Nr. 188. BbonnemcntS'Bedlngungen: HBoraicmentä- Preis pränumerando: Lierteljährl. 3,30 Md, monatl. 1,10 Ml, wöchenriich 28 Pfg. frei ins Haus. Sinzeine Rümmer S Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Weit* 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband sür Teutschland und Oesterreich- Ungarn 2,60 Mark, für das übrige Ausland s Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal. Siumänien, Schweden und die Schweiz. 38. Jahrg. Qlcheinl täglich. Berliner Volksblnkt. Die InfertlonS'Gebübr beträgt sür die sechsgespaltene Kolonel, »eile oder deren Raum M Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versmnnilungs-Anzcigcn 30 Pfg, „KUtne»„-eigen", das scttgedrulktc Wort 20 Pfg,(zulässig 2settgedrulkte Worte), iedcs weitere Wort 10 P!g, Stellengesuche uich Schlafsicllcnan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Psg, Worte über 16 Puch laben zählen für zwei Worte. Jnscrale üssei fta�WWMIBWW» für die nächste Htummcr inü]fcn bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der Ibzialdcmohratifchen Partei Dcutfcblands. Redaktion: 650. 68, Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt Morinplatz, Nr. 1983« Donnerstag, den 3. Juni 1913. Expedition: 850. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplatz, Nr. 1981. Die französische GcwcrWchafts« vorläge. Paris, 3. Juni. CGig. Ber.) Die vom Arbeitsministcr eingebrachte Gesetzesvorlage über die Reform des Gewerkschafttzrechts trägt den Stempel des Gelegenheitsgesetzes auf der Stirn. Worauf es der Regierung ankommt, ist. die Gewerkschaften durch Gesetzesparagraphen auf eine rein korporative Betätigung einzuschränken, sie aus dem Fluß der großen, auf die volle Emanzipation gerichteten Bewegung auszuscheiden und— in einer unmittelbaren Aktion— die in der Arbeiterorganisation konzentrierte Oppo- sition gegen die dreijährige Dienstzeit und gegen den Mili- tarismus überhaupt ivehrlos zu machen. Die Hauptsache ist ihr jetzt die Einschränkung der Verbindungsfreiheit und die Ver schärfung der Strafbestimmungen— der Rest ist eine soziale .Illusion und eine politische Intrige, der Glaube, den gewerkschaftlichen Reformismus zu einer Politik des„sozialen Friedens" verführen zu können und durch Erfüllung einiger seiner Wünsche zum Bruch der proletarischen Solidarität zu verleiten. Die Vorlage bringt den Gewerkschaften die Anerkennung als juristische Personen. Sie sollen Immobilien besitzen, Schenkungen und Vermächtnisse annehmen dürfen. Auch wird ihnen das Recht zuerkannt, Werkzeuge, Arbeitsmittel usw. an ihre Mitglieder auszuleihen und die Arbeitsprodukte ihrer Mitglieder ohne Profit abzusetzen— eine Bestimmung, die wohl mehr Untcrnchmcrsyndikaten und ländlichen Gewerk- schaftcn zugute kommen dürfte. Von einschneidender Bedeutung aber ist die Verschärfung der die Auflösung und Wiederkonstituierung der Gewerk- schaftsverbände betreffenden Bestimmungen. Das Ge- Werkschaftsgesetz von 1881 sah Wohl die durch die Zuchtpolizeigerichte auszusprechende Auflösung der Gewerkschaften im Fall der Ueberschreitung des durch die wirtschaftlichen Interessen ge- zogcnen Tätigkcitsrahmens vor. Als Strafe für die Wieder- konstituierung war eine über die Administratoren zu verhän- gende Buße von 18 bis 200 Fr. vorgesehen. Die neue Vor,- läge wende, t nnn auf die Gewerkschaften und Gewerkschafts- verbände die Bestimmungen des Artikel 8 des Vereins- gesetzes von 1901 an. Der für die Gründer, Leiter und Administratoren von Vereinen, die nach dem Auf- lösungserkenntnis zu bestehen fortfahren oder sich illegal wieder konstituieren, eine Geldbuße von 16 bis 3000 Fr. und Gefängnis von sechs Tagen bis zu einem Jahre festsetzt. Der gleichen Strafe sollen die Personen unterliegen, die die Versammlung der Mitglieder des auf- gelösten Vereins durch Einräumung eines Lokals begünstigen. Der unmittelbare Zweck des Entwurfs liegt klar zutage. Tie Vereinigung, gegen den er sich richtet, ist die Arbeits- k 0 n f ö d e r a t i 0 n, die ja die Schuld an den Soldaten- denionstrationen tragen soll. Ihre Auflösung ist schon bei verschiedenen Gelegenheiten von der reaktionären Presse ge- fordert worden, aber abgesehen von der strittigen Rechtslage war ihre Auflösung zwecklos, weil die Wiederkonstituierung nicht verhindert werden konnte. Auch gegen gewisse revolutio- näre Gewerkschaftsverbände wird man wohl die neuen Para- graphcn anwenden wollen. Und die erweiterte Rechtsfähigkeit denkt man sich als eine Bleikugel, die die Bewegungsfreiheit der Gewerkschaften einschränken würde. Wenn die Gewerkschaften Eigentum besitzen würden, das im Fall der Auflösung verloren ginge, oder durch Geldbußen geschädigt iverden könnte, würden sie— meint die Regierung— zahmer werden. Andererseits glaubt sie, diejenigen reformistischen Gewerk- schastler, die in den Gewerkschaften die sich in der gegen- w ä r t i g e n Gesellschaft- entwickelnde wirtschaftliche Zelle der künftigen sehen, durch die Ausdehnung des Betätigungskreises auf das Gebiet der Warenproduktion und-Zirkulation ge- Winnen zu können. Dazu kommt noch ein weiterer Kniff. Der Entwurf schreibt für die Zusammensetzung des Vorstandes und die Generalversammlungen der Verbände(also auch für die Wahl des Konfödcrationsvorstandes und für den Gewerk- schastskongreß) den Proporz vor. d. h. eine Abstimmung. die den einzelnen Gewerkschaften Stimmen im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl zubilligt. Nun ist der Proporz eine alte Forde- rung der Reformisten seit dem Gewerkschaftskongreß in Bourges (1902). Es ist auch nicht zu bestreiten, daß ohne das jetzige Vertretungs- und Abstimmungssystem der Syndikalismus in der französischen Gewerkschaftsbewegung nicht die unbeschränkte Führung erlangt hätte— wenngleich es zumal heute, nach der Spaltung bei den Bergarbeitern und bei der Schwäche der Eisenbahnerorgainsation wohl vorschnell geurteilt ist, wenn man die Mehrheit den Reformisten zuschreibt. Jedenfalls aber werden diese keine Lust haben, den Gegenstand ihrer Forderung, für die ste auf den Gewerkschaftskongressen ge- kämpft haben, aus den Händen einer Regierung zu empfangen, die sich gleichzeitig den Preis dafür in einer Beschränkung der Gewerkschastsautonomie einkassieren will. Die Regierung täuscht sich au'%'>vem Ne glaubt, daß ein Sieg des „Reformismus"— d. h. die Ueberwindung des anftparla- mentarischen Nurgewerkichaftlertums— die Kampflust und Kampfcskraft des Proletariats gegen den Kapitalismus, den kapitalistischen Staat und den Militarismus schwächen würde. Ihr Entwurf aber ist ein offenbarer Vorstoß der kapitalistischen Diktatur und darum wird er dem geeinten Widerstand der Arbeiterklasse im Lande und im Parlament begegnen. Sei' Aehrdeilrag in der ßudget- Kommission. Nach§ 11 de§ Entwurfs sollen auch die Ausländer zur Leistung deS Wehrbeitrags herangezogen worden, sofern sie sich dauernd in Deutschland zum Zwecke des Erwerbs aufhalten. DaS Zentrum will den Ausländern diese Verpflichtung schon nach einem Aufenthalt von einem Jahr, die Konservativen nach einem Aufenthalt von zwei Jahren auferlegen. Sowohl die Regierung wie der Abg. Roland- Lücke bekämpften diese Forderung, ebenso auch die Sozialdemo- traten. Abgesehen von dem schlechten Eindruck, den eine solche Besteuerung im Auslande hervorrufen müsse, sei zu bedenken, daß die Ausländer Deutschland dann nur selten noch zum Aufenthalt wählen würden, was zu volkswirtschaftlichen Schädigungen führen könne, die in keinem Verhältnis zu dem Steuerertrage stünden. Daß Ausländer zu Kommunalabgaben herangezogen werden— so betonten unsere Genossen— sei selbstverständlich, denn sie ge- nießen auch die in der Gemeinde geschaffenen Einrichtungen: daß sie durch die Staatssteuer mit zu den Militärlasten beitragen, lasse sich auch nicht umgehen, aber von Ausländern eine einmalige Abgabe für deutsche Rüstungen zu verlangen, sei völlig ungerechtfertigt. Alle Abänderungsanträge wurden abgelehnt. Die Heran- ziehung der Vermögen der sogenannten Toten Hand zum Wehr- beitrag fordert der folgende sozialdemokratische Antrag: „Beitragspflichtig sind ferner Kirchen, Religionsgesellschaften, Stiftungen, Orden und Anstalten mit demjenigen Teil des Ver- mögens', der nicht ausschließlich der Armen-, Waisen- und Kranken- pflege dient." Genosse Wurm legte dar, daß die Befreiung der Ver« mögen der Toten Hand vom Wehrbeitrag gar nicht zu recht- fertigen sei, sofern das Vermögen nicht wirklichen Wohl« tätigkeitszwecken diene. Die starke Zunahme der Klöster und sonstigen kirchlichen Anstalten beweise, wie der Besitz dieser Anstalten steige, der in Deutschland auf viele Hundert Millionen geschätzt werde.— Abg. Behrens führte aus. daß für die evangelische Kirche alle diese Voraussetzungen nicht zuträfen. Hunderte von gemeinnützigen Anstalten würden belastet, die gerade der Für sorge für die Allerärmsten dienten. Würde der Monistenbund, dessen Münchener Zweigstelle ein großes Vermögen besitze, auch von diesem Antrag betroffen iverden?-— Schatzsekretär Kühn erklärte, die Regierung habe von der Heranziehung der Vermögen der„Toten Hand" deshalb Abstand genommen, um Streitfragen von der Vorlage fernzuhalten, die zu heftigen Debatten führen und das Zustandekommen des Gesetzes erschwert haben würden. Der zu erwartende Betrag stehe auch in keinem Verhältnis zu den ent« stehenden Schwierigkeiten. Abg. E r z b e r g e r: Bei der Durch- führung des sozialdemokratischen Antrages würde es gehen, wie in Frankreich mit der Aufhebung der Klöster, die für den Staat finanziell ein völliger Mißerfolg gewesen sei. Wenn aber schon zugegriffen werden soll, dann müssen auch die Vermögen der„Toten Hand" auf politischem Gebiet, z. B. der Gewerkschaften heran- gezogen werden. Es werde in- Deutschland eine Unmenge Leute geben, die den Gewerkschäften und deren Vermögen noch feindlicher gegenüberstünden als den religiösen Einrichtungen. Die Belastung so vieler Kirchen würde nur dazu führen, daß dann aus allgemeinen Steuermitteln mehr für die Kirchen gegeben werden müsse. Das nach Millionen zählende Vermögen der sozialdemo- kratischen Partei«icht zu besteuern, das der Kirchen und Klöster heranzuziehen, hieße ein Ausnahmegesetz schaffen. Wenn alle Vermögen der„Toten Hand" herangezogen werden, stimme das Zentrum sür den Antrag.— Im gleichen Sinne sprach Graf W e st a r p. Die Nationalliberalen erklärten sich für eine Besteue- rung der„Toten Hand", aber die Fassung des sozialdemokratischen Antrages sei unannehmbar. Die Volksparteiler wollen momentan eine Entscheidung nicht treffen, grundsätzlich sind sie aber für den sozialdemokratischen Antrag.— Abgeordneter Gröber erhob gegen die Sozialdemokraten den Vorwurf, daß sie durch ihren Antrag mit dem Grundsatze brächen: Gleiches Recht für alle. Auch der sozialdemokratische Programm- Punkt, der die Religion als Privatsache erkläre, werde verletzt, denn die Vermögen der„Toten Hand" seien eine rein private Angelegen- heit.— Genosse Emmel erwiderte: Es sei unstreitig schwer, eine Fassung zu finden, durch die nur jener Teil des Vermögens ge- troffen werde, der garnicht für gemeinnützige Zwecke Verwendung findet. Diese Vermögen seien aber sehr groß, und müsse versucht werden, sie heranzuziehen.— Genosse Wurm erläuterte den Unterschied, der zwischen dem Vermögen der Gewerkschaften und der Kirche besteht. Da Vermögen, die gemeinnützigen Zwecken dienen, nicht getroffen werden sollen, können eben die der Gewerkschaften nicht heran- gezogen werden. Die Berliner Stadtshnode hat den ausdrücklichen Wunsch ausgesprochen, die„Tote Hand" mit dem Wehrbeitrag zu belasten. Gegen die Stimmen unserer Genoffen und der Volksparteiler wurde der sozialdemokratische Antrag abgelehnt. Eine'längere Debatte brachte der§ 12 des Entwurfs, der die Beitragspflicht der Aktien- und Kommanditgesell- schaften behandelt. Die nächste Sitzung findet am Donnerstag statt. f�oeb keine Einigung über die Webrbeitrags- 8taffewng. Im Laufe des Mittwochvormittags wurden die vertrau» lichen Besprechungen der Subkommission der Budget- kommission des Reichstags mit dem Reichsschatzsekretär weiter- geführt, die sich auf die in der Sitzung vom 29. Mai gemachten Vorschläge zu Z 1 des Gesetzentwurfs beziehen. Auf Grund dieser Borschläge hat der Reichsschatzsekretär, wie wir mstteilten, eine Be- rechnung anstellen lassen, die den daraus zu erwartenden Wehr- beitrag vom Vermögen auf 720 Millionen, den vom Einkommen auf 120 Millionen beziffert. Die Besprechungen wurden auch am Mitt- woch noch nicht abgeschlossen, sollen vielmehr Donnerstagvormittag vor der Sitzung der Vollkommission fortgesetzt werden. Ueber die gestrige Sitzung macht ein„Eingeweihter", offenbar Herr Erzberger, der den Mund nicht halten kann, in einem klerikalen Blättchen folgende Mitteilungen:„Die zum großen Teil einstimmig gefaßten Beschlüsse der Verständigungskommission für die Wehrbeitragsfestsetzung sind heute bei der erneuten Beratung durch die Unterkommission fallen gelassen worden. Zu einer neuen Stellung- nähme nötigte sowohl die Haltung der Regierung wie die verschiedener Fraktionen. Diese hatten in die Unterkommission zum Teil neue Vertreter entsandt, die neue Vorschläge mitbrachten. Man kam in der heutigen Sitzung, die mehr als zwei Stunden dauerte, noch zu keinem festen Beschluß, vielmehr ersuchte man das Reichsschatzamt, die finanziellen Wirkungen der neuen Vorschläge zu untersuchen und das Ergebnis bis morgen der Kommission zn unterbreiten. Wie wir hören, be- ziehen sich die Aenderungen sowohl auf die Staffelung wie auf die Kapitalisierung des Einkommens und die Grenzen für die Heran- ziehung von Einkommen und Vermögen." keine Legendenbildung. Das„Berliner Tageblatt" besitzt wieder einmal die Inkonsequenz, bei allem Tadel fortschrittlicher Energie- losigkeit doch auch der Sozialdemokratie den Vorwurf zu machen, daß sie durch ihre unannehmbaren Stichwahlbedin- gungen„einen rechtzeitigen Zusamnienschluß mit dein Lide- ralismus nach Möglichkeit erschwert" habe. Wir haben das „Berliner Tageblatt" schon einmal in aller Höflichkeit darauf auftnerksam gemacht, daß es s e I b st unmittelbar nach dem Zustandekommen dieser Stichwahlbcdingungen auf dein Preußischen Parteitag der Sozialdemokratie eine ganz andere Ansicht über den Eharakter dieser Stichwahl- bedingungen vertreten habe. Wir können auch heute nur dem Blatt nochmals raten, doch einmal nachzulesen, was es in einem lichten Momente selbst geschrieben hat! Vor allen Dingen, aber sei hier festgestellt, daß die schließ- lich zustande gekommene Verständigung zwischen Freisinn und Sozialdenwkratie auch nicht den g e r i n g st e n Wider- s p r u ch zu den bekannten Stichwahlbefchlüssen des letzten Preußischen Parteitages bildet, diesen Beschlüssen vielmehr v 0 l l st ä n d i g entspricht. Denn sowohl von dem Re- ferenten Hirsch als auch von den Diskussionsrednern, die da- nials ini Sinne der Mehrheit sprachen, ist mit aller Deutlich- keit gesagt worden, daß natürlich bei einem Stichwahlab- kommen die zu fordernden Gegenleistungen des Freisinns keineswegs unbedingt in demselben Wahlbezirk stattzufinden hätten, sondern daß natürlich Abmachnngen�üder das ganze Land getroffen werden könnten. Die Sozial- demokratie hat also bis zum letzten Augenblick an ihrem Stich- wahlabkomnien festgehalten. Daß aber auch die übrigen Voraussetzungen der sozial- demokratischen Stichwahlbeschlüsse durchaus berechtigt und völlig unumgänglich waren, das hat ja gerade der Verlauf der Stichwahlen bewiesen! Die Sozialdemokratie mußte von vornherein darauf dringen, daß die freisinnigen Wahlmänner gewisse, ihre Zu- verlässigkeit verbürgende Bedingungen ein- gingen, wenn sie nicht bei einer späteren Verständigung Ge- fahr laufen wollte, schmählich über den Lössel balbiert zu werden. Wie wenigV erlaß auf freisinnige Wahlmänner ist, das hat ja nicht nur die Wahl in Pinneberg bewiesen, wo von 120 freisinnigen Wahlmännern zwar 10 für den Frei- konservativen, aber' nur 3 für den sozialdemokratischen Kandidaten stimmten, sondern auch die Stichwahl in Ober- und Niederbarn im. Auch dort haben es etwa nur zwei Dutzend freisinnige Wahlmänner über sich zu bringen vermocht, für die sozialdemokratischen Kandidaten aktiv einzutreten. Freilich genügte in diesem Falle schon die Wahlent- Haltung der übrigeii volksparteilichen Wahlmänner, um den Sieg der drei sozialdemokratischen Kandidaten zu ver- bürgen. Aber ein Stichwahlzusammengehen auf breiterer Basis wird natürlich eine so g ü n st i g e Situation nur als Ausnahme finden! Sollen Sozialdemokratie und Frei- sinn in größerem Umfange zusammengehen, so muß auch von den freisinnigen Wahlmännern mindestens annähernd dasselbe Maß der Disziplin und Zuverlässigkeit den Weisungen der Parteileitung gegenüber erwartet werden, wie bei den sozialdemokratischen Wahlmännern. Und solange die Fortschrittliche Volkspartei nicht selbst durch sorgfältige Auswahl der Wahlmänner für ein zuverlässiges Wahlmännerkorps sorgt, wird auch in Zu- kunft die Sozialdemokratie durch peinlichst genaue Stichwahlbedingungen für die nun einmal unumg'äng» lichen Zuverlässigkeitsgcrrantten sorgen müssen! Sturm gegen die ungarischen ßegierungs-IPanamiiten. Budapest, 4. Juni.(P ri v a t te l e g r a m m des „Vorwärts".) Der Freispruch Däsys brachte Dienstag-. abend große D<.NlcMlltta;tip nln. ÜOOOQ Welschen • zogen durch die Straßen Budapests und demonstrierten gegen die Regierung. Die Oppositionspartei beschloß, am Mittwoch an der Reichstagssitzung teilzunehmen. Am Mittwoch, vormittag 9 Uhr, verließ die Opposition ihr Klublokal und zog, begleitet von Riesemnengen> nach dem Reichstag. Im Beratungssaal verlas der Führer der Oppa iition. I u st h, ein Manifest. Als Präsident T i s z a den Beratungssaal betrat, brach ein furchtbarer Sturm los. . Dieb, Betrüger, gib das gestohlene Geld heraus! Du hast auch gestohlen!" so wurde ununterbrochen gerufen. Tisza tonnte nicht zu Worte kommen. Bei dem Eintritt des Ministerpräsidenten Lukacz steigerte sich der Sturm „Dieb, Panamist, hinaus mit dem Schurken!" tönte es von allen Seiten. Tisza und die Regierung mußten den Saal verlassen. Tisza gab nun der neuen P a r I a in e n t s w a ch e den Befehl, in den Beratungssaal zu marschieren und die Oppo sition zu umzingeln. Hauptmann Geröe kommandierte den Trupp, ungefähr 159 Mann. Beim Einmarsch in den Saal brachen die Abgeordneten in Pfuirufe aus. Hauptmann Geröe zog den Degen und hieb ztveimal auf den Abgeordneten Hedervary ein, der blutend zusammenstürzte. Die Folge war ein gewaltiger Tumult. Gendarmen umstellten den Be> ratungssaal. Als Tisza dann wieder den Saal betrat, der ließ die Opposition unter lauten Verwünschungen auf ihn den Sitzungssaal. Tisza eröffnete die Sitzung, erklärte, daß der Offizier von Abgeordneten beschiinpst worden sei und einen am Kopf verwundet habe. Da der Offizier dem Mili- rärgericht unterstehe, werde der Fall diesem Gericht übergeben. Sodann verkündete Lukacz die Demission der Regie» r u n g. Das Haus vertagte sich auf unbestimmte Zeit. Auf den Straßen herrschte äußerst reges Leben. Die Ar» beiter großer Fabriken verließen schon um 8 Uhr die Arbeit: ungefähr 29 999 Mann stark zogen sie, immer verstärkt durch Arbeitslose und Neugierige, nach dem Parlament. Vor dem Parlament stand ein großes Aufgebot von Militär. Gendar- men und Polizei. Die Arbeiter wurden zurückgedrängt, sie zogen auf große Plätze, hielten dort Versammlungen ab. Die Polizei ließ sie gewähren. Der Verkehr stockte vollständig/ Mittwochabend werden sich wahrscheinlich die Demonstrationen wiederholen.. � Tie offiziöse Darstellung. Budabest, 4. Juni. Etwa 80 Abgeordnete der Opposition zogen vom Klub der Justhpartei ins Abgeordnetenhaus, von einer lärmenden Volksmenge begleitet, die in der Nähe des Parlaments- gebäudcs aufgelöst wurde. Die Oppositionellen erschienen im Ab- geordnetenhausc, wo der Abgeordnete von Justh ein Manifest der- las, in welchem er gegen das System der Arbeitspartci heftige Angriffe richtete, gegen die Einschränkung der Redefreiheit und den Weiterbestand des Systems protestierte und die Vcrtvirklichung des radikalen Wahlrechts forderte. Als Ministerpräsident von Lukacz in der Sitzung erschien, wurden ihm von den Oppositionellen Be- schimpfungen zugerufen. Leidenschaftliche Szenen ereigneten sich auch beim Erscheinen des Grafen Tisza. Tie Regierungspartei brachte dem Ministerpräsidenten und dem Grafen Tisza lebhafte Ovationen dar. Es entspann sich ein Wettstreit zwischen Be- schimpfungen und Ausbrüchen der Begeisterung. Der Präsident versuchte vergebens, Ruhe herzustellen, rief die heftigsten Ruhe- jtörer zur Ordnung und erklärte, sie. an den Ausschuß, verweisen zu wollen. Als die Lärmszenen kein Ende nehmen wollten, wurde die Sitzung aufgehoben und die Parlamentswache schritt ein. Bei ihrem Erscheinen wurde die Parlamentswache stürmisch mit Pfui- rufen und höhnischen Zurufen empfangen. Von Erregung über- mannt, stürzte sich der Hauptmann der Parlamentswache Geröe auf einen der Ruhestörer, das Mitglied der Kossuth-Partei Heder- Vary, und versetzte ihm zwei flache Hiebe. Hedervary wurde aus dem Saal gebracht. �Hierauf wurden einige Ruhestörer entfernt, welche der Aufforderung, sich zu entfernen, nach einigem Sträuben mit heftigen Verwünschungen folgten. Die Parlamentswache zog dann ab und im Saale verblieben nur einzelne Mitglieder der Opposition, die durch den Ausschließungsbefehl des Präsidenten nicht betroffen waren. Bei Wiedereröffnung der Sitzung erhoben sich die im Saale gebliebenen Mitglieder der Opposition, schleuderten Tisza die ärgsten Beschimpfungen, wie Schurke, Mörder! zu. und verließen den Saal. Darauf meldete Ministerpräsident von Lukacz an, daß daZ Kabinett seine Demission überreicht habe. Alsdann vertagte sich daS Haus unter Ovationen für TiZza und Lukacz. poUtifche deberHcht. Das«chluhergebms der preußischen Landtagswahlen. Es sind Dem früheren endgültig gewählt Konservative..... 