Mr. 7V. HbomiaBtots-Btdlnannflen: ■SeimemmiS• Shell �lämtmzrmiin: viert eljährl. SM Ml, monaH. L10 Ml, wliöeTUluh 28 Pfz. frei WS Hanl, «nzslne Nummer 6 Pfg, eomüag?- nutranet mit illustrierter Sonntag?. Vellage.Die Neue Well' 10 Pfg. Post. Wonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen w die Post-Zeitungs- m— Im""- Unter Kreuzband für und Oesterreich. Ungarn h dal übrige Lulland lionat. Postabonnements Belgien, Dänemarl, lNd, Italien. Luxemburg, Portugal. ""ien, Schweden und die Schweiz. Prellliste. Deutschland LchO Marl, 1 Mark pro nehmen am 30. Jahrg. Vichts öl IZgssch. Vevlinvv Volltsblcrkt. Die InferflonS'GeMnp Pehfigt für die sechlgespallene Kolonel- zelle oder deren Raum 00 Pfg, für polltische und gewerkschaftliche Pereins- und Bersammlungs-Anzeigen 30 Pig „Kleine Anreizen", dal fettgedruckte Wort 20 Pfg,< zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes wettere Wort 10 Psg, Etellengesuche und Schlafstellen,,» zeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes wettere Wort S Psg, Worte über ISBuch. stoben zählen für zwei Worte, Inserate kür die nächste Numiner müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werben. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Del, ildrefse: KiDsknt skrtlB*. s Zcntralorgan der rozialdemokratifcben parte» Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplaq. Nr. 1S83. Expedition: SM. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz. Nr. 1984. Am Sonntag gilt es, in gewaltigen Massen- demonstrationen gegen Rüstungswahnsinn und Milliarden- Vergeudung Protest zu erheben! Das politische Cuftabenteucr. Paris. 1, April.(Note der Agenee Havas.) Da die offizielle tlntersuchung ergeben hat, daß das in Lnnsville gelandete Zeppelinluftschiff Privat- rigentnm ist, nnd die drei Offiziere die Abnahmekommission tllden, und daß das Luftschiff, als es sich verirrt hatte, und sich über einer großen französischen Garnison befand, lorrelterweife landete, ist man ü b e r e i n- gekommen, daß das Luftschiff unverzüglich von Lunöville abfährt, während die Offiziere auf der Eisenbahn bis zur Grenze begleitet werden. Damit ist der Zwischenfall erledigst. Luneville, 4. April. Das Luftschiff?4hat Luneville um IL'/z Uhr aus dem Luftwege verlasse». Metz, 4, April. Das Luftschiff Z 4 hat um 3 Uhr bei Bic die französische Grenze passiert und ist um 4-/4 Uhr auf dem Luftschiffplatz Frescath bei Metz gelandet, worauf es in dir Luftschiffhalle gebracht wurde. Die ganze Bourgeoispresse Deutschlands konnte sich am Freitag nicht genug hm in sensationeller Berichterstattung und Glossierung des an sich doch wahrhaftig nicht welterfchütlernden Ereigniffes, daß ein Zeppelin-Lenkballon, der durch Motordefekt an seiner Be- Wegungsfreiheit erheblich eingebüßt Katte, durch heftigen Wind über die französische Grenze getrieben und in Luneville ge- landet war. Wie oft find Freiballons schon über die Grenzen eines Nachbarstaates hinweggetrieben worden, ohne daß deshalb der Telegraph so furchtbar strapaziert und die Oeffentlichkeit so sehr in Aufregung, versetzt worden wäre. Und daß auch Lenk- ballons, selbst die vielgepriesenen Zeppeline, gar leicht ein Spiel der Winde werden können, sobald einmal der nur zu empfindliche Mechanismus eines Motors in Unordnung gerät, ist nicht minder allbekannt. Und wenn eS auch ein tückischer Zufall wollte, daß am Mitiwoch die.Nordd. Allgem. Zeitung" die deutsche Presse eindringlichst vor dem Verrat der militärischen Ge- Heimnisse des Luftmilitarismus an daS Ausland warnte und prompt einen Tag später der allerneueste und angeblich die raffiniertesten militärtechnischen Geheimnisse bergende Luftkreuzer auf einem französischen Truppenübungsplatz landete? um all diese Geheimnisse den schadenftohen Späherblicken der französischen Luftmilitaristen preiszugeben, so war das wohl ein auserlesenes Pech für unsere Luftchauvinisten, aber doch immer noch kein Anlaß, diesen niedlichen Treppenwitz der Weltgeschichte zu einem großen politischen Spektakelstück aufzubauschen. War doch der brave Zeppelin nicht als dreister Luftkorsar in Feindesland einge- brochen, um Luftbomben herabzuschleudern oder auch nur das neu- gierige Teleskop einer spionagesüchtigen Kamera gegen französische Festungen zu richten, sondern hatte er sich doch nur als flllgel- lahmer Vogel verflogen, um reumütig niederzugehen, als er zu spät die Entdeckung machte, daß er sich auf verbotenen Wegen befand. Zum Glück stellte sich alsbald die ganze Auftegung als höchst überflüssig heraus. Die französischen Zivil- jind Militärbehörden taten das, was ihres Amtes war: sie versicherten sich durch genaue Untersuchung, daß die Besatzung des Luftschiffes, unter der sich auch drei Offiziere der Abnahmekommission befanden, in der Tat nichts Unerlaubtes getrieben, insonderheit keine photographischeu Aufnahmen gemacht hatte, behandelten aber im übrigen den un- geladenen Besuch mit großer Höflichkeit. Auch will eS uns scheinen, als ob die Meldungen sensationshungriger Korrespondenten über die bedrohliche Haltung eines Teiles der Zivilbevölkerung zum mindestens auf starker Uebertreibung beruhten. Jedenfalls ver- lief das Luftabenteuer ebenso rasch wie glatt: nach dem Abschluß der sehr beschleunigten Recherchen der französischen Militärbehörden gestaltete man nicht nur den Offizieren die Heimreise per Bahn, sondern man gab auch das inzwischen wieder reisefertig gemachte Luftschiff bereits Freitag mittag frei, so daß es schon am Nachmittag die schirmende Halle bei Metz wieder erreichen konnte. Daß der ganze Vorfall auch nur einen Augenblick als politische Konfliktsquelle betrachtet werden konnte, verrät das böse G e- wissen unserer deutschen Chauvinisten. Ist es doch noch gar nicht lange her, daß die Blätter deutscher Hurrapatrioten forderten, daß jeder französische Flieger, der sich in der Nähe deutscher Grenzfestungen zeige, nach brutale? Kosakenmanier einfach herabgeschossen werde. Als ob sich Flieger nicht viel leichter ver- irren könnten als ein großes Luftschiff mit starker Besatzung! Man traute deshalb wohl den Franzosen einen ähnlichen Grad aber- witziger Nervosität zu. Und dann erinnerte man sich wohl des «lbernen Triumphgeheuls. daS man immer von der.Ueberlegenheit" and Gefährlichkeit unserer.unübertrefflichen" Luftkreuzer angestimmt hatte. Zu all' diesen törichten Provokationen kam dann noch M» leidenschaftliche Erregung, die durch die ungeheuerlichen RüstungSforderungen Deutschlands hervorgerufen worden war, Rüstungsforderungen unter denen die fabelhaften Aufwendungen für den LuftmilitarismnS besonders auffallen mußten. In der fieber- haften Spannung über den Ausgang des Zwischenfalls offenbarte sich also im Grunde nur daS Schuldbewußtsein unserer Rüstungs- treiber und KonfliktSscbürer I Nun hat der Zwischenfall eine raschere und harmlosere Lösung gefunden, als selbst die Optimisten zu hoffen wagten. Unsere Luft- irrfahrer haben aus Frankreich nichts mit nach Hause genommen als die Erinnerung an eine durchaus loyale und selbst chevaleskere Behandlung durch die Behörden des.Erbfeindes". Um so weniger sollte man in Deutschland die Lehren in den Wind schlagen. Man sollte sich hüten, lünftig so leichtfertig die chauvi- nistische Pauke zu schlagen und umgekehrt die Uebergeschnapptheit einiger gewerbsmäßiger französischer Hetzpatrioten dem französischen Volke zu imputieren. Man sollte sich vielmehr dreimal überlegen, ob es wirklich den Fntereffen zweier großer Kulturnationen ent- spricht, allen Scharfsinn und alle materielle Leistungskraft in einem sinnlosen, ruinösen Wettrüsten zu erschöpfen, das nicht der Bürgschaft deS Friedens, sondern nur der künstlichen Aufftachelung verwerflichster Leidenschaften dient. Vor allen Dingen sollte der Vorfall auch die überschwenglichen Illusionen unserer Luftmilitaristen heilsam abkühlen. Mit den Ge- Heimnissen unserer„überlegenen" Luftkreuzer dürfte eS doch nun wohl vorbei fein, auch wenn, wie aus Friedrichshafen gemeldet wird. die ftanzösiscbe Regierung wirklich nur einem Kommissar daS Be- treten des Luftschiffes gestattet haben sollte. Denn daß die sran- zösischen Fachleute die prächtige Gelegenheit nach Kräften genutzt haben werden, um alles Wissenswerte unserer Lufttechnik in Er- fahrung zu bringen, wird man ihnen kaum verübeln können. Wie dem aber auch sei: unser forciertes Lustrüsten wird der französische Militarisnms zweifellos mit einem loomöglich noch forcierteren Wettrüsten zu beantworten wissen. Wäre es da nicht zehnmal ver- nünftiger, sich nicht erst auf das ebenso ungeheuer kostspielige, wie aussichtslose Experiment gegenseitiger Ueberflügewng ein- zulassen? Freilich: eS stehen für unsere Bourgeoisie allzu starke kapita- listische Anreize, allzustarke Klassen« und Cliqueninteressen auf dem Spiel, als daß wir an eine Beherzigung all dieser Mahnungen zu glauben vermöchten. Auch künftig wird das Proletariat die einjfige Vertreterin der politischen Vernunft und der wahren Volks- interessen bleiben! \** ♦ Der erledigte Zwischenfall. Paris, 3. April.(P r i v a t t e l e g r a m m des„Vor- wärt s".) Die befriedigte Erledigung des Zwischenfalls mit dem Luftschiff läßt wieder aufatmen, weil alles fühlt, daß bei der herrschenden Preßhetze diesseits und jenseits des Rheins der harmloseste Zufall die schrecklichsten Folgen haben könnte. Auch ruhigere Beurteiler ziehen die Folderung, daß man zur Vermeidung künftiger Gefahren eine Zurückver- legung der äronautischen Versuchsfelder von der Grenze fordern müsse. Anzuerkennen ist die ruhige Haltung der meisten Blätter. Nur der„Temps", dessen Brandstifterpolitik niemand mehr ernst nimmt, hetzt in einem Lunevillcr Tele- gramm weiter._ eine Illusion der Chauvinisten. London, 2. April.(Eig. Ber.) Eine der wichtigsten Waffen der Chauvinisten im e n g- lisch- deutschen Rüstungswettstreit ist die von den Hetzaposteln hüben wie drüben sorgfältig gepflegte Illusion, daß der Gegner über kurz oder lang ohnmächtig zusammenbrechen muß. wenn man nur die eigenen Rüstungen genügend hoch anhäuft. Daß den Rufern in diesem unseligen Streit die Hinfälligkeit dieses Arguments nicht bekannt ist, ist kaum anzunehmen. Aber die Illusion ist ihnen zu wert- voll, als daß sie sie aufgeben könnten. Daher versuchen sie mit allen möglichen falschen Angaben, das Volk über die Widerstandsfähigkeit des Gegners zu täuschen. Die Hetzer in England erblicken das Heil des Vaterlandes in einem riesi- gen Ausbau der Flotte, der die deutsche Regierung ein für allemal von der Aussichtslosigkeit ihres Unternehmens über- zeugen würde. Und um diesen Vorschlag zu begründen, schil- dern sie die finanzielle Lage des deutschen Volkes in den traurigsten Farben. Es ist spaßig, was man im allgemeinen darüber in englischen chauvinistischen Zeitschriften_ liest. Vierzehnjährige Schulbuben verstehen mehr von der ökono- mischen Struktur und Lage des Deutschen Reiches als diese Leute, die sich als die Lehrer des Volkes aufspielen. Nach ihren Darstellungen ist das deutsche Volk ein armer Tölpel, der von der Gnade seiner Gläubiger lebt. Die Tatsache, daß bisher noch immer die Rüstungsvermehrungen in dem einen Lande in dem anderen Lande nachgeahmt worden sind, macht auf sie keinen Eindruck. Auf Kosten der Kultur und des Wohlstandes der Massen lassen sich hüben wie drüben noch immer mehr Millionen für die Barbarei ausbringen. Für die praktische Politik ist die einzige Grenze in diesem Eni- wickelungsgange der Widerstand des Volkes, der sich wirksam darin offenbart, daß er die Regierung, die das Land auspowert, zum Teufel jagt. Weniger leicht als ihre englischen Spielgenossen haben es die deutschen Flottenschwärmer. Die Aussicht, den„Ban- kier der Welt" schachmatt zu setzen, wird in Deutschland auch den Unverständigsten nicht verlocken. Man bedient sich dc>- her eiftigst des Arguments, daß über kurz oder lang der Ausbau der englischen Flotte aus Mangel an Mannschaften zum Stillstand kommen muß und begründet die Ansicht meist mit den Klagen der englischen Flottenschwärmcr, die nicht allein nie genug Schiffe, sondern auch nie genug Matrosen haben können. Aber erst am Montag noch erwiderte der englische Marineminister im Unterhause dem Lord Charles Beresford, daß die Zahl der Mannschaften für die Bedienung der Flotte vollauf genüge und daß auch für die Zukunft keine Gefahr bestehe, haß man nicht genug Matrosen finden könne. Er: sagte unter anderem:„Kein Glaube hat in den chauvi- nistischen Gemütern im Auslände tiefere Wurzel gefaßt als der, daß wir auf diesen Inseln, obwohl wir Schiffe bauen können, nicht imstande sein werden, sie zu bemannen, oder daß das Volk in diesem Lande nie in eigener Person die Be- schwerden auf sich nehmen oder di�Opfer bringen wird, die zur Wahrung unserer nationalen Sicherheit notwendig sind. Das ist eine der törichtesten und verderblichsten Täujchungen, die man hegen kann. Es gibt kein Opfer, dessen Notwendig- keit sich beweisen läßt, das das Volk dieser Inseln nicht bringen würde, um seine nationale Existenz oder seine natio- nale Sicherheit zu bewahren. Es gibt keine Maßregel, die eine britische Regierung nicht für diesen höchsten Zweck er- greifen würde, wenn man beweisen kann, daß sie notwendig ist. Aber die Notwendigkeit muß bewiesen werden. Das ist eine Formalität, die man nicht übersehen darf." Die Worte Churchills beweisen, daß eine britische Regie- rung im Notfalle nicht davor zurückschrecken würde, die alte Zwangsrekrutierung wieder einzuführen, was einem Mangel an Matrosen in Anbetracht der Größe der englischen Handels- flotte bald abhelfen würde. Aber die Regierung braucht an derartige Maßregeln gar nicht zu denken. In England tnU ein junger Mann meist in die Kriegsmarine ein aus dem- selben Grunde, aus dem einer Schlosser oder Bäcker wird. Matrose zu sein, ist sein Lebensberuf. Der Lohn eines Ma- trosen ist ungefähr so hoch wie der eines ungelernten Ar- beiters: er kann sich eben damit durchschlagen. Der Lohn eines Unteroffiziers entspricht etwa dem eines qualifizierten Arbeiters. Wer je mit englischen Matrosen verkehrt hat, weiß, daß bei ihnen wie bei allen Arbeitern die Frage eine große Rolle spielt: Wie kann ich meine Lage verbessern? Hat er Aussicht auf eine gute Stellung, so verläßt er die Marine am Ende seiner Dienstperiode oder kauft sich frei. Die eng- tische Admiralität muß daher immer ein Auge auf den Ar- beitsmarkt haben und die Mannschaften zu befriedigen suchen. Sollte sich ein Mangel an Rekruten einstellen, so muß sie den Dienst in der Marine anziehender gestalten oder mehr Lohn zahlen. Erst küi�lich hat sie die Löhne der Mann- schaften und Unteroffiziere um einige Pence den Tag ans- gebessert. In der Oeffentlichkeit wurde dies als ein Akt der Dankbarkeit dargestellt, den das Vaterland seinen Verteidi- gern schulde. Die prosaische Wirklichkeit ist, daß diese Lohn- erhöhung das Resultat einer intensiven Agitation unter den Mannschaften war, die sich in zahlreichen Petitionen Ausdruck verschaffte. Es heißt, daß die Besserstellung der Matrosen die Rekrutierung für die Marine schon sehr günstig beein- flußt hat. Die deutschen Flottcnschwärmer können versichert sein, daß ihre Ansichten über die Bemannungsschwierigkeit der englischen Marine eitle Träume sind. Solange England seinen Matrosen und Unterofftzieren die Lebenshaltung seiner Arbeiterklasse garantieren kann, wird es immer ge- nügend Kräfte aus dem stets überfüllten Arbeitsmarkt der kapitalistischen Wirtschaftsordnung anwerben können. Dieselben Illusionen, die das Anschwellen der Kriegs- flotten begünstigt, führen nun auch zum schnellen Wachstum des L u f t m i l i t a r i s m u s. In England ist man der nicht unbegründeten Ansicht, daß die neuen riesigen Aus- gäbest für den Luftmilitarismus in Deutschland vor- nehmlich den Zweck haben, England auf diesem Gebiete einen großen Vorsprung abzugewinnen. Sollten die deutschen Lust. Militaristen wirklich der Ansicht sein, daß sich dieses Ziel er- reichen laßt? Als die Nachricht von den geplanten Luft- riistungen Pier einlief, waren die ersten Worte der englischen Cbauvinisten: Wir müssen auf diese deutsche Herausforderung eine Antwort geben. Glaubt jemand, diese Antwort werde ausbleiben? Oder sollte man sich wirklich embilden, daß englische Erfindung und Tatkraft auf dem Gebiete der Luft- schiffabrt versagen werde? Am Ende des vorigen Jahrhun» derts stand es um die englische Automobilindustrie infolge der damals noch bestehenden veralteten Gesetzgebung sehr schlecht. Wie schnell hat nicht die englische Automobil- industrie die deutsche und französische eingeholt, die damals einen so großen Vorsprung hatten! Wo ist heute die Er- findung oder Entdeckung, die auch nur auf kurze Zeit von irgendeinem Lande monopolisiert werden könnte? Die Luftschiffahrt ist kein deutsches Monopol. Und doch scheint diese Illusion die Gemüter der Leute zu beherrschen, die die schwer erworbenen Groschen des Volkes wie schillernde Seifen- blasen in die Luft steigen lassen. UeterancnfMorg« und auswärtige Politik in der Mgetkommiiilon. In der FreitagZsitzung der Budgetlommission des Reichstages wurde zunächst über eine erhöht« Fürsorge für die Veteranen be« raten. Abg. Erzberger fragte an, ob auch dann eine Erhöhung der heute 120 M. betragenden Beihilfe auf ISO M. in Aussicht genommen sei, wenn das Petroleummonopol dem Reiche nicht eine Einnahme von 7 Millionen Mar! bringen werde. Genosse RoSke rügte, daß im Jahre 1S1I nicht die ge-- famte vom Reichstag bewilligte Summe zur Unterstützung der bedürftigen Veteranen verwendet worden ist.— Schatzsekretär Kühn bemerkte, daß die Zahl der unterstützten Veteranen von 10 10 biö in diesem Jahre von 183 OOtf auf 245 000 gestiegen ist. Er be- absichtige, den Regierungen einen Gefetzentwurs vorzulegen, der eine Erhöhung der Beziige, wie überhaupt eine bessere Regelung bringen solle. Der Kyffhäuserbund moniere el, daß heute Veteranen eine Unterstützung erhalten, ohne bedürftig zu sein. Bei dem projektierten Gesetz werde dieser Einwand eine große Rolle spielen.— Bon den Rednern aller Parteien wurde die Beschleunigung des in Aussicht gestellten Gesetzes gefordert. Sodann wurde die Debatte über die auswärtige Politik wieder aufgenommen. Abg. Baff ermann brachte die schwebenden Fragen in Ostasien zur Sprache, besonders den zwischen Rußland unv der Mongolei abgeschlossenen Vertrag, ferner die Situation in China und die Bemühungen fremder Nationen, weitgehende geschäft- Itche Beziehungen in China anzuknüpfen. Unterstaatssekretär Zimmer m a» n beantwortete die Fragen in zum Teil vertraulichen Ausführungen. Bei dein Mongolei- vertrage, den Rußland im November vorigen Jahres mit dem Hutuchtu von Urga abgeschlossen hat, wird in Frage gezogen, ob der Hutuchtu legitimiert war, für die ganze Mongolei vertragschließend aufzutreten. Besonders für die innere Mongolei werde diese Legilimation bestritten: in der äußeren Mongolei habe sich wohl die Mehrzahl der Fürston dem Urgavertrag angeschlossen. Der Ver- trag gebe Rußland ein« bevorzugte Stellung in der ganzen Mongolei. Bekanntlich habe China schon 1881 den Russen eine Reihe von Rechten in der Mongolei eingeräumt, u. a. Zollfreiheit und Konsulate in 10 Orten, Noch unserem Vertrage mit China von 1801 könnten wir nach dem Grundsatz der Meistbegünstigung dieselben Rechte in der Mongolei beanspruchen. Bisher sei dies nicht geschehen, da deutsche Interessen dort kaum bestanden. Neuerdings hätten die deutschen Äaufleute in Charbin und Tientsin angefangen, sich des Handels nach der Mongolei an- zunehmen. Das Land sei ziemlich arm: wir hätten aber da« Interesse, es dem Handel aller Nationen offen zu halten, und wir hätten den Wunsch, daß die Verhandlungen zwischen Rußland und China zu demselben Ergebnis führen möchten. Zwischen dem Hutuchtu und dem Dalai Lama von Tibet scheine«in Vertrag ab- geschlossen worden zn sein; der nähere Inhalt entziehe sich der diesseitigen Kenntnis. In der Fikagc der Anerkennung der chinesischen Republik sei durch den Entschluß de« amerikanischen Präsidenten am Tage nach der Präsidentenwahl eine neue Lage geschaffen. Bisher habe unter den Mächten die Absicht bestanden, in dieser Sacht gemeinsam vorzugehen. Wie sich die anderen Mächte nach dem Vorgehen der Amerikaner zu stellen gedenken, sei noch nicht festgestellt. Ter Unterstaatssekretär gab sodann eine Darlegung über die Geschichte der Anleiheverhan dlungcn. Amerika sei, wie bekannt, von dem Mächtekanzern zurückgetreten. Tie deutsche Regierung wünsche nach wie vor das Zustandekommen der Anleihe im wohlverstandenen Interesse China«, das ohne die Anleihe nur zu leicht Konzeffionsjägern in die Hände fallen könnte. Und, anstatt aus dem Wege ernster Reformen sich zu konsolidieren, au« den finanziellen Schwierigkeiten nicht herauskäme. Genosse Bernstein ging in längeren Ausführungen auf die Darlegungen deö Regierungsvertreters«in. Im Interesse Deutsch- lands würde cs liegen, wenn eS mit der Anerkennung der chinesischen Republik voranginge.— Abg. A! ü l l c r- Meiningen vertrat die Meinung, Deutschland sei in China sehr stark ins Hintertreffen geraten, während der neue Präsident der Vereinigten Staaten ungemein geschickt operiert habe.— Genosse Ledcbour kritisiert die Stellung der deutschen Regierung in der Frage der chinesischen Anleihe und forderte gleichfalls schnelle Anerkennung der ch i n e s i s ch e n R e p u b l i k, ferner die Besetzung der diplomatischen Stellen mit Leuten, die über praktische Erfahrungen verfügen.— Genosse N ö s k e wies darauf hin, daß das deutsche Kapital in China sich nicht auf der Höhe einer ge- sundcn Unternehmungslust befunden habe. Daran möge zum Teil auch die recht unglückliche deutsche Politik in Ostasien schuld sein. Es sei doch ein toller Zustand, daß Teutschland in China nicht einen Beamten sitzen habe, der nur einigermaßen Land und Leute kennt. Beachtlich sei auch, daß Tsingtau(im deutschen Kiautschau- gebietj ein förmliches KonspirationSnest für die chinesische Mon- archistenpartci geworden ist. Tarauf möge die Regierung achten, um Schädigungen deutscher Interessen zu verhüten.— Der Ver- treter des Reichs marineamtS erklärte, daß die deutsche Verwaltung in Tsingtau angewiesen ist, mit aller Strenge daraus zu achten, daß strikte Neutralität beachtet wird.