Kr. HO. n bofinemcnti'Bcdiogungcn: Wonnomcnts- Preis �rknimierlmd»! Liertcljährl. 3,30 SKI., monall. 1,10 SKI., wöchciiWch 28 Psg. frei ins Hau?» Einzelne Zwinmcr S Pfg. Sonntag?. nuinmer mit illustrierter Sowriags. Beilage„Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 SKarl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- PreiÄiste. Unter LkreuzLand ftir Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2,50 Marl, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemarl, Holland. Italien, Luxemburg. Poriagtil, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. krtchei», tZgN». Vevlinev VolKsblAtt. vie snsettionz-eedilh,' beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Rauni 00 Psg., siir politische und gewerlschaslliche Vereins- und VersnmmlungS-Anzeigen 80 Psg. „Aleine Anreigen", das settgedru-Ite Wort 20 Pfg.(zulässig 2 settgedrncNe Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedeS weitere Wort 5 Pfg. Wort- über löBuch- ftaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer Utüsscn bis t> Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist biS 7 Uhr abend» geöffnet, Telegramm-Adresse:' „S«ijaliien Großmücht.cn ob, die Abgrenzung Albaniens fertigzustellen und das Statut Albaniens zu de- raten. Die nächsibeteiligtat beiden Mächte, Oesterreich- Ungarn und Italien, haben ein unmittelbares Interesse daran, daß dieses Programm tatsächlich durchgeführt werde. Solange das nicht geschehen ist, dauern die von der Monarchie mit Italien eingegangenen Verpflichtungen fort. Diesen Verpflichtungen Vierden beide Mächte unter allen Ilm- ständen treu bleiben und dementsprechend vorgehen. M i t welchen Mitteln und zu lv e l ch e m Zeitpunkt, steht heute noch nicht fest. Das wird größtenteils von der EntWickelung abhängen, welche die Dinge in Albanien nehmen iverden. Von einer Aufteilung Albaniens oder auck nur von einer Aufteilung in Interessensphären ist absolut nickst die Rede. Freude in Wien. Wien, 6. Mai. Tic Blätter nehmen den Entschluß König Nikitos, Skutari zu räumen, mit großer Freude auf und geben der Ansicht Ausdruck, daß mit diesem Ereignis diie i n t c r n a t i 0- nale Spannung in der Hauptsache behoben sein werde. Die„Neue Freie Presse" sagt: Was die Monarchie.in Uebereinftimmung mit den �Beschlüssen der europäischen Mächte »vollte, ist buchstäblich geschehen. Skutari wird bedingungslos ge- räumt und nichts Halbes und nichts Schwächliches heftet sich an den Ucbergang zum Frieden nach der ernstesten Kriegs- gcsahr. Noch eine Hoffnung möchten wir ausspreche�,, nämlich, daß auch die geplante Entsendung unserer Soldaten nach Nord- albanien und der italienischen Truppen nach Südalbanien unter- bleibe. Die Entfernung von Essad Pascha aus dem albani- scheu Gebiet wird nach dem Zusammenbruch der Politik des Königs Nikita durch sanftere Mittel gelingen, als durch militärisches Aufgebot zweier Großmächte. Die Monarchie möchte jetzt wie die übrigen Völker Europas alle Segnungen des Friedens genießen. Alles war erlöge». Wie», 3. Mai. Die„Südslawische Korrespondenz" meldet: Der österreichisch-ungarische, der italienische und der französische Konsul hatten in Tirana Unterredungen mit Essad Pascha, welche ergaben, daß Essad Pascha weder ein Königtum unter türkischer Souveränität ausgerufen, noch die Abtretung albanischen Gebiets im Norden oder Süden zugesagt hat. Die Berichte des italienischen Konsuls lassen die Haltung Essad Paschas als korrekt erscheinen. Essad hat seine albanischen Mitkämpfer entlassen und lvird seine regulären Truppen mit denen Dschawid Paschas vereinigen und nach Auatolie» zurücksenden. Essad Pascha dürfte wahrschein. lich in Albanien bleiben und seine Dienste der Neu- ordnung des Vaterlandes widmen. Oesterreich für Essad Pascha. Wie«, 5. Mai. Die Wiener„Allgemeine Ztg." schreibt - offiziös: Sollte sich die s c h r v i e l W a h r s ch c i n l i ch k e i t enthaltende Auffassung bestätigen, daß Essad Pascha den ihm von montenegrinischer und serbischer Seite zugeschriebenen Quertreibereien vollständig fernsteht, so lvürde es Ivohl in der Natur der Sache liegen, daß Oesterreich-Ungarn sich bemühen würde, zwischen der provisorischen albancsischcn Regie- r u n g und Essad Pascha ein Zusammen- wirken herbeizuführen. Essad Pascha genießt großes Ansehen unter seinen Landsleuten und verfügt über eine be- trächtliche Anzahl albanesischer Truppen. Es könnte nur förderlich sein, wenn es gelänge, der provisorischen Regierung die Unterstützung eines so wichtigen Faktors, wie ihn Essad Pascha darstellt, zu sichern und die Macht, über die er verfügt, zur Ausrechterhaltung der Ruhe und Ordnung in Albanien zu verwenden. Die Bemühungen Oesterreich-Ungarns dürsten daher dahin gehen, eventuell eine Kooperation zwischen Essad Pascha und der albanesischen Regierung herzustellen. Eine Polizeiaktion? Rom, 6. Mai. In diplomatischen Kreisen verlautet, daß, falls die bisherigen Meldungen über das angebliche Auftreten Essad Paschas gegen die Beschlüsse Europas sich nicht be- stätigen, die gemeinsame Aktion Oesterreich-Ungarns und I t a l i e n s sich darauf beschränken wird, mit beiderseits gleich starken kleinen TruppendetachcmentS die Ordnungsgewalt in Albanien vorläufig auszuüben, während- dessen soll eine aus Albanier rekrutierte Gen dar- m e r i e ins Leben gerufen werden, welcher nach ihrer Aus- bildung durch europäische Offiziere die Aufrechterhaltung der Orb- nung obliegen wird. Außerdem werden Oesterreich-Ungarn und, Italien es sich angelegen sein lassen, das neue Albanien Wirt- schaftlich lebens- und entwickelungsfähig zu machen. Türkische Weisungen für Essad Pascha. Konstantinopcl, ö. Mai. Amtlich wird erklärt, daß Vcrhand- lungen im Gange seien über den Transport der türki- sch c n Truppen, die sich in Albanien befinden, sowie der Truppen Essad Paschas, dem befohlen worden sei, seine Truppen unter die Befehle des Kommandanten dxr Westarmce Ali Riza zu stellen. Die Serben habe» Albanien geräumt. ' Wien, 6. Mai. Nach Mitteilungen von unterrichteter Seite ist der Abtransport der serbischen Truppen aus Albanien sehr weit fortgeschritten. Der albanischen Korrespondenz zufolge hat der letzte serbische Soldat D u r a z z o am Z. Mai verlassen. In Palona herrscht, entgegen anderen Berichten, Ruhe. Der Klügere gibt nach. Wien, 6. Mai. Die„Politische Korrespondenz" erfährt: Von der gemischten Kommission gur Untersuchung der Ermordung des Franziskancrpaters P a l i c wurde am 14. April ein Protokoll niedergelegt, nach dem die Kommission zu keinem e n t- scheidenden Resultat gelangte. Wenn auch kein voll- gültiger Beweis erbracht werden konnte, daß P a l i c ohne jeden zureichenden Grund niedergemacht wurde, ergab die Untersuchung dach, daß Palic in Fesseln wie ein gewöhnlicher Verbrecher eskor- ticrt worden ist und im Gefängnis mißhandelt wurde. Hinsichtlich der Angelegenheit Palic sowie wegen der gewaltsamen Konversionen stellte die österreichisch-ungarische Regierung eine Reihe vonFor- dicrungen auf; darunter die Erbauung einer katho- l i s ch e n Kirche, bei deren Einweihung die montenegrinische Regierung sich vertreten lassen muß. Ferner die Vertretung der montenegrinischen Regierung bei der endgültigen Beisetzungsfeier für den Ermordeten Palic. Ferner, daß den zur Apostasie gc- zwungenen Katholiken im Falle ihrer Rückkehr zum alten Glauben die freie Wahl ihres Aufenthalts bezw. der unbehinderte Uebcr- tritt auf fremdes Gebiet garantiert werde. Die montenegrinische Regierung, die zuerst aus- weichend geantwortet hatte, stimmte schließlich auf cnt- schiedene Vorstellungen des österreichisch-unga- rischcn Gesandten hin allen Forderungen zu lind erklärte sich auch bereit, die wegen der bekannten Behinderung des Militärattaches Hubka auf der Fahrt nach Cattaro geforderte Gcnugtung zu gewähren._ Der Ihausknechtsparagrapl) vorn Reichsgericht gebilligt! Ter zweite Strafsenat des Reichsgerichts hat gestern die Revision der Landtagsabgeordneten Genossen Borchardt u n d L e i n e r t gegen ihre Verurteilung wegen Hausfriedens- pruchs und Widerstandes gegen die Staatsgewalt verworfen. Es bleibt also dabei: Borchardt muß hundert Mark zahlen, weil er, entgegen einer Anordnung des Präsidenten, seiner verfassungsmäßig ihm obliegenden Pflicht nachgekonimen ist, den Verhandlungen inr Abgeordnetenhaus als gewählter Ab- geordneter beizuwohnen. L e i n c r t muß mit 50 M. bluten, weil er— eine Anweisung des Präsidenten, seinen Sitz inne- zuhalten befolgt und die entgegenstehende Aufforderung des Polizeileutnants abgelehnt hat. durch Verlassen seines Sitzes der Polizei zu der gewaltsamen Eirtfernung seines Kollegen Hilfe zu leisten..',. Willkür des Präsidenten des Abgeordnetenhauses und Polizeigewalt steht also höher als das verfassuiigsmäßlgc Recht und die durch die Verfassung dem Abgeordi«sten auf- erlegte Pfkicht. Und das nach Aiisicht des Reichsgerichts voi, Rechts wegen. Deni Reichsgericht hatten wir zu viel Ver- trauen entgegengebracht, als wir der�lnstchtRaum gaben, es werde den Urteilsspruch als einen offennchtlich™lt der®cr« sassung und dem Strafgesetzbnch in Widerspnich stehenden kassieren... w r�o Wie kommt das Reichsgericht zu seiner irrigen Ansicht? Ter springende Punkt der dürftigM, unten wocklich wiedergcgebeiieil Gründe geht dahin: die Entstehungsgeschichte des Art. 78 der preußischen Verfassung soll das Wunder er- klären, es liege darin kein flagranter innerer Widerspruch, daß eine Versammlung, deren Recht lediglich aus der Wahl durch das Volk beruht, das Recht haben soll, eines ihrer Mit- glieder, das dasselbe Recht durch die Wahl hat, auszuschließen! Diese Art der Deduktion ruft die von Hänel einst geprägte Mahnung ins Gedächtnis: in hochgehenden politischen Zeiten sollen die Juristen ihre Kunst nicht dahin verstehen, alles, was die Politik fordert, mit den Formen juristischer Korrektheit zu umgeben. Die„Entstehungsgeschichte" des Art. 78 ist eine recht untaugliche Eideshelferin. Gemeint ist die Ansicht der Kommission zur Vorberatung der Verfassung von 1849, nach der das Parlainent das Recht zeitweiligen Aus- schlusses der Mitglieder habe. Aber seit wann ist die Ansicht einer Konnnission Gesetz? In unendlich vielen Fällen hat auch das Reichsgericht entschieden, daß nicht in der Ansicht einer Kommission, auch nicht in der des Plenums, der Wille des Gesetzgebers zum Ausdruck gelangt, foirdern allein in dem Text des Gesetzes. Das ist anerkannte Rechtsregel. Darf sie gebrochen werden, wenn es sich um eine Vorbereitung zum Staatsstreich handelt? Denn auf etwas anderes zielt die ge- Waltsame Entfernung von der Ausübung der Abgeordneten- Pflicht nicht hin. Aber, scheint das Reichsgericht zu meinen, der Wortlaut des Art. 78 bestätige seine Auffassung, weil dort von der Regelung der Disziplin durch das Parlament gesprochen wird. Schon früher haben wir dargelegt: das Wort„Tis- ziplin" kann begriffsmäßig zur Rechtfertigung des Ver- fassungsbruchs rncht herangezogen werden. Denn sie zielt auf einen Zwang zur Ausübung der Tätigkeit ab, zu der der zu Disziplinierende verpflichtet ist, nicht zu einer Hindc- rung seiner Pflicht. Disziplinarmaßregeln darf das Par- lament demnach gegen Abgeordnete deshalb in Anwendung bringen, weil diese eine Sitzung schwänzen, um sie zur Er- füllung ihrer Pflicht anzuhalten, nicht aber gegen Abgeordnete, weil sie ihrer Pflicht nachkommen. Abgeordnete aller Parteien haben betont, daß ohne ausdrückliches Gesetz dem Parlament eine Aus- weisungsbesugnis nicht zusteht. Wir erinnern an die Libe- ralen Hänel, SchenkvonStauffenberg, Lasker, an die Konservativen von Goßler, Kleist-Retzow, von Helldors und an den Zentrumsabgeordneten von H e e r e nk a n n. Dieser führt aus: „Ich behaupte, daß das Recht der Ausschließung eines Mit- glicdcs aus dxr Versammlung auf Zeit oder für die Legislatur- Periode ein innerer W i d e r s p ru ch ist. Die Repräsen- tativversammlung hat nach den Begriffen unserer Verfassungs- Verhältnisse nicht den Charakter eines Gerichtshofes, sie hat ferner aus sich selbst kein Recht, sondern sie beruht lediglich auf der Wahl durch das Volk.... und sie soll der Ausdruck des Willens des Volkes sein. Wenn ihre Existenz, ihre Berechtigung auf der Wahl beruht, so ist es ein innerer Widerspruch, zu sagen, eine solche Versammlung habe das Recht, eines ihrer Mitglieder auszuschließen. Jchglaubenicht.daßesdcrLogik entspricht, wenn die Majorität das Wahlrecht z e r st ö r t." Der höchste österreichische Gerichtshof, das Wiener Reichsgericht, hat in dein absolut gleichliegendeu Fall erklärt, daß kraft des Gesetzes dem Abgeordneten Sitz und Stimme gebührt und nicht durch Mehrheitsbeschluß auch nur auf Zeit genommen werdeti kann. Das geschah unter Vorsitz des kürzlich verstorbenen bedeutendsten Juristen der Gegen- wart Josef Ungesr. Dem deutschen Reichsgericht saß Dr. Menge vor. Dieser ist im Jahre 1881 bekannt ge- worden durch seinen freilich erfolglosen Versuch, Professor M o m m s e n wegen B i s m a r ck b e l e i d i g u n g zur Ver- urteilung zu bringen. Er hat später als Hilfsarbeiter der Rcichsanwaltschaft, dann als Reichsanwalt die politischen Interessen, die das Reichsjustizamt vertreten wissen wollte, zn verfechten gehabt. Wer ein Menschenalter hindurch ledig- lich die Tätigkeit des Anklägers zu vertreten hat, kann beim besten Willen sich von der ihm anerzogenen politischen Voreingenommenheit nicht befreien. Das ergangene Urteil ist ein Beweis hierfür. Das österreichische Reichsgericht erklärt kurzweg die lex Falkenlwyn als einen Verfassungsbruch, das deutsche eignet sich die Gründe des preußischen Kommissars zur Rechtfertigung des Hausknechtsparagraphcn, Oberregie- rungsrat Falkenhahn, an. Geradezu humoristisch wirkt der Teil der Gründe, der die Feststellung des Vorsatzes, des rechtswidrigen Bewußtseins, des dolus betrifft. Es soll richtig sein, daß jemand strafbar ist, der, von der Richtigkeit seiner Rechtsansicht überzeugt, seiner Ueberzeugung entsprechend handelt, wiewohl er der An- ficht ist, ein Gericht könne in letzter Instanz anders entscheiden. Ist dem so, dann gibt es kaum einen Staatsanwalt und kaum einen Strasrichtcr, der mcht strafbar wäre. Denn sie alle handeln nach bester Ueberzeugung, aber mit dem Bewußtsein, daß ihre Ansicht falsch sein könne. Der türkische Kadi drückt das durch den Schlußsatz seiner Entscheidungsgründe aus: „Allah weiß es besser." Wie steht es, Herr Justizminister, mit der Ziehung der Konsequenzen? Her mit einer Massen- anklage gegen Staatsanwälte und Richter! Das Reichsgerichtsurteil zeigt deutlicher als viele Reden und Aufsätze es vermöchten, wie es mit der Justiz in Preußen- Teutschland bestellt ist. Sie ist bereit, innerlich von der Richtigkeit ihrer Gründe überzeugt, an Stelle des Parlaments und der Verfassung die Polizeidiktatur und die Polizeiwillkiir zu setzen. Auch im Landtagswahlkampf gilt es gegen diese Unnatur der Rechtspflege, die aus ihrer Organisation mit Notwendig- keit entspringt, zu protestieren und der wahren Gerechtigkeit die Wege zu ebnen. • ♦ * Uebcr die Verhandlung erhalten wir folgenden Bericht: Leipzig, den 6. Mai.(Eig. Ber.) Der S e n a t s p c ä s i d en t Dr. Menge verkündete das Urteil in der Straffache gegen die Landtagsabgeordneten Borchardt und Le inert heute um 12 Uhr wie folgt: „Die zunächst wegen angeblicher Verletzung vonRechts- normen, welche das Verfahren betreffen, erhobenen Rügen sind unbegründet. Die Akten gegen Kolbe find zum Gegen- stand der Verhandlung gemacht. In welcher Weise dies geschah, unterstand dem Ermessen des Borsitzenden, da Anträge auf Be- Nutzung bestimmter Schriftstücke von keiner Seite gestellt waren. Tie Rüge, es sei gegen§ 377 Ziffer 7 der Strafprozeßordnung verstoßen, weil das Urteil keine Entscheidungsgründe enthalte, ist verfehlt, denn es gibt das Urteil die für erwiesen erachteten Tat- fachen an, in welchen die Merkmale der strafbaren Handlung gc- funden sind, es enthält also Entscheidungsgründe. Was die Schuldfrage anbetrifft, so ist der Senat im wesentlichen von folgenden Erwägungen ausgegangen: Der Angeklagte Borchardt ist wegen Hausfriedens- b r u ch s verurteilt worden, weil er aus dem Sitzungssaal des preußischen Abgeordnetenhauses auf die wiederholte Aufforderung des Präsidenten hin sich nicht entfernt hat und in den Sitzungssaal demnächst widerrechtlich eingedrungen ist. D i c B c r c ch t i g u n z des Präsidenten zu der Ausweisung wird bestritten unter Hinweis aus die Aj? 105 und 106 des Strafgesetzbuches, durch die die Mitglieder gesetzgebender Körperschaften gegen eine gewaltsame Hinderung in der Ausübung ihrer Rechte durch An- drohen von Zuchthausstrafen geschützt werden. Selbstverständliche Voraussetzung für den Tatbestand dieser beiden Paragraphen ist die Rechtswidrigkeit. Wer nach Reichs- oder nach Landes-Staats- recht die Befugnis hat, ein Mitglied aus einer Versammlung zu entfernen, darf diejenige Gewalt anwenden, die nach allgemeinen Rechtsgrundsätzen einem Berechtigten zur Durchführung seines Rechts anzuwenden erlaubt ist. Die Befugnis des Prä- fidenten des Abgeordnetenhauses beruht auf 8 64 der Geschäftsordnung, der bestimmt: „Im Falle besonders grober, die Würde des Hauses schädi- gcndcr Verletzung der Ordnung kann der Präsident einen Ab- geordneten für den Rest des Tages von der Sitzung ausschließen. Der Präsident trifft die erforderlichen Maßnahmen, um die Ausschließung durchzuführen; er kann insbesondere einen Abgeord- neten entfernen laßen und seinen Wiedereintritt hindern." Ihre rechtliche Grundlage findet die Geschäftsordnung in dem Artikel 78 Absatz 1 der Verfassungsurkunde für Preußen: „Jede Kammer regelt ihren Geschäftsgang und ihre Dis- ziplin durch eine Geschäftsordnung." Mit dieser Bestimmung oder mit dem Artikel 84 der Ver- sassungsurkunde steht die Maßregel des§ 64 der Geschäftsordnung, sowie eine vorübergehende Ausschließung eines Abgeordneten von der Sitzung nicht im Widerspruch. Aus der Eni- st e h u n g s g e s ch i ch t e der beiden Artikel der preußischen Ver- sassung ergibt sich vielmehr deutlich, daß nach Ansicht der gesetz- gebenden Faktoren ungeachtet der Immunität der Abgeordneten den Kammern die Berechtigung zur vorübergehenden Ausschließung eines Abgeordneten nicht versagt werden sollte. Im Recht der auto- nomcn Regelung der Disziplin liegt die Befugnis begründet, in der Geschäftsordnung solche D Maßnahmen vorzusehen, die geeignet sind, zu verhüten, daß durch den Rechtsbruch eines einzelnen Mit- glieds der Verhandlungszweck vereitelt wird. Tritt das Recht des Störers auf Teilnahme an den Verhandlungen mit diesem Zweck in Widerspruch, so muß es dem stärkeren Recht der Gesamtheit weichen und der Störer muß sich die danach notwendigen Be» schränkungen gefallen lassen. Daß sich die Vorschriften des§ 64 Absatz 2 nutz 3 der Ge» schästsordnung des Abgeordnetenhauses durchaus in den Grenzen einer Sitzungsdisziplin bewegen, muß ohne weiteres anerkannt werden. Der Präsident hat in diesem Falle nur von den ihm in der Geschäftsordnung eingeräumten Befugnissen Gebrauch gemacht, weil er einen Fall besonders grober, die Würde des Hauses schädi- gender Verletzung der Ordnung als vorliegend erachtete. Eine Nachprüfung dieser Ansicht durch das Gericht würde einen unzulässigen Eingriff in die auf öffentlichem Recht be- ruhenden autonomen Befugnisse der Kammern enthalten, der durch den Hinweis auf privatrechtliche Verhältnisse nicht gerechtfertigt werden kann. Der Hausfriedensbruch ist deshalb ohne Rechtsirr- tum vom Vorderrichter festgestellt worden. S t ra fa n t rag s b e r c ch t i g t ist das HauS der Abgeord- neten, das nach der Geschäftsordnung nach außen durch den Prä- fidenten vertreten wird. Weil das Verhalten des Angeklagten Borchardt den Tatbestand eines Vergehens gegen§ 123 des Straf- gesetzbuches(Hausfriedensbruch) enthält und der Präsident die Mittel erschöpft hatte, die ihm zur-Verhinderung der Fortsetzung dieser strafbaren Handlung zu Gebote standen, war es die Pflicht der Polizei, dem Präsidenten Beistand zu leisten, in gleicher Weise wie sie auch auf Ersuchen eines Privatmanns die Fortsetzung einer Straftat zu verhindern verpflichtet gctvcscn wäre. Der Polizeileutnant war örtlich und sachlich zuständig und die von ihm an- geordneten Zwangsmaßrcgeln lagen in den Grenzen einer rech:- mäßigen Amtsausübung, auch soweit sie gegen den Ab- geordneten Leinert gerichtet waren, der die Entfernung des Abgeordneten Borchardt unmöglich zu machen suchte und diesem zu dessen Straftaten Beihilfe leistete. Die Bestimmungen des§ 11 des Strafgesetzbuches (Immunität) stehen der Verantwortlichkeit der Angeklagten für ihre Handlungen nicht entgegen, da es sich bei keinem von beiden Angeklagten um eine bloße Aeußerung handelte, sondern um eine Kraft- und Machtprobe, wie das Gericht ausdrücklich feststellt, d. h. um Handlungen, die die Vereitelung der Anordnungen des Präsidenten bezweckten. Was den Borsatz der Rechtswidrigkeit bekrifft, so hat das Gericht festgestellt,, und der Senat ist daran ge- Kunden, daß die Angeklagten gehandelt haben, obwohl sie damit rechneten, daß ihnen ein Recht nicht zur Seite stand. Diese Fest- stellung wird auch dadurch nicht erschüttert, daß der Vorderrichtcr bei der Strafzumessung meint, es sei den Angeklagten bei der Kraft- und Machtprobe wohl hauptsächlich darum zu tun gewesen. ihr Recht zu wahren und gerichtlich zum Ausdruck zu bringen. Dieses Motiv der Angeklagten schließt das Be- wußtsein der Rechtslvidrigkeit nicht aus. Auf Grund dieser Erwägungen ist der Senat zu der Eni- scheidung gelangt: daß die Revision der Angeklagten gegen das Urteil des Berliner Landgerichts vom 28. September M2 kostenpflichtig zu verwerfen ist. pDlltiscke Qcberlicbt. Berlin, den 6. Mai 1913- Die mecklenburgische Verfaffungskomödie. Heute, am Dienstag, ist in Schwerin jene mittelalterliche Ständeversammlung, die man in den beiden Obotritenläudcrn „Landtag" nennt, zu erneuter Tagung zusammengetreten, mir abermals über eine Verfassungsreform zu beraten. Die Re- gierungsvorlage wird geheinr gehalten; wir können aber den- noch ihren Inhalt mitteilen. Es soll für jedes der beiden mecklenburgischen Großherzogtümer ein Landtag geschaffen iverden. und beide zusammen sollen dann den gememsamen Landtag bilden, der die allgemeinen Landesgesctze be- schließen soll. Der Schweriner Landtag soll sich wre folgt zusammensetzen: 24 Vertreter der Rittergutsbesitzer. 24 Ver- treter der städttschen Magistrate. 4 Vertreter der Gemeinde- verttetungen des Domaniums, 4 vom Großherzog bestellte Vertreter. 2 Vertreter der Handelskammer. 2 Vertreter der Handwerkskammer, 2 Vertreter der Landwirtschaft kammer. 