Nr. 19. flbonncmentS'RcdinQUti�n: VbamtGincnld- Preis ftinumcranlioj Licrlcijährl. 3,30 SDif, monatL 1,10 Mk� wöchentlich 28 Pffl. frei ins Haus. Einzelne 8!u»imer 5 Pig. Sonnlaas- Nummer mit illuürierlcr Soimlags- Beilage„Die Nene«eil" 10 Pfg, Post- Ztbonncment: 1.10 Marl pro Monat. eingetragen in die Post-ZeitungS- Breislifte. Unter Kreuzband lür Dcmichland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. Postabonncmcnls ncbmcn um Belgien. Dänemarl, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Siumänien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. i! v?e Insertion;«eedilhr beträgt für die scchsgcspaltene Kolonel« eile oder deren Raum 00 Pfg.. für wlilische und gcwcrlschastlichc Vereins- und Versnninuungs-Anzeigcn 80 Pfg. „kleine zsn:etg-n", das scttgcdruckte Wort 20 Psg. tzulässig 2setlgedrnikt- Worte), jedes weitere Wort 10 Pig. Elcllciigcsuchc und Schlasstcllcnan- geigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte übet 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate lür die nächste Rümmer müssen bis B Uhr nachlnittagS in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abcndS geöffnel, vlchilnt iiigll» außer montags. Berliner Bolksblnkt. Zcntralorgan der fozialdemokrati fehen Partei Deutfchlands. Telegramm-Adresse: „Sozialittmokrat SciUn". Redaktion: SLl. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplatz, Nr. 1S83. Donnerstag, den 23* Januar 1913. Expedition: SCQ. 68, Lindenstrasse 69» FernspreÄxer: Amt Moritzplat?, Nr. 1984. Dem Balkanfrieden entgegen! Rascher als man hoffen konnte, ist die Entscheidung gefallen und sie ist für den Frieden gefallen. Das Ministerium hat beschlossen, Frieden zu schließen und der „Große Rat" hat diesen Beschluß �bestätigt. Damit darf wohl der Balkanfrieden als gesichert gelten trotz aller Schwierig- leiten, die noch zu überwinden bleiben, und die akute Kriegsgefahr. die zu einem Weltzusammenstoß zu fuhren drohte und wie ein Alp auf Europa lag, ist vorüber— ivenigstens für dies- mal vorüber. Es ist der Türkei nicht leicht gefallen, die Konsequenz aus ihren Niederlagen zu ziehen und sie tat es nur in der äußersten Not, in der Erkenntnis ihres niilitärischen und finanziellen Bankrotts noch mehr als unter dem Druck der Mächte. Aber dieser Druck war notwendig, um der Türkei das Nachgeben vor dem eigenen Lande zu erleichtern: den Mächten konnte eher zugestanden werden, was man den kleinen Balkansiaatcn, den früheren Vasallen, nicht gewähren wollte. Eine Uneinigkeit unter den Mächten hätte der Türkei noch immer die Hoffnung auf Rettung durch einen feindlichen Zusammenstoß anderer Staaten gelassen. Ihr gemeinsames Auftreten ließ ihr keinen anderen Ausweg. Aber der Türkei sollte auch eine letzte Demütigung, die Anwendung von Drohung und Zwang nicht erspart bleiben- Die kurze Pause zwischen der Ucbcrreichung der Note und der Antwort hat Rußland benutzt, um selbständig einzugreifen. Ter russische Minister des Auswärtigen S s a s 0 n 0 w hatte mit dem türkischen Botschafter in Petersburg eine Unterredung. über die dieser folgendes nach Konstantinopel telegraphierte: „Minister Ssasonow sagt mir, datz Rußland in Anbetracht der Sieg? der Verbündeten und der finanziellen Lage der Türkei der Pforte den Ratschla'g erteilt, den Frieden ab.zu- schließen und Adrianopel ohne Bedingung ab- zutreten. Rußland rät ferner der Türkei, den Mächten die Regelung der I n s e l f r a g e zu überlassen. Wenn die Türkei die Verhandlungen hinzieht, gefährdet sie die Lage der europäischen Politik, und in diesem Falle wäre Ruß- land verpflichtet, die Türkei zum Rachgeben zu zwingen. Rußland würde diesen Zweck durch die B e- kctzung der Wilajets Wan, BitliS, Erzerum und Trapez un t ausüben und durch ein gewaltsames Vorgehen in den Meerengen unterstützen. Die russische Regierung kann der öffentlichen Meinung nicht länger widerstehen und fordert eine sofortige Antwort." In Äonstanttuopcl selbst drängte der russische Botschafter auf Antwort, und er wurde dabei aus das kräftigste unter- stützt von dem Vertreter Frankreichs. Es ist ein Meisterstreich asiatisch- tückischer Diplomatie, den da die russische Regierung geliefert hat. Die russiche Re- gierung hat den Balkanbund in seiner Entstehung gefördert: ohne ihr Einverständnis hätten sich die Balkanstaaten, von Oesterreich und Rumänien bedroht, nie in den Krieg wagen können. Aber die Haltung, die Rußland während des Krieges eingenommen hatte, erfüllte die hochgespannten Erwartungen der Balkanslatvcn keineswegs. Durch die Nachwirkungen des japanischen Krieges und der Revolution geschwächt, in Ost- oiien aus neuen Raub bedacht, inmitten einer früher dem agrarischen Reiche unbekannten Hochkonjunktur, zeigte die russische Regierung kein Verlangen, die alte 3iechnung mit der Türkei zu begleichen, die nur durch einen äußerst ungeinissen Krieg zu begleichen gewesen wäre. Die Balkanstaaten waren enttäuscht. Da. im letzten.Moment, als die Entscheidung eigentlich schon gefallen, kommt die russische Kriegsdrohung. Rußland separiert sich von den anderen Mächten und erscheint nochmals in seiner alten Rolle als Slawenbefreier. Sein Ein- greifen erzwingt die Kapitulation der Türkei. Freilich, ob dieses Manöver dauernde Wirkung auf die Balkanstaaten haben wird, steht dahin. Schon einnial glaubte Rußland nach dem Frieden von San Stefano in den damals entstehenden Balkanstaaten gehorsame Vasallen für alle Zeiten sich geschaffen zu haben. Es ist anders gekommen und der Sclbständigkeitsdrang der jungen Nationen wollte von der russischen Vormundschaft nicht viel wissen. Erst die schweren Fehler der österreichischen Balkan- Politik trieben die slawischen Kleinstaaten wieder in die Arme Nußlands. Jetzt nach ihren Siegen, nach den Neueroberungen werden die Balkanstaaten erst recht eifersüchtig über ihre Unabhängigkeit wachen. Es wird von der Politik abhängen, die die anderen Staaten, vor allem Oestcrrcich-Ungarn ein- schlagen werden, ob der russische Streich mehr als eine vor- übergehende Wirkung haben wird. Den anderen Mächten ist wohl die russische Drohung Sticht ganz unerwartet gekommen. Spricht ja schon ihre Note Nn den Gefahren, die die asiasische Türkei bedrohen, eine deutliche Anspielung auf ein etwaiges Vorgehen Rußlands in Armenien. Der Beschluß des Pfortenrates bedeutet das Ende der europäischen Türkei. Die Türkei hat von dem gewaltigen Gebiet, das der asiatische Nomadenstamm einst eroberte, nur noch eine Stadt mit ein wenig Hinterland, in dem nur Türken wohnen. Die einst unterworfenen Nationen sind jetzt frei, zu eigenem staatlichen Leben erstanden. Der alte national-religiöse Gegensatz ist verschwunden, der bis- her stets eine der Triebkräfte in den orientalischen Verwickelungen gewesen ist. Aber an die Stelle der nationalen Probleme, die zugleich Probleme der kontinentalen Politik der Großmächte gewesen. treten jetzt die imperialistischen Fragen, die zur Lösung drängen. Die Türkei hat freilich in Europa jetzt nur eine Stadt, aber diese Stadt heißt Konstantinopel. Konstantinopcl ist heute in dem Zeitalter, das den Kampf um die Herrschaft über den Stillen Ozean sieht, nicht mehr, wie der korsische Eroberer meinte, der Schlüssel zur Weltherrschaft; aber es ist doch der begehrcns- werteste Besitz geblieben, der in Europa zu besetzen ist. Die Türkei im Besitz von Konstantinopel bleibt ein Herd gefähr- lichster Krisen, und auf ihren asiatischen Besitz sind schon heute die gierigen Blicke der Imperialisten gerichtet. Der Balkankrieg geht seinem Ende entgegen. Aber die Niederlage der Türkei, die Desorganisation dieses Staates, auf dessen Ende so viel Mächtige lauern, wird neue noch größere Gefahren über die kapitalistische Welt heraufbeschwören. Auch dieser Friede droht nur eine Episode zu sein in der Aera der Kriege, die die imperälistische Epoche heraufgeführt hat. Das Ministerium für den Frieden. 5l 0 n st a n t i n 0 p e l, 21. Januar, abends Ist Uhr. Von unterrichteter Seite wird bestätigt, daß die Regierung cnd- gültig beschlossen hat, Frieden zu schließen. Ter Sultan ist für den Friedensschluß. Die Antwortnote der Pforte wird morgen abend übergeben werden. Im Ministerium des Acußcrn wird offen zugegeben, daß die Regierung zu einer bedingungslosen Uebcrgabe Adrianopcls entschlossen ist. Der Beschluß des großen Rates. Konstantinopcl, 22. Januar, 4 Uhr 45 Minuten nachmittags. Der Pfort curat hat sich" für die An- nähme der Note der Mächte und für den Abschluß des Friedens ausgesprochen. Tie entscheidende Sitzung. Konstantinopel, 22. Januar.(Ausführliche Meldung.) Der Pforten rat begann sich um 12*4 Uhr im Palais Tolmabagtsche in dem auf das Meer hinausgehenden Saal in der zweiten Etage, der für den Empfang der Botschafter bestimint ist, zu versamineln. Von Neugierigen vor dem Palais war zunächst noch nichts zu bemerken. Ter frühere Großwesir H a k k i, der frühere jungtürkische Minister MahmudSchewkct und Prinz S a i d H a l i m wohnten der Beratung bei. Das gesamte Kabinett war in der Vcr- sammlung anwesend. Tie Zusammensetzung des Rates. Konstantinopel, 21. Januar. Einladungen zu der beraten- den Versammlung sind ergangen an die Senatoren mit Ausnahme der bulgarischen, serbischen und walachischcn, an die Präsidenten der Departements des Staatsrats und der Se- natc des Äassationshofs, an zwei muselmanische geistliche Würden- träger, an zioet ehemalige Deputierte, die muselmanische Geist- lichc sind, an den Chef und den Unterchcs des Gcncralstabcs, an den ehemaligen Kommandanten der Ostarmec, Abdullah Pascha, an die Sektionschefs im Kriegs- und Marineministerium, an den tzafenpräfekten von Konstantinopel und an die UntcrstaatSsekrctäre der Ministerien des Innern und des Aeuhern. Auch Prinz Sabah Eddin ist eingeladen. Die Zahl der Teilnehmer wird möglicherweise hundert erreichen. Nichtmuselmanische Religions- oberhäupter sind nicht eingeladen. Tic Regierung wird der Versammlung ein Expose über die militärische und finanzielle Lage erstatten und ihr die diplo- matische Korrespondenz mit den türkischen Botschaftern und die Erklärungen der auswärtigen Gesandten seit dem Ausbruch des Krieges mitteilen. Insbesondere werden die Erklärungen S s a s 0- nows und die vom General st ab über die Frage der Wieder- auftiahine bczw. Nichtwicdcraufnahme der Feindseligkeiten aus- gearbeiteten Berichte vorgelegt werden. Tie Regierung wird auch ihre Entschlüsse auseinandersetzen und dicjenigcik Persönlich- leiten, die ihre Ansichten teilen, ersuchen, sie in ihrer Aufgabe zu unterstützen. Tie Ueberreichung der Antwort. Konstantinopcl, 22. Januar.(Meldung des Wiener K. K. Korr.-Bureaus.) Der Ministerrat, der sich mit der Abfassung der Antwortnote beschäftigte, pextagtx sich auf morgen. Sic Antwort wird morgen nach- mittag den Botschaftern überreicht werden. Eine Frage an die Mächte. Konstantinopcl, 22. Januar.„Jfham" schreibt, die! Pforte werde an die Mächte die Frage richten, ob die Vcr- bündeten auch nach Annahme der Ratschläge der Mächte durch die Pforte noch weitere Ansprüche erheben werden, und wünsche weiter zu wissen, welcher Natur die von den Mächten zugesagte fiua n zielte Hilfe sein solle. Die Haltung der Jungtürken. Konstantinopel, 22. Januar. Die Führer des Jungtürki» schen Komitees, die vorgestern beim Prinzen Halim zu- sannnenkameu, nahmen Kenntnis von dem Bericht über die diplo- matische Lage, den der frühere Minister des Auswärtigen, Assim Bei, der sich in Wien aufhält, erstattet hatte. Tic jungtürkischcn Führer beschlossen, daß, falls die von der Nationalversammlung beute abzugebenden Erklärungen unzureichend sein würden, ein Senator der Jungtürkischcn Partei vorschlagen solle, das; die Re- gicrung die Nationalversammlung noch einmal ein- berufe und alle Offiziere bis zum Brigadegcncral sowie alle Würdenträger und früheren Minister zuziehe, um sie einen Be- schluß über Frieden oder Krieg fassen zu lassen. Die Abgrenzung Albaniens. Wien, 22. Januar.(H.-B.) Wie der„Neuen Freien Presse" mitgeteilt wird, hat die russische Regierung bezüglich der Abgrenzung Albaniens Z u g e st ä n d n i s s e gemacht, die sich dein Standpunkte des Dreibundes in diescp Frage wesentlich nähern. Zugencl, Aitwen und Kaisen. Die Beratung des Etats für das Reichsamt des Innern, die der Reichstag am Mittwoch fortgesetzt hat, führte zu einer sehr bedeutungsvollen Aussprache über die bürgerliche und proletarische Jugendbewegung. Der Etat fordert u. a. wie im vorigen Jahre 12 500 M. als Beitrag für die Zentralstelle für Volkswohlfahrt. Genosse Schulz tvies nach, daß die Zentralstelle fast ausschließlich mit Zuschüssen des Reichs und der Bundesstaaten wirtschafte und dennoch neben manchen einwandfreien Bestrebungen den Kampf gegen die Sozialdemokratie führe. So unterstütze sie einseitig die bürgerlichen Jugendvercine und nehme Stellung gegen die proletarische Jugendbewegung. Für solche Zwecke dürften Gelder des Reichs und der Bundes- staaten nicht verwendet werden. Am besten wäre es. wenn die Jugendbewegungen überhaupt von den parteipolitischen Streitigkeiten fern blieben. Unerhört aber sei es, daß der Stadt die bürgerlichen Jugendvercine in jeder Weise stütze und fördere, während er die proletarische Jugendbewegung mit allen nur möglichen Mitteln bekämpfe. Die Abgg. Prinz zu Schönaich-Carolath von den Nationalliberalen und Dr. Pieper vom Zentrum, welche Vorstandsmitglieder der Zentralstelle sind, wendeten sich leb- Haft gegen den Vorwurf, daß die Zentralstelle für Volks- Wohlfahrt in irgendeiner Weise Partcipolitik treibe. Die Herren halten alle Bestrebungen der Zentralstelle für ganz unparteiisch— selbstverständlich müsse aber die Zentralstelle in manchen Fragen die Sozialdemokratie bekämpfen, da sie „auf dem Boden des heutigen Staates" stehe und soivohl die Regierungen, als auch die anderen für die Zentralstelle maßgebenden Herren eine solche Haltung erwarteten. Die Redner drehten aber den Spieß um und mühten sich mit dem Nachweis ab. daß die proletarische Jugendbewegung sozialdemokratische Parteipolitik treibe, da sie die Jugend zur sozialdemokratischen Weltanschauung erziehen will. In dasselbe Horn stieß selbstverständlich Ministerialdirektor Dr. Richter. Noch weiter gingen die Abgg. Bruckhoff von der Fortschrittlichen Volkspartei und Dr. Bell vom Zentrum. Sie machten große Worte darüber, daß sich alle bürgerlichen Parteien im Kampfe gegen die proletarische Jugendbewegung zusammenfinden mögen— zum Schutze des heutigen Staates. Die Genossen Davidsohn und Schulz verwiesen unsere Gegner darauf, daß auch die Sozialdemokraten zum Staate gehören und zu den.Staatssteucrn herangezogen werden. Die Sozialdemokraten haben dieselben Pflichten wie die anderen Parteien: deshalb haben sie auch dieselben Rechte zu beanspruchen. Außerdem belehrten sie unsere Gegner über den Unterschied zwischen einer Erziehung der Jugend zu politischem Verständnis auf der einen Seite und einer Bc» helligung der Jugend mit politischen Streitfragen auf der anderen Seite. Letzteres sei dann ganz besonders bedenklich. wenn es tatsächlich auf die Verhetzung der Kinder gegen ihre Eltern hinauskonime. Der Zuschuß für die Zentralstelle für Volkswohlfahrt wurde schließlich gegen die Ssimmen der Sozialdemokraten bewilligt. Genosse P c u S ging sodann auf die Bedeutung ein, die die innere Kolonisation haben kann, wenn sie in sachgemäßer Weise durchgeführt wird. Die Belastung des Reiches auS den auf Grund det ReichSversicherungoordnung zu gewährenden Leistungen veranschlagt der Etat auf 57 120000 M. Genosse Molken- buhr hatte bereits in der Budgetkommission vorgerechnet. daß die Statistiker des Reichsamts des Innern sich arg verhauen haben, als sie die Höhe der Ausgaben der Neichsversicherung für die Witwen und Waisen bestimmten. Die Summen sind viel zu hoch. Daher empfahl die Budget- kommission, das; möglichst bald eine neue Berechnung der Ausgaben erfolge und die Leistungen der Versicherung für die Witwen und Waisen erhöht werden,»venu das zulässig erscheint. Diese Forderungen«ahm auch das Plenum an, nachdem Genosse Molkenbuhr seine Rechnung auch gegen die Abschwächung und Entschuldignngsversuche des Ministerial- dircktors gerechtfertigt hatte. Bei dieser Gelegenheit gingen mehrere Redner auf die Schmähschrift des Professor Bernhard gegen die Arbeiter- Versicherung ein. Auch der Staatssekretär stimmte in das abfällige Urteil über die Leistung des Professors ein und versprach, daß auch das Rcichsamt des Innern sich in geeig- ncter Weise dagegen wenden werde. Zu Beginn der Sitzung stimmte der Reichstag über eine lange Reihe von Resolutionen ab, von denen die meisten noch aus dem vorigen Jahre sind. Dabei kam es über eine Resolution von verhältnismäßig geringer Be- deutung zum Hammelsprung. Hervorzuheben ist aber, daß der konservative Antrag gegen das Streikposten- stehen in namentlicher Abstimmung mit 282 gegen 32 Stimmen abgelehnt wurde. Fünf Abgeordnete hatten sich der Stimme enthalten. Der Herren Heydebrand und Westarp Gefolgschaft hat sich also in diesem Jahre noch um zehn Stimmen vermindert! politifche OcbcrHcht. Berlin, den 22. Januar 1913. Agrarische Wünsche. Die Generaldebatte zum Etat des Ministeriums der landwirt- schaftlichen Verwaltung lieferte aufs neue den Beweis dafür, wie sehr die Mehrheit des Abgeordnetenhauses, nicht genug damit, daß sie dem Volke seine Rechte und Freiheiten vorzuenthalten sucht, auch in der Ausplünderung der Proletarier ihr einziges Lebensziel er- blickt. In holder Eintracht finden sich Konservative. Freikonservative, Nationalliberale. Zentrum und Regierung zusammen, um die äugen- blicklichen Erleichterungen der Fleischeinfuhr, so unbedeutend sie auch sind, wieder rückgängig zu machen, und der Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schorlemer versicherte hoch und heilig, daß er seinen agrarischen Freunden diesen kleinen Liebesdienst erweisen werde. Das Volk muß sich allmählich, wie der Minister meinte, an die hohen Preise gewöhnen. Hoffentlich zieht er aus seinen Worten auch die Konsequenz und sorgt nicht nur als Nessortminister, sondern vor allem als Staatsminister dafür, daß den Arbeitern bei ihrem Streben auf Erringung höherer Löhne zum Ausgleich der Teuerung keine Schwierigkeiten bereitet werden. Einen erfreulichen Lichtblick in der Debatte bedeutete die zwei- stündige Rede unseres Genossen L e i n e r t, der mit herzerfrischender Deutlichkeit den Zollwucherern ihre Sünden vorhielt, die Mißwirt- schast der Großgrundbesitzer geißelte und als einziger aus dem Hause sich der Landproletarier annahm. Am Donnerstag wird die Beratung fortgesetzt. Der an die Kette gelegte Fortschritt. Die„Freis. Zeitung" wehrt sich entrüstet gegen unsere Feststellung, daß der Freisinn, den Herr Fischbeck so über- flüssiger- und unsinnigerweise gegen angebliche Dcmütigungs- obsichten der Sozialdemokratie verwahrt, so flugs unter das kaudinische Joch der Nationalbiberalen gekrochen sei. Das sei nicht wahr: der Freisinn stehe bei dem fortschritt- lich-nationallibcralen Bündnis„auf dem Boden voll- ständiger Gleichberechtigung". Das ist denn doch— das Blatt des Herrn Wiemcr verzeihe uns das harte Wort— nichts als ausgemachter Schwindel! Denn mit keiner Silbe wagt die„Freisinnige Zeitung" unserer Mit- teilung zu widersprechen, daß die Nationalliberalen dem Fort- schritt' die entwürdigende Bedingung auferlegt haben, daß er nirgends, wo er gemeinsam mit den Nationallibcralcn den Wahlkampf führt, für den Sozial- demokraten stimmen darf! Ist etwa ein s ch l i m- merer Grad politischer Hörigkeit denkbar, als die Bedingung für eine angeblich für die Nebertragung des gleichen Wahlrechts eintretende Partei, nicht für Kandidaten gerade jener Partei eintreten zu dürfen, die es mit ihrem Eintreten für das gleiche Wahlrecht ernst meint?! Der„Vorwärts" hat festgestellt, daß eine solche Unter- werfung des Fortschritts unter den»vahlrechtsfeindlichen nationalliberalen Terror nur aus der k l ä g l i ch st e n Mandatsjagd des Freisinns heraus zu verstehen sei. Was hat nun aber die„Freis. Ztg." dazu zu sagen? Sie kommt mit folgender unsäglichen Retourkutsche: „Ueberaus komisch ist es fodaun, wenn der„Vorwärts" der Fortschrittlichen Fortschrittspartei ein„Kuhhandeln" mit den Nationalliberalen und sogar mit der Rechten vorwirft. Dabei ist es gerade die S o z i a l d e m o k r a t i e, die einen s ch w u n g- vollen Kuhhandel en irreren möchte. Nach ihrer Resolution dürfen die Sozialdemokraten nämlich in den Landtags- Wahlkreisen, in denen nur ein Abgeordneter zu wählen ist, bürgerliche Wahlmänner in der Urwahl wie in der Stichwahl nur dann wählen, Ivenn der bürgerliche Kandidat sich schriftlich verpflichtet, in jeder Session die Eiusührung des RcichstagswahlrechtS in Preußen und die Ncueinteilung der Wahl- kreise zu beantragen oder dafür zu stimmen: in den Landtags- Ivahlkreisen dagegen, in denen mehr als ein Abgeordneter gewählt Ivird, verschwindet plötzlich diese schriftliche Er- klärung, da kümmert sich die Sozialdemokratie absolut nicht mehr um die Einführung des ReichstagSwahlrechts, sondern i st bereit, jede bürgerliche Partei zu unter st ützen, falls diese ihr nur ein Mandat abgibt. Wenn das nicht der gediegenste Kuhhandel ist und wenn man hier nicht von dem„nacktesten Parleiinteresse" reden kann, dann wissen wir wirklich nicht, was darunter sonst noch verstanden werden soll." Dafür, daß die Sozialdemokratie bei W a h l in ä u n e r- stichwahlcn nur solche Kandidaten unterstützen will. deren Abgeordnete sich auf f ortschrittliche Forderungen festlegen, sollte der Freisinn der Sozialdemokratie doch nur dankbar sein I Daß aber die„Freis. Ztg." die Befürchtung äußert, die Sozialdemokratie könnte in Wahlkreisen, wo mehrere Abgeordnete zu wählen sind, auch mit Wahl- rechtsgegnern ein Gegenseitigkeitsabkommen schließen, verrät einen solchen Grad politischer Weltfremd- h e i t, daß man wirklich nicht weiß, was man dazu sagen soll! Denn das sollte doch selbst dem Blatt des Herrn Wiemer klar sein: auch wenn sich die Sozialdemokratie auf ein solch unnatürliches Bündnis einlassen wollte, würde es ihr an dem Kontrahenten fehlen! Die Ausreden der„Freis. Ztg." sind also mehr als faden- scheiiiig. Es bleibt deshalb auch dabei: Will der Freisinn sich nicht zu den durchaus loyalen Wahlabmachungen bc- qucmcu, die vom sozialdemokratischen„Prcußentag" beschlossen worden sind, so wird jhu die Sozialdemokratie kalten Blutes seinem zehnfach verdienten Schicksal überlassen!_ Gemeingefährliche Rüstungshctze. Die törichte und von bösem Gewissen zeugende Totschweigetaktik der Regicrungsorgane über die neue He eres- Vorlage gibt den Riistungshetzern freie Bahn. Die täppischen Deinentierungsversuche einiger journalistischer Lakaien werden in ihrer nichtssagenden Kläglichkeit durch die Rüstungstreiberei anderer halboffiziöser Blätter an den Pranger gestellt. Ans dieseni Treiben geht immer klarer die Tatsache hervor, daß die Heeres Vorlage doch kommen wird. Vorläufig soll dem guten Michel nur der Kopf ver- keilt werden, damit er dann die'Forderungen des Militaris- nms auch gutwillig schluckt. Die„Frankfurter Zeitung" meldet aus Berlin, daß neben der Forderung für die Militärluftschiffahrt auch eine andere, die auf Ausbildung der Ersatzreservisten hinausläuft, eingebracht werden soll. Im „Berl. Lokal-Anz.", sekundiert von der„Tägl. Rundschau" usw. aber wird außerdem der ganze Wunschzettel ausgerollt, der sich in seinen einzelnen Punkten vollständig mit dem deckt, was die„Post" vor kurzem in die Welt posaunt hat: Schaffung der fehlenden dritten Bataillone, Formierung von 80 weiteren Maschinengewehrkompagnicn, Bildung von Kavallerie- divisionen im Frieden, Erhöhung des Pserdebestandes der Ar- tillerie usw. usw. Diese neueste Vorarbeit für die kommende Heeresvorlage ist offenbar ein Machwerk des Wehrvereins und enthält einige boshafte Spitzen gegen den Kriegsministcr. Im Auslande muß das Elaborat den Eindruck erwecken, das deutsche Volk habe bisher die Milliarden für sein Heer zum Fenster hinaus- geworfen, denn nach Meinung der Wehrvereinshetzer stehen wir völlig schutzlos einem etwaigen Angriff Frankreichs oder Rußlands gegenüber. Dabei arbeiten die Herren mit bewußten Univahrheitcn. Sie behaupten dreist und gottesfürchtig, Frankreich habe ein dem deutschen fast gleich großes Friedens- Heer. Dabei hat das deutsche Heer zurzeit eine Stärke von rund 660000 Mann(ohne Seebataillone und Matrosen- artillerie), während die Budgetstärke des französischen HeereL 593 336 Mann beträgt, darin sind aber die tonki- nesischen, anamitischen, madagassischen usw. Eingeborenen- regimenter, d. h. die gesamte Kolonialarmee, inbegriffen. Es müßte um die militärischen Kenntnisse der Wehrvereinsführer sehr schlecht bestellt sein, wenn sie nicht wüßten, daß in Frankreich zwischen Budgetstärke und wirklich vorhandenem Mannschaftsbestand eine tiefe Kluft klafft. Was aber den Hinweis aus die französischen Reserven und das neue französische Kadergesetz auf der einen, die Forderung der Ausbildung der deutschen Ersatzrescrvisteu auf der anderen Seite betrifft, so bedeutet das hüben wie drüben das Eingeständnis des Bankrotts des gegenwärtigen milita- ristischen Systems. Die gesamte Wehrkraft einer Nation kann mit dem heutigen System des stehenden Heeres nicht aus- genützt werden. Den einzigen Ausweg bietet hier nur die Errichtung eines wirklichen Volksheeres auf Grund des Milizsystems. Davon wollen natürlich die Rüstungshetzer nichts wissen, sind sie doch nur das Sprachrohr der an den Rüstungen interessierten Kapitalisten und der von ewigen Avancementsschmerzen geplagten Offizierskaste. Die Arbeiterschaft wird gut tun, schon jetzt gegen diese neueste RüsttmgsHetze mobil zu machen, um der kommenden Hccresvorlage mit aller Energie entgegenzutreten. Dazu ist auch notwendig, daß über unsere Milizforderung weit mehr Klarheit in die Massen hineingetragen wird, als das bisher der Fall war._ Opfer des Luftmilitarismus? Die Korrespondenz Woth meldet:„Der Rücktritt des Generalinspekteurs des Militärverkehrs- Wesens General der Infanterie Frhr v. Lhncker steht, wie in parlamentarischen Kreisen mit Bestimmtheit behauptet wird, im engen Zusammenhang mit der Aufstellung deS neuen militärischen Nachtragsetats. Frhr. v. Lyncker hat mit großein Nachdruck eine erhebliche Vermehrung der militärischen Luftflotte und die Ge- Währung großer �Mittel zum weiteren Ausbau des militärischen Fliegerwesens gefordert. Frhr. v. Lyncker hatte seine Forderungen als dringend notwendig bezeichnet und sich der neuen Waffe gegenüber mit seiner Person für die Durchführung seiner Forderungen ein- gesetzt. Seine Forderungen sind im Kriegsministerium auf starken Widerspruch gestoßen, einerseits weil sie als zu weitgehend betrachtet wurden, andererseits weil der Kriegsminister diese Forderungen, die allerdings sehr hohe finanzielle Mittel in Anspruch genommen hätten. im Reichstage nicht vertreten zu können glaubte. Frhr. v. Lyncker ist der Meinung gewesen, daß die neue deutsche Flugwaffe es verlange» könne, daß ihren berechtigten Wünschen endlich nachgekommen werde. Deutschland hätte die Pflicht, auf dem Gebiets des militärischen Flug- wesens mit seinen Nachbarn Schritt zu halten und den Borsprung, den namentlich Frankreich bereits errungen hat, durch vermehrten Eifer einzuholen. Da der Gencralinspektenr mit seinen Absichten kein volles Verständnis bei der Zentralinstanz zu finden glaubte, so zog er kurzer- Hand die Konsequenzen und erbat seine Pensionierung. Der Chef deS Stabes der Generalinspektion des Militärverkehrswesens G e n e r a l- major S ch m i e d e ck e, der in den meisten Punkten den Ansichten seines Chefs huldigte, wird ebenfalls seinen Posten aufgeben und das Kommando einer Jnfanteriebrigade übernehmen. Der plötzliche Rücktritt des Freiherrn v. Lyncker wird im Reichstage zur Be- .sprcchung gelangen und man wird bei dieser Gelegenheit auch seitens des Kriegsministers erfahren, wie weit das Kriegsministcrium bereit sein wird, in Zukunft den Wünschen der Flugwaffe»achzukommen. Der Nachtragsetat selbst steht in seinen Hauptzügen fest und wird in etwa drei Wochen dem Bundesrat vorgelegt werden können." Nach der offiziösen Meldung soll die bevorstehende Luit- flotten Vorlage nicht weniger als 20 Millionen fordern. Wenn man bedenkt, daß doch die„Nationalflugspende" ebenfalls 7ll3 Millionen aufgebracht hat, die teils zur Anschaffung von Flugzeugen, teils zur Anlegung von Flugstationcn, vor allen, aber zur Aus- bitdung von Fliegern im militaristischen Interesse Verwendung finden sollen, so sollte man meinen, daß eine Zwanzig- Millionenforderung schon etwas höchst Anständiges sei. Umsomehr, als ja auch bereits der Etat für 1913 eine ganz nette Summe von Millionen für den Luftmilitarismus vorsieht! Es ist deshalb doppelt auffällig, daß die L y n ck e r und Schmiedecke ihren Abschied genommen haben sollen, weil das Kriegsministerium sich gegen ihre noch weitergehenden Forderungen ablehnend verhalten haben soll! Offenbar aber beabsichtigen unsere Luftchauvinisten im Reichstag einen Vor stoß für weitere Luflflottenforderuugen zu unternehmen! ES ist doch interessant, daran zu erinnern, daß uns— wenn wir die Etatposten für ISIS, die Nationalflugspende und den Zlvanzigmillionen-Nachtragsetat für die Luftflotte zusammenrechnen, schon jetzt unser Luftmilitarismus 30 bis 40 Millionen im Jahre lostet, das heißt mehr, als im Anfang der achtziger Jahre unsere Kriegsflotte, die z. B. 1873 an fortdauernden und einmaligen Ausgaben zusammen nur 20 Millionen erheischte! Wenn unser Luftmilitarismus so weiter wächst, verspricht er die Flottenausgaben noch zu überholen!— Der Landwirtschaftsminister und die Stadt Berlin. Die Stadt Berlin hat sich bekanntlich an den Landwirt- schastsminister gewendet mit dem Antrage, ihr die beschlossenen Zollerleichterungen für vom Auslande eingeführtes Fleisch auch über den 1. April 1913 hinaus weiter zu gewähren. Bis heute ist eine Antwort des Ministers aus diesen Antrag noch nicht eingegangen. Wie aus den Verhandlungen des Abgeordneten- Hauses ersichtlich ist, war der agrarische Landwirtschaftsministcr bisher einer Verlängerung der vom Reichstage beschlossenen Zoyerleichtcrungen sehr abgeneigt, er hat sich aber nun doch noch entschlossen, die Anträge im einzelnen zu prüfen. Unserer Meinung nach hätte diese Prüfung längst erfolgt sein müssen. Für die Gemeinden Groß- Berlins ist die durch die Schweigsamkeit des Ministers hervorgerufene Unsicherheit eine grobe Rücksichtslosigkeit. Die Gemeinden können ihre Maßnahmen über den ferneren Bezug ausländischen Fleisches nicht erst am letzten Tage vor dem 1. April treffen. Will der Minister nicht den Vorwurf auf sich laden, durch Verzögerung seiner Antwort auf den Antrag der Groß-Berliner Gemeinden die letzteren in die größte Verlegenheit gebracht zu haben, so muß er schleunigst seine Entscheidung treffen. Diese Entschließung kann nach Lage der Sache gar nicht anders als eine zu- stimmende sein, soll die Bevölkerung Groß-Berlins nicht dazu verurteilt werden. durch den Ausfall der ausländischen Fleischeinfuhr von neuem Wucherpreise zahlen zu müssen. Landtagswahlen in Li'ppe. Aus Detmold wird uns geschrieben: Die Landtagswahlen der dritten Abteilung in Lippe, die am Montag vorgenommen worden sind, haben der Sozialdemo» k r a t i e einen Erfolg gebracht, wie er von den Genossen im Lande trotz ihrer eifrigen Wahlarbeit nicht erwartet worden ist. Die Sozialdemokratie hat ihre Stimmcnzahl um beinahe hundert Prozent gesteigert. Die bürgerlichen Parleien dagegen, von denen namentlich die Liberalen vorher den Mund nicht voll genug nehmen konnten, sind auf ihrem alten Stande stehen geblieben oder gar zurückgegangen. Es haben Stimmen erhalten Soz. Lib. Konserv. 1904.. 2S71 3688 2119 1908.. 3715 7686 2698 1913.. 7200 8100 2200 Im alten Landtage hatte die Sozialdemokratie nur einen Sitz, der vor vier Jahren in der Stichwahl mit knapper Not geholt wurde. Diesmal haben wir diesen Sitz gleich im ersten Wahlgange mit 300 Stimmen Mehrheit glatt erobert. Unsere Kandidaten find zudem in vier Kreisen in aussichtsreiche Stichwahlen gekommen. Im einzelnen stellt sich das Ergebnis folgendermaßen(die Zahlen der vorigen Wahl sind eingeklammert): 1913 Soz. Lib. Kons. u. a. 1. KreiS.. 1008(481) 863(716) 279(210) 2. Kreis.. 1368(367) 789(600) 285(340) 3. Kreis.. 1369(675) 1460(1499) 268(407) 4. Kreis.. 700(290, 1007(1246) 156(179) 5. Kreis.. 700(331) 1600(1286) 345(566) 6. Kreis.. 612(260) 815(1040) 671(391) 7. Kreis.. 1422(323) 1345(1085) 605(668) Das Fürstentum Lippe gehört zu den wenigen Gegenden im Reiche, in denen der LiberaliSmu'S bisher noch eine nennenswerte Rolle spielte. Bei den letzten Rcichstagswahlen war Lippe-Dewwld der einzige Kreis, wo die Liberalen nach den Zahlen der Wahl von 1907 noch hoffen konnten, im ersten Wahlgange glatt zu siegen. Diese Hoffnung ist allerdings zu schänden geworden, aber immerhin hatte hier der Liberalismus in weiten Kreisen der 14 000. Wanderarbeiter(Ziegler), die an ihren Arbeitsplätzen den Sommer über meist abgesondert leben, einen starken Rückhalt. Die Reichstagswahl sowohl wie diese LandtagSwahl haben aber be- wiesen, daß es mit diesem liberalen Arbeiteranhang auch in Lippe bergab geht. Liberale und Konservative werden jetzt um so größere Hoff- nnngen auf die Wahlen in der eisten und zweiten Abteilung setzen. Das Dreiklassenwahlrecht bietet ihnen eben auch in Lippe noch den erwünschten Unterschlupf, wenn es für sie in der dritten Abteilung fehlgeht. Vornehmlich haben die Konservativen gewisse privilegierte Sitze, die ihnen durch Bestimmungen im Wahlgesetze gesichert sind, wonach die Grundsteuer für das Wählrecht in der entsprechenden Klasse den Ausschlag gibt.- Die großen Hoffnungen, mit denen die Liberalen in de» Wahlkampf gezogen siiid, bauten' sich auf ihre angebliche„eminent praktische Arbeit" auf, die sie gegen uns durch den Hinweis ans unsere angebliche prinzipielle Pegation ausspielten. Die„prakiische Arbeit" der Liberalen, die übrigens auch den Segen der Konservativen erhalten hat, war denn aber auch danach, und das Wahlergebnis zeigt, wie diese praktische Arbeit vom Volke eingeschätzt worden ist. Namentlich taten sich die Liberalen auf ihre Sleuergesetzc etwas zugute und daneben auf das neue Domanialabkommen, durch das die Ansprüche des Landes an den sürstlichen HauSbesitz, der ein Fünftel des ganzen Landes umfaßt, übergangen worden find. Die „Arbeitsgemeinschaft" der Konservativen und Liberalen, von der die Rede war, hat jetzt ihre bezeichnenden Früchte getragen, und wir dürfen mit guten Hoffnungen der weiteren Entwickelung der Dinge entgegensehen. Daß die Liberalen wie überall, wo sie mit der Sozialdemokratie hart aneinander kommen, so auch in Lippe bei der Agitation mit all den Reichsverbandsmätzchen hausieren gegangen sind, braucht wohl nicht erwähnt zu werden: die Religion, die Vaterlandsliebe, die Friedenskundgebung in Basel und alles mögliche mußten herhalten; ja man ließ sogar unseren verstorbenen Genossen Singer nicht in Ruhe und suchte durch Bei- spiele seiner angeblichen.Arbeiterfeindschaft" für die Liberale» zu retten, was noch zu retten war. Es ist natürlich vergeblich gewesen, und am Schlüsse des Kampfes sind schon manche Liberale zu der Ueberzeugung gekommen, daß sie mit ihrer AgitationZmethode auf den Hund gekommen sind. Die ganze Ernte im Kleinstaat Lippe hat die Sozialdemokratie in ihre Scheuern gebracht, und dem Eifer, womit sich alle Genossen der oft sehr schwierigen Arbeit hingaben, gebührt alle Anerkennung. ** * Detmold. 