eine namentliche Ab- stimmnng statt. Mit 61 gegen 23 Stimmen wurde das Schulgesetz mit den Beschlüssen der Zwischendeputation und den entsprechenden Aenderungen angenommen. Dagegen stimmten die Konservativen, dafür die Sozialdemokraten, Frei» sinnigen und Nationalliberalen. Es beginnt nunmehr das Vereinigungsverfahren mit der Ersten Kannner._ Ter Reichskanzler und die päpstliche Enzyklika. Die„Köln. Volksztg." schreibt: Die„Frcwksilrter Zeitung" und ihr nahestehende Blätter berichteten, der Reichskanzler habe einem bekannlen Führer des ReichStagSzentrumS erklärt, daß die jüngste päpstliche Enzyllika über die Arbeiterorganisationen daS letzte fei, lvas sich die preußische Regierung von der Kurie habe bieten lassen. Demgegenüber kann durchaus zuverlässig festgestellt werden, daß allerdings eine Unterhaltung zwischen dem Reichskanzler und einem ZenlrumSabgeordneten über die jüngste päpstliche Enzyklika statt- gefunden hat, daß in derselben aber eine derartige gegen die Kurie gerichtete Aeußerung nicht gefallen ist. Das Wahlrecht zur prenstischen Duma. Man darf darauf gefaßt sein, daß bei den nächsten LandtagSwahlen von der Rechten ganz außergewöhnliche Anstrengungen gemacht werden, um die Mehrheit der Konservativen und Zentrumsleute zu behaupten. Zweifellos kommt den Wahlen aber auch eine besondere Bedeutung zu. DaS Volk will endlich auS den feudale» Fesseln heraus. Die Junker, und die mit ihnen verbündete» Klerikalen und industriellen Scharfmacher dagegen möchten die erwerbstätige Bevölkerung unter die Fuchtel neuer Ausnahmegesetze bringen. Ist das auch Reichssache, so spielt dabei, wie überhaupt für die Reichspolitik, die Zusammensetzung deS Landtages eine große Rolle, ganz ab- gesehen davon, daß der Landtag selbst außerordentlich wichtige, für die soziale und freiheitliche Eutwickelung bedeutungsvolle Gesetzes- Materien zu erledigen hat. Da Preußen im Bundesrat die erste Geige spielt, so ist eS selbstverständlich, daß der preußische Landtag dort den Ton angibt und somit daS Reichskonzert beherrscht. Nun ist aber der Landtag die Farce einer Vollsvertretung. DaS ergibt fich sonnenllar bei einer Vergleichung der Resultate der Reichstagswahlen und der LandtagSwahlen in Preußen. Die bestehende WahlkreiSgeometrie verbessert bekanntlich die Chancen der Rechtsparteien auch bei der ReichStagswahl. Bei einer Proporzwahl würden z. B. der Sozialdemokratie nach der letzten Wahl, bei der sie 34.3 Prozent der abgegebenen gülligen Stimmen auf sich vereinigte, 133 Mandate zugefallen sein: dank der famosen WahlkreiScinteilung verfügt sie nur über 110 Mandate. Sehen wir zu, wie das Abgeordnetenhaus nach dein Stiminenergebnis der letzten ReichStagswahl in Preußen ausschauen würde, und wie es tatsächlich aussieht. Es er- Konservatibe Gruppen.. Zentrum....... Natioiiallibcrale.... Fortschrittliche VollSpartei Polen»....»« Sozialdemokratie.... Wilde usw....... hielten Mandate bei der Wahl 1003 212 104 6». 36 15 7 4 Nach dem Ergebnis der ReichStagswahl müßten Man- date besitzen 80 74 56 50 LS 142 14 443 443 Demnach hätte die Sozialdemokratie 133 Mandate zu wenig; auf die Wilden usw. entfielen 10 Mandate mehr; den Polen ständen noch 11 Mandate über die erhaltene Zahl zu und die Volkspartei könnte auf noch 15 Mandate Anspruch erheben. Die Nationalliberalen müßten 0 Mandate abgeben; das Zentrum erlitte eine Einbuße von 30 Mandaten und der Verzicht der konservativen Gruppen beliefe sich auf 132 Mandate. Die lonservativen Gruppen allein verfügen jetzt fast über eine Mehrheit. Bei einer Verteilung der Mandate nach dem Stimmenergebnis bei der ReichStagswahl würde» sie mit dem Zentrum zusammen hinter einer Mehrheit zurückbleiben, ja selbst die Nationalliberalen dazu genommen, ergäbe noch keine Mehrheit. Die drei Parteigruppen zusammen verfügten nur über 210 Mandate, also noch zwei weniger als die Konservativen nun allein beherrschen. Die Mandate auf die ReichStagSwählerstimmen berteilt, ergäbe für die Sozialdemokratie im Bunde mit den Polen und Fort- schrittlorn und einigen Wilden eine sichere Majorität. Natürlich wird man einwenden: NeichSlagSwähler und LandtagSwähler sowie ReichStagswahlrecht und LandtagSwahlrecht decken sich nicht l Ganz recht: weil sich eines mit dem anderen nicht deckt, weit man in Preußen die große Mäste der Erwerbstätigen wie Heloten be- handelt, erzielt man die beabsichtigten, ungeheuerlichen Ungerechtig- leiten. Daß nur die geheime und gleiche Wahl die Volksstimmung und VoltSmeinung zum Ausdruck bringt, ist unbestreitbar. Das ungleiche, öffentliche Stimmrecht bei der LandtagSwahl dagegen fälscht den Willen der BolkSmehrheit. Im Landtage herrscht eine Mehrheit wider den VolkLwillen, sie herrscht auf Grund eines angemaßten Rechtes. Darum ist der Landtag die Farce einer Volks- Vertretung I_ Ein christlicher Ortskrankenkassen-Skandal. Die bürgerliche Presse, welche sich nicht genug über sozial- demokratische Mißwirtschaft ereifern kann und die Verfehlungen des gut bürgerlichen Rendanten der Solinger Ortskrankenkasse unserer Partei in die Schuhe zu schieben versucht, sei auf folgenden Fall aus Mcttmann sRhcuiland) bingewiesen: Die dortige OrtSkranken- laffe ist ganz in den Händen der Christlichen. Der Vorstand ist christlich und die Christlichen beherrschen demgemäß auch die General- Versammlung. Seit drei Jahren machten unsere Partergenossen schon darauf aufmerksam, daß in der Verwaltung der Kaste Dinge vor sich gingen, für die der Staatsanwalt Interesse haben dürfte. Im Juli dieses Jahres schrieb die Elberfelder»Freie Presse", daß die Unter- schlagungen de" Rendanten Roth innerhalb sechs Jahren nunmehr die Höhe von 6000 M. angenommen hätten. Bei einer solch kleinen Kasse eine respektable Summe. Es ging nicht anders, als daß Roth vorläufig seines Amtes entsetzt werden mußte. Die Verhältnisse sind dann durch einen Stadtsekretär untersucht worden und dieser stellte fest, daß durch raffinierte Schwindeleien tatsächlich 6000 M. unter- schlagen worden sind. Bereits im ersten Jahre seiner Anstellung halte Roth mit den Unterschlagungen begonnen. Daß der Rcndant sein Gehalt auf Monate voraus schon erhoben hatte und daß Eni- schädigungen für Miete des Kassenlokals, Licht usw. mit mehr Quartalen im Buche standen, als es im Laufe des JahreS gab, war noch das wenigste. In die Krankenlisten waren fingierte Namen eingesetzt, die Zahlungen der auswärtigen Firmen für ihre Arbeiter waren überhaupt nicht gebucht und anderes mehr Der Nendant Roth wurde infolge dieser gravierenden Tatsachen dann verhaftet und ins Elberfeldcr GerichiSgefängnis übergeführt. Der Rcndant. der bei der ersten Vernehmung schon selber einen Teil seiner Verfehlungen eingestand und keinen Hehl daraus machte, daß in den Sitzungen des christlichen Vorstandes Branntwein getrunken wurde, der von den Kassenbeitägen bezahlt worden ist, war ein strammer Zeiitrumsmann, der bei den Laurentius- Prozessionen sogar das Amt eines Borbeters inne hatts. Und die politischen Freunde dieses Mannes sind die lautesten Schreier über sozialdemokratische Mißwirtschaft in OrtSkrankcn- kassell._ Ei» Staat, der auf Bajonetten sitzen will! Sieg und Frieden von 1871 zahlte das deutsche Volk mit 370 Millionen Rüstungsausgaben; das war 1872. Damals halte das Deutsche Reich rund 4t Millionen Ein- wohner, jeder Einzelne mußte demnach im Durchschnitt eine Jahres- last von neun Mark tragen. Die Militärausgaben sind für 1012/13 im Reichsetat mit 1861 Millionen Marl eingesetzt. Deutschland hat heute rund fünfundsechzig Millionen Einwohner, daS deutsche Boll vermehrte fich von 1872 bis 1012 um rund sechzig Prozent. Auf jeden Kopf kommt jetzt eine Rüstungslast von weit über 23 Mark! Die Belastung mit Militärausgaben ist seit dem ersten Friedensjahre nach der deutschen Einigung um rund drei- hundertundfünfuudzwanzig Prozent gestiegen! Die.Friedensversicherung" kostete 1872 jeder deutschen Familie von 4,7 Köpfen 42,80 M. im Jahre, im Jahre 1012/13 dagegen 131,40 M. I Diese 134,40 M. sind mindestens vier Wochen Arbeitslohn, ein Monat Familienernährung, eS ist der zwölfte Teil des Jahresarbeitsverdienstes. Man kann sage», zehn Prozent der erschufteten Pfennige deS Arbeiters gehen durchschnittlich »zum Schutze des Friedens" draus I Den Zehnten des Militarismus verlangt man in einer Zeit, wo im Reichstage vom Ministertische aus dem Arbeiter an- geraten wird, das„hocheiweißhaltige" Schorlemerfleijch noch mehr als bisher zu essen. Von diesem Zehnten des Militarismus sackte Krupp als ficht- baren upd öffentlich zugegebenen Reingewinn allein in den letzt- vergangenen fünf Jahren, wenn niedrig gerechnet wird, einhundert Millionen Mark ein, andere stecken ebenso Millionen ein. Und wie stehen die Parteien zu dieser Fron unter der Gewalt deS Kulturriickschrittes? Die Konservativen schreien. wenn sie den Mund aufmachen, entweder nach Zollichutz, nach Ausnahmegesetzen oder nach Rüstungen; dem Zentrum ist die ewige Vorbereitung auf den Weltkrieg das irdische Evangelium des ehemals friedfertigen RazarenerS; die Nationalliberalen fragten erst vorgestern im Reichstage nach Maschinengewehren; und der Frei» sinn? Sein.Berliner Tageblatt" predigt treue Bundesgenossen- schaft jetzt, wo der österreichische Doppeladler das Raubtierblut in den Adern jucken fühlt. ES gibt nur einen Friedenshort, und daS ist die internationale Sozialdemokratie! Reichskanzler und Kurie. Kardinal Dr. Kopp in Breslau ist bis jetzt der Vertrauens- mann der preußischen Regierung im Verkehr mit der Kurie ge- Wesen. Dieses Vertrauensverhältnis hat allem Anschein nach einen Riß bekommen. Die Ursache bildet die Kölner ErzbischofS- Wahl. Die»Tägliche Rundschau" erfährt dazu von unterrichteter Seite: .Dr. Kopp, der durch und durch„Berliner" ist. hat einen hervorragenden Anteil an der päpstlichen Enzyklika über die Arbeiterorganisationen gehabt, durch die der Unmut des Reichs- kanzlerö in hohem Maße erregt worden ist. Außerdem ober hat Dr. Kopp zum Acrger Herrn v. Bethmann Hollwegs beivirlt, daß zum Erzbischof von Köln nicht der dem Reichskanzler genehme Bischof in Dresden, Dr. Schäfer, sondern der Bischof von Münster, Dr. Hartmann, ein fanatischer Rom- ling und fanalischer„Berliner", gewählt wurde. Man erzählt sich, daß im preußischen Staalsministerium über diese Wahl vcr- schieden? Ansichten bestanden haben. Während Herr v. Bethmann Hollweg und der KulluSminister den Dresdener Bischof für die geeignete Persönlichkeit hielten, sei der Landwirtschaftsmiiiister für den Bischof von Münster eingetreten." Dr. Kopp versicherte, daß der der Regierung genehme Kandidat gewählt werde. Zur Ueberraschung der preußischen Regierung wurde dann der Bischof von Münster gewählt, und Kardinal Dr. Kopp redet sich darauf hinaus, daß er gedacht habe, Dr. Hartmann auS Münster sei der Kandidat, den die Regierung gewünscht habe. Lnstbarkeitsstcuer als Mittel gegen die proletarischen Bildungsbestrrbungen. Die Bochumer Stadtverordneten haben eine Lnstbarkeitssteuer- ordnung aiiaenoinmen, mit deren Hilfe die Bildungsbestrebiingen der Arbeiterschaft im allgeineinen und die der proletarischen Jugend im besonderen geiroffen werden. Während bisher alle Bcran- staltungen, die wissenschaftlichen oder künstlichen Zwecken dienten, grundsätzlich von der Sieuerpflicht befreit' waren, unterliegen diese hinfort grundsätzlich einer empfindlichen Steuer. Die Ermäßigung oder gänzliche Freistellung ist in das Ermessen des Magistrais gestellt. Grundsätzlich von der Steuer befreit bleiben Veraiistallungcn aus Anlaß deS Geburtstages Wilhelms II. und.anderer allgemeiner Gedenktage". Ebenso alle Veranstaltungen, die dem Zwecke der Jugendpflege im Nahmen des Erlasses des Unterrichtsminislerö vom 13. Januar 1011 dienen, und Kirchenkonzerte wie Veraiistaltiiiigen, die einen ausgesprochen kirchlichen Charaklcr trage». Auf Antrag deS Zentrums wurden Veranstaltungen der katholischen Gesellen- vereine, soweit sie sich mit Jugendpflege befassen, denen im Rahmen des erwähnten Erlasses gleichgestellt. Berücksichtigt man, daß obendrein fortan alle Lustbarkeiten, auch die kleinsten eng geschlossene», grundsätzlich der Steuer unterliegen, und zwar einer sehr hohen, wodurch eS lleineren Gewerkschasts- zahlstellen unmöglich gemacht wird, gelegentlich ein Tanzkräiizchen abzuhalten, so entpuppt die neue Verordnung sich nach allen Seiten hin als ein Instrument, das man beliebig gegen die moderne Arbeiterbewegung handhaben kann und handhaben wird. Hcsicn wird auch da» Mittel nicht!__ Die Konkurienzklansel. Dem Reichstage ist am Montagabend ein Gesetzentwurf zu- gegangen, der die Konknrrenzllausel einer Neuregelung unterwirft. Der 8 74 des Handelsgesetzbuches erhält folgende Fassung: „Eine Vereinbarung zwischen dem Prinzipal und den Hand lungsgehilfe», durch welche dieser für die Zeit»ach der Beendigung des Dienstverhältnisses in seiner gewerblichen Tätigkeit beschränkt Wird, ist nur gültig, wenn sie in schriftlicher Form geschlossen und dem Gehilfen bei dem Abschluß einer von dem anderen Teil unterzeichneten Urkunde, welche die vereinbarten Bestimmungen enthält, ausgehändigt wird.- In einem§74a wird dann bestimmt, daß solche Vereinbarungen nur dann verbindlich sind, lvenn sich der Prinzipal verpflichtet, sür die Dauer der Beschränkung eine Entschädigung zu zahlen. Die Entschädigung muß für das erste Jahr mindestens aus ein Viertel, für das zweite Jahr mindestens auf ein Drittel und für das dritte Jahr aus den vollen Betrag der von dem Handlungsgehilfen zuletzt bezogenen vertragsmäßigen Leistungen sich belaufen. Ueber einen Zeitraum von drei Jahren von der Beendigung dcS Dienstverhält- nisses an darf eine Beschränkung nicht hinausgehen. Armenuntcrstützung und Landtagswahlrecht. Die Fortschrittliche Bolkspartei hat im Dreiklassenhause am Dienstag den Antrag gestellt, die Regierung zur Einbringung eines Gesetzentwurfs aufzufordern, durch welchen noch vor der Aufstellung der Landtagswählerlisten das Reichsgesetz von l909 über die Ein- Wirkung von Armenunterstützungen auf öffentliche Rechte auf die Wahlen zum preußischen Landtag ausgedehnt wird. Die mecklenburgische Verfafsungsfrage. Der Reichstagsabgeordnete für Rostock, Genosse Dr. Herzfeld, hat folgende Anfrage an den Reichstag eingebracht: .Ist der Herr Reichskanzler bereit, nachdem alle bisherigen Verfassungsentwürfe der mecklenburgischen Regierungen von dem niecklcnburgische» Ständctag abgelehnt wurden, und der letzte, von ihm abgelehnte, aber von den Regierungen von neuem zur Be- ratung gestellte Verfassungsentwurf die ständische Verfassung und die politische Rccvtlosigkeir des mecklenburgischen Volkes im wesent- lichen aufrechterhält, aber Bestimmungen enthält, welche das Interesse des Reiches an der finanziellen Leistungsfähigkeit eines Bundesstaates erheblich verletzt, durch die Reichsgesetzgebung die niecklenburgischen VerfassungSzustände zu ordnen." Diese Frage wird am Freitag von der Regierung beantwortet werden._ franftrcid). Millerand gegen Jaurös. Paris, 2. Dezember. D e p u! t i e r t e n k a m m e r. Der Pro- greffist Bonncfous fordert« sofortige Beratung eines Antrages, wonach Deserteure und'solche, die sich selbst verstümmelt haben, um sich>dem Heeresdienst zu entziehen, ihres Wahlrechts verlustig gehen sollen. Ja u res erklärte, der Vorschlag sei ein« Fort- setzung des böswilligen und fanatiftischen Feldzuges, den Mcssimy gegen die Arbeiterklasie eröffnet habe. Er warf Mesftmh vor, über die Zahl derjenigen, die sich dem Heeresdienst entzogen hätten, künstlich zurechtgestutzte Ziffern vorgebracht zu haben, indem er die Zahlen aus den letzten 40 Jahren addiert habe, um sagen zu können, daß Frankreich zwei Armeekorps fehlten. Die Zahl der- jcnigen, die sich nicht gestellt haben, habe sich deshalb vermehrt, weil auf Grund dcS Gesetzes von 1905 alle die jungen Leute, die sich im Ausland niedergelassen hätten, als Heeresflüchtige erklärt würden. Kriegsminister Millerand erwiderte, er billige vollkommen den Borschlag Bonnefous. JanreS habe nicht das Recht, den Tatsachen gegenüber, die Messimy dargelegt habe, von Fantasterei zu sprechen, wenn er selbst und die sozialistische Partei kein Wort des Protestes gegen die Heeresflucht fänden. �(Stürmischer Beifall, außer bei der äußersten Linken.) Millerand fuhr fort, er sei sicher, daß die onti- militaristische Kampagne im Augenblick der Gefahr keinen größeren Teil der jungen Franzosen ablvendig machen werde. An diesem Tage würden alle ihre Pflicht tun. Jedoch genüge eS nicht, zu protestieren, wenn Aufrufe zum Ungehorsam und zur Sabotage der Mobilmachung angeschlagen würden. Alle Parteien müßten sich gegen eine so abschenliehe Kampagne erheben und das Volk gegen Hetzereien schützen, die das schlimmste Verbrechen gegen das Bater- land darstellten. Auf Vorschlag MillerandS wurde der Antrag BomrefouK an ein« Kommission verwiesen. Marokko. Auch eine Kulturarbeit. Paris, 2. Dezember. Nach einer Blättermeldung aus Rabat hat das dortige französische Kriegsgericht die in Tanger ver- hafteten Redakteure des franzosenseindlichen, antisemitischen Blattes„El Haak", Zaki und Rifaat. schuldig gesprochen und jenen zu S Jahren Zwangsarbeit, diesen zu 3 MonatenGe- fängniS verurteilt. Clriita. Ein„sozialistisches� Tageblatt. Nach Beendigung der Parlamcntswahlen haben die Sozialisten Chinas ihre ganze Kraft dem Ausbau der Organisation und der Vermehrung ihrer Kampfmittel zugewendet. Auf dem Kongreß, der kürzlich in der alten Kaiscrstadt Nanking stattfand und der an 3000 Teilnehmer zählte, hat die Parteiorganisation festere Form und das Programm schärfere Fassung erhalten. Freilich wird das letztere einen deutschen Sozialdemokraten in mehr als einer Hin- ficht nicht befriedigen. Ais vornehmstes Ziel der Partei nennt eS den Ausbau der freiheitlichen Institutionen der Repuiblik, Ver- mehrung der Rechte des Volkes und eine großzügige Propagierung der sozialistischen Grundsätze. Der neue Parteivorsiand besteht aus neun Direktoren und 30 Beiräten. Die wichtigste Tat des Kongresses ist die Schaffung eines täglich erscheinenden Parteiorgans. Als sein Chefredakteur wurde Masu, der Privatselrctär Sunyatsens, ernannt. Die erste Nummer ist bereits erschienen; sie bringt u. a. einen Artikel des ehemaligen anierikantjchen Kongreßmitgliedes Genossen Berger. Das neue Blatt trägt den Namen„Chinesischer Republikaner". Welche Politik das Organ zu üben gedenkt, wind in einem„An die Oeffentlichkeit" gerichteten Artikel dargetan. Wenn diese redaktio- nellen Ausführungen der politischen Anschauung �der� Partei ent- sprechen, dann ist sie jedenfalls bedenklich»gemäßigt". Es heißt ba w. a.:,. „Bei Beginn unserer Tätigkeit wollen wir sofort sagen, daß wir beabsichtigen, eher eine Politik der Verteidigung, als eine der Herausforderung zu pflegen, und unser leitender Grundsatz wird, soweit es möglich ist, eher der des Ausbaues als der der Zer- Störung sein. Wir hoffen, aus dem„Chinesischen Republikaner «ine Zeitung zu machen, durch die wir unsere Ansicht in einer ruhigen und vernünftigen Weise, mit Zurückhaltung und Per- stand nis vertreten können. Daß China nun endlich erwacht ist aus seiner Lethargie, in der es jahrhuwderlang versunken war, ist heute«in- Tatsache von überwältigender Bedeutung. Seine Kinder haben das schwer« Joch der Mittelalterlichkeit und die Fesseln des Aberglaubens abgeworfen wie einen lästigen und überflüssigen Mantel und sind jetzt von dem heißen Wunsch be- seclt, selbst in den Kreis der Nationen zu treten, die in der Gc- schichte einen guten Namen haben. Sie sind von hohen Ambitio- mcn und edler Sehnsticht erfüllt; sie/wünichen, daß das Land ihrer Geburt einen Ehrenplatz unter den Weltvölkern einnimmt. Von dieser berechtigten Sehnsucht, von des Volkes Hoffnungen und Befürchtungen, von Zeit zu Zeit zu reden, sie zu erläutern, wenn nötig, soll unsere hohe P sticht und unser ständiges Ziel fein. In dieser Zeit der hohlen Plattheiten und verblüffenden Unwissenheit ist es wichtig, daß falsche Eindrücke beseitigt und Irrtümer korri- giert werden." Das ist alles, was das Blatt über sein Ziel und seine Ausgaben sagt. Um nach solchen Grundsätzen zu schreiben, braucht mau allerdings nicht„sozialistisches Organ" zu sein. Das kann und wird jedes andere modern gerichtete Organ auch tun. Huö der parteL Ja u res über die österrcicksischc Partei. In der Montagsnummer der., H u m a n i t e" veröffentlicht Jaures einen dem Waffenstillstand auf dem Balkan gewidmeten Artikel, in dem er auch von der Stellung unserer österreichischen Bruderpartei spricht.