Montagsausgabe Ur. 103. HbonnementS'Redlngungen: yffionncmmiä- preis piämnnerimdo: Vierteljährl. 3,36 Ml, mono«. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Hau?, Einzelne Nummer S Pfg. Sonntag?. nummer mit illustrierter Sonntag?- Beilage„Tie Neue Welt' 10 Pfg� PosI- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat, Eingetragen in die Post-Zeitung?> Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2L0 Mark, für das übrige Ausland 4 Mari pro Monal Postabonnement? nehmen an: Bolgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänicn, Schweden und die Schweiz, Crfchrint tägti«. 30. Jahrg. Die TBfertions'GebOtr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel. geile oder deren Raum M Pfg., für politische und gewerlschasMche Berein?. und Bersammlnungs-Anzeigen L0 Psg, „Uletne Hnzcigcn", das fettgedruckte Wort 20 Psg,(ziMssig 2 fettgedruckte Worte), jedes wittere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- zeige» das erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort S Pfg, Worte über 15 Buch- staden zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „SMlaliemoKHl ßtrUi". Zentralorgan der rozialdemohrati leben Partei Deutfchlands. Redabtion: 8Ll. 68, Lindenftraße 69. Fernsprecher: Amt Moritzplah. Nr. 1983. Montag, den Ä8. April 1913. Expedition: SLl. 68» landenftraße 69. Fernsprecher: Amt Moriüvlati. Nr. 1984. iler Leneralitreik in Belgien. Von Emile Vandervelde. Ter belgische Generalstreik ist zu Ende. Er nxir, lvas er nach dem Willen des Proletariats sein sollte: ungeheuer und friedlich. Vom ersten Tage an hatten 300 000 die Arbeit eingestellt. Bald waren sie 400 000 und fast zwei Wochen lang blieb diese riesige Masse unbeweglich und kaltblütig. Keine Gewalttätigkeit wurde begangen, die„Ordnung" nicht einen Augenblick gestört. Um den Wert der Ergebnisse zu ermessen, muß man zum Ausgangspunkt der Krise zurückgehen und sich die wichtigsten Wendungen vergegenwärtigen. Bekanntlich sind nach der belgischen Verfassung alle Männer vom 20. Jahre an wahlberechtigt, aber wie in Sachsen haben die reichen oder doch wohlhabenden Leute zwei oder drei Stimmen, die Armen aber nur eine. Um dieses Pluralvatum abzuschaffen, haben die Sozialisten seit 20 Jahren alle Mittel der Propaganda und der Ueberredung angewendet. Bei den letzten allgemeinen Wahlen im Juni 1912 hofften sie der klerikalen Mehrheit ein Ende zu machen und die Wahl- reforin durch ein Einvernchmen der Linksparteien zu ver- wirklichen. Die Hoffnung wurde getäuscht, da eine gewisse Zahl von Dreistimmenwählern, die gewöhnlich liberal ge- stimmt hatten, aus Klasseninstinkt abfiel. Die klerikale Mehr- heit wurde nicht vernichtet, sondern stieg noch von 6 auf 10 Stimmen. Aber der Ausgang dieser Wahl hatte sofort eine wahre Erplosion des Aufruhrs gegen das Pluralwahlrecht zur Folge. In den großen�Jndustriezentren traten tausende Ar- beiter spontan in den Streik, um ihre Unzufriedenheit kund- zugeben. In Verviers und Lüttich brachen Emeuten aus, die unbarmherzig niedergeworfen wurden und zweifellos hätten die Dinge eine noch schlimmere Wendung genommen, wenn es der Arbeiterpartei nicht gelungen iväre, die Ruhe wieder her- zustellen, aber' nur dadurch, daß sie den Beschluß faßte, im gegebenen Augenblick den Generalstreik zur Durchsetzung der Verfassungooevifion und damit der Aufhebung des Plural- Wahlrechts zu unternehmen. Aber im Gegensatz zu ähnlichen früheren Bewegungen in Belgien oder anderswo handelte es sich diesmal nicht mehr um einen improvisierten und stürmischen, sondern um einen langen, geduldig und methodisch vorbereiteten Streik. Vom Juli angefangen, während der neun Monate, die ihm folgten, war die ganze Energie der Arbeiterpartei dieser Vorbereitung gewidmet. Ein Propagandafonds wurde von den Genossenschaften, Gewerkschaften und politischen Gruppen errichtet: alle vierzehn Tage Manifeste und Propaganda- broschüren im Land verbreitet; die großen Gewerkschaften beschlossen, der Unterstützung des Streiks einen bedeutenden Teil ihrer Barbestände zu widmen; von den bürgerlichen. An- hängern des allgemeinen Wahlrechts forderte man die Ver- pflichtung, die Streikenden mit Geld zu unterstützen oder ihre Kinder aufzunehmen; und vor allem wurde ein Spar- fystem von sehr großem Ausmaß in der Arbeiterklasse cinge- richtet, um die genügenden Mittel für einen mehrwöchigen Streik von drei- oder vierhunderttausend Arbeitern anzu- sammeln. Diese Spartätigkeit nahm namentlich in den zwei großen Provinzen Lüttich und Hennegau solchen Umfang an, daß der Kleinhandel bald durch die bloße Vorbereitung des Streiks schwer betroffen wurde. Viele Kleinhändler sahen ihren Umsatz um 30, 40, sa selbst 50 Proz. abnehmen. Tie Handelsreisenden klagten bitter, die Akzisenverwaltung ver- zeichnete einen bedeutenden Verlust im Ergebnis der Bicr- steuer. Als aber dann, nachdem die Kammer am 12. Februar 1913 abgelehnt hatte, unfern Revisionsantrag auf die Tages- ordnung zu setzen, der Generalstreik für den 14. April be- schlössen wurde, brachte die bloße Taffache dieser Enffcheidimg eine tiefe Verwirrung im Gang der industriellen Geschäfte hervor. Viele Unternehmer wagten es nicht, Bestellungen anzunehmen, die auszuführen sie nicht sicher waren oder sie sahen sich ausländische Konkurrenten vorgezogen. Besonders im Hasen von Antwerpen klagte man darüber, daß sich viele Schiffe aus Furcht vor dem Streik nach Hamburg oder Rotterdam gewendet hatten. Kurz, in einem gegebenen Augenblick erreichte die Krise einen solchen Grad, daß von bürgerlicher breite mächtige Anstrengungen gemacht wurden, um einen Ausgleich zu erzielen. Man wußte, daß sich die Mehrheit der Minister unter dem Einfluß des Königs schon seit einiger Zeit mit einer Revision in einer mehr oder minder nahen Zukunft abge- funden hatte, daß sie nur versuchte, Zeit zu gewinnen, um das Kap der Wahlen von 1914 zu mnschiffeu und einstweilen gerne bereit gewesen wäre, das Problem der Wahlreform zum Studium zu bringen, wenn sie nicht gefürchtet hätte, sich auf diese Weise die Ungunst der reaktionärsten Elemente der Rechte zuzuziehen. �, Um sie nun dazu zu bringen, öffentlich zu sagen, was lie schon in den Wandelgängen der Kammer gesagt hatte, legten sich die liberalen Tepufferten und die Verbände der Kaufleute und Industrielle ins Mittel, aber ohne Erfolg. Auch die Bürgermeister der neun Provinzhauptstädte inter- venierten zwischen dem Ministerpräsidenten und den Führern der Arbeiter und verlangten von diesen den Verzicht auf den Streik, von jenen, daß er die Frage der Verfassungsrevision zum Studium bringe und es gab einen Augenblick, wo alle Welt überzeugt war, daß ihre Intervention vom Erfolg ge-: krönt werden würde. In der Tat bevollmächtigte am 29. Februar der Mi- nisterpräsident Herr de Broqueville die Bürgermeister, der Arbeiterpartei mitzuteilen, daß sie„den Eindruck hätten, daß die Regierung, wofern die Streikankündigung zurückgezogen werden würde, eine Geste der Versöhnung und der Beruhi- gung nicht verweigern würde". Die Bürgermeister, die dem in das Stadthaus von Brüssel berufenen Streikkomitee diese Mitteilung machten, fügten hinzu, daß unter diesen Bedin- gungen die Sache der Revision als gewonnen betrachtet werden und daß es nicht bezweifelt werden könne, daß, falls die Eigenliebe der Regierung durch die Zurücknahme des Streiks geschont werde� die Frage der Revision studiert und bald in bejahendem Sinne entschieden werden würde. Als die sozialistischen Führer diese Erklärungen einpsin- gen, hatten sie die Ueberzeugung, daß die Regierung die Bürgermeister zu einer solchen Botschaft bevollmächtigt hatte, weil sie bereit war. ihnen, wenn auch den Schein wahrend, Genugtuung zu geben. Es ist übrigens gewiß, daß dies auch die Ueberzeugung der Bürgermeister und wahrscheinlich, daß es die Absicht des Herrn de Broqueville war. Aber die Bürgermeister und wahrscheinlich auch der Kabinettchef selbst hatten nicht mit den extremen Elementen der klerikal-konservaffven Partei gerechnet. Kaum hatten die dreißig oder vierzig, jeder Wahlreform feindlichen Depu- tierten der Mehrheit vom Geschehenen Wind bekommen, als eine wahre Schilderhebung gegen die Minister erfolgte, die sich verdächtig gemacht hatten, mit den Sozialisten ver- handeln zu wollen. Man gebot ihnen, nichts zu tun und der Kabinettchef wurde gezwungen, um die Einheit seiner Partei nicht zu gefährden, seine versöhnlichen Absichten dem bösen Willen seiner Anhänger zum Opfer zu bringen. So erwiderte denn auch Herr von Broqueville, als Herr Hymans am 12. März ihn über seine Absichten befragte, mit einigen unbesttmmten Phrasen, die die Möglichkeit einer Ver- fassungsrevision nach den Wahlen von 1914 durchblicken ließen und mit dem Versprechen der Errichtung einer Koni- Mission, die sich a u s s ch l i e ß Ii ch mit der Frage des lokalen Wahlrechts beschäftigen sollte. Die Bürgermeister waren derart hinters Licht geführt. Sicherlich hatte der Kabinettschef seine Versprechungen nicht gebrochen, da er keine formellen gemacht hatte. Aber er hatte Hoffnungen bestehen lassen, er hatte Hoffnungen erweckt und Hoffnungen berechtigt. Und dann hatte der Brüsseler Bürger- meister, Herr Max, ihm zu verstehen gegeben, daß es eitel und gefährlich sein würde, die Diskussion der Frage auf das lokale Wahlrecht beschränken zu wollen. Roch am 8. März schrieb ihm Herr Mar:„In einer meiner Unterredungen mit Herrn Vandervelde habe ich ihn über diese Möglichkeit befragt. Er erwiderte mir ohne Zaudern, daß er sie als unheilvoll an- sähe, daß sie in der Arbeiterpartei die stärkste Enttäuschung hervorrufen würde und das Signal zu einer neuen Agitation werden könnte." Als ich dieses sagte, war ich ein nur zu guter Prophet. Tie Regierungserklärung rief bei der Arbeiterfchaft einen wahren Entrüstungssturm hervor. Vergeblich versuchten die Führer der Partei, zur Geduld zu mahnen. Sie wiesen darauf hin, daß trotz des Auskneifens der Regierung die Sache der Revision seit neun Monaten ungeheure Fortschritte gemacht hätte, die öffentliche Meinung von jetzt an gewonnen, die Wahlreform nur noch eine Frage der Zeit sei, und daß es unter diesen Umständen der Anwendung des letzten Mittels: des Generalstreiks, nicht bedürfe. Umsonst. Der Kongreß vom 23. März beschloß mit einer unge- heuren Mehrheit den streik für den 14. April, und an diesem Tage begann der große Ausstand in einer bewunderungs-. würdigen Geschlossenheit, mit einer bezwingenden Ruhe. Zwei Tage später nahmen die Kanimern nach einem Monat Ferien ihre Sitzungen auf. Unterm Einfluß des Streiks wurde die Tagesordnung um- geworfen. Es entspann sich eine Debatte, in der der Kabinetts- chef, von den sozialistischen Deputierten in die Enge getrieben, seine versöhnlichen Absichten beteuerte und sein Versprechen einer Studienkommission für das Lokalwahlrecht erneuerte, wobei er aber zur allgemeinen Ueberraschung hinzufügte, daß, wofern in dieser Kommission, wo alle Parteien vertreten sein würden, eine einheitliche Formel zustandekäme, sie in der Folge auch auf die Wahlen für diegcsetzgebendenVer- s a m m l u n g e n Anwendung finden könnte. Wir unterstrichen sofort die Bedeutung dieser scnsatio- uellen Erklärung, und am folgenden Tage beantragte ein liberaler Deputierter, Herr Masson, diese Regicrungs- erklärung zur Kenntnis zu nehmen und hob hervor, daß sie alles in allem die Diskussion des gesamten Wahlrechts- Problems einschließe. Drei Tage später, am 22. April, nahm die Kammer die von der Rechten etwas abgeänderte Tages- ordnung Masson einstimmig an und das Streikkomitee beaiii kragte die Wiederaufnahme der Arbeit. Ohne die Bedeutung dieses parlamentarischen Resultats übertreiben zu wollen, ist es doch sicher, daß die Revision von jetzt ab auf dem Marsche ist. Es bleibt nur die Frage, ob sie noch vor den Wahlen von 1914 oder sofort nackiher vollbracht werden wird. Aber was in unseren Augen unendlich wichtiger ist, ist die Tatsache, daß der Kampf, den wir geführt haben, bewiesen hat, daß der Generalstreik zum Zweck der Durchsetzung einer bestinunten Reform vollkommen friedlich und streng gesetzlich bleiben und befriedigende Ergebnisse liefern kann, wenn er methodisch vorbereitet und von einem disziplinierten, seiner Aufgabe bewußten und sie energisch verfolgen!,-n Proletariat durchgeführt wird. In diesem Sinn hoffen wir, daß die in Belgien soeben gemachte Erfahrung für die anderen Parteien der sozialisti- schcn Arbeiterinternationale nicht verloren sein wird. Die(Geheimnisse des Mtungskapitals. (Das internationale Älaffenhartell). Der„Vorwärts" hat vor kurzem das Bestehen eines Marinelieserantenkartells in Deutschland nachgewiesen, das die Konkurrenz bei Bewerbung von Staatsaufträgen aus- schließt und den Stahlfabrikanten gestattet, dem Reiche die Preise zu diktieren. Wir hatten auch jenen Brief der Deut- scheu Waffen- und Munitionsfabriken veröffentlicht, der zeigte, welche Machenschaften das Rüstungskapital anzettelt. um lukrative Aufträge noch zu beschleunigen. Liebknecht hat dann im-Reichstag die Treibereien der Berliner Krupp- Agcnte n enthiillt und am Sonnabend das Bilb vervollständigt durch den dokumentarischen Nachweis einer i n t e r n a t i o n a I e ii V e r b i n d u n g der W a f f e n- f a b r i k e n zur gemeinsamen Ausbeutung aller Länder. Die führende Rolle bei diesen: internationalen P l ü n d c r u n g s- syndikat haben dieselben„Deutschen Waffen- und Muni- tionsfabriken" inne, die versucht haben, durch von ihnen lan- eierten falschen Nachrichten in der französischen Presse die beut- sche Regierung zu Bestellungen zu veranlassen. Die Dokumente Liebknechts bestehen i» zwei Schreiben, in denen die„O e st c r r e i ch i s ch c Waffe nfabriks- gesellschaf t" ihren Beitritt zu den Verträgen kundgibt, die ihr die andere Gruppe, nämlich die„Deutschen Waffen- und M u n i t i o n s f a b r i k e n", die„W a f- feilf.ab.rik Mauser" und die belgische„Fabrique Nationale d' Armes de G u e r r e" vorgelegt hat. Der zweite Vertrag ist nur eine Ergänzung und Erweiterung des ersten. Der Raum verbietet uns. die Verträge vollständig ab- zudrücken, nur das Wesentliche ist im Nachfolgenden wörtlich wiedergegeben. Das e r st e S ch r c i b e n ist Wien, 7. Oktober 1905, da- tiert und lautet: Oesterreich ischr Waffenfadriks-Gescllschaft. An die D c u t s ch c n W a f f e n- u n d M u n i t i o n S f a b r i k e n. Berlin. Waffe n sab rik Maus er, Aktien-Gesellschaft. Oberndorf a. N. llabriquc dlationale d' Armes de Guerre. Her sta l. Zu Händen der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken in Berlin. Wir empfingen von Ihnen nachstehendes Schreiben: „An die Oesterreichische WaffenfabrikS-Gesellschaft Wien. Wir unterfertigten Firmen, und zivar:, Deutsche Waffen- und Aiunitionsfabriken in Berlin, Waffenfabrik Mauser, Aktien-Gescllfchaft in Oberndorf a. N. und kabrique Nationale d' Armes de Guerre in Herstal bei Lättich, (zusammen Gruppe I) haben mit Ihnen(Gruppe II) nachstehende Vereinbarung getroffen: 8 1. Die Grundabsicht der vorliegenden Vereinbarung geht dahin, daß Waffengesdiäfte, welche sich auf Lieferung von neu- herzustellenden Repeiicrgewehrcn oder Karabinern fiir Rußland, Japan, China und Wessinien beziehen, zu gemeinschast- lichcm Nutzen durchgeführt und die annähernden Gewinne nach einer i» einem späteren Paragraphen fesigestclltcn Skala unter die beiden Gruppen verteilt werden... 