Ur. 143. ( 5 Pfennig) MoNtltgSltUSgltite( 5 Pfennig) Hbonnements-Bcdingungcn: BJonnementä- Preis pränumerando: Lierteijährl. 330 MI, monotl. 1,10 MI, wächenllich 28 Pfg. frei inS Haus, Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt* 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen m die Posi-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2,50 Marl, für daS übrige Ausland s Marl pro Monat. Postabonnemcnts nehmen am Belgien. Dänemarl. Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, nänien, Schweden und die Schweiz. Crtdiclnt tägildj. 30. Jahrg. Die TnfertlonS'GebQlfr dckägt für die sechsgcspallene Koloncl- zeile oder deren Raum 00 Pfg., sür Wort 20 Pfg, izulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes wtitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasstellenan- geigen das erste Wort 10 Pfg,. jedes weitere Wort 5 Pfg, Worte über 15 Buch- ' in zählen für zwei Worte. Inserate r die nächste Nummer müssen bis . Uhr nachmittags in der Erpeditton abgegeben werden. Die Exveditton tjt his 7 Uhr abends geöffnet. I Telegramm- Adresse: „Soxlzlilemslt»! Rtrlin". Zentralorgan der foztaldemokratird�en Partei Deutfchlands. Redaktion: SM. 68. Linden ftraße 69. aiernsprecher: Amt Moritzplatt, Nr. 1983. Expedition: SM. 68, Lindenstraße 69. äternsprettirr: Amt Morikvloti. Nr. 1981. lleber Leiche». > Der Militarismus betreibt das roheste und brutalste aller Handwerke: Der menschliche Massenmord und weiter nichts ist sein Ziel. Aber kein Handwerk weiß sich auch so zu idealisieren und zu glorifizieren wie der�Militarismus und mit Troddeln und Klunkern in jedem Sinne zu behängen. In dieser sozusagen Vergeistigung des Grobmateriellsten steckt ein Teil der suggestiven Macht, die der Militarismus auf unaufgeklärte Massen noch immer ausübt. Wenn der junge Rekrut in zweifarbiges Tuch gewickelt wird, dann strömt selbst die fünfte Garnitur, abgeschabt, zer- rissen und geflickt, wie sie ist, etwas von den Zauberwirkungen des„heiligen Rockes" aus: das ist kein alter Nock schlechthin, längst reif, zu Fensterputzlappen zerschnitten zu werden, sondern es ist„des Königs Rock", es ist„des Kriegers Ehren- kleid", und wenn der Musketier sich bei der anmutigen Plackerei des„Nieder! Auf! Laufschritt marsch— marsch! Halt! Nieder!" auch fünfzigmal in die Pfützen des Kasernenhofes werfen muß und aus dem zweierlei Tuch einerlei Schmutzkruste geworden ist, es ist immer eine„Ehre", „des Königs Rock" zu tragen. Erhält der Soldat dann sein Mordwerkzeug ausgehändigt, so wird ihm bedeutet, daß er die Flinte lieben niüsse„wie seine Braut". Und die Fahne gar, die Fahne! Die ist nicht etwa eine Stange, an die man einen Streifen bunten Tuches genagelt hat, nein! Die ist„das Heiligtum" des Bataillons, und wenn Mäuse ihre Teile schon ein bißchen zerfressen haben, ist sie gar„der Stolz" des Re- giments, denn dann legt sie Zeugnis ab von dem Kugelregen, der in heißer Feldschlacht hindurch gegangen ist. Erwachsenen Männern weiß man einzureden, daß sie ihr Herzblut hingeben müssen, nicht für etwas Reales, für Weib und Kind, für Haus und Herd, sondern für etwas Eingebildetes: für einen Streifen bunten Tuches an einer Stange, beides für geringes Geld in jedem einschlägigen Geschäft zu haben. So lebt der Militarismus in einer Welt des schönen Scheins, und diese Welt des schönen Scheins umgibt, die Augen blendend und die Herzen wirrend, den Soldaten von der Wiege bis zum Grabe. Bis zum Grabe? Bis übers Grab hinaus! Was in einer Schlacht hingemäht wurde, wird zwar in Massen in große Erdlöcher geschüttet, ungelöschter Kalk darauf und ruhet sanft! Aber später beginnt ein Kult mit den„teuren Toten", die den„Heldentod fürs Vaterland gestorben sind. Man setzt ihnen Denksteine im Stil der Siegesallee, legt ihnen jedes Jahr Kränze aus unverwüst- lichem Blech auf den Hügel und feiert sie an Erinnerungs- tagen unter der Verschwendung von so viel Phrasen und Alkohol, daß der lebenden, der jungen Generation nach dem „Heldentod fürs Vaterland" förmlich das Wasser im Munde zusammenlaufen muß. So sentimental ist der Militarismus. Aber der Kapi- talismus, sein Duzbruder, ist minder sentimental. Er kennt nur eins: den Profit! und noch eins: den Profit! und ein drittes: den Profit! Alles andere auf der Welt kann ihm gestohlen werden. Da hat sich nun dieser Tage über die Sentimentalität des Militarismus und der Unsenttmen- talität des Kapitalismus ein Zusammenstoß zwischen beiden ergeben und zugleich eine Situation, wo das nackte Profit- interesse wi� ein kleinkalibriges Geschoß durch alle Ideologien, alle Legenden, alle Phrasen hindurchschlägt. Nämlich: nörd- lich von Metz erstreckt sich auf einer kahlen unfreundlichen Hochfläche das Schlachtfeld von St. Privat. Der Name St. Privat erinnert an einen der blutigsten und traurigsten Tage aus der Kriegsgeschichte des Jahres 187(1, denn am 18. August hat eine stümperhafte Heeresleitung beim sinn- losen Frontalangriff auf dieses Dorf das Blut der preußi- schen Garde so sinnlos verschwendet, als handelte es sich um simples Brunnenwasser. Auf diesem Leichenfeld erhebt sich deshalb Kreuz an Kreuz, Denkstein an Denkstein, und im Jahre 1899 weihte Wilhelm II. hier ein Denkmal des 1. Garderegiments ein, das einen gepanzerten Engel in der steifen Haliung eines Grenadiers zeigt.„Seinen unter dem grünen Rasen ruhenden Helden",'sagte der Kaiser in seiner Ansprache,„setzt das Regiment den Erinnerungsstein. Er steht auf diesem blutgetränkten Felde gleichsam als Wächter für alle hier gefallenen braven Soldaten beider Heere, so- wohl des französischen wie unseres. Wenn unsere Fahnen sich grüßend vor dem erzenen Standbilde neigen werden und wehmutsvoll über den Gräbern unserer lieben Kameraden rauschen, so mögen sie auch über den Gräbern unserer Gegner wehen, ihnen raunen, daß wir der tapferen Toten in weh- mutsvoller Achtung gedenken." � So sentimental ist der Militarismus. Aber der Kapi- talismus entbehrt jeder, auch jeder Sentimentalität, und dieser Kapitalismus hat entdeckt, daß im Boden der Hoch- ebene von St. Privat nicht nur die Knochen der preußischen Garde modern, sondern auch reiche Erzschätze verborgen liegen. An die Ausbeutung dieser Erzschätze will sich jetzt die Firma der Firma Stumm denken nicht„der Toten in wehmut- und Treiben auf dem Totenfelde des 18. August an. Schächte Werden durch die Massengräber hindurch getrieben, die Kreuze ttiegen auf den Schutthaufen, Hochöfen lodern. Maschinen lärmen respektlos über die Ebene, auf der jetzt die Ruhe des Friedhofs herrscht, was bei den Erdarbeiten die Hacke und Schaufel noch von den„unter dem grünen Rasen ruhenden Helden" zutage fördert, wird achtlos zerstreut, die Direktoren der Firma Stumm denken nicht„der Toten in Wehmut voller Achtung", sondern nur der Prozente, die sie aus dieser Erde herauswirtschaften wollen und statt des gepanzerten Erzengels schaut der Götze des Profits grinsend über das Blachfeld hm, auf dem die preußische Garde starb und auf dem jetzt der Kapitalismus leben wird. Man verstehe uns nicht falsch: für uns ist die Gegend, wo menschlicher Massenmord sich ausgetobt hat, keine Kult- stätte, und wenn die schaffende Arbeit ihren Pflug über solche Felder treibt, so ist gewiß nichts darüber zu sagen, denn die Lebenden und nicht die Toten haben recht. Aber wegen der abgrundtiefen Heuchelei, die sich hier enthüllt, erheben wir unsere Stimme. Durch seine Presse pflegt der Kapitalismus alle Sentimentalitäten des Militarismus initzumachen, und wenn sich Sozialdemokraten für ein Kriegerdenkmal nicht erwärmen wollen, wird ihnen flugs der Vorwurf der Vater- landslosigkeit gemacht. Hier aber ruft der Kapitalismus den„tapferen Toten" von 1879 ein barsches: Marsch! Schert Euch! zu, und die�kapitalistische Presse rührt sich nicht. Oder dach! Sie nimmt offen Partei für die Firma Stumm und gegen die„unter dem grünen Rasen ruhenden Helden". In nationalliberalen Blättern wird wie folgt plädiert: Die Firma hat mit der Erschließung der Erzlager gewartet, so lange es irgend ging, ist wohl auch, wie anzunehmen, gewillt, unter sorgfältiger Schonung der Gräber selbst an die Arbeit zu gehen und nach Möglichkeit auf den Charakter der Gegend Rücksicht zu nehmen. Freilich weiß nian, wie das so geht. Betriebe mit Tausenden von Menschen müssen aus einem Felde der Ruhe, der Erinnerung, eine Stätte des Lebens machen. Aber sie ist in einer wirtschaftlichen Zwangslage. Die übrigen Erzgruben, die ihr bisher das zum Betriebe notwendige Rohmaterial- geliefert haben, sind demnächst erschöpft/ Manche werden bereits abgeteuft. Und die Werke dürfen nicht stillstehen, wenn nicht die Arbeiter Lohn und Brot verlieren sollen. Vielleicht bietet unsere heutige Technik schon gewisse Möglichkeiten, behut- samer, von weit her unter der Erdoberfläche, an die Erze heran- zukommen. Das ist aber naturgemäß mit sehr erheblichen Mehrförderungskosten verknüpft und kann unter Um- ständen den ganzen Betrieb unrentabel, also unmöglich machen. Auch kann man hiermit nicht sicher rechnen. Also, was soll geschehen? Soll auf dem weiten Brachfelde die Ruhe der Toten ungestört bleiben? Oder soll dort die Industrie mit Lärm, Rauch und Schmutz erstehen? So wird der Romantiker die Fragen stellen. Der Volkswirt muß anders fragen: Sollen unter dem Schlachtfelde von St. Privat die Erzlager ungehoben bleiben, sollen Kinder deutscher Erde Not leiden, weil dort vor dreiund- vierzig Jahren deutsche Helden bestattet worden sind? Darf Pietät in ihrer Wirkung Lebenden zum Unheil werden? Das Interesse der Firmeninhaber darf hier nur den Ausschlag geben, so weit es mit dem der Arbeiterschaft zusammenfällt. Mit einem Verzicht der Firma auf Grund freiwilliger Entschließung oder einer Ablösung, von der geredet wird, ist die Frage nicht aus der Welt geschafft. Denn eine solche Lösung könnte den Ar- beitern die wirtschaftliche Existenz kosten. Erst wenn diese sichergestellt ist, läßt sich von einer Lösung des Pro- blemS reden. Jedenfalls dürfen die Toten nicht über die Lebenden siegen. Es steht geschrieben:„Lasset die Toten ihre Toten be- graben." Wie rührend! Wie zartfühlend! Nur um die Arbeiter handelt es sich also? Die Aktionäre der Firma Stumm streichen ihre nicht zu knappe Dividende nur widerwillig ein, denn sie lassen die Werke nur laufen, damit die Arbeiter nicht Not leiden! Auch das ist eine der abgrundtiefen Heucheleien, in denen sich der Kapitalismus so wohl gefällt, denn jeder Säugling weiß, daß sich der schöne �satz:„Darf Pietät in ihrer Wirkung Lebenden zum Unheil werden?" nicht auf die Arbeiter, sondern auf die Aktionäre erstreckt. Der Kapitalismus geht immer über Leichen. Warum sollte er hier Halt machen, wo es sich um ziemlich alte Leichen handelt?_ Sias Ist's mit der SlaHlreform? Als passende Einleitung für die Jubiläumswoche bringen „.Kreuz-" und„Deutsche Tageszeitung" Artikel, worin sie die Regierung dringend warnen,� das V.er sprechen der Thronrede zur Ausführung zu bringen und endlich eine Wahlreform vorzulegen. Die Verhältnisse im Dreiklassenhaus selbst beunruhigen die„Kreuzz." natürlich nicht weiter. Mit Recht glaubt sie, sich auf die N a t i o n a I l i b e r a l e n der- lassen zu können. Höhnisch schildert sie, in welche Zwickmühle das reaktionäre Verhalten diese Feinde des gleichen Rechts gebracht hat: die möchten das Wahlrecht demokratisieren, um den Konservativen Abbruch zu tun und würden unter einer Demokratisierung im Westen selbst an das Zenttum der- lieren. So sind sie auf den perfiden Ausweg der Beseitigung der Drittelung verfallen, von der keine andere Partei etwas wissen will. Aber, so fragt die„Kreuzzeiwng", was wird die Regierung tun. Und sie antwortet: „Wir glauben nicht, daß an den zuständigen Stellen über diese Frage schon bestimmte Beschlüsse gefaßt sind. Frühere Aeutzerungen geben aber einen Fingerzeig dafür, wie die verant- wortlichen Männer denken. Bekanntlich ist vom Regierungstische wiederholt erklärt worden, daß es zwecklos sei, dem Abgeordneten- haus eine neue Vorlage zu machen, solange dort die alten Mehrheitsverhältnisse beständen. An diesen aber ist durch die jetzigen Wahlen Wesentliches nicht geändert worden. Mag nun die Regierung einen Weg wählen, wie sie will. Nach konservativer Auffassung hat sie darin freie Hand, denn die Zu- sagederThronrede vom 20. Oktober 1908, sofern pian diese Willensbekundung überhaupt eine Zusage nennen kann, i st er- füllt durch die seinerzeit im Landtage eingebrachte Vorlage. Die Bedürfnisse des Landes begründen jedenfalls nicht die Wiederaufnahme des Experiments, das nur neuen Zwist in die bürgerlichen Parteien bringen, viel Zeit und Mühe beanspruchen wird, die besser für fruchtbarere Arbeit Verwendung fänden, das im Ausgange ungewiß und, wenn es gelingt, immer noch ein Sprung ins Dunkle bleibt. Wenn je, dann gilt hier. der Satz:(Zmeta non movere!