Kr. SS. Hbonnemcnts-RcdKiilflnaffl: Ufioimcmenlä- Preis»ränumerando: Picrieljährl. ZM Mk., monatl. l,10 Mk.. wöchcnUi» 28 Pfg. ttei ins H-mS. Emzclnc 2!iinmrer 5 Pfg. Sonntag?- vnigetragen in die Post-Zeitungs- Preislisie. Unter Kreuzband für Deuischland und Oesterreich- Ungar» L Marl, sür daS übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PoslaboiinementS nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, nänicn, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. Crtdidnt tägli® außtr Blontast. Verlinev VolksblÄtk. Die TnlerttonS'Gebttljr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel« geile oder deren Raum 60 Pfg„ für politische und gewerkschaftliche Vereins- und BersaminliUigs-Rnzeige» 30 Pfg. „blteine hlnreigen", das settgedruikte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort lO Pfg. Stellengesuche und Schlasstellenon- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes >v eitere Wort 5 Psg. Worte über ISBuch- stabcn zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Rümmer müssen bis G Uhr nachmittags in der Ervedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: ..S»ÄaItIein»li»l Rtrlii". Zentralorgan der fozialdemohratifcben Parte! Deutschlands. Rcdahtton: SRI. 68» Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1383. Freitag, den 7. Februar 1913. Expedition: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1381. Klinkelzüge des Zentrums. Nichts ist lustiger, als die Wirkung unserer Ausführungen über die Stellung des Zentrums zur kommenden Militär- Vorlage in der klerikalen Presse zu verfolgen. Was diese gerissenen und bedenkenlosen Tattiker an gespielter Naivität in diesen Tagen produziert haben, damit können selbst deutsche Liberale ihren politischen Jahreskonsum bequem decken. Da schreibt Herr Julius Bachem im„Tag": „Die Militärvorlage ist noch nicht da s man weiß nicht, welche Forderungen sie stellt, und wie sie eventuell finanziell gedeckt werden soll. Warte man also die Vorlage ab und unterziehe sie dann einer gewissenhaften Prüfung. Einer solchen wird sich das Zentrum ebenso wenig entziehen wie irgendeine andere der nationalen Parteien des Reichstages. Das Zentruni hat Grund, ausgiebigen Grund zur Unzufriedenheit init der Regierung, aber es wird das Reich und daö Land daS nicht entgelten lassen. Das verlangt das allgemeine Wohl und auch das eigene Interesse des Zentrums verlangt es. Von den Führern des Zentrums ist zudem ausdrücklich erklärt worden, daß die Fraktion sich zweifellosen Staats- Notwendigkeiten unter keinen Umständen versagen werde." Das soll eine Ableugnung sein und ist doch nur die vollkommenste Bestätigung dessen, was wir am Sonntag hier gesagt hatten. Das Zentrum wird„gewissenhaft prüfen", cs wird sich„zweifellosen Staatsnotwendigkeiten nicht per- sagen". O gewiß! Nur wird die Prüfung, wenn die Situation sonst dem Zentrum günstig scheint, eben ergeben, datz die Vorlage über das„zweifellos Notwendige" weit hinausgeht und jene Abstriche erfordert, die zur R e i ch s t a g s- a u s l ö s u n g führen können. Aber noch komischer als diese Unschuldsbeteuerungen sind die Aeutzerungen der Zentrumspressc über das Verhalten der Klerikalen in dem dann folgenden Wahlkampf. Die„Franks. Zeitung" hatte unlängst mitgeteilt, daß ein Zentrumsführer einen unserer Genossen über ein eventuelles Zusammengehen bei den Stichwahlen sondiert hätte. Nn Fastnachtsscherz, versichern die Zentrumszeitungen. Auch Herr Dr. Bachem sagt eS, fügt aber listig hinzu: „Und warum sollte gerade wegen der Militärvorlage eine Reichstagsauflösung komnien? Ein Zentrumsmitglied, welches wegen dieser Eventualität mit einer führenden Persönlichkeit der Sozialdemokratie Fühlung nähme, würde sich, von allem anderen abgesehen, dem Vorwurf der Voreiligkeit aussetzen." Aber die Voreiligkeit steht ja gar nicht in Frage und was Herr Bachem als voreilig verwirft, mögen andere Zentrumsführer als rechtzeitige Vorsicht beurteilen. Aber wozu diese ganze Polemik? Zweifelt denn irgend ein politisch Urteilsfähiger darqn, datz das Zentrum, lvenn cs ihm sonst vorteilhaft dünkt, ohne das geringste Bedenken mit der Sozialdemokratie ein Wahlgeschäst eingehen würde? Hat sich denn beim Zentrum irgend etwas geändert, seitdem im Dom von Speyer Vollmar und Ehrhardt mit den Zentrums- führern über das Landtagswahlbündnis plauderten oder seit Herr Müller- Fulda mit Paul Singer über die Stichwahl- taktik korrespondierte? Das Zentrum schreckt jetzt ebenso- wenig wie jemals früher davor zurück bei Stichwahlen mit Sozialdemokraten zusammenzugehen. Solche Bedenken über- läßt es gut und� gern den Liberalen. Nein, beim Zentrum ist in dieser Hinsicht alles beim alten geblieben und zu „sondieren" bleibt ihm bloß, ob auch die Sozialdemo- tratie zu solchem Zusammengehen zu haben wäre. Warum also diese Polemik? Nun, das Zentrum liebt es nicht, seine Karten zu früh aufzudecken und es will sich aus jeden Fall freie Hand bewahren. Die Stellung zur Militärvorlage ist für die Klerikalen nicht abhängig von irgend- einer..gewissenhaften Prüfung", sondern einzig und allein von der Frage der Deckung. Dein Zentrum geht es darum — und das verrät mit aller wünschenswerten Deutlichkeit ein Artikel der„Kölnischen Volkszeitung" in der Mittwochausgabe — jede wirkliche Besitz st euer und vor allem die Erbschafts st euer zu vereiteln. Die Drohung. eine Reichstagsauflösung provozieren zu wollen, richtet sich an verschiedene Adressen, an die der Regierung nicht minder als an die der Liberalen. Die Regierung soll die Steuer- vorläge nach dem schwarzblauen Diktat gestalten, will sie nicht die Ablehnung der Militärvorlage riskieren, und die Nationalliberalen sollen sich in der Deckungsvorlage den Schwarzblauen zugesellen, um für das Scheitern der von ihnen geforderten Heeresvermehrung nicht mit verant- wortlich zu sein. Gelingt der Plan, dann hat das Zentrum zunächst erreicht, was es wollte und die alte Kartellmchrheit ist da. Mitzlingt's. dann ist der Moment gekommen, es mit dem„Appell an das Volk" zu versuchen zur Wiederherstellung der alten b l a u s ch w a r z e n Majorität. Datz die Sozialdemokratie diese Absichten so frühzeitig durchschaut und aufgedeckt hat. ist den Zentrumsleuten offenbar unangenehm. Die„Köln. Volksztg." erreicht in ihrem Aerger NUN auch den Gipfel der Komik, indem sie ein krampfhaftes „Haltet den Dieb" ausstößt und just uns als diejenigen denunziert, die„der Militärvorlage den Weg ebnen". Vor folcher Leistung allerhand Achtung! Und wie bahnen wir diesen Weg? Nun, indem wir die Deckung durchfindirekte Steuern vereiteln wollen. Damit beweist aber die„Köln. Volkszeitung" nur noch einmal unwiderleglich die Richtigkeit der Ansicht, datz das Zentrum die un- geheuerlichen Forderungen Molochs zu bc- willigen bereit ist, falls es nur gelingt, die Steuerfreiheit der Besitzenden und ins- besondere die der Agrarier auch fernerhin zu sichern._ Kaiicr und iiarr. Wilhelm II. hat die Redefreiheit, die er unter BethmannS milder Regierung genießt, dazu benutzt, an der Ostgrenze des Reiches einen belehrenden, geschichtlichen Vortrag zu halten. Aber das Wort des Kaisers wird übertönt durch daS Gelächter, das der seltsamen Tat eines Narren folgt. DaS Leben ist der Phantasie- reichste Dichter und der bissigste Satiriker. Während der Fürst zu Königsberg in romantischer Begeisterung singt und sagt, daß vor hundert Jahren sein Volk im Kampf für Ehre und Freiheit die drückende Wehrpflicht freudig auf sich genommen habe, läßt ein Querulant zu Straßburg, vielleicht mit umdäminertem Gehirn, ein grelle« Blitzlicht fallen auf die fteif-groteske Gestalt, die das deutsche„Volksheer" aus dem Wege von Scharnhorst bis Heeringen bekommen hat. Der Gamaschendienst hatte den Staat des alten Fritz bei Jena zertrümmert. Der Sieger wurde, wie so oft in der Geschichte, zum Lehrer. Von den Söhnen der franzö- fischen Revolution mußte ein Hohenzoller wider Willen lernen, daß das Vaterland nur verteidigt werden kann, wenn die in der Nation ruhenden Kräfte freigeinacht werden. Aber diese königliche Erkenntnis blühte nur kurz, wie eine Frühlings- blume. Und heute, bei der historischen Jubelfeier, wird die Pein- liche Entdeckung gemacht, daß die preußische Armee Ivieder an den gleichen Alters- und Krankheitserscheinungen leidet, wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Blinder Gehorsam, gezüchtet durch eisernen Drill,— ein peinlich ins einzelne geregelter Dienst, erstarrt in Fonnen und Forineln, mangelnde Selbständigkeit und Selbsttätigkeit der Führer und Soldaten. Ein Statthalter, ein Gouverneur, Generäle, Oberste verlieren die ihnen sonst geläufigen Begriffe von Raum und Zeit und glauben, der oberste Kriegsherr könne gleich- zeitig im Norden und Süden weilen. Stunden vergehen, bis endlich ein Mann auf die erlösende Idee kommt, einfach bürgerlich das Telephon zu benützen und in Berlin anzufragen, wo sich der Herrscher aufhalte. Der Gedanke, einen kaiserlichen Befehl auf seine Richtigkeit und Ausführbarkeit nachzuprüfen, ist dem militärischen Empfinden von heute etwas Ungeheuerliches. Das Heer ist kein Organis« mus, sondern ein Mechanismus. Und wenn der Zahl- meister-Aspirant Walter vielleicht etwas weiter nach Westen gegangen wäre und der Garnison von Mülhausen oder Metz befohlen hätte, in Frankreicht einzurücken, sie hätten ohne Zweifel gehorcht,— der Geist des Generals Jorck, der auf eigene Verantwortung zu denken und zu handeln wagte, ist mit Erfolg aus dein Offizier« korpS ausgetrieben worden. Der Weg zur Rettung aus dieser ständigen Gefahr ist klar borgezeichnet. In dem Heer spiegeln sich die allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Zustände des Landes;— nur die Entfesselung der in den Massen lebenden Kräfte kann helfen.— heute wie vor hundert Jahren,— Demokratisierung von Reich und Armee. Der alannierende Walter«vollte durch seinen Streich beweisen, datz er bei gutem Verstände sei. Dieser Beweis ist ihm wohl nicht gelungen. Aber er hat bewiesen, daß in der Orgainsation deS Heeres der richtige Geist und Verstand fehlt,— und für diesen Nachweis schuldet ihm daS Volk und Reich Dank. Der Kampf um die Dardanellen. Auf der Halbinsel Gallipoli hat am Mittwoch ein Kampf zwischen Türken und Bulgaren stattgefunden, in dem die Bulgaren siegreich waren. Die Nachricht ist von großer Bedeutung. Sie beweist, datz die Bulgaren große An- strengungen machen, um die türkische Armee der Halbinsel, die auf 80000 Mann geschätzt wird, zu überwinden. Gelingt dies, so würde die europäische Küste der Dardanellen von den Bulgaren beherrscht und der griechischen Flotte die Möglichkeit der Einfahrt in das Marmarameer offen stehen. Dann könnte Konstansinopel sowohl von der Landseite als von der Seeseitc her unmittelbar bedroht werden. Em siegreiches Fortschreiten der Bulgaren hätte also nicht nur entscheidende strategische Bedeutung, cs wäre auch für die weitere EntWickelung der internationalen Politik außerordentlich bedeutsam. Würde doch dadurch die Frage nach dem Schicksal Konstantinopels gestellt werden, deren Lösung die schwersten internationalen Gegensätze wecken könnte. Ein offiziöses Telegramm der„Kölnischen Zeitung" deutet auch schon in nichb gerade beruhigender Weise bereits die Möglichkeiten von Sonderaktionen einzelner Mächte an. Als wir am Tage von Kiamils Sturz den Abschluß des Friedens auf Grund der Uebergabe Adrianopels als eine Be- dingung für die Sicherung des europäischen Friedens und für die Rettung der Türkei bezeichneten, wurden wir deshalb vom„Berliner Tageblatt" angefallen. Heute ist ein Zweifel wohl nicht mehr möglich, datz der Friedensschluß damals ini Interesse der Türkei nicht minder wie in dem der europäischen Sicherheit gelegen hätte. Und selbst Herr Theodor W 0 l f f könnte erkennen, datz die Politik, die er so begeistert befür- wortet hat, töricht und verderblich gewesen ist. Sieg der Bulgaren auf Gallipoli Sofia, 6. Februar.(Meldung der Agence Bulgare.) Die t ü r k i s ch e A r m e e v 0 r G a l l i p 0 l i ist gestern von bulgarischen Truppen südlich vom Flusse Äawak geschlagen worden und hat sich, von den Bulgaren vcr- folgt, in großer Unordnung aus Bulair zurück- gezogen. Durch diesen Erfolg ist fast die ganze Küste des M ar m a r a m e e r e s bis Bulair in den Händen der bulgarischen Truppen. Der türkische Bericht. Äonstantinopel, 6. Februar. Amtlich wird über die Kämpfe vom 4. Februar gemeldet: Der Feind, der mit einem Teil seiner Streitkräfte im Gelände von Gallipoli steht, hat mehrere Regimenter von Kadiköi gegen Kawak, wo eine türkische Abteilung stand, vorgeschoben. Es kam zu einem Ä a m p f, der bis zum Abend dauerte und zu unseren Gunsten geendet hat. Mit dem Einbruch der Nacht zogen sich unsere Truppen gemäß den bereits vorher gegebenen Befehlen auf Bulair zurück, zum großen Teil, ohne daß sie der Feind verfolgen konnte. Eine andere feindliche Abteilung rückte gegen M y r i 0 p h i t 0 am MarMarämeere vor und besetzte den Ort, der nur von einigen Gendarmen beschützt war. Die Korvette Z a h a f fügte den in der Richtung aus Scharköi vorrückenden feindlichen Streitkräften ernste Verluste zu. Der Feind konnte über 5kamilo hinaus nicht vorrücken. (Diese Meldung bestätigt im wesentlichen den bulgarischen Bericht.) Bor Tschataldscha. Äonstantinopel, 5. Februar, abends. Bulgarische Truppe nabteilungen steckten die Ortschaft I z z e d- d i n k ö i sowie einige andere in ihrer Gewalt befindliche Dörfer an der T s ch a t a l d s ch a l i n i e in Brand und zogen dann von der Tschataldschalinie wieder ab. Auf Rekognoszierung ausgesandte türkische Abteilungen fanden voin Feinde keine Spur. Rekognoszierungen türkischer Ab- teilungen bei G a l l i p 0 l i stellten die Anwesenheit feindlicher Streitkräfte in ziemlich bedeutender Stärke im Gelände von Gallipoli fest. Die Lage der Türkei. London, 6. Februar.(Privattelegramm deS „V 0 r w ä r t s".) Der„Daily Telegraph" bringt heute einen langen unzensurierten Bericht aus Konstantinopel über Konstanza seines Korrespondenten, Herrn B a r t l c t t, der als guter Kenner der Türkei bekannt ist. Er telegraphiert, datz sich die Masse des türkischenVolkes absolut gleichgültig verhalte und nur noch mit dem Problein bc- schäftigt ist, wie sie ihr Leben fristen soll. In Kon- stantinopel rind Kleinasien herrsche daK äußer st e Elend: die Massen seien a in Rande des Verhungerns. Das Chaos, das in der Regierung herrsche, vermehre sich von Tag zu Tag. Man sei der Ansicht, daß die Jungtürken einen unverzeihlichen Fehler begangen hätten, indem sie die Regierung stürzten, ehe K i a m i l Pascha die Antwort an die Mächte abgeschickt hatte. Der Putsch sei ursprünglich für einen Zeit- Punkt nach der endgültigen Uebergabe Adrianopels geplant gewesen. Aber absichtlich oder aus Irrtum habe der bestochene Beamte des Grotzwesirs die Mitteilung zu früh ge- macht. Jeder suche jetzt nach der Formel, nach der A d r i a- nopel aufgegeben und der glorreiche 23. Jauuar ge» rechtfertigt werden könne. DieTürkei treibe schnell dem Ruin und Bankrott zu. In der Staatskasse befinde sich kein Stüber und das Ministerium zerbreche sich den Kopf darüber, wie Geld aufzubringen sei. Jede Stunde komme man mit neuen Plänen. In der Versammlung, die am Sonntag in Konstantinopel gegen die Fort- setzung des Krieges protestierte, und von Aqrzten, Soldaten und anderen Beamten besucht war, habe man die Jungtürken Diebe. Mörder und Idioten genannt. Selbst Mahmud Schewket, der auf dem Balkon erscheinen Mutzte, fei mit Schimpfwgitell srnfilaus«! WüM». SSfija militarischeii tote toirtschaftliiDen Skanbpunkt sei die Lage der Türkei hoffnungslos. Die Haltung der Mächte. Köln, 6. Februar.(Privattelegramm des „Ä o r to a r t s".) Die„Kölnische Zeitung" veröffentlicht folgendes offiziöse Telegramm aus Berlin: Die falschen Gerüchte über ein unmittelbares Eingreifen der Mächte sind fiir heute verstummt. Falsch wäre aber auch die Annahme, daß die europäischen Kabinette angesichts der Lage im Orient die Hände in den Schoß legen. Sollten die militärischen Operationen bedrohlich bis in die Nähe der Meerengen oder Konstantinopels ausgedehnt werden, so wäre vielleicht mit der Möglichkeit zu rechnen, daß nicht alle Mächte lediglich un° tätige Zuschauer bleiben würden. Die rumänische Erpresserpolitik. Bukarest, 6. Februar. In der gestrigen Sitzung der Kammer stellte Miclescu(1.) an den Minister des Aeußern die Anfrage, ob die Behauptung der Blätter, daß Rumänien auf seine An- spräche auf S i I i st r i a verzichte, den Tatsachen entspreche. Der M i n i st e r p r ä s i d e n t erwiderte: Wir haben auf Silistria nicht verzichtet. Von einem Verzicht war keine Rede. Niemand ist er. mächtigt worden, auf Silistria zu verzichten.(Langanhaltender Beifall.) Sodann fragte Arion, der Präsident der Kulturliga, ob die Regierung nicht beabsichtige, Aufklärungen über die Lage des Landes zu erteilen. In seiner Antwort erklärte der M i n i st e r« Präsident, er erkenne die Berechtigung der großen Aufregung der öffentlichen Meinung an und freue sich, daß sie in der Kammer Widerhall finde. Man dürfe aber nicht vergessen, daß die Regierung von demselben Patriotismus beseelt sei, aber auch die ganze Berantwortung zu tragen habe. Der Minister- Präsident schloß, indem er die in der vorigen Woche abgegebene Er- llärung wiederholte: Die Worte des Königs, daß Rumäniens Stimme Gehör finden werde, werden zur Wahrheit werden. (Langanhaltender Beifall.) Die türkische Staatsschuld. London, 6. Februar. Wie das Reutersche Bureau erfährt, haben die Botschafter im Prinzip eine Formel angenommen, durch die die Uebernahnie eines Teiles der ottomanischen öffentlichen Schuld durch die Verbündeten sowie deren Ver- rilichtungen gegenüber den Orientbahnen geregelt werden. Eine Mitteilung hierüber ist an die Regierungen der Verbündeten ge- gangen. Die Kriegsgreuel. London, 6. Februar. Unterhaus. Walter Guinneß richtete heute von neuem eine Anfrage über die angeblichen A u s s ch r e i- tnngen in Mazedonien an Staatssekretär G r e y. Dieser wiederholte seine Weigerung, Berichte darüber zu veröffentlichen, und sagte: Ich bemühe mich, soweit es in unserer Macht steht, zur Herbeiführung des Friedens und eines guten Verhältnisses für die Zukunft beizutragen. Was Mazedonien anbetrifft, so hat man von dort in den letzten Jahren bis zum gegenwärtige» Augenblick nur li na»genehmes gehört, und wenn ich in diesem Augenblick Vergangenes aufrührte, so kann ich nur sagen, daß dies sowohl vom Standpunkt der Mohammedaner wie der Christen das Un- tför teil ha sie sie wäre._ prxs Blutiges Gold. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Fast ein Jahr ist verflossen, seitdem in den Gold- minen an der Lena anläßlich eines friedlichen Streiks der Arbeiter 270 P e r s o n e n getötet und 250 ver- Mundet tvurden. Die Leichen der Getöteten sind fast schon in den Gräbern vermodert, die Verwundeten fristen irgendwo als Krüppel ein elendes Dasein, die meisten der übrigen Streikenden, besiegt in dem ungleichen Kampfe gegen die Be- Hörden und die Verwaltung, haben schon längst ihre Arbeits- stätle verlassen, und erst jetzt wird diese Angelegenheit, die im verflossenen Frühjahr die gesamte Kulturwelt in Erregung ver- setzt hat, in dem russischen Ministerrate erörtert. Allerdings ist auch dies, gemessen an der üblichen russischen Praxis, ein Fortschritt. Gewöhnlich wurden die niedergemetzelten Arbeiter oder Bauern in der Erde verscharrt, und keine Hand erhob sich, uni den Schuldigen das Stigma des Verbrechens auf die >�Hr»e zu prägen. Dieses Mal aber erhob sich die gesamte Arbeiterklasse Rußlands, um in gewaltigen Demonstrations- stceiks ihren Protest gegen die Arbeitermetzelei an der Lena auszudrücken. Allerdings versuchte der Minister des Innern Makarow, sekundiert von seinen Getreuen, in der Duma mit lügnerischen Anklagen gegen die Arbeiter und die sozialdemo- kratischen„Agitatoren" hervorzutreten. Aber unter dem Druck der Arbeiterbewegung, die ihren Widerhall in der Duma fand, sah sich die Regierung zum Nachgeben gezwungen, und ent- sandte den Senator Manuchin nach dem Streikgebiet, um die Vorgänge einer gründlichen Revision zu unter- werfen. Senator Manuchin kehrte bereits im August aus dem Lcuarevicr zurück, nachdem er an Ort und Stelle die völlige Schuldlosigkeit der Arbeiter, ihre grauenhaften Arbeits- und Lebensbedingungen, das ungeheuerliche Ausbeutungssystem der Goldgesellschaft, und die Schuld der Direktion und der Behörden an der Metzelei festgestellt hatte. Die Angaben des Senators bestätigten bollkommen die Anklagen der sozial- demokratischen Presse und der sozialdemokratischen Duma- abgeordneten, die die mit der mächtigen Kapitalsgesellschaft liierten und von ihr abhängigen Regierungsinstanzen als die Hauptschuldigen zur Verantwortung zogen. Sie bestätigten auch. daß der Minister des Innern die Duma in der schamlosesten Weise angelogen hatte, indem er bei der Beantwortung der sozialdemokratischen Interpellation die Schuld au den Vorgängen der Agitation der politischen Verbannten, unter anderem des sozialdemokratischen Abgeordneten der zweiten Duma Bataschow zuzuschreiben suchte, und die Vorgänge so darstellte, daß die„aufständischen" Arbeiter sich mit Waffen aus die Truppen gestürzt und sie zum Einschreiten gezwungen hätten. Alle diese Anschuldigungen wurden von dem Senator in das Reich der Phantasie verwiesen. Der sorglich geheim- gehaltene Revisionsbericht stellte ini Gegenteil fest, daß der Ausstand ein direktes Ergebnis der ungeheuerlichen Ausbeutung seitens der Goldgesellschaft war, und daß die Arbeiter allen Pro� vokationen der Verwaltung und Behörden eine beivundernswerte Disziplin und Zurückhaltung entgegengesetzt hatten. Diese �-.Mellunaen, eine offenkundige Brandmarkuug der gesamten Rpaieruna waren aber der Grund, daß die Revisions- onaeleaenheit plötzlich ins Stocken geriet. Der Justizminister Vöries im September den Prokurator der Gerichtslammer von -s gar nicht beantragt, sondern wollte als Versicherungsunteruehmen l�lemes feuiUeton. Klnderlcide», Schulreform, Volksbildung. Die bnrcaukratischc und psychologische Unnatur unserer Schule wird immer klarer erkannt und immer stärker cinpfunde». Es lätzt sich gar nicht leugnen, datz die Schulreform in Deutschland eine vortrefft licfc, mitunter geradezu pädagogisch-revolutionäre Literatur gc- zcilrgt lcht. Wie sehr die Schule dein Leben entfremdet worden ist, beweist am beste» der Umstand, datz m allen Schulen eines Landes dasselbe Pensum abgehaspelt wird. So weit Unterschiede vorhanden sind, richten sie sich nach der Gliederung des Schul- syst eins, niemals aber»ach dem Charakter der Welt, pon der die Kinder umgeben sind. Die cinklassigc Volksschule hat ein anderes„Pensum" als die mchrklassige; diesen Unterschied crkeiliit der Burcankrat an. Datz <8 über ein schrecklicher Ilnsmn ist» den Kindern von Berlin€)• denselben Stoff zu bieten ime den Kindern des Rordsecstrandes. datz sogar die Kinder der Ostsee in einer ganz anderen Welt aufwachscll wie die der Nordsee, sieht er nicht ein. Ob wir uns in den Alpen oder in der Ebene, ob wir uns in Bergwerksbczirten oder in srucht- baren Baucrntändern befinden, ob im Süden oder iin Norden, ob an der russischen Grenze oder am Rhein: immer sind es dieselben Unterrichtsstoffe, die loie abstrakte Gespenster durch die Schule spuken. Vor dem Abstrakten haben die Kinder eine Scheu wie vor ciiici» Leichnam, sagt Rousseau. Unsere Schule avec unigivt sie mit Leichen. Dieser Unnatur steht eine Literatur der Schulreform gegen- über, die zun, Teil bedeutend genaimt werden mutz. Wenn die Ideen dieser Literatur ins Leben hinausgeführt werden könnten. was Preutzen-Deutschlaud selbstverständlich nicht zulatzt. wurde viel Kinderelend verschwinden. Sowohl in der Volksschule Ime in der„höheren" Schule müssen unsere Kinder unter der Verrücktheit des pädagogischen Systems viel und hart leiden. Während sonst die Leiden nach oben hin abzunehmen pflegen, ist bas bei den p a d a- gogischen beiden einm-al ausnahmsweise nicht bei' Fall; lhc A.nder der höheren Schulen sind einem noch schlechteren padagogi- scheu System unterivorscn ai- die Kinder der Volksschule.,.a» diesem Kindcieiend der eigenen Klasse mutz darum aua, dir Wurzel der Literaturblüte gesucht werden, zu der die bürgerliche Schulreform es gebracht hm. Es geyt den bürgerlichen Bätern. wie cs dem genialen �.ancn Grundwig ging: Mit Wehmut nur kann ich die Kinder sehe»? Ihr Aug' so hell, tvie sonst nichts auf der Erden. Sie müssen jäb nun in die Schule gehen Und wie sie lvachsen, täglich kleiner werden. Mmr versteht also, datz die Schulreform Wandel schaffen will, und ihre wifsenschaftlicheu ysorichungeu müssen auch notwendig tem Kinde und der Kultur zugute kommen. Nichtsdestolocuiger hat die bürgerliche Schulreform einen sehr uilaligenchincn Hgke.ii; zugelassen werden, tvas nach der Erfüllung der notwendigen Bedin- gungen auch geschehen ist. Abg. Giebel(Soz.): ES wird Aufgabe des Reichstages sein, darauf zu dringen, datz so bald als möglich eine Reform des Angestellten- Versicherungsgesetzes erfolgt. Die Mitzstimmung in den Kreisen der Angestellten über die zu enge Auslegung des Begriffs „Angestellter" ist sehr grotz.