22. Januar. Bei den lippischen Landtagswahlen wurden in der ersten Klaffe 6 Konservatiöe und 2 Nationalliberale gewählt. Demnach sind im ganzen gewählt 10 Konservative, 2 Nationalliberale, 3 Freisinnige, 1 Chtistlichsozialer und 1 Sozial- demokrat. Außerdem sind 4 Stichwahlen zwischen Freisinnigen und Sozialdemokraten erforderlich. Der bisherige Landtag setzte sich zu- sammen aus 10 Konservativen, 2 NationaMöeralen, 7 Freisinnigen, t Chnstlichsozialen und 1 Sozialdemokraten. Unsere Zuchthausschwärmer. Bei der namentlichen Abstimmung über die konservative Resolution, die ein gesetzliches Verbot des Streikpostenstehens verlangt, haben am Mittwoch im Reichstage 52 Abgeordnete mit ja ge- antwortet. Es ist angebracht, die Namen dieser Zuchthaus- schwärmer der Oefsentlichkeit nicht vorzuenthalten, wir lassen sie nachstehend folgen: Dr. Arendt, Dr. Becfer-Hessen snatl.), v. Bieberstein, v. Boehn, V. Behlendorff,- v. Bonin, v. Brederlow, Graf v. Carmer-Osten, Graf v. Carmer-Zieserwitz, Dieterich, Doerksen. v. Flemming, Frommer, Dr. Giese, v. Gräfe, Gräse-Sachsen, Dr. Hegenscheidt, v. Heydebrand,- Hoesch, Holtschke, Graf v. Könitz, Baron Knigge, � Krahmcr, Rreth, v. Kröcher, v. Liebert, Löscher, Molkewitz, v. Mässow, Meyer-Kreuzburg, v. Michaelis. Nehbel, Niederlöhner, Dr. Oertel, v. Oertzen, v. Putlitz, Reck-Lyck, Ritter, Rother, Schultz-Bromberg, Siebenbürger, Strack, Stubbendorff, Dr. v. Veit, Vogt. Warmuth, Weilnböck, Graf v. Westarp, v. Winterfeldt, Witt mid Zürn. Enthalten haben sich der Abstimmung die Abgg. Werner- HerSfeld, Rupp-Baden, Bauer-Pfarrkirchen, Gerhardt und Laur." Die Nationalliberalen, die im vorigen Jahre dem Antrage zu- gesiiinmt haben, haben also mit Ausnahme des Dr. Strack und des Dr. Becker, der in die Fraktion aufgenommen wurde, diesmal gegen die Resolution gestimmt, ebenso auch das.Zentrum, von dem im vorigen Jahre drei Abgeordnete für ein Zuchthausgesetz waren, dies- mal geschlossen dagegen gestimmt. Die Zuchthausschwärmer sitzen also lediglich in den Reihen der Konservativen und der mit ihnen eng versippten Freikonservativen. Studienreise nach den Kolonien. In der„Täglichen Rundschau" tritt der RegierungSrat Zache Vom Hamburgischen Kolonialinstitut dafür ein, daß die Regierung den Rcichstagsabgeordneten Gelegenheit bieten soll, die Kolonien kennen zu lerne». Herr Zache war Führer der kleinen Gruppe von Abgeordneten, die im Jahre 1906 nach Ostasrika gefahren sind, und er begründet seinen Vorschlag hauptsächlich damit, daff die Ent- scheidung über koloniale Fragen wesentlich erleichtert würde, wenn ein größerer Teil der Abgeordneten sich auf persönliche Erfahrungen stützen könne. Der Plan, den er entlvickelt, geht dahin, drei Gruppen zu bilden, von denen die eine nach Ostafrika, die andere nach Süd- westafrika und die dritte nach Togo und Kamerun gehen soll. Um den Sozialdemokraten die Teilnahme zu ermöglichen, schlägt er vor, keine Freikarten der deutschen Schiffsgefellschasten anzunehmen, sondern die Ueberfahrt einfach aus Reichsmitteln zu bezahlen. Die Reise nach Afrika würde für die Teilnehmer kosten: Passage................ 1650 M. Ausrüstung............... 300„ 4 Tage a 60 M.(Berlin— Neapel, Neapel— Berlin) 240, 18„„ 20„(an Bord)........ 860„ 45„„ 60„(in der Kolonie)...... 2700„ Sa. 5250 M. Herr Zache meint, daß eine solche Summe bei dem Milliarden- etat des Deutschen Reiches keine Rolle spielen könne. Wir verstehen nicht, wozu solche Ausflüge dienen sollen. Sicherlich ist unter den Reichstagsabgeordneten gar mancher, der sich auf Reichskosten. gerne mal Ostasrika besähe: aber ein Urteil über diese Kolonie oder gar über das Gesamtgebiet der Kolonialpolitik gewinnt er dadurch nicht. Schließlich sind die Mitglieder einer solchen Ex- pedition immer auf die Hilfe der Regierungsbxamten» angewiesen; sie werden alles das zu sehen bekommen, was man ihnen zu zeigen für gut befindet. Es ivitrd�ihiieu aber. schon. der Kürze der Zeit halber, ganz unmöglich sein, sich eine tiefere Kenntrus all der Momente zu verschaffen, die bei der ganzen Kolonialpolitik als aus» schlaggebend betrachtet werden müssen. Wie Herr Zache versichert, soll der Staatssekretär Dr. Solf dem von ihm entwickelten Gedanken sehr sympathisch gegenüberstehen: Schwierigkeiten niacht nur noch der Reichsschatzsekretär, der allerdings angesichts der kommenden Militärvorlage seine Mittel sehr zu- fammenhalten muß._ Fachausschüsse für Heimarbeiter. Auf eine von einem Mitgliede der Wirtschaftlichen Vereinigung gestellte Anfrage hat Staatssekretär Delbrück mitgeteilt, daß Ver- Handlungen schweben über die Errichtung von Fachausschüssen für Hehnarbeiter. Im preußischen Etat werden bereits 20 000 M. für diesen Zweck angefordert. DaS Reichsamt des Innern hat einen Entivurf ausgearbeitet, der demnächst an den Bundesrat gelangen wird. Forderungen der Berliner Lehrer an die Landtags- kandidaten. Die Vereinigung für Schulpoliiik in Berlin beschloß, an die Landtagskandidaten folgende Forderungen zu stellen: 1. Bekämpfung aller Bestrebnngen, ivelche den staatlichen Charakter der Volksscbule in Frage stellen können. 2. Durchführung der allgemeinen Volksschule. Weder der Staat noch die Gemeinden dürfen neue Vorschulen errichten. 3. Besetzung der hauptamtlichen Kreisjchuliuspektioii mit im Volks- schuldienst bewährten Lehrern. 4. Reform des Disziplinargesetzes von 1852 nach modernen Grundsätzen. . 5. Gewährung des passiven, kommunalen Wahlrechts an alle Lolksscbullehrer. 6. Die Volksschullehrer sollen ihre Allgemeinbildung an einer höheren Lehranstalt, ihre Fachbildung auf der Universität erhalten. 7. Gleichstellung der Volksschullehrer mit den Sekretären der allgemeinen Staatsverwälinng. Zunächst außerhalb des Rahmens einer allgemeinen Besoldungsregelung. Gleichstellung aller Volksschullehrer in der Höhe des nach dem Besoldungsgesetz von 1909 zu- lässigen Höchstgehalts. 8. Unterstützung aller gesetzgeberi'chsn Maßnahmen durch die die Mißstände im großstädtischen Wohnungswesen beseitigt werden. 9, Das Auswärtswohnen ist innerhalb der Grenzen des Vor- ortsverkehrs ausnahmslos gestaltet. 10. Beseitigung des Treiklasscnwahlrechts und der öffentlichen Stimmabgabe bei Landtags- und Gemeindewahlen. Aus dem württembergischen Landtage. Unser Stultgarter Korrespondent schreibt uns vom 21. Januar: Tie Erklärung des neuernannien Ministers des Innern, V. Fleischhauer, gegen d i e Sozialdemokratie in der Sonnabendsitzung der Kammer hat Klarheit gebracht in den Kurs, den das Ministerium zu steuern gedenkt. Der Minister kennzeichnete die Regierung als Vorkämpferin des Bürgertums und der bürger- lichen Parteien gegen die Sozialdemokratie, so lange die Sozial- demokratie auf dem Boden des Klastenkampses verharre. Der Herr Minister erblickt also im Klassenkampf eine teuflische Erfindung der Sozialdemolratie— er tut wenigstens so. Daß die bürger- lichen Klassen und Parteien den Klassenkampf zum Teil noch schärfer und konsequenter führen als die Sozialdemokratie, das eilt- geht dem Herrn Minister. Etwas komisch mutete es an, als der Herr Minister seine neueste fürchterliche Entdeckung bekannt gab. Durch unier Stuttgarter Parteiorgan hat er letzter Tage erfahren, daß die Sozialdemokratie eine republikanische Parei ist, die als Anbängerin der Demokratie Gegnerin der monarchischen Staats- form sein muß. Das Programm der Sozialdemokratie scheint dem Herrn Minister bis zur Stunde unbekannt geblieben zu sein. Die Herren vom Bauer nbund und vom Zentrum fühle» sich als die Herren des Parlaments. Die Art. wie sie in der heutigen DienStagfitzUng den Redner der Volkspartei, v. Gauß, durch fortdauernde Unterbrechungen und Zwischenrufs am Reden zu hindern suchten, ging weit über das sonst in Parlamenten übliche hinaus. Dabei gab der Redner der Bolkspartei sich alle Mühe, beim Bauernbund gut Wetter zu machen. So gab er die feierliche Er- klärung ab, baß die Fortschrittliche Volkspartei nicht daran denke, die landwirtschaftlichen Zölle auf- z u b e b e n. Nur über etliche Positionen— so über die Futtermittel- zölle— müsse geredet werden. Daß die Ägrarzölle der Industrie schwere Lasten auferlegen und der Jndustnebevölkeruug die Nahrungs- mittel verteuern, daß es sogar sehr zweifelhaft ist, ob die deutsche Landwirtschaft in der Lage ist, das Nahrungsmittelbedürfnis der stetig wachsenden Bevölkerung Deutschlands annäqernd zu be- friedigen, mußte der volksparteiliche Redner zugeben. Trotzdem: die Fortschrittliche Volkspartei denkt nicht daran, diese Zölle aufzuheben. Auch vom„Abbau" der Ägrarzölle schwieg der Redner beharrlich!. Die Ausschiffung des früheren Ministers des Innern v. Pischeck aus der Regierung stellt sich immer mehr als ein Opfer dar, das der Rechten gebracht wurde. Auf die sehr klar formulierten Vor- Haltungen der sozialdemokratischen und volksparteilichen Redner ant« wartete der Ministerpräsident v. Weizsäcker mit Ableugnungen und Witzen zweifelhafter Art. Ehrlicher verfuhr der neue Minister des Innern, der, auf den Widerspruch zwischen seinen Aus- führuugen und den Darlegungen des früheren Ministers Pischeck über die Vereinfachung'der Staatsverwaltung aus- merksam gemacht, rund und nett erklärte, in dieser Sache vertrete er seine eigene Ueberzeugung. Daß die früheren Darlegungen des Ministers Pischeck der Ansicht des G e s ä m t m i n i st e r i u m s einschließlich Fleischhauers(der damals noch Kultusminister war), entsprachen, die neuest? Ueberzeugung des neuen Ministers des Innern jedoch den Wünschen und Forderungen des Zentrunis und des Bauer»blindes entspricht, ist natürlich nur Zufall! Der Ministerpräsident v, Weizsäcker er- kannte denn auch alsbald, daß der neue Kollege doch wohl zu offen- herzig geplaudert hatte. In längeren Ausführuligeu suchte er dar- zutun, daß, wenn man es recht äuffasse, der neue Minister cigent- lich nichts anderes wolle als der alte auch. Geglaubt hat eS ihm wohl niemand I_ Das JMiirirtenum ßnand. Paris, 22. Janliar.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Die Zusammensetzung seines Kabinetts verrät die Absicht B r i a n d s. durch Berufung möglichst vieler Häuptlinge der radikalen Partei sich eine linksrepubli- kanische Mehrheit zu sichern, selbst auf Kosten der Wahl- reform. Diese Beruhigungspolitik nach links scheint Erfolg zu versprechen. Die radikale Opposition gegen Briand ist ganz erloschen. Die Radikalen scheinen seine Gegnerschaft gegen die Weiterführung der Kirchengesctzgebung, weshalb sie ihn seinerzeit gestürzt haben, ganz vergessen zu haben. Der nationalistische„Eclair" meint enttäuscht, dieses System von klugen Kompensationen und Ausgleichungen von Nuancen, wodurch die Appetite ins Gleichgewicht gebracht werden sollen, sei doch recht abgeschmackt. Die„Humanitä spricht mit Hinweis auf Etienne, Baudin, Dupuy und Jonnart von dem Gründer-Ministerium. Etienne ist Präsi dent der Pariser Omnibusgesellschaft und Oberhaupt des Marokko- Syndikats. Jonnart, der nach Brivnds Sturz mit einem sensationellen Protest von seiner Stellung als algerischer GMwerneur zurücktrat, ist Schwiegersohn des steinreichen LyonU Industriellen und progressistischen Deprn tierten Aynard. Ja u rös meint in der„Humanit6' ironisch, die auswärtige Krise könne trotz bedenklicher Symp� tome nicht gejährlich, sehr, wenn der so patriotische Poincar6 sein Ministerium gegen die Präsidentschast ausgetauscht und ein diplomatisches Interregnum geschaffen habe und die vor acht Tagen für das Paterland unersetzlichen Delcassä und Millerand abträten, um ihr eigenes Glücksschiff zu steuern. Der„Temps" findet die Zusammensetzung des Ministeriums mehr als zufriedenstellend. OeslermcK-fltigarn. Vor dem ungarischen Generalstreik. Budapest, 22. Januar.(Privattelegramm der„Vorwärts".) Der von der Sozialdemokratie vorbereitete Generalstreik be- herrscht die gesamte innere Politik. Die Gewerkschaften halten im Laufe dieser Woche Scparatversammlungen ab, in welchen der Arbeiterschaft der Beschluß bekanntgegeben, zur Ab- stimmung und zur Anschaffung von Sparmarken aufgefordert werden soll. Auch die bürgerliche Gesellschaft beginnt aktiv Stellung zu nehmen. Die Gewerbekorporation der Fleisch- beschauer und Wurstlcrgesellschaft hat beschlossen, bei Beginn des Generalstreiks sämtliche Kaufläden zu sperren. Die Fabrikanten- liga prctestiert gegen den Wahlrechtsentwurf der Regierung. Die Landadvokatenkammer hat den Entwurf eines Memo- randums an die Regierung eingereicht. Die Budapester Kauf- leute beschlossen, an den Tagen des. Streiks die Geschäfte zu sperren. Die Kleingewerbetreibenden haben beschlossen, am Streik aktiv teilzunehmen. Auch ans den Provinzen kommen ähnliche Nachrichten. In der Stadt Fünfkirchen hat sich ein Hunderter-Komitee aus Bürgern gebildet, das in den Tagen des Streiks die dortige notleidende Arbeiterschaft mit Lebensmitteln versehen will. Gestern abend hielt die Regierungspartei eine große Versammlung ab. Minister- Präsident Lukacs hielt eine große Rede, in welcher er speziell an die Sozialdemokratie die schärfsten Drohungen richtete; in der inneren Politik mache sich ein neuer Terror geltend; es seien Elemente an der Arbeit, die auf die große Volksmasse eine starke Macht ausüben und sie zu einem politischen Streik bringen wollen. Er erkläre schon heute, daß er die ganze Macht und Kraft des Staates diesen Elementen gegenüberstellen und dafür Sorge tragen werde, daß die Arbeitswilligen sowie das Leben und Vermögen der Bürger in Sicherheit seien. Er mache diese Elemente darauf auf- merksam, daß sie die Verantivortung für alles.zu tragen hätten und daß er die Schuldigen zu treffen wissen werde. Heute wird der Reichstag eröffnet. Ein Polizeikordon steht wie früher nm das Gebäude und die Opposition ist wieder ausgesperrt. Es findet heilte eine formelle Sitzung statt, am Freitag soll wieder eine Sitzung sein, in welcher das Komitee für die Vorberatung der Wahlrechtsvorlage gewählt werden soll. Dann wird der Reichstag bis Ende Februar vertagt. Die Sozialdemokratie hat dieser Tage eine Flugschrift für den allgemeinen Streik in einer Auflage von einer halben Million herausgegeben. Auch werden kleine Flugschriften verbreitet, in denen dem Volke das neue Wahlrecht richtig dar- gestellt wird. Der Ministerpräsident hat als Minister des Innern an sämtliche Behörden des Landes eine Verordnung erlassen. laut welcher die Kolportage, d. h. der Einzelverkauf der „Ncpszawa" im ganzen Lande verboten wird. Diese Ver- ordnung befindet sich jetzt in den Händen der Provinzstadt- Hauptleute und der Stuhlrichter, die die Verbreitung der „Nepszawa" unmöglich machen sollen. Auf den Eisenbahn- slationen warten die Polizisten und wenn der Kolporteur das Paket sozialdemokratische Zeitungen erhält, nehmen sie es ihm einfach weg.— Gerüchtweise verlautet, daß in nächster Zeit der„Nepszawa" auch das Postdebit entzogen wird. Rußland. Der Jahrestag der Arbeitermetzelei von 1905. Petersburg, 22. Januar.(W. T. B.) Der JahreS» tag der Arbeiterdemonstration von 1905 wurde heute von einem Teile der Petersburger Arbeiter durch Arbeitseinstellungen begangen. Von 300 000 Ar- beitern feierten 50 000. Vereinzelte Versuche, revolutionäre Lieder anzustimmen, wurden durch die Polizei unterdrückt. Sonstige Straßendemonstrationen fanden nicht statt; rote Fahnen wurden nicht sichtbar. Amerika. Tie Panamakanalfrage. Washington, 2t. Januar. Senator Root sprach im Senat mit Rachdruck für seine Bill, welche die Panamabill dahin abändern will, daß aus der Vorlage die Bestimmung beseitigt wird, durch welche amerikanische Küstenfahrzeuge von der Zahlung der Ab- gaben befreit werden. Root rekapitulierte die Gründe für Fest- setzung gleicher Abgaben für alle. Dann widerlegte er die Be- hauptungen derjenigen, die daraus bestehen, daß die Kanalzone amerikanischer Besitz sei. mit dem Amerika nach Belieben schalten könne, ohne sich an frühere Verträge kehren zu müssen. Dieses Gc- biet ist unser nur als anverlrautcs Gut, sagte Root. Wir sicherten uns die Kanalzone nur. weil, wie Roosevelt seinerzeit erklärte, die zivilisierte Welt ein Recht auf die Durchfahrt hat. Um dieses Recht sicherzustellen, machten wir uns zu Mandataren der Zivilisation. Wir sind aber weit entfernt davon, durch den Besitz der Kanalzone unserer vertraglichen Bcrpflichtnngen gegenüber England ledig zu sein. Wir haben dieses Gebiet als ein Vertraucnsgut in Besitz genommen und können unseren Verpflichtungen nicht untreu wer- den, ohne jenes in uns gesetzte Vertrauen zu täuschen. )Zu3 Incluftne und Handel. Die Tcuerang in England. Die„Labour Gazette" des HandelsniinisteriumS enthält einen Artikel über die Bewegung der Warenpreise im Jahre 1912. der ein helles Licht auf die Ursachen der„Arbeiterunruhe" wirft, die in diesem Jahre soviel von sich reden machte. Das Jahr 1912 war ein Jahr guten Beschäftigungsgrades und steigender Löhne.„Aber", führt der amtliche Bericht aus..die Vorteile der guten Beschäftigung und der steigenden Löhne wurden in gewisiem Maße beeinträchtigt durch die gestiegeucn Kosten vieler Lebensmittel." Die durchschnittliche Arbeitslosigkeit betrug im Jahre 1912 3 2 Proz. der beobachteten Arbeiter. DaS war mit Ausnahme des Jahres 1911, wo die Arbeitslosigkeit 3 Proz. betrug, der niedrigste Prozentsatz im letzten Fahrzehnt. Der höchste wurde im Jahre 1908 erreicht, nämlich 7,8 Pioz. Die Nettozunahme des Arbeitslohnes betrug im Jahre 1912 rund 132 000 Pfund Sterling die Woche, eine Zahl, die seit 1893 nur zweimal übertroffe» wurde; sie erstreckte sich auf fast l3/« Millionen Arbeitern. Arbeitszeitverkürzungen tvurdcn bei rund 170 000 Arbeitern festgestellt und sie betrug im Durchschnitt etwa 2>/z Stunden die Woche. Was aber blieb de» Arbeitern von diesen gewiß nicht unbeträcht- lichen Vorteilen übrig, wenn man den Schaden abzieht, den sie durch die Teuerung erlitten? Fast alle Warenpreise wiesen im Jahre 1912 eine überaus starke, aufsteigende Tendenz auf. Die Steigerung der; Lebenskosten der Arbeiter ergibt sich deut- lich aus der Bewegung der Kleinhandelspreise der Nahrungsmittel. Die aus Grund dieser Preis« berechnete Jndexnummer des Handels- Ministeriums war im Jahre 1912 um 5,1 Proz. höher als im Vor- jähre. Sie ist überhaupt die höchste, seitdem amtliche Statistiken vor- liegen. Gegenüber 1911 stiegen die Kleinhandelspreise von sechzehn Nahrungsmitteln, nämlich Hafermehl Marmelade Reis... Zucker.. Käse... Brot.. Rindfleisch Mehl 15.2 U,9> 11,2' 10,5 0,9 9,1 7,5 5,5 Speck.... Butter... Hammelfleisch. Eier.... Rosinen... Schweinefleisch Kartoffeln.. 5.3 Proz. 4.7„ 3.9. 3.3. 2.3. 1.5. 0.9. Nur zwei wichtige Nahrungsmittel sanken im Preise, nämlich Korinthen um 11,9 Pro�. und Milch um 1 Proz. Unverändert im Preise blieben Tee, Kaffeg, Kakao, Fruchtgelee und Sirup. ES liegt ohne weiteres auf der Hand, daß die Sieigerung der Nahrungsmittelpreise die gesamte Arbeiterklasse zu fühlen hatte, während die Lohnerhöhungen nur einem, wenn auch beträchtlichem Teil zugute kamen. Bei einem Teil der Arbeiter werden die Lohn- erhöbungen den durch die Teuerung erlittenen Verlust wettgemacht, bei manchen auch mehr als»vettgcmacht haben. Aber eS ist klar, daß die LebenShalinng großer Massen von Arbeitern beträchtlich hinabgedrückt worden ist. Unter diesen Umständen wird die„Arbeiter- unruhe" schwerlich bald zur Ruhe kommen. Der Abrechnntigsvcrfechr im Londoner Clearinghouse, der Zcntralabrcchnungsstclle der Banken Großbritanniens, errcichie im letzten Jahre den Betrag von 15 961 Millionen Psund— über 326 Milliarden Mark. Der Zuwachs seit 1911 war 1347 Millionen Pfund, eine Zunahme, die nur in den Jahren 1909 und 1905 über» troffen wurde. Durch den Bergarbciterstrcik im März, den Hafen- arbciterstreik im Mai, das«»günstige Erntcwettcr und den Balkan- krieg wurde die Gcschäftsenttvickeluiig gehemmt. Trotzdem wies jeder Monat außer März einen stärkeren Umsatz als derselbe Monat 19l1 auf.— Das Londoner Clearinghouse wurde 1775 als Privat- anjtalt begründet, um die Barzahlung im Bankverkchr durch eine Abrechnung zu ersetzen. Ihm gehören jetzt sämtliche Londoner Banken a», seit 1864 auch die Bank von England, die durch Ab- und Zuschreibung aus dem.Konto, das jeder der Beteiligten bei ihr hat, die Ausgleichung der(Äeschäftsergebnisse besorgt. Der Gc- samtumsatz des E. H. wird erst seit 1868 festgestellt. Er betrug damals 3425 Millionen Pfunsd, 1902 war er gleich 10 029 Millionen Pfund. Er hat also in den letzten zehn Jahren um über die Hälfte zugenommen. Daneben besbehen noch 9 Clearinghäuser, wovon 2 in Schottland, 1 in Irland._ Orgiuiisatione« im Kalisyndikat. Innerhalb der Kaliindustrie herrscht infolge unzweckmäßiger Bestimmungen eine starke Zunahme von Neuanlagen und eine leb- hafte Jagd nach Beteiligmigsauteile». Damit aber die auf das einzelne Werk entfallende Quote nicht zu klein wird, schreiten dje Werke zu Fusionen und Interessengemeinschaften. Zu dem gleichen Zwecke haben sich innerhalb des Kalisyndikats auch mehrere lose Organisationen gebildet, die eine gegenseitige Unterstützung bei Austragöübcrtragungen und Ouvtendispositionen bezwecken. Bisher bestanden an solchen Organisationen die„Thüringische Werra-Ver- einigung" und die„Werks-Vereinigung". Jetzt hat sich ein„Kali- werks-Verband" gebildet, der mehrere wichtige Kalikonzerne (Deutsche Kaliwerke, Ronnenberg, Westcrcgel») umfaßt. Der neue Verband ist der stärkste, da er heute fast ein Drittel der Gesamt- förderung vereinigt. Der Absatz des Kalishndikats im Jahre 1912 ist in- folge eines starken Rückganges von 5 Millionen Mark im Dezember nur um 14 Millionen Mark höher als im Jahre 1911. An dem Rückgang sind zu einem großen Teil die politischen Wirren, schuld. Gewerkfcbaftlicbeö. Tic Verhandlungen behufs Abschluß eines neuen . Tarifvertrages für das Baugewerbe wurden am 21. und 22. Januar unter Leitung der drei Unvartei- ischen, Herren Tr. P r c n n c r, Rath und v. Schulz, im Reichs- iagsgcliäude fortgesetzt. Eine Hauptrolle spielte vor allem wiederum die von Arbeiter- Vertretern geforderte G a r a n t i c ü b c r n a hm c für eine allgemeine Lohnerhöhung. Die Unternehmer glaubten sowohl diesen Vorschlag, als auch die weniger weitgehende Anregung der Unparteiischen, ihren Mitgliedern eine allgemeine Lohnerhöhung zu enipfchlcn, ablehnen zu müssen, illach weiteren Verhandlungen gaben die Unternehmer folgende Erklärung ab: Wir haben erklärt, daß wir einen Hauptvcrtrag vereinbaren wollen, der für das gesamte bisherige Vertragsgcbict gilt und daß wir nicht zugeben können, daß Gebiete vcrtragslos bleiben. Sollten in einzelnen Gebieten Einigungen über die bezirklich zu regelnden Vertragsbestimmungen nicht zustande kommen, so wollen wir unseren Einfluß zum Abschluß von Verträgen in diesen Gebieten geltend machen, nötigenfalls unter Anrufung bczirklichcr Schiedsgerichte, jedoch unter der Voraussetzung daß von Seiten der n!t Fahrstuhlführern und Portiers zusammenkommen, sie auf die in Frage kommende Organisation Deutscher Transportarbeiterverband hinzuweisen. Tie Branchenleitung der Fahrstuhlführer und Portiers des Deutschen Transportarbeiterverbandes. lieber die Kcllnerausspcrrung im Gase Wocrz am Nollendors- Platz(Neues Schauspiclbaus) wird uns� berichtet, daß die Unter- nchmcr bereits zu der Einsicht gc kommen sind, einen ganz bösen Tausch durch den ohne Anlaß vorgenommenen Wechsel der Kellner gemacht zu haben. Die täglichen Beschwerden der Gäste über inangelhasic Bedienung seitens.der neu angeworbenen„gelben G a r d c" haben schon überhand genommen nniwu stürmischen Auftritten geführt, bei denen die Wicdercinstellni� der Ausgesperrten dringend gefordert wurde. Diese Anlässe mögen dazu geführt haben, daß die Unternehmer Zeichen außerordentlicher Nervosität zu erkennen geben. So darf z. B. in der Gegend de« Ease Woerz kein Mensch inst einer offenen Zeitung, oder mit einem Flugblatt, welches die Aussperrung den Gästen bekannt gibt, vorüberkomnihu. Sofort läuft er Gefahr, auf Veranlassung� der Herren Inhaber'durch die isilssbevelie Polizei, die sich übrigens auch in Zivil im Lokal aushält, festgestellt zu werden. Tie Furcht der Unternehmer vor der Aufklärung der grundlosen Aussperrung geht soweit, daß an jedem Abend Dutzende von fremden unbeteiligten Gästen wegen Verdachts der Beteiligung am Flugblattvcrteilcn ldie auch zeitweilig innerhalb des Betriebes stattsindetZ, einfach vor die Türe gesetzt werden. Dieses neue eigenartige Bersahrcn zur Hebung der Frequenz des Lokals scheint nicht einmal das richtige Verständnis bei den Hinausgeworfenen zu finden. Nach derartigen Vorfällen sieht man, wie infolge solcher Vorkommnisse andere Gäste gruppenweise das gastliche Haus erregt verlassen. Immer wieder ertönt der Ruf nach den eingearbeiteten Kellnern, so daß diese den kommenden Ereignissen in aller Ruhe entgegensehen. Herr Bauunternehmer Will« Morgenroth, Charlottenburg, Königin-Luisestr. 14, dessen Bau Greisswalder Straße 152 durch die Verbandslcitung der Töpfer gesperrt worden ist, weil dort Mit- glicdcr des Töpscrvcrbandcs einen Lohnausfall von zirta 809 M. gehabt hatten, sendet uns durch einen Rechtsanwalt unter gleich- zeitiger Androhung einer Schadenersatzklage folgende vorgebliche Berichtigung: „Ter gegen mich in der Nr. 15 des„Vorwärts" erhobene Vorwurf, ich wolle mich um die Bezahlung der Löhne für die aus meinem Neubau Greisswalder Straße 152 herzustellenden Töpfer- arbeiten drücken, entbehrt jeder tatsächlichen Grundlage. Ich habe niemals den Töpfer Julius S e n s in Schöneberg als Töpfer- meister..vorgeschoben". Ich babe vielmehr mit dem Töpfermeister Julius S c n s einen fesicu Vertrag abgeschlossen, nach dem dieser die Töpferarbeiten für mich herzustellen verpflichtet war. S c u S hatte die Töpfergesellen anzustellen. Ich selbst habe mit den Töpfergcsellen überhaup/nichts zu tun und stehe zu ihnen in gar keinen vertraglichen Beziehungen. Lohnansprüche haben die Töpsergesellen nicht gegen mich, sondern nur gegen S e n s. Ich selbst bin niemals einem der Töpfer Lohn schuldig gewesen oder schuldig geblieben." Inzwischen ist ja Herr Porgcuroth über seine Verpslich- jungen den Töpfern gegenüber von dem Gcwerbegericht in Ehar- lottcnburg eines anderen belehrt lvorden. Dieses hat in den letzten Tagen entschieden, daß der Vertrag mit dem angeblichen Töpfer- meister Julius Scns ein S ck> c i n v c r t r a g sei und als Arbeit- gcbcr nur Herr Willy M o r g c n r o t h in Eharlottenvurg, Königin-Luisestr. 14, zu gelten habe. Derselbe ist deshalb auch rechtskräftig verurteilt worden. Dem Vertreter des Herrn Morgenroth ist davon bereits Mitteilung gemacht. Der an- gebliche Töpfermeister Julius S e n s war bis vor kurzem Geselle und Mitglied des Zentralverbandes der Töpfer. Wegen restierender Beiträge mußte er aus der Mitglicdsliste gestrichen werden. Das Werkzeug, das er besitzt, ist geborgt. Der Zwangsinnung gehört er ebenfalls nicht an. Welcher Art die Verhältnisse aus dem Bau sind, mag die Tat- fache illustrieren, daß Herr Töpfermeister Wilhelm K u n d i, dem die betreffenden Arbeiten schon übertragen waren, dieselben ab- lehnte, weil ihm nicht genügend Sicherheit geboten wurde. Der Zentralverband der Töpfer erfüllte einfach ein Gebot der Pflicht, wenn er seine Mitglieder davor warnte, auf einem Bau Arbeit anzunehmen, wo sie— gleichgültig von wem— um ihren schwervcrdienteu Lohn geprellt werden. Glaubt Herr Morgen- r o t h irgendwie Schadenersatzansprüche geltend machen zu muffen dann wende er sich an seinen Kontrahenten Julius Scns. War er unvorsichtig in der Auswahl seiner Lieferanten und Handwerker, so kann er den Ardeitern nicht verdenken, daß sie deito vorsickitig-r sind. Hatte Herr M o r g e n r o t h aber ein Interesse daran, seine Arbeiten an zaklungsunfähige Zwischcnpersonen zu vergeben, so darf er es den Arbeitern nicht verübeln, daß sie dieses Interesse nicht mit ihm gemeinsam haben.__ ; rh. GlockelBer1'N. Druck u. Verlag- Vorwärts Buchdr. u. LerlagsanstaU veuvsches keieff. Zur christlichen Streikbrechervermittelung in 9)iendcn i. W. Die Hauptverwaltung des christlichen MetallarbeiterverbandeS versendet eiueii Artikel, den die ZentrumSpresse eifrig druckt und in dein bestritten wird, daß der christliche Mclallarbcitcrverband Arbeits- willige vermittelt habe. Es heißt darin u. a. wörtlich: „Es gilt bei der Leitung des christlichen MetallarbeiterverbandeS als selbslversländlich. daß die Leute(aus Menden? D. Red.) nur dort Arbeit aufsuchen, wo keine Differenzen oder Lohnlämpse vorliegen. Sollte irgendein Mitglied Arbeit in einem bestreikten Betriebe an- nehmen und die Leitung des Verbandes erhält Kenntnis davon, so wird sie ihren Einfluß geltend machen und das Mitglied zum Aufgeben der Arbeil auffordern." Soweit die Hauptverwallung des christlichen Metallarbeiter- Verbandes. Die Worte in dem Artikel sind�wohl recht gut gesetzt, nur reden die Tatsachen eine ganz andere Sprache. Erst vor einigen Tagen konnten wir ein Schrislslück abdrucken, in dem ein wider seinen Willen als Arbeitswilliger nach Stuttgart geschleppter chrisl- licher Metallarbeiter bescheinigte, daß ihm vom christlichen Metall- arbeitervcrbaud Arbeit in der„Sanitaria" in Stuttgart-Ludwigslust nachgewiesen worden sei. Heute liegt diese weitere Erklärung vor: „Der Unterzeichnete. Anton Weber, geb. zu Neheim, erklärt, daß er vom christlichen Metallarbeikerverband, Verw. Menden, ni i t noch 14 anderen ti o l l c g e n nach Stuttgart gesandt wurde, uin dort bei der Firma„Sanilaria" in Arbeir zu treten. Als wir in Stuttgart ankamen, war der Betrieb mit Arbeitswilligen bereits besetzt, resp. brauchte man uns nicht mehr, da vom christlickicn Metallarbeikerverband bereits vorher ein Trupp Mitglieder von Menden nach Stuttgart gesandt worden war. Wir wußten alle nicht, daß bei der Finna„Sanitaria" gestreikt wurde, da die Ver- bandSleitnng in Menden uns nichts davon gesagt hatte. Anton Weber, Mitglied des christlichen MetallarbeiterverbandeS. Um nun zu verhindern, daß der christliche Metallarbeiterverband wieder behauptet, die Leute seien nicht von der OrganisationSlemmg hingeschickt worden, geben wir nachstehend einen Uebcrweisungsschem im Wortlaut wieder: „Ehristlich-Sozialer Metallarbeiierverband Deutschland, Zentrale Duisburg. DaS Verbandsmitglied Anton Weber wird von der Ortsgruppe Menden nach der Ortsgruppe Stuttgart überwiesen. Es wird dem Mitgliede hiermit bestätigt, daß es seinen Verpflichtungen gegen den Verband nachgekommen und die Beirräge bis zum 31. De-> zember 1912 richtig bezahlt hat. Menden, 28. Dezember 1912. Ter Vorstand Josef Rosier." Daß der christliche Metallarbeiterverband bemüht war, in Stuttgart recht viel Arbeitswillige bereit zu halten, beweist die Tatsache, daß er dem Weber, den er nach Stuttgart geschleppt hatte, nichr einmal das Reisegeld für die Rückfahrt gab. Man zahlte dem Manne auf dcni Stuttgarter christlichen Verbandsbureait ganze zwei Mark auS, so daß er den Weg von Stuttgart nach Menden i. W. zu Fuß zurücklegen mußte. Jetzt hilft den Christenführern kein Abstreiten mehr. Ihre Mit- glieder beweisen ihnen, daß sie Streikbrecherlieferanten sind. In Menden sind die christlichen Gewerkschaftsführer und die Zentrumsredaktcure eifrig bemüht, den Ausgesperrten die sozial- demokratische Presse zu verekeln, jedoch ohne Erfolg. Jede Nummer niijeres Lüdenscheider Parleiblattes, die dort in Massen verbreitet wird, und die Mendener Arbeiter über das Treiben ihrer Führer informiert, wird freundlich aufgenommen. Der Arbeiterverral der christlichen Führer liegt ja auch offen zu Tage, daß er von jedem erkannt werden mutz. Huslanck. Neuer&tvc\yin den Marmorwerken von Garrara. Alle Arbeirer der Marmorbrüche von Carrqra, rund SOYO an der Zahl, sind in den Ausstand getreten, um endlich eine Lösung der Frage der Alterspensionen zu erzwingen. Ihr vorjähriger sieg- reicher Streik hatte ihnen'diese Pensionen schon errungen, aber die Unternehmer haben seitdem fast nichts zur Verwirklichung der Sache getan und haben sich außerdem in einen Konflikt mit der Aktiengesellschaft verwickelt, die die Marmorbahn beireibt. Diese Bahn hatte sich erboten, bei Verlängerung ihrer Konzession auf weitere 62 Jahre und Erhöhung des Transportpreises um 0,75 Lire pro Tonne Marmor, alle Lasten, die den Unternehmern ans der Altersversicherung erwüchsen, selbst zu tragen: die Unter- nehmer wollten aber von einer Erhöhung der Tarife nichts wissen und suchten sich durch Beschaffung eigener Lastautomobile von der Bahn unabhängig zu inachen. Die Folge dieses Konflikts war stets wachsende Arbeitslosigkeit der �Transportarbeiter. Um der Vcr« längernng einer unerträglichen Situation vorzubeugen und endlich die Pensionsfrage zu erledigen, hat die Arbeiterkammcr den all- gemeinen Ausstand proklainiert, der auf der ganzen Linie mit großer Solidarität durchgeführt worden ist. LrCtzU]Vachi*lchttti* Tie Sitzung des Großen Rates. Konitantinopel, 22. Januar.(Meldung des Wiener K. K. Tclegr.-Korr.-Burcaus.) Bor der Eröffnung der Ratgcbenden Vcr- sammln ng empfing der Sultan die Prinzen Fahrcddin und Abdul Medjjd und hierauf in deren Gegenwart den Groß- wesir und den«cheich ül Islam. Die Prinzen wohnten in ihrem an den Verhandlungssaal anstoßenden Salon dem Beratungen bei. Der Großwesir erklärte die Verhandlungen im Namen des Sultans für eröffnet. Sodann verlas der Generalsekretär des Minister- ralcs die Kollcktivnote der Botschafter in türkischer Uebcrsctzung, worauf der Kriegsministcr ein Bild der Lage der Armee entwarf. Ihm folgte der Finanzminister mit einer ausführlichen Darstellung der finanziellen Lage. Sodann verlas im Namen des Ministers des Acußercn. der durch eine- Erkältung an der Teilnahme vcr- hindert lvar, der Generalsekretär des Ministerrats ein Expose über die äußere Lage.'Daran schloß sich sofort eine Erörterung, die einen lebhaften Verlans nabm.'Sämtliche Redner, mit Ausnahme eines einzigen, billigten den Standpunkt der R e g i e r ü n g. Die Versammlung nahm die von der lliegic- rung gegebenen Erklärungen zur Kenntnis und sprach sich für die Annahme der Ko l l e k Ii v n o t e aus. Tie Regierung wird den Mächten antworten, daß sie ihre Ratschläge annehme und. von ihrem guten Willen überzeugt, die Versicherungen. die türkische Regierung finanziell zu unterstützen und für die dem türkischen Reiche verbleibenden Gebiete einzustehen, Kenntnis nehme. Die Aufnahme des Beschlnsies. Konstantinopel, 22. Januar.(W. T. B.) Tie Nachricht von dem Beschluß des Pfortcnratcs, die abends in der Stadt bekannt wurde. machte großen Eindruck und wurde selbst von dem türkischen Publi- kum mit B e s r i c d i g u ii g aufgenommen. Tie Anwesen- hcit des Prinzen Said Halim, des Generalsekretärs des jung- türkischen Komitees, wurde dahin gedeutet, daß sich das Komitee durch ihn habe vertreten lassen. Vom«chicksal schwer heimgesucht. Tvffcldorf, 28. Januar.(P. vp0n cincm schweren Schicksalsschlag wurde die Familie des Rangierers Hermann A n k l a u heimgesucht. Antlaii verunglückte auf dem Rangicrbabnhos Düsseldorf-Dereiidors tödlich. Als man seiner Frau die Hiobspost überbrachte, wurde sie wahnsinnig und wußte in die Irren- anitalt Grafenberg überoetübrt werden.