Ur. 44. HbonRcmcnts-Bcdineungsn; Jffionnemciitä- Preis vränumerando: Lierteljährl. S,M Mr., rnonall. l,10 Mü, wöchenllich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nunmicr S Pfg. Somüugs- nunimsr mil iDufiticttcr Sonniags- Bcilago..Die Neue Welt" 10 Psa. Post- WbonnetneiU: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Posi-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband tüt Deutschland und Oesterreich- Ungar» 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Postabonnemenls nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. erlchiint täglich ander montags. Verlinev VolKsblnkt. Zcntralorgan der fozialdcmokrati fehert Partei Deutfehiands. Die TnkrtionS'Gcbüfjr kelrägt für die fechsgespaltcnc Kolonel- zcile oder deren Rannt VO Pfg., für politische und gewcrllchaftliche Lcrcins- und Bersammlungs-Anzeigen LO Pfg. „Meine dtnrcigen". das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Echlafstellellgu- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lö Luch- fiaben zählen für zwei Worte. Jnseraic stir die nächste Nummer müiscn bis t» Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Erpedilion ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „Soalalltcniokrat Berlin". Redaktton: öül. 68, Ltndcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplat?. Nr. 1982. HmeriHa und die mexikanische Revolution. In öllm unglücklichen Meriko ist wieder einmal eine Revolution ausgebrochen. In seiner Hauptstadt knallen seit acht Tagen Flinten und Kanonen, zahlreiche Häuser sind zer- stört und viele Menschen sind getötet und vertoundet; der Präsident Vtadero ist mit seinen Getreuen gefangen ge- nommen. Hier wird die Behauptung, daß die Wieder- holungen der Geschichte das eine Mal Trauerspiel,.das andere Mal Farcen seien, aufs neue bestätigt. Die früheren Erhebungen, von mehr oder weniger ehrlichen Frcun- den der Volkssraiheit unternomnien, richteten sich gegen das Scheusal aus dem Präsidentenstuhl, Porfirio Diaz. Tie heutige ist von Diaz' Anhängern und Söldnern gegen das etwas liberale Regime des inzwischen hinter Schloß und Niegel gebrachten Präsidenten Madero angezettelt. Ratür- tich auch im Namen der Freiheit! Die Volksinasse steht dieser Revolte niit ziemlicher Gleich- giiltigkeit gegenüber. Das beweist die geringe Zahl der Konibattantcn und die verhältnismäßige Ruhe außerhalb der Hauptstadt. Die geschundenen Proletarier haben Ursache ge- n-ug. sich von diesen Revolutionären, die jetzt die Hauptstadt beschießen, so fern wie möglich zu halten. Als im Frühjahr 1911 der Sturm gegen das Diazsche Regime anhob, waren weite Schichten des städtischen und ländlichen Proletariats anit Herz und Faust dabei. Madero und seine Gesinnungsgenossen hatten die Befreiung Mexikos und seines Volkes auf die Fahne geschrieben. Seit 35 Iabrcn hatte das Land unter der Gewaltherrschast des Schurken Diaz gelitten. Durch Be- trug und Brutalität hatte er es fertig gebracht, daß er nach jedem Amtstermine immer wieder„praktisch einstimmig" zum Präsidenten„gewählt" worden war. Unter gemeinster Ver- gewaltigung der Verfassung— aus dem Papier eine der beste»— wurden die eingeborenen Iaguis und Mayas, Männer, Frauen und Kinder, an die Plantagenbesitzer für einige hundert Mark verkauft. Weit über 100 000 Eingeborene tzonrden allein in Merida und Jucatan ihrer Scholle beraubt, um dann auf derselben„nun ihre Schulden abzuarbeiten", mit Peitschen zur Arbeit für die großen Landdicbc und Aus- beuter getrieben. In ein, zwei, drei Jahren waren die Ge- sündesten zu Tode geschunden. Ihren Leidenökollegen in der Industrie ging es nicht besser. Tie Energischeren unter ihnen flüchteten in die Berge, lebten das traurige Leben der Ge- ächteten, lieferten von Zeit zu Zeit den Tiazschen Bluthunden Scharmützel. Als dann die Kunde von einer Erhebung zu ihnen drang, stellten sie sich zu den Feinden der Regierung. Den vereinten Anstrengungen gelang es nach langem Kampfe, den Diaz zu verjagen. Sein'Nachfolger, Madero, wurde von den Hoffnungen der Unterdrückten ins Amt geleitet. Von dem. was Madero versprechen, hat er wenig oder nichts gehalten. Gewiß hatte seine Politik einen liberalen Einschlag, aber das große Sehnen der unteren Schichten hat er nicht erfüllt. Die Sklaverei und politische Unterdrückung besteht in kaum gemilderter Schärfe weiter. Früher wie jetzt triumphiert das Kapital. Das arbeitende Volk aber klagt und hungert weiter. Die Unterdrückten griffen für ihre Befreiung zum Schlvert und erreichten nichts als einen Wechsel ihrer Unterdrücker. Vielleicht ist. es ein Unrecht an Madero, zu behaupten, er unterscheide sich von Diaz nur dem Grade, nicht dem Wesen nach. Unter den obwaltenden Umständen mochte es vielleicht auch einem Manne von zweifelsfreicr Ehrlichkeit und lauterer Freiheitsliebe nicht gegeben sein, des Volkes Sehnen zu erfüllen, weil er sich jener Ueberinacht beugen mußte, die Tiaz geflissentlich gefördert hat: der Macht des a m e r i- k a n i s ch e n Großkapitals. Denn die eigentlichen Be- sitzcr und Beherrscher des lebenden und toten Inventars Mexikos sind die paar Finanzpiratcn der Wallstreet zu New Jork. Inwieweit diese an der gegenwärtigen Revolte beteiligt. sind, läßt sich dank der strengen Zensur und dank der aus. purem Eigennutz guellenden Lügenhaftigkeit der kapita- llstischen Organe Amerikas nicht bestimmt sagen. Alle Nach- richten über den Stand der Dinge in Meriko müssen über ameritanische Telegravhendrähte, deren Besitzer, alles Leute der New Yorker Wallstreet, das größte Interesse haben, nichts über die Entstehungsgeschichte mexikanischer Revolutionen. das wäre die Darstellung der Profitgier und der Gewissen- losigkeit ihrer Klasse, durchsickern zu lassen. Wie jedes Kind weiß, hatte die Hochfinanz der Wallstreet bei allen Nevolu- tionen in Zentralamerika und hat sie vor allem auch bei der jetzigen in Mexiko ihre Hand im Spiel. Wenn das noch ans- drücklich bewiesen werden müßte, so brauchte man nur auf die Führerschart des gegenwärtigen Aufstandcs hinzudeuten. Ihr Haupt ist der Nene des früheren Präsidenten Tiaz. der che- malige Polizoiches von Mexiko. Als solcher verrichtete er Dienste für die amerikanische Hochfinanz, wodurch er zu deren Vertrauensmann wurde. Daß er im vollen Einverständnis seines Onkels, wenn nicht auf dessen direkten Befehl, handelt, steht außer allem Zweifel. So wenig auch Präsident Madero während seiner Amtszeit ficr das arbeitende Volk getan und obgleich er alles vermieden hat, die Privilegien der Wallstreet anzutasten, das Vertrauen des amerikanischen Großkapitals will ihn nicht beglücken. Was die Ursachen dieser Mißgunst «uch, läßt sich vorderhand nur ahnen. Immerhin eins weiß Expedition: 8«l. 68, Lindenstrasee 69. Fernsprecher: Amt Moristplast, Nr. 1981. I man bestimmt, eine Gruppe der großkapitalistischen Organe l deuten der neuen Regierung erwählt. Verschwörungen gegen ert_'••. 1___ /�- 1.. 1___•.r___ Cttv.rtfT.-i fmh rie»rc»tf& emthprff ItinrhpfT(?r TtPtl hfMt CHcilßCfll»rtiinCCSCO der Vereinigten Staaten, imonderheit die gelbe Presse, schreit | wie besessen nach bewaffneter Intervention. Die Hearst-Blätter .beschuldigen sogar die Taftsche Regierung, sie halte die Be- richte über die Brutalisiening weißer Amerikanerinnen, durch I Mexikaner zurück, um die Regierung zu stützen. Damit tut sie den Washingtoner Machthabern sicherlich unrecht. Denn diese würden keinen Augenblick vor einer Intervention zurück- : schrecken, wenn es die Interessen ihrer Klasse geböten. Denn Taft hat schon wiederholt, erst als Kriegsmiktistar(1908) und später als Präsident amerikanisches Militär über die Grenze gesandt. In den Grenzstädten, auf amerikanischem Boden, duldet er cm ganzes Heer von Spionen. Judassen und Provo- kateuren, die notorischcrweise im Solde Mexikos stehen. Wiederholt hat er mexikanischc�Flüchtlingc wieder zurück vor die Flinten der mexikanischen Soldateska treiben lassen. Und als vor einigen Tagen die ersten Zeichen des beginnenden Auf- standcs sich zeigten, wurden Kriegsschiffe an die mexikanische Küste gesandt. Diese werden jedoch nur in alleräußerster Not intervenieren, und dann jedenfalls nicht zugunsten der Be- endigung des Bluwergießens. Ter Wallstreet kann nichts vorteilhafter sein, als wenn sich die wehrfähige Mannschaft Mexikos gegenseitig ausreibt. Je schwächer der vielgeliebte Nachbarstaat, desto günstiger sind die Aussichten des amcri- kanischen Kapitals. Das ganze Wirtschaftsleben und die Staatsmaschineric Merikos wird von amerikanischem Geld bewegt. An die 1000 Millionen Mark hat die Wallstreet in mexikanischen Werten angelegt. Seine Minekalfcksiitze, Schmelzwerke und Minen besitzt Guggenheim u. Co., feine Oelquellen schöpft der Ocltrust aus, seine Gnmmifelder, feine Bahnen, seine Banken sind im Besitze amerikanischer Kapitalisten oder werden zum mindesten von diesen kontrolliert. An der Sklaverei in Jucatans Plantagen ist der aincrikanische Seiltrnst stark be- teiligt, da er nachgerade den ganzen dort produzierten Hanf verarbeitet. So groß nun auch die Interessen der amerikanischen Hochfinanz in Mexiko sind, eine bewaffnete Intervention inuß ihr solange für nicht tunlich,.für gefährlich erscheinen, solange nickst unternormnen wird, an ihren zahlreichen Privilegien und vielseitigen Rechten zu rütteln. Das ist nun zwar bis jetzt auch noch von niemand, gewagt worden. Immerhin, sie mochte Grund haben, zu befürchten, daß Madero ihre Profit- gier und ihren Erpansionstrieb nicht mit der Wärme unter- stütze, die sie bei Tiaz immer fand. Durch diese Eventualität sah sie sich bestimmt, der gegen Madero ziehenden Tiazclique Herz und offene Hand entgegenzuhalten. Wie bei früheren GelcgenlMten, so wird auch diesmal wieder die Annexion Mexikos verlangt. Mit dieser Forderung wird die gelbe Presse Amerikas vorläufig kein Glück haben. DieS nicht etwa, weil das Völkerrecht im Wege steht. Um völkerrechtlich: Bestimmungen, Verfassung, Gesetze und Ver- sprcchn haben sich die Hcmdsärnleldiplomatcn in Washington nie geschert. Mit der gleichen Skrupcllosigkeit, mit der sie Kuba, die Philippinen und Panama weggenommen haben, würden sie auch Mexiko annektieren, wenn dadurch die Jnter- essen des amerikanischen Kapitalismus gefördert werden würden. Aber das ist eben nicht der Fall. Der Annektierung Mexikos müßte die Demokratisierung seiner Staatseinrichtungen folgen: den Bürgern, Eingc- borenen wie Weißen, müßte daS aktive und passive Wahlrecht verliehen und sie zur Verwaltung der Geineinden und des Staates zugelassen werden. Da kann ein Staat, der sich nicht genug brüsten kann, die Sklaven befreit zu haben, unmöglich in dein natürlich im Namen der Freiheit annektierten Gebiet die Sklaverei weiter s�e stehen lassen. Er müßte den Menschen- Handel verbieten, die miglücklichn Iaguis und Mayas dürften nicht mehr zwecks Steigerung der Dividenden des Seiltrusts gefangen gehalten und zu Tode geschunden und geprügelt werden. Ten Sklaven der Textiltrustherren und Bahn- Magnaten müßte das Koalitionsrccht gewährt werden und mit der Massakrierung hungernder Arbeiter würde es seine Schwierigkeiten haben. Alle diese Nachteile würde die Annexion dem amerika- nischen Ausbeutertnm bringen. Sie bilden die Garantie, daß die Wasbingtvner Regierung auch fürderhin proklamiert, sie denke nicht daran, die Souveränität Mexikos anzutasten. Solange Aussicht vorhanden ist, daß sich in Meriko solch billige und willige Förderer der Privilegien der Wallstreet finden, solange wird sich die amerikanische Regierung zum Beschützer der mexikanischen Unabhängigkeit aufspielen. Da das noch der Fall ist, so wird es vorderhand nicht zur Annexion kommen. sollte trotz aller Vorsichtsmaßregeln einmal eine unsicher ergebene oder zu viel klingende Anerkennung fordernde Cligne in Meriko zur Macht gelangen, dann wird sie nicht zögern, sie durch Anzettelung und Unterstützung eines Rcvolntiön- chens zu beseitigen oder gefügig zu machen. Das bat die amenkamiche Hochfinanz bis jetzt immer getan, das tut sie in dielen Tagen, das wird sie auch fürderhin tun. Denn es ist Huerta sind bereits entdeckt worden. Er ließ den General Francesco Roinero verhaften, der beschuldigt wird, an einer derselben beteiligt gewesen zu sein. Huerta veröffentlicht eine Erklärung, daß vor dem Staatsstreich zwei Attentate auf ihn verübt worden seien, die er Madero zuschreibt. Im ersten Falle versuchte einer der Demonstranten, ihn im Palast zu töten: der zweite Anschlag erfolgte bei dem Bankett, auf dem Gustavs Madero verhaftet wurde. Man bat Huerta unaufhörlich. Wein zu trinken, den er aber zurückwies. Die chemische Untersuchung des Weines ergab später, daß er mit Cyankali vergiftet war. Madcros Schicksal. Mexiko, 19. Februar. Der ehemalige Präsident Madero und sein Bruder Gustavo wurden heute in früher Morgenstunde unter starker Bedeckung aus dein Rationatpalast in das Arsenal übergeführt. Gustavo wurde kurz nach 9 Uhr morgens aus dem Arsenal geholt und erschossen. Mexiko, 29. Februar.(Meldung der Associated Preß.) Der Befehl des Präsidenten Huerta, durch den Madero verhindert wurde, sich seiner mit dem Zuge nach Veracruz abreisenden Familie anzn- schließe», erfolgte in der letzten Minute. Die Botschaft Huertäs wurde durch Lascurain überreicht, der keine Erklärungen geben konnte, Fran Madero brach in Tränen au-Z. Sie reiste dann mit der übrigen Gesellschaft ab, da sie die Pläne HnertaS fürchtet. Sie Friedenspolitik der deutschen Sozialdemokratie. Eine Samnicmde von Albert Thomas. Paris, 19. Februar.(Eig. Ver.) In der Budgetberatung der französischen Deputierten- kammer am Montag bekam Genosse Albert Thomas Gelegen- hcit, mit den französischen Verleumdern der deutschen Sozial- dcmokratie abzurechnen, die diese als„patriotisch", d. h. natio- nalistisch und militaristisch darzustellen und den französischen Arbeitern in dieser Gestalt als Muster vorzuhalten lieben. In den letzten Monaten konnten sie sich bei ihren Tendenz- lügen aus einen Gewährsmann berufen, den seine Zugehörig- keit zur französischen Partei und sein wissenschaftliches Ansehen zum eimvandfreicn Zeugen zu stempeln schienen. Charles Andler, der bekannte Literaturprofessor der Sorbonne, der seinerzeit ein Buch über die Entstehung des deutschen Staats- sozialismus und eine Uebersctzimg dcS kommunistischen Manifests mit einer interessanten Einleitung über die Vorgeschichte dieser Schrift veröffentlicht hat, ließ ini November und Dezember in der Revue„Nction Nationale" einen Artikel los, worin er mittels zusammengeklaubter Zitate vornehmlich ein den H i l d c b r a u d s ch c p Schriften, sowie aus Aufsätzen von Schippe! und Leuth» er und mit kühnen Zusätzen eigenen Fabrikats zu beweisen suchte, daß die deutsche Sozialdemokratie preußisch-militaristisch und kolonialistisch-imperiallstisch verseucht sei und rcdlichcrweise aus er Internationale austreten müßte. Der Artikel war natürlich gefundenes Fressen für die offen nationalistische ünd Pseudo- radikale Presse, die noch immer davon zehrt �und auch die einzig unverfälschten Jntcrnationalistcn des Syndikalismus begrüßten ihn mit Hurra und begannen in der„Action Onvrierc" seinen unverkürzten Abdruck. Unter diesen llmständcn war es nicht nur eine charaktervolle Bekundung internationaler Solidnrstät, sondern auch ein wichtiger Akt der Selbstverteidigung, daß Genosse Albert Thomas den gegen die französischen Sozialisten ausgebeuteten?Närchcn den Garaus machte. In seinem Bericht über die direkten Steuern hatte der Budgetrcfcreiit, der Radikale C h e r 0 n, unsere Genossen anzuzapfen versucht, indem er ihnen, als sie ihn bei seinen Ausblicken auf die neuen Militärforderungen unterbrachen, ironisch zurief, daß sie lieber ihren deutschen Genossen raten möchten, die Annahme der geforderten Kredite zu verhindern. Das war, mi t einer nicht unabsichtlichen Zweideutigkeit formuliert, die Unterschiebung der milltaristischen Abstimmungen der So- zialdemokratie. Thomas legte in seiner Erwiderung die Stellung dar, bie_ die sozialistische Internationale überhaupt und ihre französischen und deutschen Zweige in der jetzigen Periode des Rüstungsfiebers einnehmen. Er sagte: „Air werden in unseren crnsten.Bemühungeii gegen die HcercS- und MarineanSgaben in diesem Hous fortfahren. Sic, Herr Cheron, haben protestierend aus die Situation jenseits des Rheins hinge- wiesen. Auch ich verfolge für mein Teil mit erregter Aufmerksamkeit die Erhöhung der militärischen Ausgaben, die der„Temps" vor kurzem aufgezeigt hat. Ja wohl— in Deutschland werden bald Lt!b 999 Mann unter den Waffen stehen. In wenigen Monaten wird die deutsche Armee die unsere um inchr als 3ö v. H. übersteigen. Zum erstenmal seit 12 Jahren wird sie ihre llcberlegenheit über uns verdoppeln. Meine Herren! Auch wir denken über diese Tinge nach. Aber erlauben Sic uns, darüber in einer von der Ihren etwas ver- ichiedenen Weise nachzudculen Bor allem lassen Sie mich, Herr Gcneralbenchterstattcr, gegen die Behauptung protestieren, ....----,____......._____. � daß die deutschen Sozialisten die Militärkredite bewilligen immer noch weniger kostspielig und birgt nicht die großen Paris, 20. Februar. In der radikalen Presse wird der Widerspruch gegen den Gedanken an die Wiedereinführung der dreijährigen Dien st zeit immer lebhafter. So schreibt das„Evenement": Die Kanimer, die gewiß zu allen Opfern bereit ist und alle Kredite, sowie alle Bestimmungen zur Verstärkung der Kavallerie billigen wird, wird die Wiederherstellung des dreijährigen Dienstes ablehnen, den das Parlament vor einigen Jahren fast einstimmig ab- geschafft hat.— Die„Lanterne" erklärt: Um die Mannschafts- bestände in Friedenszeitcn zu verstärken, gibt es andere, weniger drückende Mittel als die Rückkehr zum dreijährigen Militär- dienst.— Die„Action" meint: Besser als durch jedes andere Mittel wird Frankreich in einer allmählichen Verwirklichung der Ouadruplecntcnte, das heißt in einem engeren Anschluß an die Balkanstaaten, das Gegengewicht gegen das neue Schwert finden, das Deutschland in die Wagschale ge- warfen hat.— Der gemäßigt republikanische Deputierte Charles Benoist erklärte einem Berichterstatter, er sei der An- ficht, daß die gegenwärtige Haltung Deutschlands weniger eine Drohung gegen Frankreich, als eine Vorsichtsmaßregel gegen eine etwaige panslawistische Bewegung bilde. Tie Botschaft Poincartis. Paris, 2l>. Februar.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Die Botschaft, die heute in Kammer und Senat verlesen wurde, ist ziemlich nichtssagend. Bemerkenswert ist höchstens neben einem nicht ganz eindeutigen Bekenntnis zu einer„gerechten" Steuer- und Wahlreform, die Betonung einer„festen und voraussehenden Exekutivgewalt". Dann macht Poincare Propaganda für � die neuen Rüstungsmaßnahmen. Zum Schluß versichert die Botschaft, daß Frankreich im Verein mit ganz Europa daran arbeite, die furchtbaren Gefahren der Balkankrise zu beschwören. llnternehmet-Iheke. Obgleich der Reichstag vor kurzem mit großer Mehrheit die kon- scrvative Resolution auf Verbot des Strcikpostenstchens abgelehnt hat, hört die Unternehmerhetze zur Beseitigung des Koalitionsrechts der Arbeiter nicht auf. Tie Unternehmer kleiden diesen Wunsch aller- dings in die Forderung auf vermehrten Schutz der Arbeitswilligen. Das klingt dann so, als ob ihnen nur die Sorge uni das Arbeiten- können einzelner Individuen darüber geklagt habe, datz auch der Freisinn die Zuschläge für die ki einen und unteren Ein- kommen eingeführt habe, sich dadurch selbst ins Geficht schlage, datz sie jetzt feststelle, datz von den Zuschlägen nur 3'/, Millionen auf die Einkommen unter 3000 M. entfallen. Als ob nicht auch drei« einhalb Millionen schon ein unerhörtes Unrecht gegenüber den nichlbesitzenden Klassen bedeuteten! Ein Schwindel der„Freisinnigen Zeitung' aber ist es, wenn sie ihren Leser immer wieder die sozialdemokratische Forderung, die auch Ströbel nach- drücklichst im Landtag erhoben hat. unterschlägt, datz natürlich die Steuerzuschläge für die kleinen und mittleren Einkommen unbedingt beseitigt werden müßten l Hier aber noch einmal die Gründe, weshalb sich der Freist,» so sehr für die Beseitigung der Steuerzuschläge einsetzt: Würden doch dadurch allein den physischen Einkommensteuerzensiten m i l einem Einkommen von mehr als Lövv M. runde 27 Millionen geschenkt werden. Ferner würden den Aktien-, Kommandit- und sonstigen kapitalistischen Erwerbsgesell- schaften 13 Millionen geschenkt werden. Außerdem den Be- sitzenden zirka 10 Millionen an Zuschlägen zur Vermögens- steuer. Das sind zusammen weit über öv Millionen Mark, die seit vier Jahren gezahlt wurden und die nun- mehr den s'chwerreichen preutzis'cheii Zensiten ge- 'chenkt werden sollen, weil sie sich in Preußen schadlos halten wollen für eine Besitzsteuer zur Deckung der neuen Militär- ausgaben. Wir werden diesen pluiokratischen Liebesdienst des Freisinns in der Wahlagitation noch gebührend ausnutzen! Versprechungen an die preußischen Eisenbahner. In der Budgetkommission des Dreillasienhauses kündigte der Eisenbahnminister verschiedene Reformen im Dienste an. Die Ruhe- zeitcn sollen demnächst neu geregelt werden, Betriebsschichten über 50 Stunden beseitigt, die regelmäßigen beiden Ruhetage von 24 auf 32 Stunden verlängert werden. Der Durchschniltsdienst des Zug- personal« würde täglich um eine Stunde vermindert, der des Stationspersonols auf 8 Stunden beschränkt und nur in besonderen Fällen bis zu 12 Stunden ausgedebnt werden. Jedoch sollen alle diese Matznahmen nur allmählich durch- gefübrt werden. Sie erfordern eine Mehrausgabe von 15 Millionen Mark. Ein Wunsch eines fortschrittlichen Abgeordneten, datz die Löhne der Eiienbohnverwatlung nicht hinter den ortsüblichen Tagelöhncn zurückbleiben möchten, wurde von dem Minister ab- gelehnt, weil die ortsüblichen Tagelöhne nur noch versicherungs- technischen Rücksichten bestimmt würden. Der Minister erklärte, datz er gegen den Beitritt von Eisenbahntewnikern zum Deutschen Technikerverband jetzt nichts mehr einzuwenden habe, nach- dem dieser Verband die Forderung des Streiircchts feierlich auf- gehoben habe. Man habe ja auch gegen die Hirich-Dunckerschen Gewerkvereine nichts einzuwenden! Tie angekündigten Reformen beweisen immerhin, datz die Verwaltung trotz der brutalen Unter- drückung jeder wirklichen Gewerkschaftsbewegung Besorgnisse vor der steigenden Mißstimmung des Personals haben muß. Und dann stehen ja jetzt Neuwahlen bevor! Aus dem obotritischen Junkerstaat. Von einem gar wundersamen Verfassungsplan wird auS dem Junkerstaate Schild«, dem Kulturstaate mit dem Ochsenkopf- Symbol, berichtet: AIS der letzte Landtag verabschiedet wurde, kündigte der Großherzog eine neue VcrfassungSvorlage für einen außer- ordentlich einzuberufenden Landtag an. Für den Fall ihrer Ab- lehnung sollte eine Oktroyicrung erfolgen. Hierzu erfährt der Korrespondent der„Franks. Ztg." aus zuverlässiger Quelle, daß die Regierung vor der Ritterschaft zurückgewichen ist. Seit einiger Zeit sind Verhandlungen zwischen dem Ministerium und der Ritterschaft geführt worden, die mit einem völligen Siege der Ritterschaft geendet haben. Es dürfte ein außerordentlicher Landtag für Enoe April oder Anfang Mai einberufen werden, dem ciiic neue Vorlage unterbreitet werden soll, deren Inhalt die Bürgermeister aber zur Ablehnung zwingen mutz. Dann soll diese neue Vorlage dem Lande mit Hilfe der Ritterschaft oktroyiert werden. Ein sauberer Plan— echt obotritisch. Hamburger Bürgerschaftswahl. Ein Manbal haben unsere Genossen bei der am 13. d. M. voll- zogenen Grundeigentümerwahl zur Bürgerschaft errungen. Es entfielen auf die sozialdemokratische Liste 3940 Stimmen, aus die der Liberalen 7177 Stimmen und auf die veibundenep Listen der allen Fraktionen zusammen 65 533 Stimmen. Da nack dem Verhältniswahlsystem gewählt wird, erhielten die alten Fraktionen 18 Mandate, die Liberalen 1 und die Sozialdemokraten 1 Mandat. Gewählt ist von unserer Partei Genosse Georg Blume, der schon früher der Bürgerschaft angehört hat und diesmal an Stelle des frei- willig aus der Bürgerschaft ausgetretenen Genossen R. Bsrord ge- wählt ist. Die sozialdemokratische Fraktion der Hamburger Bürger- schaft hat damit ihre alte Stärke von 20 Mitgliedern wieder er- rercht._ Jordan v. Kröchers Mandat in Gefahr. Der„starke Mann" der Konservativen, einstige Präsident des Dreiklassen Hauses, wird höchstwahrscheinlich dem Wallot-Bau den Rücken kehren müssen. Die Amtsvorsteher in seinein Wahlkreise Salzwedcl-Gardclegen haben sich zu sehr für ihn ins Zeug gelegt und dabei nicht die Wahrheit des Satzes bedacht:„Blinder Eifer schadet nur'. Gegen 2 Stimmen bat die Wahlprüfungskommission des Reichstages beschlossen, in der Tatsache, daß eine Anzahl Amts- Vorsteher einen Wahlausruf unter Beifügung ihres Amtstitels unter- schrieben haben, sei eine amtliche Wahlbeeinflussung zu erblicken. Die Folge war, datz die Kommission beschloß, in vier Amtsbezirken, auf die sich diese Wahlbeeinflussung erstreckt hatte, die konservativen Stimmen zu kassieren. Herr v. Kröcher hatte eine Mehrheit von 312 Stimmen. ES müssen ihm nun 1047 Stimmen abgezogen werden und damit hat er die Mehrheit verloren. Die ziffernmäßige Feststellung dieses Resultats findet am Mittwoch statt. Ungarn. Der Panamist. Budapest, 20. Februar.