Kr. 48. fibonnemcnts-Bcdingungcn: HBaraxcmpntf'SriHä ttönutncriuiha: SiicitcljöStL>>!0 Ml, nioitalf. 1,10 Ml, >vochc?öÄ 28 Pfg. frei ins Haus, Einzelne Nunnncr 5 Psg, Sonntags- imimner mit illustriertcr Soimtags- Beilage.Die Nene Well' 10 Pfg, Post- ?ldonnementt 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zcitungs- Prerslistc. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mail, für das übrige Zlusland L Mark pro Monat. Postabonnemcms nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland, Italien, Luremburg. Portugal. Rmnänic», Schweden und die Schweiz. vlchllnt tszlich auScr Rlontigs. 30. Jahrg. Verlinev Volksblerkt. vie fnsettisnz-eebühr beträgt für die fechsgefpalteno Kolonel- geile oder deren Raimt M Pfg,, für politische und gewerkschaftliche Berein.-- und Perslunmtungs-Slnzeigcn Lv Pig, „kleine Hnzeigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg. fzulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pig. Stellengesuche und Schlafstcllen.iu- zeigen das erste Wort 10 Psg,. jedes weitere Worts Pfg. Worte über IS Buch- stoben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nuninrer müssen bis » Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben tvcrdelu Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresse: „Soz)aliiem»krat Rcrli»". Zcntralorgan der foztaldcinokrati fchen Partei Deutfchlande. Redaktion: 65Q. 68, Lindcnstrassc 69, Fernsprecher: Amt Moritiplak, Ar. 1983. Mittwoch, den 26. Februar 1913. Expedition: SM. 68» lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz- Nr. 1�81» Zur Meiterf rage in den Kolonien. 11. In Deutsch-Südwestafrika begeisterte die Ver- heißung Dr. Solfs iu Tanga die Farmer nicht weniger. Auch dort tauchten sofort bestimmt formulierte Forderungen aus, aus deren Anführung allein sich bereits ergibt, in welcher Weise die deutschen„Kulturpioniere" sich die„Hebung" der ttage der Eingeborenen und deren Ueberführung zur abend- ländischen Kultur denken.. Der südwestafrikanische Fanner verläßt sich dabei nicht so sehr aus das Eingreifen der Regie- rumg, er möchte die Sache ain liebsten.selbst in die Hand nehmen. Für ihn koinmt daher der zweite Punkt der Forde- rungcn zuerst in Betracht: Einschränkung der Rechte der Ein- geborenen und Erweiterung der Willkür des Arbeitgebers gegenüber deni farbigen Arbeiter. Die Regierung soll dazu nur die geschlichen Unterlagen schaffen und sich im ichrigen nin die Eingeborenen gar nicht weiter kümmern. Allenfalls könnte es ihr überlassen bleiben,, die nicht zur Arbeit tauglichen und für die Zwangsarbeit nicht Verlvcndbaren Schwarzen mit Stumpf und Sriel auszurotten. Alles in allem verlangen diese Kulturförderer die baldige Erfüllung folgender Wünsche: Die bisherigen Rechte, welche den Eingeborenen noch auf Grund ihrer besonderen Gerichtsbarkeit zustanden, werden auf- gegeben. Alle Angelegenheiten— auch die reinen E i n geborenen-Angelegenheiten— werden der st a a t l i ch c n Gerichtsbarkeit unterstellt. Alle strafbaren Handlungen, die Eingeborene gegen Weiße begehen, müssen von Amts wegen verfolgt werden. Ucber die Eingeborenen sind fühlbare, emp- findliche Strafen zu verhängen, die auch eine e n t- sprechende Vollstreckung finden müssen. Ebenso sind die Strafen für Viehbcschädigung, die sich die Eingeborenen zu- schulden kommen lassen, bedeutend schärfer zu gestaltcu. Des- gleichen muß das komplottartige Verlassen der Arbeit und die frivole Schädigung des Arbeit- gebers viel härter als bisher bestraft werden. Die Vcrtragsfreiheit und die Freizügigkeit der Eingeborenen ist zu beschränken. Das Züchtignngsrccht des Farmers gegen den Eingeborenen, das frei von jeder Prüderie sein muß, ist gesetzlich anzuerkennen. Die der Staatshoheit sich entziehenden Busch kaffern und Feldhcreros sind auszurotten und sei es auch durch eine vollständige-Vernichtung. Man sieht, die Farmer gehen aufs ganze und getreu ihren ostelbischen Junkervorbildern in der Heimat machen sie bei der Regierung auch Dampf hinter ihren Forderungen. Offen» drohten sie in dem„Südwestboten" der Regierimg, die nicht will, wie sie wollen, den Krieg an. indem sie erklären: „Kampf oder V e r stä n d i g n n g! Lehnt die Regierung eine Verständigung ab, dann Farmer hebe den Fehde- Handschuh auf und kämpfe den Kampf um Deine Existenz mit dem Mute, der der Verzweiflung vorausgeht." Und zweifellos wird auch hier die Regierung zum Nach- geben bereit sein und sich bemühen, dem Verlangen der Far- mcr so weit wie möglich entgegenzukommen. Wie sich denn auch die Regierung ähnlichen Wünschen der Farmer auf Samoa gefügig gezeigt hat. Auch dort greift die Not des ArbeUerinangels Platz. Tie„Samoanische Zeitung" ist voll von Klagen darüber: denn die Arbeiter- Verhältnisse aus Samoa sind folgende: Als eingeborene Arbeiter kommen die Sanioaner in Betracht. An sich sind dieselben ein kulturell verhältinsmäßig hochentivickelets Natur- Volk. Ter Samoauer ist auch durchaus nicht arbeitsscheu, sondern er verlangt nur für seine Arbeit entsprecherde Be- zahlung.. Das aber macht ihn in den Augen der Farmer zur Arbeit untauglich. Um so mehr als man den Samoaner nicht durch Hunger oder Steuerdruck zur Arbeit aus den Farmen zwingen kann. Denn einmal besitzen die Samoaner noch genügend Stammesland und zum anderen bekommen 1 sie das Geld zu ihren Steuerleistungcn durch den Verkauf von Cobra immer zur rechten Zeit zusammen. Deswegen mußten sich die Farmer auf andere Weise zu helfen versüchen. Sie fordern daher die � Regierung zur Herbeischaffung fremder Arbeiter auf. Zuerst unternahm man da den Versuch, Eingeborene der S ü d s e c i n sc l n nach Samoa zu verschleppen In welcher Weise das aber geschah und von welch>cn Folgen das für die unglücklichen Eingeborenen begleitet war, darin gewährt eine Schilderung, die vor kurzem in der„Franks. Zeitung" erschien, einen grauenvollen Ein- blick.— In amerikanischen Blättern erschienen bereits vor Monaten eingehende Darstellungen über unerhörte Grau- samkeiten, die bei der Anwerbung von eingeborenvn Arbeitern aus dem Bismarckarchipe�l und aus den S a l 0 m 0 n s- i n s e l n passiert sein sollen. Jetzt nahm die„Franks. Ztg." diese Gerüchte, über die sich unsere gesamte K 0 l 0- n i a I p r e s s c bezeichnenderweise völlig aus- geschwiegen hatte, wieder auf und teilte als"teilweise Bestätigung derselben folgenden Erlaß des deut scheu, Gouverneurs für Neug uinoa.'Dr. Hahl, mit: 1 „Wegen in letzter Zeit vorgekommener schwerer An- werbcrausschrcitungcn und der dadurch verursachten Beunruhigung der Eingeborenen wird das Gebiet von Montagu-Hafen bis Kap Glouoester, Südnoupommern, für die Anwerbung von Arbeitern gesperrt. Um die völlige Auflösung des Eula- und Mengen st ammcs auf der Gazellenhalbiusel zu verhindern, ist die Anwerbung auch in den Sticderlassungcn dieser Eingeborenen am St. Gcorgskanal in Zukun ft untersagt." Diese Verfügung läßt trotz ihrer Trockenheit und Nüchternheit, die aus Furcht, der Defsentlichkeit vielleicht zu- viel sagen zu können, absichtlich gewählt ist, zu den weitest- gehenden Vermutungen Raum. Ztvei Völker st ämmc stehen bereits vor der Auslösung! Wie müssen da die Anwerber gehaust und welche furchtbaren Zustände müssen jahrelang unter den Augen der Behörden geherrscht haben. Denn unbekannt können der Regierung solche Vor- Hältnisse nicht geblieben sein. Verhältnisse, die in der„Franks. Ztg." von einem kolonialen Fachmann geschildert werden: „Die zum Eingehen eines Arbeitskontraktes bewogencn oder ge!v altsam gepreßten Eingeborenen haben ja keine Ahnung davon, in was für Verhältnisse sie gelangen! Man ver- gegenwärtig sich nur: Menschen, die bisher in zwanglosem Da- sein nach den Gesetzen der Natur dahinlebten und deren körpcr- liche Widerstandsfähigkeit bei einer Verpflanzung in eine andere Umgebung anerkanntermaßen außerordentlich gering ist, werden auf einem kleinen Transportschiff/ das zudem der Ersparnis wegen meist unter Segel geht, zusammengepfercht, bis sie nach langer Reise in dem, Tausende von Seemeilen entfernten Sa- inoa ans Land gesetzt werden! Hier haben sie mindestens drei Jahre lang unter dem Zwange schwerer Pslan- zungsarbeit bei gänzlich veränderten Verhältnissen und einer ihnen ungewohnten Kost zu leben oder zu sterben; d e n n eine Lösung des Kontraktes, den der Schwarze mit se inem Daumenabdruck oder mit drei Krcu- zen unterzeichnet hat, und vorzeitige Rückbe- fördcrung gibt es nicht, es sei denn, daß zufällig das Arbciterschisf zu neuer Anwerbung auf Reisen geht, um die Lücken auszufüllen und Nachersatz zu beschaffen. Wie wenig sind je vor Beendigung der Kontraktzeit noch lebend in ihre Heimat befördert worden, wie viele aber sind verendet als Kulturdüngcr für die samoanischen Pflanzungc n." Man kann nicht glauben, daß diese furchtbaren Zustände 'der Ausbeutung der Eingeborenen der Gouvcrneursbehördc aus Neuguinea noch der auf Samoa unbekannt geblieben sein können."Was aber haben die Behörden bis zum Erlaß des Gouverneurs Dr. Hahl getan, um dieser unter ihren Augen sich vollziehenden Versklavung und ausbeuterischer Vernichtung der unglücklichew und völlig wehrlosen Eingeborenen zu ver- hindern? Die Antwort hierauf steht noch aus.— Trotzdem sich das Verlangen der samoanischen Farmer bereits nach neuer Mem'chenbeutc geltend machte. Als nämlich der Zu- ström der Südseeinsulaner versiegte, führte man chinesi- sch c K u l i s n a ch S a m 0 a ein. Aber nun weigert sich die chinesische Regierung, die weitere Anlverbung von Kulis für Samoa zu gestatten. Es sei denn, daß den Chinesen nicht nur höhere Löhne als bisher, sondern daß sie auch den Weißen rechtlich gleichgestellt werden. Ferner soll den chinesischen Arbeitern nach Erlöschen ihrer dreijährigen Dienswcrpflichtuug das Recht der Ansiedlung auf Samoa zustechen. Diese an sich durchaus verständlichen und berechtigten Forderungen der chinesischen Regierung vergällen aber den Farmern jede Freude an der Einfuhr cknnesischer Kulis und heulend verkündet darum die„Rhein.-Westf. Ztg." den Zusammenbruch der Existenz zahlreicher deutscher Ansiedler auf Samoa. Wobei aber zu bemerken ist, daß nach den letzten amtlichen Angaben nur Kl) deutsche Ansiedler, Pflanzer, Farmer und Gärtnxr auf Samoa lebten!— In ihrer Not schreien diese Leute nun nach weiterer Hilfe. Und wenn auch die Cbinesen versagen, soll sich die Regierung bemühen, die holländische Regierung zur Er- laubnis der Anwerbung javanischer Arbeiter zu ver- anlassen. Ob das geschieht und ob der Versuch von einein Er- folg begleitet ist, bleibt abzuwarten. Anscheinend hat die holländische Regierung keine große Lust dazu, ihren kapita- listischen Kolonieausbeutern das vorhandene billige und willige Ausbeutungsmaterial aus den javanischen Besitzungen zu vermindern: so daß die„Arbeiterfrage" auch für Samoa nicht so bald gelöst sein wird. Vor allen Tingen aber wird der Reichstag bei der Besprechung des Kolonialetats Gelegenheit nehmen müssen, die Arbeiterfrage in den Ko- lonien eingehend z u erörtern. Die Regieiung wird ja dann in verschiedener Beziehung mit der Sprache heraus müssen. Die Sozialdemokratie wird dann aber von neuem mit aller Schärfe gegen diese Art der„Arbeiterpolitik" in Kolonien und damit zugleich gegen ein Kolonialsystem zu protestieren haben, das sich aufbaut auf brutaler Vernichtung unentwickelter Menschenrassen, auf offener, gesetzlich gestützter Menschensklaverei und zügelloser Ausbeutungssucht unserer kolonialen„Kulturpioniere". Sei' untei'vehmei'ti'eue liöniiter. Die weitere Debatte über den Etat der Handels- und Gewerbeverwaltung, die auch noch die Dicnstagsitzung des Abgeordnetenhauses ausfüllte, brachte eine ganze Reihe reaktionärer Wünsche zutage. An der Spitze stand wiedennn das Verlangen der konservativ-klerikalen Mehrheit auf Ein- führimg des Religionsunterrichts in den Lehrplan der Fort- bilduiigsschulcn. Nicht die Ausbildung und Erziehung der jungen Leute für ihren späteren Beruf ist es, was dieser rück- schrittlichcn und muckerischen Gesellschaft am Herzen liegt, sondern die Stärkung der Autorität der Lehrherren, und cilS- Mittel zur Erreichung ihres Zweckes dient ihnen die Re- ligion. Hoffen wir, daß der Wunsch des Freiherrn 0. R i ch t- hosen(Rp.), daß doch noch einmal ein Fortbildiingsschulgcsctz im Sinne des Zentrums und der Konservativen zustande kommt, nicht in Erfüllung geht! Gegen den Mißbrauch der Fortbildungsschule zum parteipolitischen 5kanipf gegen die Sozialdemokratie erhob Genosse B 0 r ch a r d t in wirksamer Rede, die von wirklicher Liebe für die Erziehung der heranwachsenden Generation diktiert war und unsere programmatischen Forderungen an den Fortbildungsschulunterricht kurz zusammenfaßte, energischen Protest. Bei einem späteren Titel des Etats entwickelte der kon- serpative Abgeordnete Lieneweg ein ganzes Sammel- snriuin mittelständlerischer Wünsche: Verbot des Hausier- Handels, Schutz der Arbeitswilligen, Beseitigung der Bäckerei- oerordnimg und was dergleichen alte Ladenhüter mehr sind— Maßnahmen, die angeblich dem Mittelstand helfen, tatsächlich aber ganz loirkungslos bleiben werden. In einer kurzen Er- widerung konnte Genosse B 0 r ch a r d t dem Schwärmer für eine neue Zuchthausvorlage mit unanfechtbarem Material von Terrorismus dienen, loie er von Jnnungsbrüdern geübt wird. Widerlegen konnten die Reaktionäre die Aus- führungen unseres Genossen nicht, und so wählten sie den besseren Teil der Tapferkeit, sie schwiegen, und diese Taktik be- obachteten sie auch angesichts des geradezu erdrückenden Materials über den Tcrrorismus von Innungen und Arbeit- gebcrverbänden, das Liebknecht zur Ergänzung der Borck)ardtschcn Rede vortrug. Allerdings muß zur Entschuldi- gung des Verhaltens der Mehrheit gesagt werden, daß ihnen der Handelsminister Dr. S Y d 0 w die Arbeit abnahm. Nach der ministeriellen Verteidigung des Terrorismus der In- nungen hatten die Reaktionäre nicht mehr nötig, auch nur ein Wort zu sagen. Hatte es doch der Handelsminister fertig bekommen, das gesetzwidrige Vorgeben der Magdeburger Bäckerinnung gegen solche Bäckermeister zu billigen, die in einen Tarifvertrag mit den Bäckergesellen willigen wollten und deshalb von der Innung in Strafen von 5 bis 6000 M. genommen worden waren. Dabei hatte der Minister den innersten Schrein seines kapitaliststcheii Herzens dadurch erschlossen, daß er auf der einen Seile von dem„sozialdemokratischen Bäckerverband", ans der anderen Seite immer von den„st aatstreue n" Bäcker- meistern und den„m e i st e r t r e u e a" Gesellen sprach. Der meister- und unternehmertreue Minister hatte freilich noch eine böse Stunde, als ihm Genosse L e i n c r t in seiner Rede über die Arbeitsnachweise seine ungeheuerlich einseitige unternehmerfreundliche Haltung vorhielt und in wirksamem Kontrast dazu ein m i n i st e r i e l I e s Ein- schreiten stellte, das in Hannover stattgefunden hatte einem Tarifvertrag gegenüber, der unter dem Vorsitz eines Magistratsbeamten unter Zustimmung sowohl der Ar- beitgcber wie Arbeitnehmer des Malergewerbes abgeschlossen worden war. Dieser Vertrag war von dem Minister ange- fochten worden, weil ihm der Verdacht aufgestiegen war, daß dadurch eventuell auch den freien Gewerkschaften ein Vorteil � erwachsen könnte. Derselbe Minister aber, der hier aus i Feindschaft gegen die freien Gewerkschaften einschritt, duldet nicht nur die schreienden Gesetz tvidrigkeitcn der Innungen, sondern auch alle Exzesse der U 11 t e r 11 e h in e r a r b e i t s>1 a ch w e i s e. Genosse Leinert nagelte die Arbeitcrfeindlichkeit des Handelsministers ebenso fest, wie dessen geschäftige Tienstfertigkeit gegenüber dem Unternehmertum. Arbeitsnachweise, die nach einer solch feindseligen Stellungnahme gegenüber dem organisierten Proletariat noch die Gunst des Handelsministers erführen, würden von vornherein, und zwar von Rechts tvegen, mit dem unzerstörbaren Mitßtraucn der Arbeitnehmer behaftet sein! Ter Minister blieb am Dienstag die Antwort schuldig. Er wird sich wohl inzwischen nach Ausreden umsehen, um die vernichtenden Anklagen unserer Redner abzuschwächen. Aber alle Ausreden werden die provozierende Tatsache nicht zu ver- schleiern vermögen, daß auch Herr Sydow nichts ist, als der junge Mann des Unternehmertums, ein unternehmertreucr Minister!__ Das fünstigmillionengeichenk an den Geldfach. Die.Freisinnige Zeitung" hat auf unsere letzte Kennzeichnung ihrer Aktion zugunsten der preußischen Geldsäcke, ihrer Forderung auf Aufhebung der Steuerzuschläge auch für die 5 o 5 c ii Einkommen, nichts zu antworten gewußt. Trotzdem hielten wir es für angebracht, nochmals zahlenmäßig genau nachzuweisen, welch kolossale Steuerliebesgabe an die r e j che« und reichsten Leute Preußens die Forderung des Freisinns— der hier mit Zentrum und Nationalliberalcn Hand in Hand geht bedeuten würde. Bon wem werden jetzt die Stcuerzuschläge aufgebracht? Nur zu einem geringen Teil von den minderbemittelten Schichten, zu reichlich fünf S echsteln von der besitzenden Zllasse. Folgende Zahlen mögen das beweisen: Bon den physischen Zensitcn fperiönlichen Steuerzahlern) wurden nach der neuesten amtlichen Statistik im Jahre 1S12 an Zuschlägen gezahlt von den Einkommensgruppen von Ö0(Z— 3000 M... 3,9 Millionen Mark Zuschläge über 3000„.. 82,9„,» Schon diese Zahlen verraten, wem mit der Aufhebung der Steuerzuschläge ein Riesengeschenk gemacht werden soll. Aber wir wollen die Summe, die den schwerreichen Geldsäckcn geschenkt werden soll, noch ein wenig spezialisieren. Von den Steuerzahlern mit einem Einkommen von 9500 bis 30 500 M., also von Leuten, die doch wirklich die Zuschläge bezahlen können, wurden im Jahre 1912: 46,1 Millionen Mark Einkommen» steuer gezahlt. Da an Zuschlägen 15 bis 20 Proz. dieser Steuer- summe erhoben werden, rechnen wir eher zu niedrig als zu hoch, wenn wir dje Steuerzuschläge für diese Gruppe von Steuerzahlern auf 8,3 Millionen Mark beziffern. Also diesen reichen Leuten sollen fast S1!* Millionen Mark geschenkt werden! Hübscher aber noch nimmt sich folgende Berechnung aus. Für die Steuerzahler mit mehr als 30 500 M. Jahresein- kommen beträgt der Steuerzuschlag 25 Proz. der von ihnen zu leistenden Steuersumme. Im folgenden stellen wir hiermit die von den einzelnen Einkommensgruppen gezahlte Einkommensteuer und die infolgedessen im Jahre 1912 erhobenen Zuschläge neben- einander: Steuersumme: 33,6 Millionen M. 27.1 6,2„„ 8,0.„__ DaS geplante Steuergeschenk beträgt also: 18,7 Millionen M. Rechnen wir dazu die 3,3 Millionen Mark der Gruppe mit 9500—80 500 M. Jahreseinkomnien, so ergibt sich, daß allein den physischen Zensiten mit einem Jahreseinkommen von mehr als 9500 M. die Summe von 27 Millionen Mark geschenkt werden soll. Aber damit nicht genug. Auch die nichtphysischen Zen- fiten, die Aktien- und kapitalistischen Erwerbsgesellschaften überhaupt. wollen sich ein rundes Sümmchen von 16 Millionen Mark schenken lassen. Die Stcuerzuschläge für die nichtphysischen Zensiten betrugen im Jahre 1912 16,1 Millionen Mark, davon entfallen auf: Aktien- und Kommanditgesellschaften.. 11,2 Millionen Mark Berggewerkschaften......... 0,7,. Gesellschaften mit beschränkter Haftung 4,08__.__, Jahreseinkommen: 80 500 bis 100 000 M. 100 000. 500 000„ 500000. 1 Mill.. über 1 Mill.. Zuschläge: 8,4 Millionen M. 6,8„„ 1,5 2,0 Zahlen entnehmen, die beweisen, wie koloffal sich gerade das Ver- mögen der schwerreichen Leute in Preußen vermehrt hat. Es haben sich vermehrt von 1895—1911: in den Gruppen: die Zensiten Prozent um 16 Jahre lahrlich 6 000—100 000.. 555 901 52.8 3,30 100 000—500 000.. 49 291 56,9 3,56 500000—1000 000.. 5 425 64.77 4,05 1000 000—2 000 000.. 2 487 72.52 4,53■ 2 000 000 und mehr.. 1 598 87,46 5,46 DaS Vermögen Prozent B e st a n d i m Jahre 191 1 mn V,« S....' M..,ch|«3> 11941 780 000 46,8 2,92 1 198 208 87 459 070 000 10 017 588 000 59,0 3,69 135 848 27 005 902 000 3 889 236 000 65,27 4,03 113 800 0 847 844000 3 553 898 000 72,43 4,52 5 916 8 460 020 000 9 524 624 000 109,21 6,82 3 425 18 245 900 000 38 927 076 000 Wie sich speziell in den Jahren 1908 bis 1911 das Vermögen gerade der allcrreichsten Leute in der fabelhaftesten Weise ver- mehrte, beweist folgende Uebersicht aus der gleichen Broschüre des freilonservativen Abgeordneten von Dewitz: In den Vermögens. ftenfiten Zuwachs deS« f gruppen ae»l«en Vermögens pt0 6 000— 100 000 1 604 050 4 655 514 000 M. 2 895 100 000— 500 000 135 843 2 451 114 000. 18 000 500 000-1000 000 13 800 844 912 000, 61 200 1000 000—2 000 000 5 916 883 230 000„ 149 000 2 000 000 und mehr 3 425 2 170 890 000. 634 000 Wer angesichts solcher Tatsachen von einer»enormen Be- l a st u n g" des preußischen Besitzes zu reden vermag, darf wohl mit Fug und Recht als schamloser Handlanger der un- verschämte st en Geldsackinteressen bezeichnet werden! Sie BalisaRkriic. in Summa 18,98 Millionen Mark Also diesen kapitalistischen Gesellschaften sollen rund 16 Millionen Mark geschenkt werden. Aber weiter. Für die Ergänzungs-sVermögenS-)Steuer liegen für das Jahr 1912 die amtlichen Zahlen noch nicht vor. Ziehen wir aber die Zahlen von 1911 zu Rate, so zeigt sich, daß in diesem Jahre von den 12'/, Millionen Mark Zuschlägen zur Vermögens- steuer nicht weniger als 9'/, Millionen llliark auf die Vermögens- stcuer-Zensiten entfallen, die ein Einkommen von mehr als 3000 M. besaßen. Das von dem Zentrum erstrebte Geschenk an die reichen und reichsten Steuerzahler beträgt also 27-j- 16+ Q'/a Millionen .Mich 52'/, Millionen M2rk! Die„Freisinnige Zeitung" behauptete dieser Tage bekanntlich in einer Polemik gegen den„Vorwärts", daß die zu schaffende Besitz- steuer für das Reich doch nicht dadurch erschwert werden dürfe, daß man den Steuerdrückebergern den Vorwand gebe, sich auf die „enorme Steucrbelastung" des preußischen Besitzes zu berufen. Diesem lächerlichen Einivand gegenüber wollen wir einer Broschüre des freikonservativen Abgeordneten v. Dewitz folgende ffiino 13 und wir. Die Stadtverordneten Berlins wollen am 17. März den hundertsten Jahrestag des„Aufrufs an mein Volk" feierlich be- gehen durch einen„Bittgang" in die Nikolaikirche, wo Christen, Juden und Heiden als treuergebene Diener der Monarchie uno wahrhafte Patrioten paradieren wollen. Nur die Sozialdcino» traten tun nicht mit. Sie haben erklärt, daß zu einer solchen Gedenkfeier das Volt keinen Anlaß hat, da ihm die Machthaber die volle Erfüllung der �1813 in der Stunde der Rot zugesicherten staatsbürgerlichen Rechte, bis auf den heutigen Tag vorenthalten haben. Für uns Sozialdemokraten ist die Ablehnung jenes Bilt- ganges durch unsere Genossen im Berliner Rathaus sclbstvcrständ-� lich. Den freisinnigen Patrioten jedoch gab sie den erwünschten Anlaß, durch ein paar heulmeiernde Entrüstungskomödie» ini Rat- Hans und ini Abgeordnetenhaus deu höchsten. und allerhöchsten Herr- schgften ihre neuerdüigs etwas verdächtig gewordene Ergebenheit gegen Thron und Altar in empfehlende Erinnerung zu bringen. Dabei wurde der Versuch gemacht, die Ablehnung jener bh- zantinisch gefärbten Feier den Sozialdemokraten als gleichgültig gegen die Volksbewegung von 1813 überhaupt umzudeuten, trotzdem unser ganzes Auftreten in der Oeffentlichkeit hinreichend beweist, Wie wir in Wirklichkeit zu der Frage stehen: Feiern? nein; ge- denken? ja! Wie sehr wir Sozialdemokraten die Erben der Befreiungs- bcstrebungcn des JahreS 1813 sind, das spricht besonders mit übcrzeugendrr Klarheit aus den Schriften Johann Gottlieb F i äi t c s. Nicht nur in seinen 1808 erschienen„Reden an die deutsche Nation", auch in manchen seiner kleineren politischen Schriften finden sich Urteile, die heute noch die herrschenden Klassen empfindlich ins Mark treffen. Dg aber gerade das, was in der beutigen Zeit noch lebcns- und wirkungskräftig ist aus Fichtes Wirken, bei den offiziösen Festgepränge keinen Widerhall finden wird, wollen wir als Erben und Vervollkominncr seiner Befreiungs- bestrebungen hier einige dieser Worte den Mitstreitern in Er- inucrung rufen. Fichte erstrebte ein einheitliches Deutschland mit republi- kauiscben Einrichtungen, unter voller Berücksichtigung der Eigen- art aller einzelnen Stämme. Aber jedweder Partikularismus, auch der preußische, war ibm völlig fremd. Beginnt er doch seine Reden au die deutsche Nation mit den lapidaren Sätzen: „Ich rede für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlecht- weg, nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend und wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche un- selige Ereigniffe seit Jahrhunderten in der eine» Nation gc- macht haben." So„deutsch" denken in Deutschland heute nur noch wir So- zialdemokraten. In jenen Reden gab Fichte sich aber noch der utopistischen Hoffnung hin, daß sie deutschen Fürsten, gepackt von Begeisterung. für die Befreiung und Einheit der Nation, freiwillig auf ihre Vorrechte verzichten würden. Die Ereignisse der nächsten Jabre zerstörten bald diese Hoffnung. Als dann 1813 König Friedrich Wilhelm III. von Preußen endlich sich zu dem..Aufruf an mein Volk" hatte drängen lassen, kommentierte ihn Fichte in dem Eni- wiirf zu einer Schrift, die uns als Fragment überkommen ist. Auch ljcute liegen Nachrichten vor, die auf eine Besserung der internationalen Situation deuten. Die Differenzen zwisckien Oesterreich und Rußland in der albanischen Frage haben sich anscheinend neuerdings ver- ringert und die Idee, daß wegen der Zugehörigkeit einiger verlorener Nester zu Albanien oder Serbien Krieg geführt oder auch nur die ungeheuren finanziellen Opfer der Modi- lisierung noch vernichrt werden sollten, ist so absurd, daß sie allmählich aufhört, die leitende der österreichischen und russischen Machthaber zu sein. Auf dem Kriegsschauplatz selbst verhindert die Vernunft der Natur den Wahnsinn Weiteren Massenmordes, und man kann nur wünschen, daß die wohltätigen Schneefälle bis zum Abschluß des Friedens fortdauern. Hoffnung auf allgemeine Entspannung. Wien, 2b. Februar. Wie die Blätter melden, ant- wartete Ministerpräsident Gras Stürgkh einer Abordnung deutsch-böhmischer Parlamentarier auf eine Anfrage über die internationale Lage, es sei begründete Hoffnung, daß in nicht ferner Zeit eine allgemeine Eni- s p a n n u n g eintreten werde. Italien behält die besetzten Inseln I London, 25. Februar.