— Die Tätigkeit des Direktoriums der Privatversicherung im ersten Jahre seines Bestehens hat durchaus die Befürchtungen bestätigt, die Molkenbuhr seinerzeit geäutzert hat. Die Beamten haben sich durchaus nicht nur daraus beschränkt, Vorarbeiten zu leisten, sondern haben eine ganze Reihe Taten verrichtet, die in den Kreisen der Angestellten grotze Unzufriedenheit hervorgernsen haben. Ich will nicht erst eingehen auf den sonderbaren sozialen Geist, der sich in der Festsetzung der Anstellungsbedingungen für die Angestellten der neuen Versicherungsanstalt ausspricht, auch nicht darauf, ob es notwendig war, ohne jede Rücksicht auf die weiblichen Versicherten die Frage nach dem Vorhanden- sein von Kindern so zu formulieren, datz durch ihre Be- antworiung für unverheiratete weibliche Versickierten ein sehr heikler, für sie persönlich unangenehmer Zustand geschaffen wurde. Mit etwas mehr Rücksicht auf die dabei in Betracht kommenden sozialen und psychologischen Momente hätte der Zweck, die Feststellung der anspruchberechtigten Nachkommenschaft, sicher ebenso gut erreicht werden können. Unvereinbar mit dem Gesetz ist der auf Veranlassung des Direktoriums vom prentzischen Handelsministerium herausgegebene Erlatz, der bestimint, datz bei Anträgen auf Heilverfahten die Angestellten selbst die Hälfte der auf 6 M. festgesetzten Gebühren für die ärztlichen Gutachten zu tragen haben. Abgesehen davon, datz im Gesetz sich keinerlei Handhabe für eine solche Forderung bietet, ist sie auch durchaus unsozial. Man will offenbar damit die An- gestellten nach Möglichkeit davon abhalten, Anträge auf Heil- verfahren zu stellen. In der jahrzehntelangen Praxis der Invaliden- Versicherungsanstalt ist inan niemals auf die Idee gekommen, eine teilweise Abschiebung dieser Gebühren auf die Versicherten vorzu- nehmen. Hier wird das einfach dekretiert. Im Wahlkampf wurde gerade das Heilverfahren als besonders soziale Errungen- s ch a f t hingestellt und hier wird sie nun auf diese Weise ver- wässert. Mich wundert auch, datz die sonst auf ihre Interessen so bedachte deutsche Aerzteschaft sich gegen diesen Erlatz nicht gewehrt hat, der bestimmt, datz solche Gutachten nur von Kreisärzten ab- gegeben werden sollen. Bei der Durchführung der ersten Wahl hat die Regierung zwar Angestellte gehört, hat aber daher eine ganz einseitige Parteilichkeit zu Gunsten der Siebener-Kommission bewiesen. Dieselbe Partei lichkeit hat das Direktorium gezeigt, als es sich darum handelte, über den Inhalt deS Gesetzes instruierende Artikel den Verbandsblättern der Angestellten zuzuschicken. Dabei hat nian nur die im Haupt- a u s s ch u tz vertretenen Angestelltenorganisationen berücksich tigt(Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten), die der freien Vereinigung angehörigen Organisationeil aber zuerst einfach übergangen. In einem Artikel von offizieller Stelle wurde jogar nebenbei noch Wahlagitation zilgunsten des Hauptausschusies getrieben.(Hört! hört! bei den Sozialdemo- kraten.) Die Behörde soll doch über den Parteien stehen. Bei den Wahlen hat man durch die Art, wie das Verhältniswahlsystem durch- geführt worden ist, den wirklichen Willen der Wähler verfälscht. Hier müssen in Zukunft Aenderungen eintreten, damit der Grundsatz der Verhältniswahl klarer zum Ausdruck kommt. Ferner möchte ich den Wunsch aussprechen, datz die Regierung das reichhaltige Material über die sozialen und wirtschaftlichen Ver- hältnisse der Privatangestellien, insbesondere ihre Gehälter, das ihr in den jetzt Millionen Aufnahmeanträgen zur Angeftelltenversiche- rung zugegangen ist, sobald wie möglich verarbeiten, und den Privat- angestellten zugänglich machen möge.' Dann einige Worte zur Frage der Werkspensionskassen und ihre Zulassung als Lebensversicherungsimternehmen. Bekannt- lick> ist die Kruppsche Pensionskasse als solches Unternehmen zuge- lassen worden. Diese Auslegung widerspricht aber klar der Ab- ficht des Gesetzes, das nur im Interesse der An- gestellten, nin sie gegen doppelte Beitragsleistungen zu schützen, die Bestiiuniungen über die Lebeitsversichcrungsunternehmungen getroffen hat. Das soll auch nur dann geschehen, ivenn nach dem Geschästsplan die Interessen der Versicherten hinreichend ge- wahrt sind. Um so weniger kann die Kruppsche Kasse als Lebens- Versicherungsunternehmen anerkannt werden, denn bei ihr sind die Interessen der Versicherten keineswegs gewahrt. So endigt z.B. die Mitgliedschaft, wenn der Angestellte aus der Stellung aus- tritt.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Und diese grotze millionenreiche Firma erstattet den Angestellten in solchen Fällen nicht einmal die Beiträge zurück. (Hört! hört!) Selbst nach 2ö Jahren kann ein Mitglied dieser Pensionskasse unter Umständen seine Rechte verlieren. Die autzerordentliche Mitgliedschaft, datz ist die Mitgliedschaft beim Ausscheiden aus der Firma Krupp, beim Verlassen ihre? Fleischtöpfe, ist an die E i n w i l l i g u n g d e r F i r in a gebunden, ja, sie kann widerrufen werden wegen„unwürdigen Verbaltens". Und das� soll ein Lebensversicherungsunternehmen sein! Das ist ganz� unzulässig. Die Werkspensionskassen haben nur die Wahl zwischen Ersatz- oder Zuschutzkasse. Die Auskunft, die das Direktorium des Aufsichtsaiuts der Kasse gegeben hat, ver stützt gegen Absicht. Sinn und Wortlaut des Gesetzes. Das hier anzuregen war not- wendig. Es ist nicht zu dulden, datz das Gesetz entgegen dem Willen der Gesetzgeber zum Schaden der Versicherten ausgelegt wird.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf Westarp(k.): Auch ich bitte, die Entscheidung über die eingegangenen Anträge, als Ersatzkassen zugelassen zu werde», möglichst zu beschleunigen. Wir sind bei Erlatz des Gesetzes wohl etwas voreilig gewesen und haben uns die rechtlichen Konsequenzen nicht immer klar gemacht. Um so mehr müssen jetzt möglichst schnell klare Rechtsverhältnisse geschaffen werden.— Dann habe ich noch den Wunsch, datz die großen Kapitalien, die bei der Versicherungsanstalt zusammenströmen, dezentralisierend und zu» gunsten des Mittel st an des verwaltet werde». Ministerialdirektor Dr. Caspar: Der letzte Wunsch des Abg. Westarp wird nach Möglichkeit erfüllt werden. Der Redner bemüht sich dann(im einzelnen auf der Tribüne oft un» verständlich), nachzuweisen, datz die Zulassung der Kruppschen Pensionskasse als Versicherungsunternehmen sowohl dem Gesetze wie auch den Intentionen der Mehrheil der Kommission bei der Be- ratung des Gesetzes entspricht. Abg. Irl(Z.): Das Wahlverfahren der ArbeitgebervertrauenS- männer zur Angestelltenversicherung ist verbejserungsbedürftig. Abg. Giebel(Soz.): Die von dem Ministerialdirektor angeführten Aeutzerungen in der Kommission bezogen sich meines Erinnerns nicht auf Werk- pensionskasien, sondern auf solche, wie der Magdeburger Privat- beamtenverein, dem man die Möglichkeit lassen wollte, als Ber- sichcrungsunternehmen weiter zu bestehen. Für WerkpensionSkasscu gilt das nicht.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Damit schließt die Diskussion. Beim Titel:„Beitrag zu den UnterhaltungS» kosten einer An st alt für die Bekämpfung der Säuglings fterblichkeit im Deutschen Reiche— 60 000 M." liegt eine Resolution Albrecht». Gen.(Soz.) vor. die die Grüiidnng einer R e i ch s a n st a l l zur B e k ä m p f u n g und Erforschung der S ä u g l i n g S st e r b l i ch k e i t fordert, und eine Reiolutioir M u m m u. Gen.(lvirtsch. Vg.). die im nächste» Etat größere Mittel zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit ver» langt. Abg. Büchner(Soz.): Zur Erklärung des schon seit 1876 zu konstatierenden Geburten» r ü ck g a n g e s werden recht komische Ansichten ausgesprochen, so soll die Frauenbewegung schuld sein, die zunehmende Irreligiosität, die steigende Ausdehnung der Sozialdemokratie. Dabei ist doch Prade die Sozialdemokratie stets für weitgehenden Mutter- und Säug- lingsschutz eingetreten. Nicht die bewährte Wirtschaftspolitik, sviidern die verkehrte Wirtschaftspolitik trägt die Schuld, weil die Mütter an Unterernährung leiden und Hundert» taufende von Kindern schon im Mutterleib hungern. Im Oktober 1911 tagte die wissenschaftliche Deputation für deutsches Medizinalwesen, wo von berufener Seite unumwunden eine Aenderung der agrarischen Gesetzgebung zugunsten der gesamten Bevölkerung verlangt wurde. Arbeiterin neu schütz und offene Grenzen wurden als die besten Mittel gegen den Geburten» rückgang dort angegeben. Die Vorträge sind in einer Broschüre zusammengestellt, die gewisiermatzen amtlichen Charakter hat. Von allen Aerzten wird als bestes Mittel gegen die Säuglings» fterblichkeit die natürliche Ernährung empfohlen. Aber die Prolctarierfrauen müssen außer den, Hause arbeiten, und ihren Säugling notgedrungen der künstlichen Ernährung überliefern. Daher kommt es, daß die Säuglingssterblichkeit bei uns so außer- ordentlich grotz ist, und zwar in den verschiedensten Teilen deS Reiches, in W e st p r e u tz e n, wo sie auf dem Lande noch größer ist als in der Stadt, in Sachse», i» Bayern; besonders hoch ist sie in Aachen, wo das fromme Zentrum in der Gemeinde einen so hervorragenden Einflutz hat. Es gibt ja auch einige Ge- Sic könnte vielleicht eine Volksschule schaffen, die der heutigen überlegen ist. Sie kann aber nicht durchsetzen, daß diese Schule von gut genährten Kindern besucht wird, die mit tüchtig ausgeruhten Gehirnen in die Schule kommen. Hinter der Schulreform erhebt sich drohend die soziale Frage. Die bürgerliche Schulreform kann eine Kinderschule schaffen, aber die dazu gehörigen gesunden Kinder werden von der bürgerlichen Gesellschaft leider nicht gestellt. Ebenso kann sie die höhere» Schulen reformieren, ohne aber doch eine wirkliche Volksbildung zu schaffen. Eine wirkliche Volksbildung kann überhaupt nicht aus irgendeiner Schule, sondern nur ans dem Volksleben selber hervorgehen. Wo sollte aber eine Volkskultur herkommen können, wenn die bürgerliche Gesellschaft Männer, Weiber und Kinder in die bar- barischen Ketten des Erwerbs schmiedet. So sehr wir also die bürgerliche Schulreform anerkennen. So sehr wir ihre Leistungen nach ihrem Wert zu schätzen wissen: eine wirkliche Schule, lote eine wirkliche Volkskultur kann erst geschaffen tverden, wenn eine neue Gesellschaft die Menschheit aus der Sklaverei des Er- iverbs erlöst hat. Heroen-Afterkultus. Dem„deutschen Volke" sind allmählich so starke byzantinische Kretinbedürftiisse angezüchtet worden, daß sie aus der eigenen gesegneten Geschichte nicht mehr gedeckt werden können. Besonders beliebt ist seit längerem wieder die N a p ol e o n schlvärnicrei. Sehr nett verspottet dieses»cueste Nationallaster, das bcrcils abnormen llnfug in der Literatur ver- anlaßt hat,„Der Bücherwurm". In seiner Faschinguuiiuner lesen wir: Die drei großen Nationalheldcn des deutschen Volkes sind: Gustav Adolf von Schweden, William Shakespeare und Napoleon Bonaparte, doch Napoleon ist der größte niiter ihnen; aber nur Napoleon, der Hauptwohltätcr Deutschlands, hatte bis jetzt bei uns weder eine eigene Gesellschaft noch einen eigenen Kalender. Diesem wahrhaft beschämendeil Mangel ist durch die kürzlich ge- gründete Napolcon-Gesellschaft und den neuen Napoleon-Kalendcr endlich abgeholfen worden. Es sei uns nun berstattet, zu dem Kalender und seinem Ausbau einige Worte zu sagen, daniit auch wir nicht fehlen, ivenn es gilt, die Damesschuld unseres Volkes gegen ienen Großen abzutragen. ... herrlich ist's, den Helden durch den Tageskalender Schritt für schritt begleiten zu dürfen I Doch gerade da ist leider noch nicht genug geschehen: uni> ich vermisse manches schmerzlich; da beißt es einmal:„Napoleon ging zum Diner", ja um alles in der Wett. ich will wissen, wie, wo und was er aß und ob cs ihm geschmeckt hat! Das ist dock» sehr wichtig, ob cs einem schmeckt! II Oder wen» wir in dein Katender snr>812 unterm 20. Mai lesen: „Napoleon folgt einer Einladung der Kaiserin von Oesterreich zu dem bei ihr stattfindenden großen Diner. Tarauf begab er sich in die Oper;"— darauf, was heißt darauf, das genügt mir durch- aus nicht! Es ist eine der großen Ueberlieferungen der Welt- geschichte, daß«der Kaiser sich plötzlich von der Tafel erhöh, blaß und eilig den Saal verließ und in einem kleinen Raum verschwaud, nach kaum zehn Minuten aber zurückkehrt;"— wo war der Kaiser während dieser zehn Minuten?! DaL will ich wissen! Eine währ- hast große Aufgabe für die Napolcou-Forschung! Gleichzeitig eine schwere Anklage gegen die Zeitgenossen, die versäumten, Antwort zu stehen auf die bange Frage: Wo war„Er", als er nach dem Essen so Göhlich auf zehn Minuten verschwand?——»il Humor und Satire. Disziplin. Wie Majestät in Königsberg bemerkte Ist unser Heer das Fundament des Reiches; Der deutsche Bürger findet etwas gleiches. Worin ihn Straßburg selben Tags bestärkte. Der Umstand, datz daS Telegramm des Irren Die ganze Garnison in Taumel brachte Und selbst dem Prinzenjüngling Beine machte, Kann diese Ansicht keineswegs verwirren. Im Gegenteil— oho l Hier sieht man's grade: Von ivem es kommt, ist vorderhand noch schnuppe. Ein Druck genügt— und schon enteilt die Puppe, Und fragt nicht: gibt es Krieg— gibt's nur Parade? Wie Majestät in Königsberg ergänzte, Mutz man das Fundament noch stärker machen. Nun. nun— nach Strntzbnrg braucht's nicht stärkrer Sachen— Wir sah'n doch, wie die Disziplin dort glänzte! Peter Scher. Notizen. — T h c a t e r ch r o n i?. Tie nächste Premiere der Kammer. spiele des Deutschen Theaters ist die Uraufführung von Kayh Sternheims„Bürger Schippcl". — K n n st a b e n d. Zur Feier des hundertsten Geburtstages Otto Ludwigs veranstaltet das S ch i l l c r- T b c a t e r im Schiller-Saal, Charlotrenburg. am Sonntag, abends 8ft' Uhr, einen «Otto Ludwig-Abend". — Pa r s i fal in Leipzig. Das Leipziger Stadttheater toill am 4. Januaer 1914, also sowie alsbald nach Freiwerdung von Wogners Werten, Parsifal anführen. Max Klinger wird die künstlerische Ausgestaltung der Dekorationen übernehmen.> — Ausgrabungen im Trierer K a i s c r p a l a st. Die durch staatliche Beihilfe von 200 000 M. unterstützten Aus- grabiingen in, Trierer römischen Kaiserpalast haben in der letzten Zeit überraschende Resultate ergeben. An der Südseite des mäch- tigcn Baues wurde ein 63 Meter langer Gang freigelegt, der als Lausgraben für die Sklaven diente. Auch im Innern der Ruinen sind durch Grabungen vollständige Wege und Baurcste— bis jetzt ist der vierte Teil freigelegt— zutage geförder.t worden. meinben, in denen die SoMlbeinolraiie einen Einfluß ausübt, und dort sprickt das Ergebnis durchaus zu unleren Gunsten.(Vize- Präsident Dave ruft den Redner zur Sache.) Wenn Sie dem Bevölkerungsrückgang Einhalt tun wollen, müssen Sie für Mutter« und Säuglingsschutz sorgen. Hier sollen einer privaten Anstalt 60 000 M. überwiesen werden. Diese Summe zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit für ein Reich von 66 Millionen ist nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Im vorigen Jahre bereits sprach man davon, die Summe zu verdrei- oder zu vervierfachen-, sie müßte aber mindestens zehnmal so hoch sein. Aber was kümmern sich die Mehrheitsparteien und das Deutsche Reich um die Erfüllung von Kulturausgaben. Bei der Beratung der Reichsversichernngsordnnng � traten wir für weitgehenden Mutterschutz und für SchwangerschastSversicherung ein. Aber dafür ist in Deutschland kein Geld vorhanden. Deutsch- fand steht mit an erster Stelle in bezug aus die SänglingSiterblich- keit, deshalb liegt die Errichtung einer Anstalt zur Bekämpfung und Erforschung der Säuglingssterblichkeit im Interesse des Reiches. Es ist die Pflicht des Reiches, Borkehrungen zu treffen, um die jungen Menschenleben und die Mütter zu schützen. Lehnen Sie unseren Antrag ab, so beweisen Sie damit, daß die Mehrheitsparteien wohl bereit sind Hunderte von Millionen zu bewilligen, um neue Werkzeuge für den Menschenmord zu schaffen, aber nicht Mittel zu bewilligen für Mutter- und Säuglingsschutz, für Kultur- zwecke, denen nachzukommen Menschenpflicht ist. jBravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg. v. Graefe(k.): Die Argumentation deö Vorredners er- innertc an das Wort r„Die Armut kommt von der Pauvertä". (Heiterkeit.) Daß die Säuglingssterblichkeit mit den traurigen so- zialeu Verhältnissen zusammenhängt, wissen wir auch, uns über die Ursachen dieser sozialen Verhältnisse auseinanderzusetzen, ist hier nicht die richtige Gelegenheit. Die Sozialdemokratie stellt bekanntlich alle sozialen Maßnahmen in den Dienst ihrer besonderen Zwecke für die Umwandlung der Gesellschaft.(Sehr richtig! rechts.) Wir wollen alle kommunistischen Beigeschmäcker(Heiterkeit bei den Soz.) bei der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit vermieden sehen. Das Schwergewicht in der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit liegt in der Familie, in den Kommunen, sowie in der privaten Fürsorge. Die Ueberuahme dieser Aufgabe durch den Staat lehnen wir ab.(Bravo! rechts.) Abg. Heyn(Vp.): In Pommern ist die Säuglingssterblich- keit besonders groß. Die Hauptursache der Säuglingssterblich- keit ist die mangelnde Stillfähigkeit der Mütter. Viele Säuglinge sterben auch an Verdauungsstörungen durch Uebcrernährung infolge des Unverstandes der Mütter, die das Kind zu früh mit Vollmilch und festen Speisen ernähren. In den besser bemittelten K r e i s e n fehlt eS den Müttern vielfach an dem Willen, ihr Kind selbst zu stillen. Gegen die Gründung einer Reichsanstalt haben wir wesentliche Bedenken. Die Summe im Etat sollte wesentlich erhöht und daraus den Provinzen mehr Mittel zur Per- fügung gestellt werden. Vor allem muß auch das Vormundschafts- Wesen gründlich reformiert werden. Abg. Mumm(Wirtsch. Vg.): Der erste Redner hat es verstanden, selbst in diese Frage parteipolitische Streitigkeiten hineinzubringen. Ich will ihm auf dies Gebiet nicht folgen. Bei Gründung einer Reichsanstalt würde das Auguste-Viktoriahaus durch Wegfall des Reichszuschusses in schwere Bedrängnis kommen. Deshalb bitte ich unserem Antrage zuzustimmen. Abg. Schirme»(Z.): Der sozialdemosratische Redner hat versucht, die katholische Bevölkerung des Zentrums für die Säuglingssterb- lichkeit verantwortlich zu machen. Das weise ich zurück. Vielfach liegt die große Säuglingssterblichkeit in bestimmten Be- zirken an der Beschaffenheit des Viehfutters infolge deS kalkrciche» Bodens. Wir stimmen dem Antrag Mumm zu. Der Antrag A l b r e ch t(Soz.) wird abgelehnt, der Antrag M u n, m a n g e n o m m e n. Zur Förderung der Erforschung und Bekämpfung der Tuberkulose werden 100 000 M. gefordert. Abg. Rühle(Soz.): Auch diese Summe ist viel zu klein. Das Reich hat die Pflicht, reichere Mittel zu vorbeugenden Maßnahmen, insbesondere gegen die K i n d e r t u b e r k u l o s e zur Verfügung zu stellen. Für da« höhere Lebensalter ist ein Rückgang der Sterblichkeit an Tuber- kulose festzustellen, für die Jugend ist eher eine Zunahme er- folgt, erst in der allerletzten Zeit ist die Sterblichkeit hier stationär geworden. Systematische schulärztliche Unter- fuchungen haben ergeben, daß die Tuberkulose unter den Schul- kurdern vielmehr verbreitet ist, als man früher glaubte. Die Be- kämpfung dieser Volkskrankheit bei der Jugend hat bisher Fiasko erlitten. Das hat auch Ministerialdirektor Dr. Kirchner gelegent- lich zugegeben. Gestiegen ist die Tuberkulosesterblichkeit in den aller- ersten Lebensjahren, während sie z. B. in England gesunken ist. Viel mehr könnten die Gemeinden in der Bekämpfung der Tuberku- lose tun i ihre Leistungen sind durchaus unzureichend. Daher sollte das Reich durch eine großzügige Organisation den Kampf gegen die Tuberkuloie aufnehmen. Sehr verbreitet ist in der Jugend auch die latente Vorform der Tuberkusose, die S k r o p h u- lose. Daß über deren Umfang systematische Untersuchungen not- wendig sind, sagt auch das Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose, Es liegt heute eine Resolution zu diesem Titel vor, ihn im nächsten Jahr um 60 000 M. zu erhöhen. Das ist sehr be- scheiden. Der Reichstag hat am 23. März vorigen Jahres bereits eine Resolution angenommen, die einen Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Tuberkulose verlangt. Wir können da- her wohl erwarten, daß nunmehr bald etwas Ernstliches geschieht, namentlich prophylaktische Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Jugendlichen; denn auf den Jugendlichen be- ruht die Zukunft der Nation.