( 5 Pfennig) MoNtltgSMtSgltlte C Mennig) Kr. 128. fl bcnnemen tS'Bcdi ngungen: STSonnemml?- Preis pränumerando: Werteljährl. S,ZA MI, monall. 1,10 Ml, wöchentlich 2S Pfg. frei ms Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit Muftriertcr Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitunas- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn LS) Mark, für das übrige Ausland s Mark pro Monat. Poftabonnements nehmen am Belgien, Dänemark Holland. Italien, Luxemburg. Portugal. ilämeit, Schweden und die Schweiz. Vidi eint tSgll». 30. Jahrg. vie Insertion;-Lebllhi' beträgt für die fechsgespaltenc Kolonel- zeile oder deren Raum m Pfg.. für politische und gewerlschastlichc Vereins- und Versammlnungs-Änzeigen 80 Pfg. „Kleine Hnrelgen-', das fettgedruckte Wort 20 Pfg. izuläfstg 2 fettgedruckte Worte), jedes wtitcre Wort. 10 Pfg. weitere Wort ö Pfg. f iben zählen für zwei Worte. Inserate r die nächste Nummer müjfen bis Uhr nachniittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm< Adresse: „SMialdemoKrat Birlia". 1 Zentralorgan der rozialdcmohrat» feben Partei Deutfchlande. Redaktton: 8Äl. 68. Lindenftraße 69. Kernsprecher: Amt Morihplat», Nr. I.S8Z. Expedition: SM. 68, lindenftraße 69. Kernsprecher: Amt Moritiplat», Nr. 1il8-4. Sozialdemokraten, Zuhälter und Dirnen. Herr Krisegminister! In einer der letzten Sitzungen der Budgetkommission des Reichstags, also vor dem Forum der vollsten Qeffentlichkeit, haben Sie über den Militärboykott mißliebiger Wirtschaften gesprochen und behauptet, er werde nicht aus politischen Grün- den verhängt, sondern„aus Gründen der Disziplin" verfielen ihm nur solche Kneipen, in denen„Sozialdemokraten, Zu- hälter und Dirnen" verkehrten. Herr Kriegsminister! Wenn wir den mittelalterlichen Verkehrston beliebten, der in Ihren Kreisen geradezu Pflicht ist, wir hätten schon längst in viel unmittelbarer und viel kräftigerer Weise geantwortet, getreu unserer frischen und fröhlichen Weltanschauung: Und häuft Du mir auf die linke Wang', So hau ich Dir zwei auf die rechte. So will ich's halten mein Leben lang Im irdischen Gefechte. Aber wir Wilden� sind doch bessere Menschen und An Hänger weder des Faust- noch des Pistolenkomments. Haben Sie darum keine Angst, Herr Kriegsminister I Wenn Ihnen von der großen Säge, deren schnarchende Töne allerdings gut Beschlagene schon an den Beinen Ihres Ministersessels hören wollen, keine Gefahr droht, von uns haben Sie keinen ge waltsamen Abbruch Ihrer hoffnungsvollen Laufbahn zu be fürchen. Italien hat unlängst das Schauspiel eines auf der Straße geohrfeigten Marineministers gehabt, aber aus dem Lande der Masia und Camorra wollen wir keine Gepflogenl heiten einführen. Wir billigen Ihnen sogar, Herr Kriegs minister, im weitesten Maße für Ihre Beschimpfung mil dernde Umstände zu, denn einmal find Sie preußischer Ossi' zier und zum zweiten sind uns Ihre parlamentarischen An- tezedentien wohl bekannt. Danach ist Ihre Rede am Bundes- ratstisch durchaus nicht immer: Jal Ja! oder Nein! Nein!, sondern meist darüber hinaus und dann auch meist vom Uebel. Wir sind auch zu taktvoll, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten und etwa Offiziere, Spieler und Mädchenjäger in einem Atemzuge zu nennen, obwohl das mit ein klein wenig niehr Recht geschehen könnte als Ihrem Ausspruch innewohnt. Sie lesen doch auch, Herr Kriegsminister, die Zeitungen, wenigstens den Vermischten Teil, und haben sicherlich gerade an dem Tage, da Sie Ihren massiven Ausspruch taten, von dem Herrn Kolberg vernomnien, der nicht nur mit Zuhältern und Dirnen auf Du und Du stand, sondern auch als ganz gewöhnlicher Dieb eingesponnen wurde. T-er Mann war aller- dings kein Sozialdemokrat, sondern vor ganz kurzem noch . königlich preußischer Leutnant im vberelsässischen Feld artillerieregiment Numero soundsoviel. Und— aber nicht wahr, wir wollen nicht anfangen,„Fälle" aus dem Offiziers- korps aufzuzählen, sonst würden wir bis morgen früh nicht fertig. Wer lächelt auch nicht, wenn er von Ihrer Sorge um die Soldaten hört, die von dem moralisch korrumpierenden Umgang mit Zuhältern und Dirnen durch die wirtschaftliche Schädigung sozialdemokratischer Versammlungslokale fern gehalten werden sollen und sich dabei zugleich an den morali sehen Sumpf erinnert, der vor ein paar Jahren— Sie haben ein gutes Gedächtnis, Herr Kriegsminister!— in Potsdam aufgedeckt wurde? Sie wissen: Garde du Corps, das Spa- lierregiment bei der Einholung allerhöchster Herrschasten, die Adlervilla, die abendlichen Spaziergänge der Mannschaften in Stulpenstiefeln und mit einladend aufgeklappten Rock- schößen und das ganze Trum und Tran. Und die Verderber waren keine Zuhälter und keine Dirnen, auch keine Sozial- demokraten. sondern feine Herren, hohe Herren. Herren mit Rang und Titel und Epaulettes und Gardesternen! Aber sollten Sie wirklich so viel Angst um den Verkehr unserer Soldaten mit den Jungfrauen des horizontalen Ge- werbes haben. Herr Kriegsminister? Gar so gefährlich ist dieser Verkehr doch nicht, denn in vielen Kasernen haben Sie Automaten mit einem Desinfektionsmittel aufgestellt, das für zehn Pfennig zu erhalten ist und der bar bezahlten Liebe ihre Dornen nimmt. Aber der Verkehr der Soldaten mit So- zialdemokraten— da haben Sie recht, Herr Kriegsminister, der i st gefährlich für �ie und Ihre Sippe und das der- krachende System, das Sie vertreten. Tagegen hilft kein Militärboykott und kein Automat und kein Tesinfektions- mittel, dagegen hilft im Grunde genommen überhaupt nichts! Die Angst um die Disziplin, wir glauben es Ihnen gerne, hat Ihnen die falsche Zusammenstellung auf die Lippen getrieben, denn an demfelben Morgen hatten sie von den Pro- teßkundgebungen des französischen Militärs gegen die drei- jährige Dienstzeit gehört. Sie wissen heute, daß es sich nicht um vereinzelte Vorgänge handelte, sondern ein und der- fei 6 c Geist der Rebellion flatterte überall empor, in hundert Städten, in tausend Kasernen, und schwang sich auf den flirrenden Flügeln der„Internationale" ins Land. Diese �mge sind sehr lehrreich, sie können es sein selbst für einen vreußlschen Kriegsminister, denn was sich hier vollzieht, ist oie Auflösung des französischen Militaris- mus von innen heraus! Die„denkenden Bajonette" sind es, für alle Machthaber der schrecklichste der Schrecken, die hier in Aktion getreten sind. Die französischen Gewalt haber müssen mit gesträubten Haaren zusehen, wie ihnen die Staatsmacht unter den Händen zu zerbröckeln beginnt. Denn die Staatsmacht ist nichts anderes als die Summe aller wissenlosen Bajonette. Die Eisenbahner streiken. Gut! Man beruft die Bajonette ein und die Bajonette führen die Loko motiven und knipsen die Billette und stellen die Weichen— alles klappt! Oder die Arbeiterschaft einer ganzen Stadt rebelliert. Im Laufschritt kommt die Polizei— sie ist zu schwach und muß abziehen. Gendarmerie rückt an— sie richtet nichts aus. Da appelliert man an die Bajonette und nun hat es gefleckt: die Bajonette stoßen alles rücksichtslos nieder und die„Ordnung" ist wiederhergestellt. Die französi schen Bajonette sind die französische Staatsmacht. Aber wenn diese Bajonette einmal nicht mehr wollen, wenn die Bajonette streiken, dann ist es aus. dann kann die Staatsmacht ein packen. Wenn eines schönen Morgens aus allen französi schen Kasernentoren wie auf Verabredung die Soldaten herausmarschieren, nicht auf den Exerzierplatz, um sich dort von rohen Korporalen unters Kinn boren oder in die Knie- kehle stoßen zu lassen, sondern mit Iuvheidibeida! in den grünen Wald hinaus oder auf den nächsten Jahrmarkt, dann ist es aus, denn sie zu halten ist niemand mehr da! In Frankreich die Ereignisse sind der Anfang dieses großen Spa zierganges aus den Kasernen in die Freiheit! Und diese Auflösung des französischen Milttarismus von innen heraus ist ein natürlicher Prozeß, wie die Entwicke- lung des Embryos, der sich ohne Einwirkung von außen, ohne alles Zutun, ohne antimilitaristische Kasernenpropa ganda, von selbst aber desto unaufhaltsamer vollzieht. Nicht unsere Genossen in Frankreich, sondern Ihr Kollege. Herr Kriegsminister, ist der wahre Umstürzler und ihm ge lingt dieser Umsturz sogar ohne solche Provokationen, wie Ihre Leute sie verüben, wenn, sie den Besuch von. Lokalen der bieten, in denen„Sozialdemokraten, Zuhälter und Dirnen" Verkehren.____ flnatole France über die demonitrierenden Soldaten. Paris, 23. Mai.(Eig. Ber.) Der geistvollste, kultivierteste Schriftsteller Frankreichs, der seit vielen Jahren an den Kämpfen des sozialistischen Proletariats für die wahre Demokratie teil nimmt, erhebt auch jetzt, wo so vielen radikalen Bourgeois angesichts der manifestierenden Soldaten das Herz in die Hosen fällt, seine Stimme für Freiheit, Gerechtigkeit und sozialen Fortschritt. Die „Humanite" veröffentlicht heute den Bericht ihres Redakteurs Franeois C r u c y über einen Besuch, den er gestern France ab- gestattet hat. Cruch fand den Dichter in seinem Arbeitskabinctt in den Zeitungen die neuesten Nachrichten aus Toul, Beifort, Macon suchend. Er erinnerte ihn an die Schwindelberichte, die die Regierungspreffe noch vor ein paar Wochen über die an- gebliche begeisterte Zustimmung des Volks zur Dienstzeitverlänge� rung veröffentlicht hat. France erwiderte:„Sie haben daran geglaubt, lieber Freund. Ein Mini st er weiß immer nur, was ihm zu wissen angenehm ist... Vor einiger Zeit reiste ich mit einem Präfekten, als unser Auto wegen einer vor uns marschierenden Jnsanterieabteslung seine Fahrt verlang- samen mutzte. Als wir die Spitze des Zuges erreicht hatten, machte die Truppe Halt, die Leute errichteten Gewehrpyramiden und streckten sich im Straßengraben aus. Die Hitze und die Länge des zurückgelegten Marsches erklärten hinlänglich ihre Ermattung. Mein Präfekt aber zeigte mir die liegenden Soldaten und rief: „Welche Schneidigkeit, nicht wahr? Welche Schneidigkeit!" Ich erwiderte:„Aber die Leute können doch nicht mehr..."—„Oh, das ist gar nichts, ich versichere Ihnen. Sie haben eine Schneid. eine Schneid!" Und France fügte dieser Erzählung bei: Um seiner Regierung mit Gewißheit die besten Nachrichten melden zu können, muß sich jeder Präfekt derart hypnotisieren können. Aber jetzt wachen sie auf, die Mini st er und Präfekten.„Hu, hu, die drei Jahre!" Jawohl, huhu? Mehr als je protestiere ich gegen das Drei- jahrsgesetz, das man weder rechtfertigen noch formulieren konnte. Es ist ein Geschenk, das ein reaktionäres Ministerium aus den Händen der Nationalisten empfangen hat... Was die jüngsten militärischen Ereignisse, die Erregung in fast allen Garnisonen betrifft, so will ich Ihnen die verantwortlichen Urheber nennen: die allein verantwortlichen und strafbaren Urheber. Es sind die Mitglieder der Regierung. Nicht genug, daß ein Ministerium, das sich republikanisch nennt, sich von den den Demokratie feindlichsten Reaktionären bei der Abfassung eines ungeschickten, unzusammenhängenden Entwurfs inspirieren läßt. Ein Minister kündet überdies an einem schönen Sonntag mit Be- rufung auf eine zweifelhafte Gesetzlichkeit keck die Zurückhaltung einer Jahresklasse an. Und da wollen Sie, daß dieses willkürliche und schlecht gerechtfertigte Verfahren in einer Demokratie keine Erregung hervorrufe! Ja woher kommen denn unsere Politiker. daß sie den Geist des Landes— ja mehr, den Geist des Menschen! — so sehr verkennen? Solange eine rückschrittliche Regierung die nationale Verteidigung unter der Inspiration einer finanziellen, klerikalen und reaktionären Oligarchie zu organisieren trachten. 'olange sie bei diesen Leuten Rat und Hilfe suchen wird, wird ihr das Volk, das in einer Demokratie die einzige Kraft ist, auf die man sich stützen kann, nicht willig gehorchen. Alle Maß- regeln für die nationale Verteidigung werden eitel sein, wenn sie nicht im Einklang mit den wirklichen Gefühlen des städtischen und ländlichen Proletariats sind. Vor 14 Tagen hatte ich Gelegenheit, einem Minister meine Gefühle auszudrücken. Ich sagte ihm:„Sie erregen einen Antimilitarismus, mit dem verglichen der jener Leute, die Sic ehedem verfolgen und verurteilen ließen, ein Anti- Militarismus in Rosen Wasser ist. Wenn Sie Ihre Inspirationen von dn Feinden der Republik verlangen, bringen Sie die Republik selbst in Gefahr. Wenn ich heute diesen Minister wiedersähe, würde ich hinzufügen: Bestrafen©ie für Ihre Sünden weder Soldaten noch Arbeiter, bestrafen Sie nur sich selbst. Die Urheber des Komplotts, das Sie der Arbeitcrkonföderation zur Last legen wollen, sind Sie und nur Sie allein. Die Arbeiterkonföderation hätte es— leider— gar nicht s 0 gut machen können! Ihnen bleibt nur eines zu tun: Verschwinden S i e! Dieses Gespräch führte Anatole France gestern morgen. Am Abend legte ihm Cruch seine für den Druck bestimmten Auf- Zeichnungen vor. France las sie durch und wunderte sich über den maßvollen Ausdruck, der hinter dem Maß seiner Entrüstung weit zurückbleibe. Und als er fertig war, strich er die letzte Zeile aus und rief:„Nein, das nicht! Ich würde Ihnen sagen: Im Namen des allgcme inen Wohls, schert euch zum Teufel! Und der gerstvollste, kultivierteste Schriftsteller Frankreichs schrieb zornig den Satz, der im ftanzösischen, unwiedergebbaren Text noch viel derber klingt. ** * Sine Ricrendcmonftration gegen die dreijährige Dienftzeit. Paris, 25. Mai.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Heute fand auf dem Prä-Saint-Gervais bei Paris eine u n g e- h e u r e D e m 0 n st r a t i 0 n gegen dic dreijährige Dienst- zeit statt. Ter Polizeipräfekt hatte einen umfassenden Ordnungsdienst, vorgesehen, an dem die berittene und die Munizipalgarde zn Fuß sowie alle Reservebrigaden dieser Waffe und ein ungeheures Schutzmannsaufgebot teilnahmen. Es fehlten diesmal die Jnfanterieregim enter, die sonst bei derartigen Anlässen auch abkommandiert zu werden pflegen. Auf dem Prä-Saint-Gervais bewegte sich eine unzählige Menschenmasse. Es war die größte Demonstration, die Paris je gesehen hat; über eine Viertel Million Arbeiter beteiligten sich daran. Tie Konföderation der Arbeit hatte ihre für nächsten Sonntag augesetzte Mani- sestation vertagt und die Gewerkschaften zum heutigen Meeting eingeladen. Von 20 Tribünen sprachen die Partei- redner, darunter A a u r e s, und die Vertreter der GeWerk- schaften. Die Teilnehmer formierten sich nach Schluß des Beetings ii� g e s ch l 0 s s e n e n Zügen, und man trennte sich an den Toren der Stadt unter Absingung der Jnternatio- nale und den Rufen„Nieder mit der dreijährigen Dienstzeit." Tie Kundgebung hinterließ einen mächtigen Eindruck. Ba! internationale ßfiitungsgelchafst (Von unserem Korrespondenten.) London, 24. Mai. Die Enthüllungen de?