U*. 398. Hbonnemenk-K�IngllMli: fltoiincmciitä- Preis dränumcranda! Bicrtcljährl. Z,M Mk>, i»onatl> I,l0 Mk., wöchentlich 2S Psg. frei ins HauS. Einzelne Rummer 5 P!g. Eonntags- nninmer mit illufiricrlcr Sunntags- Seiiage„Die Neue üLcit" iO Pfg. Pest- Monnemcnl: t.lo Marl pro Monat. Eingetragen in die Pojt-Zcitungs- Preisliste. Unter Kreuzdand für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland B Marl pro Monat. Poslabonnemenls nehmen an; Belgien. Dänemarl, Liolland. Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien. Schweden und die Schweiz, 39. Jahrg. Crlditlnt tägiid) außer lücntagj, �* Vevlinev Dolltsblcrkk. vie Insertion;-Lebiihr kcirägt für die sechsgespaltcnc Kolonet- geile oder deren Raum 60 Pfg,, für politische und gewcrlschastlichc Vereins- und Lcrsnnutilungs, Anzeigen W Pfa. .steine asnreigen", das fettgedruchre Wort 20 Pfg. lzulüssig 2fetlgedrucfte Worte), icdeS weite:? Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellen an- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch- tiaden zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „SsalaliicmoJirat Berlin", Zentralorgan der fozialdemokratircben parte! Deutfcblands. Redaktion: 8Rl. 68, Lindcnatraeec 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz. Nr. IS83. Sonnabend, den 31. Dezember 1913. Expedition: SLll. 68» Lindcnstrasse 69« Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. IV 8t. Der Balkanbund. Aus Sofia wird uns geschrieben: Der Balkaukrieg ist das Werk des militärischen Balkan bundcs. Was aber stellt dieser Valkanbund eigentlich vor? Wie ist er entstanden und ivie wird seine Zukunft sich ge- stalten? Zur Bcautlvortung dieser Fragen vor allem ein iveuig Geschichte. Ter Gedailke eines militärischen Bundes auf der Balkan Halbinsel erschien zum erstenmal nach der Annexion von Bos nien und der Herzegowina, die, wie bekannt, in Serbien eine grostc Erregung cnvcckt hatte. Die Bedrohung Serbiens durch Oesterreich hat allen Balkanvölkern gezeigt, was sie gegebenenfalls zu erwarten hätten. Andererseits weiß man. daß diese Annexion mit Zustiinmung Rußlands geschehen ist. Rußland hat dann auch schließlich, nachdem es erst das Kriegs- feuer gegen Oesterreich bei den Serben geschürt hatte, Serbien seinem Schicksal überlassen. Nach dem russisch-japanischen Kriege war das Prestige Rußlands auf der Balkanhalbinsel sehr gesunken. Nach der Annexion und den Enthüllungen Aerenthals über Rußlands Doppelspiel stand der Zarismus vor der Gefahr, sein Prestige auf der Balkanhalbinsel definitiv einzubüßen. Um dieser Gefahr zu entgehen und der österreichischen Politik gegenüber eine Schranke aufzurichten, riet Rußland den Balkanstaaten den Abschluß eines militärischen Bundes an. Dieser Vorschlag Rußlands fand bei den Balkanstaaten erst Widerhall bei Beginn des italienisch-türkischen Krieges Die 5triegserklärimg, die Eroberung Tripolis durch Italien mit der Zustinlniung Europas, das heuchlerische Eintreten Italiens für die Erhaltung des„Statusquo", andererseits der end- gültige Zusanunenbruch des jungtürkischen Regimes und die Enttäuschung über die Nefornunöglichkeit der Türkei, alles dies hat die Balkanstaaten und ihre Thnastien zum militärischen Bund gedrängt. Die genannten Ereignisse haben diesen sehr klar gezeigt, daß der berühmte Statusquo nur für die großen europäischen Staaten obligat sbi und daß er nur eine Ver- schleierung ihrer Eroberungsbestrebungen auf der Balkan- Halbinsel' sowie für die Äuftciluug der curopäisch-türkischen Gebiete ist. Der Statusquo erschien nur als Mittel der Einschnürung der Balkanvölker in ihre engen Grenzen. Die Erhaltung des Statusquo hätte überdies das völlige Auf- geben der sogenannten„nationalen Ideale" bedeutet, mit denen die Beherrscher der Balkanstaaten ihre Existenz recht- fertigen. Dieser Zustand war vor allem die größte Gefahr für die Balkandynastien. Die jungtürkische Revolution im Jahre tW8 war für die europäischen Großmächte der Vorwand, ihren Reformeifer in den europäisch-türkischen Gebieten aufzugeben. Wenn die europäischen Regierungen vor dieser Revolution in ihrem gegen- seitigen Wetteifer, ans die Balkanvölker Einfluß zu gewinnen, und zum Schutz der Balkandynastien gezwungen waren, von der Türkei Reformen zu fordern, so waren sie nach der jung- türkischen Revolution von dieser Sorge befreit. Die euro- päischen Regierungen eröffneten dem jungtürkischen Regime einen großen Kredit. Sie behaupteten, dieses Regime werde eine Scengestaltung der Türkei herbeiführen; die Balkanstaaten hätten daher kein Recht niehr, sich in die Angelegenheiten des osmanischen Reiches zu mischen und müßten den StatuSquo respektieren. Der Zusammenbruch der jungtürkischen Verwaltung hat auch diese Verschleierung der Eroberungspolitik der europäischen Regierungen zerrissen, und den Balkandynasticn dieHände wieder frei gemacht. Die Balkanstaaten fühlten sich jetzt-berufen, allein für sich, für ihre Existenz und Zukunft Sorge zu tragen. Der Verbündungsgedanke trat immer stärker-hervor. Wie man in Bulgarien versichert, wurde der Grund zu dem Bunde am Ende des vorigen Jahres, während der Feierlichkeiten der Volljährigkeit des bulgarischen Kronprinzen gelegt. Bei diesen Feierlichkeiten waren die Kronprinzen der Balkanstaaten, sowie ein russischer Großfürst amvesend. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat bei dieser Gelegenheit in den intimen Znsaniniciikünften zwischen dem König Ferdinand und seinen Gästen ein Gedankenaustausch über die Möglichkeit eines Balkanbundes gegen die Türkei stattgefunden. Ge- schlössen wurde dann dieser Bund nach dem Systemwechsel in der Türkei am Anfang dieses Jahres. Welches sind nun die Bedingungen, auf denen der mili- tärische Balkanbnnd beruht? lieber diese Frage weiß man nicht viel Positives. Man der- sichert nur, und dies wird von den Tatsachen bestätigt, daß kein Bündnisvertrag zwischen den Balkanstaaten existiert. Bulgarien hat aber einzelne Verträge mit jedem der drei Staaten— Serbien, Montenegro und Griechenland— abgeschlossen. Mit Montenegro z. B. hat Bulgarien vereinbart, daß es sich verpflichtet, Montenegro täglich mit 30000 Frank zu unterstützen, bis der Krieg mit der Türkei beendet ist. Mit Serbien hat Bulgarien einen besonderen und detaillierten Vertrag, nach welchem die Truppen in: Notfälle gegenseitig zur Verfügung gestellt und die eventuell besetzten türkischen Länder genau verteilt werden. Der mit Griechenland ge- schlossene Vertrag ist, wie es scheint, weder genau bestimmt, noch wirksam. Wie bekannt, zögerte Griechenland bis zum letzten Moment, weil die Türkei Griechenland verschiedene Kon- Zessionen gemacht hatte, um dieses dem Bunde zu entfremden. Im letzten Moment hat Griechenland aber dennoch seinen Bei- stand nicht versagt. Es ist ziemlich gewiß, daß zwischen Bulgarien und Griechenland kein besonderer Vertrag, sondern nur eine Verständigung über die militärischen Wirkungssphären sowie über die Grenzen ihres zukünftigen Besitzes existiert. Der Balkanbund als dauernde und be stimmte Institution existiert nicht. Der Balkan bund ist heute ein militärischer Bund mit dem besonderen Zweck, die Türkei aus ihren europäischen Gebieten heraus- zudräugen, und diese unter die Verbündeten aufzuteilen. Wird sich nun dieser Bund in einen Balkanbund, in eine politische Einheit auf dem Balkan umwandeln? Das ist die wichtige Frage, von deren Lösung die Zukunft der Balkanvölker abhängt. Die militärischen Erfolge der Balkanstaaten und die von dem Bunde dadurch envorbeue internationale Bedeutung machen es wahrscheinlich, daß dieser Bund nach Beendigung des Krieges sich in einen auf ökonomischer und politischer Gemeinsamkeit beruhenden Staatenbund umwandeln luird. Es gibt aber auch viele Anzeichen, die beweisen, daß der Balkanbund vielen Hindernissen begegnen wird, die sein Zustande- kommen vereiteln können. Vor allem gibt es noch heute zwischen den verbündeten Staaten Gegensätze, die beinahe zu einem militärischen Zusammenstoß geführt hätten. Den An laß gab das Benehmen Griechenlands. Den Ver abredungen zlvischen Bulgarien und Griechenland zufolge mußten die bulgarischen und griechischen Truppen, mit den drei Kronprinzen an der Spitze— dem bulgarischen, serbischen und griechischen— in Saloniki einziehen. Die Griechen aber, den Weg des geringsten Widerstandes nehmend, trafen früher als die Bulgaren in Saloniki ein; während die bulgarischen Truppen vor Saloniki kämpften, verhandelten die griechischen Befehlshaber mit dem Kommandanten von Saloniki über die Kapitulation dieser Stadt. Als die bulgarischen Truppen noch 15 Kilometer von Saloniki entfernt waren, und noch mit den' Türken kämpften, hatte sich die Garnison von Saloniki bereits den Griechen ergeben, und als die Bulgaren in Saloniki einzogen, waren die Griechen schon Herren der Stadt. Dies erweckte bei den Bulgaren große Unzufriedenheit, und gab sogar Anlaß zu militärischen Zusammenstößen. Man sagt, daß König Ferdinand einige Konzessionen in Saloniki von den Griechen zugunsten Bulgariens erhalten und sich die endgültige Verständigung vorbehalten habe. Es ist aber wahrscheinlicher, daß der Kon- flikt mit der gewaltsamen Einnahme verschiedener Verwaltungs- anstaltcn in Saloniki durch das bulgarische Heer erledigt ist. Jedenfalls zeigt der Zwischenfall in Saloniki, wie unsicher der Balkanbund noch ist. Dieses bestätigt auch ein Zwischenfalls zwischen Bulgarien und Serbien. Das Vilajet U e s k ü b ist in der Mehrheit von Bulgaren bevölkert. In der Stadt Uesküb stellt die bulgarische Bevölkerung die Mehrheit der christlichen Einwohner, während es in der Stadt und den umliegenden Dörfern keine Serben gibt. Als nun das serbische Heer in Uesküb einzog, hatten die Bulgaren die bulgarische Nationalfahne gehißt. Diese wurde von den Serben mit Gewalt heruntergeholt. Die bulgarische Bevölkerung in Uesküb ist sehr wenig damit zufrieden, daß dieses Wilajet unter serbischer Herrschaft bleiben sollte. Eine Deputation ist sogar deshalb nach Sofia gekommen. Dasselbe wiederholte sich auch im südlichen Mazedonien, wo die griechischen Truppen eine Reihe echt bulgarischer Dörfer und Städte mit dominierender bulgarischer Bevölke- rung einnahmen und dort ihre Verwaltungen einrichteten. Diese Zwischenfälle weisen darauf hin, daß wir eine Reihe einzelner Staaten, mit den alten Zwistigkeiten untereinander, die eine beständige Gefahr für den Frieden bedeuten würden, haben werden, falls es nicht gelingt, den militärischen Bund zwischen den Balkandynasticn in einen Bund der Balkan Völker umzuwandeln. Der von der Bourgeoisie beider Länder und durch die Jntriguen der Großmächte verstärkte Haß zwischen Bulgaren und Serben wegen der Eroberungen in Mazedonien und speziell in Uesküb wird nach dem Kriege mit neuer Kraft er- ivachen. Die bürgerlichen bulgarischen Patrioten haben stets zu dem„bulgarischen Mazedonien" das Wilajet Uesküb ge- rechnet, und auch heute verbergen sie nicht ihre Unzufrieden- heit über die Tatsache, daß die Serben, die Herren von Uesküb sein solleck! Entstand doch der seit Befreiung Bulgariens während Generationen und besonders nach dem serbisch-bul- garischen Krieg geschürte nationale Haß gegen Serbien gerade aus den Aspirationen Serbiens auf das Wilajet Uesküb. Und wenn Bulgarien und Serbien bereits vor dem Kriege über den Pelz des noch nicht erlegten Bären stritten, so werden sie nach dem Kriege erst recht über die Haut der Bevölkerungen in Uesküb und Monastir streiten. Es wird daraus ersichtlich, daß die Hindernisse für die Verwirklichung der Idee eines Bundes der Balkanvölkcr vor allem bei den Balkanstaaten und Dynastien selbst zu suchen sind. Andererseits wieder werden die Intrigen der europäisch-kapitalistischen Regierungen zweifellos dahin ge- richtet sein, das Zustandekommen des Bundes der Balkan- Völker zu vereiteln. Denn der Balkanbund wäre eine Gefahr für die Interessen der großen europäischen Staaten, besonders für die Oesterreichs und Italiens, wie auch für die russische Eroberungspolitik. Der Balkanbund würde der expansiven Politik Oesterreichs und Italiens aus dem Balkan ebenso feindlich gegenüberstehen, wie der Eroberungspolitik Ruß» lands. Dieses brauchte den militärischen dynastischen Balkan- bund, um ihn den Bestrebungen Oesterreichs gegenüber- zustellen, und gleichzeitig von Oesterreich Konzcssionen für die russischen Ansprüche erzwingen zu können. In dem Moment, wo dieser militärische Bund versuchen wird, sich in einen Bund der Balkanvölkcr umzuwandeln, wird Rußland dagegen sein. Die Bildung eines autonomen Albaniens unter dem Schutze Oesterreichs und Italiens und ihre Weigerung, Scr- bien eilten Ausgang ander Adria zu bewilligen, das alles beweist, daß jene Zustände, die die Veranlassung für die Intrigen auf der Balkanhalbinsel geben, erhalten werden sollen und daß die auf der Balkanhalbinsel interessierten Staaten versuchen werden, den Balkanbund zu vereiteln. Trotz alledem aber werden dieselben Faktoren, die die Balkanstaaten jetzt einander genähert haben, die Balkauvölker auch zwingen, ihre Rettung in ihrer Verbündung zu suchen, und zwar in jener Politik, die unsere Partei und die anderen Bruderparteien des Balkan in der ersten Balkankonferenz in Belgrad im Jahre 1909 bestimnit haben, nämlich in der Politik einer föderativen Balkan republik. Leider befindet sich heute die Sozialdemokratie auf dem Balkan in einer Lage, die es nicht erlaubt, im Sinne dieser Rettungspolitik für die Balkanvölker zu arbeiten. Eine tut- glaublich strenge Zensur erstickt unser Wort. Unser Parteiorgan, die„Arbeiter-Zeitung", wurde ohne gesetzliche Gründe verboten und zwar nur deswegen, weil es ein sozialdemokratisches Arbeiterorgan ist. Die Versammlungen werden auch verboten, trotzdem sich fast die ganze Partei und fast alle(Hewerkschafts-Organisatoren unter den Fahnen ans dem Kriegsschauplätze befinden. Wir warten mit Ungeduld auf das Ende des Krieges und die Aufhebung des Kriegs- züsiaüöes, uick'niit verdoppelter Eiiergic die sozialdemokratische Propaganda wieder aufzunehnicn, und speziell die Propaganda für die föderative B a l k a n r e P u b 1 i k. In dieser Beziehung ist die Aufgabe der Sozialdemokratie aus dem Balkan jetzt wesentlich erleichtert uno wir hoffen nach dem Kriege einen größeren Einfluß auf die'Politik der Balkanbourgeoisie aus- üben zu können als vorher. Die KotsduftcrKonferenL. London, 20. Dezember. Die Botschafterkonferenz tagte heute nachmittag unter dem Vorsitz Sir Edivard GreyS zum letztenmal vor dem Weihnachtsfeste. Wie das Reutersche Bureau erfährt, herrscht in diplo- matischen Kreisen eine 0 P t i m i st i s ch e Auffassung der europäischen Lage. Wenn auch über die Besprechung der Botschafter Stillschweigen bewahrt wird, so gibt man doch zu, daß sie bereits g wt e Ergebnisse gehabt hat. Tie Botschasterkvnfereiiz über die Autonomie Albaniens. London, 20. Dezember. Eine offizielle Meldung des Reuterschen Bureaus besagt: Tie Botschafter haben an- empfohlen, daß Albanien autonom werden solle, mit der Stipulation, daß Serbickfit, einen Handelszu- gang zum Adriatischen Meere garantiert erhalte. Die sechs Regierungen habei� diesen doppelten Vorschlag im Prinzip unterzeichnet. Die Türkei nnuachgiebig? Paris, 20. Dez.(P r i v a t t c l e g r a nt m des„Vor- wärt s".) Der„Tcmps" meldet aus Konstantinopel aus osfi- zieller Quelle: Die Regierung behauptet einen bedeutenden Flottenerfolg errungen zu haben. I a n i n a leistet un- geschwächten Widerstand: Reschid Pascha soll deshalb in- slruiert worden sein, Griechenland den Waffen- st i l I st a u d zu verweigern, ivenn dieses ihn verlange. Die türkischen Delegierten in London sollen die Frage Adrianopelsso schnell als möglich anschneiden und die Verhandlungen abbrechen, ivenn die Bulgaren auf der Uebergabe dieser Festung bestehen. Die montenegrinische Dynastie. Wien, 2t>. Dezember. Die„Neue Freie Presse" meldet: In hiesigen diplomatischen Kreisen sind aus C e t t i n j e nicht unbedenk- liche Nachrichten eingetroffen. Die Lage der Dynastie soll diesen Informationen zufolge erschüttert sein. Die Bewegung gegen die Dynastie wurde durch die bisher negativen� Ergebnisse des Krieges, der dem Lande ungeheure Opfer an Menschenleben und Geld auferlegte, hervorgerufen. Eine ähnliche Meldung geht der„Slawischen Korr." aus Belgrad zu. Die Seeschlacht bei de» Dardanellen. Athen, 19. Dezember. Die„Agence d'Athönes" veröffentlicht über die Seeschlacht vom 16. Dezember auf Grund dcS Berichtes eines Kapitäns, der mit feinem Schiff von den Darda- nellen hier eingelaufen ist, folgende Einzelheiten: D e r t ii r k i f ch e Panzer„Haired bin Barbarossa" ist fast völlig zer- st ö r t worden; er ist an Backbord und Steuerbord getroffen und jetzt mit Wachstuch verkleidet worden. Während des Kampfes brach an Bord des Panzers Feuer aus, jedoch gelang es, dieses zu löschen. Kontreadmiral H a l 0 i und vier Offiziere sind g e- tötet worden. Bei den Mannschaften ist die Zahl der Verwundeten und Toten sehr groß. Ein Hospitalschiff ist abgesandt worden, um sie aufzunehmen. Drei andere türkische Schiffe erlitten schweren Schaden. Umgekehrt wird in K o n st a n t i n o p e l die Behauptung auf- rcchterhalten, daß die türkische Flotte siegreich gewesen' und dem griechischen Panzer„Aweroff" schweren Schaden zugefügt habe. ES scheint sich also bei dieser Schlacht um viel Schüsse, aber sehr wenig Treffer gehandelt zu haben. q- I» * Kriegsfolgen. Belgrad, 20. Dezember. Auf Ansuchen Dscherwid Pascha?, der sich mit den Resten der türkischen Armee bei Korica befindet, hat daK Oberkommando der serbischen Armee unentgeltlich AK) Dosen Diphthericserum zur Bekämpfung der in Korica unter de,» Kindern wütende» Diphtheritis gesandt. Finanz Ut trumpf. London, 18. Dezember.(Eig. Ber.) Nach den letzten Nach- richten wird die Sechsmächtegruppe, die internationale Finanz- cliquc, die bemüht ist, die chinesische Republik nach dem in der Türkei angewandten System auszusaugen, zu Anfang des kom- inenden Jahres eine chinesische Anleihe von 25 Millionen Pfund Sterling übernehmen. Der Friede unter den Aasgeiern der Finanz ist wiederhergestellt worden. Herr'Crisp, der freche Eindringling in die Gehege der von den Negierungen beschützten Banken, wird entschädigt werden. Die grotzen Londoner Banken bekommen ihren Happen ab. Die City triumphiert und Sir Edward Grey hat die Flagge gestrichen. Die jüngste Geschichte der chinesischen Anleihen ist für die Völker von nicht geringem Interesse, da sie die engen Beziehungen zwischen Diplomatie und Finanz recht anschaulich dartut. Die Sechsmächtegruppe, das heißt die Gruppe der englischen, deutschen, französischen, amerikanischen, russischen und japanischen Banken, die dank der Unterstützung, die ihnen die Regierung ihre? Landes in Peking beim Abschluß von' chinesischen Staatsanleihen und bei der Erteilung von Konzessionen aller Art angedeihcn läßt, ein erstes Anrecht auf den aus dem chinesischen Volke herausgepreßten Mchrivcrt hat, ist ein noch ziemlich neues Gebilde. Nach dem chinesisch-japanischen Kriege war es eine englische Bank, die Hong- kong and Shanghai Banking Corporation, die der chinesischen Regierung aus der durch die Kriegsentschädigung entstandene Schwierigkeit half. Bald darauf wurde durch die lukrativen Ge- schäfte eine deutsche Bank, die Deutsch-Asiatische Bank, angelockt und es kam im Jahre 1896 zu einem Bündnis zwischen den beiden Instituten, das jedoch im Lanfe der Zeit einige Male gestört wurde (wie bei dem Stvcit um die Canton-Hankau-Bahn im Jahre 1908). Im Jahre 1911 fand diese Zweimqchtegruppe, daß es notwendig war, französische Finanzinstitute in die Gruppe aufzunehmen, und insit den Franzosen kamen die Amerikaner. Der Teilnahme der Amerikaner lagen rein politische Erwägungen zugrunde; denn die Vereinigten Staaten leihen kein Geld aus; sie borgen nur. Aber Amerika wollte sich bei dem Zusammenbruch Chinas, der bevorzustehen schien, das Recht der Einmischung sichern. Und nun kamen auch Rußland und Japan, zwei Staaten, die nichts zu ver- leihen haben und sich beständig in einer Finanzklemme befinden, und wollten den Chinesen Gelder vorschießen. So entstand die Scchsmächtegruppe, die zur Hälfte aus unverhüllten Erbschleichern besteht. «x,,..Diese. Gruppe wollte zu.Anfang dieses Jahres� der chinesischen Republik eine gewaltige Anleihe in der Höhe von 60 Millionen Pfund Sterling aufschwätzen und verlangte als Sicherheit den noch wnvorpfäudeten Teil der Salzsteuer, deren Verwaltung in ihre Hände ubergehen sollte. Es sollen von der Gruppe auch noch andere Forderungen gestellt worden sein, denen man den Rosakenursprung auf den ersten Blick ansah, wie die Reduzierung der Zahl der Sol- >zten. China lehnte diese unverschämten Bedingungen ab und der Präsident Juanschikai schickte seinen politischen Ratgeber Dr. Mor- ' üson nach London, um mit den Kapitalisten in Verbindung zu treten, die schon seit langer Zeit die Monopolstellung der Hong- kong and Shanghai Banking Corporation auf den« chinesischen Anleihemarkt mit Neid betrachteten. Ein Herr Crisp, der Ver» trclcr eines Londoner FinanzshndikatS, fand sich bereit, der Repu- blik zu annehmbaren Bedingungen eine Anleihe von 10 Millionen Pfund zu vermitteln. Er fand den heftigsten Widerstand beim Auswärtigen Amte, das alles tat, um die Anleihe zu hinter- treiben und das der Anleihe den Schutz der englische» Regierung vorenthielt. Aber Herr Crisp hatte die City auf seiner Seite nebst der ganzen Presse der investierenden Klassen. Ein regelrechter Feld- zug gegen das Auswärtige Amt und gegen die Sechsmächtegruppe wurde inszeniert, in dein die Börsenjobber gar rührende Worte für die arme bedrängte chinesische Republik fanden, die Sir Edward Grey ihren Feinden ans Messer liefern wolle. Die Anleihe kam trotz des Einspruchs der Regierung zustande und hatte in Anbe- tracht der ungewöhnlichen Verhältnisse keinen schlechten Erfolg. .Das Londoner Syndikat muß einen ganz netten Gewin» einge- strichen haben. � Und nun kommt das Nachspiel. Die Freunde und die Feinde Chinas haben sich geeinigt. Die Hongkong and Shanghai Banking Corporation gibt ihre Monopolstellung auf und läßt die Crispschen Leute mit an den chinesischen Futtertrog. Bier der größten Lon- doner Bankhäuser werden an der kommenden chinesischen Anleihe beteiligt sein. Es verlautet sogar, daß in Zukunft auch noch andere Banken hinzugezogen werden sollen. Herr Crisp hatte sich das Recht erworben, in Zukunft als erster bei der Aufnahme chinesischer Anleihen befragt zu werden. Dieses Recht gibt er gegen eine ent- sprcchende Entschädigung seitens der chinesischen Regierung auf, die nun doch in das Joch der Sechsmächtegruppe kriechen muß. Herr Crisp ist Sieger geblieben. Das Monopol, das Sir Edward Grey mit allen Mitteln beschützte, ist gebrochen. Der Londoner Finanzmann hat sich als stärker ertbiesen als der auswärtige Minister des mächtigen britischen Weltreichs, So konunt es, wenn Wnister gegen den Stachel löcken. poUtifche Geberfiebt Berlin, den 20. Dezember 1912. Der Wahlsieg in Greiz. Nach den amtlichen Feststellungen wurden am Donnerstag Im Wahlkreis Reuh ä. L. 14 698 Stimmen abgegeben. Davon entfielen auf Kaufmann Cohen in Frankfurt a. M. fSoz.) 7865, auf Dr. Strefemann-Dresden fnatl.) 