Mr. 63. flbonncmcnts-Bcdingui�cn: MonnenientS- Prci-Z vränlunerluido: Bierteljäbrl. 3,30 URf-, monatl. 1,10 Ml, wöchcnUich 3s Psg, ftci ins HauS, Einzelne Niunmer 5 Pfg. Sonnlag«. nummer mit illuslriertcr Sonntags- Beilage„Die Neue Well" 10 Pfg, Poll- Monncment: 1.10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zcitungs- «reislifte. Unter Kreuzband lür Deutschland un" Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro 2Ronat. Postabonncments nehmen an; Belgien, Dänemarl. Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. nänien, Schweden und die Schweiz. CrfdiOnt tlglldi außer montags. Verlinev VolktsblAtt. 30. Jahrg. Die TnfertionS'GebDfsr Ecträgt für die sechsgespallcne Kolonel- zeile oder deren Raum 00 Pfg„ für politische und gewerkschaftliche LercinS- und Verfamnilungs-Anzeigen M Pig, „Aleine Mnzeigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes wettere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch. stoben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer niüsfen bis & Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm. Ildieff« „SozialdcmoKrat Btrnn", Zentralorgan der rozialdemokratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: SSI. 68, Ltndctistrasac 69. Fernsprecher: Amt Morinplat«, Nr. I»83. Cxpedttion: SM. 68, I.indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritsplatz, Nr. 1984. Zum dreißigften Codestage von Karl Marx. In dem Bericht, den Engels iin Züricher„Sozialdemokrat" über das Begräbnis des Freundes erstattet, der mit ihm der Begründer unserer Weltanschauung geworden, nennt er nur zehn Namen von Leidtragenden, die dem Sarge folgten. Und viel mehr waren es nicht, die Marx zur letzten Ruhe geleiteten. Wie seltsam stechen davon ab die gewaltigen Massen, die in unserem Jahrhundert auf die Straßen strömen, so oft einer unserer bekannten Vorkämpfer bestattet wird, die Hunderttausende, die ein Lcichengefolge bildeten, wie es sonst nur einem Fürsten zuteil wird, für Liebknecht, Auer, Singer in Berlin, dann für Lafargue in Paris und jüngst erst für Schuhmeier in Wien. Dieser auffallende Gegensatz entspringt nicht einer einzigen, sondern mehreren Ursachen, aber im ganzen und großen darf man doch sagen, daß er den kolossalen Aufschwung spiegelt, den der proletarische Älassenkampf und in ihm das marxistische Denken in den letzten drei Jahrzehnten gcnonimen. Bei Marx' Tode stand bloß in Dcuffchand die politische Bewegung auf marxistischem Boden, und auch sie mehr instinktiv als bewußt. Und gerade als Marx starb, war sie vom Sozialistengesetz niedergetreten und in ihrer Existenz bedroht. Heute finden wir proletarischen Klassenkampf in ganz Europa, und nicht bloß in Europa, sondern in allen fünf Weltteilen, und überall ist es die marxistische Auffassung, die ihn beherrscht, soweit überhaupt eine wissenschaftliche Lehre seine Organisationen leitet. Wer auch die Zahl der Marxisten in engerem Sinne, das heißt derjenigen, die auf den Grundlagen, die Marx gelegt, wiffenschastlich arbeiten, ist rapid gewachsen— trotz der unablässigen„Vernichtungen" des Marxismus, die sich in reicher Fülle einstellten, nachdem das Totschweigen nichts geholfen hatte. Als ich 1884 zum erstenmal für Marx polemisch in die Schranken trat in einer an Rodbcrtus geübten Kritik, war ich voreilig genug, von Historikern der Marxschcn Schule zu schreiben. Mein Gegner E. A. Schramm, damals der be- dcutendste Theoretiker innerhalb der deutschen Sozialdemo- kratie, höhnte mich darob. er habe von einem Historiker der Marxschcn Schule noch nie etwas gehört. Und auch Engels schrieb mir damals:„Von der Marxschcn historischen Schule zu sprechen, war allerdings stark antizipiert". Unter den Historikern der Marxschen Schule hatte ich Lafargue und mich selbst verstanden. Aber freilich, für eine „Schule" war das nicht viel, umsowcniger, als auch wir beide wohl danials sehr energisch historische Studien nach marxistischer Methode trieben, aber noch mit keiner erheblichen Leistung aufgetreten waren. Heute wird niemand inchr an dem Bestand einer Marx- schen Schule und der Existenz marxistischer Historiker zweifeln wollen. Heute sind wir vielmehr schon so weit, innerhalb der marxistischen Schule verschiedene Richtungen unterscheiden zu können. Es gibt wissenschaftlich arbeitende Marxisten in den meisten Nationen der kapitalistischen. Produktionsweise, und wir können bereits die Beobachtung machen, daß, ganz cnt- sprechend der materialistischen Geschichtsauffassung, jeder Staat mit ausgeprägter Eigenart auch einen eigenartigen Marxismus produziert. Wir dürfen in diesem Sinne von einem österreichischen Marxismus reden, einem holländischen, einem französischen, eiiiem amerikanischen, einem russischen. Ja, der letztere hat bereits zwei besondere Formen angenommen, eine professorale, die sich freilich meist nur als Durchgangsstadium erweist, und eine echtmarxistisch.prolctarische. Wohl am wenigsten Eigenart hat der deutsche Marxismus entwickelt, obwohl oder vielleicht gerade deshalb, weil er, der Stärke unserer Partei entsprechend, die stärkste der marxistischen Schulen der verschiedenen Länder dar- stellt. Er bildet daher eine starke Anziehungskraft für die Marxisten anderer Länder, Holländer. Polen. Ocstcrrcichcr, die in seincni Rahmen wirken und größere Mannigfaltigkeit, aber auch erhebliche Mcinungsvcrschicdcn heiteu mit sich bringen. Noch mehr jedoch als durch seinen, internationalen Charakter wurden die Meinungsverschiedenheiten des Marxismus durch das Wachstum der Partei und ihrer Auf- gaben hervorgerufen, und insofern kann man sich mit der Tatsache versöhnen, daß die Fehden innerhalb des Marxismus zeitweise ziemliche Dimensionen annehmen. Eine dritte Quelle von Meinungsverschiedenheiten ersteht aber schon aus dem bloßen Alter der Partei. Sie hat heute eine ansehnliche Geschichte hinter sich und sie beginnt, sich mit der Erforschung dieser Geschichte zu beschäftigen, also auch mit der Erforschung der inneren Differenzen der Vergangenheit. Diese erwachen.damit zu neuem Leben, werden zu neuen 1883— 14. März— 1918. Von Karl K a u t s k y. Differenzen der Gegenwart, � die mitunter recht hartnäckig ausgcfochten werden, da sie trotz ihrer Herkunft aus weit zurückliegenden Jahrzehnten doch noch nicht völlig überwunden sind. Sic betreffen Probleme, die sich seit den Anfängen der Arbeiterbewegung immer wieder erneuern. Der Fortschritt äußert sich nicht in ihrer Ueberwindung, sondern in ihrer Re- Produktion auf erweiterter Stufenleiter. So sehr die Einzel- heiten und die äußeren Bedingungen der Probleme wechseln mögen, in ihren Grundzügcn bleiben sie sich gleich. Nament- lich ist es der Gegensatz zwischen Angcnblickspolitik und lvcitschauendcr, grundsätzlicher Politik, der inuner wieder in neuen Formen die Geister bewegt und erregt. So können wir die Vergangenheit der inneren Kämpfe nicht erforschen, ohne an die inneren Kämpfe gemahnt zu werden, die wir selbst auszufechten haben, und ohne nochmals unseren heutigen Anschauungen entsprechend Partei zu nehmen. So hat z. B. v. Schweitzer zu den heftigen Kämpfen inner- halb der Partei, die er bei Lebzeiten entzündet, jetzt, vier Jahrzehnte nach seinem Tode, einen neuen Äanchf hinzugefügt. Aber wie groß auch die Differenzen innerhalb deS Marxismus sein mögen, darin sind wir Marxisten wohl alle einig, daß die Gedenkfeier nicht die schickliche Gelegenheit ist, unsere Meinungsverschiedenheiten fühlbar zu niachen, daß wir hier nur das zum Ausdruck bringen»vollen, was uns alle einigt, den hohen Respekt vor unserem Meister. Nicht etwa in dem Sinne blinden Autoritätsglaubens der„Pfaffen", daß wir auf jedes seiner Worte schwören, jedes seiner Ilrteilc als ein endgültiges und unabänderliches hin- nehmen. Wohl aber in deni isiune der Erfahrung, daß, je mehr wir uns in die Marxschcn Werke vertiefen, um so mehr neue Einblicke uns in das Wesen und Werden unserer Gesellschaft erschlaffen werden; und andererseits, daß je tiefer wir in das Wesen und Werden unserer Gesellschaft eindringen,»vir um so entschiedener alles bestätigt finden,»vas Marx darüber erforscht und kundgetan. So wächst»nit jeden: Fortschritt unserer Er- kenntnis der Respekt vor den» geivaltigen Geiste, und nicht blas vor seinem Scharfsinn, seinem genialen Blick, sondern auch vor seinem übermenschlichen Fleiß, dessen Uebcrmaß vor- zeitig des Denkers bedeutende körperliche Kraft brach, vor seiner Gewissenhaftigkeit und seiner strengen Selbstkritik. Wir finden keinen Satz bei Marx, der nicht auf ein- dringendem Studium und uinfassendster Prüfung beruhte. Das hat ihn natürlich vor Irrtümern nicht bewahrt, denn absolute Wahrheit ist keinem Sterblichen gegeben. Aber das macht jede seiner Aeußcrungcn, jedes seiner Urteile bcachtens- wert, verbietet es jedcin ernsten Forscher, irgendeine der Marxschen Anschauungen ohne sorgfältige Prüfung der Gründe, auf denen sie beruhte, abzulehnen. Und diese Prüfung»vird in jedem Falle,»venu sie ausreichend sein soll, so viele Tat- fachen und Erkenntnisse bloßlegen müssen, daß sie reichen Ge»vinn in jedem Fall bietet,»velches immer ihr Ergebnis sein mag. In diesem Sinne lernen wir nicht nur aus den Errungenschaften, sondern auch aus den Irrtümern von Karl Marx. Es ist aber nichts Bedeutendes,»vas bisher als Jrrtuin bei Marx nachgewiesen»vordcn. Wohl hat er in Klcinig- kciten nicht selten geirrt, in der Beurteilung einzelner Per- sonen und Vorkommnisse, aber es ist noch niemandem gelungen, ihm in seinen großen, grundlegenden Schlußfolgerungen und Anschauungen einen Fehler oder Widerspruch nachzuivcisen. So oft dies versucht worden ist in den dreißig Jahren seit seinem Tode, versucht auch von einigen der Schüler selbst, „gemäßigten", wie„radikalen", bisher hat noch jedes derartige Beginnen, Marx zu verbessern, mit einem Mißerfolg geendet und sich in ein„großes Mißverständnis" aufgelöst. In der Geschichte der modernen Wissenschaft, die eine stete Revolutionierung des Stoffes, der Methoden, der Resultate darstellt, steht die nun schon ein halbes Jahrhundert dauernde Unerschütterlichkeit sämtlicher Grundzüge der wissen- schastlichen Leistung von Karl Marx ganz einzig da. Es gehörte eine gctvaltige, das Dnrchschni'ttsmaß riefen- groß überragende geistige Kraft dazu, dieses Resultat zustande zu bringen. Aber sie hätte allein wohl dazu nicht ausgereicht. Marx»väre nicht imstande geivesen, zu leisten,»vas er gc- leistet, wenn er nicht einen Freund fand, der ein Geistesriese, so gewichtig»vie Marx- selbst, vier Jahrzehntelang seine Kräfte den seinen hinzugesellte. Wie die»vissenschaftliche Leistung von Marx, so steht der»vissenschaftliche und politische Freundschafts- bund von Marx und Engels geradezu einzig da in seiner Dauer, seiner Innigkeit und Harmonie, dem völligen Jneinanderauf- gehen der beiden Individualitäten. In der Tat, genau ge- nommen dürfte man nicht von der Marxschen Leistung sprechen, müßte man stets von der Marx-Engelfchen Leistung reden. Es ist ganz uninöglich, heute festzustellen, was der eine oder der andere dazu beigetragen, zu fest sind in dem Ge- webe, das sie gemeinsam webten, die Fäden von hüben und drüben ineinander verflochten. Wir dürfen nie der Lefftung Marxens gedenken, ohne Engels als ebenbürtigen Urheber des gemeinsainen Werkes zu nennen. Wenn Engels selbst dabei das Gefühl hatte, daß er die zweite Violine spiele,»vie er sich einmal ausdrückte, so rührte das kaum daher, daß er an geistiger Begabung und Kraft Marx nachstand, wenn sie auch anders geartet»var als die Marxsche, sondern eher daher, �daß sich sein Temperament von deni Marxscheu unterschied. Sein sanguinischer Enthusiasmus riß ihn leicht fort,»venn die Freude über eine neue Eni- deckung, einen neuen Einblick in ihm auflohte. Marx ließ sich von solcher Freude nie hinreißen, traute seiner eigenen Eni- deckung nicht, ehe er sie nicht nach allen Seiten, Verzlveigungen und Konsequenzen hin geprüft hatte. An der Größe und Gewaltigkeit des Baues, den beide geineinfam aufgeführt, dürfte jeder von ihnen in gleichem Maße,»venn auch nicht in gleicher Weise, beteiligt sein. Seine Festigkeit, die der Zeit zu trotzen scheint, war vor allem Marx zu danken. Kein einzelner allein hätte vollbringen können, was beiden vereint, dank ununterbrochener gegenseitiger Anregung gelang. Aber auch vereint hätten sie geringeres geleistet,»vären sie nicht auf dem proletarischen Standpunkt gestanden. Wer auf deni bürgerlichen Standpunkte steht, tiermag sich über die bürgerliche Well nicht zu erheben, sie nicht von einer höheren Warte zu bettachten. Wer vom proletari- fchen Standpunkte an die kapitalistische Welt herantritt, dessen Interesse ist auch wachgerufen für die Unterscheidung ihrer vorübergehenden und ihrer dauernden Elemente sotme für die Erkenntnis der Keime, die sie in ihrem Schöße ttägt. Es be- darf dann nur scharfer Augen, um sie besser als die bürger- lichcn Forscher zu erkennen, deren Interesse dem Bestehenden, nicht dem Kommenden gilt. Auch darin liegt zum großen Teil die bisherige Uuzerstörbarkeit des Marxismus begründet. Wohl besteht er schon seit vielen Jahrzehnten, wohl ist seit- dem eine gcivaltige ökonomische und gesellschaftliche Entwicke- lung vor sich gegangen. Aber sie hat ihn nicht überholt und desavouiert, sondern bestätigt. Das wurde freilich nur dadurch ermöglicht, daß England schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts alle wesentlichen Elemente und Probleme des bishengen Kapitalismus»vie des bisherigen proletarischen Emauzipattonskampfes wenigstens im Keime entfaltet hatte. Die Leistung von Marx und Engels beruhte nicht zum geringsten daraus, daß sie jahrzehntelang in England lebten, in stetem Verkehr mit seiner Arbeiter- bclvcguug. mit Chartisten und Ccwerkschaftcrn, und daß Engels als Kaufmann Gelegenheit hatte, dessen KaPitaliSniuS nach allen Seiten nicht bloß theoretisch, sondern auch Praktisch zu erfassen. Daß aber daraus nicht bloß eine schärfere Er- kenntnis des Kapitalismus erwuchs, sondern eine umfassende neue Gcsellschafts, Gcschichts-, ja Weltauffassung, das wurde nur dadurch möglich, daß Marx und Engels in Deutschland ihre Bildung erhielten, zu einer Zeit,»vo die deutsche Philo- sophie einen Höhepunkt erreicht hatte. Mit bloßem englischen Empirismus wären sie nicht»veit gekonimen. Kein Engländer, dem Deutschland fremd blieb, aber auch kein Deutscher, der nicht in England zu Hause war, konnte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts den Marxismus cnt- »vickeln. Er ist die Frucht der Vereinigung von Philosophie, Kaufniannschast und Arbciterbetvegung. ebenso»vie der Ver- cinigung deutscher Bilduiu; und englischer Praxis. Alle diese eigenartigen Bedingungen mußten zusamiuen- tteffcn, damit der Marxislnus geboren»vurde. Auch ohne ihn hätten»vir zu Gedankengängen kommen müssen, die den seinen ähneln. Das liegt in der Natur der Dinge. Aber daß»vir zu ihnen nicht nach und nach, stückweise und unvollkominen kamen, daß sie der modernen Arbeiterbewegung bei ihrem Ein- setzen in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bereits als geschlossene widerspruchslose Weltanschauung geboten »vurden, das verdanken wir Marx und Engels und den Be- dingungen, unter denen sie»virktcn. Durch sie hat die marxistische Sozialdemokratie eine Sicherheit erlangt, die jeder anderen Bewegung moderner Geister fehlt. Die Elemente der heutigen Gesellschaft, die über das Stadium stumpfsinnigen Vegetierens oder gedankenlosen Genießcns hinaus sind, werden alle, soweit sie denken und streben, von nagendem Zweifel, rastloser lln- ruhe, quälender Unsicherheit, oft völliger Verzivciflung erfüllt; fest und sicher, wie ein granitener Fels in tobendeiii Meer, steht einzig die mari'istische Sozialdemokratie da. Sic schöpft ihre stolze Zuversicht aus dem Vertrauen in die un- aufhaltsam anwachsende Macht des Proletariats, ein Ver- trauen, das kein blinder Glaube, sondern klare,»vissenschaft- liche Erkenntnis ist durch das Licht, das unsere beiden Meister uns gebracht: Friedrich Engelsumd �.arl Marx. Cin Leben in Kampf und Mfenfchatt. Ein Menschenalter ist heute verflossen, seit der vulkanische Geist von Karl Marx erlosch.„Die Doktorenkunst", schrieb damals Friedrich Engels, sein treuer Freund, wackerer Kampf- genösse und stets bereiter Helfer all die Jahre hindurch, an Sorge,„hätte ihm vielleicht noch auf einige Jahre eine vege- kierende Existenz sichern können, das Leben eines hilflosen, von den Aerzten zum Triumph ihrer Künste nicht plötzlich, sondern zollweise absterbenden Wesens. Das aber hätte unser Marx.nie ausgehalten. Zu leben mit den vielen unvollen- detcn Arbeiten vor sich, mit dcni Tantalusgelüst, sie»zu vollenden und der Unmöglichkeit, es zu tun— das wäre ihm tausendmal bitterer gewesen als der sanfte Tod, der ihn er» eilt". So ehrt denn auch heute, nach dreißig Jahren, das internationale Proletariat die Notwendigkeit dieses trotz allem so frühen Todes, indem es nicht klagt um das, was der Große unvollendet zurückgelassen, sondern indem es dankbar dessen gedenkt, was sein nimmer rastender Genius der Arbeiterklasse verschwenderisch gespendet. Und das ist, mag man nun ihr Fühlen oder Hoffen oder Glauben oder Wissen heranziehen, nicht viel weniger denn alles. Der Tag heute gilt auch nicht einem Gedenken, wie es die bürgerliche Welt so gern mit Böllerschiissen und Fahnen- mästen und Festreden feiert, sondern eines verleiht diesem Gedenktag cin besonderes Gepräge: die Freude der Massen darüber, daß das Lebenswerk von Karl Marx jetzt frei wird und aus dem Besitz von ein paar Buchhändlern wirklich zum Besitz der Völker des Erdeürundes wird. Da der Nachdruck seiner Werke nunmehr gestattet ist, wird es nicht lange mehr dauern und wir haben eine mustergültige Klassikcrausgabe unseres Altmeisters auf dem Bücherregal stehen und das „Kapital" wird bald in taufenden, in zehntausenden von Exemplaren seinen Einzug in Arbeitcrwohnungen halten, denen es seines Preises wegen— seine Anschaffung verschlang selbst cin kleines Kapital—- bislang fernbleiben mußte. So ist es, als � sei eine hemmende Schleuse aufgezogen und von neuem ergießt sich in breiter majestätischer Flut das Lebenswerk von Karl Marx in die Lande, sich bald auswachsend zum Welt- meer, das alle Schiffe trägt und alle Küsten bespült. Selten hat das Lebenswerk eines Mannes schon drei Jahrzehnte nach seinem Tode so reiche Früchte getragen wie das des Denkers und Kämpfers, dessen Namen für alle Zeiten am unauslöschbarsten mit dem Emanzipationskampf der arbei- tenden Klasse verknüpft ist. Als sie ihn auf dem Friedhof zu Hiczhgate zur Ruhe betteten, wußten die bürgerlichen Alles- -tmd Nichtswisser von ihm nur zu berichten, daß ein geist- reicher-nationalökonomischer Theoretiker dahingegangen sei, jober daß man einen Titanen zu. Grabe getragen, der die Erde in seinen Grundfesten erschüttert, soweit das einzelnen Sterblichen überhaupt möglich ist, das ahnten wohl die Aller- wenigsten. Die zünftigen Nationalökonomen taten ihn gering- schätzig ab als einen Kerl, der spintisiert, und wenn sie sich zu etwas aufschwangen, so zu der wahrhaft genialen Fest- ftcllung, daß man bei Marx ein Einerseits und ein Anderer- seits. unterscheiden müsse— einerseits die Werttheorie, anderer- scits das politisch-revolutionäre Element und die Klassenkampf- auffassung. Dann kam eine Zeit, da war es die beste Emp- fchlung für junge Menschen, die nach einem akademischen Lehramt schnappten, wenn sie Karl Marx in einem mehr oder minder gelahrten Werk mausetot geschlagen und den Unsinn all' seiner Lehren klipp und klar nachgewiesen hatten. Merkwürdig war es nur, daß der totgeschlagene Marx im nächsten Jähr von neuen Adepten aufs neue tot- geschlagen und der Unsinn seiner Theorien, abermals dar- gelegt wurde. Die Marxtöter folgten einander und sie glichen, der eine dem andern wie ein faules Ei dem andern, und so ging das in wenig kurzweiligem Wechsel weiter, bis eines schönen Morgens, ja! bis Karl Marx selbst in akademischen Lehrkreiscn Mode wurde. Das war nun das schlimmste, was ihm überhaupt widerfahren konnte, denn diese Professoren der neueren nationalökonomischen Richtung behandelten ihn bald auf Du und Du und wissen ihm in allem Wohlwollen heute hier einen Rechenfehler, morgen dort einen Denkfehler nach, bis sie ihn schließlich„überwunden" hatten und fortan einen Gallimathias von sich gaben, der um so mehr kauder- wälsch war, als viel mißverstandener und mißhandelter Marx darin steckte. Aber immerhin spiegelt cS ein hübsches Stück EntWickelung, wenn selbst ein Seichtbeutel wie Sombart an- erkennen muß, daß heute ein Nationalökonom Karl Marx so wenig unberücksichtigt lassen kann, wie ein Biologe an Darwin, ein Physiker an Helmholtz, ein Bakteriologe an Robert Koch vorübergehen kann. DaS rührt nicht etwa daher, daß heute gescheitere Köpfe über die deutschen Universitätskatheder ragen als vor einem Menschenalter, sondern liegt daran, daß sich die Richtigkeit der Marxschen Theorie in diesen dreißig Jahren an den Univcrsitätsköpfcn selbst ausgewirkt hat: Der riesenhafte und unheimlich beschleunigte kapitalistische Prozeß seit 1883 hat sie mit der Nase auf Marx gestoßen und die Ent- Wickelung der Dinge selbst hat sich nach einem bekannten Wort als den besten orthodoxen Marxisten erwiesen. Aber was liegt im Grunde an Professoren und Zunft- gelehrten und Nationalökonomen! Mögen sie Marx belächeln oder totschlagen oder verwässern, waS tut'S! Auf die Massen kommt es an, und in diesen Massen hat Marx in den dreißig Jahren seit seinem Tode so festen Fuß gefaßt wie es nie einem Denker gelungen ist und so leicht keinem wieder gelingen wird. Als 1825 der große französische Utopist Saint-Simon starb, da sah er in der prophetischen Stimmung der letzten Stunde die Partei der Arbeiter vor sich, deren Gründung ihm bei Lebzeiten nienials beigekommen war und mit erlöschender Stimme meinte er:„Die Zukunft gehört unser!" Als Marx acht- undfünfzig Jahre später der Natur seinen Tribut zollte, lebte diese Arbeiterpartei, aber gerade damals waren ihre Atemzüge 'chwach und unregelmäßig. In England kaum die Ansätze zu einer wirklich sozialistischen Bewegung, in Frankreich ein Streit zwischen verschiedenen Richtungen, die fast alle mehr von Blanqui als von Marx an sich hatten, und in Deutschland oas Sozialistengesetz mit all seinen Gehässigkeiten in voller Wirkung und die Stimmenzahl der Partei arg zusammen- geschmolzen. Schlechte Aussichten für die Zukunft im Frühling 18831 Aber musterte damals der Sozialismus in allen Ländern der Erde für seine Kandidaten nicht mehr als 428(XX) Stimmen, so brachte bei den letzten Wahlen die deutsche Sozialdemokratie allein zehnfach mehr Stimmen heim, und nach Dutzenden von Millionen zählen heute auf dem Erdball die Männer und Frauen, deren Denken und Fühlen von Karl Marx bestimmt ist, und in Mazedonien wie in China, in Japan wie in Australien findet sein Sturmruf:„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" jubelnden und vielstimmigen Wider- hall. Kein Eroberer hat je solche Triumphe gefeiert! Freilich ist den ungeschulten Massen deL Proletariats der Name Ferdinand Lassalle heute noch geläufiger als wr Karl Marx. Das macht, daß Lassalle die äußerlich äszinierendere Erscheinung war. Er war der unmittelbare Aufrüttlcr mit der Sehnsucht nach schneller Wirkung, der Mann der rauschenden äußeren Erfolge, dessen Wirken cin Triumphzug war und sein sollte. All das war Marx Welten- und Karl lilarx im Kampfe mit der Zenlur des Vormärz. A», 1. Januar 1812 erschien in Köln die erste Nummer der „Rheinischen Zeitung", die das weitaus bedeutendste Oppositionsblatt des Vormärz war. Sie war gegründet von Männern der rheinischen Bourgeoisie, von angesehenen Kaufleuten und Industriellen, und wurde geschrieben von radikalen Jung- Hegelianern. Marx war in den ersten drei Quartalen des Jahres 1842 von Bonn aus ihr Mitarbeiter, von Mitte Oktober dieses Jahres bis zum März des nächsten Jahres hat er als Re- dakteur in Köln mitgewirkt. Die„Rheinische Zeitung' hatte von Anfang an einen schweren und hartnäckigen Kampf mit der Zensur auszusechten. Ueber diese Kämpfe und die bedeutende Rolle, die der damals 24 jährige Marx in ihnen spielte, enthält ein Artikel, den Dr. Gustav Mayer, der sich durch setzte sehr lesenswerte Biographie v. Schweitzers einen ersten Platz als Historiker der deutschen Parteientwickelun'g- gesichert hat, in der„Zeitschrift für Politik" über„Die Anfänge des politischen Radikalismus im vormärzlichen Preußen" veröffentlicht hat, sehr interessante Details. Die eigentliche Triebkraft im Kampfe gegen die„Rheinische Zeitung" war Friedrich Wilhelm IV. selbst und es ist recht be- lehrend, bei Mayer nachzulesen, wie der König immer wieder seine Minister zur Unterdrückung des Blatte« antrieb. Die Minister zögerten mit dieser radikalen Maßregel aus Rücksicht aus die an- gesehenen Gründer der Zeitung und um das Monopol, das bis dahin die„Kölnische Zeitung" besessen hatte, nicht wieder herzustellen. So ergriffen sie zunächst ein anderes Mittel. Sie verlangten unter Androhung der endgültigen Konzessionsverweigerung die Ersetzung des bisherigen verantwortlichen Redakteurs Renard durch eine ge- eignctcre Persönlichkeit. Zugleich wurde der bisherige Zensor wegen zn großer Nachsicht abgesetzt.„Eigentlich sollte", so führt nun Mayer an«,„Renard bei dieser Gelegenheit protokollarisch vernommen werden. Aber aus naheliegenden Gründen hielt die Redaktion es für vorteilhafter, daß er sich beim Oberpräsidenten schriftlich verant- Iportele. Die Abfassung dieses bedeutsamen Briefes, für den der Verleger bloß die Unterschrift lieferte, übertrug man dem Dr. Karl Marx aus Trier, der seit dem Ib. Oktober in die Redaktion eingc- treten war und trotz seiner Jugend alsbald von allen Seiten, selbst von der Zensur, als die treibende Kraft der Zeitung respektiert tourde. Der künftige Vorkämpfer der Arbeiterklasse verteidigt hier gegen die Regierung mit berechtigtem Stolz, aber auch mit schnei- dender Ironie �ie freiheitlichen Forderungen des preußischen Bürgertums. Die Tendenz eines Blattes, meinte er, dürfe nicht bloß ein gesinnungsloses Amalgam von trockenen Referaten und niedrigen Lobhudeleien sein; es müsse mit einer ciilcs edlen Zwecks bewußten Kritik die staatlichen Verhältnisse und Einrichtungen be- leuchten, wie es die jüngst erlassene Zensurinstruktion und auch die anderwärts oft geäußerten Ansichten des Königs forderten. Auch in Zukunft wolle die„Rheinische Zeitung", soviel an ihr läge, den Weg des Fortschritts bahnen helfen, auf dem Preußen gegenwärtig dem übrigen Deuffchland vorangehe. Wie�könnte cin Blatt mit solcher Tendenz im Rheinland französische Sympathien und Ideen verbreiten wollen? Gerade das Gegenteil sei der Fall: die„Rhei- nische Zeitung" betrachte es als ihre Aufgabe, in der Provinz, wo ic erscheine, die Blicke auf Deutschland zu lenken und hier statt eines französischen einen deutschen Liberalismus hervorrufen, was der Regierung Friedrich Wilhelms IV. gewiß nicht unangenehm bin werde. Auch sei in ihren Spalten stets darauf verwiesen worden, daß von der EntWickelung Preußens die des übrigen Deutschland abhänge. Rehen ihren polemischen Artikeln gegen die antipreußischen Bestrebungen der„Augsburgcr Allgemeinen Zei- tung" und neben ihrer Agitation für die Ausdehnung des Zoll- Vereins auf das nordwestliche Deutschland, zeigten sich ihre prcußi- 'chcn Sympathien vor allem in ihrem steten Hinweisen auf nord- deutsche Wissenschaft im Gegensatz zu der Oberflächlichkeit der fran- zösischcn und auch der süddeutschen Theorien. Die„Rheinische Zei- tung" sei das erste„rheinische und überhaupt süddeutsche Blatt", das hier den norddeutschen Geist einführe und damit zu der geistigen Einigung der getrennten Stämme beitrage. Die Religion als solche sei von ihr niemals angetastet worden und auch in Zukunft werde es nicht geschehen. Hinsichtlich des Ge- Halts eines bestimmten positiven Glaubens sei ganz Deutschlaich und vorzugsweise Preußen in zwei Heerlager geteilt, die beide in Wissenschast und Staat hochgestellte Männer zn ihren Verfechtern zählten. Sollte etwa eine Zeitung in diesem noch unentschiedenen Zweikampf keine oder bloß eine ihr auf amtlichem Wege vorgc- schriebene Partei ergreifen dürfen? Dogmen, kirchliche Doktrinen und Zustände habe sie immer nur berührt, wenn andere Blätter die Religion zum Staatsrecht machen und aus ihrer eigenen Sphäre in die Sphäre der Politik versetzen wollten. So dürfe sie annehmen, daß sie ganz vorzugsweise den in der Zensurinstruktion nieder- zelegten Wunsch Seiner Majestät nach einer unabhängigen, frei- innigen Presse realisiert und hierdurch nicht wenig zu den Segens- prüchen beigetragen habe, mit denen ganz Deutschland Seine Majestät den König auf seiner emporstrebenden Laufbahn begleite. Nicht als eine Buchhändlerspekulation sei die„Rheinische Zeitung" ins Leben getreten, sondern eine große Zahl der � angesehensten Männer Kölns und der Rhejnlande hätten, in gerechtem Unwillen über den jammervollen Zustand der deutschen Presse, den Willen ivesensferu. Er saß alle Zeit, fern von dem jauchzenden Beifall der Menge, in seiner stillen Gcdankenschmiedc, aus der ein Heller Feuerschein in die Nacht hinausfiel, den arbeitenden Massen draußen ein freundliches Zeichen, daß an ihrer Erlösung ge- arbeitet wurde. Ferdinand Lassalles Wirken. im Dienst der Arbeiterklasse umspannte nicht einmal drei Jahre, und doch fühlte er, als der Erfolg in dem erträumten Umfang aus- blieb, seine Schwingen matt werden. Karl Marx schuf, unter widrigen persönlichen Verhältnissen, Jahrzehnt um Jahrzehnt, Werk um Werk, deren keinem ein rascher und unmittelbarer Erfolg beschieden war, aber er verlor auch nicht einen Augen- blick den Glauben an seine Sache und den Glauben an sich. So verdanken gerade wir deutschen Sozialdemokratc« den beiden Führern und Wegweisern Verschiedenes, doch sich Ergänzendes. Was wären wir ohne den stürmischen Elan, den uns Lassalle vermittelt, was ohne die ruhige Sicherheit, die uns Marx gegeben hat. Karl Marx hat das'grandiose Fundament aufgeführt, auf dem die moderne Arbeiterklasse ihren großen Kampf führt. Mögen immerhin die Fluten hier ein Sternchen und dort ein Sandkörnchen abbröckeln, das Ganze bleibt in seiner Wucht fest und unerschüttert. Wie Lumpensammler haben ge- wisse Marxvernichter in dem Schutthaufen des utopischen Sozialismus umhergestöbert und bald ein Stückchen Saint- Simon, bald einen Fetzen Considorant hervorgezogen, um nachzuweisen, daß Marx kein originaler Denker sei, sondern viele Gedanken seinen Vorläufern entlehnt- habe. Toren und Schlimmeres! Wir sind die letzten, zu leugnen, daß die großen französischen Utopisten mit genialer Intuition manchen Gedanken erfaßt haben, den Marx nachher ausgebaut hat. Aber noch weniger brauchen wir Marx gegen den erwähnten läppischen Vorwurf des Plagiats in Schutz zu nehmen. Was ihn wie eine Welt von den utopischen Sozialisten trennt, ist das Prinzip der immanenten EntWickelung in der Mensch- hcitsgeschichte, das er verficht und jene verkennen. Ihnen war alle Geschichte ein Durcheinander ohne Ziel und Richtung, weil eben noch nicht der große Mann gekommen war, um den Weg aus dem Jammertal der Gegenwart in ein Paradies der Zukunft zu weisen. Für Marx aber war die Geschichte der Atenschheit eine Aufeinanderfolge von Klassen- kämpfen, deren letzter, der Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat, mit der Aufhebung aller Klassengegensätze und Klassenherrschaft enden wird. Während jene bei der Studier- lampe irgendein Phalansterium ausklügelten, in das sie wie in eine Kaserne die Menschheit einzuquartieren gedachten, tat Marx mit schlagender Logik und schier mathematischer Kon- sequenz dar, daß die Entwickelung zum Siege der Arbeiter- klaffe und zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel führen muß. Und während die Utopisten sich in den Wahn ein- -wiegten, daß nur die werktätige Hilfe der Besitzenden den Elenden und Enterbten auf die Strümpfe helfen könne, wies Marx auf die einzige Möglichkeit der Befreiung des Prole- tariats hin: durch das Proletariat selbst! Wenn er zu diesem Ende mit dem historischen Materialismus die Trieb- kräfte alles menschlichen Geschehens in den ökonomischen Verhältnissen und llmwälzungen sah, wenn er mit der Klassenkampfauffassung die Geschichte in laufende Kämpfe widerstreitender Klassen zerlegte, und wenn er schließ- lich mit der Mehrwerttheoric das Geheimnis kapitalistischer Ausbeutung durchschaute und auflöste, so fügte sich hier eins niit Notwendigkeit zum andern, so waren das Quadern ein und desselben gigantischen Baus. Auf diesen Quadern ruht die Sicherheit, mit der die Arbeiterklasse ihr Dasein und ihren Kampf, aber auch ihren Sieg als„der Geschichte ehernes Muß" wertet und sich von keinem Augenblickserfolg und Seiner Majestät nicht besser ehren zu können geglaubt, als indem sie ein Blatt gründeten, das charaktervoll und furchtlos die Sprache freier Männer führe und den König die wahre Stimme des Volks vernehmen lässc! Soweit es„mit dem Beruf eines unabhängigen Blattes der- einbar" war, wollte die„Rheinische Zeitung" gern alles tun, um sich vor dem drohenden Untergang zu bewahren. Für die Zukunft der- sprach deshalb das Schreiben mehr Mäßigung in bezug auf die Form, soweit der Inhalt es gestattete. Auch wollte man, wie es schon seit einiger Zeit geschehen sei, von allen kirchlichen und reli- giöscn Gegenständen hinfort absehen.