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf Westarp, daß die Schaffung eines internationalen Lustschiffahr tS rechts am Widerspruch Eng- lands scheitere; um so notwendiger sei die Schaffung eines deutschen LuftschiffahrtSrechts, daS namentlich auch die Frage der Haftpflicht regeln müsse. Direktor im Reichsamt deS Innern Lehmann teilt das Bedauern deS Vorredners, daß eine internationale Regelung nich« zustande ge- kommen ist. Ob der in Aussicht genommene Gesetzentwurf auch die Frage der Haftpflicht regeln wird, läßt sich zurzeit noch nicht sagen. Abg. Erzbergcr(Z.); Noch vor Erlaß eines Gesetzes müßte min- bestens durch eine Verordnung dem Unfug ein Ende gemacht werden, daß jeder mit ganz beliebigen Motoren ohne jede behörd- liche Abnahme auf die Menschheit l o S g e la s s en werden kann. � m., Ministerialdirektor Lehmann: DaS ReichSamt des Innern hat schon vor zwei Jahren an die Landesregierungen das Ersuchen ge- richtet, für S i ch e r h e i t« m a ß n a h m e n bei Flugversuchen Vor- sorge zu treffen. Es bestehen auch eine ganze Reihe von Vorschrriren für Flugzeuge und Luftichiffer.. Zum Titel„Erweiterung des Karser-Wilhelm- Kanals 7. Rate ö6 Millionen" wird eine Resolution der Budget- kommiision angenommen, die sorgfältige Durcharbeitung der Vorarbeiten bei der Ausschreibung öffentlicher Arbeiten wünscht, damit die Submittenten in der Lage sind, angemessene Gebote ab- zugeben.� ����„tlichen Etat„Förderung des Klein- w ob nun g s wesen s 4 Millionen" liegt eine Resolution Mumm(Wirtsch. Vg.) vor. den Betrag für WohnungSfürforge im nächstjährigen Etat angemessen zu erhohen. Die Budgetkommission beantragt in einer Resolution die auSge- worfeue Summe zur Förderung der Herstellung von Kleinwohnungen im nächsten Etat angemessen zu erhöhen, und in einer zweiten Resolution wünscht sie noch im Herbst dieses Jahres einen Gesetzentwurf, durch welchen das Reich in Verbindung mit den Einzelftaaien unter gewissen Bedingungen die Bürgschaft für zweite Hypotheken der Kleinwohnungsbauten gemeinnütziger Baugesellschasten übernimmt. Abg. Goehre(Soz.) Die Hoffnung auf die baldige Inangriffnahme einer gründ- lichen reichsgesetzlichen � Regelung des Wohnungswesens ist wieder einmal niedergeschlagen. Schuld daran lrägt Preußen. Der Reichstag hat wiederholt einnnitig ein R e i ch s w o h n u n g s- aufsichtsamt geforderl. Infolge �dessen fing die Regierung schon an, einen entgegenkommenderen Standpunkt einziinehmen als früher. Es wurde die Einbringung eines Reichsgcsctzes in Aussicht gestellt. Damit erkannte die Regierung die Kompetenz deS Reichstages, das Wohnungswesen zu regeln, ausdrücklich an. Ich betone das besonders, da jetzt jedenfalls Herr Delbrück wieder erkläreu wird, die Regelung des Wohnungswesens sei Landesiache. Seine Rückkehr auf den früheren Standpunkt ist offenbar eine ganz frei- willige(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten), sie ist das Werk Preußens, das diesmal von dem Par- tikularismus einiger süddeutschen Slaaten unterstützt wurde, Preußen wird von der Furcht geleitet, daß die Wohnungsreform vom Reiche viel vorteilhafter betrieben würde, als es mächtigen preußischen Interessenten lieb ist. Die süddeutschen Bundesstaaten, die Preußen dabei geholfen haben, haben der Reaktion einen guten Dienst erwiesen. ES zeigte sich gerade wie bei der Frage der Wahlurnen, daß der Staats- sekretär Dr. Delbrück zum Rückzug und zur Unterwerfung unter Preußen gezwungen wurde. DaS beweist wieder, daß in Wahrheit die Reichsregierung die preußische ist, daß die einzelnen Staats« sekreiariate immer mehr nur abhängige Depeudancen von Preußen werden. Bor hunderr Jahren erklang der Ruf:„Preußen, immer die Preußen" als Jubelruf. Herne muß derselbe Ruf uns mit Grimm und Zorn erfüllen, denn immer finden wir Preußen im Kampf gegen die Vorwärts- e n t w i ck e l u n a. Gegen ein solches Preußen muß der Reichstag Front machen. Preußen will nun den Schaden dadurch gut machen, daß eS selbst einen WohnungSgesetzentwurf eingebracht hat. Die Drohung des Slaatssekrelärs, wenn Preußen nichts tue, werde das Reich selbst vorgehen, war offenbar recht harmlos, es war wohl nur die etwas pikante Einkleidung der nüchternen Mitteilung, daß Preußen auf diesem Gebiet vorgehen werde. Herr Delbrück wußte offenbar, als er die scheinbare Drohung gegen Herrn Dallwitz aus- sprach, bereits, daß das Manuskript des preußischen Eni- murfs bereits fertig war. Aber der Reichstag darf sich das Verdienst zusprechen, daß durch sein forlgesetztes Drängen Preußen endlich zu seinem Vorgehen gezwungen worden ist. Freilich bedeuret der preußische Entwurf nicht im geringsten einen Ersatz für das, was auf reichsgcsctzlichem Gebiete zu geschehen hat. und darf uns keineswegs veranlassen, die Hände in den Schoß zu legen. Zunächst wissen wir ja noch gar nicht, ob und wann der Entwurf überhaupt an den Landtag gelangen wird. Er könnte ja auch nur eine vorläufige Irreführung des Reichs- t a g S und ein Köder für die bevor st ehenden Land- tagswahlen sein. Auf jeden Fall gilt daS Wort: vsstigia terrent(Die Spuren schrecken). Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß dieser Entwurf ebenso im Schubfach des Handelsministers liegen bleibt wie der von 1004, von dem er im übrigen nur einen verwässerten Aufguß bedeutet. Aber auch wenn der Entwurf im Landlage eingeht, haben wir aus sein Schicksal keinen Einfluß. Deshalb dürfen wir nicht ruhen, um so weniger, wenn man sich den Entwurf näher ansteht. Seine erste Hälfte enthält allerhand Erfreuliches, wenn die Bestimmungen der beiden ersten Paragraphen Gesetz werden, wird der Kleinwohniings- bau gefördert werden. Was aber daS Reich gefordert hat, ist in dem Entwurf überhaupt nicht oder nur in kümmerlichen Ansätzen enthalten. Der Entwurf enthält kein Wort von einem Landeswohnungsamt, kein Wort vom Ausbau des Erbbaurechts. Deshalb mutz diese Arbeit unS im Reiche vorbehalten bleiben und wir dürfen nicht rasten. Der Entwurf kennt keinen allgemeinen Wohnungsnachweis, er ist jedes Fortschrittes bar. Wohnungsordnungen kennt er nur für Gemeinden mit über 10 000 Einwohner, die viel schlechteren Wohnungsverhältnisse in kleineren Städten und auf dem Lande läßt er völlig unberührt. Und die Wohnungsordnungen sind fast ganz dem Belieb ejn der Polizeibehörden überlasten. Wohnungsämter werden nur gefordert für Gemeinden mit über 100 000 Einwohner, und die Befugnisse dieser Wohnungsämter hängen ganz in der Luft, sie erhallen nach dem Entwurf nicht die geringste Macht. Soweit das Reich einzugreifen hat, versagt derEntwurf völlig, insbesondere macht er ein ReichswohnungS- gesey nicht überflüssig, im Gegenteil, er schreit geradezu nach einem ReichswohnungSgesetz als seiner notwendigen Ergänzung. Kommt ein solches Amt, so ist jede gründliche auch einzelstaalliche Wohnungsreform gefährdet. Wir brauchen ferner ein großes Kredit- institut für Schaffung zweiter Hypotheken in irgend einer Form und einen allgemein organisierten Wohnungsnachiveis im Jmereffe der Mieter und der Hausbesitzer. Eine Regelung des Kredit- wesens für Kleinwohnungen hat der Slaatssekretär in Form eines Reichspfandbriefinstituts angekündigt. Hoffentlich wird die Reform nun wenigstens an diesem Zipfel angefangen. Wir Sozial- demokraten werden nicht ruhen und nicht rasten, immer wieder für eine reichsgesetzliche Regelung des Wohnungswesens zu wirken. Die noch bestehende Wohnungskommission sollte nicht ausgelöst werden, sondern sollte als hoffentlich recht fühlbarer Stachel im Fleische der Reichsregierung bestehen bleiben. Bielleicht gelingt es unS, in diesem engeren Kreise wie bisher in aller Ein- tracht die Dinge vorwärts zu treiben. ES muh schließlich auch auf diesem dunklen Gebiet des Wohnungswesens bei uns im Reiche licht und hell werden.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf v. Posndowsky: Die Voraussetzung unter der der Herr Slaatssekretär auf die Einbringung eines ReichswohnungS« gesetzeS verzichtet hat, hat sich erfüllt. Man wird sich bei dieser Sachlage vorläufig beruhigen müssen. Wir dürften aber auf die Forderung eines Reichswohnungsaesetzes zurückkommen, entweder wenn das preußische Wohnungsgesetz nicht eine Gestalt bekommt, die den wirklichen Bedürfnissen unseres Volkes entspricht oder wenn, falls das preußische Gesetz in befriedigender Form ver- abschiedet werden sollte, dann die anderen Staaten nicht den gleichen Weg wie Preußen gehen. Ich hoffe, daß das politische Schwergewicht des Deutschen Reichstags groß genug sein wird, um die Verbündeten Regierungen zu verantasien, dann selbst ein genügendes Reichswohnungsgesetz vorzulegen. Aber ganz abgesehen davon, sind auch andere positive Maßnahmen nötig, wie eine Aenderung des Hypothekenbankgesetze« und der Ausbau des Erbbaurechts im 1Ö. G-B. Die Grundbesitzpreise haben heut« in Deutschland eine Höhe erreicht, wie in keinem anderen Kulturlande Europas. Wollen wir das Wohnungswesen fördern, so müssen wir auch denen, die nur ein kleines Sparkassenmaterial besitzen, es ermöglichen, sich ein wirkliches Heim zu schaffen. Ein großer Teil der Leiden unseres Volkes geht aus dem Wohnungselend in den Groß- st ä d t e n yervor.(Lebhaftes Sehr richtig y Wir haben eine Un- inenge von sozialen Resolulionen angenommen, vielleicht gar einige, die sich kreuzen. Ich wünschte, wir stellten die Einzelsragen zurück und konzentrierten die ganze Kraft dieser Versammlung auf eine großzügige Wohnungspolitik. Von solchen positiven Maßnahmen verspreche ich mir eme größere staatserhaltende Wirkung als von Ausnahmegesetzen, die in diesem Reichstag keine Mehrheit finden und wahrscheinlich auch nicht in einem künftigen Reichstage.(Bravo! links und im Zentrum.) Abg. Dr. Brgband(Vp.): Daß wir in der wichtigen Frage des Wohnungswesens so viel als möglich tun müssen, davon sind wir alle überzeugt; um so mehr können wir davon Abstand nehmen, noch viel darüber zu reden. Schließen wir lieber den Etat deS Innern heute ab.(Bravo! bei der Volkspartei.) Hieraus wird ein Vertagungsantrag angenommen. Nächste. Sitzung: Freitag 1 Uhr.(Forlsetzung der Beratung, dann Justizetat.) Schluß°/«7 Uhr. Mgeoränetenbaus. 126. Sitzung. Donnerstag, den 6. Februar 1913, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. Dallwitz. Die innere Verwaltung. Die Beratung wird fortgesetzt bei der Polizeiverwaltung in den Provinzen. Abg. Ramdohr: In Altranstädt bei Markranstädt wohnte seit über einem Jahrzehnt ein Schneider, der sich seil 25 Jahren, seit seinem 12. Jahr, in Deutschland aufhält. Er ist russischer Staats« ongehöriger, aber gänzlich unbescholten und alle Behörden stellen ihm das allerbeste Leumundszeugnis aus. Allerdings ist er theoretischer Anarchist, aber der harmloseste Mensch von der Welt. Er hatte mit der Polizei niemals etwas zu tun und lebte mit ihr auf dein allcrfreundschasllichsten Fuße. Als aber im vergangenen Sommer die Kaiiernianöver in dieser Gegend statt» finde» sollten, erscheinen plötzlich früh morgens zwei Gendarmen in seiner Wohnung, reißen ihn von seiner Frau weg und verhaften ihn mit der Order, seine Sachen binnen einer Stunde zu sa in me n zupacken und die Ausweisung abzu- warten. Der Mann wurde per Schub über die russische Grenze gebracht. Die Frau, eine von ihm in Deutschland geheiratete Deutsche, bekam keinerlei Mitteilung über sein weiteres Schicksal. Alle Nachforschungen und Vorstellungen bis zum Regierungspräsi» denlen hinauf waren vergeblich. Erst einige geit später bat der Mann durch ein Telegramm, das aus einem Ort bei Posen auf- gegeben war, um SV M., die er erhielt. Es kam keine weitere Nach- richt von ihm, bis der Minister des Innern auf meine Beschwerde mitteilte, daß der Mann an die russische» Behörden ausgeliefert worden sei. Die russischen Behörden waren aber anständiger wie die preußischen und ließen den Mann gehen, wohin er wollte. Diese unerhörte Ausweisung ist e i n S t ü ck Barbarei, die in einem Kulturstaat nicht vorkommen sollte. Ich möchte den sehen, der sie rechtfertige» wollte. In der Regel wird auch bei den grundlosesteu Ausweisungen eine Frist zur Vorbereitung gegeben, die auch Vorstellungen bei den vorgesetzten Behörden ennöglicht. Hier wurde bei Nacht und Nebel die Familie ouseinandergeiprengt und vollkommen gleichgültig von den Behörden ohne jede Nachricht gelassen. Der hat kein Schamgefühl mehr, dem ein solcher Fall nicht die Schamröte ins Gesicht treibt. (Widerspruch des Abg. v. P a p p e n h e i m.) Sie freilich lachen ja ganz laut bei den berechtigten Beschwerden, die wir hier vorbringen. Die Regierung hat keinerlei Reniedur eintreten lasten, überall wurde geantwortet, daß die Beamten ihre Pflicht und Schuldigkeit getan hätten rmd irgend eine besondere Härte nicht anerkannt werden könne. Regierung und höhere Behörden, die sich mit diesem rück- sichtslosen, unmenschlichen Verfahren einverstanden erklärt haben, tragen auch die Verantwortung für diese e ch t preußisch- deutsche Schande.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.— Pfuirufe rechts.) Vizepräsident Dr. Porsch ruft den Redner zur Ordnung. Abg. Hoffmann(Soz.): Wenn eS sich darum handelt, die Verwendung der Gendarmen gegen uns zu kennzeichnen, sind wir niemals in Verlegenheit um Material. In Zappendorf, Provinz Sachsen, wurde einem Arbeiterradfabrerverein eine Vereinslustbarkeit ohne Grund verboten und dem Borsitzenden gedroht, im Nichtbefolgungsfall die Lustbarkeit durch sieben Gendarmen mit Waffengewalt auseinander zu sprengen. Um nicht die Einwohner durch derartige Ungesetzlichkeiten aufregen zu lassen, mußte der Verein auf sein gutes Recht verzichten. Dafür muß der preußische Bürger die Gendarmerie bezahlen I In R a g n i t in Ostpreußen steht der Sozialdemokratie kein Lokal zur Verfügung. Als ihr eine Wirtin den Saal hergeben wollte, drohte der Gendarm mit früherer Ansehung der Polizei« stunde und in einem anderen Lokal wurde für den Fall der Her« gäbe zu einer sozialdemokratischen Versammlung die Vor- fchreibung baulicher Veränderungen angekündigt. Es scheint also, daß unser Leben der Polizei werlvoller ist, als daS der Angehörigen anderer Parteien I(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) In Merzdorf, Kreis Wohlau i. Schl., fand eine öffentliche Versammlung statt. Es war im Sommer und die Fenster des Hauses des Grundstücksbesitzers standen offen. In dem Hause aber befand sich das Enkelkind des Besitzers. Der Gendarm malbte deshalb Anzeige, daß das Kind die Worte, die draußen gefallen sind, habe hören können(Hcileikeit und Hört I hört I links), eS habe also an einer volitischen Versammlung teilgenonimen I Herr v. Kardorsf, Sie können hier so viele Ecbarfmacherreden halten, als Sie wollen, Sie werden der Sozial« demokralie so lange keinen Abbruch tun, als man uns mit solchen unglaublichen Kindereien zu bekämpfen versucht.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Beim Titel„FürsorgeerziehungMinderjähriger" Verlangt Abg. Schmcdding(Z.) eine Reform deS FürsorgeerziehungS- gesetzcs. Minister v. Dallwitz erkennt die Reformbedürftigkett an. Die Obcrpiäsidenten sind angewiesen, nach Jahresfrist über ihre Ersah- rungcn zu berichten und dann werden wir an die Umgestaltung deS Füriorgegefetzes herangehen. Abg. Dr. Scbepp(Vp.): Die Fürsorgeerziehung muß schon im vorscvulpflichtigen Alter einsetzen. Einzelne Städte haben dafür bereits Schnlpflegerinnen angestellt, die mit gutem Erfolg ge- arbeitet hoben. Das Kinder schutzge setz sollte schärfer gchand- habt werde». Das Kinotheater hat sich allmählich zu einer wahren Volksgefahr entwickelt. Hier ist ein gesetzgeberischer Eingriff notwendig. Die Kmobesiver umgehen vielfach die Zensur« Verbote, indem sie verbotene Stücke unter anderem Titel wieder aufführen. Abg. Borchardt(Soz.): Eine Reihe von Fragen, die ich im Vorjahre gestellt habe, sind Noch immer unbeantwortet. Vom Direktor des Marlinshaufes in Groß-Rosen bei Breslau ist einem Vater der Besuch des FürforgezoglingS untersagt worden, tveil er angeblich andere Zöglinge ausgefragt bat. Womit soll das gerechtfertigt werden? Merkwürdigerweise hat auch der fortschrittliche Abg. Dr. Schepp im Vorjahr das Ausfragen der Zöglinge als gefährlich be- zeichnet. ES könnte eine Revolte entstehen, meinte er. Wenn eS wahr ist, waS uns die Denkschrift der Regierung sagt, daß überall mi, Geduld und Liebe erzogen wird, dann können die Zögling« doch nichts Böieö verrate»! Aber Dr. S ch e p p stnicht lininer nur aus winen Erfahrungen als Lehrer anormaler , Kinoer heraus. Dann habe ich leine Auskunft bekommen über den Fall, in dem Fürsorgezöglinge als Streikbrecher bei einem Fuhrleute, und Klilscherstreik verivendet wurden. Un- beantwortet blieb auch meine Frage, wie Familien Zöglinge, die sie zur Erziehnng bekommen, für b und 10 M, monatlich beköstigen. bekleiden n»d erziehen sollen. J» einem anderen Fall hat man der Großmutter eines Zöglings den Besuch verboten und ihr bei elnem Verstoß gegen das Verbot mit den Gendarmen gedroht. Das ist auch keine richtige BeHand- lnug. Wie steht es mit den Schwarzen Listen an den Berliner Gemein beschulen? Ueber Schüler, die für die Fürsorgeerziehung fast reif sind, werden von den Lehrern Listen an- gelegi. Wenn nun ein solcher Schüler die Schule wechselt, so wird er auf Grund dieser Listen als verdächtig gemeldet. Man klagt mit Recht über die geheimen Personalakte» für die Beamten. Alle Parteien wollen sie abschaffen. Sind diese Schwarzen Listen etwas anderes als geheime Personalakten?(Sehr richtig I bei den Tozialdem.) ES trifft zu, was im vorigen Jahre der Oberprüsident der Provinz Heffen-Nassau gesagt hat, daß unsere Fürsorgeerziehung zu einer Altsnahmemaßregek für Proketarierkinder geworden ist, denn er kennte keinen Fall, wo Kinder höherer Stände in Fürsorgeerziehung gekommen wären. Tatsächlich sind 93 Pcoz. aller Fürsorgezöglinge Lolksschüler und nur Vi Proz. höhere Schüler. (Hört I hörtl bei den Sozialdemokraten.) 56,6 Proz. der Fürsorgezöglinge stammen von Eltern, die unter 900 M. Einkommen haben, 80,7 Proz. von Eltern mit einem Einkommen von 900 bis 1500 M. und 6 Proz. von Eltern ohne alles Einkommen. Also 93 Proz. aller Fürsorgezöglinge sind rein proletarischer Abstammung.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Aus dem Bericht erfährt man gerade die Hauptsache nicht, nämlich die Praxis der Fürsorgeerziehung. Wie werden die Kinder erzogen? Es wird angegeben, daS 1910 62,2 Proz. als gebessert entlassen wurden, aber wer hat das fest- gestellt und wie? Auf dem Fürsorgetag in Dresden war man außer- ordentlich mit sich zufrieden und verzeichnete als eine der günstigsten Folgen die Abnahme der Kriminalität der Jugend. In dem Jahres- bericht des HauptvercinS der Kinderhort« in Berlin wird aber vom Stadtschulrar Dr. Fischer eine traurige Stei« gerung der Krimin all'i tät gerade schulpflichtiger Kinder festgestellt. In manchen Anstalten geht es recht sonderbar zu. Die Waisendeputation der Stadl Berlin hat in der jüdischen Fürsorgeanstalt in P l ö tz e n s e e die traurigsten Zustände vorgefunden. Das Gebäude ist baufällig, der Speiseraum im Keller und zu klein, die Zufahrtstraße unfahrbar und die Stuben im Fall eines Feuers die reinen Menschenfallen. Der Regierung sollen diese Zustände nicht unbekannt sein! Die auf dem Fürsorgetag in Dresden ausgestellten Photographien aus den Anstalten zeigten in einiger Entfernung von den arbeitenden, in ihrer plumpen Tracht Sträflingen gleichenden Zöglingen, nicht Lehrer, die angeblich als die älteren Freunde der Zöglinge wirken, sondern u n i« formierte Aufseher, di« Amtsmiene im schnauzbärtigen Gesicht und den Daumen an der Hosennaht, alles wie im Gefängnis. Die körperliche Züchtigung ist zugelassen und wird geübt, wie Pastor S e i f f e r t- Strausberg erklärt, um den Trotz und den Willen des Zöglings zu brechen. Auf dem Fürforgetag in Dresden hat Pastor K n a u t den Grundsatz aufgestellt� daß der in diesem Alter be- sonders starke FreiheitS- und Selbstbelätigungsdrang nicht unter- drückt werden dürfe, wenn nicht willensschwache oder r e» voltierende Menschen erzogen werden sollen. In einer Beziehung ist ja Preußen viel mehr als Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten: In Breslau wurde die Witwe eines aus Oesterreich stammenden Tischlers Schwarzer, die ihre Kinder durch schwere Arbeit ernährte, ausgewiesen, weil eines der Kinder, um die sie sich natürlich nicht so sehr kümmern konnte, die Schule schwänzte und in eine Fürsorgeanstalt gebrocht wurde. Sie wollen die Quellen des UebelS verstopfen. Aber wenn die Kinder in der Fürsorgeerziehung mißhandelt werden und wenn man auf der andern Seite eine Frau, die Kumnier und Sorge leidet, um ihre Kinder durchzubringen, auf die Straße setzt. weil eine» ihrer Kinder der Fürsorgeerziehung überwiesen wird, so werden Sie uns nicht einreden können, daß eS Ihnen mit den Zwecken der Fürsorgeerziehung ernst ist.(Beifall bei den Sozial« demokraten.) Ein RegierungSkommissar antwortet, daß man in den Berichten nicht die Tätigkeit jeder einzelnen Anstalt beschreiben könne. Die Eltern dürfen ihre Kinder befragen, sich aber nicht als Aufsichtspersonen geberden. Wir haben nichts zu verbergen und laden Abg. Borchardt zum Besuch der staatlichen Anstalten«in. Die körperliche Züchtigung ist durch den Mnisterialerlaß nach oben beschränkt. Sie ist bei schulentlassenen Zöglingen nur zugelassen, wenn andere Strafmittel sich als unwirksam erweisen. Der Arzt muß bei Schwächlingen und schonungsbedürftigen Kindern gehört werden, aber bei den anderen kann das nicht immer geschehen, denn eS wäre unsinnig, eine Strafe erst einige Tage'nach der Tat zu vollziehen. Alle» in allem haben wir von der Fürsorgeerziehung hoch erfreuliche Resultate.(Beifall.) Abg. Dr. Schepp(Vp.) rechtfertigt die Schwarzen Listen über die Befähigung und Anlagen der Schüler als eine pädagogische Notwendigkeit. Herr Borchardt versteht überhaupt nichts von der Fürsorge.(Beifall bei der Mehrheit.) Ein Schlußantrag wird angenommen. Abg. Borchardt(Soz.) bemerkt zur Geschäftsordnung, daß er verhindert fei, auf eine Bemerkung Schepps zu antworten, daß die Fürsorgeerziehung keine Parteiftage sei. Die Reden Dr. Schepps zeigen, wie sehr er in dieser Frage mit den Konservativen zusammen- kommen kann. Abg. Dr. Lieder(natl.) wünscht eine Erhöhung deS Fonds zur Fürsorge für die gefährdete oder verwahrloste Jugend. In Berlin sollen 159 000 Kinder verwahrlost sein. Die bestehenden Anstalten sind überfüllt, die Kinderhorte müssen unterstützt werden. Abg. Dr. Flcfch(Vp.) wünscht eine genügende StaatSunter« stlltzung für die private Tätigkeit auf diesem Gebiete. Abg. Roscnow(Vp.): Die Fllrsorgelätigkeit muß schon in der Vorschule einsetzen, besonders für die Kinder, deren Eltern auf Arbeit geben. Das HauS vertagt sich. Nächste Sitzung: Freitag 10 Uhr, Weiterberatung. Schluß S'/z Uhr._ parlamcntanlcbcs. Marincctat.