Nr. 59. Ndoimemenk-keckingiingen: Abonnement»- Prei» vränumerando: Bieiteljihrl. SL0 Ml, monatl. 1.10 Ml, wöchenüich 2S Pfg. frei in» Hau». Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Hümmer mit illustrierter Sonntags- Seilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige AuSIcuid 8 Marl pro Monat. Postabonnement» nehmen an: Belgien, Dänemark, äolland. Italien, Luxemburg. Portugal, ..... änicn, Schweden und die Schweiz. 80. IahrA. DU Tntertloni'GebObr keträgt für die sechSgespallene Kolonel. »eile oder deren Raum 60 Pfg., für polltifche und gewerkschaftliche Vereins- Und Verfanimlungs-Anzeigen S0 Pfg. „meine Mnielgen", da» fettgedruikte Wort 20 Pfg. tzuläfstg 2 fettgedruckte Worte), jede» weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasstcllenan- zeigen Las erste Wort 10 Pfg, jede» weitere Wort 5 Pfg. Worte über ISBuch- ! laben zählen für zwei Worte. 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Der Freiheitskriege, die von den Helden des Jahres 1813 nicht geführt tvurden als Fürstenbcfrciungs kriege oder ledig- lich als nationale Auflehnung gegen einen fremden Eroberer, sondern als Kämpfe zur nationalen Erneuerung des Volkes und zur politischen und sozialen Befreiung der Volksmassen. Das Joch des Korsen wollte das preußische Volk nicht abschütteln, um sich dafür wiederum unter das Joch der a n g e st a nl in t e u s p 0 t i e und eines a n maßlichen Junkertums Zeugen zu lassen! sondern die Freiheitsbegeisterung galt jenen Idealen, wie sie von den größten und feurigsten der damaligen Patrioten, nicht zuletzt einem Fichte, der gebildeten Jugend gepredigt wurden. Aber von diesem Freiheitskriege war bej den kirchlichen Feiern mit keinem Worte die Rede. Weder in der Nikolai kirche. wohin die biederen Stadtväter geWallfahrt waren, noch im Tom, wo der gesamte Militärstaat mit dem obersten Kriegsherrn an der Spitze versammelt war.(Ein hübscher Nasenstüber beiläufig für unser liberales Bürgertum, daß man die Herren Stadtväter in der Nikolaikirche hübsch unter sich ließ und— trotz aller hurrapatriotischen Tiraden und aller byzantinischen Katzbuckeleien der Cassel und Konsorten— den Spitzev der Militär- und Zivilbehörden im Dom ein Stelldichein gab!) Darin ähnelte der bürgerliche Festakt durchaus dem höfisch-militärischen, daß von der Befreiung des Volkes mit keinem Worte die Rede war, sondern daß einzig die Befreiung von der Fremdherrschaft Erwähnung fand. In der Nikolaikirche pries der amtierende Generalsuperintendent die Spserwilligkeit der Stadt Berlin, daneben aber feierte er. wie so schön in der„Vossischeu Ztg." zu lesen ist.„mit leiser Wehmut das Wirken der Königin Luise". Auch ge> dachte er„des Sterbetages chres großen Sohnes, des ersten Deutschen Kaisers, dessen Jugend geschmückt war mit den Er- innerungen der Freiheitskriege". Damit war der Gedanken- kreis dieser Festpredigt umschrieben— und das wagen die liberalen Stadtväter Berlins für eine würdige Gedenkfeier einer �wahrhaft großen Zeit auszugeben! Soll man sich da wundern, daß der Herr Sberhof- Prediger, der im D 0 in vor so viel Uniformen und Ordens- zeichen zu sprechen hatte, die Frömmelei und Byzantinern noch um einige Nuancen dicker auftrug? Daß dieser Herr als Kennzeichen jener Zeit„den wiedergefundenen alten Goit" ausgab, daß er die Rückkehr zu dein„alten lebendigen Gott" als Heilmittel des Mammonismus unserer Zeit pries und sich sogar zu der unglaublich barocken Stil- dlüte verstieg, daß es unter den führenden Geistern der da- maligen Zeit„keine Atheisten gegeben" habe, wie denn auch „in Wirklichkeit kein Atheist je ein großer Mann gewesen" sei?! Ein Hofprediaer ist schließlich ein Hofprediger. Er wird nach den Bedürfnissen des Hofes ausgewählt und kann und wird nichts anderes predigen, als was den Ohren seiner Gönner angenehm klingt. Es wäre deshalb lächerlich, mit einein Hofprediger über historische und philosophische Auf- fassungen streiten zu wollen. Das Unglaubliche nur ist, daß auch die Führer unseres Linksliberalismus der großen Zeit der Freiheitskriege, in denen der nationale Einheitsgcdanke, der Gedanke der politischen und sozialen Be- freiung zum ersten Male gewaltig seine Schwingen regte, nicht würdiger zu gedenken vermochten, als durch einen kirchlichen Festakt, dein von vornherein der Stempel kümmerlichster Nationalfcxerei und byzantinischer Phrasen- drescherei aufgedrückt lvar. Auch daß Wilhelm II. selbst in einein Tagesbefehl an das Heer natürlich nur der militaristischen und dynastischen Bc- deutung der Freiheitskriege gedachte, versteht sich bei der romantisch-patriarchalischen Weltanschauung dieses Monarchen von selbst. Für ihn verkörpert sich Preußen natürlich nur in dem hohenzollernschen Militärstaat. Und auch da, wo Wilhelm II. von der„Wiedergeburt von Kaiser und Reich" spricht, betrachtet.er doch sich und seine Dynastie als den In- begriff von Reich und Nation. Es wäre ja auch ein Wunder, wenn es anders sein sollte. Denn angesichts nicht nur der vergiftenden Einflüsse des Junkörtuins, sondern vor allen Dingen auch der würdelosen Liebedienerei unseres Liberalismus kann.eine von Haus aus selbstbewußte und tatenfreudige Natur sich nur schwer anders entwickeln, als das bei dem gegenwärtigen Träger der Krone Preußens der' besitzende Bourgeoisie mit Fürsten und Junkern verbindet. absoluti st Ischen Laune anzupassen beeifert hat! Solch kläglichem Festspuk gegenüber, über den selbst der Himmel einen Tränenstrom vergossen hat, ist es doppelte Pflicht der Erbin der demokratischen und sozialen Ideale des dereinst mannhaft aufstrebenden Bürgertums, derSozialdeme- kratie, auch hier nochmals des wirklichen Inhalts der Frei- heitskriege zu gedenken. Wenn der Herr Hofprediger in einer geradezu parodistischeu Wendung den bösen Atheisten jede wirkliche Größe und jedes patriotische Verdienst absprach, so braucht solchen Scherzen gegenüber nur der Name Fichte genaimt zu werden. Wer wäre begeisterter für die Befreiung des preußischen Volkes und der deutschen Nation von der Fremdherrschaft eingetreten als Johann Gottlieb Fichte? Wer hätte glühenderen Enthusiasmus zu entfachen vermocht als Fichte in seinen Reden au die deutsche Nation? Und doch war Fichte erst im Jahre 1798 wegen seines„Atheismus" auf kursächsischcs Drängen von Sachsen-Weimar des Landes der- wiesen worden. Aber freilich, Fichte war nicht nur ein „Atheist", er tvar auch ein Demokrat, ein Jakobiner, der von den nationalen Befreiungskämpfen die Verwirklichung der Gleichheit alles dessen erwartete, was Menschenantlitz trägt. Dieser große Patriot war so wenig Chauvinist und By- zantiner, daß er im Jahre 1813 ganz ungeniert aussprach, daß es an sich ganz gleichgültig, sei, ob ein französischer Marschall oder ein deutscher aufgeblasener Edelmann über einen Teil von Deutschland geböte, wenn man nicht im Auge behalte, was Deutschland zu werden habe! Und Fichtes Geist lebte mehr oder weniger klar in allen denen, die heldenmütig das Schwert für die Befreiung vom napoleonischen Joche zogen. Wie diese Freiheitskäinpfer die Freiheit aufgefaßt, be- wiesen ja genugsam die schmachvollen V c r f 0 l- g u n g e n, in denen sich nach der Niederringung ihres ge- waltigen Gegners die Fürsten ergingen. Zwar tvar durch die Bundesakte für alle deutschen Stämme eine Verfassung verheißen worden! aber gar zu bald vergaßen gerade die großen Staaten, darunter auch Preußen, die Einlösung dieses Versprechens! Und als die bürgerliche Jugend durch aller- Hand Demonstrationen ihren Freiheitssinn bekundete, da waren es die Erekutivorgane der verbündeten Regierungen, die ein großes Kesseltreiben gegen alle freiheit» lichen Bestrebungen unternahmen, die Presse knebel- ten, die studentischen Organisationen auflösten, die so- genannten Demagogen— Männer wie Jahn— einsperrten und andere, wie Arndt, ihrer Stellung enthoben oder, wie G ö r r e s, über die Grenze trieben. Wie wenig freilich diese schnöde Verfolgungssucht den Geist der Freiheit zu ersticken vermochte, bewies der Brand, der alsbald nach der Pariser Juli-Rcvolution im Jahre 1839 allenthalben in Deutschland wieder aufloderte. Und wiederum wußten die Fürsten der heiligen Allianz nicht wirksamer diesen verhaßten Geist zu be- kämpfen, als durch neue Deniagogenverfol- g u n g en, durch neue Maßregelungen von U u i V e r s i t ä t s- Professoren, durch neue P r e ß s ch i k a n e n. Die Antwort dafür wurde ihnen dann im Jahre 1848 zuteil. Und selbst als durch die Schwachmütigkeit des Phrasen- gläubigen Bürgertums die brutal wortbrüchige Reaktion wieder Oberwasser erhielt und das Volk erst recht mit Skor- pionen züchtigte, loderte von neuem der freiheitliche Geist des Bürgertums auf in jenen Verfassungskämpfen der sechziger Jahre, deren wir in unserer Sonntagsnummer gedachten. Erst nach der wirtschaftlichen und politischen Einigung Teutschlands, erst nach der Pazifizierung der Bourgeoisie durch die klingenden Vorteile unbeschränkter Profitmach erei erlosch der frei- heitliche Geist des Bürgertums. Wieder hat sich heute, wie im Jahre 1815, eine„Heilige Allianz" zusammengefunden. Wie damals die Monarchen Rußlands, Oesterreichs und Preußens beschlossen, daß das„Gesetz des Christentums als das höchste Gesetz des Völkerlebens gelten und„die Fürsten als Familienväter ihre Untertanen in demselben brüderlichen Geiste zu leiten" hätten, so ist h e u t e eine neueHeilige Allianz erstanden. Nicht nur zwischen den einzelnen ge- krönten Häuptern, sondern zwischen Fürsten und I u n- kern auf der einen und den Geldsacknutz- nießern der liberalen Bourgeoisie auf der anderenSeite. Die fromme Wallfahrt nach der Nikolai- kirche am 10. März 1913 ist ein historisches Seitenstück zu jener absolutistischen Komödie, die im Jahre 1815 stattfand! Aber das Volk läßt sich heute so wenig wie damals durch eine Heilige Allianz gängeln und knebeln. Es weiß, daß auf- dringlich zur Schau getragene Frömmigkeit seit jeher das Mittel war. um die Massen zu übertölpeln. Das Volk hält es mit dem wahren Patriotismus eines Fichte. Mit Fichte sagt es:„Die Menschheit zerfällt in zwei Grund- stämme: die Eigentümer und die N i ch t e i g e n- t ü in e r. Tie e r st e r e n sind nicht der S t a a t." Das Volk hat wohl erkannt, welche Juteressensolidarität heute die dem wahrhaft demokratischen, l i che n und k a in p f f r e u d i g e n Geiste, Zeit von 1813 beseelte! Volkstum- der die große des Fall war. Die Verantwortung für all diese unsäg lichen Rückständigkeiteu. für die schmachvolle Ver- schleudern n gdcsk u lt 11 rellenuudpolitischen 'Erbes der Freiheitskämpfe und der großen Freiheitskämpicr der Nation trägt cb-eu einzig und allein unsere besitzende Klasse, unser Bürger« Aber das Volk weiß, daß die Besitzenden k e i n R e ch t haben, sich selbst für die T r ä g c r des S t a a t c s auszugeben. Das Volk ist vielmehr, das haben die Massen erkannt, der eigent- liche Inbegriff des Staates. Das Volk aber ist heute noch so rechtlos wie die Bourgeoisie im Jahre 1813. Wenn es daher der damaligen Freiheitskämpfe gedenkt, so nicht in tum. das sich des lieben Mammons wegen jeder»jenem krüppelhaften Sinn unseres Liberalismus, sondern in ver Balhanftrieg. Langsam vorwärts. Die„Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die diplomatische Arbeit zur Beendigung B a I k a n k r i e g c s hat auch in der letzten Woche nicht geruht. Bei den Balkanregierungen ist die Frage wegen An- nähme der Vcrmittelung der Großmächte für den Friedens- schluß amtlich gestellt worden. Die Antwort darauf steht noch aus. Nach vorläufigen Andeutungen darf erwartet werden, daß die Erwiderung der Balkanstaaten den Mächten die Fortsetzung ihrer vermittelnden Bemühungen nicht erschweren wird. Die gütliche Beilegung des b u l g a r i s ch-rumänischcn Streites ist so weit gefördert, daß eine in St. Petersburg zusammentretende Versammlung der dortigen Botschafter der Großmächte unter dem Vorsitz des russischen Ministers des Aeußern Ssasonow zur Vcrmittelung in dieser Frage bc- rufen wird. In der albanischen Frage geht die Behebung der österreichisch- russischen Schwierigkeiten langsam vor- w ä r t s j ein Rückschlag ist nicht eingetreten. Die Friedeusverhaudluiigeii. Konstailtinopel, 9. März. Die Pforte hat noch keine offizielle Benachrichtigung wegen der Antwort der Verbündeten auf den Mcdiationsvorschlag der Mächte erhalten. Die Meldungen, daß der Ministerrat beschlossen habe, den Krieg bis zum äußersten fortzusetzen, werden von offiziöser Seite dementiert. Jedoch wird dazu bemerkt, daß der Ab- schluß des Friedens schwierig sein würde, wenn die Be- dingungeu der Verbündeten derart sind, wie es die Zeitungen verbreiten, vor allen Dingen, weil die Pforte sich niemals zur Zahlung einer Kriegsentschädigung verstehen würde. Nach Gerüchten aus jungtürkischen Kreisen scheint es, daß seit zwei Tagen die Stimmung wieder unversöhnlicher geworden ist, selbst hinsichtlich territorialer Abtretungen. Wie verlautet, sollen der Generalissimus Jzzet Pascha und der Generalstabschef Hadi Pascha abberufen werden. Der Nachfolger Jzzet Paschas ist noch nicht ernannt. Die euglischc Thronrede über die Friedensaussichten. London, 10. März. In der Thronrede, mit der das Par- lament heute eröffnet wurde, heißt es:„Alle Mächte wünschen ernstlich, daß eine Ausbreitung des Krieges verhindert und der Krieg sobald als möglich beendet wird. Meine Regierung ist mit den anderen Mächten einig in dem Bestreben, die Gemeinsamkeit der Ansichten und des Vor- gehens zu wahren und in allen Punkten, über welche zwischen einigen von ihnen Differenzen entstehen könnten, eine Verständigung zu schaffen. In dieser Hinsicht ist in hohem Maße ein Erfolg erzielt worden, lieber Fragen von höchster Wichtigkeit ist im Prinzip eine Verständi- guug erreicht worden. Wenn auch über einige Punkte n 0 ch immer Besprechungen stattfinden, so hoffe ich doch, daß die Beratungen unter den Mächten nicht nur dazu führen werden, daß die Mächte untereinander zu vollständigem Ein- vernehmen kommen, sondern daß sie auch einen wohltätigen Einfluß ausüben werden, das Ende des Krieges zu b c s ch l e u u-i g e n. Meine Regierung wird fortfahren, mit den anderen Mächten in dem ernsten Wunsche zusammenzu- wirken, Europa den Frieden zu sichern." Eine Erklärung Asquiths. London, 10. März. Unterhaus. Premierminister Asquith ergriff auf eine Anfrage Bonar Law» das Wort und sagte mit Bezug auf die auswärtigen Angelegenheiten: Ich freue mich, fest- stellen zu können, daß durch die Beratschlagungen der Botschafter über zwei der wichtigsten Punkte eine Verständigung erzielt worden ist: die Frage des ad riatischen Küstengebiets und e i n es Zugangs w i�: t schaftlicher?l r t zur K ü st e ff ü r Serbien kann als g e r e g.e l t betrachtet werden, während hinsichtlich Albaniens die Mächte sich einstimmig für ein autonomes Albanien unter europäischer Garantie erklärt haben, lieber einen oder zwei Punkte, die keine Lebensfragen dar- stellen, ist noch ein Uebereinkommen notwendig, um z.u einer voll- ständigen Verständigung zu gelangen. Die diplomaiischcu Gruppierungen der Mächte blieben unverändert, doch nehmen die Beziehungen zwischen den Gruppen an Herzlichkeit zu. Asguith fügte hinzu: Wir haben in einmütigem Wunsche mit Deutschland zusammengewirkt. Ocfterrcich und Rußland. Wie«, 10. März. Zur internationalen Situation schreibt das„Neue Wiener Tageblatt": In bezug auf die A b r ü st u n g s f r a g c wird von informierter Seite bemerkt, daß die Reduktion der Truppcnsiändc au der österreichisch-russischen Grenze mit etwaigen Ostcrurlaubeu nichts zu tun hat. Die Reduktion wird erfolgen, sobald die Voraussetzungcu dazu vorhanden sein werden, worüber die Verhandlungen noch im Zuge sind. In der albanesischen Abgrcnzuugsfrage konnte leider noch in mehreren Punkten eine Einigung wicht erzielt wcrdem Es wäre jedoch unrichtig, daraus fite Folgerung abzuleiten, daß eine Annäherung in dieser Frage bisher überhaupt nicht zu konstatieren sei. Tie Nachrichten von serbischen Truppensendungen nach Albanien werden jetzt von allen Seiten bestätigt und auch in Belgrader offiziellen Kreisen gar nicht in Abrede gestellt. Ei« bulgarischer Erfolg. Wie», 10. März. Wie die Blätter aus Sofia melden, wurden die Befestigungen von Adrianopel gestern den ganzen Tag über heftig bombardiert. Die Bulgaren be- mächtigtcn sich nach mörderischem Kampfe desForts Hei tan T o r l a, wobei ihnen 400 türkische Soldaten und 20 Offiziere als Gefangene in die Hände fielen. Ter Versuch der Türken, das Fort tviederzucrobcrn, mißlang. Blatzrer Patriotismus! Herr Oberst a. D. G ä d k e sendet uns folgende Zuschrift, die wir um ihres interessanten Inhalts willen gerne wiedergeben, ohne un? mit allen Einzelheiten zu identifizieren: Es ist schon wiederholt darauf hingewiesen, daß ein erheblicher Teil der„Patriotcn'-Blättcr recht kurz zu treten beginnt, seitdem bekannt geworden ist, daß die cinnialigen Kosten der neuen Heeres- Vorlage durch eine Auflage auf das Vermögen gedeckt werden sollen. Aber auch in anderer Beziehung zeigt sich die Opferbereit schaft der Klassen, von denen die Epidemie des Wettrüsten S besonders getragen wird, in merkwürdigem Lichte. Hat auch nur ein Blatt der bürgerlichen Presse bisher daS Verlangen gestellt, daß das wenig ehrenvolle Vorrecht der vermögenden Klassen, nur ein Jahr dienen zu- brauchen, in diesem Augenblicke aufgegeben werden niüßtc, wo die allgemeine Wehrpflicht so gewaltig und bis in ihre letzten Konsequenzen ausgedehnt werden soll? Ist es nicht schand- bar, daß der wohlhabendste Teil des Volkes sich immer noch von der Pflicht drücken will, die dem ärmsten und dem schwächlichsten unserer Mitbürger auferlegt wird? Alle nur e i n Jahr oder alle zwei Jahre: das sollte doch jetzt die Losung sein! Muß man unseren Staatsstützen wirtlich erst die Franzosen als leuchten- des Beispiel für den Grundsatz hinstellen, den sie so gerne mit den Lippen bekennen:„noblesee oblige"? Man mag über das Weit- rüsten denken wie man will— aber, indem die Franzosen sich jetzt anschicken, unseren erneuten Anlauf sofort wieder nachzumachen, sparen sie wenigstens nicht mit dem Blut und der Hingebung der bcstgestcllten Familien ihres Volkes. Sie haben das Anstand». gcsühl, jedem ohne Ausnahme die gleiche Verpflichtung aufzu- erlegen. Ilud zwar muß bei ihnen jeder dieser Muttersöhnchen gleich volle drei Jahre dienen, bei uns würde es sich doch immer nur nm zwei Jahre handeln. Unsere„Herrenklasse" bleibt also dem französischen Gesetz gegenüber auch dann noch um ein volles Jahr im Rückstände. Run läßt sich nicht leugnen, daß das fran- zösiidje Verfahren einen gewaltigen militärischen Vorteil uns gegenüber bedeutet; es gibt dem Heere Frankreichs trefflich aus- gebildete Unteroffiziere und besonders vorzügliche Offiziere der Reserve; ohne Zweifel besser vorgebildete, als uns zur Verfügung stehen. Einen guten Stamm sowohl für die bei den Fahnen stehende Truppe, wie für die Reserveformationen, ohne die es nun doch ein- mal nicht geht; wie schmerzlich das auch den Anhängern des Bc- rufshccreS sein mag. Ich niuß auch hier wieder darauf aufmerk- sain machen, daß das französische Fricdensheer noch nicht halb so- viel Berufsunteroffiziere zählt als das deutsche. Man sage auch nicht, daß unsere Reserveoffiziere durch zahlreiche Ucbungen die kürzere- Dienstzeit wieder wettmachen. Auch in Frankreich der- sangt man von ihnen drei überzählige Uebungen. Ein vielleicht noch verbleibendes Mehr bei uns würde noch nicht einmal daS dritte Ticnstjahr der gebildeten französischen Jugend ausgleichen, geschweige denn das zweite, das ich von unseren reichen Klassen nur verlange. Wird sich wirklich niemand im Reichstage finden, der einen entsprechenden Antrag stellt? Soll es wirklich heißen: auf anderer Leute Kosten bewilligen sie alles mit Hurragcschrci, aber zu persön- lichcn Opfern sind sie nimmer bereit? Bei dieser Gelegenheit will ich auf eine andere Verschärfung de? französischen Wehrgcsctzcs hinweisen: die Verlängerung der Dienstzeit um drei Jahre. Bisher tröstete man sich bei uns mit dem Gedanken, daß die Franzosen wobl ihr Friedensheer verstärken, aber für den Krieg nicht einen Mann gewinnen würden. Auch'diese Hoffnung ist zunichte geworden. Bei den Fahnen und in der Reserve hat man dort drüben in Zukunft U Jahrgänge, bei uns in Linie, in Reserve und in Landwehr ersten Aufgebots nur 12. Damit wird unsere Mehreinstcllung zum großen Teil wieder ausgeglichen. Ganz abgesehen davon, daß sich nun auch im deutschen Heere zahlreiche Mannschaften befinden werden, die sich nur zu Hilfsdiensten eignen, mit der Waffe aber nicht ausge- bildet werden können. Man hat unsere Hecresvorlage mit der Veränderung der poli- tischen Lage im Südosten begründen wollen; wenn nun aber Frank- reich und Rußland sofort ähnliche Verstärkungen vornehmen, wo bleibt dann der Vorteil für unS? WaS ändert sich militärisch in unserem gegenseitigen Verhältnis? Man kann den inneren Widersinn dieses Wettrüstens nicht besser aä»hzurckuin führen, als durch diese Frage. Andere wieder trösten sich und uns mit der harmlosen Versicherung, daß man nun nur die jüngsten Jahrgänge der Reserve und der Landwehr ersten Aufgebots sofort vor den Feind führen brauche. Wer auf diesen Schwindel reinfällt, ver- dient, daß man ihm eine Prämie auf seine Dummheit gebe. Dann würde ja der numerische Vorsprung, den man bei unS anstrebt, ganz verschwinden, und nur die riesige Mehrbelastung im Frieden bleiben. Nein, auf dem ausgefahrenen Wege, auf dem man es bei unS versucht, wird die Sache nicht zu einem gedeihlichen Ende geführt werden können._ politische CleberHcbt. Berlin, den 10. März 1913. Molochs Jubiläumsgeschenk. Ter„BerlinerLokalanzeiger" kann auf Grund besonderer Informationell den Inhalt der neuen Militär- Vorlage mitteilen. Tiefe halbamtliche Verösscntlichuilg über- trifft die schlimmsten Befürchtungen. Sie besagt; »Die gesamte Vermehrung wird 68000 Köpfe jährlich betragen, innerhalb zweier Jahre 4V00 Offiziere, 15000 Unteroffiziere und 117000 Mann, was ungefähr 1,018 Proz. der Bevölkerung gleichkommt.— Aus diesen Mann- schaftcn werden zunächst einmal die 1 8 Regimenter, die nur zwei Bataillone haben, ihr drittes Bataillon erhalten; außer- dem werden durchweg die K o m p a g n i e n v e r st ä r k t werden, diejenigen der G re n z k o r p s sollen sogar auf einen höhe. r e n E t a t gebracht werden. Neue Jnfantcrieregimenter werden nicht gebildet, wohl aber werden die übrigen Truppengattungen peue Kontingente erhalten. So bestätigt cS fich, daß sechs neue Kavallerieregimenter werden angefordert werden, die in der Hauptsache den Grenz- korpS zugeteilt werden sollen. Ein Blick in daS Buch über die Armeeeinteilung belehrt uns, daß die neue Vorlage auch dem VIII. Korps ein Kavallerieregiment bringen dürfte.— Den dringenden Wünschen, unserer Fcldartillerie die nötige Bespannung zu geben, wird auch nachgegeben werden: fast 30000 Pferde werden verlangt, so daß künftig jede Batterie auch zu Friedens- Übungen schon mit sechs Geschützen und einigen Muni- tionSwagcn ausrücken kann. Dem Verlangen, dauernd Kavallcriedivisioncn zu formieren, hat man nicht nachgeben kön- neu, man begnügt sich mit der Forderung des Kommandeurs, seines Adjutanten und Generalstabsoffiziers. Auch ist eine Vermehrung der Uebungen von Kavalleriedivisionen in Aussicht genommen.— Wir haben schon neulich erwähnt, daß die neuen Rüstungen unter dem Gesichtswinkel eines starken Grenzschutzes im Osten vorgenommen werden— ein Teil der einmaligen Ausgaben wird bekanntlich zur Verstärkung unserer Festungen verwendet—; dementsprechend müssen unsere Festungsanlagen auch mit aus- reichender schwerer Artillerie versehen werden. Die Vor- läge sieht die Bildung eines halben Dutzend neuer Fußartilleriebataillone vor, denen auch selbständige Maschinengewehrabteilungen zugeteilt werden sollen. Man wird in der Annahme nicht fehl- gehen, daß für die schwere Artillerie des Feldheeres eben- falls eine VermehrungderBöspannungSabtcilun- gen vorgesehen ist. Die Zahl der Schein werfcrkompagnien, die die Vorlage bringt, wird ebenfalls erheblich sein, auch die Lücken unseres Trains werden durch Aufstellung mehrerer neuer Formationen ausgefüllt werden. Selbstverständlich mutz mit all diesem auch eine Weitcrc Vermehrung der tcchni- schen Truppen Hand in Hand gehen. Heliograph und Funkentclegraphie nehmen jetzt so viel Kräfte in Anspruch, daß mit den bestehenden fünf Telegraphenbataillonen längst nicht mehr auszukommen ist, diese sollen fast ver- doppelt werden, während das Pionierwesen auch um ein halbes Dutzend neuer Kompagnien vermehrt werden soll." Das ist aber noch nicht alles. Ter„Lokalanzeiger" führt nämlich noch weiter ans: „Nebenher muß natürlich auch das Unterrichtswesen seine Ergänzung finden; sämtliche militärischen Unterrichts- anstalten werden vermehrt werden. Um schon rechtzeitig die nötigen Offiziersstellen besetzen zu können, wird eine Be- schleunigung der Ausbildung der Kadetten und Fähnriche eintreten. Alles in allem kann man sagen, daß die Offiziere mit einem starken Avanccmentsschub rechnen können, denn um nicht im Kriegsfälle die Befehls- Verhältnisse in der aktiven Truppe zu zerreißen, werden eine Reihe höherer Offiziers st ellcn für die Reserveforma- tionen jetzt schon gefordert werden. Daneben hält man selbst- verständlich an der Forderung erheblicher Mittel für Zwecke der Luftflotte fest." Treffen diese Angaben des Scherlblattes zu, und es ist leider nur zu wahrscheinlich, daß der Rüstungswahnwitz mit diesen maßlosen Forderungen kommen wird, so wird dein deutschen Volke eine Militärvorlage präsentiert, wie sie in olchem Umfange noch nimnals dagewesen ist. Bei der Militärvorlage vom Jahre 1912 wurde die Mannschaftsstärke der einzelnen Kompagnien etwas herab- gesetzt, und nachdem nun die neuen Formationen aufgestellt itnd, wird diese Mannjchaftsstärke wieder auf ihren alten Stand gebracht und darüber hinaus werdeil die im Osten lohenden Kompagnien noch ganz erheblich verstärkt. Tie Verstärkung der Luftflotte wird damit begründet, daß bei der heutigen Kriegstechnik die Kavallerie nicht mehr allen Auf- gaben genügen kann und im gleichen Moment tritt eine Vermehrung der Kavallerie ein. Tie Vermehrung der Anzahl der Pferde von 133 000 auf 103 000 wird zweifellos von den Agrariern mit hellein Jubel begrüßt werden. Die finanzielle Wirkung dieser Vorlage, so wie sie in einigen Jahren sich gestalten wird, läßt sich heute noch nicht annähernd übersehen. Es darf jetzt schon gesagt werden, daß die dauernden Ausgaben auf erheblich höher als 2 20 Millionen Mark im Jahre beziffert werden müsseil. Tie neue Militärvorlage richtet ihre Spitze nicht nur gegen Frankreich, sondern mehr noch gegen Rußland. Und das ist deshalb um so ausfallender, als im vorigen Jahre nach der Entrevue in Baltischport die offiziöse Presse hoch und heilig versicherte, daß wir nunmehr mit Rußland in ein besseres Verhältnis gekommen sind. Ueber die Begründung für die Notwendigkeit dieses starken Grenzschutzes im Osten ist gegenwärtig noch nichts bekannt, die Militärverwaltung ist aber um Gründe, die bei ihr billiger sind als Broinbeeren, nie verlegen. Teckungssorgcn. Die»Frankfurter Zeitung" meldet in einem Privat- Telegramm, daß in einer am Sonntag abgehaltenen Sitzung des preußischen Staatsmini st eriums die Eni- scheidung wider Erwarten nicht für die Erbschafts- st e u e r, als deren Gegner der Finanzminister L e n tz e be- zeichnet wird, sondern für die Vermögenszuwachs- st e u e r gefallen sein soll. Demnach würde also in der Besprechung der leitende Minister der Bundesstaaten über die Deckung der laufenden Ausgaben der Heeresvorlage Preußen als Besitzsteuer die Vermögenszuwachssteuer vorschlagen, in welche, soviel man weiß, die Besteuerung der Erbschaften ein- gearbeitet ist. Am Montag hat in Berlin die Konferenz der I i n a n z m i n i st e r begonnen, an der neben den: Reichs- kanzler auch der Kriegsminister teilnimmt. Wie die„Tägliche Rundschau" erfährt, besteht man in konservativen Kreisen darauf, daß zu der mmaligen Abgabe die großen Einkomnien noch besonders herangezogen werden sollen. Eine erhebliche Minderheit im Bundesrat ist gegen die vom Reichskanzler unterstützte Vermögenszuwachs