(Die Ruhe nicht stören!) Denn in den Dingen selber ist hier keine Unruhe, der Lärm, den man hört, ist ein agitatorisches Kunstproduk t." Wir können uns allerdings keine wirksamere Aufrüttc- lung der Volksmassen denken, als diese Sätze des Junker- blattes. Der„Kreuzzeitung" sind die M a s s e n z u r u h i g! Die bisherige Wahlrechtsbewegung erscheint ihr nur als agi- tatorisches Kunstprodukt-, sie vermißt das stürmische Eingrci- fen der Massen selbst. Und früher brauchen ja auch die Junker sich keine Sorge zu machen. Denn von diesem Palament ist unter diesem Wahlrecht nie eine Aenderung zu erwarten. Die„Kreuzzeitung" weist so die entrechteten Massen selbst auf den einzigen Weg, der in's Freie führt-, auf ihre eigene Aktion a u ß e r h a l b des Parlaments. Sind erst- die Massen entschlossen, ihr Alles an die Erringung des gleichen Rechts. an die Demokratisierung Deutschlands zu setzen, kann ihre Bewegung auch von der„Kreuzzeitung" nicht mehr als agi- tatorisches Kunstprodukt abgetan werden, gibt es keine Ruhe mehr, die nicht gestört werden soll, dann, aber auch nur dann, wird die Lösung der Wahlrechtsfrage auch in Preußen er- folgen, wie sie in Oesterreich erfolgt ist und wie sie in Bel- g i e n von dem Streik der Viermalhundert- tausend— nicht durch ein Königsversprechen— zur „dringendsten Aufgabe der Gegenwart" ge- macht worden ist. patriotische Bilderbogen. Wenn Krupp, wenn die Waffen- und Munitionsfabriken, wenn der Verlag der„Leipziger Illustrierten Zeitung" und alle die anderen pattiotischen, aber noch mehr genssenen Firmen am Vaterlande verdienen wollen— im Kriegs- minister-Deutsch heißt es,„sich um das Vaterland verdient machen"—, kann man es den kleinen Patnotischen Geschäfte- machen: nicht verübeln, wenn sie einen Anteil an der Beute haben wollen. So versendet die Verlagsfirma Toussaint folgendes Zirkular an die Generalkommandos der deuschen Armee: Betrifft ein neues Uniformen- werk, das unter dem Titel: Unsere Berlin-Friedenau, im Juni 1913. Soldaten soeben erschienen ist und Goßlerstraße 9. für JnstruktionSzwecke besonders geeignet scheint. Einem Königlichen Kommando gestattet sich der gehorsamst Unterzeichnete von einem neuen Unternehmen Kenntnis zu geben, welches bestimmt ist, in weiteste Kreise Liebe und Interesse für daS deutsche Heer hineinzutragen. Zwecks weitester Verbreitung scheint in erster Linie der Weg der wichtigste zu sein, der durch die Mitwirkung der aktiven Soldaten dadurch beschritten würde, daß letztere ge- legentlich die Hefte an Angehörige in die Heimat schicken. Dort würde ein lebhaftes Interesse für das Heer aus- gelöst werden, denn unzweifelhaft werden die Hefte von Hand zu Hand wandern. Neben dieser Verbreitung eignen sich die UniformierungSbilder ganz hervorragend für JnstruktionSzwecke!— Um die Bilder für den Anschauungsunterricht recht brauchbar zu machen, sind auch Abzüge auf großen Bogen im Format 69X83 Zentimeter hergestellt worden. Auf 2 Tafeln kommt die Uniformierung des ganzen Reichs- heereS zur Darstellung. Für jede Korporalschaft resp. für jeden Beritt dürfte sich die An- schaffung der Tafeln resp. der Hefte empfehlen. Auch vollständige Exemplare, sämtliche 7 Hefte in schönem. schwarz-weiß-rotem Einbände sind zu haben.— Den Truppenteilen werden die Bücher resp. die Tafeln zu folgenden Vorzugspreisen ge- liefett: Bis 49 Hefte daS Heft zu 50 Pf.(statt SO Pf.), von 60 Stück an zu 45 Pf. Eingebundene Exemplare bis 19 Stück zu 3,80 M. (statt 4,60 M.), von 20 Stück an zu 3,60 M. Die Tafeln kosten das Stück 1,70 M. Die Lieferung erfolgt portoftei. Seine gehorsamste Bitte geht nun dahin: ein Königliches Kam- mando wolle geneigtest die Einführung dieser UniformierungSbilder für JnstrultionSzwecke in Erwägung ziehen und gestatten, daß daS beifolgende Probeheft bei den unterstellten Truppenteilen zum Umlau kommen darf. Eines Königlichen Kommandos gehorsamster Hermann Toussaint. Em solches' patriotisches Unternehmen, bei dem die Firma sicher nichts verdienen will, findet natürlich auch die Förderung der Organisation, die die Rüstungshetze zum Lebenszweck hat. des W e h r v e r e i n s. Das Kommando der Keimgarde ließ folgendes Rundschreiben an seine Ortsgruppen los: Deutscher Wehrvereiu E. B. (D. W. V.) Wir haben den Vorzug, der sehr derehrlichen Ortsgruppe ein Heft eines WerlchenS vorzulegen, welches wert erscheint, recht starke Verbreitung zu finden. Es ist sicherlich recht geeignet, den Sinn und daZ Interesse für die Dinge unserer Wehrmacht in bester Weise zu beleben. Im besonderen wird sich dieses Werkchen auch in Jugend- kreisen verbreiten lassen und Schul- wie Vereins- zwecken dienen können. Der Verlag hat den Ortsgruppen einen Vorzugspreis von 43 Pfg (statt 60 Pfg.) bei portofreier Lieferung eingeräumt. Wir glauben, daß die Hestchen im Interesse größerer Verbreitung für 50 Pfg. weitergegeben werden können. Hauptgeschäftsstelle Rud. Hering, Hauptmann a. D. P. 3. Bollständige, elegant gebundene Exemplare (schwarz- weiß- roter Leinenband) liefert die Ver« lagshandlung der Ortsgruppen zu Mk. 8.40. So wäscht eine Hand die andere: die am Militarismus interessierten Geschäftsleute können sich auf die Hllfe der organisierten Rüstungshetzer verlassen. Von dem Profit der ersteren fällt dann auch ein reichlicher Veitrag in die Kasse des Wehrvereins ab._ politische Cleberficbt Kapitalistische Opferbereitschast« Die„Köln. Ztg." fährt fort, gegen die Beschlüsse der Budgetkommission über den Wehrbeitrag Sturm zu laufen: .ES ist also nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, der Wehrbeitrag sei nach den. Vorschlägen der Kommission in der Hauptsache auf eine dünne Oberschicht zugeschnit- t e n, während nach den ursprünglichen Vorschlägen der Wehr- beitrag ein Bolksopfer werden sollte. An und für sich kann man der Ansicht sein, daß auch die gewaltigen Beiträge, die von den hohen Vermögen und Einkommen gefordert werden, von diesen zu tragen seien im Hinblick darauf, daß eS sich um eine einmalige Abgabe zu nationalen Zwecken handelt. Nach dem Charakter unseres Parlaments aber und nach der Art und Weise, wie sich die Schwierigkeiten für die Geldbeschaf- fung bei uns im Reiche mehren und häufen, ist die Befürchtung nicht unberechtigt, daß dieses Beispiel, aus den großen Einkommen und Vermögen mühelos große Summen für allgemeine Zwecke freizumachen, nicht ohne Nachfolge bleiben wird. Deshalb bleiben wir dabei, in den Vorschlägen der Kommission eine große G e- fahr für eine ruhige EntWickelung unseres Staats- und Wirtschaftslebens zu erblicken. Zum ersten Male werden hier die Grundsätze der allgemeinen Be- steuerung über den Haufen geworfen und an ihre Stelle der Versuch gesetzt, die großen Einkommen nicht mehr zu besteuern, sondern zu konfiszieren.(Huhu!) Wir sind der festen Ueberzeugung, daß die Regierung die Gefahr nicht unterschätzt, die in dieser EntWickelung liegt, und daß sie trotz aller Schwierig- leiten, in die sie sich mit der Ablehnung dieser Vorschläge begeben wird, auf einer Aenderung besteht." Man sieht, die„Köln. Ztg." zittert um das Portemonnaie der Besitzenden nicht minder wie der edle Januschauer. Bei dem Organ der Großagrarier, der„K r e u z z t g.", findet sie verständnisvolle Sympathie. Auch sie findet, daß die großen Vermögen viel zu stark herangezogen werden: .Man muß sich fiagen, ob nicht der Begriff der Steuer aufhört und der der Konfiskation beginnt, wenn auf einem Brett von einem Steuerzahler Summen von 2 Millionen und mehr beansprucht werden. Nicht alle Großkapitalisten sind durch ihren Grundbesitz oder Gewerbebetrieb an das Deutsche Reich ge- Kunden, und eS könnte doch leicht sein, daß die Herren M i l- lionäre es für zweckmäßig halten, ihren Wohnsitz nach der Schweiz oder sonst in einen Staat zu verlegen, in dem man ihnen weniger hart zu Leibe geht als im Deutschen Reich. Der Beschluß könnte deshalb Folgen haben, die nicht gerade zum Besten unserer Finanzen dienen." Also allzuviel hält auch die„Kreuzztg." nicht von dem Patriotismus der Reichen und Reichsten und deshalb kehrt sie immer�wieder zu ihrer alten Liebe zurück, zu den i n d i r e k- t en Steuern auf den Massenverbrauch. Aber damit ist es diesmal Essig. Das badische Wahlabkommen. Aus Baden wird uns geschrieben: Die Frage, ob es notwendig sei, daß bei den im Herbst stattfindenden Landtagswahlen Liberale und Sozialdemo- kraten schon im ersten Wahlgange zusammengehen, um eine klerikal-konservative Mehrheit zu verhindern, ist nach längeren Verhandlungen von den Beteiligten im verneinenden Sinne entschieden worden. Dafür hat man einen Weg gefunden, der ebensogut wie der Großblockweg zum Ziele führt, ohne dessen Nachteile für die beteiligten Parteien zu haben. Es handelt sich darum, in solchen Kreisen, in welchen die „Wackertaktik" angewandt werden kann, d. h. wo Liberale und Sozialdemokraten um den sitz ringen, zu verhindern, daß durch Zentrumsunterstützung der liberale Kandidat gleich im ersten Wahlgang siegt, so daß kein zweiter Wahlgang statt- finden muß. Es soll fetzt vereinbart werden, daß in den Wahl- kreisen Lahr-Stadt, Heidelberg-Land, Heidelberg-Eberbach, Schwetzingen und Mannheim-Land sowohl die Nafional- liberalen wie die Fortschrittler eigene Kandidaten aufftellen. Diese Kreise sind jetzt in unserem Besitz. Lahr und Heidelberg- Eb. eroberten wir 1909 in der Stichwahl gegen die National- liberalen, während wir in Heidelberg-Land und Schwetzingen die Unterstützung der Nationalliberalen und Fortschrittler er- hielten. Mannheim-Land war uns schon im ersten Wahl- gange zugefallen. Ter Kreis ist für uns durch die Ein- gemeindung einiger Orte mit Mannheim jetzt weniger sicher geworden, so daß mit einer Sfichwahl gerechnet werden muß. Das Stimmenverhältnis war in den fiinf Kreisen folgendes: Es erhielten Stimmen: Soziald. Natl. Freis. Zent.— Kons. Lahr-Stadt... 074 903- 198 Heidelberg-Land.. 2213 1320 113 1384 Heidelberg-Eberbach 1302 1309 001 953 Schwetzingen... 1975 694 643 1696 Mannheim-Land. 2544 802 383 1278 Ter zwischen Fortschrittlern und Nationalliberalen geplante Kleinblock hatte vorgesehen, daß die Nationalliberalen den Fortschrittlern die Kreise Schwetzingen und Eberbach aus- liefern sollten. Die Opposition der Nafionalliberalen in den betreffenden Kreisen und die Erkenntnis, daß die Sozial- demokraten dann im Oberlande, wo die Liberalen auf unsere Hilfe gegen das Zentrum angewiesen sind, schwerlich ge- schlössen für die Liberalen im zweiten Wahlgange an die Urne gebracht werden könnten, hat sie unseren vernünftigen Forde- rungen geneigt gemacht. Zum 21. Juni hat unser Landes- vorstand, wie bereits gemeldet, einen außerordentlichen Partei- tag nach Freiburg einberufen, der zu der Wahltaktik Stellung nehmen soll. Um die gleiche Zeit tagen Nationalliberale und die Fortschrittler zu dem gleichen Zweck. Es ist anzunehmen, daß die Tagung der drei Parteien den Vorschlägen zustimmen werden._ Tie Nationalliberalen als Hilfstruppe des Kriegsministers. Der Abg. Bassermann hat mit Unterstützung der national- liberalen Fraktion zur zweiten Lesung der Wehrvorlage einen Ab- änderungsantrag eingebracht, der die gestrichenen Kavallerieregi- menter wieder in die Wehrvorlage einfügen will. Er beantragt, statt 333 330 EskadronS zu bewilligen. ES ist nicht ausgeschlossen, daß daS Zentrum in letzter Minute noch umfällt, und daß dann die Streichung rückgängig gemacht wird. Ein militärisches Zuchthausurteil. DaS Militärstrafgesetz mit seinen barbarischen Strafen gegen Uniergebene hat wieder einmal das Lebensglück zweier Menschen vernichtet. Im Rausche hatten sich die Matrosen JakuttiS und Grötsch vom kleinen Kreuzer„Pfeil" an einem BootSmannSmaaten vergriffen. Das Marinckriegsgericht des zweiten Geschwader? in Kiel verurteilte sie deshalb„wegen militärischen Aufruhr?" und Hausfriedensbruch— die Angeklagten waren dem Maat in ein Mocbenfilm. ,f, 4. Tietvril des Menschen Aiimcht Lache« ist. Rabelais. Befinde mich effektiv in dieser patriotisch gehobenen Zeit in be- ständigem Rausch. Prinzessinnenheirat, RegierungS-Jubiläum von S. M.— allemal Grund zum Trinken, aber feste! Drum drehn sich mir unterschiedliche Dinge im Kopf. Sind auch verdammt schwer auseinanderzuhalten. Drum paß mal auf, verehrter Zeitgenosse: Hat nun der Dr. K e r r den L u c a s z einen ollen Pa-Pa-Pana- misten genannt und hat H e l d. M. d. R. und Nationalliberalinsky, das Portefeuille niedergelegt? Oder wird dem ungarischen Minister- Präsidenten Befähigung zum kgl. preußischen Lotteriekollekte ur ab- gestritten? Oder hat Desh von Heids Reichstagsmandat einen unlauteren Gebrauch gemacht und ist deshalb zu 130 M. Geldstrafe verurteilt worden? Weiß nur eins: Faule Kiste! Faule Kiste! Würde mich bedanken, dem einen wie andern Hand zu reichen und bin nun vollends im Zweifel, wie geistreiche Frage einer Berliner Zeitschrift zu beantworten:„Wer ist der dümmste und korrupteste Mensch?" Also wie war das, verehrter Zeitgenosse, hat L u c a s z... oder Held... mir brummt der Schädel zu�schr.'n Kognak her! Habe mich übrigens riesig gestellt, wie Sic, lieber„Vorwärts". neulich den Dicken mit der Kognakmarke reingelegt haben. Teutschritter Oertel— famos! famoS! Habe aus Vertrauens- würdiger Quelle gehört, daß furchtbare Toberei war über den Tr. phil., der das KuckuckSei in„Deutsche Tageszeitung" gelegt und dann über Oberleutnant Mar O c h l c r. der ekelhaft offenherziger Kerl sein muh. Hat aber recht in Beurteilung des Deutschritter- ordens— darum hat Oertel auch fein mäuschenstill geschwiegen. Guter Reinfall.