„Unsere österreichischen Genossen— schreibt Jaures— geben uns in dieser Stunde ein bewunderungswürdiges Beispiel des Muts, der Entschlossenheit und der Weisheit. Sie sind den schandbarsten Verleumdungen ausgesetzt, den gröbsten Drohungen, den willkürlichsten Gewalttätigkeiten. Ihre Presse wird konfisziert. Der Präsident des Reichsrats, der sich zum Agenten der Reaktion macht, versucht ihre Stimme zu ersticken. Sie er- lahmen nicht. Sie regen sich nicht auf. Die von Adler im Parla- ment und in den Volksversammlungen gehaltenen Reden sind wahrhaftig unvergleichlich, was ihre Würde, ihre feurige zurück- gehaltene Kraft, ihren einschneidenden, ätzenden Geist, ihre Klug- heit und ihre Tapferkeit betrifft. In diesen schmerzliche» und unruhigen Tagen war er wirklich der wahrhafte Staatsmann Oester, reichs. Oder es war eher noch die ganze sozialistische Partei, die dort auf dem ersten Posten der Gefahr die große nationale und menschliche Partei bildete. Adler ist so sicher, recht zu haben, daß er dem wilden Geschrei mit einer rühigen und starken Ironie ant- wartet und mit einer herrlichen Hoffnung. Ach ja, er hat nur zu recht, dem Wiener Volk zu sagen, daß unser größter Feind überall die Unwissenheit der Massen ist, die sich durch Worte der Bru- talität und des Stolzes mitreißen und durch Lügen irreführen läßt. Er hat recht, zu sagen, daß die Partei sich durch die„Hurra- kanaille", durch die Wildheit der großmäuligen Chauvinisten nicht einschüchtern lassen wird. Er hat recht, hinzuzufügen, daß trotz- alledem der Sozialismus beginne, die schwerste Finsternis mit einigen Lichtstreifen zu durchbrechen.. Jaures kommt dann auf die von den-Patrioten gegen die fran- zösischen Sozialisten gerichteten Angriffe zu sprechen. Was denken unsere guten Blätter von dem gegen Adler und seine Genossen ent- fesselten Sturm von Beleidigungen und Grobheiten? Sie haben Adler gegen uns gelobt. Sie haben ihn uns als ein Aknstcr der Klugheit, des politischen Verständnisses, des nationalen Geistes, der patriotischen Voraussicht entgegengehalten. Werden sie nun ge- stehen, daß diese Tugenden ihn nicht vor den tobsüchtigen Angriffen, den niedrigsten Verleumdungen bewahrt haben, und werden sie sich einigermaßen schämen, im Spiegel der dortigen Nationalisten ihr eigenes Bild zu betrachten? Aber was liegt im Grunde daran? Im ruhigen Ton hat Adler den Wilden der österreichischen Reaktion gesagt: Wir haben keine Angst. Die gesamte Internationale ist be- reit, allen Prüfungen die Kaltblütigkeit, die Entschlossenheit, die Einigkeit, die Opferfreudigkeit gegenüberzustellen, und sie wird die Zivilisation und den Frieden retten. Kommuualwahlerfolge. Die Gcmeinderatswablen im Fürstentum Lübeck(zum Groß- Herzogtum Oldenburg gehörig) haben in den letzten Tagen statt- gefunden und der Sozialdemokratie schöne Erfolge gebracht. In der Gemeinde Stockelsdorf haben wir die Mehrheit; von 12 Ge- meinderatsmitgliedern gehören 8 der Sozialdemokratie an. Unsere Stimmenznhl stieg hier von 332—335 aus 375— 378. Dagegen gingen die Stimmen der vereinigten Gegner von 280—281 im Jahre 1010 auf 268— 272 zurück, trotz der schäbigen Agitation, welche gegen die Sozialdemokratie entsaltet wurde. In R e n s e f e l d hat die Sozialdemokratie von 12 Gemeinde- ratssitzen 7 inne; sie besitzt also auch hier die Mehrheit. Auf die sozialdemokratische Liste vereinigten sich 1621 Stimmen, während die vereinigten Gegner es auf 773 Stimmen brachten. Da in dieser Gemeinde das Proportionalwahlsystem besteht, so hatten sie hier besondere Hoffnungen auf Erfolg gehegt. ES gelang ferner in Eutin- Land S, in Schlonte 2, in Ahrensbök 2, inOst-Ratekaulund in West- Rate- kau 1 sozialdemokratischen Kandidaten durchzubringen. Das ist um so höher anzuschlagen, als es sich um rein ländliche Gemeinden handelt. Auch dort, wo eS nicht gelang, den Sieg der sozialdemo- kratischen Kandidaten herbeizuführen, haben durchweg unsere Stimmen recht ansehnlich zugenommen. Im ganzen besitzt die Sozialdemokratie im Fürstentum Lübeck jetzt 25 Gemeindcräte._ polucUichcs, Gcrichtlicbcs ukw. Eine abgewiesene Reichs»« bandsklage. In Brandenburg a. H. fand am Dienstag die Be- rufungsverhandlung in dem bekannten Prozeß des ReichSverbandeL gegen den verantwortlichen Redakteur der..Brandenburger Zei- tung", Genossen Erich Baron, statt. Die Verhandlung vor dem Schöffengericht hatte mit einer gründlichen Verurteilung der Kampfcömethode des Reichsverbandes geendet; lediglich wegen for- meller Beleidigung war Genosse Baron zu 50 M. Geldstrafe ver- urteilt worden. Beide Parteien legten gegen das Urteil Berufung ein. In der Verhandlung am � Montag vor der Brandenburger Strafkammer wurde auf Anregung des Vorsitzenden eine sehr ein- gehende Debatte über die prinzipiell wichtige Frage lserbeigeführt, od die als Kläger auftretenden Borstandsmitglieder des Reichsver- bandes mit Herrn v. Licbert an der Spitze überhaupt die zur Führung des Prozesses notwendige Aktivlegitimation besäßen. Der Vorsitzende gab seiner Meinung dahin Ausdruck, daß die die Kläger angeblich beleidigende Acußcrung lediglich die Tätigkeit des Reichs- Verbandes betrefsc, wie sie öffentlich in die Erscheinung trete. ES liege also keine Beleidigung der Vorstandsmitglieder vor. Der Vertreter des Reichsverbandes, der liberale Rechtsanwalt Dr. Cohn aus Dessau, war mit dieser Deduktion nicht einversianden. Die Vorstandsmitglieder seien beleidigt worden, denn sie seien für die KampfeSmethode des Reichsverbandes die moralisch Verantwortlichen, nicht die Agenten, die nur als willenlose Werkzeuge ihrer Auftraggeber in Betracht kämen. Wer sich daher über die Kampfes- Methode deS Reichsverbandes abfällig ausspreche, wie da? in dem unter Anklage gestellten satirischen Angriff der Fall sei. beleidige den Vorstand. Die Brandenburger Strafkammer stellte sich jedoch mit dem Verteidiger des Angeklagten, Genossen Heine, auf den Standpunkt, daß der Angriff auf den Reichsverband in keiner Weise die Beleidigung eines einzelnen Vorstandsmitgliedes bedeute. Die Satire richte sich nicht gegen Personen, sondern gegen eine poli- tisch- Kampfesmethode. Dem klägerischen Vorstände des Reichsver- bandeS mangele daher die Aktivlegitimation. Das Schöffengerichts- urteil wurde nach kurzer Beratung von der Brandenburger Straf- kammer aufgehoben, das Verfahren eingestellt und die Kosten den Privatklägern zur Last gelegt. Zus Industrie und Handel. Balkankrieg und Textilindustrie. Der Balkankrieg übt auf eine größere Anzahl Betriebe der deutschen Textilindustrie einen recht ungünstigen Einfluß aus. Auch der Zusammenbruch verschiedener Privatbanken wirkt zurück auf Textilunternehmungen. Im Langenbielau-Reichenbacher Bezirk ist"eine große Färliereifirma genötigt, ihre Zahlungen einzustellen. Andere Firmen befinden sich in Zahlungsschwierigkeiten. Ungünstig beeinflußt wurde der Export in der Besatzindustrie-des Wupper- talcs. Für die Türkei bestimmte Zeugdruckwarcn Barmens mußten zurückbehalten werden. Allerdings ist die Zeugdruckerei trotz alle- dem noch flott beschäftigt. Auch in der Gold- und Silbcrgespinst- Fabrikation BaljsrtiZ wie in der Posanienienbranche des Erz- gebirgcs hat der Krieg zue Verschlechterung der Geschäftslage bei- getragen. In der Herrenswffweberci gibt es einzelne Firmen, die in der Hauptsache für jene Länder beschäftigt wurden, in denen seit Ausbruch des Krieges sofort die Arbeitszeit reduziert werden mußte und ein Teil der Stühle zum Stillstand kam. Es ist dies vor allem der Fall bei einer Firma m Werdau. Auch Crimmit- schaucr Unternehmer sind von dem Moratorium in den Balkan- ländern berührt worden. In Hohcnstcin-Ernstchal hat die Fa- brikation in Quasten und Schnüren in Jmitatseide seit dem Krieg fast ganz aufgehört. Aus der Oberlausitz wird gemeldet, daß die Lieferungen bei einer Anzahl von Firmen infolge des BalkankricgcS inhibiert worden sind. Die Firma Siebcr u. Gocht in Spitzkuners- dorf hat deshalb den Konkurs erklären müssen. Es ftchen infolge Mangel an Arbeit eine größere Anzahl Webstühle still. Desgleichen ist auch in Chemnitz in einigen Branchen eine plötzliche Stockung eingetreten. Im allgemeinen war bisher der Export nach den Balkanstaatcn nicht gerade bedeutend. Die gesamte Textilivarcn-Ausfuhr nach Bulgarien bclief sich, wie der Syndikus des Verbandes der Bunt- Webereien, Dr. Lochmüller hervorhebt, auf etwa über 3 Millionen Mark, nach Serbien auf 2,5 Millionen Mark und nach Griechenland auf noch nicht 2 Millionen Mark. An die europäische Türkei wur- den für 8,5 Millionen Mark wollene Kleiderstoffe und für 4,2 Mil- lionen Mark baumwollene Gewebe gesandt. Die Industriellen er- ivarten nun nach Beendigung des Krieges eine große Steigerung des Exports»ach dort. Sie hoffen, daß die Mißstimmung jener Länder, welche aus politisckien Gründen gegen Oesterreich und Italien vorhanden ist. weiter wirken und die Balkanstaaten ver- anlassen wird, ihre Bestellungen der deutschen Textilindustrie zu- zuwenden. Wörtlich sagt Dr. Lochmüller:„Die deutsche Industrie erfreut sich schon jetzt in den Balkanstaaten großen Ansehens, und es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die Vorliebe für deutsche Waren in Zukunft noch steigen wird. Die bisherigen Konkurrenten Deutschlands waren England, Italien und Oesterreich-Ungarn. Oesterreich ist besonders in Serbien nicht beliebt. Der politische Gegensatz hat sich seit der AnnexionSkrisis noch verschärft, und der Wunsch der Serben geht dahin, mit Deutschland in engere geschäft- liche Beziehungen zu kommen. Auch in Bulgarien sind die Shm- pathien mehr auf sci-ten Deutschlands als Oesterreichs. Was Italien anbelangt, mit dem wegen seiner Billigkeit nur schwer zu ton« kurrieren war. so hat es durch seinen Friedensschluß mit der Türkei Mißstimmung erweckt. Obwohl durch diesen Friedensschluß der Türkei tatsächlich nicht geholfen war, kam die Sache den Balkan- staaten doch nicht gelegen. Bei dem. aufs äußerste aufgestachelten Nationalgefühl der Balkanslcnoen ist jedenfalls anzunehmen, daß die Mißstimmung gegen Italien auch nach Beendigung des Krieges anhalten wird. Da also zwei unserer wichtigsten Konkurrenien für mehr oder weniger lange Zeit ausgeschaltet werden, bietet sich uns Gelegenheit, Terrain zu gewinnen." Soziales» Der neugierige Herr Sittark. Bei Gelegenheit der Erörterung über das Kindersangslaschen- gesetz im Reichstage setzte sich der Zentrumsabgeordnete Sittart. in Positur. Er verlangte den Nachweis, daß die Sozialdemokratie zur Verminderung der Kindersterblichkeit schon etwas beigetragen habe. Am meisten hätten zweifellos auf diesem Gebiete die christlichen Charitascinrichtungen geleistet. Dann forderte er die Regierulig auf. eine Statistik vorzulegen, aus der ersichtlich, inwieweit in sozialdemokratisch geleiteten Gemeinden die Kindersterblichkeit gc- ringer sei. Das Millionenheer der Sozaldemokratie soll sich nach Sittvrt in dieser Hinsicht noch keine Verdienste erworben haben. Zunächst ist zu bemerken, daß zwischen der christlichen Charitas und der sozialdemokratischen Sozialpolitik ein himmelweiter Unter- schied besteht. Die Charitas kümmert sich nicht um die Ursachen der Ucbel und Schäden, sie übt höchstens Barmherzigkeit an den Opfern der Gesellschaft, der sie aber nicht verwehrt, in ihrem Menschenvernichten zu verharren. Insofern kann die Charitas zur Verminderung der Säuglingssterblichkeit nur sehr wenig beitragen. Anders verhält es sich mit der Tätigkeit der Sozialdemokratie. Die ist vorbeugender Natur. Sie bekämpft die Ursachen der Kinder- sterblichkeit. Auf Konto dieser Politik ist ganz zweifellos der zu konstatierende Rückgang in der Kinder- und Säuglingssterblichkeit zurückzuführen. Im übrigen könnte auch Herr Sittart wissen, daß man zwar von ultramontan geleiteten, kaum aber von sozialdemo- kratisch verwalteten Gemeinden sprechen kann. Wohl gibt es eine Reihe von Gemeinden, in denen die Sozialdeinokratie einen starken Einfluß ausübte. Hebt man solche heraus und stellt sie in Vergleich zu solchen, in denen der UltramontaniKinns oder sein Freund, der Konservatismus, regiert, dann spricht das Resultat unzweideutig für die Sozialdemokratie. Nach den Angaben des Stakistischen Jahrbuches für den preußischen Staat starben in der Periode 1906/10 von 1000 Lebendgeborenen im ersten Lebensjahre d-urchschnittlich jährlich in: Berlin... Charlottenburg Schöneberg.. Neukölln... Frankfurt a. M. Bannen... Solingen.. 165 127 128 169 131 102 113 Breslau.. Köln... Posen... Aachen.. Kölligshütt« Elbing.. Blomberg 208 186 102 182 207 194 209 Die in der ersten Spalte aufgeführten sozialdeinakvatisch be- einflußten Gemeinden schneide» in dem Vergleich mit den rechts ausgeführten, in denen Utlramontane und Konservative dominieren, zweifellos sehr günstig ab. Ein noch günstigeres Resultat ergibt sich, wenn man die Veränderung in der Säuglingssterblichkeit bei den Unehelichen zu einem Vergleiche heranzieht. Dann wird man finden, daß in den sozialdemokratisch beeinflußten Gemeinden die Sterblichkeit rapid abgenommen hat, während sie im Gegenteil dort, wo der Ultramontanismus dominiert, der Rückgang nur sehr mäßig ist, ja sogar in einzelnen Fällen eine Zunahme der Sterblichkeit konstatiert werden kann. Zur Illustration geben wir die nach- folgende Uebcrsicht, in der wieder auf der linken Seite die sozial- demokratisch beeinflußte» Gemeinden, rechts ultramontan regierte aufgeführt sind. Die Zahlen geben an. wieviel von den lebend ge- borenen Unehelichen pro 1000 im ersten Lebensjahre durchschnittlich gestorben sind. Hier die Tabelle: Berlin.. Frankfurt a. M. Charlottenburg Bremen... Elberfeld... 1870/80 1906/10 477 519 559 405 379 228 261 228 273 165 Münster.. KönigShiitte M.-Gladbach Koblenz.. Krefeld 1870/80 1906/10 431 431 393 484 344 487 375 316 829 823 Vielleicht ist nun die Neugierde des Herrn Sittart schon etwas befriedigt. Nächstens ist Herr Sittark auch wohl so liebenswürdig, uns eine Ausklärung darüber zu geben, aus welchem Grunde in den von seinen Paricisreundcn verwalteten Gemeinden die Kindcrsterb- lichkeit höher ist als wie in sozialdemokratisch beeinflußten, ferner, warum hier die Sterblichkeit unter den Säuglingen und Kindern um sehr vieles langsamer zurückgeht als wie in den rot infizierten Kommunen? Wir sind gespannt darauf. Hat außerdem Herr Sittart die erschreckenden Zahlen ver- gesscn. die über die Kindersterblichkeit im ultramontanen Land- gebiet von Bayern bei der Beratung der Rcichkversicherlingsordnuiig angeführt wurden? Es zeugt von antisozialstem Empfinden, daß selbst auf diesem Gebiet die Tätigkeit der bürgerlichen-Parteien— voran die des Zentrums— die StcrblichkcitS- und Kraniheits- zahlen der Kinder mit veranlaßt hat. Die Darlegungen des Genossen Rühle haben gesessen; eS gehört ein sehr leichtes Gewissen dazu, über die von ihm angeführten Tatsachen mit einigen törichten Rede- Wendungen hinwegzugehen. (Siehe auch 3. Beilage.� 6ewerhfcbaftUcbc9. Streikverbot und Oeffnung der 6ewerh= febaftsharfen. Im Lager der Unternehmer sind in bezug auf den Kampf gegen das Koalitionsrecht augenscheinlich zwei Rich- tungen Vorhanden. Die eine Gruppe hat ein größeres Jnter- esse an der möglichst gänzlichen Verhinderung gewerkschaft- licher Initiative, die andere Richtung spekuliert stark aus das Ziel, die gewerkschaftlichen Kassen ihrcin Zupacken zu öffnen. Tie erstere Gruppe bilden die Großindustriellen, vorwiegend die in der Eisenschwerindustrie, des Bergbaues und der chemi- schen Industrie. Sie sind zusammengeschlossen iin Zentral- verband der Industriellen. Diese Gruppe will absolute Riesensummen, die hier arbeiten, und den vielen Millionen Gewinnen, die diese Industrie abstößt, spielen eventuelle Eni- schädigungen, die man aus den Gewerkschaftskassen ergattern könnte, eine viel weniger wichtige Rolle, als wie die Unter- bindung jeglicher gewerkschaftlicher Tätigkeit. Etwas anders gestalten sich die Verhältnisse für viele der im Bunde der Industriellen vereinigten kleineren und mittleren Unter- nehmen. Auf sie üben anscheinend die Kassenbestände der Gewerkschaften einen eigenen Reiz ans. Besonders kommen hier solche Unternehmen in Betracht, die von Boykotts be- troffen werden können. Das scheint eine besonders empfindliche Stelle zu sein. Schon lange wird in jenen Kreisen die �irage einer Verhinderung vom Boykott ventiliert. Ter Zentralverband der Industriellen geizt nach neuen Straf- bestimmungen und dein Verbote des Streikpostenstehens, der Bund der Industriellen legt das Schwergewicht auf die For- derung, den Gewerkschaften die Rechtsfähigkeit zuzuweisen, ferner eine Haftbarkeit für die aus der Tätigkeit ihrer Funktionäre den Unternehinern erwachsenden wirtschaftlichen Schäden gesetzlich festzulegen. Was sich hinter dieser Forde- rung verbirgt, das hat Dr. jur. Franz I u n g b l u t h in einem Mitte Juli 1911 erschienenen Buche sehr deutlich der- raten. Es trägt den Titel„Der Schutz der Gewerbebetriebe gegen Boykottaufforderungen der Arbeitnehmerverbände." Rechtsanwalt a. D. P e l t a s 0 h n, als Direktor des Deut- schen Boykottschutzverbandes für Brauereien, hat Jungbluths Arbeit mit einen: empfehleirden Vorwort versehen, und die juristische Fakultät der Universität Rostock drückte ihm für das Werk„cum laude" den Doktorhut aufs Haupt. Der Verfasser geht von der Tatsackse aus, daß es die Gewerkschaften oft für opportun erachten, von Streikbeschlüssen abzusehen, dafür den Unternehmern die Waffe des Boykotts kosten zu lassen. Selbstverständlich sind nach Ansicht der Unternehmer Boykotts immer sittenwidrig. Nach der stehenden Judikatur sind Boykotts an sich erlaubt. Nur wenn die angewendeten Mittel zur Durchführung eines Boykotts gegen die guten Sitten verstoßen— nach Ansicht des Gerichts— oder der verfolgte Zweck sich als unlauter erweist, gelten Boykotts als gesetzwidrig. Bisher schon kamen die Gerichte in der Be- jahung der Jnmoralität eines mit einem Boykott verbünde- ncn Zweckes den Bedürfnissen der Unternehmer sehr weit entgegen. Jedoch war diesen damit oft wenig gedient. In solchen Fällen konnte immer nur die Schadenersatzpflicht der Personen erklärt werden, die bei der Boykotterklärung, seiner Propagierung und Durchführung direkt beteiligt waren. Sie hafteten nur als Personen. Da es immer Arbeiter sind, können die Unternehmer rmturgemäß bei ihnen nicht viele� Tausende Mark als Ersatz für angeblich gehabten Schaden holen. Das soll anders werden. An die Stelle der persön- lichen Haftbarkeit soll die der Gewerkschaften treten. Zu diesem Zwecke verlangt man, für die Gewerkschaften die Rechtsfähigkeit und ihre Haftbarkeit für die den Unter- nehmern aus der Tätigkeit ihrer Beauftragten erwachsenen ivirtschaftlichen Nachteile. Man will einfach die Gewerk- schaftskassen den langen Griffen der� gerne freibeutenden Unternehmer öffnen. Damit die Richter nicht gut einen Boykott für erlaubt halten können, fallen präzisere Bestim- nmngen die Interessen der Unternehmer schützen. Jung- bluth meint: „Wenn ein Gewerbetreibender nur aus Schikane mit Boy- kott überzogen wird, letzterer also nur Selbstzweck ist, oder wenn an ihm auf solche Weise, zum Beispiel wegen seiner politischen, religiösen oder parteipolitischen Gesinnung, ein Racheakt voll- zogen, ein Exempcl statuiert, er gemaßregelt werden soll," so sei ein solcher Zweck„unbedingt moralwidrig.... Auch läuft immer den guten Sitten zuwider ein Boykott, der den Unter- nehmer in der Betätigung seiner politisch entgegengesetzten Ge- sinnung hinbern oder beeinflussen soll". Das klingt ja eigentlich recht harmlos, vernünftig und liberal. Ter Schutz der Meinungsfreiheit, die Verhinderung des Gewissenzwanges, wer wollte sich dagegen erklären? Aber der Liberalismus ist hier nur ein Vorwand: er soll die Mög- lichkeit schaffen, jeden Boykott für moralwidrig zu erklären. Man stell? sich folgendes vor: Aus Lohndifferenzen kommt es zu einem Boykott. Der Unternehmer klagt und erklärt vor Gericht, er habe den Beauftragten der Gewerkschaft er- klärt, es widerspreche feiner Weltanschauung und seiner politischen Ueberzeugung, gewerkschaftliche Forderungen an- zuerkennen, er sehe in der Forderung einen Versuch, ihn in seiner Politischen— vielleicht auch religiösen— Ueberzeugung gegen seinen Willen zu beeinflussen!— Dann müßte er, nach der vorstehenden Deklaration des Begriffs der Moralwidrig- keit, mit einer Schadenersatzklage Erfolg haben. In den meisten anderen Fällen wird das noch viel eher der Fall sein: wir haben hier ja das möglichst krasseste Beispiel gewählt. Wenn die Unternehmer mit den herausgestellten Forde- ruugen Erfolg hätten, dann wären die Gewerkschaften ganz einfach der Willkür eines jeden Unternehmers wehrlos aus- geliefert. Selbstverständlich wird die Schadenersatzpflicht auch für die Gewerkschaften im Interesse der Unternehmer verlangt, nicht etwa auch für die Unternehnierverbände als . Objekte geschädigter Arbeiter, die mit Ersatzansprüchen auf- treten könnten. Ter Verfasser weist sogar ausdrücklich darauf hin, daß die Unternehmer ohne Gefahr mit Aussperrungen gegen die organisierten Arbeiter vorgehen könnten. Wörtlich bemerkt Jungbluth: „Es liegt aber auch im Interesse eines jeden Gewerbe- treibenden, sich für den Fall eines Boykotts der Unterstützung der übrigen nicht boykottierten Berufsangehörigen zu versichern. Um den Abfall anderer Gewerbetreibenden zu verhindern, kann zum Beispiel der Arbeitgeberverband diejenigen Unternehmer, die sich mit den Arbeiterorganisationen einigen wollen, mit der Mate- rialsperre bedrohen.' Also die Androhung, selbst die Erpressung von Aus- sperrungen der Arbeiter, sowie Materialsperreu gegen Unter- nehmer sollen erlaubte Kampfmittel der Unternehmer sein, gleichzeitig verlangt man, daß die wirtschaftlich schwächeren Arbeiter mehr noch als bisher durch die Rechtsprechung der Herrschaft des Kavitals ausgeliefert werden. Man bemerkt, verantw. RedakstZÄlfred Wielepp, Neukölln. Inseratenteil verantw.Z die liberal firmiereichen Unternehmer streben auf Schleich- wegen denselben Zielen zu. die durch die Forderungen der großindustriellen Scharfmacher allgemein bekannt sind, näm- lich: Die Zerschmetterung der Gewerkschaften! Diese werden natürlich auf dem Posten sein und den Arbeiterfeinden ge- hörig in die Parade fahren._ Berlin und Umgegend. Achtung, Schuhmacher! Der Schuhmachermeistcr Wilhelm S 0 m m e r, Schuhwarenhaus SchönlMuser Allee 85, hat sich durch Unterschrift bereit erklärt, die tariflichen Vereinbarungen zu er- füllen. Tarifgegnerische Schuhmachermeistcr sind: F. Volk mann, Görlitzer Ufer 23 jder ganz bedeutend unter dem Minimallohntaris bezahlt), Jakob Brand, Transvaalstr. 45, Ecke Müllerstraßc zweites Geschäft Genter Str. 6), Marundc, Veteranenstr. 25, D e t t b a r n, Voltastr. 5, F. M a t a l i tz k i, Koppenstr. 19, E. Banse m er, Anklamer Str. 40 lder bereits seit 1% Jahren einem Arbeiter den ausgeklagten Lohn von 59,60 M. schuldet, Zwischemneister der Firma Conrad Tack u. Cic. ist, aber auch viele Arbeiterfamilien zu seinen Kunden zählt), Karl Glieneke, Schuhgeschäft, Gr. Frankfurter Str. 72, der Löhne zahlt, wie man sie kaum in den entlegensten Dörfern antreffen dürfte. Wir bitten, dieses zu beachten, und ersuchen unsere Kollegen, alle Tarifverletzungcn auf dem Bureau, Blanken fcldestr. 