______________ OauISinger& Eo� Berlin BWr�TcrzuS Beilagen».UnterhaltungsA. Ar. 19. 30. Jahrgang. 1. Keilize des Jotniütls" Inlinct loMlntt. Aannttstag, 23. Januar 1913. Reichstag. So. Sitzung. Mittwoch, den 22. Januar 1vt3, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratstische: Dr. Delbrück. Etat des RcichsamtS des Innern. Siebenter Tag. Zunächst wird über S3 zum vorjährigen Etat des ReichSamts des Innern beantragte und damals zurückgestellte Resolutionen ab- gestimmt. Abgelehnt wird die sozialdemokratische Resolution, die den Achtstundentag für die im Handels-, Industrie- und Verkehrs- Wesen beschäftigten Personen fordert. Angenommen werden— meist gegen die Stimme» der Konservativen— alle Resolutionen, die den Ausbau des Koa- titionSrechts und deS Arbeitsrechts verlangen. Angenommen werden ferner die Resolutionen, die ein Reichsberggesetz verlangen, ebenso die sozialdemokratische Resolution, in der für die technischen Angestellten und Bureau- angestellten ähnliche soziale Schutzbestimmungen verlangt werden Wie für die Handelsangestellten. Angenommen wird auch die sozialdemokratische Resolution, in der das Koalitionsrecht der Landarbeiter gefordert wird. Abgelehnt wird die sozialdemokratische Resolution auf Auf- Hebung der Gesindeordnungen. Eine Resolution auf Abänderung des ß 100 g entsprechend den Wünschen der Handwerker wird angenommen, desgleichen eine Resolution, welche die Bekämpfung der Animier- kneipen verlangt. Bei der Abstimmung über eine Resolution Brandys(Pole), welche von der Regierung Beihilfen an Private zu Versuchen mit künstlicher Bewässerung �künstlichem Regen) verlangt, stellt das Präsidium unter stürmischer Heiterkeit fest, daß das Resultat der Abstimmung zloeifelhaft sei und daher Hammelsprung erfolgen müsse. Lebhafte Heiterkeit herrscht auf den Tribünen, als Abg. v. Kroch er tkons.) schließlich als Letzter der Abgeordneten schlafend aus seinem Platze bleibt, und erst bei dem lauten Gelächter überrascht den Saal verläßt. Die Resolution wird mit 171 gegen 163 Stimmen an- genommen; für sie stinimen die Konservativen, Polen und Sozialdemokraten; gegen sie das Zentrum, die Rationalliberalen, die Bolkspartci und die Reichspartei. Es folgt dann die Abstimmung über die in diesem Jahre zum Titel„Staatssekretär" vorliegenden Resolutionen. Abgelehnt werden einige Resolutionen der Wirtschaftlichen Vereinigung, resp. Antisemiten, die völkische Wünsche enthalten. Eine Resolution Dr. W e r n e r jAnt.), die das gesetzliche Verbot der Natur- verschandelung durch Plakaie und Bretterreklanie fordert, wird mit den Stimmen von Abgeordneten aus allen Parteien a n- genommen. Von einer Resolution Dr. Werner sAnt.), die 16 Gesetze zum Schutze des gewerbetreibenden Mittelstandes verlangt, werden nur einige Teile angenommen, z. B. soweit die Heranziehung der y-abrikbelriebe zu den Mosten der Lehrlingsausbildung, der Fach- schulen und der Handwerkskammer unter Abgrenzung von Fabrik und Handwerk verlangt wird, ferner besondere Wahrung der Forde- ruugen des Handwerkes in der Konkursordnung, Errichtung cincS ReichSamtS zur Beaufsichtigung der Syndikate, Kartelle und ähn- lichcn Vereinigungen, Bekämpfung des versteckten Warenhandels. Verschärfung deS Gesetzes über Abzahlungsgeschäfte, Regelung des Submissionswesens bei Vergebung von Arbeiten für den Reichs- bedarf, weitere Einschränkung der Gefängnisarbeit. Fernhaltung aus- ländischer Hausierer usw. Schließlich wird namentlich abgestimmt über die konservative Resolution. Die Regierung zu ersuchen, alsbald und noch vor der all- gemeinen Revision des Strafgesetzbuchs dem Reichstag einen Gesetz- entwurf vorzulegen, durch welchen das S t r c i k p o st e n st e h e n verboten wird. Die Abstimmung ergibt die Ablehnung der Resolution mit 282 Segen 52 Stimmen bei 5 Stimmenthaltungen. Mit der Mehrheit immt auch der Abg. Graf Posadowsky. Hierauf wird die zweite Beratung des Etats des Reichsamts deS Innern beim Kapitel 7 Titel»Zentralstelle für Bolkswohlfahrt" fortgesetzt. Abg. Schultz die gcsanatncu flCijtifiCß KMte freigchc� MlM. es ein Fraktionsgenosse deS Herrn Gamp, der inzlvischen ver- 1 storbene Graf Douglas war. der im gewissen Sinne der intellektuelle Urheber dieser Zeutralstelle gewesen ist. Dieser Angriff deS Freiherr» v. Gamp siel zeitlich ungefähr zufamineu mit den bekannten Augriffen des inzwischen verstorbenen Scharfmachers Dr. A l e x a u d e r Tille gegen die Zentralstelle. Die Zentialstelle berichtet, daß sie seit jenen Angriffen einen erheb- lichen Mitgliederrückgaiig z» verzeichnen habe. Wir Sozialdemokraten sind auch keine Lobredner der Zentralstelle für Volksivohlfahrt; aber ivir stehen doch nicht da, wo die Herren Gamp und Tille stehen. Sie fürchten die Vergiftung der Regicrimg durch den sogenanilten Katheder so zialismus oder, wie er neuerdings heißt, KlassenmoraliSmuS. Wir sehen um- gekehrt in der Zentrale ein wertvolles Hilfsorgan der Re- gierung zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Daher haben wir gar keinen Anlaß, der Zentralstelle eine Reichs« Unterstützung zu bewilligen. Der Name„Zentralstelle zur Pflege der Wohlfahrt des deutschen Volkes" ist nicht gerade bescheiden, zu diesem Zwecke wurde bekanntlich seinerzeit das Deutsche Reich ge- gründet. Aber ich will gern die bescheidenere Auslegung des Namens zugrundelegen, die die Zentralstelle selbst für sich in Anspruch nimmt: Volkswohlfahrt sei eine freie Tätigkeit, die zu einer sozialen Besserung führe, welche durch bloße Rechtswirkung nicht erreicht werden könne. Ist denn die Zentralstelle frei in diesem Sinne? Sie ist zwar keine StaatSeinrichtung von Amts wegen, aber doch eine staatliche Einrichtung a u f U n, w e g e n, die Regie- ruugen haben innerhalb der Zentralstelle gerade so viel Einfluß wie sie brauchen, um alles durchzusetzen, was sie wollen, und alles zu verhindern, was ihnen nicht paßt, und haben andererseits so wenig Verantwortung, daß sie in kritischen Fällen den Kops jederzeit aus der Schlinge ziehen können. Die wirklich freie Tätigkeit zur sozialen Besserung wird aus- geübt von den Arbeitergewerksch asten und der sozial- dem akratischen Partei. Gerade diese beiden Faktoren für wirkliche Volkswohlfahrt sind aber in der Zentralstelle nicht vertreten, sondern werden von ihr bekämpfst Ich gebe zu, daß diese Bekämpfung nicht offen und nicht mit plumpen Mitteln vorgenommen wird, es ist ein Kampf nnt geistigen Waffen, die Zentralstelle bringt Argumente für ihre Anschaniuigen vor. Sie hat auch eine ganze Reihe von wertvollen Wissenschaft- lichcn Publikationen herausgegeben, die auch von uns für ein- schlägige Arbeiten gern benutzt werden. Uns ist selbstverständlich ein Gegner lieber, der uns mit geistigen Waffen bekämpft, als ein plumper Scharfmacher, möge er nun im Tone polizeilicher Unfehlbarkeit zum Volle reden oder seine Scharfmacherei einwickeln in süßliche Witzeleien. Aber die Sozialistenbekämpfung wird nicht zur Bollsivohlfahrt, wenn sie sich auch noch so akademisch gebärdet. Die Gegnerschaft gegen die Sozialdemokratie geht aus allen Publikationen sowie aus der praktischen Tätigkeit der Zentralstelle hervor. Selbstverständlich bestreiten wir der Zentralstelle nicht das Rechst die Sozialdemokratie zu bekämpfen, andere sozialpolitische Anschauungen zu verfechten als wir. Wir selbst machen ja von dem Recht, uns entgegenstehende Ansichten zu bekämpfen, ausgiebigen Gebrauch, und es stände uns daher schlecht an, wenn wir dasselbe anderen Leuten wehren wollten. Wogegen wir protestieren, ist die Subventionierung irgend welcher politischen Be- tätigung aus Staats- oder Reichsinitteln. Die Reichsein- nahmen werden aus den Steuergroschcn der Gesamtheit aufgebracht, in erster Linie aus indirekten Steuern. ES wäre eine gute Aufgabe für die Zentralstelle, nachzuweisen, wie sehr die Volkswohlfahrt durch das System der indirekten Steuern geschädigt wird.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Man kann von uns als den Vertretern von 4'/. Millionen deutschen Steuerzahlern nicht die Bewilligung von Mitteln verlangen, die dazu dienen sollen, uns zu bekämpfen. Ich will heute nur einen Zweig der Tätigkeit dieser Zentral- stelle kennzeichnen, der neuerdings besonders im Vordergrunde steht und bei dem ihre politischen Tendenzen besonders kraß zum Aus- druck kommen, das ist die sogenannte Jugendpflege. Ich will nicht bestreiten, daß sich die Zentralstelle in früheren Jahren mit den Problemen der Jugendpflege und Fürsorge beschäftigt, daß sie manche Frage in die öffentliche Diskussion geworfen und auch Material dazu geliefert hat. Ihre Veröffentlichung kann jeder mit Interesse lesen, der sich überhaupt für das Problem der Jugend- pflege interessiert. Aber dies Material ist jahrzehntelang unbeachtet geblieben. Anders wurde es erst, als die Arbeiter die Jugendbelvegung in die Hand nahmen. Das war der Arbeiter- bewegung ftüher nicht möglich, da sie unter dem Ausnahmegesetz und seine» Nachwehen, der Zuchthausvorlage usw., die Hände nicht frei hatte. Also als die Sozialdemokratie das Problem der Jugend- sürsorge ausgriff, da erkannten die Gegner der Arbeiterbewegung, wie wichtig für die geistige Verfassung der späteren Erwachsenen Allein wer möchte an die Weisheit der russischen Machthaber glauben? Eine Maschine für Bollsgemurmcl. In England hat man in einem Ncbenpostamt eine sonderbare Maschine aus- gestellt. Wenn jemand das Amt betritt, um eine Depesche auf- zugeben, verschwindet die Postvorst cherin mit ihr in die Telephon- zclle, wo sie telephonisch weitergegeben wird. Um nun das T e l e g r« m m g e h e i m»i s zu wahren, ruft die odcnenoähntc Maschine ein drohendes V o l k s g c m u r m e l hervor, das, anschwellend wie ein Sturm, die Stimme-der Telephonierenden übertönt.—'. � Die Engländer sind sonderbare Leute. Bei uns ruft Bcthmann Hollweg das drohende Volksgemnrmel völlig ohne Apparate hervor. Ein komplizierter Apparat wird erst angewandt, wenn das drohende Volksgemurmel bei den Wahlen e r st i ck t werden soll.— Uebrigcns würde es bei uns gar keines Volksgemurmels be- dürfen, um die Stimme einer Tclcphondamc zu übertönen.� Das könnte völlig zufriedenstellend vom Knurren des deutschen Magens besorgt werden. Und der knurrt wiederum ganz von selber. Firlding vor dem Sittenrichter. Viele Jahre lang stand Fieldings großer Sittcnroman„Tom Jones" in der städtischen Bibliothek zu Doncaslcr, ohne Anstoß zu erregen. Er wanderte bon Hand zu Hand und verschaffte seiner Bestimmung gemäß vielen Menschen Freude und Genuß. Da geschah es, daß ein Mitglied des Bibliothcksausschusscs das Buch mit nach Hause nahm, um sich zu ergötzen. Das war der Anfang von? Ende; denn nun kam die sitt- liche Verkommenheit des„Tom Jones" ans helle Tageslicht. Voll erhabener sittlicher Entrüstung eilte das tugendhafte Ausschußmitglied zu seinen Kollegen und beantragte mit Donnerstimme: „„Tom Jones" muß verbrannt werden." Vergebens legten cmigc Stadtväter ein gutes Wort für Ficlding und sein Meisterwerk ein, vergebens legte ein Stadtrat auseinander, daß es doch nicht an- gehe, den Vater des englischen Romans aus der Stadt zu verbannen. Selbst die Bitlc, man möge das Buch wenigstens als ein Dokument der Sitten einer längst vergangenen Zeit in der Bibliothek behalten. fand nur taube Ohren. Der arme„Tom Jones" wurde verurteilt, verbrannt zu werden. So geschehen im Jahre des Herrn 1913 in der guten Stadt Doncaitcr. wo die großen Pfcrdcwcttrennen statt- finden und die Leute im Punkte Literatur sehr penibel sind. Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch endlich an das Licht der Sonnen, und wenn auch erst nach 200 Jahren, Mister Ficlding! ES L-lLM ÄiKll M) M'ö Ml. T-M USiw? W«1 Mst ÜJJ eine rechtzeitige und gewissenhafte Pflege der Jugendlichen nach der Schulentlassung sei. Es ging nun sehr schnell mit der bürgerlichen Jugendpflege. Kaum ein Jahr hat es gedauert, und heute keimen Minister und Gehei m räte, Regierungspräsidenten und Land- r ä t e kaum noch eine wichtigere Aufgabe als die Jugendpflege, und die Stadtverwaltungen werden mit diesbezüglichen Verfügungen und Verordnungen derartig bombardiert, daß sie oft nicht mehr aus noch ein wissen. Der„Reichsbote" gibt die Gründe für dies plötzliche Interesse an, indem er sagt:„Die eigentliche Triebfeder der mit so großen Mitteln ins Werk gesetzten modernen staatlichen Jugendpflege ist nichts anderes als die Angst vor den Folgen der jozialdemokratischen.Hetze". Setzen wir statt dessen die Angst vor der Sozialdemokratie, so können wir das vollkommen unterstreichen. Bei dieser Sannnluug aller Bürgerliche» gegen die Sozialdemokratie steht nun die Zentralstelle für Volkswohlfahrt an der Spitze, ihr Werl ist gerade die Zusammenfassung aller bürgerlichen Jngendpflegebcsirebungcn, die Schaffung der sogenannten interlonfessionellcn Jugendbewegung. Von welchen Beweggründen sie sich dabei hat leiten lassen� beweisen z. B folgende Ausführungen im Heft 3 ihrer Flugschriften„Fürsorge für die schulentlassene länd- liche Jugend", verfaßt von einem der ersten Dezernenten der Zentral- stelle für dieses Gebiet. Es heißt da: „Mit Sorge muß es auch erfüllen, zu sehen, mit welchem Eifer die Sozialdemokratie sich bemüht, die Jugend in ihre Vereine zu ziehen. Es wird von den Sozialdemokraten offen zugegeben, daß hier die Jugend für den späteren politischen Parteikamps geschult werden soll. Neuerdings ist ja dem politischen Treiben der sozialdemokratischen Jugendvereine ein Riegel vorgeschoben, aber im geheimen geht die Wühlarbeit weiter. Bei der großen Erbitterung und Leidenschaftlichkeit, mit der von der Sozialdemokratie der parteipolitische Kampf geführt wird, wird schon in der Jugend jenes Mißtrauen und jene Haßstimmnng erzeugt, die es zu keiner harmonischen Entfaltung der Gaben und Kräfte des Gemütes und Charakters kommen läßt." Soviel Sätze, soviel Unrichtigkeiten. Der Verfasser muß es zunächst als Sachverständiger wissen, daß als er dies im Jahre 1910 schrieb, durch den berüchtigten Jugendparagraphen des Rcichsvereins- gesetzeS bereits allen proletarischen Jugendvereinen das Lebenslicht ausgeblasen war. Er scheint sich noch besonders darüber zu freuen, und fügt außerdem noch da? niedliche Deminziativnchen hinzu, daß im geheimen die Wühl- arbeit weiter gehe. Wenn er weiter behauptet, daß die Jugendbewegung von der Sozialdemokratie benutzt, werden solle, um aus den jungen Arbeitern und Arbeiterinnen gleichsam Sozial- demokraten sn rniniature zu machen, so ist das ein großer Irrtum. Vor diesem pädagogischen Mißgriff muß UNS schon das böse Bei- spiel der bürgerlichen Jugendbewegung warnen. Kommt doch die Jungdeutschlandbcwegung auf nichts anderes hinaus, als durch die Nachäffereien militärischer Exer- z i t i e n möglichst schon die Schulkinder zu kleinen Sol- baten zu machen. Wir wollen nur dafür sorgen, daß in der Jugend alle geistigen und körperlichen Fähigkeiten erschlossen werden. jSehr wahr! bei den Soziald.) Ebensotvenig wünschen wir eine politische Jugendwehr.„Politisch Lied, ein garstig Lied", sagen wir gewiß nicht. Wohl aber gehört zur Politik die robuste Natur eines Erwachsenen. Wir Sozialisten wollen den Kindern die Natürlichkeit der Jugend erhalten. Das Erwachen der politi- scheu Erkenntnis läßt sich ja gewiß nicht festlegen, das Reichsvereins- gesetz will dieses Erwachen mit dem 18. Jahre festlegen, bei manchen erwacht die politische Erkenntnis weit früher, bei anderen weit später, mancher gelangt nie dazu.(Heiterkeit.) Bei den Arbeiter- lindern erwacht sie im allgemeinen deshalb früher, weil in den Arbeiterfamilien man sich mehr um das öffentliche Leben kümmert, und vor allem weil die Arbeiterkinder schon mit dem 14. und 16. Lebensjahre in den Lebenskampf hinaus- gestoßen werden. In den Versammlungen der Arbeiterjugend wird keine Politik getrieben, sondern wissenschaftliche, literarische, künstle- rische Vorträge werden gehalten; gelegentlich spricht man natürlich auch über Politik, aber in unpolitischer Weise. Das ist natürlich möglich. sonst würde ja jeder Schullehrer, der über die politischen Gründe Friedrichs II. zum Schlesischen Kriege redet, Politik treiben. Um so mehr müssen wir uns gegen die Schikanen wenden, mit denen unsere Jugendbewegung verfolgt wird. Die Zentralstelle für Volkswohlfahrt trägt einen großen Teil der Verant- wortung für den Kampf der Behörden gegen unsere Jugendbewegung: denn sie steht an der Spitze der bürger- lichen Jugendbewegung, die ungehindert Politik treibt. Oder ist es etwa keine Politik, wenn die Kinder gegen die Sozial- demokratie scharf gemacht werden, wenn der F u n g d e u t s ch l a n d- b u n d geradezu systematisch die Kriegsverherrlichung treibt. Der Generalgewaltige deS Bundes, Feldmarschall v. d. Goltz, in dem„Kleinen Theater" im Hahmarket ein ehrenwertes Ministe- rium lächerlich machte, woraus dem englischen Theater der Zensor beschert ward, unter dem Ihre Nachfolger noch heute seufzen?, Was alles versickert wird. England ist das klassische Land der Versicherungen: ein Achtel der Ersparnisse der Nation werden direkt oder indirekt in Lebensversicherungen angelegt, und der Begriff der Versicherung ist ein so allgemein geläufiger, daß man meint, man könne sich dadurch gegen alle Zufälligkeiten und Gefahren des Lebens schützen. So gibt es Leute in England, wie uns eine Wochenschrift erzählt, die vorsichtig genug� sind, beim Eingehen einer Ehe sogleich eine Versicherung gegen Scheidung und— gegen die Ankunft von Zwillingen aufzunehmen. Tie großen Londoner Versicherungsgesellschaften haben zwar in neuerer Zeit ihrem Kundenkreise in der Suche nach den seltsamsten Objekten einige Beschränkungen auferlegt; aber der wunderlichen Versicherungen gibt es noch immer genug. So kann man sich z. B. versichern: gegen Schädigung durch Dienstboten, gegen Verlust durch schlechtes Wetter, gegen da» Liegenlassen von wertvollen Dokumenten� gegen neue Steuern oder neue Zölle, gegen bestimmte politische Gesetze usw. Ein Sänger oder eine Sängerin können sich gegen den Verlust ihrer Stimme versichern, und einem Vorsichtigen steht es nicht nur frei, für den Fall sich eine Sicherheit zu verschaffen, daß er selbst wahnsinnig wird, sondern auch für den Fall, daß irgend eine wahnsinnige Person ihre normalen Geisteskräfte wieder- gewinnt. Versicherungen gegen Erdbeben sind zwar in Albion nicht häufig, aber durchaus zulässig. Viel öfter nehmen Auto- mobilistcn den Dienst der Gesellschaften in Anspruch; sie können Vorsorgen für die Geldstrafen, die sie wegen zu schnellen Kahrens erhalten, und für die Unglücksfälle, die sie dabei erleiden. Die Höhe der Prämien hängt bei diesen Versicherungen der Auto- mobilistcn völlig von der bisherigen Führung des Kunden ab. Durch die Ausschreitungen der Suffragetten und die tumultuarischcn Vorgänge, die in den letzten Jahren England in Unrr.l>e versetzten, sind Versicherungen gegen den Verlust bei Aufruhr und Dcmon- strationcn sehr in Aufnahme gekommen. Die gewöhnliche Rate bei dieser Art von Versicherung ist nicht sehr hoch, aber sie steigt beträchtlich, wenn es sich um Lokale handelt, die an besonders auffälliger und gefährdeter Stelle liegen, oder um Persönlichkeiten und Geschäfte, bei denen vorauszusehen ist, daß sie irgendwie Haß und Erbitterung entfesseln könnten. Früher kam es häufiger vor, daß man Objekte versicherte, die in gar keiner Beziehung zu dem Versicherten standen, so z- B. das Leben irgend cnieS bekannten Räubers und Mörders usw. Einen tieferen Sinn für Gerechtigkeit wird man darin erblichen, wenn sich jemand zugunsten, setner WiÄlgPi soll neulich gesagt �abe«:„Wenn's doch einmal losginge.� Wie muß verartigeS auf die jungen Leute einwirken. Dr. O e r t e l hat neulich Herrn Hügel den 3 tat gegeben, für den Frieden zu wirken. Möge er doch einmal den Friedensstörern in seinen eigenen Kreisen das Hanb.werk legen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Die bürgerliche Lßugeridbewegung hat ja nur den Zweck, der S o z t a l d>e m okra tie den Nachwuchs abwendig zu mache n. Wir kö.anten das auf sich beruhen lassen, aber wir wollen nicht, daß Unfrieden in die Arbeiterfamilie hineingetragen wird. �Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Gerade sie, die die Fa.wilie als Grundlage der Gesellschaft hin- stellen, Helzen die Kinder gegen die Eltern auf. sSehr wahr! bei den So liirldemokraten.) Es ist unser gates Recht und unsere Pilicht, zu wüwöchen, daß unser Nachwuchs dereinst in unsere Fußta'gfen tritt. Wenn die Kinder reif geworden sind und sich als Erwachsene entscheid en, dann wollen wir, daß sie noch ent- schiedenere, bessere SozjalK mokraten werden, als wir. Freilich haben Sie die Macht, uns er natürliches Menschenrecht zu der- gewaltigen. Soweit mir fönr en, treten wir dem entgegen, und dazu gehört auch, daß wir hier du � geforderten Mittel für die Zentrale für Volkswahlfahrt verwe Egern.(Lebhaftes Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Prinz Schocnaich-Caroln(natl.): Der Vorredner hat weniger von der Zentralstelle für Vo lkswohlfahrt gesprochen als über die Jugendbewegung. Auf dies if cbiet will ich ihm nicht folgen. Wenn der Vorredner über Schikanen gegen die proletarische Jugendbewegung llagt, so sind das doch Beschwerden Über die Handhabung dcS VereinSg> iopeS. wofür doch die Zentralstelle für Volkswohlfahrt nichts kann. Sie kann doch auch nicht verant- wortlich gemacht werden für da-, was der Feldmarschall V. d. Goltz gesagt hat oder gesagt haben soll' er gehört nicht zum Beirat der Zentralstelle, ich bc.noeifke sogar, daß er überhaupt Mitglied ist. Tie S o ld a.t e n s pi e l e r ei der Kinder verurteilen auch v i e l e bürgerliche Parteien, av>er gerade die Sozialdemokraten, die sich der JUgcnd in. i Ii rem Sin» ie annimmt, kann sich doch nicht wundern, wenn wir uns zur Ben-ahrung unseres Nachwuchses zu- sammenschließen und unserer Jugerid die vaterländische Gesinnung und die Tradition unserer glorreichen Geschichte zu erhalten suchen (Bravo!).— Dem H:vnr'Staatssekretär danke ich, daß der Beitrag für die Zeirtralstetle, der 1910 nur DO 000 M. betrug, schon im Vor- jähr auf 12 500 M. erhöbt worden ist. CS ist ja nicht viel, aber doch erwas. Auch mein Dank lvmmr verspätet, aber besser spät als gar nicht(Heiterkeit). Abg. Dr. Pieper(Z.); Die Tätigkeit der Zentralstelle für Volkswohlsahrt ist auf keinen» Gebiet eine politische, auch auf dem der Jugendpflege nicht; sie ist lediglich eine beraren de Stelle. Daß fiü die proletarische Jugend- bewegung ablehnt, ist richtig; daraus kann man ihr sicherlich keinen Vorwurf machen.(Zustiimnung im Zentrum.)— Daß die Jugenderziehung nicht politisch sein smll. darin stimmen mit Herrn Schulz feine Parteisrennde nickt übevein. Sein Kollege Frank- Mannheim hat sich sehr energisch für die politische Erziehung der Arbeiterkinder im ,14.— 18. Lebensjahre ausgesprochen. Die bürger- lichen Jugendvereine haben sich dagegen nirgends einer de- stimmten politischen Partei angeschlossen. Die Regierung kann Mittel für eine Jugendbewegung natürlich zur Vcr- fügung stellen, die auf dem Boden der bestehenden Gesellschasts- ordnung steht.(Bravo! im Zentrum.) Unterstaatssekretär Richter: Die Zentralstelle für Volkswohlfahrt ist eine private, nicht poluriche Institution, in ihrem Beirat sitzen Männer aller bürgerlichen Parteien. Abg. Bruckhoff(Vp.): Herr Schulz verwahrt sich dagegen, daß die bürgerlichen Parteien der Sozialdemokratie die Jugend ab- spenftig machen wollen. Was aber will denn die Sozialdemokratie? Sie will doch die Jugend den bürgerlicken Parteien abwendig macken. (Sehr richtig! bei den bürgerlichen Parteien.) Die Gründung des Jungdeutschlandbundes mir ihrer Soldatenspielerei v e r- urteilen auch wir; viele pädagogische Kreise haben sich verstimmt zurückgezogen, lveit jeder junge Reserveoffizier in Uniform mehr gilt als sie, aber die nationale Erziehung unserer Jugend können wir nicht preisgeben. Die Schule befindet sich der Sozial- demokratie gegenüber in einer gewiss«» Notwehr. Ich verwahre die Lehrer dagegen, im Geschichtsunterricht blöden Hurrapatriotismus zu pflegen. Aber wir müssen der Sozialdemokratie gegenliber unsere nationale Einheit erhalten.(Lebhafter Beifall bei den bürger- lichen Parteien.) Abg. Tavidsohn(Soz.): Mein Kollege Schulz hat sich mit Recht dagegen gewandt, daß die Herren aus dem bürgerlichen Lager sich vorn Reich subventionieren lasten. Mögen fie sich doch zusammen- sckließeit gegen uns, ober dann sollen sie ihre Jugendbewegung ebenso bezahlen aus eigenen Mitteln wie wir.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das Budget der Zentrale für Volks- Wohlfahrt beträgt 130 000 M., die zum größten Teil aus Reichs- und Staatsmitteln, alfo aus den Müteln der Steuerzahler fließen. Dagegen protestieren wir mit Recht. Der Beirat der Zentrale und alle von ihr gebildeten Institutionen und Körperschaften sind ganz Humor und Satire. Gesundes Jrrenwesen. Ein Berliner mußte in einer Klagesachc zahlreiche Eingaben an die Gerichtsbehörde macken. Das Gericht schickte eine dieier Ein- gaben an den Polizeipräsidenten mit den, Ersuchen um Feststellung, ob der Mann, der durch so zahlreiche Eingaben lästig falle, nicht den Eindruck eines Geisteskranken mache, dessen Ent- mündsaung angebracht erscheine. Der Mann machte auf die polizeilichen Instanzen in der Tat diesen Eindruck. Er wurde sofort unschädlich gemacht. Nack zwei und einem halben Jahre wurde— wieder von einer Behörde— seine sofortige Entlassung angeordnet, da er durchaus ungefährlich sei. Die Kosten deS Verfahrens erhielt der Polizeipräsident auferlegt. Man erkennt zwei Möglichleiten statt einer, das Jrrenwesen auf eine gesunde Basis zw stellen: 1. alle Deutschen, die sich durch Eingaben lästig machen, werden auf Anrrag der Behörden entmündigt und interniert. Da nach neuen Feststellungen schon heute jeder sechste Deutsche Beziehungen zur Gerichtsbehörde hat, wird mit der Zeit der größte Teil des Volkes für irrsiimig erklärt. Zugleich mit diesem Prozeß vollzieht sich die Umwandlung des Jrrenrechts zum Landrecht, und es liegt bei den wenigen Gesunden, Reformen anzustreben. 2. Den Polizeipräfideiuen wird die Bestreitung sämtlicher Kosten, die aus den Klagen der Internierten erwachsenen, obligarorilch ge- macht— was den finanziellen Ruin dieser Unternehmungen zur Folge hat. Dadurch werden sie außerstand gesetzt, kostspielige Ent- mündigungen anzuordnen, und eine Reform des Jrrenwesens wird durch Ausschaltung der Polizei gegenstandslos. _(»Simplicisfimus".) Notizen. — Theaterchronik. In der Kursürstenoper fallt die Auf- führung vom„Kuhreigen" am Freitag aus, eZ wird dafür„Stella maris" gegeb-m. — Ä i n o z e n s u r. Das Lindaiiiche Kinodrama„Der Andere" wird, wie das„Berliner Tageblatt" erfährt, auf Wunsch der Zensur den größeren Kinotheatern vorbehalten bleiben. In den kleinen Kinos befürchtet die Polizei offenbar zum Verbrechen aus- reizende Wirkungen von dem Stück, wird doch darin ein„Reckis- anwalt" ohne zu wissen, wie und warum, zum Verbrecher. Ur- sprünglich war es sogar ein Staatsanwalt, aber die Filmgesellschaft halte schon aus eigenem einen Rechtsanwalt daraus gemacht. Wie man sieht, hat der Kotau nichts genutzt. Glücklicherweise verlieren die Besucher der kleineren Kino« nichts. Ob aber nicht mancher, der sich'S einen Taler kosten läßt, eher von der Lehre von der dov Velten Persönlichkeit" profitieren kann?. "_ Für Luftzwecke! Die offiziöse Presse dementiert die Melduna von einer neuen Flottenvorlage; eS handle sich nur um Kredite für Luftzivecke. Auf welche Militärforderung paßt das nicht? einseitig zusammengesetzt. Herr Müller- Meiuluge» hat ganz im Gegensatz zu Herrn Bruckhoff vor einigen Jahren diese Zusammen- setzung, bei der das künstlerische, das schriststellerische Element vollständig fehlt, in der immer nur eine bestimmte politische Clique Einfluß hat, scharf gerügt. Herr Bruckhoff will der Jugend den Respekt vor der Autorität erhalten wissen. Wie können Sie dann der proletarischen Jugend Mißacktung der eigenen Eltern ein- flößen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) DaS muß zu einer Zersplitterung deS Familienlebens führen, gegen die wir uns wenden. Herrn M i e p e r erwidere ich, daß politische Bildung nicht mit parteipolitlscher Bildung zusammen- fällt, und mein Parteifreund Frank hat in den von Pieper zitierten Stellen nur von allgemeinpolitischer Bildung gesprochen. Die Zentralstelle hält es nicht einmal für nötig, trotz der ihr gewährten Subvention der Reichstagsbibliothek ihre Publikationen zur Verfügung zn stellen, aus denen wir ersehen könnten, in welchem Sinne sie arbeitet. UebrigenS sollte uns auch einmal eine Liste vorgelegt werden über die Organisationen, denen Reichsmittel zur Verfügung gestellt sind. Bisher fehlt eS an eiuer solchen Liste die für unsere Information dringend notwendig ist. (Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Direktor Lewald: Es ist eine vollständige Sammlung der Publikalionen der Zentralstelle für Volkswohlfahrt im letzten Jahre vom Reichsamt des Innern dem Reichstag übersandt worden. Abg. Bell(Z.): Es ist erjreultch, daß es auch in diesem Reichstag noch Fragen gibt, in denen alle bürgerlichen Parteien der Sozialdemokratie gegenüber sich zusammenfinden.(Lachen bei de» Sozialdemokraten.) Partcipolitik wird von der Zentralstelle nicht getrieben, in ihr finden sich Vertreter aller bürgerlichen Parteien.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: bürgerlichen!) Man kann zusammenarbeiten zum Aufbau eines Gebäudes, aber nicht mit Leuten, die das Gebäude niederreißen wollen. Der Vorredner hat bestritten, daß die sozialdemolralische Jugendbewegung Parteipolitik treibe. In dem Programm dieser Jugendbewegung aber heißt es ausdrücklich:„ihr Ziel ist die Vorbereitung der jungen Proletarier für den Klassenkampf des gesamten Proletariats". Ich erinnere auch an die Worte Ihres verstorbenen Führers Singer in Nürnberg: „Wir wollen in den Köpfen und Herzen unserer Jugend pflegen den revolutionären sozialistischen Geist".(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Das beweist eben den parteipolitischen Charakter der sozialdemokratischen Jugendbewegung.(Abgeordneter Schulz: Die ist ja längst aufgelöst, wo ist fie denn?) Das wiffen Sie doch besser als ich. In Wirklichkeit arbeitet diese scheinbar aufgelöste Jugendbewegung ruhig fort. Auf der anderen Seite steht ihr die Zentralstelle gegenüber, die sich freihält von Parteipolitik.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Wir wünschen dringend, daß der Zuschuß für die Zentralstelle für Volkswohlfahrt in Zukunft erhöht werde. Abg. Schulz(Soz.): Wir wollen doch an der entscheidenden Frage festhakten. Wir haben gar nichts dagegen, daß die Zentralstelle uns bekämpft. aber wir lehnen die Unterstützung aus Reichsmitteln für eine solche Zentralstelle ab. die einseitig eine so große Partei wie die Sozialdemokratie bekämpft.— Herr Bruck- hoff scheint sich mit dem Problem herzlich wenig be- schäftijjt zu haben, wenn er bestreitet, daß durch den Geschichts- Unterricht aus Grund der kaiserlichen Erlasse in erster Linie die Sozialdemokratie bekämpft lverden soll.(Abg. Brock- hoff: Das ist nicht wahr!) Dann sind Sie wirklich sehr wenig orientiert.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Durch diese Art des Schulunterrichts und Ihrer Jugendpflege, tragen Sie erst den politischen Kampf in die proletarische Jugend hinein!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)— Gegenüber Herrn Bell konstatiere ich nochmals, daß es sozialdemokratische Jugendorganisationen leider nicht mehr gibt. Vielleicht mögen sich hier und da noch außerhalb Preußens einige solcher Vereine vorfinden, wo ein Staatsanwalt nicht so hinterher ist, jedenfalls halte ich eS für keine würdige Aufgabe eines Reichs« tagsabgeordneten, wie Herr Bell eS tat, gewissermaßen die Staatsanwälte in ganz Deutschland auf- zurufen, sie mögen sich auf die Suche nach solchen Vereinen begeben. Nein unsere blühende proletarische Jugendbewegung ist aufgelöst und gerade diese empörende Ungerechtigkeit hat die größte Erbitterung in der proletarischen Jugend hervorgerufen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Pens(Soz.): Bor zwei Jahren hat der Reichstag bei diesem Titel ein- stimmig eine Resolittion angenommen, das Reich möge dem Verein für soziale innere Kolonisation zum Zwecke der Für- sorge für vorübergehend Arbeitslose Förderung zu teil werden lassen. Wie der Bundesrat uns inzwischen mitgeteilt hat, sind dem Berein aus Reichsmitteln namhafte Beihilfen zugeführt worden. Die Bestrebungen dieses Vereins verdienen in der Tat große Beachtung. Seine Aufgabe ist die Beschäftigung von Arbeitslosen, die Vermehrung der landwirtschaftlichen Produktton, insbesondere der Viehzucht und der Bau besserer Wohnungen. Natürlich darf die Kolonisatton nur erfolgen in möglichster Nähe von Jndmtriegegenden. Wird die Kolonisation so weit ausgebaut,. daß Arbeiter dort dauernd angesiedelt werden, so muß man auch dafür Sorge tragen, daß die Arbeiter dort Mitglieder von Ge- nossenichaften werden können. Man wird dann auch viel leichter Arbeiter für diese Ansiedelungen gewinnen können. Die Debatte schließt. Der Titel wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten bewilligt. Zum Titel„Belastung des Reiches aus den auf Grund der ReicksversicherungSordnulig z u gewährenden Leistungen" beantragt die Kommission eine Resolution, die eine neue Berechnung über diese Belastung verlangt und. falls diese ge- ringer ist, als bei. der Schaffung der ReichsversicherungSordnung angenommen, eine Gesetzesvorlage, durch welcke die Renten so weit erhöhl werden, wie sie auS den verfügbaren Mitteln gezahlt werden können. Abg. Molkenbuhr(Soz.): Die Debatte über die Resolution in der Kommission war eine Fortsetzung' der Debatte über die ReichsversicherungSordnung. Damals sagte man von unserer Seite, so wird es kommen, jetzt mußten wir sagen: so i st es gekomme». Bei der Beratung der Reichsversicherungsordnuiig freilich bezeichnete man unsere Anträge als p h a n t a st i s ch und perfide, sie würden ungezählte Milliarden verschlingen. Wer das Einmaleins beherrschte, konnte schon damals sehen, daß das ganz„phantastische" Be- bauptiingen waren. Ich sagte damals schon, allzu lange könnte d i e Täuschung nicht vorhalten, die Abrechnung müßte ja bald die tatsächlichen Verhältnisse klarstellen. Aber schon bevor sie vor- liegt, ist zu ersehen, wie weit die Wirtlichkeit hinter den von der Mehrheit angenommenen Zahlen für den Reichszuschuß bei der Hinterbliebcnenversicherung zurückbleibt, obwohl man nicht die Beiträge, sondern die Leistungen erhöhl hat. Auch bei der Schaffung der Seemannsordnung hatte man uns solche„phantastischen" Berechnungen vorgelegt, wie bei der Hlnlerbliebenenversicherung. Die armen Witwen, deren Renten auf Grund des alten Gesetzes festgesetzt werden, erhallen heute»och nichts, sie werden bestraft dafür, daß die Mathemaliker sich so ungeheuerlich verrechnet haben. Schon nach den Erfahrungen bei der Seemannsordnung war es selbstver- ständlich, daß ich mich nicht auf die Berechnungen der Mathe- inatiker verließ. sondern selbständig eine Berechnung über die.mutmaßliche Belastung des Reiches durch die Hinterbliebeuenfürsorge aiistellte. Redner geht ans die Details dieser Rechnung ein. Es geht daraus hervor, daß die Renten erheblich erhöht werden können. Aber das wollte man nicht. Infolge dessen werden große, geradezu ungeheure Kapitalien an- gesammelt. Die Lasten der Versicherungsträger steigen in wenigen Jahren um 1 Rillion, aber bereits die Zinsen der im Reich' ersparten Summen betragen mehr. Für die Witwen und Waisen werden also so große Kapitalien angesammelt, daß die Witwen und Waisen bald die reichsten Menschen sein werden, die es gibt. Aber Hunger» miiffen sie dabei, ja verhungern.