Pr. 145. Hbonnttnenfs-BedingungeD; Wonnnnrnti- Preis prSimmerand«: Lierteljährl. S�o M5, Bumall. 140 Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei inZ Hau»> einzelne Sirnmner» Pfg. emmtag». nmnmer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Kau«Belt* 10 Pfg. Pasl- Wonnemcnt: 1.10 Mari pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich< Ungarn 240 Wart, für daS übrige Ausland s Mari pro Monat. Poslabonnements nehmen an: Belgien. Dänemars, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, "mm, Schweden und die Schweiz. 30. Ilchrg. VIe snIerNonz-eedühs beträgt für die sechsgespaltene Kolones. zelle oder deren Raum 00 Pfg, für politische und gewerkschaftliche Verein� und Berlnninilungs-Ai� eigen 80 Pfg. „Kleine Hnrelgen", das settgcdruckic Wort 20 Pfg. tzulässtg 2 settgedruckle OttKtot tlgM. � f. Berliner VolktSblnK. Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. zesuche und Echlafstellenau zeigen daS erste Wort 10 Pfg. jedes weitere Worts Pfg. Worte über ISBuch staben zählen für zwei Worte. Inserate �ür die nächste Nummer müssen bis - Uhr nachmittags in der Erpedltioii abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Delegramm- Adreff« „SsÄsIileiüslmit Rertia". Zentralorgan der rozialdemokratifchcn parte» Deutfchlands. Redaktion: SRl. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moristplatz, Nr. 1983. Donnerstag, den 12. Juni 1913. Expedition: 6M. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moristplat?, Nr. 1981» Aleöer erneute Schwach! Heute tritt dieser Landtag zusammen, dessen klotze Existenz eine Provokation des preuhischen Volkes ist. Ent- sprungen auS dem Sieg der Gegenrevolution über das Volk, aus dem Bruch der Verfassung, die mit dem Blute der Kämpfer von 1848 erkauft war, ist seine Rechtsgrundlage eine fortwährende Vergewaltigung des Rechts, ein Triumph der Junkermacht und das Werkzeug ihrer Herrschast. Der Wahlkampf, den wir hinter uns haben, hat die Er- bitterung und den Zorn nur noch vermehrt, zugleich aber auch die Einsicht gefestigt, datz hier das klotze Wählen allein nicht genügt. Unter dem Dreiklassenwahlrecht kommen wir nicht vorwärts, können wir nicht vorwärtskommen, und wendeten wir noch so schlaue taktische Manöver an. Doch vorwärts müssen wir und unsere Entschlossenheit ist gerade durch die Geringfügigkeit des Wahlergebnisses noch gestärkt worden. Sang- und klanglos wird dieser Landtag eröffnet werden. Es heitzt, Wilhelm II. sei durch die Vorbereitungen für die Jubiläumsfestlichkeiten so in Anspruch genommen, daß er für die Eröffnung nicht die nötige Zeit finde. Uns dünkt aber, datz der Verzicht auf eine Thronrede den Herren oben auch aus anderen Gründen recht gelegen kommt. Denn was sollen sie sagen? Sollen sie von der Wahlreform schweigen, dann müssen sie fürchten, datz der Schrei der Empörung ihr Jubi- läumsgetöse schrill übertönt, datz vor dem Ruf der Entrechteten ihr Hoch und Heil verklänge. Wollen sie aber wiederum von der dringendsten Aufgabe der Gegenwart sprechen, dann tvürden ja die Herren des Landtages verstimmt, dann würde den Junkern wenig festlich zu Mute, dann käme ein Mitzton, ein leichter zwar, aber ein den höchsten Herrschaften umso un- angenehmerer, in die Jubiläumsfreude. So schweigen sie und nur daS Unrecht schreit. Doch wenn im Landtag von dem Einzigen, wonach das preutzische Volk leidenschaftlich verlangt, geschwiegen wird, im Reichstag ist vom preutzischen Wahlrecht gesprochen worden. Der Abg. Noske hat an ein verpfändetes Königs- wort, das nicht eingelöst ist, erinnert. Er hat die unerhörte Tatsache angeführt, datz man die Rechtlosigkeit in dem gleichen Momente aufrecht erhält, in dem man dem Volke die schwersten Opfer durch die neue Heeresvorlage auferlegt. Er hat im Namen der deutschen Sozialdemokratte erklärt, datz, wenn die Wahlrechtsvorlage nicht mit der Einlösung des Königswortes, dann gegen den König gelöst werden wird. Was hat die Regierung darauf geantwortet? Der Staats- sekretär Delbrück hat sich die konservative Argumentation zu eigen gemacht, datz mit der Vorlage jener elenden Spott- geburt aus Dreck und ohne Feuer, die dem früheren Landtage als Wahlreform zugegangen war, das Königsversprechen be- reits eingelöst, die„dringendste Aufgabe der Gegenwart" also erledigt sei. Die Regierung und den König treffe keine Schuld, verantwortlich stj der Landtag. Man sieht, das starke preutzische Königtum, dessen Kraft und Macht uns unaufhörlich gepriesen wird, das ein so stolzes Besitztum des preutzischen Volkes sein soll, dieses Königtum ist mitsamt seiner Regierung nach der Auffassung des Staatssekretärs plötzlich zur völligen Ohnmacht verurteilt, es trägt für die Lösung der dringendsten Aufgabe der Gegenwart keine Verantwortung, es kann nichts ausrichten, wenn es gegen den Willen der Junker und für das Recht des Volkes wirken soll. Diese Ohnmacht einem Landtage gegenüber, der im preußischen Volke nicht den geringsten Rückhalt hat, dessen Grundlage ungesetzlich ist, dessen Zusammensetzung nicht zum geringsten Teil durch den Terror bedingt ist, den bei den öffentlichen Wahlen bchörd- liche Organe zugunsten der Wahlrechtsfcinde ausüben. diese Ohnmacht des Königtums von so treuen Monarchisten zugestanden zu bekommen, ist ja ein recht merkwürdiges Zugeständnis. Wozu das Königtum, wenn eS so ohn- mächtig ist? ES ist nicht unsere Sache, gegen diese Auffassung des Staatssekretärs von der Macht und der Stellung der preutzischen Monarchie zu polemisieren. Nur konstatieren wollen wir datz autzer den Wahlrechtsfeinden und den Regierungs- leut'en niemand in Preußen glauben wird, datz mit der Ab- lehnung der Wahlreform das feierliche Versprechen der Thron- rede eingelöst ist. lind bestätigen wollen wir dem Herrn Staats- sekretär. daß auch wir den politischen Wert des königlichen Ver- sprechenS, wenn auch vielleicht nicht ganz so gering wie er, so jedenfalls nicht viel höher eingeschätzt haben. Und danken wollen wir ihm schließlich für die Aufklärungsarbeit, die er geleistet hat. Ruft er doch aufs neue den Rechtlosen in Preußen zu. datz sie sich nur auf ihre eigen eKraft ver- lassen können, datz sie von nirgends anders her Unterstützung Hu erwarten haben. Leichten Herzens gibt die Regierung die� politische Ueberzeugung preis, die in jener Thronrede zum feierlichen Ausdruck kam. Sie kapituliert vor der Macht der Junker und prägt damit aufs neue den Volksmassen ein, datz eS sich bei der Wahlrechtsfrage um eine Machtfrage handelt. Und davon hängt schließlich alles ab: die Massen selbst müssen erkennen, datz es sich bei der preußischen Wahlrechts- frage um die Entscheidung über die ganze politische Ge- staltung der deutschen Politik handelt. Das preutzische Un- recht ist heute die Grundlage der politischen und sozialen Verhältnisse im Deutschen Reich. Nur wenn es beseitigt wird, wird die Bahn frei für allen weiteren Fortschritt. Dies muß jedem Einzelnen der Entrechteten klar werden und aus dieser Erkenntnis der Entschluß reifen, die Wurzel aller politischen Knechtschaft auszureißen trotz aller Wider- stände. Dieser Entschluß mutz kommen. Denn immer wieder stoßen die Volksmassen bei jedem Schritt, den sie vorwärts tun wollen, auf die Schranke, die die preutzischen Junker errichtet haben. Wenn die Wahlrechtsfeinde hoffen, daß sie den Wahlrechtskampf losgeworden sind, weil die Be- wegung eine Zeitlang weniger stürmisch war, so irren sie. Ihre eigene Tätigkeit zwingt ja zu immer erneuertem An- stürm und die Größe ihres Widerstandes zwingt nur zur immer neuen Verschärfung unseres Kampfes. Der neugewählte Landtag wird nur ein paar Tage beisammen sein, er wird sich konstituieren, Wilhelm II. gra- tulieren und dann verschwinden. Erst im Spätherbst will er seine Tätigkeit beginnen. Dann wird auch die Regierung sich erklären müssen, was sie über die dringendste Aufgabe der Gegenwart eigentlich denkt, wann und ob sie eine Wahl- reform in Angriff nehmen will. Und dann wird auch unsere Tätigkeit beginnen und die Wahlrechtsfrage wieder auf die politische Tagesordnung Deutschlands gestellt sein. Wahlrechtskämpfe dauern lange und erfordern- große Kraftanstrengungcn und große Opfer. Ader schließlich zeigt die Geschichte, datz all diese Kämpfe unter grötzeren oder geringeren Erschütterungen, je nach der Vernunft der Herr- schenken, doch stets mit der Erweiterung des Wahlrechts ge- endet haben. Auch dem Dreiklassenwahlrecht schlägt bald die Stunde. Denn: wir müssen vorwärts! bei' Lrokwelir erschollen! Koustantinvpel, 11. Juni. Der Grotzwesir Mahmud S ch e w k e t Pascha begab sich in Begleitung seiner beiden Adjutanten Echrosf Bei und Ibrahim Bei nach der Hohen Pforte, als vor dem Brunnen des Sultans Rayazid zwei Personen, die sich in einem Automobil verborgen hatten, mehrere Revolvcrschüsse auf den Grotzwesir ab- feuerten. Schcwket Pascha»vurde sofort tödlich ge- troffen und verstarb in einigen Augenblicken. Auch sein Flügcladjutant Ibrahim Bei wurde bei dem Attentat verwundet, und desgleichen auch ein Diener drS Grotzwesirs. Nach einer der Berliner türkischen Botschaft von dem ottomanischen Auswärtigen Amt zugegangenen Depesche ver- schied der Grotzwesir eine Stunde nach dem Attentat. Ter Name des mutmatzlichen Täters ist T 0 p a n 51 a d r i. Die Motive sind bisher ganz unbekannt. * Motive unbekannt! Aber die Tat selbst ver- kündet deutlich die Unsicherheit der inneren Verhältnisse der Türkei, die auch jetzt nach dem Frieden keinen Moment zur Ruhe und StabUität kommen kann. Mahmud Schewket Pascha war der angesehenste und energischste Mann der Jung- türken. Aber weder war es ihm gelungen, dem Kriege eine andere Wendung zu geben, noch die Sicherheit im Innern aufrechtzuerhalten, trotz Ausnahmezustand und militärischer Diktatur. Man darf annehmen, datz das Attentat die Rache für den gewaltsamen Sturz des früheren Ministeriums, für die Ermordung des Kriegsministers N a z i m Pascha ist. Am 23. Januar hatte E n v e r Bei durch seine be- waffnete Demonstration das Ministerium zum Rücktritt ge- zwungen und Mahmud wieder in die Macht zurückgeführt. Von dem Besieger Abdul Hamids erwarteten die Jung- türken die Rettung. Die Friedensverhandlungen wurden abgebrochen, der Kampf begann aufs neue, bis schließlich nach dem Fall von Adrianopel, nach vielen unnützen Opfern Mahmud Schewket dort stand, wo seine Vorgänger gestanden hatten. Jetzt ist er selbst, der einst der gefeierte Held der revolutionären Armee war, der Kugel des Mörders zum Opfer gefallen. Hart rächt das Geschick an den Jungtürken eigene und fremde Schuld. Die amtliche Verlautbarung. Konstantinopel, 11. Juni. Das Pressebureau hat ein amtliches Kommunique veröffentlicht, demzufolge der Groß- Wesir und Kriegsminister Mahmud Schefket Pascha, als er sich heute morgen in seinem Automobil zur Pforte be- geben wollte, auf dein Bajazetplatze, an einer Stratzenkreu- zung wegen Erdarbeiten halten lassen mutzte. In diesem Augen- blick gaben aus dem Publikum heraus einige unbekannte Personen mehrere Revolverschüsse gegen das Automobil ab, durch die der Grotzwesir schwer verwundet wurde. Er wurde ins Kriegsministerium zurückgebracht, wo er eine halbe Stunde später seinen Geist aufgab. Auch sein Adjutant, der Schiffsfähnrich Ibrahim, ist von einer Kugel getroffen und getötet worden. Der M i n i st e r r a t ist im Kriegs- Ministerium zusammengetreten, die Militärbehörden haben die erforderlichen Matzregeln zur Aufrechterhaltung der Ordnung ergriffen. Unter dem Verdacht einer der Mörder des Grotzwesirs zu sein, ist ein Mann namens Töpai Tewfik in einer Bedürfnisanstalt des Stadtviertels Aedikpascha verhastet worden. Er trug zwei Revolver und mehrere Patronen bei sich. Die Polizei setzt die Untersuchung fort. Mahmuds Nachfolger.' � Konstantinopel, 11. Juni. Durch ein Jrade deS©nRernS ist der Minister deS Acuhercn Prinz Said Halim Pascha zum interimistischen Grotzwesir ernannt tvoriden. Der Hcrttihumajau (Bestellungsurkunde) ist heute nachmittag auf der Pforte verlesen worden. Die übrigen Minister bleiben im Amte. Der Ministerrat ist auf der Pforte zu einer Sitzung zusammengetreten. viel Leichrei und wenig Nolle. Mit dem Zettelkasten des Zentrums, Herrn Erzberger. begann der zweite Tag der zweiten Lesung des W e h r g e s e tz e s. TOier an sprudelnder Zungenfertigkeit Gefallen findet, konnte auf seine Kosten kommen, sonst niemand. Im Uebrigen war Herrn Erzbergers Rede die alte patrio- tische Weise, in der die vielen falschen Töne und chauvinisti- schen Uebertreibungen unangenehm auffielen. Datz er an Noskes gestriger Rede gar mancherlei zu tadeln hatte, konnte diesen nur mit Genugtuung erfüllen; datz Herr Erz b e r g e r indes die abgebrauchte Schablone anlvandte. A> gumente totzuschlagen, die unser Redner gar nicht gebrauc! hatte, stellt der Geschicklichkeit des Zentrumsredners nicht dm:- beste Zeugnis aus. Er mutzte sich denn auch von Noske in einer persönlichen Bemerkung eine derbe Abfuhr gefallen lassen. Der eisernen Stirn des Herrn Erzber g er wollen wir im übrigen alle Anerkennung zollen; denn es ist wohl selten, datz ein Abgeordneter bei seinen falschen, aus Notizen und Zeitungsberichten beruhenden Behauptungen bleibt, wenn ihm ihre Unrichtigkest auf Grund des Stenogramme nachgewiesen wird. Datz des Z e n t r u m s patriotischer Be willigungseifer dort aufhört, loa eine ihm nicht genehme Steuer beginnt, fand auch in dieser Rede dankenswerte Be- stätigung. Ohne ein paar platte Bemerkungen über die So zialdemokratie geht es bei Herrn Erz b er g er me; datz er aber die Kasernenunruhen in Frankreich mit der dort voll zogenen Trennung von Staat und Kirche m Zusammenhang brachte, zeigte nur, aus welchen Blüten ein Bielflewandtcr Honig zu saugen vermag, wenn er sich seine herrliche Ober- flächlichkeit zu bewahren versteht. t Die folgenden Redner: der nationalliberale Herr Sem- l e r und der Konsewative Herr v 0 n P u t l i tz polemisierten vergeblich gegen die guten Gründe des sozialdemokratischen Redners. Dann kam Herr M ü l l e r- Meiningen. Dao merkt man sofort, auch wenn man nicht im Saale ist; denn Herr Müller hat immer große Heiterkeit, genau wie Herr Oertel, die sich ja beide gerne gegenseitig anulken. Auch diesmal war das Herrn Müllers Anfang. waS von Herrn Oertel. unter großem Vergnügen des Hauses damit quittiert wurde, datz er, unter ostentativer Gervorkehrung seiner breiten Rückenfront gegen den freisinnigen Redner den Saal verließ. Gegen unseren Sprecher erlaubte sich Herr Müller die geschmackvolle Bemerkung, er habe eine Rede mit viel Theaterdonner gehalten. Gemach, Herr Müller, und Vorsicht mit solchen Vergleichen, denn dann war Ihre Rede Varietä. Wenn der fortschrittliche Redner es alo Ehrensache der Parteien bezeichnete, verschiedene mit großer Mehrheit angenommene Resolutionen in die Praxis umzu- setzen, oder wenn er von der Möglichkeit kommender Kon- flikte zwischen Parlament und der Heeresverwaltung sprach, so mutzte er durch die vergnügte Heiterkeit der Sozialdemo kratie belohnt werden. Das war gar nicht anders möglich. Du lieber Gott: Die bürgerlichen Parteien(oder auch nur die liberalen allein) und Durchsetzung von Forderungen gegen die Militärverwaltung oder gar ernste Konflikte! Ein ärgerer Widerspruch in sich selbst ist kaum, denkbar. Die Herrschaften,(sogar die Liberalen allein) hatten in der Ver gangenheit mehr als einmal Gelegenheit, wichtigen liberalen Bestrebungen zur Verwirklichung zu verhelfen. Die ihnen dazu gebotenen parlamentarischen Möglichkeiten haben sie niemals ernsthaft angewandt und werden sie auch sürderhin (trotz sozialdemokratischer Hilfe) nie anwenden, sie werden reden, reden, reden. � Dann stand der Reichskanzler auf. Alle Welt glaubte, datz er etwas zu sagen hätte, und daS mutzte mich eigentlich so sein, wenn ein Reichskanzler das Wort«rgreist. Aber er hatte nichts zu sagen. Rein gar nichts, was nicht ein xbeliebiger Geheimrat im Austrage der Verbündeten Rc- gierungen nicht ebensogut hätte aussprechen können. Doch wir wollen dem Kanzler nicht unrecht tun: etwas sagte er dennoch. Er mahnte die bürgerlichen Parteien zur Einigung. er lud zum Kompromiß ein. Jeder andere Satz seiner Rede war belanglos. Und der erwähnte verdient um deswillen besonders hervorgehoben zu werden, weil er mit den von verständnisinniger Heiterkeit begleiteten Worten schloß: „Lassen Sie uns„handeln", ineine Herren." Das gewiß nicht vom Reichskanzler so. wie es vorn Hause aufgefaßt wurde, gemeinte Wort„handeln" wird das Zeichen der nächsten Tage sein. Und daß dieses Wort, ganz spontan, die umgekehrte Deutung erfuhr, die der Redner erstrebte, das ist nicht allein der Humor der Sache, sondern das einzige er- kennbare Wahrzeichen Bethmännischer Regierungsweisheit: Lassen Sie uns„handeln". Dieser unfreiwillig komische, aber für die Situation einzig bezeichnende Schluß der kurzen Kanzlerrede stand in auffallendem Gegensatz zu der nervös- pathetischen Drohung, daß alle Konsequenzen einer etwa ablehnenden Haltung der Parteien gezogen werden wiirden. Herr von Bethmann braucht kaum zu fürchten, beim Wort genommen zu werden. Nach der Rede des Kanzlers gingen die Ausführungen des Reichsverbandsgenerals L i c b e r t im Wirrwarr der Unterhaltung des Hauses unter. Er sprach von der Zu- sanimengehörigkeit von Fürst und Staat, die in Preußen auch in den schwersten Zeiten zusammengehalten hätten(offen- bar dachte der gloriose Historiker an den dritten und vierten Friedrich Wilhelm). Hierauf sprach kurz der Welse C o l s- Horn, und den Schluß machte Herr Bassermann, der (sachkundiger als in anderen Dingen, er ist Rittmeister d. R.) über technische Zusainmenhänge der Kavallerieformationen mit dem übrigen Heere redete. Dann aber forderte er mit aller Schärfe, in bekannter Ueberbewilligungsrnethode, die Wiederherstellung der von der Budgetkommission gestrichenen drei Kavallerieregimenter. Herr B a s s e r m a n n verstieg sich in seiner Beweisführung für ihre Notwendigkeit zu der kaum glaublichen Auffassung, daß Kavallerieattacken ä la Vionville auch in zukünftigen Kriegen zu erwarten seien. Was er über den Wert der Reiterei als Aufklärungstruppe sagte, war zu einem kleinen Teil richtig, aber für diesen Zweck haben wir Kavallerie genügend. Im übrigen emp- fehlen wir Herrn Bassermann das Buch des Reiter- generals von Bernhardt über den n ä ch st e n Krieg zum eifrigen Studium: vielleicht begreift er dann den von allen ernsten Sachverständigen gerügten Unfug von geschlossenen Kavallerieattacken. Aber wer weiß, vielleicht auch nicht, und das wäre gar nicht so merkwürdig. Morgen kommt als unser Redner Genosse Ledcbour zu Wort._ Die Ceiden der Fiiobililierten. Die glorreiche Politik der schwarz-gelben Imperialisten mit ihrer konfusen Unbeständigkeit weist nur einen einzigen ruhenden Pol in der Schwankungen Flucht auf: die monatelangen Leiden der vielen unglücklichen Reservisten und Landwehrleute, die bei Beginn des Balkankrieges mobilisiert und an die Süd- und Ostgrenze der Monarchie transportiert wurden. Die bitteren Klagen dieser armen Opfer einer unfähigen Politik sind als Gegenstück zum Fall Redl charakteristisch für idie Zustände im Heerwesen unseres.brillanten Sekundanten", sie find aber auch eine schwere Anklage gegen den Mlitarismus und die Kriegsheye überhaupt. Unsere österreichischen Genossen haben im Abgeordnetenhause an den Landesverteidigungsminister eine I n t e r- pellation gerichtet, in der folgende Tatsachen angeführt werden: Mangel an Bekleidung und Schuhwerk, ungenügender Kälte- schütz;— ungenügende Bequartierung: Ueberfüllung, höchst gesundheitsgefährliche Notbaracken;— schlechte Menage: hungernde Mannschaft, wucherische Zwischenhändler, keine erhöhte Löhnung;— Mißbrauch der Leute zu Parade-, Salutier- und ähnlichem Drill statt zum Felddienst;— harte Strafen aus geringen Anlässen, rekrutenmätzige Behandlung der Familienväter;— zahlreiche Erkrankungen, Simulationsriecherei, selbst Todesfälle. Zum Beweis berufen sich die Interpellanten auf Briefe von der Grenze, die ihnen täglich zu Dutzenden zugehen. Eine Auswahl fügen sie. natürlich ohne Namen oder sonst nähere Angaben, aber nach sorgfältiger Prüfung der Zuverlässigkeit der Absender, als Material bei. Hören wir einiges daraus: AuS Dalmatien schreibt einer: Ueberfülltes Quartier im Magazinraum, notdürftiges Stroh- lager am Boden und leichte Sommerdecken. Erst nach 14 Tagen, vor einer Inspektion, gab es Strohsäcke. Kein Waschwasser. Kein Abort. Man wusch sich in Regenpfützen. Folge: Krank- heiten. Der Arzt schrieb die Leute kompagniemarode und kennzeichnete sie als Simulanten.— Ein anderer: Transportverpflegung(48 Stunden) auf eigene Rechnung zu Wucherpreisen. 200 Mann meiner Baracke, wie die Heringe. Dienst wie in der Kaserne, obwohl 8a Prozent Verheiratete sind, die nach Hause denken. Einer ist irr- sinnig geworden. Dazu Strafen auf Strafen. Verwendung zu Straßen- arbeiten. Lager zuerst in Zelten, auf nassem Boden, in den eigenen Kleidern(die überhaupt mangels ausreichender Monturen eine große Rolle spielen). Bon den W e i h n a ch t s s p e n d e n aus dem Reiche kamen auf den Mann 60 Heller..Helft uns, sonst sind wir zur Selb st wehr gezwungen, was bald geschehen kann I Bei einigen Kompagnien wurden bereits die scharfen Patronen abverlangt.. Ein Dritter: Vier Wochen ans Stroh in Zelt oder Baracke. Erst nach sechs Wochen Hemd und Unterhose erhalten. Trinkwasser aus einer Regenwasserzisterne, neben der die Leute Ersatz für die fehlende Latrine gesucht hatten. Eine Latrine gab es erst, als Leute krank geworden waren. Auch hier Artilleristen als Straßenarbeiter, wozu sie drei Kasernenjahre und drei Waffenübungen zur Ausbildung bedurften..Strammes Salutieren, Paradegriffe, Knöpfe- und Schuhputzen. Täglich wird eine Stunde zu Salutierübungen ver- wendet." Schlechte Verpflegung im Marodenzimmer, die den Kompagnien überlassen ist; infolgedessen häufig gar keine (in einem Falle zwei Tage lang) oder kalte Verpflegung. Liederlich gebaute K r a n k e n b a r a ck e n, in die der Wind pfeift. Kommt ein starker Sturm, dort nicht selten, so müffe» die Kranken, selbst mitten in der Nacht, fliehen, um nicht von den Brettern erschlagen zu werden..In... mußten vorige Woche die kranken Reservisten um 11 Uhr nachts aus ihren Baracken fliehen. Bei Tage konnten sie ihre Blusen im Meere schwimmen sehen."— Gesuche um Urlaub wegen Sterbefalls in der Familie, Wochen- bettS usw. werden, wie ein Vierter erzähst,.prinzipiell" abgelehnt. Dagegen kam die vor kurzem zugelassene Beurlaubung von S Proz. sehr vermögenden Leuten(ProtektionS- lindern) zugute, während Familienversorger zurückbehalten und zu überflüssigsten Diensten verwandt werden. Einen Monat hatten hier die Leute Quartier in zwei Ziegelöfen. In einem ein offener Kochherd.' Lager: 2 Strohsäcke für 3, auch 1 für 2 Mann. Nachher Unterbringung in einer Klosterschule: 80 in einem mittelgroßen Zimmer. Staub. Ungeziefer wie zuvor. 13 ernste Krankheits- fälle, darunter Gelenkrheumatismus und Lungenentzündung, Schar- lach, Diphtherie. Ein Todesfall: der Mann war zweimal vom Arzt als Schwindler bezeichnet worden und kam ins Spital, als er nicht mehr gehen konnte. Mit leichteren Krankheiten darf man sich gar nicht melden. Trotz staubiger, schweißtreibender Arbeit(Bäckerei) leine Badegelegenheit. „Solche Briefe gibt es Tausende", sagt die Wiener.Arbeiter- Ztg.",.und aus allen vernimntt man die Klagen über das gleiche Leid. Die Oeffentlichkeit weiß noch gar nicht, wie viele Tausende Menschen es sind, die so behandelt werden. Doch des Jammers Ende ist noch gar nicht abzusehen. Das alles aber ist nur Grenz- dienst im Frieden. Nun male man sich erst den Krieg selbst aus mit seiner vielfachen Zahl von Menschen und der grenzenlos ge- steigerten Verwirrung. Und mit dieser Gefahr haben die maßgeben- den Kreise monatelang freventlich gespielt. politische debersicbt. Ter Arbeitsplan des Reichstags. Im Seniorenkonvent des Reichstages wurden am Mittwoch Dispositionen über die durch das Regie- rungsjubiläum beeinflußten Geschäfte in den nächsten Tagen getroffen. Es wird gewünscht, daß die Debatten über die Wehrvorlage bis Sonnabend zu Ende gehen. Darauf sollen Montag und Dienstag sitzungsfrei bleiben. Wird die Debatte über die Wehrvorlage Sonnabend jedoch nicht zu Ende ge- führt, dann wird nur der Montag freigegeben und am Diens- tag die Debatte fortgesetzt werden. Am Sonnabend will der Präsident aus Anlaß des Jubiläums eine Ansprache halten, eine besondere Festsitzung soll jedoch nicht stattfinden. Im Laufe der nächsten Woche soll sodann das Staatsangehörigkeitsgesetz, das Gesetz über den Unterstützungswohnsitz, Wahlprüfungen und Petitionen auf die Tagesordnung gestellt werden. Graf Posadowsky und sein Doppelgänger. Genosse N o s k e ist das Opfer eines nur zu leicht begreiflichen Irrtums geworden, als er am Dienstag in seiner Rede unter den Gründern der auf den Luftmilitarismus spekulierenden Atlaswerke auch den derzeitigen Reichstagsabgeordneten Grafen Posadowsky aufführte. Graf Posadowsky entrüstete sich höchst komödiantenhaft darüber, daß ihm Noske leichtfertigerweise eine solche Schmach an- getan habe. Das„Berliner Tageblatt" erklärt nun, daß Genosse Noske sich zur Rechtfertigung seiner Behauptung keineswegs auf eine Presse- Nachricht, sondern auf die von den Atlaswerken selb st an die Presse versendeten Prospekte hätte berufen können, die neben dem Abgeordneten von Böhlendorff-Kölpin und dem unvermeidlichen Octavio von Zedlitz auch den Namen des Grafen Posadowsky ausdrücklich aufgewiesen hätten. Wenn es dem ehemaligen Staatssekretär des Innern also daran gelegen hätte, seinen Namen in entsprechende Entfernung von der luft- militaristischen Gründung zu bringen, so sei es doch besser gewesen, schon damals wegen Mißbrauch seines Namens Protest zu erheben. Graf Posadowsky wird sich nun darauf berufen, daß er ja mit dem Atlasgründer gleichen oder doch ähnlichen Namens nicht identisch sei. Denn in der Tat war der Graf Posadowski- Wehner. der in Gemeinschaft mit den Böhlendorff-Kölpin. Octavio vcn Zedlitz, Major a. D. Parseval usw. auf dem Gründerprospekt figurierte, nicht identisch mit dem Reichstagsabgeordneten und ehe- maligen Staatssekretär Grafen Posadowsky-Wehner. Wenn selbst das„Berliner Tageblatt" das heute noch nicht gemerkt hat, um wie viel weniger vermochte das die politisch viel weniger orien- tierte G« schäftsweltzu bemerken, die natürlich in dem Grafen Posadowski-Wehner, der da neben dem Major a. D. Parseval ge- nannt wurde, nicht einen total Unbekannten vermutete, fondern natürlich den ehemaligen Staatssekretär, derzeitigen Reichstags- abgeordneten und Ehrenvorsitzenden der National- flugspende Arthur Adolf Grafen von Posadowsky-Wehner. Argwöhnische Gemüter könnten zu der leicht begreiflichen Ver- mutung gelangen, daß bei der luftmilitaristischen Gründung der Atlaswerke der Name des Grafen Posadowski-Wehner nur deshalb benutzt worden sei, um geflissentlich den Anschein zu erwecken, daß der Reichstagsabgeordnete Graf Posadowsky-Wehner, einer der einflußreich st en Gönner des luftmilitaristischen prozentpatriotischen Unternehmens sei! Und wenn der Reichstagsabgeordnete Graf Posadowsky diesen Trick damals ohne Protest passieren ließ, so verrät es in der Tat ein geradezu bemerkenswertes Komödiantentum, wenn er sich am Dienstag gegen den Irrtum des Abgeordneten Noske in so outrierter Weise zu ver- wahren suchte! Die luftmilitaristische Gründung der AtlaSwerke scheint ober- faul zu sein; aber auch die Haltung des Staatssekretärs a. D. und Reichstagsabgeordneten Graf Posadowsky ist mehr als seit- sa m! Kompromi�vcrhandluugen. Wie das offiziöse Telegrapheitbureau mitteilt, finden zurzeit unverbindliche Besprechungen zwischen leitenden Persönltchkeiten verschiedener Fraktionen statt, die den Zweck verfolgen, eine Verständigung anzubahnen. Uebcr die Richtung, in der sich diese Kompromißverhand- lungcn Mischen dem Zentrum und den National- liberalen bewegen, schreibt die klerikale„Köln. Volksztg.": „Um den nationalliberalen Wünschen entgegenzukommen und auf dem Boden der Forderungen der Nationalliberalen eine Einigung zu erzielen, hat man im Zentrum vorläufig die grund- sätzlichen Bedenken gegen eine Reichsvermögenssteuer zurück- gestellt und die Bereitwilligkeit bekundet, einer Reichsvermögens- steuer zur Deckung der Wehrvorlagen eventuell zuzustimmen. Angesichts der Stellungnahme deS Rerchskanzlers gegen eine Reichsvermögensfteuer mehren sich aber die Stimmen, welche wieder auf die ursprüngliche Regierungsvorlage zurückgreifen und die als Sicherungsgesetz von der Regierung vorgeschlagene VermögenszuwachSfteuer als direk- tes Reichsgesetz zu einer ReichSvermögenSzu- wachs st euer ausarbeiten wollen. Sollte auch dagegen der Reichskanzler wieder ein Unannehmbar aussprechen, dann wäre man so ziemlich am Ende des Lateins angelangt, um so mehr, als in einer Reichsvermögenszuwachssteuer auch der Gedanke der Erb- anfallsteuer in gewissem Maße berücksichtigt ist." Von der Regierang ist dieses Unannehmbar Wohl nicht zu erwarten und das der„Deutsckfen Tageszeitung", die auch die mildeste Form der Erbesbesteuerung perhorresziert. wäre kein Hindernis. Aber daß die Nationalliberalen sich auf einen so kläglichen Rückzug begeben wollen, obwohl sie die patriotische Heuchelei des Zentrums entlarven und eine gründliche Besitz. besteuerung durchsetzen könnten, wäre allerdings recht bezcich- ncnd.