( 5 Pfennig) Ur. 115. nbonnementS'Bedlngungen: Abonnements< Pieis pränumerando: ZZierteliährl. 3L0 Mk�, monatb l.IV Mk, WSchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags, nuinmer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Well' 10 Pfa. Post- Wonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Breisliste. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich. Ungarn 2,50 Marl, für das übrige Ausland « Marl pro Monat. Postadonnemcnts nehmen am Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. ErfdKint tzgllch. 30. Jahrg. Die Infcrtions-Gebüljr beträgt für die sechSgespallene Kolonei- zeile oder deren Raum 00 Pfg., für politische und aewerlschaftliche Vercins- und Verfammlnungs-Anzeigen 0» Pfg. „Kleine Blnoeigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes wtiterc Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort b Pfg. Worte über 15 iT laben zählen für�wei Worte. Inserate ür die nächste Nummer mttffen bis s Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpeditio» tjt bis 1 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adreffe: „bszislillmsfillt! Herlia-. Zentralorgan der rozialdemokrati fchen Partei Deutfcblands. Redaktion: SW. 68» Linden ftraße 69. ksernsprechar: Amt Morittpla»,, Nr. LS8Z. Dienstag, den 13. Mai 1913. Expedition: kAl. 68» Lindenstraße 69. sscrnsprcchcr: Amt Morillplatl, Nr. tS8t. Deufdiland und franHrcici) in kern. -* Bern, Pfing st montag 1913. Die Berner deutsch-französische Verständigungskonferenz hat in einem einzigen Sitzungstag gute Arbeit geleistet. Die ausgezeichnete Vorbereitung der Konferenz durch das ein ladende Schweizer Nationalratskomitee,' vor allem durch unseren unermüdlichen Genossen Nationalrat G r i m in hat dieses erfreuliche Resultat ermöglicht. Wert und Bedeutilng einer solchen Konferenz sind nicht nlit der Elle zu messen. Nicht die Länge der Verhandlungen, nicht glänzende Reden sind das Wesentliche, sondern entscheidend ist, daß zum ersten Male hier der Versuch glückte, weite Kreise einflußreicher Parla� mentarier aus beiden Ländern auf einem gemeinsamen Boden und zu einer einstimmigen präzisen politischen Willenskund gebung zusamnienzuführen. Zwischen Teutschland und Frankreich stehen nicht nur die modernen imperialistischen Probleme der Ausbreitung der kapitalistischen Staaten über weite Landstriche, sondern auch die ganze ererbte Feindschaft, die im Laufe von Jahrhunderten das deutsche und französische Volk so oft als Feinde gcgenein ander geführt hat. Tie jüngste Entwickelungsphase, die Marokkokrisis und der Zusammenbruch der türkischen Zerr fchast in Europa, hat das deutsche und französische Mißtrauen, das aus jeder Veränderung der Gleichgewichtslage des viel gestaltigen Europas neue Sorgen schöpft, zu einer furchtbaren Neuauflage der beiderseitigen Rüstungstreibereien und zu einer ungeheuren Vergeudung von Volkskraft und � Volksgut gefiihrt. Aber cbeis diese EntWickelung, die den Wahnsinn des Wettrüstens auf die Spitze treibt, erzellgt auch in sich Gegen strömungen, die sie schließlich überwinden müssen. Nicht nur durch die fortgesetzte Aufklärung der Proletarierköpfe und die Steigerung der Unzufriedenheit über die durch die Riistungs Wut unausgesetzt vermehrte Ausbeutung, auch darüber hinaus entstehen Gegenströmungen in den intellektuellen, gewerblichen und kleinbürgerlichen Kreisen, deren Existenz schon durch eine geringe Zunahme der Kriegsspannung vernichtet werden kann Die klassenbewußte Arbeiterschaft Teutschlands und Frankreichs hat seit langem, zuletzt auf dem internationalen Kongreß in Basel das geistige und agitatorisckie Gewicht ihrer Beschlüsse in die Wagschale des Friedens geworfen. Die Berner Jriedeuskonferrnz sollte dem Versuch gelten, auch bürgerliche Politiker zur Klarheit über die Gefahren und Sckjä-- den des Wettrüstens für die von ihnen vertretenen Klassen und Gedanken organisatorisch zusammenzufassen, um sie davor zu schützen, wie früher so oft, die widerstandslose Beute jedes chauvinistischen Geschreis über irgendeine Wirtshaus- rempelet oder irgendeinen aufgeblasenen Beamtenzank zu werden. Und gerade dieser Versuch ist trotz allen Zweifeln über jedes Erwarten hinaus geglückt. Tie französischen Parlamentarier, bedroht von der nahen Gefahr einer Rückkehr zum dreijährigen Militärdienst, hatten sich in außerordentlich großer Zahl eingestellt. Ucber 169 Namen wird die endgiltige Liste der Teilnehmer auf- weisen. Unter ihnen sind eine große Anzahl der führenden Politiker Frankreichs: frühere Minister, Männer, die man uns als die ausgezeichnetsten Anwärter auf die Minister- Präsidentschaft bei jeder innerpolitischen Krisis zeigt, unter ihnen die bedeutendsten Repräsentanten des geistigen Frank- reichs, die die Erdrückung seiner alten hohen Kultur von dem Alp der kriegerischen Macht und Gedanken fürchten; aber vor allem sind die Vertreter der französischen Bauernschaft er- schienen— von den sozialdemokratischen Arbeitervertretern und ihrer ethischen Friedensarbeit sehen wir hier ab— die von höchster Friedensliebe erfüllt, nichts so sehr fürchten, als ihre Aecker durch den Mangel an Arbeitskräften brachgelegs oder durch ein neues Kriegsabenteuer der Verwüstung aus- gesetzt zu sehen. Der Reichskanzler hat in seiner Begründuirgsrede zur deutschen Militärvorlage als die neuen und gefahrdrohenden Faktoren für Deutschland das großslawische Allrussentum, den französischen Chauvinismus, den Balkanbund genannt. Nun der Balkanbund ist stärker zerklüftet als zuvor, die Rede- Sendung über den Panflawismus hat der Kanzler selbst als falsch und töricht zurückgenommen und dem französischen Chauvinismus hat die Berner Konferenz den Totenschein aus- gestellt. . Es ist in Bern von Elsaß-Lothringen nicht ��1 gesprochen worden, weil man sich überhaupt im �eden Zurückhaltung auferlegen wollte und sollte, aber die ganze französische Delegation ist sich in dem Gedanken einig gewesen, daß sie für Elsaß-Lothringen selbst vor allen Dingen das eine vermeiden und vermieden wissen will, daß Elsaß- Lothringen zwischen Deutschland und Frankreich der Grund eines neuen Kriegs werde. Der durch die elsaß-Iothringische Verfassung zuerst eingeschlagene Weg zu einer demokratischen Selbstverwaltung der Reichslande hat sich als äußerst wertvoll für die deutsch-französische Annäherung und den europäischen Frieden erwiesen. Tie deutsche Vertretung in Bern schien anfangs etwas schwach auszufallen und vielleicht gerade dadurch den Eindruck der Friedenskundgebung in Frankreich gefährden zu können. Erfreulicherweise ist das nicht eingetreten. Das vollzählige Erscheinen der einmütig gewählten offiziellen Vertretung der 119 Abgeordneten und Millionen Stiinmen der Deutschen Sozialdemokratie war selbstverständlich. Aber auch die Fort- schrittliche Volkspartei hatte sich entschlossen, durch ihren Fraktionsvorsitzenden die lebhafte Teilnahme aller ihrer Mitglieder an den deutsch-französischen Annäherungsbe- strebungen zu versichern und selbst die N a t i 0 n a l l i b e r a I e n hatten eine Sympathiekundgebung gesandt— eine Kundgebung natürlich, die echt nationalliberal ist. Indem sie jedoch die Einladung mit Dank annimmt, beweist sie, wie tief unsere Friedens/iropaganda und der Gedanke der deutsch-fran zösischen Verständigung sich selbst in imperialistische Kreise hineingefressen hat. Dadurch, daß die Nationalliberalen trotz- dem fernbleiben, charakterisieren sie selbst ihre Willensmaftig- keit, ihre Schwäche. Sehr zahlreich waren zur Konferenz die Elsaß-Lothringer ohne Unterschied der Parteirichtung erschienen— überzeugte Propagandisten der deutsch-franzö- fischen Annäherung, deren beste Mittler und Nutz- nießer gerade sie sein werden. Merkwürdig war die Haltung des Zentrums. Klar und ehrlich hat nur Generalmajor H a e u s l e r, der einzige Mann unter 99 Zentrumsabgeordneten, seine Zu- stimmung zum Konferenzplan und wohl auch zu den Kon- ferenzbeschlüssen erklärt. Die Herren Dr. Pfeiffer und Dr. Beizer waren angemeldet, sind aber einfach fort- geblieben— ob gezwungen oder freiwillig, bleibe dahin- gestellt. Das ganze.übrige Zentrum hat zur Frage der deutsch- französischen Verständigung nichts zu sagen, nichts zu tun ge- wüßt. Ist es so gouverneniental geworden, oder wünscht es Völkerverhetzung und Völkerkrieg, wie ja auch in Frankreich die Klerikalen die schlimmsten chauvinistischen Hetzer sind? Genug wer sich selbst von dem Friedenswerk von Bern ausschloß, wird es vor dem deutschen Volk zu verantworten haben, daß er zur Sicherung des Friedens und zur Abwendung weiterer Milliardenopfcr für den Militarismus in Deutsch- land nichts zu tun gewünscht oder verstanden hat; er wird an den Errungenschaften dieser Konferenz keinen Anteil haben! Auf das deutsche und französische Volk werden die Reden und Beschlüsse von Bern nachhaltigsten Eindruck machen. Die gemeinsame Kundgebung schließt mit der Verachtung für die Chauvinisten und das kriegshetzerische Treiben der Rüstungs- interessenten; das gemeinsame Bekenntnis einer an Zahl und Gewicht so großen Parlamentarierschar zum unbedingten Friedenswillen, zur ausnahmslosen'Auer- kennung des Prinzips der Schiedsgerichts- b a r k e i t, wird— wie Bebel besonders betonte— manchen, der bisher noch zweifelnd und spöttisch abseits stand, davon überzeugen, daß der Völkerfrieden auf dem Wege ist, Wirk- lichkeit zu werden. Die dauernde deutsch-französi- s ch e V e r st ä n d i g u n g s k 0 m ni i s s i 0 n, der neben I a u r d s und H a a s e die beiden Vorsitzenden der Schieds- gerichtsgruppen der französischen Kammern und aus Deutsch- land Konrad Haußmann sowie der Elsässer Ricklin angehören, Ivird jedein Mißverständnis und jeder Friedensstörung durch neue Kundgebungen entgegentreten. Man mag die Gründe der bürgerlichen Politiker Deutsch- lands und Frankreichs und ihre Haltung zum Frieden be- urteilen wie man will, jedenfalls bedeutet der einstimmig, unter hinreißendem, unwiderstehlichem Enthusiasmus ge- faßte Berner Beschluß einen wichtigen Fortschritt der Frie- denssache in Europa. Die einstimmige Annahme der Resolution wurde durch den unvergleichlichen Elan der Franzosen, der wie eine Feuersäule aufschoß, zu einer unvergeßlichen Szene, einem tiefen Erlebnis für jeden, der dabei sein durste. In diesem Augenblick schlugen die Herzen in einer großen Kulturgemein- schaft iiber alle Sondergedanken und Sonderinteressen hin- weg zusammen. Die Berner Konferenz hat vor den Janns- tempel des Krieges einen neuen kräfftgen Riegel vor- geschoben, noch mehr, sie ist das Symbol eginer kühnen, grö- geschoben, noch mehr, sie ist das Symbol.einer kühnen, grö- nattonen-_ Deuttch-franzölifche Ueritändigungs- Konferenz In Bern. Bern, 11. Mai.(©ig. 93er.) Nachdem bereits am Sonnabendiiachmittag Vorkonferenzen de? einzelnen politischen Gruppen unter den Teilnehmern der deutsch- französischen Verständigungskonferenz stattgefunden halten, be- ganncn am Psingstsonntag vormittag um ll> Uhr in der Aula der Universität die offiziellen Verhandlungen. Die angemeldeten Abgeordneten, sowohl aus dem Deutschen Reichstag wie aus den beiden Kammern des französischen Pcftlaments sind vollzählig er- schienen, so daß die Plätze kaum ausreichen. Es sind außer den bereits in der Sonntagsnummer-Genimnten noch erschienen von bürgerlichen deutschen Reichstagsabgeordneten die Fortschrittler W a l d st e i n und R ö s e r, der Elsässer Dr. R i ck l i n g(der Prä- sident des clsaß-lothringischcn Landtags, 2. Kammer). Den 22 am Sonntag genannten Genossen der sozialdemokratischen Fraktion des Deutschen Reichstags sind noch hinzuzufügen Richard Fischer und Scheide mann. Ferner sind«ine Anzahl Mii- glieder des elsaß-lothringischen Landtags erschienen, darunter die Sozialdemokraten H e i s ch- Straßburg, H i n d c l a n g-- Kolmar, Schilling- Mülhausen und Fuchs, der für Straßburg-Land auch dem Reichstag angehört. Insgesamt sind ItZä Mitglieder der französischen Depu- tiertenkammer und 10 Mitglieder de? Senats der französischen Republik anwesend. Unter den französischen Gästen sind noch zu nennen Professor Gustave Herviä und der Herausgeber des „Courrier Europeeu", Seailles. Vom Deutschen Reichstag sind 38 Mitglieder anwesend. Insgesamt wird die Konferenz von 163 bis 176 Teilnehmern besucht sein. Der Vorsitzende des Schweizer Einberufungskomitees, Genosse Robert Gr i m m, Redakteur der„Berner Tagwacht" und National- rat(Abgeordneter), eröffnet die Konferenz mit folgender An- spräche: Den Ausgangspunkt der deutsch-französischen Verstän- digungskonferenz bildeten die in kurzer Folge den Parlamenten Deutschlands und Frankreichs unterbreiteten R ü st u n g s v 0 r-. lagen; das Ziel der Konferenz soll sein: den Weg friedlicher Verständigung anzubahnen,-um dem unheilvollen, Kraft und Leben der Völker bedrohenden Wettrüsten Einhalt zu ge- biete». Das Ziel ist groß, der Weg schwierig. Aber die Schlvic- rigkeiten der großen Aufgabe sind kein Grund, auf ihre Lösung zu verzichten(Beifall); sie sollen im Gegenteil dazu veranlasse. 1. jetzt und später die Schritte zu unternehmen, die vorwärts iniv aufwärts dem dauernden Völkerfrieden und der höchsten Entfaltung der Kultur entgegetiführeu können.(Bravo!) Ursprung und Aufgabe der Konferenz legten der einladenden Körperschaft gewisse Beschränkungen auf. Man hat uns vorge- schlagen, auch die Vertreter der deutschen Landtage, die Mänticr. der Wissenschaft, Literatur und Kunst zu der heutigen Tagung du- zuladcn, und endlich wurde gewünscht, es sei den Journalisten Ge» legenheit zu geben, sich gleichzeitig mit den Parlamentariern irr Bern zu versammeln. Wir wußten diese beachtenswerten Ameguu- gen wohl zu würdigen, mutzten aber mit Rücksicht auf den.'iweck der Konferenz die Einladungen aus die Mitglieder der beiden Parlamente beschränken. Ter Charakter der Konferenz ist ein parlamentarisch e r„ Es handelt sich heute nicht um eine allgemeine Fricdcnskundgcbilna. Ohne Unterschied der Partei, allen jenen Personen, die kraft ihres Mandates als Volksvertreter fähig und auf Grund ihrer Ueber- zcugung willens sind, dem Wettrüsten auf dem direkten Wege der parlamentarischen Entschließung entgegenzuwirken, die Mög- lichkeit einer freien Aussprache zu geben, darin erblickten wir unsere Mission. An den Verhandlungen der Konferenz selbst gedenken sich die Mitglieder des Nationalrates, die Sie nach Bern, eingeladen haben, nicht zu beteiligen. Um auch den bloßen Schein einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten der beiden Siachbarländer zu vor- meiden, bitten wir Sie ferner, nach der Eröffnungsfeier die Lei- tung der Verhandlungen einem aus Ihrer Mitte frei gewählten Bureau übertragen zu wollen. Nationalrat Golmt, Sekretär der Internationalen"Friedens- gcsellschaft, begrüßt die Versammlung der Reichstagsmitgliedcr. Senatoren und Kammerdeputierten mit folgender Ansprache: Seien Sie in der Hauptstadt der Schweizer Eidgenossenschaft willkommen, die Ihnen das neutrale und internationale Feld an-� bietet, auf dem die Lebensfragen der Menschheit in voller geistiger Freiheit erörtert werden können, losgelöst von allen Sondcrbestrcbungcn, die die klare Einsicht trüben könnten. Wenn alle Nationen die Pflicht haben, ständig am Kulturfortschritt zu arbeiten, so hat die Schweiz eine besondere Mission. Ein Pufferstaat, wie man sie genannt hat, eine Nation, die in ihrem politischen Wesen die Spur der engen Vereinigung und der unaufhörlichen Arbeit der bedeutendsten Kulturkreise Europas, be- soiiöers der deutschen und' ftanzösischen Zivilisation lrägt, ist die Schweiz, die alle Völker gleich liebt und darunter leidet, wenn sie die überlieferten Grundsätze der Gerechtigkeit und Wahrheit, der Großmut und des Wohlwollens vergessen, verpflichtet, dann ihre guten Dienste anzubieten, wenn, wie jetzt, eine spontane freund- schaftliche Kundgebung im Interesse der ganzen europäischen Völker- familie liegt.