(Lebhaftes Sehr richttg! bei den Sozialdemokraten.) Diese Art der Behandlung erinnert an den Geizhals, der Schätze sammelt und vergräbt nnd bei all seinen Schätzen hungert.(Zustimmung bei den Soziald.) Angesichts dieser Verhältniffe sollte mau die Frage der Erhöhung der Renten dauernd im Auge behalten. Dabei sollte man nicht nur die Renten der älteren Leute erhöhen, sockdern auch die der jungen Witwen, die ja vielfach für Säuglinge zu sorgen haben. Das Zentrum hat sich ja ,n die München-Gladbacher Literatur eingelegt; bei objektiver Betrachtung sollten die Herren sich aber doch sagen, als fie seinerzeit mit Hurra mit der Mehrheit diese Witwen- und Waisenversicherung schufen, haben � dem arbeitenden Volk einen schlimmen Dienst erwiesen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Gebeimrat Caspar wendet sich dagegen, daß der Abg. Molkenbuhr die Ersahrungen des ersten Jahres der Hinterbliebenenversicherung seinen Berechnungen zugrunde gelegt habe, lleberall habe sich ge- zeigt, daß die Renten erst ganz allmählich den erwarteten Umfang annahmen. Die einzelnen Ausführungen des Redners bleiben auf der Tribüne unverständlich. Abg. Gothein(Vp.): Es wäre besser, wenn solche ausführlichen Berechnungen uns vorher schriftlich mitgeteilt würden; so können wir ihnen unmöglich folgen. Zugegeben ist, daß das erste Jahr einer neuen Versicherung immer ein Ausnahmejahr sein wird. Sollten die Ergebnisse auch des nächsten Jahres zeigen, daß eine Erhöhung der Witwen- und Waisenrenten möglich ist, so wäre das zweisellas eine unserer dringendsten Aufgabe. Der Resolution stimmen wir zu. Redner wendet sich zum Schluß gegen die Bernhardschen Aus- führungen in seinem Buche:„Die unerwünschten Folgen der Sozial- Politik". Staatssekretär Dr. Delbrück: Auch ich halte die Folgerungen dieses Buches für unzureichend; zum Teil sind sie durch Publikationen aus meinem Amt schon widerlegt. Ich werde demnächst alle auf dem Gebiete de» Schutzes der Gesundheit der Arbeiter geltenden neueren Bestimmungen zusammenfassen, nicht nur die Bundesrats- Verordnungen, sondern auch die Grundzüge, die zur Anleitung der lokalen Polizeibeamten. Gewerbepolizeibeamten dienen. Im An- schluß daran soll eine eingehende Darstellung und Würdigung der Ergebnisse unserer sozialpolitischen Gesetzgebung ausgearbeitet werden. Natürlich kann diese Arbeit nicht in wenigen Monaten be- wältigt werden. Abg. Giesberts(Z.j: Wir stimmen der Resolution zu. ohne ent- scheiden zu wollen, wer von den beiden Rechnern recht hat; aber wir wünschen, daß den Witwen und Waisen so viel gegeben wird. als nach den verfügbaren Mitteln möglich�ist.— Das Vorgehen von Prof. Bernhard soll man nicht unterschätzen, hinter ihm steht eine ganze Clique von Sckafmachern.(Sehr richttg l bei den Sozialdemokraten.) Bezeichnend ist. daß im„Tag" der frühere Abg. Beumer das Bernhardsche Buch eine Tat nennt. Abg. Molkenbuhr(Soz.) polemisiert gegen Einzelheiten in der Erwiderung des Geheimrats Caspar auf seine Berechnungen. Er habe übrigens seiner Rechnung nicht die Resultate des ersten Jahres der Witwen- und Waisenverstcherung zugrunde gelegt, sondern eine wesentlich höhere Zahl von Rentenberechtigten angenommen. Abg. Becker(Z.): Die Broschüre des Prof. Bernhard darf man auch nicht überschätzen; sie ist abgetan schon durch die kolossalen Uebertreibungen. die in ihr enthalten sind.(Sehr richtig I) Natür- lich gibt eS auch Simulanten unter den Arbeitern, aber von einer Renlensucht der Arbeiter, die zum Ruin des deutschen Vaterlandes führen kann, ist keine Rede. Es ist bedauerlich, daß eine solche Tendenzschrift überhaupt Unterstützung in Lrbeitgeberkreisen ge« funden hat. Die Resolution der Kommission wird hierauf angenommen. Die Weiterberatung wird vertagt auf Donnerstag 1 Uhr. Schluß ö»/. Uhr._ Hbgeordnetenbaiis. 116. Sitzung. Mittwoch, den 22. Januar 1S13, vormittags 11 Uhr. Am Ministertische! Schorlemer. Allgemeine Besprechung des LandwirtschaftsetatS. Abg. Heine(natl.) fordert höhere Aufwendungen zur Förderung der Viehzucht. Wir erkennen das Bestehen einer Fleischteuerung an, hätten eS aber lieber gesehen, wenn de» Städten statt de« ZollersatzeS eine andere Entschädigung gewährt worden wäre. Sobald eS irgend angängig ist, müssen die Maßnahmen aufgehoben werden. Im Interesse der inländischen Viehproduktion darf der Seuchenschutz und der Z 12 deS Fleischbeschaugesetzes nicht gemildert werden. Der Redner beklagt iveiter die unerträgliche Steigerung der Bodenpreise. Abg. Johannsen(fk.) spricht in dem gleichen schutzzöllnerischen Sinne. Die Kartoffeln sind billig, das verregnete Kont wird als Biehfutter verlvendet, also auch keine Herabsetzung der Futtermittelzölle. Abg. Dr. Pachuicke(Vp.): Durch die Zollerleichterungen, die den Städten bei der Fletscheinfuhr gewährt sind, ist ein gewisser Preisrückgang ,n den einzelnen Städten eingetreten. Die Rechte möchte ja die Geltungsdauer dieser Maßnahmen zur Milderung der Fleischnot möglichst emschxänken. Wir sind bereit, alles zu tun. was geeignet ist. unsere Viehzucht zu fördern. Sie(nach rechts) be- günstigen durch einen übermäßigen Kornzoll zu sehr den Körnerbau. Deshalb wenden sich die Landwirte van der Viehzucht ab und treiben mehr Körn erb au. unserer Viehzucht nach wie vor eine Wir verlangen im Interesse Ermäßigung, wenn es Der Ausgleich l» sein kann, eine Aufhebung der Futtermittelzölle.- den Relchsfinanzen wäre in einer entsprechenden B e s t tz st e u e r zu sehen. Auf dem G-di-te der inneren Kolonisatton ist sehr viel Auf kostbare dem Gebiete der inneren Die Behaupiung, daß die der Fleischteuerung schuld teit Schlachthofgebühren der Siädie an der ,mmo seien, wird durch die Denkschrift des deutschen«tädtetages zwingend widerlegt. Das ländliche FortbildungSwesen wünschen auch wir zu fördern. Die Begüiisiigung der ländlichen ArbeitSnachwelse ist zu begrüßen. Hoffentlich werden sie nicht einseitig im Jntereffe der Arbeitgeber verwaltet.(Beifall link«�) LandwirtschaftSminist.r Frhr.». Schorlemer: Eine Verlängerung der Einfuhrerleichterungon über den 1. April 1914 hlnauS ist aus« geschlossen. Inzwischen können ja normale Berhällmsse ein- treten. Auch die Produktionskosten der Landwinschafl sind gestiegen. Das Publikum muß sich daran g-wohnen, auch für Lebensmittel mehr ausgeben zu müssen, nur ungerechtfertigter Teuerung muß entgegen- getreten werden. Dauernde Besserung fft nur möglich durch Stärkung der inneren Produktion. Verträgen der Städte mit den landwirtschaftlichen Genossenschaften ist auch eine Besserung zu erboffen, aber die Genossenschaften können sich nur auf lanafristige Vertrage einlassen. Die Brüsseler Konvention im März voriaen Jahres hat-inen noch größeres Preisrückgang des Zucker» verblndert, deshalb sind wir für mogllchste Verlängerung der Kon- hnmit mmt hör*„ t c i c j~~ s«# die vention eingetreten, damit nicht der russische Zucker. Verhältnisse auf m"-rem Zuckermarkt allzu stark beeinflusse. tBeifall rechts.) Der Minister verbreitet sich dann über die landwirtschaftlichen Schulen. Der Forderung Dr. PachnickeS nach Aufhebung oder Ermäßigung der Futtermittelzölle er- widere ich. daß eme solche nur dem Handel und dem Konsumenten nützen würde, aber mcht dem Produzenten.(Sehr gut! der der Mehrheit.) Ich gebe mich nicht der Hoffnung hin. Herrn Dr. Pachnicke davon zu überzeugen(Heiterer Beifall bei der Mehr- heil), die Viehzüchter.aber fordern keine Beseitigung der Futter« mittelzölle. Das allgemeine und landwirtschaftliche Wohl erblicke ich nur im Festhalten an der bewahrt«« Wirtschaftspolitik.(Trofcer Beifall bei der Mehrheit.) Mg. Leinert(Soz.)? W!r stimmen für die Resolution der Budaetkommission, die eine Erhöbung der staatlichen Unterstützung für die landwirtschaftlichen Schulen fordert, denn wir sind immer für bessere Schulbildung. Wir sind aber entschieden dagegen, dah in diesen Schulen nach dem Wunsche des Abg. Wallenborn Religionsunterricht erteilt werde.— Was die Maßnahmen der Regierung gegen die Fleischteuerung anbelangt, so ist in der Kommission behauptet worden, daß infolge dieser Maßnahmen die Fleischpretse bis um 40 Pf. pro Pfund ge- funken seien. Das ist ganz unglaublich und die betreffende Stadt ist auch nicht genannt worden. Man konstatiert vielmehr als einzigen Erfolg der Maßnahmen, daß die Fleischpreise nicht noch höher geworden sind. Einen Schaden für die Land- Wirtschaft wagt niemand zu behaupten. Der Abg. v. d. Gröben behauptete, daß auch im Ausland nicht genügend Fleisch vorhanden sei. Das angebliche russische Fleischausfuhrverbot ist kein Beweis dafür, daß nicht genügend Vieh und Fleisch in Rußland selbst vor- Händen wäre. Em russischer Staatsrat hat der Stadt Berlin einen dreijährigen Fleischlieferungsvertrag angeboten, der jede Menge Fleisch liefern wollte, aber eine inehrjährige Garantie verlangte, weil dann die russische Regierung Kühlwagen hauen und den Transport in jedem Sinne erleichtern und verbessern wollte. Für die angetündigte Aushebung der Maßnahmen am 1. April l9l4 ist nicht der mindeste Grund genannt worden und selbst der Minister hofft nur, daß sich bis dahin die Fleischpreise wieder regulär gestalten werden. Der Minister hat aus der noch nicht veröffent- lichten Statist!! eine Vermehrung des Rindviehbestandes als wahrscheinlich erklärt, über auch er konnte nicht von einer V e r- mehrung desSchweinebestandes sprechen. Ganz natürlich, die kleineren Schweinezüchter können die hohen Ferkelpreise nicht bezahlen, dazu kommen die ungeheuer gestiegenen Futtermittel- preise, sodaß jeder Verdienst bei der Aufzucht von Schiveinen aus- geschlossen ist. Die Beseitigung der Futtermittel- zölle ist eine unbedingte Notwendigkeit. Gewiß, wir haben genug Futtermittel, aber sie sind nicht billig genug I Selbst da« durch die Witterung verdorbene Getreide wird als Viehfutter zu sehr höhen Preisen verkaust. sSehr wahr! links.) Viele Schweinemäster im Norden der Provinz Hannover sind ausschließlich auf russische G e r st e an- gewiesen, und so wie diese im Preise steigt, muß der Viehbestand dort herunter gehen. Auch wir stehen auf dem Standpunkt, daß es besser ist, wenn in Deutschland fo viel Vieh hervorgebracht werden kann, daß es zu annehmbaren Preisen verkauft werden kann, als daß das Fleisch aus dem Ausland eingeführt wird. Dazu gehören aber billig« Futtermittelpreise. Die EtalSforderung von 150 000 M. mehr als im Vorjahre zur Förderung der Viehzucht und deS Molkcreiwesens, sowie von 250 000 M. einmaliger Ausgaben u n t e r st ll tz e n wir voll- kommen, erachten sie aber als viel zu g e r i n g I sSebr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Der Minister hat die Aufhebung der Fleischeinfuhrerleichtungen ani 1. April 19l4 damit zu begründen versachl. daß in dem Reichsgesetz über die Aollersäge an Städie dieser Termin enthalten ist. Wäre es denn so schlunm, stall dieses willkürlich gegriffenen Datums einfach den 1. April 1920 einzusetzen? Der Minister antwortet ja gewöhnlich auf die Reden der Debatte, bevor der sozialdemokratische Redner herankommt, damit er uns nicht zu antworten braucht. Diese Dispositionen des Ministers sind uns ja natürlich völlig gleichgültig(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.), aber wir sehen darin eine Mißachtung unserer Partei und der in ihr vereinigten Bevölkcrungsschichten, die weil stärker sind als die Wählermassen hinter Ihnen(zu den bürgerliche» Parteien) allen zusammen I sLebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Auch ivir halten Abmawungen zwischen den landwirtschaftlichen Genossen- schaften und den Städten für wünschenswert, aber es ist natürlich, daß die Städte sich gegen große Verluste infolge der Preis- bewegungen sichern müssen, da sonst ihr ganzer Etat über den Hausen geworfen werden könnte. Man klagt über die viehlosen Wirtschaften, nun, wir halten vmges Jahr beantragt, daß die Regierung eine Nach- Weisung des auf den Domänen gehaltenen Viehes vorlegen solle, damit wir sehen, ob auch sie ihre Schuldigkeit zur Vermehrung de» Viehstandej getan hat. DaS Zentrum erklärte, diesen Antrag abzulehnen, wenn er den Zweck haben tolle, die Domänenpächler zur Viehhaltung zu verpflichten. Natürlich war das der Zweck unsere« Antrages. Sind denn die Domänen nur dazu da, daß die Pächter möglichst viel Geld an ihnen verdienen? Wir billigen die Einstellung von 60 000 M. für den Ankauf eines SenchenheilmittelS ni d be- dauern, d�v bisher die Wissenschaft den Erreger der Maul- und Klauenseuche nicht gefunden hat, inüffen aber feststelle», daß während der großen Verbreitung der Seuchen die�Landwirte nicht immer alles Erforderliche zur Bekämpfung getan haben. Der Minister er- klärte, daß bei der Neuordnung der Gemeindeabgaben auch eine Steuerentlastung der ländlichen Grundbesitzer eintreten solle. Bisher hat man sich hier aber nur für die großen Grundbesitzer eingesetzt, wir fordern, daß man bei jener Gelegenheit auch die Hand- und Spanndienste be- seit ige, die eine Fortsetzung der Leibeigenschaft bedeuten, die Einwohner ganz der Willkur der Gemeindevorsteher ausliefern und ebenfalls nur deshalb beibehalten werden, weil sonst die reichen Grundbesitzer mehr bezahlen müßten. Die Forderung der Konservativen, daß in den übrigens elenden, die Arbeiter völlig«ntrechlenden und ihnen sehr wenig bietenden Landlrankenkassen die Landrätc den Vorsitz führen sollen, wider- spricht völlig dem klaren Wortlaut der Reiwsversicherungsordnuiig. Sie würde aber dazu führen, daß der Landrat, der fast überall Vorsitzender des Bersicherungsamtes ist. darüber mir zu entsweide» hätte, ob seine Maßnahmen in den Landkrankenkaffen richtig sind l Ich mache den Minister aufmerksam auf jene bekonnte Ver» fügnnq der Generalordenskommission in Münster an die Spezial- komnnssare, worin die Verwendung von nur jüngeren und un« verheirateten Gehilsen empfohlen wird. Was sagt er zu dieser unerhörten Verfügung. Meine Schilderungen des ländlichen Wohnuiigselends haben«« immer als Uedemeibuilgen bezeichnet. Nun. die traurige Verbreitung der Tuberkulose auf dem Lande ist der beste Beweis für die»lichtigkeit meiner Angaben. Di« hannoverschen Untersuchungen des Professor Jakob haben er« geben, daß das furchtbare Wohnungseleud, die uiihyaienisch«,, Woh- »ungen ohne eigenen Schlafraum, ja ohne Betten. Schuld sind an der großen Verbreitung der Tuberkulose. v»e Leute haben kein Bettzeug und schlafen in den Kleidern. Professor Jakob stellt auch die Unterernährung und die ganz«, aller modernen Hygiene weltenferne Lebensweise der Landbevölkerung sest. Wir fordern eine Gewerbeaufsicht für die Landwirtschast. �r wahr! bei den Sozialdemokraten.) Davon wollen Sie natür- N-b nichts wissen. Zu wirklicher innerer Kolonisation gehört aber auch, daß die Landbevölkerung wiffe. wie sie in ihrem Interesse zu leben hat. Freilich, eine unfreie Arbeiterschaft wird das ine wissenl Und was für Zustände kommen da vor Der Redner erzählt jenen ,cho» auf dem Landarbeilerkongreb berichteten Fall erneS russiichen Arbeits- madchen«. das auf einem Gut in der Nähe Breslaus h i l f l o S und fKe.n die Arbeiter schliefen, ent- ?in£ Vsiif18 � M-brbeit) denken freilich nicht daran. den Landarbeitern H lfe zu bringen, Sie haben in einer vom Grasen V. Schwerin cmberurcnen auch vom Ministerium desuchten Konferenz am 23. Noveinber l9 2 hier im Hause beroten, wie die Organisation der Landarbeiter zu v e r h i n d e r n sei. Freilich waren in dieicr Gesellschaft kein« Landarbe»ter vertreten, sondern nur ihre größien Feinde.'m,' Xr Organisation hat ina» sich gewendet, ltlbst gegen die chrlstliche. die den Klassenkamps auss Land trage. Die„Kreuzzeitung freilich will überhaupt keine Gewerkschaften aus dem Lande.(Abg. v. Kessel flvns 1- S e b r g u t!) sind aufgescheucht durch die TStigkeu des Landarbe.terverbandeS. der sich sehr gut entwickelt und durch Preffe und UnterstüNunoen die Arbeiter sich anschließt, sie aufNärt und ihnen Rechtsschutz gewährt daß er 1912 über 4000 M. rückbehaltenen Ars.?tS- lohn erkämpft hat. Das LandeSökonomiekollegimn hat eine Broschüre deS Dr. ASmiß herausgegeben, worin RechtSauSkunftS- stellen gefordert werden— die möchte ich übrigens sehen, wenn sie einen Arbeiter gegen den Ritterguisbesitzer beraten'ollen I Durch die Kriegervereine und Kreisblätter will man die Ar- bester geistig heben.(Lebhafte Heiterleit bei den Sozialdemokraten.) Herr Asmiß bezeichnet die Beiträge der Landarbeiter an ihren Verband als— ausbeuterisch! Wohl, weil er rück- behaltenen Lohn herausholt! Aber Asmiß erkennt an. daß die Sozialdemokratie. der Landarbeitelcherband Solidarität Gemeinsinn und Selbstbewußtsein bei de»»naiven Landarbeitern" wecken, um deren Seele jetzt gekämpft werden soll. Man will nicht durch Ardeitgeberverbände eine Schranke errichten zwischen Guts- besitzern und Arbeitern, denn sonst beginnt der Klaffenlampf auch aus dem Lande I Asmiß will deshalb auch die Naturallöhne wieder einführen; wenn er aber behauptet, daß der Landarbeiter- verband die Arbeiter zum Ruin der Ernte und des Bichs erziehe, so ist das ein elendes, hetzerisches Lügengewebe, würdig deS Reichsverbandes gegen dieiFoziaGemokratie, der ja auch an jener Konferenz teilgenommen hat. Sie reden von der Kultur- aufgäbe der inneren Kolonisation. Wäre eS Ihnen um Kultur zu tun, so müßten Sie die Aufhebung der Ge- sindeordnung fordern, die die Landarbeiter unier Polizei- aufficht stellt, das Koalition Srecht gewähren, damit die Arbeiter mit den Gutsbesitzer» Tarifverträge schließen und sich ge- nojsenschaftlich zusammenschließen können. Dr. H a h n Hai auf jener Konferenz auch Arbeitcransiedelung verlangt, aber dieiAnsiedler nrüßten rechtlich und kulturell Arbeiter bleiben. Sie wollen die Ansiedler auf niedriger Kulturstufe und als Proletariat erhalten; alles, was Sie sonst über die Zwecke der inneren Kolonisation sagen, ist fauler Zauber!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Unter der Gesindeordnung und dem Kontraktbruchgesetz wollen Sie jetzt eine.Landarbeiterorganisation" schaffen, die Sie leiten können, wohin Sie wollen. Eine Scheinmitarb>eit in den Genosien- schaften wollen Sie den Arbeitern geben, aber so. daß sie nicht etwa die Gutsbesitzer überstimmen können.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Auf der Konferenz hat der Vertreter deS Bundes der Landwirte die Arbeiter als gleichwertige Mitglieder der Landwirtschaft bezeichnet; jetzt aus einmal l Die politischen Partei- prograinme sollen geändert werden, denn bisher sei zu wenig ?e s ch e h e n für die Landarbeiter.(Hört! hört I bei den Sozialdeino> raten.) Ich bin neugierig, was das reformierte konservative Partei Programm den Landarbeitern bringen wird.(Sehr gut! bei den Sozialdem.) Der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie hat in jener Konferenz erklärt, daß er schon die Adressen von 3000 Gutsbesitzern habe, die bereit seien, ihnen zugehende Reichs- Verbandsflugblätter an ihre Arbeiter_ zu verteilen. Es ist kein Wunder, daß Sie mit Ihrer Bekämpfung der Landarbeiter- organisation nun schon auf oen Reichsverband gekommen find. Die KnegervereinSvertreter verlangren bei jener Belegenhest, daß die Landarbeiter ihren Beitrag um 10 Pfennig erhöhen. Wenn aber die Landarbeiter für sich selber in ihren Organisationen wirken, dann nennt man das Ausbeuwng l Die Landarbester sind heute den Gutsbesitzern völlig ausgeliefert, da» soll aber noch schlmflner werden durch die famosen Spar- lassen, zu denen der Unternehmer auch einen kleinen Beitragsteil zahlt. Die Spareinlagen sollen aber erst ausgezahlt werden, wenn der Arbeiter eine besiiminte lange Zeit bei dem betreffenden Unter« nehmer gearbeitet hat. Nun hatmaneineH ei den angst vor der gewerkschaft» lich-genossenschastlichenBolkSversicherung. Volks- s ü r s o r g e" und Herr v. W a n g e n h e i m hat in jeuer Konferenz die Regierung aufgefordert, gesetzivilrig diese BoUsversichmmg zu verbieten. Der einzige Punlt. in dem diese Konferenz etwa« für die Landarbeiter Stellung genommen hat, war der. daß verlangt wurde, die Ausseher und Vorarbeiter müßten etwas vernünftiger mit den Landarbeitern umgehen. Bezeichnenderweise ist auf diese Anregung aber niemand in der Konserenz näher eingegangen. (HörlI hört! bei den Sozialdemokraten.) Wir verlange«, daß die ungeheuerlichen Mißhandlungen der Land- a r b e i t e r aufhören. Dutzende von Fällen könnte ich anführen, in denen solche Mißhandlungen eidlich erhärtet und gerichtlich festgestellt worden sind. Sogar wehrlose Mädchen sind in vielen Fällen brutal mißhandelt worden. In solchen Fällen könnten t ie RechlSauskunstSstellen der Konservativen im Verein mit dem Reichsverband und den Kriegervereineu unter der Protektion des Landwirlschostsminister««ine segensreiche Tätig keit entsolten.(Sehr gutl bei den Sozialdemokraten.) Aber diese AuSkunftSstellen werden sich hüten, gegen die Drang saliernngen und Mißhandlungen der Amtsvorsteher und Landrät« vor- zugehe». Die Gesetzwidrigkeiten gegen die Landarbeiter würden Bände füllen. Sie aber werden den Arbeitern keine Besserung schaffen, denn alle diese Gewaltmittel sind für Sie Instrumente, um die Landarbeiter in Knechtschaft und Leibeigen« schaft zu erhalten.(Unruhe bei der Mehrheit, lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten) Abg. Jany(k.) wirft dem Abg. L e i n e r t Unkenntnis der länd« lichen Berhälliiisie vor, und fordert im übrigen die Aufwendung von 4 Millionen jährlich zur Entschuldung der Großgrün d- besjtzer, damit die Scholle dauernd im Besitz der gleichen Familie bleibe. Abg. Graf v. Spee(Z.) spricht über die steuerliche Belastung de» ländlichen Grundbesitzes und bezeichnet die B o d e n r e f o r m e r als Sozialdemokraten. Er beschwert sich auch über störende Zwischen- rufe des Abg. Borchardt. Abg. Borchardt(Goz.)(persönlich): Zwischenrufe beleben doch nur die Debatte! Abg. Graf Spee: Als Abg. Borchardt am Sonnabend sprach, beschwerte er sich, daß er wegen einer ganz geringfügigen Unterhaltung einiger Abgeordneten seine eigenen Worte nicht ver- stehen könne. Abg Borchardt(So,.): Am Sonnabend während meiner Rede äußerte sich der hier» übliche Unfug, durch Privatgespräche den Redner zu stören und ich sagt«, daß schon etwa» dazu gehöre, bei so schwach besetztem Hause solchen Lärm zu machen. Das Hau« verlagt sich. Donnerstag 11 Uhr: Weiterberatung. Gestülsetat. Schstiß 4% Uhr._ parlamentanCcbcd. Wohnungßgesetzgebung.— Verschärfung der Strafen für Spionage. Die Debatte über das Wohnungswesen und die Aufgaben, die das Reich bei einer Wohuungsreform zu erfüllen hat, wurde in der Mittwochsitzung der Budgctlouimission des Reichstages fortgesetzt. Vom Abg. Jaeger lag folgende Resolution vor:„Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Rcichstanzler zu ersuchen, dem Reichs- tag bei Beginn seiner nächsten Tagung im Herbst 1913 eine Vor- läge zu machen, �nach welcher das Reich unter gewissen Bedingungen die Bürgschaft übernehmen wird für die zweiten Hypotheken der KlelnwohiiungSbautcn gemeinnütziger Baugesellschaften in dem Bauw-rk"Cln � � SP£05- des Gesamtwertes von Boden und � Kmffcrdativen beantragten hierzu, daß das Reich nur V urgschasten für Wohnungsbauten übernehmen soll, die für Reichs- beamte und Arbeiter in Reichsbetrieben errichtet werden.— Abg Jaeger betonte, daß da» Vorgehen der Büdgetkommission in diesen Tagen doch dazu geführt habe, die Reichsregierung für die Wohnungsfrage etwas in Bewegung zu bringen. Da die Einzel- staaten bisher nicht gewillt waren, auf dein Gebiete des WohnungS- wesens ernstlich etwas zu tun. muß nun das Reich eingreifen.— Abg. Gothein tritt gleichfalls für«ine starke Initiative peS Reichs auf dem Gebieke des Wohnungswesens ein.— Gen. Göhrs betonte, daß die gestrigen Erklärungen des Staatssekretärs eine Füll« von Hofsnungen, die draußen im Lande gehegt worden sind, zerstört haben. Daß das Reich kein Wohnungsauff'ichtsgesetz schaffen will, daran ist wieder der Widerspruch Preußens schuld. Die Reichs- gierung scheint bei den Auseinandersetzungen mit den Bundesstaaten nicht in wünschenswertem Maße nackensteif gewesen zu sein. Die Regelung der Kreditgewährung dürfe nicht nur so ersolgen, daß sie nur den Baugenossenschaften für die Beamten des Reichs zugute komme.— Staatssekretär Delbrück erläuterte seine Ausführungen vom Dienstag, da sie offenbar teilweise mißverstanden worden sind. Tie Wohnungsreform zu betreiben, sei in erster Linie Sache der Einzelstaaten und der Kommunen. Nur dann, wenn die Einzel- staaten vollständig versagen, sollten, müsse das Reich eintreten. Gegen ein Reichs wohnungsgesetz erheben alle größeren Staaten entschiedenen Widerspruch; speziell Preußen, das liunmehr selbständig vorgehen wolle, worauf die anderen Staaten sicherlich folgen werden. Seine(des Staatssekretärs) grundsätzliche Auffassung sei, daß die Wohnungsfürsorge den Einzclstaaten überlassen bleiben müsse, das Reich soll sich neben dem Bau von Wohnungen für seine Beamten und Angestellten, auf die Beschaffung von finanziellen Unterlagen für Gemeinden be- schränken, die Wohnungsreform betreiben. Auf dem Gebiete der Kreditgewährung, des Erbbaurechts und des Hypothetenrechts könne das Reich wertvolles schaffen.— Abg. Gras We st a r p wendet sich entschieden gegen eine Wohnungsrcform auf reichsgesetzlichem Wege. Er stimme aber dem Staatssekretär auch darin n ich t zu, daß das Reich eingreifen müsse, falls die Bundesstaaten ihre Pflicht nicht erfüllen. Entweder seien die Bundesstaaten allein zuständig, dann könne das Reich unter keinen Umständen eingveifcn, oder das Reich sei kompetent und habe seine Pflicht zu tun. Gen. S ü d e k u m führte aus, daß es sehr wohl möglich sei, ein Wohnungsgesetz durch das Reich zu erlassen. Weiter müsse das Reich auch statistisch die Wohimiigszustände zu erfassen trachten. Es würde dann auch der glatte Beweis geliefert werden, daß nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den kleinen Gemeinden eine scharfe Wohnungsmisere herrscht. Die Einwände, das Reich könne Bürgschaften über das ganz« Reich nicht über- nehmen, sei hinfällig. Die Menschenzucht sei doch unstreitig wichtiger als die Pferdezucht. Die Uebernahme von Bürg- schaften durch das Reich zum Wohnungsbau müsse auch für andere gemeinnützige Genossenschaften und nicht für reine Beamten- genossenschaften erfolgen. Gerade für andere Bevölkcrungskreise sei eine Hilfe im Wohnungswesen viel wichtiger als für die Beamten, die in gesicherter Stellung sitzen. Staatssekretär Delbrück entgegnete auf die Zweifel, die gegen seine gestrige Erklärung geäußert worden sind, daß er im Falle deö Versagens Preußens die Reichsgesetzgebung in Anspruch nehmen werde; dann müßte ein anderer Staats- seketrär das Versagen des Reichs vor dem Reichs» tag vertreten. � Die Resolution Jaeger fand einstimmige Annahme, ebenso ein Antrag Mumm, die Summe von 4 Millionen für den Bau von Kleinwohnugett angemessen zu erhöhen. Der konservative Antrag wurde abgelehnt. Im Etat der Reichsjustizverwaltung wird ein Reichs- anwalt mehr gefordert, weil auch die Zahl der Spionage» Prozesse gestiegen ist. Abg. Gröber fragte an. wann im Reichstage«ine Reform der GerichtsverfassungSgesetzs und der Strafprozeßordnung nebst Aenderung des Strafgesetzbuches vorgelegt wird. Staatssekretär L i S c o antwortete, erst dem nächsten Reichstage werden solche Vorlagen zugehen, weil vorher die Vorarbeiten nicht zu erledigen sind.— Abg. Schiffer regte eine Verschärfung der Strafbestimmungen für Spionagevergehcn an, trotzdem das Reichsgericht schon hohe Strafen auswerfe. Deutsch- land müsse auf diesem Gebiete dem Auslande folgen, das die Spionage weit härter bestrafe.— Staatssekretär L i Sc o erklärte, angeregt durch die Militärverwaltung erwäge die Regierung eine Verschärfung der Strasbestimmungen, eventuell werde ein neueÄ» Spionagcgcsctz vorgelegt werden.— Abg. Schiffer trat ferner auch für die Verschärfung der Strasbestimmungen bei Roheitsver- gehen ein. Der neu geforderte Reichsanwalt wurde gegen dnK Stimmen des Zentrums bewilligt, das eine Bosheitspolitik gegen das Reichsjustizamt treiben wollte wegen des Gutachtens über die Jesuitenfrage. Die Gröber und Erzberger waren recht unangenehm überrascht, daß ihre Bosheitspoliiii ohne Erfolg blieb. Die Konkurrenzklausel in der Kommission- In der ersten Sitzung wurden zunächst allerlei Wünsche ge- äußert auf umfangreiche Materialbeschaffung. Abg. Trimborn hält namentlich Material nach der Richtung hin für nötig, was von den Prinzipalen zugunsten der Konkurrenzllausel geltend zu machen sei; bisher hätten sich fast nur die Angestelltcni gerührt und den Reichstag mit Petitionen bestürmt, die Kommission aber müsse hier unbedingt Parität beobachten. Er wünscht auch Ueberfichten über die geltenden Gesetze in den hauptsächlichsten BerkthrSländern. Bei der Materialbeschaffung wünscht Abg. Wald stein(Bp.) auch die Befragung ausländischer Handels- firmen über die Praxis. Unsere Genossen Hoch und Giebel wandten sich gegen so weitgehende Vorschläge, die geeignet wären, die Kommiffionstätigkeit zu verzögern. Die Vertreter der Regie- runa sagten zu, der Kommissioil einen Auszug aus der Rundfrage bei den Handelskammern, Kaufmannsgerichten usw. im Jahre 1910 über die Aenderung der Konlurrcnzllauselbestimmungen vertraulich gnr Kenntnis zu bringen und auch Material über den Stand der internationalen Gesetzgebung beizubringen. Abg. Frommer(k.) hält dieses Material um so mehr für ausreichend, als in der D e n k s ch r i f t d e s Z e n t r a l v e r b a n- des der Handlungsgehilfen über die Konkurrenzklausel der Kommission eine durchaus gute Uebersicht über die einschlägigew Kragen an die Hand gegeben ist. Uebcr die Fragen: Verbot der Konlurrenzklausel und AuSdeh- nung der Gesetzesvorlage auf alle Angestellten und Arbeiter, setzte eine Generaldebatte ein. Hierfür lag folgender Antrag der Sozial- demokraten vor: Den 8 74 des Handelsgesetzbuchs wie folgt zu fassen: „Eine Vereinbarung fft nichtig, durch welche Lehrlinge, Ar- beiter. Angestellte des Handelsgewerbes für die Zeit nach der Beendigung des Dienstverhältnisses in ihrer gewerblichen Tätig- keit beschränkt werden. Unternehmer, die untereinander eine solche Beschränkung von Dienstverpflichtigten vereinbaren, werden mit Geldstrafe nicht unter 1000 M., im Wiederholungsfalle außerdem mit Haft be- straft. Die Verurteilung ist zu veröffentlichen." Genosse O u a r ck begründete den Antrag und wie» besonder? die Notwendigkeit der Ausdehnung dieses Gesetzes auf alle Arbeiter nach. Hiergegen wandte sich ein Regierungsvertreter: «ine solche Regelung sei ausgeschlossen. Er meinte, die Regierung würde ein Verbot der Konkurrenzklausel unter keinen Um» ständen akzeptieren können. Die Regierung halte die Kon- kurrenzklausel zur Abwehr eines unlauteren Weit- bewerbe» für berechtigt; nur hierfür solle sie auch erlaubt: sein. Der Prinzipal müsse sich davor schützen können, daß ihm z. B. ein Reisender fortengagiert werde, um idamst Kunden ab- zujagen. Heute bestünde ein Mangel, aus dem die beklagten Schä- den resultieren, nämlich daß die Prinzipale keinerlei Opfer zu bringen hätten; durch die vorgeschlagene Entschädigung wird dem Mangel abgeholfen. Solch« materielle Heranziehung sei ein wirk- sames Mittel und erfolgreicher als der österreichische Weg, der eine Gehaltsmindestgrenze zöge. Thoma(natl.) hielt schon nach dieser Ertlärung des RegierungSvertreters die Verbotsforderung für er- lsdigt und wandte sich gegen die Ouarcksche Auslegung der Gewerbe- freiheit. Genosse W e i l l meinte, die Kommission müsse es doch auf ein„Unannehmbar" ankommen lassen; durch die Kommissions- beratung müsse die Regierung eines Besseren belehrt werden. Sie selbst müsse ihre Stellungnahme erst einmal mit triftigen Eründew belegen. Wenn der Gehilfe in einem Geschäfte besondere Kennt» nisse erwirbt, dann sei da» in der Hauptsache doch seiner persön» lichen Fähigkeit zuzuschreiben. Aehnlich lieg« es bei dem angc» HSgenen Veispiek mit d«n G«fchäftsreisend«n. Die GeKkrH'efr«heit 'sei ein grundlcgei�es Wirtschaftsprinzip des heutigen Staates, daS für den Angestellten nicht zu seinen Ungunsten eingeschränkt wer- den könne. Wa Idstein(Vp.) bedauert, daß nicht auch gleich- tcitig die technischen Angestellten berücksichtigt werden. Einem verbot könne er nicht zustimmen, da die Konkurrcnzklausel nicht immer sür unzulässige Zwecke angewendet werde. Ein Regie- rungsvertreter führte aus, daß aus rein technischen Grün- den die Vorlage nicht die technischen Angestellten einbeziehe; das müsse einem besonderen Gesetz vorbehalten bleiben. Für die Jndu- •strie wäre auch vielfach eine kurzfristige Konkurrcnzklauscl für drei Jahre nicht genügend. Genosse Giebel bezeichnete die Gründe der Regierung nicht als stichhaltig. Tic besonderen Interessen der Faibrikantcn an den Produktionsmcthoden nsw. werden genügend geschützt durch Patent und Musterschutz. Im Handel aber gebe e« aar nicht solche Geschäftsgeheimnisse, die nicht auf anderem icgalen Wege jedem zugänglich sei. Deshalb kommen auch immer häufiger Stimmen aus Arbcitcrrcihen, die das Verbot'befürworten. Die Verhandlungen wurden auf nächsten Dienstag vertagt. Line neue enwickelungsphase der englischen Arbeiterbewegung. Sottbon, 21. Januar.(Eig. Skr.) Am 8. Februar werden in London oder Manchester die Vorstände der drei grohen Zweige der englischen Arbeiterbewegung, der Gewerkschaftsbewegung, der Gc- nosscnschaftsbewegung und der politischen Bewegung, zusammen- kommen, um über Mittel zu einem engeren Zusammenarbeiten zu beraten. Der enge Zusammenhang zwischen den Gewerkschaften und der politischen Arbeiterbewegung besteht ja schon seit länger als 13 Jahren, aber die Beziehungen zwischen den Genossenschaften einerseits und den Gewerkschaften und der Arbeiterpartei anderer- scits ließen stets viel zu wünschen übrig. Die Führer der Gc- mossenschaftsbewcgung waren meist Linksliberale, die die Worte des großen Owen nur bei festlichen Gelegenheiten im Munde führten, sich sonst aber ängstlich an die liberale Partei klammerten, der sie mehr als einmal durch offizielle Erklärungen wertvolle Wahlhilfe geleistet haben. Aber in den letzten Jahren hat sich dank der rührigen Tätigkeit unserer Genossen manches verändert; inner- halb der englischen Genossenschaften ist eine starke Bewegung heran- gewachsen, die die politische Betätigung der Genossenschaften auf dem Boden der unabhängigen Arbeitervertretung erstrebt. Augen- blicklich liegt dem Anschluß der Genossenschaften an die Arbeiter- spartet nichts im Wege. Aber nur eine, der etwa 1000 Mitglieder zählende Konsumverein von Tunbridge Wells, ist der Partei an- geschloffen. Die Frage der größeren politischen Betätigung der Genossenschaften wird wahrscheinlich ein Hauptgegenstand der Be- ratungen sein. Vorläufig werden nur die Vorstände der Genossenschaftlichen Union und der Arbeiterpartei und das Parlamentarische Komitee t>cs Gewerkschaftskongresses konferieren; später wird wahrscheinlich 'eine größere Konferenz stattfinden. Die Berührungspunkte der drei Bewegungen sind, wie die Erfahrung gelehrt hat, mannig- faltig und an Stoff zu einer gründlichen Besprechung dürfte es nicht fehlen. Die politischen Interessen der großen Konsumenten- masscn, die 2 8tM1 000 an der Zahl in den Konsumvereinen organi- siert sind und fast durchweg aus Arbeitern bestehen, kann natürlich nur eine Arbeiterpartei konsequent vertreten. Dieser Gedanke hat fich in den Reihen der englischen Genossenschafter immer mehr Bahn gebrochen und der Forderung, mit der Arbeiterpartei direkt zusammenzuarbeiten, Kraft verliehen. Nicht weniger wichtig ist das Zusammenarbeiten der Genossenschasten mit den Gewer!