__ Ernüchterung. Die anfängliche Opferwilligkeit der besitzenden Klaffen ist in dem gleichen Maße abgeflaut, in dem die Verhandlungen in der Budgetkommission dem Wehrbeitrag feste Gestalt ver- liehen. Die ganze kapitalistische Presse jammert heute bereits darüber, daß der Wehrbeitrag für die höheren Vermögen auf eine direkte Konfiskation hinauslaufe. Am besten faßt die Stimmung, die in kapitalistischen Kreisen herrscht, der halb- offiziöse.Berliner Lokal-Anzeiger" zusammen vr die Sätze: .Die freudige Stimmung, mit der die große Oeffentlichkeit das notwendige Vermögensopfer dem Vaterlande darbringen wollte, hat mehr und mehr einer Ernüchterung Platz gemacht, und nun, da die Beschlüsse der Reichstagskommission sich voll- ständig übersehen lassen, muß man wirklich daran zweifeln, ob ihre Annahme dem Plenum des hohen Hauses und, falls dieses keinen Grund zu Bedenklichkeiien finden sollte, den Verbündeten Regierungen noch mit gutem Gewissen empfohlen werden kann." Der Artikel weist dann darauf hin, wie erfreulich gegenüber den Kommissionsbeschlüssen die Regierungsvorlage war und klingt dann in folgenden Ratschlag aus: .Der Reichstag hat schon des öfteren Regierungsvorschläge, die an sich einfach und leicht durchführbar waren, von unterst zu oberst gekehrt und nachher mit seiner Weisheit elendiglich Schiff- bruch erlitten. Wir erinnern nur an die Fahrkartensteuer, die er hinterdrein gern wieder losgeworden wäre. Er sollte sich diese Ersahrungen zur Warnung dienen lassen und auch bei dem Wehr- beitrag lieber zu den Grundlagen der Regierungsvorschläge zurück- kehren. Das Volk ist in Steuersachen in den letzten Jahren wirk- lich nicht verwöhnt worden. Um so mehr muß dafür Sorge ge« tragen werden, daß bei der Verteilung neuer Lasten nicht nach Willkür oder unbilligen Parteirücksichlen, sondern nach Recht und Gerechtigkeit verfahren wird." Wenn indirekte Steuern vorgeschlagen worden sind, dann ist es dieser Presse niemals eingefallen. Recht und Gerechtig- keit in den Vordergrund zu stellen. Jetzt, wo zum ersten Male die besitzenden Klaffen etwas schärfer zu den Lasten des Reiches herangezogen werden sollen, schreit man von Kon- fiskation des Privateigentums. So sieht der Patriotismus und die Opferwilligkeit der herrschenden Klaffen aus. Treffen- der konnte das nicht mehr gezeichnet werden, als der der Regierung so überaus nahestehende„Berliner Lokal-Anzeiger" es getan hat._ Reichstagsersatzwahl in Waldeck-Pyrmont. Gestern fand für den Reichstagswahlkreis Waldeck-Pyrmont eine Ersatzwahl statt, die notwendig geworden war, weil der Reichs- tag die Wahl des als gewählt erklärten Abgeordneten Vietmeyer (Wirtsch. Vgg.) für ungültig erklärt hatte. Bei der gestrigen Wahl wurden abgegeben für Vietmeyer(Wirtsch. Vgg.) 5848, für Naumann(Vp.) 4837 und für W e d d i g(Soz.) 1017 Stimmen, zersplittert waren 10 Stimmen. Es ist also Stich- wähl zwischen Vietmeyer und Naumann erforderlich. Bei der Wahl im Jahre 1912 wurde der Antisemit Vietmeyer in der Stichwahl mit 8192 gegen 8039 freisinnige Stimmen ge- wählt. In der Hauptwahl hatte der Freisinn 3687, der National- liberale 2037, der Sozialdemokrat 1690 und der Antisemit 4403 Stimmen erhalten. Ein erheblicher Teil der Nationalliberalcn hatte also damals für den Antiseuüten gestimmt. Auch diesmal hatten die Nationalltberalen nicht etwa die Parole für den frei- sinnigen Abgeordneten Naumann ausgegeben, sondern nur ihren Wählern die Abstimmung freigestellt mit dem Resultckt. daß auch bei dieser Wahl ein großer Teil der Nationalliberalen wieder für den reaktionären Vietmeyer eingetreten ist. Es ist aber gute Aus- ficht vorhanden, daß in der Stichwahl Friedrich Naumann init sozialdemokratischer Hilfe gewählt wird. Auch ein Jubiläumsgeschenk. Der Jubiläumsrummel wird, je ngher der Tag kommt, an dem Wilhelm IL die Regierung übernahm, immer toller. Den Vogel damit haben zweifellos schon jetzt die Bunzlauer Patrioten abgeschosien. Nach der Landtagswahl in Bunzlau-Löwenberg, in der die beiden konservativen Kandidaten.einstimmig" gewählt wurden, denn die Freisinnigen und Sozialdemokraten beteiligten sich nicht an der Wahl, weil der Sieg der Reaktionäre absolut sicher war, versammelten sich die konservaliven Wahlmänner von Rang und Würde zu einem gemeinsamen.Liebesmahl". Dabei hielt der Herr Landrat vom Bunzlauer Kreise folgende Rede: .Wiederum ist es den vereinigten Kreisen Bunzlau und Löwenberg gelungen, zwei treue Diener unseres Königs, Männer von echt preußischem Geist, in die Zweite Kammer zu entsenden. Wir glauben, hiermit unserm Allergnädigsten Herrn das beste JubiläumS-Geschenk dargebracht zu haben." Mit Hilie des elenden Dreiklassenwahlrechts hat Wilhelm II. schon vom Beginn seiner Regierungszeit an solche.Männer von echt preußischem Geist" als Geschenke erhalten, ohne daß er ein Jubiläum feierte. Wenn es nichts kostet, dann sind unsere Kon« servativen mit den Geschenken nicht sparsam. Ter gestäupte Prosessor. Wir haben am Sonntag in kurzer Tarstellung auf die Stäupung des Herrn Professor Bernhard durch unseren Ge- Nossen Kampffmeyer verwiesen. Damit sollte aber nicht ge- sagt sein, daß der betriebsame Herr in anderen Kreisen etwa die Anerkennung fände, nach der er strebt. Nur die Scharfmacher jubeln seiner Tendenzschriststellerei zu, und im Preußischen Kultus» Ministerium mag die.wissenschaftliche Methode" des Herrn Pro- fessors auf das ersehnte Verständnis zu rechnen haben. Wie wir der.Sozialen Praxis" entnehmen, nahm in der letzten Sitzung des deutschen Komitees für Internationale Sozialversicherung Herr Dr. Richard Freund. Vor. sitzender der Landesversicherungsanstalt Berlin Veranlassung, zu betonen, daß die Schrift Bernhards„Anspruch auf eine objektive wissenschaftliche Arbeit nicht erheben" könne. Einem wirklichen Kenner der deutschen Sozialversicherung werde es nicht zweifelhaft sein, daß die„unerwünschten Folgen" gegenüber den gewaltigen Vorteilen, welche die deutsche Sozialver- sicherung dem deutschen Volke gebracht habe, gar nicht in Betracht kommen könnten. .Von einer objektiven wissenschaftlichen Arbeit," so sagte Dr. Freund wörtlich weiter,.muß man verlangen. daß sie das gesamte vorhandene Material berücksichtigt. daß sie auch die gegenteiligen Meinungen zum Worte kommen läßt, daß sie insbesondere an Darstellungen von hervorragenden Fachmännern, wie solche von dem Präsidenten des Reichsversicherungsamtes Dr. Kaufmann und von Dr. Zahn gegeben worden sind, nicht achtlos vorbeigeht; andernfalls kann eine solche Arbeit nur als einseitige Ten- denzschrift betrachtet werden, welche keinen Anspruch auf objektiven wissenschaftlichen Wert erheben kann." Das Deutsche Koinitee für Internationale Sozialversicherung— so berichtet Herr Dr. F r e u n d selbst weiter— hat e i n- mutig ausgesprochen, daß es diesen Ausführungen in allen Punkten zustimmt. Eine bittere Lektion, Herr Professor, aber wohlverdient. Jürs Baterland gefallen. Das AmrumerLokalblatt wundert sich, daß die Leiche des bei Hörnum ertrunkenen und in Amrum geborgenen T orpedo-Obermatrosen Gebhard ohne Sang und Klang durch die Insel zum Dampfschiff nach Wittdün gebracht worden ist: .Trotzdem ganz in der Nähe SmrumS von der Marine Ge- fechtsübungen abgehalten wurden, kümmerten sich die Martaebehörden absolut nicht wettet um den Toten, der im Dienst auch für das Vaterland gestorben ist. Sier wäre doch gewiß durch Kommandierung einer Eskorte v»n ameradon Gelegenheit gewesen, der Bevölkerung zu zeip* Jute die Militärbehörde auch dm einfachen Mann, der in seinem gefahrvollen Berufe sein Leben lassen muhte, ehrt; eS hätte dies nur das Ansehen des Reiches gefördert und die Behauptung widerlegt, dah für Einpfänge großer Herren mehr getan wird, wie für die Söhne des Voltes, die ihr Leben doch mit dem gleichen Mute für Kaiser und Reich einsetzen." Wir begreifen die Bitterkeit des Amruiner Blattes aus seiner friesischen Abgeschiedenheit heraus, vermögen sie aber von unserem Standpunkt aus in keiner Weise zu billigen. Die Redaktion hätte freundlichst bedenken müssen, dah augenblicklich für das Jubuaum des Kaisers sehr viel Patriotismus verbraucht wird und dah mithin für einen im Dienst des Vaterlandes ertrunkenen Torpedomatrosen unmöglich ettvas übrig bleiben konnte. Im übrigen befremdet es uns, dah im Schluhsatz der Mut der Söhne des Volkes, die ihr Leben für das Vaterland wagen, mit dem Mut der.großen Herren" gleichgesetzt wird, denen man glänzende Empfänge bereitet. UnS ist in Friedenszeiten kein Fall bekannt gewesen, in dem besagte grohe Herren so leichtsinnig gewesen, ihr wertvolles Leben zu exponieren. Aufmunterungen mit Degen und Mehstock. Eine unangenehme Wendung für den Angeklagten sollte ein Mihhandlungsprozeß nehmen, der am Mittwoch vor dem Kriegs- gericht der Königl. Kommandantur stattfand. Angeklagt wegen Mißhandlung eines Untergebenen war der Vizefeldwebel Schütz von der Versuchsbatterie der Artillerie-Prüfungskommission. Am t5. Mai befand sich der Angeklagte mit den Mannschaften auf dem Leobachtungsftand des Kummersdorfer Schießplatzes, um die Wir- kung der Sprengkraft der abgefeuerten Geschosse zu kontrollieren. An der Kcnnera, die am Beobachtungsposten angebracht ist, waren von Kancmieren unvorsichtigerweise wiederholt Verschiebungen vor- genommen worden. Als dann der Kanonier St., der vor der Kamera auf einem Tisch saß, nach hinten überkippte und die Ka- mera berührte, befürchtete der Kanonier Kurz, es könne wieder eine Verschiebung vorkommen und sprang schnell hinzu, um dies '/U verhindern. Der Vizefeldwebel, der den Dienst zu beaufsichtigen hatte, trat in diesem Augenblick hinzu und glaubte. Kurz habe wieder unnützerweise an der Kamera herumhantiert. Er wurde sehr ärgerlich und versetzte dem Untergebenen einen heftigen Fußtritt ins Gesäß, zwischen die Beine. Einige Zeit hindurch hatte K. Schmerzen an einer empfindlichen Stelle. Am zweiten Tage darauf wurde er wegen einer Entzündung ins Laza- rett gebracht. Ter Stabsarzt war aber nicht der Ansicht, daß die Krankheit von dem Fußtritt herrühren konnte. Kurz bekundete als Zeuge, daß der Angeklagte bei den Uebungen meist mit dem Meß- st o ck in der Hand herumgegangen sei und andere Kanoniere damit geschlagen habe. Auch den Säbel habe er bei den Aufmunterungen benutzt und damit Kameraden geschlagen. Zwei andere Kanoniere, die ebenfalls als Zeugen vernommen wurden, unterstützten die An- gaben des K. Zu den Geschlagenen gehörte auch der Kanonier Konrad, der bei dem letzten Explosionsunglück auf dem Kummers- dorfer Schießplatz den Tod fand. Das Kriegsgericht konnte jedoch nur den zur Anklage stehenden Fall zur Aburteilung bringen. Es nahm nicht Mißhandlung, sondern nur vorschrifts- widrige Behandlung eines Untergebenen an und verurteilte Schütz zu fünf Tagen gelinden Arrest. Kriegervereins-Terror. Nirgends schießt der Terror gegen die sozialdemokratische Ar» Beiterbewegung üppiger in die Halme, als in den Gegenden, wo unsere Bewegung noch schwach ist und die Gegner noch die un- bestrittene Macht in Händen haben. Behörden, Pfaffen und als dritte im Bunde die Kriegervereinler setzen alles daran, um die Arbeiterbewegung nicht aufkommen zu lasten. Behördliche Schikanen, Kanzelreden usw. haben sich als untaugliche Mittel zur Bekämpfung der Sozialdemokratie erwiesen. Lni meisten Eriolg versprechen sich unsere Gegner von der Lokalabtreiberei, die in der Regel der.unpolitische" Kriegerverein in die Hand nimmt. Mit welchen Mitteln die letzteren dabei zu Werke gehen, dafür ein Beispiel aus P a t s ch k a un. 6 Sonstige Anträge. 7. Wahl des Parteivorstandes, der Kontroll- kommission usw. Sozialdemokratischer Gemcindewahlsicg. Unsere Genossen in Pries bei Friedrichsort an der Kieler Föhrde errangen bei der GeincinderniSwahl, die sich durch die Er- höhung der Gemeindeverlreler von» auf 12 nötig machte, zwei neue Mandate. Die Zahl der iozialdeinokratijchen Vertreter beträgt somit sechs. Das Resultat ist besonders bemerkenswert, da die übergroße Rehrheu der Arbeiter in Pries in der marmefislaliiche« Torpedowerkstatt in FriedrichSort beschäftigt und außerdem die Wahl öffentlich ist. Aus den Organisationen. Der Mansfelder Sozialdemokratische Verein hielt seinen Kreistag in Alsleben ab. Die Zahl der Parteimitglieder beträgt 12<)(>, die der.Volksblatt"-Abonnenten 2499. DaS sind angefichts der über 13 999 sozialdemokratischen Reichstagswähler sehr un- günstige Zahlen, die sich jedoch daraus erklären lassen, daß die im Kreise alles beherrschende Mansfelder Kupferschiefer Inende Ge- werkschaft durch ihre Schreckensherrschaft jede Regung politischer Art unterdrückt. Im abgelaufenen Jahre gelang es ihren Beamten wieder, uns in den Städtchen Henstedt und Gerbstedt die zur Ver« fügung stehenden Lokale abzutreiben. Der Kreistag beriet eingehend über die unbedingt in verstärkter Weise nötige Kleinagitation.— Außerdem wurde ein neues Kreisstatut durchberaten. Ein Antrag auf Einrichtung eine S t e r b e u it t e r st ü tz u n g s k a s s e, die die Mitgliedergewinnung erleichtern sollte, wurde nach langer Debatte mit dem Hinweis aus die Vollsfürsorge abgelehnt. poliLeilickcs, ßmchtltches ulw. Der strafbare Gesang. In Halle a. S. hat man einen Jungen, der bor Beginn einer öffentlichen Versammlung, die auf seines Vaters Grundstück statt- fand, im Gesangverein ein Lied mitsang, wegen llebertretnng des Reichsvereinsgesetzes verurteilt, obwohl der Junge sofort nach dem Verklingen des Liedes, bevor der Redner �begann, den Versammlungsort verlassen hatte. Der Verurteilte, der fünfzehn- jährige Sohn des Genossen Lorenz in Bruckdorf bei Halle, hatte bald nach dev Versammlung einen Strafbefehl über 3 M. er« halten, gegen den er beim Schöffengericht Halle Einspruch erhob, indem er betonte, daß er vor Beginn der politischen Versammlung sich doch noch rechtzeitig entfernt habe. Sein Vater wies in der Verhandlung nach, daß die Versammlung erst nach dem Ge« sang von dem Referenten, Reichstagsabgeordneten Kunert, eröffnet worden sei, als sein Junge sich schon entfernte, der damit alles getan habe, um sich nur ja nicht strafbar zu machen. Der über« wachende Beamte bekundete jedoch, daß die Versammlung offiziell weder vor noch nach dem einleitenden Gesang eröffnet worden sei und daß er deshalb die ganze Veranstaltung, den Gesang ein« begriffen, als politische Versammlung angesehen habe. Und da der Junge Lorenz mitgesungen habe, hätte er sich an der politischen Versammlung beteiligt. Das Hallesche Schöffengericht schloß sich dieser Gendarmeriv» Weisheit an und bestätigte den Strafbefehl, nachdem eS noch ausdrücklich betont hatte, daß der junge Mensch die zur Erkenntnis der Strasbarkeit seiner Handlungen erforderliche Einsicht ohne Zweifel besessen habe. Demgegenüber ist aber doch festzustellen, daß der Junge die Absicht, sich nicht straf- fällig machen zu wollen, durch dos schleunige Verlassen des Raumes nach dem Gesang so deutlich wie möglich dargetan hat. Da Berufung eingelegt ist, werden höhere Gerichte fich zu dies« neuesten Halleschen Auslegungskunst äußern müssen. Die Reaktion i« Schlefie«. Der gegen drei Genossen au? der Parteileitung in Waldenburg i. Schl. anhängig gemachte politische Meineidsprozeß kommt Anfang Juli zur Verhandlung. Die drei angeklagten Genossen befinden sich seit März in Untersuchungshaft. Nach dreimonatiger Haft wurde Genosse L u s ch e r von d« „Schlesischen Bergwacht" aus dem Gefängnis entlassen. Die Straf« erhielt L. wegen eines Zeitungsartikels, in dem Aufreizung zu« Klassenhaß erblickt wurde._ Letzte Nachrichten. Das Attentat auf Schcwket Pascha. K-nstantinopel, 11. Juni.(W. T. B.) Die Ermordung Mrchj tnnd Schcwket Paschas hat in der Stadt Bestürzung hervorgerufen. Es herrscht jetzt vollkommene Ruhe. Patrouillen durchziehen die Straßen; der Eintritt in die Bureaus der Pforte und der andere» Departements ist nur unter Vorsichtsmaßregeln gestattet. Der Ein« tritt ins Kriegsministerium ist untersagt. Talaat wohnte dem Ministerräte bei. Wien, 11. Juni.(W. T. B.) Wie die„Nene Freie Presse" au« Konstantinopel erfährt, waren bei dem Anschlag auf den Groß« wesir vier Personen beteiligt. Die serbisch-bulgarische Streitfrag,. Belgrad, 11. Juni.(W. T. B.) Den Blättern zufolge hat der König gestern den russischen Gesandten Hartwig in Audienz emp« fangen. Der Gesandte habe dem Wunsche Rußlands nach ein« friedlichen Lösung des serbisch-bnlgarischen Konflikts Ausdruck gegeben. In dem hierauf abgehaltenen Ministerrat« fei der Gesetz- entivurf über die Annektion der von der serbischen Armee eroberten Gebiete durchberaten worden. DaS Regierungsorgan„Satttmu prava" erklärt, daß die serbische Regierung zunächst alle friedliche» Mittel versuchen werde, um durch gütliche Austragung des Kon» flikts mit Bulgarien dem Friedensbedürfnisse der zivilisierten Welt» deren Sympathien dem serbischen Volke teuer seien, Rechnung zu tragen. Serbien habe sein Recht nicht durch einen Gewaltakt kotw- promittieren wollen, als welchen die Annektion vor der Erschöpfung aller friedlichen Mittel erscheinen müßte. Das jungradikale Partei- organ„Ldjet" gibt der Besorgnis Ausdruck, daß daS Kabinet Pasitsch gewillt sein könnte, Konzessionen zu machen, welche mit den vom serbischen Volke aufgestellten Forderungen in Widerspruch stehen würden. Der Ministerpräsident bezwecke offenbar durch ein Hinausschieben der Entscheidung, den Großmächten Gelegenheit zu bieten, sich in die serbisch-bulgarische Streitfrage einzumischen. Japan beschlagnahmt eine amerikanische Jacht. Tokio, 11. Juni.(W. T. B.) Die amerikanische Jacht„Colum- bia", die zur Vornahme von Ausbesserungen den japanischen Hafen W a k a y a m a angelaufen hatte, ist dort unter der Begründung beschlagnahmt worden, daß Wakayama kein offener Hafen sei. Ter Schroeder-Strantz-Skandal. Christiania, 11. Juni.(P.-C.)„Morgenbladet" meldet aus Tromsöe, daß der Grund für den Untergang der Schroeder- Strantz-Expedition Uneinigkeit gewesen sei. Die Expedition war von vornherein zum Scheitern verurteilt, da sie in der leicht- fertigsten Weise unternommen wurde.„Morgen- bladet" verlangt eine gerichtliche Untersuchung der Vorsulle, die sich in Spitzbergen abgespielt haben, da die schweren Anklagen, die Kapitän Srayrud und die geretteten deutschen Teilnehmer gegen die norwegische Mannschaft des„Herzog Ernst" erheben, dem nor- wegischen Namen nur zur Unehre gereichen könnten. Ein ungetreuer Notar. Köln, 11. Juni.(P.-C.) In dem Aufsehen erregenden Prozeß gegen den Jnstizrat und Notar L e y e n d.e ck e r, der wegen Unter- schlaqüng von mehreren hunderttausend Mark Mündelgeldern unter Anklage stand, wurde heute das Urteil gesprochen. Lehendecker wurde zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte drei Jahre beantragt. Da der Angeklagte in allen Punkten geständig war, brauchten die Zeugen nicht ver- nommen zu werben, und dem Angeklagten wurden mtldernoe Um» stände zugesprochen, Todes-Anzeigen Deutscher Transportariieiter-Vertianil. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser langjähnger Kollege, der Droschkensührer Vita Jeetze am 8. Juni im Alter von 7SJahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 12. Juni, nachmittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Gnaden-Friedhoses, Bar- susstraße, auS statt. SS/IS vis Bezirksverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Vertiaml Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mtglied, der Schlosser �einkold Kain lEraSmusstr. 4) am 10. d. M. an Lungenleiden gestorben ist. Die Beerdigung findet am Freitag, den 13. Juni, nachmittags 51/, Uhr, von der Leichenhalle des Luisen-Kirchhoses, Fürstenbrunner Weg, auS statt. Ferner starb unser Mitglied, der Metallarbeiter Nermarm Qeppert Wien er Str. 9) am 9. Juni an Nervenleiden. Die Beerdigung findet am Freitag, den 13. Juni, nach« mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Emmaus-KtrchhoseS in Neukölln, Hermannstraße, aus statt. Ehre ihrem Andenke«! Rege Bclciliguna erwartet 119/13 vle Ortsverwaltung. Deutscher Dolzarbeiterverbanii. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Maschinen- arbeiter Georg Krahnert Stegliß, Sachsenwaldstr. 29, im Alter von 29 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet heute, Donnerstag, den 12. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Halle des Steglitzer Gemeinde-FriedhoseS in der Bergstraße auS statt. Den Mitgliedern serner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler ttermann Sommer Wilmersdorf, Lauenburger Str. 8, im Alter von 71 Jahren ge- starben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet heute, Donnerstag, den 12. Juni, nach- mittags S Uhr, von der Halle des WilmerSdorser Gemeinde- Fried- hoses in der Berliner Siraße aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 84/10 Oie Ortsverwaltung. Yereiu der letaDschleller Berlins und Umgegend. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser'Kollege, der Schleifer Paul Pertack verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 12. Juni, nach- mittags S Uhr, von der Halle des neuen Jakobi-Kirchhoses in Neukölln, Hermannstraße, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 1174b Der Borstand. Iii». Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, mÖÄu 10— 2. 5— 7. Sonntags 10— 12. Am 10. Juni starb nach langem schweren Leiden unser lieber Kollege, der Schrisisetzer-Jnvalide Eduard Schmidt im 72. Lebensjahre. 1171b Sein stets reges Interesse sür unsere Bestrebungen sichert ihm ein ehrendes Gedenken bei den Kollegen der Norddeutschen Buchdruckerei. Die Einäscherung findet Freitag nachmittag 5 Uhr im.Krematorium, Gerichtstraße 37/38, statt. ?i°kn'�?e?I?'her.Iicher!'ZhCZtCY. bei der Beerdigung__- Lieserung nach sämtlichen Kranken- bäusenr von kl. SiotuiiuaclKeR', Swinemünder Straße 118. Danbi Für die Teilnahme det der Beerdigung meines lieben Mannes, unsere» guten Vaters, Schwiegervaters, Bruder» und Onkels, des Korrektor» Hermann Sonnenbarg sagen wir allen Mitarbeitern, Freunden und Bekannten, unseni herzlichsten Dank. Frau Luise Tonnenburg 1172b und Kinder. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meine» lieben Mannes und Vaters, des Hilssschlossers Uidwx Konietzko sagen wir hiermit allen Beteiligten den besten Dank. 77A Die Hinterbliebenen. Donnerstag, den 10. Jnnl, S'/i Vbr, im Ciewerkscbaftslianse: öeneralversammlung. Tagesordnung: Geschäfts- und Kassenbericht vom 4. Quartal und vom Geschäftsjahr 1912/13. Bericht des Vorstandes, des Ausschusses und der Revisoren. Anträge. Diskussion. Manniotilon des Vorstandes, Ansactanssea, 1>cUW amen fler Revisoren und der Obleute der Ordner. Der gedruckte Jahresbericht liegt in der Generalversammlung aus. Der Zutritt ist nur Mitgliedern gegen Vorzeigung der Mitgliedskarte gestattet. Die Mitgliedskarton müssen vom SO. Juni ab in einer Zahlstelle zum Umtausch gegen eine neue Karte für das Spieljahr 1913— 14 abgegeben werden, mit der Angabe, ob die Mitglieder einer Xachmlttags-, gemischten oder Abend- Abteilung angehören wollen. 244/16 Der Vorstand. I. V.: G. Winkler. Verwaltung Berlin. Achtung! Die Bibliothek Achtung: wird wegen Umzng und Inventur vom IS. Juni bis auf weitere» geschlossen. Bom IS. Juni ab werden keine Bücher mehr an». gegeben. Bis zum»0. Juni müssen alle Bücher»urückgeliesert werden und zwar vom SO. I ni ab nach unseren neuen Räumen im Gebäude deS Deutschen Holzarbeiter- Berdandes, Runge- strafte 30, I._ Einsetzer. Heute Donnerstag, den IS. Juni er., abend» 8 Uhr:-ME Bezirks- Versammlungen in folgenden Lokalen: 1. Bezirk: Herhowski, Andreasftr. 20. OUesche, Kopenhagener Ztr. 74. Thnnacb, Charlottenburg. Wielandstr. 4. Schenk, Neukölln, Rosenstr. 24« Wlemers. Bülowstr. 58. , Reiser, Wiesenftr. 29. Im 2., 3., 4. und 6. Bezirk find neue BezirkSleiter zu wählen. 1. Obmann Kollege Ittthra, kulmstr. 25 2.», Krößner, Steinmetzstr. 66. 2. 3. 4. 5. 6. Tischbranche. Heute Donnerstag, 12. Jnni, abends 8'/, Uhr. bei»rlnkmnnn (früher Rerkowskl), AndreaSstr. 26: Vertrauensmänner-Versammlung. Jede Werkstr t der Dischbranche in Berlin und den Bororten mnft einen Bertranensmann entsenden. Die Jahresberichte der Zahlstelle verlin werde« im Bureau ausgegeben. Tie sind durch die BertrauenSmänner für alle im Betriebe beschäftigten Mitglieder abzuholen. WM- Bertranensmännerkarte legitimiert.