(Beifall.) Die gegenwärtige Lage zwingt selbst unser Land, dessen Neutralität von Europa feierlich anerkannt ist, unsere höchst friedfertige und harmlose Nation, die keinen Ehrgeiz besitzt, der fremde Rechte antasten könnte, sich bis zu den Zähnen zu bewaffnen.(Hört! hört!) In diesem Augenblick, in dem selbst die Rechte der Neutralen bedroht sind(lebhaftes Hört l hört!), haben die Vertreter des Schweizer Volkes an Sie einen Aufruf richten wollen, daß die Sicherung der nationa- len Verteidigung eine gute, aber die Ab- schwäch ungfeindseligerStimmungeneinebessere Sache i st.(Stürmischer Beifall.) Eine enge Gemeinschaft einigt alle Völker der Erde und ist der Gipfelpunkt der menschlichen Zivilisation. Aber sie hat mächtige Feinde: die Vorurteile, die heilige Routine, die gedankenlose Tradition, die träge Gewohnheit und die eigennützigen Interessen, die die Spekulation zur Triebkraft der ganzen Politik machen.(Stürmische allseitige Zustimmung.) Aus allen Ländern der Welt blicken die Geister, die nicht durch eine anbefohlene Skepsis gelähmt sind, zuversichtlich auf diese Zusammenkunft und wünschen glühend, daß aus dieser Berner Konferenz ein Werk froher Lebenserneue- rung sich gestalte.(Stürmischer Beifall.) Mit Händeklatschen begrüßt, ergreift sodann der Senior der Schweizer Sozialdemokratie, Nationalrat Gen. Hermann Greulich, das Wort: Die heutige Schweiz begehrt als neutrales Land nichts anderes, als ihre staatliche Unabhängigkeit zu bewahren. Ihr moralischer Rechtstitel gründet sich darauf, daß sie drei Völker- stämme in friedlicher Demokratie zu einer Eidgenossenschaft ver- einigt, in der jeder Stamm frei seiner Kultur leben kann und alle drei sich gegenseitig verstehen und schätzen(Bravo!). In den KS Jahren unseres Bundesstaates ist das gegenseitige Verhältnis immer inniger geworden. Die Zahl der gemeinsamen Institutionen, der gemeinsamen Werke und Kulturbestrebungen ist bedeutend gewachsen und wächst mit jedem Jahre mehr. Es mehren sich die Bundesgesetzc, die aus der Verbindung germanischer und romani- scher Rechtsanschauungen ein fortgeschrittenes, einheitliches Recht schaffen. Dadurch wird die Möglichkeit gezeigt, einst die Völkrrstämme Europas zu gemeinsamer Kulturarbeit zu einigen.(Stürmischer Beifall.) Aber dieser moralische Rcchtstitel reicht leider nicht hin, unsere Unabhängigkeit und Neutralität zu sichern. Die Nachbar- staatcn starren in Waffen und überbieten sich in weiteren Rüstun- gen. Eine geschäftig« Großindustrie ersinnt und produ- ziert beständig neue vervollkommnetere Kriegsinstrumente und steigert die Kosten des bewaffneten Friedens bis ins Unerträgliche (Sehr wahr!). Die ins Gewaltige gehende EntWickelung der In- dustrie und des Finanzkapitals reizt die Großstaaten zur Gewinnung von Kolonial- und Einflußgebieten in allen Teilen der Erde. Daraus entstehen Reibungen, Konflikte und Kriegsgefahren, die sich in letzter Zeit unheimlich vermehrt haben. Leider fehlt es nie und in keinem Lande an Gewissenlosen, die den Chauvinis- muS und den Haß gegen andere Völker aufftacheln und dadurch die Kriegsgefahren vergrößern(Lebhaste Zustimmung.). So wird auch unser Land mit seiner nur auf Abwehr gerichteten demokratischen Milizverfassung zu schweren Opfern gezwungen, um den Nachbar- staaten in der Bewaffnung gleichzustehen. Ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland mit den heuti- gen Kriegsmitteln wäre aber auch für ganz Europa, für seine Wirt- schaft und Kultur i ein unermeßliches Unglück, um nicht zu sagen, das schwerste Verbrechen gegen die ' ganze Zivilisation(Wiederholte Zustimmung.). Die Völker beider Länder sind berufen, sich gegenseitig zu ergänzen. Sie können sich gegenseitig und auch der übrigen Welt noch so viel geben. Wir sind auch fest überzeugt, daß die große Mehrheit beider Völker keinen Krieg gegen- einander will(Lebhafte Zustimmung), daß sie gern friedlich nebeneinander leben und miteinander verkehren möchte. Darum glauben wir auch, daß der Weg der Verständigung zwischen Ver- tretern beider Völker mit der Zeit zu einem guten Ziele führen werde. Zu einem ersten Versuch einer Verständigung haben wir Sie eingeladen. Wir freuen uns, daß Sie von beiden Seiten erschienen sind, und daß eS uns vergönnt ist, einer Versammlung beiwohnen zu können, über deren geschichtliche Bedeutung die Zukunft besser urteilen wird, als die Gegenwart(Sehr wahr!). Wir glauben, daß dieser erste Schritt zu weiteren und bedeu- tungsvolleren Schritten führen wird, bis eS den privaten Versuchen gelingen wird, die Regierungen zur Verständigung und zu einem dauernden Frieden zwischen beiden Völkern zu veranlassen. Nachdem der lebhaste Beifall, den die Rede dieses Veteranen der Arbeiterklasse bei den deutschen und französischen Delegierten hervorgerufen hat, verklungen ist, ergreift im Namen der Stadt Bern der sozialdemokratische Nationalrat G. Müller, der be- kannte Oberstleutnant der schweizerischen Artillerie, das Wort zu folgender Ansprache: Im Namen des GemeinderateS imd des Stadtrates von Bern überbringe ich Ihnen den Gruß der Stadt Bern und ihrer Be- völkerung. Einige Mitglieder deS schweizerischen Nationalrates aus allen politischen Parteien unseres Landes haben die Initiative ergriffen, den Vertretern Deutschlands und Frankreichs auf neutralem Boden Gelegenheit zu bieten, sich über die Rüstungsfrage zu verständigen, sowie die Mittel und Wege zu einer Annäherung beider Länder zu besprechen. Die wohlwollende Aufnahme, die der Vorschlag gefunden hat, ist schon für sich allein ein moralischer Erfolg und zeigt, daß die Hoffnungen in den Völkern, die alle den Frieden wollen und mit allen ihren Interessen am Frieden hängen, sich sofort neu beleben, sobald sich auch nur die Möglichkeit zeigt, aus der Wirrnis und den drohenden Folgen eines unbegrenzten RüstnngS- wettkampfes den Weg der Vernunft, der Beruhigung und Verständigung zu finden. Gerade der Schweiz erscheint der Gedanke einer dauernden friedlichen Verständigung der Kulturnationen nicht als eine phantastische Utopie> sondern als�ein zwar ferne», aber nicht unerreichbare? Ziel. Die immer stärkeren Rüstungen ver- schärften immer mehr das Mißtrauen der Völker untereinander und drängten dadurch zu einer blutigen Entscheidung. Die Völker- gemcinschaft muß auf die neue Grundlage des Rechtes gestellt wer- den. Tie Sympathie aller, die die Befreiung von dem Alpdruck der unbemesscncn Rüstungen ersehnen, wird diese Kulturarbeit der Berner Konferenz begleiten. Für die französischen Parlamentarier ergreift der Se- vator,- b'Estournelles be Constant, der Vorsitzende der Schiedsgerichtsgruppe der französischen Parla- mente, das Wort. Er dankt im Namen aller französischen Freunde, die in Bern anwesend sind, und im Namen der vielen, die mil ihrem Herzen bei der Berner Arbeit sind, dem Schweizer National- rat für die Einladung, die Arbeit und den liebenswürdigen Emp- fang. Wir sind ohne Unterschied der Partei der Aufforderung zur deutsch-französischen Verständigungskonferenz gefolgt als Männer ohne Furcht und Tadel, geleitet von unserem persönlichen Gefühl und unserem nationalen Empfinden.(Stürmischer Beifall.) Die Schweiz folgt einer jahrhundertelangen Tradition, die sie zur Zufluchtsstätte aller freien Geister und aller kühnen Zukunftsgedanken gemacht hat. Auch die Ueberwindung der Kriegsgefahr und des Wettrüstens ist für sie eine würdevolle und dankbare Aufgabe. Man will uns lehren, daß alle diese Rüstungen nur eine Versicherung gegen den Krieg seien. Das ist die größte Unwahrheit. Denn um sie durchzuführen, werden alle Instinkte des häßlichen Chauvinismus geweckt, und nach ihrer Durchführung ist das finsterste Mißtrauen der Völker gegeneinander nur um so größer geworden.(Wiederholter stür- mischer Beifall.) Weit davon entfernt, den Frieden zu sichern, sind sie eine allgemeine Gefahr der Menschheit geworden. Wenn wir uns klug und würdig verständigen, erfüllen wir ein Ideal, an dem das Sehnen der ganzen Menschheit häng!. (Allgemeine Zustimmung.) Ter beste Patriotismus schließt die intimste Verbrüderung der Nationen nicht aus. Der wahre Patriotismus kann nicht darin bestehen, das eigene Land in Abenteuer zu stürzen. Möge es uns gelingen, hier den ersten Schritt zu einer Entspannung, Entwirrung und Entwaffnung zwischen Deutschland und Frankreich zu tun und dadurch den Weltfrieden dauernd zu sichern!(Langanhaltender stürmischer Beifall.) Bebel begrüßt beim Besteigen der Tribüne d'Estournellcs de Constant mit einem freundschaftlichen Händedruck, was die ganze Ver- sammlung mit lebhaftem Beifallsklatschen und vielfachen Hoch- rufen auf die beiden Männer beantwortet: Bebel sagt: Im Namen der deutschen Delegation, der gesamten ohne Unter- schied der Partei, sage ich den Einberufern und Veranstaltern dieser Konferenz unseren wärmsten und herzlichsten Dank. Sie haben ein schweres Stück Arbeit geleistet und viele Mühen und Sorgen gehabt, denn es ist das erstemal, daß nicht national oder international Wissenschaftler, Volkswirtschaftler oder Politiker zu- sammentreten, sondern die parlamentarischen Vertreter der beiden großen Nachbarnationen zu gemeinsamer Beratung vereinigt werden, die sich schon so oft als Feinde gegenüber gestanden haben. Wenn sie heute Mittel und Wege suchen, um endlich ein friedlich�? Miteinanderleben und eine freundschaftliche Verständigung zu er- reichen, so ist das ein großer historischer Tag.(Lebhafter Beifall.) Diese Konferenz war eine bittere Notwendigkeit. Die Welt schrie förmlich danach.(Erneute Zustimmung.) Es sind heute fast auf den Tag 42 Jahre, daß der Frankfurter Friede geschlossen wurde, jener Friede, an dessen Spitze, wie üblich, die Worte standen, daß es ein ewiger Ftiede sein sollte. Aber noch ehe die Tinte trocken war, mit der er unterzeichnet wurde, wußten alle, die ein wenig über den nächsten Tag hinaus- sehen konnten, daß daraus nur neue Wirren und Unzuträglich- leiten entstehen würden. 42 Jahre lang sind seitdem Deutschland und Frankreich und ganz Europa nicht zur Ruhe gekommen, 42 Jahre der Unruhe, 42 Jahre gegenseitigen Mißtrauens und 42 Jahre des Rüstungswettlaufes sind gefolgt bis zu diesen letzten ungeheuerlichen Anstrengungen, die die Völker vielleicht überhaupt nicht mehr zu ertragen vermögen.(Sehr wahr!) Dadurch ist in Millionen Herzen die Frage tvach geworden, wo soll das hinaus? Soll das so bleiben, oder kann das anders werden?(Vielfaches Sehr gut!) Die Antwort auf diese Frage ist die Einberufung dieser Konferenz, für die wir unseren Schweizer Freunden danken. Sie wird ein schweres Stück Arbeit zu leisten haben. Weite Kreise der Nationen stehen unserem Unternehmen noch zweifelnd gegen- über; es hat eine Menge geheimer und mächtiger Feinde, die nur wünschen, daß nichts Ersprießliches zustande kommt. Wir werden alles daran setzen, diese Erwartungen zu zerstören.(Stür- mischer Beifall.) Wir gehen einen schweren Gang. Aber aller Anfang ist schwer, und wo ein Wille ist, da ist ein Weg.(Sehr gut!) Den Willen haben wir, weil wir der Uebcrzeugung find, daß Millionen und Abermillionen von Menschen hoffnungsvoll nach Bern blicken und die deutsch. französische Verständi- gung herbeisehnen.(Allgemeine Zustimmung.) Wir ver- treten die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Menschlichkeit, den Frieden und die Wohlfahrt der Rationen und vertrauen darauf, t>aß immer weitere und weitere Kreise auch derjenigen, die uns heute noch spöttelnd gegenüberstehen, eines Tages unsere Ideen annehmen werden. Gehen wir ans Werk, frischauf vorwärts! (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Konrad Haußman» it lebhaftem Beifall begrüßt): Auch ich sage den Schweizer Kollegen und den Vertretern der Stadt Bern Dank für ihre Ein- ladung und für den Geist, von dem sie getragen ist, einen? Geist, den wir soeben an?'den Begrüßungsworten kennen gelernt haben. Wir erblicken in der Schweiz unser großes Vorbild da- iur, daß die größte Vaterlandsliebe— und die ist nirgends größer als in der Schweiz— aufs allerbeste mit der Nachbarschaft- lichen Jnternationalität und Freundschaft vereinigt werden kann, ohne daß die wirtschaftlichen, geistigen und körper- lichen Kräfte des Volkes irgendwie darunter Not beiden.(Bravo!) Die Fortschrittliche Volkspariei hat ihre Mitglieder aufgefordert, hierher zu gehen und wir sind in stattlicher Zahl aus Norddeutsch- land, Süddeutschland und dem Elsaß erschienen. Unsere Zahl wäre noch größer, wenn nicht gerade jetzt die preußischen Neu» Wahlen eine außerordentliche Kraftanstrengung auf den Redner- tribünen erforderten. Aber unser gesamter FraktionS- vorstand übersendet Ihnen den Ausdruck seiner wärmsten Sym» pathie. Wir haben die Einladung der Schweiz dahin aufgefaßt. daß die Schweiz als guter Mittler den Grad von Willen festgestellt haben will, der in den beiden Nationen vorhanden ist, ihrer Ent-- 'remdung Einhalt zu tun. Wir deutschen Abgeordneten können es mit gutem Gotvissen aussprechen, daß ein tiefes und ehrliches FrirdenSbebürfniS und der feste Wille zu loyaler Nachbarschaft im deutschen Volke vorhanden ist.(Stürmischer Beifall.) Wir sind hocherfreut, aus dem glänzenden Besuch der heutigen Konferenz durch französische Abgeordnete und Senatoren den gleichen Willen bei unseren Nach- barn feststellen zu können. CErneuter Beifall.) Wir machen uns keine Illusionen über die Schwierigkeiten unserer großen und ichönen Aufgabe. Aber wir sind fest überzeugt, daß der in Deutsch- land und Frankreich seinem Vaterland am besten dient, der alles (Lebhafte Zustimmung.) Wenn wir nur die Gegensätze herbor- tut: pcrnr sc rnieux connaitre(daß man sich besser kennen lerne). kehren, muh schließliH in Heiden Nationen ejne Unterernährung an Ideen eintreten. Wir sind überzeugt und meinen es ernst mit dem Spruch: ei»aus nous cbercbons,»aus oous trouverons! (Wenn wir uns nur suchen wollen, werden wir uns schon finden.) (Stürmischer Beifall.) Vorsitzender Nationalrat Grimm verliest eine Reihe von Ent- schuldigungen und Sympathieerklärungen: Reichstagsabgeordneter v. Liszt wünscht der Konferenz von Herzen besten Erfolg. Reichstagsabgeordneter v. Bayer drückt seine Ueberzeugung aus, daß beide Nationen sich nichts besseres wünschen können, als die friedliche Verständigung untereinander und das Aufhören des Rllstungswettkampfes. Reichstagsabgeordneter Dr. Müller-Meiningen billigt die Ziele der Konferenz von ganzem Herzen und sagt gern seine Mitarbeit zu.(Beifall.) Reichstagsabgeordnetcr Generalmajor Haeußler(Z.) bedauert, daß seine Gesundheit ihm die Teilnahme an der Konferenz nicht gestattet, wird aber die Beratungen mit größtem Interesse und wärmster Sympathie verfolgen.