— Abg. Erzberger kam auch auf den Artikel in der„Kölnischen Zeitung" gegen Frankreich zu sprechen. Die Regierung solle sich, falls sie die„Norddeutsche Allgenwine Zeitung" nicht benutzen will, anderer amtlicher Zeitungen bedienen. Bei Zeitungen, wie der Kölni- schen, sei schwer zü unterscheiden, ob ein Art'kel offiziös oder Re- dättionSarbeit ist. Ter Etat des Auswärtigen Amtes wurde im weiteren Ver- laufe der Sitzung erledigt. Im Bericht vom Donnersiag ist ein Satz in der Rede des Genossen Scheidemann verstümmelt wiedergegeben worden, den wir hier im richtigen Wortlaut wiederholen: „Von den Forderungen Rumäniens auf Silistria, die der Herr Staatssekretär erwähnt hat, glaube ich sagen zu dürfe,', daß sie staatsrechtlich wenig zu halten sind." Forderungen des liiilltarismus. Vermehrte Reservisteuubungen. Tropfenweise wird dem deutschen Volke der'Umfang der Heeresvorlage zu Gemüte geführt. So berickitet die„Nordd. Allg. Ztg." vom Freitagabend, daß in der Anlage 1 L des Gesetzentwurfs für die Wehrvorlage unter«Sonstiges" auch eine Vermehrung der Uebungen des Beurlanbtenstandes an- geführt sei. Hiernach werden in diesem Jahre etwa 38 Alst Mann mehr als sonst durchschnittlich 14 Tage einbe- rufen werden. Welche Ueberraschung wird die Vorlage noch bringen? Gute Konjunktur für Pserdezüchter und Pferdehändler. Die„Nordddeutsche Allg. Ztg." bringt folgende Mit- Leitung: „Tie„Korrespondenz Piper" schreibt: In der W e h r b o r- läge stich 27 000 Pferde mehr angefordert, wovon natürlich der überwiegende Teil für die Kavallerie und Feldartillerie zu beschaffen ist. ES liegt auf der Hmch, daß dieser Mehrbedarf nicht lediglich durch Einstellung von Rcmonten gedeckt werden kann, wie sie unter der erneuten Ergänzung des Friedenspräsenzgesetzes (V. 1. ReichSheer, Preußen, Beilage 1, Nr. 94) angeführt ist. Der Hauptteil des Mehrbedarfs muh vielmehr durch freihändigen Ankauf von volljährigen Pferden gedeckt werden, und dieser Ankauf findet selbstverständlich im Jnlande statt. In Ausführung, dieser Maßnahme werden die RemonteankaufSkom. Missionen im Verlauf der Monate September und Oktober 8000 Rettpferde und 9000 Zugpferde, insgesamt 17 000 volljährige Pferde, freihändig kaufen." Es liegt auf der Hand, daß diese Art der Pferdebeschaf- fung deni Reiche sehr teuer kommen wird. Denn Züchter und Händler werden bei der starken und beschleunigten Nach- frage den Fiskus tüchtig zu schröpfen suchen. Tie Leidtragen- den sind natürlich wie immer die Steuerzahler. Eine sonderbare„Prämie". Je näher die Zeit der ZahlungSpslicht für die rüstungS- begeisterten Patrioten kommt, um so mehr kühlt sich ihre ursprüng- lich an den Tag gelegte Begeisterung ab, die sich sogar schon bis zu einem ziemlich starken Unwillen gegen da» ihnen auf- erlegte„nationale Opfer" verdichtet hat. Alle Hinweise auf die große opferreiche Zeit von 1813 ziehen nicht mehr, um die um ihren Geldbeutel besorgten Uebcrpatrioten in den früheren Be- geisterungSzustand zu versetzen. Daß sich in erster Linie die Konservativen, denen die DecknngS- vorläge zur neuen Rüstungsforderung auf den Leib zugeschnitten ist, verzweifelt gegen die„nationale" ZahlungSpflicht wehren, weiß jeder, der die angeborene Steuerfchcu dieser mit Liebesgaben au» dem Reichssäckel gefütterten Junker kennt. Und so nimmt es denn nicht wunder, wenn hier und da ein solcher Patriot die Feder schwingt, um seine heiligsten Güter ,u verteidigen. So hat auch dem bekannten Fabritdirektor Tafel- Nürnberg, früher ein recht». stehender Nationalliberaler, jetzt aber ein strammer Konservativer, in der„Bayrischen Reichspartei", deren stellvertretender Vorsitzender er ist, die Sorge um die ZahlungSpflicht der Besitzenden die Feder in die Hand gedrückt, und er sucht in einem drolligen Eiertanz deinen Gefühlen über die Vermögensabgabe Luft zu machen. Bor allem entrüstet sich dieser Wackere üder die angebliche Steuerfreiheit der sozialdemokratischen Ar. d e i t e r. Er ineint nämlich, daß die Opfer von 1813 und 1913 nur da» gemein haben, daß in beiden Fällen der national Denkende zur Leistung herangezogen wird, während die nicht nationalen Teile de» Voltes von ihr befreit bleiben. Interessant ist vor allem der Schluß seine» in der bündlerischen„Kulmbacher Rundschau" erschienenen Lamentoi über„die RcichsvermögenZ. abgab«": „Schärfste Kritik der Wehrvorlage aus sozialdemokratischem Niunde hört man ja jetzt schon trotz der Befreiung der sozial. demokratischen Wähler von der Zahlpflicht. Man wird mir ent- gegnen, daß ja auch nationale Elemente von der Abgabe befreit sind. Das ist richtig, aber einmal bin ich der Meinung, daß diese, wenn eine energische Staffelung vorgenommen Worden wäre, eine kleine Gabe zur Mehrung unserer Wehrmacht gern geleistet hätten. Eher würde cS noch einen Sinn haben, gerahe die nationalen Kreis« mit geringem Einkommen und nur diese von der Abgabe zu befreien. Ich nenne als Beispiel nur die Angehörigen der nationalen Arbeiterschaft. Das hätte insofern Berechtigung, als diese ohnehin durch ihre exponierte Stellung der Pflege des nationalen Sinnes außerordentliche Opfer bringen. Mit der Befreiung der internationalen Elemente setzt man da- gegen auf internationale Gesinnung von Reich» wegen eine Prämie aus, und ich fürchte, daß das mehr schaden als nutzen wird." Dem Mann muß geholfen werden. Er verdient einen Orden. Er hat offenbar von der drückenden Last der indirekten S t e u e r rt, die speziell auch von den„internationalen Elementen" aufgebracht»Verden, und zu den Rüstungsausgaben Verwendung rinden, keine Ahnung. Deshalb redet er auch reichlich konfus von einer Prämiierung der internationalen Gesinnung von Reichs wegen. ES muß schließlich auch solche Käuze geben. Sie Flottendcrnonftration. Die Teilnahme Frankreichs. Paris, 3. April. Die„A g e n c e H a v a s" deröffent- licht folgende Note: Nachdem die r u s s i s ch e R e g i e r u n g mitgeteilt, daß sie Frankreich und England an der F lo t t e n d e m o n st rat i o n beteiligt zu sehen wünsche, hat die Regierung der Republik beschlossen, an dieser feierlichen Bestätigung des Willens Europas teilzunehmen. !)er Kommandant deS„Edgar Ouinet". der nach Korfu ent- andt worden war. hat infolgedessen Befehl erhalten, sich mit !>en Kommandanten der englischen Schiffe ins Einvernehmen zu setzen, um sich gemeinsam mit ihnen nach Antivari zu begeben. Tie Botschafterkonferenz. London, 4. April. Die Konferenz der Bot- chafter bat zwei Stunden gedauert und sie hat sich als- ann auf Dienstag morgen vertagt. Bezüglich der Flot- tendemonstration wurde alles geregell. Alle Mächte mit Ausnahme von Rußland werden daran teilnehmen. Die verschiedenen Schiffe haben den telegraphischen Auftrag er- halten, sich an die montenegrinische Küste zu begeben, um lort eine effektive Blokade zu beginnen, deren Ein- zelheiten die verschiedenen Schiffskommandanten regeln sollen. Die internationale Flotte wird von dem rangältesten Offizier befehligt werden, der, wie man anmmmt, ein Eng» I ä n d e r oder Oesterreicher sein wird. Bor Antivari. Wien, 4. April. Die„Neue Freie Presse" meldet aus Cattaro» In der Richtung gegen Antivari sieht man die Kriegsschffsjc der D c nr o ii st r a t i o n S f l o t t c. Es sind zwölf große Ein- Helten, davon in erster Reihe die sechs öfterreichisch-ungarischen Kriegsschiffe, in Keilform aufgestellt und von der Torpedoboots- flottille umgeben. Die zwei italienischen Kriegsschiffe sind mehr gegen Süden verankert, neben ihnen drei Torpedobootszerstörer und vier Torpedoboote. Weiter entfernt sieht man noch vier andere Schiffe, von denen man aber die Farben der Flaggen nicht unterscheiden kann. Aus allen Schloten steigt dichter Rauch. Die „biadetzkh" verließ um 10 Uhr die Formation und kreuzte längs der albanesischen Küste, mit großer Geschwindigkeit zwischen den Torpedobooten manövrierend und verschwand dann am Horizont. Die übrigen Kriegsschiffe blieben zurück. Die russische Liebesgabe Petersburg, 4. April. Die ausländische Presse bringt verschiedentlich Kommentare zu der Nachricht, in San Gio- varaii di Medua seien Schiffe mit für Montenegro be- stimmtem aus Rußland stammendem Kriegsma- terial eingetroffen. Die Petersburger Telegraphenagentur erfährt darüber folgendes: Das betreffende Material war Montenegro bereits im Herbst 1911 geschenkt worden, aber von Montenegro nicht rechtzeitig ausgeführt worden. Im Januar dieses Jahres beschloß Montenegro, das ihm ge- hörige Material auszuführen. Rußland hatte keinerlei Beziehung zu diese»n Transport.(?) Oesterreichische Kommentare. Wien, 4. April. Die Blätter besprechen in e r n st e r W e i s e die Nachricht, daß ein russisches Schiff in Antivari Krieg?- Material auslade, und erblicken hierin eine Beteiligung R u ß l a n d S. wenn es auch nicht das offizielle sei, an dem Widerstande Montenegros und Serbiens gegen die Beschlüsse Europas, denen die russische Regierung zugestimmt habe. Die Presse verlangt energisch Aufklärung vom Petersburger Kabinett und betont, daß jeder Versuch einer russischen Zwiespäl- tigkcit in der Frage von Skutari dem Frieden Europas schaden müsse. Für jeden Fall treten die Blätter entschieden dafür ein, daß Skutari unter allen Umständen, so wie eS Europa beschlossen habe, albanesisch werden müsse, nötigenfalls, wenn cS nicht mit Europa sei, ohne Europa. Die Monarchie werde, wenn sie auf ihrem Willen beharre, auch nicht allein bleiben. Demonstrationen für den Balkanbund. Wien, 4. April. Die„Neue Freie Presse" meldet auS Spa- la i o in Dalmatien: Hier fanden große Demonstra- tionen zugunsten der Valkanvölker statt mit Hoch- rufen auf die Könige von Serbien. Montenegro und Bulgarien. Die Gendarmerie nahm gegen 20 Verhaftungen vor. Das Amtsblatt veröffentlicht eine Kundmachung, in welcher die Be- oölkerung aufgefordert wird, sich jeder Straßendemonstration zu enthalten, und in der angekündigt wird, daß der Statthalter die strengsten Maßregeln zur Hintanhaltung von Kundgebungen jed» Art getroffen hat. Bor Skutari. Wien, 4. April. Die„Neue Freie Presse" meldet aus Callaro: Gestern ist aus Cetinje die Nachricht eingetroffen, daß am Mittwoch am T a r a b o s ch ein großer Kampf stattgefunden habe, bei dem die Montenegriner großeVer- l u sl e erlitten hätten.— Der Verkehr zwischen Cattaro und Cetinje ist unverändert: der tägliche Auiomobildienst hat bisher keine Störung erlitten: demnach sind alle Nachrichten über eine Grenzsperre unbegründet. Tie Südslawische Korrespondenz meldet: Die montene- grinischen und serbischen Truppen hatten bei den letzten Kämpfen vor Skutari zweitausend Totc und fast ebenso- viel Verwundete._ politische(leberlicdt. Berlin, den 4. April 1912. Umversitäten. Im Abgeordnetenhaus« unterhielt man sich am Freitag bei der fortgesetzten Beratung de« KultuSetatS einige Stunden über die Uni- versitäten. Schon längst sind die preußischen Universitäten nicht mehr die freien Lehr- und Lerninstitute, die sie ehemals waren. sondern Institute, die sich in den Dienst der herrschenden Klassen gestellt haben, und der Staat betrachtet sie darum auch nicht als bloße Bildungsanstalten, er sucht vielmehr mit Hilfe der allzu be- reiten Professoren seine politischen Ziele auch mittelst der Ilniversi- täten zu verfolgen. Daß er damit den Anschauungen der Land- tagSmehrheit folgt, hat die Beratung de» EtatSkapitelS aufs neue bewiesen. Zwar hat eS nicht an dankenswerten Anregungen auch von bürgerlicher Seite gefehlt, aber der Grundzug der Debatte, in deren Mittelpunkt der Klinikerstreik stand, war doch ein durch und durch reaktionärer. ES ist eine völlige, vielleicht absichtliche Ver- kennung der Tatsachen, wenn man, wie es von verschiedenen Seiten geschehen ist, dem Klinikerstreik in Halle eine nationale Seite ab- Zugewinnen sucht. Nein, nicht Nationalgefühl, sondern nackter Egoismus, Futterneid war es. der die deutschen Studenten ver- anlaßte, gegen die ✓ ausländischen Studenten vorzugehen, und ganz besonders richtete sich ihr Verhalten gegen die russischen Studenten, denen in ihrem Vaterlande die Möglichkeit, sich p bilden. genommen ist und die nun in Deutschland eine gastliche Stätte zu finden hoffen. Liebknecht hatte durchaus recht, als er die Be- wegung-ine durch und durch reaktionäre nannte. Aber was tut die preußische UnterrichtSderwaltung Z Anstatt die jungen Herren. die sich solche Uebergriffe erlauben, in die Schranken zu rufen, unter- stützt sie ihr chauvinistisches Tun, indem sie für die russische» Studierenden Ausnahmebestimmungen erlassen will. Daß sie damit den Beifall der reaktionären Landtagsmehrheit findet, versteht sich ebenso wie daß die Vertreter des schwarzblauen Blocks sich wie toll gebärdeten, weil Liebknecht eS gewagt hatte, der Katze die Schelle umzuhängen und auf den mehr und mehr schwindenden Idealismus in der Studentenschaft hinzuweisen. Die Debatte geht Sonnabend weiter. Aus der sozialdemokratische« Reichstagsfraktio«. Die sozialdemokratische Reichstags fraktion beriet am Freitag in einer sehr langen Sitzung in eingehender Weise die neuen Steuer- vorlagen.* Als Redner zu den Steuervorlagen wurden bestimmt die Ge- nossen Südekum, Segitz und E m m e l. „Volksbetrug"•. überschreibt die, Westfälische Rundschau" tNe. 75), da» unabhängige katholische Blatt des Münsterlandes, einen Artikel, in dem sie sich mit der Hallung der Zentrumsfüh'rer und der ZenlrumSpresse zu den Wehrvorlagen auSeindersetzt. Der Redakteur Klostermann, der den Artikel selbst verfaßt hat, behauptet,„daß viele führende und maßgebende Personen deS Zentrums schon längst leine Ahnung mehr haben von der M i ß st i m m u n g, die in immer weiteren Kreisen der Partei um sich greift". Gegen verschiedene ZentrumSblätter müsse die Anklage erhoben werden,„daß sie planmäßig Tat» fachen und Ereignisse unterschlagen oder in irre- führender Form und mit enistelltem Sinn mitteilen". Für diesen schweren Borwurf werde er den Beweis nicht schuldig bleiben. Der innere Zusammenhalt der Partei sei wegen d«S Rüstung-Wahnsinns gefährdet, aber die Leier der Zentrumspresse dürften die Wahrheit nicht erfahren.„Was eben jetzt wieder in bezug auf die neue Heeresvorlage durch die m i l i t ä r t o l l e n Zeitungen im Hurra schreien gelei stetwird, über- steigt alles, was m a n seither in der Zentrums- presse erlebt hat, und überhaupt bei noch halbwegs zu- rechnungSfähigen Leuten für möglich halten sollte. UebrigenS, abgesehen von allen Gründen der Vernunft, liegt doch auch klar zutage, daß die Kriegshetze die Aufstachelung der niedrigsten, rohe st cn In- stinkte im Menschen, die Schürung der Mordgier und des Blutdur st eö schnurstracks den Lehren Jesu und dem Sittengesetz zuwiderlaufen." Der Verfasser deS Artikels bringt dann eine persönliche Erinne- rung aus der Zeit de-Z Ausbruchs deS deutsch-französischen Krieges, wo sowohl in Teutschland' als in Frankreich zu gleicher Zeit Bitt- gottesdienste um den Sieg abgehalten wurden. Sem Lehrer in Obersekunda, Prof. Dr. de Weldige-Cremsr, ein katholischer Geistlicher, habe sich dazu am 21. Juli 1870 ungefähr folgendermaßen geäußert: ..Da flehen nuiz hüben und drüben Kinder eines Gottes, des liebenden Vaters aller Mensche», daß er ihnen helfen möge, möglichst viele seiner Kinder jenseits der Grenzpfähle niederzumetzeln. Uns soll er beistehen, die Franzosen zu zerschmettern, die Franzosen verlangen von ihm, daß er ihre Waffen„segne", unS massakrieren zu können. Ich muß sagen, daß ich solche„Gebete" zu dem Gott der Liebe bei- nahe wie eine Gotteslästerung empfinde." Redakteur Klostermann ist überzeugt, daß seine Leser sämtlich der Ansicht de- Herrn de Weldige-Cremer beipflichten werden, was soviel heißt, sie sind Gegner der glorreichen Zentrums- Politik. Eine interessante Enthüllung läßt das Blatt noch folgen, die im übrigen ein sehr bezeichnendes Licht auf den Zentrumsoberhäupt- ling Abgeordneten H e r o ld wirft. Klostermann erzählt von dem Besuch eines Gutsbesitzers aus dem Amte Everswinkel. Dieser Gutsbesitzer habe sich im Gespräch auch über die„neuere Taktik" deS Zentrums geäußert: „Sicher weiß ich. daß die„Taklikcr" deS Zentrums auf die Dauer unsere Partei ruinieren. Mit der versl..... Finanzreform fing die Geschichte a n. Herold(der Provinzialvorsitzende der Zentrumspartei für Westfalen hielt nach seinen eigenen vertraulichen Aeußerun gen diese ungeheure Volksbelastung für verkehrt und durchaus verfehlt. Als es zunächst den Anschein hatte, daß die nationalliberale Partei die Finanz- reform„apporlieren" wollte, hat Herold zu dem mir befreundeten Gutsbesitzer S. gesagt:„Got: sei Dank, daß wir nun nicht in Versuchung kommen: mögen die Nationalliberalen nur machen: sie werden die Folgen schon spüren bei den nächsten Wahlen." Nachher haben dann dennoch die überschlauen Zentrumstatiker, nur um den verhaßten Fürsten Bülow zu stürzen, der Re- gierung den ganzen Kitt bewilligt. Was daö Zentrum dadurch an Vertrauen eingebüßt bat im Volke, das ahnen die„Taktiker" wohl selbst nicht: der Schaden ist niemals wieder gutzumachen. Der Stachel sitzt fest im Volksgemüt. Und nun mit der neuen Militärvorlage geht'S wieder gerade so." Soweit der Gutsbesitzer der„Westfäl. Rundschau"; daS Blatt fügt hinzu, daß die Folgen der glorreichen Finanzreform sich speziell im Wahlkreise Warendorf-Beckum-Lüdinghausen schon gezeigt hätten, als für den abgesägten„Volksvertreter" Herzog von Arenberg eine Ersatzwahl stattfinden mußte: ein be- deutender Rückgang der Zentrumsstimmen, eine überraschende Zu- nähme roter Stimmzettel. Herr Herold reiste nach der Bewilligung der Finanzreform im Lande herum und pries die Bewilligung der halben Milliarde durch das Zentrum als eine nationale Großtat. Was hat er zu der Ent- hüllung zu sagen?_____ Der einige Liberalismus. Wie in anderen westfälischen Gegenden ist auch im Kreise Hagen ein narionalliberal-freisinniges Landtagswahlabkommen zustande ge- kommen. Jede der beiden Parteien stellt für die LandtagSwahl einen auf dem Boden ihres Parteiprogramms. stehenden Kandidaten auf. Die Wahlmänuer werden gemeinsam aufgestellt und für die Wahl beider Kandidaten verpflichtet. Ein neuentdecktes„Aergernis". Was alles in Oberschlesien AergerniS erregt, dafür liefert nach- stehender Vorfall ein neueS Beispiel. Zu den Protestversammlungen gegemdie neue Wehrvorlage suchte beim Amtsvorsteher in Zawodzie Genosse NieSler um die Genehmigung zum öffentlichen Berteilen von VeriammlungSeinladungen nach..Auf denselben war das Thema ww folgt bezeichnet:„Die neue Heeresvorlage ein lln- gluck für bie gesamte Kulturwelt". Der wahrscheinlich sehr für Heeresvorlagen schwärmende Herr Amtsvorstehcr versagte deshalb die Erlaubnis mit folgender schriftlichen Begründung: „Die durch den Tischler Joseph NieSler aus Kattowitz heute nachgesuchte Genehmigung zum Verteilen von Bekanntmachungen �Einladung zu einer Volksversammlung am 30. dieses Monats wird versagt, weil der 1. Punkt der Tagesordnung in seinem Wortlaut AergernjK erregend ist." Noch am gleichen Tage wurde dem Landrat die„ärgerniS- erregende Beriammlungs-Einladung" mit dem schriftlichen Bescheid deS AmtsvorsteberS unterbreitet� der dann auch dem feinfühligen Amtsvorsteher z" verstehe» gab, daß die Genehmigung zu erteilen ist. Da inzwffchen viel Zeit verstrichen war, konnte ein einzelner die VersammlungS-Emladungen nicht mehr verteilen. Der Amts- Vorsteher mußte daher jetzt sogar vier solcher Genehmi- gungen zum Verteilen der„ärgerniserregcnden" VersammlungS-Einladungen erteilen. Die Voll-veriammlung war gut besucht. Ter Vorsitzende konnte unter dem Beifall aller konstatieren, daß zwar niemand an der Einladung, wobl aber alle an der neuen Mililärvorlage mit ihren ungeheuren Lasten„AergerniS" genommen haben. Tic Reichstags-Ersatzwahl im Wahlkreise Oft- und West-Sternberg lBrandenburg S) wird am S. Mai stattfinden. Das Mandat hatte der Konservative v. Aaphengst tnne, der am 6. März d. I. ver- starben ist. Der Wahlkreis rst den Konservativen sicher. In der Hauptwabl wurden Sl42 konservalrv». 3427 antisemitische. 3333 fozial- demokratische und 607 fortschrittliche Stimmen abgegeben. Ein schwarzer Revolutionär. In: frommen Rheinlande droht eine Revolution auszubrechen. Dre Niets, ein Nebenfluß der Maas, wird seit Jahren pestilenzialisch verseucht durch Fadrikabwässer u?w. Abhilfe ist trotz jahrelanger Proteste der anliegenden Ortschaften nlcht erfolgt. Nachdem schon im vorrgen Sommer in der Gemeinde Oedt eine lebhafte Bewegung im Gange war, die auf Verweigerung der Zahlung der Staatssteuern abzielte, hat jetzt ein adliger Zentrumsmann Ernst gemacht mit der Steuerverweigerung. Der Freiherr v. Gehr auf Haus Caen bei Straelen hat sich dieser Tage pfänden lasten. Er hatte die Zahlung der Staatssteuern verweigert mit der Begründung, er fühle sich nicht zur Zahlung der Steuer verpflichtet, solange nicht der Staat dafür Sorge trage, daß er Caen ohne Gefährdung seiner Gesundheit als Wohnung benutzen könne. Man darf neugierig �darauf sein, ob man dem schwarzen Frei- Herrn seine gepfändeten Sachen auch so rasch� verkaufen wird, wie daS bei einem armen Teufel der Fall ist, der Steuern nicht zahlen kann, weil sonst die Seinen hungern müßten. Betreßte Rüpel standen am DienZtag vor dem Kriegsgericht der 2. Marmeinspektion der Nordsee in Wilhelmshaven. Der Sergeant Bracizewski und der Unteroffizier Ott rempelten nachts auf der Straße au« Uebermut mehrere Zivilpersonen an und schlugen einem jungen Mann, der sich die« verbat, die Nase blutig. Bon hinzukommenden Passanten zur Rede gestellt, zogen beide daS Seitengewehr und schlugen damit um sich, wobei ein Arbeiter verletzt wurde. Als die Zivilisten_ ebenfalls tätlich zu werden drohten, flüchteten die beiden Helden. Sie wurden jedoch eingeholt. Von einem Nachtschutzmann nach dem Namen be- fragt, gaben sie falsche Namen an und widersetzten sich ihrer Ver- Haftung. Bei der Uebergabe der Festgenommenen an den Posten vor der Wache stieß der Sergeant diesen vor die Brust und wider- setzte sich auch den Befehlen des Wachthabenden. Beide gaben vor Gericht an, das Seitengewehr nur aus Not- wehr gezogen zu haben, wurden aber durch die Zeugen gründlich widerlegt. O. erhielt 46 Tage Festungshaft, der Sergeant 2 Monate 14 Tage und 3 Tage Haft. Klerikaler Boykott. Wie oft hat die Zentrumspresse sich, nach ReichSverbandSmamer entrüstet über den sogenannten sozialdemokratischen TerroriSmu«. Daß sie selbst ihre Verbreitung dadurch zu fördern sucht, daß sie ihre Leser zum Boykott der Geschäftsleute auffordert, die ein schwarze« Blatt nicht halten, beweist das Blatt deS Liborius Gerstenberger, das.Bamberger Volksblatt", das in seiner Nummer vom 7. März 1913 seine Leser in folgender Weise aufmunterte: „? Hat Dein Bäcker, ?? Hat Dein Metzger, ? Hat Dein Spezereihändler, ? f Hat Dein Wirt, Dein Schuster das„Bamberger Volksblatt"? Warum veranlasse st Du ihnnicht, dasselbe zu abonnieren?