N-.45. HbonnementS'Bcdingungcn: BBonnemetüä- Preis tränumeninbo; »ierteljährl. 3�0 Mi., monatl. 1,10 MI, wüchcnllich W Pfg. frei WS HauS. Einzewe Nummer ö Pig. SomrtagS« nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- ÄllonnemenU 1,10 Marl pro Monat. Ewgetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter KrcuMand für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für daS übrige Ausland s Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemari, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, —'nien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. Die Tnfertions-Gebüfjr betrügt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerischaflliche Vereins- und Versmnmlungs-Anzcigcn 30 Pfg. „Kleine Mnoeigcn", das fettgedruckte Wort 20 Pfg. szuläsfig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pig. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen daS erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Worts Pfg. Worte über lSBuch- staben zählen für zwei Worte. Inferaie für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpeditioii iit bis 7 Uhr abends gedffnct. CrfditlDt tZgllch aufitr montags. Verlinev Volksblcrkk. Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutfcblands. Telegramm-Adresse: „Sozlaldemolsrat Rtrlia", Redaktion: SRI. 68» Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moristplah, Nr. IV83. Sonnabend, den 22» Februar 1913» Expedition: 6SI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplast, Nr. 1984. Kotkoller im roten Ihauie. Eine sonderbare Szene spielte sich am Donnerstagabend im Berliner Stadtverordnetenparlament ab. Der Berliner Kommunalfreisinn hatte den befremdenden Vorschlag gemacht, die Erinnerung an die Befreiungskämpfe des Jahres t813 durch„einen öffentlich enKirchgang und anschließenden Gottesdienst feierlich zu begehen". Um diese kuriose Feier einer Volkserhebung noch kurioser zu machen, sollte die Feier anknüpfen an den Aufruf des preußischen Königs„An mein Volk!" und die Feier selbst auf den Geburtstag der Königin Luise verlegt werden. Also die liberale Stadtvertretung der Haupt- stadt der Intelligenz veranstaltet erstens einen Gottesdienst und zweitens bringt es diese„nationale" Feier in engste Ver- bindung mit dem Preußischen König Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise, damit nur ja auch der höfische Charakter dieser Feier besonders unterstrichen wird. Diese kommunalpolitische Tat des Berliner Freisinns verrät nicht nur die totale politische Entartung unseres Freisinns, sondern auch das eifrige Bestreben, sich bei Hofe lieb Kind zu macheu und die Verkrüppelung der Historischen Erinnerung zu einer gewissermaßen hohenzollernschen Haus- und Familienangelegenheit nach Kräften zu fördern. Sie verrät zugleich eine bodenlose Unkenntnis der geschicht- lichcn Vorgänge, denn jeder Kenner der Geschichte weiß, daß gerade der preußische König in all den schweren Konflikts- zeiten die vom Standpunkt der nationalen Ehre und selbst nur der politischen Klugheit aus zweifelhafteste und kläglichste Rolle gespielt und daß er zu dem nationalen Aufschwung das allergeringste beigetragen hat. Auch ist es ja bekannt genug, daß Männer wie Humboldt und Stein in ihrer Beurteilung des von einer kindischen Hohenzollern- leaende verhimmelten Charakters der Königin Luise von solchem Ueberschwang weltenweit entfernt waren, im Gegenteil die bittersten Urteile über diese nicht zuletzt auch durch die ljperale Unwissenheit und Matiherzigkcit zu einer Nationalheiligen emporgelogene Frau gefällt haben. Wenn der Freisinn auch nur die leiseste Spur von Selbstbewußtsein', und liberalem Pflichtgefühl besäße, so wäre es gerade seine Aufgabe gewesen, dem höfischen Jubiläümsrummcl und dem üppig ins Kraut ge- wachsenenLegendentum mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und für seinen Teil dafür zu sorgen, daß das Volk die Vor- gänge des Jahres 1813 und seine Vor- und Nachgeschichte in ihrem wirklichen politischen Zusammenhange begreifen lernte. Das iväre nicht nur eine Pflicht der geschichtlichen Gewissen- haftigkeit, sondern auch ein Gebot der politischen Selbsterhal- tung des Liberalismus. Bedeutet doch das Verständnis der geschichtlichen Vergangenheit nichts geringeres, als den Schlüssel zum Verständnis der politischen Kämpfe der Gegenwart. Der Freisinn hätte nur den zwingenden Geboten der liberalen Weltanschauung genügt, wenn er in ehrlicher Darlegung der historischen Vorgänge gezeigt hätte, wie damals hinter den anscheinend rein nationalen Explosionen s 0 z i a l e Triebkräfte ani Werke waren und wie der Herr- lichen Begeisterung des Bürgertums in Gestalt der Karls- b a d e r B e s ch l ii sse, der D e m a g 0 g e n Verfolgungen und der ganzen niederträchtigen Bekämpfung freiheitlicher Bestrebungen der furchtbare Katzenjammer folgte I Gerade dadurch, daß der Liberalismus der dynastischen Ge- schichtslegcnde, wie sie in unseren Schulen gelehrt wird, die histo- rischcnTatsachcn gegenübergesetzt hätte, hätte er das Andenken jener von ihm so viel gepriesenen großen Zeit am w ü r d i g st e n geehrt, indem er den heutigen Zeitgenossen die Mahnung zugerufen hätte, nun endlich für die Erfüllung jener idealen poutisch-sozialen Bcfreiungsideen zu kämpfen, auf die nach der Niederwerfung der Fremdherrschaft der Mehltau der brutalsten Reaktion gefallen ivar I Da der Berliner Kommunalfreisiun auch nicht die blasseste Ahnung solch liberaler Pflicht verriet, im Gegenteil an seinem Teil dabei mitwirken wollte, daß die ganzen Erinnerungs- seiern zu einem hohlen, leeren und lügnerischen höfischen Gepränge' verflachten. verstand es sich ganz von selbst, daß die sozialdemokratische Stadtverordnetenfrakiion die Erklärung abgab, daß sie die Magistratsvorlage ablehnen müsse, weil die übergroße Mehrheit des preußischen Volkes keine Veranlassung habe, jener Zeit feierlich zu gedenken, da ja die Befreiung von der Fremdherrschast dem Volke nicht das gebracht habe, was die Vor- k ä liU? f e r der Erhebung erstrebt hatten. Um dem begriffsstutzigen Kommunalliberalismus Rechnung zu tragen. war in der Erklärung weiter auf die Nichteinlösung des von dem damaligen König von Preußen gegebenen feierlichen Ver- sprechens einer freiheitlichen Verfassung hingewiesen, mar zum Schlüsse hervorgehoben worden, daß selbst heute noch die weitaus größte Masse des deutschen Volkes in erbittertem Ringen um die staatsbürgerliche Gleichberechtigung in Preußen zu kämpfen gezwungen sei. Diese Erklärung war ebenso selbstverständlich wie leicht verständlich. Aber zwei der berüchtigtsten Schaum» schläger des Berliner Kommunalliberalismus. Herr Cassel und Herr M 0 m m s e n, der dekorierte Justizrat und der dekorationsbedürftige Bankdirektor, verstanden sich nichts- destoweniger dazu, das Opfer ihres Intellektes zu bringen, um sich in lärmender Entrüstung gegen die-angeblich un- patriotische Haltung der Sozialdemokraten zu ergehen. Im Namen des Volkes wagten diese Vertreter eines schnöden kommunalen Geldsackswahlrechts, hinter dem— wie sie doch selbst am allerbesten wissen!— nur eine Handvoll Besitzender steht, der Sozialdemo- ! kratie vorzuwerfen, daß sie das Gedenken n a t i 0 na l e r � Großtaten schmähe, wenn sie dem h u r r a p a t r i 0 t i s ch e n Gottesdienst zu Ehren des läppischsten Hohe nz oller nkults ihre Beteiligung und Mitwir- kung versage. Es versteht sich von selbst, daß die ganze reaktionäre ■ Presse die abgeschmackten Tiraden dieser echt„nationalen" Repräsentanten des Geldsacksliberalismus mit den dröhnetid- sten Beifallssalven begrüßt. Leider muß aber auch festge- stellt werden, daß die gesamte reichshauptstädtische liberale Presse von dem Mösseblatt bis zu dem demokratischen Masse- ableger„Volkszeitung"'(der Ullsteinliberalismus tutet natürlich in dasselbe Horn)' sich nicht um einen Millimeter über das bemitleidenswerte Niveau der Herren Cassel.und Mominsen zu erheben verinag. sondern mit diesen doppelt berufenen Vertretern des Deutschtums und des Volks- t u ms um die Wette gegen die„vaterlandslose"' Sozial- demokratie vom Leder zieht. Im Grunde genomnien ist das ja sehr hübsch: beweist doch dieser ganze„nationale" Ent- rüstungsrummel unserer liberalen Geldsackvertreter, daß ihnen nicht nur jede Spur demokratischer Ideale zum Teufel ge» gangen ist, sondern auch das letzte Restchen intellektueller Selbstachtung. Unser gesamter Liberalismus scheint wieder einmal in jenen Taumel masochistischer Selbstkasteiung und widerlichster Kriecherei vor der Reaktion verfallen zu sein, der ihn seinerzeit in das politische Lotterbett der Blockpaarung trieb. Vielleicht schwelgt der Freisinn bereits in den Vor- freuden einer neuen Blockpaarung! Herr Cassel hat ja be- reits seinen Orden dahin aber das Knopfloch des Herrn Mommsen und gleichstrebender fortschrittlicher Volkstribunen entbehrt noch solch köstlichen Zierrats. Eine neue Blockära könnte ja so manche Ordensschmerzen stillen! Mag der Freisinn mit seiner Selbstentlarvung fort- fghren, mag er durch patriotische Veitstänze den Beifall der „Täglichen Rundschau'" und der„Nordd. Allgem. Ztg." er- ringen. Die Sozialdemokratie verweigert nicht nur den hurrapatriotischen Byzantinereien des Liberalismus ihre Unterstützung, sondern sie übernimmt zugleich die dankbare Aufgabe, in der Aufklärung der Massen über die Ereignisse der Jubiläumsjahre das zu tun, was im schnödesten Geld- sackinteresse erstickte Nachfahren der bürgerlichen Frei- heitskämpfer schandenhalber unterlassen. So wenig es der Sozialdemokratie jemals eingefallen ist und einfallen kann, zu leugnen, daß im Jahre 1813 der politische und so- ziale Befreiungsdrang breiter Volksschichten heroische Be- tätigung fand, und so sehr auch die Zitate der„Täglichen Rundschau" aus Mehrings trefflichen Schriften über jene Zeit beweisen, daß gerade der nationale Tatendrang bei den sozialdemokratischen Historikern unbefangenste Würdigung findet, so wenig wird sich die Sozialdemokratie der Pflicht entziehen, auch nachzuweisen, wie schmählich die Hoff- nungen der damaligen Freiheitskämpfer betrogen worden sind. Allein die Erinnerung an die Karlsbader Beschlüsse, an die schmachvollen Demagogenverfolgungen, an die ge- hässigste Bekämpfung der nationalen und freiheitlichen Be- strebungen der bürgerlichen Jugend beweisen, daß zwar die Triebkraft jener nationalen Begeisterung zwar der lautersten Quelle entfloß, daß aber die Reaktion durch ihre brutale Verfolgungs- und Knebelungspol i- tik all die Keime einer gesunden« starken nationalen EntWickelung niederzutreten verstanden hat!«All das kann auch dem schlimmsten liberakrn Ignoranten nicht unbekannt sein. � Die Cassel und Genossen entblödeten sich gleichwohl nicht, die klaren Beweggründe der sozialdemokratischen Stel- lungnahme in einer Flut sinnlosester Phrasen zu ersäufen. Ihnen, den parlamentarischen und kommunalpolitischen Prätorianern des Fortschritts, ist nicht einmal der Schim- mer politischen Verständnisses aufgegangen, den selbst ein Treitschke in jüngeren Jahren durch die Worte verriet: „Konnte die Welt wirklich noch über den Sturz der Fremd- Herrschaft jubeln, wenn auf dem Wiener Kongreß in echt bona- partistischem Geiste mit frivoler Mißachtung der Volkstümlichkeit die Grenzen der Länder bestimmt wurden, wenn dann russische Späher den Volksgeift belauschen und vor den Mächten ver- klagen dyrften?.... Den zwiespältigen Charakter der Freiheitskriege zu leugnen, wird den gesinnungs- tüchtigen Phrasen der Gegenwart nie gelingen. Die Kabinette hatten in Napoleon den Zertrümmerer der alten! feudalen Unordnung, den Sohn der Revolution bekämpft, die Völker den Fremden und Despoten. War es nicht eine rühm- l i ch e. eine notwendige Tat, den reaktionären Zug, der die Bekämpfung Napoleons bezeichnete, schonungslos der Welt zu enthüllen? Das können nur jene verneinen, die nichts ahnen boncher echten historischen Ge- rechtigkeit. die dem Pöbel als mattherzige Halbheit gilt." lhaupts SshI ungültig. Auf der Tagesordnung der nächsten ReichStagSsitzung steht u. a. der Bericht der Wahlprüfungskommission über die Wahl des Ab- geordneten Haupt. Der Antrag der WahlprüfungSlommission geht auf Ungültigkeitserklärung. Dieser Antrag ist nach dem soeben er- schienenen Bericht ein arger Fehlschluß. Nach der amtlichen Feststellung des Wahlresultats hatte bei der Stichwahl Haupt 13 2ö3 Stimmen, v. Byern 13 256 erhalten. Die amtliche Prüfung der Wahlzettel durch die Wahlprüfuiigskommission ergab, daß Haupt zehn mit Unrecht für ungültig erachtete Stimm- zettcl zuzurechnen, v. Byern zwei mit Unrecht vom Wahlvorstand ihm zugerechnete Stimmen abzuziehen Ivaren. Das Ergebnis der Stichwahl war demnach: für Haupt 15 273. für V. Byern 15 254 Stimmen. Der Reichstag beschloß am 1. Mai 1912 Beweiserhebung über eine Reihe im Protest und Gegenprotest aufgestellter Behauptungen. Die Beweisaufnahme ergab, daß zwei Nichtdeutsche und ein Veteran, der infolge unzureichender Fürsorge für Veteranen durch daS Reich Wohnung im Armenhouse erhält, gewählt hatten. Es waren deshalb Haupt 3 Stimmen abzuziehen. Haupt hatte danach immer noch eine Mehrheit von 17 Stimmen. Da ist die Mehrheit der Wahlprüfungskommission auf ein eigeu- tümliches Mittel verfallen. Die Beweisaufnahme ergab, daß in Möckern bei der Stichwahl Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind. Dort hat der Wahlvorsteher ein Mitglied des Wahlvorstandes beauftragt. die Wahlkuverts in die Urne zu stecken. Das war unzu- lässig, da nach dem Wahlreglement der Wahlvorsteher selbst die Wablkuverts in die Urne zu legen hat. Dieses Wahlvorstands- Mitglied, das diese Funktion dem Wahlvorsteher, ent- gegen dem Wahlreglement, abnahm, verteilte außerdem die Wahlkuverts. Hin und wieder legte er gefüllte Wahlkuverts bei Seite und verwechselte gefüllte mit Iceren Umschlägen. Hierdurch kam es, daß 352 gültige Stimmeil abgegeben, aber nur 350 Wahlkuverts in der Urne vorgefunden wurden. Neben dieser Differenz von 2 Stimmen kommt in Betracht, daß in einem Umschlag sich 2 auf verschiedene Kandidaten lautende Zettcl vorfanden, daß ferner in einem Kuvert 2 auf denselben Kan- didaten lautende Zettel lagen. Auch hat ein Wähler noch seinen Aussagen einen Zettel in seinem Kuvert borgefunden und diesen fortgeworfen. Wenn man zuungunsten Haupts annimmt, daß diese sämtlichen festgestellten Verstöße— die Stimmzettel sind entgegen hem Gesetz den Akten nicht beigefügt— das Wahlergebnis zu seinen Gunsten beeinflußt hätten,' so hätten schlimmstenfalls v. Byern 6, Haupt 1 Stimme zugerechnet werden müssen. Dann wäre die Wahl Haupts gültig geblieben. Die Kommission verfuhr aber folgendermaßen: erst wurde beantragt, den ganzen Wahlakt zu kassieren. Das lehnte die Mehrheit ab, da doch unmöglich das Wahlrecht aller Wähler eines Wahlbezirks beseitigt werden darf, weil ein Wahlvorsteher einen Bock geschossen hat, und da es ferner auf der Hand liegt, daß solche Kassations- Praxis das Schicksal beinahe jeder Wahl in das Belieben oder den Unverstand eines Wahlvorstehers legt. Die Folge der Kassation— Haupt hatte 188, v. Byern 162 Stimmen in Möckern erhallen— wäre eine Differenz von 26 Stimmen zuungunsten Haupts ge- wesen. Nach Ablehnung des Kassationsantrags stellten die An- Hänger des Kassationsprinzips den Antrag, Haupt 26 Stimmen abzuziehen. Weshalb 26, weshalb nicht fünf? Darüber fehlt im Bericht jede Begründung. Willkürlich, falsch und ungerecht ist der Abzug von 26 Stimmen. ES hätten die WahlkuverlS, in denen auf denselben Kandidaten Stimmzettel abgegeben waren, nebst den Stimmzetteln eingefordert und dann v. Byern 4 oder 6, Haupt 1 oder 3 Stimmen zugezählt werden müssen. Dies Resultat hätte dem ausgesprochenen Willen der Wähler entsprochen. Aber damit nicht genug. In W u d i ck e waren bei der Stichwahl auf v. Byern 138, auf Haupt 57 Stimmen entfallen. Nach Behauptung des GegenprotestcS halte dort der W a h l V 0 r st e h e r, der zugleich Amtsvorsteher ist, am Slichwahltagc zugunsten des konservativen Kandidaten agitiert. Er hatte durch seinen Buchhalter schriftliche Stimmzettel für v. Byern anfertigen lassen und diese dem Amts dien er zur Ver- teilung übergeben. Der AmtSdieuer hat, wie festgestellt, viele gedruckte und mindestens etwa zwanzig auf v. Byern lautende schriftliche Stimmzettel verteilt. Die Kommission gab zu, daß hierin eine unzulässige Wahlbeeinflussung liege. Aber sie lehnte ab, hieraus ziffernmäßige Folgerungen zu ziehen. Wie ist dies Rätsel zu lösen? Das sei erforderlich gewesen, heißt eS im Bericht der Wahlprüfungskommission. weil es sich um einen „Gcgcnprotest" handelt und„aus dessen Behauptungen»ach ständiger Hebung der Wahlprüfungskommission niemals Folgerungen zugunsten des Gewählten gezogen werden dürfen, es sei denn, daß sich zweifelsfreie Feststellungen bezüglich einzelner Stimmzettel zu- gunsten des Gewählken machen lassen". Die hier behauptete Praxis besteht nicht. Sie wird schon dadurch widerlegt, daß über die Be- hauplung des Gcgeuprolestes vom Reichstag am 1. Mar 1912 Beweis beschlossen ist. Bestände sie, so wäre sie zu ver- werfen. Der Reichstag hat, um den wirklichen Willen der Wähler zu erforschen und im Interesse der Reinlichkeit des WahlgeschäftS, alle Punkte zu untersuchen, die die Wahlfreiheit beeinträchtigen können, und die erforderlichen Schlüsse zu ziehen. Nach der eidlilben Aussage des Amtsvorstehers hat dieser dem Amts- diener. abgesehen von den ihm übergebenen gedruckten v. Byern- Zetteln. 49— 56 geschriebene Stimmzettel auf v. Byern zur Verteilung während des Wahlaktes übergeben. Mindestens 49—59 Stimmen hätten also v. Byern gestrichen werden müssen. Folgt man aber der eigenartigen Begründung der Kommission, so waren doch wenigstens vierzehn Stimmzettel abzuziehen, da bezüglich dieser.sich zweifelsfrei die Feststellung zu- gunsten de» Gewählten" machen ließ; denn diese 14 geschriebenen Wahlzettel befinden sich bei den Akten. Würden Zweifel vorhanden sein, ob diese 14 Zettel vom Buchhalter des Amtsvorstehers geschrieben sind, so würde der Buchhalter zu vernehmen sein. Die sozialdemokratische Fraktion hat aus diesen Gründen beantragt, die Wahl von Haupt für gültig zu erklären, eventuell die Akten nochmals in die WahlprüfungSkommission zurückzuweisen. Sie Mächte uiHl die Balkanhriie. Die Lermittelungsaktioo. Köln, 21, Februar.(Privattelcgramm d eZ „Vorwärts".) Der„Kölnischen Zeitung" wird aus Berlin telegraphiert: Nachdem Rumänien und Bulgarien sich zur An nähme des Vermittclungsangcbots der Mächte bereit erklärt haben, wird heute die Versammlung der Botschafter in London den Wortlaut der in Bukarest und Sofia zu machenden Ge- samtmitteilung der Mächte feststellen. Die Mitteilung selbst wird in den nächsten Tagen erfolgen. Danüt würde die bul- garisch-rumänische Greuzfrage endgültig auf den Weg einer friedlichen Lösung gebracht sein. Daß die B o t s ch a f t e r v e r s a m m l u n g sich seit einiger Zeit mit der Frage der Abgrenzung Albaniens nicht beschäftigt hat, ist zutreffend; man darf daraus aber keine um günstigen Schlüsse ziehen. Die albanische Frage ist, wie ich zuwifsen glaube, so weit entwickelt, daß man einen g ü t l i ch e n A u s- gleich der noch bestehenden Schwierigkeiten erwarten darf. Weniger bestimmt sind einstweilen die Aussichten auf Wiedereröffnung der Friedensverhandlungen. An der grundsätzlichen Bereitwilligkeit der Mächte, den türkischen Wunsch nach Nebernahmc neuer Friedensverhandlungen durch die Mächte selbst zu erfüllen, braucht nicht gezweifelt zu werden. Scharfmacherei der rumäuischcu Liberalen. Bukarest, 21. Februar. Heute findet ein Mi niste rr a t statt, der über die Haltung Rumäniens gegenüber dem letzten Schritt der Mächte entscheiden soll. „Jndependance Roumaine" schreibt: Die liberale Partei (die sich in Opposition befindet) fährt fort, die internationale Aktion der Regierung zu erleichtern, aber unter der wesentlichen Voraussetzung, daß eS eine Aktion der Regierung gibt. Es geht das Ge- rächt, daß die Verhandlungen in Sofia abgebrochen seien und die beiderseitigen Regierungen zu einer Vermiltelung der Mächte ihre Zuflucht nehmen würden— eine späte, jedoch gute Lösung, ivenn sie eine freundschaftliche Intervention der ver- schiede«» Kabinette bedeutet, um zu einer Verständigung auf den von Rumänien festgestellten Grundlagen zu gelangen. Wenn es sich aber darum handelt, ein Minimum der rumänischen Ansprüche einem Schiedssprüche der Mächte vorzulegen, so würde dies das Ende der Aktion der Regierung bedeuten, welche nicht versuchen könnte, vor die öffentliche Meinung mit einem Miß- e r s o l g zu treten. Die liberale Partei ist weit davon entfernt, in einer Mediation eine Feindseligkeit zu erblicken, und ist von allem Anfange an für die Lösung der Streitstage durch eine Verständigung gewesen. Die Bermittelung hätte den Vorteil, einen Beweis für die Freundschaften zu liefern, auf die Rumänien rechnen kann. Aber diese Lösung muß schnell erfolgen, noch vor dem Abschluß des Friedens auf dem Balkan. Ei» mißglückter Landungsversuch der Türke». Konstantiuopel, 21. Februar. Vor Gallipoli liegen etwa dreißig Transportschiffe mit den türkischen Truppen, die vorgestern den vergeblichen Landungsversuch bei Scharköj unternommen hatten. Die Truppen warten darauf, an Land gebracht zu werden. Ueber den Landungsversuch erzählt ein heute ein- getroffener Schiffskapitän, einige tausend Mann unter E n v e r Bei seien sieben Kilometer nördlich von Gallipoli gelandet, durch eine List der Bulgaren ins Innere gelockt, mit heftigem Artilleriefeuer angegriffen und unter beträchtlichen Verlusten zurückgetrieben worden. Mehrere Trans- portschiffe mit Truppen sollen heute nach dem Golf von Jsmid zurückgekehrt sein. Londoner Zeitungen berichten, daß die Griechen einen Land un gsv ersuch in der Besikabai, an der asia- tischen Seite der Dardanellen vorbereiten. Gnechisch-türkischc Käulpfe. Athc», 21. Februar. Bei Metzovo haben am Mittwoch tür« Iis che Truppen gemeinsain mit Abteilungen von Irregulären das griechische Lager von Devrentza angegriffen, sie sind aber unter großen Verlusten zurückgeschlagen worden. Bei Besam dauen der Artilleriekampf fort. TaS Feuer der türkischen BaNerien ist aber nur schwach. Nach den letzten Berichten beträgt die Zahl der aus EpiruS Geflüchteten 22 000; sie sind in Aorfu, Prevesa, Arla. Kepha- lonia, Trikala und Larissa untergebracht worden. Die Hilfskomitees können nur unzureichend lXnterstützung gewähren wegen dzr außerordentlichen Kosten für Unterkunft und Unterhalt, die täglich l'ä 000 Drachmen betragen. Montenegro fordert. London, 20. Februar. Wie das R e u t e r s ch e B u r e a u er- fährt, erschien heute nachmittag der montenegrinische Delegierte Popowitsch im Auswärtigen Amt und gab eine Erklärung in dem Sinne ab, daß er, um die Haltung der m o n t e n e g r i n i- schen Regierung vollständig klar zu machen, angewiesen sei, die Situation, wie sie heute sei, darzulegen. Montenegro habe bei den Angriffen auf S k u t a r i bereits viel verloren. Der Besitz Skutaris stelle für Montenegro den hauptsächlichsten Grund zum Kriege dar. In kurzer Zeit würden Montenegros Be. mühungen von Erfolg gekrönt und die Stadt genommen sein. Unter diesen Umständen sei er angewiesen, der britischen Regierung Kategorisch zu erklären, daß Montenegro auf leinen Fall mit einer Transaktion einher standen fein könne, die das Ziel hätte, daß Gkutari nicht montenegrinisch werde. Montenegro sei entschlossen, niemals Skutari zu räumen. Wenn eS angegriffen werde, so sei eS entschlossen, eher Gefahr zu laufen, vernichtet zu werden, als die Stadt aufzugeben.__ Politische CUberHcht. Berlin, den 21. Februar 1913. Und immer wieder Preußen! AuS dem Reichstage. Den Auftakt zur Freitag- stizuna des Reichstages bildete das Debüt deS neuen Staats- sekretärs des Auswärtigen v. I a g o w vor dem Plenum des SauseS Er beantwortete eine kurze Anfrage, die von national. liberaler Seite über den Schutz der Deutschen in M a � i k o an die Regierung gerichtet worden war. Es soll immerbin anerkannt werden, daß der Staatssekretär selbst er- schienen war und eine ausfuhrliche und auch im allgemeinen befriedigende Auskunft gab. Bisher erschien bei Anfragen, die die auswärtige Politik angingen, in der Regel ein Legationsrat. der nach Form und Inhalt seiner Antworten und auch nach seinem geistvoll lächelnden Gesicht zu schließen die Anfragen nur für ein überflüssiges Produkt überflüssiger Neugier der Abgeordneten zu halten schien. Dann setzten wieder die Klagen über das deutsche Eisenbahnwesen ein. Zu klagen hatten fast alle Ab geordneten, die das Wort nahmen, die Nationalliberalen S ch w a b a ch und L i st, die Freisinnigen H ä h n l e und B l u n ck, die Sozialdemokraten Stolle und Fischer- Hannover. Natürlich sind die bürgerlichen Herren„maßvoller" in ihrer Kritik als die Sozialdemokraten, sie wagen nicht das Kind beim rechten Namen zu nennen. Aber hier wie bei anderen Gelegenheiten sind sie oft genug im innersten Herzen froh, daß die Sozialdemokraten stisch von der Leber weg und ungeschminkt das aussprechen, was sie sich selbst nur im ge- Heimen und in unbewachten Augenblicken einzugestehen wagen. Der Henimschuh im Eisenbahnwesen ist natürlich� wieder Preußen. Nicht das Preußen der Arbeit, nicht das preußische Volk, wohl aber der preußische Fiskalismus und die unsehl- bare preußische Vureaukratie. Vorübergehend ließ sich auch der preußische Eisenbahnminister v. Breitenbach im Hause sehen, und ein Blick auf diesen unnahbaren und selbstbewußten Herrn genügt, um erkennen zu lassen, daß er sich höchstens von dem ostelbischen Uradel und von dem Westelbischen Grubenkapital imponieren läßt, nie und immer aber von dem Hause des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahl- rechts und noch weniger von dem diesem Hause verantwort- lichcu Präsidenten des Reichseisenbahnanits, Herrn Wacker- zapp. Wackcrzapp und Breitenbach! Das Deutsche Reich und Preußen! Reden darf Herr Wackerzapp und der Reichstag allenfalls, aber sie haben nir to seggen. Herr Breitenbach schlägt hochmütig auf sein Portemonnaie und sagt: Hier sitzen die Musikanten! Und ebenso hochmütig schlägt das Funkerpreußen mit der Faust auf den Tisch und erklärt: Mein Wille geschehe in Preußen wie im Reichel Freilich könnte das Reich weiter sein. Sobald die bürger- lichen Parteien, die sich jetzt auf leere Deklamationen über die Notwendigkeit der Rcichseisenbahngemeinschaft beschränken, den Mut zum Handeln aufbrächten. Aber wie kann man Feigen lesen vom Dornstrauch! Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus hat am Freitag zunächst das vom Herrenhause abgeänderte Wassergesetz en bloc angenommen und sich sodann mit kleineren Vorlagen beschäftigt. Die Vorlage betreffend den Ausbau der mittleren Oder gab unserem Genosien Le inert Gelegenheit, warm für die Interessen der Kleinschiffahrt einzutreten, die durch die Erhebung von Schiffahrtsabgaben vernichtet oder doch wesentlich eingeschränkt werden kann, und die Feindschaft der Rechten gegen ein wirklich großzügiges Wasierstraßenprogramm gebührend zu kennzeichnen. Das Resuital der Debatte war die Ueberweisung an eine Kommission. Gleichfalls einer Kommission überwies das HouZ den konservativen Antrag, der die Regierung ersucht, in Zukunft alljährlich einen Fonds zur Unterstützung der auf Bekämpfung des Kinder- e l e n d s gerichteten charitativen Bestrebungen bereit zu stellen. An sich ist der Antrag natürlich durchaus berechtigt, aber die Art. wie der Abg. v. Wenden ihn begründete, läßt darauf schließen� daß eS den Antragstellern weniger um die Sache, als um die Verfolgung parteipolitischer Ziele zu tun ist— eine Vermutung, die um so wahr- scheinlicher ist, als die schwarz-blane Mehrheit vor knapp einem Jahre einen ganz ähnlichen, von der Sozialdemokratie ausgehenden Antrag rundweg abgelehnt hat, nur weil die Sozialdemokraten ihn gestellt hatten. Genosse Hirsch, der sich im Prinzip mit dem Antrag einverstanden erklärte, wies denn auch auf das doppelzüngige Verhalten der Konservativen hin. Im übrigen forderte Hirsch die Unterstützung aller Korporationen ohne Unterschied der politischen Tendenz, die sich die Bekämpfung des Kinderelends zur Aufgabe machen, vor allem auch die der gewerkschaftlichen und sozialdemo- kratischen Kinderschutzkommissionen. Den Schluß der Sitzung bildete die Beratung von Petitionen. Am Sonnabend wird die Beratung deS Etats der Handels- und Gewerbeverwaltung fortgesetzt._ Ein agrarischer Protest gegen eine Kaiserrede. Der Kaiser hat. wie bekannt, jüngst vor dem Deutschen Land. Wirtschaftsrat wieder eine Rede abgelesen, in der er zur Förderung der deutschen Agrarwissenschaft über seine Zebubullenzüchtung«- versuche und den Anbau von Petkuser Roggen auf seinem Gute Cadinen berichtete. Die humoristische Rede erweckte bei den Mit- gliedern des LandwirtschaftSrati lebhafte Heiterkeit, zumal al« der Kaiser erklärte, daß er mit einem Teil der gezüchteten Zebu- Viecher demnächst ein Vorwerk besetzen werde, dessen Pächter er. da dieser nichts mehr tauge,„hinausgeschmissen" habe. Für das Hinausschmeißen haben die Herren Großagrarier eine erbliche Vorliebe, vorausgesetzt natürlich, daß sie dabei eine aktive, keine passive Rolle spielen; schmeißen sie doch gewohnheitsmäßig ibre Arbeiter hinaus, wenn diese alt und stumpf geworden sind. So stieß bei ihnen der kaiserliche Ausspruch auf inniges Verständnis. Sie lachten und applaudierten zum Schluß mit unverkennbarem Behagen, obgleich mancher von ihnen den betreffenden Pächter ge- kannt und gewußt haben dürfte, daß es um dessen„TaugMkeit" doch etwas anders bestellt sein dürfte, al« der Kaiser meinte; denn der Pächter. Herr H. Sahst, ist in den Kreisen der ostelbischen Agrarier nicht unbekannt; er ist Vorstandsmitglied de» Elbinger landwirtschaftlichen Vereins und gehört, wie verlautet, zur treuen Gefolgschaft der Herren Hahn und v. Wangenheim. Etwas weniger amüsant scheinen aber Herr Sahst selbst und seine guten Freunde die Bemerkung Sr. Majestät empfunden zu haben. Er hat den Elbinger Verein zusammengetrommelt und sich von diesem in aller Form ein Vertrauensvotum ausstellen lassen, wobei nach Meldungen bürgerlicher Blätter sich mehrere Redner sthr scharf gegen die Behauptungen de« Kaisers und dessen Jnfor- matoren wandten. So soll ein Teilnehmer an her Protestver- sammlung unter allgemeinem Beifall erklärt hohen, die„be- treffenden Ohrenbläser" de» Kaiser» müßten mundtot gemacht werden. Der Petkuser Roggen sei von einigen Mitgliedern schon seit zwanzig Jahren angebaut worden, also lange. bevor der Kaiser Besitzer der Herrschaft Cadinen geworden sei. Be- sonders wurde bedauert, daß der Pächter de» Vorwerk« Rehberg. Herr Sahst, in so scharfer Weise öffentlich bloßgestellt worden sei. Herr Sohst sei einer der bekanntesten westpreutzischen Landwirte und erfreue sich in Fach- und Gesellschaftskreisen der ganzen Pro- vinz eines tadellosen RufeS. lim Herrn Dohst eine Rehabilitierung zu verschaffen, wurde darauf e i n st i m m i g ein Vertrauensvotum für ihn ausgesprochen. ES ist also nichts mit der Förderung der Landwirtschaft durch die kaiserlichen Roggenanbauversuche. Der Petkuser Roggen ist in jener Gegend schon früher angebaut worden, als in Cadinen und hat wahrscheinlich auf anderen Feldern ebenso lanzengerade ge- standen wie auf den Cadiner; da» patriotische Gemüt der Mit» glieder deS Elbinger Vereins aber bat einen schweren Stoß er- lilten. Wer weiß, ob sie nicht schließlich gar noch aui die Idee versallen, dem Kaiser zu seinem Jubiläum eine Protesterklärung zu überreichen mit der Devise:„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!"_ Zwei Besitzsteuervorlagen. Der ultramontanen„Köln. Volkszeitung" wird telegraphisch aus Berlin gemeldet: „Im Reichsschatzamt sind nunmehr, wie bestimmt verlautet, zwei Besitzsteuervorlagen ausgearbeitet worden, eine Reichs- vermögenszuwackösteuervorlage und eine Erbanfallsteuervorlage, die in allernälbster Zeil dem Bundesrat zugehen sollen. Aus Grund unserer KennmiS der Sachlage möchten wir jedoch eher der An« nähme zuneigen, daß dem Bundesrat zunächst nur die VerinögenSzuwachSsteuervorlage zur Beratung vor- gelegt wird. Bei dem bekannten Widerstand einer größeren An- zahl von Bundesstaaten muß allerdings mit der Möglichkeit ge- rechnet werden, daß auch die Erbanfall st euer dem Bundesrat später vorgelegt wird. Wie wir ferner noch erfahren, steht der Inhalt der neuen Wehrforderungen nun- mehr endgültig fest, obwohl die Höhe der einzelnen Posten noch nicht mit Sicherheit übersehen werden kann. Die gesamten Neuforde« rungen werden sich auf rund 150 Millionen Mark belaufen." Die„Köln. Volksztg." dürfte recht haben, denn der Plan entspricht durchaus der gottgewollten Abhängigkeit, in der sich das Bethmann Hollwegsche Regiment von dem vaterländischen kouservativ-klerikalen Block fühlt. Zunächst wird man ver- suchen, aus einer ertüftelten Vcrmögenszuwachssteuer einen Teil der zur Deckung der neuen Heeresausgaben erforderlichen Mittel herauszuholen. Erst wenn dieser Versuch sich als ver- fehlt erweist, will die Regierung zur Einbringung einer be- s ch e i d e n e n Erbanfallsteuervorlage greifen; denn das Geld- interesse der Großgrundbesitzer mutz unbedingt geschont werden. Das Versagen der Natioualliberalen- Die„Franks. Zeitung" schreibt über die Beratung deS Jesuitenantrages im Reichstage: „ES hätte die Beratung dieses Antrages einen politisch interessanteren Ausgang als seine von Anfang an nicht zweifelhafte Annahme haben können, wenn e« gelungen wäre, die Parteien der Linken, nicht nur die Sozialdemokratie und die Fort- schrittliche Voltspartei, sondern auch die Nationalliberalen. also eine Mehrheit, vorher darauf zu einigen, daß sie durch ein Amendement, wie z. B. die Aufhebung deS sogenannten Gotteslästerungsparagraphen, die so stark hervortretende Abneigung de» Zentrums gegen olle AuSnahmegesetzgebung und alle ZwangSgesetze praktisch auf die Probe zu stellen. Dann würde sich gezeigt haben, daß das Zentrum die geistige Freiheit und Betätigung religiöser Ueberzeugungen, die eS für sich verlangt, anderen nicht zu kon- zedieren bereit ist, und dann hätte sich wohl die Situation er- geben können, daß das Zentrum dann gegen feinen eigenen amendierten Antrag gestimmt hätte. Dazu ist eS nicht gekommen. Gewisse Verhandlungen, die hinter den Kulissen stattgefunden haben, sind wohl an den ängstlichen und schwächlichen Bedenken der Äkationalliberalen gescheitert." Diese Bemerkungen sind durchaus zutreffend. Wie immer verdankt das Zentrum seine Erfolge weniger der eigenen Klug- heit als der Schwäche und Unentschiedenheit deS National» liberalismuS._ Die Fortschrittler und die Landtagswahlen. Die BreSlauer Freisinnigen haben am Dienstag be- schloffen, für die bevorstehenden LandtagSwahlen kein Kompro« miß mit den Sozialdemokraten, sondern ein solches mit den Nationalliberalen abzuschließen. Dieser Beschluß enthält zugleich die Bestimmung, daß ein Zusammen- gehen mit den Sozialdemokraten auch nach den Ur Wahlen ausgeschlossen ist. Er bedeutet also die Wiederwahl der konservativ- klerikalen Vertretung: denn ohne die Sozialdemokraten können die Freisinnigen und Nationalliberalen die Reaktionäre nicht verdrängen, die Sozial- dcmokraten aber denken gar nicht daran, ohne Gegenleistung für die Liberalen zu stimmen. Bei der letzten Wahl wurden 470 Liberale, 366 sozialdemokratische und 820 konservativ« klerikale Wahlmännerstimmen abgegeben. Man sieht, der sogenannte entschiedene Liberalismus trifft sehr wirksame Anstalten, die Reaktion zurückzudrängen. Das Reichsgesetz über die vorübergehende« Zoll- erleichterungen bei der Fleischeinfuhr wird im„Reichsanzeiger" vom 21. Februar veröffentlicht und hat folgenden Wortlaut: „Der Bundesrat wird ermächtigt, für die Zeit bis zum 31. März 1S14 mit Wirkung vom 1. Oktober 1912 ab an Ge- memden. die fri'cheS, auch gefrorenes Fleisch von Vieh auS dem Ausland für eigene Rechnung einführen und unter Einhaltung ver vom Bundesrat vorzuschreibenden Bedingungen zu angemeilenen Preisen an die Verbraucher abgeben, den nach Nr. 10S des Zoll tarif« erhobenen EtngangSzoll bis auf«inen«etrag zu er statten, der sich ergibt, wenn anstatt der Zollsatz- v°n�°der 27 M. der Zollsatz von 18 M. für den Doppelzentner zu grunze gelegt wird." Geheimrat Kroh«e f. „Wie eine Stimme auS einer anderen, beneren weit klangen mir hier, im preußischen Treiklassenhause. die warmherzigen, von tiefer verstehender Menschenliebe zeugenden Worte des Hern, Ge- beimra'.S Krahne"— so etwa konnte»n Jahre 1910 be, der Be- ratung über das preußiichs GefängnrSwesen. sowen es dem Ministerium deS Innern untersteht, der Sprecher der sozialdemokrati- schen Fraktion im Landtage sagen. �„ Ein merkwürdig-S Geschick ist es in der Tat. da» dreien Re- formator d-S preußischen GefängmSwesenS m das preußische Polizei- Ministerium verschlug, in dem er sich suhlen mochte wie ein Prophet U'UC£ Di�Grundlage für den Vollzug der Freiheitsstrafe ist die Beugung de« R-ä-iSbrectier» unter die Autorität de« Staates und die Erziehung desselben zum rechten Gebrauch der Frei« heit innerhalb der staatlichen Ordnung", sagt Krahne in seinem Lehr- buch des GefängniSwesens. Das Verbrechen ist zumeist eine sozial- KrankheitSerichemung: Resozialffierung des Rechttbre-be» ist da» vornehmste Ziel der Strafvollstreckung— war sein vetarum oerwoo- Ein tiefes menschliche» Mitgefühl mit den Sträflingen trug s-m g«- samtes Wirken in der Gefängnisverwallung, lind diese» Mitgefühl erstreckte si« über den Sträfling selbst hinaus auf seine unglück- lichen Angehörigen und über die Strafzeit hinaus auf die Zukunft puS Sträflings. .ES ist daher nicht bloß ein ästhetischer. ,ond-r« ein sittlicher Ekel, der sich von der Prügelstrafe abwendet", so schrieb Krahne 1889. Und er hat dtus«»uf. fasiung trotz aller prügelschwärmerischen Hätz* 14 Hertel mcht um Haaresbreite berlafen, sondern in seinem Machtbereich allen Wider« ständen zun, Trotz so resolut durchgesetzt, daß in den preußischen Zuchthäusern auch das DiSziplinarmittel der Prügelstrafe praktisch beseitigt worden ist.„Trotzdem und trotz der sonstigen Milderungen in der Anwendung der Disziplinar- strafen stößt die Aufrechterhaltung der Disziplin in den Straf- anstalten(auch Zuckithäusern) auf keine Schwierigkeiten", so konnte er triumphierend in seiner Strasanstaltsstatistik über da? Jahr 1911/12 melden. Auch in den gesunkensten Menschen das Menschliche zu finden, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie gerecht zu behandeln— das schien ihm dos beste Mittel zur Aufrechterhaltung der Disziplin. Die Herabminderung der Disziplinarstrafe» aus etwa ein Viertel der früheren Höhe war das Ergebnis von KrohneS etwa 20jähriger Wirksamkeit in der Leitung der dem Ministerium des Innern unter« stehenden Gefängnisse. Auch die sanitären Zustände dieser Gefäng- nisse und die Verpflegung der Sträflinge ist durch KrohneS Energie wesentlich gebessert worden. Krahne hatte bei alledem gar manchen reaktionären Zug. Die Rolle, die er den Geistlichen, der Religion in den Strafanstalten beimaß, seine unhaltbare Ansicht über die Art der GeiäiigniSarbeit, die engen„mittelständlerischen" Geist atmete, dies und manches andere trug deutlich die Spuren seiner Herkunft, seines Entwickelungs- ganges, der ihn aus orthodox-konservativer Luit, vom Lande her, in die Stadt, von der Pfarrtätigkeit in die Gefängnisverwaltung und schließlich aus der Leitung des Zuchthauses Moabit an die Spitze des preußischen Gefängniswesens führte. Ter Dualismus in der Verwaltung der preußischen Gefängnisie, die zum Teil dem Ministerium des Innern, zum Teil dem der Justiz unterstehen, setzte seiner Wirksamkeit Grenzen. So sehr die Unter- stellung aller Gesängnisse unter das Justizministerium das Natür- liche wäre, die Gerechtigkeit gebietet, anzuerkennen, daß sich die Leistungen der Justizverwaltung auf dem Gebiete des Gefängniswesen» mit denen Krahnes nicht messen können. Auf diesem Gebiete herrschte und herrscht die freie Luft im Polizeiministerium, das auch durch seine vortrefflichen Berichte und Statistiken vorbildlich wirkte. Welche Widerstände Krahne zu überwinden hatte, wird man kaum je erfahren. Am Donnerstag ist der edle und tapfere Mann gestorben. Er hinterläßt«ine ganze Anzahl tüchtiger Männer aus seiner Schule; darunter Dr. Finkenberg, den vortrefflichen Direktor des Straf- gefängnisses Moabit. Werden sie sich aber gegen die immer schroffere Reaktion gegen KrohneS.Humanitätsduselei' zu holten und durch« zusetzen wissen? An Krahne wagt man sich nicht heran, aber nach seinem Tode wird auch hier„Preußen wieder Preußen sein,' so hörten wir oft. Wie ihm sei: KrohneS Tod beklagen auch wir aufrichtig, so tief der Abgrund war, der unsere politische Weltanschauung und die seinige trennt. Gehaltszulagen— für die Richter. Wie die„Liberale Korr.' auS zuverlässiger Quelle erfahren haben will, soll da« preußische Finanzministerium beabsichtigen, die Gehälter der Richter über den Rahmen deS Besoldungsgesetzes binauS zu verbessern. Was man den schlechtbezahlten Unterbeamten schlechtweg ablehnt, soll also den Richtern gewährt werden, deren Gehalt 3000 biS 7200 M. beträgt, wozu noch ein sehr erheblicher Wohnungsgeldzuschuß kommt. Während da« ausgebeutete Proletariat in den Parlamenten unausgesetzt Dokumente der Klassenjustiz vortrage» zu lassen gezwungen ist. wrll der preußische Klassenstaat, wie es ja auch die bürgerlichen Parteien letzter Tage im Landtage gefordert, den Richtern offenbar seine volle Zufriedenheit bekunden Lehrermangel in Preuhen. Nach der amtlichen Stalistik vom Jahre 1911 hat Preußen 114 vl0 Schulstelleu. Von ihnen sind 879 nicht besetzt, ein Manko, das sich durch die in den letzten Jahren bedeutend erhöhte Lehrer- auSbildüng bald ausgleichen läßt. Dessen ungeachtet besteht der Lehrermangel weiter. Er lugt mit seinem ernsten Antlitz an einer anderen Stelle hervor. Preußen zählte 1911 im ganzen 128 72S SchuUlasien. Es waren jedoch zur Verwaltung derselben nur 116 293 Lehrkräfte(91 643 männliche und 24 650 weibliche) vor- banden. Da nun aber zur ordnungsmäßigen Verwaltung jeder Schulklasse ein eigens für ste angcstellter Lehrer gehört, so fehlen in Preußen zurzeit mindestens 12 432 und 579 gleich 13 311 Lehrkräfte. In Wirklichkeit ist die Zahl uock größer, da an vielen größeren Orten mehr Lehrer als Klassen vorhanden, die olio an anderen Orten auch noch fehlen. Es wird daher zur Bekämpfung dieses Lehrermangels noch recht viel getan werden müssen, um zu erreichen, daß auch nur jede Schulklasie ihren eigenen Lehrer erhält. Die Klasienfrequeuz steht dann noch auf einem anderen Blatt! Die Wirren in Mexiko. Der Streit um die Beute. Mexiko, 20. Februar. Die Parteien H u e r t a L und Diaz' haben weitere Abmachungen für die zukünftige Re- gierung getroffen. Esquival Obregan ist zum Finanzminister ernannt worden und Manuel Garza Aldape zum Ackerbau- minister. Aldape steht mit dem Aufstalid im forden in Verbindung. Seine Aufgabe wird es fein, die Lösung der Agrar- frage zu studieren, die eine der stärksten Ursachen des Miß- Vergnügens in Mexiko, im Norden wie im Süden, ift. Von Politikern werden wahrscheinlich de la Barra, Alberto Farzia und Rodolf Oreyes Portefeuilles erhalten. Diaz hat klar zu verstehen gegeben, daß er für die Präsidentschaft kandidieren wird. Man hält eS für wahrscheinlich. daß Huerta sich seiner Dahl nicht widersetzen wird. Ein Grund, weshalb Diaz keinerlei Anstrengung gemacht hat. die provisorische Präsidentschaft zu übernehmen, scheint der zu sein, daß er für die bevorstehende Wahlkampagne ganz freie Hand in der Leitung seiner Partei haben wollte. Das Schicksal M a d e r o s wird in die Hände des neuen Kabinetts gelegt und sicher vor heute abend entschieden sein. Der frühere Präsident ist jetzt der persönliche Gefangene HuertaS. der jede Verantwortung siir sein Schtcksal ablehnt. Kampf gegen die nene Regierung. London, 21. Februar(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Nach cmer Meldung aus Mexiko rüsten sich jetzt die Z a p a t i st e n zu einer Kampagne gegen die neue Regierung. Es wird gemeldet, daß eine kleine Abteilung von Aufständlschen in der Nahe der Hauptstadt sich befinde und daß RegierungS- trupp-n gegen sie ausgesandt worden seien. Einer unbe- stätigten Nachricht zufolge soll Cuernavaca in die Hände ZapataS gefallen fem. Tie Opfer der Straßenkämpfe. Mexiko,-1. Februar. Die genauesten setzt erhältlichen Verlustschätzungen aeben die G e t ö t e t e n a u f e t w a 3000 an. von denen die Mehrzahl Privatpersonen und Frauen und Kinder sind..Mo Verwundeten werden aus 7 000 angegeben, �n vielen Fällen sind ganze Fa- Milien durch explodierende Granaten und Maschinengewehr- feuer getötet worden. Vielfach liegen verkohlte Leich- « a m e auf Abfallhaufen, die Feuer fingen. Alle Glieder der Familie Madero sind gefluchtet. Cfagarn. Annahme der Wahlvorlage im Ausschuß. Budapest, 21. Februar. Der WahlreformouSschuß hat heute die Wahlvorlage der Regierung angenommen. franhrelcb. Die politische Situation. Paris, 21. Februar.(Privattelegramm des „B o r w ä r t s".) Die sozialistische Fraktion be- schloß in Anbetracht der deutsch-französischen Situation, die Einberufung einer Sitzung des Jnternatio- nalen sozialistischen Bureaus zu beantragen. Die Presse beschäftigt sich mehr mit D e l c a s s 6 als mit der Deklaration Poincaräs, in der die Aufrechterhaltung der Rechte der Vollzugsgewalt betont wird.- Tie gemäßigten Blätter drücken sich befriedigt aus. während der„Temps" das in der Erklärung Poincaräs enthaltene Versprechen, daß das Parlament sich auf das Kontrollrecht zu beschranken habe, freudig begrüßt. I a u r ä s findet die Erklärung farblos und hält auch die gleichzeuige Ernennung Telcassäs zum Botschafter für zufällig. Im„Eclair" ist Judet besorgt, weil die russische Allianz vor waghalsigen Kombinationen bewahrt werden müsse. Auch seien in Petersburg ein Militörvertrag und verschwundene Bürgschaften festzulegen. Die Ernennung sei größtenteils ein Zufall, der etwas abenteuerlich anmute. Die Mehrzahl der Presse, auch die radikale, begrüßt die Ernennung Del- cassäs zum russischen Botschafter. Ter„Temps" bringt die Enthüllung, daß seit dem Jahre 1903 wiederholt Mitglieder der Zarenfamilie die Ernennung Telcasses wünschten. „Journal des Tebats" hebt den Ernst der internationalen Situation hervor. In der Orientkrise ständen i�cht nur albanische Dörfer, sondern alle großen europäischen Jnter- essen aus dem Spiele. Ter„Gaulois" nennt die Ernennung eine Antwort an Deutschland und das„Echo de Paris" bringt sie mit einer energischen Erklärung Poincaräs an Deutsch- land in Zusammenhang. Nach der Enthüllung des„Temps" darf man die Ernennung als ein weiteres Entgegenkommen Poincares gegenüber Zwßland charakterisieren. Tie nationalistische Stimmung dauert noch immer an. Die Hetzpresse greift die lächerlichsten alldeutschen Torheiten auf, um dem Publikum glauben zu machen, das deutsche Volk wolle ganz Ostfraukreich von Flandern bis Franche Comtä sich aneignen. Preßstimmeu zur Ernennung Delcassäs. Paris, 21. Februar. Jaurss schreibt in der„Hu- m a n i t s": Delcaffs selbst hat mindestens zwei Jahre lang un- ermüdlich behauptet, daß Kaiser Wilhelm seine ftiedfertigen Absichten kenne. Es wäre ein dreifaches Verbrechen von Delcasss, wenn er nach Petersburg ginge, um dort die Rolle eines Störenfrieds zu spielen. Diejenigen, die ihn für diesen Posten gewählt haben, sind für seine Tätigkeit verantwortlich, und wenn Dclcassö durch verdunkelndes Ränkespiel die europäische Spannung vermehren würde, dann würde auf dem Haupte Poincarss eine furchtbare Verantwortung laste».— „Figaro" schreibt: Delcasss kann in der Regierung kein Minister des Aeußern sein. Die von ihm begangenen Fehler, die wir noch jetzt schwer zu büßen haben, beweisen dies. Er kann auch kein klardenkender und vorsichtiger Ministerpräsident sein. Aber er hat zahlreiche Eigenschaften. um ein wirklicher Botschafter in der nützlichen Bedeutung dieses Wortes zu werden. Sein einziger Wirkungskreis ist übrigens in Rußland; die übrigen Hauptstädte sind ihm vcr- schlössen wegen der Erinnerung an seine famose EinkreisungS- Politik gegen Deutschland, die einen so kläglichen Schiffbruch erlitten hat, sowie wegen seiner Sucht, geheime Verträge ab- zuschließen. Lelgien. Die Streikenden sollen aufs Land. Man schreibt uns auS Brüssel: Der Generalstreik wird und muß friedlich bleiben. Seit dem Kongreß am 30. Juni klingt diese Generalstreikparole der belgischen Arbeiterpartei auS allen Manifesten, aus allen Ver- sammlungen. Und es war mit einer der Hauptgründe, die die Partei bewogen, die Frist bis zum Streik nicht zu kurz anzusetzen, um Zeit zu haben, die Arbeitermasten gerade in diesem Punkt aufzuklären, sie mit dem vollen Be- wußtsein der Verantwortung und deS Ernstes der Situation zu erfüllen. Aus der Pourbaix- und klerikalen Agent- provokateur-Prcsse aber klingt es allenthalben: Euer General- streik wird und kann nicht friedlich bleiben...! Indes ist die organisierte Arbeiterschaft unermüdlich am Werk, die Ge- Hirne zu bearbeiten, die Herzen zur K a l t b l ü t i g k e i t zu erziehen. Wie gerne möchte die gewisse Presse von„Re- volverankäufen" berichten und andere beliebte Schauermärchen von der Vorbereitung zur Revolution dem süßen Pöbel auf- tischen. Aber das kommt wohl noch, wie Anno dazumal, als der edle Pourbaix sein schuftiges Handwerk im Dienste deS seligen Ministers Bcernaert trieb. Wie aber wird in Wirklichkeit der Generalstreik der belgischen Arbeiterschaft vorbereitet? Gestern haben sämtliche Brunchenorganisationcil Brüssels Versammlungen abgehalten und andere Städte werden folgen, und die Mitglieder deS Streikkomitees haben zu ihnen daS Wort der Aufklärung über die Lage und den Kampf fürs gleiche Recht gesprochen, die Notwendigkeit auseinandergesetzt, zu sparen, Sou um Sou für die Tage des Kampfes zurückzulegen, sich des Alkohols zu enthalten, die Idee deS friedlichen, grandiosen. unbesieglichen Generalstreiks, wie es im ParteitagSbeschluß heißt, in die Arbeitcrgemüter zu pflanzen. Und wie wird weiter vorbereitet für den friedlichen Streik? Neulich schlug Louis Bertrand in einem Artikel im„Peuple" vor, daß die Arbeiter während des Generalstreiks in die benach- karten ländlichen Regionen Exkursionen veranstalten sollen. Schon bei gewöhnlichen Streiks ist eS Sitte, daß in den Kohlcnprovinzen Hennegau und Lüttich die Streikenden zu den begüterten Bauern gehen und dort zu essen und trinken bekommen. Ein bäuerlicher Genosse machte in einem Brief an Bertrand den Vorschlag, dieser Gepflogenheit während des Generalstreiks besondere Austnerksamkeit zu widmen. Die Streikenden mögen dann Pröpagandaschristen und Zeitungen mitbringen, die über den Generalstreik als Mittel zur Erreichung des gleichen Rechts belehren und diese verteilet». Auch wird, meint der bäuerliche Genosse, den arbeitgewohnten Streikenden so die Zeit am besten vergehen. und es sei darum auch zu begrüßen, daß der Generalstreik just mft dem Frühling zusammentrifft. Und statt sich von Gendarmen oder Pourbaix provozieren zu lassen, werden die Arbeiter im Streik, wo die Gelegenheit dazu ist, aufs Land gehen, Propaganda machen und vielleicht mit Beiträgen für die Streikenden heimkommen.— In diesem Sinne schlägt Bertrand„Spaziergänge" der Streikenden vor, und zumal die tapferen belgischen Bergarbeiter dürften sich diesen Rat angelegen sein lassen._ Rußland, Liquidation der Lenamctzelci im Ministerräte. AuS Petersburg wird uns geschrieben: Die eingehenden Beratungen deS Ministerrates über den Revisionsbericht deS Senators M a n u ck i n haben in den letzten Tagen ihren Abschlutz gefunden. Das Resultat ist noch sämmer- licher, als man es bisher vermuten konnte. Bedeutete schon die Vertuschung der Scbuldfrage bei der Arbeitermetzelei und die Forde- rung einiger Minister, den Gendarmerierittmeister T r- s ch- t s ch e n k o w dem Gericht zu übergeben, eine völlige Kapitulation des Ministerrates vor den eigentlichen Urhebern der Lenagreuel, so erweist eS sich nun, daß selbst diese Frage in einem anderen Sinne entschieden worden ist. Wie die„Nowoje Wremja' versichert, hat der Minister d«S Innern über die Metzelei„neue Angaben" er- halten, die angeblich die Ergebnisse der Senotorenrevision widerlegen. Der Ritimeister Tr e sck tsch en k o w soll deshalb nicht wegen UeberschreitenS seiner Machtbefugnisse, sondern wegen — Untätigkeit im Anne gerichtlich belangt werde», obgleich da« Niederknallen von 500 Arbeitern doch wohl ein ausreichendes Argument gegen die ihn nun zugeschriebene„Untätigkeit' ist! Von den übrigen Maßnahmen des Ministerrates in dieser Angelegenheit ist nur zu sagen, daß sie einerseits vollkommen unzulänglich sind, andererseits den elementarsten Forderungen der Arbeiter Hohn sprechen. Gegenüber den unerhörten Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter in den Lenagoldgruben, gegenüber der unbeschränkten Gewalt der Goldgesellschaft und der von ihr ausgehaltenen RegierungSbeamteu. gegenüber der unverhüllten Sklaverei und Verelendung der Gold» arbeiter und ihrer zu Dirneudiensten gezwungenen Frauen und Töchter — bedeutet der Beschluß des Ministerrates, die neuen Versicherungsgesetze auch auf die Minenarbeiter auszudehnen, einige Punkte des Lohnvertrages abzuändern und die Strafen für die Verletzung des Bergreglements zu erhöhen, weniger als nichtSl Hierzu kommt noch der Beschluß des MimsterrateS: die Polizei im Minen- gebiet zu verstärken und die Aemter einiger neuer Polizeigewaltigen im Lcnarevier zu lreieren! Hierin liegt der eigentliche Kern der vom Ministerrate beschlossenen„Reformen'. Vergegenwärtigt man sich noch, daß diese Beschlüsse gefaßt worden sind nach einer Senatoreu-. revisio». die alle Anklagen der Arbeiter bestätigt hat. erwägt man noch, daß der Ministerrat aus Furcht vor den Ergebnissen dieser Revision daS Gesuch deS Senator» Manu ch in hinsichtlich der Ver- öffentlichung seines Berichtes abgelehnt hat, so kommt man zu dem Schluß, daß der Ministerrat vollkommen bewußt seinen Eut- schluß kundgibt, alles beim alten zulassen. Die russische Arbeiterllasse wird nicht zögern, aus dieser Kundgebung die nötigen Konsequenzen zu ziehen._ Em Induftrie und Handel. Hochkonjunktur im Kohleubergban. Trotz aller politischen Verwickelungen hat der deutsche Kohlen- bergbau im Januar d. I. neue Rekordzissern erreicht. Im Bericht des Rheinisch-Westfälifchen ÄohtensyndikalS heißt eS: Die günstig« Entwickelung, welche die Abfatzverhältniss« im Monat Dezember v. I. genommen hatten, hat im Berichtsmonat angehalten. Die arbeitstäglichen Durchschnittsergebnisse haben die Ergebnisse de» Vormonats sowie alle bisher erzielten Höchstergebnisse erheblich überholt. Der rechnungsmäßige Absatz mit 110,98 Proz. der Beteiligungsanteile überholte das bisherige Höchstergebnis im Dezember v. I. um S,8S Proz. und das im Januar 1912 um 18,74 Prozent. Der auf die Koksbeteiligung der Mit- glieder anzurechnende Koksabsatz beziffert sich im Berichtsmonat auf 96,95 Proz., gegen 92,68 Proz. im Dezember und 82,49 Proz. im Januar vorigen Jahres, wobei zu berücksichtigen ist. daß die Beteiligungsanteile im Januar 1913 gegen 1912 noch eine Erhöhung von 9,23 Proz. erfahren haben. Auch die Förderung des Berichts- monats stellt sowohl in ihrer Gesamtmenge wie auch im arbeitS- täglichen Durchschnitt eine zuvor noch nie erreichte Höchst- leistung dar. Die Gesamtmenge der Förderung betrug bei SS'/, Arbeitstagen 8810 343 Tonnen, während die bisherige Höchst- leistung mit insgesamt S 501 212 Tonne» im Monat August vorigen JahreS bei 27 Arbeitstagen erreicht wurde. Die Fördermenge von 8 810 343 Tonnen hat zur Deckung des Absatzes, der sich einschließ- lich deS Verbrauchs für eigene BetricbSzwecke der Zechen auf 9 044 489 Tonnen belief, nicht ausgereicht, so daß ein Teil der vorhandenen Lagerbe stände herangezogen werden mußte. Mit Rücksicht auf die günstigen FörderungS- und Lbsatzziffern setzte der Beirat deS Syndikats die Umlagen(Beiträge der Mit- glieder) um je 2 Proz. herab, für Kohlen und Koks auf 7, für Koks auf S Proz. In der Beiratssitzung suchte sich der Vorstand gegen den Vor- Wurf zu verteidigen, daß vom Syndikat seit Jahren gelieferte Sorten häufig nicht mehr geliefert würden, weil da» Syndikat die im In- lande fehlenden Sorten im Auslände verkaufe. Der Borstand erklärte, daß diese Aenderungen durch die Fortschritte der Technik begründet seien. Da die GaSflammkohlenzechen immer mehr dazu übergingen, Koks herzustellen, seien die verfügbaren Mengen von GaSflammkohlen usw. beschränkt worden. Für einige früher von den Verbraucher» bezogene minderwertige Sorten seien bessere Sorten eingeschoben worden, woher auch die Preissteigerungen zu er- klären seien.(?) Syndikatsbestrebungeu in der Röhrenindnstrle. Am 28. d. M. wird eine Sitzung der an der Röhrenkonbention beteiligten Werke stattfinden, die sich wahrscheinlich auch mit der Umwandlung der Preiskonvention in ein festes Syndikat beschäftigen wird. Bisher sind die Bestrebungen zur Syndizierung hauptsächlich an dem Widerstand der ManneSmannröhrenwerke ge- scheitert. Allerdings ist die Stellung der ManneSmannwerke zu der SyndikatSfrage in letzter Zeit insofern eine andere geworden, als die ManiieSmalinwerke den Verkauf für kleinere und größere Werke aufgenommen haben und sich zum gemischten Betriebe entwickeln. Da« hat ihre Position gegenüber der Syndikats- bestrebungen etwa« geändert, et ist ober noch fraglich, ob die Verwaltung der ManneSmannwerke sich nun zu«wem An- schluß an ein festes Röhrenfhndikat entschließen wird. Der General- direltor der ManneSmannwerke. Nikolaus Eich, wandte sich gegen die Nachteile der Syndikate, gegen die nach feiner Anficht durchaus un- gesunde Preispolitik und gegen die immer wieder neue Konkurrenz. Herr Eich sprach offen aus, daß die alte Form des Röhrensyndikars für die ManneSmannwerke kein Interesse mehr habe. Er erklärt« sich dagegen für eine Verkaufsgemeinschaft, und zwar für eine Berkaufsgemeinschast, wie sie die ManneSmannwerke ins Leben gerufen haben. Gewcrkfcbaftlicbca. Die Strctfcverficbcrung der anternebmer. Die Streikversicherung der Unternehmer ist in Deutsch- land noch nicht so alt, wie in einigen anderen Staaten, z. B. England. Den Anstoß in Deutschland gab der denkwürdige Streik der Crimmitschauer Weber, der durch viele Monate hindurch tatsächlich alle Fabriken Crimmitschaus zum Still- stand brachte. Am 17. Januar 1904 traten eine große An- zahl deutscher Arbeitgeberverbände in Berlin zusammen, be- schlössen die Crimmitschauer Fabrikanten zu unterstützen und einen allgemeinen deutschen Arbeitgeberbund zu gründen. Man schuf bald darauf eine„Hauptstelle deutscher Arbeit- geberverbände".