- schaften, dessen dringende Notwendigkeit die Erfahrungen der stürmischen letzten zwei Jahre jedermann klar gemacht haben. WaS die Genossenschaften auf diesem Gebiete zum Wohle deS Prole- tariats leisten können, das zeigte namentlich der große Berg- arbeiterstreik. Damals ermöglichten cS die Konsumvereine vielen Tausenden von Bergarbeitern, in schwierigen Zeiten den Kopf über Waffer zu halten. Manche Vereine verteilten auch systematisch Nahrungsmittel an andere Arbeiter, die durch den Bergarbeiter- Areik in Mitleidenschaft gezogen worden waren. ES ist jedoch auf dem Gebiete der Finanz, wo die Genossen- schaften den Gewerkschaften unschätzbare Dienste leisten könnten. Man betrachte sich nur einmal die augenblickliche Lage. Viele Gewerkschaften in Großbritannien haben große Summen in den Unternehmungen angelegt, in denen ihre eigenen Mitglieder be- schüft igt werden. So haben die Eisenbahngewerkschaftcn viel Geld in Eisenbahnaktien angelegt, die zur Zeit großer Kämpfe nur mit empfindlichen Verlusten verkauft werden lönnten. Die sofortige Realisierbarkeit der Gewerkschaftsgeldcr ist serner eine andere brennende Frage. In mehr als einem Bcrgarbeiterverband kam eS gegen Ende des Streiks im vorigen Jahre zu verzweifelten Situationen, weil die Banken den Gewerkschaften gegen die vor- handenen Werte keinen Kredit einräumen wollten. Wie sollten die Sekretäre den enttäuschten Mitgliedern, die ihre Strcikunter- stützung verlangten, die der Abrechnung gemäß da sein mußte, das Funktionieren des modernen Banksystems erklären? Es gehört nicht viel Einbildungskraft dazu, sich die Szenen auszumalen und den Sekretären den tiefen Eindruck nachzuempfinden, den das Fehl- schlagen der Gewerkschaftsfinanz auf sie machen mutzte. Wir er- ümern uns, wie einer verzweifelt nach London reiste, um den Präsidenten des Grafschaftsverbandes zu holen, da er sich allein picht traute, vor die Mitgliederversammlungen zu gehen. In normalen Zeiten mag die Realisierung der Gewerkschafts- gelder nicht besonders schwierig sein, aber in kritischen Zeiten, wie bei dem Bergarbeiterstreik, macht sich der Einfluß der Unternehmer auf die Bankdirektoren zweifelsohne geltend. Hier könnten nun die Genossenschaften den Gewerkschaften große Dienste leisten und selbst viel profitieren. Man wird auf der Konferenz die Frage erörtern, wie die Gewerkschastegelder in genossenschaftlichen Unter- nchmungen angelegt werden könne» und wie die Genossenschaften den Gewerkschaften billiges Geld verschaffen können. Es handelt sich also um das Problem, die Genossenschaften zu den Bankiers der Gewerkschaften zu machen. Schon heute verwalten die briti- scheu Genossenschaften erfolgreich gewaltige Summen, arbeiten sie doch mit einem Kapital von ungefähr SO 000 000 Psund sl Milliarde Mark) und haben sie doch einen Jahresumsatz von ungefähr 150000000 Pfund(3 Milliarden Mark). Man kann zuversichtlich annehmen, daß sie auch den vorhandenen Gewerkschaftsschad t8 Millionen Pfund) und die Jahreseinnahme der Gewerkschaften (4 Millionen Pfund) gewinnbringend für beide Parteien verwalten können wird. Die Konferenz wird sich auch mit der Frage besassen. in welcher Weise sich die gegenseitige Unterstützung der Gewerkschaftsbewegung und der Genossenschaftsbewegung auf anderen Gebieten besser aus- gestalten läßt. Die Genossenschaften müßten mehr als bisher zu Dckrittmachern des sozialen Fortschritts werden, mdem sie aus ■wn zahlreichen Betrieben Musterbetriebe machen, die Löhne Austreiben, die Arbeitszeit verkürzen, nur Gewerkschaster an- �iC Gewerkschafter müßten ihrerseits mehr für die Propa- «ieruna genossenschaftlicher Ideen tun und die Genossenschaften m Kamp e gegen seindliche Kapitalisten wirksam durch den mnnkatt und ähnliche Mittel unterstützen. Wie man steht, mangelt Ät �"ial zur Diskussion. Man kann de» Borstanden der beteiligten Arbeiterorganisationen zu ihren Berakungcn nur Glück wünschen. Schwimmende Särge- Vor einigen Tagen brachten die Zeitungen die Meldung, daß der französische Postdampfer„St. Augustin" gesunken sei. Das Schiff soll nach der Ansicht von Mannschaft und Passagieren in so schlechtem Zustande gewesen sein, daß selbst die Planken vom Rost zerfressen waren. Es handelte sich also um ein typisches Sargschisf; ein Schiff, dessen traurigen und sür die Besatzung gefahrvollen Zustand der Besitzer wohl kannte, in tapitalistischcr Gewissenlosigkeit jedoch stillschweigend guthieß. Solche Schiffe sind meist hoch V e r- sichert; um die Mannschaft schiert sich der Reeder so gut wie gar nicht. Was ficht es ihn an, wenn der Kasten mit der Be- mannung sinkt, den Familien der Ernährer, den Frauen der Gatte, den Müttern der Sohn genommen wird? Er prüft lediglich seinen Profit. Die Frühjahrs- und Herbststürme fordern regelmäßig ihre Opfer an Menschen und Fahrzeugen. Wie groß die Zahl der der- lorencn Schifte ist, darüber gibt Auskunst eine Statistik des eng- tischen Hafenamts in London. Dort wurden im letzten Jahre 36 Schiffe mit 34 232 Ncttorcgistcrions als verschollen ge- meldet; wozu dann noch diejenigen Schifte kommen würden, deren Schiffbruch man festgestellt hat. Von diesen 36 Schiffen waren 18 Dampfer und 18 Segelschiftc.-Unter ihnen befanden sich zwei großedeutscheSegler, z weide utsche Fischdampfer, ein Fracht d am pser und ein deutscher Schoner. Die meisten Schifte finden auf dem Atlantischen Ozean ihr Grab, und gar viele Tragödien von der Art, wie sie Gerhart Hauptmann in seinem„Atlantis" geschildert hat, spielen sich aus dein Meere ab. Nach dieser Londoner Statistik, die aus Vollständigkeit natür- lich keinen Anspruch machen kann, haben mit den 36 Schiffen zugleich 650 Personen ihr Grab in den Wellen gefunden. 650 Personen, von denen man nicht weiß, ob und wo der Tod sie ereilte und die eine bange Sorge ihrer Angehörigen wurden! Gewiß, von manchem Fahrzeug mag zugegeben werden, daß es den erforderlichen Ansprüchen genügte und leider vor der Macht der Elemente keine Schutz finden konnte; aber wie viele mögen darunter gewesen sci», die in ihrem Zustande der Hcijcrmans- schen„Hoffnung auf Segen" oder der Frenffenschen„Anna Holl- mann" glichen? Sie ruhen auf'dem Meeresgrunde oder schwimmen als Wrack in den ozeanischen Gewässern, jeder Nachkontrolle ent- zogen. Kein Ucberlcbender kann über die Ursachen und die Todes- quälen der Betroftencn berichten. Die„Macht der Elemente"— das ist der Trost sür den Besitzer. Mir Leichtigkeit könnte man eine ganze Reihe von Seeamtsurteilcn aus den letzten Jahren auf- zählen, in denen die Sceuntüchtigkcit der Schisse schwere Kata- strophcn herbeiführte. Ein paar Beispiele mögen genügen:„Ter schlechte Zustand des Schisses war nicht geeignet für die Seefahrt," lautet eine Stelle in dem Spruch des Danziger Secamtes vom 9. April 1910, das übr die Strandung der beiden 40 Jahre alten Dampfer„Prinz Heinrich" und„Adler" zu urteilen hatte. Bei der Todcsfahrt des Roftocker Dampfers„Edith" vor zwei Jahren mußte gerügt werden, daß schon beider Abfahrt Wasser indasSchiff gedrungen war. Eine ganze Anzahl braver Seeleute hatte den Tod gesunden. Der Vertreter des Reichs-Oberseeamtes, Re- gierungsrat Wolfram, sprach damals die Hoffnung aus,„daß ein so trauriger Fall, der ein so schlechtes Licht auf die deutsche Seeschiffahrt zu werfen geeignet ftt, möglichst selten bleiben möge". Auch das Ueberladen der Fahrzeuge, wie es trotz Kon- trolle leider noch immer vorkommt, trägt sein gut Teil zur Ge- fährdMg von Schiff und Besatzung bei. In Hamburg fand im vorigen Jahre eine Versammlung der Kapitäne statt, in der ohne Widerspruch konstatiert wurde, daß die meisten Frachtschiffe 10 bis 13 Proz. im Durchschnitt zu schwer laden. Bon deutschen Secschisscn sind in den Jahren von 1901 bis 1910 über 600 Fahrzeuge gesunken. Ein Teil davon ist ver- schollen, ohne daß man eine Nachricht erlangte, wann und wo es fein„Biskoya" fand. lDie gefahrvollen Stürme'der Biskaya sind es in der Hauptsache, die die Schisser fürchten.) Aus diesen 600 Schiften waren 7237 Mann Besatzung, von denen 2013 i hr Grab in den Fluten fanden. Vielfach sieht die Besatzung eines ausfahrenden Schiffes die ihr drohende Gefahr bereits bei der Ausfahrt. Mit Zittern und Zagen vertraut sie sich dem Kasten an. Die Bemannung möchte am liebsten dem gefahrvollen Fährzeug fernbleiben— doch:„Mich brächten keine zehn Pferde auf einen„Hollmann", aber ich habe zu Hause Frau und Kinder, die nach Brot schreien!" läßt Frenssen in seinem hierfür typischen Roman die Helden ausrufen, und das ist der wahre Grund, warum solche Scclenvcrkäuscr noch ihr Personal finden. Der Schrei nach Brot übertönt alle nüch- ternen Erwägungen. Läuft aber die Besatzung unterwegs dem Todesschi ft weg, so wird sie wegen Kontraktbruch bestrast. Wenn irgendwo, so ist im Scemannsberuf«der rücksichtsloe Kampf?cr geschlossenen Arbeiterorganisationen gegen die Habgier des Reeder- kapitals heilige Menschenpflicht. Denn die Maßnahmen, die die Regierung des Klasscnstaates für die Sicherheit der Seeleute er- greift, sind ebenso unzulänglich wie die morschen Planken eines Sargschrfses.'__ 6encbt9- Zeitung. Nachklänge zum„Kampf um Nissen". Zu dem in der Bühnenwclt jetzt abgeschlossenen„Kampf um Nissen" gehören die Privatklagen, die gestern vor der 148.?lbteilung des Amtsgerichts Berlin-Mitte unter Vorsitz des Amtsrichters Dr. Menzel zur Erledigung gebracht wurde». Als Kläger trat der Vize- Präsident der Bühnengenoffenschaft, Gustav Rickclt, gegen die Mit- gliedcr des Protestbnndes, die Schauspieler Erich Ziegel, Reinbold Köftlin, Hofschauspieler Ballentin, Zimmerer, LShr und Liipschtiy auf. Diese hatten Widerklage erhoben. Nach zweistündigen Bemühungen brachte der Vorsitzende einen Bergleich in folgender Form zustande:„Der Privatklägcr sRickelt) erklärt: Ich habe niemals behaupten wollen, daß die Angeklagten mit dem Deutschen Bühnenverein gemeinschaftliche Sache gemacht oder mit dem Redakteur Edmund May in Verbindung gestanden baden. Sofern aus meiner Rede eine Beleidigung hervorgehen sollte, gebe ich die Erklärung ab. daß ich die Angcilagtcn in keiner Weise babe beleidigen wollen.— Die Angeklagten erklären bicrauf- Nach dieser Erklärung des Privattlägers ist unseren Erklärungen im 4. Flugblatte über den Privatkläger der Boden entzogen. Wir nehmen daher die darin enthaltenen Beschuldigungen und Bcleidi- gungcn mit dem Ausdrucke des Bedauerns zurück.— Ferner ver- gleichen sich der Privatkläger und der Angeklagte Erich Ziegel in einer anderen, beim hiesigen Amtsgericht schwebenden PrivatÄagc dahm, daß der Angeklagte d,c dort tnkriminierte Beleidigung mit dem Ausdrucke des Bedauerns zurücknimmt. Außerdem schließen in einer bei dem Amtsgericht Charlotten- bürg schwebenden Privatklagesache Köstlin und Zimmerer wider Rickelt folgenden Vergleich: Die dortigen Privatkläger nebmen nach der ihnen abgegebenen Versicherung des dort Angeklagten die Klage zurück., a,., Demgemäß wurde das Verfahren in diesen drei Streitsachen eingestellt. 'Lux tsa. Sciaginaictf nmaitoj a-atoteamtn. VruSu. Verlag: Baaffidl J. Raubanfall. Ein räuberischer lleberfall aus einen Filialleiter der Koosmn» genoffenschaft für Berlin und Umgrgcnd lag einer Anklage wegen versuchten Raubes und Ticbstabls zugrunde, welche gestern unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Zimmermann das«Schwurgericht des Landgerichts II beschäftigte. Aus der Untersuchungshaft wurde der Malcrgchilfe Friedrich Andorf vorgeführt.— Der Angeklagte hatte Ende Dezember v. I., als er arbeitslos und ohne Subsistenzmittel war, den Plan gefaßt, sich durch einen Raubanfall auf den Leiter der Filiale der Konsum» gciiossenschaft in der Arndtstraße 5, den Kaufmann Steinbrecher aus Neukölln, in den Besitz von Geldern zu setzen. Da er keine zur Aiissühriiiig der Tat geeignete Waffe besaß, entwendete er dem Malcruicister Müller cincii ctlva sechs Pfund schweren «chmicdcyainmrr, den er zu der Tat benutzen raolltc. Am Abend des 30. Dezember v. I. versteckte er sich hinter dein Kcllereingang in dem Hausflur des Hauses Arndtstr. 5 in der Erwartung, daß Steinbrecher liiit der gesamten Tageseinnahme in der Tasche daS Geschäft durch die dicht neben dem Kellcrcingang liegende Hinter- tür verlassen lvcrdc. Wie der Zeuge Steinbrecher früher bekundet hatte, hatte er an jenem Tage schon den ganzen Tag über ein un- bestimmtes dunkles Gefühl gehabt, als wenn ihm an diesem Tage irgendein Unglück zustoßen würde. Er ivar deshalb doppelt vor- sichtig und hatte tatsächlich diesem Umstände sein Leben zu ver- danken. Als er aus der Hintertür heraustrat, sah er unwillkür- lich auch nach lints in die dunkle Ecke neben dem Kcllercingan�. In demselben Augenblick stürzte auch schon der Angeklagte mit hochgehobenem Hammer auf ihn zu. Steinbrecher hatte die Geistes- gegcnwart, rasch zurückzuspringen, so daß der ihm zugedachte Schlag die Tür traf. Ter von dem"Angeklagten geführte Schlag war so wuchtig, daß der Hammcrkopf absprang und die Türfüllung heraus» schlug. Der Attentäter ergriff die Flucht, wurde jedoch bald eingeholt und der Polizei übergeben.— Mit Rücksicht auf die außerordcntliaw Gcmcingcfährlichkcit der Tat des Angeklagten, der übrigens bisher noch völlig unbescholten ist, erkannte das Gericht, dem Wahrspruche der Geschworenen gemäß auf 2 Jahre und einen Tag Gefängnis sowie Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahre».___ Leichtsinnige Betrügerei. Gegen die betrügerische Erlangung von Znigrngcbühren wird in der letzten Zeit von den Gerichten mit aller«chärfe vorgegangen. Ein derartiger Fall beschäftigte die 3. Strafkammer des Land- gerichts I. Wegen Betruges zum Schaden des Justizsisius und schwerer Urkundenfälschung war der«Schlosser Jakob Gierer an» geklagt. Ter Angeklagte war im vergangenen Herbst in einer in dem Moabiter Kriminalgericht verhandelten Straftache als Zeuge ge, laden. Bei der Berechnung der Zeugengebühren in der Gerichts» lasse gab er dem Selretär Pactzold an, daß er bei der Großen Ber» liner Straßcnbahngesellschoft beschäftigt sei und augenblicklich, d 30. Juli 1912 den Maschinenmeisier Paul Lang wegen schwerer Urkundenfälschung zu einer Woche Ge,°ngn.« verurteilt. Der Er- öfsnungsbcschluß halle aus einfache Urkundcnsalichung und Bc- leidigung gelautet. Ter Angeklagte hatte ,emer Schwägerin, c.ner Frau Z.. eine Ausichtsvo,-karte gesandt, mit welcher er sie wegen ihrer Gesprächigkeit und angebticheil Vorliebe für kräftige Ge- tränke verspotten wollte. Ferner ,6ineb er an den Fabrikanten eines Schnapses eine Postkarte, welche etwa folget, den Text cnt- hielt: Ersuche um Preisangabe Ihrer Kirschwaffer. ergcbrnst Frau Z., Schnapsniederlage; folgt.ldreffe der Schwägerin. Der Schnaposabrikant stielt die Karte sur ernsthaft gemeint und sandte unter der Aufschrift:„Frau Z.. Branntweinnicdcrlage" sein Preis- Verzeichnis. Natürlich fand ,zrau Z. auch bei dieser Sendung sofort die Spitze heraus, die sie treffen follte. und stellte gegen ihren spott» süchtigen Sckwagcr Strafantrag wegen Beleidigung. Sir war je- doch großmütig und zog ,n der Hauptverhandlung den Antrag zurück. Wenn nun der Angeklagte auch nicht wegen Beleidigung bestraft werden konnte, so mußte ihn doch das Gericht wegen Ur- kundenfälschung verurteilen, und zwar wegen schwerer nach 8'--0° StGB., da der Angeklagte den Namen seiner Schwägerin wider- rechtlich auf der zweiten Postkarte verwendet und in der Äbflcht gehandelt hatte, ihr-schaden zuzufiigcn. Diese Postlarte selbst wurde als bcwciserhebliche Urkunde angesehen.... Tic gegen die, es Urteil eingelegte Revision wies das Reichsgericht mit der Begründung zurück, die zweite Postkarte ft' mit Recht als eine Urkunde angesehen Sie war als beweiscrhcblich anzusehen insofern, als durch sie die Tatsache bekundet wird, daß die Zustellung eines Preisverzcichnisics gewünscht wird. Das Erkenntnis sann als Warnung an diejenigen dienen, die aus«Scherz den Nennen eines midercn mißbrauchen. Kiua.r u.So. fflultnAtf" Dr. 19. 39. Jahrgang. 2. MW des Fmiirls" Knlim Wksdlck Donnerstag, 23. Janaar 1913. Iis Tellmer Km«««» unil der Parteitag der«reuli. Sozialdemohratie Erster Wahlkreis. Der Delegierte Schwabedahl erstattete Bericht vom preußischen Parteitag. Redner erklärte, wir könnten nur wünschen und hoffen, daß das Interesse deZ preußischen Volkes in der bisherigen Weise weiter anhält, und daß es alles tun werde, um ein gerechtes und vernünf- tiges Wahlrecht zu erringen. Ter Bericht des Geschäftsführendcn Ausschusses der preußischen Landcskommission sei kritiklos ange- nommen worden, woraus sich ergebe, daß volle Einigkeit zwischen dem Volke und dem Landesausschuß bestehe. Des weiteren ging Redner die einzelnen Vcrhandlungspunkte durch und kommt zu dem Schluß, daß unsere kleine Fraktion in jeder Weise ihre Schuldig- keit getan habe, doch auch die Außenstehenden hätten wacker mitgearbeitet und sie in ihrer Tätigkeit wirksam unterstü�t. Auch in Fragen der Landtagswahlen sei eine Einmütigkeit erzielt worden, und der Parteitag habe in seinen Beschlüssen das richtige getroffen. Alles in allem habe er gute Arbeit geleistet und wir könnten zu- frieden sein. Es könne nur gewünscht werden, daß das Verhältnis zwischen Leitung und Organisation auch fernerhin so bleiben möge. Die Genossen würden schon ihre Pflicht und Schuldigkeit tun. (Lebhafter Beifall.) Zur Diskussion weidet sich zunächst niemand. Hierauf nimmt der Kandidat des ersten Reichsiagswahlkreiscs Düwell das Wort: In dem Verzicht auf eine Diskussion komme die Zustimmung zu den Arbeiten des Parteitages zum Ausdruck. Wir müßten aber im Auge behalten, daß der Angelpunkt der politischen Entwicklung die Eroberung des gleichen, direkten, geheimen und allgemeinen Wahlrechts in Preußen sei. Ob wir rechts oder links ständen in der Partei, darin seien wir alle einig. Auf die Mandate komme es nicht so sehr an, als auf die Art, wie sie erreicht werden. Ter Wille zur Macht sei der Wille zur Tat. Das bewiesen am besten die Konservativen. Dahin müßten auch wir kommen. Davon ausgehend, brauchen wir das Schwcrgericht nicht auf taktische Manöver, sondern auf die Aufklärung und Erziehung der Massen zu legen. Wenn wir den Liberalen nicht den Willen zur Tat aufzwingen könnten, so hätten wir kein Jntercsie daran, sie zu unterstützen. Ein Teil jener Ge- nassen, die auf den Liberalismus noch Hoffnung gesetzt hätten, sei durch die Haltung des Parteitages der fortschrittlichen Volkspartei wohl kuriert. Die Konservativen hätten den Freisinnigen mit Erfolg eingeredet, sie müßten, wenn sie unsere Bedingungen unter- schrieben, durch ein kaudinisches Joch kriechen. Redner skizziert diese Bedingungen und fährt fort: Diese Forderungen bezeichneten nun die Liberalen als kaudinisches Joch. Sie verlangen, daß wir ohne Gegenleistung für sie eintreten. Was wollen wir ober mit einer Partei, die sagen muß, ihre Leute seien zu feige, einen So- zialdenwkraten zu wählen. Tarin äußere sich der Mangel am Willen zur Macht. Wir aber dürften unseren Genossen nicht sagen: erobern wir eine Anzahl Mandate, so haben wir gesiegt. Nein, wir sagen, daß für uns die Hauptsache in der Eroberung der politischen Macht liege. Das werde erreicht, indem wir die Genossen zur Grundsätzlichkeit erzögen. Erfreulich wäre, daß der preußische Parteitag sich zur grundsätzlichen Auffassung bekannt habe. Diese müsse so stark zum Ausdruck kommen, daß Konser- vative und Regierung gezwungen werden, zu sagen: Wir müssen nachgeben, gegen den Willen des Proletariats können wir nicht mehr regieren. Ein solches Resultat würde Dutzende von Man- taten aufwiegen. Mit diesem Grundsatz müßten wir in den Wahlkampf ziehen. So kämen wir vorivärts. Klasseninteressen entscheiden. Durch Erziehung zum Klassenbewußtsein, durch Auf- klärung zur Macht!(Allseitiger Beifall.) Aische: Mit der Resolution des Landcsausschusses könne man zufrieden fein. Wer auf dem Lande draußen agitiere, der sehe, wie der Freisinn, weil er in den Jndustricgcgenden keinen Kredit mehr habe, die Landproletarier cinzufangen suche. Würden wir dem Freisinn zu Mandaten verhelfen, so bekämen wir den Dank, wie wir ihn vom Freisinn gewohnt sind. Er habe draußen einem Freisinnsmanne die Frage vorgelegt, wie er sich stellen würde, wenn er die Wahl hätte zwischen einem Konservativen und einem Sozialdemokraten. Ter Herr sei der Beantwortung aus dem Wege gegangen und habe erklärt, er wolle keine bestimmte Antwort geben, sondern das würde sich aus der Situation ergeben. Das seien die Freisinnigen, die auf unsere Hilfe rechnen. Deshalb sei die Haltung des preußischen Landcsausschusses mit Freuden zu begrüßen. Der Freisinn wäre auch gar nicht in der Lage, fem Versprechen zu halten; denn seine Leute draußen im Lande seien meist in so abhängiger Stellung, daß sie gar nicht für uns stimmen würden. Was er am preußischen Parteitag zu bemängeln hatte. wäre der Umstand, daß man der Frage des Frauenwahl- und Stimm- rechts so wenig Zeit gewidmet habe. Diese Frage sei besonders wichtig bei Slichwahlabkommen, da von den liberalen Herren kaum einer sich verstehen werde, offen dafür einzutreten. Redner traut dem Freisinn gar nicht zu, daß er einen ernsten Kampf führen und nach oben gegen den Stachel löckcn werde. Im großen und ganzen habe der Parteitag sehr gut gearbeitet.(Großer Beifall.) Bittner: Auch er sei zufrieden mit dessen Tätigkeit. Im preußischen Landtag hätten wir es mit denselben Gegnern zu tun wie im Reichstag, nämlich mit de», Agrariern. Der Parteitag in Leipzig habe beschlossen, den Schnapsgcnuß zu meiden, damit könnten wir die Agrarier sehr wirksam bekämpfen. Aus der Sta. tistit ergebe sich, daß der Boykott gewirkt hat. Er muß aber energisch weiter fortgesetzt werden. Es se» noch ein neues Mittel hinzugekommen: der russische Flcischvcrkauf. Die Einfuhr des russischen Fleisches richte sich direkt geMn die Agrarier. Die Arbeiter müßten dafür sorgen, daß der Abiatz."� russischen Fleisches ein viel höherer werde. Sie müßten aber>n die Genossenschaften gehen und dort ihr Fleisch kaufen, damit wurden sie am besten das agrarische System bekämpfen.. Stielow: Die Resolution des preußsichen Parteitages müsse auch durchgeführt werden. Die Freisinnigen zeigten jetzt ganz deutlich, daß ihnen ihre früheren Bündnisse be» der Reichstags- Wahl mit de, Sozialdemokratie unangenehm seien. Von»hrer Seite se, alles Komödie. Sie möchten uns nicht kopfscheu-machen, aber auch auf der rechten Seite nicht anstoßen. Wir müßten zum Aus- druck bringen, keinem Liberalen dürfe eine fozialdemorratische Stimme zukommen, bloß um den Herren zu einem S'tz>m Par. lament zu verhelfen. Schwabe da hl sprach in seinem Schlußwort seine Freude aus. dag jo volle Einmütigkeit und auch das Einverständnis mit dem preußischen Parteitag in der Diskussion zum Ausdruck ge- langt sei. Was den Einwand des Genossen Aische betreffe be- züglich der Frauen, so meine er. daß sich eine längere Diskussion erübrigt habe, oa m dieser Hinsicht unser Parteiprogramm klipp und klar das nötige sage. Außerdem habe eZ ja auch Genossin Wurm w sehr wirksamer Weise auf dem Prcußentag zum Aus- druck gebracht....... Mit einem eindringllchen Appell, daß jeder seine Pflicht tun möge, schloß der Referent jeine Ausführungen. Zweiter Wahlkreis .... zweiten Tcnncwitz- Verhiinblungen des preußischen Parteitages Nach einer allgemeinen Betrachtung ging der Redner ibcsonders auf den dritten Punkt der Tagesordnung, die bevorstehenden Land- tagswahlen und den Wahlrcchtskampf in Preußen, und dann auf die LandarÄeitcrfcage näher ein. Der Wahlrcchtskampf habe den Parteitag beherrscht, und daß die gefaßten Beschlüsse gut und treffenld waren, das zeige die Haltung der Fortschrittlichen Volks- Partei aus ihrem Parteitag. Unbegreiflich sei B e r n st e i n s Ver- trauen auf die Nationallibcralen; er habe freilich seine Anträge fallen gelassen, und einmütig konnte die Partei ihre Beschlüsse fassen. Jetzt gelte es, unverzüglich für den bevorstehenden Kampf zu rüsten und ihn energisch durchzuführen, immer mit dein Ziel vor Augen, in Preußen ein besseres und freieres Wahlrecht zu fchasfm (Beifall.) Zur Diskussion meldete sich zuerst Genosse Ewald, der bei den Schilderungen des Vertreters der Landarbeiter auf dem Parteitage verweilt und ibe- zweifelt, ob die Mittel und Wege, die Schmidt vorgeschlagen, wohl ausreichend seien, um has gewünschte Ziel zu erreichen. Die Aufklärung der Landarbeiter müßte schärfer ins Auge gefaßt wer- den und das stete Bestreben müßte dahin gehen, die Landarbeiter unter die Gewerbeordnung zu stellen. Ter Rcldner beruft sich auf seine Kenntnis der Zustände auf dem Lande und führt als ein Beispiel die Latze der Zicgcleiarbeiter an.— Zum Wahlrechtstampf übergehend, spricht er-seine Verwunderung über idm großen Optimismus des Parteitages aus und verneint jede Möglichkeit, mit den Freisiiinigen zu paktieren.„Haben sie denn überhaupt ein Programm," so fragt er,„und wenn sie eins haben, so handeln sie nicht danach!"(Sehr richtig!) Und B e r nste i n glaubt nun gar an die Nationalliberalen!(Lachen.) Wir wollen lieber mit Ehren unterliegen, als mit Schande siegen. Wir haben keine Hilfe zu er- warten, stehen ganz allein und sind auf die eigene Kraft ange- wiesen. Alle Kompromisse sollten wir ablehnen und unsere Be- mühungen darauf richten, den gefährlichen Jndiffercntismus der Arbeiter zu überwinden.(Lebhafter Beifall.) Genossin Wurm bespricht das Los der Landarbeiter und Arbeiterinnen, das sie als eine verschleierte Leibeigenschaft be- zeichnet. Sie erörtert dann die Lage im Wahlrechtskampf, wendet sich gegen die Haltung der Freisinnigen und meint, daß der„Fort- schritt" überhaupt kein freies Wahlrecht wünsche. Sie warnte auch davor, den Wahlrechtsforderungen der bürgerlichen Frauen irgend welche Bedeutung beizulegen, denn diese Forderungen seien so zahm, daß sie nur der Reaktion neuen Rückhalt gewähren würden. In der sozialdemokratischen Partei haben die Frauen mit den Männern das gleiche Verlangen nach einem freien Wahlrecht. Im Wahl- kämpfe nach allen Richtungen hin Ausklärung zu verbreiten, fei unsere Hauptaufgabe.(Beifall.) Weitere Redner meldeten sich nicht, und der Vorsitzende kon- statierte das Einverständnis der Versammelten mit dem Verhalten der Delegierten aus dem Parteitag. Dritter Wahlkreis. Die Generalversammlung für den dritten Wahlkreis tagte im großen Saal des Gewerkschastshaufes. In die Berichterstattung über den preußischen Parteitag teilten sich die beiden Delegierten, die Genossen Gustav Müller und Adolf Harndt. Genosse Gustav Müller gab ein Bild von den Bcrhand- lungen zum Geschäftsbericht der Landeskommission, zum Bericht der Lanidtaasfraktion und zu dem Punkt:„Die bevorstehenden Land- tagswahlen und der Wahlrcchtskampf in Preußen". Zum Schluß betonte er mit Genugtuung, daß die Resolution der Landeskom- Mission in schöner Einmütigkeit angenommen worden sei. Es habe ihm eine wahre Freude bereitet, daß nach Zurücknahme der Reso- lutioncn bczw. Anträge von Bernstein und aus Magdeburg der Parteitag wieder das Bild eines geschlossenen Ganzen bot. Wie die Genossen wüßten, habe ja der freisinnige Parteitag die Bedin- gungen deS sozialdemokratischen preußischen Parteitages für ein Zusammenwirken bei den Landtagswahlen abgelehnt. Gleichwohl hätten wir, wenn jeder auf dem Posten sei, die-beste Aussicht, aus eigener Kraft unsere Vertretung im Landesparlament so anwachsen zu lassen, daß sie selbständig Anträge stellen kann. Der Hauptdruck zur Erzielung eines durchgreifenden Fortschritts, namentlich in bezng auf das Wahlrecht, müsse natürlich von außen kommen. Wir dürften deshalb nicht erlahmen in der Agitation unter den Massen. damit wir immer mehr au unS fesseln, daß endlich die Hochburg der Junker zu Boden gerungen wird.(Lebhafte Zustimmung.) Genosse Adolf Harndt. der zweite Delegierte, berichtete über die Verhandlungen zur Landarbeiterfrage in Preußen. Diese Frage habe neben den-bevorstehenden LandtagSwahlen den größten Platz in Anspruch genommen. Man könne aber auch mit Recht sagen, daß es eine der wichtigsten Fragen gewesen sei, die den Parteitag zu beschäftigen hatten. Wie wichtig die Frage auch von den Gegnern gehalten werde, das gehe daraus hervor, daß schon am nächsten Tage die„Kreuzzeitung" sich mit den Vevhand- lungen in einem Artikel beschäftigt habe, worin man die Land- arbeiter vor der Sozialdemokratie graulich zu machen versuchte. Wenn der Sozialdemokratie öfter vorgeworfen werde, sie wolle die Landflucht der Landarbeiter fördern, so sei das ganz falsch. Wir hätten gar kein Interesse daran, die städtische Bevölkerung zu verstärken, indem wir die Landarbeiter in die Städte zögen. Wir wollen im Gegenteil die Verhälnisse auf dem Lande so bessern, daß sich die Landaicheiter wirklich heimisch fühlen und an den Er- rungensehasten der Kultur teilnehmen können. Wie miserabel die Verhältnisse auf dem Laude find, zeigte Redner dann eingehend an dem Material, welches dem preußischen Parteitage unterbreitet- worden ist. Wenn Genosse Schulz vorgeschlagen habe, im Jnter- esse der Agitation auf dem Lande die Agitation gegen die Zölle und gegen den Naturallohn aufzugeben, so müsse Redner dem entgegen- treten. Was die Bekämpfung des Naturallohnes durch uns und den Landnrbeiterverband angehe, so sei er der Meinung, daß, was in der Jndustriearbeiterschaft endlich in der Hauptsache durchgeführt sei, auch in der Landwirtschaft sich durchsetzen lassen müsse, und daß der Landarbeiter auch dafür Verständnis finden werde. Wenn unsere Genossen für das einträten, was in der auf dem Parteitag angenommenen Resolution gefordert werde, dann würden wir auch auf dem Lande vorwärts kommen. Das sei ein ganz schönes Pro- gramm, mit dem man unter den Landarbeitern Erfolge erringen könne. Ausnahmsweise könnte» wir mit einenr Worte Bismarcks einverstanden sein: Preußen bedarf mehr der Germanisierung, als Deutschland der Borussisizierung.(Lebhaste Zustimmung.� In der Diskussion bemerkt Genosse Alfred F r ö h l i ch zur Frage der Doppelmarfdate. die auch den Parteitag beschäftigt hat. daß es besser gewesen wäre, der Parteitag hätte diesmal durch' Streichung des Wortes„mög- lichst" aus dem früheren Beschlüsse festgelegt,-daß Toppelmartdate (Landtag und Reichstag) überhaupt zu vermeiden seien, so daß, wer im Landtag sei, sich mit ungeteilter Kraft diesem widmen könne. Liebknecht solle natürlich seine beiden Mandate be- halten. Es genüge aber, wenn ein Äandtagsabgeordneter auch im Reichstag sei, um der ReichStagsfraktion hix nötigen Informationen aus deni Landtag geben zu können. Es-sei leider bei dem„möglichst" geblic-ben. Genosse Adolf Harndt schloß sich Fröhlich bezüglich der Doppelmandate an. Er habe deshalb auch für den Antrag von Berlin IV gestimmt. Genosse Schmal bedauert, daß die Jugendfrage von der Tagesordnung des Parteitages abgesetzt worden sei, zumal Preußen den Jugendkorruptionsfonds bewilligt habe und Preußen für Ger- schlechterungcn im Reich„vorbildlich" sei. Ein anderer Diskussionsredner trat dem bei. Die Ansichten deS Genossen Schulz, die Harndt bekämpft hatte, wurden auch noch von anderen Diskussionsrednern verworfen. Genosse M ö b u s ist im Gegensatz zu Fröhlich und Harndt damit cinverstandem daß das Wort„möglichst" im Beschluß über die Doppelmandatc verblieben ist. Die hauptsächlichste Erschwerung der Landagitation sieht er in dem Fortbestand deS Koalitionsraubes für Landarbeiter und der Gesindeordnung. So lange diese nicht beseitigt seien, werde man auf dem Lande keine großen Fortschritte machen. Di« Beseitigung des Dreiklasscnrechts sei die Hauptsache. In der Richtung müsse alle Kraft angespaiint werden, wozu auch die Agitation den Landtagswahlcn ein Mittel der Aufklärung biete. Genosse Sickert betonte die große Bedeutung der Land- agitation. Genosse B f a n n k u ch, der RcichstagSabgeordnete des Kreises, sprach zum Schluß seine große Freude darüber aus, daß die Dis- kussion ergeben habe, mit wie großer Aufmerksamkeit die Genossen -den Verhandlungen des Parteitages gefolgt feien, und daß alle einig seien-darin, daß noch mehr getan werden müsse. Zu beachten sei aber auch, was schon geschehen sei. So zum Beispiel in der Landagitatio». Systematisch sei die Landarbeitcragitation erst seit einigen Jahren. Wenn trotzdein der Landarbeiterveeband schon mehr als 80 000 Mitglieder habe, so sei das schon eine beachtenswerte Grundlage, woraus man weiter bauen könne. Das Vorgehen der Gegner beweise auch, wie unangenehm es ihnen sei, daß die Or- ganisationsfrage ins Landproleiariat hineingetragen sei, der erste Schritt, um systematische Aufklärung auf dem Lande zu verbreiten. Redner gab noch wertvolle Anregungen für die Landagitation, indem er in seinen reichen Erfahrungsschatz hineingriff. Er hob dann hervor, daß auch mit der Jugendagitation systematisch vorgegangen werden müsse. Bildcrstürmerei helfe da nichts. Die Grundlag« sei hier das Jugendblatt der Partei, dem die Gegner in dieser Art nichts entgegen zu stellen hätten. Daß es langsam gehe, sei klar. Aber auch hier quittiere über unseren Erfolg die außerordentliche Unruhe im bürgerlichen Wespennest. Alles aber, was dort versucht -werde, müsse uns schließlich zugute kommen. Und die wirtschaftliche EntWickelung tue das ihre. Die Ausführungen und Anregungen des Genossen Pfanvku ch wurden mit lebhaftem Beifall entgegengenommen. Vierter Wahlkreis. Petersburger Viertel. Genosse Poetzsch berichtete vom Prcußentag. Eingehend ging Redner ein auf die Frage der Taktik hei der bevorstehenden Landtagswahl. Eine Verständigung mit den Nationalliberalen wäre unmöglich. Die Abstimmung bei der Wahlrcchtsvorlage hat auch bewiesen, daß cS dem Zentrum nicht ernst ist mit seiner Programmforderung. Die Freisinnigen, die zwar für Uebertragung des Reichstagswahlgesetzes auf den Land- tag sind, haben diese Forderungen in den Kommunen immer ver- missen lassen. Deswegen könne man doch nicht so verfahren, wie cs die Genossen E i s n e r und B e r n st e i n verlangen. Die Reso- lution der Landeskommission sei eine der glücklichsten Lösungen, das beweise ihre einstimmige Annahme. Die Parole müsse heißen: „Nieder mit der Reaktion in Preußen!" Genosse A d a m s k i führt aus, daß man das Stichwahlab- kommen bei der Rcichstagswahl in allen Versammlungen ver- urteilte. Darum solle man nicht denselben Kuhhandel bei den Landtagswahlen eingehe». Genosse R e t t s ch l a g meint, man habe sich nur gegen die Geheimhaltung und die Dämpfungsklausel ge- wandt. Des weiteren seien unsere Forderungen zu hart, aus eigener Kraft wird man wenig an der Gestaltung des Landtags ändern. Man müsse das ganze Arsenal ausnützen, um andere Zustände herbeizuführen. Genosse Siegle meint: Der Kampf ums Wahlrecht muß außerhalb des Parlaments geführt werden. Die Massen müssen eventuell über-die Köpfe ihrer Führer hinweg die Junkerfcste stürzen. Im Schlußwort führt Genosse Poetzsch aus, daß man die Notwendigkeit der parlamentarischen Arbeit nicht verkennen solle. Zu Massenaktionen fehle noch vieles. Des weiteren ist er der An» ficht, daß wir den letzten Kampf mit dem Zentrum auszufcchtcn haben. Die Versammlung für das Landsberger Viertel tagte im Ely- sium. In einem einstündigen Referat rekapitulierte Genossin Fahrcnwald die Verhandlungen des Parteitages. Bei den Anträgen rief der Antrag des vierten Kreises, die Landagitation zu fördern, eine lebhafte Debatte hervor, und wurde dieser Antrag dem Landesausschutz überwiesen. Ein weiterer Antrag des vierten Kreises, welcher die Doppelkandidaturen zum Reichstag und Land- tag vermieden wissen will, wurde abgelehnt, da selbst unsere Land- tagsabgeordneten dagegen sprachen.