530? und auf Amtsgericktsrat LattiNanu-Tchmalkakden fAntis.) IfstJl Stimme». Ein Wahlbezirk mit' 8? Wahlberechtigten steht noch aus. Bei der Haupiwahl im Januar erhielt Genosse Förster 8549 Stimmen, der Nationalliberale hatte 8800 und der Freifinnige 8300 Stimmen. Von den Antisemiten kandidierte damals niemand. Trotzdem der Sozialdemokratie 800 bis 900 Stimmen infolge der alten Wählerlisten und infolge der ungesetzlichen Verfügung entgingen, daß die Verzogenen, trotzdem sie in der Wählerliste stehen, ihr Wahlrecht nicht ausüben dürfen, ist der Sieg im ersten Mahlgang erreicht worden. - Der Wahlkampf wurde mit einer ganz außerordentlichen Heftig- keit und Erbitterung geführt. Der Hansabund hat sich den Kampf eine ganz! eborme summe kosten lassen. Die Nationalliberalen hatten eine große Schar von Parteisekretären und sonstigen Helfern 'nach dem Wahlkreis entsandt, die teils in eigenen Versammlungen sprachen, teils aber die von der Sozialdemokratie einberufenen Ver- sammlungen besuchten. Während die ersten Tage in den national- liberalen Versammlungen den sozialdemokratischen Rednern das Wort erteilt wurde, änderte sich dies gegen das Ende des WahIkampfeS, und am Vorabend der Wahl wurde in einer nationalliberalen Versammlung in Greiz den sozialdemokratischen Rednern nicht nur das Wort überhaupt verweigert, sondern es wurden sogar noch einzelne Parteigenossen, darunter Genosse Hcilmann- Chemnitz, persönlich insultiert. Schließlich erschien die von den Nationalliberalen herbeigerufene Polizei im Saal und begann die Galerien zu räumen. Die Antisemiten, die finanziell vom Bund der Landwirte auS« gehalten wurden, waren nicht minder tätig. Der ganze antiseinilische Stab trieb sich im Wahlkreise herum. Außerdem waren die Abge- ordneten Dr. Werner und Mumm zu Hilfe geeilt, deren Erfolge allerdings mehr in Heilerkeitserfolgen bestanden. Große Hoffnungen haben die Antisemiten zweifellos gehegt, denn der Bund der Land« Wirte zählt in Reuß ä. L. 1500 Mitglieder, und der Führer des Bundes hatte versichert, daß jeder Bündler noch einen weiteren Wähler mit zur Urne bringen werde. Statt dessen dieses für die Antisemiten niederschmetternde Resultat, das den Zu- faminenbruch dieser Partei, den sie bei der Hauplwahl erlitten hat, nur noch weiter bekräftigt I Die beiden gegnerischen Parteien haben sich in der gemeinsten Weise beschimpft, jeder der beiden gegnerischen Kandidaten wollle mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl kommen. Nun ist allerdings der Liebe Müh' umkonst gewesen, denn unsere Partei hat den Wahlkreis, den wir zu unserem ältesten Besitz- stand zählen können, im ersten Wahlgang behauptet, und die Gegner werden sich kaum mit der Hoffnung tragen, daß sie dort jemals Ivieder auf einen Erfolg rechnen können. Dem.Verl. Tagebl." wird aus dem Wahlkreise geschrieben, daß die Nationalliberalen mit ihrem Erfolge zufrieden sind, eine Be- scheidenheit, von der man allerdings vor dem Wahltage nichts zu spüren bekam._ Slltnationnlliberaler Katerfang. Obgleich die„Kreuz-Ztg." und die„Deutsche TageSztg." das Streben der sogenannten Altnationalliberaken, wieder in die vater- ländische konservativ-llerikale Interessengemeinschaft aufgenommen zu werden, mit überlegenem Spott aufgenommen und den National- liberalen folgende Bedingungen gestellt haben: Anerkennung der Berechtigung des extremen AgrarkonservatiSmus, Milwirkung deS Zentrums und Abrückimg der Nationalliberalen von der Fortschritt- lichen Bolkspartei, setzen die Friedberger und Fuhrmänner ihr LiebeSwerben um die Gunst der Konservativen fort. Ihr großes patriotisches Gemüt vermag es nicht zu ertragen, daß sie ihre politischen Rollen im Hintergrunde herunterspielen und nicht irgend einen schönen Posten in der Staatsmaschinerie einnehmen sollen. So beantwortet denn Herr Paul Fuhrmann in seiner„Alt- nationalliberalen Reichökorresp." die spöttische Zurechtweisung der „Deutschen Tagesztg." damit, daß er nicht dieses Blatt, sondern die„Köln. Zeitung" anführt und wie ein liebedurstiger Kater in lauen Sommernächten die Konservativen mit folgendem Wcrbegesang umgirrt:' „Die„Köln. Zeitung" lehnt diese Forderungen ab und be- zeichnet als nationalliberale Gegenbedingungen: Gleichberechtigung des Liberalismus in Parlament, Verwaltung und Diplomatie, Abwehr aller ultramontaiien und sozialdemokratischen Eingriffe in den Lauf der SMatsmaschine. Mir erscheinen diese letzten hier wiedergegebenen Forderungen nicht besonders glücklich formuliert, aber ganz davon abgesehen fürchte ich. daß das Stellen von Bedingungen und Gegenbedingungen leicht zu einer Polemik führen könnte, die uns dem erstreblsn Ziel ferner anstatt näher bringt. Diese»»erwünschte Folge ließe sich nur dann ver- meiden,'wenn auf beiden Seiten die Erkenntnis der llnhaltbarkeit des gegenwärtigen Zustandes und der feste Wille zu emer gründ- lichen Aenderung des gegenseitigen Verhältnisses vorhanden wäre. Ob das heute bereits in dem wünschenswerte» Maße der Fall ist. wird sich wohl erst in dem Verlaufe der weiteren Diskuision und bei der Behandlung der nächsten praktischen parlamentarisch- politischen Arbeiten zeigen. AIS ein erfreuliches Anzeichen kann man vorläufig wenigstens buchen, daß der Gedanke einer Wieder- annäherung, ja darüber hinaus einer Arbeitsgemeinschaft beider Parteien nirgends in ihrer Presse eine prinzipielle Ablehnung er- fahren, vielmehr zumeist eine freundliche Aufnahme gesunden hat.... Ich biit überzeugt, daß eine offene, die Empfindlichkeiten schonende, aber klar in alle Streitfragen hineinleuchtende Unter« redung der Führer beider Parteien eine Wolke von Mißtrauen be- seitigcn und einen brauchbaren Verhandlungsboden vorbereiten könnte. Ob hierzu bei beiden Geneigtheit und Wille vorhanden, ob beide der Gefolgschaft der Ihre» sicher, kurz, ob heute die Zeit schon reif für eine solche große Aktion sei, das ist die Frage. Denn darüber darf kein Ziveifel bestcben: Kommt es zu einer großen Auseinandersetzung beider Parteien, deren Ziel die Her- stellung einer Arbeiisgemeinschasl ist, dann darf man sich nicht mit dem Austauschen allaemeinverbindlicher Redensarten und auch nicht mit dem Verabreden gelegentlichen takti'chen Zusammen« Wirkens begnügen. Dann muß man vielmehr im Jitieresse einer dauernden Gesundung unserer innerpolitischen Verhältnisse den ge» samten Komplex der Fragen des Reiches und Preußens zur Ver« Handlung stellen und für sie nach einer gemeinsainen Lösung suchen, die gewiß überall auch für die Konservativen ein Nachgeben und Nachlassen bedeuten, die aber in der Wiederver- s ö h>i u n g von städtischer und ländlicher In« telligenz, von Gewerbe und Landwirtschaft den Staat undStaatSgedänken für absehbareZeiten neu sichern würde." Das Schicksal treibt doch seltsanie Possen. Gar mancher ist seiner Natur nach zum Beruf des Kammerlakais bestimmt, und das Schicksal macht aus ihm einen nationalliberalen Parteiführer. Eine Hanibnrger Universität. Der Hamburger Senat hat. wie der.Hamburgische Korresp." erfährt, eine Vorlage angenommen, nach der eine Universität zunächst mit drei Fakultäten, einer juristischen, einer philosophischen und einer koloniolwiffenschosllichen, errichtet werden soll. Die Kosten sollen in der Weise bestritten werden, daß im SraatSschuldbuch eine Schuld von 25 Millionen Mark eingetragen wird, über deren Zinsen die Universität zu verfügen hat. Für die Erweiterung des VorleiungS- gebäudes hat ein Hamburger Bürger das erforderliche Kapital in Aussicht gestellt. Die Universität soll, wen» auch in durchaus freier Weise, nach dem Muster anderer deutscher Universitäten eingerichtet werden._ Die tviirttembergischen Proporzwahlen. Aus Stuttgart wird uns gemeldet: Die württembergischen Proporzwahlen vorn Mittwoch, dem 18. Dezember, haben den Sieg der Rechte» vervollständigt. Nach der vorläufigen, in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag bekannt- gegebenen Zusammenstellung der Wahlziffern haben erhalten: das Zentrum 5 Mandate, die Sozialdemokratie 4 Mandate, die Polls- Partei 4 Mandate, der Bauernbund 3 Maiidate und die Rational- liberalen 1 Mandat. Das einzige Mandat, das die National- liberalen im südlichen Landeswahlkreis noch im Besitz hatten. ist vom Zentrum erobert worden. Die anderen Parteien haben ihren alten Besitzstand behauptet. Bauernbund und Zentrum verfügen nunmehr im neuen Landtag über 46 Mandate, das i st g e n a u d i e H äl f t e; im alten Landtag besaßen die Parteien der Rechten 40 Sitze. Nationalliberale. Vollspartei und Sozialdcmo- kratie dagegen öS Mandate. Verloren haben die Nationalliberalen 3 und Volkspartei 4 Mandate. Gewonnen haben die Sozialdemokratie 1 Mandat, das Zentrum 1 Mandat und der Bauernbund mit Zentrums Hilfe 5 Mandate. Die Parteistärke ist nunnehr: Sozial« demokratie 17 bisher 16,.Volkspartei 19, srüher 23. Nationalliberale 10, früher 13, Zentrum 26 früher 25, Bauernbund 20, früher 15. Von der Sozialdemokratie wurden im nördlichen Wahlkreis gewählt die Genossen Feuerstein, Hey mann und Erlen» b u s ch im südlichen Wahlkreis M a t t u t a t. Die National- liberalen lassen ihren Voisitzenden Kübel auf der Strecke. Der Vorsitzende der Landtagsfraktion Geheimrat von Balz ist bereits bei der Hauptwahl eiiiem Bauernbündler unterlegen. Der einzige nationalliberale„Sieger" in der Proporzwahl ist der Eß» lmger Oberbürgermeister Dr. Mülberger, einer der gerissensten Wahlmacher. Auch die Volkspartci dürfte an ihrem zum Sieg gelangten Proporzkandidaten keine ungemischte Freude haben. Die Parteipresse von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken ist nunmehr einig darin, daß das württembergische Proporzwahlsystein schwere Mängel aufweist, da es die Entscheidung über die Auswahl der Kandidaten der Parteimchrheit nimmt, verantwortungslosq Jntereffentengruppen zum ausschlaggebenden Faktor macht und so den gerissensten Wahlmachern zum Siege über die von d« Partei gewollten Kandidaten verhilft._ Konservative Wahlpraktiken. Die letzten ReichSlagSwahlen haben, namentlich in Schlefien noch nachträglich manche Opfer gefordert. Konservative Wahl» Vorsteher setzten vielfach ihren Stolz darin, den sozialdemokratischen Wahlkontrolleuren möglichst viele Schwierigkeiten bei der Aus- Übung der Konirolle zu bereiten. Folgten unsere Wahlkontrrlleure die dem Wahlreglcment widersprechenden Anordnungen nicht, so wurden sie aus dem amtlichen Wahllokal hinausgewiese». Und obendrein wurde gar oft noch die Anklage wegen Hausfriedens« bruch gegen sie erhoben, die fast ohne Ausnahme zu einer Ber« urteilung zu Gefängnis- oder Geld st rasen führte. Zu dieser Solte von Wahlvorstehern gehörte auch der Ritter« gutsbesitzer von Steg mann zu Jackschönau im Wahlkreise Breslou'Land— Neumarkt. Auf seius Veranlassung wurde weitab vom Wahltisch eine Schnur gezogen, die es dem Kontrolleur fast unmöglich macht?, das Wahlgeschäft zu überblicken. Der Parteisekretär für BreSlau-Land, der in das betreffende Wahl« lokal kam, erblickte in der Abgrenzung eine Beschrankung der Oeffentlichkeit der Wahl. Sein Protest wurde von Herrn v. Stegmann jedoch mit der Aufforderung des sofortigen VerlaffenS de« Lokals beantwortet. Als Genosse Srowig erst ging, nachdem der Wahlvorsteher eine Anzahl Knechte holen ließ, folgte die übliche Anklage wegen Hausfriedensbruchs und die Verurteilung zu einer Geldstrafe., Diese Praktiken des Herrn v. Stegmann bei der Wahl wollten unsere Genossen in einer öffentlichen Versammlung zur Sprache bringen, zu der v. Stegmann brieflich eingeladen wurde. Der„gnädige" Herr erschien aber nicht. Jnfolgedeffen hieß eS in der Einladung zu einer zweiten Versammlung, die Genosse Srowig ver« antivortlich zeichnete, Herr v. Stegmann sei deshalb das letztemal nicht in der Versammlung erschienen, weil er sich fürchte, Rede und Antwort zu st ehe n. Herr v. Stegmann llagte wegen Beleidigung gegen Srowig und erreichte auch dessen Ber- urteilung zu der ungeheuer hohen Strafe von vier« zehn Tugpn Gefängnis,.die. allerdiilgS in der-Berufungs« Instanz au f hündert Mark Geldstrafe ermäßigt'wurde. Wie notwendig aber die Kontrolle der amtlichen Wahllokale durch von der Partei gestellte Kontrolleure ist, und wie sebr der Agrarier b. Stegmänn Ursache hatte, der Einladung zu der öffent« lichen Versammlung nicht Folge zu leisten, bewies die Berufung SrowigS. die vor der Breslauer Straskamuier verhandelt wurde. Dort erklärte der als Zeuge unter Eid vernommene Srbeiter Wittow: „Ich war Vertrauensmann der sozialdemokratischen Partei bei der ReichStagSwahl i» Jackichöuau. Ich habe gesehen. wie der Wahlvorst eher. Herrv. Ste gm a n n. einige Wahl! uveriS an den Ecken anknickte, bevor er diese in die Urne stockt e." Vorsitzender:„Haben Sie da« auch genau gesehen gder ist da? bloß Ihre Phantasie? Ich versiehe gar«ichr, was sollte'denn der Wahlvorsteher für«in Interesse daran haben, die Wahlkuveriv an» z u k» i ck e n. Wie viel Kuverts hat er denn angelnickt T Zeuge:„Etwa drei- oder viermal habe ich das beobachtet. Ich habe Herrn v. Stegmann darauf aufmerksam gemacht mit dein Hinweis auf das Wahlreglement. Er hat mir erwidert: „Von einem solchen Menschen, wie Sie, lasse ich mir keine Rügen erteilen." Trotzdem ein anderer Zeuge, der jetzt allerdings sich an nichts mehr erinner» konnte, kurz nach der Wahl von Herrn v. Steg« mann gefragt wurde, toaruni er bei der Reichs- tagSwahl sozialdemokratisch gewählt habe, konnte der Herr Vorsitzende noch immer nicht verstehen, wie der konservative Wahlvorsteher an der Kenntlichmachung der Stimmzettel ein Interesse haben könnte. Der Zweck der Stegmannschen Manipulationen wollte ihm durchaus nicht einleuchten. Auf Grund der Aussagen des Zeugen Wittow wird die Reichs« tagSwahl von Jackschönan hoffentlich noch ein gerichtliches Nachspiel sür Herrn v. Slegmann haben._ Kein neues Schulgesetz! Dresden, 19. Dezember. Die letzte Sitzung der Z w e i t e n K a m m e r des Landtages brachte den letzten Akt der sächsischen Bolksschultragödie. Wie nach den negativen Ber» einiguiigSverhandlungen vorauszusehen war. blieb die Mehrheit auf ihren Beschlüssen bestehen, während die konservative Minderheit und die Erste Kammer sie ablehnten. Die Gesetzesvorlage war damit geicheitert. Die Reaktion machte noch einen schwachen Versuch, ein Gesetz nach den Wünschen der Ersten Kammer zustande zu bringen, indem sie die Beschlüsse der letzteren zu den ihrigen machte und namentliche Abstimmung darüber beantragte. Der Antrag wurde mit 61 gegen 27 Stimmen abgelehnt. An dem Drittel der Stimmen fehlten der schwarzen Minderheit drei Stimmen. Hätte sie das Drittel erhalten, dann wäre noch ei» Versuch von ihr gemacht worden, mit Hilse deS widersinnigen und mittelalterlichen Z 92 der Verfaffung ein Gesetz gegen den Willen der Mehrheit der Zweiten Kammer mit der Ersten Kammer zu machen I Die Mehrheit blieb jedoch fest, die gewünschten UmsäM traten nicht ein. Uebrigcns härte zu dem Plane der Koniervativen auch gehört, daß die Regierung die Be- schlüsse der Ersten Kammer zu den ihrigen machte, was jedoch nicht geschah. In einer heftigen Geschäftsordnungsdebatte platzten die Geistsr noch einmal scharf aufeinander. Das Abstimmungsergebnis wurde von der Mehrheit mit lebhaftem„Bravo I" begrüßt. Das gewaltige Jntereffe an dieser letzten EnlscheidungSsitzung kam auch äußerlich zum Ausdruck. Sämtliche Tribünen waren überfüllt, auch die Pairs hatten sich zahlreich eingefunden. Die Regierung war durch sämtliche fünf Minisier und durch eine große Zahl von Kom- missare» vertreten, von de» Abgeordneten fehlten nur drei, die nicht da sein konnten.. Die ganze riesige Arbeit ist vorläufig umsonst gewesen» M? Atz rftrb dennoch nicht vergeblich sein. Die gesirigen Kämpfe um die Schulreform, die einen Höhepunkt wie selten erreichten, gehen weiter. Besser keine Schulreform, wie eine schlechte! Auf diesen Standpunkt hatten sich mrsere Genossen im Landtage von vornherein gestellt. Selbst der konservative Führer stellte ihnen das Zeugnis aus. daß sie in der ganzen Kampagne außerordentlich geschickt operiert hätten. Die Sozialdemokratie hatte die Führung im ganzen Lande in diesem Kampfe und sie wird sie weiter behalten. Schon geht die reaktionäre Preßmeute daran, die Mehr» heitSparteien für das Scheitern der Schulreform, die fünf Jahre lang die Oeffentlichkeit beschäftigte, verantworttich zu machen. Ein durch- sichtiges Spiel, das bei allen ernsthaften Leuten keinen Eindruck machen wird. Die feudale Einrichtung der Ersten Kammer aber hat durch diesen Vorgang einen argen Stoß erhalten. Und mit voller Wucht wird dieser Stoß nun im ganzen Lande weitergeführt werden müssen. Denn es ist kein Zweifel, daß wir in Sachsen ohne eus Bleigewicht der Ersten Kammer ein gutes Schulgesetz erhalten hätten. Die Position der Sozialdemokratie in Sachsen ist nach diesem Landtage eine glänzende!_ Zur mecklenburgischen Verfassungsfrage. Deni in Malchin versammelten mecklenburgischen Landtag ist, wie die.Landeszeitung für beide Mecklenburgs meldet, heule die Antwort der Großherzöge auf die Ablehnung der Berfassungsvorlage zugegangen. In dieser Antwort beißt eS u. a.: .Wir ziehen die Borlage, welche einer Einigung beider Stände dienen sollte, zurück. Die allseitig als notwendig erkannte Ber- fasiungsresorm muß jedoch durchgeführt werden. Unsere weiteren Entichließungen werden wir unseren getreuen Ständen aus einem außerordentlichen Landtage kund geben, den wir zur endgültigen Erledigung der Versassungsfrage im nächsten Jahre einzuberufen beabsichtigen."_ Der Nudolstädter Landtag wird, wie nunmehr feststeht, am 20. Januar zu einer neuen Tagung zusammentreten. In erster Linie hat er sich mit einem neuen Beamtenbesoldungsgesetz zu befassen. Eine Zurückziehung der ohne die Zustimmung des Landtags dekretierten Teuert»ngs- zulagen ist nicht vorgesehen, dagegen will die Regierung dem Land- tag wenigstens insofern ein gewisses Entgegenkommen zeigen, als sie die Teuerungszulagen im neuen Gesetz zur Anrechnung bringen wird, so daß dem Landtag Gelegenheit gegeben ist, bei den einzelnen Positionen Aenderungen vorzunehmen. Dann wird die Regierung, wie man erfährt, dem Landtag zur Abwechselung wieder einmal eine.Wahlreform" unter- breiten, über deren Inhalt aber der Oeffentlichkeit gegenüber Stillschweigen gewahrt wird. Die Borlage dürfte sich vermutlich an den vom Abg. Herold in der letzten Session eingereichten Wahl- gcsetzentwurf anlehnen, der die Beseitigung der sozialdemokratischen Majorität anstrebt. Nach ihm soll sich der Landtag in Zukunft auS Berufsständen zusammensetzen, und will man besondere Vertreter für Industrie. Landwirtschaft. Kirche und Schule schaffen. Auch der Arbeiter- fchaft will man einige Sitze lassen, natürlich nur so viel, daß sie in Zukunft einflußlos sein würde. Dieses Heroldsche Wahlrechtsmachwerk ist gegenüber dem heule noch gültigen Wahlrecht so reaktionär und ungerecht, daß man weitere Worte über dasselbe nicht zu verlieren braucht. In der verflossenen Landlagstagung hat unsere Partei wiederholt erklärt, daß sie einer Aenderung des Landtagswahlrechls zustimme, wenn das Gesetz auf den, Prinzip der Berhältniswaht auf- gebaut ist. Die Antwort des SlaatSministers zeigte damals, daß die Regierung über dieses Wahlverfahren nicht einmal genügend orientiert und ernstlich auch nicht gewillt war, sich mit der Ein- führunK'deS Proporzes zu befassen. lauter diesen Umständen ist es selbstverständlich, daß die Regierung und die bürgerlichen Ab- geordneeten, falls wirklich ein derart reaktionäres Gesetz präsentiert wird, schmählich Fiasko machen._ Der Zentrumsantrag auf Gewähruug einer Teuerungs- zutage für die(Seistlichen in Elsatz-Lothringen, der für die staatlich besoldeten Geistlichen der anerkannten Religionsgemeinschaften(Katholiken, Protestanten und Israeliten) für das Rechnungsjahr ISIS eine Zulage von je 300 und für die Vikare eine iolche von je 150 M. verlangte. gleichzeitig aber vom 1. April 1S14 ab ein fiir alle Konfessionen gleiches staatliches Grund- gehalt mjt gleichen Gehaltsstufen eingeführt haben wollte, ist in der Budgetlommission der Zweiten elsaß-lothringischen Kammer durch ein Ziijammengehen der drei anderen Fraktionen(Sozialdemokraten, Fortschrittler und Lothringer Block) gegen das Zentrum mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt worden. AngenomiiGn wurde nur ein Antrag der Lothringer, der eine Denkschrift ver Regierung über die auf Grund des Konkordats bestehenden vertraglichen Verpflichtungen des Staates und über die freiwilligen Leistungen sür die Kirche und die Religionsdiener verlangt. Durch die Ablehnung des ZentrumSantrageö. der eine sofortige Mehrausgabe von rund 550 000 M. verursacht haben ivürde,— von den unabsehbaren späteren finanziellen Konsequenzen nicht zu reden— ist die Deckungsschwierigkeit für die Beamten- und LehrerbesoldungSreform etwas verringert; jeden- falls verlor auch das Zentrum die Lust, auf der von ihm gegebeneir Anregung der Erhöhung der Abgaben der Toten Hand (Bezirke, Gemeinden. Vereine. Gewerkschaften uiw.j um etwa 50 Proz. zu bestehen. Von der Erhöhung dieser Abgaben wurde in der Schlußsitzung der'Kommisfloll über die Deckungsfrage, am letzten Donnerstag, einstimmig Abstand genommen. Die Deckung des er- forderlich werdenden Mehrbedarfs erfolgt im wesentlichen durch Er- höhung der Bergwerks st euern, namentlich dtirch Er- höhung der Förderabgabe für Minetteerze. Laudtagsersatzivahl in Königsberg. Bei der heutigen Landtagsersatzwahl in Königsberg wurde an Stelle des verstorbenen Justizrates Gyßling der Kandidat der Fort- schrittlichen Volkspartei Justizrat Dr. Lichtenstein gewählt. Sozial- demokraten und Konservative enthielten sich der Abstimmung, während die Nationalliberalen für Lichtenstein stimmten. OeftemidvCIngani. Die Annahme des Kriegsleistungsgesetzes. Wien» 20. Dezember. Das Abgeordnetenhaus nahm daL KricgsleistungLgesetz in dritter Lesung mit 250 gegen 116 Stimmen an und begann dann die Beratung dxs Geschäftsordnungsprovisoriums. - Die Obstruktion der Tschechisch-Radikalen. Wicu, Zy. Dezember. Abgeordnetenhaus. Bei der Verhandlung über den Antrag auf Verlängerung des GeschäftsordnungS- Provisoriums protestierte» die Tschechisch-Radikalen lännend gegen den Antrag auf Schluß der Debatte. Einige Tschechisch-Radikale schlugen mit den Pultdeckeln auf die Pulte und der Abg. List) Pfiff auf einer Signalpfeife. Auch einige Slowenen beteiligten sich an dem Lärm. Unterdessen wurde der Schlußantrag angenommen. Nach einiger Zeit legte sich der Lärm._ Vertagung des Parlaments. Wien, 20. Dezember. Das Abgeordnetenhaus wurde nach Abschluß der Generaldebatte über die Dienstpragmatik auf den 27. d. M. vertagt. franltrdtf). Die Sozialisto,, und die Präsideuteuwahl. Paris, 20. Dezember.