— Deutsch-englische Flottcnpolitik und Verständigung. Die Budgetkommission des Reichstags trat am Donnerstag in die Beratung des Marinectats ein. Der Referent v. Thünefeld wies darauf hin, daß der Etat die Summe von 462,4 Millionen enthalte, wozu noch fünf Millionen für den Bau der..Hohenzollern" kommen. Wünschenswert sei eine allgemeine Aussprache über die deutsch-englischc Maiincpolitik. So habe im vorigen Sommer der englische Marineministcr unrichtige Angaben über den deutschen und englischen Flottenbau gemacht, die den deutschen Flottenbau als dem englischen überlegen darstellten. Das Marincamt hätte diesen Darlegungen entgegentreten sollen.— Staatssekretär v. T i r p i tz erklärte, über die deutsch-englischen Beziehungen keine Auskunft geben zu können, er sei dazu nicht berechtigt, sondern nur der Reichskanzler. Der deutsche Flottcnbau habe stets nur defensiven Charakter gehabt und werde ihn auch behalten. Mit dem Etat seien keinerlei Mehrfordcrungen im Sinne weiterer Rüstungen verbunden.— Die Genossen N o s k e und Ledcbour erklärten diese Ausführungen für u n b e f r i e> d i g e n d. Der Reichskanzler oder ein Vertreter des Auswärtigen Amtes sollten in der Kommission erscheinen: und Auskunft über das Verhältnis zwischen Deutschland und England geben. Die politische Lage, ebenso Aeußerungen englischer Staatsmänner wie auch Aeußerungen des Herrn v. T i r p i tz heute erforderten eine allgemeine Aussprache über unsere Beziehungen zu England und über die deutsch-englische Flottenpolitik. Nach längerer, sehr leb- hafter Debatte wurde das Erscheinen des Staatssekretärs des Aus- wärtigen Amts für Freitag zugesagt und die Verhandlungen ab- gebrochen. Beschlossen wurde noch, die Aussprache bis zur Bcendi- gung als v e r t r a u l i ch zu behandeln und dann erst über die Bcr- öffentlichvng zu beschließen.___ Die Konkurrenzklinisel in der Rcichstagskomniission. Die Spezialdebatte in der KommissionSsitzung am Donnerstag setzte mit den Anträgen zu tz 74 H.-G.-B. ein. Dieser Paragraph bestimmt den Begriff der Konkurrenzklausel, die nach dem Kom- missionSbeschluß künftig ,, Wettbewerbsverbot" heißen und ferner, welche Form für den gültigen Abschluß erforderlich sein soll. Unsere Genossen hatten hierzu zwei Anträge gestellt; der crstere bezweckt, eine Umgehung des Gesetzes dadurch zu verhindern, daß ein Prin- zipal einen Konkurrcnzklausclvertrag statt mit dem Handlungs- gehilfen mit einem Dritten(Vater. Mutter. Gatte usw.) abschließt. Der Antrag wurde jedoch mit 14 gegen 7 Stimmen abgelehnt. Die Frage selbst soll an anderer Stelle erledigt werden, Der zsveike sozialdemokratische Ankrag Lerlangke für einen Konkurrenzklauselvertrag den notariellen oder gerichtlichen Ab- schluß. Unser Antrag und ein gleicher Antrag des Abgeordneten Behrens wurden nach längerer Debatte mit 11 gegen 9 Stimmen abgelehnt. Nun lag noch der Antrag Weinhausen(Vp.) vor, den tz 74 wie folgt zu fassen: „Eine Vereinbarung zwischen dem Prinzipale und dem Handlungsgehilfen, welche den Handlungsgehilfen für die Zeit nach Beendigung des Dienstverhältnisses in seiner gewerblichen Tätigkeit beschränkt, bedarf der Schriftform und Aushändigung einer vom Prinzipal untexzeichneten, die Vereinbarren Bestim- mungen enthaltenden Urkunde an den Handlungsgehilfen." Da unsere Verbcsserungsanträge abgelehnt waren, stimmten unsere Vertreter gegen diesen Antrag, der mib 14 gegen 7 Stimmen angenommen wurde. Lex Parsifal— ade! Am Donnerstag blies der freisinnige Dr. Kerschen st einer als Referent in der P e t i t i o n s k o m m is s i o n des Reichstages mit vollen Backen in das Horn der Frau Cosima Wagner(Witwe Richard Wagners), ihres Sohnes Siegfried und all jener anderen Interessenten uno Nichtintcressenten, die der Bapreuther Musik- industrie und der Familie Wagner die kapitalistisch-monopolistische Ausschlachtung des„Parsifal" noch volle zwanzig Jahre länger er- halten wissen wollen, als es nach dem jetzigen Gesetzesstande mög- lich wäre— also bis 1934! Herr Kerschensteiner kramte alle alten und rückständigen Gedanken aus, die nur irgend zur Begründung der Privilegierung des„Parsifal" und der Bayreuther Festspiel- Wirtschaft herangeschleppt werden können.— Der Zentrumsabgeordnete Dr. Pfeiffer(als Korreferent) schlug Herrn Kerschen- steiner mit ein paar geschickten Wendungen all seine Waffen aus der Hand. Er zeigte, wie sich die reichen Snobs in Bayreuth spreizen; Herrschaften, deren Kunstverständnis mehr als alles zu wünschen übrig läßt. Pfeiffer beantragte Uebergang zur Tagesordnung.— Der von der Kommission beigezogene Re- gierungsvertretcr beschränkte sich auf einige rechtliche Ausfüh- rungen.— Zu einer eindrucksvollen Darlegung nahm Genosse Dr. Landsberg das Wort. Er zog die verschiedene Be- Wertung des„Parsifal" in die Debatte. Ein Teil der Kenner be- urteilt das Werk als greisenhaft, ein Teil als höchste Blüte aller Kunst. Ist das Werk greisenhaft, so gebührt ihm kein Schutz. Ist es das Meisterstück aller Meisterstücke, dann hat die Nation, ja die ganze Kulturwelt das Recht, das Werk nicht noch länger gesperrt zu sehen. Den Hinweis darauf, daß Richard Wagner selber ge- wünscht habe, der„Parsifal" solle Bayreuth vorbehalten bleiben. konnte der sozialdemokratische Redner mit der bekannten Tatsache niederschlagen, daß nach Mitteilungen von Nietzsches Schwester, von Angelo Neumann und anderen Wagner später seine Ansicht dar- über geändert habe! Auch das Genie hat der Vergangenheit. der Gesamtkultur soviel zu verdanken, daß es nicht verlangen darf, seine Produktionen über eine billige Frist hinaus eben dieser Gesamtkultur zu entziehen. Wagner selbst hat einmal gesagt: es würde das Todesurteil für sein Werk bedeuten, wenn nur Reiche es genießen könnten. Die Petenten wollen also dem Werke des Meisters das Todesurteil sprechen. Die Sozialdemokratie ist für eine derartige Petition nicht zu haben.— Dr. I u n ck wies nach, daß die Wünsche der Antragsteller dem Geist des Urheberrechts widersprechen. Als Nationalliberaler aber wäre er schließlich doch für den„Mittelweg" �u haben gewesen, den„Parsifal" noch auf zwanzig Jahre zu privilegieren.— Dr. O e r t e l trat nach einigen mißglückten Witzchen in seiner Eigenschaft als„Dichter", Real- tionär usw. zuerst für Kerschensteiners Antrag ein und gab dar- über hinaus zu. daß ihm sogar eine ewige Schutzfrist für Bay- reuth als Ideal vorschwebe!„Schließlich zog er sich aber doch auf den Antrag zurück, die Petition zur Erwägung zu überweisen.— Thiele(Soz.) charakterisierte noch einmal ganz kurz die kapita- listische Spekulation, die sich in Bayreuth der Wagnerschen Oper bemächtigt hat, worauf F e g t e r mitteilte, daß der Referent nur im eigenen Namen gesprochen habe, daß aber die beiden anderen freisinnigen Mitglieder der Kommission gegen die Peti» tion stimmen würden. Nach den Schlußworten der Referenten ergab die Abstimmung Ablehnung der„Berücksichtigung" und der Oertelschen»Er- wägung" und Uebergang zur Tagesordnung. Arbeiter- Waiidcrverein.Berlin«. Sonntag, den g, Februar: I. Wanderlahrt nach der märkischen Schweiz(Buckow). Absahrt; Charlottenburg 6,23, Friedrichstraße 6,42, Schles. Bahnhos 7 Uhr. SonntagStnrte bis Dabinsdors-Müncheberg lösen. Gäste willkommen. II. Bcsucb des Museums ffii Völkerkunde. Trcsspunkt 61« 12 Uhr am Museum, Könlggrätzer und Prinz-Albrecht-Slraßen-Ecke. Arbeitertouristenverein.Die Viaturkreunde». Ortsgruppe Berlin. Sonntag, den S. Februar: Wanderung Wustermark— Ketzin— Potsdam. Absähet nach Wustermark Lehrter(Fern-) Bahnhos früh 6,40 Uhr.(4. Kl.) Gäste willkommen._ eingegangene Druchfchnftcn. Von der„Neuen Zeit« ist soeben da» 10. Hest des 31. JabrgangS erschienen. Au« dem Inhalt deS Heltes heben wir hervor: DaS Frauen- stimmrecht in Großbritannien. Von I. Köttgen.— Kann Rußland einen Krieg wagen?(Der Einfluß der inneren Politik de» russischen Zarismus.) Von Gregor AtcxtnSky.— Eine Kette von Verstößen. Von Wilhelm Keil. — Der Sozialismus in Argentinien. Anläßlich des eisten Kongresses der P. 8. A. am 10., 11. und 12. November 1012. Von Kornelio Thiessen (Buenos Aires).— Literarische Rundschau.— Zeilschristenschau. Von lZ. E. F e u i l l I e t o n der Neuen Zeit Nr. 60: Otto Ludwig. Von Franz Mehring. Zablenmyslik. Von Felix Llnke. Neureligiöse Propheten. Zugleich ein Kapitel über moderne Büchermachcrei. Von B. Sommer.-- Büchcrschau: Heinrich Cunow, Die Parteien der großen ftanzästschen Re» voluiion und ihre Presse. Franz Diederich, Krieg.— Lose Blätter: Zur Geschlchte der„Rdetnisqen Zeitung" von 1842. Ein Gigerl. Die„Neue Zeit' erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- bandlungcn, Postanstalten»nd Kolporieure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Da» einzelne Hest kostet 25 Pf. Von der„Gleichheit-, Zeitschrtst für die Interessen der Arbeiterinnen, ist unS soeben Nr. 10 des 23. Jahrgang» zugegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: Um da» Frauenwahlrecht.— Kamps- und KricgSjahr. II. Von II. B.— Frauen- und Kinderarbeit tn Sachsen. I. Von H. F.— Da» geplante Pclrvleiimmonopvl. Von J. K.— Die Holz- industriellen aus dem Krtegspsade. Von k�. Die.Gleichheit- erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pf., durch die Post bezogen beträgt der Abonnementspreis vterteljährlich ohne Bestellgeld SS Pf.; unter Kreuzband 85 Ps. JahreSabonnemenl 2,60 M. Vom„BSahren Jacob- ist soeben die vierte Nummer de» 30. Jahr- gangeS erschienen. Der Preis der Nummer ist 10 Pf. Probcnummcrn sind jederzeit durch den Verlag von I. tz. W Dictz Nachs.®. m. b. tz. tn Stuttgart, sowie von allen Buchhandlungen und Kolporteuren zu beziehen. WasserftandS-Nachrichten der Land eSanstall für Eewässertunde. milgeteili vom Berliner Weiterbureau Wasserstand Memel, Tilsit P r e g c I, Jnslerburg Weichsel. Thoru Oder, Ratibor . Krassen » Frantiurt Warthe, Schrimm „ Landsberg Netze, Vorvamm Elbe, Leitmeritz » Dresden . Barby , Magdeburg ') 4- bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unterpegel.—•) Eisstand — 4) eisfrei.—•) Eisgang. Die Höhe de» Hochwassers im Aller» und Letnegebtet ist seit gestern säst unverändert geblieben. m A.Werlheim® G* m. b* Ü» Leipziger Str. illis? König-Str. ATexBaÄfia,, Rosenthaler Strasse Oranicn-Strassc Lebensmittel-Verkauf Soweit Vorhanden, Inseriertes Obst, Gemüse, Wild und Fische können nicht zugesandt Werden, Kolonialwaren Victoria-Erbsen____ pfUnd 18?i. Kleine Erbsen..... Pfund 15 pr. Glasierte Erbsen geib. Pfund 22 pf. Glasierte Erbsen 20 pf. Grüne Erbsen..... Pfand 18 pf. Grüne glasierte Erbsen Pfd. 28 pf. Französ. Erbsen 32 pr. Linsen..Pfund 16, 21, 26 pf. Kleine weisse Bohnen Pfd. 18 pf. Mittelbohnen..... Pfand 22 pf. Salat-Bohnen...... Pfand 34 pr. Gem. Backobst pfd. 28, 40, 50 pf. Kalif. Pflaumen pfd.22 b» 50 pf. Entsteinte Pflaumen Pfund 50 pr. Kalif. Birnen p». 40, 50, 60 pf. Kalif. Aprikosen pfd 45,65,80 pt Kalif. Pfirsiche prd. 36, 42, 52 pf. Amerik. Ringäpfel Pfd. 26, 42 pr. Java-Reis. Pfand 24, 30, 36 pr. Rangoon-Rcis.. Pfund 18, 20 pr. Bruch-Reis____ Pfand 15, 16 pr, Fleischwaren Rotwurst...... prd. 55, 85 pt Jagdwurst......... prd. 1.10 Landleberwurst..... pu. 1.00 Feine Leberwurst... Pfand 1.15 Pasteten-Leberwurst Pfand 1.25 Bauernmettwurst... Pfand 1.25 Frisches Ochsenfleisch Schmorfleisch..... pfuna 95 F llet im Ganzen, unausgeschält, Pfund 1«00 Roastbeef KnochenöSpf.. Knoch. 1.30 Fehlrippe pfd.80, Brust pfd 75 Kamm u. Querrippe pfd. 70 Pökelzunge 1.15, Brust 90 Talg Pfund 50 Pf., ausgelassen, Pfd. 60 Pf Hammelfleisch Keule u. Rücken!m.Gpfaznd 90 Dicke Rippe...... Pfund 80 Dünnung......... Pfund 70 HaSen gestreift. ' JK-'J..'.1 Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Fleisch Schweinefleisch Schinken im Ganzen... Pfund 90 Pf. Kotelettes........ pfund 1.05 Kass. Rippespeer 90pf. bis 1.05 Kamm und Schuft. p�d 95 pf. Filet.............. Pfund 1.25 Rückenfett u. Liesen pfd.70pf. Kalbfleisch Keule im Ganzen...... Pfund 1.10 Rucken im Ganzen.... Pfund 1.10 Brust, Kamm, Bug pfund 80 pf Brustspitze....... Pfund 1.00 Stück 3.00 bis 3.75 uipiiierstruie: Frisches Bärenfleisch Nur Hirsch und Wildschwein Keole 1.1 0, Rocken 1.00, Blatt 0.7 0, Ragout 0.30 Geflügel Junge Gänse............ Pfand 1.15 Enten.............. 2.40, 2.75, 3.50 Brat-u. SuppenHiiHner 1.45�3.25 BirKKäBne 2.30,-Bennen 1.85 Fische Lebende grosse Schleie Pfand 1.15 Lebende Plötzen...... Pfund 48 Pf. Leb. Karpfen Pfund 80. y5Pf 1.05 Tafellachs in ganien Fiicheu, Pfund 68 Pf 1.10 Südwein Tarragona nasohe 80 pf. Feiner alter Tarragona& 1.00 Douro-Portwein I v. Fische 1.50 Alter Douro-Portwcin.'/.Fi. 1.85 Sherry........... v, fi. 1.20 Alter Sherry....... v. fi. 1.85 Vermouth di Torino>/. fi. 1.00 Insel Samosv, Flasche 85 pt. 1.00 Spirituosen Flensburg. Tafel-Aquavit� 1.25 Flensburger Hobro..>/. fi. 1.65 Westfälischer-Jagdkorn VjLtr.Krug 95 Pf.. Vi Ltr. Krug 1.70 Halb und Halb v. fl 1.10, 1.40 Stonsdorfer....... /.F, 1.10 „Awelor" Doppel- Schiffsmumme konzentriertes Malzextrakt V, Dose 90 Pf... Vi Dose 1.70 Butter u. Käse Tischbutter Pfd. 1.38, �70 pt Bratenschmalz____ pfund 68 pf. Pflaumenmus____ Pfund 30 pf. Gem. Marmelade 33"■ Brie-Käse........ Pfand 75 pf. vor HUSTEN HEISERKEIT KATARRH Preis 1MK. erhältlich iiv ApofKeken«.Drogerien Jedes Wort 10 Pfennig. Das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Jyof'®)- Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort(fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. Kleine Anzeigen ANZEIGEN für die nächste Nummer werden in den Annahmestellen für Berlin bis I Uhr. für die Vororte bis 12 Uhr, in der Haupt-Expedition, Lindenstrasse 69. bis 5 Uhr angenommen. Verkaufe. SorjübrißC elcgnntelperrctmttjügt UNS SBaUlotä aus feinsten Magitosten 2 Magistrats zu handeln, wenn ich Ihnen die Gründe für die Einsetzung eines Ausschusses jetzt nicht vorführe, Ich werde das im Ausschuß tun. Sollte meinem Antrage auf Ausschußberatung widersprochen werden, so sind wir bereit, diese Gründe auch hier im Plenum borzutragen. Ohne weitere Erörterung wird nach dem Antrage Hoffmann beschlossen. Für die Kohlenförderungsanlage und für das Anschlußgleise der Zentrale Buch sollen außer den bisher bewilligten Mitteln noch weitere 51 000 M. aufgewendet werden, um den Betrieb zu verbessern und zu verbilligen und um das neue Gleise sofort in Betrieb nehmen zu können. Die Vorlage wird angenomuien. Schluß der öffentlichen Sitzung%7 Uhr. Candhranltenltaifen für Industrielle Großstädte. Welches Unheil mit der Zulassung von Landkraukenkassen ge- schaffen worden ist, zeigt die Tatsache, daß eine Reihe von Groß- nnd Industriestädten, wie Düsseldorf, Dortmund, Münster, Buer, Recklinghausen, von dem Rechte, Landkrankenkassen zu gründen, Gebrauch gemacht haben. Daß für Großstädte und ausgesprochene Industriestädte das Recht zur Gründung solcher minderwertigen Kassen nicht in Frage kommen sollte, ist bei der Beratung der Reichsversicherungsordnung ausdrücklich betont und war sogar schon in den Motiven gesagt worden. Die Praxis zeigt aber, daß selbst das scheinbar Unmögliche möglich gemacht wird, daß die Reaktion versteht, die Reichsversicherungsordnung sich in noch viel höherem Grade dienstbar zu machen, als das größte Mißtrauen in die Aus- legekunst erwarten ließ. Im B o ch u m e r Stadtverordnetenkollegium, das gleichfalls die Errichtung einer Landkrankenkasse beschlossen hat, brachte es sogar der Vertreter des Magistrats, ein Stadtrat namens Fißmer-, fertig, zu behaupten, daß die Landkrankenkass« die eigentliche Regel im neugeordneten Krankenversicherungswesen bilden solle. Die Orts-, Betriebs- und Jnnungs-Krankenikassen seien als Aus- nahmen zu betrachten. Das gehe auch daraus hervor, daß die fernere Zulassung der bisherigen Ortskrankenkassen als allgemeine Ortskrankenkassen erst von den Aufsichtsinswnzen nachgesucht wer- den müsse.— Diese Argumentation zeigt, wie die reaktionären Elemente aus jeder Blüte Honig zu saugen verstehen. Der Stadtrat von Bochum hatte tatsächlich den Mut, die Er- richtung einer. Landkrankenkasse für die Industriestadt! Bochum mit ihren 140 000 Einwohnern, in der bereits heute neben einer leistungsfähigen Ortsirankenkasse zwölf Betriebs- und sechs Jnnungs-Kcankenkassen bestehen, zunächst damit zu begründen, daß eine Landkrankenkasse für höchstens 4500 Mitglieder keine Zersplitterung bedeute. Derselbe Stadtrat hat vor ein paar Jahren die Auflösung der Gemeindekrankenkasse Mgunsten der OrtS- krankenkasse ausdrücklich mit dem ZentralisationSprinzip bc- gründet. Um den Versichsruiigsp flichtigen die Sache schmackhaft zu machen, wurde ihnen vom Stadtrat unter Verwendung willkürlicher Zahlen vorgerechnet, daß sie sich hinsichtlich des Krankengeldes nicht schlechter stehen würden, als in der OrtSkrankenkasse. Das ge- ringere Sterbegeld könne Nicht in Frage kommen, da die meisten Versiiiherten ja ledige Dienstboten sein würden, Ebensowenig könne die nur vierwöcheutliche Ruhezeit für Wöchnerinnen eine Rolle spielen, denn.im I n t e r- esse der 3200 weiblichen Dienstboten, die der Landkrankenkasse angehören würden, dürfe man annehmen, daß nur wenige von ihnen in die Lage kommen werden, diese Unterstützungsform in Anspruch zu nehmen.„Zudem seien vier Wochen auch völlig genügend. Beamtenfrauen könnten sich keine vier Wochen Ruhe leisten." Nach diesen vielversprechenden Präludien konnte des Pudels Kern enthüllt werden: Die„politischen Einflüsse", die sich ge- legentlich der Wahlen bei den Ortskrankenkassen bemerkbar mach- ten, werden den Herrschaften keine Sorge machen. Die Mehr heitSparteien des Reichstags hätten bei Schaffung der Be timmungen über die Zulassung vom Landkrankenkassen sich vom tem Gedanken leiten lassen, politisch« Momente von der Krankenversicherung fernzuhalten. Das Stadtverordnetenkollegium möge selbst entscheiden, ob eS diesen nationalen Gründen Rechnung tragen wolle. Unver— blümter ist wohl in keiner Groß- und Industriestadt die Rechtlosmachung eines großen Teils der der Krankenver- icherungspflicht neu unterstellten Arbeiter und Arbeiterinnen vertreten worden wie hier. Man muß sich nämlich vergegen- wältigen, daß nicht nur Städte wie Köln, Essen(in Düsseldorf hat der Oberbürgermeister den Ausschlag zugunsten der Land- krankenkasse gegeben), die Errichtung einer Landkrankenkasse ab- gelehnt haben, sogar der Kreistag des Landkreises Bochum und der Landkreis Essen, haben die Errichtung von Landkranken- kassen abgewiesen; ja bis in das schwarze Sauerland hinein hat sich die Ablehnung von Landkrankcnkassen erstreckt. Ironie der Geschichte, daß die Zentrumsarbeitervertreter in Bochum sich genötigt sahen, zu erklären, die Landkrankenkassen seien vom Zentrum und den Nationallibcmlen nur„geschluckt" worden, um nicht die ganze Reichsversicherungsordnung scheitern zu lassen. Mit auerkennenswertem Nachdruck haben die Bochumer Zentrums- arbeitervertreter das Unrecht geschildert, das den unter die Land- krankenkassen fallenden Versicherten zuteil werden würde; mit Recht Wielen sie auf die Rücksichtslosigkeit hin, die darin lag, daß der Magistrat den Stadtverordneten über diese wichtige Borlage nicht einmal eine mit statistischem Material belegte schrist- liche Begründung vorgelegt, daß cr vielmehr sich über seine Stellung zur Frage der Errichtung einer Landkrankepkasse, an die im Ernst niemand gedacht hatte, ausgesch wiegen und vier Stunden vor Ablauf der Frist den Stadtverordneten die Frage zur Ent- Icheidung vorgelegt hat. Half alles nichts. Die paar Zentrumsarbeitervertreter, die von WerkSherre n gnaden im Stadtparlament sitzen, blieben allein. Noch nicht einmal ihre eigenen Fraktionskollegen, die „besseren Katholiken", hielten eS für nötig, eine Lanze für das Recht der Dienstboten zu brechen. Ihr Führer, der als Referent der Ausschüsse die Vorlage zu vertreten hatte, machte nur die chüchterne Bemerkung, daß er persönlich gegen«ine Land- Krankenkasse sei. Mit 22 gegen 12 Stimmen wurde die Errichtung einer Landkrankenkasse für Bochum beschlossen! Die Schuldigen sind die Mehrheitsparteien, die allen Gründen der Gerechtigkeit und allem modern-sozialen Geiste zum Trotz, aus Haß gegen die Selbstverwaltung, aus Furcht vor der Sozial- demokratie die Einrichtung der Landkrankenkasse in die Reichsver- icherungSordnung hineinbringen halfen. Bei ihnen haben die entrechteten Versicherungspflichtigen sich zu bedanken. Hus der Partei. Ein herber Verlust. Von einem schweren Verlust ist der Genosse Wolfgang Heine betroffen worden. Nach längerem Leiden verstarb am Mittwoch seine Frau. Wir sprechen zu dem schweren Echicksalsschlag, der den Genossen Heine und seine Kinder betroffen hat, unser aufrichtiges Beileid aus. Eine Niederlage des Reichsvcrbandcs. Unser Parteiblatt in Brandenburg a. H., Die„Bvcn- denburger Zeitung", enthielt am 24. Dezember 1911 im Inseratenteil einen satirisch gehaltenen Artikel, welcher die Form eines vom Reichsverband ausgehenden Inserats fingierte, durch das die Wanderredncr des Reichsverbandes für die damalige Reichs- tagswahlagitation empfohlen wurden. Dieser launige Einfall des Blattes und namentlich der Witz in dem scheinbaren Inserat behagte aber 11 Mitgliedern dcs� Hauptvorstandes des Reichsverbandes gar nicht. Sie— an der Spitze Herr von Liebert— verklagten den Genossen Baron als verantwortlichen Redakteur der Nummer wegen Beleidigung. Sie meinten, der Reichsverband sei grob ver- höhnt und damit seien seine Verantwortlichen Vorstandsmitglieder beleidigt worden. Das Schöffengericht verurteilte auch unfern Genossen zu einer Geldstrafe von 50 M. Die Strafkammer in Brandenburg als Berufungsinstanz hob jedoch das Urteil auf und erkannte auf Einstellung des Verfahrens wegen mangelnder Wivlegitimation der klagen- den reichsverbändlerischen Hauptvorstandsmitglieder.— In der Begründung wurde u. a. ausgeführt: „Die inkriminierten Aeußerungen richteten sich gegen den Reichsverband. Es frage sich deshalb, ob Mitglieder des Ver- bandeS beziehungsweise die Vorstandsmitglieder überhaupt ein Klägerecht hatten. Das müsse im vorliegenden Falle verneint werden, obwohl die gebrauchten Witze über ein zulässiges Maß hinausgingen und an sich beleidigend seien, da sie den Vorwurf der politischen Unredlichkeit und Unlauterkeit enthielten. Ent- scheidend sei, daß sich die Vorwürfe hier nur gegen die Tätigkeit des Reichsverbandes als Kollektiveinheit richteten. Daß die Beleidiger von gesetzgebenden Körperschaften oder andern politischen Körperschaften, endlich auch die Beleidiger gewisser Kollektivbegriffe— sie aber nur bei Kreditgefährdung, zum Bei- spiel von Aktiengesellschaften, Genossenschaften, Sparkassen— wegen Beleidigung bestraft werden könnten, sei durch die 197. 187 des Strafgesetzbuchs bestimmt. Anderen Kollektivbegriffen(Kollektiveinheiten), ganz gleich, ob sie juristische Per- sönlichkeiten seien oder nicht, habe aber die Rechtsprechung (Reichsgericht) die Beleidigungsfähigkeit versagt.