st euer. Für die E r b a n f a l l st e u e r ist zwar im Bundesrat eine Mehr- h e i t vorhanden, doch befurchtet nian, damit im Reichstag nicht durchzudringen, weshalb vermutlich auf den Vor- schlag deS Grasen Schwerin- Läwitz, dein Reich die Stcmpclabgabcn der Einzelstaaten zu überlassen, zurückgegriffen werden wird. Die einmalige Abgabe soll auf mehrere Jahre verteilt werden, obwohl die Befürchtung besteht, daß diese Abgabe, wenn die Raten zu klein beziffert werden, zu einer dauernden werden könnte. Gemeine Hetze. Unter dem Titel»Der Störenfried" veröffentlicht die»Kölnische Zeitung' einen Artikel, worin sie erklärt, eS werde der deutschen Regierung nicht schwer fallen, die Notwendigkeit der neuen Wehr» Vorlage zu begründen,. wenn sie nur klar und deutlich und ohne Verschleierung auf die Seite hinweise» wolle, von der uns Gefahr drohe, auf der sie auch alle Welt empfindet: auf Frankreich. DaS Blatt sagt, wir unterschätzen die Momente nicht, die aus der Neuordnung am Balkan erstehen, aber wenn man Opfer fordert wie eS jetzt geschieht, so müsse der Finger deutlich dahin zeige», von wo uns die nächste Gefahr droht. DaS ist Frankreich. Nie ist das Verhältnis zu unserem West- lichen Nachbar so gespannt gewesen wie heute, nie hat sich dort der Nachegedanke so unverhüllt gezeigt und nie ist es so offenbar geworden, daß man in Frankreich die russische Bundeshilfe, die englische Freundschaft nur zu dem Zweck beansprucht, Elsaß-Lothringcn zurückzuerobern. An welcher Ecke daher auch die Welt Feuer fangen mag, wir, das ist ganz sicher, werden mit den Franzosen die Klinge zu kreuzen haben. Wann daS geschehen wird, kann niemand wissen. DaS ist eine abscheuliche und verlogene Hetze. Das gemeinsame Manifest der deutschen und französischen Sozialdemo- kratie hat bewiesen, daß die arbeitenden Massen in Frankreich wie in Deutschland in gleicher Weise den Krieg verabscheuen und sich als Brüder und Genossen fühlen. Die kapitalistische Presse beider Länder, die Nutznießer des Chauvinismus und die Beauf- tragteil des Panzerplattenpatriotismus suchen jetzt fieilich jenes Fieber zu entzünden, in dem die wahnwitzigen Molochforderungen von den Parlamenten besinnungs- und kritiklos angenommen werden, jenes Fieber, in dem vielleicht, wenn nötig, Hurrawahlen staltfinden könnten. Doch das frivole Spiel wird diesmal nicht gelingen, dazu sind die Massen hüben und drüben denn doch schon nicht mehr urteilslos genug. Die»Köln. Ztg." möge sich übrigens an ihre offiziösen Dar- legungen während der Balkankrise erinnern, worin erklärt wurde, daß Deutschland und Frankreich zur Erhaltung des Friedens erfolg- reich zusammenarbeiten. Während dieser Krise war Frankreichs Politik durchaus friedensfreundlich wie übrigens der ökonomischen Slruktur des ReiitnerstaateS entsprechend schon längst. Wenn jetzt die chauvinistischen Strömungen stärker geworden, die Stimmen der Boulevardpresse wieder schriller tönen, ist daran die deutsche Politik wirklich unschuldig? War vielleicht der Streich von Agadir ein Meisterstück einer VersöhnungS- und Be- ruhigungspoliti!? Und gar erst die neue ungeheuerliche RüstungS« Vermehrung I Daß diese auf die internationalen Beziehungen störend und die Unruhe mehrend einwirkt, ist schließlich nicht nn- begreiflich. Und daß diese Unruhe von den Chauvinisten hüben und drüben zu ihrer Hetze ausgenützt werden wird, hat jeder voraus« sehen können. Aber gerade weil dem so ist, müssen all diese Versuche in beiden Ländern mit gleicher Schärfe von der Partei der Internationale als Verbrechen gebrandmarkt und mit aller Energie vereitelt werden. Die Massen in Frankreich und Deutschland wollen nicht die Klinge kreuzen, sie wollen gemeinsam bekämpfen den gemeinsamen Feind: den mörderischen und völkerverhetzenden Kapitalismus! Tie Hausagraricr und das preußische Wohnungsgesetz. Die preußischen HauS- und Grundbesitzervereins hielten am Sonntag im Bürgersaale deS Berliner RalhauseS ihren 16. Landes- verbandStag ab. Auk der Tagesordnung stand der preußische Wohnungsgesetzentwurf, der einer vernichtenden Kritik unterzogen wurde, da er die Interessen der Hausagrarier gefährdet. Der Präsident d»S Vereins zum Schutze des deutschen Grundbesitzes und RealtreditS Dr. vanderBorght betonte in seinem einleitenden Referat, die Begründung deS Entwurfes sei einseitig, folge den bodenreförmerischen Lehren und eigne sich deren Schlagworte an. D:n tatsächlichen Verhältnissen werde der Entwurf in keiner Weise gerecht. Auch der Generalredner Justizrat Dr. Baumert wandte sich gegen den Entwurf und gegen die Bodenreformer. Die an- wesenden Regierungsvcrtreter werden von den Ausführungen nicht erbaut gewesen sein, trotz der hurrapalriotischen Stimmung, in welcher derselbe Herr Baumert den VerbandStag eröffnete, wobei er die Bereitwilligkeit der preußischen Hausbesitzer zum Ausdruck brachte, Opfer zu briiigen für ein starkes Heer und eine Flotte. Kaiserhoch und Huldigungstelegramme fehlten natürlich nicht. Nationalliberal-forischrittliches Landtagswahlabkommcu« Zwischen Nationalliberalen und Fortschrittlern ist in Kur- he sse u folgendes Abkommen, und zwar sür die UrWahlen und die Abgeordnetenwahleii, abgeschlossen worden: t. Unter völliger Wahrung der parteipolitischen Selbständigkeit und in gegenseitiger Anerkennung der programmatischen Untersckiiede soll in jedem LandtagSwahlkreisc im Interesse des Gesamt- liberalisinus nur ein l i b e r a l c r�Kaud id a t ausgestellt werden. 2. Die F o r t s ch r i t t l i ch�e� Volkspartei stellt die Kandidaten in den Wahlkreisen Kassel-Land-Witzenhausen und in der Grafschaft Schaumbura; die Na t i ona l�l i b e r a l e Partei in den Wahl- kreisen Kassel-Stadt, Eschwege-Schmalkalden. HerSfeld-Rotenburg. Fritzlar-Meliungen, HofgeiSmar-Wolfhagen, Gelnhausen-Schlüchter» und Homberg-Ziegenbain. 3. Die übrigen Wahlkreise Kirchhain, Marburg. Hünfeld, Fulda und Hanau werden durch das Abkommen nicht berührt. 4. In der Aufstellung der Kandidaten behält jede Partei freie Hand._ Besatzungsverluste auf Kriegsschiffeu. Das jüngste Unglück in der deutschen Kriegsmarine lenkt wieder den Blick darauf, daß fast regelmäßig bei Schiffsunter- gänaen die Verluste an Menschenleben auf Kriegsschiffen diel stärker sind als auf Handelsschiffen. Wehrfach schon wurde von unseren Genossen im Reichstage darauf hingewiesen, daß in der deutschen Marine eine unverhältnismäßig hohe Zahl von Men. schenlebcn verloren geht. Wir erinnern an den Untergang deS Panzerschiffes„Großer Kurfürst", bei dem 269 Menschenleben ver- nichtet wurden; dann an den Verlust der Korvette„Augusta" mit 223 Mann Besatzung. Mit den im Jahre 1889 im Hafen von Apia verloren gegangenen Kreuzern„Adler" und„Eber" war ein Ver- lust von 93 Menschenleben zu verzeichnen, und mit dem Kanonen- boot„Iltis", das in den chinesischen Gewässern versank, fanden 70 Mann der Besatzung den Tod. Bon den Unglücksfällen der neueren Zeit ist der Untergang des Schulschiffs„Gneisenau" im Jahre 1900, bei dem 11 Matrosen und Offiziere ihr Leben ein» büßten, und der Zusammenstoß des Torpedoboots„S 126" mit dem Kreuzer„Undine" im Jahre 1906 zu erwähnen, bei welchem das Torpedoboot unterging und 30 Mann der Besatzung mit in die Tiefe riß. Solche Verluste bedeuten einen recht hohen Prozentsatz im Vergleich zu den Verlusten der Handelsmarine. Im Hinblick auf das jüngste Unglück in der deutschen Marine muß erneut gefordert werden, daß von der Marineuerwaltung alles geschieht, was geschehe» kann, um die Besatzung sinkender Schisse»u retten.__ Ter WahlrechtSkampf in Anhalt. Im anhaltifcben Landtag fand die erste Lesunjj der Wahlrechts« Vorlage Patt. Ter StaatSminister Leu« verteidigte mit große« Pathos den RegiemngZentwurf. Mit besonderem Rachdruck betonte er, daß durch das privilegierte Mandat der Arbeitskam m e r n (die bekanntlich noch gar nicht existieren) die Möglichkeit geschaffen sei, daß ein wirklicher Arbeitervertreter in den Landlag einziehe. Die Sozialdemokratie habe bisher nicht Arbeiter, sondern nur Parteiführer geschickt.— Der Agrarier v. Krosigk wünschte die Beibehaltung der indirekten Wahl auf dem Lande. Ferner suchte er noch ein privilegiertes Mandat für die Landwirtschaftskammer herauszuschlagen. Da die Agrarier mit den sich nationalliberal nennenden Freikonservativen die Mehrheit im Landtage haben, ist es nicht ausgeschlossen, daß die direkte Wahl auf dem Lande fällt.— Geradezu begeistert von der Re- gierungsvorlage war der nationalliberale Führer Dr. Leonhardt. Er bezeichnete den Wahlgesetzentwurf als einen Schatz, den man hüten und bewahren müsse!— Nicht sehr glücklich operierte der Freisinns- führer Dr. Cohn, der den Konservativen die Porlage dadurch zu verekeln suchte, daß er eine nationalliberale Mehrheit und ein überaus starkes Anwachsen der freisinnigen und sozialdemokratischen Mandate prophezeite. Diese Taktik wird vielmehr dazu beitragen, daß die Vorlage noch verschlechtert wird. Der einzige Vertreter der Sozialdemokratie, Genoffe Voigt, lehnte die Vorlage rundweg ab. Der Regierungsentwurf wurde an eine Isgliedrige Kommission verwiesen._ Das franzönrcbe Volk und die dreijährige Dienstzeit. Paris, 9. März.(Eig. Ber.) Wenn man die natio- nalistische und imperialistische Presse liest, möchte man glauben, die ganze Nation in allen ihren Schichten sei Feuer und Flamme für die Verlängerung der Dienstzeit. Da finden»vir „Enqueten", die von der Begeisterung oder doch von heroischer Resignation Zeugnis geben, Resolutionen von Kriegervereinen und Turnern und ganz besonders von Gymnasiasten. In Wirklichkeit ist's mit der Begeisterung doch nicht so weit her, mag man auch eine gewisse Erregung der durch die Hetzpresse irregeführten Bevölkerung zugeben. Die„objektiven" Enqueten des„Temps" sind schon zum Teil als phantastische Erfindungen und Entstellungen demaskiert. Bei den Bourgeoisspröhlingen in den Mittelschulen hat begreiflicherweise die chauvinistische Mache mehr Erfolg, indes sind die Abstimmungen, die da zum Teil von Professoren und Direktoren der- anstaltet werden, nicht eben unangreifbare Kundgebungen der wirklichen Gesinnung. Richtig ist, daß die Meldungen zum .freiwilligen" Dreijahrdienst in den letzten Tagen sehr zugenommen haben. Das kommt aber einfach daher, daß ein großer Teil der Stellungspflichtigen nach den Dar- stellungen der Patriotenprcsse, die das dritte Dienstjahr als unabwendbar und vom Parlament schon so gut wie be- schlössen bezeichnet, es für praktischer hält, sich freiwillig zu engagieren und sich so wenigstens die materiellen Vor- teile zu sichern, die das Engagement mit sich bringt. Der „Matin" selbst schreibt heute:„Viele junge Leute beeilen sich, so lange es noch Zeit ist, die Vorteile des Gesetzes von 1995 und den doppelten Sold zu erlangen, den er für das letzte Dienstjahr gewährt." Nun, für patriotischen Enthusiasmus ist da etwas zu viel Buchhaltung. Auf der anderen Seite kann man schon von sehr ansehn- lichen Kundgebungen gegen die Reform berichten. Gestern abend wurden die gegen sie gerichteten Erklärungen der Redner in einer Wählerversammlung des Gemeinderatskandidaten M i ch a u d in Grenelle stürmisch applaudiert. Geradezu gewaltig aber war die Manifestation im 12. Arrondissement, wo Deputierter Genosse Colly vor 4ü> der einzelnen Parteigenossen cnt- springen. Währe, ch eS 1006 nur wenige OrtSbildungSauSschüsse gegeben habe, hätten sie sich bis heute auf etwa 400 vermehrt; der KultuSctat der deutschen Arbeiterklasse betrage im verflossenen Jahre trotz der Wahl 647 139 M., so daß eine Million bald erreicht sein werde. Im Dienste der Bilduiigsorganisatwn als Mitglieder der Bildungsausschüsse ständen über 2000 Genossen. Zahlreiche Lehrkräfte wären ebenfalls vorhanden; etwa 10 Genossen würden als Wanderredncc vom Zentralbildungsausschuß durch ganz Deutschland entsandt, und eine große Zahl geigneter Kräfte der einzelnen Orte, Redakteure, Sekretäre u. a. nähmen sich der Bildunysarbeit am Wenn früher künstlerische Kräfte nur mit Mühe zu gewinnen gewesen seien, so sei heute ein Ueberangebot an Kräf- ten vorhanden, doch müsse sehr vorsichtig geprüft werden. Die Grundlage für die Organisation der Bildungsarbeit sei der örtliche Bildungsausschuß, der paritätisch aus Partei- und Gewerkschaftsmitgliedern zusammenzusetzen sei. Es sei eine wcsent- lichc Hilfe gewesen, daß 1011 der Gewerkschaftskongreß dieser pari- tätischen Zusammensetzung zugestimmt habe. Der örtliche Bildung»- ausschuß habe zunächst cm Programm mit Kostenanschlag aufzu- stellen und eS nach Genehmigung der beiden Instanzen selbständig durchzuführen. Zur Erleichterung der Bildungstätigkeit bcnach» barier Orte habe sich der KreiSbildungZausschutz hcrauSgebildek. Die praktische Arbeit habe aber auch über den Kreis hinausgewiesen zum Bezirksbildungsauschutz, der als Bindeglied zwischen dem Zentralbildungsausschuß und den einzelnen Orten die wichtigste Arbeit zu leisten habe. Es sei zweckmäßig, die Bezirke nicht mit Finanzfragcn zu belasten; sie könnten dann besser ihre vermittelnde Tätigkeit ausüben. Die Teilnehmer an den Veranstaltungen muß- ten aus pädagogischen Gründen durch geringe Ausgaben zu den Kosten beisteuern. Die Organisation der Bildungsarbeit sei lang« sam aus der Praxis heraus erwachsen, sie sei nichts künstlich Aus- gepfropftes, sondern ein wesentlicher, integrierender Bestandteil der Partei- und Gewerkschaftsbewegung. Der ZentralbildungSaus- schuß sei mit seiner Tätigkeit dem deutschen Parteitag verantwort- lieh. Bei künstlerischen Veranstaltungen seien in erster Lime heimische Kräste heranzuziehen, die der öffentlichen Kritik unter» stehen. Ucberall seien Zcntralbibliothekcn zu erstreben. � Tie Bibliotheksfrage werde auf einer der nächsten Konferenzen erörtert werden müssen. Ein Wegweiser für Bibliotheken werde vorbereitet. Für die praktischen Bedürfnisse der gesamten Bildungsarbeit würden von Fall zu Fall Mitteilungsblätter durch die Zentrale herausgegeben werden. An das Referat schloß sich eine lebhafte Debatte an, die eine Fülle von Anregungen zutage förderte und zugleich von der vollen Einmütigkeit der erschienenen Bezirke Deutschlands über die ernste Bedeutung der Bildungsarbeit Zeugnis ablegte. Von jüner Reihe von Rednern wurde die Finanzfrage der Bezirke erörtert und in der Mehrzahl zur Vermeidung von Schwierigkeiten die Nichtfinanzierung befürwortet, ohne daß ein Zwang dazu für alle Bezirke anerkannt wurde. Zur ersten Einführung kleiner Orte in die Bildungstätigkeit wurde die Veranstaltung von elmentar ge- haltencn Einzelvorträgcn wissenschaftlichen Charakters gewünscht. Ein Verzeichnis empfehlenswerter Künstler, das vielfach gewünscht wurde, will der Zentralausschuß in Aussicht nehmen. Warm wurde die schon in Vorbereitung befindliche Lichtbilderzentrale befürwortet. In der Regel soll ein belehrender, von dem Redner selbständig aus- gearbeiteter Vortrag dem Vorzeigen der Bilder vorangehen. Die Bilderserien werden von der Zentrale zum Selbstkostenpreis aus- gegeben werden. Von vielen Seiten wurde die Schaffung eines Bitdungsorgans gewünscht. Man erklärte sich aber vorläufig mit einem Mitteilungsblatt, das vorwiegend der Technik der Bildungs- arbeit dienen soll, einverstanden. Es wurde ferner die Wichtigkeit der Heranziehung der Arbeitersänger zu Veranstaltuinzen betont und ein Hinwirken auf eine Verschmelzung der kleinen Vereine zu großen Chören und auf den Anschluß aller Bereine an den Arbeiter- sängerbund empfohlen. Elternausschüsse zur Bildungsarbeit auch unter der schulpflichtigen Jugend, größere Wanderfahrten und Spielleiterkurse wurde befürwortet. Ueber die LustbarkeitSsteuer soll Material gesammelt werden. Begrüßt wurden Anregungen zur Veranstaltung von Museumsführungen und besondere Führun- gen und Vormittagsvorträge für Arbeitslose. Am Schluß der Debatte hob der Vertreter des Parteivorstandes, Genosse Scheide- m a n-n, das segensreiche Wirken der Bildungsarbeit, die Partei» arbeit im besten Sinne des Wortes sei, hervor; er wies auf daS volle Einvernehmen zwischen Zentralbildungsausschuß und Partei- vorstand hin, und stellte auch für die Zukunft die Bereitwilligkeit des Parteivorstandes, die wertvolle Bildungsarbeit zu unterstützen, in Aussicht. Bei Punkt 2, die wissenschaftlichen Wanderkurse, wies Genosse Schulz auf die organisatorische Entwickelung der Kurse hin, und gab verschiedene Neuerungen bekannt. So soll in Zukunft ein für alle Orte gleicher Pauschalpreis einzelner Kurse festgesetzt werden. � Die Wichtigkeit der statistischen Feststellungen durch die Personal» karten und Fragebogen wurde mehrfach betont. Im weiteren wurde von den Delegierten zum Ausdruck gebracht, daß die Besucherzahl nicht so hoch sein dürfe, daß es wichtig sei, einen Eintrittspreis für die Kurse zu fordern, daß für pünktlichen Ansang gesorgt wer- den müsse, daß ein Kursusabend mit Einschluß einer Pause nicht über zwei Stunden auszudehnen sei, daß Bier- und Tabaksgenuß während der Vorträge grundsätzlich nicht zuzulassen sei. Mit Rück» sich auf die gegenwärtigen Gedenkfeiern wurden historische Kurse, namentlich über die Zeit vor hundert Jahren, gewünscht. Ferner wurden naturwissenschaftliche Experimentalvorträge empfohlen. Die Beratung bei dritten Punktes, die Jugendschriften-AnS- stellungen, gab Anregungen zur Veranstaltung von Wanderaus» stellungen durch die Bezirke unter Mitwirkung der Parteibuchhänd« jungen. Mit einem anfeuernden Schlußworts beendet« der stell, vertretende Leiter der Konferenz, Genosse S e b a l d- Dresden, die ergebnisreichen Verhandlungen. Schiedsgericht. Am Sonnabend tagte in Göppingen unter dem Vorsitz des Genossen Müller- Berlin auf Antrag des Sozialdemokratischen Vereins Göppingen ein Schiedsgericht gegen den Gemeinderat Julius Brückner in Göppingen. Brückner hatte im Mai vorigen Jahres, nachdem Genosse Kinkel an Stelle des bisherigen Abgeordneten Lindemann von der Bezirkskonferenz für den Land» tagswahlkreis Göppingen zum Kandidaten proklamiert worden war, an den Plakatsäulen erst durch einen sachlichen Anschlag eine Ijr- abstimmung gefordert und, nachdem sich der Kreisvorstand und eine Göppinger Ortsvereinsversammlung hiergegen gewandt hatten, durch einen zweiten Anschlag die schärfsten Angriffe gegen die Mehrheit der Göppinger Genossen und den neuen Kandidaten ge- richtet. Den ersten Anschlag ließ Brückner plakatieren, nachdem die Expedition der„Freien Volkszeitung" den Text als Inserat nicht aufgenommen hatte. Brückner glaubte sich zu solchem Vor- gehen berechtigt, weil seiner Auffassung nach der Beschluß der Be- zirkskonferenz nicht ordnungsgemäß zustande gekommen sei. DaS Schiedsgericht war einstimmig der Meinung, daß Brückner trotzdem keine Anschläge an den Plakatsäulen machen durfte, sondern daß er sich an den Landcsvorstand wenden und auf dessen schnelles Ein» greifen dringen mußte. Das Schiedsgericht glaubte dem Genossen Brückner, daß sein Vorgehen gegen Kinkel nicht von unlauteren Motiven bestimmt war, und«daß er Kinkel für einen sachlich un, geeigneten Kandidaten hielt. DaS Schiedsgericht wies es ab, ein Urteil darüber zu fällen, ob das. was von den bürgerlichen� Ge- richten und der Verwaltungsbehörde in Sachen der Göppinger Ortskrankenkasse gegen Kinkel festgestellt wurde, richtig ist oder nicht. ES nahm an, daß Brückner an die Richtigkeit der von gegnerischer Seite gegen Kinkel aufgestellten Behauptungen bereits geglaubt habe, ehe darüber behördliche Feststellungen gemacht wurden. Das Schiedsgericht stellte fest, daß Brückner durch die beiden Anschläge an die Göppinger Plakatsäulen sich eines beharr- lichen Zuwiderhandelns gegen die Beschlüsse der Parteiorganisation schuldig gemacht habe. Wer an den öffentlichen Anschlagsäuleu polemische Erklärungen gegen die Partei, der er angehört, losläßt, liefert den Gegnern der Partei Waffen, und schädigt dadurch daS Interesse der Partei. Da Brückner durch die Angriffe in �einem zweiten Plakat die Grenze des innerhalb der Partei Zulässigen überschritten hat, erkannte das Schiedsgericht mit vier ge�en drei Stimmen auf Ausschluß des Genossen Bruckner aus der Partei. Tod eines Mitbegründers der belgischen Arbeiterpartei. Aus Brüssel wird uuS vom 0. März gemeldet: Heute nach- mittag fand im Brüsseler Vorort Jxelles das Leichenbegängnis eines alten ergebenen Parteimitgliedes und Mitbegründers der belgische» Arbeiterpartei statt. Guillaume Brasseur, Mechaniker von Beruf, gehörte schon dem alten Verband der Internationale an und war mit Hector Denis, Cesar de Pacpc, Brismce u. a. mit an der Wiege der belgischen Arbeiterbewegung. Brasseur war auch mit besonderem Eifer für seine Berufsorganisation tätig und ge- hörte bis zum Jahre 1007 dem Gemeinderat von Jxelles an, wo ex aus Altersgründen zurücktrat. Der Parteiveteran ist 75 Jahre alt geworden. Er war es übrigens, der seinerzeit im Wahlverein von Jxelles Vandervelde als Parteimitglied einführte. Die Arbeiterschaft Belgien» bewahrt dem verstorbenen Kampfer dank- bare Anerkennung. Ccwerhrcbaftlicbea. So leben He ausl Wieder stand einmal ein.schutzbednrftigc-z, staaiZerhaltendeS Element" in Königsberg vor Gericht. Wegen versuchten Mordes hatte sich der„Arbeiter" Otto Müller, der in der Union- Gießerei als Streikbrecher tätig gewesen ist, vor den Geschworenen zu verantworten. Er hatte versucht, aus offener Straffe seine Braut zu ermorden, da diese sich von ihm abgewendet hatte. In der Ber- Handlung kam zur Sprache, daff dieses„nützliches Element" ein rohes und gewaltätiges Verhalten an den Tag gelegt hatte. Seine Braut hat der Bursche, wie Zeugen aussagten, wiederholt mißhandelt. Er hat stets von ihr Geld haben wollen, und wenn er keins erhielt, schlug er sie in der schänd- lichsten Weise. Auch mit dein Messer und Revolver hat er sie wiederholt bedroht. Die Mißhandlungen wurden so arg, daff sich das Mädchen veranlaßt sah, der Polizei Anzeige zu erstatten. Natürlich wollte es auch von diesem Menschen nichts mehr wissen, was ihn noch mehr aufbrachte. Er lauerte dem Mädchen öfters an der Arbeitsstelle auf, und schließlich faßte er den Entschluß, das Mädchen zu erschießen. Mit einem Revolver war er ausgestattet. Wie er vor Gericht erklärte, hatte er sich die Waffe angeschafft, um sich vor den Angriffen der Streikenden zu schützen. Dabei haben diese nicht einmal daran gedacht, an solches Gelichter irgendwie heranzutreten. Eines Morgens lauerte der Streikbrecher seiner Braut auf. Als er sie traf, sprach er sie an, und als sie ihn zur Seite stieß, gab er auf daS Mädchen einen Schuß ab. Dieses lief mit einer Wunde im Rücken in einen Bäckerladen. Der Streikbrecher eilte dem Mädchen nach und schoß wieder. Darauf versuchte die Angeschossene in den Hausflur zu entkommen, doch auch hier setzte ihr der Kerl nach und gab nochmals einen Schuß auf sie ab, worauf sie zusammenbrach, während der Revolverheld die Flucht ergriff, aber bald festgenommen wurde. Das Mädchen ist auch jetzt noch nicht ganz hergestellt. Am Sonnabend hatte sich der Streikbrecher wegen versuchten Mordes bor den Geschworenen zu verantworten. Der Staatsanwalt erklärte, der Angeklagte fei zweifellos ein roher und gewalttätiger Mensch. Aeußerst roh sei auch sein Verhalten gegen das Mädchen gewesen. Die Tat des Angeklagten sei als versuchter Mord zu be- trachten. Die Geschworenen sprachen den Angeklagten der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig, verneinten die II eber legung, versagten aber dem Angeklagten mildernde Umstände. Das Gericht erkannte auf acht Jahre Zuchthaus; es erklärte, der An- geklagte habe eine feige, ruchlose Tat begangen. Berlin und Umgegend. Zur Aussperrung der Maler. Am Montag vormittag hatten sich die ausgesperrten Maler «nd Bcrufsgenossen im großen Saale der„Neuen Welt" ver- sammelt. Es zeigte sich, daß die Aussperrung bei weitem nicht den vom Unternehmertum erhofften Umfang angenommen hat. Von 2215 Berufsangehörigen, die anwesend waren, kamen nur ganze d84Z Mann als Ausgesperrte in Betracht. Wenn man sich ver- gcgenwärtigt, daß zirka 8Ü(K> Arbeiter in Berlin im Malerbcruf beschäftigt sind, so kann die jetzige Aussperrung als ein Schlag ins Wasser bezeichnet werden. Verschiedene Firmen haben schon versucht, mittels Schiebungen die angedrohte Konventionalstrafe zu umgehen, ohne die Aussper- rung mitmachen zu müssen. Sie wollen sich dieser oder jener Mittelsperson bedienen, um sich aus der heiklen Situation zu retten. Mich ersuchte die Anwesenden, alle derartigen Praktiken rundweg abzulehnen. Einigen Mitgliedern des Arbeitgeberverbandes scheint man die Erlaubnis gegeben zu haben, weiter zu arbeiten, da dieselben nicht ausgesperrt haben, ohne daß die Arbeitgebcrorgänisation gegen sie vorgeht. Das Resultat der Auszählung wurde mit großer Heiterkeit aufgenommen. Jedenfalls ist die Stimmung unter den Aus- gesperrten die denkbar beste und sehen dieselben der weiteren Ent- Wickelung des Kampfes mit fröhlicher Zuversicht eutgegen. Da die Arbeitgeber des Malergewerbes auch in Spandau ein gänzliches Fiasko mit ihrer Aussperrung erlebt haben, suchen sie in der bürgerlichen Presse ihren Netter. Sic geben dort die Zahl der Ausgesperrten auf IM an, während es tatsächlich nur 25 sind. Nicht ausgesperrt sind 81. Die„Spandauer Zeitung" sowie der „Anzeiger fürs Havelland" geben der Zuschriften der Arbeitgeber weitesten Spielraum und lamentieren über die Begehrlichkeit der Arbeiter.