„Unüberbrückbare Gegensätze" führten aber bald zu einer Spaltung des Bundes. Viele der einzelnen Arbeitgeberverbände gründeten sodann selbständige Entschädi- gungsgesellschaften, so der Verband sächsischer Industrieller, der Verband von Arbeitgebern im Bergischen Industriegebiet, der Verband der Berliner Schlossereien usw. Am 7. Dezember 1905 fand eine Sitzung von Vertretern der eine Streik- entschädigung befitzenden Verbände statt, die Vorbcratungen zu einem»Schutzverband für Streikschäden" Pflog, der dann am 23. Juni 1906 endgültig ins Leben trat. Ihm schlössen sich sofort 53 Verbände, insbesondere solche der Textilindustrie an. Mit der Auszahlung der Entschädigung begann der Schutz- verband am 1. Januar 1907. Der Verband hat soeben seinen Geschäftsbericht für das Jahr 1912 herausgegeben. Danach ist die Zahl der Mitglieder (Unternehmer) von 2776 ini Jahre 1911 auf 3625 im Jahre 1912 gestiegen. Die Zahl der angeschlossenen Arbeitgeber- verbände vermehrte sich von 54 auf 88. Im letzten Jahre wurden 138 Mitglieder von Arbeitseinstellungen betroffen; die Entschädigungsansprüche dafür erreichten die Höhe von 166000 M. Bei weiteren 248 Lohnbewegungen ist der Aus- bruch eines Streiks verhütet worden. Der nächsten General- Versammlung soll eine Acnderung der Satzung dahingehend vorgeschlagen werden, daß künstig für jeden ausfallenden Arbeitstag eine Entschädigung von 25 Proz. des durchschnitt- lichen Tagelohns pro Person in der Regel nur dann gewährt werden werden soll, wenn der Unternehmer seit mehr als einem Jahre Mitglied ist und einige sonstige Voraussetzungen zutreffen. Lerlln unck Qmzeg-rnU. Die Tarifbetvegung der Bauklempner. Der. für die Bauklempner abgeschlossene Tarifvertrag ist be- kanntlich von den Klempnermeistern zum 31. März gekündigt worden. Vor der erfolgten Tarifkündigung fanden Verhandlungen der Schlichtungskommission statt, die jedoch ergebnislos verliefen. Während die Arbeiter sich damit einverstanden erklärten, daß der bestehende Tarif ohne jede Aenderung bis 31. März 1914 Geltung behalten sollte, wollten die Unternehmer die Gültigkeitsdauer um drei Jahre verlängern. Die Unternehmer wollten dann den Stundenlohn ab 1. Oktober 1913 hm einen Pfennig erhöhen. Dafür sollte jedoch der Lohn der Jungausgelernten, der jetzt 69 Pf. beträgt, der freien Vereinbarung überlassen bleiben, jedoch nicht weniger als 50 Pf. betragen. Zu einem derart minimalen Zuge- ftändnis sowie den enormen Verschlechterungen konnten die Arbeiter natürlich ihre Hand nicht bieten. Sie lehnten ein derartiges An- erbieten als völlig undiskutabel ab, worauf die Unternehmer den Tarif kündigten. Um nun möglichst bis zum 31. März zu einer Verständigung zu gelangen, wurde das Sinigungsamt des Berliner Ge. Werbegerichts angerufen. Gestern fand Verhandlung unter Vor- r sitz des Magistratsrats v. Schulz statt. Beide Parteien begründeten die Wünsche ihrer Auftraggeber. Die Unternehmer suchten nachzuweisen, daß die jetzigen Löhne der Bauklempner schön viel höher seien als diejenigen der Werkstatt- klempner. In anderen Berufen— so bei den Maurern— unterliege der Lohn für Jungausgelernte ebenfalls der freien Verein- barung.— Von den Arbeitern wurde das Gegenteil nachgewiesen. In anderen Branchen, zum Beispiel bei den Automobil- sowie Flugzeugklempnern würden viel höhere Löhne gezahlt. Hinzu komme, daß die Bauklempner wohl nur in den allerseltensten Fällen das ganze Jahr hindurch Beschäftigung hätten. Bei den Maurern unterliege der Lohn für Jungausgelernte im ersten Jahr zwar der freien Vereinbarung, aber schon im zweiten Jahre würde der volle Gesellenlohn gezahlt. Der Bauklempner dagegen müsse noch volle zwei Jahre warten. Wolle man im zweiten Jahre den vollen Lohn zahlen, so würden die Arbeiter wohl nichts dagegen haben, wenn der Lohn im ersten Jahre der freien Vereinbarung unterliege. Bevor sich das Fünfmännerkollegium mit dem Unparteiischen an der Spitze zur Beratung zurückzog, zogen beide Parteien ihre bisher gemachten Zugeständnisse zurück. Die Beratung dauerte mehrere Stunden. Während dieser Zeit traten die Parteien zu Sonderberatungen zusammen und erörterten" eingehend die Situa- tion. Alle Bemühungen des Herrn v. Schulz, eine Einigung zu erzielen, schlugen fehl. Schließlich wurde ein Schiedsspruch gefällt. Dieser geht dahin: Der Tarif wird bis 31. März 1916 in der bisherigen Fassung verlängert. Nur in der L o h n f r a g e erfährt er eine Aende- ung. Der Lohn soll ab 1. April 1913 um einen und ab 1. April 1914 um ebenfalls einen Pfennig erhöht werden. Der Stundenlohn soll also vom 1. April 1913 bis 31. März 1914 89, vom 1. April 1914 bis 31. März 1916 81 Pf. betragen. Die Parteien wurden aufgefordert, bis zum 3. März zu diesem Schiedsspruch Stellung zu nehmen und dem Gewerbegcricht mit- zuteilen, ob er akzeptiert wurde. Zwischen dem Verband der Gnstwirtsgehilsen m,d dem Oekonomcn Zabel der Happoldt-Braucrci in der Hasenheide bestanden seil längerer Zeil Zwistigkeilen. Zur Beilegung derselben wurde das Gcwerbegerickt angerufen. Dieses sällle folgenden Schiedsspruch: 1. Der Vcrlrag von, 29. Juli 1912 ist von beiden Teilen strikte innezuhallen. 2. Die Arbeitsvermitlelung wird wie folgt geregelt: a) für die fest einzustellenden Kellner ist der ArbeilsnackiweiS deS Verbandes der Gastwirtsgebilfen und späler der pariläiijche Arbeitsnachweis in erster Linie zu benutzen; 6) bei weiterem Bedarf an Personal hat Herr Zabel die er- erwähnten Arbeitsnachweise in weitgehendstem Maße zu be- rücknchligen. 3. Streitigkeiten über die Auslegung des Vertrages vom 29. Juli 1912 und dieses Schiedsspruches enricheidct das Einigungs- amt des Gewerbegerichts. Ehe dieses gesprochen hat, sind Massen- arbeitsniederlegungen und Aussperrungen unzulässig. Beide Parteien haben sich dem Schiedsspruch unterworfen, so daß die Differenzen dadurch beseitigt sind. Die Böttcher sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Der jetzige Tarif läuft am 16. März ab. In einer Verbandsversamm- lung berichtete der Vorsitzende Klapschus über den Stand der Dinge. Er führte aus, daß die Böttcher in diesem Lohnkamps nur mit dem Obmann der Jnnungs-Tarifkommission. Louis Schulz, zu tun hätten, was ein wesentlich leichteres Arbeiten bedeute als in früheren Jahren, wo sich die Organisation mit den einzelnen 'v-rantw Redaktl�Blfrrd Wielepp, Neukölln. Inseratenteil verantw.: Unternehmern herumschlagen mußte. Die Tarifkommission schlägt einen Stundenlohn von 75 Pf. und für größere Arbeiten einen solchen von 89 Pf. vor unter Beibehaltung der Arbeitszeit von wöchentlich 53 Stunden. Vor den hohen Festtagen, sowie Weih- nachten, Neujahr, Ostern und Pfingsten ist die Arbeitszeit zwei Stunden früher zu beenden. Auch ein Urlaub wird gefordert, und zwar im ersten Jahre zwei Tage, jedes weitere Jahr steigend um einen Tag bis zu sechs Tagen. Für die Faßfabriken wird die Ab- schaffung der Akkordarbeit und ein Lohn von 42 M. verlangt. Der Zuschlag bei Montagearbeiten bleibt derselbe. Die Tarifdauer ist auf zwei Jahre festgesetzt worden. Von einer Verkürzung der Arbeitszeit wurde Abstand genommen. In einer lebhaften Dis- kussion erklärten sich sämtliche Redner für die Annahme des vor- geschlagenen Tarifs. Achtung, Schuhmacher! Infolge der allgemeinen Lohnbewegung ist es auch bei der Firma Reisch. Palisadenstr. 21. zur Arbeits- niederlegung gekommen. Auch der Streik bei der Firma Gold- mann. Köpenicker Str. 126, besteht unverändert fort. Die beiden Betriebe sind streng zu meiden. Zentralverband der Schuhmacher Deutschlands. Ortsverwaltung Berlin. Deuttcffes Reich. Der Streik in der Binnenschiffahrt. Die Streiklage hat sich wesentlich verändert, indem die Neue Norddeutsche Flutzdampfschiffahrtsgesellschaft, eine der größten Firmen, die Forderungen der Binnenschiffer bewilligt hat. Die Arbeiterverbände haben am Freitag eine zweite Liste mit Firmen, die bewilligt haben, herausgegeben. Auf dieser sind außer der er- wähnten Firma verzeichnet: Schnelldampfer-Gesellschaft Deutsch- land in Berlin; Prüssing u. Co., Nienburg; August Neubert, Nienburg; Magdeburger Eilschiffahrtsgesellschaft; Janssen u. Jim- mermann, Hamburg; Martens, Hamburg; Braune, Magdeburg: Schütze u. Henke, Halle; August Mann, Halle; Lüders u. Stange, Lübeck; ferner bewilligten eine große Anzahl Dampferbesitzer und Privatschiffer. Die mit den Vereinigten Elb-Schiffahrtsgcsell- schaffen kartellierten Schiffahrtsunternehmungen haben den Be- trieb völlig einstellen müssen, angeblich wegen Eisgang, in Wirk- lichkeit, weil keine Arbeitskräfte vorhanden sind, denn sonst hätten die anderen Betriebe die Schiffahrt doch nicht aufgenommen. Der Bund deutscher Schiffer(Jnnungsverband) nahm Stellung zum gegenwärtigen Lohnkampf in der Binnenschiffahrt. Am 19. d. M. tagte in Fürstenberg a. O. eine von 699 Privatschiffern besuchte Jnnungsversammlung, an der auch Vertreter der Arbeiter- verbände und Vertreter des Unternchmerverbandes teilnahmen. Der Jnnungsverband wollte sich entscheiden, ob er in diesem Kampfe sich auf die Seite des Arbeitgeberbundes stellen sollte. Die Vertreter der Arbeiter gaben eine Darstellung über den bisherigen Verlauf der Verhandlungen; sie betonten u. a., daß sie es für richtig hielten, wenn die Bundesleitung mit den Arbeiter- organisationen in Verbindung treten würde, um einen Vertrag zu schaffen, der den Wünschen der Privatschiffahrt Rechnung trage. Tic Vertreter des Unternchmerverbandes versuchten mit allen Mitteln, gegen die Arbeiterorganisationen scharfzumachen, sie for- derten den Jnnungsverband auf, sich dem Unternehmerverband anzuschließen. Die Herren stießen jedoch bei den Privatschiffern auf harten Widerstand. Die Privatschiffer fordern m i t den Mannschaften die Nachtruhe. Und in der Organisationsfrage be- tonten sie, daß die Schiffseigner sich nicht mit den Vertretern des Großkapitals verbinden könnten. Es meldeten sich dann auch nur zirka 25 Mann, die dem Unternehmerverbande beitraten. Mit dem Verlauf dieser Versammlung können die Mannschaften zu- frieden sein. Es ist. nicht ausgeschlossen, daß demnächst Verhandlungen zwischen dem Jnnungsverband und den Arbeiterorganisationen stattfinden.'.- e.- Differenzen im Zimmerergewerbe. Im Jahre 1912 wurde in Bütow in Pommern ein Tarif- vertrag mit Gültigkeit bis 31. März d. I. abgeschlossen. Die Zimmerer kündigten den Tarif und ersuchten gleichzeitig die Unter- nehmer um Verhandlungen, um einen neuen Tarif abzuschließen. Als Antwort darauf entließ der Vorsitzende des Unternehmer- Verbandes Jeschke seine drei bei ihm beschäftigten Zimmerer. Und die Direktion der Norddeutschen Bauaktiengesellschaft vorm. E. und C. Körner erklärte: „Wird der im Jahre 1912 abgeschlossene Vertrag nicht ohne Acnderung auf zwei Jahre verlängert, und haben wir bis zum 8. Februar d. I. das nicht schriftlich, so werden sämtliche bei uns beschäftigten, dem Verbände angehörenden Zimmerer ae- kündigt." Zllle Versuche der Gouleitung, die entstandenen Differenzen zu schlichten, scheiterten, obgleich darauf verwiesen wurde, daß der Standpunkt der Direktion ein Vertragsbruch sei, weil der Vertrag nicht am 8. Februar sein Ende erreicht habe, sondern erst am 31. März erreiche. Die Firma entließ denn auch 19 organisierte Zimmerer. Vorher versuchte die Direktion, jeden Zimmerer zur Unterschrist zu bewegen, daß er zu den alten Bedingungen weiter arbeite. Doch von den Organisierten hat niemcych seine Unterschrist gegeben, nur 13 Nichtorganisierte untsrschrieben. Da die Norddeutsche Bauakftengesellschaft vorm. E. u. C. Körner sehr viele Arbeiten in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Posen, Pommern usw. auszuführen hat, werden die organisierten Zimmerer bc- sonders darauf aufmerksam gemacht, Arbeitsangebote nicht an- zunehmen. Ein Strafantrag wegen Streikvergehen! Bei den Straßenarbeiten für die Anlage der elektrischen Bahn in Wilhelmshaven kam es wegen Lohndifferenzen zu einem Streik. Im Verlaufe des Streiks sollten die Arbeiter Paschel und Bebringcr aus Rüstringen Arbeitswillige genötigt habe», am Streik leilzunehinen; sie sollten außerdem Hausfriedensbruch verübt und einen Schacht- meister durch Drohungen zum Meineid zu verleiten versucht haben. Die zwei Nngeklapien ballen sich wegen dieser Straftaten vor der Sirnl- kammer in Aurich zu verantworten. Die Verhandlung gestaltete sich sehr umfangreich. Nicht weniger als 39 Zeugen Ivaren geladen. deren Aussagen aber m e i st günstig für die An- geklagten ausfielen. Trotzdem beantragte der Staatsanwalt gegen die beiden An geklagten eine Strafe von je 1>„ Jahren Zuchthaus. Das Gericht kam aber zu einein Frcispruch mit der Begründung, daß der ganze Sachverhalt nicht genügend geklärt erscheine. Ein Zuhörer, der das Urteil mit einem Freudenruf ausnahm, mußte dafür eine 24 stündige Haslstrafe hinnehmen._ Streik der Seidcnfärber in Krefeld. Eine überfüllte Ber. sammlung der Kreselder Färber beschloß, da die Zugeständnisse der Fabrikanten auf die Wünsche der Arbeiter nicht genügend waren, sofort in den Streit einzutreten. Auch der Christliche Textilarbeitervcrband wird sich mit seinen Mitgliedern an dem Streik beteiligen. Tw Farber verlangten eine 3?Ljährige Tarif- dauer ohne jegliche Verkürzung ver Arbeitszeit, welche jetzt noch 69 Stunden pro Woche betragt. fl.wie ein ausreichendes Entgegen- kommen in der Lohnfrage. Für die Bewegung kommen in Be- tracht 2652 Arbeiter und Arbeiterinnen; davon sind 2399 im Deutschen Textilarbeiterverband organisiert. Versammlungen. Deutscher Tabakarbriterverband. In der JahreS-Generalver- sammlung behandelte Genossin Gertruo Hanna in einem sehr interessanten und lehrreichen Vortrage das Thema:»Die Gewerk- Tb. Glocke. Bert' n. Druck u. Verlag: Vorwärts Bucvor.w Vertagsanilalt schaften eine Kulturbewegung." Der Jahresbericht von 1912 lag oer Generalversammlung gedruckt vor. Im verflossenen Jahre belief sich die Gesamteinnahme einschließlich eines Bestandes aus dem Jahre 1911 im Betrage von 294,94 M. auf 26 698,94 M. Von den Ausgaben seien erwähnt 3293,75 M. für Lohnbewegungen ohne Streiks, 312,75 Vi. Maßregclungsunterstützung, 7939,29 M. Ar- beitslosenunterstützung, 169,95 M. Umzugs- und Fahrgeldunter- stützung, 4359,59 M. Kranken- und Wöchnerinnenunterstützung, 235 M. Sterbeunterstützung. Der Lokalkasse wurden 2694,55 M. zugeführt, dem Gauleiter resp. Vorstand 6655 M. überwiesen.— Die Lokalkasse balancierte in Einnahme und Ausgabe mit 12 531,75 M. Am Schlüsse des Jahres war ein Bestand von 7532,94 M. vorbanden. Die Mitgliederzahl ist von 1195(595 männlichen und 519 weiblichen) am Schlüsse des Jahres 1911 auf 1296(659 männ- lichen und 637 weiblichen) Mitgliedern gestiegen. Obwohl im Laufe des Jahres insgesamt 829 Arbeiter dem Verbände beige- treten waren, betrug die eigentliche Zunahme der Mitglieder nur 191. Es besteht also im Verbände noch eine äußerst große Fluk- tuation. Am Arbeitsnachweis meldeten sich arbeitslos 221 männliche und 23 weibliche Zigarrenmacher, 71 Wickelmacher, 44 männliche und 43 weibliche Zigarettenarbeiter. Vermittelt wurden 137 männliche und 6 weibliche Zigarrenarbeitcr, 54 Wickel» macher, 39 männliche und 31 weibliche Zigarcttcnarbeiter. Alwin Schulze gab zu dem Bericht verschiedene kurze Er- läuterungen und ging dabei auf die Arbeitsverhältnisse in den einzelnen Branchen ein. Während der Geschäftsgang in der Zigarettenbranche ein ziemltch guter gewesen sei, habe die Zigarren- brauche noch enorm unter den unheilvollen Folgen der letzten Finanzresorm zu leiden gehabt. Den dauernd schlechten Geschäfts- gang in der Zigarrenindustrie habe das Unternehmertum vielfach dazu auszunutzen versucht, um Attentate auf die Löhne der Ar- bester zu unternehmen. Es sei aber der Organisation unter teil- weiser Zuhilfenahme der Oeffentlichkeit gelungen, dieses Beginnen der Unternehmer zu vereiteln. Auf dem Gebiete der Tarifbewcgung seien nur ganz unwesentliche Veränderungen zu verzeichnen ge- wesen. Die Bewegung bei der Firma I o s e t t i habe einem Teil der Arbeiter eine zehnprozentige Lohnerhöhung gebracht. Auch bei der Firma M a n o l i seien Verbesserungen erreicht worden. Die Neuwahl der Orcsverwaltung enoete mit der Wiederwahl der bisherigen Mitglieder: 1. Bevollmächtigter Bör- ncr, 2. Schulze, 3. Grumnow, Hilfskassicrer Friedrich, Revisoren Fritz und Frl. M i n u t h. Im weiteren Verlauf der Versammlung wurde aus die Aussperrung der hollän- dischen Tabakarbeiter hingewiesen. Beschlossen wurde, dem internationalen Sekretär sofort 2 5 9 M. zur Unterstützung der Ausgesperrten zu überweisen und in den Fabriken Samm- lungen zur weiteren Unterstützung vorzunehmen. Ferner wurde beschlossen, den Ausgesperrten durch ein Telegramm die Sym- pathic und Solidarität der Versammlung zu bekunden. Vorsitzender Börner machte zum Schluß noch einige geschäft- liche Mitteilungen. Die Bauhilfsarbeiter nahmen in ihrer Sektionsversammlung am Mittwoch Stellung zur Frage der Bcitragshöhe. Durch Beschluß des letzten Verbandstages ist in der Einteilung der Beitragsklassen ein« Aenderung eingetreten. Da die Bauhilfsarbeiter in Berlin zurzeit einen tarifmäßigen Stundenlohn von 55 Pf. haben, so zahlten sie nach dem alten Statut emen Beitrag von 65 Pf., ent- svrecheckd der Lohnklasse von S2---57 Pf. Nach dem neuen, vom Verbandstag beschlossenen Statut würden sie der Lohnklasse von 45— 55 Pf. angehören und 69 Pf. Beitrag zu zahlen haben. In diesem Falle würden sich aber auch die bisherigen Unterstützungs» sätze verringern. Um das zu verhindern, und weil ja mit Be- stimmthcst erwartet wird, daß der neue Tarifvertrag eine Lohn- erhöhung bringt, wonach die Hilfsarbeiter obne weiteres in die nächsthöhere Klasse mit einem Beitrage von 79 Pf. kommen müßten, empfahl der Referent R e s e r. daß sich die Sektion schon jetzt für die Zahlung des 79 Pf-.BcitrageS entscheide.— Nach längerer Diskussion stimmte die Versammlung mit sehr großer Mehrheit veßem Vorschlage zu.- Hierauf wurden die Neuwahlen vorgenommen. Gewählt rdcn in den Zweigvercinsvorstand R e s e r, in die Scktions» .eitung R e s e r als erster, Schilling als zweiter Sektionsleiter und Michaelis als Schriftführer.— Krüger wurde als Tür- koirtrolleur bestimmt._ letzte Nachrichten* Die Friedensaussichten. Wien, 21. Februar. Die„Wiener Allgemeine Zeitung" schreibt zur Balkanlage: Was die Frage der Friedcnsvermittelung anbetrifft, so befindet sich die Türkei bereits im Besitze der Eni- scheidung der Mächte, die dahin geht, daß neue Frik- densverhandlungen nur aufder Basis der letzten europäischen Kollektibnotc erfolgen können, wenn man auch aus taktischen Gründen der türkischen Regierung einen aus- gesprochenen Verzicht auf Adrianopel nicht als Vorbedingung einer Vermittelung auferlegen werde. Bisher hat die türkische Regie- rung sich zu diesem Vorschlag noch nicht geäußert. Zweifellos herrscht aber weder auf türkischer noch auf bulgarischer Seite eine besonders große Begeisterung für den Krieg und die bielfachen Schwierigkeiten, die den militärischen Operationen entgegenstehen, scheinen geeignet, das Friedensbedürfnis hüben und drü�n zu fördern. Hakki Paschas Mission. London, 21. Februar.(W. T. B.) Der Vertreter des Reuter- scheu Bureaus hatte heute eine Unterredung mit Hakki Pasch a. Hakki Pascha wies zunächst auf den halboffizicllen Charakter seines Aufenthaltes in London hin, der ihm eine größere Freiheit des Handelns gewähre als eine offizielle Mission, und verbreitete sich hierauf über die bekannten territorialen Ansprüche der Türkei. Da der Friede aus direkten Verhandlungen zwischen den Kriegführen- den ausgeschlossen erscheine, hätte die Türkei sich�an Europa ge- wendet in der Hoffnung, daß die Großmächte die Situation richtig beurteilen würden. Die Türkei werde glücklich sein, ihre Ange- legenhciten in den Händen der Botschafterkonserenz unter dem Vor- sitze Gröps zu wissen. Als sie Europa um Intervention ersucht hätte, hätte sie es in der Meinung getan, daß Europa ihr den ganzen Umfang des abzuschließenden Vertrages zeigen werde und man dann verhandeln könne. Dieses se» die heutige Lage. Noch kein Schritt unternommen. Sofia, 21. Februar. Die Gesandten der Großmächte haben den für heute angekündigten Ver in ittelungsschritt nicht unternommen. Es soll erst die Antwort Rumäniens abge- wartet werden.__ Amerika interveniert zugunsten Maderos. Washington, 21. izebruar. Staatssekretär Knox beauftragte den Botschafter Wilson, Huerta gegenüber anzudeuten, daß Amerika ernstlich gegen eine summarische Hinrichtung oder Verurteilung Maderos aus Gründen der Humanität opponiere. Widerstand gegen die neue Regierung. Beracruz, 21. Februar. Die Behörden weigern sich, gefangene Anhänger Diaz freizulassen. �_ 1paul Singer i Eo., löeilin S W. Hierzu 4 Beilagen«. Unterhaltung»« Nr. 45. 30. Jahrgang. 1. KcilW des Jurrttts" KM» KolMntt. Aonnabend, 22. Februar 1913. Reichstag I, 118, Sitzung. Freitag, den 21. Februar ISIS, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstisch: v. Jagow.Wackerzapp. Abg. Frhr. v. Richthofen snatl.) stellt folgende Anfrage: Welche Matznahmen zum Schutze der Deutschen in Mexiko sind seitens des Herrn Reichskanzlers erfolgt? Staatssekietär des Auswärtigen Amts v. Jagow: Ich freue mich, dem Hause mitteilen zu können, das; kein Reichsangehvriger den Unruhen in Mexiko zum Opfer gefallen ist. Ein einziger Deutscher, der es sich nicht nehmen Uetz, in den Stratzen Photo- graphische Aufnahmen zu inachen trotz aller ein- dringlichen Abmahnungen ist leicht verwundet worden. Gleich nach den ersten Meldungen, die wir von den Unruhen in Mexiko erhalten haben, haben wir den kaiserlichen Gesandten beauftragt, sich mit dem Botschafter Nordamerikas in Verbindung zu setzen und die nötigen Schritte zum Schutz unserer Landslcute zu tun. Es ist darauf zuerst versucht worden, die Kämpfe zu lokalisieren und die Stadtteile, wo die Fremdenkolonien sind, von den Kämpfen auszunehmen. Diese Vereinbarung hat sich leider nicht als ausführbar erwiesen. Darauf wurde ein Lsstnndiger Waffenstillstand erwirkt, während dessen den Reichsangehörigen Ge- legenheil gegeben wurde, sich aus der Gefahrenzone heraus in eine Vorstadt zu begeben, wo der Gesandte Häuser gemietet hat. S. M. Schiff.Bremen" ist zurzeit in Philadelphia zur Vornahme größerer Reparaturen. Aber die amerikanischen Schiffe, die sich in den mexikanischen Gewässern aufhalten, sind, wie aus Washington gemeldet wird, angewiesen, als Zufluchtsstätte für alle Fremden zu dienen und nach Möglichkeit auch auf dem Lande ür den Schutz von Eigentum und Leben der Fremden zu sorgen. Wir haben der Regierung in Washington für dies Entgegenkommen gedankt. Sollten Reichsangehörige Schaden aus Anlatz der Un- ruhen erleiden, so wird nach den Grundsätzen des Völkerrechts die mexikanische Regierung dafür ersatzpflichtig gemacht werden. Im übrigen bewahren wir den Ereignissen in Mexiko gegenüber die Zurückhaltung, welche wir inneren Vorgängen in fremden Staaten gegenüber beobachten müssen. Das wird uns aber nicht abhalten, für den Schutz unserer Landsleute, für die Wahrung unserer Interessen, soweit erforderlich, mit Nachdruck einzutreten.(Bravo!> Nach debatteloser Annahme des Gesetzes über eine deutsch- österreichische Grenzregulierung in dritter Lesung wird die zweite Lesung des Etats des Reichseisenbahnamts fortgesetzt. Abg. Schwabach(natl.) wünscht eine Erklärung des ReichSeisen- bahnamtes darüber, ob die deutschen Eisenbahnen jeden Augenblick für den Kriegsfall bereit seien.— Wir bedauern, daß dem Wunsche des Reichstags, die Dienst- und Ruhezeiten des Eisenbahnpersonals einheitlich zu regeln, nicht Folge ge- geben worden ist. Es sollen einige Verbesserungen in der Dienst- und Ruhezeit erfolgt sein; darüber möchten wir nähere Mitteilungen haben. Wünschenswert wäre auch ein einheitliches Staats- arbeiterrecht, zumal das Arbeitskammergesetz endgültig ge- scheitert ist.— Eine Vereinheitlichung der deutschen Eisenbahnen und ihre Ucbernahme auf das Reich könnte natürlich nur unter Entschädigung der Einzelstaaten er- folgen. Eine Schwächung der Finanzen der Einzelstaaten mühte ausgeschlossen sein. Die bedauerliche Verquickung der preuhi» schen Eisenbahneinnahmen mit den ollgemeinen SlaatSfinanzen würde dann ein Ende haben. Die gemeinsame Materialbe- s ch a f f u n g für alle deutschen Eisenbahnen würde enorme Erspar- nisse zur Folge haben. � Eine nationale Anstandspflicht wäre eine völlig paritätische Behandlung aller deutschen Eisenbahnen. Die Zulassung von Umleitungen bis zu 20 Proz. sollte aufgehoben werden; dazu die Hand zu bieten wäre Preutzen verpflichtet. Davon, daß Preutzen Hessen gewissenmaheu Ubers Ohr gehauen hätte, kann keine Rede sein. Das hat der hessische Minister Dr. Braun in letzter Zeit ausdrücklich betont und diese Ausführungen scheinen auch auf den Abg. H a s e n z a h l nicht ohne Eindruck ge- blieben zu sein, der sich über den preugisch-hessischen Vertrag wesentlich milder ausdrückte als früher sein Parteigenosse Ulrich. Abg. Hähnlc(Vp.): Eine reichsgesetzliche Regelung der Arbeits- und Ruhezeiten des Eisenbahnpcrsonals wäre um so notwendiger, weil dadurch für daS ReichSeisenbahnamt die beste Grundlage für seine Tätigkeit gegeben wird. Der plan- mähige Dienst bat in den letzten Jahren zugenommen. Dazu kommt die auherordentliche Anspannung des Personals infolge des Wagenmangels. Wenn Verbesserungen im Wege der Ver- einbarung zwischen den verschiedenen Eisenbahnverwaltungen erfolgt I sind, so begrüßen wir das, halten aber nach wie vor die reichsgesetz- l liche Regelung für den einzig richtigen Weg.— Die Güterwagen- gemeinichast ist zu begrüßen als ein Anfang zur Vereinheitlichung des deutschen Eisenbahnwesens. Unter dem jetzigen Um- leitungssystem haben die süddeutschen Staaten sehr zu leiden. Unter der Konkurrenz der einzelnen Staaten leidet der Gesamt- verkehr.(Sehr richtig I) Eine A e n d e r u n g der heutigen Zustände ist dringend notwendig. Eine Ueberführung aller Bahnen in das Eigentum des Reiches halten wir für undurchführbar, jedenfalls zur- zeit aussichtslos. Eher ist eine Betriebsmittel- oder eine Betriebs- und Finanzgenreinschaft der deutschen Bahnen zu erreichen. Hier- über sollte uns das ReichSeisenbahnamt eine Denkschrift vorlegen. (Bravo I) Präsident des Reichseisenbahnamts Wackerzapp: Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Eisenbahnbedienstelen gehören nicht zur Zu- ständigkeit meines Amtes. Entgegentreten muß ich der Art und Weise, wie Herr H a s e n z a h l das preußisch- hessische Abkommen beurteilte. Die Behauptung, daß Hessen von Preußen übers Ohr gehauen sei, ist schon wiederholt zurückgewiesen worden; Hessen hat vielmehr bei diesem Abkommen ein gutes Geschäft gemacht. Die Tilgung der hessischen Staatsschulden ist zum Beispiel nur dadurch möglich geworden. Nicht verständlich ist uns auch die Behauptung des Abg. Hasenzahk, daß im Verkehr Basel— Berlin die rechtsrheinische Linie vor der links- rheinischen bevorzugt sei. Die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Eine reichsgesetzliche Regelung der Dienst- und Ruhezeiten des Eisenbahnpersonals ist nicht notwendig und auch nicht zweckmäßig. Eine Ueberbürdung des Personals ist auch heute ausgeschlossen. Es ist nicht richtig, daß der planmäßige Dienst des Lokomotiv- Personals zugenommen habe. Nach den Dienstplänen beträgt die Arbeitszeit des Eisenbahnbetriebspersonals 12 Stunden. Aus- genommen sind nur Zeiten besonderer Betriebs- st o ck u n g e n wie im letzten Herbst im Ruhrrevier. Wenn der Abg. Hasenzabl einzelne Dienstpläne anführte, wo eine längere Arbeitszeit vorgesehen ist, so können solche Fälle nur dann etwas beweisen, wenn zugleich die Arbeitsleistung hinzugefügt wird. Denn Dienstzeiten von 14—16 Stunden sind nur zulässig dort, wo die Betriebsverhältniffe einfach und daher die Arbeit nicht besonders anstrengend ist. Neuerdings ist die Dienstzeit des Lokomotivpersonals um eine Stunde täglich verringert worden. Mit einer eiheblicken Vermehrung des Personals ist begonnen worden. Die Mehrkosten belaufen sich auf 25 Millionen M. jährlicki. In bczug auf die Vereinheitlichung des deutschen Eisenbahnwesens haben die Regierungen der Etnzelslaaten ihre ablehnende Stellung beibehalten, sie wollen ihre Selbständigkeit aus diesem Gebiete behalten. Deshalb erübrigt es sich auch, Richtlinien für eine solche Vereinheitlichung aufzustellen und eine Fachkommission für die Vorbereitung der Vereinheitlichung des Eisenbahnwesens ein- zusetzen. Schließlich kann ich noch die Anfrage des Abgeordneten S ch w a b a ch nach der militärischen Leistungsfähigkeit unserer Eisenbahnen bejahen.