— Habe allerdings mit Wohlgefallen bemerkt, daß„Deutsche Tageszeitung" wie auch sonst patriotische Blätter das Festspiel Ger- hart Hauptmanns in Breslau bös verhohnepiepelt haben. Ist ja auch höherer Skandal, daß Mann, der Ilmsturzdrama, wie „Weber", zu schreiben sich nicht entblödet hat. die heiligsten Personen unserer preußischen Nationalgeschichte betasten darf. Geschieht den Auftraggebern schon ganz recht, daß Hauptmann statt Blüchern Napoleon zum Haupthahn der Sache gemacht hat. Unpatriotisch! Pfui Deubel! Nur macht leider„Deutsche Tageszeitung" auch in Napoleon-Berherrlichung. Habe auf stillem Oertchen, wo ich immer Oertels Blatt lese, folgende Anzeige herausgerissen: ----- Monumental-Ausgabe------ von Armand Dayot deutsch von 0. Maxsohall von Bieberstein in Halbpergament vornehm gebund. Slk, 80,— Gegen monatliche Baten von 91k. it. franko liefert an«olvente Besteller Qregorlus-Buchhandlung G. ro. b. H., Cöln, Salierring 57. Monumentalausgabe nicht von Friedrich Wilhelm III. oder von unserer Luise oder von Blücher(der mit Recht nirgends mehr Marschall Vorwärts genannt wird— erinnert zu sehr an Sozial» demokratiel), sondern von Napoleon III Noch dazu Monumental- ausgäbe! Noch dazu aus dem Französischen! Noch dazu gegen Ratenzahlung, damit jeder notleidende Agrarier sich's anschaffen kann! Kolossal, lieber Oe r t e l, monumental! Aber stimmt schon, was Sie mir zuzwinkern: Geld riecht nicht! Ausfall der Landtagswahlen doch nicht so ganz befriedigend. Zehn Rote— sind zehn zuviell Aber Gott sei Tank, ist ja Polizei- wache zum RauSschmeißen immer in der Nähe. Auf jeden Fall lassen wir nicht rütteln an Landtagswahlrecht— jetzt und immer- dar. Irgend so'n Fritze von gelehrtem Mixturenmischer hat übri- gens ein neues Element erfunden, daß preußischem Landtogswahl- recht fabelhaft ähnlich sieht. Habe darüber folgendes gelesen: „Tie Eigenschaften des neuen Elements sind recht sonderbare. ES gehört jedenfalls zu d e n t r ä g st e n S t o f f e n. die der Wissen. schaft bisher bekannt geworden sind. Es kann mehrere Wochen über Quecksilber gehalten werden, ohne die mindeste Veränderung oder Verminderung zu erfahren. Es bleibt unverändert, wenn es mit Sauerstoff oder Phosphor im elektrischen Funken zur Beruh- rung gebracht wird. Es kann durch Röhren mit rotglühendem Äupfcroxtid und dann über Kalium geleitet werden, ohne aufgesaugt zu werden. Ebenso unempfindlich ist eS gegen metallisches Natrium." Stimmt doch aufs Haar auf Preußenwahlrecht: trägste Materie— KönigSwort= Regierungsvorlage— Sturm der Lokal gefolgt— zu 5 Jahren 1 Monat bezw. 5 Jahren 2 Wochen Zuchthaus. Der Alkoholexzeß der beiden Matrosen ist gewiß zu verurteilen. Die Strafe steht aber doch in keinem Verhältnis zu dem Vergehen. zumal wenn man bedenkt, wie milde Vorgesetzte bestraft werden, die in nüchternem Zustande und mit voller Ueberlegung Unter» gebene in der brutalsten Weise mißhandeln. Du Schurkerei vollendet , Wie uns aus Alexandria telegraphisch mitgeteilt wird, ist Genosse A d a m o w i t s ch. Redakteur des Organs der russischen Handelsflotte„Morjak" auf einem russischen schiff nach Odessa transportiert worden. Ungeachtet der ener- gischen Proteste der englischen Arbeiterklasse, deren Vertreter im Parlament den Minister interpellierten, hat die englische Regierung, die tatsächliche Beherrscherin Aegyptens, die schmähliche Auslieferung eines russischen Arbeiterführers an die russischen Henker nicht verhindert. Während sie noch vor wenigen Jahren die Auslieferung der nach Aegypten geflüch- teten Jüngtürken an den Sultan verweigerte, hielt sie nun die Herausgabe eines gewerkschaftlichen Organs für die russi- scheu Seeleute für ausreichend, um den Genossen Adamo- witsch der Willkür der Zarenschergen auszuliefern. Sir Edward Grey berief sich in seiner Antwort auf die Rede des Genossen Macdonald auf die Kapitulationen, die angeblich die russischen Behörden zu ihrem Vorgehen berechtigen. Das ändert aber nichts an der Taffache, daß die englische Regie- rung in dieser Angelegenheit die Rolle eines Pontius Pilatus gespielt, und die Ehre der englischen Flagge, die politischen Flüchtlingen stets schütz gewährt, um des freund- lichen Lächelns der schurkischen Zarenregierung willen preis- gegeben hat. Ein Teil dieser Schmach fällt auch auf die deutsche Regierung, deren Konsul, wie Grey im eng. fischen Parlament erklärte, bei der Verhaftung Adamowitschs mit dem russischen Konsul zusammenwirkte, anstatt jenen als den Inhaber eines deutschen Passes, vor den russischen Schergen zu schützen. Ihm ist es auch zu verdanken, daß bei dem Verhasteten sofort eine Haussuchung vorgenommen und das gesamte Material der Redaktion an den russischen Konsul ausgeliefert wurde. Dieses Material ist. wie der russische Konsul auf eine Anfrage erklärt hat, bereits nach Odessa geschickt und dürste voraussichtlich als Unterlage für weitere Haussuchungen und Ver- Haftungen unter den Angestellten der russischen Handels- flotte benutzt werden. Mit Genugtuung können die Agenten der Regierungen nun auf ihr blutiges Werk zurückblicken. Tie Arbeiterklasse jedock, schöpft aus diesen Vorgängen erneut die Erkenntnis, daß die Regierungen der kapitalisfischen Staaten trotz aller inneren Gegensätze und Spannungen ge- treulich zusammenhalten, sobald es gilt, der Arbeiterbewegung einen Schlag zu versetzen und der internafionalen Reaktion zum Siege zu verhelfen._ Tisza und die ungarische Oppofiffo«. Budapest, 8. Juni.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Der Nachfolger des Panamisten Lukacz, der gleichwertige Gewafimensch Tisza, hat schon sein Re- gierungsprogramm bekanntgegeben: Er will angeblich den Frieden mit der Opposition suchen: sogar manches Opfer möchte er für den Friedensschluß bringen. Aber wenn der Frieden nicht zustande käme, dann wolle er ein Gesetz ein- bringen, wonach Abgeordnete, die sich trotz Aufforderung des Präsidenten den parlamentarischen Arbeiten fernhafien, ihres Mandats verlustig erklärt und auch bei künftigen Wahlen nicht wiedergewählt werden können.— So wäre die Opposition dann mit einem Male tot. Die Schwierigkeiten des friedensprotokolls. L-ado«, 7. Juni. Wie das Reutersche Bureau erfährt, dauerte die Konferenz der FriedeaSdelegierten im St. James-Palast lange Zeit, führte aber zu keinem Beschluß. Eine ausgedehnte Diskussion entspann sich über die Artikel deS Pro- wkolls. Dabei erklärte der serbische Delegierte Pawlowitsch, daß mehrere der Hauptpunkte, über die beschlossen werden sollte, in Uebereinstimmung mit den Bestimmungen dcS Präliminarvertrages der Regelung durch besonderes Uebereinkommen zwischen den Kriegführenden vorbehalten werden müßten, und daß sie demgemäß keinen Teil des Zusatzprotokolls bilden könnten. Pawlowitsch schlug darauf vor, daß das Protokoll in einem einzigen Artikel abgefaßt würde, der den interessierten Regierungen die Regelung der ge- Canaille— es bleibt unverändert, und mit GotteS Hilfe wird'S weiter so bleiben I. Zumal andere Dinge in Preußen bedrohlich stimmen. Wen» schon Bürgermeister von kgl. Residenzstädten die Geburt strammer Jungen in sozialdemokratischer Presse bekannt machen, wohin soll das führen? Hoffentlich wird Bethmann-Hollweg i tempo einschreiten und dem Herrn kategorisch die fernere Produktion stram- mer Jungen oder zum mindesten die Mitteilung davon in roten Blättern untersagen. Aber wan� soll die kleinen Sünder nicht hängen und die großen laufen lassen. Herr Dr. Scholz ist nur ein kleiner Sünder, aber der Landrat P a u l y von Allenstein ist ein großer: Hat dieser Herr effektiv an die Gastwirte seines Kreises ein Rundschreiben losgelassen, in dem es heißt, in letzter Zeit sei immer mehr daS Bedürfnis hervorgetreten, daß von den Gast» Wirten eine größere Auswahl an alkoholfreien Getränken wie bisher vorrätig gehalten werde, und das fortfährt: Um in dieser Angelegenheit die Gastwirte zu unterstützen und sie in ihrem Veroienp nicht zu schädigen, vielmehr diesen in gleicher Höhe wie bisher zu halten und eventuell noch zu erhöhen, habe ich nähere Erkundigungen über den Einkauf, die Zubereitung und Verabfolgung verschiedener alkoholfreier Ge- tränke eingezogen und bringe folgende in Vorschlag: 1. A b st i n e n t e n g r o g(1 Liter Saft 1.40 M.. Zuberel- tung mit Wasser, heiß, warm oder kalt, ohne weiteren Zu ms von Zucker pp.; 0# Glas 10 Pf.. 0,3 Glas 15 Pf.). 2. Lenzgrog(1 Liter Saft 1,20 M.. Zubereitung uno Verkaufspreis wie vor.). 3. K a i s e r p u n s ch(1 Liter 1 M.. Zubereitung und«er» kaufSpreiS wie vor.). 4. B r a n d u n g(100 Flaschen 7 M.. Verkauf pro Fwj-Y« Unglaublich, daß preußischer Landrat so etwaS kann! Mann mutz sofort eliminiert werden! Denn Pei«chnaps ist der Grundpfeiler der sittlichen Weltordnung, die Abstmenz ist aller Revolution Anfang. Schnaps macht zufrieden. Abstinenz macht unzufrieden. Ohne Schnaps kein Patriotismus, ohne SchnapS keine konservativen Wahlen, ohne Schnap» kern« Kriegs- stimmung. Wenn Disziplin die Mutter, so ist SchnapS Vater der Siege. Ein Landrat, der an der Schnapsflasche rüttelt, rüttelt an den Säulen des preußischen Staates. Fort mit ihm. � Weroe mich diesenthalben bemühen. Und schnell noch nen Kognak her! Prost! Der konservative August. Selbstmordchronik. Unheilbare Krankheit hat den 47 Jahre alten ÄrdeitKinbaliden Paul Redler aus der Neuen Hochstr. 28 zum Selbstmord der-. anlaßt. Redler lebte von einer Invalidenrente und einer Armen- Unterstützung. Er war schon lange lungenkrank, zuletzt so schwer, daß er sich/, Uhr. Sönigl. Ichaufpielhaus. Die Ouitzows. Ansang 8 Mr. Urania. Ueber den Brenner nach Venedig. Kgl. Opernhaus. DaS Rheingold. Neues Opern(Kroll). Der fliegende Holländer. Lefniig. Alt-Wien. Deutsches. Der lebende Leichnam. Kammerspiele. Der Arzt am Scheidewege. Berliner. Filmzauber. Königgrätzer Strafte. Die füns Frankfurter. Schiller O. Hasemanns Töchter. Schiller-Charlotteub. Moral Montis Operetten. Der lachende Ehemann. Deutsches Schauspielhaus. Der Dieb. Kleines. Prosessor Bernharbi. Deutsches Opernhaus. Königin von Saba Koniödieuhaus. Hochherrschaftliche Wohnungen. Metropol. Di- Kino-Königi«. Thalia. Puppchen. Wintergarren. Spezialitäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Anfang 8>/. Uhr. Friede.- Wild. Schauspielhans. Das Farmermädchen. LnstspicldauS. Der lustige Kakadu. Luisen. Die Allwördens. Rose. Der Traum ein Leben. Folies Caprice. Ein Pechvogel. Die Zkrampssache. Anfang S>/, Ubr. Neues Volkstheater. Ernst sein. Theater am Nolleudorsplay. Der Mann mit der grünen Maske. Ansang 9 Ubr. Admiralspalast. Eisballett: Flirt in St. Moritz. » �» Sternwarte, Invaliden str. 57—62. RerllnerHIH-Trlc A.dr.: Neukölln Lahnstr.TlI. Bflüfßitetfflffea Wanderkarten hält stets vorrätig Buchhandlung vorwärts Lindenftr. 59(Laden) �btianlilllligön unij Vottlägs zur sozialistischen Bildung.> Herausgegeben 248/19* von llax Grnnwnld. Heft 6- Seiler t Von Conrad Haenisch. Preis 40 Pf. Vornehme Herren Kleidung fertig und nach Maß erhalten Sie in der modernen Mass- Schneiderei J. Kurzben Gegründet 1898 mit ähnlich lautenden Finnen nicht zu Terwechseln Jtuf Wunsch Wochenrat» Rosenthaler Strasse 36 1. Etage, Frankfurter Allee 104 Koke Friedensfcrasse, Reinickendorfer Str. 4 Weddiagplati. Honcbester- Anzüge Marko Gambrinns. 