� Sic versuchen, die Hauswirte gegen diese aufzuhetzen. Das Tatsachenmaterial der Leitung der Arbeiter wird nur in ver- stümmelter Form gebracht._ Eigenartige Auffassungen über die Giltigkeit von Verträgen. Der„Deutsche Bauarbeiterverband, Zweigvercin Berlin, Sektion der Gips- und Zementbranche" hat mit dem„Verband der Bau- geschäfte Groß-Berlin" seit Jahren einen Vertrag abgeschlossen, der Löhne, Arbeitszeit usw. regelt. Diese Berliner Arbeitgeber- organisation gehört dem„Deutschen Arbeitgeberbund für das Bau- gewerbe" nicht an. Wenn sich diese beiden Richtungen auch sonst aus bestimmten Gründen wohl gerade nicht besonders lieben, so bestand doch bei seinen Mitgliedern bisher immer der Grundsatz, daß die für bestimmte Wirtschaftsgebiete mit den Arbeiterorgani- sationen abgeschlossenen Verträge schon aus Konkurrcnzrücksichtcn eingehalten werden müßten. Von diesem als richtig anerkannten Grundsatz scheint man an leitender Stelle des„Bundes" jetzt gelegentlich abgehen zu wollen. Gegenwärtig werden von dem Vorsitzenden des Provinzial- «rrbeitgeberverbandes für das Baugewerbe der Provinz Branden- bürg. Herrn Maurermeister I u r t h aus Brandenburg, in Tegel Bctonarbeitcn an der Humboldtmühle ausgeführt. Tegel gehört zum Vertragsgebiet Berlin. Trotzdem weigert sich Herr I u r t h, für diese Arbeiten die Vertragslöhne zu zahlen und versucht, mit den dort beschäftigten Arbeitern persönlich schlechtere Bedingungen zu vereinbaren. Die im Vertrage vorgesehenen Instanzen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen versuchten den bau- ausführenden Unternehmer wiederholt zur Einhaltung des Ver- träges zu bewegen, leider noch ohne Erfolg. Herr I u r t h teilte dem Verband der Baugeschäfte Groß-Berlin mit, daß er nur die Verträge respektiere, die von„seine r" Organisation abgeschlossen find. Für Gebiete, die von„seiner" Organisation vertraglich nicht abgegrenzt sind, beständen für ihn keine Verpflichtungen, sich an die vereinbarten Bedingungen zu halten. Recht eigenartig muß es aber den Leser der„BaugewcrkS- zeitung"(dem offiziellen Organ des Arbeitgcberbundes) anmuten, wenn er den Artikel des Dr. B. Hilfe in Nr. 8 mit Aufmerksamkeit liest, in dem nachgewiesen wird, daß es für den Ausbau der Vertragsidee unerläßlich ist. daß die vertragschließenden Par- Wien wtt ihrem Lerbandsvcrmögen dafür zu haften haben, wenn einem Mitgliedc der Gegenpartei ein Schaden aus der Nichteinhaltung der geschlossenen Verträge entsteht. Tie Vertreter des Arbeitgeberbundes sollen deshalb, wie wir schon mitteilten, bei den bevorstehenden Verhandlungen im Bange wer De den Arbeitgeber- vertreiern gegenüber ganz unzweideutig und bestimmt zmn Aus- 'Lerantw. Redakt.: Alfred Wielepp. Neukölln. Inseraten teil verautw.: druck bringen, baß die Zcnlralorganisation finncntsprcchend den §§ 340, 341 B. G.B. auch diejenigen Bermögensnachteile schadlos zu halten bat, welche von Mitgliedern der Unterorganisationen unter Verletzung der vertraglichen Vereinbarung den Arbeitgebern durch Streikbewegungen zugefügt werden. In dem Artikel wird es immer so dargestellt, als wenn solche Verstöße nur von Arbeitern zu erwarten sind. Mit keinem Wort geht Dr. Hilse darauf ein, welche Maßnahmen der„Bund" ergreifen will, wenn seine Mit- g l i c d e r, wie im vorliegenden Falle, gegen den GrundgedaiAcn durch Verträge„Ruhe und Frieden" im Gewerbe zu schaffen ver- stoßen, indem sie einfach erklären: Solche Verträge, die mit „anderen" Organisationen abgeschlossen sind, erkenne ich nicht an! Theorie und Praxis ist eben hier auch zweierlei. Bei den ort- lichen Verhandlungen in den Provinzbezirken fordert Herr I u r t h als Organisationsvertreter, daß den Mitgliedern„seiner" Organi- sation die Schmutzkonkurrenz der unorganisierten Landunternehmer vom Halse gehalten wird, indem auch bei diesen Unternehmern die Vcrtragslöhne durch die Arbeiterorganisation durchgefetzt werden müssen. Die Arbeiter tun das selbstverständlich, iveil sie dazu vertrag- lich verpflichtet sind. In Berlin will derselbe Organisationslciter den bestehenden Vertrag bei seinen eigenen Arbeiten nicht aner- kennen, weil es kein„Bundesvertrag" ist, obwohl dieser Vertrag wörtlich und inhaltlich fast die gleichen Bestimmungen enthält wie die Bundesverträge. Der Profit heiligt auch hier das Mittel! Damit aber durch das angeführte Beispiel die guten Sitten nicht verdorben werden, haben sämtliche bei den Betonarbeiten der Humboldtmühle beschäftigten Verbairdsmitglieder am Sonnabend die A r b e i t e i n g e st e l l t. Die Arbeitsstelle gilt für Mitglieder des Deutschen Bauarbeitcrverbandes als gesperrt, bis sich Herr I u r t h verpflichtet, die mit dem Verband der Baugcschäfte ab- geschlossenen Verträge anzuerkennen. Achtung Bauarbeiter! Die im Deutschen Bauarbeiterverband organisierten Arbeiter der Bauaufzugbctriebe(Fahrstuhlarbcitcr) sind am Montag, den 10. März, in eine Lohnbewegung eingetreten. Die, Aus- nützung der menschlichen Arbeitskraft, die im Bauberufe unter der jetzigen Konjunktur an und für sich schon eine sehr große ist, hat bei dieser Gruppe ihren Höhepunkt erreicht. Wer schon ein- mal beobachtet hat, wie diese Arbeiter mit ihrem Kasten— als Tornister wird er von ihnen selbst symbolisch bezeichnet—, in dem sich 42 Steine mit einem Durchschnittsgewicht von 6'A Pfund befinden, auf der Rüstung entlang laufen, mit ziemlicher Vehe- menz den Kasten abwerfen, wozu auch große Vorübung gehört, und wieder frische Ladung holen und dafür am Wochenschlutz einen Lohn beziehen, der nicht annähernd ausreicht, um die Lebens- bedürfnisse zu decken, der muß die Geduld dieser Leute bewundert haben. Die Akkordpreise wurden von Bau zu Bau verschlechtert, so daß die Arbeiter schließlich niedrigere Stundenverdienste erziel- tcn, als selbst die gewöhnlichen Hilfsarbeiter im Tagelobn. Alle Versuche der Arbeiter, diese Zustände abzuändern, scheiterten an dem Unternehmertum dieser Branche, das sich aus den verschieden- sten Berufsklassen zusammensetzt, denen jeder innere Zusammen- hang fehlt. Tie eingeleiteten Verhandlungen mit einer im Ent- stehen begriffenen Unternehmerorganisation zwecks Abschluß eines Tarifvertrages wurden von dieser nicht fortgesetzt, mir der Moti- Vierung, daß ihr noch zu wenig der in der Branche tätigen Unter- nehmer angehören, die fortwährend neuerdings preisdrückcnd auf- treten, dadurch jeden Vertragsabschluß verhindern und Ruhe in der Branche nicht eintreten lassen. Unter diesen Umständen sahen sich die Arbeiter zur Ein- stellung der Arbeit genötigt, um bei allen Firmen die Forderung einer Verbesserung der Akkordpreise durchzusetzen. Gemeldet haben sich bisher 324 Streikende, davon 316 Mitglie- der des Bauarbeiterverbandes, 6 Mitglieder des Transportarbeiter- Verbandes und 2 Mitglieder des Maschinistenverbandes sind. Von allen Bauarbeitern, besonders aber auch von den Mulden- trägern, müssen wir die Bekundung der größten Solidarität verlangen. Mögen sich alle Bauarbeiter dessen klar werden, daß der Kamps der Fahrstuhlarbeiter auch ihr Kampf ist und darum die Pflicht es jedem gebietet, alles zu tun, um den Streikenden den Sieg erringen zu Helsen. Auf allen Bauten, die vorher von Fahr- stuhlarbeitern besetzt waren und wo jetzt andere Arbeiter arbeiten, handelt es sich um Arbeitswillige. Der Vorstand des Deutschen Banarbeiterverbandes. Zweigvercin Berlin. Protest der Bureau-Angestellteu der Stadt Berlin. Im„MarinehauS", Brandenburger Ufer 1, waren am Sonntag die Bureauangestellten der Stadl Berlin in sehr großer Zahl ver- sammelt, um dagegen zu protestieren, daß sie bei der Aufbesserung der Arbeitslöhne übergangen worden sino. Die Redner führten aus: Das Anfangsgehalt eines Bureauangestellten der Stadt Berlin be- trage 110 Mark monatlich und steige nur sehr langsam. Angesichts der großen Teuerung der Wohnungspreise und aller anderen Lebens- bedürfnisse sei es einem Ledigen unmöglich, damit auszutommen, ge- schweige einem Familienootcr mit mebreren Kindern. Ein Bureau- angestellter der Sladt Verlin, der 17 Jahre im Dienst war und sich musterbaft geführt hatte, wurde vor einiger Zeit zu 4 Wochen Gefängnis verurteilt, weil er, um seinen Kindern den Hunger zu stillen, sich an fremdem Eigentum vergriffen hatte. Wenn die Stadl Berlin 10000 Mark zum Empfange eines fremden Fürsten auswenden könne, dann sei sie auch in der Lage, ihreu Bureauangestellteit auskömmliche Gehälter zu zahlen. Stadtv. Sassenbach führte aus: Die sozialdemokratischen Stadtverordneten unterstützen die Forderungen der Bureauangestellteit, sie sind aber leider in der Minderheit. Es empfehle sich, eine Depu- tation an die bürgerlichen Mitglieder des.Etatsausschusses der Stadt- verordneten zu entsenden. Andererseits sei es notwendig, daß sich die Bureauangestellten, die zu den Proletariern mit den Stehkragen gehören, sich, ebenso wie die Arbeiter, organisieren.— Es gelangt schließlich einstimmig eine Erklärung zur Annahme, in der es heißt: „Die Versammelten bedauern, daß die Bureau- angestellten bei der Aufbesserung der Arbeiterlöbne über- sehen worden sind. Sic ersuchen den Etatsausschuß der Stadtverordneten dringend, für eine Ausbesserung der kärglichen Gehälter der städtischen Bureauangestelllen zu sorgen. Die Ver- sammelten bedauern, daß der Berliner Magistrat die Uebernahme der vollen Beiträge zur Angestelllenversicherung auf die Stadl- Verwaltung bisher unterlassen hat und hofft, daß der Stadt- ausschuß auch hier bessernd eingreifen wird. Endlich erklären die Versammelten, daß die wirtschaftliche Lage der städtischen Bureau- angestellten immer unerträglicher wird und fordern deshalb alle Kollegen auf, durch Anschluß an den Verband der Bureau- a n g e st e I l t e n Deutschlands den Kampf um bessere Ge- Halts- und AustellungSbedingungen� aufzunehmen." Dieser Beschluß soll durch eine Deputation dem Etatsausschuß der Stadtverordneten überreicht werden. Zur Tarifbewegung im Schueidergewerbe. Die Zuschneider, organisiert im Verband der Schneider, nahmen am Sonnabend in einer außerordentlichen Generalver- sammlung zu der Frage Stellung, ob der gegenwärtig geltende Lohntarif gekündigt oder stillschweigend auf ein Jahr verlängert werden soll. Vorsitzender Genewski wies einleitend auf den Streik in der Herrcukonfektion hin und beantriigte, den Tarif- vertrag am 1. April zum 1. Juli d. I. zu kündigen. Bei dem neu abzuschtictzcnden Tarifvertrag müsse vor allem auf eine Erhöhung des Anfangsgehaltes, das jetzt nur 30 M. betrage, xh. Glocke, Bttl-u. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanjtalt i Bezug genommen iverden. Es könne nicht mehr gedulde! werden, einen Zuschneider, der ein gelernter Schneider sein und außerdem die Zuschneiderschule besucht haben müsse, mit 30 M. Anfangsgehalt zu entlohnen. Auch das Höchstgehalt sei den heutigen Wirtschafts- Verhältnissen nach viel zu wenig. Redner wies noch auf die Urlaubs- frage hin, die in vielen Fällen nur auf dem Papier stehe und forderte auf, alle Ueberstunden möglichst zu vermeiden. Durch die Uebcrstunden würde die Saison erheblich verkürzt und die Zahl der Arbeitslosen erhöht. Nach einer längeren Debatte, in der besonders auf die ganz unzureichenden Löhne für Zuschneider hingewiesen wurde, wurde c i n st i in m i g beschlossen, den Tarif am 1. April zu kündigen. Heitmann vom Hauptvorstand legte den Zuschneidern dringend ans Herz, aus dem gefaßten Beschlutz die richtige Konse- quenz zu ziehen, damit sich bei dem Tarifabschluß ein besseres Resultat erzielen lasse als vor drei Jahren.—-Eine aus fünf Mit- gliedern bestehende Lohnkommission wird die neuen Tarifvorlagcn ausarbeiten. Der Vorsitzende machte noch bekannt, daß für die durch den Konfcktionsschneiderstreik in Mitleidenschaft gezogenen Zuschneider ein Kontrollokal eingerichtet wurde. Es beftndet sich bei Boß, Klosterstraßc 101, und hat sich jeder Arbeitslose dort zu melden. Gastwirtsgchilfen! Der Streik der Kellner usw. in den P rächt sälen des Ostens, Inhaber O. Cranz, Frank- surter Allee 151— 152, dauert fort. Herr Cranz weigert sich. an Stelle der Kost eine Kostcntschädigung zu zahlen, obwohl in den meisten Saalgeschäften Berlins die Kost abgeschafft ist. Er ist krampfhaft bemüht, den Streikposten die Polizei aus den Hals zu hetzen. Seine Nervosität ging sogar soweit, daß er den Obmann der Lokalkommission, der in der Anlegenheit vermitteln wollte, polizeilich feststellen ließ. Der Betrieb ist nach wie vor für orga- nisierte Gehilfen gesperrt. Die Rcsidenz-Festsäle, Jnh. W a l t c r st e i n, Lands- berger Straße 31, sind wegen Tarifbruchs ebenfalls gesperrt. Verband der Gastwirtsgehilfcn. Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Schuhmacher! Der Streik bei der Firma Gold- mann. Köpenickcr Straße 126, dauert fort. Der Betrieb wird notdürftig von wenig leistungsfäbigcn Arbeitswilligen aufrecht erhalten. Nur in der Wcndeabteilung scheint es vollständig zu stocken, da Herr Goldmann versucht, diese Artikel von Heini- arbeitern herstellen zu lasstn. Dazu muß ihm der Arbeitswillig« und Heimarbeiter Psi per, Buchholze r Straße 8, Heise rsdiensle leisten, indem dieser die Arbeit an andere Heiinarbcite r weitergeben soll. Die Heimarbeitcr, welche gewendete Schuhwaren an- fertigen, seien deshalb davor gewarnt, Arbeit von Piper zu übernebmen. Innerhalb des Betriebes sind es besonder? die Zwicker Pfeifer, Wiener Straße 38, D o w i t s ch, Friedrichstraße 101, S cht o t ke, Große Frankfurter Straße 84, und der Hausbesitzer Renneberger aus Strausberg, Kaiserstraße 15, welche Raus» rcißerdiensie leisten. Der Betrieb ist streng zu meiden. Zcntralvcrband der Schuhmacher. Ortsverwaltung Berlin. Deutfches Reich. Tarifabschluss im Breslauer Brauereigcwcrbe. Zwischen dem Zcntralvcrband der Brauerei- und Mühlenarbeiter nnd dem Verein der Brauereien des Stadt- und Landkreises Breslau ist ein Tarif- vertrag mit vierjähriger Gültigkeit abgeschlossen worden. Tie Arbeitszeit ist für alle in den Brauereien Beschäftigten erheb- lich verkürzt worden, außerdem tritt eine Lohnerhöhung von 3 bis 3, 50 M. wöchentlich ein. Tie Verhandlungen, die mebrere Tage in Anspruch nahmen, brachten für die Arbeit- gcbcr auch in anderer Hinsicht manche Verbesserungen. Huslanck. Achtung, Bäcker! Die Londoner Bäckermeister suchen für den Ende dieser Woche ausbrechenden allgemeinen Bäckerstreik Streik- brechcr in Deutschland anzuwerben. Eine große Bäckerei soll schon Bäcker aus Deutschland verschrieben baben. Die Bäcker werden gewarnt, nach London zu kommen, wo ihrer, was immer die Streik- brecheragenten auch sagen mögen, die elendesten Eristenzbedingnngcu harren, gegen die ihre Londoner Kollegen jetzt kämpfen. J*ctzU Nachrtdrtcti* Explosionskatastrophen. Hadcrsleben, 10. März.(W. T. 23.) In dem benachbarten Torfe Anslct erfolgte heute morgen, als zwei landwirtschaftliche Eleven Benzol aus einer Tonne holen wollten und ein Zündholz anzündeten, eine furchtbare Explosion. Beide Leute wurden sofort getötet. Das'Gebäude brannte zum Teil nieder. Paris, 10. März.'(W. T. B.) In dem Dorfe Montceau le Neuf entstand durch Explosion eines Kinematographen eine Panik, bei welcher 45 Personen mehr oder weniger schwer verletzt wurden,. darunter 10 tödlich. London» 10. März. sZV. T. B.) In den Nvbelschen Dynamit- werken in Ardce Ahrsshirc ereignete sich heute eine Explosion, bei der sechs Personen getötet und sieben schwer verletzt wurden. Viele Gebäude in der Stadt wurden teilweise zerstört. Es herrscht eine Panik. Die Gewalt der Explosion war so heftig, daß auch in der benachbarten Stadt Jrvine an vielen Gebäuden, besonders mich an Kirchen und Schulen,' erhebliche Bcschädignngen angerichtet wurden. Bäckerstreik in Köln. Köln a. Rh., 10. März.(P. C.) Sämtliche in den Kölner Brotfabriken beschäftigten Bäcker beschlossen einstimmig, in den Ausstand zu treten. In den meisten Bäckereien ruht daher heute bereits die Arbeit vollständig., Schweres Bauunglück. Dortmund, 10. März.(P. C.) Auf der„Union" stürzten heute zwei Arbeiter vom Gerüst. Der eine war auf der Stelle tot, während der andere lebensgefährliche Verletzungen davontrug und ins Hospital übergeführt werden mußte. 72 Personen ertrunken. Cattaro, 10. März. ffP. C.) Gestern ist eine Barke, die mit 65 Frauen, 3 Mädchen und 4 Soldaten besetzt war, und sich an das albanische Ufer des Skutarisees begeben wollte, von einer starke» Welle zum Kentern gebracht worden. Sämtliche Insassen ertranken. Brandstiftungen der Suffragetten. London, 10. März.(P. E.) Gegenwärtig scheinen die englischen Suffragetten das Ziel ihrer Propaganda der Tat auf Eisenbahn- stationen zu richten. Nachdem bereits heute früh die Station Saunderton durch Anhängerinncn des Fraucnwahlrechts ein- geäsckert wurde, setzten im Laufe des Tages die streitbaren Damen die Station ZVatford in Brand. kmlSinaotjsEo., Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen u. llntcrhaltuugsbl. ft-59' 3o-?� 1. Keilte des Jormörts" Kerliner UolksdlM.*■»--- i9a Der Rrelswablverein für lüederbarnim bielt am Sonntag eine Generalversamlung im„Cafe Bellevue" ZA Rummelsburg ab.— Der erste Punkt der Tagesordnung war: Tie bevorstehenden Landtagswahlen. Der Referent, Genosse Otto Braun(Mitglied des Partei- Vorlandes) kennzeichnete die Junkerherrschaft in Preußen und i�lgte, daß dieselbe jeden Fortschritt aus politischem uiid kulturellem näemet zu hemmen bemüht ist. Die wirtschaftliche Bedeutung der �zunkerklage steht im entgegengesetzten Verhältnis zu ihrem politi- >chen Einfluß, den ihnen das preußische Dreiklassenwahlrecht sichert. Desyalb betrachtet es das Junkertum als seine Aufgabe, dies �nstrumem seiner Macht unverändert aufrecht zu erhalten. Unter- stützt wird das Junkertum hierbei vom Zentrum, welches zwar nach »einem Programm für das gleiche und freie Wahlrecht eintreten mußte, es ober noch immer verstanden hat, die Einführung des Rstchstagstoahlrcchts für Preußen nicht näher rücken zu lassen. Auch die Aationalliberalen unterstützen die Volks- und Wahlrechts- feindlichen Bestrebungen der Junker. Auf die Beseitigung des Drelkla�eowahlrechts und den Sturz der Junkerherrschast müssen llanze Kraft richten. Bei den bevorstehenden Landtags- «Wahlen werden wir auf einen großen Mandatsgewinn nicht zu rechnen haben. Aber darauf kommt es nicht am Unser Landtags- Wahlkampf ist ein Teil unseres großen Wahlrechtskampfes. Diesen zu fuhren und auf die Beseitigung des elenden Wahlsystems hin- ????„ lten, ist unsere Hauptaufgabe. Diesem Ziele dienen die Be- schlüge' welche der preußische Parteitag in bezug auf unsere Wahl- kaktik gesaßt hat. Wenn di� Liberalen meinen, sie könnten unsere Bedingungen für die Lanhdagswahlen nicht annehmen, so beweisen sie, daß es ihnen mit dci� Einführung des Reichstagswahlrechts für Preußen nicht ernst ist» Anstatt unsere Bedingungen anzunehmen St-il? un® Segen hste Reaktion vorzugehen, haben sich die Fort- schrittler unter daA Joch der Nationalliberalen begeben, obgleich zu den Gedern des freien Wahlrechts gehören. Die Fort- ichrittliche VolkPpartei hat durch ihr Verhalten gezeigt, daß sie eher - ��Konservativen Mandate auszuliefern, als uns gegen Sie ftorqertaüven zu unterstützen. Wir sind also im Wahlkampf allein� auf unsere Kraft gestellt. Wir müssen uns deshalb aufs äußern re anstrengen, wenn es gelingen soll, noch einige proletarische Kla�enkämpfer mehr in den preußischen Landtag zu bringen, welche dtzV Aufgabe haben, den Wahlrechtskampf der Massen außerhalb des Parlaments im Landtage zu unterstützen. Mögen die Liberalen, »ie ja gerade in letzter Zeit die verwegensten patriotischen Purzel- löäume geschlagen, fortfahren, sich bei den Vertretern der Reaktion anzubiedern. Das Proletariat wird seinen Wahlrechtskampf mit voller Macht weiterführen, bis das Dreiklassenwahlrecht in Scherben geschlagen und ein_ freies Wahlrecht für Preußen errungen ist. Mit der Waffe des freien Wahlrechts wird es uns möglich sein, den Bann zu brechen, den das Junkertum im Bunde mit den Kleri- Laien über das preußische Volk verhängt hat. Erst, wenn dieser 'Bann gebrochen ist, kann die Freiheit ihren Einzug in Preußen 'halten.(Lebhafter Beifall.) Stadtchagen legte an der Hand des Zahlenniaterials dar. daß der au» den Reichstagswahlkreisen Ober- und Niederbarnim bestehende Landtagswahlbezirk, der drei Abgeordnete zu wählen hat, uns die besten Aussichten biete. Wir könnten aus eigener Kraft alle drei Mandate erobern.»Bei der vorigen Wahl bildeten die Frei- sinnigen mit den Konservativen einen»Block gegen uns. Damals �wurden im ersten Wahlgange von 1767 Stimmen der Wahlmänner für den Block 1619, für die Sozialdemokratie 688 Stimmen ab- gegeben, während sich 166 Stimmen zersplitterten. Uns fehlten also W7 Stimmen an der absoluten Mehrheit. Wenn wir diesmal unter denselben Umständen, die damals vorlagen, zu wählen hätten, so könnten wir etwa 266 Wahlmänner mehr durchdringen. Aber die Verhältnisse haben sich inzwischen zu unseren Gunsten ver- schoben. Die Volkszählung von 1916, die für die Berechnung der Zahl der Wahlmänner maßgebend ist, ergebe ein Anwachsen der Einwohner des Landtagswahlbezirks von 531 674 auf 632 938. An der Bevölkerungszunahme sei der Kreis Niederbarnim bei weitem am stärksten— mit über 95 666— beteiligt, und zwar mit den Bevölkerungsschichten, die als Wähler für uns in Frage kommen. lieber 466 Wahlmänner sind diesmal mehr zu wählen als 1968. Bekommen wir von diesen auch nur 366 Wahlmänner, so haben wir die absolute Mehrheit und damit die Gewißheit des Sieges aller drei Kandidaten. Seit 1916 habe sich der Zuzug nach Niederbarnim tucht verringert und der komme uns zugute. Die Reichstagswahl babe gezeigt, daß unsere Wählerzahl ganz erheblich steigt, während d,e der Konservativen und Liberalen zurückgeht oder stagniert. Alles spreche dafür, daß wir bei der Landtagswahl den Sieg er- ringen, wenn wir unsere ganz Kraft einsetzen. Bei der Aufstellung kleines feuiUeton, Theater. Lessing- Theater:.Die Erziehung zur Ehe' von Hartleben:'.Tod und Leben', Dorskomödie von Ludwig G a n g h o f e r. Dem neue» Ganghoferschen Einakter ging die nun bald zwei Jahrzehnte alte„Erziehung zur Ehe' voraus. Die ausgezeichnete Komödie ist viel eigenartiger, persönlicher als AuS- druck Hartlebenschen Geistes als der unendlich oft gespielte„Rosen- montag'. An Witz und feiner Ziselierung des Dialogs kann sich von seinen sonstigen Stücken„Die sittliche Forderung" wobl damit vergleichen: doch geht die.Erziehung zur Ehe' über die Sphäre des bloß Spielerischen, die diese kleine Plauderei nicht überschreitet, weit hinaus. Es steck- Satire in ihr.— Es weht in ihr ein Nachhall der ehrlichen»Verachtung, die Otto Erich damals, als er in jungen Jahren flüchtig die Gedankenwelt der sozialistischen Kritik gestreift, gegen den brutalen, hinter heuchlerischen Phrasen sich versteckenden Egoismus der„guten Gesellschaft" empfunden haben mag. Die„in sentimentaler Hinsichr völlig schwindelfreie" Mama, die ihrem Sprößling jede Eskapade gönnt, so lange er dabei nicht vergißt, daß er rechtzeitig ein reiches Mädchen seiner Kreise zu heiraten habe: das Bürschchen, das eiligst von der verboteneu„Liebe" abrückt; der herbeizitierte Onkel, der die Erziehung des Neffen im Sinne der Mutler verständnisinnig weiterführt: alles sind Gestalten einer aufs Typische gerichteten und dabei zugleich farbig individuali- sierenden Satire. Und diesem typischen Stile paßt sich im Mittel- akte das Gemälde der hoch übers Mittelmaß gesteigerten Verlassenen an. Wie sehr Hartleben hier zusammendrängt, wie rasch sich nach dem Zusammenbruch der Hoffnungen der Uebergang zu einem tieuen Liebhaber- vollzieht, so klar und überlegen sind in dieser Kürzung doch die seelisch entscheidenden Momente heraus gearbeitet. Lina Lossen war in dieser Rolle ganz vor« trefflich. In den komisch satirischen Partien brillierte Margarete Alb recht als bourgeoise Frau Mama, Karl Forest und Erich Walter in der Figur deS windigen Onkels und des windigen Neffen. Höchst drollig mimte eine ganz junge Anfängerin, Fräulein M e w e s, das heillos dumme Gänschen Bella mit den» offenen Mäulchen. Jede Pointe kam ja in der Aufführung zur vollen Wirkung. Auch die Ganghoferschc Dorfkomödie„Tod und Leben', deren turbulente bäuerliche Schmaus- und Trinkszenen manchen Zug mit Thomas'.Medaille' gemein halten, fand überaus freundliche»Aufnahme. Der Verfasser wurde wiederholt gerufen. Eine Kindtaufgesellschast und ein Leichengefolge, das der nicht gerade «hrenwerteu Frau eures wohlhäbigcu Bauern die letzte Ehre er- der Kandidaten möge man deshalb Genossen aufstellen, die durch kein Reichstagsmandat an der wirksamen Wahrnehmung der Rechte der Arbeiterklasse im Landtage beengt sind oder nur als Zählkandi- bat in»Betracht kämen, diesmal handelt es sich um Eroberung des Kreises auch für den Landtag. Bei der vorigen Landtagswahl sei unsere Kraft nicht voll entfaltet worden, weil die Wahlbeteiligung nur als Demonstration betrachtet worden sei und nicht auf einen Sieg gerechnet habe. Jetzt beweisen die Zahlen, daß wir begründete Aussicht haben, alle drei Mandate aus eigener Kraft zu erobern. Also vorwärts, holn wir sie.(»Beifall.) Als Kandidaten für die LandtagSwahl empfahl der Vorstand im Einverständnis mit der Kreiskonferenz und der»Vertretung des Kreises Oberbarnim die Genossen Landwirt Hoser(Ostpreußen), Parteisekretär Otto Braun(Berlin) und Redakteur Ernst Däumig(Berlin). Die Versammlung er- klärte sich einstimmig für die»Aufstellung dieser Kandidaten. Hierauf sollten Ergänzungswahlen zum Kreisbildungsausschuß vorgenommen werden, da sich die Vermehrung seiner Mitglieder von 4 auf 7 notwendig gemacht hat. Aus Antrag des Genoffen I a f f k e wurde die Wahl der nächsten Kreiskonferenz übertragen. Zum folgenden Punkt der Tagesordnung: Die Reorganisation der Wahlvereine referierte Lehmann. Er führte aus, die Kreiskonferenz habe be- schloffen, das System der Zahlabende beizubehalten, aber bei den Mitgliedern, welche den Zahlabend nicht besucht hatten, den Beitrag im Hause kassieren zu lassen. Weiter vertrat der Referent die An- ficht, daß Mittel gesunden werden müßten, um der Fluktuation der Mitglieder entgegenzuwirken und die gewonnenen Mitglieder der Organisation dauernd zu erhalten. Er empfahl eine Resolution, die als ein vorzügliches Mittel zur Erreichung dieses Zweckes die obligatorische Hauskassierung bezeichnet und ferner empfiehlt, an- statt der Zahlabende allmonatlich sogenannte Gruppenabende abzu- halten, die der Diskussion über aufklärende und belehrende Themata dienen. Es entspann sich eine längere Debatte, in der einige Redner dem Referenten im allgemeinen zustimmten, während andere Redner für Beibehaltung der Zahlabende in der bisherigen Form eintraten, weil sie für die zuverlässige Verrichtung der Klein- arbeit unbedingt notwendig seien. Die Versammlung lehnte die Resolution des Referenten mit 74 gegen 71 Stimmen ab und nahm einen Antrag des Genossen Witzel an, welcher besagt: „Die allmonatlichen Zahlabende sind beizubehalten. Bei den Mitgliedern, die am Zahlabend nicht anwesend waren, ist der Beitrag im Laufe des Monats im Hause zu kassieren.' Behufs Verteilung der Mandate zur Verbands-Generalver- sammlung machte Genosse Brühl folgenden Vorschlag: Nach der geltenden Bestimmung, welche auf je 156 Mitglieder einen Dele- gierten gewährt, würden manche Bezirke des Kreises unvertreten bleiben. Es erscheint deshalb gerechtfertigt, daß die großen Be- zirke den kleinen einen Delegierten abgeben. Die dem Kreise ge- .mäß seiner Mitgliederzahl insgesamt zufallenden Mandate sollen 'so verteilt werden, daß jeder Bezirk zunächst einen Delegierten be- kommt und die dann übrig bleibenden Mandate auf die Bezirke im Verhältnis ihrer Mitgliederzahl verteilt werden. Nach diesem Modus würde Lichtenberg drei und Weißensee einen Delegierten weniger Srhalten, während die anderen Bezirke ihre bisherige Delegiertenzahl behalten. Die Versammlung erklärte sich damit einverstanden. Nach der Feststellung der Mandatsprüfungskommission nahmen an der Generalversammlung teil: 128 Delegierte, 27 Bezirksleiter, 2 Vertreter des Kreises Oberbarnim, 15 Kreisvorstandsmitglieder und der Reichstagsabgeordnete. Nerbavdstag der Zteinsetzer. Gegenwärtig hält der Verband der Steinsetzer, Pflasterer und Berufsgenossen Deutschlands seinen neunten Verbandstag im Ge- werkschastshause zu Berlin ab. Der festliche Schmuck des Saales atmet den Geist der modernen Arbeiterbewegung. Zurück in die Vergangenheit aller Zunfiherrlichkeit weist ein« von Mitgliedern zusammengetragene, im Saale ausgestellte Sammlung alter Fahnen, Embleme, riesiger Humpen, Pokale und anderer Gegenstände, welche an alte Jnnungsbräuche mahnen, die der neuen Zeit weichen mußten. Eine Eröffnungssitzung, die am Sonntag stattfand, erledigte die einleitenden Geschäfte und betraute F r an ke- Leipzig und K n o l l- Berlin mit der Leitung des»Verbandsiages. Am Montag begannen die eigentlichen Verhandlungen.— Nach Eröffnung der Sitzung gedachte der Verbandsvorsitzende K n o l l- Wielen, treffen nach Absolvierung der kirchlichen Feierlichkeiten in der Wirtöstube zusammen. Die Stimmung wird fortlaufend gemütlicher. Der glückliche Vater, der bereits die Taufe vor der Hochzeit feiert, ist darum nicht weniger stolz auf seine Würde: der lauteste der Lärmmacher. Auch der betrübte Witwer, dem Burgel, die hübsche Kellnerin des WirtS, ins Auge sticht, kommt mit der Zeit auf freundliche Gedanken. Und als seine alte, zankende »Mutter schließlich mit dem Geheimnis herausplatzt, die Selige habe ihm Hörner aufgesetzt, packt's ihn mit doppelt starler Lebenslust. Die Burgel. das wäre so eine Frau für ihn. Er tanzt mit ihr und wirft zur»Probe seiner Kraft die jungen Bursche zur Tür hinaus und läuft dem Mädel nach, indes der auf dem Ofen deponierte, vergessene Täufling kläglich aus seinem Windelhanfen schreit. Am markant-charakteristiichsten traten in dem bunten Durcheinander der Partien Karl F o r e st s vergnügter, lediger Vater und Margarete AlbrechtS bärbeißiges Bauernmütterlem hervor. ät. Wwfik. Montis Operetten- Theater:„Der Zigeuner- primaS', Opcrerette von Wilhelm und G r ü n b a u m, Musik von Emmerich Kalma». Das Libretto handelt vom»Primas einer Zigeunerkapelle irgendwo in der Puszta. So lange sich die Hand- lung aus ungarischem Boden bewegt, ist sie drastisch-beweglich. Halb- wüchsige Kinder, Burschen, Mädels bis herab zu kleinen, ollerkleinsten Schreihälsen probieren vor dem gichlgeplagten»Primas. Unzufrieden mit ihrem Gekratze und Gequietsche jagt er sie hinaus. Sein Sohn, ein absolvierter Konservatorist, hält vom Geigenspiel des Alten nichts, hinwiederum erachtet der Vater den Jungen als einen Nichtskönner. Um ein Zigeunerprimas zu heißen, müsse man ungarisch Blut in den»Adern haben, in allem und jedem ein Teufels- kerl sein, auch in der Liebe. Resultat dieser Auseinander- setzung: der Junge geht aus eigene Faust nach»Paris und wird dort— da er liebeskrank, Dirigent einer Hoftafelkapelle. Unter- dessen kommt der»Alte, von eben diesem exotischen König eingeladen, nach Paris und hier erlebt er eine Niederlage, während sein Sohn als Geiger gefeiert wird. Liebespaare finden sich: der Sohn und eine Cousine, aus die es eigentlich der»Alte abgesehen, einerseits, ein junger, unter Kuratell stehender Graf und eine Tochter des Pnmas andererseits. Auch in der Liebe überwunden, gibt der Vater seinen Segen usw. Kurz, auf Pariser Pflaster wird das Libretto schablonenhaft. Anders die Musik, Darin prickelt zigeunerische Farbigkeit und überschäumende Lebendigkeit. Ganz prächtig baut sich daS Finale des ersten»Aktes auf. Auch sonst gibts pikant instruinenticrte Original- musik zu hören, alö da sind: reizende Walzerduette, komische Jnter- mezzi, elegische und fiöhlische Weisen in Dur und Moll, schmackhafte Kost, echter Paprikagoulasch. Endlich einmal wieder ein bißl wirk- liche Musik. Mau freut sich dessen, sieht das Völkchen tanzen, auf Berlin in herzlichen Worten des verstorbenen Genossen Lömel- bürg, der als hervorragender Gewerkschaftsführer auch zum Stein- setzerverbande in freundschaftlichen Beziehungen gestanden habe. (Die Delegierten erhoben sich von den Plätzen,) K n o l l erinnerte in der Begrüßungsrede daran, daß jetzt zum drittenmal ein Parlament der Steinsetzer in Berlin tagt. Die letzt- verflossene dreijährige Gcschäftspcriode habe nicht ganz so glän- zcnde Erfolge aufzuweisen wie die vorhergegangene, aber sie könne doch als eine Zeit höchst erfreulicher Entwickelung bezeichnet tvcrden. In der letzten Geschäftsperiode habe der Verband für 2419 Per- sonen»Verkürzungen der wöchentlichen Arbeitszeit von durchschnittlich 2)4 Stunden durchgesetzt und Lohnerhöhungen von durchschnittlich 3,26 M. für 12 476 Personen errungen. Das seien Erfolge, die sich sehen lassen können, namentlich wenn man bedenke, welche Ab- sichten die Unternehmer in den letzten drei Fahren hatten. Der Verband habe in dieser Zeit den großen Kampf»it dem Reichs- verbände der Unternehmer bestanden und trotzdem seine erfreu- lichen Erfolge erzielt. Die Mitgliederzahl des Verbandes sei von 16 216 auf 16 986 gestiegen, auch das sei ein Bild stetigen Fort- schreitens. Auch die Finanzen des Verbandes seien außerordentlich gesundet. Das Vermögen habe sich fast verdoppelt trotz großer Ausgaben, die im Jahre 1911 für Lohnbewegungen gemacht werden mußten. Die Organisation habe in jeder Hinsicht ihre alte Schlag- fertigkeit bewahrt.