148 jfreifonferbatiöe Nationalliberale.... Fortschrittliche Volkspartei Zentrum....... Polen........ Dänen....... Sozialdemokraten.... Antisemiten...... Wild........ 53 73 39 103 12 2 10 o Landtag gehörten an 155 €0 65 37 103 14 2, 6 1 summa — 443 Blaffenftillitand und Verhandlungen. Der Waffenstillstand von Poischwitz, für die Dauer von bei« lausig sieben Wochen am 4. Juni abgeschlossen, war nur eine Kulisse hinter der sich die entscheidenden Momente des Sommers abspielten: die Rüstungen wie die Verhandlungen. Einmal ging eS dabei um England, da? an der.Freiheit" der östlichen Staaten Europas insofern brennend interessiert war, als es voraussah, daß nach der Niederwerfung Frankreichs diese»Freiheit" nichts anderes sein werde als der Rückfall in das achtzehnte Jahrhundert. daS will sagen: in einen Zustand, der die Befürchtungen der britischen Weltkrämer wegen einer Konkurrenz dieser Länder auf dem Welt- markt überflüssig machte. War die französische Revolution mit all' ihren Begleiterscheinungen nur ein Aufftand der Geldwirtschast gegen die Naturalwirtschaft gewesen, so ging Englands eifriges Streben letzten Endes wieder dahin, Europa in die Naturalwirtschaft zurück- zuschleudern. Daher schmierte es denn unermüdlich mit Millionen und Abermillionen den' Kriegswagen der feudalen Mächte gegen Napoleon. Ohne den Aufschwung seiner Industrie, für die schon daS Maschinenzeitalter begonnen hatte, wäre eS England nimmer möglich gewesen, diese gewaltigen Summen für die Festlandskriege aufzubringen, ohne diese gewaltigen Summen wiederum wären vor allem die Freiheitskriege unmöglich gewesen. Aber während für das verarmte Preußen im Frühjahr 1813 eine rasche und ausgiebige Barzahlung dringendste Notwendigkeit war, zögerte England diese Zahlung hin, um möglichst große Vorteile herauszuschlagen. Wenn es darauf ausging, dem Haufe Hannover. das die englische KönigSkrone trug, ein großes Reich in Nord« deutschland auf Kosten Preußens zu verschaffen, so war daS nicht nur welsische HauSmachtSpolisik, sondern ein König« reich Hannover mit weitgesteckten Grenzen warf Handels« politisch für England beträchtlichen Nutzen ab. denn eS brachte die ganze deutsche Nordseeküste und damit einen großen Teil Deutschlands zum mindesten auf wirtschaftlichem Gebiete unter englische Oberhoheit. Darum ein langes Hin und Her von Verhandlungen zwischen Berlin und London, bei denen in ergötzlichster Weise um das Fell deS Bären gestritten wurde,«he er noch die Kugel im Leben sitzen hatte. Schließlich verstand sich Preußen, das von England am liebsten aus daS Territorium jenseits der Elbe zurückgedrängt worden wäre, zu dem Versprechen, dem Hause Hannover außer seinen alten Erblanden eine Gebiets- Vermehrung von 2ö0- bis 300000 Menschen zuzugestehen— schon jetzt wurden, noch ehe sie ihr Herzblut für die »Freiheit" gegeben, die Völker wie Viehherden von den Potentaten verschachert. Dafür verhieß England vom 1. Juli bis Ende des JahreS die Zahlung von 636 686 Pfund Sterling in monatlichen Raten. Am 26. Mai 1815 wurde im eng- lijchen Unterhause festgestellt, daß England i» der Zeit von 17S3 bis 1815 auswärtigen Staaten nicht wenig« als 46 Millionen Pfund Es hat noch eine Stichwahl in Berlin 12 ftattzufmden. Ter neue Landtag ist wieder vorwiegend agrarisch. Eine große Zahl von Abgeordneten. 114, bezeichnet sich selbst aus» drücklich als Landwirte. Aber hinter einer Reihe von an- deren Bezeichnungen wie Landrat, Ritterschaftsdirektor usw. verbergen sich auch noch Agrarier. Allein 93 werden von der „Täglichen Rundschau" dem Großgrundbesitz zugezählt. Ver- waltungsbeamte wird der neue Landtag 22 als Mitglieder zählen, nicht eingerechnet in diese Verwaltungsbeamten sind aber die Landräte, die für sich gerechnet in einer Stärke von 35 Mann in den Landtag einziehen. Zu den Verwaltungs- beamten und Landräten kommen noch ein Dutzend ehemalige Staatsbeamte vom Kolonialgouverneur bis zum Ministerial- direktor bis herunter zum Oberförster. Auch ein Dutzend Offiziere ziehen in den Landtag«in. Eine starke Gruppe bilden auch die Furisten. Der Landtag wird nicht weniger als 31 Rechtsanwälte und 41 Richter zählen. Der Handels- stand ist mit 14 Abgeordneten vertreten. Ein freisinniges Urteil über die freifinnig-nationalliberale Wahlverbrüderung. Das„Berliner Tageblatt" übt heute, leider Wochen und Monate zu spät, eine vernichtende Kritik an der Haltung der fortschrittlichen Parteileitung, die das Heil für die Fortschritts- Ktrtei und die zu erringende Wahlrcform rätselhafter Weise in einem Zusammengehen mit den wahlrechtsfeindlichen National- liberalen erblickte. Das„Berliner Tageblatt" konstatiert, daß die Stärkung der nationallibcralen Fraktion im preußischen Ab- geordnetenhause absolut kein Gewinst für eine liberale Politik bedeute, weil ja in der natwnalliberalen Fraktion sich nunmehr die»Blume des Altliberalismus in ihrer vollen Kraft entfaltet" habe. Sinnbild: ein Kleeblatt mit den 3 F. Friedberg, Fuhrmann, FlathMann. Auch ohne den auf der Strecke gebliebenen Leidig sei das eine so reaktionäre Gesellschaft, daß die Sache der Wahlreform bei dieser nationalliberalen Fraktion in die allerschlimmsten Hände geraten sei. Dann fährt das»Berliner Tageblatt" wörtlich fort: „Was für ein Interesse hat eigentlich die Fortschritt- liche VolkSpartes daran, dem alt liberalen Trium- virat Friedberg. Fuhrmann, Flathmann zu so ungeahnten Erfolgen zu verhelfen? So- lange die Partei im Wahlkampfe stand, mutzte man das Bündnis respektieren, auch wenn man ihm innerlich mit der stärksten Zurückhaltung gegenüberstand. Jetzt, wo nichts mehr daran zu verderben und kein teures Haupt mehr zu gefährden ist, kann eS gar nicht? Wichtigeres geben als die Frage: was für ein Interesse hat der Fortschritt daran, einen nach rechts sich entwickelnden Nationalliberalismus umgehend über die Sicherheit ftiner. linken Flanke zu beruhigen? Was für einen Sterling oder S20 Millionen Mark an Hilfsgeldern gezahlt habe. Davon erhielten— eZ ist in diesem Zusammenhange die Ausstellung nicht uninteressant—: 125 087 Pfd. Sterl. 263 581. Braunschweig. �. Hessen-Darmstadt... Bayern....... 501017»., Hepen-Kassel..... 1 406 127, Hannover...... 2 280 107»» Oesterreich...... 2 414 882» Preußen...... 3 375 664»» Schweden.».»». 3 813 411»%» Rußland...... 5 075159» Portugal.»•••■ 9 333 35o»» Die englischen Krämer machten dabei nach zweierlei Richtungen gute Geschäfte: einmal, indem sie ihre Kriege von den Festlands- staaten wie von Söldnern führen ließen und zum zweiten, indem sie häufig anstatt in barem Gelde in hoch berechneten KriegSmate- rialicn zahlten und derart noch erkleckliche Gewinnst« einstrichen. So klagten auf dem Festland allgemein die Interessenten der Waffen- industrie, daß sie durch die englischen Lieferungen schwer geschädig t würden. Nicht minder unerquicklich waren die Verhandlungen um Schwedens Hilfe. Seit der ftanzösische Marschall Bernadotte durch Napoleon zum Kronprinzen von Schweden befördert worden war. erstreckte sich all sein banaler Ehrgeiz auf Ländergewinn und Macht- Vermehrung. 1803 hatte Schweden Finnland an Rußland eingebüßt. Als Ersatz gierte Bernadotte nach dem Besitz von Norwegen, daS freilich noch zu Dänemark gehörte. Bon vornberein hatte mit dem Scharf- blick, der ihn nur selten verließ, der Freiherr vom Stein voraus- gesagt, daß dieses schwedisch« Bündnis nur verderblich auf die deutschen Dinge einwirken werde. DaS zeigte sich gleich zu Anfang, als B e r n a- dotte von dem preußischen König die Bürgschaft für seine norwegischen Aspirationen erpreßte, mit der Klausel sogar, daß Dänemark ge- gebenenfallS mit deutschem Gebiet entschädigt werden sollte. Not- gedrungen bequemte man sich doch um so eher zu diesem bitteren Zugeständnis, als man von Bernadotte allgemein Große» er- wartete und er manchen als„ein zweiter Gustav Adolf, als Retter Deutschlands" erschien. Entscheidend aber»bar für die Entwicklung der Lage daS Ber, hältnis der Verbündeten zu Oesterreich. Der Maifeldzug hatte klar und deutlich gezeigt, daß ohne die tätige Mitwirkung diefeS Staates an eine wirkliche Niederwerfung Napoleons nicht zu denke»! sei. Nun lag allerdings den Machthabern Oesterreichs, dessen diplomatische Geschicke der raffinierte Metternich leitete, an der Befreiung Deutschlands vom Joch der Fremdherrschaft auch nicht ein Deut. Bielmehr war. da die Wasser einmal aufgewühlt waren, im Trüben zu fischen, all ihr Bestreben. Als im Frühjahr 1813 in Preußen das Volk aufstand und den König mitriß, war die Neigung Metternichs und der Seinen weit mehr auf der Seite Napoleon», der sich zum Lorkäncpfer d«.Ordnung' gegen 1 die»Anarchie' aufgeworfen hatte, als auf d« Preußen», da» jene Wert bat es, ein allgemeines Schutz- und Trutzbündnis abzuschließen, wenn es von der Gegenpartei hinterher will- kürllch durchbrochen wird? Oder baben es die National- liberalen in Sangerhausen, in Weitzensels-Naum» burg-Zeitz, in Halle-Hersord- Bielefeld etwa nicht vorgezogen, unter Bruch des allgemeinen Abkommens, daS Geschäft mit der Rechten zu machen? In Brandenburg hat die Tatsache, daß sie die Konservativen erfolglos um ein Bündnis anbettelten, sie nicht abgehalten, dennoch einem kon- servaliven Kandidaten ihre Unterstützung zuzuwenden! Man muß schon sagen: bei einem solchen Verhalten nationalliberaler Wähler ist die derbe Lehre wohlverdient, die die Sozialdemokratie dieser Partei mit der doppelten Moral erteilte, indem sie ihre Kandidaten in Breslau und Liegniy„eini tunkte" und nur dem Fortschrittler zur Wahl verhalf. Vi u ß t e man aber— das ist die e r n st e st e Frage, die die fortschrittliche Wählerschaft an ihre Wahlstrategen zu richten haben wird~ um in v i e r Wahlkreisen krassen Undank von den Nationalliberalen zu ernten, ihnen vor- her noch drei Sitze, in Posen-Land/ Hirschberg und Hagen, zum Geschenk machen?" Das„Berliner Tageblatt" bestätigt hier nur das, was w i r Über die wahltaktische Haltung des Freisinns in unserem gestrigen Artikel ausführten. Statt ernsthafte politische Erwägungen maß- gebend sein zu lassen, statt die Frage einer Wahlreform in den Bordergrund zu rücken, hat sich die Fortschrittspartei bei ihrem Zu- sammengeheu mit den Nationalliberalen ausschließlich von Er- wägungen des kleinlichsten Mandatsschachers leiten lassen. Und eS ist nur eine verdiente Ironie des Schicksals, daß die National- liberalen sich nicht einmal im Mandatshandel als zuverlässige Kontrahenten bewiesen haben! Das„Berliner Tageblatt" gibt schließlich der Fortschrittlichen Volkspartei den verständigen Rat: „Wenn der Wahlkampf etwas dargctan hat, so ist es die Unzweckmäßigkeit der bisherigen fort schritt- lichen Operationsbasis, als welche ein Ab- kommen mit den Nationalliberalen.in erster Linie erstrebt wird. Ein Gemisch von Scharfmachern alter Schule, alt- nationalliberalen Dunkelmännern, Nutz- nießern des industriellen Wahlfonds, ver- ärgerten B a u er n b ü n d le r n und alldeutschen Ideologen gewährt keinen sicheren Rückhalt. Man soll in künftigen Kämpfen die Lperationsbasis nach links verlegen, das scheint aussichtsvoller zu sein." So einleuchtend dieser Rat ist, so wenig sicher sind wir doch. daß ihn die fortschrittliche Parteileitung in künftigen Fällen beherzigen wird! Drollige Naivität! Verschiedene Jreisinnsblätter. darunter auch die„V o s s i» 'che Z e i t u n g". wagen die köstliche Behauptung aufzu- stellen, daß im Wahlkreis EImshorn-Pinneberg die Sozialdemokratie den Konservativen erfolgreiche Hilfe geleistet" habe. Tic„Vossischc Zeitung" begründet ihre cnt» schieden originelle Auffassung folgendermaßen: „Tort wurde der bisherige freikonservatwe Abg. Graf Moltke in der Stichwahl gegen den Sozialdemokraten von Elm mit 214 gegen 120 Stimmen wiedergewählt, nachdem im ersten Wahlgang 204 freikonservative, 117 sozialdemokratische und für den Reichstagsabgeordneten Fegter 113 fortschrittliche St i m m e n abgegeben waren. Ter fortschrittliche Kandidat war also mit nur vier Stimmen Mehr- heit durch den Sozialdemokraten aus einer für diesen aussichts- losen Stichwahl verdrängt worden. Das war nur dadurch möglich geworden, daß die Freikonservativen mit Hilfe der Sozialdemokratie sieben fortschrittlich« W a h lma n nS ma nd a t« für ungültig erklärt hatten." Die Ungültigkeitserklärung der sieben fortschrittlichen Wahlmänner wollen wir aus dem Spiel lassen. Auch die Vossische Zeitung" wird ja wohl nicht ernstlich verlangen. daß die Wahlvorschriften verletzt werden sollen. Waren sie aber verletzt, so mußten eben die Wahlmänner für ungültig erklärt werden! Stand aber die Stichwahl zwischen dem F r e ik o n s e r- v a t i v e n und dem Sozialdemokraten, so wäre es die Pflicht des Freisinns gewesen, für den Sozialdemokraten ein» .Ordnung" mit der.Anarchie" zu bedrohen schien. Als Fürst Schwarzenberg im Frühjahr 1313 zu Unterhandlungen in Paris weilte, versicherte er dem französischen Kaiser, nicht» wider» strebe seinem Monarchen mehr als eine Wendung der Dinge, die alle geheiligten Bande zwischen Fürsten und Völkern aufzulösen strebe und. wie es in Preußen jetzt der Fall sei, den Souverän nur an die Seite seines Volkes stelle, und meinte, man müsse alle An- strengungen darauf wenden, die jakobinische Gärung zu erssicken, die sich täglich mehr ausbreite. Auch stand, schon damals wegen seiner slawischen Kronländer. Oesterreich in einem Gegensatz zu Ruß« land, der es ihm nicht rätlich erscheinen ließ, sich allzu eifrig und allzu schnell in die Arme der Verbündeten zu werfen. Familienrücksichten allerdings spielten keine Rolle. Daß Napoleon die österreichische Kaisertochter geheiratet, war einem despotischen Kaltblüter von dem zynischen Schlag des»guten Kaiser» Franz" ganz und gar gleichgültig. Seine Politik war die Politik Metternichs, die dadurch, daß Oesterreich sich als mächtigen Friedensvermittler gab. möglichst viel mit möglichst geringen Mitteln herausschlagen wollte, wenn es irgend ging, natürlich ohne Krieg. Darum waren denn die Friedensbedingungen. auf die Metternich die Verbündeten wie Napoleon festzulegen strebte, derart, daß weder Oesterreich noch der Franzosenkaiser dabei zu kurz kamen. Die illyrischeir Provinzen sollte Napoleon an Oester- reich zurückgeben, das Herzogtum Warschau unter Oesterreich. Preußen und Rußland aufteilen lassen, die Oderfestungen räumen und die Selbständigkeit der Hansastände wiederherstellen. Für die Verbündeten war das ein mehr als magerer Brocken, und wenn N a p o l e o n auf dieser Grundlage den Frieden angenommen hätte. wäre ihm seine eigentliche Macht über Deutschland fast ungeschmälert gelassen wordew der große Freiheitskrieg in Schimpf und Spott ausgelaufen. Die Verbündeten traten denn auch in dem Vertrag zu Reichenbach am 27. Mai den österreichischen Friedensvorschlägen in der Voraussicht bei. daß Napoleon ablehnen und damit Oesterreich, wie in dem Abkommen vereinbarr war, in die Arme der Koalition treiben werde. Die Voraussetzung trog nicht. Napoleon hatte große Hoff- nungen auf den Plan gesetzt. Rußland von der Koalition abwendig zu machen. Als diese Hoffnungen gescheuert waren, dachte er be» weitem nicht daran, Oesterreich aus seiner selbstsüchtigen Bermurler- rolle Nutzen ziehen zu lassen und wie» die Friedensvorschläge um ,o brüsker ab. al» sie ihm die Räumung von Gebietsteilen zumuteten. die er noch unbestritten besetzt hielt, und als er sich noch»mm« als den Sieger fühlte. Die berühmte Zusammenkunft zwischen Napoleon und Metternich am 26." Juni in Dresden über- zeugte beide Teile, daß für den Frieden nicht» mehr zu hoffen war. Gleichwohl wurde der Waffenstillstand bis zum 16. August verlängert, da auch beide Teile zu neuen Rüstungen Zeit brauchten. Unter diesen Umständen war der Friedenskongreß u» Prag ein eitles Possenspiel, dessen unechte Flüsterlaute von d�, Geklirr d« Waffen in Preußen, Rußland. Oesterreich und Frankreuh übertont wurde. Autreten. umgekehrten Falle wären ja. auch die 117 sozial- oemokranlchen Wahlmänner restlos für iden fortschrittlichen Kandidaten zum WaMtisch gegangen. Wer von den 113 tapferen ForWrittsmännern traten ganze 3 für den Sozial- demokraten an. Es war also die F o r t s ch r i t t spartet, die„den Konservativen erfolgreich Hilfe leistete". An diesem blamablen Faktum vermag auch die sonderbarste fortschritt- liche Deutung nicht das geringste zu ändern! Junkerliches Wutgeheul! Die„Deutsche Tageszeitung" widmet der Fort- schrittspartei folgende Liebenswürdigkeiten: „Daß der freisinnige Verrat am Bürgertum in Preußen für die Mandatsverteilung nur eine so geringfügige Bedeutung haben konnte, liegt nicht an dem guten Willen, sondern nur an den un- zureichenden Kräften des Freisinns und kann.das ganze Bild dieser Partei nur noch kümmerlicher erscheinen lassen. Daß der Freisinn aus schmählichem Mandatshunger die drei Sitze von Ober- and Nieder-Barnim an die Sozialdemokratie verschachert hat, stempelt ihn dauernd zum Verbündeten, zugleich aber auch zum Heloten der Umsturzpartei. Bezahlt ist dieser Dienst freilich von der anderen Seite verhältnismäßig reichlich: er hat dem Freisinn sechs Mandate, also da s Doppelte eingetragen wie seinem Komparenten(?), nämlich se zwei Mandate in Breslau und Westhavelland und je eins in Liegnitz und Guben-Sorau. Der Freisinn ist und bleibt nunmehr jedenfalls der„rechte Flügel der Sozialdemokratie", die ihn dauernd in Dienst und Lohn g en o mm en h at." Der Ingrimm der geprellten Junker offenbart sich hier so unverblümt, daß auch der Freisinn die junkerlichen Wut- ergüsse mit größter Heiterkeit quittieren wird. Das Wahlergebnis in Brandcnburg-Zauch-Belzig. Ter Freisinn hat zwei weitere Gewinne zu buchen. Bei der Stichwahl in Brandenburg-Zauch-Belzig wurden neben dem konservativen Grafen v. Bredow-Görne zwei Volkspartei- licbe Kandidaten gewählt. Ter Pfarrer Graue-Berlin und der Buchdruckereibesitzer Wenkebach in Rathenow. Die beiden fortschrittlichen Siege sind ausschließlich der Unter- stützung der Sozialdemokratie zu danken. Denn während die konservativen Kandidaten im ersten Wahlgang 852 bis 357 Stimmen erhalten hatten, waren auf die Kan- didaten der Fortschrittlichen Volkspartei nur 202 bis 209 Stimmen entfallen. Auch die anderthalb Dutzend Stimmen der Nationalliberalen hätten den Freisinn nicht retten können. Ter�Tieg für die Fortschrittliche Volkspartei wurde dadurch entschieden, daß die 178 sozialdemokratischen Wahlmänner ge° schlössen� für den fortschrittlichen Kandidaten eintraten. Daß der Fortschritt nicht auch das dritte Mandat erobert hat, kann er den Nationalliberalen danken! Denn daß die Stimmenzahl für den Konservativen v. Bredow, der im ersten Wahlgang�nur 357 Stimmen erhalten hatte, bei der Stichwahl auf 388 Stimmen anschwoll, ist dem lückenlosen Eintreten der N a t i o n a l I i b e r a l e n für den Kon- servativen zuzuschreiben. Der Freisinn hat also hier die angenehmsten Erfahrungen mit den Nationalliberalen gemacht!_ Die Berfaffungskomodie in Mecklenburg. Dienstag nachmittag hielt der mecklenburgische Landtag in Wismar wieder eine Plenarsitzung ab. Der Verfassungsausschuß et- staltete seinen Bericht, an welchen sich eine Erklärung der Regie- rungen schloß. Staalsminister Graf Bassewitz erklärte, der Groß- Herzog sei entschlossen, die Verfassuugsreform nötigenfalls auch ohne Zustimmung der Stände durchzuführen. Diese Drohung, die' sich vor allem an die Adresse der Bürgermeister richtete, machte aber keinen Eindruck. Nach längerer Debatte wurde die Rechtsfrag« an einen besonderen Ausschuß überwiesen. Der Antrag auf Errichtung eines VerwaltungSgerichtShofes noch vor Inkrafttreten der Verfassung wurde angenommen.