-- 84/7 Die Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltullgsflelle Kerlm. N 54, imienstr. 83—85. Berwaltung: Telephon: Amt Norden 1987. Kassierer: Amt Norden 185. Arbeitsnachweis: Amt Norden 1239, 9714. Sonnabend, den 14. Juni ISIS, nachts präzise IS Uhr: Allgemeine Versammlung der Kino-Operateure Grotz-Berlins in Tüitwe Augustins Jestsälen, Oranienstr. 103. TageS ordnung: 1. Vortrag über:„Humor und Satire in der deutschen Literatur". Referent: Reichstagsabgeordneter(0. Davidsohn. In Anbetracht der wP" jeder Kollege erfch eint. tigen"Tagesordnung ist e» notwendig, daß 119/14 Die Ortsverwaltung. Quali�ais Donnerstag, 12. Juni 1913. Anfang 7 Uhr. Kgl. Opernhans. Festvorstellung. Siegfried. Neues Opern(Kroll). Meistersinger von Nürnberg. Anfang 7'/, Uhr. Prater. Das Bummelmädchen. Anfang VI, Ubr. Königl. Schauspielhaus. Volks. Vorstellung. Zwischen Schlachten. Die Neuvermählten. Anfang 8 Ubr. Urania. Bon Meran zum Ortler. Lessing. Alt-Wien. Deutsches. Der blaue Bogel. Kammerspiele. Kaiferliche Hoheit. Berliner. Filmzauber. Königgräher Strafte. Die süns Frankfurter. Schiller O. Freiwild.' Schiller Cbarlottenb. Geographie und Liebe. Moutis Operette«. Der lachende Ehemann. Deutsches Schauspielhaus. Der Dieb. Kleines. Professor Bernhard!. Deatsches Opernhans. Königin von Saba. Komödienhaus. Hochherrschastliche Wohnungen. Dhalia. Puppchen. Ansang 8ll, Ubr. Friedr.- Wild. Schauspielhans. DaS Farmermädchen. Suftspielbaus. Der lustige Kakadu. Rose. Der Traum ein Leben. Ansang 8'/, Ubr. Neues BotkStheater. Ernst sein. Dheater am Nollendorsplah. Der Mann mit der grünen Maske. Ansang 9 Nbr. AdmiralSpalast. Eisballett: Flirt in St. Moritz. '.' Sternwarte, Fnvalidenstr. 57—62. Schiller-TbeaterO.lS: Donnerstag, abends 8 Uhr: Freiwild. Freitag, abends 8 Uhr: äforal. Sonnabend, abends 8 Uhr: Uoital. Sonntag, abends 8 Ubr: Prinz Friedrich von Hornburg. Em Verlauf von Karten zu dieser Borstellung findet nicht statt. Mk Operetten-Theater (sr. Neues Theater), Amt Norden 1141. Sommerpreise. Gastsp. Jul. Spielmann. 8 Uhr: Ter lachende Ehemann. Theater atnKolIendorfplatz Allahendlich S'/j Uhr: Der Mann mit der grünen Maske. OSE=THEATE Große Frankfurter str. 132. Ansang S'/j Uhr. Der Traum etil Lebe». Auf der Gartenbühne: Achtung! E» geht los! Große Posse. Anfang 4'/, Uhr. Passage-Panoptikum Die 3 Schwestern üiiput die kleinst. Sohwest. der Welt. Oer weltberühmte amerikanische Negerboxer Andrea Johnson bei seinem Training. A/ya die schwebende Jungfrau! Alles lebend! Alles ohne Extru-Cntree! Stadt-Tlieater Alt-Moabii 47/48. Theater und Sipezlalltäten. GrSBfer Schlager des Thalia-Thealers Bis früh um süuse. Musik von Paul Linde. Ansang Konzert 5, der Vorstell. 6 Uhr. Kleine Preise. Angenehm kllhler Aufenthalt. Allabendlich das gr. erfolgreiche Eisballett Flirt in St. Moritu. Bis 6 Uhr und von IE/« Uhr halbe Kassenpreise. Restaurant I. Ranges. Wein- und Bier-Abteilung. Deutsches Schauspielhaus 8 Uhr: Der Dieb. [£/' LOGISCHER-nV GARTEN Täglich: Großes Militär- sl Doppel-Konzert. Eintritt 1 Mark, von 6 Uhr ab 50 Pt Kinder unter 10 Jahren die Hälfte. Jfletropol-Theater. Abends 8 Uhr: Die Kino-Königin. Operette in 3 Akten von Jul. Freund und G. Okonkowski. Musik von Jean Ollbert, In Szene gesetzt o. Dir. Rich. Schultz. Völksgsr'en�Tbester. Badstr. 8. Bellermannstr. 20/26. Taglich: Konzert. Theater und Vorstellung. In lauschiger Macht. Originalposse in 2 Akt. v. W. Gehricke. Dazu das neue Svezialitäten-Progr� u. a. The 4 Oarnetts. Heute: Gr. Brillant-Feuerwerk, ValAt-Thratvr Badstrafte 58. Donnerstag, den 12. Juni 1913: Nur noch wenige Male: Ans nach Amerika! Austreten von Spezialitäten allerersten Range». Kassenöfinung 2 Uhr. Ansang 4'/, Uhr. kefchsttöttell-Theater Stettiner Sdnger. „Stoeke's PtiDgstlabrr Berliner Burleske von Meysel. Anfang 8 Uhr. Brauerei Friedrichshain Am Känigstor. Jeden Dlenstag- Oek.: Ernst Lleblng. und Donnerstagnachmittag; Sehiller-Thealer Donnerstag, abend» 8 Uhr: Geographie und L-iebe. Freitag, abend» 8 Uhr: Zwei Wappen. Eonnabend, abends 8 Uhr: Freiwild. Eonntag, abends 8 Uhr: Zopf und Schwert. Ein Verkauf von Karten zu dieser Vorstellung findet nicht statt. Lerliner Theater. Filmzauber. 8 Uhr: 8 Uhr: Die fünf Frankfurter. Kroll- Oper. 7 Uhr: Die MeistersiDger m llllrnberg. Gastspiel: Kammersängerin Annte Gura-Hummel. Freit.: Tannhäuser.«onnab..-Tristan und Isolde. Sonntag: Der Tromp. v. Säckingen. Montag: Tannhäuser. Kaffee-Trei-VorsteUung der Norddentschen und Apollo• Sttn freiem Eutree. Freitag» ger Frei-Kouzert. Reederei Kähllt& HßllZBr sernsprecher: königst. 2062 Am Sonntag, den 15. Jnni, f* A S X_(Tornowal Abfahrt?>/, Ubr. nach leUpiAdEI Idyll] Hin n. zurück 2 M. Heue Veit. Arnold Schol». Rasenheide 108/114. Heute Donnerstage den 12. Juni 1913: ♦ Elite-Tag ♦ verbunden mit Grojletn Brillant-Jeuerwerk Anfang 5 Uhr. Entree 50 Pf. Stuckgeschast. In ausblühender Stadt in Nord- deutschland Bildhauer- und Stuck- geschäst umständehalber sehr billig zu verkaufen. Bauten können über- nommen werden. Anzahlung zirka 1000 M. Osserlen unter A. L an die Hauptetzved. de».Vorwärts".> Buchhandlung Vorwärts KS UNOH Lilndenstr.«0. � ßetontto, Rebalt.: Alfred Wielepp, Nnckölln. Inseratenteil verantw.!»h. GUcke. Berlin. Druck»,«erlag: Borwart?Buchv?t�ertagSanst� K�ulSmger ä: Eo., Berlin SV/. Hierzu S Beilage« u-UnterhaUungsÄ I�eisefühTeT, Wanderkarten und Bücher, Kursbücher hält stets am Lager Der gutsitzende Anzug— [ macht den Gentleman. Heute und folTende Tage; Verkauf vor; großen Hosten I neuer oder gebrauchter Monalagarderobe, Anzüge, Ulster, Paletot», Qcinkleider, gelragen, teils von ersten Schnei ern aus leinsten Maßsionen angelertigKauch autSeide) lür jede Higur(auch den sti ksten Herrn) passeno am Lager. 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Ueberraschend war ja die Opposition der Sozialvemokraten nicht. Die radikalsten Genossen, selbst Rosa Luxemburg, werden jetzt mit Herrn Ros ke zufrieden sein sHeiterkeitj." Dann sang Herr Roske ein Loblied auf die Sozialdemokratie, die immer weiter ins Volk dringe. Nun, es ist dafür gesorgt, dasi die sozialdemokratischen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Es gibt ja keine Partei, die innerlich so zerfallen ist, wie die Sozialdemokratie(Widerspruch bei den So« zialdemolraten), kein einziger Satz ihres Programms ist unangefochten in ihren eigenen Reihen. Die Heeresvorlage stellte der Abg. N 0 s k e als e�was ganz Ungeheuerliches hin. Nun, die sranzösi- schen Sozialisten sagen, die deutsche Heercsvorlage ist so unbedeutend, datz sie der Einführung der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich wegen dieser Vorlage nicht zustimmen können. Den Zahlen des Abg. N 0 s k e muh man sehr skeptisch gegenüberstehen; er sagte, der Allgemeine Pensionsfonds enthalte tOV Millionen für Militärs und � nur 4,6 Millionen für Zivilbeamte. Er hat wohl übersehen, dah die Pensionen der Post- und Eisenbahn- beamten mit 44,3 Millionen im Postetat enthalten sind. (Hört! hört! im Zentrum.) Der Abg. N 0 s k e bewegte sich vielfach in Widersprüchen, das ist bei einer Rede von tVz. Stunden ja auch ganz selbstverständlich. lHeiterkeit.) Zum Beispiel sprach er von den großen persönlichen Opfern der Dienst- zeit, verlangt aber das Milizsystem, bei welchem jeder Mann in den Waffen ausgebildet werden soll. Er klagte über die mindere körpcr- liche Tüchtigkeit unserer Jugend, zufolge zu gerlstgen Arbeiterschutzes, muhte aber anerkennen, das unser Heer das gesündeste der Welt ist. Aber waS der Abg. N 0 s ke über die Abnahmelieferungen b e i K r u p p gesagt hat. wird wohl auf allen Seiten dieses Hauses gebilligt. sLebhafte Zustimmung im Zentrum.) General Wandel hat die Angaben Noskes nicht widerlegt, sondern zugegeben. Den Reichskanzler frage ich bei dieser Gelegenheit, wann die einstimmig beschlossene Untersuchungs-Kommission für die Waffenlieferungen zusammentreten wird.— Die Wehr- Vorlage will N 0 s k e ablehnen, weil weder eine momentane Kriegsgefahr noch eine in absehbarer Zeit vorliege. Nun, ?ei einer momentanen Kriegsgefahr wäre es zu spät, eine Militärvorlage einzubringen. Dah aber in absehbarer Zeit ein Krieg ausbrechen kann, das geben Parteigenossen des Abg. N 0 s k e zu, z. B. Hermann Wendel in der„Neuen Zeit" vom 9. Mai 1913 und Albert Thomas in der„Neuen Zeit" vom 6. Juni 1913. Wir brauchen ja auch nur an die Vorgänge in Nancy zu denken. Daher wäre eS unverantwortlich, wenn wir nicht, um ein Wort des Reichskanzlers zu gebrauchen, so stark sein wollen, wie wir sein können. sSehr richtig I im Zentrum.) Herr Noske sprach von einem uneingelösten Königswort? deshalb will ich an daS Wort des Kaisers vom 23. Juni 1888 erinnern, dah unser Heer den Frieden sichern soll? wenn er aber gebrochen wird, soll eS in Ehre» bestehen. Dieses Wort bat er gehalten, und -.das deutsche Voll ist ihm dankbar für dieses Programm. al Bravo I im Zentrum.) Von diesem Gesichtspunkte sind wir bereit, die Wehrvorlage zu bewilligen, freilich mit der Voraus- setzung, dah keine AuSgobebewilligung ohne gleich- zeilige Beschaffung der erforderlichen Deckung st a t t f i n d e n darf.(Sehr richtig! im Zentrum.) Die Ber- abschiedung der Wehrvorlage ohne Deckung wäre halbes Werk, wäre Stückwerk, Stümperei! Wir erwarten, dah der Bundesrat auf dem- selben Standpunkt steht und zum Ausdruck bringt, dah die Deckungs- Vorlage ebenso notwendig ist wie die Wehrvorlage. Soll die Stärkung unserer Wehrkraft erkauft werden durch den Ruin unserer Finanzen, so ist doch sehr die Frage, ob nicht am Ende des Ganzen ein Minus steht. sLebhafteS Sehr richtig! im Zentrum.) Ich erwarte, dah alle Parteien, die für die Wehrvorlage sind, mit der gleichen Energie auch für eine gründliche Deckung ein- treten werden. lZuruf bei den Sozialdemokraten: Nur nicht für die Erbschaftssteuer! Heiterkeit.) Ich spreche jetzt nicht über die Art der Kosteuaufbringung, sonst mühte ich auch vier Stunden reden.— Angesichts der Mahnahmen, die in den letzten Monaten in Frankreich erfolgt sind, sind wir einfach zur Annahme der Wehr- Vorlage gezwungen. Herr Noske sagt: verständigen wir uns! Aber dazu gehören zwei. Eine Verständigung wäre nur möglich, wenn Frankreich den durch den Frankfurter Frieden geschaffenen Zu- stand anerkennen würde. Aber davon ist keine Rede. An der Friedensliebe de? Deutschen Kaisers kann kein Zweifel sein. Die Franzosen erkennen das an, warum ziehen sie nicht die .Konsequenzen daraus. Von Deutschland auS ist wiederholt die Hand zur Verständigung Frankreich gereicht worden. Dah zwei Zentrums- obgeordneteu verboten sein soll, an der B e r n e r Konferenz teilzunehmen, ist nicht richtig; wir haben in der Fraktion über die Berner Konferenz kein Wort gesprochen.— Die konsequente Durchführung der Miliz ur Frankreich und' Deutschlnnd würde dazu rühren, dah Frankreich mit seiner geringeren Einwohnerzahl enl- sprechend viel weniger Soldaten hätte als Deutschland. Das ist ja gerade das Bezeichnende, dah Frankreich trotz seiner viel geringeren Kopfzahl die gröhten Anstrengungen macht, mili- tärisch ebenso gerüstet zu sein wie das größere Deutschland. Das beweist seine besondere Friedensliebe. Es ist nicht richtig, daß die Maßnahmen Frankreichs die Antwort auf die deutschen Rüstungen bilden. Sie stammen zum Teil schon ous dem Februar 1913, wo von der deuffchen Heeresvorlage noch keine Rede sei. Millerand war schon 1912 im Dezember eut- schlössen,.V» Millionen für Heeresrüstungen zu fordern. iHört! hört!> Auch der Entwurf auf Einführung der dreijährigen Dienst» zeit ist völlig ausgearbeitet schon 5 Tage nach dem Auftauchen der ersten Nachricht über die in Teutschland beabsichtigte Vorlage in Franlreich vorgelegt worden. Unsere Wehrvorlage benutzt die fran- zösiiche Regierung jetzt allerdings als billiges Agilations- m t l l e l für ihre Forderung, die sie bereits vorher aufgestellt hatte. Zu glauben. Yah Frankreich seine Heeresvorlage zurückziehen wird, wenn wrr die unjerige zurückziehen, dazu gehört ein Glaube, der Berge versetzr und dem huldige ich in der Politil nicht.— Wir stimmen der Wehrordnung als beste Garantie für die Aufrecht- erhaltluiq des Friedens zu.(Lebhafter Beifall im Zentrum.) Abg. Dr.«cmler snatl.): 1887 hat der Abg. Wiiidthorst das Wort geprägt: wir bewilligen der Regterung jeden Mann und jeden G r 0> ch e n. Ein paar Tage darauf war der Reichstag ausgelöst. Der Vorgang von damals ist lehrreich. Auch beute sind die bürgerlichen Parteien alle bereit, die Wehrvorlage zu bewilligen. Es wird sich fragen, ob über eine andere Bedingung das Gesetz nicht doch noch scheitert. Lehrreich ist auch, daß von dem neuen Reichstag damals dann dieWehrvorlage in s Tagenbewilligtwurde. Wir bewilligen nicht nur jeden Mann, sondern auch jedes Pferd. (Heiterkeit.l Bedingungslos bewilligen wir die Wchrvorlage und auch d i e e r f 0 r d e r l i ch e D e ck u n g, fccilich ,mr gerechter sozialer Verteilung der Lasten. Aber wichtiger wie jede Deckung ist für uns. daß die Wehrvorlaqe bis zum 1. Juli bewilligt sein muh, damit sie bis zum 1. Oktober durchgeführt sein lZustimmuug bei den Nation alliberalen.)— Herr Noske emart, gestern, die Sozialdemokratie sehe keine Gefahr für den Frieden. Nun für eine augenblickliche Kriegsgefahr wäre die Ant- > wort nicht eine Militärvorlage, sondern die Mobilmachung.(Sehr ' richtig I bei den Nationalliberalen.) Was Bismarck vor 23 Jahren zur damaligen Militärvorlage gesagt hat, ist heute noch genau ebenso richtig und aktuell.„Wir haben keine kriegerischen Gelüste; wir haben die Aufgabe, zwischen Ruhland und Oesterreich den Frieden zu erhallen". Weiter führte Bismarck aus, wenn wir es bloß mit dem östlichen Nachbarn zu run hätten, brauchten wir keine Militärvorlage; anders aber liegt es in bezug auf Frankreich, sobald die Fran- zosen glauben, sie siegen, beginnen sie den Krieg. Gewiß gibt eS auch in Frankreich vernünfiige Leute, die die Gegensätze zu über- brücken suchen; aber niemals hat ein Minister, der solches erstrebte, sich gegen die Kammer und die Presse dauernd behaupten können. Die Zustände Elsah-Lotbringens haben sich sicherlich nicht ohne Zu- lun Frankreichs entwickelt; ist nicht das Anwerben für die fran- zösische Fremdenlegion tagtäglich eine Herausforderung Frankreichs gegenüber Deutschland? Wir ertragen die französische Agitation mit Langmut, weil wir die Stärkeren sind. Aber je stärker wir sind, desto unwahrscheinlicher ist nach einem Worte Bismarcks der Krieg. und das ist die b e st e Begründung auch dieser Wehrvorlage. sZustimmung bei den Nationalliberalen.) Die Leutnants st elten haben wir gestrichen, weil sie doch nicht zu besetzen gewesen wären. Später werden wir be- reit sein, sie zu bewilligen. Wir erwarten aber auch, dah die Armeeverwaltung sich der Kritik und den Anregungen aus diesem Hause in Zukunft nicht verschließt. Es handelt sich dabei um die Fragen der körperlichen Jugenderziehung, der Aushebung, der Mililärjustiz, der Mililäranwärier, der freiwilligen Krankenpflege usw. Was den Militärboykott anlangt, so sind gewisse Verbote auf diesem Gebiete im Interesse der Fürsorge für die jungen Soldaten wohl nötig, aber das was geschiebt, geht weit über das Notwendige hinaus; wenn man zum Beispiel in Königs- b e r g den Soldaten eine Li sie von 130 Lokalen überreicht, die sie nicht aufsuchen dürfen. Der Einjährig-Freiwilligen- Dienst muh auch intelligenten Handwerkern usw. zugänglich gemacht werden. Es mutz der Zustand aufhören, daß einzelne Regimenter lediglich adlige Offiziere haben. In der M i l i t ä r j u st i z liegen in der Tat barbarische Härten vor. 13, 18 Jahre Zuchthaus für eine kleine Rauferei, das sind schwere Notstände. Hier sollten wir noch durch ein N 0 t g e s e tz die notwendige Reform schaffen. In der Presse hat man vorwurfsvoll von einem„Resolutionsgewäsch" ge- sprochen. Das ist sehr ungerecht. Wir hätten die Möglichkeit gehabt, viele der Forderungen in da-Z Gesetz hineinzuarbeiten, und man sollte uns darkbar sein, dah wir des schnellen Zustandekommens der Wehrvorlage willen darauf verzichtet haben. Dann noch ein Wort zu den Ereignissen des gestrigen Tages. Mit der Auffassung des Staatssekretärs Delbrück über die preußische Wahlrcchtsvorlage sind wir nicht einverstanden, verzichten aber bei dieser Gelegenheit auf jede Erörterung dieser Frage. � Herr Noske sprach die Drohung aus: Der Tag wird kommen, da der Äriegsminister die Armee nicht mehr für sich wird in Anspruch nehmen können, und aus den Reihen der Sozialdemo- kraten ertönte der Zuruf:„Seine" Armee— unsere Söhne I(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Für absehbare Zeit war diese Drohung nur eine gewaltige Ueberhebung. Noch ist die Armee das gewaltige Bollwerk für den monarchischen Gedanken.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Noch!) Sie wird es auch bleiben, es sei denn, dah Ungerechtigkeit den monarchischen Gedanken zerstört. Diese Drohung« der Sozialdemokratie sollte für uns und die Regierung eine Mahnung sein, dah wir uns bei einer solchen Vorlage, wenn es irgend geht, vertragen. (Ironisches Sehr wahr! rechts und im Zentrum, Lachen bei den Sozialdeniokraten.) Es wäre sehr bedauerlich, wenn es in der Deckungsfrage unter Heu bürgerlichen Parteien eine Partei der Besiegten und der Sieger gäbe.(Erneutes Sehr richtig! rechts und im Zentrum.) Die Sozialdemokratie hat' gestern unseren und hoffentlich auch den Blick des Reichskanzlers über diese Vorlage hinaus auf die weitere Zukunft gelenkt. Es kommt nicht nur darauf an, dah diese Vorlage irgend wie zustande kommt, sondern dah sie auch populär bleibt wie der alle Wehrbeitrag, bevor er von der Kommission verdorben worden ist. Es kommt nicht nur darauf an, das Geld nur zu schaffen, sondern den guten Gedanken zu erhalten, dah beiträgt wer immer Vermögen hat nach Maßgabe seiner Kraft. Wenn die Phantasien des Herrn Noske— jetzt sind es noch Phantasien— dazu beigetragen haben, uns und den Zieichskanzler darauf hinzuweisen, dah es wünschenswert ist, daß die Partei der Mitzvergnügten nicht weiter wächst im Lande, dann haben sie ihre Schuldigkeit getan und wir können ihm dankbar sein.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Gans Edler zu Putlitz(k.): Für die Vorlage kommen die Rüstungen der Gegner in Betracht sowie die Umänderungen in der Waffenlcchnik. Wir konnten unmöglich an den Rüstungen anderer Länder vorbeigehen und ebenso wenig konnten wir die Neuerungen der Kriegsinittel, besonders auf dem Gebiete der Luftschiffahrt außer acht lassen. Eine Verstärkung unserer Wehrkraft ist angesichts dieser Umstände ein dringendes Erfordernis. Das Leitmotiv der Vorlage ist die Ermöglichung einer schnelleren Mobilmachung und eine Ver- stärkung der kriegsmäßigen Kaders. Die Verringerung der Kavallerie gegenüber der Forderung der Regierungsvorlage können wir nicht billigen; die Kavallerie hat auch im mo- deinen Kriege»och große Aufgaben zu leisten. Namentlich im Hinblick auf unsere Nachbarländer können wir die Verantwortung für diese Streichung nicht auf uns nehmen.— Die Bepackung der Wehrvorlage, die doch schnell erledigt werden muh, mit so zahl- reichen Resolutionen kann ich nicht für ersprießlich halten.(Sehr richtig! bei den Konservativen.) Eine Reihe von Resolutionen lehnen wir ab. weil ihre Annahme einen Eingriff in die Kom- mandogewalt darstellen würde; jeden Eingriff in die Kom- mandogewalt aber weisen wir zurück.(Zustimmung bei den Kon- servativen.)— Die Sozialdemokratie lehn: die Vorlage ab; sie be- kennt sich zwar zur Vaterlandsliebe, aber gleichzeitig erklärt sie sich als international. Das Vaterland der Sozialdemokratie ist nicht jenes, das wir schützen wollen. Sie wollen ja auch die Jugend mit einem Geist erfüllen, der sie nicht zu tüchtigen Soldaten machen kann, die für das Vaterland eintreten. Abg. NoSke hat auch von Jena gesprochen. Gerade die Erfahrungen von Jena mühten Sie zur Annahme der Vorlage bringen.(Zuruf bei den Sozialdemo- traten: Noske hat Jena gar nicht erwähnt.) Darum kann ich meine Ausführungen doch machen.(Heiterkeit.) Denn die Nieder- läge von Jena ist verschuldet durch die übergroße Sparsamkeit Friedrich Wilhelms III. In diesen Fehler wollen wir nicht fallen. — Der Abg. Noske hat auch versucht, Mitglieder des Reichstages in unschöner Weise an den Pranger zu stellen; er hat sich gegen den Kapitalismus und gegen ein kapitalistisches Schmier- syitem gewandt. Aber gerade ein starkes monarchisches System setzt den kapitalistischen Strömungen einen starken Damm entgegen (Zustimmung rechts, Lachen bei den Sozialdemokraten), in Parka- menrarisch regierten Ländern herrscht eine viel stärkere kapitalistische Korruption. Aber gerade wir können stolz auf unser Parlament sein.— Wir werden den Kriegsminister bei seinem Bestreben, das Heer vor f 0 z i a I d e m 0 k r a l i f ch e m Einfluß zu bewahren, unterstützen. Denn die sozialdemokratische Weltanschauung ist von einer Dürftigkeit und Einseitigkeit ohnegleichen.— Die Wchrvorlage verlangt Opfer; aber wir glauben, mit ihr eine Verstärkung der Friedensgewähr zu erhallen. Schon im Norddeutschen Reichstag sagte Bebel. Deutschland werde bald nur einer Kaserne gleichen. Statt dessen haben wir einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung von gewaltiger Großartigkeit, und zwar nicht trotz des Militarismus, sondern zum Teil wegen des Militarismus. Dazu wird auch diese Vorlage beitragen.(Bravo! rechts.) Abg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.): Ich bin einverstanden mit dem Vorredner, daß das deutsche Volk stolz sein kann auf fem Parla- ment.(Sehr gut! bei der Volkspartei.) Ich wundere mich aber über seine Klagen, daß die Militärvorlage nicht schneller erledigt wird. In einer„Heimbodentreuen" Rede außerhalb dieses Hanfes hat auch Dr. O e r t e l gesagt— der Reichskanzler möge auf den ihm da erteilten guten Rat achten—:„Wenn ich Reichskanzler wäre, und es wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte(Heiterkeit) und ich würde es auch nur wenige Tage sein, und wenn Ende Juni die Bewilligung der Heeresvorlage noch nicht als sicher anzusehen wäre, würde ich Seine Majestät dem Kaiser sagen, dieser Reichstag muß nach Hause geschickt werden, oder hier ist mein Amt, ich kann nicht länger regieren". Sie finden in dieser Rede noch mehr„heimbodenständige" Perlen, lesen Sie sie nur nach. Aber gerade diese Herren sind es, die die Erledigung der Vorlage ver- schleppen(Widerspruch rechts). Gewiß, Sie haben sich ja darauf kapriziert, die Vorlage in suspenso zu lassen, bis die Deckungs- frage in ihrem Sinne gelöst ist. Also gerade die Herren rechts sind an der Verschleppung schuld(der Abg. Dr. Oerie l tritt zum Rednerpult und verbeugt sich.(Große Heilerkeit.) � Ich kann dem Kollegen Oertel im gegenwärtigen Augenblick keine B e- a ch t u n g schenken.(Große Heiterkeit.) Wir haben in der ersten Lesung eine gewissenhafte Prüfung der Vorlage zugesagt. Diese eingehende Prüfung ist in der Budgetkommission erfolgt. Freilich war sie schwierig wegen der etatrechtlichen Unübersichtlichkeit der ganzen Vor« läge. Protest einlegen müssen wir gegen die unanständige Art, in der man gegen die Militärs vorgegangen ist, die anderer Meinung waren als die Militärverwaltung.(Sehr richtig I links.)� Die Frage der Kavallerie ist in der Kommission mit größter Gewissenhaftigkeit geprüft worden. Leider ist der größte Teil dieser Verhandlungen geheim geführt worden. Man hat Dinge für vertraulich erklärt, die in jedem militärischen Handbuch stehen.(Hört l hört! links.) An den Kriegsminister richte ich die Frage, ob der größte Verbrecher aller Zeiten, Oberst Redl, wirk- lich keine deutschen Militärgeheimnisse verraten hat. — Wenn wir dem Artikel 1 der Vorlage zustimmen, so anS rein militärtechnischen Gründen, Wir sind nicht in der Lage, zu beweisen, daß kein Bedürfnis für eine erhöhte Rüstung, das die Regierung behauptet, vorliegt. Die Berner Konferenz haben wir freudig begrüßt. Sie ist die erste schüchterne Staffel auf dem Wege der Annäherung Frankreichs und Deutschlands zu einer werktäligen gemeinschaftlichen Zivilisations- arbeit. Dieser Notwendigkeit wird sich auf die Dauer keine ernst zu nehmende Partei verschließen können. Ob freilich die Art, wie Herr Noske die Frage behandelt hat, sehr geeignet war, bürgerliche Parteien heranzuziehen, ist eine andere Frage. Er hat ja über- Haupt alle bürgerlichen Parteien sehr stark angegriffen. Sie war ein bißchen stark Theaterdonner.(Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Ihre(zu den Sozialdemokraten) Haltung in der Budgetkommission war eine ganz andere als hier im Plenum. Sie waren dort so milde, so bürgerlich gemäßigt.(Heiterkeit.) Sie haben teilweise ganz verständige Reden gehalten.(Heiterkeit.) Sogar die Angriffs- Möglichkeit von Osten haben Sie einmal ganz offen zugegeben. Herr Erzbcrger hat schon Frau Rosa Luxemburg auftauchen lassen. Ich weiß nicht, ob sie nun befriedigt ist, nachdem Herr Noske li/ß Stunden gesprochen hat, oder ob sie auck seine Rede für„ab- geschmackte revolutionäre Phraseologie" hält. Seien Sie doch ehrlich (Lachen bei den Sozialdemokraten)— ich meine die Presse außer- halb des Hauses, um nicht mit dem Präsidenten handgemein zu werden(Heiterkeit)— wollen Sie leugnen, daß die Darlegungen in der Kommission über die Schwierigkeil der Mobilisierung der deutschen Armee nach zwei Fronten auch auf Sie einen gewissen Eindruck gemacht haben. Ich bcdaurc, daß diese Sitzungen unter denr Ansschlutz Per Oeffenttichkeir stattgesundeli haben. Wenn die Reden bekannt geworden wären, die dort gehalten worden sind von hervorragenden Ihrer Führer, so wäre die Rede des Herrn Noske unmöglich gewesen.(Unruhe bei den Sozialdem) Also seien Sie milde und hauen Sie jetzt nicht in dieser Weise drauf, nachdem Sie sich in der Budgetkommission ganz anders, viel verständiger, benommen haben. Die Kommission mußte bei dieser Vorlage eine Gegenrechnung aus- stellen; das ist in 24 Resolutionen geschehen, die ein vollständiges Reformprogramm darstellen, das wir noch durch zwei Anträge ver- mehrt haben. Ledebour sprach mit Beziehung-darauf von warmer Limonade. Dabei hat er doch selbst gesehen, wie schwer es ist, die Wünsche in gesetzgeberische Form zu fassen. Reso- lutionen können wertvoll sein, wenn die Mehrheit den festen Willen hat, sie durchzuführen. Wir haben diesen Willen. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand die Beseitigung aller Privilegien, und die Kommission zeigte seltene Einstimmigkeit, natürlich aus- genommen die Herren rechts. Aber die Militärverwaltung produzierte an VerständniSlosigkeit gegenüber modernen Reformen das denkbar höchste Matz. Wenn wir von Zurücksetzung des bürgerlichen Elements sprachen, von Standes- Vorurteilen, vom Luxus, stets ertönte ganz qutomatisch das Wort:„Die Kommandogewalt". Die Kommandogewalk hat ihre Grenzen in den Gesetzen und im Budgetrecht des Reichs- tageS. Es war ein Fehler, daß ohne Mitwirkung des Reichstags die Verordnungen erlassen worden sind, die den deutschen Offizier recht- loser machen als er vor 199 Jahren war. Ein Protest gegen diese Rechtlosigkeit wäre angebrachter gewesen als der blamable Protest gegen daS Jubiläumslverk des größten lebenden deutschen Dichters.