Nr. 15L BbonncmentS'Rcdingungen: Abonnements- Preis' pränumerando! «lerieljahrl. 8�0 9Kf, monall. 1,10«Kr, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntag«. Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- «donnement: 1.10 Marl pro Monat. Emgetragen in die Post-Ieitungs. Tretslifle. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn £60 Mark, für das übrige Ausland s Mark pro Monat. Postaöonnements nehine» an: Belgien. Dänemark, 'lland. Jwljen, Luxembuig. Portugal. "Nällien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. Crichtint IZgNch. Berliner Volksblntt. vle Insertion;-Lebgki' beträgt für die sechsgespaltene Koloiiek- gelle oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- .und VcrsnmnilungS-Anzeigkti 80 Pfg. „Kleine Mnieigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg. tzulüfst, 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort>0 P-g. Stellengesuche und Echlafstcllcnaii- zeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort s Pfg. Worte über 12 Auch- i laben zählen für zwei Worte. Inserat? ür die nächste Nummer müssen bis » Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm° Adresse: „SoÄZliliii>ol!ki>i Benin", Zentralorgan der rozialdemohratifcbcn Partei Deutfcblands. Redaktion: SRI. 68, Lindenetrasse 69. Fernsprecher: Amt Moriuplatz. Nr. 1S8Z. Mittwoch, den 18. Jnni 1913. Expedition: SRI. 68» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morilfplnp. Nr. tS8t. Huf dem Aege zur Enteignung. Ti« aubergewöhnlidpe Preissteigerung des landwirtschaftlich genutzten Grund und Bodens ist eine der auffallendsten Erscheinungen der wirtschaftlichen Entwickdung der letzten Jahrzehnte. Volkswirtschaftler aller Richtungen haben sich mit ihr befaßt, sie zahlenmäßig zu ermitteln und ihre Ur° fachen zu finden versucht. So verschieden nun auch die Re- sultate ihrer Forschungen waren— in einein Punkte nähern sich ihre Urteile fast bis zur Uebereinstimmung: daß näm- lich die abnorme, nicht in den natürlichen Produktionsbe- dingungen begriindete Preissteigerung der landwirtschaft- liehen Guter die schliminsten volkswirtschaftlichen Gefahren birgt. Tie Ursachen dieser Preistreiberei liegen einerseits in den betriebswirtschaftlichen Fortschrittten, die besonders in den letzten Jahrzehnten tiefeingreifende Veränderungen in der Wirtschaftsweise hervorgerufen und die Produktivität der Landwirtschast enorm gesteigert haben. Bodenverbesserungen, steigende Anwendung von Maschinenarbeit, vorteilhaftere Ab- fatzverhältnisie infolge besserer Transportinoglichkeit, Grund- stückszusammenlegung und genossenschaftlich organisierter Verkauf der Produkte steigern die Rentabilität der landwirt- fchaftlichen Betriebe ganz erheblich und beeinflussen sclbstver- ständlich auch die Güterpreise. Reben diesen gewissermaßen natürlichen Wertmehrern aber treibt die Wirtschafts- Politik Teutschlands, wie sie sich in den Agrarzöllen, dein Ein- fuhrscheinsystem, der Grenzsperre usw. darstellt, die Preise der landwirtsckfaftlichen Produkte und demzufolge auch der Güter künstlich in die Höhe. In welchem Maße das geschieht. haben wir in unsereni Leitartikel vom 12. Dezember v. I. über Güterpreise und Schutzzoll ausführlich erörtert. Run ist in der letzten Zeit von bürgerlichen Vertretern wiederholt die Frage diskutiert tvorden, wie insbesondere im Hinblick.auf die innere Kolonisation den ungesunden Folgen der Bodenprcissteigerung entgegengewirkt werden könne. Als eine der kennzeichnendsten Meinungsäußerungen erwähnen wir zwei Artikel des Oekonomierats Steiger in den Nummern 20 und 21 der„Hannoverschen Land- und For st wirtschaftlichen Zeituu g", dem amtlichen Organ der hauuoverschen Landwirtschaftskammer, über das Thema: Staatliches Vorkaufsrecht für innere Kolonisation und gegen die Güterzertrümmcrung. Es verlohnt sich auch deshalb, diese Artikel eingehender zu würdigen, weil der Ver- fasser darin bemerkenswertes Material über die landwirt- fchaftlichen Verhältnisse Hannovers veröffentlicht. ' Oekouomierat Steiger führt u. a. aus, daß die Bereit- stcllung von größeren Mitteln zur Oedlandkultur und inneren Kolonisation bereits ihren Einfluß auf den Preis des Oed- landes gehabt habe. Aber nicht Bildung neuer Stelleu um jeden Preis, sondern gesunde Grundlage der Ansiedler müsse trotz des von allen Seiten zur inneren Kolonisation erfolgen- den Trängens die Richtschnur sein. Damit meint der Ver- fasser, daß nur auf b i l l i g c ni Grund und Boden Kolonisten angesiedelt werden sollen: an anderer Stelle bezeichnet er denn auch die ungewöhnliche Steigerung der Güterpreise für einen Krebsschaden. Wie andere bürgerliche Agrarpolitiker, so befürwortet denn auch Oekonomierat Steiger die gesetzliche Festlegung des staatlichen Vorkaufsrechts: nicht so sehr seines direkten Einflusses als seiner mittelbaren Wir- kung wegen, denn er sagt, es sei schon viel gewonnen, wenn das Vorkaufsrecht dadurch wirksam werde, daß es einen gewiss onDruck auf den Preis des Oedlandes herbeiführe. Dieser Druck ist in der Provinz Hannover allerdings dringend notwendig. Hannover liat von allen preußischen Provinzen die größten Moor- und Oedlandflächen(über 800 000 Hektar). Hatten diese weiten Gebiete früher allge- mein nur einen ganz geringen Wert, so wurde das anders, nachdem in den letzten Jahren Staat. Provinz. Kreise usw. mit einer planmäßigen Ansiedluug von Kolonisten auf urbar gemachtem Moorland begonnen haben. Die Oedlandpreisc stiegen in einem solckten Maße, daß von allen Seiten lebhaft darüber geklagt wurde. Erst vor einigen Wochen mußte die ..Land- und Forstwirtschaftliche Zeitung" zugeben, daß auch im Hannoverlande bereits durch die bescheidenen Urbar- machungen von Oedländereien die„früher so niedrig eingeschätzten brach liegenden Moor- und Heideflächen ganz außerordentlich im Preise st eigen, so daß viel- fach schon eine Ueberwertung befürchtet wird". Aehm liehe Klagen anderer Blätter könnten noch dutzendweise zitiert werden: sie finden alle ihre Bestätigung durch die oben wieder- gegebenen Ausführungen des Oekonomierats Steiger, eines der besten Kenner der hannoverschen Landwirtschaft. Steiger glaubt aber nicht nur, daß durch ein staatliches Vorkaufsrecht, wie es bereits in Bayern angewendet wird, ein Druck auf den Preis des Oedlandes ausgeübt und so die innere Kolonisation gefördert werden könne. Er will damit auch der Güterzertrümmerung zu Leibe, die in der Provinz Hannover von gewerbsmäßigen Güterhändlern be- trieben wtrd. In der letzten Zeit sei eine b e s 0 n d e r s u m- lang reiche Zcrtritmmerung von Höfen zu verzeichnen. � Das stattstische Material, das Steiger beibringt, ist in der Tat «Nlßerordentlich frappierend. Von 1895 bis 1907 ging innerhalb der großbäuerlichen Betriebe die Zahl der Höfe von 20! bi« 60 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche von 18 640. auf 16 788, also um 9,93 Proz., die von 50 bis 100 Hektar Fläche von 2890 auf 2319, das ist um 19,75 Proz. zurück. Und in einzelnen Kreisen ist der Rückgang noch auffallender: er macht in 47 Kreisen der Provinz Hannover über 20 Proz. aus: in den Kreisen Iburg, Zeven, Neustadt und O st e r- holz beträgt der Rückgang der Bauernhöfe von 20 bis 100 Hektar über 75 Proz., im Kreise D u d e r st a d t sogar 80 Proz. Es besieht nun leider keine Statistik darüber, welchen Anteil die Güterschlächterei an diesem Rückgang bäuerlicher Mittel- und Großbetriebe hat, aber wenn ein mit den Verhältnissen so vertrauter Mann wie Oekonomierat Steiger eine derart tief in das freie Verfügungsrecht ein- schneidende Maßnahme wie das staatliche Vorkaufsrecht als Mittel gegen die Bauernhofzertrümmerung fordert, deren Eindämmung dringendes Bedürfnis sei, dann kann wohl mit Sicherheit angenommen werden, daß ein erheb- licher, wenn nicht der größte Teil der Güter- Zerstückelung auf das Treiben der gewerbs- mäßigen G ü t e r s ch l ä ch t e r z u r ii ck z u f ü h r e n i st. Im übrigen aber deuten die hohen Zahlen der Güter- zerstiickelung darauf hin, auf welche Weise die so vielgerühmte Vermehrung der kleinen und mittleren Be- triebe erfolgt. Es ist keine Vermehrung aus eigener Kraft oder weil der Kleinbetrieb vorteilhafter wirtschaftet als der große Betrieb, sondern die Kleinbetriebe werden in erheblichem Maße durch Zertrümmerung lebens- kräftiger großbäuerlicher Wirtschaften k ü n st l i ch g e- züchtet. Obendrein aber machen die Güterschlächter, wie auch Steiger zugibt, ihr Geschäft a u f K 0 st e n der kleinen Besitzer, die die Parzellen zu unverhält- nismäßig hohen Preisen erwerben müßten. In dieser Beleuchtung gesehen, ist es schließlich ganz erklärlich, daß.Kolonisten, die unter solch ungünstigen Verhältnissen an- gesiedelt werden, sich abrackern müssen' und doch auf keinen grünen Zweig kommen. Ob das von Steiger vorgeschlagene Vorkaufsrecht des Staates den Erfolg haben wird, den er sich davon verspricht, soll hier nicht näher untersucht werden. Erwähnt zu werden verdient, daß andere bürgerliche Agrarpolitiker in ihren For- deruugen zur Bekämpfung der Güterschlächterei bedeutend weiter gehen. Teilweise fordern sie ein staatliches Vorkaufs- recht, das über die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches hinausgeht und dem Staat das Recht geben soll, zum Verkauf gelangende Güter zum Schätz« n g s wert, statt zu dem zwischen dem Verkäufer und dem Tritten tatsächlich vereinbarten Preise zu erwerben. Alle diese Vorschläge aber erregen deshalb unser Interesse, weil sie S y m p t 0 in e dafür sind, daß das Privateigentum an den Produktions- Mitteln in seiner vollen Ausbildung auch den bürgerlichen Vertretern zu denken gibt, daß die Produktivkräfte auch in der Landwirtschaft der Gesellschaft über den Kopf zu wachsen beginnen. Das freie Verfügnngsrecht über das Privateigen- tum wird auf diese Weise entweder eingeschränkt oder völlig beseitigt. Von da bis zur Enteignung ist aber nur noch ein Schritt. Tie weitere wirtschaftliche Entwickelung wird dafür sorgen, daß auch der noch gemacht werden muß. Die Verkürzung der Dienstzeit. Wenn mit militärischen Reformen gewartet werde» müßte, bis die Herren Berufs- und Zunftmilitärs mit solchen Reformen voran- gehen, so könnte man lange warten. Freilich, fast noch schlimmer als die Militärs selber sind die bürgerlichen Militärschivärmer, besonders diejenigen, die auf den untersten Stufen der Reserve- offizicrslaufbahn sich mit erfolgreichen Klettcrversuchen