— Die Beschlüsse deS Partei- tagcs bezüglich der Taktik den Liberalen gegenüber dürften nach Meinung der R>.fcrentin überall befriedigt haben. In der Diskussion spricht Genosse L i t t a ü e r seine Befricdi- gung über den Verlauf der Debatte aus, welche sich mit der Taktik den Freisinnigen gegenüber befaßte. Die Ablehnung des Antrages. die Doppelmandate betreffend, findet Redner sehr bedauerlich. Daß unsere Landtagsabgcordnetcn mit Arbeiten überlastet find, hat doch Genosse Hoffmann selbst gesagt, indem er t.e>>führtc, es mögen nur recht viele Genossen in das Abgeordnetenhaus geschickt werden, denn die kleine Fraktion könne die Arbeiten kaum bewältigen. Genosse G l a ß steht, was die Frage der Taktik bei den Wahlen anlangt, auf dem Standpunkt, daß cs wohl richtiger wäre, sich mit oeu Freisinnigen über die einzelnen Kreise zu einigen, ebenso sollten wir die Nationalpolcn unterstützen, wenn diese uns ein Mandat geben würden. In längeren Ausführungen bedauert Ge- nosse Glaß die Ablehnurg der„Poleusrage". Genosse Richter meint, daß der Personenkultus bei uns leider eine große Rolle spiele. Es sei geradezu ein Unfug, daß einzelne Parteigenossen neben einem Reichstags- und Landtags- mandat noch als Stadtverordnete fungieren. Diese Tatsache er- wecke den Anschein, als ob es eine Gruppe Parlamentarier gebe, die glauben alles zu können und eine exklusive Klasse für sich bilden. Genosse Melle spricht seine Verwunderung darüber aus. daß ein Berliner Delegierter einen Antrag unterzeichnet habe, welcher eine Begünstigung der Freisinnigen bezweckte. Die Berliner müß- ten doch die Freisinnigen am besten beurteilen können. Wir wollen in den Landkreisen die Landarbeiter für uns gewinnen, und dann fordern wir sie auf, für den Freisinn zu stimmen. Da werden die politisch gar nicht geschulten Landarbeiter irre und sagen sich, dann können wir ja bei oen Reichstagswahlen ebenso stimmen. Angesichts der Situation können wir wohl den Freisinnigen zurufen:„Ihr habt das Tischtuch zerschnitten", und mit seiner ungeschickten Agi- tatioii wird sich der Freisinn wohl noch zwischen zwei Stühle setzen. «nj» bß» Nnks und rechts Sedrangt, schließlich ganz auS dem W- geerdneterchause verschwinden. Genosse Böttcher ist im Gegensatz zu dem bisher Gehörten der Meinung, daß die Doppelmandate wohl ihre Berechtigung haben. Denn es hänge nun einmal viel von der Person ab, ob wir einen Kreis erobern können oder nicht. Die Ansichten des Genossen Glatz in die Tat umgesetzt, würden dem Separatismus Tür und Tor öffnen. Nachdem Genosse Glatz nochmals in lebhafter Weise seinen Standpunkt in der Polenfrage vertreten, meint Genosse Eue, die Redewendung des Genossen Glatz, die deutsche Sozialdemokratie ließe es an der nötigen Unterstützung für die unterdrückten Polen fehlen, müsse man als einen Unfug bc� zeichnen. Die deutschsprechcndcn«Sozialdemokraten haben von jeher mehr für die Polen getan, als die berufenen Vertreter der polnischen Bevölkerung und ihre Freunde. Frankfurter Viertel. Bei Bocker, Weberstratze, referierte Ge- nosse Barenthin. Die Hauptaufgabe war, bei der preußischen Landtagswahl eine annehmbare Grundlage zu schaffen, auf der ein Wahlabkommen zwischen Sozialdemokraten und Fortschrittlern möglich sei. Die Grundbedingungen in der Resolution der Landes- kommission seien so gehalten, daß sich keine der beiden Parteien etwas zu vergeben brauche. Bern st ein, Dr. Landsberg und Klütz gaben sich alle Mühe, die Stimmung des Parteitages nach rechts zu drängen. Aber aus den Ausführungen der Dele- gierten ging klipp und klar hervor, daß die preußische Sozialdcmo- kratie sich niemals auf diesen Weg drängen lassen werde. Unsere Grundsätze dürften wir nicht verlassen, denn diese haben die deutsche Sozialdemokratie stark, groß und mächtig gemacht. Die Nationalliberalen haben aus ihrer Wahlrechtsfcindschaft nie einen Sehl gemacht und es scheine, als wenn sie es für manche»och nicht offenkundig genug getan hätten. Kaum sei der sozialdemokratische Parteitag geschlossen, da zeigt es sich auch schon, daß auch die Fortschrittler gar nicht ernstlich für die Einführung des allge- meinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts in Preußen eintreten wollen. Sie zeigen sich jetzt wieder so wahlrechtsfeind- lich wie im Jahre 1908, als der bekannte F i s ch b e ck dafür sorgte, daß die sozialdemokratischen Berliner Landtagsmandate kassiert wurden. Mit Aufbietung aller Kräfte müsse die Sozialdemokratie in den Wahlkampf ziehen. Die Dreiklassenschmach müsse beseitigt werden, möge es kosten, was es wolle. Ter Kampf in Preußen um die Erlösung von der Junkerherrschaft ist zugleich ein Kampf gegen Hunger, Not und Elend, darum fort mit der Junkersippe. Die Versammlung zollte reichen Beifall. In der anschließenden Diskussion stimmte Genosse Büch- ner den Ausführungen des Referenten zu. Für das Stralauer Viertel gab der Genosse W ü ck e den Bericht vom Preutzentag. Referent erklärt, daß er von den Forderungen des Genossen Hirsch in seinem Referat und der Resolution der Landeskommission enttäuscht gewesen sei. Seiner Meinung nach hätten die Forderungen der Sozialdemokratie viel schärfer und klarer zum Ausdruck gebracht werden müssen. Eine ganze Reihe von Äbänderungsanträgcn habe die Resolution noch abschwächen wollen. Nur der Antrag Königsberg wünscht eine Verschärfung derselben. Nach der Ausfassung Wückes sind die Freisinnigen nicht besser als die Konservativen, Zentrum usw. und könne er die Genossen Bernstein. Landsberg u. a. nicht verstehen, die trotz aller Erfahrungen, die sie mit den Freisimiigen doch schon gemacht hätten, immer noch bereit seien, dieselben zu unterstützen. Das in der Resolution niedergelegte sei das mindeste, was wir von den Bürgerlichen zu verlangen hätten. Daß diese Auffassung die richtige sei. habe ja jetzt auch die Rede Fischbecks auf dem Preußentag der Freisinnigen bewiesen, habe doch Fischbeck erklärt. daß sie lieber mit den Nationalliberalen und Konservativen als mit den Sozialdemokraten zusammengehen. Also in Zukunft nicht Ab- schwächung, sondern Verschärfung unserer Forderungen an die bürgerlichen Parteien. In der Diskussion kritisiert ein Genosse die bisherige Agitation wnter den Landarbeitern. Er glaubt, daß mehr erreicht würde, wenn die Reichstagsabgeordneten und-kandidatcn sich mehr, als eS jetzt der Fall sei, an der Agitation auf dem Lande beteiligen würden. >Von der Landagitation, wie der Antrag des 4. Kreises es auf dem Preußentag verlangte, verspreche er sich nicht viel. Die Versammlung für das Görliher Viertel tagte bei Grau- mann. Berichterstatter war Genosse Dr. P l c tz n e r. Das wichtigste der Tagung wäre das Referat des Genossen Hirsch:„Wahlrechtskamps und Wahltaktik" gewesen. Im Laufe seiner Ausführunzen meinte Redner, daß Genosse Bernstein nun wohl durch den freisinnigen Parteitag anderer Ueberzeugung ge- worden sei. Im übrigen hält er die gefaßten Beschlüsse für richtig: Aufgabe aller sei, den Gedanken des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu propagieren und die Organisationen zu stärken. In der Diskussion bedauerte Genosse Adam den Ausspruch des Genossen Adolf H o f f m a n n, daß ihm der Konservative Strosscr lieber als ein Freisinniger sei. Genosse Abgeordneter Julian Borchardt bestritt, daß die Ausführung des Genossen Hoffmann diesen Sinn hatte, wies aber in längeren Ausführungen unter Zustimmung der Versammlung nach, daß es gleichgültig sei, ob ein Freisinniger oder Konservativer im Landtag sitze. Die Polcnfrage hält Redner für so wichtig, daß sie auf die Tages- ordnung des nächsten preußischen Parteitages gesetzt werden müsse. Der Viertelsführer, Genosse Werk, konnte nachdem feststellen, daß volle Einmütigkeit über die guten Leistungen des Preuße» tages bei den Versammelten herrsche. Zum Schluß wurde eine Resolution des Genossen Rintorf angenommen, die die endliche Schaffung eines Kreisbildungsaus- schusses verlangt und den Viertelsführer beauftragt, im Vorstand dahin zu wirken. Die Versammlung für das Köpenicker Viertel, welche im„Süd- Ost" in der Waldemarstratze stattfand, war sehr gut besucht. Ge- nosse Paul Böhm gab den Bericht vom preuhischen Parteitag. Man könne mit dem. was dort geschaffen wurde, vollauf zufrieden sein. Einig ziehen die Genossen in den Wahlkampf. Da die Fort- schrittler auf ihrem Parteitage durch den Mund des Herrn Fisch- deck haben erklären lassen, daß sie jedes Bündnis mit der Sozial- demokratie ablehnen, sind wir jetzt auf uns selbst angewiesen. Den politischen Massenstreik halte er für die zunächstliegendste und wirk- ,awste Waffe jiur Erringung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts. Allerdings auch nur dann, we.nn dessen Anwendung auf Erfolg Aussicht hat, was heute leider noch nicht der Fall sei. Die Eroberung des geforderten Wahlrechts werde noch schwere Kämpfe erfordern. In der Diskussion führte Genosse T h i e l e r t aus, daß er für derartige Wahlkompromisse nicht sei. Die Genchsen Petereit und Schmidt sind der Meinung, daß der preußische Parteitag das Nichtige getroffen habe. Bios, so bedauert der Genosse P e t e r e i t, hätte die Frage der„Jugend- pflege in Preußen" in unserem Arbeiterparlament behandelt wer- den sollen. Unter Verschiedenes wurde folgender Antrag vom Gen. AilmS begründet:„Die Agitation für den Vorwärts und den Wählverein ist bis nach der Landtagswahl zu vertagen." Nachdem Genosse Jöchel dagegen gesprochen hatte, wurde dieser Antrag den Funktionären des Viertels zur Beratung überwiesen. Fünfter Wahlkreis. In der Versammlung, die im Musikersaal, Kaiser-Wilhelm- Straße, tagte, gab Genosse Roscmann einen sehr eingehenden Bericht von den Verhandlungen des preußischen Parteitages. Gc betonte, jeder Punkt der Tagesordnung habe eine reiche Fülle von Material zur Agitation gegen das Junkerregiment geboten. Mit besonderer Befriedigung könnten wir den Beschluß über unsere "andtagswahltaktik begrüßen. Es gelte nun. die Beschlüsse des Parteitages in die Tat umzusetzen. Für uns handele es sich nicht nur um einen Wahlkampf. sondern in erster Linie um einen Kampf ,'ür das Wahlrecht. Dieser Kampf müsse mit aller Energie durch- geführt werden, denn„das freie Wahlrecht ist das Zeichen, ,n dem wir fiegen"« Der zweite Delegierte. Genosse Wolf, gab Bericht über die Behandlung der Anträge, welche nicht zu den vom Vorredner bc- sprochenen Hauptpunkten der Tagesordnung gehören Di- Disknssion war nur kurz. In Uebereinstinunung mit den Referenten und unter Zustimmung der Versammelten wurde die volle Zu- fricdenheit mit den Beschlüssen des Parteitages zum Ausdruck gebracht. Insbesondere wurde die beschlossene Wahltaktik als die richtige bezeichnet. Es wurde betont, daß mail von den Frei- sinnigen kaum etwas anderes erwarten könne, als den gegen unsere Taktik gerichteten Beschluß des frcisinnigeu Parteitages. Dieser, sowie die nachträgliche Haltung der freisillnigen Presse lasse er- kennen, daß die Freisinnigen keine Förderer der Volksfrcihcit seien. Wenn sie sich vor den Wahlen offen zur Reaktion be- kennen, dann sollten sie auch von uns dementsprechend behandelt werden. Der Vorsitzende Fricdländcr konstatierte das Einverständ- ms der Versammlung mit den Beschlüssen deS Parteitags. Beim letzten Punkt der Tagesordnung,„V e r e i n s a n g c- legen hcitc n", teilte der Vorsitzende mit, daß die vom Wahl- verein beantragten Ausschlüsse der Genossen P r e u ß und Freund von der Schicdsgerichtskommission abgelehnt, den beiden Genossen aber eine Rüge erteilt worden sei. Auf Borschlag Fried- l ä n d e r s erklärte sich die Versammlung mit diesem Urteil der Schiedskommission einverstanden. Hierauf wurden die in drei Abteilungen vollzogenen Ersatz- wählen für zurückgetretene beziehungsweise verzogene Abteilungs- führer bestätigt. Die gewählten Abtcilungsführer sind: Für die erste Abteilung H u h n f l e i s ch, für die zweite Abteilung Weise, für die vierte Abteilung T i e n ick e. Scchstcr Wahlkreis. Die Generalversammlung des sechsten Wahlkreises tagte im „Moabiter Gesellschaftshaus". Anwesend waren 683 Delegierte, während 130 fehlten. Als einziger Punkt stand auf der Tages- ordnung die Berichterstattung vom preußischen Parteitag. Der Referent, Genosse H e n s ch e l, gab einen kurzen Ueberblick über den Verlauf der Verhaudlungen und erläuterte die gefaßten Beschlüsse. Während der erste preußische Parteitag im Jahre 1904 durch 143 Delegierte beschickt wurde, sei die Zahl der Delegierten 1907 auf 199, 1910 auf 208 und 1913 aus 3S4 gestiegen. Die Lage der Landarbeiter in Preußen habe durch das inhaltS- reiche Referat des Genossen Schmidt eine treffende Beleuchtung erfahren. Der wichtigste Punkt aus der Tagesordnung des Partei- tags seien zweifellos die Beratungen über die bevorstehende Landtagswahl und der W a h l r c ch t s k a m p f in P r e u- ß c n gewesen. Redner erläuterte die von der preußischen Landes- kommission vorgelegte Resolution sowie die dazu gestellten?lbände- rungsanträge und Zusätze. Die bekannten Vorschläge des Genoffen E i s n c r seien unannehmbar gewesen. Mit vollem Recht habe man gesagt, das Handeln nach den Vorschlägen Eisncrs käme einem Verrat unserer Grundsätze gleich. Auch die Vorschläge B e r n st e i n s habe man ablehnen müssen. Wenn gesagt würde, die Zählung der Stimmen bei den bevorstehenden Landtagswahlen sei nicht unbedingt notwendig, denn man habe doch bei den letzten Reichstagswahlen die Zahl der sozialdemokratischen Wähler feststellen können, so sei dies nicht richtig. Es wäre doch ein großer Unterschied zwischen der öffentlichen und der geheimen Wahl. Un- bedingt müsse festgestellt werden, wer bei der öffentlichen Wahl für die Sozialdemokratie votiere.— Mit den Nationalliberalen ein Abkommen zu treffen, sei doch ganz undenkbar. Diese gehörten doch mit zu den größten Arbeiterfeindcn, seien für einen verstärkten Schutz der Arbeitswilligen zu haben, auch seien sie ja begeistert dafür eingetreten,-daß beim Bergarbeiterstrcik Militär ins Ruhr- revicr geschickt wurde. Sollte jedoch— wie teilweise befürchtet werde— der letzte Fortschrittler aus dem Landtage verschwinden, so hätten wir nicht die geringste Ursache, ihm auch nur eine Träne nachzuweinen. Solange das erbärmliche Wahlsystem noch bestehe, sei es ganz ausgeschlossen, eine wesentliche Aenderung in der Zu- sammensctzung des Landtages herbeizuführen. Eine viel bessere Waffe sei deshalb unsere Organisation, für deren Stärkung und weiteren Ausbau wir unermüdlich sorgen müßten. Der eigcnt- liche Wahlkampf wird zweifellos an anderer Stelle ausgefochten als im Abgeordnetenhaus. Ueber das Wie und Wo würden die Genossen zu gegebener Zeit beraten und Beschlüsse fassen. Unsere volle Befriedigung könnten wir darüber aussprechen, daß die Reso- lution der Landeskommission ohne jede Abschwächnng einstimmig angenommen wurde. Wenn man die Verhandlungen des Partei- tages objektiv prüfe, so müsse man mit dem Verlauf und dem Ergebnis zufrieden sein. Auch die Genossen hätten alle im Wahl- rechtskampf ihre Pflicht und Schuldigkeit getan. Unermüdlich müßten wir aber weiter agitieren und organisieren. Immer und immer wieder müßte es unsere ernsteste Aufgabe sein, die Massen aufzurütteln, in der Gewißheit, daß wir nur dann den Befrei- ungskampf in Preußen mit Erfolg führen könnten. Je mächtiger unsere Organisationen würden, um so sicherer würden die reaktiv- nären Gelüste der Junker und sonstiger Arbciterfeinde an ihnen zerschellen. In der nunmehr folgenden Diskussion gab Genosse Schubert seiner Befriedigung über den Verlauf des Parteitages Ausdruck. Redner erwähnte die jüngste Tagung der Fortschrittlichen Volkspartei, auf der gesagt worden sei, die An- nähme der sozialdemokratischen Stichwahlbedingungen bedeute ein Beugen unter das kaudinische Joch der Sozialdemokratie. Man müsse bei den fortschrittlichen Abgeordneten im Reichstag und im Landtage einen Unterschied machen. Im Reichstage würde ihnen immer etwas mehr auf die Finger gesehen als im Abgeordneten- haus, wo sie doch oft viel reaktionärer seien als die Junker selbst. Mit Freuden sei die einstimmige Annahme der Resolution der Landeskommission auf dem Parteitag zu begrüßen gewesen. Unsere Aufgabe müsse es nun sein, dafür zu sorgen, daß überall— beson- ders auch auf dem Lande— nach der Resolution gehandelt würde. Genosse Ledebour ging ebenfalls kurz auf die Tagung der preußischen Fortschrittler ein. Man habe sich gewaltig darüber aufgeregt, daß wir den Fortschrittlern Bedingungen gestellt hätten. Ein taktisches Zusammengehen sei jedoch nur möglich, wenn man sich eine gegenseitige Unkerstützung zusichere. Was wir verlangten, wäre doch nicht einmal eine volle Gegenseitigkeit. Wir verlangten ja nicht einmal, daß für jeden Fortschrittler, der mit unserer Hilfe in den Landtag gewählt werde, auch ein Sozialdemokrat zu wählen sei. In Kreisen, in denen mehrere Abgeordnete gewählt würden, forderten wir nur ein Mandat. Habe zum Beispiel ein Kreis drei Abgeordnete zu wählen, so würden wir uns mit einem begnügen, während wir dafür zwei Kandidaten der Fortschrittler unterstützten. Die Praxis würde ergeben, daß wir viel mehr Fort- schrittler unterstützten als umgekehrt. Nicht wir, sondern der Fort- schritt würde beim Befolgen unserer Bedingungen ein gutes Ge- schäft machen. Setze er sich aber auf die Hinterbeine, so sei dies für uns nicht von allzu großer Bedeutung. Für uns sei die Er- ringung einiger Mandate keine Lebensfrage. Es wäre gewiß sehr angenehm, wenn wir einige Abgeordnete mehr in den Landtag senden könnten. Nie und nimmer dürften wir aber die Mandate erkaufen, wenn wir darauf verzichten sollten, die Massen aufzu- rütteln und zu brauchbaren Volkskämpfern zu erziehen. Die intensive Agitatlon für unsere Grundsätze und Forde- rungen würden wir aber auch einschränken müssen, wenn wir die Eisner- Bern st ein scheu Vorschläge angeiwmmen hätten. Unverständlich bleibe es. wenn die Fortschrittler unsere Bedin- gungen— von denen sie doch große Vorteile haben— nicht an- nehmen würden. Was wir forderten, stehe doch im Programm der Vclkspartei. Worin liege also das Entwürdigende? Es möge zugegeben werden, daß es niehrere der Fortschrittler ernst meinen. Personen könnten jedoch für uns nicht maßgebend sein, die Haupt- jache seien die Grundsätze, zu denen sich der betreffende bekenne. Wir könnten nur den Kandidaten unterstützen, der die volle» Forderungen durchzusetzen verspreche und sich dazu verpflichte. Bei Mitgliedern der Volkspartei tzabe man doch schon die merkwürdig» sten Dinge erlebt. Habe man doch in verschiedenen Kommunal» Verwaltungen, in denen der Fortschritt die Macht habe, das Wahl» recht verschlechtert aus Furcht vor der Sozialdemokratie. Redner führte noch einige Beispiele an, wie notwendig es sek, mit dem Treiklassenwahlrecht endlich aufzuräumen. Er kam auf die letzten Vorgänge im Reichstage zu sprechen und das wertvolle Eingeständnis des Herrn Delbrück, daß kein Gesetz ohne Zustim» mung der preußischen Minister zustandckommen könne. Wenn ge» sagt werde, die Politik des Reiches und Preußens müsse eine cm» heitliche sein, so sollte man doch zum mindesten auch dafür ein- treten, daß das preußische Parlament auch nach dem gleichen Wahl- recht wie der Reichstag gewählt würde. Die kleine herrschsüchtige und raffgierige«sippe in Preußen habe eben das Heft in Händen und suche es mit allen Mitteln zu behalten. Ledebour forderte auf zum energischen Kampfe. Immer müsse versucht werden, die Indifferenten aufzurütteln. Reine Bahn müsse gemacht werden mit dem ganzen reaktionären Gesindel. Ter Vorsitzende stellte fest, daß die Generalversammlung mit den Beschlüssen des Parteitages und insbesondere mit der Haltung der Delegierten einverstanden war. Er wies noch auf die bevor- stehenden Parteiarbeiten(Hausagitation, Vorarbeiten zur Land- tagswahl usw.) hin und forderte zu reger Beteiligung auf. Bus der Partei. Die russische Arbeiterpresse im Jahre 1912. Die Wiederbelebung der wirtschaftlichen und potiliichen Massen» belvegung der russischen Arbeiierklasse im verflossenen Jahre hat es mit sich gebracht, daß die Arbeiterpresse, den unerbörlesteu Ver- folgiliigeii zum Trotz, endlich festen Fuß gefaßt hat. Welch einen Umfang sie gegemvärtig erreicht, und welche Opfer sie gefordert bat, ist auS den nachstehenden noch unvollständigen Angaben ersichtlich. Das Wochenblatt„Swesta" sSlern) erschien in 60 Nummern, von denen 17 tonsisziert und drei mit einer Strafe von 1500 Rubel be» legt wurden. Das Blatt halte 8 Gerichlsprozesse, die insgesamt 11 Jahre 5 Monate Gesängnishast ergaben. Die Wochenblätter „Shiivoje Djelo" und.Rewski Geolos" erschienen in 24 Nummern. von denen 16 konfisziert und 3 mit einer Strafe von 1300 Rubel belegt wurden. Bisher hatten diese Blätter 3 Gerichlsprozesse, die insgesamt 2 Jahre ö Monate Gesängnishast ergaben: einige Prozesse schiveben noch. Bon den jetzt erscheinenden sozialdemokratischen Tages- blättern in Petersburg brachte die„Prawda" 204 Nummern heraus, von denen 2ö konfisziert und 4 mit einer Strafe von 1800 Rubel belegt wurden. Ferner wurden 3 Redakteure zu je 3 Monaten im Ver- waltungSwege verurteilt. Das zweite sozialdemokratische Tageblatt „Lut'ch" brockte 86 Nummern heraus, von denen 29 konfisziert und 5 mit einer Strafe von 2250 Rubel belegt wurden. Die sozial- demolratiiche MonalSrevue„Nascha Sarja" wurde einmal konfisziert und einmal mit einer Strafe von 300 Rubeln belegt. Ein Redakteur wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, bei vielen Mitarbeitern und in der Redaktion fanden zahlreiche Haussuchungen statt. Wir übergehen die nicht minder heftigen Versolgungen der russischen, lettischen, jüdischen, grusischen Arbeilerpresse in der Provinz, wie die Strafen gegen die Gewerkschaftsblätter. Insgesamt ergeben die behördlichen Berfolgnngen nach unvollständigen Angaben folgendes Fazit: 97 Konfiskationen, 12 950 Rubel Strafe, 21 Jahre 7 Monate Gefängnis, ein Fall lebens- länglicher Deportation, ein Jahr administra» tive'r Verhaftungl_ Jugendbewegung. Kampf gegen die Arbeiterjugend in Königsberg in Preußen. Am Sonntag, den 19. Januar, fand in Königsberg i. Pr. eine Jugendvcrsammlrmg statt, nr der Redalteur Marchioinni einen Vortrag über das Thema hielt:„Preußische Geschichte vor 100 Jahren". Angesichts der demnächst gerade"in Königsberg statt- sindenden Jnhihundertfeier der Befreiungskriege von 1813 war dieses Thema für Königsberg ganz besonders aktuell. Auch die Polizei war durch zwei Beauftragte vertreten. Der Redner hielch einen rein historischen Vortrag und trotzdem die Beamten gespannt auf- paßten, konnten sie einen Grund zum Einschreiten nicht finden. Erst am Schluß des Referats, als der Redner noch zwei Sätze zu sprechen hatte, glaubte einer der Polizeibeamten zu entdecken, daß Politik er» örtert werde. Als der Redner sagte, der König habe die versprochene Volksvertretung nicht gegeben und diese wäre erst 1848 auf den Barrikaden erkämpft worden, erhob sich einer der Beamten und sagte:„Herr Marchionini, Sie bogeben sich aufs politische Gebiet". Zu der Versaminlung gewendet fuhr der Beamte dann fort:„Ich fordere Sie auf, im polizeilichen Interesse den Saal zu verlassen." Auf die Frage, worin denn die politl- schen Erörterungen gefunden werden, erklärte er. das werde man im schrifilichen Bescheide erfahren. Er forderte dann nochmals alle Anwesenden auf, den Saal zu verlassen und fügte noch hinzu, er tue das„aus allgemeinen Befugnissen der Polizei, um strafbare Handlungen zu verhüten. Hierauf schloß der Versammlungsleiter. Genosse Krüger, die Versammlung mit einem dreifachen Hoch aui die Jugendbewegung. Inzwischen waren mehrere Kriminalbeamte und uniformierte Schutzleute herangeholt winden, die anscheinend schon in Bereitschaft gehalten worden waren. Diese hielten die sich entfernendeil Versammlungsbesucher an, suchten die etwa 12 bis 15 Jüngsten und Kleinsten aus und nahmen sie nach der Polizeiwache mit, um ihre Personalien festzustellen. Das Vorgehen der Beamten ist vollkommen unberechtigt, umso» mehr, als eine Auflösung der Versammlung nicht ausgesprochen wurde. Beschwerde ist eingelegt, und am nächsten Sonntag findet eine neue Jugendversammlung' statt. KrtefKaften der Redafttfon» Die turlstilchc Sprechstunde studct Ltndeustraste 6ü, vor» vier Treppe» - Fahrstuhl wochentäglich von bt« 7t- Uhr abends. Sonnabends. von«M. bis 6 Uhr abends statt. Jeder lllr den vrieslastcn bestimmten Aufrage tft ein Buchstabe und eine Zahl als Alerkzelche» beezusügen. Briefliche Antwort wird nich, erecUt. Anfragen, denen keine«d-une-icntsautttllng beigefügt tft, verde» ntch, dranewortet. Etltge Fragen trage man in der Sprechstunde vor. H. R. 38. Di- Scheidung der Ehe ist nicht zulässig da Sie österreichischer Katholik sind.— M. II«. 1. Der Abzug ist nicht zulassig. sosern Ihre Schwägerin ordnungsgemäß gekündigt bat. on der Regel ja, jedoch nur die im letzlen Monat entzwei geschlagenen Gegenstände. 3. Amts- gericht.— ft Iis» Nein Es mug die Geburtsurkunde beigebracht sein. — E. 33. Sie brauchen � die Miete dem Vertrage entsprechend nur in vierteljährlichen Vorausbezahlungen zu leisten. Wurden Sie über das lausende und kommende Ouartal hinaus bezahlen, so bestände die Kcsahr, daß der Erwerber deS Grundstücks oder Dypothekenglaubigcr für die spätere Zeil die nochmalige Bezahlung beanspruchen können.-(g, R. 100. 3,50 Mark.- 3k.®. 23. Die Geschwister können, da sie zu den Pflichtteils. bercchliaten El ben nichl gehören, im-restament vollständig übergangen werden. — 3l. B. 1 1«. Es läßt sich»nr mit ZusNmmnna Ihres Mannes verfügen. Eigentum Verwaltung haben. Eine Scheidung wäre erst zulässig, wenn die Geisteskrankheit 3 Jahre andauert undnachgcwlescn werden kann, daß eine Besserung nickt zu erwarten ist.— M. 53. Ja, am zweckmäßigsten ans dem Polizei. Prasidlum.- Eigentum. Der Ebevertrag ist zu.iolart-ll-m oder gerichtlichem Protokoll zu erklären und alsdann ist die Eintragung in das Güterrechisregiller sowie die Publilalion zu beanlragen. Die Kosten würden sich bei dem angegebenen Objekt aus etwa 30 M. bclausen. — Paul IS. Sämtliche von Ihnen genannten Personen sind-m sich zahlnngspslichtig. ,e nach der L-istungsjähigkeit: sosern Ihre Iran so viel uerdient, wie zu ihrem Unterhalt nötig ist halten lolr auch Sie zu cmcr Beisteuer von etwa 3—5 M. monatlich für ocrpflichlet, ebenso Ihren Bruder. Bei den anderen Personen sehlt die Höhe der Verdienstangabe, so daß sich da nichts Näheres sagen läßt.- R sm 84 1 Ja. 2. Geburtsurkunden sowie Militärpaß deS ManneS. Beim KirchenauSwitt ist Tausschei» oder KonstrmationSschein notwendig 3 Ja Sür den Fall, daß nn vorauf» gegangenen Kalende>1abr injolgc ArbottSIoftgkeit ein Berdicnstausfall von mindestens einem Fsinslel des fteiierpstichtigen SinlommenS cmgelpeten ist. — A. SS. 84. t. U 2. Ja. Werden Kosten liquidiert, so stellen Sie beim Magistrat einen Antrag aus Evlah.—(?. H. 6. 1. u. 3. Ihre Darstellung ist unverständlich. 2. Ja.— Engllsh cnstom. 1. Kranken- versicherungspflichtig nicht, wohl aber invalidenvcrsicherungspflichtig. Die Karte erbält die Auswärterin aus dem Polizeirevier, in dessen Lezirl die Arbeitsstelle liegt. 2. Eigenhändig geschriebenes, mit Lrtsbezeichnung, Datum und Unterschrist versehenes Testament ist rechtsgültig. Sie können dasselbe auch in eigener Verwahrung behalten. Die Erklärung, datz die Leiche eingeäschert werden soll, geschieht am zweckmäßigsten gegenüber einem zur gührung eines Dienstsiegels berechtigten Beamten, z. B. aus dem Polizeirevier, bei dem Bezirksvorstchcr, Schiedsmann, Armenvorstelicr. — E. W. 29. 1. Noch bis 12 Uhr nachts, falls angebracht werden kann. 2. Nein, falls ordnungsgemäß gekündigt ist.— I. B. Sirasicnbahn. t- Ja. 2. Die Gemeinde ist zur Tragung der Kosten nicht verpflichtet; wenn die Angehörigen sich dazu nicht bereit erklären, würde die Beerdigung in Eberswalde stattfinden. 3. Magistrat der Stadt Berlin.—<£. V. 100. 4118 Vorarbeiter unterliegen Sie auch bei dem genannten Einkommen der KrankenversicherungSpflicht: als Werkmeister oder Betriebsbeamter jedoch nicht. Ob das eine oder andere zutrifft, läßt sich erst sogen, wenn man Ihre Tätigkeit genauer kennt.— K. H. 1003. Sie können beim Amts- gcricht Klage erbeben. Auch würde aus Antrag voraussichtlich eine einst- weilige Verfügung ergehen.— M. Sei). 29. Ob die Krankenkasse über die Dauer von 2ö Wochen binaus hastet, richtet sich nach dem Statut. Von Beendigung der 26. Woche ab kann Invalidenrente beansprucht werden, sosern die g> schliche Waitezeit von 200 Beilragswochen erfüllt ist. Für das Sterbegeld bleibt die Krankenlasse noch ein Jahr nach erfolgter Äussteueruiig baftbar, sosern die jetzige Krankbeit die Ursache des Ablebens ist. — Finow, 9. Jhic Darstellung reicht nicht aus. Kommen Sie in die Sprechstunde.— F. I. 90. 1. und 2. Ja, sosern ein berechtigtes Interesse dargetan wird.— A. T>. 58. 1. Das ist zulässig. 2. Aweckmäßigerweise ja. 3. Nein. 4. Der Eigentümer, eventuell der vom Gericht eingesetzte Ver- tvalter.— P. Z. 23. 1. und 2. Die Abmachungen hatten Giiltigkeit für das lausende und kommende Quartal. Nach Ihrer Darstellung also sür die Zeit bis einschließlich Dezember vorigen Jahres. Sie können also Zahlung sür die fragliche Zeit ablehnen. 3. Falls eine Kündigung bisher nicht er- folgt ist, ist auch der Ersteher an den alten Vertrag gebunden.— I. 21. 35. Nach Ihrer Darstellung nein.— Alter Abonnent Nr. 100. 1. Der Inhalt ist ausreichend. Das Testament muß von einem der Teile eigen- bändig geschrieben, mit Ortsbezeichnung, Dalum und Unterschrist versehen sein. Der andere Teil muß den> Testament als das seinige gilt und nung, Datum und Unterschrift versehen. Thealer und Vergnügungen Donnerstag, 23. Januar 1313. Ansang 7 Uhr. Kgl. Opernhaus. Die Meistersinger von Nürnberg. Königgrnqer Straffe. Brand. Ansang 7'/, Uhr. Kgl. Schainpiellinus. Der AuS- tausch-Lcutnänt. Deutsches. König Heinrich IV. 2. Teil. Zirkus Busch. Gala-Vorstellung. Zirkus llllbert Schumann. Gala- Vorstellung. Aniang 8 Ubr. Urania. Dr. O. Hcinroth: Bilder aus dem Vogclleben: Kuckuck und Ziegenmelker. Hörsaal S Uhr: KonstruktionS. Ingenieur A. Keßner: Die Welt- macht des Eisens. Kroll. Der gutsitzende Frack. Kurfürsten- Over. SdeUa mari». Deutsches Opernhaus. Oberon. Trianon. Wenn Frauen reisen. Leiiinq. Das Prinzip. Dheatcr am Nollcndorfplaff. Die Studentengräsin. Kammerspiele. Schöne Frauen. Groff. Berlin. Das Fürftenkind. Deutiches Schauspielhaus. Der gute Ruj. Berliner. Filmzauber. Montie Operetten. Der heilige Antonius. Kleines. Profeflor Bernhardt Residenz. Die Frau Präsidentin. Thalia. Puppchen. Bcrlin-Hlu Chauffeur New Jork. — ins Luisen. Mctropol. Mctropol. Komödienhaus. Die Generalsecke. Rose. Mein Leopold. Herrnseld. Die Alpenbrüder. Wüsten- moral. Schiller O. Wolkenkratzer. Schiller- Charloiienburg. Die Schinetterlingsschlacht. Casino. Am grünen Strand der Spree. Winiergartc». 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Filmzauber. s Uhr DonnerStaa. 7 Uhr. zum 1. Male: Deutsches Schauspiel Hans 8 Ubr: Der gute Ruf. An allen Tagen der Woche 8 Uhr: Die Studenlengrafin. Residenz-Theater, i dp. Die Fran PräsideDtln. _(Madame la Presidente). Schwant i. 3 Akt. v.Hennequinu. Beber. Morgen und folgende Tage: Tie Frau Präsidentin. t�ontls Operetten-Theater (fr. Neues Theater). Amt Norden IUI. 8 Uhr: Der heilige Hntonius. Luisen-Theater. Donnerstag, abends 8 Uhr: Berlin- Hamburg- New Jork. Kr. rom- komisch. Ausi'astungsstück von Ernst Rilterseldt. Musik von Georg lliunsly riiag und Sonnabend, abends Berlin-Hamburg-Ncw Uork. Sonnabend, nachm. 4 Uhr: Kinder- Vorstellung. Premiere: Der Wunich- Peter u. das Glucksglasmannleiu. Voranzeige! Sonntag, ab. 8 Uhr: Premiere:„Und hätte der Liebe nicht.. OSE=THEATE | Große Frantiurtei Str>32. silein Leopold. Volksstück m. Ges. in 3 Alken von Adolph LÄrronge. Musik von R. Bial.— Änsang 8 Uhr. Morgen mid folgende Tage: Mein Leopold., Sonnabend nachm. 4 Uhr: Schneewittchen u. die 7 Zwerge. Sonntagnachm. 3 Uhr: Kabale und l iehe. Metropol-Theater Chauffeur- ins Hetropol! Große Jahresrevue mit Gesang und Tanz in lv Bilder». Otto Reutter a. G. mit gänzlich neuem Repertoire I Abends 8 Uhr. Rauche» gestaltet. Abends ab 8ühr!, Torletzte Woche! des grandiosen Programms. Sfelsa Ritschie Comp. Knill und Kroll. Darlue Yana. «>/- Uhr: „Brüderlein kein". Alt-Wienor Singspiel von Jul. Wilhelm. Musik v. I-eo Fall. Usw. M»» Der Höhepunkt des Lach-Erfolges! mit Anton und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen. Ans. 8 Uhr. Vorvcrk. 11—2(Theaterk.) Boigt-Theater Gesundbrunnen, Badstr. 58. Jede» Dltnstllg und Altnuerstllg: Großes bayerisches Bookbierfest mit* sensationell. Prämierungen. Preise 15, 10 n. 5 M. Bedienung durch echt bayr.Madl'n. Kapelle des urkomischen Sepp! Weinzierl München. Vollständig neue Dclorationcn! —:: Stimmung::— Ansang 8 Ubr. 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Stiftungs-Fest in Kellers Neue Philharmonie, Köpenickerstr. 96/97. □ □ □ Kammermusik-Abend. □ □ □ MlTWIRIvENTJE: Das Schillertheater-Quartett: Prof. Florian Zajlc(1. Violine) Frau Gertrud Steiner-Rothstein(2. Violine);: Herr Hans Hasse(Bratsche):: Prof. Heinr. Grünfeld(Cello):: Frl. Flsa Dankewitz(Gesang);: Prof. Oscar Schubert(Klarinette):: Herr A. Scheper(Fagott) Herr Otto Rembt(Horn) Conrad(Baß). Vortragsfolge: Herr Albert 1. Quintett für Klarinette und Streichinstrumente in A-Dur W. A. Mozart. Ailegro, Larghetto, Menuette, Allegretto con Variazioni. 2. Violinsolo: a) Adagio. b) Rondo aus der Haffner-Seronade.... Mozart. 3. Schottische Lioder mit Triobegleitung........ L. v. Beethoven. a) Noch einmal. b) Der treue Johnie. c) Das Büschen in unserem Sträßchen. - Pause.- 1. Cellosolo: al Adagio. b) Gavotte aus„Idomeneo"........ W. A. Mozart. ö. Lieder: aj Meine Lieder, meine Sänge. b) Unbefangenheit. c) Der kleine Fritz an seine jungen Freunds C. M. v. Weber. 6. Sextett für Violine, Bratsche, Horn, Klarinette, Fagott, Violoncell und KontrabaL!........ L. v. Beethoven. Adagio-AUegro con brio.— Adagio cantabile.— Tempo di Menuetto.— Tema con Variazioni.— Scherzo-Allegro molto e vivace.— Andante con alla Marcia-Presto. Konzertflügel; Ibach. Eröffnung 6 Uhr. Beginn 7 Uhr. ---- Nachdem: BALL«= Eintrittskarten h 75 PI. sind zu haben bei Horsch, Engelufer 15. Reul, Barnimstr. 42. Vogel, Lortzingstr. 37. Kaczorowski, Ravenestr. 6. Gottfr. Schulz, Am Kottbuser Tor. Weihnacht, Grünstr. 21. Radke, Neue Jakobstr. 1—3, und in der Schule, Grenadierstrasse 37. -— An der Kasse I Mark.- 6/3* Folies Caprice. Anfang S'/jllfjr. Die drei Zaison- Schlager: In Sache» Kaffensteiu. Die Doppelfiriiia. Die Tochter der Braut. AOiniralspalast. Allabendlich: Das neue mit durchschlag Erfolg aufgel. ElSballett | Flirt in St. Moritz 1. Akt: Wintersport in St. Moritz. 2. Akt: Soiree im Luxushotel. [ 3. Akt: Japanisches Fest Unter Mitwirkung der kl. Charlotte. 1 Bis 6 U. ii. v tO3/, halb.Kass.- Preise. Wein- u. Bier-Abt. „Glon" :: Berliner:: Konzerthaus MauerstraBe 82.— ZimmerstraBe 30/91. Großes DoppeB-Konzert! Musikc. Kalser-AIcxandcr-Reg., Dirig. Kgl. Musikdir. Brase, —— Zillerthaler und Tegernseer Sänger— Schuhplattler und Jodler! Anfang 8 Uhr. Eintritt 50 Pf. Anfang 8 Uhr. An allen Wochentagen: Qr. Kachmittags-Konzert bei freiem Eintritt Wirtshaus in ll-n Stadtbahnbögen (fiüher Schippannowskl) (Bahnh. Börse) Wpanduuer Brücke(Bahnh. Börse) Bock- Jubel und Trubel �ÄmKo«.« ' bei freiem Entree!'fps rratar Waller Seyrlng, Zirkus jllbert Schumann. Heute Donnerstag, 28. Jan., abends 7'/, Uhr: Gr. Gala-Vorstellnng. Berlins größte Attraktion! Cäsarios Löwen- und Tigergruppe. WiederTorfUhrnng des bösartigst. Löwen Hercules. Um ö'f, Uhr; Der unsichtbare Mensch. 4 Bilder aus Indien. Die Fcner-Fontäinc. Wirklich brennendes Wasser. Zirkus Busch. Heute Donnerstag, 23. Jan., abends 7l/j Uhr: Größte Sensation des Tages! Mac Norton genannt das menschliche Aquarium trinkt 50— 100 Glas Bier in 5 bis 6 Minuten. Mac Norton kann deshalb mit Recht als der größte Alkoholiker bezeichnet werden. Der Aeroplan im Zirkus (Ein Affe als Aviafiker 1 1) sowie die gesamten neuen Januar-AUraklionen. Z. Schluß: Sevilla" Theater Königstadt-Casino. Ecke Holzmarkt- u. Alexanderstraße. 1 Minute v. Bahnh. Jannowitzbrücke Tägl. abdS.'/.L, Sonnt?/zS Uhr: Zwei rote Uoscu. Burleske m. Gelang— und das gros:. Spezialitäteuprogramm Jed. 1. u. 16.: Programmwechsesi Trianou-Tlieater. Wenn Frauen reisen. Anfang 8 Uhr. Reichsiiailen-Theater Stettiner Sanger. Zum Schluß: CasinoTheaten Lothringer Sir. 37. Täglich 8 Uhr: Die neue LnhnipojTe: Am grünen Strand der Spree! Nißles Fest-Säle Dennewitzstraße 13« Jeden Donucrstag: Tanzkrimzchen und Bockbierfest. C. XiBIe. Coiicordia-Fesisäle. Inh.: M. Wendt u. A. Schütze. 64 Andreasstr. 04. Jeden Donnerstag: Große Soiree der allgemein beliebten und bekannten Hoflmainis Sänger mit vollständig neuem Programm Anfang 8 Uhr. äiiro," Frei-Tanz. Vorzugskarten haben Gültigkeit. Für den Inhalt der Jnierare übernimm» die Revaktiuu dem Publikum gegenüber keinerlei Berautworrung. | Todes-Anzeigeu SozialöEmokralWalilvereinLtien 4. Frankfurter Viertel. Bez. 380. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Genosse, der Händler Ifoiri Schulz Landsberger Str. 4, gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Freitag, den 24. Januar, nachmittags 2'/, Uhr, von der falle des Zentral-Friedhoses in ricdrichsselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 210/12_ Per Vorntand. Am Montag, de» 20. d. Mts,, verschied nach kurzem, schwerem Krankeniager mein lieber Mann, der Tischler 21S0b Franz Clemens im 52. Lebensjahre. Dies zeigt tiesbetrübt an Die trauernde Witwe ld» Clemens geb. Oantke, Antoustr. 33. Die Beerdigung findet Freitag- nachmittag 2�/, Uhr von derLcichen- halle dcS städtischen Friedhoscs in der Müllerstrage auS statt. oelllzebLi' iliilzaflieiter-VerbaiKi. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Tischler Franz Clemens Antonstr. 33, im Alter von 52 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Freitag, den 24. Januar, nach- mittags i'l, Uhr, von der Halle des Philippus> Apostel- Kirchhoses in der Müllcrstratze auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 78/2 Die Ortsvertoaltung. Hierdurch teile ich sämtlichen Bekannten mit, das; meine Frau nach kurzem, schwerem Leiden am Montag srüh sanst entschlafen ist. Um ein ehrendes Andenken bittet 28a Max Dauselt nebst Verwandten. Die Beerdigung findet am Freitag, nachmitlagS 3 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral- Friedhofes in FriedrichSselde aus Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Hinscheiden sowie bei der Beerdigung meines lieben ManncS, des 14/1 Cnsttvlrte» Gustav Wettermann sage ich hiermit allen seinen Genossen, Kollegen, Freunden und Bekannten meinen herzlichen Dank. Fran Witwe Wettermann geb. AuM Naunynstrafie 82. Diese Woche!! InTenlar- Extrapreise für Buntpersiscbe doppelseitige Diwandecken ä M. 5,85—8,75(10-15 Vi.) einfachere Qualität 43S 48S Bli Bünte Diwan- decken. Hoderne 4 685(bisher kleine IlnsterlD 27 M.) Unlrotf Tinch- D75(bisher rRDKBII'decken« 15 M.) Teppich-Spezialliaus Lmr Emil ef�vre Berlins. Seit 1882 nur Oranienstr. 1S8 Habe nirgends Filialen! "' Hsti (enorm billiger Angebote) 5— gratis und franko. Nur mmä Taue Unfer Invenfur- Ausverkauf föhließf am 20. Januar 1Q13 mit dem der Hofens Alle Slofflyosen lür Herren und JQnglinge zu Prelfen! iit«»«i«o«i*aaataMio*u«(it»| Pelze, Pelzwaren.\ soweit noch vorräf. spottbillig| Kleider-Werke ChaulTeearaße 2.9-30-Berlin- 11 BrUck enOraCe 11 Or. 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Kaiser-Wilhelm-Sirage 18m, unterer Saal. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Bericht der Revisoren. 3. Antrag aus Aendermrg des§ 15 des Statuts: Erhöhung der Steroeunterstützung. 4. Antrag der Herren Oriwohi, Mohs und Lic betrau auf Aendermigen der Kß 21, 27. 28. 29 de» Statuts und zwar aus a) Erhöhung der Remuneration sür den Vorstand, h) Vergrößerung des Vor iiandeS. o) Bcschluntähigkeit de» Vor standeS, d) Ausscheiden von Vor- standSmiigliedern, e) Vertretung des Rendanten, f) Jährliche Festsetzung der Remuneration. 5. Neuwahlen von Borstandsmiigliedern(Vor- fitzenden, Rendanten, 2. Schrislsührer). 6. Neuwahl der Revisoren. 1932b* Mitgliedsbuch legitimiert. Der Borftand. I. A.: G. Wegner, Vorsitzender. £»pesl»la]*2:t f. Haut-, Harn-, Frauenleiden, nero. Schwäche. Betukranke jeder Art, Ehrlich Hata. Kuren in u. Co. konz. Laborat. f. Blut- Untersuchung., Fäden i. Harn usw. FilUrlchsir, 81, ÄÄ. Spr. 10—2, 5—9, Sonnt, ll—2. Honorar«ästig, auch Teilzahl Separates Damenzimmer. Art. Ehrlich Hata ni. Homeyer Das Ideal der Dausfrau ikt eine Singer Wmalchlne Zu haken in lamtlidien Läden _ mit nebenstehendem„S"-8chUd �&&&& oder durth unsere Hgentcn www Singer Co. ffähmafchinenHct.Gef. Berlin, leipziger Straße gt. - fiUalen in allen Stadtteilen.-- gv grau* � Terant>i>o:tijche.r Netakieur: Alfred Wiejepp, Neukölln. Für de» Lnjeratcntcll veranuv.: TH. Glocke, iSerlin. Druck». Berlage Borwärtt Arbeiter- 8illlungssehnle. vonnoratag, ckcn 3V. ck»nn»r.»dcnck« S>/,(Jhr, Im Schallokal, Grenadloratr. 37: Generalversammlung Tsgeeordnung: 1. Bericht des Vorstandes, des Lehrerkollegiums und der Revisoren. 2. Anträge. 3. Sohulangelegenheiten. I. VerBchiedenea. SaT" Mitgliedsbuch legitimiert*VM Beitrage müüHon bezahlt werden. 6/4* Vttmttllugsjlelle Kerlm. C. 54, linienör. 88—85. Berwaltung: Telephon: Ami Norden 1987. Kaisterer: Amt Norden 185. Arbeitsnachweis: Ami Norden 1239. 3714. Tonnersta.. in den Andreas den 23. Januar 1913, abends 8 Uhr Festsälen, Andreasstrahe 21 Allgemeine Klempnerversammlung Berlins und der Vororte. Tagesordnung: 1.„Die gegenwärtige SUautlon In anserem Beraf and was ist au tan." Referent: Kollege Cohen. 2. Diskussion. 3. Branchenangclegenheiten. 111/8 In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung und da andererseits der Ablauf dcS DarifeS vor uns steht, ist es notwendig, dag alle Kollegen erscheinen, insbesondere die Kollegen aus den Bororien, sowie diejenigen auS den kleineren Betriebe». Bringt auch die Unorganisierten mit. Die BertrauenSieuie werden ersucht, um 7 Uhr im obigen Lokal zu«rschemm. Die Lrtsverwaltung. Verwaltung Berlin. Freitag, den 24. Januar 1913, abends 8'/, Uhr: in Kellers Festsäle», Koppenstraste 29: Gemeinsame Vertrauensmänner• Versammlung für sämtliche Bezirke n. Branchen. Tagesordnung: 1. Bericht über den ichigen Stand unserer BertragSbewegu»«. 2. BerbandSangeiegenheilen. 78/1 Bcrtroueiismäuncrkarte nebst Mitgliedsbuch legitimiert. SV Jede Werkstatt mutz vertreten sein.'BM Die OrtSverwaltung. P atente etc. erwirki u. vemenet anerk. schnell Civ.-Inc J.cs.r& Dr. Bre.I.uer _ Berlin, GilfChin«Mtr.1M,n.d.Pat-Amt Das beratende Nachschlagebuch:.Wie muss np�fir eine Erllndung(ür die Verwertung beschall, sein'' jj l Olli u. trank. ] B■! ■ ■ ■ ■ ■ ■ s REIS-I AusscMeitS 1500 H. Mist!! 1. Preis 1000.- M. 8 2s gy 300s— yy 3- 99 100»— y9 10 Preise9 s 10.-„ s S FimwIOOTrosIpfeise n j» IQ FlascIienElsea-Malzbler 1 2 II. S Das schönste Bild braucht den passenden Rahmen. Das beste Gebräu einen richtigen Namen. Wir spornen jung und alt hierdurch an, Für Eisen-Malzbier, genannt„Ferrrnaltan-, Wie es hieß bisher provisorischerweise, Einen Namen zu finden! Es gilt hohe Preise! Für den, der den richtigen Namen ergründet, Der den Wert des Bieres treffend verkündet, Der mit einem Wort es kann kräftig beweisen, Wie heilsam ein Bräu aus Malz und Eisen. Wer schafft den neuen Namen herbei, Dem lohnt's die Löwen-Branerei. Bei der Preisveiieilnng werden nur Teilnehmer berücksichtigt, welche die Ldoong gleichzeitig mit 5 Etiketten EiseB-Malibier und i Etiketten Löwen-Oold otT mit 6 Ellkeiten Eisen-Malzbier und 5 Etiketten Löwen-Veraand J -WWM« bis zuml.Märzl 91 3 in einem■ Kuvert mitder Aufschrift:-EIiii.! Hall Her" versehen, an die unten- 5 stehende Adresse einsenden, m Das Preisrichter Kollegium, bestehend, aus: A Frau Dr Laskcr-Ma/co Herrn Kommerzienrat R. Feuer i Herrn Prof. Dr. E. Hollaender■ Herrn Juttierat M. Biegberg Und dem Vorstand der Löwen-» Brauerei Akt.-Ges., wird seine■ntacholdiing.m I. Ost.rkatartag»,■ dem 23. Hürs 1913, bekanntgeben. Lll(0en-BroiierelAkt.-GEi.,Beriinn. 1 Flaschenbier-Abteilung. Fornaprochor: Amt Norden 10370, 10371. 10372.„ vulddruckerei u. PärlaZsanstalt hgaäT Singer u- 3« tltB SSb" Dr. 19. 3l).Aahrga«s. 3. KtilU des.Fmörls" Kerlim WIKsM Donnerstag, 23. Januar 1913. Der Machtjnnialhs der Sozialdkmokratie in den Groß- Keriiner Gelneindeparlamenten. Mit der Ausbreitung der politischen und gewerkschaftlichen Or- jzanisation erobert die Sozialdemokratie ständig neue Gebiete; immer weiter und mächtiger dringt sie in die gesetzgebenden und Vcrwaltungskörperschaften ein. Ein beredtes Zeugnis davon legt der Bericht des Parteivorstandes ab. Auch in den beiden Berliner Vorortkreisen geht es rastlos vorwärts. Schranke fällt aus Schranke. Positionen, die uns jahrzehntelang verschlossen waren, werden im unaushaltsamcn Siegeslauf von der Sozialdemokratie genommen. Selbst die festesten Wälle beginnen zu zerbröckeln. Ter Branden- burgischc Provinziallandtag und die Kreistage müssen es über sich ergehen lassen, daß die roten Hechte in die idyllischen Karpfenteiche dringen und das beschauliche Dasein der Edelsten und Besten der Nation beunruhigen. Diese Tatsache stimmt die sonst so kampfcsfrohe„Deutsche Tageszeitung" recht traurig, wofür wir volles Verständnis haben. Die Schuld an diesem Machtzuwachs unserer Partei glaubt sie den bürgerlichen Parteien zur Last legen zu können, die es an einer genügend scharfen Bekämpfung der„Roten" fehlen lassen, in- den, sie sich gegenseitig bekämpfen, statt mit vereinter Kraft gegen die Vatcrlandsfeindc vorzugehen. Großmütig, wie die„Deutsche Tageszeitung" immer ist, vcr- zeiht sie den S ch ö n c b c r g c r Liberalen Zobclscher Richtung, daß diese einen Sozialdemokraten zum Stadtvcrordnctenvorsteher-Stcll- Vertreter gewählt haben. Aber daß so etwas auch in Neukölln passiert, ist schier unbegreiflich; wo so schneidige Attacken gegen die vaterlandsloscn Gesellen geritten worden sind. Bor allem hat es dem edlen Organ der langjährige Stadtvcrordnctcnvorstcher ange- tan, der, ohne die Erlaubnis der„Deutschen Tageszeitung" ein- zuholen,„von seinem Sessel herab, offen, Deutlich und laut, so daß es jed�r im Sitzungssaale hören konnte, zu seinem Stellvertreter den bisherigen sozialdemokratischen Beisitzer ig Vorschlag brachte". Ganz unglücklich und untröstlich ist das Organ Knutcn-Oertcls darüber, daß lö Liberale ohne Murren dem Winke ihres Ober- Hauptes folgten. Mit Verlaub! Es waren 17 Liberale? Wir müssen den bitteren Stachel leider noch tiefer in den zartcmpfindcn- den edlen Körper drücken. Es waren auch etwa ein halbes Dutzend Alt-Bürgcrlichc, die für den Sozialdemokraten stimmten.„Und nun die Gründe für diese Vorspanndienstleistung der Sozialdemo- kratie?"„Man wollte durch diese Wahl beweisen, daß man bc- müht sei, zum Besten der Stadt mit der Sozialdemokratie in gutem Einvernehmen zu leben." Das Wohl der Stadt ist dem Organ für Kaiser und Reich weniger wichtig, als eine sinnlose Bekämpfung der Sozialdemokratie. Wir erwarten nicht, daß die„Deutsche Tages- zeitung" soviel Einsehen besitzt, daß eben 31 Stadtverordnete von 73 eine Macht darstellen, die sich durch böswilliges und hochmütiges Ignorieren nicht gut abtun läßt. Daß auch in anderen Vororten Bürgerliche zum Teil dieser vorhandenen großen sozialdemokratischen Minderheit Rechnung trügen, verdient den schärfsten Tadel, obwohl die„Deutsche Tages- zeitung" wissen sollte, daß Sozialdemokraten selbst im Reichstage in manchen Kommissionen sogar den Vorsitzenden stellen. Voller Trauer verhüllt die Kämpferin für deutsche Art ihr Haupt, wenn sie an die Zukunft denkt. Klagend schreit sie es in die preußischen Lande hinaus:„In den Vororten mit Landgemeinde- Verfassung sind in Kürze Neuwahlen vorzunehmen. Die Sozial- demokratie hat die gegenwärtig ausliegenden Listen sorgfältig ge- prüft und wacht auf das genaueste darüber, daß kein stimmfähiger Genosse vergessen wird. Die Bürgerlichen aber sehen kaum die Listen ein. Leider ist zu besorgen, daß die Sozialdemokratie neue Mandate erobert. Die dritte Wählcrabteilung ist in vielen Vor- orten bereits verloren, und in die zweite dringen die Sozialdemo- Iraten immer mehr ein. Hier heißt es also handeln, um weiteres Vordringen zu verhindern. Aber es besteht wenig Hoff- nun g." Bei diesen verklingenden Klagclautcn hört man, wie gram- erfüllt die edlen deutschen Männcrträncn ob dieser Hoffnungs- losigkcit auf die zottige Männcrbrust kullern. Soweit unsere Parteigenossen die Macht haben, werden und müssen sie darum kämpfen, daß immer neue Sitze in den Gemeinde- Parlamenten erobert werden und die Ideenwelt des Sozialismus immer mächtiger zur Entfaltung gelangt. Partei- Angelegenheiten. Zur Lokalliste. Im vierten Kreise hat das Lokal„Residenz-Fe st- sSle, Landsberger Str. 31. den Besitzer gewechselt. Der jetzige Inhaber weigert sich, den Revers zu unterschreiben, mithin sind die „Residenz- Festsäle" von der Lokalliste zu st r e i ch e n und für or- ganisierte Arbeiter als g e s p e r r t zu betrachten.— Die Prachtsäle des Lokals„Englischer Hof". Alexanderstr. 21c. sind wieder eröffnet. Der Inhaber, Otto Pachura, stellt uns seine Räume zu den be- kannten Bedingungen zur Verfügung. Die Lokalkomniission. Friedenau. Heute Donnerstag, abends 8'/- Uhr, im Kaiser- Wilhelm-Garten. Rheinstr. 6t: Mitgliederversannnlung. Treptow-Baumschulcnweg. Heule Doimerstag. den 23. Januar, abends 3>/z Uhr: Mitgliederversammlung m Serpentins Festsälen, Baumschulenstr. 78. Tagesordnung: Bericht vom preußischen Partei- tag. Referent: Genosse G r o g e r. Ausstellung der Wahlmämier zur bevorstehenden Landtagswahl. Stellungnahine zur sucis- Generalversammlung. BereinSangelegenheiien und Verschiedenes. Roseirthal. Freitag, den 2t. Januar, abends 7 Uhr: Flugblatt- verbreiiung von den Zahlabendlokalen aus. Die Gemeindewählerliste liegt bis zum 30. Januar im Gemeindeamt, Hauptstr. 22. Zimmer Nr. 1, werktags von 8—3 Uhr und Sonntags von 11—12 Uhr aus. N-wawes. Der zweite und dritte Vortrag des Gen. Thurow über die Technik der LandtagSwahleu sollen an den nächsten zwei Freitagabenden, also an, 2t. und 31. Januar, ebenfalls im Schmidt- sch-n Lokal, Ecke Friedrich- und Wilhelmstraße, stattfinden. berliner jVacbncKteu. Die Zusammenlegung von Polizeirevieren in Berlin hatte Stadtverordnete veranlaßt, vor jetzt drei Monaten eine A n- frage an den Magistrar zu richten. Sie wünschten zu wissen, welche Stellung er dazu einnehmen werde. Der Magistrat verschob damals die Beantwortung, weil er aus nähere Information warten wollte. Diese ist ihm inzwischen gegeben worden in einem Schreiben, doS der Polizeipräs ident ihm nbersandt hat- Der Polizeipräsident sucht das Bedenken zu zerstreuen, daß aus der Zusammenlegung der Polizeireviere irgendwelche Nachteile für die Bevölkerung erwachsen könnte«. Er weist aus die Erfahrungen hin, die mit der schon im Mai 1312 erfolgten Zusammenlegung der bisherigen Reviere 13, 14, IS zu einem Großrevier 13 und der bisherigen Reviere 26, 29, 55 zu einem Großrevier 26 gemacht worden seien. Die Bureauarbeiten der bisherigen kleineren Reviere werden gemeinsam in dem Bureau ihres Großreviers erledigt, so daß— wie das Schreiben sagt—„der Verkehr des Publikums nur noch zum Großrevierbureau stattfindet". Die bisherigen Polizei- wachen der zusammengelegten Reviere sind einstweilen noch bei- behalten worden, und die Schutzleute treten nach wie vor von dort aus ihren Dienst an. Aus dem Schreiben ist nicht zu ersehen, ob das Publiku», auch bei Bedarf polizeilichen Schutzes .sich an das Großrevierbureau wenden muß, um durch dessen Vermittelung die Wache anzurufen. Nach endgültiger Einrichtung der Großreviere sollen diese kleinen Revier- wachen wegfallen und die Mannschaften auf Wachen der Groß- reviere stationiert werden, doch will man das wegen der noch be- stehenden Mietsverträge nur ganz allmählich durchführen. Die Forderung, kleine Reviere zu einem Großrevier zu vereinigen, wird in dem Schreiben als eine alte, immer wiederkehrende bezeichnet. Die gegenwärtigen Reviere seien als taktische Einheit zu klein, auch wünsche man zu Reviervorstehern ältere Beamte mit reicher Lebens- und Diensterfahrung. Aus jetzt 117 Revieren, deren Bevölkerungszahl zwischen 3460 und 4S 000 schwankt, sollen 42 Großreviere geschaffen werden, so daß jedes durchschnittlich. etwa 49 000 Bewohner hätte. Von diesen Großrevieren erwartet der Polizeipräsident eine Reihe Vor- teile. Als ersten führt er an:„Erhöhung der Bereitschaft, Schlagfertigkeit, Geschlossenheit, Wucht und Stoßkraft des Einzel- revierS durch Zusammenlegung der einheitlich zu verwendenden, etwa dreifach größere Mannschaft mit 120—130 Mann. Die gegenwärtig in jedem Bedarfsfälle notwendige Zusammenziehung zahlreicher Mannschaften, die einander und dem Vorgesetzten unbekannt sind, ist ein Notbehelf." Das klingt, wie wenn Herr v. Jagow sich auf Straßenichlachten präpariert. Als zweiten Vorteil nennt er die bei Schaffung von Großrevieren durchzuführende Trennung deS eigentlichen StraßensicherheitsdiensteS vom polizeilichen Verwaltungs- dienst. Der Sicherheitsdienst auf der Straße soll„ausschließlich der uni- formierten Schutzmannschaft" verbleiben, dagegen soll der polizeiliche Verwaltungsdienst einer neugebildeten Verwaltungöexekutive überwiesen werden, d. h. Beamte, die„ihren Dienst in bürgerlicher Kleidung ausüben". Zu ihrem Dienst gehört z. B. Kontrolle der HauSgrund- stücke, der Gewerbe- und Handelsbetriebe, der Fabrikanlagen, des Schankwesens, der Hausierer, der Bettler, der Kinderarbeit usw. Gegenwärtig werde der Beamte durch die Kontrolle dem SicherheitS- dienst entzogen und umgekehrt. Die Uniform wirke bei per Kontrolle diensterschwerend, für die Bürgerschaft sei sie entbehrlich. Das Schreiben zählt noch eine Reihe anderer Dinge auf, die derPolizeipräsident sich von der Revierzusammenlegung verspricht. Sie sind im wesentlichen vcr- waltungStcchnischer Art. Nachteile seien von der Zusammenlegung nicht zu erwarten, wird behauptet. In den kleinen Revieren liege das Bureau oft nicht in der Mitte, so daß weite Wege, in vielen über 1500 Meter, manchmal bis 3200 Meter, nötig seien. In den Großrcvieren«verde, lvenn man die Bureaus in die Mitte lege, die Entfernung 1450 Meter nicht übersteigen. Wie groß sie werden kann, wenn auch hier nicht die Mittenlage gewählt wird, sagt das Schreiben nicht. Es wird beabsichtigt, nächstens ein drittes Groß- revierbureau einzurichten. In diesem und in dem schon bestehenden Großrevier 26 soll auch die Mannschaft in einer Großrevierwäche vereinigt werden. Der Magistrat hat den Stadtverordreten das Schreiben vor- gelegt mit der Erklärung, er sei jetzt zur Beantwortung jener An- frage bereit._ Die Städtischen Straßenbahnen 1912. Die Städtischen Straßenbahnen von Berlin haben im Jahre 1912 eine recht günstige EntWickelung genommen. Die Zahl der beförderten Personen hat um mehr als 2Ö00000 gegen das Vorjahr zu- genommen. Sie betrug 1912 im ganzen 23268 280. Gegen das Vorjahr bedeutet dies eine Zunahme von 2235276 Per- sonen. Demgemäß sind auch die Betriebseinnahmen um mehr als 200000 M. gestiegen. Sie betrugen im letzten Jahre 2 138 881 M. An Fahrscheinen zu 10 Pf. wurden allein fast 20 000000 ausgegeben, genau 19 893 053. Mit der Hochbahn besteht bekanntlich ein Uebergangsverkehr. Für jede beförderte Person erhalten die Städtischen Straßenbahnen 5 Pf. Auf diese Weise wurden von ihnen 1 264 199 Personen befördert. lieber 2 000000 beträgt die Zahl der beförderten Personen auf Zeitkarten, nämlich 2 108 805. Zu diesen Verkehrsleistungen»varen 4 473590 Wagenkilometer notlvendig. Die Motorwagen legten 2 51�102 Kilometer zurück. An Platz- kilometern wurden nicht weniger als 180 068 826 geleistet. Die Zahl der Motorwagen ist'im Laufe des Jahres von 50 auf 54 vermehrt worden, die der Anhängewagen von 31 aus 50. Die Städtischen Straßenbahnen beschäftigen jetzt 440 Personen. Die Länge des Netzes beträgt jetzt 15'/, Äilo- meter Doppelgleis. Die Polizei-Brrorduung betr. den Straßenhandel vom 19. Novem- bcr 1904«vird dein Vernehmen nach ebenso, wie dies bereits mit der Straßenordnung geschieht, einer' Revision unterzogen werden. Der Straßenhandel unterliegt bekanntlich gewissen Beschränkungen; er darf in einer Reihe von Straßenziigen und auf bestiminten Plätzen im allgemeinen überhaupt nicht ausgeübt werden, in einer Anzahl anderer Straßen usw. dogegei« ist der Stratzenhandel unter Benutzung von Fuhrwerk oder großen Behältnissen verboten. Er um- faßt auch ferner das Verteilen von Reklainezetteln, Geschäftsempfeh- lungen, Bekanntmackiungen, Autrufen, Drucksachen und Photographien. Nun soll, wie gemeldet,' zu 8 118 der neuen Straßcnordiüing eine Bekanntmackmng erlassen werden,«velche die Grundsätze angibt, nach welchen bei Erteilung der polizeilichen Erlaubnis zum Ausstellen von Waren usw., sowie zum Umhertragen und Umherfahren von sonstigen AnkündigungSmitteln in Zukunft verfahren werden wird. Im§ 24 dieser Bekanntmachung ist eine Reihe von Straßen und Plätzen auf- geführt, für welche die Genehmigung zum Umhertragen und Umher- fahren von Aiikündignilgsmitteln aus verkehrspolizeilichen Rück- sichten grimdiätzlicki nicht erteilt werden wird. Da für den Straßen- Handel dieselben Gesichtspunkte sOrdiiiing, Sicherheit und Leichtigkeit des öffentlichen Verkehrs) maßgebend sind, so sollen beide Verordnungen miteinander in Einklang gebracht und möglichst auch gleichzeitig in Kraft treten. Die Straßen und Plätze, in denen das Umherfahren usiv. von AnkündigungSmitteln untersagt ist,«verde» dieselben sein, für welche das Verbot deS StraßenhondelS gilt. DaS Verzeichnis dieser Straßen«vürde danach nur einer der beiden Ver- ordiiungen beigefügt zu werden brauchen, so daß ein bloßer Hinweis auf dasselbe für die andere Verordnung genügen würde. In diesen Grenzen dürfte sich die Revision der Polizeiverordnung von 1904 bewegen. Der Ausschuß der deutschen Turnerschaft gibt im Verein mit dem Jung-Deutschland-Bund ei» gemeinsames Blatt heraus, welches„belehrend, unterhaltend und zu allen gesunden Leibesübungen anregend iu frischer, froher Weise zu den Herzen der gesainten deutschen Jugend sprechen soll". Die„Jung-Deutschland-. Post" erscheint«vöchentlich im Verlage von Mittler u. Sohn. Pflicht aller Arbeiterturner ist es, der deutschen Turnerschaft so schnell«vie möglich den Rücken zu kehren. Arbeiter, deren Bestrebungen dort bekämpft«verden, gehöre» nicht in die deutsche Tllrnerschaft, soirdern in die Arbeiterturnvereiire. Die Errichtnug von Straßenfernsprechzellen in Berlin wird immer mehr zu einer Notwendigkeit. Die Eytwickelung des Verkehrs und des geichästlicheu Lebens in Berlin bedingt schnelle Verständigung. Dieser dient schon längst das Telephon. Seit längerer Zeit hat mvn Versuche gemacht, in den Kiosken Fernsprechgelegcnheit zu schaffen. Diese Einrichtung ist nicht genügend bekannt, andererseits aber unbenutzbar nach Schließung der KioSke. Außerdcin sind die Kioske nur auf bestimmte Stadtgegenden beschränkt, erfüllen also nach keiner Richtung hin das Bedürfnis. Es ist nun crlvogen worden, die Litfaßsäulen«nit Fernsprechgelegenheit auszustatten. Dieser Vorschlag hat das Bedenken gegen sich, daß tvährcnd der Nachtzeit sehr leicht Mißbrauch getrieben werde» könnte. Auf Grund wiederholter Eingaben der Handels- kainmcr hat sich auch die Rcichspostvcrwaltung«nit der Angelegenheit beschäftigt; sie will die geäußerten Wünsche erfüllen. Es liegt jetzt nur noch an den städtischen Behörden, Entgegenkomincn durch Hergabe geeigneter Stellen zu beweisen, auf denen Straße«;- fernsprechzcllen ausgestellt werden löniren. Der Magistrat hat sich in einem früheren Stadiuin ablehnend verhalten, weil er«neinte, es ständen genügend Buden und Häuschen auf öffentlichen Straßen««nd Plätzen, daß man nicht noch neue hinstellen könnte. Dieser Grund ist kein durchschlagender. Es handelt sich um ein öffentliches Interesse, dessen Befriedigung die Stadt keinen Widerstand entgegensetzen sollte. Die Tiesbaudeputation, die sich gestern«nit der Angelegenheit befaßte, beschloß einstimmig, dem Magistrat die Zllstiinmung zu der Auf- stellung von Fernsprechzellen auch auf Straßen und Plätzen zu einpschlen. Diese Zellen werden aus Preßglas hergestellt und lassen von außen den Schatten der in der Zelle befindlichen Per- sonen erkennen, sodaß Mißbrauch vermieden wird; sind auch iit architektonischer Beziehung von gefälligem Aussehen. Diese Straßen- fernsprechzellen können auch in den Nachtzeiten jederzeit benutzt werden; sie sind als Fernsprechautomaten gedacht. In Charlotten- bürg ist eine solche Straßenfernsprechzelle schon aufgestellt. ES ist zu hoffen, daß diesmal der Magistrat der an sich wünschenswerten Ver- kehrSerleichterung zllstimmt. Die Regelung des Verkehrs für Fahrzeuge in der Fricdrichsunsic zwischen Behren- und Dorothecnstraße ist bekanntlich in der Weise erfolgt, daß die von Norden kommenden Fahrzeuge die Friedrich- stratze nach Süden in gerader Linie durchfahren. /Ivährcnd die von Süden koinmenden Fahrzeuge die Friedrichstraßc an der Behrenstraße verlassen müssen und erst durch die Charlotten- und Dorothecnstraße wieder in die Friedrich- straße gelangen köllnen. Diese Einrichtung hat sich' bc- währt. Die Verkehrsregelung gestattete sogar eine Verschinälernng des Fahrdamines auf 7 Meter und eine dementsprechende Ver- breiterung der Bürgcrsteige in diesem Teile der Friedrichstraße. Da die Verengung des Flchrdammes einen Nachteil für den Verkehr nicht mit sich brachte, verbreiterte«nan versuchsweise die Bürger- steige in der Friedrichstraßc zwischen Behrenstraße und Unter den Linden noch weiter,, so daß der Fahrdamm liur eine Breite von 5,59 Meter behielt. Auch hierd«,rch ist eine nachteilige Wirkung für den Fuhrverlehr nicht eingetreten. Die Verbreiterung der Bürgersteige hat sich aber im Interesse des Fußgängerverkehrs als sehr vorteilhaft erwiesen und ist vom Publikmn sehr angenehm empfunden worden. Die Tiesbaudeputation hat deshalb in ihrer gestern stattgehabten Sitzung beschlossen, auch in der Friedrichstraßc nördlich der Linden bis zur Dorothecnstraße den Fahrdamm auf 5,50 Meter zu verschmälern und die Bürgersteige entsprechend zu verbreitern. Die Berkaufspreise für Seefische sind für Donnerstag, den 23. Januar,«vie folgt festgesetzt: Kabliau, klein 30 Pf., ohne Kops 32 Pf., im Ausschnitt 35 Pf., Rotzungen 31 Pf. Die Zufuhr ist immer noch sehr ungenügend; es kamen Dienstag und Mittwoch in Cuxhaven lind Bremerhafen nur zwei Dampfer zur Löschung. Die ausgelaufenen Danipfer befinde«� sich zum größten Teil noch auf hoher See, da die Fänge durch Stürme sehr erschivert werden. Bei der infolge knapper Zufuhr starken Nachfrage waren die Preise äußerst hohe und konnte nur durch lleberschreihing des Maximalpreises ein geringer Teil des bestellten Quantums gedeckt werden. Auch Seemuscheln konnten nicht besorgt werden, da die Muschelbänle vereist sind. Die Eisenbahnbrüike über die Spree beim Bahnhof Bellevue soll einem Neubau weichen. Infolgedessen ist es erforderlich, auch die unter dieser Eisenbahnbrücke befindliche Fußgängerbrücke neu herzustellen. Die Tiefbandeputation hat beschlossen, die Brücke für Fußgänger nicht wie bisher im Zuge der Eisenbahnbrücke über die Spree zu führen, sondern die Brücke vielmehr zu verschieben und in der Richtung der Calvinstraße zu erbauen. Orientierungstafcln in Promcnadenstrnsicil sollen in Zukunft in den in Betracht kommenden Straßen zur Aufstellung gelangen. Diese Tafeln baben den Zioeck, zur Orientierung der Droickkenführer zu dienen. Bei den breiten Promenadenstraßen ist p oen Droschkcn- führern nicht möglich, die Hausnummern der auf der entgegen- gesetzten Seite des FaHrdamnis belegenen Häuser zu erkennen. Es sollen nun an jeder Seite der Promenade Tafeln angebracht werden, die die Hausnummern der anderen Häuserseite enthalten, so daß die Wagenführer sofort erkennen kömien, an welcher Stelle sie aus die andere Straßenseite einbiegen müssen. Mit diesen OrientierungS- tafeln ist bereits in der Lothringer Straße ein Versuch gemacht worden, der sich bewährt hat. Jetzt soll diese Einrichtung allgemein in den Proinenadenstraßen zur Durchführung gelangen. Probe«» agen für die Nord-Südbahn sollen von der A. E. G. und von Siemens u. Schlickert hergestellt werden. Beide Firniei« hatten auf eine Ausschreibung hin ganz eigentümlicherweise gleichlautende Offerten eingereicht. Die Tiefbaudeputation beschloß, jeder Finna den Auftrag auf Herstellung eines Probewagens im Betrage von 22 500 M. zu erteilen. Man wird nach der Lieferung sich dann ent- scheiden, welcher Firma weitere A«»fträge gegeben werden. Die gc- lieferten Wagen werden vor Abnahine erst ans einer Probestrecke besichtigt werden. Siemens u. Schuckcrt besitzen eine solche bereits auf dem Nonnendamm, während die A. E. G. in» Begriff ist, eine solche Probestrecke bei ihrem Werk in Hennigsdorf herzustellen. Ein Erbschaftsschivindlcr scheint von London ans einen Fischzug in Deutschland zu unternehinei«. Seinem Namen nach ist er selbst auch ei» Deutscher. Ein„Rechtsanlvalr Dr. Martin" aus der Coptic Street 9 zu London W. 10. versendet an Einwohner des Deutschen Reiches die Mitteilung, daß ihnen aus einem ainerikanischen Nachlaß ein Erbteil zugefallen sei. Er legt zugleich einen Fragebogen bei. um dessen Ausfüllung er ersucht. Auch dieser Bogen ent- hält einen Vordruck, der dem Briefkopf ähnlich sieht. Worauf es abgesehen ist, geht schon daraus hervor, daß „Dr. Martin" erklärt, das Erbteil könne in dem betreffenden amerikanische» Orte nur ohne jede Kürzung durch das zuständige Gericht ausgezahlt«verden. Deshalb habe der Erbberechtigte mit dem ausgefüllten Fragebogen zugleich 20 M. Kostenvorschuß einzusenden. Der Fragebogen enthält außer einigen Personalfragcu das in deutscher Sprache abgefaßte und vorgedruckte Gesuch des Erben an die ErbschaftsverwaltungSsielle uin Aushändigung des Erbteils. Keinem Gericht in der Welt aber wird es einjsLen, lediglich aus ein qerartigeS Gesuch hin irgendeine Erbschaft anZzuzahlen. Zur Warnung seien die Papiere. näher beschrieben.. Beide.' Brief und Fragebogen, enthalten ein Aktenzeichen und eine Folionununer und die Bezeichnung Fernsprecher.: Gerrard Nr. 1152„Erledigung von Nechtsangelegenheiten aller Art, Ermittelungen von Erbschafls- angclcgenheiten, Korrespondenz: Englisch, Deutsch und Französisch." Es wäre erwünscht, dah besonders auch die Provinzpresse auf Herrn Martin und seine Zuschriften aufmerksam Machte, und dasz Leute, die sich mit ihm schon in Verbindung gesetzt haben, ihre Erfahrungen mit dieser Erbschaftsangelegenheit unverzüglich ihrer Polizei mit- teilten. Hier in Berlin werden solche Mitteilungen von der Kriminal- Polizei im Zimmer 100 entgegengenommen. Durch Erhängen machte der Arbeiter Malzahn seinem Leben ein Ende. Malzahn wohnte erst feit kurzem bei dem Hauswirt Klinke, Joachimstr. 5. Arbeitslosigkeit und Nahrungssorgelt waren das Motiv des Unglücklichen. Die Arbeitcr-Samariterkoloime„Groß-Berlin" hielt am Sonn- tag. den 19. Januar, ihre diesjährige Generalversammlung ab.— Das Geschäftsjahr 1912 war ein arbeitsreiches, der Erfolg ein zu- friedenstellender. Bei 199 gestellten Wachen wurden 452 Samariter in Dienst gestellt, welche 887 Unfälle behandelten; der beste Beweis für die Notwendigkeit des Bestehens der Kolonne, die ihre Haupt- aufgäbe in der Aufklärung der Arbeiterschaft erblickt.— Der Mit- gliederbestand hat sich gegen das Borjahr erfreulicherweise erhöht, so daß jetzt eine Mitgliederzahl von 132 aktiven Samaritern fest- gestellt werden konnte.— Die Kassenverhältnisse sind befriedigend; die Einnahmen betrugen 6945, W M., die Ausgaben 5729,92 M. Im Jahre 1912 wurden bedeutende Neuanschaffungen gemacht, 40 Samariter vollständig neu ausgerüstet; zwei neue Zelte mit vollständiger Inneneinrichtung sind angeschafft, so daß die Kolonne für alle Fälle gerüstet ist.— Die Gründung von zwei weiteren Abteilungen, in Berlin-Zentrum und Charlottenburg, wurde beschlossen.— Aus Anlaß des sünfundzwanzigjährigen Bestehens der Kolonne findet am 8. März im„Deutschen Hof", Luckauer Straße, eine besondere Feier� statt.— Die Neuwahlen ergaben die einstimmige Wiederwahl des gesamten Vorstandes.— In allen Angelegenheiten der Kolonne erteilt der erste Vorsitzende Paul Krause, Neukölln, Okerstraße 43, bereitwilligst' Auskunft. In Geldangelegenheiten wolle man sich an den Kassierer A. Vogt. Berlin, Ackerslraße 63, wenden. £3 Der Verein der Freidenker für Feuerbestattung, dessen Mitgliederzahl sich seit der Eröffnung des Berliner Krematoriums fast verdoppelt hat, hat in seiner Generalversammlung beschloffen, bei einem monatlichen Beitrag von 50 Pf. den Mitgliedern im Sterbe- falle die ganzen Kosten einer Feuerbestattung zu erstatten sowie mit auswärtigen Vereinen ein Kartell auf gegenseitige Hilfe bei Be- stattnng von Mitgliedern zu schließen. Die Geschäftsstelle ist bei Jerlvin, Urbanstr. 