(Bravo!) Abg. Graf Kunitz(k.): Mit der preußisch-hessischen Eisenbahn gemeinschaft ist Hessen gut gefahren. Zur Vereinheitlichung der Eisenbahnen nimmt der preußische Eisenbahnminister kaum eine stärker ablehnende Haltung ein wie der preußische Finanzminister; auch das gesamte preußische Ministerium und beide Häuser des Landtages würden einem Uebergang der Eisenbahnen an das Reich nicht zustimmen. Wenn der württembcrgische und der badische Finanzminister sich zugunsten der Vereinheitlichung ausgesprochen haben sollen, so darf man nicht übersehen, daß gerade die württem- bergischen und die badischen Eisenbahnen sehr schlecht rentieren. Man kann von Preußen wirklich nicht verlangen, in eine Finanzgemein- schaft mit diesen Staaten einzutreten. Eher wäre schon an eine Betriebs mitteige meinschaft zu denken. Abg. Stolle(Soz.): DaS ReichSeisenbahnamt ist eine Aufsichtsbehörde über die sämb lichen Eisenbahnen im Deutschen Reich, es bat für die nötigen B e- t r i e b s m i t t e l zu sorgen, es muß Sorge dafür tragen, daß die Sicherheit auf den Bahnen gewährleistet ist, es steht ihm die Kontrolle über das Tarif Wesen zu. Auf allen diesen Gebieten sind Mängel geradezu schreiender Natur vorhanden, die abzuschaffeil daS Reickseisenbahnamt die Pflicht hat, und auch der Reichstag muß das Reichseisenbahnamt hindrängen für die Beseitigung der Mängel zu sorgen. Wenn das Rcichseisenbahw amt die nötige Energie anwendet, so wird die Abschaffung der Mängel gelingen. Wo ein Wille ist. ist auch ein Weg. Ein Uebelstand ist zunächst der Mangel an Betriebs- Mitteln. Vor kurzem haben wir über den Mangel an Betriebs- Mitteln im Kohlenrevier interpelliert Der Präsident des Reichs- eisenbahnamts gab ihm auch unumwunden zu. er sagte, daß weder Rleines fcirillcton Vorn Berliner Thcatcrgcschäft. Uns wird geschrieben: Daß das Berliner Theaäergeschäft mit zu den unsolidesten Erwerbsarten gehört, darüber sind sich wohl alle Beteiligten einig. Was aber in den Kreis der öffentlichen Erörterung gezogen wird, ist immer nur die Unsolidität der Gründung und die Unsolidität den An- gestellten gegenüber. Um die Unsolidität dem Publikum gegenüber kümmert sich niemand und die Schuld daran liegt wohl be> unserem lieben Publikum selbst, das sich alles bieten läßt und gewohnt ist, in jedem blinkenden Uniformknopf und deshalb vermutlich auck in jedem Theatcrtassiercr die von Gott gewollte Obrigkeit zu respek- tieren. Der kleine Schwindelscherz, daß auf den Anschlagzetteln die erste Besetzung angekündigt, während die zweite oder dritte Garnipur vor die Rampe geschickt wird, mag schließlich noch hin- gehen, obzwar es sich um nicht weniger als einen glatten Betrug handelt. Was aber der eingehendsten Erörterung würdig wäre, sind die unerschwinglich hohen Eintrittspreis« der Berliner Theater, die es ja bewirkt haben, daß der beste und empfänglichste Teil der Berliner Bevölkerung sich den Theaterbesuch gründlich abgewöhnt hat. Die Berechnung, auf der diese Eintrittspreise beruhen, geht dahin, daß, wenn nur ein Drittel aller Sitzplätze bezahlt ist, nicht nur alle Unkosten und die oft wucherisch hohen Darlehns- zinsen gedeckt sind, sondern auch noch ein angemessener Gewinn sich ergibt. Nun sei ohne weiteres zugegeben, daß ein Theater ein mit besonderem Risiko verbundenes Unternehmen ist, denn Mißerfolge sind hier häufiger als Erfolge. Dennoch ist es klar, daß ein Ge- schäft, das so kalkuliert, nicht anders als unsolide bezeichnet werden kann. Eine Gesundung der Theaterverhältnissc wird erst möglich sein, wenn sich die Unternehmer zu einer radikalen Herabsetzung der Eintrittspreise entschließen werden. Wie unergründlich die Geduld der Berliner Bevölkerung ist, und wie man trotz der hohen Preise, neben Verdruß und Mißvergnügen auch noch das beschämende Gefühl des Uebervorteiltseins nach Hause tragen kann, dafür bietet das folgende, kleine Erlebnis ein Beispiel. Ich wollte mir am Montag Tolstois„Lebendigen Leichnam" ansehen und begab mich Sonntag an die Kasse des Deutschen Theaters. Der Herr hinter dem Schalter erklärte, daß in dem mir erschwinglichen Zweiten Rang nur noch Sitze in der siebenten methe zu haben wären. Auf meine mißtrauische Frage, ob man ovrt auch etwas sehen könne, sagte er bieder, die Sitze wären gut. Eine Dame hinter mir warnte mich. Als ich ihm dies vorhielt, bekam er einen Anfall von Ekstase und tragischem Pathos, den man füglich nur unter dem ideellen Begriff„Chuzpe"(jüdische Spezialität von Frechheit) zusammenfassen kann. Immerhin, der Mann in seinem Zorn wirkte suggestiv und ich kaufte die Plätze. — Als ich ihn zwei Tage später zur Rede stellte, erklärte er kalt- blütig, er wäre nie dort oben gewesen. Ein S i tz platz kostete mit Garderobe und Zettel drei Mark 4 5 Pf., und dafür hatte ich das Vergnügen vier Stunden lang in einer abscheulichen Luft zu st e h e n— sitzend war von der Bühne überhaupt nichts zu sehen— und zwischen dem Radau im Korridor und dem Krachen und Aechzen des Gestühls war auch hin und wieder ein Wort von der Bühne zu hören. Im allgemeinen Interesse aber möchte ich Herrn Reinhardt nun gebeten haben, einmal nur einen Akt in der siebenten Reihe des Zweiten Ranges zuzubringen und ich bin sicher, daß er diesem Unfug ein Ende machen und entweder die letzten Reihen kassieren oder nur als billigste Stehplätze verkaufen lassen wird. I. L. W. Dramatische Smartncß. Ein findiger Kopf der bürgerlichen Presse hat die geschäftliche Idee gehabt, ein wirkungsvolles Lustspiel als Aktie»Unternehmung entstehen zu lassen.' Das Manuskript wird an eine ganze Reihe von Bühnenschriflstellern gesandt, und jeder, der eine wirkungsvolle Szene oder einen guten Witz beisteuert, wird an den Tantiemen beteiligt. Sonderbarerweise empfindet man in der bürgerlichen Presse diei'eS durchaus gesunde Unternehmen als komisch. Wir fragen: warum? Was tut der Mann anders, als daß er aus der geschäftlichen Biihnenfadrikation die geschäftlichen Konse- quenzen zieht? Daß eine Lustspielfirma bis jetzt im allgemeinen nur zwei Autoren umfaßte, ist zunächst etwas rein Aeußerlickes. Der Geist des Unternehmens kann ganz derselbe bleiben, auch wenn zwanzig Firmeninhaber beteiligt sind. Dann ober ist die Zahl zwei auch noch außerordentlich trügerisch. In Wirklichkeit halten jene Zwei schon immer eine ganze Anzahl von stillen Teil- h a b e r n, die ihnen bewährte Szenen, wirkungsvolle Einfälle und erprobte Witze lieferten. Wenn nun das Geschäftslustspiel, das der Sacke nach so okt ein Aktienunternehmen war, auch der Form nach eins werden soll, was wäre dagegen wohl einzuwenden? Höchsten? doch, daß man früher seine stillen Teilhaber nicht zu bezahlen pflegte und also billiger davon kam. Und an dieser Wirtschaft- lichen Erwägung wird der neue Reformator denn auch wahrscheinlich Schiffbruch leiden. Die Post im Dienste der Bolksbildung. Die belgische Regierung und die belgische Postverwaltung beschäftigen sich gegenwärtig, wie die„Revue" berichtet, mit einem großangelegten Plane, der daraus abzielt, die Organisation des Postdienstes der Volksbildung dienstbar zu machen. Es handelt sich um eine Art kostenfreier VolkS- bibliothek; alle Postämter, auch die kleinsten in den Landbezirken, die Betriebsmittel noch die baulichen Anlagen ausreichten, und suchte den preußischen Eisenbahnminister mit der ungewöhnlichen und uner- warteten Steigerung des Verkehrs vom Jahre 1909 an zu decken. Ich lasse es dahingestellt, ob die preußische Eisenbahnverwaltung damit entschuldigt' ist. Ich weise aber auf die außer- ordentliche Verkehrsstockung bei den letzten Kaiser- Manövern in Sachsen hin. Hier kann doch von einer un- erwarteten Verkehrssteigerung nicht die Rede sein, hier wußte man bis auf die Minute, wann die Züge für die Mannschaften, die Pferde und das Material einzustellen waren. Hier lag der Fehler keines- Wegs an den mangelnden Betricbseinrichtungen und mangelnden Baulichkeiten, sondern der ganze Apparat klappte nicht. (Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Eine oberste Aufsichts- behörde muß doch auch von Zeit zu Zeit inspizieren und auf Ab- Hilfe drängen, wo sie Mängel findet. Was iväre wohl geschehen, wenn ein Zug mit Kanonen nicht rechtzeitig herangeschaffr wäre? Aber daß Tausende von Gewerbetreibenden schwere Schädigung erlitten, weil ihre Waren nickt rechtzeitig herangeschafft wurden, kümmert die Verwaltung nicht. Wie schlimm die Verhältnisse waren, geht daraus hervor, daß selbst aus konservativen Blättern Schmerzens- schreie ertönten. Warum sind denn nicht die nötigen Betriebsmittel und Bauten vorhanden? Weil überall im Deutschen Reich bei der Eisenbahn das fiskalische Interesse über dem von Handel und Verkehr steht. Was nützen die schönen Reden, die der Reichskanzler auf dem Handelstage hält, wenn man so wenig Rück- ficht auf die Interessen des Handels nimmt. Warum baut man nicht die nötigen Anlagen. Nirgends könnte doch ein Kapital sich besser verzinsen, das beweist ja die kolossale Steigerung des Verkehrs. Eine zweite Klage betrifft das T a r i f w e s e n. Nach der Reichs- Verfassung hat das Reichseisenbahnamt für die Gleichmäßigkeit und Herabsetzung der Tarife zu sorgen, aber heute noch warten Land- Wirtschaft und Industrie auf diese Herabsetzung. In schlechten Jahren sagt man zu den Petenten, wir können auf die Einnahmen nicht ver- zichten und in guten Jahren wieder sagt man, Ihr habt ja selbst so gute Einnahmen, deshalb brauchen die Tarife nicht herabgesetzt zu werden. So ist diese Frage auf ein totes Gleis geschoben. Die preußische Eisenbohnverwaltung sollte es für eine Hauptausgabe halten, die Tarife zu ermäßigen, damit der deutsche Handel mit dem Auslande konkurrieren kann. Wir brauchen mit unserer Tarifpolilik uns doch nicht von Oesterreich in den Schatten stellen zu lassen, was dort geleistet wird, sollte doch auch in Deutschland möglich sein.(Zustimmung bei den Sozialdcnio- kraten.) Kleine Ermäßigungen sind ja hier und da ein- getreten, aber im Königreich Sachsen z. B. in unglaub- lich kleinlicher Weise, so daß eine ganz außerordentliche Zerfahrenheit und Zerrissenheit, eine geradezu hrmmelschreiende Zersplitterung herrscht. Die Vereinheitlichung des Eisenbahnwesens ist daher eine dringende Notwendigkeit.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten) Anfänge dazu sind ja auch schon gemacht worden, aber wenn die preußische Eisenbahnverwaltung nicht weiter- gehen will, wenn sie zu den anderen sagt, ich bin groß und ihr seid klein, so müßte eben das Reichseisenbahnamt regulierend eingreifen. Was soll man dazu sagen, daß zwischen Preußen und den sächsischen und süddeutschen Eisenbahnen noch 26 verschiedene Güter- tarife bestehen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Dieser Zerrissenheit und Zerfahrenheit muß endlich ein Ende gemacht werden. Bei den preußisch- sächsischen Eisenbahnen existieren noch 12 160 Wegübergänge, die nur mit Handschranke zu schließen sind, und 14 103 Wegübergänge, die ganz ohne Schranke sind. (Lebhaftes Hört! hört!) Da muß ja beinahe täglich ein Unglück passieren. Die Statistik der Unfälle weist denn auch Zahlen von Verletzten und Getöteten auf, b c- trächtlicher als in einer blutigen Schlacht.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Eine beträchtliche Zahl von Unfällen ist auch auf Mängel des Oberbaues und Mängel des Materials zurückzuführen. Hat denn da bei der Abnahme des Materials eine Nachprüfung stattgefunden? Es mag ja sein, daß der Herr Präsident des Eisenbahnamtes nachweisen wird, auf 100 000 Tonnenkilometer ist die Zahl der Unfälle aus 0,01 pro 1000 verringert. Aber die Technik hat doch auch bedeutende Fort- schritte gemacht und ist doch auch dem Eisenbahnbetriebe zugute gekommen. Wenn auch eine kleine prozentuale Besserung in der Unfallziffer eingetreten ist, so kann das nicht ausschlaggebend dafür sein, daß so viel Hunderte und Tausende ihr Leben eingebüßt haben.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Für die Sicherheit des Betriebes kommt in erster Linie in Betracht, daß keine Uebcr- bürdung des Eisenbabnpersonals stattfindet. Wenn der Präsident des Reichseisenbahnamtes heute erklärt hat, die Lohnskalen und Betriebseinteilung sei Sache der Einzelstaaten, so sage ich: Nein, sollen eine Biichersammlung erhalten. Die Bücher werden kostenfrei an das Publikum verliehen. Durch die Organisation der Post wird es möglich, die Bücherbestände zwischen den einzelnen Postämtern gegenseitig umzutauschen und zu ergänzen. Die Leser dieser staat- lichen Volksbildung haben bei Entnahme des ersten Buches nur eine Kaution von 3 Fr. zu stellen, damit die Post gegen Verluste, die durch das Abhandenkommen oder die nachlässige Behandlung von Büchern entstehen können, bis zu einem gewissen Grade gedeckt ist. Die Errichtung solcher Büchereien in den Dörfern und kleinen Land- gemeinden soll auch den Bewohnern abgelegener Gegenden die Möglichkeit schaffen, mühelos den Weg zu den BildungSquellen finden zu können. Eine elektrische Stadtküche in London. Eine große elektrisch be- triebene Stadtküche ist jetzt probeweise in London in dem Stadtteil von Marylebone eingerichtet worden. Sie soll für das Personal der Stadtverwaltung und für alle Angestellten der städtischen Behörden die Mahlzeiten und_ den Tee liefern, insgesamt für gegen 1000 Menschen. Zugleich aber ist vorgesehen, den Dienst dieser elektrischen Stadtlüche auch der Oeffentlickkeit und dem einfacheren Publikum zugänglich zu machen. Die aufgestellten Apparate ermög- lichen die Bereitung von Fleischspeisen, Gemüse und Kartoffeln sowie von Fischen; alle Mahlzeiten werden zu bestimmten, sehr billig fest- gesetzten Preisen abgegeben, damit die ärmeren Bevölkerungsschichten aus dieser Einrichtung, die einstweilen einen Versuch darstellt, Nutzen ziehen können. Humor und Satire. Wer ist'S? Wer schwingt den Stock und macht Geschrei und sehnt sich sehr nach Prügelei? Ist'S ein versoffenes Subjekt, das irgendwo im Rinnstein steckt? O nein, o nein, ich feh'S genau, es ist der Oldenburg von Januschau. Ist es ein Kerl, verlumpt, vertiert. der Weib und Kinder malträtiert? Der mit dem Knüppel überfällt den Wandrer: Leben oder Geld! O nein, o nein, ich feh'S genau, es ist der Oldenburg von Januschau. Ist's ein Sadist, ein tolle? Biest. das nur mit Grausamkeit genießt? Ein Viech mit Mörderlustinstinkl, das Peitsche. Stock und Messer schwingt? O nein, o nein, ich feh'S genau, es ist der Oldenburg von Januschau. Herr Prafident, von der HZhe der Löhne und der Länge der Dien st zeit hängt die Sicherheit des Betriebes a b, und darüber hat das Reichseisenbahnamt zu wachen� Die Ueberbürdung des Personals ist ganz ungemein. Eine Denk- schrift au» den Kreisen der königstreuen Menbahnarbeiter kommt zu diesen selben Schmerzensschreien.(Hört! hört! b. d. Soz.) Der Herr Präsident sagte, wir sind mit einer neuen Betriebsordnung beschäftigt. Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Auch der preußische Eisenbahnminister hat im vorigen Jahr im Abgeordneten- hause eine entsprechende Versicherung abgegeben. Aber die nicht- preußischen Eisenbahnbeamten klagen, daß die Ruhezeit nicht größer geworden ist, daß die Dienstzeit dieselbe geblieben, daß das Ver- sprechen nicht erfüllt worden ist.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Ich bitte den Präsidenten des Reichseisenbahnamts, doch genau zu kontrollieren, ob diese Klagen aus den königstreuen Kreisen auf Wahrheit beruhen. Dann noch einige lokale Eisenbahnschmerzen. Die Fahrt von Leipzig nach Berlin dauert länger als die von Berlin nach Halle � hierfür können doch nicht betriebstechnische Gründe maß- gebend fern. �üge von Süddeutschland nach Berlin bleiben 40 Minuten in Leipzig liegen. Bei der Uebernahme der Eisenbahnen auf das Reich könnten derartige Mißstände leicht beseitigt und über« Haupt Berhältitisse herbeigeführt werden, wie sie im Interesse der gesamten Arbeiterschaft der deutschen Eisenbahnen notwendig find. (Lebhafte? Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. List(natl.) tritt warm für eine Vereinheitlichung des deutschen Trsenbahnwesens ein. Die Südwest ecke Deutsch- landS ist heute fast abgeschlossen vom deutschen Verkehr. Daher kann sich auch dort ein Treiben wie da? Wetterlös breit inachen. Reichseisenbahnen wären sicher die beste Lösung, aber zur- zeit ist die Verwirklichung des Gedankens ausgeschlossen. Zur Prüfung der Frage, ob eine Vereinheitlichung, ein engerer Zusammenschluß der deutschen StaatSbahnen möglich ist, sollte eine Kommission ein- gesetzt werden, damit wenigstens ein Anfang gemacht wird.(Bravo!) Abg. Dr. Blunck(Vp.) bedauert die Erhöhung der Tarife für Mischsutter, die wieder nur im Interesse des Großgrundbesitzes liege. (Sehr richtig I links.) Abg. Werner-HerSfeld(Antis.) wünscht eine gesetzliche Festlegung der Arbeitszeit für das Lokomotivpersonal. Präsident des Reichseisenbahnamts Wackerzapp: Die Forderung der Herabsetzung der Tarife auf den alten S-Pfennig-Tarif, die Herr Stolle erhoben hat, ist zum Teil bereits überholt.— Unter dem Wettbewerb der verschiedenen Eisenbahnverwaltungen teidet keines- wegS da» Verkehrsinteresse.— Die Klage, daß die verschiedenen Eisenbahnverwaltungen bei der Aufstellung der Fahrpläne nicht auf einander Rücksicht nehmen, ist unberechtigt.— Die Betrieb«- s i ch e r h e i t auf den deutschen Bahnen ist vom Abgeordneten Stolle als ungenügend hingestellt worden; sie ist im Gegenteil sehr gut, das beweist der Vergleich der Unfallstatistik mit der ausländischen sowohl Wie mit der der vergangenen Jahre. Abg. Fischcr-Hannover(Soz.): Zeit ist Geld, dieser Satz gilt auch für die Arbeiter. Daher müssen sie verlangen, schnell und billig an ihre Arbeits- stelle befördert zu werden. Schmerzlich wird deshalb emp- funden, daß die Schnellzüge nicht Wagen 4. Klasse, manche nicht einmal solche 3. Klasse führen. Noch bester wäre natürlich das amerikanische Einklassenshstem. Die Forderung der Ar- bettet auf stärkere Berücksichtigung ist um so mehr berechtigt, als aus der 3. und 4. Wagenklasse die größten Einnahme» der Eisenbahnen stammen. Auch hier gilt der Satz: die Masse muß es bringen. 2g Millionen benutzten die vierte Klasse. Für all diese würde es eine große Ersparnis an Zeil sein, wenn sie auch Eilzüge benutzen könnten. Die Zahl der Reisenden in der ersten Klasse ist in Preußen von 1391—1903 sogar zurückgegangen, während die der Reisenden der dritten und vierten Klaste enorm ge- st i e g e n Ist. Da haben die Arbeiter wohl da? Recht zu verlangen, daß auch auf ihre Wünsche Rücksicht genommen wird.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Der Etat wird bewilligt. Das Hau» vertagt sich. Nächste Sitzung: Dienstag 1 Uhr.(Wahlprüfungen und Petitionen.)_ Schluß ö'U Uhr. Mgeoränetenbaus. 188. Sitzung. Freitag, den 21. Februar 1913, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. Schorlemer, v. Breitenbach. Das Wassergesetz wird in der vom Herrenhause ab- geänderten Fassung auf Antrag des Abg. Bitta(Z.) ohne weitere Debatte einstimmig angenommen; ebenso daS vom Herren- hause abgeänderte Rawagesetz. Der Ausbau der mittlere« Oder. Erste Lesung. Minister der öffentlichen Arbeiten v.»reitenbach begründet den Entwurf, der die Schiffahrt auf der Oder unterhalb Breslau ver- Es ist der Stern, ist der Tenor im ganzen deutschen Junkerchor. Und was den Schnaps bei ihm betrifft er säuft es nicht, er brennt daS Gift. O ja, o ja, ich sah'S genau, eS ist der Oldenburg von Janufchau. Franz. Notizen. — Vorträge. Im Museum für Völkerkunde werden am Sonnabend, abends 8Vz Uhr, Oberamtsrichter Reinking- Braunschweig, Prof. Schmidt-Potsdam und Herr Emanuel Reicher über Esperanto sprechen. Eintritt für jedermann frei. — Neue Dramen..Die Hexe", ein schlesischeS Bauern- drama in fünf Atten von Martha Voigt, gelangt Anfang März im Neuen VolkS-Theater zur Uraufführung. — Der Berliner Tonkünstler-Verein veranstaltet am Dienstag, den 2b. Februar, abends 8 Uhr, im Saale des Lette- Hauses, Viktoria-Luise-Platz Nr. 3. seinen ersten.Musikpädogogischen Abend" über»Die Kunst des musikalischen Hörens" mit Beispielen am Klavier. --» Die Probleme der Wünschelrute. In der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft wurde über die Frage der Wünschelrute beraten. Es wurde hervorgehoben, daß sich auch Geo- logen(nicht bloß Landräte)� für sie ausgesprochen haben. Das München« Wasseramt beschäftigt sogar einen Rutengänger, um Rohrbrüche in der Wasserleitung aufzusuchen. Die Sache ist damit freilich keineswegs geklärt: die geologischen Sachverständigen erklären die Erfolge auf ganz natürliche Weise(Erfahrung). Die Ruten- gänger müßten viel genauer nach wistenschaftlichen Methoden be- obachtet werden, als es bisher geschehen.(Die französische Akademie der Wissenschaften hat soeben eine Kommission eingesetzt, die die Frage unvoreingenommen untersuchen soll). Wenn bewiesen werden könnte, daß Rutengänger mit ver- bundenen Augen auf unbekanntem Terrain Quellen finden, wird man festzustellen haben, ob besondere Beeinflustung der Nerven durch nicht sichtbar vorhandenes Master �möglich ist— oder welche andere Erklärung heranzuziehen ist. Vorläufig ist aber der Skeptizismus noch im vollen Recht. — Für eine Million Ambra. Die Ausscheidung des kranken Pottwals, die unter dem Namen Ambra bekannt ist und als Grundelement von Riechwässern ihre Rolle spielt, kommt in neuerer �icii immer seltener in den Handel, so daß der Preis ständig im «teiaen begriffen ist. Kapitän Larsen von dem norwegischen Walfischdampfer.Norveain" bat indes kürzlich be.m Fange nahezu eins halbe Tonne der kostbaren Substanz erbeutet,«le durste einen Marktwert von rund 1200000 W- haben. bester« will, nachdem bereits die Strecke Kasel— Breslau kanalisiert ist. Essoll eine genügend breite geringste Wassertiefe von 1,4 Metern geschaffen und zugunsten des Verkehrs nach Berlin und Stettin die Oder von Breslau bis Fürstenberg, später bis Lebus ausgebaut und ein Staubecken im Tale der Glatzer Neiße bei Ottmachau zur Gewährung von Zuschußwasser hergestellt werden. Die Gesamtlosten betragen 36,7 Millionen Mark, woran sich die Provinz Schlesien angemessen beteiligen soll. Ich bitte um rasche Ver- abschiedung des Gesetzes. . Abg. v. d. Osten(k.) wünscht eingehende Prüfung des Gesetzes und äußert Bedenken gegen die vorgesehene Enteignung. Wir be- antragen Ueberweisung an die Schleppmonopolkommission. Abg. Stull/, Million Mark, zur Verfügung stellen, wenn etwas erreickt werden soll. Der Rückgang der G eburtenziffer macht uns zur Pflicht, mit dem Kapital an kleinen Kindern sorgsam umzugehen. Der tiefere Grund für daS heutige Kinderelend liegt in der fortschreitenden Entsittlichung und Entchristlichung unseres Volkes, die namentlich in den liberal-sozialistischen Großstädten traurige Fortschritte macht. Wir müssen alles tu», um Preußen und Deutschland gesund zu erhalten, damit daS Wort weiter gelte: Am deutschen Wesen wird die Welt genesen I(Beifall bei der Mehrheit.) Abg. Dr. Liebert(natl.) beantragt Ueberweisung des erfreulichen Anttages an die Geineindekommission. Abg. Dr. Flesch(Vp.) findet den Anttag zu allgemein gehalten. ES müßte deutlicher von dem Mißbrauch, der Ausbeutung und Mißhandlung der Kinder die Rede sein. Eme der Nr- sacken des Kinderelends kann durch bessere Fürsorge durch die Familien beseitigt werden. Abg. Hirsch-Berlin(Soz.):> Der Antragsteller hat der Sache den schlimmsten Dienst erwiesen dnrch seine unqualifizierbaren Angriffe auf die Linke. Die Anregung, Staatsmittel zur Bekämpfung des Kinderelends herzugeben, ist von unS und den Fortschrrttlern ausgegangen. Aber bei der Etatsberatung im vorigen Jahr wurden diese Anträge ohne jede Begründung, nur weil man Mißtrauen gegen Anträge der linken Seite hat. von den Konservativen und dem Zentrum abgelehnt. Wir können uns■nicht auf diesen Standpunkt stellen und prüfen auch konservative Anträge objektiv, obgleich wir von konservativer Seite selten elwaS Gutes zu erwarten haben(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Wir erkennen die aufopferungsvolle Tätigkeit der Kinderichutzvereine durchaus an und bedauern lebhaft, daß nicht schon jetzt öffentliche Gelder in höherem Maße dafür_ beigesteuert werden. Aber wenn Sie objektiv sein wollen, müsten Sie genau dieselbe Anerkennung den von s o z i a ld e m o kr atr scher und fr e i g e w e r k s ch a f t l i ch e r Seite ausgehenden Kinderschutzbeftrebungen spenden. Die Sozialdemokratie und die freien Gewerkschaften haben überall, wo cS möglich_ war, Kinderschutzkommisfionen errichtet, die durch Veranstaltung von Enqueten die Ausdehnung der Rinderarbeit festzustellen bemüht sind und Maßnahmen ergreifen, um die armen, unglücklichen Kinder vor völligem Untergang und vor Verwahrlosung zu schützen. Der Bericht der Kinderschutzkommission Groß-Berlin ist Ihnen überreicht worden und bei Ihrem lebhaften Interesse sür alle sozialdemokratischen Bestrebungen glaube ich an- nehmen zu dürfen, daß Sie den� Bericht lesen und daraus ler»«» werden.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Vor allem aber müssen die Ursachen des Kinderelends erforscht werden, um es bekämpfen zu können. Und da möchte ich dringend bitten, die von dem Antragsteller verlangte Kommission nicht auf einige hohe Regierungsbeamle zu beschränken, sondern auch A r b e i t e r und noch mehr Arbeiterfrauen beizuziehen, die praktische Erfahrungen haben und vorläufig die einzigen sind, die solche Erfahrungen mitlen unter den armen Kindern gesammeil haben. In vielen Fällen liegt die Ursache von Kindermißhandlungen nicht in irgend welcher Entartung der Eltern oder Pfleger, sondern vor ollein ini Alloholismus und in der Armut der Eltern. Die Erhebungen der Kinderschutzkommisfionen haben ergeben, wieviele noch kleine Kinder zeitig morgens aus die Straße geschickt werden, um durch Austragen von Zeitungen und B a ck w a r e oder am späten Abend durch Kegelaufsetzen in Kneipen Geld zu verdienen. Da ist es kein Wunder, wenn die Kinder verwabrloien. Und dazu kommt das WohnungSelend der Großstädte, das wir keineswegs leugnen, auf das wir im Gegenteil oftmals hingewiesen haben, freilich ohne— nach dem Beispiel des Herrn v. Wenden— etwa alles in den Großstädten für schlecht und dafür alles auf dem Lande für gut zu erklären. Diese Zustände aber können nicht beseitigt werden, indem man versucht, den Zug in die Großstädte Einhalt zu gebieten, sondern indem man die Konsequenzen zieht und sür gesunde Wohnungen in den Groß- städlen sowie dafür sorgt, daß die Arbeiter höhere Löhne erzielen können und vor allem dafür, daß die Politik der Verteuerung aller Lebensmittel aufhört.(Sehr wahr I bei den Sozial- demokraten.) Nack einer Bemerkung des Herrn v. Wenden zu schließen, schwebt Ihnen als Muster der staatlichen Kinderfürsorge die st a a t l i ch e Jugendfürsorge vor Augen. Wenn Sie wirklich Erfolge in der Bekämpfung des Kinderelends erzielen wollen, dann kann ich Sie nur davor warnen, die staatliche Jugend- fürsorge hier nachzuahmen, denn diese verfolgt ausgesprochen politische Zwecke, und ihr ganzer Inhalt ist, die Sozialdemokratie zu tteffen. rn Kampfe gegen das Kinderelend aber bedarf es der Mitarbeit oller Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens und der Parteirichlung. Ein so geringer Betrag, wie ihn Herr v. Wenden genannt hat, würde auch keine Erfolge sichern, es wäre nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Es müssen viel höhere Summen aufgewendet werden und selbst dann werden Sie auch noch nicht viel ausrichten können, sobald Sie nicht die Ur» sacken des Kinderelends beseitigen und bessere soziale Zu- stände schaffen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dtttrich- Braunsberg(Ztr.) wünscht Anstellung staatlicher Inspektoren und Jnipeklorinne». Der Antrag geht an die Geineindekommisfiou. ES folgen Petitionen. Eine Petttion um Bewilligung von Witwen« und Waisen» g e l d auch an die Hinterbliebenen auS solchen Ehen von Beamten, die«st nach der Pensionierung geschlossen worden sind, soll auf An- trag der Budgetkommission durch motivierten Uebergang zur Tagesordnung erledigt werden. Abg. Hoffmann(Soz.): Ich beantrage Ueberweisung als Material. Wenn jemand beiratet, um den Kindern wieder eine Mutter zu geben, dann sollte nicht die Härte der Pensionsentziehung eintreten. Der Antrag Hoffmann wird bei schwach besetztem Hause angenommen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Uebergang zur Tagesordnung beantragt die Kommission auch über eine Petition des Maschinenmeisters a. D. Henze in Göttingeu um Wiedereinstellung oder Unterstützung. Abg. Leinert(Soz.) begründet einen Anttag auf Ueberweisung der Petition zur Berücksichtigung. Dem Manne sei unrecht gescheiten, und das Urteil der Kommission wäre vielleicht anders ausgefallen, wenn eS'sich nicht. um einen Arbeiter gehandelt hätte. Der Antrag Leinert wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt und Uebergang zur Tagesordnung be- schlössen. Das HauS vertagt sich. Morgen Sonnabend 11 Uhr: Rest des Etat» für Handel und Gewerbe. Schluß Uhr._ parlamentanlcbeö» KolouialctatS. Bei der Weiterberatung des Kolonialetats in der Budget- kommission des Reichstags erklärte am Freilag der Abg. Semler sich gegen die Verminderung der Schutztruppe m Südwestafrika. Das Zentrum wünscht in einem Antrage die Vorlegung von Gesetzentwürfen, durch die dem Landesrat in Südwestattika das Recht verliehen wird, den Haushalt der Zivilverwallung dieses Schutzgebietes bei Aufbringung aller hierfür erforderlichen Kosten durch das Schutzgebiet endgültig festzustellen. Von den eigenen Einnahmen des Schutzgebietes ist ein Teil an das Reich als Zuschuß zu den Kosten der Militärverwaltung abzuliefern.