10 Vertteter der ländlichen Bevölkerung und 20 Vertreter der städttschen Bevölkerung. Der Strelitzcr Landtag soll sich zusammensetzen aus: 5 Vertretern der Rittergutsbesitzer, 3 Vertretern der städtischen Magistrate, einem Vertreter deZ Ratzeburger Landes- teiles, 2 Vertretern des Ratzeburacr Landtages, einem vom Grotzhcrzog bestellten Vertreter, i Vertretern der ländlichen Bevölkerung und 4 Vertretern der städtischen Bevölkerung. Ein kurioser Plan, zumal obendrein auch noch die Ver- treter der ländlichen bezw. der städtischen Bevölkerung auf Grund eines� drciklasfigen Wahlsystems mit indirekter und öffentlicher Stimmabgabc gewählt werden sollen. Wähler kann nur sein, wer seit drei Jahren die mecklenburgische Staatszugehörigkeit besitzt und im betreffenden Landesteile (in der Stadt oder auf dem Lande) wohnt. Bekanntlich handelt es sich bei der ganzen Reform im wesentlichen nur um eine Sanierung der landesherrlichen Finanzen. In der großherzoglichen Schweriner Kasse(nicht so in der S t r e l i tz e r) ist Ebbe, und die soll behoben werden. Das ist alles. Während nach dem jetzigen Staatsrecht der Groß- Herzog aus den Erträgnissen des Domaniums die hosten des Landesregiments zu decken hat— seit sehr viel Jahren bekommt er jedoch die Steucrerträge des Landes als Zuschuß— soll durch die „neue" Verfassung der Großherzog finanziell ausscheiden und eine Trennung der privaten großherzoglichen und der Staats- kasse stattfinden. Der Schweriner Großherzog soll ein Jahres- gehalt von zwei Millionen erhalten und neben dieser«Zivil- liste" dürfen die Steuerzahler den übrigen Angehörigen der Fürstenfamilie Apanagen in Höhe von 620000 M. bezahlen! lieber die heutige Eröffnung dieses einzigartigen Parla- ments wird telegraphisch aus Schwerin gemeldet:, Heute nachmittag 2 Uhr fand im Goldenen Saale des Grob- herzoglichen Schlosses die Eröffnung des autzerordentlichen Land- tageS beider Mecklenburg statt, welcher zur Beschluhfassung über die neue Vorlage zur Abänderung der mecklenburgischen Verfassung einberufen ist. Um 2 Uhr betraten der Großherzog von Mecklenburg- Schwerin und der Erbgrotzherzog von Mecklenburg-Strelitz den Saal- Der Grobherzog verlas dann die ihm vom Staatsminister Grafen v. Bassewitz überreichte Thronrede. In derselben verwies der Grobherzog auf die neue VerfafiungSvorlage, durch welche seine landesherrlichen Rechte erheblich beschränkt würden, und erklärte, er erwarte von der Ritterschaft und der Landschaft die gleiche Entsagung. Sodann verlas der Erbgrobherzog von Mecklenburg- Strelitz im Auftrage des GrohherzogS von Mecklenburg-Strelitz eine Thronrede, die sich in ähnlicher Weise aussprach. Die erste Sitzung fand um 3 Uhr inr Konzertsaal statt. Es wurde eine Note der beiden Regierungen überreicht, in der sich diese bereit erklärten, über die Einzelheiten der VerfassungS- Vorlage in kommisiarisch-depntatische Verhandlungen einzutreten. Die Beschlubfaffung, ob das Anerbieten anzunehmen sei, sowie die Beratung der Frage, ob überhailpt ein Komitee gewählt werden solle, wurden ausgesetzt. Die Stände wollen erst morgen vormittag unter sich beraten. Nachher soll um 3 Uhr eine ge- meinsame Sitzung stattfinden�_ Tas angebliche„Attentat" auf den Großherzog von Baden, ßon welchem die bürgerliche Presse und das LLolff'sche Telegraphen- bureau zu berichten wuhte, ist, wie jetzt feststeht, gar kein Attentat: denn zu dem Begriff Attentat gehört doch wohl, dvh der Attentäter den Willen hat, dem Angegriffenen einen Schaden zuzufügen. Das war aber bei diesem kuriosen„Attentat" nicht der Fall. Der Tape- zierer Anton Jung ist nur, als der Grohhcrzog am Sonntag in Mannheim in seinen Wagen gestiegen war, um, wie alljährlich im Mai, zu dem Pferderennen zu fahren, auf das Trittbrett des Wagens gesprungen, um seinen Landesfürsten sich einmal in der Nähe zu betrachten. Da der Großherzog sich durch diese Zudring- lichkeit belästigt fühlte, stieh er den neugierigen Menschen zurück, der von den Umstehenden sofort festgehalten und von der Polizei abgeführt wurde. In der Wolffschen Depesche heißt eS:„Der Großherzog ist un- verletzt. In dem Besitz de» Jung fand sich ein gewöhnliches Taschen- messcr. Jung ist Anarchist und wollte angeblich ein Attentat auf den Großherzog verüben. Die Untersuchung ist dmrch die Staatsanwaltschaft eingeleitet." Der Polizeibeamte, der Jung festnahm, hat aber mit größter Bestimmtheit erklärt, daß dieser nichts in der Hand gehabt hat. Aus dem Umstand, daß er ein gewöhnliches Taschenmesser bei sich führte, kann man doch un- möglich auf eine Attentatsabsicht schließen; denn es dürfte wenige Arbeiter in Deutschland geben, die nicht ein Messer bei sich haben. Die Nachricht der„Franks. Zeitg.", Jung habe das Messer offen in der Tasche gehabt, ist nichts als eine Reporterentc. Nach den Feststellungen unseres Mannheimer Parteiblattes ist der Attentäter Jung geistig völlig minderwertig. Vor ungefähr einem Jahre wurde er ins Mannheimer Krankenhaus überführt, weil er in einem Tobsuchtsanfall zu Hause alles kurz und klein geschlagen hatte. Wie seine Frau angibt, ist ihr Mann geistcs- schwach und hat häufig starke Kopfschmerzen, was darauf zurück- zuführen sei, daß er beim Militär durch einen Sturz vom Pferde eine starke Gehirnerschütterung erlitten habe. Am Sonntag morgen sei ihr Mann ausgegangen und erst gegen mittag stark angc- trunken nach Hause gekommen. Auf weiteres Befragen erklärte ferner Frau Jung, daß ihr Mann außer mit seinen etwaigen Arbeitskollegen keinerlei Verkehr unterhalten hat; er hat weder einem politischen noch gewerkschaftlichen oder sonst einem Verein angehört. Auch ist er auf keine Zeitung abonniert gewesen und hat sich um politische Fragen fast nie gequält. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie sind die denkbar schlechtesten. Es sind sieben Kinder vorhanden, von denen das Aclteste 13 Jahre alt ist. Ein Achtes ist zu erwarten. Der Mann hatte in letzter Zeit keine ständige Arbeit, so daß die Armen- Verwaltung helfend eingreifen muhte. ES handelt sich also im Falle Jung nicht um ein Attentat und auch nicht um einen Attentatsversuch, sondern um ein un- sinnige? Gebaren eines geistesschwachen, angetrunkenen Menschen. Mit der von der bürgerlichen Presse versuchten politischen Frukti- ffzierung des„Attentats" ist es also wieder mal nichts. Zur Wilhclmshavener Polizeiattacke. Zu den Vorgängen am 1. Mai in Wilhelmshaven ivird uns von dort mitgeteilt, daß am Sonnabend sechs der Ver- letzten verhaftet worden sind, von denen drei nach längerer Vernehmung durch den Untersuchungsrichter wieder entlassen wurden. Obwohl bei dem Zusamnienstoß am Donnerstag keine Sistierung erfolgte, scheint die Polizei Material für einen Landfriedensprozcß zu suchen. Dienstag findet eine öffentliche Proteswcrsammlung statt, bie sich mit den Heldentaten der Polizei und den verlogenen Berichten der bürgerlichen Presse beschäftigen wird. Die„Volksfiirsorge" W am Dienstag vom Aufsichtsamt in Berlin genehmigt forden.. Der Geschäftsbetrieb der..Volksfürsorge" kann aller- erst aufgenommen werden, nachdem die Firma in das Handelsregister in Hamburg eingetragen ist, was dann er- folgt, wenn die Ausfertigung der Konzession durch das Aufsichtsamt vorliegt. Immerhin steht.nun fest, daß die „Volksfürsorge" in nächster Zeit ihren Geschäftsbetrieb auf- nehmen kann._ Em konservativer Bestechungsversuch. Bald nach den letzten Reichstagswahlen tauchte in Schlesien das Gerücht auf, daß die Deutsch-Konservativen im Kreise Löwenberg den Versuch gemacht hätten, die Stimmen der Sozialdemokraten bei der Stichwahl durch Geldangebote zu erkaufen. Die Konservativen leugneten stramm— wie immer. Jetzt ist aber die„Bolkswacht" in der Lage, die beiden Schriftstücke abzudrucken, die der Vorfitzende der Ortsgruppe der deutschkonservativen Partei, Malermeister Wey- mann, an den Kreisvorsitzenden der sozialdemokratischen Partei, den am 1. Mai verstorbenen Genossen Alte in Plagwitz, gesandt hat. Die Schreiben haben folgenden Inhalt: I. „E. Weymann, Löwenberg i. Schl., den 18. Januar 1912. Werter Herr Alte! Angefügte Abmachung gehört nur uns beiden. Bitte zu niemandem darüber etwas zu äußern, was meinerseits ebenso genau befolgt wird. Wäre es Ihnen mög- lich, mich heute abend um 6 Uhr aufzusuchen? Sagen Sie, bitte, dem Boten nur ja oder nein. Besten Gruß E. Weymann. II. „Wenn der konservative Kandidat Herr Erich Schäffer zum Reichstags Mitglied am Sonnabend, den 20. Januar, g e- wähltwird. zahleich an Herrn Landwirt Alte, wohnhaft in Plagwitz, ohne Bezugnahme auf irgendeine Partei(I) nach er- folgter Wahl und Rückgabe dieses Schreibens sofort 500 Mark, in Worten: Fünfhundert Mark! E. Wehmann, Malermeister." Zur Aufklänmg des Briefwechsels sei folgendes bemerkt: In dem kleinen Wahlkreise Löwenberg erhielt am 12. Januar der Frei- sinnige Kopsch 4003, der Konservative Schäffer 3S88, der Sozialdemokrat Pohner 2462 und ein Zentrumskandidat 1997 Stimmen. Die Entscheidung stand auf des Messers Schneide. Genosse Alte setzte als ehrlicher Mensch sofort den Kandidaten unserer Partei von dem Bestechungsversuch in Kenntnis und es wurde Vorsorge getroffen, daß der schmutzige Plan vereitelt wurde— Kopsch siegte. Da eS aber klar war, daß der konservative Vorsitzende Wehmann nicht ge- sonnen und nicht in der Lage war, die 500 M. aus der eigenen Tasche zu opfern, und da sich Alte durch das ihm abgenommene Wort gebunden fühlte, hat er zu seinen Lebzeiten die Schriftstücke still verwahrt, jedoch dafür gesorgt, daß das Angebot nach seinem Tode dokumentarisch belegt werden könne. Genosse Alte ist am 1. Mai gestorben, die Schriftstücke befinden sich in sicheren Händen. Da die Konservativen die Wahl des Abg. Kopsch wegen Unregel- Mäßigkeiten angefochten haben, bekommt Herr Wehmann vielleicht Gelegenheit, seine Hintermänner zu nennen, jene konservativen Geldmänner, die sich hier wie anderwärts hinter den Kulissen ver- bergen._ Ein Leichnam. Wie die„Kölnische Zeitung" berichtet, haben„die Vorstände der vereinigten liberalen Parteien Kölns im Verein mit den Ver- trauensmännern beschlossen, von der Aufstellung von Kan- didaten für die Laudtagswahl abzusehen und Wahlenthaltung zu empfehlen". Wahrscheinlich ist dieser jämmerliche Beschluß durch Ueber- stimmung der Fortschrittler durch die Nationalliberalen zustande ge- kommen, die in Köln den elfteren gegenüber bei weitem in der Mehrheit sind. Damit man die„liberale" Zaghaftigkeit ganz zu ermessen vermag, fügen wir hinzu, daß die Liberalen bei der Wahl vor fünf Jahren 300 Wahlmänner gegen etwa 1100 des Zentrums aufgebrachr haben. ES bedeutet also eine beispiellose Bankerott- erklärung, wenn der„Liberalismus" sich in der zweitgrößten Stadt Preußens diesmal nicht an der Wahl zum Abgeordneten- Hause zu beteiligen wagt. Fortschrittlich-nationalliberaler Block i» Bade». Die Parteileitungen der Nationalliberalen und Fortschrittler in Baden geben folgendes bekannt:„Zwischen der Nationalliberalen Partei und der Fortschrittlichen Volkspartei Badens ist für die kommenden Landtagswahlen ein Wahlabkommen für sämtliche Wahlkreise mit Ausnahme der Stadt Mannheim ge- troffen worden. Darin wird die gegenseitige Unterstützung der auf- zustellenden Kandidaten zugesichert. Damit ist ein weiterer Schritt zu dem Ziele getan, die Bildung einer klerilal-konservatwen Mehr- heit im Landtage zu verhindern und dem Liberalismus den ihm zu- kommenden Einfluß in der Volksvertretung zu wahren. Das Ab- kommen wurde von den beiderseitigen Vertretungen, die gestern (Montag, 6. Mai) tagten, genehmigt." Die Berner Konferenz. Aus Paris wird unterm 6. Mai gemeldet: Zu Beginn der heutigen Äammersitzuug wurde zwischen der radikalen Parteigruppe und der Regierung die Ver- einbarung getroffen, daß die Interpellation über das Ver- bleiben der Dienstklassc für ein drittes Jahr am 13. oder spätestens am 13. Mai stattfinden solle. Man möchte den Deputierten Gelegenheit geben, sich an der B e r n e r Friedenskonferenz zu beteiligen. Während der Ab- Wesenheit einer größeren Anzahl von Kammcrmitgliedern will die Regierung nicht über eine so wichtige Frage diskutieren. Nach der Rückkehr der Mitglieder aus Bern wird die Debatte über die französische Heeresvorlage beginnen. Die Vereinigten S o z i a l i st e n protestierten heute in einer Parteibesprechung gegen die Absichten der Regierung und beauftragten einige ihrer Mitglieder, eine Erklärung für die Berner Konferenz auszuarbeiten. Die internationale Schiedsgerichtsgruppe setzte heute unter dem Vorsitz dcS Senators Estournelles de Constant ihre Besprechung über die Berner Konferenz fort und nahm zur Kenntnis, daß 123 Teilnehmer in Bern erscheinen werden. Das Empfangskomitee wird in deutscher und französischer Sprache den Parlamentariern für die zahlreiche Beteiligung seinen Dank aussprechen. Sodann soll ein Komitee gewählt lvcrden, das sich mit der Festsetzung der Tagesordnung zu be- schäftigen haben tvird; nachmittags finden dann die Be- ratungen statt._ franhretch. Ter Maulkorb. AuS Paris schreibt man uns: Herr Louis B a r t h o u gehört im heutigen Frankreich zu den besseren Köpfen. Er ist nicht nur Politiker und Advokat, sondern beansprucht auch als Historiker Geltung. Erst vor ein paar Wochen ist seine Monographie über M i r a b e a u erschienen, die sich,»venu auch durch keine tiefen geschichtlichen Einsichten, so doch durch eine ansprechende Darstellung auszeichnet. Man sollte also immerhin denken, daß sich Herr Barthou durch die Vornehmheit des geistig Arbeitenden verpflichtet fühle und vor der Freiheit, die die Lebensbedingung des in der Wissenschaft tätigen Menschen ist, ehrlichen Respekt empfinde. Aber weit gefehlt. Herr Louis Barthou ist derzeit Ministerpräsident. oberster Lenker der bürgerlichen Staatsgewalt und offenbar haben die bürgerlichen Staatszwecke in seinen Augen den Vorrang bor den unabhängigen Wissenschaftszwecken erlangt. Da haben un- längst etliche Lehrer französischer Universitäten und Mittel- schulen in einer öffentlichen Adresse die Besorgnis ausge- sprachen, daß die wachsenden Forderungen des Militarismus die Fortentwicklung der nationalen Kultur beeinträchtigen könnten und daß die Verlängerung des Kasernendienstes den Wettbewerb Frankreichs auf geistigem und wirtschaftlichen! Gebiete nicht be- günstigen würde. Herr Louis Barthou, der Ministerpräsident, hat diese Besorgten in seiner am Sonntag in Caen gehaltenen Rede ordentlich angefahren:„Selbst bei dieser gemilderten Form ist es ärgerniserregend, daß der Protest die öffentliche Unterschrift von gewissen Beamten erhalten hat, die nur allzusehr geneigt find, zu vergessen, daß ihre Bürgerrechte durch die Pflichten ihres Amtes begrenzt sind." Die obersten Verlvalter der geistigen Güter der Nation, die Erzieher der jungen Auslese des Volksgeistes— oder so sollte es doch wenigstens sein und dies ist die Fiktion im bürgerlichen Staate— sind„gewisse Beamte", die zu schweigen haben, wenn auch ihr Gewissen sie zu sprechen drängt._ Ergiinzungsgesebe zum Gesetz über die dreijährige Dienstzett. Paris, 6. Mai. Der heutige Ministerrat im Elysee hat den Finanzminister und den Kriegsminister beauftragt, Vorschläge zu machen hinsichtlich besonderer Unterstützungen für solche Familien, deren Söhne ein drittes Jahr bei der Fahne zurückgehalten werden würden. Der Minister der öffentlichen Arbeiten wurde ermächtigt, einen Gesetzentwurf über das Flugwesen mit Be- rücksichtigung des Militärflugwesens, über Matzregeln für die Sicherheit der Flieger, des Publikums und des Privateigentums, endlich über allgemeine Vorschriften für den Luftverkehr und die Landung vorzulegen. Wiederzusammentreten der Kammer. Paris, 6. Mai. Die Kammer hat heute ihre Sitzungen wieder aufgenommen. Die Kammer beschloß heute im Einvernehmen mit der Regie- rung, die I n t e r p e l l a t i o n des Sozialisten Durafour über die Einbehaltung der Jahresklasse 1910 unter den Fahnen am Donnerstag, den 1k. Mai, zu beraten, Protest der sozialistischen Fraktion. Paris, 6. Mai. Die Kammergruppe der ge- einigten Soziali st en hielt eine Sitzung ab, in welcher die von der Regierung geplanteZurückhaltung der Jahresklasse 1916 als ungesetzlich und als eine Ver- letzung der Gerechtsame der Kammer erklärt und beschlossen »vurde, einen Einspruch gegen diese Maßnahme zu erheben. England. Die Londoner Arbeiter demonstrieren für die Redefreiheit. London, 5. Mai.(Eig. Ber.) Der Kampf der Regierung und der Polizei gegen die Suffragettes hat die Londoner Arbeiter auf den Plan gerufen, die ihre in langen Kämpfen errungene Rede- freiheit durch die Polizeitvillkür bedroht sehen. Gestern fand eine Demonstration auf dem Trafalgar Square statt, wie sie der historische Platz wohl seit 20 Jahren nicht gesehen hat. Gegen 80 000 Menschen waren anwesend. Jedes Plätzchen war besetzt und die Menge füllte alle Straßen, die in die Square münden. Auf dem Sockel der Nelsonsäule hinter den Rednern standen die Banner der Londoner Gewerkschaften und inmitten der zahlreichen Menschen, die sich auf der breiten Plinthe befanden, sah man zahl- reiche Suffragettenfähnchen, die trotz der Polizei lustig im Winde flatterten. In den drei zur gleichen Zeit abgehaltenen Versamm. langen protestierte man gegen die polizeiliche Unterdrückung der Redefreiheit, wie sie ohne gesetzliches Vorgehen gegen die„Womens Social and Political Union" gehandhabt worden ist; ferner gegen die Anwendung eines 600 Jahre alten Gesetzes, nach dem letzten Samstag Genosse Lansbury zu einer dreimonatlichen Gefängnis« strafe verurteilt wurde; und gegen die Unterdrückung einer Zeitung („The Suffragettes") auf Grund— wie es scheint— überhaupt keiner Gesetzesbestimmung. Wenn wir diese Willkür erst einmal einreißen lassen, sagten sich die Arbeiter, dann wird sich die Polizei auch bald an uns vergreifen. So zogen sie denn in Massen wie vor 26 Jahren nach dem Trafalgar Square, um mit dem Polizei- büttel Abrechnung zu halten. Die Genossen Keir Hardie, SanderS, Cunninghame Grahame, die greise Führerin der„Womens Freedom League" Frau DeSpard und zwei den Arbeitern nahestehende linksliberale ParlamentSmit- glieder waren die Hauptredner in den Meetings, die von dem Komitee zur Verteidigung der Redefreiheit einberufen worden waren. Die streitbaren Frauenrechtlerinnen waren ziemlich stark vertreten; aber die große Masse der Versammlungsteilnehmer be- stand aus der organisierten Londoner Arbeiterschaft. Die Reso- lutionen waren schon angenommen, man war daran, auseinander- zugehen, da ereignete sich ein Zwischenfall, der zu einer Schlägerei mit der Polizei führte. Die Sache ist von der reaktionären Presse mächtig aufgebauscht worden. In Wirklichkeit handelte et sich nur um eine Schlägerei, die von der Polizei provoziert wurde. Ein Redner, der mit der Veranstaltung nichts zu tun hafte, hatte sich auf der südlichen Seite des Sockels aufgestellt, von der man nicht reden darf, da dort zu wenig Platz ist. Gleich hatte ihn ein Kon- stabler beim Wickel und warf ihn hinunter. Ein zweiter machte den gleichen Versuch und fiel samt den mit ihm ringenden Pott- zistcn hinab in die Menge. Das brutale Auftreten der Polizisten erregte die Menge und bald kam es zum Kampfe. Wir sahen, wie etwa 12 Polizisten in die dichte Menschenmenge hineinritten, um sie zu sprengen. Zwei von ihnen wurden vom Pferde gerissen, einige Pferde sanken in die Knie; dann ritten die Polizisten zurück. Das Ganze dauerte nur einen Augenblick. Wer die Er- bitterung gegen die Polizei wuchs mit jedem Augenblick und die Menge, die sonst gleich nach Hause gegangen wäre, blieb auf dem Platze. Der Londoner ist gewöhnlich sehr leicht zu behandeln, wenn die Polizei ihm anständig entgegenkommt. Kommt sie ihm aber grob, so zahlt er mit gleicher Münze heim. ftolland. Annahme des KüstenverteidignngSgesetzeS. Haag, 6. Mai. Die Kammer hat den Gesetzentwurf über die Äüstenverteidigung einschließlich des BaueS eines Fort» bei V l i f f i n g c n mit S4 gegen 35 Stimmen angenommen. China. Das Parlament gegen die Anleihe. Peking, 5. Mai. Im Rcpräscntantenhause fand heute nach. mittag eine stürmische Sitzung statt. 374 Abgeordnete waren an- tveseud und von diesen stimmten 222 gegen die Fünf« mächte an leihe, i Gewerklcbaftlichea. Die Mrkungen des Bergfarbciterausftandes in Oberfcblcrien. Ter Riesenausstand in Oberschlcsien, der alle Erwartungen ubcrtroffcn I>at, wird neue Situationen in der Politik sowohl wie in der Wirtschaft hervorbringen. Der Streik, der nach einigen Angaben nur durch den politischen Machthunger der Groß-Polen geschürt wurde, ist den Führern über den Kopf gewachsen. Tie Geister, die sie riefen, die werden sie nun nicht los. Mögen die Führer andere Zivecke verfolgt haben, die Arbeiter, die seht streiken, wollen nur ihre Lage verbessern. Und weil die Polnische Bcrufsvereinigllng nicht genügend Geld hat, um alle Arbeiter zu unterstützen, während die Mitglieder des BergarbeitcrvcrbandcZ ihre volle Unterstützung erhalten, werden cS viele Bergarbeiter bereuen, nicht dein alten Ver- bände anzugehören. Der Pole ist sparsam, will Geld ver- dienen; das geht ihm noch über seine nationale Begeisterung. Und können die Groß-Polen ihre Versprechungen nicht halten, dann gewinnt der alte Verband an Ansehen und Vertrauen bei den Polen. Damit ändern sich auch die politischen Verhältnisse in Oberschlesien. Die Mauer, die die Polen und Zentrumspfaffen um Schlesien gezogen, ist durchbrochen, und oer sozialdemokratische Agitator findet nunmehr aufmerksame Zuhörer. Je harwäckiger die Grubenverwaltungen bleiben, und je mehr sie es darauf ankommen laffen, daß sich die Polnische Berufsvereinigung bei diesem Kampfe verblute, Ilm so größer wird die Ernte für die Sozialdemokratie werden. Als einst nn Jahre 186lb im Ruhrrcvier 100 000 Knappen die Arbeit niederlegten, da hatte dieser erste große Berg- arbeiterstrcik auch seine politischen Folgen. Der Riesenausstand gab die Anregung zu der Sozialreform von oben. Wilhelm II. hatte erst einige Monate vorher den Thron bestiegen, und die Scharfmacher hatten bei Hofe �iioch nicht die richtige Macht. Auch war die Angst vor der Sozialdemokratie gar zu groß. Deshalb wurde der damalige Regierungspräsident von Düffel- dorf Herr v. Berlepsch zum„Minister für Sozialreform" berufen. Am 31. Januar 1890 übernahm er das Portefeuille eines Bergwerksminifters, und am 1. Februar erschienen die bekannten kaiserlichen Erlasse. Am 29. März 1890 tagte unter Vorsitz Berlepschs die internationale Arbeiterschutzkonferenz in Berlin. Diese Bestrebungen der Regierung, die Lage der Arbeiter zu verbessern, waren Folgen des Riesenausstandes im Ruhrrevier. Freilich, die arbeiterfrcundlichen Absichten der Regierung wurden bald wieder aufgegeben. Der Einfluß der Krupp', Stumm, S t i n n e s und Konsorten bei der Rc- gierung lvurde immer größer, und das war eine Niederlage der Arbeiter bei der Regierung. Heute gibt sich die Regierung erst gar nicht den Anschein, den Arbeitern helfen zu wollen, ja sie erbittert die Arbeiter, indem sie Gendarmen und Schutzleute in großer Anzahl in die Streikreviere schickt, lind da in Ober- schlesicn die Polnische Berufsvereinigung als Gewerkschaft der Situation nicht gewachsen ist, so werden die freien Gcwcrk- schaften und die Sozialdemokratie mehr Einfluß erhalten. Tic Bergarbeiter stehen begeistert ini Kampf und sie werden stehen bleiben, auch wenn die Polcnführer wieder zur Einfahrt auffordern. Aber alle, die bisher das Vertrauen der obcrfchlesischen Arbeiter hatten, im Arbeitsverhältnis wie an den Wahltagen, haben es durch diesen Streik verloren. Die Unternehmer wie die Regierung und auch zum großen Teil die Polnische Partei und die Polnische Berufsvereinigung, weil sie ihre Versprechungen über die Auszahlung von Streik- geldern nicht halten können. Durch den Streik werden der Sozialdemokratie die Türen in Oberschlesien offen stehen. TaS wird das politische Ergebnis des Riescnstreiks sein. Auch wirtschaftliche Nachwirkungen wird der Streik her- vorrufen. Durch den großen Bcrgarbeiterausstand in England im vorigen Jahre, der von: 1. März bis zum 9. April dauerte, und den zehn Tage dauernden Ausstand im Ruhrrcvier hatte die oberschlesische Kohle den Berliner Markt und die Ostsee- kiistengebiete erobert. Der Verbrauch oberschlcsischer Stein- kohle in Groß-Berlin betrug im Jahre 1911 1 628 555 Tonnen und im Jahre 1912 2 516 218; das ist ein Steigen am ge- samten Kohlcnverbrauch Groß-Berlins von 43,20 Proz. auf 52,14 Proz. Und nach den Oslseeprovinzen war der Versand oberschlesischer Kohle im Jahre 1912 um eine Million Tonnen größer als 1911, während die Einfuhr englischer Kohle um über eine Million zurückgegangen ist. Wenn die Herren Grubenmagnatcu wirklich die Patrioten wären, die sie immer sein wollen, dann hätten sie den oberschlesischen Berg- arbeitern, schon aus Freude darüber, England verdrängt zu haben, einige Pfennige zugelegt und die Achtstundenschicht bc- willigt. Hier zeigt es sich wieder einmal, wie die Freunde des Kaisers, die Donners marck, Pleß. Hohenlohe und Ball est rem lieber den deutschen Arbeiter durch Hunger niederringen und England den Markt öffnen, at?dcn Streikenden einige Zugeständnisse machen. Die Arbeiter sind allerdings nicht an Oberschlesicn ge- bunden; jetzt, während des Streiks, können sie in das Aus- land wandern, und nach dem Streik in andere Kohlenreviere Deutschlands. Die Unternehmer werden das Nachsehen haben. Und weil durch die Willkür der Unternehmer' die oberschlesische Kohle einige Absatzgebiete verliert, wird auch die Kohlen- förderung wieder eine niedrigere werden. Die Steinkohlen- förderung schnellte empor vom Jahre 1911 mit 36622 969 Tonnen auf 41543 442 Tonnen im Jähre 1912. Wenn den Unternehmern kein günstiger Umstand zu Hilfe kommt und sie nicht in der Lage sind, durch geeinte Verkäufe höhere Profite hcrauszuwirtschaften, dann werden sie versuchen, sich am Lohne der Arbeiter schadlos zu halten. Des- halb wird Oberschlesicn nicht wieder einschlummern, sondern neue und immer stärkere Gewerkschaftskämpfe werden beginnen. Kommt dann noch hinzu, daß durch die gespannte politische Lage öfter ein Wagenmangel wiederkehrt, weil gerade der Schienenstrang über Obcrschlesien freibleiben muß, so haben in den nächsten Monaten die Grubenbesitzer durch Betriebsstörungen und Versandausfälle einen kolossalen Schaden, der den Profit der rheinischen und englischen Kon- kurrenz erhöht. Und Ivenn auch das letzte Kohlenbecken Deutschlands, Oberschlesicn, durch Lohnkämpfe keine ständigen Lieferungen garantieren kann, weil es die Grubenbesitzer auf einen längeren Kampf ankommen laffen. dann werden die Unternehmer einen Teil ihrer Betriebe für Oelfeuerung ein- richten. In der Politik wie im Wirtschaftsleben übt der starre unnachgiebige Geist einiger konservativer Kreise einen negierenden Einfluß ans; und die ganze Nation hat darunter zu leiden. Jedoch ein Zurück zum Feudalismus gibt es nicht mehr. Dadurch, daß der obcrschlef.fche Arbeiter rein wirtschaftliche Äänipfe führt, erwacht auch seine Polltlfche Einsicht, und der Tag wird kommen, an dem die Gruben- Magnaten sich als geschlagen bekennen müssen. Heber den Ausstand wäre zu berichten, daß in Königs- Hütte viel österreichische Kohle eingeführt wird. Die Förderung der letzten zwei Wochen reicht nicht einmal aus, um die ober- schlcsischc Industrie mit Kohle zu versorgen.