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Warum sie diese Vorgänge zusammen nur immer unter dem Sammelnamen„Wahl" bezeichnen! Die meisten haben doch gerade keine Wahl, dafür aber, um das Sprichwort ganz Lügen zu strafen, die Qual! Der preußische Wähler kommt mir immer so vor wie eine preußische Prinzessin: beide dürfen bekanntlich— dem Zug ihres Herzens folgen! Und warum soll der gemeine Bürger größere Rechte haben als die Angehörigen der Dhnastie? Na also! Daß dies Gefühl auch in den Kreisen der Gutgesinnten um sich greift, zeigt folgende Zuschrift: „Wir haben also wieder einmal„gewählt"! Es war sehr schwierig und ebenso langwierig, ein Geschäft, das eigentlich nur der fehlerfrei vollziehen kann, der mehrere Jahre seines Lebens auf dessen Studium verwendet hat. Ich wenigstens habe mich an den drei Wahltagen, an denen ich mich betätigen sollte, schrecklich blamiert. Ewig wird mir das Hohngelächter des wohlgenährten Wahlvorstandes� in den Ohren gellen, als ich versehentlich in der ersten Klasse wählen wollte. Der Bauch dieses vergnüglichen Herrn hüpfte hinter seiner weißen Weste wie ein scheugcwordener Kinder- ballon; er schlug sich ein Dutzend Mal schallend auf die Schenkel und prustete mit dem letzten Atemvorrat:„Ausgezeichnet! Erste Klasse! Mit dem Steuersatz!" Es war ein vorzüglicher Vertreter des reichen Bürgertums, und die Ungeniertheit, mit der er mich meines geringen Einkommens wegen auslachte, war ein schöner Beweis für die Sicherheit, die einem ein ansehnliches Bankkonto gibt. Ich sailich mich beschämt davon, mit dem Schwur, erst dann wieder mich an den preußischen Landtagswahlen zu beteiligen, wenn es mir gelungen Ware, im Berliner Westen wenigstens in die zweite Klasse gekommen zu sein. Dann aber kann die dritte, die Minister. klasse, sehen, wie ich mich auf die Schenkel schlage und hohnlache, etnet licy in eine �jöfjcte S�Tcxffc berittt. Aber wie lange wird das dauern? Ich bin prononciert nationalliberal und möchte mich am politischen Leben beteiligen, ohne mit meiner staat»erhaltenden stimme jedesmal in der roten oder rötlichen Flut zu ertrinken. Mehrheit ist Unsinn! Gewiß, aber wenn wir Gutgesinnten sie erlangen könnten, läge das gute Wort: Volkes Stimme, Gottes stimme! sehr nahe. Da mir nun daran liegt, daß unser vornehm-ruhiges Abgeordnetenhaus nicht noch mehr diesem unheilvollen Reichstag gliche(denn auch das wohlerwogene Dreiklassenwahlcecht hat sich wlcht als durchaus zuverlässiger Tamm erwiesen: siehe die Niederlage gut-konservativer Männer!) habe ich einige Vorschläge ausgearbeitet, die ich hiermit der Oeffentlich- �eit unterbreite, da ich der Ansicht bin, mit ihnen sei dem Staats- Wohl und dem berechtigten Ehrgeiz des tüchtigen preußischen Be- «nntentums gleichermaßen gedient. Vorausschicken möchte ich, daß sich diese meine Vorschläge durch- wus im Einklang mit den Entschließungen des Nationalliberalen Parteitags in Hannover befinden, wo das männliche Wort ge- fprochcn wurde-„Die nationalliberale Partei ist sich in der Wahl- rechtsfrage nicht einig. Es ist unmöglich, auf diesem Parteitag uber�die gorm des Wahlrechts einen einmütigen oder auch nur mit überwiegender Mehrheit gefaßten Beschluß zu erreichen." Auf dieser festen Grundlage aufbauend komme ich zu den zwei folgen- den Vorschlägen, die für meinen Teil meine bescheidene Beisteuer zum Regierungsjubiläum unseres allverehrten Kaisers sind(mein freiwilliger Beitrag zur Wehrsteuer bestand in der Gewinnbe- reiligung des Reiches am Reinertrag meiner Doktorarbeit:„Die Dachrinne im Lichte des Bürgerlichen Gesetzbuches"). Mein erster Vorschlag wird jedem einleuchten: So, wie jetzt der geringste Einkommensbetrag, der zum Eintritt in eine Wähler- klasse berechtigt, festgelegt wird, so soll in Zukunft auch der höchste bestimmt werden und denjenigen, die darüberhinaus noch Ein- kommen haben, soll das Recht zugestanoen werden, dies an minder. bemittelte Gesinnungsgenossen zu verteilen, natürlich nur zum Zweck, in eine höhere Wählerklasse aufzurücken, nicht tatsächlich. Wenn mann nun dazuhin bestimmt, daß in jeder Klasse nur eine bestimmte Anzahl von Personen wählen dürfen und dabei natürlich erst die mit einem größeren Einkommen berücksichtigt werden, so muß es zweifelsohne gelingen, das Proletariat auch aus der dritten Klasse zu entfernen, ohne daß man das Wahlrecht tatsächlich zu ändern braucht. Die reichen Parteifreunde ver- teilen ihren Ueberfluß auf die Parteifreunde in der dritten Klaffe, so daß diese vor die Umstürzler zu stehen kommen, und mit einem Schlage ist die rote Gefahr besiegt. Das ist ein so einfaches Verfahren, daß man sich wundern muß, daß ein so kluger und gerechter Mann, wie Herr von Dallwitz, noch nicht darauf gekommen ist. Die Aiifhebung des Wahlrechts wäre ja vielleicht noch einfacher, aber es muß liberaler Grundsatz bleiben: Das Volk soll Rechte haben. Ter zweite Vorschlag, der mir, als einem königstreuen Be- amten besonders am Herzen liegt und der lediglich die Tradition der preußischen Monarchie weitcrbaut, ist der: man nehme unter die Dienstauszeichnungen, mit denen der König seine getreuen Diener auszeichnet, auch die Versetzung in die nächsthöhere Wäh- lerklasse aus. Das läßt sich mit den Rangklassen aufs einfachste verbinden. Gerade der Rlangel eines höheren Einkommens, wie er in dem Ehrencharakter der Beamtenlaufbahn liegt, würde ficht- lich nicht mehr bitter empfunden, wenn einem wenigstens das Stimmrecht eines höheren Einkommens verliehen würde. Das wäre vielleicht so einzuführen, daß verdienten Rechnungsräten nicht mehr der Rote Adlerorden vierter Klasse mit der Zahl Fünfzig, sondern mit dem Stimmrecht zweiter Klasse verliehen würde. Da- mit würde überhaupt der Charakter des Wahlrechts als einer Aus- zeichnung mehr hervortreten und ohne auf die Gesinnung des Be- amten einen Druck auszuüben, wäre doch eine Gewähr gegeben, daß kein« das kaiserliche Gnadengeschenk in vaterlandsloser Art und Weise mißbraucht. Natürlich müßte auch ein amtlicher Ehren- gerichtshof eingesetzt werden, der einen Unwürdigen in eine nie- derere Klasse versetzen kann, was aber nie geschehen dürfte, weil dieser selbst einer unerfreulichen politischen Gesinnung huldigt, sondern nur, weil er einen Kandidaten von ebensolcher Gesinnung mit seiner Stimme unterstützt. Ich habe bereits unter meinen Kollegen einen Verein zur Reform des Wahlrechts auf Grund dieser Vorschläge gegründet, dessen Ehrenmitglied Herr von Brandenstein ist. Unser Kollege Duckdich hat folgendes Vereinslied gedichtet, das nach einem be- liebten Couplet gesungen wird und dessen erster Vers folgender- maßen lautet: Und dienst Du so manniges Jährchen. Und machst Du den Rücken schön krumm, Dann wird zur Wahrheit das Märchen, Dann wählst Du mit Gwinner und Stumm. Und machtens mit Hirn diese beiden, So ersaßest Du's mit dem Popo, Das bemerkte Dein König mit Freuden, Drum gab er Dir auch den Ro- ten Adler und die erste Klaff', Du schreist Hurra! und jubelst baß: In d«e erste Klasse laßt unS gehn, In der ersten Klaffe ist es schön, In der ersten Klasse so allein Läßt sich's prächtig staatserhaltend sein! Karl Pauli. Die Kunft des Duldigens* Die bürgerlichen Zeitungen melden, daß sich unter den Gratu« lanten zum Regierungsjubiläum des Kaiser? auch die technischen Hochschulen befinden werden. Der Sprecher dieser Gratulanten wird in einer kurzen Rede dem Kaiser die Mitteilung machen, daß sämtliche elf technischen Hochschulen in Deutschland ihn zum Dr. iuA. bouoris causa ernannt haben.— Man geht in der Annahme wohl schwerlich fehl, daß diese Huldigung dein oft bekundeten technischen Interesse des Kaisers gilt: Unseres Wissens aber hat sich dieses technische Interesse niemals zu einer technischen Tat oder zu einer technischen wissen- schaftlicheu Leistung verdichtet. Wenn darum eine einzelne angesehene technische Hochschule den Kaiser zum Ehrendoktor ernannt hätte, würde nach den Begriffen eines schlichten geistigen Arbeiters sein technisches Interesse schon sehr stark honoriert sein. Mit so schwächlichen Huldigungen aber kommt man im modernen Deutschland offenbar nicht aus. Die Masse muß es bringen- Der Monarch wird von den loyalen Gratulanten gleich zum Massen- ehrendoktor sämtlicher technischen Hochschulen ernannt. Die Kunst deS Huldigens beginnt recht massive Formen anzunehmen.— So wenig nun die dynastischen Gefühle der technischen Hochschulen uns andere zu kümmern brauchen, so sehr ist der Vorgang doch als ein Symptom des modernen deutschen Lebens interessant. Wie hier der Ehrendoktor verstärkt werden soll, indem er mechanisch mit elf multipliziert wird, so beherrscht eine rein mechanische Auffassung das öffentliche Leben Deutschlands. Wie sichert man am besten sein Vaterland?— Durch freiheit- liche Reformen? Durch eine gesunde Emporentwickelung des Volkes? Durch die Anhänglichkeit des fteien Mannes an das Land seiner Geburt? Gott bewahre! Man trommelt immer neue Soldatenmassen zusammen und verläßt sich auf die mechanische Gewalt der Disziplin und der Mordinstrumente. Die Masse muß es bringen, sagt der Kriegsminister. Die Masse muß Eindruck machen, sagen als Vertreter des gegen- wärtigen deutsches Geiste» die technische» Hochschule». SpieKgeletten. C: SBon Ars«« DarjalSki. Der Vorsteher deS S. Bezirks Iwan KuZmitsch Topthgo ist schlecht gelaunt. Von Zeit zu Zeit ergreift er die Feder, denn dor ihm auf dem Tische türmt sich ein Stoß von Papieren, von denen die einen unterzeichnet, die anderen an einen anderen Bezirksvor- steher weitergegeben werden müssen. Die Feder entfällt aber seinen Fingern. Er vermag nicht zu arbeiten. Bis zwei Uhr nachts hat er im Klub Karten gespielt und 20V Rubel verloren. Dieser Lump, der Bezirksarztl Welch ein Glück er gehabt hat! Mindestens 700 Rubel hat er nach Hause gebracht. Als er, Iwan Kusmitsch, ihn um 10 Rubel bat, um das Spiel fortzusetzen, lachte er, dieser gemeine Kerl.„Setz doch Dein Pferd! Du hast es für 300 Rubel gekauft, setz es für 400!" Leichter gesagt als getan. Iwan Kusmitsch hätte alles auf die Karte gesetzt: seine tscherkasfische Kuh, seinen lieber zieher, sein letztes Hemd, aber sein Pferd— niemals! Als er den Vorschlag seines Partners vernahm, stieg ihm das Blut zu Kopfe, und beinahe hätte er sich mit dem Degen in der Hand auf den Arzt gestürzt. Er hielt sich aber noch rechtzeitig zurück, steckte seinem Partner eine„Kombination aus drei Fingern" unter die Nase und sprach wütend: .'n Dreck werd ich Dir setzen!" Diese Worte kühlten ein wenig seinen Zorn. Aber noch jetzt fühlte er einen bitteren Geschmack im Munde, wenn er sich an die Worte des Bezirksarztes erinnerte. Ein herrliches Roß hatte er, Iwan Kusmitsch. In der ganzen Stadt W. war kein zweites ähnliches vorhanden. Wegen dieses Rosses kannten ihn die Leute in der ganzen Stadt und allen zehn Dörfern seines Bezirkes von klein bis groß. Wenn er hocherhobenen Hauptes, die Hand in die Seite gestemmt, durch die Straßen ritt, richteten sich alle Blicke neugierig und neidisch auf ihn. Eines TageS sogar war ein Jngrier, der eine Fuhre Holz zur Stadt ge- bracht hatte, so sehr von dem herrlichen Roß des Bezirksvorstehers bezaubert worden, daß er die Zügel sentes eigenen Gauls aus den Händen ließ, und Pferd, Wagen und Holz für immer verlor.... Ja. was bedeutete so ein simpler Jngrier? Iwan Kusmitsch hatte selbst bemerkt, daß sogar der Gebietschef ihn wegen des Rosses be- neidete.... Und nach alledem sollte er seinen Renner auf die Karte setzen? Nein, eher stürzte er sich in den Terek, als daß er sich von seinem Rosse trennte! .Datyr-bek!" meldete der Bursche eintretend. Iwan KuSmitsch zuckte bei diesen Lauten zusammen. Seine Gedanken flogen wie eine Schar aufgescheuchter Vögel davon. „Bathr-bek ist dal" ertönte es zum zweiten Male von der halb. geöffneten Tür. .Laß ihn eintreten!" rief der Bezirksvorsteher erregt. Un- geduldig eilte er dem Gast entgegen und zog ihn an beiden Händen in das Zimmer hinein. Der Neueingetretene war ein hagerer, breitschultriger Kau- kasier. Der kurze graue Tscherkessenrock aus einheimischem Tuch ließ seine schlanke Gestalt vorteilhaft hervortreten. Ein breiter Dolch in schwarzer Einfassung baumelte am Gürtel. An der Seite ein Revolver, auf dem Rücken ein kurzes Magazingewehr. Eine Patronentasche am Gürtel, die andere auf dem Stücken. In das Zimmer tretend, nahm Bathr-bek das Gewehr ab. Er stellte eS in eine Ecke. So war er immer: den Filzmantel nahm er im Vorzimmer ab, aber von seinem Gewehr trennte er sich nie, und erlaubte niemandem, es auch nur zu berühren. „Setz Dich, setz Dich, mein Teurer! Wir haben miteinander zu sprechen. Lange ist eS her, seitdem Du bei mir warst." „Hab wenig Zeit; viel zu tun... t Sechs Stück haben wir jetzt. Hier die Merkmale." „Ach. Bathr-bek, ich wollte Dir das schon langst sagen.... Wie dem auch sei— ich bin immerhin eine Amtsperson. Mein Risiko ist bei diesem Handel sehr groß... größer als das Deinige ,,. und dabei bekomme ich nur zehn Rubel von jedem Stück. Ist das nicht«in wenig ungerecht?" Batyr-bek verfiel in Sinnen. Der Bezirksvorsteher erwies ihm gute Dienste: dank seinen amtlichen.Besitzbestätigungen' konnte er die gestohlenen Pferde, natürlich in einer größeren Entfernung vom Tatort, auf legalem Wege verkaufen, und statt der früheren niedrigen Preise ihren vollen Wert herausschlagen. Außerdem lenkte der Bezirksvorsteher die Verfolgung oft auf eine falsche Fährte und erleichterte ihm auf diese Weise seine Tätigkeit. In der letzten Zeit begann er aber seiner fortwährenden Forderungen und Ansprüche überdrüssig zu werden.„Worin besteht desin sein Risiko?" überlegte er.