abmühen. Ter erste Redner unserer Fraktion, der am Dienstag bei der Weiterberatung der Militärvorlage zu Worte kam, Genosse Schulz, erklärte demgegenüber, daß man die Herren von der Militärverwaltung durch politische Entscheidungen einfach zwingen müsse, sich mit den notwendigen Reformen abzufinden. Wenn ein Muß hinter den Herren stände, so würden sie schnell im Sinne der Reformen umlernen. Dieses Muß sei auf dem Wege, die Un- erträglichkeit der finanziellen Belastung und noch mehr die Un- erträglichkeit des heutigen Volks- und freiheitsfcindlichcn Geistes der militärischen Erziehung erwecke immer weitere Kreise zur Kritik des heutigen Systems, veranlasse sie zum Nachdenken und machen sie den sozialdemokratischen Reformvorschlägen geneigt. Bon den zahlreichen Reformen, die die sozialdemokratische Fraktion durch Kritik und Anträge bei der gegenwärtigen Wehr- Vorlage zur öffentlichen Erörterung gestellt hat, wurde am Diens- tag besonders die Frage der Abkürzung der Dienstzeit auf ein Jahr oder im Falle der Ablehnung dieser Forderung die Beseiti- gung des Privilegs der cinjährig-freiwilligcn Dienstzeit für die Wohlhabenden debattiert. Wie unangenehm den Herren von der Militärvenvaltung die Erörterung ist und wie sehr sie ein Weiter- wirken der sozialdemokratischen Beweisgründe in weiten Schichten des Volkes befürchten, zeigte der Umstand, daß der Kriegsminister mehrere Maie in ausführlicher Weise in die Debatte eingriff. Um so angenehmer wird dadurch jedes Mal die Kampfposition für unsere Genosse». Ter Herr Kriegsminister tut nicht leicht den Mund auf, ohne daß nicht auch irgendein unfreiwilliger Witz oder ein verunglücktes Argument dem Gehege seiner Zähne entflicht. Dieses Mal brachte er es so weit, daß er die Paraden als Volks- feste hinstellte und damit die Beibehaltung der Paraden zu recht- fertigen suchte. Genosse Schulz behandelte besonders die Stimmung des neu- eintretenden Soldaten, sein anfängliches Erliegen vor dem gewal- tigen Druck der Kasernendisziplin und des Ererzierdrills und sein allmähliches Erwachen zur Kritik, zur Erienninis des vielen Ucber- flüssigen im heutigen militärischen Betriebe. Genosse Schulz be- handelte ferner die Ungerechtigkeit des Einjährigenprivilegs und brachte es aus die einfache Formel: Wer Geld hat. braucht nur ein .Jahr zu dienen, wer kein Geld hat, muß zwei oder drei Jahre dienen. Im letzten Teile seiner Ausführungen besprach unser Redner die Notwendigkeit der von der Sozialdemokratie geforderten Erziehung zur Wahrhaftigkeit, die in Zielsetzung und Methode grundsätzlich abweicht von den Zielen und Methoden des Jungdeutschlandbundes. Genosse O n a r ck ergänzte die Ausführungen des Genossen Schulz. Neue Lasten würden dem Volte aufgebürdet, aber für po- litisch-militärische Freiheiten sei nicht einmal die bürgerliche Linke zu haben. Genosse Luarck räumte auch durch einige kräftige Worte mit dem Märchen auf, als bestehe eine Art echter Kameradschaft zwischen Offizier und Soldaten. Vergebens versuchte der Kriegs- minister diese Behauptung zu entkräften, für die auch noch Genosse Zubeil mit einigen guten Gründen eintrat. Des Bursche nwcsens beim Militär nahm sich Genosse Stück len vor. An der Hand einer Instruktion für Burschen kri- tijierte unser Genosse mit glücklichem Humor die unglaublichen Ver- richtungen, die man heutigentags vom OsfizierSburschen verlangt. Er verlangte die Beseitigung des Burschenunwesens; aus der Tat- fache, daß heute noch Zehntausende von Soldaten ihre kostbare Zeit mit häuslichen Dienftleistungeu bei den Offiziersherrschafteu ver- trödeln müssen, leitei« er die Notwendigkeit einer Verkürzung der Tnenstzeit her. Ein neugebackener Adeliger, der Generalleutnant Wandel, trat dem Genossen Stücklen in der hochmistigen Art entgegen, wie das einem Adligen mit solchem Stammbaum zukommt. Von unserer Seite unterstrich Genosse E ch ö p f l i n noch die Darlegungen Stücklcns. stuch hier eiu iüückichritt! All der Jubiläunislärm, der jetzt durch die bürgerlichen Blätter geht, kann nickst über die Tatsache lünwegtäuschenj daß die A m ne st i e, vor allem soweit sie für die Zivilbe- völkerung in Betracht kommt, äußerst dürftig ausgefallen ist. Das gehört vielleicht auch zu der Theorie von den„Herr- lichen Zeiten", denen loir entgegengeführt worden sind. Jeden- falls zeichnete sich die Amestie, die vor 2 5 Jahren er- lassen wurde, durch Klarheit und Weitherzigkeit vorteilhast ans von der, die uns das Jahr des Heils 1913 beschert hat. Ohne die übertriebenen Lobeshymnen auf den Kaiser Friedrich III., wie sie in einigen liberalen Blättern bdiebt sind, einzustimmen— denn auch dieser„liberale" Kaiser hätte die kapitalistische Entwickelung des Klassenstaates nicht aufhalten können—, verdient doch die bei dessen Tbronbe- steignng erlassene Amnestie der Vergessenheit entrissen zu werden. Allerdings wurden damals die auf Grund des Sozialistengesetzes Verurteilten, jedenfalls ans Besteiben Bismarcks, von der Begnadigung ausgeschlossen. Immer- hin gibt die Amnestie des Jahres 1888 ein sehr lehrreiches Bild davon, wie herrlich weit wir es gebracht haben. Ter Amnestieerlaß lautete damals: Wir Friedrich, von GotteS Gnaden König von Preußen usw., wollen, um Iknsercn Rcgierungsautritt durch einen Akt um- fassender Gnade zu bezeichnen, I. allen denjenigen Personen, welche bis zum heutigen Tage 'wegen Beleidigung i? e r Äl a j c si ä t oder eines Mitgliedes des Königlichen Hauses(§§ 95, 87 des Strafgesetzbuches), wegen Verbrechens oder Vergehens in bczug ans die Aus- Übung der si a a t s b ü r g e r I i ch e n Rechte(§§ 105— 100 des Strafgesetzbuches), wegen der in den§§ 110, 112, 113, 114, 115, 116 11 np in den §§ 123, 130, 130», 131 des Strafgesetzbuches als Widerstand gegen die Staatsgewalt oder als Verletzung der öffentlichen Ordnung bezeichneten Verbrechen oder Ver- gehen, wegen der in den ßZ 196, 197 des Strafgesetzbuches gedachten Beleidigungen, wegen der mittels der Presse begangenen oder in dem Reichsgesetz über die Presse vom 7. Mai 1874(ReichSgesetzblatt Seite 65) vorgesehenen Vergeben und Ikebertretungen. wegen der nach der Verordnung vom 11. März 1850, betreffend das Versammlungs- und Vercinigungsrecht(Gesetz-Sammlung Seite 277) strafbaren Handlungen durch Erkenntnis oder Strafbefehl eines preußischen Zivikgerichis zu Freiheits- oder Geldstrafen rechtskräftig verurteilt sind, diese Strafen, soloeit sie»och nicht vollstreckt sind, unter Niederschlagung der noch rückständigen Kosten in Gnaden erlassen, ihnen auch die etwa aberkannten bürgerlichen Ehrenrechte wieder- verleihen und die etwa ausgesprochene Z u l ä s s i g i« i t der Stellung unter P 0 l i z e i a u s s i ch t aufheben. Ist wegen einer unter die vorstehend« Bestimmung fallenden und ivegen einer anderen strafbaren Handlung aus eine Gesamt- strafe erkannt, so ist der wegen der ersteren Handlung verhängic Teil dieser Strafe als erlassen anzusebcn, gleichviel, ob dieselbe im Sinn« des§ 74 des Strafgesetzbuches die anerlaunt schwerste Strafe oder deren Erhöhung darstellt. Im Zwcifelsfallc ist durch den Justizmiiiistcr Unsere Entschließung einzuholen. Auch wollen Wir die von Amts wegen zu stellenden Anträge des Justizministers bezüglich solcher Verurteilungen er- Ivarien, welche erst nach dem heutigen Tage wegen einer vor demselben begangenen, unter die vorstehende Bestimmung fallenden strafbaren Handlung erfolgen oder welche erst nach diesem Tage rechtslrästig werden. II. Ferner wollen Wir denjenigen Personen, gegen welche bis zum heutigen Tag« wegen Uevcrirctungcn Haft- oder Geldstrafen oder wegen anderer als der unter k bezeichneten Vergehen Freiheit?. strafen von nicht mehr als sechs Wochen oder Geldstrafen von nicht mehr als einhundertfünfzig Mark oder beide Strafen vereinigt von einem preußischen Zivilgericht rechtskräftig verhängt worden sind. diese Strafen, soweit sie noch nicht vollstreckt sind, und die noctj rückständigen Kosten in Gnaden erlassen. Auf vorsätzliche Körperverletzung und auf Beleidigungen findet dies nur dann Anwendung, wenn der Verurteilte die Verzicht- lcistung des Verletzten auf die Bestrafung beibringt. Haftstrafen bleiben von dieser Gnadenevweisung ausgeschlossen, sofern zugleich auf Ueberweisung an die Landespolizeibehörde er- kannt ist. Ist in einer Entscheidung die Verurteilung wegen mehrerer schwerer strafbarer Handlungen ausgesprochen, so greift diese Gnadencrweisung nur Platz, sofern die Strafe insgesamt das oben bezeichnet« Maß nicht übersteigt. III. Soweit dritten Personen aus einer Entscheidung gesetzlich ein Anspruch erwachsen ist, wie bei Forstdiebstächlcn an Gemeinde- oder Privateigentum 34 des, Gesetzes'vom 13. April 1878, Gesetz- Sammlung Seite LW), behält es dabei sein Bewenden. IV. Auf die von einem der gemeinschaftlichen Landgerichte zu Mciningen und Rudolstadt oder von einem der gemeinschaftlichen Schwurgerichte zu Meiningen und Gera erkannten Strafen findet dieser Erlaß Anwendung, sofern nach den mit den beteiligten Rc- gierungen getroffenen Vereinbarungen die Ausübung des Bc- gnadigungsrechts in dem betreffenden Falle Uns zusteht. Unser Staatsministerium hat für die schleunigste Bekannt- machung und Ausführung dieses Erlasses Sorge zu tragen. Gegeben. Charlottenburg, den 31. März 1888. Friedrich. von Bismarck. von Mahbach. Lucius. von Friedberg. von Boetticher. von Goßler. von Scholz. Bronsart von Schellendorff. Die Amnestie des Jahres 1lU3 stellt die Entscheidung über eine Begnadigung völlig in das Wohl- oder Uebelwollen der Staatsanwälte oder Gefängnisdirektoren. Was dabei herauskommen wird, kann man sich bei der preußischen Justiz- und Gcfängnispraxis schon vorstellen. Daß heute p o l i- tische„Vergehen" inklusive der Majestätsbeleidigungen von vornherein von einer Amnestie ausgeschlossen sind, ist ganz besonders charakteristisch für den Lauf der Dinge in den letzten 22 Jahren._ Staatsminifker und Kapitalisten. London, 14. Juni.(Eig.