(Privattelegramm des«Vor- WärtZ".) Nach einer Konstantinopeler Meldung der„Daily News' von dem aus dem Tripoliskricg« bekannten Korrespondenten Mac Cullagh verhandelt die italienische Regierung augenblicklich mit den Jungtürken über den Verkauf der von den Jtaliern noch besetzten Inseln Rhodos, LeroS und Stampalia. Der Korrespondent schreibt, daß der Kaufpreis schon jetzt bezahlt worden sei, die Inseln aber erst nach Beendigung des Krieges abgetreten würden. Konstantinopel stecke voller KonzessionS- Den Königswortcn tritt er da höchst pessimistisch gegenüber mit dem Satz: „Wenn nun der unterjochte Fürst an sein Volk appelliert, heißt daS: Wehrt euch, damit ihr nur meine Knechte seid, und nicht die eines Fremden? Sie wären Toren." Das könnten die Cassel und Konsorten sich ins Stammbuch schreiben. Fichtes Mißtrauen hat sich vollauf bewahrheitet. DaS Volk lvar zwar nicht töricht geraig, auf die Befreiung von der inneren Knechtschaft zu verzichten. Aber als eS mit unerhörten Opfern die Befreiung von der Fremdherrschaft erkämpft hatte, duldete es, daß der wortbrüchige König sein getreues Volk wieder zu„seinen Knechten" machte. Doch schlimmer als Toren sind die Bürgersleute, die jenen Verrat am Volke jetzt nachträglich sanktionieren, indem sie den Aufruf durch einen kirchlichen Vitt- gang byzantinisch, feiern. Wie sehr Fichte die heute noch bestehenden Krebsschäden der staatlichen Einrichtungen erkannte, das hat er am kräftigsten aus- gesprochen in einer gleichsfalls unvollendet gebliebenen Schrift, die er in Königsberg im Winter 1806/07. also nach dem Zu- sammenbruch bei Jena, verfaßt bat. Eine Schilderung der Selbst- sucht und aufgeblasenen Nichtigkeit der F ü r st e n gipfelt in den Worten: ..Sie krochen vor dem Auslaiide, sie eröffneten demselben den Schoß de» Vaterlandes; sie würden vor dem Dey von Algier gekrochen sein und den Staub seiner Füße geküßt� haben, seinen natürlichen oder angenommenen Söhnen ihre Töchter vertraut haben, wenn sie nur dadurch zu dem ihnen gelegenen Amte oder zum Königstitel hätten kommen können." Daß die deutschen Fürsten so werden konnten, wie sie waren, dafür maß Fichte indes den in Untertänigkeit ersterbenden Bürgersleuten ein vollgerütteltes Maß der Mitschuld bei. Nach Schilderung der Stumpfsinnigkeit der Fürsten fügte er binzu: „Dieser allen Glauben übersteigende Stumpfsinn zeigte sich auch nock, in anderen Erscheinungen. Sie konnten eine ganze Regierung hindurch Fehler an Fehler geknüpft haben, die nun offen dalagen vor aller Welt Augen; aber sie dursten nur eine augenblickliche Regung zeigen, sich zu ermannen, oder sie konnten sich nach langem Hin- und Herüberlegen entschließen. eine entscheidende Niederträchtigkeit nicht zu begehren, so fanden sich sogleich die entzücktesten Lobredner, denen es an Worten und an Bildern zu gebrccben schien, um diese Muster- zügc von Regentenlweisheit und Mut zu erheben, ohne daß jene die tiefe Schmach fübleten, die ibnen dadurch angetan wurde, und ohne daß man ein Beispiel wüßte, daß sie ein Mißfallen daran bezeigt." Ist eS nickt, als ob Fichte vorahnend den freisinnigen Bürgers- leuten von 1913 in die pflaunienweichen Seeeln geschaut hätte? So geht's genau heute auch noch zu im neuen Deutschen Reich der Untertanendemut und Bedientensitte. Durchaus vertraut mutet uns auch an, was er über die Minister sagt: „Solcher Fürsten würdig waren derselben Minister.... Die Verlvaltung des auswärtigen Verhältnisses ging ganz auf in dem, was sie Diplomatik nannten; und diese bestand, außer der Wissenschaft des AuSforfchens, deS Ablockens von Ge- hcimniffen der Erhorchung von Anekdoten, alles dieses zu keinem jäger. Vor einigen Tagen habe das Kabinett in einer Stunde 27 Konzessionen genehniigt, die alle von Ausländern erworben wurden. Die Konzessionen beziehen sich meist auf Kupfer- und Glimmerbergwerke und Oelfelder. Eine Folge des Krieges, meint der Korrespondent, werde ein ungeheures Anwachsen der aus» ländischen Finanzinteressen in Kleinasien sein. Der asiatische Rest der Türkei werde an Händen und Füßen gebunden den christlichen Konzessiv- nären ausgeliefert sein. Er glaubt, daß die Türkei all- mählich unter eine Art italienisch-österreichischen Protektorats kommen werde. Deshalb setzt man sich auch in Italien neuerdings so sehr für die Integrität der asiatischen Türkei ein, nachdem man den afrikanischen Teil und die besetzten Inseln in Sicherheit gebracht hat. Vom Kriegsschauplatz nichts Neues Konstantinopcl, 25. Februar. Ein amtlicher Kriegs» b e r i ch t besagt: Infolge des herrschenden Schnee- st u r m e s hat sich vor Tschataldscha, Adrianopel und Bulair nichts Neues ereignet. politiscbe(leberNcdt. Berlin, den 25. Februar 1913. Wahlprüfungen. Aus dem Reichstage. Wenn es sich um die Nach- Prüfung und um die Entscheidung über Gülttgkeit oder Un- gültigkeit beanstandeter Wahlen handelt, stoßen die Partei- Interessen hart und unvermittelt aufeinander. Das tun sie bei anderen Gelegenheiten freilich auch, aber die Parteien schützen dann doch gern allgemeine Grundsätze, öffentliches Wohl und andere mehr oder weniger unsichere Abstrattionen vor. Bei Wahlprüfungen handelt eS sich dagegen um die ganz konttete Realität, ob eine Partei ein Mandat im Reichs- tage fürderhin behalten, oder ob es ihr durch einen Mehr- heitsspruch genommen werden soll. Zwar wird dabei auch mit dem Handwerkszeug formal- juristischer Deduktionen geklappert, aber kein Mensch läßt sich auch nur einen Augenblick darüber täuschen, daß sich bei den Wahlprüfungen des Reichstages je länger, je gewisser der alte„Rechts'grundsatz durchsetzt: Macht geht vor Recht! Dermaßen geraten bei diesem Mandatsgeraufe die„Rechts"- anschauungen der bürgerlichen Parteien in Verwirrung, daß irgend ein besonders leistungsfähiger Abgeordneter heute mit beredten juristischen Argumenten als Rechtsbruch anklagt— wenn er damit einem Parteifreund nützt!—, was er gestern noch mit der gleichen juristischen Beredsamkeit als unfehlbaren» Rechtsspruch verteidigte— wenn er damit einem Partcifcind Schaden zufügte! Der bekannte Arendt, von Geburt Jude, von Kon- fession Christ, dem Namen nach Rcichsparteiler, der Sache nach preußischer Partikularist, dem Mandat nach Volks- Vertreter, seinen Taten nach Soldknecht des Kapitals, gab am Dienstag in der Frage der Wahlprüfungen ein besonders liebliches Beispiel politischer Doppelwährung. Mit dem blechernen Tone unechter Silbermünzcu knarrte er dem Reichstage die Beleidigung ins Gesicht» er möchte doch wenigstens Pen„Schein des Rechts" wahren. Dieser Rechts- athlet mußte sich aber fünf Minuten später nachweisen lassen, daß er selbst in einem früheren Falle frisch, fromm, froh und dreist die ärgste Ungesetzlichkeit, die bei einer geheimen Wahl Überhaupt möglich ist, begeistert verteidigt hatte. Und einige Stunden später stimmte dieser Herr mit dem doppelten Rechts- bewußtsein in einem praktischen Falle gegen die erhabenen Rechtsgrundsätze, die er selbst kurz vorher noch dem Reichs- tage mit feierlicher Beschwörung anempfohlen hatte. Es sind immer nur die Sozialdemokraten, die den ruhenden Pol in der allgemeinen Verwirrung rechtlicher Begriffe bilden und für die Durch- anderen Gebrauch, als damit man sie berichten könne ihrem feinsten Wesen nach, in der Kunst: durch Zweideutigkeiten und auf Schrauben gestellte Erklärungen die Notwendigkeit eines entscheidenden Entschlusses so weit hinauszuschieben als irgend- möglich, in der Hoffnung, daß unterdessen vielleicht ein Zufall statt unserer wählen und uns des harten Zwanges, selber zu denken und zu wollen, überheben werde. Die Kunst der in- n e r e n Verwaltung war noch weit einfacher, und bestand bloß in der Wissenschaft, soviel bares Geld als irgend möglich her- zuschaffen.... Wenn man ihnen anmutete, etwas für die Erziehung des Volkes, die über allen Glauben elend war, zu tun, so entschuldigten sie sich damit, daß sie dazu kein Geld hätten;... alles Geld, dessen man nie zuviel bekommen konnte, floß nun zusammen in den ungeheuren Schlund der stehenden Heere, die nie groß genug sein konnten, und die zu keiner anderen Ausgabe etwas übrig ließen." Geradezu vernichtend ist, was er über das beutegierige Junkertum schreibt, das die Offizierstellen im Heere fast ausschließlich inne hatte und durch„freches und rohes Dahintreten und höchmütigen Trotz gegen alle anderen Stände" seine Vor- rechte betätigte, aber im Kriege fortgesetzt vielfach Bewefte der Unfähigkeit, Feigheit und sogar des Verrats geliefert hat. Doch es mag hier genug sein mit der Anführung wlcher Ilr- teil« über die Schaden der damaligen Zeit, Schäden, die heute noch nicht völlig überwunden sind. Wohl aber mutzen wir noch hinweisen darauf, wie nahe Fichte in seinem Denken auch den positiven Bestrebungen der Sozialdemokratie gekommen ist. Er war sicher kein Sozialdemokrat. Dafür war seine Zeit noch nicht reif. Seine wirtscbaftspolitischen Anschauungen wurzeln in der Uebergangszeit von den kleinbürgerlichen zu den kapitalistischen Be- triebsformen. Aber seine ganze großartige Au�assung des Ge- meinsinns und des Gesamtintcresscs des Volkes treibt ihn doch zu Forderungen, die nur durch den Sozialismus verwirklicht werden können. Dieser nationalste Eowecker des Deutschtums dachte ganz international, indem er siÄ das neue Deutschland vorstellte als ein mit anderen Nationalstaaten gleichberechtigtes Glied einer weltbürgerlichen Gesellschaft. Der Gedanke, die Einheit Deutsch- lands herzustellen, um dann die gewonnene Macht zur Unter- drückung fremder Völker auszunutzen war ihm völlig fremd. Er hatte die Greuel und den Druck des bonapartistischen Jmperialis- mus zu schmerzlich empfunden, als daß er selbst seinem Volk eine solche mcnsckhcitsfeindliche imperialistische Politik bätte zu- weisen können. Wie sehr �as �tantsiöenl, öaS ihm vorschwebte, dem unfern sich nähert und nur von einer sozialistischen Gesell- schaft verwirklicht werden kann, als Beweis dafür mögen hier wieder die Worte Fichtes Platz finden, die vor einigen Tagen bereits im Reichstag den bürgerlichen Parteien vorgehalten wurden. In jener Schrift nämlich, die den Aufruf„An mein Volt" kommentiert, mißt er den Deutschen ihre staatliche Auf- gäbe in folgenden Worten zu: „Und so wird von ihnen auS erst oargestellt werden ein wahrhaftes Reich des Rechts, wie es noch nie in der Welt er- schienen ist, in aller Begeisterung für Freiheit des Bürgers, die wir in der alten Welt erblicken, ohne Aufopferung der Mehrzahl der Menschen als Sklaven, ohne welcke die alten Staaten nicht bestehen konnten: für Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menfchcngestcht trägt." 0- L. fefcung des wirklichen Rechts allen Partcinteresscn zum Trotz bis zur Selbstverleugnung kämpfen. Hat sich doch Genosse Haupt am Dienstag mit Rücksicht darauf, daß hernach seine eigene Wahl zur � Entscheidung stand, bei der Entscheidung über die Wahl des auchnational- liberalen Becker. des bekannten Reichsverbändlers, der Stimme enthalten und dadurch— cS wirkt wie ein Treppenwitz der Geschichte!— dem Reichsverbändler das Mandat gerettet. In namentlicher Abstimmung wurden 159 Stimmen für die Gültigkeit, 168 gegen die Gültigkeit des Beckerschen Mandats abgegeben. Freilich hätte diese sozial- demokratische Anständigkeit nicht so sonderbar belohnt zu werden brauchen, wenn nicht zehn fortschrittliche Abgeordnete gefehlt hätten. Dabei handelte es sich bei dem zu Unrecht unter- legenen Gegenkandidaten Beckers um den Freisinnigen Pfarrer Korrell! Der Freisinn bleibt sich in seiner Direktionslosigkeit und Zerfahrenheit doch immer gleich! Der lange umstrittenen Prüfung der Wahl Beckers ging die Prüfung der Wahl deL Nationalliberälen Kölsch vorher. Die Angelegenheit wurde noch einmal an die Wahlprüfungs- kommission zurückverwiesen. Das gleiche geschah in namcnt- licher Abstimmung mit dem Mandat des Genossen Haupt, nachdem besonders unsere Genossen R e i ß h a u s und Schmidt- Meißen mit überzeugenden Gründen den An- trag der Wahlprüfungskommission auf Ungültigkeitserklä- rung der Wahl zurückgewiesen hatten. Am Mittwoch soll wieder ein Schwerinstag statt- finden. Zur Erörterung gelangt ein Initiativantrag der Nationalliberalen über das Submissionswesen und ein kon- servativer Initiativantrag über die Vermehrung kleiner Garnisonen und Bewilligung freier Fahrt für Soldaten, die in Urlaub fahren.—_ An die falsche Adresse. Das.Berliner Tageblatt" kommentiert den Beschluß, den die Generalversammlung des Zcntralwahlvereins Teltow-Beeslow in Sachen der Stichwahltaktik für die bevorstehende Ersatzwahl pro- klamiert hat, keineswegs beifällig. Daß die Sozialdemokratie ent. schlössen ist, den fortschrittlichen Kandidaten Herrn Traub durch- fallen zu lassen, wenn der Freisinn nicht seinerseits bindende Ver- pflichtungen übernimmt, erscheint dem„Berliner Tageblatt" zwar konsequent; aber die Konsequenz, die Wahl eines Reaktionärs auf Kosten eines„entschiedenen Demokraten", wie eS der Pfarrer Traub sei, zuzulassen, hält es gleichwohl für„absurd". Uns will es absurd erscheinen, daß das„Berliner Tageblatt" so gar nicht zu begreifen vermag, daß Herr Traub als Person für. die Sozialdemokratie natürlich keine Rolle zu spielen vermag, sondern nur als Angehöriger seiner Partei, der Fortschrittspartei. Ob ein Reaktionär mehr im Abgeordnetenhause sitzt,, ist vollständig gleichgültig. Nicht gleichgültig dagegen ist, daß der Fortschritt sich mit erklärten WahlrcchtSfeinden wie den National- liberalen verbunden hat, um einem Bündnis mit der Sozialdemo- kratie aus dem Wege zu gehen und auf Kosten der Sozial- demokratie WahlrechtSfeinde in den"Landtag hineinzubringen. Wenn der Fortschritt solcher Verräte- ' reien am Wahlrecht, also an seinen eigenen prinzipiellen Forde. rungen, fähig ist, so kann und muß es auch der Sozialdemokratie gleichgültig sein, wieviel Freisinnige in den Landtag hineinkommen. Dabei ist es natürlich unvermeidlich, daß der Gerechte mit dem Ungerechten leiden mutz. Als Person vermag Herr Traub trotz aller persönlichen Vorzüge nicht das geringste zu nützen... Alt aber sein Einfluß auf seine Partei so gering, daß er deren reaktionäres Gebaren nicht zu verhindern vermag, so mutz er sich eben bei seinen eigenen Parteigenossen dafür be- danken, daß ihm der Eintritt in da? Dreiklassenparlament ver- schlössen bleibt. Auch daS„Berliner Tageblatt" sollte sich mit seinen Schmerzen lieber an die entscheidenden Instanzen der Fortschrittlichen Volkspartei selbst wenden. Ter Cassel-Quasscl wird jetzt wicht wur von der„Volkszeitung", sondern auch vom „Berliner Tageblatt" preisgegeben. Schreibt doch. das Moste- blatt über den Zusammenistoß in der Schöneberger Stadt- verordnetenversammlung: „Patriotische und monarchische Gchmrnmg pathetisch und vordringlich zur Schau zu stel- 1 e n und sich auf diese Weise bemerkbar zu machen, ist nicht nach jedermanns Geschmack. Und es entspricht ganz g e- tv i tz n i ch t dem Geiste jerer schlichten, tapferen, unabhängigen— und auch vor Königsthronen unabhängigen— Männer, die dem poeutzischen Volke vor hundert Jahren den Weg zum Siege gezeigt."___ Nationalliberale Wahlparole in Baden. Der„Frankfurter Zeitung" wird aus Karlsruhe gemeldet: „In der Sitzung des engeren Ausschusses der nationalliberalen Partei wurde auch die Taktik bei den kommenden Landtägswahlen erörtert. Die Mehrheit der Vertreter sprach sich für einen Groß- block im ersten Wahlgange aus. Die endgültige Entscheidung in dieser Frage wurde auf später vertagt. Vaterlandsliebe, die nichts kostet. Seit langem forderten die konservativen und national- liberalen Blätter unter der glorreichen Führung der„Post" und der„Rheinisch-Westfälischen Zeitung'» eine möglichst starke Vermehrung des Heeres und der Flotte. Unter Aufgebot der schönsten Phrasen wurde erklärt, dem deutschen Volk, be- sonders den sogenannten gebildeten und besitzenden Volks- kreisen, sei kein Opfer zu groß für Deutschlands Ehre und Machtstellung. Noch lebe im deutschen. Bürgertum der Geist seiner Ahnen von 1813. Wenn es Deutschlands Wehrfähig. keu, seine Zukunft, seine nationale Größe gelte, d ü r.f e u n d werde kein echter deutscher Mann dem Vater- lande Gut und Blut verweigern. In allen Variationen wurde bis.zum Ueberdruß Schillers„Ans Vater- lans, ans teure, schließ dich an!" zitiert.. Jetzt ist die Heeresvorlage ausgearbeitet und soll in kurzem zusammen mit den neuen Steuervorlagen, die zur Deckung der Ausgaben unbedingt erforderlich sind, dem Reichstag zugehen. Nötig sind ungefähr 180 Millionen Mark, von denen ungefähr 50 oder 60 Millionen durch eine so- genannte Besitzsteuer, eine Vermögenszuwachs- oder Erb- anfallsteuer, aufgebracht werden sollen— und nun fährt die- selbe Presse des„gebildeten" und„besitzenden" Bürgertums,' die sich vor wenigen Wochen noch in vaterländischen Phrasen berauschte und patriotische Gedichte deklamierte, wie von einer Tarantel gestochen auf. Futsch ist die ganze nationale Begeisteru.ng! So hatte man die Sache sticht gemeint. Was. von den 180 Millionen Mark sollen, 60 oder 60 Millionen den Wohlhabenden aufgebürdet werden? Nein, öa» hatten die Zeitungen vom Kaliber der„Post" nicht ge- ««du. als sie von der Opferwilligkeit und dem heiligen Vaterlandsgefühl der Bcsisteuden räsonmerten.� Wie bisher. so sollte auch diesmal verfahren werden. Wohl wollte inan in patriotischem Pflichtgefühl bewilligen, was die Regierung an neuen Truppen forderte— aber die Aufbringung der nötigen Geldmittel, die mochte den ärmeren V o l k s k r e i s e u überlassen bleiben. Neben dem Be- willigen auch noch selbst den eigenen Geldbeutel zu belasten — das ist allzu viel verlangt. So weit reicht die gepriesene vaterländische Opferwilligkett nicht, und mehren sich�denn in der konservativen und nationalliberalen Presse die Stimmen, die dringend die Regierung ermahnen, doch um Gottes willen nicht die Heeresvorlagen mit der Teckungsfrage zu verquicken. Erst m.ü ßtendieneuenH e er e s vorlagen a n g c- nommen werden— d a n n später könne man darüber reden, wie sich am besten die nötigen Mittel zur Deckung der entstandenen Aus- gaben aufbringen ließen. Man kalkuliert eben, daß später, nachdem einmal die Heeresvermehrung durch- gesetzt ist, sich schon die Gelegenheit bieten wird, den weitaus größten Teil der Lasten auf die breite Volksmasse abschieben zu können. Gestern haben wir zwei Stimmen aus dem national- liberalen Läger zitiert, die sich gegen die sogenannte Ver- quickung der Hceresvorlage mit der Deckungsvorlage wenden; heute folgt die„vaterländische"„P o st" mit der gleichen Mahnung. Oktavio Freiherr von Zedlitz und Neukirch schreibt dort: „Nachdem bekannt ist, daß mit der Hceresvorlage die Deckungsvorlage zugleich eingebracht werden soll, wird in einem Teil unserer Presse die Forderung erhoben, daß auch die Ver- abschiedung beider Vorlagen gleichzeitig erfolgen solle.- Man weist dabei auf eine formelle Verbindung beider Vorlagen durch ein sogenanntes Mantelgcsetz hin. Dieses eifrige Ver- langen ist etwas verdächtig. Man bezweckt dabei anscheinend, die Militärvorlage als Vorspann für die Lösung der Deck u n g L f r a g e nach einer bestimm- ten Richtung hin zu benutzen, vornehmlich aber nicht allein zu dem Zwecke, um dem sogenannten schwarzblauen Block die Erbanfallsteuer aufzuzwingen, sondern auch um den Sozial- demokraten die Rolle des Helfers in. der Finanznot zuzuweisen. Man wird indessen erwarten dürfen, daß diese Liebesmühe um- sonst aufgewendet ist, denn die Verbündeten Regierungen wer- den doch nicht so töricht sein/ die Verabschic- dung einer unbedingt dringlichen Vorlage, wie die Hecresverstärkung, von der Lösung eines so schwixrigcn Problems, wie es die Deckungsvorlage ist, abhängig zu-machen." Es ist doch etwas Erhabenes um die Vaterlanidsliebe— vorausgesetzt, daß sie nichts kostet. Ein gemaßregelter Lehter. Aus Bremen wird uns noch geschrieben: Der Staatsanwalt mußte in seinem Plaidohcr anerkennen, daß die„Arbeiter-Jugcnd" ein außerordentlich' geschickt und inhaltreich redigiertes Blatt sei, daß sie eine Reihe von Artikeln mit allgemein wissenschaftlichem Inhalt bringe, daß sie daneben aber eine Fülle von Artikeln enthalte, die darauf abgestimmt seien,' die Jugend zum Ein- tritt in den sozialdemokratischen Klassenkampf zu erziehen. Daß. die Arbeiterjugendbewegung an sich vom Sozialismus durchtränkt sei, ergebe sich aus ihrer ganzen Struktur.' Er sei überzeugt, daß der Angeschuldigte bewußt in sozialdemokratischen Jugendversammlungen als Hauptredner aufgetreten sei, um mit sozialistischen Ideen auf die Jugend einzuwirken und sie vorzubereiten auf den späteren Anschlust- an: die gtoßm Organisationen, die den Klassen- kämpf führen. Der Angeschuldigte werde nicht sagen können, daß eS ihm unbekannt gewesen sei, daß es sich mit den Pflichten eines Staatsbeamten nicht vereinbaren lasse, sich mit. der Sozialdemokratie und ihren Tendenzen solidarisch zu erklären. Aus diesen Gründen beantrage er die Dienstentlassung des Angeschuldigten. — Der Verteidiger vertrat in seinem wirkungsvollen Plaidoyer die Ansicht, daß eine ehrliche Ansicht, die auf gesetzlichem Boden begründet sei— und das sei hier der Fall— niemals achtungS- unwürdig sei. Es sei dies achtungswürdiger und edler, wenn man mitkämpfe für die notleidenden Brüder und Schwestern, als wenn man den Dingen ihren Lauf lasiei Bezeichne das. Gericht die sozial- demokratische Agitation für achtungsunwürdig, dann breche eS den Stab über Millionen von Bolksgenosien, die derselben Ansicht seien, wie der Angeschuldigte. Eme Bewegung wie die sozial- demokratische könne man mit Gewalt nickt niederhalten. An Preußen seien bestimmte Verbote erlassen, wonach stch 'ein Lehrer nicht im sozialdemokratischen Sinne betätigen dürfe, in Bremen beständen derartige Verbote aber nicht, daß Sonnemann Sozialdemokrat sei, habe die Behörde seit Jahren gewußt. AchtungS- unwürdig sei eine derartige Ueberzeugung nicht. Der Verteidiger schloß seine.Ausführungen mit der Bitte um Freisprechung. Abends um K'/z Uhr wurde das Urteil verkündet. Daß die freie Jugendbewegung darauf hinausgehe, die Ziele der Sozialdemokratie zu verwirklichen, meint da« Gericht,. Ergebe stch einmal aus ihrer Entstehungsgeschichte und ferner aus den Kundgebungen deS Nürnberger Parteitages. Der Angeschuldigte habe zuge- geben, daß in der Jugendbewegung für die sozialdemokra- tische Partei vorgearbeitet werden solle. DaS Ziel der Sozialdemokratie sei darauf gerichtet, die heutige Gesellschaftsform vollständig zu beseitigen und eine neue an ihre Stelle zu setzen. Es sei klär, daß das durchaus nicht unehrenhaft sei, was der An- geschulpigte getan habe, es komme aber für die Disziplinarkammer darauf an, zu entscheiden, ob ein B e a m l e n v e r g e h e n vorliege. Es komme für das Gericht darauf an, zu entscheiden, ob sich der Angeschuldigte der Achtung würdig gezeigt habe, die sein Beruf erfordere, oder ob er die Achtung seines Standes gefährdet habe. Das sei nach Ansicht der Disziplinarkammer der Fall. Wenn ein Beamter durch sein Auftreten mit dazu beitrage, daß der bürgerliche Staat in seinen Grundlagen erschüttert werde, und zwar des bürgerlichen Staates, in dessen Dienst er stehe(!), der ihm sein Gehalts und sein Ruhegehalt gebe, ein solcher Beamter gefährde die Achtung seines Standes. Allerdings müsie hinzukommen, daß der Beanite schuldhaftcr Weise gehandelt habe. Ein sübjeö tiveS Verschulden liege hier vor. Sonnemann habe keinen Grund gehabt, anzunehmen, daß die Behörde sein Verhallen billigen werde. Das Urteil lautet, wie bereits gemeldet, dahin: Der Ange« schuldigte wird aus dem Dien st entlassen. Die Hälfte seines Ruhegehalts wird ihm auf ein Jahr zugebilligt. l>lc fVanzöfifcbc Bozialdemohratlc gegen den Krieg. Der Kongreß der sozialistischen Seines öde- r a t i o n/ der'am Sonntag im Pariser Vorort St. Denis tagte, beschloß nach Reden von Vaillant. Sembät und Renaudel eine große A g i t atidn gegen die Rüstungen einzuleiten und gegen. die Bestrebungen,' die dreijälfrige. Dienstzeit wieder für alle Waffengattungen einzuführen. Es soll unverzüglich ig, ganzen Seinedepqrdement eilt Aufruf an die Arbeiterklasse angeschlagen werden, dessen Text vom Kongreß selbst angenominen wurde. Darin werden die Arbeiter aufgefordert, sich aus allen Kräften den verbrecherischen Plänen der deutschen und' französischen Chau- vinisten zu widersetzeut „Zur wahren Rctiung' Frankreichs, für die Unabhängigkeit' der' Nationen, für den Weltfrieden fordern wir, im vollsten Ein- Verständnis mit' den deutschen Sozialisten: 1. Die frauzö- s i s ch- d e u t s ch e Annäherung. 2. DaS internationale Schiedsgerichtsverfahren für alle Konflikte. 3. Die N a t i o n a l m i l i z zum Ersatz für die Kascrnenarmecn. 4. Den privilegierten Klassen die Verpflichtung aufzuerlegen, durch eine B e s i tz st e u e r die ungeheuren militärischen Lasten, von denen das Volk erdrückt wird, zu bezahlen." Zur Propaganda für diese Forderungen wird die Seine- föderatton von all ihren Sektionen Versammlungen veran- stalten lassen. Das Manöver der bürgerlichen Presse Frankreichs, die glaubte, durch die ungeheuerlichen Verleumdungen, die sie seit einiger Zeit gegen die deutsche Sozialdemokratie aus- streut, die französischen Sozialisten einzuschüchtern und von einem aktiven Kampf gegen die neuen Rüstungen abzuhalten, ist also mißglückt. Wie die deutschen, so sind auch die frauzö- fischen Sozialisten dem Geschrei der Nationalisten zum Trotz entschlossen, wie bisher dem Militarismus in der energischsten Weise entgegenzutreten. Die halbe Milliarde für Rüstungen. Paris, 2S. Februar. In der Budgetkommission der Deputierten- kan!l',:cr erklärten heute der Finairzminister und der Kriegsminister, sie würden am Montag eine Kreditvorlage im Betrage von üll» Millionen Frank einbringen, die dazu bestimmt sei, gewisse für Kriegszwecke erforderliche Arbeiten zu be- schleunigen. Lucacs, der panamikt. Budapest, 26. Februar.(Privattelcgramm des „Vorwärts".) Um Herrn Lukacs will es Abend werden. Mit dem Panamisten will auch der eigene Ministerkollege Graf Zichy, nichts mehr zu tun haben. Er war gestern in Wien und hat seine Demission überreicht. Pressevertretern er- klärte der Unterrichtsminister, nachdem er abgelehnt hatte, sich über die Demission selbst zu äußern, folgendes: „Solange die durch die Führer der Opposition gegen den Ministerpräsidenten erhobenen, das ganze Kadinett berührenden, schweren Beschuldigungen bei voller Freiheit der Be- weise und Gegenbeweise nicht widerlegt sind, bin ich s ii r keinerlei politische oder parlamentarische Betätigung zu haben." Diesen ministeriellen Streik wird der Panamist wohl nicht lange aushalten. Der Wahlkrechtskamps. Budapest, 25. Februar.(Privattelegramm deS „Vorwärts".) Die sozialdemokratische Par- t e i l e i t u n g hat bei der hauptstädtischen Plakaticrungs- gesellschast für den 10 März besonderen Raum an den Plakat- säulen bestellt: das hat zu der Annahme geführt, daß der allgemeine Streik an diesem Tage publiziert wird und am nächsten Tage, also am 11. März, beginnt. Die städtische Abteilung für die Verproviantierung der Hauptstadt hat so- fort Maßnahmen getroffen, um die Hauptstadt im Falle des Generalstreiks mit Lebensmitteln versorgen zu können. Die Maßnahmen sind sicher gut, aber verfrüht. Für Mittwoch- abend, ist in dem größten Saal der Hauptstadt erst eine große Versäminlung einberufen worden, zu welcher nur die Dele- gierten sämtlicher Fabriken, größerer Werkstätten und der sozialdemokratischen Organisation Zutritt haben. Die Partei- leitung dürfte in dieser Vorsammlung die Erklärung ab- geben, daß alle Vorbereitungen für den Streik getroffen sind und die Arbeit in dem Moment eingestellt werden soll, in welchem das Wahlrechts- gesetz im Reichstage zur Verhandlung kommt. Auch die O p p o s i t i o n, die seit Juni vorigen Jahres den Reichstag nicht betreten hat, will zu den Wahlrechtsver- Handlungen wieder im Reichstage erscheinen. Man glaubt, die Opposition im Reichstage und der Generalstreik der ge- samten Arbeiterschaft in allen Städten des Landes werde die Regierung dahin treiben, den Belagerungszustand zu erklären, und man hofft, daß der Belagerungszustand dann endlich das M i n i st e r i u ,n wegfegen wird. Die«Klirren in JMexiho. Massenhinrichtüngen. New Jork, 26. Februar. Aus El Paso wird gemeldet, daß 95 Freiwillige von delr Bundestruppen am Montag bei Juarez erschossen worden sind. Sie waren Mitglieder der Garnison und hatten am Sonntag gemeutert, weil sie mit der Erschießung Madcros nicht einverstanden waren. Maßnahmen der Vereinigten Staaten. Washington, 25. Februar. Kriegssekretär Stimson hat dem Generalmajor Carter Befehl erteilt, die ganze zweite Kavalleriedivision zu mobilisieren, damit sie, wenn nötig, so- fort nach Galvestan gehen kann. franhmeb. Demonstrierende Schutzleute. Paris, 25. Februar. Der Polizeiuntcroffizicr Rigail wurde vom DiSziPlinarrat der Polizeipröfektur mit einer fünftätigcn Gehaltscntziehung bestraft, weil er in einem Blatte die Willtür der Polizeiverwaltung getadelt hatte. Eine von mehr als 20 0 0 Schutzleuten besuchte Versammlung beschloß darauf, sich mit Rigail solidarisch zu erklären. Gleichzeitig wurde eine Sammlung eingeleitet, um Rigail für die Gchaltscntzichung zu entschädigen. Portugal- Gegen die Abtretung der Kolonien. Lissabon, 24. Februar. In der K a m m c r erklärte heute der Minister des Aeußern, daß die Nachrichten über angebliche deutsch- englische Verhandlungen betreffend portugiesische Interessen un- richtig seien, und siigte hinzu: England denkt nicht daran, eine internationale Konferenz über koloniale Angelegenheiten zu veran- lassen. England weiß, daß seine Gefühle gegenüber seinen Ver- kündeten ihm nicht gestatten, in Unterhandlungen einzutreten über einen Vertrag, eine Konvention oder ein Abkommen, die so be- schaffen wären, daß sie die Souveränität und Integrität der portu- giesischcn Kolonien antasten könnten. Zwischen England und Deutschland besteht kein Vertrag, keine Konvention und kein Ab- kommen solcher Art.. Es ist unrichtig, daß Unterhandlungen in diesem.. Sinne angeknüpft worden sind. Deutschland befaßt sich durchaus nicht mit einer internationalen Konferenz zur Beratung der Kolonialfrage und es weist den Gedanken zurück, eine Ver» letzung unserer SouveränitätSrechte ins Auge gefaßt zu habe». Gewerkfcbaftlicbes. Inm/ngs-Ccrronsmus. 3" einem neuen Mittel, die Zwangsinnungen noch rück- sichtstoser in den Dienst der Unterneümeriirteressen zu stellen, hat die Breslauer Zwangsinnung der Tapezierer gegriffen. Tie schwebenden Tarifverhandlungen mit den Gehilfen brach die Zwangsinnung am Tage des Tarisablaufs ab, sie ver fugte die Aussperrung der Gehilfen, als diese nicht die ver langten Tarifverschlechterungen hinnehmen wollten. Ztatiir lich folgte nur der kleinere Teil der Jnnungsmitglieder dem AuSsperrungsbeschluß. Ter größere Teil sperrte nicht aus. In dieser Situation griff die Leitung der Zwangsinnung zu dem Mittel, die Aussperrung zwangsweise anzuordnen. Ter Jnnungsvorstand verfügte: «Tapezicrer-Jnnung zu Breslau. Breslau, den 21. Februar 1913. Herrn Mitglied..... Beschluß der Vorstandssitzung vom 29. Februar 1913. Bezugnehmend dem gefaßten Beschluß der sofortigen Aus- sperrnng der Tapeziercrgehilfcn in der außerordentlichen Ver- sammlung 17. 2. 