— Die Volks- p a r t e i l e r verlangen, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um eine beratende Vertretung der in den Schutzgebieten ansässigen Deutschen bei der durch den Reichstag erfolgenden Feststellung deS Haushalts ihres Schutzgebietes herbeizuführen. Nach längerer Debatte, in der u. a. Genoffe N o s k e den ab- lehnenden Standpunkt der Sozialdemokratie gegenüber den An- trägen vertrat, wurde der Anttag des Zentrums abgelehnt. angenommen aber ein konservativer Antrag, höhere Ausgaben sür Schulzwecke in die KolonialetatS einzustellen.— Weit« wurde eine Zusammenstellung deS Eingeborenenrechtes und die Forderung der Kenntnis der Eingeborenenspracken gewünscht.— � eratung wird am nächsten Dienstag fortgesetzt. Soziales. Tie Beiträge für gelbe Werkvereinc. Um die Rückerstattung der Beiträge für den gelben Werk- verein richtete sich eine Klage, welche ein- Arbeiterin gegen die Firma Siemens u. Halske vor dein Gewerbcgericht angestrengt hatte. Die Klägerin war mehrere Jahre im Glühlampenwerk der Firma beschäftigt. Ihr wurden allwöchentlich 22 Pf. vom Lohn als Beitrag für den gelben Werkverein einbchalteu. Als die Ar- beiterin im November 1911 plötzlich und ohne Grund entlasten wurde, mußte sie den bekannten Rever» unterschreiben, wonach sie keinerlei Forderungen mehr an die Firma habe. Die abgezogenen Beiträge wurden ihr nicht zurückerstattet, trotzdem sie diese ver- langte. Sie klagte Beiträge im Gesamtbetrage von 22,10 M. ein. Die Kammer V unter Vorsitz des Magistratsrats Wölbling verhan- delte am Donnerstag längere Zett über den Rechtsstreit. Der Ber- treter der Beklagten. Dr. Burhenne, wendete gegen den Klagean- spruch folgendes ein: Die Klägerin habe schriftlich ihre Zustimmung dazu gegeben, daß die Beiträge vom Lohn abgezogen und dem Verein zugeführt werden sollten. Klägerin habe die Unterschrift freiwillig geleistet und die Verfügung nicht widerrufen. Ferner habe sie beim Austritt aus dem Glühlampenwerk eine Ausgleichs- quittung unterschrieben. Dabei sei nicht der geringste Zwang aus- geübt worden. Zug um Zug würden die Quittung sowie Geld u-ck Papiere gewechselt. Uebtrdies würden oic Beiträge nur zum Besten der Arbeiter verwandt. Tie Voraussetzungen des 8 117, Absatz 2 der Gewerbeordnung seien vollauf gegeben. Die Klagen auf Rückzahlung der Beiträge erfolgten auf Anregung de» Metall. «rVetterverbandeS, dem der gelbe Berein ein Dorn im Auge sei. ?luch durch die Berichte und Artikel rm.Vorwärts" würden die Leute veranlaßt, die ihnen abgezogenen Beiträge zurück- zufordern � Die Rechte der Klägerin nahm der Angestellte Lflck wahr. Er stellte zunächjt fest, daß die Klägerin freiwillig und nicht auf Drängen des Mctallardeitcrvervandes die Klage eingereicht habe. Gestützt auf ein umfangreiches Material wies er nach, daß der gelbe Berein nichts anderes als eine Gegenorganisation der freien Gewerkschaften sei. Selbst Dr. Fellinger, einer der besten Kenner dieser Vereine, habe dies in Artikeln und Gutachten ausführlich dargelegt. Die Zustimmung der Klägerin sei nichtig. Die Nich. tigkeit könne nicht durch spätere Vereinbarungen, also auch nicht durch das Unterschreiben des Ausgleichsreverses rechtsgültig ge- macht werden. Auch habe die Klägerin bei der Entlassung vor Leistung der Unterschrift im Lohnbureau die Beiträge zurückver. langt. Dabei sei ihr gesagt worden, sie solle nur unterschreiben, die Unterschrift habe damit nichts zu tun. Das Gericht verurteilte nach längerer Beratung die Beklagte nur zur Zahlung von 22 Pf.(Dies ist der der Klägerin in der letzten Woche ihrer Beschäftigung vom Lohne einbehaltene Beitrag für den gelben Verein.) Mit der Mehrforderung wurde die Klägerin kostenpflichtig abgewiesen. In der Begründung des Ur- teils wurde betont, die Klägerin fei Mitglied des gelben Vereins gewesen. Sie habe sich damit einverstanden erklärt, daß ihr die Beiträge vom Lohn abgezogen würden. Es handele sich um einen Berein, dessen Mitglieder sich gegenseitig unterstützten. Es könne dahingestellt bleiben, ob die Klägerin durch Zwang dem Verein beigetreten sei, oder ob ihre Weiterbeschästigung von dem Beitritt zum Verein abhängig gemacht sei. Es könne unterstellt werden. daß die Arbeiter den Abzug mit in Kauf nehmen, weil sie dadurch Arbeit erhalten. Aber von einem absoluten Zwang, der die WillcnSfähigkeit beeinträchtige, könne keine Rede sein. Die Klägerin wäre rechtsgültig Mitglied geworden, wenn der Berein eine Wohlfahrtseinrichtung oder lediglich eine Einrichtung im Sinne des§ 117, Absatz 2 der Gewerbeordnung(eine Einrichtung zur Verbesserung der Lage oer Arbeiter oder ihrer Familien) sei. Der Zweck des Vereins wäre aber noch ein anderer. Sage doch der§ 2 der Satzungen, daß die Arbeiter keiner anderen Orgaui. fatio» angehören dürfen. Darin liege eine weitere Leistung, die r-cn Zweck habe, der Firma einen Stamm Arbeiter zu erhalten, die bei eventuellen Streiks den anderen Gruppen Widerstand leisten sollten. Die Leistungen für die Firma seien also ganz außerordentliche. Das Gericht sei der Meinung, daß oer Verzicht der Arbeiter auf Betätigung in anderen Vereinen überwiegend wäre. Di« Sicherung und Aufrechterhaltung des Betriebes sei der Hauptzweck des Bercins. Die Klägerin habe aber nun bei der Entlassung eine Erklärung unterschrieben, wonach sie keinerlei Forderungen mehr an die Firma habe. Sie habe sich immer mit dem Abzug einverstanden erklärt; nur bei der letzten Lohnzahlung nicht. Deshalb konnte ihr nur der vom Lohn einbehaltene Beitrag für die letzte Woche zugesprochen werden. »« * Das Urteil geht, soweit es die Mehrforderung der Klägerin abweist, fehl. Es gründet die Abweisung auf die früher erteilte Zustimmung zum Abzug und darauf, daß sie. abgesehen von der letzten Lohnzahlung, gegen die Abzüge nicht protestiert habe. Diese Begründung verstößt aber einmal gegen die Tatsache, daß die Zu. stimmung unter anderem deshalb nichtig war, weil die Klägerin im ZuftimmungSrevers auf ihr Koalitionsrecht verzichtete. Eine solche Vereinbarung verstößt aber gegen die„guten Sitten". Es ist erst kürzlich im Reichstag auch von uns dargelegt, daß diese Ansicht aus dem Wesen des Kvalitwnsrechts folgt und bei Be- ratung des Bürgerlichen Gesetzbuchs von allen Parteien und von de» Vertretern der Regierung alS zutreffend anerkannt ist. Siemens u. Halste verstießen durch den Revers gegen die»guten Sitten" und gegen die öffentliche Ordnung. DaS Recht darf, wenn cS nicht gegen sich selbst sich wenden will, niemals Rechtsgeschäfte solcher Art anerkennen, erklärt sie vielmehr für nichtig. Irrig ist auch die Ansicht, die Nichtigkeit sei durch die Nichi.Protsstieruiig bei Auszahlung des zu geringen Lohnes geheilt. Sine solche Hei- lung anerkennt das Gesetz nicht. Ebensowenig legt es dem Ar» bciter eine Verpflichtung zum Protest auf. Zu einem solchen Ver- z-.cht auf Lohn ist der Arbeiter gar nicht berechtigt: in seinem und im öffentlichen Interesse verbietet Z 2 des Lohnbcschlagnahme- gesetzes solchen Verzicht, erklärt Rechtsgeschäfte jeder Art, die der Arbeiter über den Lohn vor Ablauf des Zahlungstages vornimmt, für nichtig. Damit gelangen wir zu dem zweiten Grund, den das Gericht bei seiner Entscheidung übersehen hat. Die Zustimmung der Ar- bciterin, ihr vom Lohn zugunsten des sittenwidrigen Vereins Ab- züge zu machen, war eine Verfügung über ihren Lohn, bevor die Arbeiten geleistet und bevor der Fälligkeitstag abgelaufen war. Nach dem Lohnbeschlagnahmegesetz(§8 1, 2, 4) sind solche Ver- fügungen eines Arbeiters über den Lohn«ohne rechtliche Wir- kung", gleichviel welche Zwecke der gelbe Verein verfolgte. DaS Lohnbeschlagnahmegesetz kennt eine Ausnahme nur für den Fall, daß die Arbeiterin so verfügt, nachdem sie im Jahre 1500 M. Ver. gütung bereits erhalten hat. Dieser Ausnahmefall trifft hier nicht zu. Noch ein Wort über den Unfug von„AusgleichSquittungsn". Solche zu fordern ist der Arbeitgeber nicht berechtigt, sie zu geben der Arbeiter nicht verpflichtet. Es ist nur eine einfache Quittung: .... M. habe ich von... heute erhalten" auszustellen. Lehnt der Arbeitgeber eine Zahlung ohne Ausgleichsquittung ab, so würde er zur Zahlung und zu vollem Schadenersatz(z. B. Kosten für eine infolge verspäteter Zahlung erfolgte Exmission) zu ver- urteilen sein. Außerdem würde sich der Arbeitgeber noch der aus Erkenntnissen gegen Arbeiter sattsam bekannten Rechtsprechung des Reichsgerichts der Erpressung schuldig machen, wenn er in Fällen wie dem vorliegenden die Auszahlung deS Lohnes von der Abgabe einer Generalquiitung abhängig macht. F(Wegen Raummangels zurückgestellt.) Das dem Handlungsgehilfen aufgezwungene Zölibat. Mit dem ungewöhnlichen Fall einer sofortigen Entlassung wegen Verheiratung hatte sich die I.Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts zu beschäftigen. Die beklagte Firma Bernstein u. Labandter gibt für die Entlassung des Klägers D. folgende Gründe an: Beim En- gagement will ihm der Mitinhaber B. ausdrücklich gesagt haben, daß, sobald er sich verheirate, seines Bleibens im Haus« nicht länger sei, und Kläger sei auch damit einverstanden gewesen. Nach etwa viermonatiger Tätigkeit wollte D. eines Tages Urlaub für den nächsten Tag haben, und zwar„zu einer standesamtlichen Trauung", wie er sagte. Es habe sich aber um seine eigene Trauung gehandelt. In dieser Berschweigung der Eheschließung erblick« die Firma einen Bertrauensbruch und in der Eheschließung selbst einen Vertrags- bruch. Die Beklagte entließ den Kläger sofort, sodatz dieser, während er von seinen Kollegen ein Glückwunschtelegramm bekam, zu gleicher Zeit von seinen Ehefs die Entlassung alS HochzeitSgrus; erhielt. Der klagende Gehilfe bestreitet im übrigen, daß er sich zum Zölibat direkt verpflichtet habe, und weist auch auf den schriftlichen Vertrag hin, der in der Tat nichts darüber enthalt. Er habe auch nicht um Urlaub zu einer standesamtlichen, sondern„zur standesamtlichen Trauung" gebeten. Einen Vergleich weist der Prinzipal„mit Rücksicht auf den Ein. druck, den daS bei dem anderen großen Personal machen würde", entschieden zurück. Das Kausmannsgericht verurteilt« die Beklagte zur Zahlung des geforderten Restgehalts von 270 M. Es ging« nicht an, es als Vertrauensbruch hinzustellen, wenn Kläger doch geheiratet habe, denn die Eheschließung sei eine höchst persönliche Angelegenheit. Da sie ja nur von Monat zu Monat aneinander gebunden waren, hätte die Firma von ihrem Kündigungsrecht Ge- orauck machen können. Einen Bertrauensbruch, der zu sofortiger Entlassung berechtigte, könne man aber in einer derartigen Angelegenheit nicht konstruieren. SericKts- Zeitung. Das Reichsgerichtsurteil in itzer Turusache. Am Donnerstag kam vor dem 3. Strafsenat die Turn» fache zur Verhandlung, die zu dem von uns schon wiedergegebenen ungeheuerlichen Plenarbeschlutz der vereinigten Strafsenate Anlaß gegeben hatte. Uns wird über die Ver- Handlung geschrieben: Der Zahnarzt Jonathan Smith in HaderSleben hatte öffentlich dazu aufgefordert, diese Auslegungen der Kabinettsorder von 1834 durch das Kultusministerium nicht zu beachten. Nach mehrfachen Vorprozessen vor Land- und Reichsgericht hat ihn das Landgericht Flensburg am 6. Februar 1911 freigesprochen. Die Revision des Staatsanwalts kam am 21. Dezember 1911 vor dem 3. Straf- senate des Reichsgerichts zur Verhandlung. Dieser beschloß, den vereinigten Strafsenaten folgende Frage vor- zulegen: Gehören zur Jugend außer den schulpflichtigen Kindern und den Schülern höherer Lehran st alten au chsolche nicht mehr schulpflichtige Personen, die nach dem rege l- mäßigen Laufe der Dinge eine höhere oder niedere Schule besuchen würden, ihr aber aus irgendwelchen Gründen ferngehalten werden, bei denen also der Schulunterricht ganz oder teilweise durch Privatunterricht ersetzt oder ergänzt wird? Nachdem die vereinigten Strafsenate diese Frage bejaht hatten, kam die Sache wieder vor dem 3. Strafsenat zur Verhandlung. Gemäß dem Antrage des Reichsanwalts hob das Reichsgericht das Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Sobald der Wortlaut des Reichsgerichtsurteils vorliegt, werden wir auf die Sache zurückkommen. Kriminalkommissar und Wilderer. Unter großem Andrang des Publikums aus Stadt und Um- gegend begann gestern vor dem Schwurgericht in Neustrelitz die Ver- Handlung in dem umfangreichen Wildererprozeß, dessen Vorgeschichte wegen der Persönlichkeit der Angeklagten und wegen der Erwitte- lung Aufsehen erregt. Angeklagt sind der Hotelbesitzer Martin Mitritz, der Landwirt und Gasthofbesitzer Friedrich Bausemer, der Tischler Otto Bader, der Fleischer Heinrich Bader, der Tischler Fritz Winkclmann, der Gastwirt Wilhelm Senftleben und der Fleischer Witt. Di« Anklage behauptet, daß die Angeschuldigten teils als Täter, teils als Hehler einer Band« in Betracht kommen, die lange Zeit hindurch die grotzherzoglichen Forsten durch ihre Wilddiebereien be- unruhigte, ohne daß cö gelang, sie zu fassen. Ihre Entdeckung er- folgte schließlich durch eine List. EineS Tages erschien in Neustrelitz ein angeblicher Hauptmann a. D. aus Hamburg, der bald einen Freundeskreis um sich gesammelt hatte. Als er mit seinen Be- kannten etwas intimer geworden war, deutete er ihnen an, daß er ein großer Jagdliebhaber sei und nicht abgeneigt wäre, auch einmal „um die Ecke zu schießen", d. h. ein wenig zu Wilddieben, toeine Bekannten taten ihm denn aüch den Gefallen und nahmen ihn aui einen Streifzug mit. Sie waren nicht wenig erstaunt, alS sie nach einiger Zeit eine Vorladung vor den Untersuchungsrichter erhielten, der ihnen ein unwiderlegliches Belastungsmaterial vorhielt. Ter neue Bekannte aus Hamburg entpuppte sich bei den Vernehmungen als der Kriminalkommissar Werner aus Berlin, den sich die Groß- herzogliche Staatsanwaltschaft aus Berlin verschrieben hatte, um au den Recherchen gegen die Wilderer mitzuwirken. Auf Grund seiner Angaben wurden die Angeklagten Bausemer und Otto Bader als Hauptbeschulbigte sofort in Hast genommen. Erstgenannter gil: als die Seele der Wilderergesellschaft. Er soll in Hunderten von Fällen underechtiaterweise die Jagd ausgeübt und � die Förster hinters Licht geführt, ja sich dessen sogar gerühmt haben. Das erbeutete. Wild soll er an die Mitangeklagten Mitritz und Senftleben verkauft haben. Heber den Ausgang des Prozesses werden wir berichten. Verzweiflungstat. Fräulein Martha Nitschke, Engel-Ufer 16, ersucht uns um Mitteilung, daß sie mit der kürzlich verurteilten Maria Nitzschke weder identisch noch verwandt ist. Wir kommen dieser Bitte hiermit nach. Milchpantscherei. Ein unverbesserlicher Milchpantscher scheint der Milchhändler Hermann Dame zu sein, der von dem Schöffengericht jetzt zu einer exemplarischen Straft verurteilt wurde. Der Angeklagte, welcher zwei Milchgeschäfte in der Georgenkirchstraße und in der Kurze- stratze betreibt, ist schon wiederholt wegen gleicher Milchpantsch-'- reien, darunter u. a. mit 14 Tagen Hast und 1 Woche Gefängi-is vorbestraft. Da es sich anscheinend um ein sehr einträgliche? Gc- schäft handelte, schreckten ihn diese Strafen nicht ab, wettere Fäl- schungen zu begehen. Er wandte dabei den Trick an, die ihm gc- lieferte gute Vollmilch mit Magermilch zu vermischen, sodaß dic Milch bei weitem nicht den gesetzlich vorgeschriebenen Fettgehalt von 2,70 Proz. hatte. Mehrer« von der Polizei entnommen« Proben er- gaben, daß der Angeklagte dies« Pantschereien monatelang hindurch, betrieb. DaS Gericht verurteilte den Angeklagten wegen wissentlicher Nahrungsmittelverfälschung zu 4 Monaten Gefängnis und 400 M. Geldstrafe._ Das„sicher" wirkende Heilmittel. Wegen unlauteren Wettbewerbs hat das Landgericht Altona am 26. Oktober 1912 den Kaufmann Bollrath Wasmuth(das ist nicht der„Hühneraugen-Wasmuth") zu 50 M. Geldstraf« verurteil«. W. vertreibt seit etwa 6 Jahren ein Heilmittel. daS er„Amol" nennt. Eine Anzeig« in einer Zeitung enthielt folgende Anpreisung: „Amol hilft sicher und sofort unter voller Garantte bei Rheuma- tismus, Gicht, Hexenschutz usw." Nach dem Urteil der Sachverständigen hilft aber Amol weder sicher noch sofort; vielleicht ver- ursacht es, da es hauptsächlich aus Karmelitergeist besteht, nur bei leichteren Fällen das Gefühl einer Heilung und bei schwereren höchstens eine Linderung. Die Revision des Angeklagten wurde am Tonnerstag verworfen._ Der Rädelsführer mit dem Kinde auf dem Arme; Gelegentlich des Streiks aus dem Grannuer Zementwerk bei Halle a. S. wurde der bisher unbescholtene 32jährige Tischler Fritz Jerkel verhaftet, weil er an einem Zusammenstoß zwifche« Arbeits- willigen und Streikenden teilgenommen haben sollte. I. wurde 6 Wochen als„Rädelsführer" in Haft behalten, da man annahi», daß er bei den Streikenden„das große Wort" geführt habe. Am Donnerstag stand er wegen Landsriedensbruch« vor der Straf- lammer in Halle a. S. Di« Beweisaufnahm« ergab, daß die damals für das Werk engagierten Arbeitswilligen sehr provokatorisch ausgc- treten waren und am Abend der Tat mit Revolvern, Eisenstäbcn und Stöcke» bewaffnet einen Ausbruch aus der Fabrik gegen die Streikenden versucht hatten. Durch die vor dem Werk versammelte Menschenmenge waren in der Fabrik mit Stein würfe« mehrere tensterscheiben zerstört worden. Der Angeklagt« konnte aber durch eugen nachweisen, daß er bei dem Tumult mit seinem Kinde auf dem Arme ruhig an seinem Hause gestanden hatte. DaS Gerickst nahm aber nicht an, daß der Angeklagte sich an Gewalttätigkeiten beteiligt habe, verurteilte ihn aber wegen Teilnahme an der Zu- sammenrottung zu 3 Monaten Gefängnis. Und da rodet man noch schärferen Strafen gegen Streikend c das Wort und stellt das Vorhandensem von Klassenjustiz in Abrede. Wasserst an dS-Skachrichte» d er LandeSanftalt stlr iSewässerwnde. mUgeteül vom Berliner Wetterbureau Waslerstand M-met, Tilsit Pregel, Jnsterburg Weichsel, Thom Oder, Ratibor , Krassen Frankturt Warthe, Schttmm . LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , DreSde» , varby , Magdeburg am 20. 2. am 354') 34') 139') 100«) ISS') 175') 88') 140") 35») 19 -120«) 21k» 185») seit 19.2. cm') —8 —18 —9 —7 -11 —6 +4 -— 3 —27 -16 Wasserstand Saale, Vrochlitz Havel, Spandaus , Rathenow') Spree, Spremberg') , BeeSlow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximManSau , Kaub Köln Neckar. Hellbraun Main. Hanau Mosel, Trier am 20.2. cm 140") 94») 121') 98 118 195 310 360 200 224 105 197 100 seit 19. 2. orn1) —5 +3 0 -33 -14 —6 -10 —12 —3 —7 —7 ')+ bedeutet Wuchs, Fall. *) Unterpcgel.—•) Sri Tilsit eissrei.—') Eisstand.—•) Eistreiben.—•) Grundeislreibe«.—•) Starkes Grundeistreiben.—') Schwaches Grundeistreiben.—•) Eisgang.— ") Grundeis.—») Schwaches Eis treiben. 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Keilme Ks Jotrairtg" ßttliittt KllisdlÄ Allttuabend. 22. Febmar 1913. Beruf und Fruchtbarkeit. Bei den Tebatten über den Gcburtenrück- gang sind im Reichs- und Landtage die abenteuer- lichsten Gründe für diese Tatsache von bürgerlichen Rednern vorgebracht worden. Bald wird die zunehmende Irreligiosität und Unmoral, bald die Verbreitung materialistischer Gesinnung und gesteigerte Vergnügungssucht verantwortlich gemacht. Selbst die Sozialdemokratie muß als Sünden- bock herhalten, da der Geburtenrückgang in Gebieten mit starker sozialdemokratischer Wählerschaft besonders auffällig fei. So einfach ist das Problem des Geburtenrückganges nun nicht zu lösen. Zum mindesten ist es nötig, daß man zwei Zaktoren dabei berücksichtigt. Der Geburtenüberschuß wird beeinflußt durch die Geburtenzahl und durch die Sterblichkeit. Speziell die Säuglingssterblichkeit ist von ungeheurer Wichtig- keit für den Grad des Bevölkerungszuwachses. Mutterschutz und Säuglingspflege, Hebung der Volkscrnährung und Volksgesundheit durch Besserung der wirtschaftlichen Lage der arbeitenden Klasse sind daher die wirksamsten Mittel zur Minderunr der Sterblichkeit, zur Erhöhung tes Geburten- Überschusses. Was den Rückgang der Geburtenzahl und der Zruchtbarkeitsziffer anbelangt, so gibt es auch hier eine Reche von Faktoren, die von dem Wüdn des � noividuums ganz unabhängig sind. Die Arbeit der Frau in bestimmten In- dustrien, Volksseuchcn finsbesonderc Geschlechtskrankheiten), der Alkoholismus und die nicht zu leugnende Degeneration des Volkes durch die moderne hastende, die natürliche gesunde Entwickelung hemmende Lebensweise wirken unzwerfechast direkt auf Geburtenabnahme und Unfruchtbarkeit ein. Aber es ist nicht zu leugnen, daß daneben die gewollte Geburten- cinschränkung durch Empfängnisverhinderung und Schwanger- schastsunterbrechung von großem Einfluß auf den Geburten- rückgang ist. Nur geht es auch hier nicht an, diese künstliche Beschränkung einfach auf die zunehmende Unmoral und Be- quemlichkeitsansprüche zurückzuführen. Wer die tatsächlichen Verhältnisse bis zur Wurzel verfolgen will, nmß die objektiven, sozialen Ursachen dieses Willens zu erforschen suchen. Die psychologischen Motive sind zurückzuführen auf ihre durch die Wirklichkeit gegebenen Anlässe. Ein- kominensvcrhältmsse und Beruf bilden dabei so wich- tige Grenzscheiden, daß es wohl lohnend ist, die Frucht- barkeit bestimmter Einkommens- und Berufsklassen unter- einander zu vergleichen. Diese Arbeit über den Zusammen- hang zwischen Beruf und Fruchtbarkeit ist für Preußen kürz- lich von Dr. L. B e r g e r in der„Zeitschrift des Königlichen Preußischen Statistischen Landesamts"(Jahrgang 1312, III. Abt.) unternommen worden. Bergers Untersuchung zeichnet sich durch eine besonders sorgfältige und methodisch wertvolle Berücksichtigung aller in Betracht kommenden statistischen Faktoren aus. Fragt»van zunächst einmal, wie sich die Geburten über- Haupt auf die emzelnen Berufsgruppen verteilen, so fällt sofort die überraschende Tatsache in die Augen, daß die Industrie in Preußen mehr als die Hälfte(im Jahre 1937 51,7 Proz.) aller ehelichen Geburten stellt. Erst dann folgt die von den Agrariern fälschlich als Jungborn der Nation gepriesene Landwirtschast, aus der nur ein Viertel(27 Proz.) aller in Preußen Geborenen stammen. Handel und Verkehrs- gewerbe stellen 13 Proz.: auf die häusluhen Dienstboten, die Lohnarbeiter wechselnder Art und die freien Berufe entfallen nur 3,8 bezw. 3.6 Proz. Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man die unehelichen Geburten berücksichtigt. Hier steht die Landwirtschaft, die angeblich die beste Hüterin bürgerliche. Ehrbarkeit ist. mit 31,6 Proz. an der Spitze. Dann folgen die Angehörigen der häuslichen Dienste mit 22,3 Proz. chler unehelichen Geburten und darauf erst die Industrie mit 21,2 Proz. Untersucht man die Verhältnisse ,n einzelnen Städten, so treten bei den unehelichen Geburten die häuslichen Dienstboten(in Frankfurt a. M. mit 43.6 Proz. rn den Jahren 1893— 1933) an die erste Stelle. Diese Zahlen sind allerdings nicht ohne weiteres der- gleichbar. da sie nicht die auf die einzelnen Berufe entfallen- den Geburten messen an der Zahl der in den entsprechenden Berufen erwerbstätigen Personen. Setzt man die Zahl der ehelich Geborenen zu der Zahl der verheirateten erwerbs- tatigen Männer in Beziehung, so zeigt auch jetzt wieder nicht ose Landwirtschaft die größte Fruchtbarkeit. Aus 133 erwerbs. tatige Manner entfielen im Jahre 1937 elielich Geborene: in der Industrie.19,7: in der Landwirtschaft 18,8: im Handel 16,4: IN den freien Berufsarten 13,7. Nun mag man zugestehen, daß auch diese Berechnung noch kein vollkommen zutreffendes Bild von der ehelichen Fruchtbarkeit gibt, daß die Unterfchiede zwischen Industrie und Landwirtschaft vielleicht durch Mangel der Berechnungsmethode zu erklären wären. Für einzelne Gruppen der Industrie ergeben sich aber so große Unterschiede gegen die Landwirtsikiast. daß der Span- nung reale Tatsachen zugrunde liegen müssen. Im Bergbau und Hüttenwesen kommen auf 133 Verheiratete 27,3 eheliche Geburten: in der Metallverarbeitung 22.1: im künstlerischen Gewerbe 19,9. Tie Fruchtbarkeit in diesen Erwerbszweigen ist unzweifelhaft größer als än der Landwirtschaft. Eine außer- ordentlich hohe eheliche Fruchtbarkeitszisfer findet sich da- neben nock) in der Gruppe häusliche Dienste und Lohnarbeit wechselnder Art(64.4 Proz.). r-.t„�"ftünWickf zeigt sich auch in der landwirtschast. Ilchen Bevölkerung eine Abnahme der Fruchtbarkeit. Sie , als in der industriellen Bevölkerung (von 1894—1937: 7.4 gegen 8,4 Proz.), aber höher als in der vschwenndustne. Es kamen auf 133 verheiratete erwerbs- tästgs Manner eheliche Geburten: Durchscknitt der « w r. Jahre 1894, 95, 96 1007 Landwirtfchast.... 203 18,8 Industrie...... 21'5 19,7 Handel...... 20 1 16.4 Hä"«lrche Dienste...-mg 64.4 ftreie Berufsarten.. m ig, 7 Ohne Beruf..... z'z 1.6 Zusammen.... zo's 17,8 Nach dieser Tabelle war der Rückgang gering bei den BerufSgruppen mit hoher ehelicher Fruchtbarkeit in Landwirt- schaft und Industrie: größer im Handel und bei den freien Berufen, die schon absolut genommen eine geringe Fruchtbarkeit aufweisen. Prozentual am stärksten war die Abnahme bei den steten Berufen, d. h. im wesentlichen bei dem Be- amtenstand. der die geringste eheliche Fruchtbarkeit zeigt. Die Industrie übertrifft auch heute noch die Landwirtschaft an ehelichen Geburten. Wer sich also berufen fühlt, gegen den Geburtenrückgang zu wettern, der möge sich gefälligst an die Haupt,. schuldigen" wenden. Der industriellen Arbeiter- schaft gegenüber sind die Vorwürfe am wenigsten berechtigt. Der Untersuchung der unehelichen Fruchtbarkeit stellen sich noch weit größere Hemmnisse gegenüber. Immerhin wird das folgende Resultat ungefähr den wirklichen Verhält- nisien entsprechen. Auf 1003 verheiratete erwerbstätige Frauen (im gebärfähigen Alter von 16 bis 53 Jahren) kamen im Jahre 1937 unehelich Geborene: in der Landwirtschaft. 30,87 in der Industrie... 30, 5S im Handel..... 