— Die Verfasfungsfrage wird also weiter auf die lange Bank geschoben sein._ Die elsah-lothringischen Ausnahmegesetze. Die„Tägliche Rundschau" versichert gegenüber anderen Meldungen, daß die Vorlage mit den bekannten Anträgen der elfaß- lothringischen Regierung bestimmt dem Reichstage zugehen werde._ JSfacb dem Balhanlmegc. Maßnahmen zur Vermeidung der griechisch-bulgarifchen Reibungen. Athen, 4. Juni. Die„Agence d'Athenes" meldet offiziell. daß infolge der Verhandlungen zwischen General Iwanow und Oberst Duranis eine Demarkationslinie zwischen Griechenland und Bulgarien vereinbart und protokollarisch festgelegt sei. die Zusammenstößen zwischen beiden Armeen vorbeugen, jedoch der endgültig festzustellenden Grenzlinie nicht präjudizieren solle. Ein Schiedsgericht wegen Saloniki. Wien, 4. Juni. Die„Wiener Allgemeine Zeitung" schreibt: Die wir hören, ist in der Frage von Saloniki ein prinzipielles Uebereinkommen zwischen Bulgarien und Griechenland in der Richtung erfolgt, daß Griechenland den bulgarischen Antrag, den Herr Saratow in Athen offiziell für Bulgarien unterbreitete, an- genommen hat, nämlich, daß die Frage von Saloniki einem Schieds- gericht überwiesen werde. Eine Differenz besteht noch darin, daß Griechenland wünscht, eS sollen bloß die Mächte der Tripel-Entente als Schiedsrichter fungieren, während Bulgarien auf dem Stand- punkte steht, daß sämtliche Mächte das Schiedsrichteramt über- nehmen sollen. Die Regelung der rumänischen Ansprüche. Bukarest, 4. Juni. Die rumänische Regierung ernannte die im Petersburger Protokoll vorgesehenen drei Kommissionen, und zwar: die'erste, welche die� neue Grenze feststellen soll, die zweite. >,e die auf bulgarischem Gebiet liegende neutrale Zone, die nicht besesiigt werden darf, bestimmen soll. Diese beiden Kommisstonen sollen ihre Arbeiten bis zum 9. Juli beenden. Ferner die dritte Kommission, welche damit betraut ist, die Entschädigungen für die Silistria verlassenden Bewohner festzusetzen. Diese Kommission soll ihre Arbeiten bis zum 8. November fertigstellen. Ein serbisch-bulgarischer Zusommenstost. Belgrad, 4. Juni. Nach der Darstellung einer maßgeben- den serbischen Stelle hat am 1. Juni eine bulaarische Äbtei- luna bei Jst�p die Demarkatlonslinie überschritten und mehrere militärisch wichtige Stellungen besetzt. Ter ersten Ausforderung des serbischen Kommandanten, Stellungen zu räumen, wurde nicht entsprochen. Erst als von serbischer Seite unter Androhung von Waffengewalt eine Frist von 24 Stunden gestellt wurde, zogen sich die Bulgaren iii ihre früheren Stellungen zurück. Das Blatt„Samouprava bedauert den durch die Bul- garen bei Jstip hervorgerufenen Zwischenfall. Ein solches Vorgehen zwischen Verbündeten fei unstatthaft. Es könne auch nicht als Aufdruck bundestreuer Empfindungen bezeichnet werden, sondern, müsse auf der anderen Seite, einen ungün- stigen Verdacht hervorrufen. Solche Zwischenfälle könnten angesichts der ernsten Lage weitgehende Folgen haben, für welche die Urheber die Verantwortung übernehmen müßten. Deshalb werde erwartet, daß die bulgarische Regierung ent- sprechende Verfügungen zur Vermeidung derartiger Zwischen- fälle erlasse._ franfemcb. Das Gesetz über die dreijährige Dienstzeit vor der Kammer. Paris, 3. Juni. Die heutige Debatte über die dreijährige Dienstzeit verlief ziemlich ruhig. Nur die Rede des stellvertretenden Ausschüßvorsitzenden' Josef Reinach. welcher entschieden für den dreijährigen Militärdienst eiutrak, rief einige lebhafte Auftritte bervor. Reinach erinnerte an die Haltung des Parlaments vor 1879, welches die Militärvorlage des Marschalls Niel abgelehnt habe und dadurch an der Niederlage des französischen Heeres mit- schuldig geworden sei.(Stürmischer Widerspruch links.) Ter republikanisch-sozialistische Deputierte Augag neu r rief: Gam- betta hat mit einem improvisierten Heere die Ehre Frankreichs gerettet. Der radikale General Ped oya sagte: Frankreich wurde .1579 geschlagen� weil die Armee durch den mexikanischen Feldzug erschöpft, weil kein Mobilisierungsplan vorhanden und der Inten- danturdienst mangelhast war. Reinach entgegnete: Allerdings hat Gambetta mit einer improvisierten Armee die Ehre Frank? reichs gerettet; aber mit einer geschulten Armee hätte er Frank- reich vor der Niederlage bewahrt. Der sozialistisch-raditale Pro- f.essor Thalamas sprach gegen den Gesetzentwurf. Er erklärte, Frankreich stehe nicht allein. Es könne angesichts der Bevölke- rungsziffern mit Teutschland nicht gleichen Schritt halten. Es müßte stark genug sein, um den ersten Angriff auszuhalten. Es besitze aber die Entente cordiale und das Bündnis mit Rußland. Er hoffe, der französische Generalstab habe sich bemüht, die russische Regierung von der Notwendigkeit einer beschleunigten Mobili- sierung zu überzeugen. Hierauf wurde die Debatte abgebrochen. Painleve(Sozialist) begründete feine Interpellation über das Polizeiderbot gegen die Kundgebung der republikanischen Studenten vor dem Jeanne d'Arc-Tenkmal, sowie seinen Beschluß- antrag, daß der Bekundung republikanischer und freidenkerischer Gesinnung keine Hindernisse bereitet werden möchten. Der Mi- nister des Innern Klotz erklärte, daß der Leiter der Geheim- Polizei eigenmächtig vorgegangen und deshalb pensioniert worden sei. Er nehme den Beschlußantrag Painleves anstandslos an, welcher den Tendenzen der Regierung entspreche. Der Antrag wurde mit 483 gegen 17 Stimmen angenommen. Kolonialfreuden. Paris, 1 Juni. Aus Brazzaville, Franz. Kdngo, wird ge- meldet, daß ein Senegalfchütze den Hauptmann Roher ermordet hat, weil dieser eine leichte Strafe über ihn verhängt hatte. Wie aus Haiphong(Tonkin) gemeldet wird, hat der als Ur- Heber des Dhnamitattentats von Langson verhaftete Annamit ge- standen, daß er die Absicht gehabt habe, den Generalgouverneur zu ermorden, und zu diesem Zwecke von einem Chinesen Bomben ge- kauft habe.— In Dinhvanly wurde ein Mandarin von einem Ber- schwörer durch einen Flintenschuß getötet. Der Mörder entfloh. Einer Meldung der Agence Havas zufolge werden die Annamiten, welche sich nach der Provinz Laos begeben, streng überwacht, weil sie'im'Verdacht stehen, Sprengstoffe siamesischer Herkunft" ein- schmuggeln zu wollen. Italien. Annahme der Heeresvorlage. Rom, 2. Juni.(Eig. Ber.) In größter Eile hat die Kammer den Gesetzeutwurf Springardi über die Aushebung angenommen, aber nicht, ohne der Opposition einige beachtenswerte Zugeständnisse zu machen. Diese Opposition wurde von den Sozialisten geführt, aber auch die Reformisten und Radikalen haben das ihre dazu bei- getragen, um dem Gesetz wenistens einige Schärfen zu nehmen. Von sozialistischer Seite wurde durch Einbringung von vier TageS- ordnungen ein Versuch der Obstruktion gemacht, dem man aber mit Rücksicht auf seine Nutzlosigkeit und auch auf die Zugeständnisse der Regierang nicht durchführte. Der Entwurf erhöht die Dienstzeit der ein- oder zweimal wegen Untauglichkeit zurückgestellten Rekruten von ein auf zwei Jahre, waS eine Erhöhung des Truppenkontingents um 23 999 Mann erlaubt. Weiter fetzt er das Militärmaß von 1,SS auf 1,54 Meter herab, durch welche Maßnahme jährlich 2909 Mann mehr ausgehoben werden können, sich also der Truppenbestand um 4099 Mann erhöht. Die dritte Maßnahme, die die Dienstzeit der zweiten Kategorie von sechs Monaten auf ein Jahr erhöht, wurde von der Regierung zurück- gezogen; von ihr erwartete man eine Erhöhung deS Kontingents um 19 999 Mann. Bei der Unaufrichtigkeit, mit der in Italien in Sachen von Militärforderungen vorgegangen wird, darf es nicht verwundern, daß der Kostenpunkt im Gefetz gar nicht erwähnt wird. Vorläufig sichert man sich das Recht, 27 999 Mann mehr auszuheben. In der Folge sagt man dann, daß man für die Erhaltung der vom Parlament be- willigten Soldaten nun Geld brauche, und dann kommt das dicke Ende in Gestalt einer Mllionenforderung nach. Nach Erklärungen der Regierung handelt es sich um eine Mehrausgabe von 15 Millionen jährlich. G i o l i t t i hat versichert, daß die etwa(sio!) nötigen Neuausgaben durch eine Steuer aufgebracht werden würden, die vor allem die besitzenden Klassen trifft und hat eine von den Radikalen vorgelegte Tagesordnung in diesem Sinne angenommen. Weiter hat er versprochen, demnächst ein Gesetz vorzulegen, daS da« Privi- legium der einjährigen Dienstzeit für die Besitzenden beseitigt. Ueber dir Frage der in Libyen be- nötigten Truppen werde ein besonderer Entwurf vorgelegt werden, doch erklärt die Regierung schon jetzt, daß man die Bildung besonderer Kolonialtruppen beabsichtige, unter möglichst starker Heranziehung der Eingeborenen. Das Ganze läuft norürlich auf Bewilligung neuer Fonds hinaüs, wie ja auch daS heutige Gesetz erst wirksam wird» wenn die Kammer die nötigen Mittel dazu bewilligt hat. Belgien. Kriminalität und Generalstreik. Man schreibt unS aus Brüssel: Einen„friedlichen" General- streik hatte die belgische Arbeiterpartei gewollt und beschlossen und in einer Disziplin ohnegleichen auch durchgeführt. Diese Disziplin der arbeitenden Massen— der 499—459999 Streikenden— erfährt nun eine besondere Illustration durch eine offizielle Statistik über die Kriminalität während des Generalstreiks. Diese Statistik ist auf Verlangen des sozialistischen Deputierten D e st r ö e vom Justizdepartement zusammengestellt worden und erstreckt sich auf die Verbrechen. Vergeben und Uebertretungen wäh- rend der Streikzeit— also auf die Periode vom 15. bis 27. April 1913 im Vergleich zur selben Periode de» Vorjahre?. Die Gesamtzahl der Delikte von 1912 beträgt nach diesen Erhebungen 7243. die von 1913 7121. Die Streikzeit zeigt also einen Rückgang von 122 Delikten gegenüber der Normalzeit!— Im einzelnen zeigen sich folgende interessante und belehrende Ziffern. In der Streikperiode gab es 284 Vergehen gegen den berüchtigten Paragraphen, der die„Freiheit der Arbeit", d. h. die Streikbrecher und Verräter der Arbeitersache zu schützen hat. In derselben Periode im Vorjahre 18 solcher Bergehen. Was bedeutet diese Vermehrung von zirka 279 Delikten gegen die Normalzeit des Vorjahres gemessen an der Zahl der Streikenden in der Generalstreikswoche, wo bald eine halbe Million Arbeiter im Ausstand waren! An Polizei- l i ch e n Vergehen und Uebertretungen zeigt die Aprilperiode des Vorjahres 315, die Streikzeit 334 solcher Uebertretungen an. Wieder halte man sich die Ziffer der Streikenden, die Fülle der Provokationen, und Konfliktsmöglichkeiten vor Augen und man wird auch hier die sittlichen Wirkungen des Generalstreiks auf das proletarische Gewissen bewundern. Besonders beredt sind auch die Ziffern über die Ueber- tretung des Waffenpatents. Bekanntlich schrieben die klerikalen Blätter vor dem Generalstreik über ungeheuerliche Massenankäufe von Revolvern. Die Käufer waren natürlich die künftigen Streikenden. Die offizielle Statistik teilt nun mit, daß es in der Aprilwoche 1913, in der eine Armee von Streikenden, die von Militär, Bürgergarde und Gendarmen um- zingelt war, nur 23 solcher Uebertretungen mehr gab als in der entsprechenden Periode von 1912!(Und überdies sagt unS die Statistik noch nicht, ob die 23 Uebertretungen auf das Konto der Streikenden gehen.) WaS gar die Vergehen gegen die„öffentliche Ruhe und Ordnung" anlangt, so stellt die offizielle Statistik der Disziplin der Arbeiter ein ganz hervorragendes Zeugnis aus. In der Streikperiode gab eS um 11 Delikte weniger als in der gleichen Epoche des Vorjahres!— Als letztes die Vergehen gegen daS TrunkenheitS- gesetz. In der Streikzeit gab es nur 25 Uebertretungen mehr als im April 1912. 25 Uebertretungen mehr, während 499- bis 459 999 im Streik stehen! Braucht man einen gültigeren, er- Hebenderen Beweis dafür, daß die Arbeiterschaft aus ihren Kämpfen um ihren materiellen und kulturellen Aufstieg sich auch gleichzeitig die Elemente und Bedingungen für ihren sittlichen schafft? England. Homerule für Schottland. Der Gedanke der„Devolution", der Selvstverwaltung und -Gesetzgebung der einzelnen Reichsteile, der in der irischen Homerule seinen entscheidenden Sieg erfochten und mit der W- schaffung der Staatskirche in Wales auch hier Anerkennung ge- funden hat, setzt sich nun auch für den Norden des Reichs, das alte Königreich Schottland, das seit 1693 mit England vereinigt ist, durch. Natürlich handelt es sich auch hier nicht um Beseitigung der ReichScinheit. Die Gemeinsamkeit der Dynastie, der auswärtigen Politik, von Heer und Flotte und des Postwesens, wie auch die oberste gesetzgebende Gewalt des gemeinsamen Parlament? bleiben unverkümmert. Es ist im wesentlichen nur eine Erweiterung pro- vinzieller Selbstverwaltung, die noch nicht bis zu dem Maße von Sclbstäirdigleit geht, die den einzelnen deutschen Bundesstaaten zu- steht. Neben dem Wunsche, das heute mit tausendfachem Kleinkram überlastete Reichsparlament pon den Einzelheiten der Landes- angelegenheiten zu erlösen, gilt es einer besseren Berücksichtigung der besonderen Interessen und Eigentümlichkeiten der verschiedenen Länder.„Schottland ist es müde, mit dem Telegraphendraht regiert zu werden." Der Antragsteller, der schottische Liberale E o w a n, betonte besonders die Notwendigkeit, das Land von der Feudal- Wirtschaft des Großgrundbesitzes zu befreien, die zu einer selbst die irische übertreffenden Auswanderung geführt habe. Ein weiteres Unrecht sei es. daß die Verwaltung' des Unterrichtswesens' eines Lande?, das lange vor England eine umfassende Volksbildung durchgeführt habe, in London liege: eine Quelle ständiger, srucht, loser Versuche, das englische Staatsftrchenwesen in dem freikirch. lichen Schottland heimisch zu machen. Die neue Ordnung soll auf einem schottischen Parlamente von 149 Mitgliedern, ohne Oberhaus, beruhen und einen jährlichen Vertvaltungszuschuß von 599 999 Pfund Sterling aus der Reichskasse erhalten. Eine Verminderung der jetzt im Parlamente sitzenden 72 schottischen Abgeordneten, wie die irische Homerule-Vill sie vorsieht, ist nicht beantragt. Daran und an den Geldzuschutz knüpfte der konservative Sprecher B a l f o u r an, um die Vorlage zu bekämpfen. Er hob auch die Schwierigkeiten hervor, die sich aus dem Ueberwiegen deS in Konsequenz des DevolutionSprinzips zu schaffenden englischen Landesparlaments über die übrigen klcinstaatlichen und gar im Falle eines Konflikts mit dem Reichsparlament ergeben würden, ließ aber die abgehaspelten Phrasen von der angeblichen Zerstörung des RxichS klüglich beiseite. Ein Vertreter der Arbeiter fraktion kam nicht zu Worte. Die Fraktion tritt natürlich für den Entwurf ein und wird ihn durch einen Antrag auf Verleihung deS FrauenwahlrcchtS für das neue schottische Gemeinwesen zu verbessern suchen.— Die zweite Lesung wurde mit 294 gegen 159 Stimmen beschlossen. ES hat also, da natürlich auch die Jrländer für die Ausdehnung deS von ihnen für ihr Land durchgesetzten Verwaltungsprinzips stimmten, ein Teil der Liberalen versagt. Letzt* Nachrichten« Einigung über das Friedcnsprotokoll.. London, 4. Juni.(W. T. B.) Wie das Reutersche Bureack erfährt, versammelten sich die Delegierten_ heute abend.im Saint Jamespalast. Die griechischen Delegierten waren tncht anwesend, weil sie von den türkischen Delegierten die ge- forderten Versicherungen nicht erhalten hatten. Die Versamm- lung dauerte zwei Stunden: sie war sehr herzlich und endete in einer Einigung über die Punkte des Protokolls, die zur Be- ratung standen. Die Abwesenheit der griechischen Delegierten verhinderte eine Förderung derjenigen Fragen, die mit Griechenland schweben, doch drückten später die auf der Ver- sammlung anwesendeit Delegierten die Meinung aus, daß man allen Grund zu der Hoffnung habe, daß eine Einigung auch über diese Fragen vor der nächsten Vollversammlung ein- getreten sein werde. Tie nächste Vollversammlung ist. auf Freitag festgesetzt. In deren Verlauf hofft man alles noch Uebriggebliebene zu erledigen. Erdrutsche im Bezirk Koblenz. Koblenz, 4. Juni.(W. T. B.) Bei Mülheim(Bez. Kovlenzl zeigen sich seit vorgestern gewaltige Erdbewegungen, ähnlich wi» im Jahre 1996, die sehr große Zerstörungen angerichtet haben. Man nimmt an. daß eine Ueberlastung der Halde die Ursache deS Berg» rutsches ist. Das in Bewegung gesetzte Erdreich ist 49 bis 59 Meter breit und 1 Kilometer lang. Häuser sind nicht bedroht, weil nach dem Bergrutsch 1996 auf diesem Gebiete Häuser nicht mehr er» richtet wurden, dagegen ist der an Feldern und Kernobstbäumen angerichtete Schaden sehr groß. Tie Schreckensszene beim englischen Derby. London, 4. Juni.(W. T. B.) Tie Frau, welche beim Derby- rennen da« dem König« gehörende Pferd„Anmer" beim Zug-l er. griff, ist als die Anhängerin des FraueustimmrechtS, Emiltz Davison» festgestellt worden, Bitte genau auf Strasse u Hausnummer zu achten. MsMettattkü Wanderkarten hält stets vorrätig Buchhandlung Vorwärts Lindeastr. KS(Laden) Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Priuzenstr. 41,„tw 10— 2. 5— 7. Sonntags 10— 12. f. Haut-. nero. 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Die sreiorganisierten Arbeiter wurden denn auch bald darauf ent- lassen. Einem Vertreter des Bauarbeiterverbandes gestand der Unternehmer offen, daß er auf Veranlassuna des Kirchen- Vorstandes gehandelt habe. Uebrigens ist reichlicher Grund für die Annahme vorhanden, daß der Kirchenvorstand von dem Christlichen Bauarbeiterverband geschoben worden ist. Auf Betreiben des letzteren werden auch an dem Neubau der katho- lischen Kirche in Köln-Nippes freiorganisierte Arbeiter nicht beschäftigt. Man holt„christliche" Leute von auswärts heran, während einheimische Bauarbeiter scharenweise arbeits- los sind. Diese Vorgänge erregen unter den Kölner Ar- heitern um so mehr Erbitterung, als Zehntausende freiorgani- sierter Arbeiter Kölns noch der katholischen Kirche angehören und zur Kirchensteuer herangezogen werden. Vcrlm un«l Orngegencl. Forderungen der Berliner Strastenbahncr. Am Dienstag tagte im Marinehaus eine vom Transportarbeiter- verband und Metallarbeiterverband gemeinsam veranstaltete Ver- sammlung der Angestellten, Handwerker und Arbeiter der Großen Berliner Straßenbahn.— Es galt, Stellung zu nehmen zu der von der Direktion einberufenen Vertrauensmännerkonferenz. Diese Kon- ferenzen finden halbjährlich statt. Die Vertrauensmänner können dort die Wünsche der Angestellten vertreten. Ob sie berücksichtigt werde», darüber befindet natürlich die Direktion. Für die diesmalige Vertrauensmännerkonferenz sollen, wie der Reserent Hiller ausführte, der Direktion einige bescheidene Forde- rungcn von Gehaltsaufbesserungen unterbreitet werden. Gefordert wird für das Fahrpersonal ein Anfangsgehalt von 110 M. monat- lich, welche? nach einem Jahr auf IIS M., und dann von Jahr zu Jahr um 2,S<) M. bis zur Höchstgrenze von ISv M. steigen soll. Die Zulage der Fahrer, welche jetzt in den meisten Fällen 60 Pf. und in wenigen Fällen 80 Pf. beträgt, soll ohne Unterschied auf 80 Pf. pro Tag festgesetzt werden. Ileberstundcn sollen mit 75 Pf. bezahlt und dem Ersatzpersonal sollen drei freie Tgae im Monat gewährt werden. Ferner wird gefordert,- daß ,ür die Vertrauensmännerwahlen ein- heitliche Stimmkuverts ausgegeben werden, um eine Kontrolle der Abstimmenden unmöglich zu machen.— Der Referent betonte, daß die Direktion diese bescheidenen Forderungen sehr wohl erfüllen könnte, wenn sie nur den guten Willen hätte. Aber es dürfe lvohl bezweifelt werden, daß sich die Direktion entgegenkommend zeigen werde. Habe doch Direktor W u s s o w in der Aktionärsversammlung gesagt, an Lohnerhöhungen sei in absehbarer Zeit nicht zu denken. Es sei des- halb Sache der Angestellten, ihre Organisation so zu stärken, daß sie den Forderungen den nötigen Nachdruck verleihen könne. O r t h m a n n bemerkte hierzu: Wenn die Forderungen der An- gestellten abgelehnt werden, dann werde demnächst wieder eine Versammlung stattfinden, welche sich zu entscheiden habe, ob die Straßenbahner unter den unzureichenden Löhnen weiterarbeiten oder ob sie die Direktion zur Anerkennung der Forderungen zwingen wollen.