13 im„Pariser Garten", abends �8 Uhr, haben Sie sich bis dato nicht gefügt und ist festgestellt loorden, daß Ihre Leute weiter beschäftigt wurden, trotzdem sehnen dieser Beschluß durch persönliche Anwesenheit oder am nächsten Tage durch Drucksache bekannt war. Laut Satzung 19 des JnnungSstatuts werden Sie hiermit in eine Ordnungsstrafe von Zwanzig Mark genommen. Außerdem haben Sie sofort den AuSsperrungsbefehl auS- zuführen, sofern Sie nicht innerhalb 24 Stunden in eine neue Ordnungsstrafe genommen sein wollen. Da Ihr Vorhaben den Interessen obiger Innung gegenüber als schädigend zu bc- zeichnen ist. Der Borstand. J. A.: Julius Mann." Hier werde» also die Zwangsmaßregeln gegen Mitglieder von ZwangsinnUngen, wie wir solche im Bäcker-, Fleischer- und Friseurgewerbe gesehen haben, noch weiter fortgeführt. In diesen Fällen handelte es sich darum, daß den Mitgliedern von Zwangsinnungen unter Strafandrohung der Sonder- abschluß von Tarifverträgen oder die Veröffentlichung des Tarifabschlusses verboten wurde. Die Breslaucr Tapezierer- zwangsinnung geht aber noch einen Schritt weiter. S i c will zwangsweise, durch S t r a f f e st s c tz u n g, ihre Mitglieder dahin bringen, daß diese ihre Arbeiter a u s s p e r r r e n. Tie Aussperrung wurde beschlossen, weil die Arbeiter im neuen Tarif nicht Verschlechterungen der bisherigen Ar- beitsbedingungen akzeptieren wollten. Tie Zwangsorgani- sation der Meister soll nun das Mittel abgeben, um die Ar- beitcr durch eine Aussperrung zur Annahme der Verschlechte- ruugen zu zwingen. Tas Ganze ist ein köstlicher Beitrag zum Kapitel Terrorismus. Tie Unternehmer schreien allerorten nach Mitteln gegen den angeblichen Terrorismus der Ar- bester: wir empfehlen daher den Schreiern diesen Tcrroris- mus zur Kenntnisnahme. Ein größerer Teil der Breslauer Innungsniitglieder wird sich dem Terrorismus der Zwangs- innung nicht fügen, sondern den Fall zum Austrag bringen. Einen besonderen Beigeschmack bekommt das Vorgehen der Zwangsinnung noch dadurch, daß der Zwang vorzugsweise auf den kleinen haudwerkcrlichen Betrieben ruht. Die größe- ran Fabrikbetriebe gehören der Zwangsinnung nicht an, bei diesen scheidet der Druck der Zwangsinnung von vornherein aus. Die Wut der vielen kleinen und mittleren Unternehmer, die zwangsweise zur Aussperrung der Arbeiter gebracht werden sollen, während die Arbeit drängt, ist groß, um so mehr, weil sie sehen, daß die Großbetriebe vom Terrorismus der Zwangsinnung nicht berührt werden. Kerlin und Omgegcnd. Tie Schiedssprüche im Malergewerbe. Die Schiedssprüche der drei Unparteiischen liegen nunmehr im Wortlaut vor. Im allgemeinen Teil wird unter anderem über die Verkürzung der Arbeitszeit gesagt: Von einer allge- meinen Herabsetzung der Arbeitszeit ist abzusehen; da- gegen erscheint es berechtigt, in einem Teil der Städte mit zehn Stunden Arbeitszeit die tägliche Arbeitszeit um eine halbe Stunde zu verkürzen; sofern sie von den Gauschiedsgerichtcn in diesem Um. fange festgesetzt wurde, ist sie zu bestätigen. Als Ausgleich für die Arbeitszeitverkürzung soll 1 Pf. bei einer halbstündigen Verkür- zung gewährt werden. Hcilbronn erhielt eine viertelstündige Ar- beitszcitverkürzung und als Ausgleich 2 Pf. Lohnzulage. Tie Un- parteiischen gingen von der Ansicht aus, daß eine allgemeine Lohn- gulage nicht beschlossen werden könnte, sie müsse nach der Zusage der Unternehmer, die eine Verkürzung der Arbeitszeit vorzu- nehmen versprachen, als selbstverständlich gelten. Zu den Löhnen beschlossen die Unparteiischen: Die Eni- fchcidungen der Gauschiedsgerichte werden, soweit sie eine Lohn- «rhöhung von 2— 5 Pf. vorsehen, bestätigt. Alle außer dieser Grenze beschlossenen Lohnerhöhungen waren zu ändern. Bei Ver- tcilung der Lohnerhöhung auf die drei Jahre des Tarifvertrages ist das erste Jahr mit 2 Pf. zu berücksichtigen. Nur für tarifliche Löhne war eine Erhöhung auszusprechen. Die Lohnerhöhung soll gleichzeitig mit dem Tarif am 1. März 1913 in Kraft treten. Zur Frage des Arbeitsnachweises beschlossen die Un- parteiischen: Mit der neuen Fassung des Vertrages bezwecken die Unparteiischen eine weitere Förderung des Arbeitsnachweises auf paritätischer Grundlage; es müssen die bisherigen Nachweise ent- sprechend dieser Tarifäuderung umgestaltet werden. Tie Orts- tarifämter haben außerdem wieder genau zu prüfen, ob ein pari- tätischcr Nachweis zu errichten ist. Der Tarif gilt für beide Organisationen auch dort, wo bisher Verträge nicht bestanden. Wo die beiden Organisationen vertreten sind, ist auch ein Vertrag abzuschließen. In den sieben Bezirken des Verbandes werden im Malergewerbe 64 499 Personen beschäftigt. Die Arbeitszeit ist in 39 Orten für 19 629 Gehilfen durchschnittlich um eine halbe Stunde täglich verkürzt. Lohnerhöhungen von 2 Pf. erhalten 86ä Beschäftigte, 3 Pf. 2769, 4 Pf. 13 382, 5 Pf. 32 632, 6 Pf. 10 699, 7 Pf. 2954 Beschäftigte. Wedel bei Hamburg erhält 15 Pf. Lohnzulagc und wird dadurch mit Hamburg im Lohn gleichgestellt. Es erhalten somit unter 5 Pf. Lohnzulagc 29,7 Proz., 5 Pf. 59,7 Proz. und über 5 Pf. 19,6 Proz. der Beschäftigten. Von den größeren Städten erhalten Breslau, Plauen und Braunschweig 7 Pf.. Hamburg und Osnabrück 6 Pf., Berlin. Bremen, Kiel. Lübeck.�Essen, München, Stuttgart, Königsberg, Magdeburg und Dresden 5 P. und Leipzig 4 Pf. Lohnzulage.'..... Diese Beschlüsse der Unparteiischen, die auf Grund der Ent- fcheidungen der Gauschiedsgerichte getroffen wurden, unterliegen nunmehr der Beschlußfassung des außerordentlichen VerbandZtages der Maler, der am 26. Februar in Berlin tagt.__ Lerantw. Redakt.: Alfred Wielepp, Neukölln. Inseratenteil verantwn Tic Escktromontcurc und Helfer hörten in einer gut besuchten Branchenversammlung, die am Montagabend in den.Muslker-Festsälen stattfand. einen Vortrag von Dr. Rudolf B r e i t f ch e i d über Berfassungs- und Staatsforincn. Darauf erstattete der Borsitzende einen Bericht über die kämpfe im Baugewerbe und im Zusammen- hang damit über die Kämpfe im Malergewcrbe und in der Holz Industrie. Der Verlauf der Bewegung un Baugewerbe sei bedeutungs- voll für das Vorgehen vieler Brauchen. Auch die Elektromonteure müßten Stellung nehmen, ob sie eine neue Tarifvorlage durchsetzen wollen. Der Tarif läuft am 15. August ab und muß sechs Wochen vorher gekündigt werden. Die Elektromonteure warten die Resultate im Baugewerbe ab, sie seien aber zu einem Vorgehen entschlossen, wenn die Konjunktur cS nur irgend gestattet, denn von der guten Konjunktur, die trotz mancher Ableugnungen besteht, hätten sie bisher am wenigsten bekommen. Wenn dem Bauarbeiterverband ein Kampf aufgedrängt würde, so brauctie er ihn nicht zu scheuen, denn er sei stark und gerüstet; man müsse nun erst das Ergebnis der Ver- Handlungen abwarten.— Eine Diskussion über den Bericht fand nickt statt. Der Vorsitzende berichtete dann noch über einige Differenzen bei der Allgemeinen Elektrizitäisgcsellschaft, die zum Teil geschlichtet worden sind. Tie Tarifbcwcgung im Schncidcrgcwcrbc. In jedem Frühjahr leitet der Verband der Schneider eine Be- wegung ein, um die Tarifverträge auch in den bisher noch tnrif- losen Betrieben einzuführen. In diesem Jahre soll ebenfalls ver- sucht werden, dem Tarifgedanken weitere Geltung zu verschaffen. Am Moulagabend waren diescrhalb die bei tariflosen Firmen bc- schäftigten Herrenmaßschueidcr versammelt. Nach einem einleitenden Referat über den Nutzen der Tarifverträge fand eine eingehende Aussprache über die Arbeits- und Lohnverhältnisse in diesen Betrieben statt. Eine Reihe Firmen wurden genannt, denen in aller Kürze die Tarifverträge zur Anerkennung vorgelegt werden sollen. Durch Abhaltung von Werkstattsitzungen soll dann noch festgestellt werden, ob die Arbeiter dieser Betriebe gewillt sind, in eine Tarif- bewegung einzutreten. DeutfeKes Reich. Achtung, Schuhmacher! Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma E. Liebmann«Schuhfabrik„Hassia") in Offenbach a. M. haben wegen Lohndiffercnzen die Arbeit eingestellt. Tie Firma gibt sich die erdenklichste Mühe, aus allen größeren Schuhindustrie- orten qualifizierte Arbeiter zu bekommen. Zuzug ist daher streng- stcns fernzuhalten.___ Ei» Streik bei Villcroy u. Buch! Aus M e r z i g a. d. Saar wird uns geschrieben: Was längst vorauszusehen war, ist nun hereingebrochen.— Gegen 259 Arbeiter, größtenteils Familienväter, haben im benach- barten. bisher so„friedlichen" Mettlach auf der Stcingutfabrik die Arbeit niedergelegt. Die Gründe dieses Streiks liegen zunächst darin, daß vier Brüder namens Zimmer die Arbeiter als Aufseher in einer Weise behandeln, die sich nicht gut mit Worten wiedergeben läßt.— WaS diesen vier Aufsehern nicht paßt, ivird nicht ausgeführt oder von ihnen hintertrieben, gleichviel, was die Direktion beschließt, mit einen, Wort, sie beherrschen die halbe Fabrik.— Am schlimmsten haust der in der Steinmasse, der den Hanplanlaß zum Streik gegeben hat und nebenbei das Amt eines Ortsvorstchers von Keuwingen bekleidet, aber von der ganzen Gemeinde gehaßt wird.— Mit vollem Siecht verlangen jetzt die Arbeiter eine Beseitigung dieser sogen. Zimmer- Herrschaft,— Diese Verhältnisse gediehen durch die Unfähigkeit in der Leitung der Steingutfabrik.— Jahrelang war ein Direktor namens Kobler an der Steingutfabrik, der ganz unfähig in der Leitung war und das ganze schöne Geschäft, das einst einen Weltruf hatte, herunterbrachte, was alle älteren Beamte, Ar- beiter und Kunden bestätigen. Kein Mensch war in dieser Gegend mehr gehaßt, als dieser Kobler, und dennoch blieb er durch die Pro« tektion von Edmund von Boch auf den, Posten. Durch diesen Kobler find Zustände in das friedliche Mettlach gekommen, die jeder Be- schreibung spotten. Er hat Verwandte von sich als Beamte an- gestellt, denen die Branche ganz fremd war. und diese unfähigen Menschen wurden tüchtigen Arbeitern und Beamten, die ihr Fach gelernt haben, als Vorgesetzte hingestellt. Dieser Kobler hat junge Arbeiter, welche ihn nicht kannten, geohrfeigt und sogar geprügelt, weil sie den Hut nicht ehrfurchtsvoll vor ihm abzogen. Er gab dann auch für Interessenten, welche nach Mettlach kamen, um Einkäufe zu machen oder sonstige geschäftliche Angelegenheiten erledigten. Zechgelage auf Rechnung der Firma Villeroy u. Boch und andere seltsame Geschichten. Als die Sache zu toll wurde, hat man zum Entsetzen„der Schwaben" diese Größe als Lagerdirektor nach Obertürkheim (Württemberg) versetzt. Es ist kein Geheimnis, daß ein Teil der armen Arbeiter bei ihrem geringen Verdienst an Unterernährung leidet; die Schwind» sucht ist ohnehin in Mettlach und Kcuchingen fast in jedem HanS. Am schlimmsten sind die Arbeiter daran, die bei den Dekorationen tätig sind. Seit Jahren haben diese Leute zwei bis drei Tage in der Wockie keine Arbeit und es verdienen viele Familienväter 59 M., 69 M., 79 M. in vier Wochen. Wenn Kleidung, Steuern usw. ab- gezogen sind, was bleibt dann zum Leben für die meist kinderreichen Familien übrig? Wie manch anderer Jndustrieplatz wäre froh, einen so guten und braven Arbeiterstamm zu haben.— Aber die Firma Villeroy u. B o ch ist durch die Schafsgeduld ihrer frommen Sklaven verwöhnt. Hundertc von Menschen sind schon fortgezogen oder gehen in die be- nachbarten Eisen- und Kohlenindustrie arbeiten. Arbeiter aber, welche ein Häuschen oder etwas Grund ihr Eigen nennen und mehrere Kinder besitzen, können nicht so leicht wegziehen, um so mehr, wenn sie sich in vorgerückten Jahren befinden. Wie man erfährt, sollen im benachbarten Wadgassen auf der Glasfabrik ähnliche Zustände fein. Daß sie unhaltbar geworden find, beweist die ganz erstaunliche Tatsache, daß es in diesem schwarzen Gebiete unter den sanftesten aller Opfer eines rückständigen JndustrieshstemS gar einen Streik gibt. Herr Edmund v. B v'ch, der Ehrenbürgermeister von Mettlach, dürste jetzt wohl etwas BesiereS zu tun bekommen, als die Umgegend durch rasende Auto- fahrten zu erschrecken. Merzig a. d. Saar, 25. Februar.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Der Streik in Mettlach ist durch teilweiscs Entgegenkommen der Direktion beigelegt; die Beruhigung dürfte aber nur eine vorübergehende sein. Lohnbewegungen im Portefeuilier- und Tattlergewerbe. Nach 14tägigem Streit konnte mit der Firma A. Nitke Haynan, Lederwarenfabrik, ein Tarif abgeschlossen werden, wonach die Ar- beitszeit von 59 auf 57 Stunden reduziert, die Löhne der Sattler um 4 Pf., die der Arbeiterinnen um 3 Pf. die Stunde erhöht wur- den. Für Sattler beträgt der MindesteinstellungSlohn 49 Pf., für Portefeuiller 45 Pf. Eingerichteten Arbeitern soll nach Verein- barung ein höherer Lohn gezahlt werden. Der Akkordtarif wird mit den Arbeitern geregelt. Die Arbeitswilligen wurden ent- lassen und alle Streikenden wieder eingestellt. Zu bemerken wäre. noch, daß der Firmeninhaber in seiner ersten Wut über den Streik „seiner Leute" so in Erregung geriet, daß er seinen besten Ar- beiter bei der Polizei als Ausländer denunzierte.— In Bremen befinden sich die Geschirr-, Auw- und Treibriemensattler, in Heil- bronn die Autosattler in einer Tarifbewegung. Zuzug nach den letztgenannten Orten»t streng fernzuhalten. lange Jahre im Dienste der Gesellschaft stand, aufs höchste auf- geregt worden. Der Zugführer ist nämlich entlassen worden, weil er die Vorfckiriftcn über die Wahrung der Sicherheit genau beobachtet bat! Vor einiger Zeit verlangte ein Vorgesetzter von ihm, daß er an seinen Zug nocy mehr Wagen anhängte. Ter Zugführer weigerte sich, da seine Bremse nicht stark genug war und da durch die Befolgung des Befehls d i e Sicherheit deS Zuges auf der ziemlich abschüssi 'gen Strecke gefährdet werden würde. Er berief sich ans das Reglement, das ihm recht gab. Trotzdem.erhielt er die vier» zehntägige Kündigung. Er wandle sich darauf an das Ttreitoriiim, das aber nur feine Entlassung bestätigte und ihm er» klärte, er hätte entgegen den gedruckten Vorschriften dem münd» lichen Befehl seines Vorgesetzten gehorchen müssen. Mit anderen Worten: Um den Profit der Gesellschaft zu schonen, hätte er das vorn Handelsministerium genehmigte Reglement brechen und Menschenleben gefährden müssen. Das Borgehen_ der Eisenbahngcsellschast scheint ein Akt der Hcrausforderimg zu sein. Denn bis jetzt wurde es stets als etwas Selbstverständliches angc- sehen, daß das verantwortliche Zugpersonal Befehle der Vorgesetz- tcn, die mit den gedruckten Vorschriften in Widerspruch standen. n i ch t ausführten. Unter den Arbeitern hat der Fall große Er» bitlcrung hervorgerufen, die in zahlreichen Massenversammlungen: zum Ausdruck kommt. Alan hofft noch, daß das HaudelSministe» rium einschreiten wird, ehe es zuin Kampfe kommt. �lusland. Drohender Eisenbahnerstreik. London, 24. Februar 1913.(Eig. Ber.) Tie Direktion der Mittelenglischen Bahn, die bei den: allgemeinen Streit der Eisen» babncr die führende Rolle auf der Seite der Unternehmer über- nahm, scheint ihre Angestellten mit Gewalt in einen Kampf drängen zu wollen. Die Gärung unter den Arbeitern dieser Gesellschaft nimmt seit dem Generalstreik kein Ende. Augenblicklich sind d:c Arbeiter durch die ungerechte Entlassung eines Zugführers, der Versammlungen. Eine öffentliche Versammlung selbständigor Schulnnacher, die sehr stark besucht war, tagte am Montag in Dräscls Saal in der Reuen Friedrichstraße. Widerstand gegen die Schubmacher-Zwangs.. innung war es, was die Versammlung in erster Linie zum Ausdruck brachte. Der Referent. Genosse D ü w e l l, schilderte die wirtschaftliche Entwickelung und zeigte, daß es die fortschreitende kapialistifche Produktionsweise ist, welche den Rückgang des Klein- Handwerks verschuldet und die Klcinmeifter ins Elend hinabgcdrückt hat. Alle Mittel, welche die sogenannten Retter des Handwerks empfehlen, können das durch die Konkurrenz der großkapitalistischen Betriebe bedrückte Handwerk nicht wieder auf einen grünen Zweig bringen. Insbesondere find auch die Innungen nicht geeignet, den Handwerkern zu helfen. Die Schuhinacherinnung hat für die Hebung des Handwerks noch nichts getan und kann auch nichts da- für tun. Wenn die selbständigen Schuhmacher für die Hebung ihrer wirtschaftlichen Lage etwas tun wollen, so müssen sie sich der- selben Mittel bedienen, welche die Arbeiter �anwenden, um ihre wirtschaftlichen Interessen wahrzunehmen. Sie müssen sich zu- sammenschließcn in einer freien Organisation, die andere Wege geht, als die Innung. Die Schuhmacherinnung hat sa gezeigt, daß sie nichts weiter kann, als Beiträge einzutreiben, die Gelder größtenteils für Gehälter, Verwaltung, Jubiläen. Tiplome usw. auszugeben, Mitglieder zu schikanieren und dadurch die größte lln- Zufriedenheit hervorzurufen. Dagegen ist die Freie Vereinigung der c-chuhmacher in der Lage, mit den in der modernen Arbeiter. bewegung üblichen Mitteln die Interessen der selbständigen Schuh- machcr zu vertreten. Auf politischem Gebiet fallen die Interessen der kleinen selbständigen Existenzen zusammen mit den Interessen der Arbeiterschaft. Leidet doch die ganze Masse der werktätigen- Bevölkerung unter dem Druck der agrarischen Zollpolitik und den volksfeindlichen Bestrebungen der reaktionären Parteien. Die be- vorstehenden Landtagswahlcn bieten Gelegenheit, gegen die Rc- aktion in Preußen vorzugehen. Hier wie überall müssen die selb- ständigen Schuhmacher, die doch auch Proletarier sind, mit der Ar- bcitcrschaft gegen die Rcaktton, für den Aufstieg der werktätigen Bevölkerung eintreten. tLebhaftcr Beifall.) Nach einer längeren Diskussion, welche sich in den Gedankengängen des Referenten bewegte, wurde einstimmig eine Resolution angenommen, welche besagt: „Die hier versammelten selbständigen Schubmacher erblicken in der Zwangsinnung keine Vertretung ihrer Interessen. Sie halten für erwiesen, daß die Zwangsinnung nutzlos ist, und far- dern alle selbständigen Schuhmacher auf. mitzuwirken an der Beseitigung der Zwangsinnung. Die Versammelten gelohen, der Freien Vereinigung selbständiger Schuhmacher Berlins bei. zutreten, um eine wirksame Jittcressenvertrctung zu schaffen. Ferner geloben die Versamnielten, bei der preußischen Land- tagswahl den von der Sozialdemokratie aufgestellten Wahl- männcrn ihre Stimme zu geben." lUtztc Nachricbtcn* Ein sozialdemokratischer Stadtrat. Frankfurt a. M., 23. Februar.(P r i v a t t c l e g r a ni m des„Vorwärt s".) In der�hcutigen Stadtverordneten- sitzung wurde Genosse Benno Schmidt zum Stadtrat ge- wählt. Schmidt ist der erste sozialdemokratische Stadtrat, der in ein preußisches Magistratskollegium eintritt. Die. Russifizierung Finnlands. Petersburg, 25. Februar. Dem Ministerräte sind zwei Gesetzvorlagen des Gcncralgouvcrncurs von Finnland zugegangen über die Einführung der russischen Sprache im schriftlichen Verkehr des finnisihen Landtages und Senats sowie der finnischen Behörden mit den Rcichsbehörden. Die Vorlagen fordern ferner, daß die Kenntnis der russischen Sprache für alle Rcgicrungsbeamten Finnlands und für die Studierenden an der Universität von Heising- forS obligatorisch sein soll. Militärdiktatur in Mexiko? New?,ork. 25. Februar.(P. C.) Aus Äterito w.rd gemeldet. daß die Einrichtung einer Militärdiktatur unvermeidlich erscheint. Die provisorische Regierung weigert sich nach wie bor, die Leichen Madcros und Suarez' herauszugeben. Der amenra» nische Botschafter Wilson hatte eine neue Kcmscrcnz imt Huerta. in welcher es dem neuen Präsidenten Huerta gel ng. Wilson von der Aufrichtigkeit der offiziösen Version über den Tod MaderoS und Suarez' zu überzeugen.___ Ein irrtümlicher Angriff. Paris, 25. Februar.(W. T. B.) Dem„Temps" wird ans Rabat gemeldet, daß den Franzosen ergebene Zemurs, die im Mamorawalde Herden hüteten, aur Polizettruppen. die»c für An- greiser hielten, Schüsse abgegeoen haben. Zwei Mann der Polizei- lruppen wurden getötet, einer verwundet. Im Streit erschossen. Essen(Ruhr). 25. Februar.(W. T. B.) In der Waschkaue der Zeche„Ludwig" wurde beute nachmittag der Steiger Ocstcrl>ng von dem Bergmann Unterstell erschossen. Oestcrling hatte per- nickst den Unterstell zu beruhigen, als dieser in der Wasckstau« lärmte, weil der Rev-erite-ger die Gewährung eines Vorschnstc» abgelehnt hatte Der Täter wurde verhaftet. Vernichtung wertvoller Kunstschätze., Brüssel. 25. sebruar(P. C.) In der Wohnung des berühmten Brüsseler Advokaten und belgischen Literaturforschers Edinono Picard brach geltern ein großer Brand auS. der Picards unermeh- licki wertvolle Gemälde- und Broncenfammlnng vollständig ver. nichtctc. Rom. 25. Febrar�P�.? �us�Reggio gemeldet wird. ist dort heute ein starkes Erdbeben verspürt worden. Menjcheuteoen wurden nicht gefährdet, jedoch entstand eine große Paml unter oen Bewohnern. Th. Glocke, Berit». Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u Lertagsanstatt Bau! Singer � Eo., Berlin LW. H.erzu 3 Beilagen«.Unterhaltungsb� Nr. 48. 30. Jahrgang. 1. ßfilajt des Jornita" ßttlittt llollialilatt. Mitwoih. 26. Februar 1913. Reichstag 11». S l tz u n g. Dienstag, den 25. Februar 1913, nachmittags 1 Uhr. Am BundeZratStisch: Niemand. Wahlprüfuugen. Die Wahl des Abg. Kölsch snatl.) beantragt die Kommission für ungültig ,u erklären. Abg. Dr. Bollert inatl.): Meine Freunde können nicht zu demselben Schluß kommen wie die Kommission. Es handelt sich hier um sehr »venige Stimmen, deren rechtmäßige oder unrechtmäßige Abgabe sehr sorgsam zu prüfen ist. Das ist unserer Meinung nach noch nicht geschehen, und wir beantragen daher, die Sache an die Kommission zurückzuverweisen. Abg. v. Brockhause»(I.) tritt für den Antrag der Kommission ein; die Kommission habe alle in Betracht kommenden Stimmen sorgfältig geprüft. Abg. Dr. Nrumann-Hofer sBp.) tritt für die Zurückver- Weisung der Wahl an die Kommission ein. Abg. Dr. Schwarz-Lippstadt(Z., ans der Tribüne unverständlich) empfiehlt den Antrag der Kommission. Abg. Stadthagen sSoz.): Der Vorredner hat sechs Fälle vor- getragen, in denen die Eintragung in die Liste zu spät erfolgt sei. Daraus folgt doch, daß die Wahl in die Kommission zurückver- wiesen werden muß, denn diese sechs Fälle hat die Kommission noch nicht prüfen können. Wir könncn doch kein Votum abgeben, bevor über diese und einige vom Abg. Bollert vorgetragenen Fälle die Kommission in eine Prüfung eingetreten ist. Ich bitte daher dem Antrag auf Zurückverweisung an die Kommission statt- zugeben. Abg. Pfleger(Z.) wendet sich gegen die Ausführungen Neumann- .Hofers i es komme häufig vor, daß Zettel später gekennzeichnet sind, die bei der Wahl nicht gekennzeichnet waren. Abg. Dr. Ncumann-Hofer(Vp.): Das ist ja möglich, aber jeden- falls muß der Kommission dann Gelegenheit gegeben werden, solche Zettel zu prüfen. Die Diskussion schließt. Der Antrag auf Zurückver- Weisung der Wahl an die Kommission wird angenommen. Die Wahl des Abg. Dr. Beckcr-Hesicn(natl.) beantragt die Komvliffion für ungültig zu erklären. Ein Antrag Schtvarze- Lippstadt sZ.) verlangt die G ü l t i g- k�itserklärung der Wahl. Abg. Dr. Arendt fRp.j: Ebenso wie hier lag der Fall im Jahre 1898 bei der Wahl des Abg. Sachse. Es wurde da- mals ausgesprochen, daß ungültige Stimmen unter allen Umständen abgezogen loerden müssen, wenn ein Wahl- akt wegen eines Formfehlers für ungültig erklärt tvird. In diesem Falle haben die Beweiserhebungen ergeben, daß der Wahlakt in Sprendlingen zweifellos wegen grober Verstöße gegen das Wah'lreglement für ungültig erklärt werden >nuß. Nun hat in diesem Bezirk zufällig der Gegenkandidat des Dr. Becker mehr Stimmen erhalten. Das kann keine Rolle spielen, der ganze Wahlakt muß außer Betracht bleiben. Nach Partei- rücksichten darf in solchen Fällen nicht entschieden werden. Das würde der Willkür Tür und Tor öffnen.(Zuruf links: Umgekehrt!) Wir wollen doch wenigstens den Schein aufrecht er- halten, daß bei Wahlprüfungen auch das Recht noch in Betracht kommt.(Hört! hört! f"i den Sozialdemokraten.) Ja, es ist traurig, aber wenn man die Praxis bei Wahlprüfungen in den letzten Jahren verfolgt, so weiß man, daß wir zu einer be- friedigenden Lösung dieser ganzen Fragen erst kommen werden. wenn wir die Wahlprüfungen an ein unparteiisches Gericht verweisen, wo Parteirücksichten keine Rolle spielen. Der Abzug von Stimmen in einem solchen Falle wäre ein Freibrief für formelle Ungehörigkeiten(Zurufe links: Umgekehrt!) Wir wollen doch dafür sorgen, daß bei den Wahlen korrekt verfahren wird, daher müsien wir auf formelle Verstöße ein entscheidendes Gewicht legen. Wenn diese Wahl für ungültig erklärt wird, so beweist das, daß bei Wahl- Prüfungen hier nicht mehr nach Recht und Billigkeit entschieden wird, sondeni nur nach Parteirücksichten.(Unruhe links.) Abg. v. Trampczynski(Pole): Wenn die Unregelmäßigkeiten nicht vorgekommen wären, so müßte die Wahl nach dem ein- stimmigen Urteil der Kommission für ungültig erklärt werdeu. Rleiues fcuUUton Wir. Auf den famosen Brief HanS KyferS an die Film- fabrilanten. der hier zitiert wurde, hat Hanns Heinz Ewers ge- antwortet. Der Feuillelondämoniker, der durch Arbeiten für den Zirkus und den Kino schon viel Geld verdient hat und sein Ge- schüft gefährdet sieht. ist dafür, daß der Kino doch.Kunst" ist.— »Als die Photographie auskam, schriet? manche Porträtmaler: dies sei der Tod der Kunst! Und: nie könne die Photographie etwas mit Kunst gemein haben!— Zweiselt aber jetzt noch einer daran, daß sie das sehr wohl haben kann— Ja. Geschickte Handwerker, geschmackvolle, technisch durchgebildete Arrangeure haben nie etwas mit Kunst zu tun. Nie ist durch eine Erfindung die Kunst beeinträchngt worden. Und der Typ. der neuer- dingS Gesinnungslosigkeit und Geschäft und Geldmacherei für Kultur hält, spricht hieraus:»Sie werden über ihren Windmühlenkampf genau so lächeln, wie wir es heute schon tun." Wir. Wir— das ist der Haufen Leute, die den Kino für Zivilisation und eine hübsche Krawatte für Kultur hallen. Wir. das sind die, die alles belächeln, wenn nicht eine Firma mit Kapital dahintersteht. Wir—■_ das sind die ganz Ueberlegenen, die von hinten in den Bürger hineinkriechen und ihn von vorn bespeien— aber sie meinen es nicht so bös. Ewers und Kyser; wir und ihr— ich denke, es wird gut sein, diese Grenze recht scharf zu ziehen. ru Der Stand der Krebsforschung. Die Krankheit, die am meisten Furcht und Entsetzen einflößt, ist noch immer der Krebs. Mitten unter uns wirkt sie jahraus, jahrein, furchtbarer als manche Seuche. Sic kann jeden treffen— und doch wissen wir über ihr Wesen und ihre Ursachen noch so wenig. Sichere Methoden zu ihrer Sciluiig sind bisher nicht bekannt. Man sollte meinen, daß die Kulturmcnsch- heit alles daran setzen würde, diesen schlimmsten aller Krebsschäden energisch zu bekämpfen. Aber dafür fehlen natürlich die Mittel; der Militarismus verschlingt alles. Wie wenig auf dem Gebiete der Krebsforschung und Behandlung zurzeit geschieht, zeigte in be- trübender Weise ein Vortrag, den Prof. Czcrnv. der Vorstand des vorbildlichen Heidelberaer Krebsinstituts, eben gehalten hat. Prof. Lzernh, der leider am 1. Oktober 1914 die Leitung des Instituts niederlegen will, führte folgende Ziffern an: Für das Samariterhlnm sind bis zum 1. Januar 1913 an Schenkungen, Bei- trägen und Zinsen 1 901 581 M. eingeaanaen. Das Vermögen des Instituts betrug 178 103 M. Die reichen(*) Schenkungen dieses Jahres in Höhe von 92 428 M. beweisen, daß das Institut sich weit- gehender Schätzung erfreut. Allein die Zinsen reichen noch lange nicht aus, um das Bctriebsdefizit der wissenschaftlichen Abteilung. das in diesem Jahre 12 8.0 M. betrug, zu decken, und eS wäre cm Lieblingswunsch CzernyS. wenn das Institut finanziell sichergestellt werden könnte. Die beschrankten Raumverhältnisse im Samariter- heim, das leicht die doppelte Anzahl von Betten gebrauchen könnte, find sehr beschränkte. Der Andrang von Krebskranken ist fortgesetzt so stark, daß noch 4V— 50 Krönte in Hotels, Penstonen und Privat- biulern untergebracht werden müssen, tveil sie im Institut keinen Matz findet� Zur Behandlung werden 187 Milligramm Radium Sie kann also nicht gültig werden dadurch, daß Unregelmäßigkeiten in einein Bezirk vorgekommen sind. Das ist eine Logik, gegen die nichts einzuwenden sein dürfte. Abg. Wcrr(Z.) spricht für die Gültigkeit der Wahl. Es ist ständige Uebung des Reichstages, solche Wahlbezirke von dem Er- gebnis auszuschalten. Abg. Dr. Ncumann-Hofer(Vp.): Es ist merkwürdig, daß gerade Dr. Arendt sich erlaubt, hier für Recht und Gerechtigkeit einzutreten gegenüber der Kommission, derselbe Dr. Arendt, der seinerzeit es gar nicht für einen besonderen Verstoß hielt, wenn ein Polizist in der Wahlzelle steht.(Hört! hört! links.) Derselbe Ab- geordnete Arendt, der früher gegen die Kassierung einer Wahl sprach, obwohl viel schlimmere Verstöße vorlagen als in diesem Falle.(Hört! hört! links.) Mit der rein formalen Praxis, daß solche Wahlakte, wo Verstöße vorgekommen sind, einfach kassiert werden, mutz endlich gebrochen und es muß jedesmal gcprüit werden, welche Wirkung solche Verstöße haben. In der Kommission ist der UngültigkeitSbeschlnß mit neun zu fünf Stimnien, also mit er- hebli'cher Mehrheit gefaßt worden. Würden wir nach dem rein formalen Standpunkt bandeln, hätten wir z. B. die Wahl des Abg. P a ch n i ck e durch Kassierung von 20 Wahlbezirken, wo er nur wenige Stimmen hatte, für gültig erklären können. Daß wir nicht so vorgegangen sind, beweist, daß Parteirücksichten dabei keine Rolle spielen. Große sozialdemokratische Mehrheiten in einem Bezirk könnten bei dieser fonnalen Praxis einfach dadurch ausgeschaltet werden, daß Wahlvorsteher und Protokollführer gemeinsam f r ü h st ü ck e n gehen. Das würde zu unhalt- baren Zuständen führen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Beibehaltung dieser alten Praxis würde auch dazu führen. daß aus Parteirllcksichren berechtigte Protefterhcbungen unterbleiben. (Sehr richtig!) Der Protest ist von liberalen Wählern er- hoben und richtet sich gegen Dr. Becker. Es wäre geradezu pervers, wenn nun die Anerkeimimg, daß der Protest berechtigt ist, dazu führen sollte, daß Dr. Becker einige hundert Stimmen zugezählt werden.