„Vorwärts" und deS Genossen Liebknecht über die Geschäftspraktiken der Rüstungsfabrikanten haben im Aus« land den lebhaften Wunsch geweckt, etwas mehr über die Angelegen- heiten der eigenen Konzerne zu erfahren, die mit der Volksverhetzung die Räder ihres Betriebes schmieren. In der Oeffentlichkeit war bisher wenig über das Treiben des Rüstungstrusts, der besonders den englischen Chauvinismus ausbeutet, be« kannt. Dann und wann erschien in einem liberalen Blatte ein Stoßseufzer, und eS wurde auch wohl der leise Wunsch ge« äußert, der Staat möge mehr Schisse auf eigenen Wersten bauen, um den Trust in Schach halten zu können. Sonst ist in England jedoch wenig geschrieben worden, was die Aufmerksamkett des Publikums auf sich gezogen hätte. Ermutigt durch die Enthüllungen in Deutschland, hat nun ein Mitarbeiter des bekannten linksliberalen Blattes„Daily RewS and Lea der", das frühere linksliberale Parlamentsmitglied Wilson, Dokumente und Material gesammelt, mit denen er Licht in die Dunkelheit des Rüstungsgeschäfts bringen will, über das der gewöhnliche� Engländer so ganz falsche Ansichten hegt. Wilson zeigt zunächst, welch' hohe Konnektionen die englischen Rüstungsfirmen in beide» regierungsfähigen politischen Parteien haben. So ist der liberale Lord Aberconwah Vorsitzender der Rüstungsfirma John Brown and Company und der liberale Lord Pirrie Bevollmächtigter der Obligationsinhaber derselben Firma und der Geschützfabrik zu Coventry, von welch' letzterem Unternehmen die Firma John Brown SO Proz. des Kapitals besitzt. Auf der kon« servativen Seite finden wir Carl Grey und den stüheren Minister Lhttelton, die Bevollmächtigte der Obligationsinhaber der Rüstungs« firma Armstrong, Whitworth find. Denselben Posten bekleidet der frühere konservative Minister Stuart Wortley für die ObligationS« inhaber der Rllstungsfirma Cammell, Laird and Company, die ein Viertel der Anteilscheine der Geschützfabrik von Coventry ihr eigen nennt. Die Angaben deS Herrn Wilson zeigen, wie eng all diese Unternehmen zusammenhängen und wie klug die Rüstungsfabrilante» handeln, wenn sie nicht alle Eier in einen Korb legen, Herr Wilson behandelt dann die noch dielfach gehegte Ansicht. daß das Rüstungsgeschäft ein patriotisches Geschäft sei. Er zeigt. wie diese Firmen ihre besten Waren an das Ausland liefern und nicht die geringsten Skrupel empfinden, selbst wenn sie dem Ausland mächtigere Waffen in die Hand geben, als sie an England verkaufen. So sagte Sir Andrew Noble in der Generalversammlung der Mlienbesitzer von Armstrongs:.Der.Monarch' ist daZ größte und mächtigste Sckilachtschiff. das wir für die britische Regierung gebaut haben; doch der brasilianische.Rio' und der chilenische.Valparaiso', die wir jetzt im Bau haben, sind sowohl größer als auch mächtiger.' Daß mehrere englische RüstungSfirmen im Auslande Unternehmen besitzen, wo sie Kriegsschiffe bauen, ist allgemein bekannt. Man, wird sich fragen, wo bleiben da die.KonstruktionSgeheimnisse', deren Besitz eS der vaterländischen Flotte ermöglichen soll, den Ausländer in die Pfanne zu hauen? Die Zeitschrift.The Economist' beschäftigte sich neu- lich mit der Frage, wie es den englischen Aktienbesitzern der Firma Armstrong, die in Italien ein Zweiggeschäft, die Annstrong Pozzuoli Company besitzt, im Falle eines Kriege? zwischen England und dem Dreibund ergehen würde, und bemerkte unter anderem: .Warum sollten die Flottensachverständigen, die die Ansichten der Admiralität wiedergeben, darauf bestehen. Italien als einen Flotten rivalen und einen möglichen Feind zu betrachten, wenn eine große brittfche Firma mit brittfchem Kapital und italienischer Arbeit Schiffe baut, deren Italien bedarf, um mit seinen Ver bündeten da? britische Reich umzustürzen s Da der frühere Sekretär des Reichsverteidigungsaus fchuffes und der ftühere permanente Sekretär des Schatzamtes jetzt Direktoren von Armstrongs sind, sollte die Gesell- schast in der Lage sein, dem britischen Publikum eine vollkommen klare Auseinandersetzung ihrer Ansichten zu geben.' In weiteren Artikeln wird auf die vertraulichen B e. zie Hungen hingewiesen, die zwischen den Leitern der RüstungSfirmen und den Regierungen bestehen. So bemerkt Wilson, daß die britische Regierung mit diesen Herren freimütig Geheimnisse diskutiert, die es dem Parlament und selbst dem in geheimer Sitzung tagenden Budgetkomitce vorenthält. Di« Leiter der Rüstungsindustrie werden reichlich mit Titeln und Orden bedacht— wohl wegen ihrer vielen patriottschen Taten. Der jetzige Vorsitzende der Firma Armstrong scheint sich in recht vielen Ländern als waschechter Patriot erwiesen zu haben, wenn man ihn nach seinen Orden und Titeln beurteilen darf. Er wurde von der englischen Regierung zum Ritter de» Bath-OrdenS gemacht und heißt jetzt Sir Andrew Noble. Er besitzt außerdem noch folgende Orden und Würden: den japanischen Orden deS Heiligen Schatzes erster Klasse; den Orden der Aufgehenden Sonne erster Klaffe; das groß« Band der türkischen Mesudieh- und Medschidie-Orden; die Rose von Brasilien; das große Kreuz der Krone Italiens; den Drachen von China; Kommandant des portugiesischen JesuS- EhristuS-OrdenS; Ritter des spanischen Karl-OrdenS. Der eng- lisch« Zdmionenlöuig als Kommandant deS JesuS-ChristuS-OrdenS! Fürwahr unsere Zeit schreibt ihre eigene Satire. Wenn man daran denkt, wieviele arme Spitzbuben ihre Seelen verkaufen,-um militärische Geheimnisse zu stehlen, so muß man laut auflachen, wenn man vernimmt, wie Priester und Tempel- tiener de? Militarismus, die alle Geheimnisse deS Allerheiligsten kennen, im Direktorium der Rüsttingsunternehmen sitzen, die ihre Waren ohne Unterschied an alle Nationen verkaufen, die dafür bezahlen können. Im Direktorium der internationalen Firma Armstrong fitzen zum Beispiel Sir George Murrav, ein Geheimrat, der Privatsetretär Gladstones und RoseberyZ und von ISO? bis 1007 permanenter Sekretär des Schatzamts war, und der Konteradmiral Sir Charles Langdal« Ottleh. Dieser Admiral war zwischen 1007 und 1911 Sekretär det Roichsverteidigungsausschusse» und bewahrte alt solcher die Archive diese» Allerheiligsten deS britischen Militarismus und hörte natürlich auch die intimsten Debatten über Strategie mit an. Der geschäftSführend« Direktor der Geschützfabrik zu Coventrh, einem Geschäft, das drei großen RüstungSfalwiken gehört, ist der Konteradmiral R. H. S. Bacon, der erste.Kapitän des berühmten Schlachtschiffes.Dr e a d n on g h t'. mit dem eine neue Rüstungsära eingeleitet wurde. Nachher wurde er Direktor des Klottengeschütz- und Torpedowesens, bis er die Geschäftsführung der Firma in Coventrh übernahm, die ihm das fürstliche Gehalt von 7000 Pfund bezahlt. Das ist 2000 Pfund mehr als der Premier- minister von England bekommt. Wie gut sich die RüstungSfirmen einflußreiche Verbindungen zu sichern wissen, beweist auch die Tat. fache, daß ein Sohn Gladstones Direktor der Firma Arm» strong ist. Interessant ist auch ein Zeitungsbericht, den Herr Wilson widergibt. Er lautet:.Auf der jährlichen Generalversammlung der Firma John Brown and Company(einer der großen Rüstung?- firmen), die im Juli 1005 abgehalten wurde, berührte Sir Charles McLaren die Ernennung des Sir John Fisher zur Admiralität und drückte sein Vergnügen darüber aus, daß dieser Herr cnt- schlössen sei, mit dem Bau von Schlachtschiffen fortzu- fahren, da die» der Gesellschaft sicher mehr Ar- beit verschaffen werde.(Beifall.) Bericht wurde angenom- men und die Dividende von 81h Proz. für das Jahr genehmigt.' Weiter befaßt sich Herr Wilson mit der Geschützfabrik zu Toventry. Wir erfahren aus seinen Darstellungen, daß diese Firma drei großen Rüstungsgeschäften gehört und wie der Einfluß dieser Geschäfte sich im Parlament bemerkbar machte. Es war im Jahre 1009, als die Flottenkrife in England sehr akut war, als die Chauvinisten ihre acht TreadnoughtS verlangten und im Parlament ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung einbrachten. Der Viscount Castlereagh, der Vertreter de» Wahlkreises Maid- stone, entwickelte zu der Zeit ein überaus reges Interesse für die Geschützfabrik zu Coventrh und stellte dein Marineminister ver- schiedene Fragen, die«ine genaue Kenntnis der Angelegenheiten dieser Geschützfabrik verrieten. Die Fragen drehten sich um den Punkt, ob die Regierung von der Fabrik Geschütze von zwölfzölligem Kaliber beziehe. Herr McKenna erwiderte, daß die Firma auf der Liste der Lieferanten für GeschützmontierungSstücke stehe. Die Snt- wort befriedigte nicht. Die Geschützfabrik hatte offenbar Regie- rungSaufträg« für Schiffsgeschütze notwendig; sie hatte einen Auf- trag der japanischen Regierung nicht erfüllen können, weil die eng- lisch« Regierung nicht dieselben Kanonen bei ihr bestellte. Direkt nach diesem Zwischenfall, schreibt Herr Wilson, erfolgten die scharfen Angriff« der konservativen Opposition gegen die RüstungS- Politik der Regierung. politilcbe deberftcht. Die Landtagskandidatur im S. Berliner Wahltreis. Im fünften Berliner Landtagswahlkreis ist am Sonntag in einer Funkttonärsitzung an Stelle des Genossen Borchardt der Vorsitzende des WahlvercinS deS vierten Berliner Kreises, Genosse Paul Hoffmann als Kandidat aufgestellt worden. Heeresvorlage und Deckung. Es erscheint immer wahrscheinlicher, daß die Heeres- Vorlage vom Reichstag ohnedieDeckungsvorlage verabschiedet werden wird. Ja, es heißt sogar, daß die Be- ratung der HeereSvorlage noch in dieser Woche im Reichstag selbst beginnen soll. Tas Zentrum soll für diese getrennte Bel)andlung der Vorlagen bereits gewonnen sein. Es haben auch wiederholt vertrauliche Beratungen zwischen den bürger- lichen Parteien stattgefunden und die„Nationalliberale .Äorresp." kündet bereits an, daß auch eine Verständigung über die B e s i tz st e n e r f,t a g e nahe fei. Die National- liberalen hätten schon früher erklärt, daß sie sich nicht aus eine Reichserbschastssteuer versteiften, sondern auch mit einer R e r ch s v e r m ö g e n S st e u e r zufrieden seien. Und das Zentrum scheine gewillt, um die Erbschaftssteuer zu verhüten, ans den nationalliberaleil Vorschlag einzugelien. ES wird sich ja bald zeigen, wieviel Wahres diese Nach- richten enthalten. Irgendein Zwang, ans die ErbschastSsteurr zu verzichten, besteht reinesfalls, wenn die Nationalliberalen fest bleiben. Eine gründliche Reichsfinanzreform müßte eine Reichsvermögenssteuer in Verbindung mit der Erbschafti- steuer bringen. Auf diese zu verzichten, nur um sich dcni Machtsvruch der Schwarzblauen zu unterwerfen, für solch feige Politik sollte eigentlich selbst für Nationalliberale kein Grund vorhanden sein. Deutschland sei wach l Die Erfolge der WehrvereinSagitation erreg«» den Neid der Treiber für maritime Rüstungen. Auf der gestrigen Hauptver» sammlung des Deutschen Flottenverein» in Bremen proklamierte man zwar zugunsten der jetzigen Wehrvorlage«ine gewisse Zurückhaltung, aber waS man später für..dringend er- forderlich' zum Ausbau unserer Flotte halten wird, das geht schon jetzt aus den geringfügigen Wünschen hervor, dessen Berückfich« tigung keinen Aufschub zulasse. WaS die bescheidenen Flottenver- einler— ihr Präsident Großadmiral v. Köster verlangte seiner- zeit„nur" neue Schlachtkreuzer und Ausbau der Reserveforma» tionen— an Schiffswünschen zurückstellten, kompensierten sie wieder durch um so gefährlichere Forderungen politischer Art. An der West- und Ostküjte Amerikas sollen je ein neuer Kreuzer stationiert und unsere Nachbarn durch Einrichtung eines.fliegen» den Geschwaders", bestehend au» Panzer- und kleinen Kreuzern. in der Heimat beunruhigt werden. AIS Begründung für dies« Auf- reizung deS Auslandes mußte das selbst vom Kanzler verscheuchte Gespenst drohender Gefahr durch den PanslaviSmuS und den wach- senden Chauvinismus in Frankreich herhalten. Seine Kenntnis der Volksstimmung im Ausland illustrierte v. Köster dabei durch die Mitteilung, daß man in Frankreich für die Einführung der drei- jährigen Dienstzeit begeistert sei. Ten Wunsch England», mit Deutschland in der Flottenfragc Hand in Hand zu gehen, verhöhnte der Redner durch seine Zustimmung in der Form, daß Deutschland dabei in voller Gleichberechtigung über eine achtunggebietende Flotte»verfügen müsse. Wenn v. Köster die Warnung:„Deutsch- land sei wach!" ergehen ließ, so weiß das arbeitende deutsche Volk wohl, wem eS am ehesten auf die Finger sehen mutz! Hakatistengelärm. In Broinberg hatte sich am Sonnabend der GesamtauS- schuß des O st m a r k e n v e r e i n S versammelt. Zunächst hielt der Historiker der Berliner Universität, Gcheimrat Schäfer, eine Festrede— seder Zoll ein preußischer Leib- gardist. Interessant war. daß er Wilhelm II. als einen Gesinnungsgenossen der Hakati st en in An- spruch nahm. Der Hauptredner war natürlich der bekannte Herr von T i e d e in a n n. Er pries den Polenboykott als einen Sieg der Deutschen, mußte sich aber in der Diskussion sagen lassen. daß dieser Triumphgesang mit den Tatsachen durchaus im Widerspruch stünde. Tie Polen kaufen nach wie vor bei den Polen, während in den Städten der Stand der deutschen Ge- werbetreibenden zurückgegangen sei. In der Tat muß auch Herr v. Tiedemann trotz aller Großsprechereien von dem Er- folg seiner Sache durchaus nicht so überzeugt sein. Denn sonst hätte er kaum die Gegner der Verhetzungspolitik in so maßloser Weise beschimpfen brauchen. Besonders ging er gegen den konservativen Professor Delbrück vor(dessen Name übrigens von der Versammlung mit Pfuirufen aufge» nommen wurde), dem er historische Unkenntnis vorwarf. Noch schlimmer kam der frühere Landrat V. Puttkamer weg und schließlich nannte der Herr alle Nichthakatisten„k i n- d i s ch und albern"! Damit der Humor noch weiter zu seinem Rechte komme, pries dann Herr v. Tiedemann die glückliche Lage der Polen in Preußen in demselben Atem- zug. in dem er die schärfere Anwendung des EnteignungS- gesctzes, Wiedereinführung der Osttnarkenzulagen und andere Ausnahmegesetzes verlangte. Um so schmählicher ist das Lob, das dieser Hetzer dem Zentrum und der Fortschritts, Partei in der Ostmark ausstellen zu können glaubte. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant, darauf hinzuweisen, daß die.Hakatisten eine Aenderung im Polenkurs befürchte», da der seitherige Präsident der Änsiedelungskon'mission Dr. Gramsch am 1, Juli zurücktritt und durch den LberregierungSrat v. Tilly aus Königsberg ersetzt wird. Ein..Ostmarkendeutscher" hat in der„Rheinisch- Westfälischen Zeitung" darauf hingewiesen, daß man für den milderen Kurs auch den Bund der Landwirte gewinnen wolle und zwar dadurch, daß einem Angehörigen deS Fre,- Herrn v. W a n g e n h e i m ein gewünschtes Restgut zugesichert sei und daß sogar versucht werde, einen im Ostmarkenverein sehr hervorragenden Herrn dadurch zu gewinnen, daß ihm ein angenehmer Austausch in Aussicht gestellt ist. Tie „Deutsche Tageszeitung" weist diese Behauptungen mit großem Nachdruck zurück, sie erklärt, sie seien in ihrem ganzen Umfang das Erzeugnis freier Erfindung, ganz besonders so- weit der Freiherr v. Wangenheim dabei in Frage komme. Wahlmänner-Stichwahle«. In Frankfurt a. M. sind nun endgültig gewählt: 445 Sozial« demokraten, 840 Fortschrittler und 2ö0 Nationalliberale. Die Wahl der beiden Forischrittler ist also gesichert. Älocbenfilm. j-,,. Diewt«! be» Menschen Fürrecht Lachen ist. Rabelai». Ekelhafk, scheußlich und absolut nicht standesgemäß, daß ich schon wieder in diesem Proletenblatt mein« Perlen vor die roten Sän« werfen mutz, zumal in voriger Nummer so ein Fatzke auS Berkin N.N. bezweifelt, daß ich«in echter konservativer August bin. Kennt der Mann mich schlecht. Alles ist waschecht, das Konservative und der August erst recht, und mit Herrn v. Hcydc- dvand bin ich beinah auf Du und Du. Aber ich muß mich trotzdem in den„Po r w ä r t S' flüchte», weil mir die.Deutsche Tageszeitung" ihre Spalten per- schließt(und„Kreuzzeiiung" ist, unter Kameraden kann man S ja lagen, verflucht langweilig« Gazette). DaS kam so: in einer der letzten Nummern stand etwas von dem schwersten Mann des Jahr- hundert» drin, der seine sechsmalhundert Pfund wiegt, seit feinem fünfzigsten Jahr« nicht mehr arbeitet und als llnicum für Geld zu sehen ist. Habe mir nun huldvollen Scherz erlaubt und in einem Postskriptum angefragt, ob der Sechszentnermann nicht als Redakteur der„Deutschen Tageszeitung" zu verwenden sei. Na, waS glaubst Du wohl, lieber Leser,»ras mir Herr O« r t e l geant- wartet hat? Liebes nicht I Und seitdem schickt er mir a ternpo meine geistvollsten Manuskripte zurück. Ekelhafter Kerl! Werde mich unter sotanen Umständen demnächst ans„Der. liner Tageblatt' wenden müssen. Ist, bei Licht besehen. gar kein so üble» Blatt und mir unverständlich. waS die„Deutsche Tageszeitung" immer dagegen zu fchimpsen hat. Einfach Konkurrenzneid! Freilich ist im Leitartikel von T. W. immer ein bißchen Männerstolz vor Königthronen. So was will der deutsche Bürger in mäßigen Dosen, wenn er verärgert ist. Feste auf die Westcl Druff aus Schranzen und Junker und Pfaffen! Schadet aber nischt! Wird wieder gut gemacht durch den lokalen Teil. Tenike da zunächst an die Artikel über erfreuliches Ereignis bei S. M., Einholung der Majestäten von Rußland und England und des Schwiegerpapas von Prinzeßchen. Pikfein und loyal, lieber Leser, loyal, wie es Scherl nicht besser fertig bekommt, loyal zum Kronenordenkriegeu l Ein paar Proben gefällig? Also: „Ein ganz besonderes Lob gebührt der Berliner Polizei..." Na ja!