(Lebhafter Beifall.) Die Reichstagsabgcordneten Dr. Südekum und Lebebour ent- schuldigen ihr Fernbleiben mit Unwohlsein und Arbeitsüber- Häufung. Die nationalliberale Fraktion des Deutschen Reichstags schreibt dem einladenden Komitee: „Geehrte Herren! Für die mit Ihrem geehrten Schreiben vom 9. April an die nationalliberale Fraktion gerichtete Ein- ladung sagt Ihnen der Unterzeichnete im Namen und Auftrag der Fraktion besten Dank. Wir haben unsere Mitglieder ans die jedem einzelnen noch besonders zugegangene Einladung auf- merksam gemacht. Den Bestrebungen nach einer deutsch-fr zö- fischen Verständigung steht auch unsere Fraktion sympcu üh gegenüber.— gez. Beck, Geh. Regicrungsrat." Erklärung der deutschen und französischen Sozialdcmokratric. Die deutsche und französische soztaldemokra- tische Parlamentsfraktion und der P a r t e i v o r st a n d der deutschen und französisch'cn Sozialdcmo- kratie geben folgende gemeinsame Erklärung ab: Auf dem Kongreß zu Basel 19l2 und in dem gemeinsamen Manifest von 1913 haben sich die sozialistischen Parteien Frank- reichs und Deutschlands von neuem zu einer einheitlichen Aktion gegen den Krieg verbunden. Mit wachsender Kpaft haben sie gegen den Militarismus und den Imperialismus, sowie gegen das verstärkte Wettrüsten Stellung genommen. Ihre Abgeord- neten in den Parlamenten und ihre Zeitungen haben ebenso wie das kämpfende Proletariat in seinen Massenversammlungen sich mit aller Macht gegen die neuesten Ausbrüche des Rüstungs- Wahns erhoben. Sie stellen unermüdlich die Kriegshetzereien und die Manöver der kapitalistischen Rüstungsindustrie an den Pran- ger. Solidarisch vereinigt, betrachtet die Arbeiterklasse beider Länder jeden Versuch, sie in einen brudermordenden Krieg zu treiben, als nichtswürdiges Verbrechen. Nachdem sich glücklicherweise der durch den Imperialismus erzeugte Gegensatz zwischen England und Deutschland vermindert hat, ist die von den Sozialisten heiß ersehnte französisch-deutsche Annäherung das wirksamste Mittel, die europäische Kriegsgefahr zu beschwören und durch einen Zusammenschluß von Deutschland, Frankreich und England in dauerndem Frieden die Vorbedin- gungen fiir die EntWickelung des menschlichen Fortschrittes zu schaffen. Für die französisch-deutsche Annäherung ist eine unschätzbare Hilfe aus Elsaß-Lothringen gekommen, das seinen Ab- scheu vor einem Kriege um seinetwillen sowie den festen Entschluß verkündet hat, mit einer autonomen Verfassung das lebendige Bindeglied der beiden großen Nationen zu werden. Die Sozialdemokratie beider Länder kämpft gegen den Mili- tarismus und führt die Demokratisierung der Heeresverfassung, für den Ersatz der stehenden Armee durch die Miliz, die aus- schließlich der Verteidigung des Landes dient, sie am besten ge- währleistet und damit zugleich jedem Volke seine Freiheit und seine Selbstbestimmung sichert. Sie fordert die Schlichtung aller internationalen Streitig- ketten durch Schiedsgerichte. Die modernen Kriege mit ihren fürchterlichen Greueln und unsäglichen Verwüstungen bedrohen auch die weitesten Schichten des Bürgertums. Alle Bestrebungen bürgerlicher Gruppen und Parteien, die sich gegen die chauvinistische Verhetzung der Völker, gegen die Eroberungspolitik und die Rüstungstreibereien richten, können auf die tatkräftigste Unterstützung der Sozialdemokratie beider Länder rechnen. Die französische und die deutsche Sozialdemokratie begrüßt deshalb aufs wärmste den Zusammentritt der Konferenz zu Bern und spricht den Wunsch aus, daß durch sie, auch über die Kreise der Arbeiter hinaus, die Einsicht in die Zusammengehö- rigkeit der beiden großen Kulturvölker zum Wohle der Menschheit gefördert werde. Nationalrat L u r a t i- Tessin und Nationalrat Seidel- Zürich senden der Konferenz Bogrützungstelegramme. Die englische Arbeiterpartei telegraphiert:„Die parlamentarische Arbeiterpartei Großbritanniens sendet Ihnen Grütze und hat das beste Vertrauen, daß die Berner Konferenz dazu beitragen wird, zwischen den Völkern Frieden und Freund- schaft herzustellen."(Beifall.) Die Winer Friedensgesellschaft sendet eine De- � pesche, welche schließt:„Die Friedensfreunde der ganzen Welt unterstützen Sie m Ihrer edlen und weism Aufgabe. Berta von©uttner.* Der'Gemeinderat von Nimes wünscht dem Kongreß besten Erfolg: Noch Verlesung einer Reihe weiterer Begrüßungsteleyrammc werden die öffentlichen Verhandlungen auf Nachmittag ö Uhr ver- tagt. Inzwischen treten die beiden nationalen Sektionen, erst ge- trennt, dann gemeinsam, zur Beratung und Beschlußfassung über die Wahl des Präsidiums und der Resolutionskommiffion?u- sammen. Im Saale der Aula und auf den Galerien herrschte eine bc- ängstigende Fülle, ebenso auf den für die Presse reservierten Plätze», die von mehr als hundert Journalisten aus Teutscbland. Frankreich und der Schweiz bestürmt wurden. Unangenehm berührte es die deutschen Abgeordneten, daß die beiden gemeldeten Zen- trumSmitglieder Dr. Pfeiffer und Dr. Belzer nicht er- ch i e n e n sind. Dafür find die Forffchrittler zahlreicher vertreten, als ma nbis zur letzten Minute erwartet hatte. Unter anderem sind von ihnen noch eingetroffen: Reichstagsabgeordneter Koch und der bayerische Landtagsabgeordnete O u i d d e. Unter den französischen Delegierten find die vier ehemaligen Minister: der Justizminister Raynaud, der Arbcitsminister Paul B o n c o u r. der Bauten- minister Augagneur und der Handelsminister C o u y b a. ? y»? den Abend siich die Delegierten vom Internationalen Friedensburcau zu einem geselligen Beisammensein eingeladen. An die französischen Delegierten und die Pressevertreter hat außerdem der französische Gesandte in Bern die Einladung zu einem Empfang ergehen lassen. % Nach Schluß der Plenarsitzung lralen die deutschen und sran- zöfischen Sektionen getrennt zusammen, um die Zusammensetzung des Präsidiums der Tagung und der Resolutionskommission zu be- stimmen. Die Beratung der internationalen Sektionen und der ge- meinsamen Kommission nahmen durchgängig nur kurze Zeit in Anspruch, da überall ohne Mühe einstimmige Beschlüsse erzielt wurden. Die Kommisfionsmitglieder berichteten sodann wiederum an ihre nationalen Sektionen und holten deren Zustimmung ein. Alle diese Verhandlungen waren nur den eingegangen Abgeordneten zugängig. Ein Bericht über ihre Verhandlungen, die durchweg nur der Feststellung eines einwandfreien Wortlauts des Textes galten, da in der Sache vollkommene Uebereinstimsnung herrschte, soll nicht gegeben werden. Gegen 7 Uhr eröffnete Nationalrat Grimm die zweite öffent- lieh« Plenarsitzung und teilte folgendes mit: Die nationalen Delegationen haben im Lause des TageS das Konferenzbureau bestellt und ein« Redaktionskommisfion gewählt. In das Bureau wurden delegiert von französffcher Seite als Präsi- dent der Senator D'EstournelleS de Co»stant,als Vizepräsidenten Gaston M eu ni er und Jean Jaures; von deutscher Seite als Präsident Reichstagsabgeordneter Haas«, als Vizepräsidenten die Reichstagsadgeordncten Konrad Hauß- mann und Dr. R i ck I i n. Sie bildeten unter Zuziehung einiger weiterer Herren die Redaktionskommission, und zwar waren in ihr von französischer Seite die Herren d'Eswurnelles de Constant, Gaston Meunier, Jean Jaures, Metin und Couhba, von deutscher Seite die Herren Haase, Konrad Haußmann, Dr. Frank, Dr. Haegy und Liesching. Damit ist die� Aufgabe de? Schweizer Nationalrats erfüllt und ich übergebe den Vorsitz an Ihr gewähltes Präsidium. D'EstournelleSd« Constant und Haase übernehmen das Präsidium und legen der Versammlung in französischer und deutscher Sprache folgende Resolution vor, um deren einstimmige und debattelose Annahme sie im Aus- trage des gesamten Präsidiums bitten: „Die erste Konferenz der deutschen und französischen Par- lamentarier, versammelt zu Bern am 11. Mai 1913, wendet sich mit aller Entschlossenheit gegen die verwerflichen chauvi- nistischen Hetzereien jeder Art und gegen die sträflichen Treibe- reien, die auf beiden Seiten der Grenze den gesunden Sinn und die Liebe der Bevölkerung zum Vaterlande irrezuführen drohen. Sie weiß und verkündet, daß die beiden Völker in ihrer ungeheuren Mehrheit den Frieden wollen, diese oberste Be- dingung jeden Forffchrittes. Sie verpflichtet sich, unermüdlich daran zu arbeiten, daß Mißverständnisse zerstreut und Konflikte vermieden werden, und sie dankt von Herzen der vom Volke gewählten Ver- tretung Elsaß-Lothringens, das sie durch ihre einstimmigen hochherzigen Erklärungen die Annäherung beider Länder zu einer werktägigen Gemeinschaft der Zivilisation erleichtert hat. Sie lädt ihre Mitglieder ein, mit aller Kraft auf die Regierungen der Großmächte zu wirken, daß sie eine Be- schränkung der Ausgaben für Heer und Flotte herbeiführen. Die Konferenz tritt warm ein für den von dem Staatssekretär der Vereinigten Staaten Bryan in der Schiedsgerichtssrage gemachten Vorschlag. Sie fordern demgemäß, daß Konflikte, die zwischen den beiden Staaten entstehen könnten, und die auf diplomatischem Wege nicht zu schlichten sein sollten, dem Haager Schiedsgericht unterbreitet werden. Sie zählt auf ihre Mitglieder, daß sie in diesem Sinne eine tatkräftige und nachhaltige Wirksamkeit entfalten werden. Sie ist überzeugt, daß eine Annäherung zwischen Deutsch- land und Frankreich die Verständigung zwischen den großen Mächtegruppen erleichtern und damit die Grundlage für einen dauernden Frieden schaffen werde. Sie beschließt, daß ihr Präsidium sich als ständiges Ko- mitee konstituiert mit dem Recht beiderseitiger Kooptatton. Sie gibt dem Komttee zugleich den Austrag, neue Kon- ferenzen periodisch oder, je nach den Umständen, unverzüglich einzuberufen/ Die Verlesung der Resolution wird sowohl von den ftan- zöfischen als auch von den deutschen Abgeordneten mit stürmischen, langanhaltenden Beifallskundgebungen begleitet. Besonders der erste Satz, der die Treibereien der Chauvinisten und Rüstungs- üitercssenten geißelt, die Feststellung von der Unentbehrlichkeit des Volkerfriedens für die Kulturentwickelung, der Dank an die elsaß- lothringische Volksvertretung für die klare und mutige Erklärung ihres Friedenswillens und die Einsetzung deS Präsidiums als dauernde Kommission werden mit jubelndem Enthusiasmus aufgenommen. Nach der Bekanntgabe des ResolutionScntwurfes fordern die Prapdenten die Versammlung auf, abzustimmen. Sämtliche anwei enden Abgeordneten erheben sich und geben durch Handaufheben ihre einmütige Zustimmung zu dem Beschluß. Die ganze Versammlung, Saal, Galerien und Presse brechen in einen begeisterten, minutenlangen Beifallssturm aus. Reihen der französischen Abgeordneten ertönen zahllose Jubelrusc: Vive la paix! Vive la Solidarite Internationale! l Es lebe der Friede! Es lebe die internationale Soli- darität.)-�r sturmische Beifall wiederholt sich noch einmal, als die Präsidenten den Schweizer Kollegen, insbesondere National- rat Grimm, den wiederholten Dank der Versammlung aussprechen und ihnen veriichern, daß sie sich um das Wohl Frankreichs, Teutschlands und der ganzen Welt hochverdient gemacht haben. Unter der lebhaftesten und tiefsten Bewegung aller Abgeord- neten wird die erste deutsch-ftanzösische Verständigungskonferenz geschlossen. Nach offiziellen Angaben zählte die Konferenz 218 Teilnehmer, nämlich 41 Mitglieder des Deutschen Reichstages, 4 Mitglieder de» elsäsfischcn Landtages, 164 der ftanzösischen Kammer und 21 des französischen Senats.___ Parteitag der Defnohratlkften Verewigung. Magdeburg, den 12. Mai. . Ter S. Parteitag der Demokratischen Vereinigung fand gestern »nd heute in Magdeburg statt. Anwesend waren 161 Delegierte. �cach einer Begrüßungsansprache von Professor Schümer-Mag- Osburg wurden zu ParleitagSvorsitzendcn gewählt Oberst a. T. �adke.Ztcglitz. Frau Adele Cchrciber-Krieger und Blume-Magdc- °urg. Eintritt in die Tagesordnung wurde auf Antrag von vo,e-Gotha einstimmig beschlossen, der Interparlamentarischen hs°"z°nsch-deutschen VerftändigungSkonferenz in Bern folgendes »egrußungstelegramm zu senden: »Der in Magdeburg versammelte Parteitag der Temolrati- scheu Vereinigung übersendet der Interparlamentarischen Kon- ferenz die herzlichsten Grüße der deutschen Demokratie und den Ausdruck ihrer Sympathie mit allen auf internationale Ver- ständigung, auf Schiedsgerichte und Erhaltung des Friedens gc- richteten Bestrebungen. Insbesondere hält sie den Abschluß eines Schiedsgerichtsvertrages zwischen Deutschland und Frankreich für den sichersten Hort des allgemeinen Friedens und für die vor- nehmste Bedingung für jede Beschränkung der Rüstungen. Möge aus den Beratungen der Konferenz der Geist der Eintracht und des gegenseitigen Verständnisses zwischen den beiden großen Kulturvölkern neue Stärke gewinnen." Der Schriftführer, Dr. Glaser- Schöneberg, erstattete darauf den Geschöftsbericht. Da die Demokratische Vereinigung nicht über reiche Geldgeber verfügt, sei eine Beitragserhöhung notwendig geworden, die zu einem Rückgang der Mitgliederzahl geführt habe. Die Partei habe jetzt 7805 Mitglieder. In der letzten Zeit hätten sich mehrere neue Ortsgruppen gebildet. In seinem politischen Jahresbericht ging dann der Parteivorsitzende v. G e r l a ch besonders auf die Haltung der Fortschrittlichen Volkspartei zu den aktuellen politischen Fragen ein. Diese Partei habe sich immer weiter nach rechts ent- wickelt und damit erneut den Beweis für die Notwendigkeit einer unabhängigen demokratischen bürgerlichen Partei erbracht. Die bevorstehenden preußischen Landtagswahlen betrachte die Demokra- tische Vereinigung als einen preußischen Wahlrechtskampf. Deshalb dürfe unter keinen Umständen ein Nationalliberaler unterstützt werden, der gegen das gleiche Wahlrecht und für die Gemeinde- drittelung sei. In den Wahlkreisen, wo Fortschrittler und National- liberale gemeinsame Wahlmänner aufstellen, dürften auch die Fort- schrittler nicht unterstützt werden. Auf keinen Fall dürfe ein Nationalliberaler als kleineres Uebcl betrachtet werden, auch wenn dadurch ein Zentrumsmann gewählt würde, v. Gerlach schloß seine mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit dem Ausdruck der Erwartung, daß die Demokratische Vereinigung jetzt einen neuen Aufstieg nehinen werde. In der Debatte sprachen sich alle Redner dafür aus, daß, ab- gesehen von Ober- und Nieder-Barnim, wo mit allem Nachdruck für die Kandidatur v. Gerlachs zu arbeiten sei, überall die sozial- demokratischen Kandidaten unterstützt werden müßten. Eine längere Debatte knüpfte sich an einen Antrag von Schöneberg-Friedenau, der dem Vorstandsmitglied Frau Regina Deutsch ein Mißtrauensvotum aussprechen wollte, weil sie im Verband für Frauenstimmrccht gegen die Aufrechterhaltung der Forderung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahl- rechts gestimmt habe.