(Sehr richtig I links.) Das würde zu einer Korrumpierniig-des ganzen Protesterhebungs- verfahrens führen.' Auf Antrag des Abg. Spahn(Z.) wird die Abstimmung über den Antrag Schwarze- Lippstadt eine namentliche sein. Abg. Stadthnge»(Soz.): Herr Arendt stellt sich hier hin als Verfechter wenigstens des S ch e i» s v o n R e ch t. Nach dem was er ausgeführt hat, würde er nachber für die Gültigkeit der Wahl Haupts stimmen. Wir werden ja sehen, ob er da nicht wieder umfällt, weil es sich um einen Sozialdeniokraten handelt. Uebrigens würde nach seiner eigenen Anschauung die Wahl Beckers für ungültig erklärt werden, denn dann müßten auch andere Bezirke, wo Becker die Mehrheit hatte, kassiert werden, weil viel gröbere Verstöße vorgekonimen sind. Aber diese ganze KasjaiionS- theorie ist ein schreiendes Unrecht.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Bei der Wahl des Abgeordneten Dr. Pachnicke hat dieser Reichstag auch diese Theorie aufgegeben. Herr Arendt will Wahlvorsteber und Protokollführer bestrafen, wenn sie gemeinsam frühstücken gehen. So drakonisch ist unser Strafgesetzbuch denn doch noch nicht.(Heiterkeit.) Es könnte bei Einhaltung dieser Kassationstheorie in der�Tat dahin kommen, daß in Bezirken, deren soziale Struktur als der Sozialdemokratie g ü ii st i g bekannt ist, mit Absicht V e r st ö ß e herbeigeführt werden, um an sich gültige Wahlen für ungültig zu erklären. Es muß von Fall zu Fall der wirkliche Wille der Wähler festgestellt werden, wie das in diesem Falle die Kommission getan hat.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Braband(Vp.) schließt sich dem Antrag auf Ungültig- keitSerklärung der Wahl an. Abg. List(natl.) empfiehlt ebenfalls die Ungültigkeitserklärung der Wahl und weist den Vorwurf des Dr. A r e n d t, die Kommission habe nicht nach Recht und Billigkeit entschieden, zurück. Die Prüfung der Wahlen sollte einem unabhängigen Gerichtshofe übertragen werden.(Zustimmung bei den Nationalliberalen.) Abg. Dr. Spahn(Z.) tritt für Gültigkeit der Wahl ein. Die Kciisierung der Wahlakte in Bezirken wegen großer Unregel- Mäßigkeiten entspreche der früheren koiistanten(beständigen) Praxis des Reichstages. Abg. Dr. Arendt(Rp.): In dem vom Abg. Neumann-Hofer erwähnten Fall handelte es sich nicht um einen Polizisten, sondern um einen Gemeindediener, der auch keineswegs die Wähler in un- und Mksothor-Präparate im Werte von über 30 000 M. benutzt, »hiermit können kbir", bemerkte Cz«rnh nach dem Bericht der..Frank- furter Zeitung",»oberflächlich liegende Ärebsknoten mit ziemlicher Sicherheit beseitigen. 40 bis 50 Röntgenbestrahlungen unterstützen uns bei dieser Behandlung." Noch immer ist die frühzeitige Dia- gnose und möglichst radikale Entfernung der primären Krebsge- schwulst das beste Mittel zu einer radikalen Heilung. Leider sind die Versuche bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen, die in neuerer Zeit durch Tiercxpcrimente wesentlich unterstützt worden sind, bis- her noch sehr in den Anfängen und hatten nur ausnahmsweise Er- folg« aufzuweisen. Daher wird in der Errichtung von Krebsinfti- tuten, in denen Tier-Experiinente vorgenommen werden, das einzige Mittel erblickt, um in der Heilung des Krebses vorwärts zu kommen. Nach vielen vergeblichen Versuchen Haidas Heidelberger Krcbsinstitut die besten Erfolge durch kombinierte Anwendung der Radiotherapie und Chemotherapie erzielt und z-war durch Arsen in verschiedener Form und Einspritzungen von hochwertigen radioaktiven Substanzen. Wenn bei der Kürze der Zeit die Erfolge auch noch spärlich sind, so waren doch auch häufig auffallende Besserungen festzustellen; diese Behandlung wurde auch bisher fast ausschließlich bei weit vorgeschrittenen, nicht opericrbaren.Krebsen angewendet, die. sonst rettungslos zum Tode geführt hätten. Auf der Wacht gegen Eisberge. Die wichtigsten atlantischen Dampferlinien sind auf Empfehlung des beratenden Ausschusses für die Handelsschiffahrt in England zu dem Entschluß gekommen, in diesem Jahre nördlich der Hauptstraße über den nordatlantischen Ozean ein Beobachtungsschiff anzustellen, das die Aufgabe haben soll, vor Eisbergen zu warnen. Das Fahrzeug soll in diesem Früh- jähre seine Stellung antreten, lind zwar vor der Ostküste Nord- amerikas, um dort das Aufbrechen des Eises und seine Bewegungen zu überwachen. Die Wahl ist auf die„Scotia" gefalle», das frühere Schiff der schottischen Südpolarexpcdition, und das Fahrzeug soll noch Ende Februar aufbrechen. Bis dahin muß namentlich seine Aus- rüstung mit Apparaten für drahtlose Telegraphie nach Marcomschem System vollendet sein. Die Reichweite der elektrischen Welle wird so bemessen werden, daß jedenfalls eine dauernde Ver- bindung mit den drahtlosen Stationen an den Küsten von Neu- Fundland und Labrador statthaben kann. Die Kosten der Aus- rüstung und Unterhaltung werden gemeinsam von der britisiben Regierung u>td den bedeutendsten Slbiffahrtslinien getragen. Um das Unternehmen auch für die Wissenscbaft nutzbar zu machen, werden drei Forscher für meereskundliche und witterungskundliche Be- obachtungen an Bord genommen werden und während der ganzen Zeit dort verbleiben. Gerade davon, daß das Schiff an mehreren Stellen längere Zeit wird verweilen müssen, erwartet man besonders günstige Gelegenheit für derartige Forschungen. Humor und Satire.« Allemal liberal. »Diese gottvergesssien Roten überschütten uns mit Hohn, weil wir guten Patrioten knieen vor Altar und Thron. Sind wir denn nicht liberal? Allemal, allemall zulässiger Weise beaufsichtigen, sondern die Wahlakten bewachen sollte. Es liegt gar kein Grund vor. daß der Reichstag von seiner früheren Praxis abgehen soll, zumal unter dieser Praxis die Unregelmäßig- leiten bei den Wahlen ständig abgenommen haben. Abg. Schwarzc-Lippstadt(Z.) spricht ebenfalls für tz!e Gültig- keits erklär un g der Wahl; so gröbliche Verstöße wie in Sprendlingen sind noch nie vorgekommen; wenn der Wahlkakt in Sprendlingen darauf nicht kassiert wird, öffnen wir der Mogelei Tür und Tor. Abg. Waldsieiii(Vp.): Wenn ein Fehler vorliegt, derben ganzen Wahlakt betrifft, so wird die Wahl ohne_ weiteres für ungültig erklärt. Dasselbe muß auch geschehen bei Unregelmäßigkeiten in einem Wahlbezirk, wenn nicht die Nichtigkeitserklärung auf das ganze Wahlgeschäft ohne Einfluß bleibt. Es kommt nur darauf an, ob eine Majorität im ganzen Wahlkreise für einen Kandidaten erreicht ist, nicht wie die Majoriläisverhältnisse in einem bestimmten Bezirk liegen. Äbg. Richard Fischer(Soz.): Herr Spahn hat einen Antrag unterschrieben, der verlangt, die Wahl des Abg. Dr. Becker soll für gültig erklärt werden. Da- bei hat Herr Spahn uns hier dargelegt, es sei bei den Widerspruchs- vollen Zeugenaussagen sehr zweifelhaft, ob überhaupt drei Mitglieder des Wahlvorstandes immer anwesend gewesen seien. Ja, wenn darüber ein Zweifel besteht, dann kann man doch nicht die Wahl für gültig erklären, sondern dann müßte die Wahl an die Kommission zurückgewiesen werden, um festzustellen, ob der Wahlvorstaud immer richtig be- setzt war. Herr Spahn antwortete mir auf einen Zwischenruf, er bedauere, daß gerade ich in dieser Frage umgefallen sei. DaS wird er nicht erleben; ich Iverde bei den Grundsätzen, die ich für richtig halte, bleiben, natürlich ohne mich auf Formalien festlegen zu lassen. Aber ich bedaure, daß alle meine Mahnungen in den letzten Jahren an das Zentrum, konsegnent zu bleiben und nicht, wie es geschehen ist, in den wichtigsten Dingen anS parteipolitischen Gründen immer umzufallen, bei Herrn Spahn kein Gehör ge- funden haben. Wenn das jetzt bester werden soll, wenn seine Partei- genossen wieder zu ihrer Pflicht zurückkehren, so werden wir uns gewiß darüber freien.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Abgeordneter Dr. David(Soz.): Ohne den formalen Verstoß in Sprendlingen wäre äs kuci-o K o r e l l, nicht Becker gewählt. Da kann man doch dem äs k-tcto zu Unrecht gewählieii Becker nicht das Mandat zuerkennen, weil in Sprendlingen ein formaler Verstoß vorgekommen ist. Das wäre ein schreiendes Unrecht gegen die Mehrheit derWähler.(Lebhaftes Sehtz richtig! links.) Wir müßten eigentlich das Mandat Korell zuerkennen; da wir daS nicht können, müssen wir die Wähler noch einmal entscheiden lassen.(Lebhaftes Sehr richtig l links.) Nach weiteren Bemerkungen der Abgeordneten Dr. N e u m a n n- H o f e r(Vp.), Pfleger(Z.), Dr. Spahn(Z.) schließt die Dil- kussion. Die Wahl wird in namentlicher Abstimmung mit 159 gegen 158 Stimmen bei 3 Slimmenthaltungc» für gültig erklärt. Die Verkündung des Resultats wird auf der Rechten und im Zentrum mit lebhaften Beifallsrufen, auf der Linken mit Zischen aufgenommen. Die Wahl des Abg. Haupt(Soz.) beantragt die Kommission für ungültig zu erklären. Ein Antrag Albrecht(Soz.) verlangt GültigkeitS« e r k l ä r u n g der Wahl. Abg. Rcißhaus(Soz.): Die Beweiserhebung hat die Nichtigkeit der im Wahlprotest er- hobenen Behauptungen in bezug ans die Wahl in Möckern ergeben; entgegen dem Wahlreglement hat nicht der Wahlvorsteher die Wahl- kuverts in die Urne gelegt. Dadurch kam es, daß nur 350 Wahl- kuverts in der Urne gesunden wurden, während 352 Wähler gc- stimmt haben. Außerdem fanden sich in zwei oder drei Kuverts zwei Stimmzettel. Würde man diese Verstöße sämtlich zuungunsten Haupts rechnen, so würde die Wahl Haiipts gültig bleiben. Einen Antrag, den ganzen Wahlakt in Möckern zu kassieren, hat die Kommission abgelehnt, aber sie hat beschlossen, die 2S Stimmen, die Haupt mehr erhalten hat als sein Gegen- kandidat v. B y e r n, Haupt abzuziehen. DaS ist natür- Daß das Volk einst von den teuer» Fürsten über's Ohr gehau n. sollten wir nicht freudig feiern und nicht dankbar aufwärts schaufii? Sind wir denn nicht liberal? Allemal, allemall Alles, was im Kampf errungen, opferreich, jahrzehntelang, war den Fürsten abgezwungen.., Drum gebührt den Fürsten Dank. Sind wir denn nicht liberal?- Allemal, allemal! Daß sie stahlen unsere Rechte, ist wohl eine Messe wert. Daß man so was feiern möchte, sagt, ob sich das nicht gehört?" Allemal, allemal! Dafür seid ihr liberal. _ Franz. Notizen. — Heber da? Blattsingen in den Schulen hält der Musikpädagoge Max Batike am Dienstag, den 4. März, abends 7 Uhr, in der Philharmonie einen Vortrag. Rhythmische Uebungen, Uebimgen im Blattsingen, Gehörübungen, verschiedene Formen des Musikdiktais, wie sie auch in Musikschulen und Chören von großem Werl sind, werden durch die Oberklasse des Lyzeums Friedrichstadt ausgeführt. Der Eintritt ist frei. — Ein K o n z e r t s I a n d a l in Prag. Als im Konzert des Prager Kammermusikervereins Lieder deS Futuristen-Komponislen Arnold Schönberg zum Vortrag gelangten, wurde die Sängerin Albertine Zehme aus Berlin verhöhnt und ausgelacht. Das Publikum begann dann, nach eigener Komposition Musik zu machen. Trotzdem wurde das Programm zu Ende geführt. — 250 000 Mark für eine Statue. Die italienische Regierung hat von dem Geistlichen Martelli eine Statue des Johannes von dem großen Reiiaissancebildner Donatello zufit Preise von 320 000 Lire angekauft. — Die russischen Jubiläum 3»Brief marken, die aus Anlaß der Dreihundertjahrfcier des Hauses Romanow aus- gegeben sind, wurden von vornherein von der konservativen Presse beanstandet, da man es als unzulässig betrachtet, die Bildnisse ruffischer Herrscher zu— bestempeln! Dieser Ansicht schloß sich auch die oberste Kircheubehörde, der HI. Synod, an, der da erklärt, daß die neuen Postwertzeichen die Achtung vor der Dynastie erschüttern. Es ist für den kulturellen Zustand Rußlands charakteristisch, daß diese Stimmen nicht ungehört verhallt sind: der Verkauf der Jubiläums- marken, deren Herstellung einige Hunderttausende gekostet hat. ist eingestellt worden. Freilich nur»bis auf weiteres". Eine Sonderkommission soll entscheiden, ob die Marken wieder in Verkehr gebracht werden dürfen. tlch ganz dasselbe im Resultat wie die Kassierung des ganzen Wahl« altes. �Sie richtig l bei den Sozialdemokraten.) Mit demselben Recht hätte die Kommission dem Kandidaten Haupt auch 100 Stimmen abziehen können. Dieser Rechtsstandpunkt hat mit Recht auch nicht mehr das allermindeste zu tun.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Hätte v. Bhern die Mehrheit der Stimmen erhalten, so möchte ich wohl wissen, ob die Kommission ebenso Verfahren wäre. Da� das nicht der Fall ist, sieht man aus der Behandlung des Wahlaktes in W u d i ck e, wo die Konservativen 133 und Haupt 57 Stimmen erhalten haben. Dort hat, wie der Gegenprotest behauptet, der A m t s d i e n e r auf Veranlassung des Wahlvorstehers, der zugleich Amtsvorsteher war, Stimmzettel verteilt, und zwar sowohl gedruckte wiege- schrieben?, und je nach dem Stand des Wählers ihm einen gedruckten oder einen geschriebenen gegeben. Dadurch mutzten die abhängigen Wähler in ihrer Wahlfreiheit beeinträchtigt werden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Autzerdem hat der Wahlvorsteher dem Amtsdiener aufgegeben, konservative Stimmzettel zu besorgen, als sie knapp wurden. In schöner Einigkeit sehen wir Wahlvorsteher, Beisitzer und Amtsdiener im � Wahllokal konservative Wahlagitation treiben, was dem Gesetz durchaus wider- spricht. Hier aber zog die Mehrheit der Kommission keine Folgen aus diesem Berstotz, sie sagte vielmehr, aus den Behaup« tungen eines Gegenprotestes könne man nicht Folgerungen zugunsten des Gewählten ziehen. Das ist eine Berlegenheitsaus- rede, die vollkommen in der Luft schwebt. Dieser Beschlutz ist noch ungerechter, als der im Fall Becker, es ist ein Fehl- sd)lutz im allerschlimmsten Sinne des Wortes. Diese Art der Beschlutzfassung ist eine Willkür, und alle Parteien haben ein Interesse daran, solche Dinge zu beseitigen. Ich bin überzeugt, datz die Mehrheit des Hauses soviel Gerechtigkeitsgefühl hat, die Wahl unserem Antrag gemätz für gültig zu erklären, oder sie doch mindestens zur erneuten Prüfung in die Kommission zurückzuverweisen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Nach weiterer Debatte, in der sich u. a. der Abg. Schmidt- Meitzen(Soz.) für die Gültigkeit der Wahl Haupts und für event. Zurückverweisung der Wahlprüfung an die Kommission ausspricht, wird der Antrag A l b r e ch t auf Gültigkeitserklärung zurück- gezogen zugunsten eines Antrages auf Zurückverweisung an die Kommission zur nochmaligen Prüfung. Ueber diesen Antrag Albrecht wird namentlich abestimmt. Er wird mit 170 gegen 142 Stimmen angenommen. Hierauf vertagt sich das HauS auf Mittwoch 1 Uhr. Auf Antrag Baffermann(natl.) soll morgen ein Schwerinstag stattfinden. Auf die Tagesordnung werden gesetzt: Antrag Bassermann auf Vorlegung eines Gesetzentwurfs zur Regelung des Submissionswesens und Antrag N o r- m a n n(k.) auf Schaffung neuer kleiner Garnisonen sowie einmaliger freier Elsenbahnfahrt im Jahre für die Militärurlauber. Schlutz 7 Uhr. Mgeonlnetenbaus. 140, Sitzung. Dienstag, den 25. Februar 1913, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: Dr. Shdow. Die zweite Lesung des Etats der Handels- und Gewerbeverwaltung wird fortgesetzt mit der Besprechung des FortbtldungSschul- wesen«. Abg. Borchardt(Soz.): Der Abg. Kaufmann hat sich am Sonnabend ausführlich mit der Einführung des Religionsunterrichts in den Fortbildungs- schulen beschäftigt. Wollten wir boshaft sein, so würden wir mit der Einführung des Religionsunterrichts uns ein- verstanden erklären, denn nichts würde geeigneter sein, den Schülern den Religionsunterricht, nachdem sie schon auf der Volksschule damit überfüttert worden sind, mehr zu verleiden und zu verekeln, als wenn wir nun auch noch den Fortbildungs- schÜlern einen solchen Religionsunterricht bieten würden. Aber wir widersprechen aus sachlichen Gründen. An sich hallen wir das ganze Fortbildungsschulwelen nur für einen Notbehelf. Es sollten alle Schüler, unbekümmert um die Vermögensverhältnisse ihrer Eltern, eine einheitliche Schulbildung bis zum 14. Lebensjahr erhalten und dann je nach ihrer Be- fähig ung weiter ausgebildet werden. Aber selbst- verständlich nehmen wir auch Interesse an einer Ausgestaltung deS heutigen Fortbildungsschulunterrichts. Wenn das Zentrum für die Fortbildungsschulen den Religionsunterricht verlangt, so tut es das gewih auch aus religiösen, aber auch aus anderen Erwägungen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dr. Kaufmann be- gründete die Notwendigkeit des Religionsunterrichls in den Fort- bildungsschulen damit, datz vielen jungen Leuten noch die R e i f e d e s Urteils fehlt. Wenn dagegen der Religionsunterricht wirklich hilft, dann sollten manche erwägen, ob sie nicht bis ans Ende ihres Lebens Religionsunterricht nehmen sollten.(Heiterkeit und Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Weiter sagte Dr. Kaufmann, datz die jungen Leute an der Wahrheit der religiösen Lebre zweifeln, ja sie verhöhnen und verspotten. Das ist ein schönes Kompliment für den Religionsunterricht in der Volksschule. Unter den Tugenden, die Dr. Kaufmann aufzählte und die der ReligionSunterrichr vermitteln soll, fehlte eine, die in den Augen deS Zentrum? eigentlich die höchste Tugend sein sollte: der Gehorsam. Das ist des Pudels Kern. Gehorsam gegen den Staat und auch gegen die Kirche soll den jungen Leuten beigebracht werden.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten. � Abg. D i t t r i ch: Ich kann Sie gar nicht ver« stehen!) Allerdings, so lange die Konservativen mit ihren Privat- gesprochen einen solchen Radau machen, kann ich mich nur schwer verständlich machen. Wie würde denn auch der von Ihnen verlangte Religions- Unterricht erteilt werden? Aus dem ursprünglichen sozialen Inhalt des Christentums haben Sie ein blotzes Mitleid mit den Armen gemacht und Hauptsache ist die Dogmatil, die Unter- ordnung unter die göttliche und irdische Autorität. Der Abg. Kauf- mann hat den Vermittelungsvorschlag gemacht, den Religions- Unterricht in der Fortbildungsschule fakultativ zu erteilen, aber den Pfarrer trotzdem als Mitglied des Lehrerkollegiums anzustellen. Womit sollte l»«in der Pfarrer seine Zeit ausfüllen und wie daS Beispiel des Fleitzes geben?(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Aber es handelt sich ja Ihnen doch nur darum, den Geistlichen in das Lehrerkollegium erst mal hineinzubekommen und dann die Macht der Kirche immer mehr zu vergrötzern. Sie haben das„heilsame" Fortbildungsschulgesetz des- halb scheitern lassen, weil Ihre Forderung, den Kultu S minist er mitsprechen zu lassen und damit der Kirche einen grötzeren Einflutz zu geben, nicht erfüllt wurde. Wir bekämpfen die Einführung des Religionsunterrickts, die� nur noch mehr Stunden den anderen Unterrichtsgegenständen entziehen würde und mit einer guten Er- ziehung nichrS zu tun haben würde. Wir wollen, datz die Fort- bildungsschule.. freie Menschen erziehe. Ihre Parole ist freilich:„Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, des- halb wollen Sie den Religionsunterricht einführen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die evangelischen Herren sind freilich nicht allzuweit von diesem Ideal entfernt. Der konservative Abgeordnete Lieneweg hat hier darüber geklagt, datz sich die Fortbildungsschüler in Bielefeld nicht mehr von den Lehrern prügeln lassen wollen. Die sozial- demokratische Partei hat gegen diese Prügelpädagogik energisch ein- oearisien und die Sache auch zu einem befriedigenden Ende gebracht. ES ist auch daS Wort gefallen, datz die 16- bis 17jahrigen Schüler in der Notwehr zurückschlagen konnten. In der Tat haben diese jungen Leute nicht weniger Ehre'm Leibe als z.B Kadetten, die vielleicht gegen eme körperliche Mtzhandlung zum Dolch greifen würden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- traten.) Die Prügelpädagogik liegt freilich in dem System, den Willen der jungen Leute zu brechen. Auch die Empfehlung eines „nationalen" Turnvereins durch den Leiter der Bielefelder Fort- bildungsschule ist ein Mitzbrauch zu parteipolitischen Zwecken. Sie verdrehen ja den Begriff national in sein Gegenteil, indem Sie unter national die Benachteiligung und Entrechtung der Nation verstehen. Für Sie bedeutet national— antisozialistisch. In der Budgetkommission hat der Minister auf Ihr Verlangen erklärt, datz die Fortbildungsschulen die staatliche Jugendpflege nachdrücklich zu unter- stützen haben. Nun, wir sind ja alle darüber einig, auch der Kultusminister hat es im vorigen Jahre zugegeben, datz diese Jugendpflege eine politische Veranstaltung ist, um die jungen Leute gegen die Sozialdemokratie einzunehmen und von ihr abzu- ziehen. Ein weiterer Beweis für die parteipolitifthe Ausnutzung der Fortbildungsschule wurde auf der Konferenz der ostpreutzischen Fortbildungsschulen in Königsberg erbracht, wo ge- fordert wurde, datz die Reichsversicherungsordnung, über deren geringen Wert von allen Seiten geklagt wird, als nationale Grotztat hingestellt werden soll. Nun, wenn Ihre nationalen Grotztaten so aussehen, dann werden Sie in der Fortbildungsschule nicht viel Staat machen können.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Der„Vorwärts" hat im verflossenen März zahlreiche Fälle berichtet von Agitation der Lehrer während des Unterrichts für nationale Vereine; Schüler, die die Be- teiligung ablehnten, wurden sehr eingehend nach ihren Gründen ge- fragt und wiederholt mit einem schlechten Abgangszeugnis bedroht. Nach einer Theatervorstellung wurde ein geselliges Bei- sammensein veranstaltet und unter dem Eindruck des von dem Lehrer geleiteten Biergenusses sofort ein derartiger Verein gegründet. Diese Angaben wurden nicht berichtigt.(Hört! hört!) bei den Sozialdemokraten.) Die durch die Propaganda verlorene Unterrichtszeit wird nachher durch ein förmliches Hetzen einzuholen versucht. Die Lehrer machen Propaganda für die Zeitschrift„Feierabend", aus der auch in der Unterrichiszeit vor- gelesen wird. Heute erst erfahren wir einen neuen Fall: In einer Berliner Pflichtfortbildungsschule hielt ein Offizier in Uni- form, im Schmuck seiner Orden, einen Lichtbildervortrag über die Hereros und forderte nachher auf, dem Pfadfinderbund bei- zutreten. Der Pfadfinderanzug, den sich die Schüler selbst kaufen mühten, koste 9 M. Die Schüler waren ausgefordert worden, zu dem Vortrag dieses noblen Gastes in Sonntagskleidern zu er- scheinen und der Vortrag scklotz sich unter Mitbenutzung einer Schul- stunde direkt an den Unterricht an, offenbar, weil man wutzte, datz die Berliner Jungen zu helle sind, um am Sonntag in einen der- artigen Vortrag zu kommen. Für derartige parteipolitische Be- strebungen stellt man die Schulräume zur Verfügung, uns aber für unsere Bildungsbestrebungen nicht. Es ist ja übrigens ebenso hier im Abgeordnetenhause I(Zustimmung bei den Sozial- demokraten. Zuruf: Hatte der Offizier einen Unterrichts- erlaubnisschein?) Diese Frage möchte ich an den Minister weiter geben, denn wir werden ja bei Vorträgen vor Jugendlichen von der Polizei immer nach dem Unterrichtsschein gefragt, und wenn wir ihn haben, wird er uns zwangsweise abgenommen. Auf dem Deutschen Landwirtschaftsrat wurde ganz rückhaltslos die Ausnutzung der ländlichen Fort- bildungsschule im nationalen, antisozialistischen, christlichen und gegen die internationale Verbrüderung genchtelen Sinn gefordert. Diese Herren führen das Christentum immer im Munde, kennen es aber gar nicht, denn das Christentum hat zuerst den Gedanken der internationalen Verbrüderung gepredigt. Sagte doch der Apostel Paulus: Hier seid Ihr nicht Juden, noch Christen, noch Griechen, sondern Ihr seid allzumal Jünger Jesu.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Ihnen ist es in der Hauptsache nicht um Unterricht zu tun, sondern um den Mitzbrauch der Fortbildungsschule und aller anderen Staalseinrichtungen. die von allen Steuerzahlern erhallen werden, zum parteipolitischen Kampf gegen die Sozialdemokratie. Wir pro- testieren dagegen. Wir wissen, datz die Regierung und die renk- tionären Parteien auch weiter genau so fortfahren werden. Zu den reaktionären Parteien rechne ich auch die Fortschritt- liche Volkspartei, die in Berlin über die Fortbildungsschulen regiert.(Heiterkeit rechts, Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Aber fahren Sie nur so fort, Sie besorgen damit nur unsere Ge- schäfte, denn unser wird die Erde sein.(Bravo! bei den Sozial- demokraten. Lachen bei der Mehrheit.) Abg. v. Richthofen(!.): Der Vorredner hat die Religion beinahe als etwas Verächtliches hingestellt, das beweist wieder die Feindschaft der Sozialdemokraten gegen die Religion. Nicht Religion ist Privatsache, sondern Antichristentum ist Parteisache! (Sehr gut! bei der Mehrheit.) Die Fortbildungsschule soll mitz- braucht werden? Wer will denn sonst die Jugend unter die schlimm st e Tyrannei bringen, als die Sozialdemokratie. (Beifall rechts.) Hier wird Borchardt keinen Eindruck machen(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), mit solchen Reden gehe er in die Volksversammlung!(Abg. Dr. Liebknecht: Und Sie in den Zirkus!) Vizepräsident Dr. Krause(erregtjmffahrend): Für diese durchaus ungehörige Bemerkung rufe ick, Sie zur Ordnung! Abg. v. Richthofen(forlfahrend): Die Autorität der Eltern und Lehrherren mutz gestärkt werden, deshalb brauchen wir die Reli- g i o n in der Fortbildungsschule. Hoffentlich kommt es noch ein- mal zu einem Gesetz, das sie enthält.(Beifall rechts und im Zentrum.) Nach Annahme eines SchluhantrageS erklärt Abg. Borchardt(Soz., zur Geschäftsordnung) hierdurch ver« hindert zu sein, der gänzlich falschen Darstellung des Vorredners über seine Stellung zur Religion entgegenzutreten, und nachzuweisen, datz in dem sozialdemokratischen Parteiprogramm nicht Religion als Privatsache erklärt, sondern ihre Erklärung zur Privatsache gefordert werde, sowie datz es ihm gar nicht eingefallen sei, die Religion als etwas Verächtliches hinzustellen, oder Feind- schaft gegen die Religion zu betätigen. Ebenso ist eS ganz falsch, datz ein Antichristentum Parteisache der Sozialdemokrasie wäre.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Thurm(Vp.): In den gewerblichen Fachschulen sollte mehr auf den Flachsbau bei Sarau hingewiesen werden. Abg. Wenk?(Vp.): Die Holzschnitzereischule in Warmbrunn macht dem Gewerbe unzulässige Konkurrenz. Ein Regierungskommissar: Auch wir sind dagegen, aber das Kuratorium der Schule will nicht. Auf eine Anregung des Abg. Cassel(Vp.) wird zugesagt, datz der Besserstellung der Berliner Baugewerksschullehrer nähergetreten werden soll.(Abg. Cassel dankt mit einer liefen Verbeugung.) Abg. Lieneweg(k.) entwickelt nochmals die schon in der all- gemeinen Besprechung vorgebrachten altbekannten Handwerker- wünsche und wendet sich nochmals gegen die Durchführung der Bäckereiverordnung. Abg. Wenk?(Vp.) spricht gegen die Umwandlung von freien Innungen in Zwangsinnungen und nimmt den Haiisabund gegen den Vorwurf der Miiteisiandsfcindlichkeit in Schutz. Nur die direkte und geheime Wahl kann das Handwerk vor dem TerrorismuS von rechts und links schützen. Wenn Abgeordneter Hammer dagegen auftritt, so kennt er die Stimmung der Hand- werker nicht. Abg. Borchardt(Soz.): Die Wiederholungen des Abg. Lieneweg gingen wieder auf die bekannte Forderung hinaus:„Konkurrenz gegen das Handwerk ist bei Zuchthausstrafe verboten!" Er hat sich auch darüber beschwert, datz die Behörde dagegen eingeschritten ist, datz eine maschinelle Honigbroterzeugung in einem Keller betrieben wurde. Also selbst der geringe Arbeiterschutz der Bäckereiverordnung geht Jhuen schon zu weit, und im Interesse der Prvfitbedürfnisse verlangen Sie, datz Dispense von der Bäckereiverordnung auf die ganze Ständbauer des Hauses, vielleicht, also bis zu hundert Jahren, erteilt werden soll! Herr Lieneweg hak auch Schutz der Arbeitswikkigen derkangk, obgleich ein Schutz gegen Mitzhandlungen der Arbeitswilligen be- steht. Ich erinnere nur an die barbarisch hohen Strafen, die wegen Beleidigung von Arbeitswilligen oerhangt werden; so an jene Frau, die ins Gefängnis mutzte, weil sie nur der Frau eines Arbeitswilligen Kartoffeln gezeigt hatte. Ihr Ver- langen geht dahin, datz im Falle eines Streiks die Streikenden gewaltsam verhindert sein sollen, den Arbeitswilligen mitzuteilen, worum es sich handele. Sie sprechen von Terrorismus. Wir alle aber wissen, datz die Konservativen die öffentliche Wahl nur deshalb beibehalten, weil sie ohne TerroriSmus keine Wähler hinter sich haben. (Sehr gut! links.) Deshalb war es mir lieb, datz sich Herr Hammer so deutlich zum Terrorismus bekannt hat. UebrigenS will ich Ihnen auch einmal einen Terrorismusfall erzählen. Als und den Arbeitern entstanden und einzelne Bäckermeister mit den Arbeitern Vereinbarungen trafen, beschlotz die ZioangS- innung, datz solche Sondervereinbarungen bei 20 M. Geldstrafe für jeden Tag und jeden Fall verboten sein sollen, damit nur die Innung einen Lohntarif ausstellen könnte. DaS ist ein offenbarer Verstotz gegen die KZ 152 und 153 der Gewerbe» ordnung,> vor in für jede Drohung, mit der die Teilnahme an Lohnvereinbarungen erzwungen werden soll, Gefängnis bis zu drei Monaten festgesetzt wird. Die Richter und Staats- anwält« machen hiervon gegen die Arbeiter stets Gebrauch. Als aber der Terrorismus der Bäckerinnung Magdeburg mit Erfolg geübt wurde, wies der Amtsanwalt eine Strafanzeige deshalb zurück, weil die Beschuldigten in dem besten Glauben gehandelt hätten, datz ihr Beschluh gesetzmätzig und gültig gewesen sei.