— Der Redner ging hierauf zu einem anderen Punkt der Tagesordnung über:„Die Verhandlungen des technischen Personals mit der Direktion". Er führte aus: Das technische Personal(Handwerker und Arbeiter) habe eine Kommission gewählt, welche wegen einiger Verbesserungen im Arbeitsverhältnis bei der Direktion vorstellig werden sollte. Die Direktion habe es abgelehnt, die Kommission zu empfangen. Ein Mitglied der Kommission sei nach der Direktion bcschieden worden und da habe kleines feuilleron. Der Dichter gegen die Zensur. Das Verbot von Franz D ü l- bergs Drama„Korallenkettlin" ist vom preußischen Obervcrwal- tungsgericht bestätigt worden. Dank der Wellfremdheit, die unsere offiziellen Moralwächter auszeichnet, darf in Preußen ein Stück nicht ausgeführt werden, das in anderen Bundesstaaten ohne Erschütterung der Sittlichkeit gespielt wurde. Das ist nun mal so bei uns. Wozu mußte auch der Dichter Geschlecbtsprobleme aufWersen und sie in ernster, beinahe finsterer Konsequenz durchführen, statt die Zahl der frivolen und pikanten Kitzelmachwerke zu vermehren, die unter dem Schutze der Zensur unsere Theater beherrschen? Franz Dülbcrg hat den Kampf mit der Zensur aufgegeben, aber in einem Nachwort(im„Berliner Tageblatt") ein paar ernste Worte gefunden, die zwar an der offiziellen Heuchelei nichts ändern werden, aber als Beitrag zur Psychologie der Schaffenden von Wert sind. In seinem Protest schreibt er: „Das Urteil des Lberverwaltungsgerichts verkürzt einen ehrlich strebenden Mann, dessen Befähigung von keiner Seile angezweifelt wird, um die Früchte eines wesentlichen Teiles seiner Lebensarbeit. Litte ich an einem ungefestigtcn Charakter oder säße(statt daß ich mich eines sehr kärglichen und hinschwindenden Wohlstandes noch erfreue) die peitschende Not hinter»lir— wie leicht könnte es gc- schehcn, daß ich, durch diese eine schlimme Erfahrung gewitzigt, daS Opfer meiner Ueberzeugung brächte und in Zukunft mich nur in Werken betätigte, die die bestehende Ordnung der Dinge preisen und im seichten Gewässer des die gute Gesellschaft erfreuenden Plänkel- spiels der Liebe plätschern! Jedoch in diesem einen Punkt können die Herren von Preußens oberstem Gerichtshof ihr Gewissen beruhigen: sie haben den Dichter und den aufrechten Menschen in mir nicht getötet. Ich werde weiter kämpfen, nicht für dieses eine Stück, das für mich abgetan ist, sondern mit meinen künftigen Dramen." Und die Zensur wird weiter meucheln I Städtcbundthcatcr auf genossenschaftlicher Grundlage. Der seit langein bestehende Plan der Bühnengenossenschaft, durch Uebcrnahme oder von Beteiligung an Theatern direkten Einfluß auf die künftige Gestaltung der Theaterverhältnisse zu gewinnen, scheint jetzt zur Verwirklichung kommen zu wollen. In den letzten Jahren haben sich wiederholt staatliche wie städtische Behörden an die Genossenschaft gewandt, um mit ihrer Hilfe Städtebundtheater ins Leben zu rufen. Jetzt, hat ein aus„führenden Persönlichkeiten" der Rhein- Provinz bestehender Verein, an der Spitze der Düsseldorfer Re- gicrungspräsident, beschlossen, ein Wandertheater zu gründen. Voraussetzung war, daß die Bühnengcnossenschaft sich in irgend- einer Form daran beteiligen würde. Bei einer Konferenz, die vor kurzem in Düsseldorf stattfand, hatte diese ihre Bereitwilligkeit be- kündet, sich mit einem Beitrage dem Verein„Rheinisch-Westfälische Verbandsbühne" anzuschließen und außerdem einen Garantiefonds zur Verfügung zu stellen. Zur Bedingung wurde dabei die Ver- pflichtung des Vereins gemacht, daß das für die Bühne anzu- stellende Personal den Bestimmungen der Bühnengenossenschaft I man ihm erklärt, die Kommisston werde nicht empfangen, weil ja jeder einzelne Handwerker und Arbeiter seine Wünsche dem zu- ständigen Vorgesetzten vortragen und wenn sie nicht berücksichtigt werden, sich an die Direktion wenden könne.— Eine derartige Behandlung des Personals sei ja bei der Großen Berliner Straßen- bahn nicht neu. Aber das sei eine unwürdige Behandlung, die sich das technische Personal nicht ruhig gefalle» lassen dürfe. Das Rechts seine Wünsche durch eine Vertretung bei der Direktion anzubringen', müsse auch dem technischen Personal gewährt werden. Das sei um so notwendiger, da bei der Großen Berliner Straßenbahn Anfangs- löhne von 42 Pf. für Handwerker und 35 Pf. für Arbeiter gezahlt werden. DaS seien Lohnsätze, die hinter den Zeitverhältnissen und hinter den in anderen Betrieben üblichen Löhnen weit zurück- bleiben. Eine Resolution wurde einstimmig angenommen, welche sagt: „Die Versammlung nimmt mit Entrüstung Kenntnis davon, daß die Direktion Verhandlungen mit der Kommission des tech- nischen Personals abgelehnt hat, wodurch die technischen An- gestellten zu Bediensteten zweiter Klasse herabgewürdigt werden. Die Versammelten fordern, daß dem Wunsch des technischen Personals mit allem Nachdruck Geltung verschafft werde und ver- pflichten sich, dies durch den Ausbau der Organisation zu er- zwingen."_ Tie Tarifverhandlungen der Rohrleger und Helfer. Eine im Verhältnis außerordentlich stark besuchte Versammlung, einberufen vom Allgemeinen Deutschen Metallarbeiterverband, nahm am vergangenen Dienstag den Bericht der Schlichtungskommission entgegen. Z i e s e als Berichterstatter führte aus, daß obgleich die Schlichtungskommission in der vorangehenden Versammlung Voll- macht zum Tarifabschluß bekommen habe, sie sich berufen fühle, ihrer Mitgliedschaft das letzte Wort sprechen zu lassen. Es kostete heißen Kampf, um die Stunde Verkürzung am Sonnabend und die zwei Stunden vor hohen Feiertagen wieder zu erlangen. Beides, wie auch die zehn Minuten Waschpause, war durch W i e s e n t h a l preisgegeben worden. In der Frage der Lohnzahlung wurden kleine Erfolge erzielt. Irgendwelche Beschwerden sollen in Zukunft von den beiden Obmännern der Kommission geschlichtet worden. Wichtig ist ferner der Beschluß, daß Unter- nebmer, die die vereinbarten Tariflöhne nicht innehalten, die Differenz zwischen diesen und den gezahlten der SchlichtungS- kommission zur Verfügung stellen müssen. Arbeiter, die unter dem Tarif arbeiten, werden von der Arbeitsvermittelung ausgeschlossen. Wenn im alten Tarife stand, es soll„möglichst giftfreier Stoff" ver- wendet werdeir,. so-ist dieser Kaurschukbegriff so umgewandelt, daß jetzt nur„giftfreie Stoffe" Verwendung finden. Für schmutzige Arbeit soll ei» Aufschlag von 25 Proz. gezahlt werden. Die Frage des Arbeitsnachweises bietet noch Schwierigkeiten, zum Bei» spiel die Zeitsestsetzung; doch wird mit den Unter- nehmern hierin eine Einigung erzielt werden. Eine Arbeits- Nachweis- Geschäftsordnung, die dann auch zweckmäßig geändert werden kann, ist ebenfalls vorgesehen. Da die Unter- nehmer einen Tarif in beschriebener Art nur dann akzeptieren wollen, wenn die Akkordtarife verlängert werden, mußte die Kommission in diesen saueren Apfel beißen. Der Gas- und Wasserrohrakkord soll prozentual erhöh: werden. Beim Heizungsröhrenakkord bleibt's beim alten. Da Konfliktsstoffe jetzt nicht mehr vorhanden sind und unter den zerfahrenen Verhältnissen trotz größter Mühe nicht mehr heraus- geholt werden konnte,, bitte er unr Annahme folgender R e- s o luti o n: Die allgemeine Branchenversammlung der Rohrleger und Helfer Berlins und Umgegend beschließt: 1. Die Versammlung be- kräftigt die am 20. April d. I. in der allgemeinen Branchen- Versammlung angenommene Resolution. 2. Die Versammelten erklären sich mit der Verlängerung resp. Erneuerung der Akkordtarife— unter Berücksichtigung der gegenwärtig obwalten- den mißlichen Umstände— einverstanden. 3. Die Versammelten verurteilen das arbeitervcrräterische Treiben Wiesenthals auf das entschiedenste und erklären, daß derselbe kein Recht hat, im Namen der Berliner Rohrleger und Helfer irgendwelche Verhandlungen mit den Unternehmern anzuknüpfen. 4. Die Versammelten be- auftragen die Schlichtungskommission, unter Berllcksichtiguug der gegenwärtigen Situation, die Tarife vor dem Gewerbegericht in der vorgelegten Form abzuschließen. 5. Die Versammelten er- entsprechend angestellt, behandelt und bezahlt wird. Diese Be- dingung fand in der Versammlung einmütige Zustimmung. Man will auch Vereine, die Bildungsbestrebungen huldigen, die Lese- gesellschaften, die bedeutenden industriellen Werke usw. für die Sache zu interessieren suchen.(An die berufenen Vertretungen der Arbeiterschaft scheinen die„führenden Persönlichkeiten" aber nicht zu denken.) 150 Vorstellungen sind bis jetzt schon angemeldet. Man hofft, mit den Theatervorstellungen im Oktober d. I. beginnen zu können. Die Bühnengcnossenschaft selber will diese Bestrebungen zur Gründung von künstlerisch hochstehenden Wanderbühnen auf ge- nosscnschaftlicher Grundlage ihrerseits tatkräftig unterstützen. Charpentier über seine neue Oper. Gustave Charpentier, der Schöpfer, der auch bei uns wohlbekannten und geschätzten„Louise" hat dem Musikkritiker des„Temps" über We'en und Entstehungs- geschichte seiner neuen Oper„Julien", die in der Komischen Oper in Paris soeben ihre Uraufführung erlebte, die folgenden inter- essanten Mitteilungen gemacht:„Wenn Sie mich über die künst- lcrische Absicht, die ich in„Julien" verfolge, befragen, so kann ich darauf nur antworten, daß es mein Wunsch gewesen, das Leben des Dichters zu zeigen, der sich in einem Milieu betätigt, das weder realistisch noch phantastisch ist, sondern dein entspricht, wie wir Künstler es verstehen, die wir dank unserer lebhaften und be- schwingten Einbildung auch auf der Straße zeitweise im Märchen- lande weilen.„Louise" spielte sich im Leben ab: mein Dichter „Julien" aber flüchtet aus dem Leben und lebt in der Zaubcrwclt seiner Träume, die er mit sich in der Alltagswirklichkeit herum- trägt. Sagen wir einmal, der schärferen Präzisicrung zuliebe, daß„Louise" die Prosa darstellt, während Julien, der Dichter, alle Figuren, die seine Einbildung beschästigen, um sich gruppiert. Er führt eine Doppelexistenz, ein inneres Leben, das ihn be- fähigt, sich im dichtesten Dienschengedränge zu isolieren und sich mit den Gestalten seiner Phantasie abzuschließen. Damit ist der Ausgangspunkt des„Julien" fixiert. Es ist alles in allem ein großes Vorwort meiner symphonischen Dichtung„Das Leben des Dichters". Alle die dort vorhandenen Ideen sind hier zu dramati- scheu Gebilden geworden; ich habe mich wenigstens nach Kräften bemüht, sie in dramatischer Gestalt vorzuführen. Sie wissen, daß in meinem„Leben des Dichters", das ich während meines Auf- entHaltes in der Villa Medisis in Rom geschrieben, eine einzige Person gedacht ist, die ihren Poetentraum träumt. Aus diesem, die Symphonie beherrschenden Grundmotiv hellodernder Kunst- bcgeisterung, die dort nur skizzenhaft umrissen ist, habe ich den ganzen ersten* Akt des„Julien" entwickelt. Aber dieses Be- geisterungsmotiv hat sich mir unter den Händen und mir selbst unerwartet bei der Durchführung zum pessimistischen Glaubens- bekenntins gewandelt.„Julien" ist in Wahrheit eine in Musik gesetzte Selbstbiographie, genau wie die„Liebe im Faubourg", die ihm folgen und die seit langem begonnene Trilogie zu Ende führen wird." Humor und Satire. Sommerglut. Hitzspeere bohrt die Sonne Ins atemträge Land. warten, daß den Wünschen der Arbeiternehmer von feiten der Arbeitgeber, in bezug der Arbeitsvermittelung, Rechnung ge- tragen wird. S i e r i n g vom Deutschen Metallarbeiterverband sprach in der Debatte seine Verwunderung darüber aus, daß der Tarifabschluß schon vor sechs Wochen erfolgen sollte und er heute noch nicht ab- geschlossen ist. Als Gegner müsse er anerkennen, daß die Kam- Mission sich die größte Mühe gegeben habe. Es müssen demnach andere Kräfte am Werke sein, welche die Verhandlung verschleppen. Es ist charakteristisch, daß Wiesenthal zu gleicher Zeit eine Ver« sammlung von acht Personen abhalte, um seine Quertreibereien fort- zusetzen. Doch hat Wiesenthal sich das Vertrauen der Berliner Rohr- leger gänzlich verscherzt.(Beifall.) Es taucht die Frage auf, was für Ursachen verhindern den Abschluß des Tarifvertrages? DicBauuntcr- nehmerkönncn es nicht mehr sein. Er habe die Ueberzeugung, daßWiesen- thal an den sechs Wochen Verschleppung schuld habe.(Zustimmung.) Zeigen wir den Unternehmern, daß lvir dieses Spiel herzlich satt haben und graben wir dadurch Wiesenthal das Wasser ab. Der Deutsche Metallarbeiterverband kämpft bei der Tarifbewegung ganz an Ihrer Seite. Bei den nächsten Tarifverhandlungen wird freilich das entscheidende Moment sein, wie sehen die OrganisationSverhält- nisse der Berliner Rohrleger und Helfer aus? ES ist eine unerbitt- liche Lehre, die hieraus gezogen werden muß. Vorläufig aber müssen wir die sofortige Annahme des Vertrags von den Unternehmern fordern.(Lebhafter Beifall.) Klein bemerkt, daß noch niemals unter solch schwierigen Um- ständen gearbeitet worden ist. Die Unternehmer sind durch Wiesen- thal verwöhnt worden; er sei das Lieblingskind derselben ge- worden. Durch zähe Arbeit müssen andere Verhältnisse erzwungen werden. Dannenberg(1. VereinLvorsitzender) sagt, daß cS schwer fällt, der Kommission zuzustimmen; aber hier darf nicht das Herz, sondern hier mutz der Verstand sprechen. Wenn Wiesen- thal behauptet, daß er die Bewegung nicht geschädigt habe, so brauche man ja nur sein Organ anzusehen. Durch Annahme der Resolution muß mit diesem Menschen ein für allemal Schluß gemacht werden.(Beifall.) S i e r i n g wünschte noch, daß beim nächsten Male der Kampf auf einheitlicher Basis geführt werde, d. h. daß der Deutsche Metallarbeiter-Verband bei den Verhandlungen nicht abseits stehe. Nach dem mit Beifall aufgenommenen Schlußwort Z i e s e s wurde die Resolution gegen 2—4 Stimmen angenommen. Außerdem wurde von Siering und Dannenberg noch auf den Kamps der Rohrleger in Hamburg hingewiesen. Achtung, Putzer! Die Kollegen auf dem Neubau des Städtischen Straßenbahndepots. Geibelstraßc. Am Urban, Unternehmer Aktien- gesellschaft für Hoch- und Tiefbau, vormals Gebr. Helfmann, haben wegen Lohndifferenzen die Arbeit niedergelegt. Der Bau ist bis auf weiteres für Putzer gesperrt. Deutscher Bauarbeiterverband. Zweigvereiii Berlin. Sektion der Putzer. Deiitkcheki Reich. Nach dem Kampf im Malergewerbe. Die Schwierigkeiten, die die Scharfmacher nach Abschluß des neuen Reichstarifvertrages durch die beiderseitigen Organisationen des Malergewerbes noch machten, sind nun im allgemeinen über- wunden. Nur der Gau Rheinland-Westfalen des Unternehmer- Verbandes hat sich zurzeit noch nicht gefügt, obwohl der Vorstand des Unternehmerverbandes dem Verbände der Maler offiziell mit« teilte, daß sich nunmehr das Rheinland verpflichtet habe, die neuen Schiedssprüche anzuerkennen. Im übrigen Deutschland ist die Aus- sperrung allgemein beendet und es scheint, als siege jetzt selbst auch im Gau Norddeutschland die bessere Einsicht des Unternehmerverbandes, denn man hat hier, wo die eigentlichen Treiber zu der nun für sie so unrühmlich ausgegangenen Aussperrung sitzen, der Gchilfenorganisation mitgeteilt, daß man die SchiedS- sprüche nun in vollem Umfange anerkenne. Offene Differenzen be- stehen jetzt außer im gesamten Rheinland eigentlich nur noch in Hamburg, wo gewisse Maßnahmen des Unternehmerverbandes, mit denen die Unternehmer ihren Rückzug etwas verdecken wollten, einige Schwierigkeiten bereiteten. Den Schaden davon haben die an der Aussperrung beteiligten Unternehmer, die, nachdem durch ihre Organisation die neuen Schiedssprüche nun einmal an- genommen worden sind, von deren Erfüllung, so schwer es ihnen Und in den Lüften flimmert'S Wie glühcr Lohe Brand. Ein Gottesfriede lagert Aus Tal und BergeShang. Es tönt kein Lercbentriller, Kein Laut, kein Sichclklang. Es webt ein traumhaft Schweigen Im dunklen Kiefernforst Und selbst des Waldes Raubzeug Sitzt still in Höhl und Horst. Nur auf dem fernen Schießstand Scharf knatlerts fort und fort. Dort lehrt man jungen Leuten Methodisch Menschenmord. (Hermann Hendrich in der„Aktion".) Notizen. — Kapellmeister mit Beteiligung. Die gerissenen Schieber, die heutzutage die Künste verwalten, haben natürlich längst herausgefunden, daß man die Künstler kapitalistisch hochnehmen kann. Will jemand als Schauspieler, als Regisseur, als Kapellmeister engagiert werden, so hat er sich an, Unternehmen zu beteiligen. Will jemand seine Stücke aufgeführt sehen oder seine Bilder placieren oder in einer Zeilschrist besprechen lassen, so muß er zahlen. Für nichts— ist nichts. Eben wird wieder mal publik, daß von dem Kapell- meister Cahn-Speyer, der für die Budapester VolkSopcr engagiert war, nachträglich eine finanzielle Beteiligung verlangt wurde.— Tie Folge dieses Systems, das überall Schule macht, wird fein, daß talentlose Millionärssöhnchen und ausgehaltene Mätresse» siegreich alle Konkurrenz schlagen. Leute, die ihnen ihr Talent nachträglich bestätigen, gibts obendrein genug. — Wieder ein neues Krebs mittel. Der Kölner Arzt Dr. Otto Schmidt will den Erreger des Kresbes entdeckt und mittels Reinkulturen einen Schutzstoff gegen Krebs gefunden haben, der den damit Behandelten heile und immun mache. Schmidt erstrebt die Erzeugung von Jmmunstoffen beim Tier, die dann den Krebs- kranken eingespritzt werden sollen. — 2800 Mark für ein Gedichtbändchen. Ein Exemplar der als Kilmarnockausgabe bekannten Erstausgabe der Burnsschen Gedichte wurde auf einer der jüngsten Londoner Bücherauktionen für 2800 M. verkauft. Die Ausgabe wurde 1786 gedruckt und sollte dem Dichter die Mittel für eine Reise nach Westindien schaffen, ein Ziel, das nicht erreicht wurde. — Ein erstaunlicher Möwenflug. Seit Jahren beringt die deutsche Vogelwarte Rositten auf der kurischen Nehrung Vögel aller möglichen Arten, um die Zug- und Wander- straßen festzustellen. Von der Lachmöwe, die bei Rositten sehr häufig ist, war es bisher bekannt, daß sie, den Küsten und den Flutzläufcn folgend, zuweilen auch nach Afrika hinübergelangt. Jetzt kommt die Meldung, daß eine Lachmöwe aus Rositten im fernen Westen an der Mündung des Orinoko, nämlich in einem Sumpfe auf der Insel Barbados erlegt worden ist. Der Ring 6888, den die Möwe er- halten hatte, ist von dort wieder nach Rositten gelangt. auch ankommen mag, nicht mehr befreit werden. Ihre anfänglichen Seitensprünge wegen des eigenmächtig errichteter Unternehmer- arbeitZnachweiseS und der Aufhebung der allgemeinen Lohn- erhöhung werden ihnen durch Eingreifen der Zentralinstanzen noch entgeltet werden. Und auch die Differenzen, die in dielen Orten wegen der Auslegung der Ziffer 4 des neuen Schiedsspruchs ent- standen find, nach der die während der Aussperrung in größerem Ilmfange durchgesetzten Lohnerhöhungen allgemein durchgeführt werden sollen, werden ihre Erledigung finden. Denn mit dem Aus- schlachten des bekannten Schreibens der drei Unparteiischen durch den Unternehmerverband, der dazu nur durch eine ein- seitiae Darstellung des dem Schreiben zugrunde liegenden Tatbestandes gekoinmen ist, werden sich die Gehilfenorganisationen nicht so leichten Kaufes abfinden. Sie werden den jetzt wegen ihrer allgemeinen Abfuhr ans Rache sinnenden Unternehmern nichts von ihren Errnngenschaften preisgeben. Die Entschlossenheit und Ausdauer der Gehilfen und ihrer Organisation während des zwölf- wöchigen Kampfes wird den rachedürstenden Scharfmachern eine deutliche Warnung sein. Ist jetzt die Arbeit außer im Rheinland und Hamburg fast aus« nahmslos wieder aufgenommen, so wird sicher auch hier bald eine Regelung erfolgen. Es wird dann die Zeit der örtlichen Berhand- lungcn zur endgültigen Festsetzung der örtlichen Beiträge und zur strikten Durchführung der getroffenen Abmachungen folgen und, wie die Gegensätze durch die sinnlose Aussperrung nun einmal verschärft worden find, noch manche Auseinandersetzung zwischen den beteiligten Faktoren mit sich bringen._ ES geht auch anderS. Der Streik bei der Metallgießereifirma Rautenbach in Wald bei Solingen geht weiter. Bekannt ist der Streik geworden durch die umfangreichen Revolverschießereien der Streikbrecherkolonnen. Daß ein großer Teil des Bürgertums und die arbeitende Bevölke- rung des Solinger Bezirks für die Revolverhelden keine Sympathien hegen, ist selbstverständlich. Aber immer gab es noch Geschäftsleute in der Stadt und Umgebung, die glaubten, gut fahren zu können, wenn fie an die streikbrechende Färbergesellschast in die Fabrik ihre Waren lieferten. Diesem Verfahren ist die organisierte Arbeiterschaft mit ziemlichem Erfolge entgegengetreten. Auch die christlich organi- sierten Arbeiter beteiligen sich an dem Boykott gegen solche Geschäftsleute, die Waren an die Streikbrecher liefern. Als ein Geschäftsmann sich gegen diese Haltung der Gewerkschaftschristen wandte, stieg das christl. Gewerkschaftskartell dem Herrn in der Ortspreffe u. a. wie folgt aufs Dach: »Bekanntlich bedienen sich bestreikte Unternehmer in den letzten Jahren der sogenannten Färberkolonne, das heißt, fie schließen mit dem Agenten Färber während eines Streiks einen Vertrag ab, wonach sich der Agent verpflichtet, auswärtige Arbeiter als Streik- brecher anzuwerben, um die Forderungen der bis dahin im Betriebe tätig gewesenen Arbeiter erfolgreich abschlagen zu können. Diese berufsmäßigen Streikbrecher üben also eine Tätigkeit aus, die für die streikenden Arbeiter außerordentlich nachteilig wirkt. Außerdem sind sie eine große Gefahr für den übrigen Teil der Arbeiterschaft: denn sobald die Färberkolonne in dem einen Betrieb mit Erfolg tätig gewesen ist, werden diese Elemente bei der nächsten Gelegenheit naturgemäß auch in anderen Betrieben in Anwendung kommen. Bilden die berufsmäßigen Streikbrecher somit eine wirkliche Gefahr für die gesamte Arbeiterschaft, so kann derjenige Geschäftsmann, welcher an diese Leute Waren liefert, nicht mehr als Unbeteiligter angesehen werden. Im Gegenteil hilft er diesen Elementen durch seine Lieferungen ihre arbeiter- schädigende Tätigkeit erleichtern. Verlangt nun ein Teil der Kundschaft, zum Beispiel die Arbeiter- kundschaft des betreffenden Bäckermeisters, daß er die Lieferungen an die berufsmäßigen Streikbrecher einstellt, so ist dieses eben ein billiges Verlangen und keinUnrecht. Auch kein nackter Gewalts st andpunkt/ Wir halten es für selbstverständlich, daß gewerkschaftlich organi- sierte Arbeiter diese Stellungnahme der Gewerkschaftschristen in der Boykottfrage gutheißen. Wir möchten dieselbe Solidarität nur auch für alle anderen Kämpfe wünschen. Nur Haltens die.Christen' leider nicht immer so. Beim Bergarbeiterstreik im Ruhrrcvier haben die christlichen Organisattonen ruhig zugesehen, wie auS ihren und ihnen nahestehenden Kreisen heraus Geschäftsleute aufgefordert wurden. an Streikendekein« Waren zu liefern. Da wirkt es einmal sehr wohlwend, wenn man konstatieren kann, daß eS im christlichen Gewerkschaftslager auch anders geht. Die Arkriter des EmaillierwcrkcS Rhenania in Düsseldorf befinden sich seit sechs Wochen im Streik, weil_ ein neuer Direktor die Arbeitsverhältnisse wesentlich verschlechtern will. Die Firma gibt sich große Mühe, Arbeitswillige zu bekommen und inseriert in Deutschland und Oesterreich in allen möglichen Blättern.