— Der Antrag wurde schließlich abgelehnt und ein Vermittelungsantrag v. Gerlach angenommen, der es für die Pflicht jedes Parteimitgliedes erklärt, auch in jeder anderen politischen Organisation, der es angehört, für das demokratische Wahlrecht einzutreten. lieber die neuen Wchrvorlagen sprach Oberst a. D. G ä d k e. Seine Ausführungen gipfelten in einer Resolution, in der es heißt:„Der Parteitag mißbilligt die von der Regierung ohne genügende Unterlagen eingebrachten Wehrvorlagen. Er dedauert, daß dadurch eine neue Aera des Wettrüstens eingeleitet worden ist. Entschlossen, dem Vaterland alles zu geben, was zur Verteidigung seiner Unabhängigkeit, seiner Ehre und Wohlfahrt erforderlich ist, hält der Parteitag jedoch eine wesentliche Verkürzung der Dienstzeit schon jetzt für zulässig. Die Uebergriffe der Militärgewalt in das bürgerliche Leben, ihre Ein- Mischung in die politischen Kämpfe des Tages und ihre Angriffe auf die Ehre und Unabhängigkeit von Staatsbürgern, die von ihren gesetzlichen Rechten Gebrauch machen, verurteilt der Parteitag aufs schärfste und verlangt hiergegen erhöhten, auch strafrechtlichen Schutz und eine wirksame Aufsicht des Parlaments über die Kom- mandogewalt." Diese Resolution wurde nach kurzer Debatte einstimmig an- genommen. Zu Vorsitzenden der Partei wurden gewählt v. Gerlach- Berlin und G ä d k e- Steglitz, zum Schriftführer Dr. Glaser» Berlin und zum Kassierer Z u ck e r- Berlin. Zum AuSschußvor� sitzenden wurde Rechtsanwalt Dr. Halpert-Berlin gewählt. Politische debersicht. Konservative Sittlichkeit und das Cafe National. In Meinel-Hchdekrug an der Ostgrenze Preußens ist ein Heft tiger Landtagswahlkampf entbrannt. Bisher vertrat diesen Wahl- kreis im preußischen Abgeordnetenhause der Litauer Dr. Wilems Gaigalat, Pfarrer zu Prökuls, Optsschulinspektor, Gemeinde- waisenrat und Inhaber sonstiger hoher Aemter, der sich im letzten Landtag der deutsch-konscrvativen Fraktion angeschlossen hatte. Herr Gaigalat genoß früher das allgemeine Vertrauen des Kreises — von den im ganzen Kreffe gewählten 377 Wahlmännern stimm ten 367 für ihn. Doch seit einiger Zeit hat sich das geändert. Er ist zwar wieder für die bevorstehende LandtagSwahl aufgestellt erfährt aber von einem Teil seiner früheren GefinnungS- genossen heftige Angriffe. Warum? Hat er das Interesse seiner Wähler verletzt? Hat er die agrarkonscrvativen Grundsätze ver- leugnet? Nichts von alledem. Um solche Dinge kämpft man in Memel-Hehdckrug nicht. Einige seiner früheren Wähler beschul- digen Herrn Gaigalat, daß er nicht in genügendem Maße das litauische Nationalgefühl besitzt; doch daS ist Nebensache; vor allem hält man ihm vor, daß er noch aus seiner Berliner Studentenzeit (er hat zu Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts in Berlin Theologie und Philologie studiert) eine große Vorliebe für die Cafes der Friedrichstraße befitzt, besonders für das„Cafe National", dessen Prostituierte ihn, wie behauptet wird, als alten Bekannten betrachten. Solchen Vorwurf konnte Herr Pastor Gaigalat nicht gut auf sich sitzen lassen; er hat also erklären lassen, daß er das„CasL National" nur aufgesucht habe, um Material für eine Rede über die Frauenfroge und die Prostitution zu satn- mein und um soziale Studien zu treiben. Die konservativen Ge» müter des Kreises Memel-Heydekrug find aber in diesem Punkt etwas ztoeiselsüchtig. Sie halten diese Versicherung für eine leere Ausrede. So erläßt denn einer der früheren Bekannten des Herrn Pastors Gaigalat im„Memcler Dampfboot" folgendes ent- rüstungsvolle Schreiben, das als Dokument ostpreußischer Sitten- pflege und Kultur aufbewahrt zu werden verdient. »Pfarrer Dr. Gaigalat im„Cafe National". Lußen per Memel, 7. Mai 1913. Geehrte Redaktion! Leider bin ich heute und die nächsten Tage verhindert, zur Stadt zu kommen. Ich muß daher mich schriftlich an Sie wenden, und zwar, um meine ganze Entrüstung dar- über auszusprechen, wie jetzt in der»Ostpreußischcn Zeitung" der Vorgang im»Cafe National" in Berlin entstellt wird. Insbesondere verstehe ich nicht, wie Dr. Gaigalat, als Pfarrer, als ein Mann, der die Wahrheit nicht nur reden, sondern suchen soll, erklären kann:„er habe das Lokal(..Cafe National") betreten, um erstens Studien ftir eine zu haltende(und gehaltene) Rede über Frauenfrage und Prostitution zu machen, sodann aber, um seine Begleiter(Strekys und. mich) zu überzeugen, welche traurigen Folgen die leichtsinnige Abwanderung nach den großen Städten namentlich für die weibliche Jugend haben kann und oft hat." Kein Wort hat mir Dr. Gaigalat von diesem angeblichen Zweck unseres Besuches in diesem Lokal vorher mitgeteilt, er hat mir nicht einmal gesagt, welcher Art dieses Lokal ist, daß da- selbst die Unsittlichlcit gefördert wird. Hätte er mir das gesagt, so wäre ich niemals mit ihm gegangen. Ich hrauche und will keine Studien über Frauen- frage und Prostitution machen, und wenn Dr. Gai- galat das wollte, da konnte er mich als einen ehrsamen Familien- vater wenigstens weglassen. Ihm, dem Dr. Gaigalat, schien allerdings sein Studium viel Freude zu machen, denn leider amüsierte er sich köstlich darüber, daß fünf bis sechs dieser verdorbenen Mädchen an mich her- antraten und mit mir anzubandeln versuchten. Wie mir jetzt von Leuten, die dieses Lokal ebenso kennen wie Dr. Gaigalat, gesagt wird, dürfen jene Mädchen, die von der anwesenden Polizei bewacht werden, nur auf besondere Auf- forderung an Herren herantreten, und da ich natürlich die Mädchen nicht aufgefordert habe, bleibt kein anderer Schluß, als daß Dr. Gaigalat dies getan oder daß ihn die Mädchen so genau kannten, daß sie zu ihm und seinen Freunden glaubten unaufgefordert herantreten zu dürfen. Das letztere scheint mir sogar nach der jetzt von Dr. Gaigalat abgegebenen Erklärung das wahrscheinlichere zu sein, denn wenn er, wie er selbst sagt, Studien über diese Dinge gemacht hat, muß er wohl oft solche Lokale besucht haben. Diese Studien haben sich offen- bar jahrelang hingezogen, denn der Vorfall mit uns ereignete sich im Jahre 1007, und die auch mir bekannte Rede hierüber bat Dr. Gaigalat im Abgeordnetenhause im Jahre 1012 ge- halten, also fünf Jahre später. Auffalleist) ist, daß auch bei dieser Gelegenheit Dr. Gaigalat sich von einem Abgeordneten dasselbe sagen lassen mußte, was ich ihm sagen mutz, daß, wenn man seinerseits mit jenen Mädchen nicht anfängt, sie auch die Männer in Ruhe lassen. DaS zur Erwiderung auf die unwahre Darstellung in der konservativen Zeitung, und ich bitte Sie, diese Erklärung in Ihr Blatt aufzunehmen. Hochachtungsvoll gez.: Michel Kaitinnis, Lußen." Hoffentlich hat die Sittlichkeit des Herrn Michel Kaitinnis- Lützen im Berliner„Cafe National" keinen Riß bekommen. JiN allgemeinen erweist sich ja die strcngkonservative ländliche Sittlich- keit wenig gewappnet gegen die sündlichen Verlockungen Berlin?; sollen doch das„Cafe National" und gewisse Ballsäle, wie z. B. Moulin rouge, Ballsäle, Amorsäle usw. nie überfüllter sein, als zu Zeiten der großen landwirtschaftlichen Woche. Unnötige Äufregung. Die schon seit langem leidenden Nerven der Redaktion des Spezialpublikationsorgans der großindustriellen Rüstungsinteressenten, der ehrsamen„Rhein-Westf. Ztg.", haben durch die bereits von uns in der letzten SonutagsauS- gäbe erwähnten sonderbaren„Enthüllungen" der französischen Sozialisten Gustav Herv6 in seinem Buch„Elsaß-Lothmgen" einen schweren Schlag erlitten. In einem von der schwersten Form der Kastrattonshysterie zeugenden, die Ueberschrist „Rote Volksverräter" ttagenden Arttkel schreibt das Blatt der Kanonen-, Munitions- und Panzerplattenfabrikanten: „Wenn die Regierung nach dieser Enthüllung, die den deut- scheu Genossen sehr unangenehm sein wird, nicht endlich anfängt, den vom Kaiser schon vor zwanzig Jahren proklamierten, aber niemals begonnenen Kampf gegen die Genossen nicht nur mit Worten, sondern mit Taten durchzuführen, so bekennt sie sich als bankerott." Wir können dieser albernen Aufregung gegenüber nur wiederholen, was wir schon am Sonntag erklärt haben, nämlich, daß irgendwelche Abmachungen, außer der aller Welt bekannt gewordenen Resolu- tion, die der internationale Kongreß in Basel zur Kriegsfrage faßte, nicht getroffen worden sind._ Die ßellegung der ßalßankrlfe. Die zweite Friedenskonferenz. S o f i a, 12. Mai. Die Antwortnote der Verbündeten ist heute vormittag überreicht worden. Darin werden für die Friedens- lonferenz in London dieselben Friedensdelegirrten ernannt wie für die erste Friedenskonferenz. Griechisch-bulgarische LiebeuSwiirdigkeiten. Sofia, 11. Mai. Kürzlich ereignete sich ein Zwischenfall nordwestlich von P r a v i s ch t. wo eine halbe Kompagnie Bulgaren von griechischen Truppen angegriffen wurde. Der Zwischenfall wurdst beigelegt; in dem aufgenommen Protokoll hat sich der griechjschd Offizier für schuldig erklärt.— Gestern ereignete sich' E l e u t h e r i, nordöstlich von Pravischt, ein ähnlicher Zwischenf Die Griechen eröffneten dort daS Feuer gegen die Bulgaren, w die Ortschaft besetzt hielten. Der Ausgang deS Zusammenf ist noch nicht bekannt. Athen, 12. Mai. Die Antwortnote der Verbündeten( die letzte Note der Mächte wird morgen übergeben wert Die Verbündeten sind damit einverst and« die Feindseligkeiten einzustellen und � London an der Friedens kon ferenz teilzunehmen. Die Verbündeten sprechen ihr Bedauertt darüber aus, daß die Mäckste die von ihnen gemachten Vor- behalte, welche Lebensfragen der Verbündeten betreffen, nicht in Erwägung gezogen haben. letzte Wachrkhtcn, Die bevorstehende Uebergabe. Rom, 12. Mai. Nach einer Meldung der„Tribuna" aus Skutari sind die zur Besetzung von Skutari bestimmten Matrosenadteilungen der Blockadeflotte gestern abend in San Giovanni di Medua ge- landet. Man erwartet daS Eintreffen in Skutari heute abend oder morgen ftüh. Am 15. d. M. wird die feierliche Uebergabe der Stadt an die Truppen der Mächte erfolgen. Schließung des Hafens Cavallä. Saloniki, 12. Mai. Die bulgarischen Behörden haben gestern die Schließung des Hafens Cavalla angeordnet. Bedauernde Zustimmung. Saloniki, 11. Mai.(Meldung der Agenzia Stesam.) Vor einigen Tagen hatten die Bulgaren P r c v i st a geräumt, das dar- auf von griechischen Truppen besetzt wurde. Als die Bulgaren wiederum zurücklehnen, kam es zwischen ihnen und den griechischen Soldaten zu Streitigkeiten, wober es auf beiden Seiten Tote und Verwundete gab. Von den Griechen sollen siebzig Mann getötet und fünfzig gefangen genommen worden fein. [leine Uerier Stück 2 Pf. Hancliester- Anzüge H�rke Gambrinua. Wann gefüttert. Strapazierfest. Joppe iwnoc 11.90 Weste 3.60 Hose.......6,75 Pn. blaue Hontenr- Jackßtte�e;od� echt. Extra lang. OeaetiL geschützt. Taschen- c\ a Z VerrlogelaDg. iL Alleinrerkaiif. Gestreift od. einfarbig. Kernig n. stark. Beste Arbeit. Bund ans einem Stück. A CA Schwere Taschen. Haopt-Katalo; Nr. 47 (Berofs- Kleidung) postfrei! ▼orxüglich in Wäsche Berufs- Kleidung für alie Zweite der Gewerke u, Industrie für Sanitätsdienst und jewerbe- polizeiliche Vorschriften Chausseestraße 29-30 Berlin 11 Brückenstraße 11 Gr. Frankfurter Str. 20 GesT- 1891 Schonet»., Hauptstr. 10 Theater. DievStaz, de» 18. SU ai 1913. Nnsang 8 Uhr. Soiseu. Und hätte der Liebe nicht... 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Tic Lage hat sich ja zur Zlbwechsclung wieder einmal entspannt, aber sie ist immer noch gefahrdrohend genug. Seltsamerweise stellt es sich jetzt heraus, daß nicht die wirklich bestehenden Truppen eine Gefahr allerersten Ranges sind, sondern am schlimmsten Hausen jetzt in Teutschland die drei nichtbcwilligtcn Kavallerieregimenter. Sic reiten Attacken, wie sie es als wirkliche, Fleisch und Dlut und Knochen tragende nie haften tun können, sie brausen über Deutsch- land dahin und versehen einen„Aufklärungsdienst", von dem sich die gewiegtesten Schlachtcnlenker noch nichts träumen ließen. Eine moderne wilde Jagd, von der Budgcttommission zu ewigem, körper- losem Spuk verdammt, gespensternde Ulanen, Husaren und Drago- ner, die beweisen, daß nicht nur die Toten, sondern auch die Unge- borencn schnell reiten. Ta es mit dem Leutnant und den zehn Mann nichts war, hoffen die Herren Ucberpatrioten jetzt den Reichs- tag durch die drei nicht existierenden Kavallerieregimenter über- rumpeln zu können und tummeln die schemenhaften Rciterschareu kräftig in ihren Spalten. Tie sind die schlimmsten. Freund Lcrtel ruft für ganze Schwadronen Hurrah! und die Gespenster überleiten den gesunden Menschenverstand am hellen Tag. Sollte aber auch diese neueste Schutztruppe der Reaktion nicht in der Lage sein, mit dem Umsturz fertig zu werden, so geben wir unertänigst anhcim, die Sache einmal mit dem nationalen Männer. gesang zu versuchen. Ter hat doch jetzt in Frankfurt Proben ab- gelegt, die jedes patriotisch empfindende Herz mit Tonnergewalt bewegt. Nicht nur des Basses Grundgewalt, wie er aus Brüsten mit der Verdicnstschnallc oder dem Roten Adler Vierter aufsteigt. Nicht nur der Bariton, wie er jüngeren Kanzleiräten eigen ist, ehe die Wichtigkeit des Amtes und der Dämmerschoppen das Befehls- organ zum Baß abdunkelt. Nicht nur der Tenor, den man am leicht bewegten Äiinstlcrschlips und an den kulanten, von Oberkellnern der ersten Hotels abgelernten Gebärden unschwer erkennt und dessen Blondhcit ein Abglanz verschwiege»� Kellnerinncnliebe krönt. Sondern auch di� Herren Kapellmeister, die, wie man las, ihren Kaiser militärisch begrüßten und dann in die Schlacht um den Käferpreis zogen. Vierzigmal erscholl aus gerundeten Männer- mündern das Preislied und bauschten sich über vierzigmal wech- feinde Männerbäuche die bewährten einstigen Hochzeitsfräcke. Und das Publikum hielt vierzigmal dem Ansturm stand und brachte es sogar fertig, als Dreingabe noch die Hymne:„Mit Gott für Kaiser und Reich stehend anzuhören, sowie den Chor:„O weile, Gottes- frieden! Lb dieser in der von der Sänger-Vercinigung erslehtcn Weise wirklich verweilt hat, geht aus dem Bcricbt nicht hervor. Das L-taatserhaltendc des Männergesangs hat sich auf jeden Fall wieder glänzend bewährt. Wenn man liest, daß der Potsdamer Männergesangvercin unter seinen 17l1 Mitgliedern nicht weniger als zwölf Hoflieferanten vereinigte, so kann an den guten Gesinnungen dieses Vereins kein Zweifel bestehen. Allerdings muß festgestellt werden, daß diesmal der Schneider des Kaisers nicht mitsang und somit ein Glanzpunkt in der Veranstaltung fehlte. Und während die Männerstimmen dröhnten und säuselten, der Tenor die Melodie mit einigem Aechzen gen Himmel führte, die Bässe die Adressen der reizvollsten Frankfurter Nachtlokale austauschten, schien nur e i n Gedanke die ganze imposante Versammlung zu beherrschen: zu- sammen, in dumpfer nahrhafter Gemütlichkeit die Herrlichkeiten im Stalle der staatlichen Ordnung zu verteilen und keinen andern an die Krippe heranzulassen. Ter Männergesang, meine Herrschaften, in nationalem Sinne ausgeübt und unter staatlicher Kontrolle vorgetragen, ist wie das bekannte dickflüssige Ocl, das jede, auch die stürmischste See bc- ruhigt. Wer seine Stimme in der Hymne„Mit Gott für König und Saterland" ertönen lassen durfte, kann sie nie wieder gegen die höchsten Güter abgeben. Ein besonders rührendes Beispiel erlebte nwn in den Tagen des Sängerwettstreits in einem Frankfurter Nachtlokal, dem„Betrunkenen Ferkel". Ta trafen sich der Rentier Kuliike aus Steglitz und der Hoflieferant Schulze aus Potsdam. � zeigte sich, daß das deutsche Familienleben in beiden so fest vcr- Wurzelt war. daß sie sich selbst diese kurzen Tage in der Fremde nicht ohne Fcstnilieuanschluß hatten denken können, sondern daß sie unter den Töchtern der Stadt sich eine Begleiterin gesucht und ge- ftinden hatten. Außerdem befand sich in dem anmutigen Lokal ein «ubjekt. das ein Berliner Verein in unverständlicher Verblendung als Mitglied aufgenommen und mitgebracht hatte, obwohl von ihm bekannt war, daß es sich schon des öfteren mißfällig über höhere Beamte ausgesprochen habe und sogar die Institution der Krieger- vereine mißachte. Kaum hatten sich Kulicke und Schulze begrüßt und die Körperformcn ihrer Begleiterinnen hochleben lassen, als sie des besagten Subjekts ansichtig wurden. Da sie nicht mit Unrecht