©ct.) Das von der englischen Regierung im vorigen Jahre eingesetzte Komitee, das die M a r c o n i a f f ä r e untersuchen sollte, hat endlich einen vorläufigen Bericht erstattet. Der politisch denkende Teil der Arbeiterschaft hat an der Geschichte längst alles Interesse verloren. Nur ein kleines Häuflein AntiParlamentarier, die nur Gefiihlöpolitik treiben und dabei in die sonderbarste Gesellschaft gelangen, hat sich über die Angelegenheit aufgeregt. Aus einem unterirdischen Ringen zwischen zwei Finanzgruppen ist die Marconiaffäre zu einem Kampf zwischen den Liberalen und den Kon- servativen geworden. Das bestätigt der Komitee- bericht mit aller Klarheit. Er besteht auS dem Bericht der liberalen Mehrheit und dem Bericht der kons«- vativen Minderheit. Der Mehrheitsbericht schildert die an- gegriffenen Minister als unschuldige Engel, die sich auch nicht das geringste haben zuschulden kommen lassen. Der Minderheitsbericht hingegen vertritt den Standpunkt, der dem Parteiintercsse der kon- servativen Opposition entspricht. Der Minderheitsbericht spricht zwar die verdächtigten Minister von der Korruption frei, oberer zeiht sie des Mangels an Diskretion bei dem bekannten Ankauf von amerikani- scheu Marconiaktien, kurz nachdem der Postminister mit der englischen Marconigesellschaft einen wertvollen Kontrakt ab- geschlossen hatte. In einigen Tagen wird im englischen Unterhaus« die Debatte über den Bericht eröffnet werden. Man kann schon heute mit ziemlich großer Genauigkeit den Verlauf der Diskussion voraussagen. Die Konservativen werden sich bemühen, die Marconiatmosphäre, die Atmosphäre des Verdachts und der Gerüchte zu erhalten. Nach den langen Jahren der Wanderung in der Wüste der Opposition sehnen sie sich wieder nach den Fleisch- topfen Aegyptens. Jedes Mittel ist ihnen recht, um dem inneren Zwist zu entgehen und wieder zur Macht zu gelangen. Und die Liberalen werden ihren Gegnern ihr eigenes Sündenregister vor» halten. Sie werden ihnen vorhalten, wie ein konservativer Schatz- kanzler der letzten konservativen Regierung dem Staate ein Stück Land für IlX) 000 Pfund verkaufte, das diese Summe nicht wert war; wie dieses Geschäft erst lange nachher in die Oeffentlichkeit kam? wie sich in der letzten konservativen Administration 33 Rcgierungs- Mitglieder nicht weniger als 38 Direktorenstellen in öffentlichen Ge- sellschaften teilten: wie 18 der hochbezahlten Kabinettsminister 14 Direktorenstellen besetzten usw. Mit dieser neuen Wendung, die die Marconiaffäre nimmt, hört sie aber auf, nur ein Streit zwischen den beiden kapitalistischen Parteien zu sein, die sich gegenseitig auf die Seite zu schieben versuchen, um sich den besten Platz an der Staatskrippe zu sichern. Hier stoßen wir auf ein bisher wenig besprochenes politisches Problem, das die EntWickelung des Kapitalismus und des kapitalistischen Staates er- zeugt hat. In England galt eS bisher als unzulässig, daß ein Mann eine Ministerstelle bekleidete, der Direktor einer Gesellschaft war, die mit dem Staate in geschäftlicher Verbindung stand, so daß sein privates Interesse mit seiner Pflicht als Staatsdiener in Konflikt geraten konnte. Dieses ungeschriebene Sittengesetz ist nie genau beobachtet worden. ES kam meist nur in klaren Fällen zurAnwendung— zum Beispiel wenn ein Waffenfabrikant danach strebte, Kriegs- oder Marineminister zu werden. In der Vergangenheit war auch die Anwendung minder schwer als heutzutage, wo fast alle bedeutenden Geschäfte zu Aktiengesellschaften umgewandelt worden sind und die Betriebe einen unpersönlichen Charakter angenommen haben. Ein Kapitalist verwahrt seine Eier gewöhnlich nicht alle in einem Korb. Um fein Kapital zu sichern, legt er eS in den verschiedensten Unter- nehmen an, die ihrerseits wieder auf die mannigfaltigste Weise mit anderen Gesellschaften verbunden sind. Die Untersuchung die der Genosse Walton Newbold vor kurzem im.Labour Leader" veröffentlicht hat, hat deutlich gezeigt, wie allein in der RüstungS- industrie die Fäden, die die verschiedensten Untenrehmen verbinden, kreuz und quer laufen. Die moderne wirtschaftliche Ent- Wickelung hat die Kapitalistenfamilien zu einer Kapitalistengesellschast in der Gesellschaft gemacht. Einer der besten Kunden dieser Kapitalistengesellschaft ist yun der Staat, der namentlich für Heer und Flotte ganz gewaltige Aufträge zu vergeben hat. Wo bleibt aber bei diesen Verhältnissen der Grundsatz, daß das persönliche Interesse eines Ministers im kapitalistischen Staat mit seinen Pflichten als Staatsdiener nicht in Konflikt geraten darf? Die Minister aller kapitalistischen Staaten sind reiche Männer, die ihr Vermögen in den verschiedensten Unternehmen stecken haben Wenn einmal ein Minister arm genannt wird, so ist dies doch nur im Sinne der Pickwickier zu verstehen. In England gilt zum Beispiel in der Klasse, aus der sich die Minister meist rekrutieren, ein Mensch als arm, der in« Jahre nur(I) 2000 Pfund(40 000 M.) zu verzehren hat, also so viel, wie 20 Familien der sogenannten Arbeiteraristokratie jährlich für ihren Lebensunterhalt ausgeben können. Man nehme nur ein Beispiel: In der laufenden Nummer des»Labour Leader" wird nachgewiesen, daß nicht weniger als 6 Mitglieder der bestehenden liberalen Re- gierung Anteilscheine von Rüstungsfabriken besitzen, die vom Staate große Aufträge erhalten. Wie groß mag die Zahl der Minister sein, die ein persönliches Interesse an dem Gedeihen von Betrieben haben, die nicht direkt, aber indirekt an Staatsaufträgen interessiert sind oder andere Aufträge als Rüstungsaufträge erhalten? Die rauhe Wirklichkeit kollidiert hier mit der Idee, daß der Staat etwas sei, was über den Klassen und Parteien steht, dessen Diener Götter oder Halbgötter sind, die von den heftigen Fehden, die die Gesellschaft bewegen, nicht berührt werden. In parlamen« tarisch regierten kapitalistischen Staaten kommt die kapitalistische Natur des Staates in seinen Dienern deutlich zum Ausdruck. In bureaukratisch regierten Ländern ist dies« Charakter des Staates mehr verschleiert; man sieht wie in einem Marionettentheater nur die Gliederpuppen, nicht aber die Leute, die die Drähte bewegen- Nur dann und wann gelingt es einem, die Hand eines Kanonen- fabrikanten zu sehen, der den Arm etwas zu weit ausgestreckt hat. Der Konflikt zwischen dem persönlichen Jntereffe und der Pflicht des Ministers ist dem kapitalistischen Staate angeboren; und die daraus entspringende Korruption wird böchstens verhüllt, aber nicht ver- ändert, indem man ein Privatunternehmen in eine Aktiengesellschaft umwandelt. Im Interesse der Volksaufklärung ist der heftige Streit der englischen Liberalen und Konservativen über die Marconiaffäre, in dem sich beide kapitalistische; Parteien,. die berechtigtsten Vorwürfe machen, lebhaft zu begrüßen. pol'tifcbe(leberltcbt. Der«chluh der Laudtagssesfion. Der preußische Landtag ist am Dienstag vormittag mit dem üblichen Zeremoniell geschlossen worden. Die beiden Häuser des Landtages, jedes vertreten durch 1 bis 2 Dutzend Mitglieder, versammelten sich im- SitznngSsaale des Drei- klassenhauses. Den Vorsitz in der fünf Minuten währenden Sitzung führte der Präsident des Herrenhauses v. Wedel- Piesdorf. Auf diese Weise wurde die Parität gewahrt... Am Ministertisch erschien Ministerpräsident Generalleutnant v. Bethmann Hollweg, übrigens im zivilen Minister- kostüm, nicht in neuverliehener Generalsunisorm. Neben ihm nahmen ziemlich vollzählig seine Ministerkollegen Platz. Die Verordnung, durch die der Landtag geschlossen wird, wurde vom Ministerpräsidenten verlesen, dem Herrenhauspräsidenten überreicht und von ihm für richtig befunden, worauf das gewohnte Hoch ausgebracht wurde und die Korona sich zer- streute. Und so schloß nach fünftägiger Dauer des Landtags Sommersession von 1913. Im Herbst denkt man sich wieder- zusehen. Der stürmische Ruf des Volkes nach einer wirk- lichen Wahlreform wird die erlauchten, edlen und bloß geehrten Herren bei ihrem Wiederzusammentritt empfangen. Das Steucrkompromift. Die bürgerlichen Parteien des Reichstags sind sich über die neuen D eck ungsvorlagen noch nicht einig gc- worden. Zwischen den Parteiführern und dem Reichsschatz- sekretär fanden am Dienstag- im Reichstage wieder Be- sprechungen über das Steuerkompromiß statt, bei denen der Reichsschatzsckretär die Stellungnahme der Regierung zum Konipromiß bekanntgab. Aus den vertraulichen Besprechungen wird bekannt, daß die Regierung die bisherigen Vorschläge der Fraktionen als brauchbare Grundlage bezeichnete, aber noch Abänderungen wünscht, über die die Fraktionen noch gehört werden sollen._ Provokationen. Was sich die konservative Presse jetzt herauszunehmen er- laubt, dafür liefert der„Reichsbote" wieder ein krasses Bei- spiel. Er veröffentlicht an der Spitze des Blattes einen Artikel eines Süddeutschen über die p r e n ß i s ch e n Land- tags Wahlen, in dem es heißt: „Das wichtigste Ergebnis der preußischen Landtagswahlen ist die unumstößliche Tatsache, daß das preußische Volk sich für die Einführung des ReichStagSwahl- rechts in Preußen deutlich bedankt hat. Es mag sich sonst zur Frage der Wahlreform zustimmend oder ablehnend ver- halten: das Reichstagswahlrecht will das preußische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit nicht. Dos beweisen diese Wahlen. Von den radikalen Parteien, die die Einführung des Reichstags- Wahlrechts in Preußen fordern, hat nur die sozialdemokratische Partei einen kleinen Erfolg zu verzeichnen. Die Fortschrittliche Volkspartei dagegen geht aus der Wahlschlacht mit ge- täuschten Hoffnungen hervor. Die Konservativen und das Zentrum haben den Ansturm der liberalen Wahl- rechtsreformer abgeschlagen und die Nationalliberalen, die offene Gegner des Reichstagswahlrechts für Preußen sind, haben einige Mandate gewonnen. Das preußische Volk will Herr bleiben in seinem eigenen Hause. Es hat die Angriffe satt, die in letzter Zeit be- sonders stark auS anderen deiitschen Staaten und aus dem mit Sozialdemokraten durchsetzten Reichstage gegen Preußen und sein Parlament gerichtet worden sind. Es will lieber sein altes Wahl- system beibelzalten, als das Reichstagswahlrecht einführen. Das ist die Signatur dieser Wahl." Höher geht's nimmer. Zuerst entrechtet man das Volk und dann gibt man das Ergebnis dieser Entrechtung als de.n Willen des Volkes ans! Diese Provokation ist das würdige Gegenstück zu der unverschämten Verhöhnung der Wahlrechtsbewegung, die sich kürzlich, wie wir mitteilten, das Regierungsorgan geleistet hat, als es den Wahlrechtskampf eine künstliche Mache nannte. Darüber schreibt die„Franks. Zeitung": „Wer das geschrieben hat, ist entweder ein dreister Ver- leugnet der Wahrheit oder ein weltfremder Ein- siedlet, der die erst kürzlich beendigte preußische Wahlbewegung verschlafen hat. Er könnte, hätte er den Wahlkampf wirklich verfolgt, unmöglich davon reden, es sei„laum noch