(Privattelegramm des „ V o r w ä r t s"). Die Weigerung des ungarischen Mini st erPräsidenten, die drei früheren Minister, die so schwere Anklagen gegen ihn erhoben haben, vor Gericht zu ziehen, um so die Möglichkeit einer gerichtlichen Nachprüfung der Anschuldigungen zu geben, hat alle Kreise in Ungarn förmlich in Aufruhr versetzt. Es gibt jetzt nur eine Stimme: Lukacs muß schuldig sein, sonst würde er sich nicht auf diese feige Weise um den gerichtlichen Austrag der Sache herumdrücken. Auch an den oberen Regierungsstellen haben anscheinend die Ausflüchte Lukacs stark verschnupft. Es wird erzählt, daß feine Tage als Ministerpräsident gezählt seien. Wäre das richtig, dann würde der Zweck, den die Angriffe auf Lukacs hatten, erreicht sein, auch ohne gerichtliches Urteil. Daß die Masse nie an der Richtigkeit der Beschuldigungen gezweifelt hat, stand überdies schon lange Jest. Marokko. Besetzung von Tetuan durch die Spanier. Madrid, 19. Februar. Ministerpräsident Graf RomanoncS hat mitgeteilt, daß General Alfau heute»ntiag mit einer kleinen Ab- teilung vor dem bisher»och unabhängigen Tetuan(an der Nordspitze Marokkos am Mittelländischen Meer) erschienen ist und ohne Zwischenfall die spanische Flagge über der Stadt gehißt hat. Paris, 20. Februar. Zur Besetzung Tetuans durch die Spanier erfährt das„Journal des Debats" aus Madrid, die spanische Re- gicrung habe weder Frankreich noch England von dieser im letzten Augenblick beschlossenen Maßnahme verständigt. In politischen Kreisen halte man es für möglich, datz die Besetzung Tetuans be- schleunigt worden sei, weil die Ratifizierung des französisch-spani- schen Marokkovcrtrages seitens des französischen Parlaments aller Voraussicht nach noch geraume Zeit auf sich warten lassen dürfte. GewcrhlcbaftUcbes. Stimmungsmache der Bauunternehmer. Tis Schiedssprüche im Holz- und Malergcwcrbe siird den Herren vom Arbeitgeberbund für das Baugewerbe in die Glieder gefahren. Sie haben bei allen bisher gepflogenen Verhandlungen eins allgemeine Lohnerhöhung als ganz un- möglich bezeichnet, und sie haben zweifellos die Absicht, diese Komödie bei den Verhandlungen, die am 24. Februar weiter- geführt werden, aufs neue zu spielen. Da mußten ihnen frei- lich die Schiedssprüche in diesen beiden Gewerben unange- nehm sein, denn sie sagen sich wohl niit Recht, daß man den Bauarbeitern kaum werde verweigern können, was man den anderen Arbeitcrgruppen gewährt hat. Sie bemühen sich darum, der Welt glauben zu machen, als lägen die Verhält- nisse im Baugewerbe völlig anders. Hetzt sind sie dabei, die Presse über die vermutliche Bautätigkeit in diesem Jahre zu „informieren". Natürlich handelt es sich dabei um eine ganz gewöhnliche Stimmungsmache. In dem an die bürgerlichen Zeitungen versandten Waschzettel heißt es: „Schlechte Aussichten für die Bausaison 1313. Für die Neuregelungen der Arbeitsbedingungen im Baugewerbe ist es nicht ohne Einfluß, ob eine schwache oder starke Bautätig. feit im Jahre 1913 zu erwarten ist. Eine Umfrage des deutschen 1 Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe bei seinen 533 Ortsver- bänden hat nun ergeben, daß für das ganze Deutsche Reich— mit Ausnahme weniger Orte, in denen größere staatliche oder städtische Bauten auszuführen sind— die Aussichten sehr schlecht, vielfach geradezu trostlos sind. Danach sind die optimistischen Auffassun- gen, die von den Borsitzcirden der Bauarbcitcr-Zentralverbändc in den kürzlich stattgefundencn Generalversammlungen ausge- sprachen worden sind, nicht berechtigt." Man sollte eigentlich annehmen, daß die Presse solche Notizen, deren tendenziöser Charakter ganz unverkennbar ist, zurückweisen würde. Was soll zum Beispiel mit der„Um- frage des deutschen Arbeitgeberbundcs" bezweckt werden? Kann irgendein Mensch erwarten, daß bei einer solchen Uni- frage objektive Ergebnisse herauskommen könntien? Zunächst ist es auch für einen niitten im Bauleben stehenden Mann nicht leicht, im Januar anzugeben, wie es im April und Mai mit der Geschäftstätigkeit bestellt sein wird. Nur in den seltensten Fällen sind die Verhältnisse so übersichtlich, daß sie ein sicheres Urteil zulassen. Wenn aber die allgemeine Ge- schäftslage von solcher Ungewißheit umgeben ist, wie gegen- wärtig, dann hört überhaupt jede Möglichkeit einer Vorhersage der Baukonjnnkrur auf. Aber nun muß man bedenken, wie diese„Umfrage" vor sich ging. Im Herbst des vorigen Jahres erließ der Vorstand des Arbeitgeberbundes ein Rundschreiben, in dem er seine 60») Ortsverbände anwies, nach Kräften dafür zn sorgen, daß dieBautätigkeitim Fr ühjahr1913so schwach und flau wie möglich werde. Man sollte auf schnelle Fertigstellung angefangener Ar- b e i t e n drängen, dagegen Industrielle und Behörden zu überreden suchen, neue Arbeiten bis nach Erledi- g u n g der T a r i f b e w e g u n g hinauszuschieben. Selbstverständlich haben die Ortsverbände getan, was in chren Kräften stand. Und nun bekamen sie im Januar die Aufforderung des Bundesvorstandes, einen Bericht über die Aus- sichten der Bautätigkeit einzusenden— einen Bericht, von dem sie natürlich wußten, zu welchem Zwecke er mißbraucht werden sollte! Die Leiter der Ortsverbände haben natürlich der- ständnjsinnig den Fragebogen zur Hand genommen und haben die Antwort nach dem beigegcbenen Muster eingeschrie- 'ben: Schlecht. Sehr schlecht. Geradezu trostlos. Man kann nichts dagegen sagen, wenn der Bund glaubt, solche Spiele- rcien nötig zu haben: aber von dem Teil der Presse, der bc- ansprucht, ernst genommen zu werden, �sollte man eigentlich voraussetzen dürfen, daß er sich zu solchem Unfug— um kein schärferes Wort zu gebrauchen— nicht hergäbe. Uebcr die Aussichten der Baukonjnuktur für die nächste Zeit läßt sich heute wohl fabulieren, läßt sich diese oder jene Vermutung aufstellen, aber zu einer Voraussage, die wirk- lich Vertrauen verdient und die sicher genug wäre, um den Vertragsparteien als Richtschnur zu dienen!, fehlen heute jedem Menschen die Unterlagen. Stimmungsmache, und zwar recht plumpe Stimmungs- mache, ist die„Information" des Bundes, und nichts weiter. Berlin und Qrngcgcnd. Ein Tarifvertrag für die Maler und Anstreicher der Küchen- miibelbranchc ist am Mittwochnachmittag in der Verhandlungskom- Mission vereinbart worden und erhielt am Abend desselben Tages in einer stark besuchten Versammlung der Arbeiter deren Zustim- mung. Mich als Referent berichtete über den Gang der Ver- Handlungen, die am Montag begonnen und zuerst wenig Aussicht auf Erfolg boten. Erst nach den erneuerten Verhandlungen am Mittwoch gelang es, ein Einverständnis zu erzielen. Die Arbeiter- Vertreter mußten verschiedene Forderungen fallen lassen, z. B. die Verkül�ung der Arbeitszeit auf 48 Stunden, da hier der Tarif für die Holzindustrie mit in Frage kommt, der für die Tischler 53 Stunden in dem gefällten Schiedsspruch festgesetzt hat. Unter den Verbesserungen, die der neue Tarifvertrag bringt, ist besonders die Erhöhung der Akkordsätze für die Anstreicher von Wichtigkeit; die Zuschläge wurden von TA auf 13—15 Proz. erhöht. Neu ist auch die Gewährung von 43 Pf. pro Woche für die Lieferung von Handwerkszeug für die Fertigmacher. Der Vertrag gilt bis zum 12. Februar 1917, in Uebcreinstimmung mit dem Tarifvertrage in der Holzindustrie. M i e tz empfahl die Annahme der Vorlage, wemTauch viele Wünsche unberücksichtigt geblieben sind. Ob des- wegen ein offener Kampf heraufbeschworen werden sollte, müsse mau sich reiflich überlegen.— Verschiedenen Bedenken, die in der Diskussion geäußert wurden, wußte Mictz zu begegnen und die Versammelten erklärten sich schließlich mit der Vorlage einber- standen, Deutsches Reich. Der Bergarbeiterverband im Jahre 1912. Der Bergarbeiterverband veröffentlicht soeben seinen Kassen- bericht für 1912. Sckfoir auf den ersten prüfenden Blick sieht man, daß der Verband ein hartes Kampfjahr hinter sich hat. Doch hat diese schwere Zeit der von dein JndustriefeudaliSmus bestgehaßte Verband leidlich übersimiden. Einnahme und Ausgabe' stehen niit 3 925 420 M. zu Buch. Es betrugen die Einnahmen an: 1911 1912 Beiträge der Mitglieder. 2 239 438 M. 2 193 592 M. Eintrittsgelder.... IS 575. 21 325„ Summa: 2 256 053 M. 2 214 827 M. An Mitaliederbeiträgen weist das Jahr 1912 gegenüber 1911 eine Mindereinnahme von 45 966 M. auf. Das ist erklärlich. Die Wunden die den Bergarbeitern durch daZ verräterische Verhalten deZ christlichen" Gewerkvereins geschlagen waren, konnten noch nicht o an/ verheile». Tausende von Bergarbeitern wurden durch dieses Verhalten in den Zustand der Hoffnungslosigkeit verletzt.„Es nutzt alles nichts», das war der Gedanke der sich be. vielen Bergarbeitern durch die Erkolalofiakeit des Streiks eingebürgert hatte. Und so wandte mancher der Organisation den Rücken. So sank die Mit- gliederzahl von 123 136 im Jahre 1911 auf 1>4 362 im Jahre 1912. Alle Arbeiterfeinde stürzten sich nach dem Streik auf den Verband und drohten ihn zu erwürgen. Der Schlag ist aber verwunden. Es geht wieder vorwärts. Trotzdem 1912 ein kleiner Rückgang in der Einnahme für Beiträge eingetreten ist, übersteigt diese dennoch in den Geschäftsjahren 1911/12 diejenige von 1939/13 um 492 542 M. Für Unterstützungszwecke wurden verausgabt: 1911 1912 Streikunterstützung.... 1 322 929 M. 2 092 536 M. Gemaßregclleiiuiiterstützung. 43 391, 135 956„ Arbeit-loienunterstützung.. 33 331„ 59 167„ Krankenunterstützung... 331 425„ 354 936„ Sterbegeld....... 91 776„ 90 434„ Rechtsschutz....... 111 288„ 179 620„ Summa 2 158 840 M. 2 803 669 M. Die Ausgaben für Streikunterstützung beziehen sich aus den in Mitteldeutschland im Jahre 1911 geführten Braunkohlenarbeiterslreik und auf die Streiks, die im März vergangenen Jahres geführt wurden. Besonders in die Höhe geschnellt sind die Ausgaben für Rechtsschutz. DaS erklärt sich aus den vielen slreikprozessen. Auch die Ausgaben für Gemaßregeltenunterslützung haben sich verdreifacht. Das hängt ebenfalls mit den vielen Streiks, die der Bergarbeiter- verband zu führen gezwungen war. zusammen. Der Vermögen-- bestand beträgt am Schlüsse des GeschäflSjahres 2 681 136 M. Der Geschäftsbericht zeigt, daß sich die Hoffnungen aller Arbciterfcinde. den Verband niederzuringen, nicht erfüllt haben. Diese Hoffnung wird auch fernerhin ein frommer Wunsch bleiben. Die Schiffszimmcrer in F ü r st e n b e r g a. O. haben den am 1. März dieses Jahres ablaufenden dreijährigen Lohntarif gc- kündigt und gleichzeitig einen neuen Tarifentwurf eingereicht. Ver- Handlungen zwischen den Vertretern der Arbeiter und der Unter- nehmer verliefen ergebnislos, nachdem vom Vertreter der Unter- nehmer die Erklärung abgegeben war, daß die drei Unternehmer in Fürstenberg a. O. sind auch der Schiffsbaumeister Kuntzke in R a tz d o r f jede Lohnerhöhung ablehnen. Die Schiffszimmerer beschäftigten sich am Sonntag/ den 16. d. M., in einer stark be- suchten Versammlung mit der Antwort der Unternehmer. Sic bc- auftragtcn den VerdandSvorstand und die Lohnkommission mit weiteren Verhandlungen, verpflichteten aber zugleich die Mitglieder, das Arbeitsverhältnis zum 1. März rechtzeitig zu kündigen. Ein Ausstand erscheint unvermeidlich. Aussperrung in den Apfelweinkcltcreicn in Frankfurt a. M. Die Verbände der Brauereiarbeitcr und Böttcher haben am 13. November vorigen Jahres Tarifforderungcn an die Apfelwein- keltereien eingereicht. Die Zugeständnisse, die die Unternehmer in zwei Verhandlungen machten, bestanden nur in einer Lohuzulage von wöchentlich 1 M. und inem fünftägigen Urlaub nach zwei- jähriger Dienstzeit. Dagegen sollte das Arbeitsverhältnis in an- derer Beziehung eine Verschlechterung erfahren. Diese Zugcständ- nisse, die zudem noch für fünf Jahre gelten sollten, lcbntcn die Arbeiter einstimmig ab. Die Unternehmer setzten jetzt durch Plakat- anschlag in den Betrieben eine Frist, bis zn per die Arbeiter unter- schriftlich ihr Einverständnis mit dem Angebot der Unternehmer erklären sollten..Auch dieses lehnten die Arbeiter ab, worauf die Aussperrung erfolgte. Von den vorhandenen Firmen hat sich nur die Firma Hoffmann mit den Arbeitern verständigt und sich an der Aussperrung nicht beteiligt._ Tarifverhandlungen im Malergewerbc für Baden, Hessen, Hessen-Nassau, Pfalz und Elsaß- Lothringen. Am Gautarifanit IHb zu Frankfurt a. M. fanden unter Vorsitz des Magistratssyndikus Dr. Hiller am 16., 17. und 13. Februar die Verhandlungen über Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhung für 48 Lohngebiete statt. Als Vertrauensmänner der Parteien fungierten Bauunternehmer Fitze- Frankfurt a. M. und Gauleiter Wilh. W e i d n e r. Für den Gau III, Süddeutschland, hatte der Vorsitzende des Unter- nehmerverbandes bei den zentralen Verhandlungen in Berlin das „außerordentlickie" Angebot von einem Pfennig Lohnerhöhung für dies Jahr gemacht'und für nächstes Jahr hatte er einen weiteren Pfennig für einige Orte in Aussicht gestellt. Aber selbst dieses Angebo t hielten die Ilnternebmervertreter nicht aufrecht, sie lehnten für alle 43 Lohngebiets jede Lohnerhöhung ab, ebenso jede Verkürzung der Arbeitszeit. Sie meinten, die Arbeitervcrtreter sollen erst ihre unerhört bohen Forderungen reduzieren. DaS wurde von den Vertretern des Maler- und Weißbinderverbandes abgelehnt, so lange die Arbeitgeber kein Angebot machten. An der Hand statistischen Materials begründeten die Vertreter der Arbeiter ihre Forderungen eingehend, zunächst in einer allgemeinen Generaldiskussion und dann ortsweise. Aber alle Beweisgründe konnten die Unternehmer nicht von ihrer stcreothpen Antwort:„Wir lehnen jede Lohnerhöhung ab" abbringen. Nach neunstündiger Beratung fällte das Schiedsgericht folgenden Sprucd: „In Frankfurt a. M., Offenbach, Darmstadt, Wiesbaden, Mül- Hausen und Stra�urg wird die Arbeitszeit im Jahre 1914 um eine halbe Stund? täglich verkürzt. Eine tarifliche und allgemeine Lohnerhöhung von 6 Pf. pro Stunde sollen erhalten Frankfurt am Main, Offenboch, Wiesbaden, Mülhausen und Straßbur�; von 5 Pf. Darmstadt, Hanau, Mannheim, Ludwigshafen, Pforzheim, Konstanz und Singen: von 4 Pf. 28 Lohngebiete und von 3 Pf. 8 Orte. Die Lohnerhöhung ist auf drei Vertragsjabre verteilt." Zur Begründung dieses Spruches führte der Vorsitzende aus, baß man sich den berechtigten Klagen der Arbeiter über die fort- gefetzte Verteuerung der Lebenshaltung nicht verschließen könne. Ebenso müsse bezüglich der Arbeitszeitverkürzung berücksichligt werden. daß die Arbeiter in besonders ausgedehnten und großen Orten durch weite Wege zur Arbeitsstelle sehr lange Zeit der Familie-entzogen werden._ Einigungsiverhandlunge» in der Metallarbeiter- aussperrung zu Menden i. W. Vom Landrat N a u ck in Iserlohn wurden Verhandlungen an- gebahnt, die gegenwärtig mit dem Sekretär des Untcrnehmerver- bandcs geführt'werden.— Der letzten Stadtberordnetensitzung in Menden logen von 363 ausgesperrten Arbeitern Antrage auf Stundung der Steuer» his April 1913 vor. Das von den Kleri- lalen beherrschte Stadtparlament stimmte erst nach heftiger Debatte mit 13 gegen 11 Stimmen bei einer Stimmenthaltung den An- trägen zu._ Lohnbewegung der Eifeler Steinarbeiter. In dem weitver- zweigten Basalt-Lavastein-Gebiet der Eifel, dessen Mittelpunkt die Stadt Mayen ist, sind die Steinarbeiter in eine Lohnbewegung eingetreten. Die drei beteiligten Vereinigungen, freie und chrift- liehe Gewerkschaften und katholische Fachabteilung sind an die Stein- bruchunternehmer mit dem Antrage herangetreten, in Anbetracht der Teuerung die Tarifpofitionen zu erhöhen und Feierschichten, die vor einiger Zeit durch den Zwang des Unternehmerverbaudes wegen ungenügender Beschäftigung einiger weniger Steinbrüche allgemein eingeführt worden sind, aufzuheben. Die Arbeiterorganisationen sind sich dahin schlüssig geworden, den bestehenden Tarif am 23. Februar zu kündigen, wenn sich die Unternehmer zu Verhandlungen oder Zugeständnissen nicht bereit finden lassen. Auf die Lebenslage der Eifeler Stcinarbeiter wurde die Welt vor einiger Zeit durch einen aufsehenerregenden Beschluß des Mayener Stadtverordnetenkollegiums aufmerksam gemachü Man beschloß einstimmig bei der Reichsregierung eine Petition auf Herab- setzung der Zölle einzureichen, weil die Leistungsfähigkeit der Stein- arbeiter wegen Unterernährung bedeutend gesunken sei. Tie Schuhmachergehilsen in München haben den mit der Schuh- machermeister-Jnuung abgeschlossenen Tarifvertrag zum 13. März gekündigt. Sie fordern für Hcrrcnarbeit einen Aufschlag von 15 Proz., Damenarbeit 23 Proz., Reparaturen 13 Proz., Wegfall der bisherigen dritten Lohnklasse und an deren Stelle Zeitlohn und zwar im ersten Jahre nach beendeter Lehrzeit 37 Pf., im zweiten Jabre 43 Pf. und im dritten Jahre und für ältere Ar» beiter 45 Pf. pro Stunde. Spezialarbeiter sollen mit 53 und 63 Pf. entlohnt werden. Außerdem wird eine Z4stündige Ver- kürzuna der Arbeitszeit pro Tag und Garantie des Stundenlohnes bei Akkordarbeit gefordert.— Zuzug von Schotzschuhmachern nach München ist fernzuhalten. Hus Induftrie und Handel. Werkserweiterung. Ein typisches Bild für Wcrkserweitcrungen zeigt die Gewerk- schaft„Zukunft" bei Weißweilcr. Diese Gesellschaft baut ein erst vor einigen Jahren erschlossenes Braunkoblenlagcr ab. Die Braun- kohle ist nicht von besonderer Güte. Voriges Jahr wurde das Unternehmen von einem großen Lagcrürandc heimgesucht. Es führt mit den anliegenden Landwirten große Enteignungsprozesse und weigert sich, den früher gezahlten Preis pro Morgen auch ferner zu zahlen. Seine Gebote bewegen sich zwischen 1233— 1400 M., während die Landlvirte 2333 M. pro Morgen haben wollen. Die Gesellschaft will ihre Braunkoblenlagcr soweit als möglich in elektrischen Anlagen verwerten. Es ist ihr gelungen, mit den städtcn Stolberg und EschweUer Verträge zwecks Versorgung der Städte mit elektrischer Kraft abzuschiießen. Beide Städte sind außerdem an die dem Landkreise Aachen gehörige Urfttalfpcrre, welche den Regierungsbezirk Anchen größtenteils mit Energie für Licht- und Kraftzwecke versorgt, angclchlosseii. Kaum hat die Gesellschaft„zu lohnenden Preisen", wie sie sagt, die Verträge abgeschlossen, da wurde ihr das Kleid zu enge,«ic will sich in eine Aktiengesell- schaft umwandeln. Das eingezahlte Kapital der Gewerkschaft „Zukunft" beträgt eine Million Mark. Für je 1333 M. Gewerk- schaftsantcilc sollen Aktien im Werte von 5253 M. gegeben werden. So werden aus der einen Million von heute gleich fünfcinviertel Millionen von morgen. Letzte Nachrichten. Tie LandtagSersatzwahl in Tcltvw-Bccskow-Ttorkow. Bei der heute vollzogenen Ersntztoahl im Landtagswahlbezirk Teltolv-Beeskow- Z to rkolv wurden gewählt in der dritten Abteilung 2 konservative, 10 freisinnige und 11 sozialdemokratische Wahlmänner. Es müssen stattfinden drei Stich- Wahlen zwischen Konservativen und Sozialdemokraten, acht zwischen Freisinnigen und Sozialdemokraten und zehn zwischen Konservativen und Freisinnigen. Bulgarien und Rumänien haben die Vcrmittclnng der Großmächte angenommen. Petersburg, 20. Februar. Tie Petersburger Telegraphen- Agentur erfährt von zuständiger Stelle, daß Rumänien und Bulgarien die Vermittclung der Großmächte augenomnien haben.__ Tie Ernennung Tclcassvs zum Botschafter keine Spitze gegen Deutschland. Paris, 23. Februar.(W. T. B.) Tie„Libcrte" schreibt über die Ernennung Dclcasses zum Botschafter in Petersburg:„Diese Ernennung war bereits bor acht Tagen entschieden, sie steht dem- gemäß in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Haltung Frankreichs gegenüber den militärischen Maßnahmen Deutsch- lnnds. Die Wahl Delcasses für den Petersburger Posten war logischerweise durch das innige französisch-russische Zusammen» arbeiten in der Orientfrage angezeigt. Tic neue Stellung des ehe- maligen Ministers des Aeußercn, lvelchcr die französisch-russische Allianz befestigt und die Entente Cordial mit ins Leben gerufen hat, wird für die Betätigung des französisch-russischcn Bündnisses und der Triplecntcnte besonders nützlich sein." Freilassung Politischer Gefangener in Mexiko. Mexiko, 23. Februar.(W. T. B.) Heute sind mehr als drei- hundert politische Gefangene freigelassen worden. Nur fünf, die bei dem Sturz der Regierung Madcros festgenommen worden waren, unter ihnen der frühere Präsident Francisco M a d c r o selbst, sind n o ch i n H a f t. Felix Tiaz lehnt jede Ver- antwortung für den Tod von Gustabo Madcro ab. Ter Ober- intcndant des Nationalpalastcs erklärte, Gustavo Madcro sei gc- tötet worden, als er zu entfliehen versuchte. Das Schicksal Francisco Madcros. Mexiko, 20. Februar.(W. T. B.) Ter interimistische Präsident H u e r t a will dem neuen Kabinett die Entscheidung über Maderos Schicksal überlassen. D i a z erklärte, daß er für die Präsidentschaft kandidieren werde. Ter Aufstand in Marokko. Paris, 23. Februar.(23. T. 58.) Aus Tanger wird be- richtet, daß ein aus?lguret nach Mekines abgegangener Militär- tr anspart am 17. Februar von 600 aufständischen Marokkanern überfallen worden ist. Eine französische �.ruppenabtcilung eilte dem Transport zu Hilfe und vertrieb die Angreifer, von denen mehrere sielen. Die Verluste der Franzosen betrugen einen Toten und acht Verwundete.___ Kaufmaimsgerichtswahl in Frankfurt o.'M, Frankfurt a. M., 23. Februar.(Pvivattclegramm dcs „V o r w ä r t s".) Bei der heute stattgefundenen Kaufmanns- gcrichtswahl, die unter reger Beteiligung vor sich ging, erlitten die Antisemiten einen bedeutenden Stimmen- und Mandatsverlust. Der Zentralverband der Handlungsgehilfen konnte eine Stimmen- zunähme von 33 Prozent buchen. Rom Schissal morgen erhöhung tania uni SccmannSstreik in Italien. ,, 23. Februar.