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Sonst gilt immer der Grundsatz: Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht vor Strafe! Der Erste Staatsanwalt schlotz sich dem Amtsanwalt an und stellte, dem Sinne nach, den pyramidalen Satz auf, datz man sich ein Verbrechen oder Vergehen zuschulden kommen lassen dürfe, wenn man nur glaube, im Recht zu sein. Und das Oberlandesgericht hat die Beschwerde zurückgewiesen, weil sich die Jnnungsleitung für berechtigt gehalten habe, jedenfalls aber nicht im entferntesten daran ge» dacht hätte, datz sie sich durch einen solchen Beschlutz strafbar machen könnte. Das ist der bekannt« Gedanke der Handwerker, datz alle Gesetz« nur für sie, niemals gegen sie angewendet werden dürfen. Weiter heitzt es in der Entscheidung:„Es bedarf keiner Ausführung, datz, wenn einzelne Mitglieder der Innung mit den Gesellen die Lohnverhältnisse regeln, womöglich unter Bewilligung höherer als der bisher üblichen Löhne, die auch von den übrigen Mitgliedern beibehalten sind, hierdurch nicht allein der Gemeingeist unter den Jnnungsmitgliedern gestört, sondern auch die gemein- samen gewerblichen und wirtschaftlichen Interessen der Meister ge- fährdet würden; endlich aber auch würde das gedeihliche Ver- hältnis zwischen Meistern und Gesellen in Frage gestellt, deren überwiegende Mehrzahl sich naturgemätz den Meistern zuwenden wird, die höhere Löhne zahlen."(Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.) Hier ist nicht mehr von Klassenjustiz, von unbewutzter Beeinflussung der Richter durch die Ideen ihres sozialen Milieus die Rede, sondern bei diesem Versagen der Behörden in einem Fall, wo sie gegen Arbeiter immer vorzugehen wissen, ist die Rechtslage so klar und deutlich, datz jedermann im preutzischen Vaterland genau Bescheid wissen wird, datz man den Arbei- tern ihr Recht nicht geben will, und datz deshalb die Behörden hier nicht eingegriffen und versagt haben.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Maurer(natl.) wünscht ein energischeres Einschreiten der Regierung gegen die Monopole für Installation und Materia- lien der Elektrizitätsindustrie. Handelsmimster Dr. Sydow gibt zu, datz der Erlatz von 1911 die Bildung dieser Monopole noch nicht in wünschenswerter Weise verhindert hat, und zwar weil die 5kommunen und Kommunal- verbände im Wschlutz der Verträge ganz selbständig sind. Die Aufsichtsbehörden können nur bei Gewäbrung von Dar! eher, oder bei Inanspruchnahme des Enteignungsrechts für Elektrizitätswerke eingreifen. Hierbei sind wir gegen die Entstehung von Monopolen vorgegangen. Eine Einwirkung des Staates, um die Elektrizitäts- zentralen den Konsumenten gegenüber nicht übermächtig werden zu lassen, wird nur möglich sein unter Einschränkung der Gewerbe- freiheit. Die Frage wird erwogen. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.) fordert vom Minister Antwort auf die Rede Borchardts. Die Vorgänge in Magdeburg, Leipzig und an anderen Orten haben die Innungen als Kampforganisationen gegen die Arbeiter erwiesen. Solche Beschlüsse wie in Magdeburg können die Arbeiter auf das schwerste schädigen. Minister Sydow erklärt: datz zwar die KZ 162/153 der Gewerbeordnung auch für die Zwangsinnungen gelten, aber da- neben auch K 81a, und gegen den hat der Magdeburger Beschlutz nicht verstoßen. Ich werde ihn also nicht beanstanden. Es handelt sich in Magdeburg um einen Kampf des Zentralver- bandes der Bäcker gegen die nicht zur sozialdemokratischen Richtung gehörenden Bäckermeister, und die tariftreuen Ge- seilen darin zu unterstützen, wird meine Aufgäbe' sein, so weit es mit dem Recht vereinbar ist.(Beifall.) Abg. Hammer(k.) wendet sich gegen den Abg. Wencke. Ich habe stets gesagt: daß ein grotzsr Teil des Mittelstandes die geheime Wahl will, und datz ich das bedauere. Kein Parlament der Welt tritt so für den Mittelstand ein, wie daS auf Grund deS jetzigen Wahlrechts gewählte preußische Abgeordnetenhaus. Der Freisinn ist handwerkerfeindlich.(Beifall rechts.) Ein Schlutzantrag wird gegen die Linke ange- nommen. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.)(Zur Geschäftsordnung): Sie machen wieder einmal Schlutz, weil Sie Angst haben vor der Bla- m a g c.(Sehr richtig! links.) Jeder Schlutzantrag entspringt der Furcht vor einer Blamage.(Sehr richtig! links.) Ich hätte dem Handelsminister nachweisen können, datz sein Borgehen in keiner Weise irgendeine rechtliche Stütze findet. Diese Erwiderung hätte- Ihnen unbequem werden können und daher dieser gewaltsame Schlutzantrag.(Zustimmung links.) Abg. Dr. Mugdan(Vp.): Durch diesen konservativen Schlutz. antrag ist es uns unmöglich gemacht, auf die Angriffe des. konservativen Redners zu antworten.� Abg. Hammer(!.): Es war kein Angriff, londern eiile Ab- wehr. Abg. Just(natl.) verlangt, datz die Regierung Matznahmen gegen weitgehenden sozialdemokratischen Ein» flutz auf die n ich tgew erb s mäßige Arbeits ver. Mittelung ergreift. Abg. Leinert(Soz.): Wir bedauern, daß die A r b e i t e r s e! r e t a r i a t e der Gewerkschaften nicht unterstutzt werden, die eine nutzer- ordentlich segensreiche Tätigleu entwickeln. Tie freien Gewerl« schaften sind damit schon vorgegangen, als weder die Regierung noch irgendeine bürgerliche Parlei sich dieser Sache annahmen. (Sehr richtig! beft den sozialdeinokraten.) In der„Deutschen Richterzeitung" schilderte kürzlich ein Gerichtsvollzieher, wie arg es auf dem Lande noch mit der Rechtshilfe steht. Aber das gilt auch für die minderbemittelte Bevölkerung der Städte. Professor Bernhardt hat in, einem Buch über die„Unerwünschten Folgen unserer Sozialpolitik von dem verhängnisvollen Wirken der Winkelkonsulenten und Arbeitersekretäre gesprochen, die die Simulation begünstigten und den Leuten die Reutensucht suggerierten. Ich bestreite das mit aller Entschiedenheit. (Sehr richtig, ftnks.) Wir protestieren dagegen, datz von /lucr anscheinend wissenichaftlichen Seite derartig unbeweisbare Behaup- tungen über die Arbeiterselretariate in die Welt gesetzt werden. Ter Begriff Parität darf nicht überspannt werden. Es ist etwas anderes, wenn dem Arbeitnehmer- mitgeteilt wird, datz rn ernem Betriebe gestreikt wird, als wenn ein Arbeitgeber dem Arbeiter gewissermaßen einen UriaSbrief mitgibt deZ Inhalt», daß der Arbeiter gestreikt hätte. Das bedeutet für den Arbeiter, daß er keine Arbeit bekommt, daß er mit seiner Familie verhungern muß, während er andererseits seiner Organisation in den Rücken fallen würde. Der Einfluß der Arbeitgeberverbände auf die Arbeitsnachweise wird immer stärker. Dr. B e u m e r hat offen gefordert, daß die Arbeitsnachweise für die Arbeitgeber Machtmittel gegen die Arbeiterorganisationen fein sollen. Es wäre zu wünschen, daß das Handelsministerium sich diesen Einflüssen entzieht. Auf einer Konferenz der Arbeit- gebernachweise in Wiesbaden hat der Generalsekretär dieses Ver- bandes sich gegen die Gleichberechtigung der Arbeiter im Produk- tionsprozeß gewandt und hinzugefügt: das gilt auch vom Ar- b e i t S na ch w e i s.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Auf dieser Konferenz sprach weiter Dr. Alexander Tille vom„Pari. tätsmoralismus" und von einem Kampf zwischen Arbeitgeber» und Umsturz, der sich um die Arbeitsnachweise dreht. Die Klassenkampferpressung, der Streik müsse gleich Diebstahl und Raub verfolgt werden. Das nennt er Ethik gegenüber dem von Straßenräubern bedrohten Wanderer!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Und das nicht etwa im Zirkus Busch, wo Herr v. Oldenburg Sozialdemokraten und Streikposten mit Zuhältern gleichzu- stellen die Kühnheit hatte, sondern auf der Arbeitsnachweiskon- ferenz! Das Material über die Kennzeichnung und Registrierung nicht einzustellender, streikender und ausgesperrter Arbeiter wird ja ängstlich geheimgehalten. Aber auf jener Konferenz ist dieses System offen zugegeben worden. Professor Weber hat dort das Mißtrauen der Arbeiter gegen die Arbeitgebernachweise als vor- handen und berechtigt erklärt. Nach dem Verlauf jener Kon- ferenz wird dieses Mißtrauen erst recht überall vorhanden sein. Wir protestieren gegen jede Anerkennung der Arbeitgebernachweise durch die Regierung und gegen die Uebertragung ihrer Methoden auf die paritätischen. Nach dem Stellenvermittelungsgesetz kann der Minister den Arbeitgebernachweisen die Führung schwarzer Listen und das System der Spitzelei und der Uriasbriefe verbieten. Tut er es nicht, so fö r d e r t er diese Dinge.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokratem) Noch bei Vorlage des Stellenvermitte- lungsgesetzes im Reichstag tat man so, als wollte man von Ar- beitgebernachweisen nichts wissen. Wo es gegen die Arbeiter geht, verlangen Sie für Preußen die Führung, aber von einer preutzi- schsn Führung in Einigungsverhandlungen usw. ist keine Rede. Niemals führen preußische Staatsbeamte solche Verhandlungen, sondern süddeutsche oder Kommunalbeamte. Das Handels. Ministerium will eben mit Gewerkschaften überhaupt nicht in Ver- bindung treten. Das ist seine Sozialpolitik.(Hört! hört? bei den Sozialdemokratem) Ueber das Wesen der Tarifverträge sind sich heute Gewerkschaften und Unternehmer einig. Sogar der Handwerks- kammertag hat gefordert, daß eine Durchführungsinstanz für Tarif- Verträge geschaffen werde. Der Reichstarif der Maler fordert auch den paritätischen Arbeitsnachweis überall und gemeinsame Arbeit gegen die Schmutzkonkurrenz und Unterstützung derjenigen Ar- beiter, die wegen Schmutzkonkurrenz nicht bei bestimmten Unter- uehmeru arbeiten können. Um diefe gegenseitige Kompensationen enthaltende Bestimmung hat eS heftige Kämpfe gegebem In Hannover wurde daraufhin ein paritätischer Arbeits- Nachweis errichtet. Unparteiischer Vorsitzender der betreffenden Konferenz, die diesen Nachweis errichtete, war der Vorfitzende des dortigen GewerbegerichtS, der der Errichtung des Nachweises auch zustimmte.(An dem Tarifvertrag sind auch die Christlichen und Hirsch-Dunckerschen beteiligt.) Man einigte sich darauf, Nicht- Verbandsmitglieder um drei Tage zurückzusetzen, sowohl G e» Hilfen wie Unternehmer. Also Parität auf allen Linien I Und bei Ausbruch eines Streiks durften Nichtorgani- fierte vermittelt werden.— Die Arbeitgeber stimmten diesen Bestimmungen mit größter Freude zu. Der Arbeits- iwchweis wirkte außerordentlich gut, wie der Redner zahlenmäßig nachweist.. Da störte der Minister das gute Einvernehmen durch eine Verfügung, die verlangt, daß§ 2 der Geschäftsordnung gestrichen werden soll. Da nur ö Proz. Nichtorganisierte seien, sei eine Benachteiligung der Verbändler durch die Aufhebung nicht zu befürchte«. Der Minister, der Tarifverträge in keiner Weise fördert, hat nicht das mindeste Recht, in eine solche freie Ver- einbarung einzugreifen— ihm war es nur darum zu tun, eine „sozialdemokratische" Organisation in der Beeinflussung des Ar- beitsverhältnisses zu stören, wobei er aber vergißt, daß die Arbeit- geber doch dieser Regelung zugestimmt haben!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Erlaß ist übrigens geheimgehalten worden und es wurde nur bekannt, daß er fürchtet, es könnten Arbeiter zum Anschluß an die Organisationen gezwungen werden. Und Unter- nehmer Davon spricht die tiefstehende soziale Einsicht des Ministers nicht. Er sollte sich doch nicht nur vom Polizeipräsidenten unterrichten lassen, sondern von Herren wie Magistratsrat v. Schulz, wie Dr. Prenner usw., die das Wesen der mühselig ge- schaffenen Tarifverträge kennen, während sie die Informatoren des Ministers zu zerstören suchen. Wenn der Minister Arbeitsnachweise regeln will, dann möge er sich die Terrorismus treibenden Bäcker- und Schlächterinnungen mit ihren privilegierenden, ganz will- kürlich verteilten und den Nichtbesitzer arbeitslos durchs ganze Reich hetzenden„Verbandsbücher" vornehmen. Diese Bücher gelten als Legitimation für Meistertreue und dem Arbeiter werden sie abgenommen, der jemals in Differenzen mit dem Unternehmer ?ekommen ist. Diese bewußte Schädigung gewisser Ge- ilfen duldet der Minister, aber gegen einverständliche Arbeits- nachweise geht er vor!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Diesen entsetzlichen Terrorismus billigt er! Der Minister hat vorhin erklärt, er müsse die staatstreuen Bäckermeister in Magdeburg gegen den sozialdemokratischen Gehilfenverband schützen. Das ist die Neutralität deS Ministers und' der Staatsverwaltung ,m loirtschaftlichen Kampf: der Minister stellt sich im Kampf um bessere Bedingungen aus die Seite der Bäckermeister!(Unruhe bei den bürgerlichen Parteien.) Das kann die furchtbarsten Folgen haben. Jetzt hoffe ich von ihm freilich nicht, daß er gegen den Jnnungsterrorismus vorgehen wird!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die zarte Pflanze des paritätischen Arbeits- Nachweises braucht sorgsame Pflege und Takt von beiden Seiten. Durch das Vorgehen des Ministers, das im Geiste Dallwitzens liegen mag. muß daS Vertrauen der Arbeiter ver- fliegen und kann die Zukunft der Arbeitsnachweise auf das schwerste gefährdet werden. Da wäre es ebensogut, die Arbeitsnachweise unterständen gleich dem Polizeimini st er!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Minister hat in der Budgetkommission erklärt, keinerlei sozialdemokratisch beeinflußte paritätische Arbeitsnachweise zu fördern. Meint er, der Tarifvertrag der Maler sei unter Mit- Wirkung von Sozialdemokraten geschlossen und deshalb sei der Arbeitsnachweis sozialdemokratisch? Warum geht er nicht gegen Arbeitsnachweise vor, die die Macht der Arbeitgeber verstärken sollen?! Glaube» Sie denn je, durch derartige Streiche die un- zähligen sozialdemokratischen Arbeiter von der Arbeitsvermittelung ausschließen zu können? Das Vorgehen des Ministers ist und bleibt eine bewugte Parteinahme für die Arbeitgeber- nachweise. Das sei festgestellt!(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Mittwoch 1t Uhr: Weiterberatung. Schluß b Uhr. Parlamentärs sckes. Verstärkung der Schutztruppe. Bei der Weiterberatung des Kolonialetats in der Budget- fcrnmisfion des Reichstags wurde am Dienstag beim Nachtrags- etat für Kamerun vom Genossen NoSke lebhaft daran Kritik geübt, daß der Kommission zur Festlegung der Grenze in dem neu von Frankreich erworbenen Teil der Kolonie kein Mann beigegeben worden ist, der in wirtschaftlichen Fragen Sachverständiger ist. Offiziere betrachten Land und Grenze eben nur von militärischen Gesichtspunkten.— Staatssekretär S o l f konnte eine plausible Erklärung für die von Noske gerügte Unterlassung nicht angeben.— Bemängelt wurde ferner die große Zahl der Beamten in den deutschen Kolonien. Kein anderes Land unterhalte eine so hohe Zahl von Beamten in den Kolonien als wie Deutschland; auch die Zahl der Soldaten sei sehr groß. Der Staatssekretär kündete in seiner Antwort eine weitere Verstärkung der Schutztruppe in Kamerun an. So seien jetzt Nachrichten eingetroffen, daß ein Negerstamm im neuen Gebiete sich wenig friedliebend zeige.— Genosse Noske entnahm aus dieser Erklärung, daß wahrscheinlich in Kamerun recht bald mit kriegerischen Verwickelungen zu rechnen sein würde. In Kamerun sei man stets sehr schießlnstig gewesen, wie die Er- fahrung gelehrt habe.— Der Staatssekretär erklärte, die Offiziere hätten strenge Anweisung, Zwistigkeiten zu vermeiden; auch sollen kleine Angriffe nicht gleich mit kriegerischen Aktionen beantwortet werden. Beim Etat für Kamerun übte Genosse S ü d e k u m Kritik an dem völlig unzulänglichen Schulwesen in dieser Kolonie. Ins» gesamt werden kaum 70 000 M. für diesen Zweck angefordert, wahrend für Maschinengewehre eine weit höhere Summe verlangt wird.— Abg. Erzberger unterstützte diese Kritik. So wie bisher könne es unmöglich weitergehen.— Von liberaler Seite wurde der Gegensatz zwischen katholischen und evangelischen Missionen besprochen, der sehr hinderlich sei. Die konfessionslose Regierungsschule sei den Missionsschulen doch vorzuziehen. Ueber oie Situation im Süden Kameruns, die eingangs der Sitzung kurz besprochen worden ist, gab ein inzwischen ein- getroffener Vertreter deS Auswärtigen Amtes vertrauliche Erklärungen ab, an die sich eine längere Debatte anschloß. Be- merkenswert darin war, daß der Konservative v. Böhlendorff- Kölpin über die Neuerwerbung in Kamerun ein ziemlich ab- sprechendes Urteil fällte, das seinen Fraktionskollegen O e r t e l veranlatzte, zu erklären, er stimme mit v. B. durchaus nicht überein. Dem Bau der Bahn von Duala nach dem Njongfluß, der so- genannten Mittellandbahn, stellen sich erhebliche Schwierigkeiten m den Weg, so daß in der Kommission die Frage aufgeworfen wurde, ob nicht die Tracierung eine völlig verfehlte sei. Das Ge- lände ist sehr schwer zu überwinden, die Arbeiterfrage schwierig zu lösen. Die Verpflegung macht solche Schwierigkeiten, daß nicht mehr als 5000 bis 5400 Arbeiter beschäftigt werden können, deren Gesundheitszustand ein recht ungünstiger lst. Auch in Zukunft ist mit all diesen Schwierigkeiten zu rechnen.— Die Regierung sagt« zu, daß sie binnen Jahresfrist dem Reichstag genauen Aufschluß über die Pläne geben werde, die für Kamerun gehegt werden.— Aus der Mitte der Kommission wurde dargelegt, daß es feststehe, daß die bewilligten vierzig Millionen für den Mittellandbahnbau nicht ausreichen werden. Am Schlüsse der Sitzung glaubte Staatssekretär Solf den verstorbenen Major Dominik, der in Kamerun bekanntlich wahre Menschenjagdcn veranstaltet hatte, gegen einige Bemerkungen des Genossen Noske in Schutz nehmen zu müssen.— Noske verwies aber auf Dominiks Schriften, in denen die Barbareien genau be- schrieben sind und zugegeben werden. Hus der frauenbenegung. Frauenarbeit und Reform der Hauswirtschaft. Erwerbstätigkeit im Hauptberuf und daneben die kraft- und zeitraubende Verrichtung all der zahllosen häuslichen Arbeiten, die die Hausfrau alten Stils ausschließlich in Anspruch nahmen: die befriedigende Lösung dieser Doppelaufgabe dürfte unter den heutigen Zuständen wohl nur ganz wenigen Frauen glücken. Eine typische Erscheinung ist dagegen die ständig abgehetzte und über- bürdete Frau, die Hausmutter und Arbeiterin in einer Person sein soll und sein' möchte und doch keiner ihrer schweren Aufgaben voll genügen kann. Sie wird lange vor der Zeit verbraucht und alt, ihre geistigen Anlagen verkümmern, weil sie keine Zeit hat, an den höheren Interessen ihres Mannes teilzunehmen oder sich durch gute Lektüre und Besuch von Vorträgen fortzubilden. Sie hat ja nicht einmal Zeit zur Erziehung ihrer Kinder. Um so schlimmer für sie. je gewissenhafter sie ist. Dabei wächst die Zahl der verheirateten erwerbstätigen Frauen unter dem Zwange der Not rapide. In den zwölf Jahren von 1895 auf 1907 stieg ihre Zahl in Preußen allein von 512 148 auf 1 551 529, ungerechnet mchr als eine halbe Million verwitweter oder geschiedener Frauen, von denen die meisten auch für einen eigenen Haushalt zu sorgen haben. Betrug die Zunahme der ledigen Arbeiterinnen in dem genannten Zeiträume 43 Proz., so schwoll der Aüteil der ver- heirateten Arbeiterinnen auf 203 Proz. an. Die Erwerbsarbeit der verheirateten Proletarierin wird immer mehr die Regel, immer krasser treten die verhängnisvollen Folgen der unglückseligen Doppelbelastung zutage. Es würde zu weit führen, zu erörtern, warum ein Verbot der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen als Ausweg aus diesem Dilemma unmöglich ist. Es kann sich hier nur darum handeln, zu untersuchen, ob sich die Hauswirtschaft nicht so reformieren läßt, daß das Heim, das heute für die von der Arbeit zurückkehrende Frau eine Stätte neuer Unrast und nicht endender Arbeitsgual ist, auch für sie zu einem Port deS Friedens, des Ausruhens, der geistig-seelischen Gemeinschaft mit dem Mann und den Kindern werden kann. Den Bedürfnissen der gebildeten verheirateten Kopfarbeiterin versuchte man durch Gründung von Einküchenhäusern ent- gegenzukommen, die die fertigen Speisen in die einzelnen Privat. Wohnungen liefern. Die Zubereitung der täglichen Nahrung bedeutet ja in der primitiven Küche des Einzelhaushalts eine ganz erheb- liche Zeit- und Kraftvergeudung, und so lag es nahe, die Vorteile, die der Großbetrieb durch Anwendung des Prinzips der Arbeits- teilung bietet, in der Zentralküche für einen größeren Jnter- cssentenkreis zur Geltung zu bringen. Aber keines der mit soviel Tamtam ins Leben gerufenen Einküchenhäuser hat sich bisher be. währt. Sie sind teils eingegangen, teils fristen sie ein kümmer- liches Dasein, und sie haben obendrein eine.vernünftige Idee schwer diskreditiert, so daß die Gründung neuer Einküchenhäuser auf der bisherigen BasiS so leicht nicht wiederholt werden wird. Es waren kapitalistisch geleitete Unternehmungen, aus denen ein möglichst hoher Profit berausgewirtschaftet werden sollte. Die Preise für die Beköstigung waren etwa doppelt so hoch, wie bei rationeller Selbstherstellung im eigenen Heim. Damit waren sie für die. große Masse der Kopfarbeiterinnen einfach unerschwinglich. Vielfach ließ auch die Qualität der Kost zu wünschen übrig. Stellt man aber die Einküchenhäuser auf eine andere, auf genossenschaftliche Grundlage, bei der alle Profitmacherei zu kapitalistischen Zwecken ausgeschaltet wäre, vielmehr alle Ueber- schüffe den Mitgliedern der Genossenschaft oder der Institution der Einküchenhäuser zugute kämen, so wäre es wohl möglich, den Frauen, die einer Entlastung in der Hauswirtschaft am ehesten bedürfen, den werttätigen Proletarierinncn, zu Hilfe zu kommen. Warum wagt beispielsweise die Baugenossenschaft„Ideal", die in ihren Kleinwohnungen in Neukölln den Arbeitern so moderne Erleichterungen wie Zentralheizung, Warmwasserversorgung, ele?� irisches Licht, Vacuullireiniguiig zugänglich gemacht hat, nicht auch die Einrichtung eines Baublocks mit Zentralküche? Eine Fa- milienbeköstigung aus einer gutgeleiteten Zentralküche würde nicht nur die verheirateten Berufstätigen von endloser Plackerei be« freien, die Speisen könnten auch besser und hygienischer sein, als die oft mit geringer Kochkenntnis und primitiven Vorrichtungen hergestellte Kost in vielen Haushaltungen. Wahrscheinlich würde sich die Zentralküche dabei noch billiger stellen als die Zwergküche im Einzelhaushalt. Einen Anhalt hierfür gibt die Verpflegung der Soldaten. Die Militärverwaltung berechnet für die Einzel- beköstigung außerhalb der Kaserne 45 Pf. pro Kopf und Tag mehr als in der Anstaltsversorgung. Die im Zentralküchenbetrieb durch Großeinkauf aller Artikel und Benutzung aller arbeitsparen- den Maschinen erzielten Ersparnisse würden vermutlich hinreichen« um die Kosten für die bezahlte Berufsarbeit geschulten Küchen� personal? vollauf zu decken.\ Bereits vor Jahrzehnten gab Bebel in seinem Buch„Die Frau und der Sozialismus" sehr bemerkenswerte Hinweise auf eine gesellschaftliche Einrichtung der Nahrungsmittelbereitung. In der Gegenwart mehren sich die Stimmen— und zwar nicht nur im sozialdemokratischen, sondern auch im bürgerlichen Lager—, die auf die unsinnige Kräfteverzettelung, auf die völlig rückständige und unökonomische Art hinweisen, in der die Hauswirtschaft heute gehandhabt wird. Die entsetzliche Ueberbürdung der. werktätigen Hausmütter hat das Problem der Hauswirtschaftsreform noch mehr in den Vordergrund des Interesses geschoben. Um unter den einschlägigen Erörterungen in der Presse nur einige zu nennen, so finden wir in Heft 28 der„Neuen Zeit" 1912 einen Artikel von Therese Schlesinger„Frauenarbeit und Lohnpolitik", der zu dem Schlüsse kommt, die Konzentration der Hauswirtschaft (und deS Erziehungswesens) sei eine Notwendigkeit, nicht nur um die darin aufgewendete Arbeit rationeller zu machen, sondern auch um gegen die elende Entlohnung der weiblichen Arbeit anzu- kämpfen. Das Unternehmertum rechnet damit, daß die Arbeiterin nicht soviel zum Lebensunterhaltt braucht wie der Mann» da sie den Konsum durch häusliche Ueberarbeit zu verbilligen gewöhnt ist.(In der„Arbeiter-Jugend" erörtert Therese Schlesinger die gleichen Fragen auf breiterer Basis.) Im Februarheft 1913 von „Die Frau" behandelt Rose Otto allerlei hauswirtschaftliche Reformen. Sie schlägt unter anderem vor, nach dem Muster der im Jahre 1911 in Bayern gegründeten hauswirtschaftlichen Zen- trale Frauenorganisationen zu bilden, zum Teil aus erfahrenen Hausfrauen bestehend, die auch soziale Kenntnisse besitzen müssen. Planmäßige Prüfung aller nur möglichen Umformungen des Hauswesens wäre ihre Aufgabe, ebenso Prüfung neuer Appa- rate, neuer Nahrungsmittel auf ihre praktische Verwendbarkeit im Kleinhaushalt. Ferner regt sie an: Vertrieb von vorgerichtetem Fleisch, fertiggeputztem Gemüse, fertiggekochten Gerichten durch die Konsumgenossenschaften. Außerdem käme die Errich- tung von Waschhäusern durch eine Genossenschaft in Frage, sowie die Beschaffung von Kleinwohnungen mit Zentralheizung und Warmwasserversorgung. Man sieht, es sind eigentlich sehr be- scheidene„Reformen", die hier angestrebt«verdsn. Mehr ins Große geht schon Renetta Brandt-Wht, die der Frage „Hauswirtschaftliche Nahrungsmittelkonsumtion und Frauenarbeit" (Verlag Duncker u. Humblot) eine Arbeit von 123 Seiten widmet. Sie verwirft alle Mittel, z. B. durch hauSwirtschaftlichcn Unterricht der Mädchen, die alte Form der Hauswirtschaft zu erhalten. Nur auf dem Lande, wo Eigenproduktion und Eigen- konsumtion noch zusammenfallen, wo die Haushaltungsbetriebe außerdem zu weit voneinander entfernt liegen, als daß sie zu ge- meinsamer Hauswirtschaftsführung zusammengelegt werden können, will sie daS Haushaliungswesen in der heutigen Form er- halten wissen. Für städtische Verhältnisse schlägt auch sie Zentral- küchen vor, die sowohl als kleines KüchenhauS für einen Komplex von Einfamilienhäusern, wie auch als ein Teil der üblichen Mieis- kasernen gedacht sein können. Die Gründung von Zentralküchen- betrieben anzuregen, müßte nach Frau Brandt-Wht eine Aufgabe der Konsumvereine sein. Diese hätten eS dann statt mit einer Vielheit von Kleinkonsumenten mit einer geringen Zahl von Großkonsumcnten zu tun, waS einer Vereinfachung und damit Verbilligung der Geschäftsführung gleichkäme. Eine Wohnungs- reform wäre natürlich auch hier die Voraussetzung der Zentral- küche. Des weiteren schlägt Brandt-Wht vor die Einführung ambu- lanter warmer Küchen nach Art der Kaffeewagen, sowie die Er. richtung von Volksspeisehäusern, die bor allem den vielen, die zu weit von ihrer Arbeitsstätte entfernt wohnen, zugute kommen würden. Bereit? bestehende Einrichtungen, wie die Krankenküche in Berlin, das Witwerheim in Frankfurt a. M., die Mütterkantinen in Paris, die stillenden Müttern eine sorgfältig ausgewählte Kost gratis verabreichen, haben mehr charitativen Charakter, aber sie geben Fingerzeige für ähnliche Einrichtungen in der Zukunft auf genossenschaftlicher Basis. Die Durchführung radikaler Reformen in der Hauswirtschaft ist in der heutigen Gesellschaft ebenso schwierig, wie sie einer sozia- listischen Gesellschaft der Zukunft leicht fallen wird. Daß diese Reformen zunächst nur einer verhältnismäßig kleinen Zahl von ProletarierhanShaltungen zugänglich gemacht werden können, darf nicht davon abschrecken, einer Erörterung dieser Fragen näher- zutreten und— wenn möglich— eigene Pläne zu entwerfen zur Entlastung der Frau. Vieles, was anfänglich unmöglich erschien, hat die organisierte Arbeiterschaft mit glücklichem Griff angepackt, und so wird sie auch die Befreiung der Frau von Hauswirtschaft- sicher Sklaverei in Angriff nehmen, nicht zuletzt, um noue Kräfte freizumachen für den großen Kampf, der jeder Sklaveret ein Ende machen soll. Wilmersdorf-Halensee. Monat aus. Lcseabende. Der Frauenleseabend fällt in- diesem WollerstandS-Nackrichte» der LandeSanftalt für Gewösjcrtunde, milgcteUl vom Berliner Wetterdurea» Wasserstand M c m e t, Tilsit P r e g e l, Jnsterburg W-ichiel, Thor» Oder. Ratibor . Krassen . Franiiurt Warthe, Schrimm _, 0 Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz » Dresden . Barby , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz H av et, Spandau') Rathenow') Spree, Spremberg') . BeeSlow Weser, Münden Minden Rhein, MaximUianSau . Kaub . Köln Neckar, Heilbronn Main, Hanau Mosel. Trier am 24.2. cm 130 94') 120 90 112 ISS') 287 340 173 180 95 175 88 seit 23.2. cm1) —4 +6 +1 +6 -3 —3 -6 —9 +5 —3 -8 ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Nnterpegel.