eine Spur einer Wirt- lichen Bewegung" vorhanden. Er soll sich einmal bei den kleinen Gewerbetreibenden in den Städten oder bei den Abhängigen auf dem Lande erkundigen, wie sie über die Wahlrechtsrcform denken und warum so viele Hunderttausende preußischer Wähler abermals von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch gemacht haben. Gewiß nicht aus Begeisterimg über die preußischen Zustände, sondern aus Furcht vor wirtschaftlichen Folgen, wenn sie ihre Meinung be- künden. Hält die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" diese Wirkung des preußischen Wahlrechts etwa für normal und erwünscht? ES ist ein sehr ausfälliges Vorgehen des Organs der Regierung des Herrn v. Bethmann jetzt gegen die Wahl- reform Stimmung zu machen, während zu deren Gunsten ein uneingelöstes Königswort verpfändet istl Irgendwo steckt hier ein illoyales Verhalten." Die moralische Verurteilung allein tut's aber nicht; die Massen müssen eben den Herren oben deutlicher ihren Willen kundtun, dann werden solche Provokationen aufhören. Vernünftige Ansichten. Unterm Strich oder in ihren Beilagen kann man ge- legentlich selbst m der„Peitschen Tageszeitung" die Wahrheit hören. Da erörtert zum Beispiel in der jüngsten „Zeitfragen"-Beilage ein Herr A. Müller die Landflucht und die Leutenot in der Landwirtschaft. Seine Ausführungen über die Ursachen der Landflucht weichen so erheblich von dem üblichen agrarischen Klagelied ab, daß sie erwähnt zu werden verdienen. Der Mann, dessen Auffatz das Oertelblatt wohl nur aus Versehen aufgenommen hat. schreibt unter anderem: .Alle sozialpolitischen Uebel stände bei unserer Arbeiterichaft auf.dem Lande und in der Stadt haben ihren Grund iitder Unzufriedenheit, in der Sehnsucht nach Befriedigung des inneren und äußeren Menschen, im Verlangen nach dem Glück... Der BildungS« drang unseres Volkes ist an und für sich eine gesunde Er« s ch e i n u n g und hat seine Wurzeln in dem heutigen Kultur» zustande. Er läßt sich nicht zurückdrängen, sondern muß befriedigt werden." Also nicht die revolutionären Kräfte der Gegenwart ver» hetzen die Landarbeiter, wie man bisher stets hörte, sondern deren Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen ist eine gesunde Erscheinung, die ihre Ursache in dem heutigen Stande der kulturellen Entwickelung hat. Eine ganz ver- nünfttge Ansicht! Der Artikelschreiber begründet seine Meinung dann weiter, indem er das Leben der heutigen Landarbeiter- schaft als einförmiger denn je, als poesiearm und nüchtern bezeichnet. Damit hat er in der Tai recht. Auch in der Landwirtschaft herrscht heute die kapitalistische Betriebsform vor, und wo das Kapital seine Herrschast auf Menschen und Dinge ausübt, da verschuldet es nicht nur die soziale Misere des Arbeiterdaseins, sondern da zerstört es auch brutal das kümmerliche Geistesleben, das sich unter feudal- patriarchalischem Regime immerhin noch entwickeln konnte. Wenn der Artikelschreiber der„Deutschen Tageszeitung" glaubt, durch Abkehr von der Lernschule mit ihrem kalten Wissen und durch Hervorhebung des Prinzips der Arbeitsschule und des heimatkundlichen Unterrichts einerseits und durch Veranstaltung angemessener Vergnügungen andererseits den einmal bestehenden Bedürfnissen entgegenkommen und eine Besserung erzielen zu können, so wird diese Besserung schwerlich den Wünschen der oft- und westelbischen Granden entsprechen. Diese Herren werden nach wie vor die dümmstenArbeiter für die' be st en Ausbeutung s- objekte halten. Noch ein erledigtes Reichstagsmandat. Der Reichstags- und bayerische Landtagsabgeordnete Freiherr Konrad von Malfen-Waldkirch ist an einer Herzkrankheit gestorben. Dieser Zentrnmsmann vertrat im Reichstag den 1. nieder- bayerischen Wahlkreis LandShut, in dem er 1012 mit 12 430 ZcntrumSstimmen gegen 1371 sozialdemokratische, 1770 bünd- lerische und 1432 liberale Stimmen gewählt wurde. Der Wahlkreis ist eine sichere Zentrumsdomäne. Im Kampf gegen das Dänentum. Am letzten Sonntag traf in Sonderburg auf Alfen ein däni« scher Dampfer mit Ausflüglern aus Fredericia ein. Als daS Schiff anlegte, wurde dem Kapitän durch einen Polizeibeamtcn die Landung der Passagiere untersagt. Der Beamte handelte im Auftrage des Sonderburger Landrats. Es wurde noch hinzugefügt, daß das Landungsverbot di« ganze Ostseeküste Schleswigs um- fasse. Dem Kapitän blieb unter diesen Umständen nichts anderes übrig, als wieder seewärts zu dampfen und die Passagiere auf dänischem Boden zu landen. Begreiflicherweise hat sich der gesamten Bevölkerung— natürlich mit Ausnahme der berufsmäßigen Dänenhetzcr— über diese unglaublich klingende Maßnahme eine tiefgehende Erbitte- r u n g bemächtigt. Wenn es sich um ein generelles Verbot handelt, wird Sonderburg einer schweren wirtschaftlichen Krise entgegengeben. Wegen seiner hübschen Umgebung wird der Ort viel von reichZ- dänischen Ausflügler» besucht, und große Teile der dortigen Em» wohnerschafl leben von diesem Fremdenverkehr.— Diese Dänenhetze dürste noch ein Nachspiel im Reichstage haben. Die Situation auf clem Balkan. Die Petersburger Balkankoufereuz. Athen, 17. Juni. Rußland hat. wie die„Agence d'Athenes meldet, die vier Ministerpräsidenten der verbündeten Balkan st aaten offiziell nach Petersburg eingeladen. Der griechische Ministerpräsident sowie der serbische und der monte- negrinische haben die Einladung angenommen. Die Antwort Bulgariens ist hier nicht bekannt. Hinhaltende Antwort Bulgariens. Wien, 17. Juni. Einer Meldung des Wiener K. K. Telegr.-Korresp.-Bureaus aus Sofia zufolge verlautet dort an kompetenter Stelle, daß die Aufforderung des Ministers Ssasonow an die Ministerpräsidenten der Balkanstaaten in dem Sinne beantwortet sei, daß eine Begegnung erst nach vorheriger Abrüstung möglich wäre. Die Demobilisierung. Sofia, 13. Juni. Nach Mitteilungen von zuständiger Stelle ist die Antwort auf den serbischen und griechischen Vorschlag betreffend die Demobilisierung heute überreicht worden. Die Antwortnote erklärt. die Demobilisierung nur für den Fall anzunehmen, daß die Ver- kündeten einem Kondom iniuni in den strittigen Ge» bieten zustimmen. Ende der serbischen Ministerkrise. Belgrad, 17. Juni.(Meldung des Preßbureaus.) Minister- Präsident P a s ch i t s ch hat dem Könige die Demission des Kabinetts eingereicht, die jedoch nicht angenommen wurde. Die Ministerkrtsis ist damit beendet. Paschitsch wird in der in seinem letzten Erp oft gekennzeichneten Politik fortfahren. DaS neue türkische Kabinett. Konstantinopcl, 17. Juni. Das Kabinett ist folgender- maßen gebildet worden: Großwesir Said Halim Pascha übernimmt, da Rifaat Pascha endgültig abgelehnt hat, das Portefeuille des Aeußern. Ferner übernahmen JzzetPascha Krieg, T a l a a t B e i Inneres, der frühere Kammerpräsident Halim Bei das Präsidium des Staats- rats, Osman Nizami Pascha öffentliche Arbeiten, Senator SuleimanPostani(christlicher Araber) Handel und Ackerbau. Der Scheich Uel Islam sowie die Minister der Marine, der Finanzen, der Evkafe, der Justiz, für Unter- richt sowie für Post und Telegraphen behalten ihre Porte- feuilles bei. Das Kabinett gewinnt«uf diese Weise einen ausgesprochenen jungtürkischen Charakter, es zählt zwei christliche Mitglieder, nämlich Postani und de« Postminister Osman(christlicher Armenier). Ongam. Regierung und Opposition. Budapest, 16. Juni.(Eig. Ber.) Die Ernennung der neuen Regierung, die die Auslieferung der gesamten politischen Macht an TiSza bedeutet, hat sämtliche Parteien zu neuen Kämpfen aufgerüttelt. Die neue Regierung ist sich auch bewußt, daß sie nach unten jeden Halt verloren hat; daher bemüht sie sich, ihre Stellung nach oben hin zu befestigen. Sie schaffte das Gesetz über die Majestätsbeleidigungen, durch das die monarchische Institution gesichert werden soll. Der Gesetzentwurf, den der Justiz- minister dem Reichstag bereits vorgelegt hat und dessen Annahme sicher ist, führt den Titel:»Gesetzentwurf gegen Majestäts beleidigungen und gegen Angriffe des Königtums'. Er hat folgenden Wortlaut: »Wer den König beleidigt oder Akte des Königs auf eine beleidigende Art der Kritik unterzieht, wird wegen Bergehens mit Gefängnis bis zu zwei Jahren und mit Verlust der bürgerlichen Rechte bestraft. Wer die im obigen Absatz bestimmte Tat im Wege eines Druckwerkes, durch öffentliche Ausstellung in Schrift oder Bild oder öffentlich mit Worten begeht, wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren, mit einer Geldstrafe bis zu 4000 Kronen und mit dem Verlust der bürgerlichen Rechte bestraft. Wer eine Bewegung zur Aufhebung der Institution des Königtums anregt, organisiert oder leitet, oder an einer solchen Bewegung teilnimmt, wer die Institution des Königtums in Wort oder Schrift oder, bildlich angreist, oder gegen diese Institution auswiegelt, begeht ein Vergehen und wird mit Staats« gefängnis bis zu fünf Jahren und einer Geldstrafe bis zu 4000 Kronen, weiter mit dem Verlust der bürgerlichen Rechte bestraft. Das in den vorstehenden Paragraphen bestimmte Vergehen fällt, ohne Rücksicht darauf, ob dies auf dem Preßwege oder auf andere Weise verübt worden ist, in den Wirkungskreis der ordentlichen Gerichtshöf e. Die ganze Schwere des Gesetzes liegt in dem letzten Absätze, der die Vergehen den ordentlichen Gerichtshöfen zuweist, also nicht wie bisher fie den Schwurgerichten überläßt. In der Motivierung sagt der Minister offen, weshalb diese Aenderung in dem Gerichtsver fahren vorgenommen werden soll. Er gibt zu. daß die in dem Gesetze vorgesehenen Vergehen in den Nahmen der Schwurgerichte gehören. Nach den in den letzten Jahren gemachten Erfahrungen habe jedoch da» Schwurgericht dem König gegen Beleidigung keinen Schutz ge- boten. ES unterliege daher keinem Zweifel, daß die freisprechenden Urteile andere Personen ermutigen und daß sie geeignet sind, die Autorität des Königs zu schmälern. Dies soll das neue Gesetz ver hindern. Gegen diesen Akt der Tiszaschen Regierung haben sich die drei 48er Parteien verbunden. Luch die 67er Opposition und die Volks» Partei wollen diese Verbindung stärken. franhrdcb. Tie Beratung der dreijährigen Dienstzeit. Paris, 16. Juni.(Schluß der Kammcrsitzung vom Montag.) In Erwiderung auf die Ausführungen des Deputierten Thomas erklärte Kriegsminister T t i e n n e, er halte es für absurd, anzu- nehmen, daß der Kriegsminister 200 000 neue Mannschaften für Marokko hätte fordern können. Ein Kriegsminister, der, nachdem er erfahren, daß die deutsche Armee von 700 000 auf 880 000 Mann gebracht werde, nicht sofort Gegenmaßnahmen gefordert hätte, würde gegen seine Pflicht verstoßen haben.