befürchteten, dieses könne aus ihren Damen Schlüsse ziehen, die geeignet seien, sie in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, also verleumderische Beleidigung begehen, taten sie sich sofort zusammen, um diese geplante Straftat zu verhindern. Zuerst bestellten sie ldeutschen) Sekt und stellten dann in freiem Mannesmut die Be- sitzerin des„Betrunkenen Ferkels" vor die Wahl, entweder zwei solche splendide Gäste zu verlieren oder jenen Menschen, der lcdig- lich einen Wisky mit Soda konsumiere, vor die Tür zu setzen. Und da zeigte es sich, daß auch diese Frau, deren blonde Perücke urdeutsch wirkte, sich der allgemeinen patriotischen Stimmung nicht hatte entziehen können. Furchtlos und ohne nkit der Wimper zu zucken, forderte sie das Subjekt auf, seine wenig Gewinn bringende Gegenwart in ein weniger vornehmes Lokal zu verlegen, und als dasselbe zögerte, der Aufforderung nachzukommen, arrangierte die kluge Frau einen kleinen Hausfriedensbruch, so daß ein Polizist, nach Uebereichung eines größeren Likörs, in der angenehmen Lage war, das Subjekt auf die Wache mitzunehmen. Seine wirren An- gaben dort von gemeiner Mißgunst, alten Lebegreisen und gcwerbs- mäßiger Unzucht trugen den Stempel der Verleumdung auf der Stirn und fielen um so weniger ins Gewicht, als der Polizist unter seinem Diensteid bekunden konnte, die Herren Kulicke und Schulze hätten die Abführung des Subjekts mit zweistimmiger Absingung des Prcisliedes begleitet. So verhinderten zwei gesinnungstüchtige, geistesgegenwärtige Männer öffentliches Aergernis und übcrlicfer- ten einen Vaterlandslosen seiner gerechten Strafe. Jeder, der jetzt an den erhebenden Kaisertagen auS Frankfurt zurückkommt, wird solche und ähnliche rührende Züge von der Vater- ländisch hochgespannten Feststimmung zu berichten wissen. Lächelnd und ohne große Worte werden sie von den gewaltigen Strapazen erzählen, die ihnen der reichliche Alkoholkonsum auferlegt habe, die sie aber gern getragen hätten in dem Bewußtsein, jeder müsse das Seine zum Gelingen des Festes beitragen. Und bleiben wird das leuchtende Gedenken, unter den Augen des Kaisers in der dritten Reihe von hinten gestanden zu haben, schweißvoll und ein- geengt, im knappen Frack der lang vergangenen Hochzeit und bren- nenden Lacksticfeln und mit tausend Gleichgesinnten die Verse gc- suugen zu haben, die so naturwahr und treudeutschehrlich die Situa- tion ausdrückten: Und wird mir der Weg zu weit, nehm' ich meine Fiedel, Sing' von deutscher Herrlichkeit mir ein lustig' Liedcl! Karl Pauli. �/Komme boeuf— Der Och Fe* Don So L o t t. Der Amerikaner Taylor hat eine Arbeitsmethode ein- zuführen versucht, Hr zufolge die Fabrikarbeiterein von einem Zeitmesser fixiertes Arbeitspensum abzuar- beitcn sich verpflichten. „Unser Herr X. D. läßt Ihnen mitteilen, daß er in seinen Etablissements eine neue von Amerika �iportierte Methode zwecks möglichster Reduzierung der Arbeitszeir, die für jegliche mecha- nische Hantierung erforderlich ist, eingeführt hat. Wir bitten Sic, dicscrhalb unverzüglich nach dorthin zu kommen, da wir annehmen müssen, daß diese famose Methode, die auf dem Gebiete ratio- nellcr Zeitausnutzung eine Sensation bedeutet, für Sie von großem Interesse sein wird." So lautete der Brief, den ich eines Morgens erhielt, als ich inich gewohnheitsgemätz an die Arbeit setzen wollte. Ich zögerte keinen Augenblick, legte Papier und Feder bei Seite, und machte mich reisefertig, um der Einladung zu folgen. Denn sie kam von meinem Freund, dem Stahlkönig. Wie icb zu dieser Freund- schaft gekommen bin? Ter Stablkönig brauchte für einen Artikel, den er neu auf den Markt zu werfen beabsichtigte, eine Reklame, die ich zu schreiben beauftragt war. Diese Reklame gefiel ihm und brachte mir viel Geld eiN5.Seit- dem fühlten wir uns gegenseitig moralisch verpflichtet, was meiner- seits natürlich ganz ungerechtfertigt war, denn späterhin erfuhr ich, daß der Stahlkönig mit dieser Reklame immer noch mehr Geld verdient hat als ich. Mir blieb. nichts anderes als das gewiß sehr erhebende Bewußtsein, eines Königs Freund zu sein. In diesem Glück wiegte ich mich, folgte allen Winken des Stahlkönigs, die von nun an stets an mich ergingen, sobald er irgendwelche Neue- rungen in seinem Riesenreiche einführte. Mit nicht ganz uneigen. nützigen Gefühlen natürlich! Nach kurzer Bahnfahrt saß ich in dem offenen Landauer und ließ mich, auf dem Gummi der Räder wiegend, durch den ersten Frühling fahren. Ich zog die Einladung aus der Tasche. Was mochten sich diese Dankees ausgedacht haben? Ersatz der Handarbeit durch Maschinen natürlich. Wir stehen ja im Zeitalter der leblosen Kräfte. Irgendeine'neue Maschine, die durch eine einzige Drehung ihres gewaltigen Körpers ein paar hundert Menschenhände erfetzt. „Gräßlich!" dachte ich.„Wo werden wir Menschen noch hin- kommen, wenn wir letzten Endes nicht auch zu Maschinen werden?" Der Landauer hatte die liebliche Landschaft durchfahren. Nun hoben sich über den Horinzont gewaltige, rote Häuserkolosse- Schornsteine streckten ihre langen Hälse in schwarze Wolken, die gen Himmel kreisten. Rauch und Ruß schwängerten die Luft. Wir. näherten uns den Stahlwerken. Und da begannen die in Form und Farben sich gleichenden Arbeiterhäuser den Weg zu säumen. Was mir sofort aussiel, war, daß in den Vorgärten dieser Häuser, die sonst zur Tagesardeitszeit leer waren, Männer in höheren Jahren und solche, die die 40 kaum überschritten hatten, ihren Garten bestellten. Sie gruben ihr Gartenland. Aber wie sie gruben! Hastig, mechanisch. Stich für Stich, ohne sich umzu- schauen. Nicht einen Augenblick verließ die Hand den Spaten, das Auge den Boden. Keiner zog den Hut. Wie aufgedrehte Mechaniken vollführten sie, einer wie der andere, in gleichmäßig raschem Tempo ihre. Bewegungen, deren Grenzen vorgeschrieben schienen. Die gebogenen Rücken gingen auf und ab— ab und auf. „Sind das Menschen— oder sind das schon Maschinen?" dachte ich und wandte mich ab, denn etwas Fremdes, Unheimliches war bei diesem Anblick über mich gekommen, ein Gefühl deS SchauderuS, wie ich es einmal gespürt, als ich in die Station„Der Letzten" getreten war, jener Irren, die den Sinn des Lebens rettungslos verloren hatten. Warum arbeiten die Leute zu dieser Zeit für sich, gesunde arbeitsfähige Menschen? Und wenn sie das tun, warum liegt nicht diese friedvolle Gemächlichkeit über ihrem Tun, die den Segen der Eigenarbeit bedeutet. Der Wagen'hielt bor deS Stahlkönigs Schloß. Wie immer empfing er mich auf der Terrasse. Mit dem ersten Blick schon be- merkte ich, daß auch er verändert war. Sonst ein beweglicher Herr, der seine Rede mit lebhaften Gesten gern begleitete, stand er mir nun steif und bewegungslos gegenüber, als hingen Eisengewichte an seinen Armen.. Er sprach hastig, mit dem ersichtlichen Willen, keine Minute Zeit zu verlieren. Er fuhr nicht mit jener typischen Bewegung, die jedermann an ihm kannte, wohlgefällig über seinen Bart. Eine erschreckende Nervosität lag in feiner steifen Ruhe. Wir traten in das Haus. Mit knappem Griff, als fürchte er, zu weit zu gelangen, drückte er auf einen elektrischen Knopf. „Ich lasse Ihnen unseren Herrn Meunier kommen. Lr wird Ihnen die famose amerikanische Methode zeigen, die er in meinen Fabriken eingefiihrt hat." Und dann kam Herr Meunier wie ein aufgezogener Zinnsoldat — bewegungslos bis auf die Beine. Ich muß sagen, daß ich in höchster Erwartung de» Fabrik- gebäuden zuschritt. „Was ist es.- begann ich, und m der Spannung des Augenblicks wollte ich meine Hand auf Herrn Meunier» Arm legen. Herr Meunier fuhr entsetzt zur Seite und sah mich strafend an. „Wie können Sie zwecklos Ihre Hand bewegen, mein Herr? Jede Bewegung ist Zeit, mein Herr! Mit dieser Bewegung haben Sie eine Viertelstunde Zeit verloren das macht.., Bitte wollen Sie mir Ihr TagcScinkomuien nennen?" Das fiel mir gerade ein, Herrn Meunier mein TageSein« kommen zu verraten, das ich mir überdies noch nicht einmal selbst fixiert hatte. „Außerdem ist der Mann verrückt. Da kannst Du ja etwa» Schönes erleben� dachte ich. Zwei Zeitgenossen. ZNr kraiea fe baS(StShiSt, ht 6etn Re BfrffüafTon S«f Ekahk- kugeln vorgenommen wird. Immer hatte ich mich über den peinlich sauberen Eindruck ge- freut, den die Fabrikräume des Stahlkönigs boten, über den freund- lichen Dank, der mir aus den zufriedenen Gesichtern der alten und jungen Arbeiter für meinen Eintrittsgruß wurde. Aber heute? War ich in derselben Fabrik? Papierfetzcn deckten den Boden. Hier und dort lagen Mützen auf der Erde, die von den Köpfen gefallen und nicht aufgehoben schienen. Niemand hatte unseren Eintritt be- merkt. Wie in nervösem Krampf von wesenloser Gewalt ange» trieben standen die Arbeiter über die Laufrinnen gebeugt— und arbeiteten, arbeiteten. Arbeiteten ohne aufzuschauen, ohne aufzu- horchen, wie Schwarze in den Plantagen, hinter denen der Auf- seher mit der Knute steht. Ter Schweiß tropfte ihnen von den Stirnen, sie wischten ihn nicht herunter; die Haare flogen von dem Luftzug, der aus den Maschinenöffnungen kommt, aus der die Kugel fließen, ihnen tief in die Augen. Keiner strich sie zurück. Sie arbeiteten, arbeiteten. Ich redete einen an— er schüttelte nur den Kopf und ar- heftete, arbeitete. Ich redete den zweiten an— er schüttelte nur den Kopf und ar- heitete, arbeitete. Wir gingen weiter durch die Reihen. Ueberall sah ich ausgesucht robuste Gestalten, Männer, die in ihrem Kraftmaß weit über den Durchschnitt gingen. .Die alte Garde haben sie entlassen", dachte ich.—»Der erste Vorzug der famosen amerikanischen Methode." Ich blieb stehen: Da war einer wie in Schweiß gebadet. Sein Geficht glühte, die Augen stachen heraus wie Kohlen. Seine Nase tropfte— er aber ließ sie ruhig tropfen und arbeitete— arbeitete. Ein anderer, dem Aussehen nach ein Pole, schien an einer gewissen Stelle ein Jucken zu spüren. Das quälte ihn, störte ihn, denn sein Gesicht logte sich in schmerzvolle Falten, und immer wieder suchte er mit seiner Schulter an einen Pfeiler zu ge- langen, durch dessen Berührung er sich Erleichterung zu verschaffen hoffte, während seine Hände arbeiteten, arbeiteten. .Warum kratzt sich der Mann nicht? Warum wischt sich der imdere nicht die Nase?" fragte ich Herrn Meunier enffetzt. .Jede Bewegung kostet Zeit, mein Herr", erwiderte Herr Meunier, steif wie ein Bock. Und dann machte er zum ersten Male eine Geste: Er zeigte, knapp, so knapp, daß ich seinen Arm kaum sich bewegen sah. nach einer großen weißen Uhr. Wie ich aussah, bemertte ich überall an den Fabrikwänden diese großen weißen Uhren. .Sehen Sie diese großen weißen Uhren?", sagte Herr Meunier pathetisch..Wir nennen sie Chronometrage. Die Chronometrage hat genau den Termin fixiert, den ein Arbeiter unter Vermeidung jeder unnützen Geste bei unablässiger Arbeits- und Willenskraft und minutiöser Aufmerksamkeit zu seiner Arbeit braucht. Die Ehronometrage oder Zeitmesser gibt genau die auf die Sekunde berechnete Dauer jeder Geste, jedes.Handgriffs an. Würde der Arbeiter.. .sich also die Nase putzen- j' fiel'ich Herrn Meunier ins Wort. .Würde er an dem Zeitmesser sehen, mein Herr, daß er zum mindestens eine Sekunde Zeit verloren hat. Das macht bei einem TageSlohn von ß.TO M...." ,6,70 M.?" fragte ich erstaunt. »Allerdings, mein Herr!" sagte Herr Meunier stolz.„All diese Arbeiter haben sich verpflichtet, den von der Ehronometrage fixierten Termin ein für allemal innezuhalten. Dadurch reduziert sich die Arbeitszeit von 10 auf 8 Stunden und der Lohn steigt. Verliert also ein Arbeiter durch eine unnütze Geste eine Sekunde Zeit, macht das bei 6,70 M... 84,0 Pf. auf die Stunde 1,6 Pf. auf die Minute 0,02 Pf. auf die Sekunde. Die Zahl blieb mir im Halse stecken. Wahrhaftig, es war wahr. Ich hatte es ja gewissenhaft selbst ausgerechnet. 0,02 Pf. verliert der Arbeiter, der sich einmal die Nase putzt! Wenn nun der Mann den Schnupfen hat? Nein, der Verlust ließ sich gar nicht mehr ausrechnen! Mockenfilm. .,, Diewnl des Menschen Fürrecht Lachen ist. Rabelais. Festgesang unseres Haus-, Hof-«ud Gartendichters Eginhard Bohuenstroh. Elim, Blim! Ich schlage meine Leier, Besingend manche schöne Feier, Die während dieser Maienzeit Erfüllt mein Herz mit Freudigkeit. In Frankfurt, das da liegt am Maine, Wo's Würstchen gibt und Aeppelweine, AuS deutscher Sänger Kehle drang Ein hochmoderner Meistersang. Emst, in nun längst vergang'nen Tagen, Da hörte man das Sprüchlein sagen: .Die Sänger, Turner, Schützen, DaS find der Freiheit Stützen." Das alte Demokratentrachten, Die Bürger gründlich heut' verachten. Heut strebt der Sänger, daß S. M. Sein loyales Lied vernehm'. Zu diesem löblichen Beginnen AuS tausend Männerkehlen klingeu Im Bierbaß und im Ouetschtenor DaS PreiSlied und der Stundenchor. Bor Uniformen als Staffage. Vor Herold, Ehrenjungfrau. Page, Da zeigt der echte demsche Manu, Was er im Singen leisten kann. Man sang vom Vaterland und Lieben. Bon Kaiser. Lenz und deutschen Hieben; Beckmesser schrieben eifrig ein Die Punkte jeglichen Berein. Die Aermsten auf den Richtersitzen, Die mutzten wahrlich tüchtig schwitzen Beim Grotzbetrieb an Lungenkraft Der Preis beflissenen Sängerschaft. AuS dieser Riesenzahl der Streiter Den Sieger küren, ist nicht heiter, Bedenkt man dann noch außerdem: Wie ist das Urteil von S. M. k BerstSnLniSinnlg kraf mein Blick den Arbeiter, dem die Nase tropfte. .Laßt sie ruhig tropfen", sagte ich ihm im Vorübergehen. Er aber hörte nicht, denn über seinem Kopf tuckte und zuckte der schwarze Zeiger auf dem weißen Zifferblatt der Chronometrage. Raste... raste... Und der Mann raste unter dem Druck des Zeitmessers— wesenlos wie eine Maschine unter dem Druck von so und so vielen Atmosphären. .Daß Menschen so etwas aushalten können?" fragte ich Herrn Meuniet im Herausgehen. „Haben Sie nicht bemerft, mein Herr, daß wir nur äußerst kräftige Arbeiter gewonnen haben, die unter der Chronometrage arbeiten?" Herr Meunier lächelte ein graziöses französisches Lächeln.—.L'homme boeuf—.Ochsen" zu deutsch", sagte ich und verschluckte mich beinahe. Gott sei Dank, daß wir ins Freie traten! Sonst— wahrhaftig, ich hätte mich mitten in den Fabriksaal gestellt und mit dröhnender Stimme:.Ochsen, Ochsen!" gerufen. Das konnte ich nun nicht mehr. Wir waren ja schon draußen, und neben mir schritt Herr Meunier wie ein aufgezogener Zinnsoldat, der die Beine bewegt. .Wie können Sie diese famose amerikanische Methode ein- führen, die die Menschen ihres Willens beraubt, sie unter die Ge- walt von Maschinen stellt— wie können Sie?..." Ich wollte Herrn Meunier an den Kragen springen! Aber da— da— in der Luft vor meinen irritierten Augen raste ein großer schwarzer Zeiger auf einem weißen Zifferblatt— die Chronometrage— und raste auf mich zu. .Jede Bewegung ist Zeit. Welches ist Dein TageSeinkommen? Mit einer einzigen unnötigen Geste verlierst Du...!" Meine Hand fiel zurück. Wahrhaftig, die Chronometrage hatte mich auch schon verhext! Ich machte keine einzige Bewegung mehr als die zum Weitergehen erforderliche— mit den Beinen. Wie Böcke steif traten wir nun beide, Herr Meunier und ich, in daS Arbeitszimmer des StahlkönigS. Er saß an seinem Schreib- tisch über Papiere gebückt und arbeitete— arbeitete. „Wie hat Ihnen unsere neue Methode gefallen?" fragte er, ohne sich zu unterbrechen. Ich wollte antworten— aber da— gegenüber dem Schreibtisch sah ich den großen schwarzen Zeiger auf dem weißen Zifferblatt — die Chronometrage. Ich konnte nichts sagen, denn sofort beherrschte mich der eine Gedanke und ließ mich nicht wieder los:.Wenn der Stahlkönig. wie da? seine Gewohnheit war, einmal wohlgefällig über seinen Bart führe, verlöre er mit dieser Geste eine Sekunde Zeit. DaS macht—...!