„Vor dem Eiugaug zum Fürstcnzimmcr flehen einige reich gallonierte Diener im Gespräch mit den Bahnhofs- beamten, die durch Extrauniform und weiße Hand» schuhe die Bedeutung de» TageS zu würdigen wissen." Zu würdigen wissen. Weiter:.Prinzessin Leopold in gintc wundervollen Toilette.... sehr dekorativ die schlanke Gestalt der schön« n Prinzessin August Wilhelm... Prinzessin Victoria Lius«, die sich an der Seit« ihres Verlobten wie ein« ganz wirtlich«, bürgerliche Braut zu fühlen scheint." Da steckt Schmiß drin, loyaler Schmitz: wie eine ganz wirtlich«, bürgerliche Braut! Weiter: „Sehr stattlich steht dem Ptarineprinzen Adalbert der kurze Vollbart, wie denn überhaupt auch eingefleisch.te Demokraten gern zugeven werden, daß die Söhne det deutschen Kaisers in ihrer gesunden Männlich- teit gute Repräsentanten der BolkSkrast fürs Ausland sind." Brav! Sehr brav! Kronenorden vierter! „Tie KürassiercStorte in wechen Kollern wie die berittene Siegesalle« l" Beritten« SiegeSallee— samo»! famo» II Wetter:„Gemälde der Uniformen fremdartig orientalische Nuance." (Fremdartig orientalische Nuance'scheint hier doch nicht der rechte Ausdruck zu sein!)„Auch der P o l iz e i p r ä s i d e nt von Jagow gibt Rußland die Ehre; er trägt ein russische» Ordensband"— freilich! freilich! trägt Traugott seit MoabitI Dann läuft der Zug der russischen Majestät ein.„Jedoch— der Empfang ist von den Würdenträgern so umdrängt, daß nur «in panr Gymnastiker etwa« von ihm zu sehen bekommen, die an der Lokomotive de» Hofzugc» in die Höhe geklettert sind und auf diese Weise über die Köpfe hinwegschauen können. Es lohnt d i e M ü h e." Na. höher al» auf die Lokomotive geht« doch nimmer mit dem Patriotismus. Talentvoller junger Mann, der mit den: Bleistift auf die Lokomotive klettert, um dem Zaren auf die hohe Mütze zu schauen. Nicht schimpfen, Herr Oertel, nach. machen! Auch sonst sind politische Ausjichten recht erfreulich? Aussall der LandtagSwahlen Ib. Hält noch immer dicht, das brave alle Dreiklassenwahlrecht. Wohin das hundsgemeine, gleiche, direkte und geheime führt, zeigt Anmaßung des Herrn Dove, der bei Eroff- nung der JubiläumskuiistauSstelluilg nicht hinter, sondern vor dem Strick stehen wollte, wo S. M. und kunstverständige Herren von der Garde sich aufhallen und wohin zu gelangen höchstens Präsident des Abgeordnetenhauses ein Recht hätte. Aber Dove— ti donc! Ter Mann gehört weder vor noch hinter den Strick, sondern direkt an den Strick, und dann hoch mit dem Fortschritt! Dieser Dove bat keinen Respekt vor gottgewollten Llbhängigkeiten und sieht nicht ein, daß der Strick, hinter dem die Masse steht, ein Sinn- bild unserer göttlichen Gesellschaftsordnung ist. Gefällt mir fein Kollege Kaempf bedeutend besser. Auch ein Fortschrittler, aber der hat den Respekt. Auch bocherfteulick. daß man die WackeS im Elsaß endlich zwiebeln will. Frech« Blase! Muß mal preußisch geredet werden mit ihnen, ein Bataillon Landräte herunter und da» Dreitlassen» Wahlrecht— dann werden sie schon zahm! Aber Vorgänge in französischen Kasernen gefallen mir nicht. Ersten» für«in streng preußisches Herz«in Horror, zu denken: Soldaten, die„Jnternatio- nale" anstimmen uicd gegen drei Jahr« Drill rebellieren! Einfach scheußlich! Aber habe mich nicht wie manche meiner Kameraden freuen können, daß die französisch« Armee sozialdemokratisch durch- seucht ist. K» Cantrollcur—- im Gegenteil! Steckt ein« ganz kolossal« Gefahr drin! Sozcn wollen bekanntlich, da» weißt Du. lieber Leser vom„Vorwärts", teilen, egal weg teilen! Wenn nun alle französischen Regimenter sozialistisch find und die Ossizier« mit und der Kriegsminister mit. dann marschiert daS alles eine» Tages über die Grenze, um bei uns mit dem Teilen anzufangen, denn bei unt ist Gottfeidank! noch etwas zu holen! Und denn ist der groß« Kladums da und wir haben ganz ergebenst das Pläsier- Bercmügen. im« für« Baterland totschießen zu lassen. Faule Sacke das! Ueberhaupt, wenn August an diese rote Bagage denkt, wird ihm ganz flau im Magen und Kellner muß ä ternpo mit Henneft i) anschwirren. Scheußlich« Bande! Tann kommt mir die ganze Welt eklig brenzlich vor und eine Notiz, die ich dieser Tage gelesen. erscheint mir wie Shmbolium. Stand auch in«Deutscher Tages- zeitung": Bor einiger Zeit nahm der hier lebende reiche Bankier Wal- tiug aus Versehen Ouecksilberchlorid zu sich. Die Aerzte haben ihm sein sicheres Ende vorausgesagt, und der dem Tode Geweihte gibt jetzt abend für abend seinen Freunden und Verwandten die lusttgsten Feste. Eine gute Kapell« spielt die Lieblingslieder des Todeskandidaten: dabei wird gut gegessen und getrunken. Herr Walting hat sich mit seinem traurigen Schicksal abge- sunden; er weiß, daß das Gift sehr langsam wirkt und daß es kein Mittel gegen diesen schleichenden Tod gibt... So gehtS Konservativen und Junkern ouch.� Biermusik fiedelt, aber wir alle haben Quecksilber im Leibe. Natürlich nur politisch! Aber nicht Kopf hängen lassen! Der dolle Kerl Carlyle fragt: Arbeiten und nicht Verzweifeln? Sehr richtig. Ich arbeite �nickt und verzweifele darum auch nicht. Und�jetzt Schluß! Sonst komme ich zu spät, um noch ein Stück Strumpfband von der Prinzessin-Braut zu erwischen. (Aber wäre nicht weiter Pavillon Maskotte, wo man Strumpfband erwischt.) schlimm. Gehe dann sicher irgendwie auch einfach in ein Stück Der konservativ» Angnst. In Kiel j Neumiinfier wurden Bei den Stichwahlen gewählt: 20 Sozialdemokraten. 76 Fortschrittler und 8 konservativ-liberaleS Bündnis. DaZ Gesamtresultat für den Wahlkreis Kiel-Neumünster ist jetzt: Sozialdemokratie 480, Fortschrittliche Volkspartei 370, kon- fervotiv-nationalliBeraleS Bündnis 19S. Die nationalliberal-konser- vativen Wahlmänner werden natürlich in der Stichwahl für den fortschrittlichen Kandidaten stimmen. Die Lage auf dem Balkan, Tie..Nordd. Allg. Ztg." spricht in ihrer Wochenschau die AuS, ficht auS, daß Europa in den Orientfragen einer f o r t schreitenden Klärung und Beruhigung vertrauen darf. Die Großmächte bleiben bemüht, die baldige Unterzeichnung d«S Präliminarfriedens zu verwirklichen. In der Versammlung der Botschafter in London hat sich Einstimmigkeit dahin ergeben, daß eine Erörterung über Abänderungen des VorfriedenSvcrtrageS neue Verzögerungen unvermeidlich machen würden; die Mächte soll- ten der Hoffnung Ausdruck geben, daß die Türkei und die Verbünde- ten möglichst bald zu einer Einigung über den Friedensschluß gelangen werden. Es ist zu erwarten, daß die Regierungen der Großmächte dieser Meinungsäußerung der Londoner Versammlung beitreten. Beilegung der serbisch-bulgarischen Tifferenzev. Belgrad, 25. Mai. Nach der in politischen Kreisen herrschen- den Auffassung ist eine Klärung der serbisch-bulgarischen Streit- frage in der nächsten Woche zu erwarten. Der serbische Gesandte in Sofia wird bereits in den nächsten Tagen die bulgarische Regie- rung in freundschaftlicher Weise informieren. Ter griechisch-bulgarische Äonflikt. Athen, 25. Mai. In politischen Kreisen hofft man noch immer auf eine friedliche Beilegung des Konflikts mit Bulgarien. Der bulgarische Ministerpräsident Geschow hat die Erklärung ab- gegeben, daß er zurücktreten werde, wenn der bulgarische General- stab sich seiner Verfügung widersetzt und die Kämpfe in Süd- Mazedonien nicht einstellt. Tie Vorstellungen, die Griechenland in Sofia gemacht hat, wurden von Serbien unterstützt. Man glaubt allgemein, daß wenn Bulgarien nicht die von den Griechen er- oberten Stellungen bei PanghioS wieder verläßt, die Situation in ein kritisches Stadium tritt. Tie hiesige Presse erklärt. daß Griechenland am Vorabend großer Ereignisse stehe.„PatriS" behauptet, daß die Attacke der Bulgaren von langer Hand vor- bereitet war. Amerikanische Korruption. ?llbanh(New Uork), 24. Mai. Senator S t i l w e l l ist schuldig befunden worden. Geld angenommen zu haben mit dem Versprechen, die Annahme eines Börsenreform» gesetzes durch die Legislatur des Staates New Aork zu fördern. Die Höchststrafe für dieses Verbrechen ist zehn Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 5000 Dollar. One Kundgebung der Freidenker, die dem für Oktober 1913 nach Lissabon zusammcnberufenen Internationalen Freidenkerkongreß galt, wurde am Sonnabend in Berlin veranstaltet. Der große Saal der Brauerei Friedrichshain war bis zu den Galerien hinauf besetzt von Männern und Frauen, die gekommen waren, um für den freien Gedanken einmütig zu demonstrieren. Tie Versammlung be« deutete zugleich eine freundliche Huldiguna für den aus Lissabon herübergekommenen Gast, den portugiesischen Senator MagalhaeS Lima, der als Führer der bürgerlichen Republikaner Portugals so erfolgreich für daS Gelingen der Umgestaltung dieses Staatswesens gewirkt hat und jetzt für den Prästdentenposten kandidiert. Der Versammlungsleiter Adolf Harndt gab, nachdem das ein» leitende Orgelspiel verklungen war, zunächst unserem Genossen Adolf Hoffmann, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Berliner Freireligiösen Gemeinde, das Wort zu einer Bcwilk- kommnung MagalhaeS Limas. Die Freidenker Groß- Berlins feien, jagte Hoffmann, stolz darauf, heute in ihrer Mitte einen Mann sehen zu dürfen, der in seinem Lande das Banner der Freiheit entfaltete und sein Volt aus den Ketten einer herrschsüch- tigen Kirche befreien half. Mit einem kurzen Gruß schloß ein Vertreter des Deutschen Monistenbundes sich an. Tann ergriff MagalhaeSLima das Wort zu seinem Vor- trag über.Unser Jahrhundert und seine Ideale", in dem er mit feuriger, die Hörer fortreißender Beredsamkeit daS 29. Jahrhundert als daS Zeitalter der sich anbahnenden S o l i d a- rität aller Völker und Menschen schilderte. Ter portu- giesisch« Gast bediente sich des Französischen, das er in Rede und Schrift wie seine Muttersprache beherrscht. Den der französischen Sprache nicht kundigen Zuhörern wurde das Verständnis durch die vom Genossen Ernst D ä u m i g gegebene Ucberfetzung vermittelt, doch erzielte Lima, dessen Vortragsweise sehr temperament voll ist, auch eine unmittelbare und starke Wirkung. Seine Ausführungen über die Zunkw'.fi der jungen, mehr und mehr sich festigenden Republik Portugal, gegen die eine kleine Gruppe von Monarchisten vergebens Sturm zu laufen versuche und für die das ganze portu- giesische Volk im Kampf einzustehen bereit sei, fanden freudige Zu- stimmung. Er feierte die Ideale der Jnternationalität, der inter- nationalen Solidarität, des Völkerfriedens, des MenschheitSglückeS. In flammenden Worten kennzeichnete er die politische U n- f r e i h e'i t und die geistige Bevormundung, die in Staaten mit monarchischer Verfassung unter kirchlichem Einfluß dem Volt aufgezwungen werden. Als Lima seine Rede beendet hatte, antwortete ihm ein langanhaltender Beifallssturm. Nachdem im Namen der deutschen Freidenker Prags ibr Borkämpfer Ludwig Rieß einen herzlichen WilltommenSgruß über- bracht hatte, folgte Adolf Hoffmann mit einem Vortrag ubsr: .Preußen in der Welt vora n". In der Welt voran fei, spottete er, Preußen immer dann, wenn es gelte, der Reaktion den Boden zu bereiten. Hoffmann geißelte die preußische Junker- und Pfaffenherrschaft und rief auf zum Kampf gegen wirtschaftliche, politische, geistige Knechtschaft. Durch stürmischen Beifall bekundete die Versammlung ihr Einvet- ständniS. AuS allen Ausführungen der beiden Referenten klang die Forderung heraus:.Los von der Kirche? Trennung von Kirche und Staat! Trennung von Schule und Kirche! Raum dem freien Gedanken!" Von einer Diskussion über die Referate wurde Abstand genommen, weil Gegner sich nicht meldeten. Harndt schloß die Versammlung, die sich zu einer sehr eindrucksvollen Kundgebung gestaltet hatte, mit einem Hoch auf den freien Gc danken. Als Delegierte Groß-BerlinS werden den Internationalen Freidenkerkongreß zu Lissabon, nach einem von der Versammlung gefaßten Beschluß, die Genossen Adolf Harndt, Adolf Hoffmann, Waldeck Manaffe besuchen. Die Polizei Batte diesmal sich nicht dadurch beunruhigt ge fühlt, daß in der Versammlung ein Vortrag in französischer Sprache gehalten werden sollte. Auch zur„Ucberwachung" schien sie keinen Vertreter hergeschickt zu haben, es war wenigstens kein Unifor mierter im Saal zu erblicken. Sie brauchte ihre Leute an diesem Abend wohl sämtlich für daS Schloßviertel. )Zus 6roK-Serttn. Steuerwut. Der Steuerteufel ist ein wunderlicher Herr. Er hat das Bestreben, vornehmlich dahin zu gehen, wo die Leute am wenigsten in die Suppe zu brocken haben und läßt andere, die das Geld in Massen haben, möglichst ungeschoren. Er hat sich durchaus in den Kopf gesetzt, nicht nur den Arbeitern den letzten Pfennig abzuholen, sondern er ist auch schon dabei, den Kindern Steuern abzunehmen. Dabei ist er von einer geradezu bewundernswerten Ausdauer. Im Vorjahre suchte dieser Bursche ein dreizehnjähriges Schulkind heim; er mußte aber unverrichteter Sache wieder abziehen, denn wo nichts ist, hat selbst der Teufel sein Recht verloren. Hartnäckig wie der Steuerteufel ist, erschien er in diesem Jahre wieder bei demselben Jungen und brachte ihm, der Ostern die Schule verlassen hatte, ein Briefchen, nach dem der vierzehnjährige Erich B. 24 M. Steuern bezahlen sollte. Und wieder, wie im Vorjahre, müssen wir dem aus- dauernden Steuerniahner erzählen, daß Erich B. auch heute noch sich von seinen Eltern ernähren lassen muß und daß die Steuereinschätzung immer noch einige Jahre zu früh kommt. Nach der Abfuhr, die im Vorjahre der Bursche erhalten hat, hätte man meinen sollen, daß der erneute Steuerbesuch einige Jahre aufgeschoben werden würde. Diese Hoffnung war aber verfehlt. Würde dieser ausdauernde Steuermann sich mehr um die Großagrarier kümmern, die vielfach gar keine Ein- kommensteuer zahlen, dann lohnte sich wenigstens