(W. T. B.) Tie Mannschaft der ter rtsgesellschart„Puglia gehörigen Schisse macht seit heute Obstruktion, we,l die Gesellschaft die verlangte Lohn- - verweigert hat. In den Häfen von Bari, Brindisi, Ea- . Venedig liegen bereits zehn Schiffe fest. Mord aus Rache. Wien. 23. Februar. Heute abend erschoß hier der Mjahrige Emil Feldmann seine beiden Schwager, die 58auunt-rncymer l Alfred und Otto Borger, und verwundete einen Tritten, den Bau. Unternehmer Richard Berger. schwer. Der Täter wurde vcrhastct. Er gab an. die Tat aus Rache verübt zu haben, da ihn die Schwager, bei denen er angestellt war, um sein Vermögen gebracht und dann entlassen hätten. u. tBetloa: 8pi3Pätt> fluchM. a 9r 44 30. MW., t. Kel>M des„UllWllltg" Serljtler Wlksbllllt. kmw. ZI. m* 1913. Reichstag 117. Sitzung. Donnerstag, den 20. Februar 1913, nachmittags 1 Uhr. Am Bunde-Zrat-Ztisch: K r a e t I c. Zunächst wird die am 2. Jnni 1911 in Washington unterzeichnete revidierte Pariser Ucbereinkunft zum Schutze de» gewerblichen Eigentums und der Gesetzentwurs zur Ausführung dieser Uebereinkunft in dritter Lesung an- genommen. Die Rechnung der Kasse der Oberrechnungskammer für 1910 wird in erster Beratung erledigt. Es folgt ein Entwurf über die Berlegung Verdeutsch- ö st e r r e i ch i s ch e n G r e n z e bei Hammerimterwiesenthal— Weipert. Er wird auch gleich in zweiter Lesung angenommen. Hierauf wird die zweite Beratung des Postetats fortgesetzt. Sie beginnt mit den namentlichen A b st i m m u n g e n über die O st m a r k e n z u l a g e. Der Antrag B a s s e r m a n n snatl.), diese Zulagen„in den gemischtsprachigen Teilen des Reichspostgebietes" zu gewähren, wird mit 213 gegen 142 Slimmen bei 1 Stimme abgelehnt. Dafür stimmen die Rechte, die Nationalliberalen und die Volkspartei, da- gegen Z c n t r u ni. Polen und Sozialdeniokraten. Der Antrag Schultz iRp.), die Zulagen autzer in Posen und Westpreusten auch in Elsax-Lothringen zu gewähren, wird mit 299 gegen 148 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen abgelehnt. Die Parteigruppierung ist dieselbe wie vorher. Der Antrag Hu brich iVp.I, die Ostmarlenzulage entsprechend der Regierungsvorlage in den Etat wieder einzustellen, wird mit 211 gegen 141 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen abgelehnt. Beim Titel„Beihilfen für bedürftige Pensionäre" begründet Graf v. Westarp({.) eine Resolution, die Verhältnisse der Altpensionäre einer erneuten Regelung zu unterziehen, und die Resolution zur gründlichen Prüfung der Budgetkommission zu überweisen. Abg. Erzbcrger(Z.) schließt sich diesem Antrage an, desgleichen Abg. Dr. Beck snatl.) und Abg. Kopsch(Vp.) Die Resolution wird der B u d g e t k o m m i s s i o n über- wiesen. Beim Titel„Arbeiten zum Bau und zur Unterhaltuiig der Telegraphen linien sowie Unterstützung an Arbeiter, ehemalige Arbeiter und deren Hinterbliebene" bemerkt Abg. Heckmann inatl.j: Die Löhne der Arbeiter haben mit der Steigerung der Preise aller Lebensbedürfnisse nicht Schritt ge- halten. Die Zulage» der Telegrophenarbeiter, wenn sie aus- wärts arbeiten, sind zu gering. Die Postverwaltung sollte darauf sehen, zufriedene Arbeiter zu erhalten; da» ist ebenso wichtig wie die Zufriedenheit der Beamten. Abg. Hubrich(SBp.) empfiehlt eine Resolution Ablaßetzeii. Es wäre überhaupt gut, wenn der arktische und antarktische Sport eingedämmt würde. Mufik. Deutsches Opernhaus C h a r l o t t e n b u r g. Es lag sicher kein Fall von„Schmutzkonkurrenz" vor. wenn Otto Nicolais Oper„ D r e l u st i g e n Weiber v o n W i n d s o r" am selben Abend auch im„ZirkuS Hülsen" gegeben wurde; denn die an dieser Stelle betriebenen Kunstübungen sind dank ihrem höfischen Ver- legenheitscharakter kaum fähig ein Echo zu erwecken. Im C h a r- loitenburger Haufe ist das glücklicherweise anders. Hier macht sich ein frischer Geist auf, der volkstümliche Wirkungen verheißt. Wie wunderbar echt hat doch Shakespeare in seinem dickbäuchigen liebestollen Saufritter Falstaff den Ilrtypus für die barönlichen Krautritter von heute geschaffen! Nur daß die modernen Falstaffe viel gröbere und gemeingefährlichere Raubgesellen sind, deren Parasitäres Unwesen noch kein Dichter unserer Tage zu zeichnen gewagt hat. So müssen wir uns also noch an dem altenglischen Kerl genügen lassen— umschwingt von Nicolais Musik. Sie hat von ihrer einschmeichelnden Melodik, humorvollen Eharakteristik und Originalität noch immer nichts eingebüßt, zumal jetzt, wo sie in einer völlig neuen Umgebung vernommen wird. Maler Wunderwalds einheitlich im altenglischen Stil gehaltene De- korationen haben Prachtvolle, Bildwirkung. Die knallroten Spitz- däwer, die gediegene Einfachheit einer bürgerlichen Wohnung, die robustere Kneipe heben sich charakteristisch von einander ab. Eigen- artig schön ist der Wald in seiner allmählich aufdämmernden Mondlichldurchleuchlnng. Die Regie machte sich angenehm bemerkbar in der Herausarbcitung lebendiger VolkSszeucn, die hier recht wohl ani Platze sind. Reizend ivirkt auch daS sorgfältig einstudierte Waldballeit mit seinen Elfen, Feen und anderen Spuk- gestalten, worunter namentlich die Fliegen, Mücken und sonstigen Krabbler ganz allerliebst sind. Die musikalische Aufführung unter Kapellnieister Eduard Mörike gab Zeugnis von Exaktheit und Geschlossenheit. MizzH gesagt, eS sei verkehrt, nur immer auf eine schnelle Rentabilität hinzuzielen, man sollte nicht so fiskalisch sein.(Hört! hörtl) Die Summen, die der Staatssekretär nannte, hören sich ja ganz schön an, aber tvir wollen wissen, wieviel Personen daran beteiligt sind. Schließlich kommt heraus,» daß nur 2,3 Pf. Lohnerhöhung auf den Einzelnen kommen. Die Hauptsache ist, daß die Lohnaufbesserung mindestens ein vollwertiger Ausgleich für die gesteigerten Posten der Leben»- Haltung sind. Ja, das genügt uns nicht, wir wollen darüber hinaus, daß die vom Stckat beschäftigten Arbeiter auch an der oroßen Ver- mehrung des Nationalwohlstandes, die man uns immer vorrechnet, einen entsprechenden Anteil haben. Während ganz allgemein das Einkommen der Besitzenden steigt, kommen die unteren Schichten nicht nach, daS Äaiscrwort ist nicht eingelöst, daß die Staatsbetriebe Musterbetriebe sein sollen.(Sehr wahr! bei den Soziaidemolraten.) Gewiß wird manches Hervorragende geleistet, und in gewissen Beziehungen muß die deutsche Reichspost allen anderen vorangestellt werden. Aber die Löhne der Arbeiter bei der Post sind so niedrig, wie sie nur irgendwo gezahlt werden können, und gehen vielfach über den ortsüblichen Tage« lohn nicht hinaus. In der Begründung zur Besoldungsreform seiner- zeit wurde klar ausgesprochen, daß eine wesentliche Steigerung des Einkommens der unteren Reichsbeamten auch Forderungen der Beamten der Einzelstaaten, der Kommunen, der Pnivatindustrie und schließlich auch der Landarbeiter zur Folge haben würden. Also aus z a r t c r R ü ck s i ch t für die Agrarier zahlt die Reichspost so geringe Löhne. Daraus erklärt sich die Beliebtheit des Herrn Kraetke bei der äußersten Rechten. Wir halten es für einen des Reiches unwürdigen Zustand, daß eine ganze Anzahl Unterbeamte sich erst jahrelang durchhungern müssen, um dann endlich zu einer Bezahlung zu gelangen, die den bescheidensten Ansprüchen genügt.(Brava! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Ocrtcl(k.>: Wir sind ebenso warm interessiert für die Lage der Telegrophenarbeiter, wie die anderen Herren, verzichten aber darauf, die siebenmal geäußerten Wünsche zum achtenmal zu wiederholen. Auch auf die Ausführungen über die sog. Homogenität der Regierung und die V e r h ä l t n i s s c in s o z i a l d e m o k r a- tischen Betrieben will ich infolge der Geschäftslage nicht ein- gehen. Ich gebe zu, daß diese letzteren Klagen w den letzten Jahren fast ganz verstummt sind, aber ich lasse dahingestellt, ob deshalb, weil die Verhältnisse besser geworden sind oder weil eine g e- wisse Besorgnis dabei maßgebend ist. An einem Wettlaus um die Gunst der Arbeiter beteiligen wir uns nicht; ihre berechtigten Wünsche vertreten wir. Die Resolutionen Ablaß und Behrens(Anrechnung der Arbeiterdicnstjahrc auf das Besoldungsdienstalter) wird an- g e n o m m e n. Die Resolution M u m m wird angenommen, desgleichen die Resolution Heckmann. Beim Titel„Zuschuß zu den Kleiderkassen" Ivünscht Abg. Chrysant(Z.) stärkere Heranziehnng der Handwerker- zu den Lieserungen. Abg.' Bartschnt(Vp.) klagt ebenfalls über zu geringe Berück? sichtigung der Handwerker niid ihrer Genossenschaften durch die Post- Verwaltung. Eine Resolution Ablaß(Vp.), die auch von den National- liberalen, dem Zentrum, der Wirtschaftlichen Vereinigung und den Polen unterstützt wird, daß bei Vergebung von Lieferungen die Berufsorganisationen und Genosseiischastcn der Hausarbeitcr und Arbeiterinnen und solche Lieferanten berücksichtigt werden möchten, die die von den Berufsorganisationen und Genossenschaften der Hausarbeiter und Arbeiterinnen gezahltem Löhne nachweislich zahlen oder mit den Organisationen Tarifverträge vereinbart haben, oder deren Löhne von dem zuständigen Fachausschuß al» angemessen be- zeichnet sind, wird a n g e n o in m e n. Bei den„Einmaligen Ausgaben" klagt Abg. Haderlaud(Soz.) über die schlechte telcphoiiische Verbindung zwischen Düsseldorf und Berlin; werde ein Gespräch nicht als dringend angemeldet, so müsse man mch-rere Stunden warten; übrigen» ist die Verbindung mit dem ganzen Osten und auch die nach Westen von Düsseldorf aus sehr schlecht, ivorunter das Geschäftsleben außer- ordentlich leidet. Eine weitere Bitte, die die Düsseldorfer Gcschiistswelt seit 1962 mehrfach wiederholt hat, ist der Anschluß von Düsseldorf an das niedcrrheinisch-westsälische Bezirksfernsprechnetz, der im Interesse der wirtschaftlichen Bcrbindimg Düsseldorf» mit deni Industriegebiet dringend erforderlich ist. Fink war gesanglich und darstellerisch eine Frau Fluth, ivie mait sie sich schwerlich noch prächtiger wünschen kann: strahlend in den Koloraturen, neckisch lustig bis zur Ausgelastenhcit, ohne dabei an Grazie zu verlieren im Spiel. Peter Lord mann darf sich al» Falstaff schon sehen lassen. Er entwickelr köstlichen Grotcskhumor und man vergißt darüber gern, daß seiner wenig„tragenden" Stimme des eigentlichen Falstaff-Basies Fenster erklirren machende„Grundgewalt" abgeht. Neben ihm zeichnete sich Eduard Schüller als Herr Fluth durch sehr tempern- mcntvolle Gestaltung au». Gute gesangliche Leistungen boten ferner Herta Stolzenberg(Jungfer Anna) und Louise M a r ck(Frau Reich). Heinz A r e n s e n als sentimentaler Liebhaber Fenton sprach weniger an; seine Stimme hat einen gaumigen und nasalen Bei- geschmack. Die kleineren Rollen waren annehmbar aufgehoben. Alles in allem: eS liegt Rasse in der Aufführung. e. k, Notizen. — Aufsichtsrat und O p e r n d i r c k t i o n. Aus dem Aussichtsrate de» Charlottenburger Deutschen Oper«hau sc» sind bclaimtlich zwei Mitglieder ausgetreten, weil sie die Schiebungen des Herrn Reuniann-Hofcr nicht mit verantworten. Dieser betrieb- same Herr scheint seine Prätendenteilrolle als liinftiger Direktor immer noch nicht aufgeben zu wollen. Er ist bereits nicht nur Beirat, sondern auch Bizevorsitzender des AufsichtsrateS. Den Be- fürchtmigeii, die infolgedessen— mit Recht— wach geworden sind, tritt der Direktor Hartmann jetzt entgegen. Er erklärt:„Mir sielst nach lvie vor die selbständige künstlerische und geschäftliche Leitung deS Unternehmens zu, so daß die Interessen der Dircttian durch die Veränderungen im Aufsichtsrat nicht im geringsten berührt werden, ebenso wenig wie sie bisher durch die Schaffung des„künstlerisch- literarischen Beirats des AufsichtSrats" beeinträchtigt worden sind. Insbesondere wird aber auch die finanzielle Grundlage des Opern- hause» von dem Austritt der beiden AufsichtsratSmitglicder nicht betroffen." Trotzdem wird eS gut sein, wenn die Oeffentlichkeit und die Eharlottenburger Stadtvertretung die Angelegenheit nicht aus dem Auge verliert. — Die C o r i n t h- A u s st e l l u n g in der Berliner Sezession wird bis einschließlich Sonntag, den 2. März, geöffnet bleiben. — Berichtigung. Ohne durch unsere Stoßseufzer gegen die Druckfehler angeregt zu sein, bittet uns Dr. A. L i p s ch ü tz, in seinem Ariikel„Künstliche Nahrungsmittel"(Unterhaltungsblatt Nr. 34) folgende» zu berichtigen: „Die drei letzten Zeilen des zweiten Absatzes der ersten Spalte auf Seite 136, angefangen von„deren charakteristisches Merkmal u s w.". gehören an das Ende des vierten Absatzes: „Hier haben wir ein ganz typisches Beispiel einer ersten Kategorie künstlicher Nahrungsmittel, deren charakteristisches Merl- m al us w." Hier liegt also ein typischer Fall von„Verhebiiug"(nicht etwa: Ueberhebung) vor. Abg. Taubadel(Soz.): Bei der Errid&tuttg des neuen Hauptpostamts in Görlitz, das neben dem neuen Empfangsgebäude am Bahnhof steht, sollen die beiden Verwaltungen ganz unabhängig von einander vorgegangen lein, io daß das Städtebild durch die neuen Gebäude geradezu ver- unziert wird, Direktor Ascheuboru bestreitet die Berechtigung dieser Beschwerde, die beiden Gebäude seien durchaus einheitlich gestaltet. Die Ausgaben werden bewilligt. Es folgen die Ein- nahmen. Abg. Habcrlaeid sSoz.): „Das beste Mittel zur Erhöhung der Einnahmen ist zweifellos die Erleichterung und Verbilligung des P o st v e r k e h r s. Leider scheint die Reichspostverwaltung das noch. immer nicht einzusehen, sonst würde sie wohl manchen Wünschen mehr entgegenlommen. Einer dieser be»echtiglen Wünsche ist die Ausdehnung des Nachbarortsverlehrs von Düsseldorf aus seine industriellen Vororte Reistholz und Benrath. Das beste Abhilfs- mittel würde die Einbeziehung einer ganzen Reihe von Orten in den Nachbarortsverkehr mit Düsseldorf sein; dadurch erhielte man einen geographisch abgerundeten und wirtschaftlich eng zusammenhängenden Postbezirk mit regem Verkehr, der die Einnahmen der Postverwaltung sicher erheblich steigern würde, während heule der Verkehr geradezu gehemmt wird. Der Rest des Etats wird debatteloZ bewilligt. Eine R e» iolution der Kommission, zu veranlassen, daß den Beamten der Asfistentenklasse in weiterem Maße als bisher das Auf- nicken in Besörderungsstellen ermöglicht und durch Vermehrung der Stellen für gehobene llnterbeamte und zweckentsprechenden Ausbau dieser Laufbahn den Unterbeamten eine bessere Veförderungs- inöglichkeit verschafft wird, wird angenommen. Hierauf wirb der Etat der Reich Sdruckerei debattelos bewilligt. Es folgt der Etat des Rrichseiscnbahnamts. Abg. Hasenzahl sSoz.): Im borigen ftahre hat der Reichstag Vorlegung einer Denk- schrift über die Frage der Vereinheitlichung des deutschen Eisenbahnwesens verlangt. Der Bundesrat bemerkt in der Zusammenstellun'g seiner Beschlüsse über Reichstagsresolutionen dazu, daß diese Frage iu>ch der Prüfung unterliege' Das ist eine andere Form der üblichen Erklärung:„es schweben Erwägungen". ES scheint, daß im Bundesrat gewisse Widerstände gegen die Re- gclung dieser Frage vorhanden sind. Die Eisenbahnen haben nach unserer Auffassung die Aufgabe, als Verkehrsinstitnt zu dienen und nicht als Erwerbsguelle. Das kann nur erreicht werden, wenn wir dazu übergehen, die lZisenbahnen allinählich aus das Reich zu übernehmen. Die Schwierigkeiten, die der Verwirklichung dieser Frage noch entgegenstehen, zu beseitigen, müßte eine der vornehm- sten Aufgaben des Reichseisenbahnamles sein. Will das Amt nicht nu* dekorativ wirken oder als Puffer zlvischen dem preußischen Eisen- bahnministcriunr und dem Reichstage, wie bei der Beratung der .Interpellation über den WageTimangel, dienen, dann muß es mehr Selbständigkeit beweisen, mehr selbst die Initiative er- greifen. Herr � v. B r e i t e n b a ch hat sich seinerzeit auf einen sachverständigen des deutschen Handelstages berufen, nach dem in dem Betriebe der Ausrüstung und der Verwaltung der deutschen Eisenbahnen bereits eine Einheitlichkeit bestehen sollte, die die Forderung der Reichsverfassung iveit hinter sich lasse. Aber diese Berufung war ein unglücklicher Griff, denn gerade der Handelstag hat durch Einsetzung einer Kommission, die untersuchen soll, was zu geschehen hat, um die im Artikel 42 der Verfassung niedergelegte Forderung zu erfüllen, bekumdet, daß er eine 10 eitergehende Vereinheitlichung für dringend notwendig hält. Und ein frühere? Mitglied des preußischen Eisenbahn- Ministeriums. Geheimrat K i r ch h o f f, hat auch in seiner Schrift: Die Vereinheitlickstuig des deutschen Eisenbahnwesens die Einsetzung einer permanenten Fachkommission zur Prüfung dieser Fragen verlangt. Ein Gerichtsassessor Geher serner hat im Oktober- Heft der Zeitschrift„Weltverkehr und Weltwirtschaft" in einem Artikel das Problem der deutschen Eisenbahngemeinscvast nachgewiesen, daß der Partikularismus und die territorialen Sonderinteressen, die jetzt unser Eisenbahnwesen beherrschen, mit Argnsaugen darüber wachen, daß der Verkehr im eigenen Lande den eigenen Bahnen er- halten bleibt und daß alle größeren Verkehrsinteressen hinter diesen partikularistischen Interessen zurücktreten. In den Mitteln zur Abhilfe gehen wir allerdings weiter als Herr Geyer, wir sehen die "einzige Abhilfe in der Ucbemahme der Eisenbahnen auf das Reich. Einen deutlichen Beweis für das Vorherrschen territorialer Sonder- interessen in unserer heutigen Sonderpolitil ist die Entwickelung des Verkehrs Berlin— Basel. AuS rein fiskalischen Sonderinteressen ivird der Verkehr systematisch von den süddeutschen Bahnen weggelenkt. Nach der Ausführung der bei der europäischen Fahrplankonferenz in H>amburg zur Annahme gelangten An- regung wird der ganze Nordsüdverkehr vorwiegend zu- gunsten der preußisch- hessischen und der elsaß» lothringischen Bahnen um Baden nnd Württemberg usw. herum gelenkt werden. Diese Mißstände können nur beseitigt werden, wenn wir über die Reichseisenbahngemeinschaft hinaus zur Uebernahme der Eisenbahn auf daZ Reich kommen. sSehr wahr l bei den Sozial- demokraten.) In dem preußisch-hessischen Eiscnbabnvertrag ist Hess e n von Preußen nicht schön behandelt; die Millronenüberschllsse, die man uns immer vorhält, können die Tatsache der ungerechten Verteilung nicht aus der Welt schaffen, und das Reichseisenbahnamt sollte dem Verlangen nach einer Revision des Vertrages nachgeben. Die preußischen Junker behaupten, wir Sozialdemokraten wollen Reichseisenbahnen, um uns bei den Eisenbahnarbeitern einzunisten, ihre Disziplin zu lockern und den Streik vorzu- bereiten. Wir begeistern uns für Reichseisenbahnen im Interesse des Verkehrs. Gstviß wollen wir die Arbeiter organisieren, aber nicht um ihre Disziplin zu lockern, sondern u ni ihre Lohn- und A r b e i t s v e r h ä l t n i s s e z u verbessern.(Zustimniung bei den Sozialdemokraten.) Wir habe» in einer Resolution die reichsgesetzliche Regelung der. Dienst- und Ruhezeit der Eisenbahn- angestellten verlangt. Der Bundesrat hat geantwortet, eS sei dies weder notwendig noch zweckmäßig. Dabei haben bei der preußisch- hessischen Eisenbahngemeinschaft nur 6,42 Proz. deS Personals einen achtstündigen Arbeitstag. 63,1» Proz. dagegen einen Arbeitstag von über 10 Stunden; 1000» Eisenbahn- angestellte sogar einen solchen von 12— 16 Stunden (Hört 1 hört! bei den Sozialdemokraten.), wobei aber zu bemerken ist. daß die Woche bei de» Eisenbahnern nicht 6, sondern 7 Tage hat. Glaubt der Präsident des Reichseisenbahnamts, daß eine derartig lange Arbeitszeit im Interesse des Dienstes liegt? Aehnlich ist eö mit der R u h e z e i t. Ein 24stündiger Ruhetag, den sehr viele Eisenbahner nur einmal im Monat haben, ist über- Haupt keine genügende Ruhepause, der Ruheiag muß 36 Stunden umfassen. Bei der Ueberarbeitung der Angestellten ist es natürlich kein Wunder, wenn Unglücksfälle vorkommen. Der preußische Minister Breitenbach prunkt mit seinen� Millionenüberscdüssen, aber der Verbesserung der Lage der Angestellten steht er ablehnend gegenüber. Bei den Werkstattarbeitern»st statt des Akkordsystems jetzt 1« ein„Stückzeit"shstcm eingeführt, aber m einer solchen Weise, daß die Arbeiter nicht auf den früheren Anfangslohn kommen. Hier ist dringend Abhilfe nötig. Ferner sollten die Arbeiter Fahrkarten nicht nur für 60 Kilometer, sondern bis 100 Kilometer erhalten. Dem Präsidenten des Reichseisenbahnamts rufe ich zum Schluß zu: Wackerzapp werde hart gegenalleverkehrs-uiid arbeiterschädigenden Machinationen!(Bravo! bei Das°HauS° v°erta g t die Weiterberatung auf Freitag 1 Uhr. (Borher: Anfrage»'.) Schluß S'/, Uhr._ Mgeoränetenbaus. 137. Sitzung. Donnerstag, den 26. Februar 1313, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: Dr. S y d o w. Zu Ehren des gestern verstorbenen langjährigen Leiters des Stenographischen Bureaus des Hauses, Göpel, erhebt sich das Haus von den Sitzen. Der Handels- und Gewerbeetat. Abg. Rahardt(fk.) tritt in der Fortsetzung der allgemeinen Be- sprechung dafür ein, daß der Fortbildungsschulunterricht in die späten Abendstunden verlegt werde. Hoffentlich erleben wir noch die Novelle zum Handwerkergesetz. Nur die Bezirks- ausschüsse sollten Hausierscheine erteilen dürfen. Gegen den Bau- schwinde! muß mehr geschehen, die Nichlführung eines Baubuchs mutz unter Strafe gestellt werden. Bei den 2700 Zwangsverkäusen von Grundstücken in Groß-Berlin inr Jahre 1912 find 46 Millionen Mark verloren worden. Alle Berliner Großbanken tragen durch unfaire Handlungsweise zu diesem Unwesen bei. Der Redner fordert dann Regelung der Beiträge der Industrie zu den Kosten der Lehrlingsausbildung. Die Konsumvereine wollen wir nicht erdrosseln, aber sie dürfen auch nicht steuerlich bevorzugt werden.(Beifall rechts.) Abg. Rosenow(Vp.) schildert die Bedeutung von Handel, und Industrie im Siaatsleben. Es wird zwar viel verkauft, aber die Preise sind nicht danach, daß der Handel allein gut gedeihen könnte. Jin Hansabund ist nie das Wort erklungen:„Die Minister können uns sonst was I" oder:„Wir gehen unter die Sozialdemo- kraten!"(Sehr gut! links.) Die F u t t e r m i t t e l z ö lle müssen revidiert, die Schutzzölle überhaupt abgebaut werden. Auch wir sind für den Schutz der Arbeitswillige» und gegen den Terrorismus der sozialdemokratischen Gewerkschaften, aber die bestehenden Gesetze genügen. Aus- nahmegesetze sind überflüssig und schädlich. Der Redner tritt dann sehr ausführlich für die bekannten Mittelstandsforderungen ei» und sieht in dem Einschreiten des Ministers gegen die Zulassung der Aktien der Deutschen Erdöl-Akliengesellschaft an der Berliner Börse einen liebergriff. Handelsministcr Dr. Sydow stellt gegenüber dem Borredner fest, daß die Zulassung der Erdölaktien nicht verweigert, sondern die Entscheidung nur hinausgeschoben und das vorgeschriebene Ver- fahren durchaus eingehalten worden sei. Dem Abg. Rahardt antworte ich, daß die Handwerkskammern bereits bei der Ein- lragung von handwerksmäßigen Betrieben in das Handelsregister gehört werden. Abg. Borchardt(Soz.): Während hier in ausführlicher Breite die allgemeine WirffchaftS- läge, die Interessen des Kaufmannsstandes, der Industriellen und insbesondere der Handwerker besprochen worden sind, ist ganz und gar ausgelassen worden die Arbeiterfrage(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten und Na! na! im Zentrum), und das, trotzdem ja die Arbeiter bei weitem die Mehrheit der Be- v ö l k e r u n g bilden. Auf eine ähnliche Bemerkung meines Freundes S t r ö b e l antwortete der Abg. Dr. S ch i f f e r e r im vorigen Jahre, es sei gar nicht nötig, die Arbeiterfrage besonders zu behandeln, denn ihre Interessen seien einbegriffen in den all- gemeinen; wenn die allgemeine wirtschaftliche Lage sich bessere, so sei damit auch bereits für die Arbeiter gesorgt. Kurz vorher hatte Herr Schifferer davon gesprochen, daß auch die Arbeiter an dem allgemeinen Wohlstande infolge einer guten Wirtschafls- läge entsprechenden Anteil hätten. Prüfen wir das ein- mal nacb! Die außerordentlich gute Konjunktur im Jahre 1912 ist übereinstimmend von allen Seiten festgestellt. Der von den Handels- kammern erwartete Rückgang nach dem Jahre 1911 ist völlig aus- geblieben, auch der Baltankrieg hat an der glänzenden Wirlschafts- läge nichts geändert und die Aussichten für die Zukunft sind auch nach Regierungserklärungen sehr gute. Als im Jahre 187» zuerst die Bestrebungen auf Gründung des rheinisch-westsälischen Kohlen- syndikats auftauchten, sagte der nationalliberale Abgeordnete Dr. H a m m a ch e r, daß eine Verzinsung von etwa 5>/z Proz. als billigen kapitalistischen Ansprüchen angemessen zu bezeichnen sei. Nach dem kaiserlichen statistischen Amt hatten von 1910 bis 1912 von den 4680 Akliengesellichaften, die zu Erwerbszwecken gegründet sind, und die ein Kopital von insgesamt 17260 Millionen Mark be- sitzen, 69 weder Gewinn noch Verlust, 743 einen Verlust und 3868 einen Gewinn von rund 1490 Millionen Mark gleich 8,1 Prozent des Kapitals. Also schon weil mehr, als waS Hammacher angemessen nannte. Bei Betrachtung der einzelnen Gewerbegruppen kommen weit höhere Zahlen heraus. Es verdienten die Aktiengesellschaften im B a n- g ewerbe(trotz seiner allgemein schlechten Lage) 9,3 Proz., die in B e r g b a u. in der M e t a l l- und Maschinenindustrie 10,14 Proz., in der chemischen I n d u st r i e beinahe 1 6 und im Bersicheru ii gsge werbe beinahe 16 Proz.