— Die Ab- ivandeningslust unter den Bergarbeitern wird immer größer. Heute erschienen vor dem Landratsamt B c u t h c n ÄZOO Bergarbeiter, die Auslands- Pässe nach Frankreich verlangten. Die Polizei zerstreute die Menschenansammlung. Später wurden sie truppweise zugelassen. Auch aus Tarnowitz sind 600 nach Frankreich ausgewandert. Von Miechowitz gingen 200 Manu nach Oesterreich. Aus Königshütte sind 240 Bergleute nach Galizicn gefahren. Das Wolff-Bureau möchte die Berg- arbeitcr bange machen, indem es sagt, die Arbeiter werden von den Werbern nicht für ein französisches Bergwerk, sondern für die Fremdenlegion angeworben, Diese Nachricht ist uu- zutreffend, weil die Bergarbeiter direkt von den französischen Gruben zur Uebersiedclung aufgefordert werden.— Ter oberschlesische„Wanderer" schreibt: „Zuverlässig erfahre ich, daß seitens hoher Regierungsstellen aller Einfluß ausgeübt wird, um die Grubcnverwaltungen zur Nachgiebigkeit zu veranlassen. Unter den Verwaltungen herrscht vorläufig noch geschlossene Einigkeit. Von dem bevorstehenden Besuche des Handelsministers, der ebenfalls mit den Gruben- vcrivaliungcn konferieren wird, verspricht man sich Friedens- erfolge." Der Bcrgarbeitcrvcrband hat die erste Unterstützung an seine Mitglieder ausgezahlt. Die Polnische Berufsvereinigung wird nur au diejenigen auszahlen, die in großer Not sind. Die Polnische Vereinigung verfügt nur über ein Gesanit- vermögen von 773 000 M. Einige Vereine in Beuthen wollen Sammlungen für die Streikenden organisieren. Es sollen Listen von Haus zu Haus zirkulieren. Verlin und klmgegend. Friede im Berliner Baugewerbe. Die Generalversammlung des Verbandes der Baugeschäfte von Groß-Berlin hat gestern nach einem Bericht des Vorsitzenden Baumeister Otto Heuer über den Verlauf der diesjährigen Tarifverhandlungen den E i u i g u n g s v o r s ch l a g des Herrn Magistratsrats v. Schulz angenommen. Damit ist"der Friede im Bau- gcwerbc Groß-Berlins auf drei Jahre gesichert. Achtung, Friscurgehilscn Tariflich geregelt ist W oll gast, Huttcnstr. La; Schneider, Barfusstr. 14a. Aufgelöst ist das Tarifverhältnis bei B l e n k, Tilsiter Str. 1Z, B r a t k o w. Lichten- borg, Margarcthcnstr. 2t>. Verband der Friseurgehilfen. Deuttcbes Reich. Tie Aussperrung im Malcrgewcrbe. Ter nun acht Wochen andauernde Kamps im Malergcwcrbe nimmt weiter den von Anfang an zu beobachtenden Verlauf. Es gelingt dem Untcrnchmerverband nicht, das ständige Abbröckeln seiner Mitglieder zu unterbinden, so sehr er sich auch darum mit allen dcnkvarcii Mitteln bemüht. Am 3. Mai standen noch 9839 Mitglieder des Verbandes der Maler als Ausgesperrte, Streikende und Arbeitslose im Kamps, gegen 19 953 am 26. April. Gegen den Höchststand der Bewegung, auv 15. März, hat sich die Zahl der am Kampf beteiligten Gehilsen um 5931 oder 38 Proz. vermindert. — Tic christliche Organisation zählt noch 796 Ausgesperrte.— Immer mehr Gehilfen können die Arbeit zu neuen Bedingungen oder in Orten aufnehmen, die vom Kampf nicht ergriffen sind, andere arbeiten aus eigene Rechnung, so daß zusammen mit den Mitgliedern des Verbandes der Maler, die in Betrieben, die von vornherein nicht aussperrten oder in Fabriken als Lackierer ar- besten, 19 996 von der Bewegung in keiner Weise �berührt wurden. Tas ist natürlich nicht nach dein Geschmack der Scharfmacher im Malcrgewerbc, die schon einige Wochen nach Eröffnung ihrer tölpelhaften Machtprobe sich an den auS den Fingern gesogenen Bc- hauptungcn berauschten, der Verband der Maler sei bereits finan- xicll erschöpft, was ja bekanntlich da? eigentliche Ziel der Herren ist. Taß dies nach mehr als ackt Wochen, noch immer nicht ein- getreten ist, ruft jetzt großes Mißtrauen in weiten Kreisen der an der Nase herumgeführten Meister bervor. Darum vermehrt sich auch die Zahl der Geschäfte, die mit den Gchilfenorganisationcn Tarifverträge abschließen, fortgesetzt. So arbeiteten am 3. Mai 18 818 Gehilfen in 1393 Betrieben zu neuen, meist böhcren als in den Schiedssprüchen festgesetzte» Bedingungen: das sind 1591 Gehilfen und 126 Betriebe mcbr, als eine Woche vorher. Wenn die Führer des llnternehmervcrbandcS diese ihnen peinliche Tatsache zu bestreiten suchen und immer weiter stcrcolvp. wie schon am ersten Tage des Kampfes, versichern, eS seien 38 999 Gehilfen ausgesperrt, und es habe sich a» dem Stande der Bc- wcgung die ackt Wochen hindurch nichts geändert, so ist das einfach lächerlich, um so mehr, als sich die Gchilfenorganisationen schon immer bereit erklärt haben, ihre Angaben durch außerhalb der Parteien stehende Personen nachprüfen zu lassen. Auf dieses An- erbieten ist der llntcrnehmerverband bisher begreiflicherweise nicht eingegangen. Die letzte Woche suchten die Führer des Untcrnehmcrvcrbandcs ihre mißmutig werdenden Mitglieder auf die am 2. Mai in Ans- ficht genommenen erneuten Verhandlungen zu vertrösten. Da diese Verhandlungen nicht stattfinden konnten und wahrscheinlich erst nach Pfingsten zu crwartvn sind, ist eine ziemliche Enttäuschung ein- getreten, die den Herren Scharsmachern natürlich weiteren Ver- druß bereitet. In den letzten Tagen sind in Trier und(S r- laugen wieder über die«chicdssprüche hinausgebende Tarifver- träge abgeschlossen worden; in mebreren anderen Städten ist die Bewegung au? Mangel an Ausgesperrten erloschen. Streiks der Schiffszimmerer. In Wewelsfleth bei Wilster in Holstein haben wegen Ablelmung der gestellten Forderungen auf allen drci�Wersten die Schiffszimmercr sowie die organisierten Sckiniede, Scklosser und Hilfsarbeiter die Arbeit eingestellt, nachdem die Verhandlungen kein Resultat gezeitigt hatten. In Oderberg«Mark) und auf der Werft von K. F ü t i n g in Liepe am Finowkanal dauert der Streik nach erfolgloser Ver- Handlung unverändert fort. Der Stand des Streiks ist aussichts- voll. Ein Teil der Streikenden hat bereits andertoeitige Beschäftigung gefunden, trotzdem die Unternehmer alle Hebel in Bewegung setzen und kein Mittel unversucht ließen, um die Annahme der Streikenden unmöglich zu machen. Den Bemühungen der Herren Pape und Füting ist es auch gelungen, die E nt l'a s s u n g von zehn der Streikenden herbeizuführen, die bei dem königl. Wasserbauamt Beschäftigung gesunden hasten. Den gewünschten Erfolg hat diese Maßnahme aber nicht erzielt.— Der Zuzug nach diesen Orten ist nach wie vor streng fernzuhalten. In R e u w a r p in Pommern ist der Streik erfolgreich beendet. Die bisherige llstündige Arbeitszeit ist ans 19 Stunden herabgesetzt worden und die Löhne wurden entsprechend erhöht. -Kerantw. Redakt.: Alfred WUlepp. Neukölln. Jnscrateutest beiatiiw.: Tic Arbeiter in den Harzer Granitstcinbrüchcn bei W e r n i- g c ro d e hatten vergeblich versucht, aus dem Wege der VerHand- lungcn eine Erhöbung der Löhne zu erreichen, die im Harzer Stein- bruchsgebict um 29 Proz. niedriger sind als in anderen Stein- bruchsgegcndcn Teutschlands. Tie Steinbrüche bei Wernigerode gehören der Stadt und sind an Privatunternehmer verpachtet. Es werden dort fast nur Bordsteine gebrochen und gehauen. Eiuige Unternehmer haben die Forderungen bewilligt, so daß etwa 159 ifeveiter nicht streiken; 349 Arbeiter sind ausständig.______________ 'rh.Gl«cke.Berl'N. Druck v. Aerla«: Vorwärts Buckdr. n verlagsanstalß GaulSingertEo..Be!linLW. Hierzu 3 Beilage« mUnterhaltungSbl. Zuslanck. Eine ernste Bewegung der italienischen Effenbahuer. Rom, den 3. Mai 1913.(Eig. Ber.) Durch ihr unqualifizierbares Verhalten hat die Generaldirektio» der italienischen Staatsbahnen einen ernsten Konflikt mit dem Personal heraufbeschworen. Das letzte Gesetz über die Rechtsstellung der Eisenbahner räumte dem Personal das Recht ein, Vertreter der einzelnen Kategorien in einen Ausschuß zu entsenden, in dem die Interessen des Betriebes und des Personals beraten werden sollen. Dieser Ausschuß, den man das„Parlamentino ferroviario" nennt, soll zweimal jährlich einberufen werden. Durch dieses Vertreter» system suchte man das Personal dafür zu entschädigen, oaß dasselbe Gesetz nominell die Streikfreiheit aufhob, indem es das gemeinsame Verlassen des Dienstes mit Disziplinarstrafen bedrohte. Nun hat aber die Generaldirektio» das„Parlamentino" 16 volle Monate nicht einberufe», und als die Vertreter endlich zusammentraten, fanden sie, daß auf der Tagesordnung ihre schriftlichdargelegten Forde» rungen unberücksichtigt geblieben waren, und daß der Gesetzentwurf über die Witwen- uns Altersversicherung der Eisenbahner, zu dessen Einzelheiten die Vertreter Vorschläge zu machen gewünscht hatten, bereits dem Parlament vorlag. Die Mehrheit der Vertreter der Eisenbahner protcslierte gegen dieses Verhalten der Generaldirektion und verließ die Sitzung. In der Folge richteten zwei Eisenbahn- beamte, die Genossen V a n n i und Pecoraro, ein Schreiben an den Generaldirektor, das in sehr heftiger Weise die Haltung der Direktton kritisierte. Dieses Schreiben nun hat der Generaldirektio» Anlaß gegeben, ein Disziplinarverfahren gegen die beiden Beamten einzuleiten, was zweifellos eine unbillige Beschränkung des ihnen als Delegierten zustehenden Rechts darstellt. Gegen dieses Vorgehen der Regierung, die sich durch die Erklärungen des Ministers S a c ch i in der Kammer in allen Stücken mit der Generaldireklion solidarisch erklärt hat, nimmt nun das gesamte organisierte Personal Stellung und ist sogar bereit, durch den Streik da? Recht ihrer Vertreter auf freie Kritik zu verteidigen. Das Verhalten der Regierung ist um so unkluger, als sie dadurch eine Einrichtung diskreditiert, die sicher mehr in ihrem Interesse als in dem des Personals geschaffen worden ist. Man vergesse nicht, daß unter den italienischen Eisenbahnern die syndikalistische Richtung die Oberhand hat. Diese hat natürlich jedes Vertretungssystem bekämpft, da sie auch im gewerkschaftlichen Leben die direkte Aktion der parlamentarischen voranstellt. Was die Regierung heute tut, läuft auf eine Bestätigung der syndikalistischen Auffassung hinaus. Ilm die Sache ganz toll zu machen, ist der Arbeitsminister, der dieses Verhalten in der Kammer gegenüber einer Interpellation Turatis auf das schroffste vertreten hat, ein Radikaler: der Abgeordnete Sacchi. Giolitti hat sich wirklich in der Wahl seiner radikalen Mitarbeiter nicht vergriffen: er findet sie zu jedem reaktionären Handlangerdienste bereit. L,ctztc Nachrichten. Zur Berncr Bcrstandigungskonfercnz sind bis jetzt 130 Abgeordnete aus Frankreich und Deutsch- land angemeldet. Die Plenarsitzungen sind öffentlich. Zur Eröffnungssitzung werden alle Mitglieder des schweizerischen Nationalrates, sowie die Berner Regierung geladen. Wie aus Paris gemeld-et wird, werden I a n r ö s und fünfundzwanzig Mitglieder der gccinigten sozialistischen Partei am Freitag nach Bern reisen, um am Sonnabend an einer vorbereitenden Sitzung teilzunehmen, die von den Führern der gcainigten Sozialisten Frankreichs und der deutfcheii Sozialdemokratie im Hinblick auf eine intcrnatio- nale Konferenz veranstaltet wird. Mehrere Abgeordnete von anderen Parteien der Linken werden cbenfaUs der Konferenz einzeln beiwohnen._ Tie Fricdcnsdcdingungcn der Botschafter. London, 6. Mai. kW. T. B.) Wie das Reuterfchc Bureau erfährt, haben die Botschafter gestern abend ihren Regiernn» gen de» Entwurf der Friede nsbedingun gen telegraphiert, der als Ergebnis der Verhandlungen der Bot- schafter in London aufgestellt worden ist. Es wird erwartet, daß die Genehmigung der Negierungen bis zum Donnerstag eintrifft. Der erste Paragraph verzeichnet die Tatsache, daß Friede und Freundschaft unter den Kriegführenden wieder- hergestellt sind. Ter zweite Paragraph sieht die Ab- tretnng allen Gebietes westlich der Linie E Ii o s—M id ia seitens der Türkei vor. In einem weiteren Artikel geben die Kriegführenden ihre Zustimmung, die Grenzen und den Status Albaniens durch die Mächte festsetzen zu lasse». Kreta soll an Griechen- land abgetreten werden, während das Schicksal der ÄegäisckKm Inseln und des Berges Athos der Entscheidung der Mächte vorbehalten bleibt. Artikel 6 sieht vor, daß alle finanziellen und wirtschistlichen, durch den Krieg hervor- gerufenen Fragen, die eine Folge des Krieges sind, von der in Paris tagenden Kommission behandelt werden sollen._ Es ist auch eine B-estimmung getroffen für den Abschluß von S o n d e r a b k o m m e n zur Behandlung von Fragen der Jurisdiktion und anderer ähnlicher Gegenstände. Während mau erwartet, daß die übrigen Balkanstaaten den Entwurf der Friedensbedingungen annehmen werden, wird es in grie- chifchen Kreisen in London nicht für unwahrscheinlich ge- halten, daß Griechenland zunächst einige Sicherheiten Hinsicht- lich der Aegäischcn Inseln und der Grenzen von Epirus for- dem dürfte.__ Ein Fraucnstimmrcchtsduell der englischeu Regierung. London, 6. Mai. Das Unterhaus fetzte die Debatte über die Wahlrcchtsvorlage fort. Premierminister Asquith und Staatssekretär G r cy waren die einzigen Mitglieder der Regierung, welche das Wort ergriffen. Asquith führte auS: Er sitze Seite an Seite mit Grcy seit 27 Jähren im Hause, und mit Ausnahme der Frage des Fraucnstimmrcchts seien sie niemals in irgend einer wichtigen politischen Frage verschiedener Ansicht gewesen. Obgleich die Regirrung über wesentliche Punkte der WahlrcchtSfrage ver- schiedener Meinung sei. so sei sie doch einig hinsichtlich der Politik, die zu befolgen sei. Er bestreite, daß die Ausdehnung des Wahlrechts im Interesse der Frauen oder der Allgemeinheit liege, oder daß sie den Erfolg haben werde, das politische, Sffeu- schaftliche.und häusliche Leben zu bereichern und zu stärken. Er werde gegen die Wahlrechtsvorlagc stimmen. Staatssekretär Grey betonte: Die Meinungsverschiedenheit zwischen dem Premierminister und ihm in der Wahlrechtsftage bestehe seit 25 Jahren und es sei nicht zu befürchten, daß die Neu» bekundung dieser Meinungsperschiedenheit irgend welchen Einfluß auf ihr politisches Zusammenwirken oder auf ihre personliche Freundschaft haben werde.(Beifall.) Er halte aber daran fest, daß die ganze Richtung des modernen Lebens und der modernen Er. ziehung dahin gehe, den Frauen das Stimmrecht zu geben. Und so lange die Frauen kein Stimmrecht hätten, werde die Demokratie in industriellen und politischen Fragen Hoffnung�. los unvollständig bleiben. Eine Kirche durch Feuer zerstört. London, 6. Mai. ,'W. T B) Ein Brand zerstörte beute di« schöne moderne Äathar inen'kirche in K/sif �ud. Osten von London. Der Schaden wird auf 19 999 Psund Sterlintz geschätzt. Nr. 110. 30. Iahrgavg. I Stilnp i>ks Jotniätls" ßrtlintt UxlKsM Pittwnil), 7. Poi 1913. ZUM KandtagsmahlKampf. Volksschule uncl Aehitott. Während auf der einen Teite alljährlich ungezählte Millionen für vermehrte Rüstungen aufgewendet werden, unter dem Borwand, daß das.Vaterland" zu seiner Verteidigung immer mehr und immer mehr Wafsenrüstungen brauche, wird der andere Faktor der Landes- Verteidigung, Bildung und Intelligenz der breiten Volksmasfen, aufs sträflichste vernachlässigt. Freilich, an den Waffenlieferungen machen die großen Kapitalisten enorme Profite; an der Volks- schule aber gibts nicht viel zu verdienen. Daß aber eine gute Bildung der Massen für die Wehrkraft des Landes unerläßlich ist, kann füglich kein Denkender bestreiten. Es kommt im Kriege nicht allein auf körperliche Kraft und Gewandtheit an, sondern mindestens ebenso sehr auf Klugheit, Umsicht, Geistesgegen- ivart, Kenntnisse. Und zwar genügt es nicht, wenn die Führer diese Eigenschaften besitzen; auf die Masse kommt es an. Immer wieder mutz an jenes Wort erinnert werden, das kein Geringerer als Fichte vor 100 Jahren gesprochen hat, als es galt, die französische Fremdherrschaft abzuschütteln: »Dasjenige Volk, das bis in die untersten Schichten hinein die tiefste und vielseitigste Bildung besitzt, wird zugleich das mächtigste und glücklichste sein unter den Völkern seiner Zeit, unbesiegbar für seine Nachbarn." Es genügt also nicht, daß ein Land gute Gymnasien, Oberreal- schulen und Universitäten besitzt; will es seine Wehrkraft auf der Höhe halten, so muß es vor allen Dingen für gute Volksschulen sorgen! Das ist viel wichtiger, als immer neue und neue Milliarden in den unersättlichen Schlund der Rüstungs- kapitalisten zu werfen. llnd noch ein anderes ist zu bedenken: die W e l t m a ch t- st c l I u n g des Reiches, von der die bürgerlichen Parteien ämmer so viel Aufhebens machen, kann auch nicht allein durch Kanonen und Soldaten gewährleistet werden. Viel Zommt dabei auf eine intelligente Arbeiterschaft an. Vor drei Jahren hat Professor Kammerer von der Technischen Hochschule in Charlottenburg aus der Entwicklung der modernen Technik den Schluß gezogen:„Die industrielle Zukunft wird dem Staate mit der intelligentesten, tüchtigsten und am d-esten ausgebildeten Bevölkerung gehören." Aus alledem folgt, daß diejenigen, denen eS wahrhaft um die -Sicherheit, Macht und Größe des Vaterlandes zu tun ist, keine dringendere Aufgabe haben, als für eine gute Volksschule zu sorgen. Aus alledem folgt aber auch, daß es eine schwere Versündigung ist, die preußische Volksschule in dem jämmerlichen Zustande zu belassen, in dem sie sich heute befindet. iisniei-vstiver tcrror. Das öffentliche Wahlrecht gilt den Konservativen und ihren Gesinnungsbrüdern als heilsames Zwangsmittel. Die Beaufsichtigung der Wähler soll einen„heilsamen Einfluß" auf ihre Entschließungen ausüben. Sic sollen gegen ihr eigenes Interesse wählen, sie sollen, von Angst vor Maßregelungen und Boykott gepeinigt, für die Machterhaltung ihrer Peiniger und Ausbeuter stimmen. Und man tveiß, daß die über sozial- demokratischen Terror so gern sich heuchlerisch entrüstenden Junker den Tcrror in der brutalsten Weise ausüben. Daß das ans Grundsatz geschieht, enthüllte der konservative Abg. v. Arnim-Züscdom am 13. Februar 1907 im Ab- geordnctenhaus mit zynischem Bckcnnermut. Er forderte zu Maßregclungcu also aus: „Es muß sich durchführen lassen, daß, wenn nichl ein ganz besonderer Arbcitermangel herrscht, auch die sozialdemokratisch organisierten Bauarbeiter— über deren Zugehörigkeit zu dem Hamburger Verbände sich leicht Ermitte- langen anstellen lassen— als Saisonarbeiter in den Staatsfor st betrieben nicht beschäftigt werden." Dies Bekenntnis einer schönen Seele zeigt, daß die Junker vor keinem Terror zurückschrecken und daß sie von dem ihnen willigen Staate verlangen, er solle die Staatsbürgcrrcchtc der Arbeiter mit Füßen treten! Preußische Kultur!