die Mühe. Aber einen vierzehnjährigen Jungen ständig behelligen, ist eine Grausamkeit. Wie der Staat so die Kirche. Hat da ein fleißiger Arbeiter daS Unglück, daß seine Ehefrau geistig umnachtet und in der Bucher Irrenanstalt untergebracht werden muß. 4'/z Jahre verbringt die unglückliche Frau bereits in geisttger Umnachtung im Exil. Aber die Kirche braucht Geld. Und sie will sich auch kein Steuerschäflein entgehen lassen, sie verlangt von dem Eheniann Zahlung von Kirchensteuern für seine geistig tote Frau. Den: Manne will daS nicht in den Kopf. Er schreibt an die steuerwütige Kirche, seine Frau könne mit der Kirche nichts mehr anfangen. Nützt nichts. Die Kirche antwortet:„Der Ausenthalt Ihrer Ehefrau in der Irrenanstalt entbindet Sie nicht von der Zahlung der Kirchen- steuer". Der Ehemann hatte seit Jahren der Kirche Lalet ge- sagt, von ihm kann die Kirche Steuern nicht bekommen. Aber die Ehefrau ist noch da, wenn auch unzurechnungsfähig. Für sie soll der Mann 3,10 M. Kirchensteuern zahlen. Geld stinkt nicht, auch wenn es für unzurechnungsfähige Personen gezahlt wird. Die Kirche hat einen guten Magen und muß, um ihn zu füllen, zu allen Mitteln greifen. Steuerwut hier wie dort. Dort werden schulpflichtige Kinder als Steuerobjekte ausgesucht, hier geistig unzurechnungs- fähige Personen. Im Steuereinnehmen sind sie alle gleich: Reich, Staat und Kirche._ Frühjahrsflugwoche in Johannisthal. Die gestrige Premiere in Johannisthal war von wunderschönem. sonnenheiteren: Wetter begünstigt. Zwar herrschte in den Mittags- stunden ein wenig zuviel Wind, doch logten sich später die Böen und ließen einen regen Flugbetrieb zu. Kurz vor Uhr stieg als erster Bruno Hanuschke aus seinem stabilen Eindecker aus; bald erhob sich Maschine aus Maschine. Als zweiter flog Colombo auf dem Dr. Gsest-Eindeckcr, der für Johannisthal ein Novum ist. Tie Maschine, deren Tragflächen stark gewölbt sind, flog sehr hübsch. landete aber nach eimgen Runden, da Colombo die Böen zu unge- mütlich wurden. Stagge auf dem Wright-Doppeldecker flog sehr ruhig und sicher und führte, da ihm plötzlich der Motor in der Luft stehen blieb, einen sehr hübschen Gleitflug aus. Linekogel auf Rumplcr- Taube, der in der letzten Zeit viel geflogen hat, suchte Höhen von 1290—1399 Metern auf. in denen er recht gewagt aus- sehende Kurven machte. Stiploscheck steuerte seine Jeannin-Stahl- taube mit 199-ArguS-Motor mit gewohnter Fertigkeit und flog wiederholt spazieren. Sehr interessant war der Start des Luft- fahrzeug-DoppeldeckerS, den Langer steuerte, und der sich zum erstenmal einer großen Oefsentlichkeit Präsentiertc. Die Maschine besitzt neben einer dedeutenden Schnelligkeit, hohe Stabilität und gutes Steigvermögen. Sie überlvand unter Langers Führung die manchmal bis zu 8 Sekundenmetern ansteigenden Böen spielend. Ein Hauvtcreignis des Tages war LinetogelS Gleitflug aus 1999 Meter Höbe, der nach französischem Muster in engen Spiralen herniedersauste, aber dank seiner Geschicklichkeit tadellos aufsetzte. Stiefpater geriet beim Start infolge Mucken seines Motors in eine unangenehme Situation, vermochte aber doch den Eindecker heil und gesund zu Boden zu bringen. Es flog ferner noch Frie- brich auf der A. F. G.-Taube, Boutard auf M. B.-Taube, der das Feld andauernd in falscher Richtung umflog und das Starter. kollegium dadurch in hellste Aufregung versetzte. Kurz vor Schluß des Tauerwetthewerbes, der von 5— Mi 7 Uhr ausgetragen wurde, starteten dann noch Roth auf Harlan und Janifch auf Ago-Doppel- deck«. Da der Wind für den Preis um den kürzesten Anlauf gestern nicht allzu günstig stand, verlängerte die Sportleitung das Dauerfliegen bis 8 Uhr und ließ die andere Konkurrenz ausfallen. Die Resultat- des gestrigen Flugtages waren folgende: Hanuschke 39 Minuten, Colombo 13 Minuten, Stagge 84 Minuten, Wieting 99 Minuten, Stiploscheck 97 Minuten. Linekogel 191 Minu- ten. Schiedeck 79 Minuten. Stoeffler 29 Minuten, Schlegel 51 Minu- ten. Roth 30 Minuten. Stiefvater 98 Minuten. Janisch 38 Minuten, Michaelis 46 Minuten, Loutard 6 Minuten. Sedlmehr 17 Minuten, Zahn 25 Minuten. Kieffling 13 Minuten, v. Gorrissen 5 Minuten, Frcind 21 Minuten, Schwankt 39 Minuten. Michaelis erreichte 1799 Meter Höhe mit vorschriftsmäßigem Ballast._ Ter wohltätige Zar. Nack einer Meldung des Wolffschen Telegraphenbureaus hat der Kaiser von Rußland dem Magistrat der Stadt Berlin 10 000 M. für die Armen Berlins überwiesen. Soll diese Stiftung den Zweck haben, die Berliner Be- völkerung gegenüber dem bestgehaßten Fürsten der Welt mit Sympathie zu erfüllen? Das wäre eine falsche Spekulation. Nicht allein, daß die Armen Berlins Kenntnis haben davon, daß auf dem Zaren eine fürchterliche Blutschuld lastet, wissen sie auch nur zu genau, daß Millionen russischer Staatsbürger unter den elendesten Verhältnissen leben. Es steht daher einem solchen Fürsten schlecht an. in einem fremden Lande mit freier Liebestätigkeit z» prunken, während seine eigenen Untertanen im Elend verkommen. Ein liberaler und mensch. lich fühlender Magistrat täte gut, unter solchen Umständen dem Zaren das Sündengeld vor die Füße zu werfen. Ein rnssischer Arbeiter erschossen. Eine rätselhafte Angelegenheit, von der man noch nicht weiß, ob es sich um den tödlichen Ausgang eines Streites oder um einen Unglücksfall handelt, beschäftigt die Kriminalpolizei. Bei dem Erd- arbeiter I. A n d r y s i a k, der mit seiner Frau und einem kleinen Kinde in dem Hause K o p p c n st r. 65 eine Stube und Küche be- wohnt, bansten seit mehreren Wochen vier russische Arbeiter, die Andrysiak bei den Bauarbeiten am Bahnhof Savignhplatz kennen gelernt hatte. Während er mit Frau und Kind in der Küche schlief, übernachteten die vier Russen in der kleinen Stube. Unter diesen Schlafburschen befanden sich auch der 27 Jahre alte, aus Kuwonicki gebürtige Adalbert Sobczik und der erst 22 Jahre alte Ar» better Wladtslaus Masurkiewicz. Ties« beiden, die be» freundet waren, kamen am Sonnabendabend um 7 Uhr von der Arbeit nach Hause. Sie kleideten sich um und entfernten sich dann mit der Angabe, daß sie sich rasieren lassen ivollten, um ein Tanz- lokal in der Langen Straße, das von polnischen und russischen Ar, beitern viel besucht wird, aufzusuchen. Sonntag früh um 3 Uhr kehrten sie in ihre Behausung zurück. Die Eheleute Andrysiak und die beiden anderen Schlafburschen lagen in ihren Betten und schliefen. Plötzlich hörte das Ehepaar aus der Stube einen Schutz fallen. Als die Frau daraufhin in das Zimmer eilte, sah sie Sobczik mit dem Rücken auf dem Bett liegen, daS noch unberührt war. Dem Besinnungslosen quoll Blut aus einer Wunde in der Gegend des Herzens hervor. Ehe sie dessen Freund, den Arbeiter Masurkiewicz. befragen tonnte, was vorgefallen sei, gab dieser, der inzwischen seine Sachen zusammengepackt hatte, der Frau einen Stoß und lief zur Tür hinaus. Jetzt erst war es dem Ehepaar und den anderen Schlafburschen, die inzwischen auch erwacht waren, klar geworden, daß Sobczik von dem Entflohenen erschossen worden sein mußte. Sie benachrichtigten die Polizei und einen Arzt, dieser konnte aber nur den Tod des Mannes feststellen. Tie polizeilichen Ermittelungen gehen dahin, ob Masurkiewicz seinen Freund nach einem Streit absichtlich«lchossen hat, oder ob die Waffe, die er schon seit längerer Zeit besaß, beim unvorsichtigen Hantieren Plötz- lich losgegangen ist. Der Täter konnte bisher noch nicht ermittelt werden. Der Wirt des Tanzlokals kann nicht sagen, ob die Beiden Arbeiter unter seinen Gästen geweilt haben. Einer dieser Gäste bekundet aber, daß kurz vor drei Uhr in der Nacht zwei Männer auf dem Hof des Grundstücks einen Streit hatten. lUtzte Nachrichten* Abgestürzt. Appenzell, 25. Mai. Auf dem Säntisweg oberhalb der Wagen» lücke ist heute früh eine junge Dame namens Elise Martin aus Dingelsdorf bei Konstanz abgestürzt. Sie erlitt einen Schädel» bruch und starb bald darauf. Von Paris nach Marseille. Marseille. 25. Man Ter Flieger Daucourt, der morgens in Paris aufgestiegen war, landete kurz nach sieben Uhr in Mar. stille. Er hat den Flug trotz des ziemlich starken Winde» gicj überftanden._ Bombennttentat aus einen chinesischen General. Schanghai, 25. Mai. General Lsu Paosau.der als dcr Tiger Lsu allgemein bekannt ist, ist gestern früh durch eine Bombe getötet worden. Der General war ein treuer An- Hänger sssuanschikais und wurde von den Radi, kalen des Südens besonders gehaßt. Dkutscher Hotslirbeiter- Verband n Verwaltung Serlin Musikinstrumenteuarbeiter Heute. Montag, de» ÄS. Mai. abends S Uhr. im„Tentschen Hof». Luckauer Straße 15 :: Branchen-Versamtnlttttss s Tagesordnung: 1, Bericht von der Generalversammlung und St-llnngn-chme zur ferneren Regelung dir Beiträge. 2. Ausgabe der Delegiertenlarten. U. Branchen- und BerbandSangelegenheiten. Mitgliedsbuch legitimiert. Um pünktliches Srfchetae» ersucht Die Branchenleitnug. Flugwoche Johannisthal 25. Mai bis I. Juni, täglich 5—8 Uhr.— Mark 3,—, I,—, 0,50. Wettbewerbe: Kürzester Anlauf— Kürzester Auslauf— Dauer— Zum ersten Male . gleichzeitiger Start auf= 6= Anlaufbahnen! »»». TTbeaten Montag, den 26. Mai 1913, Ansang 7'/, Uhr. Königl. Schauspielhaus. Bolls- Vorstellung: Doktor Klaus. Prater. Das Bummeluiädchen. Aniang S Udr. königl. Opernhaus. Kcrkhra. Urania. In den Dolomiten. Lessing. Alt-Wien. Deutsches. Ei» SommernachtS träum. Äammeripicle. Mein Freund Teddy. Berliner. Filmzauber. Königgräher Strafte. Das der Frau. Schiller Die Geschwister. Elga. Schiller- Charlotteuburg. Hcdda Gabler. Theater dcS WestenS. Der liebe Augustin. Montis Operetten« Der lachende Ehemann. Deutsches Schauspielhaus. Tin idealer Gatte. Kleines. Professor Bernhardi. Deutsches Opernhaus. Das Mädchen aus dem goldenen Weiten. Kouiödienhaus. Hochhcrrschaftliche Wohnungen. Metropot. Die Kino-Königin. Trianon. Madame Z. Thalia. Puppchen. Luisen. Die drei Schwestern Ran- dols. Rose. Napoleon Bonaparte und seine Frauen. Ansang 8'/, Ubr. Theater am Nollendorfplaft. 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In den für den Zaren bestimmten Zimmern im Berlirer Schlag ist aus seinen besonderen Wunsch ein Telephon- a p p a r a t angebracht worden. Der Zar ist aufgestanden und hat eine Weile.regiert'. Das Telephon klingelt. Der Zar: Hier der Zar. Stimme: Bitte ehrerbietigst um Verzeihung, Majestät! Hier von Lldenburg-Januschau. Würden Euer Majestät nicht viel- leicht die Gnade haben— jehen Sie aus der Leitung, Sie Hornochse, ich spreche mit dem Zaren!— nicht vielleicht die Gnade haben, S. M.— äh— Seiner Majestät dem Kaijer bei dieser festlichen Gelegenheit den von Euer Majestät so gnahet�sUlld segensreich über Rußland— fragen Sie doch nicht so dujhj�i�U»lein, ja woll, ick spreche noch!— ausgeübten Absolutismus naher ßu bringen, damit e— Verzeihung, bitte unter- jestät erinnern sich �Leutnant und zehn iklich): Sollte da» die wir Königstreuen endlich mal die Parb Majestät— sozialdemokratischen C tänigst um Vergebung— loswerden? vielleicht an meinem Borschlag mit Mann— Der Zar(legt den Hörer auf, Stimme des Voltes sein?— Der Zar regiert weiter. Das Telephon klingelt. Der Zar: Hier der Zar.SfMDD� Stimme: Hier Euer Mckfefkät Untertänigster Äommerzien- rat...(der Mann bleibt wegen sich häufender Nebengeräusche un- verständlich). Ich wage Euer Majestät submissest folgende An- regung zu unterbreiten. Euer Majestät werden unzweifelhaft im Gespräch mit Seiner Majestät dem deutschen Kaiser auch auf Heer und Flotte zu sprechen leicht herablassen, bei du so gnadenvoll-überwies Festungsressort Eurer dadurch Seiner Majest wendigkeit aufdrängen Anstrengungen nötig Auftrag zuteil würdet Abstrich von 10 Proz, D e r Z a r(legt russischen Lieferanten r.fc � Würde sich Eure Majestät viel- genheit auf die unfcrm Konzern Lieferung für das Marine- und Majestät hinzuweisen? Sollte sich Putschen Kaiser die nationale Not- für die d e u t s ch e Armee neue irden wir, falls uns der deutsche ssische Lieferung ehrerbietigst einen ubieten gestatten— »er auf): Ist mir von meinen eigenen dor der Abreise ein ähnlicher Vorschlag gemacht worden. Mir ist doch so? Also ganz wie bei uns. Aber das dürste wohl kaum die Stimme des Volkes... Ter Apparat klingelt. D e r Z a r: Hier der Zar. Stimme: Ich habe Eurer Majestät das folgende Manifest zu verlesen. Die freitheitlich gesinnte und um eine neue Staats- form ringende Arbeiterschaft Teutschlands zusammen mit ihren Mitkämpfern aus allen Berufen erblickt in Ihnen den Angel- und Stützpunkt der gesamten europäischen Reaktion. Die gewaltige ErziehÖft$t>Ger deutschen Arbeiterschaft, bei der Sachlichkeit und MetiichlWAt allerdings besser aufgehoben ist als bei den Kreisen, Lie mit Ihnen oder besser durch Sie das arme russische Volk— regieren. Die Stimme schweigt. Der Zar legt den Hörer auf. Der Zar(nach einer Weile): Das, glaube ich, war die Stimme— Er klingelt. Ein Lakai tritt ein. Der Zar: Lassen Sie den Telephonapparat abstellen. Ich habe genug für heute. Der Zar regiert weiter. Ohne Telephon. Michel. antizarische Ihre gleichgüh fönlichkeit zu der Schuld und Cliquen Ihnen den R ständliche Geil Ihnen den A Millionen und' t�cs deutschen Volkes wäre durchaus bereit, schliche von Ihrer politischen Per- Da jedoch eine zutreftende Verteilung >en und den Sie beherrschenden Klassen l der Welt entzogen ist. so sehen wir in iten eines jede Kultur und jede selbstver- zerstampfenden Systems und übermitteln sereS Abscheu». Wenn dieser Abscheu von Millionen Deutscher Ihnen persönlich nicht kundgeworden is� so danken Sie das der Disziplin und der guten Dochzcxt. Welch ein Segen, daß Wilhelm II. nur eine Tochter hat und nicht noch irgendein anderes Fürstenhaus außer den Cumberländern versöhnt werden muß. Sonst würde unser wirtschaftliches und politisches Leben ernsthaft in den Fugen krachen, und wir müßten uns dem Bankrott innen und außen gegenüber damit trösten, daß die Hofansage mit unübertrefsbarer Meisterschaft durchgeführt wurde. Unsere Mitbürger und unsere Minister waren fast eine Woche gänzlich davon in Anspruch genommen, zu gaffen und (womöglich in Uniform) begafft zu werden, so daß kein Mensch mehr Zeit hatte, zu arbeiten oder zu regieren. Die Zügel der Staatsleitung schleiften am Boden, da diese a la Daumont fahren mußte, und zeitweise waren so viele Fürsten in Berlin zusammen, daß man kaum mehr das königstreue Volk sah. Wie verlautet, haben die Herren Minister den Fackeltanz in außerordentlich trefflicher Weise exekutiert. Man merkte den Herren ein gründliches Studium an. und der Kaiser soll nach Be- cndigung des Tanzes in launiger Weise geäußert haben, es gehe also schon, wenn er auch nicht pfeife. Besonders der Reichskanzler zeichnete sich aus und soll nun gutem Vernehmen nach ä la suilc des Ballettkorps gestellt werden, allerdings erst, wenn er die schwerste Probe bestanden hat: den Eiertanz der elsaß-lothringischen Ausnahmegesetze. Auch die übrigen Minister erhielten gute Noten, und besonders die bürgerlichen fielen angenehm auf, wie aus der Aeußerung eines hohen Hofbeamten zu entnehmen ist, der mehr- mals seinem Erstaunen durch die Worte Ausdruck gab: Aich mal ausspucken tun die Kerls! Nich mal ausspucken! Die Neuvermählten haben sich aus den Händen der Kinemato- graphen und anderen Photographcn nach Schloß Hubertusstock zurückgezogen, die