�—_ Der Meister Schmitz, welcher die Arbeitswilligen anwirbt, erzählt ihnen, daß die Fabrik vergrößert würde, ein Streik sei nicht vorhanden. Die EmmllierwerkSarbeiter werden ersucht, ihre streikenden Kollegen durch Fernhaltung deS' Zuzuges zu unterstützen. Neue Differenzen beim Hafenbau in Cuxhaven. Durch Verhandlungen mit dem Deutschen Transportarbeiter- verband wurden die Differenzen, die zwischen der Hanseatischen Bau- gesellschaft und ihren Baggerern entstanden waren, am Sonnabend beendet. Die Baggerer wollten am Montag die Arbeit wieder auf- nehmen. Wider Erwarten lehnte aber die Hanseatische Baugesellschaft die Wiedereinstellung der Streikenden ab und erklärte, daß sie andere Arbeiter bekäme. Erst wenn diese eingetroffen find, sollten, wenn noch Plqtz vorhanden, die Streikenden eingestellt werden. Am Dienstag traf dann auch ein Trupp Holländer ein, die es aber ablehnten, in Arbeit zu treten. Das Vorgehen der Firma ist unverständlich, zumal in der bürgerlichen Presse darauf hingewiesen wurde, daß die schnelle Fertigstellung des neuen Hafenbeckens erforderlich und deshalb eine schnelle Einigung wünschenswert sei. Der Transportarbeiterverband hat alles getan, um die Fortsetzung der Arbeiten zu ermöglichen; doch die Hanseatische Ballgesellschaft will es anders. Sie gibt den deutschen Arbeitern nicht, was recht und billig ist, sondern fördert durch deren BrotloSmachung die Einführung holländischer Arbeiter. Kein Wunder ists, daß es auch an anderen Arbeitsplätzen dieser Firma, wie in Neuhof, Rendsburg usw. gärt. — Der Hamburger Staat wird nun mit der Fertrgstellung des Hafenbeckens warten müssen, bis der Hanseatischen Ballgesellschaft es genehm ist, die Arbeiten fortzusetzen.— Der Betrieb in Cuxhaven ruht und Arbeitsangebote sind zu verweigern. Auslanck. vor Arbeitsangebote»«ach Brüssel wird gewarnt. Der belgische Verband der Arbeiter in der Wagenindustrie meldet, daß in der größten Fabrik in Brüssel seit dem 28. Mai ein Streik ausgebrochen rst. und zwar bei Dieteren FröreS in Jxelles-lez-Brüffel. Aus sicherer Quelle verlautet, daß die Unternehmerorganisatton die Hilfe der Unternehmerverbände im Auslande angerufen hat, um Streik- brecher anzuwerben.— Vor Arbeitsangeboten nach Brüssel sei also dringend gewarnt. Der Bäckerstreik in Paris, der fast einen Monat gedauert hat, ist jetzt beendet. Schneider, nehmt keine Arbeit nach Petersburg an! Viele Schneider Berlins und anderer Großstädte haben von den Agenten der größten und solidesten Petersburger Firmen der feinen KonfektiopSbranche verlockende Angebote erhalten. Diesen wortreichen Versprechungen ist folgendes entgegen zu halten: Der seit Wochen ivährende Streik bei diesen Firmen ist noch rmmer nicht beigelegt. Bestreikt find ea. 00 Betrieb» mit über 1000 Ar« heitern. Die Streikenden fordern: 1. eine geringe Aufbesserung des TageS- und Stücklohnes, 2. die Bewilligung von Wohnungsgeldern oder mindestens eine etwas bessere Ausgestaltung der äußerst un- hygienischen, dumpfen und schmutzigen Schlafstellen bei den Arbeit- gebern und 3. die Bewilligung von Kostgeldern an Stelle der fast durchweg miserablen Beköstigung durch die Arbeitgeber. Der Ver- such, Schneider in Kiew und Odessa anzuwerben, ist mißglückt. Die Agenten obiger Firmen sind nunmehr auf der Suche nach Ersatz nach Deutschland gereist. Die Petersburger Schneider appellieren an das Solidaritätsgefühl der deutschen Kollegen und erwarten, daß die Bemühungen der Agenten auch in Deutschland vergeblich sein werden. l3. Genkrlllversammlllvg der Mcker und Konditoren. Frankfurt a. M., 3. Juni. Dritter Verhandlungstag. DaS einleitende Referat für die Statutenberatung hielt heute zu Beginn der Sitzung der Verbandsvorsitzende All- mann- Hamburg, der die Anträge des Verbandsvorstandes aus- führlich begründete. Am wichtigsten ist die Neuregelung der Bei- tragSfrage. Die Beiträg« in der niedrigsten Staffel, bei einem Lohn bis zu 14 Mk,, sollen von 25 auf 30 Pf. erhöht werden, weil der Verband heute ganz bedeutende Zuschüsse aus den höheren Beitragsstaffeln an die niedere Beitragsstafsel zahlen mutz und weil die Streikunterstützung für diese Klasse unbedingt erhöht werden muß. Auch kommt hinzu, daß in fast allen anderen Orga- nisationen die weiblichen Mitglieder mindestens 30 Pf. pro Woche zu bezahlen haben. Die bisher fakultativ eingerichtete Beitrags- klaffe zu 1 M. soll obligatorisch eingeführt werden, und zwar für einen Wochenlohn von mehr als 32 M. Die den Zahlstellen von den Wochenbeiträgen verbleibenden Anteile in den beiden nie- drigsten Beitragsstaffeln müssen etwas erhöht, können zum Aus- gleich dafür aber in der höchsten Staffel um 5 Pf. erniedrigt werden. Es entspricht den erhöhten Pflichten der Mitglieder in der Staffel zu 1 M., daß sie auch bei Arbeitslosigkeit pro Tag 2 M. Unterstützung, ebenso wie bei Krankheit, beziehen können. Auch ihre Streikunterstützung mutz entsprechend der Steigerung in den unteren Beitragsstaffeln etwas erhöht werden. Dagegen soll die Umzuasunterstützung und das Sterbegeld an Angehörige ver- storbener Mitglieder so bestehen bleiben, wie in der Beitragsstaffel zu 75 Pf. A l l m a n n betonte hierzu, im Grunde genommen komm« bei den Vorschlagen des Vorstandes nur eine ganz geringe Beitragserhöhung heraus. In der obersten Staffel sei sie nur ganz verschwindend gering, in der niedrigsten betrage sie 5 Pf. Im Lauf« der letzten drei Jahre, in denen der Verband sehr viele Arbeiterinnen als Mitglieder aufgenommen habe, sei von anderer Seite öfters darauf hingewiesen worden, daß wir die einzige Ge- werkschaft wären, die noch den Beitrag von 25 Pf. für Arbeite- rinnen hätte. Man habe sogar schon gesagt, der Bäckerverband mache infolge der niedrigen Beiträge für die Arbeiterinnen anderen Verbänden Konkurrenz. Der Redner begründete bann den Vorschlag, das Gau- leitersystem zu beseitigen. Die zuständigen Bezirks- leiter sollen einen Teil der Funktion der bisherigen Gauleiter übernehmen. Die Gauleiter sollen als Sekretäre mit in die Haupt- Verwaltung eintreten. Dem Berliner Gauleiter Hetzfchold wird aber zugestanden, daß er seinen Wohnsitz in Berlin behalten kann. Die Grundsätze für die Wahlkreiseinteilung sollen gerechter ge- staltet werden. Bis zum Verbandstage 1910 waren die großen Zahlstellen in ihrer Vertreterzahl ungerecht eingeengt— mehr als 5 Delegierte durfte keine Zahlstelle entsenden—, und seit dem Ver- bandStage 1910 haben die großen Zahlstellen eine unVerhältnis. mäßig große Delegiertenzahl. Auf je 300 Mitglieder kommt schon ein Delegierter. Der Vorstand schlägt nun vor, daß in Zahlstellen mit 150 bis 1200 Mitgliedern auf je 300 Mitglieder 1 Delegierter kommt; in Zahlstellen mit mehr als 1200 Mitgliedern sollen auf die ersten 1200 Mitglieder ebenfalls 4 Delegierte, dagegen auf je weitere 500 Mitglieoer ein weiterer Delegierter kommen. An das Referat schloß sich eine ausgedehnte Debatte, in der die Delegierten lebhaft zu den Vorschlägen deS Vorstandes Stellung nahmen und die Anträge ihrer Zahlstelle begründeten. Der Hauptpunkt war die Beitragsfrage. Zahlreiche Redner wandten sich gegen eine Beitragserhöhung. Man könne doch nicht auf jedem VerbandStag die Beiträge erhöhen. Auf die schlecht be- stellten Kollegen und besonders Kolleginnen müßte Rücksicht genommen werden. Für die Arbeiterinnen sei der Beitrag von 25 Pf. hoch genug. Ebenso stark wurde der Vorstandsvorschlag, den bisher freiwilligen I-Marl-Beitrag obligatorisch einzuführen, bekämpft. Auf keinen Fall könne man der vorgeschlagenen Lohn- grenze für diese Klasse von 32 M. zustimmen. Diese sei zu niedrig gegriffen. ES wurde angeregt, die Lohngrenze für diese höchste Klasse auf 35 oder 40 M. festzusetzen. Für die Lehrlinge wäre ein Beitrag von 25 Pf. auch zu hoch, ein solcher von 10 Pf. sei genügend. Die vom Vorstand empfohlene Erhöhung der Streik- Unterstützung wurde begrüßt. Verlangt wurde, daß die Bestim- mungen im jetzigen Statut, wonach„Mitglieder der im Kampf befindlichen Branche am Streikort«, die während des Kampfes in geregelten Geschäften arbeiten, allwöchentlich mindestens den zehnten Teil ihre? Wochenlohnes zur Unterstützung der Streik kenden beizutragen haben", gestrichen werden. Die Vertreter der größeren Orte wandten sich gegen jede Beschränkung ihrer Dele- giertenzahl. Sämtliche Anträge wurden schließlich der StatutenberatungS- kam Mission überwiesen. In einer geschlossenen Abendsitzung, die sich sehr lange hinzog. behandelte der VerbanhStag taktische Maßnahmen bei Lohnbewegungen,____. Hus der Partei. Weltausstellung in Gent. Die Genter Parteigenossen vom.Vooruit' haben ein Komitee gebildet, um die ausländischen Genossen, die die Weltausstellung be- suchen, zu empfangen und ihnen alle wünschenswerte Auskunft zu erteilen. Gefellschastsbefuche find 8 Tage vorher zu melden. Aus- kunstsstelle ist:-'Voorint", Ons Huis, Vrijdagmarkt(Marche du Vendredi). Briefadresse:-Vooruit", Partei-S ekretaxiat, Ona Huis, Maxohö du Vendredi, 8, Sand. Wahlrechtsdrmonstration in Holland. Amsterdam, 2. Juni. sEig. Ber.) Die heutige Wahlrechts- demonstration war von kühlem, frischem Wetter begünstigt. Es nahmen 8000 Personen an ihr teil, darunter nicht nur die Amster- damer Arbeiter, sondern auch die aus der nächsten Umgebung, wie den Städten Utrecht. Leiden, Haarlem, Zaandam usw.— Von einer mehr oder weniger bemerkbaren ArbeitSruhe konnte keine Rede fein; diese konnte auch kaum erwartet werden. Von 6 Tribünen auf einem ausgestreckten Gelände, in der Nähe deS Konzertgebäudes. etzten Redner die Bedeutung deS Tages auseinander. Nach Schluß des Meetings, auf dem die Frauen erfreulicherweise in großer Anzahl erschienen waren, wurde der Aufzug aufgestellt. Es bewegte sich dann, unter Begleitung von 7 Musikkorps und 169 Bannern und Emblemen, durch den 5. und 9. Amster- damer Wahlkreis. Wie gebräuchlich, machte berittene Polizei dem Aufzuge freie Bahn. Es dauerte'/, Stunden, bis er an den palierbildenden Zuschauern vorbeigeschritten war, um schließlich in siebenten Wahldistrikt, auf dem Westermarkt. aufgelöst zu werden. Aus der Meetingrede des Genossen T r o e l st r a sei hervorgehoben. daß die Demonstration zwar als erfolgreich anzusehen sei. er rufe aber die Arbeiter auf, sich bereit zu halten, wenn sie von der Leitung aufgerufen würden, wiederum einen vielleicht nötigen.Roten Dienstag' abzuhalten, oder, wenn im Parlament die letzten Schläge fielen, 5i« über da« allgemein, Wahlrecht entscheiden, sich darauf gefaßt zu machen, die ökonomische Macht der Arbeiterklasse zur volle« Geltung zu bringen. In Rotterdam waren 5000 Demonstranten da, in Arnheim 26Y0, Groningen 1500, in Leeuwarden 2500. Abends gab es in kleineren Städten ebenfalls Meetings, und Aufzüge, die massenhaft besucht waren, so in Utrecht von 2000, in Helder 3000, in Heeren von 1000, Assen über 1000 Arbeitern usw. Aus der italienischen Partei. Rom, den 2. Juni.,00, 6,50 und 8,00.„ m. Echto und imit. Panamas tu allen Preislagen. Stroh- und Basthilte sür Herren und Knaben, nur Nouhailon, von OO Pfennig an. GrfiBte Horronhutspezialgeschäfte des Nordens. Lasern dieser Zeitung 5 Proz. Rabatt in bar! _______________ ucaern uicser �cuuhh Vertn-.twonliche�R-d-kteür?'� Neukölln. Für de» Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» ILuchdruckeret». VcrlagSanstält'PäusSinger».So.. Berlin it. 138. 3« Z.w» 2. SeilM des.Fsmarts" Kerliner NsIdsblR � m- Zur AshI im 12. Candtag$wal)lbezirlt. Einer der umstrittensten LandtagSwahlbezirke in Berlin ist der 12. Bezirk. Dieser Bezirk erstreckt sich in der Hauptsache über Moabit und ist stark vom Beamtenelement durchsetzt. GesängniS-, Gerichts- beamte, Rechtsanwälte, Richter, Staatsanwälte, Staatsbeamte, Ge- lehrte, Privatbeamte sind in Moabit stark vertreten; dazu kommen Hausbesitzer, Rentiers, Fabrikbesitzer, kurz eine Wählerschaft, die sich zu der sogenannten nationalen Partei rechnet. Um möglichst viele Wähler auf die Beine zu bringen, hatten alle Parteien Wahlmänner aufgestellt: Außer unserer Partei die Konservativen, die Freisinnigen und die Nationalliberalen. Aber schon bei den Wahlmänner-Stich- Wahlen vereinigten sich die feindlichen Brüder. Um jede Stimmen- Zersplitterung zu vermeiden und die sozialdemokratischen Wahl« männer auszuschalten, schlössen die Herrschaften die sonder- barsten Bündnisse. Je nach Bedarf stimmten die National- liberalen für konservative oder für fortschrittliche Wahlmanns- kandidaten und dieselbe Taktik befolgte die Fortschrittliche Volkspartei. Es gab nur noch.Kandidaten der vereinigten bürgerlichen Parteien", damit die Beamten ungeniert auch freisinnige Wahlmänner wählen konnten. Nationalliberale, Konservative und Fortschrittliche Volks- Partei gaben an ihre Wähler entsprechende Stimmzettel aus. Die Fortschrittliche Volkspartei ging dabei soweit, eventuell auch für konservative Wahlmänner einzutreten. Zur Charakteristik nur ein Beispiel. Im 1176. Wahlbezirk stand der konservative Rechtsanwalt Ulrich in der 3. Abteilung mit einem sozialdemokratischen Wahl- mannskandidaten in Stichwahl. Die Konservativen gaben an ihre Wähler Stimmzettel aus mit der Ueberschrift:.Mit Gott für König und Vaterland" und mit Namen und Adresse des zu wählenden Wahlmanns Ulrich. Der Zettel der Fortschrittlichen Volkspartei lautete: Fortschrittliche Volkspartei. 1176. UrWahlbezirk. III. Abteilung. Wahllokal Alt-Moabit 130 bei von Borcke. Wahlzeit von 3— 8 Uhr nachmittags. Als alleiniger bürgerlicher Wahlmann ist nur zu wählen: Cu r t Ulrich, Rechtsanwalt, Alt-Moabit 133. Das fortschrittliche Wahlkomitee. Die Freisinnigen forderten also ihre Wähler direkt auf, für den konservativen Wahlmann Ulrich, der zugleich Gegenkandidal des freisinnigen Kandidaten Runze zur Abgeordnetenwahl ist. zu stimmen. DaS geschah natürlich in der Hoffnung, daß bei einer Stichwahl zwischen Freisinn und Sozialdemokralen die Konservativen den Frei- sinnigen heraushauen sollten. Es ist ein Schauspiel für Götter, zu sehen, wie Freisinnige für den Antisemiten und Judenfreffer Ulrich stimmen konnten. Bei der Abgeordnetenwahl am 3. Juni Mmmten die National- liberalen sofort für den fortschrittlichen Kandidaten Runze. Be- zeichnend war der Beginn des Wahlaktes. Gegen 16 Wahlmänner Ingen Proteste vor, die der Wahlvorstand zunächst zu erledigen hatte. Der Wahlkommissar betonte, daß die Wahlen der 16 beanstandeten Wahlmänner ungesetzlich zustande gekommen und deshalb für ungültig zu erklären seien. Teils waren die Wahlvorstände unvollständig zusammengesetzt, teils lagen andere Unregelmäßigkeiten vor. So saß im 1293. Urwahl- bezirke in der 2. Abteilung etwa 3/t Stunden lang eine Frau im Wahlvorstande, was unzulässig ist. weil nur Urwähler des Bezirks als Beisitzer fungieren dürfen. Alle diese Proteste wurden für unerheblich erachtet und die Wahlen für gültig erklärt: teils durch eine Mehrheit von konservativen und freisinnigen Beisitzern, teils durch Stimmengleichheit. Es handelte sich um bürgerliche Wahlmänner, deren Wahl den gesetzlichen Be- stimmungen nicht entsprochen hat, deren Gültigkeit aber von dem Wahlvorstand ausgesprochen wurde. Das Verfahren des Wahl- Vorstandes ist recht bezeichnend und zeigt, welche Mittel in An- Wendung gebrach: werden, uns den Sieg streitig zu machen. » Wir machen darauf aufmerksam, daß am kommenden Montag, den 9. Juni, die Stichwahl zwischen unserem Genossen Eugen Ernst und dem Freisinnigen Rnnze festgesetzt ist und zwar in derselben Zeit wie die Hauptwahl! » Große Worte. Die vereinigten rechtsstehenden Parteien haben kurz vor dem Landtagswahltermin einen Aufruf an die auf ihrem Boden stehenden Wahlmänner verbreitet, in dem die Parole ausgegeben wurde, keine Stimme dem fortschrittlichen Kandidaten zu geben, aber bestimmt zur Wahl zu gehen und für die Kandidaten der rechtsstehenden Parteien zu stimmen. Diese Kandidaten seien: Im 2. Wahlkreise Graveur Paul Kluge. Berlin. Im 8. Wahlkreise Oberingenieur Franz Schwartz, Berlin. Im 9. Wahlkreise Geheimer Rechnungsrat Schmidt, Berlin. Im 16. Wahlkreise Kommissionsrat F- Galow, Berlin. Im 12. Wahlkreise Rechtsanwalt Curt Ulrich, Berlin. In dem Aufruf hieß es großsprecherisch: .Im 8., 16. und 12. Landtagswahlkreise geben trotz aller anderslautenden Mitteilungen der fortschrittlichen Presse die rechts- stehenden Wahlmänner ihrer Zahl nach unbedingt den Ausschlag bei der Abgeordnetenwahl. und muß es zur Stichwahl kommen, wenn die vorstehende Wahlparole genau befolgt wird. Wenn da- durch, daß es in den genannten drei Berliner Wahlkreisen bei der Abgeordnetenwahl zur Stichwahl kommt, der Fortschrittlichen Volkspartei deutlich zum Bewußtsein g e.b r a ch l wird, daß ihr endgültiger Sieg in allen drei Wahlkreisen von den r cch t s st e h e n d e n Wahlmännern abhängt, kann vielleicht der fortschrittliche Verrat der drei Landlagsmandaie von Ober- und Niederbarnim an die Sozialdemokratie verhindert werden." DaS Ergebnis der Wahl ist für den Wahlausschuß der rechts- stehenden Parteien ein recht klägliches. Es erhielten die Kandidaten der rechtsstehenden Parteien an Stimmen im 2. Bezirk 15; im 8. 8 Stimmen; ini 9. 13 Stimmen; im 16. 3 Stimmen; im 11. eine Stimme und im 12. Bezirk, dem Beamtenviertel, wurden 37 Stimmen für den Konservative» abgegeben. Mit diesem Ergebnis vergleiche man die großen Worte in dem Wahlanfruf. Lächerlicher kann sich niemand machen, als hier der Wahlausschuß der rechtsstehenden Parteien sich gemacht hat._ partci- Hngelegenbeitcn* Zweiter Wahlkreis. Gegenüber dem Gerücht, daß Genosse Hermann Kraatz, Kochstr. 39, bei der Landwgswahl seiner Wahl- Pflicht nicht genügt habe. ,st durch Einsichtnahme der Wählerlisten von uns festgestellt worden, daß Genosse Kraatz am 16. Mai im 14. Urwahlbczirk seine Stimme abgegeben hat. Der Vorstand. Niederbaroim. Die Flugblattverbreitung findet für unseren Wahlkreis nicht am 6. Juni, sondern am Freitag, den 13. Juni, statt. Der Kreisvorstand. Lichterfelde. Freitag, abends 7 Uhr, im östlichen Ortsteil: Flug- blattverbrcitung. Das Material ist in den Bezirkslokalen in Empfang zu nehmen. Die Genossen aus dem Westen treffen sich zu demselben Zweck im Restaurant„Zum weißen Mohr", Kranoldplatz, Ecke Ferdinandstraße. Britz-Buckow. Freitag, den 6. Juni, abends 7 Uhr, von den Bezirkslokalen aus: Wichtige Flugblattverbreitung. Adlcrshof. Freitag, den 6. Juni, abends 7� Uhr: Wichtige Flugblattverbreitung von bekannter Stelle aus. Rcinickendorf-Ost. Morgen, Freitag, abend findet von den be- kannten Stellen aus Flugblattverbreitung statt. Röntgental-Zcperuick-Buch. Heute abend 8Vz Uhr bei Lange, Siemensstr. 