10, zu melden. Tie getroffenen Vereinbarungen zu halten, haben sich die- jenigen Schuhmachermeister verpflichtet, die sich durch ein rotes Plakat ausweisen mit der Aufschrift: Hier sind die Forderungen der Schuhmachergehilfen bewilligt. Zentralverband der Schuhmacher, Ortsverwalwng Berlin. Tarifabschluft im Transportgewerbe. Die bei der Kolonial-, Landesproduktcn- und Fettwaren-Engros- firma Emil Hermann, Teltower Straße 57, beschäftiaten Lager- arbeiter und Kutscher, 60 an der Zahl, überreichten duccy ihre Or- ganisation, den Transportarbeiterverband, ihrem Arbeitgeber Ende Okrober Lohnforderungen. Da die Firma Mitglied des Arbeitgeber» Verbandes des Transport-, Handels- und Verkehrsgewerbes geworden ist, erklärte sie sich zu Verhandlungen über die eingereichten Forde- rungen unter der Voraussetzung bereit, daß die Vertreter der Ber- liner Ortsverwaltung des Arbeilgeberverbandes hieran teilnehmen, sowie auch, daß der Arbeitgeberverband als Mitkontrabent des eventuell abzuschließenden Verlrages seitens des Transportarbeiter- Verbandes anerkannt würde. Da hiergegen seitens der letzleren Organi- sation Einwände nicht erhoben wurden.fanden anfangsNovcmber mehrere Verhandlungen mit der Firma und den beiderseitigen Organisations- Vertretern statt, welche dann auch zu dem Abschluß eines Vertrages führten. Die Arbeitszeit beirägt danach für Lagerarbeiter in beiden Geschäften der Firma zehn Stunden. Die Arbeitszeit für Kutscher beginnt morgens 7 Uhr und endet nach Erledigung der übertragenen Tagestour. Ueberstunden werden den Lagerarbeitern mit je 60 Pf. bezahlt. Für Ueberlandtouren, welche zwölf Kilomeier vom Pols- damer Platz entfernt sind, erhalten die Kutscher ein tägliches Spesen- geld von 1,50 M. Für die Touren nach Friedrichshagen, Köpenick und Adlershof erhalten die Kutscher 2,50 M. Spesengcld pro Tag. Der Lohn beträgt für Lagerarbeiter bei Eintritt in die Be- schäftigung 29 Mark pro Woche, Kutscher erhalten bei Eintritt 30 M. Außerdem sind regelmäßige Lohnsteigerungen vorgesehen. Die bisher gezahlten höheren Löhne iverden durch den Abschluß des Tarifvertrages nicht berührt. Die Firma gewährt jedem Arbeiter und Kutscher einen Sommcrurlaub von 3— 6 Tagen nnter Fortzahlung des Lohnes. Ebenfalls sieht der Vertrag eine Regelung bezüglich der Auslegung des Z 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches vor. Danach haben die Arbeitnehmer je nach ihrer Beschäftigungs- dauer bei unverschuldeter Dienstbehinderung einen Anspruch auf Lohn von 1 Woche bis zu 3 Wochen unter Anrechnung der gesetzlichen Entschädigung, die den Arbeitnehmern anderweitig zustehen. Von den Löhnaufbeyerungen, Sie bcr Tarif bringt, werden alle zur- zeit beschäftigten Arbeitnehmer betroffen. Diese Aufbesserungen be- trogen je nach der Dauer der Beschäftigung 1 M. bis 4 M. pro Wocbe. Der Tarif hat Gültigkeit vom 1. November 1912 bis 31. Oktober 1913. Die Lohnaufbefferungen werden den Arbeitern vom 1. November ab berechnet und nachgezahlt. Deutscher Traiisporrarbeitervcrband. Bezirk Groß-Berlin. Deutfebes Reich. Bei den Ortskrankenkassenwahlen in Wiesbaden siegte die Liste des Gewerkschaftskariells auch für die Sitze der Arbeitgeber, die sich an der Wahl nur schwach beteiligten. Der ganze Kassen- vor st and i st jetzt mit Kandidaten des Kartells be- setzt._ Ein Fiasko der Gelben. In Augsburg, wo die gelbe Arbeiterzersplitterung von den Industriellen mit allen Mitteln gefördert wird, will es in letzter Zeit damit gar nicht mehr vorwärts gehen. Die Mitglieder reißen in Scharen aus, und bald iverden die Führer ohne Mitglieder da- stehen— trotz der vielen Tausende von Mark, die von den Unter- nehmem zur Unterstützung der gelben Vereine geopfert wurden.— Der Rückgang der gelben Bewegung in Augsburg zeigte sich in augenfälliger Weise in einer großen gelben Versammlung, die am Sonntag von den Machern der gelben Vereine einberufen �worden war und in der zu der bevorstehenden Gcwerbcgerichtswahl Stellung genommen werden sollte. Obwohl in allen Fabriken mit große» Plakaten auf die Versammlung hingewiesen worden war, und von den Meistern und Beamten mit allem Nachdruck für guten Besuch agitiert worden war, war der Besuch geradezu jämmerlich. Von den rund 6000 Gelben, mit denen renommiert wird, hatten sich ganze 150 eingefunden, obgleich man aus Essen einen besonders zug- kräftigen Redner herbeigeholt hatte. Nach einer Stunde hatte dieser die wenigen Besucher auch noch bis auf ein Dutzend zum Saal hinausgeredet._ Streiks im Textilgewerbe. Bei der Firma I W. Eck in Kulmbach ist ein Streik der Färbereiarbeitcr ausgebrochen, weil die Arbeiter wegen Zugehörig- leit zur Organisation gemaßregelt würden. Der Besitzer der Firma, der„liberale" Äommerzienrat, Herr Streubel, hat bereits im Jahre 1903 den Webern in Goldmühl sOberfranken) das KoalitionS- recht auf gleiche Art streitig gemacht. Er selbst macht vom Koalitions- recht Gebrauch, denn er ist Mirglied des süddeutschen Industriellen- Verbandes. In dem Betrieb werden die denkbar niedrigsten Löhne gezahlt, auch lassen die übrigen Arbeilsbedingungen viel zu wünschen übrig. Deshalb hat wohl die Firma begründete Ursache, sich vor der Emwicklung der Organisation in ihrem Betriebe zu fürchten.— Die Aussperrung in Göppingen sWurttemberg) ist nach 15 wöchiger Dauer für die Arbeiter und Arbeiterinnen erfolglos beendet worden. Versammlungen. Die SonntgSruhe und ihre Feinde. In einer gut besuchten Versammlung protestierte am der- gangenen Montag der Zentralverband der Handlungsgehilfen gegen die Machenschaften der Scharfmacher im Handelsgewerbc und speziell gegen den neuesten Streich des Herrn Polizeipräsidenten V. I a g 0 w. Herr v. Jagow bestimmt: A u'd enbeidenletzten Sonn tagen vorWeihnachten bleibe 11 die Geschäfte 10 Stunden geöf f n et! U n d d a m i t b a st a l Mögen auch die armen Handelsangestellten bor Ueberarbciiußg und Anstrengung umfallen. Die Berliner Geschäftsleute wünschen es und dienst- beflissen führt der Polizeipräsident es aus. Reichstagsabgeordnetcr Q ü arck brandmarkte an Hand vorzüglichen Materials und mit "xhjGIscke.Berl'n. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u Berlagsanstalt I großer Sachkenntnis die neuesten scharftnachcrischen Bestrebungen gegen ein einheitliches csonntagsruhegesetz im Handelsgewerbc. 2§aS in großen Handelsstätten wie Frankfurt a. M., Dresden, München usw. möglich ist, das soll auf einmal in Deutschland, vor allem in Berlin nicht möglich sein. In Frankfurt a. M. ist cS den Hand- lungsgehilfen mit Hilfe der sozialdemokratischen Stadtverordneten, die allerdings durch ein allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Kommunalwahlrccht gewählt Iverden, vollständige Sonntagsruhe einzuführen. In Berlin, der Stadt des Kommunalsreisinns und des Dreiklassenwahlrechts, werde es noch schwere Kämpfe und Opfer fordern, ehe man auf gleiche Stufe mit anderen Großstädten käme. Es muß darum mit Einsetzung der ganzen Persönlichkeit gestritten werden, denn ein Sonntagsruhegesctz kann nur geschaffen werden, wenn die Gehilfenschaft in großen Massen und Kundgebun- gen es fordert und erkämpft.(Lanoanhaltender Beifall.)— Ein Herr Dr. F l e m m i n g e r, Generalsekretär eines kleinen Detail- listcnverbäiidchens löste durch seine reaktionären Ausführungen nur Heiterkeit unter den Versammelten aus. Ein Herr Magnus Lehmann erzielte denselben Erfolg. Die Diskussionsredner Schmidt, Tilli, Frl. S ch n a r und Gen. Q u a r ck in seinem Schlußwort zerzausten unter andauerndem Beifall die Argumente beider obengenannter Herren. Tie äußerst günstig verlaufene Ver- sammlung schloß unter'einstimmiger Annahme nachstehender Rcso- lution: „Die am Montag, den 2. Dezember in den„Musikcrsälen", Kaiscr-Wilhelin-Straße 18m, versammelten Berliner Handlunas- gehilfen und-gehilkinnen erklären den Gesetzentwurf der Rc- gierung über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbc für völlig ungenügend. Sic verlangen nach wie vor die völlige Sonntagsruhe, deren Durchführbarkeit durch das Beispiel zahlreicher Orte, darunter großer, verkehrsreicher Städte, unwiderleglich nachgewiesen iiü Als Ausnahme würde höchstens für den Verkauf von Milch, Back- waren. Fleisch und Eis eine Verkaufszeit von 2 Stunden zuzn- lassen sein, die jedoch vormittags um 9 Ilhr beendet sein muß. Die Versammelten wissen sich in ibrer Forderung einig mit der Handlungsgchilfenschaft ganz Deutschlands und erklären, nicbt eher ruhen und rasten zu wollen, bis die vollständige Spnntags- ruhe eingeführt ist. Die Versammelten protestieren aber auch gegen die Willkür- liche Festsetzung der Verkaufszeit au den beiden Sonntagen vor Weihnachten durch den Herrn Polizeipräsidenten von Berlin. Diese Anordnung geht auch über das hinaus, was selbst die rück- ständigsten Unternehmer fordern, und die der Herr Polizei- Präsident im vorigen Jahre anzuordnen für nötig befand.— Wenn überhaupt eine Ausnahme erforderlich ist, dann würde die Freigabe eines Sonntags, und zwar für die Zeit von 12— 4 Ubr vollauf genügen. Die Festsetzung einer längeren Verkaufszeit mutz in einer Zeit der angestrengtesten Tätigkeit, als für die Gesundheit der Angestellten schwer schädigend, verworfen werden. Die Versammelten verpflichten sich, der gewerkschaftlichen Organisation, dem Zentralverband der Handlungsgehilfen beiz»- treten, um für den Fall, daß die Gesetzgebung ihre berechtigten Forderungen nicht erfüllt, durch gewerkschaftlichen Kampf die völlige Sonntagsruhe durchzusetzen." Der ßalkankriea. Die türkischen Wasfenstillstandsbcdingungen. London, 3. Dezember.(W. T. B.) Wie das„Rcutcrschc Bu- reau" erfährt, sind die türkischen Bedingungen für den Waffen st ill st and viel weitgehender, als die telegraphierten Berichte es zum Ausdruck brin- gen. Danach verlangt die Türkei nicht nur das Recht, alle be- lagerten Festungen zu verproviantieren, sondern ebenso alle in Mazedonien oder sonstwo stehenden Truppenkörper und die türkische Bevölkerung in den verschiedensten Landcsteilen. Desgleichen ver- langt die Türkei das Recht, durch das Adriatische und Jonische Meer Lebensmittel unter sicherem Geleit zu befördern. Wie das„Reu- tersche Bureau" weiter erfährt, wird aufgriechischer Seite erklärt, man sei nicht in der Lage, Bedingungen zu zgi stimmen, die es der Türkei ermöglichen, irgendwelche Vorräte anzuhäufen. Griechenland habe Bulgarien wiederholt drei Divisionen frischer Truppen zur Verstärkung der Tschataldscha-Armee angeboten, aber Bulgarien habe bisher noch nicht geantwortet. Der griechische Gesandte erklärte dem Vertreter des„Reuterschen Bureaus" über die gegenwär- tige Haltung Griechenlands, die Türkei habe in letzter Zeit kurz vor Beginn der Verhandlungen über den Waffenstillstand, dreimal versucht, Griechenland dem Balkanbündnis abtrünnig zu machen, das Ansuchen sei aber entrüstet zu« rückgewiesen worden. Die Teilnahme Griechenlands am Kriege sei nicht auf Landoperationen beschränkt geblieben, Griechenlands Flotte sei vielmehr ein entscheidender Faktor im Kriege gewesen, da sie die Türkei gehindert habe, ihre besten Truppen von Kleinaficn nach Europa zu bringen und auch den Eisenbahnverkehr durch Abschneiden der Kohlcnzufuhr lahmgelegt habe. Verfolgung der Freveltate«. Sofia, 3. Dezember.(W. T. B.) Eine amtliche Verfügung ordnet die Einsetzung eines Kriegsrats in Serres an, der über Zivil- und Militärpersonen aburteilen soll, die sich Frevel- taten haben zuschulden kommen lassen.— Die bulgarischen Truppen erbeuteten auf der Linie Dedeagatsch— Saloniki 37 Lokomotiven und 300 Waggons, wodurch der Dienst auf der Linie Serres— Rama— Dedeagatsch vollkommen sichergestellt ist. l*etzU Nachrichten. Die Stadtverordnetenstichwahlen in Frankfurt a. M. Frankfurt a.JBl.(Privatdepesche des„Vorw."). Bei der heute stattgefundenen Stadtverordnetenstichwahl blieben durch den Zusammenschluß des Freisinns miHdem Zentrum alle 7 Mandate in bürgerlichen Händen. Der itafteuisch-türkische Friedensvertrag. Rom, 3. Dezember.(W. T. B.) Die Kammer begann heute die Beratung über den Gesetzentwurf betreffend Genehmigung deS Friedensvertrages zu Lausanne und der für Lobten getroffenen Maßnahmen. B i s s 0 l a t i erklärte im Namen der sozialistischen Reformpartei, er werde dem Vertrage zustimmen. Der ehemalige Ministerpräsident Sonnino erklärte, jede Kritik könne nur die Genugtuung verringern, die über das gestiegene Prestige Italiens, über die Stärke des Heeres und der Marine, über das Bewußtsein großer nationaler Interessen und den festen Willen des Landes, sie durchzusetzen, allgemein empfunden werde. Der Redner erklärte sich weiter für Autonomie Albaniens. Schwerer Bauunfall. Dortmund, 3. Dezember.�(P. E-) Ein schwerer Bauunfall er- eignete sich beute nachmittag auf einem Neubau an der Ecke der UHlandstraßc. Infolge GcrüstbrucheS stürzten vier Bauarbeiter aus der Höhe deS 5. Stocklverkes ab. Ein Dachdecker blieb auf der Stelle tot. Zwei Maurer erlitten lebensgefährliche Verletzungen. Ein Lehrling wurde weniger schwer verletzt._ PäuISinger sc Co.. Berlin LV/. Hierzu 4 Beilägen u. Nnterhältung»«. Nr. 283. 29. Iahrgavg. 1. SkilU des Jormiitts" Krlim WKsM MittVoch, L Dejtmbtt 1912 Reichstag 76. Sitzung. Dienstag, den 3. Dezember 1812, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstisch: v. BethmannHollweg. Dr. Del brück, Dr. L i s c o. Auf der Tagesordnung stehen zunächst Kurze Anfragen. Abg. Dr. Müller-Meiningen g aufgenommen zu sein, ebenso wie hier im Hauke. Herrn Ledebour war sie zu kurz. Nun, daß die Länge einer Rede nicht allein schon ihre Güte ausniacht, dafür war die Rede des Abg. Ledebour das schlagendste Beispiel. (Heiterkeit.) Wir sind mit der auswärtigen Politik des Reichskanzlers zurzeit einverstanden. Ob unsere Diplomatie vor Ausbruch des Krieges zu wenig informiert war, ist noch ungeklärt. Jedenfalls ist unsere Diplomatie seit- dem mit Erfolg bemüht gewesen, den Frieden zu vermitteln und auch unser Ansehen zu wahren.(Bravo!) Es kommt darauf an. daß die Bevölkerung das Gefühl der Sicherheit und Ruhe hat; dieses Gefühl kommt auch in unserer Presse zum Ausdruck, deren Haltung sich wohltuend abhebt von der Nervo- sität der Preffe zur Zeit der Marokkofrage. Freilich gibt es auch Ausnahmen. Da gibt es den Mann, der im Kriege die einzige Quelle der Mannhaftigkeit sieht und deshalb den Krieg an sich will; daneben gibt es den Mann, der am Landhunger leidet, der heute Marokko, morgen Mesopotamien, übermorgen wieder ein anderes Land will. Glücklicherweise geben diese Leute nicht den Ton an. Hutten wir z. B. einen Teil von Marokko genommen, so müßten wir dort ein Armeekorvs haben, was unsere militärische und politische Stellung nicht stärken würde. Von viel höherem Wert als Land ist das Vertrauen in die Uneigennützigkeit, Ehrlichkeit und Selbst- beberrschung einer Nation.(Sehr richtig I links.) Dann gibt es wieder Leute, die den Krieg m i t E n g l a n d für unbedingt not- wendig halten. Dahin gehörte die Rede des Herrn v. H e h d e- b r a n d im Frühjahr, die ja sofort eine richtige aintliche Würdigung erfuhr(Sehr gut I links); aber ihre schlechte Wirkung auf England und aus die konservative Partei ist geblieben. Dort ist viel in papiernem Blutvergießen geleistet worden. Dann haben wir die politisierenden Ossizier, denen klar gemacht werden muß. daß sie in einem Kriege das Vater- land zu schützen haben, daß aber über dem Zeitpunkt eines Krieges andere Leute zu entscheiden lfflbcn.(Sehr richtig! links.) Die Einwirkung politisierender Offiziere auf das Heer in anderen Ländern könne uns nicht zur Nachahmung reizen. Eine andere Erscheinung ist die Häufung von Volks- Versammlungen und internationalen Kund« gebungen der Sozialdemokratie. Wir brauchen wahr- lich nicht das Proletariat, um unsere Regierung zur Friedensliebe zu veranlassen, und wenn wir wirklich zum Schwerte greifen müssen, so liegen sicherlich so schwerwiegende Gründe vor, daß alle Volksversammlungen der Welt nichts daran ändern können.(Sehr richtig I bei der Vp.) Der Abg. Ledebour, dem es offenbar wohlgetan hat, daß er wieder einmal in eine Kirche hineingegangen ist(Heiterkeit), hat uns von dem Kongreß in Basel eine Schilderung gegeben, von der ick den Eindruck bekam, daß der Kongreß mehr einem Missionsfest geglichen hat.(Große Heiterkeit.) Aber die Haltung der Kongreßteilnehmer scheint mir an einer inneren Unwahrheit zu leiden. Wenn es ernst wird, so wird auch die Vaterlandsliebe und die Sorge um Haus und Hof, um Weib und Kind weit mehr den Ausschlag geben, als das Solidaritätsgefühl des internationalen Proletariats(Lebhafte Zu- stimmung bei der Volkspartei). In diesen Kundgebungen liegt aber die Gefahr, daß Aeußerungcn dort fallen, die einer Mißdeutung fähig sind und dann auch sofort mißdeutet werden. Davon kann ja auch der Abg. Scheidemann mit Bezug auf seine Aeußerungen in Paris ein Lied singen. Jedenfalls hat das Haus die Frage, ob der Frieden durch die Bemühungen der Diplomaten oder durch die Kongresse des Proletariats erhalten geblieben ist, mit Lachen entschieden.(Heiterkeit.) Auch erfreulichere Erscheinungen haben wir in diesen Wirren zu ver- zeichnen. Da ist die Wirkung des so oft schon tot gesagten Drei- b u n d e s. Das Bewußtsein, wie sehr die Mitglieder des Dreibundes gemeinsame Interessen haben, haben eine innere Stärkung des Bundes veranlaßt. Ledebour hat es für nötig gehalten, zu warnen, daß wir blindlings Oesterreich folgen. Das wollen wir auch nicht; das lag aber auch nicht in den Worten des Reichs- kanzlers. Der Wert eines Bündnisses liegt vor allem darin, daß es zu einem Ernstfall nicht zu kommen braucht.(Sehr richtig! bei der Kpt.) Jedenfalls hat das Verhältnis der Großmächte in den letzten Wochen sich geklärt. Was helfen aber alle Friedens- Versicherungen gegenüber einem Volk, das glaubt, andere lauern nur darauf, über es herzufallen. An solchen Gelegenheiten hat es nicht gefehlt; seit einem halben Jahrhundert galt es als Dogma, daß ein Balkankrieg einen europäischen Krieg entfesseln würde. Dies Gefühl wird jetzt wohl weichen.— Ferner haben wir die Erkenntnis gewonnen, daß es falsch ist, zu meinen, die Diplomaten treiben die Völker dynastischer Interessen wegen in den Krieg. Die Diplomaten und Dynastien scheuen die Verantwortlichkeit, weit eher sind es heute die Völker, die zum Kriege treiben.— Daß die Kriege heute anders beurteilt! werden als früher, beweist auch der Umstand, daß der Reichs- kanzler im Augenblick der Aufteilung der europäischen Türkei jeden Gedanken an Landerwerb abwies; vor 39 Jahren noch hätte man derartiges als Schwäche ausgelegt. Eben- so mißlingt es heute, wenn ein Kleinstaat einen Großstaat herausfordert in der Hoffnung, ein anderer Großstaat werde helfen.'Erfreulich ist, daß gesagt werden konnte, unsere Ver- Hältnisse zu England sind sehr gute geworden und haben auch der allgemeinen Verständigung gute Dienste geleistet. Vor noch nicht einem Jahre hat der Abg. Heydebrand hier seine antienglische Rede gehalten; Graf K a n i tz hat sich hierüber gestern ausgeschwieoen und wir wollen hoffen, daß dies ein Zeichen ver- änderter Auffassung bei den Konservativen ist. Welcher Schaden hätte eintreten können, wenn das Volk und die Regierung nicht vernünftiger gewesen wäre, als Herr v. Heydebrand.(Sehr gut! bei der Volkspartei.) Nicht notwendig war es. wie Herr B a s s e r- mann das tat, der Heeresverwaltung Blankovoll- macht zu erteilen. Nach unserer lleberzeugung reicht unsere Rüstung vollkommen aus. Es ist ein gefährliches Spiel, der Re- gierung die Vermehrung der Heeresausgaben direkt anzubieten schon mit Rücksicht auf den Etat.(Sehr wahr! links.) In bezug aus die Türkei muß nach wie vor unsere Absicht dahin gehen, ihr Streben zu unterstützen, ihre Kultur der europäischen nahe zu bringen. Freilich verstehen Ivir es auch, wenn jung aufstrebende Staaten sich von einer nur noch historisch begründeten Oberherrschaft zu befreien suchen.— So nüchtern wie wir wird wohl kein Parlament der Welt eine solche Debatte führen.(Zuruf: Das ist aber kein Vorzug!) Doch, sachliche Dinge kann man im kritischen Moment nicht sachlich genug behandeln.(Sehr richtig I) Alle Redner haben sich mit der Politik der Regierung einverstanden erklärt. Nur aus Herrn Lede- b o u r bjn ick. da er so lang gesprochen hat, nicht recht klug ge- worden.'(Heiterkeit.) Daß er jemals eine Maßnahme der Regie- rung in der inneren oder auswärtigen Politik ausdrücklich billigen werde, widerspricht seiner Natur.(Heiterkeit.) Das wollen wir ihm nicht zumuten. Er hat aber auch nicht gesagt, worin die bisherige Politik der Regierung falsch gewesen sei oder wie sie eS besser hätte machen können. Gegner der Friedenspolitik der Regierung wird er jedenfalls auch nicht sein. Seiner Mahnung an die Regierung, auch ferner kaltes Blut zu bewahren, schließen wir uns cm. Wenn die Regierung wie bisher mit Ruhe aber auch mit Festigkeit für die Erhaltung des Friedens eintritt, wird sie die große Mehrheit des Reichstags hinter sich haben.(Bravo! links.) Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Zimmermann erklärt auf eine gestrige Anfrage des Abg. Dr. Spahn, daß der spanisch- französische Marokkovertrag unsere Interessen nicht verletze. Nur zwei unwesentliche Punkte haben uns Veranlassung zu Be- anstandungen gegeben; in dem einen Punkte haben wir bereits be- sriedigende Erklärungen erhalten, über den anderen schweben die Erörterungen noch. Abg. v. Trampczynski(Pole): Der Abg. Spahn Ivarf gestern die Frage auf, ob nicht die preußische Polenpolitik unser Bündnis mit Oesterreich ungünstig beeinflusse.� Graf K anitz verwahrte sich emphatisch gegen jede Einmischung anderer Länder in unsere innere Politik. Mit Unrecht; man darf nickt ver- gessen, daß 99 Prozent aller österreichischen Soldaten Slawen sind. Würde die österreichische Regierung ähnliche Maß- nahmen gegen die Tschecken treffen, wie die preußische gegen die Polen, so würde das Bündnis nicht aufrecht zu erhalten sein, es würde scheitern an der allgemeinen Entrüstung. Die polnischen Besitzer werden von Haus und Hof getrieben, bei der Unterdrückung der Polen sind der preußischen Regierung alle moralischen Bedenken fremd. Formell hat übrigens die österreichische Regierung das Recht, zugunsten der Polen zu inter- venieren; denn nack der Wiener Kongreßakte vom 4. Mai 1815 sollen den Polen Einrichtungen zu teil werden, welche ihre Nationalität sichern.(Hört! hört! bei den Polen.) Aber die Realpolitik hat so zugenommen, daß das Worthalten aus der Mode gekommen ist. Ihren Schändlichkeiten gegen die Polen hat die preußische Regierung mit dem Enteignungsgesetz die Krone aufgesetzt. Präsident Kaempf ruft den Redner wegen dieses Ausdruckes zur Ordnung.(Bravo I rechts.) Abg. v. Trampczinski(fortfahrend): Ich bin der deutschen Sprache nicht soweit mächtig, um einen anderen Ausdruck finden zu können.(Heiterkeit I) Humoristisch hat es auf uns gewirkt, daß gestern gerade die Herren Graf Kanitz, Basser- mann und Schultz für die Freiheit der Völker aus dem Balkan eintraten. Wir erwarten danach, daß auch unS Polen von diesen Parteien das Recht der nationalen Entwicklung nicht mehr streitig gemacht werden wird.