„Der Gewalt nachgebend" wurde endlich die einstweilige Entfernung RutcnbcrgS zugestanden und die Präsentation eines verantwortlichen Redakteurs in Aussicht gestellt. In seiner Antwort auf dieses aus Bosheit und Diplomatie gemischte Schreiben rieb der Oberpräsident der Redaktion unter die Nase, daß die„Rheinische Zeitung" für die Regierung bisher noch „gar nicht existiere", weshalb diese auch befugt wäre, ihr Weiter- erscheinen an Bedingungen zu knüpfen. Würde Rutcnberg(dessen Einfluß die Minister offenbar überschätzten) nicht sofort entfernt und bis zum 12. Dezember ein durchaus geeigneter Redakteur nam- hast gemacht, so ersolge unweigerlich die Unterdrückung des Blattes. Aber selbst wenn diesen Anforderungen Genüge geschah, wollten die Minister die Erteilung der Konzession erst von der weiteren Haltung des Blattes abhängig machen.... Aber der König und seine Regierung'sorgten dafür, daß die „Rheinische Zeitung" die moderierte Sprache, zu der sie sich der- pflichtet hatte, nicht lange einhalten konnte. Um Weihnachten wurde die„Leipziger Allgemeine Zeitung" in Preußen verboten, und gleich darauf' erfolgte in Leipzig die Unterdrückung der„Deut- schen Jahrbücher" auf Veranlassung der preußischen Regierung. Dazu trat das Gerücht von der bevorstehenden gänzlichen Zurück- nahine der liberalen Zensurinstruktion. Marx und seine Kampfgenossen konnten nicht mehr zweifeln, daß auch ihres Blattes Stündlein bald schlagen würde. Für sie handelte es sich hinfort nur noch darum, die kurze Spanne Zeit, die ihnen blieb, auszu- nutzen. So geißelten sie von jetzt ab voll Empörung die offensicht« liche Umkehr der Regierung in der Pretzpolitik und die tiefe Unfitt- lichkeit, die im Wesen einer jeglichen Zensur läge. Kurz danach löste sich wirklich aus den Wolken, die immer über der„Rheim- schen Zeitung" geschwebt hatten, der tötende Blitzstrahl. Vom 1. April ab sollte sie zu bestehen aufhören. In der Sitzung, die das Todesurteil fällte, sprach der König sein ernstes Mißvergnügen darüber aus, daß man dieser Zeitung so lange eine Ungebunden- heit verstattet habe, die mit den Gesetzen und mit der Autorität der Staatsverwaltung durchaus in Widerspruch stünde. Ein solcher Wink genügte den Munstern, um die Reform der. Kölner Zensur, keiner Augenblicksniederlage von dem geraden Weg abbringen läßt. Was' der Erwerb dieser inneren Sicherheit den Ge schlechtcrn bedeutet hat, deren kleinbürgerlichen Besitz der eherne Gang der wirtschaftlichen EntWickelung wie Maulwurfs Haufen zertreten hatte, die der kapitalistische Sturmwind gleich dürren Blättern zusammenfegte und die nun, besitzlos und entwurzelt, nicht wußten, wo ein, noch aus, das vermögen wir heute kaum mehr zu ermessen. Aber eines soll noch betont werden in einer Zeit inter nationaler Spannung, da der Erdball von Bajonetten starrt und die Herrschenden hüben und drüben sich in den Veitstänzen des Chauvinismus drehen: daß Karl Marx auch die arbeiten� den Klassen in seiner berühmten Jnauguraladresse ausgerufen hat,„selber die Mysterien der internationalen Staatskunst zu bemeistern, die diplomatischen Streiche ihrer Regierungen zu überwachen, ihnen nötigenfalls mit aller ihnen zu Gebote stehenden Macht entgegenzuarbeiten und,»venu außerstande, den Streich zu verhindern, sich zu gleichzeitiger öffentlicher' An- klage zu verbinden und die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts zu proklamieren, welche ebensowohl die Beziehungen einzelner regeln als auch die obersten Gesetze des Berkehrs der Nationen sein sollten. Der Kampf für solch eine auswärtige Politik bildet einen Teil des allgemeinen Kampfes für die Emanzipation der arbeitenden Klassen". Für all das aber, was Karl Marx den arbeitenden Klassen geschenkt hat, brennen sie, seinem Gedächtnis den Dank mit der Tat abzustatten, sie, für die heute mehr denn je sein Wort gilt, daß sie nichts zu verlieren haben als ihre Ketten, aber eine Welt zu gewinnen. Line Kecke von toi Marx.' Vorbemerkung des Herausgebers: Nm 14. April 1856 hat die Londoner Chartislische Organisation, die das„People's Paper"«Volks- Zeitung") unter der Redaktion von Ernest Jones herausgab, den Setzern und der Administration anläßlich der vierjährigen Existenz des Blattes ein Fest gegeben. Bei dieser Gelegenheit ha: Starr, der jahrelang ein eisriger Mitarbeiter und Berater auch dieses charnstischen Unternehmens war, die nachsolgende Rede ge> halten. Sie ist in„Pbe People's Paper" vom 19. April 1856 vcröfsentlicht worden. R. R j a s a n o s s. Die sogenannten Revolutionen von 1848 waren nur kleine Zwischenfälle— geringfügige Spalten und Risse in der harten Kruste der bürgerlichen Gesellschaft. Aber sie zeigten den Abgrund. Unter der scheinbar festen Oberfläche offenbarte sich ein ungeheurer Ozean, der nur der Expansion bedurfte, um ganze Kontinente in Stücke zu zerschmettern. Lärmend und verworren kündeten sie die Emanzi- pation des Proletariats an. das heißt, das Geheimnis des 19. Jahrhunderts und seiner Revolution. Es ist wahr: diese Revolution war keine Erfindung des Jahres 1848. Dampf, Elektrizität und die Selfaktoren waren Revolutionäre von viel ge- fährlicherem Charakter als die Bürger Barbös, Raspail und Blanqui."") Aber obwohl die Atmosphäre, die wir atmen, auf jedem von uns mit einem Gewicht von 20 000 Pfund lastet, fühlen Sie es? Ebensowenig wie die europäische Gesellschaft von 1848, die doch von revolutionärer Lust umhüllt und von allen Seilen bedrängt war. ES gibt eine große Tatsache, die für daS 19. Jahr- hundert charakteristisch ist und die keine Partei ableugnen kann. Auf der einen Seite sind industrielle und wissenschaftliche Kräfte zum Leben erwacht wie sie keine frühere GeschichtS- Periode je ahnen konnte. Auf der anderen Seite machen sich An- zeichen eines Verfalles bemerkbar, der die vielgenannten Schrecken aus den letzten Zeiten des Römischen Reiche« in Schatten stellt. In unserer Zeit scheint jedes Ding schwärzer mit seinem Gegenteil. Die Maschine ist mit der wundervollen Kraft begabt, die menschliche Arbeit zu verkürzen und fruchtbarer zu machen, aber siehe: sie führt *) Wir entnehmen diese bisher noch nie veröffentlichte Rede von Karl Marx der diesjährigen März- und Marx-Gedenkschrift unserer österreichischen Genossen. Bar b ö S wie B l a n q u i, französische Revolutionäre, die an allen französischen Kämpfen und Verschwörungen ihrer Zeit teil- nahmen. Raspail, Arzt und bürgerlicher Demokrat. von der auch sie jetzt behaupteten, daß sie„die preußische Regie- rung geradezu kompromittiert" hätte, energisch in Angriff zu nehmen. Während der Galgenfrist, die mit Rücksicht auf die Aktio- nare der„Rheinischen Zeitung" vergönnt blieb, sollte sie mit der grüßten Strenge behandelt werden. Dagegen wollte man der „Kölnischen Zeitung"„bei der von ihr in der letzten Zeit im ganzen entwickelten Loyalität" unbedenklich Spielraum verstatten, um so dem Publikum zu zeigen, daß das Gouvernement nur die schlechten Tendenzen mit Energie bekämpfe, der wohltätigen Seite der durch die Tagcsprcsse erfolgenden Meinungsäußerungen dagegen volle Anerkennung widerfahren lasse. In der Rheinprovinz fand sich kein Beamter für die unpopuläre Aufgabe, das gerichtete Blatt bis zu seinem Eingehen zu überwachen. Deshalb entsandte die Regierung in ihrer Verlegenheit zu diesem Zweck den expedieren- den Sekretär von Saint-Paul, der sich im Zeitungsbureau der Zensurvcrwaltung eine gründliche Kenntnis der zeitgenössischen Presse erworben hatte. Aber selbst dieser geniale Zyniker empfand lebhaft die Undankbarkeit der ihm übertragenen Mission. Wollte er nicht sämtliche Artikel, die ihm eingereicht wurden, streichen und dem Blatt damit ein vorzeitiges Ende bereiten, was nicht in der Absicht der Regierung lag, so war er gezwungen, seinerseits zcne gefährlichen Beiträge umzuarbeiten, was für einen Beamten eine heikle und Mißverständnis erregende Beschäftigung war. Die Aufgabe, dem Blatt auch nur soviel Manuskript zuzugestehen, daß es in einer Konnete pauvrete bis zum Erlöschen vegetieren konnte, wurde dem Zensor dadurch noch mehr erschwert, daß selbst die aus- ländischen Korrespondenzen mit dem inländischen Teil die Farbe der„schlechten Tendenz" teilten. Schon nach vier Wochen wäre St. Paul am liebsten nach Berlin zurückgekehrt. Obzwar die„Rheinische Zeitung" wegen ihres ausgesprochen ansikatholisch-'» Geistes dem frommen Kleinbürgertum der Pro- vinz bis dahin als ein Fremdling gegolten hatte, so traf die An- kündigung ihrer bevorstehenden Unterdrückung den lebhaften Sinn des Rheinländers für Ocffentlichkeit und strenge« Recht dennoch mit ungeahnter Wucht. Weil die Zensur die Macht besaß, die Veröffentlichung jeder strafbaren oder auch nur mißfälligen Aeuße- rung zu verhindern, wollte man sich nicht überzeugen lassen, daß die Notwendigkeit für eine radikale Maßregelung vorgelegen hätte. „Man sah in dem einen Schritte den Ausdruck des ganzen Systems, welches auf dem Grundsatz der Ausübung einer willkürlichen Ge- walt beruhte". Jetzt verlangte die ganze Provinz das Weiter- erscheinen des Blattes, und die Petitionen, die nun aus Veran- lassung von Jung, Oppenheini und ihren Freunden den Weg nach Berlin nahmen, bedeckten sich schnell mit Tausenden von Unter- schriften. Aber des Königs Entschließung stand fest: hätte er nur gegen die„Königsberger Zeitung" die gleiche Waffe in der Hand gehabt wie gegen ihre«tzurenschwester am Rhein!" Um ihm zu zu Hunger und Ueberarbeit. Die neu entfesselten Kräfte des Reichtums werden durch ein seltsames Spiel des Schicksals zu Quellen der Entbehrung. Die Siege der Kunst scheinen durch Einbuße an Charakter erkauft. Die Menschheit wird Herr in der Natur, aber der Mensch wird Sklave des Menschen, wird Sklave seiner eigenen Niedertracht. Sogar das reine Licht der Wissenschaft kann, so scheint es, nur vor dem dunkeln Hintergrund der Unwissenheit aufstrahlen. Das Ergebnis aller unserec Erfindungen und unseres Fortschrittes scheint zu sein, daß materielle Kräfte mit geistigem Leben ausge- stattet werden, während die menschliche Existenz zu einer materiellen Kraft verdummt. Dieses Widerspiel zwischen moderner Industrie und Wissenschaft hier, modernem Elend und Verfall dort; dieser Gegen- satz zwischen den Wirtschaftskräften und den gesellschaftlichen Verhält- nissen unserer Zeit ist eine Tatsache, eine handgreifliche, über- wälligende und unbestreitbare Tatsache. Manche Parteien mögen darüber wehklagen; andere mögen wünschen, die modernen Fertig- leiten loszuwerden, um so auch die modernen Konflikte loszuwerden. Oder sie mögen sich einHilden, daß ein so erkennbarer Fortschritt in der Wirtschaft zu seiner Vervollkommnung einen ebenso erkennbaren Rückschritt in der Politik braucht. Wir für unseren Teil mißkennen den schlauen Geist nicht, der rüstig fortfährt, alle diese Gegensätze herauszuarbeiten. Wir wissen, daß die neuen Kräfte der Gesellschaft, um gutes Werk zu verrichten, nur neue Menschen brauchen— und d i e S sind die Arbeiter. Sie sind so gut ein Erzeugnis der Gegen- wart, wie die Maschine selbst. In den Zeichen, welche das Bürger- tum, der Adel und die armseligen Propheten des Rückschritts in Verwirrung bringen, entdecken wir unseren guten Freund, unseren Robin Hood, den alten Maulwurf, der so schnell in der Erde arbeiten kann— die Revolution. Die englischen Arbeiter sind die Erstgeborenen der modernen Industrie. Sie werden daher sicherlich nicht die letzten sein, die soziale Revolution, das Produkt eben dieser Industrie, zu fördern: eine Revolution, die die Befreiung ihrer ganzen Klasse in der ganzen Welt bedeutet, die so international ist wie Kapitalsherrschaft und Lohnsklaverei. Ich kenne die heldenhaften Kämpfe, welche die englischen Arbeiter seit der Mitte des letzten Jahrhunderts ausgefochten haben; Kämpfe, die weniger von Ruhm begleitet waren, weil sie von den bürgerlichen Geschichtschreibern im Dunkeln gelassen und totgeschwiegen wurden. Im Mittelalter existierte in Deutschland, um die Untaten der Herrschenden zu rächen, ein geheimes Tribunal, daS„Femgericht". Wenn an einem Hause ein rotes Zeichen zu sehen war, so wußte man, daß sein Eigentümer der Feme verfallen war. Heute steht auf allen Häusern Europa? daS geheimnisvolle rote Kreuz. Die Geschichte selbst sitzt zu Gericht— der das Urteil vollstreckt, ist daS Proletariat! Illarx- Körte. Wie der Zunge Marx sich seine Lebensaufgabe stellte. Es hindert uns also nichts, unsere Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier knie nieder! Wir entwickeln der Welt ans den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschreic». Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will. Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die Welt ihr Bewußtsein inne werden läßt, daß man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, daß man ihre eigenen Aktionen ihr erklärt. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem bestehen, wie dies auch bei Feuerbachs Kritik der Religion der Fall ist, als daß die religiösen und politischen Fragen in die selbstbewußte mensch- liche Form gebracht werden. Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysicrung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder poli- tisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangen- hcit und Zukunft handelt, sondern um Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Mensch- heit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt. Wir können also die Tendenz unseres Blattes in Ein Wort fassen: Selbstverständigung(kritische Philosophie) der Zeit über zeigen, bis zu welchem Grade der Frechheit die„Rheinische Zei- tung" es noch in ihrer letzten Stunde trieb, übersandte ihm Arnim einen vom Zensor angehaltenen Aufsatz„Der letzte Karneval", der angeblich Gott, Christus, Altes und Neues Testament verhöhnte und dartat, wie nach Beseitigung dieser Irrtümer die neue Philo- sophie den wahren Heilzustand begründe.„Es ist fast zu be- dauern," schrieb der Minister,„daß der Zensor verpflichtet ist, den Druck solcher Artikel zu verhindern, der allein hinreichte, um die «sckiändlichkcit dieses Treibens vor aller Welt aufzudecken und die beste Waffe der Regierung gegen dasselbe wäre." Dieses Argu- ment, niit dem er sich zum A.s diaboli machte, da es na- türlich für Preßfreiheit sprach, entnahm Arnim offensichtlich einem Bericht St. Pauls, den er soeben gelesen haben mußte. Ob es vielleicht dem Zensor von Marx suggeriert worden war? In der letzten Zeit hatte seine amtliche Tätigkeit St. Paul mit diesem in häufige Berührung gebracht, und nur mühsam verbarg der geist- volle Bohemien in seinen Berichten nach Berlin das große Vcr- gnügcn, daß ihm der ungewohnte Verkehr mit dem überragen- den Jüngling bereitete. Auf diesem Wege erfuhr man im Mini- sterium zum erstenmal von dem künftigen Begründer der Sozial- demokratic. St. Paul bezeichnete ihn in seinen Berichten als den „doktrinären Mittelpunkt" und„den lebendigen Quell der Theorien des Blattes"; auch rühmte er seinen Charakter, denn er versicherte, Marx„sterbe auf seine Ansichten, die ihm zur Ueberzeugung ge- worden" seien. Dem jungen Redakteur gereichte es offensichtlich zum Vergnügen, den Zensor in zensurfreicn privaten Unterhal- tungen mit dem Kern seiner philosophischen und politischen An- sichten bekannt zu machen. Dieser berichtete darüber seinem Vor- gesetzten:„Wir haben mehrere erschöpfende Unterredungen ge- habt, deren Ergebnisse ich mir vorbehalte, ausführlich mitzuteilen, da sie den Einblick in die Elemente und Richtungen der geistigen Bewegungen der Gegemoart gewähren. So gewiß die Ansicht des Dr. Marx auf einem tiefen spekulativen Irrtum beruht, wie ich ihür auf seinem eigenen Terrain nachzuweisen bemüht war, so gewiß ist er von der Wahrheit seiner Meinung überzeugt, wie denn überhaupt den Mitarbeitern der„Rheinischen Zeitung", soweit ich sie kennen gelernt, eher alles andere, nur nicht Gefinnungslofig- keit im eben erwähnten Sinn zur Last fällt." Bereits am 2. März hatte St. Paul nach Berlin gemeldet, daß Marx sich entschlossen habe,„unter den jetzigen Umständen" jede Verbindung mit der„Rheinischen Zeitung" aufzugeben und Preußen zu verlassen. Bei seinem Austritt am 17. März atmete der von ihm bis zuletzt arg drangsalierte Zensor glücklich auf:„Der Spiritus rector des ganzen Unternehmens, Dr. Marx, ist gestern definitiv ausgetreten und Oppenheim,— ein wirklich im ganzen gemäßigter, übrigens unbedeutender Mann, hat die Redaktion übernommen.., Ich befinde mich dabei sehr wohl und habe heute, ihre Kämpfe und Wünsche. Dies ist eine Arbeit für dir Welt und für uns,-Sie lann nur das Werk vereinter Kräfte sein. Es han- delt sich um eine Beichte, um weiter nichts. Um sich ihre Sünden vergeben zu lassen, braucht die Menschheit sie nur für das zu er- klären, was sie sind. * Wo also die positive Möglichkeit der deutschen Emanzipation? Antwort: In der Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerliche» Gesellschaft ist, eines Standes, welcher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charak- ter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein besonderes Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen historischen, sondern nur noch auf den menschlichen Titel prpvo- zieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu den Kon- sequenzen, sondern in einem allseitigen� Gegensatz zu den Voraus- setzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche" sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Ge- sellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Ver- lust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat. Das Proletariat beginnt erst durch die hereinbrechende in- dustrielle Bewegung für Deutschland zu werden, denn nicht die naturwüchsig entstandene, sondern die künstlich produzierte Armut, nicht die mechanisch durch die Schwere der Gesellschaft nieder- gedrückte, sondern die aus ihrer akuten Auflösung, vorzugsweise aus der Auflösung des Mittelstaudes hervorgehende Menschenmasse bildet das Proletariat, obgleich allmählich, wie sich von selbst versteht, auch die naturwüchsige Armut und die christlich germa- nische Leibeigenschaft in seine Reihen treten.. Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltord- nilng verkündei, so spricht es nur das Geheimnis seines eigenen Daseins aus, denn es ist die faktische Auslösung dieser Weltord- nung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als ncga- lives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist. Der Proletarier befindet sich dann in bezug auf die werdende Welt in demselben Recht, in welchem der deutsche König in bezug auf die gewordene Welt sich befindet/ wenn er das Volk fem Volk, wie das Pferd sein Pferd nennt. � Der König, indem er das Volk für sein Privateigentum erklärt, spricht es nur aus, daß der Pri- vateigentümer Köuig ist., Wie die Philosophie im Proletariat ihre materrellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz deS Gedankens gründlich in diesen naiven Volks- boden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen. �._ Resümieren wir das Resultat: Die einzige pralnjch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung aus dem Standpunkte der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. In Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittel- alter nur möglich als die Emanzipation zugleich von den teil- weisen Ueberwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschlands kann mcht revolutionieren ohne von Grund aus zu revolutionieren. Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. Die Philosophie kann nicht verwirklicht werden ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie. Wenn alle inneren Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstungstag verkündet werden durch das Schmettern des gc�U- scheu Hahnes. Freiheit— auch für die anderen. Die Schuld der mit Deutschlands Hilfe in anderen Ländern verübten Niederträchtigkeiten fällt nicht allein den Regierungen, sondern zu einem großen Teile dem deutschen Volke selbst zur Last. Ohne seine Verblendungen, seinen Sklavensinn, seine An- stelligkeit als Landsknechte und als„gemütliche" Büttel und Werk- zeuge der Herren„von Gottes Gnaden" wäre der deutsche Name weniger gehaßt, verflucht, verachtet im Ausland, wären die voll Deutschland aus unterdrückten Völker längst zu einem normaleil ■Zustand freier Entwickclung gelangt. Jetzt, wo die Deutschen das eigene Joch abschütteln, muß sich auch ihre ganze Politik dem Aus- land gegenüber ändern, oder in den Fesseln, womit wir fremde Völker umketten, nehmen wir unsere eigene junge, fast nur erst geahnte Freiheit gefangen. Deutschland macht sich in demselben Maße frei, worin es die Nachbarvölker jr« läßt. kaum ein Viertel der sonstigen Zeit auf die Zensur verwandt." Aber auch die Negicruiig begriff nun schon, daß die„ultrademo- kratischen Gesinnungen" von Dr. Marx„mit dem Prinzip des preußischen Staates in völligein Widerspruch" ständen und daß deshalb seine bcabsichtigte Auswanderung für sie«kein Verlust wäre". Daß Marx während des halben Jahres seiner redaktionellen Tätigkeit die Seele des Blattes war, geht auch daraus hervor, daß St. Paul gleich nach seinem plötzlichen Ausscheiden, wenn auch ohne Erfolg, die Frage anregte, ob man die Zeitung nunmehr nicht fortbestehen lassen solle, da ein das protestantische Prinzip mit Mäßigung vertretendes Organ in Köln nach wie vor eine poli- tische Notwendigkeit bliebe. Hcinzen, Jung, Advokat Mayer, Me- vtsscn wären zwar auch scharfe Federn, sie alle seien aber nur instinktmäßig Radikale, ihnen fehle der wissenschaftliche Kern ihrer Meinung, sie hätten sich bloß nach gewissen Seiten hin die praktischen Konsequenzen der R uge-Bauer-Marxschen Doktrinen ange- eignet. Jetzt fand der Zensor, daß man in Berlin die Gefährlich- keit der„Rheinischen Zeitung" überschätzt hätte. Ihr Idealismus wäre abstrakt, über alles Aktuelle, Nähere und Nächste wegsehend, ubersichtig und exzentrisch, mnd könne deshalb nicht praktisch auf die Zustände einwirken. Viel gefährlicher seien scheinbar unbe- deutende Blätter, die das nächste ergriffen und in ganz konkreter gemeinverständlicher Weise gegen cinzeliie bestimmte Institutionen herzögen. Als aber die Regierung das Fortbcstehen der«Rheini- scheu Zeftung" nicht in Erwägung � ziehen wollte, da richtete Et. Paul, obgleich Dumont-Schauberg ihm kein Vertrauen einflößte, das Augenmerk nun doch aus die„Kölnische Zeitung". Mit Dr. Hermes, einem geborenen Schlesier, der die politischen Leitartikel schrieb, hatte der gewandte Sendling der Regierung bereits seit längerem intime Beziehungen angeknüpft, die man sich in Berlin später gegen gutes Geld zunutze machte. Solange dieser brauch- bare Mann die Leitartikel schrieb, hielt St. Paul die„Kölnische Zeitung" für geeignet, das Organ zu werden, das am Rhein die preußischen Zustände mit loyaler Kritik bespräche, ohne daß es gegen sich Vorurteile erwickte, wie sie gegen Zeitungen beständen, von denen das Publikum wisse, daß die Regierung sie subventio- niert. Der Zensor traute sich auch zu, von Dumont-Schauberg zu erreichen, daß er Hermes in Zukunft freiere Hand ließe. Außer dem Klerus, der nunmehr hoffen durfte, daß die ketze- rische Saat des Junghegelianismus in der frommen Provinz nie- mals aufgehen werde, war, wie Bodelschwingh es vorausgesagt hatte, über das Eingehen der„Rheinischen Zeitung", die am 31. März zum letztenmal erschien, nieinaud glücklicher als der Bc- sitzer der„Kölnischen Zeitung", den die Regierung von einer Kon- kurrenz befreite, die ihm gefährlicher und unbequemer gewesen war als irgendeine frühere! GewerfefchaftlicbCB. Zur Aussperrung im JVIalcrgewerbc. Die Monatszeitschrift„Das Einigungsamt" bringt in ihrer Nr. 3 folgenden, von den Herren Dr. Prenner, Rath und v. Schulz, den Unparteiischen, zur Beilegung der Differenzen im Baugewerbe gezeichneten Artikel: .Die zur Beilegung der Lohnbewegung im deutschen Maler- gewerbc gefaßten Schiedssprüche der Unparteiischen ivurde» von den sämtlichen Arbeiterorganisationen mit Mehrheit angenom- mcn, dagegen von dem Arbeitgebervcrband mit einer Lohn- summe von 40'/! Millionen Mark gegen 14VH Millionen Mark abgelehnt. Die Ablehnung erfolgte nach den Berichten der Fachzeitungen und den offiziellen Erklärungen der Arbcitgcbervertreter weniger wegen der zugebilligten Lohnerhöhungen und Arbeitszeitver- kürzungen, als aus anderen Gründen allgemeiner Natur. Als hauptsächlichster Grund werden die Bestimmungen über den Arbeitsnachweis angegeben. Was hier im einzelnen behauptet wird, bedarf im Interesse der Sache dringend der Aufklärung. Hinsichtlich des Arbeitsnachweises kommen das Vertrags- schenia und ein Schiedsspruch in Betracht, die beide hier kurz gewürdigt seien. I. Zum Vertragsschema. Das neue Vertragsschema lautet: Zur Durchführung der im Tarifvertrag vereinbarten Bedin- gungen sollen in allen Lrten, wo die Verhältnisse es gestatten, tunlichst Arbeitsnachweise auf paritätischer Grundlage errichtet oder an kommunale Arbeitsnachweise angegliedrt werden. Man vergleiche hierzu die diesbezügliche Fassung im bisher geltenden Vertrage:.Zum Zwecke der Durchführung der im Tarifvertrag vereinbarten Bedingungen ist es Aufgabe der Or- ganisationen, in allen Orten, wo die örtlichen Verlhältnisse es gestatten, die Errichtung von auf paritätischer Grundlage be- ruhenden Arbeitsnachweisen anzustreben und ihre Arbeitsnach- weife an paritätische Arbeitsnachweise anzugliedern. Die Be- Nutzung soll für die Vcrtragstcile obligatorisch sein." Diese Be- stimmung hatte die widerspruchslose Billigung des Arbeitgeber- Verbandes gefunden. Aus der Berglcichung der beiden Vor- schristen ergibt sich dreierlei: k. DaS Prinzip der Frage des obligatorischen Nachweises ist bereits lgkll von Arbeitgebcrseite anerkannt worden. Das neue Vertragsschema stellt sonach keine neuen Grundsätze auf. 2. Im neuen Vertragsschema ist keine weitergehende tarif- liche zwangsweise Bindung ausgesprochen, wie im alten. Soweit eine präzisere Fassung vorgenommen wurde, so ist durch Ein- schaltung des Wortes„tunlichst" eine weitere Abschwächung ein- getreten, um keinerlei Errichtungszwang einzuführen. 3. Das im alten Vertrag vorgesehene, von Arbeitgeberseite bekämpfte Obligatorium der Benutzung ist im neuen Vertrage gestrichen. Dazu kommt, daß das neue Vertragsschema die volle Villi- gung der Arbeiigebervertrctung gefunden hat und von dieser Seite gar kein Schiedsspruch verlangt wurde. Die Arbcitervcr- tretung hingegen hatte hinsichtlich ihrer weitergehenden Forde- rungcn schiedsrichterliche Entscheidung beantragt, die jedoch gegen die Arbeiter ausgefallen ist. II. Zum Schiedsspruch, betr. Arbeitsnachweis. Dieser lautet: Mit der neuen Fassung des Vertragsschemas über Ar- beitsnachweise bezweckten die Unparteiischen eine weitere Förde- rung der paritätischen Arbeitsnachweise. Infolgedessen müssen mindestens die bisherigen paritätischen Arbeitsnachweise, jedoch nur nach Maßgabe des neuen Vertragsschemas, beibehalten wer- den. Die Ortstarifämtcr haben binnen sechs Wochen die Er- richtung von paritätischen Arbeitsnachweisen ins Auge zu fassen. Daß überhaupt die Arbeitsnachweise späterhin die Unparteiischen nochmals beschäftigen, ist daraus zurückzuführen, daß von Ar- beiterseite die Frage aufgeworfen wurde, ob die bisher mich- tetcn Arbeitsnachweise in Zukunft weiterbestehen sollen. Vom Arbeitgebervcrband wurde die protokollarische Erklärung abge- geben, daß die bisherigen Arbeitsnachlveise nach Maßgabe des neuen Vertragsschemas mindestens beizubehalten seien. Dieser Teil des Schiedsspruches ist somit nichts anderes als die Formu- lierung und Begründung einer von Arbeitgeberscitc selbst zum Audruck gebrachten Anschauung. Der zweite Teil des Schiedsspruches bezweckt doch schon nach seinem ganzen Wortlaute nichts anderes, als daß die Frage des Arbeitsnachweises in den Ortstarifämtcrn einmal zur Sprache gebracht werden soll. In den Ortstarifämtern sollen ja die Parteivertreter die Frage nur prüfen, ob und in welcher Weise die Errichtung ins Auge zu fassen ist(nicht, ob neue Arbeitsnachweise zu errichten sind). Also nur ein Prüfungs-, keinerlei Entscheidungsrecht der Ortstarifämter. Wo letzteres innerhalb des Vertragsschemas geivollt wurde, ist dies wiederholt ausdrücklich und klar im Wortlaut zum Ausdruck gebracht. Tatsache ist sonach, daß nach wie vor auf keinem Wege, also auch nicht durch einen Beschluß der Ortstarifämtcr, ein Vertrags- teil tariflich gezwungen werden kann, gegen seinen Willen einen paritätischen Arbeitsnachweis einzurichten. Alles beruht nur auf gegenseitiger Vereinbarung. Die Ortstarifämtcr sollen nur prüfen, ob eine derartige Vereinbarung zu erzielen ist, sonst nichts. Wie jemand, der den Wortlaut und die Entstehungsgeschichte der Bestimmungen über Arbeitsnachweise kennt und an den Verhandlungen teilgenommen hat, eine andere Auffassung haben oder derbreiten kann, ist nicht recht erfindlich. Wenn trotzdem diese Erklärung an dieser Stelle erfolgt, so geschieht es, um für alle Beteiligten vollkommene Klarheit über diese Ablchnungs- gründe des Schiedsspruchs zu schaffen, aber auch, um von keiner Scitö nachträglich dxn Borwurf zu hören: Das hätte man uns rechtzeitig sagen sollen. Auch die Allgemeinheit hat ein berechtigtes Interesse, in diesem Hauptstreitpunkt eine maßgebende Auslegung zu erfahren und damit die Dinge klar zu sehen. Dr. Prenner. Rath. v. S ch u l z.'• «* * Nach dem Fiasko, das die Scharsmacher im Malcrgewerbe niit ihrer Machtprobe erleben mußten, scheitern jetzt auch alle ihre verzweifelten Versuche, den verfahrenen Karren flott zu machen. Ain Mittwochabend war der Stand der Aussperrung der gleiche wie am ersten Aussperrungstage. In München sperrten bisher nicht einmal die Führer des Unternehmer- Verbandes auss in Wiesbaden, Magdeburg, Saarbrücken, Koblenz, Friedberg-Nauheim lehnten die Unternehmer eine Aussperrung überhaupt ab. In Dortmund, woselbst bisher ebenfalls nicht ausgesperrt wurde, sind jetzt die Unternehmer soweit scharf gemacht worden, daß sie am 1-l. März daniit be- ginnen wollen. lZ erlin und Umgegend. Ter Lohnkampf in der Berliner Herrenkonfektion. Infolge des Streiks der Herrenkonfektionssckineider scheint sich die Gemütsstimmung der Vertreter der Unternehmerinteressen in der Redaktion dcS.Konfektionär' in einem bedenklichen Zustande zu befinden. Die letzte Nummer dieser Zeitung stellt zunächst fest, daß die Lage unverändert sei, um dann im nächsten Satz zu sagen: „Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß der Unmut bieler Schneider über den ihnen aufgedrungenen Streik im Wachsen ist." Wenn der Sinn dieser Zeilen sein soll, zu sagen, daß der Arbeiterschaft der Streik von ihrer Organisation aufgedrungen sei, so muß schon eine arge Verwirrung in den Köpfen der Redakteure des„Konfektionär" eingerissen sein, denn vor einiger Zeit berichtete dasselbe Organ, daß die Arbeiter den Streik s e l b st beschlossen haben. Danach können sich, die Arbeiter den Kampf nur selbst auf- gedrungen haben. Es ist jedoch richtig, daß der Arbeiterschaft der Kampf von den Konfektionären aufgedrungen wurde. Dafür liegen ja schlagende Beweise vor. Die Unternehmer haben die brüskeste Form gewählt, um die Verhandlungen abzubrechen, indem sie ihre Angebote, von denen ihnen bekannt war, daß sie die Arbeiter nicht befriedigten, in der Form eines Ultimatums überreichten. Als ihnen noch vor Ausbruch des Kampfe? die Vermittelung durch einen Unparteiischen angeboten wurde, haben sie diesen ohne Antwort gelassen. Neueo dings ist ihnen wieder die Vermittelung eines Unparteiischen an- geboten und haben sie dieselbe wieder nicht angenommen. Von den Arbeitern ist auf die Anfrage des Unparteiischen die Be reitwilligkeit zu Verhandlungen ausgesprochen worden. Danach besteht doch nur in den Kreisen der Konfektionäre die Absicht, den Kampf weiter zu führen und eine Machtprobe zu»er anstalten. Dies geht auch weiter daraus hervor, daß die Unter nehmer ihren Mitgliedern sowohl in Berlin als im Lande die Dinge so darstellen, als sei es der Verband der Schneider, der sich weigere, auf einer annehmbaren Grundlage zu verhandeln. So haben sie zu Sonntag eine Ausschußfitzung nach Berlin einberufen, in welcher die Lage eingehend erörtert werden soll. In welchem Sinne dies beabsichtigt ist, geht auS einem Schreiben hervor, das an die Mitglieder der Ortsgruppe H des Arbeitgeberverbandes gerichtet worden ist. Diese Gruppe fertigt nur Stapel- waren an. Das Schreiben hat folgenden Wortlaut: Arbeitgcberverband der Berliner Stapelherrenkonfcktion EngroS E. V. Berlin, den 8. März 1913. P- P. Da Sie der gestrigen Sitzung des Verbandes, Berlin II, nicht beigewohnt haben, teile ich Ihnen folgendes mit: Von dem Vorsitzenden des Verbandes Berlin I wird mir die Nachricht, daß dessen Mitglieder darüber Klage führen, daß unserer- seits nicht genügende Rücksicht auf die gegenwärtige Lage des Ver- bandes Berlin i genommen wird. Sollte dieses sich nicht ändern, so würde an den allgemeinen Arbeitgeberverband unverzüglich auf Grund des§ 24 unserer Statuten der Antrag gestellt werden, der Ausschuß möchte ohne Säumen zusammentreten und beschließen, daß Berlin II ge- zwungen sein soll, feine Arbeiter auszusperren, damit Berlin I die Beendigung der bestehenden Arbeitsdifferenzen erleichtert wird. Sie wollen also darauf achten, daß vorerst weder nach Schneidern noch Zuschneidern annonciert wird, daß keine neuen Schneider eingestellt werden, gleichgültig für wen sie bisher ge- arbeitet haben, daß keine Schneider für die Folge mehr Arbeit erhalten, als vor Beginn der Streitigkeiten. Hierauf mache ich Sie im eigenen und allgemeinen Interesse aufmerksam und bitte dringend um strikte Befolgung. Hochachtend I. V.: David Löwenstein. Demnach ist der Unmut der Schneider wohl eine Phantasie, die ihre Ursache in der wenig angenehmen Stimmung im Lager der Konfektionäre hat. Möglich, daß außer ldeu Arbeitern, denen die Konfektionäre den Streik aufgezwungen haben, noch eine Anzahl Arbeiter ausgesperrt wird und damit den Unternehmern noch die Schließung ihrer Geschäfte aufgezwungen wird. Es ist ja begreiflich, daß sich die Unternehmer über die Einig- keit und Geschlossenheit ärgern, die im Lager der Arbeiter herrscht, wo jeder mit Freuden für seine und seiner Kollegen Jnter- essen eintritt. Das rechtfertigt aber doch nicht die Behauptung, daß im Lager der Arbeiter die gleiche Gewaltpolitik ge- trieben werde, wie sie von den Unternehmern ihren eigenen Kollegen gegenüber geübt wird. Die Einigkeit im Unternehmerlager ist doch nur dadurch zu halte», daß sie ihren Kollegen das Material sperren und sie dem wirtschaftlichen Ruin aussetzen, wenn sie den berechtigten Ansprüchen der Arbeiter Rechnung tragen. In den Kreisen der Arbeiter sieht man der weiteren eingehenden Erörterung der Lage durch die Konfektionäre mit Ruhe entgegen und ist entschlossen, die Interessen der Arbeiterschaft unter allen Umständen zu wahren. Achtung, Herrenkonfektion! Folgende Zwischenmeister für Hosen und Westen der Herrenkonfektion fertigen Streilarbeit an: a u m, Chodowieckistr. 21; F ä n d r i ch, Graunstr. 36; R o i k, Mehnerstr. ö; Jahnke, Rheinsberger Str. 44; Marsch ews ki, Kuglerftr. 41; Hillmann, Choriner Str. 50a; Meißel, Schivelbeiner Str. 44; Herrmann, Schliemannstr. 32; Seile, Graunstr. 24; K r a n i th, Ruppiner Str. 42; A n n a ck e r, Lortzing- itraße 22; M u h r, Raumerstr.- 6; H ä n s ch k e, Hagenauer Straße 12; D r e w S, Kastanicnallee 11; D r e w s, Schliemaim- traße 45; Kaulen; Dänenstr. 9; Sperling, Schönholzer Straße 15; Willabeck, Brunnenstr. 83; Klingbeil, Kleine MarkuSstr. 1V; Z e m p k e, Palisadenstr. 96: G e p p e r l, Ramler- 'traßc 22; Stcmmler, Rigaer str. 24; Türl, Wichcrtstr. 141; 'noblauch, Kopenhagener Str. 77; B e r n u t h, Kochhann- traße 29; Beständig. Engelufcr 1a; Schönlitz, Köpenicker Straße 113; H e ck e r t, Stolpische Str. 26: R e h e r. Swinemünder Straße 41; Tietz, Kochhannstr. 6, vorn II; Bolatzli, Tbacr- straße 34; Zop Pik, Prinzenallee 81; S ch u lc n m e i st e r, Löwe- traße 9; K a r a u. Kopernikusstr. 2V; Stolzenwald, Schön- hauser Allee 71 und TolkSdorf, Fransecklssir. 28. Da sich in die bisher veröffentlichte Liste einige Fehler ein- geschlichen haben, bitten wir. diese Liste genau zu beachten. Die Betriebe dieser Zwischenmeister sind gesperrt. Verband der Schneider. Filiale Berlin I. Achtung, Töpfer! Wegen Tarifbruch und Beschäftigung von Wilden sperren wir hiermit die Firma R u d o I f K o ch, Ehodo- wieckistraße 41. In Frage kommt zurzeit der Bau Stargarder Straße 48. Die Verbandsleitung. Deutfcstes Reich. Ter Streik in der Binnenschiffahrt. Die Ichiffahrtsgesellschaften haben an die Mannschaften die telcgraphische Ordte gegeben, sofort die Arbeit aufzunehmen. Aber auch diese über 5000 Depeschen haben ihre Wirkung verfehlt. Die Streikbrecher werden den Firmen schon sehr unbequem. Sic richten an den Schiffen zu großen Schaden an. Was für Elemente darunter sind, beweist, daß die Polizei steckbrieflich verfolgte Personen von den Fahrzeugen Heruntergeholt hat. Solchen Menschen werden Kaui- mannsgüter anvertraut. Auf der Oder haben die Gesellschaften be- schlosien, nur den Veriueb zu machen, den Talvcrkehr zu eröffnen, da dies ohne Dampfkiaft möglich ist. Der Bergverkebr soll ruhen, da die Mannschaften ohne Unterschied der Chargen die Arbeit ver- weigern. Die Scharfmacher unter den Unternehmern wollen, daß die kleinen Schiffseigner, die jetzt fahren, in der laufenden Schiffahrt»- Periode nicht beschäftigt werden dürfen. Die Unternehmerprcsse derbreitet da? Gerücht, daß die be- willigten Firmen die gestellten Forderungen nur für eine Reise be- willigt hätten. Die» ist natürlich Unsinn. Für über 200 Firmen sind die Arbeitsverhältnisse insgesamt geregelt. In den Reihen, des Unternehmerverbandes herrscht leine ungeteilte Meinung über die Aussperrung. Größere Firmen sind kampfesmüde und versuchen, eine Einigung mit den Schiffern anzustreben. Nur fünf große Firmen wollen nicht nachgeben; doch werden auch diese zum Nach- geben veranlaßt werden, denn die Arbeiterorganisationen richten sich darauf ein, den Kamps, wenn nötig, noch bis zum Sommer durchzuführen. Achtung, Mctallarleiter! Die Firma Berghöfer u. Co. in Niederzwehren bei Kassel sucht allerorts Arbeiter. Es wird ersucht, den Betrieb vorerst zu meiden, da von den Arbeitern ein- gereichte Forderungen um Verkürzung der Arbeitszeit und ent- sprechende Lohnerhöhung bisher ihre Erledigung noch nicht gesunden habem— Metalldreher, Schlosser. Metallformer und Gießereiarbeiter seien besonders darauf aufmerksam gemacht. Die städtischen Arbeiter Kölns verlangen seit Fahren den Neun- stnndentag für alle Tagearbeiter und den Achtstundentag für alle Schichtwechselarbeitcr. Die neueste Eingabe der Arbeiter hat nun die Stadtverwaltung veranlaßt, ein Gutachten von der Handelskammer über den Einfluß einer solchen Arbeitszeitverkürzung einzuholen. Tagearbeiter arbeiten zurzeit 9'/ä Stunden, Schichtwechselarbeiter 10 bis 12 Stunden. Die Handelskammer hält die Forderung für un- durchführbar, da bei ihrer Verwirklichung die Konkurrenzfähigkeit der industriellen Betriebe Kölns in Frage gestellt sei. Erfahrungs- gemäß würden sich die Arbeiter in den privaten Betrieben die günstigeren Arbeitsverhältnipe der Staats- und Kommunalbetriebe zum Muster nehmen und sie zn verwirklichen suchen. Deshalb könnten weitere Zugeständnisse in bezug auf Verkürzung der Arbeits- zeit nicht gemacht werden. Mit diesem sonderbaren Gutachten haben sich die städiischen Arbeiter in Versammlungen beschäftigt. Der Ansicht der Handelskammer wurden die praktischen Erfahrungen ent- gegengestellt. Auch wurde hervorgehoben, daß die Lohn- und Arbeits- Verhältnisse der Gemeindebetriebe hinter denen der privaten Unter- nehmer zurückstehen, also keineswegs vorbildlich find. Eine Protest- Versammlung vom 9. März wandle sich gegen den unberechtigten Eingriff der Handelskammer in die Interessensphäre der städiischen Arbeiter. Das Gutachten sei von Feindschaft des Unternehmertums gegen jeglichen sozialen Fortschritt diktiert. Die städtischen Arbeiter Kölns sind gewillt, ihren Kanipf für die Verlürzung der Arbeitszeit weiterzuführen. Der fteie Verband der Gemeinde- und Staats- arbeiter wird nachdrücklichst ftir diese Forderung eintreten. Lrgani- sationsleitung und Arbeiteraussckmsse wurden beaustragt, durch ihre Leiter Verhandlungen mit dem Oberbürgermeister zu Pflegen. In der Limiach-Chemnitzcr Kartonagenindustrie drohen Diffe- renzen. Die dortigen Kartonarbeitcr haben seit 1907 tarifliche Lohn- und ArbeitSverhällnisse. Bei der Tarifcrneuerung 1910 war wie 1907 es zu gegenseitiger Verständigung gekommen. Am 31. März dieses Jahres lauft dieser Tarif ab. Die Arbeiter und Arbeiterinnen unterbreiteten den Äartonfabrikanten eine neue Vorlage, die anstatt der 59 stündigen die 56 stündige Arbeitszeit und den teuren Zeiten entsprechende Mindestlöhne von 22 bis 50 Pf. pro Stunde vorsieht. Tie Kartonkabrikanten lehnten eine Verkürzung der Arbeitszeit strikte ab; Lohnerhöhungen wollen fie nur in Höhe von 1 bis 2 Mark pro Woche eintreten lasten. Auf dieser Grundlage konnte keine Einigung zustande kommen. Die Kartonarbeiter bestehen auf einer Verkürzung der Arbeitszeit, und die Löhne müssen aufgebessert werden, da bisher von den Kartonfabrikantcn die Mindestlöhne mit nur wenigen Aus» nahmen als Höchstlöhne betrachtet wurden.— Voraussichtlich wird cS zum Streik kommen. Deshalb werden Buchbinder und Karton- arbeiter ersucht, Zuzug fernzuhalten und Arbeitsangebote nach Lim- bach abzulehnen. Tarifvewegnng der Steinhauer im fränkischen Muschel« kalksteingebiet. Im Jahre 1910 wurde zwischen dem Verbände der Stein- arbeiter und der Ilntcrnehmcrorganisation für genanntes Gebiet ein Tarifvertrag abgeschlossen. Da die Lohnverhältnisic nicht die besten sind und der Tarif einer Reihe Abänderungen bedarf, wurde er von den Arbeitern gekündigt. Der christliche Verband der Keramarbeiter hat im ganzen Gebiet ungefähr 80 Mitglieder. Der Steinarbeiterverband zählt rund 1000 Mitglieder. Zu den jetzt- gen Tarifberatungen hat sich der christliche Verband den Unter- nehmcrn aufgenötigt, die nun den Christlichen 3 Verhandlungs- kommiffionsmitglicdcr und dem Zentralverbande 6 zugestehen wollen. Die Mitglieder des Steinarbeitcrvcrbandes kamen zu der Ueberzeugimg, daß die Christlichen mit Absicht die Bewegung zum Nachteil der Arbeiter zu beeinflussen suchen, und lehnten es ab, mit ihnen gemeinsam zu verhandeln. Ter christliche Verband hat auch durch seine Helfershelfer im Gebiet bereits verkünden lassen, daß er jederzeit den Unternehmern beistehen werde; sie reizen dadurch förmlich die Unternehmer auf, eine Aussperrung vorzunehmen. Husland. Generalstreik in Marseille. Seit zwei Monaten streiken die Erdarbeiter, die die Kanal- anlage in Air herstellen sollen. Am Montag wurde nun der Be- schluß gefaßt, daß sämtliche Arbeiter in Marseilles und Aix in den Ausstand treten wollen, um hiermit ihre Solidarität mit den Streikenden zu bezeigen. Selbst die Modistinnen nehmen an dieser Bewegung teil. Vormittags fand ein Umzug durch die Stadt und nachmittags ein großes Meeting statt. Gegen 10�4 Uhr zogen die Ausständigen zum Bürgermeisteramt, wo sie sämtliche Fenster- scheiden zertrümmerten. Die Gendarmerie machte von der blanken Waffe Gebrauch. Verschiedene Verhaftungen erfolgten. Wie immer in solchen Fällen regen sich die Unruhestifter. In der Nacht crplo- dicrte in einem Gebäude ein Fcucrwcrkskörpcr; hierbei erlitt ein Wächter leichte Verletzungen. Auf der Straßenbahn, die zwischen Aix und Marseilles verkehrt, kam ebenfalls eine Explosion vor, die angeblich großen Schaden anrichtete. Eine Untersuchung über die Vorfälle ist eingeleitet; aber ohne deren Untersuchung abzuwarten, meldete die bürgerliche Presse schon jetzt, es habe sich um Dynamit- attcntatc gehandelt.