(Beifall.) K u g l e r- Wien, der die österreichische Bruderorganisation vertritt, überbrachte die Grüße derselben. Nachdem der Verbandstag noch einige geschäftliche Formali- täten erledigt hatte, erstattete der Vcrbandsvorsitzende K n o l l« Berlin den Geschäftsbericht des Borstandes Er führte u. a. aus: Wie ich schon sagte, hatten wir in der letzten Geschäftsperiode den ersten Waffengang mit dem Reichsverbande der Unternehmer zu führen. Aus dem Verlauf dieses Kampfes wird wenigstens ein Teil der Unternehmer gelernt haben. Obgleich der Reichsverband unserer Unternehmer dem Arbeitgeberbund für das Baugewerbe angeschlossen ist, hat er sich dem von dieser Seite ins Werk gesetzten Kampf nicht angeschlossen. Unsere Tarife, die am Schluß des verflossenen Jahres abgelaufen wären, sind� nicht gekündigt worden. Nur in München wurde der Tarif gekündigt, doch dafür nur lokale Verärgerungen bestimmend gewesen. Es hat den Anschein, als wenn es aber nicht zum Kampf in München kommt. Der Reichsverband. der Unternehmer ist aus Klugheits- gründen bestrebt, sich mit uns schiedlich, friedlich zu vertragen. Er kennt unser Macht und hütet sich, mit uns anzubinden. Eine große allgemeine Aussperrung kann der Reichsverband nicht durch- führen, er würde dabei in Trümmer gehen.— Ein« erwähnenswerte Arbeit des Verbandes ist der Kampf gegen drohenden Pflastersteinzoll, den der Verband gemeinsam mit der Organisa- tion der Steinarbeiter erfolgreich durchführte.— Der Beschluß des Kölner Verbandstages hinsichtlich der Beiträge ist ohne Störung durchgeführt worden. Der finanzielle Erfolge davon liegt vor.~ Um den sanitären Arbeiterschutz zu fördern hatte der Verband auf der Weltausstellung in»Brüssel eine Mustcrbude ausgestellt, die mit der goldenen Medaille prämiiert worden ist. Ein Modell der Baubude war auf der Städtebauausstellung in Berlin und soll demnächst auf der Arbeiterschutzausstellung in Leipzig und später in London ausgestellt werden.— Eine technische Neuerung im Ge- werbe, die Rammaschine, schien Anlaß zu einer großen� Beunruhi- gung der Rammer geben zu können. Ohne Zweifel würden durch die allgemeine Verwendung der mechanischen Ramme sehr viele Rammer arbeitslos werden. Es hat sich zedoch herausgestellt, daß diese Befürchtung für lange Zeit noch nicht zutrifft. Die Maschine rentiert sich nämlich nur dann, wen» sie dauernd in Tätigkeit ist. Das ist aber bei der Kleinheit der Steinsetzerbetriebc aus- geschlossen. Die Rammer sind also einstweilen noch nicht durch die Maschine geschädigt.— In Breslau hat die dortige Mitglied- schaft eine Frauensektion eingerichtet. Es handelt sich um Frauen, die in Breslau beim Gußpflaster mit dem Ausgießen der Fugen beschäftigt werden. Es handelt sich bei Einrichtung der Frauen- Organisation um eine Frage von grundsätzlicher Bedeutung. Der Bauarbeitervcrbalrd nimmt Frauen nicht auf, weil er auf dem Standpunkt steht: Bauarbeit ist keine Frauenarbeit. Wir würden durch Aufnahme von Frauen die Frauenarbeit im Baugewerbe an- erkennen. Es muß also eine Entscheidung dieser Frage herbei- geführt werden. Die Frauen in Breslau haben die Organisation sehr notwendig, denn ihre Löhne sind außerordentlich niedrig. Wir müssen sie in die Höhe bringen. Vielleicht verlieren dann die Unternehmer das Interesse an der Frauenarbeit. Wir haben natürlich nicht die Absicht, die Frauen aus der Arbeit zu bringen. Grenzstreitigkeiten mit anderen Organisationen hatten wir nicht. Es könnte her allenfalls der Gemeindearbeitervcrband in Frage kommen in solchen Fällen, wo Steinsetzer in städtischer Regie ungarische Art tanzen. Und die Ausführung ist prima. Franz Groß, Albert K u tz n e r, Hans Hansen, vor allem aber Else A l d e r und auch Vera Schwarz gaben sich gesanglich und dar« stcllerisch ausgelassenster Laune hin. Im Schlußakt kriegen sich alle. Das ist ganz ohne Musik, fade Trivialität, und was so vielversprechend begann, endigt enttäuschend. v. k. K. M. W e b e r s„Freischütz' kam am Sonnabend im Deutschen Opernhaus als Neueinstudierung. Der elemcn- tare Zauber des Werkes kann auch ein kritisches Gemüt wieder zum naiv genießenden Kinde machen. Allein die Opernwelt hat sich nachgerade doch geändert. Die Aufführung würde vor etwa vierzig Jahren an einer Provinzbühne ein Ereignis gewesen sein. Damals stand man noch vor dem, was R. Wagner, H. v. Bülow und H. Rie- mann für musikalische Darstellung geleistet haben. Damals konnte es noch als verdienstlich gelten, einen Ton wie den anderen zu spielen und als Tenor sich mit schönen Tönen zu begnügen. Heute geht es mit der Kindlichkeit doch nicht mehr. Nun können auch die besten Bemühungen an Tücken der Umstände, an Ueberlastung usw. scheitern. So war z. B. eine kinematographische Darstellung des wilden Heeres in der Wolfsschlucht in Aussicht gestellt worden. Man sah viele Wolken sehr regelmäßig über den schließlich himbeer- rot gefärbten Himmel ja�en; möglich, daß da die wilde Jagd dabej war— oder auch nicht; erzählt wurde, daß sie bei der Gt?,:ral- probe kam und bei der»Ausführung nicht. Allein erstens hat ein gesteigerter»Aufwand von Bühnentechnik das Mißliche, das die kleinste Störung die Illusion eventuell bis zur Lächerlichkeit umbringen kann. Zweitens aber handelt es sich um Dinge, zu denen nicht teuere Mittel und lange Einstudicrungs- zeit gehören, sondern nur künstlerische»Besinnung und Sorgsalt. Will das Orchester eine musikalische oder nur eine Sprache des Metronomen sprechen? Können oder wollen die Hornisten(z.»B. gleich im»Anfang der Ouvertürel die Töne nicht ordentlich„durch- ziehen", statt sie abzuhacken? Verfügt der Tenor, der den Max singt, für Freud wie für Leid nur immer über die gleiche Klang- färbe? lind wenn die Sänger sich im allgemeinen die Mühe geben, deutlich auszusprechen: muß sie dann der Orchesterlärm übertönen? Das alles sind keine modernsten kritischen Einfälle, sondern „olle Kamellen'. Man möchte aber doch endlich einmal mit ihnen fertig sein und Mutze haben, das viele Gute hervorzuheben, das es in solchen Fällen immer wieder gibt. Auch die Regie hatte hier manches Gute, das nur in ähnlicher Weise zur Zappcligkcit führt, wie's bei der gut naturalistischen Regie Gregors der Fall war. Das sogenannte Leben in die»Bude brachten am ehesten die Sänger des Cuno, Ernst Lehmann, und des Casper, Eduard Kandl, der einem naheliegenden Uebcrmaß von Theatralik geschickt auswich, sowie besonders die Sängerin der»Ägatbe, Mjzzi Fink. Ob die Partie der»Agathe jemals über ihre Sentimentalität hinausgehoben werden kann, fragt sich; Emmy Zimmermann hielt sich in dem ar[)ciicit. tfn einem solchen Falle, tvo Kollegen Sem Temeinöearbeiter- verbände beitreten wollten, ist es uns gelungen, sie bei unserem Verbände zu behalten. Dies Prinzip muh schon aus gewerkschaft- lichen Gründen überall befolgt werden.— Der Redner besprach noch eine Reihe von Einzelheiten>aus dem Organisationslebcn und stelle den Bericht zur Diskussion. Hierauf nahm die Versammlung den Bericht der Mandat Prüfungskommission entgegen. Anwesend sind 31 Delegierte, sechs Gauleiter, drei Vorstandsmitglieder, je«in Vertreter der Redaktion, des Ausschusses sowie der Verbände der Steinarbeiter und der Bauarbeiter. In der NachmittagZsitzung gab der Kassierer S ch o l tz- Berlin eine gedrängte Uebersicht über die Kassenverhält- nisse. Seit dem vorigen Verbandstage hat der Verband eine Zunahme von 14 Filialen und SM Mitgliedern erfahren. In der dreijährigen Geschäftsperiode betrugen die gesamten Einnahmen 1036 618 M., die Ausgaben 882 062 M. Die hauptsächlichsten Aus- gabeposten in den drei Jahren find folgende: Streiks im eigenen Beruf 221 322 M., Streiks in anderen Berufen 20 623 M., Ge- mahregeltenunterstützung 606? M., Reisennterstützung 7266 M., Notfallunterstützung 14 002 M., Rechtsschutz 8686 M., Kranken Unterstützung 62 106 M., Sterbeunterstützung 35 900 M-, Fach organ 67 640 M., Agitation 160 706 M. Das" Vermögen heS Ver bandes beträgt 366 361 M. K n o l l gab einen kurzen Bericht über die Redaktion dcS Verbanbsorgans, der dahin ausklaug, dah Beschwerden nicht eingegangen sind und prinzipielle Bedenken gegen die Haltung des Blattes nicht erhoben werden können. Hierauf wurde die Diskussion über die gesamte Berichter stattung eröffnet. Meistens waren es örtliche Angelegenheiten, die den Gegenstand der Erörterungen bildeten. Mehrfach wurde auch die im Vmcstandsbericht berührte Frage der Frauenorganisation besprochen. Hierzu sagte der Gauleiter F r ä n k e l- Görlitz: In Schlesien sind etwa 400, in Breslau allein ungefähr 100 Frauen beim Gußpflaster mit Vergießen beschäftigt. Doch wenn nichts zu vergießen ist, dann müssen die Frauen auch Steine aufbrechen, reinigen und transportieren. Das ist eine sehr schwere Arbeit, wobei täglich 160 bis 180 Zentner von einer Frau bewältigt wer- den. Man sollte denken, eine solche Arbeit würde von den Unter- nchmern entsprechend bezahlt. Das ist aber keineswegs der Fall. Die Frauen bekommen Stundenlöhne von 18 bis 26 Pf., auch Akkordarbeit kommt bei den Frauen vor. Manchmal werden sie von gewissenlosen Unternehmern sogar um den Lohn betrogen. Be- schwcrden an den Gcwerbeinspektor wegen der Frauenarbeit sind erfolglos geblieben. In Breslau find von den 100 Frauen 30 dem Verbände beigetreten. Ich bitte, sagte der Redner, hier nicht erst über die Frauenfrage zu diskutieren. ES ist ein dringendes Be dürfnis, die Frauen zu organisieren, um ihre Verhältnisse zu bessern.— Einzelne Redner vertraten die Meinung: Di« Arbeit beim Stratzenban sei für die Frauen zu schwer, es müsse deshalb auf Beseitigung dieser Frauenarbeit hingewirkt werden.— Ein Redner aus Dresden teilte mit, daß dort vor Jahren polnische Frauen beim Ausschachten beschäftigt wurden. Die öffentliche Meinung habe sich dagegen empört, infolgedessen seien die Frauen von dieser Arbeit zurückgezogen worden.— Im Verlaufe der De- batte wurde auch die Einrichtung von Jugendabteilungen im Ve* bände angeregt. K n o l l sagte in seinem Schlußwort unter andere«: Für die Jugendabteilungen kämen ja nur wenige Orte in Frag«. Er rate aber den Verbandsgenoffen, wo es möglich sei, Iugenbabteilungen einzurichten, da solle unbedingt ein Versuch damit gemacht werden, denn es müsse der von„patriotischer" Seite betriebenen Bergif- hing der Jugend entgegengewirkt werden. Im übrigen ging der Redner auf verschiedene kritische Bemerkungen zum Geschäft»- bericht ein, die jedoch kein allgemeines Interesse haben. Nach einem kurzen Schlußwort des Kafsiecers erklärt« sich der Verbandstag mit den Vorschlägen des Vorstandes einverstanden, Wunach den serbischen und bulgarischen Gewerkschaften eine Unter- stützung gewährt wird, erforderlichenfalls erhöhte Beiträge an die Gcneralkommission geleistet werden und der Vorstand ermächtigt wird, wenn er es im gewerkschaftlichen Interesse für Wünschens- wert hält, Aktien von Straßenbaugesellschaften zu erwerben. Den Mitgliedern, die noch mit Extrabeiträgen von 1911 im Rückstände sind, soll bis 1. Juli d. I. Frist zur Begleichung derselben gewährt werden-__ Em Induftne und Randel* Die deutsche Kontinental-Gasgesellschaft in Berlin erzielte einen Gewinn von 4,46 Millionen, wovon 2,64 Millionen als Dividende von 11 Proz. an die Aktionäre ver- teilt werden. Die GaSabgabe stieg dem Geschäftsbericht zufolge im Jahre 1912 um 6 336 695 Kubikmeter auf 92 833 306 Kubikmeter, was eine Zunahme um 6,09 Proz. bedeutet. An der erhöhten Abgabe haben lücr gegebenen Rahmen mit einer schönen Stimme und auch mit dem, was man musikalische Intelligenz nennt. sz, Humor und Satire. «chtzehnhundertdreizehu. Run kann man was zu hören kriegen I Nun fällt ein wüstes Phrasenmeer, Daß sich die dicksten Balken biegen Wild über alle Nörgler her. Es flattern stolz der Fräcke Schöße� Und schäumend rauscht der Redefluß, Und selbst so mancher FreisinnSgröß« Entquillt ein patriotscher Stuß. Doch will mich baß'ne Fragen reizen, Die hier entfleußt dein Federkiel: Ich hört', daß achtzehnhundertdreizeh» Die Jugend für die Freiheit fiel. Sollt' das nicht Eure Freude dämpfen, Ihr festlich angeschwollire Herrn? Denn wirklich I— für die Freiheit kämpfe« Ist doch wohl heut nicht mehr modern? Drum mögt Ihr noch so heftig quasseln, Mick dünkt nickt ehrlich das Gewäsch, Ich lasse seelenruhig prasseln Um mich das Phrasenstrohgedresch Und wenn ihr gar zu unverfroren Musike macht, die falsch im Ton: 'ch stopf' mir Wattein die Ohren, iannhör' ich nämlich nifcht davonl _ Michel. vkotize». 8 o e 5, den das Kaiser-Friedrich-Museum abkaufte, wird nunmehr die Reise nach ________________ Bisher hatte das Ministerium die Aus- wauderung dieses hervorragende« Gemäldes auö der Frühblüte der vlämischen Malerei verhindert. — Die Freude an der Arbeit. Der französisch« Bild- Hauer R o d i n, der die Beziehungen der Kunst zum Leben klar- zulegen versteht, sagt: Man behauptet, daß die Kunst keinen Nutzen hat: sie ist im Gegenteil von größtem Nutzen; alles, was Glück hervorbringt, ist höchst nützlich. Man sollte uieinals vergessen, daß ivir, die Künstler, die einzigen Menschen der Gegenwart sind, die Lust im Schaffen und Befriedigung in der Arbeit finde». Jeder Arbeiter müßte ein Künstler sein und Vergnügen finden in seiner Aufgabe: der Maurer, der Tischler, der Anstreicher, sie alle müssen Freud« gewinnen ans ihrer Anstrengung. Die Lebensfreude muß wiederkehre«, und wir Künstl« sind es, die st« zurückführe«. 'auch die Autonlateuanlagen beträchtlichen Anteil gehabt, deren Zahl von 26 018 auf 44 618 gestiegen ist. Für den ausgedehnten Ge- schäftsbetrieb der Gesellschaft, die auch elektrische Kraftanlagen betreibt, geben die Mitteilungen über Neuanlagen einen Anhalt. Die GescllsHaft hat sich im vergangenen Jahr neu beteiligt an der Niedcrrheinischen Licht- und Kraftwerke-Akticngesellschaft zu Rheydt, au der Staßfurter Licht- und Kraftwerke-Aktiengesellschaft, an der Ueberlandzentrale Ostharz-Aktiengesellschaft zu Dessau und an dem kommunale« Elektrizitätswerk Mark in Hagen. Von dem 8 Millionen Mark betragenden Kapital der Niederrheinischc« Licht und Kraftwerke-Aktiengesellschaft in Rheydt hat die Gesellschaft 60 Proz. übernommen und dafür ihre Gasanstalten M.-Gladbach, Rheydt, Rheindahlen nebst zugehörigen Rohrnetzen eingebracht. Die NiederrheinisÄen Lickt- und Kraftwerke haben mit der Stadt Rheydt eine« bOjährigen Elektrizitäts- und Gasversorgungsvertrag abgeschlossen. Der Bericht verweist darauf, daß es sich hier um eine gemischt-wirtschaftliche Gesellschaft handle, deren Unternehmungsform sich im ersten Jahres ihres Bestehens vollau bewährt habe. Sämtliche Aktien der Staßfurter Licht- und Kraft Werke-Aktiengesellschaft ünd der Ueberlandzentrale Ostharz mit je l Million Mark, von denen das Kapital der erstgenannten Gesell» schaft voll und das der zweiten nur mit 26 Proz. eingezahlt ist, befinden sich im Besitz der Deutschen Kontinental-Gasgesellschaft. Ihre Beteiligung an dem kommunalen Elektrizitätswerk Mark hat sich um 100 000 M. erhöht. Für das Jahr 1912 werden bei diesem Unternehmen wieder 8 Prozl Dividende erwartet. Mit der Stadt Odessa sind Konzessionsver�indlungen über deren Gasversorgung abgeschlossen worden, die noch der Genehmigung durch die Re- gierungsbehörden bedürfen. Der Konzessionsvertrag mit der Ge- meinde NolvaweS wurde um 30 Jahre verlängert. Ferner wurden weitere Verträge von bOjähriger Dauer mit verschiedenen Ge- meinden und GutSbezirken abgeschlossen. Die Hochdruckleitung im elsässischen Versorgungsgebiet ist in Betrieb genommen. Auf dem Gebiet der Elektrizitätsversorgung wurde die Ueberlandzentrale Anhalt erheblich erweitert. Mit der Stadt Zerbst wurde ein bOjähriger Elektrizjtätsversopgungsvertrag abgeschlossen, und die Stromversorgung ü, den Städten Sandersleben und Nienburg a. S. gesichert. Von der Aktiengesellschaft für Gas und Elektrizität in Kol« wurde das Gaswerk in Nienburg a. S. erworben. Mit den benachbarten Ueberlandzentralen wurden Demarkationsverträge getätigt, durch die der Gesellschaft eine Reihe preußischer Ort- 'chaften zur Stromversorgung überlassen wurden. — Der van der einem spanischen Kloster Berlin antreten können Em der frauenbewegung« Der Frauentag in Oesterreich. SHeitj 9. März.(P. T.) Heute fand hier eine von den sozial- demokratilchen Frauenorganisationen veranstaltet« Kundgebung zu« gunsten des Frauenwahlreckts statt. Ungefähr 300 Frauen zogen unter Vorantragung von Fahnen mit der Inschrift:»Hoch das �rauenwahlrecht" zum Rathause, woselbst eine Volksversammlung tattfand. Nach Annahme einer Resolution zugunsten des Frauen- vahlaechtS wurde die Versammlung geschlossen. In allen größeren Städten Oesterreichs fanden gleichzeitig ähnlich« Kundgebungen statt. In allen Versammlungen wurde eine gleichlautende Resolution zu- gunsten des Frauenwahlrechts angenommen. Der Frauentag in Petersburg. Auf die Initiative einer Gruppe russischer Textilarbeiterinnen jand am 2. März in Petersburg eine öffentliche Feier de»„Frauen- tage»" statt, die sich zu einer imposanten Manifestation des ozialistischen Gedankens gestaltete. Diese Veranstaltung ist um so bemerkenswerter, als sie die erste ist, die seit 1906 von den rufst- sthen Arbeiterinnen selbständig inszeniert worden ist(1909 mutzten ich die russischen Arbeiterinnen auf die Beteiligung ihrer Ver- treterinnen an dem bürgerlichen Frauenkongreß beschränken). Nach langer Zeit ertönte wieder wenn auch unter strenger polizeilicher Ueberwachung— vor einer zweitausendköpfigen Zuhörerschaft das öffentliche sozialistische Bekenntnis der klassenbewußten russischen Arbeiterinnen, die, alle polizeilichen Hindernisse überwindend, ihre Solidarität mit den sozialistischen Arbeiterinnen der ganzen Welt manifestierten. Der gewaltige Saal der Kalaschnikow-Börse war mit Taufen- den von Arbeitern und Arbeiterinnen überfüllt(viele Hunderte von Nachzüglern fanden keinen Zutritt), als in Anwesenheit der Mit- glieder her sozialdemokratischen Dumafraktion die Versammlung von Frau Sokolowa eröffnet wurde. Di« geplante Verlesung von Begrüßungen durch die anwesenden Deputationen wurde von der Polizei nicht gestattet. Nach den einleitenden Reden von Frau JantschewSka Und Margulies, in denen der sozialistische Charakter des Frauentages und der gemeinsame politisch« und »wirtschaftliche Kampf der Arbeiter und Arbeiterinnen betont wurde. � erstattete die Vertreterin de? Textilarbeiterverbandes, A l e x e j e wa, einen Bericht über:„Die Frau in der Industrie", dem ein Bc° richt von Frau KuwschinSkaja über den„Gesetzlichen Schutz der Frauenarbeit in Rußland und im Auslande" folgte. Frau A. G u r ew i t sch sprach darauf über:„Die wirtschaftliche Lage der Frau und die Prostitution", während die letzten Reden von Frau Kartetschjewa und Kudeli, unter Bezugnahme aus die Lage der Frau in der Landwirtschaft und auf die Geschichte der russischen Frauenbewegung mit einem begeisterten Appell an die Kampsesfreudigkeit der proletarischen Armee ohne Unterschied des Geschlechts ausklangen. Mit lang anhaltendem Applaus wurfr darauf folgende Resolution angenommen: „Die tiefgehende Umwälzung der wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen im kapitalistischen Entwickelungsprozeß bildet die Grundlage der Frauenbewegung für das allgemeine Wahlrecht: Die wirkliche Lage der Frau in der Industrie, in der Land- Wirtschaft, im Handelsgewerbe, wie auch die Pflichten, die sie als Mutter und Hausfrau zu tragen hat, geben der Frau das volle Recht, die Ausdehnung aller sozialen und politischen Rechte auf sie zu fordern. Die Frauen fordern das allgemeine Wahlrecht, um selbst ihre Rechte zu verteidigen und ihre Interessen wahrzunehmen. Sie fordern das allgemeine Wahlrecht, um teil- nehmen zu können an dem Prozeß der Eroberung der politischen Macht zur Verwirklichung der sozialistischenOrdnung. Deshalb erklären die Frauen sich bereit, mit aller Energie und Standhaftigkcit für das allgemeine, gleiche, direkte und ge- Heime Wahlrecht einzutreten, das auf die Wahlen für sämtliche offiziell bestehende Vertretungskörperschaften und auf alle Per- sonen über 20 Jahre, ohne Unterschied der Religion, des Geschlechts und der Nation ausgedehnt Wersen soll. Die Forderung der politischen Freiheit wird auch von den Frauen aus der bürgerlichen Intelligenz aufgestellt. Aber un- geachtet des Bestehens einiger gemeinsamer Forderungen auf dem Gebiet der rechtlichen und politischen Reformen, haben die wichtig. sten Interessen der Arbeiteria, ihre wirtschaftlichen Interessen, mit den Interessen der Frauen aus den anderen Klassen nichts gemein. Die Befreiung der proletarischen Frau kann nicht Sache der Frauen ayer Klassen sei». � Diese Aufgabe kann nur durch die gemein, amen Anstrengungen des gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts ver- wirklicht werden." Infolge Einspruchs der Polizei konnte u. a. auch die nach- stehende Begrüßung der bürgerlichen Frauen nicht zur Verlesung gelangen. Ihr Wortlaut ist bezeichnend für die Stellung, die sich die proletarische Frauenbewegung in Rußland bereits erkämpft hat. „Auf Beschluß der Generalversammlung— heißt es in diesem Schreiben— begrüßen wir, die Mitglieder des Petersburger Klubs der fortschrittlichen Frauenpartei. Ihre heutige Versammlung— aii diesem glückliche», verheißungsvollen Tag, der in allen Kultur- ländern, wo die sozialdemokratische Partei mit ihren Bestrebungen zur allgemeinen gerechten Gleichheit Hervortritt, der Frauenfrage gewidmch ist, Wir tuacu uns, daß die Gleichberechtigung der Frau, ohne die Wahrheit u»3 Gerechtigkeit nie auf Erden Herr- schen werden, daß dieses uns teure Ziel auch von den starken Händen der Arbeiterinnen unterstützt wird. Möge dieser Tag als Bürgschaft dienen für den Erfolg des Werkes, das uns in gleichem Maße ngh und teuer ist. Ehre und Lob der Arbeiterini Herzliche« Grußl Die Vorsitzende und Sekretärin des Klubs." Jahrhuudertfeirr der bürgerlichen Frauen. Im Landwehrofstzierkastno zu Charlottenburg feierten der Bund Deutscher Frauenvereiue und der Deutsche Lyzeumklub die Erinne- rung an 1813, Die Veranstaltung trug einen nicht ganz einheitlichen Charakter. Gedacht war sie wohl als Propagandaversammlung für die bürgerliche Frauenbewegung, die gegenüber den reaktionären Gegnern auö dem»Deutschen Bund zur Bekämpfung der Frauen- emanzipation" für den patriotischen Sinn der bürgerlichen Frauen Zeugnis ablegen wollte. Ganz ins Hurrapatriotische fiel die Geschmacklosigkeit. von einem Frauenchor mit Trommel- und Tromperenbegleitung Körners Gebet während der Schlacht und Lützows wilde Jagd zum Vortrag bringen zu lassen. Zu erstaunlich oberflächliche» und historisch falsche» Phrasen brachte es der erste Festredner Adolf Harnack. dessen Titel„Se. Exzellenz Wirkitcher Geheimer Rat Dr. D." das Programm nicht zu melden unterließ. Daß das deutsche Volk zu keiner anderen Zeit so stolz und tief das Gefühl der Freiheit enipfunden habe wie in den„Freiheitskriegen", kann nur jemand be- Haupte», der von den revolutionären Bewegungen in der deutscheu Geschichte nichts weiß. Schlimmer noch war die Entgleisung, daß die Slein-Hardenbergsche Gesetzgebung, die bekanntlich zum Teil sklavisch iranzösische Vorbilder nachahmt«, aber leider durch junker- lichen Widerstand verballhornt wurde, aus der»Tiefe deutscher Tradition" herausgeholt sein soll. Selbst der einzige vernünftige Gedanke des rationalen Theologen, daß die Zeit von 1813 nicht einen Bruch mit der Aufklärungsepoche, sondern zum Teil die Ver- wirklichutig der Ideen dieser Epoche darstellt, wurde durch einen Wust religiöö-nationaler Gefühlsurteile erstickt. Die zweite Redneri», Dr. Gertrud Bänmer, bettachtete di« Befreiungskriege" als die erste Zeit, in der Frauen am politischen Leben teilnahmen. In mühsamer stiller Arbeit von Tag zu Tag müßten jetzt die Frauen die Teilnahme am öffentlichen Leben wieder erkämpfen, di« sie einst im Sturm aber nur vorübergehend ge» wannen. Gertrud Bäumer schien uns dabei, wenn auch unabsichtlich, zu fälschen. Die Interessen der bürgerlichen Frauenwelt jener Zeit lagen fast ausschließlich auf rein ästhetischem und literarischem Ge- biet.„Laß dich gelüsten nach der Männer Bildung, Kunst, Weisheit und Ehre" dies zehnte Gebot des Schleiermacherschen .Katechismus der Vernunft für edle Frauen" galt damals uneinge- chränkt und diese Emanzipationsbestrebungen standen im Vorder- grund. Wollen die bürgerlichen Frauen heute des Jahres 1813 ge- denken, so mögen sie jener Frauen nicht vergessen, denen alle be- schrankt nationalen Ideen fernlagen, die nicht von den Waffen, andern von ihrer Geistesbildung die Freiheit erhofften. Diese Art der Gedenkfeiern wäre um so würdiger, als die bürgerliche Frauen- bewegung unserer Tage ja fast völlig von den Ideen ihrer Bor- läuferinnen zu Anfang des 19. Jahrhunderts zehrt. Fraueoemanzipation«ud Arbeiterbewegung. Loud?», 8. März.