— Eine Hand wäscht die andere." Ein ungeheuerliches Urteil der Militärjustiz. Eine Korrespondenz meldet: „Verhängnisvoller Wutanfall im F c stu n g S- gefängniS. Schwer büßen muß der Grenadier Slotinski eine Ausschreitung, die er im Spandauer FestungSgcfängniS verübt hat. Vor einiger Zeit hatte sich S., der gestern wegen tätlichen Angrifss auf einen Vorgesetzten vor dem Oberkriegsgericht deS 3. Armeekorps stand, am Stubenältesten tätlich ver- griffen. Bekanntlich sind di» Stubenältesten auf den Mann- schaftSzimmcrn Vorgesetzte der Leute und die letzteren haben ihren Befehlen nachzukommen. Ter Angeklagte führte nun eines Abends einen Bcfebl des Stubenältesten nicht auS und kam deswegen mit ihm in Streit. In dessen Verlauf ergriff er ein Ge- wehr und schlug damit irach dem Stubenältesten. Dieser wich dem Schlage jedoch aus. Hierauf ergriff S. eine Kleider- b ü r st e und warf diese dem Vorgesetzten so heftig ins Gesicht, daß eine blutige Verletzung entstand. DaS Kriegsgericht der- urteilte ihn wegen diese» Exzesses zu zwei Jahren und sieben Monaten Gefängnis. S. verbüßt dies« Strafe gegenwärtig im FestungSgefängniS in Spandau. Eine« Nachts wurden die wachthabenden Unteroffiziere und Feldwebel sowie die anderen Arrestanten durch einen großen Lärm aufge- schreckt. S. hatte in seiner Zelle einen förmlichen Tob- s u ch t s a n f a l I bekommen. Man sah zunächst durch das Guck- loch der Tür und beobachtete nun, wie der Angeklagte wild in seiner Zelle herumtobt«. Als dann der Vizeseldwebel Grotber die Tür aufschloß und die Zelle betrat, schleuderte ihm der Be- schuldigte einen Eßnapf entgegen. Er traf ober den Vorgesetzten nicht, sondern flog geycn die Wand. Wegen dieses Vorganges wurde wiederum dre Anklage wegen tat- lichen Angrifss gegen S. erhoben. In der Sitzung des Kriegs- gericht? der Kommandantur wurde S. f r e i g e- s p r o ch e n, weil er nach der lleberzeugung des Gerichts bei Begehung der Tat seiner Sinne nicht mächtig war. In der gestrigen Sitzung vor dem OberkriegSgericht wurde von einem Einjährigenarzt, der unmittelbar nach der Tat die Zelle deS S. betreten hatte, bekundet, daß er den Angeklagten, in einer Ecke stehend, wie ein wildeS Tier fauchend, angetroffen habe. Er, S., habe sich auf ihn gestürzt und ihn i n den Arm gebissen. Das Oberkriegsgericht war im Gegen- satz zur Vorinstanz der Ansicht, daß der Angeklagte für seine Handlungsweise V e r a n t w or t l i ch zu machen sei und es ver- urteilte ihn zu zwei Jahren Gefängnis, so daß S. nun vier Jahre und sieben Monate Gefängnis zu verbüßen hat. Zweifellos handelt es sich hier in der Tat nur um Exzesse eines Unzurechllungsfähigen. Tas mindeste wäre dpch ge- Wesen, den Angeklagten nicht erst jetzt, schon bei seiner e r st e n Anklage erst einmal grundlich auf seinen Geistes- zustand untersuchen zu lassen! In dem zweiten Falle ge- langte ja auch die erste Instanz zu einem freisprechenden Urteil, weil es den Angeklagten für unzurechnungsfähig hielt. Tas Oberkriegsgericht aber setzte sich über alle psychiatrischen Momente hinweg und erhöhte die Strafe des Unglücklichen auf 4 Jahre 7 Monate Gefängnis! Die Sache kann damit freilich nicht zu Ende sein! Eine Revision des Urteils wird nötigenfalls der Reichstag er- zwingen! OeftewmcK. Wahlersolg bei einer Reichsratsersatzwahl. Bei der Reichsratsersatzwahl für den verstorbenen tschecho- 'lawischen Sozialdemokraten Czerny in dem böhmischen Eisen- hüttenbezirk Schlau wurde der bekannte Führer der tschecho-fla- wischen Sozialdemokratie. Dr. Franz S o u k u p geivählt. Der Kreis ist so sehr unbestrittener Besitz der Partei, daß eine ernst- hafte Gegenkandidatur garnicht ausgestellt war. Dr. Soukup ge- hörte bereits von 1907/11 dem Abgeordnetenhause an, war aber bei den allgemeinen Neuwahlen in seinem Prager Wahlbezirk unterlegen. Kelgien. Die Haltung des Bürgertums. Unser Brüsseler Korrespondent schreibt uns: Der I i b e- r a l e„Petit Bleu", der sich schon vor dem letzten Streikbeschluß bereit erklärt hatte, wenn es zum Generalstreik kommen sollte, jede Woche 100000 Frank und zwar während der ganzen Streit- d a u e r dem Wahlrechts- und Streikkomitee der bei- gischen Arbeiterpartei zur Verfügung zustellen, hat Plakaie anschlagen lassen, in welchem er von diesem Beschluß Mitteilung macht. Es heißt dort u. a.:„Helfen wir den Streikenden! Auf alle K o n z e s s i o n e n der Arbeiterpartei, auf alle Friedensversuche der Liberalen hin hat die Regierung selbst daS einfache Studium des WahlrechtSproblems verächtlich abgelehnt. Die„Chinoiserie" unserer Wahlgesetze bildet das Gelächter Europas. Nachdem die Arbeiterpartei alle parlamentarischen Mittel erschöpft hat. hat sie sich zum äußersten Mittel, zum Generalstreik— einem gesetz- und rechtmäßigen Mittel übrigen«— ge- zwungen gesehen. Ein Kongreß hat ihn feierlich beschlossen. Er wird am 14. April beginnen und er wird in friedlicher, imposanter, ruhiger Form andauern, bis die Allgemeinheit Genugtuung erfahren hat. Aber eS ist nötig, daß die, die für daS Recht kämpfen, während des ganzen Kampfes vor Not geschützt sind."— Der„Petit Bleu" teilt dann mit, daß er zu diesem Zweck einen Streikfonds errichtet, dem er selbst jede Woche, solange der Streik dauert, hunderttausend Frank zuführen wird und stellt an das Publikum das Ersuchen, seinem Beispiel zu folgen und sich deS„Ueberflüssigen" zu entledigen, damit die anderen das„Notwendige" haben. Der Aufruf schließt mit den Worten:„Die Sache der Arbeiter ist heute die Sache aller a»ständigen Leute. Tue jeder seine Pflicht. Helfen wir den Streikenden! ES lebe daS Wahlrecht!' DaS nationale Streikkomitee wird die vom„Petit Bleu" zur Verfügung gestellten Summen an alle Streikenden, ohne Unterschied der Organisations- und Parteizugehörigkeit Verteilern Der„Peuple" druckt heute das Anerbieten des liberalen Blattes und seinen Aufruf ab und dankt ihm im Namen deS Streikkomitees. In der Tat scheinen die„anständigen Leute' ihre Solidarität mit der Sache der Arbeiter bekunden zu wollen. Mancherlei Initiative von feiten der Bürgerlichen, insbesondere was die Ver- sorgung der Kinder der Streikenden anlangt, sind er- griffen worden. Wir haben darüber, wie auch über eine größere Spende an daS Streikkomitee schon berichtet. Hier eine kleine bunte Lese vom heutigen Tag: Ein bekannter wallonischer Schriftsteller auS Lüttich stellt allen sozialistischen Vereinigungen, die seine Werke zugunsten der Steilenden aufführen wollen, diese zur freien Verfügung. Eine Freimaurerloge au« Lille erbietet sich 60 Kinder während der Streikdauer zu versorgen. Ein Landwirt stellt einen Waggon Kartoffeln zur Verfügung usw. usw. DaS nationale Streik- komitee wartet weiter der Gaben„aller anständigen Leute". Portugal. Polrtischc und wirtschaftliche Schwierigkeiteu. Die Niederlage der Monarchisten im vorigen Sommer, schreibt Gen. Muralha der„Humanite", und die freundliche Haltung Brasiliens zeigten, daß die Republik nicht mehr gefährdet ist. Droht so kein Konflikt mehr mit den Monarchisten, so wächst täglich der Gegensatz zwischen den verschiedenen republikanischen Gruppen. Die Revolution vom Oktober I9l0 hatte in Wirklichkeit keinen politischen Charakter. Sie war die Folge eine? Systems, das auf wirtschaftlichem„und sozialem Gebiete alleS verwahrlost und den Aufstieg deS Landes ein halbes Jahrhundert aufgehalten hatte. Heute gibt e« eine schwere geistige Krise, die alle Freunde des Fortschritts mit Recht beunruhigt. DaS Parlament hat seine Un- sähigkcit bewiesen, indem eS sich monatelang mit Iceren Diskussionen abgab und, nicht anders als die Parlamente der Monarchie, die Wirtschaft«-, Finanz-, Kolonial- und Erziehungsfragen beiseite ließ. Zum Glück entwickelt sich die sozialistische Partei mehr und mehr. Wir hoffen, daß die Arbeiter bei den nächsten Wahlen mehrere Genossen in die Kammer senden werden. Die Arbeiterklasse macht jetzt eine sehr schwere KrisiS durch. Darum verdient der Feldzug der Gewerkschaften in der Brot- frage die Sympathie der ganzen öffentlichen Meinung. Trotz dem Portugal ein Agrarstaat ist, steht der Brotpreis sehr hoch infolge einer S t e u e r, die ans dem Getreide lastet und von dem Volke als Hungersteuer bezeichnet wird. Außerdem sind fast alle wichtigsten Bedarfsgegenstände monopolisiert. Auch in der für Portugal so wichtigen Frage der Kolonien zeigt die Regierung keine größere Energie zur Reform. Der frühere Gouverneur von Mozambique tSüdostafrika), Alfredo de M a g o I- haes, bat in einem Vortrag über das Kolonialsystem, auf Schrift- stücke gestützt, scharfe Kritik geübt und die Haltung des Kolonial- minister« und seiner hohen Beamten gegeißelt. Das hat die Rc- gierung zu raschem Eingreifen veranlaßt, sie hat MagalhaeS sofort abgesetzt. Da dieser«ine der angesehensten Personen der de- mokratischen Regierungspartei ist, hat dieser Vorgang großes Auf- sehen im ganzen Lande erreA. ftoUand. Wahlkompromist der Regierungsparteien- Amsterdam, 4. April.(Eig. Ber.) Die drei Parteien der klrri- kalen Mehrheit sind nach langwierigen Verhandlungen, die sich so- wohl auf die Verteilung der Wahlkreise, als auf das Wahlprogramm bezogen, zur Einigkeit gekommen. Diese Einigkeit trägt aber beut- lich die Kennzeichen eines mit schwerer Mühe zustande gekommenen Kompromisses in sich. Das gesamte Wahlprogramm der drei Par- teien bezieht sich nur auf zwei Teile der VerfassungSrevisionSvor- läge deS klerikalen Kabinetts, nämlich auf die Verpfaffung ber Schule und die Erhaltung der bisherigen Staatszuschüsse an die Kirchen. Ueber alles andere, was bei dieser Wahl in Frage steht, über das Wahlrecht, den Zolltarifwucher, die Arbeiterverstcherungs- frage usw., hat man sich also nicht einigen können. Der Kompro- miß bedeutet in dieser Weise eine beträchtliche Schwächung der so- wieso schon sehr geschwächten Regierungskoalition. CKina. Anerkennung der Republik durch die Bereinigten Staaten. Washington, 3. April. Staatssekretär Bryan hat allen hiesigen diplomatischen Vertretern formell mitgeteilt, dast die Vereinigten Staaten beabsichtigen, am 8. April, dem Tage des Zusammentritts des chinesischen Parlaments, die chinesische Republik anzuerkennen. Gleichzeitig hat der Staatssekretär vorgeschlagen, daß auch alle anderen Regierungen an diesem Tage die chinesische Republik gemeinsam anerkennen. Mfrtk*. Kolonialkampf der Franzosen in Westafrika. Pari«, 4. April. Da» Kolonialministerium erhielt vom Ge- neralgouverneur von Westafrika eine Depesche, wonach am 10. März bei Ahmada zwischen einer Truppenabteilung des Obersten Mouret und einem Eingeborenenstamme, an dessen Spitze der Bruder des marokkanischen Prätendenten El Hiba steht, ein mehrstündiger Kamps stattgefunden habe. Die Eingeborenen wurden in die Flucht geschlagen und erlitten starke Verluste. Auf französischer Seit- wurden ein Hauptmann und ein Leutnant getötet, ein Offizier und ein Sergeant wurden leicht verletzt, ©cwerhrcbaftlicbes. Die Gewerhlchaften Deutrchlands auf der Internationalen ßaufacb-Hueftcllung. Die Bestrebungen der gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter gehen dahin, daß auf der Arbeitsstelle der Bau- arbeiter, der Dachdecker, der Glaser, der Maler usw. Einrich- tungen getroffen werden, die die mannigfachen Krankheits» und Unfallgefahren, wie sie durch mangelhafte Gerüstbauten oder ungenügend hygienische und sanitäre Schutzmaßregeln entstehen,� auf ein Mindestmaß beschränken, wenn möglich ganz beseitigen. Die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands errichtet, um die sozialen Forderungen der Ge- werkschasten auch praktisch der breiteren Oeffentlichkeit zu veranschaulichen, auf der Internationalen Baufachausstellung Leipzig 1913 ein eigenes Gebäude mit Gerüsten für alle bei einem Bau beteiligten Arbeiterklassen sowie Aufzüge für Bau- Materialien. Alles dies wird in natürlicher Größe vor geführt. Das Gebäude geht seiner Herstellung rasch entgegen. Innerhalb des Arbeiterschutzes, der sich fast auf alle Gebiete des gewerblichen Lebens erstreckt und von der organisierten Arbeiterschaft überall dringend gefordert wird, nimmt der Arbeiterschutz auf Bauten eine besondere Stellung ein. Das von den deutschen Gewerkschaften geplante Haus soll ein Mustergebäude werden, an dem die verschiedenen zu einem Bauarbeiterschutz unbedingt nötigen Gerüste aufgeführt wer- den. Dazu kommen noch mustergültige Baubuden. Aborte und andere mannigfache hygienische und sanitäre Einrichtun- gen, die die Arbeiter gegen berufliche Krankheiten und Un- fälle möglichst schützen sollen. Besonderer Wert ist auf den Schutz vor der so verderblichen Zuglust auf Bauten gelegt worden. Auch statistisches Material über die Bauarbeiter- schutzforderungen kann eingesehen werden. Ferner wird eine ganze Reihe von Venstlations-, HeizungS- und Beleuch- tungSanlagen und sanitärer Vorrichtungen bei plötzlichen Erkrankungen und Unfällen gezeigt. Die Behandlung, die die deutschen Gewerkschaften auf der Internationalen Hygieneausstellung erfahren haben, hat sie nicht entmutigt, auf der Baufachausstellung in Leipzig, die ja gerade den Bauinteressenten dienen soll, selbständig und zum erstenmal in Deutschland mit einem eigenen AuS- stellungSgebäude hervorzutreten. Der ideelle Wert dieses Schrittes lft_ unverkennbar und nur zu begrüßen. Im An- schluß an die Ausstellung in diesem Bau wird ein Bau- arbeiterkongreß abgehalten, der die berechtigten Forderungen unserer Bauarbeiter wesentlich unterstützen und fördern wird. Berlin und Umgegend. Um Eure eigene Sache handelt es sich! Zu Ostern beendeten wieder Tausende von Handlungslehrlingen ihre Lehrzeit und Viele junge Mädchen traten als jugendliche Än- gestellte in kaufmännische Geschäfte ein. Da ist es Zeit, dafür zu sorgen, daß diese jungen Leute nicht jenen kaufmännischen Vcr- einen zum Opfer fallen, von deren Anhängern di� gewerkschaftlich organisiert« Arbeiterschaft ständig bekämpft wird. Heute kann man leider immer noch sehr oft beobachten, daß auch Arbeitersöhne und -töchter, die als Handlungsgehilfen tätig sind, sich aus Unerfahren- heit von jenen arbeiterfeindlichen Vereinen ins Schlepptau nehmen lassen. Die Arbeiter sollten daher nicht die Gelegenheit versäumen, ihre als männliche oder weibliche Handlungsgehilfen tätigen ktinder oder Geschwister aufzuklären, daß für sie nur der Zentralverband der Handlungsgehilfen die zuständige gewerkschaftliche Organisation ist. Dieser Verband kämpft für die Verbesserung der Wirtschaft- lichen Lage seiner Berufsgenossen, und zwar Schulter an Schulter mit den Arbeitern anderer Berufe. Anmeldungen nimmt entgegen: Zenttalverband der Handlungsgehilfen, Bezirk Berlin, .Geschäftsstelle C. 25, Münzftr. 20, v. II. Achtung, Steinarbeiter! Die Sperre über die Firma Englert, Culmftraß«, ist aufgehoben. Herr Englert erklärte sich bereit, in jedem B«>arfsfalle den Nachweis unseres Verbandes zu benutzen. Zentralverband der Steinarbeiter, Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Gastwirtsgehilfen! Die Differenzen mit dem .Rosenthaler Bierpalast", Inh. H. Kenneweg, sind durch tarif- liche Vereinbarungen beigelegt. Verband der Gastwirtsgehilfen, Ortsverwaltung Berlin I. Deutsches Reich. Zur Aussperrung im Malergewerbe. Die letzte Zusammenstellung des Unternehmerverbandes über die Zahl der Ausgesperrten, die, oberflächlich betrachtet, äußerst pompös aussieht, bei genauerem Ansehen aber die Angaben der Gehilfenorganisation voll bestätigt, ruft in Unternehmerkreisen leb- Haftes Erstaunen hervor. Wenn von 36 150 Ausgesperrten de- richtet wivd und darunter 11 800 Arbeitslose und 8207 solche Gc- Hilfen sein sollen, die einen Revers unterschrieben haben und daher weiter arbeiten, so ist es eben selbstverständlich, daß tatsächlich nur 16 143 Ausgesperrte vorhanden sind. Der Verband der Maler zählt aber jetzt deren 14 905 einschließlich Arbeitslose; dazu kommen rund 1200 christlich und Hirsch-Dunckerisch Organisierte, in Summa also rund 16 900. So sehen die Unternehmer nach und nach ein, daß sie von ihren Führern hinters Licht geführt werden. Darauf, wie auf die jetzt herrschende gute Konjunktur ist eS zurückzuführen, wenn die Sonder- tarife der Gehilfen immer weitere Verbreitung finden. So arbei- teten vorige Woche, um nur einige Beispiele herauszugreifen, zu neuen Bedingungen in Wiesbaden 350 Gehilfen, in Frankfurt a. M. 681, in Darmstadt 170, in Offenbach 61, in Chemnitz 195, in Leipzig 260, in Halle 75, in Mannheim 127, in Stuttgart 231; im Bezirk Frankfurt a. M. arbeiteten bereits 1474 Gehilfen zu neuen Bedin- gungen, während nur noch 1970 ausgesperrt sind. Der Unternehmerverband vertröstet seine Mitglieder auf die kommenden Verhandlungen; bis dahin sollen sie noch standhaft bleiben. Nun, allerdings sollen am 8. April voraussichtlich Vec- Handlungen beginnen; ganz bestimmt ist dieser Tag aber noch nicht festgelegt, und ob die ersten Verhandlungen sofort einen Abschluß bringen, ist keineswegs sicher, denn es scheint, als hätten sich die Unternehmer— wenigstens gewisse Scharsmacher unter ihnen— so festgefahren, daß sie kaum von ihrem eigensinnigen Standpunkt abgehen werden. Dann ist aber eine Einigung undenkbar. Darum können auch die aussperrenden Unternehmer in der nächsten Woche noch keineswegs bestimmt mit der Erledigung der vom Unternehmer- verband mutwillig heraufbeschworenen Differenzen rechnen. Milde Justiz für den Streikbrecherführer. Der Streikbrecherkolonnenführer Gründke, die rechte Hand des Stteikbrecheragenten Äatz marek ivährend des 18wöchigen AuSstandeS in der Görlitzer Waggonfabrik, wurde vom Schöffen- oericht in Görlitz wegen leichter Körperverletzung zu 100 M. Geld- strafe verurteilt. Gründke hatte im Juni vorigen Jahres mit noch 15 Kumpanen an einem Sonntagmorgen vor einem Cafe eine Straßenschlacht inszeniert, bei der die Schützlinge der Unternehmer wahllos auf die Paffanten einHieben und mehrere Leute schwer ver- letzten. Hätte ein Streikender solche'Straßenschlacht geliefert, so'wäre er gewiß wegen gefährlicher oder schwerer Körperverletzung ins Ge- fängnis gewandert. Der Streik in der Binnenschiffahrt. Der Streik scheint noch größeren Umfang anzunehmen. Die Hafenarbeiter in den Umschlagsplätzen werden mit in die Bewegung hineingezogen. Von den Hafenarbeitern wird ver- langt, daß sie Arbeiten verrichten sollen, die sonst vom Schiffs- personal verrichtet wurden. Die Hafenarbeiter lehnen deshalb die Arbeit auf den Schiffen ab und ver- weigern Ueberstunden und Sonntagsarbeit. Es ist deswegen auf verschiedenen Plätzen schon zur Arbeitseinstellung gekommen. Die Unternehmer werden aber gedrängt, den Schiffsverkehr aufzunehmen, was ihnen jedoch unmöglich ist, solange der Streik dauert. Ter Versuch der Odergesellschaften, den Bergverkehr zu eröffnen, ist, wie vorauszusehen war, mißlungen. Einige Dampfer, die die Fahrt aufnahmen, sind betriebsunfähig geworden, auf einem sind die Kessel ausgeglüht, auf einem anderen Dampfer ist die Welle gebrochen; die Anhängeschiffe mußten unterwegs liegen bleiben und die Dampfer zur Werft geschleppt werden. Bei der unsachgemäßen Bedienung der Schiffe durch Arbeitswillige sind Havarien an der Tagesordnung. Ein Teil der bürgerlichen Presse ist natürlich wieder schnell bei der Hand, die streikenden Schiffs Mannschaften zu verdächtigen, daß s i e diese Beschädigungen ver schuldet haben. Es kennzeichnet die Moral dieser bürgerlichen Presse, die solche Unfälle trotz behördlich festgestellten Tatbestandes den streikenden Binnenschiffern in die Schuhe schiebt, die sich aber in tillschweigen hüllt, wenn fast täglich von Arbeits- willigen auf Streikposten geschossen wird. Solche schäbige Mittel sind nicht dazu geeignet, den nun schon monatelang kämpfenden Schiffsmannschaften die Sympathie der Oeffentlichkeit zu entziehen. Im städtischen Freihafen zu Stettin streiken seit Dienstag nach- mittag über 200 Hilfsarbeiter. Ihre Forderung ist: Erhöhung des Tagelohnes von 3 M. auf 3,80 M. und Bezahlung der Ueberstunden mit 50 Pf., bisher wurden 40 Pf. gezahlt. Die bisher gepflogenen Verhandlungen verliefen ergebnislos. Ein Streik in der Schreibmaschinenfabrik„Mercedes" in Mehlis i. Thür. dauert nun schon sechs Wochen. 230 Arbeiter sind noch ausständig von 326 zu Anfang Ausständigen, die übrigen, meistenteils Familienväter, sind abgereist und haben anderwärts Arbeit ge- Tineen. Die Firma läßt es sich viel Geld kosten, um Streikbrecher zu bekommen. Die verhaßte Organisation, der Metallarbeiter» verband, soll aus dem Betriebe verdrängt werden. Sogar an die Streikenden versendet die Firma ihre Werbungsschreiben, und jeder wird angenommen, der erklärt, daß er aus dem Verband auSge- treten ist. Von preußischen und gothaischen Gendarmen werden die Herren Streikbrecher beschützt, auch in der Fabrik ist ein Wachtamt etabliert. Streikende und Nichtstreikende sind vor den Revolvern der Streikbrecher nicht sicher. Am Dienstag befaßte sich eine von 600 Personen besuchte Versammlung mit dem Streik; von der Firma waren einige Gelbe als Lauscher anwesend. Zu gleicher Zeit, als die Versammlung stattfand, wurde auch im Stadtparla- ment der Streik besprochen. Vom Bürgermeister wurde nach ledhafter Diskussion eine den Streikenden günstige Zusage gegeben. Die Sympathie der Bevölkerung ist auf feiten der Ausständigen, die gegen den gelben Werkverein und dessen terroristische Matz- nahmen sowie gegen die fortwäh bilden Schikonen einiger Meister, wie auch gegen die immerwährenden Lohnabzüge den Kampf zu führen haben. Das Lager der Firma ist jetzt geräumt, die Pro- duktion stockt, Aufträge tonnen nicht erledigt werden, und es fehlen die eingerichteten Arbeitskräfte.