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Berücksichtigen wir aber nur das dividendenberechtigte Kapital ohne Reservefonds, so halten die 3368 Gesellschaften durchschnittlich 10 Proz. Gewinn. Die tatsächliche Dividende bewegte sich zwischen 9 Proz. bei Stein- kohle und 23 Proz. bei der Feuerversicherung. Also, daö Kapital hat einen ganz hübschen Anteil aus der guten Konjunktur bezogen. Wie ist es nun mit dem Anteil der Arbeiter? Die Berichte der preußischen Gewerbeinspektoren sind für dieses Jahr leider noch nicht"Erschienen, aber in einer Be- sprechung der vorjährigen Berichte sagte die gewiß unverdächtigle „Norddeutsche Allgemeine Zeitung":„Leider ist die günstige Lage der Industrie den Arbeitern nicht in dem lvüilschenswerten Umfange zugute gekommen; toenl/auch die Löhne eine steigende Tendenz zeigen, so wurden die sich daraus ergebenden Vorteile doch fast überall durch die T e u e- rung der Lebensmittel und der K o h l e aufgehoben, teil- weise sogar mehr als aufgehoben."(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Rosenow, der über nicht genügend hohe Preise geklagt hat, hätte sich aus dem Bericht der Berliner Handelskammer darüber orientieren können, daß es für die anderen Gewerbe ein Nachteil ist, wenn die Arbeiter allzu viel bloß ans die Lebensmittel ausgeben müssen.(Zustimniung bei den Sozialdemokraten.— Abg. Rosenow: Ja. Lebensmittelpreise!) Aber es ist doch so klar, wie daß zwei mal zwei vier ist, daß die übrigen Gewerbe auch geschädigt werden müssen, wenn für Erzeugnisse anderer Gewerbe niehr ausgegeben werden mutz. »Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten� Vor allem können dann in den anderen Gewerben nicht bessere Oualiläten gekauft werden. Und da klagt der fortschrittliche Redner, daß die Preise noch nicht teuer genug sind. iAbg. Rosenow: Entstellung!) Wenn ich Sie miß- verstanden' habe, können Sie mich nachher berichtigen, aber einen wichen Zmuf sollten Sie doch nicht machen. Hätte ich das getan, wäre ich sicher schon zur Ordnung gerufen worden, was ich Ihnen natürlich nicht wünsche!(Heiterkeit.) Nach dem statistischen Jahrbuch für den preußischen Staat be- trägt der höchste ortsübliche Tagelohn in Preußen g 60 Mark, also wenig über 1000, etwa 1100 M. im Jahr. Nach der Statistik des bei den reaktionären Parteien dieses Hauses in großem Ansehen stehenden Herrn Richard C a l w e r mußte eine vierköpfige Familie im Januar 1911 für notwendige Nahrungsmittel pro Woche 23,60 M. nnd 1912 schon 26B0 M., also gegen 1600 M. im Jahre aufwenden! Die ortsüblichen Tagelöh ne sinken aber von 3,60 M. bis auf- 1,20 M. im Kreise Nimptsch in Schlesien (Hört, hört! bei den Sozialdemokraten), und das nennt Herr Schifferer einen entsprechenden Teil der Arbeiter an» allgemeinen Wohlstand.— Ich uieiß natürlich, daß, wenn das auch gar nicht gerechtfertigt ist, nicht die wirklich bezahlten Arbeitslöhne als orts- übliche festgesetzt werden. Was wird wirklich bezahlt? Nach dem Ejseuer Handelskammerbericht betrug der Jahreslohn der eigentlichen Kohlenhauer 1912 im Bezirk Dortmund nicht ganz 1900 M„ der Durchschnittslohn aller Bergarbeiter, mit diesen höchstbezahlten, 1600 M., und nach amtlicher Angabe betragen die Bergarbeiterlöhne in Schlesien und im Saarrevier nur ä/3 hiervon! Der Eisenbahnminisier rühmte sich vor einigen Wochen, daß die Eisenbahnarbeiter 1440 und 1167 Mark Jahreslohn bekommen! Nach der Berliner Handels» kanimer ist 1912 die Arbeitslosigkeit trotz der Mehrproduktion so gestiegen, daß auf 100 Stellenangebote 119 Arbeitsuchende gegen 116 im Vorjahr kamen: also weniger Arbeiter, mehr geleistete Arbeit! Das ist der Anteil der Arbeiter und da machte Schifferer den freien Gewerkschaften den schweren Vorwurf, daß sie sich nicht aus ihr ur- eigenstes Gebiet, die Lebenshaltung der Arbeiter zu verbessern, be- schränken, sondern Politik treiben. Wer im GlaShause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten) Haben Sie nicht verlangt, daß der Leiter des Schöneberger Arbeitsnachweises auf die Straße gesetzt werde, weil er Sozialdemokrat ist also eine Ihnen nicht genehme Gesinnung hat'? Wer trägt Politik in wirtschaftliche Fragen hinein? nnd was ist also Gesinnungs- terrorismus? Nein, gerade deshalb find Ihnen die Gewerkschaften so verhaßt, weil Sie sich aus ihr ureigenstes Gebiet beschränken, denn jede Erhöhung der Löhne und Verbesserung der Aebeits- bedingungen muß den�K apitalprofit reduzieren. Ist Ihr Verlangen gegen den Schöneberger Arbeitsnacbweislciter nicht blanker Terrorismus, den Sie immer uns vorwerfen?(Abg. Hoffmann: Ja, Bauer, das ist was anderes!) Das aus sachlichen Gründen er- hobene Verlangen der Bauarbeiter, auch Arbeiter zur Bauten- kontrolle heranzuziehen, lehnen Sie ab, weil— so sagte der Mi- »ister— die Baukontrolleure sozialdemokratische Propaganda treiben könnten. Wen geht denn das etwas an, wenn die Kontrolleure nur ihre Schuldigkeit als Kontrolleure erfüllen? Würde sich Herr v. Pappenheim etwa das Staatsbiirgerrecht verkümmern lassen, auf den Bauten konservative Propaganda zu treiben!? In Leipzig wurde ein Arbeitgeberverband für die Papier- und Leder- verarbeilungsindustrie gegründet und als einer seiner Zwecke die Materialsperre gegen sich dem Verband nicht unterwerfende und sich ihm nicht anschließende Unternehmer erklärt(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), also Gewallmittel zur Erzwingung deS Anschlusses au den Verband. Die fteien Gewerkschaften wären töricht, wenn sie solche Mittel anwendeten, denn g e- zwungene Mitglieder würden ihnen bei ihren schweren Kämpf»« nichts nützen. Vereinzelte Aus- schreitungen mögen vorkommen, aber die Gewerlschaiten ver- Wersen aus dein eben angegebenen Grunde prinzipiell einen solchen Zwang. Als ein weiterer Zweck des Leipziger Verbandes wirddieArbeitslosmachung von Streikenden erklärt, die bei anderen Firmen eingestellt worden sind. Hier können Sie nach Scbutz der Arbeitswilligen rufen, auch Herr Rosenow. (Sebr gut! bei den Sozialdemokraten.) Hcrx Rosenow aber klagt nur über Terrorismus und Arbeitswilligcnvcrfolgung der freien Gewerlschaften. Bon uns könnte er hundertmal mehr Material für TerrorismuS erlangen, als von den Unlernehmerorganisalionen. Wie sind die Aerztevereinigungen samt Herrn M u g d a n über Streikbrecher hergefallen, was machen die Offiziere mit einem, der die Standessilten nicht beachtet? Man schießt solche Leute sogar im Duell tot. Freilich, Herr Rosenow mag nur dem Bedürfnis der von der Rechten— mit geringem Recht— so scharf getadelten Fortschrittlichen Volkspartei gefolgt sein, wenn er neue Anlehnung bei den Konservativen suchte.(Abg. v. Arnim- Züsedom(k.) winkt ab.) Und haben wir nicht auch Fälle von Terrorismus hier im Hause erlebt? Der Abg. S ch r ö d er-Kassel hat im vorigen Jahre einen Amtsrichter denunziert,. weil er einem Tischler Arbeiten übertragen hatte, der den Meister» titel nicht hatte, obwohl die Arbeit an sich auch von einem Meister nicht besser hätte geliefert werden können. Dem Tischler wurden daraufdin die Arbeilen entzogen.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Ist das nicht blanker TerrorismuS? Aehnlich ist Herr Karow aufgetreten. Auch er verlangte, daß aus dem Wege der Gewalt, d. b. durch ein Eingreifen der Behörde die Arbeit einem kleinen Fabrikanten entzogen und einem Meister zugewandt wurde. Also fasten Sie sich gefälligst erst an die eigene Nase! Mit Recht hat der Minister gestern gesagt, daß man nicht vergessen dürfe, daß es außer den Handwerkern auch noch andere Leute gibt. Die naive Selbstgefälligkeit der Handwerkerverlreter aber verlangt, daß alle anderen Interessen denen der Handwerker hintan« gesetzt werden. Die Wanderlager, das Haustergewcrbe, die Detail- reisen, alles soll verboten werden. Die Wünsche der Herren Hammer, Rahardt, Schröder-Kassel und anderer lasten sich in den einen Satz zusammenfassen:„Jeder, der den Handwerkern.Konkurrenz macht, wird mit Zuchthaus bestraft."(Sebr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ein merkwürdiger Gegensatz besteht zwischen den Forderungen der M i t t e l st ä n d l e r selbst und denen der M i l r e l st a n d s- Politiker. Die Mittelstandspolitiler sehen im Mittelstand daS sicherste Bollwerk gegen die Sozialdemokratie. Wenn das richtig ist, dann»nützte es möglichst viel Mittelständler geben, denn je größer die Zahl, desto sicherer das Bollwerk. Dann müssen die Mittel» ständler dafür sorgen, daß möglichst viele Proletarier zum Mittel- stand aussteigen. Aber was nützt das. dem Mittelstand? Daiin würde ja die Konkurrenz für ihn immer größer.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Und durch diese Politik würden dann auch den Mittelständlern die Gesellen weggenommen. Weshalb sollen die Gesellen Gesellen bleiben, wenn sie selbständig werden können? Auch diese Gesellen vergrößern die Konkurrenz für den Mittelstand und diese Konkurrenz wird gerade von den MittelstänMcrn gefürchtet. Der Wortführer der Mittelständler im sächsischen Landlag, der Abg. Spieß, hat ausdrücklich ausgesprochen, daß es dem Mittelstand gar nicht daraus ankommt, daß die Zahl seiner Angehörigen wächst.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten) Also Sie sehen den klaffenden Widerspruch. Die MitkeistandSpolitiker wollen durch den Mittel- stand dem Klassensiaat helfen. Die Mittelständler selbst aber wollen, dast durch den Staat dem Mittelstand, d. h. de n Mittel- siändlern geholfen wird, die jetzt bestehen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Den heute existierenden Mittelständlern soll eine möglichst bevorzugte Stellung erhalten bleiben. Ich trage das nicht vor, um die Mittelständler herabzusetzen. Diesen Fehler, daß der Staat nur für einen Stand da»st, begehen auch die Agrarier und die K a u f l e u t e.(Zurus rechts: Und die Arbeiter?) Auch die Arbeiter glauben, daß der Staat in erster Linie für sie da ist. Wir sind aber die große Mehrheit!— Die Ursachen der schlechten Lage des Mittelstandes liegen in der Notwendigkeit deS Großbetriebs als volkswirtschaftlicher Erscheinung. Der Großbetrieb kann billiger arbeiten. Da nützen alle Ihre Maßnahmen nichts. Er ist produktiver. Er ist ein Forffchrilt. Bedauerlich ist nur. daß dieser Fortschritt nickt ein Segen für alle ist. sondern daß er zum Schaden ausschlagt nicht nur für die Hand» werker, sondern auch für die Gesamtheit. Das wird erst anders sein, wenn das Privateigentum an den Produktionsmitteln beseitigt sein wird. Daher müssen sich die Handwerker der Sozial- demokratie anschließen, was ja schon teilweise geschehen ist. Der Minister sträubt sich gegen die Einführung des zweiten Teiles des Gesetzes der Bauforderungen nicht, weil er die Schäden des Bauschwindels übersieht,� sondern weil dieser zweite Teil kein Mittel zu ihrer Beseitigung ist. Helfen kann nur die Eutcignung des Grundbesitzes. Freilich, ob der heutige Staat, der selber mit dem Tempelhofer Feld eine Terrainspekulation größten SilS getrieben hat, wirklich helfen würde, ist mindestens zweifelhaft. Sie sehen, an vielen Stellen ist zu ändern. Mir kleinen Mitteln kommen wir nicht weiter. Hier heißt eS ganze Arbeit, ganze Enteignung machen.(Leb- Haftes Bravo! ber den Sozialdemokraten.). Abg. Karow(£.): Die Sozialdemokraten möchten am liebsten den Mittelstand ganz ans der Welt schaffen, wir aber wollen, dag sich aus dem Proletariat Männer aus eigener Kraft zum Mittel- stände emporarbeite». Wenn der Mittelstand vom Staate so berück- sichtigt würde, wie die Arbeiterschaft, wäre er sehr zufneden. Der Mißmut über die strenge Handhabung der Bäckerei- Verordnung ist groß, man soll sogar Bäckereien verboten, weil sie zu sehr Geräusch gemacht haben, und es sollen sick sogar Bäcker- meister umgebracht haben, weil ihnen durch die Verordnung der Weiterbetrieb unmöglich gemacht wurde. Abg. Gulcr sZ.j wünscht Anstellung von Handwerlsmeistern als Fortbildungsschullehrer und Einführuug deS Religionsunter- r i cki t e s. Der Gesellentitel mutz mehr geschützt und die Gesellenprüfung obligatorisch eingeführt werden. Abg. Dr. Schifferer snotl.) wendet sich gegen den Abg. Rosenow. der einen Abbau der Schutzzölle verlangt habe. Borckiardts Dar- legungen über die hohen Dividenden übersehen, daß sie auf den Nominalwert berechnet und in Wirklichkeit lange nicht so hoch sind. Er müßte die Dividenden vergleichen mit dem Lohn der Arbeiter im selben Beruf. C a l w e r soll der Sachverständige der reaktionären Parteien sein: ja gehören denn die freien Gewerkschaften auch da dazu? Calwer schreibt doch für Ihr„Korrespondenzblatt"! Daß jede Verkürzung der Arbeitszeit den Kapitalprofit schmälere, widerspricht Ihrer Be- hauvtung, daß sie nicht eine Produklionsverminderung bedeute. Die BerdwZpelung der Zahl der Einkommensteuerzahler, die Vermehrung der Sparkasseneinlagen und die bessere Ernährung beweisen die stärkere Beteiligung der Arbeiter am Wohl st and. Abg. Ströb'el hat ja letzthin selbst die Verelendungstheorie auf- gegeben, aber Ä a u t s k y hält sie aufrechl und sie ist nach Auer die Grundlage Ihres Programms. Die Frage kann nur sein, ob die Beteiligung des Arbeiters am wirtschaftlichen Ausschwung zu vergrößern ist. Besser ist es geworden, es kann nur darauf an- kommen, unserem Wirtschaftsleben weitere Stetigkeit zu geben, und die Verbesserung der Lage der Arbeiter nicht mit politischem Macht- streben zu verquicken.(Sehr richtig! bei den Nationalliberalen. j Die Depresfionen bei uns sind viel geringer als z. B. die Krisen in Amerika. Das ist den Syndikaten mit zu veldanken. Freilich müssen sie Mäßigung bewahren. Der Reichsschatzbeamte Dr. Kestner hat ein ganz sozialistisches Buch vcrösieinlicht, worin er ein staatliches Vorgehen gegen die.gemeingefährlichen" Syndikate fordert. (Hört! hört! bei den Nationalliberalen und rechts.) So könne das Kohlensyndikat durch Bezug ausländischer Kohle niedergebracht, ja im öffentlichen Interesse enteignet werden(Stür- misches Hört! hört!) und gegen den Stahlwerksverband soll durch Aufhebung des Roheis enzolles vorgegangen werden. (Erneutes Hört! hört!) Wie würde Bismarck diesem Mißverstcher der Monopolidcen heimgeleuchtet hoben. Bismarck wollte nur die Reichsfinanzen stärken und den Tabak, ein Genußmittel, verstaatlichen. Dem Schreiber fehlt es wohl an praktischer Bildung, solchen Männern ist unsere Volkswirtschaft anvertraut! Hoffentlich können derartige Störungen unsere Staatsregierung nichl irre machen an unserer bewährten Wirtschaftspolitik. (Lebhafter Beifall bei den Naiionalliberalen.) Ein Schlußantrag wird angenommen. Abg. Borchardt(Soz.) persönlich: Dr. Schifferer hat mich an so zahlreichen Stellen mißverstanden, daß ich nur zur Auf- klärung der Mißverständnisse eine einstündige Rede halten könnte. (Oho: rechts.) Aber ich will Ihnen mal zeigen, wie liebenswürdig ich sein kann und nur ein einziges Mißverständnis aufklären. (Heiterkeit.) Ich habe Herrn Schifferer durchaus keinen Vorwurf gemacht, daß er und die anderen reaktionären Parteien sich auf C a l w e r berufen, sondern nur bemerkt, daß Sie Calwer wohl an- erkennen werden. Ich mache niemanden einen Vorwurf aus seiner Meinung, selbst wenn er Reichsbeamler ist.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Freitag 11 Uhr: Waffergesetz, kleinere Borlagen. Schluß IV, Uhr. Lohnbücher für die Kleider- und Bläschekonfelttion.. Der gestern abend erschienene„Reichsanzeigcr" veröffentlicht einen Beschluß des Bundesrats vom 14. Februar 1913. Durch diesen ist auf Grund der letzten Gewcrbeordnungsnovelle die Führung von Lohnbüchern für die Betriebe der Kleider- und Wäschekonfektion für die Zeit vom 1. Juli 1913 etwas anders als bisher geregelt. Zurzeit gilt die Verordnung über Einführung von Lohnbüchern für die Kleider- und Wäschekonfettion vom 9. Dezember 1909. Die Novelle von 1911 ermöglicht über die Konfektionsbetriebe hin- ausgehend Einführung von Lohnbüchern und hat verschiedene Aenderungen über den Inhalt der Lohnbücher zugelassen, leider aber auch Ausnahmen. Die neue Bundesratsverordnung vom 14. Februar 1913 schreibt die Führung von Lohnbüchern nur für die Betriebe der Kleider- und Wäschekonfektion vor. Zur Kleider- und Wäschekonfcktion ge- hören alle Betriebe, in denen die Anfertigung oder Bearbeitung von Männer- und Knabenkleidern(Röcken, Hosen, Westen, Mänteln und dergleichen), Frauen- und Kiirderkleidung(Mänteln, Kleidern, Umhängen und dergleichen) sowie von weißer oder bunter Wäsche im großen erfolgt. Anfertigung oder Bearbeitung im großen liegt auch vor, wenn zwar in dem einzelnen Betriebe selbst nur eine beschränkte Stückzahl der Ware angefertigt ober bearbeitet wird. wenn jedoch der Unternehmer, für den der Betrieb arbeitet, die Waren in Massen herstellen läßt. Für die aüsschließlich gegen Zeitlohn in der Arbeitsstätte des Arbeitgebers beschäftigten Arbeiter braucht ein Lohnbuch nicht gc- führt zu werden. Das Arbeitsbuch soll künftig den im neuen Z 114a der Gewerbeordnung vorgeschriebenen Inhalt haben. Tie Verordnung läßt folgende Ausnahmen für Muster zu: Soll die Anfertigung eines erstmalig herzustellenden Musters übertragen und kann der Lohnsatz für dieses nicht im voraus be- rechnet werden, so darf die Eintragung des Lohnsatzes bis spätestens zu dem Zeitpunkt verschoben werden, in welchem der Lohn er- mittelt ober ausgezahlt wird. ** 4- Ein Wolffsches Telegramm meldet uns. daß der Bundesrat gestern noch zwei sozialpolitischen Verordnungen zugestimmt liabc. Tie eine betrifft die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter auf Stein- lohlenbcrgwcrlcn in Preußen, Bayern, Sachsen und Elsaß- Lothringen. Die zweite die Einrichtung und den Betrieb von Anlagen zur Herstellung von Bleifarben und anderen Bleiproduktcn. Beide Verordnungen werden demnächst verössenilicht werden. _- V parlamentanfcbcö. Tas Petroleum-Monopol. Die Kommission des Reichstages beriet am Donnerstag zu- nächst über einen Antrag p. Schulze-Gävcrnitz, nach dem den Dctalllistenvcrbänden vor vornherein zehn Prozent der Inhaberaktien angeboten werden sollen. Das Zentrum war gegen den Antrag. � Durch den Redner der Sozialdemokratie wurde betont, daß in einer Aktiengesellschaft, in der das Reich tatsächlich die ganze Leitung in der Hand hat und die Verantwortung trägt, natürlich auch die Tctaillisten so wenig wie die Banken und die Produzentengesellschaftcn einen maßgebenden Einfluß ausüben können. Die Detaillisten erhalten eine Vertretung im Aufsichtsrat und können eine Vertretung in der Generalversammlung sich sichern.— Der Antrag wurde mit der Bestimmung, daß die Aktien der Tctaillistcnvcrbände nur auf drei Jahre gebunden sind, gegen die Stimmen des Zentrums angenommen. Sodann wurde beraten über die Zusammensetzung des Auf- sichtsrats. Die sozialdemokratischen Mitglieder der Kommission stellten den Antrag: Der Aufsichtsrat soll aus 21 Mitgliedern be- stehen. Davon sollen fünf Rcichstagsmitglieder, zwei Vertreter der Detaillistenverbände und zwei Vertreter der Konsumvereine sein, j Elf sollen vom Reichskanzler als Vertreter des Reichs ernannt und einer soll als Vertreter des Großkapitals gewählt werden. Die Liberalen waren dagegen, daß die fünf Reichstagsmit- glieder stimmberechtigte Mitglieder werden sollen. Sic wollen sie nur als Beiräte mit beratender Stimme zulassen, sie woll- ten nicht, daß die Reichstagsabgcordncten die gesetzliche Haftpflicht als Aufsichtsratsmitglieder übernehmen müssen.— Das Zentrum hat Anträge gestellt, die eine stärkere Vertretung der Detaillisten im Aussichtsrale vorsehen und Vorsorge treffen, daß die Bank- und Produktionsgesellschaften trotz der Mehrheit des Reichs im Auf- sichtsrat nicht einen entscheidenden Einfluß gewinnen können. Ferner wurde die Frage diskutiert, ob die Aufsichtsratsmit- glieder Tantiemen bekommen sollen oder nicht. Die Sozial- demokratcn wollen keine Tantiemen, sondern nur Ersatz der Aus- lagen gewähren. Die Liberalen sind für Gewährung von Diäten, während das Zentrum einen Antrag gestellt hat, nach dem der Reichskanzler oder der Bundesrat das Recht erhält, chesondere Ent- schädigungen an die Aufsichtsratsmitgliedcr zu gewähren.— Ohne die Diskussion zu Ende zu führen, wurde die Sitzung vertagt auf Tonnerstag der nächsten Woche.' Arbcitcrverhältnisse auf den Reichswerften. Am Donnerstag wurden in der Budgetkommission des Reichs- tages Arbeitervcrhältnisse der Reichswerften erörtert. Anlaß dazu gab ein Tagesbefehl des Werftdircktors in Kiel, durch welchen den Arbeitern verboten wird, Kollektiveingaben zu machen; ferner die Bestimmung in der Arbeitsordnung, daß„sozial- demokratische Agitatoren" nicht auf der Werft beschäftigt werden dürfen. Unsere Genossen beantragten, daß die erwähnten Bestimmungen aus der Arbeitsordnung zu beseitigen sind.— Vom Zentrum wurde die Verhältniswahl für die Arbeiterausschüssc ge- fordert sowie die Entfernung aller Bestimmungen, die vie Nicht- bcschäftigung von Angehörigen bestimmter politischer Parteien vor- sehen.— Die Genossen Brandes, Schöpflin und L e d c- b o u r betonten, die Verwaltung habe kein Recht, solche Ausnahme- bestimmungen gegen die Angehörigen der einen oder anderen Par- tei zu treffen, die im vorliegenden Falle einfach der Jnfamierung der sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter, also des größten Teils der aus den Werften beschäftigten Leute, gleichzuachten sind. Ohne sozialdemokratische Arbeiter seien die kaiserlichen Werften nicht leistungsfähig. Der Denunziation und Schnüffelei werde Tür und Tor geöffnet, wie auch oftmals untergeordnete Polizeibeamtc aus persönlichen Rachegelüsten Arbeiter um ihre Arbeit brachten. Wenn die Verwaltung jegliche politische Tätigkeit während der Arbeits- zeit verbiete, so sei dagegen nichts einzuwenden; was aber der Arbeiter außerhalb des Betriebes tue, gehe die Verwaltung gar nichts an. Von den Rednern der beiden liberalen Parteien wurde geltend gemacht, daß Agitatoren, gleichviel welcher Partei sie angehören, die den Frieden aus der Werft stören, nicht beschäftigt werden sollen.— Staatssekretär v. T i r p i tz betonte, daß er die gegebenen Anregungen einer genauen Prüfung unterziehen werde. Der erste Teil des sozialdemokratischen Antrags sei unannehmbar, denn gegen hetzerische Personen müsse eingeschritten werden können.