(Gig. Ber.) Die englischen Frauen haben der Regierung den Krieg erklärt und beschlossen, ihreu ganzen Einfluß zugunsten der Arbeiterpartei in die Wagschale zu werfen. Es handelt sich hier nicht um das überlaute Häuflein der militanten Suffragettes, sondern um die große Masse der zur Eroberung des Frauenstimmrechts organisierten Frauen. Die nationale Union der Frauenstimmrcchtsvereine, der gegen 400 Organisationen angehören und die die von der Frau Pankhurst vertretene Art der Propaganda verwirft, ist der Behandlung«lüde, die sie von der liberalen Regierung erfahren hat. Eine Frarienstimmrechtsvorlage nach der anderen ist an dem Widerstand der Gegner im liberalen Kabinett gescheitert und die Aussichten der nächsten Vorlage sind sehr schlecht. Wenn nicht die Re- gierung daS Problem selbst anfaßt, wenn sie nicht aufhört, uns auf ntchtoffizielle Vorlagen zu vertrösten, wird das rauenstlmmrccht nie eingeführt werden, sagen sich die Frauen. leisen wir daher der Regierung, die Vorbedingungen für eine offizielle Vorlage zu schaffen, helfen wir ihr, die Einigkeit im Kabinett in dieser Frage herzustellen, indem wir alle Minister aus dem Parlament jagen, die unserer Sache feindlich gegen- überstehen. Die einzige Partei, auf die wir uns voll- ständig verlassen können, die nicht aus Opportunismus, sondern aus Prinzip für die gleichen Rechte der Frauen eintritt, ist die Arbeiterpartei. Unterstützen und kräftigen wir daher diese Partei mit allen Mitteln, verhelfen wir ihren Kandidaten bei Wahlen zum Siege und lassen wir die Liberalen unsere Macht fühlen. Daß diese Taktik hundertmal besser geeignet ist, dem Frauenstimmrecht zum Siege zu verhelfen, als alle Propaganda der Tat, muß jedem verständigen Menschen sofort einleuchten. Wenn die Arbeiterpartei imstande ist, ihr Kampffeld zu er- weitern, wenn den liberalen Parlamentsmitgliedern um ihren Sitz bange wird, wenn gar die Ministersessel zu wackeln an- fangen, dann wird auch bei manchem Liberalen die Erinnerung an die Grundsätze des Liberalismus zurückkehren. In Zukunft wird die Union der Frauenstimmrechtsvereine überall für den Arbeiterkandidaten eintreten, auch wenn ihm als Gegenkandidat ein konservativer oder liberaler Freund des Frauenstimmrechts gegenübersteht. Wo die Arbeiter- Partei keinen Kandidaten aufgestellt hat und wo der liberale wie der konservative Kandidat für das Fraucnstimmrecht ein- tritt, wird die Union gegen den Liberalen agitieren. Die liberale Regierung soll den Unwillen der Frauen zu fühlen bekommen. Die Union wurde bisher mit keiner politischen Partei identifiziert. Daß sie sich jetzt gezwungen gesehen hat, gemeinsam mit der Arbeiterpartei vorzugehen, beweist wieder einmal praktisch, wie eng die Emanzipation der Frau mit dem Kampfe der Arbeiterschaft derknüpft ist. Mögen auch die Frauen in anderen Ländern aus diesem klugen Beschluß ihrer englischen Schwestern die klare Lehre ziehen, daß sie von keiner anderen Partei etwas zu erwarten haben als von der Partei des Proletariats.__ Gerichta-Zeitung. Ein Musterpolizist. Wegen wissentlichen Meineides hatte sich vor dem Memeler Schwurgericht der Polizeisergeant Georg Albußtts ans Ruß zu verantworten. Er hatte in einem Strafprozeß gegen einen „Wunderdoktor" in Königsberg wissentlich falsch beschworen, daß er den„Doktor" nur aus Neugierde besucht, daß er ihm nie Geld gegeben und daß der„Wunderdoktor" auch in seiner Gegenwart nie Geld von dritten Personen angenommen habe. Der angeklagte Polizeisergeant, der bereits wegen Körperverletzung vorbestraft war, simulierte vor Gericht. So wollte er nicht wissen, in welchem Jahre er geboren sei, wie lange er im Dienst gestanden hätte, ob ex Soldat gewesen und vorbestraft sei. Auch erklärte er, daß er gar nicht wisse, ob er als Zeuge vernommen sei, und was er ausgesagt habe. Der Angeklagte wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch wurde er dauernd für unfähig erklärt« öffentliche Aemter fit bekleiden. Wanznt«nii HotelpachtSertrag. Di? BeHaftung von Miet- oder Pachträumen mit Ungeziefer, namenilich mit Wanzen, ist zweifellos als ein erheblicher Mangel der Miet- oder Pachtsache anzusehen. Hat der Verpächter beim Abschluß des Pachtvertrages das Vorhandensein des Ungeziefers in arglistiger Weise verschwiegen, so ist der Pächter nicht nur nach 8 123 des Bürgerlichen Gesetzbuches zur Anfechtung des Pacht- Vertrages, sondern auch nach I 826 B. G. B. zur Forderung von Schadensersatz berechtigt. In diesem Sinne hat das Reichsgericht kürzlich den nachstehend mitgeteilten Rechtsstreit entschieden: Die Eheleute Gastwirt P. in München haben am 9. Septem- ber 1909 von der Gasthofsbesttzerin B. deren in München gelegenen Gasthof auf die Dauer von drei Jahren gepachtet. Sie fechten den Pachtvertrag wegen Arglist der Verpächterin an und machen außerdem eine erhebliche Schadensersatzforderung geltend, weil die Verpächterin den Pächtern beim Abschluß des Vertrages arglistig verschwiegen habe, daß das Pachtobjckt mit Wanzen behastet ist. Landgericht und Oberlandesgericht München haben den Pacht- vertrag für unwirksam und den Schadensanspruch der Kläger dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt. Die hiergegen eingelegte Revision der Beklagten ist vom Reichsgericht zurückgewiesen. Die Urteilsbegründung des Reichsgerichts führt aus: Gegenstand des Rechtsstreits ist die Frage, ob die Kläger den Pachtvertrag wegen arglistigen Verschweigens der Tatsache, daß das Pachtobzekt zur Zeit des Vertragsabschlusses mit Wanzen behaftet war, anfechten können. Deshalb kommt es nicht darauf an, ob die Kläger etwa irgendwelche Pflichten, die sie aus dem Pachtvertrag gegen die Beklagte als Perpächterin hatten, schuldhaft verletzt haben. Was zunächst den Zustand des Hotels zur Zeit des Pachtvertrages be- trifft, so stellt das OberlandeSgericht auf Grund einer großen Anzahl von Zeugen, deren Aussagen sich lediglich auf den Zustand zur Besitzzeit der Beklagten beziehen, fest, daß bereits seit Jahren eine größere Anzahl von Zimmern mit Wanzen behaftet gewesen ist und daß es sich hierbei nicht nur um ein gelegentliches Vor- kommen von Wanzen, etwa infolge Einschleppung, gehandelt hat. Daß dieser Zustand des Pachwbjettes beim Vertragsabschluß der Beklagten bekannt gewesen ist, folgert das Oberlandesgericht aus der Tatsache, daß sie mehrere Jahre hindurch den Uebelstand auf die mannigfachste Art vergeblich bekämpft habe; das einzige Mittel, welches vielleicht Erfolg versprochen habe, nämlich die chemische Desinfektion durch einen erfahrenen Desinfektor, habe sie nicht angewandt. Zutreffend führt das Oberlandesgericht weiter aus, daß eine Wanzeninfektion eines Gasthofes in dem hier angegebenen Umfange als ein erheblicher Mangel im Verkehr betrachtet werde, der von der Entschließung eines Pachtliebhabers von der größten Erheblichkeit sei, so daß die Kläger nach Treu und Glauben das Offenbaren dieses Mißstandes von der Beklagten hätten erwarten dürfen. Auch der Umstand, daß der Mißstand durch eine gründ- liche chemische Desinfektion vielleicht dauernd zu beseitigen war, rechtfertigt keine andere Beurteilung der Offenbarungspflicht der Beklagten, da der Vertrag nur auf drei Jahre abgeschlossen war nnd der Ruf eines Hotels, welches mit Wanzen behaftet ist, der- gcstalt leidet, daß es auch nach der Beseitigung der Wanzen auf längere Zeit nach Möglichkeit von dem reisenden Publikum gemieden wird.„Arglist" der Beklagten würde allerdings aus- geschlossen sein, wenn sie bei den Klägern die Kenntnis von der Wanzeninfektion voraussetzte, und letzteres konnte sie, wenn in den beteiligten Kreisen allgemein bekannt war, daß alle Hotels zweiten und dritten Ranges in München mir Wanzen behaftet seien. Allein letztere Tatsache sieht das Oberlandesgericht aus eigener Sachkunde für widerlegt an. Weiter führt das Berufungs- gexicht aus, daß der Kausalzusammenhang zwischen dem arglisti- gen Verschweigen und dem Vertragsabschluß bestehe, denn weder hätten die Kläger die verschwiegene Tatsache gekannt, noch würden sie bei Kenntnis dieser Tatsache den Vertrag abgeschlossen haben. Auch der auf§ 826 B, G. B. gestützte Schadcnsanspruch ist be- gründet. Denn das OberlandeSgericht stellt einwandfrei fest, die Beklagte habe beim Vertragsabschluß das Bewußtsein gehabt, daß sie durch ihr arglistiges Schweigen die Kläger schädigen werde, und sie habe durch betrügerische Verleitung der Kläger zum Vertrags- abschlug diesen in einer gegen die guten Sitten verftoßendeu Weise vorsätzlich Schaden zugefügt.(III. 285/12.) Tie vom Reichsgericht hier entwickelten Rechtsgrundsätze sind auch auf Mietsverträge anwendbar. „Die lustige Witwe" vor dem Reichsgericht. Mit der Frage, ob die bekannte Operette„Die lustige Witwe" ein Plagiat ist und deshalb ihre Aufführung verboten werden kann, hatte sich am 8. März das Reichsgericht zu beschäftigen. Der französische Dichter Henry Mcilhac hat im Jahre 1861 ein Lustspiel„L/Attacbe d'Ambassade" geschrieben, das 1871 in deutscher Uebersetzung von Förster im Reclamschen Verlag erschien. Das Lustspiel wurde am 21. April 1882 am Hamburger Stadt- theater zum ersten Male in Teutschland aufgeführt, verschwand dann aber bald von der Bildfläche. Meilhac starb im Jahre 1997. Sein Erbe, der Schriftsteller Louis Ganderax in Paris, behauptet nun, der von Victor Leon und Leo Stein geschriebene Text der Leharschen Operette„Die lustige Witwe" stelle sich als eine un- befugte Benutzung der deutschen Uebersetzung des Meilhacfchcn Lustspiels dar. Die Firma Felix Bloch Erben in Berlin hat von den Dichtern und dem Komponisten der„lustigen Witwe das aus- schließliche Aufführungsrecht erworben. Ganderax strengte nun zunächst vor den Pariser Gerichten einen Rechtsstreit gegen die Firma Bloch an. Dieser Prozeß endete mit einem Vergleich bezüglich der Aufführung an der Operette in Frankreich, der Schweiz, Belgien und Monaco, wonach 8/u des Gewinnes dem Meilhacschen Erben,'/r- dem Ucbersetzer der Operette und'In der Firma Bloch zufließen sollten. Später erhob dann Ganderax vor dem Landgericht I zu Berlin eine Klage gegen die Firma Bloch mit deni Antrage: der Beklagten zu untersagen, einer deutschen Bühne die Erlaubnis zur Aufführung der Operette„Die lustige Witwe" z» erteilen, serner dem Kläger für die bisherige mibe- rechtigte Aufführung Schadenersatz zu zahlen und über die bisher erzielten Gewinne Rechnung zu legen. Das Kammergericht hat die Klage mit folgender Begründung abgetviesen: Nachdem Gutachten der Sachverständigenkommission steht die Bearbeitung des Textbuches der„Lustigen Witwe" hart an der Grenze des Plagiats. Nicht nur der Stoff und der Haupt- sächlichste Teil der Handlung, sondern auch einige Figuren der Operette sind ohne wesentliche Aenderung der Charakterisierung dem Meilbacschen Lustspiel entnommen, sogar einige Dialogstellen sind wörtlich übernommen. Aber das Werk Meilhacs ist höchst löinpliziert. es enthält eine Fülle von Personen, das Grundmotiv lrird vom Beiwerk erdrückt. Die Verfasser der Operette haben es dagegen in ausgezeichneter Weise verstanden, die Sache zu ver- einfachen. Ihre Ausarbeitung, Zusammendrängung und Zu- spitzung der ganzen Handlung überwiegt bei weitem den Gedanken- gang des Meilhacschen Werkes. Deshalb ist das Textbuch der Operette der Ausfluß einer eigenen schöpserischen Tätigkeit und kann immerhin noch als eine selbständige dichterische Leistung an- gesehen werden. Nach§ 13 des Urheberrechtsgesetzes ist die freie Benutzung eines anderen Werkes zulässig, wenn dadurch eine eigentümliche Schöpfung hervorgebracht wird. Dieser Fall liegt bicr vor. Das Reichsgerichts hat das Zstrteil des Kammergerichts bestätigt._ Jugendbewegung. Ein allerhöchstes Jubiläumsgeschenk. Der.Reichs-Anzeiger" bringt folgenden Erlaß: Der begeisterten Anteilnahme der schlesischen Jugend an dem vor nunmehr 199 Jahren begonnenen Werke der Befreiung Preußens dankbar gedenkend, will Ich gern genebmigen, daß die zu der ehemaligen Festung Silberberg gehörenden Werke des Forts Spitzberg sowie der Großen und der Kleinen Strohaube den Be- strebungen der auf nationaler Grundlage stehenden Jugendvereine Schlesiens nutzbar gemacht werden, Auch will Ich zu de» Kosten der Herstellung dieser Werke für den genannlen Zweck, in?- besondere zur Einrichtung geeigneter Unterkunftsräume, aus Meiner Schatulle ein Gnadengeschenk von 19 999 M. bewilligen.— Mögen diese Beweise meines besonderen Wohlwollens der Jugend Schlesiens ein neuer Ansporn sein, ihre körperlichen und geistigen Kräfte für die hohen Aufgaben zu stählen, die ihr dereinst im staatlichen Leben gestellt sein werden. Möge die schlesische Jugend sich immerdar ihrer Väter würdig zeigen in Gottesfurcht, Königs- treue und hingebender Vaterlandsliebe. Berlin, den 19. März 1913. Wilhelm B. von Dethmann H o l l w e g. So leuchtet die Gnadensonne auf die nationalen Jugendbünde herab. Die proletarische Jugend aber mutz im Jahre 1913 die- selben Verfolgungen über sich ergehen lassen, wie die Jugend, die nach 1815 die innere Freiheit Deutschlands erstrebte. Soziales. Die Steigerung de» Arzthonorars bei den Krankenkassen. In dem Streit mit den Krankenkassen behaupten die Aerzte be- lanntlich, daß der Aerztestand durch hie Krankenversicherung geschä- digt werde. Dieser Einwand sowie der, daß die Aerzte von den Krankenkassen nur„Dienstmannslöhne" erhalten, wird auch von Obervcrwaltungsgerichtsrat Dr. Konrad Weymann in seiner kürz- lich erschienenen Schrift über die deutsche Reichsversicherung fchla- gcnd widerlegt. Weymann stellt fest, daß die Krankenversicherung die Einnahmen der Aerzteschaft sehr bedeutend gesteigert hat. Sie hat an Arzthonorar gezahlt 1885 9 Millionen, 1916 76,4 Millionen oder auf den Kopf des Mitgliedes 1885 2,15 M., 1919 5,85 M.l Die Steigerung hat in fortschreitend schnellerem Maße zugenommen; sie beträgt in den vier Jahren von 1996 bis 1919 über 19 Millionen oder 95 Pf. pro Mitglied. Nimmt man der Einfachheit halber an. daß seit 1996 die Entwickelung in der Zahl der Aerzte im Reich dieselbe wie in Preußen gewesen sei, und daß die Zahl für das Reich im Jahre 1910 32 690 betragen habe, so ergibt sich, daß die Krankenversicherung auf den Kopf des Arztes(einschließlich der- jenigen, die keine KassenpraxiS haben) 1966 1836 M.. 1916 2389 M., also nach vier Jahren 559 M. mehr gezahlt hat. Der Anteil, der auf den einzelnen Kassenarzt entfällt, ist natür- sich sehr verschieden. Bei den Kassen mit sogenannter freier Arzt- wähl beziehen einige wenige Kassenlöwen riesige Honorare, wäh- rend auf den Rest der Aerzte nur ein verhältnismäßig kleiner Teil entfällt. Dafür können aber die Krankenkassen nichts. Das ist eine Sache, die die Aerzte unter sich zu regeln haben. Ei» Anwalt der Kleinbauer». Die Sozialdemokratie dringt immer weiter bor und findet immer neue Gelegenheit zur Agitation. Sogar im Provinzial- landtage zu Kassel konnte dieser Tage ein leibhaftiger Sozialdemo- krat sich zum Worte melden. Das sollte man nicht für möglich halten. Im ehrwürdigen Ständehause zu Kassel, in dem doch bis- her nur die Junker der Provinz Hessen-Nassau sich alle drei Jahre zum fröhlichen Tun versammelten, ein Roter auf die Tribüne. Und das kam so: Unsere Frankfurter Genossen sitzen jetzt 23 Mann stark im Stadtparlament und haben von der freisinnigen Mehrheit auch entsprechende Vertretung im KommunaUandtage gefordert. Gewählt wurde» vor zwei Jahren dann die Genossen Gräf und ZieborSki, die jetzt zum ersten Male in Kassel zum Provinzialland» tage— einer Versammlung der Komnmnallandtage von Wiesbaden und Kassel— geladen worden waren. Zwei Rote unter 168 „Braven", die zwei Wende hintereinander große Festessen der» tragen konnten. Auch in puncto„Festessen" sind die Landjunker leistungsfähig, die wieder ihren Herrn von Pappcnheim zum Vorsitzenden erwählten. Stundenlang redeten die Agrarier zum„wich- tigsten" Punkte der Tagesordnung:„Deckhengste" und ließen den vom Landwirtschaftsminister eigen» entsandten Geheimrat schön auffitzen. Lauter Kraftgestalten, mit dem Einglas im Gesichte. meldeten sich da zum Worte, um ja kein Iota alter Rechte abzu- geben. Der Staat soll für Hengste sorgen, zahlen usw. Weniger wichtig erschien nach dieser Redeschlacht den Junkern der ztoeite Punkt:„Bericht der land- und forstwirtschaftlichen Berufsgenossen- fchaft in Hessen-Nassau" zu fein. Referent war wieder Kammer- Herr von Heimburg, dessen Ausführungen kaum beachtet wurden. Da meldete sich ein Sozialdemokrat zum Worte. Allgemeines Staunen: was will dieser hierzu sagen? und der leergewordene Saal war im Nu wider gefüllt. Unser Genosse E. Gräf setzte mit seiner Kritik ein und zeigte sich als Kenner der ganzen Materie: Bemängelte die Betriebsrevisionen, die doch zur Verhütung ber Un. fälle diene» sollen, jedoch nur von einem Bureaubeamten und von — Gendarmen ausgeführt würden. Fachleute und nicht Gen- darmen müßten revidieren. Unter größter Nuhe'schildert dann Gräf das Elend der Kleinbauern, die in den ersten 13 Wochen thres Unfalls auf eigene Hilfe angewiesen sind, die Kuh verkaufen müßten, um die Spitalkosten usw. zu decken. Und dann die Höhe der Unfallrente selbst, die oft 3 bis 4nial niedriger als die der ge- werblichen Arbeiter, wie diese auch noch kürzlich herabgcdrückt wurde, weil man die Leistungsfähigkeit des Verletzten vor dem Unfall auch begutachte, der Kampf um die Rente, die verschlechterte Rechtsprechung. Fortfall der einst zugesprochenen Dauerrenten, der Aerztemangel auf dem Lande ustv. bildete den Schluß ber Jungfernrede unseres Genossen. Zuerst peinliches Schw«gen im Rokokosaale. Dann meldete sich ein Junker nach dem andern zum Worte, um möglichst den Eindruck der gehörten Rede zu verwischen! Eigenartig hörte es sich an, daß z. B. zwei Junier, die Kamme» Herren von Dittfurth und von Kcudcll, ihre Rede mit den Worten begannen:„wir unterschreiben vieles von den Ausführungen des Herrn Abg. Gräf.— Aber". Und dann das„Aber", welches darin bestand, daß die Mittel fehlten, mehr Bauernschutz zu treiben, da dessen Wohl ja allen Juntern so sehr am Herzen liege. Etwa« aus der Rolle siel Herr von Keudell, als er unserem Genossen Gräf entgegenhielt, daß die Kleinbauern eigentlich ja gar nicht versicherungspflichtig wären; wurde jedoch vom Genossen Gräf später gründlich abgeführt. Kurzum, die Rede unseres Genossen Gräf über die Lage der Kleinbauern und Arbeiter war der Höhe- Punkt des ganzen Kommunallanddages zu Kassel. Das fühlten auch die Junker, die darauf gar nicht„eingerichtet" waren. Ei» soziales Wunderland. In dem Buch:„Ins Land der sozialen Wunder" von Alfted Mancs finden sich auch Ausführungen über Kinderarbeit und Jugendfürsorge, deren Ausgestaltung in Australien so Verständnis» voll geregelt ist, daß sie Deuffchlanb als Vorbild dienen dürfte. Betreffs Kinderarbeit ist in Australien bestimmt, daß ein Knabe oder Mädchen unter 14 Jahren grundsätzlich überhaupt nicht be- schäftigt werden darf. Eine Ausnahme ist nur statthaft, wenn der Generalinspektor die Genehmigung erteilt. Die Erlaubnis ist aus- geschlossen, wenn es sich um eine Arbeitsstätte mit mehr als drei Arbeitern handelt. Keine Person unter 16 Jahren darf ohne be- sondere Bescheinigung, daß sie die betreffende Arbeit zu leisten im- stände ist, und ohne die Feststellung, daß sie eine gewisse Schul- bildung genossen hat, beschäftigt werden. In einer ganzen Reihe von Betrieben ist die Anstellung von Personen unter 16 Jahren, teilweise sogar unter 18 Jahren, verboten. Di? ungesetzliche Be- schäftigung von jugendlichen Personen wird nicht nur an den Ar- oeitgebern, sondern auch an den Eltern bestraft. Frauen und Kindern muß So»oabe»dS von 1 Uhr ab freigegebe» worden, neben der vollkommenen Ruhe an Sonn, nnd Feiertage», Slld-Austrälien hat das schärfste Kinderschufjgesetz der Welt. Elternlose, verwahrloste und verbrecherische Kinder werden nicht in Anstalten, sondern in Familien untergebracht. Man hat hier mit der Familienerziehung ausgezeichnete Erfolge erreicht, nicht nur bei den Waisenkindern, sondern auch bei Kindern, die in Fü» sorgeerziehung gegeben wurden, Weil sie entweder selbst gegen Ge- setze verstießen, oder weil ihre Eltern Verbrecher, Säufer oder sonstwie zur Erziehung ungeeignet waren. Bis zum 13., in manchen Fällen bis zum 21. Lebensjahre, stehen Fürsorgezöglinge unier Staatsaufficht. Bis zu ihrem 13. Lebensjahre werden sie vollständig vom Staat erhalten, von da ab sorgt zwar der Staat ebenfalls für ihren Unterhalt, er zieht aber die Zöglinge zu Arbeiten� heran, so daß sie einen Zuschuß zu den Staatskosten verdienen müssen. Ein Kind unter 13 Jahren kostet dem Staat durchschnittlich in der Woche 5Va M., die älteren knapp 2 M. Nicht nur Humanitäts« gründe, sondern auch solche der Bevölkerungspolitik veranlaßten diesen weitgehenden Kinderschutz. Südaustralien hat aber auch er- reicht, daß hier die Kindersterblichkeit die geringste der ganze» Welt ist,_• Versammlungen. Der Kampf um Gehaltserhöhung. Die Anwaltsangestellten hörten Donnerstagabend in vffent- sicher Versammlung einen Vortrag des Reichstagsabgeordneten Dr. Max Ouarck über obiges Thema. Rehner begrüßte es zunächst. daß in den Kreisen der Angestellten jetzt ein reges Leben herrsche und man versuche, aus eigener Kraft die Lebenslage zu verbessern. Die bestehenden Verhältnisse in den Anwaltsbureaus feien aber auch ganz unhaltbar. Jugendliche und weibliche Arbeitskräfte suche man immer mehr in den Beruf hineinzuziehen, um sie als Aus- beutungsobjekt zu benutzen. Man müsse schon sehr weit zurückblicken, wenn man in Fabrikbetriebcn derart verrottete Zustände und Verhältnisse antreffen wolle, wie sie heute noch in den Anwalts. bureauS anzutreffen seien. Redner leuchtete an der Hand der vom Verband der Bureaubeamten aufgenommenen statistischen Erhebungen hinein in das Dunkel der AnwaltsbureauS. Rund 40 Proz. der Angestellten hätten ein Alter unter 17 Jahren, 45 Proz. ein Alter zwischen 17 und 36 Jahren und nur ein verschwindend kleiner Teil habe das 36. Lebensjahr überschritten. Diese_ Zahlen bewiesen schon, daß der Beruf ein solch elendes Dasein biete und viele ihn nur als Durchgangsstation benutzten. Zu der grenzenlosen Aus- beutung der jugendlichen und weiblichen Arbeitskräfte kämen dann die geringen Gehälter, die gezahlt würden. Wenn auch der An- waltsangestellte eine besondere Vorkenntnis zum Beruf nicht brauche, so falle auf ihn doch ein großes Teil, ja ein Uebermaß von Verantwortlichkettsgefühl. Die Bezahlung sei eine ganz �erbarm- liche zu nennen, denn 62 Proz. der Anwaltsangestellten hätten ein Einlommen von 10 0 Mark und weniger im Monat. Auch die amtlichen Erhebungen, die über Lage der Anwaltsangejtellten vor- genommen worden seien, müßten von der elenden Bezahlung ge- wittert haben, denn die Enquete gehe in großem Bogen über die Gehältsverhältnisse hinweg. Hätten die Gehälter die Oeffentlich- keit nicht zu scheuen, so wären die Zahlen doch sicherlich im großen Glorienschein der staunenden Mitwelt unterbreitet worden. Die Herren Anwälte gehörten in t�en meisten Fällen den sibe- raten Parteien an. Als Politiker führten sie das große Wort, aber sie dächten nicht daran, durch Einführung besserer Verlstiltnisse in ihren eigenen Bureaus mit guten Beispielen voranzugehen. Sekbst Ueberstunden weigere man sich zu bezahlen. Von 96 Proz. der An- gestellten verlange man die unentgeltliche Leistung der Hebe» stunden. Dies seien doch Verhältnisse, wie fi« in einem„liberalen" Beruf nicht mehr angetroffen werden dürften. Jetzt weigerte« sich die Herren Anwälte sogar, die vollen Beiträge zur Privatbeamten- Versicherung zu bezahlen. Man benutze das Privileg, das der An- waltsherus besitze, zur Verschlechterung der sozialen Lage der Angestellten, zur Verschlimmerung, zur Verböserung der Verhältnisse. fie Schuld an diesen erbärmlichen Verhältnissen liege jedoch an den ngestellten selbst. Mehr Mannes- und für die weiblichen Auge- stellten mehr Dcunenmut könne diese Zustände mit einem Male ändern und beseitigen. Ein besseres Agitieren für den Verband hebe die Angestellten auf ein höheres Kulturniveau. Das große Feld der Agitation müsse noch viel mehr bearbeitet werden. Wenn jeder einzelne ein besserer Agitator werde, würde« sich auch die Verhältnisse bessern.(Lebhafter Beifall.) In der Tiskussion steuerte Lehmann vom Verbam» der Bureauangestellten aus einer großen Fülle von Materiell ned) einiges über die miserable Lage der Anwaltsangestellten bei. Ein weiterer Redner ersuchte, mit Gehaltserhöhung unid der Forderung auf Zahlung der ganzen Beiträge zur Angestelltenversicherung immer wieder an die Anwälte heranzutreten. Mit dem Ruft: Vorwärts zum Kamvf gegen Ausbeutung und Unterdrückung! Auf zur Agitation für den Verband der Bureau- angestellten! schloß der Vorsitzende die Versammlung mit einem begeistert aufgenommenen Hoch. Deutscher Bauarbeiterverband. Die in der Gips» und Zementbranche beschäftigten Mitglieder des Bauarbeite» Verbandes nahmen in einer Versammlung am Sonntag den JahreS- bericht des Sektionsvorstandes entgegen. Der Bericht bildet einen Teil des vom Vorstand des Zwcrgvereins gedruckt herausgegebeneu allgemeinen Geschäftsberichts. Trotz der im verflossenen Jahre arg dauiedergelegenen Bautätigkeit wurde eine umfassende Agita- tion zur Gewinnung neuer Mitglieder betrieben, die auch von Er- folg gekrönt war. Am Schluß des Jahres waren 2426 Mitglieder gegen 2216 Ende 1911 zu verzeichnen. Davon sind: Rabitzputzer 535, Rabitzspanner 285, Träger 242. Zementierer 255, Einschaler 576 und Hilfsarbeiter 533. Die ungünstige Konjunktur kommt am besten in der Tätigkeit des Arbeitsnachweises zum Ausdruck. 5035 Arbeitslose liehen sich im Laufe des Jahres anschreiben, für die nur 1646 offene Stellen zur Verfügung standen. 1646 Stellen wurden besetzt. Am Schlüsse des Jahres betrug die Zahl der Arbeitslosen 243 gegen 206 im Vorjahre. Inzwischen ist die Zahl der Arbeitslosen weiter gestiegen und hat in der ersten Märzwoche die erschreckende Zahl von 572 erreicht. Durch eine umfassende Bautenkontrolle wurden statistische Erhebungen über die Lohn-, Arbeits- und Oraanisationsverhältnisse veranstaltet. Am miserabel- sten siegen die Verhältnisse im Tiefbaugewerbe, dem SchmerzenS- lind für den Bauberuf. Arbeitszeiten von täglich 14 und 16 Stun» den, ftwie Stundenlöhne von 35 Pf. sind keine Seltenheiten. Die im Tiefbau beschäftigten Arbeiter stehen den OrganisationS- bestrebungen noch sehr indifferent gegenüber. Der Bericht führt auch Klage über das im Gipsbau- g e w e r b e sich immer mehr breit machende Zwischenunternehmer- tum, auch eine Folge der großen Arbeitslosigkeit. Hierdurch wird jedoch nur die Schmutzkonkurrenz gezüchtet und der Pfuscharbeit werden die Wege geebnet. In sieben Fällen mußte die SektionS- leitung Bau- bezw. Firmensperren verhängen, um Verschlecht» rungcn abzuwehren und Forderungen durchzudrücken. Eine große Zahl von Differenzen wurde durch die Unteriommisstou der Schlichtungskommission erledigt. Im Betonbaugewcrbc ist infolge der ungünssigen Kon- junktur die Zahl der Beschäftigten nicht unerheblich zurückgegangen. Das Angebot überstieg bei weitem die Nachftage nach Arbeitskräften, io daß viele unter einer langen Arbeitslosigkeit zu leide» hatten. Einige Unternehmer versuchten, sich diesen Umstand zu- nutze zu machen und die ihnen unbequemen Bestimmungen des Tarifs zu umgehen. Neben einer ganzen Reihe von Verstößen gegen die Pertragsbcstimmungen, mit denen sich die Schlichtungskommis- sion zu beschäftigen hatte, mußte die Seksionsleitung in 127 Fälle» zwecks Erledigung von Differenzen und Streitigkeiten einschreiten. Allein in 36 Fällen mußte gegen die Ueberschrcitung der Arbeits- zeit Stellung genomnien werden. Eine besondere Agitation wurde auch unter den italienische» Arbeitern betrieben und gelang es bei einigen Firmen, die noch Stundenlöhn« von 46 und 42 Pf. zahlt«», die Löhne für Beton- nnd Terraazoarbett« w| 60&|n erhöh». Den gedruckten Bericht ergänzte der Scktionsleitei! Otto H a e s e durch längere Ausführungen. Am Schlüsse machte er auf den Ablauf der Tarife sowie den Ernst der Situation ün ge- samten Baugewerbe aufmerksam. Die Unternehmer wollten keinen Pfennig Lohnerhöhung bewilligen und würden sich die Verhältnisse viel schärfer zuspitzen als im Jahre 1910. Lebhafte Klage wurde über den Arbeitsnachweis geführt. Bor allem wurde ein Raum gefordert, in dem alle Arbeitslose Unterkunft erhalten. Von der Verbandsleitung wurde gefordert, dah sie gegen die Arbeitsvcrmittelung unter der Hand Front mache und Abhilfe schaffe. Ein Redner sagte, solange nicht der obliga- torische ArbeitsnachSweis eingeführt sei, dürfe man es nicht so scharf verurteilen, wenn jemand Umschau halte. Von einer Seite tvurde die� gänzliche Beseitigung des jetzigen Arbeitsnachweises ge- fordert, während ein anderer Redner die Forderung auf Errichtung eines paritätischen Arbeitsnachweises erhob. H a e s e sagte, er er- kenne die gegen den Arbeitsnachweis erhobenen Beschwerden wohl an. doch sei es bisher leider nicht möglich gewesen, eine Aenderung herbeizufuhren. Der neue Vorstand werde jedoch die Angelegen- heit im Auge behalten und eine Verbesserung versuchen. Mitgeteilt wurde noch, daß über die Firma, die den Neubau der Humboldtmühle iy Tegel ausführt, die Sperre verhängt wurde. Als Sektionsleiter wurde Otto Haese mit 147 von 195 Stimmen und als Arbeitsvermitteler H ö p p k e einstimmig wiedergewählt. Für die Gipsbranche wurden H. Körte, Falken- b e r g und Fels sowie für die Acmentbranche Hoppe und Krämer als Branchenleitung bestätigt. Briefkaftcn der Redaktion. InrlstUche Sp»a>ft»»dc findet Lindenstraße KS,«srn vier Trc»»e» -- Fa»rft»»l—, wachentiiillich von 4M, bis 7� Uhr abends, E-un-dends, bv» bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Briefkasten bestimmten Anfrage ist et» vnchstabc»nd eine Zahl als Merkzeichen beizufügen,«riestiche Antwort »oird nicht erteUt. Anfragen, denen keine Atonnementsqntttung beigefügt ist, verd-n nicht beantwortet.