(Bravo! bei den Polen.) Abg. Dr. David(Soz.): Ich stimme mit dem Borredner darin Lberein, baß die polnische Frage keineswegs, wie Herr Bassermann gestern behauptete, eine nur innere preußische Frage sei. Herr B a s s e r- mann hat dabei eine große Unkenntnis an den Tag gelegt hin- sichtlich der Wirkung, die das preußische Vorgehen gegen die Polen in Oesterreich ausgelöst hat. Es hat nicht dazu beigetragen, die Stellung Deutschlands zu Oesterreich zu erleichtern und hat der österreichischen Regierung nicht erleichtert, im guten Verhältnis zu Deutschland zu bleiben. Man hat gestern von allen Seiten der Regierung ein Ver« trauensvotun» ausgestellt hinsichtlich ihres Verhaltens in der Balkansrage. Herr v. P a y e r war im Zweifel, ob auch mein Parteifreund Ledebour der Regierung eine gewisse Zustimmung ausgesprochen hatte. Wenn er die Ausführungen LedebourS verfolgt hätte, so könnte es ihm nicht entgangen sein, daß wir allerdings in einem Punkte mit der Regierung übereinstiminen, in dem ernstlichen Willen, den Frieden aufrecht zu erhalten. Insbesondere darin, daß die Regierung den hetzpatriotischen Aeuße- rungen, die ihr nahelegten, Landerwerbungen in Vorderasien zu machen, entgegengetreten ist, findet sie auch von unserer Seite vollste Zustimmung. Im übrigen verkennen wir garnicht, daß die Regierung sich hier in einer sehr schwierigen Lage befindet. Sie soll das Staatsichiff durch die Scylla der panslawistischen Kriegspartei und die Charybdis der österreichiichenKriegspartei hindurchlenken. Das hat gewiß mancherlei Schwierigkeiten. Wir erkennen auch ruhig an, daß die Kundgebung der Regierung in der„Nordd. Allgem. Ztg." wesentlich mit dazu beigetragen hat, die Lage zu klären und zu entspannen. Nur ist mir zweifelhaft, ob die gestrige Erklärung des Reichskanzlers nicht die gute Wirkung der Note der„Nordd. Allgem. Ztg." ab zu- schwächen geeignet war.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Vor allem ist es mir sehr zweifelhast, ob die Auslegungen, die die Herren B a s s e r m a ir n und Spahn daran geknüpft haben, dazu beigetragen haben, die Beruhigung, die in Wien eingetreten war, zu unterstützen. Herr v. P a y e r hat es halb als eine sozialdemokratische Erfindung hingestellt, daß in Wien so etwas wie eine Krieg spartet bestehe. Es ist möglich, daß Graf Berchtold eine friedliche EntWickelung wünscht, aber daneben besteht die unzweiselhafle Tatsache, daß in Wien eine sehr einflußreiche höfisch-militärische Kriegspartci existiert, die sich an die Person des Erzherzogs Franz Ferdinand anlehnt und die keinen Zweifel darüber gelassen hat, Ivohin ihr Streben geht. Man Hat insbesondere dem„Vorwärts" vor- geworfen, er habe in dieser ganzen Sache die�Geschäfte Rußlands besorgt und sich zu Unrecht gegen gewisse Absickten und Pläne der Wiener Diplomatie gewandt. Herr Schultz hat gestern durch ein Zitat aus dem„Berliner Tageblatt" zu beweisen gesucht, daß die Sozialdemokratie damit ganz allein steht. Das ist nicht der Fall. Gerade diese Frage der Existenz einer österreichischen Kriegspartei ist von eminenter Bedeutung, wenn wir den kritischen Punkt der ganzen Sache ins Auge fassen, die Grenze unserer Bündnispflicht gegen Oesterreich.(Sehr richtig s bei den Sozialvemokraten.) Die„Frankfurter Zeitung", die nicht schlecht aus Wien informiert zu sein pflegt, hat mitgeteilt, daß die Note der„Nordd. Allg. Zeitung" in Wien als nicht opportun empfunden worden fei, daß man sie als eine unberechtigte Behauptung angesehen habe. Das Blatt sagt im Anschluß daran:„Wenn man in Oesterreich die Note für inopportun halten mag, in Deutschland hält man sie für sehr an- gemessen und wird sich in der nüchternen Beurteilung der inter- nationalen Situation nicht irre machen lassen." Herrn Schultz scheint auch entZangen zu sein, daß in den letzten Tagen auch das „Verl. Tagebl." in bezug auf die österreichische Kriegspartei eine ganz andere Auffassung vorgetragen hat, als er gestern, indem es auf einen Artikel des Barons von Chlumetzki, eines Vertrauten des Erzherzogs Franz Ferdinand, des Mundstücks der österreichiscken Militär- und Kriegspartei in der„Oesterr. Rundschau" hingewiesen hat. Chlumetzki entwickelt darin den Gedanken, Beiß das Ergebnis der Entrevue des österreichischen Thronfolger? mit Kaiser Wilhelm im Jagdschloß Springe ein großer Erfolg gewesen sei in bezug aus die Erfüllung der Bündnispflicht. Er schreibt:„In der Bekundung freundschaftlicher Gesinnung gibt es gar vielerlei Nuancen; Deutschland hat die kräftigste Nuance gewählt und tritt mit der ganzen Wucht seines politischen und militärischen Gewichts an u n s e r e S e i t e." An unsere Seite, in welcher Frage? das ist der springende Punkt. Herr v. Chlumetzki erklärt: unsere Forderungen werden nicht erst später auf einer Konferenz zu besprechen sein, sie dürfen nicht an das Plazet des europäischen Areopags ge« Kunden sein; auch in diesem Sinne dürfte Deutschland mit der Monarchie einig sein. Das ist das direkte Gegenteil von dem, was die Note der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" gab. Da hieß eS, die Mächte sind übereingekoinmen, sich in keiner einzigen Frage des Balkanproblcms im voraus festzulegen. Auch die'albanisch-adriatische Frage sollte danach erst im Verein mit den anderen Balkan- fragen diskutiert und geregelt werden. Herr v. Chlumetzki aber erklärt, diese Frage liegt fest, und Deutschland st e h t hinter uns. Dieser Vertrauensmann der Hof- und Militärpartei in Wien hält sich nun hier in Berlin auf und hat eine Konferenz mit unserem Staatssekretär des Auswärtigen gehabt. WaS er da vertreten, hat er in einer Besprechung mit einem Re- dakteur des„Berliner Tageblatt" gesagt, wo er wiederum gerade diesen Punkt herausgreift und sagt, daß diese österreichischen Forde- rungen das Minimum wären, von dem nichts abgehandelt werden dürfe, und daß Deutschland in dieser Frage hinter Oesterreich st ehe.(Hört! hört I) Das„Verl. Tagebl." nimmt Stellung dagegen in dem Artikel, aus dem Herr Schultz uns gestern ein Zitat gegen dem„Vorwärts" verlesen hat. Nach diesem Zitat brach er ab. Im Anschluß daran betonte aber das„Berliner Tageblatt", daß wir nicht der Ansicht der Wiener Heißsporne seien, daß eine andere und bessere Lösung als die gewaltsame überhaupt nicht möglich sei, und daß wir auch nicht anzunehmen brauchen, daß schon das leiseste .Abweichen von dem vorgezeichneten Rezept eine Demütigung Oesterreichs sei. Es fragt sich, ob nicht unter Umständen auch der deutsche Bruder, der die Waffenbrüderschaft gewähren soll, mit Raterteiluug seine Stimme erheben dürfe. Diese Auffassung deckt sich mit der deS„Vorwärts" (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten) und sie stimmt auch ganz mit der Haltung unserer Parteigenossen in Oesterreich überein, die seit langem gegen diese gefährliche Kriegspartei kämpfen, die hier ihre Hand im Spiele hat. Wenn wir den Frieden bewahren wollen, so kann das nur dadurch geschehen, daß wir deutlich zu verstehen geben, daß die Politik dieser Herren nicht die Politik der deutschen Reichöregierung ist. Der kritische Punkt, die Grenze unserer Bündnispflicht, muß klar herausgestellt werden, um so mehr, als er gestern durch die Ausführungen de-Z Herrn Spahn zu unseren Ungunsten verschoben worden ist. Auch wir sind für die Aufrcchterhaltung des Bündnisses mit Oesterreich, wie wir auch für die Aufrcchterhaltung des Dreibundes eingetreten sind. Aber man muß sich doch einmal auf den ursprünglichen und eigentlichen Sinn des Bündnisvertrages besinnen. Der Vertrag ist als ausgesprochenes Defensiv- bllndnis gegen russische Drohungen geschlossen und es steht in ihm, daß eine aggressive Tendenz ihm nicht beigelegt werden solle. Wenn einer der Vertragschließenden aggressiv vor- gehen sollte, so entfalle die Bundespflicht. Daß Bismarck ihn so auffaßte, geht atich daraus hervor, daß er bald nach Abschluß des Vertrages einen geheimen RückverficherungSver- trag mit Rußland abschloß, der besagte: wenn Oesterreich Rußland angreifen sollte, würde Deutschland wohlwollende Neutralität bewahren. Herr Spahn hat gestern gesagt, in dem Moment, wo Nußland Serbien beispringen würde, weil Serbien von Oesterreich angegriffen würde, wären wir und Italien verpflichtet, O e st e r r e i ch beizustehen. Nein, das wären wir nicht.(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemolraten.) Das ist sehr wichtig, denn das»st die einzige Friedensgarantie gegen die österreichische Militärpartel(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), und diese Garantie wollte Dr. Spahn uns gestern so»»nter den Tisch hinwegzauberi». Dagegen müssen wir aufs allerschärfste protestieren. Dieses Verfahren erklärt sich ja aus dein Zusammenhang der Partei des Dr. Spahn und der öfter- reichischen Kriegspartei. Die Erklärung des Reichskanzlers geht nicht über den Wortlaut des Vertrages hinaus, und das ist das bedeutsame an ihr. Er sagte, loenn Oesterreich von dritter Seite angegriffen und in seiner Eristenz bedroht werden sollte, wird unsere Vundespflichi tmuell. Das ist etwas ganz anderes, als was Herr Spahn sagte und was, wenn auch nicht so deutlich. a»S den Worte» ti's Herrn B a s s e r m a n n herausklang. Nun handelt es sich»im den Begriff des Angriffs. Ein Angreifen liegt auch vor, lvenn die eine Partei dem Gegner so provokarorisch gegenübertritt, ihn so an die Gurgel greift, daft ihm nichts anderes übrig bleibt, als sich zu wehren. Und die Aufgabe der preußischen Politik ist es, dafür zu sorgen, daß ein solches illoyales Vorgehen nicht stattfindet. Die Pflicht der Ueberprüfung der öfter- reichischen Politik liegt hiernach klar zutage. Da wir die Suppe mit auslöffeln müssen, die die Oesterreicher einbrocken, haben wir die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die österreichische Kriegspartei nicht Oberhand bekommt.� Die Notwendigkeit der Ueberprüfung der österreichischen Politik ist auch von den» Grafen Kunitz anerkannt worden. Auch er will der Bündnispflicht eine Grenze� ziehen. Auch sonst har er unser Progrmnnr gebilligt. Er tritt für die Selbständigkeit der Albaner ein, für ein Kompromiß in der Hafenfrage, und mit Nachdruck hat er ausgesprochen, daß wir durch unseren Vertrag mit Oesterreich keineswegs zur willenlosen Gefolgschaft, zu willenlosen Trabaiitendiciiftcu Oesterreich gegenüber verpflichtet seien.(Gras Könitz: Sehr richtig l) Ich betrachte eS als Preisgebung eines Stückes nationaler Selbständigkeit des deutschen Volkes, wenn wir uns in einer so wichtigen Frage ge- fangen geben sollten, in die Hände der Diplomaiie irgend eines anderen Volkes.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Hafenfrage scheint die eigentliche Schwierigkeit zu sein. Herr Basser- mann ist umgefallen.(Große Heiterkeit.) Früher hat er selbst Serbien den Hafen zugestehen wollen. Gras Könitz hat sich gestern auf ihn stützen wollen(Heiterkeit), da erklärt er, das »oar damals, heute gilt e-Z nicht mehr. Er sprach von groß- serbischen Aspirationen. Seien wir doch gerecht. Im Frieden von Stesana hat Serbien Bosnien und die Herzegowina mit einem Teile von Albanien unter Zustimmung Rußlands erhalten. Damals ist England Rußland in den Arm gefallen: Rußlaild gab Serbien preis, Bosnien und die Herzegowina wurden Oesterreich in Depot gegeben, Serbien wurde der Zugang zum Adriatischen Meer ver- sagt und seine wirtschaftliche Entwicklung unterbunden. Dann hat Oesterreich das ins Depot gegebene Land eingesteckt und will jetzt Serbien wiederum hindern, den Zugang zur Adria zu bekommen. Da kann man es doch nicht so hinstellen, als ob Serbien ganz unvermittelt seine Hände nach dem Himmel ausstreckt. Soweit es sich um freie Handelsinteressen handelt, ist der Anspruch Serbiens nicht etwas, was man so zurückweisen kann, wie es gestern Herr Bassermann getan hat. Der Reichstag ist sich in dieser Frage nicht einig; das zeigt schon, daß es leine Frage werden darf, um derentwillen die deutschen Truppen marschieren(Sehr richtig! bei den Sozialdemolralen.), um derent- willen die europäischen Kulturvöller über einander herfalle». (Erneutes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Deshalb sind Auslassungen wie die des Herrn von Chlumetzli sel�r gefährlich. Herr B a s s e r m a n n sagte gestern, die Tatsrage muß man Oesterreich überlassen, und daß Oesterreich dabei ganz loyal verfahre und nicht an territoriale Er- Weiterungen denke, habe eZ mit dem Zurückweichen in der Sand- schakirage bewiesen. Vor wenigen Jahren hieß es, der Besitz des SäNdschakS ist die Lebensfrage für Oesterreich; heute spricht lein Mensch mehr davon, inWien spricht man nur noch vom Echan d- s a ck.(Heiterkeit.) Die Eventualität durch die Hasenfrage, durch die österreichisch-serbische Spannung in einen Welltrieg hineiugerissen zu werden, hat auch anderen Leuten schon Bedenken gebracht. Die»Tägliche Rundschau", sonst ein führendes Blatt der Kriegshetzer, schreibt:„Wir würden in die groteske Lage kommen, unseren Musketieren zu sagen, wir ziehen in den Krieg nicht für Gott und Vaterland, sondern damit die Serben nicht Durazzo besitzen.(Heiterkeit.)»Mit Angstschweiß", schreibt sie,„hätte man das den Landwehrleuten sagen müssen". Der Angstschweiß wäre dann wohl auch bei Herrn Bassermann ausgebrochen. Auch die„Rhein.-Wests. Ztg." schreibt:„Wir würden n solchem Falle nicht um unierNvillen, nicht wegen der Lebens- .u.teressen des deutschen Volkes in den Krieg ziehen, sondern still II II d stumm, die Zähne zusammengebissen, um unsere Pflicht zu tun, ans germanischer Treue zu den Verträgen. Dieses ethische Motiv wäre aber ein sehr schlechter Trost.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Haltung des Herrn Spahn ist nicht schwer zu verstehen. Er vertritt die Anschauungen der österreichische» Kriegspartei, die eben auch klerikale Partei Oesterreichs ist; zur Tendenz der Macht- erweiteruug der Habsburgischen Dynastie gesellt sich dir Tendenz»ach Machterweiterung der römischen Hierarchie. Diese Verbindung charakterisiert die österreichische Politik(Lachen im Zentrum). Solche Talsachen werden durch Lachen nicht aus der Welt geschafft.(Sehr rickitig I bei den Sozialdemokraten.) Wir sehen die u l t r a m o n t a n e Preise Oesterreichs am Werke, djese Kriegs- stimmung zu schüren. So schreibt das österreichische„Katholische Sonntagsblatt":„Nnker Ideal ist nicht die Aufrechterhaltung des Besitzstandes der europäischen Türkei, sondern die Errichtung eines dauernden Besitzstandes des katholischen O e st e r r e i ch und der katholischen Kirche auf dem Balkan."(HörtI bört! bei den Sozialdemokraten.) Hicfiir kommt eS dem katholischen Blatt auf einen Weltkrieg nicht an, den eS ein reinigendes Gewitter nennt; es freut sich, daß die Sozialdemokratie noch nich� stark genug ist, den Krieg zu hindern, unter dem auch. der Liberalismus zusammenbrechen würdet und der deshalb dem Bankliberalismus der i icldmagnaten unangenehm sei. Danach begreift man die Diplomatie des Herrn Dr. Spahn, der in Oesterreich den Eindruck erwecken möchte, als oö Deutschland ein blinder Gefolgsmann sei, der willenlose Trabantendienste leiste. Es ist eine nationale Forderung, für Tendenzen, die wir nicht billigen, nicht blinden Vorspann zu leisten. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ebenso wollen wir nicht die Geschäfte Rußlands besorgen; diese Unterstellung weisen wir anfs allerschärfste zurück. Wir wissen, daß eine panslawistische Partei für die Aus- dchnung nach Westen hin arbeitet. Daß wir diesen Bestrebungen nicht dienen wollen, geht aus unserer ganzen Haltung Rußland gegenüber hervor; doch meinen wir damit nicht das russische Volk, sondern das Raub- und Blutsystem des Zarismus, das mit Kerker und G a l g e t\ die gesunde Entwicklung hemmt, das fortgesetzt neue Länder an sich reißt in unersättlicher Blut- und Raubgier. LVi-�ch �arf nicht- g-ichehcn, um diesem System Lust zu mächen, über Oesterreich herzufallen. Wie wir dazu stehen, hat Bebel vor einigen Jahren ausgesprochen, als er sagte: in solchem Falle würde er selbst noch die Flinte ans den Buckel nebmen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemolraten.) Darin sind auch unsere Partei- sreuude in Rußland mit uns einig, und die Leiter der russischen Politik wissen, daß nach einem unglücklichen auswältigen Kriege sich das wiederholen würde, was sich nach dem japanischen Kriege er- eignete; auch darin liegt eme starke Garantie des Friedens. Rußlands Stellung ist rn den letzten Jahren immer mehr für hie europäische Politik eine beherrschende geworden,??pch dem japanischen Krieg Kar Las Land aus Lem europäischen Kräftespiel fast ausgeschaltet, heute spielt es die dominierende Nolle. Das ist das Ergebnis der Spannung zwischen Deutsch- l a n d und England, zwischen Deutschland und Frank- reich. Die Zwietracht der Wvftmächte hat diese Situation herbei- geführt. Auch weiteren Kreisen ist es jetzt klar geworden, daß Rußland der eigentliche Nutznießer der englisch- deutschen Span- nung ist, und ich halte es für das erfreulichste Moment in der gestrigen Debatte, daß Herr v. Kiderlen mitteilte,' Deutschland und England haben in dieser ganzen Frage in vertraulichen B«- Ziehungen gestanden, so daß es geradezu zu einer vertraulichen Intimität gekommen sei. Wir hoffen, daß unsere Staatsmänner alles aufbieten werden, dieses Ergebnis der gegenwärtigen Situa- tion zu vertiefen und zli einer dauernden Verständigung zwischen Deutschland und England zu kommen.(Leb- hafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Auch die anderen Redner haben ihre Freude über diese Er- klärung des Herrn v. Kidcrlen ausgedrückt. Nur Herr Basser- mann meinte, er müsse sofort sein nationallibcralcs Wasser in den Wein der Hoffnung gießen(Heiterkeit) und hielt es für seine nationale Pflicht, die Regierung zur Vorsicht zu crmahnen. Danach versteht man seine Aeußerungen, die ein gewisses verstecktes imperialistisches Eroberungsprogramm enthielten. Er bedauerte, daß die anderen Länder bei solchen Gelegenheiten Land erhielten, Deutschland nur eine neue Militärvorlage; übrigens doch unter der Assistenz und Zu- stimmung des Herrn Bassermann.(Sehr richligl bei den Sozialdemokraten.) Unsere ganze weltwirtschaftliche Position beruht auf der Gleichberechtigung des deutschen Kaufmanns mit dem englischen in England und umgekehrt. Eine Kriegserklärung mit England würde den Deutschen sofort die gewaltigsten Gebiete der Welt verschließen. Frenndschnft mit England ist unsere beste Handelspolitik.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Es ist sehr bedauerlich, daß die an die Gegenwart des englischen Kriegs- Ministers Haldane in Berlin angeknüpften Verhandlungen ins Stocken geraten sind. Jedenfalls ist es wünschenswert, wenn von Deutschland die Versuche, zu einem Handels- und Kulturabkommen mit England zu kommen, von neuem in Angriff genommen würden. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Daß ein solches Kulturabkom- men zwischen Deutschland und England keine Utopie ist, beweist die Tatsache, daß die Rcibungsslächen zwischen Deutschland und England nicht annähernd die Ausdehnung und Bedeutung haben/ wie die zwischen England und Frankreich. Wenn dort die viel größeren und schwereren Gegensätze beigelegt werden konnten, muß das auch für Deutschland und England möglich sein, und unsere Staatsmänner sollten mit aller Energie darauf hinarbeiten.(Zu- stimumng bei den Sozialdemokraben.) Damit wäre auch eine Brücke nach Frankreich geschlagen. Eine Annäherung der Westmächte, eine Verständigung zwischen Deutschland, England und Frankreich wäre eine Konstellation von ungeheuerer Bedeutung. Ein solcher Kultur- bund der Westmächte wäre die sicherste Garantie gegen einen euro- väischen K-rieg.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) und auch dafür, daß man in der Frage der Abrüstung endlich vor- wärts käme.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Fahren wir aber auf dem Wege fort, den Herr Bassermann gestern empfohlen hat, so wird der'Rüstungsdruck immer unerträglicher und muß schließlich zur Katastrophe führen.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr Bassermann scheint damit als mit einer Unvcrmcidlichkeit zu rechnen; er kündet den großen Kriegskladderadatsch an. Gegen diese Ausfassung protestieren wir aufs schärfste. Wir erkennen nicht an, daß es unweigerlich zu einem Kampf zwischen den Kulturmächlen kommen muß. Ihn durch immer neue Rüstungen zu provozieren, auf ihn hinzuarbeiten, ist keine nationale Politik, und wenn Sie sich noch so sehr national nennen. Das ist eine national-felndliche. eine natio- nal-schädigende Politik.»> Zentrum.) Zweifellos war der Baseler Kongreß eine machtvolle D c in o n st r a t i o n, die nicht unter- schätzt werden sollte, aber von den sozialistischen Führern sehr über- schitzt worden ist. In dem Bestreben, alle vermeidbaren Kriege fernznhalteii, stimmen alle bürgerlichen Parteien init den Sozial- demokraten überein, ganz gewiß auch alle Kabinette Europas. Aber das Mittel, das die intcrnalionale Sozialdemokratie zur Beseiti- g»ng der Kriegsgefahr vorschlägt, zeigt eine erschütternde Verwir- rung der Geister, man will den Krieg nach außen durch eine Revo- lution im Innern bekämpfen. Krasser ist der Versuch nie gemacht worden, den Teufel durch Beelzebub auszutreiben. Viel graulicher als die Schrecken des Krieges sind die Schrecken des Bürgerkrieges — ist das vielleicht Christentum? Herr Jaures l>at in Basel daS Herz gehabt, die Drohung auszustoßen, daß wie die Kommune dem Krieg von 1870 so eine schrecklichere Revolution einem neuen Kriege folgen würde.(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Wenn Sie wollen!) Mehrere Redner haben deutlich erlenncn lassen, daß das nicht eine bloße Warnung, sondern die Ankündigung des festen Eni- schlusses ist, daß die Sozialdemokratie in einzelnen Staaten die eigene Regierung durch eine Revolution daran hindern würde, die Interessen des Vaterlandes gegen das Ausland zu verteidigen. Am deutlichsten hatdasKeirHardie getan, der es direkt als heilige Pflicht der Sozialdemokraten aller Länder hinstellte, in einem solchen Falle zu einem internationalen rcvolutionä, ren Generalstreik zu greifen. Bisher hatte man geglaubt, -daß es sich bei solchen Drohungen nur um Entgleisungen unver- antwortlicher Hetzer handelte. Aber jetzt hat sich die internationale Sozialdemolratie feierlich zu dem bekannt, tvas die bürgerlichen Parteien sonst als Valerlandsverrat bezeichnen. Von de» deutschen Delegierten hat sich keiner so deutlich ausgesprochen wie. Keir Hardie, darum möchte ich der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages Gelegenheit geben, sich sofort und init rücksichtsloser Deutlichkeit darüber zu äußern, ob auch Sie Deutschland an einem Kriege durch die Revolution verhindern wollen.