— SiSsrei.— EiSstand.—°) EiStreiben aus Strombreite.—*) Treibeis. Schwaches Grunbeis treiben, Tagesordnung: I. und das Reserent: ReichstagSabgeordncter I>."HVvnckvl. mß Napoleon I. und das Jahr 1813. ZbiSkusfion. Zahlreichen Besuch erwartet Aenoaltuilgsstellt Sellin. L. 54, Fimenstr. 83�85. Verwaltung: Telephon: Amt Norden 1087. Kassierer: Amt Norden 185. Arbeitsnachweis: Amt Norden 1233, 3714. Donnerstag, den 27. Februar 1913, abends 8 Uhr: IWtgltecktt' Versammlung der Klempner Berlins nnd der Vororte in den Andreas-Festsälen, Andreasstraße 21. Tagesordnung: 1. Bericht von den Verhandlungen vor dem Einigungsamt. 2. Diskussion. NM- Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt t Kollegen! Da in dieser Versammlung wichtige Beschlüsse gesagt werden sollen, ist das Erschemen eines jeden BautlcmpncrS dringend notwendig. Donnerstag, den 27. Februar 1913, abends 8'/, Uhr: SH*aneken> Versammlung der Schloffer Berlins nnd Umgegend in den Musiker-Festsäle«, Kaiser-Wilhclm-Strahe 18«. Tagesordnung: 1. Bortrag de» ReichStagsabgeorduete» Kollegen Brandes. 2. Bericht der Branchenkommission. 8. Wahl des ObmanneS der Schlichtungskommisston. 4. Wahl der Branche«. kommissio». Es ist dringende Pflicht aller Kollegen, pünktlich zu erscheine«. Donnerstag, den 27. Februar 1913, abends 8 Uhr: Versammlung der Mechaniker, Uhrmacher, Optiker sowie aller in den mechanischen Setrieben beschiist. Kollegen nnd Kolleginnen in den Arminhallen, Kommandantenstraste 38—39. Tagesordnung: 1. Bortrag des LchristitellerS Aenossen Kurt Heinig über:»Die beiden.tyroßcn" in der Elektroindustrie.� 2. Diskussion. 3. Verbands- und Branchenangelegenheiten. Kolleginnen und Kollegen! Dieser gerade für unsere Branchenange- hörigen äußerst interessante und lehrreiche Bortrag macht eS uns allen zur Pflicht, sür einen guten Besuch der Versammlung zu sorgen. Die Ber- sammluug wird pünktlich erössnet. Mitgliedsbuch legitimiert. 113/14 Die Ortsverwaltung. Hausarzt-Terein Gesundbrunnen. Mittwoch, den Ä<». Februar, abends 8'/, Uhr, in Ballschmieders Kastanienwäldchen, Badstr. 15/16: Öffentliche Versammlung. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Nr. über: Der allzureiche Kindersegen im Arbeiterhaus. Diskussion, �sragebeantwortung. ------------------------ Slntrltt frei!. Aufnahmen für den Verein werden in dieser Versammlung entgegengenommen, sowie auch beim Vorsitzenden Otto Wölke, Brunneuftr. 84. 283/1» piliale(ZroL-kerlin. l. Wahlkreis. Heute Mittwoch, 26. Februar, abends pünktlich 8>/z Uhr, im Marinehaus, Brandenburger Ufer 1, an der Waisenbrücke: Freitag, den 28. Februar, abends 6'/, Uhr, im GewerkschastShaus, Eugelufer 13, groster Saal: Ordenti. General- Versammlung/. Tagesordnung: 1. Bericht des GesamioorslaNdcs vom 4. Quartal 1312 und Diskussion über den Jahresbericht des Gesamt- Vorstandes, der Revisoren und der hcizlechnischcn Kommission. 2. Diskus fion über die in den Bezirken ausgestellten Kaudidaleu zu dem Vorstände, dem Revisorcnposten, den Arbeitsnachweisführern und zur heizicchnischen Kommission. 3. Wie sollen die Delegicrtcnwahlen zur nächsten Verbandsgencralversammlung vorgenommen werden? 4. Verschiedenes. - Mitgliedsbuch legitimiert.-— Zahlreichen Besuch erwartet der Vorstand, da auch ein Antrag betreffs Rotstaudsunterstünuug zur Er. ledigung kommt. De«» Vortstand. Die Jahresberichte find ab beute, Mttwoch, den 26. Februar, in den Kontrollstellen und im Filiaibureau zu haben. Jeder Kollege ist verpflichtet, fich selbst einen Bericht zu besorgen, weil aus den Bauten diesmal keine verteilt werden. D. C. Der Elnbernfer. Karl Pelermann, Ritterstr. 49. .Feuerbesioltuns' mi allem Zubehör und Gebühren MT 160 M.-W „FLAMME" Bestattung*- Institut Manteuffelstracse III. AuafthrUche Broschüre erstis. Telephon: Amt Morltiplatz 5582. verkanft zu bequemen Teilzahlungen erstklassige Jacken koHtümc, Kleider, Bla«ten, l'aletotn etc. unter strengster Diskretion. Offert, unter J. K. IS324 bef. Rudolf Mosse, Berlin SW. 32/Sa' Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenslr. 41, 10— 2. 6—7. Sonntags 10— 12. 2— 1 Sie blotf > Anzug od. PzJetot odw/t, dautrh. Zutaten ----- Moritz Lzband, Neue Promonad, S, Ii.(Stadtk. Böte. Gesunde Nerven geben Arbeitsfreudigkeit, Energie, Erfolge in Be- ruf und Leben. Beginnen die Nerven zu versagen, so entschwinden Wohlergehen und Wohlbefinden bald, um der Untätigkeit, Sorgen oder gar Schlimmerem Platz zu machen.— Auf Schwäche und Defekte der Nerven sind auch die meisten körperlichen Leiden zurückzusühren. Man achte deshalb bei der Körperpflege vor allem auf Kräf» tigung seiner Nerven I Die normale Lebensfunkrron des Nervensystem» wird hervorgerufen durch eine eigentümliche, in den Nerven enthaltene Substanz: .Lecithin» oder auch direkt.Nervensubstanz" genannt. In den Nerven der an fortschreitender vntkrästung Leidenden kann man mikroskopisch auch einen fortschreitenden Schwund dieser Nervensubstanz nachweisen, und umgekehrt hat man, sobald Schwachen und Zurückgebliebenen die fehlende, bezw. geschwundene Nervensubstanz in geeigneter Form zugeführt wurde, stets eine auffallende Besserimg des Allgemeinbefindens wahrgenommen, mit der in gleichem Matze ein mikroskopisch nachweisbares Anwachsen dieser Rervensubstanz in den einzelnen Slervcn emberging. Kraft und Gesundbeil der Nerven find also abhängig von ihrem Reingehalt an Nervensubstanz. In der Tat stellt die Ernährung der Nerven mit Lecithin bei allen Schwächezuständen einen der glücklichsten Erfolge der modernen Wissen- schaft dar. Längere Zeit schien zwar die Gewinnung von Nervensubstanz(Lecithin) im grotzen zur all- gemeinen Anwendung sehr schwierig, ja unmöglich. Seitdem es aber Prof. Dr. Habermann und Dr. Ehrenfeld gelungen ist. ein wirklich physiologisch reines Lecithin(Nervensubstanz) aus Eidotter nach einem patentamtlich geschützten Versahren und zu mätzigem Preise herzustellen, da« nur für Biocitin verwendet wird, sind auch alle bisher fehlgeschlagenen Versuche mit älteren, weniger geläuterten Lecithin- Präparaten auf das.glänzendste überwunden/ die günstigen, aus den Werkstätten physiologischer Forschung gemeldeten Erfolge mehren sich in un- geahnter Weise, und jeder hat Gelegenheit, sie an sich nun durch Anwendung mit Biocitin selbst kennen zu lernen. Die Ergänzung der läglichen Nahrung des körperlich oder geistig Schwachen durch einige Kaffeelöffel Biocitin bewirkt bald in den meisten Fällen Wiedererlangung bezw. Steigerung seiner früheren Rervenspannkraft. Energie und Gesundheit erwecken ihm wieder neue Hoffnung und neue Freude an Beruf und Tätigkeit. Biocitin ist ein wohlschmeckender, pulverförmiger Extrakt aus den leichtest verdaulichen, natürlichen, also chemisch unveränderten Wertanteilen von Ei- dotier und Milch(alles schwerer Verdauliche ist daraus enifernt) und einhält von diesen ca. IvProz. Querschnitt eines gesunden Nervenbündels solcher physiologisch reinen Nervensubstanz— Lecithin— nach Professor Dr. Habermann und Dr. Ehrenseld. So bildet Biocitin das Vertrauens- werte Nähr- und Kräftigungsmittel für jeden er- schöpften Organismus jeder Altersstufe in geistiger »nd körperlicher Hinsicht/ es bildet für den Schwerkranken ein gern genommenes, leicht verdauliches, kraftspendendes, überhaupt ideales Nahrungsmittel, schafft eine fundamentale Nährquellc für schwächliche und blutarme Personen, iten 1 t) �3000 Zentner� Rettfeilern ■P verkauft jährlich die erste Bett- Fabrik mit elcktr. Betrieb LPrlmenstrasse 4» listig Gustav Berlin 390 Versand geg. Slachrt. Verpack, kosten» srei. 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Man achte daher genau aus den Namen Biocitin und lasse sich nichts an- geblich ebenso Gutes aufreden.— Biocitin ist in ollen Apotheken und Drogerien erhältlich Ei« Probe nebst lehrreicher Broschüre sendet kostenlos die Bio c i t i n- Kobrik, Berlin L. Sl«.g. �verantwgrüjchcr Rekttteur: Wftefc Wicscpp. Mulölln. gut de» gnjerateiueU verantw-l Th- Glocke, Berlm. Druck u. Verlag! BorwartH Suchdruckttel». VerlagSanftalt KäülSmg-r u. Eo-, Bcrlin S)/L Nr. 48. 30. Jahrgang. 2. Mze des JoraärtD" Krlim KlksdlÄ Mi««». ZK. Ltbmr lSlZ. vom SchtochtteZde der Arbeit. Ii. Sehr bcnicrkenZwcrt ist die Zunahme der Unfälle in den landwirtschaftlichen Betrieben. Tic absolute Zahl der Unfälle in Vergleich mit der Zahl der beschäftigten Personen bringt hier die Unfallhäusigkcit nicht richtig zum Ausdruck. In der Landwirtschaft werden die Versicherten rneistens nur eine sehr kurze Zeit beschäftigt. Könnte hier wie bei den gewerblichen Berufsgenossenschaften die Zahl der versicherten Personen auf Vollarbciter reduziert oder umge- rechnet werden, dann würde für die Landwirtschast eine un- verhältnismäßig hohe relative Unfallziffer herausspringen. Eine sträfliche Nachlässigkeit in bezng auf Unfallverhütung, ein leichtfertiges Spiel mit Leben und Gesundheit der Ar- bcitcr läßt die nachfolgende Zusammenstellung erkennen. Sie enthält die Zahl der in landwirtschaftlichen Betrieben der- letzten Personen, für welche in den« betreffenden Jahre erst- malig eine Entschädigung festgestellt worden ist. Es betrug die Zahl der Verletzten: obsout Bis zum Jahre 1903 ist die Zahl der Verletzten, denen man eine Entschädigung zubilligte, fortgesetzt gestiegen. Mit dem Jahre 190ti macht sich ein ausfälliger, ruckweiser Rückgang bemerkbar: einen weiteren scharfen Abstieg stellt das Jahr 1910 heraus. Nur unververbesserlichc Optimisten kannten annehmen, die Zahl der Unfälle sei überhaupt zurück- gegangen. Das ist aber durchaus nicht der s?all. Unfälle überhaupt wurden gemeldet im Jahrc� 1890: 3 2 1 8 6, 1900: überhaupt wurden gemeldet im Jahre 1890: 32 1 8 6, 1900: 1 0 6 9 1 7, 1911: 1 3 6 1 6 9, In dein letzten Jahr- als wie im letzten Jahre, das aber hängt zu einem guten Teile mit dem Arbeitcrwechsel zusammen. Die Zahl der in landwirtschaftlichen Betrieben Getöteten bleibt ziemlich stabil. Taraus schon ist zu entnehmen, daß die Unfallgcfahr keine Abschwächnng erfahren hat. Aber in fast demonstrativer Weise verkündet die vorstehende Tabelle die Erfolge auf. dem Gebiete der Rentcnquetscherei bei den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften. Völlige dauernde Erwerbsunfähig- keit wird immer weniger anerkannt. Tas gleiche gilt von der teilweise dauernden Erwerbsunfähigkeit. Jür die Gut- achter und die Entscheidungsbchörden gelten die Unfallfolgen In sehr erheblichem Umfange nur noch als Schönheitsfehler. In den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften ist mau anscheinend in der Rentenfestsetzung noch viel rigoroser als bei den übrigen Trägern der Unfallversicherung. In der Landwirtschaft koinmt die Verschlechterung weniger in einer Steigerung der Renten für nur vorübergehende Erwerbs- Unfähigkeit, als vielnichr in dem Sinken der Relativziffer zum Ausdruck. Ties bedeutet, daß man die von den Agra- riern so gehaßten kleinen Renten, von den Schnapsjunkern als Schnapsrentcn stigmatisiert, auf dem Wege des abge- kürzten Verfahrens ganz einfach verweigert. Seitdem die Vertrauensärzte auf die Theorie von der Angewöhnung gc- kommen sind, gehören schon erhebliche Körperbeschädigungcn dazu, um in den Genuß einer Rente zu gelangen. Und da wundert man sich über die Landflucht, über den Mangel an Seßhaftigkeit. . In den letzten Jahren hat man allerhand Projekte ge- boren, die den Landarbeitern das Heil bringen sollen. Ge- sellige Vereine, soziale Frauenarbeit. Jugendpflege. Pränn- wrung der Dienstboten, das sind die Rezepte, mit denen man die Landarbeiter von der Landflucht kurieren will. Daß menschenwürdige Behandlung und ausreichender Schutz für Gesundheit und Leben der in landwirtschaftlichen Betrieben Beschäftigten bessere Mittel wären, das kommt den Agrariern uiwt m den Sinn. Solche Mittel kosten ja Geld. Tie Ar- bester als Menschen zu betrachten und zu behandeln, das liegt den Junkern aber erst recht fern. Unverhältnismäßig hoch ist immer noch die Zahl der weiblichen� und jugendlichen Unfallverletzten. Von den ins- gesamt öö 387 entschädigungspflichtigen Unfällen im Be- richtsiabre.'»r die erstmalig Entschädigungen festgesetzt wor- WIM----- � �-�iwueu. �UUCUt'U 4umvii 70 4 23 entschädigungspflichtige Unfälle bei den gewerb lichen Berufsgenossenschaften nur 30 9 9 weibliche und 2 360 jugendliche Personen. Hier machen die schwerverletzten Weib- lichen Personen und Jugendlichen nur 7. 7 Prozent der Ge- famtzifi'er aus. Bei den landwirtschaftlichen Berufsqc- nossenschaften dagegen stellen das weibliche Geschlecht und die Jugendlichen nicht weniger als wie 34,2 Proz. der von schweren Unfällen Betroffenen,'�o wird bei den patentierten Hütern von Ordnung und Sitte das schwache Geschlecht und bie zarte Jugend geschont! Da merkt man, was die Triarier auf den Kaiser geben, wenn er ihnen etwas zumutet, was ihnen gegen den— Geldbeutel geht. Wilhelm II. ist regel- mäßig Gast im Landeskollcgium, wenn dieses eine Sitzung abhält. So auch am 11. November 1890. Bei dieser Ge- legenheit versuchte er, den Agrariern wegen ihrer Nachlässig- keit in bezug auf die Unfallverhütung etwas das Getvissen zu schärfen. Aus seiner dainaligcn Rede zitieren wir:„Mir sind zwei Punkte aufgefallen, von denen ich bitten möchte. daß Sie dieselben bei ihrer Beratung berücksichtigen. Es find feit meiner Regierungszeit merkwürdig viele Fälle vorgc- kommen, in denen Arbeiterinnen umgekommen sind und durch Verunglückung bei Maschinen. Ich bekomme regelmäßig tabel- larische Uebersichten der Begnadigungsgesuche vom Justiz- minister, und dabei ist mir die Zahl der Unglücksfälle auf- fällig gewesen, welche ländliche Arbeiterinnen beim Maschinen- betrieb betrosfen haben. Ich habe nun, wie dies auch schon ausgeführt worden ist, die Begnadigung nicht mehr so leicht wie früher eintreten lassen. Nebenbei bemerkt herrscht eine große Verschiedenheit in der gerichtlichen Beurteilimg dieser Straffälle und in dem verhängten Strafmaß. Ich ließ nun nachforschen, wodurch eigentlich diese Arbeiterinnen— es waren vorzugsweise Mädchen bei Dreschmaschinen— umge- kommen waren, und regelmäßig zeigte es sich, daß die Mäd- chen mit ihren: Rücken von den Transmissionswellen erfaßt und darin verwickelt wurden. Nun erkundigte ich mich, ob keine Schutzvorrichtungen da waren. Jawohl, hieß es, nach den polizeilichen Vorschriften müsse die Welle mit einem Teckel oder einem Kasten zugedeckt sein, aber das war in diesen Fällen jedesmal außer acht gelassen. Es zeigt sich also hier einerseits eine gewisse Gleichgültigkeit seitens des Besitzers oder desjenigen, der den Betrieb zu leiten hat, gegen das Leben der von ihm beschäftigten Arbeiterrinncn... Die obige Zusaminenstellung enthüllt besser als alle Ausein- audersetzungen, wie die Mahnungen Willielms II. befolgt worden stich. Bei allen möglichen und unmöglichen Ge legenheiten schwätzt man über den„Schutz der nationalen Arbeit". Hier ist zu merken, was hinter der Phrase steckt. Ohne Rücksicht aus den damit heraufbeschworenen Jammer, unbekümmert um Not und Elend, das damit in Verbindung steht, vernichtet und ruiniert man Arbciterlcben. fügt dem Volksgute ungeheure Schäden zu. Ja, die Reichsversicherungs ordnung verbietet sogar dem Reichsversicherungsamt, Unfallverhütungsvorschriften für landwirtschaftliche Betriebe zu erlassen. Woraus entspringt die Gleichgültigkeit gegenüber den Arbeitern, die Rücksichtslosigkeit bei dem Spiel mit Menschen leben? Des Nebels Kern liegt in unserer Gesellschaftsord nung begründet. Einmal ist es die kapitalistische Wirtschafts Iveise an sich, welche die Rücksicht aus das Wohl der Arbeiter Profitinteressen opfert. Verschärft wird dieses Moment durch die politische Entreckitung der Arbeiter, die diese fast zu einem Spielball stirer Ausbeuter macht. Auf die Gesetzgebung im Reiche hat der Arbeiter einer: nur ininimalen. auf die in Preußen überhaupt noch keinen Ein'luß. Tie Ausbeuter seiner� Arbeitskraft siird seine Gesetzgeber. Sie beeinflussen auch in hervorragendem Maße die Rechtsprechung. Daher die Klassenjustiz zu der Klassengesetzgebung! Nicht eher gibt es einen beachtenswerten Fortschritt, nicht früher kommen wir in der Frage des Arbeiterschutzes und vor allem der Unfallverhütung zu einer entschiedenen Besse- rung, bis die Arbeiterschaft das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht erobert hat. Solange die herrschende Gesellschaft den Arbeitern, die Tag für Tag auf dem Schlacht- felde der Arbeit ihre Knochen zu Markte tragen müssen, einen entscheidenden Einfluß auf die Gesetzgebung vorenthält, ist an ein merkliches Nachlassen in der Vernichtung von Arbeiter- gesundhcit und-leben nicht zu denken. Damit ist auch gesagt, daß, ganz abgesehen von der kapitalistischen Tendenz, noch eine andere bcstiiumcndc Unfall- Ursache an der gehäuften Zahl der Opfer hervorragend mit- schuldig ist. Tas sind alle Parteien, die nicht unbedingt auf dem Boden des gleuchen Wahlrechts stehen, die die sozial- politischen Anträge der Sozialdemokratie im Reichstage niederstimmen und die sich an der wütenden Hetze gegen die Gewerkschaften direkt oder indirekt beteiligen. In dieser Bc- ziehuug sind alle bürgerlichen Parteien schuldig. Sie trifft ein gehäuftes Maß von Verantwortung für die ungeheuren Opfer an Leib und Leben, die die Arbeiterschaft alljährlich in: Arbeitskainpfe darbringen muß. Möge sie daran denken, wenn der Ruf erschallt:„Auf. in den Wahlkampf!", der vor der Türe steht!_ Hus der Partei. Gcmeiilliewahlsicgc im Obcrelsasi. Mit 622— 714 Stimmen wurden an: letzten Sonntag in dem oberelsässischen Äreisstädlchen Thann bei der Gcineindcratsersatz- wähl für sechs Ratsmitglieder auf gemeinschaftlicher Kandidaten. liste drei Eoziakdcnwkraten und drei Fortschrittler gewählt. Die gegnerische„unabhängige", d. h. zentrümliche Liste erzielte 363 bis ö85 Stimmen. Ebenfalls an diesem vorigen Sonntag eroberten unsere Parteigenossen in Burgfelden an der elsässisch-schweizc- rischen Grenze bei einer Gemeintieratsersatzlvahl alle drei frei- gewordenen Sitze mit 83—92 Stimmen, während hier die Liste der „vereinigten Bürger", d. h. wiederum das Zentrum, mit 66—72 Stimmen unterlag._ Zum Stuttgarter Parteistreit. Auf die gestern von uns mitgeteilte Erklärung des Genossen Dr. L i n d e m a n n antwortet Genosse W e st m e y e r in der «Schwäbischen Tagwacht" mit folgender Erwiderung: Zu dem Entschuldigungsversuch des Genossen Dr. Lindeinann iei mitgeteilt: Genosse Dr. Lindcniann wurde zu der Parteiversammlnng unter ausdrücklichem Hinweis auf sein Verhalten bei der Ob- mannSwahl eingeladen. Ter Brief hat folgenden Wortlaut: Werter Genosse! In der Parteiversammlung am Dienstag wird auch die Stellung der Rathaussraktion zur Obinanns.vahl des BürgerauSschusses zur Debatte gestellt werden. Sie haben sich als Einziger von der Demonstration unserer Rathausvcrtreter gegen die bürgerlichen Parteien demonstrativ ferngehalten. Es wäre sehr erwünscht, daß Sie in der Parteiversammlung Ihren Standpunkt begründeten. Mit Partcigruß. Name. Genosse Dr. Lindemann, der auch das Referat über Sozial- demokratie und Monarchie abgelehnt hatte, antwortete: Degerloch. 16. Febr. 1913. Werter Genosse! Wie ich Ihnen bereits früher mitgeteilt babe. ist es mir zurzeit umuöglicki. iu Berjamuilungen zu sprechen. Ich bedauere also, in der Parteiversammlung am Dienstag nicht anwesend sein zu können. Mit Parteigruß H. Lmdernann. Genosse Dri Lindemann hat meines Wissens seit der Ober- b ü r g e r m c i st e r>v a h l i m Mai 1 9 1 1� eine Mitgliederversammlung des Sozialdcinolratischen Vereins Stuttgart nicht mehr besucht. Sein chronisches Halsleiden hindert ibn aber nicht, im Finanzausschuß der Kammer— wie aus dem Bericht der„Tag- wacht" vom letzten Samstag— hervorgeht— wie im Plenum der Kammer und in den Sitzungen des BürgerausschusseS fleißig zu reden. Von den Stuttgarter Gknosseu kann man billigerwcise nicht verlangen, daß sie geduldig warten, bis sich Genosse Dr. Linde- mann herbeiläßt, auch einmal vor seinen Wählern zu reden. Zu- dem: warum hat Genosse Dr. Linvemann die nunmehr in der ..Tagwacht" entwickelten..Gründe" der Versammlung nicht brics- lich mitgeteilt? Auf den schweren Vorwurf zu antworten, alle Mit- glieder nder sozialdcmotratischeii Rathaussraktion hätten nicht nur gegen die bürgerlichen Parteien demonstriert, sondern anck den Genossen Dr. Lindemann desavouiert, mögen die schwer Beschul- diglcn selber antworten.__ Fr. Wcstmeyer. Pnrteilitcraiur. Tic prcusiischcn Landtagswohlen. Ein Führer durch das Drcikla ssenwablrccht. Vom Lairdtagsabgeordnetcn Robert L e i n e r t. Preis 36 Ps. Verlag Buchhandlung Vorwärts. Paul Singer G. m. b. H.. Berlin EW. 68. Ein unentbehrliches Heftchcn für die Agitation zu den Laiidtagswahlcn. Organisa- tioncn erhalten bei Masscnbczug bedeutend ermäßigte Preise. In die Freiheit zurückgekehrt ist am Montag, den 24. Februar. Genysse Dr. Tholheimer, früher Redakteur der„Freien P o l k s z c i t u n g" in Göppingen. Wegen Prcßbeleidigung hatte ihm das Gericht zweieinhalb Monate zuerkannt. In Cannstatt hatten sich viele hundert Arbeiter am Bahnhof eingefunden, um� den in die Freiheit zurückgekehrten Genossen zu begrüßen. Die Feier im„Schwabenbrän" in Eannstatt war überssillt. Tie ganze Per- sammlung. sowie Hunderte, die draußen getvartct hatten, begleiteten den Prcßsünder dann heim. Zufälligerweise war Monwg� ouch das Geburtstagsfest des Königs von Württemberg. Mit größtem Erstaunen beobachtete das bürgerliche Publikum, das den Zapfen- streich erivartete, den improvisierten Tcmonstrationszug durch die. Hauptstraßen der Stadt. Hus Industrie und Kandel. Wagcnmaiigel im Ruhrrcvicr. Seit einigen Tagen ist der Wagcnmangcl im Ruhrrevier wie- der zu einer dauernden Erscheinung geworden. Es fehlten im hie- siegen Bezirk an den Tagen vom 19. bis 21. Fchruar am 19. 516, am 20. 230 und am 21. sogar 1020 Wagen, bei einer gleichen Wagenanforderung wie im Januar. Am 22. Februar waren bc- rcits verschiedene Schachtanlagen nicht mehr in der Lage, die gesör- dertcn Kohlenmengen zur Verladung zu bringen. Es ist dringend zu erwarten, daß die Eisenbahnverwaltung für schleunige Abhilfe dieses Mißstandes sorgt._ Hhäncn des Schlachtfeldes. Das blutige Ringen auf dem Balkan ist von Angehörigen und Vertrauten der B a l k a n d h n a st i c n zu allerlei unlauteren Manövern im Interesse des eigenen Profits ausgebeutet worden. Tie gemäßigt liberale„Rußkaja Molwa" in Petersburg bringt darüber folgende aufsehenerregende Mitteilung. Ter Pariser Börsenagent O. R o s e n b c r g hat schon einige Zeit vor dem Bafkankricge sich mit einer hochgestellten Persönlich- keit in Montenegro in Verbindung gesetzt, um, gestützt auf seine Informationen, umfangreiche Baisse-Spckulationen cinzu- leiten.„Dieser Borschlag— schreibt das Blatt— wurde angenom» mcn. und alle Bedingungen dieses Börsenbündnisses wurden ein- gehend und vorsichtig ausgearbeitet. Der montenegrinische Kon- trahcnt erhielt 40 Proz. und Roscnbcrg 60 Proz. des Gewinnes, wobei der Kontrahent die Berechtigung erhielt, durch seinen Ver» treter die Börscnoperationcn Rosenbcrgs zu kontrollieren. I in Besitze der genaue st cn Angaben über die Möglichkeit und die bevorstehende Eröffnung der Feindseligkeiten, begann diese eigenartige„Gesellschaft" ohne jedes Risiko kolossale Baissespeku- lationen an der Börse. Die bald daraus an allen Börsen ein« tretende Septemberpanik, die durch die Operationen der genannten Börsenspekulanten nicht wenig gefördert wurde, gab ihnen einen gewaltigen Gewinn, der, wie man sagt, sich auf 60 Millionen Franken belauft!" Die größten Geschäfte machten die genann- ten Spetulanten mit russischen Jndustriepapicreii, namentlich mit Baku-Aktien, und hier traten sie in recht intime Gesckiäftsverbin- düngen mit der Petersburger Internationalen Bank und danach auch mit dein ehemaligen französischen Minister D u b i e f.„Dieser — schreibt das Blatt— nutzte seine Stellung aus und verstand es. einen eigenartigen Börsenpatriotismus zur Schau tragend, ein Verbot des Terminhandels mit Baku-Aktien an der Pariser Börse durchzusetzen. Man könne, hieß es, nicht zulassen, daß die Pariser Börse von der Geneigtheit einer Petersburger Bank abhänge! Aber gerade durch dieses Verbot des Terininbandelö mit Baku- Aktien, das seinerzeit in den Petersburger Aörscnsphärcn kein ge- rmges Aussehen erregte, gelang es Roscnbcrg und Konsorten, diese Aktien mit gewaltigem Profit zu erwerben." Soweit die Mit- teilnng des gut informierten Blattes über die saubere Zusammen- arbeit den französischen und russischen Börsenwölfe mit der.hoch- gestellten" Persönlichkeit in Montenegro, die daS am Balkan vergossene Blut und die über Europa hängende Kriegsgefahr in klin- gendcn Profit für sich ummünzten. Verurteilung wegen Ucbcrtretulig des AutitrustgesctzcS. In diesen Tagen ist eine zweite Verurteilung wegen Neber« tretung des AntitrustgesetzeS in Cincinnati erfolgt. Die erste Bcr- urteilung traf den Terpentintrust, daS jetzige Urteil richtet sich gegen den Rcgisterkassentrust.