8 2. Zur Erlangung von Aufträgen für die in§ 1 erwähnten Vertragsländer sollen die die Interessen beider Gruppen vertreten- den gemeinschaftlichen Agenten einvernehmlich bestellt und hierbei möglichst die Agenten, bczw. Vertreter der Gruppe I, resp. der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken, beibehalten werden. 8 3. Insoweit sidi bei den unter die vorliegende Vereinbarung fallenden Waffendestellungen in Rußland, Japan. China oder Abessinien eine Lieferung von Mauscrschen oder Mannlicheffchen öbci; Mamilichcr-Zchönauerschen Gcwchr-Modclleil ergeben sollte. werden die der Gruppe I ungehörigen Waffenfabriken berechtigt sein, die in dem betreffenden� Vertragslande etwa verlangten Mannlicher- bezw. Mannlicher-vschönauer-Modelle, und wird cben- so�die'dew Gruppe II angchörige Waffcnfabril berechtigt sein, die in dem betreffenden Vertragslandc etwa verlangten Mauser-Mo- belle zu fabrizieren, und zwar ohne eine andere Lizcnz-Abgabe als diejenige zu leisten, welche die der jeweils anderen Gruppe angehörenden Fabriken selbst an die in Frage kommenden Erfinder, Konstrukteure, Patentinhaber oder deren Rechtsnachfolger etwa zu leisten verpflichtet sind.... Die den beiden Gruppen angehörenden Fa- briken werden sich gegeitscitig jede mögliche Un- terstützung gewähren, damit jede Fabrik aufs rasche st e. beste und villig st e zu fabrizieren ver- mag. Zu dem Zwecke sollen auch die Zeichnungen und Dimen- sions-Tabellen der vorlangten und zu erzeugenden Modelle gratis, die erforderlichen Lehrgeräte und Kaliber zum Selbstkostenpreise, resp. insoweit dieselben entbehrlich sind, leihweise gegenseitig gratis überlassen werden. 8 4. Ter Preis für die zu liefernden Waffen, ist jeweils von den beiden Gruppen einverständlich fcstzuseben und zu offerieren. Sollte sich hierüber in irgend einem Falle eine Verständigung zwischen den beiden Gruppen nicht erzielen lassen, so wird hiermit pro Gewehr inkl. kurzem Bajonett und Scheide ein Minimal- Grundpreis von 80 Frs. und pro Karabiner ohne Bajonett ein Minimal-Grundpreis von 75 HrS. bestimmt, welche Preise loko Fabrik, inkl Verpackung in gewöhnlichen Kisten, zu verstehen sind. s 6. Behufs Verwirklichung der im Z 1 ausgesprochenen Grundabsicht vorliegender Vereinbarungen wirb eine gemein- schaftliche Kasse gebildet, in tvelche jede Fabrik, welche unter die vorliegende Abmachung fallende Gewehre, bezw. Karabiner fabri- ziert, anliefert und fakturiert, eine Abgabe im Betrage von �5 Frank lfünfzehn Frank) pro Waffe einzuzahlen hat. 8 8. An der auf Grund des Z 6 zu bildenden gemeinsamen Kassa ist die Gruppe I mit WIv Proz. und zwar: Die deutschen Waffen- und Munitionsfabriken in Berlin und Karlsruhe mit 30 Proz., die Waffensabrik Mauser, Mtiengesellschaft in Oberndorf a. N. mit Proz., die Fabriquc Nationale d'Armes de Guerre in Herstal-lez- Liege mit 1114 Proz. die Gruppe II mit 37)4 Proz. beteiligt. 8 9. Unter diese Vereinbarung fallende Lieferungen sollen im allgemeinen zwischendenbeidenGruppenderartauf- geteilt werden, daß der Gruppe I 6'2Vi Proz. und zwar: Den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken in Berlin und Karlsruhe 30 Proz., der Wasfenfabrik Mauser Wiengesellschaft in Oberndorf a. N. 2114 Proz., der Fabrigue Nationale d'Armes de Guerre in Herstcrl-Iez- Liege 1114 Proz.. der Gruppe II 3714 Proz. der zu bewerkstelligenden Gesamtlieferungen zur Fabrikation, Ab- licferung und Fakturierung überlassen werden. Die folgenden Paragraphen enthalten nähere Bestini- mungcn über Strafen bei Vertragsverletzung, über Schiebs- gerichte und Ausschluß des ordentlichen Rechtsweges. Das zweite Schreiben, datiert Wien, 7. August 1307, besagt: § 1. Das mit Ihnen unter dem 5.17. Oktober 1905 abgeschlossene Abkommen betreffend die Lieferung von Repetiergewehren und Karabinern für Rußland, Japan, China und Ä b e s s i n i e n wird dahin ausgedehnt, daß dasselbe auch für alle übrigen Länder mit nachstehenden Ausnahmen Geltung haben soll: Die Ausnahmen sind) die folgenden: a) Die Gewehre, welche die einheimischen Fabriken an baS eigene Land liefern, bleiben von dieser Bereinbarung über- Haupt ausgeschlossen. ES ist demnach.vereiubart�datz O e fbe-r iue i.ch-1l u.K.a rm_ nebst Okkupationsgebiet und Kolonien für die Gruppe II, also für die Oesterreichische Waftenfabriksges ellschaft, Deutschland und Kolonien von der Gruppe l für die Deutschen Waffen-- und Munitionsfabriken und die Waffenfabrik Mauser, Belgien und Belg.-Kongo von der Gruppe I für die Fa- drique Nationale d'Arme- de Guerre ausschließlich reserviert sind. Tie anderen Firmen verpflich- ten sich, von Offerten in diesen Ländlern abzusehen. U. Lieferungen für die Türkei und Spanien bleiben der Gruppe I ausschließlich reserviert, Lieferungen an Bulgarien und Rumänien der Gruppe II. C. Lieferungen an Serbien und Griechenland. Für diese Länder verbleibt es bei den Abmachungen vom 4. April 1905, Serbien betr. und vom 1./8. Mai 1904, Griechen- jand betreffend. H 2. Die Österreichische Waffenfabrits-Gesellschaft lGruppe II) verpflichtet sich, während der Tauer des Abkommens die Gültigkeit der Mauser-Patente in Oesterreich-Ungarn nicht anzufcch- ten, sie wird die Gruppe I in der Auftechterhaltung der Patente in Oesterreich-Ungarn, besonders im Falle eines Angriffs von dritter vseite auf die Patente, nach Möglichteit unterstützen, ohne daß ihr hieraus irgendwelche Kosten erwachsen dürfen. 8 3. Im übrigen treten sämtliche sonstigen Bedingungen des Abkommens vom 5.17. Oktober 1905 für das vorstehende Abkommen unverändert in Geltung. Damit ist das Bestehen eines i n t e r n a t i o- n a l e ii Waffenkartells nachgewiesen. Der Vertrag schließt jede Konkurrenz dieser mächtigen und führenden Firmen miteinander aus. Die starke Stellung, die eine jede von ihnen ohnehin durch ihre Patente besitzt, wird durch diesen Vertrag zu einer unerschütterlichen Monopol- stellung. Deutschland wird den deutschen Waffenfabriken zur alleinigen Ausbeutung überlassen, wie Oesterreich den öfter- reichischen,«sie können die Preise diktieren. Die Herr- schaft des nationalen Kapitals wird respek- t i e r t. Die übrigen Länder werden g e m e i n s a m ausgebeutet. Tic belgische Fabrik erhält ihren Anteil, wenn Rußland Waffen von den deutschen Fabriken bezieht: wenn die belgische einen Auftrag von den Balkanstaateu erhält— die deutschen und österreichischen Riistungskapitalisteu haben ihren Profit daran. Die Völker müssen verfeindet bleiben, die Rüstungen müssen bis zum Ausbluten fortgesetzt werden, damit die g e- m e i n s a m e Kasse der Waffenfabriken immer mehr an- schwellen kann. Und Herr G o n t a r d wird für seine Ver- dienste an den verschiedenen Vaterländern inspreußische Herrenhaus berufen! Tie Intimität der Waffenfabrikanten erstreckt sich nicht nur auf die Verteilung der gemeinsamen Beute. Die Herren unterstützen sich auch darin, daß keineni Lande der technische Fortschritt des anderen etwa vorenthalten bleibe. S i e stellen sich gegenseitig ihre Patente, ihre Konstruktionen und Zeichnungen zur Ver- f ü g u u g. Sie sorgen dafür, daß keinem Lande eine Ueber- legenheit in der Waffenfabrikation bliebe; denn dadurch könnte ja das Rüstungstempo eine Zeitlang verlangsamt werden. So schließt sich der Ring. Der Kapitalismus hat den Imperialismus erzeugt, die Nationen in feindliche Heerlager- geteilt, und eine internationale Bande kapitalistischer Mono- polisten beutet den von ihrer Klasse erzeugten Gegensatz der Staaten als ihr lukratives Privatgeschäft aus. Wie lange noch? Wann trifft dieses System das lang verdiente Ende?_ Die Disziplimerung der konservativen presse. In der Berliner konservativen Presse findet großes Reine- machen statt— und die von der konservativen Parteileitung im Nebenamt zu Oberscheuerweibern ernannten Parteisekretäre des Berliner konservativen Hauptquartiers wissen das von ihren Auf- traggebern in sie gesetzte Vertrauen in jeder Weise zu rechtfertigen: einer der alten politischen Redakteure fliegt nach dem andern aus den Rcdaktionsstuben hinaus. Bei der„Kreuzzeiiung" hat das große Reinemachen begonnen, dem ehrsamen Organ, dessen Geschichte so reich an seltsamen Schicksals- und Wechselfällen ist, daß sich der spannendste Preß- roman darüber schreiben ließe. Im tollen Jahr 1843 von einer reaktionären Adelsrlique gegründet, an deren Spitze der Graf von Voß-Buch(neben Kleist-Retzow der Hauptgeldgeber), der Kammer- Herr Fink v7'Finkenstein, der. neügeädelle 2Ron| Ii.' Bcthmann Hollweg, der Baron Sensit von Pilsach und die beiden Brüder Leopold und Ludwig v. Gerlach standen, kam das Blatt zunächst unter die Leitung des Konsistorialassessors Hermann Wagener, eines unzweifelhaft fähigen, gewandten Dialektikers. Aber so wenig man von ihm behaupten kann, daß er an besonders feinen Gewisscnssskrupeln gelitten hätte, vermochte er doch den verschlunge- nen Pfäden der adeligen Jnlriguenpolitik nicht zu folgen und trat 1854 aus. Nun geriet das Blatt vollends in die Strömung konser- vativer Jntriguen, trieb bald nach dieser, bald nach jener Richtung, kämpfte bald für, bald gegen die Bismarcksche Politik, bis es schließlich 1881 nach mehrsuchen Wandlungen unter die Fittiche des Freiherrn Wilhelm v. Hammerstein kam, der noch weit besser als seine Vorgänger sich auf das Parfümieren der Latrinen konser- vativer Jnteressenpolitik verstand. Doch alles, was glänzt, vergeht — und so endete auch der Glanz dieses durch seine schönen Artikel für evangelische Frömmigkeit und die sittliche Hebung des Volksempfindens berüchtigt gewordenen Äreuzzeitungsritters mit einer Pleite. Der bekannte.Fall Hammer st ein" setzte im Jahre 1895 seinem segensreichen Wirken für die Heiligkeit des Privat- eigentums und des christlichen Familienlebens ein vorschnelles Ende. An seine Stelle trat als Cheftedakteur Herr Dr. Phil. Hermann Kropatscheck, den 1906, da die Hintermänner des Blattes engere Fühlung mit der höheren Burcaukratic suchten, der Ministerial- direkter Dr. I. Hermes ablöste. Hermes hatte bis zum Sommer vorigen Jahres die Leitung. Dann schied er plötzlich aus, und zllm Cheftedakteur erwählte nun der Aussichtsrat den bisherigen Feuilleton- und Handelsredakteur, der in den letzten Jahren auch schon die Wochenübersicht über die innere Politik geschrieben hatte, Dr. Th. Müller-Fürer. Warum ging Herr Hermes? Weil er den aus dem Heyde- brandfchen Hauptquartier ergehenden politischen Weisungen nicht blindlings folgen wollte, zweitens weil die JahrcsdefizitS des Blattes trotz aller Sanierungsversuche in den letzten Jahren de- dcnklich gestiegen waren und die bisherigen Besitzer, der ständigen Geldopfcr müde, die„Äreuzzeitung" an die deutsch-konservativc Partei abtraten. Für die Uebernahme des Blattes konstituierte sich eine meist aus konservativen Abgeordneten bestehende neue E. m. b. H., in deren AufsichtSrat die Herren Regierungsrat Stack- mann, v. Jagow, Dr. v. Burgsdorsi, v. Hehdebreck, v. Kleist, v. Arnim-Züsedom, v. Batocki und v. Wietersheim gewählt wurden. Zum Geschäftsführer und politischen Instrukteur der Redaktion wurde der Generalsekretär des Hauptvereins der Tcutschkonser- vativcn— das Bureau des Hauptvercins befindet sich im selben Hause wie die Redaktion, Bernburgcr Straße 24/25— Herr Schröter, eingesetzt. Das neue Regime erwieö sich als recht segensreich für den bis» hcrigen Redaktionsstab— vor einigen Wochen starben plötzlich zwei der Redakteure, der Cheftedakteur Müller-Fürer und Herr Henning v. Koß, beide an einem Schlaganfall, und zugleich wurden sechs Redakteure an die Luft ge- setzt, und zwar die Hauptkräste, die größtenteils schon seit vielen Jahren an dem Blatte mit der Divise„Vorwärts mit Gott für König und Vaterland" tätig gewesen waren. Sie vermochten sich nicht in die von Herrn Schröter eingeführte strenge Zucht zu finden. Ohne Wissen und Zustimmung der Redaktion wurden nicht nur mit dem Bürenstein-Konzcrn allerlei Abmachungen über die Ver» legung der Druckerei der„Kreuzzeitung" und den Austausch von Satz mit den in der Büxensteinschen Druckerei hergestellten„Ber- liner 31. Nachr." getroffen; Herr Schröter nahm auch eigenmächtig mehrfach irreführende offizielle Erklärungen des Verlages und der Redaktion in die„Kreuzzeitung" auf, ohne, daß die Redaktion zu solcher Veröffentlichung ihre Zu- stimmung gegeben hatte. Ferner aber bestellte er in der Person des Schlußredaktcurs G. Grieger, ohne Rücksicht auf den Cheftedaktcur, einen Kontrolleur der Redaktion, der die Aufgabe zugewiesen erhielt, den Vermittler zwischen Redaktion und Verlag zu spielen und für die redaktionelle Ausführung der von Herrn Schröter erteilten Anweisungen zu sorgen. Eine An- ordnung, welche natürlich die Autorität des Cheftedalteurs völlig bei Seite schob— kein Wunder, daß Herr Müller-Fürer am 18. März, nachdem er am Mittag eine lange Kon� ferenz mit dem Verlag gehabt hm�te, plötzlich ein«« Gehirnschlag erlitt." Sechs andere Redakteure verwahrten sich gegen diese schöne Geschäftsführung des Herrn Schröter und baten in einem Schreiben den Aufsichtsrat und die Gesellschafter der„Kreuzzeitung".ehr- e r b i e t i g st", sie möchten eine Untersuchung der Vorfälle an- stellen. Sie erhielten kurzweg von Herrn Schröter ihre Kündi- g u n g mit dem Bemerken, daß der Ausiichtsrat alle Maßnahmen seines Geschäftsführers gebilligt habe. Und als sie diese Behand- lung von oben herab recht sonderbar fanden, wurden sie entlassen. Doch auch bei dem„Reichsboten", dem Blatt der.Positiven" evangelischen Pastoren, ist, wie wir bereits meldeten, ein Hinaus- Wurf erfolgt, der Cheftedakteur Dr. Gerhard Kropatscheck wurde plötzlich entlassen, und zwar, wie der Verwaltungsausschuß der Ä. uu b. H. des„Reichsboten" selbst erklärt, weil der Ausschuß „mit d e r F o r m u n d A r t, in der Herr Kropatscheck„p o l i. tische und kirchliche Fragen" behandelt hat, oft nicht einverstanden gewesen sei. Auch hier handelt es sich darum, daß MocKenfUm. .. i Dieweil des Menschen Fürrecht Lachen ist. Rabelais. Em großer Zeitgenosse. Seit ich von seiner genialen Tat gelesen, hatte ich eigentlich für nichts mehr Interesse. Was ging mich die unfteiwillige In- vasion deutscher Luftschifse und Aeroplane in Frankreich an? Was lümmcrte ich mich um den Krupp-Krach im Reichstage und all die andern dustenden Enthüllungen über die Praktiken der Rüstungs- firmen? Ter Zechbruder-Krakeel von Nancy ließ mich ebenso kühl wie der Fall Skutaris, der dem König und Heldensänger Nikita die Mühe ersparte, seine Koffer zu packen und eine Autotour von unbegrenzter Zeitdauer außerhalb der Schwarzen Berge anzu- treten. Die für das moderne Kriegswesen so bedeutsamen Schanz- arbeiten preußischer Pioniere aus der Saalburg waren mir eibenso gleichgültig wie die Baumwollnotierungen an der Börse von Balti- more. Es war mir ganz wurst, ob die Pioniere mit altrömischem Schanzzeug gelbuddelt hatten, ob sie dabei mit dem römissten Le- gionärspanzer und mit Kurzschwert und pilum(Wursipeer) aus- staffiert waren oder ob sie bei ihren Arbeiten den königlich preu- Mischen Waffenrock dritter Garnitur und vorschriftsmäßig genagelte Kommißstiefel trugen. Turmhoch, riesengroß stand für mich über all diese Nichtig- leiten seine Tat. Sie war schlechthin„die Tat an sich". Seine Tat verschaffte mir die innere Erschütterung, die mein literaturbegeisrerter Sinn bisher— nur viel schwächer— in den Werken der genialsten Dichter und Gestalter der Weltliteratur. nämlich denen eines von mir vergötterten Karl May und eines Conan Doyle empfunden hatte. Hier war eben wieder einmal das Leben gestaltungÄräftiger gewesen als die Dichtung. Als ich von seiner Tat gelesen, als sie in allen ihren Einzel- heiten aus mich eingewirkt hatte, beseelte mich nur ein einziger Ge- danke:„ihn" sehen,„ihn" kennen lernen!