12,7 Die größte Zahl unehelicher Geburten fällt danach Dienstboten und Lohnarbeiterinnen wechselnder Art. bei der GruppehäuSl. Dienste bei den Berufslosen... in Preußen überhaupt 36,1 14,9 24.4 auf Sehr 240 285 267 259 290 269 227 224 236 256 287 260 hoch ist die Unehclichkeit auch bei den in der Landwirtschaft Erwerbstätigen, worunter in der Hauptsache ländliche Dienst- boten und Ardeiterinnen fallen. Nahezu gleich stehen darin die weiblichen Berufsangehöngen der Industrie(Fabrik- arbeiterinnen. Näherinnen, Wäscherinnen. Putzmacherinnen). Auffallend klein ist der Antell unehelicher Geburten im Handelsgewerbc. Der von Verkäuferinnen, Kontoristinnen oder gar im Post- und Eisenbahndienst Beschäfttgten geforderte bürgerliche„Wohlanstand" mag in erster Linie dabei mit- wirken. Ganz ähnlich wie in Preußen überhaupt liegen die Verhältnisse in den Großstädten. Nur schwillt hier die Zahl der unehelichen Geburten bei Dienstboten noch mehr an. Den besten Maßstab für die Fruchtbarkeit bildete die Angabe, wieviel Kinder durchschnittlich, in jeder Ehe erzeugt werden. Durch mancherlei Korretturen hat Berger auch diese Zahl zu ermitteln gesucht. Er fand dabei, daß auf jede Ehe in der landwirtschaftlichen Bevölkerung fünf Kinder kommen. In den industriellen Berufen ergab sich für die Zeit 1895 bis 1936 eine Durchschnittszahl von vier Kindern. Aber innerhalb dieser Berufsabteilung finden sich recht große Vcr- schiedenheiten. Bei der Gruppe Bergbau, Hütten- und Salinenwesen ist die Fruchtbarkeit noch größer als in der Landwirtschaft. Auch die Industrie der Heiz« und Leuchtstoffe und der Steine und Erden, zeigt eine eheliche Kinderrate von nahezu fünf. Bei der Gruppe„künstlerische Betriebe" sinkt- diese Ziffer dagegen bis auf zwei. Mehr als vier Kinder weist auch die Gruppe„häusliche Dienste und Lohnarbeit wechselnder Art" auf. Auf den Handel ent fallen durchschnittlich nur drei Kinder. Die freien Berufe, hauptsächlich also der Beamtenstand, weisen durchschnittlich zwei Kinder auf. Nur die Vertreter der Gruppe Kirche und Gottesdienst sind mit vier Kindern gesegnet. In die Beziehungen von Beruf und Fruchtbarkeit wird man auch eindringen können, wenn man die Zusammenhänge von Fruchtbarkeit und Siedlung mit berücksichtigt. Die Landwirtschast gehört ganz dem platten Lande an. Handel. häusliche Dienste und Lohnarbeit wechselnder Art sowie die freien Berufe haben einen ausgesprochen groß- und mittel städtischen Charakter. Rechnet man alle Gemeinden mit mehr als 2333 Einwohnern zur städtischen Siedlung, mit weniger als 2333 Personen zur ländlichen Siedlung, so kamen auf 1333 gebärfähigo Frauen ehelich Geborene: 1894,97 1899/1902 in den Städten.. in Großstädten.. in Mittelstädten.. in Kleinstädten.. auf dem Lande.. in Preußen überhaupt Aus dieser Tabelle ergibt sich die Tatsache, daß die eheliche Fruchtbarkeit am größten auf dem Lande ist und mit der Zu nähme der Einwohnerzahl abnimmt. Auch die Abnahme der Fruchtbarkeit von 1894 auf 1932 ist prozentual am genngsten auf dem Lande. Trotzdem geht es nicht an, dann allein den Einfluß der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu sehen. Auch die Angehöngen der Gruppe Bergbau, Hütten- und Salinem wesen, die sich, wie oben erörtert, durch eine weit größere Fruchtbarkeit als die landwirtschaftliche Bevölkerung aus zeichnet, leben zum größeren Teile in Gemeinden mit weniger als 2333 Einwohnern(auf dem Lande 54 Proz., in den Städten 46 Proz.). Das Land, nicht aber die Landwirtschaft, kann man also als Quelle der Volksvermehrung bezeichnen: die Industrie ist eine der wichtigsten Adern dieser Quelle. Dabei ist wohl zu berücksichtigen, daß die„ländliche" Siedelung in den Bergbau- und Hüttenrevieren durchaus nicht der Bequemlichkeiten moderner Technik(Gas, Elektrizität, Wasserleitung usw.) entbehrt. Heuduft und Mistgeruch sind keines- Wegs unentbehrliche Atttibute großer Fruchtbarkeit. Immer- hin scheint eS. daß der Antrieb zu künstlicher Klein Haltung der Familie bei ländlicher Siedelung ein geringerer ist als in der Stadt; soweit das Moment nicht von dem anderen überwogen wird, daß mit wachsender OrtSgröße die Möglichkeit zu bequemer Anwendung von antikonzeptionellen und abtteibenden Mitteln zunimmt. Recht interessant ist auch die Untersuchung, welchen Ein- fluß die p o l n i s ch c B e v ö l k e r u n g auf die Fruchtbarkeit ausübt. Es ergab sich, daß die Kreise mit vorwregend land- wittschastlicher Bevölkerung ihre höhere Fruchtbarkeit wesentlich dem polnischen Einschlag zu verdanken haben. Schattet man alle Kreise mit über 45 prozentiger polnischer Bevölkerung aus, so wird die Fruchtbarkeitsziffcr der Landwirtschaft be- deutend herabgedrückt. Nicht ohne Einfluß auf die Fruchtbarkeit ist offenbar auch die K o n f e s s i o n. In Preußen entfielen im Zeitraum von 1875 bis 1933 auf eine Eheschließung bei rein evangelischen Paaren 4, bei rein katholischen Paaren 5 und bei rein jüdischen Paaren 3,7 eheliche Geborene. Auch die größere Fruchlbarkcit der Bergmannsbevölkerung steht wahrscheinlich mit dem größeren Anteil der Katholiken an dieser Gruppe in Beziehung. Vornehmlich evangelische Bergbaudisttikte haben eine geringere Fruchtbarkeit als überwiegend katholische Berg- baubezirke. Daß die Konfession aber nur von sekundärem Einfluß sein kann, beweist die Gliederung der Fruchtbarkeit nach der sozialen Schichtung in den einzelnen Berufsgruppen. Auf 133 verheiratete erwerbstätige Männer kamen im Jahre 1937 eheliche Geburten: Landwirtschaft Selbständige, Leiter..... 16,5 Auisicklspersonal...... 22,2 Arbeiter bezw. Handlungsgehilfen 28,8 (Bergbau)........— Industrie 16,4 11,2 21,4 (37,8)*) Handel 18,4 12,4 10,6 *) Diese Zahl umfaßt alle drei Schichten der Gruppe. In Landwirtschaft, Handel und Industrie entfallen auf die Lohnarbeiter durchgängig höhere Fruchtbarkeitsziffern als aus das Aufsichtspersonal, die Selbständigen, Betriebs- und Geschäftsleiter. In der Industrie und im Handel hat das Aufsichtspersonal weniger Kinder als die Selbständigen und die Bettiebsleiter. Bei der Landwirtschaft dagegen weisen die Leiter und Selbständigen die geringste Fruchtbarkeit auf. Wenn wir die gleiche Argumentation wie unsere Gegner an wenden wollten, könnten wir sagen: Die Unmoral der Geburteneinschränkung ist also bei den Agrariern recht verbreitet, sogar größer als bei den Selbständigen in der Industrie. Tatsächlich ist die Geburtcneinschränkung bei den Selb ständigen in der Landwirtschaft wohl durch die schwierige Lage der zahlreichen Kleinbauern zu erklären. Jeden- falls ergibt sich aus der Tabelle deutlich, daß die industrielle Arbeiterschaft die Fruchtbarkeit der landwirtschast- lichen Bevölkerung erreicht(bei den landwirtschaftlichen Ai beitern ist dabei von dem polnischen Einschlag zu absttahieren). Innerhalb der industriellen Arbeiterschaft ragt die Bergbau bevölkerung durck eine hohe Fruchtbarkeitsziffer heraus, und das mag zum Test durch den Anteil der Katholiken an dieser Gruppe verursacht sein(61,5 Proz. aller Berg- und Hütten arbeiter sind katholisch). Ursächliche Faktoren für die Verschiedenheiten der u n- ehelichen Fruchtbarkeit in den einzelnen Beruft gruppen stattstisch festzustellen, hat Berger ebenfalls versucht. Zunächst sei daran erinnert, daß in der Landwirtschast die Unehelichkeit etwas größer ist als in der Industrie, während die übrigen Gruppen in weiteren Abständen folgen. Auch eine Scheidung nach dem Wohnsitz der unehelich Gebärenden bestätigt dieses Bild. Es kommen auf 133 unverheiratete gebär- fähige Frauen(im Durchschnitt der Jahre 1894— 97) auf dem Lande 2,52 uneheliche Geburten, in Großstädten aber nur 2,51. Für die Städte überhaupt stellte sich diese Ziffer auf 2,42: Klein- und Mittelstädte zeigten etwas geringere Ziffern (2,27 bezw. 2,31). Im ganzen hat die Stadt eine geringere Unehelichkeit als das Land. Die Städte bieten also einen besseren Boden für die„Unschuld" als das platte Land, trotz aller agrarischen Klagen über die verseuchten Massenquarttcrc. In den östlichen, agrarischen Provinzen ist die uneheliche Fruchtbarkeit sowohl in der Stadt als auf dem Lande über Haupt größer als in den westlichen, industriellen Provinzen. Daneben wechselt der Anteil von Stadt und Land an der un- ehelichen Fruchtbarkeit in den einzelnen Provinzen. In den östlichen Provinzen ist die uneheliche Fruchtbarkeit auf dem Lande größer als in der Stadt: in den westlichen Provinzen herrscht das umgekehrte Verhältnis. Das er klärt sich aus der verschiedenen Grundbesitzvcrtcilung beider Gebiete. Der Osten ist das Land des Großgrundbesitzes, der Westen das Land des Klein- und bäuerlichen Besitzes. Je stärker die Zahl der Grundbesitzer unter der landwirtschaftlichen Bevölkerung innerhalb eines Kreises vertreten ist, um so geringer der Anteil der Unehelichkeit. Mit zu- nehmender Betriebsgröße wächst dagegen die Unehelichkeit. Die Lebenshaltung oer ländlichen Arbeiterschaft bei den ostelbischen Junkern leistet der Unchelichkeit einen weit größeren Vorschub alS die Existenzbedingungen der selbständigen Bauern und landwirtschaftlichen Arbeiter in Westdeutschland. Auch die geringere eheliche Fruchtbarkeit in der westdeutschen Landwirtschast muß auf die Besitzverteilung, die mit Rücksicht auf die Vererbung des Gutes zur Einschränkung der Kinderzahl zwingt, zurückgeführt werden. Die Bergersche Untersuchung läßt noch eine große Reihe von Fragen über die Ursachm der Geburtenabnahme offen. Soviel wird aber doch deutlich, daß die einseitigen Behaut' tungen über den Anteil-der Industrie und der Städte an dieser Erscheinung gar nicht oder in weit abgeschwächtem Maße zu Recht bestchen. Für moralische Lameittationen bleibt vollends kein Raum. Die Eiittommens-, Entährungs- und Wohnungsverhältnisse sind offenbar für die Fruchtbarkeit von entscheidender Bedeutung. In der Arbeiterschaft besteht wohl die Tendenz, nicht durch allzu häufige Geburten die Existenz der Eltern und erstgeborenen Kinder noch mehr zu gefährden. Aber trotz dieser durch die elenden Lebensbedingungen ei zwungenen Geburteneinschränkmrg weist der Arbeiterstand nock, heute die größte Fruchtbarkeit auf, hinter der die übrigen sozialen Schichten weit zurückstehen.' Die wirtschaftliche Nöti- gung zur Geburtcneinschränkung besteht auch bei den bürgerlichen Angestellten kaufmännischer und gewerblicher Betriebe. Erst bei den Selbständigen nnd Leitern sind die Existenz bedingungen so gesicherte, daß bei ihnen die Fruchtbarkeit größer ist als bei den Angestellten. Bus der Partei. Abgesagt. Der Dresdener Oberbürgermeister Beutler hatte neben höheren städtischen Beamten und den Mitgliedern beider städtischer Kollegien auch die sozialdemokratischen Stadtverordneten zu einem Schoppen- abend in den Festräumen des Rathauses eingeladen. Da aber auck? in Dresden noch immer mit zweierlei Maß gemeffen wird, wenn es sich um Arbeiterorganisattonen und ihre Vertreter handelt, haben unsere Genossen im dortigen Stadtparlament gemeinsam folgende treffende Antwort auf die Einladung erteilt: Dresden, im Februar 1913. Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister! Bon Ihrer freundlichen Einladung zu dem von Ihnen für den 21. Februar in Aussicht genommenen Schoppenabcnd haben wir Kenntnis genommen. Wir danken Ihnen dafür, müffen dazu aber folgendes bemerken: Solange wir innerhalb der städtischen Verwaltung nicht als gleichberechtigt angesehen werden, solange insbesondere den Arbeiter- turnern die städttschen Turnhallen versperrt bleiben, während sie anderen Vereinen unter Gewährung beträchtlicher Subventionen un- entgeltlich überlassen werden, solange man der sozialdemokrattschen Partei städtische Räume, die anderen Patteien längst zur Verfügung gestanden haben, verweigert, solange durch diese und andere Maß- nahmen dargetan wird, daß die sozialdemokratisch ge- sinnten Arbeiter als Einwohner zweiter Klasse behandelt werden, können wir an Ihrem Festabend schon deshalb nicht teilnehmen, weil wir Sie, Herr Oberbürgermeister, als den ersten Repräsentanten des Systems betrachten müssen, das die Sozialdemokratie und ihre Ber» tretcr minderen Rechts erklärt. Hochachtungsvoll Die sozialdemokratische Gruppe des Stadtverordneten- Kollegiums. Die Haltung de?„Avauti" gegenüber den Proletariermetzeleien. Rom» 19. Februar.(Eig. Ber.) Die Polizeiexzesi« gegenüber demonstnerenden Arbeitern, denen zu Anfang Januar mehrer« MensKenIeben zum Opfer fielen, deranlafiten damals den„Avanti", im Wiederholungsfalle dem italienischen Proletariat den Gebrauch der Gewalt zu empfehlen. Seitdem hat unser jetzt von Profefior Mussolini redigiertes Zentralorgan weiter die Auffassung verfochten und zu begründen gesucht, dah das Proletariat die Pflicht habe, Gewalt mit Gewalt zurückzuweisen. Da jeder Tag einen neuen Uebergriff der Polizei bringen kann, überschreitet die Haltung des .Avauti' die Grenzen einer theoretischen Meinungsäußerung: sie kommt einem praktischen Ratschlage gleich, der eventuell morgen be- folgt werden kann. Angesichts der aus dieser Tatsache' folgenden schweren Verantwortung darf es nicht wundern, daß sich in der italienischen Partei eine Gegenströmung gegen die vom„Avanti" ver- tretene Taktik geltend macht. So erklärt Genosse Camilla Prampo- lini, Abgeordneter für Reggio Emilia, daß er, treu den während seiner ganzen Parteitätigkeil vertretenen Grundsätzen, die heutige Stellungnahme des.Avanti" gegenüber den Konflikten mit der Polizei nicht billigen könnte, sondern sie für wesentlich antisozialisiisch hielte. Die Redaktion des.Avanti" antwortet darauf, daß seine Auffaflung die der Mehrheit der gesamten Partei sei. Es wäre sehr wichtig, diese Frage vor einer möglichen.experimentellen" Lösung zu klären? handelt es sich doch in erster Linie um eine praktische und nicht um eine Prinzipienfrage. Es gilt nicht zu' entscheiden, ob das Proletariat berechtigt ist, Gewalt durch Gewalt zurückzuweisen, sondern ob es stark genug ist, dies zu seinem Borteil und zum Schutze seiner lebenswichtigen Interessen zu tun. Wir bezweifeln die Zweckmäßigkeit der vom.Avanti" geforderten Taktik. Parteilitcratur. Das Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der Sozialdemokratischen Partei Preußens! abgehalten zu Berlin vom 6. bis 8. Januar 1913, ist ii« Verlage der Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. H., Berlin soeben zur Ausgabe gelangt. Der Preis beträgt 1,25 M. Besonderem Interesse werden die ausführlichen Schilderungen des preußischen Wahlrechtskampfes sowie die Schilderungen der Kämpfe, die unsere kleine Landtagsfraktion zu bestehen hotte, be- gegnen.— Das Referat des Genossen Georg Schmidt über die Landarbeiterfrage in Deutschland hat allgemeines Aufsehen erregt. Jedem, der sich für die Landarbeiter frage interessiert, wird das Re- ferat sowie die daran anschließende Diskussion eine Fülle belehrenden Materials bieten. Von Wichtigkeit ist auch das Referat und die Diskussion über die bevorstehenden Landtagswahlen. Die zu diesem Thema be- schlossenen Richtlinien sind gleichfalls im Protokoll enthalten. Zu beziehen ist das Protokoll durch alle Buchhandlungen. 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Referent ist Reichstaqsabgeordneter Genosse Hermann �Venclel. 2. Freie Diskussion.-------------- 211/9* Die polnische Werktätige Bevölkerung ist zu dieser Versammluni, besonders eingeladen."V Der Einberufer: JL'kml Jloffmann, Königsbergcr Straße 28. Triulit „WERFT" Imuth Frneht Trunk Gesundes, magenstärkendes Getränk Kein Branntwein— Kein Likör :: in jedem Restaurant t: a Glas IO Pf., a Flasche 95 Pf, Sandmann& Woiffgang Gebrüder Berlin SW. 68. liU der Ortsvcrwaltnng: Berlin. Sonntag, den 23. Iiebruar 1913, vormittags 10 Uhr, in den Borussta-Festsälen, Ackerstr. 6/7: Versammlung der Dachdecker u. Hilfsarbeiter. T a gesordnung: 1. Bortrag des Arbeitersekretärs Genossen Adolf Ritter über: »Die Bedrohung des Koalitionsrechts." 2. Stellungnahme zum Ge'chästsbericht deS Vorstandes. 3. Verbandsangclcgcnheiten. BerbaudSbuch legitimiert. Ohne dasselbe kein Zutritt. 6l/2 Her Verntnnck. » UerwaltiiNlisSklle Kerlin. C. 54, Limenstr. 88—85. Verwaltung- Telephon: Amt Norden 1987. Kassierer: Amt Norden 185. Arbeitsnachweis Amt Norden 1239, 9714. Sonntag, den 23. Februar 1913, vormittags 10 Uhr, Mtglieder-VcrfamniUmg für Mildau, Köüllis-Wllkerhauskv, Zeuthen uud stmgtgeud im Lokal von Kodanek, Wildau fRestaurant Wildauer Hof). Tagesordnung wird in der Berfammlung bekannt gemacht. IMS- Ohne Slitglledsbncb kein Zutritt."W H Zahlreiches Erscheinen wird erwartet.------------- Montag, den 24. Februar, abends 8'/z Uhr: kealrks-verismmllillg für den 20. Bezirk in Frankes Festsälen, Badstr. 19. Tagesordnung: Fortsctznug der. Versammlung vom 17. Februar. ---------- Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.--- £19" Zahlreicher Besuch wird erwartet."VS Montag, de« 24. Februar, abends 8V2 Uhr: = Branchen-VcrfammUmg= der Glektromontcure u. Helfer Groß-Berl)n$ in den Musiker- Festsäle«, Kaiser-Wilhelm-Str. 18m(großer Saal). Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Nr. Rudolf Breitscheid. 2. Bericht über die Kämose im Baugewerbe. 3. Branchenangelegenheilen. IGT" In Anbetracht der interessanten und wichtigen Tagesordnung ist das Erscheinen sämtlicher Kollegen notwendig. Kollegen, die noch nicht im Besitze ihrer Kontrollkarte für das Jahr 1913 sind, können dieselbe noch in dieser Branchen-Versammlung in Empfang nehmen; die übrigen haben die Karte zwecks Abstempelung mitzubringen. Die Kollegen von Zwictnsch, Rix& Genest, Uardegen sind hiermit besonders eingeladen. 113/9 Bie Ortsvorwaltnng. v und llrelhig Jn den neuesten ordnen, grauen und braunen Farben u. vorzOgllcnslen Paßtormen Unsere Kleider- Werlte die als MustereinricWungen dieser Art von Behörden, Korpo- räfionen und Vereinen beslchfigk und empfohlen Vörden sind, stehen In sanitärer und sozialer Beziehung an der Spitze Ähnlicher mustergülfiger Betriebe. 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Arbeiter, meidet den Amnkersnsel! Partei->Zngelegenkeiten. Zweiter Kreis. 1. und 8. Abteilung. Morgen Sonntag, abends 6 Uhr, bei Rabe, Fichtestr. 29: A b e n d u n t e r h a l t u n g. Borlrag des Genossen G r u n w a l d über Goethe und die Arbeiter. Nachher Tan�. Um zahlreichen Besuch bitten Die Abteilungsführer. Wilmersdorf-Halcnsee. Der Wahwerein hält Montag, abends 8'/» Uhr. im Villoriagarten, Wilhelmsaue IIS, seine Monats- Versammlung ab. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Eich- Horn:„Vor hundert Jahren", innere Veremsangelegenheiten, die Landtagsersatzwahl. Pankow. Der Bildungsausschuh veranstaltet heute abend Zl/z Uhr im Lokal von Roezitfi, Kreuzstr. 3/4, einen volkstümlichen Kunstabend. Mitwirkende sind Frau Marxarete Walkoite, Gesang und Rezitation; Herr Heinz Caspari, Lieder zur Laute; am Flügel Herr Erwin Fäustel. Nach der Veranstaltung Tanz. Der Eintritt beträgt 50 Pf. Nicder-Schönhausen-Nordcnd. Heute Sonnabend abends 8 Uhr feiert der hiesige Wahlverein sein Sliflungssest im Lokale von Manke, Charlotten-, Ecke Beulhstrahe. Da das Programm ein vorzügliches ist, werden die Parteigenossen ersucht, recht regen Anteil zu nehmen Berliner IVadmcdten. Ein Kartellvertrag zwischen den beiden Freien Volks- bühnen wurde am Donnerstag durch eine außerordentliche General- Versammlung der Freien Volksbühne genehmigt. Uebcr die Gründe, welche den Abschluß des Vertrags wünschenswert erscheinen lassen, machte der Referent Robert Schmidt unter anderem folgende Angaben: Einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen beiden Volksbühnen war der, daß die Freie Volksbühne als geschlossener Verein der polizeilichen Zensur der aufzuführenden Theaterstücke nicht unterlag, während die Neue Freie Volksbühne auf den Vereins- charakter und daniit auf die Zensurfreiheit verzichtet hatte. Nachdem es die Polizei durchgesetzt, daß auch die Freie Volks- bühne der Zensur unterworfen ist, fällt dieser Unterschied zwischen den beiden Volksbühnen fort. Wenn es sich darum handelte. Verträge mit den Theaterdirektorcn abzuschließen, so machten sich beide Volksbühnen Konkurrenz. Diesen Um- stand konnten die Theaterdirektoren zu ihrem Vorteil und zum finanziellen Nachteil der Volksbühnen aus- nutzen. Es lag deshalb nahe, eine Vereinbarung beider Vereine anzustreben, um diese Konkurrenz, die beiden Vereinen unangenehm ist, auszuschließen. Deshalb sind die beiderseitigen Verwaltungen in Verhandlung getreten. Der zunächstliegende Gedanke einer Verschmelzung rief auf beiden Seiten Bedenken hervor und kann, wenigstens vor- läufig, nicht ausgeführt werden. Aber man. hat sich auf ben 2 Abschluß eines Kartellvertrages geeinigt. Für ein Zusammen- gehen der beiden Volksbühnen spricht auch der Umstand, daß es der Neuen Freien Volksbühne gelungen ist, die Verwirk- lichung ihres Projekts, am Bülowplatz ein eigenes modernes Theater zu bauen, sicherzustellen. Da dies Volkskunsthaus nur durch Unterstützung der Berliner Arbeiterschaft lcbens- fähig erhalten werden kann, so ist es natürlich Sache der Freien Volksbühne, auch ihren Mitgliedern das neue Theater zugänglich zu machen. Doch die Vertragsverhandlungen sind schon vor dem Abschluß dieses Projekts geführt worden. Der Kartellvertrag wahrt jedem der beiden Vereine seine volle Selbständigkeit. Er sichert gemeinschaftliches Vorgehen beim Abschluß von Verträgen mit den Theaterdirektoren. Die aus Vorstandsmitgliedern und den Geschäftsführern beider Vereine bestehende Kartelleitung verhandelt als geschlossene Einheit mit den Thcaterdjrektoren über die Pachtung und die zu liefernden Vorstellungen. Nach Festsetzung der Bedingungen schließt jeder Verein gesondert seine Pachtverträge ab. An den Vorstellungen aller gepachteten Theater nehmen die beiden Vereine im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl teil. Ueber die aufzuführenden Stücke beschließt jeder Verein gesondert, soweit nicht in gemeinsamer Beratung gleiche Stücke gewählt werden. Tie Neue Freie Volksbühne liefert der Freien Volks- bühne Theatervorstellungen im Neuen Volksihcater, später im Volkskunsthaus zum Selbstkostenpreise. Der Verein„Ver- suchsbühne" gewährt den Mitgliedern beider Vereine die gleichen Vorteile. Der Vertrag wird auf 3 Jahre abgeschlossen und kann dann von Jahr zu Jahr gekündigt werden. Der Referent empfahl die Annahme des Vertrages, der vielleicht mit der Zeit zu einem engeren Zusammenschluß beider Volksbühnen führen werde. In der Diskussion erhoben einzelne Redner Bedenken hin- ' sichtlich mancher Aenderungen in den Darbietungen de? Ver- eins, die aus dem Vertrage folgen. Tic Befürchtung, daß die Durchführung des Vertrages eine Beitragserhöhung notwendig mache, bezeichnete der Geschäftsführer W i n k l e r als un- begründet. Die meisten Diskussionsredner sprachen für die Annahme des Vertrages. Wenn sie auch hier und da manches anders gewünscht hätten, so verkannten sie doch nicht, daß das Kartell im Interesse der gesamten Volksbühnenbewegung not- wendig sei. Es wurde auch der Ansicht Ausdruck gegeben, daß das Kartell der erste Schritt auf dem Wege zur Ver- schmelzung beider Vereine sein möge. Schließlich nahm die ungewöhnlich stark besuchte Ver- sammlung den Vertrag mit allen gegen wenige Stimmen an. Schliestt den Hauptgashahn! Die Unvorsichtigkeit beim Umgang mit den Gasleitungen im Haushalt hat in den letzten Monaten wieder eine ganze Anzahl Opfer gefordert. Das Traurigste ist dabei, daß häufig auch ganz- lich Unschuldige mit in den Tod durch Gasvergiftung gerissen werden. Die Unsitte, aus Bequemlichkeit nur die kleinen Einzel- hähne an Kochmaschine und Gaskrone, nicht auch den Haupthahn am Gasmesser abends zu schließen, ist weitverbreitet. Der Ein- zelhahn kann sich während der Nacht durch Erschütterungen leicht selbsttätig etwas öffnen oder er wird unachtsam nur halb ga- schlössen oder die Zweigleitungen sind undicht, dann hat also das Gas, während die Hausbewohner schlafen, freien Zutritt zu den Räumen. Man braucht nicht immer an Vergiftung mit tödlichem Ausgange zu denken, aber schon kleinere Gasmcngen sind dem Schlasenden schädlich. Umgekehrt tritt das Gas, wenn abends nur hct Haupthahn geschlossen wird, am anderen Morgen bei der Leff- �nung des Haupthahns gleichzeitig aus allen etwa nicht oder nur l unvollkommen geschlossenen Nebenhähnen heraus. Es müssen also s vor dem Schlafengehen gewohnheitsmäßig sämtliche Hähne, den Haupthahn vor allem einbegriffen, fest geschlossen werden, damit jede Gefahr vermieden bleibt. Der Haupthahn am Gasmesser schließt gewöhnlich sehr fest, wird auch daraufhin periodisch amtlich geprüft. Besondere Sorgfalt ist nötig, wenn ein Hausangehöriger regelmäßig oder öfter spät nach Hause kommt. Auch soll man von Zeit zu Zeit, im Fall stärkeren Gasgeruchs nach längerer Oeff- nung von Türen und Fenstern, die Nebenleitungen ableuchten, um undichte Stellen zu ermitteln und ebenso gesundheitlicher Gefähr- dung wie erhöhter Zahlung aus dem Wege zu gehen. Kinder sind von der Gaseinrichtung streng fernzuhalten. Die Einführung von„Jugend-Borstellungcn" hat auf die Kino theater eine sehr nachteilige Wirkung ausgeübt: mehr als ein Viertelhundert der kleineren„Kunsttempel" dieser Art hat seitdem die Pforten schließen müssen. Diese Folgeerscheinung erklärt sich daraus, daß die Be sucber dieser eigentlichen„Kientöppe" die früher den Abend- Vorstellungen mit ihren Kindern beizuwohnen pflegten, jetzt fernbleiben, weil sie die Kinder nicht mehr mitbringen dürfen und die nachmittägigen ,Jugend"-Vorstellungen für minderwertige oder doch kindliche Darbietungen halten. Mit der Festhaltung der Alters- grenze von sechs Jahren haben die Kinobesitzer ihre Schwierigkeit und es regnet jetzt Strafmandate in erheblicher Zahl. „Groß-Berliner Fischzentrale" nannte der Fischhändler Friedrich Peters aus der Schönhauser Allee 18öa ein Unternehmen, das er vor einem Vierteljahr ins Leben rief, um, wie sich jetzt herausgestellt hat, Kautions- und Warenschwindeleien zu begehen. Kurz vor Weih- nachten gründete er die Zentrale, die, wie, die Briefbogen erkennen ließen, 19 Filialen in verschiedenen Stadtteilen hatte. Es war auch seine„Absicht", wenigstens soviel Zweiggeschäfte einzurichten. Er inserierte zu diesem Zweck in den Zeitungen und verlangte Leiter. die in der Lage seien, Kautionen in Höhe von 599— 2999 M. zu stellen. Es meldeten sich auch mehrere Personen, die die geforderte Bürgschaft stellten. Diese bestand in den meisten Fällen aus Wert- papieren, die Peters bei seiner Bank sicherstellen wollte. Er brachte sie auch dorthin und zeigte den Filialleitern die Bestätigung hier- über. Diese ahnten aber nicht, daß der Händler sie auf sein Konto hatte schreiben lassen mit dem Auftrage, sie zu Geld zu machen. Die Summe hob er dann bald ab und verbrauchte sie für sich. Fünf Filialen, die er in der Graunstraße. Äochhannstraße, Boxhagener Straße und Thaerstraß« einrichtete, indem er sowohl die Waren wie auch die Ladeneinrichtung mit Wechseln bezahlte, mußten polizeilich geschlossen werden, da die Wechsel von Pciers nicht eingelöst wurden und die Lieferanten deshalb ihre Waren wieder abholten. Solange sie noch im Betrieb waren, fuhr Peters, der auf großem Fuße lebt«, fast täglich mit einem Kraftwagen vor und holte das einkassierte Geld ab. Als die betrogenen Filialleiter jetzt sahen, mit wem sie es zu tun hatten, und deshalb ihre Kaution wiederverlangten, erfuhren sie, daß der Schwindler ihre Papiere zu Geld gemacht und von der Bank abgehoben hatte. Die Angestellten sind zusammen um unge- fähr 7999. M.. durch ihn geschädigt, worden.- Peters wurde gestern verhaftet. Die Kriminalpolizei ersucht weiter« durch ihn Geschädigte, sich im Zimmer 193 zu melden. Eine aufregende Szene spielte sich gestern früh im Norden der Stadt ab. In dem Hause Wiescnstraße 33 wohnte der 49 Jahre alte Arbeiter und frühere Diener Karl Mischke mit seiner Frau und drei Kindern. Vor vier Jahren, als der Mann in einer Chemikalien- fabrik beschäftigt vxtr, wurde er durch Schwefelgase betäubt und kam dadurch so unglücklich zu Fall, daß er mit der linken Schläfe aus einen eisernen Träger ausschlug. Seitbein litt Mischke an epilepti- schen Krämpfen und wurde oft in einen Dämmerzustand versetzt, in dem er irre Reden führte. In der Nacht zu Freitag bekam er plötzlich wieder einen Anfall. Er versuchte fortgesetzt aus dem Bett zu springen, um. wie er sagte, spazieren zu gehen, weil es Frühling geworden sei. Seine Frau und sein 17jähriger Sohn hielten ihn aber zurück. Um fünf Uhr gelang es ihm aber doch, aufzustehen, sich die Hosen anzuziehen und so die Treppen herunterzulaufen. Sein Sohn merkte sein Verschwinden aber bald, und lies ihm, ebenfalls nur mit Hemde und Hose bekleidet, nach. An der Uferstraße holte er seinen Vater ein. Als er ihn festhalten wollte, widersetzte sich dieser aber mit allen Kräften, befreite sich auch endlich von ihm und sprang von der Brücke hinab-in die Panke. Wahrscheinlich hat ein Herz- schlag seinem Leben sofort ein Ende gemacht als er mit dem kalten Wasser in Berührung kam,-denn er wurde sofort weitergetrieben. Die benachrichtigte Feuerwehr zog ihn vor dem Grundstück Gericht- straße �3 als Leiche wieder heraus. Der tollwutvcrdächtige Hund, der. wie wir gestern mitteilten, von einem Schutzmann mit dem Säbel erschlagen worden ist, nach- dem er ungefähr 19 Personen und zwei Pferde am Weinbergsweg gebissen hatte. ivurde gestern vormittag von dem Kreistierarzt Belerinärarzt Krüger im Depot des Tierschutzvereins in der Schickler- straße obduziert. Die Untersuchung ergab, daß das Tier aller Wahrscheinlichkeit nach von Tollwut befallen worden war. � Genau läßt sich dies durch die Obduklion nicht feststellen. Das wirk- licke Vorhandensein dieser Krankheit bei dem Tiere kann erst die weitere Untersuchung ergeben, die im Institut für Infektionskrankheiten vorgenommen wird. Von dem Kadaver, der dorthin gebracht worden ist, wird der Schädel und das Rückenmark entnommen. Erst aus dem daraus gewonnenen Serum läßt sich dann sagen. ob das Tier tatsächlich tollwütig gewesen ist. Außer den drei Personen, einen« Mann, einer Frau und einem Kinde, die, wie wir berichleten, gleich festgestell« werden konnten. baben sich gestern vormittag noch zwei weitere Personen im Institut für Infektionskrankheiten gemeldet. Alle werden einer Behandlung unterzogen werden und täglich gespritzt, um den Folgen des Bisses vorzubeugen. Es ist dringend»ölig, daß sich auch alle anderen von den, Hund gebissenen Personen sofort dieser Behandlung unter- ziehen und sich sofort melden, ehe es zu spät ist. Wie«vir ver- nehmen, wird als Folge dieses Falles wahrscheinlich eine Hundespcrre von etwa 6—8 Wochen Dauer in Groß-Berlin verhängt werden. Verhängnisvoller Sturz vom Straßenbahnwagen. Ein schwerer Straßenbahnunfall hat sich am Freitag früh in der Wiesenstraßc zugetragen. Der SLjährige Droschkcnbesitzer Eduard Dicks aus der Reinickendorfer Straße 45 bestieg in der Wiesenstraßc einen Wagen der nach Pankow führenden Linie der Siemens-Bahn. Als er dem«chaffncr das Fahrgeld geben wollte, passierte der Wagen gerode eine Kurve, und durch den Ruck stürzte Dicks vom Vorder- Perron herab. Er schlug so heftig mit dem Kopf auf das Straßen- Pflaster auf, daß er blutüberströmt und besinnungslos liegen blieb. Der Verunglückte wurde zu dnein in der Nähe wohnenden Arzt geschafft, der einen schweren Schädelbruch und innere Verletzungen feststellte. Nach Anlegung von Notverbänden wurde der Droschken- bcsttzer nach dem Rudolf-Birchow-Krankenhquse geschafft. An der Schutzmannsbrücke im Tiergarten hat gestern morgen gegen 7 Uhr ein etwa 39jähriger, dem Handwerkerstande ange- höriger Mann durch Erschießen Selbstmord verübt. Der Unbe- kannte, der keinerlei Legitimationspapiere bei sich führte, war mit dunkelblauem Jackettanzug, dunklem Paletot, steifem schwarzen Hut und gelben Schuhen bekleidet. Der Tote ist etwa 1,79 Meter groß, hat blondes Haar und Bart. Arbeiter-Bildungsschule, Grenadicrstr. 