— Wenn jemand von einer solchen Kollektivemhelt, etwa einem Verein, etwas Ehrenrühriges behaupte, so meine er— wenn nicht etwas Besonderes dazu hinzukomme— diese Einheit als solche. Abgesehen von den Fällen, wo in der beleidigen- den Kundgebung selbst oder in dem Vorfall, welcher sie veranlaßt hat, irgendeine spezielle Beziehung auf eine oder mehrere Personen erkennbar sei, so daß sich diese Personen im Wege der Schlußfolgerung aus der Kund- gebung selbst oder aus anderen Momenten ermitteln lassen. Im vorliegenden Falle gelten aber nach Ueberzeuguna des Gerichts die Vorwürfe in dem witzigen Inserat der gesamten in die Er- scheinung tretenden Tätigkeit der Kollektiveinheit, dem Reichs- verband gegen die Sozialdemokratie als solchen, als einer von dem Wechsel der Mitglieder unabhängigen Personenmehrhcit. Es fehle in dem Artikel an jedem Anhalt, der ein« Beziehung auf einzelne Personen ermögliche. Insbesondere lasse cr nicht erkennen, daß dem Hauptvorstande des Reichsverbandes die Vor- würfe gemacht werden sollten, die das„Inserat" enthalte. DaS Gericht sei auch davon überzeugt, daß Beklagter eine solch« Ab- ficht nicht gehabt habe. Er habe eben nur die Absicht gehabt. die gesamte politische Tätigkeit des Verbandes mit seinen An- schauungen und Direktiven als solchen, losgelöst von den Per- sonen der Mitglieder des Verbandes und bes Hauptvorstandes und einzelner Mitglieder desselben, zu treffen. Somit seien die Privatkläger vorliegend nicht berechtigt zur Stellung-einez Strafantrages und zur Er- Hebung der Privatklage. Darum müsse das Verfahren eingestellt werden." Die Privatkläger legten nun noch Revision ein. Ihr Vertreter in der Verhandlung vor dem Kammergericht, Rechtsanwalt Dr. Karras, führte aus, es sei irrig, wenn der Vorderrichter meine, es handele sich hier nur um Vorwürfe gegen eine Kollektiveinheit beziehungsweise einen Kollektivbegrisf. Es werde übersehen, daß doch verantwortliche Personen da seien. Zum mindesten bezögen alle Sozialdemokraten aber alles, was gegen den Reichsverband ge- ägt werde, auf Herrn v. Liebert. Mindestens müßte deshalb, so» weit er in Frage komme, die Vorentscheidung aufgehoben tverden- Rechtsanwalt Wolsgang Heine, der Vertreter des Gr- nassen Baron, machte demgegenüber in eingehenden Rechtsausfüh- rungen geltend, daß das Urteil der Strafkammer keinen Rechts- irrtum erkennen lasse. Die einzelnen rechtlichen Ausführungen der Strafkammer ließen erkennen, daß sie sich an die Judikatur höchster Instanzen halte, namentlich des Reichsgerichts. Dieses habe mal in einem Urteil ausgesprochen, daß sich durch Vorwürfe gegen„die Juden" als Kollektivbegriff nicht ein Recht für ein- zelne Juden ergebe, Strafantrag zu stellen oder die Beleidigungö- klage zu erheben. Immer müsse sich, wie auch die Strafkammer ausgeführt habe, erst eine Beziehung auf einzelne bestimmte Mitglieder der Kollektiveinheit ergeben, die festzustellen allerdings auch durch Schlußfolgerung zulässig sein solle, bevor das Mitglied einer angegriffenen Kollektiveinheit das Recht zur Beleidigungs- klage erlange. Hier verneine nun aber gerade das Landgericht auf Grund tatsächlicher Würdigungen, daß irgendeine solche Be- ziehung auf die Mitglieder des Reichsverbandes oder auf die Mit- glieder des Hauptvorstandes oder auf einzelne Vorstandsmitglieder gegeben sei. Somit müßte die Revision der Herren vom Reichs- verband zurückgewiesen werden. Nun werde für ihre Revision geltend gemacht, daß der Hauptvorstand verantwortlich wäre, sich deshalb beleidigt fühlen und klagen könne. Wenn das zuträfe, dann müßte er auch für alle?, was vom Verbände ausgehe, die Verant- ivortung übernehmen und dann könnte er massenhaft von Sozial- demokraten verklagt werden, denn es gebe kein vom Reichsverband herausgegebenes Flugblatt, das nicht Beleidigungen von Sozial- demokraten enthalte. Und wenn gar Beleidigungen von Kollektiv- einheiten, so„der Sozialdemokratie", von allen ihren Mitgliedern sollten verfolgt werden können, dann gäbe es gar kein Ende für die Angriffsfähigkeit de?.Hauptvorstandes des Reichsver- bandes. Das wäre die Kehrseite der Medaille, wenn es nach der Auffassung der Privatkläger ginge. Das Kammergericht verwarf denn auch oin 4. Fe- bruar die Revision der Herren vom Reichsverband. Gründe: Die Revision der Privatkläger müsse an den tatsächlichen Fest- stellungen des BerufungSrichters scheitern. Der Berufungsrichter gehe zwar davon aus, daß die Aeußerungen in dem„Inserat" be- leidigend gewesen seien. Aber er meine. eS sei nicht dar getan und nicht darzutun, daß eS Beleidigunegn der Privat- klage r seien. Ferner stelle er fest, daß namentlich auch nicht festzustellen sei, daß Angeklagter sich bewußt gewesen sei, er be- leidige jene Herren. Ein Rechtsirrtu», liege nicht vor und an die tatsächlichen Feststellungeil sei das Kammergericht gv- bunden._» Zur Landtagswahl nahm am Sonntag eine Konferenz der Vertrauensmänner des Wahlkreises Gummersbach-Waldbroel in Dieringhausen Stellung. Der Parteisekretär, Genosse Miß, gab einen ausführ- liehen Bericht über die Verhandlungen des preußischen Parteitages und besprach eingehend die Resolution zur Landtagswahl. Die t Konferenz stimmte den Ausführungen des Redners, besonders abff 8« ResolMan ftTt. CS wur�Sn sofort SSorörViten füt die Wahl in Angriff genommen. Als Kandidat für den Kreis Gum- mcrSbach-Waldbrocl wurde Genosse Miß einstimmig aufgestellt, Gemeindewahlerfolg. In Blankenburg a. Harz wurde Genosse Robert Op per mann zum Stadtverordneten gewählt; er ist der erste Sozialdcmolrät, der in das Stadtparlament einzieht. Volireüicbes, Cerichtlichco ufw. Gin ostclbifcher Prozeß. Unmittelbar bor den Toren Tanzigs liegt das l10 Einwohner zählende und zum größten Teile von Arbeitern bewohnte Dorf Ohra, dessen Geschicke der Gemeinde- und Amtsvorsteher Lind leitet. Er, der Amtsfcrgeant Mefchle und die übrigen Polizei. organe sollten durch einen Artikel der Danziger„VoltSwacht" im Oktober des vorigen Jahres beleidigt sein, indem die Frage aufgeworfen wurde, ob die Polizeiwachtstube sich in dem Tanzlokal ..Zur Ostbahn" befinde. Weiter war darin die Unparteilichkeit der Polizeiorgane bezweifelt. In diesem Tanzlokal finden fast aus- schließlich die Tanzvergnügen für Kriegsschiffe statt, die nach Banzig kommen. Die Einwohner des OrteS klagten schon lange über Ruhe- stvrungen und Skandal, die dort verursacht wurden. Vom Polizei» lichen Einschreiten dagegen war jedoch niemals etwas zu Hörem Unsere Genossen dagegen müssen um die Ausübung ihres Ver- fammlungsrechteS einen harten Kampf führen. Der Wirt des von ihnen besuchten Lokals„Zum fidelen Bauer" gab sich alle Mühe, den polizeilichen Anforderungen zu genügen. Er konnte trotzdem nicht das Verbot öffentlicher Tanzvergnügen und die Herabsetzung der Polizeistunde verhindern. Zu seinem Schutz ging er schließlich an das Oberverwaltungsgericht und machte zu seiner Verteidigung auf das weitherzige Verfahren der Polizei gegenüber der„Ost- bahn" aufmerksam. Darauf erklärte der westpreußische Ob erst räsident von Jagow dem Gericht, daß beide Lokale absolut nicht miteinander verglichen werden könnten, weil in der„Ostbahn" eben die Matrosen verkehrten und Ruhestörungen der Polizei von dort noch nicht bekannt geworden wären. Der Prozeß gegen den Redakteur der„Volkswacht", Genossen Hermann Lorenz, und den Gewerkschaftsbeamten Brill wurde vor der Tanziger Strafkammer verhandelt. Es wurde festgestellt, daß der Amtssergeant Meschke und auch andere Polizeisergeanten sehr häufig von dem Wirt der„Ostbahn" in sein Lokal bestellt wurden, um vorbeugend für Ruhe zu sorgen und daß sie sich lange Zeit zu dem Zweck darin aufhielten. Sie erhielten dann auch Epeisen und Getränke unentgeltlich. Ferner wurde vom Amtsvor- steher selbst festgestellt, daß es eine Polizeiwachtstube in Ohra nicht gebe und daß häufig die Beamten aus der„Ostbahn" geholt tverden mußten, wenn sie dienstliche Aufgaben erledigen solltem DaS geschah auch von dieser Stelle, alS ein berüchtigter Messerstecher .einen Arbeiter erstochen hatte. Meschke gab an, daß er an dem Tage, als er zur Verhaftung des Totschlägers aus der„Ostbahn" geholt werden mußte, dort war, um LustbarkeitSsteuer zu erheben. t.us dem Notizbuch, i» dem der Wirt genau angeschrieben haben wollte, wann M. bei ihm diese Steuer abholte, fand sich über diese Erhebung aber keine Eintragung. Der Verteidiger behauptete, daß ein Fleischer K. dem Meschke ein halbes KalbSvorderteil geschenkt habe und dafür eine Schulstrafe nicht verbüßen brauchte. Genosse Brill behauptete, daß Meschke bei seinem Hauswirt war, um ihn zur Kündigung feiner Wohnung zu veranlassen. Der Beamte äußerte sich hierzu ausweichend uid wollte schließlich nur gefragt haben, wie lange B. die Wohnung schon innehabe. Brill stellte fest, daß er die Kritik durch die„VolkSwaEt" deshalb gewählt habe, weil er vom Landrat auf seine Beschwerde wegen eines nach dem Gutachten eines Gerichts- chemikerS im höchsten Grade gesundheitsschädlichen Brunnens überhaupt keine Antwort erhalten habe. Der Amtsvorsteher wollte die Beschwerde zuerst als nicht begründet erscheinen lassen, muhte dann aber selbst bestätigen, daß der Brunnen schließlich doch zugeschüttet worden war. Der Staatsanwalt bedauerte ztvar, daß Meschke alz Ruhe- stifter in der„OstbaHg" wirke und unentgeltlich Speisen und Ge- tränke annahm. Trotzdem forderte er für Lorenz 200 M. Geld- strafe und für Brill zwei Monate Gefängnis. Das Gericht billigte Brill, der in Ohra wohnt, den Schutz berechtigter Interessen zu. Er sollte aber in der Form gesündigt haben. Deshalb fordert es für Lorenz 100 M. oder 20 Tage Gefängnis und füx Brill Lvv M. oder 40 Tage Gefängnis. Soziales. Wissenschaftliche Ausnutzung der Arbeitskraft. Der Amerikaner Taylor hat sein Buch„Tsto principos ok Bcientikio managenient"(Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebs» führung) ins Deutsche übertragen lassen.") Der Verfasser hat auf Grund wissenschaftlicher Methoden berechnet, wieviel Arbeitsleistung mehr auS einem Arbeiter herauszuholen ist. Er kommt zu dem Er- gebniS, daß ein Arbeiter, dessen einzelne Handlungen genau nach „wissenschaftlicher" Metbode geregelt werden, unendlich mehr als heute leisten könnte. Ein Beispiel erläutere dicS. Bei der Bethlehem Steel Cie. wurde im Durchschnitt bei schwerer Arbeit 12,d Tonnen Roheisen von einem Manne verladen. Taylor erhöhte den Tagelohn von 1,1b Dollar auf 1.8b Dollar unter der Bedingung, daß der Ar» beiter sich bei seiner Verrichtung genau nach seiner Anleitung rubte, Aus Grund vorheriger Kalkulation kommandiert er nun dem Arbeiter, wann der Block Eisen zu heben ist, in welchem Tempo er zu tragen, wann er niederzulegen ist und wann und auf wie lange eine kleine Ruhepause eintreten soll. Auf Grund des nach wissenschaftlichen Grundsätzen ausgearbeiteten Exerzierreglement» wurde unter Taylor» Kommando die Arbeitsleistung vollführt. Das Resultat war, daß statt 12, b fortan 47, b Tonnen Eisen bewegt wurden. Mag sein, daß Taylor bei seinen Experimenten nicht Durch- schnittsarbeiter. sondern besonders geschickte und kräftige Arbeiter verwendet hat, so daß die Durchschnittsleistung sich etwas niedriger stellen könnte. ES ist einleuchtend, daß trotzdem eine erhebliche Mehrleistung durch die angewendete Methode sich herauspressen läßt. Vorbedingung ist freilich, daß die Methode für den Einzelfall richtig verrechnet und daß während des gesamten Arbeitsprozesses der Arbeiter unter einer Leitung steht, deren Anordnungen er automatisch ausführt. Der Arbeiter wird bei diesem System zum willenlosen Lasttier, dessen geistige Regsamkeit durch diese Art Arbeit erbeblichen Schaden nehmen mutz. Eine Anzahl Arbeiter haben sich den Experimenten Taylors tn der trügerischen Hoffnung zur Verfügung gestellt, daß ihr Arbeits» lohn dauernd ein höherer werden würde. ES liegt auf der Hand, daß die Lohnerhöhung nur so lang« anhält, als diese Art der Heraus» schindung von Mehrleistung noch nicht verallgemeinert ist. Für große Unternehmungen dürfte diese neue Arbeitsmethode trotz der erheblichen Kosten zur Erreichung deS im Einzelfall anzuwendenden Kommando» und trotz der kostspieligen Notwendigkeit ständiger Ueberwachung und Anleitung der Arbeitsleistung möglicherweise große Vorteile bringen. wenn in der Tat das Tavlorsche System sich verallgemeinern ließe. Den Arbeitern droht aus ihr die Erziehung zum Stumpfsinn und zur Unterdrückung ihrer geistigen Fähigkeiten. Auf die weitere Eni» Wickelung dieser nach Taylor von der in Ausbeutung der Arbeitskraft rücksichtslosen Steel Cie. bereits verschiedentlich zur Anwendung gebrachten raffinierten Arbeitsmethoden wird man zu achten haben. Eine derartige Herauspressung des physiologischen Maximums von •) Frederik Winslaw Taylor: Die Grundsätze Wissenschaft- lkcher Betriebssührung. Deutsch von Dr. Roeßler. ISIS. R. Olden- vourg, München und Berlin. Arbeitsenergie auS dem Arbeiter kann von verheerender Wirkung sein. Ein Schutz de» Arbeiters gegen diese Folgen wäre notwendig, Entschädigungspflicht für Berufskrankheiten. Der bekannte GewerbeHygieniker Prof. Dr. Th. Sommerfeld veröffentlicht im ersten Heft der von ihm redigierten Zeitschrift „Die Hygiene" einen Artikel über Entschädigung für Berusskrank- heitern Seine Ausführungen sind dahin zu konzentrieren: _ Bei der Schaffung der sozialpolitischen Gesetzgebung hat der Gesetzgeber die Entschädigungspflicht auf die Betriebsunfälle allein beschränkt, da bei diesen der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung leicht festgestellt werden kann. Es gibt aber noch«ine bc- trächtliche Reihe innerer Erkrankungen, deren Entstehung unmittel. bar aük die berufliche Tätigkeit zurückzuführen ist. Aus diese sollte die Entschädigungspflicht nach den gleichen Grundsätzen wie bei Be« triebsunfällen ausgedehnt werden. Körperliche Mißgestaltungen, wie Plattfuß, Säbelbeine, Bildung von Krampsadern mit nicht seltenem Ausgang in Unterschenlelgeschwüre, die Entwicklung der sogenannten Staublungen infolge von Einatmung des bei der Arbeit sich entwickelnden Staubes, vor allem aber zahlreiche gewerbliche Vergiftungen sind unmittelbare Folgen der Berusstätigkeit. Es sollte selbsiverständlich sein, daß ein Arbeiter, der Tag auS Dag ein kleinste Mengen des giftigen Bleiweißes bei der Ausübung seines Berufes in seinen Körper aufnimmt, dadurch zu Siechtum oder sogar zum Tode durch Bleivergiftung verurteilt ist, einen ebenso ge- rechten Anspruch auf eine entiprechende Entschädigung hat wie jener, der durch einen Unfall im Gebrauch seiner Gliedmaßen beschränkt ist. In der Gesetzgebung deS Auslandes werden Gewerbekrank- heiten vielfach als Unsallerkrankungen angesehen. Nach dem Schwelzerischen Bundesgesetz vom Jahre 1881 hastet der Betriebst Unternehmer auch für den„durch Krankheit eines Angestellten oder eines Arbeiters entstandenen Schaden, wenn die Erkrankung er- wiesenermaßen durch den Betrieb der Fabrik erfolgt ist." Ms solche gefährliche Industrien- erklärt der BundeSratsbesckffuß vom 18. Januar 1901 alle Anlagen, die die Verarbeitung der näher be- zeichneten giftigen Stoffe gewerblich betreiben. Auch die ungarisch« Regierung hat sich für die Entschädigung gewerblicher Erkrankun» gen ausgesprochen und die svlaenden Gesundheitsschädigungen für entschädigungspflichtig erklärt: Milzbrandkrankheit, Wurmkrankheit, Rotz, Vergiftungen durch Blei, Phosphor, Arsen, Benzol, Nitro- und Amildo-Verbindungen, Schwefelkohlenstoff, Salpetersäure und nitrose Gase, Ouecksilber. Hautverätzun�en und Hautgeschwüre. In Deutschland werden gegen eine Ausdehnung der Eni- schädigungspflicht erheblich« Bedenken geltend gemacht, und zwar von den Unternehmern, die eine zu große Belastung mit darauf folgender Herabsetzung der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt befürchten; weiter werden wissenschaftliche Be- denken derart geltend gemacht, daß die chronischen gewerblichen Ver. giftungen nicht immer einwandfrei festzustellen seien. Prof. Sommerfeld legt eingehend dar, daß die von beiden Seiten auf- geworfenen Bedenken nicht gerechtfertigt sind. Mit dem Hinweis auf die Forderung der durchaus zweikmäßi» gen Anzeigepflicht für die zu entschädigenden gewerblichen Ver» giftungen bezw. Gewerbekrankheiten, die die Delegiertenkonferenz der internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz be» reitS im Jahre 1904 gefordert hat, schließt Prof. Dr. Th. Sommer- selb seine Ausführungen._ Eine Klage auf Lohnzahlung. Gegen den Schankwirt Lenz, der im Dezembei�am Bahnhof Friedrichstraße einen Handel mit Weihnachtsbäumen trieb, klagte der Arbeiter P. auf Zahlung von 10 M. Lohn vor der Kammer 6 deS Gewerbegerichts. Wie der Kläger in der Verhandlung be- kündete, war er vom 11. bis 13. Dezember für den Beklagten beim Berkauf von Weihnachtsbäumen tätig. ES seien ihm täglich 2 M. Lohn sowie da? Essen versprochen worden. Außerdem sollte er den Erlös von den einzelnen Zweigen erhalten.. Die 2 M. habe er jedoch nicht erhalten und deshalb am 13. Dezember die Arbeit eingestellt. Der Beklagte gab an, er habe dem Kläger zuerst 2 M. pro Tag versprochen, dann aber mit ihm vereinbart, daß er daS Essen, Zweiggeld sowie Trinkgelder für Wegtragen der gekauften Baume bekommen solle. Die 2 M. rechne er täglich für die Be- köstigung. Die Wirtschafterin deS Beklagten bestätigte dessen An- gaben. Der Kläger blieb bei seiner Behauptung, ihm seien außer der Beköstigung 2 M. täglich zugesichert worden. Er habe oft, während der Beklagte in der Kneipe gesessen habe, Bäume verkauft. Für das Wegtragen derselben sei dann ein anderer Arbeiter an- genommen worden, er also deS Trinkgeldes verlustig gegangen. Das Gericht verurteilte den Beklagten zur Zahlung von 10 M. an den Kläger. Nach§ IIS der Gewerbeordnung Ware der Ge- werbetreibend« verpflichtet, die Löhn« seiner Arbeiter in Reichs» Währung zu berechnen und bar auszuzahlen. Die Beköstigung dürfe nur zum Selbstkostenpreis berechnet werden. Das Gericht fei der Ansicht, daß daS dem Kläger verabfolgte Essen nur mit 1 M. pro Tag in Anrechnung gebracht werden durfte. Mithin sei der Be- klagte zur Zahlung von 10 M. Lohn zu verurteilen. Mit der Mehrforderung wurde der Kläger abgewiesen--' Gerichts-Zeitung. Polizeispitzel. Ein besonderes Kreuz für die Gastwirte sind die Polizei- spitzel, deren Aufgabe es ist, Ucbertretungen der Polizeistunde zur Anzeige zu bringen, dcnn es wird den von einer solchen Anzeige Betroffenen in den meisten Fällen sehr schwer, die Behauptungen eines solchen Belastungszeugen durch Gegenbeweise zu entkräften. Wenn Leute, die sich zu solchen Liebesdiensten kür die Polizei hergeben, Akkordlohn erhalten, also für jede Strapanzeige bezahlt »verden, so haben sie ein natürliches Interesse daran, möglichst viele Personen zur Anzeige zu bringen. Eine sehr rührige HilfS- kraft der Polizei auf diesem Gebiete ist der„Kaufmann" Fritz Härtung, ein verhältnismäßig noch jugendlicher Mann, dem man jetzt häufiger alö Belastungszeugen in solchen Strafsachen vor Gericht begegnet. Gestern trat er als Angeber gegen einen Schankwirt Paerfch vor der 8s-Strafkammer als Berufungsinstanz auf; er hatte auch diesen nebst einer Anzahl anderer Gastwirte beschuldigt, noch nach 11 Uhr Gäste in seinem Lokal bewirtet zu Haben. Der Angcllaate bestritt es und berief sich auf einen einwandsfreien Zeugen, der be- kündete, daß der Angeklagte an dem kritischen Tage sein Lokal pünktlich geschlossen habe und auch niemand— auch der Belastungszeuge nicht— nach der Polizeistunde mehr sich im Lokal auf» gehalten habe. Der Belastungszeuge blieb trotzdem dabei, konnte aber Einzelheiten bezüglich der Lage des Lokals usw. nicht angeben, auch nicht den Mann beschreiben, der ihn angeblich bedient habe. Auf Befragen des Verteidigers gab er zu, daß er für die Polizei solche DenunziationSdicnste verrichte und für jede» Fall bezahlt »verde.— Rechtsanwalt Dr. Kontorowicz hielt cS für ganz un- denkbar, daß einzig auf die Aussage eines solchen Zeugen hin, der ein lebhaftes finanzielles Interesse an der Größe der Airzahl seiner Denunziationen habe, ein Angeklagter verurteilt werden könne. Er mache darauf aufmerksam, daß in einem anderen gleich- artigen Prozesse das Gericht trotz der beschworenen Aussage dieses Belastungszeugen auf Freisprechung erkannt habe. In jenem Prozesse sei auch eine Aeußerung des Zeugen zu einer dritten Person festgestellt worden, die dahin ging:„er mache Aussagen, die man drehen könne". Früher habe einmal ein Mann sein Brot damit zu verdienen gesucht, daß er Automobilfahrern auf- lauerte, ihnen Fallen stellte und sie zur Anzeige brachte. Nachdem die Gerickte erkannt hätten, daß es sich um einen Polizeispitzel handelte, hätten sie diesem Manne keinen Glauben mehr geschenkt und er hoffe, daß dies auch gegenüber dem jetzigen Belastungs- zeugen der Fall sein werde. Der Staatsanwalt schloß sich dem Antrage auf Freisprechung an, Da» Gericht erkannt« auch auf Freisprechung. Dratigsalierungen gegen Polen. Der polnische Turnverein Socol in Mogilno(Reglerungsbezirk, Bromberg) wollte am 13. Februar 1912 eine Theatervorstellung mit folgendem Tanzvergnügen abhalten. Die Polizeiverwaltung ver- sagte für beides die Genehmigung. Dce Vorstandsmitglieder Jaretzki, Boriacki und Nawrocki ve- schwerten sich vergeblich beim Landrat und dann beim RegierungS- Präsidenten in Bromberg. Das Oberverwaltungsgericht hat jetzt der Klage stattgegeben und die polizeiliche Berbotsverfügung außer Kraft gesetzt. Gründe: Außer Zweifel sei, daß die ganze Veranstaltung öffentlich sein sollte. Sie habe in zwei Teile zerfallen sollen. Was nun die geplant« öffentliche Theateraufführung angehe, so würde sich hier die Befugnis der Polizei bemessen nach der Per- ordnung von 1885. Diese stelle aber dös Verbotsrecht nicht durchaus in das Ermessen des Polizei, sondern sie erfordere konkrete Tatsachen, aus denen sich eine Gefährdung der öffentlichen Sicher- heit und Ordnung im Sinne des Z 10, Teil 2, Titel 17, des Allgemeinen Landrechts ergebe. Das Stück habe hier keine» Bc- denken unterlegen. ES sei nur geltend gemacht, daß derselbe Teilnehmerkreis bei einen« früheren Anlaß vereinSgesetzliche und polizeiliche Vorschriften verletzt habe. Selbst wenn das in der Be- ziehung noch schwebende Verfahren für die Angeklagten ungünstig abgeschlossen wäre, würden die Tatsachen nicht genügen, das jetzige Theaterverbot zu rechtfertigen. ES sei also aufzuheben.