(Bravo links.— Lachen rechts. Die Einlösung des Reformprogramms der Budgetlommiffion halten wir für außerordentlich wichtig. An die Regierung und die oberste Kommandogewalt tritt die Aufgabe heran, zu zeigen, ob das Ber- trauen zum Volke trotz dieser enormen Opfer dauernd auSge- schaltet bleiben soll. Sache eines Staatsmanns würde es sein, die Krone zu überzeugen, daß das Volk sich nach Erfüllung dieser seiner Wünsche sehnt. Ich hoffe und wünsche, daß der Reichskanzler, der ja nach großen Ausgaben sucht, sich diese glänzende Gelegenheit nicht entgehen läßt. Wenn nicht zum Feste, so nach dem Feste. Bleibt man allen Warnungen gegenüber taub, so lehnen wir alle Verantwortung für den Schaden ab. der dadurch der Armee geschehen muß. Vor einer solchen Kurzsichtigkeit behüte ein günstiges Schicksal unser ganzes Volk, das Vaterland, die Monarchie und nicht zuletzt die Armee.(Lebhafter Beifall links.) Reichskanzler Dr. v. Bcthmann Hollweg: Der Herr Vorredner hat soeben mit einem Appell geschlossen, in dem er auseinandergesetzt hat. waS jetzt meine hohe Verpflichtung wäre. Wir sprechen von der Armee. Meine oberste Pflicht gegenüber der Armee ist, dafür zu sorgen, daß sie in der Treue zum Kaiser, in der festen Disziplin und in einer unbeug- samen Organisation, die durch nichts Fremdes durchbrochen wird, aufrecht erhalten werde.(Beifall.) Das ist die Pflicht, die ich der Armee und dem Volke gegenüber habe.(Erneuter Beifall.) In Ihrer Kommission hat sich eine entschiedene Mehrheit für die Wchrvorlage ausgesprochen. In einzelnen Positionen ist Meinungsverschiedenheit geblieben; darüber wird im weiteren Ver- laus der Debatte zu sprechen sein, insonderheit über die Anzahl der Kavallerieregimenter, welche aufzustellen sind. Ich überlasse zunächst die weiteren Ausführungen darüber meinem Nach- bar, dem Herrn Kriegsminister. Aber ich will für meine Person schon jetzt betonen, daß die Forderung, die wir Ihnen in der Vor- läge unterbreitet haben bezüglich der sechs Kavallerieregimenter. eine Forderung ist. die wir zur Sicherung des gesamten HeereS- geftlges und zur besonderen Sicherung der Grenzprovinzen, welche im Ernstfall am ersten bedroht sein würden, und zur Sicherung der Bewohner des Landes aufrecht erhalten müssen.(Beifall rechts und bei den Nationalliberalen.) Ich richte die nachdrückliche Bitte an dieses hohe Haus, daß Sie in dieser Beziehung den Bc- schluß der Kommission revidieren mögen.(Beifall rechts und bei den Rationalliberalen.) Ich nehme das Wort, nachdem von einigen Herren derZusammenhangzwischenWehr»und HeckungSborlagen besprochen und eine Auskunft darüber erbeten worden ist. wie sich die Regierung zu dieser Frage stellt. Der Standpunkt der Verbündelen Regierungen ergibt sich klar und deutlich aus der Lage der gesamten Dinge. Wie ist die Situation? Es ist cur unbedingtes Erfordernis, daß die Heeresverstärkung unverzüglich ins Werk gesetzt wird. Das ist das ober sie Gesetz, nach dem ich meine Haltung regeln musi bis in alle Konsequenzen hinein und regeln werde.(Beifall.) Daneben steht die Forderung, daß die Finanzen weder des Reiches noch der Bundesstaaten erschüttert werden. Auch das ist ein zwingender Bestandteil der Bereitschaft der Nation. lSehr richtig I) Die Verbündeten Regierungen sind dieser Forderung vollauf nachgekommen: wir habe» Ihnen volle Deckung vor- geschlagen. Daß ebenso wie in der Kommission auch in diesem hohen Hause eine ausgesprochene Mehrheit für die Wehr- Vorlage vorhanden ist, daran zweifle ich nicht, und daß sie deshalb angenommen werden wird, darauf vertraue ich zuversichtlich. Das gleiche gilt bezüglich der außergewöhnlichen Maßregeln, die wir Ihnen zur Deckung der außergewöhnlich hohen einmaligen Kosten vor- geschlagen haben, bezüglich des Wehrbeitrages. Auf die Einzel- heilen, wie sich dieser Wchrbeitrag bisher in der Kommission gestallet hat, gehe ich jetzt nicht ein: wir stehen noch vor der zweiten Kom- missionSlesung. Einigung ist bisher in allen Punkten noch nicht gefunden über die Deckung der laufenden Kosten. Was folgt aus dieser Situation? Sie, die Sie die Wehrvorlage bewilligen wollen, wollen sie nicht auf dem Papier bewilligen, Sie wollen sie bezahlen.(Sehr richtig I) Und deshalb ist es unsere Pflicht, eine Einigung zu suchen über die Frage der Deckung der laufenden Kosten, soweit diese Einigung noch nicht erzielt worden ist. Den Weg zu dieser Einigung haben wir Ihnen in unseren Vorlagen gewiesen, und ich bin fest überzeugt, daß die Einigung wird gefunden werden, weil sie gefunden werden muß.(Sehr richtig! beiden bürgerlichen Parteien.) Meine Herren, ein Volk, das in der Mehr- heit seiner parlamentarischen Vertretung zu der Gewißheit gekommen ist, daß seine Wehrmacht gestärkt werden muß, weil es die Sicherheit und der Schutz des Vaterlandes verlangen, hat ein Recht darauf, daß ihm dieser Schutz auch wirklich gewährt wird.(Beifall bei den bürgerlichen Parteien.) Auf dem Wege, den wir eingeschlagen haben, gibt es kein Zurück. Wir können keiner von uns, nicht Sie und nicht wir hier im Bundesrat, wir können nicht das Volk um den Schutz betrügen, von dem wir überzeugt sind, daß er nottut. Das wäre eine Ver- sündigung am Vaterland. Deshalb werde ich mich mit allen Mitteln dafür einsetzen, daß die Wehrvorlage zu dem Zeitpunkt inS Werk gesetzt wird, den die Vor- läge vorsieht, ich werde mit dem gleichen Nachdruck mit Ihnen arbeilen und wenn es nötig ist, auch käinpfen, daß die Mittel bereitgestellt werden, die dazu gehören. Wenn ich dazu nicht fest entschlossen wäre, hätte ich die Vorlage überhaupt nicht eingebracht. Und ich meine, Sie, die Sie in der Kommission für die Webrvorlage gestimmt haben, müsien derselben Ansicht fein. Deshalb lassen Sie uns jetzt handeln(Abg. Dr. Weill(Soz.): Kuhhandel!— Abg. Bas s ermann(natl.): Das tun wir seit drei Tagen!— Heiterkeit) und ein Werk zum Abschluß bringen, für dessen Scheiter», kein Mensch die Verantwortung tragen könnte.(Bei- fall rechts und bei den Nationalliberalen.) Abg. v. Licicrt iRp. bleibt bei der im ganzen Hause herrschenden Unruhe, die sich nur sehr allmählich legt, zunächst auf der Tribüne völlig unverständlich). Redner bespricht die Vorlage vom rein militärtechnischen Standpunkt und tritt vor allem für die Notwendig- keit der Kavallerie ein, deren Wert sich im türkischen Kriege wieder erwiesen habe. Abg. Eolshorn(Welfe) spricht sich für die Vorlage in der Fassung der Kommission aus. Abg. Bassermann(natl.): Der Reichskanzler sagte, die Verab- schiedung der Wehrvorlage sei ein Gebot nationaler Notwendigkeit, der sich alle anderen Rücksichten unterordnen müßten. Das ist genau der Standpunkt, den wir in der Kommission vertreten haben. Auch den Standpunkt des Reichskanzlers, daß der Wehrbeitrag zustande- kommen wird, teile ich, möchte aber doch hoffen, daß es gelingen möge, gewisse Härten auszumerzen, die er in der ersten Lesung der Kommission erhalten hat. Sind doch in wachsendem Maße bereits recht erhebliche Beschwerden ouS erwerbenden Kreisen darüber laut geworden. Ich hoffe, daß die Regierung mit g e« wohnter Energie(Heiterkeit) sich für die Regierungsvorlage in einzelnen beanstandeten Teilen einsetzen werde. Sodann sprach der Reichskanzler von der fortlaufenden Deckung. Auch meine politischen Freunde halten es für dringend wünschenS- wert, daß wir in fortgesetzter Tätigkeit in diesem Sommer die Deckungsfroge erledigen und ich hoffe, daß wir zu einer Einigung kommen, die, wie ich hoffe, dem größeren Teil des Hauses genügen wird. Aber ich meine weiter, entgegen den Ausführungen des Reichskanzlers, wir möchten die Deckung für die fortlaufenden Ausgaben doch bitten auf dem Boden einer allgemeinen Reichsbesitz st euer und nicht in der Form der Abwälzung auf die Matrikularheiträge, auch wenn sie veredelt sind, zu suchen, denn da wälzt man doch schließlich die Schwierig- Zeiten aus dem Reich auf die Einzelstaaten ab. Der Mahnung zu intensiver Tätigkeit, glaube ich, bedarf es nicht.(Sehr richtig! links.) Wir sind doch in allen Parteien seit Wochen bemüht, über diese schwierige, zum Teil sehr spröde Materie Herr zu werden und sind doch selbst nicht willens, bis in den Hochsommer hier zu sitzen. Zu den Ausführungen des Reichskanzlers möchte ich noch be- merken, daß ich ihm die zum Teil dort mit großer Mehrheit beschlossenen Resolutionen recht warm ans Herz legen möchte. Bei den großen Opfern, wie sie hier gefordert werden, ist das Verlangen gewiß berechtigt, daß auch Reformen ins Werk gesetzt werden, die zum Teil seit Jahrzehnten jahraus jahrein von den Parteien verlangt werden. Es ist nicht richtig, sie mit einer leisen Handbewegung beiseite zu schieben. Bon uns denkt natürlich nie- mand daran, durch das. was wir vorschlagen, die Treue zum aller- höchsten Kriegsherrn oder die Disziplin zu erschüttern.— Redner lritt des weiteren für den nationalliberalen Antrag auf Wieder- Herstellung der gestrichenen Kavallerieregimenter ein.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Das Haus vertagt sich. Es folgen persönliche Bemerkungen. Abg. Noske(Soz.): Gegenüber Herne Erzberger sage ich, daß ich nichl von einem Rückgang der Tauglichkeit gesprochen, sondern nur die Tatsache mitgeteilt habe, daß 40 Proz. der Gestellungspflichtigen in Deutschland zum Militärdienst untauglich sind. Falsch ist, wenn er mir nachsagt, ich hätte von Verlusten an Flugzeug gesprochen. Ich habe lediglich von Verlusten an großen Lenkballons gesprochen. � Die Fliegeroffiziere habe ich gar nicht erwähnt. Es würde meinem Wesen gar nicht entsprechen, Männer, die ihr Leben für ihren Dienst einsetzen, irgendwie herabzuwürdigen. Herr Müller-Meiningen hat mir unterstellt, ich hätte die gestrige Form meiner Rede bestimmen lassen durch Zeitungsartikel von Rosa Luxemburg. Diese Artikel waren mir bisher ganz unbekannt. Als, gelinde gesagt, nicht schön, muß ich eS zurückweisen, daß er ohne Anführung von Tat- fachen behauptet, meine Rede sei nicht in Uebereinstimmung zu bringen mit Erklärungen von Parteigenossen von mir in der Kommission und mit meiner dortigen Haltung. Die von uns dort gemachten Auslassungen find vom sozialdemokratischen Standpunkt aus absolut einwandfrei, in dem Zu- sammenhang, in dem sie in der Kommission vorgetragen worden sind.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) UebrigenS handelt es sich hier um Erörterungen, die strengvertraulicher Natur waren. Es ist uns zur Pflicht gemacht worden, darüber nicht zu reden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Es ist mir des- halb ganz unmöglich, darzulegen, daß Herr Müller von irrigen Voraussetzungen ausgeht, wenn er meint, daß ein solcher Widerspruch konstruiert werden kann.— Was ich über die Atlas- werke gestern gesagt habe, halte ich auftecht, abgesehen von dem geringfügigen Irrtum. Nach dem mir jetzt vorliegenden Prospekt gehört das Mitglied des Reichstages, Herr v. Böhlendorff-Kölpin, m der Tat zu den Gründern. Weder er noch die Herren aus der Heeresverwaltung haben eS bisher für erforderlich gehalten, gegen meine gestrigen Darlegungen Stellung zu nehmen. Daß es eine schwere Beschuldigung für einen Abgeordneten ist, wenn man ihm vorwirft, er benutze seine Stellung als Abgeordneter zu persönlichen Bereicherungen, entspringt allerdings durchaus meiner Auffassung.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Erzberger(Z.): Herr NoSke hat gesagt, die Heeresver- waltung habe den Befähigungsnachweis für das Flugwesen nicht erbracht und darin war ich berechtigt, einen Angriff auf die Flug- zeugoffiziere zu erblicken. Abg. Dr. Müller-Meiningen(Vp.): Die betreffenden Verhandlungen der Kommission waren nur insoweit vertraulich, als es sich um Mitteilungen der Militärverwaltung und um deren Behandlung durch Abgeordnete handelte. Ich muß mich wundern, daß gerade von einer Seite eine so mimosenhafte Empfindlichkeit deklariert wird. die fortgesetzt erklärt hat, daß alles, was ein Abgeordneter in der Ausübung seines Mandates an irgendeiner Stelle vertreten hat, All- gemeingul sei. Abg. Noske(Soz.): Ich stelle nochmals fest, daß sowohl ich wie meine Parteigenossen Wort für Wort zu unseren Dar- l e g u n g e n in d e r K o m m i s s o n stehen. Es liegt also gar kein Anlaß vor, einen solchen Gegensatz zu konstruieren. Von Herrn Erzberger hätte ich erwartet, daß er auf Grund meiner Erklärung loyalerweise seine Behauptungen zurücknahm. Auf Grund de- Stenogramms stelle ich fest, daß seine Behauptung unrichtig ist. Abg. Erzberger(Z.): Herr Noske wird nicht bestreiten, daß er der Militärverwaltung vorgeworfen hat, sie habe den Besähigungs- Nachweis nicht erbracht, daß sie mit dem Flugzeug ordentlich um- gehen könne. Dagegen richtete sich meine Abwehr, und ich nehme gern davon Notiz, daß er den Fliegeroffizieren keinen Vorwurf hat machen wollen, und warte im übrigen das offizielle Stenogramm ab. Abg.». Böhlendorff-Kölpin(k.): Ich war leider gestern abend nicht anwesend und stelle heute fest, daß ich mit keinem einzigen Mitglied der Regierung oder irgend einer Persönlichkeit, die der Regierung auch nur nahestehen könnte, über die Atlas-Werke auch nur irgendeine Silbe gesprochen habe. Nächste Sitzung: Donnerstag 1 Uhr.(Fortsetzung der Beratung der Wehrvorlage.) Schluß S'/z Uhr._ H119 der Partei. Parteilitcratur. Internationales Jahrbuch für Politik und Arbeiterbewcguug Von diesem im Verlage der Buchhandlung Vorwärts erscheinenden Geschichtskalender gelangt soeben das erste Vierteljahrsheft des 2. Jahrganges zur Ausgabe. Der Zweck des Internationalen Jahr- buchs liegt darin, die Tagesereignisse zu sichten und von Tatsachen. die als historisch bedeutsam erkannt sind, mit möglichster Genauigkeit Bericht zu geben. Auf diese Weise wird sich das Werk in seinen fortlaufenden Bänden zu einem Nachschlagewerk gestalten, das nur augenblicklich Interessierendes unberücksichtigt läßt, aber auf Fragen nach wichtigen Vorgängen vergangener Jahre richtige und möglichst erschöpfende Antwort gibt. Das Internationale Jahrbuch ist für jeden Politiker, Tewerk- schafter, Genossenschafter, Agitator, Redakteur ein überaus wichtiges Nachschlagewerk, das fernerhin kaum wird entbehrt werden können. Das Internationale Jahrbuch erscheint in vier Heften jährlich und kostet pro Jahr 10 M. Jedes einzelne Heft 2.50 M. Der erste Jahrgang ist noch in Heften zu 10 M., oder in einem Halbfranzbond zum Preise von 12 M. durch die Buchhandlungen zu beziehen. Daselbst werden auch Bestellungen auf den Zwesten Jahrgang an- genommen. Ss�iales. Ein interessantes Eingeständnis. Alle Maßnahmen und Bestrebungen der Unternehmer sind von Profjtinteressen bestimmt. In der kapitalistischen WirtschaftS- Ordnung ist das ja auch selbstverständlich. Die Unternehmer aller- dings versuchen sehr oft, ihre eigentlichen Beweggründe zu ver- heimlichen. Dadurch geben sie ungewollt zu erkennen, daß sie die kapitalistische Moral und Tendenz nicht zu verteidigen wagen. Hartnäckig ist der Kampf, den man gegen die Festlegung eines Maximalarbeitstages und die Beseitigung des Ueberzeitarbeitens führt. Neben dem Schlagwort von dem Ruin der Industrie tauchen da allerhand andere Einwendungen auf. Einmal sollen betriebs- technische Hindernisse hemmend im Wege stehen. Tann wieder hört man, es fehle an Arbeitern überhaupt, oder doch mindestens an den für bestimmte Betriebe notwendigen Kräften. In Wirklich- keit ist die verteidigte Wirtschaftsweise vielfach direkt sinnlos, be- deutet eine unverantwortliche Verschwendung, einen Raubbau an der Arbeitskraft. Aus ihr erwachsen zum Teil die Verhältnisse, die man als Hindernis der verlangten Reform ins Feld führt. Es wären z. B. Arbeitskräfte für jede Spezialarbeit genügend vor- handen, wenn man die Arbeiter nicht unnötig in die Fabrik sperrte. Aus welchen rückständigen Gründen dem Ueberschichtenunwcsen ge- ftönt wird, das schildert der Gewerbeinspektor für den Bezirk Trier. In seinem Beicht für 1912 schreibt er: .In einem Werke vertrat der Betriebsleiter den Standpunkt, daß die Ueberarbeit notwendig sei, weil nur mit ihrer Hilfe der Arbeiter dasjenige Einkommen erzielen könnte, auf das er nach Lage des Arbcitsmarktes der Hütte gegenüber Anspruch habe. Wenn den Arbeitern nicht ein gewisses Maß von Ueberarbeit zu- gebilligt würde, so seien Unzufriedenheit und Abwanderung die unvermeidlichen Folgen. Eine Erhöhung des Lohnes in dem Matze, daß in sechs normalen Arbeitsschichtcn ein angemessener Wochenlohn erzielt werde, sei mit Rücksicht auf die Konkurrenz nicht möglich. Die Generallcitung des Werkes hat diese Auf- fassung zwar nicht gerade bestätigt, konnte sich aber gleichwohl zu einer Einschränkung der zu produktiven Zwecken vorgenommenen gesetzlich zulässigen Ueberarbeit nicht entschließen. Als obere- Maß der Ueberarbeit gilt hier der seit Jahren bestehende Grund- satz, daß kein Arbeiter mehr Schichten bezahlt bekommt, als der Monat Kalendertage hat. Dasselbe Werk ist auch in diesem Jahre wiederum überwiegend an der Ueberarbeit zu produktiven Zwecken beteiligt," Die Erklärung des Betriebsleiters stimmt bis auf die.Rück- ficht auf die Konkurrenz". Des Schammäntelchens dieses Einwan- des entkleidet, erkennt man als des Systems Beweggrund das Fest- halten an den nicht ausreichenden Löhnen. Aus Gewinnsucht treibt man Raubbau an der Arbeitskraft, verschwendet so das Gut, von dem man sonst behauptet, es sei nicht so reichlich vorbanden, um auf daS Ueberfchichtenunwefen verzichten zu können. Die Mittei- lung des Gewerbeinspektors ist«in Beleg dafür, daß die Ein- Wendungen der Unternehmer gegen eine vernunftgemäß«, aus Volks- wirtschaftlichen und gesundheitlichen Gründen dringend notwendige Begrenzung der bisher üblichen überlangen Arbeitszeiten nicht der Wirklichkeit entsprechen, sondern willkürlicher Konstruttion ent- springen.__ Hue Industrie und Rande!. Rückgang der Börsenkurse. Die glaubten, daß mit dem Borsrieden von London die Börsen sich beruhigen würden, haben sich geirrt. Es konnte schon deswegen eine Beruhigung nicht eintreten, weil die Wirtschastskoirjunktur auS inneren Gründen und wegen der Beeinflussung durch den Balkan- krieg ihren Halt verloren hatte, was nun deutlich zum Ausdruck kam. Ueberall zeigten sich Abschwächungsmerkmale, worauf die Börsen mit Herabsetzungen der Kurse antworteten. DaS ist denn auch in sehr heftiger Weife geschehen und der allgemeine Kurs- stand der deutschen Börsenpapiere hat in wenigen Tagen einen sehr wesentlichen Rückgang erfahren. Mh« auch die Sorge vor einem neuen Balkonkrieg trug zur Beunruhigung bei. Von dem Rück« gang wurden nicht nur Dividendenpapiere betroffen, sondern auch sichere Renten und speziell die Sproz. Reichsanleihe, deren Kurs einen nie gesehenen Tiefstand erreichte. Der Rückgang ist nicht nur an den deutschen Börsen, sondern auch an den ausländischen Börsen erfolgt. Vor kurzer Zeit war die New Docker Börse Gegenstand umfangreicher Angebote und in den letzten Tagen war die Londoner Börse auss schwerste beunruhigt. Allerdings waren in London bauptsächlich die Gerüchte von Zusammenbrüchen— und tatsächlich erfolgte Zusammenbrüche— für den Rückgang maßgebend. Aber der Ilmsrand, daß diese Zusammenbrüche ver- hältnismätzig lange nach dem Abschluß des Vorfriedcns erfolgt sind, beweist, in welch schwacher Verfassung sich ein Teil der Börsen- spekulation noch immer befindet. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir unter diesen Umständen noch manche unangenehme Ueber- raschung erleben, und zwar nicht nur in London, sondern auch an deutschen Börsen._ Zechcnlegen. Nun soll das Zechenlegen auch der Kali- i n d u st r i e Heil und segen bringen. Der mit dem Kaligesetz ver- bundene Gedanke, in dieser Industrie eine weitere Zunahme der Werke zu verhindern, hat sich als trügerisch erwiesen. Die neuen Unternehmen schössen vielmehr wie Pilze nach einem warmen Regen bervor. Die allen Werke sehen dadurch ihre Gewinne gefährdet. Darum soll nun die Gesetzgebung die Handhabe zu der Stillegung von Kalizechen liefern. Das Kalishndikat hat sich nach' dieser Richtung bereits mit einer Anzahl von Werken verständigt. Mit solcher Aktion ist bei vielen Gründungen von vornherein gerechnet worden. Auf Kosten der Allgemeinheit soll dem spekulativ an- gelegten Kapital eine dauernde gute Rente gewährt werden. Barer Staat muß überall den Nachtwächter kapitalistischer Interessen spielen. Bus aller Melt. Brindejoncs neuer Distanzrekord. DaS ebenso kühne wie zähe Wagnis des französischen Fliegers Brindejonc, auf seinem Morane-Saulnier-Eindecker einen neuen Distanzrekord im Wettbewerb um den Pommery-Pokal aufzustellen, ist geglückt: Brindejonc hat noch am Dienstagabend gegen 7 Uhr Warschau erreicht! Er hat damit an einem Tag die Strecke Paris— Berlin— Warschau zurückgelegt, eine Entfernung von 1420 Kilometer, während der von seinem Landsmann Guilleaux aufgestellte Rekord*nur" 1250 Kilometer betrug. Brindejoncs Unternehmen wurde begünstigt durch den stürm- artigen Rückenwind, der streckenweise die Eigengeschwindigkeit seiner Maschine erreichte und damit die Fluggeschwindigkeit verdoppelte, nämlich auf 225 Kilometer in der Stunde brachte. Aber freilich: welcher Mut, welch' felsenfestes Vertrauen aus das eigene Können und die Leistungsfähigkeit der Maschine, welch' kolosiale Energie gehörte dazu, bei einem Sturm, der in Berlin Bäume entwurzelte, überhaupt zu starten und trotz rüttelnder Böen zehn Stunden Flug- zeit durchzuhalten l Die deutsche Presse ist denn auch ehrlich genug, einzugestehen. daß es zurzeit auch nicht einen einzigen deutschen Flieger gebe, dem eine solche Leistung zuzutrauen sei. Dabei ist Brindejonc in Frankreich keineswegs eine Klasse für sich, sondern nur ein Ebenbürtiger der Vedrines, Garros, Sludemars, Guilleaux und mancher anderer. Man wirft auch die Frage auf, woher daS komme. Man meint, zum Teil wohl von der Pedanterie und Reglementiererei der deutschen Fliegerei. Das mag bis zu einem gewissen Grade stimmen. Eine Aenderung wird aber erst dann eintreten, wenn man endlich die Konkurrenz des Auslandes nicht mehr wie bisher peinlich ausschließt, sondern nach Kräften heranzuziehen sucht! Ganz unrichtig ist die Behauptung eines Blattes, daß in Deutschland nichts zum Anreiz für größere Ueberlandflüge getan würde. Im Gegenteil: So hoch- dosierte Preise für Distanzflüge, wie die von der National- stügspende ausgesetzten, gibt es' selbst in Frankreich nicht! Dort ist eben der sportliche Ehrgeiz größer und die Konkurrenz innerhalb der Flugzeugindustrie schärfer, während deutsche Flugzeugunternehmer schon dann bei guten Konnexionen Austräge in der Tasche haben, bevor ihre Gründung überhaupt per- fett geworden ist: stehe AtlaSwerke! Bleibt hier alles beim alten und fährt man fort, bei Mug- Wochen durch Mätzchen, wie daS sogenannte„Wettrennen" über 20 oder 30 Kilometer(!) daS Publikum zu narren oder durch Anlauf- und Aus> laufkonkurrenzen, die selbst vom militärischen Standpunkt aus nur höchst problematischen Wert haben, anzuöden, so wird der aviatische Vor- sprung anderer Länder nicht nur vermindert, sondern sogar noch vergrößert werden! Neues von den Tpitzbergen-Expeditionen. Die Mitglieder der Schröder-Stranz-Expedition. Raab«, Rüdiger und R i t s ch e r, sind nach einem Telegramm der „Tidn Tegn" aus T r o m s ö am Dienstagabend dort eingetroffen. Raabe ist vollkommen gesund, Rüdiger und Ritscher werden in Tromsö wegen ihrer erfrorenen Gliedmaßen behandelt. Ebenso sind sämtliche Norweger der Expedition, mit Ausnahme StenegerS, dort eingetroffen, der in der Treurenberg-Bai das Expeditionsschiff .Herzog Ernst" überwacht. Von der S t r a n z- E x p e d i t i o n ist Beckmann gleichzeitig in der Treurenberg-Bai eingetroffen. Stranz selbst mit vier Gefährten sind am 2. Juni in Begleitung von 16 Hunden nach dem Nordostlande in der Richtung auf die Treuren- berg-Bai aufgebrochen. Dort werden sie auf einen Walfischfänger gehen, um die Henlopstraße zu durchqueren, und marschieren dann weiter über das Festlandeis nach der Rijks-Bai. In den nächsten Tagen wird in Tromsö eine gerichtliche Unter- suchung über die Vorkommnisse bei der Schröder-Stranz-Expedition eingeleitet._ Ein dreister Ueberfall. In der vergangenen Nacht ist im Hause deS WeingutSbesitzerS Bronner in W i e S l o ch ein frecher Raubanfall verübt worden. Wie die„Oberrheinische Korrespondenz" meldet, drangen Diebe mit Dolchen und Knüppeln bewaffnet in das Schlafzimmer des Wein- gutsbesitzers ein und verlangten Geld. Bronner erklärte, daß er in der Villa kein Geld habe. Darauf forderten die Räuber ihn auf, aufzustehen und mit ihnen ins Geschäft zu gehen. Einer der Komplizen blieb bei der Frau Bronners, ein zweiter stellte sich unter dem Fenster, während zwei Banditen mit Bronner nach dessen Geschäft gingen, wo sie sich den Kassenbestand von 500 M. aushandigen ließen. Die Räuber drohten Bronner falls er Lärm schlagen wolle mit ihren angeblich vergifteten Dolchen niederzustechen. Vorsichtshalber hatten sie auch die Telephonleitung durchschnitten. Sie nahmen Geld. Schmuckiachen und mehrere Uhren an sich und fuhren auf Fahrräder davon. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, die Räuber zu verhaften. Kleine Notizen. Ein tödlicher Absturz. Der 18jährige Wiener Kontorist Grossinger ist bei einer Partie in der Rettenbacher Kuwun abgestürzt und so s o r t t o t l i e g« n geblieben. Ermordung eines Professor? Mittwoch vormittag feuerte der Hörer des 3. Jahrgangs an der Landeshöranstalt in �?berg der I8jähriae Ruthenc Elias Tzeqala gegen den polmi-hen Pro- fessor Gutkowskl fünf Revolverschüsse ab. wodurch der-Professor sofort getötet wurde. Tie rulhenischen Studenten schützten den Attentäter vor der Lynchjustiz der Polen. AIS die Polizet in das Seminar eindrang, kam es zu einem Kampfe zwischen polnischen und ruthenischen Studenten. Schließlich gelang si aber doch, den Attentater zu verhasten. Er verweigert zedc Avskunst über daZ Motiv seiner Tat. Hus der Frauenbewegung. Clas erwarten wir vom frauenwablrecht? Angesichts der furchtbaren Mittel, mit denen gegen- Wörtig in England um das Frauenwahlrecht gekämpft wird und im Hinblick auf die aktuelle Bedeutung, die der Kampf um dieses Recht in zahlreichen europäischen Parlamenten bekommen hat, erscheint es uns doppelt notwendig, keine Un- klarheit darüber bestehen zu lassen, was die Sozialdemokratie von der Erringung des Frauenstimmrechts erwartet. Im Gegensatz zu dem größten Teil der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen gilt uns das allgemeine Wahlrecht wohl als eine der wichtigsten Waffen im Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse und damit auch der proletarischen Frau, nichr aber als diese Befreiung selbst. Die Erlösung der Arbeiterin von dem dreifachen Joch, unter dem sie gegen- wärtig seufzt, erwarten wir durchaus nicht einzig und allein von ihrer politischen Gleichberechtigung mit dem Manne. Ein Blick auf die Tätigkeit des Deutschen Reichslags, sowie aller anderen bürgerlichen Parlamente, die, wenn auch nicht unter dem allgemeinen, so doch unter dem Wahlrecht aller Männer gewählt worden sind, kann uns darüber be- lehren, wie wenig der bürgerliche Parlamentarismus ein wirklich demokratischer ist und wie wenig von ihm eine Ge- setzgebung erwartet werden darf, die den Interessen der arbeitenden Klassen in vollem Maße entspräche. Duldet er doch neben sich ein Oberhaus ernannter Mitglieder, eine Verwaltung durch dem Volkswillen entrückte und volkssremde Beamte und das Entscheidungsrecht der Krone in den wich- rigstm Angelegenheiten des Staates! Trotz alledem verdankt die Sozialdemokratie, und ganz besonders die Deutsch- lands, einen guten Teil ihrer Kraft und Ausdehnung der Teilnahme an den Wahlen und an den Arbeiten der gesetz- gebenden Körperschaften. Aber durch die gesetzgeberischen Taten der deutschen Parlamente ist dieses Wachstum lange nicht so sehr gefördert worden, als durch die Gelegenheit zu politischer Schulung und Organisierung. Tie Reden, die unsere Vertreter im Parlament halten, erlangen durch die Zeitungen eine ungleich größere Ver- breitung als die Reden in unseren Versammlungen, welche die bürgerliche Presse in der Regel totschweigt. Sie wirken dadurch in viel höherem Maße aufklärend und werbend auf den noch indifferenten Teil der arbeitenden Bevölkerung. Zugleich aber sind im Parlament unsere Gegner gezwungen. den Vertretern der Sozialdemokratie Rede zu stehen und auf ihre Anklagen zu erwidern. Nichts könnte besser dazu ge- eignet sein, die moralische Schwäche des Bürgertums und die sittliche Ucberlegenheit der aufsteigenden Arbeiterklasse den breikesten Massen darzutun, als die Debatten in den ver- schiedenen Parlamenten. Was wir an Gesetzesreformen in den Parlamenten er- reichen können, das ist uns hochwillkommen, weil sede halbe Stunde gesetzlich verkürzter Arbeitszeit, sede Maß- nähme zum Schutz des Lebens und der Gesund- h e i t der Arbeiterschaft und jede Verbesserung des Volks- Unterrichts die Widerstandskraft des Proletariats gegen .Ausbeutung und Unterdrückung erhöht. Wie selten aber und unter welch harten Mühen gelingt es, den bürgerlichen Parlamenten solche Reformen abzuringen, und selbst das Wenige wäre gar nicht möglich, wenn nicht unter den bürger- lichen Abgeordneten sehr viele ihr Mandat auch Arbeiter- stimmen zu verdanken hätten. Sie wollen ia immer wieder gewählt werden und möchten es darum mit keiner Wählerschicht ganz verderben. Darum sind es einmal die Staatsbeamten, einmal die Landwirte, dann wieder die .Kaufleute und Gewerbetreibenden und einmal sind es auch die Arbeiter, für deren Interessen sie sprechen und stimmen. Nur an die Interessen der arbeitenden Frauen denkt kein bürgerlicher Abgeord- neter. Wozu sollte er auch? Werden die Frauen ihn bei den nächsten Wahlen zur Ver- antwortung ziehen und ihm eventuell eine Niederlage bereiten können? Unmöglich! Sie haben ja kein Wahlrecht! Wozu also auf ihre Bedürfnisse und Forderungen Rücksicht nehmen? Tie sozialdemokratischen Abgeordneten treten selbstver- ständlich für die Interessen der proletarischen Frauen und Kinder geradeso gut ein, wie für den männlichen Proletarier, aber allein vermögen sie nicht bei der Abstimmung zu ent- scheiden und bürgerliche Stimmen sind für die Forderungen von NichtWählerinnen nicht zu haben. Darum will es auch so gar nicht vorwärtsgehen mit der Verbesserung des Mutter- schuves und des Kinderschutz es. der Mutter- schaftsversicherung, der Witwen- und Waisen- v e r s o r g u n g und all der Gesetzesmaßnahmen, die geeignet wären, die drückendste Not der ärmsten Frauen und Kinder zu lindern. Aber auch der anderen Vorteile, die das Wahlrecht den Arbeitern bringt, entbehren die Proletarierinnen schmerzlich. Sie werden nicht gleich den noch indifferenten Männern während der Wahlzeit aus ihren dumpfen Wohnungen herausgeholt und geradezu gezwungen, über ihre Not und ihre Bedürfnisse nachzudenken und zwischen Freund und Feind der Arbeiterklasse unterscheiden zu lernen. Sie erhalten nicht so, wie wenn sie Wählerinnen wären, die Anregung, die Reden und die Zeitungen der verschiedenen Parteien mit- einander zu vergleichen und sich über sie ein Urteil zu bilden. Es fehlt ihnen auch die Gelegenheit, sich gleich den männ- licheo Anhängern der Sozialdemokratie mit Hilfe der Wahlen zu Khlen. Noch viel mehr als von unseren männlichen Anhängern gilt es von den weiblichen, daß ihre Zahl um ein Mehrfaches größer ist, al? die Zahl der eingeschriebenen Parteimitglieder, denn die Frauen, die es eingeschüchtert durch ihre Vorgesetzten und Familienangehörigen nicht wagen, sich offen zur So- zialdemokratie zu bekennen, obgleich sie ihr im Herzen zu- neigen ist sicher verhältnismäßig viel größer, als die der Männer in gleicher Lage, weil ja das Weib gegenwärtig überhaupt immer um einiges abhängiger ist als der Mann ihrer Klasse. � Diese besondere Abhängigkeit der proletarischen Frau bat ihre tiefsten Wurzeln nicht in den politischen, sondern in bon wirtschaftlichen Verhältnissen, die gegenwärtig fa geartet sind, daß ihr die Mutterschaft nicht wie sie sollte. ein Anrecht auf eine gesicherte Existenz gibt, sondern ihr zur wird, mittelst deren sie die kapitalistische Ausbeutung an das Elend der Ueberorbeiwng und Entbehrung schmiedek. Als eine der wirksamsten Waffen gegen diese Bedrückung bedarf sie dringend des Wahlrechts. Im Parlament ioerden nur die Gesetze formuliert, die sich bereits iin wirtschaftlichen Kampf durchgesetzt haben. Jede Gesetzesreform bedeutet den Abschluß eines Waffenstill- standcs zwischen den einander bekämpfenden Parteien auf dem Felde der Produktion und des Handels. Darum ist es für die Frauen gleich notwendig, in der Werkstätte und der Gewerkschaftsorganisation um bessere Lohn- und Arbeits- Verhältnisse zu ringen, in der genossenschaftlichen Organi- sation gegen die furchtbare Teuerung anzukämpfen, die den Lohngroschen entwertet, und das Recht zu erobern, dabei mitarbeiten zu dürfen, wenn die Vertretung der Sozial- demokratie im Parlament das durch Gesetze festzuhalten sucht, was die organisierte Arbeiterschaft durch ihre Wirtschaft- lidhen Kämpfe dem Kapitalismus an Konzessionen abgezwun- gen bat. Nur wenn auf allen Gebieten zugleich und von Männern und Frauen des Proletariats einhellig mit allen Kräften gegen die kapitalistische Ausbeutung angekämpft wird, kann sie überwunden werden und an ihre Stelle die Herrschaft des Sozialismus treten. TIeilk Sklavinnen im„fch warzen Lande". London, 9. Juni. lEig. Ber.j Um die große englische Stadt Birmingham herum liegt ein Industriegebiet, dem man den Namen „das schwarze Land" gegeben hat. Die Metallverarbeitungsin- dustrie ist hier zu Hause. Hier schmieden Frauen Ketten und hier stellen fromme Fabrikanten Götzenbilder her, die sie an die Heiden in fernen Ländern verkaufen— wahrscheinlich, um den von ihnen unterstützten christlichen Missionären etwas zu tun zu geben. Seit eingen Wochen tobt im„schwarzen Lande" ein heftiger Kampf. Die ungelernten Arbeiter haben sich aufgerafft, um ihre elende Lage etwas zu verbessern. Sie verlangen einen Mindestlohn von 23 Schilling die Woche— wahrlich bescheiden genug! Ein Mindest- lohnkomitee hat sich gebildet, das den Kampf von einem Betrieb zum andern trägt. Schon haben viele tausend Arbeiter den Min- destlohn bewilligt erhalten. Viele streiken jedoch noch und einige Tausend sind ausgesperrt. Vor einigen Tagen haben sich 1009 Ziegeleiarbeiter und 1300 Ziegeleiarbeiterinnen der Bewegung ange- schlössen. Sie sind in den Streik getreten, nachdem ihre Forderungen— eine lOprozentige Lohnerhöhung für Männer und ein Mindestlohn von 10 Schilling die Woche für Frauen— nicht bewilligt worden waren. Der„Daily Citizen" hat einen Berichterstatter nach Worcestershire geschickt, um die Arbeit und Arbeitsverhältnisse der Ziegeleiarbeiter zu erforschen. Geradezu haarsträubend sind die Arbeitsverhältnisse der Frauen in den Ziegeleien, von denen der Korrespondet berichtet. Ziemlich allgemein ist die Ansicht verbreitet, daß die Frau in England nicht zu so schweren und schmutzigen Arbeiten herange- zogen wird wie auf dem Festlande. Vielleicht ist dies im Großen und Ganzen richtig. Auf unseren Reisen in Europa haben wir uns stets besonders bemüht, zu erfahren, wie die Frauen in der. Industrie und Landwirtschaft beschäftigt werden. Wir haben gesehen, wie in Schlesien und Süddeutschland Frauen als Eisenbahnarbeiter ver- wendet werden; wie sie in Böhmen große Lasten Kohlen in einer Kiepe auf dem Rücken tragen; wie sie am schönen Rhein mit schweren Lasten auf dem Kopfe zum Markte eilen; wie sie in Frank- reich Kohlen laden und in Belgien gar lbis vor noch nicht langer Zeit) unterirdisch vor der Kohle schafften. In England fällt die Verwendung der Frau zu schweren Arbeiten nicht so sehr auf. Man muß sich schon von den großen Verkehrswegen abwenden und in die Gegenden gehen, wo die Schwitzindustrie herrscht, um zu sehen, wie der Kapitalismus die Frauen als Lasttiere verwendet. Aber dort findet man dann auch Zustände, die an die Barbarei mahnen. Was der Berichterstatter des„Daily Citizen" über die Arbeit der Ziegeleiarbeiterinnen in Worcestershire schreibt, hat man bisher in England kaum für glaublich gehalten. In diesen Ziegeleien ar- beiten Frauen und Mädchen für 7 Schilling die Woche und schleppen täglich zehn und eine halbe Stunde lang Lasten, die kein Mann regelmäßig tragen kann. Um den Leib tragen sie ein Polster; auf diesem Polster tragen sie dann mit der Hüfte hohe Stöße Ziegel- steine. Ein Mann sagte dem Korrespondenten:„Ich verrichtete die Arbeit drei Monate lang, als ich jung war, und viele Male war mein Rücken davon blutig." Doch hören wir die nähere Beschrei- bung der Arbeit: „Ich sah heute Mädchen von 16 bis 18 Jahren, die mit Stößen von 10 und 12 neunpfündigen Ziegelsteinen beladen, einhergingen. Sie trugen Lasten, die zwischen 90 und 108(englische) Pfund(40 bis 48 Kilo) wogen, 26 Meter weit von der Darrstube bis zum Brennofen, und zwar nicht langsam, sondern mit den kurzen, schnellen Schritten der Gewichtheber, die bis zum äußersten beladen sind. Die Sonnenstrahlen fielen glühend auf sie herab; die Gesichter einiger der Trägerinnen waren dunkelrot. Ich sah andere Mädchen, die gebeugt mit gewaltigen Blöcken auf dem Rücken— heißen Guß- formcn— von einem Brennofen eilten. Es war auch eine grau- haarige Frau dabei.„Die müssen doch sicher beinahe zwei Zentner wiegen", sagte ich.„Sie sind viel schwerer, ehe sie gebrannt sind," erwiderte mein Führer.„Beim Trocknen und Brennen verliert die Erde etwa ein Viertel ihres Gewichts." Blöcke dieser schweren Sorte lagen in dem Hofraume zum Versand bereit. Beim Wiegen betrug das Gewicht von einem 196(englische) Pfund(88 Kilo); daher mutz sein Gewicht als Ton ungefähr 260(englische) Pfund(117 Kilo!) betragen haben. Als Ton sind diese Blöcke alle von den- selben Mädchen und Frauen getragen worden. Die Männer tragen sie nicht; sie heben die Blöcke nur auf die gebeugten menschlichen Lasttiere." Ein Arbeiter der Ziegelei hat ausgerechnet, was diese Frauen und Mädchen im Laufe eines Arbeitstages heben müssen. Bei der oben beschriebenen Arbeit transportieren die Trägerinnen eine Tonne Ziegelsteine für ungefähr 2 Pence(17 Pf.). DaS Gewicht, das die Frauen, die die Ziegelsteine machen, im Laufe eines Zages heben, beträgt 28 Tonnen. Dafür erhalten sie 2 Schilling und 8 Pence(2,70 M.). also nicht einmal 10 Pf. pro Tonne Ton. Es ist wohl kaum nötig, hinzuzufügen, daß man die Ziegeleiarbeite- rinnen ohne weiteres an ihrem verkrüppelten Körper erkennen kann. Die Ursache dieser schändlichen Ausbeutung der Frauen und Mädchen ist darin zu suchen, daß ihre Arbeit so billig ist. Arbeiteten die Pferde billiger, so würden sie bald diese menschlichen Konkurren- tcn ersetzen. Aber das Pferd kostet an Unterhalt in England immer- hin 2 Schilling den Tag. Und die Frauen und Mädchen arbeiten für einen Schilling. Die Degradicrung der Frauen und Mädchen des Volkes bedeutet für den Kapitalisten eine Ersparnis von 100 Prozents franenftimmreAt Frauen bei der vahlarbeit. tBU die Kallfornierst»« t* CaH FranziSco ihr Stimmrecht ausüben, darüber hat das Ehepaar Lelm» Edwin TheiS genaue Beobachtungen angestellt, deren Resultate m der„Pictorial Review" mitgeteilt werden. Die Ruhe und Kalt- blütigkeit, gepaart mit Tatkraft und zielsicherem Streben, die die Frauen bei den einzelnen Wahlhandlungen auszeichnen, sind auf den ersten Blick überraschend. Innerhalb der Wahlabteilungen herrscht die größte Ruhe und Ordnung. Eifrig strömen die Frauen herbei und schwärmen um die Wahllokale, wie Bienen um ihren Stock, aber ohne die geringste Nervosität. So friedlich geht alles vor sich wie bei einem Gottesdienst. Bei den lehten Wahlen gaben 1200 Frauen ihre Stimme ab und eine war Wahlleiter. Die Frauen entfalten eine umfangreiche Propaganda, um einige Gesetze, so die Abschaffung der Spielhöllen und die kostenlose Verteilung von Schulbüchern an arme Kinder durchzusetzen. Stundenlang setzten sie sich der Kälte aus und versuchten mit großer Hartnäckigkeit, die Wähler für ihre Kandidaten zu gewinnen. Diese Haltung wird erreicht durch eine gewisse politische Erziehung. Zahlreich sind die Frauenvereine, die eine kleine organisierte Armee von 50 000 Per- sonen darstellen. Das Ziel ihrer Bestrebungen ist die Erreichung weiterer politischer Rechte und die Durchsetzung sozialer Reformen. In den verschiedensten Teilen von San Franzisco haben die Frauen Wahlbureaus eingerichtet, von denen aus die Wählerinnen systematisch bearbeitet und der allgemeinen Bewegung zugeführt werden. Diese Tätigkeit hat bereits große Erfolge gezeitigt. So ist die Zahl der Wählerinnen, die bei der letzten Wahl nur 1200 betrug, jetzt schon auf 26 000 gestiegen. Der Frauenfortschritts. verein von Los Angeles hat es bereits auf 83 284 Mitglieder gebracht. Frauenarbeit. Ausbeutung der Arbeitskraft. Im»Kasseler Tageblatt" findet sich folgendes-baralteristischeS Inserat: „Junges Mädchen aus guter Familie, mit abgeschl. höherer Töchterschulbildung und musikalisch, gesucht. daS viermal wöchentlich je 4 Stunden die Schularbeiten zweier größerer Mädchen und deren Klavierübungen überwacht sowie dieselben auf Spaziergängen Begleitet. Fertigkeiten in Handarbeiten erwünscht. Monatliche Vergütung 10 Mark. Angebote unter B. C. 3995 an die Geschäftsstelle." 16 Stunden Schulunterricht, Klavierunterricht und Handarbeit pro Woche, 66 Stunden pro Monat, für 10 M. oder 14 Pf. pro Stunde—- das ist der Lohn, den man dem jungen Mädchen aus guter Familie mit abgeschlossener Bildung anbietet. Auch das ist durchaus keine Ausnahme, die Löhne der Erzieherinnen,' Stützen der Hausfrau, Privatlehrerinnen usw. stehen allgemein auf diesem Niveau. Ein Stück aus dem traurigen Schicksal der„Mädchen aus guter Familie". Soziale flirlorge. Unentgeltliche Hcbammenhilfe. Pommern wird im allgemeinen 'mmer für eine recht rückständige Provinz angesehen. In Ausnahme- fällen weist sie aber auch manchen Fortschritt auf. So z. B. wurde in der letzten Stadtverordnetenversammlung in Stolp eine Neu- regelung der Geburtshilfe vorgenommen. Um der ärmeren Bc- völkerung die Geburtshilfe unentgeltlich zu leisten, hat die Stadt mit sämtlichen Hebammen einen Vertrag, geschlossen, wonach sich die Heb- ommen verpflichten, ihre Hilfe bei der ärmeren Bevölkerung nach den Mindcstiätzen der Gebührenordnung zu berechnen. Die Kosten, die 10.60 M. betragen, werden dann von der Stadt bezahlt. Etwaige durch den Arzt angeordnete Tätigkeit wird besonders ver- gütet. Außerdem wurde die freie Wahl eingeführt. Eine be- sondere Entschädigung dürfen die Hebammen von den Wöchnerinnen oder deren Angehörigen nicht verlangen. Tuberkulose und Wohuungshygiene. Ueber die Nachkommenschaft von 442 tuberkulösen Arbeiterfamilien haben französische Aerzte Unter- suchungen angestellt. Ohne die günstigen Einflüsse von Säuglings- fürsorge, Mutterschutz, Beratungsstellen negieren zu wollen, ist nach den Feststellungen der Aerzte die Wohnungshygiene der springende Punkt. So zerstört man die alten Herde der Tuberkulose und sorgt zugleich dafür, daß keine neuen geschaffen werden. Das ist um so wichtiger, als nach jenen Feststellungen gerade die tuberkulösen Est««« eine besonders zahlreiche Nachkommenschast haben. Butter und Kind. Bei Benutzung eines Gummituches für den Säugling ist Vorsicht am Platze. Das beweist folgender Fall: Ein gesunder, kräftiger Säugling von sechs Monaten, ausschließlich an der Brust ernährt. beginnt ziemlich plötzlich an Gewicht abzunehmen. Es wird nach allen Richtungen nach weiteren Krankheitsäußerungen gefahndet, aber vergeblich. Die Abmagerung nimmt weiter zu und bringt das Kind in drei Wochen in einen recht elenden Zustand. Jetzt tritt plötzlich ein neues Symptom auf, die auf die Möglichkeit einer Bleivergiftung hinweist. Aus der Umgebung des Kinde? wird nun vor allem was irgendwie Bleigehalt haben könnte, eine Probe zur chemischen Unter- suchung entnommen. Am nächsten lag die Vermutung, daß der weiße Anstrich des BettchenS oder des Kinderwagens aus bleihaltiger Farbe bestehe. Diese Vermutung bestätigte sich aber nicht, die Farben er- wiesen sich als keimfrei. Bleihaltig aber war das Gummituch, daS als wasserdichte Betteinlage diente.— Eine weitere Behandlung er- übrigte sich nach der„Münch, med. Wochenschrift", denn nach Ent- fernung des verhängnisvollen Wäschestückes setzte sofort die Besserung ein, die nach wenigen Wochen zur völligen Genesung führte. „Lernunft wird Unsinn, Wohltat Plage"— dieses Dichterwort illustriert treffend die Zwangslage, in die das neue Gesetz für An- gestelltenversicherung eine große Zahl arbeitender Frauen versetzt. Die Ausnahme- und Versicherungskarten tragen den Vordruck, daß etwa vorhandene uneheliche Kinder weiblicher An- g e st e l l t e r auf den Karten anzugeben seien. Eine starke Zu- mutung, so lange die in der bürgerlichen Gesellschaft herrschende doppelte Moral dem Weibe uneheliche Mutterschaft als Makel und Schande anrechnet! Wird die vorgedruckte Rubrik fälschlich ausgefüllt, so tritt Bestrafung ein. DaS Gesetz beabsichtigt in Wirklichkeit durchaus keine wirtschaftliche oder moralische Schädigung eines Teiles der ihm unterstellten weiblichen Angestellten, sondern es will die geringen Rechtsansprüche der unehelichen Mütter und Kinder wahren helfen. Um so dringender ist eine Abänderung der Vordrucknotiz. Auf Anregung des Bundes für Mutterschutz haben eine große Zahl von bürgerlichen Frauenorganisattonen. darunter auch viele OrtS- verbände der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger, der Kauf- männische Verband für weibliche Angestellte, der Verband akade- misch gebildeter und studierender Lehrerinnen, ferner der Bund der technisch-industriellen Beamten, dem Reichstage eine Petitton überreicht, in der Fortsall der Verpflichtung zur Angabe unehelicher Kinder weiblicher Angestellten gefordert wird. Dagegen soll in die Karten ein Vermerk ausgenommen werden, daß die weibliche Angestellte verpflichtet sei, etwa vorhandene uneheliche Kinder der Versicherungsbehörde selbst anzugeben. Damit wäre es Unbefugten unmöglich gemacht, in die intimsten Privatangelegen- heiten einer arbeitenden Frau einzudringen und unlauteren Gebrauch davon zu mache«. imitierte Teppiche grao, blau, oliv oder rot Food 130X190 em M. 7-0 . 160x225». II«" . 190x290., 1650 Vorlag. GrfiQe 50X100 cm 1,25 Naob ausw. per Naolmalime. Teppich-Spezialhaus MK*> Lefi Emil effevre Berlin S. Seit 1882 nur Oranienstr. 158. Der neue Katalog mit bunten Teppichmustern 750 Abbild, gratis u. franko £>pezlalarzt f. Haut-, Harn-, Frauenleiden, nerv. Schwäche, Beinkrauke jeder Art, Ehrlich Hata< Kuren in Dr. Homeyer-Z-zp Untersuchung., Fäden i. Harn usw. ei, Spr. 10—2, S— 9, Sonnt. 11—2. Honorar mähtg, auch Teilzahl. Separates Damenzimmer. Stastergültig In Konstrnktlon and Aasfübrang, gleich Torztigllcb für Hausgebrauch u. Industrie. Singer Co. Nähmaschinen Act. 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Juni den steno graphischen Bericht einer Rede, die der evangelische Verbands sekretär Beer über das Verhältnis der evangelischen Arbeiter �u den gelben Wcrkvereinen in einer Ausschußsitzung am ö. Mai gehalten hat. Bekanntlich haben die evangelischen Arbeitervereine mehrfach Beschlüsse gefaßt, ihren Mitgliedern den Eintritt in die christlichen Gewerkschaften zu empfehlen und nicht in die gelben Wcrkvereine einzutreten. Diese Haltung haben die evangelischen Arbeitervereine nicht immer ein genommen, wie der Sekretär Beer in seiner Rede zugeben muß. Er sagte u. a.: „Es hat eine Zeit gegeben, da unsere evangelischen Arbeiter- vereine nicht in dem schroffen Gegensatz zu der gelben Arbeiter- bewegung standen. Zunächst halten wir es weniger mit den gelben Werkvereinen als mit den vaterländischen Arbeitervereinen zu tun. Die Entstehung der vaterländischen Arbeitervereine wie der gelben Werkvereine ist Ihnen bekannt, so daß ich darauf nicht einzugehen brauche. In allererster Linie haben wir uns mit den vaterländischen Arbeitervereinen besaht, wir sind geneigt gewesen, ruhig und sachlich neben ihnen herzugehen, wir haben ihnen sogar zunächst gewissermaßen das Recht zuerkannt, daß sie dort, wo �scheinbar die Gründung evangelischer Arbeitervereine unmöglich wäre, ruhig arbeiten sollten— ein Gedanke, der 190« bis 1907 in der weiten Oeffentlichkeit vertreten wurde. Nur eins haben wir uns ausgebeten: die vaterländischen Arbeitervereine möchten uns in Ruhe lassen, sie möchten dort, wo evangelische Arbeitervereine beständen und mit großem Erfolg arbeiteten, keine Vereine gründen. Und, meine Herren, in den Räumen des Reichs- Verbandes gegen die Sozialdemokratie ist in einer Konferenz im April 1907 uns das ausdrückliche Versprechen gegeben worden, daß dort, wo evangelische Arbeitervereine beständen, keine vaterländi- schen Arbeitervereine gegründet werden sollten. Das müssen wir vor allen Dingen festhalten. Wir haben dann leider die traurige Erfahrung machen müssen, daß man sich um diesen dort gefaßten Beschluß, um dieses gegebene Versprechen auch nicht im geringsten gekümmert hat, sondern daß schon zwei Jahre später in den der- schiedenen Gegenden die vaterländischen Arbeitervereine gerade dort, wo ev. Arbeitervereine bestanden, Konkurrenzorganisationen geschaffen haben. Insofern konnte es niemand, der ruhig denkt und fühlt, den ev. Arbeitervereinen verübeln, wenn sie jetzt an- fingen, die so künstlich geschaffenen Gegensätze— ich muß sagen: mir Absicht in die Arbeiterbewegung hineingetragenen Gegen- sätze— aufzunehmen und die vaterländischen Arbeitervereine zu bekämpfen." Aehnlich, so führte der Redner aus, sei es auch mit den gelben Werkvereinen gewesen. Man habe diese anfänglich auch ruhig arbeiten lassen, bis sie sich als Konkurrenzorgani- sationen gegen die evangelischen Arbeitervereine aufspielten. Dann kam der Kampf zwischen beiden Richtungen, der sich später immer mehr zuspitzte. Die gelben Werk- vereine hätten es sogar soweit gebracht, daß die Firma Krupp die jährliche Uuterftützung von 500 M., die sie dem rheioisch-westfälischcn Verband der evangelischen Arbeiter- verpine bis zum Jahre 1911 zukommen ließ, gestrichen habe. Die gelben Werkvereine feien mit dieser Streichung vollständig einverstanden gewesen. Soweit Herr Beer. Uns interessieren folgende Feststellungen'von ihm. Die Gelben und die evangelischen Arbeitervereine sind lebhaft be- müht geivesen, sich auf gemeinsamem Boden zusammenzufinden und in holder Eintracht auch zusammen zu arbeiten. Sie fühlten sich eben als nahe Verwandte und hielten deshalb auch gemeinschaftliche Konferenzen ab. Aber die evangelischen Arbeitervereine wollen allein ihre Geschäfte mit ihren Patronaten, den Kapitalisten, machen, da, wo sie dominierten. Sie duldeten keine Konkurrenz in den von ihnen besetzten Bezirken. Am allerwenigsten eine solche, die sich als noch größere Liebediener bei den Unternehmern aufzuspielen vermochte. Die evangelischen Arbeitervereine haben Jahre hin- durch, wie die Gelben, deinvirtschaftlichen Aufstieg der Arbeiterklasse zu hemmen versucht. Sie sind wn Kämpfen der Arbeiter um ihre wirtschaftlichen Interessen, genau so wie die Gelben, entgegen- getreten, haben Strcikbruch gepredigt und Streikende be- schimpft. Sie haben ferner bei politischen Wahlen den Nationalliberalen und den Konservativen die Steigbügel ge- halten und so besonders im rheinisch-westfälischen Industrie- verein den Industriellen kräftigst politische Hilfe geleistet, genau wie die Gelben. Dafür sind sie wie diese von den Kapitalisten bezahlt worden. Also wozu noch Werkvereine? Diese sollten dort Boden zu gewinnen suchen, wo die evangelischen Arbeitervereine nicht waren, dann stand nichts im Wege, daß beide Richtungen ge meinsam mit- und nebeneinander arbeiteten. So aber kam die eine in der anderen Jagdgefilde, der Kampf um den Mammon, um den Judaslohn begann, und da trennten sich die Wege, mußten sich trennen, weil schließlich auch die Unternehmer sich sagten: Wir zahlen unser Geld an diejenigen, die uns die meisten Garantien bezüglich der Arbeiterverrätereien bieten. Und das sind schließlich doch noch die Werkvcreine. So kam es zum Krach und die evangelischen Arbeitervereine fühlten sich mehr und mehr zu den christlichen Gewerkschaften hin gezogen, sie glaubten, ohne Preisgabe ihrer konfessionellen und streikbrecherischen Grundsätze hier auf gute Freundschaft zu stoßen. Und sie haben sich auch nicht geirrt. Berlin und Umgegend. Die gelben Werbeagenten der A. E.-G. an der Arbeit. Wie von durchaus einwandsfreier Seite mitgeteilt wird, soll in den nächsten Tagen von der gesamten Beamtenschaft der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, Brunnenstraße, eine Agitation für den gelben Fabrikverein entfaltet werden. Es haben dieserhalb Konferenzen zwischen Direktion und AbteilungSchefS, ferner Aussprachen der Abteilungschefs mit den Meistern und sonstigen Unterbeamten statt- gefunden. Zunächst haben die Werkmeister von den Gf.-Abteilungen von ihrem Abteilungsleiter Herrn Ingenieur Kramer den Auftrag erhalten, in den nächsten Tagen mit der Werbearbeit für die Gelben nachdrücklichst zu beginnen. Die' übrigen Abteilungen sollen später in gewissen Abständen folgen. In den Wf.- und Kf.-Abteilungen wurde schon vor einigen Wochen in derselben Weise versucht, für den gelben Fabrikverein Propaganda zu machen, doch waren hier die Bestrebungen der Herren Meister und sonstigen Beamten, die sich in den Dienst der„guten" A. E.