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Diese offene Erklärung sind Sie dem deut- scheu Volke und Ihren eigenen Anhängern schuldig. Und da viel- leicht ein dritter Redner der Sozialdemokratie nicht mehr zum Wort kommt, kleide ich meine Frage u> die Form eines persönlichen An- griffs, damit Sie in persönlicher Bemerkung antworten können. und behaupte: Sie, Herr Ledebour, und Ihre Freund« wollen im gegebenen Fall nach dem Baseler Programm einen Krieg Deutsch! an ds durch die Revolution verhindern.— Redner fordert des weiteren von der Regie- rung, sie möge für Freiheit der Religionsausübung in den Balkan- staaten eintreten und für Reformen in Armenien sorgen, kritisiert die Anerkennung der portugiesischen Republik, die zur Unterdrückung jeder persönlichen Freiheit in Portugal greife, und führt den Un- tergang der Türkei auf die Machenschaften der internationalen Frei- maurer zurück. Die politische Gcwichtsverteilung unter den euro- päischen Mächten wird Wohl unverändert bleiben. Wir können mit Genugtuung eine Stärkung unseres Einflusses in Rumänien verzeichnen. DaL seit langer Zeit recht gespannte Verhältnis zwischen Oesterreich und Italien hat durch die letzten Ereignisse einem guten Verhältnis Platz gemacht, das nicht nur für die beiden Mächte, sondern auch für uns und für den Weltfrieden von groß- tem Vorteil ist. Das Pulverfaß am Balkan ist in die Luft ge- flöge» und es hat Europa nicht in Brand gesteckt. Heute besteht vielleicht weniger Grund zu einem europäischen Kriege als vor einem halben oder einem Dreivierteljahr. Oesterreichs Frie- dcnsliebe hat die Feuerprobe bestanden und das ganze deutsche Volk wünscht gute Beziehungen zu England. In ihrer Friedenspolitik findet die Regierung die volle Uiüerstützung meiner volitischcn Freunde.(Beifall im Zentrum.) Aby. Dr. Ocrtel(k.): Ich würde es für besser gehalten haben. wenn die Redner sich kurz gefaßt und nur erklärt hätten, daß die bürgerlichen Parteien hinter der Politik der Regierung stehen. Aber es ist gesündigt worden und ich sündige mit.(Heiterkeit.) Der sozialdemokratische Vorredner hat den deutschen Junkern in Aussicht gestellt, es würde ihnen ebenso ergchen wie den türkischen Junkern, wenn sie nicht endlich die sozialdemolratischen Lehren annehmen. Vor dieser Konsequenz muß ich allerdings in Ehrfurcht erstarren.(Heiterkeit rechts.) lieber den Dreibund sollte man eigentlich weniger viel reden nach dem alten Wort, daß die glücklichsten Ehen diejenigen sind, von denen am wenigsten gesprochen wird. Ich wünsche, daß der Drei- bund eine dreieckige glückliche Ehe sein möge.(Heiterkeit.) Fürst Bülow meinte einmal, die Dame Jtalia gebe manchmal eine Extratour. Wir glauben, daß Dame Jtalia jetzt wieder zu ihrem ehrlichen früheren Tänzer„zurückgekehrt worden" ist.(Große Heiterkeit.) WaS Abgeordneter David sagte, gehörte eigentlich mehr in das österreichische Parlament und ich würde nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Dr. David bald in die Lage käme, in dieses Parlament einzuziehen(Heiterkeit rechts), aber wir sollten unS hier doch nicht so sehr in die inneren Angelegenheiten einer verbündeten Macht einmischen. Ich stehe keinesivegs aus dem Standpunkt, daß der Dreibund uns verpflichtet, bei jeder Unter« nehmung eines verbündeten Staates ihm mit den Waffen zu Hilfe zu kommen. Das hat auch der Reichskanzler nicht gesagt, sondern er hat ausdrücklich betont, daß unser Eingreifen nur bei einer Bedrohung der Existenz unserer Verbündeten er» forderlich sei. Die Regierungserklärung in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" ist nach meiner Meinung im Einverständnis mit Oesterreich erfolgt und konnte schon deshalb keine Unfreundlich- keit gegen Oesterreich sein. Der Abgeordnete v. Payer hat bc- mangelt, daß Graf Kanitz nichts über unsere Beziehungen zu Eng- land gesagt hat. Das war nicht notwendig, nachdem die Erklärung des Staatssekretärs vom BundesratStisch erfolgt war.(Zuruf des Abgeordneten Dr. Müller-Meiningen.) Dr. Müller, in diesen Fall gerät nur der, der seine Zunge nicht im Zaume halten kann. (Stürmische Heiterkeit.) Um uns nicht dem Vortvu.s-mszusetzen, daß wir doch noch kleine Sentiments gegen England hätten, so sei gesagt: Wir wünschen freundliche Beziehungen zu England, so freundliche, wie sie nur sein können, aber jedenfalls korrekte Beziehungen. Wir wünschen, daß das Vertrauen, von dem der Staatssekretär gesprochen hat, auf beiden Seiten vor- handen ist.(Bravo! rechts.) Mehr sage ich nicht und Sie können nun zwischen meinen Zähnen lesen.(Stürmische Heiterkeit.) Ab- geordneter v. Payer hat boshaft auf die amtliche Abfertigung ver- wiesen, die meinem Freunde Heydebrand nach seiner Marokko. rede zuteil wurde. Wir bedauern diese amtliche Abfertigung nach wie vor. Diese amtliche Abfertigung wird vielleicht heute von der amtlichen Stelle mehr bedauert als von uns, denn unser Be- dauern bezog sich nicht auf uns, sondern nur auf jene Stelle. (Heiterkeit und Hört! hört! links.) Herr v. Heydebrand hat damals nur der Stimmung des Volkes Ausdruck gegeben. lSchallen- des Gelächter links.) Der Krieg kann eine weltgeschichtliche Not- wciidigkeit sein, der ewige Friede ist ein Traum. Deshalb wünschen ivir. daß unsere Jugend in einem kriegerischen Geilt erzogen wird, der die Sicherheit unseres Landes verbürgt. Ich möchte nicht, daß unsere Buben im Eiapopeia deS Weltfriedens aufwüchsen. (Brsvsl rechts.) W(i gll-v schlechten Begleiterscheinungen eine» Krieges ttniB yewsrgchove» WertfefT, Ss? ffi suH go!« männliche Kräfte auslösen kann. Denken Sie nur an die prächtige Erhebung von 1813!(Mg. Dr. David . U..„. Er redet seinen Weihnachtsartikel herunter!— Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Abg. v. Pay er hat sich gegen die po- litisierenden Offiziere gewandt. Wenn ein Offizier seine Soldaten auf die Notwendigkeit der Vaterlandsliebe und das Halten des Fahneneides hinweist, so ist das kein Politisieren.(Zustimmung rechts.) Und wenn bei Kontrollversammlungen die Mannschaften in taktvoller Weise auf ihre Pflichten hingewiesen werden, so ist auch dagegen nichts einzuwenden.(Unruhe links.) Der Kritik des Abgeordneten v. Paher über die Sensationspresse schließen wir uns an. Herr Payer hat ferner ganz recht, die Massenversamm- lungen für den Frieden haben gar keinen Zweck. Zu meiner Freude sehe ich den Abgeordneten Wendel vor mir; er ist also vom Kriegsschauplatz ohne Cholera und sonstige Gefahr zurück- gekehrt. Seine Stimmungsberichte habe ich mit großem Interesse gelesen; in dem ersten stand unter anderem, wenn ein serbischer Genosse sich damals dem Kriege widersetzt hätte, wäre er tot- geschossen worden.(Große Heiterkeit.) Herr S ch e i d e m a n n hat erklärt, daß seine in Paris gesprochenen Worte nicht so gelautet hätten, die deutschen Proletarier würden sich weigern, auf die französischen Proletarier zu schießen. Das Mißverständnis war aber erklärlich; denn auf dem Stuttgarter Internationalen Kon- gretz wurde beschlossen, falls der Krieg ausbrechen sollte, ist es Pflicht, für seine rasche Beendigung zu sorgen und mit allen Mitteln dahin zu strsben, die durch den Krieg herbei- geführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Voltes zu benutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft herbeizuführen.(Hört! hört! rechts.) Und der Führer der Berliner Sozialdemokratie, E r n st, soll in einer Berliner Versammlung gesagt haben, das sei keine leere Drohung. (Hört! hört! rechts.) Der Abgeordnete David sprach vom ewigen Frieden und vom Stifter des Christentums. Dieser verstand nicht nur liebreich zu sein, sondern auch die Geißel zu schwingen.(Stür- mische Zurufe: Aber nicht gegen die Armen!) Auch wir glauben als Christen an den ewigen Frieden; er kann aber erst kommen, wenn das Schriftwort Wahrheit wird: Ein Hirt und eine Herde. Dazu ist aber Vorbedingung, daß alle Völker anerkennen: Ehre sei Gott in der Höhe.(Beifall rechts, Lachen bei den Sozialdemo- traten.) Abg. Freiherr v. Richthofcn(natl.): Oesterreich haben wir Bundestreue zu halten. Aber Oesterreich hat sich um unsere Polen- Politik nicht zu kümmern, so wenig wir uns um seine Politik in Slawonien kümmern.— Feindschaft gegen England hat auch Herr Bassermann nicht propagiert. Aber unsere wirtschaftlichen Jnter- essen müssen toir wahren; deshalb müssen wir auch für den Kriegs- fall gerüstet sein, und der Reichstag hat nicht nur die Pflicht, die nötigen Rüstungsforderungen der Regierung zu bewilligen, sondern auch selbst zu verlangen, daß die notwendigen Rüstungen bor- genommen werden.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Herzog(Wirtsch. Vg.); Die Verständigung mit England ist gewiß eine erfreuliche Erscheinung, die auch wir gern begrüßen; >doch darf man daraus nicht zu weittragende Schlüsse ziehen.— Sehr bedauerlich und für unseren christlichen Standpunkt verletzend sind die Niodermetzelungen von Frauen und Kindern durch christ- liche Soldaten. Wenn man diesen Nachrichten nicht widersprechen kann, müßte man entschieden Stellung dagegen nehmen.— Ganz deutlich hat der Balkvnkrieg gezeigt, wie notwendig eine Verstäv kung unserer Wehrmacht ist. Abg. Haase(Soz.>Z Ich werde die überaus ernste Angelegenheit, die uns beschäftigt, Kicht zum Gegenstand von Scherzen machen, auch nicht, wenn ich mich mit Herrn Oertel befasse. Er hat selbst für den ewigen Frieden geschwärmt, versetzt ihn aber in das chiliastische Reich und tröstet sich gegenwärtig mit dem unzureichenden Menschen- Material. Dann sollte er doch für die Besserung dieses Menschen- Materials sorgen, vor allem dafür, daß die Jugend in den hohen Idealen der Menschlichkeit, nicht in denJdealenderMassenschlächtereierzogenwird. Er meiat, im Kriege werden gute Eigenschaften entwickelt. Gewisse Leute mögen solchen Anstoß brauchen, um Tugenden zu entwickeln. Die Arbeiter, z. B. die Bergarbeiter, die täglich dem Tod ins Auge sehen, haben es nicht nötig, sich unter Kanonendonner erst Tüchtig- leit aufdrängen zu lassen. Die Greuel und Scheußlichkeiten, die auch dieser Krieg wieder zutage gefördert hat, sollten auch Herrn Oertel den Gedanken nahelegen, daß die kriegerischen Tugenden mit so diel Schändung aller Menschlichkeit erkauft werden, daß wir sie verabscheuen müssen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Er hat auf De Felice hingewiesen— er ist übrigens kein Sozialist — der als begeisterter Anhänger des Krieges nach Tripolis ge- gangen ist; er hat aber vergessen hinzuzufügen, daß dieser romantische Schwärmer mit ganz anderen Anschauungen zurück- gekehrt ist.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) De Felice hat geschildert, wie er m Tripolis von Gvausen gepackt wurde und den Krieg verflucht hat.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Arbeiter sind nicht so schwachmütig, daß sie nicht jeden Augen- blick, wenn es sein müßte, auch ihr Leben einzusetzen imstande sind. Sie tun es gern, wenn es sich darum handelt, für ihre Ideale ein- zutreten(Lebhaft« Zustimmung bei den Sozialdemokraten) und Angriffe gegen die menschliche Kultur abzuwehren. Herr Oertel hat bestritten, daß Christus heute den Standpunkt einnehmen würde, den David vertreten hat; er verweist darauf, daß Christus auch verstand, die Geißel zu schwingen. DaS tat Christus doch aber nicht gegen die Leute, die uns nahestanden, sondern gegen Leute Ihrer Gesinnung, gegen Leute, die im modernen Sinne Ausbeuter und Kapitalisten sind.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemo- Iraten.) Und wie nahe Ihnen die Zöllner stehen, brauche ich doch wirklich nicht erst zu sagen.(Lebhaftes Sehr gut! bei den Sozial- demokraten.) Herr Oertel verweist darauf, Bebel habe unsere Partei atheistisch genannt. Das ist nicht richsig. Die Partei hat kein Bekenntnis; Religion ist Privatsache und jeder findet in ihr Raum, der ihre wirtschaftlichen und politischen Anschauungen an- erkennt. Herr Oertel erwähnte, daß mein Freund Ernst in einer Versammlung gesagt hätte, die Ausführungen des Redners seien nicht leere Drohungen. Der Redner hatte aber erklärt, daß wir mit unseren Friedensdemonstrationen nicht nur leere Worte machen, sondern daß wir die ganze Kraft darein setzen, die Mehrheit für unsere An-> schauungen zu gewinnen und dadurch den herrschenden Klassen den Krieg unmöglich zu machen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Es wurde be- hauptet, die Aeußerung Scheidemanns in Paris sei abgeschwächt worden. Das ist nicht richtig. David hat sie im Wortlaut verlesen. Ist es nicht eine ungeheuerliche Vorstellung, den Arbeitern zumuten zu wollen, daß sie gern und mit Lust auf die Arbeiter im anderen Lande schießen, mit denen sie durch Solidarität und Streben nach gemeinsamen Zielen verbunden sind? Scheidemann hat erklärt, daß alle Arbeiter in der ganzen Welt dahinwirken werden, daß ein solcher Abscheu gegen den Krieg in den breitesten Massen des Vol- kes erweckt wird, daß keine Regierung es mehr wagen kann, den Krieg zu beginnen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wenn der türkische Krieg etwas erwiesen hat, so das eine, daß eine Truppe von vornherein verloren ist, wenn sie nicht mit Beaeisterutig, mit �ller Hingabe an eine große Sache in den Krieg zieht.(Sehr rich- tia! bei den Sozialdemokraten.) Das machen wir uns zunutze. Um üu verhindern, daß frivole Kriege heraufbeschworen werden, er- wecken wir gegen solche Kriege, um die es sich hier handelt, in dem Nnike Abickeu. Dann werden es sich die Regierenden überlegen. ob ne sich noch zu einem Kriege treiben lassen. Fürst Löwenstein bat eine hochnotpeinliche Frage an uns gerichtet.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Ich weiß nicht, was ihn dazu legitimiert. kick, bier in der Rolle eines Grotzinquisitors vor uns hinzustellen. llw �, � H-iterkeit bei den Sozialdemokraten.) Wir locichen t�AnÄ rTauf diese Frage nicht aus, wir habe./ sie oft genug re- sroatc ob wir ciiien Krieg Deutschlands durch die MÄn%& s-w' Lassalle ha! g'efagk: Mstti kaust m6 eine SfeboIuKost«tachen, man htm immer nur eine Revolution, die schon in den tatsächlichen Verhält- nissen einer Gesellschaft«ingetreten ist, auch äußerlich anerkennen und konsequent durchführen. Revolutionen können nicht herbei- gefuhrt werden durch den Willen von Führern, sie entstehen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Aber wir wollen nich einen Krieg, um revolutionäre Ziele zu verfol gen. Das ist mit aller Deutlichkeit ausgesprochen worden in uns« rem Manifest, das ja verlesen worden ist. Es ist besonders klar. gerade mit Beziehung auf diese Situation, vor einer Reihe von Jahren von unserem Parteischriftsteller Kautsky in seiner Schrift „Die soziale Revolution" prägnant zum Ausdruck gebracht worden. Dort heißt es auf Seite 48:„Wenn ich hier vom Kriege als einem Mittel der Revolution spreche, so soll das nicht sagen, daß ich den Krieg wünsche. Seine Schrecken sind so entsetzlich, daß heute wohl nur noch militärische Fanatiker den traurigen Mut auftreiben können, mit kaltem Blute zum Kriege zu hetzen. Aber selbst wenn eine Revolution nicht ein Mittel zum Zweck, sondern zum Endzweck wäre, der um jeden Preis, auch den blutigsten, nicht zu teuer er- kauft wäre, könnte man nicht einen Krieg als Mittel wünschen, die Revolution zu entfesseln."(Hört! hört!) Ich glaube. Herr Fürst Löwenstein hat auf seine Frage damit eine ganz präzise Antwort. (Widerspruch im Zentrum und rechts.) Ich halte kein Mitglied des Hauses für so begriffsstutzig, daß es die klare Antwort, die ich eben verlesen habe, nicht verstehen würde. Ich würde es geradezu als eiue Beleidigung des Hauses ansehen, wenn ich das noch mit an- deren Worten wiedergeben wollte. Aber der Herr Fürst Löwen- stein und die Bürgerlichen alle, sind ja gar nicht immer so fana- tische Gegner einer Revolution gewesen. Wenn Fürst Löwenstein einige Blätter seiner Familiengeschichte aufgeschlagen hätte(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten), würde er die Richtigkeit dieser Be- hauptung bestätigt gefunden haben. Es ist dem Fürsten Löwen- stein wohl bekannt, daß aus dem Geschlechte Don Miguels sich so mancher an blutigen Karlisten-Aufttänden beteiligt hat, um die herrschende Monarchie in Spanien zu stürzen. Ich glaube nicht, daß er und seine Familienangehörigen dabei von Grausen durch- schauert werden, wenn sie das in der Familiengeschichte lesen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Nun schien es in der Tat, als wenn Fürst Löwenstein schon den Streik als eine Revolution be- zeichnete. Er hat ja darin bedeutende Vorläufer; es war bekannt- lich Herr v. Puttkamer, der sagte-: Hinter jedem Streik lauert die Hydra der Revolution. Aber den Streik als solchen schon als revo- lutionäres Mittel zu bezeichnen, hat auch Herr v. Puttkamer sich gescheut. Und auch der Streik, der von Massen ausgeübt wird, ist ein durchaus legales Mittel. Wir in Deutschland halten den Ge- neralstreik für ein zwar gesetzlich erlaubtes, aber für diesen Zweck ungeeignetes Mittel und halten namentlich einen Streik, der etwa inszeniert würde nach dem Ausbruch eines Krieges für einfach un- möglich. Denn dann stehen soviele Fabriken leer, es ist soviel Hunger im Lande, daß wir glauben. nicht noch durch einen Massenstreik in einem sol- chen Falle den Hunger vermehren zu sollen, abge- ehen von allem anderen. Ich nehme an, daß nun Herr Fürst Löwenstein befriedigt ist. Er hat von der blutigen Kommune ge- prochen, und meinte, es sei ein Widerspruch, wenn die Sozialdemo- kratie den Krieg perhorresziere, aber die Revolution billige. Ich weiß nicht, woher Fürst Löwenstein seine geschichtlichen Kenntnisse über die Kommune hat. Ich möchte hinweisen auf einen Mann, dessen Zeugnis gewiß unverdächtig ist, nämlich den Botschafter der Vereinigten Staaten in Paris, der im Jahre 18TO, obgleich er gewiß nicht der Kommune günstig gegenüberstand, doch von der Wahr- haftigkeit getrieben, einen großen Teil der Märchen über die an- geblichen Greuel der Kommune in seinen Berichten an die Regie- rung widerlegt hat. Er schreibt zum Beispiel am 24. März 1871, als behauptet worden war, die Kommune mache Gefangene in großer Zahl und gebe sie nicht frei, sie respektiere nicht das Völker- recht und sei den Einflüssen der Botschafter unzugänglich: Mit nicht geringer Beftiedigung kann ich Ihnen melden, daß wäh rend all der schrecklichen Exzesse in Paris in den letzten Wochen weder amerikanisches noch beut- 'ches Eigentum, mit dessen Jnteressenwahrneh- mung ich noch nicht betraut bin, einen nennenS- werten Schaden erlitten haben.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Es heißt da weiter, daß die Zahl der Deut- chen und Elsässer, deren Freilassung aus dem Gefängnis der Ge-, ändte erwirkt hat, sehr groß ist. Und daß zuletzt noch eine Anzahl deutscher Nonnen enthaftet wurden, die in einem Kloster verhaftet worden waren. Im Anschluß an die Kommune sind allerdings ent- etzliche Greuel verübt worden, aber wo? auf welcher Seite? Die Regierung hat nach genauer Zählung mindestens 17 MX) Personen erschießen lassen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wozu? Um den Tod. von-» 63 Geiseln zu rächen, der der Verwaltung der Kommune als Schuld zugemessen worden war. Auf der einen Seite 63— auf der anderen 17 000, zestorben für Ihre Gerechtigkeit und Kultur!(Stürmische Zu- timmung bei den Sozialdemokraten.) Diese Tatsache erweist, daß alle Ihre Behauptungen über die Kommune Schauermärchen sind, Schauermärchen, erfunden, um diese Bewegung vor der Welt zu lästern.(Lebhafte Zustimmung bei den SozialdemokrGen, Unruhe rechts und im Zentrum.) Eine große Anzahl Redner hat heute hier erklärt, sie wüßten von einer österreichischen Kriegspartei gar nichts. Ja, haben Sie Ihre eigenen Zeitungen nicht gelesen? Wissen Sie»icht, was tag- aus, tagein, von anderen Wiener Zeitungen gar nicht zu sprechen, die Wiener„Reichspost" für Nachrichten in die Welt setzt, die die Leidenschaften aufpeitschen und immer wieder zum Krieg schüren müssen? Wir machen ja gerade einem Teil der deutschen, beson» ders auch. �„ einem großen Teil der llberalen Presse zum Vorwurf, daß sie sich zum Sprachrohr der öfter- reichischen Kriegs he tzer gemocht hat. Es war notwendig, daß der„Dorivärts". namentlich in diesen Tagen darauf hinge- wiesen hat, wie gefährlich dieses Spiel ist. das von gewissen Cliquen in Oesterreich getriehen wird, und daß es eine Pflicht unseres Re- gierungsorgans sei, gerade nach der Richtung hin einen kalten Wasserstrahl zu entsenden. Deshalb haben wir das Communique der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" begrüßt, weil wir daraus chlossen. daß die Regierung selbst sich der Erkenntnis nicht ver- chließen könne, wie notwendig es sei. eine entschiedene Mahnung nach Oesterreich zu richten.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokra- ten). Sie sehen ja: man hat in Wien nicht einmal den Wortlaut der Kundgebung der„Nordd, A llg. Ztg." veröffentlicht, sondern einen Teil unter den Tisch fallen lassen um das Geschäft weitertreiben und weiter zum Krieg Hetzen zu können. Wir halten es deshalb nach wie vor für eine Pflicht der Regierung, diese Mission, auf die österreichischen maßgebenden Kreis- binzuwirlen, daß sie den gefährlichen Weg, den dort promi- nente Persönlichkeitin betreten haben, verlassen.(Zustimmung bei den Sozialdemokratem)-a.•■„ Daß die Lage mcht nur ruhig und friedlich ist. ging ja auch aus der gestrigen Erklärung des Reichskanzlers hervor. Wir find uns des Ernstes der Situation bewußt, wir glauben deshalb, daß alle Mittel, besonders die der Regierung zur Verfügung stehenden, an» gewendet werden sollen, um es nicht zum Aeußerstcn kommen zu lassen I(Beifall bei den Sozialdemokraten�) Noch ein Faktum mutz uns stutzig machen. Wer ist nach Rumänien von Oesterreich geschickt worden? Der frühere Chef des Generalstabs und jetzige Generalinspektor der Armee Conrad v. Hötzendors und— so wenig sonst für uns di« Persönlichkeit eine Rolle spielt— diesmal ist sie doch für die Situation bezeich- ncnd. Das ist der Mann, der im vorigen Jahr die Politik des damaligen Chefs der österreichischen Reichspolitik zu durchkreuzen versuchte und den T r i p o l i s k ri eg dazu benützen wollte, um unter Ausnutzung der Situation und entgegen dem Dreibundvertrag gegen Italien loszugehe-n. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Er wurde durch ein Macht« wort der obersten Stelle in Oesterreich damals zum Verlassen sein« Stellung gezwungen, wenn aber solche Leute in dieser Situation tttieStt an dke Oberfläche kommflf, iSenü sie benutzt werden zu wich- tigen Missionen, dann haben wir. glaube ich, allen Grund recht vor- sichtig zu sein und uns nicht etwa in Sorglosigkeit wiegen zu lassen. (Sehr richtig! links.) Aber auch im Innern haben wir alle Vcran- lassung, einer gewissen Presse gehörig die Leviten zu lesen. Ich verweise die Konservativen und namentlich Herrn Schultz auf das „Eingesandt" eines Regierungsrats a. D. in der„Kreuzzeitung". Der Verfasser ist allerdings Pseudonym geblieben.(Zuruf rechts: Na also!) aber die„Kreuzzeitung" würde eine solche Zuschrift doch nicht veröffentlichen, wenn sie sie nicht als bemerkenswert und richtig ansehen würde und ihr der Verfasser nicht bekannt lväre. Die Zuschrift aber schließt mit dem inbrünstigen Gebet:„O Herr, gib wieder Krieg"!(Stürmisches Hört! hört! bei den So- zialdemokraten.) Ein anderer Beamter wieder ver- weift darauf, daß blaue Bohnen und Kartätschen unter Umständen auch gegen das eigene Boll verwendet werden können. Das sind die Leute, die mit Kartätschen und blauen Bohnen vorgehen wollen gegen ihre eigenen Landes- genossen(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten und Unruhe rechts) und das alles in Ihren Zeitungen, die Christentum und Religion auf ihre Fahne geschrieben haben. In der„Kreuzzeitung", in der„Täglichen Rundschau", in der „Post" ist in geradezu unerhörter Weise gehetzt worden und verlangt worden, die Regierung solle losschlagen. Wer den Frieden unbedingt will, ist die Sozialdemokratie, deren wuchtige Demonstrationen dafür eintraten. Nur mit süßsaurco Miene wurden die Mitteilungen des Reichskanzlers und des Staats- sekretärs über den freundlichen Gedankenaustausch mit England über die Balkanfrage aufgenommen, selbst heute wurde wieder ver- sucht, Mißtrauen gegen England zu säen. Wir wünschen, daß die freundschaftlichen Beziehungen mit England dauernd gefestigt werden, dann kann man auch das Seebeuterecht beseitigen und mit der Abrüstung beginnen. Kein Geringerer, als Fürst Lichnowsky. gegenwärtig Botschafter in London, hat in der Zeitschrift„Norden" als Voraussetzung für eine ernsthafte Einschränkung der Flottenrüstungen eine freundliche Haltung der englischen Politik bezeichnet. Die Voraussetzung ist gegeben, und als Botschafter möge Fürst Lich- nowsky halten, was er als Schriftsteller schrieb. Interessant ist auch die Aeußerung eines Engländers, daß die Aera der Bündnisse der Vergangenheit angehören. Nicht zu drei und drei sollen sich die Staaten zusammenschließen, sondern alle Kulturnationcn sollen in Freundschaft miteinander leben. Europa soll nicht zu eine in Massenschlachthaus gemacht werden, die Kultur- arbeit aller Nationen soll nicht zerstört, sondern vermehrt werden.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdcmo- kraten.) Damit schließt die Debatte. Es folgen persönliche Bemerkungen. Abg. Wendel(Soz.): Der Satz in meinem Bericht, auf den sich der Abg. Oertel bezog, lautete, daß sich in Serbien einer sozia- listischen Demonstration gegen den Krieg nicht einmal Dutzende, geschweige Massen anschließen würden. Nur der Gepflogenbeit des Herrn Oertels, für die geistig schwerfälligen Leser seines Blattes die Dinge drastisch herauszuarbeiten, ist es zuzuschreiben, wenn er dem Satz einen ganz anderen Sinn gab.(Heiterkeit.) Abg. Scheidemann(Soz.): Meine Rede hat in Paris kein Mensch mißverstanden, der sie gehört hat. Nur einer verstand sie alsch, nämlich der, der den Wortlaut, der jetzt allen diesen nieder- trächtigen Berichten zugrunde liegt, nach Deutschland berichtet ha>, und das ist ein Mann, der nach seinem eigenen Geständnis bei dieser Demon st ratio n gar nicht zugegen gewesen i st.(Hört! hört!) Dieser Mann hat sich unter all den großen Pa- riser Zeitungen, die gänzlich objektiv berichtet haben, ein klägliches Nachmittagsblättchen herausgesucht und auf Grund der dort ge- gebenen Darstellung seinen eigenen Bericht zusammengefälscht, und zwar, wie aus dem französischen Wortlaut hervorgeht, bewußt gefälscht. Herrn Oertels Blatt hat die Fälschung zwar richtig gestellt, die kleine Presse aber, die die niederträchtige Fälschung ans einem Blatte nachgedruckt hat, hat sie nicht richtig gestellt. Ich tehe für jedes meiner Worte ein. Wer diese Lüge noch weiterhin verbreitet, den erkläre ich für einen ehrlosen Menschen.(Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Die Interpellationen über die auswärtige Politik werden da- mit für erledigt erklärt. Nächste Sitzung: Mittwoch 1 Uhr.(Innere Politik unter Aus- chluß des Petroleum-Monopols, des Koalitionsrechts der Arbeiter in staatlichen Betrieben und des Wagenmangels, die besonders be- handelt werden sollen.) Schluß der Sitzung 7% Uhr. Heule Lese, und Disrntiertlub„Wilhelm Liebknecht«. Mittwochabend) Sitzung. Vortrag. Gäste willlommen. Eingegangene Druck sickniften. Ausgewählte Gedichte und Erzähluugen in Frankfurter Mundort. Von F. Stoltze. 447 S. geb. H. Keller, Frankjurt a. M. Marktbericht von Berlin am L.Dezember litis, nach Ermittelung des köntgl. Polizeipräsidimns. Marttballenpreise.(Kleinhandel) 100 Kilogramm Erbten, gelbe, zum Kochen 30.00—50.00. Speilebobnen. Meitze, 36.00—«0,00. Linien 35.00—60.00. Karloff-In(Kleinhdl.) 5.00-7.00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleilch, Bauchfleisch 1,40—1,80. Schweinefleisch 1,60—2,20. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,40—2.40. Butler 2,40-3,00. 60 Stück Eier 4,40—6,80. 1 Kilogramm Karpfen 1,20—2,40. Aale 1,60—3,20. Zander 1,40—3,60. Hechle 1,40—2 80. Barsche 0,80—2,40. Schleie 1,60-3,20. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Ktebse 3,00—30,00._ Witterungsüberftcht vom 3. Dezember 1913, »tattonen Swinemde. Haneburg Berlin irankf. a.M Üünchcn Wien I1 st! 1 E« 81 8 2 B— 8? 761®i 76 764® 769 Still 770IW Vetter 4 wolkig 4 bedeckt 3 halb bd. 'Regen 4Regen 3bedccki WK di AU £? m£> »tattonen ie 2 S s| »=8 Ä ii H U S ff ""rs aparanda 758 30 eterSburg 76600 Scilly Aberdcen Paris 770SSW 767!Itill 771® Vena 4 bedeckt »bedeckt 3wolkig bedeckt 2wolfenI c«» 1 1 11 Wetterprognose für Mittwoch, den 4. Dezember 1913. Zunächst etwas kälter, zeitweise heiter bei ziemlich lebhaften südwest. lichen Winden; später wieder zunehmende Erwärmung, Bewölkung und geringe Niederschläge. Berliner W e tt er b ur e a u. Wafferstaildö.Nachrichte« der LandeSanflalt für iSewässerkunde. mitgeteill vom Berliner Setterbureau. Wasserstand Memel, Tilsit P r e g e I, Jnfterburg Weichsel, Thorn Oder, Raiibor , Krassen Frankfurt Warthe, Schlimm , LandSberg Netze, Vordamm ~ I b e, Leitmeritz , Dresden Barby . Magdeburg ' KeWeur: WrcdWikltikt!» LiuMll- Für jlkL Lnltrateiiteil v»ranLw.i Tji.Tlickk,Lirllll. Druck u.Btrlag-. Vorvärt» Wafferftand' Saale. Grochlitz S a v et. Spandau») . Rathenow») Spree, Spremberg») , Beeskow Weser. Münden Mmden Rhein, Maximiliansau . Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main. Hanau Mosel. Trier ') Nnierpegel.__ flr. 283. 20. 2. KcilU im Jonärtf Strlintt loltioliliitl IHittiuodj, 4. Dtzeklber 191� Hbgeordnetenbaus. 98. Sitzung. Dienstag, den 3. Dezember 1912, mittags 11 Uhr. Am Ministertische: v. B r e i t e n b a ch. Der Wagenmangel und die Verkehrsstolkunget» in Rheinland-Westfale». Zu dieser Frage liegt ein Bericht der Schleppmonopolkommission über die Petitionen der Nuhrbergwerke und eine Zentrums-Inter- pellation über die Sperrung des Eisenbahngüterverkehrs auf dem linken Niederrhein vor. Der Kommissionsberichterstatter Abg. Hirsch- Essen lZ.) empfiehlt in longer Rede, die Pelionen der Regierung als Material zu überweisen. Ein Antrag Dr. Arendt sfck) wünscht lieber Weisung zur Berücksichtigung und tunlichste Beschlcuni- gung bei Ausgestaltung der Anlagen und des Materials der Staats- bahnen zur betriebssicheren Bewältigung auch stark steigenden Verkehrs. Nachdem sich Minister v. Brcitenbach bereit erklärt hat, die Interpellation sofort zu beantworten, begründet Abg. Dr. Königer?schaften festgelegten tariflichen Arbeitsbedingungen anzuerkennen haben. Günther spricht zu dem Antrag, der die Ferien betriffk. Mit der Ferienbewilligung sei er soweit einverstanden, aber es sollten keine Unterschiebe gemacht werden. Die Ferien seien zur Erholung da und da müsse jeder vom Personal denselben An- spruch haben.(Lebhaftes: Sehr richtig!) M i r ii s wendet sich gegen diese Auffassung. Soweit Vor- standsmitglieder in Betracht kämen, seien ihnen durch Vertrag drei Wochen gewährt. Wenn für diejenigen, die zehn Jahre da seien. dieselbe Zeit gewünscht werde, so sei das ein Entgegenkommen für ihre langjährige und treue Pflichterfüllung. Man müsse die Tätigkeit der Betriebsleiter auch anders bewerten, als die des unteren Personals. Deren Arbeitszeit sei nicht fest abgegrenzt und Ueberstunden würden ihnen nicht bezahlt, wie es bei dem übrigen Personal geschehe. Redner verwies auch auf die Unmög- lichkeit, bei Annahme des Antrages noch mit den Gewerkschaften Tarife abzuschließen, in denen der Urlaub für die Gewerkschafts- angehörigen geregelt ist. da der Vorstand dann immer erst die Generalversammlung befragen müßte. Im übrigen sei die Ferien- zeit in den sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Betrieben eben- falls nicht gleichmäßig festgesetzt. Er bitte deshalb, den Antrag abzulehnen. Bei der nachfolgenden Abstimmung wird der Antrag, der die Ferien betrifft, mit großer Majorität angenommen.(Lebhaftes Bravo!) Der Antrag, der den Lieferantenberkehr betrifft, wird von einem Redner im Namen der dritten Abteilung begründet. Es äußern sich hierzu noch mehrere Redner. Da die Versammlung der Meinung ist. daß die Resolution am weitgehendsten ist, wird darüber zuerst abgestimmt. Die Resolution wird angenommen, somit ist der Antrag erledigt. Ein Antrag, wonach die Warenpreistabellen in den Verkaufs- geschäften an gut sichtbarer Stelle auszuhängen sind, wird ange- nommen, obgleich der Vorsitzende darauf hingewiesen hatte, daß dieS auch jetzt schon geschehe. Des weitereu verliest der Vorsitzende einen Antrag Stadt« Hagen, der besagt: Die Generalversammlung wolle beschließen: eS ist eine außerordentliche Generalversammlung baldigst einzuberufen, in der die Statutenberatungskommission Bericht zu erstatten- hat und in der Stellung zur Aenderung der Statuten zu nehmen ist. H a l b m a n n stellt hierauf den Antrag, eine Generalversamm- lung einzuberufen, in der Stadthagen über die„zwei Richtungen" sprechen soll mit einem anschließenden Korreferat. Stadthagen bittet, den Antrag H a l b m a n n abzulehnen, da aus den Debatten zu ersehen sei, welche Ansichten vorhanden sind. Auch sei bei der Statutenberatung ausreichend Gelegenheit. darüber zu reden. Wollen Sie aber eine solche Versammlung, ich bin bereit. Halbmann: Lassen Sie sich nicht beirren, wir wollen ein» mal über die zwei Richtungen des Genossen Stadthagen sprechen. (Die weiteren Ausführungen des Redners gehen in der großen Unruhe verloren.) Schimmelpfennig: Es sei beschämen), daß immer von zwei Richtungen gesprochen werde. Wir sind alle Arbeiter. Geben Sie aber Stadthagen das Wort, wir können nur von ihm lernen.(Beifall.) Vicht bittet, den Antrag H a l b m a n n abzulehnen, da ja H a l b m a n n der Ansicht huldige, daß es keine zwei Richtungen gebe. Wenn H a l b m a n n jetzt trotzdem so komme, so sei dies eine Perfidie. Der Vorsitzende rügt diesen Ausdruck. Vicht weitersprechend: Es sehe aus, als wolle man Stadt- Hägen zu etwas zwingen, wo er mit seinem Latein zu Eckde sei. Da werde man sich aber täuschen. Bei der Statutenberatung sei Gelegenheit, ebenso in der Generalversammlung, darüber zu reden, ob es zwei Richtungen gibt. Krüger ist der Ansicht, Stadthagen wolle zwei Rich- tungen künstlich züchten.(Großes Gelächter und Unruhe, in der die weiteren Ausführungen des Redners verloren gehen.)- Nachdem die Debatte durch Schlußantrag beendet ist, wird der Antrag Stadthagem angenommen. Dagegen findet der Antrag H a l b m a n n nur wenige Stimmen. Die Wahl für den Aufsichtsrat hatte folgendes Ergebnis: Abgegeben sind 1246 Stimmzettel. Der vom Genossen» sch a f t s r a t empfohlene Stimmzettel brachte als Aufsichtsvats- Mitglieder Flade, Güttler, Haese, Meister, Schulze. Lange, der von Mitgliedern der Propagandakommission empfohlene Zettel den Bevollmächtigten des Fabrikarbeiterverbandes Bruns, Lamme, Königs, Güttler, Flade und Mänz in Vorschlag. Als Er- satzpersonen werden auf beiden Zetteln Reinhard, Linde, Lüdecke und Bödner, außerdem vom Genossenschaftsrat allein Stürmer empfohlen. Es wurden gewählt: C. Bruns(1114 Stimmen), H. Lamme(1160 Stimmen), H. Königs(1119 Stimmen). F. Güttler(1221 Stimmen). G. Flade(1074 Stimmen). I. Mänz(1047 Stimmen). H. Reinhardt(1340 Stimmen). E. Linde(1353 Stimmen). E. Bodner(1348 Stimmen). Lüdecke(339 Stimmen), Stör, mer(329 Stimmen). nrwiriririnnrmaDcmllOaumiaxiliaulxoxaxmm� u,«..,,»,, n killige Knaben-Kleidung zu Bescherungen und Geschenken geeignet h Manchester-Blusen- Anzug SÄ Jedes älter« Jahr 10 Pf. mehr Man<�ester-Sport- Anzug Jedes ältere Jahr 50 Pf. mehr Prinz- Heinrich- Knaben• Anzug bU, K��n-Cbeviot fü, K""«- � � � � Prinz-Heinrich- Knaben- Anzug l. blftu Kimmjarn-Cheriot, für 2-3 jäbnj. Kn.b.o........... 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Den Parteigenossen zur Nach richt. dag am Montag, den 2. De- zember d. � unser Mitglied, der Metallso>incr Willi Künixer Äestendstr.22, tödlich verunglückt ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 5. Dezember. nachmittags 3 Uhr von der Halle des Gemeinde-Friedhoses aus stati. Zahlreiche Beteiligung erwartet _ Die Bezirksleiiung. Gesangverein „LiedeFtalel OtieF-Schönewelde". Den Sangesbrüdern die traurige Nachricht, daß am Montagnach- mittag unser treues Mitglied, der Sangcsbruder Willi Könixer an den ssolgen eines Unglücks- salles verstorben ist. Wir raeiden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 5. Dezember, voi�derLeichenhalle deS Gemeinde- rtiedhoses aus statt. Die SangcSbrüder werden ge- beten, sich vollzählig um 2'/« Uhr an der Leichenhalle zu versammeln. Ter Borftand. Denlseiier flolzaFheiler-Verhand. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht. dag unser Kollege, der Möbel- Polierer August Streit Wiener Str. 28, im Alter von 6g Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 4. Dezember,»ach- mittags 3'/, Uhr, von der Halle des EmmauS- Kirchhofes in Neu- kölln, Hcrmannltrabe. aus statt. 92/2 vi» Ortsverwaltung. Verliand jder SchneideF u. Sehnelderinnen. De» Mitgliedern geben wir j hiermit bekannt, dafi der Kollege Reum am 2. Dezember 1912 im Alter von 48 Jahren verstorben Ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, 5. Dezember, aus dem Südwest-Friedhos in Stahns- dors statt. Abfahrt 12'/, Uhr vom Charlottenburger Stadtbahnhof 165/9 vi» Ortoverwaltung. ttllen Freunden und Berwandlen i Die traurige Nachricht, dag mein | lieber Mann und Bater RnsaN BS e um Peaalozzistrahe 22 verstorben ist. 45A Um stilles Beileid bitten Die trauernden Hinterbliebenen grau Alwine Itcam nebst Sohn. Die Beerdigmig findet am Donnerstag, den 5. Dezember, nachmittags 2 Uhr. auf dem Süd. wcsttirchhos in Stahnsdors statt. Allgemeine i�ran kell- u. 8terde> Itasse der deutschen Drechsler und deren Beruisgenossed =(®. H. 86, Hamburg)------- Verwaltungsstelle Berlin It. Am 30. November verstarb mrser Mitglied 299/42 August Streit. Ehre seinem Andenken k Beerdigung heute Mittwoch, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des Cmmaus- Kirch» hoscs aus. Nachruf. Am 1. Dezember verschied plötzlich der seit mehreren Jahrzehnten bei uns tätige bewährte, pflichttreue Beamte, der stellvertretende Eendant Hexr Riclmnl Weller im 60. Lebensjahre an Gehirnschlag. In Herr» Weller haben wir einen unserer besten, im Interesse der Kasse und der Mitglieder stets treu arbeitenden Beamten verloren. Seine" wirkungsvolle Tätigkeit und die Lauterkeit seines Charakters werden sein Andenken bei uns unvergessen machen. 1521b Die Beerdigung findet Donnerstag, nachmittags 3 Uhr, in Plötzenses auf dem Heilands-Friedhofe statt. Der Vorstand der Ortskrankenkasse des Maurergewerbes zu Berlin. 6. Lehmpfuhl, Schriftführer. A. Daehne, Vorsitzender. Nachruf. Sonntagnachmittag verschied plötzlich unser allseitig verehrter Kollege, der stellvertretende Rendant Richard W cllcc im 60. Lebensjahre. Unser Kollege Weller war uns stets ein Vorbild für getreue Pflichterfüllung und Ehrenhaftigkeit. Er wird uns wegen seiner vorzüglichen Charaktereigenschaften und insbesondere wegen seiner stets Dewiesenen Kollegialität unvergeßlich bleiben. 1522b Die Beamten der Ortskrankenknnse de« Manrergewerbe«»ii Berlin. VeFtiand d. Brauerei- u.iliihlen- arbeiteru. verw.ßeFuIspüssen. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, das; am 2. Dezember der Kollege, Handwerker-Hiltsarbeiler Lcnsi Mirau plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung ersvlgt morgen Donnerstag, de» 5. Dezember, nachmittags>/,4 Uhr, von der Leichenhalle des Bartholomäus- KirchhoseS in Weitzensee, Fallen- berger Chaussee, aus. Rege Beteiligung ertoartet Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau, Mutter, Tochter und Schwester ttelene Heinclke geb. Swobodn sagen wir allen Berwandten, Freunden und Befannten towie dem Sänger- chor Vorwärts-Südoft, dem Lotterie- Uiib Hoffnung,, dem Pflanzerverein Grüne Weide unseren ausrichttgsten Dank. 281/9 Gvsla» Heindke und Sohn. __ Familie Swoboda._ Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Tednahme bei der Beerdigung meiner lieben Müller 42A Ann» Klopsch sagen allen Freunden und Bekannten sowie den Bolensrauen der.Bor- wäris'- Spedilion Moabit und dem Deutschen TrauSporiarbeiter-Verband unseren herzlichsten Dank. Einiiia Klopsch. Karl Stark. Danksag/ung. Allen Freunden, Genosiinnen und Genosse» für die rege Teilnahme, die herrlichen Blumensprnden, den erhebenden Ges.ing sowie die warm zu Herzen gehenden Sorte am Sarge und der Gruft meines lieben, ach, so jäh aus dem Leben gerissenen Mannes Bernhard Langhop tage ich alle», allen meinen herz. lichsten, ausricktigen Dank. Ibllb Im tiessten Schmerze A�nes Langhop. jWestmaiinsTraiierinapazin Extra- Abteilung ! I Gesch.: Berlin A., Mohren- Stra8e37aI2. Haus von der Jerusalcmer Straße). ! II. Gesch.; Berlin NO., Große Frankfurt. Str. 1 1 5(2. Haus von der Andreasstraße). | Sehrgr. Ausw. fert. Kleider, ] Hüte, Handschuhe, Schleier Eutc. v. einfachsten bis zum | hochelegant Genre z.äußerst niedrigen Preisen. Sonder- Abteilung: naUanfertlgung in 10 bis 12 Stunden. MM Klilii ' Fertig am Lager: uMik-NW�ZS« tmsstfürAdlkrcho� rfttiHazIfge M Wnkleiiür llio: 8m. 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Dezember er. in drei Abteilungen nach örtlichen Bezirken statt. a) Zur Abteilung 1 gehören alle diejenigen Kassenmitglieder, welche in Betrieben beschästigt sind, die in Treptow und Baumschulenweg liegen. b) Zur Abteilung 2 gehören alle diejenigen Kassenmitglieder, welche in Betrieben beschästigt find, die in Nieder-Schöneweide und Jo- hannisthal liegen. c) Zur Abteilung 3 gehören alle diejenigen Kalsenmitglieder, welche in den übrigen Ortjchaslen des Kassenbezirks ihre Beschästigung baben. d) Berechtigte Kassenmitglieder üben ihr Wahlrecht bei derjenigen Wabl- nbteilung auS, in deren Bezirk ste wohnen, austerhalb deS Kassen- bezirts wohnende wählen in der ihrer Wobnung am nächsten ge- legenen Wahlabteilung, Die Wahllokale sind folgende: Abteilung 1: Treptow, Graetzstr, 28, Restaurant Kimmel, Abteilung 2: Nieder-Schöneweide, Grünauer Straße 3, Restaurant Kienast, Ab:eilung 3: AdlerShof, Bismarck- straste 16, Restaurant Kaul. Stimmabgabe hat in Treptow von Uhr. in Nieder-Schöneweide und Adlers- hos von 5'/,— 7'/, Uhr zu erfolgen. Wahlberechtigt und wählbar sind nur diejenigen Kassenmitglieder, weiche großjährig und i», Besitz der bllrger» Ischen Ehrenrechte sind. Zutritt zu den Wahllokalen und Ausübung deS Stimmrechtes ist nur denen gestattet, die nachweisen, daß sie am Tage der Wahl noch Mitglied der Kasse sind, sei es durch ordnungs« mästig abgestemvelieS Ouittungsbuch, durch Ouitiungskarte oder durch Be- scheinigung des Arbeitgebers, Die Sflmmzeitel müssen Bar- und Zunamen sowie Wohnung deS zu Wählenden genau bezeichnen, Die Wahl von 44 Vertretern der Arbeitgeber und SS Ersatzmännern derselben erfolgt am Fsreitag, den SO. Dezember ct., im Restaurant Ledmgrübner zu Adlershos am Bahnhos in der Zeit von 4— 5'/, Ubr. Die Stinn. stiel müssen Bor- und Zunamen sowie Wobnung des zu Wählenden genau bezeichnen. 284/4 Der Vorstand. Max Knappe. Vorsitzender. (l Haben Sie olott9 ich fettigt davon Anzug od. Pttieiot nach Mo ss, schick, daaerh. Zutaten oon 25 AlzrJc an. Moritz JUtband, Neue Promenade 8, II.(Stadib. Bon.) Gesundheit n. Schönheit erlangt man durch Dp. Johansen's Vibrationu-Müsiiier Apparat „SVtampuls" •ei richtiger Auwendune. Wirksamstei Veiliindeier und oseiiiger durch schlechte Hlutziikulalion entstanileuer orcaaischci Stömneeu de- Körpers. SO Mrk. General-Vertreter für Deutschland H. Seidel Naclif. Vertrieb; Berlin Oorotheenstr. 30 i. Ld V orführ. kostenl. u. a.Wunsoh Besuch. Vertreterüberall gesucht. mohrenstr.«372 rSr. Frantefurterstn US 14 Serien PIQsdimäntel d&runt. Woilplfinch, Yelomra du Nord, reht entl.Llat�r Kr1lmnnf»r In allen Urösnea, frühere VerkaufapreUe zum Teil das Doppelte, bei Modollen noch höber. Serie I.... M. B2«4« Utrmaliullgsstrlle Kerlin. C. 54, Finienstr. 83—85. c*"*___... �.rx..u�.. � rc:» Mittwoch, den 4. Dezember 1912, abends 8 Uhr, im „Slvinemunder Geselkschaftöhaus", Swinemiinder Straße 42: Versammlung der vaekdeeker und Hilfsarbeiter. Tagesordnung: 1. Kassenbericht vom 3. Quartal 1912. 2. VerbandSangelegenheiten. Unter VerbandsangelegenheNen sind sehr wichtige Punkte zu erledigen. DaS Erscheinen aller Kollegen und Berussgenossen Ist deshalb dringend notwendig. VerbandSbuch legitimiert. Ohne dasselbe kein Zutritt. 12/13' Der Vorstand. Verband der Maler, Sacklerer, Anslreielier etc. Bureau: Melchiorstr. 28, Part.!/!!!,>. Dnpliii Arbeitsnachweis; Rückerslr. 9. Fernspr.: Amt Moritzplatz, 4787. niifllC De! liu. Fernspr.: Amt Norden, 6708. Donnerstag, den S. Dezember, abends S'/, Uhr: Sektious-Versammlung der Lackierer im Gelverkschaftshause, Engelufer RS. Tagesordnung: I. Vortrag dos Genossen Hans Weber:„Was lehrt uns die �jeit V" 2. Diskussion. 