__ Hetzte ftachrfehten« Ter englische Flottcnetat. L-ndon, 13. März.(W. T. B.) Der Flottenctat für 1913/14 beläuft sich auf 46 309 300 Pfund Sterling gegen 45 075 400 Pfunb Sterling des laufenden Jahres. Der Etat sieht eine Vermehrung des Personalbestandes um 8500 Mmrn vor. Dieser soll bis zum März 1914 insgesamt 146 000 Offiziere und Mannschaften er- reichen. Eine Summe von 2 052 400 Pfund Sterling wird angc- fordert für den Beginn des Baues der Schiffe des neuen Pro- granims, das fünf Schlachtschiffe, acht kleine.. Kreuzer, sechzehn Torpcdobootszcritörer und eine Anzahl von Unterseebooten und Hilfsschiffen umfaßt. Eine Bomlicusabrik der Suffragetten ausgehoben. L-ndon, 13. Viärz.(P. C.) Bei einer Haussuchung in dem Atelier einer Künstlerin, die in der«ussragcttenbewegung eine führende Rolle spielt, fand die Polizei ein bollständig eingerichtetes Laboratorium bor. In einem Nebengelaß wurden eine große An- zahl fertiger Bombe n, Säuren sowie Brennstoffe gefunden, die in dem Laboratorium hergestellt wurden, um bei neuen Atten- taten Verwendung zu finden. Eine Reibe von Verhaftungen von Führcrinnen der Frauenstimmrcchtsbewegung, die in die An- gelegenheit verwickelt sind, steht bevor. Die �emuisiiiirlnnuiq fec Jüecireter oet umecntquieniuetencu iu uet mwi. � m �"■_•_ �______________•____________ verantw. Redakt.: Alfred Wielcpp, Neukölln. Inseratenteil verantw.: Uh. Glocke. BeiU'n. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr.» Verlagsanstalt Paul Singer � Co.. Berlin LW. Hcerzu 5 Beilagen mUnterhaltungsbl. » k. so. i. Keilte des„IsrniWs" lerlinet UsIllsdlM. � u Der Schrei nach dem Husnahme-- aeletz. Nach dreijähriger Pause hat die konservative Partei wieder einen öffentlichen Parteitag einberufen, der gestern im ..Rheingold" zusammentrat. Die schwierige Lage, in die die Konservativen in den letzten Jahren und besonders durch die Rcichstagswahl von 191:2 geraten sind, hat offenbar das Vc� durfniS geweckt, wieder einmal Heerschan zu halten und die Anhänger fester um sich zu sammeln. Was die Konservativen an innerer Kraft und Zahl der Anhänger verloren haben. das suchten sie gestern durch tönende Phrasen zu ersetzen. Aber so gering auch der Anliang der Konservativen im Volke ist, so gefährlich sind sie für das deutsche Volk durch de» Besitz aller politischen Machtmittel und die klägliche Haltung, die das Bürgertum im Kampfe gegen das Junkertum ein- nimmt. Gerade jetzt märe für die liberalen Parteien die beste Gelegenheit, den Konservativen empfindlichen Schaden zu tun. Tie Lage der Konservativen gegenüber der Deckung der Kosten für die kommende Heeresvorlage ist eine äußerst unangenehme. Das ging auch aus den Reden oder vielmehr dem beredten Schweigen der Redner auf dem konservativen Parteitage über diese kitzlichc Angelegenheit hervor. Nur ganz allgemein forderte Graf v. Westarp, daß bei den neuen Besitzsteuern die Finanzhohcit der Bundesstaaten gewahrt und daß auch die Veranlagung für die einmalige Abgabe den Einzelstaaten überlassen werden müsse. Graf von Heyde- brand und der Läse, der über die allgemeine politische Lage sprechen sollte, ging über die Frage der neuen Steuern voll- kommen hinweg. Um so mehr brüsteten sich Graf v. Westarp und v. Heydebrand damit, daß die Konservativen die nach »dem Urteil des allerhöchsten Kriegsherrn und seiner be- rufenen Berater crforderlickieu Rüstungen" glatt bewilligen werden. Heydebrand scheute sich dabei nicht, in andeutenden Worten von einer besonders schwierigen Politischen Situation, in der sich Deutschland befinden soll, und von gefährlichen und neidischen Gegnern Deutschlands zu sprechen, und damit jener Stirnnrung Vorschub zu leisten, deren offenen Ausdruck soeben die Regierung in der„Nordd. Allg. Ztg." als chau- vinistische Hetze verurteilt hat. Sein charakteristisches Gepräge erhielt der konservative Parteitag nicht durch die Erörterung dieser Angelegenheit, sondern durch die ausgesprochene Hetze gegen die Sozialdemokratie. Was sollten die Konservativen auch sonst von der Regierung und den biirgerliäicn Parteien fordern? Die Wirtsäxistspolitik des Deutschen Reiches ist ja geradezu auf den Leib der Konservativen zugeschnitten, und den Zorn über die angebliche Durchlöcherung dieses tadellos schließenden Gewandes kann man füglich dein Bund der Landwirte im Zirkus Busch überlassen. Nur eine Gefahr droht den Konservativen: das Anwachsen der Sozialdcmo- kratic. Der Schrei nach dem Ausnahmegesetz gegen die Sozialdeuwkratie klang in allen Reden der Tagung wieder. Beweglich klagte Graf v. Westarp über die Gefahr eines parlamentarischen Regimes durch die Wahl der roten Hundert- zehn. Händeringend stöhnte Heydebrand über die nagende Arbeit der Revolutionspartci. der das deutsche Volk hilf- und schutzlos ausgeliefert sei. Nichts wußte man an den übrigen bürgerlichen Parteien und der Regierung auszusetzen, als daß sie den Kamps gegen die Sozialdemokratie versäumten. Mit pathetischer Stimme wandte sich Heydebrand fragend an die Delegierten: ob die Regierung, die dazu berufen sei, den Mut fände, der Sozialdemokratie entgegenzutreten— und mit stürmischem Nein antwortete die Versammlung. Mit solch demagogischen Mitteln wurde die Stimmung der Delegierten angeregt, um die Regierung zur Ausnahme- pesetzgebung aufzuhetzen. Delbrück wurde wegen seiner Stellung zum Streikpostenverbot natürlich von Graf Westarp durch ironische Bemerkungen unter höhnischem Gelächter der Tagung besonders abgekanzelt. Nur einen Trost fand Heydebrand, um die verzweifelte Lage nicht ganz für hoffnungslos zu erklären: die konser- vative Partei� die wie ein Fels im Meer den brandenden Wogen der Sozialdemokratie Trotz biete. Auf dieses Lob des Junker, und Preußentums war die ganze Tagung abge- stimmt. Auch in den Reden der Vertreter Bayerns, Sachsens und Württembergs trat die offene Anerkennung hervor, daß Preußen den Hort der Reaktion in Deutschland bildet. Die preußische Wahlschmach fand dabei ihr besonderes Lob. Bittere Feindschaft sagte v. Maitzahn der Regierung und deitz bürgerlichen Parteien zu, die nochmals die„unglückselige Wahlreform" in Fluß bringen würden: Dallwitz, der ver- traute Freund der Konservativen und die festeste Stütze der Reaktion erhielt hingegen Lob für seine Verteidigung des preußischen Wahlrechts und ward den übrigen Ministern als Muster hingestellt. Mit der Parole:„Nieder mit dem Koalitionsrc'cht! Her mit Ausnahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie!" will die konservative Partei offenbar in den preußischen Landtags- Wahlkampf ziehen. Die Junker bauen darauf, daß das schänd- liche Wahlrecht ihnen wieder die Mehrheit bringen wird und, gestützt auf diese Machtstellung, hoffen sie, die Regierung zu Maßnahmen gegen die Arbeiterbewegung zu zwingen. Die Arbeiterschaft sieht diesem Anstoß unbekümmert entgegen. Sie zieht in den Wahlkampf mit dem Schlachtruf: Nieder mit dem Preußen- und Junkertum! Her mit dem freien Wahlrecht für Preußen! ver Balkankrieg. Der Stand der Friedensvermittelnng. London, 13. März. Die„Times" schreiben: Die un- bedingte Annahme der Vermittelungsvor schlüge der Mächte durch den Balkanbund muß erwartet werden. Die Mächte hatten schon der Türkei gegenüber die Vermittelung auf anderer Grundlage abgelehnt. Die Ver- bündeten wüßten, daß die Mächte nicht die Absicht hätten, in der Vermittelung die Rolle von Zwischenträgern und Lauffungen zu spielen. Das Blatt fährt fort: Wir vertrauen darauf, daß die Verbündeten nach reiflicher Ueberlcgung fich Kar machen werden, wie schädlich eS sein würde, eine unbedingte Annahme der Anregungen eines einigen Europas hinauszuschieben. Alle Mächte ohne Ausnahme, sowohl die Nationen wie die Regierungen, empfinden nachgerade, daß die Balkanfrage einem europäischen Skandal gleichkomme. Sie enthält keine G e- fahren mehr für den europäischen Frieden; aber sie läßt die Welt nicht zur Ruhe kommen und auf diese Weise ist sie ebenso ein europäischer Unfug wie ein europäischer Skandal. Der Unfug muß unterdrückt, der Skandal beseitigt werden. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" sagte nur die Wahrheit, wenn sie erklärte, daß die Verständigung zwischen Oesterreich Ungarn und Rußland von ganz Europa dankbar willkommen geheißen werde und das Vertrauen stärke, daß die vereinigten Bemühungen der Mächte die wenigen noch bestehenden Hindernisse beseitigen werden. Englische Stimmen gegen die Haltung der Balkanstaatcn. London, 13. März.(P r i v a t t e l e g r a in m des „V o r w ä r t s".) Tie ö st e r r c i ch i s ch- r u s s i s ch e D c- Mobilisierung hat hier die optimistische Ansicht über die Erhaltung des europäischen Friedens naturgemäß nur be- stärkt; aber man sängt an, über die Haltung der Balkanstaaten sehr ungehalten zu werden, und man spricht von einer Jnter- vcntion der Mächte zur Beendigung des Krieges. Nach einer Meldung aus Sofia wollen die Balkanstaatcn Bedingungen an die Mediation der Mächte knüpfen. Tas ist allein schon deshalb unzulässig, weil sich die Türkei mit der Mediation bedingungslos einverstanden erklärt hat. Die„Times" schreiben heute, Regierungen wie Völker fühlten, daß die Fortsetzung des Krieges zu einem europäischen Skandcrl werde. Der Krieg bedeute zwar nicht mehr eine Gefahr für den europäischen Frieden, aber er hindere die Welt daran, sich zu beruhigen. Und in dieser Hinsicht sei er nicht nur ein europäischer Skandal, sondern auch ein europäisches Aerger- ins. Das Blatt schreibt dann:„Die Ablehmrr.g der Mediation oder Versuche, sie durch eine bedingte Annahme nichtig zu machen, mag die Mächte im gemeinsamen Interesse Europas wie auch im wirklichen Interesse der Türken und der Verbündeten zwingen, zur Jifterveiition zu schreiten. Wir glauben, sie sind entschlossen, den Krieg zu beenden und bald zu beenden durch einen gerechten und vernünftigen Frieden! Sie würden diesen lveit lieber durch Mediation herbeiführen: sollte sich dies als unmöglich herausstellen, so werden sie ihn sehr wahrscheinlich auf anderem Wege er- zwingen." Griechische Erfolge. Athen, 18. März. Das Preßbureau meldet: Die griechische Armee hat Prcmeti besetzt; die Türken, welche sich dort be- fanden, sind geflohen, wahrscheinlich in der Richtung nach Berat. Es wird behauptet, der Türken hätte sich eine Panik bemächtigt, und sie hätten Delvinaki ausgegeben. Einc Aktion für die i» Skutari eingeschlossene Zivilbevölkerung. Eetinje, 13. März. Die Vertreter der Groß- nl ä ch t c unternahmen heute im Ministerium des Aeußern einen gemeinsamen Schriti, um zu verlangen, daß der ge- samten Zivilbevölkerung von Skutari gestattet werde, die Stadt zu verlassen. Der Minister des Aeußern erklärte. er werde dieses Verlangen dem Ministerräte mitteilen und heute nachmittag die Antwort bekanntgeben. Ein Erfolg des türkischen Kreuzers„Hamidje". Eetinje, 13. März. Nach an hiesiger amtlicher Stelle ein- gelangten Nachrichten sind bei dem gestrigen Bombardement von San Giovanni di Medua durch den türkischen Kreuzer „Hamidje" vier griechische Transportschifie und zwar „Christomaritis",„Veniotis",„Ertis" und„Trifilia", schwer be- schädigt worden. Zwei von diesen vier Dampfern, die Lebensmittel für die Armee führten, gerieten durch das Aufschlagen der Geschosse in Brand; die ganze Ladung ist vernichtet. Die anderen Dampfer hatten Soldaten und Munition geführt, doch war die Ausschiffung bereits beendet. Etwa zehn Personen sollen dem Bombardement zum Opfer gefallen sein. Rumänien nnd Bulgarien. London, 13. März. Unterhaus. Der Uniouist Magnus fragte Grey, ob er bei den zutreffenden Grenzberichtigmigen zwischen Rumänien und Bulgarien und der beabsichtigten Abtretung gewisier Teile bulgarischen Gebiets sein Bestes tun werde, um den Angehörigen aller Religionsgemeinschaften, die jetzt unter der bulga- rischen Verfassung und in dem abzutretenden Gebiet leben, gleiche Freiheit zur Ausübung ihres eigenen Religionskults zu gewährleisten, die sie jetzt besitzen. Grey erwiderte: Die Regierungen Bulgariens und Rumäniens haben zugestimmt, die zwischen ihnen entstandene Frage der Mediation der Mächte zu übergeben. Es gereicht zur allgemeinen Be- f r i e d i g u n g, daß diese Zustimmung im Prinzip erteilt worden ist. So lange die Frage noch lchwebt, kann ich über die mögliche Ab- trctung von Gebiet oder die damit zusammenhängenden Verhältnisse keine Erklärung abgeben, ohne Gefahr zu laufen, die Aussicht auf einen ftiedlichen Ausgleich zu stören. Die Prinzipien, denen in der Frage daS Wort geredet wird, verdienen allgemeine Sympathie. politilcbe deberlickt. Berlin, den 13. März 1913. Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus ist am Donnerstag, nachdem es eine nicht zu Keine Tagesordnung in wenigen Stunden aufgearbeitet hatte, in die Osterferien gegangen. Zunächst wurde die Debatte über die Anträge betr. die Remunerationsfonds für Beamte, betr. ErziehungSbeihilfcn für Beamte und Teuerungszulagen an linder- reiche llnterbeamte zu Ende geführt. Der Vertreter der Sozial- demokratie, Genoffe S t r ö b e I, wandte sich in seiner Rede gegen die gegenwärtige RemunerationSsondswirtschast. die zum Teil zur Korruption führe, aber auch gegen die Anträge des Zentrums, die darauf hinauslaufen, daß die Gelder für ollgemeine WohlfahrtS- einrichtungen verwendet werden. Als das einzig richtige bezeichnete er die von den Sozialdemokraten schon wiederholt geforderte, aber von den bürgerlichen Parteien abgelehnte Erhöhung der Gehälter für alle Unterbeamten. Die scharfe, aber berechtigte Kritik an dem Verhalten des Zentrums und der Konservativen zog unserem Ge- nossen einen Ordnungsruf zu. Die Debatte endete damit, daß die Anträge auf Gewährung von Teuerungszulagen an kinderreiche Be- anite bis 3000 M. Gehalt angenommen, die übrigen Anträge an die Budgetkommission zurückverwiesen wurden. Räch kurzer Erörterung, an der sich nur ein Abgeordneter de« Zentrums unb ein Sozialdemokrat beteiligten, gelangte auch der Antrag auf Bekämpfung des Kinderelends zur Annahme. Ter Zentrumsredner Würmling forderte die Unterstützung konfessioneller Vereine, während Genoffe Hirsch in erster Linie den Kommunen nnd dem Staat die Pflicht zuerteilen wollte, dem Kinderelcnd Ein- halt zu gebieten. Mit der Erledigung einiger weiterer Anträge aus Erhöhung der Positionen betreffend Fürsorge für die gefährdete und verwahrloste Jugend und betreffend Unterstützung des Bezirks- Hebammenwesens war die Tagesordnung erschöpft. Am ersten Tage nach Ostern, am I.April, soll der Gesetzentwurf betreffend Kolonisation, der dem Landtage freilich noch nicht zu- gegangen ist, in erster Lesung beraten werden. Laudtagswahl. Im gestrigen„Rcichsanzeigcr" tvird für die preußische Laudtagswahl als Wahltermiu für die Wahl der W a h l- männcr der 1 9. M a i, für die Wahl der Ab- geordneten der 3. I u n i Pom Minister des Innern festgesetzt. Wo infolge Vornahme der Abstimmung in der Form der Frist oder Gruppenwahl(Art. I§8 3, 4 des Ge- setzcs von: L8. Juni 1996) die engeren Wahlen an den be- zeichneten Tagen nicht durchgeführt werden können, haben diese Wahlen au den dafür anderweit festzusetzenden Wahltagen stattzufinden, mit der Maßgabe, daß die Wahlen der Wahlmänner spätestens am 28. Mai, die Wahlen der Ab- geordneten spätestens am 9. Juni abgeschlossen werden. Der Neid der obere« Notleidenden. Um die Rentabilität so manchen lpnservativen Blaiies ist es schlecht bestellt; besonder» um die Finanzlage der KSjährigen„Kreuzzeitung", des Berliner Hanptorgans der konservativen Partei. Seit Jahren krankt das unter der Gerlachschen Devise„Vorwärts mit Gott für König nnd Vaterland" segelnden Organ an steigenden Defizits. Alle Sanierungen haben nichts genützt. Man hat in den letzten Jahren mit den Redakteuren, dem Verlag, der Druckerei, der Schrift gewechselt, aber nichts hat geholfen— stets machten die Abrechnungen den Besitzern schwere Sorgen. Daran hat auch nichts geändert, daß im vorigen Jahre die„Kreuzzeitung" in den Besitz der konservativen Partei übergegangen ist. Es ist daher de- grciflich, daß man im Hauptverein der Deuisch-Konservativen. dcffcn Domizil sich in demselben Hause befindet, in dem die„Krcuzzeitung" zusammengestellt und gedruckt wird, mit Neid auf die in die sozialdemokratische Parteikasse fließenden lieber- schüsse des„Vorwärts" blickt und oiesem gerne einen Teil seiner Inserate abjagen möchte. So leistet sich denn die„Eonscrv. Corre- spondcnz" des Hauptvercins, die ebenfalls Bcrnburger Straße 24/25 fabriziert tvird, folgende Ermähnung an die Berliner Geschäfts- inhabcr und Banken:, „Mit immer steigenden Zählen figurieren in der Abrechnung, die der Vorstand der sozialdemokratischen Partei dem Parteitage alljährlich vorlegt, die Uebcrschüffe des parteiamtlichen Zentral- organs„Vorwärts Die Abomientengeldcr allein werden wohl schwerlich die Unkosten decken, geschweige denn die Gewinn- Überschüsse ermöglichen, die der Partcikasse zufließen. Daher ist die Frage nicht unberechtigt, woher diese stetig steigenden Ziffern stammen. Ein Blick in den Inseratenteil des„Vorwärts" tvird die Antwort aus diese Frage geben. Leider sind es zumeist gut bürgerliche Geschäfte, die durch ihre Anzeigen die sozial- demokratische Partcikassc füllen helfen nnd ans diese Weise indirekt beitragen zur Bekämpfung des Bürgertums durch eben diese sozialdemokratische Presse. Wenn es sick> noch um Ge- schäfte handelte, deren Betrieb auf den Masscnnmsatz z»gc- schnitten ist, deren Kundschast sich zum größten Teile aus Ar- beiterkreisen zusammensetzte, so ließe sich dies noch erklären. Was soll man aber dazu sagen, daß unsere a n ge sehen st en und größten Banken die Spal- ten des„Vorwärts" benutzen, um ihre Geschäfts- berichte über das äbgelausene Jahr und die Ankündigungen für ihre Generalversammlungen zu veröffentlichen. In der letzten Zeit sind in dem parteiamtlichen Organe unter anderem lange Inserate der Commerz- und Diskonto-Bank, der Dresdener Bank und„selbst,?nan möchte es kaum für glaub- lich halten, der Deutschen Bafik erschienen. Im„Vor- wärts füllten die Inserate der beiden letzten Bankinstitute zwei- undeinehalbe Seite und haben ihm und der sozialdemokratischen Parterkasse allein ein paar Tausend Mark zugeführt. Es liegt- uns fern, den Bankleitunge» bei dieser Verteilung ihrer Inserate irgendwelche Motive unterzuschieben, aber es ist nicht einzusehen, welches Jutcrcsse die genannten Großbanken daran haben könne», ihre Geschäftsberichte im„Vorwärts" zu veröffentlichen, dessen Abonnenten wohl kaum z» ihrem Kundenkreise gehören, denen diese Berichte wohl kaum eine interessante Lektüre bieten können." Ein niedlicher zarter Wink mit dem Zaunpfichl; aber wie es dem politischen Geiste des Ablegers der„Kreuzzeitung" enffprichi, reichlich dumm. Die„Conserv. Corresp." darf schon annehmen, daß die betreffenden Banken, speziell die Deutsche- Bank, tvissen, warum sie ihre Bilanzen auch im„Vorwärts" veröffentlichen. Jedenfalls dringen die im„Vorwärts" veröffentlichten Inserate in eine viel größere, breitere Oeffentlichkeit, als die der ehrsamen„Kreuz- zeitung". Herr Müller-Fürer, der ehemalige Handels- und jetzige nominelle(in Wirklichkeit führt ja Herr Schröter das Sezeptcr) Chefredakteur der„Kreuzzeiiung", mag ja sehr daran interessiert sein, daß seinem Blatt die Ankündigungen der Großbanken reich- licher zufließen, damit nicht die Gönner der„Kreuzzeitung" über die finanziellen Ersolge seiner Rcdaktionsführung so bedenklich ihr gestrenges Haupt schütteln, aber durch kleine Denunziationen, wie die obige, ist die ersehnte Besserung der Finanzlage nicht z» er- zielen, auch nicht nur durch die Wahl neuer Schriftarten. Was nutzt das Acußere, wenn der Inhalt so oberfaul ist. Die Verteilung der Vermöge« in Prenften. Einen Anhaltspunkt für die Feststellung des vorhandenen Vermögens in Preußen bietet die ErgänznngSsteuer. Freilich sind in ihr die Vermögen unter 6000 M., also die nicht stcnerpflichtigcn, nicht mit enthalten. Il»d ebenso fehlen die aus Grund der§§ 17 und 19 von der Ergänzungssteuer freigestellten, von denen wir zwar die Zahl, nicht aber die wahre Höhe der einzelnen Vermögen kennen. Bei 242 000 Freistellungen im Jahre 1011 und bei einem angenommenen Durchschnittsvermögensbetrag von 10 000 M. dürfte der vorhandene steuerpflichtige Gesamtvermögensbestand um 21/j Milliarden Mark zuzurechnen sein. Endlich ist noch in Be-- tracht zu ziehen, daß, da eine Verpflichtung zur Vermögensa uze ige nicht besteht, das tatsächlich vorhandene Privatvermögen noch wesentlich höher sein dürfte. Das zur Ergänzungssteuer herangezogene Vermögen hat in Preußen im Laufe der letzten lö Jahre eine rapide Vermehrung erfahren. Es belief sich im Jahre 1896 auf rund 64,0, 1908 auf 91,7 uud 1911 auf 104,1 Milliarden Mark. Es hat also seit 1896 eine Zunahme mn 62,5 Pro«, oder durchschnittlich 8.» Pro«, jähr. lich stattgesuuden, seit 1908 emt solche nm 16.5 Pro«, oder 4,8 Proz. jährlich. Die relalibe Zunahme hat sich hemnach in letzter Zeit er- höht. Die Zahl der Zensiten stieg von 1 166 745 im Jahre 1896 au 1592 679 in 1393 und 1767 934 in 1911. Hier betrug also die Zu- nähme seit 1896: Sich, seit 1308: 17,6 Proz. Wie verteilt sich nun das vorhandene ergänzungsstcuerpflich- tigc Vermögen auf die Zensiten? Bei einer gleichmäßigen Ver- tcilung würden auf jeden Zensiten nahezu 69 909 M. kommen, b. h. je 17 990 Zensiten würden sich in eine Milliarde zu teilen haben. In Wirklichkeit verhält sich die Sache natürlich ganz anders. Im Jahre 1896 waren es immer noch 26 Leute, die sich in die erste Milliarde zu teilen hatten. 1993 war ihre Zahl auf 9 und 1911 auf 6 gesunken. Wenn wir also auch in Preußen noch keine Milliardäre haben, so haben doch die 6 reichsten Leute zu- sammcn 1 Milliarde Mark Vermögen, der reichste davon 282 Millio- uen. Das genügt auch schon. An der zweiten Milliarde nehmen 13 Personen, an der dritten 37, der vierten 54. der fünften 73, der sechsten 35, der siebenten 129, der achten 143, der neunten 166 und der zehnten 136 Personen teil. Die 919 reichsten Leute in Preußen besaßen also zusammen nahezu den zehnten Teil des gesamten Privawcrmögens. Ein Vermögen von über 1 Million Mark be- saßen rund 19 999 Zensiten, und diese 19 909 Millionäre nannten 26 Milliarden, also den vierten Teil des gesamten Privatvermögens ihr eigen. Dann kommen 330 999 Leute, die über ein Vermögen von 199 099 M. bis 1 Million Mark verfügen und deren Gesamt- besitz 50 Milliarden Mark beträgt. Und endlich zum Schluß die große Zahl der„Proletarier" unter den Kapitalisten, die nicht einmal 199 999 M. in ihrem Beutel haben. Es sind dies 1 450999 Personen, und ihr gemeinsamer Besitz beträgt 39 Milliarden Mark. Von Interesse ist ferner noch, daß von den insgesamt 1 767 934 preußische» Zensiten des Jahres 1911 308 139 auf die Städte und 958 394 auf die Landgemeinden kommen, und zlvar entfällt der bei weitem größere Teil der auf dem Lande Wohnenden, nämlich 745 236, auf die Gemeinden unter 2999 Einwohner. Die Anteil- Ziffern sind 45,7 Proz. für die Städte, 12,1 Proz. für die Land- gemeinden über und 42,2 Proz. für die Landgemeinden unter 2099 Einwohner. Für die Gesamtbcvölkcrung sind die betreffenden Anteilziffern 47,4, 15,3 ufid 37,3 Proz. Daraus ergibt sich, daß in den kleinsten Gemeindcbezirkcn erheblich mehr Zensiten vcran- lagt sind, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Dieses Ucbcrgewicht stammt jedoch ausschließlich von den kleineren Vermögen unter 49 999 M., die der Masse des bäuerlichen Mittel- ftandes entsprechen. In den höheren Vermögensstufen überwiegen die Städte, in denen sich weit größere Vermögensumsscn konzen- tricrt haben, als dem?lntcil ihrer Einwohnerschaft an der Gesamt- bevölkcrung entsprechen würde. Aus dem Schwarzburg-Rudolstädter Landtag. Nach langen Verhandlungen ist zwischen dem Landtag des Klein- staateS Schwärzburg-Rudolstadt und der Regierung eine Verständi- gung zustande gekommen. Die Regierung macht die Einbringung eines neuen Einkommensteuergesetzes und die Verschiebung des be- kannten WahlrechtsverscblechternngsgesetzeS nicht mehr von der An- nahine des neuen Pfarrerbesoldungsgesetzes abhängig. Darauf wurde in einer Dauersitzung der Etat in erster Lesung angenommen: ebenso ein neues Beamtenbesoldungsgesetz. Dadurch erhalten die Beamten eine Zulage von 8 Proz., die unteren Beamten eine solche bis zu 20 Proz. und darüber. Am Sonnabend soll das Besoldungsgesetz in zweiter Lesung be- raten werden. Tann wird die Wahl des LandtagSvorstandes vor- genommen. Den Bürgerlichen sind drei Sitze zugesprochen. Der Landtag wird Sonnabend in die Osterferien gehen, die bis 2. April dauern sollen._ „Kulturaufgaben leiden nicht." Die neue Wehrvorlage wirft bereits bedenkliche Schatten voraus. Im Großherzogtum Hessen wird sie als willkommene Bremse gegen die Gehaltsaiisprüche dürftig besoldeter Gerichtsschreibergehilfen be- nutzt. Die Zweite hessische Kammer hatte am Freitag in nament- licher Abstimmung mit 26 gegen 22 Stimmen zwei Anträge des Abg. Adelung fSoz.) angenommen, in denen eine Vermehrung der definitiven Schreibgehilfen- und Gerichtsschreibergehilfenstellen ae- fordert wurde, um die schlecht bezahlten Anwärter schneller in besser bezahlte Stellen zu bringen. Der Finanzausschuß der Ersten Kammer har jetzt den Antrag abgelehnt mit„Rücksicht auf die in nächster Zeit bevor st ehenden bedeutenden Anfor- derungen des Reiches zur Hebung der Wehrkraft." Die»hohen und erlauchten Herren" der hessischen Pairskammer erklären also mit dürren Worten: die Schreibgehilfen mögen hungern; das Vaterland kann leine auskömmliche Bezahlung für geleistete Dienste gewähren, weil es zuviel Geld für Soldaten braucht.__ Die deutschen Fürsten und die einmalige Vermögensabgabe. Die einmalige Abgabe vom Vermögen, die zur Deckung der Militärvorlage geplant ist, wird don dem früheren Regierungsrat Martin benützt, sein Handbuch der Millionäre wieder in Erinnerung zu bringen. In einer neuen Auflage beschäftigt er sich auch mit dem Bernrögen der regierenden Fürsten in Deutschland. Das Ver- mögen der preußischen, sächsischen und sachsen-weimarischen Familien wird von ihm auf mindestens 300 Millionen Mark geschätzt. Die übrigen 19„Landesherren" bringen nach Martin kaum mehr als lumpige 299 Millionen Mark zusammen. Demnach würde das Vermögen der Fürsten, das etwa bei einer einmaligen Abgabe zur Berechnung kommt, kaum mehr als zusammen eine halbe Milliarde Mark betragen. Sehr leicht möglich sei es aber auch, daß die Summe noch niedriger werde, da die Fürsten ihr nicht twwbendcS Vermögen, das in Schlössern und Sammlungen an- gelegt ist, nur mit sehr niedrigen Beträgen ansetzen würden. In diesem Falle fei nur mit drei- bis vierhundert Millio- neu Mark zu rechnen und, wenn ein Prozent erhoben werde, mit einer Einnahme von allen 22 Fürsten von drei bis vier Millionen Mark. Würde eine Besteuerung der hohen Einkommen als Ergänzung der Vermögensabgabe vor- gcnomnien, dann kämen bei den rund 49 Millionen Mark, die die deutschen Fürsten aus Zivilisten usw. vereinnahmen, noch weitere 214 Millionen hinzu, sofern die Abgabe mit 5 Proz. vom Einkommen berechnet werde. So verschwenderisch der früher Rcgierungsrat Martin in seinem Millionärhandbuch mit dem Gelde wirtschaftet: bei den Fürsten scheint er sehr knapp gerechnet zu haben, sowohl was das Vermögen betrifft, als insbesondere auch bei der Berechnung des Einkommens. Der preußische König hat allein nahezu 29 Millionen Eiirkommen vom Staate, wozu dann noch die sicher sehr erheblichen Beträge auS seinen großen landwirtschaftlichen Besitzungen kommen. Wenn man zufassen wollte und ähnlich genau rechnete wie bei der steuer- lichcn Feststellung des Einkommens der kleinen Leute, dann ließe sich sicher mehr, wesentlich mehr von den Fürsten holen. Freilich: um«ine einmalige Besitzabgabe von 799-— 1999 Millionen und eine jährliche Ausgabe von 259 Miillonen Mark aufzu- bringen, dafür müßte die besitzende Klasse als Ganzes kräftig in den Beutel greifen!._ Tie Nationalliberale» als Hilfstrnppen der Bündler. Bekanntlich haben die Nationalliberalen Schlestoig-HolsteinS für die preußischen Landtagswahlen ein Bündnis mit den Konservativen und Freikonservativen abgeschlossen. Diese» schöne Abkommen der Rationalliberalen mit den Konservativen ist auf der Provinzial- Versammlung der schleswig-holsteinischen Bündler, die am letzten Sonnabend in Kiel stattfand, richtig charakterisiert worden. Der Führer der schleswig-holsteinischen Bündler, Graf Rebentlow- A l t e n h o f. erklärte in seiner Ansprache an die Versammlung: „Wir haben uns an den Verband der Konservativen und Frei- konservativen gewandt, der uns die Kandidaten stellen wird. Weil wir aber in Schleswig-Holstein gegen den Ansturm der Rosaroten igemeint sind die Fortschriktler) nicht ankönnen, so lange der Bund der Landwirte und der Verband der Äonservalivcn allein kämpfen, haben wir uns Hilfstruppe n schaffen müssen, und diese konnten wir nur aus dem naiionalliberalen Lager bekommeii." Also die Konservativen stellen die Kandidaten, natürlich müssen es waschechte Bündler sein, und die Nationalliberalen sind die Hilfs- truppen. die letzten Endes den Bündlern den Sieg sichern. Und diese Nationalliberalen sind von den Fortschrittlern bis zum Ueberdruß angebettelt worden, doch ja mit ihnen ein Wahl- bündnis einzugehen— angeblich gegen die Reaktion! Wenn ein Schutzmann beleidigt. In Breslau wurde vor einiger Zeit ein Schutzmann in einem Prozeß gegen einen Droschkenkutscher als Belastungszeuge ver- nommen. Seiner Aussage wurde indes von einem anderen Zeugen widersprochen, so daß der Kutscher mit einer kleinen Strafe davon- kam. Das veranlaßte den Schutzmann, vor Gericht zu behaupten, der Zidilzeuge habe einen Meineid geleistet. Und diese Bebauptung wiederholte er auch außerhalb des Gerichts. Der so Beleidigle erstattete gegen den Schutzmann Anzeige; die Staatsanwaltschaft aber lehnte es ab, ein Verfahren einzuleiten, da ein öffentliches Interesse nicht vorliege. Der Beleidigle wurde auf den Weg der Privatllage verwieien, den er auch beschritt. Das sollte für ihn aber böse Folgen haben, denn der Staatsanwalt stellte sich sofort schützend vor den Schutzmann und leitete ein hochnotpeinliche» Ver- fahren wegen Meineide» gegen den Beleidigten ein, das sich durch Monate hinzog. Erst als das Verfahren ergebnislos verlaufen war, kam die Privatklage gegen den Schutzmann zur Verhandlung. Aber auch jetzt noch fand der Schutzmann eine kräftige behördliche Unter- stützung, denn es wurde ihm ein Rechtsanwalt als Offizialverteidiger gestellt. DaS Schöffengericht hat ihn schließlich für die schwere Be- leidigung zu zehn Mark Geld st rase verurteilt. „Stiftungsmähig katholisch." Einen neuen Grund zur konfessionellen Auftegung hat die klerikale Presse entdeckt. Die„Augsb. Postzeitung" hat mit Eni- letzen die Entdeckung gemacht, daß an der.stiftungsmäßig katholischen" Universität München von den 39 philosophischen Ordinariaten 32 in protestantischen Händen sind. Auch im letzten Wintersemester — also sogar in der Aera Hertling I— seien in Würzburg und München die vier freigewordencn philosophischen Ordinariate sämt- sich mit Protestanten besetzt worden..Wir treiben," jammert das ultramontane Blatt,.in Bayern Verhältnissen zu, ähnlich jenen an der Straßburger Universität!" Der Münchener.Bayer. Kurier' freut sich, daß die AugZburger Kollegin die Sache aufrührt..Solche Nasenstüber," meint er,»sind recht heilsam, um nicht Schlafsucht einreißen zu lassen." Wieder ein Spionageprozeft. Gegen den wegen Spionage angeklagten Kaufmann und früheren Lehrer Hermann Naujoks ist heute nachmittag von dem Reichsgericht das Urteil gefällt worden. Der Angeklagte wurde wegen Verrats militärischer Geheimnisse unter Versagung mildernder Umstände zu 13 Jahren Zuchthaus und 19 Jahren Ehrverlust sowie zur Stellung unter Polizeiaufsicht verurteilt. ES wurde für erwiesen erachtet, daß der Angeklagte wichtige Vorschriften und Zeichnungen über Kreuzer auf der Werft von Blohm u. Voß gestohlen und in Paris an Agenten verlauft habe._ Soldatenmifzhandlung. Der Musketier Parma vom Infanterieregiment Nr. 51 in Breslau, ein geistig zurückgebliebener, schwerfälliger Mensch. machte beim Exerzieren falsche Bewegungen. Sein Unteroffizier Otto Triebelt, der seit 1� Jahr die Tressen trägt, gab ihm einen Fußtritt ans rechte Schienbein. Vor dem Kriegsgericht beantragte ÄriegSgerichtsrat Dr. Nööler, wegen Mißhandlung eines Untergebenen die mildeste Strafe, acht Tage gelinden Arrest. Hauptmann Noltau bezeichnet den Angeklagten von sehr großein Pflichteifer, oft hastigem, unüberlegtem Wesen. leicht aufgeregt und nervös, lauter wenig empfehlenswerte Eigenschaften für einen Unteroffizier. Der Ver- leidiger, Oberleutnant Meyer, plädierte nur auf Verurteilung wegen vorschriftswidriger Behandlung. DaS Kriegsgericht erkannte wegen Mißhandlung auf die beantragte Strafe von acht Tagen gelinden Arrest._ Die dreijährige Dienftzeit in Frankreich. Stimmen gegen den Gesetzentwurf. Paris, 13. März.(W. T. B.) Die Bewegung gegen den Gesetzentwurf über die dreijährige Dien st- zeit nimmt in Paris und der Provinz täglich zu. Morgen findet unter dem Vorsitz des Professors Seailles eine große Ver- sammlung statt, in der mehrere Untversitätsprofcssoren sowie die Vertreter der Menschenrechtsliga, der frühere Deputierte de Pres- e n c e und der Schriftsteller Hyazinthe L o y s o n, der Sohn des verstorbenen Kanzclrcdners, gegen die geplante Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit ernstlich Widerspruch erheben wollen. Es heißt, daß nationalistische Studenten und Eamelots du Roi die Absicht haben, in dieser Versammlung Gegenkundgebnngen zu veranstalten. Der republikanische Wahlausschuß in Arnage(Departement Sarthe) nahm eine Resolution an, in der die dreijährige Dienst- zeit als eine gegenwärtig durchaus ungerechtfertigte Maßnahme bezeichnet und an die republikanischen Deputierten, des Sarthe- Departements die Aufforderung gerichtet wird, ihrem bei den Wahlen im Jahre 1919 gegebenen Versprechen gemäß gegen jede Vcrlän- gerung der Militärdienstzeit zu stimmen. In der sozialistisch-republikanischen Doputicrtengruppe führte der ehemalige KriegSminister M c s s i m h aus, daß es sowohl vom inncrpolitischcn wie vom internationalen Gesichtspunkte aus gut wäre, eine Ueberstürzung der Verhandlungen' über den von der Regierung eingebrachten Gesetzentwurs zu vermeiden. Er legte dar, daß verschiedene Matznahmen in Betracht kämen, um der deutschen Heeresvermchrung die Spitze zu bieten. Es könnte der ständige Teil der Armee durch Kapitulanten und Anwerbungen sowie durch eine ausgiebigere Verwendung des nordafrikanischcn Soldatenmatcrials vermehrt werden. Ferner könnte der Kriegsminister durch Paria- mentsbeschluß ermächtigt werden, durch 3, 4 oder 5 Jahre die frei- werdende Klasse kraft der ihm gesetzlich zustehenden Befugnis während einer gewissen Zeit unter den Fahnen zu behalten. Schließ- sich könnte auch der Gesetzentwurf angenommen werden. Dann müßte man ihn dadurch erheblich mildern, daß man den Soldaten während des dreijährigen Dienstes Urlaub im Gesamtmahe von 9 Monaten gewähre. Die Ausführungen MesfimhS wurden mit einmütigem Beifall aufgenommen. Der Vollzugsausschuß der radikalen und sozialistisch-rad'ikalen Partei sprach in einem einstimmig angenommenen Beschlußantrag die Hoffnung aus, daß die parlamentarischen Vertreter der Partei sich nur nach einer gründlichen Erörterung zu einer Abstimmung über die militärischen Kredite und die Tauer des Militärdienstes verstehen werden. Insbesondere soll aber die Frage geprüft werden, ob das Gesetz über die zweijährige Dienstzeit auch wirklich alle jene Mannschaftsbestände geliefert habe, die bei einer entsprechenden Anwendung des Gesetzes zu erwarten gewesen wären. Dngam. Ter Kampf um die Geschäftsordnuug. Budapest, 13. März.