16: Fortsetzung der Mitgliederversammlung. Mitglieds- buch legitimiert. ßerliner Nacbricbteth Tie Schorfhcide. Wald, Wasser, Sand, Das ist Märkers Land, Und die grüne Heide, Das ist seine Freude. So klingt es lustig aus einem alten märkischen Spruch. Die grüne Heide des Märkers ist nicht nur die weite, fast baumlose Fläche, aus der im Herbst das herrliche Purpur- feuer der Heideblume leuchtet, untermischt mit dem Immer- grün des Wacholders, der„Zypresse des Nordens". Märker nennen auch ihren Kiefernwald. das Charakteristikum der Mark, wenig wohlklingend„Heide". Die Bescheidenheit des Volksausdrucks hat einen Vorzug. Man ist angenehm über- rascht, selbst da, wo die„Heide" zur geographischen Bezeich- nung geworden ist, in prächtigem Kiefernhochwald zu wandern, dessen schwermütiger Zauber das Romantischere des Laub- Waldes kaum vermissen läßt. So ist auch die weitgedehnte Schorfheide am sagenumwobenen Werbellinsee ein prachtvoller Wald. Wo deutsche Fürsten seit Jahrhunderten ihre Hof- jagden abhielten und abhalten bis in die neueste Zeit hinein, wächst wahrlich nicht das schlechteste Kraut. Und auch das Wild fühlt sich hier, seines Schicksals unbewußt, wohl. Sind doch in der Schorfheide mehr als dreitausend Hirsche, min- destens ebenso viele Rehe und Wildschweine eingegattert, um auf das massenmordende Blei der Waidmänner zu warten. Ungerechnet die Wildfasanen, Reiher und anderes Waldgetier, das der Büchse zum Opfer fällt. Die Fürstengeschlechter, die in und an ihrer Waldheimat schon zur Markgrafenzeit heimisch waren, sind vermodert, zum größten Teil ausgestorben. Nicht die Allerbesten mögen es gewesen sein, von denen die märkische Sage erzählt, daß sie ihre Burgen im See hatten und„schlimmer und reicher als der Teufel" waren. Was sie schufen im Schlendrian ihrer lebenslusttgen Tage, davon zeugen nur noch karge Trümmer, so die Reste der Burg Grimnitz, die 1247 in der Nähe der heutigen Bahnstation Werbellinsee erbaut wurde. Auch das anmutige Joachimsthal dicht dabei, einst hochberühmt wegen seiner mächtigen Glashütte, die 1607 ein branden- burgischer Kurfürst zu einer Fürstcnschulc umbauen ließ, zu dem längst wieder aus der Waldstadt verschwundenen Joachimsthalschen Gymnasium, hat sich gewaltig geändert im Laufe der Jahrhunderte. Was heutzutage die Fürsten hier treiben und wie sie in dem Jagdschloß Hubertusstock ihre litterwochcn verleben, kann uns wenig interessieren. Das erz des schaffenden Volkes gehört der ewigen Poesie des deutschen Waldes, und wenigstens diese Liebe können und sollen ihm die Großen der Erde nicht rauben. Der Hauptreiz der Schorfheide liegt neben der leichten Möglichkeit, hier ganze Rudel von Wild zu sehen, in der glücklichen Verbindung von Wald und Wasser. Wie eine silberglänzende Schlange zieht sich der nicht breite Werbellin- see durch den mächtigen Forst. Man verläßt am besten sofort hinter der Bahnstation die genau den Windungen des Sees folgende Chaussee und wandert im Hochwald, der zahl- reiche wundervolle Ausblicke auf das Wasser bietet, besonders gegenüber der schon mit Villen durchsetzten Ortschaft Altenhof auf der anderen Seeseite. Wer den schönsten Waldteil der Schorsheide sehen will, muß über Jagdschloß Hubcrtusstock, das in seiner Einfachheit stark von dem modernen Hofprunk absticht, nach Königslinden wandern und hat dann Anschluß rechts nach Joachimsthal oder links über Forsthaus Wildfang nach Groß-Schöncbeck an der Berlin-Reinickendorfer Bahn. Abwechselungsreicher ist die Tour� von Hubertusstock über Forsthaus WUdau, wo sich die Straße zwischen den Ausläufern des Sees und prächtigen Buchenhaiuen hindurchwindet. Die vor einigen Jahren hier aus Feldsteinen erbaute„Askanierburg" ist eine lieb- haberische Imitation. Univeit von Wildau ladet Eichhorst zur seltenen Rast ein, von wo man durch den Werbellin- kanal über den ganzen See mit dem Dampfer nach der Stetttner Bahn fährt oder zu Fufi nach Station Klandorf pilgert. Mitnahme von genügenden Eß- und Trinkvorräten ist dringend zu empfehlen. In gewöhnlichen Zeiten steht der Zutritt zur Schorfheide und zum Jagdschloß dem Publikum ungehindert frei. Während der letzten Tage durften die Berliner das Hochzeitsidyll im ver- schwiegenen Walde allerdings nicht stören. Nun aber ver- säume man nicht einen Besuch in diesem weltabgeschiedenen Winkel, das so schön und selbst von Stullenpapier noch unbc- rührt ist, weil so wenige Naturfreunde den Weg zu ihm finden._ Zum Mord in Lichtenberg. Trotz aller Mühen ist es der Lichteitberger und der Berliner Kriminalpolizei bisher noch nicht gelungen, den Fensterputzer Weißenborn, der als Mörder des Fräulein Große in der Blumenthaljtraße 36 zu Lichtenberg in Frage kommt, ausfindig zu machen. Die ganze Nacht hindurck; streiften Polizeipatrouillen durch alle Gegenden Berlins, und auch alle Orte, in denen sich Weißenborn früher einmal aufgehalten hat, sind von dem Ver- schwinden des Mannes in Kenntnis gesetzt und mit seiner Photo- graphie versehen worden. Besondere Instruktionen hatten die Bahnhofspatrouillen erhalten. Es gelang aber nicht, eine greif- bare Spur von dem Mordverdächtigen �zu finden. Gestern vor- mittag meldete sich ein Tischlergeselle, der den Fensterputzer an der Ecke der Schönhauser und Lothringer Straße gesehen haben wollte. Ehe er aber dazu kam, einen Schutzmann herbeizurufen, war Weißenborn unter der Menschenmenge verschwunden. Ein anderer Mann, der Weißenborn angeblich genau kennt, will ihn in der Königstraße gesehen haben, und ein dritter meldete, daß der Mörder in der Wiener Straße sich aufgehalten habe. Auch aus dem benachbarten Biesdorf ka meine Meldung, nach dar Weißen- dorn am Dienstagabend zu Fuß durch den Ort gewandert sei. Die Polizei nahm alle diese Spuren sofort auf. Nach Lage der Dinge scheint es jedenfalls festzustehen, daß Weißenborn seine Drohung, sich das Leben zu nehmen, noch nicht wahr gemacht hat, sondern am Leben ist und sich aller Wahrscheinlichkeit nach in Berlin oder in der nächsten Umgebung verborgen hält. Dies geht schon daraus hervor, daß er so gut wie gar keine baren Geldmittel mit auf seine Flucht genommen hat. Nach den Angaben seiner Frau kann er sich höchstens im Besitz von einigen Mark befunden haben. Inzwischen ist es auch gelungen, die Motive des Mordes klar- zulegen. Der Lichtenberger Polizeikommissar Weyrauch ermittelte gestern einige Verwandte der Ermordeten, durch die er erfuhr, daß Margarete Große in der letzten Zeit sich ernstlich mit dem Gedanken trug, Weißenborn wieder loszuwerden. Die Gründe dafür lagen djuin, daß sie erfuhr, daß Weißenborn verheiratet und Vater eines Kindes sei, und daß er auch nicht Beamter, wie er sich immer ausgegeben hatte, sondern ein arbeitsscheuer Fenster- Putzer und Gelegenheitsarbeiter. Ferner geriet sie mit ihm auch wegen finanzieller Fragen in Differenzen. Er verlangte immer neue Summen, die ihm aber das Mädchen nicht geben wollte. Auch hatte er sich nach und nach in den Besitz der Schmucksachen seiner Geliebten gesetzt und weigerte sich, sie wieder herauszugeben. Margarete Große mußte ihn schließlich durch eine. Klage dazu zwingen. In der letzten Zeit kam es zwischen beiden häufig zu heftigen Auseinandersetzungen, und Weißenborn soll, wie die Ver- wandten aussagten, seine Geliebte wiederholt mit dem Tode be- droht haben: Das Mädchen war deshalb in einer ständigen Angst und mietete aus diesem Grunde ihre neue Wohnung in der Nähe ihrer Verwandten. Weißenborn, der sich offenbar in völliger Ver- zweiflung befand, machte schließlich seine Drohung wahr. Wie die Obduktion inzwischen ergeben hat, schlang er dem Mädchen die Schlinge von hinten um den Hals und zog sie so fest zu, daß es keinen Laut mehr von sich ge�n konnte. Zur Sicherheit wickelte er die Schnur dann noch dreimal um den Hals herum. Ein Kamps zwischen dem Mörder und seinem Opfer dürfte nicht stattgefunden haben, da das Mädchen aller Wahrscheinlichkeit nach sofort tot ge- Wesen ist. Weißenborn war früher Hausdiener. In den letzten Jahren wurde er wiederholt von der Polizei ausgegriffen und hat auch verschiedene Strafen verbüßt. So wurde er wegen Betruges, wegen Preßvergehens und wegen Aufreizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewalttätigkeiten verurteilt. Diese Strafen zog er sich als antisemitischer Agitator zu. Er war seinerzeit mit dem bekannten Antisemitenführer Grafen Pückler eng liiert und war in den meisten Fällen derjenige, der die Versammlungen des Grafen einberief. Wiederholt ist er in antisemitischen Ver- sammlungen auch als Redner ausgetreten, wobei er die Anwesen- den zu Gewalttäigkeiten gegen die jüdischen Staatsbürger auf- forderte. Als ihm die antisemitische Agitationsarbeit nicht mehr die genügenden Geldmittel einbrachte, wandte er sich an den Vor- stand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus und bot diesem gegen Entgelt Material über einen bekannten Antisemitenführer an. Sein Angebot wurde aber abgewiesen. Erwähnt sei noch, daß Weißenborn im Jahre 1967, als der damalige Polizeipräsident von Berlin das bekannte Redeverbot gegen den Grafen Pückler erließ, sich in einer öffentlichen Protestversammlung mit dem Thema„Der Polizeipräsident von Berlin und das Redeverbot gegen den Grafen Pückler" beschäftigte. Auch in dieser Rede machte er sich der Aufreizung zum Klassenhaß schuldig, und er wurde deshalb zu einer Geldstrafe von 56 M. oder 5 Tagen Ge- fängnis verurteilt. * Ter Mörder Weißenborn— antisemitischer Wahlmanagcr. Von durchaus zuverlässiger Seite wird der„Vosfischen Ztg." geschrieben:„Friedrich Weißenborn aus Eisleben, nach dem die Staatsanwaltschaft jetzt so eifrig sucht, war der Hauptagitator des antisemitischen Reichstagsabgeordneten Bruhn bei der letzten Reichstagswahl in Arnsberg-Friedeberg. Dieser Friedrich Weißen. born aus Eisleben hat die Oefientlichkeit 1965 beschäftigt, als er auf feiten des Grafen Pückler stand und dessen Berliner Radau- Versammlungen einberief und leitete. In Nr. 36 der„Staats- bürger-Zcitung" von 1965, die damals gegen den Grafen Pückler auftrat, wurde Weißenborn als ein bedenklicher Mann bezeichnet, der leicht die Bekanntschaft der Staatsanwaltschaft machen könne. Er dürfe keiner antisemitischen Parteiorganisation angehören. Er nenne sich mit Vorliebe Arbeiter, vermeide aber ängstlich den, der die Arbeit erfunden hat. Weißenborn machte dann auch bald Be- kanntschast mit den Strafbehörden. Er wurde zu 56 M. Geldstrafe verurteilt wogen Aufreizung von Bcvölkcrungsklasscn'zu Gewalt- tätigkeiten iPücklerradau), und kam auch ins Gefängnis wegen Betruges und Unterschlagung. Einigemal wurde er obdach. und arbeitslos von der Polizei aufgegriffen und verwarnt. Daß er trotz der schlechten Meinung der antisemitischen„Staatsbürger- Zeitung" immer noch als Herold des Antisemitismus auftreten durfte, beweist die letzte Wahlkampagne in Arnswalde-Friedeberg." « Selbstmord des Mörders- Der Lichtenberger Frauenmörder hat, wie uns noch spät abends mitgeteilt wird, die seiner Frau gegenüber geäußerte Absicht, sich das Leben zu nehmen, ivahr gemacht. Während man eifrig auf ihn fahndete, begab sich der Mörder, der gestern morgen nocki, wie wir mitteilten, an der Ecke der Schönhauser und Lothringer Straße gesehen worden war, Wohl um die Mittagszeit nach dem Hause Lottumstrahe 1. Hier fand er unbemerkt Eingang. Als nun gestern abend um 7% Uhr die Pförtnersfrau Martha Schröder das Treppenlicht anzündete, fand sie oben auf der Bodentreppe einen Mann, der sich in sitzender Stellung mit einer Schnur am Treppengeländer erhängt hatte. Sie ließ durch einen Jungen den Vorstand des 56. Polizeireviers in der Christinenstratze benachrichtigen. Ter Vorsteher erschien alsbald mit mehreren Schutzmännern, und gleich darauf kam auch ein Kriminalkommissar mit einem Beamten vom Polizeipräsidium. Man erkannte in dem Toten den gesuchten Mörder Fritz Weißen- born. Vor dem Hause sammelte sich, nachdem das bekannt geworden war, alsbald eine große Menschenmenge, die den toten Mörder sehen wollten. Sechs Schutzmänner hatten zu tun, die Menge in Schach zu halten und für Ausrechterhalwng des Verkehrs zu sorgen. Die Leiche wurde abgeschnitten und blieb einstweilen auf dem Treppenpodest liegen. Sie wurde erst später fortgeschafft. Vom Osthafeu. Die zur Verwaltung des Osthafens eingeseetzt Hafendepuiation hielt gestem ihre erste Sitzung ab. Der Stadt- baurat Krause gab an der Hand zahlreicher Pläne und Entwürfe eine eingehende Darstellung der ganzen Hafenanlage. Die Deputation beschloß, am nächsten Mittwoch eine Besichtigung des Hafens vor- zunehmen und zur Leitung des Hafenbetriebes die Stellung eines Hafendirektors zu schaffen. Ferner fand eine längere Besprechung über die aus dem Hafen noch zu treffenden inneren Einrichtungen, die einzuführenden Tarife u. dcrgl. statt; auch wurden von den Mitgliedern verschiedene Anregungen gegeben, die in der nächsten Sitzung zur Beratung kommen sollen. .. Dienstgewehr erschossen hat sich Dienstagnachmittag in der Kaserne der Grenadier Hühner- Kein von der 7. Kompagnie des 4. Garderegiments zu Futz. Was ihn zu dem Selbstmord bewogen hat, läßt sich nicht bestimmt sagen. Hühnerbein war von Beruf Kraftwagenführer. Er hatte deshalb den Wunsch geäußert, in das Kraftfahrerbataillon eingestellt zu werden- Diesem Wunsche tyar auch entsprochen worden. Aolgen der Hitze. Vom Hitzschlag getroffen wurde gestern der 54 Jahre alte Bäcker- geselle Robert Fischer, der aus Sachsen stammt und bis vor zwei Jahren hier in Berlin in der Büschingstraße arbeitete. Er brach an der Ecke der Danziger und Fröbelstraße plötzlich zusammen und ver- schied auf der Stelle. Ein Arzt konnte nur noch den-Tod feststellen. Wo sich der Verstorbene zuletzt aufgehalten' hat, weiß man nicht. Er besaß noch 60 M. und eine Uhr. Von einem Rollwagen überfahren und getötet wurde gestern mittag der 18jährige Tischlerlehrling Walter Fischer aus der Reichen- berger Straße 95. Als F. mit einem Kollegen zusammen einen Handwagen durch die Königgrätzer Straße schob, fuhr ein dahinter folgender Rollwagen in ziemlicher Schnelligkeit auf den Schiebe- wagen, wodurch dieser umgeworfen wurde. Auch die beiden Lehr- linge wurden zu Boden geschleudert. Während der eine mit leichten Verletzungen davonkam, geriet F. unter das rechte Hinterrad des Rollwagens, welches ihm den Schädel zertrümmerte. Auf der Rettungswache in der Eichhornstraße konnte der Arzt nur noch den Tod des Lehrlings feststellen. Arbeiter-Bildungsschule. Am Sonntag, den 8. Juni, findet ein Ausflug statt. Tour: Tegel, Tegeler Forst, Sandhausen-Heiligen see. Teilnehmer treffen sich bis 9Vz Uhr vormittags in Tegel im Restaurant Otto Rasum, Ecke Berliner und Hermsdorfer Straße Für Nachzügler Treffpunkt von 12 Uhr im Lokal„Heiligenieer Schweiz" in Heiligensee-Sandhausen. Mitglieder, Freunde und Gäste sehr willkommen. Deutscher Arbeiter- Jöngerbund, Gau Berlin. In der am letzten Sonntag stattgefundenen Ausschußsitzung wurden die Vereine„Ar- beiter-Gesangverein Glindow" und„Freiheit"-Werder aufgenommen, Der Vorsitzende teilte mit, daß sich auch mehrere Frauenchöre ge- bildet haben und zwar in Neukölln mit 100 Mitgliedern, Rathenow mit 70 Mitgliedern und Brandenburg mit 40 Mitgliedern. Auch in Berlin soll im Herbst in eine rege Agitation zur Bildung von Frauen- chören eingetreten werden. Sodann wurde der Bericht über die Sitzung mit dem Bozirksbildungsausschutz von Groß-Berlin gegeben. Hierbei wurde der Wunsch ausgedrückt, daß bei Neuwahl desselben auch der Vorstand des Gaues in demselben vertreten sei. Auch wurde ein Antrag angenommen, der die eventuelle Mitwirkung der Berliner Vereine bin Veranstaltungen des Bildungsausschusses in den Vororten regelt. Ferner werden die Vereine nochmals ersucht, beim Sänger fest sich recht zahlreich am Einzelgesang zu beteiligen und dem Vor sitzenden, Sgbr, Kupfer, umgehend Mitteilung zukommen zu lassen. Die im Herbst eingerichtete Chorführerschule schloß am 25. Mai ihren ersten Kursus mit einer öffentlichen Prüfung und bewies, daß sich die auf diese Einrichtung gesetzten Hoffnungen und Wünsche voll und ganz erfüllt haben. Vorort- JHadmcbtem Lichterfelde. Die Gemeindevertretersitzung beschäftigte sich vornehmlich mit den„nationalen Veranstaltungen" gelegentlich des Regierungs jubiläunrs des Kaisers. Gemeindevorsteher Schulz gab das ziemlich reichhaltige Programm bekannt, auf dem sich auch ein Männer gottesdienst, ein Elternabend(!) an einer Gemeindeschule und ein „Vaterländisches Fest" befindet, dessen Reinertrag zum Besten der Fürsorgestelle für Lungenkranke verwendet werden soll. Die Ge- meindeschulen werden mit patriotischer Lektüre versorgt; die Kosten dafür betragen nur 151 M., die genehmigt wurden. Bei der ganzen Festivität werden die ortsansässigen Veteranen mit einem, wenn auch recht kleinen Geschenk bedacht werden: sie brauchen, wenn' sie nicht mehr als 1200 M. Einkommen haben, in diesem' Jahre keine Ge- meindesteuer zahlen. Der weitere Vorschlag, bis zu einem Ein- kommen von 1500 Mark die Gemeindesteuer zu er- lassen, fand keine Gegenliebe. Der Ausfall hätte sich von zirka 700 auf 1000 M. erhöht— eine Summe, die ein so vornehmer Ort wie Lichterfelde ohne heftige Erschütterung seiner finanziellen Verhältnisse nicht entbehren kann.— Der vom Justizfiskus als dringend notwendig bezeichnete Erweite- rungsbau des Amtsgerichts kostet die Gemeinde die Summe von 223 000 M., die mit 4°/g vom Staate verzinst wird. Die Gemeinde hatte seiner Zeit bei Errichtung des Amtsgerichls die Verpflichtung übernommen gegen eine Verzinsung von 40/o nicht nur den Neu- bau, sondern auch den etwa nötig werdenden Erweiterungs- b a u auf eigene Kosten zu errichten. Inzwischen scheint man auf dem Rathaus allmählich auf den Gedanken zu kommen, daß man mit diesem Vertrage in eine arge Klemme geraten fft, man sucht daher nachträglich die Scharte etwas auszuwetzen. Es wurden mit dem{fiskus Unterhandlungen wegen des Amlsgerichlsgebäudes ge- führt— derselbe lehnte jedoch den Ankauf höflich ab. Er besteht aus seinem Schein: haben andere- sich verpflichtet, zu zahlen, dann mögen sie auch ruhig blechen. Die Angelegenheit zeigt, wie klug der Fiskus seinerzeit bei den Verhandlungen mit der Ge- meinde Lichterfelde gewesen ist und wie er seine Interessen zu wahren verstand. Leider können das die Lichterfelder von ihren „Vertretern" nicht sagen, die meist mit Hilfe von Forensenstimmen und Zwangswähleru inS Rathaus humpeln. Charlottenburg. Ueber das Unwetter am Dienstag wird uns nachträglich noch folgendes mitgeteilt: In der Nähe des Krankenhauses Westend war ein Wasserrohr gesprungen. Der Druck der in den Kanalisations- röhren sich stauenden Wassermengen war so groß, daß einige der über den Gullys sich befindenden schweren Deckel in die Höhe ge- schleudert wurden und das Wasser in mehrere Meter hohem Strahl hervoistürzte. Da ein Teil des Pflasters der Straße Spandauer Berg ziemlich mangelhaft ist und die vielen Lücken zwischen den Sieinen mit Sand oder Kies ausgefüllt sind, wurden die Straßen- bahngleise am Straßenbahnhof vollständig versandet. Der gesamte Betrieb mußte daher über eine Stunde unterbrochen werden. Die in die tiefer gelegenen Kellerräume eingedrungenen Wassermengen mußten von der Feuerwehr herausgepumpt werden. Der Friedrich- Karl-Platz stand vollständig unter Waffer, so daß die vielen Standinhaber auf dem Wochenmarkt erheblichen Schaden erlitten. Bei den Auf- räumungL- und Prüfungsarbeiten der Kanalisationsverwaltung konnte man zugleich beobachten, daß nach dem bedauerlichen Un- glücksfalle, der vier Menschenleben kostete, nun auch die nötige Vor« ficht angewandt wird. Auf einen Mangel sei noch hingewiesen, nämlich" den, daß das Befestigen der herunterzulassenden Gegenständ« recht primitiv vor sich ging, indem erst aus den Taschen der ver« schiedenen Arbeiter allerlei Bindfaden zusammengesucht �werden mußte. Namentlich das Hinunterlassen des benötigten Spiegels nahm recht viel Zeit in Anspruch. Durch Anbringen eines Ringes und Benutzung eines mit einer Sicherheitsfeder versehenen Hakens ließe sich dies wesentlich schneller erledigen. Elteruvcreio für freie Erziehung. Sonntag, den 8. d. Mtf., findet ein großer Familienausflug nach dem Grunewald statt. Treff- Punkt pünktlich 2 Uhr nachmittags vor dem Bahnhof Eichkamp, für Nachzügler zur Kaffeepause in der Eisenbahnkantine. Auch Nicht- Mitglieder und deren Kinder können an den Ausflügen teilnehmen. Weißensee. Wie unzuverlässig ei» Teil freisinniger Wahlmänner gerade im hiesigen Ort war, zeigte sich bei der Abgeordnetenwahl am Dienstag. Namentlich waren es die Herren Lehrer, die sonst in schäumendem Liberalismus schwelgen, sie stimmten bei der Stichwahl fest und treu für die Konservativen. Daß diese Herren ihr Heil beä den Kon- servativen suchten,, ist.eigentlich recht verwunderlich, in ihren Zu- sammenlünften haben sie schon des öfteren zum Ausdruck gebracht, daß sie ihre materielle Besserstellung zum größten Teil der. Sozial- demokratie verdanken. Ueberhaupt ist den Abmachungen zwischen den Parteien bierorts wenig Beachtung geschenkt worden; schon bei den Urwählerstichwahlen haben die Bürgerlichen sich gegenseitig Wahlhilfe geleistet.. Nieder- Schönhause«. Der Antrag des alten Hallsöesitzeroereins, die Zahl der Gemeinde- Vertreter zu erhöhet!, ist vom Gemeindevorstand zum dritten Male abgelehnt worden. Begründet wird die Ablehnung damit, daß die in: vorigen Jahre erfolgte Verteilung der Gemeindewahl in der dritten Abteilung aus zwei Tage den Beweis erbracht habe, daß bei dieser Einrichtung, deren Wiederholung bei allen künftigen Gemeinde- wählen feststeht, der Wahlalt sich ruhig und sicher abspielt, so daß eine Bezirkseinteilung vorderhand nicht erforderlich sei. Die Bezirks einteilung so lange wie möglich hinauszuschieben, empfehle sich aus dem Grunde, weil unter den hier obwaltenden Umständen eine Vermehrung der Zahl der Gemeindevertreter voraufgehen müßte; der Gemeindevorstand könne es nicht gutheißen, eine so wichtige Maßnahme nur deshalb vorzunehmen, um eine Bezirkseinteilung zu ermöglichen. Somit ist amtlich festgestellt, daß trotz allem Geschrei der bürgerlichen Vereine die vorjährige Sonntagswahl sich vorzüg- lich bewährt hat. Seines Amtes enthoben. Der Oberlehrer Dr. Dammann von der höheren Mädchenschule ist durch das Provinzial-Schulkollegium seines Amtes enthoben worden. Aus welchen Gründen, ist nicht bekannt. Lübars-WaidmckKnslust. Der letzte Gewitterregen hatte den hiesigen Bahnhofseingang wieder einmal unter Wasser gesetzt, eine Kalamität, die im vorigen Jahre nach Fertigstellung des Bahnhofs zum erstenmal in Er- scheinung trat. Um das nötige Höhenmaß unter der Eisenbahnbrücke zu erreichen, wurde das Niveau der Waidmannstraße unter derselben, woselbst sich auch der Eingang zum Bahnhof befindet, um zirka einen Meter tiefer gelegt. Hierdurch entstand eine Mulde. Um nun die in derselben zusammenfließenden Wassermassen abzuleiten, wurden Gullys(Abzugsschächte) angelegt, aber nicht in der Mulde, sondern außerhalb derselben. Dadurch fanden die vor dem Eingang zu- sammendrängenden Wassermassen nicht sofort Abzug, stauten sich an, und überfluteten die Bahnhofsvorhalle. Im vorigen Jahr ist sogar die freiwillige Feuerwehr in Aktion getreten, um das Waffer auszu- pumpen und die Passagiere hinein und heraus zu tragen. Trotz dieses Vorkommnisses hatte man es damals noch nicht für nötig ge- halten, den Fehler gründlich zu beseitigen.— Ob das nun geschehen wird?— Im übrigen läßt die Aufnahmefähigkeit der betreffenden Gullys auch viel zu wünschen übrig. Spandau. Aus der mangelnden Badegelegenheit, die sich bei der jetzigen heißen Jahreszeil für die arbeilende Bevölkerung in unangenehmer Weise fühlbar macht, schlägt die Stadtverwaltung noch Vorteil heraus. Zahlreiche Personen, die in den letzten Tagen einen Spaziergang durch den Stadtwald nach der Bürgerablage' gemacht hatten, um dort ein erfrischendes Bad zu nehmen, wurden von einem berittenen Polizeibeamten aufgeschrieben und zur Anzeige gebracht.