„Wenn ich verschütt gehe, zeige ich ihn nicht an. Seine ganze Arbeit ist nicht der Rede wert: ein Papierchen auf- Sm CKelpiegel. Daß sich die europäische Menschheit in einer KrisiS befindet, Laß allenthalben und in allen Dingen Neues werden will und werden muß, wird in allen Klassen der heutigen Gesellschaft mehr und mehr empfunden. Es ist selbstverständlich kein Zufall, son- der» innerliche Notwendigkeit, daß die soziale Umwälzung Hand in Hand geht mit einer ethischen und psychologischen. Da nun die besitzenden Schichten, dank ihrer wirtschaftlichen lleberlegenheit, vorläufig noch immer ein Monopol auf unbeschränkte geistige Bil- dung und Verfeinerung innehaben, so beschäftigen sich natur- gemäß die Intelligenteren ihrer Vertreter mit der geistig- seelischen Seite der Krisis unserer Zeit. Denn die weitaus wich- tigere, die wirtschaftlich-materielle kommt ja kaum oder nur mittelbar an sie heran. Im Grunde genommen ist es ein Unsinn und eine Unmöglichkeit, die großen Veränderungen, auf die daS Jahrhundert hindrängt, in dieser Weise zu zerlegen. In der sozialen Frage sind alle übrigen— Frauenbewegung, Kunst usw. — wie in einer höheren Einheit verschränkt und enthalten. Aber es ist bezeichnend, daß der Durchschnitt der geistigen Oberschicht. soweit sie nachdenkt, ängstlich um die Hauptsache herumgeht und vom äußersten Kreise aus in die Problem« hineinftochert und an ihnen herumfingert. Daß es eine ganze Anzahl von Ausnahmen gibt, soll natürlich nicht geleugnet werden. Für eine dieser Sekundärftagen, für das Eheproblem, gibt ein kürzlich i» Verlage von Ernst Reinhardt in München er- schienenes Schriftchen einen ganz interessanten Querschnitt durch die Meinung der Zeit. Das Buch heißt:„Das Eheproblem im Spiegel unserer Zeit" und fit von einem Freiherrn Ferdinand von Paungarten,'der sich auch lyrisch-dichterisch be- tätigt hat, herausgegeben. Es enthält in längerer oder kürzerer Form Ansicht und Urteil von etwa 70 Zeitgenossen, darunter auch mehrerer Ausländer, über die Ehe. Vorgelegt � war sämtlichen Mitarbeitern die Frage, ob sie die gegenwartige Form der Ehe für die einzig mögliche halten, ohne welche auf die Dauer ein Rückgang der Mensch- heit in gesamtkultureller Beziehung zu be- fürchten wäre. Eine oberflächliche Schätzung ergibt, daß über SO Proz. der sich Aeußernden Schriftsteller und Künstler sind. Von den übrigen gehören kaum 20 wissenschaftlichen Berufen an. schreiben! Er selbst hat anfangs sieben Skubel als Preis angesetzt und ihn dann auf zehn erhöht. Jetzt führt er wieder etwas im Schilde." „Nein, Vorsteher", erklärte er entschlossen,„mehr als zehn Rubel gebe ich nicht. Ich trage selbst meine Haut zu Markte." „Batvr-bek, Du hast ein kurzes Gedächtnis! Du warst verhaftet — ich habe Dir zur Flucht verholfen. Wäre ich nicht gewesen, Du wärest längst in einem Gefängnis verfault! Du zogst mit Deinen Pferden nach Westen— ich lenkte die Miliztruppen nach dem Osten. Denkst Du an dies alles nicht?" „Nein, ich denke wohl daran.... Obgleich ich, beiläufig be- merkt, keineswegs im Gefängnis verfault wäre.... Aber erlaube, da wir einmal davon sprechen, daß auch ich Dich an manches er- innere.... Für Deine Papierchen erhälfit Du gutes, vollwertiges Geld. Stellst Du mir jetzt sechs Bescheinigungen aus, so erhältst Du 60 Rubel— das ist nicht wenig. Dann noch was. Der Kabar- diner Chakiasch erhob Klage gegen Dich. Du sprachst:„Zahl es ihm heim!" und ich führte alle seine Pferde fort, ließ ihn als Bettler zurück. Du verzanktest Dich mit dem Vorsteher des 7. Be- zirks. Ich wollte seine rechte Hand ein wenig beschädigen, zielte schlecht und schoß ihm eine Kugel in die Brust. Er starb; Deinet- wegen trage ich diese Sünde. Du wolltest, ich soll beim Staats- anwalt die ficherkassische Kuh forttreiben, auf die er so stolz war. Ich stehle sonst nur Pferde, keine Kühe, aber diesmal tat ich Dir diesen Gefallen und wäre beinahe ertappt worden.... Du haifit mir bei der Flucht aus dem Gefängnis, aber dafür brachte ich Dir aus den Steppen ein Roß, das in der ganzen Provinz seinesgleichen nicht hat. Ich bin Dir nützlich. Willst Du, können wir wie bisher weiterarbeiten. Willst Du nicht— leb wohl!" Iwan Kusmitsch überlegte. Batyr-beks Argumente erschienen ihm stichhaltig. Er brauchte aber Geld, viel Geld.... Darum beschloß er nicht zurückzuweichen, sondern seine Forderungen auf- recht zu erhalten. „Du hast ja recht," begann er,„aber überleg doch mal: Du bekommst für ein Pferd SO bis 60 Rubel, weshalb soll ich nicht, wenn auch nicht die Hälfte, so doch 20 Rubel beanspruchen dürfen? Setz 20 fest, und dann spreche ich nie mehr ein Sterbenswörtchen davon." „Zehn Rubel, Vorsteher, keine Kopeke mehr!" „Nein, zwanzig.... Ohne meine Hilfe kannst Du doch nichts mehr beginnen.... Zahlst Du mir das Geld nicht, so überliefere ich Dich dem Gericht!" Bei diesen Worten schlug Iwan KuSmitsch krachend auf den Tisch. Batyr-beks Augen flammten einen Augenblick zornig auf, dann sprach er ruhig: „Willst Du nicht weiter mit mir zusammenarbeiten, so gehen wir schiedlich-friedlich auseinander.... Sonst weiß ich nicht...." „Du glaubst, wir gehen so auseinander?" erhob Iwan Kus- mitsch seine Stimme, indem er zur Tür hinschielte. Bathr-bek fing diesen Blick auf. Er tastete mit der Rechten nach dem Revolver und ftagte leise: „Was denn sonst?" .Lsias sonst? Wenn Du nicht nachgibst, wirst Du das weitere gleich sehen!" Iwan KuSmitsch sprang auf, machte einen Schritt zur Tür hin, blieb aber dann wie angewurzelt stehen. In den Händen des Kaukasiers blitzte ein Revolver auf, dessen Lauf auf ihn ge- richtet war. „Setz Dich auf Deinen Platz und rühr Dich nicht von der Stelle," sprach Batyr-bek.„Du weißt, ich scherze nicht!" „Ich wollte mir ja bloß eitlen Schluck Wasser holen." „Schön, Du wirst, nachher trinken. Ich will Dich nur noch einen Augenblick aufhalten." Seinen Mißerfolg einsehend, fügte sich der Bezirksvorsteher dem Willen seines GasteS. „Ich bin," sprach dieser,„ein Dieb, ein unverbesserlicher Dieb. Aber Du bist schlimmer als zwei Diebe. Obgleich Du ein Dieb bist, gibst Du Dir den Anschein eines ehrlichen Menschen und be- ziehst aus der Staatskasse ein Gehalt. Außerdem bestiehlst Du noch den Staat, Du bestiehlst auch die zehn Dörfer, die Dir unter- stellt sind. Dann bist Du bestechlich wie niemand vor Dir. Mit einem Wort, als Dieb kann ich Dir das Wasser nicht reichen. Außerdem bist Du ein schlechter Kamerad. Auch die Diebe haben etwas, das ihnen heilig ist. Das Wort, das Du einem Kameraden gabst, mußt Du einhalten! Hast Du Dich verzankt, so mußt Du dennoch Dein Wort halten und den Kameraden nicht verraten! Ich verrate Dich nie. Aber hast Du Dich schon erhoben, um mich zu verraten, so hie, was Dir beliebt. Wollen sehen, was dabei herauskommt." Auffallend gering, fast verschwindend ist die Zahl der Politiker und eigentlichen Soziologen. Wenn man nicht die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen wie Ellen Key, Adele Schreiber u. a. mit» rechnen will, so befindet sich August Bebel in glänzender Ein- samkeit. Schon durch diese Zusammensetzung der Aufgeforderten be- kommt das Buch einen durchaus feuilletonistisch-ästhetisierenden Charakter. Die Höhe einer für die wissenschaftliche Klärung der Frage bedeutsamen Materialsammlung ist dem Buch nicht zuzu- sprechen. Schon daß der Herausgeber neben die durchdachten Artikel eines Fidus, eines Bebel oder Mühsam ungemein läppische VerSchen(so Stettenheim) stellt, entwertet die Sammlung erheb- lich. Die Mehrheit der Beiträger macht sich die Sache recht leicht. Da werden Feuilletönchen verzapft, über„Liebe" und„Treue" orakelt und, bestenfalls, das Problem der Ehe lediglich von der seelischen«Site aus angefaßt. Nicht selten beginnen die Urteile mit der erfteulichen Mitteilung, daß der Urteilende selber in seiner Ehe glücklich sei. Vor allen Dingen die Frauen, nicht wenige aber auch der männlichen Beiträger kommen überhaupt nicht vom Allerpersönlichsten los. WaS es nun für das Einzel- wesen mit der Liebe, der Treue, der polygomen Veranlagung, der Befriedigung durch Mutterschaft usw. auf sich hat, das sind so olle Kamellen, ist so oft in Romanen und wissenschaftlichen Werken durchgeknetet worden, daß es nicht zum tausendstenmal wiederholt werden braucht. In der Beantlvortung der vom Herausgeber ge- stellten Frage war das eigene Erleben am Allgemeinproblem zu messen, war der Blick auf die Gesamtheit, auf die Masse und nicht auf das irgendwie glücklich oder unglücklich geartete Individuum zu richten. So betrachtet aber ist das Problem der Ehe kein Gefühlsproblem, in zweiter Linie erst selbst ein geschlechtliches Problem, sondern nichts als ein Glied der sozialen Umlvertunz und Neuordnung der menschlichen und staatlichen Gemeinschaft. Aber gerade in dieser selbstverständlichsten Erkenntnis hat die Mehrheit der Beiträger von vornherein versagt oder wenigstens darauf verzichtet, sich hineinzudenken. Man höre nur, in welchem bombastischen Gemeinplatz der große Berliner Universitäts- Professor Joseph Kohler seine Weisheit zusammenfaßt:„...Dar- aus ergibt sich von selbst, daß jeder Ehegatte im anderen seine Anschauung und seine Lebensprinzipien respektieren muß. und in der gegenseitigen Erkenntnis der Eigenpersönlichkcit muß ein gemeinsames höheres.' nämlich eine Einheit der Arbeit zur Er- reichung der Lebenszwecke erstrebt werden." Taterata! Mit diesen Worten verließ Batyr-bek gemächlich das Zimmer, hängte sich die Flinte um, zog seinen Filzmantel an, stieg auf sein Roß und ritt davon. * Iwan Kusmifich hatte in Wirklichkeit nicht daran gedacht, sei- nen Spießgesellen zu verraten, da ihm für sein eigenes Fell bangte. Er wollte ihn lediglich einschüchtern. Nun aber hatte die Sache eine solche Wendung genommen, daß er auch die bisherigen zehn Rubel einbüßte. Aber nicht nur das. Iwan Kusmitsch bedurfte der Dienste des Pferdediebes auch in anderen Dingen. Er war z. B. jetzt auf den Bezirksarzt wütend und hätte ihm gerne einen Tort angetan. Bathr-bek hätte schon etwas ersonnen.... Nun war er aber verschwunden, und soweit er ihn kannte, wußte er, daß er nie mehr zurückkehren würde.' Stundenlang saß Iwan Kusmitsch und träumte über diese unglückliche Wendung. In der Nacht wälzte er sich ruhelos auf seinem Lager ohne Schlaf zu finden.... Als er sich in der Frühe erhob, war sein erster Gedanke, daß sein Verlust unersetzlich sei. „Was habe ich nur angerichtet, was habe ich nur angerichtet?" wiederholte er in einem fort. Um die trüben Gedanken zu ver- scheuchen, wollte er gleich nach dem Frühstück einen kleinen Spazier- ritt durch die Stadt unternehmen. Wie gewöhnlich, wollte er zweimal über den Alexander-Prospekt reiten, dann zum Bahnhof hin, und von dort langsamen Schrittes bei der Wohnung des Bezirksarztes vorbei. Mochte dieser ihn sehen und vor Neid platzen. Iwan Kusmitsch wollte bereits seinen Leinwandkittel an- ziehen, als sein Bursche in der Tür austauchte, leichenblaß, stieren Blickes. Er wollte sprechen, aber die Zunge versagte ihm den Dienst. Auch der Vorsteher erblaßte, der Kittel entfiel seinen Händen. Wie besessen stürmte er nach dem Pferdestall. Sein Pferd war verschwunden! „Mein Pferd, mein Pferd hat er mir gestohlen!" schrie er ver- zweifelt und sank schluchzend auf den schmutzigen Boden des Pferdestalles nieder. „Euer Hochwohlgeboren!" Iwan Kusmitsch hob den Kopf in die Höhe. Neben ihm stand sein Bursche, der ihn auf einen an einem Schnürchen hängenden versiegelten Brief aufmerksam machte. Auf dem Umschlag stand:„An Iwan Kusmitsch Topthgo, eigen. händig." Er zerriß den Umschlag und laS: „Ich nehme Dein Pferd mit mir, es ist zu gut für Dich.... Allah würde mir zürnen, wenn ein solches Schwein wie Tu auf ihm reiten würde. Gelegentlich bringe ich Dir einen Droschken- gaul, der für Dich paßt. Leb wohl, sei mir nicht böse!— B." „O, dieser Schelm!" stöhnte Iwan Kusmitsch.