(Privat te legramm des «Vorwärts".) Did Fraktion beschloß, fiir die Präsidenten- Wahl beim ersten Wahlgange einen eigenen Kandidaten aus- zustellen; bei den folgenden Wahlgängen soll die Haltung der Fraktion durch das Urteil über die Persönlichkeit der vor- handenen Kandidaten bestimmt werden. Marokko. Eine französische Schlappt. Tanger, 20. Dezember. Nach einer von Eingeborenen über- brachten Meldung ist die Kolonne Massoutier, die am Ii. d. Mts. nach Snkcl- Badeslines abmarschierte, durch eine unter dem Befehl Mulay Neschids stehende Harka, die zum Feinde übergegangen war. angegriffen worden. Wegen ihres schwachen Effeklivbestandes konnte die Kolonne»och nicht wieder nach Mogador zurückgelangen. Paris, 20. Dezember. Aus Caiablanca wurden gestern unter dem Befehl eines Obersten sechs Kompagnien Jäger und Zuaven, sowie eine Feldbatterie an Bord des Kreuzers„Du Chayla nach Mogador abgesandt, um, die bei Suk el Arbo Smimu von auf- rührerischen Marokkanern umzingelte Kolonne Masioutier zu befreien. Auch von Saffi und Mazagan sind Truppen abgegangen, um dieser Kolonne zu Hilfe zu kommen. Ckina. Boykott gegen englische Ware» in Hongkong. Hongkong, 10. Dezember. Der gesetzgebende Rat hat eine Ver- ordnung zur Verhinderung von Boykotts angenommen. Alle kleinen chinesischen Händler in Stückgütern sind zum Protest gegen diese Maßregel der Regierung übereingekommen, drei Monate lang keine britischen Waren zu kaufen. Der Boykott der den Anlaß zu der obigen Verordnung gab, war infolge eines Beschlusses der eng- lischen Slraßenbahngesellschaft entstanden, keine entwerteten chine- schen Scheidemünzen als Bargeld anzunehmen. /Ziis der Partei. Worin die„engen Beziehungen" der Turnvereine zur Sozial- dcmokratie bestehen. Der Arbeitcrturnverein..Frisch auf" in Potsdam erhielt im Jahre 1011 seitens der Polizeibehörde die Aufforderung, die Namen seiner Vorstandsmitglieder und ein Statut des Vereins einzureichen, weil er politische Tendenzen verfolge. Er beschwerte sich ohne Erfolg gegen die polizeiliche Anordnung beim Regierungs- Präsidenten und auch beim Oberpräsidenten. Der Verein kam der polizeilichen Anordnung trotzdem nicht nach, sondern wartete auf ein Strafmandat, um gegen dieses das ordentliche Gericht anzu- rufen. Ein Strafmandat kam nicht und so glaubte man. die Polizei sei noch rechtzeitig zu der Einsicht gekommen, daß sie daneben ge- schössen habe. Man hatte sich getäuscht, denn ein halbes Jahr später ging die Sache von vorne los, und man wählte jetzt einen anderen Weg, nämlich das Verwaltungsstreitvcrfahren, das die ordentlichen Gerichte ausschließt. Der Vorsitzende wandte sich an die Polizej- behörde und sprach sein Verwundern aus, daß er noch gar keine Strafverfügung wegen der ersten Anordnung erhalten hatte und daß nun die Sache von vorne losgehe. Die Polizei war ebenso ver- wundert, daß in der Angelegenheit schon einmal vorgegangen worden sein solle. Sie wußte nichts mehr davon, oder vielmehr sie wollte nichts wissen, weil sie damals die Sache verkehrt gemacht hatte, da die ordentlichen Gerichte, zu denen sie anscheinend kein Vertrauen hals hätten entscheiden müssen. Z. B. hatte das Pots- damer Schöffengericht und auch das Landgericht entschieden, daß die Zugehörigkeit zum Arbeiterturnerbunde usw. nicht schon die Politischerklärung der Turnvereine rechtfertige. Der Turnverein beschwerte sich beim Regierungspräsidenten gegen die neue Polizei- liche Verfügung, natürlich ohne Erfolg. Hierauf beschwerte er sich beim Oberpräsidenten, indem er auf die Entscheidungen der Poi& damer Gerichte in der gleichen Angelegenheit beim Ketziner Turn verein hinwies und außerdem bemängelte, daß die Vorinstanzen nicht darauf eingegangen seien, inwieweit eigentlich die engen Beziehungen des Turnvereins zur Sozialdemo- kratie beständen. Die Antwort des Oberpräsidenten ist jetzt eingegangen und aus ihr geht hervor, daß man die Turnvereine auf alle mögliche Art bespitzelt und sogar die Rekrutenabschieds- feier benutzt, den Turnverein als einen politischen Verein hinzu- stelle» Das Schreiben des Oberpräsidenten hat folgenden Wort- laut? „Der Beschwerde gegen den Bescheid des Herrn Regierungs- Präsidenten vom 5. August d. I.— I. D. 5144— vermag ich nach Prüfung der Sachlage nicht stattzugeben. Es trifft nach den bis in die neueste Zeit fortgesetzten Beobachtungen und nach mehrfachen Entscheidungen des König- lichen Oberverwaltungsgerichts zu, daß der Arbeiterturnerbund einen ausgesprochenen sozialdemokratischen Charakter hat. Nach diesen Entscheidungen rechtfertigt schon der Zusammenhang des Turnvereins«Frisch auf" mit dem Arbeiterturnerbunde die Annahme, daß der Verein neben dem eigentlichen Zwecke auch die Ziele der sozialdemokratischen Partei zu fördern sucht. Dieke Annahme wird ferner durch die Ermittelung folgender Tatsache bestätigt. Die Einladungen zu Festlichkeiten, sowie die Bekannt- machungen des Vereins erfolgen lediglich in der„Brandenburger Zeitung", einem sozialdemokratischen Parteiblatt. Die Uebnngs, stunden des Vereins werden ausschließlich in Lokalen abgehalten, in denen vorwiegend Mitglieder der sozialdemokratischen Partei verkehren, wobei besonders hervorgehoben wird, daß in dem Lokal Woywodt in Bornim gemeinsame Uebungsstunden mit dem Turnverein„Vorwärts" in Bornim, der nach rechtskräftiger polizeilicher Verfügung als politischer Verein gilt, abgehalten worden sind. Am 23. September d. I. feierte der Verein ein Rekruten- abschiedsfest in dem Lokal von Woywodt, zu dem schristl'che Einladungen an die Sozialdemokraten in Bornim und Bornstedt er- gangen waren, und an dem sich auch der Vorsitzende des sozial- demokratischen Vereins. Parteisekretär Mike, beteiligte. Hiernach ist der Verein als ein politischer anzusehen und die polizeiliche Maßnahme gerechlfertigt. v. Eonrad." Toller geht« jedenfalls nicht. Es würde nun das Oberverwal- tungsgericht zu enlscheiden haben. Doch bier kommt man meist vom Regen in die Traufc.��_ Euq Industrie und Kandel. Schnapsprosite. Die Spirituszentrale hat den V e r w e r t u n g s p r e i s, h. h. den Preis, den sie für den Hektoliter reinen Alkohols an die Brenner zahlt, für das Geschäftsjahr 1011/12 auf 52.02 M. fest- gesetzt. Die Schnapsbrenner stecken damit von den hohen Spiritus- preisen einen erheblichen Teil ein. Nur i» einein Jahr(1904/05) stellte sich der Verwertungspreis höher. Im Durchschnitt der Jghre 1890 bis 1900 betrug der von der Zentrale an die Brenner gezahlte Preis 44 M. In den beiden folgenden Geschäftsjahren betrug er 43 M. bczlv. 44,91 M. Jetzt ist er um 7 M. in die Höhe geschnellt. Das zeigt, daß die Kartoffelmißernte des vergangenen Sommers und die erhöhte Branntweinsteuer den Schnapsjunkern nichts gc- schadet hat. Die Brenner haben noch ihren Prosit wesentlich� er- höhen können. Arbeitsmarkt im November. Wie der' Verband Märkischer Arbcilsnachweisc berichtet, hat sich die Lage des Arveitsmarktes gegenüber dem Vormonat allcnt- halbe», besonders aber in Groß-Berlin durchgehend v c r s ch l e ch- t e r t. Auch auf dem Arbeitsmarkt für weibliches Personal war die Nachfrage speziell in Berlin seit Beginn des Monats gegenüber dem Vorjahre eingeschränkt und ging im Lause des MonatS noch) weiter zurück. Erst neuerdings scheint mehrfach wieder eine ge- wisse Belebung einzutreten, die nicht nur auf das Weihnachts- geschäst, sondern auch auf die günstigere Gestaltung der Verhalt- nisse im Orient zurückzuführen ist, indem die vorher vielfach zurück- gehaltene Kauflust eine bemerkbare Anregung erfuhr. Was das B a u g e w e r b e betrifft, so herrscht in Berlm völlige Stille. Auch in der Provinz ist die Lage recht flau. Im Gegensatz zu den Vormonaten macht sich die Depression jetzt auch bei den Malern in Berlin bemerkbar, in der Provinz hat sich die Wen- dung noch nicht gezeigt. Ebenso weist die Gips- und Zement- brauche Berlins einen starken Rückgang auf. Die� Arbeits gelegen- heit war ferner hier für Dachdecker sehr eingeschränkt, für Stein, setzer verhältnismäßig gut und besser als im Vorjahre. Wenden wir uns zu der Industrie der Steine und Erden, so ist die Lage der Töpfer in Berlin sehr unbefriedigend, da nur wenige Bauten für eine Arbeitsgelegenheit angemeldet sind. Schwer danieder liegt die Kachelosenfabrlkation in Velten 32 dem Arbeitgeberverbande angeschlossene Ofenfabrikbesitzer haben ihre Arbeiter mit Ausnahme der Nichtverbandsmitglieder entlassen. Ueberhaupt ist der Absatz in Berlin, das früher als Schmelzosen- gebiet zu betrachten war, zurückgegangen, da Groß-Berlin verelts zur Hälfte mit süddeutscher bezw. sächsischer Chamotte versorgt wird.._. Die Metall- und Maschinenindustrie ist tn Rathenow und Küstrin normal beschäftigt, während in Brandenburg und Kottbus eine leichte Depression auftrat. In ���ln\]t dle Situation für Schmiede recht flau, denn es fehlt an Wagenneu- bauten und Reparaturen; ganz plötzlich ist die Abspannung be, den Kupferschmieden«ingetreten. Recht unbefriedigend gestalteten sich die Verhältnisse auch sür Bauschlosser, Rohrleger. Klempner, der letzteren immerhin noch besser als im Voriahre. In gewohnten Ausmaßen bewegt sich die Tätigkeit der optischen Industrie in Rathenow. Unter dem Zeichen völliger Depression steht noch immer in allen Branchen die Holzindustrie m Berlm. wo am Monatsschluß 2980 Arbeitslose vorhanden waren. Abgeflaut ist der Beschäftigungsgrad für Böttcher, dasselbe gilt vor allem von der Herstellung großer Fässer, da die Konkurrenz der eisernen die- selben verdrängt. Flotte Tätigkeit herrschte in der Berliner Buch- binderei. die Saison ist hier in vollem Gange. Wemg nach- gefragt wurden Tapezierer in Berlin; für Satt er ist d-e Lage hier günstig in der Militär- und Wagenbranche. schlecht da- gegen in der Koffer-, Taschen-, Geschirr- und Trelbriemenbranche: in Potsdam bot die Sattel-, vor allem aber dui �lutomobillndu�tne reichliche Beschäftigungsgelegenheit... In den Textilzentren hat die Balkankrise auch rn diesem Monat mehr oder minder eine gewisse Swckuna des Ab- satzcs zur Folge gehabt. Im S ch n e i d e r g e w erbe scheint die Saison vorzeitig geendet zu haben, denn ein reichliches Angebot machte sich z. B. in Brandenburg bemerkbar. Ebenso ist die stille Zeit für weibliche Arbeitskräfte in der Berliner Konsektlons- brauche früher als sonst eingetreten. Eine wenn auch mäßige Verschlechterung, die mit dem Schlüsse der Damenhutsaison zusammenhängt, machte sich ist der Huts i n d u st r i e bemerkbar._ Soziales« Die Gründung der„Volksfürsorge", gewerkschaftlich-genssse«'« schaftliche Bcrsicherungs-Aktiengcsrllschast erfolgte am 10. Dezember in Hamburg vor einem Notar. Die Ge, sellschaft ist mit einem Aktienkapital von 1 Million Mark gegründet worden. Dieses Aktienkapital wurde voll eingezahlt. Der Vorstand der„Volkssürsorge" setzt sich zusammen aus secks Personen, von denen zwei die eigentlichen BorstandSgeschäste führen, während vier weitere Vorstandsmitglieder nur im Neben- amt diese Aufgaben erfüllen. Zu geschästsführeNden Vorstands- Mitgliedern wurden A. v. Elm und Fr. Lesche(Hamburg) bestellt. Als Vorstandsmitglieder im Nebenamt sind von den Genosse»- schaften Kaufmann und Lorenz, von den Gewerkschaften Paeplv« und Wentker» sämtlich in Hamburg, bestimmt worden. Der Auf, sichtsrat der„Bolksfürsorge" setzt sich aus 8 Personen zusammen. von denen 4 die gewerkschaftliche und 4 die genossenschaftliche Seite repräsentieren. In den Aufsichtsrat wurden gewählt Bauer-Berlin, Leipart-Berlin, Ebert-Berlin und Schlicke-Stuttgart als gewcrk- schaftliche Vertreter und Junger-Berlin, Fräßdorf-Dresden. Hoff- mann-Magdeburg und Dr. Aug. Müller-Hamburg als genossen- schaftlich« Vertreter. Mit der Bornahme des notariellen Gründungsaktc? ist die Gc- sellschaft„Volksfürsorge" ins Leben getretem Ihre Eintragung inS Handelsregister kann allerdings erst erfolgen, wenn das Auf- sichtsamt für Privatversicherung den Geschäftsplan, die Tarife und die Versicherungsbedingungen der Gesellschaft genehmigt und ihr die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb erteilt hat. Der Antrag auf Eröffnung des Geschäftsbetriebes und Ber» öffcnttichung der Tarife und Versicherungsbedingungen ist nach den bereits geführten Vorverhandlungen nunmehr am 18. d. M. von der gegründeten Aktiengesellschaft auch formell gestellt worden. Selbst wenn die Erledigung dieses Antrages keinerlei Verzögerung er- fährt, werden ckber noch einige Wochen verstreichen, ehe der cigent- liche Gesch«ftsbetrich der�„Volksfürsorge" aufgenommen»verden kann. Alle die zählreichen Freunde des Unternehmens, die ihr Versicherungsaufträge zuweis»» wollen, muffen daher noch einige Zeit Geduld haben. Ein Gesetzentwurf über den Arbeitsvertrag der Privatangestellten. Der frühere Ministerpräsident Luzzatti hat der römischen Kammer am 13. d. M.«inen auch von sozialistischen und reformisti» schen Abgeordneten unterzeichneten Gesetzentwurf vorgelegt, der den Arbeitsvertrag der Privatangestellten regeln soll. Der Entwurf besteht aus 10 Artikeln und enthält Bestimmungen über Kündi- gungssrijt, Kranienunterstützung, Ferien und Schiedsgericht«. Für die Kündigungsfrist, die heute der persönliche» Vereinbarung über- lassen ist, setzt der Entwurf, je uach dem Dienstalter und der Stellung im Geschäft, ein Minimum von einem Monat und ein Maximum von sechs Monaten fest. Ist ein Angestellter 10 Jahre tn ei nein Betriebe, so wächst sein« Kündigungsfrist init jedem wci- ieren Jahre um einen Monat bis zur Höhe von 12 Monaten. Wer diese höchste Frist erreicht hat, hat bei seiner Entlassung, auch bei Einhaltung der Kündigungsfrist, Anrecht aus so viel Monate Gc- holt, als er Jahre im Betriebe tätig war. Beim Tode des Ange- stellten steht der Familie, die er durch sein« Arbeit unterhielt, eine Summe zu, die 50 bis 100 Proz. dessen ausmacht,»vas'der Ange- stellte im Falle der Entlassung zu erhalten hatte. Wlrd«in Unter- nehmen wegen höherer Gewalt aufgelöst, so kann die dem Personal zustehend« Entschädigungssumme auf die Hälfte herabgesetzt wer- den. Angestellte mit Provision und Gewinnbeteiligung sind in der Weise abzufinden, daß die hieraus bezogenen Einnahmen, unter Zugrundelegung des Zeitraums der letzten jünf Jahre, zum festen Gehalt geschlagen werden und aus der Summe die Höhe der Eni- schädigung bestimmt wird. Für Llrgntenunterstützung(mau be- denlc, daß es in Italien keine obligatorische Krankenversicherung gibt) setzt der Entwurf fest, daß bei Dienstunterbrechung durch Krankheit, Schwangerschaft oder Wochenbette dem Angestellten seine Stellung offengehalten und ihm weiter für die Dauer von 45 Tagen bis zu 3 Monaten das Gehalt weitergezahlt werden muß. Dieselbe Bestimmung gilt für die Einberufung zum Militär- dienst. Der Entwurf sichert jedem Angestellten� eine.jährliche Ferienzeit mit Gebalt von 10 bis 20 Tagen und bestimmt schließ- lich, daß in Erwartung der Ausdehnung der Gcwerbegerichtsbgrkcit auf den Handel bei den Handelskammern gemischte Schiedsgerichte zu bilden sind, die über Streitigkeiten, die aus der Anwendung des Gesetzes entstehen, zu entscheiden haben. Die Kammer beschloß die Beratung des Entwurss. GcwcrhrchaftUcbes. Zcrfcbmettcrung der Gcwerkfcbaften. Die Scharfmacher mit dem Glaubensbekenntnis von dem absoluten Herrscherrecht der Unternehmer und der unbedingten Gehorsamspflicht der Arbeiter haben sich für ihre Theorie ailch� ein wissenschaftliches Mäntelcheu schneidern lassen. Professor Ehrenberg gab ihm den Namen„Exakte Wirt scherftssorschung". Mit einer Anzahl wissenschaftlicher Ge sellcn, so dem bekannten Dr. Tille und dem ebenso bekannten Dr. T a e n z l e r. gründete Ehrenberg eine sogenannte „Bereinigung für exakte Wirtschaftssorschung", die vom Grafen v. M i r b a ch präsidiert und von Industriellen finaiiziert wird. In Stuttgart hielten die Wissenschaftler für Scharfmacherei dieser Tage ihre Jahresversammlung ab Generalsekretär Stein: aun-Bucher teilte mit, daß die .Zahl der Mitglieder jetzt 47 8 betrage, darunter 50 korporative Mitglieder, davon 1» Handelskammern, 3 2 w i r t s ch a f 1 1 i ch- i n d n st r i e l l e Verbände und 8 land wirtschaftliche Jnteressentengruppen. Das Vermögen des Vereins. betrage 32 800. M. Da die ordentlichen Mitglieder beitrüge nur 28 000 M. einbrächten, die laufenden Ausgaben aber 3 2 0 00 M. erforderten, müsse der Opfersinn der Mit gliedcr noch ein bißchen angeregt werden. Im weiteren Ver lauf der Verhandlungen bewiesen die exakten Forscher, daß sie vollständig auf das Programm des Herrn Bueck: Zer schmetterung der Gewerkschaften! eingestellt sind. Professor Dr. Budde- Berlin beklagte, daß die Trades Unions mehr und mehr in Abhängigkeit von der Sozialdemokratie gerieten. Dann kam Dr. Tille, der unter schmetternden Tönen sein Rößlein gegen die Gewerkschaften ritt, ebenso Dr. T a e n z- l e r. Beide lehnten kategorisch die Anerkennung der Ver Handlungsfähigkeit der Gewerkschafteii ab. Jede Arbeits gemeinschast zwischen ihnen und den Unternehmern s e i ausgeschlossen: solche Bestrebungen hätte ir abge wirtschaftet. Weiter wurde ausgeführt, die geWerk schastliche Bewegung— einschließlich der christlichen und Hirsch-Dunckerschen— habe einen politischen Charakter, und sie müsse daher auch mit politischen Mitteln bekämpft werden. So kommt die famose exakte Forschung zu der Forde- rung von Ausnahmegesetzen gegen die Arbeiter. Man könnte sich fast versucht fühlen, diese Wissenschaftler für verkappte Anarchisten zu halten, die durch plumpe Eingriffe in die organische EntWickelung der sozialen Verhältnisse Katastrophen herbeiführen wollten. In der großen Leffentlichkeit betrachtet man die Ehrcnberger vielfach nur als komische Sonderlinge. Wegen der wirtschaftlichen und sozialen Macht, als deren Fuß- schcmel sie dienen, haben die Hetzereien der Scharfmacher leider eine größere Bedeutung. Es ist daher notwendig, auf das Treiben jener Leute hinzuweisen. Wer heute noch den absoluten Fabrikseudalismus vertritt, die Arbeiterorgani- sationen en canaillo behandeln will, der predigt den Wirtschaft- lichen Krieg in Permanenz, der ist in seinem Wollen ein Störer der.Ordnung, ein Förderer der Unzufriedenheit und Empörung, ein Agent provocateur. Berlin und llnigegcnd. Die Lage im Dachdeckergewerbe. Nachdem der Kampf für die Dachdecker und Hilfsarbeiter ungünstig verlaufen ist, fühlen sich die Unternehmer als die Herren der Situation. Nicht nur, daß sie be- strebt sind, den Arbeitern ungünstigere Arbeitsbedingungen zu- oktroyieren, suchen sie die„anrüchigen" Arbeiter durch schwarze Listen in ihrem weiteren Fortkommen arg zu beeinträchtigen. Um sich einen Stamm williger und gefügiger Arbeiter zu schaffen, haben die Unternehmer weiter die Gründung einer gelben Organisation vorgenommen. Mit dieser wollen sie den Zentralverband der Dach- decker zertrümmern und sehen im Traume auf den Ruinen schon die schönsten gelben Sumpfpflanzen erblühen. Diesen Scharfmachergelüsten stehen die Arbeiter natürlich nicht tatenlos gegenüber. Am Donnerstag nahm eine Vertrauensmännersitzung Stellung zu der augenblicklichen Situation im Gewerbe. Einmütig erklärte man sich bereit, die Organisation nach innen und außen weiter auszubauen und zu kräftigen. Vor allem sollen die Zahlstellen besser ausgestaltet werden. Reben dem Zahlen der Beiträge sollen Vorträge belehrender Art ge- halten werden. Durch Verbreitung von Flugblättern will man die nicht oder bereits gelb Organisierten über ihr schädliches Treiben aufklären. Auch bei den Lehrlingen soll durch Lieferung der „Arbeiter-Jugend" das Solidaritätsgefühl und Interesse für die Organisation geweckt werden.— Damit der Ortsbeamte mehr freie Zeit zum Agitieren gewinnt, soll auch die Ex- pedition der Berbandszeitung demnächst eine anderweite Regelung erfahren. Bestimmte Vorschläge wurden einer im Januar ab- zuhaltenden Vertrauensmännersitzung überlassen. Wenn nun das Unternehmertum jetzt die schlechte Konjunktur zu Ungunsten der Arbeiter auszunutzen sucht, so werden die Arbeiter durch eine zielbewußte Agitation ihre Organisation aus eine Höhe bringen, daß sie schon in allernächster Zeit die Scharte wieder aus- wetzen können. veutfekes Reich. Tie Verhandlungen im Vaugewerbc. München, 20. Dezember.(Privattelegra mm des „V o r w ä r t s".) Tie zentralen Tarifverhandlungen im Baugewerbe beginnen am 29. Dezember. Sie werden dies- mal in München unter dem Vorsitz des Herrn Gewerbegerichtsdirektors Dr. P r e n n e r stattfinden. Differenzen der Böttcher in der Emdener Fischereigesellschaft. Die Direktion genannter Gesellschaft verlangt von den Böttchern die Verlängerung des bestehenden, erst am 1. August ablaufenden Tarifvertrages. Sie begründet ihr�eigenarliges Verhalten damit, daß die Fischfangergebnisse nn letzten Sommer sehr schlecht gewesen seien, und gegenwärtig eine große Geschäftsflaue bestehe, die zu Arbeiter- entlassungen führen müßte; unterschrieben die Arbeiter, so würde von Entlassungen Abstand genommen. Die Böttcher verweigerten die Unterschrift, worauf 15 Mann entlassen wurden. Da der Tarif doch erst am 1. August abläuft und nur ein Vierteljahr vorher ge- kündigt werden braucht, so ist eS offenbar, daß die Direktion mit ihrem Borgehen die für sie jetzt so günstige Zeit in ihrem Interesse ausnutzen möchte. Deshalb der Druck auf die Arbeiter wenige Tage vor Weihnachten durch Entlassungen, die doch bei einigem guten Willen der Direktion hätten vermieden werden können. Die Böttcher find trotzdem nicht gewillt, sich der ungerechtfertigten Anforderung der Unternehmer zu fügen, und sie haben in ihrer gerechten Abwehr die Arbeiter in Emden hinter sich stehen. Die Aussperrung in dir Nniongiefierei zu Königsberg dauert un- berändert fort. Kürzlich haben die OrgamsalionSoerlreler auf Veranlassung des Vorsitzenden des Gewerbeger chts an ihn ein Schreiben gerichtet, in dem sie ihn ersuchen, der Direktion der Uniongießerei folgendes mitzuteilen. Unter der Voraussetzung, daß die Direktion zu Verhandlungen vor dem von den Arbeitern angerufenen Einigungs- amt bereit ist, würden die Organisationsvertreter der Arbeiterschaft folgendes zur Annahme empfehlen: 1. Festsetzung des Stunden- lohnes für die Hilfsarbeiter auf W Pfennig pro Stunde. 2. Geschlossene Wiedereinstellung der noch orts- anwesenden Streikenden und Ausgesperrten.