„Ihn", bei dem sich der unfehlbare Scharssinn eines Sherlock Holmes und die braus- gängerische Kühnheit eines Old Shaterhand verband mit dem unbe- stechlichen Gerechtigkeitssinn eines Brutus und der untadeligen Korrektheit des wahren Gentleman,„Jhn"i neben dem die italie- nischen Renaissancemenschen erscheinen wie schmalbrüsfige, zer- knirschte Hilfsprediger bei einer Butztagsandacht. Und wer ist dieser Große, dieser Gewaltige?-- Es ist der Detektiv Schwarz, der geniale Entdecker des Charlottenburger GymnasiastcmnordeS! „Ach der!" höre ich den Leser sagen.„Es ist doch längst fest- gestellt, daß dessen Entdeckung ein aufgelegter Schwindel war." Gemach, mein lieber.Hans NaivuS! Weißt du denn nicht, daß die Welt es liebt, das Strahlende zu schwärzen? Kannst du dir nicht vorstellen, daß die Kriminalpolizei auS Konkurrenzneid, daß Staatsanwalt und Untersuchungsrichter im Bewußtsein ihrer Unfähigkeit die scharsiinnigen Entdeckungen des großen Mannes diskreditiert haben? Ich weiß positiv, daß andere, sehr urteilS- fähige Leute über dessen grandiose FShigkeUen ganz anders urteilen. Und ich kann es beweisen!— Also, wie gesagt, mich beseelte der Wunsch, den Helden kennen zu lernen, dem es gelang, das Lügengespinst einer raffinierten Megäre und ihrer durchtriebenen Komplicen zu zerreißen. Ich durchstöberte den großen Wälzer des Berliner Adreßbuches mit dem Buchstaben 8. Halt, da ist er: Schwarz, Detektiv, Gollnow- stroße 147 H. III. Also auf und hin zu ihm!— Eine häßliche graue Straße, ein noch häßlicheres und verräuchertes Haus. Echtes N.O. Im Hofe Werkstätten und Gerümpel, eine schmutzige Hinterhaustreppe, im dritten Stockwerk neben Schneiderstuben auch einige nicht gerade anheimelnd aussehende Privatwohnungen.„Das alte deutsche Elend", denke ich bei mir:„Das Genie in einer jämmerlichen Mansarde." 3!ach einigem vergeblichen Herunrsragen erfahre ich von einer alten, aber nicht ehrwürdigen Dame:„Wal der Herr Schwarz is, der is auSjezogen. Det Geschäft ging in de letzte Zeit sehr gut. Er wohnt jetzt in't Bayerische Viertel." Sogar die genaue Adresse konnte mir die würdige Matrone geben: Passauer Straße 235 1. Meine Wißbegierde war nun erst recht erwacht. Da es erst fünf Minuten nach dem Monatsersten war. tonnte ich mir den Luxus" eines Automobils gestatlen. Im S!u ging's hinaus nach dem feinen Westen. Das angegebene Haus in der-Passauer Straße vereinigt all die Eigenschaften, die Berlin W. in dem Worte„hoch- herrschaftlich" zusammenfaßt. An einer der schöngeschnitzten, hell- braun gebeizten Türen lese ich auf geschmackvoll graviertem, blitz- blankem Messtngschild:„Schwarz, Erkundigungsbureau". Zluf mein Klingeln ösinet mir ein appetitlich aussehendes Dienst- mädchen und fragt nach meinem �Begehr.„Beda uro sehr, Herr Direktor Schwarz hat jetzt kerne Sprechstunde." Jetzt galt cs. Ich wollte und mußte ihn sehen und sprechen. „Sagen Sie Herrn Schwarz, ich komme von der Zeitung." Da» Mädchen sieht mich etwas verdutzt an und verschwindet. Bald kehrt c» wieder:„Herr Schwarz läßt bitten." Ich werde in einen großen, elegant möblierten Raum geführt. halb Salon, halb Herrenzimmer. Hinter einem großen, mit Briefschaften beladenen Diplomatenschreibtisch sitzt„Er". Im ersten ÄugeiMick bin ich enttäuscht. Ich sehe ein rundes.' fahle» Gesicht, nach amerikanischer Art glatt rasiert, und eine untersetzt« schwammige Figur, wie man sie zu Dutzenden in weiten gelben oder braunen Ulstern und schwarzen Melonenhüten in den Berliner Straßen herumlaufen sieht. Jetzt trägt er allerdings eine dunkelbraune Samtpekesche. Aus einer kurzen Pfeife steigen leichte blaue Wolken eines wohlriechenden Shagtadaks. Ein paar dunkle, nicht gerade sympathische Augen starren mich an. Dem Gehege der gelben Zahne, die die Shagpfeift nicht loslassen, ent- ringt sich die Frage:„Bon welcher Zeituno kommen Hie, m«:» Herr?"—„Bon der„B. Z. um Mitternacht". Ich möchte Sie um ein Interview bitten."(Weiß der Teufel, wo ich den Mut zu dieser Frechheit fand.) „Wissen Sic." sagte er in einem Tone, der meine Vorstellungen von Geistesgröße etwas ins Wanken brachte,„die Zeitungen �nnen mir eigentlich gestohlen bleiben. Sie haben mich zu schlecht be- handelt. Als ich meine Entdeckung in die OefsenUichkeit lancierte. haben sie sich wie toll auf die Sensation gestürzt und spaltenlange Berichte gebracht. Als dann aber der Konkurrenzneid und diewe- häfsigkeit der Polizei und Justiz meine Verdienste bestritten, haben die Zeitungsftchen zurückgehust und mich als traurigw Kerl Hrn. gestellt. Und als in derselben Zeit ein paar dämliche Sw�r an, der Detektivbranche wegen Kuppelei und Erpr�ung verurteilt wurden, hat man mich und die ganze Zunft mit Dreck deichmissen. Mit der„B. Z. um Mitternacht" mag es übrigens gehcm Da, Blatt hat seinen Absatz in den Ballokalen und Nachtcar s, afiob«, einem lipptoppen Publikum, das für unsereineu m eqrK: ünm in Betracht kommt.(Aha! dachte ich bei mir, da Häven irnt etat Probe des genialen Scharfsinns!) bcrfi Chefredakteur in der Person eines Herrn Richard George, der den verantwortlichen Redakteur für den unpolitischen Teil des Blattes und zugleich den Geschäftsführer spielt, ein Kon- trollcur und Inspizient bestellt wurde. Es liegt System in der Sache! Seit einem Jahr arbeitet der Vorstand der konservativen Partei oder vielmehr ihr Gcneralfeld- Marschall, der kleine Herr v. Hehdebrand, mit Energie daran, die konservative Presse zu„disziplinieren". Es soll aufhören, daß bei wichtigen politischen Aktionen ein Teil der größeren konser- vativcn Presse sich Extratouren gestattet und bald in Steuersragen (Erbschaftssteuer), bald in kirchenpolitischen Fragen(Stellung- nähme zu den religiösen Forderungen des Zentrums) oder bei An- griffen auf die Minister die Gefolgschaft versagt und eigene Wege geht. Blindlings, ohne Bedenken und Skrupel soll die konservative Presse einschwenken, wenn aus dem Berliner Hauptquartier eine Weisung erfolgt. Sie soll ohne Fragen dem Befehl von oben folgen, wie die Armee in der Schlacht dem Kommando des Feldherrn. Das ist der Wille des Herrn v. Hehdebrand— und alle, die sich diesem Willen nicht beugen, können gehen. Sind erst die Berliner konservativen Blätter„diszipliniert", soll der Ausbau und die Disziplinierung der konservativen Presse in Ost- und Westprcußcn sowie in Schlesien folgen. Der Shutari-StKit. In W i c n hält man es trotz der Abmahnungen von allen Seiten für gut, die drohende Pose beizubehalten.„Haltet uns fest, sonst geschieht ein Unglück"— auf diesen Ton sind alle Auslassungen der Wiener Offiziösen gestimmt. Man muß nur hoffen, daß das Festhalten schließlich gelingt. Daß der große Militärstaat das kleine Bergvölkchen unter seinen Willen beugen könnte, darüber herrscht ja nirgends ein Zweifel, aber ebensowenig, daß durch die Ausstachelung aller nationalen Instinkte der slawischen Welt eine sehr gefährliche Situation geschaffen werden könnte. Die Skutarifragc ist bis jetzt eine europäische, keine allein österreichische Angelegenheit ge- Wesen und muß es bleiben, soll sie friedlich erledigt werden. Deshalb ist das Drängen Oesterreichs und gar seine Drohun- gen mit einer separaten gewaltsamen Aktion schlechterdings unverantwortlich. Eine neue Komplikation bedeutet auch die Proklamierung Essad Paschas zum König von Albanien, die wahrscheinlich sowohl in Oesterreich als in Italien auf Wider- spruch swßen wird. Kriegerische Stimmung in Oesterreich. Wien. 27. April.(Privattelcgramm des„Vorwärts".) Aus dem Bollplal? sind heute alle Hunde losgekoppelt. Aus allen bür- gerlichen Blättern klingt es nach Kriegsgcschrci. Und da es mit der öffentlichen Meinung in Oesterreich so beschaffen ist, daß nur die Wiener Blätter Beachtung finden und die gesamte bürgerliche Presse im Dienste des Ballplatzes steht» so meint der dumme Aus- länder nach den aufgedonnerten Tiraden heute in Wien, das? wegen Skutari ganz Oesterreich brenne und es nicht erwarten könne, das) die kriegerischen Aktionen gegen Montenegro anfangen. Im übrigen ist es mit Händen zu greifen, welchen Zweck der kriegerische Theater- donner hat. ES soll damit die morgige Sitzung der Londouer B ot sch a fte r k o nf e r enz beeinflußt werden. Offenbar wird Oestcrreich-Ungarn morgen in London ein. Ultimatum stellen, d. h. die Konferenz solle erklären� daß sie Lesterreich-Ungarn mit dem Mandat, Skutari Montenegro abzu- Nehmen, ausstatte oder gewärtigen müsse, daß Oesterreich die kriege- rische Aktion sofort auf eigene Gefahr unternimmt. Um den Möchten den Ernst der Situation zu Gemüte zu führen und den Grad der Entschlossenheit, der in Wien herrscht, zu demonstrieren, wird heute sogar der alte Kaiser inS Spiel gezogen. Es wird nämlich mit auffälliger Ausführlichkeit erzählt, daß gestern bei ihm Berchchold und Holtzcndorff gewesen seien und daß der Kaiser mit ihnen von bis 8?L Uhr konferiert habe. Dies ist deshalb so bemerkenswert, weil sonst der alte Kaiser immer schon «m 8 Uhr schlafen geht. Wenn sich der Kaiser entschließt,% Stunden über die Zeit aufzubleiben, muß die Situation schon schrecklich aufpeitschend sein. Sachlich betrachtet ist die Situation im Augrnblickwohl so, Oesterreich wird entweder sein Mandat bekommen oder selbständig vorgehen. Vorgehen wird es also in jedem Falle, Montenegro wird also offenbar eine bestimmte ganz kurze Frist gestellt werden, in welcher es Skutari zu räumen habe. Weigert sich Montenegro, s» wird einmarschiert werden. Man erwartet, daß in Cctinje da- sToch der Herr Chefredakteur des Mvutagsblattes macht. wütende Augen. Meine Heroenbcgeistcrung reißt mich zu epischer Breite hin. Wir armen Mitarbeiter sollen uns kurz fassen. Ganz iurz. Ich n-ill daher nur die wichtigsten Momente aus meiner Unterredung mit Herrn Schwarz hier wiedergeben.) -Geschadet hat mir da? ganze Zeitungsgcschrci nichts," sagte der große Mann.„Im Gegenteil. Sehen Sie da, einen Berg von Aufträgen hat es mir eingetragen.(Er schlug mit der Hand auf einige Stöße von Briefen.) Ehcschcidungsgcschichtcn. Gatten- und Geliebten. lleberwachung, Alimeutationssachen u. dcrgl. Alles aus den feinsten Kreisen. Unter uns(ein dämonisches— andere würden vielleicht sagen zynisches— Lächeln flog über fein Gesicht): In der Theorie sind die Herrschaften alle für Sittlichkeit. cchtdeutscheS Familienleben und Heiligkeit der Ehe, aber in der Praxis.... A'a. mir kann's ja egal sein. Tic Hauptsache ist. daß ich bei diesen Geschickten eine hübsche Stange Geld verdiene. Ich habe mich ja auch verbessern köimep,(Er zeigt mit einer großartigen Hand- beivegung auf seine hochfeine Umgebung.) Aber all das ist nur ein Ucbergang. Ich stehe erst an der Schwelle großer Taten." Er suchte aus den Papieren auf dem Schreibtische einige Schriftstücke heraus und gab sie mir. Ich las: 33tlIo Hügel bei Essen, April 1913. Sehr geehrter Herr? Wir brauchen dringend eine erstklassige Kraft für unseren Geheimdienst. Unser Riesenbetrieb lebt nur von Geheimberichten. Leider haben wir in der letzten Zeit mit dem Personal unseres Informativ nsdienile» unliebsame Erfahrultgen gemacht. Ader waS kann man auch anderes von Leuten, die vom Kasernenhof und aus Mimsterialburcaus kommen, erwarten. Für die tcch- nsi'chen Zweige un,er� Betriebes mögen sie ganz brauchbar sem, aber für den Geheundrenjt brauchen wir gewandte Leute mit aeistiger Elastizität. WaS ,ch von Ihnen gehört habe, berechtigt mich zu der Annahme, daz-s.c der rechte Mann für uns stnd. Ich nehme daher die Angelegenheit selbst in die Hand und biete Ihnen ein Engagement an.«sie hatten die Geschäftsgeheimnisse unserer Konkurrenz rw Hii- und Auslände, die Pläne der Mili- tärbehörden usw. zu erkunden, �.aß wir Ihnen in Geldfragen in der kulantesten Weise entgegenkommen würden, bedarf bei uns wohl keiner besondere« Versicherung. Ihrer Rückäußerung cnt- ge gensehend zeichnet Dr. Austav Krupx von Bohlen«ujj KalbaS, durch der Ernst der Lage eher begriffen werden wird. Wir man sieht, hängt der weitere friedliche Verlauf im wesentlichen von der Vernunft Montenegros ab. In Wien ist sie ganz zum Teufel gc- gangen. Das Königreich Albanien. Belgrad, 26. April.(Meldung des Wiener K. K. Telegr.- Korr.-Bureaus.) Nach einer aus Elbassan hier eingelaufenen Meldung hat E s s a d P a s ch a im Einvernehmen init Dscha- vid Pascha ein a u t o n o m e s K ö n i g r e i ch A I b a n i e n unter der Souveränität des Sultans proklamiert. politische Qcbcrüdyt: Berlin, den 28. April. Annoncen-Patriotismus. In der letzten Montagsausgabc des„Vorwärts" berich- teten wir, daß die jüngst zur Stimmungsmache für die neue Heercsvorlage von der Leipziger Verlangsbuchhandlung I. I. Weber herausgegebene„Deutsche W e h r- N u m m e r" der Leipziger„Illustrierten Zeitung" nicht nur größtenteils im Kriegsmimsteriuin redigiert worden ist, sondern das Kriegsimmstenum auch zugleich als Annonzen-Akqui- f i t i o n s b u r e a u fungiert hat, indem es an die Armee- lieferanten die Aufforderung richtete, die Nummer fleißig zu Rektaineartikeln und Annonzen zu benutzen. Und diese An- nonzen-Akquisition hatte solchen Erfolg, daß inehr als 136 Großfolioseiten der Wehrnummer mit Neklameaussätzcn und Inseraten gefüllt werden konnten. Für den patriotischen Verlag ein seines Geschäft, denn tvie der Leipziger Korrespondent des Ainsterdainer„Handels- Mab" seinem Blatt berichtet, hat die„Illustrierte Zeitung" den Armeelieferanten fiir die von ihnen eingelieferten Re- klameartikel 900 Mk. pro Seite(Bilder ertra) berechnet, doch wurden bei zwei Seiten gütigst 10 Proz., bei drei Seiten 13 Proz. Rabatt gewährt. Für Inserate stellte sich derjPms pro ein Achtel Seite auf 123 Mk., ein Sechstel ans 168,73 Mk., ein Viertel Seite auf 230 Mk., ein Drittel Seite 337,30 Mk. eine halbe Seite 430 Mk,, eine ganze Seite 900 Mk. Stach oberflächlicher Berechnung hat also der Verlag der Leipziger„Illustrierten Zeitung" nach Abzug der Rabatte und Akquisitionskosten immer noch über 100 000 M k. a n I n s e r a t e n g e b ü h r e n für die Wchrnummer einge- nommen. Man sieht, der von der Vcrlagsfirma betätigte Patriotismus lohnt sich, Ter Erfolg der von dem Kriegsministenum auf dem Ge- biet des Jnseratengeschäfts entfalteten Tätigkeit ist so groß- artig, daß. wie wir hören, das Annonzenbureau von Rudots Masse beschlossen haben soll, Herrn v. Heeringen, falls er demnächst aus den bekannten Gesundheitsrücksichten von fernem Posten als Krtegsminister zurücktreten sollte, als Unter- Annonzenchef zu engagieren. Neichsetats Ueberschust. Mit dem ihm eigenen Selbstbewußtsein wußte vor unge- fähr fünf oder sechs Monaten das große Frnanzgenre des Zen- trums, Herr Matthias Erzberger, zu prophezeien, daß die Ab- rechnung des Reichsetats für das vom 1. April 1912 bis 31. März 1913 laufende Rechnungsjahr 1912 einen Ueber- schuß von mindestens 100 Millionen Mark ergeben würde. Wie jchon-so«fff hat sich auch diesmal wieder das große Talglicht von Buttenhausen gründlich geirrt. Trotz der überaus günstigen Konjunktur wird sich nach offiziöser Versicherung der Ueberschuß nur auf 61 Millionen