37. Morgen Sonntag, den 23. Februar, abends Uhr, beginnen die drei Vorträge faeS Genossen Julian Borcbardt über:„Die gegenwärtige Teuerung und die bürgerlicheNationatökonomie". (Fortsetzung am 2. und 9. März.) Eintritt für Mitglieder gegen Vorzeigung des Mitgliedsbuches frei. Beiträge-können bezahlt werden. Gäste zahlen 29 Pf. Zahlreiche Beteiligung wird er- wartet. Fußballwcttspiele der Arbeiter- Turn- und-Sportvereine. Am Sonnlagnachmiitag um Vz4 Uhr spielt Fichte 9— Scböneberg in Reinickendorf- West, Wachholderstraße(gegenüber der Strafanstalt Tegel)._ Bcrnhard-Rose-Theater. Welch' böser Geist hat die sonst bei Erwerbung neuer Stücke meist ein sicheres Auge verratende Direktion verführt, einen Schmarrn wie den„Weg zum Himmel" anzunehmen? Darin muß man mit den unglaublichsten Menschen und Milieuschilderungen Bekanntschast machen. Beispielsweise mit einem Fabrikherrn, der von aller seiner Herzensverhäriung plötzlich durch einen Traum: er stehe vor dem Erzengel Gabriel, dem er Rechenschaft ablegen müsse über sein Tun auf Erden—- in einen wahrhaftigen Konzert« Wohltäter verwandelt wird. Angenommen, es gäbe wirklich einmal solch' Millionärexemplar— was würde mit ihm geschehen? Die Erben würden es unter Kuratell stellen lassen. Das Stück müßle demnach eigentlich heißen:„Der Weg in die Kaltwasser- Heilanstalt". Der ganze dritte Akt— das ist nämlich der unfern kommerzienrätlichen Biedermann innerhalb einer Ruhestunde total umkrempelnde Traum— spielt im Himmel. Der Erzengel, in Rüstung, wie altfranzösische Bilder die I u n g f r a u v o n O r l e a n s zeigen, hält auf seinen Flamberg gestützt, eine völlig im Geists der Berliner Stadtmission gedrechselte Rede, worin Wolken- kuckucksheim allen proletarisch behasteten Menschenkindern als Bc- lohnung angepriesen wird. Gegen diesen bimmlischen Glücks- Posaunisten vermöchte Karl Marx nicht aufzukommen! Vater Kommerzienrat, der sich in der Person eines ganze Kapitel aus einem Briefsteller für Liebende, insgleichen aus besagten Synodal- traklätchen deklamierenden Pfarramtskandidaten seinen Schwieger- söhn erkiest hat, sorgt denn auch, daß er einstmals in den Himmel komme. Nur der Amtsrichter, der zwar gern nach der Stimme seines natürlich ebenfalls salbungsvollen Herzens Urteile fällen möchte, aber doch niemals über den starren Gcsetzbuchstaben hinauskommt, und der Medizinal rat, der sich übrigens in der präzis kopierten Maske dcö Philosophen Artur Schopenhauer präsentiert:— die beiden, allen Tonsurierten und Gescheitelten odioie Gesellen, müssen hinab in den hintersten Zahn des siebenten Höllenrachcns, um hier regelrecht geschmorl und gebraten zu werden. Außer dem Schokolade- fabrikanteil ist da noch eine Nichte, die in Wahrbeil seine Tochter ist— denn er ist Junggeselle—, ferner ein gar leichtlebiger Frechdachs von Neffe und eine Wirtschafterin. die mit der Verzapfung un- verfäi'chten„astprcußischen" Dialekts für Zuschauerbelustigung einzustehen hat. Ueberhaupt herrscht in dem kommerzien- rätlichen Lause ein Bildungston, der seine Gemeinplätzig- keitsvokäbeln aus dem Berluier Osten herbezieht. Und die Fabrik- arbeiter, so da auftreten, sind natürlich auch nach pastörlichem Schema gemacht. Zum Schluß ist eitel Freude— als Vorgeschmack himmlischer Freuden, die jedem, der hier unten hübsch demütig bungerte und sich von den Kapitalisten und Pfaffen ebenso schnfs- geduldig über den Löffel„balbieren" ließ, zuteil werden sollen. Wo aber alles übertrieft, da bleibt für die armen Schauspieler„nix tau säggen" übrig, wesmaßen in diesem Kaltwasserdrama von Johannes Heß reichliche Kostproben verzapft wurden. Xorort- Nacbncbtern Tic Wahlmänner-Ersatzwahlen im Kreise Teltow- Beeskow-Wilmersdorf hatten nach den bisher eingelaufenen Meldungen folgendes Ergebnis: Es wurden gewählt 193 liberale, 120 konservative und 118 sozialdemokratische Wahlmänner. Von ins- gesamt 560 Mandaten sind demnach 431 bekannt. Lichtenberg. Stadtverordnetenversammlung. In die zu wählende Kommission betreffend Vorberalung der Frage des Pestalozzi-Lhzeums wurden die Genossen Rössel. Pelohansel, Lücke und Düwell delegiert. Der Magistrat sorderle die Genchmigllng zur Aufnahme einer Anleihe in Höhe von 1 599 999 Mark. Die Mittel sollen zur Auffüllung des Grundstückserwerbsfonds dienen. Namens der Bürgerlichen bean- tragte Stadtv. Dr. Bokofzer, die Vorlage an den Magistrat zurück- zugeben oder sie einer besonderen Kommission zu überweisen. Sie sei nicht genügend begründet, dazu lägen die Verhältnisse auf dem Geldmarkt der Begebung von Anleihen nicht günstig. Bürgermeister Dr. llnger erklärte, die Zustimmung zu der Vorlage sei durchaus zweckdienlich. Der Magistrat müsse die Möglichkeit haben, bei einer günstigeren Siluation auf dem Geldmarkt sofort zu- greifen zu können. Der Fiskus verlange hier ein Restkauf- geld in Höhe von fast einer Million Mark aus dem Erwerb des Wuhlheide-Grundstückes und die Erhöhung des Zinsfußes von 3l/t aus 41/2 Pröz.— Weil der Stadtverordnetenvorsteher zu der Sacbe sprechen wollte, hatte Genosse Grauer zum erstenmal die Verhandlungen zu leiten.— Stadtv. Plonz erklärte sich gegen die Vorlage. Der Fiskus werde mit sich reden lasien. Der Anspruch des FiskuS sei unerhört. Es könne noch zu erreichen sein; die Forderung, den Zinsfuß von 3,/4 auf 4% Prozent zu erhöhen, sei unveranttvortlich. Er empfehle, mit Rücksicht auf den GelSmarkt, falls der FiskuS nicht mit sich reden lasse, das Restkaufgeld eventl. auf ein Jahr zu prolongieren. Die frühere Gemeinde Rummels- bürg habe mit dem Ankauf des WuhlheidegrundstückeS ein schlechtes Geschäft gemacht.— Gegen die Gruppe des Herrn Schachtel, der die Rückverweisung einer Dechargierung beantragte, damit der früheren Gemeinde Rummelsburg noch formelle Verstöße nachgewiesen werden können, wurde die Enilastung erteilt. 2 Stunden Debatte waren dazu erforderlich. Genosse Grauer begründete einen von unseren Genossen ein- gebrachten Antrag, wonach die Inanspruchnahme von Krankenhaus- pflege usw. das kommunale Wahlrecht nichl beschränken soll, wenn nach Beendigung des Pflegefalles sechs Monate hindurch Rück- zahluugen geleistet worden sind. Genosse Grauer wies daraus bin. daß in verschiedenen Städten bcreirs in derselben Weise beschlossen worden sei. Nach kurzer Diskussion gelangte der Antrag bei nur wenigen Stimmenenthaltungen zur Annahme. Herr Oberbürger» meister Ziethen erklärte, der Magistrat babe zu der Angelegenheit noch keine Stellung genommen, wie seine Entscheidung ausfalle könne er nichr sagen.— In der geheimen Sitzung würde außer über anderen Materien, iit sehr ausgedehnter Weise die Frage eines Rathausneubaues erörtert. Zu einem endgültigen Entschluß kam man noch nicht l neue Projekte sollen nicht berücksichligt werden Laut Beschluß sollen Pläne für ein bestimmtes Projekt im freien Wettbewerb ouSgeschrie6s?> w«tt>eu. Schöneberg. Der städtische Fleischverkauf findet von heute ab täglich von 8Vz Uhr früh bis 7l/z Uhr abends durch die K a n s u m g e n o s s e n« s ch a f t Berlin und Umgegend in der Verkaufsstelle Vorberg, ftratze(Ecke Gleditschstratze) an jedermann statt. Ober-Schöneweide. Ein Winterfest veranstaltet heute Sonnabend im Wilhelminenhof die hiesige Ortsgruppe des Arbeiter-Radfahrerbundes„Solidarität". Die Arbeiterschaft wird um regen Besuch des Festes gebeten. Fangschleuse. Ju einer gut besuchten öffeirtlichen Versammlung referiert- Arbeitersekrelär Genosse Julius Hildebrandt-Berlin über das Thema: „Die kommenden Landtagswahlen". Nach den mit lebhaftem Bei- fall aufgen«nmenen Ausführungen forderte der Vorsitzende Genosse Haucke die Versammelten auf, die Worte des Referenten zu beherzigen und vor allen Dingen der politischen Organisation beizutreten. Das Resultat der Versammlung war denn auch die Aufnahme neun neuer Mitglieder. Friedrichsfelde. Zur Jahrhundertfeier der Befreiungskriege lautete das Thema. über das Genosse Redakteur D ä u m i g in einer öffentlichen Ver- sammlung referierte. Der Redner unterzog die Verhältnisse der damaligen Zeit unter dem Beifall der Versammelten einer gründ- lichen Kritik. Leider war die Versammlung etwas schwach besucht. Genosse Schwenk forderte noch die Versammelten auf, zur bevor- stehenden LandtagSwahl mit allen Kräften tätig zu sein. Herzfelde. In der letzten Gemcindcvertretersitzuug wurde zum wiederholten Male über den Antrag des KreiscS, betr. Anschluß au daS projektierte Kreiswasserwerk verhandelt. Nach längerer Debatte, in der be- sonderS hervorgehoben wurde, daß wegen des mißlichen Finanz- Wesens der Kommune die Kafialisation für längere Jahre nicht durchgeführt werden könne, beschloß die Vertretung den Anschluß an das Kreiswasserwerk nach dem Modus L deS Antrage«. Die Legung des Rohrnetze?, Verteilung deS WasferS an die Konsumenten usw. wird demzufolge also direkt vom Kreise aus erfolgen.— Zu dem Antrage:„Anstellung weiterer Lehrkräfte oder Umbildung de« jetzigen Schulsystems" wurde vom Vorsitzenden mitgeteilt, daß gegenwärtig die 14 Klassen der hiesigen Gemeindeschulen von nur 10 Lehrkräften verwaltet werden. Eine ordnungsmäßige Einteilung des Schulunterrichls sei aus diesem Grunde nicht möglich. Auf Antrag des Vorsitzenden wurde sonderbarer Weise nochmals be- schlössen, bei der Regierung wegen Erteilung der Genehmigung zur Umwandlung des siebenstufigen in ein sechsstuftges Schulsystem vor- stellig zu werden. Derselbe Antrag ist bereits zweimal an die Regierung gestellt, aber jedesmal abschlägig beschieden worden.— Im Verlaufe der Beratung über den Antrag betreffend Pflasterung der Ziegelstraße, die von der Gemeindevertretung seinerzeit be- schlössen worden war, kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Die Pflasterungsbedürftigkeit wurde zwar allseitig anerkannt, aber die Renovierung der Straße selbst wurde aus pekuniären Gründen erst für später empfohlen. Ausgerechnet der Ziegeleibesitzer G. Mann, der sonst noch nie viel für Verbesserungen übrig hatte, warf sich zum Verteidiger des Antrages auf. Eine eigentümliche Stellung nahm hierzu auch der hiesige Amtsvorsteher und Ziegelei- besitzer Behne ein; letzterer bezeichnete den Antrag auf Pflasterung der Ziegelstraße als ein„Stück aus dem TollhauS". Schließlich wurde der Antrag vertagt.— Zu dem Gesuch der Märkischen Eieltrizilätswerks-A.-G. um Genehmigung zur Verlegung von Hoch- fpannungskabeln im hiesigen Orte wurden vom Borsitzenden ein- gehende' Erläuterungen gegeben. Die Genehmigung zur Kabel- ve-legung in der Möllenstraße sei nur provisorisch erteilt worden. Von den hiesigen Ziegeleibesitzern sei ferner mit der A.-G. bereits ein Vertrag abgeschlossen worden. Der Vertreter der Ziegeleibesitzer teilte noch mit, daß dies unter sehr günstigen Bedingungen geschehen 'sei; er empfahl, mit der Gesellschaft wegen der Stromlieferung auch für die Gemeinde in Verhandlungen zu treten. Der Strom könnte dann an die Konsumenten zu einem billigeren Preise als von dem eigenen Werke abgegeben werden. Die Einsichtnahme in den Ver- trag soll der Gemeindevertretung jedoch merkwürdigerweise nicht ge- stattet werden. Aus diesem Grunde stellte sich die Mehrheit der Ver- tretung dem Gesuch der A.-G. sehr skeptisch gegenüber. Nach noch weiterer Debatte wurde der Antrag der BeleuchlungS- und der außer- ordentlichen Kommission überwiesen. NowaweS. Der provisorische Bahnhof, dessen Bestehen sich mit dem Fort- schreiten des neuen BahnhofSbaueS immer mehr dem Ende nähert, hat in den letzten Tagen eure Verbesserung erfahren, die allerdings bereits bei feiner Neuanlage hätte berücksichtigt werden müssen. Der Bahnsteig ist beiderseits durch Anschüttung um etwa 3ö Zentimeter höher gelegt worden, wodurch den Reisenden, vor allem den- jenigen mit Traglasten, daS Ein- und Aussteigen wesentlich er- leichtert wird._ Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Neukölln. Am Monwg, den 24. Februar, nachmittags 5 Uhr, im Nathaule, Berliner Str. 63,»euer Sitzungssaal(2 Treppen): Außerordentliche Stadwerordnetenbersamnilung. Aus der Tagesordnung steht u. a.: HaushaltSvoransirlag sür 1913. Ausgestaltung deS Körnerpark». Errichtung eines SchillerlheaterS der Stadt Neutölln. Diese Sitzungen sinv öffentlich. Jeder Cemeindeangehörigc ist berechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Jius der frauenbewegung. Ueder„Kind und Religion" sprach im Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse am Monlag Genosse G ö h r e. Die Versammlung war gut besucht, der leider etwas zu kleine Saal zum Erdrücken voll. Genosse Göhr« führte folgendes aus: Wer das Problem von Kind und Religion verstehen will, muß zwei Vorfragen beantworten: Was ist Religion? WaS ist das Kind? Religion hat es. soweit sie nicht ein Mittel zu fremden, außer ihr liegenden Zwecken ist, mit Fragen der Welt- anschauung, dem Glauben an eine Gottheit und Erfahrungen deS praktischen LebenS zu tun— alles Angelegenheiten des erwachsenen Menschen, und zwar heute auch nur noch eines kleineren Teiles von ihnen. DaS Kind aber ist unreif, zuerst nur mit Anlagen und Zielen, später mit nur langsam zunehmenden engen Erfahrungen ausgerüstet. Weltanschaumigsfragen kann eS nicht tasseu, ebensowenig Begriffe wie Gott. Religion und Kind gehören also schlechterdings nicht zusammen. Daraus folgt zunächst, daß jegliche Art von ReligionS- Unterricht aus der Schule wegzubleiben hat. Solange da» nicht geschieht, haben die Eltern alles zu tun, �ihre Kinder mit der Religion nicht in Verbindung zu bringen. Sie habe» sie deshalb weder taufen noch konfirmieren zu lassen. In den 6 Jahren vor der Schule haben sie sie von aller Berührung mit Religion fern- zuHallen. Während der Schulzeit sollen sie den in der Schule ge- lriebenen religiösen Dingen möglichst gleichgültig gegenüber sich ver- halten: Kindern, die religiöse Fragen stellen, soll man ruhig.� au«- fsibrlich, so gut man kann, seine eigene Meinung gegenüberstellen und begründen, weshalb nean sie hat. Spott und Verhöhnung haben aber unbedingt wegzubleiben. Wer religiöse Unterweisung haben will, soll sie im späteren Alter suchen. Sie zu vermitteln, soll allein Sache der Kirchen sein, doch müsie dafür gesorgt werden. daß auch von denen nicht der geringste Zwang geübt werde. Das Ziel der Beseitigung der Religion ous der Schule kann nur auf politischem Wege erreicht werde». Eine sehr wuchtig« Borbereitung dazu sei ein massenhafter Austritt aus der Landeskirche. Es schloß sich eine sehr lebhafte Debatte an den Bortrag, die sich namentlich um das religiöse Problem drehte. Versammlungen. (Ortsverwaltung Berlin) hielt am ztversammlung ab. Den Geschäfts Der Berband der Sattler Mittwoch seine Jähresgenerd___________„ DM bericht, der auch gedruckt vorlag, erstattete Ernst Schulze. Die Mitgliederzahl hat trotz�des gunstigen Standes am Schlüsse deS VoriahreS eine weitere Steigerung erfahren. Die Finmzzlagx der Verwaltungsstelle verdient das Prädikat: sehr gut, und die Ein- Wirkung der Organisation auf die allgemeine Hebung der Lohn- und Arbeitsbedingungen ist gerade in diesem Jahre wieder in ganz hervorrageich günstiger Weise zum Ausdruck gekommen. Ein neuer Vertrag konnte in der Militäreffektenbranche auf drei Jahre abgeschlossen werden. Dieser Vertrag, der wesentliche Ver- besserungen enthält, wurde von 14 Berliner Firmen anerkannt, die zur Zeit des Tarifabschlusses S33 Arbeiter beschäftigten, von denen 468 im Verband der Sattler und Porttfeuiller organisiert waren. Im 4. Quartal des Jahres arbeiteten sogar ruich 600 Arbeiter in diesen 14 Betrieben. Auch die Arbeiter der P l a n- u n d Z e l t- blanche unternahmen nach einer dreijährigen LeriragSzeü einen Vorstoß zur Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen. Einen Kampf gab es auch in der W a g e n b r a n ch c. Beteiligt waren auch daran mehrere andere Organisationen. Für die große Mehrheit der betreffenden Arbeiter konnte der Kampf mit einem glänzenden Erfolg durchgeführt werden. Zur Arbeitseinstellung kam es weiter im Deutschen O f f i z i e r v e r e i n. Der Kamps dauerte volle neun Wochen und nur die-.igenartigen Ver- Hältnissen in diesem Betriebe waren der Grund, warum die Bewegung abgebrochen werden mußte. Tie Lohn- bewegung in der Wage n- und A u t o b r a n ch e beeinflußte die Tätigkeit und das Leben dieser Gruppe ganz außerordentlich. Bei dem Bestreben, für eine wirksame Durchführung des neuen Ver- träges Sorge zu tragen, kam«S zu mancherlei Differenzen, und zwar handelte es sich stets uni die Einstellung neuer Arbeitskräfte, die laut Vertrag, nach Möglichkeit durch den Nachweis des Verbandes zu erfolgen hat. Es gelang der Organisation, den vertraglichen Bestimmungen bei den in Betracht kommenden Firmen Geltung u verschaffen. In dem Betrieb der Neuen Aüto mobil- Gesellschaft in Oberschöneweide bildet das Bestreben, die gelbe Organisation zu fördern, einen ständigen Konflittsstosf. Neueinstellungen werden zum Teil einfach davon abhängig gemacht, daß die Betreffenden ihren Beitritt zur gelben Organisation schrift- lich erklären müssen. Bis jetzt ist es gelungen, der gelben Seuche wirksam entgegenzuarbeiten. Tie EntWickelung des Automobil- Wesens ist in den letzten Jahren in rapider Weise vor sich ge- gangen, und brachte den in Betracht kommenden Arbeitern reich- liche Arbeitsgelegenheit. Angesichts dieser Entwickelung hat die Organisation«S sür angebracht erachtet, für die Wagenbranche ein« Fachschule zu errichten, wo den Teilnehmern Gelegenheit ge- gegeben wird, sich besonders im Modellemachen und Zuschneiden auszubilden. Ter Unterricht wird von einigen erfahrenen und üchtigen Verbandsinitgliedern aus diesem Berufszweige erteilt. Auch die kleinste Gruppe der Verwaltung, die Branche der Eisen möbel. und Leder stuhlpol st erer, hatte im letzten Jahre einige Werkstattdisferenzen zu erledigen, die erfolgreich verliefen. Eine gute Entwicklung hat auch die Jugendabteilung durchgemacht. Zur Erledigung dar Verwaltungsgeschäfte fanden '27 Vorstandssitzungen statt, außerdem S Generalversammlungen, 81 Branchen Versammlungen, eine Versammlung aller Funktionäre und 16 Vertrauensmännerzusammenkünfte. An der Maiseier be- teiligien sich rund 1600 Berufskollegen und-kolleginnen. Die Mitgliederbawegung bringt einen Zuwachs von 190 Mitgliedern. Der Mitgliederbestand betrug am 31. Dezember 1912 3610. Weibliche Mitglieder waren 199 vorhanden. Mit- gliederbestand der Jugendabteilung 145. Den Bericht vom Arbeits Nachweis erstattete Haupt- mann. Die Arbeitsgelegenheit im letzten Jahre kann mit Aus- nähme der Reiseartikelbranche als äußerst günstig bezeichnet werden. Die Zahl der eingeschriebenen Arbeitslosen betrug 2697, davon waren 143 nicht organisiert. Die Zahl der verlangten Arbeits- kräfte betrug 1504. Die Zahl der besetzten Stellen 1088. Den Kassenbericht erstattete Wehher. Abschluß der Hauptkasse: Einnahmen und Ausgaben bilanzieren mit 83 855,25 Mk. Für die verschiedenen Unterstützungen wurden au«. gegeben 39 790,67 Mk. Bestand und Einnahmen der L o k a l k a s s e betrugen 99 445,43 Mk. Die Ausgaben beliefen sich auf 15 413.67 Mark, bleibt Bestand am 31. Dezember 1912 8431,76 Mk. Die Berliner Verwaltung schloß wie folgt ab: Bestand und Einnahmen 10 077,30 Mk.. Ausgaben 8877,23 Mk., Bestand am 31. Dezember 1912: 1200,07 Mk. Einnahmen der Lehrlings. und Jugendabteilung bilanzieren mit 716,70 Mk. Dem Geschäfts- und Kassenbericht folgte eine kurze Diskussion, die aber keinerlei Monitas zum Ausdruck brachte. Sodann wurden die Wahlen vorgenommen. Ale Revisoren wurden gewählt: Zech, B a u m g a r t und Alvin Hirsch. In die Beschwerde. tommission: Erdmann. Meding und G e p p e r i. In den GesellenauSschutz: Granzer. Langer. Habermann und D ö h n e r t. AI« Ersatzmänner: Johann H o s s m a n n und Paul Bochmann. Als Beisitzer zum»Schiedsgericht: Langer und PinkowSki. AIS Ersatzmänner: Starke und L i l l i g. Eue aller Cflelt. Yorker dtaataftUtzen. Aus N« d» Jork wird un« unter dem 10. d. M. geschrieben: Immer mächtigere Kreise werden in die Untersuchung über die Korruption der als New Uorker Polizei fungierenden organisierten Verbrechcrbande verwickelt. Während unsere„SicherhcitÄbehöxde" seit der Ermordung des Spielhalters Hermann Rosenthal und der Verhaftung des inzwischen zum Tode verurteilten PolizcileutnantS Becker Klauen und Zähne daransetzt, eine Aufdeckung de« Riesen- skandalS zu hintertreiben, spannt der republikanische Distrikt«. (Staats-) anwalt Whitman jede Fiber an, die demokratische Raüborganisation Tammanh Hall in der von. ihr kontrollierten Polizei zu treffen. Bis an die Schwelle Charles F. Murphys, des waltenden Gebieters der Tammany Hall, der demokratischen Parteiorgani- sation deS Staate« New Jork, der Legislatur(Parlament de? Staates) und des von ihm auf den Sessel des Staatsoberhauptes erhobenen Gouverneurs S u l z e l, hat Whitman, der die eigene Partei an die Krippe bringen und sich eine glänzende politische Zukunft sichern möchte, die Spur verfolgt. Seitdem Rosenthal die Käuflichkeit der Sittenpolizei bloßstellen wollte und deshalb von gedungenen Mörder» erschossen wurde, suchte die Polizei durch Drohung und Einschüchterung, durch Meineid und Mord, kurz: durch die Anwendung aller Erfolg versprechenden Mittel die Bloßstellung ihre»„System»" und die Ueberführung ihrer„Leute" zu verhüten. Aber sie spannt« den Bogen allzu straff und brachte sich damit ins Verderben. Im Anschluß an die sensationellen Aussagen der früheren Bordellwirtin Mary Gcode bekundete dar Hotelier D i p p. Besitzer eine« AbsteigeguartierS für Dirnen mit Männerbegleitung, er habe durch die Vermitteluivg eines Polizisten Fox regelmäßig an höhere Polizeibeamte„Schmiergelder" bezahlt. Durch polizeiliche Drohungen wurde Sipp in Todesangst ver- setzt, so daß er bereitwillig den Staat New Jork verließ und sich der Pflicht der Zeugenbekundung im Prozesse Ziox entzog, als ihm von Polizeibeamten 900 Dollar Reisegeld eingehändigt und künftige finanzielle Unterstützungen versprochen wurden. Hätte die Polizei den nach Atlantic Ciih verzogenen Sipp in Ruhe gelassen, so wäre der Zeuge sicherlich nicht nach New Aork zurückgekehrt, um gegen Fox oder andere Polizisten auszusagen. Aber Sipp sollte ganz ruiniert wenden. Er wurde auf Grund einer zu dem besonderen Zweck sabrizierten Anklage aus Betreiben deS hiesigen Mayors(Oberbürgermeisters) Gaynor, eines großen Reformlichtes vor dem Herrn, verhaftet, um seinen Aussagen von vornherein jeden Anspruch auf Glaubwürdigkeit zu nehmen. Aber die Unschuld Sipps an dem ihm zur Last gelegten Ver- brechen wurde klar erwiesen, das Spiel der Polizei durchschaut und bloßgelegt. Andere„Wissende" aus der Unterwelt des VenuS» dienstes und des Glücksspiels stellten sich dem Tistriktsanwalt Whitman zur Verfügung. Einwandfreie Zeugen kamen hinzu. Immer schlüssiger und unwiderleglicher wurde die Beweiskette. Dem überwältigenden Belastungsmaterial gegenurer gab Fox das Leugnen auf. Er gestand, für den Polizeihauptmann W a l s h von einem Dutzend Hotel« monatlich 1300 Dollar erpreßt zu haben. Und das gleiche Treiben wurde Tausenden von Lokalen gegenüber geübt. Auch W a l s h gestand, was sich nicht mehr bestreiten ließ. Auch er, der Polizeihauptmann, war nur der Erpresseragent sür seine Vorgesetzten. Polizciinspektoren, die ihrerseits wieder im Einverständnis mit„höheren Stellen" handelten. Unter den bis jetzt Belasteten und zweifellos Schuldigen h«. finden sich: John F. Murphy und der Polizeihauptmann Patrick I. Cray, Bruder resp. Schwager des Tammanyführers Charles F. Murphy; die Polizeiinspektoren Sweeneh, McLaughlin und H a r l e y, verschiedene Polizeihauptleute,-leut- n a n t S und-s e r g e a n t e n; gemeine Polizisten, frühere Mitglieder des Stadtrats, der Exshcrisf(Sherisf= höchster Exekutivbeamte eines Counth) H e r v e y von Queens. Aber auch ein Stellvertreter des Polizeilommissärs(Polizeipräsidenten) Waldow sieht seiner Versetzung in den Anklagezustand entgegen. Dabei stehen wir noch im ersten Stadium der Enthüllungen. Masscuvergiftung in einem Kino-Theater. Ein merkwürdiger Unfall hat sich am Donnerstag in einem Kinematographen-Theater in der Rue Pernet in Paris ereignet. Dort wurde während der Vorführung eines etwa eine halb« Stunde währenden FilmS die Heizungsanlage undicht, so daß die sich entwickelnden Kohlenoxydgase sich im Zuschauerraum ausbreiten konnten. Seltsamerweise folgten die Zuschauer der Vorführung des FilmS so interessiert, daß niemand die plötzliche Luftveränderung in dem Räume verspürte. Erst al« das eleltrische Licht plötzlich aus- flammte, bemerkte man. daß verschiedene Zuschauer lautlos zur Erde gesunken waren, während verschiedene andere noch später ohnmächtig wurden. Während ein Teil der Erkrankten sich bald wieder erholen konnte, mußten 27 Personen, Männer, Frauen und Kinder, in daS Hospital gebracht werden. Von ihnen konnten sieben wieder entlassen werden, während die übrigen zwanzig in ärztliche Behandlung genommen und im Hospital verbleiben mußten._ Ttraftenbahnzusammcnstoh in Brüssel. Ein schwerer Straßenbahnzusammenstoß, bei dem zahlreiche Passagiere zu Schaden käme», wird uns aus Brüssel gemeldet. Im Straßenbahndepot setzte sich aus bisher noch nicht aufgeklärter Ursache plötzlich ein Wagen in Bewegung, verließ das Depot und rollte mit rasender Geschwindigkeit hinter einem dicht besetzten Stratzenbahnzug her. Obwohl der Führer deS Straßenbahnzuges. auf die Gefahr aufmerlsam gemacht, seinen Wagen mit größter Ge- ichwindigkeit laufen ließ, kam es doch zu einem Zusammenstoß, der derart heftig war, daß ein Wagen des ersten Zuges fast voll« ständig zertrümmert wurde. Zwölf Personen wurden mit schweren Verletzungen unter den Trümmern hervorgezogen, während acht andere leichter verletzt wurden.___ Kleine Notizen. Schwerer Unfall auf Zeche Scharnhorst. Beim Dichten eine« schadhaft gewordenen Dampfrohres auf Schacht I der Zeche Schorn- Horst bei Brackel wurden durch ausströmenden Dampf zwei Schichthauer schwer verbrüht, ein dritter st ü r z t e in den Schacht und wurde tödlich verletzt. Der betreffende Schacht dient nur zur Förderung von Holz und Gestein. Schreckenstat eines Irrsinniges. In einem Anfall von Geistes- störung durchschnitt der Mctzgermeister Nassauer in Wehen (TaimuS) seiner 17jährigen Tochter mit einem Metzgermesier den Hals und verletzte daS im Bette liegende Dienstmädchen durch Stiche erheblich. Auch sein« Frau, die sich heftig zur Wehr setzte, verwundere er. Dann durchschnitt Nasiauer sich s e l b st den HalS. Di« Tochter ist t o t, an dem Aufkommen des Dienst- mädchenS wird gezweifelt. Auf dem Eise eingebrochen. In dem holländischen Orte Olden- l a m e r war ein kleiner Knabe in den Weiher eingebrochen und unter das Eis geraten. Seine Schwester und seine Mutter, die ihn retten wollten, ertranken mit ihm. Ein Schiff in Flammen. Wie ein Telegramm aus Ceuta meldet, steht in der Meerenge von Gibraltar«in großer un- bekannter Dan, pfer vollständig in Flammen. Es ist noch nicht ermittelt, ob die Besatzung des Schiffes sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Freircligiölr Gemeinde. Sonntag, den 23. Februar, vormittags 9 Uhr, Badpel-Allee 1S/l7. Reukölln:.Jdealpostage", und Tegel: Schlieper- straße 30: Freircltgiöje Vorlesung.— Vormittags 11 Uhr, Kleine Frank- fiirter Strage 6: Vortrag von Herrn Dr. B. Wille:„Der Stuftnbau deS WettallS".— Damen und Herien al» Säfte sehr willkommen. Allgemeine«ranken, und«terdeiafie der Metallarbeiter (E°. H. 29). Hamburg. F i I i a I e B- r l i n 9. Sonntag, den 23. Febr., vormittags 10 Uhr: Versammlimg bei ViotrowSln, Berlichingenstr. 14. Aufstellung der Kandidaten zur Generaloersammlung.— Filiale Char- lottenburg. Heute Sottnabend, abends S'!, Ubr, int Voltshaus, Rostnenftr. 3: Mitgliederversammlung.— Filiale R e u k ö l l n. Heute Sonnabend, den 22. Februar, abend» 8'/, Uhr: Versammlung bei Tavbctt, vSOnnaoenD, ocii«IJ. aoenoo o) z 44�4, 411:4 kjolul kjiuuic,«au* Borhagen 66, Ecke der Reuen Bahnhofstraße: Mitgliederversammlung. Aus- slellung der Kandidaten zur Seneraloersammlung.