(kUtge Fragen»rage man in der Sprechstunde vor. St. SB. 34. Sofern Ihre Mutter wieder ein Drittel des ortsüblichen TagelohnS verdient, könnte die Rente entzogen werden.— Ctto, Willi» Artnr. AIS Erbe nach Ihrer Mutter sind Sie auch für die Miete haftbar. Der Wirt kann sich an die eingebrachten Sachen halten.— H. Dl. SB. Ihre Frage ist unverständlich. Kommen Sie in die Sprechstunde.— W. ff. 56. 1. u. 2. Besorgen Sie sich vom Armenvorsteher Ihres Bezirks ein Armenatteft und erheben Sie alsdann unter Ueberreichung desselben beim Amtsgericht Klage aus Herausgabe der Sachen. 3. Hat ein Verlöbnis nicht bestanden, so brauchen die Geschenke nur dann herausgegeben werden, wenn sich der Beschentte durch eine schwere Verfehlung gegen den Schenker oder dessen nahen Verwandten groben Undanks schuldig gemacht hat. 4. Das wäre möglich, erscheint im vorliegenden Falle jedoch ausgefchlossen. 5. Richten Sie einige Tage vor Staltfinden des Termins ein Gesuch an das Gericht mit der Bitte, von der Erwähnung der Vorstrasen Abstand zu nehmen, da Ihnen dadurch Nachteile entstehen könnten. Wahrscheinlich wird dem dann entsprochen werden.— B. W. 787. Leider nein. — H. D. 4. l. Zur Fertigstellung de» Jacketts sind sie oerpflichtet. Sie brauchen dasselbe jedoch nicht ohne vorherige Bezahlung herausgeben, können vielmehr wegen des Arbeitslohnes sür das Jackett und der bei Her- stellung desselben etwa gehabten Auslagen Ihr Pfandrecht geltend machen. 2. In dem betreffenden Passus ist unseres Erachtens eine Beleidigung nicht enthalten, auch müßte Ihnen der Schutz des§ 193, Wahrung berechtigter Interessen, zugesprochen werden.— A. G. 100. 1. Ja. 2. Ja; im letzteren Falle Pslichtteilsanspruch.— W. St. 78. Das Handeln mit ge- ringwertigen Gegenständen nach 3 Uhr abends ist nach wie vor in Gast- wirtschasten gestattet.— M. AI. 104. Der Antrag ist an das Polizei- Präsidium zu richten. Die Anzustellenden dürsen nicht älter als 39 Jahre alt sein, die Ausbildungszeit beträgt etwa sechs Monate. Kosten zirka 390 M.— E. St. L. 43. Ihre Frau soll unter Vorbehält zahlen und als- dann unter Berufung aus I 63 des Einkommensteuergesetzes bei dem Vor- sitzenden der Veranlagungskommission Rückzahlung beantragen.— C. B. Ohne Mitteilung der sonst noch lebenden VerwanUen nicht zn beantworten.— L. U. 27. 1. bis 4. Nach Ihrer Darstellung nein. ö. Ja, bis zur Dauer eines Monats.— G. W. Nein. — Stockkanip, Badstr. Ihre Tochter ist zur verausgabe des geschenkten Fahrrades nicht verpflichtet.— Fahrschein 66. Auswärterinnen unter- liegen, sosern sie im Privathausbalt beschäftigt find, nicht der Krankcnver- ficherung. Jnvalidenmarken müßten geklebt werden. Die Behandlung in der Kgl. Klinik ist kostenlos.— G. St. 4. 1. Erheben Sic im Termin den Einwand der crsolgten Zahlung und überreichen Sie die Quittungen dem Gericht. Ergibt sich daraus die vollständige Bezahlung de» Kaufpreises, so muß die Klage kostenpflichtig abgewiesen werden. 2. Die baren Aus- lagen könnten Sie erstattet verlangen.— N. St. 69. 1. Die Beschlagnahme könnte erfolgen. 2. Rein.—®. H. 58. Die Emsorderung von 59 Pf. Stempelgeld sür das Vierteljahr Januar/März ist berechttgt.— S. W. 20. 1. Das ist kein Lösungsgrund. Für den Fall, daß Sie nicht zuziehen, könnte der Wirt aus Mictszahlung gegen Sie klageil. 2. Zur Er- staltung der Anstaltskosten find Sie verflichtet. Leben Sie in dürstigen Ver, hältnisscn, so empfiehlt sich ein Gesuch an den Magistrat Berlin um Erlaß oder Gewährung von geringen Teilzahlungen.— Dl. M. 90. Nein. — Trauzeuge. Ja. Aber darüber im Briefkasten aus weitere Ausein- andersetzuugen einzugchen, ist nicht angängig.— W. W. 77. Geschäftliche Angelegenheiten werden im Brieskasten nicht vermittelt.— C. T. Antrag ist schriftlich oder mündlich unter Vorlegung emes ärztlichen Attestes im Ausnahmebureau im Stadthaus, Stralauer Straße, einzureichen. Die vor- geschriebenen Formulare sür Arztattest werden dort koslensrei verabfolgt Nähere Auskunft ebenfalls dort.— F. St. Kassen, welche nur auf srei- williger Mitgliedschaft hasieren und Ausnahme ohne ärztliche Untersuchung vollziehen, sind nicht zu empfehlen.— Zwei Streitende 100. In einer Versammlung des Landwirtschastsrats.— Beelitz, Halle I. 1 Kilo.— A. E. Johannisthal 8. Transportarbeiter-Vcrband, Engeluser 15.— 31. S. 80. Leider nicht scstzustcllen.— B. 63. Bureau der Krankenanstalten, Rathaus, Zimmer III— 116. Das Weitere erfahren Sie dort.— C. F. 60. Arbeiter-Bild ungsschulc, Grenadlerstr. 37.— S. 76. Dabei können wir Ihnen leider nicht behilflich sein.— E. St. 11. In der jetzt ausgelösten Münze in Hannooer. 2. Nein. 3. Nein.— L. T. 571. Ja. — H. 25. Wiederholen Sie die Anfrag« und geben Sie auch noch an, welche Küchensachen Sie besitzen und aus wieviel Köpfen die Familie besteht. — Otto Sch. 100. 1. Falls nachweisbar, in der Regel ja. 2. u. 3. Ja. — 3l. R. T. 1887. Die vorgebrachten Tatsachen reichen zur Scheidung nicht aus.— O. 2. 26. 1. Der Umtausch der Kirrte soll vor Ablauf von 2 Jahren nach dem Tage der Ausstellung ersolgen. Geschieht der Umtausch nicht, so können Scherereien entstehen. Wir raten daher trotz der in der ReichSvcrsicherungsordnung abgeschwächten Form der Vorschristen, aus dem Umtausch zu bestehen. Die Polizei ist alsdann zum Umtausch verpflichtet. 2. Die entbehrlichen Sachen könnten von dem Vermieter einbehalten Wersen. Da Sie kein Sachenverzeichnis beigesügt haben und auch nicht die Kopszahl der Famflienmitglieder angegeben haben, laßt sich nicht beurteflen, ob Sie entbehrliche Sache« besitzen.— D. K. 69. 1. Nein. 2. Ja. — C. B. 31. Nur dann, wenn der Vertrag mit dem Nachmieter ohne Ihr Zutun geschlossen ist und ohne, daß sich der Eigentümer seinen Anspruch gegen Sie vorbehalten hat. Ist dieses der Fall, so sind Sie noch hastbar. B. 56. Die Erteilung derartiger Auslünste müssen wir ablehnen, da coenluell Begünstigung in Frage käme.— W. Spandau. 1. Andere Wege, als Auskünste bei den Einwohnermeldeämtern können wir Ihnen auch nicht angeben. 2. Feldwebel der Jnsanterie erhallen 60 M., Vizeseid« wcbel 45 M., Sergeanten 36 M., Untcrossizierc 23 M. monatliche Löhnung. Die Wohnnngsgeldentschädignng in den einzelnen Garnisonen richtet sich nach den Servisklassen, sie schwankt zwischen 252 und 196 M.— Alter Abonnent. Sic sind für die ganze Zeil der Mictsdauer zablungs« pflichttg. Der Wirt könnte sich auch an Ihre eingebrachten Sachen hallen. soweit sie nicht zur persönlichen Fortsetzung der Erwerbs- tätigkeit ersorderlich oder im Haushalt unentbehrlich sind.— A. 1. Ja. — K. L. 59. Die Todesstrafe wird vollzogen durch Enthauptung, in Preußen mit dem Handbeil mit Ausnahme der Rhcinprovinz und der Provinz Hannover, wo die Enthauptung, ebenso wie in einzelnen Bundes» ftaaten, durch das das Fallbeil geschiebt, 2. Ja, sür Katboliken beginnt die Steuerpflicht bei der Steuerstuse von 1359—1599 M., bei den Protestanten bei der Steuerstuse von 1599—1659 M. 3. DaS Urteil bedarf der Bcstäli- gung durch das Oberhaupt des Bundesstaats, bei Entscheidungen, die das Reichsgericht in erster Instanz getrosseu hat, durch den Kaiser.— 19/13. Finderlohn beträgt 1,50 M., den Anspruch haben Sie gegen den Eigen- tümer des Rades, dessen Adresse Sie bei der Polizei erfahren würden.— P. 360. Der Heimatsch ein ist erforderlich. Dieser wird nur erteilt mit Zustimmung der Ersatzkommission. Es ist ratsam, einen Antrag beim Zivil- Vorsitzenden vorher zu stellen. Der Antrag aus Erteilung des Heimalscheins muß an die Polizeibehörde gerichtet werden.— Konkurs I. Ihre Darstellung reicht zur Beurteilung der vielen Fragen nicht aus. Es ist ratsam sich sofort an den Berbandsvorstand zu wenden. Die Anmeldung der ' orderung muß. sosern der Konkursverwalter nicht Zahlung leistet, bei dem /mtsgericht ersolgen. Dl. S. 4. 2. Die Wirtsleute waren zur Abnahme der Pakete nicht berechtigt, haben auch an denselben kein Zurückbehaltungsrecht. Sie können Klage auf Herausgabe, und für den Fall, daß die Egware verdorben ist, Klage auf Schadenersatz bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk die Wirts- ieute wohnen, erheben,— 104 R. Ja, sosern der Jabresmietszins 369 M. übersteigt.— F. G. Nr. 20. Das halten wir sür unzulässig, auch werden sich die Genossen daraus kaum einlassen.— F. T. 28. Der Junge behält oie preußische Staatszugehörigkeit.— D. D. Ein ander- weiter Verkehr bis zur Rechtskrast des ScheidungSurtells ist im Sinne des Gesetzes Ehebruch, Ihre Frau könnte daraus eine Widerklage stützen und würden dann voraussichtlich beide Teile sür schuldig erklärt werden,— — R. 16. Auch Ihre neuerlichen Angaben reichen nicht aus, Sie müssen Ihre jetzige Tätigkeit näher spezialisieren,— P. T. Die Forderung erscheint oerjährt, machen Sie der Gerichtskasse Mitteilung,— R. S. 6. Die Klage kann gegen beide gerichtet werden, die Höhe deS KostenvorschusseS richtet sich nach der Höhe deS Objekts, worüber in Ihrem Schreiben keine An- gaben enthalten find.— W. I. 39. Die Steuerzahlungspflicht beginnt mit dem Ersten des Monats, welcher demjenigen solgt, in dem der Be- treffende in Arbeit getreten ist.—<4.«. Blankensee. Ihre Angabe« reiche« nicht aus. kommen Sie in die Sprechstunde.— A. G. Grüna«. Die Forderung ist verjährt, erheben Sie Widerspruch.— P. R. Berlin. DaS wird nicht ausreichen, um so weniger, als Sie de» Zustand berells ei« Jahr geduldet haben. Fordern Sie den Eigentümer nochmals unter Frist- sctzung zur Abhilse aus, eventuell klagen Sie beim Amtsgericht.— Alte« Abonnent. Ja. r*' Sehr preiswerfe Angebote In Pelerinen u. Gummi-Mänteln r, Loden-Pelerinen unrdHiw« Graue und grünliche Farben„Imprig- niert", abknöpfbare Kapuze, Tragbänder, Armdurchgriffe und Taschen 7.50 12.- 13.50 15.- 18.- 21.- 24- 27.- II Gummi-Mäntel Moderne Farben und Formen, hochgeschlossene und offene 12.50 18.- 2230 27.- 30.- 36.- 40.- 45.- Loden-Pelerinen Graue und grünliche Farben,„Imprägniert*4, abknöpfbare Kapuze, Tragbänder, Armdur cb griffe und Taschen 4.50 8.- 5- 9.- 6.- 10.- 7- 11.- BaenSohn Berlin, gegr. 1891 Chausseesfra�e 29/30 11 Brückenstra�e 11 Qp. Frankfurt er Str. 20 a Schöneberg: Haupt str. 1 0 ■T Kaehdrock verboten. Nächeten Sonntag von 12-6 j-eöffnet Haupt-Katalog(Neueste Moden kostenlos u. portofrei. 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Geldknappheit und hohe Geldleihsätze waren die Kennzeichen des Wirtschaftsjahres 1912 auf dem Geld markte. Die industrielle Hochkonjunktur mit gesteigerter Waren- Produktion und gesteigertem Warenumsatz führte zu vermehrter In anspruchuahme von Kredit und zu höheren Zinssätzen. Der Krieg auf dem Balkan vermochte nicht, die Produktion und den Absatz einzuschränken; die Furcht vor Absatzstockung und daS durch den Krieg erhöhte Risiko legten sich dagegen läh> mend auf den Kredilverkehr und führten zu weiterer Verteuerung des Geldes. Die Befürchtung vor einer Uebertragung des Krieges auf westeuropäische Großmächte veranlagte schließlich weite Kreise, ihre Gelder den Sparkassen und Banken und damit der Industrie und dem Handel zu entziehen. Ende vor. Js. sollen sollen 499 Mill. Mark durch Anhäufung in den Geldschränken und Safes dem freien Verkehr entzogen worden sein. Eine ganz außer- ordentliche Geldknappheit und Geldverteuerung waren die Folge. Bis zu 30 Prozent Zinsen wurden infolgedessen Ultimo Dezember an der Börse gezahlt. An den hohen Geldsätzen haben die Banken durch größere Pro- Visionen und höhere Zinsen profiitiert. Bei den neun größten . Berliner Banken»Deutsche Bank(299 Millionen M. Aktienkapital), Dresdner Bank(299 Millionen), Diskonto-Gesellschaft(299 Millionen), Darmstädter Bank(199 Millionen), Schaaffhausenscher Bankverein <145 Millionen), Berliner Handelsgesellschaft(119 Millionen), Na tionalbank(99 Millionen), Commerz- und Diskontobank(85 Mil- lionen). Mitteldeutsche Credilbank(69 Millionen), stiegen die Ein- nahmen aus Provisionen um 5 Millionen auf 76 Millionen. Au dem Ankauf von Wechseln, fremden Geldsorten und Kupons sowie aus Zinsen für Darlehen, Vorschüsse usw. verdienten die genannten Banken im Jahre 1912 123 Millionen oder fast 19 Millionen mehr als im Vorjahre. Nur bei der Berliner Handelsgesellschaft, die keine Filialen unterhält und das eigentliche Bankgeschäft weniger pstegt, ist ein Rückgang des Zinsenkontos zu verzeichnen. Den höheren Einnahmen aus dem ProvisionS- und Zinsenkonio stehen indessen Mindererträgnisse aus dem Effekten- und Konsortial- geschäft gegenüber.(Unter Konsortialbeteiligungen versteht man die Gewinne aus der Beteiligung an Finanzkonsortien, die sich zur Uebernahme und Ausgabe von Wertpapieren gebildet haben.) Mit Rücksicht auf die Zurückhaltung des Publikum und die teueren Geldsätze sind besonders in der zweiten Halste des Jahres 1912 viele Unternehmungen, die wohl ein Kapitalbedürfnis hatten, gar nicht an den Kapitalmarkt durch Ausgabe von Aktien und Anleihen herangetreten. Da auch die Be stände, die sich bereits in den Händen der Banken fanden, schwer an das Publikum weiter gegeben werden konnten, zeigt das Konsortial konto einen Rückgang. Auch die Gewinne aus dem Besitz von Effekten und die Gewinnanteile aus dauernden Beteiligungen an anderen Banken sind geringer geworden. Faßt man alle diese Ge- schästszweige in die Gruppe.Effekten« und Konsortialkonto" zw sammen, so ergibt sich bei den neun Großbanken eine Gewinnschmälerung um fast 19 Millionen auf 49 Millionen. Berücksichtigt muß aber auch hier werden, daß die Angaben der Banken nun nicht dem wirklichen Geschäftsgang und Umfang voll entsprechen. So gibt die Dresdner Bank an, daß sie die Konsortialgewinne gar nicht in die Gewinnrechnung eingestellt, sondern sie vielmehr zu inneren Rück- logen verwandt habe., In dem Konto KonsornalbeteUigungen und Effekten werden auch die Aktien von Terrain» und Baugesellschaften verbucht, und die bekannte ungünstige Lage des Baumarktes hat den Gewinnrückgang dieses Kontos zum großen Teil mit verursacht. Der Schaaffhausensche Bankverein muß durch Abschreibungen in Höhe von zwei Millionen Mark allein für Berliner Terraingeschäfte dieser Tatsache offen Rechnung tragen. Bei den anderen Banken (bekannt ist das z. B. von der Deutschen Bank) sind die Verluste durch Heranziehung stiller Reserven gedeckt worden. Die Möglichkeit willkürlicher Beeinflussung der Bilanzziffern ist daher auch bei der Beurteilung deS Schlußresultats, der Gewinn- berechnung, zu berücksichtigen. Nach den Schlußberichten der neun Berliner Großbanken ist der Bruttogewinn um 2,/a Millionen auf 214 Millionen gestiegen, der Reingewinn um fast 4 Millionen auf 138 Millionen gesunken. Bei allen Banken wurde die vor- jährige Dividende beibehalren; nur der Schaaffhausensche Bank- verein geht mit der Dividende von?>/, auf 5 Proz. herab. Auf das Gesamtkapital der neun Banken in Höhe von 1259 Millionen werden lOö1/� Millionen Dividende ausgeschüttet. Keine Bank zahlt weniger als 5 Proz. Bei der Deutschen Bank werden als Höchstsatz 12>/z Proz. gezahlt. Ein näherer Einblick in die Geschäftstätigkeit der Banken läßt sich weiter durch die Ausweise über den Stand der Banken am 1. Dezember gewinnen. Die Zurückziehung von Geldern durch das Publikum tritt in der Abnahme der Kreditoren(Schulden) und Depositen(Einlagen) zutage. Während in stüheren Jahren den Banken stets mehr Geld zugeführt wurde, ergibt sich für daS ver- floffene Jahr ein Rückgang dieser Summen um 59 Millionen auf 4875 Millionen. Drei Berliner Finanzinstitute haben aber trotzdem fremde Gelder in starkem Maße an sich ziehen können; die Deutsche Bank vermehrte ihre Depositen und Kreditoren um fast 65 Millionen, die Diskontogesellschaft um 35Vz Millionen, die Berliner Handels- gesellschaft um 4Vz Millionen. Die kleineren und Provinzbanken muß das Mißtrauen des Publikums noch härter getroffen haben als die sechs Großbanken, deren fremde Gelder eine Abnahme erfuhren. Ein Zeichen für die innere Stärke ist die Zunahme der stemden Gelder bei der Handelsgesellschaft, die, wie erwähnt, kein ausgebreitetes Filial- und Depofitenkassensystem zur Anlockung deS Publikums besitzt. Tritt in dem Rückgang der Kreditorteu und Depositen die an- gespannte Lage des Geldmarkts zutage, so weist die Zunahme der Akzepte und Schecks darauf hin. daß die Banken sich der Kredit- gewährung trotzdem nicht entziehen konnten. Der vermehrte Warenumsatz zwang die Banken, durch Wechsel- und Scheckbürg- schaften den Zahlungsverkehr in Fluß zu halte«. Gegen 1911 stieg der Akzept- und Scheckumlauf um 125 Millionen auf 1377 Millionen. Die eigenen Vorräte an Wechseln suchten die Banken dagegen möglichst durch lleberweisung an die Reichsbank zu Geld zu machen. Trotz des gesteigerten Wechselumlaufs fanden sich Ende 1912 in den Portefeuilles der neun Banken nur 1637 Millionen Mark Wechsel, d. h. 13,8 Millionen Mark weniger als Ende 1911. Stark vermehrt(um 73 Millionen auf 391 Millionen) haben sich die Warenvorschüsse, was ebenfalls aus eine Steigerung deS Waren- Umsatzes infolge der Hochkonjunktur deutet. Außerordentlich zurückgegangen find dagegen die Lombards und Reports(Effekten zur Deckung vou Vorschüsse» für SpekulatwnSzwecke). was auf de» Rück« gang der Privatspekulation mfolge der Kursstürze und deS teueren Zinsfußes zurückzuführen ist. Für die ReichSbank, da? Zentralnoteninstitut Deutschland?, brachte daS Wirtschaftsjahr 1912»ur finanzielle Lorteile. Ihr als Hauptkreditgeberin fließen die Geldansprüche aller Banken, industriellen und kommerziellen Unternehmungen zu. Wenn sie auch durch gesetz- liche und verwaltungstechnische Vorschriften in der Kreditgewährung gebunden ist, so kann sie doch die Zeit hoher Geldsätze voll auS- nutzen. DaS Effektengeschäft, so weit es sich nicht um die Ausgabe von Staatsanleihen handelt, treibt sie überhaupt nicht. Ihre Haupt- aufgäbe ist, durch Ausgabe von Banknoten, für die sie Wechsel an- kauft. Kredit zu gewähren. Der Geldbedarf infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs und der politischen Verwickelungen drängte der ReichSbank hohe Geldsätze für die Verzinsung(Dis- kontierung) von Wechseln auf. Mit einem Diskontsatz von 5 Pro zent trat die Bank in das Jahr 1912. Jn� Sommer(11. Juni 1912) glaubte sie ihren Zins auf 4>/z Proz. ermäßigen zu können. Der Balkankrieg mit seinen finanziellen Wirkungen zwang sie am 24. Oktober zur Erhöhung auf 5 Proz. Am 14. November ging sie weiter auf 6 Proz. hinauf. Trotz deS erhöhten Zinssatzes stieg die Zahl der diskontierten Wechsel(gegen 1911) von 5,56 Millionen auf 5,79 Millionen, der Wert der Wechsel von 12,37 Millionen Mark auf 13,61 Millionen Mark. Die Einnahmen aus dem Wechselgeschäst erhöhten sich dadurch von 46,7 Millionen Mark auf 59 Millionen Mark. Auch die Einnahmen aus dem Lombardgeschäft(Geldleihe gegen Verpfändung von Wertpapieren) stiegen von 4,6 auf 5,3 Millionen, trotz der bereits 1911 in Kraft getretenen Verteuerung des Lombardzinsfußes an den Ultimoterminen. Der vermehrte Notenumlauf zwang die ReichSbank zu stärkerer Noten anfertigung; allein hierfür wurden fast 1 Million Mark mehr aus gegeben, als im Jahre 1911. Da nicht durch Bargeld gedeckte Noten(über ein gewisses Kontingent hinaus) versteuert werden müssen, vermehrten sich die Ausgaben der Bank durch die Notensteuer um 1,9 Millionen Mark. Bei den vergrößerten Geldansprüchen mußte auch der Metall« und Goldvorrat erhöht werden. Der Goldvorrat betrug durchschnittlich 889 Millionen(gegen 827,6 im Jahre 1911). Angekauft wurden für 193 Millionen Mark Gold(1911: 175 Millionen Mark), ausgeprägt und verkaust für 219 Millionen Mark(121 Millionen Mark). Durch die Steigerung des Giro- und Depositenverkehrs schließlich wurden die Einnahmen der Bank ebenfalls erhöht. Insgesamt stieg der Reingewinn von 9,87 Millionen auf 37,4 Millionen. Den privaten Aktionären werden davon 6,95 Proz. oder 12,5 Millionen(1911: 5,86 Proz. oder 19,55 Millionen) zugewiesen. Der Gewinnauteil des Reiches erhöht sich von 14,86 auf 21,77 Millionen. Versammlungen. Deutscher Metallarbeiterverband. Die außerordentliche General Versammlung der Verwaltungsstelle Berlin, die am Sonntag, den 2. März, begann, wurde am Sonntag, den 9. März, in demselben Lokale, der Brauerei Friedrichshain, fortgesetzt. Einige Anträge an den Verbandslag, der am 16. Juni in Breslau stattfindet, standen noch zur Beratung. Ein Anlrag von Emil Barth zielte darauf hin, bei ausbrechenden wilden Streiks den Mitgliedern wenigstens die moralische Rückendeckung durch den Verband zu sichern, wenn sie auch auf die materielle Unterstützung ausdrücklich verzichten müßten. In seiner Begründung führte der Antragsteller an, daß man die plötzlich und aus gerechten Anlässen ausbrechenden wilden Streiks oftmals menschlich billigen und rechtfertigen könne, wenn sie auch im Interesse der Disziplin verurteilt würden. Er wünschte, das Wörlchen„materielle" dem betreffenden Paragraphen des Statut» beizufügen, so daß der§ 38 Absatz 11 lauten würde: .Die Entscheidungen des Vorstandes find unter allen Umständen für die betreffenden Mitglieder bindend; wird gegen den Beschluß des Vorstandes die Arbeit niedergelegt, so verzichten dadurch die Mitglieder auf jedwede(materielle) Unterstützung. Cohen bekämpfte den Antrag und erklärte, daß eS dabei auf die materielle Unterstützung allein nicht ankomme. Diesen Antrag annehmen hieße die wilden Streiks gutheißen, das aber müßte zur Desorganisation führen. Die Delegierten lehnten schließlich den Antrag mit 438 gegen 356 Stimmen ab. Ein anderer Antrag von Emil Barth verlangte einen ver- änderten Modus in der Abstimmung über die Frage, ob Streiks abgebrochen oder fortgesetzt werden sollen. Nach der Ansicht des Antragstellers kommt der Wille der Mitglieder nicht klar zum Aus- druck, wenn nach der jetzigen Bestiinmung verfahren wird. In dem Statut heißt eS nach§ 38 Abs. 15: „Tritt in dem Zustand des Streiks eine Aenderung ein, sei es durch Zugeständnisse des Unternehmers oder Zunahme der Arbeitswilligen, so ist erneut eine Abstimmung über die Fort- setzung des Ausstandes vorzunehmen und darf der Vorstand nur dann der Fortsetzung des Streiks zustimmen, ivenn mindestens drei Viertel der Mitglieder für dieselbe stimme».* Barth verlangte die folgende Aenderung: ..... und darf der Vorstand nur dann die Fortsetzung des Streiks verweigern, wenn mindestens ein Viertel der Mitglieder gegen dieselbe stimmen." Cohen bezeichnete eS als Irrtum, daß dadurch der Wille der Mitglieder klarer zum Ausdruck komme. der Antrag kaum irgendwelche Ausficht. Von der Versammlung wurde der gegen eine erhebliche Minderheit. Zu dem Stuttgarter Partei st reit und dem Anteil der Angestellten des Deutschen Metallarbeiterverbandes daran brachte r o ß k o p f eine Resolution ein, die, wie in der Begründung aus- geführt wurde, von dem Wunsche dikstert ist, nach beiden Richtungen beschwichtigend zu wirken und Ruhe und Frieden zu schaffen. Die Resolution lautet: .Die 11. ordentliche Generalversammlung zu Breslau wolle beschließen. Bei Veröffentlichungen oder Berichtigungen über per- sönliche Streitigkeiten zwischen Verbandsangestellten und den Parteileitungen, soweit dieselbe das politische Gebiet betreffen, dürfen in Zukunft die Spalten der.Metallarbeiter-Zeitung" nicht benutzt werden. Die Redaktion hat deren Aufnahme zu ver« weigern." Ehe Cohen die Resolution zur Abstimmung brachte, erklärte er noch, daß man nicht wünsche, daß die.Metallarbeiter-Zeitung" Streitigkeiten wie die jüngsten pflege, andererseits aber auch von den Parteiorganen erwarte, daß sie die gleiche Zurückhaltung üben. Von Stuttgart aus sei lhfti zu dem Streit in dieser Woche eine Menge Material gesandt worden, aber er verzichte darauf, es vor- zulegen, und die Versammlung war durchaus nicht neugierig darauf. Die Resolution fand einstimmige Annahme. In der gleichen Sache lag noch der folgende Antrag vor: .Der Verbandslag verurteilt das Verhalten der Angestellten im Hauprbureau angesichts der wllrttembergischen Landwgswahlen. Er wünscht, daß derartige Reibungen rein persönlicher Natur in Zukunft unterbleiben und sämrliche verfügbaren Kräfte nicht zur Zeriplitlerung in den eigenen Reihe», iouder« im Dienste deö All- gemeinwohls verwendet werde«." Auf dem Verbandslag habe Antrag angenommen Zu diesem Antrage an den Verbandstag nahm Cohen das Wort und verlas eins Erklärung der Ortsverwaltung, die»ach ein- gehender Beratung beschlossen worden ist. Die Erklärung lauten „Eine Kritik des Verhaltens der Angestellten im Hauptbureau anläßlich der würltdinbergischen Landtagswahlen ist selbstverständ« lich nur möglich, wenn dabei die politische Lage in Württemberg erörtert wird. Eine Besprechung, die letzteres vermeidet, ist un- denkbar. Da damit der Verband die ihm durch das Reichsvereins« gesetz gezogenen Schranken überschreiten würde und sich_ als politischer Verein, wenigstens in den Lugen der Behörde, dokumentieren könnte, erklärt die Ortsverwaltung, daß im Interesse des Verbandes die Resolution.Max Schrodeck" nicht zur Beratung kommen kann." In der Versammlung erhob sich gegen diesen Beschluß kein Widerspruch und war man mit der Haltung der Ortsverwaltung offenbar einverstanden. Die Geschäfte der Generalversammlung waren damit erledigt. Die Verwaltungsstelle der Caf-angestellten des Verbandes der Gastwirtsgehilfen hielt am Montag früh in den.Germaniasälen" ihre Jahresgeneralversammlung ab. Der gedruckt vorliegende Ge- schäftsbericht wurde von dein Vorsitzenden Ortung erläutert und ergänzt. Nach seinen Ausführungen hat das Jahr des 19jährigcn Bestehens für den Verein durchaus zufriedenstellende Resultate ge- zeitigt. Der Mitgliederbestand hat sich um 22 Proz., von 1389 auf 1689 inkl. 78 weiblicher Mitglieder erhöht. Im letzten Quartal des Berichtsjahres wurden 18 723 Beiträge vereinnahmt. Der Kassen- abschlutz balanziert in Einnahmen und Ausgaben mit 51 842,12 M. Ter Barbestand ist von 3492,22 M. am Beginn des Jahres auf 19 726,39 M. gestiegen. Für den Agitationsfonds des Gesamtver« bandes wurden außerdem 3679,38 M. aus freiwilligen Sammlungen aufgebracht. Die Verwaltungsstelle hat mit dieser Summe den ersten Platz im Verbände eingenommen. In den verschiedenen Unterstützungszweigen wurde gezahlt: für Krankcnunterstützung an 125 Mitglieder 2997 M., Streik- und Maßregelungsunterstützung an 38 Mitglieder 781 M.. für Rechtsschutz 1199 M. Ferner erhielten 98 Mitglieder 1787 M. Darlehen, Reisevorschüsse oder Unterstützung wegen allgemeiner Notlage. An 215 arbeitslose Mitglieder konnten zu Weihnachten 1667 M. Unterstützung ausgezahlt werden. Die von der Verwaltungsstelle s e l b st eingeführte Arbeitslosenunter« stützung wurde bei einer Anspruchsberechtigung von 195 Mit« gliedern nur von 51 in Anspruch genommen, so daß der durch Extra- beitrüge aufgebrachte Fonds von 4155 M. noch fast ganz zur Ver- fügung steht. Der kostenlose Arbeitsnachweis hatte einen erheb« liehen Aufstieg zu verzeichnen und wurden 2738 feste und 15 545 Aushilfestellungen vermittelt. Bei eigenen Unkosten von 3767 M. konnten den gewerbsmäßigen Stellenvermittlern 16 487 M. Ge« bühren entzogen und den Mitgliedern erspart werden.— Außerordentlich günstig verliefen auch die von der Verwaltungsstelle in 64 Betrieben mit 671 Beteiligter(631 Cafekellner, 49 Hilfs- Personen) unternommenen 57 Lohnbewegungen. Von den 5 Aus- fperrungen, 1 Abwehr- und 2 Angriffstreiks endeten nur 2 ohne direkten Erfolg für die Beteiligten, während 49 friedliche Bewe- gungcn ebenfalls mit Bewilligung der gestellten Forderungen zum Abschluß gebracht werden konnten. In 59 Betrieben wurden zur Aufbesserung der bisher lediglich aus Trinkgeldern be- stehenden Einnahmen feste Löhne in Gestalt von monat- l i ch e n Gehältern von 19 bis 59 M. eingeführt. Durch diesen Umstand konnte für 592 beschäftigte Kellner und 12 Hilfspersonen eine jährliche Lohnsummc von 129 184 M. erzielt werden. 