— Namens der Konservativen erklärte Gras W e st a r p, bei der Stellung der Sozialdemokratie zum heutigen Staat sollten Sozialdemokraten nicht in Staatsbetrieben beschäftigt werden. Der Reichstag habe kein Recht, in die Arbeitsordnung der Staatsbetriebe einzugreifen. Nach längerer Debatte wurde der erste Teil des sozialdemo- kratischen Antrags abgelehnt; für ihn stimmten nur unsere Gc- nofsew. Der zweite Teil fand gegen die Stimmen der Konser- vativen und des christlich-sozialen Abg. Mumm Annahme. Der Antrag des Zentrums wurde gegen die Stimmen der Konservativen angenommen. Jugendgerichte. Gegen die Versuche, die A n k I a g e e r h c b u n g in das freie Ermessen der Staatsanwaltschaft zu stellen, wandte sich in der 13. Kommission des Reichstages am Donnerstag Genosse Stadt- Hagen mit nachdrücklichen Hinweisen auf den politischen Charakter der Staatsanwaltschaft, der das freie Ermessen zur Willkür gegen die Arbeiterjugend im Sinne der Klassenjustiz machen werde. Die Entscheidung über die Erhebung der öffentlichen Klage gegen Jugendliche soll nach dem sozialdemokratischen Antrage in die Hände der Vormundschaftsbehörde gelegt sein, die aus dem Vor- sitzenden und mindestens zwei Schöffen(Waisenräte, Laien, dar- unter eine Frau) besteht; die Klagccrhebung selbst soll durch den Staatsanwalt nach dem Entscheid der Vormundschaftsbehörde er- folgen.— Der Antrag wurde von her Regierung, wie von allen bürgerlichen Parteien bekämpft; im Prinzip trat ihm, um die Mit- Wirkung von Geistlichen, Lehrern und Frauen in gewissem Umfange zu ermöglichen, nur Meyer- Herford(natl.) bei.— Nach längeren Debatten brachte van Calkcr(natl.) folgenden Vermitte- lungsantrag ein: Oeffentliche Anklage gegen Jugendliche darf nicht erhoben werden, wenn der Staatsanwalt der Anschauung ist, daß Besscrungs- und Erziehungsmaßnahmen der Strafe vorzuziehen sind und die Vormundschaftsbchörde zustimmt.— Ob auf dieser Grundlage eine Verständigung möglich ist, wird sich in der nächsten Sitzung zeigen.__ Menschen als Bersuchsobjettc. Wir berichteten seinerzeit über eine Petition, welche gesetz- liche Bestimmungen forderte, um zu verhindern, daß von Aerztcn an ihren Patienten ohne deren Willen„wissenschaftliche Experi- mentc" vorgenommen werden, die nicht den Zweck haben, Heilung zu bringen, sondern lediglich dem Studium anderer Krankheiten dienen. Die Petitionskommission beschloß die Ueberweisung dieser Pctitiön als Material an den Reichskanzler. Zu einem Konflikt kam es in der Kommission am Donnerstag, als der Bericht für das Plenum, den Genosse Thiele hergestellt hatte, genehmigt werden sollte. Von konservativer Seite wurde verlangt, daß eine Stelle im Bericht gestrichen � wird, in der ein Dr. med. O. in Frankfurt a. M., der Assistenzarzt am„Hospital zum heiligen Geist" war, über Versuche„mit einer großen Anzahl Kranker" berichtet, dem Chefarzt des Hospitals„für die gütige Ueberlassung des Materials herzlich gedankt" und hinzugefügt wird:„Es sind fast ausschließlich Dienstmädchen." Genosse Thiele weigerte sich entschieden, diese Mitteilungen den Akten des Rcichskages zu entziehen und legte, als die Mehrheit der Kommission(Zentrum, Konservative und Nationallibcrale) dennoch diese Acnderung des Berichts beschloß, sein Amt als Berichterstatter nieder, das dann der Antisemit Dr. Burckhardt übernahm. Bus der Partei. Aus der Stuttgarter Parteiorganisation. Am Dienstagabend fand in Stuttgart eine Versammlung des sozialdemokratischen Vereins statt, die in erster Linie zu dem Verhalten der Mehrheit der Landtagsfraktion bei den höfischen Zeremonien der Landtogs- eröffnuna Stellung nehmen sollte. Genosse W e st m e y e r teilte mit, daß er acht Ilbgeordnete der Mehrheit der Landtagsfraktion ersucht habe, das erste Referat für die Versammlung zu übernehmen und dabei die Gründe der Mehrheit dgr Fraktion für die Teilnahme an der Landtagseröff- nung den Parteigenossen vorzutragen. Sieben der Wgeo'cdneten haben aus den verschiedenartigsten Gründen abgelehnt, mit dem achten war kein Anschluß zu oekommeu. Es stehe also nur das Referat des Genossen C r i s p i e n auf der Tagesordnung der Versammlung. Das Referat wurde von der Versammlung mit nünnischem Beifall aufgenommen. Ter Vorsitzende ffchlug der Versammlung vor, zunächst solche Diskussionsredner zum Wort kommen zu lassen, die eine von dem Referat abschweifende Auf» fassung zum Ausdruck bringen wollen. Da sich niemand meldete, stimmte die Versammlung dem Vorschlag zu, ohne weitere Tis- kussion sofort über folgeiche Resolution abzustimmen: Die Versammlung spricht aus:„Die Teilnahme der Mehr- hcit der sozialdemokratischen Landtagsfraition an der höfischen Zeremonie der Landtagsfraktiön war weder durch staatsrecht- liche Gründe noch durch das Interesse der Partei geboten. Die Versammlung spricht daher ihre Mißbilligung über diesen Partei- schädigenden Akt der Fraktionsmehrhcit aus. Sie fordert, daß' endlich auch die Mehrheit der Fraktion die programmatische Stellung dew Sozialdemokratie zur Monarchie, die Parteitags- bcschlüsse wie den Willen der übergroßen Partcimehrheit unzwci- dcutig anerkennt und es in Zukunft unterläßt, die Differenzen in der württembergischc» wie in der deutschen Sozialdemokratie grundlos zu verschärfen. Der Tagwachtredaktion spricht die Per- sammlung für die in dieser Angelegenheit eingenommene Haltung vollste Zustimmung aus." Die Resolution wurde unter starkem Beifall gegen drei Stimmen angenommen. Ferner machte der Vorsitzende der Versammlung die Mit- teilung, daß sich Genosse Dr. L in d c m a n n von der Kundgebung unserer Rathausvertreter gegen die bürgerlichen Parteien anläß- lich der Bürgeraus schußobmannstvahl demonstrativ fcrngebaltcn hat. Genosse Dr. Lindeinann sei zur Versammlung unter Mitteilung dieser Angelegenheit schriftlich eingeladen worden; er habe jedoch geantwortet, ein Halsleiden vcrbindere ihn am Sprechen. Nach kurzer Diskussion faßte die Versammlung gegen drei Stimmen folgende Entschließung: „Die Versammlung bedauert aufs tiefste, daß sich Genosse Dr. Lindcmann von der Demonstration der sozialdemokratischen Rathaussraktion gegen die liberale Gewaltpolitik bei der Wahl des Präsidiums des Bürgcrausschusscs als einziger Sozialdemo. krat demonstrativ ferngehalten hat. Sie verurteilt das um so schärfer, als in dieser Angelegenheit volle Einmütigkeit zwischen den Parteigenossen Stuttgarts und allen anderen sozialdemo- kratischen Rathausvertretcrn bestand." Alsdann gelangte das eigentliche Thema des Abends zur Er- örtcrung.___ Kommunalwahlerfolge. Bei den Grundeigentllmerwahlen zurHamburgerBürger- s ch a f t am Dienstag wurde noch Genosse Blume gewählt. Die Sozialdemokratie hat damit trotz des schandbaren Wahlrechts ihrcv alten Besitzstand behauptet. Bei der Gemeinderatswahl in Gera wurden neun Sozial- demokratcn und vier Gegner gewählt. Die sozialdemokratische Mehrheit im Gemeinderat wurde wieder errungen. Mitteilung. Der Genosse Bebel bittet unS mitzuteilen, daß er für die nächsten Tage von Berlin abwesend ist. Personalien. Genösse Hermann Merkel, bisher Kanzlei- Vorsteher beim Genossen Rechtsanwalt Dr. Frank in Mannheim, ist zum Lokalredaktcur der„Bergtschen Arbeiterstimme" in So- lingcn gewählt worden. Merkel war jahrelang Vorsitzender der Preßkommission und des Gewerkschaftskartells tu Mannheim. poli-eilicfies. Oericbtlichee ulro. Russische Schandurteile. Die Petersburger Gerichtskammer hat dieser Tage den Genossen Rechtsanwalt I e r m o l a j e w wegen Zugehörigkeit zur Petersburger sozialdemokratischen Initiativgruppe und wegen Beteiligung an der Einberufung der sozialdemokratischen Augustkonferenz zum Verlust aller Rechte und �ur lebenslänglichen Deportation nach S i b i r r e n verurteilt! In derselben Gerichtssitzung wurde Genosse S. Zederbaum wegen einiger Artikel aus dem Jahre 1906(I) zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt I Bus aller QQelt. Suffragetten als Brandstifter. Die Agitation der gutbürgcrlichen englischen Fraucnrecht- lerinnen nimmt immer sonderbarere Formen an. Nachdem die Damen ihr Mütchen an Fensterscheiben gekühlt hatten, sind sie jetzt unter die Brandstifter gegangen. Unter der Beschuloigung, am Donnerstag in früher Morgenstunde den Teepadillon in den Kew Gardens in B ra nd»g c st e ck t zu haben, erschienen zwei junge Frauen vor dem Polizeigericht in Richinonb. Der Pavillon war vermittels pasaffindurchtränkter Baumwolle angezündet und durch das Feuer vollständig zerstört tvorden. Der Schaden wird auf 1000 Pfund Sterling geschätzt. Die Angeklagten benahmen sich vor Gericht lärmend; ein« von ihnen warf ein Aktenheft auf den Richter, so daß die Polizei dazwischen treten mußte. Der Fall würbe auf eine Woche zurückgestellt. Eine der Leiterinnen der Suffragetten, Frau P a n k h u r st, erklärte in einer Rede, daß das Bombenattentat im Hause Lloyd Georges auf das Konto der Suffragetten käme. Man habe damit das Gelvisscn des Ministers wecken wollen. Sie sei bereit, die Verantwortung für die Tat zu übernehmen, und würde bei einer Vdthaftung sofort in den Hungerstreik eintreten. Grostfeuer in Tokio. In dem Bezirk Kanda in Tokio ist am DonncrStagmorgcn ein Brand ausgebrochen, der gelvaltigen Schaden anrichtete. Das Feuer, das in einer Halle der Heilsarmee ausgebrochen ivar, wurde durch den starken Sturm angefacht und verbreitete sich mit großer Schnelligkeit, so daß es sich schließlich auf das ganze Stadt- viertel ausdehnte. Die Garnison rückte aus und unterstützte die Feuerwehren; alle Bemühungen aber waren vergeblich. Kanda ist der Mittelpunkt des studentischen Lebens. Viele Schulen und Erziehungsinstitute sind niedergebrannt. Amtlich ist festgestellt worden, daß 3990 Gebäude zerstört ioordcn silto; die Zahl der Obdachlosen, die im Kudanpark Unterkunft suchen, wird auf 15 000 Personen geschätzt. Der Schaden wird auf VA Millionen Pfund Sterling beziffert. Kleine Notizen. Schwerer Unfall. Zwei mit dem Abbruch von Gebäuden an der Möhnetalsperre beschäftigte Arbeiter wurden von einer Plötz- lich einstürzenden Mauer verschüttet und auf der Stelle getötet. Der T»d auf den Schienen. In der Nacht zum Donnerstag ist auf der Strecke Kunigundenweiche— Schoppinitz der Schlepper Schiron durch Ueberfahren getötet tvorden, indem ihm der Kopf vom Rumpf getrennt wurde. Ob Unfall oder Selbst- mord vorliegt, mutz die Untersuchung ergeben. Nach späteren un- bestätigten Meldungen soll es sich»in ein Verbrechen handeln. Man nimmt an, daß die Leiche auf die Schienen gelegt worden ist. Zwei Personen sind unter Mordverdacht verhaftet worden. Schwerer Straßenbahnunfall. In der Ringstraße zu Hamburg stießen zwei Straßenbahnwagen zusammen, wobei vier Per- so neu so schwer v e r I e tz t�wurdcn, daß sie ins Krankenhaus geschafft werden mußten. Verhaftung eines Mädchenhändlers. In Duisburg wurden der langgesuchte und mit Zuchthaus vorbestrafte Mädchenhändlcr Hahnen und seine Frau auf dem hiesigen Bahnhof verhaftet, als sie mit zwei Mädchen, die sie nach Argentinien zu verschleppen beabsichtigten, abreisen wollten. Eine alte Kirche durch Feuer zerstört. Donncrstagmorgcn ist eines der ältesten Bauwerke der Stadt Petersburg, die aus der Zeit Peters des Großen stammende, aus Holz erbaute Troizky-Katbedralc, die eine große Sammlung von Kirchcngeräten, darunter verschiedene Werke von der Hand des großen Zaren, enthielt, durch Feuer z e r st ö r t woichen. Glücklicherweise sind alle wertvollen Gegenstände gerettet worden. K A.Weiiheim 11 G. m. b. H. Leipziger Str. lll-s? 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Pfund 1.35 Zervelatwurst Fat'dTfünd 145 Schinkenspeck A�W-pN 125 Rollschinken �47® Pfupfund ISO Mausschinken acaw«3Ädd 1-40 Fetter Speck...... Pfund 1.00 Magerer Speck____ Pfund 1.05 Soweit Vorhanden. Inseriertes Obst, Gemüse, Wild und Fische können nicht zugesandt Werden, Frisches Fleisch Ochsenfleisch Pa. Schmorfleisch 90 pr. 1.00 Fehlrippe pfund 80, Brust 73 pr. Kamm u. Querrippe prd. 70 pr Pökelzunge pfd 1.25-brüst 95 pr. Rauchfleisch Äuor„ � 1.10 T alg Pfund 50, ausgelassen Pfund 50 Pf. Kalbfleisch Keule u. Rücken im GS 1.10 Brust, Kamm, Bug prund 85 pr Brustspitze....... Pfund 1.00 Kabeljau**$7 18 pr. Seelachs 24 pr. Schellfische... Pfund 18, 28 pr. Mittelschollen..... pfmd 25 pr. Tarbutt.......... prd. 50 pr. Rotzungen....... Pfund 35 pr. Seemuschcln____ wo stact 30 pr. Pfund Lebende Plötzen... Pfund 35 pr. Lebende grosse Schleie prd. 1.10 Lebende Hechte____ r/uud 1.10 Grüne Heringe.... Pfund 10 pr. Lebende Karpfen prd. 80, 95 pr. Tafel-Zander...... Pfund 85 pr. Tafel-Lachs MSfo. 65, 95 pr. Schweinefleisch Kotelettes prd. 1.05, Filet 1.30 Kamm und Schuft Pfund 95 pr. Kassel. Rippespeer 90"ö 1.05 Rückenfett 70, Liesen pfd.75pr. Wild Hasen gestreift.. Stck. 3.00 bis 3.75 Wildschwein /l"1! 2�� Pfund 1.10 1.00 70 Pf O öv,„ i.'_„ Keule Rücken Blatt Ragout Kenntier 90 g0 60 30p[ Geflüg'el Junge Gänse...... Pfund 1.15 Tauben...... staot 50, 85 pr. Schneehühner. stück 73 pr 1.10 Birkhennen...... stact 1.75 Enten.. staet 2.25, 2.75, 3.50 Brat- n.SappenhüfaDer 1.55 bis 2.75 Puten...... pfuud 88 pr, 1.10 Obst und Gemüse Tafel-Aepfel rot u. gew, 2 prd. 35 pr. Kaliforn. Aepfel pfd. 35, 45, 55 pr. Tiroler Kälterer Tafeläpfel 23 pr. Rom. Pflaumen Kiste ca. vtPfd. 80 pr. fpfSnd" 140, lose Pfund 1.30 Zitronen....... du. 35, 45 pr. Mohrrüben...... s prund 10 pr. Sellerie____ Knoiie 5, 10, 12 pr Artlscbocken... stact 15, 35 pr. Wein inkl. Flasche 'AFI, bei IQW. Obermosclcr..... 65 pr. 63 pr. 191 1 Wellensteiner 82 pr. 80 pr. 1909SaintMathieUr.i65pf. 63 pr. 1 909 Saint Juan».. 70 pr. 68 pr. 1 909 SalntBarbara �75 pr. 73 pr. 1 909 Almando____ 80 pr. 78 pr. 'AFI bei 10 Fl. Tarragona..... 82 pr. 80 pr. Fein. alt. Tarragona 1.00 97 pr. Douro-Portwcin I 1.50 1.45 Alt-Douro-Portwcin 1.85 1.80 Insel Samos I____ 82pr. 80 pr. Vermouth di Torino 1.00 97 pr. Kognak Kognak-Verschnitt fi.1.25 Feiner Kognak-Verschnitt 1.80 Deutscher Kognak �de-tm. 2.30 Feiner deutsch. Kognak M. 2.75 Deutscher Kognak 2cV*"mte 3.00 In Deutschland fertigrgrestellt: J. G. Monet& Co. Gol�ik 3.50 Engl. Porter u. Ale Porter eitr#,Ä 26 pr, wfl 2.50 Pale Ale•toy' 28pf., wn. 2.70 Flaschen werden mit 10 Pf. berechnet und ebenso zurückgenommen. Jedes Wort 10 Pfennig. Das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig fettgedruckte Worte). Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfg,; das erste Wort(fettgedruckt) 10 Pfg. 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Zu erwähnen ist, daß die Deputation für das Wohnungswesen aus ö(statt 4> Magistratsmitgliedern, 8(statt ö) Stadtverordneten und 5 Bürger- deputierten bestehen soll, sowie daß dem der Deputation unter- stellten Wohnungsamt auch weibliche WohnungSinspck- torcn angehören sollen; die recherchierenden Stadtverordneten ft,ge,n berechtigt sein, den Sitzungen der Wohnungskom- Missionen ihres Bezirks beizuwohnen. Tie Deputation soll mit dem 1. April 1013 ins Leben treten, die sonstige Organisation nach� Beendigung der Vorarbeiten. Zur Kostendeckung soll ein Betrag bis zu 00 000 M. in den Etat für 1013 eingestellt werden. Tie bisherige Deputation für die Vcr- waltung der König-Friedrich-Stiftung soll mit dem 1. April 1013 aufgehoben werden. Referent ist Stadtv. Sökcland(A. L.). Stadtv. Hcimann(Soz.): Wir haben im Ausschuß akzeptiert, was die Vorlage brachte, und einige wenige Verbesserungsanträgs gestellt; zwei davon sind angenommen, zwei abgelehnt worden. Wir begrüßen mit Freude, daß neben den Wohnungsinspektoren und Wohnungspflcgern auch entsprechende weibliche Beamte eingestellt werden sollen, und wir geben uns der sicheren Erwartung hin, daß der Magistrat von dieser Möglichkeit weitherzigen Gebrauch machen wird. Lebhaft beklagen müssen wir jedoch die Ablehnung unseres Antrages, auch der Deputation Frauen beizugeben. Wir müsse« Anschauungen, wie sie im Ausschüsse zutage traten, weit von uns weisen, daß die Frau zwar zu praktischer Kleinarbeit, aber nicht dazu geeignet sei, an leitender Stelle bei grundlegenden Fragen mitzuwirken. Hätte ich solches nicht mit eigenen Ohren gehört, ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß im 20. Jahr- hundert solche Ausführungen nicht in einem hinterpommerschen Gutsbezirk, sondern im Rathaus der sogenannten Metropole der Intelligenz geäußert worden sind. Auch müssen wir beklagen, daß der Wohnungsnachweis, den wir wenigstens für kleine Wohnungen dem Amt angliedern wollten, abgelehnt worden ist. Ein solcher Nachtoeis ist die Voraussetzung für eine wirklich umgreifende Woh- nungsaufsicht; daneben wollten wir auch die Stadt davor be- wahre», durch staatlichen Zwang dazu gezwungen zu werden, wozu ja der preußische Wohnungsgesctzentwurs, tuen» er Gesetz wird, die Handhabe bietet. Da wir überzeugt sind, daß die Macht der Tatsachen erzwingen wird, was heute versagt wurde, so bringen wir jetzt unsere Anträge nicht wieder ein; wir werden dem Statut in der gegenwärtigen Fassung unsere Zustimmung erteilen und wünschen nur, daß es der Deputation gelingen werde, den ihr gesteckten weiten Rahmen gur und zweckentsprechend auszufüllen. Ich richte endlich noch an den Magistrat die Bitte um eine Er- Ilärung, ob in den vergangenen vier Wochen das preußische Staatsministerium sich veranlaßt gesehen hat, auf das Gesuch wegen Ueberlassung der Wohnungspolizci auch eine sachliche Ant- wort zu erteilen. Gleichviel, wie diese Antwort ausfällt, wir unsererseits werden tun, was lvir können, um dazu beizlitragen, daß das neue Wohnungsamt mit oder ohne städtische Polizei für die Berliner Bevölkerung eine nutzbringende Tätigkeit entfalten kann.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) � Stadtv. Galland(A. L.): Der heutige Stand der Gesetzgebung gestattet die Einführung von Frauen in die Deputation nicht. (Widerspruch. Rufe: Eharlottenburg!) Die sozialdemokratische Partei tritt hier so eifrig für die Gleichberechtigung der Frauen ein, aber in ihre Vorstände lassen sie keine Frauen hinein.(Stür- mischer Widerspruch bei den Sozialdemokraten. Rufe: Wo denn? Unsinn! Sie leben ja auf dem Mond! Alles Schwindel!) Auch ich bitte im Interesse aller Beteiligten den Magistrat, die Anfrage des Vorredners zu beantworten. Oberbürgermeister Wermuth: Dem Magistrat ist von feiten der Regierung auf unseren Antrag eine Antwort auch in der Zwischenzeit nicht zugegangen.(Hört! hört!) Ich darf den Moment benutzen, um der Versammlung den auf- richtigsten Dank abzustatten für die Förderung und den Abschluß dieser Arbeit. Daß die Aendcrungcn, welche der Ausschuß vor- genommen hat, insbesondere auch die Zulassung der Frauen, vom Magistrat akzeptiert werden, steht für mich außer Zweifel. Die Stadt wird sich jetzt darauf berufen können, daß sie ihrerseits alles getan hat, um eine gedeihliche Wohnungspflege ins Leben zu rufen. Stadtv. Eassel(A. L.): In der Bürgerschaft ist die Legende verbreitet, als ob der Magistrat in der seiner Eingabe an den Minister bcigcgebcncn Denkschrift ausgeführt habe, die Ucber- tragung der Wohnungspolizei auf die Stadt sei nicht nötig. Ter Minister des Innern hat allerdings, nachdem ich die Sache im Landtage richtig gestellt hatte, diese Behauptung luicderholt, ein Beweis, wie man an der betreffenden Stelle Eingaben der Stadt zu behandeln gewohnt ist. Die Denkschrift des Magistratsasscssors Siegel soll den Satz enthalten, die Uebertragung der Wohnungs- Polizei sei ganz unnötig. Das ist an sich schon eine Entstellung des Inhalts der Denkschrift; es wird da auseinandergesetzt, daß die Polizei nur im äußersten Falle eintreten, sonst aber möglichst in den Hintergrund treten-soll-„ganz entbehrt werden wird die polizeiliche Hilfe nicht können; hier zeigt sich wieder der bedaucr- lichc Mangel, daß die Baupolizei sich nicht in den Händen der Stadt befindet" usw. Ich setze voraus, daß, da der Minister nicht alle Denkschriften lesen kann, welche Eingaben beigefügt werden, nur eine im höchsten Maße unrichtige Berichterstattung eines seiner Beamten eine so bedauerliche Entstellung der Wahr- heit hat herbeiführen können. Eigentümlich ist aber, daß ich alles dieses auch am 1. Februar im Abgeordnctenhause vorgetragen habe und der Minister später doch gesagt hat, aus der Denkschrift sei zu entnehmen, daß die Uebertragung für die Zwecke des Woh- nungsamtes nicht erforderlich sei. Dabei läßt er gerade den Passus weg, den ich zitiert habe. Der Magistrat selbst ist in seiner Eingahe noch weiter gegangen als Siegel und bat die Uebertragung als nötwendig erklärt.' Das Verfahren des Ministers erinnert an das Sprichwort:„Wer den Sckiadcn hat, braucht fiir den Spott nicht zu sorgen"; der Ablehnung unserer Gesuche wird geradezu der Hohn hinzugeftigt. Und Herr v. Zedlitz meinte, die Stadt habe den richtigen Moment verpaßt, jetzt sei es zu spät. Eine solche Auffassung geht davon aus, daß man uns wie unartige Kinder behandeln solle. Dagegen müssen wir uns ivehren, daß man versucht, unsere Behörden auf Grund unrichtiger Bericht- erstattung ins Unrecht zu versetzen. Tie Behauptung, der Ma- gistrat habe eine unrichtige und zweckwidrige Angabe gemacht, cnt- behrt jeden Anhaltes.(Beifall.) Stadtv. Hcimann: Herrn Galland muß ich doch sagen: O si taeuisses! Im Ausschuß haben einige bürgerliche Kollegen gegen die Zulassung der Frauen zu der Deputation gestimmt unter Be- rufung auf die Städteordnung. Ueber solche sachlichen Gründe kann man diskutieren; wir sind anderer Auffassung, und Char- lottenburg ist um diese Klippe herumgekommen. Im Ausschuß ist dann aber von einer Seite,� die Herrn Galland außerordentlich nahe steht, gesagt worden, daß die Frau wohl zu praktischer Klein- arbeit geeignet sei, aber nicht in der Oeffcntlichkeit mitzuwirken. D« ungläwbliche Beschuldigung, als ob wir mit zweierlei Blaß messen, widerlege ich mit"8 4 des Organisationsstotuts unserer Partei;.Organisationen, denen Frauen angehören, müssen I diesen eine Vertretung im Gesamtvorstande geben." Herr Galland hätte sich doch darüber vorher unterrichten sollen. ( Stadtv. Galland: Ich habe von Fällen gesprochen, die borge- Zommen sind, die im„Vorwärts" mitgeteilt sind. Es mag später geändert worden sein.(Rufe: Nein!) Kollege Heimann hat auch setzt nicht mitgeteilt, daß ich im Ausschuß ausdrücklich hervorgehoben habe, daß wir in 118 Bezirken Kommissionen bilden müssen, und daß die Hauptsache doch praktische Wohltätigkeit sei. Tie Petition der Frauen hat auch gar nicht beansprucht, Sitze in der Deputation zu erhalten. Herr Heimann hätte also richtig und objektiv refe-- rieren sollen. Die Ausschußvorschläge werden angenommen. Tie Ausschußverhandlungen über die Vorlage betr. den frei- händigen Erwerb der Grundstücke Hollmann- sträßc 10 und 20 zum'Zwecke der Verbreiterung der Hollmannstratze und Anlegung einer neuen Straße haben dahin geführt, daß der Kaufpreis, wenn der I. April 1013 als Zahlungstermin festgesetzt wird, um 100 000 auf 828 000 M. ermäßigt worden ist. Referent ist Stadtv. Jacobi(A. L.). Die Versammlung beschließt nach den Ausschutzanträgen. Der Magistrat legt den Vorentwurf zum Neubau zweier Personalwohngebäudc mit Aerztekasino und Aerzte Wohnungen beim Friedrichshain- Kran kenhause vor. Ter Kostcnüberschlag schließt mit 813 000 M. ab. Stadtv. Dr. Weyt(Soz.): Am 2. Februar 1911 haben wir den ersten Vorentwurf siir diese Gebäude erhalten; jetzt nach zwe: Jahren sollen wir den zweiten Vorcntwnrf Veralsschieden. Dann kommt noch ein spezieller Entwurf mit Kostenanschlag— wieviel Jahre werden da ins Land gehen, bis die beiden Gebäude bezogen werden können! Schon 1901 hat im Reichstag dieser beiden Gebäude wegen ein heftiger Kampf gewbt; der Abg. Antrick hat damals daraus hingewiesen, daß bei einem großen städtischen Krankcnhause die Verwaltung ihrem Per sonalun gesunde. feuchte Kellerräume zur Behausung anweise. Gc- meint war dieses Berliner Krankenhaus. Noch heute stehen die damals gerügten Zustände ganz wie damals; noch heute muß ein Teil des Pflegepersonals in feuchten, schimmeligen Kellerräumen Hausen.