-G.-Sache gestellt hatten, ohne jeglichen Erfolg. Zu hoffen ist, daß auch jene Abteilungen, wo noch die Gewalts- Werbung für die Gelben ausgedehnt werden soll, ein solches Ansinnen in derselben mu st ergültigen Weise, wie in anderen Abteilungen geschehen, von sich weisen. Ein geschlossenes Zusammenhalten der Arbeiter wird auch hier in der Lage sein, dieses neueste Attentat, welche» auf die Schmäle- rung ihrer kümmerlichen Rechte abgesehen ist, mit Erfolg abzu- wehren._ Die Autoinaten-Einrichter und Einrichter an Einzelbänken klagen über Unzuträglichkeiten in dieser Branche. Es ist in einigen Betrieben an der Tagesordnung, daß einzelne Arbeiter teils um einen höheren Lohn, teils um den Titel Untermeister zu tragen, ich dazu hergeben, bei etwaigen Differenzen, gezwungen durch die mgeführten Gründe, ihren Kollegen in den Rücken fallen, indem ie eine große Anzahl Automaten bedienen, oder auch durch rigoroses Vorgehen den Einrichtern gegenüber sich dauernd hervorzutun suchen. Auch die Lehrlingszüchterei wird im großen betrieben. Ist e» so chon nicht anständig, solche jungen Leute auszupowern, so vev- urteilt man auch die Art, wie die jungen Leute angelernt werden. Von einer allseitigen Ausbildung im Beruf kann gar keine Rede sein, und ist der Lehrling nur Objekt der Ausbeutung. Ferner wird auch die in einzelnen Betrieben eingeführte Akkordarbeit ge- tadelt. Handelt es sich doch hier nicht um reine Handarbeit, sondern um je nach System und Leistung der einzelnen Maschinen wechselnd zu qualifizierende Maschinenarbeit. Bei einer solchen Arbeit werden sich immer technische Mängel bemerkbar machen in Gestalt von Ausschuß oder mangelhafter Ausführung. Die Schuld daran wird in den meisten Fällen dem Einrichter zugeschrieben und die Folge ist ein Verlust seines Akkords. Oder es wird eventuell ein Nach- arbeiten des Ausschusses verlangt, das bedeutet praktisch eine Ver- Minderung seines Verdienstes. So hoch, daß der Einrichter den Verlust tragen kann, sind die Preise nicht. Es ist also nur ein Hasten und Drängen, die Arbeit fertigzustellen, wobei der Arbeiter nachher mit der Möglichkeit zu rechnen hat, daß er sein verdientes Geld nicht voll her'ausbezahlt erhält. Daraus ergibt sich die Not- wendigkeit, die Akko>rdarbeit in diesen Betrieben einzuschränken, zu- mal die Akkordarbeit an automatischen Maschinen außerdem cnt- setzlich aufreibend und nerbenzerrüttend wirkt. Achtung, Töpfer! Hiermit sperren wir die Firma Franz Zimmermann, Schivelbeiner Str. 30, wegen Tarifbruch und Beschäftigung von Unorganisierten. Zurzeit führt sie den Bau Spiekermann-, Ecke Talstraße in Pankow aus. Weiter weisen wir darauf hin, daß die Firma Otto N e u b e r t, Südende, Branden- burgstr. 25, immer noch wegen Lohnausfall gesperrt ist, desgleichen die Firma Gustav Zippert wegen Tarifbruch.— In der Stich- wähl zur Generalversammlung in Leipzig sind folgende Kollegen gewählt: Karl Brückmann, Max Kemnitz, Fritz Wolfs, Max Krentzien, Karl Liepe und Richard Lehmann. Die BerbandSleitung. DeutTchea Reich. Zum Kampf der Ziegeleiarbeiter in Lauenvurg. Dem Fabrikarbeiterverband ist es gelungen, in vier Betrieben mit den Ziegeleibesitzern Tarife abzuschließen, die den Arbeitern be- trächtliche Lohnzulagen und eine Arbeitszeitverkürzung um eine halbe Stunde in diesem Jahre und um eine ganze Stunde im nächsten Jahre bringen. Die Arbeitszeit beträgt dann immer noch 10 Stunden pro Tag; die Verkürzung bedeutet aber doch einen wesentlichen Fortschritt gegenüber dem bisherigen Zustande. Die Ziegelei von Krobn verhält sich den bescheidenen Forderungen der Arbeiter gegenüber strikte ablehnend. Der Besitzer glaubt, seinen Betrieb dadurch aus der Lohnbewegung ausschalten zu können, daß er einmal die Vertrauensleute entläßt und die übrigen Arbeiter auf- fordert, dem Fabrikarbeiterverbande den Rücken zu kehren. Mit seiner Aufforderung erreichte er aber, daß sämtliche Arbeiter die Ar- beitsstätte verließen. Herr Krohn will nun versuchen, Polen und Galizier zur Arbeit heranzuziehen. Die Laucnburger Polizei ist um den bestreikten Betrieb eifrig bemüht. Noch bevor die ArbeitSnieder- legung erfolgt war, wurden die Unorganisierten unter polizeilicher Eskorte zur Arbeit gebracht.__, Eine mißlungene Terrorismusgeschichte. Von der Strafkammer des Landgerichts zu Frankfurt a. M. wurde die Berufung des Genossen Ege, Lokalbeamten des Zimmerer- verbände» in Frankfurt a. M., gegen ein Urteil des Frankfurter Schöffengerichts verworfen. Ege war wegen Beleidigung des Zimmerers Rupp zu 150 M. Geldstrafe verurteilt worden. Die Kollegen des Rupp hatten dessen Entlassung wegen seines feindlichen Verhaltens gegen die gewerkschaftlichen Bestrebungen verlangt und er- reicht. Hieraus hatte die fortschrittliche Presse in Frankfurt a. M. und ihr nach die ganze Presse des Reichsverbandes einen Akt poli- tischen Terrors der Sozialdemokratie gemacht. Zur Abwehr dieser Beschuldigungen hatle Ege in unserem Frankfurter Parteiblatte eine Erklärung veröffentlicht, in der Rupp ein wenig unsanft an- gefaßt worden sein will. Er klagte und erreichte die Verurteilung Eges zu der mügeteilten Strafe. Das Gericht versagte E. den Schutz des§ 193 Str.-G.-B. sWahrung berechtigter Interessen). Ob« gleich durch die Beweisaufnahme in zwei Instanzen erwiesen ist, daß die politische Stellung Rupps mit dem Vorgehen seiner Kollegen gegen ihn gar nichts zu tun hatte, behauptete sein Anwalt auch in der zweiten Instanz wieder, daß politischer Terror vorliege. Das wird jetzt sicher als urkundlicher Beweis in die Akten des Reichsverbands übergehen. In Wirklichkeit ist durch Vernehmung von 20 Zeugen das Gegenteil festgestellt worden; auch die zweite Instanz hat ausgesprochen, daß die Zimmerer bei ihrem Vorgehen gegen Rupp nicht an dessen liberale Gesinnung gedacht hätten. Streik der Seidenfärber im Wuppertal. Im Wuppertal find in zehn Betrieben 890 Seidenfärber ausständig; sie verweigern wegen des Krefelder Färberkampfes Verrichtung von Arbeiten für Krefelder Seidenwebereien. Gleichzeitig fordern sie 16 Pro,. Lohn« erhöhung, 66 stündige Arbeitszeit pro Woche und höhere Bezahlung der Ueberftunden. Der Streik im Emdener Hafen dauert unverändert fort. Die Unternehmer machen alle möglichen Anstrengungen, um von aus- wärts Arbeitswillige heranzubekommen, denn die bisherigen Arbeits- willigen können nicht im entferntesten die alten Arbeiter er- setzen. Wenn ein Schiff sonst nach zwei Schichten den Hafen der- lassen konnte, so werden jetzt zu seiner Löschung zehn Schichten ge- braucht. Die Arbeiter halten treu zur Fahne; von 966 Ausständigen sind bis jetzt 11 Mann abgefallen; über 60 sind anderweitig unter- gebracht. kleines feuiUeton. Friedensstiftung kontra Friedensarbeit. Zu diesem am 2s. Mai erschienenen Artikel meldet sich der dort angegriffene Sekretär der Nobel-Friedensstiftung R. Moe zum Wort. Er schreibt uns u. a.: „Meine Aeußerungen in„NorSke Jntelligentssedler" gehen selbstverständlich nur aus meine persönliche Rechnung und geben sich nicht dafür aus, ein Ausdruck für die Auffassung deS Nobel komitees zu sein. Ich habe keinen Angriff gegen den Friedenspreisgewinner A. H. Fried-Wien gerichtet. Ich rügte dagegen, daß man in einer norwegischen Zeitung eine Beschuldigung gegen einen der Balkan- staaten aufgenommen habe, die in der von Herrn Fried heraus- gegebenen Zeilichrist„Die Friedenswarte" zu lesen stand; die aber. wie der Redakteur selbst gleichzeitig erkannt habe, nicht bewiesen werden könne, nur ivahrscheinlich sei. ES liegt mir nicht ob, eine Verteidigung für das Nobelkomitec aufzunehmen. Ich erlaube mir aber darauf aufmerksam zu machen, daß das Verzeichnis der FriedenSpreiSgewinner zeigt, daß das Komitee— was selbstverständlich ist— hochverdiente Friedens- freunde preisgekrönt hat, welcher Partei sie auch zugehören, seien sie konservativ, liberal oder Sozialisten. Ich kann Sie endlich versichern, daß die Bezeichnung„Rüstungs- fanaliker" für den Präsidenten des Nobelkomitees überall mit Ver- wunderung empfangen werden wird.„Rüstungsfanatiker" existieren überhaupt nicht in Norwegen. Die norwegische sozialdemokratische Partei hat indessen eine Tendenz,„Militarismus" und„nationale Wehrkraft" zu identifizieren." Es war vorauszusehen, daß sich die Herren vom Nobelkomitee nach der Antwort, die der von ihnen gewählte Sekretär auf seine dreisten und gehässigen Angriffe auf die internationale Sozialdemo- kratie erhallen hat, ein wenig geniert fühlen würden. Sie lassen Herrn Moe jetzt erklären, daß er nur eine„persönliche An- schauung" ausdrückte. Diese Erklärung bat Herr Moe auch in unserem norwegischen Hanplorgan veröffentlicht, er hat sich aber gehütet, dort zu bestreiten, daß Loevland, der Obmann des Nobelkomitees, zu den RüstungSfanalikern gehört. Die Angriffe ÄoeS auf den FriedenspreiSlräger A. H. Fried waren allerdings sehr vorsichtig gehalten, so„vorsichtig", daß der norwegische„Sozialdemokrat" von„einem Dolchstich in den Rücken sprach" und dazu schwieg Herr Moe. Wenn er aber jetzt behauptet, daß der Friedenspreis auch an Sozialisten verliehen wurde, so ist das eine wahrhast kühne Be- haupiung. S y st e m a t i s ch i st bis jetzt jeder für den Friedenspreis vorgeschlagene Soziali st über- gangen worden. DaS ist die Wahrheit! Wenn unter diesen Umständen Herr Moe die norwegischen Parteigenossen über den Unterschied zwischen»Militarismus" und»nationaler Wehrkraft" be- l lehren will, muß man ihm schon sagen, daß ein Mann, der zu �schreiben wagt:„Nichts baffen die Sozialisten erbitterter als den Kampf der Nationen für ihre Selbständigkeit und innere Sammlung weder befähigt noch berufen ist. sich über die Friedensarbeit oder über die Sozialdemokratie auszusprechen. Koulmerzirnrat Schlenther. Wir zitierten bereits an dieser Stelle einige Autoren, die sich in einem buchhändlerischen Organ mit er« freulicher Deutlichkeit gegen die barbarische„Verfilmung" literarischer Erzeugnisse wandten. Nachdem wir diese positive Seite der Sache erwähnt haben, erfordert die literarische Objektivität, daß wir auch an der negativen Leistung deS Herrn Schlent her nicht völlig teilnahmslos vorübergehen. Nachdem der hoffnungslos heruntergekommene Jbsenapostel ausge- führt hat, daß die Filmmode schließlich abflauen werde, fährt er also fort: Er sder Film) wird, solange er Mode ist, vielleicht der Literatur, vielleicht auch dem Buchhandel schaden, obwohl er für Bücher eine Art von Illustration bietet und illustrierte Werke bekanntlich nicht unbeliebt sind. Den deutschen Autoren aber gönne ich von Herzen die erhebliche Mchreinnahme, die ihnen der Film verschafft, so lange er Mode ist. Also: Herr Schlenther ist immerhin so gütig, einzuräumen, daß die Verfilmung von poetischen Werken„vielleicht" der Literatur, „vielleicht" auch dem Buchhandel schadet, so lange die Sache aber mit„erheblichen Mehreinnabmen" verbunden ist, sieht er keinen anderen Ausweg, als diese Mehreinnahmen einzustreichen. Wir sind keine Freunde des literarischen Mossetums, aber man muß ihm eines lassen: er versteht die Leute zu engagieren, die im Besitz der unerläßlichen geschäftlichen Skrupellosigkeit sind. Es war nicht leicvt vorauszusehen, daß der einstige Apostel Ibsens sich zum Verehrer Bluinenthals und der„erheblichen Mehr- einnahmen" entwickeln würde. Aber der Scharffinn des„Berliner Tageblatts" hat die merkantile Gesinnung seines Kritikers richtig vorausgeahnt. Naturschutz für einen deutschen Urwald. Die Bestrebungen für den Na lur schütz haben in Deutschland einen neuen schönen Erfolg zu verzeichnen. Wie Prof. Conwentz in den Beiträgen zur Nolrrdenk- malpflege mitteilt, hat Fürst Wilhelm von Hohenzollern in seinen Besitzungen innerhalb des Böhmerwaldes ein Naturschutzgebiet von ansehnlicher Größe geschaffen. Es handelt sich um ein Gelände von etwa 210 Hektaren, das eine große landschaftliche Mannigfaltigkeit aufweist. Es ist ein echte« Mittelgebirge, dessen Höbe bei rund 1000 Metern beginnt und bis zum Kamm auf 1343 Meter ansteigt. Dazu gehört der 19 Hektar große Schwarze See, der auf alle» Seiten von steilen Felsivänden umgeben ist und zum Strom- gebiet der Moldau gehört. Der benachbarte TenfelSsee dagegen sendet seine Wasser durch den Regen in die Donau. Das Gelände bildet also einen Teil der intrakontinentalen Wasserscheide zwischen Nordsee und Schwarzem Meer. Der Holzbestand setzt sich durch- weg aus Hochwald zusammen, und zwar au» Fichten, weniger I Tannen, und von Laubbäumen aus Buchen, Bergahornen, Eber- eschen, Weiden und Birken. Viele Teile stellen einen echten Urwald dar. in dem tvohl noch niemals Holz geschlagen worden ist. Die Fichten namentlich zeigen die Einflüsse des Schneedrucks und der Bergstürme, die ihnen fast stets den Wipfel abgebrochen haben. Der" Boden ist von Laubmoosen und Heidelbeeren bedeckt. Unter den Vögeln sind Wanderfalken, Auerhühner und Birkwild bekannt, Wegen der schweren Zugänglichkeit ist das Gebiet für den Naturschutz wie geschaffen. Innerhalb des ganzqn Bezirks findet fich kein ein- ziges menschliches Bauwerk mit Ausnahme einer kleinen Wirffchast am Schwarzen See. Die Aussicht erstreckt sich nach Westen über den ganzen Bayerischen Wald nach Böhmen hinein bis Pilsen und bei klarer Luft bis zum Erzgebirge. In diesem ganzen Bereich soll es nun verboten sein, Holz und Gras zu suchen, Jagd oder Fischerei zu treiben oder sonst die Natur anz»greifen. Auch die Einführung fremder Pflanzen und Tiere ist untersagt. Geldzählmaschinen. Großbanken, Warenhäuser, Straßenbahn- gesellschaften und ähnliche Institute sind täglich genötigt, größere Summen von Münzen abzuzählen und zu rollen. Das ist nicht nur eine zeitraubende Arbeit, wenn sie exakt gemacht werden soll, sondern auch eine recht unhygienische Arbeit, denn Geldmünzen sind bekanntlich Hauptansteckungsträger. Die Maschine, die immer bereit ist, dem Menschen schwierige und unangenehme Arbeiten abzunehmen, hat sich nun auch dieses Gebietes bemächtigt. Eine„Neue GeldzählungS- Maschinengesellschaft m. b. H." bringt seit einiger Zeit Maschinen auf den Markt, in denen man das Geld(natürlich immer gleiche Münzsorten auf einmal) nur auf ein oben befindliches Brett zu werfen braucht, um es unten gezählt und fertig gerollt wieder heraus zu bekommen. Die Maschine ist so groß wie eine Näh- Maschine und ist an jede Lichtanlage anzuschließen. Die Betriebs- kosten betragen nur wenige Pfennige pro Stunde; in der Minute werden 300- 400 Münzen gezählt. Die Maschine ist bereits bei einer Reihe von Banken, darunter der Reichsbank, in Gebrauch. Die Ge- sellschafl stellt übrigens auch Maschmen her, die Münzen k 1000 Stück in Säcken abzählen und verpacken. Notizen. — Vorträge. DerBerliner Tonkünstlerverein veranstaltet am Freitag in der Hochschule für Musik, Charlotten bürg, Fasanenstr. 1, Portal V, seinen ersten musikwissenschaftlichen Abend. Prof. Sternfeld spricht über Richard Wagners hundertsten e b u r t S t a g. — Wandernde Kunst aus st ellungen beabfichtigt die Allgemeine Deutsche Kunstgenossenschaft in mittleren und kleinen Städten zu veranstalten. Es sollen auch Vorträge damit verbunden werden. — Das Denkmal für Prof. Lehden in der Berliner Eharilb wurde am Mittwoch enthüllt. Die ausdrucksvolle Büste deS verdienten Arztes und Forschers erhebt sich auf einem Granitjockel. Eine Reliefbild zeigt Lehden am Krankenbett. Der vierte Berliner«ZeichstagMshiilrek setzte am Dienstag seine Generalversammlung vom 27. Mai fort Es wurde in der Beratung und Beschlußfassung über die einge gangenen Krcisanträge fortgefahren.?lls erster Redner sprach Schüler, der für das Wochenabonnement des �„Vorwärts" zu 2L Ps. eintrat. Andere Zeitungen hätten dieses System ebenfalls und wären dabei gut gefahren. Es brauchten, wenn eine Neu einrichtung geschehe, nicht immer gleich hohe Uebcrschüsse heraus kommen. Kunze beantragt, erst den anwesenden Zeitungsfrauen das Wort zu erteilen. Der Antrag wird abgelehnt. R i n t o r f stimmt dem Antrag auf Einführung des Wochen obonnements zu. Drcgler: Tie Fluktuation unter der Mitgliedschaft sei nicht Nur aus den wirtschaftlichen Verhältnissen zu erklären. Zu denken gebe aber der Mitgliederrückgang. Er bitte, eine außerordentliche Generalversammlung einzuberufen, die eine Reorganisation vor bereite. Daß die Arbeiter am Anfang des Monats 1,19 M. für ihre Zeitung zahlen müßten, sei die Hauptursachc, warum der �„Vorwärts" nicht mehr Abonnenten habe und die„Volkszeitung „Morgenpost" usw. noch von so vielen Arbeitern gelesen werden. Besonders die Frauen wünschten auch eine ausführlichere Be- Handlung der sensationellen Vorkommnisse.(Stürmischer Wider- spruch bei den weiblichen Delegierten.) Ja, Sie, die Anwesenden, habe ich nicht gemeint.(Heiterkeit.) Bei Neueinrichtungen sollten die maßgebenden Instanzen nicht immer nur an den Ucberschuß denken. Ein Abendblatt brauchten wir nicht, die Arbeiter hätten gar keine Zeit, um soviel zu lesen.(Großer Widerspruch und Lachen.) Stadt Hägen: Die Frage der Einführung des Wochenabon irements mutz im Zusammenhang mit anderen wichtigen uns alle nahe angehenden Fragen, nämlich der Frage betrachtet werden, wie kommt es, daß die Zahl der Organisierten in einigen Wahlkreisen und die der zahlenden Abonnenten zurückgeht. Den Antrag be grüße er, weil er Zeugnis davon ablege, wie lebendig das Agi- tationsbedürfnis unter den Genossen ist. Tic von den beiden Rich tungen vorgebrachten Zahlen seien nicht ausschlaggebend. Früher habe er geglaubt, durch Einführung des Wochcnabonncments werde auch nicht ein Abonnent mehr geschafft werden. Die Aus- führungen von zur Gewinnung von Abonnenten tätigen Genossen haben ihn zumindest schwankend gemacht. Er bitte aber tiefer zu graben. Erforderlich sei es, etwa fünf oder zehn Jahre rückwärts das Auf und Ab der Zahl der Organisierten und der Abonnenten zunächst festzustellen. Erst dann ließen sich die Gründe für einen etwa vorhandenen Rückgang richtig erfassen. Dem einzelnen stehen diese Zahlen leioer nicht zu Gebote; ihm sei es nicht gelungen, die Zahlen für die Abonnentenhöhe über die Zeit vom 1. Oktober 1911 hinaus rückwärts zu erhalten. Aus den Zahlen, die für die Eni; Wicklung des„Vorwärts" seit zehn Jahren, soweit dies möglich war, zu erhalten seien, ergebe sich ein interessantes Bild, auf das Redner näher einging. Dies Bild sei aber nicht vollständig; er schlage vor, eine Kommission von neun Mitgliedern in der Ge- ncralversammlung wählen zu lassen, die die Tatsachen zunächst feststellen möge, dann die Ursachen des Auf- und Abganges er- gründen und Mittel zur Beseitigung eines Abgangs sowohl der Mitgliedschaft wie des Abonnentenstandes vorschlagen möge. Mag sein, daß diese Kommission zu dem Vorschlag kommen würde, u. a. das Wochenabonnement einzuführen. Dieser Kommission möge man den zur Debatte gestellten Antrag überweisen, diese möge vor- urteilslos und weitblickend den gesamten Komplex der Fragen prüfen, darüber eingehend berichten und dann möge man was er- forderlich ist. beschließen. Hervorheben möchte er, daß der Vergleich mit den bürgerlichen Blättern etwas hinke. Die Mitteilungen über einen Rückgang der Abonnentenzahl seien auch nicht ganz zu- treffend, wie die vom Redner vorgeführten Zahlen erwiesen. Man müsse berücksichtigen, daß während einer Wahlperiode die Abon- «entenzahl steige, weil bürgerliche Interessenten, die später wieder abbestellen, für diese Zeit den„Vorwärts" hielten. Nach allen Richtungen hin müsse rücksichtslos den Ursachen nachgegangen und insbesondere die Frage untersucht werden, welche Aenderungen bei der Spedition, bei der Redaktion, beim Inhalt des Blattes einge- treten, bevor ein Rückgang sich bemerkbar gemacht hat. Oder ist in der Tat lediglich die wirtschaftliche Krisis Ursache des Rückgangs? Noch wichtiger erscheine die Ergründung der Ursache de» Mitgliederschwundes. Bei allen diesen Fragen dürfe man nicht von noch so gut gemeinten kleinen mechanischen Mitteln eine dauernde Abhilfe erwarten. Indessen liege es ihm fern, bevor ein exaktes Tatsachenmaterial vorliege, ein Urteil definitiv zu fällen. .Ganz entschieden müsse er bitten, sich nicht an Zahlenkünsteleien zu klammern, sie mögen von einer Seite herkommen, von welcher sie wollen. Weber ersucht, den Antrag Stadthagen abzulehnen, weil derselbe nur eine Verschleppung der Angelegenheit darstelle. Beim Wochenabonnement könne das Kassieren in der Woche geschehen. Müller: Er müsse sich gegen die zum Ausdruck gebrachte Auffassung wenden, als ob die Mitglieder der Preßkommission nicht Einblick hätten in die Verhältnisse der Arbeiter. Nach dem System der bürgerlichen Presse könnten wir nicht arbeiten, sonst gerieten wir sehr bald und sehr oft mit unseren Parteigenossen zusammen. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn immer gegen die Ueberschüsse ge- redet werde, so sei das unrecht, denn die Ueberschüsse seien unum- gänglich notwendig, da damit mancherlei Parteiinstitutionen unter- stützt und gefördert würden. So wie der Antrag auf Einführung des Wochenabonnements jetzt gefaßt sei, sei er nicht annehmbar. (Widerspruch.) Schneider: Die bequemere Zahlungsweise sei es, die das Wochenabonnement bei den Arbeitern so beliebt mache, deshalb müsse der Antrag angenommen werden. An dem Verlangen des Transportarbeiter-Verbandes könne die Frage nicht scheitern. Mit jenem werde wohl auch noch zu reden sein. Der Antrag auf Ein- setzung einer Kommission sei abzulehnen, die Prcßkommission werde sich eine solche nicht auf die Nase setzen lassen. A d a m s k i: Aehnliche Einwände wie jetzt habe man von zu- ständiger Seite auch bei der Einführung des Mantagblattes vor- gebracht. Der Antrag sei geboren aus der Erkenntnis, daß es den Arbeitern schwer falle, am Anfang des Monats 1,19 M. zu zahlen. Der Antrag Stadthagen sei abzulehnen. Ein Geschäftsordnungsantrag auf Schluß der Diskussion wird angenommen. Der Antrag Stadthagcn wird abgelehnt. Nunmehr kommen die Anträge zur Berbandsgeneralversammlung jjur Abstimmung. Antrag 1, der besagt: Um den Leserkreis des„Vorwärts" be- deutend zu vergrößern und dadurch mit der prinzipiellen Auf- klärung tiefer in die Berliner Arbeiterschaft einzudringen, ist der „Vorwärts" im obligatorischen 25 Pf.- Wochenabon- n e m e n t zu liefern, wird angenommen.(Bezirk 397, Teil 1.) Antrag 2, der besagt: Die Generalversammlung wolle be- schließen, daß Sammellisten nur bei Wahlen zu ge- setzgebenden Körperschaften l Reichstags-, Landtags- und Stadtverordnetenwahlen) oder sonstigen die Allgemeinheit berühren- den Angelegenheit(große Streiks usw.) von feiten der Partei herausgegeben werden, wird angenommen(Bezirk 395, Teil I), nachdem I ä n i s ch denselben begründet hat. Diese Einrichtung stamme noch aus der Zeit, wo die Ver- Kältnisse andere gewesen seien. Man könne nicht verlangen, daß Leute mit zusteuerten, ohne das Recht zu haben, mitzureden. Solche Leute, die mit uns sympathisieren, solle man organisieren. Den Antrag 3. der besagt: Der Zeitungsbeschwerde- kommission sind zwecks Einziehung restierender Abonnementsgelder Legitimations karten aus- zustellen, begründet Adamski, der ausführt, daß man in einer Stadt wie Berlin niemand zumuten könne, einer fremden Person 1,19 M. auszuhändigen, ohne daß der Empfänger eine Le- gitimation ausweisen könne. D a v i d s o h n ist der Ansicht, daß der Antrag unter die Anträge der Kreisgeneralversammlung gehöre. Er stelle anHeim, den Antrag dem Vorstand des Kreises zu unterbreiten, der das Weitere ver- anlassen könne. Dem widerspricht A d a m s k i, der die Meinung vertritt, daß der Antrag zur Verbandsgeneralversammlung gehöre. Der Antrag wird angenommen. Zum Antrag 4, der besagt: Die Berbandsgeneralversammlung wolle beschließen, dem Wunsche der P. P. S., ihre Be- kanntmachungen unter den Berliner Parteinach- richten zu veröffentlichen, ist stattzugeben(Bezirk 195, Teil II), empfiehlt der Vorsitzende Hoffmann, von einer Be- sprechung bezw. Abstimmung abzusehen, und erst mal die Kreise darüber entscheiden zu lassen. G l a ß bittet, den Vorschlag des Vorsitzenden abzulehnen, der nur eine Verschleppung bezwecke. Die Mehrheit der Versammlung stimmt dafür, daß der An- trag 4 zurückgestellt wird. Es folgen nun die Anträge zur Kreisgeneralversammlung. Antrag 1. 8 11 Absatz a der Ausführungsbestimmungen soll in Zukunft lauten: Auf je 59 Mitglieder entfällt ein Delegierter. (Bezirk 171.) Den Antrag begründet T h i e m, während R i n t o r f denselben abzulehnen ersucht und zwar aus demokratischen Gründen. Der Antrag wird abgelehnt. Antrag 2. In jeder Kreisgeneralversammlung ist, sofern eine Aushilfe beschäftigt wird, über die Tätigkeit der Aushilfe und Kosten Bericht zu erstatten.