(Privattelegramm deS „Vorwärts".) In der Tonnerstagssitzung des Reichstags sollte die Beratung der geplanten Verschärfungen der Ge- schäftsordnung beginnen. Tisza ivill täglich zwei Sitzungen abhalten, um auch diese Vorlage möglichst schnell unter Dach zu bekommen. Die Opposition erschien zum größten Teil ent- sprechend dem Beschluß am Montag im Bcratungssaal. Die Regierungspartei und die Opposition waren für heftige Zu- sammenstößc gerüstet. Die Säle und Gänge des Reichstags waren mit Polizisten und Gendarmen gefüllt und warteten auf den Angriff der Opposition. Als der Reichötagspräsident Tisza die Sitzung mit einigen Worten eröffnen wollte, stand der oppositionelle Abgeordnete L.o w a s y auf und rief dem Minister und der Regierungspartei zu:„Gauner und Diebe seid Ihr alle, fort von diesen Plätzen. Ihr habt kein Recht, Euch die Macht anzueignen". Ein wüstes Geschrei der Öppo- sition erhob sich, nichts ivar vernehmbar als:„Gauner, Diebe, Betrüger!" Der Präsident läutete vergebens mit der Glocke, der Lärni dauerte nahezu eine Viertelstunde. Dann erhob sich wieder ein anderer Abgeordneter und wollte eine Rede halten. Er begann mit den Worten:„Meine Herren!" Aber sofort brach die Opposition los:„Herren? Gauner und Diebe seid Ihr!" Und wieder dauerte der Lärm eine Viertelstunde. Tisza verließ den Beratungssaal, und während der Lärm noch andauerte, berief er den Jmmunitäts- ausschuß zu einer sofortigen Sitzung. Gleich darauf erschien der Polizeioberinspektor Pawlik in Begleitung von mehr als hundert Polizisten imBeratungs- saal und wollte dort die Ruhe wieder herstellen. Der Führer der Opposition, Julius von Just, protestierte gegen das Eindringen der Polizisten in den Sitzungssaal, während sich der Polizeiinspektor auf seine Instruktion berief und erklärte, daß er den ihm vom Präsidenten des Reichstags erteilten Befehl auszuführen habe. Von dem Präsidenten wurde ihm eine Liste mit den Namen derjenigen Abgeordneten übergeben, die von der Polizei hinausgeworfen werden sollen. Auf der Straße sammelte sich das Volk, aus den Kasernen wurden Trupps Soldaten nach dem Parlament deordert. Nachdem die Polizei den Beratungssaal besetzt hatte, pro- testierte die Opposition in energischen Worten und erklärte, daß sie heute nur den Zweck verfolge, in dem Reichstags- Protokoll festzulegen, daß der Ministerpräsident Ungarns ein Panamist sei. Darauf entfernte sich die Opposition vollzählig. Nach der Entfernung der Opposition zogen die Redner der Reihe nach ihr Wort zurück und die Hausordnungsdebatte war in wenigen Minuten zu Ende, das Maulkorb- g e s e tz wurde angenommen. Die Opposition versammelt sich Freitag früh wieder; jedoch wird sie den Reichstag nicht betreten, da heute 10 Oppo- sitionelle auf 10 und 15 Tage aus dem Reichstage ausge» schlössen wurden. Am Sonntag sollen eine große Volksversammlung in Budapest und 50 Arbeiterversammlungen in den größeren Provlnzstädtcn abgehalten werden. Dänemark. Die Stadtverordnetenwahl in Kopenhagen. Kopenhagen, 12. März.(Eig. Bcr.) Am Dienstag fand die diesjährige Stadtverordnctenwahl in Kopenhagen statt, bei der unsere Genossen crivartet hatten, endgültig die Mehr- heit im Stadtvcrordnctenkollegium zu erlangen. Das ist leider nicht ganz gelungen; die Sozialdemokratie hat jedoch einen großen Erfolg errungen. Ihre Stimnicnzahl ist auf 55 164 gestiegen gegen 50 482 im vorigen Jahre und 44 845 im Jahre 1909. Die Liberalen erzielten 43725 Stimmen gegen 39 624 im Vorjahre und 36602 im Jahre 1909. Die Radi- kalen sind bei etwa 10090 Stimmen stehen geblieben. Die Mandate verteilen sich folgendermaßen: Sozialdemokratie 27, Liberale und Antisozialistcn 22, Radikale 5 und 1 Wilder. ES fehlt also nur ein Mandat an der Mehrheit der Sozial» demokratie. Die Wahlbeteiligung war außerordentlich lebhaft; 81 Proz. der Wähler haben gestimmt gegen 75,2 Proz. im vorigen Jahre... Auch in der Provinz hat unsere Partei gute Erfolge auf- zuweisen. In mehreren Städten sind sozialdemokratische Mehrheiten erzielt worden. Italien. Die Zukunftspläne dcS italienischen Militarismus. Rom, den 11. März(Eig. Bericht). Der militärische Mit- arbeiter des„Avanti", der Genosse Oberst z. D. Martini, be- handelt in einem Leitartikel vom 10. März die Pläne der italienischen Militaristen. Bis zum Jahre 1907 belief sich der italienische Truppenkontingent ans 90000 Mann trotz der nominell dreijährigen Dienstzeit in der Infanterie; mit der Einführung der zweijährigen Dienstzeit fiel der größte Teil der bisherigen BefreinngSgründe vom Militärdienst weg. Die Zahl der vom Dienst freigekommenen Rekruten sank von 94000 im Jahre 1907 auf 2/000 im Jahre 1912, indem man nicht mehr wie früher die jungen Leute freiließ, deren Vater über 60 Jahre alt war, die gleichzeitig einen Bruder unter den Waffen hatten usw. Jetzt plant nian nun, bis auf einige Kategorien einziger Söhne, alles unter die Waffen zu rufen, um, wie das Deutsche Reich, 1 Proz. der Gesamt- bevölkcrung im Heere zu haben. DaS heißt, daß man von 150000 Mann, die den jetzigen Kenttngent, und von 170000, die den bei 14 Armeekorps nötig werdenden darstellen, auf ein stehendes Heer von 340000 Mann steigen will. Auch für die Marine braucht man 10000 Mann mehr, 45000 statt 35000. Diese letzte Forderung ist die Folge einer unseligen Verschärfung der antifranzösischen Politik, die für Italien schon unter Crispi so unheilvoll ausschlug. Man meint, eine Flotte aufbringen zu müssen, die der französischen Mittelmeerflotte halbwegs gewachsen ist. ein Plan, der vom Größenwahn aus- geht und zum Bankrott führt. Wettrüsten in Italien. Rom, 13. März.(P. C.) Ter Marineminister hat in der Kammer daS neue Marineprogramm entwickelt und dabei der Ab» ficht der Regierung Ausdruck gegeben, ohne Unterbrechung auf dem bisher eingeschlagenen Wege der Lergrössernng der italienischen Flotte fortzufahren. Der Minister erklärte, haß der von der Mo-- rincvcrwalruiig aufgestellte neue Typ der großen e-chlachtschifse sich als ein großer Erfolg darstelle. Ohne selbstverständlich in tcch. nischc Einzelheiten einzugehen, bezeichnete er das neue Schiff als einen willkommenen Machtzuwachs der italienischen Flotte. <Äit ÖUii�nU�mC �flcJt�oJj�n /m** �rMm�td /mwwhwv* Über 34/000 ähnlich lautende schriftliche Anerkennungen! eif VI/ vt/ «> w VI/ vv V» Ä, hKO�IS«««««SSSSSKK� Unfcicr liebe«■] «»cnofjin und Siilin Friederike Schulz zu ihrem 70. Geburtslage die besten Glückwünsche! Mehrere Genossinnen und Genossen aj ... der 34. Abt., 4. Kreis. nj �S9i9i5.:5399MS€€€6ttS;£.®:'_ £«£«£:««••»«�SsGZi Unserem Ocnofftit » G W « « l�3X Üopsöi nebst Gemahlin � zur Silberhochzeit die besten Vr Wünsche. 28816 Berlin, den 14. März 1913. iDIe Genossen des 517. Bezirks, o !L 6. Kreis. Todes-Anzeigen SozlaldeinokratisctierWiitiivereiD Li �BerLReichslagswaiilkfels. Bezirk 63. Am Mittwoch, den 12. März, verstarb unser Mitglied, der Former Otto I�nnxnnKe (steinmefcstr. 28). Wchre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Sonn- abend, den 15. März, nach- mittage, 4 Uhr. von der Halle de! Luther- Kirchhofe» in Lank- witz auö statt. Um rege Beteiligung ersucht 205/12 Üer Voratand. Deutsciier Üolzariieiter-Verbaiii Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, das; unser Kollege, der Maschinen- arbeiter k�sul Rosin Gneiseaustratze 59, im Aller von 26 Iahren gestorben ist. stdhrc seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 15. März, nach. mittags 5 Uhr, von der Halle deS Hell. Kreuz-KirchhoseS in Marion- dors, aus statt. Den Mitgliedern serner zur Nachricht, das; unser Kollege, der Kistenmacher Ri'iino Kraft Neukölln, Sanderstr. 12, im Alter von 29 Iahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 15. März, nach- mittags 3 Uhr, von der Halls des Gemeinde- Friedhofe» am Mariendocser Weg aus statt. Um rege Beteitigung ersucht 80/10 Die Ortsverwaltung. Deutscher MetaUarbEiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, dag unser Mitglied, der Former Alo Langanke Steinmetzstr. 28, gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 13. März, nach. mittags 4 Uhr, bo» der Leichenhalle des Luther- Kirchhoses in Lankwitz au) statt. Ferner starb der Optiker am unser Mitglied, Karl Frieseeke Swinemünder Str 57 k am 12. März an Herzschlag. Die Beerdigung findet Sonnabend, den lo. März, nach, mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Friedens- Kirchhof«» m Nieder- Schönhausen �Nordend) aus stall. Ehre ihrem Andenken: Rege Beteiligung erwartet 114/17 vi« Ortsverwaltung. Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme bei der Beerdigung meine» lieben Manne», unseres lieben Vater» Jowef Manysoh sagen wir allen Verwandten. Freun- den und Bekannte», insbesondere der Firma Gwgowski u.(So., sowie den ArbeilStollegen mid dem Deutschen Hol, arbeiter, Verband unseren der,, lichsten Dank. 2585b Namen der tiestrauernden H�Mrbllebeneu Frau Frida Manysch. Am Mittwoch verstarb nach schwerem Leiden unser lieber Vater, Bruder, Großvater, der Zimmerer 2887b Vtto Wolfff. Die Beerdigung findet Sonnabend, nachmlltagS 1 Uhr, vom Trauerhauie Reukölln, Prinz- Handjery-Str. 66/67, nach dem städtis chen Friedhof Neukölln, Mariendorser Dcg. aus statt. Dies zeigen tiesbetrübt an die Hinterbl!�eneir����rst�z/o� höht—Pfiejän Zentralverband der Ziraiuerer Deiitschlaiiiis. Zahlstelle Berlin und Umgegend. Bezirk 20 Neukölln. Den Berussgenosicn zur Nach- richt, dag unser Mitglied Otto WoBff am 12. März verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet morgen Sonnabend, den 15. März, nach- mittag» 1 Uhr, Bom_ Trauer- Hause Prinz-Handjery- S kratze 66 aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Ikvr Vorutantl. Turnverein„Ficbte" Berlin. (M. d. Arb.-Turnerb.) De» Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Turngenosse Kari Rolta Mitglied der 7. Männerabieilung, am 12. b. Mts. Im Alter von 32 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet an, Sonntag, den 16. März, nach- mittags 2 Uhr, aus dem neuen Äirchhos in Äaumschulcnweg, ttics- holzstragc, statt. 186/2 Rcgc Beteiligung erwartet Der Borstand. Fü? ir die herzliche Teilnahme, die uns beim.Heimgänge»neinc» liebe» MaitncS und guten BatcrS Goatav Lilppstren bewiesen wurde, sagen allen lieben Kollegen, Freunde» und Bekannten herzlichen Dank. 28806 Ol« trauernden Hinterbliebenen Ferdinandine Lippstreu geb. Schstngloss Emmy Lippstrou. Tanksaguna. '■| eis?' lieben grau sage ich allen meinen Für die vielen Beweise' herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner Kolleginnen und Kollegen meinen herzlichsten Dank. 32A �Vllkolai Ikadtle« und Sohn Mader Straße 12 III. cnthnltend, welche nnch Angaben des GeEeimrats Professor Dr.Btahlschmidt aus den seit Jahrtausenden als heil kraftig bekannten Aachersor Thermal-Quellen Thermal-Shampon gesundet kranke Kopfhaut inor gesunden Kopfhaut gedeihen preis pro Flasche 30 Pf.— Zu haben WMWWW und kranke Haare. Nur auf einer gesunden Kopfhaut gecieihen bleiben in allen Hrogenhandlungen. Kngros: Werrmann& Co., Berlin Friedenau. Telephon: Uhlaml 3700._ �_ 26/14 J. 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Gastspiel des Philharmonischen Blasorchesters jk-rantwartl-cher RedaNenr: Alfred Wielrpp, Neusölln. Für den »>»!» Ml»ll»nd. Dirigent: Maestro Dorebo Tesone. Musikc. des 1. Siiardc-Dragoii.-Rcsrls., Dirig. Oberm. Baarz. Anfang S Uhr. Eintritt 50 Pf. Anfang 8 Uhr. wo4non�en: Gr. Nachmittags-Konzert beiEStm__________________________ Lnseratenteil verantw.: TH.Gl-cke, Berlin. Drucku-Verlag: Vcrwärts Buchdruckerei u. LerlogSanstalt Paul Singer u. Co 2ärhus JllbertSehumann. Heute Freitag, den 14. März, abends 71/, Uhr: Gr. biport- VorHtellong. U. a.; Herr Dir. A. Sehn mann mit seinen neuest. Creationen. Prolongiert! Prolongiert! lO I.lo-Hoi-Tuchn"» 10 Chinesische Gaukler, Sportspiele zu Pferde, geritten von 8 Herren. HV- Apachen-Tanz"MW der span. Clowns Carpi u.Noppi Um Ö'/i Uhr: UQ Der unsichtbare Mensch. 4 Bilder aus Indien. HfflfcW Täglich präz. 8 L hr abends: Vis Schonzeit- Säger. Ein Wald-IdyU in 2 Akten von Anton u. Donat Hcrrnfeld. liiebesprobe. Plauderei von Emst Klein. 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Keßler— u. das grvft. SpeziaUtätenprogramm Ied. 1. u. 16.: ProgrammwechseL Hiino.TIieatei- :: Marieiibad:: tmr Badstr. 35—3«. TM Heute Premlere. Im Honzert-Rentaurant: Heute großes Militär-Konzert. Für den Inhalt der Jnierate übernimmt die Redaktion de« Publikum gegenüber keinerlei Beranrwortnna. Berlins«.' Nr. 62. 30. Jahrgang. 2. KilM des JotiDöttf Kerlim llollietilatt Freitag. 14. Man 1913. Hbgeordnetenbaus» IVA. Sitzung. Donnerstag, den IL. März 1913, vormittags 10 Uhr. Am Ministertisch: Dr. Lentze. Die zweiie Beratung des Etats des �inanzministcriuins wird fortgesetzt bei der Beratung der Anträge betr. Rein u nc- r a ti o n s s o ii d S für Beamte betr. Erzichiiiigsbcihilfcn für Beamte und Teuerungszulagen an kinderreiche llntcrbcnmte. Die B u d g e t k o in in i s s i o n verlangt Vorlegung eineS Nach- tragsetats für 1013 mit Teuerungszulagen an kinderreiche Unter- beamtc abgestuft nach der Kinderzahl. Ein Antrag Porsch lZ.) will diese Teuerungszulage auch auf mittlere Beamte, bis 4500 M. Gehalt, ausgedehnt wissen. Abg. Viereck(ff.) spricht für den Konunissionsantrag. Abg. Dclius(Vp.): Die Remunerationen unterstützen nur das Strebertutii. Statt dessen sollte nian kinderreichen Beamtenfamilien feste Vergütungen gewähren. Mit einer Durchbrechung der Besol- dungsotdnung ist man im Reich nicht so ängstlich. Natürlich wollen auch wir nicht, das; etwa die ganze Beamtenbesoldungsfrage wieder aufgerollt wird. Durch Kinderbeihilfen wird ein sozialer Ausgleich geschaffen. Vor allem sollte die verkehrte Servisklasseneinteilung des Wohnungsgeldes endlich geändert werden. Der Antrag des Zentrums, der sich auf die mittleren Beamten bezieht, geht uns zu weit. sHört hört! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Ströbcl(Soz.): Die gegenwärtige Remunerationsfondswirtschaft halten auch wir für eine unrichtige, die zum Teil zur Korruption führt, aber auch die Verwendung dieser Gelder für allgemeine Wohl- fahrtseinrichtungen, wie das vom Zentrum beantragt ist, erscheint uns vom Uebel. Die RemuneralionsfondS sollten vielmehr nach festenGrundsätzen vergeben werden. Dann zu der wichtigsten Frage der Kindcrzulagcn. ES ist interessant, daß vor allem das Zentrum hier nur für Kinderzulagen eintritt, anstatt zu fordern, daß zunächst einmal allen Beamten eine Zulage gewährt wird. Wir haben noch keine Statistik über die Zahl der Kinder unserer preußischen Beamten, aber die Verhältnisse werden wohl ähnlich liegen, wie im Reich. Nach der Reichsstatistik haben nur 39,3 Proz. aller Ilntcrbeamlen mehr als zwei Kinder. Also mehr als 60 Proz. der Ilnterbcamtrn würden bei solchen Kinderzulagen leer ausgehen. Und ivenn man etwa glauben sollte, daß die Zahl der kinderreichen Familien durch die Gewährung solcher Beihilfen vermehrt werden würde, so beweist die Statistik das Gegenteil. Es triffr durchaus nicht zu, daß die besser situierten Beamten mehr Kinder haben, im Gegenteil haben von den mittleren Beamten nur 26,0 Proz. mehr als zwei Kinder, von den höheren Beamten nur 24,2 Proz. Daß sehr große Schichten'der Beamten mit ihren jetzigen Gehältern durchaus unzufrieden sind, beweisen die zahlreichen Petitionen, die uns z. B. beim Eisenbahnelal zugegangen sind. So fordern 1». B. die Weichensteller und ähnliche Beamten Erhöhung ihres Gehalts von 1100 bis 1600 M. auf 1600 bis 2100 M. und Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusscs auf des Wohnungsgeld- Zuschusses der mittleren Beamten. Das ist dasselbe, was seit Jahr und Tag von der sozialdemokratischen Fraktion für die Unterbeamten gefordert worden ist, was die Mehrheit dieses Hauses aber nicht gewähren will. Und ebenso Iverden von vielen anderen Beamte nkategoricn Gehaltserhöhungen von 200, 300 bis 500 M. verlangt und Erhöhung des Wohnungsgcld- Zuschusses um 64 bis 246 M. im Durchschnitt. Also die Notlage der Beamten werden Sie nicht be st reiten können, vor allem mit Rücksicht auf die herrschende Teuerung. So hat das Reichs- lartell der Verbände der Beamten der staatlichen VcrkehrSanstaltcn nachgewiesen, daß die Kosten der Ernährung einer vierköpfigen Familie in allen Provinzen durchschnittlich um 3 M. pro Woche sich erhöht haben sHört! hört! bei den Sozialdemo- kraten) und zwar in einem Zeitraum von' noch nicht zwei Jahren. Das sind 150 M. im Jahr, also dasselbe was ein großer Teil der Beamten überhaupt nur erhalten hat durch die letzte Bcamtenbesoldungsreform, von der Sie soviel Rühmens gemacht haben. Eine ganze Anzahl Beamten haben damals kleines feuilleron Freudvolle Arbeit. Freudvolle Arbeit! Welch ein Glücks empfinden liegt nicht in diesen beiden schlichten Worten und welch ein Sehnsuchtsgefühl beschleicht dabei nicht unser Herz. Nur wenigen ist es ja heute vergönnt, freudvolle Arbeit zu leisten. Den großen Scharen des Volkes ist eine solche Arbeit fremd, ist solche Arbeit nur ein Ziel für kommende Zeilen, das Ideal einer kommen- den Welt. Die steigende Arbeitsteilung und Spezialisierung, die der Kultuo fortschritt stets bedingte und weiter bedingt, bringt zwar in allen Berufen ein gewisses Einerlei mit sich. Aber wenn die Arbeit auch noch so gleichförmig ist, so ist dennoch eine freudvolle Arbeit niög� lich, denn die Arbeit an sich ist cö weniger, die uns erfreuen muß, als der Drang, der uns zur Arbeit treibt, und der Zweck, den wir unserer Arbeit setzen. Ein innerer Drang für das Ganze zu schaffen, muß uns zur Arbeit treiben, ein erhabener Zweck, dem Ganzen zu leben, muß unsere Arbeit beseelen, dann geht das Innerste des Menschen in seiner Arbeit auf, dann wird die Arbeit, mag sie äußerlich auch noch so gleichförmig sein, eine durchgeistigte Arbeir. dann wird sie eine Arbeit voll Freude und Glück. Wie wenige vermögen aber heute mit ihrer Arbeit dem Ganzen zu dienen. In letzter Linie bat gewiß auch die Gesamtheit ihren Nutzen, doch gilt die Arbeit zunächst und vor allem dem Interesse einiger Weniger, der Gewinnsucht einiger Besitzenden. Und darum mit Recht jene fehlende Freude, darum mit Recht jener fehlende innere Genuß. Welche Unnatur! Wie eine Maschine ist der Mensch bei seiner Arbeit, tot und kalt, und das ganze innere Fühlen und Drängen steht abseits vom Wege, der ganze heilige, natürliche Trieb des Menschen für das Ganze zu arbeiten und zu wirken und zu schaffen. Die kapitalistische Entwickclung hat den Arbeiter nicht nur von seinem Produktionsmittel getrennt, sie hat ihm auch den Geist von feiner Arbeit genomnien. Man nutzt einseitig die Arbeitskraft und läßt den Geist und das Gefühl ganz außer acht, vielleicht ver- iümmern, während das Schaffen der ganzen einheitlichen Persön- lichkeil der Natur entspricht und darum der sittlichen Pflicht. Nur die sozialistische Gesellschaft vermag auch hierin natürliche und sittliche Verhältnisse zu schaffen. Erst wenn die Produktions- mittel in das Eigentum der Gesellschaft übergegangen sind, vermögen wir durch unsere Arbeit dem Ganzen zu dienen, mit dem wir uns eins fühlen, erst dann können wir unsere ganze Seele in unsere Arbeit hineinlegen, unsere ganze, große, tiefe Liebe zur Menschheit, erst dann leisten wir eine freudvolle Arbeit von nicht nur großem wirtschaftlichen, sondern auch hohem ethischen Werte. Echte Begeisterung. In der.Post" veröffentlicht ein Herr Egon Noska über den Tod Kaiser Wilhelms in der Dichtung einen längeren Aufsatz. Gleich zu Anfang stürmt der begabte Mann also-in die Saiten: »Kaum jemals hät ein geschichtliches Ereignis «inen so gewaltigen Niederschlag in der Poesie gehabt, als der Tod Kaiser Wilhelms I. ani 9. März 1888. Die große, tiesgehende umere Erregung, die sich d«s deutschen Volkes bemächtigt hatte, fand einen tönenden Ausdruck nur 40 bis 90 M. Gehaltserhöhung bekommen. Daß neben den Lebensmitteln auch die WohnungS- mieten enorm gestiegen sind, bestätigt ebenfalls die Petition des genannten Reichskartells. Noch am 16. Januar 1013 bat auch der Zcntnimsabgcordncte B a r t s ch c r eine Erhöhung deS Mindest- gchalts der Uiitcrbeamtcn in Form einer Teuerungszulage von 100 Mark verlangt. lZuruf im Zentrum Der Minister hat daS abgelehnt!) Sie kümmern sich ja sonst den Teufel um die Minister, wenn cS gilt, Gesetze zu ver- hindern, wie die Feuerbestattung, die Vcrpfaffung der Fortbildungsschule, die R e i ch s f in a n z r c f o r m uslv. «Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Aber wenn es gilt, Versprechungen gegenüber den Beamten einzulösen, dann haben Sie auf einmal keine Macht. Wenn Sie die Macht wirklich nicht haben, dann nehmen Sie nicht vorher den Mund so voll. Jedenfalls stelle ich fest, daß das Zentrum das, was eS den Beamten im Sommer versprochen bat, nicht halten wird. Ich habe damals gleich nicht recht daran geglaubt und halte es jetzt für meine Pflicht, dies zwiespältige Wesen, diese abgrundtiefe Heuchelei des Zentrums zu brandmarken. Natürlich wird es versuchen, den Beamten die Wahrheit vorzuenthalten.(Zuruf im Zentrum: Olle Kamellen! Abg. H o f f m a n n: Gewiß, das sind olle Kamellen, das machen. Sie immer so!— Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Deshalb haben auch bei den letzten Reichstagswahlen so viele Beamte für uns gestimmt.(Zuruf rechts: Woher wissen Sie denn das'() Wenn in manchen Bezirken fast alle Stimmen der Wahl- berechtigten für uns abgegeben werden, so ist diese Folgerung wohl zulässig. Eine so verfassungS- und gesetzwidrige Kontrolle wie S i e(nach rechts) über wir natürlich nicht. Sie wollen ja auch die Wahlurnen nicht, um weiter Ihre Wahlmogeleien betreiben zu können.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Also ich stelle fest, daß da? Zentrum wieder einmal umgefallen ist. Dabei hat eS sich auch in eklatantem Widerspruch mit der ZcntrumSfraktion des Reichstages gesetzt, die noch am 14. Fe- druar 1013 durch den Abg. Nacken nicht Kinderzulage», sondern eine allgemeine Zulage von 100 M. verlangt hat. Gegen die Kinderzulagen haben sich selbst Beamten- organisationen wie der Verband der unteren Post- und Telegraphenbeamten erklärt. Auch die Freisinnigen und National- liberalen sind im Reichstag für eine allgemeine Aufbesse- rungder llnterbeamten eingetreten. Wir werden trotzdem für den Antrag deS Zentrums auf Kinderzulagen stimmen, weil wir ihn für den ersten Schritt auf der Bahn unserer Wünsche halten, der Sie zwingen wird, weiterzugehen. Sie werden mit den Kinderzulagen bei den�Scaniten nicht Halt machen können, sondern sie auch auf die Staatsarbeiter ausdehnen müssen und die weitere logische Konsequenz wäre, daß auch kinderreiche Familien in Privatbetrieben höhere Löhne erhalten. Wir stehen aller- dings auf dem Standpunkt, daß der Staat dafür zu sorgen hat, daß die Kinder aller Staatsbürger satt zu essen haben, weil nur dann eine wirkliche Ausbildung in der Schule gewährleistet ist, Also mit dieser Forderung geraten wir allmählich in gerade von Ihnen so geschmähte s o z i a l i st i sch e Z u st ä n d e hinein. Hätte die Mehrheit schon im Januar die Zulage von 100 M. für alle llnterbeamten beschlossen, dann hätte die Regierung nicht den Mut gehabt, daS Odium der Ablehnung auf sich zu nehmen. Statt dessen erklären Sie jetzt in demselben Augenblick, wo Sie den reichsten Leuten in Preußen ein Steuergeschenk von 52 Millionen machen wollen, Sie Hütten für die Unter- beamten kein Geld und bringen in letzter Stunde einen Antrag ein, den der Minister für undurchführbar erllären muß. Daraus geht hervor, daß Sic ernstlich gar nichts für die llnterbeamten tun wollen, daß Sie sie lediglich wieder cinmal einseifen wollen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Fahren Sic nur so fort, dann wird sich Ihr Schicksal erfüllen.(Lebhafter Beifall bei den Sozial- demokraten.) Abg. Dr, v. Savigny(Z.) empfiehlt den Antrag Porsch, die Gc- Währung der Kindcrzulagcn auf mittlere Beamte bis zum Gehalt von 4500 M. auszudehnen, und sucht die Angriffe des Vorredners gegen das Zentrum zurückzuweisen. Es werden ja im Nachlragsetat Mittel für die llnterbeamten angefordert, außerdem verlange der ZentrumSantrag noch in dieser Session einen Gesetzentwurf über die Kinderzulagen. Vizepräsident Porsch: Der Abg. Ströbel hat mit Bezug aus in taufenden von Gedichten. Daß die Poeten von Ruf und Be- deutung sich solch eine bedeutungsvolle Begebenheit nicht entgehen lassen mochten, ihre Stimmung, ihre Gedanken über das Ereignis in Versen ausklingen zu lassen, war begreiflich, aber auch das Volk dichtete. Hilter dem Eindruck des alle erschütternden Todesfalles wurden alle zu Poeten. Nie vordem und nie nachdem ist ein Geschehnis so oft Gegen st and der poetischen Behandlung gcivese n." Es liegt uns völlig fern, gegen die patriotischen Anwandlungen des Herrn Noska an dieser Stelle polemisieren zu wollen. Dazu find sie, von allem anderen abgesehen, zu gleichgültig. Ebenso wenig wollen wir die bürgerlichen Empfindungen, die beim Gedanken an den alten Wilhelm wach werden mögen, von unserem Standpunkte aus korrigieren. Dazu ist der ganze Anlaß zu nichtig. Uns interessiert der literarische Unfinn nur, weil er ein bezeichnendes Licht auf die Echtheit der Eni pfindungen wirft, mit denen diese Herren soeben die Volkserhebung von 1813 gefeiert haben. Die sogenannten Befreiungskriege, von denen man zunächst nicht wissen konnte, daß sie von einem namenlosen Volksbetrug begleitet sein würden, haben ja in ver Tat einen Kranz unvergänglicher Lieder hervorgebrackit. �Aber wozu hätte.der junge Körner seine hoffnungsvolle Seele wohl ausgehaucht, wenn er nicht von Herrn Noska mit dem.gewaltigen Niederschlag' in Parallele gestellt werden sollte, den in Herrn Noskas vortrefflichem Deutsch der Tod des alten Wilhelm„gehabt' hat? Und wozu hätte Heinrich v o n K l e i st seinen zwar reaktionären, aber gigantischen Napoleonhaß in die Hermannschlacht gegossen, wenn nicht, um die Gesellschaft der Scherenberg, Dahn, Zolling usw. zu kommen. Gerade ivenn man die Größe des Jahres 1313 nicht ver- kennt, ist es so unendlilb widerwärtig anzusehen, wie ihre Dichter aus byzantinischen Gründen neben allerhand dynastische Sänger gestellt werden, zu denen sie sich verhalten wie daS Ungewitter eines Volkskrieges zu einer Potsdamer Wachtparadc. Vorausgesetzt, daß Herr Noska sie nicht etwa eine Stufe tiefer stellen will, was nach seinem Artikel auch nicht ganz ausgeschlossen ist. Die Farbcnorgirn der neuesten Mode. Ucber die Narreteien de? jüngsten Modelurses, den die Modeunternehmer kommandieren, wird aus Paris berichtet: Das Rennen von Auteuil bringt alljährlich die erste Schau über die neuen Moden, bringt die sensationellen lieber- raslbungc» der Frühlingstoiletten. Diesmal waren es unerhörte Farbeninfonien, die den beherrschenden Eindruck hinterließen: nie wohl vorher hatte ein so bunter Jahrmarkt der Eitelkeiten die Augen beunruhigt. Wäre ein Wettbewerb für die originellste Toilette aus- geschrieben worden, so hätte der Preis wohl jener Dame zuerkannt werden müssen, die in einem Kleid aus schwarzem Chiffon erschien, das mit riesigen gelben Flecken, so groß wie kleine Apfelsinen übersät war. lieber dem goldig schillernden Gewand trug sie dann noch einen grellgelben Frack mit zwei langen Schößen. Ein anderes koloristisches Wunder bot ein langer russischer FrllhlingSmantel von leuchtendem Jndigoblau. mit goldeiiein Brokat besetzt, unter dem ein stark violetter Rock zum Vorschein kam. Recht merkwürdig stand auch ein eisengrauer mit Hellblau garnierter Rock zu einem kleinen knappen Jäck- chen in Stahlblau. Dieses Kostüm zeigte seine besondere Or>gi>-�ttäl in einer großen Tasche, die von der rechten Seite aus quer über den Rock hing. Man sah der Trägerin das stolze Bewubtseia an, Mitglieder des Hauses den Ausdruck gebraucht:„Das kennzeichnet Ihre abgrundtiefe Heuchelei'. Für diese Beleidigung von Mitgliedern des Hauses rufe ich ihn zur Ordnung.(Lebhaftes Bravo! bei den bürgerlichen Parteien.) Hierauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen. Der Antrag Porsch(Z.) wird abgelehnt, die Anträge der Budgetkommission werden mit dem Zusatz Gottschalk(natl.), die Teuerungszulagen außer den llnterbeamten auch den mittleren bis zum Gehalt von 3000 M. zu gewähren, angenommen. � Die Anträge auf Remunerationen und Erziehungsbeihilfen an kinderreiche Familien werden an die Budgetkommtsfion zurück- verwiesen. Damit ist der Etat erledigt. Es folgt die Beratung über den Antrag Wenden(k.>, der im nächsten Etat Mittel zur Bekämpfung des Kinderelends fordert. Abg. Wucrmcling(Z.) wünscht bei der Verwendung dieser Mittel besondere Berücksichtigung der konfessionellen Vereine. Abg. Hirsch(Soz.): Meine Freunde werden trotz mancher Bedenken im einzelnen dem Antrage zustimmen. Im Gegensatz zu dem Vorredner halten wir die Bekämpfung des Kinderelends in erster Linie für eine Aufgabe von Staat und Gemeinden, Privatvereine dürfen nur f u b- s i d ä r in Frage kommen. Entschieden müssen wir uns dagegen wenden, daß man auch bei dieser Gelegenheit die konfessionellen Gegensätze hervorkehren soll. Wir haben nicht danach zu fragen, welcher Konfession diejenigen angehören, die sich die Bekämpfung des Kinderelends zur Aufgabe machen, sondern haben lediglich das Ziel ins Auge zu fassen. Die von dem Minister angekündigte Denkschrift über das Kinderelend in Preußen bitte ich zu beschleunigen. Der Vorredner hat seiner Genugtuung Aus- druck gegeben, daß der Antrag noch vor Ostern zur Verabschiedung kommt. Er hätte die Genugtuung billiger haben können, wenn er und seine Freunde im vorigen Jahr für unseren Antrag gestimmt hätten. Wir haben allen Grund, darauf hinzuweisen, daß wir in diesem Hause die e r st e n gewesen sind, die die Anträge auf Be- kämpfung des Kinderelends eingebracht haben, aber diese Anträge haben Sie, weil sie von uns gekommen sind, abgelehnt.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag wird angenommen. Debattelos angenommen werden Anträge betreffend die Für- sorge für die gefährdete oder verwahrloste Jugend und die Unter« stützung des Bezirkshebammenwesens. Hierauf vertagt sich das Haus. Abg. v. Braiidcustein1. mehr Anz. Westerland Oliv, glitt, braun und gi Unlieber Cheviot Für lOjlhr. Knaben 10 IL Jedes ältere Jahr 30 Pf. mehr Pyiack Prln* Heinrich Dunkelblauer Cheviot auf Sergefutter gearbeitet Für 2-3iihr. Knaben 7 H. 80 Jedes ältere Jahr 60 Pf. mehr. Pysack Bornholm Covercoat in allen Sportiarben, elegante Ansführong Für 3-4 jähr. Knaben 11 M. SO Jedes ältere Jahr 1 M. mehr. Bozener Mantel Glatter od. gemnst Strlchlodon. sehr praktisch, fltr Knaben und Mädchen. 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März. vormittags 9 Uhr, bei Zlanser, Reichenberger Str. 154. Tag esordnung: Wahl der Delegierten zur General- Versammlung. Bahlzcit von 9—2 Uhr. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Ortsverwaltung. F.A.: F. Rennecke, Schlesische Str.ZVo. Ärtefop-Raillalirer- Bunii Solidarität Ortsgruppe Berlin. Touren zum Sonntag, de» 16. März. Die Frühtouren falle» wegen der Flugblattverbreituug aus. 1. Abt.: 1 Uhr: Lichtenrade(früher Dcter). 2. Abt.: 1 Uhr: MahlSdorf-Süd (Heidekrug). 3. Abt.: 1 Uhr: Malchow(Wange- «wskh). 4. Abt.: 1 Uhr: Lichtenrade(Paul). 5. Abt.: 12'/, Udr; Petershagen (Zum alten Deffauer). 6. Abt.: 1 Uhr: Hirschgarten (Bilhelmshos). 7. Abt: 2 Uhr: Röntgental(Marx). 8. Abt.: 2 Uhr: Maricndors(Ge- fellschaftshaus). 9. Abt.: VI, Uhr: Frz.-Buchholz (Kähne). 10. Abt.: 1 Uhr: Heiligensee. Start: Echulstr. 29. Sämtliche anderen Starts an den bekannten Stellen. 10/13 ITÄr Vereine! Lftersonntag. mittelgr. Danz- saal, event. m. Musik, unentgclllich, bei vorheriger Vereinbarung großes Entgegenkommen.— Angenehmer Auscnthalt im Lokal. Billard, Kegelbahn.?!. Feiertag sowie jeden Sonntag: Freitanz. 288Kb Bakofiser, Bohnsdorf-Grünau. _ Telephon 225. Export nach allen Weltteilen. Löwen-Gold in Kannen, Siphons, Flaschen US>erall käutlfch [ oder Fcrnspr. Nord. 10370—10372. Löwen- Brauerei A.-G., Berlin N...1* Achtung! Vereine! Empsehle memen gr. Saal sowie berri. Naturgarten zu Sommer- fefteu und Versammlungen. Sonnabende vom?lprU bis Sept. mit Spezialitäten gratis zu vergeben, sowie 1. Mai, srüb, noch srei zu Versammlung. Bitte um gütigen Zuspruch. Kar! Eisermann,„Blyslnm". Landsberger Allee 40. Amt Kg st 2617. TuchsJ°lle Anzugstoffe, Hosenstoffe, Reste »ehr'uiiTff. MolkEDinarkt 12-18 ftMr Tucblager Carl Engel. T otal- Ausverkauf Wegen vollständiger Geschäftsaufgabe Bis I. April muss alles geräumt sein. Verkauf zu fabelhaft billigen Preisen. 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Welche Verbesserung unserer wirtschaftlichen Lage baden wir von dem neuen Vertrage zu erwarten? 2. Dislussion. 3. Verbands- und Branchen- angelegenhellen. Das Erscheinen aller Kollegen erwartet 80/9 Die Branchenkommiisiou. Oz-tsvci-wiiltoiiL: Berlin. Sonntag, den 16. März, vormittags 10 Uhr, bei W i l k e. Sebastianstr. 39: süs Versammlung der Daclideclier und Hilfsarbeiter. Tagesordnung: 1. Vortrag des Arbeitersekretärs Genossen Gustav Link über: Der Ba«' arbeiterschuh, wie er ist und wie er sei» sollte. 2. Verbands- angetegeiihellen. DaS Verbandsbuch legitimiert. Ohne daSsclbc kein Zutritt. ! Bo 51/3 ______ Der Borftand. Xene Berliner GenoaseiiMchafts-Backerei. (Eingetragene Genossenschast mit beschränkter Haftpflicht.) Belnlckendorf-Ost, Witkeftr. 62. Bilanz am 31. Dezember 1912. Aktiva. M. Waren-Koiito..... 6 041,35 Bctriebs-Unkostcn-Konto. 175,00 Gespann-Ilnkosten-Konto. 1 850,25 Kassa-Konto.,... 1 778,21 Bank-Konto..... 1 202,20 Esfekten-Konto.... 379,40 Grundstück-Konto... 33 000,00 Gebäude-Konto 166 930,00 Abschr. 3330,00 163 600,00 Maschinen-Konto ?ttfchi-._ Invcntar-Konto Abschr.� Gespann-Konto Abschr.. 2 700,00 3000,00 300,00 850,00 100,00 750,00 15175,0») 2775,00 12 400,00 960,76 Passiva. M Konto d. Genossenschaster 950,00 Hypotheken-Konto.. 180 000,00 Darlchns-Konto... 12 065,00 ReservesondS-Konto., 15 823,38 Konto-Korrent-Konto Kredilorcn.,.. 15098,79 Konto-Korrent-Kottto Debitoren..... 224 837,17 j j 224 837,17 Im Lause deS GefchästsjahreS hat sich die MllgNcderzahl nicht der- ändert und beträat 19 Genossen. Das Gcschäftsgutbabcn sowie die Gcsamthastsumme der Mitglieder haben sich nicht verändert und betragen am 31. Dezember 1912 je 950 Mark. Reinickcndors, den 12. März 1913. 104/7» Der Borftand. Robert Engel. Karl Marsche). Special Jjell Flasche 10 Pf. Ueberau käuflich! � Ln�elhAnJi\ BarsutoMoteUmta. toOl— n. ftlncttflzvackea flbwall TMltlich. FabriS: Urboa GLomno. Cbartottacbor« Gin Qualitäsbm Dkiltscher MetaIIiirl>kiter-NrrI>l>ni>. Verlvaltungsstelle Berlin» C. 54, Linicnstraße 83/85 Verwaltung: Telephon: Amt Norden lS87. Kasfterer: Amt Norden l8ä Arbcitsnachwei»: Amt Norden lü39, 9714. So«�»tag, den Ii». März voll 10 Uhr vormittags bis 1 Uhr mittags findet die Nah! von zwei Baukontrolleuren ' in folgenden Lokalen statt: KacierovsKis Restaurant, R»vc„otr.«. Obiglos Festsäie,»Chwedter Str. 23/25. Giiesehes Restaurant, Kopcnh»eener»tr. 74. Voigts Theater,»«».t-. s». Frankes Festsäie, Bwd.tr. i®. Nebels Restaurant, nax.tr. wb. Kronen-Brauerei,*7/4». Wiemers Festsäle, Biuow.tr. s». Gewerkschaftshaus, �-«i-or 15. SUdOSt, Waldemar.tr. 76. Schünemanns Restaurant, ah» jskob.tr. 144. Eiekes Restaurant, sch#niein-tr.«. Stralau-Rummelsburg, Cafe Believue,"Ä 2. Lichtenberg, Erteil, p»«rr«tr. 74. Comenius-Säle, Hemeler Str. 67. Boeker, Weber.tr. 17. Neukölln, Bartsch, Ber»,s»i».tr. 46. „ Zlbell, Elbe.tr. 8. „ Iden, Hsr.er Str. 88. Rüekheim, Ber..tr. 67. Tempelhof, Wilhelmsgarlen, Berliner Str. 6. Gharlotlenburg, Volkshaus, 3. Köpenlck-Friedricbshagen, Lehmann,««p-n-ek. Bahnhof.tr. 44. Steglitz, Clement, Bdppel.tr. 7. Ober-Sehöneweide, Warnicke, w,,.h,r,«,ß,cn58hÄr' idiersbof, Restel, Fricden.tr. 14. Weißensee, Peukert, Beniner au«®«51. Tegel, Heinicke, Bpnnow.tr. as. Spandau, Mardetzky, Bi.marck.tr. 8. Pankow, Rozyeki, Bren-.tr. 24. Ohne Mitgliedsbuch kann niemand wählen« Tic Stimmzettel werden am Ntngan« zu den Wahllokalen verteilt. Wahlleiter ist der Kollege Adolf Cohen, Linienstragc 83/85. Sonntag, den»6. März 1913, vormittags 10 Uhr: Utrsammlulig aller in Snlhdrniklnasihinkn- sabrikeli beschäftigten Kollegen in Witwc Augustins Festsälen, Oranicnstratze 103. Tagesordnung: l. Vortrag des Kollegen Blanke. L. DiSkusfion. 3. Werlitattangelegenheiten und Verfchiedenes. Pflicht aller Kollegen ist es, in dieser Bersammlung zu erscheinen. Sonntag, den 10. März 1913, nachmittags 3 Uhr: Rersaninllnng der Kniaillierer von Hohen- Ichönhansen, Lichtenberg u. Wkißensee im Lokal von Reicher, Hohenschönhausen, Berliner Straße 33. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskuffion. 3. Betriebsaiigclegenhciten. Nach der Versammlung: GkMÜtiilhkS KkisaMMkNstlll. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung werden die Kollegen ersucht, zahlreich zu erscheinen und speziell ihre grauen mitzubringen._ Die zu Sonntag, den 10. März, angesetzte Kranchrnonsaminlnng der Eisen-, Metall- mi> Renoloerbreher im Rnabschleiftr findet nicht statt. Montag, den 17. März 1913: Bezirks- Versammlungen für die getarnte Verwaltungsitelle Berlin in solgcndcn Lokalen: Norden: FbarnH.aie, Müllerstr. 142, abends 8'/, Uhr. Norden' Bblelo» Fe«t.dle, Schwedter Strasie 23, abends Norden: Franke. Fe.t.dle, Badftr. 10, abends S'/z Uhr Uantinn-..SwlneniUnder ve.ell.ebatt.ban.-', Swine- IlUl Uvll. Münder Strohe 42, abends 81/, Uhr. Tanol* Wohlfart. Fc.t.dle, Reinickendorf-Weit. Eichborn» ICyCl. strafte 18. abends 6 Uhr. Moohit* Boablter Ge.ell.chaft.hana, Wiclefstr. 24, mUaUll. abends 8',, Uhr. Westen und Schöneberg: �""��"�chpneber" Hanptiir. 30/31. abends 8'/, Uhr. Osten: EonienlnaKtUe, Memrler Strafte 87, abends 8'/, Uhr. Lichtenberg: SfÄÄ J- Erte,t' 74' Stralau und Rummeisburg: Bericht und Reuwahl der Bezirksleitung. ttfoistoneaa' Fenkert. Fe.t.SIe, Berliner Allee 251, B ClUCUaCC. abend» 5'/, Uhr CnHonhOTlpIro', Bismarckstr. 8, abends Oberschöneweide, Niederschöneweide, Johannisthal II lltD ff* im Lokal von Procbow.kl, Rathausftr. 13 11161 II. Ulliy..(gegenüber der Post), abends 8'/. Uhr. Tagesordnung in allen Versammlungen: t. Bericht von der austerordentl. lOeneralversammlung. 2. Stellungnahme zur ordentlichen Generalversammlung. UV Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.-WG Pünktliches Erscheinen sämtlicher Kollegen und Kolleginnen ist erforderlich. nie Ort.verwaltnnx. Achtung! Erwerbslose(Kranke). Wegen der Osterfeiertage und de» QuartalsschlnffeS finden die Zahlungen der Unterstützung wie folgt statt: Am Mittwoch, den 19. März wird für den Mittwoch, den 19. März und Donnerstag, den 20. März gezahlt. Am Donnerstag, den 20. März wird für den Freitag, den 21. März und Sonnabend, den 22. März gezahlt. Am Karfreitag bleibt das Bureau den ganzen Tag geschlossen. Am Sonnabend, de» 22. März wird für de« Montag, den 24. März bis 12 Uhr gezahlt. Nachmittag geschlossen. Am Dienstag, den 25. März wird für den 25. März nur bis mittag 12 Uhr gezahlt. Nachmittag geschlossen. >W Wegen QuartalsschlnffeS werden sämtliche Bücher eingezogen und bleibt das Bureau am Dienstag, den 1, April, den ganzen Tag geschlossen. Wir ersuchen unsere kranke» Mitglieder, ihre Unterstützung bis zum Montag, den 31. März abheben zu laffeu; ausgenommen davon sind diejenigen Kollegen, welche ihre Unterstützung erst nach Beendigung der Krankheit abheben. lll/U?