— Ueberall ist auf strengste Fern- Haltung des Zuzugs zu achten. Zur Bergarbeiterbctvegung in Oberschlesien. Die polnische Berufsvereinigung der Bergarbeiter hat nunmehr beschlossen, daß auf einer Anzahl Gruben Oberschlesiens die Kündi- gungen der Bergarbeiter am 5. April bei den Werken eingereicht werden sollen. Wie verlautet, handelt es sich um 24 Schachtanlagen. Der Bergarbeiterverband hat gegen Teilstreiks die größten Be- denken ausgesprochen, schließlich aber der polnischen Berufsver- einigung, weil sie drei Viertel der organisierten Bergarbeiter zu vertreten hat, die Entscheidung überlassen. Diese hat, wie wir der national-polnischen Presse entnehmen, den Beschluß gefaßt, die Kün- digungen einzureichen. Der Bergarbeiterverband hat daraufhin der polnischen Organisation mitgeteilt, daß. wenn der von ihr� de- schlossene Äreik ausbreche, die Mitglieder des Verbandes zur Soli- Parität angehalten würden. Beschäftigt sind im Steinkohlenbergbau Oberschlesiens über 120 000 Arbeiter und Arbeiterinnen. Noch 330 ausgesperrte christliche Metallarbeiter in Menden i. W. In den Vereinbarungen, die bei Abschluß des Kampfes in der Mendener Metallindustrie getroffen wurden, hieß es, daß die Arbeit nach Matzgabe der Betriebsverhältnisse wieder aufgenom- men werden soll, und daß Maßregelungen nicht stattfänden. Die Unternehmer begründen die Nichteinstellungen selbstverständlich damit, daß die Betriebsverhältnisse weitere Einstellungen nicht ge- statten. Die Stimmung der christlich organisierten Metallarbeiter wird dadurch keineswegs versöhnlicher, da sie die Nichteinstellungen als Maßregelungen betrachten. Erfolgreicher Streik. Nach siebenwöchiger Dauer ist der Streik der B r d s l a u e r Tapezierer- und Dekorateurgehilfen mit einem sehr schönen Erfolg für die Gehilsen beendet worden. Die Zahl der Unternehmer, die die bescheidenen Forderungen der Ge- Hilfen anerkannten, wurde immer größer, so daß die Innung ge- zwangen war. in erneute Verhandlungen mit den Gehilfen zu treten, die dann auch zur Aufhebung des Streiks führten. In diesem Jahre erhalten die Gehilfen 3 Pf.. 1914 4 und 1915 5 Pr mehr Lohn pro Stunde. Der Jnnungsvorsiand, der gegen jedes Jnnungsmitglied, welches die Forderungen der Gehilfen anerkannte, Ordnungsstrafen verhängte, mutz jetzt einsehen, datz sein terroristisches Vorgehen ein Schlag ins Wasser war._ Der Gummiknüppel! Ein Unternehmer Schwenker spielte im Streik der Bremer Gärtner eine hervorragende Rolle als Feind der Arbeiterorgani- sation. ES gelang ihm. in der ersten Woche seine Arbeitskräfte zu halten, in der zweiten Woche aber schlössen sie sich den Streikenden an. Der Streikleitung wurde mitgeteilt, datz dieser Unternehmer seine Leute mit Gummiknüppeln ausgerüstet hatte»zum Schutze gegen die Streikenden". Die Zweifel, die die Streikleitung hierin legte, wurden durch folgenden Brief, der im Original vorliegt, be- seitigt: „Bremen, den 25. Marz 1913. Hr........ hier. Möchte Sie ersuchen, den Ihnen zum Schutze gegen die Strei- kenden geliehenen Gnmmiknüppcl unverzüglich zurückzuliefern, andernfalls ich genötigt wäre, gegen Sie Anzeige wegen Unter- schlagung zu erstatten. pr. Chr. Schwenker: M. Kassen." Die Unternehmer werden bei ihrer Materialsammlung für ein Verbot des Streikpostenstehens dies Dokument hoffentlich nicht vergessen._ Ausweisung eines Ausländers wegen angeblicher Arbeitswilligenbelästigung. In Löbau streiken seit einiger Zeit 120 Arbeiter und Arbeite-! rinnen in der Schuhfabrik Gebr. Redon. Än dem streik sind auch I tschechische Arbeitet Seteiltgt. denen bisher such nicht da» geringst» nachgesagt werden konnte Trotzdem erfolgte jetzt auf die Anzeige: der Firma hin durch den Bürgermeister kurzerhand die Ausweijung: eines der Arbeiter aus Sachsen, ör wurde von einem aleicbsall� tschechischen Arbeitswilligen beschuldigt,>hn beleidigt zu haben. Ein Angestellter der Firma bezeugte das. Die Vernehmung des Be- schuldigten zu veranlassen, hielt der Bürgermeister nicht für not- wendig. Er hielt den Tatbestand des 8 153 der Gewerbeordnung für gegeben. Eine telegraphische Beschwerde an die Kreishauptmann-- schaft Bautzen hatte keinen Erfolg. Sie hielt die Erörterungen des Bürgermeisters für ausreichend. Dem Beschuldigten wurde an- gedroht, binnen einer' bestimmten Frist Sachsen zu verlassen. widrigenfalls er mit 14 Tagen Haft und zwangsweiser Ausweisung bestrast werden würde.— Gegen diese polizeiliche Maßnahme ist jetzt die Entscheidung des sächsischen Ministeriums angernjen worden._ Der Streik der Spinner und Ansetzer in der Kammgarn-� spinnerei Bietigheim� in Württemberg ist mit Erfolg für die Ar- beiter beendet, die Sperre ist aufgehoben. Ein bischöflicher Agitator für die christlichen Gewerk- schaften. Der in Nürnberg anläßlich der Firmung anwesende Erzbischoi von Bamberg Dr. v. H a u ck hol an einem Festabend des Nürnberger kaiholischen Gesellenvereins teilgenommen und dabei eine recht bezeichnende Agiiationsrede für die christlichen Gewerk- schaften geHallen. Er sagte u. a.: „Ich begrüße es, wenn die jungen katholisckien Handwerker: sich die wirtschaftlichen Organisationen zu nutze machen, wenn: sie die Mitaliedsckiaft sich erwerben bei den christlichen Gewerk- schaften. Jeder katholische Handwerker kann Mitglied der christ- lichen Gewerkschaften sein, wenn er nebenbei ein treues Mitglied des katholischen Gesellenvereins bleibt. Ich wünsche, jeder katholische junge Handwerker soll Mitglied des Gesellenverei.ns und einer christlichen Gewerkschaft sein." Eindringlicher hat sich wohl noch kein Bischof für die Christlichen. ins Zeug gelegt, die es in Nürnberg auch sehr nötig haben, denn trotz aller Verleumdungen und Lügen gegen die„Roten" will es nicht vorwärts gehen. Der jetzige Erzbischof von Bamberg war noch vor einigen Monaten Stadlpfarrer in Nürnberg und hat sich dort stetS als außerordentlich streitbarer Zenlrumsmann erwieien:. er gehörte auch zu den hauptsächlichsten Hintermännern der „Nürnberger VoUSzeilung", eines der gehässigsten ZeMrumsblatler, und soll auch jetzt noch in sehr nahen Beziehungen zu ihr stehen. Datz er sich auch als Bischof nicht auf sein gefftliches Hirteuamt beschränken will, geht aus obigem hervor. Ter Kampf um den wöchentlichen Ersatzruhetag ist im Münchener B ä ck e r g e w e r b e entbrannt. Die Gehilfen-. stellen diese Forderung seit elf Jahren von einer Tarifperiode zur: anderen, wurden bis jetzt von den Bäckermeistern mit nichtssagenden Ausreden vertröstet, so datz diesmal die Gehilfen den wöchent- lichen Ersatzruhetag an die �Spitze ihrer Forderungen stellten. Wohl wären die Gehilfen bereit gewesen,� den 36stündigen wöchentlichen Ersatzruhelag mit der von der Bäcker- innung ursprünglich angebotenen 36stündigen Sonntagsruhe einzu- tauschen, doch hat die Innung im Lause der schwierigen längeren Verhandlungen vor dem Einigungsamte ihre Gesinnung wieder ge- ändert; sie erklärte die Sonntagsruhe für undurchführbar, �angeblich deshalb, weil die Kleinmeister erklärten, aus die Sonntags- einnähme nicht verzichten zu können. Und nun machte die Innung m der: am Donnerslagnachmiltag vor dem Einigungsamt durchgeführten Schlutzverhandlung als Ultimatum folgendes Angebot: Grotzoeiriebe den wöchentlichen Ersatzruhetag, für Kleinbetriebe mir vier und weniger Gehilfen all«. drei Wochen einen 36 jtündigen Ruhetag. Da durch diese« Angebot der prinzipiellen Forderung der Gehilfen für die Großbetriebe Rechnung gelragen ist, hat die Innung selbst die Großbetriebe aus dem Kampf ausgeschieden, was natürlich unter den Kleinmeistern böieS Blut und große Uneinigkeit hervorrief. 24 Münchener Großbäckereien haben sich schon bereit erklärt, den 36 stündigen Ersatzruhelag zu ge- nehmigen. Das von der Innung für die Kleinmeifter gemachte An- gebot wurde von der Verbandsleirung abgelehnt. Der Streik ist unvermeidlich. Zuzug von Bäckern nach München semzuhalten. Letzte Nachrichten. Lerschmelzung der deutschen Arbeitgeberverbändc. Das Wolffsche Telegraphen-Bureau meldet: Die beiden Zenttalorganisationen der deutschen Arbeitgeberverbände, die Haupt st eile Deutscher Arbeitgeber verbände und der Verein Deutscher Arbeitgeberver- bände habest gestern ihre Verschmelzung beschlossen. Die Gründungsversammlung der neuen Zentralorganisation, die den Namen„Vereinigung der deutschen Arbeit- g e b e r v c r b ä n d e" erhalten soll, wird heute in Berlin stattfinden._ Die Ucbergabc der serbischen Antwort vertagt. Belgrad, 4. April.(W. T. B.) Wie offiziös mitgeteilt wird, ist die Uebergabe der Antwort der Regierung auf den Mediativnsvorschlag der Großmächte vertagt worden, da noch textliche Abänderungen vorgenommen werden sollen.— Der „Prawda" zufolge wird die�Regierung in der Skupschtina einen außerordentlichen Kredit von sechszig Millionen Tinars anfordern. Tie albanische Grcnzsragc. London. 4. April. fW. T. B.) Das Rcutcrsche Bureau er- fährt: Wie verlautet, akzeptieren die Mächte unter keiner Bedin- gung die Ansicht, datz das von Griechenland beanspruchte Gebiet von Albanien abgetrennt werden könne. Es besteht jedoch Grund anzunehmen, daß die Besprechung der Botschafter Italien veran» lassen werde, einer Abänderung eines Teiles der vorgeschlagenen südalbanischen Grenzlinie zugunsten Griechenlands zuzustimmen. Kampf der Schutzzöllner gegen den Tarifreformer Wilson. New Aork, 4. April.(W. T. 58.) Meldungen aus Washington betonen: Nie» zuvor habe ein Präsident so, wie Wilson in die Tarisfrage eingegriffen. Selbst Demokraten der verschiedensten Landesteile protestieren gegen eine so radikale T a r i f r c v i s i o n. Die Neucngland-Staaten protestieren gegen die Zollfreibcit für Schuhe; der Gouverneur von Massachusetts be- zeichne die Tarifreform als eine Gefahr für die Industrien und verlange Gegenseitigkeitsverttäge. Bestätigtes Todesurteil. Leipzig. 4. April. iW. T. B.) Das Reichsgericht verwarf die Revision des Technikers Karl Stahl, der vom schwurgencht beim Landgericht III Berlin am 15. Februar wegen Ermordung seiner Geliebten, des Dienstmädchens Rosenberg, zum Tode verurteilt worden war. Ei» Mord aus Rache. München, 4. April. Aus Rache hat heute nachmittag der 27jährige Buchbinder Ackermann in der Erzgießeretstraße de» Schneidermeister Pfingstl erschossen. Der Tater wurde verhaftet. Mdrqntw. Redakt.: Alfred Wielepp, Neukölln. Inseratenteil verantw.: Uh. Glocke, Beri-n. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchvr. u Verlagsanstai» ßaulSingeraEo„BerlinLW. Hierzu 4 Beilagen».llnterhaltungsbl. Nr. 79. 30. Jahrgang. 1. KeilU i>es„ÜBrroärlö" ßftliutt WkslilR Sannabrnd, 5. April 1918. Hbc[eordnetenbau9» 157. Sitzung. Freitag, den 4. April 1913, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. TrottzuSolz. Die zweite Lesung des Kultusetats wird fortgesetzt beim Kapitel Universitäten. Abg. Kaufmann fZ.) betont, daß die Teilnahme von Aus- l ä n d e r n an den Universitäten nur in den Grenzen zugelassen werden könne, daß die übrigen Studenten und die Professoren nicht geschädigt werden. Erfreulich sind die Bestrebungen, das Wohnungs- wesen der Studenten zu regeln. Das wird auch zur Hebung der Sittlichkeit unter den Studenten— beute ist bekanntlich ein sehr großer Teil der Studenten geschlechlskrank— beitragen. Bei der neuen Frankfurter Universilät muß das Ministerium denselben Einfluß auf die Berufung der Professoren sich sichern wie bei allen anderen preußischen Universitäten. Abg. v. d. Osten(£.); Den Universitäten sollte ein möglichst hohes Maß freier Selbstverwaltung gewährt werden, soweit nicht staatliche Interessen etwas anderes verlangen. Die Vorkommnisse in H a l l e bedauern wir tief und erwarten, daß ein Vorgang wie der Akademikerstreik nie wieder vorkommen wird. Die Ausländerfrage ist zum größten Teil eine R u s s e n f r a g e. Die Gastfreundschaft gegenüber den Ausländern darf nur so weit gehen, als es mit unseren nationalen Interessen im Einklang steht. Gewiß ist die Wissenschaft international, aber darum handelt es sich nicht, sondern die Universitäten dienen doch in erster Linie dem nationalen Leben. Erfreulich ist die Tatsache, daß unsere Studenten einen berechtigten nationalen Egoismus bewiesen haben.(Bravo I rechts.) Abg. Dr. Fricdberg(natl.) spricht gegen die Vermehrung der außerordentlichen Professorenstellen und lobt den nationalen Ge- danken, der sich bei dem Rlinikerstreik in Halle gezeigt habe. Minister v. Trott zu Solz meint, daß die ganz vereinzelten Ungehörigkeiten an einigen Universitäten vollkommen gegen den Fleiß der Studenten in den Hintergrund treten. Die S e l b st v e r w a I- tung der Universitäten muß unangetastet bleiben, parallel dazu muß aber auch das staatliche Interesse wahrgenommen werden. Das Lehrbedürfnis der Universitäten soll in der Regel durch Ordinariate(ordentliche Professuren) gedeckt werden. Den Ausländern müssen wir Gastfreundschaft gewähren, aber nicht so, daß darunter unsere eigenen Studenten zu leiden haben. Vielleicht werden wir den Andrang der russischen Studenten noch m e b r zurückdämmen müssen. Bei der Frankfurter Universität hat sich eine erfreuliche Opferwilligkeit gezeigt. Ihre grund- legenden Einrichtungen müssen denen der übrigen Universitäten entsprechen. Namentlich die Ernennung der Professoren wird auf Vorschlag des Ministers durch den König erfolgen. Natürlich werden wir nicht bindende Vorschläge der Universität Frankfurt gern ent- gegennehmen. _ Abg. Viereck(stf.): Wir haben so viele russische Studenten, weil Rußland seinen Studierenden nicht genügend Gelegenheit zur wissen- schaftlichen Ausbildung gibt und von Zeit zu Zeit eine Beschränkung einführt. Die Kenntnis der russischen Sprache wird uns immer nötiger. Wird die Frankfurter Universität nicht durch ihre großen Mittel den anderen Universitäten die tüchtigsten Lehrer wegnehmen? Kultusminister v. Trott zu Solz: Es müssen manchmal für die Gewinnung besonders tüchtiger Lehrkräfte höhere Mittel aufgewendet werden. Wir werden auch in dieser Beziehung unabhängig sein. Abg. Eickhoff(Bp.) äußert sich über die Zulassung der Ausländer ähnlich wie der Minister und bedauert, daß die Oberrealschul- abiturienten noch immer nicht vollkommen gleichberechtigt seien. Abg. Dr. Bredtuchs, 1813 für Ihre reaklionären politischen Zwecke chauvinistisch - auszubeuten. Heute sehen wir in der Studentenschaft einen Weit- lauf des Byzantinismus und da sagt ein Studentenlied:„Und die auf ihren Schätzen fitzen, wie lach' ich die Philister aus!" und dann fingen die Studenten:.Wie fich die armen Thoren plagen— für fich erst, dann für? Vaterland geduldig alle Lasten tragen und Amt und Würde, Stern und Band — wie leicht wär', ihnen nachzustreben, blieb ihnen nur die Seele rein l" Dieser Idealismus, der auf Reinheit der Seele hält, ist in der Studentenschast heute leider verschwunden und darum treibt sie Byzantinismus allerschlimmster Art.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Nach alledem kann man nur sagen, daß das Jahr 1313 die deutsche Studentenschast nicht in einer Ver- fassung findet, die geeignet wäre, den guten Ruf der deutschen Studentenschaft zu mehren, daß dieses Verhalten vielmehr eine wenig rühmliche Seite in ihrer Geschichte darstellt. Aber das alles ist natürlich nur die Wirkung des allgemeinen Geistes, der unsere Universitäten als einen Teil des gesamten preußischen Staates beherrscht, und daraus erklärt sich auch, daß die studentische Jugend von heute nicht mehr von dem wunderbaren Idealismus von 1813, sondern von dem Materialismus unserer heutigen Zeit, der Jagd nach Geld und politischer Macht, dem Mangel an jenem Gefühl für die steiheitliche Volksentwickelung und die Kulturforderung des Volkes im ganzen, von der Auffassung der herrschenden Klassen erfüllt ist, die all ihre Macht einsetzen, um die große Klasse des Volkes zu unterdrücken und ihr den Auf- stieg zur höheren Kultur unmöglich zu machen. Aus einer Gesell- schaftsordnung und herrschenden Klassen, die derartige Prinzipien zu verwirklichen suchen, kann natürlich niemals eine Weltanschauung hervorgehen, die irgend einen Idealismus aufweist und darum müssen wir alle die Redensarten von einem steien, ritterlichen, idealen Geist unserer Studentenschaft zurückweisen in das Gebiet der Fabel und konstatieren, daß sie durchaus keine Leranlaffung hat, auf dieses Jahr 1313 mit Stolz zu blicken I(Leb- Haftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.— Rufe Pfui I und Un- glaublich I rechts.— Erneuter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Bell sZ.): Herr Liebknecht, der selbst die Ehre gehabt hat, deutscher Student zu sein, hat gegen die deutschen Studenten die schwersten Angriffe gerichtet und ihnen die Russen als Vorbild gegenübergestellt. Ilhland und Körner würden sicher schäm- rot werden, wenn sie hörten, wie Dr. Liebknecht sein eigenes Vaterland verhöhnt. pollzeitlcbes, Serlcbtlicbes utto. Strafkonto der Parteipreffe. Im ersten Vierteljahr 1313 wurde die Parteipresse mit 45 Prozessen bedacht. An Strafen wurden 14 Monate Gefängnis und 4000 M. Geldstrafe verhängt. Dazu kommen noch etliche Tausend an Kosten und Gebühren._ Jugendbewegung. Nadelstichpolitik überall. Tie Erfurter Polizei widmet neuerdings der proletarischen Jugend besondere Aufmerksamkeit. Die Sorge der Polizei, daß r Arbeiterkinder mit der bösen Polittk in Berührung kommen künn- ten, scheint recht groß zu sein, denn als kürzlich einige Genossen eine Versammlung jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen abhielten, iit der die mißlichen Verhältnisse besprochen wurden, unter denen die Jugendlichen in der Industrie zu leiden haben, erschien ein Kriminalschutzmann und machte die übliche Feststellung, daß poli- tische Angelegenheiten erörtert worden seien. Der Leiter der Ver- samnrlung erhielt darum einen amtsrichterlichen Strafbefehl von 20 Mark. Auch wacht in letzter Zeit die Erfurter Polizei recht auffällig über die noch schulpfkichttgen Arbeiterkinder. Volkslieder, die aus jugendlicher Kehle tönen, sind ihr sehr verhaßt. Der Dirigent des Erfurter ArbettersängerchoreS, Genosse Steiniger, hatte sich die ideale Aufgabe gestellt, eine Anzahl Arbeiterttnder in die Werke großer Komponisten einzuführen, ihnen den Lebenslauf berühmter Tonkünstler zu schildern, ferner Noten lesen zu lehren und durch das Singen schöner Volkslieder die jugendlichen Stimmen zu schulen. Da erschienen kürzlich zwei Kriminalbeamte im Unterrichtsraum und untersagten dem Genossen Steiniger die Fortsetzung seiner Tätigkeit. Zur Begründung wurde dem Dirigenten gesagt, daß man Zweifel in seine Befähigung und sonsttge Qualifikation als Gesangslehrer setze. Als sich Genosse Steiniger eine solche Bevormun- dung verbat, Wurde ibm von einem Beamten seine soforttge Sistte- rung in Aussicht gestellt, wenn er sich den polizeilichen Anordnungen nicht füge. Einige Tage später erhielt er das Verbot auf Grund der bekannten alten Kabinettsorder schriftlich zugestellt. Da Genosse Steiniger seine Vorbildung als Gesangslehrer auf einem Konser- vatoriiim erhalten und am Hoftheater in Weimar bei der Ausbil- dung der Kinderchöre eine leitende Stellung eingenommen hat, so ist er bereit, nach jeder Richtung den Befähigungsnachweis sowie auch den Nachweis Über seinen einwandfreien Lebenswandel zu erbringen. Doch vorläufig hat die Erfurter polittsche Polizei durch ihr Vorgehen den Staat wieder einmal„gerettet", Hub Industrie und Handel. Die genossenschaftliche Brotprodnktioa. Die Wichttgkeit, die das tägliche Brot unter den Konsumartikeln besitzt, die verhältnismäßige Gleichförmigkeit des hier in Frage kommenden Bedürfnisses haben es mit sich gebracht, daß die Konsum- genossenschaften als ersten Zweig der Eigenproduktton fast stets die Errichtung einer Bäckere, wählen. Mit der Entwicklung der Kon- sumvereinsbewegung in der Zeit seit Kreuznach ist daher auch eine geradezu sprunghafte Entwicklung der genossenschaftlichen Brot- Produktion verbunden gewesen. Nach den vom Zentralverband der Bäcker, Konditoren und verwandten Berufsgenossen unter seinen Dtttgliedcrn veranstalteten Erhebungen gestaltete fich die genossen- schastliche Brotproduktion tw Laufe des letzten Jahrzehnts folgender» maßen: Ge- Zahl Beschäftigte Gesamt- pro Be« schäftS- der über- in Vereinen mit umfatz fchäftigten jähr Vereine Haupt angegeb. Umsatz M. M. 1301 35 502 501 3 568 703 17 138 1311/12 262 3 066 3 066 82 568 633 26 014 Im Laufe eines Jahrzehnts hat fich also die Zahl der genossen- schaftlichen Bäckereien etwa verachtfacht; die Zahl der Beschäfttgten ist auf das Sechsfache und der Gesamtumsatz nahezu auf das Zehn- fache gefttegen. Der aus den einzelnen Beschäftigten entfallende Produkttonsertrag hat sich gleichfalls vergrößert; er ist von 17 000 auf 26 000 M. gestiegen, eine Folge der verstärkten Anwendung von Maschinen im Produktionsprozeß. Allein in den letzten 2 Jahren hat sich der Umsatz um über 20 Millionen M. oder 34 Proz. ver- mehrt. Zerlegen wir den Umsatz auf die einzelnen Gebäckarten, so ergibt sich, daß im Geschäftsjahr 1311/12 hergestellt wurden für 65 343 004 M. Brot, für 12 532 425 M. kleines Weißgcbäck und für 4 703 264 M. Kuchen- und. Konditoreiware. Die genossenschaftlichen Bäckereien sind zum großen Teil Großbetriebe. Im ganzen wurden bei der Erhebung von 1312 im Bäckereigewerbe 532 Betriebe mit 10 oder mehr beschäf- tigten Personen gezählt, in denen zusammen 10 755 Arbeiter tätig waren(gegen 475 solcher Betriebe mit 8732 Beschäftigten im Jahre 1313). Von diesen 532 Betrieben waren 81 mit 2304 beschäftigten Personen GenossenschaftSbäckereieckl Es sind also 31 Proz. aller Genossenschaftsbäckereien, die aber 75 Proz. aller Beschäftigten um- fassen, Großbetriebe. Der groß« Fortschritt der genossenschaftlichen Brotproduktion ist in jeder Beziehung erfreulich. Er garantiert den Brotkonsu- menten eine gute, unter hygienisch einwandfreien Bedingungen her- gestellte und preiswürdige Ware und er bedeutet für die Produ- zenten gute, zum Teil mustexgültige Arbeitsbedingungen, die sich in leider Beziehung günstig abheben von den in Privatbetrieben leider nur zu häufig zu findenden Ausbeutermaximen. Bekanntlich sind für die in den Vereinen des Zentralverbandes deutscher Konsum- vereine beschäftigten Gesellen und Backmeister die Arbeitsbedin- gungen tariflich geregelt. Von den 262 Bäckereien besitzenden Verbandsvereinen mit 3066 Beschäfttgten hatten Ende des letzten Jahres 179 mit 2334 Beschäftigten den Tarif anerkannt. Dazu kommen noch 6 Nichtverbandsvereine mit 76 Beschäftigten, sodaß der Genossenschaftstarif für insgesamt 183 Genossen- schaftcn mit 2510 Personen in Geltung war, was gegenüber oem Vorjahr einen Zuwachs von 5 Vereinen und 278.Be- schäfttgten bedeutet. Es haben also nur noch 83 Verbands- vereine mit 532 Beschäftigten, wie ersichtlich meist kleinere Be- triebe, den Tarif nicht anerkannt. Das Tarifamt des Zenftalver- bandeS behandelte in 3 Sitzungen die vom Böckereiarbeiterverband eingebrachten Beschwerden, die sämtlich zugunsten der Angestellten erledigt wutzdcn._ Kalibergbau in Oesterreich. Vor einigen Tagen kamen aus dem Auslande Nachrichten über die Etablierung einer aussichtsvollen Kaliindustric in Oesterreichisch- Galizien. Eine Korrespondenz der„Franks. Ztg." aus Wien berichtet darüber:„Schon vor fast VI* Jahren berichtete ich über Vcrhand- lungen, die in dieser Angelegenheit schwebten. Die Verzögerung hing hauptsächlich damit zusammen, daß ein Konsortiuni gebildet werden sollte, dem einerseits der Galizische Landesausschuß, der mit der Galizischen Jndustriebank und der Niederösterreichischen Eskomte- Gesellschaft kooperierte, und andererseits die Kaliwerke G. m. b. H. angehören sollten, welch letztere zahlreiche Freisckürfe auf Kalisalze in der Nähe von Kalusz erworben und auch Abbaubewilligungen erhalten hatte. Diese Reckte sollten von der Kaliwerkgesellschaft in die neugegründete Aktiengesellschaft eingebracht werden. Nun haben diese Verhandlungen zu einem Ergebnis geführt. In dem staatlichen Salzbergwerk in Kalusz werden schon sert langem als Nebenprodukt Kainite gewonnen, die jedoch verhältnismäßig geringen Gehalt an Kali haben. Daß in Kalusz und Umgebung auch höherwertige Kali- salze vorkommen, weiß man seit langem; aber in dem Salzberg- werke selbst wird das Vorkommen nicht sehr reichlich geschätzr und das ist auch der Grund, weshalb die staatliche Monopolverwaltung nicht selbst schon die nötigen Jnvestionen, die aus etwa sechs Millionen Kronen geschätzt werden, zum Abbau der Kalisalze unter- nommen hat. Sie beschräntte sich auf die Gewinnung der Kainite, von denen in den letzten Jahren etwa 140 000 Doppelzentner jähr- lich gewonnen wurden. Ein rationeller Abbau erscheint nur möglich unter Heranziebung jener angrenzenden Gebiete, für welche sich die Monopolverwaltung durch Einräumung von Abbaubewilligungen des Rechte?, selbst da? Kalisalz zu gewinnen, begeben hat. Der galizische Landesausschuß wird nun mit der Kaliwerke G. m. b. H. und den früher erwähnten Banken eine Aktiengesellschaft mit 6 Millionen KronenKapital gründen, deren Kapital auf 3 Millionen Kronen erhöhbar ist, um diese Abbaurechte auszuüben. ES wurden noch andere Vereinbarungen getroffen, um zu bewirken, daß die gewonnenen Kalisalze in erster Linie der beimischen Landwirtschaft zu mäßigen Preisen zur Ver- fügung gestellt werden, so z. B. ein Ausfuhrverbot, insolange für den heimischen Bedarf Kalisalze aus dem Auslände importiert werden müssen, die JnlandSproduktion also nicht für den Bedarf ausreicht. Ueber die Ausfichten des Kalibergbaues in Galizien ist heute ein Urteil nicht möglich. ES ist zweifellos, daß Kalisalze in Galizien in der Umgebung von Kalusz und wohl auch an anderen Stellen vorkommen und die Tatsache allein, daß sich der Landes- ausschuß, zahlreiche Privatunternehmer und die genannten Banken um die Abbaurechte seit langem bemühen, beweist, daß fach- männische Experten auf ein abbauwürdiges Vorkommen schließen. Welche Ausdehnung die Lager haben— die in der Saline selbst bloßgelegten sind nur Streifen und haben nicht wie die Staßfurter große Mächlichkeit— darüber können erst weitere Aufschlußarbeiten Kenntnis geben; ebenso über die Höhe der Gestehungskosten und die Konkurrenzfähigkeit mit dem deutschen Kalibergbau. Man hofft hier, daß der Kalibergbau auch in Galizien größeren Umfang gewinnen und sich als rentabel erweisen wird. Bon einer Bedrohung der deutschen Kaliindustrie und dergleichen mehr, ist vorläufig keine Rede."