— Die kämpfenden Arbeiter billigten diesen Versuch der Organisationsvertreter, eine Einigung herbeizuführen, doch die Direktion der Uniongießerei hat wiederum jede Ver Handlung abgelehnt. Sie hat dem Gewerbegericht ge- schrieben, sie bedauere sehr, nach wie vor eine Verhandlung vor dem Einiglingsamt ablehnen zu müssen. Auch zu den Vorschlägen der Organisalionsvertreter vermöge sie sich nicht zu äußern. Wenn ihre frühere Arbeiterschaft die Absicht hätte, die Arbeit wieder auf- zunehmen, so werde dieselbe auch wissen, an wen sie sich zu wenden habe. Die Wiederaufnahme der Arbeit könne nur unter den früheren Bedingungen, die Wiedereinstellung nur nach Bedarf ertolgen. Die Direktion hat damit aufs neue bewiesen, daß sie den Frieden nicht will. Infolgedessen haben die kämpfenden Arbeiter ihren Ver- Mittelungsvorschlag von 38 Pf. Stundenlohn für die Hilfsarbeiter wieder zurückgezogen; sie beharren jetzt wieder auf ihrer Forderung von 40 Pf., und erklären, so lange im Kampfe auszuharren, bis sie den Sieg errungen haben, und wenn der Kampf, der bereits neun Wochen dauert, noch einmal so lange währen sollte. Arbeitswillige aus den Reihen der kämpfenden Arbeiterschaft— es kommen gegen 1000 Mann in Frage— haben sich fast gar keine gefunden. Mit den Streikbrechern, welche die Agenten von auswärts heran- geschleppt haben, bat die Direktion fast nichts anfangen können. Insgesamt sind gegen 500 Streikbrecher nach Königsberg gekommen; die meisten haben den Betrieb wieder ver- lassen oder haben entlassen Iverden müssen, weil sie vollkommen unbrauchbar waren. Jetzt sind etwa 130 Mann noch vorhanden, von denen ein Teil Weihnachten dem Betriebe ebenfalls den Rücken kehren wird. Wiederholl haben die Streikbrecher harmlose Passanten überfallen und mißhandelt; sie haben sich auch gegenseitig unter- einander die Köpfe blusig geschlagen, so daß die Polizei wiederholt einschreiten mußte.'_ Vor dem gelben Debacle. Augsburg ist bekanntlich die Pflanzstätte der gelben Sumpf- blume, mit der es aber munmehr, wie in einer gegen das gelbe System gerichteten Protestversammlung festgestellt"wurde, gewaltig abwärts geht. Seit 1909 hat man die bis dahin beobachtete Hebung verlassen, die Mitgliederzahlen zu veröffentlichen; die letzte Ver- öffentlichung 1909 verzeichnet noch 16 Werkvereine mit 6800 Mitgliedern. In den folgenden Jahren wird nur noch von dem gelben Verein der Maschinenfabrik Augsburg-Nümberg berichtet, daß er 1909 um 54, 1910 um 82, 1911 um 21 Mitglieder zurückgegangen sei. 1908 zählte der Verein 2546, 1911 waren es noch 2389 Mit- glieder, also 157 weniger. Die Zahlen erscheinen auf den ersten Blick nicht erheblich, sie erhalten aber eine große Bedeutung, wenn man betrachtet, daß 1903 die Maschinenfabrik 3300 Arbeiter be- schästigte, zurzeit aber 4700. Außerdem ist zu beachten, daß jetzt die Bei- träge für die gelbe Organisation vom Lohn abgezogen werden, während sie früher nur in der Fabrik einkassiert wurden. Dadurch wird der Rückgang noch stark gehemmt. Der Metallarbeiierverband in Augs- bürg hat in der gleichen Zeit um 600, der Gewerkschaftsverein Augsburg, in dem die freien Gewerkschaften zusammengeschlossen sind, um 4000 Mitglieder zugenommen. Auch diese Zahlen ver- anschaulichen klar, wie mächtig es mit den Gelben den Krebsgang geht. Wer von der gelben Bewegung den Nutzen hatte, wird aus der Tatsache deutlich, daß seit dem Auftreten der gelben Bewegung in der Maschinenfabrik Augsburg- Nürnberg die�Akkordpreise unr nicht weniger als 20 bis 65 Prozent reduziert worden sind, eine Lohn- Herabsetzung, die nicht hätte eintreten können, wenn die Arbeiter- 'chaft nicht durch das gelbe System gelähmt gewesen wäre. Hoffent- sich wird es nun bald anders.__ Die Buchbinder in Augsburg unterhandeln fest bald einem Vierteljahr mit der Buchbinder-Zwangsinnung wegen eines Tarifvertrages. Sie verlangen einen Mindestlohn von 30 resp. 32 Pf., nach fünfjähriger Tätigkeit 40 Pf. pro Stunde, für Arbeiterinnen 16, 18 und 19 Pf., Verkürzung der Arbeitszeit von 58 auf 56 Stun- den pro Woche und einige nebensächlichen Dinge. Da die Meister Zugeständnisse machten, die nur als Hohn aufgefaßt werden können, brachen die Arbeiter die Verhandlungen ab. Staatsgewalt gegen christliche Streikende. In Freyung im bayer. Wald streiken 100 christlich organisierte Arbeiter einer Fabrik. In dem Betriebe sind fünf Arbeitswillige. Die Streikenden wollten die Arbeitswilligen belehren, nicht mehr zur Arbeit zu gehen. Ein Arbeitswilliger nahm eine provozierende Stellung ein. Auch gaben die Arbeitswilligen vier scharfe Schüsse ab. Diese? Vorgehen löste eine große Erbitterung unter oen Streikenden au§, und die Arbeitswilligen bekamen eine gehörige Tracht Prügel. Wegen dieses Vorkommnisses ist vor einigen Tagen eine Anzahl von Christlichen verhaftet worden, darunter der Vor- ätzende der christlichen Ortsgruppe, ein Familienvater mit sechs Kindern. Die Verhafteten wurden gefesselt und im« Schwerverbrecher ins Gefängnis gebracht. Das zuständige Bezirksamt Wolfstein droht der Streikleitung, es werde eine halbe Kompagnie Soldaten requirieren und tabula rasa machen. Das christliche Verbandsorgan chreibt zu diesem Vorgehen:„Sollen vielleicht die 100 Streikenden einer Lohnbewegung niedergemacht und damit unsägliches Elend über eine ganze Bevölkerung gebracht werden?" Zustand. Drohender Seemannsstreik in Grostbritannien. London, 19. Dezember 1912.'(Eig. Ber.) Ein allgemeiner Streik der Seelente droht zu Anfang de» Jahre» in Großbritannien auszubrechen. Tie britischen Reeder erzielen schon seit Monaten o außerordentlich hohe Frachten und streichen solch märchenhafte Gewinne ein, daß die Arbeiter die Zeit zur Verwirklichung ihrer mäßigen Forderungen für gekommen halten. Es sind namentlich zwei Forderungen, die die britischen Seeleute schon lange aus ihrem Programm haben: die Einführung eines Reichslohnamtes, das ans dem Wege der gegenseitigen Abmächung die Löhne festsetzen soll. und zwar so, daß der Lohn im ganzen Lande in jeder Schiffs- kategorie der gleiche ist, und zweitens die Vermehrung der Mann- chasten auf dem Verdeck wie im Maschinenraum. Der Reeder- verband sShipping Federationi hat nun Versuche gemacht, der Be- wegung den Wind aus den Segeln zu nehmen, um der Lösung dieser ihm unbequemen Fragen aus dem Wege zu gehen. Er hat 'einen Mitgliedern geraten, vom ersten Januar ab den Seeleuten eine wesentliche Lohnerhöhung zu gewähren. Diese erstaunliche Gutmütigkeit der Arbeitgeber hat bei den Arbeitern jedoch großes Mißtrauen hervorgerufen. Die Arbeiter werden die Lohnzulage natürlich gerne annehmen, aber sie denken nicht daran, den giinsti- gen Zeitpunkt zur Regelung der Lohn- und Bemannungsfrage un- benützt vorübergehen zu lassen. Sie weisen auch darauf hin, daß der Reederverband in die Errichtung eines Lohnamtes für die Kapitäne und Offiziere eingewilligt hat, während die Mnanschaften nur Lohnzulagen bekommen sollen. Auch sie wollen wie ihre Kol- legen in vielen anderen Berufen in der Lohnfrage und der Frage der Arbeitsbedingungen mitreden. Vor allen Dingen wünschen sie eine Aussprache mit den Unternehmern. Die Reeder der Nordostküste haben sich mit ihren Angestellten auf einer Konferenz am 12. De- zember schon besprochen; aber die übrigen Unternehmer haben sich noch nicht zu einer gemeinschaftlichen Beratung bereit erklärt. Der Verband der Seeleute hat deshalb an alle Reedereien des Landes eine Einladung zu einer gemeinschaftlichen Konferenz, die am 30. Dezember in London stattfinden soll, erlassen. Sollte keine Konferenz zustandekommen, so wird der Verband eine Lohnforde- rung stellen, die der Prosperität der Industrie angepaßt ist, und diese Forderung nötigenfalls erzwingen. Der Verband der See- leute hat ein Manifest herausgegeben, das mit den Worten schließt: I.Macht Euch zum Kampf bereit. Das Signal wird wie im Jahre 1911 gegeben werden. Der Exekutivausschutz wird alleimdas Datum wissen. Wir fordern alle Seeleute aus, ohne Zögern zu folgen, wenn das Signal gegeben wird." Versammlungen. Die Rabattmarken der Bäckerinnunge». Kürzlich teilten wir mit, daß der Zweckverband der Bäcker« innungen mit der Absicht umgehe, eine Zentrale für den Vertrieb» von Rabattmarken zu gründen. Der Plan ist nun verwirklicht, oder der Verwirklichung nahe. Marken der Zentrale werden bereit» vertrieben, aber im Januar soll erst eine Bäckermeisterversammlung endgültige Beschlüsse in dieser Angelegenheit fasien. Die Freie Vereinigung der Bäckermeister hatte am Tonnerstag eine Versamm- lung einberufen, die ihrerseits Stellung zu der" Markenzentrale .nahm. Die Referenten des Vorstandes erklärten sich gegen das Unternehmen der Innungen hauptsächlich deshalb, weil es geeignet sei, die Bäckermeister in ein unliebsames Abhängigkeitsverhältnis von den Jnnungsleitern zu bringen. Der Vorstand der Freien Ver- einigung steht aber wie es scheint so ziemlich allein mit seiner An- schauung. Wenigstens wurde in der sehr ausgedehnten Diskussion recht wenig gegen das Jnnungsunternehmen gesagt. Mehrere Redner erklärten sich sogar unbedingt für dasselbe, andere Redner wollten erst abwarten, wie sich die Sache entwickelt. Man betrachtete die Markenzentrale lediglich von dem Standpunkt, ob sie den Bäcker« meistern momentane geschäftliche Vorteile bringe. Allgemein wurde betont, daß die Ueberschüsse der Zentrale nicht zu sozialen Kamps- zwecken Verivendet, sondern den Beteiligten zugute kommen sollten. Es läßt sich nicht verkennen, daß alle Redner, welche der Markenzentrale der Innungen mehr und weniger Sympathie ent» gegenbringen, über ihre nächsten geschäftlicken Interessen nicht hinaussehen können. Selbst die Gegner der Markenzentrale berührten nicht den springenden Punkt des ganzen Unternehmens, der weit über die Kreise der Bäckermeister hinaus Beachtung verdient. Es kommt weniger daraus an, ob Gelder der Zentrale für Kampfzwecke der Bäckermeister gegen die Gesellen benutzt werden, denn damit wird sich wohl nicht viel ausrichten lassen. Die Hauptsache ist viel- mehr die: Wenn das ganze Rabattmarkenwesen in den Händen der Jnnungsführer zentralisiert ist— und darauf läuft der Plan hinaus— dann wird man den Bäckermeistern, die es in ihrem eige« nen Interesse für notwendig halten, einen Tarif mit dem Verbände der Bäcker und Konditoren abzuschließen, die Marken entziehen. Diese Meister werden also ihrer Kundschaft keine Marken mehr gebei� können. Da aber die Kundschaft bedauerlicherweise an da? leidige Markensystem gewöhnt ist und zum großen Teil noch daran festhält, so laufen die von der Markenzentrale boykottierten Bäcker- meister Gefahr, einen großen Teil ihrer Kundschaft zu verlieren. In anderen Orten bat man ja diese Taktik bereits eingeschlagen gegenüber solchen Bäckermeistern, welche die von der Innung nicht anerkannten Forderungen der Gesellen bewilligten. Das ist die große Gefahr, welche den arbeiterfreundlichen Bäckermeistern droht und die viel schwerer ins Gewicht fällt als wie die Frage, ob man 4, 5 oder 6 Prozent Rabatt gewährt. Es scheint, als ob man in der Freien Vereinigung auf kleine geschäftliche Vorteile hofft, die man durch die Markenzentrale vielleicht haben könnte, daß man aber darüber die große Gefahr eines Boykotts durch eine in den Händen der Jnnungsführer befindliche Markenzentrale vergißt. Der Versammlung lagen zwei Resolutionen vor. Die erste, von dem Referenten des Vorstands eingebrachte, spricht aus. daß, wenn ein einheitlicher Rabattsparverein geschaffen werden sollte, dies nur auf der Grundlage des bestehenden Vereins„Luisenstadt und Südost" und nicht ohne Ausschluß der Kaufleute geschehen darf. Die zweite, von Herrn S a u l u s eingebracht« Resolution, stellt sich wohlwollend zu der von den Innungen gegründeten Markenzentrale und verlangt, daß im Statut das Selbstbestim- immgsrecht gewährleistet werde, die Ueberschüsse nicht zu gewerk- schaftlichen Kämpfen verwendet, sondern zum Teil den Mitgliedern zurückvergütet werden.» Die Versammlung endete in einem großen Tohuwabohu, her- vorgerufen durch das Auftreten des Herrn S a u l u s. der un- mittelbar vor der Abstimmung das Wort verlangte, was ihm der Vorstand verweigerte. Unter großem Lärm und allgemeiner Un» aufmerksamkeit ließ der Vorsitzende über die erste Resolution a?» stimmen und erklärte sie für angenommen. Dann kletterte Saulus auf einen Tisch und schrie in die wildbewegte Menge hinein. Anscheinend protestierte er gegen das Abstimmungsresultat. Hetzte Nachncbteti. Kriegsgelüste in der russischen Duma. Petersburg, 20. Dezember.(W. T. B.) Tie Reichsduma trat heute in die Erörterung der Rede des Ministerpräsi- benten KoHowtzow ein. Das Mitglied der Rechten P u r i s ch. kc witsch führte aus, daß kein Krieg populärer wäre als gegen den historischen Gegner Rußlands, die F l i ck in o n a r ch i e. Der Krieg würde das ganze russische Volk in patriotischer Begeisterung vereinigen und alle Parteiuntcrschiede bei- scite schieben. Der Nationalist Graf B o b r i n s k i erklärte, daß in den Fragen der äußeren Politik die Majorität der Duma zusammen- gehe. Falls Verwickelungen eintreten würden, würden in Rußland weder politische Parteien noch Nationalitäten vorhanden sein. Sollte Serbien und der Balkan bund zerschmettert werden, so würde in Rußland ein solcher Sturm der Volksentrüstung, eine solche Rkacht religiö- ser Gefühle losbrechen, wie in de�t glorreichsten Tagen der ruspschcn Geschichte. Ter Abgeordnete L w o w, Mitglied der Zentrumspartei, erklärte, daß ganz Ruß- land wie ein Mann die Ehre des Vaterlandes schützen würde, wenn die Stunde es erfordere. Der Kadett Maklakow führte aus, daß die politischen Gegner der Regierung im Kriegsfalle die Feind- schaft vergessen würden, eingedenk, daß die Regierung die Jnter- effen Rußlands verteidige. Ein Vertreter der Progressisten sprach sieh in ähnlichem Sinne aus. Abgeschlagener Angriff der Türken. Wien, 20. Dezember.(W. T. B.) Aus Saloniki wird vom vorgestrigen Tage gemeldet: Bei Beg lischt«, zwischen Florina und Koriza, zogen sich die von den Türken angegriffenen griechischen Soldaten, die nur eine Kompagnie stark war, zunächst vor der Uebermacht zurück, erhielten jedoch nach zwei Stunden Ver- stärlungen und schlugen nunmehr die Türken zurück. Beglischta wurde von den Griechen wieder besetzt. Eine griechische Siegesmeldung. Athen, 20. Dezember.(Meldung der Agence dÄtHenes.) Tie Griechen haben auf Mytilene die Türken aus ihren vorgeschobenen Stellungen verjagt und A ch y r o n eingenommen. Sie setzen die Verfolgung sses Feindes fort, dessen Kapitulation sicher ist. Tie mongolische Krise. Mulden, 20. Dezember.(Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) Die Truppenkommandanten von Mulden, K i r i n und Z i z i k a r sind nach Petersburg berufen worden, um ain Kriegsrat über dic Lage in der Mongolei teil- zunehmen. Peking, 20. Dezember.(W. T- B.) Hier berlautet. daß am 15. d. M. der Vertreter des Hutuchtu den fremden Konsuln in Charbin eine Anfrage übarraicht habe, ob die Mächte die neue mongolische Regierung anerkennen und Handelsverträge abschließen werden.> Vergutw. Redakt.: Alfred Wielepp, Neukölln. Inseratenteil verantw.i LH. Glocke. Beri'N. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer ä Co., Berlin SW. Hierzu 5 Beilagen u.UnterhaltüosSbb »,.298. i. Dtilage des JoriiiiiW' Kerlim Poltelilfltt. w» Kericht des geschüftsführenden Ausschnffes der preußischen Landesko,»Mission IMO-ISIS. ?luZ dem umfangreichen Bericht des geschäftsführenden Aus zchusscs geben wir folgenden Auszug wieder: Kaum waren die Verhandlungen des letzten Parteitage? de endet, da wurde bekannt, datz die preußische Regierung dem Land- tag einen neuen Wahlgesetzentwurf zugehen lassen würde. Hieß es doch in der Thronrede, mit der am 11, Januar 1910 der Landtag eröffnet wurde: ..Endlich harrt Ihrer noch eine ernste Aufgabe. Die Vor- arbeiten für eine Reform des Wahlrechts zum Hause der Abge- ordneten sind ihrem Abschluß nahe. Eine Vorlage wird in einigen Wochen Ihrer Beratung unterbreitet werden. Strenge Sachlichkeit und pflichtbewußte Staaksgesinnung wird, des bin ich gewiß, wie bisher die Entschließungen der preußischen Lairdesvertretung leiten. Und so erhoffe ich von der bevorstehenden Tagung segensreiche Ergebnisse für die Wohlfahrt des Vaterlandes." lieber den Inhalt der Vorlage erfuhr däS preußische Volk bor- läufig aber noch nichts. Die Regierung wollte offenbar die Zeit zur .Gegenagitation möglichst verkürzen. Am 14. Januar 1910 wurde ein von dem deutschen Partei- borstand, der preußischen Landcskommission und der sozialdemokra- tischen Landtagsfraktion Preußens unterzeichneter Aufruf ver- offentlicht, der alle Arbeiter zur rüstigen, unermüdlichen Agitation gegen die politische Entrechtung in Preußen aufforderte. Am 10. Januar 1910 erfolgte dann der erste Vorstoß des Proletariats für ein allgemeines, freies Wahlrecht, der zu einer eindrucksvollen Kundgebung wurde. AuS allen Städten kamen gleich günstige Berichte aus überfüllten Versammlungen, tn denen begeisterte Kampsesstimmung herrschte. Da sich an diesem Tage die Polizei eine weise Mäßigung auferlegte, kam es— von den in Preußen üblichen kleinen Polizeiplackereien abgesehen— nirgends zu ernsteren Zusammenstößen. Am 5. Februar 1910 ging der Entwurf dem preußischen Abge- vrdnetenhause zu. Seine Bestimmungen übertrafen die ärgsten Be- .fürchtungen. Nichts wurde der arbeitenden Bevölkerung geboten, die Herrschaft der Junker und Schlotbarone sollte unangetastet be- stehen bleiben. Selbst die öffentliche Stimmabgabe blieb, da— wie die famose„Begründung" behauptete— die geheime Stimmabgabe staatsfeindlichen Bestrebungen den Schein einer Stärke und Ver- brcitung geben, die sie nicht besitzen. Nur weil die Herrschenden den bisherigen Wählern der zweiten Klasse nicht mehr recht trauten, follic das sogenannte Bildungsprivileg eingeführt und sollten die von der Regierung abhängigen Beamten aus der dritten in die zweite Klasse gehoben weiäen. Am 10. Februar 1910 kam der Wahlrechtsentwurf vor das preußische Abgeordnetenhaus. Am gleichen Tage wandte sich der deutsche Parteivorstand, die Parteileitung Preußens und die Landtagsfraktion in einem Aufruf an die arbeitende Bevölkekung, mit aller Zähigkeit den Kampf für ein freies Wahlrecht in Preußen zu führen und die un- hcilvolle Herrschaft der Junker zu brechen. Die preußische Parteileitung stellte den Organisationen die Flugblätter„Landbewohner, fordere Dein Recht!" uno ..Gegen die V o l k s v e r h ö h n u n g!" zur Verfügung, die auch tn großer Anzahl verbreitet wurden. Am Dienstag, den 8. Februar, und am Sonntag, den 13. Fe- druar, fanden in ganz Preußen übervolle Versammlungen statt, die in leidenschaftlicher Weise gegen die Wahlrechtsvorlage protestierten. Auch der verbohrteste Wahlrechtsfeind wird eingestehen müssen: der 13. Februar 1910 lvar ein Ehrentag des Proletariats in Preußen. Gewaltige Demonstrationen waren es, die das arbeitende Volk an diesem Tage veranstaltete. Das war ein drohendes Wetterleuchten am politischen Firmament Preußens. Tank der ausgezeichneten Disziplin der sozialdemokratischen Arbeiterschaft verliefen die Demonstrationen überall in bester Ord- uung. Nur in Frankfurt a. M., Königsberg i. Pr., N e u- Münster und besonders Halle schlug die Polizei wehrlose Ver- fammlungsbesuchcr nieder. Am stärksten war die Kundgebung am 13. Februar naturgemäß kn Berlin. Hier wirkte wider Willen auch der Polizeipräsident v. Jagow mit, die Demonstrationen wirkungsvoll zu gestalten. Am Sonntagmorgen prangte folgender Utas an den Anschlagsäulen: Bekanntmachung. Es wird das„Recht auf die'Straße" verkündet. Die Straße dient lediglich dem Verkehr. Bei Widerstand gegen die' Staatsgewalt erfolgt Waffen- gebrauch. Ich warne Neugierige. Berlin, den 13. Februar 1910. Der Polizeipräsident, b. Jagolv. Kopfschüttelnd lasen die Arbeiter dieses Plakat, machten ihre Glossen und gingen in die Versammlungen, die alle überfüllt waren. Tausende fanden keinen Einlaß mehr und mutzten bis nach Schluß der Versammlungen warten. Dann aber demonstrierten wohl 200 000 Bürger Berlins auf den Straßen für ein freies Wahl- recht in Preußen. Die einzelnen Züge umfaßten zehntausend und mehr Wahlrechtskämpfer. In Solingen beschloß eine Versammlung, eine Petition an Pas preußische Abgeordnetenhaus zu senden, in der das Abgeord- ikctenhaus nach dem Grundsatz„Kein Wahlrecht— keine Wehrpflicht" aufgefordert wurde, im Falle der Annahme der Wahlrechls- vorläge beim Bundesrat zu beantragen, die Wähler der dritten Klasse in allen denjenigen Fällen vom Militärdienst zu entbinden, »n denen es sich l. nur um den Bestand oder die Erhaltung des Bundesstaates 2. nur um den Schutz oder die Erhaltung der preußischen Dynastie,» 3. nur um das Eigentum oder den Schutz der beiden bevor- rechteten Wählerklassen zum Landtag. 4. nur um die Erhaltung der bestehenden AusbeutungS- und Herrschaftsvcrhältnisse im preußischen Staate bandelt und keinerlei Interessen des preußchchen oder des deutschen Volkes dabei in Frage kommen. Aber nicht nur in Preußen, auch ,n Süddeutschland erhoben die Parteigenossen Protest. Ist die preußische Reaktion doch auch eine ständige Gefahr für die freiheitliche Ausgestaltung der poli- tischen Verhälwisse' Süddeutschlands. Für die Agitation gegen das Gebaren der Volksfeinde stellte die preußisch« Landeskommission den Organisationen die Flug- blätier„Die W a h l r e ch t s sch m a ch!" und„Immer neue Lasten!" zur Verbreitung zu. Unterdessen hatten die Verhandlungen in der Wahlrechtskom- Mission des Abgeordnetenhauses bewiesen, daß eine Ausgestaltung der Wahlrcchtsvorlage im volkstümlichen Sinne nicht zu erhoffen war. Im Gegenteil hatten Zentrum und Konservative alles getan. die Wahlrechtsvorlagc noch rückständiger zu gestalten. Der Schnaps- block hatte alle Schönheiten des alten Wahlgesetzes wiederhergestellt. Als Material zur Bekämpfung der Wahlrechtsvorlage gab die Parteileitung Preußens die Broschüre»Mterigljen zur- Kgitatldv gegen die preußische Wahlrech tsborlage" heraus, die kurz zusammen- gefaßt Aussprüche bekannter Politiker für das allgemeine, freie Wahlrecht enthält. Auch wurden weitere Flugblätter und der steno- graphische Bericht über die erste Lesung der Wahlrechtsvorlage im Abgeordnetenhause als Broschüre herausgegeben und in großen Auf lagen verbreitet. Seinen Höhepunkt erreichte der Wahlrechtskampf des Jahres 1910 aber am Sonntag, den 6. März. Trotz der blutigen Zusammenstöße im Monat Februar und der später erfolgten Per- urieilung der Niedergeschlagenen war die Beteiligung der Arbeiter- schaft an der Demonstration des 0. März noch stärker wie zuvor, denn die Arbeiter waren durch die Behandlung der Wahlrechtsvor- läge in der Kommission geradezu aufgepeitscht worden. In einer einzigen Sitzung beendete die Kommission die zweite Beratung dieses Wcchselbalges. Konservative und Zentrum hatten hinter den Kulissen alles fein abgekartet. Die Grundlage der Bemessung des Wahlrechts nach der Steuerleistung war beibehalten, ebenso die indirekte Wahl durch Wahlmänner und die öffentliche Wahl der Abgeordneten; nur den zu keiner Steuer veranlagten Wählern sollten fortan 4 M. statt 3 M. angerechnet werden. Eine für die Praxis unbedeutende Aenderung. Für die Wahlen der Wahlmänner war die geheime Stimmabgabe vorgesehen und schließlich wurde noch die sogenannte „Maximierung" beschlossen, d. h. es sollten keinem Wähler mehr als 9000 M. Steuern angerechnet werden. Das war eigentlich alles! Gewaltige Demonstrationsversammlungen waren die Antwort des preußischen Volkes auf diese unerhörte Provokation. Aus allen Orten kam der übereinstimmende Bericht, daß die Versamm- lungen getragen waren von hingebender Begeisterung für die Sache des Volkes. Dank des Eingreifens des Berliner Polizeipräsidenten gestaltete sich die dortige Veranstaltung am 0. März zu der erfolg- reichsten Demonstration. Die bürgerlichen Zeitungen hatten wieder- holt darauf hingewiesen, daß die Berliner Parteileitung doch erst versuchen sollte, zu den Wahlrechtsdemonstrationen die polizeiliche Genehmigung zu erhalten. Vorläufig gelte das Vereinsgesetz doch für alle Bürger in gleicher Weise und was man Schützen- und Kriegervereinen gewähre, könne man Sozialdemokraten nicht ab- schlagen. Um diesen Köhlerglauben zu zerstören, wandte sich die Berliner Parteileitung an den Polizeipräsidenten. Dieser aber verbot kurzerhand die Veranstaltung niit folgender Begründung: „Dem mündlich gestellten Antrag auf Genehmigung der Ver- anstaltung öffentlicher Aufzüge und der Abhaltung von Ver- sammlungen unter freiem Himmel innerhalb Berlins am Sonn- tag, den 6. März d. I., kann ich nicht entsprechen. Am 13. Februar d. I. haben 100 000— nach Schätzung d'es „Vorwärts" 200 000— Menschen in Berlin auf öffentlichen Straßen Aufzüge veranstaltet. Für diese war eine Genehmigung der Polizeibehörde nicht nachgesucht, also auch nicht erteilt. Folg- lich handelten alle Teilnehmer gesetzwidrig. Jetzt würde es sich im wesentlichen um die gleichen Teilnehmer handeln. Da diese bewiesen haben, daß sie Gesetzwidrigkeit nicht scheuen, wäre Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu befürchten, Vercinsgesetz vom 19. April 1908. R.