* „Bitte geben Sie mir Bleifeder und Papier", sagte ich zu ihm. Aber in demselben Augenblick fiel mir ein: Gibt er mir Bleifeder und Papier, verliert er eine Sekunde Zeit. DaZ macht.., Ja, das wollte ich ganz genau ausrechnen. „Welches ist Ihr Jahreseinkommen?", fragte ich meinen Freund. „2 Millionen Mark", sagte der Stahlkönig und arbeitete, ar- bettete. Ich langte angswoll, wie ein Dieb, hinüber zum Schreibtisch, damit meine Finger knapp, ganz knapp. Papier und Bleifeder griffen und arbeitete, arbeitete. 2 Millionen Mark Jahreseinkommen machen, die Sonn- und Festtage abgerechnet, bei 306 Arbeitstagen zu 8 Stunden... 694,45 M. auf die Stunde 11,57 M. auf die Stunde 19,23 Pf. auf die Sekunde. Da hatte ich es. Mit einer unnötigen Geste also verlor der Stahlkönig 19,28 Pf. Wie kann ein Stahlkönig unnötig 19,28 Pf. verlieren! Wahrhaftig, daS wäre Verschwendung! Und eine Angst packt« mich, daß er vielleicht doch wieder wohlgefällig über seinen Bart streichen könne. Ich kann wohl sagen, ich bin immer ein bißchen Hvpnotiseur gewesen. Dieser, mein Gedanke von dem Bartstrcichen, muß sich auf meinen Freund, den Stahlkönig, übertragen haben. Denn Indes, als alle» ausgesungen, Da ist daS schwere Werk gelungen: Die Kaiserkette nahmen hin Die Lehrersänger von Berlin. Die Braven waren nicht so spröde Wie einst der Sänger des Herrn Goethe. Denn so ein echter Schultyrann Ist auch ein treuer Untertan. Die andren nicht mit Preis Bedachten Sich schmollend auf den Heimweg machten. Die Sieger Jubel laut umbraust—, Wenn man die Kette nur nicht maust! Vom Wettkampf deutscher Melodien Latz ich mein Dichterauge ziehen Hinauf zu unserem Kaiserhaus, Dort richtet auch ein Fest man aus. Der Ehe zart-intime Bande Sich knüpfen— Heil dem deutschen Lande— Um Zollern- und um Welfenstamm, Die Lieb' beim ersten Blicke kam. Kaum hat Prinzetzchen ihn gesehen, Da war'S um ihre Ruh' geschehen. .Er" sagte:.Kein« oder die!" , Rur Herzensneigung einte sie. Bald werden beide sich vermählen. Jetzt ist man eifrig schon am wählen Der Wohnung und auch deS Trussoh An Kleidern, Wäsche— na und so. Und zu dem bald'gen HoSzeitSfeste Geladen sind erlauchte Gäste. Vor allem kommt der Onkel Zar, Der lange nicht im Klaren war. Ob er mit seinen Panflawisteu Nicht sollte Preußen überlisten, Und ob nicht daS Kosakenheer Ins deutsche Land zu senden wär'. Jedoch daS Herz des großen Reußen Schlägt warm für'S Königshaus von Preußen, Zur Hochzeit unserer Prinzetz Kommt er und mit ihm manch Tscherketz. plötzlich sprang er auf, rannte durch daS Zimmer— strich stch wieder und immer wieder über seinen Bart. „Um GotteSwillen, hören Sie damit auf!" rief ich ihn entsetzt an.«Jede Bewegung ist Zeit. Mit dieser Bewegung haben Sie zum mindesten eine Sekunde Zeit verloren. DaS macht bei einem Tageseinkommen von 5555,56 M...." Da stand der Stahlkönig still, sah mich mit großen, traurigen Augen an, drohte mir mit dem Finger und sagte: , Komme boeuf— homrae boeufl* Wobei ich wirklich nicht wußte, wem von uns beiden der Ochse galt. Vom jsakrmarkt des Lebens. Hltprcußircbe Sparsamkeit. Das Opferjahr ist wenigstens zu etwas gut. Es bringt uns die Rückkehr zur altpreutzischen Sparsamkeit. Anläßlich des Regie- rungSjubiläums des Kaisers war in dem neuerbautcn Grunewald-Stadion ein großes Reiterfest in Aussicht genommen. Wie verlautet, hat der Kaiser sein Erscheinen zu dem prunkvollen Fest abgelehnt, da in dem Jahre, das dem deutschen Volke große Opfer auferlegt, k o st s p i e I i g e Feste nicht am Platze seien. Wie wir weiter hören, sollte auch das Hochzeitsfest am kaiscr- lichen Hofe des Opferjahres wegen verschoben werden, nur dem Drängen des innig liebenden Brautpaares nach baldiger Vercini- gung ist cS zu danken, daß die Hochzeit der ktaifcrtochter mit dem Cumberländer Prinzen am 24. Mai d. I. stattfindet. Immerhin will man auch hier die altpreußische Einfachheit walten lassen. Wie bürgerliche Blätter melden, wird das HochzeitSdincr nur für etwa 1000 Personen zubereitet. Seit einer Reihe von Tagen ist ein ganzes Heer von Küchenchefs und Köchen, Konditoren und andc- ren Speisekünftlern mit den Vorbereitungen zu dem HochzeitSdincr beschäftigt. Erfreulicherweise sind auch die sonstigen Unkosten der Hochzeit nicht sehr bedeutend. Die H o ch z e i t s k r o n c ist im Kronschatze vorhanden, der Brauch der S t r u m p fb a n d v e r t e i l u n g am HochzeitSabend macht auch nur geringe Unkosten, und die paar lumpigen hunderttausend Mark, die der Brautstaat kostet, hat sich die Prinzessin-Braut längst erspart. Mit gutem Beispiel gehen übrigens Preußens Minister voran. Sie haben sich entsckilossen, des Opferjahres wegen, auf dem Hochzeitsfeste bei dem üblichen Fackeltanz der Minister statt der teuren Wacbsfackeln die erheblich billigeren Stearinlichter zu benutzen, so daß auch hier von der Rückkehr zur altpreußischen Sparsamkeit geredet werden kann. T)crr KmgsmuriCtcr, bedienen Sie fieb! Preußens Kriegsminister durchlebt jetzt bange Tage. Seine militärischen Untergebenen sind nicht mit ihm zufrieden und wünschen in dem staatserhaltendcn Schcrlpapicr seinen baldigen Abgang. Zu all dem Unglück tritt in kurzem der Reichstag wieder zusammen und wer weiß— vielleicht rückt durch seine Verhandlun- gen dem Kriegsminister der ominöse Zylinderhut statt des Helmes in greifbare Nähe. Eine solche Möglichkeit ist bitter; auch wir haben volles Verständnis für die nagenden Sorgen des Herrn v. Heerin- gen. Doch e» gibt für ihn noch eine Möglichkeit, sich wenigstens Gewißheit über seine Zukunft zu verschaffen. Vielleicht benutzt Herr v. Heeringen folgende, sich ihm in der„L a nd e s z e i t u n g für beide Mecklenburg, Organ für amtliche Bekannt- machungen vieler Behörden", bietende Gelegenheit: Gedächtniskunst. Sage jedem Menschen, wie alt er ist. aus der Hand, sowie Liebschaft, Prozeßsachen, Lotterie, Militär usw. Zu sprechen im Gasthof von C. Fuchs in Wescnberg. Zimmer links, nachmittags von 4 Uhr ab, allein, auch für mehrere Personen. Auf Wunsch komme ich inS Haus. Der letzte Straußschild-Künstler aus Güstrow. Bitte, bedienen Sie sich, Herr Kriegsminister! Kein Schwindel, Ihre Zukunft liegt in Ihrer Hand! Wenn so die Fürsten sich vereinen, Da will mir'S sonderbar erscheinen, Daß wir noch rüsten immerdar Voll Eifer gegen Rusj' und Zar. Doch lassen von polit'schen Dingen Sich doch nur garst'ge Lieder singen, Drum schweige ich schon lieber still Und and'reS ich besingen will. So schlag' ich �wieder meine Leier Zu Ehren der besagten Feier» In unserm stolzen KönigSschlotz. Im Volke ist die Freude groß. Denn für die hohen HochzeitSgäste Wird sicherlich gesorgt auf» beste, Wir Deutschen leben ja sehr flott Bei großen Schüsseln voll Kompott. Bei alldem aber wird uns fteuen, Daß unsere Schutzleut', unsre treuen. Bekommen Hilfe offenbar Von Väterchens Ochrana-Schaar. Ja, diese edlen Zarenbüttel Verfügen über alle Mittel. Zu schnüffeln nach'nem Attentat. DaS gar nicht stattgefunden hat. Von diesen SzewS. diesen schlaue», Da können lernen unsre Blauen. Für unsre Spitzel, oft so dumm. Ist das ein lehrreich Studium. Ja, ja. wenn Prinzen sich vermählen, Da kann der Dichter was erzählen; Zumal bei einer Invasion Von Zar und Polizeispion. Ich könnte noch von viele» Dingen. Bon Pfingst- und Reisefteuden finge». Von Prinzenbüchern, DenkmalSweih'a, Jedoch ich lass' eS lieber sein! Die Finger sind zu Hamm geworden, Zu schwelgen länger in Akkorden, Die Leier Hingt verstimmt jetzt sehr.— Ein andermal vielleicht noch mehr! Blim b lw»! Eine neue Hera. Die Berliner Dcnkmalfabrikatien bewegt sich, nachdem sie de- dauerlicherweise längere Zeit stagniert hatte, jetzt wieder in auf- steigender Linie. Erst am Donnerstag hat die Berliner Stadtver- ordnetenversammlung mit dreifachem Hurra für das Kolonial- kritgerdenkmal ihren Dan! ausgesprochen und schon wieder taucht ein neues Denkmalsprojekt auf. Die neueste Schöpfung wird ein Wahrzeichen der Opferjahre 1813— 1913 sein. Man glaubt in matzgebenden Kreisen, datz gerade ein solches Monument geeignet sei, die grotze Masse der Arbeiter mit der Opferung des Volkes zu versöhnen. In recht geschickter Weise will man damit verbinden die Erfüllung einer immer dringender wer- denden liberalen Programmforderung. Also: man plant, ein Denkmal zu errichten, das Herrn GeheimenJustizratCasselinder Uniform eines L and w eh r- Tr a i no f f i z i e r s aus dem Jahre 1813 darstellt. Herrn Cassel wurde die wohlver- diente Ehre, der Nachwelt im Bilde erhalten zu bleiben, zuteil, weil er durch seine wiederholten rhetorischen Musterleistungen über das Opscrjahr 1813 unsterbliche Verdienste errungen hat. Die Offiziers- uniform wurde gewählt, um endlich einmal den ewigen Wühlereien des„Berliner Tageblatts", datz kein jüdischer Bürger in Preutzen Offizier werden könne, ein Ende zu machen. Erhebliche Schwierigkeiten hat die Platzfrage bereitet. Nach eifrigem Suchen hat sich jedoch an der Ecke der Neuen Friedrich- und Rosen st ratze noch eine Stratzeninsel ge- funden, die jedes künstlerischen Schmuckes entbehrt. Die sinnige Idee in Verbindung mit dem glücklich gewählten Platz lätzt hoffen, datz das Standbild eine wohlgelungene Verkörperung der freien Bürgertugendcn bilden wird. Alles Reden der Sozialdemokraten wird die Annahme einer entsprechenden Vorlage in der Berliner Stadtverordnetenversammlung nicht verhindern. Lie grossen Patrioten vom immobilen unti mobilen Kapital. Der„Reichsbote", das evangelische Pastorenblatt, hat in den letzten Tagen weitere Beiträge zum Kapitel der agrarischen Steuerdeftaudation geliefert. Daß die Herren Grotzgrund- besitzer, adelige wie bürgerliche, trotzdem ihnen die jetzige Zoll- und Wirtschaftspolitik alljährlich auf Volkskosten Tausende von Millionen Mark in den Schotz wirft, nicht gern Steuern zahlen, ist bekannt. Die Herren haben stets daS schöne Prinzip vertreten, daß ihnen zwar die politische Herrschast im preußischen Kulturstaat und die Besetzung der höheren Beamten- Posten mit ihrer Sippschaft gebühren, die Aufbringung der zur Staatserhaltung nötigen Summen aber eigentlich eine plebejische Angelegenheit sei, die man der mit Hand und Hirn arbeitenden „jKanatlle" überlassen könne. Auch früher schon sind Beispiele bekannt geworden, daß geplagte„Notleidende", die sich Zeutsch- und Reitpferde, Verwalter, Schloßkastellane, Diener Gärtner, Köche usw. hielten, nicht so viel an Einkommensteuer zahlten, wie so mancher Industriearbeiter, auf den die Herren Rittergutsbesitzer in ihrem Standesdünkel mit größter Ver- achtung herabsehen. Je mehr sich aber in der letzten Zeit infolge der ihnen durch die heutige Zoll- und Grenzsperrpolitik gefüllten Taschen ihr Selbstbewußtsein gesteigert hat, desto mehr scheint sich auch die Steuerscheu dieser„Edelsten" der preußischen Nation entwickelt zu haben; denn es sind gar seltsame Fälle, über welche die konservativen Leser des„Reichs- boten" aus ihrem Tätigkeitskreise zu berichten wissen. So er- zählt zum Beispiel ein in der Praxis stehender Steuerbeamte: „Ich summiere meine Ersahrungen in dem Satze: Der Grundbesitz, besonders der Grotzgrundbesitz, wird zur Einkommensteuer viel zu niedrig herangezogen! Ich selbst stamme vom Lande und kenne die Verhältnisse des Land- Wirt» aus eigenster Erfahrung. Und da weiß ich. datz der weniger gebildete Landwirt den Mietmert der eigenen Wohnung sowie den Geldwert der Naturalien, die ihm sein Grundstück sür seine Familie liefert, oft überhaupt nicht als steuerpflichtig ansieht. Nur das, was als Ersparnisse auf die Sparkasse kleines feuiUeton. Der Fackelzug. Am Abend des 17. Juni bringen die Studenten ocm Kaiser einen Fackelzug. Das ist ihre Sache und geht keinen etwas an. Aber dazu hat sich ein Ausschutz von 21 Mann gebildet, und darin sind die Nichtinkorporiertcn mit 2(zwei) Leuten vertreten. Empörung, Versammlung, Reden! Sie meinen, die jungen Leute, die den reaktionären Verbindungen nicht angehören, locrden natürlich �'" Fackelzug fernbleiben? Da kennen Sie unsere Studenten ichlechn Gerade werden sie teilnehmen I Man wird sich doch seine staatsbürgerlichen Rechte nicht verkümmern lassen! Und wenn die Welt voll Teufel war, da soll mal einer kommen, der uns hindert, dem Kauer. dem Kaiser zu huldigen! 3" der„Opinion" bat ein kluger Franzose eine Untersuchung über unsere studentische Jugend angestellt, die beweist, wie weit wir 2 le'n"'"tf6"' wenn die Wahrheit schon den Ausländern auf- fällt. Jedes Wort verdient an die schwarzen Bretter geschlagen zu werden. Proben: ""■ 1®i,e �"iige Jugend aus den Universitäten lebt in Un- kenntnrs der Welt.... Auf sie stützt sich der Militärstand; sie ist einer von ren Grundpfeilern, worauf die Rangordnung beruht.... Die Umvernlarskaste ist mit den Offizieren solidarisch.... Der Student kopiert den Leutnant auch äutzerlich.... Eben dadurch gibt er die Ucberlegenheit des Leutnants zu; aber er ist sich bewutzt, datz er unmittelbar hinter ihm kommt.... In der Seele des Deutschen leot ein angeborener Hang zum Gehorsam, ein tief- eingevurzelter Rcipekr bor der Macht, der Gewalt. Die UniversitätL- kailc ist lolidaruch mit der Regierung; die bezahlt gut und verschafft Ehre. Es>st ein Dogma der Studenten, datz sie sich abseits von der Politik zu halten haben... Jedes Wort ein Brillant. Die„Tägliche Rundschau" fatzt das Gestein in Blei. Uber der Franzose hat ja so recht! Dabei kennt er noch nicht einmal den liberalen Studenten, der hauptsächlich in Berlin blüht und noch widerwärtiger ist als der Korpsier. Der hat wenigstens Mut, Schnauze und Draufgängertum, ober dieser ivartet feige, bis auch für ihn etwas abfallt. �Trotzdem hat der Pariser doch an die tiefsten Zusammenhange gerührt, die bei uns bestehen: Offizier und Student, die angestellt werden wollen, und der Lakai, der sich verkaufen will. Schumanns Rtvolutiouschörc. Julien Tiersot, Archivar der Bibliothek des Pariser.Conwrvatolre". veröffentlicht in der Pariser Musikzeitichrift„S. I- M.(9. Jahrg. Heft 4) eine Studie über Robert Schumanns schon vor eiinger Zeit viel besprochene„Revo- lutionslieder". Man wupte von dielen Liedern, aber man hatte lange Zeit nicht herausbringen können was ans dem Manuskript des Werkes «cwordcn war. Der vor einigerZeit verstorbeneBiblioihekar und Musik- forscher Charles Malhcrbe hatte das Glück, die Notenblätter, die man fchon sür verloren hielt, aufzufinden mnd in seinen Besitz zu bringen. zwei Jahren richteten unsere Arbeitcrsängcr an Malherbe die Vltte. ihnen die Chöre für eine Aufführung zu überlassen. Malherbe �lllfahrie sunter ironischen Vorwandc») diesem Wunsche nicht, und Schumanns Revolutionslieder blieben unveröffentlicht. Sie gehören W zu den Sammlungen der Bibliothek des Conservatoire, dem >7>v a n d e r!, gilt allenfalls als steuerpflichtiges Ein- kommen. Und der intelligentere Landwirt, der für das Wesen der Einkommensteuer ein offenes Auge hat, vergitzt so gern, den Wert des Unterhalts seines Hauspersonals richtig zu schätzen. Wie könnte es sonst möglich sein, datz ein Gutsbesitzer, der sich Kutscher und Diener, und dessen Frau Köchin, Stubenmädchen und Erzieherin hält, sage und schreibe: 31 Mark Ein- komm eust euer zahlt, entsprechend einem Einkommen von 2999 M. Das Zehnfache wäre richtiger I Es kann wohl mal vorkommen, datz infolge einer schlechten Ernte ein Gut auch mit Verlust bewirtschaftet wird. Aber das gehött zu den Aus- nahmen und wird sich in den allerseltensten Fällen durch mehrere Jahre wiederholen. Ein krasses Beispiel aus der neuesten Zeit: Ein Grotzgrund- besitzer zahlt 14 Mark Einkommensteuer, verkauft sein Gut— es handelt sich lediglich um einen rein landwirtschaftlichen Betrieb—, zieht nach der Stadt und wird hier nach seiner Angabe zu 176 Mark Steuer veranlagt, und zwar aus den Zinsen des ihm nach Abzug der Schulden verbliebenen Kapitals. Das spricht doch Bände.