(Unruhe.) Der Magistrat gibt selbst in der Begründung des ersten Vorentwurfs diese Tatsache zu. Ein Krankenhaus soll doch ein Tempel der Hygiene sein und darf solche Mängel nicht auf- weisen. Für die Hälfte des Personals sollten zulängliche Woh- nungsräume geschaffen werden; ob die Kcllerräume nun evakuiert und kassiert werden, geht aus dem Erläuterungsberickit nicht hervor. Ich frage daher den" Magistrat, ob nach Fertigstellung dieser Gc- bände das gesamte Haus- und Wärterpersoiral aus diesen Kellerlöchern herauskommen und zulänglich untergebracht werden wird.— Stadtrat Sclbcrg: Das gesamte Haus- und Wartepcrsonal wird wicht in den beiden neuen Häusern untergebracht werden aber die Kellerräume>v erden als Wohnräume für Wärter und Wärterinnen gänzlich aufgegeben. Ein Teil des Wartepersonals liegt in den Baracken und muß da- selbst bleiben. Die Kellcrräume werden nur noch als Wirtschafts- räume benutzt werden. Stadtv. Dr. Weist: Diese Auskunft befriedigt mich vollkommen. Ich ersuche mir noch die Hochbauvcrivaltung um etwas mehr Dampf, damit wir wenigstens noch die Fertigstellung dieser Gc- bäude erleben können.(Heiterkeit.) Der Vorentwurf wird genehmigt. Der seit 1. April l9Il in Geltung befindliche Gebühren t a r i s für die Benutzung der öffentlichen Schlachthäuser der Stadt Berlin soll auch für das Etatsjahr 1913 unverändert be stehen bleiben. Für die städtische Layerhalle am Humboldthafclvj soll ein transportabler elektrisch betriebener Sackclcvator an- gekauft tvcrdcn; die Kosten belaufen sich auf 8700 M. Die Borlage wird genehmigt und die Summe bewilligt. Der schon vor 9 bezw. 4% Jahren beschlossene Erweiterungsbau der V. Realschule an der O u i tz o w ii r a ß c soll endlich zur Ausführung gelangen. Die Kosten sind überschläglich auf 171 000 M. ermittelt. Der Vorcntwurf wird vom Stadiv. Hcllwig(A. L.). früherem Direktor der V. Realschule, als endliche Abhilfe für einen lange schwer empfundenen Mangel begrüßt. Redner wünscht Ausschuß beratung, um zu prüfen, ob nicht auch noch die Lehrerbibliothek in dem Neubau untergebracht werden kann. Die Vorlage geht an einen Ausschuß. Tic Erinnerung an das historische Ereignis des?l u f. r u f e s„An in e i n V o l 1" vom 17. März 1813 hat der Magistrat durch einen öffentlichen Kirchgang und anschließenden Gottesdienst in der Kirche Si. Nikolai icicrlich zu begehen beschlossen. Da der Tag in die Karwoche fällt, soll diese Vorfeier der Gedenktage an die Erhebung Preußens am 10. März, an dem Geburtstag der Königin Luise, stattfinden. Die Versammlung wird ersucht, sich damit einverstanden zu erklären und zwei Mitglieder zur Besprechung der Vorbereitung für die Feierlichkeit zu deputieren. Stadtv. Bruns(Soz.): Im Namen meiner Freunde höbe ich folgende Erttärung abzugeben: Meine Freunde lehnen die Magistratsvorlage ab, weil die übergroße Mehrheit des preußischen Volkes und der Berliner Bürger keine Veranlassung bat, jener Zeit feierlich zu gedenken. (Großer Lärm bei der Mehrheit; Glocke des Vorstehers; Vorsteher Michelei: Ich glaube, daß ich diese Bemerkung nicht ungerügt durchlassen kann. Ruße: Pftii!) Die Befreiung von der napoleoni- schen Fremdherrschaft bat leider dem Volke nicht das gebracht, was die ersten Vortämpfer der Erhebung erhofft hatten und was sie er- lvartcn durften. Ter König von Preusic» hat das in der Not gegebene feierliche Versprechen einer freiheitlichen Verfassung für die Prcusiischen Lande nicht eingelöst. Es bedurfte vielmehr noch jahrelanger schwerer Kämpfe und zahlreicher unglücklicher Opfer, bevor es gelang, das Volk von den drückendsten SciNden der in Vorurteilen befangenen absoluten Monarchie zu befteien. Noch heute stellt ein großer Teil des preußischen Volkes, vor allem die Arbeiterklasse, in einem erbitterten Kampfe um die staats- bürgerliche Gleichberechtigung, die ihr vorenthalten wird von der preußischen Burcaukratie und einer herrschenden Jnnkerkastc. Wir lehnen die Vorlage aber auch ab, weil die vor- geschlagene Art der Feier uns nicht angebracht erscheint.(Beifall und andauerndes Zischen; große Erregung.) Stadtv. Cassel: Als ich den Anfang der Erklärung des Herrn Bruns hörte, traute ich meinen Ohren kaum(Bravo!), denn ich glaube, es wird in den meisten Kreisen nicht bloß unserer Ein- wohnerschan und unserer Bürger, sondern auch Preußens und des Deutschen Reiches unverständlich. sein, wie jemand die große Zeit 1813 als nicht toürdia ansehen kann, um eine Gedenkfeier zu be- gehen.(Lärmender Beifall der Mehrheit; Stadtv. Hoffmann: Große patriotische Aufregung! Andauernde, allge- meine Unruhe.) Wer sich in die Geschichte dieser Zeit vertieft, wird mit immer größerem Staunen und immer größerer Vcr- ehrung erfüllt, nicht bloß vor den großen Taten, sondern auch vor dem beispiellosen Auft'chwung eines zertretenen, gedrückten, ver- armten Volkes, das allen Völkern ein Beispiel gegeben hat, wie es in der Geschichte einzig dastebt ein Beispiel der Hingabe von Gut und Bknt für die Erringung der Unabhänaigkeit und Freiheit des Vaterlandes. Die Jugend, großgezogen in dem Wesen und Wirken eines Schiller, die Jugend, der Schiller zugerufen hat:..Ans Vater- land, ans teure, schließ dich an. das halte fest mit deinem ganzen Herzen; hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft", diese Jugend ' ist ausgezogen in die Kämpfe, und nicht bloß die Jugend, sondern auch die Männer, die Landwehrmänner, aus innerster Empörung über das drückende Joch; alle diese haben gehandelt in einem großen und erhabenen Geiste(Stürmischer Beifall bei der Mehrheit); diese Jugend war auch erfüllt von den Idealen der Gestaltung eines einigen und freien Vaterlandes; diese Gesinnung müssen wir achten. Und wenn die Verwirklichung ihrer Ideale länger ge- dauert hat, als sie es hofften, so ist es empörend, wenn man diese freiheitliche Gesinnung verkennt und sie nicht des Preises und Lobes wert hält.(Zustimmung.) Wenn wir heute hier beraten, wenn ivir einen Reichstag, ein Abgeordnetenhaus haben(Rufe: Und was für einsl) und danach streben, dieses auf eine Basis zu stellen, die der modernen Zeit entspricht, so ist die Möglichkeit dazu nur durch den Aufschwung von 1813 gegeben; denn wäre es damals nicht gc- lungcn, das napolconische Joch abzuschütteln, so wäre es mit Preußen vorbei gewesen und die Einheit des deutschen Vaterlandes auf Jahrhunderte zurückgcrückt worden. Das Jahr 1813 Haft den Gruird gelegt zu allem, was au Freiheit und Kultur in deutschen Landen geschaffen worden ist. Diese ganze Bewegung war aber auch getragen von einem Aufschwung der Geister und der Herzen; mit Gottvcrtrauen zog man in den Kampf, in der Ucbcrzeugung, daß Freiheit und Recht gewahrt bleiben müsse und man sich dem Druck der Tyrannei entziehen wolle. Wenn die Form des Gottes- dienstcs gewählt wird, so soll es dieselbe Kirche fein, in der bei Einführung der Städtcordnung sämtliche Magistratsmitglieder und Stadtverordnete versammelt waren. Wohnen wir solchem Gottes- dienst« bei, so tun wir das ganz mit Recht in dem Gotteshaus d e r Konfession, der die überwiegende Mehrheit der Berliner Bevölkc- rung angehört. Auch ich, der ich nicht Christ bin, werde mich voll Dankbarkeit für die große Zeit den anderen anschließen; hier gibt es keine konfessionelle Sonderung, sondern eines Geistes, eines Herzens, mit Dankbarkeit werden wir die weihevolle Stunde vcr- leben, die uns an jene große Zeit erinnert.(Beifallssturm und Händeklatschen bei der Mehrheit; ironische Hurrarufe ifei den So- zialdcmokratcn.) Stadtv. Mommscn(Fr. Fr.): Ich verstehe die Sozialdemokraten mit dem Akt, den sie heute begangen haben, überhaupt nicht. Sind Sic so ganz ab von allen geschichtlichen Vorgängen, daß Sic alles leugnen wollen, was dagewesen ist, weil es damals noch keine Sozialdemokraten gab? Sie werden uns bei dieser Hundertjobr- feicr von 1813 die Weihe durch Ihren merkwürdigsten aller Proteste nicht stören. Daß die große Mehrheit des Voltes nicht teil nimmt an dieser Feicr, ist grundfalsch! Sie mögen in Ihren Organisationen so viele Versammlungen abhalten, wie Sic wollen, der größte Teil der Herzen der Arbeiter wird doch an dieser großen historischen Feier teilnehmen, das sage ich Ihnen. Wo wären Sie denn, wenn Sie nicht die Vorarbeit der Liberalen gehabt bätten? Die Frei- heiiskriege von 1813 sind eine liberale Tat gewesen, und gerade wir, die wir als eine liberale Verwaltung, als königstrcue Leute auch jetzt freudig mit Gott für König un? Vaterland ins Feld ziehen würden, wenn es sein mühte, wir wollen uns dieser großen historischen Tat als eines liberalen Erlebnisses» als der Grundlage unserer heutigen Machtstclliurg erinnern. Und wenn Sic nicht in die Kirche gehen wollen— ist das tolerant von Ihnen, die Sie die Toleranz zu pflegen vorgeben? Bleiben Sic weg, fo schaden Sie sich selbst.(Beifallssturm; Lachen bei den Sozial- demokraten.) Stadtv. BrunS: Die gehörten Reden veranlassen uns nicht, irgend ein Wort unserer Erklärung zurückzunehmen. Auf den materiellen Inhalt dieser Reden gehe ich auch nicht ein. Was wir haben sagen wollen, ist in unserer Erklärung niedergelegt. Vorsteher Michelei: Ich glaube, die große Mehrheit hat mit tiefer Trauer von diesen Worten Kenntnis genommen.; Der Magistratsvorschlag wird von der Mehrbeit genehmigt. Stadtv. Jacobi: Ich beantrage, die beiden Reden von Cassel und Mommscn gedruckt als Beilage im Kommunalblatt zu vcr- öffentlichen.(Lebhafter Beifall der Mehrheit.) Stadtv. Hoffmann: Ich beantrage, auch die Photogra- phien der beiden Redner mit einem Lorbeerkranz umrahmt hinzuzufügen.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten, Lärm bei der Mehrheit.) Vorsteher Michclct ruft den Stadiv. Hoffmann zur O r d- n u n g. Stadtv. Bruns: Wenn der Zlntrag Jacobi ein Dringlichkeits- aotrag sein sollte, so widerspreche ich. Der Widerspruch wird vom Vorsteher zurückgewiesen, und der Antrag Jacobi gelangt zur Annahme. Zu den Kosten der Großen Berliner K u n st a u S st cl- lung 1913 will der Magistrat einen außerordentlichen Beitrag von 20 000 M. gewähren. Tie Versammlung ist damit einverstanden. Bei der Stadtbahnstation B e l l c p u c soll eine F u tz g ä n g c r- brücke über die Spree für 123 000 M. erbaut werden. Ein Um- bau der Bahnüberführung über die Spree, der die Mitbenutzung durch Fußgänger ausschließt, stebt unmittelbar bevor. Die Vorlage wird genehmigt. Der mit der Gemeinde Roscnthal für die Hcimstätie und den Gutshof B l a u kc n s e l d e lühgcschlosscnc Wasserliefe- r u n g s v c r t r a g soll a u n u l l i e. r t und ein gleicher Vertrag unter günstigeren Bedingungen mit Pankow abgeschlossen werden. Die Versammlung gibt ihre ftjusiimmmig. Die Absichten der Stadt hinsiihtlich der Bebauung des Bor fig schen Geländes in Alt- Moabit(Schaffung einer guten Wohngcgcnd, Fernhaltung vrm Fabrikanlagen) haben' nicht verwirklicht werden können, da ihr die„U n i o»"-Ballgesellschaft einen Strich durch die Rechnung gelwacht hat. Die geplante Anlage der beiden Straßen 30c und 30k m»tz unterbleiben. Im übrigen soll mit der Gesellschaft ein Vergleich abgeschlossen werden, der nach der Ansicht des Magistrats imrlterhin nicht ganz ungünstig ist, da er den Süüblock zwischen Essciter Straße, Stromstraßc und Bundesrats-User von Fabriken frcil'ftßt und im Novdblock zwischen Alt-Moabit und Essener Straße wcmigstcns eine der beiden gc- planten getvcrblichcn Anlagen aussiiließt. Stadw. Hayn(A. L.) gibt eine. Darstellung des Sackvcrhalts, bemängelt insbesondere» daß das Bazutenministerium den Magistrat fast 8 Monate habe warten lassen, bis es endlich eine Konferenz veranlaßt habe, daß aber inzwischen seitens der„Union" ohne jede Rücksicht auf das städtische Äaupliosekt ruhig weiter gearbeitet worden sei, cmpsiehlt dann aber, de»! Vergleich anzunehmen. Stadtv. Leid(Soz.): Auch tvir haben mit großem Bedauern ersehen müssen, daß der erste Versuch von Stadt wegen, eine moderne, hygienischen Anforderungen entsprechende Bebauung zu schaffen, mißlungen ist. Wir hatten eine Bauweise fördern wollen, welche gut durchlüftete und durchlichtete Wohnungen schaffen und durch weite Freiplätze verhindern wollte, daß zu tiefe Baublöcke entstanden. Wir konnten ja nicht ut.it den großen Schwierigkeiten rechnen, die ausgetreten sind. Der Neid muß es den Vertretern der Baugesellschaft lassen, daß sie«illes daran setzten, diese gute Absicht nicht zur Tat werden zu lassen; sie haben ein ganz un- gewöbiiliclies Maß von Geschick entwickelt, unsere Pläne zu durch- kreuzen. Für mich ist es kaum begre iflich, warum die Verzögerung von 8 Monaten eingetreten ist,»'ährend die Polizei uns um besondere Beschleunigung unserer'Beschlußfassung ersucht hatte. ie Konferenz beim Minister der öftentlicbcn Arbeiten hat das Ergebnis gehabt, daß von.unseren Beschlüssen fast nichts übrig geblieben ist, diese vielmebr völlig ü/oer den Haufen geworfen sind. Das Privatinteresse einer Terraingesellschaft hat gesiegt über die all. gemeinen Interessen einer städtischen Gemeinde) Und tias ist dieselbe Regicrung. die wiederholt die Gemeindebehörden angewiesen hat, bei Erschließung von Terrains auf eine gesunde Bojdcnpolitik Bedacht zu nehmen! ?1uch in dem neuen preußischen Wizhnungsgcsetzcntwurf finden sich gleichartige Bestimmungen; es wird sogar in her Begründung her- Vorgehoben, daß die Regicrung auch schon bisher im Berwalmngs- wegc in gleicher Richtung zu wirken gesucht habe. Wir haben daL getan; wir haben den ersten Versuch gemacht nach diesem Vor- schlage,"aber wir sind in der schmählichsten Weise im Stich gelassen worden. Dem Vergleich müssen wir zustimmen, aber nach wie vor halten wir daran fest, daß die Stadtgemeinde nach diesen Grundsätzen auch in Zukunft verfahren soll; wir bitten den Magi. strat, sich durch den Mißerfolg nicht irre machen zu lassen.(Beifall.) Stadtv. Ladewig(N. L.): In der Zwangslage müssen wir schon den Vergleich annehmen. Künftig sollt- der Magistrat Bauflucht- linien nicht erst dann festsetzen, wenn das Gelände bebaut werden soll, sondern schon, wenn es baureif ist. Hier sind die Bauflucht- linien zu spät bekannt gegeben worden. Stadtrat Düring: Den hierin liegenden Vorwurf muß ich zurückweisen. Ten Kommunen muß das Recht bleiben, auch noch im letzten Augenblick Fluchtlinien festzusetzen. Wir mußten bei der Sache durchaus d«s Glaubens sein, vaß wir die volle Unter stützung der Staatsbehörden finden würden. Die Versammlung stimmt dem Vergleich zu. Schluß iiS Uhr._ Gerichts- Zeitung. Eine hinfällige Anklage. Ein seltener Airtlagefall beschäftigte gestern die 2.� Strafkammer des Landgerichts III unter Vorsitz des Landgerichtsrats Ziehm. Wogen fahrlässiger Beschädigung einer zu öffentlichen Zwecken diciieiiden Telegraphcnanlage toar der Schiffseigner August Kurth angeklagt. Am 25. Juni v. I. veranstaltete der Kriegervcrein„Krön- Prinz Wilhelm von tfiueußen� einen größeren Ausflug zu Wasser, an dem sich ettoa 450 Personen beteiligten. Um der Sache einen originellen Anstrich zu geben, war von den Veranstaltern ein dem Angeklagten gehöriger großer Kahn, eine sogenannte Zille, ge- chartert worden, welche, mit Sitzbänken versehen, die sämtlichen Teilnehmer aufnahm, je daß sogar noch zu einem kleinen Tänzchen Platz blieb. Als die vom einem Schleppdampfer gezogene Zille an der Abteiinsel in Treptow vorüberkam, stoppte der Dampfer aus irgendeineni Grunde pllotzlich ab. Die von dem Angeklagten gc- steuerte Zille, die noch„Fahrt" hatte und vorwärtslief, erhielt durch das plötzliche MZederanfahren des Dampfers eine gewisfo Schwenkung nach dem Ichfer zu. Wie der Angeklagte behauptet, habe er in diesem Moment gesehen, daß der von ihm geführte Kahn in Gefahr geriet, gegen das Bollwert geworfen zu werden, wobei er mehrere dort ankernde Segelboote zerdrückt hätte. Um dieser Ge- fahr zu begegnen, ließ er sofort den Anker fallen, der unglücklicher weise ein bort liegendes Telephonkabcl zerriß, wodurch eine ziemlich umfangreiche Störung ün dem Telephonbetriebe entstand.— Die Anklage erblickte eine Fahrlässigkeit darin, daß der Angeklagte, obgleich an jener Stelle die üblichen Warnungstafeln aufgestellt sind, den Anker ausgeworfen hatte. In der ersten Verhandlung vor dem Schöffengericht Köpenick wurde der Angeklagte freigesprochen. Auf die Berufung der Staatsanwaltschaft hin, die auf ein Gut- achten des gerichtlichen Sachverständigen, Kgl. Baurats Bonikowski- Köpenick, Bezug nahm, Halte sich gestern die Strafkammer nochmals mit dieser Sache zu befassen. Das Berufungsgericht kam ebenfalls zu der Ueberzeugung, daß den Angeklagten keine Schuld treffe und erkannte wiederum aus F'-reisprechung. Haftet der Schankwirt ftwifrechtlich für ruhcstorentzcn Lärm von Gästen? Ein Sparverein hielt bei dem Schankwirt Krause in Neukölln einen„gemütlichen Abend'" ab. Als es den vergnügten Leuten in der Nacht zu ranchig im Vereinszimmer wurde, öffneten sie das Fenster. Ein in der Nahe wohnender Schutzmann des Reviers wurde munter, zog sich jeime Uniform an, ging zu der Wirtschaft und klopfte den Gastwirt heraus. Er machte ihm Vorhaltungen wegen des Lärms und gel,.4 ihm, sogleich das Fenster zu schließen. Räch etwa 5 Minuten wurlie das Fenster geschlossen. Das Landgericht als Berufungsinstanz»erurteilte demnächst den Schankwirt wegen ErruNUng ruhestörenden Lärms auf Grund deS Strafgesetzbuchs. Er ft£ für den Lärm, den die Gäste machten, verantwortlich.— Zugleich wurde Krause verurteilt, weil er eine Ortspolizeiverordnung dadurch übertreten habe, daß er die Polizei- liche Anordnung, das Fenster zu schließen, nicht sofort befolgt habe, fondern— erst nach 5 Minmten. Das Kammergericht hob dieser Tage auf die Revision des An- geklagten die Entscheidung a>uf und sprach Krause im vollen Umfange frei. Gründe: Wegen Erregung ruhestörenden LännS im Sinne des Z 360 Nr. 11 des Straßgese�uchs könne der Wirt� nicht verurteilt werden, da nicht er, sondern die Gäste den Lärm erregt hätten und er ihn nur geduldet habe. Somit müsse er von der An- klage der Uobertrewng des Strafgesetzbuchs freigesprochen werden. — Aber auch eine Berurteilumg auf Grund der Ortspolizeiverord- nnng sei nicht möglich. Es stehe allerdings fest, daß das Fenster nicht sofort nach der Auffoosizerung des Schutzmanns geschloffen worden sei, sondern erst nach 5 Minuten. In der Verordnung heiße es aber auch nicht, daß solche polizeilichen Anordnungen unverzüg- lich zu befolgen seien, sondern es werde unbedingte Befolgung der- langt. Bei einer Aufforderung, wie der vorliegenden, sei aber ein Spatinm von 5 Minuten nicht zuviel, um die Befolgung der Auf forderung immer noch als unbedingt anzusehen. Die Versuche, jemand für Taten strafrechtlich haften zu lassen, die er gar nicht begangen hat, und vom Bürger einen„Gehorsam" gegenüber Anordnungen eines Schutzmanns zu verlangen, der noch über den militärischen Gehorsam hinausgeht, stoßen nun endlich selbst beim Kammergericht auf entschiedenen Widerspruch. Schutz den arbeitswilligen Revolverhelden! Während eines Streiks der Hafenarbeiter der Rheinisch-Westf. Speditions-Gesellschast in Duisburg im September 1911 hatte der Arbeitswillige und frühere Schutzmann Brackhage auf offener Straße den Hafenarbeiter Meierling erschossen. Durch sein eigenes Zeugnis und das eines anderen Arbeitswilligen namens Gcrlof hatte Brackhage es erreicht, daß er außer Verfolgung gesetzt wurde, da er sich in„Notwehr" befunden haben soll. Etwa 20 Zeugen, die mehr oder weniger nahe dabei waren(15 bis 200 Meter), haben sämtlich nichts von einem Angriffe des Erschossenen auf Brackhage gesehen und sind erst durch den Schuß aufmerksam ge worden. Die Arbeiterschaft Duisburgs war begreiflicherweise über den Vorfall aufs äußerste empört, sie protestierte in öffentlichen Versammlungen gegen das Bewaffnen der Arbeitswilligen mit Revolvern und die„Niederrh. Arbeiter-Zeitung" brandmarkte die Zustände und das Vorkommnis in der schärfsten Form. Doch dem Brackhage geschah nichts. Da erschien nun mehrere Mojjate nach der Tötung des Meierling eine Postkarte mit seinem Bildnis und folgendem Aufdruck: „Fr. Meierling(geb. 28. 2. 85) wurde bei dem Streik der Rhein.-Westf. Speditions-Gesellschaft in Duisburg am 27. Sep- tember 1911 von dem Arbeitswilligen Brackhage erschossen. Ter Wiördrr, ein früherer Schutzmann, ist bis jetzt(4 Monate nach der Ermordung) noch nicht bestraft worden. Seine Bestrafung erscheint demnach ausgeschlossen zu sein.— Klassenjustiz! Verlag: Deutscher Transportarbeiterverband. Duisburg." Und was die Kritik der„Niederrh. Arb�Ztg." und die öffent- lichen Versammlungen nicht vermocht hatten: diese Postkarte förderte es zuwege, nämlich eine Untersuchung mit nachfolgendem Strafverfahren gegen den Geschäftsführer der Duisburger Orts- Verwaltung des Deutschen Transportarbeiterverbandes, den Genossen Ernst Müller, der sowohl den Herrn Arbeitswilligen als auch die Duisburger Staatsanwaltschaft beleidigt haben sollte. Da Genosse Müller bestritt, in irgend emer Form etwas mit der Herstellung des Postkarte zu tun gehabt zu haben, so wurden mehrfache Haus- suchungen, Beschlagnahme der Berbandsbücher, ja sogar Haus- suchungen und Beschlagnahme der GeschästÄbücher der Essener Filiale vorgenommen und selbst die Geschäftsbücher unseres Essener Parteigeschäfts einer Durchsicht nach dem vermeintlichen Druck- auftrage unterzogen. Resultat der monatelängen Nachforschungen: 90! Doch halt: ein Unterkassierer des Verbandes hatte in der ersten Bestürzung gesagt, er habe 10 Karten zum Vertrieb auf dem BerbandSbureau erhalten. Diese Aussage hat der Sünder dann zwar hinterher widerrufen und sich dahin verbessert, daß ihm die Karten von einem Kollegen übergeben seien, dessen er sich in der' ersten Verwirrung nicht erinnert habe. Doch eS genügte zur Anklage gegen Müller und ihn. Jetzt, nach Verlauf von etwa einem Jahre, kam die Angelegen- heit vor der I. Strafkammer des Duisburger Landgerichts zur Verhandlung. Und wenn auch trotz des Aufmarschierens von 23 Zeugen nichts weiter erwiesen wurde, als daß irgend jemand die fragliche Postkarte angefertigt und unter den Kollegen des Er- chossenen in Umlauf gesetzt hat, so genügten doch das widerrufene Geständnis deS Fuhrmanns Lmgemann und die Unterschrift: Verlag: Deutscher Transportarbeiterverband, Duisburg" dem Staatsanwalt, um gegen Müller drei Monate Gefängnis und gegen Lingemann drei Wochen Gefängnis zu beantragen, da es für ihn eine ausgemachte Sache war, daß Müllers Schuld feststehe! Und das Gericht?— Es stellte sich auf denselben Standpunkt, indem eS auf Grund der widerrufenen Aussage Lingemanns als erwiesen annahm, daß die Postkarten auf dem BerbandSbureau des TrcmSportarbeiterverbandeS an eine größere Anzahl Unter» kafsierer zur Verbreitung verteilt worden feien. Dabei könne es ganz dahin gestellt bleiben, ob Müller persönlich die Karten habe herstellen und verbreiten oder dies durch andere Organisations- angehörige habe besorgen lassen. In beiden Fällen sei er der Ber- breiter und somit der Schuldige. Müller sei auch nicht nur für die von Lingemann verkauften Postkarten verantwortlich, sondern auch für alle anderen. Und da die Postkarle durch den Ausdruck „Mörder" eine schwere Beleidigung des Brackhage und durch den Ausdruck„Klassenjustiz" eine der schwersten Beleidigungen, die die Justizbehörde treffen könne, nämlich die der bewußten Rechts- beugung, enthalte, so sei eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten am Platze! Gegen Lingemann, der nur als sog.