— Filiale Köpenick. Am Sonntag, den 23. Februar, bei Merlert, Rosenstr. 3: Mitglieder- Versammlung._ Marktpreise von Berlin am 2«. Februar>»13. na« Ermittelungen de» fönigL Polizeipräsidiums. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 19,70 bis 19,80, mittel 19,60—19,60. geringe 19,30—19.40. Roggen, gute Sorte 16,70, mittel—. geringe—(ab Bahn). Futter. gerste, gute Sötte 16.90—17,60, mittel 16.20—16.80, geringe 15,60—16,10. �afer. gute Sott- 18,30—20,30, mittel 16,60—18,20(stet Wagen und ab Äarkth allenpreise. 100 Kilogr. Erbsen, gelb«, zum Kochen 80.00— 50,00. Speisebohnen, weiße 36,00—-60, 00. Linien 33,00— 60,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 6,00—10,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2.40. Rindfleisch. Bauchfleisch 1.30—1.80. Schweweflelsch 1,60—2,10. Kalbfleisch 1.40—2,40. Hammelfleisch 1,50—2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 4.20—6,00. t Kilogramm Karpsen 1,40—2,40. Aal« 1.60— 3 L0. Zander 1,40-3,60. Hecht« 1,60—2,80. Barsch- 1,00—2,40. Schiet« 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 4,00—24,00. Wetterprognose sür Touuabend, den 22. Februar 1912. Zunächst etwa» milder, ziemlich trüb- und nebelig mtt geringen Nieder- schlagen und mäßigen westlichen Winden; später zeitweise heiter und Wied«: etwa» kälter......- Berliner«etterbnre»» Bnefharten der Redaktion. XU juristische Sprechstunde findet Lindcastraße SS, dorn vier Treppe« — A-br stuhl—, wochcntä glich d»u Vfr bis 7;-> Uhr abends, Sonnabends, do» Ui bis 6 Uhr abends statt. Jeder siir dea ivricfkafteu bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Wertzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Ausragen, denen leine Abonnemeutsautttung beigcsstgt ist, --erden nicht beantwortet. Eilige Jrogeu trage mau iu der Sprechstunde vor. A. R. 23. Das ist statthast, ohne dag deswegen eine Rentenllirzung eintritt.— R. No. 29. Ja. sojern von dein Erzeuger nichts beigetrieden werden kann und iosern die Mutter zahlungsfähig ist.— P. M. 52. Das ist zulässig.— M. 8. 17. Ja. 50 Ps. pro Kalenderjahr, sofern im Miels- oertrage Ihre Verpflichtung festgelegt ist.— 5t. T. IS. Sosern im Mtets- vertrage vorgesehen.— Treptow 319. Der Wirt braucht sich darauf nicht einzulassen.— Alter Parteigenosse H. 7l. l. Nein. 2. Die Abmachung, die Ihre grau getroffen hat. ist rechtsgültig und auch für Sie bindend, da zu derartigen Aäusen die Frau befugt ist ohne vorherige Zustimmung des Mannes.— W. W. Nein. I. Sch. Nr. 1000. Für den Ersatz der Unkosten sind verantwortlich, falls es sich tatsächlich um Flecktyphus gehandelt hat: Der Nrzt und, sosern der Dienstgeber Kenntnis von der Krankheit gehabt hat, auch dieser. Augerdcm ist es ratsam, der Staatsanwaltschast Mitteilung von den, Voriall zu machen, damit ebenluell Strafverfolgung wegen Dergehens gegen das Reichsseuchengesetz erfolgt.— H. F. 50Ä. Da» Handwerkszeug, soweit sie es persönlich zur Ausübung des Gewerbe« gebrauchen, ist nicht Pfand- bar. Der ZinSanspruch für die länger als vier Jahre zurückliegende Zeit ist verjährt. ES ist deswegen ratsam, gegen den Zahlungs« bcjehl Widerspruch zu erheben.— A. D- 53. 1. Ja, da nach Ihrer Darstellung ein Verzicht nicht vorliegt. 2. Für den Fall der Abweisung entstehen ganz germgssigige Kosten. 3. Ja. — Gretchcn und Rudolf. Die Eltern hoben bis zur Großjährigkeit des Mädchens dessen Wohnsitz zu bestimmen. Mißbraucht der Vaier seine eller- liche Gewall, was angenommen werden könnte, wenn das Mädchen miß- handelt worden ist, so kann auf'Antrag daS Vormundschajtsgericht ein- greisen und einen Vsteger bestellen, oder, falls das Mädchen l« Jahre alt ist. dieses für volljährig erklären. Die nach dem Gesetz erjorderiiche Ge- nehmigung zur Heirat kann das Lormundschaitsgericht ebensallS ersetzen. Wenn das Mädchen sich gegen den Willen des Vaters und ohne daß ein vormundschasiSgerichtlicher Beschluß vorgelegt wird, eutsernt, kann es zurückgeführt werden.— A. Z. 99." Eine besondere Frist ist nicht vorgeschrieben, jedoch besteht bei späterer Anmeldung die Gefahr, daß mangels Schutz die Erfindung anderweit ausgenutzt wird. - C. B.«3. Nein.— P. K. 10. 1. Ja. 3. New.— M. G. 88. Stein.— G. 100. U. E. Nein.- H. L. 1«. 1. Ihr Schwiegersohn soll bei dein Vorsitzenden der Veranlagungskommission einen Antrag aus Erlaß der Steuer für die Zeit vom 1. Januar ab stellen, außerdem bei der Stcuerdeputation Stundung beantrage». 3. Eine Einberufung wäre als- dann auch möglich. Nur könnte, wenn der Einberufung leine Folge gc- leistet wird, keine Ausweisung erfolgen.— A. B. Goblow. 1. DaS Ur> lest entspricht, soweit aus Ihrer Darstellung ersichtlich, der herrschenden Rechtsprechung. 3. Eventuell wäre noch Rekurs beim ReichSverfichermtgs- amt zulässig. Wenden Sie sich an das Zcntral-Arbeitersckretariat, Berlin, Engeluser 1-1/15.— P. 5l. 21/ 1. Ersuchen Sie die Firma nach- inals um Besichtigung der Mängel binnen einer Frist von vielleicht fünf Tagen. Wird die Maschine üinerhalb dieser Frist nicht gebrauchsfähig gc- macht, so stellen Sic die Maschine der Firma zur Bersügung, lehnen weitere Zahlungen ah und verlangen die gezahlten Betrüge zurück, 3. Beschwerde bei der Obcrstaalsanwaltschast erschein: aussichtslos, da offenbar die Beschwerdejrisl verstrichen ist,— C. C. 1000» Rein. Briefkasten der Expedition. Patienten in Beelitz, Buch und ondmu Heilstätten. Dltscnlgw unserer Abonnenien, die noch während des ganzen nächsten Monats in der Heilstätte bleiben, wollen uns wegen der Ueberweisung von Frei- exemplaren sofort ihre Adresse einsenden, da bei verspäteter Bestellung die ersten Nummern des neue» Monats von der Post nicht geliefert werden. Alle Adressen müssen jeden Rlonat neu eingesandt werden. Todes-Anzeigen SozialilefflokratisdierWalilvereiD l.dJJerl.ßeielistagsiatilla'els. Bezirk 23a. Am 19. Februar verstarb unser Miiglied, der Gastwirt TKeoäor Müller Jerusalemer Straße Nr. S3/S1. Ehre seinem Andenlen k Die Beerdigung sindei am Man- tag. den 24. d. Mts., nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Hestig-Kreuz-tdirchhoss in Marien- darf. Eisenacher Str. 62, aus statt. > rege Beteiligung ersucht Uni rege 205/8 Der Vorstand. SozIaldemokratiseiierWaiilyerein k. i 6. Bert. Reiebstagsvaiilkreis Ilm 20. Februar verstarb unser Genosse, der Modelltischler Etaül Kuschel Ackerstraße 45, Bezirk 672. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mon- tag. nachmittags. 1'/. Uhr, von der Halle des Phüippus-Apostel-.Kirch- doseS aus nach dem Städtischen Friedhof Mllllerstraße, Ecke«ee- straße statt. Um rege Beteiligung ersucht 225/15 Der Vorstand. SozialdemokratisctierWalilTereio LdJicrLReicbstags-Wablkreis. Am 20. Februar verstarb unser Genosse, der Arbeiter fenünand Rahn Koloniestr. 34— Bezirk 827. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntagnachmiltag 1 Uhr von der ?alle dcS Sophien-KirchhoseS in er Freienwalder Straße aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 225/14 Der Borstand. Deutseber Transportarbeiter-Yerhand. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Droschken- sührer EEmst Käpling am 19. dS. MtS. im Alter von 70 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 33. d. M.. nach. mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Nazarcth- Kirchhofes, Reinickendorf- West, Kögelflraße, aus statt. Ole Bezirksverwaltung. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Industrie- arbeiter penZinsnd am 19. b. MS. im Alter von 49 Jabren Verslorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 33. d. M., nach- mittags 1 Uhr, von der Leichen- balle des Sophien> Kirchhofes. Freienwalder Straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Dick Bezirksverwaltung. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Arbeiter Kurl Undow am 17. d. MtS. im Ilster von 36 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! 62/S Die Bezirksverwallung. kakn Hierdurch die traurige Nachricht, daß die Frau unseres Spediteurs, Genossin Anna Werner verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! vis Botenfrauen der ,IVorwärte"-Speditlon Gneisenauftr. 72. Deotscber Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht. daß unser Mitglied, der Mechaniker Paul Stamer (BerthelSdorfer Straße 14) am 18. Februar an Lungcnleiden gestorben ist. Die Beerdigung findet am Montag, den 2t. Februar, nach- mittags 2'/, Uhr, von der Leichen. Halle des GemeindcfriedhoseS in Martendorf, Gottlieb- Dunkel- Straße, aus statt. Ferner starb unser Mstglled, der Schnitt arbeiter Fritz Hendrich kManteuffelstr. 60) am 16. Februar. Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 22. Februar, nachmittags 4 Uhr. von der Leichenhalle des Emmaus-Kirch. hoses in Neukölln, Hermannstraße, aus statt. Ehre ihrem Andenke«! Rege Beteiligung erwartet 113/8 Die Drtsverwaltung. Danksagung. Für die zahlreiche Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung unseres lieben SohneS sage wir allen Verwandten und Bekannten unseren herzlichen Dant. 3554b W. Schicker und Familie. Deulscber Holzarboiterverband. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler vemlikinl Marienfeld Schliemann straße 34, im Alter von 50 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 33. Februar, nach- mittags 3'/. Uhr, von der Halle des HedwigstirchhofeS, Weißensec, Wörthstraße 6, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 79/13 Die OrtSverwaltun». Deutseber Banarbeiterverband. Zwclgvereln Berlin. Sektion der Pntzer. Am 18. Februar starb unser Mitglied Otto Hexmer (Bezirk Pankow). Ehre seine« Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 23. Februar, nach- mittags 2 Uhr, vom Trauerhause, Pankow, Spielermannstr. 1, aus statt. 140/20 Der Vorstand. LaubeBköl08iejG8leriilii)!r.| Den Pächtern zur Nachricht, daß unser Kantinenwirt und[ Pächter Bernhard Marienfeld am Mittwoch, den 19. d. M., ge- starben ist. 2S71b! Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittags 3>/, Uhr, von der Leichenballe des Hedwigs- Kirchbojes in Weißensec, Wörther Str. 6, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Feldkommission. Zentral-Kranken- n. Sterbekasse der deutschen Vagenbaner. Filiale Reinickendorf-Ost Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser MUgsted, Frau Idlna Rensch am 19, b. MtS. im Aster von 81 Jahren verstorben ist. Ehre ihre« Andenken! Die Beerdigung findet heilte Sonnabend, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde- Friedhofs, Humboldtftr., aus statt. 257/3 Die Ortsvcrwaltuug. Heines Werke . 3 Bin»« 4 mort- Buchhandlung vorwärts Salamanderstiefel 5 Einheitspreis 1 050 stellen Sie zufrieden, für Damen u. Herren M. I Fordern Sie Muslerbuci V Luzus-Ausführonj, M. 16 50 Salamander Schuflges. m b. H, Berlin Zentrale: W 8, I. 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Für die vielen Beweise seuaak �M>VWlG»r Teilnahme und die reiche Kranz- spende bei der Beerdigung meines lieben ManncS sage ich allen Freun» den und Beklliinlcn, insbesondere der Firma sowie dem Personal der Firma Motard u. Co., Stcrnseld und Paul- ster», den: Äejangvereiii �Hoffnung''. dem soziatdcmokratischcn Wahlverein, dem Fabrikarbciterverband, der All- gemeinen Krauten- und Steibckaise der Metallarbeiter usw. meinen tics- gesühltesien Dank. 8A Im Namen der Hinterbliebenen Zftarie Walenda. DanksaKansr. für die vielseitige herzliche Teil- me bei dem Hinscheiden unseres lieben Vater», Schwiegervaters, Großvater», Onkris und(Schwager», des ObermaschinenmeisterS 3S69b kernliara NolD sagen wir hiermit allen, insbesondere seinem Ehes Herrn Ernst Lichtwitz für die trostreichen Worte und den Sängern des Gesangvereins.Tvpograpbia" unseren herzlichsten Dank. Die Hinterbliebene». Das größte Abonnementshaus feinster Herren-Moden J. Stock dt Co. verlcaoit seine Honats-Sarderobe Hl an Priialt. 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Der Vorsteher wies beide Vorwürfe zurück mit der Bemerkung, dag sein Vorgänger dieselben Grundsätze befolgt habe. Schöffe Jung trat ibm bei. Ein Vertreter der ersten Klasse, Dr. Schmidt, ermahnte ebenfalls zur Kommissionsberatung. Eine herbeigeführte Abstimmung ergab die Ablehnung des Vertagungsuntrages, wobei mit einer Stimme Mehrheit der Vorsitzende den Ausschlag gab. Unsere vier Genossen erhoben sich von den Plätzen, vier Bürgerliche taten das gleiche; die Hälfte der Tempelhofer Gcmeindevertreter verließ somit demonstratio den Sitzungssaal. Köpenick. Die letzte Stadtverordnetenversammlung hatte zunächst über die Verpachtung von Forstland am Westufer des Müggelsees zum Bau eines Familienbades zu beschließen. Herr Max Krüger aus WilmerS� darf will dort einen 200 Meter langen und SV Meter tiefen Kom plex ,auf 12 Jahre von der Stadt pachten und darauf ein Familien� bad errichten. Der Magistrat empfiehlt die Annahme der Vorlage. Unsere Genoffen erklärten, daß sie nicht gegen die Errichtung de§ Bades seien, sie wären jedoch erstaunt darüber, daß, nachdem seit vielen Jahren alle Unternehmungen der Stadt in eigener Regie aus- geführt worden seien, jetzt beim Bau der Badeanstalt wieder davon abgegangen werden solle, trotzdem man mit den eigenen Unter- »ehmungen nur gute Erfolge erzielt habe. Hier solle wieder einem Privatunternehmer ermöglicht werden, sich die Taschen zu füllen, während die Stadt, die nur mit einem Trinkgeld abgespeist wird, irgend welchen Einfluß auf die Höhe des Eintrittsgeldes und der- gleichen nicht habe. Weiter betonten unsere Genossen, daß laut Zcilungsberichten unter demselben Pächter sich im Familienbad am Wannsee Zustände herausgebildet hätte, die es gerade nicht als ratsam er» scheinen ließen, das Unternehmen einem Privatmann zu übertragen: sie beantragten daher, die Sache einer Kommission zur nochmaligen Vorberatung zu überweisen. Wie vorauszusehen war, hatten die Bürgerlichen an der Vorlage nichts auszusetzen, sie lehnten die Kommissionsberatung ab und nahmen die Vorlage mit großer Mehrheil an, die Pachtzeit beträgt zwölf Jahre, die Pachtsumme ÖOOO M. jährlich und steigend von drei zu drei Jahren um 300 M. Dem Drängen unserer Genossen nachkommend, hat der Magistrat sich endlich entschlossen, ein Regulativ über die Neuregelung der Lohn- und Anstellungsverhältnisse der städtischen Arbeiter und Am gestellten der Versammlung zur Beschlußfassung vorzulegen. Wäh- rend die Mehrheit der bürgerlichen Vertreter sehr gern diesem Ed suchen nachkommen wollte, war es unseren Genossen doch möglich, an der Hand der Vorlage die Herren zu einer anderen Auffaffung zu bekehren. Sie wiesen mit Nachdruck darauf hin, daß sie in der kurzen Zeit zwischen der Zustellung der Magistratsvorlage und der gewünschten Beschlußfassung nicht in der Lage gewesen seien, das einschlägige Material eingehend zu prüfen, und sie verlangten. daß das, was bei Neuregelung der Gehaltsfrage den Gemeindebeamten, auch den städtischen Arbeitern zugebilligt werden müßte. Da das Regulativ doch auf längere Zeit unverändert in Kraft bleiben soll. beantraaten unsere Vertreter eine eingehende Nachprüfung in einer Kommission. Diesem Antrage wurde auch von der Mehrheit zu- gestimmt: der Kommission gehören u. a. auch die Genossen Galle, Herbst und Woick an. Zum Schluß hielt Bürgermeister Dr. Langer- Hans der Versammlung noch einen informierenden Vortrag über das Angestelltenverficherungsgesetz. Eichwalde. Die Gemeindevertretung erledigte in ihrer letzten Sitzung zuerst einige Einsprüche gegen die Aufstellung der Gemeindewähler- liste. Der Einspruch gegen die Aufnahme der„Evangelischen Kirchengemeinde* sowie der gegen die..Genossenschaftsbank' wurde zurückgewiesen, da beiden Institutionen der Charakter ju ristischer Personen laut§ 45 L. G. O. Abs. II zusteht und beide Grundbesitz in der Gemeinde haben. Die Einsprüche gegen die „Neue Bau- und Betriebsgesellschfat m. b. H.* sowie die„Grund- stücksgesellschast m. u. H.* wurden als berechtigt anerkannt und beide aus der Wählerliste gestrichen. Die„Neue Bau- und Be- „Neue Bau- und Betriebsgesellschaft m. b. H.* sowie die„Grundstehers auch nur aufgenommen worden, weil sie es selbst bean- tragt hatte: üebrdies habe man sie als zweitgrößte Steuerzahlerin nicht gut abweisen können. Drei Anträgen auf nachträgliche Auf- nähme in die Wählerliste wurde stattgegeben. In einem Falle tnußte auf Ablehnung erkannt werden, da der Antragsteller seinen Wohnsitz um zirka 3 Monate unterbrochen hatte. Durch die Strei- chung der vorgenannten Gesellschaften tritt eine derartige Verschie- bung in den Steuersätzen der einzelnen Klaffen ein, daß eine Neu- aufstellung der Wählerliste notwendig ist. Hierauf verlas der Ge- n-.eindevorsteher eine Notiz des„Teltower Kreisblattes* vom IL. Februar, in der es in bezug aus Eichwalde heißt: „Die Ausführung der so sehnsüchtig erwarteten Wasserleitung stößt auf große Schwierigkeiten, die allerdings von vielen voraus- gesehen wurden. Der Tiefbrunnen, der zur Versorgung des Wasserwerkes angelegt worden ist, soll, wie der Fachausdruck heißt, ersoffen sein, und es wird sich als nötig erweisen, daß andere Brunnenanlagen geschaffen werden. Die Continentale Wasser- werks-Gesellschaft, die den Bau des Wasserwerks übernommen hat, ist bereits damit beschäftigt, eine neue Lösung der schwierigen Frage zu finden. Die Leidtragenden sind unter allen Umständen aber die Einwohner. Es zeigt sich immer mehr, daß unsere Ge- markung für die Anlegung eines Wasserwerks ungünstig zu sein scheint: soviel ist sicher, daß mit der Versorgung mit Wasser im Anfang des März wie in Aussicht genommen wurde, nicht gerechnet werden darf.* Unter Zustimmung sämtlicher Anwesenden erklärte er diese, die Gemeindeinteressen äußerst schädigende Notiz für eine U n- Wahrheit und die Einsendung für eine Gemeinheit. Unerhört sei, daß das..Teltower Kreisblatt" als amtliches Publikationsorgan beö Kreises sowie der Gemeinde diese Notiz unbesehen aufge- nommen habe. Pflicht der Redaktion wäre es gewesen, sofort telephonisch bei der Gemeinde anzufragen. Da ähnliche Notizen durch die Tagespreffe gingen, habe er im Einverständnis mit der „Continentalen Wasserwerksgesellschaft* dem„Teltower Kreisblatt* folgende Notiz eingesandt:„Vor einigen Tagen wandte sich ein Berliner Nachrichtenbureau mit der Anfrage an die Gemeinde, ob man einem verbreiteten Gerücht Glauben schenken dürfe, nach welchem die von der Firma„Wasserwerks- und Kanalisations- bauten O. Smoeker, G. m. b. H. Berlin* für die„Continentale Wasserwerksgesellschaft Berlin* zur Wasserversorgung unserer Ge- meinde hergestellten Brunnenanlagen versiegt seien und daß in» folgedessen an eine Versorgung der Gemeinde durch diese Anlage überhaupt nicht zu denken sei. Um diesen Gerüchten entgegenzu treten, sei festgestellt, daß für die Versorgung unseres Ortes drei Tiesbrunnen hergestellt sind, von welchen nur einer bisher zur Ausführung gelangt ist(soll wohl heißen: in Betrieb genommen ist. D. B.). Da seine Ergiebigkeit eine so große ist, daß er für absehbare Zeit zur Versorgung unserer Gemeinde mit Wasser aus- reicht. Die übrigen Anlagen sind fertiggestellt, so daß das Werk am Montag, den 25. Februar er., in Betrieb genommen wird." Die„Continentale Wasserwerksgesellschaft" wird gegen die Verbreiter der Notiz gerichtlich vorgehen. Die Gemeindevertretung beauftragte ferner einstimmig den Vorsteher, Beschwerde gegen das„Teltowcr Kreisblatt* beim Landrat zu führen und eventuell Klage gegen den Urheber des Gerüchts anzustrengen. � Ferner teilte der Vorsteher mit, daß am Ort das Gerücht verbreitet würde, die hohe Schule gehe ihrer Auflösung entgegen, die Lehrer wären schon gekündigt. Auch hier solle nach dem Verbreiter des Gerüchts geforscht und derselbe zur Verantwortung gezogen werden. Allritz wandte sich dagegen, daß dem Kriegerverein 50 M. aus Gemeinde- Mitteln zum Stiftungsfest zur Verfügung gestellt werden sollen, Gemeindevertreter Merz erweiterte den Antrag auf 100 M. Es wurden 50 M. bewilligt. Gemeindevertreter Merz monierte, daß Privatpersonen— Interessenten der„Neuen Bau-Bctriebsgesell- schaft G. m. b. H."— Gelegenheit gegeben wurde, die Akten und Protokolle der Gemeinde einzusehen. Die Richtigkeit dieser An- gaben soll nachgeprüft werden. Nachdem kam'der bis dahin zurückgestellte Voranschlag zum Gemeindeetat zur Beratung. Der- selbe balanziert in E»inahme und Ausgabe mit 103 600 M. gegen 105 500 M. im VorjeHre. Die scheinbare Verringerung ist darauf zurückzuführen, daß diesmal der Etat für die Gasanstalt extra aufgestellt wurde. ES hat eine Erhöhung des Etats stattgefunden. Die Finanzkommission beantragte, wie in den Vorjahren einen Steuerzuschlag von 100 Proz. zu erheben. Bei den einzelnen Po- sitionen entspann sich eine rege Debatte. Vom Genoffen Allritz wurde gegen die Einstellung von 2500 M. für Kirchenzwecke pro- testiert sowie moniert, daß für diverse Zwecke Ausgaben in den Etat eingesetzt werden, die dafür nie Verwendung finden. An- geregt wurde noch die Schaffung eines Pcnsionsfonds für Beamte, sonst wurde der Boranschlag mit unwesentlichen Aenderungen ge- nehmigt. Lpanda«. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Vor Eintritt in die Tagesordnung gab Genosse Pieper eine Erklärung ab, die sich gegen Maurermeister Vkakoivka wendet, der im„Vorwärts" und in den hiesigen Zeitungen eine Berichtigung veröffentlicht und teilweise seine Angaben in der letzten Stadtverordnetensitzung als unwahr bezeichnet habe. Er stelle fest, daß seinerzeit ein Antrag ange- nommen worden sei, wonach es sich bei der Abtragung der Wälle um Notstandsarbeiten gehandelt habe, auch sollten die Arbeiten von hiesigen Arbeitern ausgeführt werden. Die von Makowka an- geführten Löhne könnten sich nur auf Vorarbeiten usw. beziehen, denn es seien polnische Arbeiter und Arbeiterinnen zu einem weit niedrigeren Lohnsatz beschäftigt worden. Weiter hätten am Rat- Hausneubau zwei auswärtige Poliere Arbeiter von auswärts mit- gebracht, trotzdem am Ort genügend Arbeitslose vorhanden ge- wesen seien. Im übrigen erklärte Redner, daß er von seinen Aus- führungen nichts zurückzunehmen habe. Der erste Punkt der Tagesordnung betraf die Wahl des zweiten Bürgermeisters. Der bisherige Bürgermeister Wolf wurde mit 42 von 43 abgegebenen Stimmen auf zwölf Jahre wieder- gewählt. Der Zuschlag auf die Erweiterung der Maschinenanlagc des Wasserwerks wurde oer Ascherslebener Maschinenbau-Aktien- Gesellschaft zum Preise von 168 045 M. erteilt unter der Bedin» gung, daß für den elektrischen Teil der Anlage die Siemens- Schuckertwerke mit ihrem Angebotspreise von 52 545 M. berück- sichtigt werden. Hierauf wurde in die Spezialberatung des Hauptetats für 1313 eingetreten. Genosse Pieper beantragte beim Titel 1(Bureau- kosten), den Betrag von 1300 M., der für die Erhebung der Kirchen- steuern an die Stadt gezahlt werde, zu erhöhen, da mindestens 25 000 Zettel durch die Beamten auszutragen seien.— Beim Titel „Genreinnütziges" beantragte Redner, für die hiesige Arbeiter- samariterkolonne 300 M. einzustellen. Die Arbeitersamariter stell- tcn sich ebenso wie das Rote Kreuz der Allgemeinheit zur Vcr» fügung, und es sei nicht mehr wie recht und billig, für diese ebenso wie für das Rote Kreuz Gelder aus allgemeinen Mitteln zu be- willigen. Der Berichterstatter empfiehlt der Arbeitersamariter. kolonne, sich mit einem Gesuch vorerst an den Rkagistrat zu wenden, — Beim Titel„Polizeiverwaltung'' betonte Genosse Pieck, daß die Polizeilasten immer unerträglicher würden; sie betrügen jetzt 3,80 Mark pro Kopf der Bevölkerung. Die Polizei werde zu allen Sachen verwendet, mit der sie nichts zu tun habe, Er schilderte, wie zwei Polizeibeamte in das Vereinslokal der Freien Turnerschaft bei Borchardt unter Zertrümmerung einer Fensterscheibe eingedrungen seien, um nach jugendlichen Mitgliedern zu fahnden. Trotzdem sich gar keine jugendlichen Personen im Vereinslokal befunden hätten, seien alle Turner zwecks Feststellung ihrer Personalien nach der Polizeiwache gebracht und dort längere Zeit festgehalten worden. Weiter würden die Polizeibeamten zu Spitzcldiensten an- gehalten, um auszukundschaften, ob die auf den K ö n i g l. In- tituten ange st eilten Arbeiter den freien Gewerkschaften oder der sozialdemokratischen Partei angehören. Würde dies fest- gestellt, so� flögen die Arbeiter unbarmherzig auf das Straßen- Pflaster. Seine Fraktion würde keinen Mann und keinen Groschen ür die Polizei bewilligen.— Weiter wurde beantragt, die Kinder- wagensteuer aufzuheben.— Stadtv. Rupke schilderte einen Fall, in dem ein Bürger ohne Grund die Nacht über auf der Polizei- tvache behalten worden sei. Stadtv Walter beschwerte sich über den schlechten Ton der unteren Polizeibeamten. Genosse Pieper kritisierte das Verhalten eines Polizeikommissars, der die Beamten nach 24stündigem Dienst noch stundenlang auf dem Bureau warten lasse, bis sie abgefertigt werden. Oberbürgermeister Kveltze gab zu, daß sich ein Polizeibeamter in dem vom Stadtv. Pieck geschil- derten Falle einen Uebergriff gegen Mitglieder der Freien Turnerschaft erlaubt habe. Der Beamte sei dafür bestraft worden. Solche einzelnen Mißgriffe kämen überall einmal vor. Die Auf- Hebung der Kinderwagensteuer könne der Magistrat nicht emp- ehlen. Wenn die Polizeibeamten sich eines schlechten Tones be- -leißigen, so bitte er, daß ihm derartige Fälle gemeldet werden, er werde dann für Abhilfe sorgen.— Beim Titel Schul- etat fragte Genosse Pieper an, ob der Magistrat jetzt endlich dem Antrag der Stadtverordneten beigetreten sei, die Jubiläums- turnhalle auch der Freien Turnerschaft zur Verfügung zu tellen. Oberbürgermeister Kocltze erwiderte, daß der Magistrat in seiner nächsten Sitzung sich oamit beschäftigen �werde. Der Etat wurde dann unverändert in Einnahme und"Ausgabe mit 14 673 140 M.(13 543140 M. im Vorjahre) angenommen. Die steuerzuschläge wurden wie im Vorjahre festgesetzt: 150 Proz. Zu- chlag zur Staatseinkommensteuer, 3,35 vom Tausend Grundwert- teuer. 50 Proz. Zuschlag zur Betriebssteuer und 240 Proz. Zu- 'chlag zur Gewerbesteuer. Eine neue Straßenbahnanleihe in Höhe von 280 000 M. soll aufgenommen werden, die mit 3)4 bis ik Proz. zu verzinsen und mit IV* Proz. zu tilgen ist. Tie Anleihe soll zu Wagenauschaffun- gen usw. verwendet iverden. Stadtv. Schob teilte hierzu mit, daß der zweigleisige Ausbau der Nsnnendammbahnstrecke und die Durchführung der dl-Linie nach der Hamburger Straße in Aus- ficht genommen seien. Eine weitere Anleihe werde daher bald folgen. Alsdann hatte sich die Versammlung noch mit dem Staats- sekretär a. D., Herrn Der n bürg, zu beschäftigen. Aus Anlaß der scharfen Kritik, welche oer Stadtv. Dr. Kantorowicz in der Stadtverordnetensitzung vom 30. Januar gelegentlich des Wold- Verkaufs an den Ausführungen Dernburgs geübt hatte, hatte sich ein Schriftwechsel zwischen letzterem uno dem Stadtverord- nctenvorstehcr Lüdickc abgespielt. Da Herr Dcrnburg in den Aeußerungen des Stadtv. Dr. Kantorowicz eine absichtliche Herab- setzung sah, so forderte er eine nachträgliche Rektifikation des- selben. Der Brief löste große Heiterkeit aus. In dem verlesenen Antwortschreiben des Stadtverordnetenvorstehcrs an Herrn Teru- bürg hält derselbe die Kritik des Stadtv. Dr. Kantorowicz für be- rechtigt und lehnt eine Zurechtweisung desselben ab.— In einer daraufhin angenommenen Resolution weist die Versammlung den unberechtigten Versuch Dernburgs, die Amtsführung des Vor- stehers zu bemängeln, mit Nachdruck zurück und hält die Kritik des Stadtv. Dr. Kantorowicz für durchaus berechtigt.. Um den Kampf gegen die Schundliteratur in wirksamer Weise zu führen, hat der Bildnngsausschutz in der örtlichen Parteibuchhand- lung eine Ausgabestelle verschiedener Kollektionen von Jugend- schriften errichtet. Es sind nur gute Jugendschristen zum Preise von 10 bis 30 Pf. in größerer Anzahl angeschafft worden, die leihweise gegen Deponierung des Preises zur Verfügung gestellt werden. Jedermann erhält in der obengenannten Ausgabestelle ohne Lcgili- mntion soviel Bücher wie er will. Er hat entweder den Werl der Bücher zu deponieren oder bereits früher entnommene Bücher zurück- zugeben. Eine Leihgebühr wird nicht erhoben. Wer die Bücher behalten will, hat dazu das Recht; er hat dann bei Entnahme neuer Bücher wiederum den entsprechenden Betrag zu deponieren. Der Bildungsausschuß erwartet, daß die Spandauer Arbeiterschaft von dieser nützlichen Einrichtung fleißig Gebrauch macht. tMo-Uclikiiiele Bergstraße 64. Vom 31. bis 38. Februar: üsitfjijfit tktmm Vanda Treurnann und Viggo Larsen in den Hauptrollen. Ml Alleiniges Erstaufführunggrecht für Neukölln. 8mil sreuk 58 Turmstr. 58 Elple Hm-Hll 1913 empfehle nach MaQ Herren-Rock und Sakko-Änzöge 1 und 2 reihig 1B00 5200 SB00 BD00 BfHB00 Berren-lIIster und-Paletots 1 und 2reihig ir iß00 sr sr sr bö-is00 Für bette Verarbeitung und vorzüglichen Sitz bürgt der gute Ruf meiner Firma. ndl u Hervorragende Auswahl in Stoffen in d. neuesten Mustern. Werkstätte mit fest engagiertere Zuschneider im Hause. 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