_ Die Steuericheu der lunher. Die Steucrscheu unserer Junker, wie sie in der Gestaltung der Reichseinnahmen und in der schroffen Ablehnung jeder durchgreifenden Reichserbschaftssteuer sich zeigt, ist allgemein bekannt, bildet sie doch zurzeit den bei weitem wichtigsten Angelpunkt für die Entwickelung der Parteiverhältnisse und damit für die ganzen inneren Zustände Deutschlands. In den Einzelstaaten, in denen, wie in Preußen, neben den Einnahmen ans den staatlichen Betrieben direkte Einkommens- und Vermögenssteuern die Haupteinnahmeguellen bilden, konnte diese Steuerscheu nicht immer gleich schroffen gesetzlichen Niederschlag finden, denn es ging schließlich doch nicht an, in die Einkommen- und Ergänzungssteuergesetze zahlreiche Ausnahmebestimmungen zu- gunften' der„Landwirtschaft" hincinzuschreiben. Was aber auf direktem gesetzlichen Wege nicht gemacht werden konnte, wurde aus indirektem Wege erreicht, und wozu beherrschen denn unsere Junker unumschränkt die gesamte Verwaltung Preußens, wenn sie nicht imstande sein sollten, auch im Verwal- tungswege auf Schritt und Tritt Sondervorteile für sich herauszu- holen I Der liebergang der Grundsteuern vom Staat auf die Gemeinden und Guts bezirke, die Anrechnung solcher von den Gutsherrn nicht zu zahlender Grundsteuern auf die S t e u e r s u m m e für die Einreihung in die W ä h I e r k l a s s e n, die Einschätzung des Einkommens und Vermögens durch zuverlässige Kommissionen unter dem Vorsitz des Landrats, die Fest- legung gleichmäßiger Grundsätze für die Abschreibungen bei land- wirtschaftlich benutztem Gelände sind nur einige wenige, wenn auch wichtige materielle Vorteile, die unsere Junker herauszuholen ver- standen haben. Allen solchen Vorteilen im einzelnen nachzugehen und sie in Mark und Pfennigen umzurechnen, wäre eine ebenso notwendige wie interessante Ausgabe. Leider ist diese Aufgabe eine enonn große und bei der höchst verwickelten Verwaltungsorganisation und Verwaltungs- Praxis Preußens eine so schwierige, daß sie ohne amtliches Material kaum durchzuführen ist. Man muß sich zunächst daher damit be- gnügen, gelegentliche Beispiele, wie sie gerade bekannt werden, her- auszugreifcn und an ihnen die unersättliche Habgier und die nicht zu übertreffende Steuerscheu unserer Junker im großen und kleinen aufzuzeigen. Ein solches Beispiel bieten u. a. die Verhandlungen im preutzi- schen Abgeordnetenhaus über die Novelle zum Stempel- fteuergesetz, welche die Regierung 1909 auf Wunsch des Hauses, um Mittel für die Erhöhung der Beamtenbesoldungen flüssig zu machen, ausgearbeitet und vorgelegt hatte. In dieser Novelle wurden alle Rechtshandlungen, die im bürgerlichen Leben vor- kommen, mit erhöhten Stempelsteuern belegt, sowie bestimmt, daß nunmehr nicht wie bisher nur schriftliche, sondern auch mündliche Mietsverttägc der Besteuerung unterliegen und zwar mir einem Steuersatz, der bei Wohnungen mit einem Mietszins von 300 bis 1000 Bk. 3/10 statt wie bisher nur 1ll0 vom Hundert betrug Ausnahmen von neuen Erhöhungen machte der Entwurf überall nur da, wo die Interessen der Großgrundbesitzer in Frage kommen, und zwar mit einer Offenheit und Brutalität, wie sie selbst bei uns Preußen nicht alltäglich ist. So war im Gegensatz zur Wohnung des kleinen Mannes der Stempel für alle land- wirtschafllichen Pachtungen auf dein bisherigen Satz von Vip des Pachtzinses belassen, gleichviel wie hoch dieser Pacht- zins ist. Die Motive bemerkten hierzu kurz und bündig: „eine stärkere steuerliche Belastung verbietet sich aus Rücksicht auf die oft wenig leistungsfähigen Pächter kleinerer oder mittlerer Grundstücke." Daß es auch Pächter sehr großer landwirtschaftlicher Grundstücke gibt, die selber höchst potente Herren sind, hatte die Regierung den Agrariern zu Liebe ganz ver- gessen! Zu solchem Vorgehen paßte auch die geradezu unglaubliche Tat- fache, daß der Fideikommiß st empel im Entwurf über- Haupt nicht erwähnt war. Als in der Kommission eine Er- höhung dieses Stempels, der doch wirklich eine kräftige Erhöhung vertragen könnte, angeregt wurde, wurde dem von Regierung und den Konservativen soforr entgegengetreten. Eine Erhöhung des Fidcikommißstempels würde, so sagte man, in so viele wichtige und schwerwiegende Gebiete übergreifen, daß man so nebenher bei Gc- legenheit eines Stempelsteuergesetzes eine solche Erhöhung nicht vor- nehmen könne. Auf allen anderen Gebieten des privaten und gewerblichen Lebens, sofern die Großgrundbesitzer daran nicht be- teiligt sind, glaubte man aber solche Rücksicht selbstverständlich nicht nehmen zu braucken. Ewig schade für die Beurteilung preußisch-deutfcher Zustände ist es auch, daß die Verhandlungen der Konnnission über die Jagd- Pachtverträge nicht stenographisck, aufgenonimen wurden. Wenn irgend ctivas in der Welt eine reine Luxusausgabe ist, so sind es Pachtverträge auf größere Jagden, und selbst die konservativ-agra- rische Regierung hatte einen Stempel von 10 Proz. auf solche Ver- träge vorgeschlagen. Die Beratung über diese Position wurde zu- nächst zurückgestellt und zwar aus dem Grunde, weil Jagdfragen Fragen so aufregender Natur seien, daß man sie ohne zwiilgendste Notwendigkeit nicht anschneiden solle! Man wollte da- her zunächst einmal sehen, ob man nicht aus den anderen Positionen des Tarifs die benötigten Millionen herausquetschen könne. Als nian sich dann schließlich zur Beratung bequemen mußte, tvurde der von der Regierung vorgeschlagene Stempel von 10 Proz. sofort um das Z w a n z i g f a ch e. d. h. bis auf ein Halb vom Hundert gekürzt. Während man die Stempel für Notwendigkeiten und Lustbarkeiten aller Art, die für die Massen in Betracht kommen, um ein Vielfaches erhöhte, war man auf das Aengsilichste bemüht, das Vergifligen und die Jagdpassion der Junker steuerfrei zu lassen. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß unsere kleine Fraktion in schärfster Form gegen alle solche Beschlüsse Front machte, aber ebenso selbstverständlich ist es. daß wir nach keiner Richtung durchdrangen. Für die arbeitende Bevölkerung Preußens wird es aber bei den kommenden Wahlen erhebend sein zu wissen, daß sie selber zwar unter der Last der indirekten und direkten Steuern fast erliegt, daß sie z. B. auch bei dem. nicht zu mngehenden WohnungSstempcl neuerdings um das Dreifache geschröpft wird, daß dafür aber unsere Junker auch weiterhin ihre Jagdgrnnde ohne erhöhte Aufwendungen anpachtcn können!____,. Candtagswalstervcriairnnlungen. Steglib.„Preußen, das Land der Verheißung," über dieses Thema sprach in einer gut besuchten Volksversammlung im AlbrechlS- Hof Genosse Dr. B r e i t s ch e i d. Die Versammelten quittierten die Ausführungen des Redners mit großem Beifall. In der Diskussion ersuchte noch Genosse Salinger die Frauen, als völlig rechtlose Staatsbürgerinnen an dem bevorstehenden Landtagswahlkampf teil- zunehmen. Zeuthen. Vor gut besuchter Versammlung sprach am Sonntag Genosse K l ü ß über das Thema:„Die Knechtung des Volkes durch den Preußischen Landtag". Die Versammelten lauschten andächtig den Ausführungen des Referenten, der die Sünden der Landtags- Mehrheit vortrefflich ins rechte Licht zu rücken verstand. Nach einer Aufforderung zum Abonnement auf die Parteipreffe und Beitritt zur Organisation wurden die vom Wahlkomitee vorgeschlagenen Wahl- männer einstimmig gewählt. In Mühlenbeck(Bezirk Nieder-Schönhausen) sprach in gut be- suchter Versammlung Genosse Buhl. Der Referent entledigte sich seiner Aufgabe unter stürmischem Beifall der Anwesenden. Birkenwcrder. Hier sprach vor einer gut besuchten Versammlung im Gesellschaftshaus Genosse Stadthagcn. Seine treffliche Kennzeichnung des preußischen Junkertums von Einst und Jetzt so- wie der Appell an die Versammelten, am Tage der Wahl nur für die sozialdemokratischen Wahlmänner einzutreten, ivurden mit stürmischem Beifall aufgenommen. Vor und nach dem Referat brachte der Arbeitergesangverein Birkenwerder einige stimmungsvolle Gesänge zum Vortrag. Fichtenau. In einer öffentlichen Urwählerversammlung, die zahl- reich von Frauen besucht toar, referierte am Sonntag Genosse Sonnenburg über die bevorstehenden Landtagswahlen. Seine Kritik der preußischen Zustände wurde mit lebhaftem Beifall aufge- nommen. Die Versammlung nominierte dann die Wahlmänncr für die UrWahlbezirke Fichtenau, Klein-Schönebeck, Gemeinde Rahnsdorf und— eine Blüte des Drciklassenwahlsystems— den aus räumlich weit getrennten Ortschaften zusammengesetzten UrWahlbezirk: Ge- meinde Schöneiche, Gut Schöneiche, Wilhelmshagen und Gut Rahnsdorf. Alt-Landsberg. In einer sehr gut besuchten öffentlichen Wähler- Versammlung referierte am Sonntag Genosse Stimmig- Lichtenberg. Die Ausführungen des Referenten sowohl als auch die Ansprache des Kandidaten Genossen Gutsbesitzer H o f c r fanden den lebhaften Beifall der Versammlung. Rüdersdorf-Kalkberge. Hier sprach Genosse Hellmut Lehmann im Restaurant Mißler in Kalkberge in einer öffentlichen Wähler- veriammlnng über das Thema:„Auf zur Landtagswahl." Der kleines Feuilleton. Sören Kierkegaard, der dänische Lebensdenker und Religions- Philosoph, wird in diesen� Tagen aus Anlaß seines hundertsten Geburtstages weiteren Kreisen als ein Geist von nachwirkender Be- deutung zugeführt. Er war eine wuchtige Bekennernatur, und in- sofern fesselt sein Leben über seine Zeit hinaus: es ist vorläuferhaft erfüllt von Erschütterungen, die das Leben Ibsens, Tolstois, Nietzsches für die letzte Vergangenheit wichtig gemacht haben. Ein besonderes Interesse an dieier individualistisch gerichteten Persönlich- keit bezeugen heute die Kreise, die sich für eine Neugeburt romantischer Geistesarbeit und für eine religiöse Bewegung ein- gesetzi haben, die das Christentum, losgelöst von kirchlicher Autorität, als ein förderndes Element persönlichen Lebens retten und sichern will.(Kierkegaards Werke erschienen deutsch vor kurzem bei E. Diederichs, Jena.) Kierkegaard ist gesättigt mit den Merkmalen der Romantik. Er war eine leidenschastlich-sanatische Natur. In ihm brach der Emanzipationsdrang der dreißiger Jahre aus, der von toten Formen und ererbten Autoritäten loswollte und � doch nicht entscheidend loskam. Sein Lebenswahlwort„Entweder-Oder", ge- Wonnen aus einem schwer abgerungenen persönlichen Entschluß, der Auflösung seiner Verlobung mit einem bis zum Tode geliebten Weibe, ein Wort, das ihm zum Titel seines ersten Lebensbeicht- buches wurde, und das man ihm dann in den Gassen Kopenhagens als Spottnamen nachrief, ergänzte sich ihm zuletzt widerspruchsvoll mit einem„Sowohl als auch." Seine Lehre wollte Denken und Leben zur.Einheit verbinden: was das Denken eroberte, sollte im persönlichen Leben zu greifbarer Existenz gelangen. Er war überzeugt: nur was mit subjekliver Energie und Leidenschaft ergriffen werde, nur das könne die Wahrheit ietn.> Aus dieser Erkenntnis heraus haßie er allen Zwang, der den Menschen in Gefahr brachte, ein..Massenpeter" zu werden, mit ihr peitschte er schonungslos die heuchlerische Moral. Errief:„Mögen andre darüber klagen, daß die Zeit schlecht sei; ich klage darüber. daß sie erbärmlich' ist. denn sie ist ohne Leidenschaft. Die Gedanken der Menschen sind dünn und gebrechlich wie Spizen, sie selbst elend wie Spitzenklöpplerinnen. Ihre Herzensgedanken sind zu erbärmlich, um sündhaft zu fem. Für einen Wurm könnte man es viel- leichi sündhaft nennen, solche Gedanken zu hegen, nichtsür einen Menschen, der nach Gottes Bild erschaffen ist. Ihre Lüfte find lau und nialt, ihre Leidenschaften schläfrig; sie tun ihre herkömmliche Pflicht, diese Krämerseelen, aber erlauben sich doch wie die Juden, den Dukaten km klein wenig zu beschneiden: sie meinen, wenn unser Herr noch so ordentlich Buch führe, könne man eS doch wohl riskieren, ihn ein mßchen zu betrügen. Psui über ste: Deshalb kehrt meine Seele Muster zum alten Testament und Shakespeare zurück. Dort fühlt mmr doch, daß eS Menschen find, welche reden; dort haßt man, dort "km«an, mordet seinen Feind, verflucht seine Nachkommenschaft durch alle Geschlechter, dort sündigt man!". Das ist derselbe Zorn, mit dem auch Heinrich Heine auf die Heuchelei jener Zeit einschlug: „O daß ich große Laster säh', Verbrechen blutig, kolossal, nur die so satte Tugend nicht und zahlungsfähige Moral!" Sören Kierkegaards Lehre lief aus in ein System persönlicher Verimierlichung. Sein ganzes Leben lang— dieser Zug ist echt romantisch— vermied er, irgend eine soziale Konsequenz aus seiner Lehre zu ziehen. Georg Brandes sagte: wenn eS sich um die Wirklichkeit handelt, schrecke er wie eine alte Jungfer vor dem „Spekta�l der Außenwelt" zurück. Er ist alles in allem ein Aus- läufer der idealistischen Philosophie, die sich in den vierziger Jahren in der Sackgasse des bürgerlichen Individualismus festrennt. Als eine Art dänischer Stirner auf religiösem Gebiete steht er da. Er wollte keine Mittlerschaft zwischen Gott und Menschen gelten lassen. In religiösen Dingen war der Einzelne autonom. Und so geriet Kierkegaard in einen Kamps gegen die dänische Kirche, den er, wie alle seine Kämpfe, leidenschaftlich und unerbittlich führte. Die religiöse Verinnerlichung, in die sein kurzes Leben— er starb schon 18ö6— ausmündete, bedeutete keineswegs das Ende seiner ringenden Lebensunruhe. Wenn er gottergeben war, so ivar er» in dem Gefühl, „als hätte man 70 000 Faden Wasser unter sich und müßte sich' Wasser tretend, oben hallen." Er war als Theologe in die Kämpfe des Lebens hinausgetreten und ist in seiner Art dem Brand des jungen Ibsen zu vergleichen. Der Mensch, der sich in seinem Kämpfen und Beichten offenbart, stellt den Wert seiner Persönlichkeit und semes Lebens dar. Der Buchstabe tötet. Der„Türmer" schreibt in seinem Mai- Heft: Der»Freien Volksbühne" in Berlin ist vom Polizeipräsidenten die Karfreilagsaufführung eines Oratoriums untersagt worden, weil der gewählte Raum, die„Neue Welt" in der Hasenheidc, nicht zu denjenigen Lokalen gehöre, in welchen nach den Polizeibestimmungen am Karfreitag Vorführungen geistlicher Musik stattfinden düchen. (Hier ist dem„Türmer" ein Versehen unterlaufen: die„Neue Welt" ist erst vom nächsten Jahre an für Karfreitagskonzerle gesperrt. Die Red.)— Es bleibe dahingestellt, ob jene im Rechte sind, die meinen, das Verbot wäre gegen einen Verein, der nicht so viele politisch„mißliebige Mitglieder" enthält, nicht ergangen. In jedem Fall bleibt die Frage nach dem Sinn einer solchen Verfügung. Wollte der Herr Polizeipräsident das Kunstwerk vor Entweihung schützen, die in der Aufführung an einer dem Tanz gewidmeten Stätte liegen könnte? Aber er gestattet am Karfreitag Oratorien- aufführungen in Theatern, in denen jahraus, jahrein frivole Operetten herrschen. Befürchtete er, der ausgelassene minus loci der„Neuen Welt" könnte die Versammlnng überkommen und unfähig machen zum Empfang eines edlen Kunstwerks? Er durfte in jeder Hinsicht beruhigt sein. Ein Kunstwerk wird nicht durch einen Aufführungsort entweiht, es weiht die Stätte; die Menschen aber, die sich am Äarfteitag hier eingesunden hätten, bedurftett keines Stimmung machenden Raumes. Diese Stimmung gewinnen sie aus ihrem Verlangen nach Kunst. Bleibt also nur die Tatsache, daß die Polizei auf Grund eines un- belebten Buchstabens einige Tausend Menschen um einen edlen Genuß, einige erhebende Stunden gebracht hat. Vor dem Richterswhl einer höheren Vernunft würde ihr die Rechenschaft nicht leicht fallen für den Schaden, den sie so dem innersten Volkstum zufügt. Und hat die Polizei dafür etwas Positives geleistet? Nun eben, sie hat einige tote Buchstaben vor einer lebendigen Auslegung geschützt. Auch ein Beitrag zur Wehrsteuer. Die Weinjahrgänge fallen verschieden aus; gute Jahre wechseln mit schlechten. 1911 ist ein Wundertrank gewachsen, der die Spekulation zu grotesken Preisen verholfen hat.' Das Jahr 1912 aber hat zum Teil ein schauriges Gewächs gezeittgt, das nur noch zum Striimpfeflicken gut zu fein scheint. Diesen Eindruck bekommt man wenigstens aus einer Bitt- schrift, die ein Weinhändler der Budgetkommission des Reichstages eingereicht hat._ Nicht alle Stände erfreuen sich— heißt es darin— einer sorgenfreien Gegenwart. Viele sind schwer gedrängt und ganz'be- sonders der Stand, dem ich angehöre, nämlich der Weingroßhandel an der Mosel. Das Geschäft geht hier erbärmlich schlecht. Eine Menge, ganz besonders die 1912er Saarweine und die kleinen 1912cr Weine anderer Gebiete sind auch unter voller Anwendung der vom Reichstage gestatteten Verbesserung oder, wie die Puristen sagen, Ver- bvserung, konsumunfähig geblieben. Fast sämtliche 1912er Saarweine sind trotz aller Lobsprüche, die man deren Bemustertmg mit auf den Weg gibt, und trotz eines Preises, der sich unter dem des Einkaufes bewegt, nicht an den Mann zu bringen. Ich habe etwa 80 000 Liter 1912er �aarweine, die den Schrecken meines Daseins bilden, und ich wollte hiermit ergebenst bitten, geneigtest in Erwägung ziehen zu wolleiu ob es sich nicht ermöglichen ließe, einen Teil wenigstens der Hecressteuer in Naturalien zu begleichen. Dieser 1912er Saarwein, den ich der hochverehrlichen Kommission in zwei Flaschen zu be- mustern mir gestatte, könnte unter Umständen eine ungeheure Wirkung erziele». Das Geheimnis läge darin, daß man dieses Er- zeugnis für das deutsche Heer aufkaufte und ihm im Falle des Zurück- weicheus vor dem Feinde zur Strafe diesen Galeerenwein, wie ich ihn hierinit taufen möchte, tritiken zu müssen in Aussicht stellte. Es wäre sicher, daß die Losung unserer Tapfern bei einer solchen Aus- ficht nur die sein könnte:»Siegen oder fallen!" Ein Feldzug gegen den Krebs. In New Jork tagte soeben eine Berfanimlung von bekannten Aerzten.'zu denen sich auch eine Reihe hervorragender Männer des öffentlichen Lebens gesellt hatten, um eine„nationale Anti-Krebs-Vereinigung" zu begründen. Ihr Ziel ist. einen Feldzug zur Aufilärung de-Z großen Publikums über die Natur des Krebsleidens und die Möglichkeit, es zu verhindern, zu organisieren, bei dem man sich den schon so erfolgreichen Kampf gegen die Tuberkulose zum Muster genommen hat. Vor allem soll das Publikum erzogen werden, die Anfangssymptome de? Leidens rechtzeitig zu erkennen. ES sollen in den Zeitschriften Artikel der- öffentlicht und durch das Gesundheitsamt Flugblätter verteilt werden, lebhafte Beifall der Versammelten zeigte, daß die Ausführungen deS Referenten auf fruchtbaren Boden gefallen waren. Groß-Schöncbeck. Trotz des schlechten Wetters war die am letzten Sonntag unter freiem Himmel abgehaltene Wählerversammlung gut besucht. Kreisvorsitzender Genosse Lehmann sprach über „Auf zur Landtagswahl'. Der Kandidat deS Kreises, Genosse Gutsbesitzer H o fer, ergänzte in einer Ansprache noch die Aus- führungen des Referenten. Die Zustimmung der Versammlung be- wies, daß auch in dieser äußersten Ecke des Kreises Mederbarniin die Sozialdemokratie mit guten Aussichten zur Wahl schreitet. Em der Partei. Aus den Organisationen. Tie Generalversammlung des Reichstagswahlkreises SchwiebuS Züllichau-Krossen tagte am Sonntag in Sommerfeld. Neben sechs Städten, in denen Industriearbeiter unter außerordentlich schlechten Löhnen und Arbeitsbedingungen vegetieren— werden doch beispielsweise in Güwersberg in einer Mtlilärtuchfabrik 1 0 P f., 8 P f.. s a 4Vs P l. Stundenlohn gezahlt— zählt dos Eldorado rücksichtsloser Ausbeuter 174 Dörfer und 127 Gutsbezirke. In 18 Orten ist es gelungen, festen Fuß zu fassen uud den Mitgliederbestand des Kreis wahlvercinS auf 717 Genossen, darunrer 102 weibliche, zu bringen. Das ist in dem Dreivierteljahr der Berichtszeit ein Mehr von 88 Mitgliedern gegen das Vorjahr. 21 Versammlungen, fast durchweg, unter freiem Himmel, fanden in der Berichtszeit statt. 80 000 Flugblätter dienten zur Unterstützung der Agitation, 287 Abonnenten der„Märkischen Volksstimme" und 18 Abonnenten des „Vorwärts" wurden im Kreise gezählt. In drei Städten und drei Dörfern stehen den Genossen zusammen sieben Säle zur Verfügung. Als Vorort wurde wieder SchwiebuS bestimmt und der Kreis- vorstand einstimmig iviedergewählt. Soweit es bei der Urwahl gelingt Wahlmänner zu wählen, sollen diese bei der Abgeordneten- wähl für den Genossen Reinhold Schulz-Schwiebus und Oswald Grauer-Lichtenberg stimmen. Zum Parteilag nach Jena wurde der Kandidat des Kreises Grauer» Lichtenberg, zur Provinzialkonferenz die Genossen Schulz- SchwiebuS. K r a h l- Sommerfeld und K l ä m b t- Krossen gewählt. In die Preßkommission wurde Fiebig- SchwiebuS wiedergewählt. Der 0. sächsischeReiÄStags Wahlkreis(Dresden- L a n d) ist einer der größten und weilverzweigtesten in ganz Deutsch- land. Bor einem Jahrfünft noch war ein Mitgliederbestand von 10000 vorhanden, jetzt sind die 20 000 erreicht. Die Eiimohmen sind in diesen sünf Jahren von 40 000 auf 100 000 Sßt. gestiegen. Die Mitgliederbewegung bot in der Berichtszeir ein eigenartiges Bild. Tic Zunahme bemig 1375, darunter sind aber 712 weibliche Mit- glieder und nur 6ö3 männliche. Die Frauen haben also die Männer beschämt. Sie danken diese glänzenden Erfolge einer regen uud sorgfältig durchgeführten Versammlungs- und Hausagitation. Damit wurde die Zahl der weiblichen Mitglieder von 1808 auf 2S10 gebracht. Die Einnahmen und Ausgaben bilanzieren mit 80 200 M. Die Zahl der Volks-, Mitglieder-, Einwohnerversammlungen und sonstigen Veranstaltungen betrug 404 mit einer Teilnehmerzahl von 84 582. Vier Flugblätter lvurdcn verbreitet in einer Äuftage von 1 00 000 Exemplaren, außerdem 20000 Kalender und 2000 Broschüren. In 00 von den 172 Gemeinden des Kreises sitzen 250 sozialdemo- kralische Vertreter. 30 neue Sitze wurden in der Berichtszeit erobert, trotzdem das Gemeindewahlrecht forlgesetzt ver- schlechtert wird. Leider ist die Zahl der Abonnenten der„Dresdner Volkszeitung" von 22 936 aus 22 724, also um 212, zurückgegangen. Durch besondere Maßnahmen, die in der Generalversanimlung beschlossen wurde», soll der Rückgang wieder behoben werden. Eine lebhaste Diskussion entspann sich über die im Kreise geleistete B t l d u n a s a r b e i t, für die 3273 M. ausgegeben wurden. Man wünschte durchgreifendere und umfassendere Tätigkeit auf diesem Gebiete und die Errichtung eines Aildungssekretariats für die drei Dresdener Wahlkreise. Nach sehr lebhafter Debatte wurde ein Antrag Fleißner, der das D e l e g i e r t e n s y st e m für Kreis- und Generalversammlungen verlangt, mit 181 gegen 154 Stimmen abgelehnt. Dagegen wird ein anderer Antrag, die Delegierten zu Landes Versammlungen, Parteitagen und internationalen Kon- gressen per Urabstimmung an einem Sonntage zu wählen, angenommen._ Totenliste der Partei. In Kassel verstarb, nahezu 70 Jahre alt. der Schreiner Genosse Heinrich Brinkmann. Sein spezielles BetätigungS- feld war die Sozialpolitik. in denen die Symptome des Leidens genau gekennzeichnet werden; auch durch öffemliche Vorträge will man auf die breite Masse des Volkes zu wirken suchen. Die Aufklärungsarbeit richtet sich besonders an die Frauen, da die Statistik nochgewiesen hat, daß doppelt io viel Frauen vom Krebs befallen werden als Männer. Die all- gemeine Unkenntnis der ersten Anzeichen der Krankheil hat zur Folge, daß die meisten Befallenen nicht schon zu einer Zeit, in der eine Heilung noch möglich ist, in ärztliche Behandlung lommen. Auch der Aerztekongreß, der im Mai in Washington tagt, soll in diesem Kampfe gegen den Krebs mithelfen. Humor und Satire. Neutralität. Der russische Gesaudte in Serbien, Hartwig, �feierte in einer öffentlichen Ansprache an die Belgrader den Fall Skutaris als ein ruhmvolles Ereignis und schloß mit einem Hoch auf den Balkan- dund. Der Wortlaut seiner Rede war folgender: „Rußland ist neutral, darum gehören seine Flinten, seine Sym- pathien und seine Kohlen den werben und den Montenegrinern. Rußland ist neutral, darum ist Montenegros Freude Rußlands Freude und Serbiens Trauer Rußlands Trauer. Rußland ist neu- iral, der Türken Freude ist der Russen Trauer und der Türken Trauer ist der Russen Freude. Rußland hat Montenegro aus- gefordert, Skutaris Belagerung aufzugeben, darum hat Montenegro 5 kutan erobert. Nußland billigt die Flottendemonstration der Mächte, die den Montenegrinern die Stirn zeigen, darum zeigt Montenegro den Mächten den Rücke», den sie ihm entlang rutschen können.'Rußlands Nein ist Montenegros Ja und Rußlands Ja ist Serbiens Nein. Rußlands mächtiges Wappentier ist der Adler, von den, wir alle mit Stolz ausrufen: Vorne nickt er und hinten pickt er!? _(Frido in der„Jugend".) ?iotizc». __ Der Sängerkrieg um den Kaiserpreis in Frankfurt a. M. hat begonnen.