„Mitläufer" in Be- tracht komme, genüge eine Geldstrafe von 30 M. Und das von Rechts wegen! Klerikale Bruderliebe. Der Kampf zwischen der„Katholischen Aktion" und dem söge- nannten interkonfessionellen Zentrum in Schlesien hat zwischen den klerikalen Glaubensbrüdern zu einem Prozeß geführt, den einer von ihnen mit drei Wochen Gefängnis büßen muß. Zwischen den Blättern beider Richtungen, dem„Katholischen Deutschland" und der klerikalen„Schlesischen Volkszeitung", herrscht seit langer Zeit ein erbitterter Kampf, weil jedes der Blätter die wirkliche katho- lifche Religion vertreten will. Den ersten Anlaß, das„Katholische Deutschland" vor den irdischen Richter zu zerren, gab ein April- scherz in dem eben genannten Blatte, in dem von einem Redakteur- austausch zwischen der liberalen„Breslauer Zeitung" und der klerikalen„Schlesischen Volkszeitung" die Rede war und hinzu- gefügt wurde, daß die„Volkszeitung" den Stoffwechsel ganz gut, die liberale„Breslauer Zeitung" dagegen weniger gut vertragen würde. Wegen dieses Aprilscherzes fühlte sich der Chefredakteur Trimborn beleidigt und verklagte den Verantwortlichen vom„Katho- lischen Deutschland", einen gewissen Lammet. Es kam zu einem Vergleich. Lammcl nahm seine Acußerungen mit Bedauern zurück und verpflichtete sich außerdem, 23 M. Buße in eine katholische Wohltätigkcitsanstalt zu zahlen. Lammel zahlte nicht und der Kampf zwischen den katholischen Glaubensstreitern nahm in der Folge so heftige Formen an, daß selbst der Kardinal Dr. Kopp seine Mißbilligung darüber aussprach, daß verdienstvolle Zentrums- männer fortwährend von der katholischen Konkurrenz angegriffen würden. Nichtsdestoweniger setzte das„Katholische Deutschland" seinen Kampf gegen die offiziellen Zentrumsleuchtcn fort. Es sprach von„unanständigen Menschen",„Heuchlern",„verlogenen Neberfällen",„Lügenhaftigkeit". Die Redakteure der„Schlesischen Volkszeitung" wurden als„Brandstifter" bezeichnet und Vergleichs- weise wurde ihnen der Vorwurf des„Brudermordes" gemacht. Ferner behauptete das„Katholische Deutschland", daß der Kardinal Dr. Kopp gar nicht weiß, wie„hinterlistig und katholifch-gehässig" die„Schlesische Volkszeitung" sei. Alle diese von„christlicher Bruderliebe" nur so triefenden AuS- drücke brachten dem Verantwortlichen des„Katholischen Deutsch- land" eine Gefängnisstrafe von drei Wochen ein, die der juristische Vertreter der„Schlesischen Volkszeitung", einer der Führer des Breslauer Zentrums, ausdrücklich verlangt hatte. Wie man sieht, haben die„Brüder in Christo" ganz besonders Ursache, sich über den sogenannten Sauherdenton der Sozialdemo- kraten zu beklagen._ Bmfkalten der Rcdafettovi. Die wristtlche evreaistunde finde« Linden st radc es, vorn vier Tredpen — Fahrftndl—, wochentö glich von 4Mi bis Uhr abends, Eounadends, von«1h bis 6 Uhr abends statt. Zeder sür den Brieflafte« bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine gab! als Merkzeichen beizufügen. Briefliche«atwort wird nicht erteilt Anfragen, denen tetne Abonncmcntsgntttnng betgefügt ift, nrrdrn nicht beantwortet. Eilige Kragen trage MI» in der Sbrechünnde vor. I. 14. 1. Ja, sosern der Vermieter zustimmt. 2. Tote 39 446, Vor- wundcte 141 108.— F. Z. 100. Privatgesellschaften können wir nicht empseblen. Wenden Sie sich an die„Bosksimsorge', Koniumgenossenschost Berlin und Umgegend, Lichtenberg, Rittcrgutitrahc.— G. 12. 1. Gegen» iettige Unterstützung. 2. Zur Crientiermiq dient die kleine Broschüre von Sassenbach:»Die Freimauerei", zu beziehen durch die Buchhandlung Vor wärts, Liudenstr. 6g.— f>. 28. Ausiunst erteilt der Transportarbeiter- verband, Engeluser 14/15.— M. L. 50. 1. 3h(Riad. 2. Fritz Pfcimmn» stors, Steinmetzstr. 2.— 2t. Z. 100. Nachschlagen im Berliner Ndresibuch, Band 2, Teil 4, unter Film.— G P. 29. Ihre Ansrage findet aus- sührliche Beantwortung in der 1. Beilage des„Vorwäris- vom Mittwoch, den 13. Februar.— E. I. 8S. Solches Bureau kennen wir nicht.— K. H. 05. Nein, gibt es niat.— Sch. 25. Bemühen Sie sich nach einer Bibliothek, vielleicht Volksbibliothek. Adalbertfir. 44, und ichlagen Sie die Fachliteratur nach.— W. ft. 83. Mit grauer Salbe. Ueber Anwendung belehrt Sie jeder Drogist.— I. Z. Wir zweifeln stark an dieser Möglich» keit und mühten keinen Weg anzugeben.— ft I. 100. Wenden Sie sich an die Zentralstelle iür Auswanderer, Karlsbad 9/10.— G.®. 38. 1. Vor Beginn der Lehre muß sich Ihr Sobn einer Prüfung sowohl in bezug aui Bildung, als auch aus seine Weiundhest unterwerfen. 2. Verein Berliner Buchdruckereibesitzer, Friedrichstr. 23g.— ft. Dcmpelhof. Nein. Dr.Simmei Stoffe Spezial-Arzf für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, m'o» 10— 2. 5— 7. Sonntags 10— 12. 2—4 Deutsch-englitche Neuheiten für Herren und Damen. Elnselverkant zu iiiigsten Engrospreisen. WaienturJorekstr.IS pt i» ,.. Über 34,000 ähnlich lautende schriftliche Anerkennungen! Mach allgemeinem Urteil sind � HlflCGI8 Suppen die besten Allein echt mit dem Kamen MACC1 n. der Schntcmarke„Krenz»tern".| Todes-Anzeigen Am 19. Februar cntlchlief nach kurzem, schwerem Leiden meine Frau �nns Werner geb. Bochow, im 52. Lebensjahre. Um ftilleS Beileid bitten H. Werner, Sohn u. Schwiegertochter, Gneisenaustr. 72, Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 22. Februar, nach» mittags 4 Ubr. von der Halle des Zentralsriedhoses zu Friedrichs. ieide aus statt. 70A Sozialdemokratiseher Wahlverein I. d. 2. ßerl. ReichstaqswatilkrEis. Bezirk 121/122. Am 19. Februar früh 3'/, Uhr entschlief nach kurzem, schwerem Leiden unser Mitglied, die Genossin �nnn Werner geb. Bochow Gneiscnaustr. 72, im 52. Lebensjahre. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet Sonn» abend, den 22. Februar er., nach» mittags 4 Uhr, von der Halle des Zentralsriedhoses in Friedrichs- selbe aus statt. Um rege Beteiligung ersucht »er Vorntnnlt. Deutseher Transportarbeiter-Verhand. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschken» sührer Union Bader am 15. ds. MtS. im Alter von 34 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Freitag, den 21. d. M., nach- mittags B'/i Uhr, von der Leichen- balle des Sebastian-Friedhoses. Reinickendorf, Humboldlltragc, aus statt. «2/7 Die Bezlrkoverwaltung. Tanksagung. Für die zahlreiche Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beeroigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters sagen wir allen Kollegen und Bekannten unteren herzlichsten Dank. Witwe iliin Ebers 4öA nebst Kindern. Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß mein lieber Mann, unser guter Vater, Krnno Steier am 18. Februar nach langem, schwerem Leiden sanst entschlafen ist. Dies zeigt tiesbetrübt an Zlnrxnrete Stefer, geb. Schossce, nebst Kindern. Die Beerdigung findet heute Freitag, nachm. 4 Uhr. von der Kapelle des Steglitzer Friedhoses, Bergstraße, auS statt.«9A Sozialdemokratiseher Wahlverein Steglitz. Am 18. Februar starb unser Mitglied, der Parteigenosse Bruno Steier Stephanstr. 14. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Freitag, nachmittags 4 Uhr, von der Kapelle des Steglitzer Fried- hoseS, Bergstraß«, aus statt. 201/5 Ter Borstand. Allen Freunden und Partei- genossen die traurig« Nachricht. daß meine inniggeliebte Frau und Mutler 13A Marie Kochel am 19. Februar»ach schwerem Leiden verstorben ist. Um stille Teilnahme bittet Bor trauerniio Latte nebet Lohn. Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 22. Februar, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Gcmeinde-Fried- hoses, Maricndorser Weg, aus statt. Deutseher Duehbinder-Verband. (Zahlstelle Berlin.) Den Mitgliedern die traurige Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied, der Buchbinder Bruno T�eier nach langem Leiden verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 21. Februar 1913, nachmittags 4 Uhr, aus dem Ge- meindesricdhos in Steglitz, Berg- straße, statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 23/6 Die Ortsverwaltung. Am Dienstag, den 18. Februar, oerschied nach langen Leiden unser lieber Kollege, der Buchbinder Bruno Steier im 80. Lebensjahre. 25456 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 21. Februar, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- balle des GemeindefriedhoseS in S t e g l i p, Bergstraße, aus statt. Oie Kollegen und Kolleginnen J. Fa. H. fuhr Jnb. Ad Cronbach Sozialdemokratiseher Wahlverein Neukölln. Am 19. Februar verstarb unsere Genossin Marie Kochel (21. Bezirk). Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 22. Febr., nachs mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Gemetndc-Friedhoses, Maricndorser Weg, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung er- sucht 236,3 Der Boritand. Sozialdemokratiseher Wahlverein Ihr Niederbarnim. Bezirk Beinickendori-Oet. Am Mittwoch, den 19. Februar, verstarb an Lunoenentzündung unsere brave Genossin Lina Reusch Schillcrpromenade 49. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonn- abend, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde- friedhoseS in der Humboldtstraße aus statt. 240/6 Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. Deutseher Holzarbeiterverhand. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler BemM Marienfeld Schliemannstraße 34, im Aller von 50 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 23. Februar, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Halle des PetrikirchhoscS in Wcißcnsee, Falkenbcrger Straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 79/13 Die Ortsverwaltuna. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine Itebe Frau, unsere herzensgute Mutter, Tochter. Schwester, Tante und Schwägerin Martha Bachnick im Alter von 81 Jahren am 19. Februar nach kurzen, schweren Leiden entschlafen ist. 27A Bio trauernden iiinlerbliebenen. Die Beerdigung findet am Sonntag um 2'/, Uhr von der Leichendalle des neuen Pauls- Kirchhoses, Seestrasie, aus statt Nachrüf. Am 17. d. MtS. verschied nach schwerem Leiden unser lieber Kollege� der Klempner Rudolf Janke. In seiner 30 jährigen Tätigkeit hat er sich die Liebe und Achtung aller Kollegen erworben. Wir werden sein Andenke» stetS in Ehren halten. vie Arbeiter ciei- sslrms LcdSkfer& Walcker Lindenstr. 18/19. 25426 loch, den 19. Februar, Am Mittwoi � WWWWW verstarb nach kurzem, schwerem Leiden mein innigslaeliebter Mann und Vater, der Schankwirt Theodor Müller im 33. Lebensjahre. Es ersucht in ihrem große» Schmerz um stilles Beileid Brau Martha Müller geb. Petz Gortrad Müller bisher Jerusalemer Str. 63/64. Die Beerdigung findet am Mon- tag, den 24. d. Mts.', nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Hcilig-Kreuz-Kirchhofa in Marien- dors, Eiscnacher Str. 62, aus statt. Am DicnSIag, den 18. d. MtS., nachmittags, entschlief sanst nach schwerem Leidenmein lieberMann, unser guter, sorgsamer Vater, Sohn, Bruder, Schwiegersohn, Schwager und Onkel, der Nestau. ratcur 33/6 Gustav Förster im 43. Lebensjahre. Um stilles Beileid bitten Im Namen aller Hinterbliebenen Frau Ida Firster und Kinder. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 22. d. MtS., nachmittags 4 Uhr, aus dem alten Friedhos w der Barsusstraße(hmt. d. Paul-Gerhardt-Stist) statt. Allen Bekannten die traurige Nachricht, daß die Beerdigung umerer unS so jäh entrissenen lieben Tochter und guten Schwester kVida am Sonntag, den 23. Februar, nachm. 2'/, Uhr, von der Leichen. Halle des LutherkirchhofeS in Lank- witz auS stattfindet. 2541b Dies zeigen tiesbetrübt an I'iimili« Xeninrk, Steinmetzstr. 88(Westen). Allen Freunden und Bekannten hiermit die traurige Nachricht, daß unsere liebe Mutter, Groß- und Schwiegermutter, die Witwe Ksrollne Hellmann Strelitzer Straße 48 am 19. Februar nach schwerem Leiden sanst entschlasen ist. Die Beerdigung wird noch bekannt gegeben. 2551b Bio trauernden stlnterbliebenen. Danksagung. Für die erwiesene Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes sagen wir allen Verwandten, Freunden und Kollegen, besonders Herrn RatS- Maurermeister Karl Bise», Herrn Baumeister Karl Seidel und dem Deutschen Bauarbeiterverband unseren herzlichsten Dank' 43A �uxuste Ueckert und Kinder. Danksagung. Allen Verwandten. Bekannten und Geiiossinnen des Schöncberger Wahl- Vereins, Bezirk I: serner dem Genosse» Mohs für die trostreichen Worte nni Grabe bei der Beerdigung meiner lieben Frau 4M Wilhelmine Ranseh sagen wir hiermit allen für die zahlreicha Beteiligung unseren herz lichsten Dank.. G. Rausch»rb!i Kindern. ReutersWerke . 3 Stüde 4 Start- Buchhandlung Vorwärts Rote 4* Lose Ziehung 7. u. 8. März liosc Mh. 3.80. NaUnlzpirMose Ziehung 18. u. 19. März Lose Mit. 3.30. Coburger Geld-Lose Ziehung 8.-12. April l-oae Mit. 3.30. 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Schiller-Theater Chabru?BM.eB Fkeitag. abends 8 Uhr: Oie Reise durch Berlin in 80 Stunden. Sonnabend, nachm. 3,10 Uhr: Wallensteins Lager. Oie Piecolomini Abends 8 Uhr: (Jrlei Acosta. Sonntag, nachmittag» 3 Uhr: KUnig I.ear. Abend« 8 Uhr: Drlel Aconta. Berliner Theater. «uhr- Filmzauber. Theater in der KöDiggratzer Straße vi, uhr� Brand. DeatucheuSchaattpIelhann 8 Ubr: Der gute Ruf. Theater am NolieDtiorlplatz S. Allabendlich 8 Uhr: Die Studentengräfin. Montis Operetten-Theater (fr. Neues Theater). Amt Norden 1141. 8 Uhr: Der liebe Augustin. u'hr Residenz-Theater, u8�. Die Frau Prlsldentio. (Madame la Presidente). Schwanki.3Akt.v.Hennequinu. Bcber. Morgen und solgende Tage: Die �rau Präsidentin. Urania Wissenschaftliches Theateit TanbcnatraBe 48/10. Abends 8 Uhr: Konstr.- Ingenieur A. Kellner; Die Weltmacht des Eisens. OSE=THEATE 1 «roße Franksurter Str. 132. Her Weg m Himmel. Lustspiel in 4 Akten v. 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Der Mann mit d. eisernen Hand. NM- Ohne Konkurrenz I-H» 7 Luftvoltigeure 7 Hegeiniann■ Trappe. IM> Nur noch 5 Tage"MtzZ Cttsarlos Löwen- und Tiger-Gruppe. Um 9llt Uhr:"PBg Der unsichtbare Mensch, 4 Bilder aus Indien. Jk n0l-u" "fr � MaiiflPRtraBfl 82.— Zi :: Berliner:: Konzerthaus Mauerstralle 82.— Zimmerstralle 90/91. :: Großes Doppel-Konzert!:: Mnsikc. Kalser-Alcxander-Rejf., Dirig. KgL Musikdir. Brase. —— ZUlerthaler und Tegernseer Sänger- Schuhplattler und Jodler! Anfanic H Uhr. Eintritt 50 Pf. Anfanc 8 Uhr. An ,illon Gr. Nachmitiags-Konzert Fei frele» Wochentagen: Eintritt. Theater des Westens. 8 Uhr: Die beiden Husaren. Ab 8 Uhr: Ein beispielloser Erfolg! Oie grollen Spezialitäten. 9 Uhr; Harry Waiden in seiner Groteske „Oer Herzog von Westmlnster." Mmmmm | Arnold Schols 1 Bockbierfi > I 5 Kapellen I_ Anfang 7 Uhr. Neue Welt Hascnhelde 108/114 Täglich: Bockbierfest in den bayerischen Alpen. üeber 200 000 Besucher. Kapellen. 30 bayrische Mad*l. 7 Uhr. Entree 80 Pf. 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März: Am griinrn Strand d. Spree. Am 7. März Premiere: Artars Fllttcrwochea. Sonntag 4 Uhr: Der Heimatlose. Trianon-Theater. Wenn Frauen reisen. Anfang 8 Uhr. Folies Capriee. Anfang 8'/, Uhr. Die drei Saison- Schlager: In Sachen KaUensteiu. Die Doppelfirma. Die Dochter der Braut. Relehshallen-Theater Stettiner Sänger. Neu! Beyers Hosen. Humoreske. Anfang 8 Uhr. «iera Für»c» Jnbalt der Jnlerare lidernimmr die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berantwortnna. r iii Ortsverwaltnng Berlin. Ionntag, de» 23. Februar 1913, vormittags 10 Uhr, in den Bornssia-Festsälen, Ackerstr. 0/7: /ersammlung der Dachdecker u. Hilfsarbeiter. Tagesordnung: 1. Bortrag des ArbeitslosensekretärS Genosse Adolf Ritter über: �Tie Bedrohung des Koalitionsrechts.' 2. Stellungnahme zum Geschästsbericht des Dorstandes. 3, Vcrbandsangelcgenheiten. BerbaudSbuch legitimiert. Ohne dasselbe kein Zutritt. 1/3___________ Bei' Vorstand. Vcrkanf nur im Fabrlkgebiindc! Wenn Sie sparen Geld! Obel ä Möbelfabrik H. Walter ii:WilliMaaßrs!H"S 35 5 kaufen. Verkauf nnr im Fabrikgel»ändc— eigene I Tischlerei und Poisterel.— AufWunsch Teilzahlung. 35 DO Permanente Musterzimmer-Ausstellung.MB 35 I Peek& Cloppenburg Spezialhaus für moderne Herren- und Knabenbekleidung Gertraudtenstraße 25- 26- 27 Konfirmanden-Anzüge Fertig am Lager Kst- Nr. 22« 2245 2246 2247 2248 2249 2250 2251 2252 2253 2254 2255 2286 2260 2261 2262 2263 2254 2265 2266 2267 2268 2269 2270 2271 2272 2273 2274 2275 2275 2277 2278 2257 2258 2259 Schwarzer Cheviöt.................... Geripptes, schwarzes Kammgarn Geripptes, schwarzes Kammgarn............. Schwarzer, derber Cheviot, solide Ware Schwarzer, derber Cheviot solide Ware......... Eleganter, schwarzer Kammgarn-Cheviot........ Schwarzer, eleganter Tuchkammgarn-Anzug........ Melton-Cheviot, äußerst n altbare Ware........... Meiton-Cheviot, äußerst haltbare Ware........... Schwarzes Tnchkammgarn. elegante, feine Ware...... 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Tagesordnung: 1. JahreSavrechnung des Kassierers und RcvisionSbericht. 2. Vorstands- und Ausschußbericht. 3. Ersatzwahl des Vorstandes(1. Kassierer, 2. Vorfitzender, 2 Beisitzer und 4 Ersatzmänner). Wahl des Ausschusses mid 4 Ersatzmänner. 4. Wahl eines Hitsskaisierers für den Westen. 5. Innere Kasscnangelegenheiten..' 32/1* -- Mitgliedsbuch legitimiert.—— Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Ter Vorstand. H Melzke. Naturfreunde!! Wir hatten Gelegenheit, ein besonders gutes Buch, dessen Lektüre jedem Naturfreunde Anrogung_mid □ Q Genuß bereiten dürfte, zu erwerben:(_) □ Charakterbilder aus der heimischen Tierwelt Von Professor Dr. Williara Marshall -------- Mit vielen Illustrationen= Preis gut gebunden statt 6 Mark nur 1,50 Mark Bei Postversand SO Pf. für Porto extra. Buchhandlung Vorwärts, Lindenstr. 69. 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Leclagsanftatt Paul Singer».Co., LerlmSW, Nr. 44. 30. Iahrgaug. 3. ötilnjc Ks Jnrmärts" Sttlintt WsM frritaj, 2f.?tkniiir19l3. Beim Hrmenworfteber. Erregte Austritte zwischen Armenpflegern und Hilfesuchenden sind leider leine Seltenlieit. Soll man glauben, daß sie immer nur durch„Begehrlichkeit" oder„llnbotmätzigkeit" der Bedürftigen hervorgerufen werden? Bielleicht hätte so mancher Zusammenstoß dieser Art, der einen Hilfesuchenden auf die Anklagebank brachte, bei mehr Umsicht des beteiligten Armenpflegers verhütet werden können. Womit auch dem Ansehen der Armenpflege besser gedient wäre als mit den sich immer toicderholenden Strafanzeigen wegen Beleidigung, Hausfriedensbruch ustv. Bor dem Landgericht NI sStraflaminer 2) hatte sich gestern ein Ehepaar Hicke zu verantworten, dem eine ganz besonders schwere Ausschreitung gegen einen Armenvorstcher zur Last gelegt wurde- Die Angeklagten sollten gegenüber dem Armenvorsteher Atzlcr, der in der Armenkommission 203 jp lBezirk der Oudenarder Straße) amtiert, sich der Beleidigung, des Hausfriedensbruchs, der Bedrohung und der Erpressung schuldig gemacht haben. Seit Januar 1912 erhielten die Eheleute Hicke für sich und ihre drei Kinder eine Arnienunterstützung, weil Hieke herz- und uervenleidend ist. Im Sommer blieben sie die Miete schuldig, so daß sie zum August ihre Wohnung räumen mußten. Sie wandten sich an Atzler mit der Bitte, für die zu mietende neue Wohnung die erste Miete zu gewähren. Atzler sagte das zu. Als er selber den ihm angegebenen Mietsbetrag von 19 Mark an den Verwalter des betreffenden Hauses zahlen wollte, lehnte dieser ab, die von der Armenpflege unterstützte Familie aufzunehmen. Just mußte Hieke eine andere Wohnung mieten, aber für sie waren 18 M. Miete zu zahlen. Er meinte, die Armenkommission würde auch die 18 M. ge- währen, aber Atz'.er gab nur 10 M. Da Hieke die fehlenden 8 M. nicht zulegen konnte, so forderte er einen Schein zur Aufnahme im Familienohdach. Atzler antwortete, Hieke sei ja nicht obdachlos, da er doch mir seiner Familie auf seiner Laubcnparzclle nächtige, Es läßt sich denken, daß die ganze Angelegenheit und im besonderen Hieke-' Verhandlungen mit dem Armenvorsteher das Ehepaar nicht wemg erregten. Was dann folgte, das schilderte Atzlcr vor Gericht so, wie wenn eine regelrechte Attacke gegen ihn beabsichtigt worden sei. Am Abend sei Hieke. der die 10 M. angenommen hatte, mit seiner Frau wiedergekommen, und nun habe sich vor Atzlers Wohnungstür ein sehr stürmischer Auftritt abgespielt. Beide zogen heftig an der Klingel, aber Atzler öffnete nicht. Hätte er das getan und ihre Wünsche angehört, so wäre wahrscheinlich eine Verständigung zu er- reichen gewesen.-Da sie sich aber abgewiesen sahen, so gerieten sie in noch stärkere Erregung, Sie schlugen dann, sagt Atzler, mit Fäusten gegen die Tür, stemmten sich mit den Schultern gegen sie und schimpften. Besonders die Frau war sehr aufgebracht und schrie:„Verfluchtes Aas! Verfluchter Strolch I" Nach einer Mitteilung. die Atzler später von dem Portier Peters erhielt, soll Frau Hieke auch gedroht haben:„Hund! komm' nur raus' Dich zer- malme ich!" Wer vor Gericht die Frau Hieke gegenüber dem Herni Atzler sah, mußte über diese Drohung lächeln. Atzler inachte nicht den Eindruck, wie wenn er zu fürchten brauchte, daß eilte Frau ihn„zermalmen" würde. Er soll früher Polizeibeamter gewesen sein und ist jetzt Pensionär. In seiner Zeugenaussage gab er weiter an, Hieke und Frau seien schließlich gegangen. Darauf habe er sich zu seinem Nachbar, dem Hausverwalter Lewald, begeben und ihn gebeten, den Hiekes das Haus zu verbieten. Auch habe er für den Fall, daß sie wieder- känien, ihn beauftragt, ihnen die 8 M. einzuhändigen. Hierzu habe er sich aus Furcht vor einer Wiederholung jene? Auftrittes entschlossen- Der Portier Peters bestätigte Frau Hiekes„Drohung", Atzler«zer- malmen" zu wollen. Peters sowie der Verwalter Lewald bekundeten, daß Hieke sehr viel besonnener alö seine Frau gewesen sti und sie zu besänftigen gesucht habe. Hieke sei, als er wiederkam, schon ganz ruhig gewesen. Lewald habe ihm dann die 8 M. eingehändigt. Der Staatsanwalt sah es als einen besonders erschwerenden Umstand an, daß Hieke und seine Frau durch ihr gewalttätiges Auf- treten eine höhere Unterstützung zu erzwingen gewußt hätten. Ihm galt alles als erwiesen, nicht nur die Beleidigungen, sondern auch Hausfriedensbruch, Bedrohung und sogar Erpressung. Gegen beide Angeklagte beantragte er Gesamtstrafen von je sechs Wochen Ge- fängnis. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Theodor Liebknecht, er- widerte, daß weder von Hausfriedensbruch noch von Be- drohung und Erpressung die Rede sein könne. Das Ehepaar habe nicht in die Wohnung eindringen wollen, sondern wegen deS berechtigten Anspruches ans Slrmennnterstütznng eine noch malige Rücksprache mit dem Armenvorsteher gewünscht. Weil dieser nicht öffnete, sei besonders Frau Hieke in Erregung geraten. Aber unmöglich könne die Redensart„Dich zermalme ich!" im Ernst als Bedrohung mit dem Verbrechen des„Totschlags" aufgefaßt worden. Die 8 M. seien nicht erpr«ßt worden, vielmehr habe Atzler sie her- gegeben, als schon alles wieder ruhig war. Das Ehepaar habe nicht das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit gehabt und den Anspruch auch auf diese 8 M. für berechtigt halkcn müssen, weil ja„die Miete", also doch wohl die volle Miete, zugesichert worden war. Frei- sprcchung müsse erfolgen von der Anklage des Haussriedens- bruchs, der Bedrohung, der Ergreffung. Schlimmstenfalls sei die„Bedrohung".aufzufassen als einheitliche Handlung zusammen mit den Beleidigungen. Bei deren Beurteilung sei die Erregung über die Zurückweisung deS berechtigten Anspruches zu berücksichtigen. DaS Gericht folgte den Ausführungen des Verteidigers be- züglich der Anklage wegen Hausfriedensbruchs und erkannte hierauf Freisprechung. Im übrigen wurde eine einheitliche Handlnitg angenommen, die als Beleidigung, Bedrohung und Erpressung auf- zufassen sei. Die Absicht sei gewesen, den Vorsteher zur Hergabe auch der 8 M. zu nötigen, auf die dem Ehepaar kein Anspruch zu- gestanden habe. Die Strafe wurde für beide Angeklagte auf je 6 Wochen Gefängnis bemessen. Das Urteil ist schwer zu begreifen. Ganz unbegreiflich ist, daß auch wegen„Erpressung" verurteilt ivordcn ist. Ten Eheleuten Hieke tst wahrscheinlich nicht im Traum eingefallen, daß ein Armenvorsteher durch Bedrohung„genötigt" werden könnte, eine höhere Unterstützung zu geben. Wer mag wohl zuerst auf die Idee gekommen sein, daß hier auch„Erpressung" vorliegt? Vielleicht gar die Armcndircktion, die wohl auch den Strafantrag gestellt hat? Partei- �ngelegenkeiten. Neukölln. Die nächste Stunde des Kursus„Redeübungen" sinket morgen(Sonnabend) abends präzise Uhr im Lokal von Bartsch, Herinannslr. 