_ Ueber die Welternte 1912 teilt die statisttsche Sektion deS ungarischen Ackerbauministeriums folgende Schätzungen mit. Die Ernte betrug in Millionen Doppelzentnern: Weizen Roggen Gerste Hafer Mais zusammen 1312.. 1110 503 405 756 1135 3075 1311 �. Olil_ 454 355 5Sv 302_ 3241 -j-TölT+19+50+187+293+734 Das letzte Jahr weist also gegenüber dem Vorjahre einen wesentlichen Mehrertrag auf. Der Gesamternte steht ein Bedarf für 1312'18 gegenüber von 1092 Millionen Doppelzentner Weizen, 477 Millionen Doppelzentner Roggen, 333 Millionen Doppelzenmer Gerste, 725 Mllionen Doppelzentner Hafer und 1156 Millionen Doppelzentner Mais, zusammen 3843 Millionen Doppelzentner. Zu der Gesamternte von 3975 Mllionen Doppelzentner ist noch ein Vorrat von 62 Millionen Doppelzentner hinzuzurechnen, so daß sich ein Betrag von 4037 Millionen Doppelzentner ergibt. Zieht man hiervon den Bedarf von 3843 Mllionen Doppelzentner ab, so bleibt ein Ueberschuß von 194 Millionen Doppelzentner. Der Verband deutscher Bleiwareufabrikauteu, der fich im Januar dieses Jahres auflöste, ist wieder im Entstehen begriffen. Die ehe- maligen Mitglieder und die außenstehenden Werke haben fich der „Franks. Ztg." zufolge geeinigt, zunächst auf drei Monate fich zu« sammenzuschließen. In dieser Zeit soll an der endgültigen Ver» bandsbildung gearbeitet werden. Aschmger A.-S. zahlt nach Abschreibungen in Höhe von 2,8 Milll. wiederum 8 Proz. Dividende. Tarifreform in Amerika. Präsident Wilson hatte am 3. d. M. eine längere Besprechung mit den Mitgliedern der Parlaments- kommtfsion für die Tarifreform. ES wurde beschlossen, Wolle von jedem Zolle zu befreien._ Sozialea. Krankenkassenkonfereuz. Die 9. Konferenz der Krankenkassen der Provinz Branden- bürg ist zum Sonntag, den 13. April, vormittags 10 Uhr, nach Berlin, Marinehaus, vom geschäftsführenden Ausschutz der Freien Vereinigung der Krankenkassen der Provinz Brandenburg einbe- rufen. Auf der Tagesordnung steht: Die Mustersatzungcu der Krankenkassen nach der Rcichsversicherungsordnung. Referenten sind E. Koblenzer, Alb. Kohn und P. Magnan. Submission und Handwerker. Ein außerordentlicher deutscher Handwerks- und Gewerbe- kammertag, der am Donnerstag in Berlin abgehalten wurde, nahm einstimmig folgende Anträge an: I. Der Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag beschließt in Gemeinschaft mit den beteiligten wirtschaftlichen Verbänden, die hierzu bereit sind, eine Hauptstelle für daS VerdingungSwesen zu errichten. Ihre Hauptausgabe soll hauptsächlich sein: 1. die Ver- tretung und Verbreitung einheitlicher gesunder Grundsätze auf dem Gebiete des Verdingungswesens. 2. Die Beratung und Unter- stützung der einzelnen Kammern und ihrer Verdingungsämter so- wie der ausschreibenden«tellen. 3. Die Anregung zur Bildung von Lieferungsverbänden und SubmiffionSgemeinschaften des Hand- Werks für größere Bezirke. II. Der Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag richtet an den Bundesrat und Reichstag die Bitte, zur Durchführung dieser Aufgaben einen jährlichen ausreichenden Betrag zu gewähren. Seit wann invalide? Die Feststellung des Tages, an dem Jnbalrdilät eingetreten war, spielte im nachfolgenden Fall eine erhebliche Rolle. Frau Witwe S. stellte Anfang des Jahres 1311 bei der LandeSvcrsicherungs'anstalt Berlin den Antrag auf Bewilligung der Invalidenrente, da sie seit 1310 krank und erwerbsunfähig war. Dieser Antrag wurde Vurck Bescheid der Anstalt vom 13. Februar 1912 zurückgewiesen, weil die gesetzlich vorgeschriebene Wartezeit nicht zurückgelegt sei. In dem Bescheide heißt es:»In Ihren Quittungskarten sind zwar 260 Beitragsmarken entHallen. auch sind von Ihnen gemäß§ 30 des Gesetzes als Beitragswochen anzurechnende Krankheitswochen nachgewiesen, von diesen können jedoch keine angerechnet werden, weil sie vor dem 12. Januar 1911 zurückliegen und wegen Erlöschens der Anwartschaft nicht berück- sichtigt werden können." Für den zweijährigen Zeitraum vom 12. Januar 1909 bis 12. Januar 1911 seien nur drei Krankheits- Wochen nachgewiesen, auch sei der Nachweis nicht erbracht, daß Frau H. bereits vor dem 12. Januar 1911 dauernd erwerbsunfahtg gewesen sei. Frau H. legte gegen diesen Bescheid beim Schiedsgericht für Arbeiterversicherung Sradtkreis Berlin Berufung ein. Sie machte geltend, daß die Anwartschaft gewahrt worden sei. Auch sex es Schuld der Beklagten, wenn sie(Frau H.) nicht habe Marken kleben können, da durch die crhehlichc Verzögerung des Verfahrens ihr die Möglichkeit der Nachverwentmxig von Marken genommen war. Das Schiedsgericht forderte von Herrn Medizinalrat Dr. W. ein Gutachten darüber ein, seit wann hei der Klägerin Invalidität anzunehmen sei. Dieses Gutachten kam zu dem Ergebnis, daß Frau H. seit dem 1. Mär, 1910 invalid im Sinne des Gesetze« sei, und daß die Invalidität vor dem 12. Januar 1911 den Charakter der dauernden angenommen hatte. Auf Grund dieses Gutachtens wurde die Landesversicherungsanstalt verurteilt, an Frau H. vom 1. März 1910 ab die Invalidenrente zu zahlen. In der Eni- scheidung heißt eö:„Von den Aerzten, welche Erwerbsunfähigkeit seit dem 29. Januar 1311 annehmen, hat keiner die Antragstellerin vor diesem Zeitpunkte gesehen. Für die Erwerbsunkähigkeit der letzteren sprechen die Tatsachen, daß sie. wie die Akten der Landes- Versicherungsanstalt Berlin ergeben, seit dem 16. Januar 1900 keine Lohnarbeit mehr verrichtete, daß sie seit dem 1. März 1310 Armenunterstützung bezog, daß sie wiederholt, so vom 18. Januar bis 3. Februar 1303 und vom 4. bis 22. Oftober 1303 krank war und schon damals von Dr. Th. für erwerbsunfähig gehalten worden ist." Ausschlaggebend kam das Gutachten des Herrn Medizinalrat Dr. W. hinzu, der Frau H. seit dem 1. März 1910 für invalid hielt. Diese Entscheidung focht die LandeSverficherungSanstall mit dem Rechtsmittel der Revision an.� Tie Revision wurde zurückgewiesen. DaS RcichSversicherungs- amt führte u. a. aus:„Das Schiedsgericht hat die Grenzen des Rechtes der freien Deweiswürdigung nicht überschritten, so daß seine Feststellung für daS Revisionsgericht bindend ist. Allerdings haben die Aerzte Dr. B und Dr. K.(Aerzte der Anstalt. D. B.) die dauernde Invalidität der Klägerin erst seit dem Tage des Rentenantrages, d. t. seit dem 29. Januar 1911, angenommen. Indessen ist nicht ersichtlich, daß in den 17 Tagen seit dem Ablauf Her Anwartschaftsfrist(12. Januar 1911) bis zur Stellung des Rentenantrages(23. Januar 1911) eine wesentliche Aenderung im Zustande" der Klägerin eingetreten sei. Vielmehr wird ihre Invalidität in der Hauptsache durch ein Herzleiden verursacht, das. sich allmählich entwickelt hat. Es ist daher anzunehmen, daß der Zustand der Klägerin schon im Jahre 1910 annähernd derselbe gewesen fit. wie zur Zeit der Stellung des Rentenantrages. Die genaue Bestimmung des Zeitpunktes, zu welchem die dauernde Invalidität eingetreten ist, ist naturgemäß schwierig." Es könne unbedenklich als Tag der Invalidität der Tag angenommen werden, von welchem Frau H. dauernd Armenunterstützung bezog. Frau H. gelangte nunmehr in den Besitz der Invalidenrente. Der Grundsatz-„in JweifelSfällen zugunsten de? wirtschaftlich Schwachen" scheint bei der Landesversicherungsanstalt Berlin noch nicht Geltung erlangt zu haben. Ein Kampf um die Invalidenrente. Der 67 Jahre alte Portier Karl G. stellte bei der Landesver- ficherungsanstalt Berlin im Jahre 1310 den Antrag ans Invalidenrente. Er wurde indessen damit abgewiesen, weil die Wartezeit (200 Marken) nicht erfüllt sei. Die Tätigkeit als Portier bis 1306 stelle eine versicherungspflichtige Beschäftigung nicht dar. Es kämen also nur 184 Marken in Anrechnung. Auch sei der Antragsteller schon seit dem April 1910 invalide im Sinne des Gesetzes. Das Schiedsgericht für Arbeiterversicherung in Berlin wies die Bernfilng G s mit der Begründung zurück, daß der Kläger sehr öohl noch imstande sei, mehr als das übliche„Lehndrittel" verdienen zu können. Die Frage der Wartezeit prüfte es überhaupt nicht. Im Jahre 1911 wiederholte G. seinen Antrag auf Invaliden- rente. C?r wurde indessen wieder aus denselben Gründen abge» wiesen. G. wandte sich wiederum an dasSchiedsgericht. Er machte geltend, daß seine Tätigkeit als Portier bei K. bis 1906 eine der- sicherungspflichtige gewesen sei. Denn der Arbeitgeber habe auf Veranlassung der Landesversicherungsanstalt dir Beitragsmarken uachklebe» müssen. Nun kam das Schiedsgericht bei der Beurteilung der Sachlage zii� einer entgegengesetzten Begründung. Erstlich er- klärte cS den Kläger für völlig erwerbsunfähig seit dem März 1910, ferner sei die Wartezeit nicht erfüllt, denn die Tätigkeit bei K. bis 1996 sei als versicherungspflichtige nicht anzusprechen. Die Be- rufung wurde zurückgewiesen. Das Urteil wurde im Revisions- verfahren beim Reichs-Bersicherungsamt angefochten. Die Revision hatte Erfolg. Der erkennende Senat hob das Urteil des Schieds- gerichts für Arbeiterversicherung auf und verwies die Sache zur nochmaligen Verhandlung an das Schiedsgericht zurück. Gleich- zeitig wurde die Landes-Versicherungsanstalt verurteilt, dem G. eine vorläusige Rente von monatlich 11, SV M. zu zahlen. Aus dem Urteil des erkennenden Senats sei das Wichtigste hier angeführt. Es heißt da: ..... Wenn das Schiedsgericht diesen drei letztgenannten Gutachten gegenüber der auf einmaliger Untersuchung in einem früheren Verfahren gestützten Anficht des Dr. B. den Vorzug ge- geben hat, so erscheint das um so weniger gerechtfertigt, als das Schiedsgericht in seinem— das frühere Verfahren abschließende— Urteil vom 21. Dezember 1910 die Invalidität des Klägers ent- gegen dem damals bereits vorliegenden Gutachten des Dr. B. vom L0. April 1910— unter anderem auch auf Grund des persönlichen Eindrucks des Klägers— verneint hatte. Wenn nach dieser Sach- läge begründete Zweifel über den Beginn der Invalidität hervor- getreten sind, so hätte das Schiedsgericht Veranlassung gehabt, nach der von Dr. Bl. festgestellten Verschlechterung weitere Gutachten vom Dr. B. und Dr. Sch. einzuholen. Insofern leidet die ange- fochtene Entscheidung auch an mangelnder Aufklärung." _ Für die nochmalige Prüfung und Entscheidung stellte das Relchs-Versicherungsamt folgende Grundsätze auf: „Stellt sich heraus, daß die Invalidität am 30. 4. 10 einge- treten ist, so erscheint der Umstand erheblich, daß die Beklagte den Klager früher veranlaßt hat, für seine Beschäftigung als Portier bei K. Beitragsmarken zu verwenden. Sofern hierin ein Aner- kenntnis der Versicherungspflicht seitens der Beklagten liegt(§ 1445 Abf. II d. R.V.O.) kann es jedenfalls nach dem Eintritt des Ver- sicherungsfalles nicht mehr widerrufen werden(zu vergleichen Re- Visionsentscheidung 1599. Amtl. N. d. R.V.A. 1912 S. 676). Der in dem Bescheid, vom 26. August 1910. also nach dem am 30. April 1910 eingetretenen Versicherungsfall, liegende Widerruf wäre daher unwirksam. Demnach würden dem Kläger die im Dienst des K. verwendeten Beiträge als Pflichtbeiträge zugute kommen können und die Wartezeit erfüllt sein. Stellt sich dagegen heraus, daß der Versicherungsfall nach dem 26. August 1910, etwa Mitte November 1910, wie es nach, der Aeußerung des Dr. Schm. vom 27. 4. 11 den Anschein hat. eiirge- treten ist, so würde der Kläger auch schon mit den nach der Be- schäftigung bei K. wirksam entrichteten Marken die Wartezeit er- füllt haben. Nach der Sachlage erschien es angezeigt, gemäß 8 117 Abs. III b._ Jnv.-Vers.-GesetzeS(§ 1715 d. R.V.O.) die Gewährung einer vorläufigen Leistung zugunsten des Klägers in der ange- messenen Höhe einer Monatsrente von 11,50 M. feit dem 1. Juli 1912 anzuordnen." Das Oberversicherungsamt Groh-Berlin mußte sich nun mit der Sache von neuem beschäftigen. Es wies aber die Berufung deS G. zurück. Nach einem ärztlichen Gutachten sei G. schon im April 1910 im Sinne des Gesetzes völlig und dauernd erwerbsunfähig gewesen. DaS Anerkenntnis der Versicherungspflicht bis zum Jahre 1906 sei— ein irrtümliches gewesen. Gegen dieses Urteil legte der Kläger das Rechtsmittel der Revision beim Neichsversichernngsamt ein. Im mündlichen Verhand- lungStermin. der kürzlich vor dem Reichsversicherungsamt statt- fand, machte der Vertreter des G. geltend: Aus den Akten der Landesversicherungsanstalt geht zweifelsfrei hervor, daß, infolge der beiden Notizen des Kontrollbeamten der Landesversicherungs- anstalt die Versicherungspflicht des G. ausgesprochen ist. und daß sich der Kontrollbeamte auch überzeugt hat, ob die Marken nach- geklebt worden find. Die Anerkenntnis der Versicherungspflicht d«S G. bei dem Arbeitgeber K. ist damit durch die Versicherungs- answlt erfolgt. Die Revision des Klägers hatte Erfolg. Der erkennende Senat verurteilte die Versicherungsanstalt Berlin, dem Kläger vom 22. De- zember 1910 ab die Invalidenrente zu zahlen. Begründend führte der Präsident des erkennenden Senats aus: AuS den Akten der Landesversicherungsanstalt geht zweifelsfrei hervor, daß die Beschäftigung des G. bei K. als versicherungspflich- tig angesehen wurde und daß infolgedessen die Marken nachgeklebt werden mußten. � Ist indessen die Versicherungspflicht einmal durch Organe der Anstalt ausgesprochen worden, dann kann sie nach- träglich nicht widerrufen werden. Der Beginn der Invalidität sei auf den 22. Dezember 1910 zu verlegen. So ist denn dem jetzt 70 Jahre alten Manne endlich die In- validcnrente zuteil geworden. Unternehmerterrorismus. Die Mannheimer und Ludwigshafener Großindustriellen haben bor fünf Jahren einen Arbeitsnachweis gegründet und sich gegen- seitig verpflichtet, nur solche Arbeiter einzustellen, die von dem Arbeitsnachweis der Unternehmer empfohlen wurden. Die Arbeiter haben sich damals gegen den Versuch, sie in ein noch größeres Ab- hängigkeitsverhältnis zum Unternehmertum zu bringen, gewehrt, wenn sie auch nicht direkt zum Streik dieserhalb gegriffen haben. Nach den bis jetzt erschienenen Berichten hat der„Arbeitsnachweis der Industrie", wie die Einrichtung offiziell heißt, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung erlangt. Es wurden im verflossenen Jahre 35 229 Arbeitsuchende gezählt, wobei zu bemerken ist, daß jeder der sich meldenden Arbeitsuchenden nur einmal im Jahre gezählt wurde, gleichgültig, wie oft er um Arbeit vorsprach. Nach einer anderen Methode wurde jeder Arbeitsuchende so oft gezählt wie er sich meldete, jedoch nicht öfter denn einmal pro Tag. Nach dieser letzteren zutreffenderen Zählung, die auch gleichzeitig eine Vorstellung von der Tauer der Arbeitslosigkeit gibt, betrug die Zahl der Meldungen 204 839. Das sind fast sechsmal mehr, als arbeitslos« Personen nach der ersten Zählung vorhanden waren. Das bedeutet, daß im Durchschnitt jeder Arbeitslose den Arbeits- Nachweis sechsmal in Anspruch genommen hat. Von besonderem Interesse ist die Feststellung, in welchem Alter die Eingestellten sich befanden. Es waren unter 21 Jahre..... 7621 von 21—30 Jahren........ 13 392 , 31—40......... 5 773 , 41-50......... 1583 . 51—60......... 246 von über 60„..._8 Summa 28 623 Man sieht hieraus, daß ältere Leute nur noch ausnahmsweise eingestellt worden sind. Wer über 40 Jahre alt ist, der gilt bei dem Großunternehmertum als verbraucht und wird nicht mehr ein- gestellt. Das ausbeuterische und unsozial empfindende Unternehmer- tum will immer frischen Nachwuchs; eS ist sehr für die Hebung der Geburtenziffer, damit ihm immer genügend junge Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Von den 35 229 Arbeitsuchenden erhielten nur 28 623 gegen 30 804 im Jahre 1911, Arbeit nachgewiesen, die sich auf die einzelnen Industrien wie folgt verteilten: Metallindustrie..... 11 631 Ehemische Industrie... 9 130 Schiffahrt, Kohlen, Getreide 2 027 Hotzindustrie...... 3 651 Mühlenindustrie..... 175 Handwerk....... 273 Verschiedene...... 1 736 Summe 28 623 Die städtische Zentralanstalt für Arbeitsnachweis in Mannheim vermittelte im Jahre 1912 nur 17 317 Stellen. Bringt man hier- von die in der Ziffer enthaltenen Arbeiterinnen von 5647 in Ab- zug, weil der„Arbeitsnachweis der Industrie" Arbeiterinnen über- Haupt nicht vermittelt, so zeigt sich erst recht das Uebergewicht, welches der Unternehmerarbeitsnachweis gegenüber dem städtischen besitzt. Von dem elfteren wurden für Mannheim(ohne Ludwigs- Hafen) 21 603 männlichen Arbeitern Stellen vermittelt, während der städtische Arbeitsnachweis nur 11 670 derartige Verunttelungen zu verzeichnen hatte. Dieser' Mannheimer Vorgang hat in Unter- nehmerkreisen starke Beachtung gefunden, und es ist anzunehmen, daß— soweit das nicht schon geschehen ist— auch in anderen Jndustrieorten seitens der Unternehmer starke Anstrengungen ge- macht werden, um das Mannheimer System einzufiihren oder auszubauen. Der Bericht konstatiert nämlich ausdrücklich:„Zahlreiche Besuche, auch solche von führenden Personen im öffentlichen Leben (selbst aus dem Auslande) zum Studium unserer Einrichtungen, fanden im Berichtsjahre statt." Die organisierte Arbeiterschaft wird gut tun, diesen Vorgängen die größte Aufmerksamkeit zu schenken und ihr eigenes Arbeits- nachweiswesen und, wo die Vorbedingungen dazu gegeben sind, die städtischen paritätischen Arbeitsnachweise auszubauen. Löhne und Unternchmergewinnc. Von Jahr zu Jahr steigt die Goldflut, die sich in die Kassen der gewerblichen Unternehmen ergießt, immer größer werden die Dividenden. Gleichzeitig erschallt ans den Reihen der Kapitalisten ein Lamento über die angeblich wachsende Unftuchtbarkeit ihrer industriell tätigen Kapitalien. Wie steht es in Wahrheit? Die kapitalistischen Gewinne sind in einem steten Wachstum begriffen. Ein Blick auf die Geschäfts- ergebnisse der deutschen Aktiengesellschaften lehrt das: ihre Durch- schnittsdividende stieg von 7,38 Proz. des gesamten dividendenberech- rigten Aktienkapitals im Jahre 1908/09 auf 8,09 Proz. im Jahr« 1910/11! Im Hochkonsunkturjahre 1907 betrug die Durchschnitts» dividcnde 8,07 Proz. Sic war also schon vor zwei Jahren wieder überholt, und nach den bisher.vorliegenden Geschäftsberichten für das Jahr 1912 wird die Durchschnittsdividende zweifellos wiederum mächtig in die Höhe gegangen sein! Natürlich sind auch die Arbeiterlöhne nominell gestiegen. Aber gleichzeitig begann in Deutschland eine ganz außerordentliche Teue- rung aller Waren, besonders der Lebensmittel,.ihr SchreckenSregi- ment, das sich noch immer verschärft. Hierzu tritt die Steigerung der Mieten. Die kleinen Lohnerhöhungen, welche durch gewerkschaft- liche Kämpfe usw. erzielt wurden, waren bei weitem nicht so be- deutend als wie die allgemeinen Preissteigerungen. Mußte doch selbst die„Nordd. Allg. Ztg." konstatieren, daß die Aufbesserung der Aicheiterlohne nicht im geringsten der furchtbaren Lebensmittel- leuerung entspräche? Wie steht eS mit den„ruinös hohen" Löhnen ans? Eine eingehende und genaue Lohnstatistik besitzen wir leider noch nicht. Wir müssen uns daher auf die Angäben der Berufsgenossenschaften ver- lassen, deren Geschäftsergebnisie alljährlich vom Reichsversichernngs- amt bearbeitet und veröffentlicht werden. Im folgenden geben wir eine Uebersicht über die Zahl der bei den 66 gewerblichen Berufs- genossenschaften versicherten Vollarbeiter, d. h. solcher mit 300 ge- leisteten Arbeitsschichten oder-tagen im Jahre, ferner ihrer Gesamt- lohnsumme und ihrem durchschnittlichen Arbeitsverdienst pro Tag. Dieses Bild entsteht: Gesamt- Tagesdurch» Jahr Vollarbeiter lohnsumme schnittsverdienst M. in M. 1908..... 7 868 531 8 447 580 140 3,58 1909..... 7 945 797 8 567 302 496 3,59 1910..... 8 291986 9 18? 641 823 3,69 1911..... 8 653 302 9 932 507 985 3,82 Von 1908 bis 1911 stieg also der DurchschnittStagesverdienit um netto 24 Pf., das ist etwa 6,7 Proz. Diese horrende Lohn- steigerung wird aber erst dann ins rechte Licht gerückt, wenn man bedenkt, daß in derselben Zeit die Durchschnittsdividende der deut- scheu Aktiengesellschaften von 7,38 Proz. auf 8,09 Proz., also um 9,6 Proz. wuchs. Es stiegen also die DurchschnittSgewinne der deutschen Aktiengesellschaften bei meist sehr reichlichen Abschreibun- gen um die Hälfte rascher als wie die durchschnittlichen Tagelöhne jede? Industriearbeiters. Zu beachten ist noch, daß der Durchschnittslohn von 3,82 M. für den Tag rein rechnerisch ermittelt wurde. In Wirklichkeit be- ziehen natürlich sehr viele Arbeiter einen höheren Lohn— dafür aber ebenso viele einen solchen, der noch weit unter diesem Durch- schnittssatz bleibt._____ Öeriebts- Zeitung. Der Landwirtschaftsminister und das Weingesetz. Die Staatsanwaltschaft in Trier hat gegen eine große Anzahl von Weingutsbesitzern ein Strafverfahren wegen Vergehens gegen die KZ 6 und 7 des Wcingesetzes eingeleitet. Diese Herrschaften sollen sich über die Bestimmungen, die die Ursprungsbezeichnung der Weine betreffen) hinwegsetzen. So werden Graacher Weine als „Josesshöfer", Niederemmelcr, Mysterter und Dhroner als„Pies- Porter" bezeichnet usw. Nachdem diele Keine Winzer wegen Ba- gatellsachen bestraft worden sind, geht die �Staatsanwaltschaft nun auch an die großen Sünder heran, die sich strafbar gemacht haben sollen. Unter den beanstandeten Weingutsbesitzern befindet sich Herr v. Schorlemer-Lieser, seines Zeichens— preußischer Landwirtschaftsminister. Der Verwaltung seiner Weinländcrcien wird es von der Staatsanwaltschaft verdacht, daß sie ihre Wintricher Weine als „Ohligsberger" zum Verkauf oder zur Versteigerung gebracht hat. Der Herr Landwirtschaftsminister befindet sich aber in guter Ge- sellschaft. Ein gleiches Verfahren schwebt nämlich auch gegen die Königliche D-mänial-Verwaltung in Trier. Ihr machen die Freunde eines guten Tropfens zum Vorwurf, daß sie ohne einen Schein von Berechtigung ihre Ockfcner Weine als„Bockstciner" versteigere....