(Lebhafter Beifall im Zentrum und auf verschiedenen anderen Bänken.) Der Minister führte nochmals aus: Von allen Lösungen ist die dreijährige Dienstzeit die einzige, die unsere Armee in die Lage versetzt, allen Eventualitäten zu begegnen und den verstärkten deutschen Streit- kräften entgegenzutreten. Niemand kann den Kampf wünschen, aber wir wollen, wenn es dazu kommen sollte, bereit sein, ihm zu begegnen. Das ist die ganze Tragweite des Gesetzentwurfes.(Bei- fall auf denselben Bänken.) Wollen Sie, daß das Land der Ge- fahr entgegentreten kann.�die es von einem Tage zum andern be- drohen kann, oder wollen Sie es der Gnade der Gegner ausliefern? Wenn man gegen unfern Willen Krigg führen will, wollen wir eine Armee besitzen, die würdig ist, ihn derart zu führen, daß wir unfern Platz in Europa behaupten können. Wenn das verlangte M'rieden tienne Instrument geschmiedet sein wird, wird das Land den garantieren, für welchen es so viel Opfer gebracht hat. schloß: Wollen Sie ein lebenskräftiges Frankreich oder ein Frank. reich, das ein gedemütigtes Dasein führt? Sie werden darüber zu entscheiden haben. Die Stunde ist feierlich. Wir sind überzeugt, unsere Pflicht getan zu haben, weil wir überzeugt sind, daß es sich um das Heil des Landes handelt.(Lebhafter Beifall aus ver- schiedenen Bänken.) Darauf wurde Schluß der Debatte mit 436 gegen 126 Stimmen beschlossen. Ter sozialistische Deputierte Vailland brachte einen Antrag ein, in dem die A u f l ö s u n.g der Kammer ge- fordert wird, um die Wähler über die Rückbehaltung einer Jahresklasse unter den Fahnen und über dre Verlängerung des Militärdienstes zu befragen. Vailland zollte dann der friedlichen Politik Englands seine Anerkennung und tadelte die kriegerischen Strömungen bei anderen Nationen. Der Antrag Vaiallands wurde mit 412 gegen 149 Stimmen ab- gelehnt und darauf die Sitzung aufgehoben. Paris, 17. Juni. Der sozialistische Deputierte R o u- a n n c t brachte zu dem Gesetz über die dreijährige Dienstzeit einen Zusatzantrag ein, in dem die A m n e st i e r u n g der wegen der jüngsten Militärkundgebung bestraften Sol- baten verlangt wird. Ter sozialistische Kampf für die Miliz. Paris, 17. Juni. In der heutigen Sitzung der Kammer erklärte Jaurös, daß er und seine Freunde bei dem Gesetz betreffend die Verlängerung der militärischen Dienstzeit gegen die Dringlichkeit und gegen den Eintritt in die Diskussion stimmen würden. Bei der Abstimmung wurde sodann die Dringlichkeit mit 376 gegen 190 und Eintritt in die Diskussion mit 381 gegen 189 Stimmen beschlossen. Es erhielt darauf V a i l l a n t das Wort, um den Gegenvor- schlag der Gruppe der Vereinigten Sozialisten zu verteidigen. Die Mehrzahl der Deputierten nahmen die Ausführungen Vaillants, der die Schaffung eines Nationalheeres anregte, mit Spott ent- gegen, während seine Freunde ihm Beifall zollten. Vaillant sprach den Wunsch nach einer französisch-deutschen An- Näherung aus und bedauerte es, daß die äußere Politik Frank- reichs es nicht verstanden hätte, die Einigung zwischen England, Deutschland und Frankreich zu verwirklichen, um so den Frieden und den Fortschritt der Menschheit zu garantieren. Er tadelte es. daß die französische Regierung sich das Gesetz der dreijährigen Dienstzeit durch den russischen Imperialismus hätte aufnötigen lassen. Kriegsminister E t i e n n e und Ministerpräsident B a r t h o u protestierten lebhaft gegen diese Behauptung. Vaillant fuhr mit einer Verteidigung der pazifistischen Doktrin der internationalen Sozialisten fort und befürwortete die Einrichtung eines Milizheeres. Thierry-Cazes gab der Meinung Ausdruck, daß die Ver- längerung der militärischen Dienstzeit der Ruin der Landwirtschast sein würde. Der Berichterstatter Pate erwiderte: Wir wollen die französische Erde bewachen, die der Landmann so mühsam be-! ab, dessen Annahme Frankreich von der Weltkarte streichen würde.! Essen abgehalten. Aus dem Geschäftsbericht ist folgendes hervor- (Lebhafter Beifall im Zentrum und auf verschiedenen Bänken der zuHeben: Die Zahl der männlichen Mitglieder stieg bei starker Linken.) Der Gegenvorschlag Vaillant wurde sodann mit 498 gegen 72 Stimmen abgelehnt. Jaures entwickelte einen Gegenvorschlag zu dem Gesetz betreffend die dreijährige Dienstzeit, der im wesentlichen folgendes festsetzt: eine aktive Dienstzeit von 18 Monaten vom Oktober 1914 ab, von einem Jähre vom Oktober 1916 und sechs Monaten vom Oktober 1918 ab. Außer der regulären Dienstzeit werden Hebungen von einem Tage im Monat für junge Leute von 17 bis 21 Jahren und von höchstens zwei Tagen im Vierteljahr für Reservisten vorgeschlagen. Im weiteren Verlauf der Sitzung erklärte Jaures. er werde stets jegliche Abenteuer- und Revanchepolitik verschmähen. Er wünsche den endgültigen Frieden vorzubereiten, aber die Stärke des Landes bis zum höchsten Grade auszubilden. Denn es müsse, ohne die Beihilfe gering zu achten, welche die Diplomatie ihm in der Welt erwerben könne, allein auf seine eigene Kraft zählen.(Lebhafter Beifall auf zahlreichen Bänken, auch Ministerprästdent Barthou zollte dem Redner Beifall.) Jaures fügte hinzu, er sei stolz auf die Bemühungen seiner deutschen Genossen gegen den Militari? mus jenseits des Rheins und gab dem Berlrauen Aus- druck zu der Wirksamkeit eines eventuellen Proteste? von 4 Millionen gleichgesinnter Seelen. Jaures erhob weiter in seiner Rede gegen den Kriegsminister und den Obersten Kriegsrat hauptsächlich den Vorwurf, daß die antidemokratische Vorlage, über die dreijährige Dienstzeit, welche den überwältigenden Unterschied zwischen den Geburtenziffern Deutschlands und Frankreichs außer Acht lasse, ein w i d e r s i n niges Plagiat des deutschen Militarismus und sichtlich von dem Plane des deutschen Generalstabes beeinflußt sei. sich zurzeit mit der ganzen Macht des deutschen Heeres auf Frank reich zu stürzen und nach dessen Niederwerfung Rußland zurück� zuschlagen, ein Plan, den der deutsche General von Bernhardt als etwas Naives bezeichnet habe. Jaures brach seine Rede um 6 Uhr ab und wird sie morgen fortsetzen. Die Linke, auch die bürgerliche, die oft stürmisch applaudiert hatte, brachte JaureS Ovationen. Dänemark. Verworrene parlamentarische Lage. Kopenhagen. 16. Juni.(Eig. Ber.) Die politische Krise zieht sich in die Länge und die beiden rechtsstehenden bürgerlichen Par teien bieten ein Bild deS politischen Jammers. DaS Par lament trat zwar am 12. Juni zusammen, hat aber noch nichts weiter fertig gebracht, als die Vorsitzenden zu wählen und sich ord« nungsmäßig zu konstituieren. Selbst diese Tat ging nicht ohne Konfusion vor sich und es bedurfte deS Eingreifens der sozialdemokratischen Fraktion, um über die Schwierigkeit der Präsidial Wahlen hinwegzukommen. Unsere Genossen schlugen vor, das Prä sidium auf Grund der Fraktionsstärke proportionell zu besetzen. Da? wurde schließlich angenommen, nachdem in der liberalen Fraktion der böse Geist des Liberalismus, Herr Christensen, eine fühlbare Niederlage erlitten hatte. Christensen wollte auch diese eigentlich selbstverständliche Sache verhindern, um den späteren Kuhhandel mit den Konservativen zu erleichtern. Aber schließlich beschloß seine Partei mit 24 gegen 6 Stimmen bei 12 Stimmenthaltungen, den sozial- demokratischen Vorschlag, so daß nun ein liberaler Landwirt zum Präfidenten, unser Genosse Stauning zum ersten Vizepräsidenten und ein radikaler Landwirt zum zweiten Vizepräsidenten gewählt wurden. Zwei Bauern und ein Arbeiter bilden also das Präsidium der neugewählten Kammer, sämtlich entschiedene Anhänger der Ver- assungsvorlage KlauS BerntsenS. Dieser hatte mit der Annahme des sozialdemokratischen Borschlages in seiner Fraktion einen ersten Sieg über Christensen gewonnen. Aber daraus darf noch nicht au den künftigen Gang der Dinge geschlossen werden. Da das Ministerium sein Abschiedsgesuch bereits eingereicht hatte und daher nur die Portefeuilles in Vertretung verwaltet, konnte eine Debatte über die politische Situation noch nicht er- öffnet werden. Der König berief die Führer der Fraktionen zu sich, um ihre Stellung zu hören. Für die Sozialdemokratie erklärte der Genosse Stauning, daß in der jetzigen Situation das Ministerium Berntsen bleiben müsse, um die Verfassungs reform durchzuführen, und daß erst nachher über die weitere Gestaltung der politischen Machtverteilung gesprochen werden sollte. Auch der Radikale, Herr Zahle, gab die gleiche Erklärung ab. Man ist aber noch nicht weiter gekommen. Um eine Klänmg herbei zuführen, hat die sozialdemokratische Fraktion einen Antrag ein« gebracht, wonach die Kammer den König ersuchen soll, das Ministerium Berntsen zum Verbleiben zu ver- anlassen, um die Verfassungsreform durchzuführen. Die Kammer soll ihre Unterstützung der Reformvorlage zusagen. Das Ministerium bleibt nicht. Kopenhagen, 17. Juni. In der heutigen Sitzung des Folkething stand der Antrag der Sozialdemokraten zur einmaligen Behandlung, den König in einer Adresse zu er suchen, das bisherige Ministerium beizubehalten. Der Führer der Sozialdemokraten empfahl die Vorlage. Der Führer der Linken I. C. C h r i st e n s e n riet dringend davon ab und verlangte den Uebergang zur Tagesordnung, in der der Reichstag erklärte, daß die parlamentarische Macht äugen blicklich in den Händen der Radikalen und Sozialdemokraten liege, und daß es deshalb gebilligt werden müsse, daß das Ministerium seine Demission gegeben habe. Die Führer der Radikalen, der Rechten und der Sozialdemokraten rieten von dieser Tagesordnung ab, die mit den Stimmen der Radikalen und Sozialdemokraten gegen die Stimmen der Linken ab- gelehnt wurde. Die Rechte hatte sich der Abstimmung ent- halten. Der Führer der Sozialdemokraten zog darauf den sozialdemokratischen Antrag zurück, da der Ministerpräsident erklärte, daß das Ministenum nicht im Amte bleiben wolle. Italien. Generalstreik in Mailand. Rom, 17. Juni.(Privattelegramm deS„Vorwärts".) Die Arbeiterschaft in Mailand ist in den General- streik getreten, um gegen die(chwercn Verurteilungen streikender Metallarbeiter zu protestieren. An dem Streit beteiligen sich Haupt- sächlich die Buchdrucker, Gasarbeitcr, die Arbeiter der ganzen Metall- industric sowie die Straßenbahner. Für morgen wird völlige Arbeits- enthaltung erwartet. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen, ob- wohl keine ernstlichen Unruhen vorgekommen sind. Eine Sympathie- Versammlung der römische» Arbeiterschaft wurde polizeilich ver- boten. Die Ausbreitung des Proteststreiks auf andere Städte ist, da die Arvcitskammcrn und Syndikalisten dir Agitation gemeinsam leiten, nicht ausgeschlossen._. Hus der Partei. Aus den Organisationen. ...___ Generalversammlung des sozialdemo- RMt, Die Heereskommtssion lehnt den Gegenvorschlag Vaillant Ikratischen Kreisvereins Essen wurde am Sonntag in D i e Fluktuation um 66, auf 3901, die der weiblichen um 181 auf 1238. Der geringe Fortschritt wird auf die besonders schwierigen Ber- Hältnisse in Essen zurückgeführt. Nicht nur ließen sich viele Ar- beiter von den Kruppschen Wohlfahrtseinrichtungen täuschen, son- dern es ist auch noch die Bewegung der Gelben hinzugekommen, deren Einfluß sich bei den Kommunalwahlen und auch bei den Landtagsivahlen bemerkbar machte.— Die Einrichtung einer Zen- tralbibliothek und von Filialen in sieben Landorten hat sich be- währt. Daneben soll eine Wanderbibliothek eingerichtet werden. Die Jugendbewegung hatte stark unter den polizeilichen und ge- richtlichen Verfolgungen zu leiden.— Die Aufstellung der Reichs- tagskandidaten wurde nach lebhafter Debatte einer hierfür deson- ders einzuberufenden Kreisversammlung übertragen. Die Jahreskonferenz des ersten braunschwei- gischen Reichstagswahlkreises nahm am Sonntag in Braunschweig zur Maifeier folgende Resolution gegen vier Stimmen an: „Die Kreiskonferenz hält die Arbeitsruhe für die würdigste Form der Maiseier und beschließt: Die Maifeier bleibt ausrecht erhalten, aber die Genossen sind verpflichtet, mit allen Kräften für die Durchführung der Arbeitsruhe am 1. Mai zu wirken.' Die Resolution soll sowohl dem Landesparteitag, wie auch dem deutschen Parteitag unterbreitet werden.— Weiter wurde über ge- schäftliche Angelegenheiten, über die Aenderung des Organisation- statuts, sowie über Presse und Agitation debattiert. Protest gegen Jubiläumslärm und Wehrvorlage. Zu groß- artigen Kundgebungen der C h e m n itz e r organisierten Arbeiter- schaft gestalteten sich vier vom sozialdemokratischen Verein für den 16. sächsischen Landtagswahlkreis am 16. Juni veranstaltete öffcnt- liche Versammlungen. In vier der größten Säle der Stadt wurden sie abgehalten. Ueber das Thema„Kaiserjubiläum und Militär- Vorlage" sprachen die Reichstagsabgeordneten Genossen Brey- Hannover, Grenz- Leipzig, P e u s- Dessau und der Vertreter des 16. Kreises, N o s k e- Chemnitz. poKzeUicbes, ßerichtfiches ufw. Bereinfachtes Verfahren gegen Arbeiterfestzüge. Während die H a l l e s ch e Polizei früher gelegentlich Gewerk- schaftsfestumzüge und voriges Jahr auch den Maiumzug ge- nehmigte, verbietet sie dieses Jahr alles, sogar die seit Jahren ge- wohnten Kinderfestumzüge um den Volkspark herum. Und jetzt hat sie den Gewerkschaftsfestzug verboten mit einer nach Inhalt und Kürze klassischen Begründung. Während sie früher lange Ausführungen über die zu Widersetzlichkeiten und Gewalttätigkeiten neigenden Elemente der Großstadt, die blutig verlaufene Straßen- demonstrationen von 1910 und den herausfordernden Charakter der Massendemonstrationsfestzüge machte, um so die Sicherheitsgefähr- dung nachzuweisen, beruft sie sich jetzt einfach auf Verkehrs- schwicrigkeiten: „Die schwierigen Verkehrsverhältnisse der meist von Straßenbahngleisen durchzogenen Straßen, besonders aber die durch die zu erwartende große Teilnehmerzahl bedingte Ausdehnung des Zuges lassen, namentlich in Anbetracht des Sonntags, befürchten, daß der Verkehr und damit die öffent- liche Sicherheit durch die Veranstaltung empfindlich gefährdet wird." Das Reichsvereinsgesetz gestattet keine Verbote aus Verkehrs- polizeilichen Gründen. Das Oberverwaltungsgericht hat auch wiederholt in diesem Sinne entschieden. Aber für den„liberalen Oberbürgermeister Dr. R i v e gilt anscheinend weder die Meinung des Reichstages noch die des Oberverwaltungsgerichts. Und der Regierungspräsident von Merseburg hat sich ihm angeschlossen; er wies die gegen das Verbot eingelegte Beschwerde aus den in der Verfügung angegebenen Gründen zurück".*! Die Sache wird natürlich weiter verfolgt, denn wenn Rechten? werden sollte, was die Hallesche Polizei verfügte, dann könnte keine größere Arbeitervereinignng in Städten mit Straßenbahn noch einen Umzug veranstalten._ Jugendbewegung. Spitzel in der Jugendbewegung. In einer Jugendversammlung in Königsberg i. Pr., am 16. Juni, sprach Arbeitersekretär Krüger über„Die Königs- berger Polizei im Kampf gegen die Arbeiter- j u g e n d". Er machte dabei die Mitteilung, daß ein Schlosser- lehrling Max Schirrmann auf Veranlassung des Königlich prcußi- schen Kriminalkommissars Scheffler Abonnent der„Arbeiter- Jugend" geworden war, um diese Zeitschrift und die Mitteilungs» blätter über die Veranstaltungen für die Königsberg er Arbeiterjugend in die Hände der Polizei zu spielen. Er sollte auch auf eventuell politische Reden und ferner darauf aufpassen, ob vielleicht eine Jugendorganisation besteht. Als Entschädigung bekam er 6 M. monatlich, manchmal auch weniger. So lumpig die Tätigkeit» ,0 lumpig also auch die Bezahlungl Der strebsame und hoffnungS- volle Polizeijüngling machte die Sache aber doch gar zu unge- schickt, so daß die Entlarvung schnell seiner staatserhaltenden Tätig» i'eit ein Ziel setzte. Der in Königsberg gerade anwesende Genosse Dr. Karl Liebknecht hielt dann in der Versammlung noch eine Ansprache. Der anwesende Polizeikommissar unterbrach ihn nach einiger Zeit und verlangte die Entfernung aller Personen unter 18 Jahren, da Liebknechts Rede eine politische sei. Der Herr Kom- missar ließ sich aber doch überzeugen, daß sein Verlangen un» berechtigt sei und unter dem Jubel der Versammlung konnte Lieb- knecht seine Rede beenden. Die Spitzelgeschichte ist ein trefflicher Beweis, Wie man in nationalen Kreisen die Jugend„ertüchtigt". Letzte IHachrichtem Der Generalstreik in Mailand. Rom, 17. Juni.(Privattelegramm des„Vor- wärt s".) Die Arbeitskammer Mailands hat nach erfolg- reichem dreitägigen Stre'k die Wiederaufnahme der Arbeit be» schlössen, um ernste Komplikationen der provozierten, teilweise ehr lange arbeitslosen Menge zu verhüten. Wahrscheinlich werden die Syndikalisten diesen Beschluß ablehnen. Der eutige Tag brachte bei fast vollständiger Arbeitsruhe zahl- reiche Polizeiattackcn und Verhaftungen. Die Organisationen Roms und zahlreicher anderer Städte erklärten sich bereit, auf Mailands Order zu streiken. Die Situation ist der zahl- reichen Provokationen wegen andauernd ernst. Der Londoner Suffragettenprozeß. London, 17. Juni.(W. T. B.) In dem Prozeß gegen die An- hängerinnen des Frauenstimmrechts wegen Verabredung, Schaden zu stiften, und wegen Aufreizung anderer wurde heute das Urteil gefällt, es erhielten die Frauen Kerr 12 Monate, Lake und Lennax 8 Monate, Bannet 9, Anders 16 und Kenney 18 Monate, der Che- miker Clayton erhielt 21 Monate Gefängnis. Im Sturm umgekommen. Kiel, 17. Juni.(W. T. B.) Am 7. Mai unternahmen drei Studenten der Medizin eine große Segeltour, von der sie noch nicht zurückgekehrt sind. Heute ist ein Segler aus Königsberg mit dem Boot der drei Studenten im Schlepptau hier eingetroffen. Der Segler hatte das Boot auf See treibend gefunden. Im Segelboot befand sich das Tagebuch, welches bis zum 10. Mai reicht und chwere Stürme verzeichnet. Es ist mit Sicherheit anzu» nebmen, daß die drei jungen Leute umgekommen sind. E Todes-Anzeigen SozialdemokratiseberVaMferein f. IBM Relehstaiis-Wablkreis. Sejirt 826. Lm Montag, den IS. Juni, verstarb unser Genosse, der Former Johann Groth Koloniestr. 15. Ehr« seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am DoimerStaa, den 19. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle deS Sophien- Kirchhofes, Frcienwalder«traße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 228/11 Der Vortitan«!. SozialdemokratiseherWablYerein I. d. 6. Herl. Reiehstagswablkreis Nm Mittwoch, den 11. Juni, verstarb unser Genosse, der Tischler NI» Mielke voyenstraße 14. Ehre seinem Andenken! Di« Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. MtS., nach» mittags 2'/, Uhr, von der Leichen- Halle des Gnaden> KirchhojeS, BarsuSstraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. SozUdennkratiseher Wahlverein Cfipenick. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Gastwirt Mhelm Schönrath am 16. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Di« Beerdigung findet o Douneritag, d. 19. nachm. 51/« Uhr von der Leichenballe des hiesigen Friedhofes aus statt. 201/11 Um rege Beteiligung bittet Der Borstand. Zentraiverband der Maschinisten n. Heizer sowie Beralsg.Dentsehl. Gesehäflsstelle Groß- Berlin. Bezirk Köpenick. Am 16. Juni verstarb unser Mitglied, Kollege 152/11 Vilhelm Sehonrath. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den 19. Juni, nach- mittags 5'l4 Uhr, von der Leichen- Halle des Köpmicker Friedhoses aus statt. Rege Beteiligung erwartet Die Geich&ttsstetlenverwaltung. Dentseher Metallarbeiter-Verband Verwaltungstteile Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Metall» arbeiter Franz Slarezewski am 15. d. MtS. an Lungenleiden gestorben ist. Di« Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Juni, nach» mittags 5'/, Uhr. von der Leichen- Halle deS Sebastian-KirchhofeS in Reinickendors- West, Humboldt- strafe, auS statt. Fenier starb unser Mitglied, der Schlosser Friedrich Steuer am 16. d. MtS. an Lungenleiden. Die Beerdigung findet am ''"L Ju' Donnerstag, den 19. Juni, nach» mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle deS Gemeinde-FriedhofeS in WolterSdors bei Erkner auS statt. Ferner starb«nser Mitglied, der Metallarbeiter «Julius Kruse am 15. d. MtS. an Lungenleiden. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 18. Juni, nach» mittags 4'/. Uhr. von der Leichen» balle deS FriedenS-KtrchhofeS in Niederschönhausen auS statt. Ehre ihrem Andenken! Rege BeteUigung wird erwartet. 