3. Zlnfstellnug eines Delegierten znr l.4. Generalversammlung. 4. Verbands- angeiegenheite». Wir erwarte», daß die Mitglieder vollzählig erscheinen. 127/10 Die Sektionsleltung, c z Alkohoffreie GetrAnke frauz Abraham RinK HeMina-u.RSmertrank-Kell. W 4, B«ll«l»lr. 8», Fernap. KgBt. 18703 Erscheint 2 mal wSchentlich. [ BezMgsqi«eHen"VepgegchiilSa( Untenstehende Geschäfte empfehlen sich bei Einkäufen Si-8i Bestes alkoholfreies GetrSnk. Berlin 0,Rudol{str.4. £ Arbeiter-Bekleidung Hamburger Laden, Charl.,W»llit.G9 �Biokerelen, Konditor.1� Bio-rtnep'a GroBbäckerei Geschäfte In Berlin, Charlottenbupg, Schönebers, Wilmersdorf, j Bohndorfs Bäck�Königsbergerstr 30 Paul Delly, Markasstraße 15. 8rot-Fabrik„Vorwärt8" ILermirnnüIlric� c Beruf eklelduno J Franz Faulwetter, Manleaffel«tr.67. E. Freyer,BlaEeDKtr. 72,£. Markcsatr WÜIl. lm\ WeitaMef*FtrUr. 4. Verkaut in Milchgeschäften Berlins. Bekannt gegaosn. d. Plakat». Georg Ganz. Memelerstr. 20 ll.ri6nosr?aÄrgrr- 38 Otkarilünke's BrotlMerei 7S OeechlUt« in Allen Stadtteilen Berlins nnd in Rixdorf. CegrUndet 18»«. Hoppe>Niicbf.Knii«rek,Aililb«rtJt.SS Killet-GroBb&ckerel, Boflestr. 8. Emst Küster, Frankf, Allee 197. Emil Lleske, Grüner Weg 1S2. Hermann Markau, Rigaerstr. 107 Mattke, Gipastr. 9. E. 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Es werden folgende Themen behandell: Die Abstammungslehre. Beweise auS der Anatomie, EntwickelungS- geschickte und Versteinerungskunde. Lebende und ausgestorbene Zwischenglieder.— Am nächsten Mittwoch werden behandelt: LamarckiSmus und Darwinismus. Neuere Versuche, die Entstehung der Tier- und Pflanzenarten zu erklären. Johannisthal. Der zweite Vortrag deS vom BildungSauSschufi veranstalteten Vortragskursus:„Grundfragen der Erziehung' findet am Donnerstag, den 6. Dezember, abends 8'/z Uhr, im Lokal von Bieber, Friedrichstratze 6, statt. Genosse R ü'h l e behandelt das Thema:„Die Erziehung im Hause." Die folgenden Vorträge iverden am 12� und 19. Dezember gehalten. Einlaßkarten zum Preise von 30 Pf. sind am Eingang des LokalS, sowie an den be- kannten Stellen zu haben.' berliner Nachrichten. Die Vildungsarbeit der Groß-Berliner Arbeiterschaft. Der Zentralbildungsausschuß für Groß-Berlin trat gestern zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Die Gewerkschafts- kommission hat die Genossen Link, Mirbach, Sassen- dach, Wissel und W a c l a Iv i a k in den Istlsschuß gewählt, während von der letzten Ncrbandsgencralversammlung bekannt- lich die Genossen Daum ig, Grunivald, Lamms, Genossin K a u t s k y und Genosse Dr. S i l b e r st e i n ge- wählt wurden. Die erste Sitzung wurde ausgefüllt durch eine grundlegende Aussprache über Arbeitsfeld und Aufgaben des Ausschusses. Von allen Seiten wurde konstatiert, daß der Ausschuß in allen Bildungsfragen führend und anregend wirken solle. Die Arbeiterschaft soll systematisch mit den Theorien und der Geschichte des Sozialismus und der Volkswirtschaft vertraut gemacht werden durch Vorträge, Vortragszyklen, Unterrichtskurse usw. Daneben sollen auch die anderen Ge- biete der Allgemeinbildung zu ihrem Rechte kommen. Außer- dem soll der Bildungsausschuß seine Aufgabe darin erblicken, die Arbeiterschaft zum Knnstverstehen und Kunstgenießen zu erziehen. Benutzt werden sollen die schon jetzt vorhandenen Kunst- und Bildungseinrichtungen, soweit sie in den Nahmen einer sozialistischen Bildnnqsarbeit hineinpassen. Notwendig ist, daß in den einzelnen Wahlkreisen(rcsp. Ort- schaften) oder Gewerkschaften ebenfalls Bildungsausschüsse ge- schaffen werden, die die Anregungen des Bildungsausschusses weiter vermitteln sollen. Als Obmann des ZentralbildungsauSschusseS wurde Ge- noffe D ä u m i g gewählt. Die Wahl des Sekretärs wird in einer gemeinschaftlichen Sitzung des Zentralvorstandes und der Gewerkschaftskommission erfolgen. Bei Tagcsgrauen. Spät erst schiebt sich eine fahle Morgendänimerung jetzt über den östlichen Himmel. Wenn das künstliche Licht all- mählich in den Straßen der Großstadt erlischt, dann ist der Tag— der Tag der Arbeit— längst schon erwacht. Bilder von eigenartigem Reiz bietet in diesen Stunden die Großstadt, wert, daß sie die Kunst des MalcrS auf Leincwand bannte. Denn reich an bewegten Szenen und überreich an ungeivöhn- lichen, zarten Farbcnstinnnungen sind diese spätherbstlichen Morgenstunden. Irgendwo im Osten der Stadt. Eine Naßkalte Feuchtigkeit liegt auf dem Straßenpflaster. Nebel umrieselt Dächer und Hausmauern. Nirgends Linien, nirgends scharfumriffene Konturen. Die Umrahmungen der Fenster und Türen zer- fließen in diesem fahlen Schein. Rote Lichter glühen ans einem milchigen Dunkelgrau. Und dieses Leuchten macht das Straßcnbild nur noch müder, noch verschlafener. Dunstschleier wallen und ivogcn über den Himmel. Sie engen den Hori- zont ein, geben allem Nahen etwas Gespcnstisch-Unheim- liches. Und aus diesem naßkalten, fahlen Gewoge zuckeln mit trüben Lichtern Min paar Markthallen- wagen heraus. Knisternd rasseln die Wagen der Elektrischen dahin. Rollen auS dem Nebel heraus, rollen in den Nebel hinein.... Und Menschen kommen und gehen. Einzelwesen unterscheidet das Auge nur ganz in der Nähe. Aus der Entfernung ist es, als schöben sich dunkle Ströme heran, die aneinander vorbeifluten, stumm, müde, mit schlürfenden Schritten und gesenkten Häuptern.... So rinnen Nacht und Tag in fröstelnder Dämmerung in- einander. Alles Dunkle erscheint verzerrt, alles Halbhelle um- schlciert. Und doch ist in Wirklichkeit nichts Schwankendes da; alles steht an seinem rechten Fleck, Menschen streben anein- ander vorüber, die sich nicht kennen und dennoch unter dem gleichen Zwange stehen und zu demselben Zwecke in Bewegung gesetzt worden sind. Ungewißheit und Unbestimmtheit um- spinnen diese Welt der ersten spätherbsuichen Morgenstunden. Und erst wenn der kurzlebige Tag sein Haupt erhoben hat, ist dem Straßenbildc ein wenig von jener unbarmherzigen Furchtbarkeit genommen, die das erste Großstadterwachen ihm gegeben hat._ Das Pathologische Institut der Königl. Universität hat seine Pforten für das Publikum wieder geöffnet. Begründet von Rudolf Virchrnv, dient es in erster Linie dazu, den Studierender» der Medizin während ihrer Studienzeit„der Menschheit ganzen Jam- mer" vor Augen zu füljren; aber auch das Publikum, die Arbeiter- fchaft kann hier viel lernen. Das Virchaw-Museum. wie es allgemein genannt wird, beherbergt in den Sälen, welche für das Publikum geöffnet sind, eine Unmenge von Präparaten menschlicher Organe, die durch Einwirkung der verschiedensten Krankheitsursache», wie z. B. durch die vcrschi denen Bakterien und Kokken, entartet sind. — Zurzeit finden jeden Sonntag von 11 Irs 1 Uhr von sachkundigen Führern Erläutcriingen statt. In den Parterresälen kann einem ein gcwifies Gruseln erfassen beim Anblick so vieler kleiner Mensch- lein, die schon im Mutlerleibe entartet sind. Anders gestaltet sich aber das Interesse in den oberen Räumen. Hier die Englische Krankheit(Rhachitis), die so oft unsere kleinen Liebling« infolge unzweckmäßiger Ernährungsweise uno Mangel an Licht und Lufr heimsucht, aber auch den Löwen nicht verschont; dort Knochenbrüche aller Art, gut und schlecht geheilt, wohl meistens Bctriebsvcrletzun- gen; da ein Stück Wirbelsäule, durch kolossale Gewalt entz>vci- gebrochen, links und rechts vom Marl ausgehend, die Nervenstränge deutlich zeigend. In einem anderen Saale finden wir Kulturen von Erregern der Pest, Cholera, Typhus, Tuberkulosis usw.; Ge- Hirne, bei denen durch plötzliche Blutungen der sog. Schlaganfall (ganze oder teilweise Lähmung) herbeigeführt wurde. Ferner Er- krankungen der Lunge(Tuberkulose), wo durch Einwirkung des Tuberkulins, durch Behandlung in unseren Heilstätten, eine wenn auch nur vorübergehende Besserung erzielt wurde; aber auch solche, bei denen alle Kunst vergeblich war. Auch das Kapitel über Alkoholismus und Syphilis zeigt abschreckende Beispiele und lehrt deutlich, wie notwendig es ist, außer in Wort und Schrift, auch auf diese Art aufklärend zu wirken, denn— so ihr nicht sehet, so glaubet ihr nicht— wo trifft dieser Satz wohl besser zu, als gerade hier. Von großer Wichtigkeit ist auch die Abteilung„Frauen- kranlheiten". So manche Frau und Mutter kann hier lernen, daß viele Erkrankungen und langes Siechtum vermieden werden könn- ten, wüßten diese, wie es in ihrem Innern beschaffen ist, damit sie rechtzeitig ärztliche Hilfe aufsuchen.— Das Direktorium dieses Instituts, die Herren Geheimrat Tr. Orth und Herr Prof. Dr. Kaiserling, sind seit einiger Zeit bemüht, an den einzelnen Präpa- raten stait der lateinischen wissenschaftlichen Bezeichnungen durch deutsche Benennungen die Besucher aufzutlärem Ter Besuch dieses auch für die Arbeiterschaft wichtigen und lehrreichen Instituts, wel- ches in der Neuen Charite, am Humboldihafen, Eingang Alexander- ufer, gelegen ist, kann nur bestens empfohlen werden. Der Kinematograph als JugendbildungSmittcl. Mit dieser Frage beschäftigte sich am Montag eine Versammlung des Berliner Lchrcrvereins. Nach einem Vortrage wurden folgende Leitsätze angenommen: 1. Der Berliner Lehrerverein hält den Kinematographen für ein wertvolles Bildungsmittel. Die Kineniatographentheater pflegen aber fast ausschließlich da? in ästhetischer und ethischer Beziehung wertlose, ja meist verderbliche Kinodrama. Deshalb ist eS dringend notwendig. Jugendlichen unter lö Jahren den Besuch öffentlicher, für Erwachsene bestimmter Kinovorführungen zu verbieten. 2. Für Jugendliche und Kinder sind besondere Vorstellungen zu veranstalten, die entweder als Schulvorführungen(im Schul- gebäude und innerhalb der Unterrichtszeit) Unterrichtsstoffe ver» anschaulichen oder als Jugendvorsiellungcn, die nebenbei auch das Uiiterhaltungsbedürfiiis eiiiwandfrei befriedigen, in Kinemato- graphentheatern stalifinden. 3. Das Programm der Jugendvorstellungen muß nach unter- richtlichen uiid erziehlichen Gesichtspuutten unter Mitwirkung von Pädagogen aufgestellt werden. Jede belehrende bildliche Dar- bictiing muß von einer inündlicheii Erläuterung begleitet sein, die der FassniigSkraft der Hörer angepaßt ist. 4. Es ist erwünscht, daß die Behörden mustergültige, be- lehrende FilmS ankaufen und für Schul- und Jugendvorstellungen zur Verfügung stellen, in Schulgebäuden Einrichtungen für kine- matographische Vorführniigen treffen oder in den Vormittags- stunden den unentgeltlichen klaiieniveisen Besuch von Schulvor- stellungen in Kiiiernatographen-Theatern ermögliche». Bemerkt sei noch, daß in Kürze eine polizeiliche Verfügung er- scheinen dürste, die Kindern iiirter sechs Jahren den Besuch der Kinotheater überhrnipt und Jugendlichen unter sechzehn Jahren den Besuch der allgemeinen Vorstellilugeli untersagt. Diese Maßnahmt, die in der Debatte von einem Vertreter der Berliner Polizei an- gekündigt wurde, soll für die ganze Provinz Brandenburg Geltung haben. Sie wurde von den versammelten Berliner Lehrern mit uiigeteiltem Beifall aufgenommen. Das Kuratorium de? Schlacht- und Bichhofes hat in seiner Sitzung am Dienstag die Beraiung des Etats von 1913 vor- genommen. Eine Erhöhung der Arbeiterlöhne wurde nicht besprochen, a auf die Arbeiten deS Magistrats, der diese Fragen gegenwärtig berate, hingewiesen wurde. Bemerkenswert bei dieser Etatsberatung war, daß infolge de« von uns schon neulich gekennzeichneten Rückganges des Betriebes und der Schlachtungen die Einnahmen stelleiiweise bedeutend herab- gesetzt werden. Nach Erledigung einer ganzen Reihe Verwaltungssachen und An- träge kam wieder einmal die Frage der Oeffinmg des Rinder- schlachthofes früh um 3 Uhr statt 4 Uhr zur Sprache. Die Rinderschlächter haben, obwohl sie bei der Abstimmung in dieser Frage die Gesellen ausgeschlossen, ein jämmerliches Fiasko zu ver- zeichneu. Sie hatten sich nunmehr in einer Beschwerde gegen die städtische Verwaltung an den Regiernngspräsidenten gewandt. Merkwürdigerweise hat der Herr Regierungspräsident wohl den Polizeipräsidenten wegen des Andranges am Morgen vor der EngroS- Markthalle gehört, nicht aber die Sckiweineschlächtermeister, die mit großer Majorität seinerzeit es entschieden abgelehnt hatten, daß der Schlachthof für Schweine- und Rinderfleiicher früh zugleich geöffnet iverden solle, und zwar gerade des lebensgefährlichen Andranges an der Engros-Markthalle wegen. Wer unieren Regierungs- Präsidenten kennt, wird sich darüber nicht wundern, daß er die um ihre Nachtruhe und ihre Gesundheit besorgten Fleischcrgesellen in diele» Frage nicht gutachtlich gehört hat. Der Herr Regierungs- Präsident wünscht nun vom Kuratorium die frühere Oeffnung des Rinderschlachthofes an zwei Tagen in der Woche und zwar gerade an den beiden Tagen, an denen der Nudrang ein lebensgefähr- licher ist. Die Sache wurde, da die Sitzimg sich ziemlich gelichtet hatte, auf Antrag von sozialdemokratischer Seite vertagt; es wird auch ab- zuwarten sein, ob sich das Kuratorium diesen Eingriff in die Selbst« verivaltimg gefallen lassen wird, oder aber es darauf ankommen läßt, daß der Herr Regierungspräsident im Verwaltungswege An- ordnungen treffen und dadurch natürlich die Verantwortung n b e r n e b m e n will, die zu tragen das Kuratorium sich entschieden weigern muß. Das Brandunglück in Olerschöncwcide in der Fabrik für Be- leuchtungSgegenstäude von R. Frisier Aktiengesellschaft hat zwei weitere Todrsopser gefordert. Im Königin-EIisabeih-Hospital sind auch die beiden Arbeiter K ö n i g e r und Neefschläger ihren schweren Verbrennungen erlegen. Beide hatten die Besinnung schon wieder erlangt, doch verschlimmerte sich ihr Zustand im Laufe des gestrigen Nachmittags so sehr, daß gegen abend der Tod eintrat. Von den drei Verunglückten war nur Necfschläger verheiratet. Sieben Soldaten von einem durchgehenden Gespann verlebt. Ein schwerer Unfall, bei dem vier Grenadiere des Königin-Elisabeth- Garde-Grenadierregiments Nr. 3 schwer, drei andee leicht und ein Man» des Luftschifferbataillons schwer verletzt wurde, ereignete sich am Dienstaginorgen gegen 8!4 Uhr in der Nähe der Schcringschen Fabrik am Tegeler Wege. Wir erfahren darüber folgendes: Gestern morgen sollte der Kutscher Dorschott � vom Lustschiffer- bataillon mit einem Jagdwagen nach dem Bahnhof Jungsernheide fahren, um dort mehrere Offiziere abzuholen. Hinter dem Bahnhof Jungsernheide wurden die Pferde vor einem vorüberfahrenden Güterzug scheu und rasten den Spandaucr Weg entlang. Der i Kutscher versuchte, die aufgercaten Tiere zu zügeln, doch ließen sich diese nicht mehr halten und schleuderten schließlich das leichte Fahr- zeug gegen einen Baum. Bei dem Zusammenprall wurde der Kut- scher vom Bock geschleudert, verwickelte sich jedoch in die Leine und wurde eine Strecke weit mitgeschlcist, wob"i er furchtbare Ver- lctzungen im Gesicht und an den Händen erlitt. Er wurde später mit einem Schädelbruch und inneren Verletzungen aufgefunden und in das Garnisonlazareit-ocbracht, wo er in bedenklichem Zustande daniederliegt. Die zügellosen Pferde jagten nun weiter den Tegeler Weg entlang. Dort marschierst: eine Kompagnie des Königin- Elisabeth-Gardc-Grenadierrcgimcnis Nr. 3, die die Schießstände in der Jungsernheide erreichen wollte. In der Nähe der Schering- schen Fabrik macht die Straße einen Knick, so daß der Weg sehr unübersichtlich ist. Die Mannschaften hörten hinler sich einen Wpgen mit großer Schnelligkeit Herannahen, nahmen jedoch an, daß der Kutscher seine Pferde rechtzeitig zum Stehen bringen werde. Plötzlich tauchte das Gespann in der Kurve auf und die rasenden Tiere stürzten in den Soldaten trupp hinein. Ehe noch die Mann- schaften die Situation erkennen und beiseite springen konnten, lagen 12 bis lö Grenadiere am Boden, über die Pferde und Wagen hinweggingen. Auf das Schreien und Stöhnen der Verletzten auf- merksam gemacht, eilten nunmehr einige Unteroffiziiere und Grenadiere hinzu, die nur mit großer Mühe die noch immer um sich schlagenden Tiere festziihalien und zu beruhigen vermochten. Eine Untersuchung ergab, daß vier Soldaten schwere Verletzungen am Kopf, an der Brust und am Unterleib davongetragen hatten, so daß sie auf den Mannschaftswagen der hinzugerufenen Char- lottenburger Feuerwehr nach dem Charlottenburger Garnisonlaza- rett gebracht werden mußten. Drei Mann waren mit leichteren Quetsch- und Fleischwunden davongekommen, so daß sie sich mit Unterstützung ihrer Kameraden in die Kaserne begeben tonnten, Der Zustand der vier Schwerverletzten ist ernst. Im Straßendienste tödlich verunglückt ist in der vergangenen Nacht der 41 Jahre alte Schutzmann Theodor Karlinski aus der Schreinerstr. 43. Der Mann bestieg um 1 Uhr zu einer Patrouillen- fahrt an der Ecke der Leipziger und Mauerstaße sein Zweirad. Kaum war er im Sattel, da glitt er auf dem schlüpfrigen Fahr- dämm aus und kam so unglücklich zu Fall, daß er unmittelbar vor das linke Hinterrad eines Kraftomnibus stürzte. Das Rad des schweren Wagens ging ihm über den Kopf hinweg und verletzte ihn so schwer, daß er auf der Stelle tot liegen blieb. Der Verunglückte hinterläßt eine Frau und drei kleine Kinder, von denen zwei noch nicht schulpflichtig sind. Lichtbilder-Borträge für Kinder im Gewerkschaftshause. Die Eintrittskarten für den Lichtbilder-Vortrag am Dienstag, den 19. Dezeniber, sind vergriffen. Mit Rücksicht auf die starke Nachfrage wird der Vortrag am Mittwoch, den 11. Dezember, wiederholt werden. Das Programm für beide Vorträge ist dasselbe. Eintritts- karten ä 10 Pf. sind im Zigarrengeschäft von Paul Horsch, Gewcrk- schaflshaus, zu haben. Ein gefährlicher„Onkel" wird von der Kriminalpolizei eifrig gesucht. Er ist einer jener Unmenschen, die in den Kienköppen unter den Kindern ihre Opfer suchen. Am Sonntagnachmittag besuchten der 8 Jahre alte Sohn Edmund und die 9 Jahre alte Tochter Pelegha eines Schneiders aus der Jnvalidcnstraße«inen Kientopp in jener Gegend. Dort machte sich ein Mann an sie heran, der ihnen erzählte, daß er ihr Onkel sei. Während der Vorstellung gewann der Mann das Zutrauen der Kleinen, indem er ihnen Schokolade schenkte und nahm das Mädchen wiederholt auf den Schoß. Später überredete er es, mit zur„Tante" zu gehen, um sich dort ein Mäntelchen anpaffen zu lassen. Den Knahen schickte er nach Hause mit dem Versprechen, daß er ihm ein« kleine Eisenbahn schenken werde, die die Schwester gleich mitbringen werde. Der Unhold eniführte jetzt die Kleine auf der Bahn nach Frohnau, vergewaltigte sie dort im Wald in der rohesten Weise und ging dann mit ihr, die heftig weinte, die Landstraße entlang, wieder nach dem Bahnhof zu. Als ihnen ein reitender Gendarm begegnete. fürchtete der Kerl wohl, daß dieser das jammernde Kind ansprechen werde, ließ es deshalb stehen und lief seitwärts in den Wald hinein. Der Sicherheitsbeamte nahm sich jetzt der Kleinen an. Sie erzählte ihm nur, daß der Mann sie habe stehen lassen, von dem Ueberfall sagte sie nichts. � Auch zu Hause verschwieg sie den Eltern, denen der Sicherheitsbeamte sie hatte zuführen lassen, die Schandtat des Entkommenen, und erzählte nur. mit welchen Versprechungen der „Onkel" sie mitgenommen und wie«r sie verlassen habe. In der Nacht begann sie plötzlich in einem Ficbcranfall zu phantasieren. Jetzt erst entdeckten die Eltern, was geschehen war, begaben sich mit der Kleinen nach der Unfallstation und am anderen Morgen nach einer Klinik. Di« beiden Kinder beschreiben den Unhold überein- stimmend. Hiernach ist er mittelgroß und nicht mehr ganz jung. Er hatte einen graumelierten Schnurrbart und Bartstoppeln im Gesicht und trug einen grauen Anzug, dessen Hose geflickt war, eine Sportmütze und keinen Kragen. Im Stadtbahnzug erschossen hat sich in der vergangenen Nacht der 18 Jahre alte Handlungsgehilfe Lucian Jaskiewecz aus der Wichertstr. 130. Der junge Mann, der mit seinem älteren Bruder zusammen ein möbliertes Zimmer bewohnte, hatte seit vier Monaten keine Stellung mehr. Alle seine Bemühungen blieben ohne Erfolg. Es kam hinzu, daß sein Bruder erwerbsunfähig im Krankcnhause liegt. Nach Erschöpfung seiner geringen Mittel kämpfte Jaskiewecz mit Nahrungssorgen und Hunger, bis er in der Verzweiflung zum Revolver griff. In der vergangenen Nacht kurz vor 1 Uhr schoß er sich in einem Abteil 2. Klasse eines Nordringzuges kurz vor dem Einlaufen in die Station Puttlitzstraße eine Kugel in die rechte Schläfe. Auf der Haltestelle bemühte sich noch ein Arzt um ihn. konnte ihn aber nicht mehr retten. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Ein wertvolles Schmuckstück hat gestern eine unbekannte Dame unter verdächtigen Umständen im Stich gelassen. Es handelt sich um den Anhänger eines Colliers, der etwa 1500 M. wert ist. Er besteht aus zwei Teilen. Der obere enthält 9 Brillanten, einen großen in der Mitte und acht etwas kleinere um ihn herum; der untere 3, einen größeren, der von 6 kleineren umgeben ist. Die Dame bot den Schmuck vormittags in einem Geschäft zum Kauf an. Der Geschäftsmann tvar mißtrauisch wegen des hohen Wertes und bestellte die Verkäuferin auf den Nachmittag wieder. Sie hat sich aber bis jetzt nicht wieder schen lassem Es wird deshalb ver- mutet, daß das Schmuckstück irgendwo gestohlen oder nach dem Fund unterschlagen worden ist. Die Eigentümerin wird ersucht. sich im Zimmer 54 des Polizeipräsidiums bei der Kriminalpolizei zu melden. Durch einen Sturz von der Treppe tödlich verunglückt ist der 49 Jahre alte Handelsmann Schwarzbach aus der Linienstr. 244», der mit Hosenträgern und dergleichen hausieren ging. Um 11 Uhr abend» hörten Hausgenossen einen dumpfen Fall, sie fanden Schwarz- back schwer röchelnd aus dem Treppenabsatz zum ersten Stock liegen. Er war allem Anschein nach angetrunken die Treppe hinunter- gefallen und hatte sich eine blutende Kopfwunde zugezogen. Ein Arzt, der aus der Nachbarschaft gerufen wurde, konnte nur noch den Tod feststellen, der wahrscheinlich infolge einer schweren Gehirn- erschüttcrung eingetreten war. Der Verunglückte besaß weder Geld noch Waren mehr. Nur seinen leeren Handelskasten hatte er noch bei sich. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Unter der Bettdecke erschossen hat sich in der Nacht zu gestern der 22 Jahre alte Buchhalter K. aus der Neuen Friedrichstr. 