— Bleibe die Tanzlustbarkei!. Die Versagung ihrer Genehmigung müsse wegen Ungültigkeit der Polizeiverordnung von 1842 aufgehoben werden. Diese Verordnung unterstelle nicht nur öffentliche, sondern auch geschlossene Tanzlustbarkeiten der Genehmignngspflicht. Das sei unzulässig, da geschlossene Veranstaltungen nicht der Genchmi- gungspflicht unterstellt werden könnten, sondern nur öffentliche. Ferner wolle die Verordnung einzelne öffentliche Veranstaltungen von der Gcnehmigungspflicht ausschließen. DaS sei ebenfalls un- zulässig. Diese Verordnung sei demnach ungültig. Und ein Anlaß, auf Grund der allgemeinen polizeilichen Befugnisse einzuschreiten, habe nicht vorgelegen. So sei auch dies Verbot aufzuheben� JJus der frauenbewegung« Ueber die Bedeutung der ErwerbSarbeit der Frau für ihre Familie sprach am Mittwochabend Frau Dr. Rosa Kempf-Münchcn iii einer vom Frauenstimmrechtsverband einberufenen öffentlicheil Versammlung. In ihrem mit reichem Tatsachenmaterial ausge- statteten Vortrag beleuchlete die Rednerin die auS der Erwerbs- arbeit der Frau erwachsenden sozialen, sittlichen und kulturellen Schäden. Die Berufsarbeit der Frau ist in allen Kulturländer» in ungefähr gleichem Matze anzutreffen, sie ist eine wirtschaftlichq Notwendigkeit, da die Völker nicht so gestellt sind, um auf die Mit- arbeit der Frau verzichten zu können. Zur Feststellung der schlechten und gänzlich ungenügenden Lage der Arbeiterfamilien sprach Refcrentin über die kulturwidrigen Wohnungsverhältnisse in deutschen Großstädten und auf dem Lande und benutzte eine in München aufgenommene Enquete über den Ernährungszustand der Schulkinder. Danach waren in Volksschulen der Arbeiter- aegenden drei Viertel der Kinder unterernährt. In welchem Maße ist das eine Folge der durch wirischaftliche Nöte erzwungenen Er- werbsarbeit der Mutter? Die Frage bleibt unbeantwortet. Selbst die Regelung und die Verbesserung des Konsums Vinn hier keine nennend, oerw Abhilfe schaffen. Oft wird Heimarbtit der Fabrik- arbeit vorgezogen, um die Kinder zu beaufsichtigen und den häaS- lichen Verrichtungen besser gerecht jju werden. Doch auch das bringt der Familie der Heimarbeiterin keinen Nutzen, ja bedeutet durch Zusammenlegung von Wohn-, Schlaf» und Arbeitsräumen eher einen Schaden für die Gesundheit. Die Voraussetzung, unter der die Frau die für sie schädliche Erwerbsarbeit aufgeben könnte, wäre eine entsprechende Erhöhung der Männerlöhne. Doch da man darauf wohl vergeblich warten würde, kann man die Berufs» arbeit der verheirateten Frau nicht hindern. Sie ist notwendig und unentbehrlich. Das Ziel müsse sein: den Frauen Erlcichtc- rung zu verschaffen. Wer bei der Erwägung, wie dieS geschehen soll, ließ uns die Referentin durchaus unbefriedigt. Sie sprach von neuen fortschrittlichen Gedanken, Problemen und Taten, an denen man mitarbeiten mlüsse. Ja, an welchen denn? MS einziges Mittel der Milderung der sozialen Not und Abwälzung der Haus» wirtschaftlichen Lasten der Frau erwähnte sie die genossenschaftliche Hauswirtschaft. Die Lösung dieser Frage erwartet sie von der Zlrbeiterschaft selber. Fräulein LischnewSka schien in der Diskussion allerdings der Ansicht zu sein, daß die sozialen Schäden der heutigen Frauenarbeit ohne sc&ivere Bedenken mit in den Kauf genommen werden können, da diesen ein fo großer Vorteil gegen- uberstehe: die Kultur eines neuen Innenlebens der Frau, als dessen Grundlage die Erwerbsarbeit anzusehen sei.— Dies mag vielleicht auf einige crwerbsmäßig tätige Frauen der höheren Kreise zutreffen, auf die Mcchrzahl der verheirateten Arbeiterinnen, die jeden Tag von neuem mit Lebenssorgen zu kämpfen haben. gewiß nicht. Das Versagen der bürgerlichen Frauen in der Frage. was zur Erleichterung der arbeitenden Frau getan werden muß, erklärt sich aus ihrer Inkonsequenz. Wohl erkennen sie daS heutige Wirtschaftssystem als Ursache der sozialen Schäden, aber die Grund- läge dieser Gesellschaftsordnung wollen sie nicht erschüttern. S,e müssen sich, natürlich vergeblich, damit begnügen, einzeln« heitserschetnungen ausheilen zu wollen. Leseabende. Dritter Kreis. Heute Freitag im Gewerkschastshaufe(Transport- arbeitersaal): Gemeinschaftlicher Leseabend. Vortrag deS Ge» Nossen Schenk über: Jugendbewegung. Versammlungen— Veranstaltungen. Zweiter Kreis. Den Leseabendteilnehmerinnen zur Nachricht, daß der Besuch deS Kunstgewerbemuseums, Prinz-Albrecht-Straße 7. am Sonntag, den 9. Februar, nachmittags um 2 Uhr stattfindet. Pünktliche und zahlreiche Beteiligung wird erwartet. örlekkaften cler Redafttfon« Xlt lurinmt evrcmunn findet Llndenstrao- 69, vor« vier»eeppen — vadrftntzl—, wochrntit glich von 4M, bis 7M> Udr abendS,«ennadcndg, von 4M, dt» 6 Uhr adrnd» statt. Jtder für den iSriest-ftro destimvittn Anfragt ist ein iSuchstadr und rinr Sah» al» Mtrfzrichcn h«I»»fstgen. iSricslichc«ntniort wird nicht crtrllt. Anfragcn, denen feine Adonncmrntsguittnng delgesügt ist, ,rrd«a nicht drantniortr«.«»Ige Fragen«rag««an«» der Ovrrchstnnde dm. W. 85. Sie sind berechtigt, die Kinder zu sich zu nehmen. Sollte die russische Behörde die Herausgabe verweigern, so wenden Sie sich an da? deutsche Konsulat mir dem Hinweis daraus, daß die Kinder ebenfalls deutsche ReichSangehörtge sind.— G. H. 4V. Eine strasbare Handlung liegt unseres ErachtenS nicht vor. Immerhin ist eS ratsam, derartige Drohungen zu unterlassen In der Sache selbst stellen wir anbeim, in unserer Nedaktton vorzusprechen.— P. R. 483. Sie sind zur Abnahme verpflichtet.—<£. H. Nr. 10. Nein, sofern die Münze Ihr Eigentum ist.—®. 96. 1. u. 2. Der Arbeiter ist»ach 6 115 der Gewerbeordnung nicht verpflichtet, bei der Lohnzahlung ReichSIassenschetne oder Banknoten (sogenanntes Papiergeld) anzunehmen. Silbcrmünzen brauchen nur bis zum Betrage von 20 Mark lind Nickel- und Kupfermünzen bis zum Bcirage von 1 Mark angenommen werden.— M. A. 58. Nein. — Frau Marquardt. Dl« Entziehung der Armcnuilterstützung ivärc alSdann möglich.— Arm. 87. 08. Falls der Wirt tn die BertragSlösung nicht willigt, ist eS zweckmäßig, die Wohnung durch den Kreisarzt besichtigen zu lasten. Hält dieser erhebliche EesundhettSgesährdung für vorliegend, so können Sie räumen und Schadensersatz fordern.— A. H. 87. 1. 150 M, für den Fall der Bedürftigkeit kann Ermäßigung bis auf 5 M. erfolgen. 2. Leumundszeugnis der Heimatbehörde. Außerdem können noch wettere Schriftstücke verlangt werden, welche, wird Ihnen nach Stellung de» Ge- luchs mitgeteilt. 8. Polizeipräsidium. Berlin.— ft. Kreutzigerstr. Rc- llamteren Sie bei der Kirchenbehörde.— Nttschke, Bcrnauer Str. 1. Für ein etwa vorhandene» Kind können Mimente gefordert werden. 2. Den Verlobungsring kann der Bräutigam zurückjorden».— Th. O. Ja. Achtung! Achtung! Sonntag, den 0. Februar, nachmittags IVz Uhr: Protest- Hersainiiiiuiig im Marinehaus, Brandenburger Ufer 1 (zwischen Waisen- und Jannowi->»-«>»-» Eine Defraudation beim Garde-pger- batalilon vor dem Wriegsgericijt. Niccht unerfreuliche Einblicke gewährte gestern ein Strafprozeß bor dem Kriegsgericht der 1. Gardedivision gegen den Löjährigen iOberjäger Hernnrnn Bruchnwnn von der 3. Kvnipagnie. Die An- llage bezichtigte diesen in seinem Lebenswandel höchst bedenllichen Vorgesetzten des militärischen Diebstahls. Br. ist 1907 eingetreten und war früher Kaufmann. Während seiner Dienstzeit wurde er viermal disziplinarisch bestraft und 1919 zum Oberjäger befördert. Da er sich der Zahlmeisterkarriere widmen wollte, wurde Br. vier Jahre im Zahlmeisterbureau des Bataillons als Anwärter bc- schästigt und dort soll er auch am 12. Dezember v. I. die der- schwundenen Soldatengelder in Höhe von 459 M. gestohlen haben. Ilm den Beschuldigten zu überführen, leitete die Militärbehörde eine eingehende Untersuchung ein und gab sich alle Mühe, den Lebenswandel des Br. nachzuprüfen; allerdings gelang ihr diese Nachkontrolle mit ebenso reichem wie unevwartetem Ergebnis. Hinsichtlich der Tatfrage förderten die Ermittelungen folgendes zu- tage: Während am 15. Dezember der Postgefreite Bcrncwitz die Soldatenpost mit 945 M. Soldatengcldcrn ins Zahlbureau brachte, war Br. und eine Ordonnanz zugegen. Der Postgefreite zählte das Geld auf den Tisch auf und ließ sich von der Ordonnanz die Richtigkeit bestätigen. Kaum hatte der Soldat das Geschäftszimmer des Zahlmeisters Verlaffen, schickte der Angeklagte die Ordonnanz mit dem Auftrag in die Kantine, für ihn zwei Zigarren zu holen. Als der Soldat die Zigarren geholt hatte, verließ Br. das Bureau und der Jäger Scherret blieb allein. In der Zeit von 19 Uhr bis zur Mittagsstunde an dem fraglichen Sonntag wiederholte es sich mehrfach, daß die im Zahlmeisterburcau antvesendcn Militär- Personen wechselten. Als mittags die einzelnen Kompagniefeld- wcbel die Postgelder für ihre Mannschaften abholen wollten, fehlten 459 M. In der Kaserne entstand sofort ein« große Aufregung, da man keinen Anhaltspunkt für die Person des DiebcS gewinnen konnte. Der Bataillonsadjutant Oberleutnant v. Bonin leitete sofort eine Untersuchung ein und» seine Ermittelungen verdichteten gegen Br. den Verdacht, der durch sein außerdienstliches Leben später erschwert wurde. Am selben Abend wurde Br. verhaftet und blieb bis heute im Militärarrest. Die gestohlenen 459 M. bestan- den auö drei neuen Hundertmarkscheinen, einem alten und einem neuen Fünfzigmarkschein. Gleichzeitig tauchte gegen Br. der Ver- dacht auf, daß er sich in der Verwaltung der Jagdkasse des Offizierkorps Unregelmäßigkeiten zuschulden habe kommen lassen. Man nahm daher eine Revision vor und der Bestand von 169 M. war vollzählig vorhanden. Unter dem Gelde befand sich ein Hundert- markschcin und ein Fünfzigmarkschein, während vorher die Kasse nur Gold und Silber enthielt. Weitere Ermittelungen ergaben, daß sich Br. einen neuen Mantel anfertigen ließ, den er mit 63 M. aus dem Jagdkassenbestande bezahlte. Zum Begleich will Br. seine Ersparnisse in Höhe von 199 M. verwendet und diese Summe durch das Gold- und Silbergeld der Kasse erlegt haben. Zwei Tage später fand man im Bureau unter einem alten Aktenstück für Marschgebühren entlassener Reservisten drei neu« Hundert- markschein«. Man hegte keinen Zweifel mehr, daß Br. dieses sichere Versteck für das gestohlene Geld selbst ausgewählt hatte, um bei günstiger Zeit sich die Beträge aus dem„Depot" zu holen. Ein Uneingeweihter tonnte nicht wissen, daß diese Akten niemals ge- braucht würden. Neben diesen Indizien aus dem dienstlichen Wir- ke» des Br. hielt man nach semen anderen Passionen Umschau. Skandalöse Einzelheiten wurden dabei enthüllt. Br. ließ sich von den militärfrommen Mädchen förmlich aus- halten. Erna, Emmi, Ida, und wie die Schönen alle hießen, standen mit ihren vom Angeklagten empfangenen Liebesbriefen als Ankläger gegen ihn auf. Aus jeder Zeile war die Klage des Angeklagten zu iksen, daß er sich in Geldverlegenheit befinde und um ein Darlehen bitte. 5- und IGBkarkweise empfing Br. die.Liebesgelder", von denen er die Fortsetzung seiner zärtlichen Beziehungen abhängig machte. Wurden die„Sendungen" bescheidener, pflegte auch seine Liebe und Zuneigung zu versiegen. Eine Oberlehrerswitwe aus Steglitz erleichterte er im Laufe von 3 Jahren um zirka 1999 M Die in den Netzen dieser geldsüchtigen Liebelei verstrickte Frau mußte schließlich in Berlin eine Stellung als Stütze annehmen, da sie keine Mittel mehr besitzt und für ihre Kinder sorgen muß. Seinen fortgesetzten Geldbegehren schentte die Frau Glauben, ihr erzählte er, er würde zur Intendantur kommen und brauche neue Uniformen. Diese Aufklärungen der außerdienstlichen Persönlichkeit des An- geklagten zwang zu dem Schluß, daß er sich von seinen Liebschaften gaivissermaßen aushalten ließ. Mit dreister Stirn behauptete der Angeklagte vor Gericht, er habe diese Liebesgelder ge- spart, um sich von einem Zivilarzt sein schweres Geschlechtsleiden kurieren zu lassen, da man ihm nach zweimaliger Lazarettbehandlung gedroht habe, ihn aus dem Zahlmeisterbureau zu entfernen, da man dort keine solchen Patienten brauchen könne. Mit dieser, einen seltenen Zynismus verratenden Erklärung wollte Br. die Herkunft und den Zweck seiner Ersparnisse rechtfertigen. Von A— Z leugnet« Br. seine Schuld. Er machte sich den Umstand zunutze, daß das Bureau unverschlossen und für jedermann zugänglich gewesen sei. Der Vorsitzende. Major v. Bonin. hielt dem Angeschuldigten vor. daß nur ein Eingeweihter den Diebstahl begangen haben könne, denn ein Fremder würde aus dem Verstecken des Geldes unter alten Akten keinen Nutzen ziehen können. Der Vertreter der Anklage. Kriegsgerichtsrat Hierholzer. erachtete den M. durch den Indizien- beweis völlig überführt und beantragte 6 Wiochen und 3 Tage Gefängnis und Degradation. Br. sei durch den Aktenfund belastet und als Motw zur Tat müsse mau ein Manko in der Jagdkaffe ansehen, zu»essen Verschleierung Br. daS Geld slahl. Br. sollte nämlich das einkassierte Jagdgeld sofort bei einer Potsdamer Bank einzahle»', betiaß es aber noch am 15. Dezember in persönlicher Verwahrung. Ein Angeklagrcr mit solchen LicbcSaffären mache keine Ersparnisse, sondern benütze die nächstbeste Gelegenheit, sich zu bereichern. Falls er auch freigesprochen würde, würde doch der Diebstahl imincr ihm zur Last gelegt werden. Das Kriegsgericht vermißte trotz deS schweren Verdachts die ausreichende Ueber- führungsbcweise für die Schuld des Br. Von dem Nachweis der Unschuld des Ar. aber könne keine Rede sein, denn sein unwürdiges Verfahren, sich von Nkädchen und Frauen erhalten zu lassen, spreche sehr gegen ihn. An seinen Rockschößen bleibe immer der Dieb- stahlLverdacht hasten. Wäre er völlig überführt worden, müßte er eine«xcmplav.sche Strafe gewartigen. Schade. d<.ß das Kriegsgericht bei diesem„Muster eines Bor- äesrtzten" uickn auch die Gemciugefährlichkeit de» LicbesabentcurerS kritisierte, per trotz jchwercr lörpcrticher JnfeltionSleiden als wandelnder VcrseuchungSherd und obendrein gegen„bare Ver- gütung" hygienische Mißstände des Garnisonstadtlebens per- schlimmern hilft. Partei-Ungelegenkeiten. Steglitz. Heute Freitag, abends 8l/z Uhr, findet im Albrechtshos eine Volks- und Wählervcrsammlung statt. Tagesordnung: DaS reaktionäre Dreiklasienparlament. Referent: Landtagsabgeordneter Julian Borchardt. Parteigenossen, sorgt für Massenbesuch. Zehleudorf. Sonnabend, den 8. Februlir, abends 8'/g Uhr. Volks- Versammlung für Männer und Frauen im„GesellschaflshauS", Wilh. Mieck, Karlstr. 12. Tagesordnung: 1. Vortrag des Landtagsabgeordneten Julian Borchardt über:„Das neue Evangelium." 2. Diskussion. 3. Die jetzigen Zustände in der hiesigen Ortskranken- lasse. tDie Leiter der obigen Kasse sind brieflich eingeladen.) Sorge jeder für guten Besuch der Versammlung. Niederlehme. Sonntag, den 9. Februar, nachmittags 2'/z Uhr, im Lokal von Emil Gaerisch: Oeffentliche Versammlung. Vortrag: „Preußen die Brutstätte der Reaktion". Referent: Genosse Joachim Klüß. 2. Freie Aussprache. Sonntag früh 8 Uhr von den bekannten Lokalen aus: Flugblattverbreitung. BorgSdorf-Birkenwerdrr. Sonntag, den 9. Februar, öffentliche Versammlung in Borgsdorf bei Herrn Meißner tHaltestelle). Re- dakteur Genosse Weber spricht über: Die Gewaltpolitik gegen die Arbeiterschaft. Die Genossen von Birkenwerder werden ersucht, sich recht zahlreich zu beteilige». berliner IVacbncbten. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Wcr einen Gasautomatcn benutzt und nicht mindestens 300 Kubikmeter Gas pro Jahr verbraucht, soll Strafe zahlen. Bleibt der Verbrauch unter 300 Kubikmeter, so muß für die nicht verbrauchte Menge der Betrag von 3 Pf. pro Kubikmeter entrichtet werden. Das ist dip Absicht des Magistrats, und leider hat sein Antrag, künftig bei Einrichtung von Automatenanlagen diese Bedingung zu stellen, auch die Zustimmung der Stadt- verordnetenversammlung gefunden. In dem Ausschuß, dem die Vorlage überwiesen worden war. wurde sie gerade noch mit knapper Not angenommen, im Plenum aber trat die freisinnige Mehrheit geschlossen für diese B e n a ch- teiligung der Minderbemittelten ein. Ge- nosse Hi n tz e warnte davor, bei den Gaswerken der Stadt das im schlechten Sinne„kaufmännische" Prinzip rücksichtslos anzuwenden. Durch Annahme des Magistratsantrages werde die Versorgung mit Gas zu einem Vorrecht derZahlungs- fähigeren, die das vorgeschriebene Vcrbrauchsquantum leisten können. Die freisinnige Mehrheit hatte keine Lust, sich auf lange Debatten einzulassen. Ihre Meinung, daß„Miß- brauch" mit seinem Gasautomaten treibt, wer ihm zu wenig Gas entnimmt, wurde durch den Ausschußberichterstättcr Stadt. I a c o b i deutlich genug zum Ausdruck gebracht. Stadtv. Butzke, der als einziger der Freisinnigen noch das Wort erhielt, stimmte ihm bei. Daß vom Magistrat niemand es für nötig hielt, sich zu äußern, stellte nach Schluß der Debatte unser Genosse H i n tz e mit Bedauern fest. In der Abstimmung wurde der Magistratsantrag mit sehr großer Mehrheit angenommen. Gegen ihn stimmte fast nur die sozialdemokratische Fraktion. Die Geburtenminderung hat in Berlin im Jahre 1912 fortgedauert. Es wurden diesmal 43 961 Rinder geboren, während in den vorhergehenden fünf Jahren(1911, bis 1907 zurück) noch 44 834, 45 948, 47 730, 51 057, 52 908 Kinder geboren worden waren. Pro 1000 Personen der durchschnittlichen Bevölkerung des JahreS wurden geboren in 1912 nur noch 21,10 Kinder, in den vorhergehenden fiinf Jahren 21,64, 22,31, 23,29, 24,78, 25,56 Kinder. Die Geburtenziffer ist, wie man sieht, im letzten Jahrfünft um mehr als ein Sechstel zurückgegangen. Gegenüber dem Jahre 1876, Ivo sie mit 47,17 Geborenen pro 1000 Personen der Bc- völkcrung ihren höchsten Stand hatte, ist sie in 6'/z Jahrzehnten bis 1912 auf vier Neuntel der damaligen Ziffer gesunken. Auffällig ist, daß im Jahre 1912 die Zahl der Totgeborenen beträchtlich höher als in 1911 tvar. In 1911 und in 1912 wurden überhaupt 44 834 und 43 961 Kinder geboren, davon lebend 43 185 und 42 219, tot 1649 und 17�1. Während die Zahl der Lebcndgcborencn wieder um 941 gesunken ist, hat die Zahl der Totgeborenen diesmal sich um 92 erhöht(um oll2 Proz. gegenüber dem Vorjahr). Pro 1000 Personen der durchschnittlichen Bevölkerung des Jahres wurden in 1911 und in 1912 lebend geboren 20,84 und 20,27 Kinder, tot 0,80 und 0,84. Auf 100 Geborene kamen im vorletzten Jahr 3% Proz., im letzten Jahr 4 Proz. Totgeborene._ Die Markthallendcputation hielt am Mittwoch eine wichtige Sitzung unter neuer Leitung ab. Die Stadträte Benzki und Alberti sowie Magistratsrat Gordon haben ihre Posten verlassen müssen; an ihre Stelle sind die Herren Berndt, Dostein und Gerth berufen. Werden diese Herren die Versorgung von Groß-Berlin mit Lebens- Mitteln mit mehr Energie betreiben? Wird ihnen die Verlegung der Großmarkthallen, welche seit 12 Jahren von den städtischen Behörden beschlossen, nun endlich gelingen. Fast icheint eS, al« will der Magistrat nun Ernst machen. Stadtrat Berndt erklärte, daß der Magistrat endgültig beschlossen habe, den FleischengroSmarkt nach dem Schk�chihos zu verlegen. Auch wegei deS Obst- und Gemüse- Marktes sollte sich die Deputation entscheiden. Die Entschließung der Stadtverordneten, den Großmarkt nach dem Terrain an der Knieprode- straße und Landsberger Allee zu verlegen, wurde durch den bis- Hungen Vorsitzenden der Deputation noch immer vereitelt; auch einige Mitglieder der Deputation haben ihr gut Teil hierzu bei- getragen, daß diese so wichtige Soche nicht einen Schritt vorwärts gekommen ist. Das Projekt der Verlegung nach dem Lehrter Güter- bahuhof an der Paulskirche tauchte enieuert aus der Versenkung aus, trotzdem dutzendmal»achgewiesen, daß dieses Terrain viel zu klein und mit der Hergabe der Heidestraße an den Fiskus verbunden sei. Am Mittwoch waren es zwei neue Projekte, welche in Bettacht kommen sollten. Einen Teil des Geländes, welches für den Westhafen am Süduier bestimmt ist. will der Magistrat zur Verfügung stellen. Da da? Terrain aber nur SO OQO Ouadratmeter groß, auch der Eisenbahnanichluß erhebliche Schwierigkeiten bereitet und der Wasser- anschluß gering ist, kam die Deputation einmütig zur Ablehnung des Angebotes. Ein weiteres Terrain am Bahnhof Beusselsttatze von 165 999 Quadratmetern Größe ist zum Ankauf angeboten. Es bandelt sich um das große Gelände zwischen Beusselstraße, Lehrter Bahn, Ver« binducjSkaiial und Königsdamm, welches die Eigentümer Gebauer, Rheinisches Kohlensyndikat und Boden-Aktiengesellschaft für die Kleinig- keit von 29 Millionen Mark verkaufen wollen. Die günstige Lage des Terains, Wasser- und Eisenbahnverbindung wurde allgemein anerkannt. Gegen das Projekt wurde die ungeheure Preisforberung und auch die entfernte Lage geltend gemacht. So wünschenswert ja die Wasserverbindung für. die Versorgung de- GroßmartteS sein inag, o spricht doch auch die Versorgung Verlins mit frischen Gemüsen und Früchten wesentlich mit, und diese geschieht in hervorragendem Maße aus den nördlichen und östlichen Vororten und Rieselgütern. Jiür diese Versorgung dürfte daher das Gelände an der Knieprode- iraße wegen seiner zentralen Lage am geeignetsten sein. Zu einer Entscheidung kam es nicht, es soll weiter verhandelt werden. Mit der Aufhebung der Privatmärkle beschäftigte sich ein Gesuch an den Polizeipräsidenten; dieser hat ablehnend geantwortet. Nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts ist daS Abhalten von Privatmärkten durch die Gewerbeordnung gewährleistet. Da die Stadt Berlin selbst keine offenen Märkte abhalten darf und die Privatmärlte den städtischen Hallen eine große Konkurrenz machen, oll mit einem Gesuch an die gesetzgebenden Körperschaften bor- gegangen werden. Die Besetzung des Direktorpostens, welche der Magistrat nicht für nötig hält, soll erneuert beantragt werden. Berliner Straßenreiniger teilen uns mit, daß sie am Sonntag strammen Dienst tun mußten, um die Straßen rein zu bekomme». Auch die Hilfsarbeiter und Burschen hätten Dienst getan. Der Posten des Erziehungsinspektors für die Anstalt Lichtenberg ist nun ziemlich ein volles Jahr verwaist. Dieser Umstand ist nicht geeignet, förderlich auf die in Lichtenberg geübten Erziehungs- Methoden einzuwirken. Es hat nicht viel zu sagen, wenn zeitweise der Direktor für die Fürsorgeerziehung nach Lichtenberg fährt und hin und wieder nach dem Rechten sieht. Es muß gefordert werden, daß diesem Mißstand endlich einmal ein Ende gemacht und ein Mann an die Spitze dieser Anstalt gestellt wird, der genügendes Verständnis für die zu erfüllenden Aufgaben besitzt. Jetzt wird die Erziehungs- inspeltion von dem Lehrer Hentschel vertretungsweise ausgeübt, von einem Mann, der seinerzeit Mieltschin revidierte und alles in Ord- nung fand. Die Fernsprechanfchlüsse der Berliner Vororte zählen jetzt nach der neuesten Aufnahme vom Anfang des Jahres 79 493. Es sind dies alle Anschlüsse im Bezirk der Kaiserlichen Oberpostdirektion Berlin mit Ausnahme Berliner Aemter. Haupt- und Nebenanschlüsse find zusammengerechnet; da der ganze Bezirk jetzt 216 929 Anschlüsse zählt, kommt also ein Drittel aus die Vororte. Die meisten An- schlüsie hat natürlich Charlottenburg mit 26 224 Anschlüssen. Diese verteilen sich auf die beiden Aemter mit 9716 und 16 598. ES folgt Wilmersdorf mit 19 889 Anschlüssen, dann Neukölln mit 5932, Steglitz 3776, Lichterfelde 2934. Lichtenberg 2227, Tempelhof 2122. Pankow 2993, Oberschöneweide 1715, Weißensee 1595, Reinicken- dorf 1276, Tegel 1214, AdlerShof 365, Mühlenbeck 33 und endlich Großbeeren 24. Bon der BerkehrSwisere im Stadt- und Vorortverkehr gibt die folgende Zuschrift erneut Kenntnis:„Vor einigen Tagen wurde im „Vorwärts" auf die Mißstände der Südbahnstrecke Rummelsburg- Potsdamer Bahnhof hingewiesen. Dasselbe muß von der Strecke Lichtenberg-FriedrichSfelde-Jannowitzbrllcke gesagt werden. Der be- treffende Zug läuft in Lichienberg morgens kurz vor s/28 Uhr leer ein und verläßt um 7.31 besetzt die Station. DaS heißt sämtliche Plätze der 3. Klasse sind besetzt und eine kleinere Anzahl von Per- sonen muß stehen. An der Haltestelle Rumnielsburg-Lst kommen, vorsichtig geschätzt, 89—199 Personen hinzu. Dasselbe trifft auf die Haltestellen Stralau-Rummelsburg und Warschauer Brücke zu. Hier ist der Zug vollständig überfüllt! Auf dem Perron des Schlesischen Bahnhofes warten noch mindestens 159 Personen aus ihre Ae- förderung und müssen unbedingt mit, um früh genug an ihre Arbeitsstelle zu gelangen. Jetzt spielt sich ein lebensgefährliches Ge« dränge ab. In den allermeisten Fällen wird rückwärts eingestiegen. Mit beiden Armen stemmt man sich gegen die Türpfosten, um sich mit Gewalt Platz zu schaffen. Die Abteile sind jetzt derartig über- füllt(20—24 Personen), daß eS den Bahnbeamten nur unter großer Mühe gelingt, die Türen nach mehrmaligen Versuchen zu schließen und daS letztere geschieht meistens, nachdem sich der Zug schon in Bewegung gesetzt hat. So gelangt man unter allen möglichen Gliederverrenkungen, die einem Schlangenmenschen alle Ehre machten, am Ziele an. und sehr häufig hört man dann die Warte:„Gott sei Dank." Bemerken will ich»och, daß durch die Ueberftillung des Zuges den einzelnen Personen, darunter auch Schulkindern, daS Aussteigen außerordentlich erschwert wird. Diese Beförderung von Menschen steht noch unter dem Vieh, und eS muß gerechte Empörung hervorrufen, wenn man sich für sein gutes Geld eine derartige schofle Behandlung gefallen lassen muß. Die skandalösen Zustände sind auf die Dauer unhattbar, und ich möchte jenen Herren, welche hierfür verantwortlich sind, einpfeblen, eine derartige Fahrt mitzumachen, ihnen würde Hören und Sehen vergehen I Bemerkt sei noch, daß um 7i0, also 19 Minuten früher als der obige Zug, der KaiilSdorfer Zug eintrifft und die Station Lichten- berg-Friedrichsfelde schon im überfüllten Zustande verläßt. Außer diesen beiden Zügen verkehrt noch 7» ein Zug, welcher aber zu spät geht und daher nicht in Frage kommen kann I" Die Zustände, die m der obigen Zuschrift geschildert werden, find auch auf anderen Strecken vorhanden, besonders auf dem Nord« ring. ES muß schon eine durchgreifende Reform Platz greifen, um dem VerlehrSbedürfniS gerecht zu werden. Der Nirdcrbariliiner Kreistag hat beschlossen, 699 999 M. Aktien der Reinickendorfer Kleinbahn(sogenannte Heidekrautbahn) zu über- nehmen. Der Kreis mid die Gemeinden habe» nunmehr diese Bahn vollständig in der Hand. Die Betriebsgesellschaft Becker u. Co. hat eine Neupachtnng abgelehnt. Der Betrieb der Bahn wird vom 1. April ab vom Kreise und den Gemeinden selbständig weiter- geführt. 