19, statt. Am Sonntag, den 23. Februar, nachmittags 2Vz Uhr, im Neuköllner Theater, Bergstr. 147: Theatervorstellung. Zur Aufführung gelangt:„Revolutionshochzeit". Schauspiel von SophuS MchaeliS. Die Nachfrage nach Billetts ist erfreulicherweise «ine rege; etwaige zurückgebrachte Billetts sind zu haben im Restau- rant Hugo Meier, Nachf. Richter, Prinz-Handjery-Straße 3. Preis 60 Pf. inkl. Garderobe. Des Frauen-Lese-Abends wegen ist der letzte Abend des Vortragskursns:„Die Sozialdemokratie, was sie ist und was sie will", vom 21. Februar auf Montag, �den 3. März, verlegt worden. Der Referent, Reichstagsabgeordneter Otto Rühle, behandelt an diesem Abend:„Wirtschaftspolitik und Stenerweien". Die Teil- nehmer dieses Kursus, die den letzten Vortrag nicht besuchten, wollen hiervon Kenntnis nehmen. Steglitz. In acht Urwahlbezirkcn findet am S o n n ab e n d, den 22. Februa r, Stichwahl statt. Hierzu findet heute abend von 7 Uhr ab vom Restaurant Jäckel, Körnerstraße, Ecke Althofstraße, Handzettelvcrbrcitung statt. Zahl- reiches Erscheinen der Parteigenossen fft dringend nötig. Mahlsdorf(Ostbahn). Am Sonnabend, den 22. Februar, abends 8V2 Uhr: Wahlvereinsversammlung bei Linke, Grunowstraße. Tagesordnung: 1. Bericht der Bezirksleitung. 2. Bericht der meindevertreter. 3. Stellungnahme zu mehreren wichtigen Anträgen. 1. Verschiedenes. Fricdrichsfcldc. Heute abend wichtige Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen aus. Sonntagvormittag Hausagitapäon. Ober-Schöncwcidc. Wegen Aufnahme des Bücherbestandes der Wahlvereinsbibliothek werden die Leser derselben aufgefordert, bis Freitag, den 28. Februar d. F.. alle entliehenen Bücher abzuliefern Die Wiedereröffnung der Bibliothek findet ant 5. März d. I. statt. Storkow. In Ermangelung eines freien Lokals hält der Wahlverein bei Helling in Kummersdorf unter Mitwirkung des Gesang Vereins„Freie Sänger"(Königswusterhausen) sein Stiftungsfest ani Sonnabend, den 22. Februar, ab. Freunde und Gönner sowie die Arbeitervereine der Umgegend sind hierzu freundlichst eingeladen. Johannisthal. Die Genossen, die sich am Sonntag, den 23. Februar, an der von der Freien Turnerschaft zu veranstaltenden Partie nach Mittenwalde beteiligen wollen, werden ersucht, sich bei Senftleben einzufinden. Abmarsch ll.ß Uhr früh. Bernau. Sonnabend, den 22. d. M., abends 81/.3 Uhr, bei Salzmann, Basdorfer Straße, Mitgliederversammlung. Tages ordnung: Vortrag des Gen. Brühl: Die Technik der Land'tagswahlen. 2. Beratung der Maifeier. 3. Parteiangelegenheiten. Die Versamm lung wird pünktlich eröffnet. Lerlmer I�ackricbten. Aus der Stadtverordnetenversammlung. In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten gefielen die F r e i s i ir n i g c n sich in einem„E n t r ü st u n g s- st u r in", der sich gegen unsere Genossen richtete. Was war's, worüber der Berliner Stadtfreisinn, der sonst so lammfromme, sich so gewaltig aufregte? Die sozialdemokratifche Fraktion hatte durch Genossen Bruns eine Erklärung darüber abgegeben, wie sie sich zu der H u n d e r t j a h r fei er von 1813� stellt, die unter anderem auch einen K i r ch g a n g d e r S t a d t b e h ö r d e it bringen soll. Schon nach dem ersten Satz der Erklärung, noch ehe die Gründe ge hört worden waren, lärmten die Freisinnigen los, und über eifrig fiel der Vorsteher unserem Redner mit einer„Rüge" ins Wort. Und als die Begründung vorgetragen worden war, antwortete der brave Stadtfreisinn mit einem wütenden Protest, wie man- ihn im Rathaus selten erlebt hat. Wir verweisen auf den Wortlaut der Erklärung, der an anderer Stelle unseres Blattes in dem Sitzungsbericht mitgeteilt ist. Ein„gefundenes Fressen" war's für den Stadtv. Cassel und eine erwünschte Gelegenheit, sich in„patriotische Entrüstung" hineinzutoben, wobei der Stadtv. M 0 m m s e n ihm nach Kräften sekundierte. Was schert die Freisinnigen das Verlangen nach einer freiheitlichen EntWickelung Preußens, ans die das preußische Volk nun 100 Jahre hin- durch vergeblich gewartet hat? Den Schrei der Ar- b e i t e r k l a s s e nach Gleichberechtigung möchten sie ersticken in dem Trubel dieser Hundertjahrfeier, die letzten Endes nur dynastischeu Zivecken dient. Die Entriistungs- ausbrüche der Wortführer des Freisinns sollen auf Antrag des Stadtverordneten I a c 0 b i durch das„Gemeindeblatt" ver- ewigt werden. Für treffende Kennzeichnung dieser Idee erntete Genosse Hofs mann einen Ordnungsruf.— Zu Beginn der Sitzung wurde der Entwurf der Organi- sation der W 0 h n u n g s s ü r s 0 r g e so genehmigt, wie der Ausschuß vorschlug. Gbnosse H e i m a n n bedauerte, daß einige der von unseren Vertretern im Ausschuß beantragten Verbesserungen nicht durchgedrungen sind. Ter Wohnungs- Nachweis ist abgelehnt worden, abgelehnt auch die Hinzu- ziehung von Frauen sowie eines Krankenkassenvertreters zu der Deputation für die Wohnungsfürsorge. Mit Freude begrüßte es unser Redner, daß andererseits der Ausschuß die illotwendigkeit erkannt hat, das Amt der Wohnungs- mi s p e k t 0 r e n und der W.o h n u n g s p s l v g e auch den Frauen zugänglich zu machen. Heimanns schonungslose Festnagelung der iin Ausschuß zutage getretenen� rückständigen Anschauungen, die von Freisinnigen in dem Streit um die Frauen geäußert worden waren, regte den Stadtverordneten Galland aus. Ihn juckte es, darum fühlte er ein Bedürfnis. sich zu kratzen. In seiner Hilflosigkeit schwatzte er über die Stellung der Sozialdemokratie zur Frage der Gleich- berechtigung der Frauen den tollsten Unsinn, den unsere Ge- Nossen mit schallendem Gelächter belohnten. Auf Anfragen Heimanns und auch Gallands erklärte Oberbürgermeister W e r in u t h, daß bezüglich der Uebertragung der Wohnimgs- Polizei aus die Stadt noch immer kein Regierungsbescheid eingegangen ist. Ueber dieses Thema erging sich Stadt- verordneter Cassel in längeren Ausführungen, durch die die Regierung sich>vahrscheinlich nicht imponieren lassen wird. Den Herrn Galland fertigte Genosse H e i m a n n in einer Erwiderung nach Gebühr ab. Der Organisattons- entwurf wurde mit den vom Ausschuß beschlossenen Aende- rungen einstimmig a n g e n 0 in in e n. Fragen der Wohnungspolitik wurden auch in der Debatte berührt, die sich an den Magistratsantrag über die Abänderung des Bebauungsplanes für das Borsigschc Gelände knüpfte. Hier hatte die Stadt einmal versucht, die Schassung eines Wohnviertels zu sichern, dem Lust und Licht reichlich zugeführt werden sollte. Wie und warum dieser Versuch gescheitert ist, das wurde von unserem Genassen Leid dargelegt. Scharf kennzeichnete er das Treiben der Terraingesellschaft, die ihr Privatinteresse gegen das Allgemeininteresse der'Stadt durchzusetzen verstanden hat. Er beleuchtete auch die eigen- artige Haltung, die dabei die Regierung eingenommen hat. Durch sie ist es der Terraingesellschaft ermöglicht worden, die hier auf eine gesündere Wohnungspolitit genchK'tw Absicht der Stadt zu vereiteln. Den Stadtverordneten blieb jetzt nur übrig, dein MagistrHtsmttrag auf Abschluß eines Ver- gleiches init der siegreichen Gesellschaft zuzustimmen. Die Berliuer Bcamtcuschaft und die Landtagswahle«. In einer von der Hauptgruppe Berlin des Bundes der Festbesoldctcn einberufenen öffentlichen Versammlung, die im Restaurant Neumann in der Rosenthalcr Straße stattfand, wurde beschlossen, den Berliner Landtagskandidaten, soweit sie den bürgerlichen Parteien angehören, eine Reihe von Forderungen zu unterbreiten und sich bei der Wahl nach der Stellungnahme der einzelnen Kandidaten zu richten. Die Forderungen sind: Sicherung des staatsbürgerlichen Rechtes der Festbesoldeten, Zuerkennung des passiven Kommunalwahlrechts an alle Beamten und Lehrer, Acnderung der Bestimmung über die Residenzpflicht der Beamten und Lehrer entsprechend den veränderten Wohnungs- und Verkehrsverhältnissen, zeit- gemäße Reform des preußischen Disziplinargesetzes von 1852/ Abschaffung der geheimen Personalakten, Beseitigung der Arreststrafc für die unteren Beamten, Schaffung freier und unabhängiger Bcamtcnausschüsse und bessere Anpassung der Gehälter und Pensionen an die Teuerungsverhältnisse. In allgemeiner Hinsicht soll von den bürgerlichen Landtags kandidatcn gefordert werden, daß sie für die� Verteilung der iLtaatslasten nach der Leistungsfähigkeit der Steuerzahler auf Grund gerechter Steuereinschänung und für die Einführung des geheimen und direkten Wahlrechts für Staat und Ge- meinde unter Beseitigung der Klassenwahl eintreten. Versprechen werden ja die bürgerlichen Kandidaten viel, aber auch bei ihnen ist Versprechen und Halten zweierlei. Ueber die Bcrschandelung deS Schloßparks in Riedcrschönhausen wird geschrieben: „Der herrliche Schloßpark in Niederschönhausen wird jetzt in einer Weise verschandelt, daß darüber allgemeine Entrüstung herrscht. Der dortige Schloßpark besitzt bekanntlich den prächtigsten Baum- bestand Groß-Berlins. Dieser wird jetzt besonders in der Nähe des Schlosses beseitigt.. Die schönsten Kastanien, Tannen, Linden. Buchen und Eichen liegen am Boden. Kerngesunde Prachtexemplare find der Axt zum Opfer gefallen. Diese„Verschönerung" des Parks, die noch nicht abgeschlossen erscheint, hat natürlich die Gemüter be- unruhigt. Niemand begreift den Zweck dieser Abholzung, denn es fehlt dort weder an Licht, noch an Luft, noch an Wiesen. Den Vögeln werden Zlistgelegenheiten entzogen und den Besuchern des Parks die Freude am Lustwandein im Park vollständig vergällt. Leider ist schon so viel verdorben, daß man nur wenig ändern kann. Sollte noch mehr abgeholzt werden, dann ist es mit der Schönheit dieses Parks vorbei." „Leichtsinniges Spielen mit Menschenleben," so wird wohl das Urteil der Oeffentlichkeit lauten, sollte einnial einem der morgens gegen 7 Uhr vom Osten verkehrenden überfüllten Hochbahnzüge ein Unglück zustoßen. Die zum Schutze der Fahrgäste bei etwa ein- tretendem Kurzschluß angebrachten Apparate sind bei der eng an- einandergekeillen MeNschenmasie, die die Wagen füllt, unerreichbar in Fällen der Gefahr. Keinem der Fahrgäste wäre es möglich, irgend etwas zu seiner Rettung zu tun.— Will die Hochbahngesellichafl ein derartiges Urteil vermeiden, so sorge sie schleunigst durch Einstellen von Sechs-Wagenzügen an Stelle der Drei-Wagenzüge für menschen- würdigere Beförderung der Fahrgäste. Dann werden auch die un- liebsamen Szenen, die sich jeden Morgen auf den Bahnhöfen Kott- buser Tor, Prinzenstratze usw. abspielen, wobei den Fahrgästen beim Ein- und Aussteigen oft die Sachen zerrissen werden, vermeiden- lassen I__ Die Gefahren der Jalousiearbciter. Die im Deutschen Holzarbeiterverbande organisierten Jalousie- arbeiter veranstalteten am Sonntag neben einer Versammlung, die sich mit dem hygienischen Schutz auf den Bauten und in den Werk- stätten beschäftigte, eine Ausstellung von Bildern und Modellen, die für die Baufachausstellung in Leipzig bestimmt sind. Bemerkenswert waren unter anderem zwei Klosettmodelle, wovon das eine den Durchschnittstyp darstellt, der den Arbeitern ans den Bauten zur Verfügung gestellt wird, während das andere die Nachahmung eines Klosetts bildete, das sich in einem Eckladen eines Eckwohn- Hauses befand, nur von einer Seite zugestellt war und von zirka 39 Arbeitern und 3 Arbeiterinnen benutzt werden mußte. Veranschaulicht wurden ferner das Modell eines Hauies sowie eine Anzahl Photographie», welche die gefahr- volle Arbeit sowie die gesundheitsschädliche Körperhaltung des Ar- beiters bei dem Einsetzen der Jalousien wiedergaben. Einige Leiter- und Gerüstmodelle, wie solche gegenwärtig benutzt werden, aber ihrer leichten Bauarbeit wegen verwerflich sind 1 und wie sie in ihrer Stabilität verlangt werden. Eine aufgenommene Statistik über Berufskrankheiten und Unfälle vervollständigten das erfolgreiche Unternehmen. War die Ausstellung auch nur klein, so bewiesen die Arbeiter damit, daß sie in Verbindung mit ihrer Organisation bestrebt sind, nicht nur für Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen einzutreten, sondern auch für die Erhaltung von Leben und Gesundheit. Bielsach wurde ausgesprochen, daß sich der bekannte Sozialpolitiker und Besitzer der konstitutionellen Fabrik, Herr Heinrich Freese, dieselbe ansehen müßte: zweifellos würde er einsehen müssen, daß die von ihm einer rein privaten Angelegenheit wegen aufs Pflaster geworfenen»roten Brüder" bessere Sozialpolitiker sind wie er selbst. Sieben Lichtcnbergcr Bahnbeamte verhaftet. Umfangreichen Diebstählen aus dem Güterbahnhof Lichtenberg-FriedrichSselde ist die Lichtenberger Kriminalpolizei auf die Spur gekommen. Die Täter, sieben Rangierer und Weichensteller, sind bereits verhaftet worden. Nachdem erst vor einiger Zeit größere Diebstähle an Bahngütern auf dem Lichtenberger Güterbahnhof aufgedeckt und die Täter verhaftet worden waren, wurden in den letzten Wochen wieder Diebstähle an Lebensmitteln in großem Maßstabe ausgeführt. Es stellte sich heraus, daß Güterwagen, die mit Plomben verschlossen waren, erbrochen und beraubt worden ivaren. Die Täter zeigten dabei große Sachkenntnis und Vorsicht, indem sie die Plomben nach dem Diebstahl wieder zusammendrückten. In letzter Zeit liefen unter anderem auch wiederholt von einer Häuteverwertungsgesellschaft An- zeigen ein, daß von den Poston Häuten, die die Gesellschaft zum Verkauf oder zur Versteigerung per Bahn erhielt, stets mehrere wert- volle Felle fehlten. Nachdem alle Nachforschungen der Bahnbehörden ergebnislos verliefen, Ivurde die Lichtenberger Kriminalpolizei mit der weiteren Verfolgung der Angelegenheit betraut, und eS gelang ihr auch bald, einige Verkäufer von gestohlenen Häuten zu ermitteln. Durch das Geständnis einiger Hehler konnten dann auch die Diebe festgenommen werden. Es sind sieben Rangierer und Weichen- teller, die zum Teil schon längere Zeit bei der Eisenbahnverwaltung tätig sind. Der Wert der gestohlenen Häute allein beträgt mehr als 1299 M. Die Verhafteten sind dem Ilntersuchnngsrichter vorgeführt worden. DaS Ende vom Liebe.„Ich habe gelebt, geliebt und genoffen. mein ganzes Leben ist ein Roman." So stand auf einem Zettel, den ein zunächst unbekannter Mann bei seinem Selbstmord hinter- ließ. Der Mann kehrte am Montagabend in einem Hotet in der Koppenstraße ein, begab sich gleich aus sein Zimmer und kam am anderen Tage nicht wieder zum Vorschein. Als man sich im Laufe des Tages nach ihm umsah, fand man ihn tot im Bette liegen. Er hatte sich mit Morphium vergiftet. Die Persönlichkeit des Toten konnte man zunächst nickit feststellen. Unterdessen wurde der 26 Jahre alte Drogist Albert Moser aus der Landsberger Straße 1— 2 vermißt und am Mittwoch ergab sich, daß er der Selbstmörder ist. Moser, der aus Herzfeldc stammt, lvar der Sohn vermögender Eltern, lernte in der Drogerie in der Landsberger Str. 1/2, blieb dort auch später, rückte zum Geschäftsführer auf und kaufte daö Geschäft vor Jahren, als sein Vater starb. Eine Schwester führte dem ledigen jungen Manne die Wirtschast. Die Drogerie ging sehr gut. Moser lebte jedoch sehr flott und kam trotz seiner groben Einkünfte in Ver- legenheit. In der letzten Zeit äußerte er wiederholt, daß er zu einem bestimmten Zeitpunkt eine größere Summe brauche und ließ hierbei auch Selbstmordgedanken durchblicken. Wozu er das Geld brauchte, deutete er mit keinem Worte an. Es ist auch jetzt noch nicht auf- geklärt. Seit Montagabend war der Verstorbene vermißt worden. Er hatte sich wohl gradenwegs von seiner Wohnung nach dem Hotel begeben, um sich dort zu vergiften. Arbeitslosigkeit hat den sl Jahre alten Dekorationsmaler Max Gutheit aus der Lübecker Straße 16 in den Tod getrieben. In der Verzweiflung griff er zum Strick. Sein Bruder, den er gegen seine Gewohnheit fest drei Tagen nicht mehr besucht hatte, fand ihn gestern tot auf. Ueberfallen, vergewaltigt und beraubt wurde Mittwoch abend ein 16 Jahre altes Dieustmädcheii W. aus Buckow. Das Mädchen wollte kurz nach 7 Uhr von seiner Wohnung nach Neukölln gehen. Am Bahnübergang zwischen Buckow und Britz fielen plötzlich zwei Kerle über die Unglückliche her, warfen sie zu Boden, nahmen ihr die Darschaft von 2S M. ab, taten ihr dann auch noch Gewalt an, ließen sie liegen und liefen in der Richtung nach Martendorf zu davon. Die Ueberfallene kann die Täter nur oberflächlich be- schreiben. Sie meint, daß beide etwa 25 Jahre alt und mittelgroß seien. AuS der Spree gelandet wurde gestern in Cbarlottenburg die Leiche einer ungefähr 25 Jahre alten Frau, deren Persönlichkeit sich nicht feststellen ließ. Dem Befunde nach hat die Leiche wohl über vier Wochen im Wasser gelegen. Sie wurde nach dem Schauhause in Berlin gebracht. Die unbekannte Tote trug einen schwarzen Rock. eine gestreifte Bluse mit durchlöchertem Einsatz, einen Gürtel mit gelbem Schloß, ein graues Winterjackett und schwarze Lackschuhe. Die Leiche eines unbekannten Mannes wurde in Treptow aus der Spree gelandet. Der Tote ist ungefähr 56 Jahre alt und etwa 1,65 Meter groß, hat etwas Glatze, einen dunklen Schnurrbart und einen dünnen Vollbart und trug einen schwarzen Anzug, Trikot- unterzeug, ein weißes Hemd, wollene Strümpfe und Schnürschuhe. Bon einem tollwütigen Hunde gebissen wurden gestern nach- mittag eine Anzahl Personen am Weinbergsweg. Ein Schutzmann streckte das Tier durch einige Säbelhiebe nieder. Ein Mann und eine Frau wurden sofort verbunden und Gcgenmaßregeln bei ihnen angewandt. Die übrigen noch von dem Tier gebissenen Personen konnten noch nicht ermittelt werden, da sie trotz der Bißwunde sich entfernten. Es ist dringend zu empfehlen, daß die anderen Personen, die von den« Hunde gebissen worden sind, sofort die Wut- station des Instituts für Infektionskrankheiten in der Föhrcrstraße aufsuchen, um hier durch Gegenmaßregeln den gefährlichen Folgen der Bisse vorzubeugen. Diese treten in der Regel erst nach ein bis zwei Monaten auf und können nur durch Schutzimpfung verhindert werden. Vermißt wird seit Montag, den 17. Februar, das 18 Jahre alte Fräulein Luise Kipping, Dolziger Str. 1, welches bei ihren Eltern wohnte. Die betrübten Eltern nehmen an, daß dem Mädchen irgend ein Unglücksfall zugestoßen sei. Diejenigen Personen, welche über den Verbleib der K. Angaben machen können, werden gebeten, ihre Adresse an Kipping, Dolziger Str. 1 abzugeben. Bekleidet war Fräulein K. mit blauem Tuchrock, grüner Samtbluse, schwarzem Jachett, braunem Hut und schwarzen Schnürstiefeln. Vorort- �acbrickten. In der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung brachte am Mittwoch der Kämmerer S ch o l tz den Etat ein. Es war keine leichte Aufgabe für den Leiter der städtischen Finanzen, den Antrag des Magistrats auf Erhöhung des Zuschlags zur Staats- einkommcnsteuer auf 116 Proz. zu begründen. Allerdings sind die Abschlüsse der letzten Jahre, in denen der Zuschlag auf 166 Proz. bemessen tvar, befriedigende zu nennen, das Jahr 1811 schloß mit einem Ueberschuß von 1,2 Millionen Mark, auch das Jahr 1912 wird einen ähnlich hohen Ueberschuß ergeben. Aber andererseits läßt sich nicht bestreiten, daß in den nächsten Jahren die Aus- gaben der Stadt, ganz besonders die für den Schuldendienst, ge- waltig anschwellen werden, und man kann es dem Magistrat nach- fühlen, wenn er sich auf den Standpunkt stellt: keine neuen dauern- den Ausgaben ohne dauernde Einnahmen.'Der �-chuldendienst erfordert eine Million mehr, und auch die Ausgaben auf dem Ge- biete der Verwaltung der Krankenhäuser sowie die der Arnien- verwal:ung sind in ständiger Steigerung begriffen. Der Magistrat habe sich daher auf die Steuersuche begeben müssen. Neuen Steuern, z. B. einer Kinosteuer, einer Lustbarteitssteuer oder der S ch a n k- konzcssionssteuer st ehe er grundsätzlich nicht ab- lehnend gegenüber, aber die Erträge daraus würden nicht ausreichen. Es bleibe nur eine Erhöhung des Einkommensteuer- Zuschlags übrig. Auch die übrigen Groß-Berliner Gemeinden würden über kurz oder lang die 166 Proz. überschreiten. Trotz der höheren Steuern aber sei die größte Sparsamkeit geboten, und ins- desondere müßten sich die Stadtverordneten auf dem Gebiete der Sozialpolitik, für das Charlottcnburg im letzten Jahrzehnt viel ausgewendet habe, gewisse Beschränkungen �auferlegen. Namens der liberalen Fraktion wandte sich Stadtv. W ö l l m e r mit aller Schärfe gegen die Erhöhung des Steuerzuschlags. Ebenso wie bisher, so werde man auch 1913 mit 166 Proz. auskommen können. Seine Freunde könnten die Verantwortung für die 116 Prozent nicht übernehmen. Bedenklich sei es auch, aus die übrigen Gemeinden Groß-Berlins Rücksicht bei der Aufstellung des Etats zu nehmen, der Etat müsse vielmehr einzig und allein unter dem Gesichtspunkt Eharlottenburgs betrachtet werden. Um den Etat zu bilanzieren, könne man entweder sichere Einnahmen höher ansetzen oder Ausgaben zurückstellen oder auch auf Reserven zurückgreifen. Gewiß sei es richtig, daß die Schulden der Stadt gewachsen sind, aber man dürfe auch nicht vergessen, daß vou den Anleihen ein großer Teil auf solche für werbende Zwecke falle. Die Ausgaben für soziale Zwecke müßten mit dem Etat im Einklang stehe». Nur wenn es möglich sei, die Steuererhöhung zu vermeiden, werde der in der Abnahme begriffene Zuzug von Steuerzahlern nach Char- lottcnburg wieder zunehmen. Den gleichen Standpunkt nahm Stadtv. Dr. Stadthagen von den Unpolitischen ein, nur daß er feiner reaktionären Gesinnung ganz offen Ausdruck verlieh. Für ihn steht es fest, daß man mit 166 Proz. auskommen müsse. Daß darunter notwendig soziale Aufgaben leiden.müssen, ist ihm gleichgültig. Sparsamkeit ist für ihn die Hauptsache, natürlich Sparsamkeit am falschen Ende. Da soll der Etat der Krankenhäuser gekürzt, da soll daS Tempo der Schulbauten verlangsamt, da sollen die Armen nicht mehr aus- reichend unterstützt werden, und das alles, damit die Besitzenden nicht soviel Steuern zahlen sollen und der Zuzug Wohlhabender nach Eharlottenburg wieder zunimmt. Genosse Dr. B o r ch a r d t führte den beiden Vorrednern gegen- Über aus, der Etat verlange gebieterisch, über die 166 Proz. hin« auszugehen, wenn man nicht an notwendigen Ausgaben sparen oder neue indirekte Steuern schaffen wolle._ Schuld an der Finanz- kalamität der Gemeinden sei die vom preußischen Dreiklassenparla- ment geschaffene antisoziale Steuergesetzgebung. Unbegreiflich sei es, wie der Stadtv. Stadthagen angesichts der Tatsache, daß der Etat 76 666 M. für Mietsräume für Schulklassen fordere, ein laug- sameres Tempo bei den Schulbauien empfehlen' könne. Auf keinen Fall dürften die sozialen Aufgaben leiden. Im Gegenteil, die Forde- rungen der Minderbemittelten an die Stadtverwaltung seien noch lauge nicht auch nur annähernd erfüllt. Im Gegensatz zu früher handle es sich heute nicht mehr darum, im Interesse von Groß-Berlin die 166 Proz. zu übersteigen, sondern der Charlottenburger Etat an sich verlange, daß wir darüber hinausgehen, wenn wir nicht in- direkte Steuerquellcn eröffnen wollen oder notwendige Ausgaben unterlassen wollen.________________ verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Nachdem sich noch Stadtv. Dr. Liepmann in gleichem Sinne geäußert hatte, wie sein Parteifreund Dr. Stadthagen, wurde der Etat einem Ausschuß von 15 Mitgliedern überwiesen. Die von uns bereits inhaltlich wiedergegebene Vorlage betr. die Einrichtung von Vorbereitungsstellen wurde nach kurzer Debatte angenommen, ebenso die Vorlage betr. Er- richtung einer Vorschule an der Herder schule. Gegen die Vorschulen erklärten sich nur die Stadtv. Otto der allerdings nur im Namen einer kleinen Minderheit der Liberalen sprach, sowie der Stadtv. S t u l z