5 Unternehmer zahlen statt Lohn die gesetzlichen Versicherungsbeiträge von 45 Kellnern mit 2169 M. An direkten Abgaben von 125 Kellnern aus ihrem Tr i nk g e I d c r v e r d i e n st an den Unter- n e h m c r wurde in 16 Betrieben die jährliche Summe von 14 515 M. abgeschafft. Durch den im Berichtsjahr erstmalig voll zur Geltung gelangten Lohntarif für Aushilfskellner wurde bei 14 315 vermittelten Aushilfen ein Lohn von 26 689 M. erwirkt. Der finanzielle Erfolg des gewerkschaftlichen Lohnkampfes im verflossenen Jahre beziffert sich daher auf insgesamt 163 539 M. In 3 Betrieben wurde für 14 Beschäftigte auch bereits eine jähr- liche Arbeitszeitverkürzung von 9362 Stunden errungen. Durch 19 abgeschlossene Tarifverträge konnten die Rechte von in 26 Be- trieben beschäftigten 285 Cafekellnern sichergestellt werden. Etwa 35 Proz. der Mitglieder haben die allerersten Anfänge eines ge- regelten festen monatlichen Gehalts resp. Einkommens erreicht. Die Betriebe, welche bis jetzt Gehalt zahlen, dürften zirka 39 Proz. der in Groß-Berlin vorhandenen Cafes darstellen.— Der gegnerische gelbe Verein(Schwimmender Sarg) hat durch seinen mit den Unternehmern gemeinsam betriebenen Arbeitsnachweis vergebens versucht, Zersplitterung in das einheitliche Wollen der Gehilfen- schaft zu tragen. Tic vollständige Erniedrigung seiner Mitglieder zu„Hintzegardisten" ist allenthalben auf Abscheu und Verachtung gestoßen, so daß von dieser Prätorianertruppe trotz aller hinter- nchmeruntcrstützung ein weiterer Ausbau der Arbeitsverhältnisse durch die gewerkschaftliche Organisation nicht wesentlich mehr ge- hindert werden kann.— In der Diskussion wurden die Erfolge der gewerkschaftlichen Arbeit freudig anerkannt und ausgesprochen, daß dieses Resultat ein neuer Ansporn zur weiteren Tätigkeit sein müsse. Die Neuwahlen der Verwaltung brachten eine Wiederwahl des 1. Vorsitzenden Ortung, Bestätigung der besoldeten Funk- tionäre Hegewald, Warnat und Wendel und eine Er- gänzung für die ausgeschiedenen Mitglieder deS Vorstandes. Einige interne Mitteilungen beendeten die gut besuchte und imposant ver- laufene Versammlung. Witterungsüberstcht vom 10. März 1913. ffHHffllfTT Slvwemde. Hainburg Berlin Franks. a.M München Wien �6 fs E 1- Sil »3 ii if 764;®® 765WSW 768;$® 775(3© 7793« 777(31310 Wetter 7bedeckt 6Rege!l tbedeckt 4 Nebel, tcoolkca Wetterprognose für Dienstag, den 11. März 1913. Zunächst mild, vorwiegend trübe mit geringen Niederschlägen und ziem- sich starken westlich en Winden; nachher zeitweise heller, etwas lühler. Berliner Wetterbureau. Wasserftands-Nachrichten der LandeSanstalt sür Gewässertunde, mitgeteilt vom Berlwer Wetterburea» -f bedeutet Wuchs.— Fall.—*) llnlerpegel.—*j Eisfrei. 2* CIGARETTE Würzburger HUhneraugenmittel »cm Dr. H. Cncer.—(Segen 30 Pfennig auf 10 Pf. Anweisunafrei. Ohne Zweifel die bequemste u.wirkfamfte Hilfe. 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Donnerstag, abend« 3 Uhr: Welkenlcrat-er. SehUler-Thealer Dienstag, abends 8 Ubr: Die Kinder der Exaellenz. Mittwoch, nachmittag 3,10 Uhr: Wallensteina Tod. Abend« 8 Uhr: Gyges and«ein Blnff. Donnerstag, abends 8 Uhr: Der Andere. Berliner Tbealer. s Uhr- Filmzauber. TbeaterinderlöniggrlitzerStralie s Uhr: Die fittf Frankfurter. Tdeäler des Westens. Uhr: Die beiden Husaren Sonnt, nachm. 3'/, Uhr: Frauenfresser. JHontis Öperetten-Theater (fr. Neues Theater). Amt Norden 1141. 8 Uhr: Der Zigeunerprimas. u'hrResldenz-Tbeater.uhr. Die Frau Präsidentin. (Madame la Präsident«). Schwant i. 3 Akt. v.Hennequmu.Äcber. Morgen und folgende Tag«: Tie Krau Präsidentin. imsefi-TIlesler. Dienstag, abend« 8 Ubr: Im wunderichöucn Monat Mai. Ein fröhliche« Spiel in 4 Akten von Ludw. Svammth. Bodenstedt. Mittwoch, abend« 8 Uhr: Im wnnderschSne» Monat Mai. Donnerstag, abend» 8 Uhr: Im wunderschönen Monat Mai. Kino-Theater Tlarienbacl ow Badstr. 35—36.*SH Heute Premiere. Im Konzert-Ke«taarant: Heute großes Militär-Konzert. OSE=THEATE Groge granfiurte» Str. 133. AbendS 8 Uhr: vef Veg zum Himel. Lustspiel In 4 Akten von Joh. Heß. Mittwoch, abend» 8 Uhr: Tie bezähmte stütberipenstige. Jßetropol-Theater. Oie Kino-Königin. Operette in 3 Akten von Jul. Freund und<5. Olonfowsk. Mufti von Jean Aildert. In Szene gefetzt d. Dir. Rich. Schultz.. c«'! ßachmanii i D. J. Giampletro 6. Thielseber Y. Norbert B. Bailot J. Busska Ly Winter Anfang 8 Uhr! Raachen gestattet! Theater Täglich präz. 8 Uhr abends: vis SehonzeH- 9äger. Ein Wald-Idy-U in 2 Atten von Anton u. Donat Herrnleid. Uebesprobe. Plauderei von Ernst Klein. Urania. Wissenschaftliches Theater. TanbenatraBe 48/49. Abends 8 Uhr: „Hohenzoiiem"- Fahrten. Theater amKollendorlplatz Allabendlich 8 Uhr: Extrazug nach Nizza. Sonnabend 3 Uhr: Nathan der Weise. Froschschlucker halbstündt große Pisch- und FröscEemahheit. Das Vertilgen u. Zurückbringen lebender Frösche und Fische. 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März 1213: Gastspiel in der Neuen Welt Hasenheide 108— 114: Keao oder: Genie und Leidensehalt Komödie in 5 Slufj. v. Ludw. Barnch. Kafseneröffn. 7 Uhr. Anfang 8'/, Uhr. Vssins-Tkvsisp Lothringer Sir. 37. Täglich 8 Uhr: Arturs Flitterwochen. Der neue Schwanf-Schlager. Vorher: Erna Koachel usw. Sonntag 4 Uhr: Tie Hochstapleri«. Folües VsprivL. Täglich 6>l4 Uhr. ■ Die llfovitbtcn:> ■ Des Löwen Emalheu. Z Banter Teil. z Ltshs Zkiteusprullge. z Wslballa-Tbester. WeinbergSweg 13/30. Ziofenthal. Tor. Heute S'U Uhr: Parole: Walhalla!" G:otze JahreS-Revue. Die Abonncnteti unserer Leitung zahlen gegen Vorzeigung der Abonne- mentSqutttung für alle Plätze Halde Kallenpreüe. M UrEnsBüscHT Heute Dienstag, den 11. März, abends 7'/, Uhr: Nur noch einige Tage! Der mysteriöse Deckenläufer? Ferner: Karl-Eagen-Tronpe, aastik in höchst. Voliend. 4 Best, Manegekomiker. Geächze. Floclii in ihrem wundervoU. Reitakt. Clown Peplno, Tierdross. sowie d. große Galaprogramm. Zum Schluß: Die gr.Frunkpont. ,,SeTiiiai4 � Neue Welt Arnold Scholz, Hasenheide 108/114 Ttenstag. den II. März IS13 gelangt zur Aufführung Kenn ndee Genie n. lelden�dnll Komövie iu b Aufz. v. 2. Barnay. Anf. 81/, Uhr. Kafseneröffn. 7 Uhr. Preise der Plätze: 1. Parkett 75 Pf.. 2. Parlett ö0 Pf.. Ballon 50 Pf.. Enwee 40 Pf. Boranzeige! Jaden Donnerstag; GroBer Ball. Trianon-Theater. Wenn Frauen reisen. Ansang 8 Mr. Theater Königstadt-Gasino, Ecke Holzmarfl- u. Alexanderstratze. 1 Minute v. Bahnh. Jannowitzbrücke Tägl. abd».'/,8. Sonnt>/,S Uhr: O, diese ChaafTeure! Luftfpiel von Rich. Kehler— u. das groft. Spezialitätenprogramm IehPmIV�Pro�ral�� keiebsbailen-Ibealer Miner ZSnger. Burleske von Meysel. Anfang 8 Uhr. £<£€€€€««»*»»»»33 M> Uirfcrem Genoffen * Mann Keller nebst GemabSn t vt> ?jr zur Silberhochzeit die besten jj* ■o Wünsche. vü vi; Die Funktionäre der 11. Abtg. yy> yrt 4. Kreis. 6431(/, sssssssesssssse� Todes-Anzeigen Am Sonnabend, de» 8. März, starb uadi kurzem, schwerem Leiden unser langjädriger lieber Kollege, der Schristsetzer im 36. Lebensjahre. Wir oer« iieren m ihm einen braven Kollegen nnd Freund, dessen An- denken stets unter imS sortleben wird. Das Gesarntpersonal des„Sporn" und Paul SehrSder. Die Beerdigung findet heute Dienstag, 3 Uhr, von der Kapelle des Rummelsburger Kranken- Hauses, Prinz- Albert- Strasse. aus statt. 28636 Sozialdemokrat Wablvereln tiir dJelehst-WaWkrJederbaFnim Bezirk Liichtenberjf. Am 8. d. 1». verstarb unser Genosse, der Schriftsetzer Kurl Kuhn Weserstr. 29, Bezirk 19. Ehre seinem Andenre« k Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 11. März, nach- mittags'1,4 Uhr, aus dem Ge- meindesriedhos m Rummelsburg, �ückstrasse, statt. Um rege Beteiligung ersucht 14s 6 Die Bezirksleitung. Ueotseber Transportarbeiter-Verband. Bezirksrerwaltung GroS-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dass unser Kollege, der Droschken- sührcr Franz Hahn am 7. März im Atter von 62 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet heute DienStag, den 11. März, nachmittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle deS BartbolomäuSfriedhoseS, Weissenjee, Räderstrasse, aus statt. Den Mitgliedern zur Nachricht, dass unser Kollege, der Arbeiter Otto Kusatz am 8. ds. MtZ. im Atter von 36 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 11. d. MiS., nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- Halle deS FriedhoseS der Markus- gemeinde, WUHelmSberg, aus statt. 62/18 Die Berirksven»altun||. Zentral-Kranken- und Begräbniskasse lür Frauen und Mädchen in Deutschland. s Eingeschriebene HiliSkasse Nr. 26.) Verwaltungsstelle Berlin IV. Den Mitgliedern zur Nachricht, dass daS Mitglied, Frau •Jotisniia Schruth am Freitag, den 7. März, Plötz- lich verstorben ist. Die Beerdigung findet am Dienstag, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle deS Zenlral-Fried- hose» in FriedrichSselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 283/16 Die Drtsverwaltung. Am 7, d. MlS., früh 1 Uhr ent. schlief nach schwerem Leiden unser lieber Vater, Großvater und Schwiegervater, der Gastwirt Julius Bjeske im 57. LcbenSiahr. 76A Dies zeigen tiesbetrübt mit der Bitre um stille Teilnahme an Die trauernden ttlnterbliebenen. Die Beerdigung findet Mitt- woch, den 12. d. MtS., nachmittags 3 Uhr von der Leichenhalle des ZionSkirchhoses in Niederschön» Hausen-Nordend aus statt. Danksagung. Alle» Freunden und Bekannten, welch« bei der Beerdigung am 19. März 1313 meinem lieben Manne, imserem guten Sohne, Bruder, Schwiegersöhne, Schwager und Onkel die letzte Ehre erwiesen haben, in- sonderhcit dem E-sangverein Sänger- chor Wedding sowie dem Herrn Waldeck Manasse sür die trostreichen Worte am Sarge deS Entschlasenen sagen wir hiermit unseren her». lichste» Dank. 13sd Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Witwe Kätbe Weiland. Kranzspenden sowie sämtliche* ßlumcnarrangctncnta liefttl schnell und billig l»»«,! Gross, Uodenstr.OS, Ttl.Mpi.720L. Gellentliehe politische Versamminngen. 3 Sechster Wahlkreis 1. bis 7. Abteilung Dienstag, den 11. März, abends 8 Uhr, im Prater- Theater, Kastaaien-Allee 7/9: OeMliehe Frauen-Yersaminlung. Tagesordnung: „Die Geburtenbeschränkung— eine revolutionäre Waffe." Referent: Genosse vi'..AHred Bernstein. Diskussion. 220/2* Zahlreiches Erscheinen erwartet Die Einberufcrin: Emilie Schramm, Lhchener Str. 25. Danksagung. r die liebevollen Beweise herz- lich« Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau Helens Peisker sage allen Beteiligten meinen tief- gejühttesten Dank. 13A Max Peisker, Reuköllu. Da ci uni unmöglich ist, jedem Einzelnen sür die so überaus grosse Teilnahme und kostbaren Blumen- spenden bei der Beerdigung unserer iuniggeliebten Eitern, des Juweliers Herrn Rndotf Plunz und Frau Emma Plunz geb. Fritsch, zu danken, sagen wir allen Beteiligten, Freunden und Bekannten nur auf diesem Wege unseren tiefgesühlten Dank 2852b 131«« und Anna Pinns. Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und die reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines liebes Mannes und Bater» L853b Hans Wiemep sagen allen Teilnehmern, insbesondere dem Deuts chen Transportarbeiter- Verband, unseren herzlichsten Dank. Die tranerndeu Hinterbliebenen. Oskar Wollburg Trauer- Magazin Berlin N., BrunnenstraBe 66. Grolle Auswahl in schwarzer Konfektion; auch elnz. Röcke, Blusen, HUte etc. Anfertigung nach MaB in t2 Stunden. Aenderungen eofort.* Klnmttt- nnd krantbindtm von Robert Meyer,• Ind.: P. Golleta Mariannenstr. 3. Tel. Mpl. 346. STxport nach allen Weltteilen. Löwen-Caramel pro Masche lO Ht. Uberall käuflich oder Fernapr. Nord. 10370—10372. Löwen- Brauerei A.-G., 6to|jf firm« Ä?"'"1- Ohne Anzahlung: Keine Kassier»! Teppiche, Portieren, Gardine», Stores und alle Arten Decke». Offerte«beten unter It. 100. .DorwärtS'jpeditioil, Ackerstr. 174.* Zwclg-vereln Berlin. Sektion der Gips- und Zementbranche. Gipsbaubranche: Putzer, T reger u. Rabitzspanner Freitag, den 14. März, abends 8 Uhr: Mitglieder-Versammlung im Gewerkschaftshause, Engelufcr 1 S. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zu unseren Anträgen zu de« Tarif: Verhandlungen im Gipsbaugewerbe. 2 Diskussion. Zahlreichen Besuch aller im Gipsbaugewerbe beschäftigten Kollegen Bei-«orstand. erwartet 11 m (E. N X. No. 2, Hamburg.) Oertliche Verwaltung Berlin. Tonnerstag, den 13. März, abends 8'/, Uhr: Mitglieder-Bersammlung im Gewerkschaftshause, Engelufer IS, Saal 3. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom Jahre ISIS. 2. Wahl der Revisoren. 3. Verschiedene Kaffenangelcgenheitcn. 253/1» Der Vorstand: I. A.: N i ch a r d Schröder, Berlin 0., Tilsiter Str. 7. CammelzBiev Alkoholarm- AerzlUch«npfohler Möbel-Cohn 1. Geschält: Gr. Frankfurter Str. 58 tn Dosen uberall erhältlich. Fabrik: Urban S Lemm, Charlottenburg Heute nnd morgen 47/4* Legehühner, garant. junge, beste Leger, Oll IM oerlaust F. Weyner,£ s2*44. 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Vorrrag des Genossen Adolf Harndt. 6. Abteilung. Die Bezirke 227— 229 halten einen gemeinsamen Zahlabend bei Augustin, Oranienstr. 103 ab. Vortrag des Genossen Schriftsteller Unger. Steglitz. Mittwoch, den 12. März, finden in allen Abteilungs» Versammlungen Vorträge statt. I. Abt. bei Schellhase:.Marz- gedanken", LZ. Pieck. H Abt. bei Heizmann:.Aus de-n Jahre 1813�, Dr. E. Mcher. HI. Abt. im Albrechtsbof:.Die preußische Jahrhundertfeier", Neichstagabgeordneter d! Slücklcn. IV. Abt. bei Dahl(Südende):.Die Arbeiterjugend und das Kapital", R. Seidel. Außer diesen Vorträgen sollen wichtige organisatorische Fragen erledigt werden. Johannisthal. Mittwoch, den 12. März, abends SVa Uhr: Mitgliederversammlung im Arbeitcrheim. Tagesordnung: Vorrrag des Genossen Rudolf Schulz über.Prolelarische BildungSarbeit", Reorganisationsfragen, Bericht von der Kreis-Generalversammlung. Donnerstag, den 13. März: Vierter und letzter Vortrag des Jugendkursus:.Vom Erz zur Schiene". Referent: Genosse Neu- mann-AdlcrShof. Marienfelde. Am Mittwoch, den 12. d. M., abends 8'/, Uhr, im Lokal von Schuster, Kirchstr. 68: Mitgliederversammlung des Wahlvereins. Genosse Thielicke, Friedenau, spricht über:»Der preußische Befreiungskrieg". Gäste, auch Frauen, haben Zutritt. Schmargendorf. Mittwoch, den 12. März 1913: Zahlabend bei Pötscher, Spandauer Straße 40. Es ist eine wichtige Tagesordnung zu erledigen. Adlcrshof. Heute, Dienstagabend I'/z Uhr: Flugblattverbreitung von bekanntet Stelle aus. Der Vortragsabend des Genossen Erwin Neumann über„Marx' Werttheorie" findet bei Töpfer, nicht bei Kaul statt. Anfang S'/z Uhr. Fricdrichshagcn. Morgen Mittwoch, den 12. März, abends S'/z Uhr: Gemeinsamer Zahlabend bei Lerche. Friedrich- straße 112. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Vortrag des Sekretärs der internationalen Union der Hotelangestellten, des Genossen A. B a u m e i st e r über»Strömungen in der internationalen Gewerkschastsbeioegung". FricdrichSfelde. Mittwochabend 8>/z Uhr: Mitgliederversammlung bei Haberland, Wilhelmstroße. Genosse Emil Lehmann referiert über:.Die bevorstehenden Landtagswahlen". Köpenick. Die Fortsetzung des vom BildungsauSschuß der- anstalteten Vortragskursus findet heute abend im großen Saale des Kaiserhofes pünktlich 8Vz Uhr statt. Letzter Vortrag: Freitag, den 14. d. M., im kleinen Saale. Berliner Nadmcbten* Seddinwall. Wo der Rahnsdorfer Sprecarm in den Seddinsee eintritt, ist sagenumwobenes Märkerland. Mitten im Seddinsee liegt eine kleine Insel, Robins-Eiland genannt, und auf ihr spielte sich bor hundert Jahren ein tvunderhübsches märkisches Fainilienidyll ab, das uns Fontane in seinem„Spreeland" uberliefert und von dem noch heute in stillen Stunden die Märker an der Oberspree erzählen. Die Mär ist so gemütlich durch ihre schmucklose und doch tiefgründige Einfachheit. Manches hat wohl die Zeit hinzugeschmückt, ohne das Trau- liche des Stimmungsbildes zu zerstören. Gosen und Neu- Zittau waren danrals noch winzige Kolonien, und um Köpenick traf man meilenweit auf keine größere Sicdelung. Fischer Kanis, der Urtyp des Märkers, hatte sein Häuslein am Seddinsee auf einem künstlichen Sand- und Stein- dämm errichtet. So hieß der Fährmann am Seddin nach seiner eigenen Schöpfung weit und breit der „Fischer von Kaniswall". Da kamen 1803 die Franzosen' ins Land, nach Köpenick prächtige Kürassiere mit langen bunten Noßschiveifen am glitzernden Helm. Kanis sah sie in Köpenick, mußte auch sehen, wie märkische Frauen bewundernd den Franzmännern nachliefen, und so sagte ihm eine Ahnung, daß die galanten fremden Kriegsleute auch seinem eigenen Weibe gefährlich werden könnten. Schnell entschlossen verließ Kanis sein Fährhaus, brachte seine geringen Habseligkeiten nach der dicht mit Schilf umwachsenen, fast unzugänglichen Insel im Seddinsee, baute aus Holz, Schilf, Segeltuch ein dürftiges Blockhaus und wartete auf bessere Zeiten. An Fischen und Sunipfvögeln war Ueberfluß, die Enten- und Kiebitzeier lagen in der Brutzeit zu Hunderten am Jnsclrand. Allwöchentlich handelte Kanis seine Fische in Köpenick gegen Brot ein, und als Leipzig und Waterloo geschlagen, die Luft wieder rein war, da tvar aus dem Blockhaus ein hübsches Gehöft geworden und Kanis wollte von seiner Insel nicht mehr fort. Die Fischerfrau starb, die Kinder wanderten in alle Länder, der alte Kanis blieb. Es fehlte den Köpenickern etwas, wenn er am Sonnabend nicht hinüberkam, und als er im Oktober 1850 zum erstenmal ausblieb, wußte man, daß die einsame Hütte auf dem Seddinwall einen Toten barg. Bor der Schwelle des Hauses, auf einem Bündel Schilf, war der Alte eingeschlafen, um nimmer zu erwachen. Die ganze Köpenicker Fischerzunft trauerte und folgte dem Sarge in dreißig Booten nach Schmöckioitz hinüber, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nur ein armseliges Stranddörflcin war. Hier zeigte man noch vor ein paar Jahrzehnten unter einem vermilderten Fliederbusch das Kanisgrab./ Heute ist es unauffindbar und nur der Name Kaniswall mn allem möglichen sagenhaften Beiwerk ist noch geblieben. Vermutlich hängt auch der Jnselname Nobins-Eiland mit der Geschichte des Fischers Kanis zusammen. Erst in den letzten Jahren hat sich auf der Insel Seddinwall neues Leben gezeigt. Gern machen Tausende von Ausflüglern von den Gosener Bergen, von der sogenannten„Berliner Schweiz" einen Abstecher nach der schönen Insel hinüber, um zu sehen, wo der Fischer von Kaniswall einsam gehaust und einsam gestorben ist. Das ist auch eine Erinnerung an die„Franzosenzeit", oeren hundertjährige Vergangenheit jetzt so geräuschvoll aus der Versenkung hervorgeholt und für dynastisch-militärische Zwecke ausgeschlachtet wird. Hundert Jahre sind eine lange Zeit. W-r weiß, ob der Fischer von Katliswall jemals gelebt hat. So-st auch vieles, was die jetzige Hurrafeier aufwärmt, nur Märchendichtung oder zutreffender Geschichtsfälschnng. Ter Kirchgang des Berliner Stadtfrrifinns, v«r in dem JubiläumSspektakel eine besonders interessante Nummer bildet, ist am Montag prsgrommgemäß verlaufen. Vom Ralhaufe aus begaben sich Magistratslollegium und Stadtverordnetenversammlung nach der benachbarten Nikolaikirche hinüber, um zum Gedächtnis des Aufrufs„An Mein Volk"— ihre Herzen.zu Gott zu erheben". Obwohl der Weg vom Rathause durch die König- und die Post straße zur Nikolaikirche ganz kurz ist, konnte man von einem .Zusammendrängen" der Schaulustigen nichts bemerken. Das Spalier, das die Straßen säumte, war fast überall kläglich dünn. Es wird den Stadtfreisinn schmerzlich überrascht haben, daß so wenig„Volk" sich dazu hergegeben hatte, seiner Kundgebung als Staffage zu dienen. Aber der Anblick, den dieser öffentliche Kirchgang bot, war auch wirklich alles eher als imponierend. Unter Glockengeläut zogen die freisinnigen Christen, Juden und Heiden in die Kirche durch ihr Hauptportal hinein. Am Eingang wurde die Spitze des Zuges, den die Bürgermeister und Stadl- vcrordnetenvorsteher anführten, vom Gemeindekirchenrat be- willkommnet. Drinnen harrte eine nicht übermäßig andächtig gestimmte Gemeinde, die aus eingeladenen Beamten und Angestellten der Stadt und ehrenamtlich im Dienste der Stadt täligen Personen sich zusammensetzte. Hatten die Vertreter des liberalen Bürgertums Berlins wirklich nichts Besseres finden können als die Idee, das Gedächtnis der Er Hebung von 1813 ausgerechnet durch einen Gottesdienst zu feiern? Wer es noch nicht wußte, warum Preußen sich ausraffte und sieg- reich blieb, der konnte aus der Predigt des Generalsuperintendcnten Händler sich darüber belehren. Das unter dem Joch der Fremd- Herrschaft seufzende Volk hatte—.wieder glauben gelernt"! Auf seinen Gott hatte eS sich wieder besonnen, und Gott rettete es aus Erniedrigung und Not! Man kann's einem Pastor nicht verdenken, daß er die Freiheits- kriege in diese Beleuchtung rückte. Die freisinnigen Christen Juden und Heiden des Magistratskollegiums und der Stadt- verordnetenversammlung hatten es so haben wollen. Von einem Volk, das auf seine Kraft sich besinnt, wollen sie längst nichts mehr hören._ Eine Auskunftsstellc für Ailgestelltenversicherung ist auch in Berlin-Wilmersdorf, Hohenzollerndamm 20, vom Renten ausschuß Berlin der Angestcllenversicherung errichtet worden. Die Dicliststunden für die Auskunftscrteilung sind bis auf weiteres von 9—0 Uhr festgesetzt. Die Auskunftscrteilung er folgt uilentgeltlich. Zur Errichtung eines Berliner JugcndschutzhauseS hat ein be- kanntet Chemiker dem hiesigen Jugendrichter Dr. Kühne die Mittel zur Verfügung gestellt. In Nicderschönhausen ist eine kleine Villa mit anschließendem Obstgarten eingerichtet worden; es werden aber zur dauernden Unterhaltung weitere Mittel flüssig gemacht werden müssen. Das Berliner Jugendschutzhaus enthält 16 Betten für Knaben bis zum Alter von 16 Jahren, die durch Jugendrichter und andere Behörden zu vorübergehendem Aufenthalt dorthin geschickt werden. Die Knaben erhalten dort Verpflegung, bis die Angehörigen benach richtigt werden und eventuell eine Arbeitsstelle für sie gefunden worden ist. Auf diese Weise wird sich in vielen Fällen die Polizei- liche Unterbringung der Jugendlichen erübrigen. Das Haus, das etwa Anfang April dieses Jahres bezogen wird, besitzt Desinfeklions- und Baderäume und ist auch im übrigen mit modernen Einrichtungen nach hygienischen Grundsätzen versehen. Ein Hauselternpaar, das schon viele Jahre in der Erziehungsarbeit steht, ist für die Leitung der Anstalt iu Aussicht genommen. Billetts zu den Konzerten deS Philharmonischen Orchesters am 17., 20. und 22. März sind noch in der Spedition Kirchbachstr. 14 (Gustav Schmidt) zu haben. Der Patriotenransch, der zu gestern improvisiert worden war, wurde durch den einsetzenden Regen erheblich abgekühlt. Die von uns mitgeteilten Feierlichkeiten in den Kirchen, im Dome, an den verschiedensten Denkmälern gingen in der vor schriftsmäßigeu Weise vor sich. Zahlreiches Militär war vor dem Dcnkiital Kaiser Wilhelms L und im Lustgarten ver- sammelt. Der Verkehr in der Nähe des Schlosses war lange Zeit unterbunden. Schutzleute zu Fuß und zu Pferde bildeten au den Zugangsstraßcn nach den Linden starke Ketten. In den Schulen fanden Schulfeiern statt. Von einer patriotischen Begeisterung des arbeitenden Volkes in Berlin war nichts zu spüren davon hätten sich die freisinnigen Helden im Berliner Rathause überzeugen können. Wenn eine Zeitung aktuell sein will, kann sie unter Umständen in ihrem Bestreben, schnell zu berichten, gehörig hineinfallen. Das ist am Freitag der.Berliner Volks-Zeitung" passiert. Es war in Aussicht genommen, daß aus Anlaß des Besuchs des bayerischen Prinzregenten der Kaiser mit seinem Gast am Freitagnachmittag auch dem Flugplatz Johannisthal einen Besuch machen würde. Um ihre Leseril schnell zu informieren, teilte die„Volks-Zeitung" in ihrer Freüagabendausgabe bereits mit, daß der Kaiser um 3' Uhr mit dem Prinzregenleu den Flugplatz besucht habe und meldete, welche Anlagen die Fürstlichkeiten mit ihrem Gefolge besichtigt hätten. Dabei war die„Volks-Zeitung" den Ereignissen weit vorausgeeilt. Das Vorausgesehene trat nämlich nicht ein. In letzter Stunde sagte der Kaiser ab und fuhr nicht mit nach Johannisthal. Am Sonnabend früh meldete nun die„Volks-Zeitung", daß der Prinz- regent Johannisthal besticht habe, sagte aber vorsichtshalber kein Wort davon, daß sie am Abend vorher eine entgegengesetzte Meldung gebracht hatte. Es geht doch nichts über fixe Berichterstattung. Das Obdach der Stadt Berlin hat im Winter 1912/13 in der Abteilung für nächtlich Obdachlose wieder über 400 000 Per- sonen beherbergt. Die Belegungsziffern waren im Dezember 124233, im Januar 147 275. im Februar 132 374, sind zusammen 403 882. Tie stärksten Tagesbelegungen des Winters wurden am 30. Januar mit 5090 und am 31. Januar mit 5135 erreicht. Im ganzen hat dieser Winter mit einer etwas geringeren Obdachsreguenz als der vorige abgeschlossen. Die Monate Dezember, Januar. Februar des Winters 1911/12 hatten die Belegungsziffern 126 630. 149,524, 147 100(einschließlich Schalttag), zusammen 423 254. Der vorige Winter war hart, der diesjährige ist ungewöhnlich milde verlaufen. Hiernach härte man für den Winter 1912/13 einen noch stärkeren Rückgang der Obdachsreguenz erwarten können. Das Familien- o b d a ch hat in diesem Winter eine höhere Frequenz als im vorigen gehabt. Im Winter 1912/13 waren hier im Quartier(ungerechnet die im Familienobdach mitcinquartierten Einzelpersonen) Anfang Dezember 28 Familien mit 84 Köpfen, Anfang Januar 37 Familien mit 103 Köpfen, Anfana Februar 40 Familien mit 99 K?pfen und schließlich Anfang März" 37 Familien mit 94 Köpfen. Im Winter 1911/12 stellte sich die Frequenz zu denselben vier Terminen auf nur 25, 28, 28, 25 Familien mit 63, 74, 69, 80 Köpfen. Unter den Rädern der Lokomotive. Ein schwerer Betriebsunfall. ereignete sich am Sonntagmittag gegen 1 Uhr auf dem Rangierbahn- j Hof Warschauer Straße. Dort wollte der 27jährige Rangierer Ernst Freudenreich, Falckensteinstr. 40 wohnhaft, auf die Lokomotive eines Güterzuges, der eben oine Weiche passierte, aufspringen, rutschte jedoch vom Trittbrett ab und geriet mit dem linken Bein unler die Triebräder der Maschine, die das Glied oberhalb des Knies zer- malmten. In schwerverletztem Zustande wurde F. nach der Unfall- station in der Warschauer Straße und von dort nach dem Kranken« Hause am Friedrichshain gebracht, wo eine Amputation deS BeineS vorgenommen werden mußte. Auf dem Postamte au der Spandaucr und Poststraße versuchte am Sonnabendabend ein 22 jähriger Handlungsgehilfe Max Lüdicke aus Spandau einen Diebstahl. Er entriß einem Lehrmädchen, das für eine Firma Geld einzahle» wollte, einen Geldbeutel, in dem sich 780 Mark Geld befand und versuchte damit zu entfliehen. L. wurde aber eingeholt und der Polizei übergeben.' Ein dreister Diebstahl wurde gestern nachmittag>n der Alexan« drinenstraße ausgeübt. Dort hielt ein mit Zink- und Aluminiumblech beladencr Wagen der Firma Herman Grau aus der Wilhelmstraße in Friedrichshagen. Als der Kutscher, der eine Besorgung zu machen hatte, zuriicklehrle, war das Fuhrwerk vsrschwundei Es war ein off-mer, graugestriibener Wagen mit einem schwarzen, weißgezeick- ncten Wallach bespannt. Für die Wiedererlangung setzt die Firma eine Belohnung von 100 Mark auS. � Aus der Spree gelandet wurden gestern vormittag die Leichen zweier Männer. Vor dem Grundstück Burgstr. 23 zog man die Leiche des 29 Jahre alten Fabrikarbeiters K. aus der Gryphiusstraße zu Lichtenberg aus dem Wasser. K. wurde seit vier Wochen ver- mißt. Nachdem er längere Zelt ohne Arbeit gewesen und mit seiner Familie Not gelitten hatte, nahm er am 30. Januar von seinen An- gehörigen Abschied, um seinem Leben ein Ende zu machen. Er hat wahrscheinlich noch am selben Tage den Tod im Wasser gesucht und gesunden, denn die Leiche war schon stark verwest.