stellen,.das heißt der sogenannte„rechnungsmäßige" Ueberschuß. Wie hoch sich der wirkliche Ueberschuß stellt, ist noch fraglich. Wie offiziös mitgeteilt wird, hat sich bei den Zöllen, Steuern und Gebühren ein Mehrertrag ergeben gegen den Voran) chlag des Etats von 43 Millionen, bei Post und Eisen- bahn von 12 Millionen, insgesamt also 37 Millionen. Hier- zu kommt noch ein Einnahinebetrag, der im April für Rechnung des vergangenen Jahres eingehen wird. Im vorigen Jahre stellte sich dieser Betrag aus 14 Millionen Mark. Für das Jahr 1912 ist er jedoch erheblich geringer zu Vera»- schlagen, weil seit dem September v. I. die preußischen Kassen ihre Monatsabrechnung nicht mehr am 26., sondern am letzten Tage des Monats abschließen. Man wird also den noch ausstehenden Betrag nicht höher als 7 Millionen schätzen dürfen. Damit würde sich dann der G e s a m t ü b c r s ch u ß auf 6 4 Millionen Mark stellen. Ein zweites Schreibe» lautete: Ä ö u i g l i ch e s P o l i z e i p r ä f i d i u m B c r l i n, April 1913. Alexanderplatz. Mein Herr! Ich brauche eine tüchtige Kraft für den Erkundungsdienst. Ich wende mich an Sie. Ich babe Vertrauen in Ihre Folug- feiten. Unsere Vigilanten sind Trottel. Sie lassen sich von den - Sozialdemokraten erwischen. Erst dieser Tage wieder einer namens Bruns. Bei Ihnen befürchte ich das nicht. Ihre Auf- gäbe: Erkundung sozialistischer Massenstreik- und Mobil- machungsplänc, geheimer Waffenlager. Auch revolutionäre Jugendbewegung. Gute Entlohnung tvird zugesichert. Vigilanten erhalten 1,59 M. pro Tag und Erstattung der Fahrkosten für Omnibus und Elektrische. Ich verspreche Ihnen das Doppelte. Zu persönlicher Rücksprache werde ich Sic besuchen. Ich komme nachmittags um 5 llhr. von I a g o w. Als ich diese Schreiben gelesen hatte, sagte Herr Schwarz in der bewußten Weise lächelnd:„Er ist nobel, der Herr Polizei- Präsident, nicht wahr? Und bedenken Sic, er widmet mir eine Besuchszeit, die er sonst nur ganz besonders Bevorzugten zur Ver- fügung stellt. Sie wissen doch, Tilla Turieux.. Wieder mußte ich das Wissen und die Kombinationsgabe des großen Mannes bewundern. Ich las dann weiter ein Schreiben des Großen Gcncralftabes, Abteilung für Geheimdienste, in dem der große Mann jür Erkundung militärischer. Geheimnisse in Frankreich, Rußland und England gewünscht wurde. Das Auswärtige Amt wollte ihn in einem Schreiben zum Dienst in den Bakkanresidcnzcn gewinnen, weil die dortigen Diplomaten bisher kaum beim ersten Kanonenschuß etwas vom Ausbruch eures Krieges gemerkt hätten. Es lagen noch Schreiben vor von' Deutschen Arbeitgeberverbande, der Schwarz gegen die Gewerkschaften verwenden wollte, ferner vom Konzern der vereinigten Militär-, Marine- und Staatslieferauten usw. Als ich alles gelesen hatte, stellte ich die ehrfurchtsvolle Frage an den» großen Manu:„Welches Angebot werden Sie annehmen?" Da richtete er sich stolz auf, nahm die Pfeife aus den Zähnen und sagte:„Ich werde sie alle annehmen. Und meine Auftrag- geber werden mit mir zufrieden sein!" Da wurde mir klar, daß das wahre Genie sich doch durchzusetzen versteht, und daß es Aott sei Dank«och Leute gibt, die es zu fördern wissen. i[E ms t.jj In Hugenbergö Spure«. Vor wenigen Tagen noch stand die„Nordd. Allgem, Ztg." den Enthüllungen über die Praktiken des Rüstuugskapitnls, besonders der Firma Krupp, ebenso ratlos gegenüber wie der Herr Kriegs- minister; aber inzwischen hat sie aus den verschiedenen kuriosen Erklärungen eines Dirckiors dieser Firma, des Herrn Finanzrats Hugcnbcrg, etwas gelernt. In eine Jereunade über die Verzögerung der Wehrvorlage durch die jüngste NeichstagSverhandlungen wickelt das StanzleMatt eine Erklärung über die Enthüllungen des Genossen Karl Liebknecht ein, in der fast in dem gleichen hochnäsigen Ton, in welchem Herr Hngenöcrg zu sprechen beliebt, die gegen die Firma Krupp gerichteten Vorwürfe als kleinliche Lappa- lien hingestellt werden, die in keinem Fall die Annahme der sogen, „Wehrvorlage" verzögern dürften. Das Kanzlerblatt meint nämlich: „Die von allen bürgerlichen Parteien geteilte und ausgesprochene Uebcrzcugung von der Notwendigkeit einer starken Rüstung hat es nicht zu verhindern vermocht, daß der Versuch der Sozialdemokraten, den Boden für die Verhandlungen über die Wehrvorlagc zu unterhöhlen, zeitweise einen scheinbaren Er- folg errang. Die„Enthüllungen" über die Angelegenheit bei der Firma Krupp bilden den Gegenstand gerichtlicher Untersuchung. Strafbare Handlungen tvcrdcn ihre Richter finden. Aber mag das Ergebnis der Untersuchung sein, welches es wolle, zum An- die-Wand-maleu eines Pclnamaflandals bietet weder der Fall Krupp, noch der 9 Jahre zurückliegende und nicht geglückte Bcr- such einer Waffciifabrik zur Lancierung von Rüftungsnachrichtcn in französische Blätter irgendwelchen Anhalt. Aus einzelnen Verfehlungen dürfen keincSchlüssc anfdie Gesamtheit gezogen werden, die integer ist. Wir haben nichts zu vertuschen, wollen aber auch nichts vertuschen, und die Regierung wird, wo sich ein Anlaß findet, rücksichtslos einschreiten. Noch verfehlter aber ist der Versuch der Sozial- demokraten, diese Vorgänge mit der Weh«vor- läge in Zusammenhang zu bringen. Die Wchwor- läge ist die notwendige Verschiebung der militärischen Machtvcr- Hältnisse und aus der geographischen Lage Deutschlands. Sie bc- ruht nicht auf Stimmungen oder Treibereien, sondern ist der bittere Zwang der Tatsachen. Und weil sie das ist, werden Reicks- tag und Volk über künstliche Stimmungsmache hinweg an ihr festhalten." Die„Nordd. Allgem. Ztg." sollte nicht über Stimmungsmache reden, dem: von ihr selbst und mehr noch von der Presse dcs Rüstungskap'lals und der Militärmteressenken wird seit Monaten die unverschämteste Stimmungsmache getrieben. Wenn übrigens der Regierung an der Erledigung der Wehrvorlagc so viel gc- legen ist, tvarum beschleunigt sie dann nicht die Untersuchung gegen die Firma Krupp und liefert damit den Beweis/daß sie tat- sächlich nichts zu vertuschen gedenkt und gegen die Schuldigen, auch wenn sie sich mächtiger Protektionen erfreuen,„rücksichtslos einschreitet". Den Lobgesang, den Herr v. Heeringen, ohne jede nähere Kenntnis der Borgänge, sofort im Reichstag auf die Firma Krupp anstimmte, läßt von dieser verheißenen„Rück- fichtSlofigkcit" nichts verspüren. O berst Gädtke im Kampfe gegen die Militärmandarine. Der bekannte Demokrat Oberst a. T. Gädtke steht am heuti- gen Montage vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Berlin I, um sich wegen angeblicher öffentlicher Beleidigung der Ehrengerichte des preußischen Heeres zu verantworten. Ter Straftantrag ist vom Äxiegsminister gestellt worden. Hus aller Melt. Der Ballon„Ilse" verbrannt.— Der Führer tot. Im Forst bei Almerodc(Provinz Hessen) wurde am gestrigen Sonntag, vormittags 8 Uhr, der am vergangenen Sonntag in Kassel ausgestiegene und seither vermißte Ballon„Ilse" völlig verbrannt aufgefunden. Die Leiche des Führers, Kaufmann Wehl and aus Kassel, lag daneben. Sieben Leichen aus 8. 178 geborgen. Wilhelmsbaven, 27. April. Das Wrack dcs Torpedobootes „L. 178" wurde heute früh in Gegenwart einer Gerichtskommission geöffnet. Bis jetzt sind sieben Leichen geborgen worden. Die Namen der Geborgenen sind: Steuermann Guben- s ch aag c r, Maschiuistcnmaate E i u h aus und Möller, Ober- bootsmannsmaat Bar ton, Sanitätsmaat Senft, Oberanwärtcr Hebauf und Matrose Wicbccfc. Ihre Beerdigung soll am Dienstag staltfinden. Tragischer Selbstmord. Unter äußerst tragischen Umständen hat sich auf der Solferino- Brücke tu Paris ein Selbstmord abgespielt. Ein ctcgant gekleideter, ungefähr 39 Jahre alter Mann, sprang auf das Brückengeländer. jagte sich j;inc Kugel durch den Kopf und stürzte rückwärts in die Seine. Seine Leiche konnte bis fetzt noch nicht geborgen werden. In seinem Zylindcrhut fand man eine Visitenkarte mit den Worten: „Sagt meiner Frau, daß ich für sie gestorben sei." Die Identität des Selbstmörders konnte noch nicht festgestellt werden. Kollision französischer Torpedoboote. Toulon, 27. Aprit. Gestern nachmittag ereignete sich ein Unfall im hiesigen Hasen, ätmlich demjenigen, der vor einiger Zeit den Torpcdojägcr„Frcgel" betroffen hat. Ein Torpedoboot, dessen Ruder in Unordnung geraten war, beschrieb einen großen Kreis und traf dabei das Unterseeboot„Messidor". Der Anprall Ivar sehr stark. Das Boot tourdc sofort ins Dock geschleppt und einer Uniersuchnng unterzogen, die das Ergebnis hatte, daß der hintere Teil des Schiffes beschädigt worden ist. Zugzusammcnstost. Auf der Strecke Ehartow-Tschugujctv in Süd-RußlaNd stieß infolge falscher Weichenstellung ein Personenzug mit einem Güter zug zusammen, wobei drei Reifende getötet und mehrere schwer verletzt wurden. Ein Heizer crtitt leichtere Verletzungen, die Führer der Lokomotiven blieben wunderbarerweisc unversehrt. Die nähere Untersuchung ist eingeleitet worden. letzte Nachrichten. Unruhen in Lissabon. Lissabon, 27. April.(Meldung der Agence Havas.) Heute nacht und I)ente vormittag fanden auf den Straßen Kundgebungen statt, angeblich um die bedrohte Republik zu verteidigen. Es wur- den mehrere Verhaftungen vorgenommen, ü. a. wurde Hauptmann Lima Dias vom 9. Infanterieregiment verhaftet. Lissabon, 27. April. Nach einer Blättermeldung haben heute nicht nur vor der Pionierkasernc, sondern auch vor mehreren anderen Kasernen Demonstrationen stattgefunden. Dicz Soldaten gaben auf die Tcmonstvontcn blinde Salven ad und zerstreuten sie. Tie Polizei soll in den Räumen der Radikalen Republikani- scheu Bereinigung zwanzig Leute verhaftet haben. In der Nähe der Fcuerwehrkaserne im Gracaviertel sollen heute früh 2 Bomben explodiert sein, Ubeater. Montag, 28. April 1913, Anfang 6';� Uhr. Deutsches. Faust 2. Teil. Anfang 7 Nhr. Aöuigl. Opernhaus. Die Waltüre. Anfang VI, Ubr. Königl. Schauspielhaus. Prwz Friedrich von Homburg. Soniggrätzer Straße. Macbeth. Anfang 8 Ubr. Urania. Die Weltmacht des Eisens. Äammerspielc. Der Arzt am Scheidewege. Lessing. Die versunlene Glocke. Deutsches Schauspielhaus. Ein idealer Gatte. Theater des Westeus. Wiener Blut. Berliner. Filmzauber. «leines. Professor Bernhardi. Deutsches OperuhauS. Martha. Schiller O. Der Kompagnon. Charlottenburg. Geographie und Liebe. Komödienhaus. Hochherrschastliche Wohnungen. Kurfürsten. Oper. Das Farmer- Mädchen. Metropol. Die Kino-Königin. Trianon. Madame£ Residenz. Die Frau Präfidentm. Thalia. Puppchen. Montis Operette». Der Zigeuner- Primas. Luise». Zaza. Rose. Zops und Schwert. Wintergarten. Spezialitäten. Reichsballen. Stettmer Sänger. Walhalla. Parole Walhalla. Anfang 8'U Uhr. Theater am Rollendorfplatz. Extrazug nach Nizza. Friedr.- Wilh. Schauspielhaus. Grigri. Lustspielhaus. Majolila. Folies Cavrice. Die Bank. Sein letzter Wille. Der Cowboy. Ansang S'/z Ubr. Neues Volks theater. Ernst sein. Anfang 9 Uhr. Admiralspalast. Eisballett: Flirt in St. Moritz. **•* Sternwarte, Invalid enstr. 57— 62. Ächtung! Gewertseliaften. Fabriken, Vereins! Bevor&ie zu Ihrer diesjährigen Dampferpartie i ein Lokal wählen, besichtigen Sie vorerst Voigt's Krampenburg und Sie werden flnden, daß die Krampenburg das passendste Ausflugslokal ist. Wald. 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SeilU i>es.Fomilrts" Kerlim WsM«»>»-- Ml» Aleltkrieg 5Z.-6. Em Prospekt. Mitgeteilt von Kurt Eis« er. Unter dem Namen„Internationale Gesellschaft zur Beförderung vaterländischer Gesinnung" tTelegrammadresse: Weltkrieg A.-G.) hat sich eine Aktiengesellschaft konstituiert, mit dem Hauptsitz in Berlin und Filialen in Paris, London, New Vork, Petersburg, Rom, Wien, Belgrad, Cctinje, Tokio und Peking, mit einem Grundkapital von t Milliarde Mark. Tie Aktien werden zum Kurse von 337� emittiert. Die Gesellschaft ist geboren aus dem dringendsten patriotischen Bedürfnis und verspricht die glänzendste, absolut sicherste Rcnta- bilität aller industriellen und finanziellen Unternehmungen. ' Gegenüber den wachsenden Gefahren der die beste nationale Kraft negierenden und aussaugenden Mächte des �Umsturzes und der internationalen Vaterlandslosigkeit, wie sie die Sozialdemokratie in allen Staaten darstellt, in Parlament und Presse propa- giert und zu deren Förderung sie sogar einen eigenen Festtag, die sogenannte Maifeier gegründet hat, wird es zur ernstesten Pflicht jedes Patrioten, gleichviel welcher Zunge, zum Schutz des eigenen Herdes, der Familie, der Sittlichkeit, des Eigentums, der monarchi- schen resp. republikanischen Oberhäupter, sowie der Religion aller Konfessionen die vaterländische Gesinnung allüberall zu stärken und zur höchsten Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Die nationale Gesinnung bewährt sich in den Mitteln, die für die Rüstungen zu Lande, zu Wasser und in der Luft angewandt werden, und in der Höhe der Preise, die die Völker und ihre Parla- mente und Regierungen opferwillig der von. echt nationalem Geiste getragenen Industrie gewähren. In letzter Zeit ist der Uebermut der vaterlandsloscn intcr- nationalen Weltfriedcnsapostcl so sehr gestiegen, daß sie sogar die hervorragendsten Firmen beschimpfen, bloß weil sie die Notwendig- leiten gebrauche», welche die selbstverständliche Pflicht vaterländi- scher Hingebung zur Förderung der Rüstungsindustrie unerläßlich gebietet. Eine irregeleitete öffentliche Meinung sucht diesen natür- Itchen internationalen Schutz nationaler Arbeit als Korruption, Landesverrat, Völkerberhetzung, Wucher- und Mordgcschäft zu ver- leumden, und es ist nicht zu leugnen, daß das unpatriotische, aber lungenkräftige Geschrei leider des Eindrucks nicht verfehlt und die Parlamente stutzig gegen die gehorsame Bewilligung der ihnen von den patriotischen Regierungen unterbreiteten Rüstungsvorlagen zu machen beginnt. Unter diesen Umständen, die das Herz jedes vaterländisch Ge- sinnten schwer betrüben und den Zorn jedes echten Deutschen(Frau- zoscn, Engländer, Ocsterrcicher, Russen,.Japaner, Montenegriner usw.) zur Siedehitze treiben, muß— im Interesse der Industrie— die so bedrohlich mißverstandene Propaganda völlig von den einzelnen Unternehmungen g c- trennt und einem besonderen Unternehmen über- wiesen und in ihm konzentriert werden. Diesen Zweck erfüllt die„Internationale Gesellschaft zur Bc- sördcruug vaterländischer.Gesinnung", Verbunden mit allen bedeutenden Unternehmungen der Rüstungsbranche in der ganzen Welt, von denen sie für jede erzielte Lieferung III Proz. des Wertes vertragsmäßig erhält, macht die Gesellschaft eS sich zur ausschließlichen Aufgabe, durch Beförderung der nationalen Gesinnung den patriotischen Charakter der Völker und die Rüstungsindustrie in jeder Hinsicht und mit allen Mitteln energisch zu fördern. Die„Internationale Gesellschaft zur Beförderung vaterländi- scher Gesinnung" organisiert zu diesem Behuf auf breitester Grustd- läge die öffentliche Meinung, die Politik, die Geschichte: l. Durch angemessene Bearbeitung der Presse. Wir machen es uns besonders zur Aufgabe, in der Presse jedes Landes die Kriegslust, den Chauvinismus, die nationalistischen Frechheiten aller anderen Länder so farbig und lebhaft wie möglich zu schildern. Ilm diese Prcßcrzcugnissc auch literarisch gediegen und wirksam aus- zugcstalten, bewilligen wir die höchsten Honorare für taugliche Er- zcugnissc dieser Sparte. 