-.G.-Bl. S. löl.§ 7. Jagow." An Herrn Eugen Ernst, hier. Die Antwort der Berliner Sozialdemokratie war klar und be- stimmt: Trotz alledem und alledem! Alle Welt war gespannt auf den Ausgang deS Konflikts. Prachtvolles Wetter lud am Sonntag geradezu zu einem Spazier- gang ins Freie ein. Ein Massenaufgebot der Schutzleute erfolgte nach Treptow. 5lriminalbcamte erschienen sogar mit Polizei- Hunden und das Militär mutzte marschbereit in den Kasernen bleiben. Auf der Spree kreuzte die Flotte der Polizei: ein Dampfer mit Gendarmen. Der Treptower Park war von allen Seiten von Polizei umzingelt uird verbarrikadiert— verbarrikadiert nicht etwa im bildlichen Sinne, sondern tatsächlich. Der direkt nach dem Parke führende Zugang der Stadtbahnstation war mit schwachen Brettern verschlagen, und dahinter standen die Schutzengel des verbotenen Paradieses. Während aber die Kerntruppen des Polizeipräsidenten weit draußen im Osten den„inneren Feind" erwarteten, demon- stricrten munter und vergnügt 150 000 bis 200 000 Berliner Ar- beiter im Berliner Tiergarten für ein freies Wahlrecht in Preußen, ohne daß die Polizei vorher davon erfuhr. Und das konnte ge- schehen. trotzdem so viele Geheimpolizisten und schuftige Agenten aust'die Partei losgelassen werden. Am Sonntag, den 13. März, fanden wiederum in einer ganzen Reihe preußischer Städte eindrucksvolle Demonstrationen statt, die sich um so leidenschaftlicher gestalteten, als gerade in diesen Tagen die zweite Lesung der Wahlrechtsvorlage im preußischen Landtage stattfand. Vom 11. biS14. MärzlOlO fand im preußischen Abgeord- netenhaus die zweite Lesung der Wahlrcchtsvorlage statt, das Monstrum' sollte schnell durchgepeitscht werden. Das Plenum nahm im wesentlichen den von-der Kommission präsentierten Entwurf an. Bestehen blieb die Dreiklasscnschmach, blieb die indirekte Wahl durch Wahlmänner, blieb die öffentliche Abstimmung der Wahlmänner, blieb die aller Vernunft ins Gesicht schlagende Wahlkreiseintcilung zugunsten der Krautjunker. Zwei weitere Verschlechterungen erlitt noch die Vorlage. Ein- mal dadurch, daß an die Stelle der Fristwahl für die Orte mit weniger als 3000 Einwohnern die Terminswahl gesetzt worden war, ein Wahlmodus, der den agrarischen Terroristen zur infam- stcn Wahlbecinflussung die Handhabe bot; zweitens durch die Ver- leihung des privilegierten Wahlrechts an diejenigen, die ihr Abiturientenexamen abgelegt hatten. Für beide Verschlechternn- gen stimmte auch das Zentrum. Diese Beschlüsse der Wahlrechtsschändcr mußten naturgemäß die Massen zum leidenschaftlichen Protest aufpeitschen. So waren denn die Versammlungen am Dienstag, den 15. März, wiederum großartige Kundgebungen des Proletariats Preußens. Hunderte von überfüllten Versammlungen legten Zeugnis dafür ab, daß die Arbeiterschaft an ihren Forderungen festhielt und kein Opfer scheute, politische Rechte zu erkämpfen. Die preußische Parteileitung gab in dieser Zeit die beiden Broschüren„Aussprüche der W a h l r e ch t s f e i n d e" und „Polizei und Wahlrechtsdemonstrationen" heraus. Beide Broschüren haben durch die reiche Fülle von Material schätz- bare Dienste in der Agitation geleistet. In einer einzigen Sitzung nabm am 16. März das preußische Abgeordnetenhaus mit 238 gegen 168 Stimmen das Monstrum von Wahlrcchtsvorlage in der dritten Lesung an. Die Vertreter der Mehrheitsparteien beschränkten sich in ihrer Angst vor der Oeffent- lichkeit darauf, ganz kurz ihre Haltung bei der Abstimmung zu motivieren. Die Mehrheit des preußischen Volkes protestierte gegen diese große Schmach, die ihm aufs neue angetan werden sollte. In den Reihen der Parteigenossen wurde die Frage erörtert, ob es angesichts der Polizeibrutalitätcn und des provozierenden Ver- Haltens der Landtagsmehrheit nicht an der Zeit wäre, zu dem schärfsten Mittel, des politischen Massenstreiks, zu greifen. Einige Parteiorganisationen hielten die Anwendung dieses Kampfesmittels als die einzig gegebene Antwort des Brote-, tariats. Die Landeskommission kam nach eingehender Beratung zu dem Beschluß, von der Anwendung dieses Kampfesmittels zur- zeit abzuraten. Die ganzen wirtschaftlichen und politischen Ver- Hältnisse waren in dieser Zeit für einen Erfolg nicht günstig. Die Kommission äußerte auch den Wunsch, eine weitere Propagierung des Mittels in der gegebenen Situation möglichst zu vermeiden. Wir befanden uns mitten im Kampf, und das bei der Diskussion unvermeidliche Erörtern des„Für" und„Wider" hielt die Kom- Mission für nicht geeignet, die so notwendige Einigkeit der Ge- nassen und die erforderliche Einheit des Handelns derselben zu fördern. Die Kommission ließ aber keinen Zweifel darüber, daß unter bestimmten Voraussetzungen der Massenstreik angewandt und mit aller Energie durchgeführt werden mutz. Es koste dann, was es wolle. Am Sonntag, den 2 0. März, erfolgten kvlederum iJI einer ganzen Anzahl Städte Wahlrechtsversammlungen. Auf Anregung der Landeskommission gab die Parteileitung Preußens die Flugblätter„Falsche Wahlreformfreunde" und„Der Judas unter den Parteien" heraus. Das erste richtete sich gegen die Nationalliberalen, das zweite gegen das Zentrum. Auch die Redaktion der Parteikorrespondenz wurde durch den deutschen Parteivorstand veranlaßt, Artikel und Nachrichten, die zur Agitation gegen die preußische Dreiklassenschmach geeignet sind, den Organisationen und Partcizeitungen möglichst früh zu- zustellen. Am 1 0. A p r i l 1 9 1 0 erhoben noch einmal gewaltige Demon« strationsversammlungen Protest, bevor das Dreiklassenparlament die für Verfassungsänderungen vorgeschriebene nochmalige Zu- stimmung gab, bevor die Vorlage an das Herrenhaus gelangte. Entgegen der bisherigen Gewohnheit der Regierung wurden damals in einer ganzen Anzahl Städte Versammlungen unter freiem Himmel genehmigt: Wo die Polizei aber in alter Gewohnheit die Erlaubnis versagte, demonstrierte die Arbeiterschaft ohne Erlaubnis. Am Dienstag, den 12. April, fand die letzte Brratun- deS Wahlgesetzes statt, die zu einer Komödie schlimmster Art ausartete. Unseren Rednern schnitt man einfach das Wort ab und die SR)« stimmung brachte die Annahme des Monstrums. Das preußische Herrenhaus nahm am 15. April 1910 Stellung zu der sogenannten Wahlrechtsvorlage. Nach kurzer Beratung wurde die Vorlage einer Kommission von 20 Mitgliedern über- wiesen. Die Arbeiterschaft aber war sich schon nach der ersten Lesung klar, welche„Verbesserungen" der Vorlage sie von diesem Hause zu erwarten habe. Der Wahlrechtskampf nahm ungeschwächt seinen Fortgang. Am 2 8. und 2 9. April 1910 fand im preußischen Herren» haus die zweite Lesung der Wahlrechtsvorlage und die Abstimmung darüber statt. Was man nicht für möglich hielt, geschah: Dieses mit politischer Urteilslosigkeit erblich belastete Haus brachte es fertig. die Wahlrechtsvorlage noch weiter zu verschandeln. Stibst das Abgeordnetenhaus hatte beschlossen, daß der Gesamt- steuerbetrag eines Wählers nur bis zu 6000 M. und in Gemeinden von mehr als 20 000 Einwohnern bis zu 10 000 M. angerechnet werde, um so den plutokratischen Charakter doch etwas zu mildern. Die Herrenhäusler beschlossen:„Uebersteigt die Staatseinkommcn- steuer eines Wählers die Summe von 3000 M., in Gemeinden von mehr als 20 000 Einwohnern die Summe von 6000 M., so wird der überschießende Betrag der Staatseinkommensteuer nicht ange- rechnet." So bezog.sich die Maximierung nur noch ans die Staatseinkommensteuern, die weit beträchtlicheren Kommunalsteuerzuschläge und vor allem die Grund- und Gebäude- steuern sollten voll angerechnet werden, auch wenn sie überhaupt nicht erhoben werden, wie z. B. in den Gutsbezirken des Ostens. Weiter hatte die Regierung in der Begründung ihrer Vorlage sich mit Eifer für die Beibehaltung der Bezirksdrittelung ins' Zeug gelegt, weil sie sich nur so eine Berücksichtigung des Mittelstandes versprach. Das Herrenhaus beschloß, die Steuerdrittelung in Ge- meindcn bis zu 10 000 Einwohnern über die ganze Gemeinde, in größeren Gemeinden in Bezirken von 20 000 Einwohnern vorzu- nehmen. Die offen zugestandene Absicht dabei war, den Arbeitrn ihr kümmerliches Wahlrecht vollends zu nehmen. Bei der wiederholten Abstimmung am 2 1. M ai 1910 tvurd'el, vorstehende Verschlechterungen noch einmal von dem Herrenhaus bestätigt. Die letzte Lesung der Wahlrechtsborlage fand' für das preu- ßische Abgeordnetenhaus am 2 7. M ai statt. Die Zeit mußte zur Agitation gegen diese Verhöhnung des arbeitenden Volkes aus- genutzt werden. Der deutsche Parteivorstand beschloß, einem Wunsche der PartSilcitung Preußens cnbgegenkommend. die Mai- feicr 1910 für die Wahlrechtsdcmonstration auszunützen. In diesem Sinne war auch der Mai-Aufruf der Partei gehalten, �ie Feier selbst nahm einen wahrhaft glänzenden Verlauf, die Stim- mung der Massen war kampfesmutiger und siegesbewußter denn zuvor. Und wenn die bürgerlichen Zeitungen meinten, die Ver- sammlungen wären nur so gut besucht gewesen, weil sie zu Wahl- rechtsdemonstrationcn gestempelt wurden, beweisen sie-damit selbst, wie tief der Gedanke der politischen Gleichberechtigung in die Herzen der Arbeiter eingedrungen ist. Die Parteileitung Preußens stellte den Organisationen das Flugblatt„Die Herren gegen das Volk!" zu, welches kurz das volksfeindliche Verhalten des Herrenhauses schilderte. Dieses nahm am 21. Mai die Vorlage nochmals mit allen Verschlechte- rungen an, worauf der Entwurf an das Abgeordnetenhaus zur nochmaligen Abstimmung gelangte.. Bei der durch die Beschlüsse des Herrenhauses erforderlich ge- wordenen nochmaligen Beratung am 27. Mai verwarf das Abge- ordnetenhaus den§ 6. Dieser Paragraph behandelte die Dritte- hing; er war vom Herrenhaus noch verschlechtert worden und somit xv den Mittelpunkt der Debatten gerückt worden. Eine Verständi- gung war ausgeschlossen. Da erhob sich der Reichskanzler und gab folgende Erklärung ab, die die gesamte Linke des Hauses mit leb- haften Bravorufen beantwortet: „Durchs diese Beschlußfassung ist eine Lücke im Gesetz ent- standen. Es gibt nach Ihren Beschlüssen keine Bestimmungen darüber, in welcher Weise die Abteilungsbildung erfolgen soll. Nach der Stellung, die die verschiedenen Parteien dieses Hauses zu der Frage eingenommen und in diesen Beschlüssen bekundet haben, ist nach Ausfassung der Siaatsregierung die Aussicht auf eine Verstänidigung über diesen Bestandteil der Vorlage ausgc- schlössen. Ich erkläre infolgedessen im Namen der königlichen Staatsregierung, datz sie auf die Weiterberatung des Gesetzes leinen Wert mehr legt." Unter allgemeiner Heiterkeit des Hauses erklärte nunmehr der Vizepräsident v. Porsch:„Die weitere Beratung der Wahlrechtsvor- läge ist damit gegenstandslos geworden." Damit war der Wcchselbalg verscharrt. Am 1. Juni 1910 wandte sich der deutsche Parteivorstand und die preußische Parteileitung noch einmal an die arbeitende Bevöl» lerung Preußens, sie auffordernd, das Geschehene nicht zu vergessen und der Regierung bei der bcvorstchcildkn Reichstagswahl die alleis richtige Alltwopt zu gebe». (iür die iveikere Agikaklon wurde von der preußischen Pariei lcitung noch das Flugblatt«Der Wahlrechtsschacher ist bankrott! Es lebe der W ah l r e cht s ka m pfl" heraus- gegeben, das noch einmal die Situation beleuchtete und klarlegte lvelche Gründe die Gegner zu ihrer Ablehnung der Äorlage de- wogen. Um die Wahlrechtsfrage noch weiter in Fluß zu halten, gab der Parteivorstand einem Wunsche der preußischen Landeskommisston statt und setzte die Wahlrechtsfrage auf die Tages- ordnung des deutschen Parteitages in Magde- bürg. Von der Einberufung eines Parteitages für Preußen wurde vorläufig Abstand genommen. Die lebhafte Zustimmung, welche das Referat des Genossen Borgmann auf dem Partei- tage fand, bekundete das große Interesse aller Teilnehmer an der preußischen Wahlrechtsfrage. Tie anschließende Debatte gab den süddeutschen Genossen Gelegenheit, den preußischen Wahlrechts lämpfern herzliche Worte brüderlicher Solidarität zu widmen. �»Der Wahlrcchtskampf in Preußen muß mit aller Beharrlichkeit weitergeführt werden". das war in der Dczcmbersitzung die Meinung aller Mitglieder der preußischen Landeskommission. Und die preußische Regierung sorgte dafür, daß genügend Stoff zur Agitation vorhanden war. Am K). Jauuar'lvl 1 wurde der preußische Landtag mit einer Thronrede eröffnet, die wohl die Notwendigkeit der Jugenderziehung in hurrapairiotischem Sinne erwähnte, über die preußische Wahl- rechlsvorlage aber kein Wort enthielt. Am 14. Januar erklärte der Minister des Innern v. Dallwitz, daß die preußische Negierung gar nicht daran denke, eine neue Wahlrechlsvorlage einzubringen. Da mußte das preußische Volk wieder einmal zeigen, daß es ihm crust sei mit seiner Forderung auf politische Gleichberechtigung und daß es sich auch von diesem Kampfe nicht ablenken lassen wird. Am 2 2. Januar 1911 nahm der Reichstag die elsaß- lothringische V e r f a s s u n g s r e f o r ni an, die das Reichs- tagslvahlrecht auf dieses Land übertrug. Daß diese Gewährung des Neichstagswahlrechts für Elsaß-Lothringen den Wahlrechts- iampf in Preußen neu entfache» würde, war für jeden Einsichtigen klar und kam auch in der Junisitzung der preußischen Landeskom- »rission zum Ausdrud Die Konservativen opponierten gegen die Vorlage viel weniger deshalb, tveil Elsaß-Lothringen dadurch ein freies Wahlrecht erhielt, als aus der Angst, die Preußen könnten sich aufraffen und mit der Herrschaft der Jiinker ein Ende mache». Das gleiche Wahlrecht t» Preußen durchgeführt, bedeutet aber die Aufhebung der Jnnkrrsinekuren und Junkcrprivilegien, Heranziehung der Junker zu den Kosten für Zwecke der Allgemeinheit, bedeutet allgemeine Volksbildung und damit Aufhebung der Sklaverei und Unterwürfigkeit der Land- arbeitcr. Das ist der Grund, weshalb die Junker so fanatische Feind« i. eines freien Wahlrechts sind. Von diesem Grundgedanken war auch der am 17. Juni 1911 der- öffenllichte Aufruf der Parteileitung Preußens getragen. Aber noch einmal niußtc sich im Jahre 1911 der Landtag mit dem preußischen Wahlrecht beschäftigen. �''|M den Antrag auf Einführung des R>l und Neueinteilung der Kreise gcstelii IDWDWMI Intrigen der Konservativeil und des Zentrums am 27. Juni zur Lerlsandlung im Landtage. Das Zentrum beharrte bei selner per- fidcn Taktik, das gleiche Wahlrecht als wünschenswert, aber als zurzeit leider nicht erreichbar hinzustellen. öS wollte schrittweise Verbesserungen desselben, d. h. eine Reform, die seine Mandate nicht gefährdet. Die Nationalliberalen aber wollten nicht das gleiche, sondern das Zensuswahlrccht, damit sich das Großlapital genügend Mandate sichern konnte. Schließlich setzte die Abstimmung der .Komödie noch die Krone auf. Die Nationalliberalen wollten in dem ersten Teil des Antrages— allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht— das Wort„gleiches" gestrichen haben. Die Konservativen stimmten entgegen ihrem Pro- framm dafür, daß das Wort stehen bleibt, damit od er AntragdenNattonallibcralenzu„radikal" wird. Bei der dann folgenden Abstimmung über den unvcr- änderten Antrag stimmten denn auch mit den Konservativen die cgen den Antrag. Bei der Beratun über die ärrensptel, Nationalliberalen � I Neueinteilung der Wahlkreise wiederholt« sich dasselbe weshalb der Gesamtantrag fiel. Während aber die bürgerlichen Parteien zu diesem Intrige i das fr« um spiel schwiegen, nahm das arbeitende Volk den Kampf Wahlrecht mit frischem Mute wieder auf. In zahlreichen Über- füllten Versammlungen gab Anfang Juntlstll das preußische Proletariat seinen entschiedenen Willen kund, nach wie vor für die Erringung deZ allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahl- rechts einzutreten. In«inigen Orten kam e» nach den Versammlungen zu spontanen Stratzendemonstrationen, doch kam eS nirgends zu ernstlichen Zusammenstößen mit der Polizei. Der geschäftsführende Ausschuß ließ im Juli 1911 das auf dem Parteitag 1919 angenommene Kommunalprogramm der Sozialdemokratie Preußens drucken und stellte den Bezirken eine Anzahl zur Verfügung. Er bemühte sich dann um die Herausgabe eines Kommentars zu oiesem Komumnalprogramm. Der Genosse Hirsch übernahm die Aufgabe und es konnte das wertvolle Buch im Herbst 19ll erscheinen. Den Organisationen wurde eS zu dem ermaßigten Preise von 2,10 M. zur Verfügung gestellt. Um IS. Januar 1912 wurde der Landtag wiederum«r- öffnet. Die Thronrede aber enthielt kein Wort über die Reform des preußischen Wahlrechts, die im Oktober 1908 von der Regierung selbst als die dringendste nnd wichtigste Aufgabe der Gegenwart bezeichnet wurde. Die schon im Vorjahr angezeigte Knebelung der Jugend, eine weitere Erhöhung der Steuern, aber kein freies Wahl- recht sollte dem Volke nach der vom Reichskanzler verlesenen Thron- rede beschert werden. Am Sonnabend, den 10. Februar 1912, tagte die preußische Landeskommisston, um Stellung zu dem weiteren Wahlrechtskampf und zu der Einberufung des preußischen Parteitages zu nehmen. Die Kommission hielt es für angebracht, den Parteitag zum Januar 1913 zu vertagen, der damit gewissermaßen den Auftakt zu den preußischen Landtagswahlcn bildete. Am 9. Mai 19t2 wurde durch die Nervosität des Präsidenten dem Abgeornctenhaus die Schmach angetan, daß der sogenannte HauSknechtsparagraph gegen den Genossen Borchardt in Anwen- dung gebracht wurde. Weil er sich den unberechtigten Anordnungen des Präsidenten nicht fügte, wurde er durch Polizeigewalt aus dem Sitzungssaal entfernt, wobei auch der Genosse Leinert von seinem Platze Iveggezerrt wurde. Der Skandal toar an den Haare» herbei- gezogen und nur dadurch verständlich, daß der Präsident durch die fortloährenden Hetzereien der Heydcbrand-Leute in einen Zustand bedenklichster Nervosität geraten war. In zahlreichen Versammlungen protestierte die Arbeiterschaft Preußens gegen dieses gesetz- und verfassungswidrige Vorgehen des Präfideuten der preußischen Duma. Die Parteileitung Preußens war mit der Fraktion einig, daß dieses Vorgehen des Präsidenten in schroffstem Widerspruch mit der Verfassung steht, und das Urteil der Gerichte anzurufen sei. DaS Strafverfahren gegen die beiden Abgeordneten gab die ge- ~| fffl Mehrheit des Landtages vor aller Welt gerichtet. Es bleibt abzm eignetste Gelegenheit dazu. In der ersten Instanz wurden die i!?i geklagten zwar verurteilt, aber in Wirklichkeit ist das Gebaren der warten, wie sich das Reichsgericht zu der Verletzung der Verfassung stellen wird. Am Montag, den 20. Mai 1912 kam wieder Aufregung in das geistig schwerfällige Junkerparlament Preußens. Die fort- schrittliche VoltSpartci hatte beantragt, die Staatsregierung um Vorlage eines Gesetzentwurfes zu ersuchen, der das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht und eine Neueinteilung der Wahlbezirke bringt. Ein Eventualantrag der Fortschrittlichen Volkspartei forderte das allgemeiiie, geheime und direkte Wahlrecht. Ein Antrag der Nationalliberalen verlangte geheime Stimm- abgäbe und direkte Wahl unter Beibehaltung des Systems eines abgestuften, pluwkratische Auswüchse vermeidenden Wahlrechts und unter Beseitigung der Bestimmungen des Gesetzes von IvSö, welche den Grundsatz der Bemessung des Wahlrechts noch der Steuer- leistung in, Gemeindebezirk verletzten.