— Und solche Fälle bilden keine Selten- heit. Nicht die„Abzugspraxis" ist an den gerügten Mitzständen schuld, sondern die Veranlagungspraxis. Und diese wird nicht eher eine bessere werden, als nicht der Vorsitz in den Veranlagungskommissionen Beamten mit richterlicher Unabhängig- übertragen wird. Es ist borgekommen, datz pflichttreue und eifrige Kommissionsmitglieder ihr Amt Hingeworf en haben, weil sie sich mit der Sisyphusarbeit der Veranlagung nicht länger befassen mochten." Em anderer Leser des„Reichsboten" berichtet: „Ein Grotzgrundbesitzer im Kreise Liegnitz plagt und schindet sich auf der ererbten Scholle und vermag es trotz aller Mühe nur bis zu einem Jahreseinkommen— laut Steuerdeklaration— von 1999 Mark zu bringen. Demgemäß zahlt er Staatseinkommen- steuer: sechs Mark im Jahre. Plötzlich verkracht aber in Jauer ein altes Bankhaus, und der arme Tausendmarkagrarier meldet 159 999 Mark Forderungen zur Konkurs- masse an. Des Rätsels Lösung war folgende: Der„Not- leidende' hatte auf sein Gut eine Hypothek aufgenommen und dieses Hypothekengeld sofort in gut verzinslichen Papieren an- gelegt. Bei der Steuerdeklaration hat er nun zwar die Zinsen für die Hypothek vom Einkommen abgezogen, die viel höhere Zinseinnahme aus den Wertpapieren aber— schämig ver- schwiegen. Statt, wie er eigentlich müßte, 7999 M. Einkommen zu versteuern, gab er seit Jahren nur ganze 1999 M. an; und statt 176 Mark Staatseinkommensteuer zahlte er nur sechs Mark." Doch nicht nur die„notleidenden" Rittergutsbesitzer und Schloßhcrren, auch die Jndustriemagnaten verstehen recht wohl, wie man es anfängt, möglichst wenig Steuern an das teure Vaterland zu bezahlen. Wie dabei verfahren wird, weist in der Naumannschen „Hilfe" G. Werner-Essen nach. Da gibt es im rheinisch-west- fälischen Jndustrierevier den Großindustriellen August Thyssen: eine Zierde der vaterländischen deutschen In- dustrie, ein großer Patriot und ein frommer Katholik— der Renommier-Großindustrielle des Zentrums. Herr Thyssen ist Hauptcigentümer der Gewerkschaft Deutscher Kaiser (neben ihm sind noch sein Bruder und sein ältester Sohn be- teiligt). Der Wert der Gewerkschaft Deutscher Kaiser bettägt, mäßig berechnet, zurzeit ungefähr 200 Millionen Mark, und der Netto-Reingewinn dürste sich nach reichlichen Abschreibungen und Rücklagen, wie G. Werner durch Vergleich mit anderen ähnlichen Werken nachweist, auf mindestens acht bis neun Millionen Mark pro Jahr belaufen. Trotz- dem zahlt Herr August Thyssen von diesem Riesenbesitz, wie Herr Werner darlegt, keine Einkommensteuer; denn Herr Thyssen zieht sein Einkommen nicht aus dem Betriebe heraus. Er läßt es darin stecken und verwendet es immer wieder zur Vergrößerung der Werke, so daß sich der Wert der Gewcrk- schaft Deutscher Kaiser in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht hat. So kommt es, daß Herr Thyssen, der noch eine Reihe anderer Betriebe besitzt, im letzten Jahre nur ein Einkommen Malherbe seine werlvollen Manuskripte vermacht hat. Die Rc- volutionslicdcr wurden, wie Julien Tiersot nachweist, am 3.. 1. und 19. April 1849 in Dresden komponiert. Das Manuskript besieht aus drei mittelgroßen Notenblättern und umfaßt drei Chorlieder; die Texte sind von Ullrich, Fürst und Freiligrath gedichtet. Während also Richard Wagner sich an der Revolution aktiv beteiligte, begnügte sich Schumann, der die neuen Ideen guthieß, aber kein Mann der Tat war, sozu- sagen mit einer musikalischen Transkription deS Nevolutions- gedankens; die von ihm komponierten Lieder sind betitelt:„Zu den Waffen"..Freiheitslied" und„Schwarz-Rot-Gold". ES sind Männer- chöre, die— nach Tiersot— nicht viel von Schumanns Genie ahnen lassen, aber trotzdem interessant bleiben, weil„sie uns neue Ein- blicke in Schumanns Seele gestatten, nicht in die Seele des Künstlers Schumann, die wir schon sehr gut kannten, sondern in die deS Bürgers, des Menschen, der in einer aufgeregten Zeit lebte..." Jedenfalls haben unsere Chöre jetzt Gelegenheit, selber Schu- mannS RevolutionSkompositionen zu erproben. Renommiergeographie. Die Sucht der Theatcrhcrrschaften. die Dmge ihrer eigenen Welt matzlos zu überschätzen, ans Publikum zu bringen, wird durch einen Nachtrag zum neuen„A I m a n a ch" der Bühnengenossenschaft sehr hübsch illustriert. In diesem Nachtrag wird das Stadttheatcr in Gablonz an der Reitze eingeführt, wobei Gablonz zu einer ,.W e l t h a n d c l s st a d t" avanciert. Man bekommt zunächst einen heftigen Schreck, datz man diese„Welt- Handelsstadt" ganz übersehen hatte— bis man zu seiner Beruht- gung erfährt, datz sie mit den Vororten 49 999 Einwohner zählt. lind wieso ist dieses böhmische Nest eine„Welthandelsstadt"? Weil von hier aus die sogenannten böhmischen Edelsteine in alle Welt gesandt werden—. Oder wie es in dem thcaterwichtigen Deutsch des Nachtrags heißt: Gablonz an der schiffbaren Reitze ist„der bedeutendste öfter- rcichische Industrie- und Stapelplatz für den über alle Weltteile ausgebreiteten Welthandel mit echten Schmückt mita- t io n e n". Sind die„echten Schmuckimitationen" nicbt ein entzückendes Dokument des eitlen Theaterjargons? Den genialen Erfinder kann man persönlich wahrscheiittich nicht als eine Schmuck-, wohl aber als eine ungewöhnlich echte Schmockimitation ansprechen. Das weiter lebende Herz. Das Herz verstorbener Tiere in ssiner Tätigkeit zu erhalten— dahin gehen die Versuche, die Dr. Alexis C a r r e l vom Älockefeller-Jnstiiut in Relv Jork anstellte. In der Pariser Akademie der Medizin berichtete Prof. Pozzi darüber. Carrel erzielte, datz ein Hühnerhcrz noch 3 Monate, nach- dem er es exstirpiert hatte, in normaler Weise schlug und datz sich vom Anfang des fünften Monats an das Bindebautgcwebe ver- mehrte. Noch heute, 14 Monate nach Beginn des Experiments, ent- wickelt sich mit großer Schnelligkeit die„Zellcnkolonie". Dickes Resultat erreichte der amerikanische Gelehrte dadurch, daß er das Herz mit dem normalen Plasma ausgewachsener Hühner unterhielt. 167 mal hat er es bis jetzt ersetzen müssen. Die Konstatterung der Zunahme des Volumens beweist, daß es sich bei diesen Versuchen nicht einfach um die Phänomene deS Weiterlebens, wie sie schon oft beobachtet wurden, handelt, sondern um die Erkenntnis, datz Zellen von etwas mehr als 3 Millionen Mark versteuert hat: eine Summe, die einem Vermögen von nur 53 Millionen Mark entspricht. Ein niedliches Beispiel vaterländischer Opferwilligkeit I Jim 6roß-ßerUm Em furchtbares Verbrechen ist in der Nacht vom Pfingstsonnabend zum Pfingstsonntag berübt worden. Der erste Schritt zur Entdeckung der Bluttat geschah da- durch, datz in der Bedürfnisanstalt an der Ecke der Kaiser-Allee und Meierottosttatze in Wilmersdorf ein in gelblich-grünem Packpapier eingeschlagenes und mit starkem Bindfaden umschnür- t e s Paket gefunden wurde. Auf der Polizei, wo das Paket gc- öffnet wurde, entdeckte man die Füße einer jugendlichen Person. Die Bevölkerung wurde sofort durch einen Säulenanschlag, in dem 1999 M. Belohnung ausgesetzt wurden, in Kenntnis gesetzt. Die Polizei nahm zuerst an, datz es sich um eine weibliche Leiche handelte. Die Anffinbung der fehlende« Leichenteile. Ein zweiterFund, der um%10 Uhr abends auf der Frei- treppe des Potsdamer Bahnhofs gemacht wurde, brachte eine teil- weise Aufklärung der Bluttat. Der Bahnhofsportier sah gegen 7 Uhr ein herrenloses Paket, das gleichfalls in gelblich-grünem Papier eingeschlagen war, auf dem Podeste der Freitreppe liegen, glaubte jedoch bei dem starken Pfingswerkehr, datz einer der zurückkommenden Ausflügler das Paket dort hingestellt hatte und es später abholen würde. Gegen 9 Uhr sah er das Paket noch liegen und lieferte xS auf der Fund- stelle als herrenlos ab. An die Bahnhofswachen deS Anhalter Und Potsdamer Bahnhofs wurde schon am Nachmittage gleich nach Veröffentlichung des Säulenanschlags Anweisung gegeben, die Aborte auf verdächtige Pakete hin zu untersuchen. Die auf dem Potsdamer Bahnhof dienst- tuenden Beamten benachrichtigten die Polizei daher sofort nach der Einlieferung des Paketes, das nach Ankunft derselben auf dem Bahnhofe sogleich geöffnet wurde. Die schlimmsten Vermutungen bestätigten sich: in dem Paket fand man die fehlenden Leichenteile. ES war der zusammenhängende Kopf und Rumpf e in es Knab e n� der um den- ,■ Hals einen Strick trug—, und deutliche Merkmale des Erdrosselns aufwies. Die Beinstümpfe waren mit einem scharfen Instrumente ungefähr 49 Zenttmeter von den Knien entfernt abgettennt. Dir Feststellung deS Ermordeten. Die bollständige Kleidung des Ermordeten fand sich bei der Leiche. Diese bestand aus einem grauen Jakettanzuge mit gleicher Weste und Hofe, sowie einer Schülermütze mit schwarzem Schirm. In einer der Taschen fand sich die Karte einer Volks bibliothek, auf den Namen Otto Klahn, Steinmetzstr. 46, lautend. Sofort wurde das Berliner Polizeipräsidium verständigt, und Regierungsrat Lindenau und Kriminalkommissar Klinghammer, der Chef der Fahndungsabteilung, begaben sich alsbald nach dem Potsdamer Bahnhofe. Es wurde bald festgestellt, datz der Knabe Otto Klahn seit Sonnabend als vermißt angemeldet war. Der Ermordete war ein aufgeweckter, gut erzogener Junge von ziemlich Airter Körperkonstitution. Er war Schüler der Gemeindeschule in der Eulmsttahc und besuchte die zweite Klasse. Die Mutter deS Knaben, die die Witwe eines SchuhmachermeisterS ist, war vor m Jähren von Magdeburg nach Verlin gezogen. Sie wohnte früher in der Milowstrahe und bezog ihre Wohnung in der Stein- metzfttahe am 1. Januar dieses Jahres. In der freien Zeit war der Knabe vorübergehend in eine: Kolonialwarengefchäst in der Lützowstr. 42 als Laufbursche be- schäftigt. Weder die Mutter noch der Prinzipal des Klähn haben in letzter Zeit irgendwelche verdächtige Personen in der Umgebun- deS Knaben gesehen. Am Sonnabend bor dem Fest hätte der Klähn eigentlich bis abends 9 Uhr in dem Geschäft bleiben sollen, jedoch auf Bitten von seinem Chef die Erlaubnis erhalten, schon wie Mikroben in ihrem»Kulturmilieu" leben und sich unbegrenöc fortpflanzen können._ Notizen. — Bühnenchronik. Eine Operette, in der die Musik bloß ein Winkcldasein führt, wurde am Sonnabend erstmals> Montis Operettentheater aufgeführt. Sie heißt„D e: lachende Ehemann", womit ein 5iunstbuttersvbrikant gemeint ist, den die Ehcschmerzen, Literaturschreibwünsche und Seitensprung- experimente seiner unverstandenen Frau durchmis nicht, höchstens einmal einen senttmentalen Augenblick lang, anS der guten Laune und fidelen Ucberlegenheit herauSstürzen können. Die Textautoren — nur zwei: Julius Brammer und Alfred Grünwald— lassen ihren Siiuationswitz in einer Villa, einem Jagdschloß und einem Anwaltsbureau spielen. Von der üblichen Ware des Varieteftücks unterscheidet sich ihre Arbeit ein wenig: sie halten mehr ans zu- samnienhängende Handlung. Ueber das bekannte Schwankniveau kommen sie aber nicht hinaus. Was Edmund Eysler hinzukompo- niert hat, gipfelte beim Publikum in einem sentimentalen Wein liede. Julius Spielmanns Frische als lachender Ehemann, Berthol Roses Freund Pipelhuder und eine derbkecke Ungarin Mizzi Freihardts sicherten dem Stück den Beifall. — D i e Bühncndirektoren gegen die Schau- f p i e l c r. Der Deuffchc Bühnenverein verhandelt zur Zeit mit dem Verbände österreichischer Theaterdirekwren über einen teil- weisen Zusammenschluß, der gegen daS Kartell der Bühnengenossenschaft und der österreichischen Schanspielerorganisation ein Gegengewicht schaffen soll. An allen deutschen und österreichischen Bühnen sollen künftig gleichlautende Verträge geführt werden. — Ein Berliner Possenpreis. Mit tausend Mark wollen die Vereinigten Berliner Volksbühnen gemeinsam mit dem Verlag Oesterfeld u. Co. eine abendfüllende Posse ans Licht locken. Die Preisbewerber müssen ihr Erzeugnis bis zum 15. Juli ein- gesandt haben. Hoffentlich ist das Ergebnis des Ausschreibens besser als der Preis. — Das schwindclhafte S ch w i n d s u ch t s s c r u m. Der Bericht der mit der Untersuchung des Serums des Dr. Fried- mann beauftragten Kommission bestätigt nach Mitteilungen aus New Dork, daß das Serum in keiner Weise das Vertrauen recht- fertigt, das ihm mit voreiligen- Eifer entgegengebracht wurde. Friedmann hat mit der berüchtigten Pauke der amerikanischen Reklame gearbeitet.» I e t i ch en Geberts Schicksal. Der Auflagenerfolg seines Romans hat Georg Hermann nicht davor bewahren können, das Werk für die Bühne zurechtzuschustern. Am Frankfurter Schaufpielhause erlebte das fünfaktigc Schauspiel die Uraufführung. Es hat die Schwächen, die bei der Dramatisierung von Erzählungen in der Regel nicht ausbleiben und die in diesem Falle noch um ein auffallendes Haschen nach bloßen Nutzeffekten �vermehrt worden sind. — Eine B r i l l e n a U L st e l l U n g, die die Entwicklung des Augenglases von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart darstellt, wird in den nächsten Wochen in den Städtischen Sammlungen zu Heidelberg gezeigt. Unter anderem hat Medizinalrat Prof. Dr. Greef-SSerlin per Ausstellung wichtiges Material überlassen. um 8 UHe gehen zu dürfen, um eine Verwandle vom Potsdamer Bahnhof abholen zu können. Seit dieser Stunde hat man von dem Klnhn kein Lebenszeichen mehr erhalten. Die Obduktion der Leiche. Nach der gestern vormittag um 11 Uhr durch den Gerichtsarzt Dr. Störmer vorgenommenen Obduktion der gefun denen Leichenteile ist noch kein Anhaltspunkt dafür gefunden, daß ein Lustmord an dem Otto Klähn begangen worden ist. Man neigt jetzt der Ansicht zu, daß an dem Knaben Wohl ein Sexualverbrechen versucht worden ist, an dessen Ausführung der Täter im letzten Augenblick jedoch verhin dert wurde. Es ist wohl anzunehmen, daß die gellenden Hilferufe des Opfers, welche Zeugen herbeirufen konnten, den Täter an der Aus führung seines Verbrechens hinderten. Der Mörder hat dann, um sich vor jedem Verrat zu schützen, den Knaben erdrosselt, seinem Opfer die Beine abgeschnitten, um die Leiche besser fortschaffen zu können, und dann die einzelnen Leichenteile zusammengeschnürt und bei Seite geschafft. Als Täter wird ein 20=- bis 25 jähriger Mann vermutet, der rn der Rotunde an der Potsdamer Brücke am Sonnabendabend kurz nach 8 Uhr mit einem Paket beobachtet worden ist. Der Fremde trug einen dunklen Anzug und machte den Eindruck eines Mannes von besserem Herkommen. Im linken Arm hielt er ein anscheinend schwere? Paket in gelblich-grünem Packpapier. Seine rechte Hand war mit Blut besudelt; letzteres fiel den infolge ihrer soeben statt- gehabten Ablösung anwesenden beiden Rotuudenwärterinnen Ge- bauer und Fresdorf sofort auf; sie legten dem Vorfall jedoch