(Bezirk 185, Teil II.) Der Antrag wird von Müller(Maschinist) begründet. Wenn eine Aushilfe nötig sei, sollte der Vorstand sich an die General- Versammlung wenden und seine Forderungen begründen, anderer- seits aber auch den Kostenpunkt angeben. Vorsitzender Hoff mann: Der Vorstand werde einem solchen Wunsche ohne weiteres nachkommen. Antrag 2 wird a n g e- n o m m e n. Antrag 3. Die Wahl der Kassierer soll nicht gemeinsam stattfinden. Es soll einer im Juli und der andere im Januar ge- wählt werden. Paul begründet denselben, während G e r n d t und H o f f m a n n die Ablehnung empfehlen. Der Antrag wird a b- gelehnt. Ein weiterer Antrag, in dem die Versammlung des Görlitzer Viertels die Anstellung eines Sekretärs fordert, dem die organisatorische, agitatorische und die Bildungsarbeit obliegen soll, wird auf Vorschlag des Vorsitzenden zurückgestellt. Ein Antrag, die Gründe und Gegengründe in Sachen des Woche nabonnements drucken und zur Ver- teilung gelangen zu lassen, wird angenommen. Zuletzt kam noch ein Antrag in der Angelegenheit Borchard t. Der Vorstand schlägt vor, beim Zentralvorstand ein Schicds- gericht zu beantragen. Der Vorschlag wird angenommen. Ein Antrag, die Verteidigungsrede Borchardts vollinhaltlich im Mitteilungsblatt zu veröffentlichen, wird angenommen. Verbaudstag der Hutarbeiter. Die Diskussion über das Berbandsstatut wurde am Mittwoch fortgesetzt. Sie bewegte sich in denselben Bahnen wie am vorher- gegangenen Tage. Ein Antrag der Filiale Berlin, den Sitz des Verbandes nach Berlin zu verlegen, wurde zurückgezogen mit der Begründung, daß die Berliner Kollegen die Verlegung nach wie vor für nützlich und zweckmäßig halten, aber die Diskussion habe gezeigt, daß der Antrag jetzt nicht angenommen werde. Der Verbandsvorsitzende M e tz s ch k e ging in seinem Schluß- wort auf die Ergebnisse der Diskussion ein. Er sagte unter anderem: Mit Unrecht sei dem Verbandsvorftand der Vorwurf gemacht wor- den, daß er bei Bewilligung von Mitteln für die Agitation knickerig 'ei. Alle Anträge, welche hinsichtlich der Agitation an den Vor- tand gestellt wurden, seien auch bewilligt worden. Der Vorstand habe die Agitation stets nach besten Kräften gefördert. Es treffe auch nicht zu, daß der Vorstand durch Einführung fester Lokalbei- träge und Ortsstatuten das Selbstbestimmungsrecht der Filialen einschränken wolle. Ueber die Lokaleinnahmen sollten ja die Filia- len selbständig verfügen, allerdings im Rahmen der Aufgaben des Verbandes. Es sei, um nur auf eins hinzuweisen, nicht angebracht, daß Filialen Gelder zu politischen Wahlen bewilligen, weil dadurch der Polizei eine Handhabe gegeben werde, die Gewerkschaft als po- litischcn Berein zu behandeln. Damit solle natürlich nichts gegen die politische Betätigung der Kollegen gesagt werden; nur dürfe das mit Rücksicht auf die Gesetzgebung nicht innerhalb der Gcwcrt- schaft geschehen. Es gebe ja auch andere Wege genug, um der Partei Mittel zuzuführen. Wenn die Lokalkassen über feste Einnahmen verfügen, so würden sie jederzeit in der Lage sein, damit die Auf- gaben des Verbandes zu fördern und die Stoßkraft des Verbandes zu stärken. Hierauf wurden alle zum Statut vorliegenden Anträge einer Kommission überwiesen, die dem Plenum eine Vorlage unterbreiten soll. Um der Kommission eine Richtschnur für das UnterstützungS- Wesen zu geben, erklärte sich die Generalversammlung mit großer Mehrheit im Prinzip für die Staffelung der Unterstützungssätze. Schütze- Dresden erstattete den Bericht der Beschwerdekom- Mission, der sich lediglich auf innere Verbandsangelegenheiten er- streckt. Schüler- Guben berichtete über die Berhandlungen des inter- nationalen Hutarbeiterkongresscs, der 1912 in Mailand abgehalten wurde. Der Bericht ließ erkennen, daß die internationalen Be- Ziehungen der Hutarbeiter gute sind und in den letzten Jahren Fortschritte gemacht haben. Di« Mitgliederzahl des internationalen Hutarbeiterbundes ist von 22 856 auf 39 556 gestiegen. Im Anschluß an den Bericht kennzeichnete Schauer- Wien, der die österreichischen Hutarbeiter vertritt, die tschechischen Sonder- organisationen als höchst schädlich für die allgemeine Gewerkschafts- bewegung. M e tz s ch k e ergänzte den Bericht und bemerkte, daß der inter- nationale Hutarbeiterbund auch die Herbeiführung einheitlicher Arbeitszeiten anstrebe. Die Generalversammlung billigte die Beschlüsse des inter- nationalen Kongresses und die fernere Beteiligung am internatio- nalen Hutarbeiterbund. Die Verhandlung wurde hierauf bis Donnerstag vertagt. Mutter von sechs Kindern, sich das Leben genommen, indem sie sich mit Petroleum begossen und angezündet habe. Wegen dieses Falles klagte Kleemann. Alle anderen Beh-iup» tungen Werners sollen nach seines Vertreters Angabe in eitvm Strafverfahren zur Erörterung kommen, das er beantragt habe. In der Beweisaufnahme bekundete der Witwer jener Frau, dasj Kleemann, während er wegen der Folgen eines erlittenen Unfalles in einer Kuranstalt gewesen war, seiner Frau erklärt habe, ihr Mann sei der schlechteste Beamte, er würde entlassen, und er würde dafür sorgen, daß er keine Stelle bekäme. Er sei dann auch ent- lassen worden und hätte nirgends ankommen können, wegen der von „Deutscher Kaiser" eingegangenen Auskünfte. Seine Frau, die den Direktor aufgesucht habe, um ihn zu bestimmen, ihrem Manne. nichts mehr in den Weg zu legen, sei abgewiesen worden, ebenso, auch er selbst mit späteren schriftlichen Vorstellungen. Nach etwa. zwei Jahren sei seine Frau nochmals hingegangen, doch mit gleichem negativem Erfolge. Das habe sie zur Verzweiflung ge- bracht, und so habe sie auf so schreckliche Weise ihr Leben beendet. In ihren Abschiedsbriefen und zu Nachbarinnen habe sie ausdrück- lich gesagt, daß sie durch das Verhalten Kleemanns zu ihrem Ent- schluß getrieben worden sei. Der Direktor bestritt vor Gericht entschieden, daß die Frau ein zweites Mal bei ihm gewesen sei. Er gab zu, daß er nach Er- scheinen des Artikels heimlich einen Herrn zu dem Steiger geschickt habe, der diesem bedeutete, daß er wohl wieder eine Stellung be-- kommen könne. Als der Entlassene einige Wochen später an� den. Direktor geschrieben, hat dieser ihm eine Anstellung als Aufseher bei einem Bcrgbauunternehmer verschafft, der auch für die Zeche „Deutscher Kaiser" arbeitete. Eine Woche darauf erfolgte dann die. Klage gegen Werner wegen des einen Falles. Das Gericht sprach Werner frei, weil er in Währung berech- tigter Interessen gehandelt habe, als er auf die Angriffe in der Berichtigung antwortete.__ Außergewöhnlich milde Richter. Der Kandidat der Jurisprudenz Waldemar Külze, ein„hoch- bemostes Haupt" im Alter von 35 Jahren, kehrte in der Nacht zum 17. Dezember v. I. im„angeheiterten" Zustande auf dem Markt in Halle a. S. von einer Kneipe heim und verübte dort allerhand Flegeleien. Einer armen Händlerin, die mit ihren beiden Töchtern auf dem Weihnachtsmarkt ihren Stand aufgebaut hatte, warf er wiederholt den Stand um. Dann rief er den beiden Töchtern die gemeine Redensart zu,„sie sollten ihn mal— lassen". AIS auf die Hilferufe der Belästigten ein Polizeibeamter einschritt und dieser den Rechtskandidaten ersuchte, sich zu entfernen, leistete er Widerstand und klammerte sich derartig fest an eine zweite Markt- bude an, daß auch diese umfiel. Auf der Polizeiwache erklärte er: er sei adelig und verweigere eine weitere Angabe der Personalien. Er verlangte, den Oberbürgermeister zu sprechen und brüllte„wie ein Wilder", so versicherte ein Polizeibcamter. Da bei dem Skandal, den er machte— er trat gegen die Türen usw.— Menschen vor der Wache zusammenströmten, drohte man ihm mit Fesselung und Einsperrung in ein« besondere Zelle. Vom Schöffen- gericht— die Anklage lautete auf Bcrübung von Lärm, Erregung; öffentlichen Aergernisses und Widerstand— wurde er zur Zahlung einer Geldstrafe von 35 Mark verurteilt. In seiner Berufung vor der Strafkammer verlangte der Kandidat im vollen Brusttone der Entrüstung seine Freisprechung. Sein Ruf nach dem Oberbürger- meister sei nicht etwa ein Akt der Trunkenheit, sondern ein Akt des gekränkten Rechtsgefühls gewesen. Allerdings wurde die Be» rufung mit dem Hinweise, die Strafe sei sehr milde, verworfen. Genckts-Leitung. Bon der Gewaltherrschaft der Grubendireltionen. Der Vorsitzende des Steigerverbandes. Georg Werner in Essen, hatte sich am Dienstag vor dem dortigen Schöffengericht wegen Be- leidigung des Direktors Kleemann von Zeche„Deutscher Kaiser" zu veranrworten. In einem Artikel, überschrieben„Fahrlässigkeit oder Verbrechen?", der Ende November v. I. auch im„Vorwärts" erschienen war, hatte Werner aufsehenerregende Tatsachen über die Zustände auf Schacht III der genannten Zeche mitgeteilt. Die wichtigste war die, daß der Bergrevierbeamte bei Entnahme von Wetterproben in einem Flöz, wo schon einmal 16 Bergleute infolge von Schlagwetterexplosion zu Tode gekommen, in unerhörter Weise getäuscht worden ist., Ein Steiger, der das Revier mit voller Ver. antwortung übernehmen sollte, und sich dessen urner den obwaltenden Verhältnissen geweigert hatte, war entlassen worden. Seine An- zeige beim Bergrevieramt hat, soweit bekannt geworden, keinerlei Erfolg gehabt. Die Zechenverwaltung bedachte die Blätter, die den Artikel ge- bracht hatten, mit einer Berichtigung, in der Werners Angaben in einer diesen beleidigenden Form bestritten wurden. Werner hielt seine Behauptungen in einer Entgegnung aufrecht und fügte zur Eharakteristik des Direktors Klcemann, der jener Schachtanlage vorsteht, noch zwei Beispiele an.- Ein Steiger sei aus Furcht vor dem zu erwartenden Krach wegen nicht genügender Förderung 36 Stunden unter der Erde geblieben und habe mit Hilf« eine? Polizeihundes gesucht werden müssen. Wegen der Entlassung eines anderen, der nirgends habe unterkommen können, habe dessen Frau, Ehrverletzung gegenüber weiblichen Mitangestellten. Fälle von Angriffen auf die Ehr« weiblicher Angestellten kommen im Geschäftsleben immer noch häufig vor. Es ist erstaun» lich, daß sich ein Teil der Gehilfen nicht daran gewöhnen kann, der weiblichen Mitangestellten die ihr schuldige kollegiale Achtung ent» gegenzubringen. Ein solcher Fall schwerer Verletzung der Ehre eines jungen Mädchens beschäftigte die 5. Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts. Der dort Klage erhebende Berkäufer Anto« Lehmann war von seinem Prinzipal, dem Farbenhändler G. sofort entlassen worden, weil er sich eine schwere Beleidigung einer ange- stellten Lageristin gegenüber zuschulden kommen ließ. Dieser „Kavalier" hatte seiner Meinung über ihre sittliche Oualität mit den Worten Ausdruck gegeben, sie„wäre für eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen zu haben". L. erklärte zwar, die Aeußerung wärt so nicht gefallen. Das junge Mädchen beschwor aber in der Ver- Handlung, daß Kläger sich wörtlich so ausgedrückt hatte. Nachdem das junge Mädchen das Beschämende über sich ergehen lassen mußt«. in öffentlicher Verhandlung die verletzenden Worte in der Eides- leistung noch einmal zu wiederholen, nahm der Kläger, um sich Kosten zu ersparen, die Klage zurück. Ein untreu� Anwalt. Die Kölner Strafkammer verurteilte gestern den Justizr«t Leyendecker wegen Unterschlagung resp. Veruntreuung von Mündel. geldern in Höhe von 259 999 M. zu zwei Jahren acht Monaten G«» fängnis. Leyendecker hatte sich durch Spekulationen in pekuniär« Schwierigkeiten gebracht, und sich infolgedessen an ihm anvertraute» Geldern vergriffen, war dann nach London geflüchtet, von wo er an Deutschland ausgeliefert wurde. Ein Heiratsschwindler. Ein Schwindler, der sich die Leichtgläubigkeit und die Heirats» lust eines etwas ältlichen MädcbenS zunutze gemacht hatte, wurde gestern in der Person des Versicherungsagenten Fritz Wolff der 6. Strafkammer des Landgerichts III vorgeführt, um sich Wege» Betruges zu verantworten.— Der Angeklagte hatte einem Hau»- mädchen N.. nachdem er ihr die Ehe versprochen hatte, obwohl er selbst verheiratet ist, nach und nach die gesamten Ersparnisse in Höhe von 1289 M. abgenommen. Der Staatsanwalt beantragte 9 Monate Gefängnis. Da» Gericht ging jedoch mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagt« in einer recht schändlichen Weise gehandelt habe, über den Antrag de» Staatsanwalts hinaus und erkannte auf 1 Jahr 3 Monate Ge- fängnis. Die Strafe ist sicher nicht zu hoch. Bedauerlich ist, daß die Zahl derer, die auf Heiratsschwindel hineinfallen, leider nicht obz»» nehmen scheint.____ eingegangene DruchFcbriften. Riesen und Drachen der Borzeit. Von R. Bommeki.(Kiew» Bibliothek Nr. 27.) 75 Pf., geb. 1 M. I. H. 38. Dietz Nachf. Stuttgart. Laurenz Hallers Pratcrfahrt. Von Raoul Auernbetmer. 2 Leinenband 3 M.— Die Galeere. Roman von E. Beiß. 3, SO 3X., ga. 4,50 M. S. Fssch-r. Berlin.„, Die Gründung und Entwickelung der deutsche» Sozialde»». kratic. Eine Festichrist der Leipziger Arbeiter zum 23. Mal V«*"}* gegeben vom Bezirksvorstand der sozialdemokratischen Partei Leipzig». 76 Seiten. Leipziger Buchdruckcrei, A.on den städtischen Behörden beabsichtigt war. Eine ganze Reihe Künstler haben zusammen wirken müssen, um das Kunstwerk zu lallenden. 40 einzelne bildhauerische Gruppen und andere Skulpturen sind im Friedrichshain zu einer unvergleichlich schönen 'Inlage, die in zwei Teile sich gliedert, vereinigt. Jedes einzelne Kunstwerk gibt die Eigenart der einzelnen Künstler wieder. vie lange Zeit der Ausführung ist begründet in der Größe und Vielseitigkeit der Anlage. Schon die Aufstellung der vielen Modelle erforderte Zeit und Muße. Es ist auch kein Brunnen mit l i n e m Märchen, svndern mehrere Brunnen mit 40 einzelnen Närchengruppen, Aschenbrödel, Rotkäppchen, das Mägdelein mit den ieben Raben und das Schwesterchen mit dem Reh, Hans im Glück, der knabe mit dem gestiefelten Kater, Rübezahl, Hänsel und Grete! von Zgnaz Taschners Meisterhand. Auf der Balustrade des Hauptgesimses wfreuen die von Jos. Rauch modellierten Tiergruppen: Bär, Löwe, �uh, Eber. Esel und Hund zunächst das Auge. Sechs verschiedene Eingänge rufen ebensoviel verschiedene Eindrücke hervor. 80m Haupteingang am Königstor hat man einen Ueber- ilick über den von Hecken eingefaßten, gesonderten Hain nit den drei Brunnen, die drei flache Terrassen bilden, « denen über ein Dutzend Quellen emporsprudeln zwischen Fröschen und Kröten. Die Kalksteinstguren, allen Kindern iekannt, heben sich von dem Hintergrund ohne aufdringlich zu wirken, recht in die Augen stechend ab. Dies trifft besonders für yrau Holle und den Menschenfresser zu. Von Georg Wrba-Dresden :ührt eine reizende Gruppe mit Putten her. Die Gesamtkosten sind oon der Kunstdeputation aus eigenen Fonds bestritten und dürften sich mit den Ausgaben für die gärtnerischen Anlagen auf rund 750 000 M. belaufen. Sie verteilen sich auf eine Reihe von Jahren ind find gut angewandt. Der Nordosten von Berlin ist um ein Werk. oas zu den schönsten der Reichshauptstadt zählt, reicher. Partei-?Zngelegenkeiten. Nowawes. Die weiblichen Mitglieder des Wahlversins unter- nehmen am nächsten Sonntag, den 15. Juni, einen gemeinsamen Spaziergang nach dem am Drewitzer Bahnhof gelegenen Parteilokal .Zur freien Aussicht". Treffpunkt nachmittags 2I/ä Uhr im Lokal von Hiemke, Wallstraße; der Abmarsch erfolgt von dort pünktlich um Z Uhr. Genossen, die mit ihren Familien daran teilzunehmen wünschen, find freundlichst eingeladen. »l. tm ßcrllner Nachrichten. I» der städtischen Kinderlesehalle. Vor einigen Wochen ist im äußersten Berliner Osten, auf dem Gemeindeschulgrundstiick, Ehrenbergstr. 24. über der Turnhalle und neben der dortigen Volksbibliothek die erste städtische Kinderlefehalle eröffnet worden. Neu ist die endliche Verwirklichung dieses Bildungsinstituts seitens der Ttadt nur für Berlin. In anderen deutschen Städten kennt man längst Kinderlesehallen, und namentlich in England sind sie zu hoher Blüte gelangt. Die Berliner Stadtver- waltung muß auf das Beste, das für unsere nach den der- schiedensten Richtungen hin notleidende Volksschuljugend gerade gut genug ist, immer erst jahrelang hingestoßen werden, nicht zuletzt von unseren Genossen im Stadtparla- ment, che kleinliche und ängstliche Bedenken beseitigt sind. Eine private Vereinigung ging vor mehreren Iahren mit der Einrichtung von primitiven Berliner Kinderlesehallen am Arminiusplatz und in der Schönhauser Allee voran. Das rüttelte auch die Stadtverwaltung auf. Es fragt sich nur, wieviel Zeit verstreichen wird, bis dieser ersten städtischen Kinderlesehalle die weiteren folgen werden. Denn daß wir in der Millionenstadt mit mehr als 250 000 Volksschulkindern noch mehr als ein Dutzend solcher Kinderlesehallen gebrau- chen können, ist selbstverständlich. Was in der Ehrenberg- straße geschaffen wurde, ist nur der bekannte Tropfen auf den heißen Stein. Die innere Einrichtung der Kinderlesehalle darf man als angemessen bezeichnen. Ter einzige, sehr helle Lesesaal gewährt Sitzraum für 70 Kinder, was nach den bisherigen Erfahrungen in einem begrenzten Stadtteil genügt. Die Kleinen sitzen äußerst bequem auf Stühlen an blitzblanken Tischen von verschiedener Höhe. An den Wänden hängen hübsche belehrende Bilder, auf den Fensterbrettern sproßt und blüht es. Ueber dem Katheder für die Bibliothekarin ist eine Uhr angebracht. Die Gasbeleuchtung soll später durch elektrisches Licht ersetzt werden. Alles ist schon jetzt :raulich und gemütlich, ohne den gewohnten kalten Klassen- ton. Tie Kinder wollen und sollen ja auch nicht das Emp- tinden haben, daß sie, wie in der Schulstube unter Zwang stehen. Vor dem Eintritt in den Leseraum muß jedes Kind die treulich behütete Garderobe ablegen und sich die Hände waschen, was sehr nötig ist, da viele unmittelbar vom Spielen in) Freien kommen. Die Lesehalle ist jeden Wochentag von 4— 7 Uhr geöffnet, selbstredend unentgelt- lich. Als wir am Montag gegen 5 Uhr Umschau hielten. war jedes Plätzchen besetzt. Kleidung und Betragen der Kinder war tadellos. Die meisten halten nur eine Stunde ous, wenigstens im Sommer, Es kommt aber immer frischer Zuzug, selbst noch in der letzten Stunde. Dann stellen sich namentlich ältere Knaben und Mädchen ein. die wohl vor- her zu Erwerbszwecken irgendwo beschäftigt waren und schnell noch ihren Wissensdurst befriedigen wollen. Gerade daran sieht man so recht, wie stark das Bedürfnis nach derartigen volkstümlichen Einrichtungen ist. Die kleinen Besucher kommen ja auch fast ausschließlich aus unbcmittel- ten Familien, die kein Geld für Bücher übrig haben und zurrieden sind, für die hungrigen Mäulchen Brot kaufen zu können. Zie Auswahl der vorläufig etwa 700 durchweg neuen, Ä" flebundenen Bücher mag nicht ganz leicht gewesen sein. n v-EZ Zeigt, daß im großen und ganzen gute und passende Literatur, zur Verdrängung von Schund gefunden ! worden ist. Man hat das Verzeichnis nach Altersstufen ein- geteilt, doch wird das in der Praxis nicht so genau genom- men, da ja die Bibliothekarin bald mit der individuellen Leistungsfähigkeit der Kinder vertraut wird. Ein Zwäng bei der Auswahl durch die Kinder besteht in keiner Weise, nur wird liebevoll nachgeholfen. Patriotische Bücher fehlen natürlich nicht, sind sogar etwas reichlich vorhanden, das ist bei der Eigenart unseres Kommunalfreisinns kein Wun- der. Die Werbeschriften für Pfadfinderei und Iungdeutsch- landbund könnten besser fortbleiben, auch der Hcrerofeldzug mit seinen Grausamkeiten erscheint hier wenig am rechten Platz. Mehr als zwei Bücher sollen an einem Abend nicht verlangt werden. � Wer mit einem Buche am selben Tage nicht fertig wird, kann es sich für einen der nächsten Nach- mittags zurückstellen lassen. Viele Kinder üben sich, was sehr anregend ist, im Nachzeichnen der Bilder. Wir sahen vielversprechende Proben. Für den Anfang kann man zufrieden sein. Das Ge- schichtenbuch ist dem Kinde eine neue, unbekannte Welt, soll ihm die Schönheiten des Lebens erschließen. Mag auch die rauhe Wirklichkeit sich später ganz anders gestalten— es bleibt immer etwas hängen zu bleibendem inneren Werte. So mögen denn die bedürftigeren Eltern des Berliner Ostens darauf hinwirken, daß ihre Kinder von der neuen Ein- richtung reichlich Gebrauch machen. Profitpatriotismus. Nicht alle Tage ist es den Prozenrbhzantinern so reicklich der- gönnt, unter der Maske des begeisterten Biedermeiers Geschäftchen zu machen. Natürlich laufen die Großen den Kleineren den Rang ab. Einige Warenhäuser, zu deren Aktionären neben zahlreichen„Fremd körpern" auch diverse fürstliche und gräfliche Profithuber gehören, haben förmliche Zentenar» und Viertelzentenar-Ausstellungen arran- giert, meist in Parterreräumen, damit die naiven Provinzler an- gezogen werden und— kaufen. Ja, w a S denn in Sankt AegirS Namen? Wer die Wahl hat, hat auch die Qual. Soll er für 30 i einen Fingerreifen(oder Nasenring??) aus ordinärem Metall mit der Devise„Gold gab ich für Eisen" nehmen? Mit ein bißchen „Grütze" im Kopf wird ihm doch zu Bewußtsein kommen, daß die schlauen Händler mit diesem Satze recht eigentlich jeden Käufer ob seiner pyramidalen Dämlichkeit verhöhnen. Soll er Broschen, Armbänder, Hosenschnallen, Zigarettenbehälter, Bonbonnieren usw. mit dem Prägebildnis S. Ms.— alles for'n Sechser bis zur Dreiviertelmark aus purstem Silber erwählen? Zu Hause angekommen, wird er das Zeug schwarz angelaufen aus dem Hosensack ziehen. Warum schwarz? Weil es nicht mal an Silber gelegen hat! Wie nun, wenn ihn— aus reinstem Patrio- tiSmus natürlich— die Lust anwandelt, den Bilderschmuck blank zu scheuern? Die schönste Anklage könnt' er sich holen— weil sich kein Untertan an seinem Landesvater reiben darf. Wenn nicht— nicht, sagt er und greift nach anderem Kram, als da sind: Kinderschürzen mit der Jahrhundertzahl 1813—1913 auf jedem Achselstück, Schlabberlätzchen und Wickelbänder für Säug linge, Taschentücher, Hemden, Trinkbecher, Aschenschalen, Spuck- und andere Näpfe, Wand- und Fourageteller— mit den Photographien deS angestammten Herrfcherhauses im Gewebe oder eingebrannt auf dem Grunde. Aber wie wird ihm da plötzlich schwarz-weiß-rot, meist grün oder blau vor den Augen! Darf er denn so ein DingringS zum— Schneuzen oder Hineinmachen verwenden, ohne einer Beleidigung schuldig zu werden? Bewahr' ihn der Himmel! Denn für einen musterhasten Patrioten geziemt es sich nicht, auf Himmelsinstrumente zu— husten. Das dürfen ungerochen bloß die preußischen Junker tun! Wenn aber die Sachen so stehen, dann ists wohl am rätlichsten, ein Gruppenbild der Jubiläumsfamilie in„echtem Goldrahmen" für Eine Reichsmark minus zehn Kupferpfennigen zu kaufen? Wäre nur nicht der verflixte ,,Dolus-eventualis"-ißaragrapIj! ES könnte doch ein artiges Patriotengemüte dabei seine Gedanken haben, zum Beispiel den: wie lustig es wäre, wenn sich alle Potentaten für ein paar Nickel aufkaufen ließen, daß man sie auf einmal in einer Schürze forttrüge, wie solches jene Riesenjungfrau mit den leib eigenen Bauern machte, wovon die Sage berichtet. Wer sollte aber auf solche Gedanken kommen. Wenn schließlich noch jemand auf den lukrativen Einfall käme, Zentenar- und Viertelzentenar-Klosetstollen zu fabrizieren mit Weis- heitSsprüchlein aus dem Munde gesalbter Häupter, wie daS bereits unfern größten Dichter-Denkern widerfahren ist, dann gut' Nacht Schnepf!___ Der Bertauf des russischen Fleisches wird mit dem 18. d. Mis. auch in Charlottenburg eingestellt werden, nachdem die Ber- liner Deputation zur Beratung von Maßnahmen gegen die Lebens- mittelteuerung nach einer Beratung mit den Vertretern der noch am Berliner Fleischbezug beteiligten Borortgemeinden dessen Aufgabe be- schloffen hat. Laubenkolonien und Sonntagsruhe. Die Bestrebungen der kirchlichen Orthodoxie lassen nicht mal den Laubenkolonisten ihre Ruhe. Die Kirche pocht auf ihr Recht der äußeren SonntagSheiligung und hat die Polizeibehörden scharf gemacht, daß sie auch in den Laubenkolonien auf Wahrung der Be- stimmungen über die Sonntagsruhe halten. Wiederholt sind Lauben- kolonisten bestraft worden, weil sie ohne behördliche Erlaubnis während der Hauptkirchstunden auf ihren Pachtgrundstücken Erd- und andere Arbeiten vornahmen, die„von außen sichtbar" waren. Nach erhobenem Widerspruch sind die polizeilichen Strafverfiigungen höchst- instanzlich bestätigt worden. Damit sind die Laubenkolonistc�. wenn sie nicht Bestrafung riskieren wollen, in ihrer landwirtschastlichen und sonstigen Tätigkeit während der KirSzeit auf Laubengelände so ziemlich lahmgelegt, denn es ist klar, daß die behördliche Erlaubnis nicht erst in jedem Fall eingeholt werden kann und wohl auch nur höchst selten erteilt wird. Derartige Gerichtsurteile sind schwer verständlich. Die Berliner Laubenkolonien liegen von bebauten, bewohnten Grundstücken und von Kirchen fast durchweg so weit entfernt, daß eine Störung anderer Sonntagsgefühle nicht zu befürchten ist. Noch weniger ist zu verstehen, wie der Sonntag dadurch enthefligt werden soll, daß jemand auf seinem eigenen oder gepachteten Grundstück daS Land umgräbt oder an der Laube ein paar Nägel einschlägt. Eine solche Betätigung kann doch nicht mehr Lärm verursachen, als wenn an der Laubenkolonie ein Eisenbahnzug vorbeiratterl. Mit ungleich mehr Berechtigung könnte man die stets sehr geräuschvollen höfischen und militärischen Festivitäten, die in die Kirchzeit fallen, verbieten. Oder wird da auch erst die behördliche Erlaubnis eingeholt? Mit solchen Nadelstichen wird die Kirche keinen Zoll breit Boden ge- loinnen, am wenigsten unter den Laubenkolonisten, die in der freien Natur mehr Erbauung finden» als inmitten muffiger Kirchen- mauern. Beseitigung des weiblichen Arztes iu der Geschlechtskrankcnstatiou des städtischen Obdachs? Diese Frage führte zu lebhaften, teilweise stürmischen Debatten in der letzten Kuratoriumssitzung. Bekanntlich ist es erst vor garnicht langer Zeit endlich gelungen, eine dort so dringend notwendige Aerztin anzustellen. Diese hat nun, wie der dirigierende Arzt mitteilte,„ganz unerwartet" plötzlich ge- kündigt und tritt am 1. Juli aus. Da nun noch ein Kollege plötzlich erkrankt ist, sollte die Stelle der Aerztin sofort mit einem mann- lichen Arzt besetzt werden. Unsere Vertreter verlangten Ausschreibung der Stelle und wenn geeignete Bewerberinnen sich fänden, Wieder- besetzuug derselben durch einen weiblichen Arzt und eventuell bis zur Erledigung Annahme eines Vertreters für den erkrankten Arzt. Durch die mehr denn eigentümliche Situation ergaben sich ziemlich heftige Debatten, die schließlich damit endeten, daß einstimmig beschloffen wurde, die Stelle mit ganz kurzer Meldefrist(innerhalb 19 Tagen vom nächsten Sonnabend ab) auszuschreiben uud erst in der nächsten Sitzung, welche am 39. Junr stattfinden soll, nach den eingegangenen Meldungen zu entscheiden, ob wieder eine Aerztin angestellt werden soll._ Kaiserhuldigu.ug in der Kirche. Die königlichen Konsistorium erlassen anläßlich deS Re- gierungsjubiläums des Kaisers jetzt auf Weisung des evange- lischen Oberkirchenrates eine Verfilmung, in der es u. a. heißt: „Es entspricht dem Sinne unseres Kaisers am meisten, ivenn am Sonntag, den 15. Juni, sein Vo.lk sich mit ihm vor Gottes Angesicht in den Gotteshäusern versammelt. Es wird deshalb hiermit angeordnet, daß dem Hauptgottesdienst am 15. Juni ein möglichst festliches Gepräge gegeben, in den Predigten der Segnungen der 25jährigen Regierungszeit unseres Kaisers in gebührender Weise gedacht und diese in das Licht des gött- lichen Wortes gestellt, auch in dem Kirchengebet Dank und Fürbitte in entsprechender Weise zum Ausdruck gebracht werde." Der evangelische Oberkirchenrat hat allen Geistlichen eine entsprechende Einlage in das allgemeine Kirchengebet zu- gehen lassen. Wo alles huldigt, darf doch auch die Krche nicht fehlen! Wenn Lehrer prügeln» stören sie nur zu leicht den Frieden zwischen Schule und Haus. Wir haben das oft gesagt, weil uns sehr daran liegt, daß zwischen Schule und Haus freundliche Beziehungen erhalten bleiben. Immer wieder haben wir Fälle geschildert, die wir als warnende Beispiele zur Beachtung empfahlen. Einen neuen Fall erfahren wir aus Anlaß einer Prügelexekutton, die in der 288. Knaben-Gemeindeschule(Senefelder Straße) sich abgespielt hat. Rektor Gillert, der diese Schule leitet, sieht streng darauf, daß in den großen Pausen möglichst sämtliche Schüler sich auf den Hof begeben. Daß nicht einzelne Kinder in ihren Klassen bleiben, ist an sich aus gesundheitlichen und manchen anderen Gründen durchaus zu wünschen, und es entspricht das auch nur den Bestimmungen, die von der Schulbehörde gegeben sind. In der vorigen Woche hielt nun Rektor Gillert es für nötig. mehrere Jungen mit dem Rohr stock abzustrafen, an- scheinend deshalb, weil sie gegen jene Vorschrift verstoßen haben sollten. Die Eltern des einen der geprügelten Schüler sind auf Grund seiner Angaben der Meinung, daß er zu Unrecht bestraft worden sei. Der Junge erzählt, in der als Zeichensaal dienenden Aula habe er nach Schluß der Zeichenstunde zunächst den Schrank in Ordnung bringen«tüffen, wozu er vom Lehrer ein- für allemal beauftragt sei. und er habe dann seine Mappe noch während der Pause nach dem Klassenzimmer getragen, in dem die Klasse in der nächsten Smnde ihren gewöhn- lichen Unterricht hatte. Dem Rektor hat er zu seiner Entschuldigung angegeben, warum er noch im Zeichensaal geblieben war, der aber habe befohlen:„Bücke dich!" und habe dann zugehauen. Als die Mutter zufällig auf dem Körper des Jungen die Spuren der Stockhiebe entdeckte, ging sie nach der Schule, um sich bei Herrn Gillert zu beschweren. Er antwortete ihr. den Schrank zu ordnen, könne so lange nicht gedauert haben. Dem Jungen habe er hierüber nichts gesagt, und auch die Mutter ließ er nicht wissen, wie er das festgestellt habe.' Der Herr Rektor wird über die Schuldfcage anders denken als der- Schüler und seine Eltern. Es ist sogar möglich, daß sein» Meinung über den Sachverhalt die richtige ist, aber von der ihm selber als zweifelsfrei geltenden Notwendigkeit jener Prügelexekution hat er die Eltern nicht überzeugt. Er hat durch die Geschwindigkett, mit der er gegen den Jungen aus solchem Anlaß zum Stock griff, sowie durch die Art, in der er die sich beschwerende Mutter abferttgte, sie und den Vater des Jungen arg verstimmt. Der Junge gehört zu den besten Schüler» der Klasse, auch bestanden bisher zwischen den Eltern und der Schule durchaus freundliche Beziehungen. Die Eltern sind jetzt erregt über diesenAkt derSchuljystiz. der ihnen übereilt scheint. Mit der unzulänglichen Erklärung, durch die Herr Rektor Gillert sein Verhalten zu rechtfertigen v»rsucht hat, wollen sie sich nicht zufrieden gehen. Wir veröffentlichen das Vorkommnis zur Beachtung nicht für Eltern, sondern für Lehrer. Der Wunsch, die Lehrer auf die erziehlichen und gesundheitlichen Gefahren des Prügeln? und auch auf die den Frieden zwischen Schule und HauS gefährdende Neben- Wirkung immer wieder aufmerksam zu machen, leitet unS bei allen derartigen Veröffentlichungen. Möge, wer sich betroffen fühlt, über „Hetze gegen die Schule" schreien— uns soll daS nicht kümmern. Wir glauben, daß wir hiermit der Schule den besten Die.