— Die offiziellen Berichte heben besonder« hervor, daß der Kaiser nach dem Konzert noch>mt besonderer Freundlichkeit die Ehrenjungfrauen begrüßt habe.. — Un galante Nicht er. Die Nackttanzerm Brian hl, die schon in München die Künstler und die Stichler beschäftigte, mußte sich in Paris wegen Verletzung der östentuchen Silltickkeit verant- Worten. Trotz ihrer Versicherung:„Wenn ich mem Hemd fallen laste, geschieht es nur, um meine Seele zu zeigen, wurde sie zu 200 Si. Geldstrafe verurteilt._. — Eine Ehrung AmundsenS. Der Entdecker deS Südpols wurde vom uorlvegischen Atorthlng durch ein �.hren- jahrgehalt von 6000 Kronen ausgezeichnet. - Ein neuer Ozeanflug. diesmal mittels emes Flug- seuges. wird von einem amerikanischen Flieger geplant. Er will am 4. Juni die Fahrt mit einer Wrightma�ine antreten. Das tollkühne Unternehmen bietet natürlich keine Aussichten auf Erfolg. pol&ekUches, Oenditixchcs ufo. Pretzprozesse. In einem Artikel des Bochum er„VolkSblatieS" war dem Vorsitzenden Richter des Schöffengerichts in Buer, der die in einem Prozesse geladenen Entlastungszeugen deshalb nicht ver- nommen hatte,„wei� ihm der Polizist als ein pflichttreuer, glaub- loürdiger und beim«treik sehr forsch anfgetretener Beamter" per- sönlich bekannt sei, vorgeworfen, er habe die Zeugen„der Einfachheit halber" nicht vernommen. Darin erblickte das Gericht den Vorwurf der Bequemlichkeit uud es verurteilte deu verantwortlichen Redakteur Genossen P i e r e n I ä»t p e r zu 100 M. Geldstrafe. Besonders beachtenswert ist das Urteil deshalb, weil von der Berufungsinstanz, die gegen die verurteilende Erkenntnis dieses gut- gläubigen Richters angerufen wurde, die abgelehnten Zeugen dennoch vernommen wurden. Der betreffende Angeklagte wurde dann frei- gesprochen. Auch wurde neuerdings festgestellt, daß der durchaus „glaubwürdige" Polizeizeuge aus Buer zweimal bestraft ist uud seinen Aussagen in mehreren Prozessen kein Glauben beigemessen wurde. Die Strafkammer des Landgerichts Detmold verwarf die Berufung des Genosse» Treckshage als Verantwortlicheil der Bielefelder„VolkSwacht", der wegen angeblicher Beleidigung des Redakteurs Staercke von der liberalen„Lippeschen Landeszeitung" vom Schöffengericht zu 50 M. Geldstrafe verurteilt worden war. Ms Industrie und Handel. Waffen-Hausse. An der gestrigen Börse erzielten die Aktien der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken eine Kurssteigerung um ZO Prozent, von 580 auf 630 Prozent Die Steigerung steht mit Gerüchten über eine Kapitalsverwässerung der Gesell- schaft in Zusammenhang. Es soll die Absicht bestehen, das 15 Milli- onen Mark betragende Aktienkapital zu verdoppeln und die Aktien zum Nennwert auszugeben. Da die Aktien zurzeit auf 630 Prozent stehen, bedeutete das ein Geschenk von 5300 Mark auf jede Aktie im Werte von 1000 Mark. Auf 12 Millionen Mark verrechnet, würde daS Extra ge schenk an die Aktionäre insgesamt 79,5 Milli» onen betrage». Die Gesellschaft kann sich diesen Luxus leisten, denn ihr Geschäft hat solche Profit« abgeworfen, daß trotz hoher Dividenden(im letzten Jahre 32 Prozent!) außerordentlich großeReserven geschaffen ivurden. So stehen das Gelände und die Gebäude der drei Fabrikanlagen in Martinikcnfelde, Wittenau und Karlsruhe mit 4 Millionen zu Buch. Vor zwei Jahren bewertete sie die Gesellschaft mit 6,87 Millionen. Inzwischen sind, aber wesentliche Erweiterungen vorgenommen worden! Sämtliche Betriebsanlagcn (Maschinen. Werkzeuge, Fuhrwerke, Modelle und Zeichnungen, Patente und Lizenzen, Mobilie» und Geräte) sind bis auf 1 M. ab- geschrieben. Sehr gering sind auch die Vorräte und daS Effekten- konto von der Gesellschaft bewertet worden. Trotzdem unterhalten die Fabriken ein außerordentlich hohes Bankguthaben, daS mit 22,75 Millionen die Höhe des Aktienkapitals übertrifft. Da auch die kommenden Jahre infolge der neuen Rüstungsvorlage gesteigerte Beschäftigung und damit neue Millionengewinn« versprechen, will die Gesellschaft ihre Reservenanhäufung unterbrechen. Mit den Aktien der Deutschen Waffen stiegen auch die Aktien der Unternehmungen, mit denen die Deutschen Waffen in finanzieller Beziehung stehen. So wurden höher: Köln-Rottweiler Pulver- fabriken um 10 Prozent, Ludwig Loewe um 7 Prozent., Daimler um 10 Prozent.____ / Krupp in Ungarn. Die Regierung hat im Reichstag«inen Gesetzentwurf eingebracht, welcher den Vertrag des Finanzministers mit der Skodawerke- Aktiengesellschaft in Pilsen(der österreichischen Kanonenfabrik) und Friedrich Krupp Mtiengesellschaft in Essen wegen Errichtung einer Gcschützfabrik in Ungarn unterbreitet. Der Vertrag bestimmt, daß die ungarische Kanonenfabrik in Raab zu errichten ist. Der Betrieb muß innerhalb zwei Jahren beginnen. Das Aktienkapital beträgt 13 Millionen Kronen, von denen die ungarische Regierung 7, Skoda 4 Millionen übernimmt. Ferner erbält Skoda 2 Millionen als voll eingezahlt zu betrachtende Aktien für Ueberlaffung der ihm und Krupp gehörigen Konstruktionen und Patente. Skoda und Krupp sind zu allen mit der Errichtung und dem Betrieb der Fabrik ver- bundenen technischen Arbeiten verpflichtet. Die Verpflichtung Krupps soll sich ausschließlich auf die mit der Rohrsabrikalion verbundenen Arbeiten beschränken. Ferner werden die Preise der von Krupp und Skoda der neuen Kanonensabrik zu überlassenden Materialien fest- gestellt. Der Bertrag gilt für die Dauer von 22 Jahren. Zunehmende Arbeitslosigkeit. Tie vom„Reichsarbeiisblatt" ollvierteijährlich veröffentlichten Nachweise über die Arbeitslosigkeit in deutschen Fachverbänden lassen für das I. Quartal 1013 eine nicht unweientkiche Steigerung der Arbeitslosigkeit im Vergleich zu derselben Periode des Vorjahres er- kennen. An der Berichrerstallimg waren diesmal 20 Verbände mit 2 020 633 Mitgliedern beteiligt, von denen 2 003 381 durch die Be- richtcrslailung uinschlojsen wurden. Davon waren zu Ende der letzten Woche des März arbeitslos am Ort« und auf der Reise 42 634— 2,3 Proz. Die emsprechenden Zablen stellten sich zu Ende der letzten Februarwockie auf 57 181 und 2,0 Proz., zu Ende der letzlen Januarwoche auf 62 676 und 3.2 Proz. Man muß bis zum Jahre 1000 zurückgehen, ehe man einen ebenso bezw. höheren Stand der Arbeirslosenziffer findet, wie im I. Ouartat 1913. Ob schon die Hochkonjunktur überichriiten ist, oder ob es sich um eine vorübergehende Wirkung deö Balkankrieges auf unser Wirtschaftsleben handelt, wird ja die miurste Zeit lehren. Die höchste Arbenslosenziffer ballen im März die Bauhandwerker (Hirsch-Dunckeri mil 16,5 Proz. Arbeitslosen. Derselbe Verband zeigte im März deS Vorjahres nur 4,1 Proz. Arbeitslose. Es folgen die Glaser mit 16.3 Proz., die Töpfer mit 13,2 Proz., die Friseur- gehilsen mit 12.6 Proz. und die Fleischer mit 12.0 Proz. Bon den großen Verbänden berichteten die Metallarbe-iter über 2,1 Proz. Arbeitslose, die Transportarbeiter über 1,6 Proz., die Fabrikarbeiter über 1.4 Proz.. die Holzarbeiter über 4,6 Proz. und die Textilarbeiter über 1.0 Proz. Im Durchschnitt kamen aus je 100 Mitglieder der berichtenden Gewerkschaften im Laufe des Vierteljahres 0,2 Fälle von Arbeits- lojigkeit gegen 0,0 in der gleichen Zeit des Vorjahre». Die Gesamt- zahl der ArbeitSlosentage siellre sich auf 3 418 445- Die durch'chnitt- liche Dauer des einzelnen Ärbeirslosenfalles betrug 20 Tage. Bringt mau die jlrbeitslosemage in Beziehung zu den Mitglicderzahlen. so ergibt sich, daß aus je 100 Mitgliederlage 2,1 ArbeitSlosentage kamen, während das vorhergehende Quartal nur 1,4 und da« erste Quartal 1012 1.8 ArbeitSlosentage pro 400 Mitgliedertage aufzuweisen hatten. Diese Relativziffern lassen am besten den wirklichen Umfang der Arbeitslosigkeit erkennen und auch sie deuten aus eine verminderte Arbeitsgelegenheit hin._ Die Berliner Elektrizitätswerke haben die Absicht, sich daS Braunkohlenwerk Golpa-Geßnitz(in, sächsischen Braunkohlen- revier) anzugliedern und dort ein großes Eletlrizilätswcrk zu er- richten. ES besteht seil langem in der Elektrizitätsindustrie die Ten- denz, die Anlage von Kraftquellen in daS Gebiet der Heizstoff- Produktion zu verlegen. Die B. E.-W. verfolgen mit dieser An- gliederung die gleiche Absicht. Die Stromversorgung Berlins, auch der Straßenbahn, würde damit ihren Standort außerhalb des Weichbildes erhalten. ' Sqnditatsprosite. Von den in Deutschland befindlichen, unter der Firma„Verein deutscher SpiegelglaSfabrilen Köln" eür Monopol bildenden sieben Spiegelglasfabriken haben für da? Ge- schäftSjahr 1012 nach sehr reichlichen Abschreibungen und Vorträgen an Dividenden gezahlt: Glas-Manufattur schalle Akt.-Ges. 22 Proz. Rheinische Spiegelglasfabrik Akt.-Ges. Eckamp bei Ratingen 20 Proz. Spiegelglaswerke Germania Akt.-Ges. Porz Urbach 27 Proz. Deutsche SpiegclglaSsabrik Akt.-Ges. Freden N.-L. 22 Proz. Union G. m. b. H. Stolberg Rheinland. Bicheroux, Lambotle u. Co., G. m. b. H. Herzogenrath. Manufactnres des Glaces et Prodnits chirniques de St. Gobain, Chauny, Cirey in Paris mit Nieder- lassungen in Stolberg Nheinland, Mannheim, Altwasser i. Schl. Auch die Gesellschaften, deren Geschäftsabschlüsse noch nicht bekannt sind, werden nicht geringere Dividenden zahlen. Eine höhere Divi- dende ist dagegen zu erwarten bei der Zckanulaetnres des Glaces, die über die höchsten Beteiligungsziffern im Syndikat verfügen. Trotz des hoben Profits wurden die Preise für schwarzes Spiegel- glas vom 1. Mai er. von 17,20 M. aus 23 M. pro Quadratmeter, also um zirka 30 Proz. erhöht. Da das Syndikat Außenseiter überhaupt nicht hat, schraubt es seine Monopolgewinne beliebig tu die Höhe. Soziales. Zum Kampf der Bergarbeiter. Wieder haben arme Bergsklaven den Kampf um Berbefferung ihrer Arbeits bedingimzen aufnehmen müssen. Das Unternehmertum weist natürlich jede Forderung als miberechtigt und unerfüllbar ab Da muß es wirklich interessieren, zu erfahren, wie es mil den Ge- Winnen im Bergbau bestellt ist. Nachfolgende Tabelle zeigt sie mit aller Deutlichkeit. Sie enthält für die genannten Unternehmen die in der BetriebSzeit März/April(ein Jahr) erzielten Ueberschüffe. Sie betrugen in: 1011 1012 Harpener Bergbau..... 13 772 000 25 921 300 Aplerbecker Aklienverein... 503 015 286 640 Gewerkschaft Graf Bismarck.. 3 655 230 4 613 944 Königin Elisabeth. 2 068 000 2 922 127 Hibernia......... 10 316 339 15 787 529 Ob klein, ob groß, alle Unternehmen erzielten im letzten Jahre enorm gesteigerte Ueberschüffe, obwohl der Ruhrbergarbetterstreik einen FörderouSsall brachte. Für die fünf Unternehmen ist der nachgewiesene Ueberschuß von 30 314 203 M. auf 40 861 543 M. oder um rund 64>/g Proz. gestiegen. So setzt sich für die Unternebmer die gute Konjunktur in llingende Münze um. für die Arbeiter jedoch in vermehrte Arbeit sowie in größere Kranken- und Unfallziffern! Zur Sonntagsruhe. Der Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe. den der Sraar-sekretär de» Innern in den letzten Jahren mehrfach angekündigt hat. ist dem Reichstag noch immer nicht vorgelegt worden. Der Zentralverband der Handlungsgehilfen hat soeben eine umfängliche Materialsam mlung über die Sonntags- arbeit in Kontoren und Läden herausgegeben, die den Erlaß jenes Gesetzes beschleunigen soll. Darin wird mitgeteilt, daß selbst mittlere und große Gemeindelt von dem Recht, die Sonntags- arbeit im Handelsgewerbe ortsgesetzlich zu beschränken, keinen Ge« brauch gemocht haben. Als solche Gemeinden werden genannt: Altenburg, Altona, Dessau, Dortmund. Essen, Geestemünde, Gelsen- kirchen, Gotha, Greiz, Hamburg, Kattowitz. Lehe, Lübeck, Münster. Oberhausen, Oldenburg, Ratibor, Recklinghcmsen, Rudolstadl. Schwerin, Suhl. Tilsit, Wandsbek. Doch ist diese Aufzählung keines- wegs vollständig: die bezeichneten Orte werden in der genannten Schrift des ZentralverbandeZ der Handlungsgehilfen nur als Bei- spiele aufgeführt._ Rückgang des SchnaPSk-nstimS. Erfreulicherweise geht der Schnapskonsum immer mehr zurück. Die Menge des in den freien Verlehr gebrachten Trinkbranntweins betrug r u ei Lrter pro Kopf überhaupt Hektoliter der Bevölkerung im Jahre 1008/00.. 2 650 622 4.2 „ 1900/10.. 1783 127 2.8 „ 1010/11.. 1 069 107 3.0 .. 1011/12.. 1033 532 2.0 Der Verbrauch Oktober/März 1011/12 betrug 1 068 082 Hekto- liter gegen 983 700 Hektoliter von Oktober 1912 bis März 1918. Im letzten Halbjahr ist der Verbrauch im Vergleiche mit der gleichen Zeil des Vorjahres um über Vio Liter pro Kopf der Be- völkerung gesunken. Aber es wird doch noch immer viel zu viel JunkerschnapS konsumiert. Der Boykott gegen den Fusel muß noch schärfer durchgeführt werden. Den, Junker, der in der brutalsten Weise das Volk ver- höhnt und mißachtet, darf man nicht durch den Konsum seines Schnapses die Taschen füllen. Gerichts- Leitung» Flucht au» dem Arbeitshause. Die Flucht dreier Arbeitshäuslcr hatte � gestern vor der 3. Strafkammer des Landgerichts III ein gerichtliches Nachspiel. Wegen Meuterei im Sinne des K 122, 2 des cvt.G.B. waren die Arbeiter Gustav Dennstödt, der Stuklateur Ernst Malchow undl der Schneider Adolf Rosenblatt angeklagt. Alle drei Angeklagten waren dem Arbeitshausc in Rummelsburg überwiesen worden. Eines Nachts öffnete Dennstädt das unvergittcrte Fenster deS im dritten Stockwerk gelegenen Schlafsaals, sodann knüpften alle drei ihre Bettlaken aneinander, so daß sie einen sehr haltbaren Strick besaßen, an dem sie sich dann aus die Straße hinunterließe, u Der Staatsanwalt beantragte Gefängnisstrafen bon 6-0 Monaten. Das Gericht kam zu einer Freisprechung der drei Angeklagten, da diese bei dem Fehlen der Sichcrheitsmatzrcgeln gar nicht nötig gehabt hätten, irgendeine Gewalt anzuwenden. Ebenso sei es, da toeder das Fenster nach die Bettücher beschädigt worden seien, nicht möglich, nach dieser Richtung hin von einem gewaltsamen Ausbruch zu reden. Die Arbeitshaus-Zusatzstrafe verdankt angeblich humanen Regungen ihr Entstehen. Es sollten durch sie Personen, die arbeits» scheu geworden seien, zur Arbeit wieder erzogen werden. Die Er- sinucr dieser Strasart bedachten aber trotz der Erfahrungen, die man seit dem 17. Jahrhundert mit den Arbeitshöllen in England, gemacht hatte, nicht, daß in den allerwenigsten Fällen der als „arbeitsscheu" oder als„Landstreicher" oder als„Bettler Ver- u-lteilte wirklich nicht arbeiten will, daß vielmehr in 00 von 100 Fällen die Mängel unserer Gesellschaftsordnung, die kein Recht auf Arbeit anerkennt oder verwirklicht. Schuld an der zur Straf. tat gestempelten Handlung ist. Arbeitshaus wird nach Schema F verhängt:„Umherziehen als Landstreicher",„dreimal innerhalb drei Jahren wegen Bettelns verurteilt",„zum Unterhalt der An. gehörigen durch Spiel. Trunk oder Müßiggang zu seinem und der Seinen Unterhalt unfähig geworden",„obdachlos geworden, ohne sich um ein anderes Obdach bemüht zu haben" und ähnliches wirh „tatsächlich festgestellt" und Haft verhängt, als Nebenstrafe: Ueber. Weisung ins Arbeitshaus. Tatsächlich hindert in den allermeiste� Fällen solche Ueberweisung zux Arbeit Bereite Arbeit zu erhalten. •»♦'.■ i■'•£;•.B'Xrf. J 1■>' i /•A1 S-'-A vxm ySiv �er dem Arbeitshaus Uebertviescne wird eigentlich deshalb be- siraft. daß die Gesellschaft hartnäckig es ablehnt, für Arbeits. gelegenheit zu sorgen, die Arbeit zu organisieren. Freilich ist solche Organisation ohne Vcrgesellscbaftung der Produktionsmittel nicht durchführbar. Ter Entwurf zum neuen Strafgesehduch will gar noch d>icS brutale Mittel, das die Gesellschaft unter dem hin- fälligen Porwand verhängt, zur Arbeit zu erziehen, vermehren. Erfreulich ist es. wenn es einem armen Teufel gelingt, der Arbeits- hauspcin zu entrinnen. Er nützt dadurch der Gesellschaft und sich mehr, als wenn er in diesen Brutstätten wirklicher Verbrecher länger veröieibt. Ter Versuch, wegen-Meuterei" gegen die leider bald, wieder Verhafteten vorzugchen, ist in diesem Fall mißglückt, desto stärker wird in der bürgerlichen Presse der heuchlerische«chrei darüber ctönen, daß„gemeingesährliche Verbrecher" es so leicht lxibcn, aus- reißen zu können. Waren wirklich die Ausreißer Verbrecher oder die, denen in Gedankenlosigkeit eine Gänsehaut überläuft, wenn sie von..Arbeitshäuslern" hören? Mecklenburgische Justiz gegen einen sozialdemokrotischen Forstarbeiter. Ter Forstarbeiter I. war 2'A Jahre bei der Grotzh. uiccklen- burg-schwerinschc« Forstverwaltung tätig, als ihm der in mecklcn- burgischen Forstbetrieben übliche Revers zur Unterschrift vorgelegt wurde, wonach er zur Bermcid'inz sofortiger Entlassung aus der Arbeit sich verpflichtcn mußte, einem sozialdrmokrotischcn Verband nicht anzugehören und sich nicht sozialdemokratisch z» betätigen. Kurz darauf hatten die Arbeiter, mit denen I. zusammen tätig war. in der Mittagspause draußen in der Forst ein Achtel Bier ausgetrunken und dader brachte I. an Hoch auf die Sozial- dcmokratie aus. Tiefes schwere Verbrechen mußte natürlich sofort geahndet werden. Ter zur Aufsicht bestellte Forsteleve meldete die Untat dem Förster, der den Arbeiter auf der Stelle entlieh, nach- dem er ihm vorgehalten hatte, daß er mit dem Hoch gegen den Revers verstoßen. Als nun der Arbeiter nicht sofort Miene machte, den Arbeitsplatz zu verlassen, sondern erst seine Kleider holen und den spaten reinigen wollte, forderte der Förster einen audcrn Ar- beiter auf. den I. gewaltsam aus dem Wald zu bringe». Tiefer weigerte sich und nun griff der Förster selbst zu, faßte den I. beim Rockkragen und stieß ihn eine Strecke weit vor sich her. Nach An- gäbe des Forstarbeitcrs soll dabei auch ein Stockhieb gegen die Beine abgefallen sein. Ter Arbeiter suchte sich gegen diese Bc- Handlung zu wehren und schlug mit seinem Handstock dem Förster auf den Hut. Auf den Zuruf des Fürsters eiste nun der Jorstelevc berbei, riß den Arbeiter von rückwärts zu Boden und hieb mit dem Stock auf ihn ein. Dies ist der gerichtlich festgestellte Sachverhalt, der nun feit einem Jahre verschiedene mecklenburgische Gerichte beschäftigte. Der Forstarbeiter hatte gegen den Förster und den Jorsteleven Strafantrag wegen Körperverletzung gestellt. Der Staatsanwalt drehte jedoch den Spieß um und veranlaßt« ein Strafverfahren gegen den Forstarbeiter wegen wissentlich falscher Anschuldigung. Reben ihm nahm auf der Anklagebank der Forsteleve wegen Körperverletzung Pfntz� Dieser wurde jedoch von der Anklage der Körperverletzung freigesprochen, weil er für den Förster die Rotlvehr ausgeübt habe. Tagegen erhielt der Forstarbeiter von der Strajlammer des Roitscker Landgericht» eine Gcsängnisstrsse von 6 Wochen, weil er, obwohl ihm das Unzutreffende dieser Angahe bewußt sein mußte, den Förster wegen Körperverletzung an- gezeigt habe. Das Geeicht erklärte den Förster zu seinem Vor- gehen für berechtigt, weil er als Vertreter der Forstobriglcit so Handel» dürfe. Mit dieser harten Venurteilnng war der Staatsanwalt aber noch nicht zufrieden. Er leitete gegen den Forstarbeiter ein loeiteres Strafverfahren wegen Körperverlevung ei». Tas Schöffengericht in Ribnitz verurteilte den armen Sünder zu einer Gefängnisstrafe von Z Wochen. Bei ihm wurde nicht Notwehr, wie bei dem Forst, eleven angenommen, sondern ein rechtswidriger Auariff gegen den Förstes. Das Landgericht Rostock übertrumpfte noch dieses Urteil, Aus die Berufung des Staatsanmalt-» und des Angeklagten er- kannte die Strafkammer am lll. April ISU! auf eine Gefängnisstrafe von!> Monaten und i Wochen. Der Arbeiter sollte nämlich noch bald nach seiner Entlastung, also vor einem Jahre, vor dem Gehöft des Försters zweimal ein Hoch auf die Sozialdemokratie ausgebracht und gerufen haben: Hnnd, Satan. Würden die Richter aus allen Kreisen der Bevölkerung ent- nommen und von dieser gewählt, so wäre wohl eine Freisprechung des zu ungeheuer hoher Strafe vorurteilten gprstarbeiters und eine Bestrafung des schlagenden Försters erfolgi. Die ergangenen Urteile stehen nichts weniger als im. Einklang mit dem Rechtsgefühl der Allgemeinheit. Lrhrerbehsndlung in Ostelbien. Auf die ostmärkischen Schulverhältnisse wirft ein Prozeß, der sich dieser Taae vor der Strafkammer in Posen abspielte, ein Licht. Es handelte sich»m eine Anklage gegen den Lehrer Gustav Lange in Posen. Er ist beschuldigt, als früherer Redakteur der „Pofensr Lehrerzeitung" die Regierung in Bromberg, den Geh. Regierunzsrat Dr. Waschow und den Kreisschulinspektor Tiefer in Bromberg beleidigt zu haben. Di« Beleidigungen wurden in vier Artikeln der„Posener Lehrerzeitung" vom Jahre tlllü ge- sundcn. In einem derselben wird ein Fall geschildert, wie vor dem Schulhause in Dziembewa der Schulrat Tr. Waschow mit dem Kreisschulinspektor die Lehrerin Erdmann habe an seinen Wagen rufen lasten und sie dort auf offener«traße examiniert habe, wie sie die Zahl ö einführe und behandle. Nachdem er noch Aus- ftellungen gemacht und eine Versetzung angedroht habe, sei er weitergefahren. In einem zweiten Artikel wurde der Fall des Lehrers Koppen in Krassen behandelt, der sich erschossen hat, weil er. wie es in dem Artikel heißt, die schlechte Behandlung durch den Kreisschulinspektor. der früher Geistlicher gewesen ist. nicht mehr ertragen konnte. Er sei sehr häufig, manchmal zwei- bis dreimal die Woche, revidiert worden! alles, was er getan, habe nichts ge- taugt. Die ,Bromberger Methode", die nur Strafe statt Milde kenne, habe Erbitterung und Verzweiflung in den Reihen der Lehrer erregt. Ihr sei auch Koppen zum Opfer gefallen. Durch ewiges Nörgeln und Drohen, dazu in einem richtigen„Unter- offiziersschnauzton", würden die Lehrer erbittert- So habe unter anderni ein Schulrat den Lehrer angefahren:„Hocken zusammen, der Herr Rat redet!" Ist zlvei»'eiteren Artikeln werden ahnliche Fälle van Traiigsglierung der Lehrer behauptet, Ter Angeklagte erklärte, über die schroffe und unwürdige Behandlung der Lehrer im Bromberger Bezirk, besonders seitens des Geheimrats Dr. Waschow, seien ihm in großer Zahl herz? zerreißende Klagen zugegangen. Erst als die Klagen sich häufte», habe er die Artikel in seiner Zeitung aufgeiioimnen. Mit der Wiedergab« der Artikel habe er berechtigte Interessen wahrge- nommen.(Jp habe nicht beleidigen, sondern Remedur schaffen wollen. Die Zeiigen Oberregiernngsrat Dr. v. Rose sowie Gehrimrat Dr. Waschow bestritten die in den Artikeln enthalteneii Beschuldigungen. Im Falle Erdmann habe letzterer zwar die Lehrerm an seinen Wagen rufen lassen, dach habe er nur wenige personliche Fragen und allerdings auch einige Schulfragen an sie gerichtet, die aber nicht als Revision auszufasseii waren. Daß er den Lehrern:„Hacken zusammen!" zugerufen habe, sei unwahr. Gr habe sie nur ersucht, eine«»gemessene Haltung anzunehmeii. Tagegen äußerte sich eine grosse Anzahl der übrigen Zeugen im wesentlichen im Sinne der zur Anklage stehenden Artikel. Sie bekunden, daß im Bromberger Bezirk die Behandlung der Lehrer nicht derartig sei, um die Berussfreudlgteit der Lehrer zu Heden. Ter Ton sei meist schroff und verletzend. Ausdrucke Wie:„Ant. worten Sie nickt so dumm'.I"—..Ack.»err Lehrer, S,e find wohl verrückt!"—»Ich weiss nicht, warum die Kinder noch zur Schule kommen? mögen sie doch lieber Kartoffeln ausmachen; da ver- dienen sie doch wenigstens etwas! bei Ihnen lernen sie hoch nichts! und derartige Reden seien an der Tagesordnung und häufig»n Gegenwart der Kinder gefallen. DaS Gericht sprach den Aiigetlagten der öffentlichen Deleidi- aung in vier Fällen für schuldig und erkannte auf eine Geldstrafe von läv M. lder Staatsanwalt hatte Z00 M. beantragt). Der Schub des si kW lvurde dem Aiigetlagten nicht zugebilligt. Wie kann auch in Preußen jemand, der bessere VerHaltNiste schaffe" will, berechtigte Jnteresscii wahrnehmen wollen! 