2. Durch Beförderung nationaler Jubiläen, durch Wissenschaft- liche Broschüren und Bücher über geschichtliche Ruhmestaten und Hcldcnzeitcn, durch Stiftung kriegerischer Denkmäler, Anregung nationaler Gemälde und Poesien, patriotischer Volksfcstspiclc, packender Kinodarbietuugcn. 3. Durch nationale Erziehung und Auspornung der Staats- männer, Diplomaten, hoher Beamten, Parlamentarier, eventuell unter diskreter Schuldcnregulierung und Gewinnbeteiligung. 4. Durch einen den Bedürfnissen der Unterbeamten angepaßten sorgfältigen, schnellen und umfassenden Nachrichtendienst über all das Rüstungswesen betreffenden Erfindungen, Preise, Lieferungen, soweit unserer Gesellschaft nicht angeschlossene Firmen oder unseren nationalen Bemühungen widerstrebende Regierungen oder einzelne ihrer Vertreter in Frage kommen. 5. Durch nationale Stimmungsförderungcn in den breiten Volksmasscn. Insbesondere empfiehlt sich die Anwerbung einer zahlreichen Truppe von Agenten und Unteragentcn, die in den Wirtshäusern den nationalen Ehrgeiz zu packen wissen, indem sie auf die elenden, feigen, schmutzigen, prahlerischen, raublüsterncn Deutschen, Franzosen, Engländer usw. schimpfen, deren Unverschämtheit nicht mehr zu ertragen sei, und zugleich versichern, daß unser Pulver trocken und unser Schwert geschliffen sei, trotz der vatcrlandslosen roten Brüder, die den Feind ins Land einlassen wollen, das Vaterland wehrlos machen möchten(General- streik), und daß es bald losgehen werde und müsse. ö. Durch Beschaffung tatsächlichen Agitationsmaterials: Arrangement nationaler Zwischenfälle(mit und ohne Alkohol), Grenzüberschreitungen und-übcrflicgungen, Verletzungen nationaler Ehre(Beleidigungen, Verletzungen, Plünderungen von Angehörigen aller Nationen im Ausland) bis zur Mißhandlung und Abschießung von völkerrechtlich privilegierten Personen, als Konsuln, Gesandten, Botschaftern, und zur Organisation von Kriegen durch Anwerbung dazu geeigneter und befähigter kleinerer Völkerschaften, die den Weltkrieg in nahe Aussicht zu stellen vermögen. b7L. Wir bemerken, daß wir diesem Zweig unserer Tätigkeit unsere ganz besondere Aufmerksamkeit widmen werden und keine Kosten und Mühen in dieser Hinsicht scheuen werden, sicher, daß gerade diese Aufwendungen unseren verehrlichcn Aktionären zugute „"'•,.,—. kommen werden. Nur die ständige Bedrohung mit einem Weltkrieg kann den Bewilliguugscifer der Parlamente rege und frisch und den Geschäftsgang der Industrie flott erhalten; wie denn auch Kriege selbst von Zeit zu Zeit notwendig erscheinen, einerseits um den Ernst der Gefahr plausibel zu machen und andererseits auch durch die Massenvernichtung von Kriegsmaterial durch den Krieg die Gefahr einer Ucberproduktion und Absatzstockung zu verhindern. 7. Durch Anfertigung von Rüstungsvorlagen, Denkschriften, Begründungen. 8. Durch Verhinderung aller finanziellen Aufwendungen für die fluchwürdige Friedenspropagantm; z. B. ist unter allen Ilm» ständen der bisherige Brauch aufrechtzuerhalten, daß die großen Geldmittel des Nobelpreises ausschließlich für völlig harmlose Jndi» viducn, nicht aber zur Förderung ernster und mächtiger Bewegungen verwandt werden. g. Durch energische Bekämpfung des Umsturzes, unter Herpor, Hebung des nationalen Geistes der Umstürzler jenseits der Grenze. 10. Durch Beförderung des technischen Fortschritts und Weit» bewerbcs unter gegenseitigem vertraulichen Austausch der in den einzelnen Betrieben und Staaten gewonnenen Erfahrungen und Erfindungen. Heranziehung und Ausbildung militärischer Sach» verständiger. Die vorstehenden schwachen Andeutungen unseres WirkungS» krcises dürften genügen, upl jeden Patrioten, dem es ernst ist um eine hochverzinsliche und völlig sichere Anlage seines nationalen Kapitals, zu veranlassen, unsere Aktien zu erwerben, die am 1. Mai in allen Hauptstädten der Welt zugleich zur Emission gelangen. „Internationale Gesellschaft zur Beförderung vaterländischer Gesinnung A.-G." Ver„Patrioten" ÄleikeUeä. Kennt ihr das Land so wunderschön, So guter und naiver Art. Das Land, wo noch Geschäfte gehn, Wo man noch Millionen„spart"! Mit heißem Dank sei es genannt: Es ist der Deutschen Vaterland. Kennt ihr das Land, wo Sittlichkeit Den Herren aus dem Munde trieft, Indessen zu derselben Zeit Die Geierllaue sich vertieft In Gelder, die man aufgebrannt, Dem lieben deutschen Vaterland. Kennt ihr das Land, das ungeniert Man so ein paar Jahrzehnte lang Am Narrenseil herumgeführt, Bei Hochprofit und Jubelsangl Und dann wird lobend noch genannt, Das ist das deutsche Vaterland 1 vautz. «Mikche Satirc. ein sentimentales Potpourri. Anderthalb Spalten über politische Satire von heute? Woher nehmen und nicht stehlen? Soll ich es machen wie die verschmitzten Professoren, die über Weltgeschichte der Gegenwart lesen und mittendrin in der Geschichte Hannibals aushören, wo sie am schönsten ist? Das heißt: soll ich erzählen, daß im Anfang des 18. Jahr- Hunderts in Irland ein Mann lebte, dem die Gesellschaft der Pferde lieber war als die Politcia der Mensch? Ein Riese Gulli- der, an dessen Größe die staatserhaltenden Elemente zu krabbeln- dem Unge-zlefer wurden? Oder konstatieren, daß in den Tagen der lehrreichen Schlacht bei Jena Kleist, der die Herrlichkeit der öffentlichen Autorität so brüchig und die Kunst so groß fand wie der Dichter des Oedipus, die vorgesetzte Justiz blamierte, als wäre sie ein respektabler historischer Krug, der so lange zum Brunnen geht, bis er Löcher hat? Soll ich dozieren, daß die Gesellschaft des englischen Rokoko ihren Hogarth hatte, der ihr zeigte, wie artig sie zu heiraten Pflegte und wie das krätzige Proletariat ihrer ausgiebigen Industrien sich beglückenden Delirien zuliebe in Fusel betrank? Dann könnte man noch Gogols „Revisor" analhsieren und Thackcrays„Jahrmarkt des Lebens" und seine vier George, von denen einer so beschrieben wird: „Er soll kein Freund Shakespeares gewesen sein. Dagegen fand er großes Gefallen an Possen und Pantomimen. Namentlich wenn ein Bajazzo eine Rübe oder ein paar Würste.verschluckte, lachte der Fürst so auffallend, daß die liebliche Fürstin an seiner Seite ihm sagen mußte:„Mein gnädiger Monarch, fassen Sie sich!" Und seine Mutter flüsterte ihm ins Ohr:„Georg, sei ein König!" Und der einfache, hartnäckige, liebevolle Maim versuchte, ein König zu sein. Er tat sein Bestes. Er handelte nach dem Maß seiner Einsichten. Die Tugenden, die ihm bekannt waren, suchte er zu üben. Die Kenntnisse, die er mit seinen Fähigkeiten zu erwerben vermochte, suchte er zu erwerben." Ist so etwas seither wieder gekonnt worden? Thackeray war ein großer politischer Satiriker. Er hatte eine Trockenheit, eine Reporterobjektivität, die klassisch heißen darf. Leider ist er seit fünfzig Jahren tot. Er gehört der Weltgeschichte an, von der man reden möchte. Liebe Zeitgenossen: die Welt geht zurück. Oder verlangt man von mir, daß ich die„Morgenröte" von Ruederer Josef für die Uxbersetzung einer aristophanischen Gesell. schaftskoinödie halten soll? Ich kann es nicht, Bürger, ich kann es nicht; obwohl ich München den liebenswürdigsten Ruf einer freigesiimten Kunststadt herzlich gönne, obwohl ich die Krinoline und das Tanzbein der Lola Montez liebe bis zum Monarchismus und obwohl ich beinahe bei den revolutionären Cheruskern aktiv gewesen sein möchte. Ich kann es nicht. Denn mitunter muß man von der politischen Zeitkomödie doch mehr verlangen als ein revolutionäres Kostümfest, das eine fesche Faschingsstichmarke abgäbe. Der Dichter wird sagen, er habe die Satire-der politischen Harmlosigkeit des göttlichen MünchenertumS geschrieben. Aber wem garantiert er, daß diese Harmlosigkeit ihn selber, dem verbindlich Groben, nicht bezaubert hat. und daß er ihr wahrhaftig ohne Wohl- wollen gegenübersteht? Nein, nein, nein: da war der alt« Graf Pocci aus dem stillen Hau» am Promenadeplatz mit seinen: Kasperle und mit seinem StaatshämorrhoidariuS schon salziger. Wir reproduzieren entzückt die Biedermeierfräcke von 1348, aber nicht das geringste Stückchen von dem politischen Glauben der guten Leute von damals— mit dem man immerhin noch die Freisinnige Volkspartei aufmuntern könnte— und wie es scheint am allerwenigsten den höchst maliziösen Geist des alten Oberst- kämmerers, der die Welt äußerst anzüglich in ein Puppentheater verwandelte. Ja was bleibt? Wedekind— einer, aus dem eine groß- artigere gemeine Zeit einen politischen Satiriker von hohem Rang gemacht haben würde, und sicher ein Dichter— Wedckind nennt Ludwig Thoma in„Oaha"«inen„redlichen Menschen". Und er hat recht. Er ist es. Die Bezeichnung ist reichlich boshaft. Nehmen wir sie als eine Begrenzung eines Lebenstalents. Und schätzen wir das Ludwigerl immerhin nicht zu gering für diese Zeit. Eine einfach konstruierte Gesinnung, die den direktesten und saftigsten Ausdruck sucht und weiß der Himmel— findet, ist heute in Deutschland Goldes wert. Wir haben in Deutschland an politischer Satire kaum etwas Besseres. Es ist peinlich wenig; aber das ist so. Der große oberbayerische Gamm lebe lange und empfange auch unseren Tank! Der alte Glaßbrenner ist neben ihm freilich wie Don Quichotte, der erlauchte Narr, neben dem sehr unproblematischen Sancho Pansa. Unsere Satire ist ohne Dämonie. Im alten Glaßbrenner, im alten Vormärzdemokraten war bei seiner aufgelegten Kalaueret und Banalität ein Stück Gott und ein Stück Teufel— nicht nur in Heinrich Heine. Unsere politische Satirel Du lieber Himmel! Haben Sie schon einmal die„Lustigen Blätter", den„Kladderadatsch" und— nichts für ungut— den„Wahren Jacob" oder den„Süddeutschen Postillon" gesehen? Sie werden sagen: der„Simplicissiums". Aber wie wird mir? Es scheint, daß Heine älter wird Thomas Theodor der Einzige. Er ließ uns früher hoffen, daß unsere gottlose Zeit doch wenig- stens noch einigermaßen an Luzifer glaube. Er war manchmal fürchterlich und es wurde uns kalt. Das Gesicht der Zcitpolitik: eine vereiste Arabeske der Lächerlichkeit und des Elends. Er hatt» auch eine schreckliche Verbindung von Klitschigem und Diabolischem, wenn er die beste Gesellschaft oder das mittelständlerische Familien- leben von 1800 und 1900 zeichnete. Der>var etwas wie ein Dämon — ein Dämon mit Mops und Pastoralflöte; ein Däinon mit heim- lichen, uneingestandenen sozialen Begeisterungen; ein Dämon, der gerührt sein, der heimlich weinen konnte und öffentlich die Zähne fletschte, grimmassierte oder einfach kalt sachlich war. Er hatte das verfluchte Talent der gestürzten Engel: seine Zeichnung trug, wenn sie politisch am tiefsten haßt«, die Maske einer gewisse» Loyalität. Man muß wissen, daß der rechte Teufel ein rechter Biedermeier ist. Wilhelm Schulz, der Unbeachtete, hat auch ein wenig von dieser Rasse. Damit ist aber nicht gesagt, daß alle Bicderleute heimliche Teufel sind. Tie Leute halten Gnlbransson für einen unsterblichen politischen Satiriker. Dieser vergnügte Zeitungsleser ist im Grunde einer von den Friedfertigen, denen das Evangelium mit Recht die Seligkeit verspricht. Sein Durchschnittswitz ist ein wenig pennälerhaft profitlich. Er hat höchst ergötzliche, hat ausgezeichnete Sachen gemacht. Er hat Sinn für die ahnungslose Idiotie der staatserhaltenden Gesten und hat das Talent, diese Idiotie in Kurben zu bringen, die halb schwungvoll, halb pedantisch sind. Aber was wollen wir mit unserem„Simplicissimus"? Vor 50 Jahren hat Daumier gelebt. Neben seinen Satiren, die von einer über» menschlichen Größe erfüllt sind, ist alles Neue winzig und dilettan- tisch. Er hat die größte aller bildnerischen Satiren geschaffen, die je gemacht wurde. Sie vergiftet nicht und sticht nicht. Sie zerschmettert. Seine ParlamentSthpen grenzen ans Aegyptische. Sie sind wie travestierte Pharaonenfiguren— diese Herren des »gtsetzgebenden Bauches".„Simplicissimus"„Assiette au Beurre" und wie sie heißen mögen— sie nützen. Aber es ist doch Lästerung, Daumier auch nur eine Minute zu entwenden. Haben wir gar nicht»? Gar nichts Klassisches? Etwas, das an Swift ertnnxrt oder an Kleist oder an Moliäre oder an Daumier? Oder an jenen Cervantes, der die prachtvolle Arroganz, den unsterblichen Blödsinn, den heroischen Marasmus eines untergehenden Junkertums zu ewiger, immer gültiger Kunst gemacht hat? Nein. Bürger, nein! Nicht«, nichts, nicht»! So sicher nicht, als Bülow kein Tallehrand war. Es ist eine elende Zeit. Wir haben Feines, Kluges, haben Zugespitztes, haben Geistiges. Wir haben Eourtelinc, France, Shaw, meinethalben auch Bahr. Courteline rollt die Probleme der öffentlichen Sittlichkeit unserer Zeit auf und die Fragen, die sehr verzwickten Fragen der heiligsten individuellen Rechte in dieser amioch individualistischen Gesellschaft. Habe ich, nom äe Dieu, das Recht, meinen Unbenenn- baren aus dem Fenster eine« Zimmers herauszustreckcn. das ich mit Wahrung aller Mietformalien gemietet habe? O. höchst schwierige Abgrenzung der heiligsten individuellen Rechte und höchst aktuelle Parabel! France erzählt die Geschichte von dem alten Gemüsemann, dem Pere Crainquebille. Der wird von einem ruppigen Schutzmann— er ist auf Korsika geboren und in einem Pariser Kleinbürger« viertel stationiert— eines TageS zufällig aufgefordert, weiterzu« fahren. Aber der Handwagen ist eingeklemmt, der Alte kriegt von einer Kundin noch Geld heraus und so weiter. Kurz: ein Win- kelchcn Weltgeschichte unserer Zeit. Krach, angeblicher Widerstand und angebliche Schutzmaimsbelcidigung, Prozeß und trotz Ent- lastungszcugen Gefängnis. Der Alte kommt wieder heraus, findet keine Arbeit mehr, sucht Unterkunft, nennt diesmal wirklich— und ohne jeden Anlaß— einen Schutzmann Schweinehund oder so ähnlich, bloß um verhaftet zu werden. Aber der ist ruhig, nimmt nichts übel, der verhängnisvolle Menschenfreund, und sagt wohl- wollend:„Weitergehen, Alterchen." Alles sehr fein, alles Ilassi- zistisch distinguierte— ein wenig tveiche— Satirc. Jedenfalls nur Miniatur, nicht Kolossalkunst Urie Swift. Shaw ist echt, aber ivahrhaftig auch kein Gigant der politischen Satire. Er ist sehr gescheit, sehr vorurteilslos, sehr beweglich, ist geistreich, unerbittlich ehrlich, nicht ohne das satirische Organ für das Groteske, Herr einer Phantasie, die mit den Dingen umspringen kann, voll Ehrfurcht für die Arbeit, voll einfachen und tüchtigen Sinnes für das Zweckmäßige und voll gesunden Wider- willens gegen den kostspieligen und wertlosen Schnörkel in der Gesellschaft, dabei nicht ohne dichterischen Ucbermut und nicht ohne starkes Gefühl für das Recht des formalen Spiels in der Kunst. Kleopatra nennt den in jedem Jahrhundert einmal geborenen Cäsar, der mit etwas kitschig uiüversalhistorischen Gefühlen vor die mondbeschienene Sphinx tritt,„alter Herr" und fragt ihn sehr weiblich und am Ende politisch sehr wahr, ob er den Lorbeerkranz trage, um seine stattliche Glatze zuzudecken? Aber es fehlt noch ein gutes Stück zum Aristophanes und zum Eulenspiegel. Es fehlt ein gewisses Maß des künstlerischen Wahnsinns. Der treffliche Brite ist zu klar, zu rationell, fast sagt man zu reell. Aber das ist die Zeit— und das Beste darin,«ie ist an sich, in allen Menschen und darum auch in ihren besten politischen Satirikern ohne den ckstasischen Ueberschwang, ohne den romanti- schen Geist, ohne den noch nie ganz große Kunst, auch nie große politsche Satire gewachsen ist. Politische Satire ist um so größer, je bedeutender die politische Wirklichkeit und je unerhörter das positive politische Ideal der Phantasie ist. O. Swift! O, Daumier! Stirbt die politische Satire