„Man müßte, ihn hängen!" Dann erinnerte er sich wieder an seinen Verluit, griff sich an den Kopf und schrie: „Mein Pferd, mein Pferd hat er mir gestohlen!" Die tote Rand. Junker und Pfaffe wetteifern, sich als wahre Freunde der Bauern anzupreisen. Schon oft konnten wir festnageln, wie die Bauernfteundschaft der Junker sie anreizt, ihren Grundbesitz durch Bauernlegen abzurunden. Aber was dem Junker recht ist. ist dem Pfaffen billig! Daß auch die Kuttenträger die ihnen neben Fasten und Kasteien verbleibende Zeit zu recht spekulativen Ge- schästen benutzen, lehrt eine Petition der Gemeinde Ober- schlierbach, Bezirk Kirchdorf in Oberösterreich an das Abgeordneten- Haus. Die Gemeinde bittet in ihrer Petition um Hilfe gegen d i e K l ö st e r, die in diesem Gebiet die Bauerngüter auf- kaufen und das Ackerland in Jagd- und Weide- gebiet verwandeln. Wie arg das Bauernlegen von den Klosterbrüdern betrieben wird, zeigt die Begründung der Petition. Danach hat das Kloster Schlierbach in der letzten Zeit vier Bauerngüter mit 140 Joch Land aufgekauft. Tie dem Kloster unter» stehende Weidegenossenschaft hat ebenfalls zwei Bauerngüter mit 90 Joch an sich gebracht, so daß die frommen Patres von Schlier- bach ihren Grundbesitz u m 230 Joch Bauernland ver» g r ö tz e r t haben. Aehnlich treibt es das Stift Krems- Münster. Ihm sind in letzter Zeit fünf Bauerngüter mit 204 Joch Land erlegen. Recht fromme Klosterbrüder! In einer Zeit, wo daS Volk— auch in Oesterreich— unter der Lebensmittelteuerung seufzt, kaufen die Pfaffen daS Bauernland auf und verwandeln Ackerland in Jagdreviere. Die Kirche hat einen guten Magen, Hat ganze Länder aufgeftessen Und doch noch nie sich übergessen! Auch ein paar..rassenhygienische" Narren predigen Erheb- liches von„kalligädischer"(schöne Kinder zeugender) und von „hedonischer"(Freuden-) Ehe, von der heiligen Sendung der „Ario-Germanen" oder gar der„armenischen Ario-Germanen". Die Maus, die aus der ganzen, der plauschenden Damen und der— glitzernden Aphorismussammlung der Schöngeister solid begüterten glücklichen Ehemänner herausspringt, ist seyr klein und mager. Man ist im allgemeinen mit der heutigen Ein- ehe einverstanden, fordert aber kleine Korrekturen, wie gesetzliche Gleichstellung der Frau, Erleichterung der Scheidung und so. Am tiefsten und rücksichtslosesten schürfen in ihrer Antwort der Maler Fidus, Frank Wedelind, August Bebel und Erich Mühsam, die beiden ersten vom psychologisch-erotischen. oie beiden anderen vom soziologischen Standpunkt aus. Gerade durch seine relative Oberflächlichkeit fit dieser Eh«' spiegel der gebildeten Schicht nicht uninteressant. Er ist«'» negativer Beweis dafür, daß Bebel recht hat, wenn er seinen eigenen Artikel mit der Ueberzeugung schließt, die er ausführ. licher schon vor langen Jahren in seiner„Frau" aussprach und begründete:„Wer das Eheproblem lösen will, ohne die gesamten gesellschaftlichen Grundlagen im Sinne vollkommener gesellschaft- licher Solidarität und persönlicher Freiheit umzugestalten, fährt mit der Stange im Nebel herum." Das Festspiel. Zorn und Entrüstung hat sich in allen„wahrhaft patriotischen" Kreisen eingestellt über das gänzliche Versagen des Hauptmann. schen Festspiels im Interesse des deutschnationalen Gedankens und der hohenzollernschen Familieninteressen. Statt der preußischen Heldentaten steht ein„nebelhafter Weltgeist" vereint mit fian. zösischer ReoolutionSromaniik im Mittelpunkt der Handlung. Und daß in dem Breslauer Festspiel während dieser erregten, gefähr. lichen Zeit die menschliche Idee des Friedens über die mordende Pestilenz des Krieges siegte, daß in der Dekoration gar die preußi. schen Jahnen und das Eiserne Kreuz fehlten diese Wahrzeichen preußischen Denkens und Handelns— steigert den Schmerz in der patriotischen Brust noch besonders..... Eine fieberhafte Tätigkeit hat sofort in den Reihen der„Enttäuschten" eingesetzt; gegenüber diesem individualistisch-liberalen Festspiel muß em wahrhaft patriotisches Gegenstück geschaffen werden. Zur Verwirklichung Betrübte Kreuzritter. Die mit Gott für König und Vaterland kämpfende„Kreuz- zeitung" ist über die Tatsache, daß der Kasseler Oberbürgermeister Scholz es gewagt hat, die Geburt eines Kindes in unserem Kaf- seler Parteiorgan bekannt zu geben, so aus dem Häuschen geraten, daß sie nach immer neuen Tatsachen sucht, die Staats- gefährlichkeit solchen Unterfangens zu beweisen. In ihrer Sonn- tagsnummer berichtet sie die furchtbare Moritat, daß der Mainzer Beigeordnete B e r n d t, jetzt Stadtrat in Berlin, in dem Prozeß der Polizeiasiistentin Schapiro zugegeben habe, daß er ein Kind des hessischen Sozialdemokraten Abgeordneten Adelung aus der Taufe gehoben habe. Weit entfernt davon, als christ- liches Blatt sich über das an einem Sozialdemokratenkinde voll- zogene Sakrament der Taufe zu freuen, denunzieren die Kreuz- ritter den Stadtrat Berndt als Oberleutnant der Landwehr. Welche Geistesverfassung augenblicklich in der Redaktion der„Kreuz- zeitung" herrscht, ersieht man aus folgender Schlußbemerkung des Blattes: „Wir halten eine solche Fraternisierung mit der Umsturz- Partei für Beamte mit staallichen Funktionen für unvereinbar und für das Volk völlig demoralisierend. Wohin sie in dem „gemütlichen" Mainz führen, hat die letzte Reichstagswahl ge- zeigt, in der der Sozialist Dr. David zum ersten Male im ersten Wahlgange das Mandat davontrug." Das heißt denn doch die agitatorische Kraft selbst eines sozial- demokratischen Säuglings überschätzen I Spiel und Sport. Robenzollem- Sport. ..Es gilt, aus Anlaß der Spiele gewiß...alle Bestrebungen zur körperlichen Stärkung zu unterstützen und ihnen die Mittel zu- zuführen, die in anderen Reichen zur Verfügung stehen." Also läßt sich der Reichsausschuß für Olympische Spiele in seinem Auf- ruf für die 6. Olympiade vernehmen und eifrig wird die Werbe- trommel gerührt, um Gönner und Förderer zur Oeffnung ihres Geldbeutels zu veranlassen. Man sollte meinen, daß eine Gesell- schaftsklasse, die mit tönenden Worten zur Bekämpfung der Tege- neratwn und zur Wiedererstarkung der Nation imftust, ihren Worten auch die Tat folgen läßt, daß sie vor allen Dingen den Arbeiteror ganisationen jede nur denkbare Unterstützung zuteil werden ließe. In welcher Richtung sich„Fürsorge" für Ar- beitersportbestrebungen bewegt, ist ja in der Presse Tag für Tag zu registrieren. Sie zeigte sich auch deutlich bei der gestrigen Weihe des Deutschen Stadions im Grunewald. Nicht nur, daß man es geflissentlich» vermied, die Arbeiterschaft zur Teilnahme einzuladen, nein, auch die Eintrittspreise waren derartig festgesetzt, daß die Arbeiter überhaupt nicht kommen soll- ten. Man wollte hübsch unter sich sein und ist es erfteulicherweise auch geblieben, denn die Zahl derer, die für den billigsten Steh- platz 2 Mk. opferten, war ein gar geringer. Dafür waren die zahlungsfähigen Bürger auS Berlin W. umso zahlreicher erschienen, denn sie durften sich die günstige Gelegen- heit, ihren Patriotismus zu bekunden, nicht entgehen lassen. In unzähligen Auwmobilen waren sie herbeigeeilt. AuS allen Teilen Deutschlands waren Abordnungen der verschiedenen Sportver- bände zu ermäßigten Preisen nach Berlin gekomrDcn; eine Tat- fache, die Herr Dr. Goetz schmerzvoll konstatieren� wird, nachdem zum Leipziger Turnfest ein Gesuch um Fahrpreisermäßigung erneut abgelehnt wurde. Ja, ja die Deutsche Turnerschaft hat immer noch nicht den rechten Grad von Hoffähigkeit erlangt! Gestern aber wurde sicherlich das Menschenmögliche darin ge- leistet und wenn alles Heil des Sports im Anhochen einer H o f l o g e liegen sollte, dann müßte wahrlich der Sport in Deutschland den Höhepunkt erreicht haben. Sie alle, ob Turner, Fechter, Schwimmer, Radfahrer oder Jungdeutschlandbündler, sie alle glaubten wohl der Sportsache einen besonderen Dienst zu leisten, als sie S. M. im einstündigen Festzug immer wieder mit dem jeweiligen Bundesgruh begrüßten. Wie konnten da die honet- ten Zuschauer zurückstehen? Müßten sie sich nicht wie ein Mann erheben, als Exzellenz P o d b i e l s k i eine kurze„Patriotische Ansprache" hielt, mußten sie nicht in stürmischen Beifall ausbrechen, als beim Kaiserhoch zwanzigtausend Brieftauben aufflatterten, um die welterschütternde Kunde der Eröff- nung des Stadions in alle Gaue Deutschlands zu tragen? In der Tat: Brieftauben und Leibesübungen, welch' gloriose Idee! Man mutz gestehen, die Arrangeure hatten ihr Publikum richtig taxiert. Wurde doch der Jungdeutschlandbund beim Vorbeimarsch am lau- testen begrüßt. Nach einstündigem Heil- und Hurrarufen war man dann end- lich so weit, die imposante Anlage ihrem eigentlichen Zwecke zuzu- führen. Den Reigen eröffnete, wie sich das in Preutzen-Deutsch- land gehört, das Militär mit Tiefsprung und Turnen an Kletter- wand. Ihm folgten zirka 800 Turnerinnen, die Keulen- schwingen, Geräteturnen und Spiele im bunten Wechsel zeigten. Ein Jugendlauf von zirka 2000 Teilnehmern, unter denen sicherlich manch Arbeiterkind zu zählen war, leitete hinüber- zu einem Mannschaftsfahren für Radfahrer, dem ein mit großer Spannung verfolgter 1000 Meter Staffettenlauf folgte; Süddeutschland siegte in der guten Zeit 1 Minute 43,4 Se- künden. Ein Mannschaftslaufen über 1500 Meter sah die Berliner in 4 Minuten 11,7 Sekunden in Front. Den Beschluß machten wieder die T u r N e r, die zirka 750 Mann stark, wirkungs- volle Freiübungen mit nachfolgendem Geräteturnen vorführten und den grünen Plan mit ihrem lebhaften Treiben angenehm belebten. Zwischendurch hatten Athleten und Schwimmer ihre Künste, ziemlich wenig beachtet, zum Besten gegeben. Das Stadwn war„geweiht". Es wird auch in Zukunft nur den Verbänden zur Verfügung stehen, die oben als„gut gesinnt" angeschrieben sind. Die Drangsalierung und Verfolgung der spart- treibenden Arbeiterschaft wird auch durch die höfische Kundgebung der Stadionweihe nicht unterbrochen werden. Die Arbeiterschaft wird daraus aber erneut die Lehre und auch die Kraft ziehen, daß die Befteiung von Bevormundung und Unterdrückung nur ihr eigenstes Werk sein kann. ** * Der zweite Teil des patriotischen Sportprogramms spielte sich in Gegnwart des Kaisers in Grünau ab. Dort fand Kaiser- Jubiläumsregatta auf dem Langen See statt. Zunächst wurde der Kaiservierer ausgefahren, wobei 5 Boote starteten. Sieg- reich blieb in überlegner Weise der Mainzer Ruderverein. Das nächste Rennen der akademischen Vierer gewann der akade- mische Ruderverein Berlin. Gegen 554 Uhr wurde der sportliche Teil des Festes unterbrochen, um der unvermeidlichen Huldi- gungsfahrt der Boote zur Feier des 25jährigen Regie- rungsjubiläums Raum zu geben. Bei den späteren Rennen ge- wann den ersten Juniorvierer der polytechnische Ruderklub aus Kopenhagen, den Gastvierer gewann der Ruderverein Nautilus aus Elbing, während im Doppelzweier ohne Steuermann Wikking-Berlin siegreich blieb. Arbeiter- Sport Die beiden großen Sportfeste am gestrigen Sonntag im Grüne- .Wald und in Weißensee, räumlich so weit getrennt, haben die Frage aktuell gemacht: Warum besteht ein besonderer Arbeiter- spart? Mußten die Arbeitersportler eine Gegendemon- st ratio» in Weißensee veranstalten, während doch der g e- samte Sport im Grunewald erscheinen sollte? Die bürgerlichen Sportler sagen: Der Sport ist neutral! Jede Politik ist ausgeschlossen. Welche Phrase! Ist es neutral, wenn die bürgerlichen Sport- und Turnzeitungen offen und versteckt die Sozialdemokratie bekämpfen, wenn die Arbeiterschaft aus- drücklich von der Benutzung des Stadions ausgeschlossen wird und ihr Spielplätze und Turnhallen entzogen werden? Vollständige Neutralität ist Unsinn! Selbst Kunst und Wissen- schaft werden immer mehr von den politischen Strömungen beein- flutzt und da sollte der Sport neutral bleiben können? In dem Treiben des politischen Sturmes kann die wahre Neutralität so wenig gedeihen, als wenn wir die Palmenwälder des sonnigen Südens in unser rauhes Klima versetzen wollten. Die beiden Feste am Sonntag haben in prächtiger Weise die Gegensätze deutlich markiert. Das ist der größte Erfolg des Tages. Im Westen traf sich der Jungdeutschlandbund, mit Extra- zügen zu halben Preisen aus ganz Deutschland zusammengeholt. Alle Staatsbehörden waren vertreten, militärische Uebungen leiteten das Fest ein und die Tribünen waren gefüllt von hohen Militärs und befrackten und mit allen möglichen Orden versehenen Vertretern der oberen Zehntausend. Und die Ar bei» t e r? Für sie war das Stadion gesperrt. Der Arbeitersport hat das Hauptprinzip, alle Klassen- genossen so an Körper und Geist zu kräftigen, daß sie nicht frühzeitig im Kampf ums Dasein untergehen, sondern immer neugestärkt wie der Phönix aus der Asche wieder den Kampf aufnehmen können. in gesunder Geist in einem gesunden Körper!" Das ist das Leitmotiv der Arbeitersportverbände. Aber dieses Ziel soll nicht dadurch erreicht werden, daß die große Masse des Volkes sich willenlos in den Dienst der Reaktion stellt, sondern jeder soll frei und offen seiner politischen Ueberzeugung folgen dürfen. Da- durch unterscheidet sich der Arbeitersport von dem Hurrasport der bürgerlichen Sportverbände! Aus diesen Gegensätzen heraus ist das Weißenseer Ar- beitersportfeft entstanden. Das pomphafte Grunewaldfest ist der Vater des Solidaritätsfestes der Arbeiter. Als die neuge- bildete Zentralkommission für Sport und Körper- pflege im Frühjahr d. I. das Sport-Kartell für Groß-Berlin zu- sammenrief, wurde von Turnerseite die Frage aufgeworfen: Wollen wir eine Gegendemonstration gegen das Grunewaldfest veranstalten?, Diese Frage wurde sofort begeistert von allen Seiten mit Ja! be- antwortet. Alle Vertreter erklärten sich damit einverstanden, der Arbeiterschaft ein Sportfest zu bieten, das bei billigem Entree uiw ohne Hurra allen Freunden des Sports die Teilnahme ermöglichen sollte. Der Verlauf des