(Das Verlange» ging also nach der Drittelung über den ganzen Gemeindebezirk.) Wieder glänzte die Regierung durch Abwesenheit. Der Hauptantrag der Fortschrittlichen Voltspartei wurde von den Konservativen und den Nationalliberalen abgelehnt. Der An- trag der Nationalliberalen wurde mit allen gegen die Stimmen der Nationalliberalen abgelehnt. Der fortschrittliche Eventual- antrag fiel mit 158 gegen 188 Stimmen. Bei dieser Abstimmung die namentlich war— fehlten 33 Mitglieder des Zentrums und 13 Rationalliberale unentschuldigt. Die meisten dieser„Volksvertreter" waren während der VerHand- Jungen im Saale; sie verließen den Saal unmittelbar vor der Ab- timmung. Hätte das Zentrum geschloffen für den Antrag ge- timmt, so wäre wenigstens das geheime und direkte Wahlrecht an- genommen. Angesichts diese» feigen Verrat« kann man bald Achtung vor den Junkern gewinnen, die doch wenigstens offen zeigen, was sie sind, die geschworenen Feinde jeden Fortschritts. Diese Abstimmung bewies aufs neue die alte Wahrheit, die sich das Proletariat recht eindringlich merken sollte, daß die privi- legierte Klaffe unfähig ist, die Forderungen der Neuzeit zu be greife», unfähig ist zu jeder durchgreifenden Reform. So mußte denn das Boll Preußens selbst handeln und wieder einmal öffent- ltch dokumentieren, wie es über die preußische Dreiklassenschmach Blut! Wir rüsten zum Kampfe, indem wir unsere Reihen stärken. Aber wir vergessen die uns angetane Schmach nimmermehr! Am Donnerstag, den 3. Oktober, setzte die Landes- schlössen. kratische Wähler in neuer Aus �BE-Buches herauszugeben, damit die Ilebersicht erleichtert wird. Sine Neuauflage der Broschüre„Aussprüche der Wahl- . � f"L e, aber in Form eines -ick r e ch t s f e i n L e" und der Artikel des Handbuches über die Wahl- rechtssrage als Eonderabdruck sollen erscheinen. Weiter soll der geschäftsführende Ausschuß Sorge tragen, daß genügend« Flugblätter vorbereitet werden und ein praktischer Führer für die Landtagswahlen herausgegeben wird. Für den 2 0. Oktober wurde ein Flugblatt und eine R c s o- l u t i o n ausgearbeitet und den Bezirken zugeschickt. Einmütig tvaren die Mitglieder der Laudeskommission der Meinung, daß dieser Tag nicht vorübergehen dürfe, ohne daß das preußische Volk Stellung genommen hätte zu dem feierlichen Versprechen des Königs von Preußen bei der Eröffnung des Landtages. War doch den, Volke nichts, aber auch gar nichts gewährt worden. Wohl aber war zu der empörenden Rechtlosigkeit in Preußen noch eine unge- heure Verteuerung aller Lebensmittel hinzugekommen. Die Re- gierung ließ offiziös bekanntgeben, daß sie in der Wahl- rechtssrage nichts zu tun gedenke, nachdem ihre erste Vorlage vom Landtage abgelehnt ist. So war es nur zu crlläclich, daß sich an den Protcstversammlungen am 2 9. Oktober ge- -oaltige Massen beteiligten und ihrer Empörung Ausdruck gaben. Wo irgend möglich, da wurde» die Versammlungen unter freiem Himmel abgehalten. Von Nord bis Süd, von West bis Ost, überall konnte mau eine enorme Beteiligung der arbeitenden Bevölkerung konstatieren und überall erklangen Worte der Zuversicht, daß keine Regierung auf die Dauer diesem Ansturm widerstehen kann. Zehn. tausende— und, wie in Berlin, Hunderttausende— Gleichgesinnter, die, geleitet von demselben großen Gedanken, getrieben von dem- selben brennenden Wunsch nach Gleichberechtigung zusammen- kommen, können auch die verbohrtesten Machthaber nicht für immer ignorieren. Der Wille dieser Millionen setzt sich durch, wenn nicht mit. dann gegen den Willen der Regierenden. Die preußische Regierung blieb vorläufig bei ihrer starren Verneinung jeden Eni- gegenkommens. Wenn ihr nur nicht einst bange wird vor ihrer Weisheit, die natur- gemäß Haß und Verbitterung in de» Kreisen der Entrechteten hervorrufen muß. So schloß denn unser Berichtsjahr wie es angefangen: Mit einem Kampf des preußischen Voltes gegen ein Wahlrecht, das die große Mehrheit als eine Schmach de» Lande« empfindet. Und so wird es wohl noch in der nächsten Zukunft bleiben. Aber die Sozialdemokratie kann mit dem Verlauf des Wahlrechtskampfes zufrieden sein. Haben wir unser Ziel: für Preußen ein freies Wahlrecht zu erober» und diese» Staat damit in die Reihen der Kulturländer zu drängen, noch nicht erreicht, so haben wir doch keinen Grund zu verztveifelu. In der kurzen Zeit der Propa- gierung ist diese Forderung bereits so populär ge- worden, begeistern sich so weite Kreise der Bevölkerung dafür, daß die preußische Regierung schließlich gezwungen wird, der Forderung nachzukommen» will sie nicht schwere Erschütterungen des gesamten Stoatslebens herbeiführen. Wir brauchen aber auch mit den sonstigen Erfolgen unserer Wahlrechtskampagne nicht unzufrieden zu sein. Die Reihen der Organisationen sind gestärkt, das Selbstbewußtsein der Massen ist gewachsen, die Zahl der Abonnenten unserer Parteiblättcr'gc- stiegen. Doniit ist unser Einfluß auf die Massen«in größerer geworden i;nd die Siegeszuversicht in unseren Reihen stärker wie zu- vor. In Orten, in denen wir früher kaum Fuß gefaßt, konnten jetzt gutbesuchte WahlrechtSversammlungen abgehalten werden. > Aber auch nie war die Geschlossenheit des kämpfenden Prolc- tariats fester, als in der Zeit der Wahlrechtskämpfe. Neben der Parteipresse haben auch die Organe der freien Gewerkschaften in anerkennenswerter Weise die Bedeutung des Kampfe» gewürdigt. So wurde wiederum die Einheit der gesamten aufgeklärten Ar. beiterschaft festgestellt. Der Mdank« der staatsbürgerlichen Gleich- berechtigung wirkt mit elementarer Gewalt auf die Masse, sie ge- winnend und mit fortreißend zur höchsten Kraftanstrengung. Die Arbeiterklaffe hat begriffen, daß das freie Wahlrecht auch eine Magenfrage ist, indem dadurch dem Staate der Volkswille aufge- zwungen werden kann. Die Wahlrechtsfodrrung ruht nicht; die Masse kämpft mit hin- reißender Begeisterung dafür. Da« ist die sicherste Gewähr für ihre Erfüllung. Daher heißt eS rüsten zu weiteren, größeren Kämpfen. Unsere Parole sei: Gtärkung der Organisationen, unausgesetzte Propaganda für unsere Ziele. Einnahmen und Ausgaben vom 1. Dezember 1909 bis 30. November 1912. u s g a b e u AgitationS-Zutchuß Zeitungen und literarische Arbeiten Drucksachen wucksachen Zuschuß für Fraktionssekretärin Sitzungen und Delegationen. GerichlSkosten und dergl... Porto und Bestellgeld... Sonstige Ausgaben.... Bestand am 1. Dezember 1912 Berlin, den 2. Dezember 1912. Summa Geprüft und für richtig befunden: O. Braun. Hermann Müller. trinken während der Rekonvaleszenz eurig süßen Blutarme«. Kranke i Moifiatsgarderobe Von Kavalieren getragene Ulster, Jackett-, Rock-, Frack-, Smoking- Anzüge, teils auS Seide gearbeitet sowie groBea Lager In oencr eleganter Herren-Garderobe zu bekannt billigsten Preisen* Türkischer, Prinzenstr.79».rC.u Santa Lucia�X Ä Cigaretten der fabMelter-CenosseoscIiatt Spezialität in Sie unterstützen ans, wenn Sie bei Ihrem Oigarrenhändler unsere Cigaretten fordern. Vertrotor; P. 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LdA !. d. 4. Beel. Relebstagswalilkreis Görlitzer Viertel. Bezirk 156 II. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser trtenofie, der Ztohrlegcr Karl Wurzler Reichenberger Str. 162 gestorben ist. Ehre seinem Andenke» k Die Beerdigung findet am Sonntag, den 22. d Mts., nachm l>/z Uhr von der Leichenhalle des Thomas-ztirchhoses in Neukölln, Hermannstraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht vorstand. 221,14 Der Cottbaser Tor-Leihhan» Dresdener Str. 136 I. Goldene Damenuhren 11 M., gold. Ringe mit Biillantstcinen 8 M., Wäsche, StolaS, Anzüge, Paletots, Betten —_* R a„ilerftr.sa. a. d. Millionenbriicke: Ver eebWerete Kellner aller leiten I 66?! Pfund. 51392 Kommen, Sehen und Staunen! I MralyerMderDaeliileeker Verwaltungsetelle Berlin. Am Dienstag, den 17. Dezember, verstarb nach längerem Kranken- lager unser Mitglied, der Hilss- arbeiicr 52/15 Hermann Schwarz. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet beute, Sonnabend, nachmittags 3 Uhr. aus dem Oslsricdhos in Ahrcns- seid- statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 0er Verstand. Allen Bekannten zur Na> dafi am 18. d. MtS. mein lieber Mann, unser guter Vater, Groß- und Schwiegervater, der Bau- arbciter 18» Friedrich Puhlmann nach langem, schwerem Leiden im 66. Lebensjahre sanst entschlasen ist. Um stilles Beileid bitten Die trauernden Hinterbliebenen Zlartv Pnlilmann nebst Kindern. Die Beerdigung findet Sonntag, den 22. Dezember cr., nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des jtriedhoses in Nowawes, Goethe- stratze, aus statt. l ! Achtung! Neu eröffnet: Monais-Gar- derode-Geschäst Chausseestr. 93. Mouatsanzüge v. 7, SV M. an. I 25 cm grosse doppoteoltige Masssplsttsn«»»««««r?r°i, 2 i«»,,»r°«». 33 n, 30 cm-Plattsn 75 Pf• Doppolssitlge, die neuesten Schlager 1.00». Oflginal-Grammophon-Platten 2,«».......—««.so°.r 2.75 u. Zonophon-Plallen««>»..2».- 1.50 u. Origlnal-Paihd-PIatien... 2,0°.-°1.75 u..H*'..» 2.25«. Ein Posten Odeon-, Favorite-Homekord- Platten.. aoppeueuig, stack 1.00 u. Welbiiael>,(Nähe Strausberger PI.) 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Der Qntergang der„titank" vor dem Schöffengericht. In der bekannten Beleidigungsklage des Elektrizitäts-Jnge- Nieurs und Vorsitzenden der britischen Marconigesellschaft Gugli- elmo Marconi und des Direktors der letzteren Gesellschaft Godfrey Charles Jstiac gegen den verantwortlichen Redakteur der„Welt am Montag" Lllfred Scholz fand gestern wieder Verhandlungstermin vor der 14ö. Abteilung des Schöffengerichts Berlin-Mitte statt. Es bandelt sich, wie kurz wiederholt sein mag, um einen in der ,.W. a. M." am 2g. April veröffentlichten Artikel unter der Ueber- schrift..Der Gemütsmensch Marconi". Darin wurde, gestützt auf Mitteilungen englischer und amerikanischer Zeitungen gegen Mar- coni der Vorwurf erhoben, daß Marconi bei der„Titanic"- Katastrophe den Schmerz und die Oual Tausender zugunsten der Marconi-Gcsellschaft in bar gemünzt habe. Es wurde behauptet, daß Marconi bei der Vernehmung vor der Untersuchungskommis- sion in Washington selbst zugegeben habe: mit seinem Wissen und Willen habe seine Gesellschaft die Katastrophe zu selbstsüchtigen Zwecken ausgebeutet. Zur Widerlegung der Behauptungen des inkriminierten Artikels überreichte Dr. Neuhans, Vertrauensmann des Klägers Marconi. einen dickleibigen Auszug aus den Proto- kollen über die vor der Untersuchungskommission unter Vorsitz des Senators William Alden Smith I stattgefundenen Vernehmungen. Das Protokoll im Original umfaßt 1145 Seiten. Seitens der Privatkläger ist der Telcgraphist der„Earpathia", Herr Eottam, ge- laden worden und aus Loicdon zum Termin als Zeuge herüber- gekommen.— R.-A. Dr. Löwcnstcin erklärte, nicht in der Lage zu sein, das vorgelegte Protokoll über die Vernehmung vor der Unter- suchungskommission ohne weiteres und ohne nähere Bestätigung von autoritativer Seite als amtliches Protokoll anerkennen zu können. Zunächst wurde der Zeuge Cottam vernommen. Bei der Ver- nehmung dieses Zeugen handelt es sich u. a. darum, ob die Bc- hauptung des Artikels zu erweisen sei, daß Telegramme über die ,.Titanic"-Katastrophe und die Namen der Geretteten aus bestimm- tcn Gclderwerbungsgründen zurückgehalten worden seien. Es wird behauptet, daß die Marconi-Gescllschaft mit der„New Uorker Times" ein Abkommen getroffen habe, wonach nur diese Zeitung allein Nachrichten über das Unglück erhalten und dafür ein kolos- salcs Honorar an die Marconi-Gcsellschaft zahlen sollte. Der Zeuge Eottam machte, soweit er in dem Stimmengewirr der sich eng um ihn drängenden Parteiintcressentcn zu verstehen war, u. a. folgende Aussagen: Das Unglück der„Titanic" ereignete sich am 14. April abends. Die„Carpathia" befand sich ungefähr vier Tage von New Uork cnt- sernt. als auf dem üblichen Wege ein Telegramm über das Unglück der„Titanic" eintraf. Das Telegramm meldete, daß die„Titanic" auf einen Eisberg gelaufen sei, gleichzeitig enthielt das Telegramm die Angabe der Lage des Schiffes. Wir kamen von New Uork und erhielten die Nachricht ungefähr um 1 Uhr morgens. Ich bestätigte das Telegramm und gab es dem Kapitän. Der Kapitän ließ sofort umdrehen und wir strebten der Unglücksstelle zu. Wir sahen das grüne Licht der Rettungsboote und es gelang, etwa 700 Personen aufzulesen und auf die„Carpathia" zu bringen. Es wurde von dem Kapitän der Befehl gegelie», keinerlei Nachrichten an die Presse zu befördern, bis auf weitere Weisung. Zunächst wurden zwei Tele- aramme an die in slsrage kommenden Dampferlinien und eine an die Preß asfociated befördert. In den Telegrammen standen, soviel ich weiß. Details über den Untergang der„Titanic". Am ersten Tage wurden nur die drei offiziellen Telegramme abgesandt. Warum nicht gleich weitere Telegramme befördert wurden, ergibt sich aus den Bekundungen dieses Zeugen nicht mit überzeugender Klarheit. Auf weitere Fragen von allen Seiten erklärte der Zeuge: Der Marconi-Apparat hatte garantiert eine Reichweite von 150 See- meilen. Ich stehe unter dem Kapitän und habe nach dessen Weisungen zu handeln. Bon der Marconi-Gcsellschaft oder von Marconi selbst hatte ich in bczug auf dir Abseudung von Tele- grammen keinerlei Instruktionen erhalten. Der Kapitän hatte, wie ich wiederhole, mich angewiesen: Keinerlei Nachrichten an irgendeine Zeitung zu geben, bis die Diensttclcgrammc und die Telegramme der Ueoerlebendcn befördert worden wären. Von den 000—700 Tele- kleines feuilleton Minna Kautsky. Nach schweren, mit bewundernswerter Fassung ertragenen Leiden- hat Minna Kautsky am Morgen- des 20. Dezember die Augen für immer geschlossen. Sie war am 11. Juni 1837 in Graz in der Steiermark geboren. Aus der kleinbürgerlichen-Enge, in der sie aufwuchs, trachtete sie sich zu befreien, indem sie sich frühzeitig dem Schauspielberuf zu- wandte. Ein Lungenleiden vernichtete nach erfolgreicher, kurzer Bühnentätigkeit alle die hochfliegcndcn Erwartungen, die sie mit ihrer glänzenden Begabung zu hegen berechtigt lvar und verwies sie ganz auf das Walten im Familienkreise. Nach vielen Jahren erblühte ihr ein neues Feld beglückenden Wirkens, als sie mit ihrem ältesten Sohne Karl in die Ideenwelt des Sozialismus hineinwuchs, aus der auch der künstlerisch ge- staltende Trieb,-den- sie so lange zurückgedrängt, einen neuen, mäch- tigen Impuls empfing. Seit ihre erst« kleine Erzählung„Ein Proletarierkind" 1876 in der„Neuen Welt" erschien, die damals von Wilhelm Liebknecht redigiert wurde, veröffentlichte sie in der Parteipresse Deutschlands und Oesterreichs eine lange Reihe von Erzählungen und sozialen- Romanen, die der Verfasserin besonders rinter den älteren Parteigenossen einen großen Kreis von Ver- ehrern ihm schlichten Erzählungskunst verschafften. Ihre lebens- wahre Schilderung proletarischer und kleinbürgerlicher Verhält- misse, ihre kerngesunde, lebensbejahende Weltanschauung, ihr nie ermattender, inbrünstiger Glaube an die sieghaft« Kraft des sozia- listischen Gedankens und nicht zuletzt ihr srifchcr Humor sind die Elemente ihrer Kunst, die Minna Kautskys Werken im Proletariat, für das sie geschaffen wurden, dauernde Wirkung- sichern. Auch nachdem unsere Genossin daS biblische Alter überschritten, blieben ihr die Freude am Schaffen und ihr sonniges Temperament erhalten. Es ist noch nicht lange her, da überraschte sie ihre Freunde mit der Vorlesung eines Lustspiels, dem von einem Nachlassen der gestaltenden Kraft nichts anzumerken war. Für die„Neue Welt" hatte sie noch in den letzten Jahren eine wertvolle Gabe,„Die Leute von St. Bonifaz". und schließlich ging sie an die Niederschrift ihrer Lcbenserinnerungen, die. ursprünglich nur für die nächsten Angc- -hörigen bestimmt, hoffentlich noch einem größeren Lcserlreise zu, gänglich gemacht werden. Einen vollen Lorbeerkranz legt das Proletariat auf dem Sarge seiner Dichterin nieder. Theater in genossenschaftlicher Regie. Das Bestreben der Ge- nossenschaft deutscher Bühnenangehöriger geht bekanntlich dahin, Theater in eigene Regie zu nehmen, um damit-den Nachweis führen zu können, d-an auch bei Erfüllung der weiiestgehenden Forde» rungen, wie die Schauspiclerorganiiation sie ausgestellt hat, ein Theater florieren und Ueberschüsse abwerfen kann. Daneben spricht noch der Umstand mit, daß an der Spitze einer ganzen Anzahl von kleineren Theatern Direktoren stehen, die an künstlerischer Vor- bildung manches zu wünschen übrig lassen und daß deren Ersetzung durch künstlerisch vorgebildete Periönllchkeiten, die unter der Kon- trolle der Genossenschaft zu wirken hätten,.das Niveau der klei- nercn und mittleren Provinztheater entschieden heben würde. Im Jahre 1008 wurde eine Kommission zum Studium dieser wichtigen Frage eingesetzt. Ein Versuch, der vor zwei Jahren in Nordhauscn unternommen wurde, indem man«in zusammen- gebrochene» Theater weiterführte, fiel gut au?» und-seitdem haben grammen der Ueberlebenden wurden der Reihe nach alle bis auf I etwa 00 befördert. Am ersten Tage habe ich ein Telegramm an die' „Olympia" abgesandt mit der Liste der Ueberlebenden erster Klasse. Die übrigen Telegramme konnten nicht sofort befördert werden.— R.-A. Dr. Löwcnstcin: Weshalb denn nicht?— Zeuge: Wenn die Telegramme an ein Schiff gegangen wären, welches langsamer fuhr als wir, dann hätte eS keinen Zweck gehabt.— Verteidiger Dr. L.: Aha! Es kam Ihnen also wohl darauf an, daß Sie der erste sein wollten, der die Nachricht brachte?— Zeuge: Sobald ich dazu in der Lage war, habe ich eine Liste der geretteten Passagiere erster Klasse, dann der zweiten und dritten Klasse und der Mannschaften als Diensttelegramme abgesandt. Das geschah, sobald ich mit einem Schiffe in Verbindung stand. Die Telegraphisten haben eine Liste der Schiffe, mit denen eine Verbindung möglich ist, sie wissen auch genau, welche Schiffe langsamer fahren als das eigene Schiff.— R.-A. Dr. Löwcnstcin: Sie können aber doch nicht wissen, ob die betreffenden Schiffe nicht ihrerseits Verbindung mit der Küste haben. Haben Sie viel- leicht die Telegramme deshalb nicht weiter gegeben, weil Sie selbst die erste Nachricht überbringen wollten?— Zeuge: Wenn mir so etwas gestattet gewesen wäre, hätte ich es getan. Ich habe es aber nicht getan, weil es gegen die Vorschriften gewesen wäre.— Auf weitere Vorhaltungen des Verteidigers bejaht der Zeuge, daß ihm Geldversprechungen gemacht worden seien, wenn er seine Erlebnisse nur einer bestimmten Zeitung mitteilen würde.— R.-A. Dr. L.: Sie standen also mit Zeitungen in Verbindung? Welche Zeitungen waren dies?— Zeuge: Die„New York TimeS", außerdem war ein Reporter der„New Dort World" am Bord des Schiffes.— Die R.°N. Justizrat Friedmann und Sachs stellen fest, daß damals aber schon die Liste der Ueberlebenden zur Absendung gekommen war.— R.-A. Dr. L.: Hat der Zeuge nicht ein Telegramm des Inhalts be- kommen:„Alter Junge, gib keine Nachricht! Mnrconi-Gesellschaft nimmt Deine Interessen wahr, halte den Mund, es ist arrangiert, daß Du viel Geld bekommst." Unterzeichnet war das Telegramm mit dem Namen Sames.— Zeuge: Ja, ein solches Telegramm habe ich bekommen. Sames ist der Oberingenieur der amerikanischen Marconi-Compagnie.— R.-A. Dr. L.: Kam noch ein zweites Tele- gramm:«Triff Marroni Strandhotel 14. Halte Mund!" Zeuge: Ja. Das Telegramm war nicht unterzeichnet. Bei Ankunft der beiden Telegramme war die„Carpathia" nur noch eine Stunde vor der Landung, die Telegramme betreffs der Ueberlebenden waren damals schon längst befördert worden. Nach Einlaufen des Schiffes in den New Dörfer Hafen fei er ins Strandhotel gegangen. Dort habe er lediglich den Berichterstatter der„New Uork Times" an- getroffen. Dieser habe ihm gesagt, er erlaube, daß er seine Erleb- nisse der„New Dorf Times" direkt mitteile. Darauf ging er mit dem Berichterstatter in die Redaktion der„New Dorf Times" und habe sich dort interviewen lassen. Für dieses Interview habe er 750 Dollars erhalten. Es sollen dann die Verhandlungen der Untersuchungskommis- sion in Washington, in der die Ursachen des Untergangs festgestellt find, verlesen werden. In einer dieser Verhandlungen sollte Mar- coni als Zeuge bekundet haben, daß er mit der„New Dorf Times" ein Abkommen, lediglich ihr über die Erlebnisse auf hoher See zu berichten, getroffen habe. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Löwen- stein, beantragte die amtliche Bescheinigung über den eingesandten Bericht der Untersuchungskommission einzuholen. Da» Gericht gab diesem Antrage statt und vertagte die Verhandlung auf unbe- stimmte Zeit._ Gerichts-Zeitung Bctrligcreien in der„Neuen apostolischen Gemeinde". Die Betrügereien des früheren Gemeindevorstands und Prcdi- gcrs der„Neuen apostolischen Gemeinde" in Charlottenburg lagen einer umfangreichen Verhandlung zugrunde, welche gestern die 2. Strafkammer des Landgerichts III beschäftigten. Aus der Unter- suchungshaft wurde der Kanfinann Johannes Kienast, zuletzt in Charlottcnburg wohnhaft, vorgeführt, um sich wegen Unterschlagung zu verantworten.— Der Angeklagte ist schon mehrfach vorbestraft. Er fand bei der„Neuen apostolischen Gemeinde" in Charlottenburg eine Anstellung als Prediger, nachdem er sich in dem Johannisstift sich mehrfach Staats, und Kommunalbehörden mit der Genossen- schaft zwecks Ucbcrnahme von Theatern in GenoffenschaftSregie in Verbindung gesetzt. Jetzt hat man einen neuen Weg beschritten. Bisher wurden aus dem sogenannten Solidaritätsfonds die plötzlich cn-gagemcntslos gewordenen Mitglieder unterstützt. Daß derartige Augenblicksdarlehen, die nach den Statuten 30 M. pro Person nicht übersteigen d-ürfen, weit nützlicher zu wirken vermögen, wenn sie, im ganzen dem E n s c m b l e zur Verfügung gestellt, ein nieder» gebrochenes Theater damit weiterhelfen liegt aus der Hand. Das erste Experiment dieser Art ist in Forst i. L. unternommen worden und geglückt. Die Genossenschaft hat den 24 Mitgliedern des dort vor kurzem verkrachten Theaters eine Summe von 1000 M. zur Verfügung gestellt, etwas mehr also, als die Zuwendung aus dein Solidaritätsfonds zusaminengenommen hätte betragen müssen, und der Betrieb konnte aufrechterhalten werden. Der Künstler und der Wertzuwachs seiner Werke. Die Kunst- kommissiono der französischen Kammer hat in ihrer letzten Sitzung einen Gesetzentwurf angenommen, der bestimmt ist, einem alten Unrecht abzuhelfen. Er besagt, daß von dein Erlös eines jeden Kunstwerkes, das auf einer öffentlichen Auktion versteigert wird, zwei Prozent dem Künstler selbst oder seinen Erben zufallen. Erst in den letzten Tagen konnte man die Ungeheuerlichkeit der jetzigen Verhältnisse auf diesem Gebiet an einem grellen Beispiele studieren. Wie erinnerlich, wurde ein Bild von DegaS für 450 000 Frank verkauft, das einstmals der Meister für 500 fortgegeben hatte. Diese Verhältnisse hat einmal der glänzende Karikaturist Forain in einer bitteren Skizze treffend charakterisiert. Dargestellt ist ein AuktionS- lokal, in dem sich die millionenschweren Liebhaber und die Händler in allen Stellungen um ein Gcinäl-de drängen und bor der Tür stehen zwei ausgemergelte Bettelkindcr, die neugierig dem Ver- kauf zusehen. Da flüstert das eine dem anderen zu:„Ein Bild von Papa!..." Um eine Aenderung dieses Zustandcs herbeizuführen, hat sich in Paris ein Verein gebildet, der entschlossen den Kampf für da-S „Urheberrecht der bildenden Künstler" begann. Nun scheint seine Agitation von Erfolg bealeilet, daß der Deputierte Andre Hesse den erwähnten GefetzeSantrag in der Kammer einbrachte. Die bc- treffende Kommission hat nunmehr den Vorschlag angenommen, und es ist wähl so gut wie sicher, daß diese Bestimmung in kurzer Zeit Gesetz wird. Der Sab von zwei Prozent ist zwar mäßig ge- nug. aber der künftige Zustand wird doch einen Fortschritt gegen- über der Vergangenheit bedeuten, in der gewöhnlich der Künstler leer ausging.(Wenn das Werk eines Künstlers unter der Hand weiterverkauft wird, geht er auch nach diesem Gesetzenttvurf noch leer aus-) Theater. Lessing-Theater:„Rose Be'rnd" von Gerhart Hauptmann. Nach all den Fest-lichkeitsberichten-, all den Reden von untd über Hauptmann, die man kopfschiittelnd in den Blättern las, kam nun im Lessing-Theater wieder der Dichter selbst, mit dem menschlich-schlichtesten und reifsten Drama, das ihm seit der Jahr- hundertwende gelang, zu Wort. Hier strömt aus warmem Herzen jenes elementare Mitgefühl, jene erbarmende Liebe, die einst„Die Weber" unld baS„Hannele" geschaffen.— Rose Bernd wird zur Meineidigen, zur KindeSmördenn. ist nach dem Kodex pharisäisch aburteilender Gerechtigkeit ein verworfenes Geschöpf, vor dem der unbestraft« gute Bürger hochmütig sich bekreuzt. Und doch ist diese ein Jahr lang auf diese Tätigkeit vorbereitet hatte. Er verstand es bald, als Seelsorger der Gemeinde sich das vollste Vertrauen der einzelnen Mitglieder zu erwerben. Vor sieben Jahren wurde er zum Vorsteher der Gemeinde gewählt. Als vor einigen Jahren von der Gemeinde in Charlottenburg eine eigene Kirche gebaut werden sollte, wurde er mit der Regelung der finanziellen An- gelegenheiten betraut. Schon hierbei ließ er sich verschiedene Un- rcgclmähigkeiteii zuschulden kommen, die er jedoch mit Hilfe eines besonders frommen Mitglieds der Gemeinde, welches eine besondere Ehre darin sah, dem Gemeindeprcdigcr helfen zu können, regulieren konnte. Im Jahre 1909 wurde die Kirche mit Hilfe der durch Sammlungen aufgebrachten Gelder auch erbaut. Da es sich um eine verhältnismäßig vermögende Gemeinde handelt, konnten auch die bei dem Kirchenbau eingegangenen Verpflichtungen einige Zeit darauf gedeckt werden. Der Angeklagte machte sich nun den Um- stand, daß diese Tatsache den Gemeindemitglicdern nicht bekannt war, in der Weise zunutze, daß er des Sonntags von der Kanzel herab die Gemeinde aufforderte, noch weiter fleißig Gelder zu sammeln, um die eingegangenen Verpflichtungen decken zu können. Er ging sogar soweit, die Kinder der Gemeindemitglieder ebenfalls zum Sammeln aufzufordern, um ihnen dann die paar Spar- groschen, die sie von ihren Eltern erhalten hatten, abzunehmen. Auf diese Weise kamen groschenweise 178 M. zusammen, während die infolge der Aufrufe in der Kirche eingegangenen Gelder ins- gesamt ca. 14 000 M. betrugen. Von dieser Summe leistete er einige Zahlungen, während er den Restt von ca. 11800 M. für sich ver- brauchte. Wie der Angeklagte vor Gericht behauptet, habe er das gesamte Geld in ein von ihm in Charlottenburg betriebenes Zigar- rengeschäft hineingesteckt.