Fürsten-SchlcudcNvoche ist herum, der Rest- bestand ist nicht verkäuftich, halten wir uns also an das. was uns bleibt: an das Volk! Und da wird sich ja reichlich viel sagen lassen. Wenn der Hochadel Kellner spielt und seine jungen Söhne zu Speisenträgern hergibt, so mag er dabei auf seine Kosten kommen, wie nun einmal heute die Dinge in Deutschland liegen. Wer sich Tienerdevotion mit einem Orden bezahlen läßt, empfängt sein Trinkgeld lediglich in anderer Prä- gung als der Cafehauskellner, der sich nicht zu den Edelsten der Nation rechnet. Wer den Kammerdienerrock für ein Ehrenkleid hält, braucht sich in diese seine Garderobenangelegenheiten nicht von uns dreinreden zu lassen, wenn er auch erlauben muß, daß wir lachen. Der Hof ist uns Hekuba und die Hofansage ist nicht an uns gerichtet. Aber das Volk geht un? etwas an. die wir seinesgleichen sind. und seine Blamage ist in einem gewissen Sinn unsere Blamage. Und da? Volk, die guten Berliner, hat die Hochzeitstage reichlich ausgenützt, um sich nach allen Richtungen gründlich zu blamieren. Dieses Volk hat noch mehr getan: es hat sich einer ganz gewöhn- lichc.n Geschichtsfälschuvg schuldig gemacht, indem cs rings um die leutseligen Fürstlichkciien ein Heer gebeugter Rücken wogen ließ, so daß die hohen Herrschaften mit Befriedigung konstatieren konnten, das umfangreiche Hinterteil sei immer noch vorhanden, dem traditionell Fußtritte zu versetzen sind, während von einem Kopf bei all den in Ehrfurcht gekrümmt Ersterbenden nichts zu be- merken war. Wenn heute ein Politiker sagt, das Volk sei mit irgendeiner Handlung Wilhelms II. nicht einverstanden, so wird der Reichskanzler am besten daran tun, ein schallendes Hohn- gelächter zu erheben und als Gegenprobe einen Fürstencinzug zu arrangieren: dann werden die guten Bürger von Berlin am Pots- damer Platz, am Brandenburger Tor und Unter den Linden mit Hurrarufen abstimmen, und der Herr Reichskanzler wird seine Majorität haben. Diese guten Bürger! Am frühen Morgen zogen sie mit be- legten Stullen aus. An der„Feststraße" suchten sie sich einen Lagerplatz, inmitten Gleichgesinnter, ließen sich drei Stunden lang von Schutzleuten und Spitzeln hin und her drücken, bis die erste Fürstlichkeit kam. Hurra! Hurra! Hurra! Pause. Das Frühstück wird verzehrt. Ein Polizeigaul fährt den Patrioten mit dem Schwanz übers Gesicht, kann aber das Leuchten nicht wegwischen, das noch von einem Blick des Fürsten darüber gebreitet liegt. Er- neutes heftiges Zurückgedrängtwerden. Die Hühneraugen erreichen unter den Polizeitritten die Fasson von Fünfmarkstücken. Die zweite Fürstlichkeit! Das Hurra klingt schon etwas heiser, aber un- entwcgt begeistert. Man kauft sich ein Glas Bier, versucht den Schutzmann durch die Uebertreibung„Herr Wachtmeister" freund- lich zu stimmen und erzählt sich mit begeisterten Nachbarn von der Dienstzeit. Ein Sonnenstich macht sich bemerkbar, kann aber königstreue Gehirne, die den Strahl der monarchischen Gnade, Stärke für Kriegervereine, gewöhnt sind, nicht lähmen. Im Gegen- teil, der Paroxismus der Fürstenliebe tritt ein. Die dritte Fürst- lichkcit! Wohlgenährte Familienväter durchbrechen jubelnd die Ab- sperrung, kinderreiche Mütter stürzen auf die Automobile junger Prinzen, Jungfrauen hängen am Spritzblcch S. K. H. de» Krön- Prinzen, Kinder werden unter Geschrei hochgehalten, damit sie den bekannten Eindruck fürs Löben bekommen, Säuglinge liegen achtlos in einem Winkel, alles schreit, tobt, stößt den andern zurück, lallt Hochrufe, stammelt Jahrhundertphrasen, ist bereit, sich überfahren oder von einem Polizeisäbel durchbohren zu lassen, nur um diese Menschen ganz, ganz in der Nähe zu sehen, die sich Hoheiten nennen, von einem Wall von tausend Schranzen und Drohnen um- geben sind und auf die schweißigen, in Begeisterung verdummten Gesichter rings um ihr Auto— mit huldvoll lächelnder Verachtung blicken! Spürt Ihr daZ nicht, gute Bürger? Wo sie erscheinen, werdet Ihr"ausgesperrt, Eure Vertreter, dürfen sich einmal, als Reichs- tagspräsidium. bei ihnen melden, werden empfangen wie Bittsteller, und dann kümmert sich niemand mehr um sie. WaS Ihr braucht oder wollt, ist ihnen einerlei. Wenn sie nur der kleinen Clique sicher sind, die sich Triarier nennt und von den Wucherzinsen ihrer Treue lebt. Ihr seid nur für solche Feste, zu denen keiner von Euch geladen ist, gut genug, um die Staffage zu bilden, das lebende Bild „Das königstreue Volk" zu stellen. Ihr seid die Statisten, die das Maul zu halten haben, wenn die großen Herren auf der Bühne stolzieren und ihre Tiraden verbrechen, und auf ein Zeichen dürft Ihr dann jubeln: Heilig, heilig, heilig ist der Herr! Und wenn das Spiel fertig ist und die Herrschaften unter sich sein wollen, könnt Ihr Euch mit einem Trinkgeld trollen! Und da sollten sie Euch, gute Bürger, nicht verachten dürfen? Ihr protestiert jetzt, nicht wahr? Ihr habt, dank dem heißen Tag und weil Ihr zehn Stunden vor dem Schloß auf Gottcsgnaden- tum gewartet habt, jetzt genug getrunken, um Mannesstolz vor Königsthronen zu empfinden! Ihr redet jetzt don Eurem Recht und von.denen da droben", denen man einmal die Kraft des Volles geigen müsse! Nicht so laut, wenn Euch nicht am Ende doch der „Hoflieferant" oder das Avancement entgehen soll Und dann tröstet Euch: Wir haben noch zwei unverheiratete Kaisersöhne auf Lager, bei deren Hochzeiten sich schon wieder Gelegenheit für daZ ehrenfeste Bürgertum bieten wird, sich bis auf die Knochen zu blamieren. Zackeltanzende Minister und auf Bürgerzehen tanzende Polizei. gäule— wenn da lein« freudige Festftimmung auftommt, dann will ich einmal Ritter des Roten AdlervrdenS vierter Güte werden. Karl Pauli. Das Bilde des frübUngsfeldzuges 1813» Niemals zeigte sich mehr als in den Tagen nach der Schlacht von Großgörschen, wie sich im Wandel der Zeiten und Dinge Napoleon aus einem Vollstrecker der Revolution zu einem Vertreter der Reaktion gewandelt hatte. In einem Bulletin vom Tage nach der Schlacht war von den Heeren von Tartaren die Rede, die in unsere Länder kämen,„an ihrer Spitze alles, was Deutschland, Frankreich und Italien an schlechten Subjekten und Deserteuren aufzuweisen haben, um hier Empöning, Bürgerkrieg und Anarchie zu Predigen. Sie haben sich zu Aposteln aller Verbrechen gemacht". Und in dem Amtsorgan der kaiserlichen Regierung, dem �oniteur", ward gar verkündet:„Der berüchtigte Stein ist tief verachtet von allen ehrlichen Leuten; er wollte die Kanaille gegen die Besitzenden aushetzen." Wenn Napoleon sich hier allen Ernstes als den Borkämpfer der„Ordnung" gegen die„Anarchie" und die„Kanaille" der Besitzlosen auf- spielte, so wies das wohl auf das Ende seiner geschichtlichen Aufgabe wie auf das Ende seiner Macht hin, denn diese Macht war revolutionären Ursprungs, und wo es die Rettung der„Ordnung" galt, waren die Habsburger, die Hohenzollern und die Romanows dem Manne des achtzehnten Brumaire noch allemal über. Vorläufig allerdings pflückte er noch den blutigen Lorbeer deS Sieges, und der Erfolg von Großgörschen brachte ihm einen unmittelbaren und nicht unwesentlichen Nutzen. Auf der Flucht vor den Verbündeten, aber auch um sich Napoleon zu entziehen, war der getreueste seiner Vasallen unter den Rheinbundfürsten, der sächsische König Friedrich August, nach Prag entwichen, hatte dort mit Metternich getechelmechtelt und sich trotz eines Vertrages mit Oesterreich vom 20. April, mit dem er sich der Politik der bewaffneten Vermittelung anschloß, den Rücken soweit freigehalten, um jederzeit mit fliegenden Fahnen in das Lager des Siegers übergehen zu können. Als ein Musterbeispiel für den Verkehrston, den der„gekrönte Plebejer" Napoleon gegen die deutschen Fürsten von Gottes Gnaden anzuschlagen"beliebte, kann der Brief gelten, in dem der Kaiser seinem Gesandten auftrug. dem König von Sachsen ein kategorisches Ulttmatum zu stellen, ihm zu eröffnen, daß er leichtherzig den polnischen Adler entehrt habe und daß er, wenn er den gestellten Be- dingungen nicht sofort nachkomme, ein schuftiger Verräter sei, außerhalb des kaiserlichen Schutzes stehe und in- folgedessen ausgehört habe zu regieren! Aber es bedurfte gar nicht einmal dieses geharnischten Ultimatums. Noch ehe es ihn erreicht, auf die bloße Kunde der Schlacht von Großgörschen hin, hatte Friedrich August sich schon aufgemacht, um in Dresden dem Protettor des Rhein- bundes schweifwedelnd zu huldigen und ihm alle Hilfsquellen seines Landes zur Verfügung zu stellen. Das war für Napoleon besonders deshalb wichttg, weil er die starken Lücken an Kavallerie, die sein Heer seit dem ruffischen Feld- zug aufwies, einigermaßen mit sächsischer Reiterei ausfüllen konnte. Inzwischen waren die Verbündeten über die Elbe in die Oberlausitz zurückgewichen. Napoleon, dessen Heer zersteut auf der weiten Linie von Dresden bis Wittenberg stand, folgte und faßte während der Verfolgung den Plan, Ney gegen Berlin vorstoßen zu lassen und mit der Besetzung der Hauptstadt den Feind ins Herz zu treffen. Schon war Ney abmarschiert. Schon hatte das preußische Hauptquartier den Oberst Boyen nach Berlin geschickt, um die Bildung der Land- wehr zu beschleunigen, die Ausführung des Landsturmediktes zu betreiben und Verschanzungen um Berlin anzulegen, da erfuhr Napoleon, daß die Verbündeten ihm bei Bautzen eine Schlacht liefern wollten. Der Plan war russischen Ursprungs. Der Oberkommandierende Wittgenstein glaubte schon der moralischen Wirkung auf das zögernde Oesterreich wegen Widerstand leisten zu müssen, und meinte, jeder Marsch rückwärts koste ihm mehr Leute als ein Gefecht. Auch Zar Alexander pfuschte, während Friedrich Wilhelm Hl. als belangloser Statist hin- und her- geschubst wurde, der Heeresleitung ins Handwerk, bestand auf einer Schlacht und richtete während der Schlacht noch durch Orders und Konterorders allerlei Unheil an. Mit Unmut sahen die preußischen Offiziere auch, nicht zum ersten- und nicht zum letztenmal in diesem Feldzuge, wie die Russen ihre Garden wie Zuckerpuppen schonten. Als Aorcks Stabschef Valentini den Kommandeur der russischen Gardereitcrei, die während der Schlacht in Linie aufmarschiert war, zum Einhauenlassen bewegen wollte, erhielt er von dem erstaunt dreinblickenden General die Antwort: „Glauben Sie, der Kaiser habe seine Gardekavallcrie dazu, daß sie sich totschießen lasse?" Auch das Miß- Verhältnis zwischen Jorck und Gneifenau mag zu der Niederlage beigetragen haben, denn auf den Hilferuf des be- drängten Blücher scheint Jorck erst angerückt zu sein, als es zu spät war. Doch entscheidend fiel das Uebergewicht Napoleons in die Wagschale: er verfügte, da er alle Ver- stärkungen herangezogen und auch 5tey zurückgerufen hatte, über 150000, die Verbündeten über 80 bis 30000 Mann. Aber wurden die Preußen und Russen auch in dieser blutigen Schlacht am 20. und 21. Mai zurückgeworfen, so geschah das doch keineswegs mit leichter Mühe. Napoleon erkannte, daß es nicht mehr die Preußen von Jena und Auerstädt waren und knirschte mit den Zähnen, da die Besiegten in den Händen des Siegers keinerlei Trophäen zurückgelassen hatten, die er so dringend zur theatralischen Aufputzung seiner Erfolge brauchte. Friedrich Wilhelm HL aber versicherte in einer Proklamatton, datiert aus Löwenberg vom 23. Mai 1813, daß der Feind die ver- einigte Armee ebenso sehr achten als fürchten gelernt habe, dennoch sei sie„dem Feinde mtt Vorsicht gewichen, um sich ihren Hilfsquellen und Verstärkungen zu nähern und den Kampf mit desto gewisserem Erfolge zu erneuern." In Wirklichkeit war der Erfolg von Bautzen fl'ir Napoleon von schwerwiegendster Bedeutung. Die Verbündeten waren in zwei großen Schlachten geschlagen und fast von deutschem Boden verdrängt und der Rheinbund jchien enger an Frank- reich gekettet denn je. Die PreußischeiA�rupPen waren durch fürchterliche Verluste geschwächt. Wci�Uj�r ein Regiment gewesen, bildete nach Bautzen nur mehr ettdLZataillon, und zwischen der Preußischen und russischen Heeresleitung, die statt Wittgenstein Berclay de Tally übernomntlv Hattos"entstanden über das Ziel des Rückzugs ernste ZwistiWM�AW ZZreußeii, denen ein erfolgreicher Reiterüberfall Blüchers um 26. Mai bei Haynau neue Zuversicht eingeflößt i HWZ) wollten noch einmal bei Schweidnitz den Feind zur.-.Hchlacht er- warten, die Russen so schnell wie möglich j fafr s nach Polen zurückziehen. Ueberhaupt erkannten die �DÄ�vatMter den preußischen Offizieren mit wachsendem SchiHM'iäglich mehr, welch süße Brüderchen diese moskowitischen Bundesgenossen im ganzen waren.„Die Oberleitung der Armee", schrieb Gneisenau am 29. Mai,„kommt aus dem russischen Hauptquartier. Wir haben keinen Anteil daran. Man hört uns sogar nicht. Wir sind bloß ausführende Werkzeuge. Wir sehen unser Land durch unsere Freunde nicht minder als durch unsere Feinde ausgeplündert. Selbst unseren Soldaten raubt man die Lebensmitteltransporte, die wir mit Sorge und Kummer herbeigeschaft haben, und es empört zu sehen, daß unsere eigenen Verwundeten auf dem Schlachtfelde durch unsere Bundesgenossen ausgeplündert werden In wenig Tagen haben wir wieder eine Schlacht zu liefern, wenn anders unsere Verbündeten noch treu und zuverlässig sind." Aber mit der Treue und Zuverlässigkeit der Russen war es wirklich nicht mehr weit her, und es wäre wohl zu einem bösen Riß ge- kommen, ivernt nicht ein Glückszufall eingetreten wäre: Napoleon bot einen Waffenstillstand an! Polittsche wie militärische Gründe bewogen ihn dazu. An einer Fortsetzung des Krieges lag ihm sicherlich nicht viel, denn in seinem Rücken murrte, erbittert durch die Handels- und Jndustriekrise der Jahre 1910 und 1911, die französische Bourgeoisie und drohte mit ihrem Absall. sobald sich das Ge- schick wenden sollte. Dazu hatten sich die Ausgehobcnen der jüngsten Jahrgänge im Pulverdampf so wacker geschlagen wie die Knasterbärte der alten Garde, aber auf dem Marsch er- lagen sie leicht den ungewohnten Anstrengungen, und die Manneszucht in dem Heere zerbröckelte immer rascher: schon konnte man Szenen wie im russischen Feldzuge beobachte*. Vor allem aber glaubte er, geschmückt mit neuen Sieges- kränzen, politische Erfolge erzielen zu können, ioeun auch nicht durch Oesterreichs Vermittelung, so doch durch den Zaren, den er mit lockenden An- geboten zu kirren suchte. So fragte er denn wegen einer Waffenruhe an, die nur als Wandschirm für Verhandlungen dienen sollte. Am 1. Juni ward, da die Verbündeten freudig einem Vorschlag zustimmten, der ihre einzige Rettung bildete, zu Poischwitz bei Jauer der Waffen- stillstandsvertrag unterzeichnet, der bis zum 20. Juli Geltung haben sollte. In den pattiotisch entflammten Kreisen Preußens freilich ward die Kunde mit Weh und Ach begrüßt, da man den Schwachmattkus auf dem Throne Preußens allzu genau kannte, um in dem Waffenstillstand etwas anderes als den Vorläufer eines schmählichen Friedens zu sehen. Vom Jahrmarkt des Gebens. Ikr lakt den Hrrnen fdiuldig werden. Ein erschütterndes Bild entrollte sich dieser Tage vor der Strafkammer in K ö s I i n. Wegen fahrlässiger Tötung hatte sich die Arbeiterwitwe Schmidt aus Zanow vor den Richtern zu verantworten. Am 21. Januar, morgens 6 Uhr, ging sie nach ihrer Arbeitsstelle in der Zündholzfabrik und schloß ihre vier Kinder im Alter von eineinhalb bis sechs Jahren in der Wohnung bei einer brennenden