_ Die Ortaverwaltang. Verband der Haler, Saeklerer, Anstreicher Bureau: Melchiorstraße 28, pari. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. TUiste Serlin. usw. Arbeitsnachweis: Rückerftroße 9 Fernsprecher: Amt Norden 6708 Maler! Achtung! Anstreicher! Die Ortsverwaltung hat beschlossen, dast in allen Werkstellen, in denen die Kollegen ausgesperrt sind, auch die Kollegen die Arbeit niederlegen müssen, die nicht mit ausgesperrt wurden. Es sind alle Werkstellen als gesperrt zu bettachten, die die Aussperrung vorgenommen haben. M7/I2- Die Ort.yerwaltung. Achtung! 6—700 Amiigk sowie Zowmerpalttotsli.Mer Nonat.xarderobe in seiiiilen Werkstätten Berlins gearbeitet, teils aus Seide, jür jede Figur Passend, verkauft zu staunend billigen Preisen I�atksn Wan 112!) Skalifter Str. 12». Hochbahnstation KottbuserTor. Bitte im eigenen Interesse auf Hausnummer zu achten. Abt. II: Xeuo Garderobe. 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Sozialdemokratische Wahlcrfolgc in der Schweiz. Zürich, II. März. sEig. Wer.) In den Kantonen Aargau, Waadt und Tessin haben die Kanton sratswahlcn statt- gefunden, wobei unsere Partei zum Teil ihre Vertreter-, so ziem- lich durchwegs ihreo-ie,s!9i>eden gcschäfte der Zcntralleitung werden von zwei festangestellten Sckrc- tärcn und drei Propagandisten besorgt, Die Provinzen mit den meisten Parteigruppen sind Fricsland(74) und Südholland(53). Diese letztere birgt die gröhte Zahl der Mitglieder, nämlich 5694, wovon sich in Amsterdam allein 3329 befinden. In de» drei grossen Städten des Landes ist die Partei trotz des beschränkten Wahlrechts im Gemciuderat vertreten, und zwar in Amsterdam durch 12 Ge- nossen in Rotterdam durch 3 und im Haag durch 6. Die soziali- stischen Gcmcindcrätc haben sich im letzten Jahr um 12 vermehrt. Aus der amerikanischen Partei. New?)ork, 1. März.(Eig. Bcr.) Von den 33 999 Mitgliedern der sozialistischen Parteiorganisation, welche an der Abstimmung über den Antrag auf Abberufung William H. Ha y w o o d s aus der sozialistischen National-Exekutive(engerer Partcivorstand) der Vereinigten Staaten teilnahmen, haben sich mehr als 22 999 im Sinne der Antragsteller ausgesprochen. Der Antrag war wegen der stark syndikalistischen Haltung Haywoods gestellt worden. Partcilitcrattir. Das neue Handbuch für sozialdemokratische Landtags- Wähler ist soeben im Verlag der Buchhandlung Vorwärts erschienen. Es ist im Austrage des Partcivorstandcs von denr Genossen Paul Hirsch völlig umgearbeitet und nach alphabetischen Stichwortcn geordnet worden, wodurch die Ilebcrsichtlichkeit des reichen, alle Gebiete der preußischen Politik behandelnden Stoffes außerordentlich erleichtert worden ist. Ein besonderer Vorzug des neuen Handbuchs ist sein handliches Format, das es erniöglicht. das 584 Seiten starke Binf) in der Tasche mitzuführen. Ter Preis des Werkes beträgt 3 M. Karl Marx, der Mann und sein Werk. Unter Mitwirkung von Karl Kautsky, Max Adler, Otto Bauer, Oswald. Bien, Julius Deutsch, Gustav Eckstein, Adelheid Popp, Anna Schlesinger und Leopold Winarsky. herausgegeben von Robert Dan neberg. 64 Seiten. Mit drei Bildern. Preis 39 Pf. Verlag des Verbandes der jugendlichen Arbeiter«Anton Jenschick). Kommissionsverlag der Wiener Volksbuchhandlung Jg. Brand u. Eo. Nolieeilickek., Gcricbtlickcs nfw. Tie politische„Meineidsasfärc" in Waldenburg. Am Dienstag voriger Woche ist der Faktor unserer Partei- Druckerei in Waldenburg i. Schl. wegen Mcincidsvcrdacht verhaftet, nach 24 Stunden aber wieder freigelassen worden. Tie Affäre entspringt einem Beleidigungsprozetz, den der Gcncralbevollmäch tigtc der Fürstlich Plctzschen Gruben, Rcgicrungsrat Kcindorf gegen den Verfasser eines offenen Briefes anstrengte, der im Rcichstagswahlkamps verbreitet und in der Druckerei unseres Wal- denburgcr Parteiorgans gedruckt wurde. Da der Brief etwas um redigiert war, konnte man den eigentlichen Verfasser, der seinen Namen darunter stehen hatte, nicht zur Verantwortung ziehen. Es sollen nun bei diesem Prozeß verschiedene Zeugen, die über die Herstellung der Druckschrift vernommen wurden, ihre Eidespflichi verletzt haben. Man glaubte, dass mit der Haftentlassung des Faktors und mit der dabei vom Untersiichungsrichter abgegebenen Erklärung über die Grundlosigkeit des Verdachtes die Angelegen hcit erledigt sei. Das war ein Irrtum. Mittlerweile sind eine ganze Reihe weiterer Vernehmungen erfolgt, und schliesslich sind Montag nachmittag wiederum der Faktor H o f f m a n n und der Geschäftsführer W c i ch c l i von der„Tchlesischen Bergwacht verhaftet worden. Ob es sich nun um zwei Prozesse handelt. und ob die Verhaftung ans Grund von Kollusionsgefahr angcoxd nct wurde, steht zurzeit noch nicht fest. Bekannt ist nur gewor den, dass ein früher im Betriebe angestellter H i l s S cxpcdient, der jetzt als Setzer in dem sreikonservativcn Grubcnblaite am Orte arbeitet, den Denunzianten gemacht hat, und so den Anlaß zu dieser ganz unglaublichen staatsanwalt lichen Aktion gab.__ 9er Sternickel-iProzeß. Gestern begann vor dem Schwurgericht in Frankfurt a. O. der Prozeß gegen den Massenmörder August Stcrnickel. Das, Ivos an der grauenvollen Tat des Mannes interessiert, wären die eigentlichen Ursachen, die schliesslich zu den abscheulichen Verbrechen geführt haben. Unter welchen sozialen und sonstigen Verhält nisten ist der Täter aufgewachsen? Sind früher gegen ihn ausgesprochene Verurteilungen mit Recht erfolgt? Was hat die Gesellschaft zugunsten des aus dem Zuchthaus Entlastenen getan, um ihn nicht auf die Bahn des Lasters zu flössen? Hat sie Arbeitsgelegenheit ihm ge geben? Durch welche Schicksale ist der Mann zu seinen Raub- und Mordplänen gelangt? Wer auf die Ermittelung der diesen Fragen zugrunde liegenden Tatsachen hoffte, wurde durch die Verhandlung bitter enttäuscht. Rein bureaukratisch, ohne den Versuch eines tieferen Eindringens in das Vorleben des Verbrechers wurde die Verhandlung geführt. Das Aufsehen, daS die ungeheuerliche Tat hervorrief, und der begreifliche Wunsch, auS der Verhandlung selbst die psychischen Motive zur Tat zu entnehmen, zwingen unS zu einer ausführlicheren Wieder gäbe der Verhandlungen, die voraussichtlich erst am Sonnabend zum Abschluss gelangen werden. Die Vernehmung des Angetlagien zeigte, wie auffallend leicht es Stcrnickel wurde, jugendliche, Arbeit suchende Arbeiter zur Bei- Hilfe zu verführen. Personalien des Angeklagten. Ten Vorsitz in der Verhandlung führt Landrichter Dr. Wrcde, die Anklage vertritt Erster Staat-sanwalt Geh. Justizrat Nau mann. Angeklagte sind August Stcrnickel, am 1. Mai 1866 in Nieder Mschanna bei Rybnik(Obcrschlesieni geboren, der fünfmal wegen Diebstahls vorbestraft ist und ausser einer Anzahl Gefängnis- strafen 9 Jahre und einen Monat im Zuchthaus verbracht hat. Sein Verteidiger ist Justizrat Loescr-Franksurt a. Oder. Ter ziveite Angeklagte ist Willi Kcrsten, am 39. März 1895 in Berlin geboren und als einziger der Angeklagten noch nicht vor- bestraft. Da er bei Begehung der Tat noch nicht 18 Jahre alt gewesen ist, kann er zu einer Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis verurteilt werden. Er wird verteidigt von Rechtsanwalt Bahn Berlin und Rechtsanwalt Dr. Werthaucr-Berlin. Der dritte An geklagte ist Georg Kersten, geboren am 19. September 1893 in Adlershof bei Berlin, wegen Diebstahls mit zwei Monaten Gefängnis und wegen Unterschlagung mit einer Woche Gefängnis vorvestraft. Sein Verteidiger ist Justizrat Hauptmann-Frankfurt a. Qder. Als vierter und letzter Angeklagter erscheint Franz Schlicwcnz aus Berlin, geboren am 7. August 1894 in Kunitz. Er ist ebenfalls vorbestraft. Er wird durch Rechtsanwalt Tr. Tonig- Berlin verteidigt. Nach dem Eröffnungsbeschluß werden die vier Angeklagten beschuldigt, am 7. Januar 1913 zu Ortwig durch je drei selbständige Handlungen vorsätzlich den Baucrngutsbcsiyer Fritz Kalies, dessen Ehefrau Natalie Kaltes und die Dienstmngd Anna Philipp getötet und die Tötung mit Uebcrlegung ausgeführt zu haben und zwar gemeinschaftlich. Weiter werden die Angeklagten beschuldigt, durch dieselbe Handlung mit Gewalt gegen Personen fremde bewegliche Sachen in der Absicht rechtswidriger Zueignung weggenommen zu haben und zwar gemeinschaftlich, indem der Räuber oder einer der Teilnehmer am Raube bei Begehung der Tat Waffen bei sich führte und bierbei den Tod dieser Menschen hcrbeigefübrt hat Ferner wird Stcrnickel beschuldigt, durch eine weitere selbständige Handlung in der Nacht zum 8. Januar bei Ringenwalde vorsätzlich dw Vorräte von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, nämlich eine dem Besitzer des Gutes Ringenwalde gehörige Ströhmicte, in Brand gesetzt zu haben. Tic Angeklagten werden mit Handfesseln gefesselt unter Bc gleitung von 2 Gendarmen und einer Reihe Gerichtsbeamtcn vor- geführt. Den jüngeren Angeklagdcn werden auf Antrag des Staatsanwalts die Fesseln abgenommen, Stcrnickel bleibt gefesselt. Ter Bater des Angeklagten Schliewenz wird als Beistand für seinen minderjährigen Sohn zugelassen. Stcrnickel gibt an: Ich habe das Müllcrgcwcrbe gelernt, kam dann nach Berlin und habe in der Umgebung, namentlich in Brandenburg gearbeitet.— Vors.: Da sind Sic zum erstenmal mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen und bestraft worden? Angekl.: Ja.— Vors.: Sie wurden in der Folgezeit noch öfter bestraft?— Angekl.: Ja, das wird schon so gemacht, Herr Präsi- dent, daß man hineinmuß.(Bewegung.)— Vors.: Wir wollen diese Erörterungen lieber unterlassen. Ich will nur feststellen, daß Sie wiederholt bestraft wurden, und das ist dock> richtig?— Angekl.: Ja.— Vors.: 1889 wurden Sie vom Schöffengericht in Brandenburg wegen Hausfriedensbruchs mit 4 Wochen Haft bc- straft. Ist das richtig?— Angekl.: Das weiss ich nicht mehr.— Vors.: Sic sind dann wegen Diebstabls in Brandenburg mit einem Monat Gefängnis bestraft ivordcn und von der Strafkammer in Potsdam wegen Körperverletzung und Nötigung mit 4 Wochen Gefängnis.— Angekl.: In Potsdam, nein.— Vors.: Das ist insofern richtig, als es sich um eine detachierte Strafkammer handelt, die teilweise von Potsdam besetzt wird. Sie sind dann nochmals wegen Betrugs 1899 zu drei Monaten Gefängnis ver- urteilt.— Angekl.: Das stimmt nicht, das ist ein Irrtum schon von früher her, wie ich stets angegeben habe.— Vors.: Aber jedenfalls sind Sie 1899 wegen Diebstahls noch mit 6 Monaten Gefängnis bestraft.— Angekl.: Ja.— Vors.: 1892 erhielten Sie zwei Jahre Zuchtbaus und 4 Jabre Ehrverlust wegen Diebstahls im Rückfall.— Der Angeklagte gibt das zu.— Vors.:-sie er Hielten dann nochmals in Berlin 3 Jahre Zuchthaus und 3 Jähre Ehrverlust.— Angekl.: Ja, das war in Potsdam, da hat der Karl Sommer Getreide gestohlen, ich wurde von der Mühle heruntergeholt und bin bestraft worden.— Vors.: Sie sind schließ- lich in Neiße mit 4 Jahren einem Monat Zuchthaus und S Jahren Ebrvcrlust wegen Rückfalldiebsiahls, Betrug und Unterschlagung bestraft worden.— Angekl.: Das war kein Betrug und keine Unterschlagung, das wft-d schon so gemacht.— Vors,: Nun, die Strafen haben Sie ja verbüßt.— Angekl.: Ja.— Vors.: Ihre letzte Zuchthausstrafe hatten Sic etwa 1995 verbüßt. Was haben Sie nachher gemacht, als Sic herauskamen?—: Angekl.: Jh habe in Raufcha gearbeitet, weiss aber nicht, wie der Herr heitzi.— Vors.: Sic arbeiteten dann in der Gegend von Liegnitz, Bunzlau und Görlitz. Sic wissen ja auch, dass wegen der Slffäre in Plag- Witz die Untersuchung gegen Sie-schwebt. Darauf wollen wir aber heute nicht eingehen, das ist der Gegenstand einer beson- deren Untersuchung.— Angekl.: Ja, das weiss ich.— Vors.: Sie sind dann nach dieser Mordtat flüchtig geworden und haben sich unter falschem Namen verborgen gehalten, weil Sie fürchteten, verhaftet zu werden. Sie haben dann auch unter falschem Namen in verschiedenen Gegenden gearbeitet, auch im'Ausland.— An- geklagter: Rein, bloss hier habe ich gearbeitet.— Vors.: Sie sind doch 6 Wochen auch in Rußland gewesen, haben dann den Rainen Vogt angenommen, diesen Namen aber bald avgelcgt, nachdem Sie in den Zeitungen gelesen hatten, dass dieser Mann wegen ver- schicdencr Straftaten verfolgt wurde.— Angell.: Das ist richtig.— Vors.: Dann nannten Sie sich Philipp und haben unier diesem Namen sogar eine Straianzcigc wegen Körperverletzung crstattci. Auch einen Eid als Philipp haben Sie abgelegt und ebenso sich auf diesen falschen Namen ein ärztliches Attest ausstellen lassen. Dann haben Sie im Oderbruch gearbeitet und zuletzt bei Kalies.— Angekl.: Das stimmt alles. Der Angeklagte Willi Kcrsten ist in Verlin geboren und dann mit seinen Eltern nach Adlershof gezogen.— Angeklagter Georg Kcrsten ist ein Jahr älter. Ter vierte Angeklagte, Franz Schliewenz, ist das uneheliche Kind eines Dienstmädchens, in Kunitz bei Frankfurt a. O. geboren und hat später den Namen seines Vormundes ischliewcnz angenommen.— Bors.: Jbr Ziehvaier ist mit Ihnen sehr unzufrieden gewesen; er bat beim Vormuudschafts- gericht wiederholt Klage geftihrt, dass Sie Wenig Neigung zur Arbeit hätten, und daß Sic sich die Nächte uinhergeirieben und tagsüber schliefen.— Der Angeklagte schweigt.— Staatsanwalt Mathias bittet festzustellen, dass gegen Georg Kersten noch beim Berliner Landgericht ein Verfahren wegen Diebstahls schwebe.— Angekl. Georg Kersten: Ja, aber ich bin das nicht gewesen.— Auch gegen Franz Schlicwcnz schwebt, wie der Staatsanwalt fest- stellt, ein Verfahren wegen Bandendiebstahls. Vernehmung zur Anklage. Vorsitzender Landrichter Tr. Wrcde: Wir kommen nun zur Anklage. Angeklagter Stcrnickel, wollen Sic auf die Beschuldigungen der Anklage etwas erwidern, wollen Sic sich vernehmen lassen?— Angekl. Stcrnickel: Nein.— Vors.: Sic wollen also gar nichts zur Tat sagen?— Angekl.: Was soll ich da noch sagen!— Vors.: Nun, Sie hätten doch allen Anlaß, sich über die Tat auszulassen und sich vielleicht zu entschuldigen, oder wollen Sie die Anklage in vollem Umfange zugeben?— Angekl.: Nein, nein, ich will mich ja schon erklären, ich habe Sie nur falsch verstanden.— Vors.: Sic sind Anfang Oktober zu Kallics nach Ortung gekommen; was batten Sie fiir Auswciskarten?— Angekl.: Auf den Namen Schöne. Ich hatte eine Bescheinigung, daß Jnvalidenmarkcn geklebt sind. Ich hatte auch ein Abzugs- attest; ich weiss aber gar nicht, von wo ich gekommen sein sollte.— Vors.: Ter Baucrngutsbesitzer Kallics war ein grosser, kräftiger Mann, der auch fleißig in der Wirtschaft arbeitete.— Angekl,: Ja.— Vors.: Wie kamen Sic mit ihm aus?— Angekl.: Zuerst ganz gut, aber acht- Tage vor der Tat war ich einmal weggewesen. Als ich abends zurückkam, sah ich, dass meine Sachen revidiert worden waren und dass eine Schürze fehlte. Ich stellte Kallies zur Rede; er sagte, er sei es nickt gewesen, das Mädchen müsse es' getan haben. Als ick das Mädchen?ih> Rede stellte, sagte sie: „Alter Kerl, loas willst Tu von mir; der Herr war ja im Stall bei Deinen Sachen." Darüber war ich jeyr ärgerlich und faßte den Plan, Kallics einen Schabernack zu tun.— Vors.: Sie hatten wohl auch Furcht, dass er Verdacht geschöpft haben könnte?— Angekl.: Nein, er konnte nichts finden, da war nichts da. Ich bin dann am nächsten Sonntag nach Fürstenwalde gegangen und abends nicht nach Hause gekommen, sondern habe mich in meiner Wohnung aufgehalten.— Vors.: Wo haben Sie denn Ihre Wohnung?— Angekl.: Das verrate ich nicht. Ich bin dann nach Müncheberg in eine Herberge gegangen und habe nur immer den einen Gedanken gehabt, Kallics zu schädigen. Ich traf dort den jungen Willi Kersten; dem sagte ich, wo ich arbeite und daß ich auch einen falschen Namen führe. Er sagte: Das können wir machen.— Vors.: Sie babcn dem Kcrsten doch auch erzählt, dass es sich um einen reichen Mann handle, bei dem mindestens 59 999 Mark zu finden seien?— Angekl.: Nein, nur 15 999 M.— Willi Kcrsten sagte auck, dass andere mitmachen würden. Wir haben ja, meinte er, in Berlin genug solche Dinger gedreht.— Vors.: Hatten Sic da schon einen festen Plan?— Angekl.: Nein, wir sind in der Nacht von Müncheberg aufgebrochen und üaben das erst unter- Wegs besprochen.— Bors.: Von wem ging der Plan aus?— Angekl.: Er ging von mir ans.— Vors.: Wie wollten Sie das denn nun ausfuhren?— Angekl.: Ich dachte, daß, wenn Kallics frübmorgcns in den Stall kommt, ivir ihn binden wollten. Nachher wollten wir es ebenso mit den Mädchen machen, dann in die Stube hinein- gehen und auch die Frau binden. Scklicsslich wollten wir das Geld mitnehmen und ausrücken.— Vors.: Haben Sie denn nicht gedacht, dass Kallies sich das nicht so ruhig gefallen lassen würde. Er ist doch ein kräftiger Mann und Sic mußten annehmen, daß er sich zur Wehr setzt. Es ist doch nicht so einfach, einen starken Mann zu binden.— Angekl.: Ja, sehen Sie mal, Herr Präsidkni, dazu babe ick mir dock Hilfe mitgenommen. Ich Ivutzte, daß ich nicht allein sie überwältigen konnte.— Vors.: Dachten Sie nicht, dass die Leute schreien würden?— Angekl.: Das ist doch so'ne Sache. Ich dachte, ich gehe in den Stall rein und hinter mir Her wird dann Kallics kommen. Am Futtergang wollte ick ihn fassen und die anderen sollten ihn binden.— Vors.: Sagten die anderen beiden denn auch, dass sie mitmachen Ivollten.— Angekl.: Gewiss.— Vors.: Von Müncheberg sind Tic nicht zusammengegangen, sondern in Abständen zu zweien. Sic fürchteten ivohl, dass es ansfallen würde?— Angekl.: Ja, sehen Sie mal, man will doch nicht so durch die Ortschaften in grossen Trupps gehen?— Vors.: Tie anderen waren wohl ziemlich abgerissen; sie hatten nichts?-— Angekl.: Etwas waren sie ja herunter; sie hatten auch kein Geld; ich habe ihnen etwas gegeben, damit sie sich Brot kaufen konnten. Ich Hatte 18 M. mitgenommen, sagte aber natürlich nichts, dass ich oviel hatte. Als ich ankam, machte mir das Dienstmädchen die Pforte auf. Ich habe dann den Torivcg hinten geöffnet und die drei hereingelassen. Zweien machte ich ein Lager in der Kammer, einen nahm ich mit mir ins Bett. Wir schliefen dann bis M6 Uhr, dann bin ich anfgtstandcii und habe die anderen geweckt. Einem von ihnen gab ich die Stricke.— Vors.: Wem?— Angekl.: Das weiss ich nicht so genau, Herr Präsident.— Vors.: Was sollte er dainii?— Angekl.: Tcn Mann fesseln.— Vors.: Sic müssen ihm doch gesagt haben, wie er das machen soll.— Angekl.: Ja, sehen Sie mal. Herr Präsident, wenn ich die Wahrheit sagen fpll. so genau überlegt man sich das doch nicht. Ter Angeklagte schildert nun auf Befragen des Vorsitzenden, wie er die. Ischlinge aus den Stricken gemacht und den Hofbesitzer Kallies morgens geweckt hat, indem er mit der Lampe in feine Schlafkammer ging, wie er dann nach der Rübenkamwcr ging und dor.i streit mit ibm anfing.— Vors.: Der Streit sollte doch nur ein Vörwand sein?— Angekl.: Ja.— Vors.: Was geschah weit-'r? — Angekl.: Wir legten den KallicS die Schlinge um den Hals, um ihn zu betäuben und dann berauben zu können. Er wehrte sich und wir fielen beide hin.— Vors.: Das ijakt ich»och«cht gehört, daß mau jemand eine Schlinge um den Hals legt, um ihn zu betäuben. — SmgelL: O doch, das wird hier und da gemacht.— Vors.: Wer hat denn die Schlinge zugezogen? Angekl.: Tas weih ich nicht, sie wurde von jemand so fest zugezogen, daß ich sogar Mühe hatte, meine Hand, mit der ich Stallies am Hals gefaßt hatte, wieder frei zu bekommen.— Vors.: Kaltes fiel nun hin und Sie trugen ihn in einen Nebcnraum. Sahen Sie da, daß er tot war?— Angekl.: Wdn, daran dachte ich gar nicht, das? der Mann tot sein könnte.— Vors.: Sie haben aber in der Untersuchung erklärt, daß Sie einen großen Schreck gekriegt hätten, als er sich nicht mehr rührte.— Angekl.: Das beruht auf Unwahrheit, das habe ich nicht gesagt.— Vors.: Was taten Sie nun weiter?— Angekl.: Ich habe den Kallies in der Rübcnkammcr hingesetzt, er hatte da einen gewissen Halt an den Rüben.— Vors.: Dachten Sie denn nicht, daß er aus der Kammer wieder herauskommen könnte?— Angekl.: Tas ging ja nicht, die war von innen nicht zu öffnen.— Vors.: Und was geschah nachher?— Angekl.: Ich habe den Pferden im Stall Futter gc- schüttet.— Vors.: Haben die anderen nicht in dieser Zeit Zigaretten geraucht?— Angekl.: Ach wo, ich rauche überhaupt keine Zigaretten und bloß am Abend hat einer einen Augenblick geraucht.— Vors.: Und was geschah weiter?— Angekl.: Ich paßte nun auf, als das Dienstmädchen nach dem Stall kam, um zu melken, und habe dann die anderen gerufen.— Vors.: Hatte sie sich schon zum Melken hin- gesetzt?— Angekl.: Ja, sie hatte sich schon hingehockt.— Vors.: Na, da hatten Sie es ja sehr leicht, da fiel sie wohl gleich hin, als Sie sie anfaßten?— Angekl.: Ich stellte sie zur Rede, was sie dem Herrn über mich gesagt habe und faßte sie gleich am Halse. Die anderen drei kamen zu Hilfe und auch sie wurde mit Stricken gc- banden. Wir haben sie dann auf Stroh gelegt und ihre Beine mit einer Pferdelcine zusammengebunden.— Vors.: Und was taten Sie dann?— Angekl.: Wir gingen ins Haus, Frau Kallies wollte gerade aus der Stube in den Hausflur hinaustreten. Da haben wir auch sie gebunden und auf ihr Bett gelegt. Der Angeklagte erklärt dann weiter, nichts davon zu wissen, das? Frau Kallies ermordet worden sei. Der„Kleine" habe inzwischen im Stall auf das Mädchen auf- passen müssen.— Vors.: Wer ist der„Kleinh"?— Angekl.: Ja, das weiß ich selber nicht, wer von den Angeklagten'das ist.— Es müssen sich nun sämtliche drei anderen Angeklagten erheben, wobei sich er- gibt, daß Willi Kerstcn, der jüngste der Angeklagten, etwas größer erscheint als sein Bruder, obgleich dieser größer ist, der sich aber ge- bückt hält. Der Angeklagte Schliewenz hält den Kopf während der ganzen Zeit tief gesenkt.— Auf weiteres Befragen des Vorsitzenden schildert dann der Angeklagte'Sternickel, wie er aus der Joppe des Ermordeten Kallies, die in der Schlafkammer hing, den Kassen- schlüssel holte, und wie Georg Kersten den Geldschrank aufschloß. Wir fanden da etwas über Süll M., die wir sofort zusammen zählten und unter uns teilten. Die anderen drei gingen sofort los, ich wollte, daß sie bis zum Abend dableiben sollten, um mir bei der Besorgung des Viehs zu helfen, das sehr brüllte.— Vors.: Aha, Sic fürchteten, daß auf das Brüllen des Bichs Leute kommen könnten, um zu fragen, was denn bei Kallies los sei?— Angekl.: Ja.— Vors.: Sie waren also mit den Kindern schließlich allein.— Angekl.: Ja, ich habe den Kindern Semmeln gegeben und sie in den Schrank gesperrt. Dabei haben mir aber die anderen noch geholfen, der Schrank ging nicht zu, deshalb haben wir Stricke herum- gebunden und noch ein Brett dagegen gelegt.— Vors.: Haben die Kinder nicht geweint und haben Sie sie nicht mit Totschießen be- droht, wenn sie etwas sagen würden?— Angekl.: Nä, nä, davon hat kecner was gesagt. Natürlich mußte ich den Kindern etwas vorlügen.— Vors.: Und nachher?— Angekl.: Als die anderen los- gegangen waren, habe ich nachgesehen, was das Mädchen macht und sie zu meinem Schreck tot gefunden. Dann sah ich nach Kallies und feiner Frau, auch sie waren tot. Ich habe sie mit Wasser begossen, aber es war nichts mehr zu machen. Dann habe ich das Vieh besorgt und Kartoffeln für die Schweine gekocht. Vors.: War das sonst Ihr Ami?— Angekl.: Nein, sonst hat das das Mädchen getan, aber das konnte es ja jetzt nicht mehr.— Vors.: Es kamen ja auch Leute auf das Gut?— Angekl.: Denen sagte ich, die Kallies seien nach Berlin gefahren und kämen erst morgen wieder.— Vors.: Und wann haben Sic die Leichen weggebracht?— Angekl.: Abends zwischen 6 und Uhr aus einem Breakwagen mit Decken zugedeckt. Ich fuhr gegen Ringcnwalde und hatte die Absicht, die Leichen in einer Stroh- miete zu verbrennen. In der ersten Miete konnte ich das nicht tun, da war ein �Liebespaar driw Endlich fand ich eine Strohmiete, holte genug Stroh heraus und warf die Leichen hinein und zündete die Miete an. Das war%12 Uhr in der Nacht. Morgens 1 Uhr kam ich dann wieder nach Hause und besorgte das Bich. Die Kinder hatte ich noch, bevor ich wcggcfahrcn war. aus dem Schrank heraus- gelassen und ihnen zu essen gegeben, aber die Fenster ihrer Schlaf- stube vernagelt. Der Angeklagte gibt dann weiter an, daß nach- mittags mehrmals Leute kamen, die nach Kallies fragten und daß er sie stets mit der Bemerkung wegschickte, sie seien verreist. Um 4 Uhr habe er dann den Wachtmeister Kluge aus Neuendorf aufs Gehöft zukommen sehen, da sei er schleunigst hinten herausgegangen und weggelaufen.— Vors.: Wohin liefen Sie?— Angekl.: Ich bin die ganze Nacht durch gelaufen und habe dann in einem Lokal in Neuendorf Kaffee getrunken und mir den Bart kurz schneiden lassen. Hinter Zellin wurde ich vom Wachtmeister eingeholt und festgenommen. Vors.: Hat Kallies denn gar nicht geschrien, er wird doch irgend ein Wort gesagt haben. Er muß doch verwundert gewesen sein, daß Sie, sein Knecht, mit dem er so lange gearbeitet hatte, ihn überfiel?— Angekl.: Er hat auch schon was gesagt, ich weiß aber wirklich nicht mehr, tvas es war.— Staats« nw. Mathias: Was wollten Sie denn tun, wenn die Sache glatt gegangen und die Gendarmen nicht gekommen wären?— Angekl.: Ich wollte bis zum Abend da bleiben, dann den Kiiidern aufschließen und wegmachen. — Vors.: Die Kinder konnten Sic doch aber dann verraten, die kannten Sie doch?— Angekl.: Natürlich, aber sehen Sie einmal, die Kinder kannten mich doch nicht beim richtigen Namen und ich bin doch so oft mit falschem Namen weggekommen, da dachte ich, es wird mich wieder so gehen.— Vors.: Hatten Sie nicht einen ganz anderen Plan, wollten Sie nicht das Gebäude anstecken, damit die Kinder umkommen und niemand etwas von dem Morde merken könnte?— Angekl.: Nein, nein, ich habe zuerst den Plan gehabt, die drei Leichen auch ins Hans zu bringen und einzuschließen.— Staatsanw.: Wieviel Geld hatten Sie bei der Festnahme?— Angekl.: Ich hatte 18 DA von Hause mitgenommen.— Vors.: Was heißt das„von Hause"?— Airgekl.: Dos verrate ich unter keinen Umständen.— Vors.: Aah, das ist dort, wo Sie sich auf dem Wege zwischen Fürstcnwalde und Müncheberg aufgehalten haben?— Angekl.: Ja.— Vors.: Das Geld haben Sic doch nun geteilt, wo ist Ihr Anteil geblieben?— Angekl.: Das Geld habe ich gleich weg- geworfen.— Vors.: Weshalb?— Angekl.: Das kann ich selbst nicht sagen, ich habe es auf Breitcnfelds Acker weggeworfen.— Vors.: Es ist doch aber da nicht gefunden worden.,— Angekl.: Ich kann mir nicht helfen, ich habe es weggeworfen.— Vors.: Haben Sie nicht andere Sachen von KallieS mitgenommen?— Angekl.: Nein, nichts.— Vors.: Es wurden aber in Ihrer Schublade Manschetten- knöpfe gefunden?— Angekl.: Ich habe die reine Wahrheit gesagt, daß ich nichts genommen habe. Aber man sieht ja, wie das alles gemacht wird, um einen �Strick zur drehen. Man hat ja auch gesehen, was die Zeitungen alles daraus gemacht haben.— Vors.: Woher wissen Sie, was die Zeitungen schreiben?— Angekl.: Man liest doch auch so manches. Auch das vorige Mal, als ich von Plag- Witz weggemacht bin, hat der Kommissar behauptet, ich habe 30 Mark mitgenommen. Ich kann aber erklären, daß ich nicht einmal 3000 Sandkörner, geschweige denn 3000 Pfennige mitgenommen habe.— Vors.: Haben Sie sich nicht gedacht, als Sie die Schlinge zuzogen, daß die Leute ersticken müßten.— Angekl.: Nein, daran habe ich gar nicht gedacht, ich glaubte nicht, daß es so schnell gehen könnte.— Vors.: Wenn man jemand betäuben will, tut man es doch durch einen Schlag, haben Sic das nicht auch getan?— Angekl.: Nein.— Vors.: Es war doch dunkel, woher wußten denn die Jungens, wo die Pferdcleincn sind?— Angekl.: Das weiß ich nicht. Auf eine Frage des Justizrat Löser macht Sternickel �danu nähere Angaben, wie er entdeckt habe, daß Kallies und das Mädchen tot seien. Er habe Wasser geholt, um sie aus der Betäubung auf- zuwecken, nasse Lappen auf die Stirn gelegt und da zu seinem Schrecken bemerkt, daß sie tot seien.— Vors.: Wenn die Leute nun aber zu sich gekommen wären, hätten sie doch geschrien?— Angekl.: Ich wollte sie alle drei zu den Mädchen in die Stube bringen und einschließen, dann wäre ich sofort weggegangen. Ich konnte doch aber nun nicht weg, nachdem die Leute tot waren, einer mutzte doch das Vieh besorgen. Wenn sie gelebt hätten, wäre ich sofort hinter den Berlinern auf und davon gegangen. Der Angeklagte Willi Kersten gibt unter wiederholtem Tränenausbruch und häufigem Schluchzen an, daß er zuletzt in einer Bäckerei in der Neujahrsnacht zu arbeiten angefangen, aber nach zwei Tagen die Arbeit wieder auf- gegeben habe. Er habe dann mit Schliewenz verabredet, außerhalb Berlins Arbeit zu suchen. Auch sein Bruder sei mitgekommen und sie seien mit der Bahn nach Trebnitz gefahren. Kersten gibt dann weiter an: Ich hatte auch hier in Frankfurt a. O, Arbeit gesucht. In Müncheberg hätte ich in der Herberge einen halben Tag für ein Nachtlager arbeiten sollen. Schmielenz und sein Bruder hatten aber nicht arbeiten können, weil sie krank waren. Sie sollten weg- gejagt werden, und da habe ich meinen Bruder nicht allein lassen wollen und auch aufgehört. Kurz vorher war in einer Herberge der Angeklagte August Sternickel an mich herangetreten.— Vors.: Hatten Sie ihn schon früher gekannt?—�Angekl.: Nein, ich habe ihn nie gesebcn gehabt. Er sagte zu mir: Seid Ihr dufte Berliner? Ich fragte ihn, ivarum? Er sagte, er sei bei einem Bauern in Arbeit, der SO 000 M, geerbt habe, ob wir ihm behilflich sein wollten, dort ein Ding zu drehen? Es sei ein schönes Stück Geld dort für uns zu erben. Es komme nichts dabei heraus, er brauche nichts zu fürchten: er arbeite dort unter falschem Namen und habe schon mehrmals solche Sachen gemacht. Es sei ihm nichts dabei passiert; die anderen, die ihm dabei geholfen haben, seien immer die Dummen gewesen.— Vors.: Mußten Sie nicht das Gefühl haben, daß Sie jetzt diesmal die Dummen sein sollten?— Angekl.: Ich habe ihm das gar nicht geglaubt, ich dachte, er prahle nur. Wir erklärten uns mit ihm einverstanden, die Sache zu machen und gingen von Müncheberg los. Unterwegs ließ er immer zwei borausgehen und damit es nicht ausfalle, besprach er mit jedem von uns einzeln den Plan. Er sagte, die Leute sollten mit Stricken gefesselt werden. Dann fing er auch davon an, daß vielleicht Kinder da scin'könnten. Sie seien zwar verreist gewesen, sie könn- ten aber doch zurück sein. Er sagte, ich müsse dann hineingehen und die Kinder beruhigen. Vors.: Haben Sie nicht gefragt, wie das mit den Fesseln ge- handhabt werden sollte?— Angekl.: Das hat Schwielenz gefragt; Sternickel sagte darauf, das habe er sich schon überlegt; wir sollten nur die Leute festhalten, er werde das andere schon ausführen. Als wir morgens in der Kammer waren, sagte er: Der Mann muß jeden Augenblick in den Stall kommen.— Vors.: Hat er nun nicht zu Ihnen gesagt, wie Sic das machen sollten?— Angekl.: Nein; ich habe mir das alles gar nicht überlegt. Er nahm eine Anzahl Stricke aus dem Kasten und gab sie uns und sagte, damit sollten wir den Bauern binden. Er ging dann zu dem Bauern in den Stall, und wir hörten, wie dieser sagte, er(Sternickel) sei entlassen. Sternickel sagte etwas und packte den Bauern. Und darauf gingen wir auch in den Stall.?lls wir die Tür öffneten, sahen wir, wie der. Bauer zu Boden fiel und Sternickel auf ihm lag. Wir hielten den Bauern an Armen und Beinen fest. Ich versuchte, dem Mann ein Taschentuch in den Mund zu stecken, weil er immer schrie; er biß aber die Zähne zusammen. Darauf hielt Schwielenz ihm den Ellenbogen vor den Mund, damit er nicht schreien könne. Ich ging nun zur Tür, um zu sehen, ob jemand komme. Da habe ich gesehen, wie einer dem Bauern die Schlinge umlegte; ich weiß aber nicht ganz genau, ob Sternickel das war. Dann sah ich aber, wie Ster- nickel die Schlinge zuzog und ihm nochmals das Ende des Strickes um den Hals legte. Sternickel hat immerfort geschimpft, der Bauer schrie immer: Otto, Otto, laß doch.— Vors.: Hatte Sternickel nicht gesagt, na, Du Aas, Dir wcrd' ick schon.— Angekl.: Das weiß ich nicht. Sternickel zog nun die Schlinge erst recht zu.— Vors.: Haben Sie da nicht das Gesicht von Kalies gesehen?— Angekl.: Ja, er bekam eine bläuliche Färbung.— Vors.: Haben Sie nicht in diesem Moment auch den Mann festgehalten?— An- gell.: Nein.— Vors.: Was dachten Sie nun, als Sie die bläuliche Färbung des Gesichts sahen?— Angekl.(weinend): Ich habe mir gedacht, er sei betäubt; ich habe nicht gedacht, daß der Mann getötet werden könnte. Dann nahm Sternickel den Bauern in den Arm und setzte ihn in die Rübenkammer, und ich machte die Tür fest zu, damit er nicht wieder herauskäme.— Vors.: Haben Sie da nicht gemerkt, daß der Mann tot ist?— Angekl.: Nein; mit keinem Ge- danken. Wir gingen darauf in die Kammer zu Sternickel, und da habe ich mir eine Zigarette angesteckt.— Vors.: So kaltblütig waren Sie also, daß Sic, nachdem, was vorgegangen war, und obwohl Sie wußten, daß noch etwas Neues hinterher kommen sollte, ruhig eine Zigarette rauchten?— Angekl.: Er sagte dann: Nun kommt das Mädchen zum Melken; ich gehe zu ihr, ihr kommt hinterher. Das Mädchen schrie: Otto, laß doch! Da gingen wir alle ihm nach. Ich sah, wie das Mädchen aui dem Boden lag. Ich sagte zu meinem Bruder, weil sie mit den Beinen zappelte, er sollte ihr die Füße zu- sammenbinden, und ich gab ihm den Strick, der aus der Erde lag. Ich habe aber nicht gesehen, daß dem Mädchen eine Schlinge umge- legt war. Dann sagte Sternickel, wir sollten nun in das Haus gehen. Sternickel stand bei der Frau und rief: Kinder, kommt mal herein! Ich bin gleich an der Frau vorbei zu den Kindern ge- gangen; sie standen im Bett und schrien. Ich drückte sie im Bett nieder und sagte, sie sollten nicht schreien, es werde ihnen nichts ge- schehcn. Dann gab Sternickel mir einen Revolver und sagte: Wenn sie nicht ruhig sind, dann schieße sie tot. Sie waren ganz ruhig. Willi Kersten gibt dann zu, in Gegenwart der Kinder den Revolver geladen zu haben; er habe ihn aber nachher wieder entladen wollen. — Vors.: Wieso verstehen Sie sich so auf diese Waffe?— Angekl.: Ich verstehe mich nicht darauf; ich hatte noch nie eine solche Warfe in der Hand gehabt, und ich konnte den Revolver auch nicht cnt- laden.— Vors.: Aber mit dem Laden ging es ganz schön! Was war weiter?— Angekl.: Als Sternickel den Gcldschrankschlüsscl geholt hatte, sagte er von Kalies: Bor einer Stunde wacht er nicht auf; der schnarcht gut.(Bewegung.) Ich blieb mit dem geladenen Revolver bei den Kindern; schließlich bekam ich nach der Teilung des Geldes von meinem Bruder 120 Mark.— Staatsanwalt: Hat Sternickel nicht zu Ihnen gesagt: Ich habe schon öfter so etwas ge- macht, mir ist nichts geschehen? Aber die, die mir geholfen haben, sind die Dummen gewesen, weil sie sich verraten haben?— Angekl.: Ja, er hat so etwas gesagt. Auf weiteres Befragen des Vorsitzenden gibt der Angeklagte noch an, daß er niemanden angefaßt hätte. Ob Sternickel etwas von einer Mühle erzählt hätte, wisse er nicht mehr; er hätte seine ganzen Acußerungcn darüber, daß er schon öfter so etwas gemacht habe, mehr für Prahlerei gehalten.— Auf Verlangen des Verteidigers, Rechtsanwalt Bahn, wird der Angeklagte dann weiter über seine persönlichen und verwandtschaftlichen Ver- Hältnisse befragt. Bei der Beantwortung dieser Fragen weint er unausgesetzt heftig. Er gibt an, daß sein Vater viele Jahre als Packer in einer Spedition in Adlershof-Berlin tätsg gewesen sei; die Mutter ging waschen. Der Pater und auch die Mutter sind noch nicht vorbestraft; ein Onkel von ihm, namens Ewald in Charlotten- bürg, sei im Reichstage gewesen.— Vors.: Wieso im Reichstage? — Angekl.: Ja, er hatte die Wahllcitung in einem Wahlvcrcin. Dir Verwandten sind alle ordentliche, unbestrafte Leute.— Vors.: Ja, warum sind Sie denn so weit heruntergekommen? Angekl.: Wir fanden eben keine Arbeit bei unserer Arbeits- suche in der Provinz und da wurden wir so abgerissen.— Vors.: Ihr Bruder ist aber doch bestraft?— Angekl.: Ja, die Mutter sagte immer, wir sollten uns nicht im Osten von Berlin verum- treiben. Dort ist mein Bruder zu seinem ersten Diebstahl ver- führt worden.— Vors.: Wieso haben Sic denn keine Arbeit ge- funden? Sie sind doch junge, kräftige Leute, und wenn solche Leute jede Arbeit annehmen, die sie finden können, dann können sie auch arbeiten.— Angekl.: Sternickel hat uns überredet, mit ihm zu kommen. Der Schwielenz war auch«m» dem Osten; er hatte nie eine regelmäßige, ordentliche Arbeit.— Staatsanw.: Warum trauicn Sic sich denn nicht nach Berlin zurück?— Angekl.: Ich war eben entschlossen, von Müncheberg nach Berlin zurück- zugehen, als Sternickel dazwischen kam.— Vert. Rcchtsanw. Bahn: Warum sind Sie aber mit ihm mitgegangen?— Angekl.: Ich war eben zu sehr abgerissen und schämte mich, so meinen Eltern vor die Augen zu treten.— Vors.: Wieviel Geld hatten Sie bei Ihrer Verhaftung noch?— Angekl.: 15 Pf.— Vors.: Na, Sic hatten doch aber 120 M., das ist doch für einen Menschen Ihres Schlages ein Vermögen. Was haben Sie in den wenigen Tagen mit dem vielen Gelde gemacht?— Angekl,: Ich habe mich für 80 M. vollständig neu eingekleidet, und das übrige haben wir mit einigen jungen Leuten und zwei Mädchen in Bcrgnügungs- und in einem Tanzlokalc durchgebracht. Wir waren auch die Nächte mit den Mädchen beksammen; aber nur die anderen, ich schlief für mich allein in einem Zimmer, für das ich in der Koppenstraße 3 M. bezahlt habe.— Vors.: Na, und wo ist denn diese Wirtschast Lehmann, in der Sie verhaftet wurden?— Angekl.: Am Grünen Weg.— Vors.: Das sind ja alles keine schönen Gegenden; das ist ja alles im Osten, von dem Ihre Mutter wollte, daß Sic nicht hingingen.— Der Verteidiger des Schwielenz. Nechisanw. Dr. Donis: Eine Frage, ob der Angeklagte, als Sternickel den Kalies die Schlinge um den Hals gelegt, der Meinung gewesen sei, daß hierdurch Sternickel seine Verabredung mit den Angeklag- ten, Kalies nur zu binden und zu fesseln, überschritten habe.