8 8 der Grundsteucrerdming der Stadtgcmcinde Berlin ist rcchtS- ungültig. Nach§ 8 der Steuerordnung vom 20. April 1907 hat jeder nicht in Berlin wohnende Grundeigentümer der Steuer- depiltatio» einen hier wohnenden Stellvertreter für die seinen Grund- besitz betreffenden Angelegenheiten schriftlich zu bezeichnen. Wegen ZuwiderhandelnS gegen diese Bestimmung hatte der Eigentümer Köppen von der Steuerdeputation ein Strafmandat in Höhe von 29 M. erhalten. Auf feinen Antrag auf richterliche vftitscheidung hatte das Schöffengericht ans Freisprechung erkannt. DaS Gericht erklärte die Bestimmung des 8 8 für rechtsungültig, da das Zu- stellungSwesen im Rahmen der Zivilprozeßordnung geregelt sei und darüber hinaus in einer Steuerordiinilg nichts bestimmt werden tonne. Gegen das freisprechende Urteil hatte die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt, über die gestern die Strafkammer 8n unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Schwartze zu entscheiden hatte. Staatsanw. Leisering hielt die Berufung aufrecht und sührte unter anderem aus: Der§8 der Berliner Steuerordnung sei gültig. Es sei für den Berliner Magistrat eine Notwendigkeit, für jedes Grundstück eine ortsansässige Person als vorhanden zu wissen, init der er verhandeln und in Eilfällen sich benehmen könne. Es handele sich nicht nur uni eine Bequemlichkeit bei Zustellungen, sondern auch um Wirtermittelungen. Besichliguiigsgängeii.ZustandSveränderungei, u. dgl. Das Gericht verwarf die Berufung des Staatsanwatts, da 8 8 der Berliner Grundsteuerordmnig rechtsungültig sei. Diese Steuerordnung habe zur Grundlage daS Kommunalabgabengesetz und dieses habe genau den Rahmen gezeichnet, der für die Kommune bei Aufstellung von Steuerordnungen maßgebend sein soll. Zu den Dingen, die durch eine solche Ordnung geregelt werden können, gehöre aber nicht die Auflage an einen Grundbesitzer, einen Stellvertreter zu halten. Im Sprechzimmer des Zahnarztes vom Tode überrascht wurde gestern die 50 Jahre alte Stickerin Agnes Nebel, �die für sich allein in der Fennstraße 14 hauste. Die Stickerin trug schon seit längerer Zeit ein künstliches Gebiß. Nachdem ihr dieses jetzt abhanden ge- kommen war, ging sie gestern zu einem Zahnarzt in der Müller- stratze. der ihr das erste gemacht hatte, um sich ein neues anfertigen zu lassen. Der Assistent des Arztes paßte ihr ein Gebiß an. Es saß aber noch nicht ganz richtig. Während der Assistent dann damit beschäftigt ivar, einige kleine Aenderungen vorzunehmen, wurde die Frau, auf ihrem Stuhl fitzend, plötzlich vom Schlage gerührt. Als der Assistent sich ihr wieder zuwandte, saß sie schon besinnungslos da. Er bemühte sich zunächst selbst um sie und ließ dann noch einen Arzt holen. Abermuch dieser konnte nur noch feststellen, daß der Tod be- rcits eingetreten war. Die Leiche wurde von der Revierpolizei be- schlagnahmt. Die Verstorbene fühlte sich in der letzten Zeit schon wiederholt nicht ganz wohl. Aus der Spree gelandet wurde gestern die 13 Jahre alte Kontoristin M. aus der Maximilianstraße zu Lichtenberg. DaS junge Mädchen war so schwer nervenleidend, daß es Anfang Dezember v. I. seine Beschäftigung aufgeben mußte. Am 13. Dezember entfernte sie sich nachmittags aus der Wohnung, um einen Arzt aufzusuchen. Bon diesem Gange kehrte sie nicht mehr zurück. Am anderen Morgen erhielten die Eltern von ihrer Tochter einen Brief, in dem sie ihnen mitteilte, daß sie freiwillig in den Tod gegangen sei, weil sie die Krankheit nicht überstehen könne. Sie hatte auch, anstatt zum Arzt zu gehen, den Tod im Wasser gesucht. Gestern wurde ihre Leiche an der Oberbaumbrücke aus der Spree gelandet. Eiu schwerer Straßenvahnunfall hat sich Mittwochabend in der Gertraudtenstratze zugetragen. An der Petrikirche versuchte eine Frau Wehr vor einem nach Schöneberg fahrenden Straßenbahnwagen der Linie 72 das Gleis zu überschreiten. Die Frau wurde jedoch um- gestoßen und zog sich bei dem Fall auf das Straßenpflaster eine Gehirnerschütterung und Hautabschürfungen zu. Die' Verunglückte erhielt auf der nächsten Unfallstation die erste Hilfe und fand dann im Augusta-Viktoria-Krankenhaus Aufnahme. Nahrungssorgen haben den 64 Jahre alten Bilhauer Emil Lorenz aus der Siargaider Str. 21 in den, Tod getrieben. Lorenz erhängte sich an einem Spiegelhaken. Vermißt wird seit dem 26. Dezember v. I. das Dienstmädchen Hedwig Ohm, 4. 5. S6 in Kammin jPommern) geboren, die zuletzt hier Lützowstraße 20 gewohnt hat. Dieselbe ist von kleiner, schwäch- licher Statur, dunkelblond, blasse Gesichtsfarbe, blaugraue Augen und war bei ihrem Fortgange mit dunklem, weichen Filzhut mit weißer Bandgarnierung, langem, graubraunen Mantel mit langer Kragenklappe, blauem Kleide und schwarzen Stiefeln bekleidet. Alle bisherigen Nachforschungen nach dem Verbleib der Vermißten, die auf ihrer Dienststelle ihre sämtlichen Sachen zurückgelassen hat, waren erfolglos. Zweckdienliche Angaben, die zur Ermittelung der Vermißten führen könnten, nimmt die Kriminalpolizei Zimmer 409, III sowie jedes Polizeirevier zu Nr. 4886 IV. 37. 12 entgegen. Aus dem Jahresbericht deS Arbeiter-RadfahrrrbundeS„Solidarität" fOrtsgruppe Berlin) ist zu entnehmen, daß 4 ordentliche, 1 außerordentliche Generalversammlung, 12 ordentliche, 3 außer- ordentliche Zentralvorstandssitzungen sowie eine allgemeine Mitglieder- Versammlung stattgefunden haben. An Unterstützungen wurden ge- zahlt: Unfallunterstützung in 25 Fällen mit 579 Kranlentagen 765 M., Sterbeunterstützung in 10 Fällen 595,30 M-, Notfallunterstützung 110 M., Gesamtunterstützungssumme der drei Unterstützungsarten 1470,30 M. Grenzkarten zur zollfreien Ueberschreitung der öfter- reichischen, italienischen und der schweizerischen Grenze wurden zu- sanrmen 11 ausgestellt. Zu der im Januar 1912 stattgefundenen Neichstagswahl wurden 14 Agitationstouren gefahren, am Tage der Wahl beteiligten sich insgesamt 730 Bundesgenosien. Seit 29. März 1912 ist die Ortsgruppe durch Urteil des Oberverwaltungs« gerichts als politischer Verein im Sinne des ß 3 des Reichsvereins- gesetzes erklärt worden. Schaden ist dem Verein nicht entstanden, obwohl die jugendlichen Mitglieder ausgeschlossen werden mußten. Flugblätter für den Bund wurden 10000 Stück verbreitet. Die JahreS-Einnahme betrug ebenso wie die Ausgabe 9780,60 M.? das Ortsgruppen-Vermögen beträgt mit dem gegen Feuer versicherten Inventar 6982,96 M. Bei Parteifestlichkeiten und Gewerkschafts- vergnügen wurden 25 Reigen gefahren. Sämtliche für die Berliner Ortsgruppe bestimmten Sendungen sind wie bisher an den Genossen Richard Karras, Schönleinstr. 11, vorn IV, zu richten; derselbe erteilt bereitwilligst Auskunft über alle Bundesangelegenheiten. Im Hotel erschossen hat sich gestern nachmittag der 31 Jahre alte Schriftsteller Eugen M a ck e r aus Breslau. Die Leiche wurde dem Schauhause überwiesen. Was den Mann zu der Tat veranlaßt hat, steht noch nicht bestimmt fest. Vergiftet hat sich gestern nachmittag der 30 Jahre alte Reisende Otto Schulz, der in der Schlesischen Str. 6 bei einer Witwe wohnte. Schulz, der aus Kottbus stammt und erst seit kurzer Zeit in Berlin ist, kehrte gegen 5>1 Uhr in ein Schanklokal in der Wrangelstraße ein. Er trank zuerst ein Glas Bier und ließ sich dann ein Glas Wasser geben. In dieses schüttete er ein weißes Pulver und trank dann die Flüssigkeit aus. Der Wirt glaubte, daß es sich um ein Mittel gegen Kopfschmerzen handeln würde. Der Gast suchte bald darauf die Toilette auf und kehrte nicht wieder von dieser zurück. Als der Wirt jetzt nachsah, fand er Schulz wt wieder. Das Pulver war, wie die Untersuchung deS noch in dem Glase befindlichen Restes ergab, Gift. Sofort wurde ein Arzt herbeigerufen, der auch noch Wiederbelebungsversuche anstellte, ine jedoch ohne Erfolg blieben. Schulz scheint durch Mittellosigkeit zu dem Schritte veranlaßt worden zu fem. Fabrikbrand in der Markusstraße. In der Nacht zum Donners- tag wurde die Feuerwehr nach der M a r k u s st r. 50, Ecke Wallner- theaterstraße, gerufen, wo im zweiten Stock des linken Seitenflügels in der Neusilber- und Alfenidewarenfabrik von Friedrich u. Ruft Feuer ausgebrochen war. Die Finna befindet sich zurzeit im Umzug und hat die Maschinen sowie einen Teil des Lagers schon in ihren neuen Räumen in der Köpenicker Straße untergebracht. Nur der restliche Teil der Lagerbestände liegt noch in einem der alten Räume in der Markusstraße. Hier kam der Brand zum Ausbruch. Als man. die Gefahr bemerkte, stand der Lagerraum schon in hellen Flammen. Die Feuerwehr war bald mit zwei Löschzügen zur Stelle und griff das Feuer, das an Regalen, Schränken, Kisten und Per- packungsmaterialien reichliche Nahrung fand, mit drei Schlauch- leitungen an. Nach halbstündiger Löschtätigkeit war die Haupt- gesahr beseitigt. Der Schaden ist beträchtlich,� aber durch Versiche- rung gedeckt. Eine Betriebsstörung wird bei der Firma nicht ein- treten._ Vorort- Nacbricbte». Die Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung hat am Mittwoch die Magistratsvorlage betreffend die Schaffung einer neuen Stadtratsstelle abgelehnt. Der Magistrat hatte be- antragt, die Zahl der besoldeten Magistratsmitglieder um einen zu vermehren, dem besonders das Fortbildungsschulwesen unterstellt werden sollte. Obwohl der Ausschuß sich die Gründe des Magistrats »u eigen niachte, bepackte er die Borlage mit der erschwerenden Be- stimmung, daß zugleich auch die Zahl der unbesoldeten Magistrats- Mitglieder um zwei vermehrt werden solle. Oberbürgermeister «chustehrus wandte sich mit aller Schärfe sowohl gegen diesen. als auch gegen einen von liberaler Seite gestellten Zusatzantrag auf gleichzeitige Vermehrung der Zahl der unbesoldeten Stadträte um «in- Person. Er ließ keinen Zweifel daran, daß dieser Zusatz die Vorlage unannehmbar mache. Trotzdem gelangte der Zusatz zur Annahme. Dagegen fand die so veränderte Magistrats- vorläge keine Mehrheit, und da auch ein von dem Genossen Z i e t s ch begründeter Antrag, den Magistrat zu ersuchen, die Stellung eines besoldeten Direktors des gesamten Fortbildungsschnlwesens zu genehmigen, abgelehnt wurde, so ist ein unhaltbarer Zustand geschaffen, unter dem das Fortbildungsschul- Wesen schwer zu leiden haben dürfte. Wen die Hauptschuld daran trifft, die Liberalen, die durchaus noch einen unbesoldeten Stadlrat haben wollten, oder den Magistrat, der keinerlei Entgegenkommen bewies, möge dahingestellt bleiben. Zum Stadtsyndikus an Stelle des zum Bürgermeister gewählten früheren Syndikus Dr. M a i e r wählte die Versammlung mit 62 von 66 gültigen Stimmen den Stadtrat S embr itz ki aus Königs- berg i. Pr. l Die Versammlung nahm hierauf den Bericht des Ausschusses über die Mitteilung des Magistrats betreffend Defekten- verfahren gegen den Hauptkassenrendanten Bartels entgegen. Es herrscht Uebereinstimmung darüber, daß den Magistrat kein Vorwurf trifft, der Versammlung blieb deshalb nichts weiter übrig, als die Mitteilung zur Kenntnis zu nehmen. Die Vorlage betreffend Einrichtung des Grundstücks Wilhelm- Platz 1a für Fortbildungsschulzwecke wurde an- genommen, nachdem u. a. Genosse Richter unter Zurückweisung unberechtigter Angriffe des Stadtverordneten Zander auf die Schüler die Vorlage befürwortet und die Notwendigkeit betont hatte, bald weitere ausreichende Räume zu schaffen. Ferner genehmigte die Versammlung die Vorlage, wonach städtischen Beamten, Lehrern und Arbeitern, die im Dienst einen Unfall erleiden, die notwendigen Kosten des Heilverfahren? auch schon vor dem Wegfall des DiensteinkommenS ersetzt werden können sowie die Vorlage betreffend Bau eines Riei'elwärterwohnhauses und einer Schuitterkaserne auf dem Rieselfelde Karolinenhöhe- Gatow. Die Vorlage betreffend Regelung der A n g e st e l l t e n- V e r- si che rung für die im städtischen Dienst Beschäftigten wurde einem Ausschuß überwiesen. Es handelt sich darum, daß die Stadt die gesamten Beiträge zu der Versicherung übernimmt und daß den städtischen Schwestern behufs Befreiung von der Bersicherungspflicht eine Anwartschaft auf Ruhegeld und Hinterbliebenenrenten aus städtischen Mitteln gewährleistet werden soll. Wilmersdorf-Halensee. Nach dem Berwaltungsbcricht, den der Magistrat den Stadt- verordneten zugestellt hat, umfaßt das Gemeindegebiet 833,09 Hektar. Hiervon befinden sich ohne die öffentlichen Straßen und Plätze im Eigentum der Stadt an bebauter Fläche 12,64, an un- bebauter Fläche 39,16 Hektar. Die Einwohnerzahl betrug am 1. Januar 1912 121 160, am 31. Dezember 1912 131 477, so daß eine Vermehrung um 8,52 Proz. eingetreten ist. Der Geburten- Überschutz bei der Zunahme um 10317 Köpfe stellt sich nur auf 785, der Wanderungsüberschuß hingegen auf 9532. Wie überall in Groß-Berlin, so hat sich auch in Wilmersdorf der Wohnungsvorrat im letzten Jahre verringert. Am 20. Mai 1912 standen leer Kleinwohnungen 510 oder 3,95 Proz., mittlere Wohnungen(von 3 bis 5 Zimmern) 934 oder 8,35 Proz., größere Wohnungen 1126 oder 11,66 Proz. Diese Zahlen verminderten sich nach der Zählung am 15. Oktober bei kleinen Wohnungen auf 431 oder 3,95 Proz., bei mittleren Wohnungen auf 799 oder 6,48 und bei größeren Wohnungen auf 1033 oder 10,42 Proz. Wie man sieht, würden sich kleine Wohnungen am leichtesten vermieten lassen; doch läuft die Wohnungspolitik der Stadtverwaltung bekanntlich aus die Förderung des Baues von Häusern mit möglichst großen Wohnun- gen hinaus, die im Ueberstuß leer stehen. Die Kehrseite dieser Wohnungspolitik tritt in den Zwangsversteigerungen von Grund- stücken ans Licht, deren Ertrag in Wilmersdorf nach dem Jahres- bericht des Vereins Berliner Grundstücks- und Hhpothekenmakler von 11,69 Millionen Mark im Jahre 1907 auf 20,78 Millionen Mark im Jahre 1911 und 32,17 Millionen Mark im Jahre 1912 gestiegen ist. Wilmersdorf besitzt außer der im Bau befindlichen Untergrundbahn und der Kanalisation keine eigenen Werke. Gas. Elektrizität und Wasser werden der Einwohnerschaft von Privatunternehmungen geliefert. Die finanzielle Stärke der Stadtgemeinde beruht auf dem Umstände, daß der zahlungsfähige Teil der Groß-Berliner Bevölkerung sich zum guten Teil in Wil- mersdorf niederläßt, und infolge dieses Glücksfalles hat Wilmers- dorf es 1912 mit einem Steuersoll von 41,49 M. auf den Kopf der Bevölkerung und 126,06 M. auf den Kopf des Zensiten zur steuer- kräftigsten Stadtgemeinde in Preußen gebracht. Vor 10 Jahren, 1902, kamen erst 22,97 M. Steuerertrag auf den Kopf der Be- völkerung oder 99,40 M. auf den Kops des Zensiten. Der eben geschilderte Zufall macht es auch zum Teil erklärlich, daß die Sozialdemokratie im Gemeindeleben hier einen weit schwereren Stand hat als in irgendeiner Stadtgemeinde des übrigen Groß-Berlin. Das Vermögen der Stadt stellte sich am Schlüsse des Rechnungsjahres 1911 auf 105 549 575 ML, die Schulden machten 63 265 898 M. aus, so daß das Reinvermögen 42 283 677 ML betrug, wovon 3 338 098 M. auf die Stiftungsverwaltung kommen. Namentlich Groß-Berlin hat die Erfahrung machen müssen, �datz eine Gemeinde ihre Zukunft nicht gerade auf solidester Basis aufbaut, wenn sie nur auf die Steuerkraft ihrer Einwohner und nicht auf Erträge aus werbenden Anlagen rechnen kann. Auch über Wilmersdorf wird die Welle der„potenten Zahler" in einigen Jahren hinweggegangen sein, und dann kommt für die Finanz- Verwaltung das graue Elend, das kundige Leute schon jetzt leise herannahen sehen. Neukölln. Durch einen Sprung auS dem Fenster versuchte sich Mittwoch abend das 17jährige Dienstmädlben R. aus der Roseggerstr. 39 das Leben zu nehmen. In Abwesenheit der Dienstherrschaft, einer Lehrerfamilie, sprang es aus dem dritten Stock auf den Hof hinab und verletzte sich so schwer, daß es bewußtlos nach dem Krankenhaus in Buckow gebracht werden mußte. Was das Mädchen zu dem Selbstmordversuch veranlaßt hat, ist noch nicht bekannt. Wegen GattenmordeS, Betruges und Beruntteuung hat die Kriminalpolizei den 34 Jahre alten, in Helltau im Kreise Hermann- stadt in Siebenbürgen geborenen Betriebsleiter Sturm festgenommen. St. wurde seit längerer Zeit von dem Untersuchungsrichter in Preß- bürg verfolgt. Er hatte sich nach VerÜbung der ihm zur Last ge- legten Straftaten nach Berlin gewandt und sich hier mit gefälschten Papieren eine Stellung als Betriebsleiter in einer großen Fabrik in Britz verschafft. Die Kriminalpolizei nahm den Gesuchten, der in der Knesebeckstraße als Aftermieter wohnte, fest. Die Einwohnerzahl Neuköllns betrug nach den Feststellungen des Statistischen Amtes am 1. Februar d. I. 267573 Einwohner gegen 254 199 am 1. Februar v. I. Schöneberg. Der nächste BolksunterhaltungSaiend der Stadt Schöneberg findet am Sonnntag, den 9. Februar, nachmittags 4',. Uhr. in der Aula der Hohenzollernschule. Belziger Str. 48—52 statt. Der nor- wegische ForschungSreisende C h r i st i a n L e d e n � einen gzor- trag über: Bei den Eskimos und Indianern. Schilde- runge» mit Lichtbildern und phonographischen Aufnahmen. Ein- trittspreiS einschließlich Programm 35 Pf. Eintrittskarten sind in der Spedition. Martin-Luther-Str. 69. und nn Konsumladen. Apostel- Paulus-Str. 40, zu haben. Bon einer Kraftdroschke überfahren wurde gestern nachmittag in der Hauptstraße Vor der Paul-Gerhard-Kirche der neunjährige Schüler Walter Frankel, dessen Eltern in der Akazienstr. 5 wohnen. Der Kleine spielte mit mehreren Altersgefährten auf dem Damm, als eine Kraftdroschke herannahte. Der Junge überhörte die Warnungssignale des Autos und wurde von der Droschke so heftig zu Boden geschleudert, daß er einen Schädelbruch und eine schwere Gehirnerschütterung davontrug. In fast hoffnungslosem Zustande wurde der Ueberfahrene in das Schöncberger Krankenhaus gebracht. Weihensee. Das ObcrversicherungSamt ist dem Beschlüsse des Versicherungs- amtes und der Gemeindevertretung, die bestehende Ortskrankenkasse zu einer allgemeinen Ortskrankenkasse auszubauen, beigetreten. Ebenso wird von der Errichtung einer Landkrankenkasse abgesehen. Ober-Schöneweide. Um der arbeitenden Bevölkerung des Ortes Gelegenheit zu geben, die Natur schönheiten der Mark kennen und schätzen zu lernen, ver« anstaltet der Turnverein„Oberspree", M. d. A.-T.-B., regelmäßige billige Wanderungen. Nächsie Wanderung Sonntag, den 9. Februar, Finkenkrug. Brieselang. Pausin, Schönwalde, Hennigsdorf(25 Kilo- meter). Abfahrt 7.32 Uhr Bahnhof Nieder-Schöneweide, ab Lehrter Bahnhof 8.35 Uhr. Wanderlustige sind eingeladen. Trevtow-Baumschulenlveg. In einer Wählerversauimlung der Freisinnigen und National- liberalen die in Sauers Festsälen tagte, hielt der durch seinen Kampf mit den Orthodoxen bekannt gewordene Pfarrer T r a u b eine Wahlrede. Der Referent trat merkwürdigerweise für unbedingte Koalitionsfreiheit auch der Beamten, speziell der Eisenbahner ein, verurteilte die Verpfaffung der Schule und forderte die Trennung von Kirche und Staat. Daß ein freisinnig- nationalliberaler Kompromißkandidat sich zu solchen Forderungen versteigt, gehört allerdings zu den Seltenheiten. Aber da? will in einer Wähler- Versammlung auch nicht viel sagen. Hervorgehoben sei. daß Herr Troub sogar die Angriffe der Scharfmacher gegen die Soziatdemo- kratie energisch zurückwies. So vermied es der Referent im all- gemeinen, durch seine Ausführungen irgendwie den Geist der Opposition wachzurufen. Selbstverständlich mußte er über die Sünden der Freisinnigen und der Nationalliberalen Stillschweigen bewahren. An der Diskussion beteiligten sich nur noch Herr Erkelenz, der Sekretär der Hirsch-Dunckerschen. und ein Herr ManteS.