aus, weil die Welt besser wird oder ist die politische Welt so jämiucrlich, daß nicht einmal mehr die künstlerische Wut gedeiht? Tie Politik der Zeit müßte, wenn sie zu großer Satire stimmen sollte und alle größte Kunst enthält so oder so politische Satire—, wenigstens so pompös miserabel sein wie die Gesellschaftsordnung des 18. Jahrhunderts oder de» ztveiten Kaiserreiches, des Kaiserreiches jenes„Ratapoil", des immerhin bedeutenden bonapartistischen Hochstaplers. S or ex. )Ziif der parlamentstribüne. Schrill tönte die Glocke durch die engen, stets künstlich erleuch- taten Korridore der Journalistentribüne. Oben im Presserestaurant, dem Entenpfuhl, verstummen die Gespräche und das hier heimische. schonungslose Lachen, selbst die Schachspieler halten ein und alle Blicke wenden sich dem schwarzen Schalltrichter an der Wand z», auS dem es nun gespenstisch hobt heraustönt:„Ter Herr Reichs- kanzler hat das Wort— dör Hörr Reuchskanzler!" lind schon ist das Restaurant leer und alles rast die Treppen zur Tribüne hin- unter. Im Nu ist sie überfüllt, alle Manu an Bord! Vorn an der Brüstung beugen sich die Berichterstatter über ihr Papier, und alle Plätze, alle Treppen und Durchgänge besetzen die Korrespondenten des In- und Auslandes, die StimmungSbcldner und was sonst so ans der Tribüne herumsitzt, und zwingen die stenographierenden Journalisten des Parlamcntsbureaus sich den Weg nach ihren Diktierräumen, wo die Schreibmaschinen stehen, mit den Ellen» bogen zu erkämpfen, wenn sie ihren Turnus ausgenommen haben und nach fünf oder zehn Minuten die Ablösung eintritt. Drinnen in den kleinen Zimmern mit der verdorbenen Luft und den Massen weggetvorscner Papierblättcr auf dem Fußboden rasseln indes schon die Schreibmaschinen— zwei, drei in einem Zimmer und jeder Schrerbcrin wird waS anderes diktiert, wobei mit der Stimme nicht gespart werben darf. Da wird die Rede im Wort- laut geschrieben, hier schon der Auszug für die kleineren Blatter, �arnenlofe Grabfcbnft. Aufrecht wollte mir nichts glücken, Mußt mich biegen, mußte mich bücken, Die Peitsche über meinem Rücken, Mußt ich mich zusammendrücken, Bis Gott, Mensch, Tier in Stücken. Lumpen meine Schwären decken, Kunde wollten sie nicht lecken, Mußte den eignen Eiter schmecken, Mich, ein Lumpenhund, verstecken, Am im Dunklen zu verrecken. __ Kans Kyser. Me Jan 5Zdemar begraben tviirde. Eine Legende aus Holland. Von Wilhelm Schmidtbonn. Ter lustigste Platz in der Stadt an diesem Frühlingstag: der Kirchhof. Hier allein standen statt grauer Häuser Sträucher und Bäume mit grünen Knospen und farbigen Blüten, hier allein sangen darum die kaum loiedergekehrten Vögel. Und die Kapelleitglocke läutete dem Totenlvagen wie einem Hochzeitszug entgegen. Die schwarzen Männer des Geleites sahen zu den Vögeln auf. Einem fiel eine Blüte auf den Aermel, er nahm sie und verbarg sie in der zu- gedrückten Faust, selig und heimlich wie ein Kind, das Ent- deckung fürchtet. Allmählich aber ließen alle ungehindert über ihre Gesichter die Freude sich breiten, darüber, daß dieses Be- gräbnis sie für einen Vormittag aus der Enge ihrer Kontore zog. Sie sprachen über den Frühling und vergaßen ganz den Totenwagen vorn mit den schwarzbehangenen Pferden davor und dem Priester dahinter, der selber mager wie eine Leiche war und mt feierlich ergriffenes Gesicht zeigte, in Wayrheit aber nur feine Aede ausarbeitete— ein etwas schwieriges Stück, da ihni der Vogelsang immer dazwischen kam. Vor dem Sarg schritten aber noch viele Vereine von Kriegern, von Schützen, von Sängern, die schon nach ihren iilotenblättern in der Tasche tasteten und mit der Zunge den Mund an- feuchteten. Die bunten Fahnen standen im Wind gebreitet, und unvermutet begann ganz vorn die Musik einen Trailer- marsch. Denn es ivar ein besonderes Begräbnis. Ein Dichter wmde begraben, Jan Ademar, In der Fremde gestorben, ivurde er von der Vaterstadt geholt, um festlich in die hol- ländische Heimaterde gesenkt zu lverden. Alle standen in einem Kreis um das Grab, innerlich ein wenig angeschnitten von dem zwiespältigen Gefühl, das eine solche Gelegenheit mit sich bringt, halb Genugtuung, selber noch nicht in das gelbe Loch zu müffen, halb unbehagliche Neugier, da man denn doch einmal an zwei Seilen hinunter- gelassen würde. Als der Sarg aus dem Wagen gehoben wurde, zeigte sich die erste Ueberraschung: vier einfache Bret- ter, blau gestrichen und init hundert Blumen und Vögeln und Sternen bemalt. Ein kurzer Unwille auf all den bärtigen und bebrillten Gesichtern: das war wieder ein Stück dieses Toten, der ja immer alles anders getan hatte, als sie und ihre Väter. Eiiier im Zug, der die Leiche mit ein- gesargt und auf der Reise hierher begleitet hatte, lachte in sich hinein, denn er allein wußte, daß der Tote nicht, wie es anständig loar, in einem schlvarzen Rock in seinem fröhlich bunten Holz lag. sondern in einer Jacke aus blauem Leinen, in kurzen Lederhosen und den breiten Schuhen, die ihn hin und her über die Straßen der Erde und oft von den Men- scheu weg auf die blaue Höhe der Berge getragen hatten. In seine Hand war auch kein Veilchenstrauß gesteckt, sondern der alte zerschundene, eisenbeschlagene Wanderstock lag darin. Tie Musik endete, der Verein sang sein Lied, der Priester segnete, ans einem Hügel der ausgeschütteten Erde mühsam das Gleichgewicht haltend, der Bürgermeister der Stadt trat einen Schritt vor und ließ die satte, sichere Stimme aus seiner gewölbten Brust ein wenig ärgerlich in diesen allzu lauten Vogellärm schallen. Da er, obwohl er den Toten an- sprach, doch nicht ins offene Grab hinuntersah, sondern den Kopf unaufhörlich in alle Richtungen des Kreises drehte, hörte nur jeder einzelne Worte. Da aber diese Worte sich immer wiederholten, hörte doch jeder dasselbe.„Du— wir — Heimat— stolz— auf Dich— unsere Liebe— eivig—" Es ivar in dieser Stadt nicht Sitte, auch die Frauen auf den Kirchhof zu lassen. Trotzdem drängte jetzt eine Frau, die nicht einmal nach Trauersitte gekleidet war. bescheiden und fest durch die Reihen an das Grab vor. Sie führte sogar einen Hund mit. der. im Gefühl vcn etwas Ungewöhnlichem, den Kopf dicht an ihren Rock hielt. Da es verboten ivar, Hunde auf den Kirchhof mitzubringen, toar es in der Ord- nung, daß die Nächststehenden die Danie fortwiejen. Sie aber erklärte leise und doch bis zum Fernsten verständlich, daß sie die Frau des Toten sei. Ter Priester, nach einer Weile der Ueberlegung. drückte ihr die Hand. Ter Bürgermeister, nach einigen verwirrten Blicken durch die Brille, redete weiter.„Tu— wir— Vater- land— Liebe— ewig— Da hob die Frau ruhig die Hand und sagte, immer leise und doch immer in dieser unbehaglichen Bestimntthett:„Nein doch! Das sollen nicht die letzten Worte sein, die mit ihm ge- sprochcn werden. Liebe? Ihr liebt ihn nicht. Er hat ent- behrt. während ihr sortwarfet. Er war krank, wahrend ihr Feste feiertet. Er war der Verzweiflung nahe, während ihr ani Weintisch saßet. Er hat Euch mit seinen Träumen beseligen wollen. Aber Ihr habt seine Träume mit dem Lärm Eurer Fabriken und Eisenbahnen etschlagen. Er hat sich nie vor Euch gedemütigt und Euch nie um etwas gebeten, danim habt Ihr ihn nicht angesehen. Trotzdem hatte er keinen Haß auf Euch, denn er wußte, daß alles so sein mußte. Aber er liebte zwei Arten Menschen mehr als Euch: die schönen Frauen und die starken Arbeiter. Sie sind nicht einmal an seinem Grab, denn sie sind ehrlicher als Ihr. Liebe? Hättet Ihr ihn geliebt, so lebte er heute noch und könnte noch zwanzig Jahre Euch die bunten Früchte aus dem Garten seiner Seele schenken." Hier verzog sie den Mund zu einein geringen Lächeln über sich selbst, weil sie unwillkürlich Worte von ihm ge- brauchte und sie doch vor anderen als ihre eigenen ausgab- Zugleich röteten sich ihre Wangen, vom Hauch der Worte, die von ihm kamen, beglückend angerührt. „Liebe? Keiner von Euch geht von diesem Grab nach Hause und tut das nächste: sich eins seiner Bücher kaufen. Liebe? Ihr stellt Euch nur in den Lichtkreis seines Ruhms, damit auch Ihr ein wenig gesehen werdet Seines Ruhms. der plötzlich gekommen ist, weil die Zeitungen seinen Tod ans- schreien. Liebe? Zwei nur haben ihn lieb gehabt, zu seiner Seite und seinen Füßen gesessen in seinen glücklichen und m seinen bekümmerten Stunden; ich und der Hund. Darum geht! Wir. ich und der Hund, wollen auch an seinem Grab allein mit ihm sein." Der Bürgermeister hielt eine Weile den Mund offen, um zu antworten. Aber er sah. daß die Augen der Frau im Fieber glänzten, daß die Frau sich hilfesuchend am Hab-vand des Hundes festklammerte. So verbeugte er sich�m*» amg. Der Priester trat emen Schritt auf die Frau zu. den Arm zwischen ihn und das Grab Er ging. Gebetbuch hochhebend. Die anderen alle sahen mit heinuichen Blicken einander an und gingen, die Köpfe schüttelnd, doch rmr keiiem Austreten, da es sich um eine Witwe handelte. Einer schaute initleidig hin, weil er dachte, es init einer Kranken zu tun zu haben. Die Frau bat auch die Totengräber, zu flehei'. Während der Hund zu ihr aufsah, schüttete sie mit den Händen die gelbe Erde ans den Sarg hinunter sorgsam, wie ste dem Geliebten immer sein Bett bereitet hatte, bcncchete die Erde, die so nah und für immer bej ihm sein durste, und rastete von Zeit>« dort wieder ein Stimmungsbild, daneben erhält der Telepljonist sein Material diktiert, dieweil das Amt sich schon bemüht, die fernsten Städte im Reich zu erreichen und den tollen Betried am Königsplatz, mit einem ebenso verrückten in Nürnberg, Wien oder aar Pari» zu verbinden, wo sich das Geschäft in umgekehrter Reihenfolge vollzieht. Reichskanzlerreden oder große Zusammenstoße gehen alle gleickimäßig an, und da arbeitet nötigenfalls auch alles zusammen, wie denn überhaupt auf der Parlamentstribüne die Parteiuntcr- schiede die Kameradschaftlichkeit nicht hindern, und vor der höheren Einheit der Ironie zurücktreten. Was aber der..leitende Staats- mann" für die ganze Tribüne bedeutet— Arbeit nämlich, mehr nicht— das ist für jedes einzelne der Bureaus der eigene Frak- tionsredner, den die anderen nur kurz und meistens auf Kraft- Worte und polemische Spitzen hin würdigen, während er von der eigenen Presse„ausführlich gemacht" und von ihren Bericht- erstattern zumeist auch mit einer inneren Anteilnahme behandelt wird, die sich gelegentlich in einem„Sehr gut! fein!" Luft macht, das deni lieben Nachbar freilich oft nicht gefällt und von ihm mit einem„Ouatsch!" quittiert wird. So gehts an den großen Tagen zu, wo die Journalisten oft genug stundenlang nicht Zeit haben, aufzuatmen oder gar was zu essen und wo man noch eine Stunde und länger nach Schluß der Sitzung in den Zimmern der Presse die Maschinen klappern und die Federn kratzen hören kann. Wie ganz anders in den Tagen des parlamentarischen Einer- lci! Wenige Leute nur auf der Tribüne, hier und da nur schreibt einer einen neuen Satz, die andern sitzen in der Kneipe, plaudern unten auf den weichen Sofas der Wandelgänge mit befreundeten M. d. R.s oder lesen in dem prächtigen Zeitungssaal des Presse- gcschosses, dem einzigen Räume im Reichstag, der der Bedeutung der Presse für das Parlament halbwegs angemessen ist. Die paar Männeken aber, die gerade Dienst haben und die Fahne hochhalten müssen, vertreiben sich die Zeit, so gut es geht. Einer hat ein Buch da, einer spielt auf einen Taschenschach mit sich selber, dort rechnet einer trotz einem Schatzsekretär seinen Dalles nach, und jener schreibt Briefe, um Beschäftigung für die parlamentslose Zeit zu finden. Ein weiser Daniel des Parlamentarismus hat den Frauen, also auch unseren unentbehrlichen Helferinnen von der Schreib- Maschine, den Zutritt zur Journalistentribüne verboten, auf daß sie uns nicht von der Arbeit abhalten, dem Volke zu melden, daß wir seine Vertreter hier gähnen oder schlafen sehen(dies trifft besonders für den Erwählten von Salzwedel-Gardclegen, den greisen Jordan v. Kröcher zu). Aber auch das hat sein Ende, wenn die Glocke wieder ganz anders, viel holder tönt dem müden Rc- porter und sich der Präside mit der grünen Mappe erhebt, um nach einigem, fast unhörbarem Murmeln zu erklären, daß die Tages- ordnung der nächsten Sitzung feststehe und er die heutige schließe. Sin entlarvtes Spit�elgenie. Vor einigen Tagen konnten wir im„Vorwärts" eines der Talente vom Alexandcrplatz, das sich in die sozialdemokratische Or- ganisation eingeschlichen und der politischen Abteilung der Polizei Spitzeldienste leistete, der Oeffentlichkeit vorstellen. Aber es ist zum Gotterbarmen! Die Qualität der poli- zcilichcn Helfershelfer wird von Jahr zu Jahr schlechter. Man mutz wirklich sagen, der entlarvte Polizeigentlcman, der Tischler Alfred Bruns, Marien burger Straße 33, Hof parterre, steht noch unter dem bekannten Durchschnitt der Polizeigenies. Tat er doch das, was man nicht für möglich halten sollte: er kam auf die Redaktion des„Vorwärts" und er- suchte uns allen Ernstes, den Lesern zu erzählen: der von uns bekannt gegebene Polizeispitzel Bruns sei nicht identisch mit dem Tischler Alfred Bruns, Marien- burger Straße 33. Offenbar wurde er bei diesem Verlangen geleitet von dem Bestreben, dann um so ungehinderter seinem ehr- baren Gewerbe atS Polizeispion nachgehen zu können. Man muß da? treuherzig« Gesicht des Biedermannes gesehen haben, als er seine Gründe anführte. Auf die Zähne mußten wir uns beißen, um nicht loszuplatzen, als Ehren-Bruns un« erzählte: er könne sich doch nirgends mehr sehen lassen. Nicht einmal zur Maifeier könne er gehen. Das ist freilich ein Malheur. Aber er hat doch dadurch keinen finanziellen Verlust, denn auf Mai- feiern sind keine Soldaten zu finden, an die man sich heranbiedern kann, wie es Bruns früher getan hat. Sieben Soldaten, die sich 1— SHwSgHMS! !8eH, damit der Gesang der Vögel noch ein wenig ins Grab dringe._________ Kleines feuilleton Ter reformierte Bühnenvertrag. Während viele Direktoren, die sich durch sogenannte künst- lerischc und menschliche Rücksichten blenden lassen, nur allzu bereit sind, die wohlerworbenen Eigentümlichkeiten chrcS Standes preis- zugeben, ist in anderen der gesunde konservative Sinn glücklicher- weise nicht ausgestorben. Das Theater ist ihnen eine ehrwürdige Erscheinung, an der nicht gerüttelt werden darf. Um aber selbst den Schein kapitalistischer Parteilichkeit zu ver- meiden, wollen sie der nun einmal erregten öffentlichen Meinung entgegenkommen, ohne die bewährten Grundsätze des bisherigen Theatcrbetriebes aufzugeben. Von einer sachverständigen Kam- Mission sind darum iu die alten Theaterverträge neue Züge hinein- gezeichnet worden. Die neue wohlerwogene Modernisierung des alten Vertrages ist den konservativen Gesinnungsgenossen unter den Direktoren in einem vertraulichen Schreiben mitgc- Hit worden, das also lautet: Sehr geehrter Herr Kollege! Es wird Ihnen bekannt sein, daß die sogenannte„g e w e r I. s ch a f t l i ch e Bewegung" der Schauspieler, die das Theater mit einer Stiefelfabrik auf eine Stufe stellt, in der Oeffentlichkeit leider cm sehr starkes Echo gefunden hat und sogar den Reichstag und die Gesetzgebung beschäftigen wird. Daß sich die Gesetzgeber von den verhetzten Schauspielern sollten zu Unbesonnenheiten hin- reißen lassen, vermögen wir vorläufig nicht zu glauben. Wohl aber dürfte es sich empfehlen, der öffentlichen Meinung mit einer Reibe besonnener Reformen entgegenzukommen. Wir gestatten uns, Ihnen zu diesem Zweck die folgenden Vorschläge zu unterbreiten: 1. An der Spitze jedes Vertrages muß ausgesprochen werden, daß die Rechte und Pflichten zwischen den Direktoren und Schau- spielcrn zu teilen sind. Wir hegen dabei die Erwartung, daß der Direktor als der autoritative Leiter des Betriebes sich die Rechte zu sichern wissen wird. o Um die sogenannte Äostümfrage der Schauspielerinnen aus der Welt zu schaffen, empfehlen wir den Bühnen mit mo. derncm Repertoire da» historische Kostüm vollständig frei m liefern und dieses Entgegenkommen durch wirkungsvolle Zei- tungsnotizcn verbreiten zu lassen. 