— Angekl.: Daran habe ich nicht gedacht; dazu haben mich die Vor- gänge zu sehr überrascht. Nun wird zur Vernehmung des Georg Kersten geschritten. Er gibt an, eine bestimmte Arbeit nicht gelernt zu haben. Er hat zunächst als Gehilfe seines VaterS in der Spedition gearbeitet; verlor aber diese Arbeit, weil er eine ihm von seinem Arbeitgeber übertragene Aufgabe nicht ausführte. Er selbst sei aber daran nicht schuld gewesen.— Vors.: Na, immerhin, Sie wurden entlassen, weil Sie eine Aufgabe nicht erfüllt haben. Warum fanden Sie denn weiter keine Arbeit?— Angekl.(der ebenfalls bei seinen Aussagen weint) sagt, daß er, nachdem er wegen seines ersten Kvllidiebstahls bestraft worden sei, habe er keine Arbeit mehr bekommen können. Aus der Arbeitssüche in Frankfurt a. O. wurde er vom Arbeitsnachweis zu einem Gärtner geschickt, der aber die Jungen nicht nahm, weil sie noch zu jung waren. Wir fuhren also nach Müncheberg und arbeiteten in der Herberge für die Verpflegung. Als wir eines morgens in der Herberge beisammen saßen mit den anderen Gästen, kam Ster- nickel an unseren Tisch. Er sah wie ein Gutsbesißer aus, der Arbeiter braucht. Wir sprachen darüber untereinander. Er hörte es und sagte, ja, ein paar Mann brauche ich. So schlösse» wir uns an und dann überredete er uns immer mehr, mit ihm zu gehen. Der Angeklagte schildert nun ebenfalls die Mordtaten des Ster- nickels, den er schwer belastet, indem er mit angesehen hat, wie er sowohl bei dem Gutsbesitzer Kalis, als auch bei dem Dienst- mädchen Anna Philipp die Schlinge zuzog. DaS Dienstmädchen Anna Philipp schrie so furchtbar, daß die Tiere im Stall unruhig wurden. Wir liefen deshalb hinaus, weil wir fürchteten, daß die Frau des Gutsbesitzers vom Haus in den Stall kommen würde. Wir sahen aber vor der ossenen Tür, wie Sternickel die Magd an der Schlinge durch den Stall zog und in eine Ecke warf. Kalies habe sich sehr gewehrt und um Hilfe geschrieen. Sternickel sagte: Dir Aas toerde ick helfen. Sternickel schickt« meinen Bruder zu den Kindern; ich bin auch gleich hinterher hineingegangen und Schwie- lenz kam nach ein paar Minuten nach. Von der Frau habe ich nichts gesehen und weiß nicht, was mit ihr geschah. Sternickel kam dann mehrmals hinein und fragte die Kinder: Wo hat Euer Vater die Schlüssel zum Geldschrank? Sie schrien immer und sagten, sie wüßten es nicht. Ich ging mit Schwielenz in das Geldschrank- zimmer, mein Bruder blieb bei den Kindern. Dann kam Sternickel mit dem Schlüssel, den er gefunden hatte. Er konnte zuerst nicht ausschließen und ich zeigte ihm, daß erst die Hülse abgenommen werden müsse. Sternickel nahm dos Geld, setzte sich hin. zählte es nach und steckte seinen Teil ein und sagte: wir könnten das andere nehmen. ES waren auch Scheine dabei, und da sagte er, die wolle er nehmen, er wisse damit besser Bescheid; wir könnten uns sonst verraten.— Vors.: Wollte Ihr Bruder nicht auch eine goldene Kette mitnehmen?— Angekl.: Ja, die lag in dem Zimmer bei den Kindern. Ich sagte aber, er solle sie ruhig liegen lassen, das könnt« zu leicht herauskommen. Nun kam ich auf die Idee mit dem Schrank. Sternickel hatte eine schwingende Hand und sagte zu dem einen Mädchen: Tie hat auf uns Hunde gejant! Das ist überhaupt ein freches AaS. Wir alle drei baten, den Kindern nichts zu tun, und da schlug ich vor, sie in das Spind einzusperren.— Vors.: .Haben die Kinder sehr geweint?— Angekl.: Ja. fortwährend. Sternickel rückte das Spind von der Wand weg, damit er einen Strick hcrumlegen könnte. Er rückte auch eine Bohle vor die Tür. — Vors.: Konnten da die Kinder nicht ersticken?— Angekl.: Sternickel sagte, er wolle nur die Kühe füttern, und dann die Kinder herauslassen. Wir wollten uns wegmachen. Er sagte, wir sollten doch noch einen Tag bleiben, er wolle uns Essen und Kaffee kochen. Wir sollten dann nachsuchen nach dem übrigen Geld. Dann wollte er auch die anderen losbinden, und wir sollten zusammen weg- machen.— Vors.: Sie konnten ihm das doch mit dem Losbinden nicht glauben, denn Sie wußten doch besser, daß die drei tot waren. — Angekl.: So genau habe ich mir darüber keine Gedanken ge> macht. Wir wollten nicht länger bleiben und gingen nach Berlin zurück. Unterwegs haben wir das Geld nachgezählt. In Berlin tauften wir uns ganz neue Sachen: Anzug. Hut, Wäsche, auch Revolver. Wir zogen die neuen Kleider bei Lehmann am Grünen Weg um. Lehmann fragte, woher wir das viele Geld hätten; wir haben ihm kein» Antwort gegeben. Wir gaben dann noch einige Lagen Bier zum besten, luden zwei Mädchen und einige Bekannte ein, die wir mitnahmen und freihielten. Mit dem Auto fuhren wir nach verschiedenen Lokalen und auch in ein Tanzlökal. Ich habe mit dem einen Mädchen, das ich nur unter dem Namen„Schmalz- backe" kannte(Heiterkeit), getanzt und blieb mit den anderen in einem Gasthaus über Nacht. Am anderen Tage haben wir bei Lehmann gefrühstückt und sind dann mit den Mädchen im Auto zum Sechstagerennen gefahren, dort blieben wir bis zum nächsten Morgen.— Vors.: Wenn Sie dort nicht so lange geblieben wären, hätten Sie schon aus den Zeitungen erfahren, daß Ihr Bruder verhaftet war, und sich aus dem Staube machen können— Angekl.: Wir hatten das schon in den Zeitungen gelesen und wollten uns eigentlich selbst stellen. Denn wir sagten uns, daß wir doch er- wischt werden würden und daß es besser wäre, wenn wir uns selbst meldeten. Wir wurden, als wir zu Lehmann zurückkamen, ver- haftet.— Vors.: Wieviel Geld hatten Sie noch bei Ihrer Ver- Haftung?— Angekl.: 12 Mark.— Vors.: Haben sich die Mädchen nicht gewundert, daß Sie so seine Sachen hatten?— Angeil.: Ja. Wir sagten ihnen aber, das gehe sie nichts an.— Vors.: Sie sollen zu dem einen Mädchen gesagt haben, Sie hätten ein tolles Ding ge- macht, wenn das herauskäme, hätten Sie unverschämt viel Tobak abzumachen.— Angekl.; Nein.— Vors.: Tann muß das Schliewenz gesagt haben.— Angekl.: Das weiß ich nicht.— Staatsanw. Matthias: Der Angeklagte hat beim Untersuchungsrichter gesagt: Ich habe gedacht, daß es den Mädchen ebenso� ergehen sollte wie dem Besitzer, daß sie also durch Zuziehen der«chlinge getötet werden sollten.— Die Verteidigung verweist darauf, daß dieses doch wohl nur ein« Schlußfolgerung d«S Untersuchungsrichters gewesen sei. — Vors.: Nach dem Protokoll sind das direkt di« Worte des Ange- klagten.— Rechtsanw. Donig: Ich bitte den Angeklagten zu fragen, ob sich nicht diese ganzen Vorgänge der drei Mordtaten im wenigen Minuten zusammengedrängt haben.— Angekl.: Da? ging alle« ganz schnell. Sternickel hat gesagt, daß müsse so rasch als möglich gemacht werden.— Der Angekl. Sternickel wird ebenfalls nach der Zeit gefragt, die die Vorgänge gebraucht haben, und erklärt mit einer wegwerfenden Handbewegung im schlesischen Dialclt: Och, bei dem Dienstmädchen dauert's jarnich lange, so a fünf Minuten. ES wird dann festgestellt, daß sich die ganzen Vorgänge Mark.— Vors.: Also 102 Mark waren durch die Einkleidung und das Bezahlen für andere draufgegangen?— Angekl.: Ich hatte auch dem Willi Kersten Geld gegeben, weil fein Geld schon einen Tag vorher alle gewesen war. In der Untersuchung hatte der Angeklagte auf die Frage, warnm er mit den zwei Brüdern Kersten dem ÄalicS und feiner Frau sowie den« Dienstmädchen nicht gegen Sternickel beigestanden bätte, geantwortet, der Knecht habe sie mit einein Revolver be- droht und ihnen gesagt, dah sie Ruhe halten mühten.— Angekl.: TaS stimmt. Zu dieser Zeit lvar der Mann und daS Mädchen schon gebunden, da» war, als die Frau gebunden wurde.— Vors.: Hätten Sie sich ohne diese Drohung des Sternickel anders verhalten? Waren Sie durch diese Drohung beeinflußt?— Angekl.: Ja frei» lich; schon wie ich bei KalieS nicht so angefaßt hatte wie ich sollte, sagte Sternickel, ich sollte doch besser anfassen. Auf mehrfaches-Befragen erklärt der Angeklagte Schwiclenz wiederholt, er habe geglaubt, es handele sich nur um einen Dieb- stahl. Bei den schnellen Vorgängen war überhaupt nicht klar, wa» kommen sollte. Er habe geglaubt, dah eine Betäubung stattfinden solle, damit sie ans'Geld herankommen könnten. In Einzelheiten habe Sternickel sie gar nicht eingeweiht. Versuche, die Widersprüche aufzuklären. Vors.:.Angeklagter Sternickel. Sie hören nun, was die anderen sagen; die Sache klingt doch ganz anders.— Angekl. Sternickel: Ich erzähle die Sache ganz anders. Der eine hier, der im grauen Anzug(auf Georg Kersten zeigend), hat ganz allein Kalies die Schlinge um den Hals gelegt; ich hatte Kilies ja angepackt; einer von den beiden anderen hat ihn an den Bcenen gehalten. Ich hatte nur einen Strick und keine Schlinge.— Vors.: Was sagen Die aber. wenn wir später von Zeugen hören werden, dah Sie noch mehrere solcher Schlingen besessen haben?— Angekl. Sternickel: Da» kann mir leener mch nachsagen. Wenn Ich den Mann anfasse, kann ich ihm doch nicht auch eine Schlinge umlegen; ich habe ja mit dem Mann Streit angefangen und ihn angepackt gehabt. Ich rede nur die reine Wahrheit, ich kann nichts an meiner Aussage ändern. Bei der Frau haben mir die beiden älteren auch geholfen. Willi Kersten war ganz allein bei den Kindern.— Vors.: Sie bleiben �ilso bei Ihrer alten Aussage, nur mit der Einschränkung, dah Sie jetzt sagen, Georg Kersten habe allein die Schlinge umgelegt.— Angekl. «ternickcl: Ja, gewiß, ich kann nichts anderes sagen, als die reine Wahrheit. Sollten die Leute sagen, ich habe alles getan, so möchte ich angeben, dah ich Schliewenz 10 Pf. gegeben habe zum Brotkaufen und daß die drei sodann sogar die Bäcker frau bcstohlen haben. .öie haben alles Mögliche mitgenommen. Nein, das geht nicht, daß man mich beschuldigt, alles getan zu haben. Es ist auch nicht richtig, daß ich den Leuten vorerst etwas gesagt habe vom Tot- schlagen; das war gar nicht meine Absicht.— Angekl. Willi Kersten bestreitet nach wie bor eine Beteiligung bei dem Mädchen.— Angckl. Sternickel: Der hat an der Tür gestanden. Das muh ich sagen, alles was Recht ist, soll Recht bleiben.— Vors.: Georg Kersten, Sie werden ja jetzt durch Sternickel sehr, schwer belastet.— Angekl. Georg Kersten: Ich habe keine Schlinge gehabt, das ist er allein ge- wesen.— Angekl. Schliewenz: Das ist nicht wahr, daß Georg die Schlinge umgelegt hat; das hat alles Sternickel getan.— � Vors.: Ich halte nun alle» vier Angeklagten noch vor, dah Kalies durch Er- sticken den Tod gefunden hat, und dah Frau KalieS nach dem ärztlichen Befund ohne Zweifel den Tod durch einen Schlag auf den Kopf gefunden hat.— Angekl. Sternickel: Kein Mensch hat einen Hammer gehabt, ich nicht und auch die anderen nicht.— Vors.: Sie werden mir zugeben, dah, wenn man jemand betäuben ivill, es näher liegt, eS durch einen Schlag zu tun, als durch das Umlegen einer Schlinge.— Angekl. Willy Kersten: In der Zeit, wo ich da war, habe ich nicht gesehen, daß Sternickel etwas in der Hand gehabt hat. Die beiden anderen Angeklagten erklären dasselbe. Damit ist die Vernehmung der Angeklagten beendet und es wird in die Beweisaufnahme eingetreten. Untersuchungsrichter Gcrichtsassessor Andersohn hat zuerst mit dieser Sache zu tun gehabt und den ersten Lokaltermin vorgenommen. Er hat Zeichnungen angefertigt, die vervielfältigt wurden und den Geschworenen übergeben werden. TaS Protokoll deS Lokaltermins wird verlesen. Die Schlafkammer des damals noch Schöne genannten Hauptangeklagten war in großer Unordnung, man fand ein Tachdeckerbeil, einen starken Hammer, lange schwarze Strümpfe und eine große Anzahl von Brieftchaftem In dem Lokaltermin wurde Sternickel dem Zeugen vorgeführt, der kurze Zeit vorher von dem Gendarmeriewachtmeister eingeholt und Der- haftet worden war. Er verantwortete sich dahin, daß er von Ein- dringlingen genötigt worden sei, gegen seine Herrschast in dieser Weise vorzugehen. Diese Aussage hat er nicht aufrecht gehalten. Kriminalkommissar Alexander Nasse: Bei der Obduktion des ermordeten Dienstmädchens muhte Sternickel feine Finger in die Würgemale am Hals der Ermordeten legen. Er tat das mit kolos- saler Rube und erklärte, er könne das mit gutem Gewissen tun, denn cr habe sie nicht umgebracht. Als ich hörte, dah die Kom- plizen Sternickel» in Berlin verhaftet worden waren und getrennt voneinander übereinstimmend Sternickel der Täterschaft beschuldigt hatten, wurde für mich die Hauptsache, die Persönlichkeit Sternickels zu ermitteln. Ich sagt« ihm schliehlich auf den Kopf zu. dah er Sternickel sei, er bestritt es mir suerst, aber alsbald nachher hat er unter dem Eindruck meiner Wort« dem Anstaltsgeistlichen ein teilweifes Geständnis der Ortwigcr Tat abgelegt. Ich habe mich in der Hauptsache mit seinem Vorleben beschäftigt, um ihm seine früheren Taten nachzuweisen. Als ich ihn fragte, wie er sich denn den Ausgang der Sache gedacht habe, sagte er: Ich habe nur einen Raubanfall mit Fesselung geplant. Nachdem er sich das Geld an- geeignet, wollte er daS Dienstmädchen entfesseln, die dann wieder Kalies und seine Frau entfesseln konnte. In der Zwischenzeit hätte er genügenden Vorsprung zur Flucht gewonnen. Als ich ihm darauf sagte: Sie haben ja keine Fesselung vorgenommen, sondern versmlft. die Leute zu strangulieren, erwiderte er: ja. Herr Kriminalkommissar, ich habe mich nicht ganz richtig aus- gedrückt, ich wollt« sie zuerst drosseln, bis sie die Besinnung der- lorcn und hoffte, dah sie, wenn ich geflohen bin, die Besinnung wieder erlangen werden. Al» Motiv gab er Rache, nicht Raubsucht an. Sein« Sachen seien in seiner Abwesenheit durchsucht worden, und es sei ihm ein« blau« Schürze abhanden gekommen. Das habe ihn so mahlo» erregt, dah der Gedanke der Tat in ihm gereift sei. Blutspuren waren im Hause nicht aufzufinden. Ter Zeuge bestritt, daß ein Teil der Betten deS Ehepaars Kalte» in Sacke gepackt vorgefunden worden sei, die von Frau Hampe, mit der Sternickel vom März 1011 bis Mai 1912 ein Verhältnis unterhalten haben soll, hergegeben worden waren. Er hatte dem Mann« der Hampe verschiedene kleine Gefälligkeiten erwiesen, ihm Kaninchen von seiner Zucht geliefert usw. Die Säcke bekam er von Hampe aus Erkenntlichkeit dafür. Stcrnickel wieder erklärte, er habe einen reichen Onkel in Posen, und werde Kartoffeln von ihm den Hampeschen Eheleuten bringen. Zu diesem Zwecke bekam cr die Säcke von Hampe, die er erst ein Jahr später bei der Sache benutzte.— Vors.: Sternickel, was haben Sie dazu zu sagen?— Angekl.: Ich habe nicht zusammengepackt, ich weih nicht? von den Säcken. Diese Säcke hatte ich schon längst ein- >'packt und zusammengerollt gehabt.— Vors.: ES wurde ja auch in einigen dieser Säcke Getreide vorgefunden?— Angekl.: Allerdings, ich wollte für meine Kaninchen von KalieS Gerste und Hafer kaufen und hatte ihm bereits S9 M. dafür gegeben. Ein Zwischenfall. Vors.: Wo sind Ihre Kaninchen?— Angekl.: Auf meinem Stalle zu Hause, oa, wo ich daS Mädchen verlassen habe.— Vors.: Wo ist diese Stelle?— Angeki.: In Dingsda,(zögeriid) da war ich bei Altreetz....— Vors.: Und Ivo noch?— Angekl.: Ja, da» kann ich beim besten Willen nicht sagen. Wtnn ich alles sage, da? sage ich nicht. Meine Fra» will ich nicht unglücklich machen. (Große Bewegung.)— Vors.: Sie sind verheiratet?— Angekl.: Ja, meine Frau weiß nicht» davon, daß ich auf solchen Wegen ge- wandelt bin und deshalb sage ich nichts. Ich habe auch keine Säcke nach dem Fortgehen der Berliner herumstehen sehen und weih nicht, wie sie beim Lokaltermin vorgefunden werden konnte». Die Beile hatte ich schon seit 2 Jahren in«in Säckchen ringe- bunden, der Hammer war ein Klopfhanuner für Sensen. Aehnlich erklärt Angekl. Sternickel die anderen vorgefundenen Gegenstände und behauptet, daß verschiedene andere Arbeiter des Kaltes da» bezeugen könnten. Auf die iveitere Frage de» Vor- sitzenden, die sich wiederum auf die Herkunft der Säcke bezieht, erklärt Sternickel schlichlich unvermittelt: da» will ich Ihnen sage». Wenn man einen Tag von einem solchen Mädel weg kommt, ist gleich ein anderer da. Das hat mich von dem Mädel verdrossen. Von Hampe habe ich 2 oder 3 Säcke bekommen.— Vors.: Herr Kriminalkommissar Nasse, haben Sie Geld in Ortweg gefunden? — Zeuge Kriminalkommissar Nasse: Nein. Bei dem Grundstück ist es ein reiner Zufall, wenn man etwa» findet. Ich bin aber fest überzeugt, dah noch Geld da ist, denn Sternickel hat mir er- klärt, dah er 7000 M. für sich erbeutet bat, von deren Existenz seine Komplicen keine Ahnung hatten. Diese 700 M. habe cr auf einer Sandstelle bei einem Gehöft in der Nähe von Wern- stadt �vergraben, wo er eine Zeitlang unter dem Namen„Milsch" beschäftigt lvar. Ich habe mich bei dem betreffenden Gutsbesitzer erkundigt und e» wurde bestätigt, dah Sternickel dort als Milsch tätig gewesen sei. Er kam auch in den verdacht. Sternickel zu sein und wurde bei dem Guisbesitzer gesucht. Da flüchtete er aber. Der Gutsbesitzer schrieb mir, daß er glaube, Sternickel habe i>o» Geld auf dem Heuboden versteckt. Sternickel hat dort eine Schiebe- klappe vom Stall zum Heuboden angebrocht, die nur tbm und dem Gutsbesitzer bekannt war. Nachdem er geflüchtet war, hat eine� unbekannte Person auf dem Heuboden genächtigt und das Heu durch- wühlt. Das kann nur Stcrnickel gewissen sein, denn nur cr kminte diese Schiebetür. Wenn er, trotzdem cr unter dem schweren Ver- dacht stand, Sternickel zu sein, zurücktam und das Heu durchwühlte. so kann er dazu nur höchst triftige Gründ« gehabt haben. Also muh er dort s«in Geld versteckt haben. Da» ist natürlich nur ein Schluß. aber ei« sehr zwingender. Vors.: Nun Stcrnickel?— Angekl.: Das alles beruht nicht aus Wahrheit. Ich habe allerdings 800 M. in einem Kuvcrt erbeutet, das habe ich dem Komniissar gesagt. Es war Geld, welches die anderen nicht gesucht haben, das habe ich in. Lappnitz in Papier- scheinen gehabt. Im Besitz dieses Papiergeldes war ich in der Nähe von Rotenburg in Schlesien, Eisenbahnstation Horka, in Stellung bei einem gewissen Kileinert und zlvar unter dem Namen Milsch. Aber die Sache mit der Schiebetür stimmt gar nicht. 20 bis 30 Schritte von dem Gut dort ist eine Sandflächc, die nicht bebaut wird. Dort ist ein großer Stein und da habe ich die 800 M. vergraben.— Vors.: Wo ist das?— Angekl.(lächelnd): Nein.— Vors.: Das sagen Sie wieder nicht.— Angekl.(mit triumphierendem Lächeln und mit einem gewissen Stolz in der Stimme): Das wird nicht verraten.(Allgemeine Bewegung.)— Vors.: Hören Sie mal, Sternickel, irgendeine Veranlassung zum Lachen haben Sie hier nicht.— Angckl.: Als ich von dort verjagt war. weil man mich suchte, wollte ich am nächsten Tage_ wieder hingehen, um das Geld zu holen. 14 Tage später war ich ja schon wieder in einer anderen Stellung, ich kann also nicht den Heuboden dort durchwühlt haben. Am dritten Tage, nachdem ich von dort weggegangen war. kam ich aber zurück. Am zweiten Tage waren die Leute mit Gewehren und Aextcii ausgerückt, um mich zu fangen. Sie fingen einen armen Mann, der Kaninchen jagte, den haben sie erbärmlich zerschlagen. Zeuge Nasse auf Befragen: Sternickel hat nicht eingeräumt, den Müller Knappe in Plagwitz ermordet zu haben. Sternickel hat bloh seine Mittäterschaft eingeräumt, aber genau so, wie in dem Ort Wicgerfalle die Haupttäterschaft auf seine Mitschuldigen ab- gewälzt. Sternickel hat damals mit zwei jungen Brüdern Pietsch die Tat begangen. Das waren ebenfalls junge Leute, die er genau wie in diesem Falle in einer Herberge geworben hatte und die ihm ganz unbekannt waren. Die Mittäterschaft gab er zu; aber die Haupttat, die Srwürgung des Pietsch, schrieb er seinen Mittätern zu.— Sternickel: Ich behaupte, dah ich die Tat so: ge- schildert habe, wie sie gewesen ist. Dah ich den Herrn erschlagen oder gefesselt habe, ist eine Unwahrheit.— Zeuge Nasse: Aus der Gleichartigkeit der Fälle habe ich auf die Identität Sternickels ge- schlössen. Zeuge Kommissar Nasse teilt dann weiter mit, daß in der Dunggrube zusammen in einem roten Taschenluch auch ein Stück wcihcS Leinentuch gefunden wurde, und dah er annehme. dah dieses im Zusammenhang mit der Mordtat st�he,— Angekl. Sternickel(sehr erregt): Nein, das beruht auf Unwahrheit.— Vors.: Einen solchen Ausdruck dürfen Sie nicht gebrauchen.— Zeuge Nasse: Bei der frithcron Geliebten deS Angeklagten Skr- nickel in Altreetz, einer gewissen Hampe, ist eine Peitschenschnur und mehrere Stricke, die zu Schlingen zusammengezogen waren, gesunden worden, die von der Hampe als Eigentum des Stcrnickel bezeichnet worden sind. Auch ein Rucksack mit Stricken und Wäscheschlinaen hat er bei einem Gastwirt in Wriezen aufbc- wahrt. Diesen Rucksack hat er vier Tage vor der Ortwiger Tat abgeholt. In seiner Kammer sind auch mehrere Stricke gefunden. —«ternickel(sehr erregt): Nein, das sind nicht 3, sonder 14 Tage vorher gewesen, daß ich den Rucksack abgehölt habe, wo m{t schmutzige Wäsche drin war. In der Kammer waren überhaupt keine Stricke; die hat der Kommissar selbst hineingelegt. Das sage ich ihm auf den Kopf zu; da? gau-e beruht auf Unwahrheit.— Vors. Ich verbiete Ihnen derartige Ausdrücke.— Sternickel: Dah bei der Hampe Peitschenschnüre und Stricke gefunden worden sind, ist Mumpitz. Bedenken Sie doch, Herr Präsident, daß ich seit März von der Hampe weg bin. Darauf wird die älteste Tochter des ermordeten Ehepaares, Margarethe Kalles, ein sechzehnjähriges Mädchen, da? in tiefer Trauer erscheint, als Zeugin vernommen. Sie blickt mit erficht- lichem Schauder nach der Anklagebank, worauf der Vorsitzende rät, sich doch nach der anderen Richtung zu den Geschworenen zu wenden. Sie möge sich beruhigen, da ihr doch nichts geschehen könne. Der Vorsitzende ermahnt sie, sich durch ihren berechtigten Zorn nicht bestimmen zu lassen, von der Wahrheit abzuweichen.— Vors.: Wie war Ihr Vater mit dem Knecht Schöne zufrieden?— Zeugin: In der Arbeit lvar er mit ihm zufrieden, das hat der Vetter öfter ge- sagt. Allerdings hat er auch darüber gesprochen, dah cr nicht wisse, woher der Knecht kommt und wer cr ist. Späterhin, nachdem Schöne schon längere Zeit bei ihm war, hat der Vater einmal seine Sachen nachgesehen, weil ihm der Schöne verdächtig vorkam. Schöne war östcrS Sonnabends und Sonntage von Hause fort und bei einer solchen Gelegenheit hat der Vater seine Sachen durchsucht. Dabei fand er einen Revolver und Stricke. Er bot auch darüber gesprochen. Die Zeugin schildert nun den Tag ver Ermordung ihrer Eltern, wobei sie die bereits bekannten Einzel« Helten wiederholt. Sie konnte aus den Gerkuschen aus dem Nebenzimmer hören, dah ihrer Mutter etwas Schlechtes angetan werde. Vorher hatte Schöne die Mutter zur Rede gestellt, was sie über ihn gesagt habe. Dann erzählt sie, wie Willi Kersten. den sie an der Stimme wiedererkennt, weil cr auf Anordnung deS Vor- sitzenden die damals gesprochenen Worte wiederholt, mit denen cr mit geladenem Revolver die Kinder zur Ruhe zwang. Er hat auch die Zeugin am Halse so airgefaht, dah sie keine Luft bekam. Dann erzählt die Zeugin, wie die beiden Kinder von Skrnickel in den Schrank eingesperrt wurden, und wie er sie wieder einmal auf kurze Zeit au? dem Schrank herauslieh und ihnen etwas zu essen gab. Sie schildert auch, wie Sternickel die Fensterläden vorschob und vernagelte. Sie erzählt auch, dah draußen ein Posten auf» und abgehe, der den Verkehr verhindern solle.— Vorst: Haben Sie diesen Posten schreiten gehört?— Zeugin: Nein, aber au» Angst haben wir so getan. Die Zeugin gibt noch an, dah ihr Vater davon gesprochen habe, Schöne zu entlassen, weil cr ihm unheimlich sei. Er habe aber hernach davon abgesehen, weil er fürchtete, dich Schöne ihm eine Scbeune anstecken könnte. Die Zeugin gab noch an, daß Sternickel gedroht habe, die Kinder ebenfalls zu erwürgen, während die anderen Angeklagten davon abließen. Stcrnickel halie immtr mit der Schlinge in der Hand mit dem Erwürgen gedroht. Tic elfjährige Marie Kalies wird darauf hereingerufen und er- scheint in Begleitung ihrer Tank. Sic ist sehr verschüchtert und ängstlich und der Vorsitzend« sucht sie zu beruhigen,— Sie weih nur noch, dah fremde Leute ins Zimmer gekommen sind und dah Schöne etwas zur Mutkr sagte. Die Mutter habe geantwortet, dah sie von ihm nichts zum Vater gesagt habe. Darauf ist die Mutter ins Wohnzimmer gegangen. Die Mutter schrie auf einmal ans: Grete! Grete! Sie hat von dem Schrei keinen Schrecken bekommen. Die Zeugin weih auch nicht mehr, dah der Schrei so geklungen hätte, dah der Mutter der Hat» zugehalten würde und gibt weiter an, dah sich jemand mit dem Revolver aufs Bett gesebt habe.— Auf eine weitere Vernehmung der kleinen Zeugin wiro vcrzichlct und die beiden Kinder werden entlassen. Die Verhandlung wird auf morgen früh 10 Uhr berlagt. Soziales. Unfug mit Ablehnung von Richtern. In einer der letzten Sitzungen hat da? O b e r s ch ö n e iv e i d e r Ge Werbegericht bekanntlich die Akkumulatorcnwerke zur Heraus- zahlung der dem Kläger widerrechtlich für den gelben Unter- stützungSverein einbehaltenen wöchentlichen Beiträge verurteilt. Ein zweiter Prozeh, der auf derselben Grundlage beruht, schwebt etzt. In diesem hat die Direktion sämtliche Beisitzer de« Gericht» als befangen abgelehnt, weil diese der özialdemokratischen Partei angehörten. Die Kammer des Gerichts, die über den Ablehnungsantrag zu befinden hatte, hat am Dienstag den Antrag zurückgewiesen. Aus dem von der Direktion angegebenen Grunde einen Ab- lchnungsantrag stellen ist ein grober Unfug. Wie würde die Unter- nehmerpresse über TerroriSmu» und Sabotage zetent, wenn in einem Zivilprozeh der der Sozialdemokratie angehörlge Beklagte alle Richter ablehnen würde, weil sie befangen feien. Der Fall mit dem gcIBfit SSctJbsreiit liegt besonders kraß, weil die??ichiauSzahlu!ig deZ Lohnes und die Kürzung desselben um den an den gelben Bcr- ein abgeführten Betrag strafbar ist. Denn es handelt sich um ein Vergehen gegen§ IIS der Gewerbeordnung und nach der vom Reichsgericht gegen Arbeiter gebilligten Rechtsprechung uin eine Er- Pressung. Weshalb schreitet die Staatsanwaltschaft gegen Siemens, A. E. G. und andere Werke, die in ähnlicher rechtswidriger Weise vorgehen, nicht ein? Bundksratsverordnnng über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter. F fZL Absatz 1 und 2 der Gewerbeordnung enthält einige Schutzvorschriften für die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter «junge Leute zwischen 14 und 16 Jahren», die sich auf den Beginn der Arbeit und die Festlegung von Pausen beziehen. Dem Bundesrat ist in§ 139 die Ermächtigung erteilt, Ab- iveichungen an diesen Vorschriften für Betriebe mit nnunter- brochencr Arbeit zu erlassen. Der Bundesrat hat von dieser Ermächtigung unter dem 24. März 1903 für Steinkohlenbergwerke, deren Betrieb auf achtstiindige Schicht ein- gerichtet ist, Gebrauch gemacht und unter diesem Datum eine Verordnung erlassen, die für jugend- liche Arbeiter, welche über Tage mit den unmittelbar mir der Förderung der Kohlen zusammenhängenden Arbeiten beschäftigt»Verden, ungünstigere Voraussetzungen zuläßt. Diese Verordnung hat bis zum 1. April 1913 Gültig- keit. Wie der gestern abend erschienene„Reichs-Anzciger" mitteilt, hat nun der Bundesrat diese Verordnung ans >v eitere zehn Jahre verlängert und n o ch >v e i t e r g e h e»i d e Verschlechterungen zu Ungunsten der jugendlichen Arbeiter zugelassen. Tic Verschlechterungen bestehen in folgendem: Bislang durfte die Beschäftigung m i t den unmittelbar mit der Förderung der Kohlen z u s a m in e n h ä n g c n d c n Arbeiten am Tage vor Sonn- und Festtagen um 4 Uhr morgens beginnen. Künftighin soll auch an den Tagen vor K o n t r o l l- Versammlungen die Arbeit um 4 Uhr beginnen können. Außer dieser Gleichstellung der Kontrollversamm- lnngen mit den Sonn- und Festtagen enthält die Verordnung die Neuerung, daß auch die Arbeitsstunden derjenigen jugend- lichen Arbeiter- männlichen Geschlechts über vierzehn Jahre, »vclche über Tage mit Arbeiten beschäftigt werden, die bei der An- und Abfahrt der Belegschaft zu leisten sind, in Ab>vcichung von Z 136 Abs. 1 Satz 1 der Gelvcrbcordnung bereits von fünfeinhalb Uhr»norgens an und am Tage vor Sonn- und Festtagen solvie an den Tagen der Kontrollversammlnngen bereits von vier Uhr morgens an beginnen können. Statt Aufhebung der Ausnahmevorschriftcn gegen Jugend- liche also eine Ausdehnung der Aufhebung der Arbeitcrschutz- Vorschriften.__ Kaffcnlöwrn. Ein Arzt schreibt uns: Ja dem Artikel„Gcwcrbehhgienc"— Nummer 52 des„Vorwärts"— wird als einer der Gründe, daß die Acrztc uichr gc- nügend über Gcwerbckrankheiten unterrichtet sind, der Mangel an Beit erwähnt, indem die viel beschäftigten Kassenärzte gezwungen wären, oft täglich mehr als hundert Patienten abzufertigen und deshalb nicht daran denken könnten, sich ernstlich mit diesen Tin- gen zu beschäftigen. Es heißt dann in dem Artikel weiter, daß die 5trankenkassen es in der Hand hätten, hier durch feste Anstellung einer genügenden Anzahl von Kassenärzten Abhilfe zu schaffen. Ja, ja, Kassenlöwcn— überfüllte Wartezimmer! Zwei Worte, die einen bösen Klang haben.' Man kann sich nicht genug wundern. daß auch die großstädtische, speziell Berliner Arbeiterschaft, die doch in modernem Geiste erzogen und politisch gut geschult ist, diesen schweren Uebelstand ruhig erträgt. Tst um nur einen Kranken- schein unterschreiben zu lassen, müssen die armen bedauernswerten Kranken ein bis zwei Stunden wie Heringe zusammengepfercht in den schlecht gelüfteten Wartezimmern sitzen. Die Ueberbürdung der einzelnen Kassenärzte und die Ueberfüllung der Wartcräume bilden seit vielen Jahren eine ständige Klage vieler Kasscnkranken. lind trotzdem läßt der moderne Proletarier, der im Begriff steht, seine Sklavcnkcttcn abzuschütteln, der im Begriff steht, z. B. das jammer- volle Treiklasscnwahlrecht, das ihn zu politischer»llcchtlosigkcit wer- urteilt, zu beseitigen, diesen elenden Zustand weiter bestehen! Obwohl der Vorstand einer Krankenkasse leicht in der Lage wäre, Abhilfe zu schaffen durch Anstellung einer genügenden Anzahl von Acrzten! Freilich müßte jeder Bewerber um eine Kassenarztstelle einen Fragebogen ausfüllen, der folgende Punkte enthielte: 1. Haben rcsp. treiben Sic Privatpraris und in welchem Umfange? 2. An welchen Krankenkassen sind Sie beteiligt resp. welches Ein- kommen beziehen Sic aus Ihrer bisherigen kasscnärztlichen Tätig- kcit? 3. Sind Sie Armen-, Schul- oder Jmpfarzt, Vertrauens- arzt einer Berufsgenosscnschaft? 4. Wieviel Patienten hatten Sie bisher durchschnittlich täglich abzufertigen? Tie Ivahrhcilsgemätze Beantwortung dieser Fragen würde der Kasse ungefähr eine Vorstellung geben, ob der Bewerber für die seiner harrenden neuen Aufgaben noch genügend freie Zeit hätte. Fragen wir nach den Gründen, die es erklären, daß einzelne Acrztc sich zu Kassenlöwen entwickeln, so sind sie einmal in dem Umstände zu suchen, daß der betreffende Arzt das gewaltige Glück hatte, an einer oder mehreren großen Krankenkassen allein oder mit nur wenigen„Konkurrenten" tätig zu sein, oder wenn es sich um all- gemeine freie Arztwahl handelt, so liegt die Erklärung unter anderem darin, daß der betreffende Arzt sich einer guten Wohn- läge erfreut, d. h. inmitten ciucs dicht bevölkerten Proletarierstadt- teils wohnt, daß er neben einem anmutigen Aeußcrcu über ein ge- wandte?, zuvorkommendes, aalglattes Wesen verfügt; wic>oft hört man besonders die jungen Mädchen schwärmen:„Nein, ist der Herr Tottor ein reizender, liebenswürdiger Herr!", daß er auf die Wünsche der Kranken bereitwilligst eingeht; Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit, Verordnen von Spezialitäten und Stärkungs- Mitteln, Schonung der Simulanten reip. milde Beurteilung der- selben; beständig die Reklametrommel rührt, z. B. Vorträge ab- hält, sich ein Wohltätigkeitsmäntclchen umhäng;— ein bekannter Kassenarzt schickte einmal einen Kranken auf seine Kosten in eine Lungenheilstätte, natürlich wurde die Notiz in die Presse gebracht— usw. usw. Ja, wenn noch der Beschäftigungsgrad der Aerzte und ihre Tüchtigkeit parallel ginget Doch es ist in eingeweihten Kreisen kBit Geheimnis, daß gerade Aerzte. die, Inas das Krankschreiben, Verordnen von teuren Medikamenten und Stärkungsmitteln be- trifft, laue Anschauungen haben, den meisten Zuspruch finden, un- bekümmert um ihre Kenntnisse, die oft viel zu wünschen übrig lassen, und daß andere oft sehr wissenschaftliche Aerzte weniger aufgesucht werden, weil sie bei Beurteilung der Frage, ob Erwerbs- Unfähigkeit vorliegt, ob Arznei- rcsp. Stärkungsmittel nötig, strengeren Grundsätzen huldigen. Wenn der Grad der Beschäftigung einen Maßstab für die Tüchtigkeit eines �Nediziners abgäbe, dann mühte z. B. mancher Kurpfuscher, wie Schäfer Ast in Radbruck;, der berühmteste, d. h. tüchtigste Hcilkünstler Teutschlands sein! Tie größten Charlatanc unter den Acrzten, die sich oft einer ganz bedeutenden Anzahl Klientel erfreuen, müßten dann die tüchtigsten Aerzte sein.... Ten Uiustand will ich noch erwähnen, daß überfüllte Wartezimmer auf empfängliche Gemüter geradezu suggestiv, ja faszinierend wirken. Wo Tauben sind, fliegen Tauben hin, sagt das Sprich- wort. Doch nun noch eine ernste Seite: Welches sind die Schatten- seilen übcrfüllter Wartezimmer von Kassenärzten? Wegen Mangel an Zeit ist eine peinlich gcwisjcnllaftc körperliche Untersuchung des Kranken unmöglich. Diesen Umstand machen sich Trückeborgkr Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Lür den zunutze und suchen mit Vorliebe vielbeschäftigte Kassenärzte aus, wobl wissend, daß. da die Zeit zur genaueren Untersuchung fehlt, sie dann die Arbeitsunfähigkeit bescheinigt erhalten, während eine gewissenhafte Untersuchung das Fehlen einer solchen würde fest- gestellt haben. Ferner geht crtverbsfähigcn Kranken infolge des mit dein langen Warten verbundenen Zeitverlustes Arbeitslohn verloren, Frauen werden ihrer häuslichen Tätigkeit entzogei� Kinder bleiben ohne Aufsicht usw. Ferner zieht das Einatmen der schlechten, von üblen Gerüchen erfüllten Luft in den über- besetzten Räumen leicht für schwächliche Kranke Ucbclscin. Brcch- Neigung, Lhnmachtsanfälle usw. nach sich! Oft bringt auch das lange Zusammensein mit Personen, die an ansteckender Krankheit. wie Masern, Diphtherie, Scharlach usw. leiden, die Gefahr der Ansteckung mit sich— sie erkranken selbst oder schleppen das Krankheitsgift nach Hause und übertragen es auf ihre Umgebung! Es ist im Publikum viel zu wenig bekannt, daß gerade die ärztlichen Wartcräume Brutstätten gefährlicher Ävankheitsieime darstellen! Besonders sollten es Patienten unterlassen, die dort liegenden Bücher, Zeitschriften usw., die gerade als Quelle ansteckender Krankheiten angeschen werden müssen, in die Hand zu nehmen. Wenn sogar Kranke der schädlichen Gewohnheit huldigen, beim Umwenden der schmutzigen infizierten Blätter den Finger mit Speichel anzllfeuchteii, so ist dem Einbringen von Bazillen in die Mundhöhle Tür und Tor geöffnet! Trotz der geschilderten Um- stände gibt es noch viele große Kassen, die sich sträuben, eine gc- nügendc Anzahl von Aerztcn anzustellen, um den Kaffenmatadorcn die Ricscneiunahmen nicht zu schmälern, obwohl sich die Kassen schwer an dem Wohle der Kassenmitglieder versündigen I Dabei ist mit ci')er Anstellung von einer Anzahl neuer Kassenärzte durch- aus keine finanzielle Mehrbelastung verknüpft! Der Kasse kann es gleich sein, ob sich in das Honorar, das festgelegt ist, zwei oder zehn Acrztc teilen. Der Schein- rcsp. Patientenjägerei könnte die Kasse i» der Weise entgegentreten, daß sie in gewissen Zwischen- räumen statistische Erhebungen anstellt, wie hoch sich bei den ein- zelncn Acrzten die Ausgaben für Medikcunente, Stärkungsmittel. Krankengeld usw. pro Kopf der Behandelten belaufen, wie hoch sich prozcntualitcr die Uebenveifungen an die Krankenhäuser, an die Spezialärzte usw. stellen. Auf diese Weise könnte jederzeit einem Mißbrauch der kasscnärztlichen Funktionen ein Riegel vorgeschoben werden. Bei den meisten Krankenkassen ist es immer noch Usus, Bewerbungsschreiben von Aerzten— mögen sie noch so gut empfohlen sein, mögen sie noch so reiche Erfahrung im Kasienwcsen besitzen— in den Papierkorb wandern zu lassen, und es besteht weiter die beklagenswerte Tatsache: aus der einen Seite überfüllte Wartcräume bei den Kasscnlöwen mit all den geschilderten entsetzlichen Schattenseiten, und aus der andern Seite leere Warte- zimnicr von Acrzten. die eine gewissenhafte Ausübung der lassen- ärztlichen Tätigkeit sich würden angelegen sein lassen, aber durch Nicbtanstcllung daran gehindert werden. Sache der Kassenvcr- waltungcn ist es, hier schleunigst Abhilfe zu schaffen. ** * Soweit die Zuschrift des Arztes. Sie enthält eine Reihe durch- aus berechtigter, von unserer Seite wiederbolt betonter Klagen. Anders liegt eS mit dem nickt neuen Mittel, das der Einsender vorschlägt. Tic einzelne.