Lampe ein. Als die Frau um 8 Uhr morgen-? einmal nach Hause eilt«, um nach ihren Lieblingen zu sehen, drang dichter Rauch auS dor Wohnung. Die Kinder wurden a l S Leichen aufgefunden. Nach dem Weggehen der Mutter hatten die Kinder Papier über der Lampe entzündet und fortgeworfen. Das brennende Papier war in einen Korb mit Wäsche gefallen und hatte den Inhalt entzündet. Der Tod der Kinder war durch Rauchvergiftung eingetreten. Die bedauenswerr Mutter wurde zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Dem Gesetze ist Genüge geschehen. DaS arme Weib, das sich quälte, die vier hungrigen Mäuler zu stopfen, hat gegen das Gesetz gefrevelt, hat fahrlässig gehandelt und wandert ins Gefängnis. Wieviel tausend Frauen mögen tagauS tagein unter denselben elenden Verhältnissen standen und gegen daS Gesetz stevelnl Ge» hören sie alle auf die Anklagebank oder müßte nicht vielmehr eine Gesellschaft iin Anklagezustand versetzt werden, die es zuläßt, daß eine Mutter, die dem Staate vier Arbeitskräfte heranzieht, durch die Not gezwungen wird, in die Fabrik zu gehen?. Das Opferjabr. Bis in die höchsten Kreise hinein macht sich die Unzufrieden» heit mit den augenblicklichen Verhältnissen bemerkbar. Dieser Tage hatte Prinz A u g u st Wilhelm, einer der Söhne Wilhelms II., ein G ä r t e n f e st in Charlottenhof veranstaltet, das sich des bcjtcn Erfolges erfreute. In einem Darckschreiben de? Hofmarschall- amtes des Prinzen an die Gäste heißt es:„Angesichts- der großen Anforderungen, die in diesem Jahre an das Vermögen jedes einzelnen gestellt werden, ist die Dankbarkeit doppelt groß." Sommerqual. O Sommerqual, wenn die metallnen Dächer flimmern und das verdünnte Bier im Trinkgefäß versiegt! o Sommerqual, die unsere Nacken krummer biegt und hundert Äenker wirbt, die Qualen zu verschlimmern! Nur jetzt nicht wissen, daß dies Glühn die Felder segnet und am Spalier die runden Früchte reifer kocht, indes erhitztes Blut an unfern Schläfen pocht, und hundert.Henker wirbt, die Qualen zu verschlimmem. O Sommer, den wir so wie einen Fluch verspüren und der uns bis auf die erschlaffte Scham entblößt! O Sommer, der uns zwingt, ein Leben ohne Sinn zu fiihren, und unsre Frauen, die verweinte Kinder tragen, tags in die engen.Höfe der Kasernen stößt, so wie man Rinder zwängt in schmale Schlächterwagen. Paul Zech. Qnberlibrt. Von Fritz Müller. ES war die alte Geschichte: der Wertvollste muß sterben. Bruno Stroll war wirklich der wertvollste von uns Freunden. Wo wir am Rande waren mit nnserm Latein, fing er zu funkeln am Zu funkeln und zu brennen. Wie oft haben wir uns gewärmt an feinem Feuer und die nehmenden Hände darüber gehalten. Auch in jenem Winter noch, als er sterben mutzte. Denn er sprühte bis zuletzt von Leben. Wir haben keinen wieder gesehen, der dem Leben so gut war wie der Bruno Stroll. Dem Leben in jeder Form, auch in der schmerzhaften. Bis zu dem Tage, da ihm der Medizinmann unter uns Freunden offen sagte: „Stroll, lieber Stroll, Du hast mir leider das Versprechen ab- genommen, Dir schonungslos die platte Wahrheit zu sagen. Du hast die Tarmtuberkulose—" „Unheilbar, nicht?" hatte Stroll darauf erwidert. Und unser Medizinmann gab sich einen Ruck und sagte interessiert: „Was hast Du doch für einen feinen Nietzschekopf dort an der Wand, mein lieber Stroll. Darf ich ihn herunternehmen?" Und dann hatten sie beide den Nietzschekopf studiert. „Der Prediger des Lebens," sagte der junge Doktor. „Aber nicht des Lebens um jeden Preis." gab Stroll zur Antwort. „Wer weiß, wer weiß. Er bat es selbst um den Preis der geistigen Umnachtung noch gelebt." „Hm," sagte Stroll, und hing das Bildnis schweigend wieder an die Wand. Ein paar Tage darauf lag er im Hospital. Die Schmerzen kamen und gingen wie die Wolken am Himmel. Die dunkelste Wolke hat noch einen Rand von Silber. Und das kleine freie Himmelstück, um das die Wolken drängen, ist von einem schönren Blau, als der ganze unbedeckte Himmel jemals war. Freund Stroll blieb von einer tiefen Lebensfreude erfüllt in den schmerzfreien Stunden. Die wurden freilich immer schmaler. Einmal aber zogen sich die Wolken noch über das letzte Blau- stück seines Himmels. Ich faß an feinem Bettrand. „Willst Du mir noch etwas Liebes tun?" fragte er, als ich mich erhob, um fortzugehen. „Natürlich, Stroll. Was ist es denn?" „Zyankali," sagte er einfach. Und es verzog ihm den Mund vor Schmerzen dabei. Ich erschrak, und hob schon an zu einer Predigt. Man kennt sie ja, die Predigt. Aber er sah es, und sagte: „Keine langen Reden, gelt? Ich habe nicht mehr so arg viel Zeit, sie anzuhören, weißt Du. Nur„ja" oder„nein", nicht wahr?" „Nein." sagte ich tiefausatmend, und ging. Ich wurde eine Woche lang nicht mehr froh darauf. Dann traf ich unfern Doktorfreund. Er war bei Stroll gewesen. „Hat er Dich auch darum gebeten?" fragte ich ihn zwischen zwei gleichgültigen Sätzen. „Um was?" sagte er. Aber er war zusammengefahren. „Du hast'S ihm also doch gegeben?" Sein Gesicht bekam einen gequälten Ausdruck. „Konnte ich anders?" fuhr er auf.„Da lag er in dem Einzel- zimmer, das sie für Sterbende hergerichtet halten im Hospital. Und er wußte das. Er spürte, daß sie seinen Sterbetag, seine Sterbestunde jetzt berechnen konnten. Ganz genau. All das sah er durch seine Schmerzen durch, die nicht mehr wichen. Und auf seiner Stirne lag noch ein letzter matter Schimmer seiner alten Lebensfreude, während der Körper von unten her langsam starb. Stück für Stück.„Kannst Du Deinen Freund so leiden lassen?" fragte er.„Mach ein Ende", fuhr er fort,„oder besser, gib mir die Waffe in die Hand, es selbst zu tun." Natürlich sagte ich:„Ich darf es nicht. Sieh, wenn ich so daläge, so wie Du jetzt, und ich bäte Dich darum, was würdest Du mir sagen?—„Ja, würde ich sagen, denn Du bist mein Freund," gab er zur Antwort. Und da— und da— da gab ich es ihm." „Das Gift?" war vor einer Woche." daß Tu Dich selbst dabei aufs Spiel „Ja, das Gift. Er hat es in die hohle Stange eingelegt, die am Rande feiner Bettit-nkt Ausläuft, und von der er den abschließenden Metallknopf abgOtreh: weißt Du. Da liegt es jetzt drin—" „Noch?" Jfi .Ich weiß e! „Hast Tu sch-st?"'«. „ES ist gutes Weliet"eute. Wie ist's mit einem Spaziergang vor die Stadt Hinaus��H er zur Antwort,„willst Du ihn be- suchen?" „Ja," sagte ich, und war ein wenig beschämt dem Freunde gegenüber. Diesen Besuch werde ich nie vergessen. Wie ich da an seinem Bette saß, und er durch seine Schmerzen durch ein heiteres Gesicht erzwang, froh und leicht schien trotz der Qualen, wie meine Augen immer und immer wieder auf der hohlen Stange hängen blieben. in deren Höhlung die weißen Stücke lagen, wie er plötzlich einen starken Schmerzanfall zu überwinden. hatte und die hohle Stange umklammerte, worauf er wieder wuahaschar beruhigt schien, wie er am Ende leise, fast zärtlich übet* tccic. Stange strich und mir ein fröhliches Adieu bot— all das werde ich»ie vergessen. Und dann weiß ich noch, wir— seine Freunde— jeden Tag die Sterbespalte in der ZcitW�, Mit.einem leichten Zittern überflogen. Er stand nicht darin.- Hsw Slonntag nach dem andern kam ins Land. Die Aerzte im Spitzt fältelten die Köpfe— er lebte jetzt schon zweimal so lange,-als. si» vorausgesehen hatten. Der Zerfall des Körpers schien aufgehauen., durch eine magische Kraft..'ZArttt Der ganze Herbst ging vorüber. Der Winter fing schon an. sich weiß auszuschütteln über dem Land— da war es am Sonntag vor Weihnachten, daß unser Doktorsreund mit einem Telegramme in der Hand in meine Wohnung kam. Stroll war gestorben. „Sanft," sagte man uns im Spital. Und eS war keine Phrase. Er war wirklich eingeschlafen. Sie hatten ihn schon fortgetragen, hinüber in das kleine Häuslein, wo es nach verwelkten Kränzen roch. „Herr Kollege," sagte da mein Freund zu einem Anstaltsarzt, „wir möchten noch einmal vor dem Bette stehen, wo er so lange ge» litten hat, wo wir bei ihm sahen..."-j. „Gewiß, gewiß," sagte zerstreut der AnstaltSa-rzt,„dort, bitte, Nummer lüll, Sie wissen ja den Weg. MK�chrtschüldigen Sie für einen Augenblick— ich werde gerufen—" Wir standen still vor dem leeren Bett, �vnsrgüig mein Freund mit einer entschlossenen Bewegung an das iKvp'ende, schraubte eine metallene Kapsel an der hohlen Stange lof�frBt Btit dem Zeigefinger in die Höhlung, fühlte zögernd, atmete giss itt.d brachte zwei weiße Stücke hervor... „Unberührt," sagte er. j| Der arme Prinz und seine vornehmen Gäste find zu bedauern! Erst die Hochzeit, dann das Jubiläum am Kaiserhofe und dazu die verschiedenen Hoffeste, das kostet eine schöne Stange Geld für Geschenke und Toiletten. Und obendrein noch die„freiwillige Opfer- gäbe" der Fürsten. Ja, auch die auf de» Lebens Höhen Thronenden Haben zu knabbern, um über die schlechten Zeiten hinwegzukommen. praktifckes Cbnftentum. Die Herrschenden sind in arger Bedrängnis. Das Volk will nicht mehr geduldig Ordre parieren, dem Kapital nicht mehr Aus- beutungsobfekte in unbeschränkter Zahl liefern. Was Wunder, wenn hier die christlich-katholische Kirche dazwischenfährt und die Beschränkung der Geburtenzahl mit unter die Todsünden rechnet, für die die armen Schächer ewiger Höllenpein ausgeliefert tverden. Jeder vernünftige Blensch würde nun freilich annehmen, daß Kirch« und Staat, Gläubig« und Gemeinden alles daransetzen, um einer gesunden Volksvermehrung die Wege zu ebnen. Soziale Für- sorge für Mutter und Kind, weitsichtige Woh- nungSpolitik find doch die notwendigsten Vorbedingungen, der drohenden Geburtenminderung entgegenzutreten. Doch das steht nicht im Kalender der Herren. Wie die soziale Fürsorge für Mutter und Kind betrieben wird, hat uns die Beratung der famosen Reichsversicherungsordnung ge- lehrt. Da wurden von den Frommen und ihrem Anhang alle An. träge niedergestimmt, die eine wirkliche Fürsorge für Mutter und Kind verlangten. Und eine weitsichtige Wohnungspolitik findet ihre schärfften Gegner gerade in den von den Frommen beherrschten Gemeinden. Es heißt zlvar in der Bibel:„Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht." aber in der- Praxis richten sich die Hauspaschas immer noch nach dem Rezept eines frommen Wiener Kollegen, der eine in der Lustkandel gasse 44 ab 1. Juni zu vermietende Wohnung von Stube und Küche nur„für christ. liche Parteien ohne Kinder" reservieren will. Wenn Kulder den Arbeitereltern die Lebensführung ungeheuer erschweren, wenn sie dem praktischen Christentum als ein gräßliches Uebel erscheinen, dem man kein Obdach gewähren will, ist es da zu verwundern, wenn die Gefahr der Geburtenminderung immer drohender erscheint?. Bus aller Melt. Geld stinkt nicht. Dreister als die Spatzen sind ohne Zweifel die KriegervereinS- Vorstandsmitglieder von Arnsdorf in der Lausitz. Bei der letzten Landtagswahl wählten sieben Mitglieder des Vereins die sozialdemokratischen Wahlmannskandidaten. Diese„Jnsubordi» Nation" wurde auf der Stelle mit dem Ausschluß aus dem Krieger- verein geahndet, aber mit dem Bemerken, daß die Ausgeschlossenen recht bald ihre restierenden Beiträge zu bezahlen haben. Die„Bescheidenheit" deS Kriegervereinsvorstandes ist wirklich rührend. Bei ihnen steht auch der Grundsatz:„Geld stinkt nicht!" an erster Stelle. Religion und Geschäft. Eine saubere Verknüpfung von Religion und Geschäft leistet sich die Annoncen-Expedition Jnvalidendank, deren Protektor der evangelische.Fronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen" ist. Sie versendet an schlesische Geschäftsleute das folgende skrupel, lose Zirkular: „Jnvalidendank Annoncen-Expedition. Breslau, den 28. April 1913. W i r wundern uns, daß Sie bei dem Ueberwieaen der katholischen Bevölkerung in ganz Schlesien nicht eine katholische Zeitung benutzen, sondern Zeitungen, die wegen ihrer Tendenz von keinem guten Katho- liken gelesen werden(!). Wir empfehlen Ihnen als einziges matzgebendes Organ für Irtfftnljfdfrp(�fFirPliprt hfp �ffiTpfn/TiP Stp />T+/» /n katholische Schlesien die„Schlesische Volkszeitung", die alte s!) e(!) katholische(!) Zeitung für alle Kreise. Wir bitten er- trtH, eventuell Tarif oder genaue Offerts von uns einzu- SSW. Hochachtungsvoll ßod jrjgiulD Jnvalidendank. 'Nwrt? sl» Abt.„Schlesische VollSzeitung". TaS etwas offene Rundschreiben spricht ebenso sehr dafür, daß die Zentrumsblätter einer nichtkonfesswnellen Partei dienen, als für die Unparteilichkeit einer Annoncen-Expedition, die doch auch mit Zeitungen anderer Richtung ihre Geschäfte machen will. Am saubersten aber ist die Ausnützung religiöser Ueberzeugung für irdische Geschästshuberei. Der Tribünen-Einsturz in Kalifornien. 50 Tote, übet 300 Verletzte. Wie aus Langbeach in Kalifornien gemeldet wird, sind bis jetzt von den bei dem Tribüneneinsturz verunglückten Personen 50 Tote und über 300 Schwerverletzte geborgen worden. Die meisten Opfer der Katastrophe sind Engländer, die sich an dem englischen Ratio- nalfeiertag beteiligen wollten. Von den Verletzten schweben zirka 150 Personen in Lebensgefahr. Die Panik, die nach dem Einsturz der Tribüne auf den Piers ausbrach, ist unbeschreiblich. Viele Frauen und Kinder wurden von den entsetzt fliehenden Personen buchstäblich zertreten. Feuer auf der Genter Weltausstellung. Eine ungeheure Feuersbrunst ist gestern nachmittag plötzlich auS unbekannten Ursachen in der Genter Weltausstellung ausge- brachen. DaS Feuer nahm seinen Anfang in der Restauration „Sillestal"(Zillertal). Da das Restaurant vollständig aus Holz erbaut ist, wurde es im Augenblick ein Raub der Flammen. Das Feuer verbreitete sich mit außerordentlicher Schnelligkeit auf die indischen Tempel, in denen Kunstwerke von bedeutendem Werte aufgestellt sind. Der englische Pavillon war sehr bedroht, und man befürchtete, daß das Feuer auch auf ihn übergreifen werde. Die Feuerwehr, unterstützt von zahlreichem Militär, gab sich die größte Mühe, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Da die ge- samten Bauten der Ausstellung aus Holz gefertigt sind, so brannten diese binnen kurzem nieder. Die Löschvorrichtungen haben sich als vollkommen unzulänglich erwiesen. Trotz des Massenbesuchs, der gestern stattfand, ist es unter dem Publikum zu keiner Panik ge- kommen. Da sich das Publikum an den Brandherd herandrängte, so erschwerte es die Löscharbeiten außerordentlich. Explosion eines Pulvermagazins. Ein Munitionsmagazin ist am Sonnabendabend kurz vor 12 Uhr auf dem Steinfelde bei Wien in die Lust geflogen. Das Objekt 16, das sich am sogenannten Mittel befindet und zu den größeren Munitionsmagazinen gehört, wurde vollständig zerstört. Ter Feuerschein der Explosion war bis zur Eisenbahnstation Wiener Neustadt fichtbar. Von der Station Felixberg eilten zahlreiche Eisenbahnangestellte an die Unglücksstelle, um die erste Hilfe zu leisten. Auch von Wiener Neustadt wurden sofort Militärmann- schatten zur Hilfe gesandt. Bisher konnte noch nicht festgestellt werden, ob Verluste an Menschenleben zu beklagen sind. Spiel und Sport. Vernünftiges Marschieren. Bürgerliche Sportvereine glauben etwas Besonderes zu leisten, wenn sie ihre Anhänger im Wettmarschieren üben. Hierbei gerat diese Sorte Sportler auf dieselbe Bahn, welche die passionierten Berufsrennfahrer mit ihrer Kilo- meterfresserei betreten haben. Bei Veranstaltung des Armeegepäckwettmarsches in Jena wurden die Teil- nehmer vor und nach deni Marsche genau ärztlich untersucht. Von 45 sich Meldenden traten 20 zurück, weil man sie gewarnt hatte. Bei 16 Teilnehmern wurden wesentliche Verände» rungen nach dem Marsche am Herzen konstatiert: Verlage- rung des Herzens, Kleinerwerden des Pulses, Unregelmäßig- keit und Ungleichmäßigkeit der Herztätigkeit, Erweiterung der Lunge. Viele Teilnehmer klagten Aer Muskelschmerzen und Krämpfe in den Beinen. Einzelne Teilnehmer waren trainiert, andere hatten den Marsch Unvorbereitet angetreten. Es ergab sich aber, daß daS Training nicht ohne weiteres mit einer Erhöhung der Leistungsfähigkeit auch eine Besserung der Verfassung nach so ausgesprochener starker körperlicher Betätigung hervorbringt. Die Vegetarier schnitten sehr gut ab. Doch betont Prof. Grober, daß damit diese Lebensweise keineswegs körperlich schwer arbeitenden Menschen empfohlen sei. Alle Veränderungen bei den Teilnehmern waren vor- übergehender Natur, nur in einem einzelnen Falle nahmen die Alemannia— Berliner Adler« Halbzeit L: 0, Erscheinungen einen bedenklichen Charakter an. Prof. Grober. Jena, hält es für notwendig, daß Leute, welche an einer solchen Sportleistung teilnehmen wollen, sich vorher auf die- selbe trainieren, auch sollte die Eignung jedes einzelnen Teil- nehmers vorher ärztlich einwandfrei festgestellt werden. Richtiger ist schon, wenn auch beim Marschieren Ziel und Maß gehalten wird._ Volkstümliche Wctttämpfe fanden am gestrigen Sonntag auS Anlaß des 20jährigen Bestehens deS Arbeiter-TurnerbundeS u. o. auch auf dem Turnplatz Treptow vom Turnverein„Fichte" unter stattlicher Beteiligung vor einer zahlreichen Zuschauermenge statt. Am„Dreikampf", Kugelstoßen, Hochspringen und Hüroenlauf, beteiligten sich 110 Turner.