120/4 Die Ortsverwaltung. Allen Kollegen und Bekannten zur Nachricht, dafi am Sonntag, den 15. Juni, mem innigstgeliebter Mann, unser treusorgender, un- vergeßlicher Vater, Sohn, Bruder und Schwager, der Obermaschinen- meister Paul Siein im Alter von 34 Jahren sanst entschlaseu ist. Im Namen der trmiernden Hinterbliebenen Agnes Stein nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 19. Juni, nachmittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle"des Iions-KirchhoseS, Nord« end. aus statt._ 12.34b ingendanssebiiß Lichtenberg. N a eh r n f. Den Kollegen und Kolleginnen zur Nachricht, daß unser junger Freund Bruno Wegmann Alt-Bo�liageu 4/5 nach schweren Leiden gestorben ist. Wir werden lein Andenken in Ehren halten. 286/12 �e�u�ndaussedub�iodtenderg� Verband der Riireanangesteiiten Deutschlands Ortsgruppe GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur gest. Nach- richt, daß unser Kollege, der Bureauvorsteher August Fürstenberg (Anwaltsbranche) am 15. d. Mts. verstorben ist. Ehre seinem Audeiiken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 18. Juni, nachm. 2Ubr,ausdem städtischen Fricdhose. Müllcrstraße(Ecke Secsiraße) statt. Rege Beteiligung erwartet l�L�������Örtsverv»��� Allen Parteigenossen die traurige Nachricht, daß heute Nacht meine liebe Frau, unsere Mutter EBrniüe Schulze geb. Hase, verw. Bernhard nach langem, schwerem Leiden verstorben ist. Um stilles Beileid bitten Bnni Schatze nnd Kinder, Dolziger Str. 27. Beerdigung: Bitte das Inserat ilverei deS WahlvercinS zu beachten. VerbandderSattleroMIenlUer Ortsverwaltung Berlin. Den Kollegen hiermit zur Nach- richt, daß unser Mitglied, der Portefeuillcr Raul Ullrich (Werlstatt I. schloß) verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den 19. Juni, nach- mittags 4>/,Uhr, von der Leichen- Halle des Emmans-Kirchhofes in Neukölln, Oermannstraße, aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 157/1 Die Ortsverwaltung. Danksagung. Allen lieben Verwandten, und Bc- kannten, dem Verband der Brauerei- und Mühlcnarbciter und verwandten Beriusgenossen, der Direktion sowie sämtlichen Kollegen des Böhmischen Brauhauses sür die herrlichen Kranz- spenden sowie liebevolle Beteiligung bei der Beerdigung meines lieben Mannes aus diesem Wege meinen herzlichsten Dank. 93A ITran Baric Prescher nebst Kindern. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlichster Teilnahme nnd die reichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unserer guten Mutter sagen wir allen Verwandten, Freunden, Kollegen und Bekannten unseren herzlichsten Dank. 1235b Otto BUIler nebst Sohn, Blumentholstr. 29. Haben Sie ätoft? JcA farUae davon Anzug od. PMldtot nach Mass, schick, datier h. Zataten von 25 Mark an. Moritz Labend, � Neue PromenadtS, II.(Stadtb. Börs.) Die schlimmsten Feinde der Kinder sind die besonders im Sommer austretenden Magen- und Darmerkrankungen. Den besten Schuh dagegen bietet die rationelle ,K u s e k e'-Nahrung mit Beigabe von MUch. Diese seit vielen Jahren bewährte Nahrung sührt dem DrganiSmus alle Itossc zu, die zu seinem Ausbau nötig sind, und macht ihn dadurch widerstandsfähiger gegen Krankheiten. Die im.Knseke- enthaltenen Mineral- und Eiweiß- sloste sördern die Knochen- und Muskelentwickelung auss günstigste._ 5 SS Drei Tropfen geben schmutzigstem detail| Bauerglanz. Unentbehrlich für Autos. 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Periaa BorwSri»Bu»dr.'.i» aurta««qnftalu GaulStligkr K Co., Berlin LW... Hiermit 2 Beilose««.NutkrhaltungSM. m« KeilM des„Umirls" Kerlim UcksdlM»«»,»,.»>« lhtN gebrauchtes Wort.Ein Reich, ein Volk, ein «Sott, hingewiesen.— Die Versammlung erhebt sich zum An- Sitzen 0n 06,1 t'e�c)t�enen �bg. Frhrn. v. M a l s e n sZ.) von den Das Gesetz über die Einführung des Unter- ftutzungswohnsitzes in Bayern wird verabschiedet. A. Lesung der Wehrvorlage. 6. Tag. Zur Debatte steht der sozialdemokratische Antrag auf �brkürzung der Dienstzeit auf ein Jahr, eventuell Abschaffung des Einjährigenprivilegiums und die bereits mitgeteilte fortschrittliche Resolution, die ganz allgemein Vorbereitungen für eine Dienstzeitverkürzung und Erweiterung des Einjährigenrechts verlangt. Abg. Graf Praschma(Z.) lehnt den sozialdemokratischen Antrag auf Herabsetzung der Dienstzeit auf 1 Jahr namens seiner Partei ab. Früher sei wohl mit der Zeit in der Kaserne etwas ver- schwenderisch umgegangen. Jetzt aber seien die technischen Schwierig- leiten so groß geworden, daß man die zwei Jahre feste ausnützen muße. Der Abg. Gradnauer hat eine Armee mit kurzer Dienstzeit eine demokratische genannt. Daraus müßte der Schluß gezogen werden, daß das ultraradikale Frankreich jetzt zu einer ganz reaktionären Dienstzeit von drei Jahren übergeht. Recht hat der Kollege Gradnauer, daß eine Armee mit kurzer Dienstzeil eine Friedensarmee ist. Sie ist es in dem Sinne, daß sie für den Krieg weniger tauglich ist. Die beste.Friedens- armee" ist demnach die, die gar keine Ausbildung durch- macht. sHeiterkeit.) Wenn es richtig ist, daß durch das zweite Dienstjahr der Volkswirtschaft wichtige Kräfte entzogen werden, so sind doch die Sozialdemokraten ganz inkonsequent, wenn sie durch rhren Eventualantrag die 17 009 Einjährigen ein zweites Dienstjahr einstellen wollen. Auch die Resolution Ablaß will eine Herab- setzung der Dienstzeit und wird deshalb von unserer Fraktion ab- gelehnt. sBeifall im Zentrum.) Abg. Nehbel(k.): polemisiert ebenfalls gegen den Antrag Grad- nauer: Die Bauernsöhne diene» gern 2, 3, auch 4 Jahre.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Dafür haben Sie kein Ver- ständnis.'(Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten.) Dem Antrag Ablaß betreffend die Jugendorganisation bringen wir große Sympathien entgegen, halten ihn aber im gegenwärtigen Moment nicht für durchführbar.— Die einjährige Dienstzeit ließe sich schon deshalb nicht durchführen, weil man dann zweimalige Re- kruteneinstellung haben müßte, was ein doppeltes ÄuS- b i l d u n g S p e r s o n a l erfordern würde.(Widerspruch links.) Im Falle einer Mobilmachung hätten wir bei einjähriger Dienstzeit zur Zeit der Rekruteneinstellung nur ganz geringe Bestände aus- gebildeter Mannschaften. Redner erklärt sich daraus für sachverständig, was erneutes Gelächter bei den Sozialdemokraten auslöst, und polemisiert dann gegen einen Aufsatz in der.Zukunft', in dem ausgeführt wurde, daß der Geist der Mannschaften im zweiten Dienstjahre weniger gut sei als im e r st e n Dienstjahre, was Redner bestreitet. Die Schweiz lebe nur von der Eifersucht der Nachbarn.(Bei- fall rechts.) Kriegsminister v. Heeringen: Meine Vorgänger haben eigentlich schon alles gesagt. Die Herabsetzung der Dienstzeit ist ein untaug- liches Mittel zur Herabsetzung der Kosten. Die Sozialdemokraten wollen ja vor allem die Miliz aus politischen Gründen. Das hat der„Vorwärts' im vorigen Jahre zugegeben. Sie wollen durch die Herabsetzung der Dienstzeil die Regierung schwächen, schwächen aber tatsächlich das Vaterland.(Lebhafter Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Sie wollen eine Herabsetzung der Leistungsfähigkeit, der Zuverlässigkeit unserer Armee.(Lärm bei den Sozialdemokraten.) Der Abgeordnete Gradnauer� hat dann gesagt, wir brauchten die längere Dienst- eit hauptsächlich für den Fall der eventuellen Unruhen. Allerdings oll die Armee auch in kritischen Fällen ihren Mann stehen. Wenn wir in der Erfüllung unserer Pflicht, die Armee zur Treue für Kaiser und Reich zu erziehen, mit der Sozialdemokratie '» Gegensatz geraten, so ist das keine Politik.— In wenigen Landern brancht die Armee erfreulicherweise so wenig zum Dienst ,"ner.en Unruhen herangezogen zu werden, wie bei uns. »rur Parodeübungen lege ich niich gar nicht besonders ins Zeug, denn ne stnd einmal ziemlich selten, geben aber ein gutes Bild der Exerzierausbildung und sind wahre Volksfeste(Große Heiterkeil bei den Sozialdemokraten), die die Freude und das Interesse des Volkes an der Armee heben und erhalten.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Das ist Ihnen freilich unangenehm! (~.er Kriegsminister wendet sich dann gegen eine Verkürzung der Dienstzeit. Dann könnten wir die Soldaten nicht mehr nach Hauie beurlauben und könnten dem Ausbildungspersonal nicht mehr die nötige Erholungsfrist beinr Mannschaftswechsel geben. Wir sind nnt der zweijährigen Dienstzeit nur mit Anspannung aller Kräfte fertig geworden, für die einjährige hätten wir gar nicht genug Aus- bildungspersonal. Dann wären auch die verschiedenen Spezialausbildungen gar nicht möglich, die die volle Ausbildung in der Waffe voraussetzen, also erst im zivelten Jahre gegeben werden können. In der gründlichen Einzelausbildung liegt die Stärke des deutschen Heeres. Rütteln sie nicht an diesem Grundpfeiler der Armee!— Zu dem sortichrittlichen Antrag bemerke ich, daß noch nicht jeder gute �.urner auch ein guter Soldat ist. Die Bevorzugung der Turner wäre auch organisatorisch undurchführbar.— Was die Ein- jahrlgsreiwilligen anlangt, so ist es doch ganz was anderes, gebildete Leute in beschränkter Zahl und durch ausgesuchtes P e r i o n a l auszubilden oder Kompagnien von 30 und mehr Rekruten. Außerdem niachen die Einjährigen auch viel mehr Hebungen. Tie einjährige Dienstzeit würde enorme K o st e n verursachen, und die im Kriegsfall notwendige Offensive beeinträchtigen. Die Eisenbahnen könnten so gewaltige Massen gar nicht befördern. Auf die kürzere Ausbildungszeit der Serben und Bulgaren kann man sich nicht berufen, denn das find marschier- und waffengeübte, abgehärtete Naturvölker; und ihr Gegner war ein unausgebildeteS Rekrutenheer! Mit B e- g e' sU r u n g zogen sie in den Krieg gegen den Erbfeind— das ist nicht zu vergcffen! Der Schweizer Oberst Will lobt die Miliz keineswegs. Lehnen Sie alle diese Anträge ab, sie wären der Ruin des deutschen Heeres!(Beifall bei der Mehrheit.) Abg. Liesching(Vp.) tritt für die Reiolutionen seiner Partei ei». Die einjährige Dle»stze>l k a n n n i ch t i n F r a g e k o m m e n. so lange nicht ganz Europa sie einführt. Kleine Leute in der Schweiz haben mir gesagt, daß es ihnen viel lieber wäre, ein bis zwei Jahre hintereinander zu dienen, als so oft dem Erwerbsleben durch Einberusungen entzogen zu werden.(Hört! hört! bei der Volkspartei.) Wäre also die Miliz ein Segen? Die Sozialdemo- kraten sollten mit uns für Ausdehnung des Einjährigenrechts ein- treten. Die Sozialdemokratie hat uns den Vorwurf gemacht, daß wir unsere weitergehende Resolution aus der Budgetkommission im Plenum nicht aufrechterhalten haben. Aber wir halten in der Budgetkommission die große Mehrheit gegen uns und wollen nun versuchen, im Plenum wenigstens etwas durchzusetzen. Wir wissen ja. daß Sie(zu den Sozialdemokraten) alle« als.Limonade' usw. verhöhnen, waS nicht aus Ihrer Partei herauskommt.