77. der mit einem Sohn seiner WirtSleute die Schlafstube teilte. Als Motiv der Tat wird LiebeSgram angegeben. Der Sckall war durch die Decke so gedämpft, daß der Slnbengenosse nicht erwachte und erst am näcbsten Morgen den Selbstmord entdeckte, als er dem Käme- raden, de» er noch iin Scblaf vermutete, die Bettdecke vom Kopfe zog. Warnung vor Schwindlern. Die Konsumgenossenschaft teilt uns mit, daß in Charlottenburg Aufnahmen für die„Viltsfürsorge" gemacht iverden. Es sei darauf hingewiesen, daß die„Voltsfür- sorge" bis jetzt noch nicht in Kraft getreten ist und infolgedessen auch noch niemand berechtigt ist. Aufnahmen für diese gewerkschaft- lich-genossenschaftliche Volksversicherung vorzunehmen. Geschieht das trotzdem, so haben diese Agenten nur die Absicht, unter Be- Nutzung des Namens„Bolksfürsorge" einen Versicherungsantrag für irgend ein Privatunternehmcn abzuschließen. Sobald die„Volks- fürsorge" in Kraft getreten ist, werden wir unsere Leser davon unterrichten. Berliner Berein für Obdachlose. Im Monat November nächtigten im Männerasyl 14 769 Personen, wovon 7016 badeten, im Frauen« ashl 2185 Personen, wovon 569 erbeten für Männer: Wiesenstr. Straße 30. Ladeten. ArKeitSnachweiS wird 55/59, für Frauen: Kolberger Verlorene Zeichnungen. Am Sonnabendabend ist in einem Droschkcnautomobil auf der Fahrt von der Schicklerstraße bis zur Potsdamer Str. 9 eine Aktenmappe, enthaltend: Zeichnungen. Bucher und Manuskripte, liegen geblieben. Der Inhalt dieser Mappe hat nur Wert für den Verlierer. Derselbe bittet, gegen eine Belohnung von 50 M. die Mappe im Atelier Schicklerstr. ö bei Oppenheim abzugeben. Am 1. Dezember ist in den Arminhallen gelegentlich der Delegiertenversammlung der Mechaniker-Ortskrankenkasse ein Regen- schirm mit Futteral abhanden gekommen. Der Finder wird gebeien, Mitteilungen an Scheffler, Lichtenberg. Wühlischstr. 1, gelangen zu lassen._ Vorort- JVacbricbtem Schöneverg. HuS der Stadtverorbnetensitzung. Zunächst wurden mehrere Nachbewilligungen beschlossen, darunter 3000 M. zum Aufbau der auf dem Nieselgut in Ragow abgebrannten Feldscheune. Hierauf erstattete der Ausschuß seinen Bericht über die aufgestellten Be- dingungen über den Bezug ausländischen Fleisches durch die Stadt- gemeinde Berlin. Der Berichterstatter B a ni b e r g(Lib. Frakt.) betonte, daß die gegen den Vertrag mit Berkin erhobenen Bedenken sofort zerstreut werden konnten. Dagegen sei eingehend über die Mißstände gesprochen worden, die sich bei der Abgabe des russischen Fleisches durch die hiesigen Schlächter an das kaufende Publikum ergeben haben. So habe ein Fleischer H. in der Akazienstraße zu Kunden, die russisches Fleisch verlangten, gesagt: Was sie mit dem„Mist" beginnen wollten, es wäre doch nur..Dreck" und viel minderwertiger als das hiesige Fleisch. Ein Fleischer am Sachsen- dämm habe ähnliche Bemerkungen gebraucht, während ein dritter statt des verlangten ausländischen Fleisches hiesiges verabfolgt und erst nach lebhaftem Protest das geforderte Fleisch herausgegeben habe. Ebenso habe das Beilegen besonders großer Knochen bei ge- ringen Quantitäten Fleisch Empörung hervorgerufen. Der Aus- schuß empfiehlt daher, der Deputation zur BÄjebung der Lebens- mitielteuerung zur Erwägung anheimzugeben, den Schlächtern, die das russische Fleisch ungern verkaufen und zu Klagen aus dem Publikum Anlaß geben, kein Fleisch mehr zu liefern. In der nun folgenden Debatte wies der Stadtverordnetenvor- steher Graf Matuschka eine Anrempelung, die von einigen »Herren in einem kleinen liberalen Vereinchen gegen seine Geschäfts- führung erhoben wurde, energisch zurück. Jatzow(Fr. Frakt.) nieinte, wir hätten alle Ursache, mit Berlin auf freundschaftlichem Fuße zu stehen. Die Stadtverordneten brauchten ja nicht nur mit dem Kopf zu nicken, eine Kritik wäre gut, aber man dürfte auch nicht zu weit gehen, wie es in der vorigen Versammlung geschehen, und da hätte der Vorsteher seinen Parteifreunden zu viel Spiel- räum gelassen.— Genosse Molke nbuhr wies aus dem Steno- gramm nach, daß das, was Herr Jatzow angeblich beweisen wolle, niemand gesagt hätte.— Oberbürgermeister D o m i n i c u s legte Wert darauf.festzustellen, daß die Debatte sich lediglich nur um die Geschäftsordnung gedreht und sich niemand gegen den Vertrag ausgesprochen habe. Hierauf wurden der Vertrag sowohl, als auch die Resolution einstimmig angenommen. Von den Liberalen stimmte nur Herr Bismark dagegen. Eine längere Debatte rief der Sparkassenetat hervor. Es lag folgende Resolution vor: .„Angesichts der betrübenden Tatsache, daß die Verwaltung der städtischen Sparkasse im Laufe der Jahre 1899 bis 1911, besonders infolge der Bevorzugung der Anlegung der Spargelder in Staats- papieren, einen Kursverlust von 1 163 635 M. zu verzeichnen hat, wird das Kuratorium ersucht, dafür zu sorgen, daß die Spar- gclder künftighin in höherem Maße als bisher in Hypotheken ange- legt werden. Dadurch soll nicht nur den übermäßigen Kursver- lusten gesteuert werden, sondern auch die Spargelder im Interesse der Schöncberger Hausbesitzer eine bessere Verwendung finden." Der Referent Peine beklagte den Verlust, meinte jedoch, daß alle größeren Geldinstitute mehr oder weniger dieselben Ver- luste hätten. Es komme hinzu, daß der Zwang bestehe, Staats- Papiere zu kaufen. Genosse Molkenbuhr wies nach, daß eine Beunruhigung nicht eintreten könne. Eine Steigerung des Zinsfußes müßte ein Fallen der Kurse mit sich bringen.— Genosse Bernstein betonte, daß der angebliche Verlust nur ein buchmäßiger sei, der in absehbarer Zeit wieder hereinkomme.— Genosse O b st wünschte, daß die Verluste näher detailliert würden, damit das Ganze über- sichtlicher in die Erscheinung trete.— Hierauf wurde die Resolution des Ausschusses angenommen.— Die Kinosteuerordnung wurde einem Ausschuß überwiesen, dem die Genossen B ä u m l e r, B e r n st e i n und K ü t e r angehören. Hieraus folgte eine ge- Heime Sitzung. Lichtenberg. Bcrkehrsvcrbcsscrung. Endlich hat die Straßenbahnverwaltung mit einer dringend notwendigen Verkehrsverbesserung im Gebiete Groß-Lichwnberg einen wenn auch nur sehr beicheidenen Ansang ge- macht. Bisher bestand zwischen dem alten Gebiete Lichlenderg und dem früheren Ortsteil Rummelsburg überhaupt keine Straßenbahn- Verbindung. Diesem Uebelstande ist nunmehr insoweit abgeholien worden, daß die Linie 77, früher am Ringbahnhof Frankiuner Allee endigend, jetzt die Frankfurter Allee, Frankfurter Chanssee, Rosen fclder-, Irenen-, Wilhelm-, Lückstraße, Viktoriaplatz. Türrschmidt- Marltstraße, Alt-Boxbagen, Boxhngener Straße und dann wieder in die Frankfurter Allee zurück, in einer Schleife fährt, die unigekehrt von der Linie 78 durchmessen wird. Eine Vertehrserweiterung ist mit der Neuerung nickt verbunden. Die Straßenbahn erspart die Durch- führung der Linie 78 über die Frankfurter Allee von der Boxhagener Straße bis zum Ringbahnhof resp bis zur HnbertuSstraße. Eine kleine Verkehrsel Weiterung besteht darin, daß nunmehr die Linie 79 nicht mehr am Vikloriaptatz. sondern Ringbahnhof Frankfurter Allee endigt. Im allgemeinen ist der Straßenbahnbetrieb im Gebiete Lichtenberg so mangelhaft und unzulänglich, daß die Stadt an der Verpflichtung, selbst Verkehrsmittel zu beschaffen, kaum länger vorbei- kommen kann.- Charlottenbnrg. Einen Führer durch die Wohlsahrtsciurichtiingcn der Stadt Charlottcuburg hat die Armendireklion Charlottenbnrg herausgegeben. Das prakiiscke Büchlei» ist zum Preise von 39 Pf. von jeder Buch- Handlung sowie von der Armendirektion, der Vereiiugung der Wohl- täligkeitsbestrebungen, Berliner Str. 137, von der städtischen Volks- Lücherei und deren Zweigstellen, und von der Buchhandlung Karl Ulrich u. Co., Berliner Str. 75, zu beziehen. Mariendorf. Am Sonntag, den 8. und 15. Dezember, nachmittags von 3 bis 5 Uhr, veranstaltet der Bildungsausschutz die bei den Kindern so beliebten Märchenvorlesungen. Die Kinder von 6—10 Jahren treffen sich im Restaurant Feldschlößchen(bei Preuß), Kurfürstenstr. 44, die von 10—14 Jahren im Lokal Löwenhagen, Chansseestr. 27. Da die Zimmer nach 5 Uhr anderweitig vergeben sind, ersuchen wir die Eltern, die Kinder so srühzeitig zu schicken, daß Punkt 3 Uhr mir dem Vorlesen begonnen werden kann. Mahlsdorf an der Ostbahn. Ueber das Thema:..Jugendschriften und Wandschmuck für das Proletariat" hielt in einer im Lokal von Anders stattgefundenen ös'entlichen Versammlung Genosse Zimmermann-Karlshorst einen mit Beifall aufgenommenen Vortrag. Im Anschluß daran fand am Sonntag in demselben Lokal eine Ausstellung von Jugend- schriften und Wandschmuck statt, die sich eines regen Besuches er- freute und viel Anerkennung fand. Es wurden auch ganz an- nehmbare Umsähe in den ausgestellten Artikeln erzielt. Pankow. Für den Berkauf von ausländischem Rind- und Schweinefleisch durch die Gemeinde ist außer der bisherigen Verkaufsstelle durch den Fleischermeister Otto Blaue, Gaillardstr. 6, eine zweite eröffnet worden. Letztere ist der Konsumgenossenschaft für Berlin und Umgegend übertragen und befindet sich im Laden, Maxi- m i l i a n st r. 5. Die Verkaufspreise sind aus den an den Anschlag- faulen sowie in den betreffenden Läden befindlichen amtlichen Plakaten zu ersehen. In der außerordentlichen Generalversammlung des Wahlvereins gedachte Genosse Schindler zunächst des verstorbenen Genossen Thürbach. Hierauf sprach Genosse Dr. Moses über„Den allzureichen Kinder'egen im Arbeiterhaushalt". Der reiche Beifall, den der Redner für seine vortrefflichen Ausführungen erntete, bewies wie sehr er aus dem Herzen der Anwesenden, namentlich der zahlreich vertretenen Frauen, gesprochen hatte. Hierauf wurde Genosse Wischka als Schriftführer gewählt: einige Ergänzungswahlcn zu den einzelnen Kommissionen fanden rasch ihre Erledigung. Eine lebhafte Diskussion rief der weitere Punkt der Tagesordnung: Ortsangelegen- heilen hervor, doch da alle Redner sich größter Sachlichkeil befleißigten, fand auch dieser zur allgemeinen Zilsriedenheit seine Erledigung. Mit einigen geschäftlichen Mitteilungen erreichte die sehr gut besuchte Versammlung in ziemlich vorgerückter Stunde ihr Ende. Tegel. Die Bücher- und Wandschmuck-Ausstellung im Restaurant Müller, Berliner und Veitstraßen-Ecke, ist bis Freitag, den 6. Dezember, vormittags von 10—12 Uhr und abends von 7—10 Uhr geöffnet. Die Arbeiterschaft wird ersucht, der Ausstellung ein reges Interesse zu widmen. Nowawe». Berlängerung des Gnsvertrages. Der§ 4 Abs. 2 de? zwischen der Gemeinde und der Deutschen Kontinental-Gasgesell'chaft be- stehenden Gasversorgungsvertrages, der die von der Gesellschaft an die Gemeinde zu zahlenden Abgaben festlegt, lautet in seiner end- gültigen Fassung:„Die Deutsche Koutinental-Gasgesellichaft zahlt an die Gemeinde NowaweS vier Wochen nach Abschluß dieses Ber- träges 120 000 M., außerdem für die Zeit vom 1. Januar 1912 bis 30. Juni 1960 eine Abgabe von dem Gas, das zu anderen Zwecken als zur öffentlichen Beleuchtung im Geineindegebiet Nowawes ver- kauft wird. Die Abgabe beträgt für die Zeit bis 31. Dezember 1930 1 Pf. pro Kubikmeter. Sollte die Durchichnittseinnahme aus dem Verkauf von abgabepflichtigem Gas weniger als 14 Pf. betragen, so sinkt die Abgabe auf 0,8 Pf. pro Kubikmeter.— Die Abgabe be- trägt für die Zeit vom 1. Januar 193 l bis zum Vertragsablauf: 1 Pf. pro Kubikmeter, sofern die Durchschnittseinnahme aus dem Verkauf an abgabepflichtigem Gas nicht weniger als 14 Pf. pro Kubikmeter beträgt: 0.3 Pf. pro Kubikmeter, sofern diese Durch- schnitlseinnahme weniger als 14 Pf., aber nicht weniger als 12 Pf. beträgt: 0,6 Pf. pro Kubikmeter, sosern diese Durchschnittseinnahme weniger als 12 Pf. beträgt." In einer öffentlichen Versammlung wird heute, Mittwoch, den 4. Dezember, abends 8 Uhr. in den„Deutschen Festsälen" Herr Professor Dr. F. Staudinger aus Darmstadt über das Thema: „Die Gewerkschaft und die Fiau im Kapitalkampfe" referieren. Da die Versammlung eine wirksame Agitation für den Eintritt in den Konsumverein sein soll, so wird namentlich in den dem Genossen- schaflSwesen noch passiv gegenübelsteheliden Arbeiterkreiien, besonders in den Reihen der Frauen, um eifrige Propaganda für den Besuch der Versammlung ersucht. Potsdam. Eisenbahners Tod. In der Maschinenenhalle des Eisenbahn- schuppenS am Potsdamer Hauptbahuhof wurde vorgestern abend der Eisenbahnarbeiter Buchholtz, Alte Luiienstr. 84 wohnhaft, von einer ausfahrenden Lokomotive erfaßt und Übersahren. Er erlitt einen Schädelbruch. Im Krankenwagen schaffte man ihn nach dem städti- schen Krankenhause, wo er gestern morgen starb. Spandau. Der Verlag des konservativen„Spandauer Tageblatts" wird in nächster Zeit, jedenfalls schon am 1. Januar, in andere Hände übergehen. Der jetzige Verleger, Stadtv. Gustav Schob, welcher das Blättchen vor nunmehr 28 Jahren ins Leben rief, hat sich vergeblich bemüht, demselben weitere Verbreitung zu verschaffen. Vor einer Reihe von Jahren, als die antisemitischen Ideen noch mehr An- klang fanden, brachte es das Blättchen bis auf etwa 1500 Abonnen- te». Durch seine arbeiterfeindliche Haltung ging die Abonnenten- zahl ständig zurück, sie beträgt gegenwärtig etwa 400 bis 500. Ob durch einen Verlagswechsel das Blättchen wieder zu neuem Leben erweckt und dadurch die konservativen Ideen mehr verbreitet werden, ist zu bezweifeln. Besonders furchtbarer Boden hierfür ist in Spandau nicht mehr vorhanden. Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Lichtenberg. Donnerstag, nachmittags S Uhr, in der Aula der höheren Mädchenschule, Rathausstraße. «iarieudorf. Donnerstag, den S. Dezember, nachmittags S Uhr, im RathauSsitzungSiaal, Kaiserilraße., Eggersdorf(Niederbarnim). Donnerstag, den 5. Dezember, abends 71/, Ubr, im Lindenbcrgschen Lokale. Spandau. Donnerstag, den 5. Dezember, nachmittags i'l, Uhr, im Nalhause. Aus der Tagesordnung steht unter anderem auch die Gas- anstaltSangelegenheit, Zustimmung zum Abkommen mit dem Zweckverband, betr. Landverkaui an Hemel. Diese Sitzungen sind össenilich. Jeder Gemeindcangehörige ist rcchligt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. be- /Zus der Frauenbewegung. Jammerlöhne. Das„ReichSarbeitsblatt" vom November 1912 gibt über die Lohnverhältnisse der Zigarrenarbeiter in elf Zigarrenfabriken in Baden eine interessante Statistik. Für die einzelnen Beschästigungs- arten dieser Branche wird— und zwar für männliche und weibliche Arbeiter getrennt— nachgewiesen, welche Veränderungen die Wochen- löhne in den letzten 14 Jahren erfahren haben. Folgende Zahlen werden festgestellt: Beschäftigungsart Zigarrenmacher männlich. weiblich. Wickelmacher männlich. weiblich. Ausripper männlich. weiblich. Sortierer männlich..... weiblich..... Packer und Kistenmacher männlich..... weiblich..... Sonstige Zigarrenarbeiter männlich..... weiblich Durchschn. Wochenverdienst Zunahme des Wochen- Verdienstes M. 2,76 1,28 2,48 2,07 -5,94 0,71 2,33 0,26 8,53 2,61 3.62 2,23 Diese Zahlen hat die badischc Fabrikinspektion bercchnek, in- dem sie aus den von den Fabriken gelieferten Listen den täglichen Lohn, daraus den durchschnittlichen Wochenlohn eines jeden Arbei» ters und hieraus wieder für jede einzelne Fabrik den Wochen- verdienst, den die Fabrik ihren Arbeitern— getrennt nach der Be- schäftigungsart und nach dem Geschlecht— im Gesamtdurchschnitte bezahlt, festgestellt hat. Die Zahlen ergeben, daß zwar die Löhne der männlichen und auch der weiblichen Arbeiter in der Zigarren- fabrikation während der letzten 14 Jahre gestiegen sind, daß aber die Zunahme des Verdienstes sich nicht in gleichem Maße erhöht hat, sondern überall bei den männlichen Arbeitern beträchtlich größer ist als bei den weiblichen. War schon im Jahre 1897 eine ziemliche Differenz zwischen den Löhnen für männliche und weib- liche Arbeiter vorhanden, so ist diese Differenz bis zum Jahre 1911 in allen Kategorien der Zigarrenfabrikation noch gewachsen. Be- sonders auffallend tritt dieser Unterschied bei den Sortierern her- vor. Hier betrug die Differenz zwischen dem Wochenlohn der männlichen und weiblichen Arbeiter im Jahre 1897 1,22 M., 1911 gar 3,44 M. Dies ist allein darauf zurückzuführen, daß die Zu- nahine des Lohnes bei Männern und Frauen nicht gleichen Schritt gehalten hat. Der Wochenlohn eines männlichen Sortierers hat um 2,33 M., der einer Sortiererin in den letzten Jahren nur um 0,26 M. zugenommen. Und die gleiche Erscheinung, wenn auch nicht in so hohem Matze sehen wir bei den Packern, den Wickel-, den Zigarrcnmachern und den sonstigen Arbeitern. Bei den Zigarrenmachern war die Zunahme des Wochenverdienstes um mehr als das Doppelte der Zunahme der weiblichen Arbeiter größer. Eine Ausnahme allerdings bilden die Ausripper, bei denen der Verdienst für ipe männlichen Arbeiter ganz enorm, um fast 6 M. wöchentlich, gefallen ist. Dies erklärt sich dadurch, daß in diesem Zweig der Zigarrensabrikation fast nur Frauen und jugend- liche Arbeiter beschäftigt sind, so daß die männliche Arbeitskraft hier gar nicht mehr in Betracht kommt. Gab es doch nach der Statistik in Baden 1911 nur 4 Ausripper gegen 270 Ausrippe- rinnen. Die große Differenz zwischen den Löhnen der männlichen und weiblichen Arbeiter ist bei diesem Gewerbe auch nicht in der schlechteren Qualität der Frauenarbeit begründet; die weiblichen Zigarrenarbeiter erhalten willkürlich einen viel geringeren Stun- denlohu als ihre männlichen Kollegen, weil sie eben als die Wirt- schaftlich Schwächeren noch mehr ausgebeutet werden als jene. Die Zahlen der Zigarrenarbeiter können als typisches Beispiel für die gesamte Arbeiterschaft gelten. Ueberall ist die Arbeiterin im Verhältnis zum männlichen Arbeiter geringer entlohnt und sie kann auch die Zunahme ihres Lohnes nur in beträchtlich nicdri- gereni Maße steigern als der männliche Arbeiter. Es muß Auf- gäbe der Gewerkschaften sein, die Millionen arbeitender Frauen für ihre Organisationen zu gewinnen und diese so ausgestalten, daß sie auch den Interessen der Arbeiterinnen nach jeder Richtung hin gerecht werden.. Eue aller C&elt. Der fcbwerverwundete pnnz. Die Meldung, daß der Kronprinz von Montenegro bei einem Sturme auf das befestigte Skutari durch einen Schutz in den Unter- leib schwer verwundet sei, erfährt jetzt eine kleine Korrektur. Prinz D a n i l o liegt zwar krank zu Bett und ist für die nächste Zeit ver» hindert, auf seiner Heldenlanfbahn fortzuschreiten, aber nicht eine feindliche Kugel hat ihn jäh gefällt, sondern ein Schnupfen« sie ber hat ihn daniedergeworfen. Es würde auch arg von der Regel abweichen, daß sicb eine tückische Kugel so weit verirrt, zukünftige Throninhaber zu treffen. Die pflegen im allgemeinen gesund und heil, geschmückt mit dem Heldenlorbeer nach Friedens- schluß den Ruhm einzuernten. Das Totgeschossenwerden überlassen sie lieber der Kanaille._ Die Erziehung zur Sittlichkeit. Alle Frommen in England find aufgestanden, den Handel in weiblichem Menschenfleisch abzustellen. Ein durch ihren Einfluß im Unterhause eingebrachtes Gesetz ist jetzt durchgegangen, das unter anderem bestimmt, männliche Zuhälter und Kuppler mit der neunschwänzigen Katze zu bestrasen. Der ursprüngliche Entwurf enthielt eine Bestimmung, auch den Vermieter vou Wohnungen unter Strafe zu stellen. Diese Bestimmung ist g e- fallen, und eS ist dagegen bestimmt, daß nur Personen, die ein Bordell halten, zu bestrafen sind. In sicherer Voraussicht dieser Abänderung hat sich seit einigen Mona'.en eine lebhafte Bautätigkeit entwickelt und Häuser entstehen mit Zauberschnelle. Sie einhalten nur kleine Etagen, welche mit Hast an einzelne Prostituierte vermietet werden. Der Bauspekulant macht ein glänzendes Geickäft. die betitelten Eigentümer des Grund und Bodens können zusammen mit der Kirche, welche in London ebenfalls bedeutendes Grundeigentum besitzt, die Boden» renlen erhöhen, die Käufer solcher Häuser erzielen das Fünf- bis Zehnfache der ursprünglichen Miete ans den Aflervermietungen. und sonst bleibt alles, wie es ist. Der Zuhälter und Kuppler erhält seine Prügel, die gute Bourgeoisie ihren Profit und Bordelle im Polizei» technischen Sinne— diese schöne in Hamburg erfundene Phrase— existieren nicht mehr. Der Eezbischos von Canterbury, welcher die Bewegung in Fluß gebracht hat, wird ein„Do dsurn laudarnus" singen und der Philister seine Schlafmütze über seine langen Ohren ziehen. Damit endet diese schamlose Farce I Ein amerikanisches Kulturbild. In A t l a n t a im Südstaate Georgia hat man den Neger Leonard Lewis wegen Mordes gehängt. Ein anderer Neger des» selben Namens verbüßt dort eine vierjährige Gefängnisstrafe wegen Einbruchs. Da beide sich sehr ähnlich sahen, ist jetzt der Wer- dacht aufgekommen, daß man den Falschen gehängt habe und der jetzt noch Sitzende der Mörder sei. Er behauptet natürlich, der Einbrecher Leonard Lewis zu sein. Die Untersuchung wird sehr schwierig sein. Aber man wird wohl, um sicher zu gehen und nicht etwa einen Nigger zu wenig gehängt zu haben, auch ihn an den Galgen bringen. Das arme Volk hat ohnehin wenig öffent- liche Vergnügen._ Kleine Notizen. 20 Personen vom Blitz erschlage». MS man Montagnachmittag in I o h a n n i s b u r g zur Beerdigung eines Opfers der elektrischen Wasserwerke schritt, schlug plötzlich der Blitz in das Trauer- g e f o l g e, ein. Zwanzig Perlonen wurden tödlich getroffen, wäbreiid sechzehn verletzt wurden, davon fünf schwer. Ein englischer Dampfer gescheitert. Der britische Dampfer „RivkrS Moandel" der New Jork am 26. November verlassen hat, wurde auf hoher See als vollkommenes Wrack aufgefunden. Der Kapitän Gregero und zirka 30 Mann der Besatzung wurden von dem Dampfer„Jkbal" in jämmerlicher Verfassung auf einer Barke treibendaufgefischt. Sturmvcrherrungeu. Während der Nacht zum 24. November hat ein furchtbarer Sturm die Insel Nessibe an der Küste von Madagaskar vernichtet. Die Zahl der Opfer tst groß, viele Häuser sind zerstört. Es herrscht Hungersnot. Der Schade» beträgt mehrere Millionen Mark. Rahen Einzelheiten fehlen.___ Bnefhaften der Redafction. Emma P. Z. B. 42. Sie kommen als Erbe nicht in Betracht.— W. E 100. 1 Erst dann, wenn wieder 206 Beitragswochen geleistet sind, davon mindestens 100 aus Grund der Versicherungspflicht. 2- Ihre Auflassung erscheint zutreffend.— Q. 34. 21. Falls Sie nicht Austrag zur Unterzeichnung gegeben oder Überschrift nachträglich genehmigt haben, hasten Sie persönlich nicht.—»H> Jt. 13. Bis zur Vollendung des 60. Lebensjahres. Verantwortlicher'Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Jnseratenteil verantw.: Th Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vonvärt» Buchdruckers»& VerlasSanstalt fiaul SiMr u. Sc* Bttlill SA,