8 Wenn Chordamen, die weniger als 100 M. Monatsgage haben', in Solo-Partien beschäftigt werden, mutz ihnen sowohl das historische wie das moderne Kostüm unentgeltlich geliefert Es empfiehlt sich bereits aus künstlerischen Gründen, Chor- damcn, die weniger als 100-c. Monatsgagc haben, niemals zu Solopartien zuzulassen. r•,•. ö Verheirateten caiausplelcriniieii wird wahrend der Schwangerschaft die Hälfte der Gage weiter bezahlt. 6 verheiratete Schauspielerinnen notorisch auf das Publi- k'.m eine' geringere Anzichunaskraft ausüben, empfiehlt es sich, in Zukunft nur unverheiratete �.awen zu engagieren. auf c!n Ostervergnügen des S. Kreise» verirrten, mußten die Be- kanntschast des Biedermanns Bruns mit Arrest büßen. DaS ziveierlei Tuch hat es dem Bruns überhaupt angetan. Wie er in einem Briefe reumütig gesteht, hat er in mehreren Fällen Militärpflichtige bespitzelt, ob sie der sozialdemokra- tischen Partei und der„sozialdemotratischen" Gewerkschaft ange- hören. Tie Bezahlung für die Liebesdienste ist aller Ehren wert. Auch die politsche Polizei kann sich der herrschenden Teuerung nicht verschließen. Während sie früher ihren Helfern acht Groschen zahlte, bekam Bruns, wie er in seinem Geständnis schreibt:„für die Gänge in der Militärsachc 1,50 M., Fahrgeld und Zehrgeld, ins- gesamt 2,80 M.". Bruns scheint nach der Ansicht seiner polizeilichen Vorgesetzten besondere Talente cutwickelt zu haben. Um deswillen ist ihm von dem Kriminalbeamten L o„ v i l s(?), der ihm seinen Ehrensold auszahlte, für Oktober 1013 f e st e A» st c l l u n g bei der politischen Polizei mit einem Salär von monatlich 30 Mark versprochen worden. Genau soviel Silbcrlinge wie Jutws bekam, als er seinen Herr» verriet. Auch damit wird es wohl nun vorbei sein; denn nachdem er uns anbot, Mitteilungen über das Treiben der Polizei zu liefern, wenn wir die gewünschte Lüge unseren Lesern auf- tischten, wird sein Polizciwirken wohl ein Ende finden. Das ist auch gut. Wenn wir der politischen Polizei einen Rat gehen dürfen: wir raten von einer festen Anstellung dringend ab. Konnten wir doch beim besten Willen, trotz aufmerksamsten Beobachtens, keinerlei hervorstechende Charaktereigenschaften an dem Gesinnungs- tüchtigen bemerken, es sei denn eine etwas große A c n g st l i ch k e i t. Diese bei einem Polizeimanne freilich nicht gerade rühmeus- werte Eigenschaft hat ihn am Sonnabend, den 13. April, einen später bereuten Streich gespielt. Bruns, der zurzeit in der Dres- dcncr Straße in einem bestreikten Betriebe als arbeitswilliger Kistenmacher tätig ist, traf an dem genannten Tage den früher bespitzelten Genossen I., der mit einem anderen Genossen zufällig die Straße passierte. Das schlechte Gewissen ließ ihn zum Revolver greifen. Nur dadurch, daß einige Uniformierte hinzukamen, wurde weiteres Unheil verhütet. Ihnen rief Bruns zu:„Abteilung?" und ließ den Genossen I. sistiereu. Pünktlich erhielt der Genosse ei» Strafmandat,„weil er bei seiner Zwangsgestellung un- gebührlichertveise lärmte und dadurch groben Unfug verübt habe". Bruns aber bereute bald seine unzeitgemäße Aengstlichkeit, Am Montag traf er die beiden Genosseit wieder und nun war er zerknirscht. Er kam mit ihnen auf die Redaktion des„Vorwärts" und legte ein volles Geständnis ab. Um zu zeigen, daß er gar kein wütiger Löwe sei, zeigte er auf Verlangen seinen—> Revolver und ließ ihn entlade». Wer von der Polizei ißt, stirbt daran! könnte-man als Motto zu"dem Werdegang dieses und wohl jedes Polizeispitzels setzen. Wie Bruns erzählt, hat der K r i m i u a I s ch u tz m a n n Robert Rhein, E b e r t h st r a ß e 2, ihn zur Spitzelei ver- leitet. Wirtschaftliche Not habe ihn zu dem ehrlosen Schritte ge- trieben. Jetzt wolle er nichts mehr mit der Polizei zu tun haben, die auch seinen 1 V- o d e r 1 7 jä h r i g e n Sohn, der als Straßen- feger arbeitete, in ihren Dien st stellen wollte. Die Polizei weiß dem Zuge der Zeit zu folgen. Wo alle« in Jugclchpflege»tacht, will auch sie ihr Teil zur nationalen Jugend- pflege beitragen. Bon dem Sohne deS Bruns verlangte ein Kriminalbeamter, daß er dem Gemeindearbeiterver- bände beitrete und ihm berichte, was dort vorgehe und ge- sprochen werde. Aber die Polizei leistet auch ettvaS dafür. So erzählte uns Bruns, daß ihm und wahrscheinlich allen Spitzeln der Wahlvereinsbeitrag und das Abonnement für den „Vorwärts" bezahlt werden. Wer von der Polizej ißt, stirbt danjn! Das ist nicht nur das Schicksal dieses einen Bruns, sondern euch all derer, die jetzt noch glauben, unerkannt ihre Klassengenossen für ein paar Lumpengroschen verraten zu können. Stach der Entlarvung vor ihren Freunden und Bekannten gebrandmarkt, werden sie als Ge- ächtete von ihren ehrlichen Arbeitskollegen gemieden. Die Polizei aber, die ihnen nur so lange den Judaslohn zahlt, als sie Spitzel- berichte erhält, schüttelt sie als lästig gewordene Verräter ab. Ein hartes, aber reichlich verdientes Schicksal! 7. Um der modernen sogenannten„Mutterschutz-Bewegung" entgegenzukommen, kann auch unverheirateten Damen während der Schwangerschaft die Hälfte der Gage belasten werden, mit der Maßgabe jedoch, daß der Beginn der Schwangerschaft beim Abschluß des Engagements mindestens II Monate zurückliegen muß. 8. Um das Ansehen unseres bedrohten Standes zu stärken, haben wir beschlossen, um die Schaffung eines neuen Titels für Theatcrdircktoren einzukommen, zu welchem Punkt wir Ihre gütigen Vorschläge erbitten. Die Anregung, besonders tüchtigen Direktoren unserer Gesinnung den Rang eines„Geheimen P r o st i t u t i o n s r a t e s" z» verleihen» haben wir geglaubt ablehnen zu müssen. In der Hoffnung, daß Sie den Grundsätzen dieses Schreibens Ihre Zustimmung nicht versagen werden, zeichnen wir hochachtungsvoll Der Scharfmacherverband deutscher Thcaterdirektoren. Aus Emile Zolas Anfänge». Der ehemalige Mitinhaber des Pariser Verlages, Cbarpentier Maurice Dreyfu», veröffentlicht unter dem Titel:.Was mir noch zu sagen übrig bleibt...* eine Fortsetzung seiner vor einiger Zeit erschienenen Lebenserinnerungen. Das Buch enthält zahlreiche Anekdoten über Gautier, Balzac. Jules Sandeau, die Brüder Goncourt, Mistral, Daudet. Flaubert, Zola und andere. Zola war ein junger Parlamentsjournalist, als ihn Charpentier und DreyfuS eines Tages rufen ließen, um ihn, da seine ersten Romane auf ein großes Talent schließen ließen, für ihren Verlag zu gewinnen. Der junge Romandichter kam und setzte den beiden Verlegern seine Pläne und seine Wünsche auseinander: .Hören Sie an, meine Herren." sagte er.„was ich möchte und wünschte. Ich möchte mein Werk in Ruhe fortsetzen können und darum die Sicherheit habe», daß ich jeden Monat eine bestimmte Summe er» hielte: ich brauche sie für meine Mutter, für meine Frau und für mich selbst, denn ich müßte die Gewißheit haben, daß ich mir nie um mein tägliches Brot Sorge zu machen hätte. Zur Bestreitung meiner Ausgaben brauche ich monatlich 500 Frank, und ich würde Ihnen jährlich zwei Romane liefern. Sie könnten sie veröffentlichen. wo und wie sie wollten, selbst als ZeitungöfeuilletonS. Ich muß Ihnen aber bald sagen, daß dieses letztere nicht leicht wäre: man will meine Romane in keinem Blatte haben. Sie sehen", fügte er lächelnd hinzu,.daß Leuten vom Bau. wie Sie eS sind, solche Ansprüche als verwegene Phantastegebilde erscheinen müffen, und ich muß gestehen, daß sie auch mir nichts weiter sind als ein schöner Traum..." Die Bilder dieses Traumes sollten bald darauf zur Wirklichkeit werden, denn Zola verdiente mit seinen Romanen Summen, an die er auch in seinen kühnsten Träumen nicht zu denken gewagt hätte. Elektrische Hinrichtung von Tiere». Die Vereinigung für Tier. schütz in Boston hat die Neuerung geschaffen, kranken und Herren- losen Tieren auf elektrische Art den Gnadenstoß zu versetze». Die Vereinigung hat tvährcnd eines Jahres nich: ivciiiger als 23 000 Katzen, fast 5500 Hunde Und 175 Pferde in Schutz genommen, Vögel, Kaninchen und anderes ungerechnet. Ein großer Teil dieser Tiere mußte beseitigt werden, und mau bat jetzt die Elektrizität als das sanfteste Mittel dazu erwählt. Durch eine besondere Vorrichtung können 200 Katzen oder Hunde auf diese Art durch einen lieber Sngel, bitt für uns! Nicht nur in der katholischen Kirche findet man die Anbetung der unterschiedlichen Heiligen, auch in gut evangelischen Kreisen ist ihre Verehrung an der Tagesordnung. So steht in Goslar am Harz auf dem Marktplatz ein„bittender Engel", dem alle die, die in den kleinen Nöten des Lebens Fürsprache brauchen, mit einer kleinen Geldspende ihre Wünsche anvertrauen. In der„Goslarschen Zeitung" werden die Spenden registriert, es finden sich da ganz ergötzliche Naivitäten. Aus Dankbarkeit für Hilfe in schwerer Krankheit erhält der„bittende Engel" seinen Obulus. 50 Pf. werden gespendet,„weil in ganz Goslar keine grünen Heringe heute vorhanden sind". Eine an der Treue ihres Schatzes zweifelnde Schöne opfert drei Nickel mit der Bitte,„daß mir mein Willi treu bleibt und sich alles zum Guten wendet". Aber nicht nur als Erhalter der Liebe und Treue fun- giert der„bittende Engel", auch neue Liebesbande soll er an- knüpfen helfen. Da wünscht eine Licbessehnsvchtige:«L. E. er- höre meine Bitten, führe mich mit H. aus O. z u sa m m e n." Na, hoffentlich hat der Engel kein steinern Herz und läßt sich er- weichen, denn wer die Liebe kennt, weiß, was die Arme leidet. Auch die Schulbuben und die um das Fortkommen ihrer Sprößlinge bc- sorgten Mütter machen sich die Dienstfertigkeit des bittenden Engels zunutze. Wiederholt finden wir in der Quittung Geldspenden mit dem Wunsche, die S ch u l p r ü f u n g zu bestehen. Unrecht jedoch finden wir es von dem kleinen AllcriveltSkerl auf dem Goslarer Marktplätze, daß er sich in die inneren Streitigkeiten der Religions- feiten mischt. So opfert eine Frau 30 Pf.„aus Tank, daß mein Mann aus Strick und Band der Adventisteu- gemeinde befreit ist". Tie Uuiversalhilse wäre eine Atquisition für Berlin. Da würde man bald folgende Bitten finden: Geheimrat C.: L. E. laß meinen Lohn Reserveleutnant werden. V. Heeringen: Schenke mir lange Amtsd.auer. Krupp: Strafe die roten Hetzer für ihre Frechheit. Chor der Landräte: Der Teufel hol die amtlichen Wahlurnen. Der lange Theobald: Befreie mich von der gott- gotvollten Abhängigkeit. Lieber Engel, bitt für uns! Kultur-Apostel. Den Ultramontanen ist jede Regung modernen Geiste» ein heidnischer Greuel, der wert Uwe, mit Feuer und Schivert aus- gerottet zu werden. Leider ist jedoch immer noch nicht wieder der Scheiterhaufen in Tätigkeit, jeden unbequemen Neuerer zur höheren Ehre Gottes den Flammen zu weihen. Die wahrhaft Frommen müssen sich daher mit den kleinen Mitteln ultramontaner Kampfes- weife begnügen. Wie sie ihre ganze Person in dem heiligen Kampfe gegen den Unglauben einsetzen, wurde jüngst in einer Klage gegen den Buchhändler Schöller enthüllt, der sich wegen Beleidigung von fünf Professoren des Gymnasimns zu R o t t w e i l vor der Rottweiler Strafkammer zu verantworten hatte. Die Beleidi- gung wurde erblickt in einer Eingabe des Schöller an die Mini- sterialabteilung für das höhere Schulwesen in Württemberg. In dem Schreiben hatte der Buchhändler sich in kräftigen Worten über B o p k o t t a n d r o h u n g durch Lehrer des Gymnasiums beschwert. Die umfangreiche Beweiserhebung stellte fest, daß ein Professor von einem Buche Paul H e y f e s in der Auslage der Schöllcr- scheu Buchhandlung unter unverblümter Boykottan- drohung als von einem Schand» und Schundbuche g:- sprochen Hab«. Der Rektor des Gymnasiums bekundete sein Kunstverständnis dadurch, daß er die Entfernung eines Bildes von A st i aus der Auslage verlangte. Der Betätigung»- drang eines dritten Gymnasialprofessors lag mehr auf religio»»- wissenschaftlichem Gebiete. Er verlangte unter versteckter An- drohung des Boykott? die Entfernung eines Buches des Modernisten Wicland aus der Auslage. Da Schöller frei- gesprochen wurde, dürfen die Steuerzahler die Kosten des Wirkens der Herren tragen. Wie schön wars in der guten alten ZeitI Da wurde nicht lange gefackelt. Die Modcrnisten wurden dem Scheiterhaufen überliefert; konnte man ihrer nicht habhaft werden, wurden wenigstens die ge- druckten Irrlehren dem Feuer überantwortet. Ja, dir gute, alte Zeit.... einzigen Menschen vom Leben zum Tode gebracht loerdcn— ein „ungeheurer Fortschritt, der im Lande, wo Schnelligkeit und Ge- schäftstätigkeit über alles geschätzt wird, besonders hoch bewertet wird". Hoffentlich arbeitet diese Vorrichtung sicherer als der bc- rüchtigte elektrische Stuhl für die amerikanischen Verbrecher. Uebri- gcns Iverden im Durchschnitt doch nur 2500 Tiere im Monat in Boston elektrisch hingerichtet und dann in einem besonderen, mit Gas geheizten Krematorium verbrannt. Notizen. — Gegen das Reichstheater gcsetz rüsten jetzt die Thcaterdirektoren. Im Vorstande des Deutschen Bühnen- Vereins haben sie mehrere Resolutionen eingebracht. Sie erklären sich außerstande, die Lasten zu tragen, die ihnen daS Gesetz auferlegen wolle. lieber die Resolutionen wird demnächst die Ge- neralvcrsammlung des Vereins entscheiden. — K u n st ch r o n i k. Im Kupferstichkahinett der königlichen Museen wird morgen, Dienstag, eine Ausstellung Delacroix und die Meister von Barbizon(Radie- rungen und Steindrucke) cröfftwt. Dclacroix, einer von den Stür- mern der französischen Romantik, der Generation von 1830. ist den deutschen Arbeitern als Maler des Bildes„Die Freiheit führt das Volk auf die Barrikade" bekannt. — Ein wichtiger Fortschritt der Chemie. Nach fast zehnjährigen?lrbeiten ist es dem Prof. Fritz Haber gelungen, Ammoniak tl nm ittelbar ans seinen Elementen Stickstoff und Wasserstoff zu gelvinncn. Er führte das Experiment, an dem die Landwirtschaft größtes Interesse hat, einer Ver- sammlung der Deutschen chemischen Gesellschaft vor. die am Sonnabend im Hoftnannshause tagte. — EinneuesBildvonKleist. Bisher war nur ein ein- ziges Porträt des Dichters Heinrich von Kleist bekannt: ein Jung- lingsbild. Jetzt ist ein weiteres entdeckt worden, eins aus dem siebenten Lebensjahre, das den Knaben mit seiner Mutter dar- stellt. Arthur Elvasser veröffentlicht es in Velhagens Monats- heften. Gemalt hat es der Miniaturenmaler Close. — Der Golfstrom soll nach einer soeben bekannt werdenden Hypothese Fridtjof Nansens nicht, wie man bisher geglaubt hat, aus den mittelamerikanischen Gewässern herkommen, sondern von der afrikanischen und westeuropäischen Küste. — Rußland sperrt den Parsifalaus Tie Auf- führung des Wagnerschen Werkes tourde in Rußland endgültig verboten, wie es heißt: aus religiösen Gründen. — Ibsens Peer G Y n t, vor einer Rethe� von Jahren einmal von der Berliner Lessinggesellschaft auf die Bühne gebracht, würde im Nürnberger Stadttheater als Festspiel aufgeführt. Fast sechs Stunden dauerte die Ausfiihrung. — Der Architekt Gabriel v. Seidl, der Erbauer des Deutschen Museums, ist gestern nachmittag im 65. Lebensjahre gestorben. Viele große Schloß- und Villenbauten hat er geschaffen. Auch die Häuser der Maler Lenbach und F. A. von Kaulbach sind sein Werk. Das Braukapital wußte sein Talent für Junen- dekoration für de» Bau moderner Bicrpaläste auszunutzen. ßmfhaftcn der Kedahtion. Neuer Abonnent. Durch einen Arzt.