- Während also Spandau, das in einigen Jahren Großstadt werden wird, jeden Bürger, der. ein Freibad nimmt, mit einem Strafmandat bedenkt, kann jeder Spandauer Steuerzahler ohne Störung auf dem an die Bürgerablage grenzenden Gelände der Dorf gemeinde Falkenhagen baden.— In der erst halbfertigen Freibadeanstalt in der Schäferstraße, die schon in Benutzung ge- nommen worden ist, herrschen recht erbauliche Zustände. In dem Frauenbad sind keine verschließbaren Ankleidezellen vorgesehen. Um diesem Mißstand abzuhelfen, benutzen die Frauen die noch nicht fertigen Klosetts und das Brausebad als Ankleideräume. Die Bassins für Nichtschwimmer sind ungleichmäßig angeschüttet und teil- weise zu flach. Die Bassins für Schwimmer sind nicht ausgebaggert und haben morastigen Grund. Deshalb find wohl auch die Sprung- breiter in Fortfall gekommen. Durch den Wegfall der Laufbretter an der Außenseite der Badeanstalt fft die Rettung Ertrinkender sehr erschwert, was sich gestern schon bei einem tödlichen Unfall erwies, dem der Bäcker Julius Wolf zum Opfer fiel. W., der sich erhitzt ins Schwimmbassin begab und anscheinend einen Herzschlag erlitt, versank plötzlich im Wasser, ohne daß eine sofortige Rettung gelang.__ Sitzungstage von Stadt-«nd Gemeindevertretungen. Lankwitz. Heute Abend S Uhr im Rathaus. Rosentlial. Heute Donnerstag, den 5. Juni, abends 6 Uhr, in der Schule Goethestraße. Dber> Schöneweide. Am Freitag, den 6. Juni, nachmittags 5 Uhr, in der Schulaula Frischenstraße. Diese Sitzungen sind»sfemlich. Jeder Gemeindeengchörige ist be- rechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. /üiis aller Wlelt. Me die Hgramr feste feiern. Große Bauernhochzeiten mit Prafferei und Schlemmerei scheinen doch nicht so vereinzelte Erscheinungen zu sein, wie die agrarische Presse darzustellen versucht. Bei einigermaßen aufmerksamer Lektüre der Provinzpresse begegnet man sehr oft Berichten über' derartige Hochzeitsfeiern. So weiß jetzt wieder die„Osnabrücker Zeitung" von einer Bauernhochzeit aus Aschendorf zu berichten, bei der der Gastgeber eine außerordentliche Freigebigkeit zeigte. Ueber 200 Gäste waren diesmal geladen, die auf einer festlich her- gerichteten Scheunendiele mit- 300 P fund Fleisch, einigen Dutzend Hühnern, zahllosen Kuchen. 600 Flaschen ein sowie großen Mengen Bier und Schnaps bewirtet wurden. Dieses Hochzeitsfest erhielt insofern noch ein siir die agrarische Kultur kennzeichnendes Gepräge, alS' zwischen den Gästen infolge des reichlichen Alkoholgenusses eine blultgeSchlägerei ausbrach, die einen solchen Umfang annahm, daß die Gendarmerie herangezogen werden mußte. Lange Messer, Steine und sonstige gefähr- liche Werlzeuge dienten den Streuenden als Waffen. Blutlachen, zerbrochene F en st e r s ch e i b e n. usw. zeigten am anderen Morgen, zu welchen Folgen übermäßige Schlemmerei führen kann. Wie würden die Blätter vom Schlage der„Deutschen Tages- zeitung" Hetzen, wenn Arbeiter sich solche Ausschreitungen zu- schulden kommen ließen!_ Schlagende Wetter. Ein schweres- Unglück hat sich Mittwoch früh auf der Eisengrube O b e r r o feb a ch bei Friedberg in Hessen zu- getragen. In einem 70 Meter tiefen Schacht verunglückten durch schlagende Wetter vier Bergleute. Trotz- dem die Rettungsarbeiten sofort aufgenommen wurden, ist es bisher nicht gelungen, die Verunglückten zu bergen. Tie nicht alle werden. Einer berühmten Kartenlegerin und Wahrsagerin hat die römische Polizei endlich das Handwerk gelegt. Es handelt sich am die in der ganzen Stadt bekannten Genoveva N i st r i. die jetzt verhaftet wurde. Nistri hatte einen ausgedehnten Kundenkreis bis in die h ö ch st e n Kreise der römischen Aristokratie. Ihr Geschäft blühte derart, daß sie sich palastartige Villen in Florenz, Rom, Pisa und umfangreichen Landbesitz zulegen konnte. In der letzten feit hatte, sie sich im wesentlichen aus die Herstellung von iebestränken geworfen, die, wie die ärztliche Untersuchung ergab, zum Teil aus giftigen Stoffen gemischt waren und deren Genuß mehreren Personen das Leben gekostet hatte. Eine Schreckensszene beim englischen Derby. Bei dem großen Derbyrennen in Epsom spielte sich am Mitt» tvoch ein trägischer Vorfall unmittelbar unter den Augen des Königs ab. In dem Augenblick, wo daZ Rennpferd des Königs eine Ecke nahm, stürzte eine weibliche Person aus der Zuschauermenge hervor und warf sich dem dahineilenden Pferde in die Zügel. Das Tier stürzte infolgedessen zu Boden und begrub den Jacken und die Angreiferin unter seine zuckenden Glieder. Während der Jockey noch lebend jedoch mit schweren Verletzungen hervorgeholt werden konnte, mutzte die Frau ihr wahnwitziges Unternehmen mit dem Tode bützen. Man nimmt allgemein an, datz es sich hier um ein neues Agitations» mittel- der Suffragetten handelt, die die Aufmerksamkeit de» Königs auf sich lenken wollten. Der Vorfall rief grotze Erregung unter den Anwesenden hervor und auch der König schien aufs höchste betroffen, Kleine Notizen. Opfer des Unwetters. Das schwere Unwetter, das am Sonntag im Taunus gewütet hat, hat auch einige Menschenleben zum Opfer gefordert. Mittwoch früh hat man in dem Waldteil zwischen dem Roten Kreuz und den Glashütten die Leichen zweier junger Männer gefunden, die durch vom Sturm gefällte Bäume er» schlagen worden sind. Leichenfund. Nachdem bereits vor einigen Tagen die Leiche deS Kapitänleutnants Jenetzki vom Flugzeug Westpreußen in der See bei Zoppot gefunden worden war, wurde heute die Leiche seines Be- gleiterS, des Maschinistenmaats Dieckmann, von einem Fischer in See treibend gefunden und geborgen. Ein typhusverseuchter Dampfer. Auf dem in Trieft eingetroffenen österreickiischen Lloyddampfer„Vorwärts" find bisher zwölf Fälle von Flecktyphus festgestellt worden. Neunzehn Personen sind an verdächtigen Fiebererscheinungen erkrankt. Familiendrama. Der Kaufmann Martin Peitzka in Potlendorf bei Wien hak seine Frau und sein 3jähriges Söhnchen erschossen und sodann sein Wohnhaus an fünf Stellen angezündet- Peitzka, der sich dann selbst erschießen wollte, dem jedoch der Selbstmord mißlang, wurde verhaftet. Fünf Soldaten am Hitzschlag gestorben. Wie wir erfahren, sind auf dem Truppenübungsplatz A r h s(Ostpreußen) vier Mann vom Infanterieregiment 148 und ein Mann vom Infanterieregiment 152 an Hitzschlag ge starben; nähere Nachrichten fehlen nocki. Automobilunfall Briands. Der frühere Ministerpräsident Briand hat Mittwochnachmittag in Pach-sur-Eure einen Auto- mobilunfall erlitten. Beim Einbiegen in eine winkelige Straße wurde sein Wagen von einem in entgegengesetzter Richtung kam» Menden Automobil der Maggi-Gesellschaft angefahren. Briand wurde aus seinem Automobil herausgeschleudert, wobei er sich die Schulter ausrenkte und sonstige leichtere Hautabschürfun- gen davontrug. Tödlicher Unfall."' In dem Etablissement der Badischen Anilin- und Sodawerke in Ludwigshafen ereignete sich am Mittwoch- vormittag schon wieder ein schwerer Unfall. Zwei Zimmerleute stürzten von einem hohen Gerüst ab; einer war auf der Stelle tot, der andere erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Jugeudveranstalttmge». Pankow- Rieder-Lchönhanfen. Die Arbeiterjugend besucht am Somttag, den 8. Juni, das Arbeiter-Sportfest w Weißensee. Treppunkt mittags VI, Uhr, Kaiser-Fried richstraße. Ecke Berliner Straße. Die Ar- beiterzugenb wird ersucht, zahlreich zu erscheinen. Antritt 20 Pf. Lieder- bücher nicht vergessen._ Verband der Friseurgehilfen Deutschlands fZweigverein Berlin und Vororte.) Donnerstag, den 5. Juni, abends Sfl, Uhr: Versammlung und Vortrag Rosenthaler Ztr. 11/12. ßriefhaften der Redaktton. Die iunstisqe Spreqftlmi-e f ludet Ltudenftrade LS, vor» vier Treppe» — Fahr st»hl—, wocheutäglich»o» bis 7V4 Uhr abends, Eonn-dendS, von bis 6 Uhr ahends statt. Jeder für de» Brieslafte» bestimmten«»frage ist ei» Buchstabe»ab eine Zahl als Mcrtjciche» betjufLgen. Briefliche Antwort wirb»ich« erteilt. Anirage», dcne» leine Avonnemenisquittung betgefügt ist, oerdeu nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der errcchstnnbc bor. — M. 20. Die angegebenen Mründe reichen u. E- zur vorzeitigen BertragSlösung nicht auS.— H. 5t. 99. Sie sind nicht haftbar.— W. S. 8. 1. Ja. 2. Die Hälfte.— B.-W. Friedelstr. Die Kündi. gung kann schon vorher übermittelt werden. 2 New.— Mehr Luft. Eine bestimmte gesetzliche Vorschrift besteht nicht. Trotzdem kann die Gc. werbeinspeltion einschreiten. Die Gewerbeinspettion für Neukölln befindet sich Hermannstr. 74.— 5t. St. Paukow. Die Berufungsfrist beträgt auch für den Staatsanwalt eine Woche. Den Termin setzt das Gericht nad) eigenem Ermessen unter Berücksichtigung der Geschäftslage fest, gj jft ratsam, eine Anfrage an das Gericht zu richten.— P. T. 59. Rein. — W. 300. 1. Sie müssen, durch cwen Rechtsanwalt Klag« aus Herausgabe des Kindes erheben 2. Zur Eidesleistung sind Sie verpflichtet eben- falls zur Angabe der Adresse Ihres Arbeitgebers.— H. R. 70.' Falls keine Kündigungsabrede getroffen ist, kann zum 1. Oktober llusqekündiat werden. Der Vermieter müßte spätestens am 3. Juli im Besitz der Kündigung sein. Wegen Umänderung des Schlosses können Sie Klaae erheben.— Johanna. 1. Der Slbzug ist nur für die beiden letzten Lobn- zahlungSperioden zulässig. Da Ihre Tochter wahrscheinlich monattich ihr Gehalt ausgezahlt erhält, also nur für die beiden letzten Moiiate 2. Leider nicht.— St. E. 8. Bis zur Vollendung des 21. Lebensjahres. BSitteruugSüberstcht vom 4. Juni lOtz. Stationen S II Ii ii ä« Swinernde. 767, NNO amburg 767 O Berlin 1 Franks. a.M München Dien 766 O 765 NO 764 SO Vetter 3 Heller 2 wollig Ahalb bd. Ibedeckt 3 Heller 1 wölken! »x «!% ml! i? Stationen SE II SE 13 a« taparando 758 SO «erSburg 7öS W Acilly Werde«, 763 I Paris �765 SO L Vetter 4 bedeckt 2 bedeckt 1 wolkig Zbeiter SRege» 765, NNO Wetterprognose für Donnerstag, den 5. Jnni 1913. mit 's? C* Ii 14 13 12 14 16 Warm und schwül, vorwiegend heiter, aber veränderlich mit etwa» Gewitterneigung und meist schwachen südöstliche» Winden Berl iner Vetterbureau. Wasserftandö-Nachrichten der Landesanstall für Gewässerkunde, mugeteilt vom Berliner Setterbureau Wasserstand Memei. Tilsit Pregel, Jnsterburg Weichsel. Tborn Oder, Raribor , Krassen Frankslirt Warthe, Schrimm , LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leittneritz Dresden „ Barbh , Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') BeeZkow Weser, Münden , Mulden Rhein, MaximilianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbrom, Main, Hanau Mosel. Trier am 3.6. ein 110 27 10 70 82 161 226 443 226 206 70 14« 54' seit 2.6. am') +6 +2 +2 +2 0 +8 —-6 -5 +8 +6 -25 +2 +6 ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—') Unterpegel. Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wi-lepp, Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckeret u. Berlagsänftalt Paul Singer u. Co-. Berlin ZA—■ ».Iiis. 30.� 3. KtilM Ks Jonirto" f etliner WlksblM. Aus der Frauenbewegung. Reform des Rebammenwefens. Im Mittelpunkt aller Mutterschutzbestrebungen muß eine den hohen wissenschaftlichen Anforderungen der Neuzeit enr» sprechende Geburtshilfe stehen, die jeder Mutter aus dem Volke vollen Schutz für Leben und Gesundheit in ihrer schweren Stunde gewährleistet. Der Staat ist an der Erzielung eines gesunden Nachwuchses seiner Bürger außerordentlich interessiert. Er verhängt harte Strafen über die, die das neugeborene Leben vernichten. Schon der bloße Versuch hierzu ist strafbar. Der Staat ist angesichts des zunehmenden Geburten- rückganges bemüht, auch der freiwilligen Geburtenbeschränkung nach Möglichkeit entgegen zu arbeiten und neue gesetzliche Handhaben dagegen zu finden. Um so mehr mutz man nach alleni von dem heutigen Staate verlangen können, daß er der von ihm übernommenen Verantwortung für die Beschaffung einer geordneten Geburtshilfe voll nachkommt. Bisher ist er gerade diesem wichtigen Gebiete der öffentlichen Gesundheits- pflege nahezu alles schuldig geblieben. Hier regiert der heilige Schlendrian und ihm werden Hekatomben von Menschen- leben geopfert. Rund 4000 Mütter sterben jährlich in Deutschland in den ersten Tagen nach j>er Entbindung, andere 4000 gehen später an den Folgen der Geburt zu Grunde. Mindestens 20 000 Frauen siechen— nach ärztlicher Schätzung— Jahr für Jahr infolge mangelhafter Pflege im Wochenbett an Frauenkrankheiten dahin und werden gebärunfähig. Die Blindheit der Neugeborenen entsteht gewöhnlich durch fahr- lässige Behandlung der eittigen Augenentzündung durch die Hebammen. Auf das Schuldkonto mangelhafter Geburtshilfe entfällt ferner ein großer Teil der zirka 4000 Totgeburten, die die deutsche Stattsük alljährlich verzeichnet. Kurz, Jammer und Elend kehren in ungezählte Familien der minder- bemittelten Volksschichten ein, weil die Geburt eines neuen Weltbürgers nicht mit der Fürsorge umgeben wird, die den Reichen ohne weiteres zu Gebote steht. Eine erstaunlich große Menge aller Geburten— 90 bis 93 Prozent— werden heute wie in alter Zeit von Hebammen geleitet. Der Staat wählt sie aus. prüft, vereidigt und stellt sie an; er unterstellt sie der Aufsicht der Kreis- und Amts- ärzte; er prüft die Hebammen nach und beruft sie, wenn sie nicht bestehen, zu Nachkursen ein. Versehen im Beruf werden mit Disziplinarstrafen, unier Umständen mit Entfernung aus dem Amte bedroht. Den Staat trifft also die volle Schwere der Verantwortung, wenn die heutige Geburtshilfe in den Augen aller Sachverständigen als völlig unzu- länglich gilt. Erst auf dem letzten internationalen Kongreß für Säuglingsschutz im September 1911 in Berlin fielen von einer Seite, deren Sachverständnis nicht bestritten werden kann, von den Hebammenlehrern Deutschlands, geradezu ver- nichtende Urteile über die Institution, der das Wohl und Wehe von Millionen Schwangeren, Gebärenden, Wöchnerinnen und Säuglingen anvertraut ist. Franqus-Gießen wies darauf hin, daß die jetzt prattizierenden Hebammen alle nur fünf bis sechs Monate ausgebildet sind.„Die Schülerinnen stammen zum allergeringsten Teile aus gebildeten Ständen, die meisten haben nur eine höchst mangelhafte Volksschulbildung; sie haben nachher fast niemals die gebührende Autorität dem Publikum gegenüber und 75 Proz. derselben nagen, ehrlich heraus gesagt, geradezu am Hungertuch. Seit Jahrzehnten rufen wir Geburtshelfer nach einer Reform des Hebammen- wesens und einer Verbesserung der Stellung der Hebammen in materieller und sozialer Beziehung. Wir haben so gut wie nichts erreicht." In der Tat, in kleinlichen Beschwichttgungsversuchen hat sich bisher die so dringend geforderte Hebammenreform des Staates erschöpft. Es wurden wohl höhere Gebührentaxen eingeführt, auch Zuschüsse für Unterstützungen an erwerbs- unfähige Hebammen bewilligt; ein Erlaß des preußischen Kultus- Ministers vom Jahre 1904 ordnete an, daß dem Hebammen- berufe nur solche Personen zuzuführen seien, welche lesen, schreiben und rechnen können. Dieser Erlaß ist damals nicht beachtet worden, die neue Gebührenordnung hat den Heb- ammen vielfach nur erbitterte Kämpfe mit knauserigen Ge- meinden gebracht; ihre Einnahmen sind sehr oft nicht ge- stiegen, sondern gesunken, weil neben den Bezirkshebammen in großer Zahl frcipraktizicrende Hebammen arbeiten, die nicht an die Taxen gebunden sind und einen wilden Konkurrenzkampf gegen" ihre Kolleginnen führen. Noch immer steht die Bezahlung der Hebammenleistungen in einem schreienden Mißverhältnis zu der Schwere des Berufs und der. Größe der Verantwortung. Daher fehlt es an einem Angebot geeigneter Kräfte, die nach ihrer Intelligenz und Vorbildung geeignet wären, die Anforderungen zu erfüllen, die die Beaufsichttgung von Schwangerschaft, Ge- burt und Wochenbett stellen. Daher muß auch jede Aus- dehnung der Hebammentätigkeit auf die Säuglingspflege vor- läufig scheitern, denn dem jetzigen ungeeigneten Hebammen- Material noch mehr Dinge beizubringen als bisher, hielten die Hebammenlehrer auf dem erwähnten Kongreß für un- möglich---- In den Parlamenten der Bundesstaaten wie im Reichs- tage werden die Regierungen in jedem Jahre an ihre Ver- pflichtung zu durchgreifenden Rcforinen auf dem Gebiet der Geburtshilfe erinnert. Vor zwölf Jahren haben die mehr als 30000 organisierten Hebammen Deutschlands um den Erlaß eines Hebammcngesctzcs beim Reichstage petttioniert. Da nichts darauf geschehen ist, erneuern sie in diesem Jahre ihr Ersuchen um reichsgesetzlichc Regelung der ganzen heillos ver- fahrenen Materie. Mit Recht betonen sie, daß nicht die Heb- ammen schuldig find, wenn sie ihren Berufsaufgaben nicht ge- wachsen sind, sondern diejenigen, welche die Auswahl, die Ausbildung und die Anstellung der Hebammen zu besorgen haben. Die Hebammen fordern eine zivei- jährige Ausbildung, wie sie im Auslände schon vielfach be- steht eine gründliche theoretische und prattische Unterweisung, die sich auch auf die Säuglingspflege zu erstrecken hat. Werden doch upim 90 Proz. aller Mütter bei der Ernährung ihrer Neugeborenen nur von Hebammen beraten und angeleitet. Die'Petition wünscht ferner Anstellung sämtlicher Hebammen wit einem Anfangsgehalt von 1200 k, das in 30jähriger Tätigkeit auf 1800 M- pro Jahr steigen soll. Außerdem wird der Erlaß eines Zwangsversicherungsgesetzes zur Sicherstellung der Hebammen gegen alle Arten von Erwerbsunfähigkeit ge- fordert. Bisher sind die Hebammen oft genug aus Not gezwungen, bis zum Versagen ihrer Kräfte tätig zu sein, was eine schwere Gefährdung der ihnen anverttauten Leben bedeutet. In einer dritten Petition wird der Erläß eines Wochenbettpflegerinnengesetzes angeregt, da die Wochen- Pflegerinnen bisher nicht zu denselben Reinlichkeits-, Vor- beugungs- und Desinfekttonsmatznahmen verpflichtet sind, wie die Hebammen. Diese Forderungen stellen nach unserer Auffassung nur das Minimum dessen dar, was zur Anbahnung einer Reform der Geburtshilfe zu geschehen hätte. Trotzdem werden sie auf absehbare Zeit kein Entgegenkonimen bei der Regierung finden. Der Präsident des kaiserlichen Gesundheitsamts Dr. Bumm hat als Kommissar des Bundesrats ani 28. Januar 1913 in der 99. Sitzung des Reichstags erklärt,„daß eine reichsgesetz- liche Regelung, die das Hebammenwesen in allen seinen Teilen gleichmäßig für ganz Deutschland gestaltet, von der über- wiegender Mehrheit der Bundesregierungen nicht für zweck- mäßig erachtet wird." Damit ist das Schicksal der Petitionen im vorhinein entschieden. Der preußische Kultusminister hat die Hebammenfrage einmal für eine Geldfrage erklärt, Sie ist es ebenso wie eine Reihe anderer wichtiger Kulturforderungen, die unerfüllt bleiben müssen, so lange die Vorbereitung des organisierten Massenmordes alle verfügbaren Mittel im Deutschen Reiche verschlingt. Das wird nicht eher anders werden, als bis die Masse des arbeitenden Volkes, bis auch die Frauen direkten Einfluß auf die Gesetzgebung gewinnen, um sie endlich zu einem Werkzeuge allgemeinen kulturellen Fortschritts zu machen. grauen f timmrecht. Eine sozialdemokratische Aktion für das Fraucnstimwrecht in der Schweiz. Im St. Galler Kanwnsrat hat die sozialdemo- kratische Fraktion folgenden Auftrag gestellt:„Der Regierungsrat wird eingeladen, die Frage zu prüfen und dem Großen Rate Be- richt und Antrag darüber vorzulegen, ob nicht das Stimm- und Wahlrecht der Niedergelassenen und Aufenthalter zu erweitern und auf die Frauen auszudehnen sei, und ob nicht zu diesem Zwecke die Artikel 39 bis 41 der kantonalen Verfassung einer Revision zu unterziehen seien." Den Antrag begründete unser Genosse Advokat Huber und er wurde grundsätzlich angenommen. Schließlich aber fand der von der Regierung gestellte Gegenantrag Annahme, nach dem die Verfassung in dem Sinne revidiert wer- den soll, daß es der Gesetzgebung übertragen werde, das passive Wahlrecht der Frauen weiter auszudehnen. Diese Fassung entspricht der Forderung des Frauenstimmrechts nach der Wahl von Frauen in die Schul-, Armen- und Kirchenbehörde. Die Initiative für die Erweiterung des Frauenstimmrechts ist auch in diesem Falle wie immer von der sozialdemokratischen Partei aus- gegangen, für die die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, kein leerer Wahn, sondern ehrlicher Ernst ist. Zur Taktik der Suffragetten. Die auch von uns auszugsweise wiedergegebene Erklärung des Vorstandes des Bundes Deutscher Frauenvereine gegen die Kampfesweise der Suffragetten hat die Entrüstung unserer bürgerlichen Frauenrechtlerinnen entfacht. Es heißt darin: .Die klug und schlau gefaßte, keine direkte Angriffsfläche bietende Erklärung kann über die tief bedauerliche Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß deutsche Frauen im Namen der gesamten deutschen Frauenbewegung englischen Schwestern in den Rücken fallen. Englischen Frauen, die durch ihre Regierung und zwar mittels Ver- letzung der Verfassung und Gesetzes zur äußersten Verzweiflung ge- trieben wurden und um ihrer Ueberzeugung willen ein Martyrium auf sich nehmen, wie wir es in modernen Kulturstaaten noch nicht erlebt haben. Und warum taten deutsche Frauen das? Um im eigenen Vaterlande der unwissenden und urteilslosen Masse zu gefallen. Aehnliche Gesinnungsdefekte werden in Parlamenten seitens der Abgeordneten mit einem dreifachen Pfui beantwortet. Auch wir haben keine andere Antwort. Diese Kundgebung bleibt ein trauriges Blatt in der Geschichte des Bundes deutscher Frauenvereine und spätere Generationen werden sich ihrer schämen, so wie die Unter- zeichneten es heute tun. Lida Gustava Heymann, Anita Augspurg." Diese künstliche Entrüstung muß um so komischer anmuten, als Anita Augspurg zu denen gehört, die ihren eigenen deutschen Schwestern die Arbeit dadurch erschwerten, daß sie einer Abschwächung der Forderung auf Einführung des ReichStagSwahlrechteS das Wort redeten. Arbeiterinnen Tchutz. Auch im letzten Jahre ist die größte Zahl der durch die Gewerbeaufsicht ermittelten Zuwiderhandlungen gegen den Arbeiterinnenschutz mcht mit Strafe belegt worden. Von 367l Anlagen, in denen Verstöße festgestellt waren, blieben 2727 oder nahezu 75 Proz. gänzlich straffrei. Nur gegen 727 Per- sonen wurden im Berichtsjahre Strafen verhängt, während 217 Strafverfahren am Schlüsse des Jahres 1912 noch schwebten. Leider sind über die Höhe der insgesamt verhängten Strafen keine zusammenfassenden Angaben gemacht, und auch die einzelnen �richte geben hierüber nur in wenigen Fällen Auskunft. So schreibt zum Beispiel der Bamte des Regie- rungsbezirks Hildesheim:„Die Zahl der ermittelten Zu- widerHandlungen gegen die Bestimmungen zum Schutze der Arbeiterinnen und die Zahl der deshalb bestraften Personen sind erheblich gestiegen. Eine Reihe leichterer Fälle blieb ohne strafrechtliche Verfolgung." In manchen Berichten fehlt jeder Nachweis darüber, ob Strafen verhängt sind. Bei der Geringfügigkeit der Strafen, die meist in keinem Verhältnis stehen zu den Vorteilen, die den Unternehmern aus der ungesetzlichen Beschäftigung der Arbeiterinnen er- wachsen, ist es kein Wunder� daß immer wieder die Vor- schritten umgangen werden. Strafen in Höhe von 3 M. und 3 M.