12. LsncktagAvsMszirK. Mittwoch, den 7. Mai, abends 8'- Uhr: Wntl. WjlrmchillinlMz im Saale des Lske Gärtner, Holsteiner Ufer 27/28. Tagesordnung: 1. Vortrag des Reichstagsabgeordneten 1H(b iyiü&SCGVliiS&äilV* Uder; Das„gute, alte Preuszen!" 2. Diskussion. 3. Ansprache desKandidaten für den 12. LandtagSwahlbezirk EUC|©il Zahlreichen Besuch erwartet Das sozialdemokratische Wahlkomitee. I. A.; Alfred Pacrsch, Oldenburgcr Str. 10. SmAegangene DrucHfehviften. Meyer» denttcker Städteatlas. In Leinen gebunden S M. Bibliozravhischcs Institut. Leipzig.~ Staarö- oder Kirchenschnle? Bon I. TewS. Sv Pf- I. Klinkhardt, ei. Der Dünnet. Roman von», Kellermann.(®. Fischer. Verlag, Berlin.) 8,50 M. geb 4,50 M m v.v.v -y** Ä&Ä M dKÄK ÄW Um : 200,17' Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- und Zementbranche. Gipsbaubranche. Rabitzputzer, Träger und Spanner! Donnerstag, den 8. Mai 1913, abends 8 Uhr, in Haverlands Westfalen(fr. TräselS). Neue Friedrichstraße 35: Klitglieder- Versammlung. Tagesordnung: ßeriebterrtattung über die Carif Verhandlungen Im 6lpsbaugewerbc. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet 142/11» Der Vorstand. Verband der Waler, Saekierer, Unstreieher Bureau: Melchiorstraße 28, part. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. m, Arbeitsnachweis: Rückcrstraße 9 Fernsprecher: Amt Norden 671)8. 7lUs!e SerUn Freitag, den 9. Mai, abends 8>/z Uhr, in der Nene» Welt,.Hasenheidc: Mitglieder. Versammlung \ Tagesordnung: Unsere Lohnbewegung. fw Mttaliebsbuch ober«treiftorte legitimier,.~gH9 Das Erscheinen aller Kollegen erwartet 180,8_________ Plc Ortm-erxvaltnns. ..... v.'.,."'•..-.♦ r-..-- ...... �■:•><>;-; v■,■■ v■., VeradoM ÄM ' K.OK. a/irton qUAUTÄTS��CIGARmE 5' 1* K. sL-ttttJBBaBBiPiggHB »'» e—..',7- n iL.-- *'i vivi O';:: '.'v-y. r■''-.'*- ,■!'- ■'*> a■'■■•:'!:' 7'V ■, T-'.f:»5»■»«-.>• V■*■*,-v- Svstns«! nmahlisn�i ffir Kunden, j welch» Ihr Konto b«. glichen j haben. Hl- CaiMe Schirme| Stltlel i Elegante WvX Kredit anBedian) wöcheotl. *1 CO Knaben» Ztostanzüge Knaben-Waschanzüge am preiswertesteii direkt in der Fabrik . öerls pröstel. |'50.«ndreasstr. 50, t Etage. Trebbiucr GrielltchaflShau». w�mdfcole den Ltus flüglern als Psingft- Partie meinc bekannten zrossen Soa!. 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Dieser Vcrbandstag gilt als Zortsetzung des Vcrbandstages, der im Januar dieses Jahres in Jena tagte. Der Jenaer Vcrbandstag ist mit der Beratung des Statuts nicht zu Ende gekommen. Er hat eine Kommission ein- gesetzt, die das Statut nebst den dazu gestellten Anträgen durchzu- beraten und dem gegenwärtigen Vcrbandstagc eine Vorlage zu machen hat. Für die Einführung der Arbeitslosenunterstützung hatte sich der Jenaer Vcrbandstag im Prinzip erklärt, jedoch stieg die Vorlage des Vorstandes in einigen wesentlichen Punkten auf Widerspruch. In Jena wurde auch erklärt, das; die Einzelheiten der Arbeitslosenunterstützung erst festgesetzt werden könnten, wenn die Ergebnisse der Tarifbcratung vorliegen. Der gegenwärtige Ver- bandstag hat also auch die Frage der Arbcitsloscnuntcrnützung zu erledigen. Tie wichtigste Aufgabe deS Vcrbandstages ist die Stellungnahme zu den Ergebnissen der Tarifberatung. Diese stand als erster Punkt auf der Tagesordnung, wurde jedoch e i n st w c i l e n zurückgestellt, weil augenblicklich noch Verhandlungen schweben über einige nicht ganz klare Bc- stimmungen in den Entscheidungen der Unparteiischen. Erst wenn diese Verhandlungen beendet sind, kann zu den Ergebnissen der Tarifvcrhandlung Stellung genommen werden. Ter Vcrbandstag befaßte sich zunächst mit der Statntenberatung. Merkel- Nürnberg trug als Berichterstatter der Kommission die Vorschläge derselben vor. Nach dem Referat entstand eine lange und lebhafte Debatte über eine im Statutenentwurf vorgeschlagene Neuerung, nämlich die Einsetzung eines BerbandsbtirateS. Derselbe soll bestehen ans dem Vorsitzenden des VerbandSauSschiisses und 21 ans der Zahl der Bczirkslcitcr vom Vcrbandstagc zu wählenden Mitgliedern. Der Beirat soll dem Verbandsvorstande zur Seite stehen und ge- meinsam mit diesem beraten und beschließen über besondere agita- torische Maßnahmen; über die Vorberatung von allgemeinen Lohn- bewegungen und Tarifverträgen; über �ic Erhebung von Ertra- beiträgcn; über die Abhaltung und die Verhandlungsgcgenstände von Bezirks- und Berufskonferenzen; Anträge des Verbandsvor- standcs auf?lcnderung des Statuts, Ort und Tagung des Ver- bandstages; die etwa nötige Ergänzung des Vcrbandsvorstandcs bis zum nächsten Vcrbandstagc. Gegen den Vorschlag wurde angeführt: Ter Umstand, daß der Ausschuß nur aus Bezirksleitern, also Angestellten, bestehen solle, lasse befürchten, daß eine zuwcitgchende Bureaukratisierung der Vcrbandsangelcgenhciten Platz greife. Ja sogar ein autokratisches Regiment sei zu befürchten. Um diesen Befürchtungen den Boden zu entziehen, müßte wenigstens die Hälfte des Beirats aus nicht- angestellten Mitgliedern bestehen. Weiter wurde gegen die Ein- sctzung des Beirats eingewandt, daß dies eine Uebertreibung des ZcntralisationsgedankenS sei. Schon jetzt gehe die Zentralisation in mancher Hinsicht zu weit. Besonders habe sich das bei den Tarifberatungcn bemerkbar gemacht. Es liege im Interesse der Mitglieder, daß in der Tarifbcwegung nicht alles durch die Zen- tralinstanzen geregelt werde, denn dabei könnten die Wünsche der Mitglieder nie so berücksichtigt werden als bei Beratungen in kleineren Kreisen. Seitens des Vorstandes wurde betont, der Beirat sei keines- Wegs eine neue Einrichtung, sondern nur die statutenmäßige Fest- legung eines längst bestehenden Brauches, nämlich der Bezirks- leiterkonferenzen, die nicht im Statut festgelegt seien. Der Unter- schied sei nur der., daß der. neue Vorschlag die Personenzahl aus praktischen Gründen beschränke. Ein Teil der Diskussionsredner war zwar nicht gegen den Beirat an sich, doch wünschten sie eine andere Zusammensetzung desselben. Ter Vcrbandstag beschloß die Einsetzung eine? Beirats mit den im Kommissionsentwurf vorgeschlagenen Funktionen, jedoch soll der Beirat nicht, wie vorgeschlagen, aus dem Ausschußvorsitzendcn und 21 Bezirksleitern, sondern aus dem Ausschußvorsitzendcn und je einem Mitgliede aus jedem Bezirk zusammengesetzt werden. Die Wahl erfolgt durch den Verbandstag. Die übrigen Paragraphen, die von Umfang, Zweck und Gliede- rung des Verbandes handeln, enthalten keine wesentlichen Acndc- rungen der Bestimmungen des alten Statuts und wurden unver- ändert in der Konunissionssassung angenommen. Eine längere Debatte entstand wieder über die Bestimmun- gen, welche Wahl und Zusammensetzung der Verbands- und Bc- zirkstage regeln. Die Kommissionsvorschläge wurden schließlich mit einigen unwesentlichen Aenderungcn angenommen. Hiernach erfolgt die Wahl zum Verbandstage nach dem Listenshstem. Jeder Bezirk wählt auf je 1500 seiner Mitglieder(nach dem alten Statut waren es 1000) einen Delegierten. Hierauf wurde der Abschnitt, der die Aufnahmebedingungen behandelt, beraten und mit einer unwesentlichen Acnderung in der Kommissionssassung angenommen, die mit dem alten Statut in der Hauptsache übereinstimmt. VerfammUmgen. Die Eisen�, Metall- und Revolverdreher vom Deutschen Metall- arbeiterverband hielten ihre Jahresvranchenversammlung im großen Saale der Brauerei Friedrichshain ab. Branchenvcrtreter Rich. M ü l l er gab den Tätigkeitsbericht der Agitationskommission. Einleitend führte er ans, daß bei der Wahl der Kommission im vergangenen Jahre nicht wenige der Meinung gewesen sind, daß diese Kommission an inneren Widersprüchen zugrunde gehen müsse oder zum mindesten keine fruchtbringende Tätigkeit entfalten könne. Sie sei ein Produkt der damaligen Diskussion gewesen. Er könne aber versichern, daß wohl nie eine Agitationskommission immer so einig gewesen sei als diese. Dementsprechend sei auch die Arbeit von Erfolg begleitet gewesen. Tic Kommission hielt 40 Sitzungen ab, in denen zum größten Teil Bcschwcrdcsachen erledigt wurden. Diese undankbare Arbeit erforderte viel Zeit, welche besser im Interesse der Agitation verwendet worden wäre. Ein Teil der Bc- schwerdcn konnte bei gutem Willen in der Werkstatwersammlung erledigt werden. Etz wäre zu wünschen, daß nur in schweren Fällen die Kommission in Anspruch genommen würde. Es fanden 24 Branchenversammlungen statt, darunter in den Monaten Oktober und November 11 Bczirksbranchenvcrsamlungen. Diese wurden in allen Stadtteilen abgehalten und galten vorwiegend der Agitation. Der Erfolg war gut. Außerdem war die Kommission in 834 Werk- stattversammlungen vertreten. Vertrauensmännerkonferenzen wurden 25 abgehalten. Ter Besuch dieser Konferenzen ist erheblich besser geworden, so daß ein größerer«aal genommen werden mußte. Die Kommission hat auch versucht, die innere Organisation weiter auszubauen. Es lourden für die Bezirke Obleute gewählt, die als Informationsstellen zu betrachten sind. Wenn die Einrich- tunq auch noch jung ist, so hat sie sich doch schon gut bewährt und muß noch weiter ausgebaut werden. Mit Hilfe dieser Jnforma- tionsstcllen konnte das Vertrauensmännershstem gebessert werden. Tie Zahl der Venrauensinänncr hat sich um 163 vermehrt. Außer- dem wurden 52 Betriebe, in denen Dreher beschäftigt sinch neu ermittelt. Es sind dies jedoch nur kleine Betriebe; die größeren waren alle bekannt. Auch ist der schriftliche Verkehr auherordent- lich gewachsen. Für die Metalldrehcr konnte die Agitation nicht in wünschenswerter Weise entfaltet werden: die Kommission hatte des- halb die Gründung einer besonderen Branche vorgeschlagen, was denn auch beschlossen wurde. Tie Agitationskommission für die Metalldrehcr ist am 20. April gewählt worden. Die Kommission hat auch versucht, das bei den Drehern vorhandene Interesse für Kunst und Wissenschaft zu befriedige». Es fanden zwei Kunstabcnde statt, ebenso wurden wissenschaftliche Vorträge gehalten. Das Programm des zweiten Kunstabends brachte klassische Musikwerke. Die Aus- nähme lvar eine sehr gute. Zum Schluß führte Redner aus: die Organisation habe Fortschritte gemacht; es seien in Berlin 90 Proz. der beschäftigten Dreher Mitglieder des Metallarbeitcrverbandes; es müsse aber versucht werde», auch den letzten Dreher zu organi- sieren. Vor allem müsse der Organisationsgedanke tiefer in die bc- reits gewonnenen Mitglieder gebracht werden; dazu sei vor allem der weitere Ausbau der inneren Organisation notwendig. Groß- m a n n gab Bericht über die verhandelten Beschwerden. W o l l- stein gab den Kassenbericht. Der Kassenbestand hat sich ganz er- heblich vergrößert. Ter Jahresbericht rief eine lebhafte Diskussion hervor. Es wurde verlangt, daß das Arbeiten zwischen Branche und Bezirken besser werden möge. Zum Branchenvcrtreter wurde Rich. Müller gegen zwei Stimmen wicdcr'gewählt. Außerdem 17 Kommissions- niitglicdcr. Hu 9 aller Alelt. Vetcranenfürforge. Eine«patriotische Rechenaufgabe' veröffentlicht die Monats- schrifl„Der Türmer' in ihrem Machest. Da wird erzählt: In der Mark Brandenburg lebt ein alter Veteran des letzten deutsch-französischen Krieges mit seiner betagten Frau. Er bekam bis jetzt 15 M. monatlich Veteranensold und konnte sich damit kümmerlich dur-bhelfen. da er eine Milchkuh besaß, die einen sehr großen Teil der Nahrung bestreiten mußte. Dann aber drohte seine alte Lebenskameradin zn erblinden, und die nunmehr notwendig werdende Operation verschlang eine Summe, die nur durch den Ver- kauf der Kuh gedeckt werden konnte. Damit zog der Hunger bei den alten Leuten ein. und im besonderen die Frau kam stark herunter. In dieser Not wandte sich der alte Krieger an den K a i s e r. Er hatte ausweislich seiner Militärpapicre sein Leben in vierzehn Schlachten gewagt und erbat nun einen monatlichen Veteranen- sold von dreißig Mark und eine einmalige Zuwendung von dreihundert Mark, um die Kuh wieder kaufen zu können. Er erhielt ans der kaiserlichen Schatulle eine einmalige Zuwendung von — 50 Marl. Es versteht sich von selber, daß die Verantwortung für diesen Vorgang nicht den Kaiser trifft, sondern den H o f b e a m t e n, der Eingänge dieser Art erledigt. Wir halten eine Kritik für überflüssig, da die unmittelbare Empfindung des Lesers ganz von selber das Urteil spricht. Die Nachricht hat uns indessen zu einigen patriotischen Rechenaufgaben angeregt, die wir an dieser Stelle weitergeben möchten. 1. Wenn man annimmt, daß dem Veteranen die einmalige Zu- Wendung von 50 M. zu gleichen Teilen wegen seiner menschlichen Bedürftigkeit und seiner kriegerischen Verdienste zu teil wurde, wie- viel Wert hat dann eine für das Vaterland geschlagene Schlacht? Antwort:-J—= ln/u M.-- 1 M. 78*1-, Pf- Nach oben abgerundet: eine Schlacht— 1,79 M. Nachdem so für die Schlacht ein ziffernmäßiger EmheltSwert gewonnen ist, geben wir dem Scharfsinn unserer Leser diese Rechen- aufgäbe anHeim: 2. Eine dramatische Sängerin erhält an einer Hofbühne eine fortlaufende Gage von 20 000 M. Selbst wenn lvir eine sehr starke Beschäftigung annehmen, erhält sie 100 M. pro Abend. Wie- viel Schlachten muß ein Mensch schlagen, um in Alter und Not die fortlaufende Gage eines Abends als einmalige Zuwendung zu erhalten? 3. Wenn eine Stadtverwaltung 30000 M. bewilligt, um beim Einzug des Kaisers Ehrenpforten zu bauen, wievielmal ist dann der Wert einer geschlagenen Schlacht in einer Ehrenpforte ent- halten, die am nächsten Tag wieder abgebrochen loird? Es ist eine sehr gut staatserhaltende Zeitschrift, die diese bedenk- lichen Fragen anfwirft. Man könnte ihnen höchstens noch hinzufügen: wieviel gewonnene Schlachten gehen auf die alljährliche Zivilliste des preußischen Königs— das wären über 10 Millionen siegreiche Schlachten— und wieviel solcher Schlachten machen die Kosten der gegenwärtigen Militärvorlage aus? Ein Zirkus eingestürzt. Während der Vorstellung zusammengestürzt ist am Montagabend der amphitheatralisch aufgebaute Zirkus Borsea in der spanischen Ortschaft Puerto Lledo. Der Vorstellung wohnten mindestens 2000 Personen bei, die in wilder Hast nach den Ausgängen drängten. Der Feuerwehr gelang eS nur mit großer Mühe, die Opfer unter den Trümmern hervorzuholen. Zwei Besucher sind tot, 14 tödlich verletzt. 50 Personen, meist Frauen und Kinder, erlitten im Gedränge mehr oder weniger schwere Ver- letzungen.___ Rückkehr einer Grönlandexpedition. In T h o r s h a v n(Faröer) ist am Dienstag nach dreijähriger Abwesenheit die unter Führung von Knud R a ß m u s s e n und Peter Frenssen ansgesandte Grönlandexpedition wieder eingetroffen. Die Forsche� habe» das Innere des Lande? auf der Hin- und Rück- reise durchforscht, jedoch den in Pearyland vermuteten Pearykanal nicht gefunden; statt dessen aber eisfreies und wildreichcs Land. Die Expedition legte täglich im Durchschnitt 50 Kilometer zurück. Tie Suffragetten. Auf einem Postamt im Südostbezirk Londons wurde unter Briefen beim Sortieren eine Sendung ohne Adresse gefunden, die eine Nitroglyzerin-Bombe enthielt. Die Ladung war stark genug, um das Gebäude, in dein mehrere hundert Mann arbeiteten, in die Luft zu sprengen. Man vermutet einen Anschlag von An- hängerinnen des FrauenwahlrcchtS.— Am Dienstagvormittag sah ein Londoner Polizist, wie eine Frau eine Blechschachtel mit einer brennenden Zündschnur und der Aufschrift Votss kor veonisn vor dem Eingang eines Hotels niederlegte. Die Frau wurde verhaftet. Eine Frau als Kriegsvetera». In einem S o l d a t e n h e i m in O u i n e h im Staate Illinois entpuppte sich am Montag ein ehemaliger Soldat als Frau. Es war ihr gelungen, sich 50 Jahre lang für einen Mann auszugeben und die Uniform der Vereinigten Staaten zu tragen. Die alte Beteranin hat an dem Bürgerkriege teilgenommen und sich durch große Tapferkeit ausgezeichnet. Kleine Notizen. Selbstmord des �KönigsmördcrS. Der Mörder deS Königs Georg von Griechenland, S ch i n a S, hat Selbstmord begangen, indem er sich Dienstagmorgen aus dem F e n st e r stürzte. Das Risiko der Arbeit. Auf der„Friedrich-Alfred-Hütte' in Duisburg stürzte ein mächtiger Eisenträger um und fiel auf eine Arbeitergruppe. Zwei wurden getötet, drei schwer verletzt. 20 Fischer ertrunken. Beim Cap Mondego(Portugal) ist ein Fischerboot untergegangen; zwanzig Mann der Besatzung fanden den Tod in den Wellen. Absturz in einer Grotte. Aus Montpellier wird gemeldet: Während der Manöver des 2. Genie-RegimentZ stürzten ein Leutnant und ein Soldat bei der Besichtigung einer Grotte ab. Der Offizier war auf der Stelle tot, der Soldat erlitt so schwere Verletzungen, daß er bald st a r b. Spionage in Schweden. Zwei russische Scherenschleifer wurden am Dienstag von der Polizei bei G u st a f s b e r g außerhalb Stockholms unter dem Verdacht der Spionage verhaftet. Bei der Durchsuchung fand man bei ihnen eine Anzahl General- st abskarten über die See-Einfahrt nach Stockholm und über mehrere Gegenden. Die Verhafteten bestreiten, Spione zu sein._ Lese- und Diskuticrklud„Wilhelm Liebknecht�. Heute Mittwoch, abends S Uhr: Sitzung bei Eichham, Danztger Str. 93. Vortrag. Gäste willkommen. Lese- und Tiskutierkkub„Südost-. Jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat: Sitzung bei Ncidhardt, Görlitzer Sw. 68. Vortag. Gäste willkommen. Verband der Frisenrgehilfen Deutschlands(Zweigveretn Berlin und Vororte.) Donnerstag, den 8. 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Morgen und folgende Tage: Die Fran Prdsidentln. Theater des Westens. 8 Uhr(„Volkstümliche Preise'): Wiener Blnt. Ab Sonnab.: Ter Vogelhiiudler. Sonnt, u. Moni, nachm. 3'� Uhr: Oer liebe Augustin. OSE=THEATE Hrotze Frankfurter Str. 13271 1 Täglich abends 81/. Uhr: j I J Gastspiel Alfred Dedak: Li Napoleon Bonaparte und seine grauen. Passage �anvptiltum KoK der ahrohatisehe Schlafwandler! Aga Der Mann mit der eisernen Hand! die schwebende j Jungfrau! Alles lebend!"TWS Alles ohne Extra-Entree! Sozialdemokratisclier Wahlverein für den 6. Berliner Reichstagswahlkreis, 1.-7. Abteilung. Sonntag, den II. Mai(I. Pfingstieiertag) im Prater-Theater Kastanien-Allee 7-0: Großes Früh= Konzert mit Theater» und Spezialitäten»Vorstellung.'. Eröffnung 5 Uhr. Billett 3Q Pf. Anfang 8 Uhr. Otf Die Kafieeküche steht den geehrten Damen zur Verfügung. TW 227/11* va» Komitee. JSetropol-Theater. Abends 8 Uhr: Die Kino-Königin. Operette in 3 Akten von Jul. Freund und G. Okonkowski. Musik von Jean tiilbert. In Szene gesetzt v. Dir. Rich. Schultz. Karl Bacltniann J. Giampietro G. ThlelsEher Y. Sorbert 9. Ballot J. ßusska Ly Winter Trianon-Theater. Taglich s Uhr- Madame X. Sonntag 3 Uhr: Der selige Toupinel. Admiralspalast Eis�Arena Angenehm kühler Aufenthalt. Abends 9 Uhr zum 150. Male; Das sensationelle Eiaballett Flirt In St. Moritz. I»le kleine Charlotte. Bis 6 Uhr und von lO"). Uhr halbe Kass enpr eise. Restaurant I. Ranges. Wein- und Bier- Abteilung. v Donnerstag, den 8. Mai, in der„Neuen Welt44, Hasenheide 108; � KONZERT. S? Mitwirkender Solist: Qoran Lindstedt, Tenorbariton (Mitglied der kgl. Oper in Stockholm). Am Flügel: Nils Söderberg. Anfang S'/a Uhr, Saaleröffnung T1/, Uhr. Eintritt SO Pf., an der Kasse OO Pf.— Bületts im Vorverkauf sind beim Arbeiter-Sbngerbund, den Berliner Gewerkschaften und der Berliner Gewerkschaftskommission, Engelufer 15, zu haben. 17)7 Deutscher Arbeiter-Sängerbund, Gau Berlin. Licht-Spiele I I MM I I t m I■» M I I■ I MIM 6 :: Berliner:: Konzerthaus ia*„Glon" J»"**■ MauerstraSe 82.— Zimmerstraße 90i9I. Oroßes Extra-Konzert! Anfang 8 Uhr. Eintritt 50 Pf. Anfang 8 Uhr. W„chnent»Sen: Gf.«SedMllKMovieFl:'e Eintritt™ Der„Clou44 bleibt bis auf weiteres gedlfnet. Reichshallen-Theater Stettiner Sänger. Jalä Burleske von Mrysel. Anfang 8 Uhr. lUNA Hark Wochentags Eintritt frei bis 5 Uhr! Saisonkarten alle Tage gültig 3 Mark. Brauerei Friedrichshain Am Königstor. Cef.: Ernst Elebing. Ab Pfingsten: Jeden Dienstag- und Donnerslagnacfhmittag: Kall ee-?rei-Vor Stellung ber Xorddentsohen und Apollo- SHnger 1 bei freies» Entree._ Freitags�re�ouzert. Moritzplatz Hasenheide Zum letzten Ulale heute und morgen: Quo vadis? Altrömisches Filmdrama In 7 Akten. Keine erhöhten Eintrittspreise. Alexanderplatz Unter den Linden Asta Nielsen in dem Schauspiel „In dem großen Augenblick44 von Urban Gad. Urania. Tanbcnstraße 48/49. Wissenschaftliches Theater. 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Feiertag m -------- große Tanzreunion unter Leitung des TanzmeisterS Richard Heinrich- 730A Otto Bnllmullcr. Todes-Anzeigen Soziilderaokrafisclier Wahlverein I. d. i ßerl, Reichstagswahlkreis. Stralauer Viertel.(Bezirk 289.) Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genoflc, der Schuh- mach er Mam Eorlubowski Andreasstr. 10 gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 8. Mai, nach- mittags 2 Uhr, von der Leichen- Halle des Krankenhauses Bethanien auS aus dein Zentral-Fricdhose statt. Um rege Betelligung wird ersucht. 213/11 ZentralveM derSehuhmacher Deutsehlands. Ortsvcrwaltnng Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Jobanii Karlubowski am 5. Mai plötzlich an Lungen- entzündung verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, nachmtttags 2 Uhr, vom Bethanien-Krankenhause aus nach demZenttal-Friedhos(3>/>Uhr) in Friedrichsselde statt. 169/8 Tie LrtSvcrwaltnng. SoziaidemokratiseiierWatilverein Am 4. Mai verstarb unsere Ge- nossin, Frau Lvnts Liedtke Beermannstr. 6(Bez. 6), im Alter von 57 Jahren an der Proletarier- krankheit. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, de» 8. Mai, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des neuen Friedhofes in der Kies- Holzstraße ans statt. Um rege Beteiligung ersucht 201/16 Der Borstand. SozialdeinoMclierWalilvepeii! für l'ederbarnini. Bezirk I-lchtcnbcre. Den Genossen zur Nachricht, daß unser Mitglied, Frau Martha Hanke Kronprinzenstr. 4, verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle in Marzahn aus statt. Rege Beteiligung erwartet 14/10 Die Bezirksleitung. Deotseher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Bcstoßcr Hermann Bode! KopernikuSstr. 10, am 5. Mai an Schlagansall gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 3. Mai. nach- mittags 3>/, Uhr, von der Leichen- Halle des GememdekirchhoseS in AhrenSselde aus statt. Kollegen serner zur Nach- Dreher 2?!it3lieb' bcr Franz Kabilka am 4. 6. MtS. gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 8. Mai, nach- mittags'/«5 Uhr, von der Leichen- halle des städtischen Fricdhoscs in der Müllerstragc au« statt. Rege Beteiligung ertrartet 117/14 Oie Ortsverwaltung. Verband d. Brauerei- u.MiiliIen- Ortsverwaltung Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege. Fahrer Otto Habedank Sellerwassersabrit Schmolow im 4. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute nachmittag 4 Uhr von der Leichen- Halle des ZentralfrtedhoseS Süd- Lest in StahnSdors auS statt. Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung Für Nähme die Beweise herzlicher Teil- bei der Beerdigung meines --Jen ManneS und Vaters sagen nnr Verwandten, Freunden und Be- rannten unseren besten Dank, tns- .'svudere dem Bauarbeiter-Verband und dem Wahlvcretn(Bezirk 21). tSrnn«ollert. TSitwc, � nebst Kindern. Am 4. Blai verstarb unser lieber Kollege, der Schriftsetzer Herr 743b Karl Marhaner. Wir werden ihm stets ein ehrendes Gedenken bewahren. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 8. Moi, abends 6>/, Uhr, vom Neuköllner Ge- meindcsriedhof, MaricndorscrWeg, aus statt. nie Kollegen der Vossischen Zeitung. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege und treues Mitglied Karl Marhauer am 4. Mai verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 8. Mai, abends 6ll, Uhr, vom Neuköllner Ge- meindcsriedhof, Maricndorser Weg. aus statt. Die Sänger werden gebeten, möglichst vollzählig zum letzten Geleit zu erscheinen. Der Voratand, Calvanoplasi and Im i typeur Mer Verein der Stereotyneure und Berlins and Dnigcgend. Am Donnerstag, den 1. Mai, verschied plötzlich infolge eines Unglückssallcs uiiser wertes Mtt- glied, de» Stercotypeur Karl Lixendork im 55. Lebensjahre. Ehre feinem Andenke« k Um zahlreiche Beteiligung bittet Der Borstand. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 8. Mai, nachm. i1!, Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Friedhofs in der Müller- ftraße 42/43(Ecke Seestr.) aus statt. Am Donnerstag, den 1. Mai, verschied infolge eines Unglücks- salleS�plötzlich unser wertcrKollegt, der Stereolhpeur Karl Eixendorf aus Roßleben a. d. Unstrut im 55. Lebensjahre. Ein ehrendes Andenken bc- wahren ihm die Stereotypeure und Galvauoplaftiker des »Berliner Dogeblatt--» Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 8. Mai, nachm. 4'/« Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Friedhofs in der Müllerstratze 42/43(Ecke Seestr.) aus statt. Deutseher Holzarbeiterverband. Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nm daß unser Kollege, der macher Vilbelm Lauersdorf Reichenberger Str. 64 im Aller von 73 Jahren ge- starben ist. Ehre seine« Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 8. Mai, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des Zentral-FricdhoscS in Friedrichs- selde auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 82/19 vi« Ortsverwaltung. Verband der Maier. Laekierer, Anstreicher usw. Filiale Berlin. Bezirk Nord-Osten. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß der Kollege Herrn. Kuckenburg am 5. Mai verstorben ist. Ehre seine« Andenke»! Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den 8. Mai, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Gethscmane-KirchhofeS in Nordend aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 139/7 Die Ortsverwaltung Am 3. Mai schied sreiwillig auS dem Leben der Tapezierer WilHelrn Schmidt Bergmannftr. HL 742b Um stilles Beileid bitten der Vater Otto Schmidt und Geschwister, Bcrgmannstr. III. Die Beerdigung findet heute, den 7. Mai, nachmittags 6 Uhr, aas dem Gemeinde-Friedhof in Zehlendorf, Spandauer Str., statt. Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme bei der Beerdigung meines liebcnMannes, unseres guten Vaters und Sohnes sagen wir allen Beteiligten, ins- besondere dem Gesangverein, dem Metallarbeiterverband, dem Wahl- verein für de» 6. Berliner Wahlkreis und den Kollegen der Magnefiawerke. Weißens«, unseren herzlichsten Dank. Witwe xifce Blasius 7386 und Kinder. Kegelklub„Fraternitas" e. T. Nachruf. Hiermit erfüllen wir die schmerz- liche Pflicht, allen Mitgliedern von dem Ableben unseres lieben Sport- genossen 739b krsniE Brandt Kenntnis zu geben. Einer unserer Acliestcn und' Pflichteifrigsten ist von unS gegangen. Sein An- denken werden wir stets i» Ehren halten. J. A.: Der Borstand. Verband d.lieiiieinde-u.8taatsarb. Filiale Grofi-Bcrlin. Unseren Mitgliedern zur Nach- richt, daß der Kollege Rudolf Zeumer welcher in der Parkoerwallung beschäftigt war, verstorben ist. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Bestattung findet am Mittwoch, den 7. Mai, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Himmelfahrt-Friedbofcs in Nordend(hinter Nitder-Schön- Hausen) aus statt. 34/1 Die Ortsverwaltung. Allgem. Kranken- u. Sterbekasse der deutschen Drechsler und deren Berufsgenossen --------(E. H. 86, Hamburg).- BerwaltungsstcUe Berlin B. Am 3. Mai verstarb unser Mit- glied 39/6 R>. Csillag. Ehre seinem Andenke»! Beerdigung: Mittwoch, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- halle des Zentral-FriedhoscS in Friedrichsselde aus. Zentralverhand der Steinsetzer, Pflasterer u.Berufsg.Deutsetilands Filiale Neukölln. Am 5. Mai verschied unser Mtglied, der Steinsetzer Arnold Beeker senior im Alter von 73 Jahren. Ehre seinem lllndenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 8. Mai. nach- mittags 3>/, Uhr, von der Leichen- Halle des Neuköllner Gemeinde- Friedhofes, am Mariendorfer Weg, aus statt. Um rege Betelligung ersucht 741b Der Borstand. Verband IGemeiude-u. Staatsarb. Filiale Grofi-Bcrliu. Unseren Mitgliedern zur Nach. richt, daß die Kollegin Bmiiie Vindemuth welche im Betriebe der städtischen Bedürfnisanstalten beschästigt war, verstorben ist. Wir werden ihr ein ehrendes Andenken bewahren. Die Bestattmig findet Mittwoch, den 7. Mai, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des alten ThomaS-Kirchhoses in Neukölln, Hermannstraße, auS statt. 34/2 Di« Ortsverwaltung. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, dag untere liebe Tochter, Schwester, Tante und Schwägerm iWsrxarete Räder am Montag, den 5. Mai, nach langem, schwerem Leiden oer- storben ist. 33A Tie trauernden Eltern «. Geschwister, Rodenbergstr. 29. Die Einäscherung findetDonnerS- tag, den 8. Mai, nachm. 6 Uhr, '''"tr. 38/38, statt._ Gerichtsti Deutscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung QroB-Berlin. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Ardesto- kutscher Hermana Ott am 3. Mai im Alter von 39 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! 64/16 Die Bezirksverwaltung. Extra- Abteilnng . Gesch.: Berlin W., Mahren- 1 Stra6e37a(2. Haus von der I Jerusalemer StraBe). | II. Gesch.: Berlin NO., GroBe Frankfurt. Str. 115(2. Haus| von der AndreasstraBe). 1 Sehrgr. Aasw.fert. Kleider,| J Hüte, Handschuhe, Schleier j letc. v. einfachsten bis zum I ] hochetegant.Gonrez.äußorst| niedrigen Freisen. Sonder- Abteilung: HaOanfertlgang in 10 bis 12 Stunden. Zentral-Kranken- undSterbekasse der deutseben Wagenbauer. Versicherungsv. a. Gegenseitigkeit Filiale Berlin 13. Am 4. dS. MtS. verstarb unser Mitglied, der Schraubendreher Haas Ovebel Jagowstraße 14. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, de» 8. Mai. nachm. Vi, Uhr vom Birchowkrankenhausc aus auf dem St.PHMppus-Apostcl- Friedhos. Müllerstr. Ecke Seestr. statt. Um rege Beteiligung ersucht Die Ortöverwaltung. deutsch-engl.' Neuheiten für Herren und Damen. 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Sehr„machtvoll" nahm sich die Kund- gebung nachher allerdings nicht aus: Das liberale Bürgertum des 10. Landtagswahlbezirks hatte das Versammlungslokal, den großen Saal der„Germania" in der Chansseestraße,.nur mäßig zu besetzen vermocht. Der Versammlungsleiter Gcmciudeschullehrer Merten eröffnete mit einem Nachruf auf den soeben verstorbenen Abgeordneten Schräder, dem in seiner Hoffnung auf den endlichen Sieg der ge» rechten Sache jeder Liberale nacheifern müsse. Auch der erste Redner des Abends, Abgeordneter W i e m e r, knüpfte an dieses Motiv von der. H o f f n u n g" an. obwohl er nicht im Zweifel darüber sein wird, wie wenig bei der im tv. Wahlbezirk stark vertretenen Arbeiter- Piasse der Liberalismus noch zu hoffen hat. Gegen die Sozial- Demokratie wußte er nichts vorzubringen als die übliche Einwendung, sie verhetze die Arbeiter durch den Klassenkampf, den der Libera- lismuS nicht mitmachen könne. Das läßt sich denken. Den Arbeitern predigte er, Frieden mit den Arbeit- gebern zu halten, und dann empfahl er ihnen als angeblich ge- cignetsten Vertreter den bisherigen Abgeordneten des 10. Wahl- bezirks, Herrn Roicnow, den— Arbeitgeberführer. Der zweite Redner, Abgeordneter D e l i u s(Halle), ging auf die Wünsche der Fesibesoldeten ein. Ihnen erzählte er. die Sozialdemokratie versage, wenn sie bewilligen solle. Als„Beweis" führte er an, die Sozial- demokratie lehne ja schließlich den ganzen Etat ab, mit ihm also auch Gehälter und Löhne der Beamten und Arbeiter. Derselbe Redner erklärte nachher, man könne den Staatsarbeitern das Streikrecht, das die Sozialdemokratie für sie fordern, „unterkeincn Um st ändenzuge stehen". Zuletzt ergriffHerr R o s c n o w selber das Wort, um sich besonders den Handel- und Gewerbetreibenden zu empfehlen. Von der Sozialdemokratie habe der„Mittelstand", behauptete er, nichts anderes als Anfeindung zu erwarten. Gegen sie müsse im 10. Wahlbezirk das gesamte Bürgertum aller Parteien zusanmienstehen. Als Abwehr gegen den„sozialdemokratischen Ansturm" wirkte die ganze Veranstaltung recht matt. In der Diskussion mahnte ein Redner die liberalen Wähler, sich nicht durch den Boykott beirren zu lassen, der ihnen von rechts und von links drohe. Daß er einen Boykott auch von rechts erwartet, ist eine nicht uninteressante Feststellung. Ein anderer Redner meldete sich, um gegen die Kandidatur Rosenow zu sprechen. Auf eine Frage des Versammlungsleiters Merten erklärte er, nicht Sozialdemokrat zu fein, Herr Merten belehrte ihn aber, nur Freunde der Kandidatur Rosenow habe man eingeladen. Die Versammlung lehnte dann ab, den Mann zu hören. Herr Merten schloß mit einem„Hoch auf das Vaterland". Nachdem es verklungen war, wies er auf zwei Herren hin und denunzierte in zeterndem Ton sie der Versammlung wegen Richtbeteiligung an dem Hoch. Auch Herr Rosenow wandte sich gegen sie mit hefttgen Zurufen. Die Aufgeregtheit, die die beiden Freifinnshelden darboten, machte sich sehr wirkungsvoll. Die Bemühungen, ein„einmütiges und geschlossenes Zusammengehen aller Bürger' zustande zu bringen, werden auch gekennzeichnet durch eine angeblich„im Namen der Beamten, Lehrer, Festbesoldeten und Staatsarbeiter" verbreitete Ein- ladung zu dieser Versammlung. Darin heißt eS:„Unbeschadet der politischen Anschauung deS einzelnen und der Parteizugehörigkeit unserer Kollegen halten wir es für unsere Pflicht, in dem bevor- stehenden LandtagSwahlkampf darailf hinzuwirken, daß in Berlin X nicht der Sozialdemokrat, sondern der bisherige Vertreter des Bürgertums. Herr Abgeordneter Rosenow. wiedergewählt wird." Herr Rosenow selber hätte sich das einst nicht träumen lassen, daß er für sich um die Stimmen sogar der Antisemiten betteln lassen würde. Partei- �Zngelegenkeiten. sechster Wahlkreis. Die ordentliche Generalversammlung findet am Dienstag, den 27. Mai, abends 8 Uhr, in den Germania- Prachtsälen, Chausseestr. IlO, statt. Der Vorstand. Neukölln. Heute Mittwoch, abend Uhr, bei Bartsch, Hermann- straße 4g I: Generalversammlung der Jugendseklion. Tagesordnung: Wahlen zum Vorstand. Reorganisation der Jugendsektion und Vcr- schiedenes. Die jungen Genossen und Genossinnen wollen voll- zählig erscheinen. Wilmersdorf. Am Freitag, den 0. Mai, findet für unfern Ort ein Extrazahlabend statt. Die Parteigenosien und -genvssinnen wollen sich hierzu vollzählig in ihren Bezirkslokalen einfinden. Friedenau. Am Freitag, den 9. Mai. abends 7 Uhr, von den Bezirkslokalen aus wichtige Flugblattvcrbrcitung. Adleröhof. Heute. Mittwoch, abends 8'/-. Uhr. Bisniarckstr. 10: Polenversamnilung. Tagcsordming: Die Lage des polnischen Volkes und die Landtagswahl. Referent: Genosse Podeniski. Freie Aussprache. Königs- Wusterhausen. Heute Mittwoch, den 7. Mai, abends 7f/z Uhr. im Lokale Ww. Wedhorn, öffentliche Wählerversaminlnng. Tagesordnung: Die bürgerlichen Parteien und die Landtagswahlen. Referent: Dr. Moses.� Berlin«Freie Aussprache). Zu dieser Ver- sammlung sind die Wähler aller Parteien eingeladen. Eichwalde. Morgen Donnerstag, abends 8 Uhr: Wichtige Flugblaltverbreitung vom Genossen Witte aus. Potsdam. Heute Mittwoch, abend 8>/z Uhr, WahlvereinSver- sammlung.____ ßcrUrcr Nachnchtcn, Mai. Mit einer Serie von„Hnndstagen" hat der April ge- schlössen und ocr Wonnemonat begonnen. Die Hitze übertraf � gespanntesten Himmelfahrtserwartungen, und es fehlt nicht an weissagenden linkem die uns zum Ausgleich„weiße Pfingsten" prophezeien. Jedenfalls hatten wir im Zeitraum ivenigcr Wochen die kältesten und die heißesten Tage zu ver- zeichnen, die seit Menschengedenken� in dieser Jahreszeit be- obachtet worden waren, llnd ebenso merkwürdig gsgensatzlich waren die Wirkungen dieser verstiegenen Tempcraturverhält- urffe auf die Pflanzenwelt. Einen Hauptschmuck deS großstädtischen Frühlings, die in �«tenweiß getauchten Kaftanienallcen, müssen wir diesmal entbehren: nur hier und da hat ein schwacher Rest davon doch noch den Weg zur Sonne gefunden. Die Blütcntraubcn, die in winziger Gestalt den Winter mühelos überstanden, sind in den vorzeitig aufgeblätterten Knospen vom Frost erreicht und größtenteils zerstört worden. Nur au geschützter stehenden Bäumen und besonders auf deren den Häusern zugekehrten Seite haben sie sich, in stark gelichteten Reihen, hier und entfalten können. Um so kläglicher sieht die Wetterseite der Bäume aus, wo nianchmal aus ganzen Trauben nur eine einzige weiße Blüte oder auch gar keine dem Frost entgangen ist. Aber die Kastanie hat schon häufig gezeigt, daß sie im Spätsommer noch mit einer zweiten Blüte aufzuwarten ver- mag. Es ist daher gar nicht ausgeschlossen, daß sie noch in diesem Sommer später nachholt, was der polizeiwidrige April- frost ihr nahm. Geht nian durch die Anlagen, so sieht man an den Sträuchern, unter denen ja viele zartbesaitete Ausländer eine große Rolle spielen, die erfrorenen Blätter braun und unter dem Fingerdruck bröckelnd herabhängen. Aber über diese Mumien sind unter der warmen Sonne in schlagendem Kontrast garben- Iveise junge Sprosse emporgestiegen. Ebenso plötzlich haben sich die Ulmen in den Srraßen belaubt. Der Flieder blüht, zwei Wochen wenigstens zu früh. Dasselbe gilt von den Mai- glöckchcn. Die Schneeballsträucher stehen im Flor, wie auf den Beeten der Goldlack und die Stiefmütterchen. Im Grüne- ivald stehen die Kiefern vor dem Stäuben, dem Entleeren un- geheuerer Mengen gelben Blütenstaubes. Und auf dem Wald- boden ist. in einiger Entfernung vom Bahnhof und von den Hauptwegen, seine bescheidene Frühlingsflora entlvickelt. Die Veilchen im hohen Grase, die ebenso blauen Blumen des Gundermanns, die goldgelben des Fünffingerkrautes, ivcißc Sternblümchen und, am auffälligsten, wenn auch nicht am schönsten, die gelbgrünen Dolden der Wolfsmilch. In den Mooren, die man meistens trockenen Fußes begehen kann, die schlanken Halme des Wollgrases, die an der Spitze wie mit einem weißen Wattebausch enden, und die scharf- aromatisch duftenden, weißen Blüten des Sumpf- Rosmarins. Wo aber die Sonne es zu gut meint mit ihren Strahlen, da macht sich die Wasserarmut dieses Frühlings wieder geltend und manch' Kraut beginnt Blätter und Köpfchen hängen zu lassen. Hier werden Regengüsse hoffentlich noch rettend eingreifen. Auch für gewisse Tiere ist die Hitze verhängnisvoll geworden, so für die Mücken, deren wimmelnde Larven in zahlreichen, seichten und daher rasch austrocknenden Gräben und Lachen zu vielen Tausenden um- kommen, ehe ihre Metamorphose vollendet ist. Aber die Natur geht überaus verschwenderisch bei der Produktion vor, und es bedarf leider nur weniger Mücken und einer neuen Anschwellung der ltzräben, um die Hoffnung auf einen mücken- armen Sommer zu vernichten. Längst ruft der Kuckuck seinen Namen durch die Wälder, dieser scheue Geselle, den jeder hört und den nur einer unter Tausenden einmal zu Gesicht bekommt. Die Spechte trommeln noch immer verliebt mit dem Schnabel an dürren Baumästen. daß sie schwirrend vibrieren und sie stoßen im Fluge ihr stoß- weise gellendes Juchzen aus. Und schon schießen auch die ersten Schwalben über die Dächer und wiegen sich auf stahl- blauen Schwingen. Aus Berlins Sclbstmordstatistik. Durch freiwilligen Tod endeten in Berlin im Jahre 1912, wie das Berliner Statistische Amt nach den hierüber eingegangenen Meldungen mitteilt, 791 Personen. Man darf wohl annehmen, daß die Selbstmordmeldungen unvollständig bleiben. Vermutlich wird nicht jeder Tod, der ein freiwilliger war, unter dieser Bezeichnung gemeldet. Aber auch wenn man bei der Selbstmordstatistik diesen notwendigen Vorbehalt macht, sind ihre Ergebnisse noch beachtens- wert. In Berlin hat im letzten Jahrfünft die Zahl der als Selbstmord gemeldeten Todesfälle eine wechselnde Höhe gehabt: In den fünf Jahren 1908-1912 war sie 733, 705. 670, 726, 791. Auf das rasche Absinken der Selbstmordziffer, das von 1908 zu 1910 sich vollzogen hatte, folgte von 1910 zu 1912 eine noch raschere Aufwärtsbewegung. An diesen Gesamtzahlen war beteiligt das männliche Geschlecht mit 513. 493, 486, 508, 539 Fällen, das weibliche Geschlecht mit 220, 207, 190, 218, 252 Fällen. Die Schwankung der Selbst- mordziffer war beim weiblichen Geschlecht stärker als beim männ- lichen, und stärker als beim männlichen Geschlecht war beim weib- lichen auch die im Endergebnis sich zeigende Steigerung von 1908 zu 1912. Gegenüber der Selbstmordziffcr von 1908 stand beim inännlichen Geschlecht die Ziffer von 1910 um ö1/� Proz. niedriger, die von 1912 um 5 Proz. höher, dagegen beim weiblichen Geschlecht die Ziffer von 1910 um 13Vz Prozent niedriger, aber die von 1912 um 14'/z Prozent höher. Die Gruppierung nach Altersklassen zeigt, daß die Selbstmorde von Personen vorgerückten Alters zahlreicher sind, als man bei der an sich nur schwachen Besetzung der hohen Altersklassen annehmen sollte. Für 1912 ergaben sich 8 Selbstmorde von 10—15 jährigen, 67 von 15— 20 jährigen, 185 von 20—30 jährigen, 135 von 30 bis 40 jährigen, 155 von 40— 50 jährigen, 108 von 50—60 jährigen, 90 von 60— 70 jährigen, 36 von 70— 80 jährigen, 7 von über 80 jährigen. Ein sehr trübes Kapitel bilden die Selbstmorde von jugendlichen Personen und gar von Kindern. 8 Selbstmorde von Kindern bis zu 15 Jahren, 67 Selbstmorde von Jugendlichen bis zu 20 Jahren— das sind Zahlen, die man für diese Altersklassen als erschreckend hoch empfinden muß. Die Gruppierung nach dem Geschlecht und nach dem Alter ergibt, daß in den höheren Altersklassen, obwohl in ihnen das weibliche Geschlecht an der Gesamtbevölkerung erheblich stärker als das männliche beteiligt ist, das männliche Geschlecht erheblich mehr Selbstmordfälle als das weibliche hat. Unter den Selbstmördern von 1912 waren 5 männ- liche und 2 weibliche über 80 Jahre alt, 30 männliche und 6 weibliche 70—80 Jahre alt, 60 männliche und 30 weib- liche 60— 70 Jabre alt, 82 niännlichc und 26 weibliche 50—60 Jahre alt, 115 männliche und 40 weibliche 40—50 Jahre alt. Völlig anders sind aber bei den jugendliche n Selbstmördern die An- teile der beiden Geschlechter. Im Jahre 1912 waren unter den Selbstmördern un Aller von 15— 20 Jahren 36 männliche und 31 weibliche, so daß hier nahezu ein Gleichgewicht der Anteile be- stand. Dagegen zeigt sich bei den folgenden Altersklassen sofort wieder ein starkes Uebergewicht des männlichen Geichlechls: unter den Selbstmördern waren in 1912 im Alter von 20—30 Jahren 118 männliche und 67 weibliche, im Alter von 30— 40 Jahren' 88 männliche und 47'weibliche. Die Ausnahmestellung der Jugendlichen ist für 1912 nicht etwa ein Zufall, sonder» Jahr für Jahr zeigt sich hier— wie auch bei den anderen Altersklassen— das ziemlich gleiche Bild. Von 15— 20jährigen Personen endeten durch Selbstmord in 1908: 20 männliche, 19 weibliche, in 1909: 24 männliche, 23 weibliche, in 1910: 32 männliche. 34 weibliche, in 1911: 25 männliche, 23 weib-- liche, in 1912: 36 männliche, 31 weibliche. Statistik des Elends. Am l. Mai 1913 befanden sich im städtischen Familien- obdach 181 Personen, und zwar 19 Familien mit zusammen 97 Köpfen(darunter 32 Kinder und 19 Säuglinge) und 84 Einzelpersonen, Der Gcsamtbcstand betrug am 1. April-2 Personen mehr. Das nächtliche Obdach wurde während des April von 96 646 Männern und 716 Frauen besucht. Der Tag des geringsten Besuches war der 39. April mit 2979 Per- sonen, der des stärksten Besuches der 12. April mit 3563 Per- sonen. Gebadet haben in den Brausebädern täglich durch- schnittlich 714 Personen. Wannenbäder wurden während des ganzen Monats an 516 Männer und 532 Frauen vev- abreicht. Ein Opfer der Polizei ist nicht nur der Fürsorgezögling Artur Fischer geworden, der in der Nacht zum 26. August 1912 in Berlin an der Münz- und Dragoner- straße von einem Schutzmann niedergeschossen wurde, sondern auch der Zeitnngsverleger und Redakteur Baumann von den �„Nieder- Schönewcidcr Nachrichten", dem ein die Erinnerung an jene Schießerei aufstischender Artikel eine Beleidigungsklage eingetragen hat. Beleidigt hatte Baumann nicht den Schutzmann, sondern die in Ober-Schöneweide wohnende Mutter des Erschossenen, und zwar dadurch, daß er in seinem Blatt, als Frau Fischer Anfang De- zember 1912 mit der Behauptung auftrat, sie habe jetzt in dem Er- schossenen ihren damals verschwundenen Sohn ermittelt, diese An- gäbe für„frei erfunden" erklärte und Frau Fischer als überhaupt „wenig glaubwürdig" hinstellte. Daß ihre Mitteilungen erfunden seien, hätten— so wurde in dem Artikel des Baumannschen Blattes versichert— Ermittelungen der Polizei ergeben, Frau Fischer aber bleibe bei ihrer Darstellung und benutze sie dazu, Anspruch auf Armenunterstützung geltend zu machen. Die Polizei, auf die Bau- mann sich berief, hatte in der Tat die Angaben der Frau Fischer zunächst als nicht glaubhaft zurückgewiesen, aber schließlich mußte das Berliner Polizeipräsidium angesichts des zweifelSfrcien Beweis- Materials, das die Mutter beibrachte, Anfang Januar amtlich an- erkennen, daß der Erschossene wirklich Artur Fischer war. Vor dem Amtsgericht Köpenick, wo die Beleidigungsklage gegen Baumann Ende März verhandelt wurde, verweigerte der Angeklagte die Auskunft darüber, von wem er seine die Frau Fischer beleidigende Darstellung erhalten habe. In dem Artikel hatte er sich, wie schon erwähnt, auf Ermittelungen der Polizei berufen und vor Gericht sprach sein Verteidiger immer wieder davon, daß Bauinamt„an absolut zuverlässiger und maßgebender Stelle" informiert worden sci. Dem Angeklagten wudc die„maßgebende Stelle" als mildernder Um- stand angerechnet, so daß er mit 20 M. Geldstrafe davonkam. Ganz freigesprochen zu werden, forderte Baumann gestern vom Landgericht Berlin l, dem er durch Berufung die Sache zur Ent- scheidung vorgelegt hatte. Für seine Behauptung, daß Frau Fischer ihre Angaben„frei erfunden" habe, sie„in frivoler Weise" aus-. zunutze» suche usw., konnte er keinen Beweis bringen. Einen schwachen Versuch dazu machte er nur bezüglich des Vorwurfs, daß sie damit einen Anspruch auf Armenunterstützung begründet habe. Der Oberschöneweider Gemeindebureauassistent Roscnbcrg, der vor dem Amtsgericht hierüber nichts zu sagen gewußt hatte, konnte jetzt mehr erzählen. Von einem Kollegen hatte er inzwischen gehört, daß Frau Fischer damals auf dem Amt gesagt habe, man solle ihr Geld geben, damit sie nach Berlin fahren und die Feststellung der Persönlichkeit des Toten betreiben könne. Das war alles. Frau Fischer versichert übrigens, sie habe nur ein Armutszeugnis zur Prozeßführung haben wollen. Daß Rosenberg selber„Material" zu dem Artikel geliefert hätte, verneinte