(National Cash Kegister Co.) Besonders bemerkenswert wird dieses Urteil dadurch, daß sich das Gericht nicht an die vom gefälligen Juristen gegebene Interpretation hielt, bei Ucbertrerungen des TrustgesctzeS könnten die Trusts nur mit ihren: Vermögen baflbar gemacht werden. Zun: erstenmal wurde wegen Verstoß gegen da« T r u st g e s e tz auf Einkerkerung erkannt, und zwar wurden 29 Beamte der Negisler- kassenkompagnie zu 9 bis 12 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Präsident und der Vizepräsident deS Trusts erhielten jeder ein Jahr Gefängnis neben Geldslraten bis zu 20 060 M. Würden auch die anderen Gerichte das Gesetz so anwenden, die Trusts würden es vielleicht besser respektieren. Die gänzliche Wirkungslosigkeit deS Gesetzes war. teilweise wenigstens, auf jene entgegenkommende Auslegung zurückzuführen. Vor fünf Jahren wurde z. B. der Oelkönlg Rockefellcr wegen vielhuiidertfälligcr Uebertretung des Gesetzes in Chikago zu einer Geldstrafe von 29 Millionen Dollars verurteilt. Vor aller Wclr verhöhnte er den Richter und seinen Urteilsspruch: Er iRockefellcr) werde lange gc« storben, begraben und verwest, die Strafe aber noch nicht bezahlt sein. Von einer höheren Instanz wurde er denn auch freigesprochen. Der verurteilte Registerkaisentrust hat in Dahton, Ohio, ein riefiges Unternehmen— teckmisch wohl die besteingerichtete Fabrik der Welt, in der sie das System des„wohltätigen Feudalismus' mit äußerster Konsequenz durchgeführt hat. In demselben.amerika« Nischen" Stil, in dem der Trust die Arbeiter ausbeutet, geht er gegen seine Konkurrenz vor: ein besonderes Departement bat die Aufgabe, Methode» zu suchen, nach denen der Verkauf der Kassen der Kon- kurreuz zu hintertreiben ist. Er hat die Produkte anderer Fabriten massenhaft nachpfuschen lassen und in den Verkehr gebracht; diese Fabrikate waren natürlich nicht zu gebrauchen. Der Trust hat zum Schein Konkurrenzuntemehmcn gegründet, um unliebsame Firrnm ' eiiiaufdjüätcrn und zur Dufgnbe der Produktion zu bewegen, kurz tu vielen Hunderten von Fällen Praktiken geübL, die das Trustgesetz mit schweren Strafen bedroht. Dafür sind ihre Vertreter jetzt ver- urteilt worden. Freilich mit der Berkünduug des Urteils spazieren die Direktoren des mächtigen Trusts noch nicht wirklich ins Ge- fängnis, sie werden alle juristischen Spitzfindigkeiten anwenden, um das Urteil vor ein höheres Gericht zu bringen, um dort auch frei- gesprochen zu werden. Soziales. Der verklagte Hofmaler. Auf die Auestellung eines Zeugnisses sowie 42 M. Lohn für die vereinbarte Kündigungsfrist �klagte der Arbeiter P. vor dem Geiverbegericht gegen den Hofmaler Fischer. Wie der Kläger in der gestrigen Verhandlung vor der Kammer 8 angab, war er im Gewerbebetriebe des Beklagten als Diener angestellt. Bei der Ein- stellung am 1. Februar 1911 habe er 45 M. Monatslohn erhalten, der inzwischen auf 99 M. erhöht worden sei. Am 15. Februar sei er ohne gesetzlichen Grund entlassen ivorden. Da ihm am 12. Fe- bruar, entgegen den sonstigen Gepflogenheiten, das Krankengeld vom Lohn« abgezogen wurde, sei es zu einem Wortwechsel mit dein Geschäftsführer des Beklagten und ihm gekommen. Der Ge- schäftsführer habe ihm dann die Uniform abgefordert und gesagt: er wäre entlassen. Da mit ihm eine vierzehntägige Kündigungsfrist vereinbart war, habe er Anspruch auf 14 Tage Lohn im Betrage von 45 M. Das ihm ausgestellte Zeugnis sei ihm in seinem weiteren Fortkommen hinderlich. Deshalb fordere er die Bescheinigung über Führung und Leistung. Der Vertreter des Beklagten wandte ein: dem Kläger sei gar nicht gekündigt worden. Er habe an dem fraglichen Sonnabend gesagt: ob er am folgenden Tage wiederkomme, wisse er nicht. Er habe dann auch sein Geld verlangt. Zum Abzüge des Krankengeldes sei der Chef berechtigt. Der Kläger habe sich oft nicht so benommen wie eS wünschenswert wäre. Er sei nur„ans Mitleid" so lange beschäftigt worden. Das Gericht gelangte zu der Ueberzeugung, daß der Kläger ohne genügenden Grund entlassen wurde. Das Zurückfordern der Uniform komme der Entlassung gleich. ES verurteilte daher den Beklagten zur Zahlung von 45 M. und zur Ausstellung eines Zeug- nisses, in dem Führung und Leistung im gangen als zufrieden. ftcÜcnd bezeichnet werden müssen. Nach der Verkündung des Urteils wurde der Vertreter des Beklagten, ein Geschäftsführer Bannccke, sehr erregt. Er schlug auf das Pult und verlangte die Vereidigung deS Zeugen. Nachdem ihn der Vorsitzende, Magistratsrat v. Schulz, darauf aufmerksam gemacht hatte, daß er derartige Anträge während der VerHand- lung hätte stellen müssen, erklärt« er in barschem Tone: einige Herren des Richterkollegiums seien befangen. Das Gericht lieg sich eine derartig« Beleidigung nach Ver- kündung des Urteils nicht gefallen. Es zog sich zur Beratung zurück und verhängte über Herrn B. eine Ungebührstrafe von 19 M. Sclbstherrlichkeit in einer Betriebskasse. Vetriebskrankenkassen haben unter der Arbeiterschaft ganz allgemein deswegen einen schlechten Ruf, weil die Arbeiterschaft selbst in den besten Betriebskassen mehr oder weniger entrechtet sind. Da, wo die Arbeiterbewegung schon genügend erstarkt ist, kommt die Entrechtung weniger zum Ausdruck, weil die Kontrolle der Oeffentltchkeit bis zu eine« gewissen Grade gefürchtet ist. Anders in Gegenden, wo diese Vorbedingungen noch nicht iw dem Maß« vorhanden sind. Ueber den Schlendrian, der dort herrscht, liefert die Betriebskrankenkasse von F. Seyffert u. Co. in Eisen- ipaltcrei bei Ebrrswalde ein Beispiel. Der Direktor der Firma, Herr O. Seyffert, liefert den Beweis, wie unter seiner Leitung manchem Kranken die Erlangung seines ihm zustehenden Kranken- geldes erschwert wird. Auch jetzt wieder. Ein Arbeiter war an schweren Rheumatismus erkrankt. Er war Anfang Dezember 1912 zu dem Vertrauensarzt des.Herrn Seyffert zur Nachuntersuchung geschickt worden. Dieser Herr kon- statierte auch ein rheumatisches Leiden; meinte aber prophetisch, daß eS nach dreiwöchiger Schonung erledigt sein würde, so daß der Kranke dann wieder erwerbsfähig sei. Jedenfalls bei einem solchen Leiden eine recht nennenswerte ärztliche Leistung. Aber Herr Seyffert als Leiter der Krankenkasse ging noch weiter: er verweigerte dem Schwerkranken nach 14 Tagen die Weiterzahlung des Krankengeldes. Vom 21. Dezember 1912 an hat der Kranke kein Krankengeld bekommen, obwohl der behandelnde Arzt ihn für noch völlig erwerbsunfähig hielt und dies auch bekundete. Der Kranke beschwerte sich beim LandratSamt als Aufsichtsinstanz, bekam aber keinen Bescheid. Er richtete anfangs Januar noch einmal eine Karte an den Landrat und bat um Erledigung der Angelegen- heit. Auch darauf ging ein Bescheid nicht ein. Am IS. Januar wurde er von dem behandelnden Arzt für erwerbsfähig erklärt. Am 17. Januar richtete er erneut eine Beschwerde an den Landrat, die er der Vorsicht halber eingeschrieben einschickte. Am 31. Januar bekam er nun endlich einen Bescheid. Dieser ging dahin, die Bc- scheinigung deS behandelnden Arztes sei der Kasse zur Prüfung eingereicht. Die Kasse war nach dem Bescheid des Landrats auch zur Beschciderdeilung an den Beschwerdeführer veranlagt. Wurde nun vom Kassenvorsitzenden die Angelegenheit auf dem schnellsten Wege erledigt? Mit nichten. In der zweiten Februarwoche richtete darauf der Arbeiter eine Karte an den Herrn Direktor, in der er einen endlichen Bescheid verlangte. Er bekam keinen. Am 48. Fe- bruar ging er selbst hin. Der Herr Direktor eröffnete ihm, datz der Vorstand beschlossen habe, dem Kreisausschuh zu schreiben, daß er erst— prüfen müsse, ob das Attest deS Arztes auch glaubwürdig ausgestellt sei. Eine telcphonische Anfrage bei dem Arzt hätte zwar genügt, um festzustellen, ob dieser das Attest selbst geschrieben habe und die darin gemachten Feststellungen aufrechterhalte. Nach zwei Monaten befindet sich der Kran!« also noch nicht im Besitz des Krankengeldes. Diesem Schlendrian gegenüber wäre neben einer nochmaligen Beschwerde an die Aufsichtsbehörde eine Klage auf Schadenersatz gegen den Vorsitzenden der Kasse, Direktor Seyffert, am Platze. Das Beispiel illustriert neben vielem an- deren, welch Schlendrian und antisoziales Empfinden in manchen Betriebökrankenkassen herrscht. Serickts- Leitung. Schulfeier mit Burenhüten. Die immer noch strittige Frage: Was sind Schulfeiern und sind Eltern verpflichtet, ihre Kinder zu solchen Schulfeiern zu schicken? beschäftigte wieder einmal das. Hallesche Schöffengericht. In dem Dorfe Dölau,>vo die Jungdeutschlandbündelei von oben herab sehr protegiert wird, wurde zum Sonnabend, den 21. De- zembcr, nachmittags 4 Uhr, eine offizielle Schul. Weihnachtsfeier veranstaltet. Da die Feier nicht in der Schule, sondern in xinem Gasthof, der den Arbeitern nicht zu Versammlungen zur Verfügung stand, abgehalten wurde, und die Schüler aufgefordert worden waren, sich mit ihren Burenhüten zu putzen, hielten die Genossen Nietballa und Schmeil ihre Kinder von der Feier absichtlich zurück. Sie meinten, man könne Eltern nicht zwingen, ihre Kinder in Gasthöfen zu Weihnachtsfeiern zu schicken; das seien nicht Schul- feiern im Sinne des Gesetzes. Nektar und Amtsvorstehcr beriefen sich aber auf Kabiuettsordcr von 1835 uud Regierungspolizeiper. oednung von 1806 und sandten den Vätern Strafmandate� von je 2 Mark wegen SchulversaumniS. DaS Schöffengericht bestätigte die Drafen, weil es die Weihnachtsfeier im weitesten Sinne als Schulunterricht ansah. Seit wann gehören Maskeraden mit Burenhüten zur Weih- nachtsfeier und was hat dieser Aufzug mit dem Schulunterricht zu tun? DaS Urteil ist ganz unhaltbar. Oberst, Oberleutnant und Obermusiker. Die seinerzeit viel besprochene Affäre des Obermusikmeisters a. D. Gustav Offency in Spandau bildete die Grundlage eines um- fangreichen Beleidigungsprozesses, der gestern vor der 4. Straf- kammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Hofmeister begann. Wegen Beleidigung durch die Presse hatte sich der seit dem Juli 1919 pensionierte ehemalige Direktor der Kapelle des 5. Garde- regiments in Spandau, Obermusikmeister a. D. Offenry, zu verant- Worten. Wegen eines RenkontreS, den der Angeklagte seinerzeit in einem Abteil eines nach Spandau gehenden Zuges mit dem Oberleutnant Lorenz gehabt hat und das auch in dem jetzigen Prozeß eine Hauptrolle spielt, ist der Angeklagte seinerzeit vom Kriegsgericht zu 299 M. Geldstrafe und 14 Tagen gelinden Arrest verurteilt worden. Zur Anklage steht eine von dem Angeklagten in Nr. 13 des .Kleinen Journals" vom 23. März 1912 veröffentlichter Artikel unter der Ueberschrift„Oberst, Oberleutnant und Obermusik- meistcr". Er behandelt darin die Stellung des Obermusikmeisters im allgemeinen und die Geschichte seiner Pensionierung, sowie seinen Zusammenstoß mit dem Oberleutnant Lorenz im Eisen- Vahnabteil und daS kriegsgerichtliche Verfahren, in welchem er ver- urteilt worden, im besondern. Er behauptete in seinen Darlegun- gen, daß der Oberst von Hönisch seine Penstomerung nicht aus sachlichen Gründen betrieben habe. Er habe sich seinerzeit eine Villa gebaut und dadurch die Mißgunst gewisser Kreise erregt. Dem Baumeister, der ihm die Villa gebaut, habe er als geschäfts- unkundiger Mann einige Gefälligkeüsakzepte gegeben und habe dann zu seinem Bedauern entdecken müssen, daß sein Name so und so oft gefälscht worden war. Aus diesen Wechselfälschungen, die. der Baumeister Woitschek eingestanden, haben sich allerlei Psändun- gen ergeben, die ihn schließlich veranlaßt hätten, Strafantrag gegen den Fälscher zu stellen. Die erste gegen ihn selbst gerichtete Klage wegen Vollstreckung eines gefälschten Wechsels in Höhe von 2599 M. habe der Rechtsanwalt Graf Bredow ganz unvorschriftsmäßig beim Regiment eingereicht und der Oberst v. Hönisch habe ihm in seinem Geschäftszimmer den Befehl erteilt, sofort die Klage aus der Welt zu schaffen, bei weiteren vorkommenden Fällen müßte er das Regt- ment verlassen. Er fei also in die Zwangslage gebracht worden, die gefälschten Wechsel fort und fort einzulösen. Außer dieser Wechselafsäre habe der Borfall im Eisenbahnabteil, bei welchen er mit dem Oberleutnant Lorenz zusammengeraten war, den Grund zu seiner Pensionierung abgegeben. Eines Abends sei er in Uni- form von Berlin nach Spandau gefahren; in dasselbe Abteil sei der ihm bis dahin unbekannte Oberleutnant Lorenz in Zivil mit seiner Frau gestiegen. Im Abteil sei er eingeschlafen und im Schlaf soll er versehentlich die ihm gegenüber sitzende Frau Oberleutnant Lorenz mit dem Fuß berührt haben. Der Oberleutnant soll ihm dann, wie in dem Artikel behauptet wird, in unsanfter Weise ge- weckt und unter Vermeidung des Prädikats.Herr" ihm Vorwürfe gemacht haben. ES sei darüber zu höchst erregten Auseinander- setzungen gekommen. Als er das Abteil verlieh, sei der ihm bis dahin unbekannte Herr gefolgt, habe mit den Fingerspitzen an die Hutkrempe gefaßt und ihm ziemlich geharnischt über die Schulter zugerufen:„Ich stelle mich Ihnen vor, ich bin Offizier, Ober- leutnant!" Da habe er geantwortet:„Ob Sie Offizier sind oder nicht, jedenfalls haben Sie sich nicht so benommen!" Der inkrimi- inerte Artikel schildert diesen Vorgang nach der Auffassung des Angeklagten noch weiter, ebenso das kriegsgerichtliche Verfahren, welches sich daran schloß und durch alle Instanzen zu Ungunsten deS Angeklagten durchgeführt wurde. Seine Lage habe sich noch durch die für ihn günstigen Aussagen verschlechtert. Als er seinem Anwalt, Herrn Ulrich, mitgeteilt, daß ein Spandauer Zahnarzt, der zufällig im Abteil zugegen gewesen sei und sich über die V>-- urteilung in erster Instanz empört habe, sich als Zeuge angebe n Hab, habe ihm Herr Ulrich gesagt:„Ach, lassen Sie doch den Herrn aus dem Spiele, was geben denn schon die Offiziere auf die Aus- sage eines Juden!" Die Aussage dieses Zeugen habe denn auch wirklich gleich Null gegolten, ebenso die Aussage einer Zeugin, welche aussagte, daß er sich im Eisenbahnabteil durchaus korrekt be- nommen habe. Schließlich behauptet der Arftkel, daß der Zahnarzt stillschweigend boykottiert worden sei, ebenso sei seine Tochter' boy« kottiert worden, die sich der Tanzkunst gewidmet hatte und. dem Wunsche vieler Personen nachkommend, in Spandau eine Soiree unter Mitwirkung einer Regimentskapelle veranstalten wollte. In dem Artikel wurde die Behauptung aufgestellt, daß in dem kriegs- gerichtlichen Verfahren die als Zeugen vernommenen damaligen Oberleutnants von Minkwitz und von Stüwer einen Meineid ge- leistet hätten und die Ereignisse auf dem Perron in Spandau falsch von ihnen dargestellt worden seien. Der Vorgang im Eisenbahnabteil und auf dem Spandauer Perron hat sich im Jahre 1919 ereignet, der Artikel im„Kleinen Journal" erschien etwa IVt Jahre später. Durch den Artikel fühlen sich Oberst v. Hönisch und die Haupt- leute v. Minkwitz und v. Stüwer beleidigt. Es fand eine lang ausgedehnte Beweisaufnahme statt. Auf Grund derselben ging das Urteil des Gerichts dahin: Der Ange- klagte wird wegen Beleidigung nach§ 189 St.-G.-B. zu einer Strafe von 999 M. event. für je 15 M. 1 Tag Gefängnis verurteilt. Deu Beleidigten und dem Generalkommando wurde die Publi- kationsbefugnis zugesprochen. Die Anwendung des§ 193 hat das Gericht verneint. Die Tatsache, daß die Vorgänge, um die es sich handelt, schon etwa IM Jahre vor dem Erscheinen des Artikels sich-abgespielt hätten, lassen die Annahme berechtigt erscheinen, daß den Angeklagten nicht die Wahrnehmung berechtigter Interessen, sondern das Gefühl der Rache getrieben hat. Bei dieser Sachlage habe das Gericht von einer Gefängnisstraf« nur mit Rücksicht auf das Alter des Ange- klagten und die frühere langjährige tadelsfreie Dienstzeit desselben Abstand genommen._ Hus aller Weit. In Callew Spuren. Der Rubin, den der nationale Heldendarsteller der Berliner 'Stadtverordnetenversammlung mil seiner rührseligen Krone» ordenrede dritter Klasse bei allen wahren Patrioten geerntet hat, läßt andere be- währte Vorkämpfer für vaterländische Gesinnung njcht ruhen. Es ist auch eine Niederträchtigteil ersten Ranges, daß die Vertreter der Sozial- demokxatie es ablehnen gemeinsam mit dem Synagogenvorstand in der evangelischen Nikolaikirche den Christrngott zu loben für die Freiheiten und Rechte, die wir seit hundert Jahren in Preußen dank der Einsicht der Hohenzollern genießen. Die Entrüstung über die religiöse Abstinenz der Sozialdemokratie wird daher immer all« gemeiner. Der evangelischen.Kreuzzeitung" und der fortschrittlichen „Vossin" kommt nun auch die katholische Presse zu Hilfe. Unser großer Mitbürger Oskar Cassel hat alle Konfessionen unter einen Hut gebracht. Wenn früher gesagt wurde, der Katholizismus fei ultra- montan, beziehe seine Direktiven von dem Oberhirten jenseits der-Berge, so ist daS natürlich unwahr. Den Beweis dafür bringt ein strammes Zentrumsblatt, das„Zentral-VolkSblatt für den Re- gierungSbezirk Arnsberg". Es erläßt in einem Artikel.Die Sozial- 'dcmokratie am Pranger" folgenden flammenden Aufruf: Auf die Erbebung gegen die ftanzösische Fremdherrschaft vom ; Jahre 1813 wird und muß eine Erhebung' pegen die Fremdherrschaft der Sozialdemokratie im Jahre 1913 erfolgen. Die Jahrhundertfeier de; deutschen Volkes muß der Anfang einer starken und' einigen Volkserhebung gegen die Tyrannei der Sozialdemokratie sein. Sie ist der Zerstörer unserer Volkskraft, sie raubt dem Volke Glück und Zufriedenheit, sie reißt ihm den Glauben an Gott aus dem Herzen und läßt es sich vollsaugen von Haß, Verbitterung und Rachsucht. Ein viel gefährlicherer Feind bedrängt und bedrückt das deutsche Volk heute, als es vor hundert Jahren unter der Herrschaft des Korsen der Fall war. Nicht mit Blut und Eisen kann und darf setzt der Kampf geführt werden, sondern durch die Kraft der Idee und Sitten. DaS deutsche Volk muß sich selbst besiegen, ein neues Volk muß werden, in dem kein Platz mehr ist für Leute, die kein Vater« land haben und denen die Tugenden fehlen, die uns Deutsche groß und stark gemacht haben. Die Sozialdemokratie hat sich an den Pranger gestellt, sie soll dort bleiben. Da» deutsche Noll soll endlich zur Erkenntnis gelangen, daß die Sozialdemö- kratie nicht ein Feind der Regierung, sondern noch-weit mehr der Feind des Volkes ist. Wer sich weigert, an der VolkSseicr für die Freiheitshelden teilzunehmen, der ist nicht wert, dem Volke beigezählt zu werden, den wird unser ganzes deutsches Volk an den Pranger stellen. Da wird eS Herrn Cassel schwer werden, die Begeisterung zu überbieten. Aber möglich erscheint eS uns doch, denn der neuliche Ausbruch nationaler Gefühle bei Herrn Cassel war ja eine un« vorbereitete Eruption!_ Nationaler f�estgesang. Auf einem landwirtschaftlichem Stiftungsfeste in Reuß ä. L. wurde folgender Hymnus gesungen: Es braust ein Ruf durch Reußenland, Uns allen gar noch wohl bekannt, Der Ruf zur lieben Reichstagswahl, Weil Försters Antlitz wurde fahl. Er sauste ab mit Extrapost. Da an ihm fraß des Wahnsinns Rost, Weil er selbst nicht wußte, was er sprach, Zog er zurück sich in sein Schlafgemach. Der Roten Trauer war gar groß, Weil einer starb von ihrem Troß; Doch starke Hoffnung machten sie Der Sozialdemokratie. Doch ohne weiteres sprach man nicht: Herr Sozi, o setz bitte dich Wieder zum Rater für das Reußenland, Da du zu unL warst stets so sehr galant.(!) Es gab ein Kampeln und Geschrei, Auch viele Autos fuhr'n herbei, Zu hohlen Wähler ins Lokal. Daß sie erfüll'» die Pflicht der Wahl. Doch leider siegte wieder Rot, Herr Coh'n, verhaßt uns bis zum Tod. Doch geb' auch ich ihm nur die gute Lehr', Daß bald Herrn Für st er folg' in Kürze er. Anständige Leute, unsere Herren Gegner! Die englische Südpolar-Expeditiou. Der Generalgouverneür in Melbourne erhielt ein draht- loses Telegramm von dem englischen Südpolarforscher M a w s o n, das den Tod des Leutnants Ninnes und des Dr. M e r tz von der Expedition bestätigt und hinzufügt, daß die Schlitten- expeditionen von großem Erfolg gewesen seien. Man habe östlich und westlich von der Commonwealth-Bucht neue Gebiete in weiter Ausdehnung erforscht und wichtige Einzelheiten auf zahl- reichen Stationen ganz nahe beim magnetischen Pol festgestellt. Es sei wahrscheinlich, daß Mawson selbst und sechs Mitglieder der Expedition noch für ein weiteres Jahr nicht zurückkehren könnten. Kleine Notizen. Im Kampf mit Wilderern. Bei Teutschenthal überraschte am vergangenen Sonnlag ein Flurschütze den Bergmann August Treiber und seine beiden Söbne beim Wildern. In der Nor« wehr erschoß der Flurschütze den Vater und ver« wundete beide Sobnc. Er selbst wurde leicht ver« w u n d e t. Die beiden Söhne wurden verHaftel. Panik im Kinotheatcr. In einem Kinematograpdentheater in Teteghem bei Dünkirchen entzündete sich ein Film- Es ent« stand eine Panik, bei der zahlreiche K in d e r und Frauen im Gedränge zu Boden geworfen und mit Füßen ge« treten wurden. An zwanzig Personen erlitten erhebliche Verletzungen. Attentat auf einen Eiscnbahnzng. Im russischen Gouvernement T u l a risten sich auf der Uzlowaja— Jalctz-Bahn infolge bös« williger Loslösung einer Schiene die Postwagen von der Lokomotive los und stürzten den sechs Faden hohen Badndam», hinab. Dabei wurde ein Mädchen getötet. Drei Passagiere und der Schaffner erlitten Knochenbrüche. Achtzehn Per- fönen wurden leicht verletzt. Tödlicher Fliegersturz. Aus Hangelar(Siegkreis) wird telegraphisch berichtet, daß der Flieger Bruno Wtzrntgcn Dienstag abend aus 99 Meter Höhe abgestürzt ist. Wcrntgcn war sofort tot._ eingegangene Druefcrebriften. Wilhelm Rabe. Von E, Eoerth. l M. Zenien-Verlag. Leipzig- Bewegungslehre. Hest 14—18. Von Vollmaim. 95 S. F- Huth, Charlottenburg 4. Die Rnsienmerkmalc der Inden. Bon Dr. Maurice Fishberg. Preis 4,59 M. Verlag von Ernst Ztetnbardt. München. viehcime Wilsenschaften. Herausaegeben von Dr. F. Maack 4M., geb. 5,50 M. H. Barsdon, Berlin W. 30. Der Strom. 2. Jahrg. Är. 11. Organ der Wiener Freien Bolls. bühne. Monatsschrift. Herausgegeben von E. Perncrswrscr, St. Groß. mann u. A. Rundt. Jährl. 3 M. Oestcrhcld u. Co., Wien— Berlin. Vlarktpretsc von Berlin am 24. Februar l«l3, nach Ermittelungen deS kömgl. Polizeipräsidiums. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 19,02 bis 19,70, mittel 19.40—19.54. geringe 19,80-19,38 Roggen, gute Sorte 00,00— 16,60, mittel 00,00—00,00, geringe 00,00— 00,00(ab Bahn). Futter« «erste, gute Sorte 16,90—17,50, mittel 16,20—16,80, geringe 15,00—16,10. Hai't, gute Sorte 18,30—20,20, mittel 16,60—18,20(frei Wagen und ab Bahn), Atarlthallenpreise. 100 jiilozr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.00— 50,00, Speisebohnen, weiße 35,00— 60,00. Linsen 35,00—60.00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 6,00— rlO.OO. 1 Kilogramm Rindfietsch, von der Keule 1,70—2,40. Rindi.cisch, Bauchfleisch 1,30— 1,80. Schweinefleisch 1,60— 2,10. Kalbfleisch l.40— 2,40. Hammettlcisch ILO— 2,40. Butter 2,40— 3,00. 60 Stück Eier 4,20—6,00. I Kilogramm Karpien 1.40—2.40. Aale 1,60—3,20. Zander t. 40-3, 60. Hechte 1,60—2,80. Barsche 1,00-2,40. Schiele 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 4,00—24.00. WitternngSübersicht vom 25. Februar 1913. Wetterprognose für Mittwoch, den 29. Februar 191?. Trocken und viclsach heiter, nachts wieder Frost, am Tage Mild bei mäßigen südlich cu Winden. Berliuer W etterbureau. Brnfhaftcn der Redahtion. Sit iurtftischt evttqft-ndc findet Linden st rahe KS, vorn vier Treppen — K-Hr feudi—, wmdentägiich von tfd biö 7� Uhr adendj», konnadends, v«» Hi tii 0 Uhr adendS statt. Jeder für den«riefiasten deftimmte» Aufrage ist ein Buchstade und eine Zahi als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwo« wird nicht ereelli. Anfragen, denen keine AbouncmentSqnittnng beigefügt ist, Werde» nicht brantwartct. listige Ziagen trage man in der Sprechstnnde vor. R. 2. 100. 1. und 2. Pfändung ist jederzeit zulässig. 3. u. E. unterliegt der genannte Anzug der Pfändung— Hilde 25 0. 1. und 2. Die AnsechtungSklaze kann nur der geschiedene Ehemann erheben und zwar binnen JahreKirist, von dem Zeitpunkt an gerechnet, zu dem er von der Existenz des Kindes Kenntnis erhält. 3. Vielleicht hak ein Antrag beim Vormundschaft«g«richt aus Belassung des Kindes bei der Mutter und ein Gesuch aus Namensänderung Erfolg. 4. Das müssen wir Ihnen überlassen. Die Höhe der Kosten würde in dem ,ralle vereinbart werden müssen.— 55. SJ. St, Es genügt ein privatschristlnher Vertrag. Damit derselbe aber die gehörige Form erhält, ist es zweckmäßig, einen Notar oder Anwalt mit der Mfassung de? Vertrages zu beauftragen.— N. F. 634. 1. und 2. U. E. nein. 3. Für die Vertragsdauer, solange nicht anderweit vermietet ist.— N. W. 52. H. H. Der Steinpetbetrag ist richtig berechnet. — E. H. 123. Die Frau ist zahlungspflichtig. Sine Erstattung ist nach Ihrer Darstellung ausgeschlossen.— Bormund 3. Sosern im Interesse de? Mädchens gelegen, fa.— F. 1803. t. Ohne nähere Angaben nicht zu beantworten. 2. Ja, jedoch ist Stcinpelstrasc zu erwarten, falls das Objekt 150 M. übersteigt und das Schrtststück einer Behörde eingereicht wird. — O. B. 15. 1. Nach überwiegender Rechtsprechung nein. 2. Nur tosern unter Berücksichtigung der Sonderaufwendungen ein Ueberschust verbleibt. — Franz 100. Sosern nicht bewiesen werden kaim, daß das Mädchen in der Emvsängniszeit mit anderen Männern Verkehr gepflogen hat. — P. K. 17. Vom Todestage der Mutter ab. M. 34. Die Kosten» hülste kann von Ihnen nur dann eingezogen werden, wenn Sie Vermögen oder ein Einkommen von mehr als 125 M. monatlich oder 23,85 M. wöchentlich haben. Der Frau gegenüber sind Sie nicht unterhaltspflichtig. — G. B. 3508. Falls ein Fünftel des Jahresarbeitsverdienstes verlustig gegangen ist, haben Sie Anspruch aus Erlag der Steuer, beginnend mit dem Ersten des Monats, der dem Zeitpunkt des Eintritts der Erwerbs- lost gleit folgt.— S. B. 50. Ja.— St. O. 23. DIt Berufung erscheint nicht aussichislos, muß aber bis zum 27. d. M. eingereicht sein.— Georg 100. An sich sind Sie unterhaltspflichtig, jedoch nur sosern Ihr Vater zur Unterhaltsgcwäbrung ausierstaude ist. Gleichzeitig mit Ihnen sind Ihre Brüder unterhaltspslichtig und zwar je nach Einkommen und Vermögen. Die anderen von Ihnen erwähnten Gründe kommen nicht in Bettacht, können allerdings der Armenverwaltung ebensalls mitgeteilt werden. Für die Zeit der Arbeitslosigkeit haben Sie nichts zu leisten,— ffi. 100. Läßt sich von hier aus nicht beurteilen. Fragen Sie bei den Polizeiverwaltungen der genannten Orte au.— C. R. 0. La. — 20. P. 5. Ja, in der Regel nach Höhe Ihres Gehalts, jedoch im- berücksichtigt die Zusätze sür Repräsentationszwecke.— E. R. 50. 1. Höchstalter 30 Jahre, da jedoch bis zur Einstellllng mehrere Jahre ver- gehen, ist eine Ausbildung von Frauen, die älter als 27 Jahre find, w der Regel nutzlos. 2. Charit«. 3. Etwa 300 M. Der Anttag ist beim Polizei- Präsidium zu stellen.— F. W. 100. Sofern die Angaben de« früheren Konkursverwalter« zutreffen, sind Sie zur Rückzahttutg verpflichtet. Per- .--"ihrige nicht. jährung kann nicht"eingewendet werden, da hier die ordenttiche 30jährige Perjährungssrift in F-age kommt.— M. ül. Z. 5000. Leider » v flö # # GEtzS««« Unserem lieben Genossen G tiaxint Seeiiach netist Frac Z zum 25jähr. Ehejubiläum W sowie dem Genossen tldert Seebacb nebst Braut«> zur Vermählung,'■ die herzlichsten Glückwünsche. � Die Genoss n u. Genossinnen � der Zahlstelle 11 D, Neukölln.« SAIAASAGGEHtzEßL- Todes-Anzeigen �xialöemiibratiscberVablserelu !. ll.Z.Berl.keicbstagsvalM'eis. k zur e, der Nachricht, daß unser Genosse, Lackierer Albin Schröder (Bezirk 110») gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den 27. Februar, nachmittags 1 Uhr, von der Leichen» Halle des alten Thomas. Kttch- hoseS in Neukölln, Hermannsttasie, au« statt. Um rege Betefliaung ersucht KP«? Vorstand. DeutseberMetallarbelter-Verbanii Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht. dab unser Mitglied, der Lackierer Alhin Schröder am 23. Februar an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andcuken l Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den 27. Februar, nachmittags 1 Uhr, vondcrLeichcn- halle des Thomas- Kirchhofes in Neukölln, tzermannsttatze, auS statt. Rege Beteiligung erwartet 113/13 Hie Ortsverwaltung. SozialtakralWablrcrein(.den 4. Petersburger Viertel. Bezirk 367 I. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unsere Genossin, Frau Marths Kupsch Dolziger Str. 26, gestorben ist. Ehre ihrem Audenkenk Di« Beerdigung findet am Donnerstag, den 27. Februar, nach- mittags 31/, Uhr. von der Halle des Zenttaljricdhoies in Friedrichs- s-Ide au» statt. 211/11 Um rege Beteiligung ersucht Der Borfland. SozialdemokratlseherWablyereln (iiederbarnlm. Bezirk Pankow. Am Sonntagnachmittag verstarb nach schwerem Leiden unser We- nosse, der HandiungSgehtts« (jottkried Gerlach im Aller von 83 Jahren an Herz. lähmung. 210/7 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet- heute nachmittags 1 Uhr von der Haste des Weisiensecr Kirchhofes, Rolcke- fttatze, au» statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Bezirksleitung. Zentralverband der HandJungs- gebiüen. Bezirk Groff-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Berstche- rungsangeftcllte Gottfried Gerlsch am 23. Februar nach kurzem, schwerem Leiden verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, nachm. 1 Uhr. von der Halle deS Weißensecr Gemeinde- FriedhojeS, Rölckestrabc, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 283/3_ Die Ortsverwaltung. Danksagunfl. Für die erwiesene Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unsere« guten Vaters Bernhard.Harlcnfeld sowie sür die zahlreichen Kranzspenden lagen wir allen Freunden, Verivandten Kollegen, besonder» den Pächtern der Kolonie.Jungsernhöh" unseren herzlichsten Dank. 33a Pamllle Hartenfeld. Dentsetier Bauarheiterverband. Zweigvcreln Berlin. Am 22. Februar starb unser Mitglied, der Bauarbeiter WHKelm Vogt (Bezirk Wcisicnsee). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 26. Februar, nach- mittags 1 Uhr, von der Halle des Gemcinde-Frtedhofes in Weißen- see, Rölckestraße, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 111/2 Der Borstand. Verein der fietallschleiler Berlins (Kranken-Unters tützungsvereln). Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Metall- schleiscr Fritz: Plage am 23. Februar im Alter von 77 Jahre» verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, nachmittag« 3>/, Uhr, von der Leichenballe der Simeons- Gemeinde, Mariendorser Weg, aus statt 26566 Der Borftand. Denlseber Transportarbeiter-Verband. Badrksverwaltung GroS-Berlln. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Boden- arbeitcr Max Hagen am 23. d. Mts. im'Aller von 11 Jahren verstorben ist Ehre seinem Andenken! Dt« Beeidigung findet am Donnerstag, de» 27. d. M., nach- mittags»/, Uhr, von der Leichen. Halle des Golgatha- Kirchhojcs, BarfuSsttahe anS statt. 62/11 Die Bezirksverwaltung Am 21. Februar verschied nach schweren Leiden meine liebe Frau und meine gute Mutter Uuse Fleischmann, verw. Neumann geb Röthgen, im 11. Lebensjahre. Um stille« Beileid bitten Der trauernde Gatte u. Tochter Alhert Fleiscbmaiui. Ella Aenmann. Die BeeiHlgung findet am Halle i aus statt 2651b eule früh 5 Uhr entschlie s janjt nach kurzem, schwerem Leiden meine innigst geliebte Frau, unsere tteusorgend« Mutter u. Schwieger- mutter Posa Kirste geb. Zimmerling im 56. Lebensjahre. 212/15 Berlin, den 21. Februar 1918, Keibclstt. 9a. Dies zeigen mit der Bitte um stille TeUnahme tiesbettübt an Hekneleh Kirste, Otto Kirste und Frau, Adolf Kirsto nnd Frau, Emil Arndt. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 27. Februar er., nachmittags 1 Uhr, von der Leichen- balle des st. Georgen. Kirchhofes, Weißenice Rötckestr.S3/t23 aus statt. Am 21. d. MtS. verschied saust nach kurzem Leiden meine liebe Frau, unsere gute Mutter, Schwiegermutter und Großmutter Karoline Wittkopf im 69. Lebensjahre. Dies zeigt tiesbelrübt an Die trauernde Familie Wittkopf. Lortzingstraße 18. Die Beerdigung findet am 27. d. Mts., nachmittags 3 Uhr, aus dem Friedens-Kirchhos in Nieder- Schönhausen-Nordend statt _____ �fjung. iür die uns erwiesene Teilnahme und vielen Kranzspenden bei der Beerdigung meines so innig gellebten ManneS und BotcrS sagen wir allen Verwandten, Fremidenund Bekannten sowie dem Gesangverein Krausejcher Männerchor unseren herzlichen Dank. Frau Hartha UltUIer■ 26571) und Tochter. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben ManneS sage ich allen Ver- wandten, Genossen, Freunden und Bekannten, insbesondere dem sozial- demottattscheii Wahtverein i Bezirk 672), der Abteilung des Rieistcr Funke der A. E. G., sowie den öängern meinen aujrlchtigstcn Dank. Amalie Kuschel nebst Kindern. Extra- Ab teil n us 1 1. Gesch.; Berlin W.. Mehren- i StraBe37a(2. Haus von der j Jorutalcmer StraSe). sll. Gesch.: Berlin NO., Grobe! Frankfurt. Sir.l 15(2. Haus j von der Andreassirabe). 