— Als Sieger gingen hervor: Fuhrig (8. Männer-Abt.) mit 52)4 Punkten, Schöneberg(7. Männer-Abt.) mit 49 zi Punkten, König(14. Männer-Abt.) mit 49 Punkten, Genske(7. Männer-Abt.) mit 47)4 Punkten, Schulze(7. Männer- Abt.) mit 47 Punkten, M. Schmidt(1. Männer-Abt.) mit 46 Punkten, Gunst(8. Männer-Abt.) mit 45)4 Punkten. Beste Leistungen waren im Hochsprung 23 Punkte(Fuhrig, 8. Männer-Abt.), Hürdenlauf 20 Punkte(Schwarz, 8. Männer- Abt.), Kugelstoßen 16'A Punkte(Neumann, 10. Männer-Abt.)- Ein fesselndes Bild boten hierauf die Stafettenläufe der Männer-, Jfcanen- und Lehrlings-Abteilungen über 1000 Meter in der Gasse. Im Endlauf siegten die 3. Manner-Abt. mit 2 Min. 15 Sek., 5. Frauen-Abt. mit 2 Min. 48 Sek., 3. Lehrlings-Abt. mst 2 Min. 21% Sek. Fußball. Schluß 9: 0. Radrennen zu Treptow» 2 5. Mai. Dem Dauerrennen um daS Goldene Rad von Friedenau, das in drei Läufen über je 50 Kilometer von sechs Fahrern bestritten wurde, war goldener Sonnenschein und daher guter Besuch beschieden. Das Goldene Rad, das in Friedenau am 22. Mai 1393 zum ersten Male ausgefahren wurde, hat in den 15 Jahren fast alle Größen unserer Dauerfahrer vereint, und eS ist in allen Rennen zu spannenden. Kämpfen gekommen. So auch in diesem Jahre. Schon sab der kleine Franzose Miquel wie der sichere Sieger aus, als es vem Berliner Janke gelang, seinen Gegner in der letzten Runde zu überholen und eine:: knappen Sieg zu erringen. DaS Rennen verlief in semen drei Läufen wie folgt: Preis von Treptow. 50 Kilometer. 500, 300, 200 Mark. 1. Demke in 44 Min. 36% Sek.; 2. Hall, 1890 Meter; 3. Günther 3040 Meter zurück. Hall nimmt die Spitze vor Demke und Günther; letzterer bleibt zurück und wird schon in der 25. Rund« von Hall überholt, bald darauf auch von Demke. Günther kann den anderen keinen Widerstand leisten, bis zum Schluß hat er zehn Runden eingebüßt; dagegen unternimmt Demke wiederholt An- griffe auf den führenden Hall; nachdem dieser bis zum 42. Kilo- meter die Spitze behaupten konnte, verliert er bei einem neuen Vorstoß Demkes den Anschluß und büßt bis zum Schluß noch sechs Runden ein. Preis von Friedenau. 50 Kilometer. 500, 300, 200 Mark. 1. A. Stellbrink in 42 Min. 44% Sek.; 2. Miquel 30 Meter; 8. Janke 280 Meter. Alle Fahrer erweisen sich als gleichwertig: sie enden in kurzen Abständen. Stellbrink geht als Erster ins Rennen, gefolgt von Janke uyd Miquel. Der Franzose geht bei dem 25. Kilometer vor und kann bis zuletzt den zweiten Platz hinter Stellbrink behaupten. Das Goldene Rad von Friedenau. Endlauf(50 Kilometer). Dem Sieger eine goldene Medaille und 1500 M., dem Zweiten 900 M., dem Dritten 600 M. 1. Gustav Janke in 44 Min. 44% Sek., 2. A. Stellbrink 50 Meter, 3. Jules Miquel 60 Meter zurück. Bruno Demke aufgegeben. Miquel, Stellbrink, Janke, Demke ist die Reihenfolge, die lange die gleiche bleibt. Demke fällt zuerst zurück, er hat Reifenschaden und büßt meKrere Runden ein, da nachher auch sein Motor versagt, gibt er nach dem 30. Kilometer aus. In den letzten 10 Kilometer Ersuchen Janke sowohl wie Stellbrink an Miquel vorbeizugehen, sie fallen dabei von ihrer Führung ab und verlieren jeder eine Runde. Doch Janke ist uner- müdlich, ein Neuer Vorstoß glückt ihm, er holt die verlorene Runde auf, und ist Miquel dicht auf den Fersen, den auch Stellbrink über- holen kann. Die letzte Runde kommt; Janke legt sich noch einmal ins Zeug; er überholt den Franzosen und geht unter dem tosenden Beifall der Zuschauer als Erster durch das Ziel, dicht gefolgt von Stellbrink, hinter dem Miquel als Dritter endet. Janke fährt mit einem Lorbeerkranz geschmückt eine Ehrenrunde. Die Nennen verliefen ohne Unfall. Fliegerrennen wurden nicht ausgefahren. '••InsäsM Paris. ?sthode hat. Nun scheint's "�hie Methode haben die- id'er und Modistinnen der tschelnden bourgeoisen diejenigen, die sich die ge- TSIanS�i Feuilleton. ""Ä-U V' Tie Mode ist etil Äa auf den ersten Blick so be jenigen, die die Mode machen— Kokotten, Weltdamen und der Gänseherde, und den Wahnsinn$ quälten Erfindungen der Belletdungsiechniker als Gesetz ihres öffentlichen Erscheinens einreden lassen. Aber ganz so ist'S denn doch nicht. Mit all ihren exzentrischen Sprüngen bleibt die Mode doch auf soziologischem Boden. Wie die Aesthetik der Kunst ist auch die ihre ein Teil der Gesellschaftspsychologie. In keiner fr Ordnung mache» Kleider Leute wie in der bürgerlichen,� zuletzt machen doch die Leute die Kleider. Und die Unterlag) Kleider: den Körper, den Ideologen für ei» Stück Natur halten. In Pari» trägt man jetzt Bäuche. Ein Bauch war etliche Jahre lang ein Unglück. Bäui Herren älterer Jahrgänge gingen nach Marienbad. Jün Herren und Damen kletterten auf Gletscher, ruderten, fuhren Schneeschuhen, trieben Zimmergymnastik. Ueppige Salonsteft�e ließen sich von Masseusen die Fettschichte abhobeln. Das ist vorbei. Mau trägt jetzt Bäuche. Sonst kommt mat: in Gefahr, zur Canaille gerechnet zu werden. Manchmal will die Natur freilich nicht. Da hilft die Industrie aus. Man bekommt Bäuche in Kautschuk und anderen dehnbaren Stoffen zu kaufen. Bäuche in allen Größen. Fertig und nach Maß. Die Damen haben einen neuen Gesprächsstoff:„Sie haben keinen Appetit, meine Liev«? Gehen Sie doch zu X in der Nue soundso. Seine Fabrikate sind täuschend... sehen Sie sich selbst.. Natürlich ist's geschlechtliche Zuchtwahl— der Kampf um den Mann, um die Männer. Geschlechtliche Zuchtwahl ist ja auch der Zweck der anderen SchönhcitSsurrogatc. Der Äohlenstift gibt inter- essante Augen, gefärbte Lippen zeigen sinnliches Temperament an. Künstliche Busen sind ein alter Artikel. Auch der Bauch gehört zum Lockapparat. Wer die Zuchtwahl ist da sozial kompliziert. Warum gilt der Bauch jetzt als schön? Vor fünfzehn Jahren war Magerkeit Mode. Die Damen waren Aesthetinnen, sprachen über Ibsen, besuchten anarchistische Zirkel. Sie tränierten, ihren Bourgeoissdeck ab und schwebten mit schwcrloser Geistigkeit über den Klaffen. Gott sei Dank! heute kennt man wieder Unterschiede. Mager sein kann jeder Hungerleider. Und man ist stolz, daß man kein Hungerleider ist. Ein ungavSIbter Unterleib verrät Nihilismus. Will nicht schon Cäsar wohlbeleibte Männer um sich sein lassen? Auch konservative Frauen wollen wohlbeleibt sein..Ein Bauch zeigt Besitz an. Und Seßhaftigkeit. Magere Menschen lausen viel herum, gehen über Grenzen. Bäuche sind patriotisch. l Man trägt jetzt Bäuche.' Hösisches. Wenn ein gewöhnlicher Sterblicher es auf der be- kannten sozialen Hühnerleiter recht weit gebracht hat und schließ- lich auch ein Jubiläum feiern kann und außerdem noch ein an- ständiger und natürlich empfindender Kerl geblieben ist, so pflegt er von dem mehr oder weniger aus eigener Kraft verdienten Mam- mon ein Weniges in„Stillungen" anzulegen. Für Waisen, für Witwen, für Berufsinvaliden, für gefallene Jungfrauen, für Chinesenkinder oder Kriegervereine. Je nach Geist und Gaben und Gusto. So wenig diese liebung auch nur im entferntesten an der sozialen Not unserer Zeit etwas Wesentliches korrigieren kann— das vermag nicht einmal die private Wohltätigkeit in ihrer Gesamt- heit— so ist sie doch ein hübscher menschlicher Zug, mit dem man ich wohl abfinden kann, wenn solche„Stiftungen" einigermaßen ui p a r t e 1 1 s ch verteilt werden. So konnte in jüngster Zeit diese nparteilichkeit einem schwerreichen, bürgerlichen Zeitungsverleger 1 attestiert werden. Gespannt wird man nun sein dürfen, ob auch WilhelmII., ja demnächst erheblich jubiliert, diesem Brauche folgen und , wie es mit seiner Unparteilichkeit stehen wird. Tie zollern— man weiß das— gehören ja nicht zu den Reichsten den Hüten: des„Gottesgnadentums" und deshalb kann man '"it II. an„Stiftungen" nicht soviel zumuten, wie die Waffen- :ten oder großkapitalistische Äaufleute— machen könnten. 'iließlich, arm ist er gerade auch nicht. Aber wenn wirklich in der Schatulle knapp sein sollte— wie wäre es denn, ilhelm II. in diesem„Opferjahr" einmal das Opfer auf die großen unendlich teuren Massenschietzereien mit Gefolge zu verzichten? Das würde schon eine ganz hübsche - an Ersparnissen ausmachen, die er viellercht— den erb eitern überweist! Und noch etwas wäre interessa:>t. Die bürgerlichen Blätter bringen eine längere Notiz über die Aussteuer der Prinzessin Viktoria Luise, die im ganzen eine Reklame für die beschäfiigten Firmen darstellt. Darin findet sich auch die Mitteilung, daß „Stickereien und Zeichnungen sowie andere kleine Arbeiten" von den Heimarbeiterinnen in Berlin und in Potsdam ausgeführt wur- den. Konnte das Hausmarschallamt oder wer sonst die geschäftliche Seite dieser Angelegenheit erledigt, nicht mitteilen, wie diese Heim- arbeiterinnen bezahlt worden sind? Hat man eS etwa bei den sonst in dieser erbarmungslos gedrückten Branche üblichen Schund- preisen belassen, über die die Mutter der Braut, wie eS hieß, vor einigen Jahren in der ersten Heimarbeiterausstellung Tränen vergosse:i haben soll? Eine„Deutsche Gesellschaft sür angewandte Entomologie". Auf der diesjährigen Tagung der„Deutschen Zoologischen Gesellschaft", die vom 12.— 15. Mai in Bremen stattfand, hat sich die„Deutsche Gesellschaft sür angewandte Entomologie"(Insektenkunde) gebildet. Die Gründung erfolgte auf Anregung von Professor Dr. K. Escherich. Tharandt, der auf die gänzlich unzulängliche Organisation der an- gewandten Entomologie in Deutschland hinwies. Diese Wissenschaft befaßt sich mit der Bekämpfung schädlicher Insekten und ist von großer Bedeutung sür Land- und Forstwirtschaft, Handel und Industrie usw., wie für die öffentliche Gesundheitspflege; sie hat bisher in anderen Ländern weit mehr Würdigung gefunden als bei uns. Die neue Gesellschaft erstrebt daher vor allem: Durch- führung einer zweckdienlichen, staatlichen Organisation, kritische Sichtung des vorhandenen Stoffes aus dem Forschungsgebie:. Hebung deö Verständnisses im Volk. Die Gesellschaft wird ihre Arbeiten möglichst in Verbindung mit der„Deutschen Zoologischen Gesellschaft" durchführen. In den Vereinigten Staaten und in Frankreich sind solche Vereinigungen seit Jahren mit Erfolg tätig. Gibt es Radium auf der Sonne? Nach einer Anwesenheit von Radium auf der Sonne ist mit besonderem Eifer geforscht worden. da sie vielleicht manche Eigenschaft unseres Muttergestirns erklären könnte. Namentlich sind die Spektra der Chromosphäre, wie sie be: Gelegenheit von Sonnenfinsternissen beobachtet oder auch photogra- phiert werden können, zur Aufklärung dieser Frage benutzt worden, aber zu einer Enffcheidung war man bisher noch nicht gekommen. Jetzt hat der Astronom der Sternwarte zu Kodaikanal in Indien alle früheren und eigene Beobachtungen zusammengefaßt, um zu einem Schluß zu gelangen. Danach bekunden die besten Spektral- aufnahmen und die neuesten Messungen der in ihnen auftretende:: hellen Linien mit voller Sicherheit, daß weder Radium noch die sogenannte Emanation in der Chromosphäre der Sonne vorhanden ist. Dieselbe negative Folgerung wird mit Bezug auf daS vermutete Vorkommen von Argon und Neon, diesen Edelgasen der indischen Atmosphäre, behauptet. Ebenso ist die Forschung nach den noch selteneren Bestandteilen unseres LufimeereS, Krypton und Zenon, auf der Sonne ergebnislos verlaufen. Theater. LustspielhanS.»Der lustige Kakadu" ist nämlich gar kein Vogel, sondern ein Berliner Nachtcafe. Besagte Sektbude ent- puppt sich hinwiederum als Vaudeville, das die Herren Jakoby- Lippschitz textlich und Heinz Levin musikalisch auf dem Gewissen haben. Erinnern wir uns recht, so hieß die Chose vor einigen Jahren etwas anders. Da aber die Verfasser die Idee von den zwei„Ichs" in einer Person, oder vom„Ober, und Unterbewußt- sein" travestierend bis zur Bewußtlosigkeit verarbeiteten, so ist leicht zu vermuten, daß sie von der Existenz des ersten Stückes keine Ahnung mehr haben. Daran wäre nur der.Dämmerungszustand" ächuld, den sich ihr Held, der gegen Nachtcafes als ein anderer iitter Sankt Georg zu Feld« ziehende Abgeordnete und Vizekonsul von Guatemala in dem Augenblick zunutze macht, wo ihm„der lustige Kakadu" als Erbschaft zufällt. Nun spielt er einfach den „Andern", daS heißt: er kennt niemand mehr, um nicht als schein- heiliger Hammel entlarvt zu werden. Eigentlich geht in den drei Akten nichts vor. als tolle Wackeltanzerei in den unglaublichsten Variationen. Und die komische Musik illustriert den Höllenspektakel dementsprechend. Man kriegt den Eindruck, als habe sich der Blöd- sinn verschiedener„Vergnügungslokale" das Lustspielhaut zur sommerlichen Heimstätte erkoren. Tiefer geht? kaum noch. Indessen — Ulk gemacht, verrückt die„Trude" gewackelt und auch brav ge- sangen oder gekrischen wird trotz alledem. Dazu hat das Stück den Vorteil, daß man am Tage darauf nach der Aufführung»ich:? mehr davon wissen wird— von UnteichewutztseinS wegen. c. Der Odiedererftandene. Erzählung von CharleS-LouiZ Philippe. Späterhin erzählte er, dah es ihm so vorgekommen sei, als habe ihn ein großer alter weißbärtiger Plann in einen engen Kasten eingesperrt. Er habe das zunächst willenlos über sich er- gehen lassen, denn ihm sei zumute gewesen, als ob er gar keine Kraft mehr besessen hätte. Doch dann habe sich seiner eine schreck- liche Wut bemächtigt, ganz verlassen sei er sich vorgekommen, und da habe er denn den Deckel des Kastens mit Fußtritten zu bcar- betten begonnen, damit der große Alte ihn wieder herausließe. Es habe nicht soviel Lärm gemacht, wie er wohl gewünscht hätte; man habe ihm nämlich— plötzlich sei er sich dessen gewahr geworden — seine Schuhe ausgezogen. Merkwürdig— daß er das gar nicht gemerkt hätte! Der erste, der diesen Lärm