« st erweisen._ Gemeinsam in den Tod. Gemeinsam in den Tod gegangen sind am Dienstagabend der 64 Jahre alte Zigarrengroßhändler Robert Kuntze und feine 46 Jahre alte Ehefrau Ernestine, geb. Ouitsch, die in der Kirchbachstr. 6 wohnten. Kuntze war schon seit längerer Zeit zuckerkrank, außerdem hatte er an der linken Wange eine Entzündung, die vor 14 Tagen in einer Privatklinik operiert worden war. Auch dieses Leiden wollte nicht heilen. Am Dienstag sollte sich der Kranke einem neuen ärztlichen Eingriff unterziehen, sein Zustand erschien aber so hoffnungslos, daß die Eheleute beschlossen, gemeinsam iu den Tod zu gehen, weil die Frau nicht allein zurückbleiben wollte. Nachdem sie einen Brief geschrieben hatten, in dem sie den Wunsch aussprechen, daß ihre Leichen verbrannt werden, scheinen die Leute zunächst den Gashahn aufgedreht zu haben, denn in dem Briefe sprechen sie davon, daß sie sich mit Leuchtgas vergiften wollen. Diese TodeSart scheint ihnen aber zu langsam gewesen zu sein, sie nahmen dann Gift. Nachmittags 5 llhr sah der Verwalter, der mit dem Ehepaar verkehrt hatte, und dessen Frau am Tage vorher noch bei ihnen in der Wohnung gewesen war, zu seinem Erstaunen, daß die Zeitung noch vor der Tür lag, der Frühstücksbeutel noch an der Klinke hing und der Briefkasten nicht geleert war. Er benachrichtigt« die Polizei pnd diese ließ die Wohnung mit Gewalt öffnen, Di« Eheleute saßen tot in der Küche, beide im SonntagZstaat, Auf dem Tische stand ein Gefäß mit Wein, in den sie Arsenik geschüttet hatten. In der Wohnung roch es ziemlich stark nach Gas, der Hahn war aber wieder zugedreht. Die Leichen wurden beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht._ Sturmverheerungen. Der Sturm, der seit vorgestern herrscht, hat arge Verwüstungen angerichtet, besonders � in Gärten und im Grunewald. Eine-Menge Bäume sind entwurzelt, das Obst liegt in vielen Gärten unter den Bäumen und starke Zweige sind ab- gebrochen. Tie Berliner Feuerwehr mußte in der Triftstraße vor dem Hause Nr. 12 eine 20 Meter hohe Pappel fällen, die ein Spiel- ball des Windes geworden war und auf dem Bürgersteig zu stürzen drohte. In Lichtenberg hat der Sturm am„Schwarzen Adler" nahe der Ringbahn einen Baum entwurzelt.. In Mariendorf ist der Schaden an den Gartenfrüchten, Obstbäumen besonders groß. An der Charlottenburger Brücke drohte der Sturm die Aus- schmückung zu vernichten. Auf dem Schönebcrger Kirchhof an der Hauptstraße wurde ein alter Baum seiner stärksten Aeste beraubt, ?luch aus Steglitz und Lichterfeldc wurden Schäden aller Art gemeldet. Inhalt heraus. Mitgenommen haben silbernen, innen vergoldeten Kelch, der und 10 Zentimeter im Durchmesser hält. sie liegen, weil sie nicht massiv sind. wieder davon. die Einbrecher nur einen 13— 18 Zentimeter hoch ist Alle anderen Geräte ließen Sie fuhren mit deni Kahn Selbstmord eines jungen Millionärs. Der 23 Jahre alte Student der Philosophie John Joseph ou§ Schwerin, der seit zwei Jahren studienhalber in Berlin weilt und in der Grolmanstr. 29 in Charlottenburg wohnte, hat im Beisein seiner Braut Selbstmord verübt. Joseph ist der Sohn eines' mehr fachen Dtillionärs und selbst schon Besitzer eines ererbten Vermögens im Betrage von einer Million Mark. Vor längerer Zeit lernte er die Tochter eines Kaufmanns aus Waidmannslust kennen und diese Be kanntschast führte vor einiger Zeit zur Verlobung. Nach beendetem Studium wollte das junge Paar die Ehe ein» gehen. Seil einiger Zeit siel den Bekannten des Slu deuten das exzentrische Wesen des jungen Mannes auf- Heute vormittag besuchte ihn seine Braut, um ihn zu einem Spaziergange abzuholen. Joseph machte der jungen Dame dabei völlig unbegründete, von Eifersucht diktierte Vorwürfe. Dann zog er einen Revolver und sagte seiner Braut, daß er sich erschießen werde.'Er erklärte ihr erst die Konstruktion der Waffe, letzte sie dann an seinen Kopf, drückte ab und sank tot zu Boden. Das ent» setzte junge Mädchen, das bisher den ganzen Vorgang mehr oder weniger für Scherz gehalten hatte, floh zu seinen Eltern. Die Leiche des jugendlichen Selbstmörders wurde nach dem Schauhause gebracht. Zur Aufklärung des Drahtscilanschlagcs im Grunewald hat zur Ermittelung der Täter der Regierungspräsident von Potsdam eine Belohnung von 300 M. ausgesetzt. Dazu kommen noch 1000 M., die der kaiserliche Automobilklub ausschreibt. Der Kraftwagenführer Prawitz hat sich in Beelitzhof etwa 10 Minuten aufgehalten, um ein Glas Bier zu trinken. Während dieser Zeit, von 10.20 bis 10.30 Uhr, sah er ein Privatautomobil, in dem außer dem Chauffeur noch mehrere Personen saßen. Dieser, ein dunkler Wagen mit zurück- geschlagenem Regenvcrdeck, nahm entweder die Richtung nach dem großen Stern oder die Havel entlang nach Spandau zu. ES wäre dringend zu wünschen, wenn seine Insassen sich entweder beim Staats- anwaltschaftsrat Dr. Herbst bei der Staatsanwaltschast Hl, Zimmer 467, des Moabiter Kciminalgerichtsgebäudes oder beim Kriminalkommissar Peters vom Berliner Polizeipräsidium schleunigst melden, um ihre etwaigen Wahrnehmungen mitzuteilen. Auch der Herr und die Dame, die zu derselben Zeit in der Nähe der Anschlagstelle standen, und Prawitz in seinem Wagen sahen, werden ersucht, sich zu melden. Falsche Zwanzigmarkscheine Eine Belohnung von 3000 M. schreibt das Reichsbankdirektorium für die Ermittelung von Fälschern von Reichsbanknoten aus.„Seit kurzem", so lautet die Ausschreibung,„sind Fälschungen von Reichs banknoten von 20 M. vorgekommen. Diese tragen das Datum vom 21. April 1910, die Nummer E. 3 192 236 und den Kontrollbuchstaben L. Sie machen im ganzen einen etwas verschwommenen Eindruck. Das Datum, das Wort Reichsbankdirektorium und die Unterschriften unter diesem sind dicker ausgefallen, als sie bei den echten Noten sind. Die Strafandrohung ist auf beiden Seiten der Fälschung schlecht aufgedruckt, zum Teil unlesbar. Die Ziffern der auf der Fälschung befindlichen Nummern sind größer als auf den echten Noten. Da diese geriefelt sind, die Fälschungen aber nicht, fühlen sich die ersteren, namentlich wenn sie neu sind, hart und rauh, die Fälschungen dagegen weich an._ Torort-Nacbnchtem Köpenick. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Einleitend teilte der Vorsteher mit, daß Herr Stadtrat Gimborn sein Amt als unbesoldetes Magistratsmitglied niedergelegt habe. Die Ersatzwahl soll am 27. Juni stattfinden. Gleichzeitig sollen an diesem Tag« die Neu- wählen von zwei unbesoldeten Stadträten, um welche das Magistrats- kollegium vom 1. Januar 1914 ab verstärkt wird, sowie auch die Wahlen für die mit Schluß dieses Jahres ausscheidenden Stadträte Betcke und Theunert vorgenommen werden. Die Genehmigung zur Aufnahme einer Anleihe in Höhe von 420 000 M. zum Ausbau der Gasanstalt einschließlich eines weiteren Gasbehälters und der Be- schaffung von Gasautomaten wurde, nachdem das Gutachten des mit der Nachprüfung der Vorlage beauftragten Direktors der Spandauer Gasanstalt, Kitzig, der Versammlung zur Kenntnis gebracht worden war, ohne Debatte angenommen. Beschlossen wurde ferner, dem § 1 des Ortsstatuts über den Besuch der gewerblichen Fortbildungsschule folgende Fassung zu geben: Alle männ- lichen Arbeiter(Lehrlinge, Fabrikarbeiter usw.), die in einem gewerblichen Betriebe im Weichbilde der Stadt Köpenick be- schäftigt werden und solche, die im Weichbilde der Stadt Köpenick wohnen, sind verpflichtet, die von der Stadtgemeinde eingerichtete gewerbliche Fortbildungsschule zu besuchen und an deren Unterricht teilzunehmen und zwar auch für die Zeit ihrer Arbeitslosigkeit. Diese Verpflichtung dauert bis zum Schlüsse des Schulhalbjahrs, in welchem die Schüler das 17. Lebensjahr vollendet haben. Für die- jenigerl Schüler, die bis dahin das Ziel nicht erreicht haben, dauert die Verpflichtung bis zum 18. Lebensjahre. Ob diese Voraussetzung zutrifft, entscheidet im einzelnen Falle das Kuratorium für die städtischen gewerblichen Fortbildungsschulen. Zur Erweiterung des städtischen Wasserwerks wurden 19 000 M.. und zwar für die Schaffung von vier neuen Tiefbrunnen, verlangt. Nachdem der Vorsteher noch mitgeteilt, daß die Vorlage unter Hinzuziehung von Fachleuten von der Kommission aufs sorgfältigste vorbereitet fei. stimmte die Ver- sammlung dem Antrage zu mit dem Ersuchen, den der Kommission gehaltenen Jnformationsvortrag sowie das vorgelegte Material in nächster Zeil der ganzen Versammlung zugänglich zu machen. Die Ferien wurden aus die Monate Juli und August festgelegt. Kirchenräuber haben in der vergangenen Nacht wieder die katho- fische Kirche heimgesucht. Wie schon früher einmal, so kamen sie auch jetzt wieder zu Wasser an die an der weiten Ausbuchtung der Spree und Dahme gelegenen Kirche mit einem Kahn heran. Einen Strick, den sie aurückliefcen. haben sie wahrscheinlich zur Befestigung des Kahnes benutzt. Mit einem Nachschlüsiel versuchten die Einbrecher zuerst eine Tür zu öffnen. Das gelang ihnen aber nicht. Jetzt drückten sie die Scheibe eines Fensters an der Sakristei em. Als sich aber diese Oeffnung als zu eng erwies, machten sie sich mit einem Dietrich an eine andere Tür herqn, die dann ihren Versuchen auch nachgab. In der Kirche richteten sie an den Geräten arge Ver- Wüstungen an. Leuchter und andere Sachen schmtten sie an oder zerbrachen sie. um daS Material zu prüfen. In der Sakristei er- brachen sie mit einem Stemmeisen einen Schrank und warfen dessen erhielt der Kulbe 448, Anschaffung Begründet Die hiesige Gewerkschaftsbibliothek wird ab 1. Juli d. I. wegen Renovierung bis aus weiteres geschlossen. Wir bitten alle Leser, welche noch im Besitz von entnommenen Büchern sind, dieselben bis spätestens den 20. d. M. an die zuständige Stelle(E. Wißler, Kietzer straße 6) zurückzuliefern, damit die notwendig werdenden Arbeiten keine Verzögerung erleiden. Die Wiedereröffnung wird an dieser Stelle bekannt gegeben. Die Bibliothekskommission. Charlottenburg. Die Obcrbürgcrmeistcrwahl. Von den Stadtverordneten wurde gestern die Wahl des neuen Oberbürgermeisteis vorgenommen. Ei wurden 67 Stimmzettel abgegeben: davon erhielt Oberbürger meister Dr. Scholz- Cassel 40 Stimmen, für den Bürgermeister Dr. Mayer- Charlotlenburg wurden 21 Stimmen abgegeben und 6 Stimmzettel waren unbeschrieben. Oberbürgermeister Dr. Scholz ist somit zum Oberbürgermeister von Charlottenburg gewählt. Das Ledigenheim in Charlottenburg war im Geschäftsjahre'1912 dauernd besetzt. Es wohnten in der Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 873 Mieter im Heim, davon 11 bereits seit dessen Eröffnung, 234 über ein Jahr und 223 zwei bis fünf Monate; die Mieter setzten sich vorwiegend aus gelernten Arbeitern und Hand- werkern, ungelernten Arbeitern und Handlungsgehilfen zusammen. Eltcrnverein für freie Erziehung. Sonntag, den 13. d. Mts., vormittags lO1/� Uhr, findet unter Leitung des Herrn Dr. Krause eine Besichtigung des Botanischen Museums im Botanischen Garien zu Dahlem statt. Treffpunkt 8�/. Uhr pünkllich an der Straßen- bahnhaltestelle Wilhelmsplatz. Für Naibzügler 10V� Uhr vor dem Botanischen Garten, Eingang an der Potsdamer Chaussee. Kinder unler 10 Jahren sind von der Besichtigung ausgeschlossen. Jedes Kind hat 30 Pf. Fahrgeld mitzubringen. Auch NichtMitglieder und deren Kinder können daran teilnehmen. Lichterfelde. Bei der Gcmeindevcrtreterstichwahl am Dienstag Kandidat der vereinigten bürgerlichen Ortsvereine Genosse W e n z e l 351 Stimmen. Wannsce. Die Gemcindcvertrctcrsitzung bewilligte 700 M. für eines Projeklionsapparates für die Gemeindeschule. wurde der Autrag auch damit, daß der Apparat weniger wichtig für die Schule wäre, als vielmehr für die Jugendpflege. Bekanntlich hat sich auch hier eine Gruppe des Jungdeutschlandbundes gebildet, der leider auch sehr viel Arbeiterkinder angehören. Beschlosien wurde ferner die Anstellung eines Schularztes, welcher pro Kind und Jahr 1 M. erhalten soll. Es handelt sich gegenwärtig um 400 Schul» linder. Der Schularzt soll sich dann auch über Zahnpflege bei den Kindern gutachtlich äußern: weitere Schritte sollen in dieser Hin- tcht getan werden. Ein Antrag des Haus- und Grundbesitzervereins verlangt, daß die Gemeinde einen geschlossenen Müllwagen zum Preise von 1600 M. anschaffe und vorläufig monatlich 10 M. zur Abfuhr des Mülls zuschießen möge. Später will der Verein den Wagen selbst übernehmen und eventuell das Geld zurückzahlen. Dem wurde zugestimmt. Für den von hier verzogenen Schöffen Rentier Klaeber wurde in geheimer Abstimmung eine Neuwahl vor- genommen. Tempelhof-Mariendorf-Marienfelde. Die Vertrauensleute aller Betriebe und Branchen werden ersucht, ihre Adresien sofort an den Genossen Lentschu, Tempelhof, Ringbahn- straße 6, gelangen zu lassen. Die Gewerkschaftsunterkommisfion Tempelhof. Kaulsdorf. Die Gemcindevertretcrsitzung hatte sich u. a. mit dem Abschluß eines Vertrages betreffs Beseitigung gefallener und verendeter Tiere zu befassen. Diese Sache lag schon einmal zur Beratung vor, doch wurde seinerzeit der Gemeindevorsteher beauftragt, zur Erringung günstigerer Bedingungen mit dem Abdeckereibesttzer nochmals in Verbindung zu treten. Tie erneuten Verhandlungen änderten» jedoch nichts an den im Vertrage festgelegten Rechten und Verpflichtungen, die, wie der Abdeckereibesitzer mitteilte, in dem„im Jahre 1644" erteilten Privileg geregelt sind. Der Vertretung blieb unter diesen Umständen nichts weiter übrig, als dem Vertrage zuzuslimmeu.— Ein weiterer Punkt der Tagesordnung war: Festsetzung eines Betrages zur Schulfeier anläßlich des Regierungsjubiläums. Begründet wurde diese Vorlage vom Gemeindevorstand damit, daß alle Nachbar- gemeinden diesen Tag denkwürdig begehen und daß unser Ort schlechterdings wohl keine Ausnahme machen könne. Er schlug vor, eine Summe von 215 M. zu bewilligen, die sich auf Musik, �Be» wirtung der Kinder mir Kaffee und Kuchen, sowie auf Beschaffung einer Jubiläumsfestschrift für die Schulkinder der oberen Klassen verteilt. Es soll dann außer der üblichen Vormittagsfeier in der Schule eine solche nachmittags in einem Gartenlokal stattfinden, zu dem auch der Äriegerverein und die Feuerwehr ihre Beleili- gung in Aussicht gestellt haben. Genosse Schmidt führte aus, es berühre merkwürdig, wenn bei Anträgen auf Ausbesserung der Gemcindearbeiterlöhne, Schaffung sozialer Einrichtungen usw. die Gemeindevertretung eine ablehnende Haltung einnehme, angeb- lich, weil die Kässenverhältnisse solche notwendigen Verbesserungen nicht erlauben. Um diese Kässenverhältnisse aufzubessern, geht die Gemeinde bis zur niedrigsten gesetzlich zulässigen Einkommensteuer- grenze und um diese zu erreichen, würden sogar Rentenbezüge dem Einkommen zugerechnet. Die versprochene Vorlage auf Erhöhung der Gemeiudearbeiterlöhne stehe schon wochenlang aus. Diese Tat- fachen sollten für die Gemeindevertreter genügen, die verlangte Summe für die Jubiläumsfeier abzulehnen. Wenn aber, wie bürger- licherseits ausgeführt werde, ein großer Teil unserer Einwohner so vaterländisch gesinnt sei. um diesen Jubiläumstag nicht spurlos vorüber- gehen zu lassen, so mögen doch die interessierten Bereine als Akteure auftreten, dabei aber auch nichtvergeffen in den eigenen Beutel zu greifen. Bei der nun folgenden Abstimmung wurde unser Antrag abgelehnt, ebenso erging eS �inem andern, von bürgerlicher Seite gestellten, der die geforderte Summe als zu gering bezeichnete. Auch der des Gemeindevorstandes fand keine Annahme und erst die vierte Ab- stimmuug gab mit 3 Stimmen eine definitive Entscheidung auf 200 M.-o— Der auf dem Gelände der Berlin-Kaulsdorfer Terrain- gesellschcft eröffnete Wochenmarkl veraulaßte mehrere Vertreter, ihr Bedauern darüber auszusprechen, daß sich die Gemeinde die Ge- legenheit einer guten Einnahmequelle hat entgehen lassen. ES wurde auf andere, um Berlin gelegene Wochenmärkte hingewiesen, die den betreffenden Gemeinden erhebliche Finanzmittel zuführen.— In geheimer Sitzung wurde über die Anstellung eines technischen Bei- rateS beraten. Nowawe». Die langersehnte Flußbadeaustalt soll nun doch zur Wirklichkei: werden, und zwar bereits in allernächster Zeit. Obwohl diese Tat- fache an sich von der Bevölkerung gewiß mit Freuden begrüßt werden dürfte, muß es doch allgemeines Befremden erregen, daß dieser Erfolg nicht etwa den jahrelangen Bemühungen der Gemeinde, sondern dem— Ortsausschuß für Jugendpsiege zu verdanken ist. Dem Vorsitzenden desselben, Herrn Fortbildungsschuldirektor Scknuck, ist eS gelungen, vom EisenbahnfiskuS am Havelufer gegenüber der Pojs- damer Militärbadcanstalt ein passendes Gelände gegen Pachtzins zu er- halten, auf dem bereits im Laufe dieses Monats n-.it dem Bau der Bade- anstatt begonnen werden soll, um dieselbe vielleicht schon am 1. Juli eröffnen zu. können. Also, was der Gemeindevertretung trotz eifrigster Bemühungen zu erreichen nicht möglich war, das bringt der OrtS- auSschutz lür Jugendpflege scheinbar mit Leichtigkeit fertig: er b« kommt das für den Bau der Badeanstalt erforderliche Gelände, uw das die Gemeinde mit dem Eisenbahnfiskus vergeblich gefeilscht hatte Materielle Gründe dürften für das eigenartige Verhalten des FiskuS wohl kaum ausschlaggebend gewesen sein, es ist vielleicht mit Sicher- heit anzunehmen, daß ihn lediglich der Wunsch der Regierung, die nationale Jugendbewegung auf jede mögliche Art zu fördern, zu dem Entgegenkommen veranlaßt hat. Die Gcmeindcgärtncrei wird nach einem Beschluß der letzten Gemeindevertretersitzung auf der im Laufe dieses Monats in Breslau in Verbindung mit der Jahrhundertausstellung stattfindenden Aus- stellung von Spezialerzeugnissen gleichfalls vertreten sein. Sie wird eine größere Auslese der von ihr seit Jahren kultivierten seltenen Crassula coccmea ausstellen, die nicht eine einzige Gärtnerei der Mark in diesem Umfange und gleicher Vollendung führt und die so- mit ein äußerst begehrtes Erzeugnis gärtnerischer Kunst bildet. Der hierfür zur Verfügung gestellte Ausstellungsraum soll durch aus- gelegte Pläne und Drucksachen auch zur Propaganda für den Ort ausgenutzt werden. Hohen-Neuendorf. Die letzte Gemeindevertretersitzung bewilligte zunächst für die Renovierung des Betriebsleiter-Wohnhauses der Gasanstalt ein- schließlich der Aufstellung dreier Kachelöfen 700 M. Ueber den nun folgenden Punkt:„Maßnahmen zum Regierungsjubiläum", entspann sich eine sehr lebhafte Debatte zwischen unserem Genossen und den bürgerlichen Vertretern. Nach dem Bericht des Vorstehers haben sämtliche bürgerlichen Vereine ihre Beteiligung zugesagt, auch wollen sie sogar 100 M. der sich auf 300 M. belaufenden Gesamtkosten tragen. Genosse Hoffmann glossierte diesen ungeheuren Opfersinn und betonte, daß die 13 am Orte bestehenden Vereine nicht nur in der Lage wären die gesamten Kosten zu tragen, sondern daß. wenn diese zum Teil„neutralen" Vereine das Bedürfnis hätten in Patriotismus zu machen, ohne weiteres die Kosten dafür übernehmen müßten. Unser Redner wandte sich entschieden dagegen, daß allgemeine Mittel zur Deckung des verbleibenden Restes von 200 M. genommen würden, da ein großer Teil der Bevölkerung einer solchen Begebenheit teilnahmslos gegenüberstehe. Diese Ausführungen riefen den erstklassigen Vertreter Kupper auf den Plan, der gar nicht verstehen konnte, daß es in Deutschland noch Leute geben könne, die einer fo„großen Sache" teilnahmslos gegenüberstehen. Es wurden ferner für eine Schulfeier 100 M. verlangt, wofür an die Kinder eine Festschrift geliefert werden und außerdem die Un- kosten eines Ausfluges der Volks- sowie der Mitteli-bule gedeckt werden soll. Beide Forderungen wurden gegen die Stimmen un- .eres Genossen und des Vertreters Kirschke angenommen, welch letzterer jedoch nicht aus Prinzip dagegen stimmte, sondern weil der Betrag zu hoch sei. Einstimmig besiblossen wurde, allen Veteranen von 1864, 66 und 70, soweit sie im Orte seßhaft sind oder eventuell zuziehen und ein Einkommen von unter 1600 M. haben, die Kom- munalsteuer zu erlassen.__ Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Lichtenberg. Heute Donnerstag 6 Uhr aiendS im Rathaus, Möllen- dorffstr. 3. Tiefe Sitzungen find öffentlich. Jeder Gemeindcangehörige ist be. rcchtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. ßriefkarten der Redahtion. Die jurtsttschc SPrcqstuudc findet Llndeaftratze KS, vorn vier Treppe» — Falrftuhl—,«pchenti glich dp» Hi Hg 7 Vi Uhr abendS, K»«»abe»dS, tett 4 Vi bis 6 Uhr abends statt. Jeder für den Brieflaften besttmmren Anfrage ist ei« Bnchstade-nd eine Zahl als Mertzetche» deiznfngen. Briefliche»ntwart wir» nicht erteilt. Allfragen, denen leine Ad-nneme-isqnittno« beigefügt ist, Verden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man t» der evrechstnnde vor. A. B. 200. Richten Sie Ihre Anfrage an das Bureau Ihres Ver- bandes oder senden sie Ihre Adresse an den Genossen G., der Ihnen dann schriftlichen Bescheid zugehen lassen wird.— E. P. 64. ES ist ein Unterrichtserlaubnisschein erforderlich. Der Antrag ist bei dem Polizei- Präsidium zu stellen.— F. W. 100. 1. u. 2. Ja.— H. L- 30. 1. Sosern im Mictsvertrag nichts Näheres bestimmt ist, zwischen 10 und 6 Uhr, außer Sonntags. 2. Berlinische WohnungSzcitung, Charlottenstr. 28:— F. I. 120. Wetten entscheiden wir nicht.— R. L. 26. Ja.— — M. B. 50. Wir hatten Sie nicht für zahlungspflichtig.— W. G. 33. 1. Ersuchen-sie Ihren Anwall um Uebermittelung der mit Rechtskrastattest versehenen Urteilsausfertigung. 2. Nein.— Z. 100. 1. und 5. Nein. 2., 3. und 6. Ja. 4. so viel wie der Arbettgeber zahlt. Für die Ent- ziebung ist ärztliches Gutachten maßgebend.— F. R. III. 1. Ja. 2. Die Frau ist nicht hastbar. 3. Nein. 4. Nein, jedoch hat sie Anspruch aus Witwenrente, sosern sie ebenfalls invalide ist. Hat die Frau ebensallS Jnvalidenmarken geklebt und die Wartezeit erfüllt, so bat sie Anspruch auf Witwengeld— F. K. 683. 1. Es genügt die Anmeldung bei der Gewcrbcdeputation. 2. Durch Erklärung zu notariellem oder gericht« lich cm Protokoll. 3. Etwa 10 M.— B. 20. 1. Ja, sofern die Tochter kein eigenes Vermögen hat. 2. Nein.—-k. Z. Z. Ja. — E. H. 101. 1. Abonnenten 154 000. 2. Fehlgeburt 15,—. 3. Nester aus- suchen, mit Petroleum begießen. 4. Fleißig absuchen und vernichten.— Marttprelie von Berlin am 10. Juni 1013. nach Ermittelungen deS tönigl. Polizeipräsidiums. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 20,36 bis 20,40, mittel 20,28—20,32. geringe 20.20—20,24. Roggen, gute Sorte 00,00— 16.25, mittel 00,00—00,00, geringe 00,00—00.00(ab Bahn). Futter. gerste, gute Sorte 16,20—16,70, mittel 15,70—16,10, gering- 15,20—15,60. tafer, gute Sorte ,7,40-19.30, mittel 16,20—17.30 lfrei Wagen und ab ahn). Mais smixcd), quie Sorte 15,20-15,50. Mais l rund er), gute Sorte 15,00— 15,80." Richtstroh 4,50—4,60. Heu alt 6,40—7,60, neu 0,00. Martthallenvreije. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00— 50,00. Sveisebobnen, weiße 30,00—60,00. Linsen 35,00— 60,00. Kartoffeln(Kleinhdl.) 5,00—8,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,60-2,40. Rindfleisch. Bauchflcilch 1.30—1.80. Schweinefleisch 1.40—2.00. Kalbfleisch l.40— 2,40. Hammelfleisch 1,50— 2.40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,00— 4,80. l KUogramm Karplen 1.40— 2,40. Aale 1,40—3,20. Zander 1.40—3,60. Rechte 1,60—3,00. Barsche 1,00—2,40. Schleie 1,60—3,50, Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 3,00—60.00. WttteruugSuberiicht vom 11. Juni 1913. Slatwnen _ S st! E =« Ii sff 749® 754 WNW 754 SW Swinemde. Hamburg Berlin Franks. a.M 762' SW München!762JW Sien 1759» Bettet wolkig 7 halb bd 7 halb bd 4 wolkig 6 bedeckt 3 wollig tax ci a II i? M« Stationen c C »=1 ä s ~ x: Bf £ Bettet Hapara»da>744 ONO ' eterSburg�745WIW Scilly Abcrdecn Paris 766NW 757WNW 766 W 2 wollenl 2 Regen 2 wollig 4 halb od. 3 bedeckt G* f- £& 9 9 11 9 14 Wetterprognose für Tonnerstag, den 12. Juni 1913. Anfangs kühl, später wieder etwas wärmer, zeitweise heiter, aber noch veränderlich bei schwächeren westlichen Winden; keine erheblichen Nieder- schlage. Berliner Wetterbureau. WaflerftaudS-Nachrichten der Landesanftalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau Wasserstand M--n e l, Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor , Krossen , Frankmrt Warthe, Schrimm . Landsbcrg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz Dresden . Barby . Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel. Spandau') Rathenow') Spree, Spremberg') Beestow Weser, Münden Mrnden Rhein, Maximiliansau Kaub Köln Neckar, Heiwronn Main. Hanau Mosel. Trier ')+ bedeutet Wuchs.- Kall.- 1 Unterpegel. uieu jlC lull euicm Hyicmmciicil cuiV" �---- �----------"_°__—--------- ä?--*=- TT— Weräntwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp. Neukölln. Für fces Jnjeratenteil verantw.: Th, Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts ivuchdruckerei b. BerlagSanftalt Paul Singer u. Eo.. Berlm