„. Wie die preußische Justitia die hochmogenden.Herren behandeln wird, darauf ist man in den Kreisen der rheinischen Weinbauern und Weintrinker recht gespannt. Wen» christliche Staatsstützen bersten. In Gr.-Ramsau(Ostpreußen) hatte der Hauptlehrer und Or° ganist Kulbatzki die Sterbekasse des katholischen Arbeitervereins ver- waltet und schließlich 6840 M. unterschlagen. Mitglieder des Ar- beitervereins haben dem Mann auch ihre Ersparnisse gebracht, da- mit er sie auf die Sparkasse bringe. Auch an diesen Geldern hat er sich vergriffen. Dieser Tage hatte er sich wegen Unterschlagung vor der Allensteiner Strafkammer zu verantworten. Er erklärte. daß er zeitweise an Gedächtnisschwäche leide. Vom Gefängnis aus hat er an einen Arzt einen Brief geschrieben, in dem er anführte, daß das Vaterland in Gefahr sei. und daß er für das Vaterland kämpfen wolle— wenn möglich unter einem adligen Namen. Er wurde als Trinker geschildert, der seine Frau und auch die Schul- linder unter dem Einfluß des Alkohols heftig geschlagen hatte. Einige Zeugen halten den Angeklagten für geistig nicht normal. Ein Amtsrichter erklärte ihn für einen Simulanten. Ein Arzt als Sachverständiger bekundete, daß er keinen geistigen Defekt an dem Mann habe entdecken können. Sein Brief sei der eines Simulanten. Die andern Sachverständigen äußerten sich in ahnlicher Weise über den Angeklagten. Das Gericht erkannte auf Vertagung der Ver- Handlung und beschloß, den Angeklagten erst sechs Wochen in einer Irrenanstalt beobachten zu lassen. �«m r» Bezeichnend sind die lebhaften Bemühungen, den Mann al-- geisteskrank hinzustellen und ihn so vor dem Gefängnis Z" retten. Hätte er nicht die Unterschlagung begangen, wäre er wohl heute noch„in Amt und Würden", und jeder, der ihn für geisteskrank erklärt hätte, wäre wegen Verleumdung vor Gericht zitiert und ganz gehörig vcrknaxt worden.__ Sympathicknren. Ein sonderbarer Heiliger, der Schubmacher Georg Mcnd in Würzburg wurde seinerzeit vom Schöffengericht Würzburg wegen Betrug zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt, die das Landgericht auf 3 Monate erhöhte. Mend wollte unter Garantie Wassersucht, Herz- und Leberletden heilen können. Die Mittel, die er gebrauchte. waren höchst sonderbar. Einem Schausteller, der ihn wegen Leber- leidens konsultierte, schnitt er die Fingernägel und band ,hm einen Hering auf die Fußsohlen. Diese Kur kostete die Kleinigkeit von 120 M. Einen rückenmarkleidenden Tapezierer riet Mend, cm Stück Schweinefleisch dreimal in Urin zu kochen und das Fleisch einem Hund vorzuwerfen, der daNn verende und die Krankheit mit sich nehme. Das Mittel versagte; der Heilkünstler meinte: weil der Tapezierer nicht dumm genug war, den geforderten Be- handlungsprets zu zahlen. Mend hatte gegen das landgerichtliche Urteil Revision ergriffen, diese wurde jetzt verworfen. Wieder ein agrarischer Nahrungsmittelverfälscher. Außergewöhnlich milde Richter hat der Direktor der von Agrariern gegründeten Molkerei in Haynau in Schlesien gefunden. Trotzdem ein früherer Molkercigehilfe unter seinem Eide bestätigte, daß der Herr Direktor wöchentlich 5 bis 6 Tonnen ausländische Butter der heimischen Molkrreibutter beimengen ließ und diese dann als gute Molkereibntter zu hohen Preisen verkaufte, verurteilte ihn das Schöffengericht nur zu 25 M. Geldstrafe. Der Amtsanwalt beantragte 100 M. Eine weitere unter Anklage stehende Nahrungs- mittelvcrfälschung durch Vermischung der Sahne mit erheblichen Mengen Magermilch konnte dem betriebsamen Direktor nicht so nachgewiesen werden, daß es zu einer Verurteilung ausgereicht hätte. So geringe Strafen bieten natürlich keinen wirksamen Schutz des Publikums vor Nahrungsmittelverfälschungen. Bezeichnend ist es auch, daß zur Zeit des Milchkrieges in Haynau die Molkerei am allerlängsten auf hohe Butterpreise hielt, obwohl damals schon ihre Molkereibntter mit ausländischer Ware vermischt war. Cmgegangene vruckfckrifren. „Quadriga--. Vierteljahrsschrist der Werkleute aus HauS Nhland. Jahrg. 3 M. B. Vopetius, Jena. Illustrierte Geschichte des BalkankriegeS 1D1S/18. Von A. Hemberger. In etwa 40 Heften zu 50 Ps. A. Hartlebens Verlag n Wien. Uiais-GaMe! 4—500 getragene Anzüge für Herren: Smoking. Frack- und Gehrock- Anzüge(auch zu ver- leihen), Sommerüberzicher sowie v. Kavalieren getragene, fast neue Sachen(a.seidc), s. jed.Figur pass. in gi-öLtsrAiiswsbl z.uiiübertross. billigen Preisen. lTr.,dcshalbbilliger wieim Laden. 0k 0k 0ik rv«% o \ Abhandlungen und Vorträge zur sozialistischen Bildung. Herausgegeben 248/19* von Max Cirnnwald. Heft V: ! Wltr Von Conrad Haenisch. 1 Preis 40 Pf. I J Zegtralbaiisiiioii.l}eiTenbel(leiduD[| I.; Nene Frledrlchstr. 35 an der Zentral-Markthalle II.: A'ni-insti'. 97, L Etage, liefert an jedermann elegante Herren-Garderoben __ nach Maß unter Garantie für tadellosen Sitz gegen wöchentliche Teilzahlung von 1 Mark an. Zuschneiderci u. Werkstatt im Hanse. Aus Wunsch Besuch des Reisenden mit neuesten Stofsiniistern. 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Die Qrwäblerllften für die bevorstehende Candtagswahl liegen in den zum Wahlkreis Teltow- Beeskow- Storkow- Berlin- Wilmersdorf gehörigen Ort schaften mit Ausnahme der Stadtgemeinde Wilmersdorf heute den letzten Tag aus. Wer bisher der Pflicht, Einsicht in die Liste zu nehmen, nicht nachgekommen, der überzeuge sich heute noch, ob sein Name auch in der Liste Vermerkt ist. Auch für Niederbarnim erfolgt in diesen Tagen die Auslegung der Listen. In der Donnerstag- und Freitag nummer haben wir bereits Von einer Anzahl Orte den Aus legungstermin bekannt gegeben. Wir tragen heute noch die jenigen Orte der Kreise nach, die in dem Tableau noch nicht enthalten waren. Tie Auslegung erfolgt für: Nlt-La»dsberg und Alt-Landsbcrg-Süd. Nurnoch heute im Rathaus am Markt. Biesdorf. Im Gemeindcbureau, Dorfstr. 67: Soimtag, den K. April, Von 11 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags■, Montag, den 7. April, von 9 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags; Dienstag, den 8. April, von 9 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags. Buch. Heute der letzte Tag im Gemeindeburcau in Buch. Erkner. Am 6., 7. und 8. April im Gemeindebureau. KriedrichSfelde�KarlShorst. Am Sonnabend, den 5., und Montag, den 7. April, von 8 bis 3 Uhr, am Sonntag, den 6. April, von 8 bis 1 Uhr im Amtsburcau, Wilhelmstr. 20», und im Dienstgcbäude, Dönhoffstratze. Am Sonntag können die Abschristen auch in den Zahlstellen eingesehen werden. Glienicke an der Nordbabn. Am 5., 6. und 7. April während der Dienststunden; Sonntag, den 8. April, von 9 bis 12 Uhr, im Gemeinde bureau. Lübars-Waidmannslust. Am 6., 7. und 8. April in der Zeit von 9—12 Uhr vormittags und 3—6 Uhr nachmittags im Gemeindcbureau, Kurhausstr. 11-13. Cbcr-Schöncwcidc. Die Wschristen der UrWählerlisten zur Landtags Wahl ivcrden vom Wahlverein im Lokal von Warneke, Wilhelniinenhofstr. 18, ausgelegt. Einzusehen am Sonntag, den 6. Slpril, von 8 bis 1 Uhr, am 7. und 8. April von 9—11 und von 6—7 Uhr. Sictershage». Vom 6. bis 7. April im Gemeindcbureau. Schöueiche(Nicderbarnim). Am 5., 7. und 8. April im Gemeindcbureau während der Dienststunden. Zur Einsichtnahme hat sich Genosse Rühl bereit erklärt. Spandau. Am 6.. 7. und 8. April im Ratbause, Potsdamer Straße, Zimmer 29, im Obergeschoß, in der Zeit von 8— 1 Uhr vormittags und 3—6 Uhr nachmittags Für den Stadtteil Nonnen dämm und H a s e I h o r st liegen die Listen im Anitsbureau am 6. April von 8— 1 Uhr vormittags und am 7. und 8. April von 8 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags aus. Diejenigen Wähler, die in Ermangelung von Zeit an der Einsicht in die Liste verhindert sind, wollen unter Beibringung ausreichender Legitimation einen bekannten Genossen mit der Einsichtnahme betrauen oder aber sich an den durch rote Plakate kenntlichen Stellen einzeichnen. Partei-)Znge!egenkeiten. Adlershof. Die nächste Bibliotheksstunde findet wegen Reno dierung des Jugendheims am Montag, den 1s. April, abends 7'/,— g Uhr statt. Die regelmäßige Ausgabe der Kinder« und Jugendbibliothek beginnt Sonntag, den 13. April, vormittags von B/,-11 Uhr. Grünau. Die hiesige Arbeiterschaft wird ersucht, sich morgen zahlreich an der Versammlung in Bohnsdorf, Villa 5lahl. zu be« teiligen. Treffpunkt beim Genossen O. Herzog, Friedrichstratze 2, um 12V4 Uhr. Zehlcndorf. Heute abend 9 Uhr bei Wilh. Mieck, Karlstr. 12: Oeffentliche Versammlung für Männer und Frauen. Referent: Genosse Witt-Wannsee über: Neue Hcereslasten— wo bleiben die Volksrechte. Diskussion. Genossen, sorgt für zahlreichen Besuch. Echönwalde-Schönerlindc, Bezirk Pankow. Morgen Sonntag, den 6. April, nachmittags 4 llhr: Oeffentliche Versammlung bei Schulz in Schvnwalde. Vortrag des Landtagskandidaten Genossen Braun. Die Pankower-Parteigenofsen treffen sich an der Nordbahn, Wollankstraße, mittags 12.30 Uhr, zur gemeinsamen Fahrt. Mahlsdorf lOstbahn). Am Sonntag, den 6. April, früh T1/» Uhr, Flugblattverbreitung von den bekannten Stellen aus. Fichtenau, Klein-Schönebeck, Schöneiche, Rahnsdorf, Wilhelms Hage«!. Die Parteigenossen und Genossinnen beteiligen sich am Sonntag an der Protestversammlung in Friedrichshagen. Abfahrt 12.27 Uhr vom Bahnhos Rahnsdorf. Pctcrshagcu. Am Sonntag, den 6. April findet für den Bezirk eine Flugblattverbreitung statt. Die Genossen werden ersucht, sich das Material heute in Fredersdorf beim Genossen Grosse, Wald« straffe und in PeterShagen beim Genoffen Claff, Bruchmühler- straffe abholen zu Mollen. Spandau. Sonntag früh findet von den Bezirkslokalen aus eine wichtige Flugblattverbreitung statt. Tchenkendorf bei König?« Wusterhausen. Am Sonntag, den 6. April, pünktlich 12 Uhr: Abmarsch von Otto Paetsch nach Königs- Wusterhausen, Altes Schützcnhaus, zur Volksversammlung. Keiner darf fehlen. Röntgental, Zepernick, Buch. Sonntag, den S. April, vormittags VjS Uhr, Flugblattverbreitung. Material ist vom Genossen Theodor Buchholz, Kaiser-Friedrich-Str. 49, abzuholen. LerUner I�ackricbten. An unsere Leser! Vom nächsten Montag ab tvird der„Vorwärts" auch Montags früh erscheinen. Aus diesem Anlast richten tvir au unsere Leser und Parteigenossen die Bitte, uns von Vorfällen, die für weitere Kreise Interesse haben, sofort Nachricht geben zu wollen. Tie Redaktion ist am Sonntag von nachmittags 5 Uhr ab geöffnet 1 zu telephonischen Mitteilungen ist die Fernsprechnummer: Amt Moritzplatz 1983 zu benutzen. Berlin und Treptow. Die verstärkte Gemeindekommission des Dreiklassenhauses beschlost, eine Petition des Magistrats Neukölln gegen die Eingemeindung von Treptow nach Berlin zur Berücksichtigung zu überweisen, um Neukölln darüber zu„beruhigen", dast diese Eingemeindung nicht kommen werde. Ein Antrag Cassel auf Ueberweisung als Material wurde abgelehnt, obgleich Herr Cassel darauf hingewiesen hatte, dast Treptow und Berlin in dem Wunsch nach ihrer Vereinigung einig seien und die Bebauung der gegen Treptow zu gelegenen Neu- köllner Terrains nur fortschreiten würde, wenn durch die Eingemeindung von Treptow nach Berlin Treptow neue und bessere Verkehrsbedingungen erhalte. Die Feindlichkeit gegen Berlin siegt im DrciÜassenhaus eben immer. j Der Sommerfahrplan der Berliner Stadt- und Vorortbahnen wird, wie schon kurz gemeldet, den von Jahr zu Jahr steigenden Ausflugsverlehr nach Johannisthal und Grünau besonders berücksichtigen. Es sollen daher fünf neue Zugpaare an den Werk- tagen verkehren und zwar ab Charlottenburg 11,48 vormittags, ab Schlesischen Bahnhof 19.09, 10.39, 11.09 abends nach Nieder-Schöne- weide-Johannisthal. in umgekehrter Richtung ab Johannisthal 2.27 nachmittags nach Charlottenburg, 3.31 und 4.46 nachmittags nach Grünau, 9.27, 10.27 und 12,10 abends nach Schlesischen Bahnhof. Drei der neuen Zugpaare verkehren nur in den Monaten Juni, Juli und August. Auch auf der Görlitzer Vorortstrecke werden fünf neue Zugpaare nach und von Grünau zur Beförderung gelangen, nämlich ab Görlitzer Bahnhof 6.20 vormittags, 2.10 nachmittags, 8.02, 9.20 und 10.10 abends, ab Grünau 7,33 vormittags, 3.03 nachmittags, 7.18, 9,23 und 10.23 abends. Auf der Wannseebahn werden Werktags neue Züge der« kehren: ab Zehlendorf-Mitte. 12,14 nachts(bis Wannsee), ab Wannsee 12,27 nachts(bis Zehlendorf-Mitte), ab Berlin 3,32 früh(Bis Steglitz) und ab Steglitz 3,42 früh(bis Berlin), ab Wannsee 12.48 abends(bis Potsdam) und ab Potsdain 12.20 nachts(bis Wannsee). Auf der Potsdamer Vorortstrecke soll ein neues Zugpaar zwischen Wildpark und Werder eingelegt werden: ab Wildpark 3.29 nach- mittags, ab Werder 3.28 nachmittags. Der Stadtverordnete Bracke ist im Alter von 81 Jahren ge- storben.-Bracke war der Aelteste in der Berliner Stadtverordneten- Versammlung und vertrat den 3. Gemeindewahlbezirk in der zweiten Abteilung. Der Deutsche Portierverband, der in der Augsburger Straffe 4 seine Geschäftsstelle hat, wird von seinen Leitern gern als eine Organisation hingestellt, die im Sinne der freien Gewerkschaften geleitet werde. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß diese Behauptung mit den Tatsachen nicht recht in Einklang zu bringen ist. Einen besonderen Beweis, wie sehr die Vereinsleitung im bürgerlichen Fahrwasser segelt, ist ein Propaganda schreiben, das zum Abonnement auf die„Berliner Volks-Zeitung" auffordert. Weil die„Volks-Zeitung" eine Schilderung über die Lage der Portiers gebracht hatte, sandte der Leiter des Portier Verbandes, ein Herr Karl Hampel, an die„Volks-Zeitung" folgendes Schreiben: Berlin, 20. März 1913. An die Vertricbsabteilung der„Berliner Volks-Zeitung" Berlin 81V 19. Zu der von Ihnen beabsichtigten Einladung an unsere Mit glieder, auf Ihre„Berliner Volks-Zeitung" zu abonnieren, können «vir Ihnen nilr den allerbesten Erfolg wünschen. Wenngleich Ihr Blatt bereits von einer großen Anzahl unserer Mitglieder gelesen wird, so war es, wie wir feststellen konnten, doch noch einer An- zahl von Mitgliedern unbelannt, in welch tatkräftiger Weise Sie die Bestrebungen unseres Verbandes den gegnerischen Organi- sationen gegenüber vertreten. Wir sind aus diesem letzteren Grunde überzeugt, daß diejenigen Mitglieder unseres Verbandes, welche bisher noch nicht Abonnenten Ihres Blattes sind, die Notwendigkeit einsehen werden, sich auf Ihr Blatt zu abonnieren. Hochachtungsvoll Deutscher Portierderband Geschäftsstelle: AugSburger Straße 4. Carl Hampel. Dieses Schreiben lvurde vervielfältigt und ging mit dem„Volks- Zeitungs"-Artikel den Mitgliedern deS PortierverbandeS zu. Mitglieder des PortierverbandeS geben in Schreiben an uns ihr Er- staunen über dies Verfahren des Herrn Hampel kund, der hier Ann in Arm mit der Geschäftsleitung der„Volks-Zeitung" auf die Mit- glieder des Vereins einzuwirken versucht zum Abonnement auf ein Blatt, das gerade in den letzten Wochen klar und deutlich gezeigt hat, daß es Arbeiterintereffen nur noch im Interesse der Arbeitgeber und der Scharfmacher vertreten kann. Als Wahlkomtnisiare für die Landtagswahlen in Berlin sind für die zwölf Landtagswahl- bezirle folgende Personen bestimmt: Stadtrat Kalisch, Stadtrat Jacoby, Stadtrat Doflei», Magistratsrat Dr. Buls, Magistratsrat Dr. Meyer, Magistratsrat Dr. Simonsohn, Stadtrat Mielenz, Ma« gistralsrat Dr. Brühl, Magistratsrat Goose, Magistratsrat Liebrecht, Magistratsrat Dr. Prerauer, Stadtrat Buchow. Ter gehobene Silberschatz. Einen Silberschatz gruben Arbeiter gestern im Friedrichshain aus. Ms sie aus dein sogenannten Lindenberg in der Nähe des Krankenhauses Pflanzlöcher aushoben, stießen sie dicht unter der Erdoberfläche aus harte Sache», die einzeln in braunes Papier und weißen Leinenlappen schlecht verpackt waren. Zu ihrer lleberraschung entdeckten sie in den losen Hüllen allerhand Silberzeug, das zum Teil noch unbeschädigt, zum Teil aber zerbrochen war: einen großen Suppenlöffel, einen Bowlenlöffel, mehrere Gabeln, Teelöffel und Fischmesser. Diese Sachen sind alle H, A. I. gezeichnet und stammen ohne Zweifel aus einem größeren Silberkasten, den Einbrecher irgend Ivo gestohlen haben. Des verräterischen Zeichens wegen haben die Verbrecher diesen Teil der Beute wohl vorläufig verscharrt, weil ihnen augenblicklich keine Schmelze zur Verfügung stand. Einen Anhalt zur Ennittelung der Einbrecher geben die Papier- und Leinen hüllen nicht. Zur Ermittelung des Eigentümers der Sachen sind diese im Zimmer 23», des Polizeipräsidiums ausgestellt. Staatsanwalt und Zyahrgeldpreller. Die Droschkenführer haben nicht nur unter scharfer polizeilicher Kontrolle zu leiden, sondern sie müssen auch oft noch die Erfahrung machen, daß sie um das Fahrgeld betrogen werden. In welcher Weise die.Droschkenführer in solchen Fällen behördlich geschützt werden, geht aus einem Falle hervor, den der„Courier" wie folgt schildert: Jin Juli 19l2 wurde der Kollege F. mit einer von ihm ge führten Krastdroschle von zwei jungen Leuten zu einer Fahrt von der Hardeubergstraße nach den« Halleschen Tor engagiert. Am Pots- damer Platz ließen die Fahrgäste den Chauffeur halten, stiegen aus und ergriften sofort die Flucht. Dem Kollegen F. war es nicht möglich, sie sofort festzustellen. Durch Zufall erfuhr F., daß die Fahrgcidpreller in der Hardenbergstraffe in einem Restaurant eine Türscheibe zerschlagen und dort ebenfalls die Flucht ergriffen hatten. Da der Kollege F. auch die Adresse der Betrüger erfahren hatte, stellte derselbe Strafantrag bei der Staats- anwaitichaft. Diese machte sich aber nicht viel Kopfschmerzen, er- llärle vielmehr durch folgendes Schreiben, daß dem Verfahren kein Fortgang gegeben werden könnte, da ein Beschuldigter nicht ermittelt werden kann. „Auf die Anzeige vom 24. Juli 1912 gegen die Kellner Gembicki und Baron wegen Betruges. Dem Verfahren kann kein Fortgang gegeben werden, da der Aufenthalt des Beschuldigten Baron nicht ermittelt ist. Die zur Ermittelung erforderlichen Maffnabmen find von mir getroffen, Falls Sic Kenntnis von seinem Aufenthalt erhalten, ersuche ich um Nachricht zu den Akten 7 Nr. 1732. 12, Ein Einschreiten gegen Gembicki allein verspricht keinen Erfolg, da seine Angabe, von Baron zu der Fahrt eingeladen worden zu sein, ohne diesen nicht zu widerlegen ist. Im Auftrage: Korth." Als dem Staatsanwalt die Adresse übermittelt war, erfolgte folgende Antwort: „Auf die Anzeige vom 24. Juli 1912 gegen den Hausdiener Baron und den Kellner Gembicki wegen Betruges vermag ich nicht einzuschreiten. Jeder der Beschuldigten behauptet, er habe angenommen, daß er von dem andern zur Fahrt eingeladen sei, und datz dieser den t ahrpreis zu zahlen iinsiande sei und ihn auch zahlen werde. üese Angaben waren nicht zu widerlegen, da mangels Zeugen nicht festgestellt werden kann, welche Vereinbarungen vor Antritt der Fahrt zwischen den Beschuldigten getroffen worden sind. Bei dieser Sachlage ist keinem der Beschuldigten der zur Erhebung der Anklage erforderliche Betrugsvorsatz nachzuweisen. Ich habe daher das Verfahren eingestellt, Im Auftrage: Nunmebr erhob der Kollege F. folgende Beschwerde bei der Ober-Staatsanwaltschaft: „Gegen den ablehnenden Bescheid des Herrn Ersten Amts- anwalts in Sachen Antrag auf Strafverfolgung deS Hausdieners Baron und des Kellners Gembicki, lege ich hiennit das Rechts- mittel der Beschwerde ein, mit der ergebenen Bitte, dem Antrage auf Strafverfolgung der Beschuldigten stattzugeben. » Gründe: Die Beschuldigten hatten sich vor Antritt der Fahrt zweifellos verständigt und war beiden ihre Zahlimgsunfähigkeit bewußt. Daß der eine vom andern zur Fahrt eingeladen sein will und jeder angeblich glaubte, der andere habe Geld und würde bezahlen, ent- behrt jeder Wahrscheinlichkeit und ist als äußerst fadenscheinige Ausrede anzusehen. Vielmehr geht die Betrugsabsicht unzweifel- Haft daraus hervor, daß die Beschuldigten am Potsdamer Platz halten ließen und sofort nach dem Aussteigen die Flucht er- griffen. Es liegt demnach vollendeter Betrug im Sinne des Strafgesetzbuchs vor, der eine Strafverfolgung und Bestrafung der Be- schuldigten rechtfertigt." Hier die Antwort auf die Beschwerde: „Der Beschwerde vom 7. Januar 1913 über die Einstellung des Verfahrens gegen den Hausdiener Baron und den Kellner Gembicki wegen Betrugs vcrinag ich nicht stattzugeben. Nach den Ermitte- lungen hat der Beschuldigte Baron, nicht Gembicki Sie zur Fahrt angenommen, um möglichst schnell davonzukommen, weil er be- fürchtete, wegen der Zertrümmerung einer Ladentürscheibe Schläge zu bekommen, Es ist möglich, datz er in dem Bestreben, sich der drohenden Mißhandlung zu entziehen, sich seines Zahlungsunver- mögen? nicht bewußt gewesen ist. Es fehlt daher der Nachweis des betrügerischen Vorsatzes bei Antritt der Fahrt, der auch da- durch nicht erbracht ist, daß die Beschuldigten nach dem Aussteigen auf dem Potsdamer Platz die Flucht ergriffen haben. Im Auftrage: (Name unleserlich.). Mit Recht bemerkt der„Courier" hierzu:„Ein Kommentar erübrigt sich' eigentlich. Der Kraftdroschkenführer ist also vogelfrei, kann sich von jedem Strolch betrügen lassen; umgekehrt wird der Chauffeur bei der geringsten Uebertretung, die oft nicht zu vermeiden ist, zu hohen Strafen verurteilt." Mehrung der Mischehen. Die Mischehen haben in Berlin im letzten Jahr weiter zugenommen. In 1912 wurden hier überhaupt 22 992 Ehen geschlossen; darunter waren 4390 Mischehen, während in 1911 bei 22 672 Eheschließungen nur 4239 Mischehen gezählt wurden. Der Anteil der Mischehen an der Gesamtzahl der Eheschließungen hatte für das Jahr 1911 sich auf 18,70 Proz. gestellt, für das Jahr 1912 aber stieg er auf 1 9,1 0 P r 0 z.- Eine lange Reihe von Jahren hindurch war in Berlin der Mischehenanteil ziemlich unverändert geblieben. Er lag in dem Jahrzehnt von 1892 bis 1904 meist zwischen 12 bis 16 Proz., der- einzclt auch mal ein wenig über 16 Proz. Dann aber begann eine A u f w ä r t s b c w e g n n g, die bisher ununterbrochen fortgedauert hat. In den acht Jahren 1902 bis 1912 war der Anteil der Mischehen an der Gesamtzahl der Eheschließungen des Jahres: 16,02 Proz., 16,76 Proz., 17,14 Proz., 17,12 Proz., 18,18 Proz., 18,52 Proz., 18,70 Proz., 19,10 Proz. Die Anteilziffer für 1912 stand, wie man sieht, bereits um annähernd ein Fünftel höher als die für 1902.