hörte, dachte sogleich:— In welch überreizte Stimmung kommt man doch in der Nähe von Toten! Ist es mir doch« als ob der da noch in seinem Sarge herum- xmnore! Weiß Gott, mehrere andere hatten dieselbe Empfindung. Die Frau des Verstorbenen konnte es schließlich nicht länger aushalten; sie beugte sich über den Sarg, dort, wo der Kopf liegen mutzte und rsef:.Baptiste, nun sag doch bitte, bist Du auch wirklich tot?" Er antwortete nicht. Doch von neuem hörte man dasselbe Ge- rausch. Die erste Regung der Leute war, in die Schmiede zu eilen, und sie kehrten von dort mit Keilen, einem Hammer und einer Axt zurück. Aber als sie die Sachen gebrauchen wollten, sagte einer: „Nein, man darf nicht so einfach auf den Sarg losschlagen, denn wie leicht könnte man ihn dabei töten. Besser ist's, daß einer schleunigst den Tischler holt, damit er die Schrauben wieder löst." Es dauerte lange, bis der Tischler kam. Wenn der andere wirklich noch nicht tot war, so konnte er inzwischen gut gestorben sein. Der Meister kam nicht selbst, er schickte Limousin, seinen Ge- sollen. Das war so ein rechter Trunkenbold, dem nur bei einer Flasche Wein wohl zumute ist. Als er, der gut seine sechs Fuß maß, auf den Sarg zutrat, begann er zu zittern. Er hatte Angst vor Leichen, und man mußte ihm den Schraubenzieher aus der Hand reißen und selbst die Arbeit in Angriff nehmen. Der arme Bordeaux sah noch genau so aus wie in dem Augenblick, als man ihn in den Sarg gelegt hatte: mit einer Binde unter dem Kinn, seiner baumwollenen Mütze auf dem Kopfe und ganz eingehüllt in ein Laken. Nur er bewegte sich jetzt, er versuchte, sich aus all den Sachen, die mau auf ihn heraufgepackt hatte, wieder heraus zu winden. Ganz blaß war er von dem Schrecken, den er soeben gehabt. Einer faßte ihn beim Kopfe, ein anderer bei den Füßen an; mein trug ihn aufs Bett. Er ließ es ruhig geschehen, denn er wußte selbst nicht recht, ob er imstande sein würde, sich auf den Beinen zu halten. Als er erst einmal im Bett lag, hatte er nicht die geringste Lust, sich noch länger eine Welt anzusehen, in der einem so übel mitgespielt wird. Er schloß die Augen, und da er ja späterhin noch Zeit genug hatte, über das, was ihm zugestoßen war, nachzudenken, so schlief er rasch ein. Das begab sich gegen zehneinhalb Uhr; eine Viertelstunde spä- tcr kamen die ersten Leute angesetzt, die an der Beerdigung teil- nehmen wollten. Es kamen viele, sogar manche, auf die man gar nicht gerechnet hatte. Als Bordeaux' Frau vom Fenster aus diese letzteren, so namentlich die beiden Damen vom Schloß bemerkt hatte, wurde sie bis zu Tränen bei dem Gedanken gerührt, daß so viel Menschen an ihrem Kummer Anteil nahmen. Dankbaren Herzens sah sie sie ag. Sie mußte weinen über all diese Güte. Doch sie durfte die Leute, die da sä vergeblich auf die Beerdigung warteten, unmöglich länger auf der Straße herumstehen lassen. Sie nahm sich zusammen, öffnete die Tür und wandte sich an die draußen Versammelten: � „Ihr guten Leute, ich danke Euch von Herzen, aber es ist keine Beerdigung: Vater Bordeaux ist eben wieder zum Leben erwacht." Mein Gott, gab das eine Aufregung! Alle diese Leute, die bisher ganz still gewesen waren, begannen nun plötzlich durchein- ander zu reden; man wollte wissen, was eigentlich geschehen war. Keiner rührte sich vom Fleck; sie blieben und starrten das Haus an; sie musterten die Tür, die Fenster, die Steine, ja selbst die Dachziegel mit forschenden Blicken. Als die Tochter Bordeaux', die mit dem Stellmacher Armingaud verheiratet war, erst einmal recht begriffen hatte, daß die Leute dort gewiß bis zur Frühstücksstunde herumgaffen würden, konnte sie ihren Unwillen nicht bemeistern; sie ging hinaus und rief: „Man hat Euch doch gesagt, daß er nicht wt ist! Ihr habt hier also nichts mehr zu suchen!" Sie gingen alle fort, aber die, welche sich nicht gern Grob- heiteu an den Kopf werfen lassen, sagten ganz richtig: »Da fehlte wirklich nicht viel, daß sie uns an den Hals ge- sprungen wäre. Und das alles, weil man so aufmerksam gewesen ist, zur Beerdigung ihres Vaters zu kommen." Eine gute Weile verging. Jeder blieb auf seinem Stuhle sitzen. Keiner wagte sich zu regen. ES kam so weit, daß man sich fragte, ob nicht die leiseste Bewegung diese neue Sachlage, wie sie das Wiedererwachen des Toten geschaffen hatte, wieder aus dem Gleich- gewicht bringen könnte. Es kam so weit, daß man die Füße nicht vom Platze zu rühren wagte, aus Furcht, durch diese eine Be- wegung Bordeaux zu töten. Doch als er um zwei Uhr noch immer schlief, näherte sich seine Frau, die wie alle Frauen keine Umstände mit ihrem Manne zu machen pflegte, dem Bett. Sie hörte seinen Atem ganz regelmäßig gehen. Sie ging sogleich aufs ganze. Sic schüttelte ihren Mann. Er erwachte wie sonst. Sic nahm das wahr, um ihm zu sagen: „Brauchst doch nicht immer zu schlafen, wenn Du Dich nicht krank fühlst." Ja, da hatte sie recht. Er richtete sich in seinem Bett auf und konnte ganz gut sitzen. Dann setzte er die Füße zu Boden und konnte sich ganz gut aufrecht halten. Man brachte ihm ein Paar Holzschuhe. Doch als er zu gehen versuchte, fühlte er in seinen Beinen eine Taubheit, als ob er lange in einer sehr unbequemen Stellung verharrt hätte. Er mußte mehrmals treppauf, treppab durchs ganze Haus gehen. Aus Furcht ihn aufzuregen, wagte es niemand, ihm gegen über von dem Vorfall zu sprechen. Uebrigens mußte er ja auch Wohl selbst gemerkt haben, was mit ihift vorgegangen war. Mutter Bordeaux sagte nur: „Na— wir wollen jedenfalls essen; ich habe Hunger!" Er dachte einen Augenblick nach, dann meinte er: „Ich auch!" Man setzte sich zu Tisch. Sie waren zu sechs. Der Bruder Bordeaux' mit seiner Frau, die vier Meilen im Wagen zurück gelegt hatten, um der Beerdigung beizuwohnen. Ferner die Toch ter, der Schwiegersohn, Mutter Bordeaux und Bordeaux selbst, der der sechste war. Das Mahl war zuerst nicht sehr heiter, denn jeder hatte doch einen schönen Schreck bekommen. Aber beim zweiten Glase Wein konnte Bordeaux, der der gewaltigste Trunkenbold im Orte war, nicht unterlassen zu sagen: „Herrgott noch mal! Ich hätte doch nicht gedacht, daß ich von dem da noch mal wieder kosten würde." Seine Frau, die schon wieder ganz auf dem Posten war, machte den weiteren Betrachtungen, die er noch anstellen wollte, schnell ein Ende: „Na, das laß Dir man gleich gesagt sein; wenn Du etwa Dein altes Leben wieder anfangen willst, dann wärst Du besser dage- blieben, wo Du jetzt herkommst." Er betrank sich nicht gerade bis zum Umfallen, denn er fürch- tete, daß er, wenn er erst einmal recht benebelt wäre, nicht die Kraft habe würde, sich gegen das Einschlafen zu wehren. Und dann könnte es geschehen, daß er wirklich niemals wieder auf- wachte. Doch jedenfalls aß er sehr reichlich. Da Bordeaux' Bruder und Schwägerin den Ort nicht näher kannten, schlug der Schwiegersohn nach Aushebung der Tafel vor, einen Rundgang durch das Städtchen zu machen. Sie sahen sich zusammen die Kirche an, die sehr alt war; auch das Rathaus, ein wirklich schönes Gebäude; und ferner den Platz, wo die Jahr- märkte stattfinden;— konnte da eine Menge Vieh stehen! Die Bekannten, denen sie begegneten, sahen Bordeaux mit ganz der- dutzten Mienen an; sie vergaßen sogar, ihn zu grüßen. Er flößte ihnen doch ein bißchen Furcht ein. Und er selbst fühlte sich da- durch wie eingeschüchtert. Als sie beiU Tischler herbeikamen, hhgtcA sie hin, Eh handelte sich um den Sarg. Mutter Bordeaux, die eine sehr sparsame Frau war, wollte, daß der Tischler dem Vorfall Rechnung trüge und den Sarg zurücknähme. Doch dieser wollte sich auf nichts einlassen. Er sagte: „Ja, was wollen Sie, Frau, der Sarg ist doch nun schon bc- nutzt worden! Den kann ich jetzt nicht mehr verkaufen. Da gibt's Leute, denen andere so zuwider sind..." Bordeaux wollte grob werden. Doch seine Frau beruhigte ihn: „Na, Baptiste, heute bist Du erst wieder lebendig geworden, da darfst Du Dich doch nicht gleich wieder herumzanken!" Gegen sechs Uhr spannten der Bruder und die Schwägerin ihr Pferd ein, nachdem sie noch tüchtig gegessen hatten. Man sagte sich Lebewohl; ja, es war Loch nett gewesen, sich bei dieser Ge- legenheit einmal wieder gesehen zu haben. Äls sie fort waren, brachte Mutter Bordeaux einen �Entschluß zur Ausführung, den sie schon morgens gefaßt hatte, vsie sprach beim Apotheker vor und kaufte ein Wurmmittel. Bordeaux schnitt Gesichter, denn er mochte gar keine Arznei. Doch ob er wollte oder nicht; da das Mittel einmal gekauft war, so nötigte ihn seine Frau folgenden Tags, es mit einer Tasse Bouillon zu nehmen. Er gehorchte schließlich. Es bekam ihm übrigens gut. Denn es vertrieb im Laufe des Tages drei Würmer, drei dicke ineinander verschlungene Würmer. Er mußte den Gründen seiner Frau recht geben, die sagte: „Siehst Du, Baptiste, das hatte ich mir doch gedacht! Ich habe gleich gewußt, daß das eins von dies«: widerwärtigen Tieren gewesen sein muß; es ist Dir bis zum Herzen heraufgekrochen und- hat es während der ganzen Rächt zum Stillstand gebracht. Nun kannst Du aber beruhigt sein." ! Zentral- Waml deHipgelien DenUands. Sektion der Lagerhalter. i Unserem lieben Kollegen Aug;. Beek nebst Gattin die < harzüchsten Glück wilnscho zur Silberhochzeit. | 286/5 Die Sektlonsleltuiiff. ist der schönste Ausflugsort? + Immer noch Pichelswerder, beim Alten Freund. VonvIrls-WiMek. ElMSanißsIung volkstümlicher Romane und Erzählungen Kenersehelnung* Der Pariser Garten und Anderes. Von Blnna Kautsky. Preis gut gebunden I Mk. Die Erzählungen der jüngst verstorbenen Genossin sind in d«a Kreisen dos arbeitenden Volljos stets gern gelesen warate. Der vorliegende Band wird daher bfeiten Schichten wulhonunen Sein. fluehhandlung Vorwärts, I'IndeÄpuf e 69 i Honchesier- Anzüge Marke Gambrinus. Warm gefüttert. Str&paiierfcst. Joppe 27eiliiff 11.90 Weste 3.60 Hose-»>»>. 6.75 SerHuIes- Leder-Hosen Alleinverkauf. Gestreift od eiofarbigr. Kerni« u stark. Beste Arbeit. Bund aus einem Stück. A Schwere Taschen. UeiBeKellneriflChette TÄho 3.65.2.50 l�eues von JVIax Reinhardt. (E i n Beitrag zur Technik der Rcklamenotiz.)' 1. Das Theater der Esperantisten. Aus sicherer Quelle erfahren wir, daß die Anhänger der Weltsprache Espe» ranto in Berlin ein Theater gründen wollen, in dem die deutschen Klassiker, um sie ihrer schmachvollen nationalen Jsolic» rung zu entreißen, in der Weltsprache Esperanto aufgeführt werden sollen. Direktor Max Reinhardt ist geschäftlich an dem Unter- nehmen beteiligt und wird auch die Direktion übernehmen. 2. Reinhardt und die E s p e r a n t i st e n. Aus dem Bureau des Deutschen Theaters wird uns geschrieben, daß an unserer gestrigen Meldung, kein wahres Wort ist. Weder ist Reinhardt geschäftlich an dem Unternehmen der Esverantisten be- tciligt, noch wird er die Direktion übernehmen. 3. Noch einmal: Reinhardt und die Esperan» t i st e n. Nachdem wir an durchaus sicherer Quelle Erkundigungen eingezogen haben, sind wir in der Lage, unsere ursprüngliche Meldung in vollem Umfang aufrecht zu erhalten. Direktor Max Reinhardt ist tatsächlich an der Esperantistenbühne be- tciligt und wird auch die Direktion übernehmen. 4. Das Theater der Esperantisten. Aus dem Bureau des„Deutschen Theaters" wird uns geschrieben, daß es sich in unserer ursprünglichen Meldung um ein Mitzverständ- n i s handelt. Direktor Reinhardt ist an der geplanten Bühne in keiner Weise beteiligt und � wird auch die Direktion nicht über- nehmen. Er ist lediglich von der Aktiengesellschaft„Esperanto- b ü h n c" verpflichtet worden, in jedem Winter eine bestimmte Anzahl von Vorstellungen zu inszenieren.— Im Zusammen- hang mit dieser neuen Auffassung können wir mitteilen, daß als erstes Drama der„F a u st" aufgeführt werden wird. Die Ueber- setzung wird von Hugo vonHofmannsthal besorgt werden. S. Der gekränkte Dichter. Bon Herrn Hugo von Hof mannsthal erhalten wir einen geharnischten Brief, in dem er in zum Teil sehr krassen Ausdrücken gegen die Nachricht Protestiert, daß er den„Faust" ins Esperanto übertragen wolle. Da Herr Hofmannsthal die„Elektra" in die Sprache Berlin W?s übertragen hat, sehen wir den Grund seiner Ent- rüstung nicht ein, nehmen aber von seinem Dementi Notiz. iDie Uebcrsetzerfrage wird nunmehr in fünf Notizen erledigt. Als Uebersetzer ergibt sich schließlich ein Herr Fleudenberg, dessen Verskunst in intimen Kreisen Aufsehen erregt hat. Seine Großmutter soll notorisch geweint haben, als er ihr sein erstes Gedicht vorlas. In emer späteren Notiz erfahren wir, daß es sich nicht um seine Großmutter, sondern um seine Schwicger, mutier gehandelt hat.) 6. Eine 5!euerung im Deutschen Theater. Direktor Max Reinhardt soll persönlich von den wilden Gerüchten Kenntnis bekommen haben, die über sein Verhältnis zu der ge- planten Esperantistenbühne verbreitet worden sind. Der falsche Zeitungslärm soll seine empfindliche Äünstlerscele so ver- letzt haben, daß er mehrere Tage das Bett hüten mußte. Um derartige bedauerliche Ereignisse in Zukunft unmöglich zu machen, hat Reinhardt dreiundzwanzig Dramaturgen en- gagiert, die nichts anderes tun sollen, als das deutsche Volk über seine wahren Absichten zu unterrichten. 7. Die dreiundzwanzig Dramaturgen. Aus dem Bureau des„Deutschen Theaters" wird uns geschrieben, daß Direktor Max Reinhardt dem Engagement der dreiund- ztvanzig Dramaturgen persönlich völlig fern st eh t. Es ist aus dieser Veranlassung sogar zwischen ihm und der G. m. b. H. „Deutsches Theater" zu schweren Konflikten gekommen. Reinhardt, der jedem überflüssigen Zeitungslärm abhold ist, hielt und hält den bisherigen Bestand von zweiundsiebzig Dramawrgen für aus- reichend. 8. Konflikt im Deutschen Theater! Das Ver- hältnis zwischen Max Reinhardt und der G. m. b. H. „Deutsches Theater" soll sich in der Frage der neu engagierten'T dreiundgwanzig Dramaturgen(die bekanntlich mit den Nachrichten über die Esperantobühne in Verbindung stehen) Unerträglichkeit verschärft haben. Es soll zu so � Szenen gekommen sein, daß einer der ältesten Drama Hauses in Ohnmacht fiel und erst wieder Professor Max Reinhardt ihm persön" daß er in einem wichtigen Prozeß ein zugunsten des Theaters zu schwören l Max Reinhardt hat in Aeußerste getan, was ein hat sich den schweren Tasche(III) fünf P«ß nichts weiter zu tun haÄiß Willen engagierten dreiun? rufen. Reinhardt hofft auf diese Weise dem ewigen ZeitungSlärm wirkungsvoll entgegentreten zu können. (In der Presse beginnt nun ein wilder Kampf der fünf Rein- i Privatdramaturgen gegen die fünfundneunzig Drama- S„Deutschen Theaters". DaS Publikum aber wird fort- zuverlässig unterrichtet.) e, n Eid Situation das n vermag. Er ngen, aus eigener ä t u r g e n anzustellen, die !e Nachrichten der gegen seinen zig Dramawrgen zu wider» Sa. blaue Honteur- Jackette�f."»0» eebt. Extra lang. Gcsetzl. eescbUtzt.Tascben- q ac •▼crricgelanc. M. Z.'tD Setzer-Kittel 3.10 2.50 Haler- Kittel 2.90 2,00 i» � Hanpt-KaUlog Nr. 47 (Berat*- Kleidaog) postfrei! BAH* SOHN Chausseestraße 29-30 BtrUt, 11 Brückenstraße 11 Gr. Frankfurter Str. 20 � � Schonet»., Hauptstr. 10 Scbutz- Kieidung für Sanitäts- dienst und gewer be- polizeiliche Vorschriften Nach Maß! Ulster— Paletot— Anzüge gute Zutaten ans Roßhaar von M., 40.— an tadelloser Sitz garantiert. Wer Stoff hat von LS M. au. 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