1 Sehrgr.Ausw.fert, Kleider,! j Hüte, Handschuhe, Schieier[ ieto. v. einfachsten bis zum! | hochelegant Genre r-äiuSerst/ niedrigen Preisen. Sonder- Abteilrmg: SlaUanfcrtlgung: in 10 bis 12 Stunden. der Wlale Oartofienhurs. rirhr)ng*t6S. 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Alles in allem sei der Etat sehr günstig gestaltet, so daß von einer Erhöhung des Zuschlages zur Einkommensteuer habe abgesehen werden können, wie ja auch die Groß-Berliner Gemeinden allgemein von den früher beabsichtigten 110 Proz. nichts verlauten lassen. Neu- kölln habe im vorigen Jahre- die Erhöhung gewollt, sei von den anderen Gemeinden aber schnöde im Stiche gelassen worden. Neu- kölln werde auch fürder seinen Aufgaben gerecht werden können und hoffentlich vor der Inbetriebnahme der Untergrundbahn Steuer- erhöhungen nicht nötig haben.(Bravo! bei den bürgerlichen Fraktionen; ironische Zurufe bei den Sozialdemokraten)— In dasselbe Horn stieß der Stadtv. Justizrat Abraham mit einer klingenden Jubelrede. Er freue sich, daß der neue Etat unter dem Motto stehe: bei uns in Neukölln bleibt steuerlich olles beim alten I Trotz Gehalts- und Lohnerhöhungen balanciere der Etat. Freude empfind» er über die ganze innere Gestaltung des Haushalt- Plans. Noch reiner wäre die Freude gewesen, wenn man„einen Teil" der Bürgerschaft(gemeint waren die Hausbesitzer I) hätten entlasten können. Er sei stolz auf die Neuköllner Wirtschaft. (Stürmische Unterbrechungen bei den Sozialdemokraten und Zurufe: Wir leisten auch nichts I> Jawohl, wir haben wie ein Hausvater ge- wirtschaftet— so ruft Redner mit erhobener Stimme und fügt das charakteristische Eingeständnis hinzu:„Wir haben eben immer nur das Notwendigste getan!" Trotzdem überschlug dieser bürgerliche Kommunalpolitiker in seinen weiteren Ausführungen geradezu in Jubelhymnen auf das finanzgesegnete Neukölln und stellte voller Behagen Vergleiche mit den westlichen Groß- Berliner Stadtgemeinden an, welch letztere die Reserve- fonds angreisen oder an Steuererhöhungen denken müßten. Diese Feststellungen hinderten ihn aber nicht an der Be- hauptung, daß jene Gemeinden mit ihrer höheren Einkommensteuer trotzdem mehr leisten müßten als Neukölln.— Die notwendige kritische Beleuchtung des Etats kam dann endlich in der Rede des Stadtv. Dr. S i l b e r st e i n(Soz.) zum Ausdruck. In das Crescendo des Kämmerers— so führte er aus— und in die Freuden» und Jubelrede des Vorredners könne er nicht ein- stimmen. Gewiß wünsche auch die sozialdemokratische Fraktion die Entlastung gewisser Bürger, die allerdings nicht identisch sein dürsten mit den vom Justizrat Abraham gemeinten. Ganz entschieden müsse aber protestiert werden gegen die Methode, um jeden Preis an 100 Proz. Einkommensteuerzuschlag festzuhalten und dann den Etat, so gut es gebt, zurecht zu frisieren. Man könne natürlich nicht unter allen Umständen Steuererhöhung verlangen, werden doch die Armen davon am stärksten getroffen. Wenn aber angesichts des vorliegenden Etats vom Kämmerer be- hauptet worden sei. diesen könne man mit gutem Gewissen akzeptieren, so müsse denn doch festgestellt werden, daß der Magistratsredner schnell über die sozialen Blößen des Etats hinweg- gesprungen sei. Da müsse man denn doch die jämmerliwe Unzulänglichkeit der sozialen und Hygieuiswen Einrichtungen dem entgegenhalten.(Zuruf des Stadt- verordneten Abraham:„Und sein eigenes Nest be- schmutzen!" Lachen bei den Sozialdemokraten.) Ach nein, vom Beschmutzen des Nestes könne keine Rede sein, wie ja überhaupt mit einer solchen Redensart nichts anzufangen ist. ES sei aber nötig. der einer Bilanzverschleierung ähnelnden Politik entgegenzutreten. (Stürmische, anhaltende Unterbrewungen bei den bürgerlichen Frak- tionen.) Allerorten ertöne das Geschrei hoher und höchster Herren und Damen über den Geburtenrückgang. Neukölln gebe aber in der S äu g lin g s für s o r g e ganze 19700 M. aus. Charlotten- bürg dagegen 170000 Mark. Die Mittel für die Ferien- kolonien wurden nicht erhöht; für 34 000 Volksschulkinder gur 8000 M., obwohl die meisten bedürftigen Kinder bei der Auswahl wegen der sehlenden Mittel zurückgestellt werden müßten. Schöne- berg wende dafür 66000 M. aus. Die Gesellschaft für soziale Reform habe in einer Enquete festgestellt, daß in Neukölln die Schulspeisung völlig ungenügend sei; für eine Frühstücks- Portion würden o'/z Pf. aufgewandt, das sei der niedrigste Preis »» ganz Deutschland. Zur Bekämpfung der Tuberkulose ständen 7000 M. im Etat unserer Arbeiterstadt, während Schöneberg dafür 31 778 M. aufwende. Für die Volksbibliotheken gebe Charlottenburg 81 000 M.. Schöneberg 49 000 M., Neukölln aber nur 5300 M. aus. Ebenso sei eS auf dem Ge- biete der Armen- und Waisenpflege; von der darin zugesagten Reform verlaute nichts. Die Volksschule leide nach wie vor an einer schädlichen Ueberfüllung; 55 Kinder sei die Durchschnittsftequenz, tatsächlich sollen aber bis zu 68 und mehr Kinder in einer Klaffe sitzen. Da seien die ständigen Beschwerden von Eltern über Prügelstrafen kein Wunder. Es sei Pflicht der Schulverwaltung dem entgegenzutreten; auch der S p i tz e l e i nach der Zugehörigkeit der Kinder oder deren Eltern zu Arbeiter- s portvereinen müsse ein Ende gemacht werden. In der ärztlichen Fürsorge für die Schulkinder bleibe alles beim alten; 4000 M. gib: Neukölln, Schöneberg 12 000 M., Charlottenburg 29 000 M. dafür aus. Ja, die hiesige Schuldeputation habe sogar den Antrag der Gesundheitsdeputation abgelehnt, in welchem Maßnahmen zur Bekämpfung der Diphtherie in der Schule verlangt wurden. Die so bitter notwendige Arbeitslosenversicherung komme ebenfalls nicht zum Ziel; kein Pfennig sei dafür im Etat vorgesehen. Eine Schande sei es aber geradezu für Neukölln, wenn den Aermsten der Armen. den Zensiten mit Einkommen unter 900 M„ noch Steuern im Ge- samtbetrage von 32 000 M. abgenommen würden; eine derartige Rückständigkeit gebe es in keiner Groß-Berliner Stadtgemeinde mehr. Und da wolle man Neukölln noch immer marktschreierisch herausstellen!(Erneute stürmische Unterbrechungen bei den bürgerlichen Fraktionen.) Da rede man vom Nestbeschmutzen. wo es geradezu soziale Pflicht ist, diese elenden Zustände aufzuzeigen, noch dazu, wenn sie noch vermehrt werden durch Maß- nahmen, wie sie in dem zum Abschluß vorgelegten Vertrag mit den Norddeutschen Kabelwerken gegen die Freizügigkeit der Angestellten zum Ausdruck kommen. Man spiele hier immer den Beleidigten. wenn bürgerlichen Vertretern soziales Verständnis abgesprochen werde. Beweisen Sie— so ruft Redner zum Schluß aus— das Gegenteil, indem Sie unseren Anträgen, welche wir im Ausschuß einbringen werden, zustimmen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Ueber den weiteren Verlauf der Beratungen berichten wir in nächster Nummer._ Schöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Nachdem die tapferen Freisinnsmannen sich von ihrem patriotischen Taumel erholt hatren, wurde beschlossen, den Betrag für Rechrsstreilsachen zu erhöhen, damit die bereits entstandenen und noch entstehenden Prozeß- und Gerichtskosten beglichen werden können.— Das im Zuge deS Sachsen« damms und der Schöneberger Straße liegende Druckrohr muß liefer gelegt werden, weil durch die Regulierung der Straße das Rohr nicht genügend Deckung hat. Nach dem Vertrage ist Schöneberg zur Ausführung dieser Arbeiten verpflichtet, es würden ungefähr 10000 M. erforderlich sein, um die Kosten zu decken. Dem wurde zugestimmt. Durch Urteil des Kammergerichts ist jetzt ein seit dem Jahre 1901 schwebender Prozeß entschieden. Es handelt sich um die Feststellung, mit welchem Betrage das aufgelassene Straßenland bei Berechnung der Anliegerbeilräge in Anrechnung zu bringen ist. Die im Eni- eignungsverfahren von den Besitzern beantragten 25 000 M. sind auf 13 000 M. herabgesetzt worden, dagegen ist die Stadt ver- pflichtet, an die Grundeigentümer eine Entschädigung für die Trennstücke zu zahlen. Dieser Betrag, 35 461 M., hat sich mit Zinsen und sonstigen Kosten in den 12 Jahren auf 51 447 M. erHöhr. Der Betrag wurde genehmigt. Ferner wurde einem bereits vom Magistrat mit dem Fabrikbesiyer Zeltritz abgeschlossenen Ver- trage die Genehmigung erteilt, wonach sich Z. bereit erklärt hat, sämtliche im Gemcindegebiet fallende Kadaver abzuholen und in seiner Fleischvernichtungs- und Verwertungsanstalt Berlin-Britz zu beseitigen.— Nach langen Verhandlungen ist eS endlich gelungen. die Besitzer der Vorgärten in der Hauplstr. 23 und 33 zu bewegen. daS Vorgartenland an die Stadtgemeinde aufzulassen. Die Stadt übernimmt dafür die Verpflichtung, die Vorgartenparzelle herstellen und auf eigene Kosten pflastern zu lassen. Nunmehr folgte die Eiatsberatung. Zum Etat für ö f f e n t- liche Beleuchtung verlangten dieLiberalen. daß der Friedenauer Ortsteil noch mehr mit elektrischem Licht versehen werden möge als bisher; dagegen forderte der Redner der sozialdemokrati- s ch e n Fraktion, daß doch erst diejenigen Stadtteile berücksichtigt werden mögen, in denen die Beleuchtung überhaupt sehr zu wünschen übrig lasse, wie bei der Unterführung im Zuge der Tempelhofer Straße, der Torgauer Straße sowie aller älteren Siraßen. Stadt- rat Katz hat die Tempelhofer und Torgauer Straße besichtigt; auch er ist zu der Ueberzeugung gelangt, daß dort eine bessere Beleuch- tung geschaffen werden müsse.— Die Etats der Hoch-, Tief-, Straßenbau- und Kanalverwaltung wurden ohne Debatte angenommen. Nur bei dem Etat der Untergrundbahn wies der Referent darauf hin, daß der Dezernent die vorgebrachten Beschwerden über Verkehrsvcrschlechterungen anerkannt hat, dieselben sollen sofort beseitigt werden. Die Be- Nutzung der Untergrundbahn durch das Publikum sei im Steigen begriffen, so daß die Zuschüsse sich verringern würden.— Bei dem Etat des Auguste-Vikloria-Krankenhauses rügte Genosse Mo hs, daß für das Hauspersonal keine Gehaltserhöhungen vorgesehen seien, obwohl dort zu allerrst etwas geschehen müßte, Stadlrat R a b n o w erklärte, im vorigen Jahre sei der Lohn für das Haus- personal nicht unerheblich erhöhl und auch der Urlaub verlängert worden. Assessor Heiligendorf behauptete, daß im Schöne- berger Krankenhaus die höchsten Löhne gezahlt werden. Nachdem noch die Genossen Bernstein und Mohs hierzu gesprochen, wurde dieser Etat sowie der Armen-, Desinfektions-, Grundstücks- und Fried- Hofsetat in zweiter Lesung angenommen. Hierauf erfolgte eine geheime Sitzung. Die Wahl des liberalen Architekten Lassen, der bekanntlich im ersten Sladtbezirk trotz grober Verstöße für gewählt erklärt wurde, ist nunmehr auch in mündlicher Verhandlung vom Bezirksausschuß für ungültig erklärt worden. Es erweckt den Anschein, als wenn der Stadt durch die sinnlose Rechthaberei der entschiedenen Liberalen immer mehr Kosten aufgeladen werden sollen, denn die Ungültigkeits- erklärung dieser Wahl beruft sich auf die Entscheidungen, die das Oberverwaltungsgericht in ähnlichen Fällen bereits gefällt bat. Außer der schriftlichen und mündlichen Entscheidung des Bezirks- ausschusses wird nunmehr auch die des Oberverwallungsgerichts ab- gewartet. Die Herren Liberalen glauben die Nachwahl bis zum zu den allgemeinen Neuwahlen im November hinausschieben zu können. Bis dahin verbleibt Herr Lasse», trotz der Ungültigkeit, beschließendes Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Lichtenberg. Bei der Stadtverordnetcnersatzwahl in der Hl. Abteilung des 18. Bezirks am Sonntag üblen von 1022 eingeschriebenen Wählern 503 ihr Wahlrecht aus. Hiervon wurden aus den Kandidaten der vereinigten Bürgerlichen 203 Stimmen und auf den Genossen K l i e m 293 Stimmen abgegeben. Von den 573 eingeschriebenen Wählern des 2. Bezirks der II. Wählerklasse erschienen am Montag 340 am Wahltisch. Der gemeinsame Kandidat aller Bürgerlichen erhielt 178 Stimmen, während unser Genosse Glöckner mit 162 Stimmen in der Minorität blieb. Damit sind die Wahlen vorläufig ab- geschlossen. Von den 66 Sitzen der Stadtverordnetenversammlung hat die Sozialdemokratie die 22 Mandate der III. Wählerklasse und 6 Mandate der II. Wählerklasse inne. Die Klage gegen die Gültig- keit der Wählerliste schwebt beim Bezirksausschuß. Unsere Partei- genossen werden selbstverständlich den Wahlrechtsraub, der durch Ein- tragung des Eisenbahnfistus in die Wählerliste hunderte von Wählern entrechtet hat, bis in die letzte Instanz verfolgen. Steglitz. Roch eine Landtagsstichwahl. Nach einer amtlichen Bekannt- machung hat die Stichwahl am 22. d. M. in der- 2. Abteilung deS 7. Urwahlbszirks kein endgültiges Resultat ergeben, weshalb eine nochmalige Stichwahl heute Mittwoch, den 26. d. M., in der Turn- Halle der Gemeindeschulc III und IV, Jahnstraße 29, von IIb bis 6J4 Uhr stattfindet. Zur Wahl stehen unser Parteigenosse C l a u ß und der Konservative Mahn. Die Feststellung des Wahlergebnisses scheint der Behörde übrigens Schwierigkeiten zu bereiten.'Nach dem meist offiziös bedienten..Steglitzer Anzeiger" sollen definitiv gewählt sein: 13 Sozialdemokraten, 16 Liberale und 29 Konser- vative. Das sind zusammen 58 Wahlmänner, wozu noch einer aus der obigen neuen Stichwahl käme. Nach der amtlichen Wahl- ausschreibung vom 4. Februar und einem Nachtrag vom 11. Fe- bruar waren jedoch 61 Wahlmänner zu wählen. Was ist aus den hiernach noch fehlenden fünf Wahlmännern geworden? Haben wir vielleicht noch einige Stichwahlen zu gewärtigen? Wiluicrsdorf-Halensee. Die Stichwahlen zur Landtagsersatzwahl sind aus Donnerstag, den 27. Februar angesetzt; die dritte Abteilung, die für uns einzig in Frage kommt, wäblt von 3 bis 8 Uhr. Sozialdemokra- tische Wahlmannskandidaten stehen in den Urwahlbezirken 3, 4, 6, 11. 12, 13. 20. 28. 35, 36. 39 und 40 in Stichwahl. Heute, Mittwochabend, von 6 Uhr an, werden in allen Bezirken Flugblätter zum Frauentag verbreitet, außerdem ist in den oben genannten UrWahlbezirken eine Wahlaufforderung den Wählern zu übermitteln. Donnerstag befindet sich das Z e n t r a l w a h l b u r e a u bei Schilling, Laueuburger Straße 20. Hier finden sich die Funk- tionäre(Blockzettelfnhrer usw.) nachmittags spätestens 2 Uhr ein. Die Parteigenossen, die zur Wahlhilfe in H a l e n s e e bereit sind, wollen sich beute, Mittwochabend, 7�/2 Uhr bei Piche, Seesener Straße 54, Donnerslagnachmittag hingegen von Uhr ab bei Schwachenwald, Kurfürstendamm 137, einfinden. Charlottenburg. Das Charlottenburger Kaufmannsgericht hat im Geschäfts- fahr 1912 602(im Vorjahre 565) Streitsachen erledigt. Hierbei sind nicht eingerechnet etwa 250 einfacher liegende Streitsachen, die in der Gerichtsschreiberei durch Belehrung oder Vergleich vor der Klagcerhebung geschlichtet wurden. Auch sonst war das Kauf- mannsgericht bemüht, zum Ausgleich der Interessen von Kauf- leuten und Gehilfen zu dienen, indem ortsangesessenen Kaufleuten und ihren Gehilfen auf Nachsuchen schon vor Abschluß von Dienst- Verträgen Belehrung über die Bestimmungen des Handelsgesetzes und die Rechtsprechung zur Vermeidung von Prozessen erteilt wurde. Für die Tätigkeit des Kaufmannsgerichts werden Gebühren nicht erhoben. Ebenso bleiben Schreibgebühren und bare Aus- lagen für Zustellungen außer Ansatz. Trotzdem die Zahl der Streitsachen sich seit 1905 mehr als verdreifachte, gelang es, durch schnelle Anberaumung von Terminen über 73 Proz.— also annähernd drei Viertel— aller Prozesse innerhalb einer Woche zu erledigen. Kläger waren selbständige Kaufleute in 27 Fällen, Ge- Hilfen in 575 Fällen, darunter weibliche 238. Bei den Handlungs- gehilfen hatten rückständiges Gehalt, Provision, Spesen, Grati- fikation zum Gegenstand 322 Klagen, Vergütung wegen vorzeitiger Entlassung 161, Berechnung und Anrechnung der Krankenversiche- rungsbeiträge 2, Antritt, Fortsetzung, Auflösung des Dienst- oder Lehrverhältnisses 60, Rückgabe übergebener Zeugnisse und Aende- rung des Inhalts solcher, 30. Fälle. Bei den Kaufleuten hatten Rückforderung von Gehalts- und Provisionsvorschüssen 7, Konventionalstrafen 4, Ansprüche aus der Konkurrenzklausel 3, auf Schadenersatz wegen nicht gehöriger Er- füllung des Dienstvertrages 8, Ersatz von Manko 4, Rückforderung eines bereits erteilten Zeugnisses 1 Klage zum Gegenstand. Der Wert des Streitgegenstandes betrug in 44 Fällen bis 20 M.. in 75 Fällen 20 bis 50 M.. in 120 Fällen 50 bis 100 M:. in 216 Fällen 100— 300 M., in 105 Fällen mehr als 300 M. Die höchste Klagesumme betrug 6000 M., die niedrigste 4 M. Durch Zurücknahme fanden 65 Klagen, durch Anerkenntnis 9, durch Vergleich 176, durch rechtskräftiges Versäumnisurteil 31» durch Endurteil 78 Klagen ihre Eledigung. Von den 78 End- urteilen lauteten auf Verurteilung 24, auf Abweisung 44, auf teilweise Verurteilung und Abweisung 10. 14 Urteile waren be- rufungsfähig; in 8 Fällen wurde Berufung eingelegt. Mit vier früheren waren im ganzen 12 Sachen in der Berufungsinstanz, hiervon find 6 erledigt, 3 durch Bestätigung des Urteils, 1 durch Abänderung, 2 durch Vergleich. Gutachten sind nicht erfordert; da- gegen ist ein Antrag auf Neuregelung des kaufmännischen Lehr- lingswesens an Bundesrat und Reichstag gestellt worden. Trevtow-Baumschulenweg. Gewerbe- und Kaufmannsgcricht sind hier nach den jetzt bor- liegenden Berichten im Jahre 1912 nur in bescheidenem Umfange in Anspruch genommen worden, was sich aus der geringen industriellen Entwickelung des Ortes leicht erklärt. Immerhin hat eS das Ge« Werbegericht auf insgesamt 113 Streitfälle gebracht, davon berührten u. a. 33 die Fabrikbetriebe und 18 daS Gastwirtsgewerbe. 86 Fälle wurden durch Vergleich erledigt, bei 48 Endurteilen siegten die Kläger 19 mal voll und 5 mal teilweise. Bei insgesamt 53 Sitzungs- tagen waren nur 5, an denen die Beisitzer zugezogen wurden. Die Klageobjekte blieben in 109 Fällen unter 100 M., in einem Falle stieg das Objekt bis zu 5291 M. Die Streitsachen tonnten in 85 Fällen innerhalb einer Woche nach Klageerhebung erledigt werden. DaS Kaufmannsgericht wurde 22 mal angerufen und erzielte neben 5 Vergleichen 13 Endurteile, von denen 9 ganz oder teilweise zugunsten der Kläger aussielen. Der Streitgegenstand bewegte sich zwischen 7 M. und 967 M. Nur an zwei von 21 Sitzungstagen wurde mit Beisitzern verhandelt. Die Gemrindecinkommensteuer soll nach dem jetzt vorliegenden Steuervorschlag des Gemeintevorstandes auch für das Etatsjahr 1913/14 wieder wie bisher 100 Proz. des Staalssteuersatzcs betragen. Um ihr Wahlrecht gebracht wurden bei der am 20. Februar gefundenen Wahlmännerersazwahl die hiesigen Parkarbeiter. War die Wahlzeit für die dritte Abteilung im allgemeinen schon recht ungünstig(Terminswahl 9 Uhr), so erregte es bei den Park- arbeitern Befremden, daß sie anstatt um 9 Uhr um 10 Uhr Urlaub zur Ausübung ihres Wahlrechts bekamen. Als die Arbeiter zur Abgabe ihrer Stimme erschienen, war der Wahlakt für die dritte Abteilung bereits beendet. Wir nehmen zugunsten der Vorgesetzten an. daß hier ein Versehen vorliegt; auf alle Fälle sollte ein solche? Vorkommnis für die Zukunft verhütet werden. Stralau. Bei dem am Sonnabend, den 22. Februar, in den Markgrafen- ölen ftattgeiundenen Vergnügen ist der Garderobenfrau ein Irrtum unterlaufen, indem sie einen Ulsterpaletot an eine fremde Person verabfolgt hat. Da die Frau ersatzpflichtig ist. wird der Inhaber des Paletois ersucht, denselben bei Otto Benhard, Markgrafen- dämm 4, Ouergebäude IV, abzugeben. ftfriedrichsfelde. Die Etatberatung. Der diesjährige Gesamtvoranschlag schließt mit 4 421 669 M. ab. daS find gegenüber dem Vorjahr 1 740 386 M. mehr. Von dieser Summe entfallen auf die ordentliche Verwaltung 1 494 832 M. gegen I 350 626 M. des Vorjahres. Die wichtigsten Positionen weilen folgende Zahlen auf, wobei die vorjährigen Be« träge in Klammern beigefügt sind. Durch eigene Einnahmen der Gemeinde an Gebühren, Staalsbeiträgen, Ueberschüssen(aus- schließlich der Steuern) werden gedeckt 601 073 M., so daß in dex ordentlichen Verwaltung 893 758 M.(827 061 M.) an Steuern auf» zubringen sind. Hiervon entfallen auf Umsatzsteuer 60 000 M. (60 000 M.); auf Gertzuwachssteuer 35 000 M.(25000 M.); auf Hunde« steuer 14000M.(14000 M.); Biersteuer 130«)M.(13000M.). An direkten Steuern werden erwartet auZ 120 Proz. Zuschlag zur Einkommen« steuer 360(XX) SDI.(306 000 M.) aus Grund- und Gebäudesteuer für bebaute Grundstücke 166 400 M.(148 200 M.); für unbebaute Grundstücke 223 600 M.(223 600 M.) und aus Gewerbesteuern 31 873 M.(3S371 SW.). Zur Balanzicrung des Etats war es not- wendig, den im Ausgleichsfonds vorhandenen Betrag von 30 905 M. voll zu verwenden. Ebenso mußten 26 000 M. aus der Beihilfe entnommen werden, die der Kreis zur Unterhaliung der Treskow-Allee gewährt und aus dem zu errichtenden eigenen Gaswerk sind als zu erwartender Ueberschuß bereits 20 000 M. in Einnahme gestellt. Das Vermögen der Gemeinde ist mit rund ll3/4 Millionen Marl (1912 1l Mill. M.) berechnet, wohingegen die Schulden von 6 391 563 M. auf 7 402 320 M. angewachsen sind, so daß 4 313 673 M. Reinver- mögen verbleiben. Der Zuschuß zum Nealprogymnasium ist bei einer voraussichtlichen Schülerzahl von 142 von 10 680 M. auf 82 495 M. angewachsen, ohne damit auch nur annähernd seine end- gültige Höhe erreicht zu haben. Die höhere Mädchenschule erfordert gegen 8487 M. bereits 26 053 M. Zu diesen Zahlen sind aber noch 12 000 M. hinzuzuzählen, die als Mietswert der vorläufig benutzten Wolksschulräume gellen. Die Volksschulen mit zirka 2650 Schülern erfordern 256 364 M.(233 364 M.) Zuschuß. Für die Armenver- Wallung sind 61 609 M.(43 622 M.) Zuschuß vorgesehen und für WohlsahrrSpslege 6200 M. In der Debatte kam zum Ausdruck, wie große Schwierigkeiten die Balauzierung des Etats ohne Steuererhöhung verursacht hatte. Genosse Pinseler legte in längeren Ausführungen dar, welche Stellung wir dem Etat gegenüber einnehmen. Besonders eingehend behandelte er die Kapitel Schul- und Armenverwaltung sowie Wohlfahrtspflege. Er forderte unentgeltliche Gewährung der Lernmittel, wies auf die auffällige Tatsache hin. daß ein Schularztbericht gewissermaßen sich selbst revidiert habe, nachdem wir ihn zur Begründung der Not- wendigkeit der Schulspeisung herangezogen hatten. Er kennzeichnete dann den Widerstand, den einzelne Schulleiter anscheinend der Speisung bedürftiger Schulkinder entgegensetzten und forderte einen sinngemäßeren Ausbau der Elternabende unter Verzicht auf Mit- Wirkung der Kinder. Bei dem Kapitel Armenverwaltung wies er auf die erfreuliche Tatsache hin, daß es gelungen sei 600 M. mehr zur Bekämpfung der Kindersterblichkeit und 1000 M. mehr zur Be- kämpfung der Tuberkulose einzustellen. Wenn der Armenetat im allgemeinen höher sei gegen früher, so sei eben die Teuerung daran, schuld und wir müßten den Versuch deS Gemeindevorstandes zurück- weisen, der daraus hinausläuft, die ohnehin knappen Unterstützungssätze noch weiter zu beschneiden. Unter Wohlfahrtspflege vermisse er die Kleinkinderbewnhranstalt. Ueber alle diese Punkte kam es dann zu einer zum Teil recht bewegten Auseinandersetzung. Daß zunächst bei dem zu erwartenden Ueberschuß vom Gaswerk die Gegner einen Angriff wagen würden, war zu erwarten. Sie wußten aber nicht wie sie es anfangen sollten und verließen während der Generaldebatte den Sitzungsraum um Kriegsrat zu halten. Und das Ergebnis? Eine von ganzen fünf Vertretern unterzeichnete pompöse„Erklärung", die das mit- leidige Lächeln der übrigen mit Recht verdiente. Beim Schulelat begründete Genosse Frentzel den Antrag auf Ein- fübrung der Lerumitielfreiheit. Vergeblich! Für andere unnütze Dinge ist wohl Geld übrig, dafür aber nicht. Als bei der Begründung auf die erbarmungswürdigen Verhältnisse, unter denen viele zu wohnen gezwungen seien, hingewiesen wurde, erlaubte sich der Ge- meindevertreter Gregorius den Zwischenruf„Schweine". Jbm wurde sofort gehörig heimgeleuchtet. Für Jugendpflege waren 1000 M. in den Etat eingestellt, obgleich kein Mitglied der Etatkonimission sich entsinnen konnte, derartiges beschlossen zu haben. Die Summe wurde aber schlank bewilligt, trotzdem selbst ein Mitglied deS Ortsausschusses für Jugendpflege erklärte, 600 M. würden's auch tun. Zum Schluß gab es noch ein kleines Intermezzo. Vor einiger Zeit wurde der Beschluß gefaßt, daß Gemeindevertreter keine Ge- schäste mit der Gemeinde abschließen dürfen, um völlig unabhängig zu sein. Der Gemeindevertreter Müller steht aber als Leiter der Köpenicker Bank in geschäftlichen Beziehungen zur Gemeinde, wes« halb Genoffe Pinseler die Anfrage stellte, ob dies mit obigem Beschluß vereinbar sei. Die ausgesprochenen Vertreter einer einseitigen Jnteressenpolitik wünschten den Beschluß umzustoßen; die Mehrheit aber beharrte auf ihrem Standpunkt, so daß der Genannte erklärte, die Konsequenzen ziehen zu wollen. Leicht wird ihm der Entschluß nicht geworden sein, denn er fühlte sich schon fast als ein Diktator. spanvau. Ein schweres Explosionsunglück ereignete sich gestern mittag auf dem Königlichen Feuermerkslaboratorium; der 24jährige Ar- beiter Ottenberg aus Staaken wurde tödlich verletzt, eine Arbei- terin kam mit leichteren Verletzungen davon. Ueber die Ursache der Explosion muß erst die eingeleitete Untersuchung Aufschluß geben. Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Treptow. Freitag, den 28. Februar, abends 6 Ubr,«m Rathause. Britz. Freitag, den 28. Februar, nachmittags 5 Uhr. Reinickendorf. Donnerstag, den 27. Februar, abends 6 Uhr, im großen Sitzungssaalc des Rathauses, Hauptstr. 38— 40. Zldlershof. Donnerstag, den 27. Februar, nachmittags S>/4 Uhr, im Sitzungssaale des Gemeindehauses, Bismarckstr. 1. Martendorf. Donnerstag, den 27. Februar, nachmittag? 5 Uhr, im Rathausfitzungssaale, Kaiserstraße. Diese Sitzungen sind iisscnllich. Jeder EcmeindeangehSrigc ist berechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Smgegangene Druckfcbinftcn. Deutsche Rundschau für Geographie. 6. Heft. Herausgegeben von Prof. Dr. Hassinger. Monatlich ein Heft 1,15 M. A. Hartlcbens Verlag, Wien. Französischer Boykott. Deutsche Abwehr. Von A. Dix. 75 Ps. G. Hohns. Krefeld. Reichs-Finanzreform und Bodenreform. Von A. Damaschke. 80 Ps. Bodenresorm, Berlin, Lessingstr. 11. nun Q00 □□□ Mittwoch, 26. Februar 1913. Anfang 3 Ubr. Kurkürften-Over. Der Troubadour. Schiller tt. Zops und«chwert. Schiller Eharlottenburg. Wallen- steins Lager. Piccolommi. Ansang 7 Ubr. Sgl. Opernhaus. Der Barbier von Sevilla. Ansang 7'/, Ubr. Sgl. Schanipielhaus. Minna von Barnhelm. Deutsches. Der blaue Vogel. Zirkus Busch. Gala-Vorstellung. Zirkus Albert Schumann. Gala- Vorstellung. Ainang 8 Ubr. Urania. Hohcnzollernsahrten. Im Hörsaal: Dr. W Berndt: Bratvjlege ohne Ellernsoraen. Kamnierspiele. Mein FreundTeddh. Lei»»,,. Die versunkene Glocke. Deutsches Opernhaus. Eugen Oncgin. Schiller O. Uiiel Acosta. Schiller- Eharlottenburg. Die Reise durch Berlin in L0 Stunden. Trianon. Wenn Krauen wen. Theater am Rollendorfplatz. Die Studentengräsin. Söniggratzer Stratze. Di« fünf Franljurter. Komodienbaus. Die GeneralSecke. Groft-Berlin. Lord Piccow. Kurfürftcuopcr. Der Kuhreigen. Berliner. Filmzauber. Montis Operette«. Der liebe Augustin. Theater des Westens. Die beiden Husaren. Deutsches Schauspielhaus. Der gute Rus. Kleines. Professor Bernhardi. Residenz. Die Frau Präsidentin. Tbana. Puppchen. Luisen. Berliii-Hamburg-Ncw Jork. Rose. Mein Leopold. Metropol. Chauffeur— ins Metropol. Herrnfelv. DieAIpenbrüdcr. Wüsten. morat. Apollo. Die schöne Galathee. -vezialitäien. Reichshalleu. Meyers Hosen. Euftno. Am grünen«wand der Spree. Winlrrgorteu. Spezialitäten. Ansang 8'/, tlbr.- Friedr.> Wild. Schauspielhaus. Pariser Lust. Susnpieltzaus. Majolika. Walhalla. Parole: Walhalla! Folie» Eapr»ce. In Sachen Katzen- stein. Die Doppelfirma. Die Tochter der Braut. 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März festgestellt werden; falls dann noch Billetts vorhanden sind, können solche auch für die übrigen Familienangehörigen der Mitglieder in Empfang genommen werden, jedoch haben Kinder un t e r 10 Jahren überhaupt keinen Zutritt. 175/5' Das Festkomitee. ff Ml i s i 8 [Mainmai mä Urania Wissenschaftliches Theater. TaubeDBtraße 48/49. Mittwoch 8 Chr: „Hohenzollern"• fahrten. Hörsaal 8 Uhr: Dr. W. Berndt: Brnlpllege ohne Eltcrnsorgeu._ Voigt-Theater. Gesundbrunnen, Badftraste 38. Heute Mittwoch, den 26. Februar: Zum Benefiz sür Franz'Rühle: Im Sanne der liebe und dos Hasses oder: Kämpfende Herzen. Komödie in 1 Ausz. v. Karl Gutzkow. Kasseneröffn. 7 Uhr. Ansang 8'/, Uhr. Leimnia-Pi'schtzalö N., Chausseestr. 110. K. Richter. Heute Mittwoch: Paul Mantheys lustige Sänger, Ansang 8 Uhr. Eintritt 30 Ps. Nachdem Freitanz. — V orzugskarlen gelten.— Morgen Donnerstag: Großes Militär-Streielikonzert. Foiies Capriee. Anfang 8'/, Uhr. Die drei Zaistn- Schlager: In Sachen Katzenstei». 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