— Nebenbei hatte der Angeklagte, wie sich später herausstellte, auch noch einem armen Dienstmädchen die in jahrzehntelanger mühseliger Arbeit gemachten Ersparnisse abgc- nommen. Er hatte von dem 55jährigen Dienstmädchen Adolfine B.. nachdem er ihr 1350 M. bar abgenommen hatte, ein Sparkassenbuch über 2000 M. zur Aufbewahrung erhalten. Er mißbrauchte dieses Vertrauen und hob das Geld ab, so daß die B. um ihr für das Alter zurückgelegten Ersparnisse gebracht wurde. DaS Gericht er- kannte auf 2 Jähr und 6 Monate Gefängnis und 4 Jahre Ehr- vertust._ Derurtcilung des Dr. Zickel. Der frühere Direktor des LustspiolhauseS, Dr. Martin Zickel, wurde gestern vor der 11. Strafkammer des Landgerichts l Berlin nach zwöl-fftündiger Verhandlung wegen Verletzung der§§ 64-und 84 des Gesetzes betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haf- tung, d. h. weil er nicht rechtzeitig Konkurs angemeldet hat, unter Zubilligung mildernder Umstände zu 50 M. Geldstrafe eventuell 5 Tagen Gefängnis verurteilt. Bon der Anklage des Konkursver- gehens wegen Nichtaufstellung einer Bilanz wurde der Angeklagte freigesprochen. Der Staatsanwalt halte für beide Vergehen 100 M. Geldstrafe beantragt. „Wenn ich eine Mutter wäre". Einen mit diesen Worten überschriebenen Artikel brachte der „Pionier", eine Zeitung, die sich als„unabhängiges fozialrevolu- tionäres Organ" bezeichnet. Der Artikel, nach Form und Inhalt eine gute literarische Llrbeit ohne direkte Beziehung zu Tagesfragcn, ist abgedruckt aus- der italienischen Zeitung„La. Face"(der Frieden). Der Artikel gibt den Gedanken und Empfindungen Aus- druck, die eine Mutter-beseelen würden, deren Sohn in den Krieg ziehen muß.—„Wenn ich eine Mutter wäre", so beginnt der Artikel,„und ich hätte einen Sohn, der in den Krieg zöge, weil-die Regierenden ihn dazu zwingen, dann würde ich zu ihm sagen.. Run folgen die Worte, die die Mutter an den Sohn richten würde. Es sind Worte der Friedens» und Menschenliebe sowie des Ab» scheues gegen den völlermordenden Krieg-. In logischer Konsequenz dieser Gedanken kommt die Mutter zu dem Schluß, sie würde ihren Sohn, den man in den Krieg führt, auffordern, sich zu weigern, denn er dürfe nicht zum Mörder werden. Nur einen Krieg dürfe der Junge mitmachen: den heiligen Krieg für Freiheit und Recht. Unglückliche— so sieht des Dichters schärferes Auge sie— ein« weiche, arglos- vertrauende, liebenswerte Natur, der einzig Furcht und Scham den klaren Sinn verwirrten. Die Angst hypnotisiert sie. Kopflosigkeit, dir, unfähig zum Urteil, um Schlimmem zu entgehen, sich in Schlimmeres und Schlimmstes stürzt, wird ihr Verhängnis — darin ist Roses Schicksal, dem Grundzu-g nach, typisch für das von vielen Hunderttausenden gebrochener Mädchenexist-enzcn-. All« Güte, alle sonstige Tüchtigkeit versagen da als schützende Momente. Es liegt im Wesen des Stoffes, daß, wenn er in dramatischer Form entwickelt werden sollte, Rose von Akt zu Akt verschiedene Züge annehmen muß, die erst- bei einer Rückschau auf das Ganze zum Eindruck voller Geschlossenheit zusammenfließen, daß vieles Wesentliche auf den Brettern nur in feiner Nachwirkung erscheinen kann. So Außerordentliches das Drama bietet, in zwanglos- freier novellistischer Erzählung hätte ein Dichter von Hauptmanns Kraft die Einfühlung der dunklen Pfad« dieses- Schicksals in ollen Windungen vielleicht noch mehr erhellen, die innere Nolwcndiglcit vielleicht noch, zwingender herauszuarbeiten vermocht. Die Besetzung der Rollen war zum Teil dieselbe wie bei der Erstaufführung vor zehn Jahren und zeigte die Darsteller von damals auf gleicher Höhe ihrer Kunst: Sauer spielte den alten Bernd, Karl Forest den fanfmütigen FrcierSmann, Else Leh» mann die Rose. Sie war prachtvoll natürlich, nur in der Szene nach der Gerichtsverhandlung befremdete-für mein Gefühl die allzu starke, unglaubhaft abstoßende Bcrändernng dcS Gesichts. Von den neuen Kräften enttäuschte eine: Herr Otto Wert her, ein aus- wärtigcr Gast, der aus dem GutSbesiticr Flamm nichts anderes als einen steifen, tyrannisch polternden Patron zu machen wußte. Aus- gezeichnet versinnbildlichte HanS Marr die brutale trunkene Ge» meinheit des- Maschinisten Streckmann; und Flka Grüni ng(vom Kleinen Theater) war in der Figur der stillen, klugen, gütigen Frau Flamm— einer der schönsten Frauengestalten Haupt, mann»— schlechthin volleitdct. Die Szene, in der sie Rose tröstet, -bildete den Gipfelpunkt des Abends, erschütterte und rührte bis zu Tränen._ dt. Konzen. —'S ä S große Mißverständnis. Dtt ThcÄeiNreltc-r Lantz hatte den- von rhm aus dem Theater gewiesenen Kritiker Jacobsohn(dem mit dem guten Gedächtnis) allerlei metallische Beziehungen nachgesagt. Darob großes Geschrei und Klage- drohung. Herr Lantz erklärt nun alles für ein Mißverständnis und — die Klage unterbleibt. Da die Bezichtigungen durchaus ein- deutig waren, hätte der Kritiker erst nach gerichtlicher Feststellung des Tatbestandes die Klage zurücknehmen sollen. Jetzt sind zwar bedenkliche Beschuldigungen zurückgenommen, aber nicht widerlegt. — Der Kinokongreß beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung am Donnerstag noch mit den praktischen Fvagen der Kon- zessionspflicht und der Zensur, gegen die starke Einwendungen er- hoben wurden. Eine Besserung des ZensurwescnS wird von einer besonderen Kommission erwartet, die sich au» Vertretern der Be- Hörden und der Beteiligten zusammensetzen soll. Auch gegen d-e heute bestehenden Kinosteuern wurde lebhaft Protest erhobey. sie wurden als Erdrosselungssteuern hingestellt. Vor allem sollten Jugendvorstellunyen von jeder Steuer sreiblciben. In weiteren Vorträgen wurde die Verwendung des Kinos für die Fortbildungs- schul« gefordert und seine Bedeutung für Astronomie, für da» Theater und tie Volksbildung behandelt. Dcgeu dieses Artikels ist.geHen den versntvsrtNchen Redakteur des„Ptonicr", Friedrich Köster, Anklage au» g 110 de» Strafgesetz. buche» erhoben. Die StaatSanuxiItschaft liest au» dem Artikel ein« Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze herau».— Als die Verhandlung gestern vor der 12. Strafkammer de» Landgerichts I eröffnet wurde, beantragte der Staatsanwalt den Ausschluß der Oeffentlichkeit, weil durch die öffentliche Verhandlung über den Artikel, der ein« antimilitaristsche Tendenz habe, die öffentliche Ordnung gefährdet werden könne.— Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Holpert, widersprach dem Antrage. Ob der Artikel als anti militaristisch anqesehen werden könne, da» solle doch erst in der Ver Handlung entschieden werden. Wenn die vom Staatsanwalt g« gctbene Begründung zutreffend wäre, dann müßt« man für all« politischen Prozesse die Oeffentlichkeit ausschließen, wodurch dem Publikum die Möglichkeit einer Kontrolle der Rechtsprechung«nt zogen würde. Da» Gericht beschloß den Ausschluß der Oeffentlichkeit in vollem Umfange. Nach zweistündiger Verhandlung und«inständiger Beratung verurteilte da» Gericht den Angeklagten zu sechs Wochen Gefängnis, da. wie in der Urteilsbegründung gesagt wurde, alle Tatbestands- Merkmale des§ HO vorlägen. In dem Artikel werde zum passiven Widerstand gegen die Pflicht des Soldaten aufgefordert. Der Staatsanwalt hatte eine Gefängnisstrafe von ö Monaten beantragt. Hud aller Melt. Ein teures Königtum. Bayern muß einen geistesgesunden König haben! Der jetzige Zustand ist nachgerade unerträglich geworden! So räsonniert die Presse der Kreise, die ohne einen amtlich abgestempelten König nicht auskommen möchten. Nun hat zwar Bayern einen König von Gottes Gnaden, aber der jetzige Inhaber des Thrones war schon bei seinem Regierungsantritt geisteskrank und daher regierungs- unfähig. Wenn man sich auf den Standpunkt derer stellt, die die Erblichkeit der Königslvürde als einen Ausfluß des Gottes« gnadentums erklären, so ist das Verlangen nach einem neuen König eigentlich unbegreiflich. Denn wenir durch GotteS Gnade die Könige geschaffen wurden, dann muß man auch ,deS höchsten unerforschlichen Ratschluß* mit in Kauf nehmen, wenn er, der allweise ist, just einen Thronfolger in unheilbare Geisteskrankheit fallen läßt. Doch diese Abkehr von dem Grund- gedanken des GotteSgnadenwms mögen die Propagandisten für einen König Ludwig mit ihrem religiösen Geivissen abmachen, wichtiger ist die vermögensrechtliche Seite der Königspropaganda. Da muß man sagen: ein neuer König Ludwig von Bayern kostet dem bayerischen Volke eine schöne Stange Geld. In der.Franks. Ztg.* finden wir eine Berechnung der Kosten, der wir folgende Aus- führungen entnehme»: Nach dem VersaffungZgesetze vom 1. Juli 1831 wurde eine Zibilliste für den König festgestellt. Das Staatsrecht versteht unter Zivilliste eine Jahresrente, die dein Könige— in erster Linie zu 1 einem Unterhalte— aus Mitteln des Staates durch Gesetz dauernd überwiesen ist. Sie beträgt jährlich 4231011 M.(Finanz- gesetz vom 29. Juli 1876). Träger und Nutznießer dieses Ver- mögensrechtes ist zurzeit König Otto. Der Regent bezieht da- gegen nur einen jährlichen, auS der Staatskasse zu zahlenden Be- trag von 200 000 Gulden(— rund 312 000 M.). Keinerlei Bestimmungen bestehen bezüglich des Unterhaltes eines von der Re- gierung zurücktretenden König». Der Staat ist zu dessen ve« streitung ebensowenig verpflichtet al» die Zivilliste. Da«ine frei- willige Abdankung deS Königs Otto bei seiner Geisteskrankheit nicht in Frage kommen kann, so mußten im gegebenen Fall« seine Vermögensrechte durch Gesetz festgesetzt werden. Die Folge hier von wäre eine Mehrung der StaatSauSgaben, da entweder die Zivilliste des regierenden König» erhöht oder neben dieser eine Zivilliste für den regierungsunfähigen König neu- geschaffen werden müßte. Bei Annahme der KönigSwürd« durch den Prinzregenten Ludwig hätte aber die Staatskasse auch seinen Kindern, deren er dreizehn hatte und von denen noch acht (drei Söhne und fünf Töchter) leben, Apanagen auszuzahlen. Der Kronprinz(Prinz Rupprecht) hätte einen Anspruch auf ein Jahresgehalt von 230 000 Gulden. Seine Brüder als nachgeborene Kinder des Königs könnten jähr liche Geldrenten bis zu 100000 Gulden verlangen, wobei, sich die Apanage nicht unter 60 000 Gulden und im Falle der Verheiratung sogar nicht unter 80000 Gulden be- laufen darf. Diese Apanage ist sogar vererblich und fällt erst mit dem Tode des letzten männlichen Sprossen der Linie, für die sie angewiesen war, dem Staate wieder beim. Die Prinzessinnen haben als Töchter de? Königs nach zurückgelegtem 22. Lebensjahr je Anspruch auf eine jährliche Rente von wenigstens 21000 Gulden undhöchstenS 30 000 Gulden, die in Monatsbeträgen auS der Staatskasse zu zahlen ist. Wenn sie sich v e r e h e I i ch e n, sind die Kosten der Ausstattung und der Vermählung ans der Staatskasse zu bestreiten. Zugleich erhalten sie au» Staatsmitteln den Betrag von 100 000 Gulden als.Aussteuer und Dotalabfindung*. Aucki die Königin Gemahlin des regierenden Königs und die Kronprinzessin hätten gesetzliche Ansprüche gegen die Staatslasse. Bei Entbindungen erhält aus Staats- Mitteln die Königin 2000. die Kronprinzessin 1000 Dukaten, wozu noch je 20 Dukaten für die»Kammer* oder den.Dienst* kommen. Die K ö n i g i n w i t w e hat schließlich gegen die Staatskasse Anspruch aus ein Wittum, das aus einer»anständigen eingerichteten Residenz*, einer jährlichen Geldrenle bis zu 120000 Gulden und aus»benötigter Fourage und Holz* besteht. Die Höhe der Geldrente wird vom König festgesetzt, eine Abminderung derselben könnte nur mit Zustimmung der Königin stattfinden. Man sieht, daß in recht fürsorglicher Weise von der Eni- bindung bis zum Tode gesorgt ist. Der Begeisterung, mit der manche für den neuen König eintreten, würde«in tüchtiger Dämpfer aufgesetzt, wenn die vielen Millionen Kosten von den Königsmachern selb st bezahlt würden. Aber das haben sie ja nicht zu befürchten, denn die Gesetzesfabrikanten, die in so generöser Weise für die Familie des Königs sorgten, haben«S auch verstanden, durch andere Gesetze die Kosten auf die Schultern de? Volkes ab- zuwälzen._ Explosion im Phönixwerk. In der vergangenen Nacht gegen 8 Uhr explodierte auf dem HoÄo'enwerk„Phönix* in H ö r d e r« Dortmund aus unbekannter Ursache ein Schlackentopf, der mit glühender Hochofenschlacke gefüllt war. Ein in der Nähe befindlicher jugendlicher Arbeiter wurde mehrere Meter weit fortgeschleudert und so erheblich verletzt, daß er dem Werk- Hospital zugeführt werden mutzte. Außerdem erlitten einige andere Arbeiter leichtere Perletzungen. Die Detonation war in einem Umkreise von 20 Kilometer hörbar. Die Explosion war von olcher Heftigleit, daß fast das ganze Dach deS Gießerei- gebäudes abgedeckt und viele Fensterscheiben auf dem Werke und in der Umgebung zertrümmert wurden. Der durch die umher- fliegenden Schlackenstücke verursachte Schaden ist jedoch nur m»- bedeutend. Man vermutet, daß sich in dem Schlackentops Dynamit befunden habe. Die polizeilichen Untersuchungen über die Ursache der Katastrophe sind noch nicht abgeschlossen. Ein deutscher Militärflieger in Frankreich gelandet. Am Donnerstagnachmittag 3 Uhr 30 Minuten stieg der Flug- schüler Unteroffizier C z i p a in Uniform auf dem Flugplatz H a b S h e i m bei Mühlhausen i. Elf. auf, um nach Straßburg zu fliegen. Er war gleich von Anfang an hoch geflogen und hatte die Orientierung verloren. Er hatte sich den Rhein-Rhone- Kanal als Richtlinie genommen, war aber statt landab nach Straß- bürg, landauf nach Frankreich geflogen, 5 Uhr 13 Minuten landete er bei M a r n a y(Haute saone), das Flugzeug wurde bei der Landung leicht beschädigt. Wie Czipa noch Donnerstag abend mitteilte, wurde er seitens der Militärbehörden und der Bevölkerung freundlich aufgenommen, auch sind ihm bisher keine Schwierigkeiten bereitet worden. Eine neue Tchorlemer-Telikatesse. In einem Recklinghauser Lokalblatt war dieser Tage folgende« Inserat zu lesen: Fetter Hund(zirka 20 Pfund sckiwer) mit Rückficht auf die Herrichende Fleischnot zu Schlachtzwecken sehr billig zu verkaufen. Näheres E. N o r g a I l, General- agent, Hillerweg 27. Nachdem Herr Landwirtschaftsminister v. Schorlemer neulich in feiner Antifleifchnottede von der wachsenden Beliebtheit deS Pferdefleisches als Nahrung gesprochen hat, wird er wohl später bei passender Gelegenheit begründen, daß auch der Eiweißgehalt des fetten Hundefleisches immer mehr Liebhaber dieser Delikatesse wirbt. Kleine Notizen. Opfer der Mordtechnik. Ein schweres ExplosionSunglück, dem drei Menschenleben zum Opfer fielen, ereignete sich Donnerstag- nachmittag in einem Laboratorimn der Rheinischen Metallwarenfabrik Ehrhardt auf dem Schießplatz Unterlüß beim Laden einer Granate. Zwei Arbeiter wurden s o- fort getötet, ein junges Mädchen so schwer verletzt, daß es nach zwei Stunden verstarb. Zwei weitere Arbeiter erlitten zum Teil erhebliche Verletzungen. Die Ursache des Unglücks konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Wie die Alten slingen... In Fi um e gab der 13 jährige Johann Rusic bei einem Rendezvous mit der 13jährigen Paula G a r i z a auf das Mädchen zwei Revolverschüss« ab. da? tödlich getroffen zusammensank. Das Motiv dieser Tat soll darin zu suchen sein, daß die Eltern des jungen Mädchens dem Burschen das Haus verboten hatten. Schwerer Eisenbahnbctriebsunfall. In der Nähe der franzöfi- schen Stadt St. Etienne fuhr eine Lokomotive in eine Gruppe von Telegraphenarbeitern hinein, die auf den Schienen gingen. Dabei wurden vier Arbeiter getötet und zwei verletzt. Hauseinsturz in Schweden. Bei dem Einsturz eines Neubaue» in O e r e b r o wurden fünf Personen getötet, vier mehr oder weniger schwer verletzt. Die Lungcnpest in Turkestan. Wie ein Telegramm de» Thef« deS Kreises M e r w meldet, ist 12 Werst von Merw die Lungen« Pest aufgetreten, der bereits 32 Personen erlegen sind. Die aus Merw Ausreisenden müssen sich einer Ouarantäne unterWersen Absturz ins Meer. Die Leichen des Fliegers K e a r n e y und seines Passagiers Lawrence, die letzten Sonnabend von Lo« Angeles auS einen Flug über das Meer nach San Francisco an« traten, dort aber nicht einttafen, sind bei Redondo Beach au» der See geborgen worden. f/ÄVn. r/41ni53 MM m illiM i-z-z- &). Weinmeister- und Gormannttrasaen-Eck« ist die gQnstigste Einkaufsquelle Zum Wellmachtsfest in o de I-II o vsmen u. vl'l'en Lai'riei'oden IJIfitdBti'ZS. 38.- 51.- 7 M �9? I 999 W I �nrsvlung von M en. 19.— 24.— 40.— Anzahlung von 5 an. U n ZÜ 6 fi 25.- 36. 48. 5•< OT&llAfiflSv Anzahlung von IfiMn. Damen-Mäntel und Ulster LnffiS , Kestü me. Kleider( Jzri Kzfdin�n Jacken, RScke, Blusen WäSChe+ Stiefel Qi u.Kind.r In grt.iler Auiw.hll C�)l (ragen:: Jacken Qj Einrichtungen Pelz-Stolas:: Möbel•ÄVn»* Jeder Käufer erhält ein Geschenk! Op* Sonntag frJg geöffnet! afeooo®®pQ� ■a a W auf der Hohe deräeii Total-Ausverkauf am 31. Dezember! wegen Autgabe des Geschäfts! 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Metropol. Ehaufseur— ins Mctropol. Herrnselo. Die Alpcnbrüder. Das Scheidilligs-Souper. Caiino. Am grünen Strand der Spree. Reichshallen. Bei Batern. Dliiilergarieu. Spezialitäten. Apollo, �oezialilären. Anfang«7« Uhr. Residenz. Prinzenerzichung. LustipielilauS. Glas Pcpi. Krieor. Wittl. SctiauipielhauS. Die teuiche Susanne »olio? Gapriee. Zn Sachen !>lagenstein. Die Dappelsirma. Die Tochter der Braut. Walhalla. Goldener ürlchtsinn. Ansang S>/, Uhr. Neues BottS'heater. Michael Krämer. Anlang lll Ubr. AdmiralSpalast. Eisballet!: Joanne. Sternwarte. Lnvalidcnstr. öl— 62 Sehjller-ThealerO.lS: Sonnabend, abends 8 Uhr: Zum erstenmal: Die Schmetterlingsschlacht Sonnlag, nachmittags 3 Uhr: Zopf and Schwert. Sonntag, abends 8 Uhr: Flachomann als Erzieher. Montag, abends 8 Uhr: Die Schmetterlingsschlacht Schiller-Theater �TrT"' Sonnabend, abends 8 Uhr: »einig fanden. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: vle Jtidin von Toledo. Sonntag, abends 8 Uhr: Heiing'tandcii. Montag, abends 8 Uhr: Die Gewchwlster. Elga. Berliner Thealer. 8 Uhr: Filmzauber. TlieaterioilerKönigptzer Straße s Uhr.- Die fünf Frankfurter. Residenz-Theater. Anfang 8 Uhr. Gastspiel Constanze v. Linden: Prinzenerziehung. Morg. u. folg. Tage: Prinzenerriehung. «onntag, den r!2. Dez. nachm. 3 Uhr: Alles»ür die Firma. Mer am Noliendorlplatz 5. Nachmittag 4 Uhr: Schneewittchen. Abends 8 Uhr: OrphcuS in der Unterwelt. Sonntag, d. 22., nachmittag 3'/, Uhr: Schneewittchen._ Montis Operetten-Theater (fr Neues Theater). Amt Norden 1141. Abends 8 Uhr: Der Frauenfrefser. DentHCheB Schansptelhaus 8 Uhr: Der gntjtftende Frack. Luisen-Theater. Sonnabcndnachmtttag 4 Uhr: Kindervorstellung; Ruinpelstilzchen. Abends 8 Uhr: Premiere: Berli»-Hnmburg-New 3)orf. r. roniant.-lom. Ausl'aitungsftück von Emst Ritterseldt. onntagnachm. 3 Uhr: Ich lasse Dich»tcht. Abends 8 Uhr: eerlin- Hamburg-New York. Montagabend 8 Uhr: Kinder-Vorstellung: Goldener, das Sonntagskind. lassageTheater Lichtspiele Unter den Linden 22/23. Diese Woehe u. a.: Dornenpfade- Gr. Drama in 3 Akten nach d. berühmt. Roman ,.Der kleine Jacob'' von Jules Claretie. Max ist wasserweheu! Humoreske gesp. v. Max Linder. Im Lande Mohammeds. Aller Anfang ist schwer. Das Weihnaohtswunder. OSE=THEATE Grosie Franiiurter Str. 132.\ Nachmittag 4 Uhr: GoldhärcheuS Himmel- fahrt. ' Abends 8 Uhr: Die Sünden der oberen Zehntausend. Sonnlag 4 Uhr: Hänsel u. Gretel. 8 Uhr: Die Sünden der oberen Zehntaufend. WSMN Beispielloser Lach-Erfolg Die Alpenbrttder Hierzu: Das Scheidungs-Souper Anf. 8 Uhr.Vorverk.10-2(Theaterk.) Vnpan7BinDlMi,,woch' 25 Dezember, lürolliciljc: Weihnachtsfeiertag Premiere der Novität Wüstenmoral Am 3t.Oez.v 8 Uhr abends bis 5 Uhr frDh Große Silvester-Feier! Die größten Schlager Die Alpenbrüder— Wüstenmoral Das Scheidungssouper Festprolog! Gralulations-Cour Fanfaren-GruB!(Garde-Kürassiere) Gr. Silvester-Kabarett u. Mitwirk. v. 17 der bedeutendsten Künstler und Künstlerinnen. Die Theaterbilletts berechtigen zur Teilnahme an derges. Silvesterfeier. Billetts f. a. Feiertage bereits zu haben. Urania Wissenschaftliches Theater. Taabenstraße 48/49. Abends 8 Uhr: Oberingenieur und Aviatikei Helmnth Hirth: Die Flagfk-agc nach ttelbsl- erlebten SlmlrUckon. Sahary-Djeli La„Mystörieuse". A5 Gastspiel-Ss Max Linder der weltberühmte Film• Schauspieler in seinem Sketch: Aus Liebe zum BiihneraD§enoperateQr Max, der Liebhaber: Max Linder sowie die sensationollen Deseniber- Attraktionen. neue Reichshallen-Theater Steltiner Sänger. „Bei Vater'n, Weibnachtsb. v. MeyseL Ansang 8 Uhr. 1. u. 3. Feiertag, nachmittag 3 Uhr: (zu ermäh. Preisen) V Tanne- boomt &»Clou" MauerstraBfi LS— Zi :: Berliner:: Konzerthaus MauerstraBe 82.—. ZimmerstraBe 90/91. Heute: Doppel-BConzert! Berliner Konzcrthans-Orcheeter, Dir. Fr.». Blon, Kompon. Musik c. L. Ciarde-RegiaicntH e. F., Dirigent Obenn. Graf. Anfang 8 Uhr. Fintritt 59 Ff. Anfang 8(Ihr. An allen Wocbentagen: yr. Jfcchmitfags'Konzert bei freiem Eintritt Zirkus Merl Schumann. Heute Sonnabend, 2. D6zbr., abends?>/» Uhr: High-Life-Fvenlng Rendezvous der Sportwelt. Um 9V. Uhr;"»d Hauptattraktion von Berlin! Der unsichtbare Mensch. Vier Bilder aus Indien. Neu! DerGipfelpunktmensch- lichen Wagemuts! Neu I The 3 Bellongt, 1. The Loop auf menschlichem Piedestal in 7 Meter Höhe ohne Absegelung. 2. Der 5 Meter hohe Doppel- Salto ausgef. auf d. Zweirad, 9Iiß Belloni mit ihren dressierten Papageien. Gattablanca, militärischer Spoitakt ausgf.v. Hin. Alb. Darre Sonntag, den 22. Dezember: 3 große Vorivtelliiiigen. Nachm. S'/s u. abends l'l, Uhr. In beiden Vorstellungen @1$ ungekürzt!'■öetj Der unsichtbare Mensch. Abends ab 8 Uhr! Nie dagewesener Erfolg! Amely de l'Enclos. Stimmen- Phänomen.— Malia und Bart, die lustigen Spediteure.— 9 Uhr: Bcrling TagcsgeepHlch! ]>ai*io Paiui das Wunder der hypnotischen Kartenkunst I Metropol-Theater. Chaufleur-ins Jlfetropol! Graste Zahresrevue mit Gesang und Tanz in 10 Bildern von I. Freund. Musik v. Rud. Aeisou. Tänze arrang. von Will Bishop. In Szene gesetzt vom Direltor R. Schultz. Abends 8 Uhr. Rauchen gestattet. Morgen nachm. 3 Uhr: Tata Toto. Trianon-Thealer. Täglich abends 8 Uhr: Die Krttte— Die Beste! Passage-Panoptikum Bis inkl. 1. Januar: gv Tolkstage!-TD_ Jedermann I Kind frei. Jedesj Kind erhält ein Geschenk! B Alles ohne Extra-Cntree!