— K. 4. Dame geht bor. — H. 86. Einen gesetzlichen Anspruch aus einen sreien Sonntag hat Ihre Schioester leider nicht. Eine Klage würde nur dann Aussicht aus Ersolg �aben, wenn ein solcher verembart ist. Auch können von den Polizei- Behörden Verordnungen über die Mindeftruhezeit erlassen werden. Ob solche in dem Ort. wo Ihre Schwester beschäftigt ist, bestehen, erfahren Sie durch Nachfrage beim Amtsvorsteher.— A. K. SÜZ. Ja, sofern er im Besitz eines FreischcmS ist.— W. 6. 63. Z. Nein, sofern eine Freistelle bewilligt wird. 2. Nur dann, wenn die Uebersührung mit Zustimmung der Krankenkasse ersolgt.— W. 51. Sie können Auszahlung des Anteils von dem Eigentümer verlangen, eventuell gegen denselben klagen.— M. W. 60. Die deutsche Reichszugehörigkeit geht verloren. Wegen der Frage, ob die österreichische StaatSzugehörigkeit erworben wird, wenden Sie sich bitte a» die„Wiener Arbeiterzeitung".— P. G. 22. Unseres ErachtenS lag eine strafbare Handlung vor.— N!artin-Qpitz 5. l. Nein. 2. ES ist zweck- mätzig, die Umschreibung des Namens zu veranlassen. 3. Sie sind wähl» berechtigt.— Unfall, l. Es handelt sich um die Verhandlung deS selten» der Berussgenossenschaft eingelegten Rekurses. 2. Ja.— P. H. 2. New, aber Invalidenrente für die Zeit der Invalidität.— O. W. 49. New. Kataloge Ober Uhren, Goldwaren, Kataloge über MusihinsU�mente�� gratis und franllo-�7� JurcfkOeisc gegen Monatsraten Prismengläser• Reisegläser Photograph. 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Tie Sonimerlokale schafften schleunigst möchtige'Vorräte heran und machten das erste Bombengeschäft. Auf den Seen und Flüssen wimmelte es von Booten, auf den Sport- uitd Spielplätzen von frühlingseiernden Menschen. Die berüchtigten„drei Eisheiligen" sind ausgerechnet für dte Pfingstfeiertage angemeldet. So heimsten Hunderttausende um so lieber die Freuden dieses schönen Sonntags ein. Wenn sich die Kalendermänner verrechnet haben, wird die doppelte Freude nichts schaden.__ Auf der Bühne vom Tode ereilt. Einen jähen Abschluß fanden in der Rächt zum Sonntag die Tarbietungen einer Zauberkünstlcrin im Metropol-Kabaret. Dort wurde eine Nachtvorstellung zum Besten eines schwererkrankten Schauspielers gegeben, bei der auch die 36 Jahre alte Zauber- künstlcrin, Witwe Emma Martfeld aus der Friedrichstraße 32, mitwirkte. Kurz nach�l Uhr begann die Künstlerin mit ihren Vor- führungen. Sie hatte schon einige Kunststücke gezeigt, als sie plötzlich während eines Jllusionsaktes besinnungslos zusammen- brach. Kollegen und Kolleginnen brachten sie sofort hinter die Bühne, wo zwei Acrzte, die zufällig im Zuschauerraum anwesend waren und ebenfalls sogleich hcrbeicitten, nur noch ihren Tod feststellen konnten. Die Künstlerin ist wahrscheinlich von einem Herzschlage getroffen worden. Zur Feststellung der Todesursache wurde sie nach dem Schauhause gebracht. Zwei Kinder in der Havel erirnnken. Ein harter Schicksalsschlag hat den Schiffer Wernisch aus Oder- berg betroffen. W. befindet sich gegenwärtig mit seinem Fahrzeug. einem Lastkahn, auf der Tour nach Berlin. Als sich der Kahn aus der Oberhavel dahinbewegte, spielten die beiden Kinder des W. auf dem Deck. Sie kletterten dabei auf dem Rande des Fahrzeuges umher und stürzten im Eifer des Spiels ins Waffer. Der Borgang war wohl gleich von Schiffersknechten bemerkt worden, so daß man sofort Rettungsversuche unternehmen konnte. Aber leider sollten sie erfolglos sein. Es war nicht möglich, die beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen im Alter von sechs und sieben Jahren, in Sicherheit zu bringen. Auch die Leichen vermochte man bisher nicht zu bergen. Jedenfalls find die Kleinen direkt unter den Kahn geraten, so daß sie nicht mehr an die Oberfläche korr�nen konnten. Als die Mutter in der Kajüte die Rachricht von dem jähen Tode ihrer Kinder erhielt, brach sie ohnmächtig zusammen, Hineingefallen. Böse„hereingefallen" ist ein Dieb, der dem Aärtnereibesitzer Moldt, Wilhelmfiraße 4 zu Großlichterfelde, einen nächtlichen Be- such abstattete. Er war auf das Gärtncreigrundstück vorgedrungen und hatte, da er in den Baulichkeiten besondere Beute nicht ge- macht, große Posten Blumen abgeschnitten. Als er mit seiner lieb» lich duftenden Beute das Grundstück verlassen wollte, bemerkte er nicht das Vorhandensein einer Dunggrubc, die teilweise mit Jauche angefüllt war und stürzte in der Dunkelheit hinein. Wohl gelang es dem Verunglückten, sich aus seiner mißlichen Situation zu be- freien, doch war er derart zugerichtet, daß er seine Beute, die Kinder Floraö, im Stiche ließ und selbst stark„duftend", so schnell als möglich auf und davon ging. Eine �Zkagd a»f Menschen, die von Polizisten ausgeführt wurde, rief in der Nacht von Sonnäbeud zum Sonntag in der Andreasstraße bei Straßen- Passanten große Erregung hervor. Gegen 2 Uhr nachts sah man in der Nähe des Andreasplatzes vier Schutzleute, die unter dem Kam- mando eines Leutnants standen, eine Gruppe von etwa 20 Personen vor sich herjagen. Die Schutzleute hatten blank gezogen und gingen im Laufschritt vor. Welchen Grund die Attacke hatte, war nicht festzustellen. Wie Verbrecher sahen die Verfolgten gerade nicht aus, und Verbrechet; hätte die Polizei doch wohl auch nicht laufen lassen, Ein tödlicher Strasienunfall ereignete sich am Sonnäbendttachmiiiag in der Pankstraße. Dort wollte vor dem Hanse Nr. 2g der 16 Jahre alte Arbeitsbursche Paul Stein, der bei seinen Eltern in der Pankstraße 78 wohnte, den Fahrdamm überschreiten, als ein Privatautomobil dahergesahren kam. Stein übersah jedoch den Wagen und wurde von diesem ge- faßt, umgestoßen und zu Boden geworfen. Er kam dabei so Unglück- lich zu liegen, daß er unter die Räder geriet, die ihm so scbivcre innere Verletzungen beibrachten, daß er diesen bald darauf im Virchowkrankenhausc, wohin man ihn brachte, erlag. Die Nnterrichtsstunde des Genoffeu Borchardt am heutigen Abend in der Arbeiterviidnngsschule fällt aus und wird später nach- geholt werden. Die nächste Unterrichtsstunde findet am Montag, den S. Mai statt. Spiel und Sport. Radrennen und Radfahre«. In der Generalversammlung des Arbettec-Radfahrer- verems Berlin(Solidarität) kam es am Freitagabend zu einer Aussprache über die Bedeutung des Radrennens für die Ar- beiter. Alle Redner wandten sich gegen die unsinnige Rekord» jägerei, wie sie auf den Rennbahnen zum Ausdruck komme. Das sei kein Sport, habe mit ihm nicht das Geringste zu tun und es sei nur bedauerlich, wenn noch Arbeiter an diesem Unsuge Interesse nehmen. Der wirkliche gesunde Sport des Radsahrens werde durch die Radrennerei nur geschädigt. Ter Arbeiter-Radfahrerbund duldet in seinen Reihen weder Be- rufsfahrer noch läßt er das Trainieren zu. Er hält auf die Ausüdung eines gesunden Radsports, der seine Anhänger hinausführt in die freie Natur und, in den richtigen Grenzen betrieben, Körper und Geist kräftigen kann. Die blödsinnige Kilometerfresserei auf den Rennbahnen liege nur im Interesse von reklamesüchtigcn Fahrradfabriken, gewinnsüchtigen Rad- rennbahnbesitzern und— goldlüsternen Rennfahrern. Schwimmsport. Der Schwimmverein„Vorwärts" Berlin 1867 veranstaltete am gestrigen Sonntagnachmittag in der städtischen Badeanstalt Oderberger Straße sein zweites Abteilungs-Schwimm- fest in diesem Jahre und bewies ebensowohl durch die guten Leistungen, die in stark besetzten Feldern zum Ausdruck kamen, als durch den großen Zuspruch des Publikums, wie sehr das Interesse für den so überaus gesunden, von Ausschweifungen ablenkenden, Körper und Geist stärkenden Schwimmsport in Arbeiterkreisen zu- nimmt. Es ist mit besonderer Freude zu begrüßen, daß nicht nur bei„Vorwärts" Berlin 1897, sondern in fast allen in den letzten Jahren gegründeten Arbeiter-Schwimmvereinen vornehmlich auch die Arbeiterjugend zum erweiterten Recht des Lebensgenusses kommt durch Betätigung im Gebiet der Naturelemente. Gerade die Jugend war mit größtem Eifer bei der Sache, aber auch die Er- wachsenen zeigten, daß es nicht nur ein Vorrecht der bemittelten Kreise ist, mit Grazie und Ausdauer sportliches Können zu ent- falten. Der Geist des Arbeitersports will nicht nach außen wirken, er findet in sich selbst, in dem alleinigen großen Ziel dct Körper- stählung seine Befriedigung. Das trat hier auch bei den Massen- spielen im Wasser, die an die Gewandtheit und Ausdauer der Teilnehmer hohe Anforderungen stellen, deutlich hervor. Aus dem 22 Konkurrenzen umfassenden Programm seien neben dem von 49 Personen sehr schön komponierten und geschwommenen Reigen folgende Ergebnisse hervorgehoben: Erstschwimmen für Männer, 70'/, Meter, nur Abt. Oderberger Stratze. 1. F. Frank 1 Min. 4'/, Sek., 2. Gusc 1 Min. 12'/, Sek.— VereinSmädchcn. schwimmen, unter 14 Jahre, 47 Meter, alle Abt., t. M. Krest, 55' I, Sek., 2. F. Gilbig, 56 Sek.— AbtciUmgt-ZwcikiunP s Im Streckcnlauchcn und Schwimmen, nur Männer Oderberger strage. W. Rungenhagen und A. Gusc gleicher Sieg nm 23 Punlten.— Seinorensprinacn mit 5 Kür- springen. J. ÜB. Kntschkan. Abt. Schillingibrücke 16,25 Punkte.— Scniorcn- schwimmen, 04 Meter. 1. 0. Klemck, Abt. Oderberger Straße 1 Min. 15'/, Sek. — Scnlorcnbrustschwimmcn, 211'/. Meter, alle Abt. 1. A.Reh, Abt. ÄchillingZ- brücke, 3 Min. 27 Sek.— Knäbenstasette, alle Abt., 4X2 Bahnlängen. 1. Abt. Oderberger Str., 3 MW. 7 Sek.— VereinZ-Damenschwimmen, alle Abt., 70'/, Meter. 1. Frl. El. Schinner, Schillingsbrückc, 1 Min. 10'/, Sek., 2. Frl. Th. Krest, Schillingsbrückc, 1 Min. 18'/, Sek.— Jugendjtasettc 16-18 I., 4X2 Bahnlängen. 1. Abt. värwaldstr., 2 Min. 4l Sek.— Männerstasette. 4X2 Bahnlängen. 1. Abi. Schillingsbr.. 2 Min. 31'/, Sek. — Jugend-Wasserballspiel. Abi. Bärwaldstr. 4: 3 gegen Oderberger Str.— Männer-Wafferballspiel. Abt. Bärwaldstr. 5: 2 gegen Schillingsbrücke.— Vom 18. Mai ab wird auch in den Badeanstalten Runimclsburg. Wilhelms- ruh und Ratiborstr. geübt. Näheres beim Voriitzeiiden Als. Seibl, Neukölln, Bahnstr. 5.''_ Propaganda-Fußballspiel Nord-Süd. Eine recht zahlreiche Zuschaucrmengc, weit über 1399 an der Zahl, hatte sich eingesunden, um dem Propaganda-Fußballspicl der ?lrbeiterturn- und Sportvereine in Reinickendorf, Fichtcturnplatz, beizuwohnen. Zwei geübtere Mannschaften der Märkischen Spicl- vcreinigung, Bezirk Grotz-Berliu, lNordvcreine— Südvereine) standen sich gegenüber. Das warme Wetter war wohl den Zu- schauern recht angenehm, jedoch den Spielern schon zn sommerlich. Trotzdem bot sich dem Publikum, unter dem auch Mitglieder von bürgerlichen Sportvereinen waren, ein rechts interessanter» flotter Kampf. Vor allem zeigte der Verlauf des Spieles, daß das Fuß- ballspicl zu den anregendsten, unseren Körper in recht vielseitiger Weise beanspruchenden Bewegungsspielen gehört. Nach vorherigen Abschätzungen sollte der Süden die spieltech- nisch bessere Mannschaft sein. Das Resultat 4:2 für den Norden beweist allch nicht, daß die Nordlcute um 2 Tore besser waren, cS hätte auch umgekehrt lauten können. Ausschlaggebend waren die Läuferreihen, und da zeigte sich die Nordrcihc als etwas besser als die Südreihe. Das umgekehrte Verhältnis bestand unter den Stürmern.— Der Norden erzielt das erste Tor nach ungefähr zehn Minuten, dem der Süden, obgleich mehr im Angriff, erst nach langer Zeit das ausgleichende Tor entgegensetzen kann. Halb- zeit 1:1.— Nach dieser, der Norden mit Wind, aber gegen Sonne, ein verteiltes Spiel. Ein Torschuß des Nordens streift die Querlatte, wonach der Ball den Weg in die linle Ecke findet. Wieder kann der Süden ausgleichen. 2: 2. Der Nordmittclstürmer schießt das 3. Tor, dem der Halblinke durch Kopsstoß ein 4. anreiht. Der Süden läßt mehrere Gelegenheiten aus, schießt knapp daneben oder darüber hinweg, vermag am Resultat aber nichts mehr zu ändern, Das vorgeführte Spiel bewies erneut, daß das Fußballspiel iu den Arbeiterturn- und Sportvereinen eine gute-Äätte gefunden hat, so daß der Arbeiter nicht mehr nötig hat, in bürgerlichen Ver- einen diesem Sport zu huldigen, Die Radrennbahn in Treptow, die gestern eröffnet wurde, hatte einen Massenbesuch zu verzeichnen. Taufende von Zuschauern ver, folgten die Rennen mit einem Eifer, der einer besseren Sache wüstdig wäre. In den Dauemnncu siegte der alte Treptower Fahrer A. Stell- brink vor Herrn. Przyrembel und Bruno Dcmke; in den Flieger- rennen konnten Rütt und Lorenz die ersten Plätze belegen. Ergebe nisse Malfahren für Klasse C 999 Meter: 1. V i e r ck, 2. Rabe, 3. Sennecke, 4. Häusler. In drei Vor- und drei Zwischenläufen ausgeschieden 31 Fahrer. Malfahren für Klasse B 000 Meter, 1. K u d el a, 2. Rudel, 3. Dadewald, 4. Pawke. In zwei Vorläufen ausgeschieden: Ganze-, voort und Tadewald. M a l s a h r e n für Klasse K, 200, 100, 50 Meter. Dm Läusc- über je 900 Nieter. 1, Lauf: 1. Rütt, 2. Lorenz,% L., 3. Peter.—, 2. Lauf: 1. Lorenz, 2. Rütt, dichtauf, 3. Peter.— 3. Lauf: 1. Rüktz, 2. Peter, 3. Lorenz. Gesamtwertung: 1. Rütt ,(4 Punkte)» 2. Lorenz(6 Punkte)» 3. Peter(3 Punkte). Daucrsahren mit Motorführung. 20 Kilometer. 300, 209, 190 M. 1. A. Stellbrink in 17 Min. 35% Sek.; 2. Herrn, Przvrembel 180 Meter; 3. Bruno Dcmke 390 Meter zurück. Stellbrink nimmt die Spitze und überholt Dcmke in der 52. Runde. Vorgabefahren 1599 Meter. 1. S e n n e ck e(119 Meter! Vorgabe), 2. Börgcmann(149), 3. Ehlert(99), 4. G. Purka(169), In drei Vorläufen ausgeschieden 33 Fahrer, darunter Rütt(vom Mali. Lorenz(19 Meter Vorgabe), obwohl berechtigt» fuhr den Endlauf nicht mit. Dauer fahren mit Motorführung, 39 Kilometer; 709, 690, 490 M. 1. A. Stellbrink in 26 Minuten 27'/, Sekunden, 2. Przyrembel, 640 Meter; 3. Demke, 2550 Meter zurück; wieder ist A. Stellbrink an erster Stelle, er passiert Demke in der 40. Runde und gleich darauf auch Przyrembel; Demke verliert in der 55. Runde den Anschluß an seinen Motor, wodurch er drei Runden einbüßt; kurz vor dem Schluß kaiin Stcllbrink seine Gegner noch einmal überholen. Z w e i s i tz c r- H a u p t f a h r c n. 5090 Meter. 150, 80, 40, 20 M. 1. R ü t t- L o r c n z> 2. Hoffmann-Linsencr, 3. Pawke- Rudel. 4. Schmittcheu-W. Theiß. Nicht placiert: Ganzevoort-iKendel-, bacher, Kudela-Petcr, Tadewa ld-Tetzlaff. Eemeweber verlin C» ttöllnifcher Sifchmarkt 4, S, 6 Erdgeschoss: ta Anzüge Ulster Paletots von M. 25.— bis M. 75." Hosen Westen I. Stock: in eigenen Betriebswerkstätten Hergestellt, ist preiswert und unübertroffen in Sitz u. solider Verarbeitung Lüstre- u. Leinen- Kleidung. Sonntag, den 4. Mai, von 8—10 u. 2-6 Uhr geöffnet, II, Stock: Joppen-Anzuge.>.. voa 21.— w Wettermäntel.••. 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Mit einem Anhang;»Die Verhütung Ein Buch auf Teilzahlung! � E o e 'S ä« i£ t o SS»e» 12 o •o : >- c ffl S' n« e b£ 0 §n O£ a QU* 51" Sfi tm 0V 5=3 ■5 o"2 M"o N t O oü SS» o bi 5E1 ' TS N c i« O jD 9 u v m 3 o> 'S Dtj <-« 5 «*■ st E° 3 N i O) ; c : 0 j£ ; O ; u •£ : 0 • ifi : 3 : a iv i C o E es Z 0 5