er. Baumann weigerte sich wieder, die Quelle seiner „Informationen" zu nennen. Sein Verteidiger Rechtsanwalt Bergmann, wies wieder auf die „maßgebende Behörde" hin, die damals die Angabe der Frau Fischer für unwahr gehalten habe. Für den Angeklagten forderte er denk Schutz.des 193«Wahrung berechtigter Interessen). Der Rechts- beistand der Klägerin, Rechtsanwalt Kurt Rostnfcld, bestritt, daß hier einer der üblichen Fälle vorliege, in denen ein Zeitungs- redaktcur durchaus mit Recht, aber leider fast immer ohne Erfolg den Ks 193 geltend mache. Frau Fischer habe sich vertrauensvoll an Baumann gewandt, um durch ihn ihre Interessen wahrnehmen zu lassen und mittels einer in seinem Blatte zu veröffentlichenden Notiz eine Feststellung der Persönlichkeit des Erschossenen herbeizuführen. Baumann aber habe nicht diesen Auftrag ausgeführt, sondern Frau Fischer in beleidigendster Weise angegriffen, so daß man geradezu von einem Ucbcrfall sprechen dürfe. Keine der Behaup- lungen des beleidigenden Artikels habe erwiesen werden können. Nach einer Erwiderung des Rechtsanwalts Bergmann erbat nochmals Rechtsanwalt lliosenfeld da? Wort, aber der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Langer, lehnte ab: „Nein, der Staatsanwalt hat auch nur einmal das Wort." Rechtsanwalt Roscnscld forderte die Worterteilung als ein ihm zu- stehendes Recht und beantragte gegenüber der erneuten Weigerung des Vorsitzenden einen Gerichtsbeschluß. Nach kurzer Beratung mutzte der Vorsitzende verkünden:„Nach der Strafprozeßordnung haben die Prozeßbcteiligten keinen Anspruch darauf, öfter als zwei- mal zu reden." Rechtsanwalt Rosenfeld erhielt dann zum zweiten Mal das Wort. Er wies Baumanns Entschuldigung mit der„maß- gebenden Behörde" als Ausrede zurück. Das Urteil erging dahin, die Berufung des Angeklagten sci zu. verwerfen. Es bleibt mithin bei 20 M. Geldstrafe. Herr Baumann wird die Lehre heimtragen, daß man hinein- fallen kann, auch wenn man sich auf„Ermittelungen der Polizei" beruft. Wandervögel als Pandalett. Uns wird berichtet: Am letzten Sonntag lagerten am Ufer des Stienitzsees ungefähr 20 dem Klub„Wandervogel" angehörende Personen und unterhielten ein größeres Lagerfeuer. Als einige Turner des Vereins„Fichte" näber kamen, bemerkten sie zu ihrem Erstaunen, daß die„Wandervögel" von grünen Fichten uud Birken Aeste abschlugen und dieselben verbrannten. Turngenosien von „Fichte", die bereits die Nacht an der Stelle zugebracht hatten, teilten mit, daß das Feuer bereits seit 1 Uhr nachts brannte. Es wurden nicht etwa herumliegende Aeste zum Verbrennen benutzt, fondern die Aeste wurden mit einem Beil von den Bäumen ab« geschlagen. Dieses Verfahren ist um so verwerflicher, als bisher auch die Wandervögel den gleichen von Pfandfindern ver- übten Vandalismus selber verurteilt haben. Von einem Verein wie der„Wandervogel", der vornehmlich aus höheren Schülern besteht, sollte man am allerwenigsten einen derartigen Unfug er- warten. Da ist es kein Wunder, wenn Land- und Waldbesitzer das Lagern und Abkochen in dem ihnen gehörigen Rayon verbieten. Aber die Allgemeinheit hat unter diesem unerhörten Vandalentmu zu leiden. Wieder ein Tollwutfall? Von einem anscheinend tollwütigen Hunde wurde gestern nach mittag der im Hause Carmen-Sylva-Str. 124 wohnende Maschinist August Ramsalzki angefallen und in wenigen Augenblicken so zugerichtet, daß er aus sieben Wunden blutete. Der Maschinist hatte die Geistesgegenwart, da der Hund nicht von ihm abließ, ihm die Faust tief in den Rachen zu stoßen, so daß er die Kinnladen nicht mehr schließen konnte. Auf die Hilferufe des Ueberfallenen eilte ein Kriminalschutzmann herbei, der den Hund fesselte und die Schnauze zuband. Da das Tier jedoch tobte und um sich biß, wurde es von Beamten des Tierschutzvereins zur Untersuchung in das Institut des Tierschutzvereins gebracht. Ramsalzli wurde nach der Unfallstation in der Gaudhstratze gebracht, wo ihm Notverbände angelegt wurden. R. wie auch der Kriminalschutzmann mußten sich im Institut für Infektionskrankheiten einer Schutzimpfung unterziehen. Ob der Hund, ein Bernhardiner, tatsächlich von Tollwut befallen war, konnte noch nicht festgestellt werden. Beim Spielen unter den Straßenbahnwagen. Gestern geriet beim Spielen ein etwa neun Jahre alter Knabe in der Chausseestratze unter deu Wagen der Linie 32. Die mitgefühlte Winde reichte nicht aus, den schweren Wagen zu heben; erst den vereinigten Anstrengungen der Feuerwehr und des vom Depot herbeigeeilten Sanitätswagens gelang es, das jammernde Kind zu befreien und in schwerverletztem Zustande dem Krankenhause zuzuführen.____ Ter Kirchcneinbrecher auf Reisen. Die Münchener Kriminalpolizei hat den Berliner Kirchenein- brecher Rabe festgenomnicn. Fritz Rabe, der in München auf frischer Tat überrascht wurde, kurz nach seiner Festnahme entfloh, aber gleich wieder dingfest gemacht ivurde, hat nach den Ermittelungen sehr viel Kircheneinbrüche, besonders in verschiedenen Gegenden Preußens, auf dem Kerbholz. Er trat in der Maske eines harmlosen Reisenden auf,� der für ein hiesiges großes Reklamegeschäst Kundschaft warb, Dieser Beschäftigung aber ging er nur zum Schein nach, die Haupt- fache waren ihm die Kirchcneinbrüche, die er auf seineu Reisen mit einem entkommenen Spießgesellen verübte. Dii Kriminalpolizei ent- deckte in seiner hiesigen Wohnung in der Manteuffel- straße mehrere wertvolle Beutestücke. Noch viel mehr aber fand sie in den Behausungen von Bekannten RabeS, die sie ncichv und nach im Südosten der Stadt er- mittelte. Diese Leute, die Nabe nur als Geschäftsreisenden kannten, hatten sich nichts dabei gedacht, wenn er bei ihnen verschlossene Koffer unterstellte, mit dem Bemerken, daß sie ihm während der Reise in seiner unbeaufsichtigten Wohnung nicht sicher genug seien. Diese Koffer enthielten eine ganze Anzahl Allardecken, Wäschestücke, Kelche, Monstranzen, Leuchter, Hostiendosen, Denkmünzen aus Kirchen usw. Eine dieser Dosen trögt die Inschrift„C. v. Preetz- mann, Kirchenäliefter 1911", eine andere auf dem Deckel ein Kreuz mit der Umschrift.Das ist mein Leib, der für Euch gegeben wird". Ein Teil der Kirchenwäsche ist A. T. gezeichnet. Wo alle diese Sachen und andere, die aus GeschäflSeinbrnchen herrühren, gestohlen worden sind, ist noch nicht bekannt. In den Koffern fand man außerdem auch noch gestohlene Ausweispapiere.> Darunter eins auf den Namen eines 58 Jahre alten Wilhelm Gering, ein zweites aus einen 37 Jahre alten Emil Korschel und ein drittes auf einen 26 Jahre alten Leo Zittlau.______ Außer Betrieb. vor dem Kanunergericht in der Lindenstratze befindet sich eine Normaluhr, die den Zweck haben soll, dem Publikum die Zeit anzuzeigen. Aber die Tausende hier täglich vorübergehenden Personen werden nun schon seit Wochen enttäuscht. Der Zeiger der Uhr rückt nicht von der Stelle. Seit etwa vier Wochen prangen auf einem Schild die vielverheißenden Worte:„Außer Betrieb". Das Publikum macht schon seine Glossen über diesen famosen Uhrenbetrieb, von dem die mit der Ausführung betraute Gesellschaft immer erklärt, daß er auf die Sekunde funktioniere. Wir werden gebeten, öffentlich die Frage aufzuwerfen: Wie lange sollen die Worte.Außer Betrieb" an dieser Normaluhr noch zu lesen sein? Vielleicht erkundigt sich der Magistrat bei der Gesellschaft Normalzeit nach dem Schicksal dieser Uhrk_ Von internationalen v-Zug-Dicdcn schwer bestohlen wurde auf der Fahrt von Berlin nach Genua die Gattin eines ausländischen Offiziers. Der Dame wurde im Zuge, wahrscheinlich zwischen Frankfurt a. M. und Straßburg i. E.. eine hellbraune, fast gelbe, mit grüner Seide gefütterte Handtasche gestohlen, die außer deu mit silbernen Deckeln versehenen Toilettegegenständen eine große Anzahl Schmucksachen und einige Wertpapiere enthielt. Die Schmucksache» bestehen aus einem goldenen Armband mit Perlen und Amethliften, einem goldenen Kettenarmband, einer Schlange in Diamanten, einem Halbmond in Diamaulen, einem Ring mit einem von Smaragden umgebenen, rundgeschliffenen Saphir, einem Ring mit einem kleinen Smaragden und Diamanten, einem Ring mit zwei Diamanten, einem Ring mit einem Diamanten, einem Hängeschmuck in Diamanten mit Platinkette und einer goldenen Uhrkette mit Rubineu besetzten Gliedern. Ein Kreditbrief lautet über 2999 Frank auf die„Aktie- bolaget Norrlands Banken". In einer kleinen Schreibmappe befinden sich einige Photographien der Bcstohlenen. Unter dem Verdacht des KindcsmordcS ivurde gestern das 23 Fahre alte Dienstmädchen Margarete Bülow als Polizeigefangene in die Charitb eingeliefert, das seit dem 1. April d. I. bei einer Kaufmanns- familie in der Revaler Straße iu Stellung war. Arbeitcr-Bildungöschule. Der letzte Vortrag des Genossen Julian Borchardt findet heute, Mittwoch, abends 7l/4 Uhr pünktlich statt. Wer von den Schülern so früh nicht zur Stelle sein kann, wird ge- beten, dennoch zu kommen; der Vortrag wird für die Nach- gekommenen wiederholt. Bei der Maifeier im Voigt-Theater ist eine Damenuhr verloren worden. Der ehrliche Finder wird gebeten, diese bei Charlotte Heinze, Wiesenstr. 44, vorn 2 Tr. abzugeben. Der Brand der Papier-, Pappen- und Kohlcnvorräte in der Mühlcnstraße beschäftigte am Dienstag mehrere Züge von früh bis in die Nacht hinein. Es mußte ununterbrochen Wasser gegeben werden. Abends wurden die Züge abgelöst. Die Aufräumung soll heute fortgesetzt werden. Der Gastwirt Döhling, Brunnenstr. 7g, ersucht uns darauf hin- zuweisen, daß er an der Petition, welche von verschiedenen Gast- wirten gegen die Eröffnung des Hackepeter. Voltajtraße, Ecke Brunnenstraße, an das Ministerium des Innern gerichtet wurde, nicht beteiligt ist. Wer ist die Tote? In einem Hause der Mulo.cksiraß« wurde gestern Nachmittag von einem Bewohner auf dem Treppenflnr im zweiten Stockwerk eine ungefähr 49 Jahre alte Frau, die ihrem Aeußeren nach dem Arbeiterstande angehört zu haben scheint, tot aufgefunden. Nachdem ein Arzt den Tod unzweifelhaft festgestellt halte, wurde die Leiche von der Polizei beschlagnahmt und nach dem Sckiauhause gebracht. Die unbekannte Tote ist ungefähr 1.55 Meter groß und dunkelblond und trug einen blaugestreiften Rock, eine graue Bluse, schwarze Strümpfe und Schuhe und ein graukariertes Ilm- schlagetuch. Radrennen auf der Olympiabahn. Die am Dienstag abend ab- gehaltenen Rennen betitelten sich„Frankreich gegen Deutschland" Drei Franzosen: Darragou, Guignard und Haurlier standen den Deutschen Günther. Janke und Rütt gegenüber, um im Match ihre Kräfte zu messen. DaS Flie germatch Hourlier-Rütt über drei Läufe(690 und 499 M.) konnte jedesmal Rütt zu seinen Gunsten entscheiden, da er den Franzosen sicher abfertigte und für seinen Erfolg stürmischen Beifall erntete.— Die Dauerrennen zerfielen in zwei Läufe über 29 und 25 Kilometer(1999, 899, 799 und 699 M.) In beiden Läufen war Guignard der weitaus überlegenere Fahrer. Seine Gegner Darragon und Günther waren für ihn nicht vorhanden, und auch Janke versagte im ersten Lauf vollständig und endete um 2999 Meter zurück als Letzter. Im zweiten Lauf hielt der Berliner allen Angriffen stand. Kurz vor Schluß schien es um ihn geschehen; da nahm er die letzte Kraft zu- sainmen, unl der drohenden Ueberruitdung zu entgehen, während Guignard alles daran setzte, um Janke zu holen. In der Schluß- runde nähert sich der Franzose bis auf zwei Meter und wird auf seiner Ehrenrunde lebhaft begrüßt. Zcugengcsiich. Personen, die am 16. Februar gesehen haben, wie zwei Tandemfahrer in der Blücherstraße, Ecke Miltcinoalderstr., von der Straßenbahn angefahren wurden, werden dringend um An- gäbe ihrer Adresse an Harnoß, Neukölln, Knesebeckstraße 62 II gebeten._ Vorort- Nach richten« Steglitz. Ter Rohrpostbetricb vom hiesigen Hauptpostamt aus ist am gestrigen Tage endlich aufgenommen worden. Damit ist ein Haupt- sächlich von der Geschäftswelt längst dringend gesorderles Verkehrs- mittel geschaffen, das gleich am ersten Tage eine rege Benutzung erfuhr. Mariendors. Aus der Gcmcindcvertrctersitzllng. Der Gemeindevorsteher legte zunächst daS auf Beschluß der letzten Sitzung gewünschte Ortsstatut vor, wonach die Zahl der Schöffen ans 6 tdarnnter 1 bejoldeter) und die der Gcmeindevertreter ans 24 erhöht werden soll; der«s 2 des- selben besagt, daß das Ortsstatut mit dem Tage der Genehmigung sofort in Kraft tritt.— Genofie Reichardt beantragte hierzu, anstatt sofort zu setzen, mit dem 1. April 1914. Bei der Abstimmung über den Z 1 ergibt sich mit 7 gegen 7 Stimmen die Ablehnung des Ortsstatuts. Der Antrag Reichardt ist dadurch erledigt. Der Ge- meindevorsteher bemerkte hierzu, daß die Ablehnung dnrck, diese Ab- stimmung zum zweitenmal erfolgt sei. Das gleiche Schicksal hatte der Teil L des Ortsstatuts, welcher die Einführung eines kollegia- tischen Gemeindevorstandes bringen sollte.— Zu der diesjährigen Tagung des Verbandes der größeren preußischen Landgemeinden wurde von Reichardt der Vorschlag gemacht, zwei Delegierte zu senden i vorgeschlagen wurde von ihm dazu der Gemeindevorsteher Dr. Prühß und unser Genosse Weber. Die bürgerliche Mehrheit lehnte auch diesen Vorschlag ab, jedenfalls auZ Angst davor, daß die Delegierten mit der Durchführung neuer sozialer Diaßnahmcn in uilierer Gemeinde komnicn könnten. Dazu hat die bürgerliche Mehr- heit kein Geld übrig, wie dieS ja die Elatsberatung zur Genüge be- iviescn hat.— Bei der Beratung des Etats für ISIS war beschlossen loorden, eine Erhöhung des Marktstandgeldes vorzunehmen. Wie der Gemeindevorsteher mitteilte, ist der Beschluß nicht durchzuführen, weil ein alter Erlaß vorliege, wonach eS bei dem bisherkgen Zustand bleiben müsse.— Die Terraingesellschaft Berlin-Südend� ist von der Gemeinde verklagt worden ans Herausgabe von Straßenland, welches sich die Gesellschaft widerrechtlich angeeignet hatte. Der Prozeß ist zugunsten der Gemeinde entschieden. Sieukölln. Auf dem Wege von der Kaiser-Friedrich-Straße zur Ziethenstraße ist ein Krankenkassenbuch und eine Jnvalidenkarle auf den Namen Karl Müller, Ziethenstr. 33, verloren worden. Der Finder wird gebeten, beides an die obige Adresse abzuliefern. Weihensee. Aus dem gemeincdcärztlichrn Bericht 1912/13. Im Anfang des Berichtsjahres erregten einige Typhusfälle im Lindenviertel die öf- fentliche Aufmerksamkeit. Da die Wasseruntersuchungen und die Kontrolle der Milch nichts ergaben, besteht die Annahme, daß diese Krankheit von auswärts eingeschleppt sein muß. Durch Ueber- führung der Erkrankten ins Krankenhaus und Isolierung der Fa- milienangehörigen wurde eine Ausbreitung verhindert. Der Gemeindearzt inachte 459 Besuche, gab 49 Gutachten über Geistes- kranke, 359 amtliche Gutachten der verschiedensten Art ab, und wurde 899 mal konsultiert. Die Gesuche auf Untersuchung von Wohnungen bezüglich einer Gesundheitsschädigung mußten nieist abschlägig beschieden werden, weil sich meist böswillige Ueber- treibung und andere hier nicht zu erörternde Gründe herausstellten. Auch in diesem Jahre ließ die Gemeinde 39 Knaben am Schwimm- Unterricht teilnehme». Die Verteilung von warmem Frühstück in den Schulen und von warmem Mittagbrot in der Volksspeist- anstalt an Schulkinder erfolgte im Winter in gewohnter Weise. Die Gemeinde sandte vier Kolonnen zu je 39 Kindern in die Ferienkolonie nach Birkholz. Auch wurden wieder orthopädische Tnrnkurse abgehalten. Sehr beklagt wird die geringe Teilnahme. ber sich die Trinkerfürsorgestelle zu erfreuen hat. Auch die Er- tvartungcn in betreff des Besuches der Kinderberatungsstelle haben sich nicht erfüllt. Im Siechenhause war am 1. April 1912 ein Bestand von 22 Personen, davon 12 Frauen, 19 Männer. Auf- genommen wurden bis 1. April 1913 59 Personen, davon 39 Frauen, 29 Männer. Verstorben sind 24, davon 17 Frauen. 7 Männer; entlassen wurden 16, davon 9 Frauen, 7 Männer. In der Lungensiirsorgcstelle wurden untersucht 135 Männer, 153 Frauen, 124 Kinder. Es fanden statt 569 Untersuchungen, 883 Recherchen. In Heilstätten wurden ausgenommen 34 Männer, 13 Frauen, 9 Kinder. In Erholungs- und Pflegeheimen wurden untergebracht 19 Männer, 6 grauen. 12 Kinder. In 7 Fällen wurde Mietszuschuß gewährt, in 5 Fällen Betten eingestellt, in 9 Fällen Milch bewilligt und.in einem Fall Volkslüchcnessen. Der vom Gemcindevorstand organisierte ärztliche Nachtdienst hat nicht standgehalten, da einige Herren Aerzte ihre Teilnahme zu- rückzogen. Der Gemeindearzt gibt der optimistischen Auffassung Ausdruck, daß, weil inzwischen einige jungen Aerzte sich am Orte niedergelassen haben, die Klagen über mangelhafte ärztliche Per- sorgung in der Nacht nicht mehr laut werden dürsten; die Vcr- Mittelung des Gemeindevorstand-s würde daher nicht mehr nötig sein. Ob sich dies erfüllen wird, muß die Zukunft lehren. Der schulärztliche Bericht stellte fest, daß der Gesundheitszustand der Kinder ein recht befriedigender war, während der des Lehrer« Personals oft zu ivünschen übrig ließ, so daß wiederholt längere Beurlaubungen nötig waren, die Störungen des regulären Betriebes verursackiten. Im Laufe der Berichtszeit wurde die sechste Klasse der Hilfsschule errichtet und eine Teilung der Leitung vorgenommen. Vier Klassen verbleiben in den alten Räumen Roelckestraße, zwei Klassen wurden in das alte Gebäude auf der Falkenberaer Straße verlegt. Leider hat sich, wie der Arzt betont, auch in dielem Jahre wieder die unberechtigte Ansicht mancher Ellen: geltend gemacht, daß mit der Unterbringung ihrer Kinder in die Hilfsschule eine Stiq. matisierung derselben als minderwertig erfolge. Mit großen Hoff- nungen sei es zu begrüßen, �daß sich der Gemeindevorstand entschlossen hat. zum 1. April eine Schulzahnpflege einzuiühren. Konstatiert wird die betrübende Tatsache, daß von 199 neu in die Schule ein- tretenden Kindern nur drei Prozent sich guter Zähne erfreuen. Besonders weist der Arzt, wie dies auch in Schularztberichten an- derer Gemeinden schon wiederholt zum Ausdruck gebracht wurde, auf die irrtümliche Ansicht der Ellern hin, daß man dem Milchzahngebiß der Kinder keine Pflege zuteil werden zu lassen brauche, da eS doch ausfalle. Man vergißt hierbei, daß ein gutes Milchzahngebiß die gute Basis für das bleibende Gebiß bildet und daß sich seine Per- nachlässigung bitler rächt. Es luerde ferner später darin viel ge- gesündigt, daß man den kariösen Zähnen des bleibenden Gebisses zu wenig Beachtung schenkt; und doch bildeten die Höhlen derselben die Ansiedelungen für allerhand Bakterien, so manche Tuberkulose verdanke ihnen ihre Entstehung. Die Eltern werden ersucht, der neuen Einrichtung ihr Interesse und ihre Teilnahme zum Wohle der Kinder zuzuwenden Französisch- Buchholz. Dir letzte Gemeinderatssitzung setzte den GemeindehaushaltSpIan für 1913 fest. Derselbe balanciert in Einnahme und Ausgabe mit 346 999 M. gegen 343 899 M. im Vorjahre. llni den Etat zur Balancierung zu bringen, mußten ans dem Kanalisationsfonds 12 699 M. entnommen werden. Es wurde daraus Verlviesen, daß der Nachtrag zur Grundwertsteuer von der Aufsichtsbehörde noch nicht genehmigt sei. Dem Gemeindevorsteher lourden 1699 M. als persönliche Zulage zum Gehalt bewilligt, weil er durch die Ab» trennung Mühlenbccks und Schönerlinde vom Amtsbezirk als Amts» Vorsteher diese Summe einbüßt. Für die Gemeindearbeiter, dir monatlich 99 M. bekommen, und deren Löhne Genosse Neumanir wenigstens ans 199 91. zu erhöhen beantragte, hatte die Mehrheit der Vertretung nichts übrig. Die Gemeindesteuern wurden wie folgt festgesetzt: 129 Proz. Einkommensteuer, 129 Proz. Betriebssteuer, 189 Proz. Gewerbesteuer und 466.43 Proz. der Grund- und Gebäude» steuer in Form von 2 pro Mille der bebauten und 3 pro Mille der unbebauten Grundstücke. Das Kaiialisationsprojekt ist von der königl. Landesanstalt für Wasicrhygiene in Berlin für gut befunden und der Aussichtsbehörde zur Genehmigung vorgelegt worden. Mit der Ausführung soll sofort nach Genehmigung und nachdem die Gemeinde die Mittel im Anleihewege aufgebracht hat. begonnen werden. Ferner beantragten unsere Genossen, die Anfstchtsbehörde zu ersuchen, die Ilrwahlen zum Abgeordnetenhaus am Orte in Form der Fristwahl vornehmen zu lassen. Der Antrag wurde gegen die Stimmen unserer Genossen abgelehnt. Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Spandau. Donnerstag, den 8. Mai, nachmittags 4'/, Uhr, mr alle» Rathaus». Boriigwalde-Wittcuau. Donnerstag, den 8. Mai, nachmittags 5 Uhr, im Rathauje. Rosenthol. Donnerstag, den 8. Mai, abends S Uhr, in der Aula der Gcmeindelchule, Schillcrstraßc. Diese Sitzungen find öffentlich. Jeder Gemcindeangehör-gc ist berechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Eingegangene Druckseknften. Kommunale Praxis. Wochenfchriff für Kommunalpolitik und Gc- meindesozialisinuS. Vertag Buchbandlung VonpärlS Paul Singer m. b. H., Berlin bW 68. Nr. 17 u. 18. AbonnenieniS pierteljäbrlich.! M. Einzelnummer 30 Pf. Bcslcllungeu nehmen alle Buchhanvlungen, Speditionen und Bostanilaltcn cnlgegc». Ter Pariser Garten und anderes von Minna K a n l s k v. Der Pariser Garten solvic alle anderen Bände der B o r w ä r t s- B i b l i o t h c k wcrdlli in allen Parteibuchhandlungeu oorrälig gehalten. Der ElnheiiS- preis beträgt 1 M. Aus Verlangen sendet der Verlag der Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. H. ein Verzeichnis der bereits erschienenen Bände kostenlos. �__ ßriefharten der Rxdahtion. Tie lurtftilche eprtffiBunit findet Lenden st rage 6a,»sr» vier Treppe» — F- l, r ft u Ii l—,»vocheneiiglllti von«>-> 6:8 7Vi, Uflr abends. Sonnabends, van«>.-> bis 6 Uhr abends teaee. Jeder flit den Bricilaiirn»efiimmten anfinge ist ein Buchüade und eine Zahl als Mertzetäien deizusüge». Briefitche Auewort wird nicht erteilt. Auiragcn, denen leine ÄbanneurrntSautttung bctgefngt Iii, pcrd-n nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Sprcchftnndc vor. Trudchcn 44/12. In 30 Jahren.— X.(£. 3. 1. Ja. 2. Ein bestimmter Betrag ist ini Gesetz nicht vorgesehen. Die Höhe unterliegt richterlichem Ermessen. Etwa 50 M. dürsten angemessen sein.— Genosse Neukölln 57. i. Nein. 2. Ein solcher Vertrag wäre anjcchtbar.— 1 Swincmde. 760 ONO Hainburg 753 O Berlin 757 O Franks. a.M 75ÄSS München 753 33 Sien 1750£S >aparanda eterSburg jeillt) Werdeen Paris bchalb bd. 5 halb bd. ödciter 1 Regen 5 bedeckt . 2, Regen> Wetterprognose für Mittwoch, den Kühl, zeitweise heiler, aber veränderlich bei kerne erheblichen Niederschläge. Berliner S e tt e r b ur e a u. OtaNonen z 5 X 5 = 2!s 6- Setter 7659123 764 ONO 7529228 755SD 754'SSW 4 wolkig ! 1 wolkig [ ö.wolkig «ZRcgen t wölken! ** c* ti I 7. Mai 1913. frischen östlichen Winden J der Landes anstatt für Wastcritands. Gewäsierknnde, Naevrichtcu orilgeleill vom Berliner Sctterburean Wasserstand M e m e 1, Tilsit P r e g e 1, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor Krassen Franisurt Warthe, Schrimm Uaridsberg Netze, Lordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandaus Rathenow Spree, Sprembergfl Becstow Weser, Münden Mmdci! Rhein. Maximilians au Kaub Köln Neckar, Heilbronu Main, Hanau Mosel. Trier ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—*) Nnterpegek. Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für deg gnjeratenlell verantw.; Th. Glocke, stöerlm. Druck u. Verlag: Vorwarl» svvchdruckerei u. KertagSanjlatl Paul Singer u-Es, SsriisSäL"