| 50 WILDE KflMDrD mAnner I II£l 1 0 L n KIMOER! vom Stamme der Igorroten. Leben u. Treiben in dem I eigens aufgebauten IGORROTEK-Dorfe. Zirkus Busch. Heute Sonnabend, 21. Dezbr., abends T'/j Uhr: Neu! Neu! (Der Affe als Aviatiker I I) Erstmalige Vorführ, eines frei, vorn Boden aüfsteigenden und fliegenden Aeroplans i. Zirkus. Neu! The 3 Stewarts Neu! sowie das gesamte Gala-Progr. Zum Schluß; Die groBe Prunk-Pantomime „Sevilla" in 6 glänzenden Akten. Avis! Sonntag, nachm. 8>/z Uhr;| Unter Gorilla» ungekürzt." Casino-Theates* Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr: Die iinif Iflhßlpfe „Am grüne» Strand der Spree�. am Xoo. Montag, 23. Dezember, 7'/, Uhr: Ensemble-Gastspiel d. Kurfürsten- Oper unt. Leitung o. Victor Palfi. Zum 1. Mal: Das Fürstenkind. Operette von Victor Leon. Musil van Franz Lehär. Unter persön» licher Leitung des Komponisten Franz Lehar. An all. drei Weihnachlsseierlagen: AbdS. 8Uhr: Das Fürftentind. Nachm. 3 Uhr, zu kleineu Preisen: „So dummeln wtr l l!- Vornerl. 10-6 a. d. Theaterkasse, tn d. Warenh Tietz u. Jnoalidendanl. Folies Caprice. Täglich 8'/. Uhr! Die Novitäten! In Sachen Kaftenstein. Die Doppelfirma» Die Tochter der Braut. Thggföl Königstadt-Casino, Ecke Holzmarkt- u. Alexanderstraste. 1 Minute v. Bahnh. Jannowitzbrücke Tagt. abdZ. llß, Sonnt'/,6 Uhr: Ui»t«i'i>» Uliriaatbaaax. Bolksstück in 2 Bildern und daS rast. Spezialitätenprogramm ed. 1. u. 16.: Programmwechsel. 5 Voigt-Theater. Gesundbrunnen. Badfir. 08. Sonnabend, den 21. Dezember« nachmittags 4 Uhr: Dornröschen. Märchen in 5 Bildern v. P. Uding. Kassenerössniing 3 Uhr. Auf. 4 Uhr. Sonntag,.22. Dezbr., abends 8 Uhr: Der Müller nud sein Kind. Für den Inhalt der Inserate üderniinm« die Redaktion dem Bnblttum gegenüber keinerlei Bergniwsriung. (gesetzlich geschützt) bietet Ihnen die Garantie, das unverfälschte amerikanische Sicherheitspetroleum der -UM DAS BESTE LICHT ZUR SCHONUNG DER AUGEN. VepavjwortLch«? Ptebolteur: Clfirfe Wielrpp, Neukölln, Für d«n gnferatenteilverantw.t Tj. Glocke» Berlin. Druck u. Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Singer».To, Berlin SM i Abzahlüng~| JcdCTKOLlfer Sonntag von 8 bl« 10 Uhr u. 12 bl$S Uhr goBttnet. ert\ä]l ein reizendes Prasenf! %ötz der tilgen Preise-trotz der niedrigen fimahlung® und trotz, der bequemen itt>2ahlungen.; Rllcj\bldlunQen-/�öbeI-Kbmp!,Einrichfurigm- MODERIiE DMM-uHEREHI-KDHFßfllOlf cnf hallen nur das Modewsrcu. Gediegensfc. >»»«» S Sonntag von 8 bl« 10 Uhr u. 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Vorlegung und Genehmigung der Llquldattons-Schluhbilanz. t Antrag betressZ Deckung des Der. lustes. Die Liquidatoren. Mlh. Röhl. Rar, lagnon. Wllh. Zabel Für den AuffichtOrat. 108/tL« Wilhelm Ollrre. Allgemeine OrtS- Krankenkasse für Berlin-rentpelhof. Der Vorstand setzt fich»urzest aus «achstehenden Personen zusammen: Arbeitgeber: Ulbert George, Fabrikant, erster Vorfitzender; Karl Schmülllng, Buch- dluckereibesitzer, Beisitzer. 8l r b e i i n e h m e r: . Rohrleger, zweiter Vor' fitzender; Otto Weiche, Ztestelschmted, Echrittfahrer; Karl Saar, Tischler, und Franz WUsdors, Heizer, Beisitzer. Der Vorstand d. Allgemeine» Oriskrankeukafie für Berlin-Dempelhof: (gez.)»Idort(Soorgo. 1. Vorsitzender. Ortskrankenkasse Am 30. Dezember 1912, abends 81/, Uhr, im Caii BoIIotuo, Hauhi- stratz« 2: Tagesordnung: 1. Antrag der OrtSkrankenkasse Voxhagen- Rummelsburg aus Aus- geftaltung zur Allgemeinen Orts« krankenkasse nach den Vorschrtsten der Rcichsverficherungsordnung sür den srühercn Gemeindebezirk Boxhagen. Rummelsburg zu Berlin-Lichtcnberg, Zngebörig zur Kasse wären alle nach der Reichsversicherungsordmmg Ver- ficherungSpflichtigen, soweit sie nicht einer Landlrankenkafse. einer knapp- schastlichcn Krankenkaste, einer besonderen OrtSkrankenkasse, einer Betriebs- oder JnnungZirankenkalse an- gehören. 2. Antrag der OrtSkrankenkaste Boxhagen-Rummelsburg wegen Au- laisung als besonder« Ortskranken- koste gemätz% 239 der Reichs« ocrstcherungSordnuna sstr die im ö 1 des Kustenstaiilis bezeichneten Gc> werbe oder Betriebe innerhalb deS früheren Gemeindebezirk» Boxhagen- RummelSburg zu Berlin-Llchlenberg mit Ausnahme derlenigen, welche einer Landkrankenkaste, einer knapp- schastllchen Krankenkasse, einer Bc« iriebs- oder Jnnungikrankenkosse oder einer allgemeinen Ortskrankenkaste nach den Vorschristen der Reichs verstcherungsordnuna angehören oder noch zugewiesen werden. Zu obiger Generalversammlung werden alle Delegierten gemäß ß SS deS Kaffenstatut» hiermit eingeladen. Der Vorstand. 209/3 I G. Budde, vorfitzender._ I Geschäfts- Gründung 1896 Juwelenhaus Zimmermann& O Juweliere Gold-». Silberwaren-Fabrik Uhren-Großhandlung Berlin SO. Oranienstr.204,206,207 Telephon: Amt Moritzplatz, No. 3519 empfehlen zum bevorstehenden Weihnachtsfest ihr großes Laser in Men, Obren, Gold-- ler-Vnren. Eigene Werkstatt für Reparatur und Neuarbeit im Hause. Man achte auf nebenstehende Plakate, welche die Verkaufsstellen anzeigen. sit.298. 29.?°w.. 3. KtilM des„Vgllliillts" Kttlilltr NsllisdlM. s-.mb'«d.A.?.Mw.9.z. Die Schnapszentrale gewährt den Brennern einen nm sieben Mark pro Hektoliter erhöhten Preis. Arbeiter! macht Euch nicht mitschuldig an diesem Prosit! Meidet den Schnaps!_ Partei- Hn�clcgenbeiten. Zur Lokalliste. Im 6. KrciS steht uns das Lokal Fomilien-Restaurant, Inhaber Karl Höpfner. Jülicher Str. 2, zu allen Aeranstaltungen zur Ler- kügui»a. In Friedrichsfelde hat das Lokal„Gas« Kohlhase" den Besitzer gewechselt. Der jetzige Inhaber, Herr llllke, weigert sich, sein Lokal der organisierlen Arbeiterschaft zur Verfügung zu stellen, es ist deshalb von der Lokalliste zu streichen und als gesperrt zu betrachten. Wir bitten, die Lokalliste genau zu beachten. _ Die Lokalkommission. Britz-Buckow. DeS stattfindenden Märchenabends ivegen fällt am heutigen Sonnabend die Bibliothekstunde aus, dieselbe ist auf Sonntag, den 22. Dezember, miltqgs von 12—1 Uhr, verlegt. Röntgcntal, Zepernick, Buch. Die Parteigenossen werden ersucht, sich Sonnlag früh g Uhr bei Buchholz, Kaiser-Wilhelm-Str. 4S, zu wichtiger Arbeit einzufinden. ßerliner JVacbncbten. Ein Geschichtswerk über Berlin. Der Magistrat hat be- schlössen, in den nächstjährigen Etat(MX) M. einzustellen, welche die Inangriffnahme der Ausarbeitung einer größeren Geschichte Berlins ermöglichen solle. Es sind zwar mehrere Werke darüber vorhanden; diese sind aber zum Teil von Gesichtspunkten abgefaßt, die außerhalb der Aufgaben objektiver lfseschichtSschreibung liegen, außerdem nicht mehr dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechen, zum Teil sind sie von geringerem und nicht erschöpfendem Unifange.. Ein großes urkundliches Material ails interessanten Perioden harrt noch lvissenscliaftlicher Durchforschung, das ttöllner Bürgerbuch seiner Herausgabe. Das Unternehmen dürfte nicht blos das Interesse der wissenschaftlichen Welt, sondern auch weiterer Kreise haben. Die Buchhandlung Vorwärts sowie die Läden unserer Speditionen sind morgen Sonntag von 1-�7 Uhr geöffnet. Eine neue Stiftung. Die Anfang November verstorbene Witwe Thusnelda Tanzer geb. Lei), die einer alten Berliner Familie ein- stammte, hat die Siadtgemeinde Berlin in erster Reihe als Erbin eingesetzt. Der der Stadl zufallende Wen des Nachlasies beläuft pw aus rund lloO— 4ll0 0 Kein linden, nnr 1 Tr. Fest-Zigarren zu billigsten Engros- Preisen! 'f- Kl«Ine Mexiko-Zlg., tOO St M. S.- I ülar(mild) S Santa Clara(Manil«)l008t. M. 1- J Casilda(würzig). 100 8t M.5. 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Rasenke, Birkenstr. 22- WittD Hav Muskauerstr. t< I» 11" C, Dfidi gt,t MtiltuffslaM, W.Wettxtädt, Stralsunderstr.tt Verantwortlicher Redakteur: Alfreh Wielkpp, Neukölln. Fürten JnjeratenteU verantw.: Zh. Glocke, Berlin. Druck».Vertag: Worwärt» Buchdrucker« u. BerlagSanstalt Paut Singer u. So., Berlin SWs yr. 298. 29. Jahrgang. 4. Stilsje kö JotiStls" ßrtliiiet UMU Sonnabend, 21. DeMber 1912. Aus der fraucnbewegung. Klcinkindercrzichung. Die ungeheure Säuglingssterblichkeit hat endlich wenigstens stellenweise b-tkräftige Hilfe für die Hilflosesten, die Allerileinsten, ?ur Folge gcyabt. In grotzen Kommunen ardeuen die Säuglings- ürsorgestellen mit sichtbarem Erfolge. Oft in trostlosester Um- gebung gedeihen gesunde Säuglinge, wenn ihnen nur einigermaßen Pflege zuteil wird. Schon die Kontrolle der Ernährung bringt es fertig, das Kleinste in Lumpen zu einem so vergnügten Menschen- finde zu machen, daß Eltern und Geschwister bei seinem drolligen Krähen für einen Augenblick den eigenen Hunger vergessen. Eines Tages aber ist die Säuglingszeit vorbei, die Kontrolle hört auf, das Kind wird ohne jeglichen Schutz den unseligen Verhältnissen preis- gegeben, die der Kapitalismus geschaffen hat. Die Erwerbstätigkeit der Mutter raubt ihm die liebevolle Pflege, der Bodenwucher nimmt, was scheinbar noch aller Menschen Besitz: Sonne und Luft. Wo soll die proletarische Mutter, abgearbeitet und zermürbt von den tausendfachen Mühen ihres Lebens, die Kraft, die Zeit und die cinsichtsvolle Kenntnis hernehmen, die notwendig sind, um das Kind körperlich und geistig in der rechten Weise zu leiten? Schwestern von Säuglingsfürsorgestellcn erzählen, wie deprimierend es wirkt, wenn sie nach zwei Jahren in derselben Familie wieder einen Säugling zu beaufsichtigen haben und sehen müssen, wie sich ihr früherer Pflegling entwickelt hat: Der dicke, vergnügte Säug- fing ist ein blasses, weinerliches Kind geworden. Eharlottenburg. das in dieser Hinsicht vorangeht, hat kürzlich an olle Litfaßsäulen große Plakate kleben lassen, die städtische ärztliche Einrichtungen für das Kleinkindesalter(bis 6 Jahre) bekannt geben. Ist aber die äztliche Fürsorge in diesem Alter die einzig notwendige? Es ist die Zeit, in der das Kind die ersten geordneten Eindrücke von Welt und Menschen erhält, und gerade diese allerersten, in Unbcwußtheit empfangenen Eindrücke wurzeln unauslöschlich tief. Es ist die Zeit, in der alle Fähigkeiten des kleinen Menschen er- wachen und nach Betätigung verlangen. Hier hat die Arbeit des Erziehers einzusetzen. Was in dieser Zeit versäumt wird, kann später nur mit größter Sorgfalt und Mühe, oft genug überhaupt nicht mehr eingeholt werden. Wie un- endlich viel wird da versäumt! Friedrich Fröbel, der klassische Päda- gogc der Kleinlinder, nannte die Erziehungsanstalten für das vor- schulpflichtige Alter: Kindergärten. Die Tätigkeit eines Erziehers solcher Kinder ist mit der des Gärtners zu vergleichen. Das Kind, dessen Tätigkcitstricb nicht frühzeitig in rechte Bahnen gelenkt wird, kommt auf Abwege, von denen es nur zu oft keine Rücklehr gibt. Der öffentliche Kindergarten ist heute, im Zeichen des entwickelten Kapitalismus, noch niehr als zu Pestalozzis oder Fröbels Zeit dringendes Bedürfnis. Vielfach sind die Aufgaben, die er zu erfüllen hat. Zunächst soll er Aufenthaltsort, B e w a h r a n st a l t, sein, um das Kind vor den Gefahren der Einsamkeit in abgeschlossener Stube und der Straße zu behüten. Diese Notwendigkeit, die einst Pesta- lozzi in Stanz für die Waisenkinder entdeckte, ist heute für die Kinder der arbeitenden Bevölkerung schlechthin vorhanden. Kinderbewahranstaltcu werden besonders von Kirchengemeinden oder„wohltätigen" Vereinen, z. B. dem Vaterländischen Frauen- verein, gegründet. In Groß-Berlin gibt es 33 evangelische, 23 katho- lischc, 2 jüdische und 43 interkonfessionelle Kleinkinderbewahr- anstaltcn. Nirgends sind Namen so vielsagend wie im Erziehungs- Wesen. Diese Anstaltcn wollen nur bewahren. In oft übergroßer Anzahl stecken die Kleinen zusammen. Die beaufsichtigenden Per- sonen haben mit der körperlichen Reinhaltung und mit Ruhestiftung vollauf zu tun. Eine erzieherische Tätigkeit tritt ganz zurück. Solche Anstalten sind nur Surrogate: sie helfen einem äußeren krassen llebel ab, ohne an einer innerlichen Besserung zu arbeiten. Der Kindergarten soll durch das Spiel die Interessen des Kindes erziehen. Das Spiel wird Arbeit, die Arbeit Spiel. Das Kennenlernen von Grundformen durch systematische Anordnung der Spiele(Ball-Kugel, Baukasten-Würfel usw.) hat Fröbel ge- lehrt; die Notwendigkeit des Wissens von unseren Gcbrauchsgegen- ständen und Nahrungsmitteln betonte Pestalozzi. Beide Methoden vereint sind in der Unterrichtsart des Pestalozzi-Fröbel-tzaufes in Schöneberg, einer Anstalt des Berliner Vereins für Volkserzichung. Im Mittelpunkt des Interesses steht in jedem Monat1 ein Gegenstand, der gründlich kennen gelernt wird. Jetzt im Dezember ist es gewiß die Tanne. Da gibt es für unsere naturfremden Groß- stadtkindcr viel zu erfahren! Die Kleinen scheuern unter Anlei- tung der Kindergärtnerin ihre Bänke und erfahren, daß die aus Tannenholz gemacht sind.(Häusliche Beschäftigungen sind bei den Kindern überaus beliebt!) Dann geht man zum Tischler, wo die Kinder wieder viel Neues kennen lernen. Wenn dann der Weih- nachtsbaum kommt, ist er den Kindern ein lieber Bekannter. Be- schäftigungsspiele und dergleichen bewegen sich ebenfalls um dieses bestimmte Thema. Ein anderer Monat hat zum Mittelpunkt der Belehrung die Kuh. Dabei lernen die Kinder Wesentliches von ihrem Hauptnahrungsmittel, der Milch. Zuerst behaupten sie als geborene Berliner einstimmig, die Milch stamme„vons Milch- jeschäft", und erst, wenn sie einmal beim Melken zusehen durften, gelangen sie zu anderer Ueberzeugung. In den einzelnen Gruppen sind allerhöchstens 15 bis 23 Kinder wie in der Familie ohne Unter- schied des Alters oder Geschlechts beisammen. Die Beschäftigungs- art wird, dem Alter angemessen, in drei Stufen geteilt. Jedes kommt zu seinem Recht, und man geht auf die Eigenart der ein- zelnen ein. In Güte und Liebe lernen die Kinder nicht nur beobachten und ausmerken, sondern auch das Beobachtete wieder- geben. Geschicklichkeit und Handsicherheit wird geübt, die Rede und Musik nicht vergessem Manche hübsche Begabung wird erkannt und gefördert. Eine„Vermittlungsklasse" sorgt für den allmählichen Uebergang vom Kindergarten zur Schule, und die beiden untersten Schulklassen, die dem P.-F.-H. konzessioniert sind, wevden nach der gleichen Methode geleitet. Niemand wird sich der Ansicht ver- schließen können, daß hier ein Stückchen Volkserzichung geleistet wird. Aber wie verhält sich hierzu der Staat und die Kommunen, die durch ihre Schulen Bildungs- und Erziehungsarbeit zu leisten vor- geben? Mit 3 Jahren soll das Kind aufnahmefähig für eine be- stimmte Portion von Kenntnissen sein; wie es aber dahin gelangt, darum bekümmert man sich nicht. Keine einzige derartige Anstalt ist durch die Regierungen geschaffen worden. Wieder ist als Aus- nähme Eharlottenburg zu nennen, das aber auch erst den Brunnen zudeckt, nachdem das Kind hineingefallen ist. Als sich bei Unter- suchung durch die Schulärzte eine große Anzahl einschulungs- unreifer Kinder ergab, wurden städtische Schulkindergärten einge- richtet, die nach der Pestalozzi-Fröbelschen Methode die Aufnahme- fähigkcit dieser Kinder entwickeln sollen. Hier zeigt sich klar die Notwendigkeit der Errichtung von Kindergärten zu Erziehungszwecken. Aber selbst Eharlottenburg zieht aus seinen Erfahrungen nicht die Ktonsequenz, allgemeine Kindergärten zu errichten. Es ist kläglich bestellt um die Er- Ziehung der Kleinkinder Groß-Berlins. Es gibt 4 evangelische, 1 katholische, 2 jüdische und 31 interkonfessionelle Volkslinder- gärten, von denen einige auch noch Schulgeld kosten, und zwar Vi bis 3 M. monatlich. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Berliner Kinder kann natürlich in diesen Anstalten unterkommen. Aber es geschieht nichts, um der Kinderverwahrlosung entgegenzuwirken. Im Gegenteil— als 1906 der Verein„Freier Kindergarten" in Eharlottenburg eine Anstalt gründete, deren reger Besuch ihre Not- wendigkeit bewies, wurde sie nach kurzem Bestehen durch Verfügung der Königlichen Regierung zu Potsdam aufgelöst, weil sie„sozial- demokratischen Bestrebungen" dien«, und der Leiterin wurde die Konzession entzogen. Es ist nie aufgeklärt worden, worin die sozialdemokratischen Bestrebungen erblickt worden sind. So arbeitet die Regierung der Fürsorge für das Kleinkindesaller heute noch in dem Geiste cntgegei), aus dem einst in den Jahren der schwärzesten Reaktion nach 1848 der Kindergarten Fröbels„wegen Atheismus" aufgelöst wurde. Aus Friedrich Fröbels Schriften sprickst zwar ein tief religiöser Geist— aver— er hatte einen Neffen,'xitJi Fröbel, der sich als Demokrat betätigte!!! und wer weiß, ob nicht daher das Mißtrauen der Regierung gegen Kindergärten bis auf den heutigen Tag datiert!-- Die Ausbildung der Kindergärtnerin läßt ziemlich alles zu wünschen übrig. Es bestehen zum Teil durchaus minderwertige Ausbildungsanstalten, die lediglich zum Zwecke des Erwerbes er- richtet sind. Neuerdings erst beginnt die Negierung, sich dieses wichtigen Zweiges der pädagogischen Arbeit zu erinnern, da an die Mädchenlyzeen Kindergärten zur Einführung der Schülerinnen in die Erziehungsmethode des Kleinkindesalters angegliedert1 sind und es an Lehrkräften mangelt. Vielleicht wird sich, von hier ausgehend, die dringend notwen- dige Reform der Kleinkindercrzichung und des Kindcrgartenwesens entwickeln. Die Sozialdemokratie aber fordert unentwegt die Errichtung weltlicher Kindergärten in organischem Anschluß an die Schule. Erst durch die Verwirklichung dieses Planes erhält das gesamte Erziehungswesen eine gesunde Basis, auf welcher die Heran- bildung eines innerlich starken Menschengeschlechts möglich sein Wird. Witterungsüberstcht vom SO. Dezember 1913. Stationen daparanda Petersburg s S= 751 756 754 748 765 15 Bf D SO SSW Still Wette» bedeckt bedeckt bedeckt wolkig Nebel c* frf H« -8 -1 12 11 -1 Wetterprognose für Sonnabend, den 31. Dezember 1913. Ziemlich mild, vorherrschend wolkig, bei mäßigen südwestlichen Winden, leine erheblichen Niederschläge. Berliner Witterbureau. Wasserstands-Nachrkchten der Landesanflalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Welterbureau Wasserstand M e m e I, Tilsit B r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thon» Oder, Ratibor » Krosscn , Frantfurt Warthe, Schlimm Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Lettmeritz , Dresden , Barby . Magdeburg ')-f bedeutet ,— Fall.•) Unterpegel. I Manchester■ Bluse n- Anzug für 2-3 jthiige Knabeo....... ältere Jihr 10 Pf. mehr) Manchester- Sport- Anzug U Qualität für 5 jährige Knaben..(Jcdea ältere Jahr 50 Pf, mehr) Prinz- Heinrich-Anzug blau Kammg'-Cheviot f. 2-3jähr Knab(Jedes ältere Jahr 50 Pf. mehr) Prinz- Heinrich-Anzug la blau Kammj.-Chev, für 2-3jähr. 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Einwendungen waren nicht erhoben worden, so daß auf Vorschlag des Wahlausschusses die Mandate sämtlicher Ge- wählten als gültig anerkannt wurden. Unter diesen befinden sich die Genossen Lehrend, Bredow, Conrad, Pätzcl, S ch u ch, Dr. Silber st ein, Wutzky, Ziechmann, welche in der dritten Abteilung gewählt wurden, und Hormann, Rös- ler, welche aus der zweiten Abteilung als gewählt hervorgingen. Ohne Debatte und einstimmig angenommen wurde ein wich- tiger, die Rechte mittelloser Bürger erweiternder Antrag, der seinerzeit durch die sozialdemokratische Fraktion angeregt worden ist. Er besagt: „Die Krankenhauspflege ebenso wie die Heim«, Heil- und Erholungsstättenpflege soll künftig, soweit das kommunale Wahlrecht in Frage kommt, als Ar- mcnunterstützung nicht angeschen werden, wenn nach Beendigung des Pflegefallcs 6 Monate hindurch regelmäßige Rückzahlungen geleistet worden sind und wenn diese Pflege nicht an Stelle von laufender Unterstützung oder Armen- bczw. Siechen- hauspflege gewährt worden ist." Der§ 4 der Gebührenordnung für Desinsek- t i o n e n durch die städtische Desinfektionsanstalt bestimmte bisher, daß Gebührenfreiheit nur in den Fällen gewährt wurde, wo eine allgemeine Verordnung oder besondere polizeiliche Verfügung vor- lag. Diese Bestimmung ist jetzt dahin erweitert worden, daß die Ausführung der Desinfektionen gebührenfrei erfolgt: „1. Wenn sie allgemein gesetzlich oder vcrordnungsmäßig oder im Einzelfall durch besondere polizeiliche Verfügung ange- ordnet ist. Von Anstalten, in denen Kranke gegen Entgelt auf- genommen werden, werden jedoch Gebühren erhoben, wenn die Patienten, deren Krankheit die Desinfektion notwendig gemacht hat, vor der Anstaltsaufnahme außerhalb Neuköllns gewohnt haben. 2. Auf Antrag beim Wohnungswechsel Tuberkulöser. 3. Für öffentliche und private gemeinnützige Einrichtungen der Wohlfahrts- und Gesundheitspflege. 4. Für Armenanstalten. Im übrigen können bei nachgewiesener Bedürftigkeit die Ge- bühren ganz oder teilweise erlassen oder ihre Entrichtung in ein- zelnen Raten gestattet werden." Der letztere Absatz wurde unverändert aus der alten Ordnung übernommen. Für den Erweiterungsbau des Rathauses— Bauteil IV— lag ein Entwurf nebst Erläutcrungsbcricht vor. Sowohl die steigende Ausdehnung der bisherigen Verwaltungs- zweige, als auch die Unterbringung des neugeschaffenen Verkehrs- dezernats, des Versichcrungsamtcs, des städtischen Anschlagwesens usw. erfordern viele neue Räume. Die Kosten sind für den neuen Bauteil mit Söll 000 Mk. veranschlagt und wurden von der Per- sammlung genehmigt. Die Vorlage des Magistrats, nach welcher die Stelle eines Inspektors für die städtische Bade- und Schwimmanstalt mit einem Gehalt von 3200— 5200 M. ausgeschrieben werden soll, fand Zustimmung. Die Entwürfe für den Bau des Maschinenhauses und die Er- richtuug eines Dienstgedäudes auf dem Grundstück des neuen Kanalisation-Pumpwerks> am Dammweg wurden genehmigt und die Kosten von 600 000 M. dafür bewilligt. Bei der Neubesetzung von Ehrenbeamtcn- stellen in der Armen- und Waisenverwaltung fragte Stadtv. G r o g e r(Soz.Z an, ob der Magistrat zu der vom Wahlausschuß einstimmig vorgeschlagenen Reorganisation, bei welcher an rin Bor- schlagsrccht durch die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung gedacht sei, schon Stellung genommen habe. Bürgermeister Dr. W e i n r e i ch erklärte, daß diese Materie demnächst den Ma- gistrat beschäftigen werde. Neben Verstärkung von Etatpositionen genehmigte die Ver- sammlung schließlich noch: den Anschluß des Gutes Boddins- f e l d c an das Kabelnetz der Berliner Elektrizitätswerke, um die landwirtschaftlichen Maschinen, Pumpen und die Wasserversor- gungsanlage des Gutes mit elektrischem Antrieb und den Gutshof und die Stallungen mit elektrischer Beleuchtung zu versehen; den Entwurf für die Bewässerung von Ländereien in Boddinsfelde mit Drainwasser. In nichtöffentlicher Sitzung wurde die Kommission gebildet, welche im Mobilmachungsfalle über die Zahlung von Unterstützun- gen an die Familien einberufener Mannschaften des Beurlaubtenstandes zu befinden hat. V Mehr als sonst gilt es, im Weihnachtsmonat billig und gut zu kaufen. Sind doch gerade jetzt die Ausgaben grösser, weil die Geschenke den Etat belasten. Die Frage, wo kaufe ich, ist daher doppelt schwer. Hat man eine gute Einkaufsquelle, so behalte man diese. 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