— Der zuerst unbekannte Tote, der an der Gotzkowskybrücke aus der Spree gelandet wurde, koinile inzwischen als der 41 Jahre alte Gastwirt W. aus der Borsigstraße festgestellt werdeil. W., der verheiratet und Familien- valer war, litt stark an den Nerven. Am 5. Januar entsernle er sich aus der Wohnung und blieb verschwunden, bis man gestern seine Leiche landete. Eine fiinfköpfigc Diebesbande, die es auf die Güterwagen ab- gesehen hatte, wurde durch die Kriminalpolizei unschädlich gemacht. Hatten die Diebe einen Güterwagen gefunden, der ihnen für ihren Ziveck geeignet erschien, so mieteteit sie sich einen Wagen und fuhren ganz dreist am hellichten Tage auf den Bahnhof, entfernten die Plombe von dem Waggon, luden seinen Inhalt auf und fuhren unangefochten davon. So erbeuteten sie aus dem Anhalter, dem Görlitzer und dem Ostbahnhof Korn, Hafer, Malz usw. Bei einer Messerstecherei schwer verletzt. In einem Lokal im Hause Schönhauser Allee 42 entstand in der Nacht zum Sonntag unter mehreren Gästen ein Streit, der vor dem Lokal in eine Messerstecherei ausartete. Dabei wurde der Arbeiter Wilhelm Gerhard durch sünf Stiche in Hals, Brust und Unterleib lebens- gefährlich verletzt, während der Klempner Bernhard Klöpfer, Kastanien-Allee 4, Verletzungen am Kopse davontrug. Als der Tat dringend verdächtig nahm man den 23 Jahre alten Steinsetzer Robert Kröger aus Eberswalde fesi, der gegen 2 Uhr nachts mit mehreren Zeugen auf der Wache des 61. Polizeireviers erschienen war. Nach den aufgenommenen Verhandlungen brachte man Kröger, der bisher entschieden seine Täterschaft bestreitet, nach dem Polizei« Präsidium. Sein 8. Schwimnifest hielt am Sonntag der Verein Freie Schwimmer Charlottenburg(M. d. A.-Sch.-B.) in der Volksbadeanstalt Krummestr. 10 ab. Eine Anzahl Gäste wohnte� den Vorführungen bei und brachte den Schwimmern reges Interesse entgegen. Nach- stehend bringen wir folgende Resultate der Vorführungen: 1. E r st s ch w i m m e n. a) Mädchen. 1. W. Mechtel in 57% Sek. b) Damen. 1. G. Schulz in 63% Sek. c) Knaben. 1. Br. Pfeifer in 50% Sek. 6) Jugend. 1. O. Eisfeld in 44% Sek. e) Männer. 1. O. Grützbach in 47% Sek. 2. Damendreikampf. 1. A.-S.-V. Neukölln 33% Punkte. 2. Fr. Schw. Charlottenburg 24% Punkte. � 3. I u g e n d st a f f e t t e. 1. Fr. Schw. Charlbg. in 2 Min. 42 Sek. 4. Kür springen für Männer. 1. O. Becker(Neukölln) 18% Pkt. 2. Fr. Narkun, Fr. Schw. Charlbg., 16'/». 5. D q m e n st a f f e t t e. 1. A. S. V. Neukölln in 2 Min, 25% Sek. 2. Fr. Schw. Charlbg. in 2 Min. 33% Sek. 6. Jugendmehrkampf. I.W. NehlS(Fr. Schw. Charlbg.) in 28% Pkt. 2. P. Jänifch(Berlin I) in 26% Pkt. 3. P. Nachtigall (Berlin III) in 25% Pkt. 7. H a u p t f ch w i m m e n. 1. O. Ruthe(A. S. V. Neukölln) in 2 Min. 2% Sek. 8. Vereinskampf der AlterSriege(über 30 Jahre). 1. Neukölln in 19 Pkt. 2. Charlbg. in 17% Pkt. 9. Wasserballspiel. Neptun Weißensee— Fr. Schw. Charlbg. 3-0. Um einer Pcrsonenverwcchseluug vorzubeugen, bittet un« Herr Roman Stvrtzer, Bureaugehilfe, Simplonstraße 33 wohnhaft, um die Mitteilung, daß er mit dem in unserer SonntagSnummer wähnten Arbeiter Fritz Störtzer nicht identisch ist. Vorort- l�acb richten. Lichtenberg. Die städtischen Arbeiter im Etat. Nach langem Zögern haben die bürgerlichen Vertreter vor einiger Zeit einigen Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse zugestimmt. Sie glaubten damit eine soziale Großtat verrichtet zu haben. Man hat scdoch nur das zugestanden, tvas schon vor zwei Jahren hätte bewilligt werden müssen. Die von den Arbeitern zu dem neuen Etat geäußerten Wünsche haben keine Berücksichtigung gefunden. Wie unberechtigt solches Verhalten des Magistrats ist, lassen die nachfolgenden Angaben klar und deutlich heraustreten. Stellt man die vor- jährigen Elatsausätze mit den diesjährigen in Vergleich, dann er- geben sich die nachstehenden bemerkenswerten Veränderungen: Beim Elektrizitätswerk erböht sich der Ucbcrschutz von 152 672 M. auf 3 8 5 7 0 0 M., die Summe der Gehälter steigt von 28 440 M. auf 37 556 M. und die Aufwendungen für Löhne betragen, wie im Vorjahre, wieder nur 4 0 0 0 0 M. Also für Löhne keinen Pfennig mehr! Die„Zulagen" werden bei gesteigerter Produktion durch Ersparung an Arbeitskräften aufgebracht. Zu solcher Sparpraxis braucht mau allerdings ein Mehr von über 9 0 00 M. für Gehälter. Weiter! Die Wasserwerke sind erweitert worden, der Ucberschuß steigt um 4 20 832 M., nämlich von 287 898 auf 708 730 M.- Um dieses Resultat zu erzielen, ist eine Erhöhung der Beamten- gehälter von 22 510 M. auf 42 600 M., also um 2 0 09 0 M. er- forderlich, aber für Arbciterlöhne werden nur 8962 M. mehr verwendet. Diesmal sind für Löhne 30 350 M. eingesetzt worden gegen 21 388 M. im Vorjahre. Der Etat des Gaswerks hat folgende Veränderung erfahren: Der Uebcrschuß erhöhte sich um 8 5 61 6 M. von 653129 auf 738 735 M.; für Gehälter werden 34 24 1 M. mehr gefordert, 159 615 M. gegen 125 374 M., und für Arbeiter- löhne nur ganze 7000 M. mehr vorgesehen. 1912 waren es 83 000 M„ jetzt 9 0 0 0 0 M. Faßt man die drei Positionen zusammen, dann hat man dieses Ergebnis: Der Ucberschuß aller Werke steigt um 7 3 3 4 6 5 M., gleich 67 Proz. Die Gehälter beanspruchen gegen das Vorjahr ein Mehr von 6 3 5 4 7 M., gleich 36 Proz. und für Arbeitcrlöbne werden nur 2 6 000 M., gleich 18 Proz. mcbr vor» gesehen. Eine allgemeine Lohnerhöhung in Höhe von 10 Proz. würde den Ucbcrschnß nur um 16 000 M. oder um sage und schreib« 0,9 Proz. vermindern. Daß unter solchen Umständen jedes Zu- geständnis abgelehnt werden könnte, erscheint beinahe ausgeschlossen. Bemerkt sei noch, daß die auf den Werken ruhende Kapitallast iwx 7 690012 M. beträgt. Danach ergäbe der vorgesehene Uebcr- schuß ehten Gewinn in Höhe von über 23 Proz. Solche Resultate er- lauben es wirklich, etwas mehr für Arbeiterlöhne aufzuwenden. Beängstigend wirkt die Sparwut, die aus dem Etat des Rieselguts Tasdorf herauslugt. Für Handwerker, Oberschweizer usw. hat man allerdings 1ö00 M. mehr eingesetzt, dafür aber bei den landwtrschaft- lichen Saisonarbeitern Abstriche in Höhe von 1069 M. vorgenommen. Dazu finden wir einen Vermerk:„Aenderungen der Saisonarbeiter- löhne bleiben vorbehalten." Das soll doch wohl nicht auf die Absicht noch weiterer Verschlechterungen hindeuten? Hat man die Abstriche aber vorgenommen, um nachher„Wohlfahrt" üben zu können, die nichts kostet? Jedenfalls werden unsere Genossen bei so günstigen Verhältnissen energisch darauf drängen, dah die schon seit Jahren zugesagten Verbesserungen endlich durchgeführt werden. Mit der Ausrede ungenügender Rentabilität kann man uns angesichts des vorgelegten Etats nicht mehr kommen. Nun heißt es Farbe bc kennen. Marienfelde. Mit der Regelung der Schulverhältnisse beschäftigte sich die letzte Gemeindevertretersitzung. Es wurde beschlossen, die erste Klasse zu teilen und eine Parallelklasse einzurichten. Bei Beratung über die Anstellung eines Lehrers, meinte der Gemeindevorsteher, daß die vorhandenen Lehrer die fehlende Hilfskraft durch Ueberswnden- geben ersetzen sollten, da auf diese Art einige hundert Mark gespart werden könnten. Der Vorsteher blieb mit seiner Ansicht glücklicher- weise in der Minderheit, es wurde beschlossen, einen neuen Lehrer anzustellen. Bei der Debatte über die Pflasterung der Dorfstraße kam es zwischen dem Vorsteher und dem Schöffen Manntz zu einem Zusammenstoß; der Vorsteher hatte nämlich die eingegangenen Offerten geöffnet, ohne die Baukommission hinzugezogen zu haben. Beschlossen wurde, die Vorlage an die Kommission zu verweisen. Bei Beratung über die Vereinigung der Amts- und Gemeindevenvaltung serstere befindet sich in der Kaiserallee, die letztere in der Dorf- straße) wurde beschlossen, die beiden der Gemeinde gehörenden Häuser, Berlinerstr. 1 und 2 an der Mariendorfer Grenze, dazu herzurichten, um die gesamte Verwaltung dort unterzubringen. Als Gebühren für die Brauchwasserkanalisation sollen 4 Proz. des Ge- bäudesteuernutzungswertes erhoben werden. Die Hundertjahrfeier soll am LS. Mai begangen werden, hierzu wurden bis SM M. bewilligt. Der Gemeindevorsteher meinte, daß er an patriotischen Gedenk- tagen es schmerzlich empfunden habe, wenn die öffentlichen Gebäude im Ort nicht geflaggt gewesen seien; die bürgerlichen Vertreter bewilligten sofort 100 M. für die Anschaffung der notwendigen Flaggen, so daß dem Schmerze des Gemeindevorstehers abgeholfen wird. Da die Jugend aus dem Jugendklub wieder massenhaft aus- tritt, wünschte der Vertreter Mertens eine Polizeiverordnung, durch die es den Jugendlichen bis zu 17 Jahren verboten wird, öffentliche Lokale zu betreten. Der Borsteher dankte für diese Anregung und versprach, in nächster Zeit dem Wunsche nachzukommen. lieber die Aufstellung eines neuen Bebauungsplanes wurde nichtöffentlich verhandelt, wie verlautet, will die Dresdener Bank dem Rittergutsbesitzer Kiepert eine Hypothek von 25 000 M. zur Verfügung stellen, für diesen Betrag soll angeblich der hier ansässige Professor Möhring den Plan anfertigen. Wie es scheint, ist der seinerzeit von Geometer Kcller-Mariendorf für 13 000 M. angefertigte Plan nicht genehmigt. Fichtenau. Die eingeschmuggelte Jahrhundertfeier. Zu einem„Eltern- abend" war am Sonntag die Einwohnerschaft von den Lehrern ein- geladen worden, einem Elternabend, wie er bisher in jedem Jahr stattgefunden hat, bestehend aus Vorträgen der Schulkinder. Aus- stellung von Schülerarbeiten, Ansprache der Lehrer und Aussprache zwischen diesen und den Eltern über Schulfvagen und-sorgen. Die zahlreich Erschienenen— meistens Mütter— mußten aber bald erkennen, daß sie zur Staffage für einen patriotischen Klimbim dienen sollten. Nachdem der„Elternabend"(diesmal zum allge- meinen Befremden mit einem geistlichen Liede eröffnet), zuerst den üblichen Verlauf genommen, ergriff Herr Lehrer Lehmann daS Wort, aber nicht um über den Zweck des Elternabends zu sprechen, sondern um eine große, phrasenreiche patriotische Fest- rede zu schwingen, woran sich entsprechende Vorträge schlössen, die wieder dem anwesenden Kreisschulinspccktor Gelegenheit gaben, eine hurrapatriotische Hymne vom Stapel zu lassen und mit einem Kaiserhoch zu schließen. Alle» das mußten die Erschienenen, wollten sie sich nicht von ihren Kindern trennen, über sich ergehen lassen. WaS sonst schwer möglich war, wurde auf diese Weis« erreicht, Durch Mißbrauch eines„Eltcruabends" wurde eine gut besuchte patriotische Veranstaltung erzielt. Gegen eine derartige Irreführung muß öffentlich Protest er, hoben werden. Ein großer Teil der zu diesem Elternabend Er» fchienenen wird es sich übrigens reiflich überlegen, ob sie sich mit ihren Kindern an solchen Zusammenkünften noch einmal beteiligen werden. Zepervick-Röntgental. Der Etat für das Rechnungsjahr 1S13 wurde in der letzten Gemeindevertretersitzung in Einnahme und Ausgabe a»f 70 277 M. festgeiebt. Gerade kein günstlges Licht auf das soziale Pflicht- bewußtsein der Gemeindevertretung warf ein vom Gemeindevorsteher verlesenes Schreiben des Nachtwächters Z., worin dieser um Cr- böhung seines sich jetzt auf 60 M. belaufenden Monatsgehalts er- sucht. Da er eine monatliche Wohnungsmiete von IS M. zu entrichten habe, so blieben ihm nur noch 4S M. zur Bestreitung des Lebensunterhalts übrig. Genosse Schulz beantragte eine Erhöhung des Gehalts von 60 auf 90 M. Nach längerer Diskussion hierüber wurde der Antrag unseres Genossen mit sechs gegen fech« Stimmen angenommen. Den Ausschlag für die Annahme gab der Gemeinde- Vorsteher. Die Arbeiten für das Verpflanzen und Umpflanzen der Bäume wird die Gemeinde in eigener Regie ausführen. Pankow. Die Lustbarkeitssteuerordnung, die in der letzten Gemeinde- Vertretersitzung nach heftiger Bekämpfung von allen Seiten an die Finonzkommission zurückverwiesen wurde, steht in der heutigen Sitzung erneut zur Beratung. Die Bussichten für ihre Annahme dürften sich wesentlich gebessert haben, nachdem sie durch entsprechende Frisuren genießbarer gemacht und außerdem unterdessen die Berliner Lustbarkeitssteuer zum Beschluß erhoben worden ist. Ob indessen der starke Widerstand, der in der letzten Sitzung auch auf bürger- licher Seite gegen die Steuer vorhanden war, schon soweit als über- wunden gelten kann, daß ihre Annahme gesichert ist, steht dahin. Nach den bisherigen Erfahrungen mit unseren bürgerlichen Ge- meindevertretern ist allerdings leider anzunehmen, daß ein mehr als hinreichender Teil derselben in der heutigen Sitzung umfällt und damit der Steuer zur Annahme verhilft. Bon einigen Aus- nahmen im bürgerlichen Lager abgesehen, dürften nur die Vertreter der Sozialdemokratie im Kampf gegen diese ungerechte Belastung konsequent bleiben. Potsdam. Die Steuersähe für das Etatsjahr 1913 wurden in der letzten Stadtverordnetensitzung wie folgt festgesetzt: Die Gcineindeein« kommensteuer auf Uö Proz bei einem Einheitssatz von 877 263 auf 065 000 M., die Abgaben der aktiven Militärpersonen auf 72 000 M., die Grundwertsteuer auf 552 000 M., die Gewerbesteuer auf 107 000 M., die Betriebssteuer auf 8000 M. Die Veteranen aus den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71, deren Einkommen 2100 Dkark nicht übersteigt, sollen von der Gemeindesteuer befreit werden. Die Orgel der Heiligengeistkirche ist ausbesserungsbedürftig, es werden für diesen Zweck 10 000 M. bereitgestellt. Die Magistrats- Vorlage, die die Errickstuiig einer Landkrnnkcnkassc fordert, wird einer Kommission von ö Mitgliedern übenoiesen. Der Prinz Eitel Haiden Wunsch geäußert, gelegentlich der jetzigen Regulierung der Neuen Luisenstvaße einen Reitweg von der Kastanienallee nach der Pirsch- Heide zu schaffen. Der Magistrat hatte eine enffprechende Vorlage LerautworUichcr ütedaüeur:«lfrrtz Wielepp, Neukölln. Für de» ausgearbeitek, die jedoch vom Finmizausschuß, der sie vorberaten hat, mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt wurde, weil man eine Nottvcndigkeit für einen Reitweg nicht einsehen kann. Mit knapper Mehrheit wurde schließlich die Magistratsvorlage angenommen. Es soll gleichzeitig auch ein Nadfahrerweg angelegt werden. Zur Umwandlung deö Auguste-Viktoriakrankenhauses in ein Bürger- siechenheim und Errichtung eines modernen Klassenkrankenhauses durch die Stiftung Eisenhandffche Heilanstalt auf dem Gelände an der Burggrafcnstraße, wo die Stiftung der Stadt ein Grund- stück für 100 000 M. abkauft, gab die Äadtverordnetenversammlung ihre Zustimmung. Die Stadt kauft dafür das Grundstück in der Behlertstraße für 150 000 M. und wird zum Krankenhaus in der Burggrafenstraße einen Zuschuß von 380 000 M. geben. Das Elektrizitätswerk soll eine Erweiterung erfahren, tseine Leistungsfähigkeit wird pon 8500 Pserdcstärken auf 12 500 Pferdestärken gebracht. Die Kosten hierfür belaufen sich auf 400 000 M. Die Potsdamer Schlächter haben den Verkauf ausländischen Fleisches eingestellt. Eine Kommission wird prüfen, ob der Magistrat den Verkauf wieder selbst übernehmen soll. Zuin Regierungsjubiläum des Kaisers sind einzelne Stiftungen vorgesehen: die Umwandlung des Auguste-Viktoriakrankenhauses in ein Bürgerstift soll in Höhe des Wertes des Grundstückes von 152 000 M. gestiftet werden, ferner sind für eine Walderholungsstätte 40 000 M. bereitgestellt; diese Stiftung soll den Namen des Kaisers tragen. Arbeitslosiskeit und Kränklichkeit der Frau hat den 54jährigen Tischler K., Friedrichstraße wohnhaft, in den Tod getrieben. Der rechtschaffene Mann hatte kurz vorher noch einmal versucht, bei seinem früheren Meister Arbeit zu bekommen, er hatte aber keinen Erfolg und das veranlaßte ihn zu dem Verzweiflungsschritt. Die Errichtung einer WalderholnngsstStte ist nun endlich von dem vor kurzem gegründeten Walderholungsstätten-Verein Potsdam- Nowawes beschlossen. Die am Sonnabend stattgehabte Sitzung erklärte sich mit der Errichtung derselben bei Neubabelsberg hinter dem Jnvalidenheim einverstanden. Di« Baukosten betragen 17 000 Mark. Die Vertreter der Gemeinsamen Ortskrankenkasse Nowawes und der Allgemeinen Ortskrankenjosse Potsdam gaben die Erklärung ab, daß sie fiir die Unterhaltung Sorge tragen werden. Bernau. Auch die Bernauer Stadtverordnetenversammlung hafte sich in ihrer letzten Sitzung mit der Jahrhundeiftfeier der Erhebung Preußens zu befassen. Eine Magistratsvorlage verlangte die Be- willigung von 300 M. zur Veranstaltung dieser Feier, welche ebenso wie in anderen Städten durch einen Kirchgang der städtischen Be- Hörden usw. und Kommers vollzogen werden soll. Von unseren Genossen widersprach namens der sozialdemokratischen Fraktion Genosse Helbig. der erklärt«, daß die dritte Abteilung gegen die Magistratsvorlage stimmen würde. Die geplante Feier würde der preußischen Regierung gewissermaßen den Dank abstatten für die Entrechtung, die dem preußischen Volke durch Nichtanerkennung deö freien Wahlrechtes zuteil werde. Auch die Sozialdemokratie ehre die damaligen Fveiheitskämpfer, sie könne aber keineswegs sich mit den geplanten Festlichkeiten einverstanden erklären. Die Bor- läge wurde mit 11 gegen 8 Stimmen unserer Genossen ange- nommen. Alsdann begründete Genosse Knöschke einen von der sozialdemokratischen Fraktion eingebrachten Antrag betreffend Not- standsarbeiten. Er verlangte, daß in Bälde die Regulierung des Lohmühlemvege» in Angriff genommen werde, um den Beschäfti- gungslosen Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Ohne Widerspruch wurde dem Antrage zugestimmt und der Magistrat ersucht, das weitere zu veranlassen. Nowawet« Der Seefischyerkinff war in den letzten Wochen infolge der hohen Preise merklich zurückgegangen. Nachdem die Lieferungen in früherem Umfange eintreffen, find die Verkaufspreise von der zuständigen Kommission wieder auf 20 bezw. 25 Pf. pro Pfund herabgesetzt worden. Der Verlauf auf Rechnung der Gemeinde findet auch fernerhin jeden Mfttwochnachmtttag von 8 Uhr ab im Geschäftslokal des Händler» Ziegen«, Großbeerenstr. 81, statt. SitzungStag« von Stadt, und Ge»>eUd«»wtiv,gen. den 14 Mär», ebenM Sst, Uhr, Itätt, abend» 8 Uhr, wt Leichenfaal der Gemeindefchule, Dorfftr. 53. Diese Sitzungen find»ssentUch. Jeder«emeindeangehsrige«st be- eechtigt, ihnen als Zuhörer betzmvehnen. Klus aller(üelt Mas Londoner faulenzer fUr Kleider ausgeben. Aus London wird uns geschrieben: Wieviel muh ein Mann oder eine Frau ausgeben, um sich wirklich gut kleiden zu können? Diese Frage behandelte vor einigen Tagen eine Autorität in den Spalten der„Pall Mall Gazette", des Leiborgans der faulenzenden hochnäsigen Sippschaft, für die es in London nur einige Tausend Menschen und gegen sieben Millionen mehr oder minder nützliche Lasttiere gibt. Da wird von einem Weib berichtet, das innerhalb 18 Monate ohne Anstrengung 25 000 Pfund Sterling (5 00 000 Mark) für Kleider ausgab.„Und das alle? geht so leicht, wenn man bedenkt, daß eine solche Frau sich nichts daraus macht, 70, 80 oder 100 Pfund für ein Ballkleid oder ein Kostüm für den Rennplatz in Ascot auszugeben und es nie wieder zu tragen. Ihr gewöhnliche« Morgenkleid zum Ausgehen wird wahrscheinlich 25 oder 30 Pfund kosten. Wenn es mit Pelz be- setzt ist. kann sich dieser Preis leicht verdoppeln. Dan» muh sie ein Kleid für Lunch haben, ein zweites Kleid für den Nachmittag und ein drittes für das Diner; jedes wird vielleicht zwischen 20 und 60 Pfund kosten. Dann kommen die Hüte und Schuhe. Zehn Pfund für einen Hut, der selten mehr als acht oder zehnmal getragen wird, ist nichts. Vielleicht kostet der Hut zehnmal soviel, da die Reiherfedern darauf allein 20 oder 30 Pfund kosten können. Ferner sind Reitkleider, Sportkleider und tausend Einzelheiten, wie Handschuhe, Taschentücher, Spitzen, Ornamente und was sonst noch zu beachten. Eine Frau kann wirklich jede Smume ausgeben. Doch kommen einige ganz gut mit 5000 Pfund(100 000 Mark) im Jahre aus." So, werte Leserin, nun weiht Du. daß es sehr wohl möglich ist, sich einzuschränken. Mit zitternden Händen lasen wir weiter, um zu erfahren, was man als Gentleman ausgeben muß. um als gut gekleidet zu gelten. Die Autorität belehrt uns:„Ein gut gekleideter Mann in der Gesellschaft braucht nicht viel auszugeben.. Ha! wie das einem das Herz erleichtert! Da» ist mehr nach unserem Geschmack. Doch... „Wenn er keinen extravaganten Geschmack hat, wird er finden, daß er sich mit 500 oder 600 Pfund(10000 bis 12 000 Mark) im Jahre ganz gut kleiden kann. Er muß natürlich fünf oder sechs Frackanzüge besitzen." Wie deprimierend doch das Wörtchen„natürlich" wirkt! „Jeder wird ihm 10 oder 15 Guineen(210— 315 M.) kosten. Er wird 3 oder 4 Ausgehröcke zu etwa 10 Guineen das Stück und wenigstens ein Dutzend Paar Hosen zu zwei Guineen daS Paar, die damit zu tragen sind, nötig haben. Dazu kämen 12 Jackett- anzüge' zu je S oder 9 Guineen, 4 oder 5 Sportanzüge zu je 6 oder 7 Guineen, ein halbes Dutzend Sportüberzieher zu 6 Guineen. außerdem gewöhnliche Ncberzieher, Hüte, 4 vber 5 Zykknber zn je 35 Schilling, Schuhe, Handschuhe und Unterkleider." Ja, aber meine liebe Kleiderautorität, wenn nun jemand nur einen alten Frack hat, der seit der Hochzeit im Kleiderschrank hängt, ist er dann kein Gentleman? Oder wenn einer nicht einmal einen Ueberzieher hat, wie der arme Teufel, der uns die.Pall Mall Gazette" im Strand verkaufte, der sich ununterbrochen die Hände rieb und wie ein Bär tanzte, um sich gegen den bitteren Wind zu schützen, der seit einigen Tagen von Ruhland herüberfegt „Platz" und„Sieg". Die Renn, und Wettfaison hat begonnen. Diese Td* fache interessiert heute leider in Deutschland weite Kreise der Be- völkeoung— nicht nur die obersten Schichten— viel mehr als alle wichtigen politischen und wirtschaftlichen Tageßfragen. Wer auf den Rennplätzen die Anteilnahme des Publikums am Pferdesport beobachtet hat, könnte zunächst auf den Gedanken kommen, daß das ?! t e r e s f e für Pferdezucht und gutes Reiten in den letzten Zähren in Deutschland ganz bedeutend« Fortschritte gemacht und sich von den sogenannten Lesseren" Kreisen auch auf die große Masse des Volkes übertragen habe. Wer sich jedoch ein paar Stun- den auf einem Nennplatze aufgehalten und das Publikum etwas genauer kennen gelernt hat, der wird bald zu der Ueberzeugung kommen, daß der weitaus größte Teil desselben lediglich hierher gekommen ist, um auf eigene oder fremder Leute Kosten zu wetten. Die meisten von denen, die zwischen Totalisator und Sattelplatz gftvichftg hin und heq laufen, den Feldstecher am langen Bande und die Hand voll Tickets, haben von Pferden und von Reit- kunst keine blasse Ahnung, viele können kaum den Graditzer, den sie mit Kennermiene mustern, von einem Droschkengaul unterscheiden. Und doch fühlen sie sich als die eigentlichen Helden des Turfs und was noch schlimmer ist, ihr ganzer Bekannten- kreis legt großen Wert auf ihr fachmännisches Urteil in allen Renn- angelcgenheiten und betraut sie mit der Ausführung von Wettauf- trägen. Der„Zigarrenfritze" und der kleine Kneipier, der Barbier und der Cafekellner stellen das Hauptlontingcnt der„Gents", die den Rennplatz bevölkern. ES ist meist schwer zu sagen, od sie im Haupt» oder Nebenberuf Buchmacher sind. Oft genug bildet der Zigarrenladen oder das Restaurant nur den äußeren Rahmen der Buchmacherzentral«. Wenn die Buchmacherei etwaS einbringen soll, muß sie gut organisiert sein. Jede Zentrale ver» fügt über ein ganzes Heer von Agenten in allen Stadtteilen, die— gelegentlich oder gewerbsmäßig— dem eigentlichen Buchmacher die Wettaufträg« ülbermifteln. Der Großbetrieb arbeitet auch hier am rentabelsten. Nur wenige Buchmacher, die zu den wohlhabenderen Kreisen Beziehungen haben und hauptsächlich größere Aufträge an- nehmen, können auf Mittelspersonen verzichten. Die Mehrzahl aber hat ihre Kundschaft im kl« irrbürgerlichen Mittelstand und in Arbeiterkreisen. Der kleine Krämer, der Portier, die Köchin und der Offiziersbursche und viele andere kleine Leute, die keine Zeit haben, den Rennplatz selbst zu besuchen, vertrauen dem nächsten Vermittler ihre erübrigten Groschen an, damit et fiir sie auf diesen oder jenen Gaul„Platz" oder„Sieg" setze. Di« kleinen Sportblätter, die mit den neuesten und Jbesten" Tip» für in- und ausländische Rennen aufwarten, werden massenhaft gekauft und mit geradezu erstaunlichem Interesse gelesen. Es handelt sich unzweifelhaft hierbei um eine überaus ungesunde Erf che i- n u n g. Die Spiel- und Wettseuche, die von den wohl- habenden Schichten ausgehend wetteste Kreise de» Volkes ergriffen und zahllose Existenzen ruiniert und vielfach ganze Familien ins Unglück gebrocht hat, bedeutet eine schwere Gefahr. Heber den Umfang, den das Wetten in Deuffchland erreicht hat, lassen sich nur schwer� ziffernmäßige Angaben machen. Die Totalisator- Umsätze bilden nur einen geringen Teil aller Wettumsätze, da die Buchmacher meist alle Aufträg«„in sich"«ledigen und gar nicht erst zum Totalisator gehen. Außerdem ist zu berücksichtigen, daß die Buchmacherei für fremde Plätze neuerdings sehr stark zunimmt, da die deutsche Rechtsprechung merkwürdigerweise die V e r m i t t- lung für fremde Plätze, an denen kein Buchmacherverbot besteht, nicht als strafbare Hairdbung ansteht. Man wird in der kommenden Satson wohl wieder sehr oft von der Aufhebung von Buchmacherzentralen höre», ebenso oft wird man aber erfahren, daß hier ein Lehrling seine Portokass«, dort ein Bankier die Depositengelder serner Kundschaft auf den Rennplätzen durchgebracht Haiden. Der Spiel- und Wetteusel wird sich leider nicht so leicht wieder au» Deuffchland vertreiben lassen, toie er hereingekommen ist. Kleine Notizen. Unfall eines Reichstagsabgeordnete«. Der Reichstagsabgeordnete LövSque in Saarburg ist gestern nachmittag auf einer Automobil- fahrt verunglückt. Er erlitt einen doppelten Beinbruch. Attentat gegen ein Auto. Aus Dortmund wird gemeldet: Der ruchlose Naubüberfall von Hennigsdorf hat Nachahmung gefunden. Als am Sonnlag ein Automobilbesitzer mit feiner Frau von einem Ausfluge heimkehrte, rannte der Kraftwagen bei Barop gegen ein über die Straße gespanntes, fünf Millimeter starkes Drahtseil. Durch die Wucht de« Anpralls riß glück- licherweise das Seil, so daß der Chauffeur und die Insassen des Wagens mit dem Schrecken davonkamen. Der Wagen ist durch das Seil, da§ 1'/, Meter über dem Erdboden gespannt war, erheb- lich beschädigt worden. Verschüttete Bergleute. Auf Zeche König Ludwig bei Recklinghausen wurden drei Bergleute durch herabfallende Gesteiiismassen verschüttet. Unter großen Anstrengungen gelang es, die Berschülteten aus dem Schutt herauszugraben. Einer der Berg- leute war bereits tot, die beiden andern haben lebensgefährliche Ver- letzunqen davongetragen. Schutzleute als Droschkenpferde. Der Wolffsche Telegraph meldet aus London vom 10. März: Als der deutsche Bot- schafter im Staatswagen zur E r o ff n u n g des Parlament« fahren wollte, wurden die Pferde auf dem Mall störrisch und die Deichsel des Wagens zerbrach. Die Pferde wurden darauf aus- geschirrt, und der Wagen wurde von Schutzleuten zum Parlament»gebäude gezogen. Ein ftanzösischcr Dampfer untergegangen. Nach einem Zu- sammenstoß mit einem Dampfer unbekannter Nationalität ist am Sonntag der französische Dampfer»Bretz Huel" morgens im Kanal von Bristol gesunken. Der„Breiz Huel" war mit einer Kohlenladung nach Algier be- stimmt. Ein Rettungsboot mit 7 Mann der Besatzung ist aufgefischt und die Bemannung gerettet worden, während die übrige 20 Mann starke Besatzung ertrunken ist. ExplotionSkatastrophe. Bei einer Explosion in der Kunstseide- fabrik in Tubize(Belgien) wurden zwei Personen getötet, vierzehn zum Test schwer verletzt. Eingegangene Druck Icdrifiten. »In Jrcicn Stunde»-. Nr. 8, 9 und 10, Freien Stunden- kostet 10 Pi. pro Hejt und wird für diesen Preis ohne Ausschlag in die Wohnung gebracht Bestellungen nehmen alle Zeitunasipeditionen und Kolporieure entgegen, Probenummern liefert der Verlag Buchhandlung Amwärts Paul Singer® rn. b. H., Berlin 3W. 68, kostenlos. „Kommunale Praxis". Jahrgang 13, Nr. 10 und 11. Die „Kommunale Praxis" erscheint wöchenliich und kostet pro Ouartal 3 M, Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen, Speditionen und Postanstalten entgegen, Probenummern kostenlos vom Verlag Buchhandlung Vorwärts Paul Singer, G. m. b. H.. Berlin SW. 68. Die Brücke. Monatsschrift für Zeitinterpretation. Halbjahr 2 M Herausgeber K, Röttger, Brückcnverlag, Grotz-Lichterseide. Berliner Märztage. Roman aus dem Jahre 1848 von M. Deutsch. 420 S. P. Oestcrgaard, Berlin W. 67. Der Deutsche Kaiser. Eine rechtshistorische Studie von Dr. jur. W. W, Stauer. 1,50 M. Puttkammer u. Miihlbrccht, Berlin W. 56. Die Mutter. Nr. S. Zeitschrift, herausgegeben von Professor Dr. E. Dietrich und Frau Olga Gebauer. Erscheint monatlich. Pro Jahr 3 M.«. Staude, Berlin W. 35.