ünsse hat Selbstverwaltung und hat daher allein über die geeignete Art der ärztlichen Fürsorge zu bestimmen. Die Frage, ob fest angestellte Aerzte oder ob freie Arztwahl vor- zuziehen ist, ist von Fall zu Fall unter Berücksichtigung aller Ilm- stände zu entscheiden. Ter eigentliche Grund für die vorliegenden Ucbcl liegt im Krankenkassengesctz, das den Kassen die Verpflick- hing auferlegt, ärztliche Behandlung eintreten zu lassen, aber weder eine Verpflichtung der Aerzte zur Uebernnbme der BeHand- hing Kasscnkranker ausspricht, noch die Mittel hierfür dem Reich oder dem Staat auferlegt. Diese Abwälzung der Armenlast aus die Schultern der Arbeiter und die falsche Ansicht einiger Aerzte, daß die Verwaltung der Kassen durch Arbeiter an den Mißständen schuld sei, ist von uns wiederbolt ausführlich dargelegt. Die bürger- lichen Parteien find an den jetzigen Mißständen schuld. Sie haben dieselben durch Ablehnung der bei Beratung des Krankenvcrsiche- rungsgcsctzes gestellten Anträge der Sozialdemokraten hervor- gerufen._ Tie niedrigste Säuglingssterblichkeit in Teutfchlcinb. Wie wir den von der Obstbaukolonie Eden bei Oranienburg herausgegebenen„Edener Mitteilungen" entnehmen, haben bisher die englischen Gartenstädte Letchworth und Hampstcad den Rtihm für sich in Anspruch genommen, mit 5,3 Proz. bczw. 6,6 Proz. die niedrigste Täuglingsflerblickkeitszisfer aufzuweisen. Ihnen macht aber unsere deutsche Garte nbau-Siedeluug Eden bei Oranienburg die Palme streitig, da die Säuglingsstcrb- lichkcit dort nach siebzehnjährigem Durchschnitt nur 3,3 Proz. bc- tragen hat. Eine Konturrcntin ist ihr neuerdings nur in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden entstanden, die allerdings erst einen zweijährigen Durchschnitt 1= 2,5 Proz.) zu verzeichnen hat, der mit dem siebzehnjährigen Ebener Durchschnitt ohne weiteres nicht verglichen werden kann. Die Ziffern registrieren wir, betonen aber, daß die kleinen Siedclungcn einen Vergleich mit größeren Gebieten nicht zulassen. Die Vergleichbarkeit scheitert schon an der geringen Zahl, die bei diesen Sicdclungcn in Betracht kommt. Es wäre ein Vergleich fast ebenso verkehrt, wie ein Vergleich der Säuglingssterblichkeit in Deutschland mit der in einer Familie, in der kein Säuglng gc- storben ist._ Der Zkutralverband der Zimmerer hat die jetzt ihrem Ende entgegengehende Tarisvcrtragsperiode dazu benutzt, seine Mitgliederzahl sowohl wie auch seine Finanzen auf einen Stand zu bringen, von dem aus er den kommenden Ereignissen mit der größten Ruhe entgegeilsehen kann. Die Mitgliedcrsteigeruiig, die schon im Jahre 1911 einsetzte, hat auch im Iabre 1912 augchalteu. Die Miigliedcrzahl betrug 1912 im Jahresdurchschnitt 63 409 gegen 59 258 im Jahresdurchschnitt 191 1 und 34 548 im Jahresdurchschnitt 1910. Das ist seit 1910 eine Zunahme von><861. Eine ganz beacklliche Steigerung hat aber vor ollem das Äerbandsvermögen erfahren. Es betrug am Jahresschlüsse 1910 in der Zcntralkagc 1 143 534 M., in den Zahlstellen 616182 M.. zusammen 1 759 716 M.; am Jahresschlüsse 1911 in der Zentralksse 2 217 551 M., in den Zahlstellen 704 912 Mark, zusammen 2 922 463 M. Hingegen' schloß das Jahr 1912 mit einem Vermögensbestand von 3 539 925 M. in der Zentralkassc ab und mit 821 341 M. in den Zahlstellen, zusammen mit 4 361 266 Mark. Ter Gesamtvcrmögcnsbeilaiid hat sich demnach seit 1910 um 2 601 550 M. erhöht. Das ist eine Leistung, die bisher ihres- gleichen kaum haben dürste, ans die deshalb der Zimmegerverbaud mit Recht stolz sein kann. Damit der Verband an seiner finanziellen Leistungsfähigkeit auch in Zukunft nicht einbüße, hat die unlängst stattgesundene 20. Generalversammlung durch eine zweckentsprechende Beitragsregnlierung umfassende Vorsorge getroffen, und es kann erfreulicherweise konstatiert werden, daß in fast sämtlichen Zahl- stellen des Vervandes die in dieser Richtung gefaßten Beschlüsse der Generalversammlung volles Verstäiiduis gefunden Haben. Tiefe Tatsache berechtigt zu den besten Hoffnungen. Ter Zimmcrcrverband Hat im Jalire 1912 302 Lohnbewegungen geführt. Daran waren bcleiligt 1049 Orte mit 1006 Betrieben und 8060 Zimmerern; davon 6193 VerbandSmitglieder. Ohne Arbeits- einstellung fanden 141 Lohnbewegungen ihre Erledigung, an denen 4600 Zimmerer beteiligt waren. Bon den Lohnbewegungen ohne Arbeitseinstellung endeten erfolgreich 101 mit 3406 Beteiligten, teil- weise erfolgreich 22 mit 693 Beteiligten und erfolglos 18 mit 501 Beteiligten. Durch Arbeitseinstellung fanden 161 Lohnbewegungen ihre Erledigung. Daran waren beteiligt 339 Orte mit 363 Betrieben und 3460 Zimmerern; von den Arbeitseinstellungen waren 125 AngrisfSjtrcikS mit 1752 Beteiligten, 23 AbweHritreiks mit 798 Beteiligten und 13 Aussperrungen mit 103 Beteiligten. Durch die Bewegungen wurde insgesamt erreicht: für 1702 Mann eine Vcr kürzung der Arbeitszeit um 5718 Stunden pro Woche, für 5907 Inseraten teil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärl? Mann eine Lohnerhöhung bau 13 780 M. pro Wockc. Die Lohn- bcwegungen erforderten einen Kostenaufwand von insgesamt 45 269 Mark; davon flössen aus der Zentralkassc 41238 M. Im Joore 1911 mußte die Zentralkassc für Lohnbelvcgungcn im Berus 61587 Mark aufwende». Zu Beginn des Jahre? 1912 bestanden im Zimmerergewerbc 626 Tarifverträge. Ihr Geltungsbereich erstreckte sich auf 9194 Orte mit 8844 Betrieben und«16 892 Zimmerern. Im Laufe des Jahres endeten 40 Tarifverträge. Erneuert und neu abge- schlössen wurden III Tarifverträge, davon 80 ohne Kamps, während 31 das Ergebnis von Kämpfen bildeten. Ihr Geltungsbereich um- faßte zusammen 1066 Orte mit 1130 Betrieben und 7142 Jim- merern. Am Sckluß des Jabrcs 1912 bestanden somit 697 Tarif» Verträge für 12 896 Orte mit 9684 Betrieben und 73 527 Zimmerern; davon 56 268 VerbandSmitglieder. Von den 697 Tarifverträgen kommen am 31.»vtärz d. I. zum Ablauf 626. Ihr Geltung«- bc reich umfaßt 12 544 Orte mit 9259 Betrieben und 70 952 Zimmerern; davon 54 324 VerbandSmitglieder. An der diesjährigen Tarifbcwegung sind demnach unter Zugrundelegung der Mitglicderzahl 87,65 Proz. der Gcsamtmitgliedscixist beteiligt und 96,57 Proz. aller überhaupt unter Tarifvertrag stehenden Verbands- Mitglieder. Taraus ergibt sich zur Genüge, daß der Zimmerer- verband an dem Ausgang der Bewegung in außerordentlich starkem Maße interessiert ist. Nun stützen bekanntlich die Unternehmer ihre bislang völlig ablehnende Haltung in der Hauptsache aus die ungünstige Bau- konjuuktur und die schlechten Aussichten fiir das Baujahr 1913. Ihre Informationen hierüber sind geschöpft aus einer durch den llnteruehmervcrband bei seinen Ortsvcrbändcn gehaltenen Umfrage. Bei dieser Art de: Information mußte ein Ergebnis herauskommen, wie nian cs wünschte, das aber für eine Beurteilung der Bau- aussichtcn vollkommen wertlos ist. Wirklich zutreffende Anhaltspunkte hierüber lassen sich zur Zeit auch kaum gewinnen. Genaue Feststellungen über die letzten fünf Jahre besitzt der Zimmerer- verband und zwar aus Grund der von ihm ausgezahlten Arbeits» losenuuterstützung. Es entfielen im Jahre 1908 auf jedes Verbandsmitglied 8,29 unterstützte Arbeitslosentage, im Jahre 1900 9,60, im Jahre 1910 5,19, im Jahre 1911 5,32 und im Jahre 1912 7,39 Tage. Tie pro Mitglied aufgewendete Unterstützung betrug im Jahre 1908 9,26 M., im Jabre 1909 10,91 M., im Jahre 1910 6,80 M., im Jahre 1911 7.99 M. und im Jahre 1912 10,83 M. Aus diesen Zahlen irgendwelche Schlüsse für das Bau» jähr 1913 zu ziehen, ist natürlich nicht angängig. Hätte man beispielsweise aus dem Jahre 1909, das, wie die angeführten Zahlen ergeben, das allcrungünstigstc war, aus das Jahr 1910 schließen wollen, man wäre sicher zu einem Trugschluß gelangt. Das gleiche müßte geschehen, wollte man das Jahr 1912 entscheidend sein lassen für eine Beurteilung der Bausaison 1913. Die Methode der Unternehmer aber, allein auf völlig unbegründete Vermutungen hin, die man sich teils gar nur vortäuscht, ein Urteil zu fällen, müßte als frivol bezeichnet werden. Eins ist sicher: Eine Aussperrung—■ wenn der Untcriichmcr» bcrband eine solche herbeizuführen beabsichtigt—, trifft den Zimmercrvcrband heute weit besser vorbereitet als im Jahre 1910. Damals trat er in die Aussperrung ein mit einem Vermögen in der Zentralkassc und in den Zahlstellen von zusammen 1430 744 Mark. Heute verfügt er über ein Vermögen, das mehr als dreimal so groß ist. Hinzu kommt ferner, daß die Aussperrung von 1910 gewissermaßen den ersten allgemeinen Kamps im Baugewerbe bildete, zu dessen wirksamer Führung cs begreiflicherweise an Er- fahrungcn mangelte. Das iit heute anders. Für den Zimmerer- verband wie auch für die übrigen in Frage kommenden Verbände ist die Aussperrung 1910 sehr lehrreich gewesen; die aus ihr ge- wonnonen Erfabruugen werden bei einer nochmaligen Aussperrung — selbst wenn diese auf einer viel breiteren Grundlage erfolgen sollte— sicherlich die beste Verwendung finden. kmfkaften der Redaktion. Tie»»rtstische e»rc«ftunde findet Linden straßc LS, dorn vier Tre»t>c» — Fahrftudl—, woqcnlSglich von tu, vis?>/,»de-dends, eonnadend», «on 4'o bis 6 Uhr abends statt. Jeder siu»eu Brieikasten deftimmicn Anfraze ist ein Buchstabe und eine Zahl als Mertzcicheu beijufügcn. Briefliche Antwort wird nicht rrieilt. Anfragen, denen keine Atonnemenisquittung drigefUgt ist, verveu nicht beanttrortct. Eilige Fragen trage man in der Svrcchslnnde vor. I. W. 21. Fordern Sie vom Witt, am besten durch cingeschciebencn Brief, Abhilfe binnen vicrzebn Tagen und droben Sie ihm, dast Sic»ach Ablauf der Frist Klage auf Vcttrag-Slösung erbeben werden. Eine solche Klag» erscheml durchführbar, sofern Sie die nächiliche Ruhestörung beweisen können.— K. L. 100. 1. Tos können Sie Inn. 2. ES empfiehlt sich, nachdem Sie die Kinder zurückbehallen haben, dem Voriniindfchailsgcricht Mitteilung zu macheu.— Zt. H. 8. 1. Häufig ja. 2. Mindestcus 200 BeitragSivocheu.— K. 31. 1. Sie können einen Notar damit beauftrazeu. Die Kosten richten sich nach der Höhe dc-S Objekts. 2. Beides nicht erforderlich.—<5. G. 10. Die Ansprüche sind nachzuzahlen, verjöbtt siud die» jenigcn Forderungen, die länger als 4 Jahre zurückliegen.— S. M. 100. Ja._ M. W. 14. Scheidiingsgrimdc liegen nach Ihrer Darstellung nicht vor. Für die Zelt der HiljSbedürftigkeit ist Ihr Sohn auch zum Unter» halt der Frau verpflichtet.— A. L. in B. 1. und 2. Nein 3. Geburtsurkunde und Militärpaß de-Z Mannes. 4. Ja, sofern daS Mädchen noch nicht 21 Jahre alt ist. ö. Ja.— Genossen.304. 1. Nein. 2. Nach Vollendung des sechzehnten Lebensjahres. 3. Mit Vollendung des zwölften LcbcnSjabrcS beschränkte. mit Vollendung de« achzehntcn Lebensjahres unbeschränkte Slrastnündigkeit.— 21k. 21k. 100. Ja.— 211. R. 087. 1. DaS Zeugnis kann erst bei Beendigung der Lehrzeit gc» «ordert werden. 2. U. E. ja. und zwar während der letzten 14 Tage an etwa 2 Tagen der Woche etwa 2 Slunden.— R. L. 9. 1. und 2. Nein, sofern die Ebc nach dem 31. 12. 09. geschlossen ist. 3. Eventuell Eheacttrag zu notattellcm oder gerichtlichem Protokoll.— H. K. 17. Sie sind nur dann von der Hnstpflicht besrcit, wenn mit dem neuen Erwerber ein neuer Mietsvcrtrag geichlaiien ist. ohne dag Sic Kenntnis erlangt babcn und Ihnen gegenüber Ansprüche vorbehalten sind.—(f. F. 63. Nur dann und soweit Einkünfte aus dem Grundstück mit veranlagt werden.— Z. Z. 1000. Das hängt von dem Willen des Vaters ab.— Tbüringen 1881. Die Setzung aus den Pjlichtteil ist zulässig.— Zlngelci. DaS Gesetz betagt darüber nichts. Fragen Sie beim zuständigen Amtsvorstchcr beziv. Landrat an.— T. 2k. 130. Das Alter spielt in dem Falle keine Rolle. Ist der junge Mann in Berlin oder den Borott«» tätig, dann halten wir eine Einschätzung in der untersten Stcuerstusc im Betrage von 6 Mark für zulöffig. Der Betrcsicnde fall reklamieren. Dbanato«. 1. Reklamieren Sic, die Veranlagung ist zu Unrecht erfolgt. 2. Ja.— R. Eh. 1913. 1. Ja. 2. und 3. Eine erschöpfende Auskunft darüber läßt sich nicht geben, da emheitliche Bestimmungen nicht existieren. Es ist ratsam, sich vorher mit Personen, die in dem Orte wohnen, in dem die Ebeschlieflung'tatlsinden soll, in Verbindung zu setzen. Die Mindest- Zeitdauer, während welcher der Wohnsitz innegehalten iein mutz, beträgt 15 Tage. ES müssen auch zwei Zeugen gestellt werden, die cvciiliccll unicr Eid versichern können, dag ibncn keine Hindeniisgrüudc bekannt sind.— — 231. P. 74. Fahrgeld ist in der Regel nicht abzugssähig. Dagegen können Sic den Beitrag zur Hilfskasse kürzen. Bei zwei Kindern haben Sie Anspruch auf Ermägiguug um eine Stuse.— A. H. 100. ES genügen 20 Marken als Mn de st zahl. Beim Umtausch ist der Beamte aus die Notwendigkeit der Namensänderung aufmerksam zu machen.— Franca! 27. 1. und 2. Wenden Sie sich zunächst an den Zivilvorsitzendeu der Ersatz- kommisfion mit dem Antrag aus Erteilimg der Erlaubnis und demnächst an das Polizeipräsidium ans Erteilung des HcimatlcheinS. 3. Hierüber gibt am besten Rat die AuSkunstsstelle der im Auslande lebenden Sozial- demokratcn deutscher Zunge: Joseph Schleyer, Sekretär, 1l Bd. d'Enghicn, Eughieii-IcS-Bams(S-" O), France.-- G. Sck- 1- Unseres Er« achtens ja. Uin den Anwalt von Ihrer Ver'icherungSPsiicht zu überzeugen, vichlcn Sic eine Anfrage an die AuSkunjtSstell« dc-Z Renten« ausfchu'ics' in Wilmcrsdorj, Hohenzollerndamm 29. 2. Tie erhaltene Auskunft mit der Vcrsicherungslarte übergebe» Sie alsdann dem Anwalt. — H. I. 12. l. Ja. 2. Das ist gleichgülliq. Sie haben ein Recht, die Karte jederzeit herauszufordern. 3. u. 4. Die Kattc müssen Sic beschaffen. Sie lörmeii sofottige Ausstellung verlangen.— Friseur. 1. Ja. sofern nicht AnscchtungSgründe vorbanden sind. 2., 3. u. 4. Ja. 5. Sticht not- wendig.«. Nach BertragSschlutz. 7. Der Gläubiger würde wahrscheinlich mit einer Vertragsansechtuug durchdttngcn.— R. W. 77. Die Sau». baltungSzcgcnitSnde gehören der Witwe. Der Schwiegervater hat keinen Anspruch au denselben.— M. R. 11. 1. Ja. 2. Nein.:l. u t ES er« icheint in den nächsten Tagen über die. Frage eine Abhandlung im .Borwärt»".—(f. s. 26. Ilm die insolge einer Kranlbcit drohende Invalidität eines Versicherten oder einer Wctwc abzuwenden, kann die Versicherunasanslalt ein Hciloerjabrcn einleiten.— E. G. OS. Kaiser. — M L. 30. Dos wäre möglich, ist aber nicht wahrscheinlich. Suchdruckern u. VeriagsaiisUttt Paul Lutger u. Co.. Berlin Sys. Nr. 62. 30. IahrMg. 4. KeilW des.Isrsirfs" Itrliittr WsM Freitag, 14. Marz 1913. Oerband der Sezialdemohratifcben Aahl' vereine Berlins und Umgegend. Die Verbreitung des Manifestes der französischen und deutscheu Sozialdemokratie gegen das wahnfinnige, kriegs hetzerische Wettrüsten findet am statt. Sonntag, den 1<5. März, Wir ersuchen die Partcigeuosien und Genossinnen, früh zeitig zur Stelle zu sein, um zu ihrem Teil dem die Völker Europas erdrückenden Militarismus entgegen zu wirken. Ter Aktionsansschust. Partei- Ungelegenkeiten. Neukölln. Die nächste Stunde des Kursus„Redeübungen findet Sonnabend, abends S1/» Uhr, bei Bartsch stall. Am Dienstag, den 18. März, abends 8 Uhr, im Lokal von Bartsch, Hermannstr. 49: Märzfeier, bestehend in Chorgesang «Männerchor Neukölln), Festrede und Rezitationen. Der Eintritt ist . frei, doch bitten wir, zwecks Kontrolle, das Mitgliedsbuch vorzu- zeigen. Sonntag, den 18. März, nachmittags 2t/z Uhr, im Neuköllner Theater, Bcrgstr. 147: Theatervorstellung. Zur Aufführung gelangt: Madame Sans-Göne, Lustspiel in vier Akten von Bictoricn Sardou. Billetts a 69 Pf. inkl. Garderobe sind noch zu haben: in den Partei- speditionen Neckarstr. 3 und Siegfriedstr. 28 und bei den Genoffen Pfeiffer, Hermannstr. 49, Gemmecker, Kaiser-Friedrich-Slr. 232/233, Meier Nachf. Richter, Prinz-Handjery-Str. 3, und Karl Richter, Mahlower Str. 7/8 Ecke Weisestratze. Tabendorf bei Zossen. Am Sonnabend, den 15. März, abends 8l/z Uhr, im Lokale von F. Wiese: Generalversammlung. Vortrag des Genossen Groger über:.Programm und Ziele der Sozial- demokratie". Bericht von der Kreisgeneralversammlung, Bericht des Vorstandes und der Revisoren nnd Neuwahl des Gesamtvorstandes. Borfigwaldc-Wittenau. Die Mitglieder des Wahlvereins wollen bis zuin 23. März ihre Mitgliedsbücher in Ordnung bringen. Bibliotheksbücher sind gleichfalls bis zu diesem Datum in der Bibliothek abzugeben. Zernsdorf und Bezirk Cablow. Am Sonntag, den 13. März, nachmittags 5 Uhr, im Lokal Ääbe in Cablow: Versammlung des Wahlvereins. Tagesordnung u. a.: Bericht von der Kreisgenerak Versammlung, die Landtagswahl. Waidmaneslust und Umgend. Sonntag, den 16. März, nach» mittags 4 Uhr: Mitgliederversammlung des Wahlvereins in Hohen- Reuendorf bei Blessin am Bahnhof Stolpe. Vortrag des Reichstags- abgeordneien Hermann Molkenbuhr:„Der Rüstungswahnsinn, seine Ursachen und Wirkungen"'. Beschlutzfassung über unsere dies- jährige Maifeier. Vereinsangelegenheit und Verschiedenes.— Bei schönem Wetter treffen sich die Genossen von Waldmannslust und Hermsdorf am Sonntag, den 16. März in Hermsdorf. Ecke Waldsee- und Berliner Stratze, nachmittags Punkt 3 Uhr. Berliner Nachrichten» Aus der Stadtverordnetenversammlung. Die gestrige Sitzung der Stadtverordneten erledigte die zahlreichen zum Teil rückständigen Vorlagen im Geschwind- schritt. Von besonderer Bedeutung war der Bericht, der über die Ausschutzberatung gegeben wurde und der sich auf den Abschlutz kollektiver Arbeitsverträge bezog. Die sozialdemokratische Fraktion hatte den Antrag gestellt, die Stadtgcmcindc möge mit den Organisationen der städtischen Arbeiter zwecks Abschlusses von Tarifverträgen in Verbindung treten. Dieser Antrag war vom Ausschüsse abgelehnt worden. Genosse Sassen dach legte dar, datz die Ablchnungsgründe sehr fadenscheinig seien. Tarif- Verträge sollen nach der Mehrhcitsansi'cht nur für die Privatindustric nützlich sein, für die Gemeinde eigneten sie sich nicht. Was bedeute der Abschlutz von Tarifverträgen! Doch lediglich nur, datz die Lohnfestsetzungen nicht einseitig geschähen, sondern unter Mitwirkung beider Teile, der Arbeit geber wie der Arbeitnehmer. Früher oder später würde die Stadtgemcindc doch den vorgeschlagenen Weg beschreiten müssen. Herr Galland als Grundbesitzerschützling, wollte von Tarifverträgen zwischen Stadtgemeinde und Arbeiterorganisationen so wenig wissen wie Herr Brunzlow, der Holz- industrielle. Der sozialdemokratische Antrag wurde hierauf entsprechend dem Ausschutzantragc abgelehnt'; er wird wieder- kommen. Vorher wurde die Wahl des Stadtmedizinalrates voll- zogen. Gewählt tvurdc zu dem wichtigen Posten der Gcheinirat Dr. Weber, der bisher im kaiserlichen Gesundhcits- amt wirkte und durch seine Tätigkeit auf vielen Ausstellungen, u. a. auch der in Dresden, weiteren Kreisen bekannt ge- worden ist. Gegen die Berliner Biersteuer! Der Verein der Brauereien Berlins und die ihm nicht angeschlossenen Brauereien und Biergrotzhandlungcn haben sich in ausführlicher Eingabe an die Minister des Innern und der Finanzen smvie an den Oberpräsidentcn der Provinz Branden- bnrg gewendet und darum gebeten, der von der Berliner iistadtverordnetenversammlung am 6. März gutgeheitzenen Bierstcuerordnung die Genehmigung zu versagen, da sie in mehreren Bestimmungen gesetzlich ungültig und überhaupt praktisch vollkommen undurchführbar ist. Hundcspcrre und Eisenbahn. Ueber das infolge der Hunde- sperre von der Eifcnbahnvcrwaltung beobachtete Verfahren herrscht, wie zahlreiche Anfragen und Beschwerden beweisen, in den Kreisen des beteiligten Publikums große Unklarheit. An zustän- diger Stell» wird zu dieser Frage folgendes mitgetent: Die Beförderung von Hunden und Katzen innerhalb des Sperrbezirks unterliegt keiner Beschränkung. Bei beabstcktigter Ausfuhr solcher Tiere über die Grenzen des Sperrbezirks hinaus war bisher die ortspolizciliche Genehmigung erforderlich, welche nur nach 1 vorausgegangener tierärztlicher Untersuchung erteilt wurde. Nur bei Vorlegung einer solchen Bescheinigung der Polizeibehörde wurden an den Fahrkartenschaltern der Eisenbahn Hundckartcn verabfolgt. Diese Vorschrift ist auf Veranlassung der Staatsbahn- Verwaltung dahin abgeuiildert worden, datz von der Vor- legnng einer polizeilichen Genehniigung in den Fällen ahgeschen werden soll, in welchen der Reisende erklärt, datz es sich nur um einen Ausflug handelt«nicht um die Uebcrführung des HundcS »sw. zu dauerndem oder längerem Aufenhalte nach «nem anderen Orte). Auch in solchen Fällen, d. h. bei Ausflügen, werden also die Hundekarten von den Schaltcrbeamtcn ohne weiteres verabfolgt. Bon der Stratzcnbahn. Die Große Berliner Stratzcnbahn lätzt während der Hauptverkehrszeiten eine Einsetzlinic auf der Linie 12 zwischen der Ecke Turin- und Beusselstratze und dem Dönhoffsplatz verkehren. Diese Einsetzlinic wird vom 15. März an nicht mehr durch die Turmstratze, sondern durch die Beusselstratze und die Stratze Alt-Moabit geführt. Sic wird aus diesem Wege unter der Nummer 18C betrieben. Der Bock als Gärtner. Fortgesetzte Diebstähle aus der Rennbihn zu Karlshorst hat die dortige Polizei unter der Leitung ihres neuen Kriminalkom- missars aufgedeckt. Aus den Restaurations- und Klubräumen, aus den Fürstenpavillons und den Logen und ans anderen Ran- mcn verschwanden schon seit einer Reihe von Jahren von Zeit zu Zeit allerhand Sachen, die zum Teil sehr wertvoll waren: goldene Bejtekks mit Widmungen, Bowlen, Tassen und Teller, Tischdecken uno andere Wäsche, Sattelzeug und Sporen und dergl. mehr. Mau dachte lange Zeit an Rennbahnbesucher als Töter, zumal da die Diebstähle in der Regel kurz nach Ablauf der Rennen entdeckt wurden. Alle Beobachtungen und Nachforschungen nach dieser Rich tung blieben jedoch erfolglos, unter dem Publikum wurde kein Dieb entdeckt.«An größerer Diebstahl, der neuerdings wieder verübt wurde, lenkte die Aufmerksamkeit der Polizei aus den Wächter Gebler aus Lichtenberg, dessen Obhut alle die bezeichneten Räume seit vielen Jahren anvertraut waren. Der Verdacht gegen den Wächter, der volles Vertrauen genotz, erwies sich denn auch als berechtigt. Eine Durchsuchung seiner Wohnung förderte eine ganze Menge Sachen zutage, die erst in der letzten Zeit gestohlen worden waren. Ins Gebet genommen, räumte denn auch Gebler angc- sichts der Entdeckung in seiner Behausung ein, daß er die ganze Zeit über das in ihn gesetzte Vertrauen mißbraucht und fortgesetzt gestohlen hatte. Seine ständigen Abnehmer waren Gastwirte in Berlin und Lichtenberg. Der ungetreue Wächter wurde festgcnom- men und hinter Schloß und Riegel gebracht, gegen seine Abnehmer wurde ein Verfahren wegen Hehlerei eingeleitet. Bon einer umfallenden Maner erschlagen wurde gestern vormittag ein Arbeiter Schneider auf dem Tempel hofcr Felde. Hier wird die alte Schäferei abgebrochen. Gestern morgen standen nur noch die Ilmfasiungsmauern. Diese wurden durch Untergraben gestürzt. Die Arbeiten waren um stzlll llhr so weit vorgeschritten, datz die erste Mauer jeden Augenblick fallen konnte. Schneider, der erst gestern früh bei dem Abbruch angefangen hatte, stand noch in der Nähe und sprang nicht gleich weg, als ihm seine Arbeitsgcnossen warnend zuriefen. Da stürzte plötzlich die Mauer zusammen und begrub ihn unter ihrer Last. Der Unglück- liche war bereits tot, als man ihn unter den Trümmern hervorholte. Verhaftet worden ist die Expcdientin Hedwig Müller unter dem schweren Verdacht, ihren Bräutigam durch zwei Revolverschüsse getötet zu haben. Wir hatten kürzlich gemeldet, datz im Tiergarten ein junger Mann namens Reimann erschossen aufgefunden wurde, während die Hedwig Müller unversehr geblieben war, aber angab, von Rcimann, mit dem sie in den Tod gehen wollte, angeschossen, aber nur gestreift worden sei. Jetzt soll die Obduktion ergeben haben, datz Reimann die beiden Schüsse nicht selbst auf sich abge- geben haben kann. Ob diese Annahme wirklich zutrifft, mutz ab- gewartet werden. Furcht vor Erblindung hat die 46 Jahre alte Rentiere Helene Terrkitz aus der Manteuffclstr. 35 in den Tod getrieben. Sic sprang vor dem Hause Kottbufer Ufer 39/49 in den LaudweHrianal und ertrank, bevor man sie retten konnte.— Im Verfolgungswahnsinn ins Wasser gegangen ist der 29 Jahre alte Hausdiener Paul Hcrzberg aus der Prenzlauer Stratze 38, der seit ungefähr einem Vierteljahr vermißt und gestern an der Schlcuscninscl im Tiergarten als Leiche wiedergefunden wurde. . Tie hundertste Berkanfsstelle eröffnet heute die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend in der Transvaalstr. 3. Mit der Eröffnung ist ein gemütliches Beisammen- sein verbunden, welches abends 8 Uhr, in den Pharus-Sälen statt- findet. Dieses Jubitäum der Genosseiischafr fällt zusammen mit der Veröffentlichung ihres Berichts für den Monat Februar. Aus dem Bericht ist zu entnehmen, daß der Umsatz 1 394 989,36 M. betrug. Das ist gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres ein Mehr von 367 916,42 M. Außer diesen: in den Verkaufsstellen er- zielten Umsatz ist in den Fleischerläden der Genossenschaft für 455 225 M. ausländisches Fleisch verkauft worden. Der Umsatz im Februar lätzt erneut erkennen, datz die Konsumgenossenschaft im laufenden Geschäftsjahr einen Unisatz von über 15 Millionen erreichen wird. Die Eigenproduktion der Konsumgenosienschaft entwickelt sich gleich_ erfreutich; ist doch in der Bäckerei im Februar ein Umsatz von 254 481,17 M. erzielt worden. Davon entfallen 21349 M. auf den Konditoreibetrieb. Mit Beginn des jetzigen Monats hat die Genossenschaft auch die Fabrikation von Zwieback selbst in die Hand genommen, so datz in Zukunft Zwieback nicht mehr von Privatfirmen bezogen werden braucht, sondern der Bedarf in der eigenen Anlage hergestellt wird. In der Selterfabrik wurden 29 949 Flaschen Seiter und Brause- limonaden hergeftellr gegen 17 466 Flaschen im gleiche:: Monat des vorigen Jahres. Der Umsatz in Kaffee stieg von 39 509 Pfund im Februar 1912 auf 53 375 Psund im Februar 1913. Die Sparkasse hat einen Bestand von über 3 Millionen erreicht. Durch die Ueberweisung der Spargelder an die Konsumgenossen- chaft bringen die Mitglieder immer mehr zum Ausdruck, datz sie von der Solidität ihres Unternehmens vollkommen über- zeugt sind und ihre Gelder nicht besser aufbewahrt finden als in der Konium-Genossenschaft. Diese Sparer erfüllen damit aber auch Schließlich eine hohe genosjenschastliche Pflicht, indem sie ihrem eigenen Unternehmen auf diese Weise billiges Geld zur Jnbetriebnabme von neuen Produltivwerkstätlen beschaffen. Zur Zeit wird draußen in Lichtenberg fleißig gearbeitet an dem Neubau der Bäckerei, die nach Fertigstellung einen Jahresumsatz von 3 Millionen bewältigen soll. Bis September soll diese Bäckerei betriebsfertig ein, und ist dann die Möglichkeit geschaffen, einen Jahresbedarf von 6 Millionen an Brot und Backwaren zu bewältigen. Die Mitgliederzahl der Konsumgenossenschaft stieg um 2787 und beträgt nunmehr 73 138. Wir wollen ferner noch darauf hinweisen, daß am 6., 13. und 29. April allgemeine Besichtigungen der Betriebsanlagcn stattfinden, und können unseren Lesern nur empfehlen, den Sonntag, der für ihren Wohnbezirk in Betracht kommt, zu benutzen, um die' Betriebsanlagen in Augenschein zu nehmen. Dachstuhlbrand im Norden Berlins. Gestern früh gegen 2 Uhr wurde die Feuerwehr nach der Jasmunder Str. 8 im Norden Berlins gerufen, wo der Dachstuhl des Hauics in Brand geraten war. Die Löschzüge 19 und 23 eröffneten sofort einen umfassenden Loschangriss, und es gelang den Löschmannschaften, das Feuer in verhältnismäßig kurzer Zeit zu unterdrücken. Ein Teil des Dach- stuhlcs wurde allerdings vollständig zerstört. Die Ausräumungs- arbeiten nahmen eine Stunde in Anspruch. Ueber die Ursache des Brandes konnte nichts ermittelt werden. Ter ttzcsangvcrcin„Libcrtc" lM. d. D. A. S. fi?.) veranstaltet am Sonntag, den 16. März 1913(Palmsonntag), abends 7 Uhr, im Konzertsaal der„Neuen Welt"(Hasenheides, ein Frühjahrs- Kanzert. Mitwirkende: Frau Margarethe Brieger-Palm(Alt), Herr Eugen Bricgcr(Baritons. Am Flügel: Herr Joseph. Ein- laß 6 Uhr. Eintritt 59 Pf. Kinder unter 9 Jahren haben keinen Zutritt. Vorort- Nachrichten» 11t» Prozent Gemeindesteuerzuschlag. Einen für die Finanzpolitik Groß-BerlinS bedeutungsvollen Be« schluß faßte am Mittwochabend die Schö neberger Stadt- verordnetenversamlnlung. Als erstes der Grotz-Berliner Gemeindeparlamente hat sie auf Antrag des Eiatsausschusses beschlossen, für das Steuerjahr 1913 119 Prozent Kommunalsteuer- zuschlug zu erheben. Der sozialdemokratische Redner Genosse Bernstein betonte hierzu, daß es ihm sowie 4-1-l�n Fraktions- genossen gerade nicht leicht geworden sei, dieser Erhöhung die Zu- stimmung zu geben. Im Interesse einer gesunden Finanzpolitik müsse dieser Schritt jedoch getan werden. Schöneberg unternehme damit nur etwas, was alle anderen Kommunen Grotz-Berlins schon längst hätten tun müssen. Die an eine Erhöhung des kommunalen, Zuschlags geknüpfte Befürchtung, daß eine erhebliche Zahl Mieter den Ort verlassen würden, sei sinnlos. Für die Wahl der Wohnung seien andere Verhältnisse maßgebend als eine so gerindfllgige Steuer- erhöhung. Städte, die, nur uin an dem bisherigen Steuersatz fest- zuhalten, alle sozialen Aufgaben vernachlässigen, trieben eine Finanzpolitik, die den Manipulationen eines jeden Moment von: Staatsanwalt gefaßten Geschäftsmannes gliche. Die geringe Er- höhung sei als nichts anderes als eine Reform zu betrachten, durch die die Gemeinde in die Lage versetzt werden solle, ihre sozialen Pflichten zu erfüllen. Der vom Etatsausschuß befürwortete und von der Stadtver- ordnetenversammlung einstnnmig angenommene Antrag die Fest- setzung des Steueretats betreffend verlangt außerdem: 196,7 1 Proz. der staatlich veranlagten Grund- und Geböudesteuer, umzulegen nach der Steuerordnung vom Juni 1912 und einem Nachtrage mir a) 3 Proz. vom gemeinen Werte der bebauten Grundstücke, b) 6 Proz. vom gemeinen Werte der unbebauten Grundstücke, c) 5,5 Proz. Zuschlag vom gemeinen Werte der unbebauten Grundstücke am Stadt- park bis zu einer Entfernung von 199 Metern von den Grenzen des Parkes, d) 5 Proz. Zuschlag vom gemeinen Werte der unbebauten Grundstücke am Stadtpark in einer Entfernung von mehr als 199 bis zu 499 Metern von de» Grenzen des Parkes, e) 4 Proz. Zuschlag vom gemeinen Werte der unbebauten Grundstücke von mehr als 499 bis zu 599 Metern von den Grenzen des Parkes, k) 3 Proz. Zuschlag von mehr als 599 bis zu 799 Metern von den Grenzen des Stadtparkes. Der Zuschlag zu o bis f wird nicht erhoben von den Grundstücken, die für den öffentlichen Verkehr freigelegt sind oder die als Haus- gärten benutzt werden. 141,77 Proz. der vom Staaie veranlagten Gewerbesteuer, umzulegen mit a) 165 Proz. der staatlich veranlagten Gewerbe- steuer in Klaffe I; d) 150 Proz. in Klasse U und III, o) 199 Proz. in Klasse IV. Die zur Erhebung gelangenden Real- steuern, Grund-, Gebäude-, Gewerbesteuern, sind 187,93 Proz. der staatlich veranlagten Sätze. B e t r i e b§ st e u e r. s) die Betriebs- steuer des Stadtkreises und b) 69 Proz. Gemeindesteuerzuschlag. Die Gesamteinkommen von nicht mehr als 999 M. werden nicht herangezogen. Ebenfalls ist der Beschluß als erledigt anzusehen, mit den Gemeinden Groß-Berlins in Verhandlungen zu treten in Sachen der kommunalen Zuschläge. Von den übrigen Beratnngsgegenständen sei ein Antrag der sozialdemokratischen Fraktion erwähnt, der für die Unterbeamten günstigere Beforderungsverhältnisse und die Unterbreitung einer eut- sprechenden Vorlage verlangt. Die Freie Fraktion legte sich für die Militärwiwärter ins Zeug. Unsere Genossen Bernstein und K ü t e r betonten die Pflicht der Gemeinde, für die schon seit langer Zeit tätigen Zivilanwärter zu sorgen. Alsdann wurde ein mit dem Elektrizitätswerk„Südwest" geschlossener Vertrag angenommen. Der Vertrag läuft bis 1928 und soll bis 1959 verlängert werden. Die Stadt erhält für 3 Millionen Mark Aktien zum Selbstkostenpreis. Die neuen Aktien ergeben eine Dividende von 12,5 Prozent, also 375 999 M. jährlich. Sollte die Dividende niedriger sein, so ist die Gesellschaft verpflichtet, die Differenz zu tragen. Ferner verpflichtet sich die Gesellschaft, zu einem Pauschaltarif die Abgabe elettrischen Stromes für Kleinwohnungen von einem bis höchstens drei Zimmern und Küche einzuführen. Ebenfalls übernimmt die Gesellschaft das frühere Druckenmüllersche Gelände zum Preise von 1359 M. für die Ouadratrute; außerdem erhält die Stadt eine ein- malige Vergütung von drei Millionen Mark. Mit der An- nähme dieses Angebots wird die Stadt zu einem Drittel Mit- besitzerin des Werkes. Die Stadtverordneten nahmen dieses An- gebot mit großer Mehrheit an. Von der Hausbesitzergruppe stimmten vier dagegen. Angenommen wurde ein Vertrag mit dem Abfuhrunternehmer Knauer, dem infolge deS UebergangS zur Eigenregie in der Straßen- reinignng statt 126 999 M. nur noch 63 990 M. gezahlt werden, und auch diese Summe wird erheblich gekürzt, sobald die elektrischen Abfuhrwagen eintreffen. Zur Förderung der Kaninchenzucht forderte der Magistrat 2900 M., weil bisher 12 Parzellen nicht bebaut werden konnten, da die ausgeworfenen Nüttel nur für 29 Ställe reichten. Die Ställe sowie das Zuchtmaterial gehen in Eigentum der Stadt über. Dem wurde zugestimmt.— Für die Regulierung des Spielplatzes in der Rubensstraße wurden 5599 M. beantragt. Stadtv. LinienS erhob dagegen Einspruch und meinte, der Antrag sei nicht formgerecht. Nach Aenderung des Antrags wurde derselbe einstimmig an- genommen. Neukölln. Das Urwahlbezirksverzeichnis sowie das alphabetische Straßenverzeichnis soll einem Beschluß der letzten Magistratssitzung zufolge durch Druck vervielfältigt und an die hiesigen Bürger zur Bor- bereitnng der Wahl unentgeltlich abgegeben werden. Sodann nahm der Mogistrat von der Bilanz der städtischen Hhpothelenanstalt ür das Jahr 1912 Kenntnis und beschloß, den Gewinn der Anstalt im Betrage von 68!2.94 M. zur Hälfw dem Reservefonds der Htzpothekenaustalt und zur Hälfte den: Kämniereifonds zwecks päterer Verwendung für städtische Zwecke zu überweisen.— Im Einverständnis mir der Deputation für die höheren Lehranstalren beschloß der Magistrat: 1. Am 1. April 1913 wird in dem Gebäude der städtischen Realschule, Hierselbst die Sexta einer neuen höheren Lehranstalt für Knaben errichtet, welche nach dem Lebr- plan einer höheren Reformlehranstalt mit Latein eingerichtet werden soll. 2. Am 1. Oktober 1913 soll eine weitere Vorschulklasse an der Realschule nicht eingerichtet werden. Die vorhandenen Klaffen werden nur noch bis zum Abschluß der Vorschulbildung ihrer Schüler fortgeführt.— Der Magistrat setzte das Schulgeld für den von: 1. Oktober d. I. ab an der Realschule zu erteilenden Hand- fertigkeitsunterricht für das Halbjahr wie folgt fest: al für Papp- arbeiten 6 M. und b) für leichte Holzarbeiten 8 M.— Auf den An- trag der Arbeitnehmerbeifitzer des GewerbegerichtS um Erhöhung dex Entschädigung für ZeitversämnniS wurde beschlösse«, diese Tntschädi- Mmg auf 6 M. zu erhöhen und bezüglich der Wanderung des Orts- -statutS das Weitere zu veranlassen. Eine Neuregelung dcS russischen FlcischverkaufS ist nunmehr nach längeren Verhandlungen getroffen worden. Von jetzt ab ist der Fleischverkauf der Konsumgenossenschaft für Berlin und Umgegend übertragen, die in besonders hierfür gemieteten Läden daS Fleisch an jedermann abgibt. Der Verkauf findet an folgenden Stellen statt: Kaiser- Friedrich-Str. S, Erlanger Straße 15, Hertzberg- straffe 32/33, Laube st r. 18 und Schierkestr. 36. Die werktätige Bevölkerung Neuköllns wird nunmehr ersucht, von dieser Einrichtung regen Gebrauch zu machen. Charlottenburg. Am Montag, den 17. März, abends 8'/, Uhr, findet im Volks- hause die Generalversammlung des Vereins Arbciter-Iugendheim Charlottenburg statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Bericht des JugendheimleitcrS über: Die Polizeiaktion gegen das Jugendheim. 3. Anträge der Mitglieder, i. Verschiedenes. Die Mitglieder werden um zahlreiches Erscheinen ersucht. Der Vorstand. Lankwitz. In der letzte» Gemeindcvcrtretersitzung wurde der Schöffe Franz Lüdicke mit 11 von 13 abgegebenen Stimmen wiedergewählt. In den Kanalisationszweckverband Lankwitz-Marienfelde wurden der Schöffe Lüdicke und die Gemeindevertreter Hildebrandt und Krohn, als Stell- Vertreter die Gemeindeverordneten Helmsen, Lüdicke und Dr. Sauer gewählt. Alsdann wurde die Errichtung eines öffentlichen Arbeits- Nachweises beschlossen und dafür 503 M. zur Verfügung gestellt. Genosse Radike verlangte, daff die Errichtung des Arbeitsnachweises einer Kommission überwiesen werde, welche gleichzeitig eine Vorlage für die Einführung einer kommunalen Arbeitslosenunterstützung mit aus- arbeiten solle. Dafür war jedoch weder der Gemeindevorsteher, noch einer der bürgerlichen Vertreter zu haben. Herr Fortmann, ein Er- wählter der ersten Klasse, behauptete sogar, daff 76 Prozent der Arbeitslosen nicht arbeitslos wären, wenn sie nur aufs Land gehen würden, wo immer Arbeit vorhanden sei. Genosse Radike wies diese Ausführungen energisch zurück. Dem gelernten arbeitS- losen Handwerker, welcher vier Jahre Lehrzeit durchgemacht habe, könne man nicht zumuten, sich als Landarbeiter zu verdingen. Die Umwandlung einer Wächter- in eine Polizeisergeantenstelle wurde von der Mehrheit beschlossen, trotzdem man erst in vorletzter Sitzung die Wächterstelle eingerichtet hatte, da die Bezirke für die drei vor- handenen Wächter viel zu groff sind. Die im vorigen Jahre vor- genommene Wahl zur Gemeindevertretung der dritten Klasse wurde vom Kreisausschuff für ungültig erklärt. Als Gründe Ivurden an- gegeben, daff die Wahlzeit von 11—1 und von 3—9 Uhr angesetzt gewesen sei, eine solche Unterbrechung der Wahlzeit sei jedoch unzu- lässig. Auch die Ergänzung des Wahlvorstandes durch einen anderen Beisitzer wurde als Grund der Ungültigkeitserklärung an- erkannt. Ober-Schöneweide. Gememdevertretersitzung. Zu Beginn der Sitzung erfolgte die Einführung der in der Eisatzwahl vom 13. Februar gewählten Ge- nasser Schwarzburger und Ä i s ch a n, nachdem vorher die Gültigkeit der Wahlen ausgesprochen war. Vom Vorsteber wurde der Wortlaut eines Schreibens bekanntgegeben, welches der Schöffe Kabelitz wegen der gegen ihn gerichteten Beschuldigung, bei der Kreistagsabgeordnetenwahl für einen Sozialdemokraten gestimmt zu haben, an den Landrat gerichtet hat. Von dem Blüthnerorchester ist die Anregung betreffs Veranstaltung eines Volks- S ymp h o n i e-Kon zer t es ergangen. Schöffe Herwig hält die Bevölkerung deS Ortes für zu wenig musikverständig und plädierte deshalb für Ablehnung. Die Vertretung beschloff, von dem Anerbieten Gebrauch zu machen und bewilligte für diesen Zweck einen Zuschuß bis zur Höhe von 260 M. Das Konzert soll an einem Sonntag im April nachmittags stattfinden und dafür ein Eintritts- geld von 33 Pf. erhoben werden. Die Vorlagen betreffend ander- weitiaer Regelung des Armenwesens und eines Abkommens betreffs Beseitigung von Tierkadavern fanden Zustimmung. In ge- heimer Sitzung ivurde neben diversen Angelegenheiten noch be- schloffen, die Stelle eines Berufsvormundes auszuschreiben. Zehlendorf(Wannseebahn). Eine» Lichtbildervortrag hat das Gewerkschastskartell zu Sonn- abend, den 16. März, abends 8>/z Uhr, im großen Saale von Miel, Karlstr. 