�wurden wiederholt verhängt. So erhielt zum Beispiel eine Schneiderin, die mehrfach Arbeiterinnen unter löJahren und sogar ein Mädchen unter 14 Jahren an Sonnabenden bis 7tzs> Uhr abends beschäftigt hatte, nur 3 Mk. Geldstrafe zu- diktiert. Der Inhaber einer Waschanstalt, der seit längerer Zeit erwachsene Arbeiterinnen�Freitags bis zu 16 Stunden und Sonnabends bis zu 14 Stunden beschäftigt hatte, auch Mädchen unter 16 Jahren bis zu 12 Stunden täglich arbeiten ließ, kam mit 15 M. Geldstrafe davon. Wieviel mag der Mann durch die ungesetzliche Beschäftigung wohl verdient haben. Ebensowenig fühlbar dürfte für den Besitzer einer Stroh- Hülsenfabrik die über ihn verhängte Geldstrafe von 25 M. gewesen sein, weil er sieben Arbeiterinnen längere Zeit hin- durch über 8 Uhr abends hinaus, teilweise bis 5 Uhr früh, beschäftigt hatte. Der Beamte des Regierungsbezirks Arns- berg schreibt denn auch:„Manche Urteile erscheinen unter Berücksichtigung der vorliegendenStraftaten auffallend milde.' Es ist zu verstehen, wenn Beamte der Gewerbeaufsicht zu solcher Ansicht kommen. Zur Aufrechterhaltung der Au- torität der Gewerbeaufsicht dürften derartige milde Be- strafungen aber nicht führen. Mehrfach haben die Beamten Berufung gegen zu milde Aburteilungen oder Freisprüche eingelegt, so zum Beispiel im Regierungsbezirk Posen, wo Ziegeleibesitzer die vielfach festgestellte Längerbeschäftigung von Arbeiterinnen als zur Einholung der durch Betriebs- störung verlorenen Arbeitszeit notwendig erklärten und hier- mit Verständnis bei den Richtern fanden und freigesprochen wurden, lieber den Erfolg der Berufung lag noch keine Nach- richt vor. Verschiedentlich sind aber die Berufungsinstanzen erheb- lich über den Entscheid der ersten Instanz hinausgegangen. Schon im vorigen Jahre konnten einzelne solcher Fälle mit- geteilt werden. Im Berichtsjahre wurde im Regierungs- bezirk Oppeln durch Entscheidung des Landgerichts als Be- rufungsinstanz die minimale Strafe gegen einen Ziegelei- besitzer aufgehoben und auf 230 M. gegen diesen und 50 M. gegen den Werkmeister erkannt. Ter kontrollierende Beamte erfuhr durch einen Zufall, daß Arbeiterinnen im Ziegeleiofen beschäftigt wurden und Weisung hatten, sich bei der Kontrolle daraus zu entfernen. Diese Fälle stehen aber vereinzelt da. Die Regel bilden äußerst milde Strafen. Es ist erstaunlich, wie groß manch- mal das Entgegenkommen der Richter ist. Der Vertreter des Staatsanwalls nahm bei dem Inhaber eines großen Kon- fektions- und Putzgeschäfts, der schon zweimal wegen Uebcr- tretung der Vorschriften der Gewerbeordnung bestraft war, wiederholt Arbeiterinnen nach 5 Uhr an Sonnabenden be- schäfttgt und außerdenl gegen eine ganze Reihe anderer Be- stimmungen verstoßen hatte, an, die Straftat fei nicht vor- sätzlich begangen worden. Es erfolgte für alle Vergehen Ver- urteilung zu 60 M. Geldstrafe oder 6 Tagen Gefängnis. Dabei hatte der Beamte auf die bei Rückfällen eintretende �trafverschärfung aufmerksam gemacht. Durch derartige Beurteilung der festgestellten Ueber- tretungen, die in auffallendein Gegensatz steht zu den Straf- festsetzungen gegen streikende Arbeiter, wird die Tätigkeit der Aufsichtsbeamten natürlich nicht unterstützt, vielmehr der Er- folg der amtlichen Kontrollen ganz erheblich in Frage gestellt. Nachdem die Novelle zur Gewerbeordnung mit den neuen Vorschriften für Arbeiterinnen seit dem 1. Januar 1910 in Kraft ist, sollte wirklich angenommen werden, daß Unter- nehmer, die schon Strafen erlitten haben, nicht mehraus Unkenntnis, sondern vorsätzlich dagegen ver- stoßen. Hierfür dürften aber empfindliche Strafen ange- messen fein. Die geringe Zahl der Beamten garantiert sowieso schock einer großen Zahl Unternehmer, bei Uebertretungen nicht gefaßt zu werden, und die Abhängigkeit der unorganisierten Arbeiterinnen bildet ebenfalls keinen Hinderungsgrund. Wieweit die Furcht von Arbeiterinnen dem Unternehmer gegenüber gehen kann, lehrt ein Vorkommnis im Aufsichts- bezirk Breslau. Die Beamten, und namentlich di« Assistentinnen, denen eine Hauptarbeit bei der Durchführung des Hausarbeitsgesetzes zufällt, hatten verschiedentlich den Heimarbeitern und-arbeiterinnen Unterstützungen auf Grund des Hausarbeitsgesetzes erwirkt. Beihilfen, zu denen die Unternehmer mit herangezogen werden sollten, lehnten abep die Hausarbeiter ab, weil sie den Verlust der Arbeit be- fürchteten. Hier wird wieder einmal deutlich gezeigt, daß Wirtschaft- liche Abhängigkeit die praktische Durchführung der Sozial- gesetzgebung verhindert. Wird dieser Hinweis aber beitragen, die Arbeiterinnen zu veranlassen, sich Rückhalt und Schutz durch den Zusammenschluß mit ihren Berufsgenossinnen und -genossen zu verschaffen? Alle Versuche, die Unternehmer zur Jnnehaltung der Arbeiterschutzgesetze zu veranlassen, werden nur minimalen Erfolg haben, wenn die Arbeitexinnen nicht selbst mit Hand anlegen. Die meisten Verstöße werden in jedem Jahre in den Be- rufen festgestellt, in denen die Arbeiterinnen nur schwach organisiert sind. Bei aller Reserve, die sich die Beamten der Gewerbeaufsicht auferlegen, kommt dies doch jedesmal in ihren Berichten zum Ausdruck. Die besten Gelegenheiten für Ueber- tretungen bieten neben den Ziegeleien die Konfektions- Werkstätten. Und doch bleiben gerade die Arbeiterinnen dieser Branche gleichgültig. Der Verband der Schneider und Schneiderinnen mußte in diesem Jahre von einem Rückgang der Zahl der weiblichen Mitglieder berichten. Dies ist be- dauerlich, besonders in Rücksicht auf die schlechten Arbeits- Verhältnisse und niedrigen Akkordpreise, die gerade in der Konfektion anzutreffen sind. Wenn in späteren Berichten wieder die größte Anzahl der ermittelten Verstöße gegen den Arbeiterinnenschutz auf die Betriebe des Bekleidungsgewerbes entfallen, so haben die Arbeiterinnen es sich selbst zu- zuschreiben, die aus Interesselosigkeit die Hilfe zurückweisen, die ihnen das solidarische Zusamnienhalten der Berufs- kollegen untereinander bietet. Tagungen. Der Deutsche Bund für Mutterschutz hält vom 7.-9. Juni d. I. in Berlin seine Generalversammlung ab. Auf der Tagesordnung steht die Behandlung der Fragen:.Geburtenpolitik" und „Prostitution". Professor Silbergleit. Direktor des statistischen Amtes Berlin, und Sanitätsrat Dr. Karl Alexander-Breslau sind als Referenten für das erste Thema gewonnen worden. Zu dem zweiten Thema haben Referate zugesagt: Landgerichtsrat, früher Jugend- staatsanwalt Rupprecht-München, Pastor Kießling-Hamburg und Dr. Magnus Hirschfeld-Berlin. Im Anschluß an diese Versammlung des Deutschen Bundes für Mutlerschutz findet am 9, Juni eine Konferenz der Jnter- nationalen Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform statt. Dr. Iwan Bloch-Berlin und Frau Dr. telene Stöcker-Berlin werden über„Sexuelle Solidarität der ullurmeustbheit" sprechen. Die Vorträge finden im Architeltenhanse in Berlin W, Wilhelmstr. 92/93, am 7., 8. und 9. Juni, abends 8 Uhr. statt. Eine internationale Frauenstimmrcchts-Lersammlung wird am Freitag, den 6. Juni, abends 8h.z Uhr. in den Kammer« sälen, Teltower Str. 1—4, Ecke der Belle-Alliance-Straße, stattfinden. Sie wird veranstaltet aus Anlaß der Berliner Anwesenheit der aus- ländischen Delegierten zum Internationalen Frauenstimmrechls- Kongreß in Budapest. Mehrere Rednerinnen gehören Länder» an, die den Frauen die staatsbürgerlickie Gleichberechtigung verliehen haben: Frauen aus Kalifornien und Norwegen. | Zentralkominission R Sport und Körperpflege. WZ I I luN Sonntag:, den 8. Juni 1913, In dem Etablissement Schloß..Weißensee" .i."-(Inhaber Niemann)/.■■■ 1- Allgemeines Arbeiter- Sportfest. Konzert:: Gesang:: Festreden:: Sportliche Aufführungen der Turner, Schwimmer, Athleten, Radfahrer:: Kinderspiele, Volksbelustigungen. Mitwirkende: Arbeiter-Turnerbund, Arbeiter-Radfahrerbund„Solidarität", Deutscher Arbeiter-Sängerbund, Arbeiter- Athletenbund, Arbeiter-Schwimmerbund und der Arbeiter-Samariterbund. Einlaß 2 Uhr, Konzertbeginn 3 Uhr. = Eintritt 20 Pfennig.= In beiden Sälen Tanz. Herren, die daran teilnehmen, zahlen 50 Pf. nach. Die Kaffeeküche ist von 2—6 Uhr geöffnet(1 Liter 70, Va Liter 40 Pf.). PI 1 1 I Ausführliches Programm an der Kasse. Fahrverbindung: Linie 10, 59, 60, 61, 62, 63, 72, 73, Stadt- und Ringbahn: Station Weißensee. Um zahlreichen Besuch der Arbeiterschaft bittet Das Komitee. 286/7* 162 und Z, sowie [Ml i i I i i Ii üi Theater. Donnner Stag, S. Juni 1213. Anfcmn 7 Uhr. NeneS Opern(Kroll). Die Meister« singer von Nürnberg. Ansang Tl, Uhr. Prater. Das Bmnmelmädchen. Ansang 7'/, Ubr. Kgl. Opernhaus. Fidelio. Königl. Zchausptelhaus. Ariabne aus Naxos. Ansang 8 tlbr. Urania, lieber den Brenner nach Venedig, Leliiiig. Äli-Wien. Deutsches. Der lebende Leichnam. �ta-n inerspiele. Erdgeist. Berliner. Filmzauber. Königgrätzer Strafte. Die süns Franlsurter. Schiller O. Moral. Schillcr-Charlottenb. Hasemanns Töchter. Montis Operette». Verlachende Ehemann. Deutsches Schauspielhaus. Der Dieb. Kleines. Professor Bernhards. Deutsches Opernhaus. Die lustigen Weiber von Windsor. Komödieuhaus. Hochherrschastliche Wohnungen. Metropol. Die Kino-Königin. Thalia. Puppchen. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshalle». Stettiner Sänger. Anfang 8'/, Ubr. Friedr.- Wilh. Schauspielhaus. Da« FarMermädchen. Lustipielliauö. Der lustige Kaladu. Luisen. Die Allwördens. Rose. Krone und Fessel. Folies Capriee. Ein Pechvogel, Die Krampssache. Ansang 8'/, Ubr. NeneS Bolkstheater. König Krause, Theater am Nolleudorsplaft. Der Mann mit der grünen MaSle. Anfang 9 Ubr. Sldmiralspalast. Eisballett: Flirt m St. Moritz. '.' Sternwarte. Jnvalidenstr. S7—«2. Sedlller-Iheslero.�ea"«. Donnerstag, abends 8 Uhr: Zloral. Freitag, abends 8 Uhr: Zlvrsl. Sonnabend, abends 8 Uhr: Töchter. Schiller-Tliealer Donnerstag, abends 8 Uhr: Töchter. Freitag, abends 8 Uhr: Zum ersten Male: Tretwtlck. iSonnabend, abends 8 Uhr: Geograpftie ond tiiche. Berliner Theater. s mr: Filmzauber. 8 Uhr: Die fünf Frankfurter. TbeateramKollendorfplatz Allabendlich 8'l, Uhr: Der Mann mit der grünen Maske Deutsche» Schauspielhaus 8 Uhr: Der Dieb. Iffontis Operetten-Theater (fr. Neues Theater). Amt Norden IUI. «ommerpreise, Gastsp. Jul. Spielmann. 8 Uhr: Der lachende Ehemann. üron-Oper. 7 Uhr: DieMelsterßiigkro.Nurllberg (Gastspiel Theodor Lattermann.) Freitag: Carmen, Sonnabend: Tristan u. Isolde. Sonntag: Bajazzo und OavaUsria ruatioana. Montag: Der Postillion von Lonjumeau. IOSE=THEATE fflrojjc Franktnrter Str. 132. Ansang 8'/t Uhr. Krone und Fessel. Zluf der Gartenbühne: �.ehtiRiig! Ds geht los! Große Posse. Anfang i'l, Uhr. Passage-Panoptiknm Die 3 Schwestern Liliput die kleinst. Sohwest. der Welt. Der weltberühmte amerikanische Negerboxer Andrea Johnson bei seinem Training. A �0 Ule schwebende �8®» Junglrau! SHF' Alles lebend!' W Alles ohne Mxtra-Kntree! JHetropol-Theater. Abends 8 Uhr: Die Kino-Königin. Operette in 3 Alien von Jul. Freund und(8. Olonlowski. Musik von Jean Gilbert. In Szene gesetzt o. Dir. Rich. Schultz. ReiehLhallöB-Theater Stettiner Sänger. „Stueke's Plingstlalut Berliner Burleske von Meysel. Anfang 8 Uhr. Voigt-Theater Badstrafte 58. Donnerstag, den 5. Juni 1913: Auf nach Amerika! sens,Ges,.Burlesle i. SAtt.v.Zavpert. VoIlLtänijig neue Spezialitäten. Kasienöfsnung 2 Uhr. Ansang i'l, Uhr. rMSstZ HOCISCHER-SN :i GARTEN � TSglich: Großes Militär- Ii] Doppel-Konzert. Eintritt 1 Hark, von 6 Dlxr ab 60 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Stadt-Theater Alt-Moabit 47/48. Theater und Hpezlalltflten. Größter Schlager des Thalia-Theaters Bis früh um fünfe. Mufit von Paul Lincke. Ansang Konzert 5, der Vorstell. 6 Uhr. Kleine Preise. 1 Nene Welt I A.Scholz. Hasenheide 108-1 14 Heute Donnerstag, den S.Juni 1913: Elitetag! Konzort und Vorstellung verbunden mit M 9 Großem G Brillantfeuerwerk ausgeführt vom Pyrotechniker E. Nielandt. Anf. 5 Uhr. Entree 30 Pf. Volksgarten- Theater. Badstr. 8. Bellermannstr. 20/25. KonzeFt, Theater- n. Spe- zialitateD-VorstellDDg. In lanschiger Xacht. Lriginalposse in 2 Akten. Heute Don» erstag: Gr. Brlllant-Eenerwerk. RerllnerillK-Trio AdruNeukölln w Lahns tr.741. Äiiiiiipalspalast- Eis-Areaa Angenehm kühler Aufenthalt Allabendlich das st. erfolgreiche Eisballett Ijlrt In 8t. Horitz. Bis 6 Uhr und von KP/« Uhr halbe Kassennreise. Restanraut I Ranges. Wein- und Bier- Abteilung. ——— Berliner——- Bmor-jlnartett W. Wlltzkj vg0deri)trgerSir.36 u Abfahrt Tj, Uhr. ) hin u. zurück 2 M. Reederei Kaimt& Hertzer Äec2�: SM- Billige Extrafahrten ab; An den Sonntagen Ii- /To 8. u. 15. Juni nach-■.dipiXZ(, l... u.015.tajuni nach KraiöpeDbUrjJ Abfahrt 9 Uhr j hin und zurück u. Krampenburg— ZieyeDlialS Absahrt 2 Uhr J rr« Npiip M m h i a Abfahrt 10 Uhr. Hin und zurück TUglicltuach neue inunie Wochent. 50 Ps.. Sonntags 1 M. Ab Cafs Alsen(Schlesische Brücke) Absahrt ca.'/« Stunde später. — Dampfer sind an Vereine usw. billig zu vergeben.-MG Vren�isch-Siiddeutsche (SS8. Koulgt. Preuß.) Klassenlotterke 3. Klasse 22. Ziehungstag 4. Juni 1913 vormittag Anf jede gezagene Nummer sind zwei gleich hohe Kewiune gefallen,»nd zwar je einer auf die Lose gleicher Stummer iu de» beiden Zlbteiliinge» I>>. II. Nur die Gewinne über 240 M. sind in Klammern beigesügt. (Ohne Gewähr A. St.Ä. f. Z.)(Nachdruck verboten) 12»4 iu 48 69 202 336 418(1000) 891 989 1110 268 70 341 68 69 634 693 808 17(1000) 930 2090 62 239 59 410 68 7X2 64 801(1000) 64 944 3142 43 378 498 734(600) 72 974 4016 129(1000) 219 644(600) 57 98 774 821 69 87 635 63 aOOO) 66 81 6148 223 319 74 630 733(3000) 810 73 80 955 6170 83 367 482 676 727(1000) 999(1000) 7004 77 187 213 430 88 568 792 901 8253 89 306 76(1000) 80(3000) 876 966 9023 261 375 413 23 664 666 779 953(3000) 74 10136 73 356(1000) 476 661 77 80 732 62 73 843 11145 329 408 613 706 77 866 933 38 1 2036 205 47 68 79 90 481 876 903 32 33 1 3203 56 304 54 446 77 803 932 14064 176 385 76 94 647 64(600) 15032 137 76 89 257 469 512 6Ü2 803 1 6059 85 174(3000) 86(600) 203 396 435 691 875 905 1 7122 247 71 87 333(3000) 414 81 603 663 738 37 75 928 66 1 8004 35 80 163 497 578 635 61 78 93 761 995 1 9043 316 428 46 687 94 673(1000) 711 47 87 2O508 810 18 73(600) 974 21370 419 42(1000) 87(3000) 603(600) 38 614 800(1000) 79 946(1000) 2 2051 214 353(1000) 486 525 83 634 767 98(30001 809 25 26 931 2 3051 327 530 833 90 98 956 76 2 4090 139 205 332 457 645 805 65 2 5 461 660 69 706 810( 500) 27 995 2 6185 213 19 31 313 660 66 601 1936 59 99 860(600) 2 7020 203 333 61035 678 806 2 8124 840 800 11 78 994 2 9096 276 440 662 634 79 95 736 994(1000) 30139 361(600) 896 902 31033 385 411609 868 922 3 2272 (3000) 00 357 8 3 490(1000) 846 845 928 38 3 3164 72 205 450 981 34133 96(1000) 245 99 850 427 671 86 3 5 001 25(600) 68(IOOO) 69 125 70 74 203(3000) 418 707 48 808 688 3 8401 3 7 257 98 792 609 3 8185 213 25 60 603 615 3 8034 102 371 (3000) 668 60 657 731(3000) 974 40009 89 161 201 20(1000) 63 352 490 693 709 41158 277 475 87 593(1000) 709 811 14 47 63 80(30001 4 2077 107 294 374 680 654 79(600) 788 807 95 4 3067 80 272 356 63 658 624 30(600) 717 903 4 4 270 493 518 69 97 707 83 879 4 5055 191 438 617 4 6050(600) 73 85 212£0 376 523 303 63 4 7199 227 448 542 56 940 4 8050(500) 63 85(6001 164 250 64 928 63 65 4 9000 97 103 242 376 521 825 37 935(1000) 64 98 5 0394 668 689(30001 899 922 61065 76 167 214 39 83 331(1000) 649 760 815 23 973 76(1000) 5 2252 615 65 84 747 (500) 66 876 5 3 072 96 139(500) 298 680(IOOO) 853(3000) 98 850 6 4074 205 39 376(500) 466 76 87 633 77 690 764 5 5063 141 260 316(600) 23 471 725 59 867 6 8022 344 74 484 686 5 7 047 488 648 708 888 908 11 5 8043 79 233 611 614 24 62 70 87 5 9000 16 66 80 268 630 732 806 42 63 82 995 8 8201 8(500) 66 79 493 777 92 94 819 993 61242 464 (600) 512 741 952 63143 79 260 81 86 329 431 61(1000) 6C6 16 60 621 762 923 8 3096 374 535 76 996 6 4083 347(600) 647 646 94 995 99 6 5 017 43 334 434 686 703 47 877 6 8168 69 91 266 77 429 623 984 8 7 017 365 406 677 97 6 8162> 600) 441 646 637 711 835 72 97 966 65 69163(1000) 91 349 405 82 641 60 744 67 91 801 21 931 7 0092 214 360 463 542(3000) 69 603 U 773 835 921 71081 133 41 63 331 75(600) 494 711(600) 7 2710 71 838 955 7 3084 105 249 50 77(3000) 332 43 680 687 89 789 823 64 932 91 7 4022 38 42 62 163 243 74 461 661 87(600) 655 729 993 7 5041 47 293 312 41(500) 830 89 7 6034 143 238 461 82 644 63 806 7 7119 214 677 735 860 67 907(50 ODO) 10 78023 72 1 69 365 95 628 714 66 919 7 9 060 64 221 99 358 684 728 80 976 80036(600) 461 62(600) 90 566(1000) 67 638 768 845 951 81005 244 338(500) 404 48 657 63 695 765(600) 82168 235 67(1000) 632 630 42 837 46(3000) 930 8 3203 322(1000) 472 614 806 28 61 84102 36 54 293 99 393 482 601 603 765 61 (1000) 8 5 068 90 238 85 627 76 827 51 8 6307 544 764 901 8 7 003(1000) 208(1000) 378 448 735 889 8 6217 427 64(1000) 97 654 609 62 614 88644 66 332 676 720(600) 872(600) 846 56 74 9 0018(500) 140 56 76 417 49 85 617 54 735 46 948 01164 282 531 67 624 820 25 825(500) 63 9 2162 246 69(1000) 318 435 632 768 68 895 992 9 3092 624 694 95 780 99 954 66 72 8 4091 160 222 60 370 93 693 635 9 5 044 637(600) 634 802 68 901 96058 143(600) 269 94 336 95 468 659 80 811 8 7 041 192(600) 377 590 604 9 8047(1000) 130 460 666(1000) 79 98 907 9 9143 47 209 68 72 338 400 639 793 877(IOOO) 100034 260 61 463 96 99 637(1000) 869 68 988 1 01010 172 282 461 821 10 2237 76(600) 84 684(500) 614 744 60 923 10 3062 143 291 476 602 33 50(1000) 91 716 87 943 1 04072 136 84 216 71 370 702 45 874 1 0 6 029 112 37 206 333 655 668 726 1 06203 616 1 0 7 051(1000) 227 56 76 524 1 0 3030 147(609) 776 627 66 904 13 8000 36 810(600) 636 634 69 63 902 2. VreuMch-Suddeutsche (ZS8. Königl. Vreutz.) Klosscn!otter!- 5.«lasse 22. ZiehungStag 4. Juni 1013 Nachmittag Auf jede gezogen« Nummer sind zwei gleich Hobe G-wlnue gefallen,»nd zwar je einer auf die Lose gleicher Stummer ln den beide» Slbreilunge» I u. II. Nur die Gewinne über 240 M. find in Klammem beigesügt. (Ohne Gewähr A. St.-A. f. Z.)(Nachdruck verboten) 353 549 625 763«443 71 505 734 343 964(1000) 73 214? 443 671 616 3120 91 860 4001 23 107 459 575 630 5015 49 (500) 97 7a6 805 87(3000) 909 33 8104 67 292 420(1000) 843 7034(1000) 109 88 289 321 61 671 8140 238 640 81 9300 532 11143(3000) 414 666 74 830 1 2645(500) 86(3000) 980 13239 755 918 1 4082 160 268 625 39 1 5673 95(1000) 653 993 1 6073 167 311(1000) 807 1 7628 739 639 1 8269 446 651 641 67 1 9010 234 993 2 0484 90 703 21366 81 410 701(500) 822 2 2808 952 2 8010(600) 22 78 178 678(500) 802 995 2 4037 339 42 47 623 33(600) 25131 407 72 897 2 8365 758 942 2 7 290 422 (6000) 679 934 2 8275(10C0) 2 9068(1000) 709 832 30121 368(3000) 666 664 729 856 31405 31 775 3 2206 840 77 33048(1000) 343 486 601(1000) 34936 85290 38576 37117 641 87 3 8162 679 968 964 3 9233 66 728 40515 607 939 41072 343 64 696 42098 177 795 833 902 76 4 8037 221 684 4 4 056(1000) 89 388 684 856 922 77 45114 64 209 683 779 900 65 4 0430 519 795(500)924 4 7552 652 680 945 4 8221 419 630 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