gestrigen Festes hat alle Erwartungen über- troffen. Schon in der Mittagsstunde eilten die Sportler aus allen Teilen Berlins nach den verschiedenen Treffpunkten im Friedrichs- Hain zusammen. Die Umgebung dieses Volksparkes gewann um 1 Uhr ein ganz anderes Aussehen. Trupps von Radfahrern kamen in fortwährender Folge, während in der Elbinger und Werneuchener Straße immer neue Massen von Arbeiterturnern eintrafen. Punkt 542 Uhr setzte sich der gewaltige Festzug unter Be- gleitung von drei Turner-Musikkapellen in Bewegung; an der Spitze die Turner, denen sich die Radfahrer und andere Sportler an- schlössen. Von den Sportlern allein nahmen über 3000 am Festzuge teil, hierzu kamen tausende von Festbesuchern, die dem Zuge vorangingen oder sich ihm anschlössen. In allen Straßen flankierte das Publikum den Zug in dichter Reihe, so daß eine im- posante und begeisternde Demonstration zustande kam. Besonderen Anklang fanden die einheitlichen Kostüme der Turnerinnen und das bunte Bild der Radfahrer und Radfahrerinnen. Um 3 Uhr langte der eindrucksvolle Zug vor dem Festlokal an. In bester Ordnung ging der Einmarsch vonstatten und nach kurzer Erholungspause konnten die Vorführungen ihren Anfang nehmen. Trotzdem das Riesenlokal in Weitzensee für 30 000 Personen Sitzplätze bietet, mußten Tausende mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Das wird erklärlich, wenn man erfährt, daß sich 50000 Personen eingefunden hatten, eine Teilnehmerzahl, die wohl noch kein Sportfest aufzuweisen hatte. Bei der Fülle des Gebotenen, das in den verschiedensten Teilen des Lokals zur Vorführung kam, war es natürlich niemand möglich, auch nur annähernd alles sehen zu können. Auf den Bühnen zeigten die Athleten und Turner ihre Leistungen, zwischendurch erfreuten die Arbeitersänger durch ihre Vorträge und nahmen die Massen der Zuhörer gefangen. Ganz besonderes Interesse wurde den Vorführungen der Schwimmer im Weißensee entgegengebracht, die einen gut ge- lungenen Reigen von über hundert Teilnehmern, Gruppenspringen und das beliebte Wasserballspiel vorführten. Kaum waren diese Vorführungen zu Ende, so begannen die Radfahrer auf dem Podium am See ihr Programm, das aus einem Zwölfer-Be- grühungsreigen, Kunstradfahren, Radballspiel usw. bestand und. mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde. Für die A r b e i t e r t u r n e r bot das große Lokal leider nur eine kleine Wiese, so daß das Turnen nur in recht bescheidenem Matze gezeigt werden konnte. Die Frauenabteilungen führten in ihrer schmucken Turnkleidung recht schwierige Freiübungen vor. während die Lehrlinge den beliebten Stafettenlauf in verschie- denen Vorläufen und Entscheidungsläufen zeigten, den das Publi- kum mit lebhafter Spannung verfolgte. Mit einem interessanten Stabhochspringen gingen die turnerischen Vorführungen zu Ende. Den Abschluß des ganzen Sportprogramms bildeten die Festreden von 6 Bühnen, in denen in markigen Worten auf die Arbeitersport- bewegung hingewiesen wurde. Das 1. allgemeine Sportfest ist mit gutem Erfolg beendet worden. Vieles hätte vollkommener ausgebaut werden können, wenn die Arbeiter heute schon die Macht hätten, auch für sich das Stadion zu verlangen, um alle Gebiete der Leibesübungen zur Ent- faltung bringen zu können. Aber wir trösten uns: Einst muß der große Tag doch komm/ j Der Freiheit für das ganze Volk, Dafür zu kämpfen und zu streben Sei unser Ziel, trotz alledem!. Kukballwettkämpfe. Bei einem Spiel zwischen den Klubs Alemania und Titan erzielte Alemania 6. Titan 4 Tore. Bei Halbzeit stand das Resultate der Faustballserienspiele des Arbetterturnerbnndes. Kreis I, Bezirks. Neukölln 3.1. Adlershof I 65, Ks; Neukölln 1, l, AdlerShos I, 68:82, Adlershof II. Cöpenick II. 70:57. Jugendspiele: Cöpenick I, Adlershof IH, 49: 30; Cöpenick I, AdlerShos II, 53: 46; AdlerShos II, AdlerShos III. 31: 40. dieses großen Gedankens hat sich ein Reichskomitee unter aller- höchsten Protektoren gebildet. Da die Jahrhundertfeier nun doch schon durch und durch verpfuscht ist, wird das bevorstehende Regie» rungsjubiläum die Gelegenheit für daS Festspiel bieten. Alle Einzel- heilen deS Unternehmens sind in gewohnter schneller Arbeit bereits festgelegt. Ort der Aufführung: Berlin, Lustgarten, zu Füßen des thea- tralischcn Denkmals Friedrich Wilhelms IV. Freilichtbühne, ein- gefaßt und geschützt von einer ragenden Mauer scharfer, blinkender Bajonette. Die Direktion und Regie liegt in den Händen einer be» währten Kraft, die sich in langer, öffentlicher Wirksamkeit als Fest- redner, Regisseur, Techniker. Schauspieler, Maler, Dichter, Predi- ger usw. als glänzendes Genie gezeigt hat. Vor geladenem, patriotisch-einwandfreiem Publikum(in Bres- lau überwog der internationale und sonstige Pöbel) werden nur durchschlagende Einakter gespielt, ebenfalls im Gegensatz zu dem langatmigen, romantischen Brei in Breslau. Das schauspielerische Personal ist zusammengestellt aus den anerkannt führenden Köpfen der bürgerlichen Politik und Wissenschaft. Der bekannten Energie des Regisseurs ist es gelungen, die eintretenden Gegensätze auszugleichen. Erste Nummer des Programms: Hymne an die Hohenzollern; vorgetragen von einem ausgewählten, herkulischen uckermärkischen Granden.— Die zweite Nummer wird eine Glanzleistung des Regisseurs bringen, eine hinreißende patriotische Rede, die eine trotzige Kampfansage an den inneren und äußeren Feind enthalten wird, um schließlich in ein Loblied auf die„hohenzollernsche Tradi- tion des Gottesgnadenturns" auSzuklingen, ein improvisierter„Auf- ruf an mein Volk."— Es folgt die Szene der patriotischen Jung- ftcuen, die ihr goldiges Haar auf dem Altar des Vaterlandes opiern. Einige Generäle werden alsdann, assistiert von Kriegs- fabrikanten, die Fortschritte der Kriegstechnik und deutschen Kultur während der letzten Zeit dem begeisterten Publikum demonstrieren. — Herr Cassel tritt als moderner Fichte auf, um in flammender Rede die deutsche Nation zum Kampf für die heiligsten Güter auf- zurufen.— Herr v. Heydebrand und Oldenburg-Januschau führen mit ihre» Gutssklaven eine WahlrcchtSposse auf. um den„Aus- erwählten der Nation" die Vorzüglichkeit des herrschenden Systems vor Augen zu führen.— Ein krummbeiniger Feldmarschall mit ge- jährlicher Hakennase und krächzender Stimme drillt vor den Augen d«r Zuschauer die deutsche Jugend, denn auch diese neueste Er- vungenschaft des Patriotismus darf in dem Programm nicht fehlen. Zwischen den einzelnen Nummern wird der Vizeregisseur seine auSerwählten, heliebten Reiterkunststücke vollführen; unter an- derem wird er, auf dem Sattel stehend daherstürmen, auf der ge- zückten Degenspitze eine Weltkugel haltend mit der goldenen In- schrist: Die Welt ruht nicht so sicher auf den Schultern deS AtlaS, wie der preußische Staat auf einer sicheren Militärmacht. Das sind so die Hauptschlager, des wie man auf den ersten Blick sieht, vorzüglich gewählten Repertoirs. Die durch die Bres- lauer Schandtat schwer gekränkten Patrioten werden durch dieses patriotische Festspiel glänzend entschädigt werden— dafür bürgt der große Regisseur, die erhabene Idee, die dem Werk zugrunde liegt und endlich das schauspielerische Personal. kleines feuiUeton. Die Würde der bürgerliche» Presse. In einer bekannten illustrierten Zeitung Berlin« findet sich das Bild einer Tänzerin, die in London auf einem Esel spazieren reitet, um auf diese Weise der Presse eine Reklame abzuzwingen. Indem die erwähnte illustrierte Zeitung das Bild bringt, macht sie sich zur willfährigen Dienerin der unlernehmenden Dame und kennzeichnet zugleich erschöpfend ihr eigenes Niveau.— Wir schlagen dem vornehmen Blatt für die nächsten Nummern die folgenden Bilder vor: „August Müller reitet auf einem Ziegenbock durch die Elsasser Straße. Herr Müller hatte mit einem Freund gewettet, daß unier Blatt dumm genug sein würde, die Erscheinung im Bild fest- zuhalten."— Oder: „Fräulein Bianca Lehmann, die bekannte Schönheit der Berliner Lebewclt. die kürzlich unseren Chefredakteur in einem öffentlichen Cafe ohrfeigte." Oder: „Bildnis des bekannten Politikers Grafen v. Schnarrenhausen. Der Graf äußerte bekanntlich im Herrenhaus, daß er unser Blatt nur mit der Feuerzange anzufassen pflege." Emmentaler Käsestudien. Tie Löcher oder„Augen", durch die sich der Schweizer Käse auszeichnet, werden ohne Zweifel durch eine Gasentwickelung verursacht. Sie sind also gewissermaßen Luft- blasen. Da nun bei der Reifung jedes KäseS die Bakterien mit- wirken, so ist auch diese Gasbildung auf die Tätigkeit solcher KleiiUvesen zurückgeführt und angenommen worden, daß die Löcher an solchen Punkten entstehen, wo sich das Wachstum der Bakterien zusammendrängt. Dennoch scheint diese Auffassung unrichtig zu sein, da eine genauere Untersuchung gelehrt hat, daß me gas- erzeugenden Bakterien vielmehr ziemlich allgemein durch die ganze Masse des Käses verbreitet sind. An einzelnen Stellen werden sich nun aber größere Gasblasen bilden als an anderen, und diese wachsen dann auf Kosten der kleinen Blasen weiter. Ter Vorgang im Schweizer Käse ist so zu erklären, daß bei einer schnellen Gasbildung das Gas sich notwendig an vielen Punkten in der Nähe der Bakterienkolonien ablöst und infolgedessen zur EntWickelung zahlreicher kleinerer Augen führt. Wird die Gas- bildung dagegen verzögert, so finden die einzelnen Blasen Zeit und Raum, die Käsemasse zu durchdringen und sich zu größeren Ansammlungen zusammenzuschließen. Die Größe der Augen im Schweizer Käse kann danach gemäß der Schnelligkeit der Gas- entWickelung nach Belieben geregelt werden. Damit ist freilich nicht alles gesagt, da die Bildung der Lücher im Käse noch von mancherlei anderen Umständen abhängig ist. Ein Üeinlöchriger Käse, wie er nicht sein soll, geht aus der Benutzung saurer Milch hervor. Eine gleichmäßige Verteilung der Augen wird durch die Gleichmäßigkeit der ganzen Käsemasse bedingt. Auch der Zustand der Luft, besonders bei Gewitterneigung, übt einen Einfluß auf die Form und Größe der Löcher im Kase, �.. Notizen. — Das Josef-Kainz-Theater am kleinen Wannsee hat jetzt die Kinderkrankheiten überstanden. Die technischen Einrichtungen sind vollendet. Die beiden Spielchen, mit denen die erneute Er- öffnung bestritten wurde(„Ein greiser Paris" und„Lysanders Mädchen" von I. V. Widmaim) waren nur für ein Freilichttheater etwas leichte Ware. — Ein internationaler Kongreß für Ethno« graphie wird von den Professoren der Universität Reuchatel dorthin einberufen werden. Das„bessere" Publikum. Dem in Zürich jüngst ge« gründeten Verein der Kolporteure gab man zu verstehen, es möchten sich seine Mitglieder nicht mehr mit dem Vertrieb der in Zürich üppig gedeihenden kleinen Skandalblättchen mindester Sorte befassen. Der Verein ließ daraufhin folgendes veröffentlichen:„Der Absatz der sogenannten Skandalblättchen ist selbst bei dem besseren Publi- kum noch ein solch enormer, daß der VerdienstauSfall für uns zu groß wäre, so wenig wir davon erbaut sind, uns mit diesem Verkauf befassen zu müssen." Der Papierkäfer. Bon Wilhelm Tremer. Seit Jahren ärgerte sich Professor Viereck über die Unsitte der Berliner, die schönsten Waldpartien mit Stullenpapier zu be säen, und als er in einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift von einem neuentdeckten, merkwürdigen Käfer las, der leidenschaftlich Papier verzehrte, kam er auf eine Idee..Anotiium papyroedens, den papierverzehrenden Pochkäfer, hatte der Entdecker das Tierchen genannt, und er berichtete, wie auf der verlorenen kleinen Südsee- insel, wo er lebte, ihm ein Schwärm dieser Käfer in einer Nacht einen großen Teil seiner Manuskripte vernichtet hatte. „Man müßte sie als eine Art Forstpolizei in unseren Wäldern aussetzen," sagte sich Professor Viereck und schrieb sofort an den Jnsektenforscher einen enthusiastischen Brief. Es war natürlich keine leichte Sache, eine genügende Anzahl der Tiere im lebenden Zustande nach Berlin zu transportieren, aber es gelang schließlich doch, und an einem schönen Frühlings- tage konnte der Professor im Grunewald an einer ausgesuchten Stelle, wo der ganze Boden mit Stullenpapier und weggeworfenen Zeitungen bedeckt war, seine Schützlinge aussetzen. Ueber eine Stunde lang blieb er an Ort und Stelle, beobachtete die Käfer und ging nicht eher nach Hause, als bis er sich überzeugt hatte, daß sie mit einem wahren Heißhunger die Papiervorräte verzehrten. Bisher hatte er keinen Menschen etwas von der Geschichte er- zählt, aber als er nach einigen Tagen sah, wie großartig das Ex- periment einschlug, hielt er in der naturwissenschaftlichen Gesell- schaft einen Vortrag, der ungeheures Aufsehen erregte. Die Zeitungen brachten spaltenlange Berichte, die Regierung stellte Gelder für weitere Versuche zur Verfügung, von überallher kamen Bestellungen von Stadtverwaltungen und