- Da begreift man'S, warum d i e„Verkünder des Gotteswortes" immer lauter über die„Misch- chengefahr" jammern. Ihre Klage gilt weniger den eine Mischehe schließenden Paaren, als dem aus den Mischehen zu er- wartenden Nachwuchs, lind hierbei ist die Hauptsorge der beteiligten Konfessionen längst nicht mehr die, daß ein Teil des Nachwuchses aus Mischehen an eine andere Konfession geraten könnte. Viel be- denklicher erscheint ihnen d i c Gefahr, daß oft die au? Mischehen hervorgehenden Kinder von ihren Eltern überhaupt keiner Konfession mehr zugewiesen werden. Von Interesse ist es, zu sehen, wie ungleich der Misch- ehenanteilbeidcnvcrschiedenenKonfessionen ist. In Berlin waren im Jahre 1912 von den 22 992 heiratenden Männern 18 466 evangelisch, 3222 katholisch, 713 jüdisch, 242 diffi- dentisch(und 19 ohne Religionsangabe); von den 22 992 heiraten- den Frauen 19 188 evangelisch, 3095 katholisch, 612 jüdisch, 94 dissi- dentisch(und 6 ohne Religionsangabe). Von den 22 992 geschlossc- neu Ehen waren aber nur 16 702 evangelisch, 1346 katholisch, 498 jüdisch, 23 dissidentisch(und 3 ohne Angabe der Religion für beide Ehehälften), so daß 4390 Mischehen sich ergeben. Es heirateten von den 18 466 evangelischen Männern 16 702 eine evangelische Frau, von den 19188 evangelischen Frauen 16 705 einen evangelischen Mann, mithin schloffen eine Mischehe von den evangelischch« Männern nur 0,54 Proz., von den evangelischen Frauen 12,94 Proz. Innerhalb ihrer Konfession heirateten von den 3222 katholischen Männer» nur 1346, von den 3095 katholischen Frauen nur 1346; das ergibt für die Mischehen die beträchtlichen Anteilzisfern von 28,61 Proz. bei den katholischen Männern und 26,21 Proz. bei den katholischen Frauen. Bei den Juden heirateten 498 der 713 Männer und 498 der 612 Frauen innerhalb ihrer Konfession, fo daß der Mischehcnantcil sich hier für die Männer auf 30,15 Proz., für die Frauen auf nur 18,63 Proz� stellt. Auch bei Dissidenten kann man von Mischehen reden, dann nämlich, wenn die eine Ehehälfte nicht gleichfalls dissidentisch ist. Unter den Heiratenden waren 242 dissidentische Männer und leider nur 94 dissidentische Frauen; unter den Eheschließungen aber waren nur 23 zwischen dissidentischen Paaren. Eine Mischehe schloffen hier von den Männern die allermeisten, nämlich 90,28 Proz., von den Frauen nur 43,62 Proz. Die Höhe des Mischchenantcils wird gewiß auch dadurch mit- bedingt, wie reichlich oder� spärlich für die Heiratenden sich die Gelegenheit bietet, innerhalb der eigenen Konfession ihre Wahl zu treffen.- Zum Teil hieraus erklärt es sich, daß bei den Katholiken, die in Berlin nur eine Minderheit der Bevölkerung sind, die Anteilziffer der Mischehen so sehr viel höher als bei den Evangelischen ist. Daß von den heiratenden disstdentischen Männern volle neun Zehntel eine nichtdissidentische Frau wählten, dürfte gleichfalls zum Teil so zu erklären sein. Mischehen führen selten dazu, daß eine der beteiligten Kow fessionen durch nachträglichen Uebertritt der einen Ehehälfte einen Zuwachs erhält. Viel öfter kommt es vor, daß infolge nachträglichen Austritts beider Ehehälften keine der beiden Konfefsio nen profitiert. Dies und mehr noch der Umstand, daß in den konfessionslos gewordenen Ehen meist auch der Nachwuchs kon fessionslos bleibt, macht die Mischehen den Geistlichen aller Kon fessionen verhaßt. Die..Verkünder des Gotteswortes" fühlen auch. daß die Zunahme der Mischehen dieselbe Wurzel hat wie die Mehrung der Austritte auS der evangelischen und der katholischen Kirche und dem Judentum. Beide Erscheinungen zeigen, daß auch auf diesem dunklen Gebiet allmählich das Licht der Aufklärung sich verbreitet. DaS Gerücht von einem Morde am Spandaucr Schiffahrtskanal war am Donnerstag in Berlin verbreitet. Das Gerücht hat sich jedoch nicht bestätigt. Nach den behördlichen Ermittelungen handelt eS sich um den Selbstmord eines jungen Mädchens. Eine Verhaftung wegen Mordverdachtes ist überhaupt nicht erfolgt. Ueber den Vor» fall, der zu dem Mordgerücht Veranlasiung gegeben hat, erfahren wir folgendes: In der Nacht zum Donnerstag wurden mehrere Schiffer, die mit ihren Zillen im Spandauer Schiffahrtskanal vor Anker liegen, gegen 1lil Uhr durch gellende Hilferufe aus dem Schlafe geweckt. Die Männer eilten zur Uw fallstelle und sahen, daß eine Frauensperson mit den Wellen rang. Leider waren die sofort unternommenen Rettungs- versuche vergeblich. Die Verunglückte wurde durch die Strömung abgetrieben und versank vor den Augen der Männer. Inzwischen waren auf die Hilferufe der Ertrunkenen auch zwei Polizeibeamte erschienen, denen ein Mann auffiel, der sich an den Rettungs arbeiten eifrig beteiligt hatte und anscheinend im Wasser gewesen war, denn seine Kleidung war durchnäßt. Der Mann gab auf Befragen der Beamten an, daß er der Kutscher Max Krüger auS der Neuen Hochstraße in Berlin und die Ertrunkene die 2t Jahre alte Helene Liebig aus der Warnemünder Straße 13 in Schmargen- dorf sei, die Selbstmord verübt habe. Er habe sie vergeblich zurückge- halten. Krüger wurde zunächst zur Polizeiwache gebracht, und hier ein» gehend vernommen, doch ergaben die sofort energisch aufgenommenen Nachforschungen bald mit Sicherheit, daß von� einem Verbrechen keine Rede sein konnte, daß vielmehr ein Selbstmord vorlag. Wie er» mittelt wurde, hatte die Liebig sich schon vor mehreren Tagen aus der elterlichen Wohnung entfernt. Als das Mädchen in der frag- lichen Nacht mit dem Kutscher Krüger zusammen war, äußerte es tiefe Reue über ihre Handlungsweise, erklärte aber, daß sie nicht nach Hause zurückwolle und sich deshalb das Leben nehmen werde. Als die Beiden in die Nähe der Seestraßenbrücke kamen, lief die L. plötzlich rasch voraus, überstieg das Geländer des Kanals und stürzte sich in das Wasser. Ihr Begleiter versuchte sie vergeblich zurückzuhalten und sprang schließlich ebenfalls in das Wasser, um die Lebensmüde zu retten, was ihm jedoch nzcht gelang, da das Mädchen sich heftig wehrte. Da die Angaben deS Krüger durch die Aussagen von Zeugen und das Ergebnis der polizeilichen Ermittelungen unterstützt wurden, wurde der Kutscher nach seiner Vernehmung sofort entlassen. Bisher ist eS nicht gelungen, die Leiche der Ertrunkenen zu landen. Zur Hutnadcl-Verordnung soll, wie gemeldet wird, bei den Auf- sichtsbehörden in Anregung gebracht worden sein, auch den an den Hinterkrempen der Damenhüte im Uebermaße aufgetürmten Hut- schmuck~ Straußen-, Reiherfedern usw. in das Verbot auszu- nehmen. Zur Begründung wird ausgeführt, daß es in Eisenbahn- und Straßenbahnwagen höchst lästig und auch gefährlich sei, neben oder hinter einer Dame mit schräg emporstehendem Hutschmuck zu stehen bezw. zu sitzen. Namentlich sind eS Vogelfedern, welche den Augen der Nachbarn gefährlich werden können, zumal derartiger Putz vor dem Gebrauche vielfach einem chemischen Verfahren unterzogen bezw. mit giftigen Farben behandelt wird. Aber auch das bloße Kitzeln des Gesichts mit der Feder kann sehr lästig wirken. Auch die schräg emporstehenden Bandgarnituren(im Volksmund.Stietze" ge- nannl) seien nicht ungefährlich, da ihr Drahtgerippe, wie der Berliner zu sageir Pflegt,»leicht im Auge gehen kann". Tatsächlich soll sich auch schon ein solches Drahtende im Auge eines Herrn festgehakt haben. Die Damen werden daher ihren Hutschmuck dem allgemeinen Gesetze vom Luftraum anpassen müssen: von nebeneinanderstehenden Menschen kann jeder nur den Raum über seinem Ouerprofil bean- spruchen— darüber hinausragende Pertinenzen verletzen das Nach- barrecht..._ Klingelfahrer bei einem Reichstagsabgeordneten. Reiche Beute machten Klingelfahrer, die einen Reichstags- abgeordneten in der Bamberger Straße heimsuchten. Der Ab- geordnete fuhr Ende vorigen Monats auf acht Tage auf sein Gut in Ostpreußen. Seine Gattin besuchte unterdessen ihre Schwester. DaS Dienstmädchen erhielt die Erlaubnis, auf einen Tag zu einer Verwandten zu fahren. Als es am nächsten Tage zurückkehrte, ent- deckte es, daß Einbrecher in die ohne Aufsicht gelassene Wohnung eingedrungen waren und mehrte Behältnisse erbrochen hatten. Die Flurtür stand noch auf. Die von denr Pförtner des Hauses be- nachrichtigte Polizei nahm den Befund auf, und der Abgeordnete stellte bei seiner Rückkehr fest, daß die Verbrecher für 6000 M. Silber- und Goldzeug und einige Kleidungsstücke gestohlen hatten. Nach den Er- mittelungeil' sind die Täter ohne Zweifel Klingelfahrer, die das HauS aufsuchten, während ein anderer Mieter umzog, zwei Männer, � die der Pförtner längere Zeit vor der Haustür stehen sah, von denen er aber irrtümlich annahm, daß sie zu den Ziehleuten gehören. Zu den gestohlenen Sachen gehören u. a. eine große silberne Braten- schüssel, eine große Gemüseschüssel, eine Kaffeetablett, große und kleine Gabeln, Konfitürenteller, Eß» und Teelöffel, Austern- und Kindergabeln, Mokkalöffel aus alten Goldmünzen, Gemüse-, Dessert-, Kompott-, Torten- und Bratenlöffel u. dergl. m. Dazu kommen eine goldene Uhr mit zwei Kapseln, einer langen Kette, eine silberne Uhrkette, ein silbernes Gehänge, dessen fünf Ketten durch zwei alte Taler gehalten werden, ein Perlenschmuck,«in ziseliertes Glieder- armband alter Arbeit, Halsketten und Ohrringe mit Brillanten und Edelsteinen, verschiedene Orden u. a. m. Eine �ahnhofsdiebin, die eS auf die Taschen und das Gepäck der reisenden Frauen abgesehen hatte, wurde gestern auf ftischer Tat ertappt und festgenommen. Einem Kriminalbeamten fiel es uuf, daß die Frauensperson von einem Bahnhof zum anderen fuhr und sich überall unter den Fahrgästen zu schaffen machte. Er folgte ihr und beobachtete endlich, wie sie im Wartesaal deS Bahnhofs Friedrichstraße sich an eine Frau heranmachte, die vor ihren Augen ihr Portemonnaie in die Außenlasche ihres Reisekoffers gesteckt hatte. Die Verdächtige knüpfte mit dieser Reisenden, die mit ihrer 13jShrigen Tochter aus den nächsten Zug wartete, ein Gespräch an. setzte sich mit an den Tisch und erregte durch ihre Unterhaltung beider Aufmerksamkeit so sehr, daß sie auf den Koffer, der zwischen der Reisenden und der Fremden stand, gar nicht mehr achteten. Ohne daß die Eigentümerin oder ihre Tochter etwas merkten, holte die Diebin das Portemonnaie mit dem Reisegeld aus der Koffertasche heraus und steckte eS ein. In diesem Augenblick nahm sie der Kriminalbeamte fest. Auf dem Polizeipräsidium entpuppte sich die Verhaftete als ein 20 Jahre altes Dienstmädchen Auguste Locka, das sich schon längere Zeit ohne Beschäsligung in Berlin aufhielt. Auf dem Leibe trug sie noch die Kleidungsstücke einer anderen Reisenden, deren Koffer sie mit dem gestohlenen Gepäckschein von der Aufbewahrungsstelle ab- gehoben hatte. Die Leiter der LountagSversammlunge» werden gebeten, der Redaktion des„Vorwärts" sofort nach Schluß der Ver- sammlung einen gedrängten Bericht über den Verlauf der- selben durch besonderen Boten zukommen zu lassen, damit von demselben noch für das Montagsblatt Gebrauch gemacht werden kann. Arbeiter-BilduugSschule. Wir machen darauf aufmerksam, daß die beiden Sonntagkurse trotz der Versammlungen morgen(Sonntag) ihren Anfang nehmen; nur wird der zweite(Redeübung) entsprechend etwas früher schließen. Wegen der am nächsten Sonntag stattfindenden Mafien. Versammlungen wird die gemeinschaftliche Besichtigung des Museums für Naturkunde, die mit den Teilnehmern des letzten naturwissenschaftlichen Kursus geplant war, auf Sonn- tag, den 13. April, mittags 12 Uhr, verschoben. Achtung, Arbeitereltern! Morgen Sonntag, nachmittags'/zg Uhr, findet in der Brauerei Königstadt, Schönhauser Allee 10/11, eine Feier für dir schulentlaffene Jugend statt. Mitwirkende: Gesangverein Thpographia, Mitglied des Arbeiwr-SängerbundeS; Rezitation: Herr Schauspieler Richard vom Deutschen Theater in Berlin; Ansprache: Herr Rudolf Wiffell. Das Programm ist, der Bedeutung der Feier entsprechend, au«- gewählt und verspricht einige genußreiche Stunden. Der Eintrit ist vollständig frei. Alle Arbeitereltern find mit ihren schulentlafienen Söhnen und Töchtern freundlichst eingeladen. Fußballspiele der Arbeitrr-Turn- und-Sportvereine Groß-Berlius. Am kommenden Sonntag spielen Schöneberg— Rummelsburg nach- mittags Vz5 Uhr in Mariendorf, Bessemerstraße(„Blanke Hölle"). Der holländische Zirkus Carrö— ein Unternehmen großen Stils — hat auf dem„Sportplatz Pflügerstraße" i» Neukölln sein Zelt aufgeschlagen. Die Spiele nehmen heute abend ihren Anfang. )Ziis aller OBelt. JSegenibcrfälle auf weiße frauen. Von Zeit zu Zeit gehen Nachrichten durch die Presse, die von Ueberfällen weißer Frauen durch Farbige berichten. Tatsächlich ist auch die Zahl der Negerüberfälle in erschreckender Weise ge- stiegen. Worin die Ursachen dieser Untaten zu suchen sind, hat eine in Kapstadt tagende allgemeine Missionskon- ferenz zu ergründen gesucht und ist dabei zu folgenden in der Allgemeinen MissionZ-Zeitschrift" niedergelegten Feststellungen ge- kommen: 1. Wie überall in der Welt hat auf geschlechtliche Ex- ; e s s e übermäßiger Alkoholgenuß großen Einfluß, Die Polizei ollle deshalb auf den vielfach geübten Schmuggel mit verbotenem Branntwein ein wachsames Auge haben. Besonders bedauerlich ist es, wenn die Herrschaft dem farbigen Dienstpersonal ein Vorbild der Unmäßigkeit und Ausschweifung gibt. 2. Einen geradezu verderblichen Einfluß auf die Farbigen üben die Bordelle der Weißen und das mit ihnen im Zusammen- hang stehende weiße Dirnentum aus. Die Achtung vor der weißen Frau, die früher fast mit abergläubischerEhrsurcht angesehen wurde, ist dadurch bedenklich gesunken. Die Farbigen erzählen mit Hohn, wie ihnen weiße Frauen für Geld jederzeit zu Gebote stehen. 3. Viele Herrschaften find ihren farbigen Dienstjungen gegen- über von einer unbegreiflichen Sorglosigkeit und Vertraulichkeit, als existiere für sie die böse Lust nicht. Sie lassen sich des Morgens den Kaffee in das Schlafzimmer bringen. Frauen lasten sich sogar von Dien st jungen ankleiden und dergleichen mehr. Sie haben offenbar keine Ahnung, welcher Gefahr fie sich und ihr« Dienstjungen aussetzen. Man müßte sie freundschaftlich, aber dringend warnen. Weiße Dirnen sollten mit ehernen Besen ausgekehrt werden. Sie verschleudern das Prestige des weißen Mannes, auf dem seine ganze Herrscherstellung beruht". Dem vernichtenden Urteile wäre nur noch hinzuzufügen, daß eder, der bei Schaustellungen exotischer Völker die Zuschauer beob- ächtet, bemerken kann, wie ein Teil der Damen der Gesellschaft in der schamlosesten Weise mit den Farbigen kokettiert und sich den Begehrten geradezu an den Hals wirft. Die Dummen werden nicht alle. Auf Kosten derer, die, mit schwachem Hirn begabt, das Un- möglichste gläubig hinnehmen, hat eine am Freitag in Dresden zu vier Jahren Gefängnis verurteilte Kantorsfrau Früh- l i n g aus Hamburg fröhliche Tage verlebt. Die Frau hat in Berlin, Hamburg und anderen Orten insgesamt 636000 Mark er- ch w i n d e l t. Da ihr als geschiedener KantorSftau wohl kein Pfennig geborgt worden wäre, erzählte fie ihren leichtgläubigen Opfern, fie sei eine uneheliche Tochter des Kaisers Friedrich, eine Schwägerin des Fürsten Bismarck und erhalte eine geheime Rente von jährlich 36000 M. Die vermeintliche— wenn auch uneheliche— kaiserliche Abstammung genügte, daß sich der Frau diverse Geldschranltüren weit öffneten. Schließlich wurde sie im Februar 1S12 ihrem überaus luxuriösen Leben in Schandau durch die Verhaftung entrissen. Die Frau mag sich trösten. Sie hat die sichere Hoffnung, nach ihrer Entlassung nicht unterzugehen, denn fie hat die Schwächen ihrer lieben Nächsten kennen gelernt._ Schlagwetterexplosion auf Zeche Schleswig. Wie aus Hörde gemeldet wird, ereignete sich bei der Freitags-Morgenschicht eine Explosion schlagender Wetter. Vier Bergleute der gerade eingefahrenen Schicht wurden lebensgefährlich verletzt, während es den übrigen gelang, sich zu retten. Die Ursache der Katastrophe ist noch nicht festgestellt. Eine Untersuchung ist eingeleitet._ Im Kampf mit Piraten. An die Glanzzeiten der Seeräuberromantik erinnerte ein Bericht, den der am Donnerstag in Hongkong eingetroffene britische Dampfer , T a i o n", der auf dem Hsikiang(Westfluß) verkehrt, erstattete. Er meldet, daß er von Piraten angegrissen worden sei, deren Zahl aus 30—100 geschätzt weide. Die Piraten, die mit Revolvern bewaffnet waren, waren in Hongkong alS Passa- giere an Bord gekommen. Bei der Einfahrt in das Delta des KanionfluffeS erhoben sich die Piraten, töteten den chinesischen Steuermann und hielten so das Schiff auf. Sie fesselten den Kapitän, den ersten Offizier und den Ingenieur. Sie töteten einen und verwundeten vier chinesische Passagiere, plünderten die Kabine einer Missionarin, die Kabinen der Schiffsoffiziere und machten sich in einem Boote mit beträchtlicher Beute, darunter 80 000 Mark bar, davon, nachdem sie die Maschinerie deS Schiffes größtenteils zerstört hatten. � Die Zerstörungswut der Suffragette«. Die Verurteilung ihrer Führerin, der Frau Pankhurst, hat bei vielen der ehrbaren Ladys zu einem Tobsuchtsanfall ge» führt. Um gegen die Verurteilung zu protestieren, hat eine Anzahl Suffragetten im Gemäldemuseum von M a n ch e st e r wie Vandalinnen gehaust. Mit schweren Hämmern bewaffnet, begaben sich die Wut- entbrannten in das Museum, wo fie dreizehn der wert- voll st en Gemälde vollkommen demolierten. Der Polizei gelang es nur, drei der DemolierungSsüchtigen zu verhaften. Den übrigen gelang es, zu entkommen. Aber auch sonst leisten sich die Damen ganz sonderbare Scherze. Wie uns aus L o n d d n telegraphiert wird, werden die Eisenbahn- linien wegen der von Suffragetten auSgestoßenen Drohungen, Attentate zu begehen, überwacht. Trotzdem ist ein Teil des Bahnhofes Oxted(Grafschaft Surrey) durch eine Explosion zerstört worden, und ein anderes Attentat ist bei S t o ck p o r t (Grafschaft Lancaster) vorgekommen, wo in einem Leerzuge eine eiserne Schachtel explodierte und einen Waggon zerstörte- Kleine Notizen. Neues vsu der Rettungscxpcditiou. Aus Spitzbergen wird dem Blatt„Afienposten" gemeldet, daß das Expeditionsschiff Hertha in Green Harbour am Donnerstag nach viertägiger Fahrt durch das Eis angekommen ist. An Bord ist alle« wohl. Man will versuchen, mit der Hertha in den Fjord einzudringen. Falls dies unmöglich sein sollte, wird eine Schlittenexpedition von Green Harbour abgehen. Familiendrama. Als am Donnerstagabend in M i l s p e i. Wesif. die von ihrem Mann getrennt lebende Frau des Arbeiters Fechtet mit ihrem Sohn und ibrem Schwiegersohn in die gemeinsame Wohnung kam, um ihre Sachen herauszuholen, drang Fechtet auf seine Frau ein, tötete den ihm entgegentretenden Schwiegersohn durch einen Stich ins Herz und verletzte seinen eigenen Sohn schwer. Die Frau blieb unverletzt. Der Täter wurde verhaftet. Furchtbare Folgen der Naschhaftigkeit. Zwei Knaben im Alter von 7 und OJahren fanden auf einem Schuttabladeplatz in Frei- bürg i. Br. enie Konservenbüchse, in der sich offenbar mit Ratten- gift vermischter Kakao befand. Nachdem beide von dem Inhalte der Büchse genosieu halten, erkrankten fie alsbald unter VergiftungSerscheinungcn. Ter jüngere Knabe ist noch in der ?t a ch t gestorben, den älteren hoffen die Aerzte am Leben zu erhalten. Streitbare Mönche. In das Kloster in B e k s z a d(Ungarn) sind in der vergangenen Nacht maskierte Räuber ein- gedrungen, wurden aber von den Mönchen und Dienern des Klosters mit R e v o l v e r s ch ü f s e n empfangen, so daß sie schleunigst die Flucht ergreifen mußten. Lriefkaften der Redahtion. XU iutifUfdie eprcADnnbe ttndet L«« d i a ft r a z e 69,»»r>, vier Irevpk» — F»»rftul>l—, wochentägliNi van bis TV, Uhr abends, Sonn abend», von 4% bis 6 Utjr abends statt. Jeder für den Brieftafte» befttmmrea Anfrage ist ein Buchstabe und eine zahl als Merkzeichen beizufügen. Briefttche Autivart >airb nicht erteilt. Anfragen, denen leine AdauncmentSqntttnug detgefügt ist, Verden nicht beantwarlre. Eilige Fragen«rage man in der svrechstunbe bar. E. I. 76. Das ist nicht zulässig; Sie haben jedoch das Recht der Pfändung.— Z. O. 99. D-r§ 1312 B. G.-B. besagt, dah eine Ebc nicht geschlossen werden dars zwischen einem wegen Ehebruch» geschiedenen Ehegatten und demjenigen, mit dem der geschiedene Ebegatte diesen Ehebruch begangen hat, wenn dieser Ehebruch im Urteil als Scheidungsgrund sestgc- stellt ist. Das Besreiungsgesuch ist an da» Landgericht, welche» die Ehe ge- geschieden hat, einzureichen. ES ist zulässig, dag dieses Gesuch durch einen Rechtsanwall entworfen wird. Die Gebübr sür den Entwurs mutz mit dem Anwalt vereinbart werden. Der Sohn behält daS Erbrecht.— Leder- gürtel. Räch Ihrer Darstellung ist die Kündigungnur zu jedem Quartals ersten zulässig und zwar muh fie mindestens 6 Wochen vorher ausgesprochen sein. — St. 73. Ohne Kenntnis deS Wortlauts de» SchristftückS nicht»u bc- antworten.— Köpenick, R. Z. 800. Ja, sofern nichts Entgegenstehende» vereinbart ist.— H. Z. Bei gewerblichen Arbeitern ja.— F. St. R. I. Der Anspruch aus Zahlung des Lohne» und aus Entschädigung sür Kost und Logis sür die Zeit bis zum Eintritt in eine neue Stellung erscheint be- gründet. Die Klage ist nicht beim Gewerbegericht, sondern beim Amts- gericht anzubringen.— R. 116. Die Einbehaltung der Miele ist unzuläsfig. Fordern Sie vom Eigentümer Beseitigung unter Fristsetzung mit der An- drohung. daß Sie nach Ablauf der Frist den Vertrag per sofort lösen werden. Falls Sie Ihre Behauptungen beweisen können, erscheint alsdann eine Klage aus Verttagslösung durchführbar.— P. H. 33. Einverstanden. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 6. April, vormittags 9 Uhr, Pappelallee 15-17, Rixdors,»Jdealpassage", und Tegel, Schliepcr- straße 30: Freireligiöse Vorlesung.— Vormittags 11 Uhr, Kleine Frank. furler Straße 6: Vortrag von Herrn Dr. B. Wille:„Die Zweckmäßig« leiten der Organismen".— Damen und Herren als«äste sehr willkommen. Landsmännschaft Ucckcrmünde-Usedom-Wollin. Sonntag, den 6. April, nachm. 6 Uhr, im Lokal von Rodrigo. Borsigstr. 24: Versammlung. Genossinnen und Genossen, welche aus dem Kreise gebürtig und hier ihren Wohnsitz haben, sind in dieser Versammlung dringend erwünscht. eingegangene Dmchfcbriften. „Der Kampf-. Sozialdemokratische Monatsschrift. Wien. 6. Jahrg. Hest 7. Karl Nenner: Klägliches Flickwerk an Stelle der Steuerreform.— Ziegmund Kunsi(Budapest): WahlrechtSIamps und Massenstreik w Ungarn. — Emil Strauß(Prag): Zur Hundertjahrseier der Befreiungskriege.— Hans Deutsch: Theoretisches aus der Sphäre deS Konsums.— S. Etting c>. (Berlin): Das Gesetz der menschlichen Arbeit.— Heinrich Beer: Der Tarif- abschluß in der Maschineninduslrie.— Ein Staatsbeamter: Der Kamps der Staatsbeamtenschast und sein Ende.—.Hans Eigen: DaS Elsen im Feuer._ Witterung Süberficht vom 4. April 1913. Bettel 1 bedeckt Gedeckt 4 bedeckt 2 heiler 3'heiter wölken! d* 4■> Et» ÄS. «tatwne» Bje _ U B? Haparanda 7631929233 Petersburg 765;92ffi Sctlly SIS erbten Paris 764,920 776(92© 758920 Swolkenl Mebel 4 wolkig 3 wolle»! 2 bedeckt '* t» KucncrpivBnwic tu.»>.. Ziemlich kühl und veränderlich, vorherrschend wolkig«tt genügen Niederschlägen und ziemlich siischen nordöstlichen Winden. � � 0 Berliner Setterbureau. WafserstandS-SIach richte» der Landesanstalt sür Gewässertunde, mitgeteilt vom Beriinei. ÄeUerbureau. Wasserstand M e m et, TUsit P r e g e I, Jnfterburg Weichsel. Thorn Oder, Rattbor , Krassen , Frantiuri Warthe. Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz . Dresden , Barby „ Magdeburg am 3.4. cm 343 55 215 148 154 163 73 25 67 -55 347 206 seit 2. 4. omsi -20 -12 —14 -4 -10 —5 -�1 — 1 — 6 — 5 — 18 —15 Wasserstand Saal«, Grochlltz Havel. Svandau») , Rathenow») Spree. Svremberg') Beeslow Weser. Münden # Minden Rhein, MaximiIianSa i Kaub Köln Neckar. Heilbronn Mai», Hanau Mosel, Trier am 3.4. cm 145 59 104 84 106 188 280 426 235 239 104 ISS 93 seit 2. 4. cm1) +5 —4 -2 0 0 +8 +8 —7 —12 -1 •"—6 + bedeutet Wuchs,— Fall.— Unterpegel. hat sich unser Verkaufs-System Selbstkostenpreis+ 10° L Nutzen die Herzen der Berliner Bevölkerung erobert. Durch diese Verkaufsart machen die Käufer erhebliche Ersparnisse und sind vor jeder Uebervorteilung geschützt. Gemäss ihrer beim Amtsgericht niedergelegten Statuten Ist die Deutsche Bekleidungsgesellschaft m. b. H. an diese Vertriebsart gebunden und macht sich strafbar wenn sie mehr als 10 Prozent auf den Selbstkostenpreis aufschlägt. Vertrieb von Herren- u. Knaben-Garderoben. Deutsdie BeHlelduiwelluiiaft eh 80 TormstniHe 80 Gr.FumkfnrtnStrO. Chausseestrasse ZI Neakölln, Bergstr. 1-8 (Neben kl. Tiergarten.)(Ecke Fruchtstrasse.)(Nahe Invalldenstrasse)(EckePrlnz-Handjery-Str> Todes-Anzeigen Deotseber HetaflartaelterfeM Verwaltungsstelle Berlin. Da» Kollegen zur Nachricht, daß unser Nitgliü, der Silberarbeiter tiermsoa Mayn Neukölln, Pflügerftrahe 76, am 2. April an Lungenentzündung gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 6. Zlpril, nachmittags 2>/, Uhr, von der Leichenhalle deS Gemeinde-Friedhoscs in Neukölln, Mariendorser Weg, aus statt. Ferner starb unser Mtglied, der Bandagist tiaos k�euersSlixer Manteuffelstraße 17, am 2. April. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 6. April, nachmittags 5�/, Uhr, von der Leichen- Halle des Park- Kirchhofes in Äroß-Lichtersclde aus statt. Ferner starb unser Mtglied, der Metallarbester Otto Dittmann am 1. April. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den S. April, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Kirchhofs in Marzahn aus statt. Ferner starb unser Mtglied, der Werkzeugmacher Xrtur kracdt Britzer Str. 35, am 2. April an Lungenlciden. Di- Beerdigung findet am Sonntag, den 6. April, nach- mittag« i1!, Uhr, von der Leidjen- Halle des Simeons-Luka/>Kirch< Hofs in Britz, Germaniapromenade, aus statt. Ehre ihrem Andenken l Rege Beteiligung erwartet 115/16 Die Ortsverwaltung. SozialdemokratiseberVablTereiii Den Genosfinnen und Genossen die traurige Nachricht, daß unsere Genossin, Fräuletn Marie Schiefke Baumschulenweg, Wohlgemuthstr., verstorben ist. Ehre ihrem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonntag, 6. Zlpril, nachmittags i Uhr, von der Leichenhalle des neuen Friedhofes in der Ktefholz- straße aus statt.(Bahnstatton Baumschulenweg.) Um rege Beteiligung ersucht Ter Vorstand. Deutecbef Transportarbeiter-Vertanil. Bezirksverwaltung GroB-Berlln. Den Mitglied eru zur Nachricht, daß unser Kollege, der Arbeiter IBrnü Reinicke am 2. April im Alter vott 33 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 5. April, nach« 63/14 Die Bezirksverwaltung. Für die zahlreichen Leweise herz. licher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unleres guten Vaters Hermann Haunschiidt sagen wir allen Freunden und Be» kannten, sowie Herrn Conrad, dem Borstand und den Kollegen der OrtS- krantenkaffe der Buchbinder, dem Sozialdemokrat. Wahlverein Baum- schulenweg, dem Gesangverein Ober- spree und dem Verband der Bureau- angestellten unsern innigsten Dank. lodanna Haunsohildt nebst.Kindern Arbelter- �adlabrep-Büntl „Solidarität", Ortsgruppe Reinickeodorf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Bundesgenosse Lmil Reinicke am Mittwoch verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 5. April, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Halle des Nazaretb- Krchhoses, Kögel- straße, au» statt. Um rege Beteiligung bittet 10/17 Der Gruppenleiter. Dr.Simmel . Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, ÄJTtz 10—2. 5—7. Sonntags 10—12. 2—4 JfAHM erprobi 6. ZobabeQiDdenelbiUsdiätt. auch werd. Bezugequell. nachgew. 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Herr Dr. Bensch schreibt: ..Ein Änabe von 7 und ein Mädchen von 4 Jahren, er hochrot vor Aufregung, sie bleich wie der Tod, riefen mich gestern aus der Sprechstunde zur Mutter, Frau G., die sich ausgehängt habe. Die Kleine hat die Tat mit angesehen und durch ihr Geschrei die Nachbarn herbeigerufen, und so fand ich die Frau durch die Hilfe der Nachbarn noch im letzten Augenblicke gerettet. Aber sie hatte sich aufgehängt, weil sie das Leben mit dem versoffenen Mann nichr länger ertragen konnte. E r dauernd arbeitslos und der Trunksucht seit Jahren ergeben, hatte sie sich und ihren fünf un- erwachsenen Kindern durch eine» Produktenhandel in einem Keller eine Existenz geschaffen. Aber so oft sie ihn auch von sich gewiesen, er war immer wieder gekommen, sein Recht als Mann und ihr mühsam erworbenes Geld zu verlangen. So auch gestern wieder unter Toben und Bedrohen, bis die Nachbarn ihr zu Hilfe kamen und ihn mit Gewalt aus der Wohnung entfernten, die zum Schutz der Mutter auf den Namen der bereits verheirateten ältesten Tochier gemietet war. Aber ihre moralische Kraft war nun auch zu Ende, denn wie oft sie auch schon den Schutz der Polizei an- gerufen, die Vertreter des Gesetzes sind, wie jeder Arzt leider auS Erfahrung weiß, so lange machtlos, bis der Trinker seine Drohun- gen ausgeführt hat, zur Tat geschritten und dadurch„ge- meingefährlich" geworden ist. Und wie wüst et auch die Tausende solcher Trinkerexistenzen i» Grotz-Berlin mit Beschimpfung, Bedrohung, Erniedrigung, Mißhandlung und Zerstörungs- Wut treiben mögen, es gab bisher keine Hilfe für solche Unglück- skltge Frau. TaS ist in den letzten Jahren anders geworden, und jeder Menschenfreund, der diese Zeilen liest, sollte es sich zur Pflicht machen, sie weiterzugeben und sich die Adresse der gütigen Wohltäterin gut zu merken. Es handelt sich aber um das..Zentralkomitee der Berliner Auskunst- und Fürsorge stelle n", das unter der Leitung des Verwaltungsdirektors der Charite, Herrn Geh. Reg.-Rat Pütter, neben der Fürsorge für die Tuberkulose- und Krebskranken nunmehr auch schon bereits seit drei Jahren die Fürsorg« für die Alkoholiker und ihre Familien in Groß- Berlin übernommen hat und jeglichen Ruf nach Hilfe nicht erst nach Wochen und nach geschehenem Unglück, sondern sofort und vorbeugend Folge leisten. Wem dies unmöglich erscheint, der kann sich davon jederzeit i» den drei Fürsorgestellen persönlich oder durch Lesen dcS eben dort jederzeit auf Ersuchen erhältlichen letzten Jahresberichtes von 1stl2 überzeugen. Einiges daraus soll hier angeführt werden. DaS Zentralkomitee läßt in dreien seiner fünf Geschäfts- stellen wöchentlich einmal nachmittags von 4 bis 5 Uhr unent- geltlich und für jedermann eine ärztliche Sprechstunde abhatten: am Montag in der Charite sNervenpoliklinik, Eingang Alexander- ufer), am Mittwoch, Palisadcnstr. 25 und am Donnerstag, ZionSkirchstr. 9. Gegenwärtig sind außer dem Arzt zwei der zur Gesamtarbeit gehörigen 21 Fürsorgeschwestern und ein fach» verständiger abstinenter Beirat(Mitglied de» Guttcmplerordens) tätig. Nach der Sprechstunde geschieht unter Anweisung de» Arztes die schriftliche Bearbeitung des Materials, d. h. die schriftliche Fühlungnahme mit den zuständigen Stellen: Polizei, Gefängnis, Armen-Vorsteher-, Lerztc und-Direktion, Gericht, Krankenhaus. Trinkerheilstätten, Irrenanstalten, Abstinenz. vereinen, Wohlfahrtsvereinen. Fürsorgeschwestern sowie den Kranken selbst, deren Familien und Vormündern. In welchem Umfange dies geschieht, ergibt sich daraus, daß wöchentlich etwa 590 Akten zu erledigen sind, und insgesamt in dieser Weise im Jahre 1912 bereits 1277 Trinkerakten zur Bearbeitung kamen. Da» Wichtigste ist, daß nunmehr durch die Schwestern ein regelmäßiges Aufsuchen in den Wohnungen stattfindet, nicht bloß der in den Sprechstunden gemeldeten, sondern auch der durch Polizei, Armenvorsteber. Krankenkassen und Aerzte gemeldeten Fälle derart, daß im Jahrx 1912 in nicht weniger als 646 Fällen eine Fürsorge für die Familie stattgefunden hat und auch in dem von mir oben mitgeteilten Falle sofort binnen wenigen Stun- den geschehen ist. Obige Zabl 646 aber fällt um so mehr ins Gewicht, da in den 1277 Fällen insgesamt nur 752 Alkoholiker verheiratet waren. Was diese Fürsorgeorbeit nicht bloß für so manchen armen Trinker, sondern und vor allem für Tausende von bemitleiden». werten Müttern und Kindern nach der ethischen und charitativen Seite hin bedeutet, wird jeder Leser, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, ohne weiteres begreifen. Nicht minder wichtig aber ist die wirtschaftliche und gesundheitliche Rettung von Tau- senden von Familien, unschuldigen Frauen und Kindern. So ist e» denn auch der Zweck dieser Zeilen nichts weniger als der der Erweck.: na eines vorübergehenden Interesse» oder eine» einmal aufwallenden Mitleids. Die Bekämpfung de» Säufer» elends ist vielmehr ebenso wie die der Tuberku» lose eine wirtschaftliche und zwar stadt- und staatswirtschaftliche Frage von der ungeheuer- sten Tragweite. Sie bedeutet Millionen, ja Hundertc von Mlllwnen von Nationalvermögen und muß als solche also nicht bloß mit Mitleid, sondern zugleich mit unerbittlichem Ernst, nicht bloß durch Renschenfreunde, sondern durch die zur lleberwachung und Mehrung der VolkSgesundheit und de» VolkSwohleS berufe- nen öffentlichen Stellen in Angriff genommen werden. E» erscheint hier für jeden, der die Größe und zugleich auch die bisherige Hoffnungslosigkeit des Berliner Säuferelends kennt, geradezu staunenswert, daß ein Privatkomitee diesen Kampf in Berlin aufgenommen hat und ihn mit Hilfe der Polizei, der Ministerien, der Geistlichkeit, des Guttemplerordens und bis heut auch der Berliner Stadtverwaltung, früher sogar auch der „LandeS-PcrsichcrungS-AnstaU Berlin" mit dem oben verzeich- «etcn Erfolg hat führen können. Schon um des bloßen Säufer- elends willen, sollte es eine der ersten Taten de« neuen Berliner Stadtmedizinalrats sein, entweder— und dafür könnte manches sehr Wichtige angeführt werden—, die it«m Zentralkomitee bisher nur von Jahr zu Jahr und mit nur 59 099 M. gewährte Unterstützung dauernd zu machen und auf daS Mehr�che zu erhöhen oder aber dessen bisher private zu einer öffentlich en und in ihrer Handhabung der Würde Berlins ent- sprechenden st ad t i s ch e n Einrichtung zu machen. Wird aber hierin dank der Tatkraft des neuen städtischen Medizi- nalrats Berlin mit gutem Beispiel den anderen deutschen Städten vorangehen, so dürfte alsbald auch die begründete Hoffnung de- stehen, daß dann auch die bisher einer durchgreifenden Abhilfe de! Säuferelends in deutschen Landen entgegenstehenden gcsetz- lichen Hindernisse ein Ende finden. Oder wie lange soll es denn noch eines aufgeklärten Volkes und eines modernen Kulturstaaie» würdig sein, daß seine Gesetze die gewerbsmäßige Alkoholvergif. tung straflos erlauben, den Vergehen und Verbrechen der Trunken- beit Straflosigkeit oder mildernde Umstände gewähren, aber den Schutz der Unschuldigen der Polizei verbieten?!" lieber die Ausführungen des Herrn SanitätSrate» ließe sich im einzelnen manches sagen. Wenn wir hier seine Darlegungen wiedergeben, so geschieht eS besonders zu dem Zwecke, um auch unsererseits auf da» Wirken des Zentralkomitees der„Berliner LuskunftS« und Fürsorgestellen" hinzuweisen. Diese Fürsorge. stellen haben sich vornehmlich der Bekämpfung der Tuber- kulose gewidmet und auf diesem Gebiete Tüchtiges geleistet; in neuerer Zeit sind auch Auskunftsstellen hinzugekommen, in denen Krebskranken Rat erteilt wird. Diese für die Berliner Bevölkerung so nützliche Einrichtung ist in Gefahr, auS Mangel an Mitteln seine Tätigkeit einstellen zu müssen. Die Landesversicherung hat die bisher geleisteten Zuschüsse eingestellt, weil sie für die Versicher- ten die von dem Zentrakomitee geleisteten Aufgaben selber erfülle. Die Stadt Berlin hat in letzter Zeit hin und her geschwankt, wie sie sich zur weiteren Finanzierung der Auskunftsstellen stelle, und zwar in Rücksicht auf daS neu einzurichtende städtische Wohnung». amt. Nur weil der Verwaltungsdirektor der Charite versicherte, durch anderweitige Flüssigmachung von Mitteln noch dieses Jahr durchhalten zu wollen, hat die Stadt Berlin für dieses Jahr noch die vollen 59 999 M. hergegeben. Es wäre schlimm, wenn eine solche nützliche Einrichtung, wie die Auskunftsstellen für Lungen-, Altohol- und Krebskranke, ihre Tätigkeit einstellen müßte, weil keine Mittel vorhanden sind. Hier muß Staat und Gemeinde ein- springen, um eine Aufgabe zu übernehmen, die zu lösen schon längst die Pflicht der öffentlichen Organe war. Vorort- INtadmdrten. Lichtenberg. Gegen dir Art, wie die Dacharbeiteu an dem neuen Krankenhaus ausgeführt werden, erhebt das Organ de» Dachdecker-Verbandeö eine Reihe von Ausstellungen, die zu beachten das öffentliche Jnter» esse gebietet. Nach den Mitteilungen der„Docktdccker-Zeitung" handelt eS sich um ein Doppeldach mit Maschinen-Biberschwänzen, eingedeckten Dachhaken und Schneefängen. Die Winkelneigung des DacheS muß in jedem Fall so viel betragen, um ein Reinsickern de« Wassers zu verhindern. Auf dem Neubau beträgt die Lattung nicht unter 17 Zentimeter, mitunter IS Zentimeter. Dl« verwendeten Dach- ziegel besitzen die Länge von S6 bis SS Zentimeter. Schlimmer steht es mit den Schneefängen. Im allgemeinen werden die Schneefangeisen bei Gitter und Schienen in einem Abstände von 1.20 bis 1,49 Meter an- geschlagen: gewiß weite Matze. Auf dem Neubau aber beträgt die Entfernung der Eisen von einander nicht unter 1,69 Meter, wobei noch in Betracht zu ziehen ist, daß die Eisen die Stärke von nur 2,5 Millimeter haben. Bei Dachreparaturen wird der Schneefang oft als Stützpunkt benutzt. Daher bedeutet die geschilderte Art der Anbringung eine Gefahr für die auf dem Dache Beschäftigten. Die Krone setzt allem die Befestigung der Dachhakeu auf. Es gibt sogen. Spitzhaken, die auf eingeschalten Dächern Verwendung sinden, indem sie mit der Spitze oder dem.Dorn" in die Sparren hineingetrieben und gleichzeitig mit einem Nagel festgemacht werden. Solche haben nun an Stelle der sonst auf eingelatteten Dächern üblichen Haken, die am oberen Ende zweimal umgebogen sind und hinter die Latten eingehängt und festgenagelt werden, auf dem Neubau des Krankenhauses Verwendung gefunden. Sie wurden etliche Zentimeter und über der Latte wohl ebenfalls in die Sparren geschlagen, aber nur soweit die Lattenstärke, die 4 Zentimeter be- trägt, e» erlaubt, da» heißt der Dorn der Haken sitzt kaum zur Hälfte im Holz. Wird bei späterer Reparatur eine Leiter hinter diese Dachhnken gehängt und mit einer Person und Material be- lastet, so besteht die Gefahr, daß infolge des durch die Last hervor- gerufenen Druckes auf das untere Ende der Haken da» obere unter Lösung bei Ragel» hochgehoben wird.— Diese genauen Angaben werden hoffentlich das Bauamt der- anlassen, die unzulängliche Arbeit durch einwandfreie ersetzen zu lassen. Stra!«. Aus der Gemeindevertretung. Als Armen- und Schularzt wurde Herr Dr. Sonntag zu de» bisherigen Bedingungen für das Rechnungsjahr 1913 wieder bestimmt. Beim Titel.Zahnpflege der Schulkinder" regten unsere Genosse« an, die Zahnpflege dahin zu erweitern, daß auch das Plombieren und Nervlöten auf Kosten der Gemeinde geschehe. Um erst eine feste Unterlage für eine später festzusetzende Pauschale zu gewinnen, könne man ja zu- nächst auf ein halbes Jahr leben Einzelfall der Zahnbehandlung bezahlen.— Diese Anregung fand jedoch bei den übrigen Gemeindevertretern keine Gegenliebe; vielmehr wurde beschlossen es bei der bisherigen Zahnbehandlung und dem Abkommen mit Herrn EaSpari zu belassen. Vom Semeindevorstand wurde erwähnt, daß man in solchen Fällen, wo eine Notlage in der betreffenden Familie vorläge, die Kosten für Plombieren und Nervtöten auf Antrag zurückerstatten werde. Bei der Bedeutimg, die eine gute Zahnpflege für die Kinder hat, ist die ablehnende Haltung der Gememdevertretung bedauerlich. Mit der Rückerstattung der Kosten ist es so eine eigene Sache. ES bändelt sich da meistens um kleinere Beträge, die die Opfer an Zeit, die der betreffende Gesuchsteller wegen der Rückerstattung aufwenden muß, gar nicht aufwiegen.— Die Anschlagsäulen deS Ortes waren bisher dem Buchdruckereibesitzer Pätz zum Preise von jährlich 25 M. verpachtet. Dieser hatte sich auch jetzt wieder als Bewerber gemeldet. Da sich aber die Firma Holzhauser ebenfall« um die Pacht bewarb und bedeutend günstigere Bedingungen stellte, so wurde beschlossen, mit dieser Firma weiter zu verhandeln. Die Finna will bei einer Pacht auf zehn Jahre drei neue Anschlagsäulen nach Berliner Muster auf- stelle» lassen, die sofort in das Gemeindeeigentum übergehen. Der Vertrag mit der Gesellschaft für den Bau von Untergrundbahnen über die Pflasteruntcrhaltung wurde auf ein Jahr verlängert. Der Bauübernehmer deS Schulhausanbaues ist vor Fertigstellung des letzteren in Konkurs geraten. Ueber ein Angebot, den Vater deS BauübernehmerS die noch zu erledigenden Arbeiten ausführen zu lassen, konnte verschiedener geäußerter Bedenken halber kein end« gültiger Beschluß gefaßt werden. AuS den vom Gemeindevorsteher gemachten Mitteilungen ist hervorzuheben, daß am Schluß des Rechnungsjahres 8345 M. Steuerreste zu verzeichnen waren, die vor- nehmlich auf die Umsatzsteuer entfallen. Ober-Schöneweide. Die Frage der Be- und Entwässerung des Ortes in ihrer zu- küustigen Gestaltung ist bisher noch immer nicht zu einem end- gültigen Abschluß gekommen; dabei hapert eS schon seit langer Zeit mit der Wasserversorgung durch das Gemeinde Wasserwerk sowie mit dem Klärverfahren der Abwässer. Die Verhandlungen mit der Stadt Lichtenberg stehen jetzt jedoch in einem Stadium, da» die baldige Beendigung dieser Misere al» aussichtsvoll erscheinen läßt. Als die Folge dieser langwierigen Verhandlungen ist eS auch anzusehen, daß z.B. die so äußerst notwendige Umgestaltung der Siemens- st r a ß e nicht vorgenommen werden kann, da wegen der in dieser Straße erforderlichen umfangreichen Rohrverlegungen erst eine Einigung über die Eingangs bezeichneten Fragen erzielt sein muß. Die Stadt Berlin hat anderersett« auch em lebhafte« Interesse an dem Abschluß der Verhandlungen, da sie mit der Gemeinde wegen der Ueberlassung der Straßen und Brücken für die Rohrleitungen des WuhlheidewasserwerkeS in Verbindung treten muß. Potsdam. Beim Fenstcrputzru verunglückt. Vorgestern nachmittag stürzte die im Hause Schützenstraße 2 t wohnhafte 62jährige Aufwäeterin Nitsche, die bei einer Professorenfamilie am Observatorium be- schästigt war, beim Fensterputzen aus 3 Meter Höhe auf den Hof und zog sich eine schwere Kopfverletzung zu. Sie blieb bewußtlos liegen und mußte mit dem Krankenwagen ins städtische Krankenhaus gebracht werden. Alt-Glienicke. Au« dem Jahresbericht, den der erste Vorsitzende Genosse Henschel in der Generalversammlung de» WahlvereinS gab, geht hervor, daß im Berichtsjahre sechs öffentliche, drei General« und drei Mitgliederversammlungen sowie acht Leseabende abgehalten wurden. Durch intensive Arbeit ist es gelungen, bei der Landtag«- ersatzwahl einen Wahlmann in der zweiten Abteilung zu gewinnen. Bei der Gemeindevertreterwahl, welche in diesem Jahre zum ersten- mal an einem Sonntag stattfand, ivurden die beiden Mandate der dritten Abteilung mit großer Mehrheit behauptet. Mitglieder gehören dem Wahlverein 156 männliche und 53 weibliche an. Vorwärtsleser sind 186. Aus der Vorstandswahl gingen folgende Genossen hervor: Erster Vorsitzender Hermann Henschel, zweiter Vorsitzender Robert Borchardt. Kassierer: Gustav Dieho. Schriftführer: Otto Schneider. Beisitzer: Karl Klinger. Beisitzerm: Genossin Klinger. Revisoren: Gustav Belau, Heinrich Krüger. Richard Lehmann. Bezirksführer: 1. Bezirk Aug. Nöldner; 2. Be- zirk Andreas LoschinSli' 8. Bezirk Artur Klüge. Ferner wurden die Mitglieder folgender Kommissionen gewählt: Bibliothek-, Lokal-, Agitations-, ZeitungSbeschwerdekommission sowie der auS vier Mit- gliedern bestehende Bildungöauöschuß. Ein Antrag, am Orte ein eigenes Jugendheim zu gründen, fand allseitige Zustimmung, um dem Jungdeutschlandbunde, welcher auch hier sein Wesen treibt. einen Damm entgegenzusetzen. Der Vorsitzende wies auf die bevorstehenden LandtagSwahlen hin und ersuchte die Mitglieder, in der Agitation nicht zu erlahmen, dann werde auch der Erfolg nicht ausbleiben. Es wurde ein aus acht Mitgliedern bestehendes Wahlkomitee gebildet, welche« die Wahlarbeiten zu erledigen hat. Spandau. Der Bau de»„TtabttheaterS Stadt Spandau" wird immer wieder hinausgeschoben. Ursprünglich sollte der Bau bereits im vorigen Jahre begonnen werden und am 1. Oktober d. I. beendet fein. Zu- letzt gab die Direktion des Theaters bekannt, im März werde der Bau in Angriff genommen werden und Mitte November fertiggestellt sei». Eine große Reklame für daß Theater wurde getrieben und Abonnementskarten und Prospekte massenhaft unter dem Publikum verteilt. Trotzdem wird vielfach bezweifelt, ob sich genügend Geld- leute finden, um daS Projekt zur Durchführung zu bringen. Bernau. Wie wenig Kenntnis einzelne Behörden vom Wahlgesetz haben, beweist die Ausstellung der Wählerlisten im hiesigen Orte. Obwohl es im§ 8 der AuSführungSbestimmungen im Absatz 2 ausdrücklich heißt: daß auch alle Schlafburschen, HauSsöhne, Knechte usw. wähl- berechtigt sind, welche da» wahlfähige Alter usw. erreicht haben, sind sämtliche HauSsöhne, Knechte, also alle nicht Verheirateten, in die Liste nicht aufgenommen worden. Eine große Zahl von Protesten sind deshalb von unseren Genossen eingereicht worden. AuS den oben qrwähnten Gründen, möchtet! wir nochmals alle, besonders die- jenigest, welche bei ihren Eltern und in Schlafstelle wohnen, ersuchen Einsicht in die Liste zu nehmen. Die Liste liegt nur noch heute Sonnabend, bis 6 Uhr abends au». Proteste sind bis dahin zu erledigen. Neukfilln Hermann- straÖe257 - am Hermannplatz stuhg imd Kflehe beatehend 2 BettstillM tTW 2 Matratzen bK 2StWefl 2 Keilkissen 1 Kflchenschsank 1 Kleiderschrank HCQcbentiscIi 1 Spiegel l Kfichenstulil 1 Splegelsplnd l küctienralunen Wochenrate 1.50 Mark mrk Möbel-Rollkrug 2 Stuben u. Kflehe 2 StUlieil UBii KflChC An2ahlHn9 1 m Neukölln 2 Stuben u. Kflehe Th!!2 beatehend aua; 1 KiiUersekrank ITrnse« 1 Wisdieaplnd 1 Sota 1 Wawtitotlette 1 Hack 2 Bettstellen 4 SlOhlen ond 2 Matratzen mit Ifarlilg. komplett Kissen Köctia- Wochenrate 2.50 Mark marfc In Nuaabaum u. modern. AustUhrung ImolKlefdersekrank IPifiscksofi 1 modernes Vertiko 1 moderner ünbau 2 engl. 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