\ Zossen. Als bester Agitator hat sich wieder einmal die Polizei erwiesen. Eine vor kurzem vom Jugendausschuß einberufene Jugendversamm- lung wurde ausgelöst, weil die Polizei in der Behandlung des Themas die proletarische und bürgerliche Jugendbewegung eine politische Angelegenheit erblickt. Als Antwort hierauf fand am Sonntag abermals eine Versammlung statt, in welcher Genosse D ü w e l l einen Vortrag über das Thema:„Der Kampf der Bauern gegen den König" hielt. Zahlreicher als in der vorigen Versammlung hotten sich diesmal die Jugendlichen eingestellt. Die Persammlung nahm einen ungestörten Verlauf. Nach Schluß dieser fand im gleichen Lokal noch eine öffentliche Versammlung statt, in der Genosse Unger unter starkem Beifall Kritik an der preußischen Polizeiwillkür übte. Spandau. Eine erhebliche Berschievung bollzieht sich in diesem Jahre in den drei Klassen der Kommunalwähler; dieselbe wird herbeigeführt durch die bedeutenden Steuerbeträge der Aktiengesellschaft Siemens u. Halske und der Siemens-Schuckert-Werke. Bisher gehörte der 1. Abteilung schon ein Einwohner an mit einer Jahressteuer von 560 M.; jetzt beginnt die 1. Abteilung erst mit einer Jahressteuer von 2775 M. Die Folge davon ist, daß die meisten Wähler aus dieser Abteiluna ausscheiden und in die 2. Abteilung gedrängt werden. Die 1. Abteilung weist jetzt nur 40 Wähler auf gegenüber 436, die ihr bisher angehörten. Aber auch die 2. Abteilung erfährt eine gewaltige Einbuße, indem sie nur 2096 Wähler zählt gegenüber 5438 im vorigen Jahre. Um Wähler der 2. Abteilung zu sein, muß mindestens eine Jahressteuer von 110 M. entrichtet werden; bisher genügten 75 M. Eine Vermehrung um mehr als 3000 eriäbrt die 3. Abteilung, die aus die Zahl von 21 639 anwächst. Diese Ver- schiebung in den Wahlklassen wird in der Zusammensetzung der Stadtverordnetenversammlung scharf in die Erscheinung treten. Oranienburg. Aus der Stadtverorduetenversammlung. An der EinmllndungS- stelle des Großschiffahrtsweges in den Lehnitzsee ist eine Fläche von etwa 20 Ar aufgehöht worden, die der Firma Ebell u. Co. über- eignet werden soll. Die Fläche gehört zum Forstgutsbezirk Oranien- bürg und soll auf Veranlassung des kgl. Hauptbauamts Potsdam in den Stadtbezirk eingemeindet werden. Nach kurzer Debatte stimmte die Versammlung dem Magistratsantrage zu. Bei der Beratung der Bewilligung der Kosten für den Bau deS Gymnasiums, des Direktorwohnhauses und der Turnhalle entspann sich ein heftiges Wortgefecht zwischen den bürgerlichen Vertretern. Die Koste» des Neubaues des Realgymnasiums belaufen sich in ihrer End- Zusammenstellung aus rund 600 000 M. Der Entwurf zu diesem Neubau ist aus einem Wettbewerb hervorgegangen und zwar wurde der mit dem ersten Preis ausgezeichnete Entwurf in einer früheren Stadtverordnetensitzung bestimmt. Dem Wettbewerb war durch die dorgeschriebene Baustelle auch die Lösung einer mit dem reinen Schulbou nicht zusammen- hängenden Frage, nämlich der Gestaltung deS Bahnhosplatzes, zugewiesen. Der Bau selbst ist ein Ziegelbau, nur in dem erforder« lichen Umfang unterkellert, die Decken find massiv als Hohlstein- decken mit Linoleumbelag gedacht, um allen Anforderungen der Gesundheitspflege, der Staubbekämpfung usw. zu entsprechen. Für die innere Ausstattung und Ausschmückung sind nur einfache Mittel vorgesehen. Die Beheizung erfolgt durch eine Warmwasser- sammelheizung. Nach diesen Gesichtspunkten ist der Kosten- anschlag aufgestellt. Er schließt für die reinen Baukosten mit 335 850 M. ab, enthält aber auch die erforderlichen Nebenkosten. DaS Direktorwohnhaus ist als Einfamilienhaus gedacht und er- fordert die nette Summe von 30 000 M.. geräumig genug, sechs Familien Unterkunst zu gewähren. Für die Turnhalle nebst Abort- gebäude und Inneneinrichtung sind 34 000 M. vorgesehen. Was hals es, daß den bürgerlichen Vertretern ihr ganzes Sündenregister vor- gehalten wurde. An einen Aufschub kann jetzt nicht mehr gedacht werden, denn die Schule muß bestimmt am 1. April 1914 fertiggestellt sein. So wurde denn auch diese Summe gegen die Stimmen unserer Fraktion bewilligt, trotzdem vom Magistrat selbst zugegeben werden mußte. daß nian heute noch nicht wisse, wie eme neue Anleihe bei der be- stehenden übermäßigen Belastung der Stadt beschafft werden solle. Wir stehen im Zeichen der Geldkalamität und es ist noch gar nicht abzusehen, wie eine Befreiung aus dieser mißlichen Lage ge- schaffen werden soll. Zu befurchten steht allerdings auch jetzt wieder, daß dies aus Kosten der arbeitenden Bevölkerung geschehen wird. Da die Genehmigung eine» Nachtrages zur Grundwertsteuerordnung vorerst einer Kommisfionsberatung unterzogen werden soll, mußte die Festsetzung der Steuerzuschlage für 1913 vertagt werden. Jim alter Welt. ein vergebliches Mhen. Einem katholischen Kirchenfürsten, den Bischof Karlin von T r i e st, hat es die moderne Frauenkleidung angetan. Die eng sich an den Körper anschmiegenden Kostüme, die Raffiniert. heit, mit der die moderne elegante Krau die Linien ihres Körper» zur Geltung bringt, sind dem frommen Manne ein teuflischer Greuel. Er will nicht, daß die Männerwelt eine Kostprobe erhält von den Versuchungen, mit denen der heilige Antonios gemartert wurde, und darum versucht er mit einem Hirtenbriefe der sündigen Frauenwelt entgegenzutreten. In seiner kirchlichen Weltfremdheit glaubt der Bischof, daß das weibliche Geschlecht von dem modernen Kostüm ablassen werde, wenn er, der Bischof Karlin, dagegen sein Anathema ausspricht. Es heißt in dem Hirtenbriefe, daß die neue Frauenmode nicht der Gesundheit und der Schamhaftig- k e i t, sondern nur der sinnlichen Lüsternheit diene. Wer Sinn für Ehrbarkeit und Züchtigkeit habe, werde ihn verstehen. O. törichtes Hoffen! Es lohnt sich nicht, darüber zu streiten, ob nicht auch die jeweils geltende Mode ein Ausfluß der Kultur ist. lieber eines aber braucht man nicht zu streiten: lieber werden die glä-ebigen Chri st innen zu Heiden, ehe sie ablassen von einer Mode, die ihnen schön erscheint und die bewundernde Lufmerksamteit der Männer auf sie lenkt. Ja, Pessimisten behaupten sogar, wenn es Mode würde, daß die eleganten Damen in ihren Unterkleidern herumlaufen, die ganz eleganten würden bald ent- decken, daß es zierlicher und geschmackvoller sei, in Spitzenhöschen sich zu präsentieren.__ Proletariers Ende. Wie aus Chartres gemeldet wird, hatte eine aus sechs Personen bestehende obdachlose Landarbeiter- familie in einem Strohschuppen bei Illiers im Nordwest- lichen Frankreich Unterkunft gefunden. In der vergangenen Nacht geriet der Schuppen in Brand.— Die Frau und zwei Kinder wurden als Leichen hervorgezogen, die übrigen Personen erlitten lebensgefährliche Brandwunden.— In der Prager Vorstadt Holle- schowitz wurde heute der Gastwirt H u s a k, dessen Besitz der- steigert worden war, samt Gattin und fünf Kindern von zwei bis vierzehn Jahren in seiner Wohnung tot aufgesunden. Es liegt Selbstmord durch Leuchtgas- Vergiftung vor. Bauernschläue. Bei dem vor einiger Zeit erfolgten Kaufbeurer Bank- krach ist es zutage gekommen, daß Bauern von Darlehnskaffen- vereinen Geld zu billigem Zins entliehen und dieses Geld zu den Privatbankgesch ästen trugen, um so der Zins- spannung teilhaftig zu werden. Dieses Verfahren wird iu einer Berbandskundgabe des bayrischen Landesverbandes landwirt- schaftlicher DarlehenSkassenvereine aufs schärfste gegeißelt. Diese Bauern, heißt es da,.haben vor allem das erste Gebot deS Genossen- schaftswesens außer acht gelaffen, nämlich: einer für alle, alle für einen! Sie haben das Geld, das ganz andere ersparten und das sie, gar nicht benötigten, von den Darlehnskaffen abgehoben, um damit Geschäfte zu machen und für sich einen kleinen Gewinn herauszuschlagen. Dadurch haben sie die Bereine, die in der jetzigen Zeit an und für sich einen viel schwereren Stand haben, geschädigt und zwar mit ziemlichen Summen. Wie leicht kann es nun vorgekommen sein, daß Kollegen, die vielleicht das Geld im Betriebe äußerst nötig gehabt hätten, deshalb zurückstehen oder warten mußten.'_ Sturz zweier Ordnungssäulen. Wie aus Köln gemeldet wird, wurde am Donnerstag der in Köln ansässige Justizrat Leyendecker wegen umfangreicher Veruntreuungen verhaftet. Wie hoch sich die Schulden des Ver- hafteten belaufen, ist zurzeit noch nicht zu übersehen. Die Ver- Haftung Leyendeckers dürfte auf Veranlaffung des Vormundschafts- gerichts in Bonn erfolgt sein. Es handelt sich um die Ver- untreuung von Mündelgeldern, die der Verhastete zu verwalten hatte.— Fast gleichzeitig ist dem Kölner Kriminal- kommissar Hannemann ein kleiner Uufall passiert. Auch er wurde verhaftet, weil er Aktenunterschlagnngen vor- genommen haben soll._ Kleine Notizen. i Kindesmord. In Hamburg gebar die Stütze Luise Lehnstädt, die mit ihrer Schwester, der Kassiererin eines Warenhauses, in der Lübecker Straße wohnt,>inen Knaben in Gegenwart ihrer Schwester. Diese steckte den Knaben in das angefüllte Nachtgeschirr. Der Neugeborene ertrank. Beide Schwestern sind verhaftet worden. Hinrichtung eines Muttennörders. Am Donnerstag stüh wurde in M e s e r i tz der ISjähnge Muttermörder D e w a I d aus Brätz durch den Scharstichter Schwitz aus Breslau hingerichtet. DeWald war im Oktober vorigen Jahres vom Schwurgericht zum Tode ver- urteilt worden, weil er seine hochbetagte Mutter im Bette er- mordet und ihr eine Summe von über 1000 M. geraubt hatte. Explosion in einer Pulverfabrik. Eine furchtbare Explosion richtete in der kgl. belgischen Pulverfabrik von Wetteren große Verheerungen an. Bei der Explofion, die aus 20 Kilometer im Umkreis gehört wurde, büßten sechs Personen ihr Leben ein. während mehrere andere verletzt wurden. Der Schaden ist enorm. Brandunglück in einer Pulverfabrik. Donnerstag nachmittag brach in dem Preßwerk der Pulverfabrik in Troisdorf bei Sieg- bürg ein Brand aus. Bis auf einen Mann, der ver- brannte, konnten sich sämtliche im Raum befindlichen Arbeiter retten. Zwei Arbeiter erlitten schwere, drei andere leichtere Ver- letzungen._ Eingegangene Drudtrdmften* T ie Gemeindeverwaltungen im Kampfe gegen de» MkoholiSmus. Von Dr. A. Elster. 10 Ps.— Nep-s zur Altoholf»qge. Bau Dr A. Elster. 10 Ps. Intern. Guttemplerorden, Hamburg 30. Moderne Inquisition. 20 Ps.— Teutschlands Zukunft, Deutsch- lands Jugend. Von A. Vehrs. 10 Ps.— Truhbüchlein. Von ss. W. Stille. 60 P. Bund der techn.-industriellen Beamten, Berlin NW. 52. Die soziale Frage und der Sozialtsmns. Von Dr. F. Oppen- hcimer. 1,20 M. G. Fischer, Jena. Deutschland, die erste Industrie-, Handels- und Geldmacht der Welt. Von Dr. I. Minoprio. 50 Pf. Verlag H. Walter, Berlin BW. 20. Kranke Menschen. Von A. Ehret. 96«>.— Lebensfragen. Von A. Ehret. 85 S.— C. Kuhn, München. Das schwarze Revier. Von P. Zech. 50 Ps. A. R. Meyer, Wil- mersdors. Waghäuseier Str. 8. Die Gewerkschaften und die ArbeitSvermitteluug. Vortrag von P. Umbreit. 10 Ps. A. Cohen, Berlin N. 54. Philosophisches Wörterbuch von Dr. I. Rewer. 5 M, geb. 5,80 M. O. Tobies, Leipzig._ WttterungSüberstcht vom 6. Februar 1913. Stationen Swinemde. Hamburg i erlin ft-L |_ JS te— s« 759 WSW 760WSW 76lkSW Franks. a.M 766 Still Wien j 768 WS» Vetter 4 Bedeckt Zpedeckt Jbedeckt Nebel 4w ollig ANebel tos Ii k 4 5 4 3 3 l—l Stationen Haparanda Petersburg Scillh Aberdeen Pari» Zl Ii s| 749 754 759 754 765 15 S« "■B ONO W SSW SSW S bedeckt wölken! tvolkia 2bedettt bedeckt tt fe -12 —4 9 2 6 Wetterprognose für Freitag, den 7. Februar 191». Zeitweise heiter und am Tage mild, aber veränderlich bei zteockich leb» hasten südwestlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner W et terbnraa«. (ftcUßvmwmeC über 34,000 ähnlich lautende schriftliche Anerkennvngenl l Todes-Anzeigen Sozialdemokratischer Walilvereiii Li 4. Bert. Reiehstapwahlkreis. Stralauer Viertel. Bez. 208 I. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Tischler iKarK Bix gestorben ist. Ehre feinem Andenken: Die Beerdigung findet heute Freitag, den 7. Februar, nach- mittags Vi, llhr, von der Leichen- Halle des Zcntral-Friedhoses w FriedrichSseide aus statt. 210/20_ Der Norftand. Deutscher fiolzarbeiter-Verhand. Zahlstelle Berlin. Den Milgliedern zur Nachricht. dag unser Kollege, der Tischler Karl Bix im Alter von 30 Jahren ge- storben ist. Ehre seine» Andenken: Die Beerdigung findet heute Freitag, den 7. Februar, nach. mittags Vi, Uhr, von der Halle deS Zentral- Friedhosts in Friedrichsseide aus statt. zur der Den Mitgliedern serner Nachricht, daß unser Kollege, Tischler psiii Rocher Mirbachslraße 73, im Atter von 32 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute Freitag, den 7. Februar, nach. mittags 3 Uhr, von der Halle des GemeindesriedhoseS in Friedrichs. Hagen aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 78/18 Die Ortsverwaltung. Dtt�ksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reicken Kranz- spenben anläßlich des Tod eS unteres geliebten Gatten und Vaters sprechen wir Hiermit allen Verwandten. Be- kannten, Kollegen und dem Gesang- verein unseren herzlichsten Dank auS. Helene Häufte und Kinder. Sozialdemokratischer Wahivereio f.d. 6. Berl. Reichstags- Wahlkreis. Tode«- Anzeige. Am Dienstag, den 4. Februar, verstarb uriser Genosse, der Agent Wilkelm Werber Brunnenstr. 6(Bezirk 491). Ehre seine« Andenken: Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 8. Februar, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des Freireligiösen Friedhofes in der Pappelallee aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Her- Vorstand. Sozialdemokratischer Wahivereio für Schöneherg. Bezirk 6. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser langjähriges Partei- Mitglied, der Portier Albort Köhn im 55. Lebensjahre nach kurzer Krankheit verswrben ist. Ehre seine« Andenken: �Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 8. Februar, nach- mittags 4 Uhr. von der Halle des Berlin-Wilmersdorser Friedhoses, Berliner Sir. 101—103, aus statt. Um zahlreiches Erscheinen der Mitglieder ersucht 15/3 Ter Borftand. Verband d. Brauerei- uJuhlen- arheitern. verw.ßerufsgenosseo. Zahlstelle Berlin. Unseren Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, daß der Kollge, Flaschenlellerarbeiter Wilhelm Süß (Königstadt-Brauercij im Alter von 50 Jahren ver- storben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigimg findet am Sonnabend, den 8. Februar 1913, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des HeUig- Krcuzkirqhoses in Mariendos, Eijenachcr Str. 62 aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 2/10 Tie Lrtsverwaltung. Skalltzer Straße 12« Saal für zirka 200 Personen durch Zufall sreigeworden, noch zum 3, März zu vergeben. frcIrellglSfe Gemeinde. Otto Friederici-Geiltlclitnisteier Geboren 17. 12. 1841. Gestorben 25. 1. 1913. Am Sonntag, den V. Febrnar ISIS, nachmittags Z UHr: — in«nserer Halle, Pappel-Allee IS— 17.—- 55/4 Gedächtnisrede: Herr Waldeck Manasse. Verbaud der Sattlern. PortefeuilJer Ortsverwaltung Berlin. Den Kollegen hiermit zur Nach- richt, daß unser Mitglied, der Militärsattler Vildelm Ssllllsed Werkstatt de la Crolx, infolge eweS Unglückssalles verstorben ist. Ehre seine« Andeuken! Die Beerdigung findet in Waldkappel bei Kassel statt. Die Ortsverwaltung. Verein für Frauen nnd Mädchen der arbeitenden Klassen. Am Montag, den 3. Februar, oerstarb unser langjähriges, treues Mitglied, Frau Martha Schensch Wrangelstr. 29. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Freitag, 7. Februar, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral-Friedhoscs in Friedrichs- jeide aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der' 53/5 Borftand Danksagung. Für die herzliche T-ilnayme und zahlreichen Kranzspenden bei der Be- erdigimg unseres lieben Sohnes, Bruders und Schwagers des Schuh- smacherS Georg Brandt age n wir hiermtt allen Freunden und Bekannten sowie den Genossen deS 6. Wahltreises und dem Sparverein Dalles- Brüder unseren innigsten Dank. Im Namen der Hinterbliebene» Karl Brandt und Frau. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mtglied, der Schmied Altreft Lute Chodowieckistr. 26 am 28. d. M. durch Unfall ge- storben ist. Ehre seine« Andeuken I Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 8. Februar, nach- mittags 2'/, Uhr, von der Leichen- Halle deS Zentral-Friedhoses in Friedrichstelde aus statt. Rege Beteiligung erwartet 112/7 Ole Ortsverwaltung. 41t Bruchbandagen, m Leibbinden, Geradehalter, Irrigateure, Spritzen etc., Snspcnsorien, sowie alle Artikel z. 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Saal mit Buhne 200 Personen fassend, für Vereine am Sonnabend, den i. März, auch Sonntage vor und nach Ottern noch frei. E. Gramattes GeseliseiiattsIiaQS, Berlin BT., Bergstr. 12. □OD □DD □□□ Thealer und Vergnügungen nun □DD □□□ Freitag, den 7. Februar 1913. Anfang 7 Uhr. Deutsches. Der lebende Leichnam. Anfang 7>/, Uhr. Kgl. Opernhaus. Manon. Kgl. Schauspielhans. Eolberg. Zirkus Busch. Gala-Vorftellung. Zirkus Albert Schumann. Gala- Vorstellung. Ansang 8 Udr. Urania. Die Weltmacht deS TisenS. Hörsaal 3 Uhr: Dr. Eckstein: Winter im Walde. «Sniggrätzer Strafte. Die fünf Frankfurter. Kammerspiele. Schön« Frauen. Deutsches Opernhaus. Tiefland. Lefiing. Die Weber. Drianon. Wenn Frauen reisen. Theater am Rollendorsplatz. Die Studcntengräsin. Komödienhaus. Die GeneralSeck«. Groft-Berltn. Das Fürstenkind. Berliner. Filmzauber. Montis Operetten. Der Frauen- sresser. Theater des Westens. DI« beiden Husaren. Deutsches Schauspielhaus. Der gute Ruf. Professor Bernhardt. Die irau Präsidentin. en. Die Geschwister. Elga. nbnrg. Di« was los. — ins AleineS. Residenz. Thalia. Schiller O. Schiller- Eharlottenbnrg S chmeiterlingSschlacht. Luisen. Heute ist bei unS Metropol. Chausseur Metropol. Rose. Mein Leopold. Herrnfeld. Die Älpenbrüber. Wüsten- moral. Easino. Am grünen Strand der tepree. Wintergarten. Spezialitäten. Apollo. Brüderlein sein. Speziast- täten. ReichShallen. Stettiner Sänger. Ansang 8>/« Uhr.< Friede.- Wtlh. SchauspielhanS. Der Zaungast. Lustspieihaus. Masolika. Walhalla. Goldener Leichtsinn. Folics Caprice. Die Doppelfirma. Die Tochter der Braut. Anfang 8'/, Uhr. Neues VolkStheater. Helden. Ansang 3 lihr. Ndmiralspalast. Eisballett: Flirt in St. Moritz. Sternwarte. Jnvalldenstr. 57—62« Montis Operetten-Theater rtv Keues Theater). Amt Norden 1141. " 8 Uhr: Der fvauenfrefkr. Sonnabend: Der liebe Augustiu SMler-sdeslero.� Freitag, abends 8 Uhr: vi« Hesedtvist«!-. Lisa, Eonnabend, abends 8 Uhr: Wolkenkratzer. Sonnlag, nachmittags 3 Uhr: Vas Konzert. Sonntag, abends 8 Uhr: Crlel Acosta. Sehiller-Tlieater Ch#brÄon' Freitag, abends 8 Uhr: Die Schmetterlingsschlacht. Sonnabend, abends 8 Uhr: Die Reise durch Berlin in 80 Stunden. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: vie Jüdin von Toledo. Sonntag, abends 8 Uhr: Die Reite durch Berlin In 80 Stunden. Berliner Theater. s uhr: Filmzauber. uhr: Brand. Deutsches Sclianspielhaus 8 Übt: Der Theater des Westens. 8 Uhr: Die beiden Hnsaren. Sonnt, nachm. 3>/.UHr: Frauenkresser. 8. An allen Tagen der Woche 3 Uhr: Die Studentengräfin. ut Residenz-Thealer. uhr. Die Frau Präsidentin. (Madarao la Presidente). Schwankt. 3 Akt. o.Hennequin u. Beb er. Morgen und jolgende Tage: Tie Arau Präsidentin. Sonntag. 16. Februar, nachm. 3 Uhr: Der Schlafwagenkontrollenr. Luisen-Theater. Freitag, abends 8 Uhr: Künstlerfest. Festvorstellung: ..kellte Ist bei uns vas los!" fünf lustig- Bilder mit Gesang und anz von Erich Flatau. Musik vom Kapellmeister Kurt Stüdemann. I0SE=THEATE 1 Groß« Frankfurter Str.!S2. JMewi Leopold. Volksstück m. Ges. in 3 Akten von Adolph L'Arronge. Musik v. Bial. Sonnabendnachmittag 4 Uhr: Robinson Crusoe. Abends 8 Uhr: Mein Leopold. Urania Wissenschaftliches Theater. Tanbenstrafie 48/40. Freitag 8 Uhr: Dl« Weltmacht des Eisens. Hörsaal 8 Uhr: Dr. Eckstein: W inter i. Walde. Walhaila-Theater. Weinbergsweg 10/20. Rosenthal. Tor. Nur noch bis 12. d. Mts.: Goldener l-elchtslnn. Am 15. Februar: Premiere der neuen pßen Jahres- Revue Parole„WPihalla". Sonntag, 3. Febr., nachmitt. 80, Uhr: Gastspiel-Ensemble Böhm Heinrich Heine. Kleine Preise. Trianon-Tbeater, Wenn Frauen reisen. Ansang 8 Uhr. Folies Gaprice. Anfang S'l, Uhr. Die drei Saison- Schlager: In Sachen Kahenstetn. Die Doppelfirma. Die Tochter der Braut. tfetropol-Theater Cbanffeur-insjffetropol! Große JahreSrevue mit Gesang und Tanz in 10 Bildern. vtto Reutter a. G. mit gänzlich neuem Repertoire. Ansang 8 Uhr. Rauchen gestattet. Ab 8 Uhr: Die grandlosen Spezialitaten. 9 Uhr; Berlins Liebling I Harry Waiden in seiner Groteske ,0er Herzog von Westminster." Voigt-Theater. Gesundbrunnen, Badstrafte S8. Freitag, 7. Februar 1913, 8'/, Uhr: Zum Benefiz sür Hedwig! Kruhmer Stolz w. Itlebe. Schauspiel in 5 Ausz. bon Rod. Fels. Kassenerössnung 7 Uhr. Je fil AnCi:: Berliner:: iVilllft Konzerthaus Mauerstrale 82.— ZimmerstraSe 90/91. Großes Doppel-Konzert! Musikc. 1. Garde- Hragoncr-Begts.« Dirig.: Oberm. Baarz — Zillerthaler und Tegernseer Sänger—— Schuhplattler und Jodler! istieb von Dpei-Köniistiier, dem kosil. aller lueb. Doppeiliiere. Anfang 8 Uhr. Eintritt SO Pf. Anfang 8 Chr. Neue Welt Arnold Scholz Hasenheide 108/114 Taglich: Bockbierfest"ws in den bayerischen Alpen. Wunderbare Alpendekoration. 5 Kapellen. 30 bayrische Mad*l« Anfang 7 Uhr. Entree 30 Pf. Zirkus jUbertSehnmann. Heute Freitag, 7. Februar, abends 7'/, Uhr: N6u! Laurent-Trio Neu! Gymnastischer Kraft-Akt Mr. Laurent, der amerikanische SteinschlSger, benutzt seine Faust als Eisenhammer und aertriimmert Feldsteine von 7— 8 Pfd. Prolongiert I Cäsario« liösven- n. Tiger-Grnppe Die wildeste Dressur d. Gegen«. JPW Um 9'/. Uhr: IM Der auBichtbare Mensch. 4 Bilder aus Indien. MM» Der Höhepunkt des Lach-Erfolges! mit Anton und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen. Ans. 8 Uhr. Vorverk. 11-2(Th-aterk.) �g88gg0-�llN0pt!>lUM 8» Mtz | vom Stamme der Ignrroten, Lebend I Ohne Extra-Entreel Zirkus Busch. Heute Freitag, 7. Februar, abends 7'/, Uhr; Das Problem; Wie liuft man an der Decke? ist gelöst durch d. mysteriösen Deckenlänfer. Nur n. kurze Zeit: Mac Norton, das menschliche Aquarium, sow. d. gea. gr. Qalaprogramm. Zum Schluß:„Scvill»"- Avis I Sonntagnaohm. S'/jU.: „Unter Gorilla«". Nachm. hat jeder Erwachsene ein angehdr. Kind unt. 10 Jahren auf d. Sitzpl. frei. Jed. weitere Kind unter 10 Jahren zahlt die Hüllte auf den SitzplätzenJ Ä Casino-Theater Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr: Allabendlich anerverkautt. ttzthrmiMche Heiterkeit! Die Berliner Lokalposfe Am grünen Strand d. Spree. Größter Kassenersola seit Bestehen. Tiiölltor Königstadt-Casino. Eck- Holzmarkt, u. Alexanderstraß-. 1 Minute v. Bahnh. Iannowitzbrücke Tägl. abdS.'1,8. Sonnt.'/,6 Uhr: I'nppchen tadello«. Posse m G-s. in 1 Akt— und da, aroft. Spezialitätenprograuim Jed 1. u. 16.: Programmwechjel. kelehshaUeo-Thesler Ztöttiner Zängar. Neu! __ Humoreske. Anfang 8 Uhr. Admiralspalast. Allabendlich: Das neue mit durchschlag Erfolg aufgef. ElStialiGit | Flirt inSt.Moritz| 'I.Akt: WkiW'sport in St Moritz. 2. Akt: Soiree im Luiushotel. 3 Akt: Japanisches Fest. Unter Mitwirkung , der kl. Charlotte. Bis 6 U. u. v. 10*/« halb.Kass.-, I preise. Wein- u. Bier-Abt.| Sonnabend: Der uebe«uguutu. anenos o � mgrtiWc:w" �VtzMMrZMNeiisktellr: Wrkd Wielepp« Neukölln. Lür fteo Lnlerczt»utetlverantw.: Tft. Glocke. Buttu. D«u!lt.L«la«l vorwärH Ächtwuck««,». Lerlagsanftatt LaulStna« u-ttld. lsertm-ri«.