Berschönerungsvereinen, die Papierkörbe verschwanden aus den Astlagen, und Professor Viereck, dem man Orden und wissenschaftliche Auszeichnungen ver- ehrte, war der Held des Tages. Die Berliner schwärmten für den Papierkäfer. Ueberall im Grunewald sah man Ausflügler, die große Zeitungsvorräte mit- gebracht hatten, um die kleinen, niedlichen Tiere zu füttern, und ganz Praktische nahmen sich eine Anzahl Käfer mit nach Hause, um sie dort in ihrem Papierkorb anzusiedeln. Es passierten auch tragikomische Geschichten. So entdeckte ein junger Mann, der sich im Walde zum Schlafen hingelegt hatte, als er nach einer Stunde erwachte, daß sein Kragen verschwunden war. Die Käfer hatten ihn vollständig aufgefressen, denn es war ein Papierkragen gewesen. Der Großschlächtermeister Pantz erzählte abends am Stammtisch, die Tiere hätten ihm zwei Tauscndmarkscheine und noch ein paar hundert Mark papierenes Kleingeld aus seinem Portemonnaie herausgefressen. Aber das war wohl nur Renommage. Und der Ouartaner Neumann bekam wegen Frechheit einen Tadel im Klassenbuch, denn er log seinem Lehrer vor, die Käfer hätten ihm den deutschen Aufsatz verzehrt. Aber dann kam plötzlich eine merkwürdige Nachricht. Am Amtsgericht Charlottenburg fehlten bei einem Zivilprozeß plötzlich die Akten, und der Bureaudiener behauptete, die Käfer hätten sie verzehrt, und es seien auch sonst schon eine Menge Akten spurlos verschwunden. Wirklich stellte sich bei der Untersuchung heraus, daß die Aktenschränke des Amtsgerichts von Anobiumkäfern nur so Wim- melten. Zwar lachte man auch jetzt noch über die Geschichte und in Juristenkreisen wurde als witzige Anekdote erzählt, daß der Assessor Ruhleben, dem man einen schwierigen Prozeß zur Be- arbeitung gegeben hatte, einfach das umfangreiche Aktenmaterial den Käfern vorgesetzt und so die erfreuten Vorgesetzten von einer unangenehmen Last befreit habe. Aber schon kamen schlimmere Nachrichten. In der Königlichen Bibliothek tauchten die gefräßigen Tiere aus, Buchhandlungen muß- ten Bankerott ansagen, weil ihre Lagerbestände von den sich rapid vermehrten Käfern überfallen wurden, und eine große Papierfabrik stellte ihren Betrieb ein. Als zum erstenmal eine große Tages- zeitung nicht erscheinen konnte, wurde es den weitesten Kreisen klar, welcher Gefahr die ganze Kultur entgegenging. In der Pro- vinz und im Auslande machte man ähnliche Erfahrungen. Die Franzosen, die sich zuerst das Tier mit Begeisterung bestellt hatten, nannten es jetzt die deutsche Käferpest, und in Rußland entdeckte man, daß die ganzen Kriegsvorräte an Militärsticfeln statt Leder- sohlen Pappsohlen hätten, die Käfer fraßen sie einfach auf. Eine internationale Krise folgte; eine Verzweiflung, die ins Riesenhafte anwuchs, und der Urheber des ganzen Unglücks, Pro- fcssor Viereck, der sich noch kurze Zeit vorher auf den Nobelpreis Hoffnung gemacht hatte, verfiel in unheilbaren Irrsinn. Nur eine merkwürdige, fast unbegreifliche Erscheinung zeigte sich, die der Menschheit einen Schimmer von Hoffnung brachte. In den Vereinigten Staaten von Amerika gab es keine Papier- käfer. Ganz Südamerika und auch Kanada, soweit es englische ' Waren führte, waren von ihnen überschwemmt. Aber jeder Fetzen Papier aus den Vereinigten Staaten wurde von ihnen hartnäckig verschmäht, und alle Versuche, die man anfangs gemacht hatte, das Tier in amerikanischen Parks einzubürgern, scheiterten vollständig. Die amerikanische Presse jubelte.„Ein Triumph der ameri- kanischen Industrie. Der Sieg des vorzüglichen amerikanischen Papiers über die Käferpest. Amerika als Retter der Welt!" Und die Aktien des nordamerikanischen Papiertrusts, die durch Ver- Wässerung und andere Manöver rettungslos bis auf den zwanzig- sten Teil ihres Nennwertes gesunken waren, stiegen sprunghaft auf eine ungeheure Höhe. Für die ganze Welt war amerikanisches Papier eine einfache Notwendigkeit geworden, man mußte jeden Preis bezahlen oder untätig dem vollständigen Untergang jeder Kultur entgegensehen. Bis Professor White von der Universität Cambridge die Lösung des Rätsels brachte. Das amerikanische Papier war nämlich gar kein Papier, sondern ejjie Fälschung, ein elendes Surrogat. Unter der Leitung des Papiertrusts hatte man auch die letzten Reste tierischer und pflanzlicher Bestandteile als zu teuer fallen gelassen, und die Käfer wiesen es einfach deswegen zurück, weil sie dabei verhungerten. Europa war gerettet,' denn die Papierindustrie beeilte sich, überall dem amerikanischen Beispiel zu folgen. Alles kam wieder in das alte Geleise. Bald waren von dem Geschlecht des.AnoKium papyroedens nur noch in den Tropen einige Reste übrig, die sich kümmerlich von Pflanzen mit papicrähnlichen Fasern ernährten, und der amerikanische' Papiertrust sank noch tiefer als er je- mals gestanden hatte. Nur Professor Viereck fand seinen Verstand nicht wieder, und das war vielleicht gut. Denn im Grunewald lagen die Zeitungen und das Stullen- Papier schlimmer als je. Und wenn das echte Papier früher wenig- stens langsam durch atmosphärische Einflüsse zerstört worden war, das Surrogat faulte nicht einmal. Es schmückte noch nach Jahr- zehnten jede Stelle, an der einmal ein Mensch sein Frühstück ver- zehrt oder seine Lektüre gehalten hatte. Vom �akrmarkt des Lebene, �ebenläckUckkeiten. Wenn diesmal die Dreiklassenmänner zur Eröffnung des Landtages nach Berlin kommen, wartet ihrer eine arge Eni- täuschung. Bisher wurde die Eröffnung der preußischen Duma stets durch den König in feierlicher Weise im Schlosse vollzogen. Diesmal ist es anders. Wilhelm II. hat, wie eine ofsiziöse Par- lamentskorrespondenz meldet, mit mancherlei wichtigeren Re- gierungsgeschäften alle Hände voll zu tun, daneben laufen die Vorbereitungen für das Regierungsjubiläum, das Schloß ist voll fürstlicher Gäste— kurz: Wilhelm II. hat für seine Erlauchten, Wohledlen und sehr geehrten Herren Mitgesetzgeber keine Zeit und keinen Platz übrig und läßt sie in schlichter Weise durch seinen Hausmeier Bethmann Hollweg im Abgeordneten- hause begrüßen. Da versprochen worden ist, daß das jetzt aus Zeitmangel Versäumte im Herbst nachgeholt und dann auch eine Thronrede— mit oder ohne Wahlrechtsversprechen?— vom Stapel gelassen werden soll, wird Herr von Heydebrand vor- läusig von Repressalien absehen. Nur Herr von Oldenburg- Janu schau überlegt noch, ob er nicht doch den Leutnant und die zehn Mann in Aktion treten lassen soll. Patriotismus zu zehn Prozent Den Kriegsveteranen kommt frohe Botschaft. Nachdem sie jahrelang um Anerkennung ihrer Unterstützungsansprüche betteln und petitionieren mußten, soll das in Zukunft anders werden. Eine soziale Tat ist in Vorbereitung, nur lumpige 200 000 M.' brauchen noch gesammelt zu werden, dann winkt den Veteranen ein Aufenthalt in einer neuentdeckten Stammburg der Hohen- zollern. Eine Anzahl patriotisch empfindender Männer und Frauen, deren Herz voll heißem Mitleids für die Not der Veteranen schlägt, hat sich zusammengefunden, um gelegentlich des Regierungs- jubiläums des Kaisers die Burg Abenberg bei Nürnberg auf- zukaufen und zu einem Veteranenheim umzubauen. Das patriotische Werk, für das augenblicklich gesammelt wird, kann nicht fehlschlagen, denn die Namen der Spender werden Seiner Majestät bei Uebergabe der Burg in einem goldenen Buche über- reicht. Sollte aber doch die Geschichte schief gehen, werden die ein- gezahlten Beträge nach Abzug der anteilmäßigen Un- kosten zurückgezahlt werden. Also ein ganz sicheres Geschäft! Klappt die Sache, so ist es leicht möglich— um deutliche Namensschrift wird im Prospekt gebeten— daß einem für hundert Mark ein Piepvogel ins Knopf- loch fliegt. Klappt die Sache aber nicht, so braucht man für je hundert Mark Spende nur 10 bis 15 M. auf Verlustkonto zu buchen. Wie gesagt, das Risiko ist gering, das Geschäft lohnt sich. Es lohnt sich auch für die„nationalen" Zeitungen, deren Expeditionen Sammelstellen für die Spenden sind. Denen darf man natürlich nicht mit eventuellen Verlusten kommen und so ist denn die Bestimmung vorgesehen, daß die Zeitungen, die in ihrem redaktionellen Teil zum patriotischen Opfermut für die Jubiläum«» spende auffordern, von den in ihren Expeditionen gesammelten Geldern zehn Prozent behalten dürfen und nur 90 Proz. an den Rendanten, Rechtsanwalt Nicolaus in Berlin, abzuführen brauchen. Davon erfahren natürlich die Spender für die Kaiser-Wilhelm-Jubiläum-Stiftung Hohenzollernschloß Aben- berg nichts! Und das ist auch gut so! Denn wenn die Spender wüßten, daß ihre Gaben mit dazu benutzt werden, um den Dalles ihres nationa- len Leib- und Magenblattes zu beheben, würden sie vieUeicht dan- kcnd verzichten. In treuer Dut Generalleutnant z. D. von Amman ist unter die Refor» mawre gegangen und hat das Glaubensbekennwis der Christen einer Revision unterzogen. Nach der bisher üblichen Christen- lehre thronte Gottvater über allem Irdischen; er lenkte die Ge» schicke der Menschen nach seinem Willen. Die Schwachen nahm er in seinen Schutz und die Mächtigen ließ er erzittern vor seinem Zorn. Jetzt aber mutz das anders geworden sein. Auch der liebe Gott hat vor dem starken Deutschen Reiche, ohne dessen Mitwirkung bekanntlich kein Schwertstreich irgendwo auf dem Erdball ge- führt werden darf, gewaltigen Respekt bekommen und sich unter dem Schutz Ihrer Majestät der deutschen Kaiserin gestellt. Denn es heißt in einem alleruntertänigsten Telegramm, das der Vor- sitzende des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins, Generalleut- nant z. D. von Amman, dieser Tage der Kaiserin sandte:„Unter dem sicheren Schutz Euerer Majestät hat Gott der Herr nunmehr 25 Jahre lang den Evangelisch-Kirchlichen HilfS- verein zu machtvoller EntWickelung auf den Arbeitsgebieten christ» licher Nächstenliebe geführt." Hoffen wir, daß im Interesse der göttlichen Weltordnung auch fernerhin Deutschlands Kaiserin dem lieben Gott ihren aller- gnädigsten Schutz angedeihen läßt. Ver Streik der Ratsmannen. In dem westpreutzischen Städtchen C h r i st b u r g ist der Magistrat in den Ausstand getreten und auch der Bürgermeister hat sich der Bewegung angeschlossen, so daß die Stadt zurzeit keine rechtsverbindlichen Handlungen vornehmen kann. Der Sturm im Glase Wasser soll, wie die„Elbinger Ztg." schreibt, auf das schneidige Vorgehen des Bürgermeisters Hol». stein zurückzuführe»"sein, der es bald nach seinem Amts» antritt vor eineinhalb Jahren mit der Christburger Bürgerschaft verdarb. Mehrere Magistratsmitglieder erhielten vom Bürger- meister Verweise zudiktiert; ein Ratsmann und Hauptmann der Landwehr bekam einenVerweis, weil erSeineGna- den den Herrn Bürgermeister auf der Straße nich.t gegrüßt haben soll. Dem Faß den Boden schlug es aus, als sämtliche zwölf Christburger Wahlmännerwahlen kassiert wurden, weil der Bürgermeister das ordnungsmäßige Ausliegen der Wählerlisten zur Landtagswahl mit seinem Namen bescheinigt haben soll, obwohl die Listen erst am Abend vor der Wahl im Bureau des Bürgermeisters fertiggestellt sein sollen. Der Streik der Ratsmannen wird jedoch voraussichtlich erfolglos enden, da Verhandlungen im Gange sind, die Streikenden durch Arbeit«- willige, die der Titel Ratsmann lockt, zu ersetzen. Vie enthüllte CClahrheit. In Pro-to in Toskana, einem wegen seiner zahlreichen Anarchisten bekannten Städtchen, hat unlängst die Enthüllung einer Gedenktafel für drei in Lhbien gefallene Soldaten den Nationalisten eine recht bittere Enttäuschung gebracht. Mit Musik und allem möglichen Klimbim waren die Ordnungsleute erschienen. Nicht eben besonders erbaut waren sie, als sie an Stell« des patriotischen Schwulstes die folgenden Worte fanden, mit denen man die Marmortafel überklebt hatte: „Von Lissa bis Scharal'chatt, von Abba Garima bl§ Ettangi gab es für Dich, o Volk Italiens, nur ein einziges blutiges Märtyrertum. für die Regierung eine einzige Ge- schichte der Niedertracht, für die Nationalisten eine u n- unterbrochene Orgie des Verbrechens! Möge diese Gedenktafel der tapfer in Lybien Gefallenen daS Volk Italiens zur Rache aufrufen!" Die Festversammlung soll sehr bekniffen auseinander ge- gangen sein._ Mach Maß! Ulster— Paletot— Anzüge gute Zutaten auf Rosthaar von M. 40.— an tadelloser Sist garantiert. Wer Stoff hat von Z5 M. an. Beachten Sie genau Nr.»3. teppSecken kaust man am besten und ' billigsten nur direktFabrik u. Hauptgeschäft Berlin, W a 1 1 8« r. 78 Bernhard Strohmandel. Filialen: Spittelmarkt, vis-a-vis Leipzig. Str. Joachimsthaler Straste 85�-86. 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Niederlagen(Priemdosen daselbst gratis) gibt gern an: Lo Kücker, Kerlin, Grüner Weg 119- k'lÄi.). Verantwortlicher Redakteul': Hans Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.; Tb.Gl-cke.»erlin. Druck u. Verlag. Äorwärt, Buchdrudecei u. VerlagSanitalt Paul Singer u. To-. iöetl,n S*