12, veranstaltet. Genosse Ludwig Steinberg wird das Thema behandeln:»Wie die deutschen Gärtner wohnen!" Die Arbeiterschaft wird um den Besuch des Vortragsabends gebeten. Pankow. Tie Gemeindevertretung hatte sich am Dienstag zunächst als AmtsauSschutz mit dem Erlaß einer Polizeiverordnung über Herstellung und Betrieb von Grundstücksentwässerungen und Bcr- hütung der Verunreinigung der Reinwasscrleitung zu beschäftigen. Es handelte sich darum, auf diesem Gebiet einheitliche Verhältnisse mit Groß-Berlin herbeizuführen, und des weiteren die teilweise noch in die Schmutzwasserkanalisation entwässernden Grundbesitzer zum Anschluß an die von der Gemeinde unter Aufwendung erheb- licher Mittel geschaffenen Regenwasserkanäle zu veranlassen. Da letzteres für die Grundbesitzer mit Kosten verknüpft ist, so wurde von bürgerlicher Seite das unvermeidliche Lamento über die Bc- lastung des Grundbesitzes angestimmt und verlangt, vom Erlaß dieser Polizeiverordnung vorläufig abzusehe». Diesem Verlangen trat Bürgermeister Liuhr entgegen, und nach längerer Debatte stimmte die Vertretung dem Erlaß der Polizeiverordnung zu. Unter großer Spannung auf der überfüllten Tribüne wie auch im Sitzungssaal wurde nun in die Gemeindevertretcr- k i tz u n g eingetreten. Bildete doch den ersten Beratungsgegenstand die Entscheidung über das Schicksal der in letzter Sitzung an die Finanzkommission zurückverwiesene Lustbarkeitssteuer. Be- fürworter wie Gegner dieser Steuer konnten zur Begründung ihrer Auffassung über diese Steuer natürlich wenig neues mehr vor- bringen. Bürgermeister Kühr versicherte wiederum, daß er kein Freund der Steuer sei; wenn aber keine anderen Vorschläge zur Vermeidung eines noch höheren Kommunalsteuerzuschlages als 123 Prozent gemacht werden könnten, verbleibe sie als einziger Ausweg. Tw Steuer wird, wie Syndikus Müller darlegte, als Billett- und Pauschstcuer erhoben. Sie ist gegen den ersten Eni Wurf wesentlich gemildert. Die Billettstcuer beispielsweise sollte nach dem ersten Entwurf für jede gegen Eintrittsgeld erworbene Karte erhoben werden, und zwar bis 63 Pfennig 6 Pfennig und für jede weitere angefangene halbe Mark weitere 6 Pf. Im nun- mehr vorliegenden Entwurf beginnt die Steuer erst bei einem Ein- trittsgeld von mehr als 16 Pf. Es sollen dann erhoben werden: bei einem Eintrittsgeld von 16—26 Pf. 3 Pf., bei einem solchen von 26— 50 Pf. 3 Pf. und für jede Weitcrc angefangene halbe Mark weitere 6 Pf. Ebenso haben die Pauschalsätzc teilweise Ermäßi- gung erfahren. Auch der Bcgrcnzungskreis der steuerpflichtigen Lustbarkeiten ist diesmal etwas enger gezogen und klar ausgedrückt, welche Veranstaltungen steuerfrei bleiben sollen. In der sehr ein- gehenden Debatte bekämpften die bürgerlicchn Vertreter Ringel, Kaufmann und H i r t e die Steuer. Herr Ringel schlug zur Erschließung neuer Geldquellen die Gründung einer Fcuersozictät durch die Gemeinde sowie die Erhebung einer Reklamesteuer vor. Seine Vorschläge fanden jedoch wenig Anklang. Außer den Ge- meindevorstaichsmitgliedern fand die Lustbarkeitssteuer noch einen warmen Befürworter in Herrn H o l t k ö t t e r. Genosse K u b i g präzisierte nochmals kurz und prägnant unseren ablehnenden Standpunkt. Nach dem Verlauf der Debatte blieb es noch im Zweifel, welchen Ausgang das Ringen nehmen würde. Die allgc- meine Spannung löste sich erst, als die Abstimmung die An nähme der Lustbarkeitsstcuerordnung mi( 13 gegen 12 istimmen ergab.— Schon in der voraufgegangenen Sitzung hatte die Vertretung sich mit dem Beitritt zum Groß- Berliner Verein für Klcinwohnungswcsen unter Beteiligung mit einem Jahresbeitrag von 13« M. beschäftigt. Trotz lebhafter Befürwortung durch den Gemeindcvorstand und auch durch unsere Vertreter fürchteten die bürgerlichen Herrschasten eine Schädigung ihrer Grundbesitzerintercsscn, wollten erst die Statuten des Vereins kennen lernen und verwiesen die Angelegenheit in die Finanz- kommission zurück. Nachdem nun die Statuten vorlagen, wußten die Herren nichts besseres zu tun, als den Beitritt abzulehnen— angeblich, weil ihnen die 133 M. eine zu hohe Ausgabe wäre, in Wahrheit aber aus Furcht, daß jener Verein durch Schaffung menschenwürdigerer Wohnungsverhältnisse auch für das Proletariat ihre Grundbcsttzintcressen einengen könnte.— Nach Erledigung einer Reihe weniger interessierender Angelegenheiten folgte der öffentlichen eine geheime Sitzung. Sitznngstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Zllt-Klienickc. Heute Freitag, abends 61/, Uhr. im Bahnichen Lokal. Eichwalde. Heute Freitag, nachmittags S>/, Uhr, im Rathause. PeterShagcu. Heule Freitag, abends 8 Uhr, im Lokal von Brefekc. Tiefe Titzungcn sind öffentlich. Jeder Gcmeindeangchörigc ist berechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Bus aller Melt. Das nißstcriöse Luftschiff. Wir haben wirklich keine Ursache mehr, über englische Luft- Halluzinationen zu spotten, denn auch in Preußen-Deutschland erleben wir die seltsamsten Bisionen. In Schlesien hat kürzlich ein Landrat den Aufruf erlassen, ihm sofort Nachricht zu geben über ein geheimnis- volles Flugzeug, das sich schon fünfmal hatte sehen lassen, ohne daff festzustellen war, woher eS kam der Fahrt und auch wes sein Narn und Art. Der Herr Landrat hatte deshalb angeordnet, daß das reglementswidrige Flugzeug bei der erstbesten Gelegenheit dingfest zu machen sei. In Caputh bei Potsdam ist nun aber am Mittwochabend ein großer Lenkballon gesehen worden, von dessen Existenz bis- her man noch nichts wußte. Ja dieser Lenkballon ist sogar ex- plädiert und auf das Gelände herniedergestürzt, ohne daff von seinen sterblichen Resten bei der Nachsuche irgend eine Spur zu ent- decken gewesen wäre. Zwei am Felde arbeitende Frauen, die von früheren Fahrten der«Hansa" her das Aussehen eines»Zeppelins" sehr genau kannten und auch ihres Rufes wegen als»durchaus glaubwürdig' betrachtet werden müßten, hatten deutlich wahr- genommen, wie ein Lenkballon mit zwei Gondeln von dem Aussehen der.Hansa" plötzlich in Brand geriet. Zuerst war die eine Gondel herabgestürzt, dann hatte sich unter Rauch und Flammen die zweite Gondel losgelöst, und schließlich war der emporgeschnellte Ballonkörper selbst in Brand geraten und kopfüber in die Tiefe gestürzt. Nicht nur diese beiden Frauen hatten das sensationelle Schauspiel beobachtet, sondern es fand sich später auch noch eine dritte Frau, die den Vorgang wortgetreu bestätigte. Es fehlte nicht an frivolen Zweifelssüchtigen, die das explo- dierte Luftschiff von vornherein in das Fabelreich verwiesen; immer- hin darf man dem Ortsvorsteher von Caputh keinen Vorwurf dar- aus muchcn, daff er es angesichts der bestimmten Versicherung der beiden Frauen für seine Pflicht hielt, sofort Feuerwehr und Gendarmerie mobil zu machen und Feld und Wald nach dem Ver- bleib der Balloiitrümmer absuchen zu lassen. Aber alle Forschungen blieben resultatlos, so daff man schließlich zu der Ueberzeugung ge- langte, daß eS sich bei der Beobachtung der Frauen wohl um eine optische Täuschung gehandelt habe. Diese Annahme wurde zur Gewitzheit, als die Anfrage bei allen Lufischiffstationen ergab, daß keiner der vorhandenen Luftballons in Frage kommen könne und ebensowenig eine Flug- Maschine vermißt werde. Da bei den Frauen unbedingt der gute Glaube angenommen werden muß und der Verdacht einer Halluzination ebenso fern liegt, hat man sich jetzt die Sache dadurch erklärt, daff die Frauen zwei Flieger gesehen haben, die um die betreffende Abendstunde über die fragliche Gegend hinwegflogen. Da eS schon zu dunlein begann, nimmt man an. daß die vom Motor ausgeworfenen Funken für Flaimnen gehalten wurden. Und da eins der beiden Flugzeuge in ziemlich steilem Gleitflug landete, vermutet man, daff dieser niedergehende, Rauch und Funken speiende Flug- apparat als herabstürzende Lustschiffsgondel angesehen wurde.— So wäre es für diesmal erfreulicherweise nichts mit der Luftschiff- katastrophe gewesen, über die ein Teil der Presse bereits lange Sensationsartikel gebracht hatte. Drei französische Ballonfahrer, die am Montag in der Nähe von Soldin in der Neumark gelandet- und den Bestimmungen gemäß von der dortigen Gendarmerie f e st g e u o in m e n w a r e n, sind am DicnStagvorrnittag aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Es handelie sich um drei in Paris lebende Studenten, den Brasilianer Artur Raol, den Spanier Horatio Fernandez und den Franzosen Pierre Salmon, die an einer Freiballonwettfahrt in Lille teilgenommen hatten. Der Ballon, der von dem Brasilianer geführt wurde, war am Sonntag- abend in dieser Stadt Nordfrankreichs aufgestiegen und am nächsten Morgen gegen 6'/z Uhr in der Nähe von Soldin glatt gelandet. Die drei Luftfahrer hatten eine ziemlich aufregende Fahrt hinter sich. Sie waren bei stramniem Westwind in Lille aufgestiegen, gerieten unter- Wegs jedoch während der Nacht und gegen Morgen in so starken Nebel, daff eine Orientierung unmöglich wurde. Aus Mangel an Ballast mufften sie schließlich bei Soldin landen. Sie haben die zirka 763 Kilometer lange Strecke mit einer durchschnittlichen Ge- schwindigleit von 66 Kilometern pro Stunde zurückgelegt. Da die drei Lustfahrer weder photographische Aufnahmen gemacht, noch sonst Zeichnungen oder Skizzen in die Karten eingetragen hatten, erfolgte die Freilassung der drei Sistierten. Kleine Notizen. Großfeucr in Hamburg. In der Nacht zum Mittwoch brach in einem Holz- und Baumaterialienlager ein mit großer Gewalt um sich greifendes Grofffeuer aus. Die Wandsbecker Feuerwehr konnte des Feuers nicht Herr werden; sie beschränkte sich zunächst auf daS Schützen der umliegenden Wohnhäuser. Nachdem die Hamburger Feuerwehr mit drei Lös-bzügen herbeigerufen war, konnte der Brand nach drei Stunden gelöscht werden. Der Schaden soll sich aus über 133 303 Mark belaufen und Brandstiitung vorliegen. Attentat eines Irren auf eine» Arzt. Auf den Leiter der Irren« anstalt des städtischen Krankenhauses Altona, Dr. Cimbal, wurde von dem Zimmermann Geries aus Hainburg, der� seine in der An- stalt befindliche Frau besucht hatte, beim Verlassen des Gebäudes ein Schutz aus einem Revolver abgefeuert, der den Arzt glücklicher- weise nur am Kopf streifte. Der Täter selbst ist erst kürzlich au» einer Irrenanstalt entlasse». Bier Schnlmädchcn bei einem Klasscnausslug ertrunken. Auf einem Ausflug, den am Donnerstag eine Mädchenklasse der Volksschule von Hagen(Wests.) unternahm, ereignete sich ein schweres Boots- unglück. Beim Uebersetzcn über die Lenne kippte der Nachen um. Sieben Mädchen fielen ins Wasser. Drei nur konnten gerettet werden, die vier anderen, im Alter von 13 bis 14 Jahren, ertranken. Zwei französische Flicgeruntcroffiziere verunglückt. Aus Reims wird gemeldet: Zwei Unlerofsiziere, die während der Manöver in der Umgegend von Sainte- Mcnehould mit einem Eindecker slüge unternahmen, wurden durch einen Windstoff mit ihrem Apparat eftig gegen den Erdboden geschleudert und schwer verletzt. Lawincnkatastrophe in Norwegen. Nach einer Meldung aus Kristiania sind in Jjak(Gudbrandsdal) in der Nacht zum Donnerstag durch zwei Lawinenstürze drei Bauernhöfe zerstört worden, wobei 16 Personen, darunter fünf Kinder, ihren Tod fanden. Brückencinsturz auf der Wolga. Wie aus SySran gemeldet wird, stürzte auf der Wolga eine Brücke ein, wobei die Trümnier auf einen Lastkahn fielen, der zerbrach. Personen wurden nicht verletzt.___ Jugeudveranftaltunge». Neukölln. Die Tcilnehmerlisle für die 2— 3tägige Osterwandcrung nach Mecklenburg(Neu-Ruppin—RheinSbcrg— Fürstenberg— Lychen) liegt im Jugendheim zur Einzeichnung aus. Listenschlug: Montag, den 17. März. Am selben Tage, abends 8 Uhr, smdet im Jugendheim eine Teilnehmer- zusammenkunst statt.__ Allgemeine Kranken- und Sterbekaffc der Metallarbeiter (6-. H. SS), Hamburg. Filiale Baumschulenweg. Den Mit« gliedern, die in Treptow wohnen, zur Kenntnis, daß am Sonnabend, den 15. März, im Lokal von Jul. Schmidt, Kicsholzsw. 22, abends von S'/j bis 13 Uhr, kajsiert wird. Ardeiter- Wanderverein»Berlin«. Am Sonntag, den 16. März, findet keine Tour statt. Vom 21.— 25. März unter- nimmt unier Verein nachstehende Ostcrtour und bitten wir alle Eciiossinncn und Genossen, welche sich an der Tour beteiligen wollen, am Mittwoch, den 19. März, abends 8 Uhr, in unserem VercinSIolal F. Wählisch, Slalitzer Str. 22, zu erscheinen. 1. Tag: All-Hütt-ndors— Angermündc. 2. Tag: Angermündc— Schwedt a. O. 3. Tag: Schwedt a. O.— Königs- bcrg l. Neum. 4. Tag: Königsberg i. Ncum.— Zehden— Freienwalde. 5. Zag: Freienwaldc— Lcue» bcrg. Tie Tcilnebmer können sich an einem beliebigen Tag der Tour anschließen resp. zurücksahrcn. Arbeitertouristenvercin»Tie Naturfreunde«, Ortsgruppe Berlin. Sonntag, den 16. März. Wanderungen I: Spandau— Forslhaus Nieder- Neucndoil— Hohenschöpping— Birkcnwerdcr.?lbsahrt nach Spandau vom Lehrter Hauptbahnhos 7�.— II. Hennigsdorf— Hohcnichöpping— Birken- Werder. Absahrt nach Birkcnwerdcr vom Stcltmcr Bahnhos vorm. 11". Eingegangene DrucKlcbriften. Von der»Neuen Zeit« ist soeben das 24. Heft des 31. Jahrgangs erschienen. Aus dem Inhalt des Heltes heben wir hervor: Taumel. Von R. H.— Marx' Bekenntnisse. Bon N. Rjasanoff.— Die Atkumulalion deS Kapitals. Von Otto Bauer. Wien.(Schluß.)— Landarbeiter« ansiedelung und Sozialdemokratie. Von Otto Brau n.— Zeisschristcnschau. Wetterprognose kür Freitag, den Ii, März 1913. Vielfach heiter und am Tage mild, aber veränderlich, mit etwas Regen und ziemlich lebhasten südwestlichen Winden. Berliner W c t t e r b u r e a u. Marktpretse von Berlin am 12. März 1913, nach Ermitlelungen des iönigl. Polizeipräsidiums. 136 Kilogramm Weizen, gute Sorte 19,42 bis 19,53, mittel 19,26—19,34. geringe 19,10—19.18. Roggen, gute Sorte 16,24—16,25, mittel 16,22—16,23, geringe 16,23-16,21(ab Bahn). Futter. gerste, gute Sorte 16,23— 16,80, mittel 15,60—16,10, geringe 15,00—15,50. Hafer, gute Sorte 17,60—19,90, mittel 16,20—17,50(srei Wagen und ab Bahn). Warkthallenpreise. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30.03—50.00. Speisebohnen. weiße 35.00—60,00. Linien 35,00—60,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 5,00—10,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchflclsch 1,30—1,80. Schweinefleisch 1,60—2,00. Kalbfleisch 1.40—2,40. Hammelfleisch 1,50—2,20. Butter 2,40— 3,00. 60 Stück Eier 3,60—5,60. 1 Kilogramm Karpten 1,23—2,40. Aale 1.60— 3,20. Zander 1,60—3,60. Hechte 1.63—2,33 Barsche 1,03—2,43. Schleie 1,63—3,20, Bleie 0.83—1,50. 60 Stück Krebse 4,00—24.00. Bouillon- Wiirfel 20 Pfg. Nor mit kochendem Wasser übergössen, gehen sie augenblicklich delikate Fleisch- brühe zu Suppen, Gemüsen, Saucen und Trinkbouillon. Man verlange stets ausdrücklich RüAQQP Bouillon-Würfel und weise andere Marken zurück! „MAGGIs gute, sparsame KOcke". iBnom t mor t I icher R e öcrfteur:«Ifwfc Wiclepp, Neukölln. Für de» gnseratenterlverantw.; Th. Glocke Berlin. Drucku.Verlag: Vorwärlt)»uchdruckerei». BerwgSanstalt Paul Singer«.To, Berlin S» Ar. 62. 80. Jahrgang. 5. Dfilngr des Jmiiiirte" Knlim Mag, 14. Pili 1913. Nrrdaadslag der jteinfrter. Am Donnerstag setzte der Verbandstag die Diskussion über den Rcichstarisvertrag fort. Sie bewegte sich in denselben Bahnen wie am Tage zuvor. litegen den Rcichstaris an sich hatte niemand etwas einzuwenden. Nur der Einigungszwang war es, der von mehreren Rednern als unannehmbar erklärt wurde, während andere Redner die gegen den Einignngszwang geltend gemachten Bedenken zu zcrilrcucn suchten. Ein Redner meinte, nur die Verbandsangestclltcn hätten hier für die unveränderte Annahme des Vertragsentwurfs gesprochen, während die bis jetzt zum Wort gekommenen Delegierten gegen den Einigungszwang eingetreten feien. Ter Standpunkt der Tele- gierten entspreche der Stimmung der Mitglieder.— Gegen das Verlangen mehrerer Redner, die Mitglieder mühten erst zu dem Vertragsentwurf Stellung nehmen, wurde von Borstandsseite bc- � merkt, dazu sei Gelegenheit gegeben worden, denn der Entwurf sei den Filialen vor dem Verbandstage zugegangen, auch sei der Ge- danke des Reichstarifes seit Jahren im Vcrbandsorgan behau- dclt worden. Knoll führte in seinem Schlußwort unter anderem auöt Es sei hier gesagt worden, die Steinsetzer sollten sich hüten, die erste Gewerkschaft zu sein, welche den Einigungszwang annimmt. Er wisse nicht, sagte der Redner, ob nicht schon die eine oder andere kleine Gelverkschaft den Einigungszwang angenommen babc. Aber selbst wenn die Steinsetzer die ersten auf diesem Gebiet sein sollten, so würden sie in derselben Lage sein, in der seinerzeit die Buch- druckcr waren, als stc zuerst einen Tarifvertrag abschlössen und deshalb von anderen Gewerkschaften schief angesehen wurden. Die früheren Wideriiände gegen die Tarifidce seien längü überwunden. Selbstverständlich»verde sich der Tarifgcdaukc weiter entwickeln. Was der Vcrtragscntivurf vorschlage, das sei ein notwendiges Produkt der Entivickclung, speziell der Entwickclung iin Stein- setzcrgewcrbe. Es sei auch gesagt worden, die Steinsetzer hätten die Pflicht, ihre Taktik mit der Taktik der anderen Gcwcrksckmftcn im Baugewerbe in Einklang zu bringen. Nein, diese Pflicht hätten die Steinsetzer nicht. Die wirtschaftliche Grundlage ihres Berufes sei eine andere als die im Baugewerbe, also müsse auch ihre Taktik und die Entivickclung ihres Tarifwcsens eine andere sein. Nicht Anpassung an fremde Verhältnisse solle man verlangen, son- dcrn man soll sich immer fragen: Wie können»vir den Feind am besten schlagen.� Es sei auch gesagt»vordcn, die Schiedssprüche wür- den Kapitalistischen Interessen Rechnung tragen. Gewiß würden die Schiedssprüche nicht nur den Arbeitcrintcrcsscn, sondern auch ien_ Untcrnehmcrintcrcsscn Rechnung tragen. Das sei ja das Wesen des Eiuigungsvcrfahrens, daß die Unparteiischen beiden Parteien gerecht zu werden suchen. So sei es ja schon heut bei allen Lohnbewegungen. Es werde ja einmal dabin kommen, daß das Einigungsvcrfahren gesetzlich geregelt werde. Ein solches Gesetz wende auch den Einigungszwang bringen. Tann hätten also die Steinsetzer mit ihrem Tarif der Gesetzgebung vorgearbeitet.— Der Referent brachte eine Resolution, welche außer der grund- sätzlichcn Zustimmung zu dem Vertragsentwurf einen Passus ent- hält, wonach die Schiedssprüche in der ersten Vertragsperiode der Annahme oder Ablehnung durch einen Bcrbandstag unterliegen. Der Referent betonte, es wäre ihm lieber, wenn die Rcsoln- tion ohne diesen Passus angcnoinmen würde. In namentlicher Abstimmung wuvde die ganze Resolution mit 78 Stimmen, welche 9059 Mitglieder vertreten, gegen 12 Stimmen, welche 1322 Mitglieder vertreten, angenommen. Die Resolution lautet: Der Vcrbandstag erklärt sich mit dem vorliegenden Vcr- tragscntwurf grundsätzlich einverstanden. Da es sich bei dem in dem Entwurf festgelegten Einigungs- zwang jedoch um ein ganz neues Prinzip handelt, so beschließt der Vcrbandstag als einmalige Ausnahme: Für den Fall, daß bei dem Ablauf der ersten Rcichstaris- Periode�(31. 12. 1915) eine größere Anzahl von Einzcltarifcn durch Schiedsspruch des Tarifamtes erledigt»vcrden sollte, die die Zustiminung der in Betracht kommenden Tarifbezirke nicht finden, so hat die erstmalige Entscheidung über Annahme oder Ablehnung der Schiedssprüche ein Vcrbandstag zu treffen. Als nächster Punkt stand die Perschmelzungsfrage auf der Tagesordnung. Der vorige VerbandSlag hat einen Be- fchluß gefaßt, dessen wesentlichster Pank! anerkennt, daß mit der zunehmenden Konzentration der Unternehincrorganisation und der dadurch bedingten Verschärfung der wirtschaftlichen Kämpfe der Zusammenschluß mit einer Bruderorganisation notwendig werden kann und wird. Der Referent Knoll sagte, es habe seinerzeit den Anschein gckhabt, daß sich die Stcinsetzuntcrnchmer dem Bunde der Unter- nehmcr im Baitgcwerbe anschließen und dessen Vorgehen gegen die Arbeiter mitmachen würden. Das sei nicht geschehen, also lägen die Voraussetzungen einer Verschmelzung des Steinsetzer- Verbandes mit einer anderen Organisation zurzeit nicht vor. Eine weitere Erörterung der VcrschmelzungSfragc erübrige sich deshalb. Ohne»ocsentlichc Diskussion nahm der Vcrbandstag folgende vom Beirat eingebrachte Resolution an: Der VcrbandSbcirat hält fest an den Voraussetzungen, die in dem Beschlüsse des Kölner VerbandStagcs für die Angliede- rung unseres Verbandes an eine andere, größere Organisation festgelegt sind. Die wesentlichste dieser Voraussetzungen ist der organisatorische Zusammenschluß des llntcrnchinertumö in der Weise, daß außerhalb des Gewerbes stehende Kreise einen b e- stimmenden Einfluß auf die Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen im Stcinsctzgewerbe erhalten würden. Bis heute ist diese Voraussetzung nicht erfüllt. Mithin hält der Verbandsbcirat den Zeitpunkt für eine unbedingt not- wendige Angliede rung des Verbandes an eine andere Organisation noch nicht für gekommen. Tic Kommission, welche die Gchaltsfrage zu beraten hatte, schlägt vor: Das Anfangsgchalt beträgt für alle Beamten 2499 M. und steigt jährlich um 199 M. Eine Böchltarenze schlänt die Kommission nicht vor, weil sie künftigen Vcrbandstngcn nicht vorgreifen»vill. Das Wohnungsgcld(Entschädigung für Bureau- miete) sowie das Mankogeld, des Kafstcrcrs Foll unverändert bleiben. Den gegenwärtig im Dienste des Verbandes tätigen Angc- stellten(Vorstandsmitglieder und Gauleiter) sollen sofortige Zu- lagen gewährt werden, so daß sieben von ihnen je 2499, einer 2459, zivci je 2699 und einer(der erste Vorsitzende) 3299 M. er- halten. Die Diskussion über diese Vorschläge war bei Schluß der Sitzung noch nicht beendet. i an die Frau Pehm erklärt diese, daß ihr Mann, nachdem ein Schuß gefallen sei,„Mama. Mama" gerufen habe. Dies sei der Kose- , name gewesen, mit dem sie ihr Mann genannt habe. Kolbe habe nnuiiltclbar nach der Tal geäußert:„Dein Oller hat einen dollen Schädel, der erste Schuß reichte wirklich nicht, er konnte Mos! noch „Mama" blöken!" Bei einer anderen Gelegenheit habe Kolbe gc- äußert, er wolle die Leiche im Garten vergraben, dort gebe sie „schönen Dung für die„Appclbööme". In einem zur Verlesung gebrachten Brief an ihre Schwieger Barmen und den verantwortlichen Redakteur der„Oberkasseler Zeitung", Heeg. Beide Angeklagte hatten sich in Zeitungsartikeln mit der aufsehenerregenden und ungerechtfertigten Jnternieruug der achtzigjährige» Rentiere Peill, der Schwiegermutter des württcmbergischen Hofkapellineistcrs Professor v. Schillings, in der Anstalt des Geheimen Sanitätsrats v. Ehrcnwall bei Ahrweiler bc- faßt. In der Verhandlung war von einem Verteidiger behauptet »vorden, daß in der Anstalt des Geheimen SanitätSrats v. Ehren- wall Zustände herrschten, wie sie in einer Irrenanstalt nicht sein muttcr erklärt Frau Belm», daß ihr von Kolbe erschossener Mann! sollten. Es wurden von dem Verteidiger schwere Vorwürfe gegen nun endlich ein anständiges Begräbnis in Maricndorf gefunden! die Leitung wie gegen die Aerzte der�Anstalt erhoben� Jm Jntcr- habe. Dieser Brief, ist unterzeichnet:„Es wagt Dich trotzdem zu Gerichts- Zeitung Ter Mord in Dabendorf. Landgerichtsrat Kchrl eröffnete die gestrige Sitzung um 9'/i Uhr. Da sich der Angeklagte Kolbe bei dein gestrigen Lokal. termin in einem starken Gegensatz zu seinen früheren Bekundungen gesetzt hatte, wurden von dem Vorsitzenden eine Reihe von Fragen an ihn gerichtet, die aber eine Erklärung jcncr Widersprüche nicht brackitrii. Der Vorsitzende bringt hierbei zur Sprache, daß der An- geklagte Kolbe, nachdein ihm von dem' Kriminalkommissar Lchncrt das Geständnis der Frau Bchm vorgehalten worden war, erklärt hatte, er wolle jebt ordentlich auspacken, denn ein paar Jahre Zucht- Haus feie» ihm lieber als eine Hinrichtung. Kolbe bestreitet auf vsrhalt diese Aeußeruug. Auf eine weitere Frage des Vorsitzenden grüßen Deine Helene!" Der Vorsivende crmahnt wiederholt die Angeklagte Bchm keinerlei Winkclzüge zu machen, sondern die volle Wahrheit nun mehr zu sagen. Es seien noch mehrere Punkte dringend der Aus klärung bedürftig:„Lüften Sic den Schleier, che es zu spät für Sic ist! Das Gericht ist sehr wobl in der Lage, auch die Frage nach Ihrer Mittäterschaft den Geschworenen zu unterbreiten, lieber lege» Sie sich das ja; Sie haben noch zwei Tage Zeit und denken Sic daran, daß es eventuell auch um Ihren Kopf geht! Frau Bchm erklärt a>if»vciteres Vorhalte», daß sie aus Angst vor Kolbe dem vorigen Schwurgericht alle die Märchen aufge- bundcn habe. Die Nachricht von dem Verschwinden ihres Mannes an die Polizei haben sie beide aufgesetzt.— Bors.: Können Sie denn schießen?— Angckl. Bchm: Rein.— Vors.: Sic haben an gegeben, daß nach Ihrer Freisprechung Mitglieder einer Familie Bcngs mit allerlei Zumutungen an Sie herangetreten sind. Ist dies richtig?— Angckl.: Ja wohl! Man hat mir zureden wollen, doch auf der Straße Geld zu verdienen. Frau BcngS hatte mir sogar angeboten, mir Geld zur Ucbcrsicdcluug von Fricdrichshagen nach Berlin und zur Einrichtung einer Wohnung in Berlin vorzuschießen Ich bin aber in Friedrichshagcn geblieben.— Vors.: Wovon haben Sie sich denn ernährt?— Angckl.: Ich habe geschneidert, Tuch gamaschcn genäht. Dircktoirc-Bcinklcidcr und Ilntcrröcke angc fertigt.— Bors.: Hat Sic Kolbe nicht nach der Freisprechung öfter besucht?— Angel».: Ja. Als Kolbe dann wieder in Haft genommen war, ist die Familie Bengs wieder an mich herangetreten, um zu gunsten Kolbes aus mich einzuwirken. Man sagte mir, ich solle doch mein Geständnis zurücknehmen, Kolbe würde dann Mittel und Wege finden, um beider Aussagen wieder in llebercinstiinmung zu bringen. Mai hat mir auch Geld angeboten, damit ich ins Ausland gehen sollte.— Tie Angeklagte bleibt immer wieder dabei, daß stc aus- Furcht vor Kolbe das ganze Lügengewebe über das angebliche Verschwinden ihres Ehemannes mitgemacht babc. Als ihr von der Polizei dann eines Tages ein falscher Sckädel vorgelegt wurde, den sie an einer charakteristischen Zahnlücke als den Schädel ihres Mannes erkenne» zu müssen glaubte, habe sie geglaubt, die Leiche sei wirklich schon aufgefunden und habe infolgedessen ihr Geständnis abgelegt. Auf Vorhalt des R.-A. Dr. Schwindt bestätigt Kolbe, daß Frau Bchm von seinem Vorleben nichts gewußt habe, und daß er erst in letzter Zeit in intimeren Verkehr mit ihr getreten sei, vorher aber ein solcher nicht bestanden habe. Die Zeugcnvcrncbmungen betrafen nur bereits bekannte Tat- fachen. Aus den Zeugenaussagen sind folgende erwähnenswert Assessor Dr. Böttcher, der die ganze Voruntersuchung geführt und auch nach der Auffindung der Leiche die beiden Angeklagten vernommen hat, bekundet u. a. folgendes: Frau Behm habe bei letzterer Gelegenheit erklärt, Kolbe habe ohne ihr Vorwissen ihren Mann erschossen; Kolbe hätte ihr nach der Tat erzählt, er hätte Bchm schon drei Tage vorher totschießen wollen; er sei aber damals gestört worden. Auf die Frage, weshalb sie denn nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt, erklärte Frau Bchm: Kolbe habe ihr gc- droht, sie totzuschießen, und wenn er ciiigespcrrt werden sollte, so würden es andere tun. In den früheren Stadien des ganzen Straf verfahren� habe Frau Bchm immer mit dem größten Eifer den Kolbe in Schutz geiioinnien. Als Kolbe verhaftet werden sollte, habe die Angeklagte, die doch eigentlich froh hätte sein müssen, einen solchen Menschen, der sie angeblich bedrohte, loszuwerden, geschrien: Kolbe sei ihr Schutz und Schirm, ohne Kolbe gehe sie nicht nach Hause, lieber gebe sie auch in das Gefängnis. Auch später sei sie immer nachdrücklich für Kolbe eingetreten.— Bors.: Ja, Frau Bchm, ich habe Sie auch schon darauf hingewiesen, daß Ihr Eifer zugunsten Kolbes höchst auffällig ist.— Frau Bchm: Ich wollte nicht in Verdacht geraten und hatte Angst, er würde mich wegen Anstiftung anzeigen.— Bors.: Frau Behm, Sie haben noch Zeit, Freitag und Sonnabend, überlegen Sie es sich!— Assessor Dr. Böttcher weist noch darauf hin, daß Frau Behm nach dem Ver schwinden ihres Mannes immer gesagt habe, sie müsse Not leiden und wisse nicht, wie sie ihre Kinder ernähren solle, während später festgestellt werden konnte, daß sie zu jener Zeit Geld in ein Depot gegeben hatte. Ter schon vorgestern bei dem Lokaltermin informatorisch vcr- nommene Bahnwärter Ticnath erklärt, daß er zwei Schüsse gehört bade, nach dem zweiten Schusse sei die Bchm herausgelaufen. Kolbe habe ihm schon damals erzählt, daß Bchm erschossen worden sei, er wolle aber die Frau schonen. Frau Bchm habe sich nicht eines guten Rufes erfreut, der Bäckcrwagcn habe manchmal stundenlang vor dein Bchmschen Hause gehalten, wenn der Mann nicht zu Hause war.— Tie Ehefrau dieses Zeugen bekundet u. a., daß ihr Mann, nachdem er die beiden Schüsse gehört hatte, sofort zu ihr gesagt habe: ..Wenn man da nicht etwas passiert ist." Einige Tage später habe sie eine von dem Bchmschen Hanse ausgehende Spur eines Hand- Wagens wahrgcnominc». Eines Tages habe Kolbe zu ihrem Manne gesagt, ihm sei nicht gut zumute, seitdem die Sache passiert sei. Auf die Aufforderung ihres Mannes, doch sein Gewissen zu er- leichtern, habe Kolbe geantwortet, daß er dies nicht könne, da die Frau an der ganzen Sache schuld sei und diese wolle er schonen. Behm sei erschossen worden, und zwar, wie Kolbe seinerzeit er- zählte, von einem Hauptmann. Anscheinend sollte hiermit jener Artillerieoffizier geineint sein, mit dem Frau Bchm in Schwedt in Beziehung gestanden hatte. Die 74jährige Muttcr des Ermordeten, Frau Sophie Bchm, erzählt als Zeugin, daß ihr pcrsiorbencr Sohn von seiner Frau sehr viel gehalten babc, bis er dahinter gekommen fei, daß diese in Schwedt mit einem Artillerieoffizier ein Verhältnis hatte. Ihr Sohn sei ein lieber guter Mensch, der Stolz der Familie gewesen, der zu ihr niemals ein unwahrhaftco Wort gesprochen habe. In der letzten Zeit, als die Bchms in Dabendorf wohnten, habe ihr Sohn in keiner Weise über seine Frau geklagt. Als die Zeugin auf eine Frage des Vorsitzenden bestätigt, daß der jetzt in Stücke gc- schnittenc Teppich, auf dem sich Blutflecke befanden, noch bis zum Verschwinden ihres Sohnes in der Wohnung gelegen habe, ermahnt der Vorsitzende nochmals eindringlich die Angeklagte Behm, die Wahrheit zu sagen.— Eines Tages sei, so erzählt die alte Frau weiter, die Angeklagte zu ihr gekommen und habe gefragt, ob „Franz", ihr Mann, bei ihr gewesen sei. Sic habe ihr dann er- zählt, daß ihr Mann sie mit dem Revolver bedroht habe, hierbei habe ihm Schaum bor dem Munde gestanden, er habe auch vor Wut mit den Augen gerollt.— Trotzdem die Angeklagte Behm nach ihrech, fetzigen Geständnis längst wußte, daß ihr Mann umgebracht war, habe sie ihr, der Zeugin, gegenüber angegeben, er habe das ganze Geld mitgenonuiien und sei sogar mit einem schmutzigen Kragen weggelaufen. Einige Tage später habe ihre Schwiegertochter ihr erzählt, ihr Mann liege im Elisabeth-Krankenhans� Gleich daraus kam sie nochmals und erklärte, daß dies ei» Irrtum sei. Tie Verhandlungen wurden aus heute um 9M.> Uhr vertagt. esse des Rufes seiner Anstalt hatte Gchcimrat v. Ehrcnwall kurz nach jenem Prozeß ein Verfahren gegen sich selbst beantragt. Daraufhin wurde eine eingehende Untersuchung angeordnet. Das Resultat war, daß die Staatsanwaltschaft ein Verfahren abgelehnt hat, da sich nicht die mindesten«puren eines Beweises für die frag- lichcn Behauptungen ergeben hätten. Im Interesse einer Aufklärung hätte die Vernehmung der Zeugen in öffentlicher Sitzung gelegen. )Zus Induftm und Ffondel. Eschweilcr Burbach. In einer außerordentlichen Generalversammlung des Eschweiler Bergwerksvereins wurde gestern die Interessengemeinschaft mit den Vereinigten Hüttenwerken Burbach-Eich-Düdelingcn beschlossen. Zur Begründung verwies die Verwaltung darauf, daß der Gedanke von dein Hüttenverein ausgegangen sei mit der Absicht, sich für seinen großen Koksbedarf eine eigene Zeche zu sichern, und die Möglichkeit zu schaffen, eine Stätte für das Weiterverarbeiten der Rohstoffe zu finden. Bei dein Eschweiler BcrgweriSvcrein lonimc in Betracht, daß er mit dem Kolsabsatz ans das lothringisch-luxemburgische und oslfranzösische Absatzgebiet ailgewicscn sei, wogegen ihm das rheinisch« westsälischc verschlossen bleibe. Man sei uin so eher zu dein Ab« kommen mit dem Hüttenvercin gekommen, als nur noch ein Luxem« burger Werk bestehe, das sich vom Kohlenbczug noch nicht unab» hängig gemacht habe. Gleichzeitig würden die Hütten deS Esch- weiter Bergwerksvereins in die Lage versetzt, die Weiterverarbeitung kräftig auszubauen. Zur Gründling ciiics Röhrcustiiidikats. Die Verhandlungen wegen Gründung ciiics Gesanilrohrensyndikats auf Grund der von den Mannesmann-Röhrenwerken vorgelegten Vorschläge haben noch zu keinem positiven Ergebnis geführt und sind vertagt worden. An dem Ausbau der bestehenden Konvention wird gearbeitet. Auch die Firma Stumm ist jetzt der Konvention beigetreten. Krupp in Ungarn. Wie der.Berl. Börsen-Conrier" erfährt, wird die Firma Krupp zusammen mit den Skodawerken zu Pilsen (dem österreichischen Krupp) eine Kanonensabrik in Ungarn errichten. Zur Jrrriigrsetzgrbung. Mitte November v. I. verhandelte die Bonner Strafkaunucr in einem Beleidigungsprozetz gegen den Kommerzienrgt Ursprung in I sehen. der frauenbewegung. Tic Geburtenbeschränkung— eine revolutionäre Waffe? Am Dienstagabend wiederholte Genosse Dr. Alfred Bern« st ein in einer öffentlichen Frauenversammlung des sechsten Wahl« kreiseS Ausführungen, die er in der vergangenen Woche bereits im zweiten Wahlkreis gemacht hat(vgl.„Vorwärts" vom 7. d. M.) Neben dem Alkoholböykotl. dem Austritt aus der Landeskirche und dem Generalstreik hält Alfred Bernstein die künstliche Geburten« cinschränkung für eine wirksame Waffe im Befreiungskampf der Arbeiter, für eine revolutionäre Waffe. Wie wenig der politische und soziale Befreiungskampf von der Geburten- cinschränkung abhängig ist, geht allein daraus hervor, daß gerade der unselbständige und selbständige Mittelstand und die französische Bauernbcvöllerung dieses angeblich revo- lutionäre Mittel am kräftigsten anwenden. Jedenfalls wissen wir nichts davon, daß französische Bauern oder deutsche Beamte und Kaufleute durch ihre weit geringere Fruchtbarkeit irgendwie den sozialen Befreiungskampf unterstützten oder förderten. Die Sozial- demokratie verdenkt es niemand, daß er unter den heutigen Per- Hältnissen zu der künstlichen Geburtcnverhinderung schreitet; sie wendet sich daher gegen die Beschränkungen im Handel mit antikonzeptio« nellcn Mitteln(die insbesondere auch für die Eindämmung der Ge- schlechiskrankheiten, der kriminellen Abtreibungen und-des Kindes« mordes von Wichtigkeit sind) und bekämpft die harten Strafen auf Abtreibung. Aber das alles geschieht aus Erwägungen heraus, die mit dcni Ziel ihres politischen BefreiungSkainpfes nichts zu tun haben. Alfred Bernstein begeht einen Fehlschluß, wenn er von dem Geburtenrückgang eine Linderung sozialen Elends er- hofft. Für die Lage einer Klasse ist ihre ökonomische und politische Mochlstellnng entscheidend. Nicht dadurch gewinnt das Proletariat gegenüber der Bourgeoisie an Kraft, daß seine Angehörigen nur noch zwei statt vier Kinder besitzen. Die Zunahme der Geburten« beschränkung ist in politischer Hinsicht keine Erscheinung, die von der Sozialdemokratie besonders zu fördern oder auch zu bekämpfen wäre. Politisch kommt sie für die Sozialdemokratie nur insofern in Frage, als sie der Ausdruck wirtschaftlicher Not ist, der durch Aendcrung der Zoll- und Sieuerpolitik und durch den gewerkschaft- lichen Kampf zu steuern ist.__ Damen der Gesellschaft als Krankcnpflcgcrinncu im Kriege. Die von Professor Clairmont in Wien zur Sprache gebrachte moralische Unzulänglichkeit der feinen Damen als Kriegspflegc- rinnen kam in der Versammlung der Gesellschaft der Aerzte am 28. Februar nochmals zur Sprache. Im Namen ClairmontS trat Dr. Breitncr dem Oberstabsarzt Steiner, der kürzlich einen ab- weichenden Standpunkt eingenommen hatte, entgegen. Er nannte die Erfahrungen, die er gemacht hatte, vernichtend für die Verwend- barkeit der Frauen im Kriege, meinte aber nur die Damen, da die ausgezeichneten Leistungen der Ordensschwestern besonders betont werden. Bei jenen aber habe überhaupt der Wille zur Arbeit gefehlt.„Nicht eine erwarb sichK»aS Anrecht auf unser uncin- geschränktes Lob. Sic haben alle versagt. Sie haben ihre gänzliche Unfähigkeit, sich in einer harten, schweren Situation opfer- mutig zurechtfinden, mit schauerlicher Deutlichkeit erwiesen." Keine kam rechtzeitig zur Arbeit. Die Aerzte mußten die Patienten clbst ausziehen, reinigen, betten, alles, was irgend„unappetitlich" war, selbst besorgen. Manche wandten sich mit offenbarem Abscheu ab, was die Verwundeten tief verletzen mußte. Während die Aerzte Aermcl annähten, unterhielten sich die Damen mit lcichtvcrwunde» tcn Offizieren.„Wenn man zwei Monate lang mit allen diesen vornchnien Samariterinncn derartige Erfahrungen macht, kann kaum ein anderes, als ein vernichtendes Urteil erwartet werden. Es fehlte am guten Willen.... Prof. Elairmont hat die taten- lose Sensationslust, Laxheit im Dienste, Disziplinlosigkeit, Mangel an Aufopferungsfähigkeit mit aller Schärfe zurückgewiesen. Unsere Erfahrungen haben ihn dazu vollauf berechtigt."— Ob diese Damen im Seebad, beim Wintersport und auf Wohltätigkeits- basarcn auch so versagt haben? Die soziale Unbrauchbarkeit einer Klasse, die nur zum Genüsse auf Volkes Kosten und zur geschlccht- lichcn Reizung ihrer Männchen hcrangezüchtet wird, ist noch kaum je so scharf wie hier aus berufenem und, sicher sehr„ordnuugs- treuem" Munde geschildert worden. Und damit diese tatloscn Falter in Glanz und Duft das Leben durchflattern, müssen zahl- lose wertvolle, wcrtschafscnde Glieder der VolkSgcmeinschafl auf den geringsten Anteil an den Gütern des Lebens verzichten, müssen sich selbst und jhrc Kinder in Not und Verkümmerung dahinsieche» Leineweber Berlin C. whjkrsße 34 AZllnischer 4-3-6 Flscherstraße i Für jede Körperform passend! Anzüge• Ulster• Paletots Meine Fabrikate, in eigenen Befriebswerkstätten gediegen verarbeitet, sinb preiswert und unübertroffen in Sitz und Haltbarkeit Moöerner Schnitt ♦ Große Auswahl» Vorzügliche Paßform 1 Sonntag, den 16 März, von 12—6 Uhr geöffnet.- Unsere Marine lie W Ci�arelte höchster Gtualität depny �Cfci�mafzL A-ö Drt�dav Größte deutsche ügar'£ifcnjM)dk/ Verkauf nur Im Fabrikgebäude! I |y| Sie sparen üeldlsr| i ITlöbel;r MttgMnt- ä||.Walt8[» Willi MaaB, SS 3sJ ' lel.: A.III, 5157�. I kaufen. 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