3. Vorort-JVacbridrtcm Neukölln. Bor einer gutbesuchten Generalversammlung des Wahlvereins erstattete Genosse Scholz den Bericht vom preußischen Parteitag. Redner zeigte insbesondere, daß die von Eisner und Bernstein ge- machten Vorschläge unmöglich Annahme.finden konnten. Eine bedingungslose Unterstützung der Liberalen sei für uns undiskutabel. Das dem so ist, habe der Verlauf des fteisinnigen Parteitages, ins- besondere die Ausführungen Fischbecks, mit aller Deutlichkeit be- Iviesen. Am Schluß seines- eingehenden Referats ersuchte Redner die Genossen, im bevorstehenden Landwaswahlkamps voll ihre Pflicht zu tun, damit die komplizierten Wahlarbeiten bewältigt und diesmal der Kreis Neukölln-Schöneberg für die Sozialdemokratie erobert werde. In der Diskussion ersuchte Genosse Faaß die Genoffen, der Agitation unter den Landarbeitern mehr ihr Augenmerk zu schenken. Charlottenburg. Beihilfe für Schwangere. Minderbemittelten Schwangeren. welche in Charlottenburg wohnen, werden von dem Charlottenburger Hauspflegeverein vier Wochen vor der Entbindung und für die Zeit des Wochenbettes Beihilfen gewährt, meist in Gestalt eines kräftigen Mittagessens in folgenden Speisungsanstalten: Charlottenburger Ilfer 16, Nehringstr. 11, Wilmersdorfer Str. III, Berliner Str. 137 und Alt-Moabit 39. Meldungen nimmt die Ernährungsabteilung des Hauspflegevereins Marchstr. 7 k Dienstags und Freitags zwischen 10 und 11 Uhr vormittags, möglichst sechs Wochen vor der zu er« wartenden Entbindung entgegen. Lichtenberg. Ueber den preußischen Parteitag berichtete in der Versammlung de? Wahlvereins Genosse Glöckner. Die Versammlung erklärte sich mit dem Verlauf und den Beschlüssen des Parteitages ohne große Diskussion einverstanden. Am Schluß der Versammlung ersuchte der Vorsitzende die Genossen, in Zukunft für regeren Besuch der Versammlungen sowie für bessere Teilnahme an den Partei- arbeiten Sorge zu tragen. Britz. Aus der Gemeindevertrrterfitzung. Zunächst gab der Bürger» Meister über den Fortgang des in einer früheren Sitzung beschlossenen Rosenparks Auskunft. Es sind 62 Entwürfe eingegangen, von diesen standen 8 zur engeren Wahl; davon wurden 3 Entwürfe mit den aus- gesetzten Preisen bedacht, einer wurde angekauft und soll zur Aus- führung gelangen» Alle Entwürfe sind jetzt in der Aula der neuen Schule in der Chausscestraße ausgestellt und können von jeder- mann bis Sonnabend, den 25. Januar, täglich von 1—3 Uhr nachmittag« besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.— Dann wurden 13 000 Mark als uneintreibbare Armenpflege- kosten niedergeschlagen. Die Britzer Ortskrankenkasie soll in eine den Bestimmungen des neuen BersicherungsgesetzeS entsprechende Kasse umgewandelt werden, die sich auch auf die Landbevölkerung erstrecken soll. Die Tatsache, daß unsere Vertreter bei der Besetzung fast aller Kommissionen übergangen werden, dieselben daher manche wünschenswerte Aufklärung nicht erhalten können, führt oft zu sehr lebhaften Debatten, namentlich wenn über solche ihnen unbekannte Punkte der Tagesordnung in nicht öffentlicher Sitzung verhandelt wird. Der Standpunkt deS Herrn Tied: Macht geht vor Recht mag auf ostelbische Verhältnisse noch anzuwenden sein, vor den Toren Berlins ist er bereits, von wenigen Ausnahmen abgesehen, über- wunden. Johanuistbal. , Ueber Schulhygiene referierte in der gut besuchten Mitglieder- Versammlung des Wahlvereins Genosse Dr. Alfred Bernstein. In vorzüglicher Weise wußte der Referent seine Zuhörer' zu interessieren, indem er der heutigen mangelhaften Schulhygiene unsere Forderungen auf diesem Gebiete gegenüberstellte. Unsere Vertreter in Gemeinde- und Stadtparlämeiiten müßten immer wieder versuchen, die bürgerliche Gesellschaft an ihre sozialen Pflichten zu erinnern. Eine wirkliche Schulhygiene, eine harmonische geistig« sowie körperliche Ausbildung der Schulkinder werde aber erst in der sozialistischen Gesellschaft zur Wirklichkeit werden. Diese herbeiführen zu helfen durch Eintritt in die Organisation und durch unermüdliche Mitarbeit in derselben sei Pflicht all derer, denen das Wohl ihrer Sinder am Herzen liegt. Die Genossen Gonschur und Dühring rV, muten in der Diskussion dem Referenten zu. Zum Punkt Land- t-mslnaklen wurden die vom Vorstande vorgeschlagenen Wahlmänner- bestätigt. Bei den Ergänzungswahlen zum BUdungS- Ächuß wurde die Genossin Lauser gewühlt. Unter Verschiedenem her Vorsitzende einen eingelaufenen Bries, m dem Genosse Sa und Frau. Kaiser-Wilheln,-Straße. KonMrengeschäft. ihren Miitt aus dem Wahlverein erklären... Weißensee. 10 009 Gemeindewähler verzeichnet die diesjährige noch bis zum 30. Januar für jedermann zur Einsicht im Rathause auAiegende Ge- meindewählerliste. ES entfallen auf die 1. Abteilung 123,' auf die 2. Abteilung 1393 und auf die 3. Abteilung 8490 Wähler. Ein Wähler der 1. Klasse verfügt demnach über ebenso viel Recht wie 11 Wähler der 2. Klasse und 39 Wähler der 3. Klasse. Jede Klasse wählt 8 Vertreter, der größte Teil der Wähler der 1. und 2. Abteilung hat Stimmrecht auf Grund seines Besitzes im Ort und läßt sich bei der Wahl mit einer Vollmacht vertreten; nicht selten kommt es vor, daß mehrere Parteien mit ein und derselben Voll- macht an deir Wabltisch erscheinen. Für den Wahlvorstand ist das gewöhnlich eine heikle Situation. Je näher die Schönheiten des Drei- klassenwahlrechts betrachtet werden, desto mehr verfällt dasselbe dem Fluche der Lächerlichkeit. Seine Beseitigung nicht nur für das preußische Drriklassenparlament sondern auch für die Kommune wird zu einer immer dringender werdenden Pflicht. Ober-Schöncweide. Die Frage der zukünftigen Be- und Entwäfferung des Orts- gebieteS. harrt immer noch der Lösung. Trotz langjähriger VerHand- lungen mit der Stadt Berlin betreffs Wasserlieserung au? dem im Bau begriffenen Werk in der Wuhlheide sowie Anschlug der Schmutz- wasserkanalisation an das Berliner Rieselseld Hellersdorf hat eine Einigung nicht erzielt werden können. Die sich ergebenden Schwierigkeiten haben auch in neuerer Zeit zu Verbondlungen mit der Stadtgemeinde Lichtenberg geführt. Bekanntlich hat Ober- Schöneweide von dieser Gemeinde nach einem Monopolverlrage Wasser für den alten OrtSteil zu dem horrenden Preise voll 30 Pf. pro Kubikmeter, zu entnehmen; es«st sogar in diesem Vertrage bestimmt, daß die Entnahme des zur Straßenbesprengung erforderlichen Wassers von dort zu erfolgen hat. Die Verhandlungen drehen sich deswegen um die Frage, wie diese drückende Last durch Schaffung eines für das gesamte Ortsgebiet geltenden annehmbaren Einheitswasserpreises los zu werden ist. Auch mutz die zukünftige Wasserlieserung so ge- staltet werden, daß nicht mehr die Interessenten als Einzelabnehmer, sondern die Gemeinde als Großabnehmer auftritt mld dem- entsprechend dann den Wasserbezugspreis ihrerseits festlegt. Das Gemeiildelvasserwerk, welches ursprünglich nur für den Orts- teil Ostend geschaffen ivurde und ohne größere Erweiterungen bald am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt sein dürfte, wird dann stillgelegt werden; ebenfalls wird die Ortskläranlage, welche durch ihre Gerüche sich oft unliebsam bemerkbar macht, nach Ab- leitung der Abwässer in ein Rieselseld eingehen und in eine Pump- station umgewandelt werden. Hcincrsdorf(Niederbarnim). Die Ersatz- und Ergänzungswahleu zur Gemeiudsvertretung in der 3. Abteilung fanden am Dienstagnachmittag von 5—7 Uhr statt. Bekanntlich hatte der Kreisausschuß die im März und April des Vor- jähreS vorgenommenen Wahlen für ungültig erklärt, da Wahlbier und ähnliche Dinge auf den Ausgang derselben mitbestimmend ge- wesen find. Der Kampf selbst spielt sich in unserem so dicht vor den Toren Berlins gelegenen Ort zwischen dem Grundbesitzer- und Bürgerverei» ab. Der angeblich— die gesunde Opposition— verttetende Bürgerverein kommt über die plattesten persönlichen Redensarten nicht hinaus. Forderungen prinzipieller Art, wie Ausbau der Schule, der Armen- und Waisen- pflege, der Abänderung des, zum Himmell schreienden Wahlunrechts. der sozialen, Fürsorge sind den Leuten unbekannte Begriffe. Wie sollte es auch anders sein in einein Berein, in dem Magistrats- und pensionierte Polizeibeämte das Heft in den Händen haben. Dazu kommt, daß durch das Fehlen fast jeder Industrie, und durch die grenzenlose Abhängigkeit der in der Gärtnerei und Landwirtschaft beschäftigten Arbeiter eine Arbeiterbewegung nur sehr schwer Fuß fassen kann. Auf diese Weise find die Herren im Gemeinde- Parlament hübsch unter sich. Es erhielten die Kandidaten des Grund- besitzes— die Herren hatten diesmal auch einen wirklichen Arbeiter mit aufgestellt— 55, die deS Bürgervereins 45. während für unsere Genossen nur 13 Stimmen aufgebracht werden tonnten. Damit hat in allen drei Fällen Stichwahl zu erfolgen. Unsere Genossen werden sich bei der Stichwahl strikte der Stimme enthalten. Ruhlsdorf. In einer imposanten Versammlung unter freiem Himmel sprach Genosse Dr. Moses über das Thema:„Auf zum Kampf gegen Junker und Pfaffen". Der, Referent geißelte in scharfen Worten die unfreien Zustände Preußens, die in der Bevormundung des Volkes durch die Polizei am besten zum Ausdruck kämen. Am Schlüsse seines mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrages forderte der Redner die Anwesenden auf, bei der bevorstehenden Landtagswahl für die sozialdemokratischen Wahlmänner einzutteten. Genosse Schneider ermahnte die Versammlung, einzutreten in die sozial- demokratische Partei und in derselben für bessere Verhältnisse in Preußen milkämpsen zu helfen. Mit einem begeisternden Hoch auf die sozialdemokratische Partei wurde die gut besuchte Versammlung geschlossen. Reinickendorf. Den Verkauf russischen Fleisches eingestellt haben sämtliche Schlächter im mittleren Ortsteil(Haupt- und Rrsidenzstratze mit ihren Nebenstraßen).' Angeblich soll der Konsum so gering gewesen sein, daß den Schlächtern das Fleisch verdorben sei. Doch ist das purer Schwindel. Wäre eS nach dem Millen der Schlächter gegangen, dann wäre wohl manche Hausftau vom Kauf russischen Fleisches ab- geschreckt worden. Wahr ist wohl, daß den Schlächtern der Konsum des russischen Fleisches zu groß geworden ist. Und lediglich die Angst um ihren elwas geschmälerten Prosit diktiert den Schlächtern ihr Verhalten und läßt sie das Odium auf sich nehmen, mit den Agrariern um die Wette die Aushungerung des Volkes zu betreiben. Wie wenig stichhaltig der angeführte Grund ist, beweist die ein« fache Tatsache, daß der Gesamtabsatz der gleiche geblieben ist. daß also der Umsatz derjenigen Schlächter, die russisches Fleisch verkaufen, ein größerer geworden ist. Der Gemeindevorstand ver- sucht, dem nicht zu verkennenden und dringenden Bedürfnis auch in- soweit gerecht zu werden, als er von dieser Woche ab nicht nur wie bisher Donnerstags, sondern zguch Montags russisches Fleisch an die Schlächter verabfolgt. Während der Bedarf auf etwa 28 Zentner pro Woche geschätzt war, stellte er sich von Anfang an auf vierzig Zentner und ist schnell auf zirka 80 Zentner gestiegen. Insgesamt wurden bis jetzt seit Anfang November eingeführt 232 Zentner Rind- und 346 Zentner Schweinefleisch, außerdem eine erhebliche Menge Lungen und Lebern. Und diese Zahlen wären wahrlich weit größer, wenn eine Anzahl Schlächter nicht von vornherein alles getan hätten, um durch außerordentlich starke Knochenbeilagen, absichtlich un- unappetitliches Zerteilen der Tiere usw. den Kauferinnen den Kauf russischen Fleisches zu verekeln. Da alle diese Ver- suche doch nicht zum gewünschten Ziele führten. ließen die Schlächter schließlich die Maske fallen und beschlossen in ihrer Jnnungsversammlung im Dezember, den Verkauf russischen Fleisches einzustellen. Allerdmgs toar dieser Beschluß nur möglich durch die Anwesenheit der großen Zahl in Reinickendorf dominierenden Großschlächtermeister. Daß sich aber die Laden- scklächter diesem Beschlüsse nur allzugern fügen, beweist das sicherlich auf Verabredung beruhende Vorgehen der Schlächter im mittleren Ortsteil, das anscheinend jetzt auch vom Gemeindevorstand verurteilt wird. Und doch«st der G-memdevorstand von der Mitschuld an diesen Zuständen rncht freizusprechen. Mit Händen und Füßen hatten sich die Schlachter von Anfang an gegen den Verkauf ge- wehrt und doch hatte der Gememdeoorstand ihn diesen auf- gedrängt. Als dann.bald darauf die bekannten Klagen laut wurden, beantragten unsere Genossen, daß auch in Reinickendorf, wie schon vorher in Berlin, Wilmersdorf und Pankow, der Konsum- genossenschaft der Verkauf russischen Fleisches übertragen werde. Doch der Gemeindevorstand wußte, was er den erst- und zweit- Ilassigen Gemeindewählern—»wir arbeiten ja nur für Sie, meine Herren!" schuldig ist. Im dreimal geheiligten Prositinteresje mußte dieses Attentat auf den Geldbeutel der„armen, nahe ai» Rande des Bankrotts stehenden" Schlächtermeister vereitelt werden, und die Petenten wurden beschieden:„daß der Gemeindevorstand und die Finanzkommission in gemeinsamer Sitzung beschlossen haben, Ihren Antrag auf Zulassung der in Reinickendorf vorhandenen Verkaufsstellen der Konsumgenossenschaft zum Verkauf russischen Fleisches abzulehnen, da dies mit dem mit der hiesigenFleischer- innung getroffenen Abkommen nichts vereinbar erscheint". Und die Herren Schlächtermeister? Sie scheren sich den Teufel um den Vertrag und zeigen nun dem gcblatzmeierlen Gemeindevorstand und der verehrlichen Finanzkommission, was sie mit den getroffenen Abmachungen für vereinbar halten. NotvaweS. Die Errichtung von Hinterhäusern am Park Babelsberg ver- bietet eine neue Polizeiverorduung. deren Erlaß in der letzte» Ge- meindeverlretersitzuiig beschlossen wurde. In Betracht kommt hierbei der Ortsteil, der von der Wilhelmstraße. Hermannstraße und dem Park Babelsberg begrenz« wird. Die Veranlassung zu dieser neuen Verordnung gab der Bezirksausschuß, der mit Rücksichl auf die Nähe Babclsbergs nicht nur das Verbot der Errichtung von Hinterhäusern, sondern auch die Anlage ungeivöhnlich tiefer Vorgärten forderte. Später erklärte er sich bereit, von der letzteren Forderung Abstand zu nehmen, wenn die Gemeinde das erwähnte Bauverbor erlassen würde. Hermsdorf i. M. Aus der Gemeindevertretung. Nach Mitteilungen des Gemeinde- Vorstehers ist der Gasverbrauch im Monat November gegen das Vorjahr um nur 4000 Kubikmeter gestiegen. Der Grund hierfür liegt in der Einführung der elektrischen Beleuchtung. Bei Fest- setzung der Verwallungs- und Unterhaltungskosten usw. für das Rechnungsjahr 1912 der Kanalisationsgebührenordnuiig ivurde be- schloffen, 4 Proz. von dem staatlich veranlagten Grund- und Ge- bäudenntzimgswert zu erbeben. Ein Antrag der„Hermdorfer Bodenakticir-Gesellschaft" b«- tteffend die Anbnufähigkeit der Berliner und Bismarckstraße ivurde zurückgestellt; es soll erst das Resultat des neuen Eingemeindungs- Vertrages zwischen der Gesellschaft und der Gemeinde abgewartet werden. Zur Verhandlung stand alsdann die auch jedem Gemeinde« Vertreter zugegangene �Resolution des„Hermsdorfer Grund- besitzervereins". Die darin enthaltenen heftigen, zu Unrecht erhobenen Vorwürfe gegen die Gemeindeverwaltuiig unp gegen die Mehrheit der Gemeindevertretung veranlaßten unsere Genossen zu Anträgen. die den Zweck hatten, diese Leute für die Zukunft möglichst aus den Debatlen des Gemeindevarlaments sernzuhallen. Seit Jahren lämpft hier eine nach oben einflußreiche Gruppe— es gehören ihr Männer von Rang. Bildung und Besitz an— vergeblich um die Herrschaft der Gemeindeverwaltung. Und so werden eben Gemeindeverwaltung und Gemeindevertretung nach dem Gruirdsatz:..Der Zweck heiligt die Mittel" angegriffen und heruiitergerissen. Beschlverdei« bei der Aufsichtsbehörde sind nichts seltenes; und auch die jetzt vorliegende Resolution ist an den Landrat als Beschwerde gesendet worden. Natürlich um den Landrat zum Eingreifen in die Selbstverwaltung der Gemeinde zu veranlassen. Folgende Anträge unserer Genossen hierzu, die Sohrauer begründete, wurden, gegen drei Stimmen an- genommen: 1. Ueber die vorliegende Resolution des Grundbesitzer- Vereins zur Tagesordnung überzugehen. 2. Den Gemeindevorsteher zu beauftragen, Eingaben und Anträge des„Hermsdorfer Grund- besitzervereins" in Zukunft nicht wieder der Gemeindevertretung vorzulegen." Birkenwerder. Aus der Gcmeindevertrctersitzung. Der Antrag, die Wahl unsere-Z Genoffen Albert Wartenberg für gültig zu erklären, wurde von der Gemeindevertretung einstimmig angenommen. Herr Artur Schulz srug an, warum die 4 Forensen der Grundbesitzer beanstander worden sind. Vom Gemeindevorsteher wurde erklärt, daß die 4 Stimmen, auch wenn dieselben dem Kandidaten der Grundbesitzer zugezählt, an dem Resultat der Wahl nichts ändern würden. Hierauf wurde Wartenberg vom Gemeindevorsteher eingeführt. Die Jahresabrechnung für 1911 weist eine Verwaltungseinnahme von 110 803,93 M. und eine Ausgabe von 103 024,13 M., mithin ein Ueberschuß von 4782,80 M. auf. Der Anlrag der freiwilligen Feuerwehr, einen provisorischen Steigerturm auf dem Brandtschen Grundstück zu er« richten,.wurde der Baukommissioi« überwiesen. Das Ortsstatut be- treffend die Anliegesteuer wurde einer Aenderung unterzogen. Nehmt Einsicht in die Gemeindewählerliste», die nur noch bis z u m 30. I a n u a r in den Gemeindebureaus ausltegen. Ueberzeuge sich jeder davon, ob er auch in der Liste vermerkt ist, damit er bei einer eventuell stattfindenden Wahl auch sein Wahlrecht ausüben kann. UHU) jClll 4UUII. Eichwalde. Eichwalde. Außer im Eemeindebureau, wo die Wähler- liste an Mochentagcn von 9—1 Uhr und Sonntag von 10—12 Uhr aus. liegt, kann im Lokal von Witte sowie abends von S �""" ncgi, luun«n«uuu uuu iumc juiuie aoenos von 6 Ubr ab hei den Ge» nosscn MaltheS, Kaiser-Fttednch-Platz. und Brüschke, Bahnhojstr. 75, die Liste eingesehen werden. Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Weitzensce. Heute Donnerstag, nachmittags 5 Uhr. Gemeindeoertreter- sitzung im Rathause, Sllbertlncnstr. 6. Steglitz. Freitag, den 24. Januar, abends 6 Uhr. im Raihaussaal. Friedrichsbagen. Freitag, den 24. JaUuac, nachmittags 5 Uhr. im Rathause, Friedrichstr. 87. Wittenau-Borfigwalde. Heute Donnerstag, nachmittags S Uhr, im Rathause. Zur Beratung steht u.a. der Ei laß einer Polizewilordnung betr. die Beschästigung von SUndern in gewerblichen Betrieben; Aushebung der früheren Verordnung. Diese Sitzungen sind öffentlich. Jeder Gemeindeangehörige ist be- rcchligl, ihnen nls Zuhörer tzeizuwohnen. Versammlungen. Zentrnlverdond der Kürschner. Die Verwaltungsstelle Berli n hielt Montagabend eine gut besuchte Generalversammlung ab. Der Kassenbericht konnte noch nicht vorgelegt werden, da wegen der er- folgten Einführung neuer Beitragsmarken d«e genaue Abrechnung noch nicht fertiqgestellt worden sei- Einen kurzen Bericht über daS verflossene Geschäftsjahr erstattete der Vorsitzende Fritze, wobei er alle bemerkenswerten Vorgange streifte. Das Jahr 1912 habe mit einem hartnäckigen Kampfe in der Mützenbranche begonnen. Am 15. Februar hätten jedoch die Arbeiter und Arbeiterinnen schweren Herzens die Arbeit ohne Erfolg wieder aufnehmen müssen. Dre stets um diese Jahreszeit einsetzende gute Konjunktur sei im letzten �nhre ausgeblieben und hätten die ) l eilten itiiT bic vlrbei kpi" rtufinfin». ¥***•««<*** c�ute sromunnur � c uns bauen Die Unternehmer dadurch emen Druck auf die Arbeiter ausüben können. Im März habe man Stellung zur Kündigung des Tarifs für die Zi, n_____.„„nnrnmen von einer yi-moe,,,«».,:■-,___ IM Marz yaoc-UU" o"- ocs Tarifs für sie Pelzbranchc genomincn, von einer Bewegung jedoch aus taktischen Gründen Abstand genommen,.lufgeschobcn sei aber nicht aufgc- netr Nu» Vft v /■> ,*«!.. v... rv«.,'___ �runoen jüi aucr ntcyr ausgehoben, und so trete bte$rage tn den Vordergrund, ob man nicht die Forderung aus Verkürzung der Arbeitszeit erheben müsse. »v,- iri<»in v*rv«.rr—fr.»'> � 4«) ,!». mcm oic ucl aroeit�ctt eryeoen nuiijt. In diesem Jahre sc« e«n Jahrzehnt verflossen, seitdem in der Pelz- brauche der Neunstundentag errungen wurde. Als gute Vorboten könnten, die. erfolgreich durchgeführten Kämpfe um Verkürzung der Arbeitszert«n Wien und New Jork jedenfalls angesehen werden. In den letzten Monaten habe man sich mit der Ausarbeitung eines Tarifs für die Heimarbeiter in der Mützenbranche beschäftigt. Von diesem Tarif, der den in Frage kommenden Unternehmern bereits unterbreitet wurde, erhofft man eine Gesundung der Verhältnisse in der Mutzenindustrie.— Ueber die Lage des Arbeitsmarktes im verflossenen Jahre machte Redner folgende Angaben: In der Pelz- brauche waren in« Arbeitsnachweis 380 männliche und 220 ircid- liche Arbeitsuchende eingezeichnet- offene Stellen waren für 331 männliche und 336 weiblickc Arbeiter vorhanden. Besetzt wurden mujimiuiL uuu ooo n>cioiicfrc Arbeiter voryanoeu.»üueoen 178 Sttllei, von männlichen und 128 vov weiblichen Arbxftern. In txr M ü tz e n b r a n ch e waren 3gZ Arbeitsuchende(146 männliche und 24Ö weibliche) vorhanden; offene Stellen 377(69 für männliche und 308 für weibliche Arbeiter); besetzt wurden 206 Stellen (45 von männlichen und 164 von weiblichen Arbeitern).— Wie aus den weiteren Ausführungen des Redners hervorging, war die Tätigkeit des Vorstandes im letzten Jahre eine äußerst rege. Auch wurde wieder ein Zeichenkursus arrangiert, der jedoch größeres Interesse seitens der Mitglieder erfordert hätte.— In der Diskussion wurde keinerlei Kritik an der Tätigkeit des Vorstandes ge- itbt.— Die nunmehr erfolgte Neuwahl des Gefamtvorstandes hatte folgendes Ergebnis: Fritze erster, Nietsch zweiter Vorsitzender, D i t t ma n n erster, S t e i n e b a ch zweiter Kassierer, Hilde- b�rand erster, Darms zweiter Schriftführer, Minne, Sack, Sommerfeld. Stolzenberg und Frau R ö s l e r Bei- scher. Die Scktionsleiter werden in den in Frage kommenden Sektionsversammlungen gewählt. Am Schluß der Versammlung appellierte der Vorfitzende mit warmen Worten an die Mitglieder, unermüdlich für den weiteren Ausbau der Organisation zu arbeiten. Die Scharte, die der Ver- band im letzten Jahre erlitten habe, müsse doppelt wieder ans- gewetzt werden. Wenn das Unternehmertum noch so brutal sei, so liege es dennoch in der Hand der Arbeiter, sich von dem Joche zu befreien, sich bessere Verhältnisse zu erringen. Klus äer Frauenbewegung. Der Deutsche Rrichsvercin für Fraucnstimmrecht t-.uftete am 21. d. M. einen Vortragsabend zur Gründung der O. gruppe Berlin. Dr. Johanna Elberstirchen-Bonn vertrat in ihran Referat die Forderung des R e i ch s t a g s w a h'l r e ch t s für Frauen und Männer und polemisierte gegen die Frauenstimmrechts- vereine, die diese Forderung nicht erbeben. In der Diskussion, die Frau Ilse Müller- Oesireich leitete, wurde besonders die reaktionäre Schwenkung des Deutschen Bundes für Frauenstiinmrecht scharf kritisiert und die Notwendigkeit einer Neugründung betont. Recht interessant war die Mitteilung von Johanna Elberskirchen, daß gerade die männlichen Mitglieder der F o r l s ch r i t t s> Partei und der Nationalliberalen in den Frauenstimmrechts- grnppen des Westens gegen das Reichstagswahlrecht für Frauen wühlen l_ Der Frauentag in Oesterreich findet an, 9. März statt. Die diesjährige Kundgebung für die volle politische Gleichberechtigung der Frau kann sich bereits aus einen Teilersolg berufen: Ein Be- schlutz des Abgeordnetenhauses vom Dezember v. I. hat die Frauen in Oesterreich den Männern vereinsgeseylich gleich gestellt. Wenn daS Gesetz wahrscheinlich auch erst am 1. Mai in Kraft tritt, wird der Frauentag doch im Zeichen dieses Sieges stehen. Am 9. April 1910 hielten die Genossinnen Wiens in einer großen Versammlung die erste öffentliche Demonstration für die Reform des Vereins- gesetzeS ab. Damals spotteten noch die bürgerlichen Abgeordneten. Heute ist die Forderung unserer Genossinnen Beschluß.— Auch in diesem Jahre wird eine eigene Propagandaschrist„Der Frauentag" herausgegeben._ Hus aller Melt. Das Selbstbewußtsein des Feldwebels. Vor der Lothringer Kaserne in Münster kam es am Dienstag- abend zu einem schweren Auftritt zwischen einem Studenten und einem Feldwebel. Letzterer brachte dem Studenten mehrere Säbelhiebe über den Kopf bei und ver- letzte ihn schwer. Der Student wartete vor der Kaserne auf einen Offizier und wurde von dem Feldwebel zum Weiter- gehen aufgefordert. Als er sich weigerte und den Feldwebel beleidigte, zog dieser blank. Der Schwerverletzte mußte ins Hospital gebracht werden._ Sankt Antonius gegen Maul- und Klauenseuche. Da? große Problein der Bekämpfung der Maul- und Klauen- seuche scheint aus sehr einfache Weise gelöst werden zu können. Man braucht sich nur an den heiligen Antonius zu wenden. Der„Sprecher am Niederrhein" meldet auS Amern St. Anton folgendes: Am 17. d. M. ist da? Fest des hl. Antonius, des Einsiedlers. Wenn jemand ein dringendes Anliegen hat, so komme er zur ur- alten Gnadenstätte des Heiligen und rüste sich mit demselben kindlichen Vertrauen zu seiner Macht und Güte, das Unzähligen seiner Verehrer im Laufe der Zeit erwünschte Erhörung gebracht hat. Gaben frommer Verehrer dienen zur Ver- schönerung des dem heiligen Antonius geweihten Gotteshauses. darum bemesse jeder Pilger seine Gabe nach der Größe und Dringlichkeit seines AnliegenSl Tatsache ist, daß die Maul- und Klauenseuche die Pfarrgemeinde Amern Er. Anton bisher verschont hat; unsere schtichtgläubigen Leute schreiben'« dem Schutze ihres mächtigen Kirchenpatrons zu; die „aufgeklärte" Welt möge die Nase darüber rümpfen! Wir verpflichien uns, die Nase nicht zu rümpfen, wenn die ultra- montanen Abaeordneten, die hoffentlich nicht zu sehr von der Sünde der Aufklärung erfaßt sind, dem Sankt Antonius vertrauen und infolgedessen auf die G r e n z s p e r r e als agrarisches Kampfmittel egen die Seuche verzichten. Wir fürchten aber, die frommen Herr- asten verleugnen dann ihren Heiligen. Ein hartes Urteil. Zu nicht weniger als einem Monat Gefängnis verurteilte die Strafkammer zu Oldenburg den Transportarbeiter Oeltjcm- brunner. Im Verlause eines Streiks, der bor einigen Wochen bei der Firma Meentzen in Oldenburg stattfand, soll O. einen Arbeits- willigen mit den freundlichen Bezeichnungen„Spitzbube" und „Hungerleider" bezeichnet und gegenüber der Ehefrau des be- treffenden Streikbrechers eine verklausulierte Drohung gebraucht haben. Wenn es sich um Streikbrechers Majestät handelt, wird eine im Kampfe um Weib und Kind gefallene Aeugerung eines Streikenden mit drakonischer Strafe belegt. 350 Menschen ertrunken. Aus Arabien wird durch den Telegraphen über eine schreck- liche Katastrophe berichtet, die mit einem Schlage zahlreiche Menschen- leben vernichtete. Eine Karawane indischer Pilger wurde bei El- h a m b r a, halbwegs zwischen M e d i n a und U a in t e o durch das plötzliche Anschwellen eines Gebirgsbaches überrascht. Die ganze Karawane wurde hinweggeschwemmt. 350 Menschen sind ertrunken, die Leichen sind noch nicht geborgen, nur 50 konnten sich retten. Ueber eine andere Katastrophe, die der vorstehend gemeldeten sehr ähnelt, berichtet ein Telegraphenbureau folgendes: Während des russischen Epiphaniassestes hat sich in dem Orte O r i e ck o w ein schreckliches Unglück zugetragen. Das Fest wird gewöhnlich unter Anteilnahme der gesamten Bevölkerung aus dem Eise ge- feiert. Orieckow liegt unweit Moskau im Gouvernement Wladimir in einer sumpfigen Gegend, die vom Kowrow-Fluß durchzogen wird. Während eines Massentanzes auf dem Eise brach die Eis- decke plötzlich ein ein über zweihundert Personen stürzten in die eisigen Fluten. Nur wenigen gelang cs, sich aus dem eiskalten Wasser zu retten. Die Mehrzahl fand ihren Tod in den Fluten.-- Kleine Notizen. Schwerer Unfall im Dresdener Elektrizitätswerk. Am Dienstag- abend kurz vor 11 Uhr trat im Arbeitsraume des Dresdener elek- irischen Beleuchtungswerkes Kurzschluß ein, wodurch ein Ar- beiter schwer und ein zweiter Arbeiter leichter ver- letzt wurde. Durch den Unglücksfall trat eine die ganze Stadt umfassende Störung in der öffentlichen Beleuchtung ein, so daß viele Straße» in Dunkelheit lagen. Die verletzten Arbeiter wurden nach dem Krankenhaus übergeführt. Des Bergmanns Los. Auf der Zeche Hektar Perm des Georgs-Marien-GewerkS- und Hüttenvereins bei Osnabrück wurde Dienstagnachmittag durch einstürzende Erze ein Berg- mann verschüttet; ein anderer konnte sich retten. Da die Bergungsarbeiten nur langsam fortschreiten können, besteht keine Hoffnung, den Verschütteten zu retten. Die Opfer der„Beronesr". Die Gesamtzahl der bei der Katastrophe deS Dampfers„Veronese" Umgekommenen wird nun- mehr aus 04 angegeben. Ein eigenartiger Zufall brachte es mit sich, daß ein kleines in Windeln gewickeltes Kind von zehn Monaten von den Wellen lebend an S Land gespült wurde. so daß es unverletzt gerettet werden konnte. Dir Pest. In der im Dongebiet liegenden russischen Dorfschaft Pristenskoje, wo die Pest zuerst ausgetreten ist, sind insgesamt acht Pest fälle festgestellt worden, von denen sechs tödlich verliefen. In den benachbarten Ortschaften sind noch elf Kranke vorhanden. Von einem FelSblock erschlagen. Auf der Nordseite der Insel Helgoland wurde der elfjährige Knabe Max Arnold von«imm abbröckelnden Felsen getroffen, erlitt einen Schädelbruch und war so- fort tot. Schwere Havarie eines deutschen Dampfers. Der deutsche Dampfer„Orion" ist in der Nähe von Sunderland gestrandet. DaS achi Schiff ist in zwei Teile gebrochen und vollkommen wrack. Marktpreise von Berlin am LI. Januar IKIZ, nach Ermittelungen des königl. Polizeipräsidiums. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 19,64 ..... geringe 19,40—19,46. Roggen, gute Sorte geringe— mittel 17,00-17,60, mittel 17,50-19,00 bis 19,70, mittel 19,52-19,58 16,90—, mittel— ,—— gerste, gute Sorte 17,30—18,30, Haser, gute Sorte 19,10—20,40, n( arkthallenpreise. (ab Bahn). Futter- geringe 16,40—16,90. (frei Wagen und ab 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00— 50,00. Speiiebohnen. weiße, 35,00— 60,00. Linien 35,00— 60,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 6,00—10,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1.70—2.40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,40—1,80. Schweinefleisch 1,60-2,20. Kalbfleisch l. 40— 2,40. Hammelfleisch 1,50— 2,40. Butter 2,10-3,00. 60 Stück Eier 4,80—6,80. 1 Kilogramm Karpten 1,40—2,40. Aale 1,60— 3,20. Zander 1,40-3,60. Hechte 1,60—2,80. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 3,50—24,00. Arbeiter-Wanderbuud„Die Naturfreunde". Sitz Berlin. Wander- sahrten am Sonntag, den 26. d. M.: 1. Strausberg— Annatal— Siran- b-rg. Abs. Schlesischer Bahnh. 6.33 vorm. 2. Wannsec— Potsdam. Abs. Schlesischer Bahnh. 7.06 vorm. 3. Tegel— Marwitz— Velten. In MarwiL (Gafthos Peschcl) Abendrast mit Pellkartoffel- und Heringessen. Trefipuntt Tegel, Endstation der Straßenbahn 8'/, llhr vorm. 4. Grünau— Zeuthen. Abs. Schlesischer Bahnh. 2.07 nachm. Wttterungsdbersicht vom SS. Januar 1913. blationen LS |I lIÜ s 5 i| Swinemde.' Hamburg Berlin Franks. fl.M 73648 München 757|S® Wien 756>SO 750 D 752,31 749!® Setter Tbedcckt 4bedeckt 1 bedeckt 3bedcckt 5 bedeckt 23!ebel WK c& *11 Ha wSj S 2 1 4 2 _ Q Stationen Haparanda Petersburg Scilly Abcrdeen Paris L E il 0 C lS 2 jjä a* C u S— 75931 763!SW 762:® SD 763SIill Bettel »s u a *« i* «i? —14 Lwolkenl 1-bedeckt shedcckt Iwoikcnl � 2 bedeckt] 4 Wetterprognose für Donnerstag, de» S3. Januar 1913. Ein wenig kühler, zeilivcifc austlarend, vorwiegend noch trübe mit geringen Niederschläge» und mäßigen nordwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Wasserstands-Nachrichten der LandeZanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Welterburean Wasserstand M e m e l. Tilsit P r e g e i, Jnsterburg Weichsel. Thon, Oder, Ratibor , Krassen Frankjurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz „ Dresden „ Barby . Magdeburg am 2t. 1. am 228-) — 3 143 120 106') 134-) 78-) -10«) 56-) — 4 -148 1205) 101') feit 20.1. cm1) —12 +2 +1 +5 —16 _ 2 +6 — 4 — 30 ■fis +2 —3 —3 Wasserstand Saale, Havel, Spandau-) , Rathenow-) Spree, Spremberg-) , Beeskow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximilianSau , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Hanau Mosel. Trier am 21. 1. am 116 70 66 90 90 216 318 414 253 330 170 177 330 seit 20. I. am1) si'L +9 0 —1 + 10 + 12 +46 +48 +4 +40 ')+ bedeutet Wuchs,— Fall. —•) eisfrei.—-) Treibeis. — 2) Unterpegel.—•) Eissiaud. Am 24. d. M. feiert der Schlosser �ugusK Kann, Zeughosstr. 10, sei» SSjährigeS Jubiläum bei der Firma t'. Prehn, Pückler- straße 40._ 6331 □r.Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, 10—2. 5— 7. Sonntags 10—12. 2— 4 3« gieltn StHBten Wochenschrift für Arbeiterfamilien Wöchentlich 1 Heft für 10 pf. Krauken- u.Sterbe-Inslljus!- Kasse der Schneider «nd verw. Berufsgenossen Berlins und Unigegend Burcau: SO. 16, Engeluser 12. Sonntag, den 20. Januar 1913 abends 8 Uhr, im Lokale„Osronu- Pr a c htsii le", Kommandanten- straße 72: General- Versammlung. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom 3. ü. 4. Quartal, Jahresbericht. 2. Kassenangelegenheiten. 3. Wahl des gesamten Vorstandes. 4. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten. 281/19 Mitgliedsbuch legitimiert. I. Sl.: Der Vorstand. Man achte genau auf die Geschäfte der alten Siiller- Firma! Da der Andrang tn den Nachmitiagsstundcn sehr grolj ist, bitten wir, zum Einbaut möglichst dvc Vormittagsstunden zu benutzen. n ............................. Ortskrankenkasse für das KierbranergeVerbe zu Berlin» Kaiser-Wilhelmstr. 18s. Dic in der©cneralversaiiimlung am 26. November 1912 beschlossene Abänderung des Statuts betreffend Erhöhung des Sterbegeldes ist am 7. Januar d. I. vom Bezirlsnusschuff in folgender Fassung genehmigt worden i H. Abänderung zum revidierten Staiut der Ortskrankenkasse sür das Bicrbrnuergcwcrbc zu Berlin vom 27. November 1905. A r t i k e l I. Z 20 Leite 16, Abs. 2: a, b, c, d, e lautet fortan: a) sür Mitglieder der I. Klasse von 160,— M. b)...... II... 120.-. -)..„ III.„„ 108,- ,. d)»»„ IV.„„ 72,—„ «).... V.... 52,—. Artikel II Borstchcndc Abänderung tritt mit dem Tage der statulcnmätzigen Bekanntmachung in Krast. Berlin, den 26. November 1912. Der Vorstand der OrtSkrankelikassc sür das Bicrbrauergewerbe zu Berlin. Otto Ullrich, Vorsitzender. Genehmigt durch Beschluß vom 7. Januar 1913. „ Der Bezirksausschuß zu Bcrlm. II C. 100. 12. zibteilung II. fs Wagner. Die Erhöhung des Sterbegeldes tritt demnach vom 23. Jaimar 1913 in Krajt. SlSlb Ter Vorstand. Otto Ullrich, Vorsitzender. "i•••••• IlHilHItlllm'illlllllliniflninilllf/illlllllllllnllllllili'iilLUi' llililu' W V. Pfd-Cigareöe/«?-� Wllli Frnst. , Köpenicker StraSe SZb, I, Amt Mpl. 14 089. Gr. Auswahl! Bill. PreiMl ��Vorzeiger dieser Annonce er» hält 10Proz. Preisermäßigung. kljvtitsgnlilljng Vorwärts Lindenstr. 69(Laden). 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Das Berliner Arbeitswilligen. dermittetuugsdureau d. getvei» »HaiidiverterichutzverbandeS. Arbeitsnachweis d. Stellmacher. inilung und der Wagenfadrt. kanten. Kaiser-Franz-Grenadier. Platz., ,. Zuzug ist streng scr., zuhalten Ple Ortsverwaltung Berlin des Deutseben HoUarbeiterverbande» LxttMtwortlicher Redakteur: Alfred Mielepp, Neukölln. Für den Lnscratentetl vsrantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: VorwärtA Suchdruckerei u. LerlagSanftalt Paul Singer u. �o.. Berlin SJtf,"