zu- nächst keine weitere Beachtung bei, obwohl der Fremde den Raum 2. Klasse kurz nach Bezahlung der 5 Pfennige sofort wieder der- ließ, ohne ihn in irgendeiner Weise benutzt zu haben. Augen- scheinlich hatte der Unbekannte sich insofern geirrt, als er ein Waschbecken benutzen wollte, um die Hand vom Blut zu reinigen. Als er dann entdeckte, daß der Raum, wie alle Abteile 2. Klasse, kein Waschbecken enthielt, verließ er die Rotunde und lief nunmehr die Hand verdeckt haltend, ziemlich eilig in der Richtung nach Schöne- berg. Irgendwelche Blutspuren hat der Fremde nicht hinterlassen. Bisher ist eS nicht gelungen, des Täters habhaft zu werden. Einer späteren Meldung zufolge kommt der Mann mit der blusigen Hand deshalb nicht in Betracht, weil derselbe schon vor 8 Uhr die Rotunde besucht hatte, also zu einer Zeit, wo der er mordete Knabe noch im Geschäft war. Im Zeichen des Mailüfterl standen die Feiertage. Am echten, rechten Frühlingsfest fehlte etwa?, weil die Sonne gar so sparsam wärmte. Da hatte mau sich wochenlang den Kopf zerbrochen, wie das Pfingstwettcr werden wird, und jetzt war man schon zufrieden, daß es wenigstens nicht regnete. Die für den.wunderschönen Monat Mai" auffällig niede- rige Temperatur, die nur in flüchtigen halben Stunden auf einen angenehmeren Wärmegrad kletterte, hielt die himmlischen Schleusen in Schach. Aber was fragt schließlich der arbeitsgeplagte Groß- siädter, wenn die Feiertagsstunde gekommen ist, nach dem Wetter? So war Berlin trotz des Mailüfterl zur guten Hälfte ausgestorben. Unbekümmert um das, was kommen könnte, hatten die Zehntauscnde froher Wandervögel sich schon am Pfingstsonnabend aufgemacht. Auf den großen Bahnhöfen wibbelte und kribbelte es, und an den beiden Hauptseiertagen ergoß sich ein gewaltiger Strom von Lufthungrigen nach den Naturparadiefen in der Berliner Umgebung. Der Berliner Pfingstverkehr ist ja seit Jahren eine Sehenstvürdigkeit für sich. Da merkt man erst, was vier Millionen Groß-Berliner bedeuten wollen. Und bei der Heimkehr spielen sich Szenen ab, die nur mit waschechtem Berliner Humor erträglich werden. In den windge- schützten Wäldern war vom Mailüfterl nicht mal so sehr viel zu spüren, aber längeres Sitzen bis in den späten ribcnd hinein gc- stattete die rauhe Luft doch nicht. Nun, am zweiten Festtag laufte man sich warm in den luftigen, dufsigen Pfingstkleidern. Immerhin konnten die Sommerwirie mit der Pfingsternte sehr zufrieden sein, und im Innern der Millionenstadt haben sich die Fciertagsgeschäfts- leute wemger beklagt, als wenn die Psingstsonne glühendheiß auf das Pflaster gebrannt hätte. Ein tödlicher Straßeubahnunfall ereignete sich am ersten Feier- lag, vormittags 10 Uhr, am Herzbergplatz in Neukölln. Dort geriet ein 3— SjährigeZ Mädchen so unglücklich unter den Straßenbahn- wagen 1684, daß es nur noch als Leiche hervorgeholt werden konnte. Wie uns ein Augenzeuge des Unfalls mitteilt, konnte der Wagen durch die mitgeführte Winde nicht gehoben werden, so daß erst die Feuerwehr alarmiert werden mußte. Letztere erschien denn auch bald, hob den Wagen und brachte das Kind— leider nur als Leiche— hervor. Obwohl das Kind recht unglücklich unter den Wagen geraten war, hätte es vielleicht noch lebend aus seiner furchtbaren Lage befreit werden können, wenn eine dem Dreh- gestellwagen entsprechende Winde sofort zur Hand gewesen wäre. Ein weiterer Straßenbahnunfall ereignete sich am Pfingstsonn- abend an der Ecke Elsasser und Kleine Hamburger Straße. Dort geriet die Frau de? Arbeiters Rasch aus der Linienstr. 130 unter «wen Wagen der Linie Pankow-Mittelstraße. Dabei wurde der Frau der Schädel zertrümmert, so daß dieselbe nach Anlegung eines Notverbandes in bedenNichem Zustande nach dem Kranken- hau? Moabit gebracht werden mußte, AuS dem Fenster dcS dritten Stockes gestürzt ist daS 4 Jahre alte Söhnchcn der am Michaelkirchplatz wohnhasten Eheleute Bartelt. Das Kind war in der Abwesenheit seiner Eltern aus dem Bettchen aufgestanden und hatte sich am Fenster zu schaffen gemacht. Beim Hinauslehnen hat eS anscheinend das Gleichgewicht verloren und ist in die Tiefe gestürzt. Bald darauf ist das Kind den Verletzungen erlegen. Hus aller Sielt. Der Prozeß gegen den Mörder Schuhmeiers, den christlichsozialen Kunschak, beginnt am kommenden Mon- tag vor den Wiener Geschworenen. Ter Gattenmord-Prozeß in Posen. In der Nacht zum Psingstsonniag erreichte der Gatienmord- Prozeß Bin m c fein Ende. Bis zur letzten, Stunde war die Oejsent- lichkeit aufs allerstrengste ausgeschlossen. Erst nachdem sich der Gerichtshof in der Nacht zur Beratung zurückgezogen hatte, wurden die Presse und das Publikum wieder in den Saal gelassen. Die Beratung des Gerichtshofs dauerte nur kurze Zeit. Unter der groß- teu Spannung aller Anwesenden verkündete der Vorsitzende Landgcrichtsdirektor Pleschke folgendes Urteil: Die Angeklagte Frau Eva Blume, geh. Walther, ist des Totschlags unter Zu- b i I l i g u n g mildernder Umstände schuldig und wird zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt. Die Kosten des Verfahrens werden der Angeklagten auferlegt.— Aus der langen Verhandlung ist so viel bekannt geworden, daß das Sexualleben der Angeklagten ein ganz ungeheuerliches gewesen ist. Ein Sachverständiger kam deshalb— im Gegensatz zu allen anderen Sachverständigen, die die Angeklagte für unbedingt zurech- nungssähig hielten— zu der Auffassung, daß Frau Blume zwar eine geistig hochstehende Person sei, daß aber bei ihr in gewisser Bc- ziehung ein Defekt vorbanden sein müsse, der nach einer Entscheidung des Reichsgerichts den Strafausschließungsgründen des Z 51 St.G.B. zuzurechnen sei. Ein Zustand, der häufig in sexualpsychologischer Beziehung bei manchen Frauen zu finden sei, babe lange Zeit ibr ganzes Empfindungslebcn beherrscht. Gestützt auf dieses Gutachten plädierte der Verteioigcr für Freisvrcckniug, während die beiden Vertreter der Anklage beantragt hatten, die Angeklagte des M o r- des schuldig zu sprechen. Ten Gescbworenen waren 4 Schuldfragen vorgelegt worden, die auf 1. Mord. 2. Totschlag, 3. mildernde Um- stände und 4. Körperverletzung mit Todesersolg lauteten. Sie bejahten die Schuldfrage� in 2 und 3. worauf die Staatsanwaltschaft die Höchststrafe von 5 Jahren Gefängnis, der Verteidiger das Mindeststrafmaß von 6 Monaten Gefängnis beantragte. Das milde Urteil hat in Posen allgemein überrascht. Stürze beim Prinz-Hcinrich-�lug. Bei den Schau- und Probeflügen in Wiesbaden ist einer der Teilnehmer an dem Prinz-Heinrich-Fluge, Leutnant Weyer von der Fliegerstation Metz, mit seinem Doppeldecker in der Nähe von Nordenstadt aus einer Höhe von 50 Metern a b g e st ü r z t. Leut- nant Weher benutzte einen alten Apparat, dessen Typ jetzt nicht mehr gebaut wird. Außerhalb des Flugplatzes geriet der Apparat plötzlich aus unbekannter Ursache ins Schwanken, kippte um und stürzte ob. Der Apparat und der Motor wurden vollständig zer- trümmert. Ter Flieger wurde durch einen glücklichen Zufall nach vorn heraus geschleudert und kani infolgedessen nicht unter� den Apparat zu liegen. Durch den weichen Ackerboden wurde der Sturz so gemildert, daß sich Leutnant Weher nur einen Bruch des linken Unterschenkels zuzug. Leutnant Pierling, Otto-Zweidecker, mit Oberleutnant König als Beobachter, ist bei Massenhei m abgestürzt. Der Apparat ist vollständig zerstört, die Flieger sind jedoch unverletzt. Hundert Tote bei einem Eisenbahn-Unfall! Bei dem Rücktransports der bulgarischen Armee von Saloniki nach Mazedonien hat sich ein schwerer Unglücksfall ereignet. Wie die„Times" aus Saloniki meldet, sind in der letzten Nacht auf der Strecke zwischen Drama und Buk zwei bulgarische Militärzüge zusammengestoßen» wobei 100 Soldaten getötet und 300 vcrlcyt ivurden. Ein Dampfer der Holländischen Paketfahrtgesellschast ist bei der Insel Billiton gesunken. 43 Mann der Besatzung konnten gerettet werden, 17 fehlen noch. Bisher wurden 7 Leichen gefunden, Kollision mit einem Eisberg. Der britische Dampfer„Chiltern Range", der eine Wasserver- drängung von 4220 Tonnen besitzt, kam am 1. Pfingstfeiertag schwer beschädigt in Montreal an. Er war ans seiner Fahrt mit einem Eisberg zusammengestoßen. Dieser Unfall, der glücklicherweise ohne schlimme Folgen verlaufen ist, rückt von neuem die Gefahr in den Vordergrund, die die Eisberge für die transatlantischen Schiffe bilden, obgleich die Schiffsgesellschaften alles tun, um solche Zusammenstöße zu verhindern. Es wird dafür eingetreten, die Zahl der Eisbergauslugschiffc so bald als möglich zu vermehren. Flug übers Meer. Ter Flieger Brindejone, der am 1. Festtag um 10 Uhr 55 Minuten vormittags in Brüssel aufgestiegen war. ist um 3 Uhr nachmittags auf dem Flugselde Hendou bei London ge- landet. Ein furchtbarer Taifun hat, wie aus Manila gemeldet wird, an den Küsten der Philip- pinen gewütet. 58 Personen sind umö Leben gekommen und zahl- reiche Schiffe sind gescheitert. Der Sturm ist der furchtbarste ge- Wesen, der seit Menschengedenken die Inseln heimgesucht hat. Ter durch den Taifun entstandene Materialschaden ist enorm. Nähere Einzelheiten über den Umfang der Verheerungen fehlen. Kleine Notizen. Ermordet aufgesimden wurde in ihrer Villa in V i l l a ch eine 36jährige Privatiers Palese. Sie war durch einen Schuß in den HalS getötet worden. Die Leiche lag in der Küche, während der Hof verschlossen war. Der Schlüssel fehlte, auch die Mordwaffe wurde nicht gefunden. Als der Tat verdächtig wurde schließlich der Schwager der Ermordeten, ein bekannter Möbeliabrikant. verhaftet. Bei einer Explosion in einer Fabrik von Feuerwerkskörpern wurden nach einer Meldung 4ns Rom vier Arbeiter getötet und drei verletzt. Die Fabrik ist zerstört. Durch entlassene marokkanische Arbeiter ermordet wurden nach einer Meldung aus Udschda fünf beim Bau einer Militärbahn beschäftigte Europäer. Spiel und Sport. Sportliche Jubiläumsfcste. Wie der Sport zu patriotischen Zwecken gcmißbrauchi wird, zeigen klar und deutlich zwei Sportfeste, die mit großem Tamtam angekündigt werden. Am 8. Juni soll das Stadion im Grunewald eingeweiht werden, das den verschiedensten Sportarten dienen soll. Jung-Deutschland ist oben auf. Es wird alles in Bewegung gesetzt, um recht viel Volk nach dem Grunewald hiuauszubringen. Hohe und höchste Herrschaften werden zur Stelle sein und mit dem„Volk" ein großes Verbrüderungsfest feiern. Die Feier ist folgendermaßen gedacht: a) Für das Volk. In diversen Extrazügen zu halben Preisen wird alles nach dem Grunewald befördert und um i412 Uhr wird Aufstellung genommen. Turner und Sportler bilden Spalier, beim Herannahen der höchsten Herrschaften allgemeines Hurrarufen, dann werden lange Züge for- miert und unter erneuten Hurrarufen geht es an der prächtig ge- schmückten Hofloge vorbei. Dann kann die große Masse abtreten und vor den Honoratioren finden noch einige spart- liche Wettkämpse statt. b) Für die oberen Zehntausend. Rings ist das Stadion von Sitzplätzen umgeben, die für das zahlungsfähige Publikum reserviert sind, um sich diesen ganzen vom Volt ausgeführten Festrummcl ansehen zu können. Preise der Plätze: Eine Loge zu 4 Sitzplätzen 100 M., eine Loge zu acht Sitzplätzen 200 M., einzelner Logenplatz 25 M., billigste Sitzplätze 5 M. und 3 M. Zu diesem Fest werden 4500 Berliner Schulkinder(auch Volks- schülcr sollen in Masse erscheinen) abkommandiert, ferner kommen aus ganz Deutschland Deputationen, um dem Kaiser zu huldigen, damit der bekannte Schlachtruf wieder zur Wirklichkeit wird:„Das ganze Teutschland soll es sein!" * Eine zweite Veranstaltung des Bürgertums— auch Turner— die in ähnlicher Weise arrangiert ist, findet vom 24. bis 26. Mai statt. Die„Berliner Tu r n c r s ch a f t"(Mitglied des Jung-Deutschlandbundes) feiert ihr oOjähriges Bestehen. Die Berliner Turnerschaft besteht(praktische Turner gerechnet) etwa zu Treiviertelu aus Arbeitern, zu einem großen Teil aus gewerkschaft- lich organisierten Klassengenosscn. Diese Arbeiter habe» bereits wiederholt gegen den Hurrapatriotismus der Deutschen Turner- schaft protestiert, so daß die Vereinsleitung sich in einer sehr schwierigen Lage befand. Ohne Hurra ging es nicht, sonst hätte es„oben" zu sehr angestoßen, aber man wollte auch die große Masse der Arbeitermitglieder nicht vor den Kops stoßen. Deshalb verfiel man auf den glücklichen Gedanken, für die hohen und höchsten Be» Hörden, obere Zehntausend usw. besondere Feiern einzuschieben. Das Programm sieht nun folgendermaßen aus: ») Für das Volk. Turnerische Vorführungen, Einüben von Theaterstücken usw., kurz: Arbeit, Arbeit, Arbeit. b) Für die Gutsituicrtcn. Besichtigung aller Vorführungen. Eintrittspreis zum Sportplatz: 3 M., 3 M., 2 M., 1,50 M. und 1 M. Am Abend: Fest- essen im Hotel„Imperial"(Schlarafsia). Trockenes Gedeck 4 M.» Weinzwang. Herren: schwarzer Anzug. Damen: Gescllschafts- toilettc. Dieses„glücklich gewählte" Programm, bei dem die Arveiicc lediglich die Mühe und Arbeit haben, während das Zusehen und die gesellschaftlichen Vergnügen für die besser Situierten reserviert sind, scheint nun doch den Faß den Boden ausgeschlagen zu haben. In ihrer Not wenden sich die Arbeitermitglieder an den„Vorwärts", doch öffentlich Protest dagegen cinzulegeu. Eine Zuschrift lautet wörtlich: „Bitte doch die Art und Weise der Feier im„Vorwärts" zu geißeln. Mitglieder köuucu nur zahlen, wer nicht zahlt, hat kein Anrecht, mitzufeiern. 6000 M. sind zur Feier von der Kasse be» willigt worpen und trotzdem sind die Veranstaltungen so ge- troffen, daß nur Gutsituierte am Fest teilnehmen können, trotz- dem die Mehrzahl der Turner nicht so gestallt ist. Bitte doch Ihre Leser sowie die Turngenossen abzuraten, an dem Fest teil- zunehmen und nicht einen Pfemlig für die Feier auszugeben. Ein Gutgesinnter." Von anderer Seite wird darauf hingewiesen, daß die Mit« glieder seit Jahren zu dem Fest beigesteuert haben, aber der Vor- stand, der sich s e l b st wähle, niache jede Opposition der Mit« glieder umnöglich! Wir sind gewiß nicht schadensroh, aber gesagt muß doch werden: Was habt Ihr Arbeiter in einem Verein des Jungdeutschland- bundcs zu suchen? Seht Ihr nicht ein, daß man Euch lediglich zu Stafsagezwccken benutzen will? Geht dort hin, wo Eure Klassen- genossen sind, kämpft mit ihnen für freie Menschenrechte, laßt Euch nicht über die teuren Fleischpreisc, über die Ungerechtigkeit dcS preußischen Wahlrechts hinwegtäuschen durch Hurrafeiern und Fest- essen! Laßt die Honoratioren, die nach Orden und Ehrenzeichen schielen, unter sich, dann wird es bald anders werden! ** Die Arbcitersportvereine Berlins veranstalten am 8. Juni — dem Tage der Stadioneinweihung im Grunewald unter An- Wesenheit des Kaisers— in Wcißcnsee ein großes Sportfest, wozu alle Sportfreunde bestens eingeladen find. Sunlicht' Seife hat bei einfacher Verivendung unübertreffliche Wirkung und ist daher so beliebt. dass sie den grössten Umsatz aller�eifen der Welt hat! Nicht nur bei feinen Stoffen etc., sondern bei jeglichem Material erweist sie sich bei grösstem Reimgungsvermögen als sparsam, weil sie sehr ausgiebig ist! Moebel-Boebel Berlin s- 0ra�}L®8(Mor"zplatz) *es. gesch. Ein- u. Zwei-Zifnmer-Emrichtungeii. �Verantwortlicher Redakteur: Carl Wermüth, Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.". Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Vuchdruckersi u. Verlagsanstalt Paul Singer u.Co.. Berlin S%'