(Beifall bei Liberalen und rechts.) Abg. Schulz(Soz.): Der Herr Kriegsminister hat ja heute einen sehr netten Witz gemacht, indem er sagte, die lange Dienstzeit müsse aufrecht erhalten werden, weil die Parade notwendig sei, um einen Ueberblick über die Ausbildung zu bekommen. Das ist doch kein Argument, das ist ein Witz, und bei einer anderen Gelegenheit, in der Budget- kommissio», bat er die kurze Dienstzeit der Schweiz mit einer Frucht verglichen, die man dort nicht erwarten könne, wo man nicht die Blüte einer verbesserten Jugenderziehung habe. Heute aber hat der Herr Kriegsminister gegen den Antrag Ablaß betreffend eine bessere Jugenderziehung gesprochen. Daraus muß man also den Schluß ziehen, daß, weil der Herr Kriegsminister die Früchte, nämlich die Verkürzung der Dienstzeit nicht will, er sich auch aus den Blüten nichts macht. Das ist der Standpunkt eines Berussmilitärs, der mit einer menschlich begreiflichen Liebe an dem Gedankenkreise hängt, in dem er aufgewachsen ist. Wir können also diesen Standpunkt wohl begreisen, aber nicht billigen. Er ist uns zu eng. Schon mein Herr Vorredner hat ausgeführt, daß die militärischen Kreise mehr Rücksicht auf das bürgerliche Leben nehmen müssen. Für Beibehaltung der jetzigen Dienstzeit sind die Militärs und die regierenden Kreise hauptsächlich aus politischen Gründen, und über diese sind wir besser unterrichtet, als der Kriegsminister, der als Militär gar nicht das Recht hat, sich um politische Dinge zu kümmern.(Sehr richtig I links.) Es ist aber schon Politik, wenn Sie die Sozialdemokratie bekämpfen. Das ist sogar in der Weise, wie Sie es betreiben, die nngcrechteste Ausnahmepolitik, die man sich denken kann. Als Militär haben Sie nicht das Recht, die Sozialdemokratie als politische Partei zu bekämpfen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Wir können uns unmöglich durch Ihre Fachautorität an der Kritik verhindern lassen. Wenn der Herr Reichskanzler seit gestern zum Generalleutnant befördert ist, so frage ich Sie, ist er denn nun in Ihren Augen mit einem Schlage ein bedeutenderer militärischer Fachmann ge- worden?(Heiterkeit.) Ich glaube, daß der Herr Kriegsminister auch heute noch mehr Wert auf das militärische Urteil eines Mannes hier im Hause legt, der nicht einmal die Gefreitenknöpfe hat, der wohl nicht einmal Soldät gewesen ist, nämlich des Abg. Erz- b e r g e r.(Große Heiterkeit.) Dagegen erhebt sich, sobald ein Mann derselben Partei, der wirklich sachkundig ist(General H a e u s I e r). etwas anderer Meinung ist als die Herren vom Bundesratstische, sofort ein Regierungsvertreter, um zu erklären, daß der Herr Abgeordnete gerade auf diesem oder jenem Spezial- gebiete nicht sachkundig sei. Der Herr Kriegsminister hat gemeint, die serbischen und bulgarischen Truppen hätten auch bei kurzer Dienstpflicht deshalb etwas geleistet, weil sie von Natur aus infolge der Abhärtung besser zum Kriegsdienst geeignet sind. Aber wie reimt sich das damit zusammen, daß uns sonst immer gesagt wird, die Tüchtigkeit einer Armee hänge von ihrer g e i st i g e n Ueberlegenheit ab. So sieht man, daß die Herren Militärs aus der großen Rüstkammer ihres Wissens immer gerade für de» einzelnen Fall mit irgend einem Argument herauskommen, das gerade für diesen einzelnen Fall die Reform unmöglich machen würde. Daß NebergangSbestimmungen gefaßt werden müßten, wenn der Reichstag einmal unseren Antrag annehmen würde, ist so selbstverständlich, daß man darüber kein Wort verlieren braucht. Durch solche Schreckgespenste, wie sie von den Herren da drüben für den Fall einer Mobilmachung an die Wand gemalt werden, wollen wir uns von der Kritik des stehenden Heeres nicht abhalten lassen. Der Herr Kriegsminister übt ja selbst alle Jahre aufs neue Kritik an dem Bestehenden, indem er Jahr für Jahr eine neue Borlage einbringt und damit begründet, daß unser Heer au diesem oder jenem Punkte nicht vollständig sei. Aui diese Weise ist ja daS Heer seit langen Jahren überhaupt nicht zur Ruhe gekom>n«i. Sie iverden natürlich sagen: Ja, das muß sein. Auch wir haben großes Ver- ständnis für das Wörtchen: muß. Wenn man vor 180S den preußischen Offizieren die Scharnhorslsche Heeresreform vorgeschlagen hätte, was hätten die Herren da'wohl gesagt? Wie hätten sie einen solchen Kritiker am Bestehenden einen frechen Menschen ge- nannt und ihn womöglich in die Kasematten gesteckt! Nach 1806 gingen die Nesormen sehr schnell, weil ein Muß dabei war. Da waren die Reformen möglich angesichts des Feindes, ja fast unter seinen Bajonnetten. Auch alle Reformen im heutigen Heere werden möglich werden, sobald erst einmal ein Mutz dahinter steht, und dieses Muß, das Reformen im Sinne der Miliz bringen wird, ist schon im Anmarsch und kommt alle Tage näher. Dieses Muß wird erzwungen— nicht durch den äußeren Feind, an dieses Schreckgespenst des Kriegsministers glauben wir nicht— aber es wird erzwungen durch die finanziellen Nöte, durch den unerträglichen Druck der wachsenden finanziellen Belastung. Auch durch die Regelung der Deckungssrage, über die die Herren wohl noch nicht ganz einig sind— ich führe darauf die große Gelassenheit zurück, mit der die Herren hier der Verhandlung über unsere Anträge beiwohnen. (Unruhe rechts.) Ich will damit sagen, daß, ivenn die Herren über den Kompromiß schon einig wären, sie hier sich wohl nicht so an der Debatte beteiligen würden. Es ist uns sehr lieb, daß auf diese Weise unsere Anträge so gründlich und sachlich durchberaten werden.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Wir sind nicht Gegner der Disziplin, sondern nur des Kadaver- gehorsamS, mit dem der heutige Militarismus steht und fällt. Daß Disziplin sein muß, das braucht man gerade unS Sozialdemokraten nicht zu sagen, das hieße Eulen nach Athen oder— um zeitgemäßer zu sprechen— Fahnen nach Berlin tragen.(Heiterkeit.) Sie könnten sich geradezu ein Beispiel an der Disziplin der Sozialdemokratie nehmen. Wir bekämpfen nur den Drill, das heißt den frciheitsfcind- lichen Geist der Kasernen, die Abschließung des Soldaten gegen die frische Luft, gegen das Volk. Wir bekämpfen den Drill als den Selbstherrscher der Kasernen, als den Quälgeist, der den Soldaten das Leben verbittert. Der Kriegsminister gibt dies ja zum Teil selbst zu. indem er immer wieder ausführt, daß er gar nicht so besonders viel Wert auf den Drill lege. Die heutige Heeresorganisation entspricht nicht dem ganzen übrigen wirtschaftlichen und sozialen Gefüge, sie paßt in keiner Weise zu dem a l l g e m e i n e n W a h l r e ch t, das das deutsche Volk besitzt, sie entspricht nicht den demokratischen Strö- m u n g e n und Tendenzen der Gegenwart. Um so größer ist die berechtigte Erbitterung der breiten Massen. Mit der freien Selbstbestimmung des Mannes, die doch auch dem Prinzip des allgemeinen Wahlrechts zugrunge liegt, das uns alle in dieses Haus hereingebracht hat, stimmt die heutige militärische Er- ziehung nicbt überein. Auch der freie Mann unterwirft sich den Geboren der Disziplin, wo er sie als nötig erkannt hat, aber es widerstrebt ihm, sich Geboten zu unterwerfen, die er nicht für not- wendig halten kann und die ihm nur aufgezwungen werden. In der heutigen Kaserne wird jede persönliche Freiheit einfach ausge- löscht. Hier �gilt der Spruch: Laßt alle Hoffnung draußen!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Auf zwei Jahre ist der Soldat nicht mehr ein freier Mann, nicht mehr ein Bürger, er ist nicht mehr berechtigt, eine religiöse oder politische Ueberzeugung zu haben, nicht einmal auch nur zu denken, son- dern er ist ein Automat, eine Maschine, eine Puppe, ein Werkzeug, ein willenloser GeHorcher.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) Aber— und das ist ihre größte Sorge— der innere Mensch läßt sich nicht so uniformieren, wie der äußere. Die zwanzigjährigen Menschen, die durch die heutige Schule gegangen sind, haben an sich selbst den Wert der eigenen Erziehung zur Per- sönlichkeit kennen gelernt, sie sind Männer mit Herz, Ver- stand, Erfahrung und Charakter, wenn auch mit j u g e n d- l i ch e r Erfahrung uud jugendlichem Charakter. Und diese Leute ziehen ihre Gesinnung und Ueberzeugung, ihre ganzen Gefühle in der Kaserne nicht so aus wie den Zivilanzug, für den Sie den jungen Leuten die Montur geben. Hat die Militär- Verwaltung eine Ahnung von der Erbitterung, in die der Kasernengeist die 20jährigen Männer versetzt? Die Herren von der ivlilitärverwaltung sind zwar ihr Lebelang Soldaten— ich sehe den leisen Spott auf den Mienen der Herren, weil ich mir herausnehme, etwas über ihr ureigenstes Gebiet, über den Geist der Kaserne zu sagen I—, aber Sie sind niemals mit den Soldaicn so zusammengekommen, daß Sie deren Stimmung und innerste Ge- fühle kennengelernt hätten.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Glauben Sie, daß der Soldat dem Vorgesetzten sein Herz ausschüttet?! In den ersten Wochen und Monaien konimt der Rekrut weniger zum Bewußtsein dessen, was an ihm verübt wird. Der ganze Geist der Kaserne legt sich lähmend auf sein Denken. Das Neue, Ungewohnte und Schreckhafte löscht zunächst jede selbständige Persönlichkeit aus. Wer von Ihnen Soldat war. wird sich entsinnen, wie uns ganz unwillkürlich eine Gänsehaut über den Rücken lief bei der Verlesung der Kriegsartilel mit all den fürchterlichen Strafen für Vergehen, von denen wir nicht das geringste wußten, und wie sich unser das Gefühl bemächtigte, daß vielleicht schon der Schritt aus der Stube einen Verstoß be- deuten und eine wer weiß wie lange Freiheitsstrafe nach sich ziehen könnte. Aber allmählig kehrt die Ucberlegung und das selbständige Denken zurück, der junge Mann wird kritisch. UebrigenS. wenn erst die jungen Leute, die durch die heutige Schule de? Jungdeutschlandbundes gegangen sind und dort alle möglichen militärischen Dinge vorweg genossen haben, in einer Form, die ihnen den E r n st der Sache nicht beibringt— wenn die erst mit ihrer blühenden Weisheit zu kritisieren anfangen werden, (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ich meine aber die Kritik des geistig gesunden jungen ManneS, der schon zu einer gewissen Persönlichkeit herangewachsen ist und dem sehr bald die Frage kommt: ist denn das alles, wozu wir hier gezwungen werden, nötig? Sehr bald erkennt der Soldat die Ueberflüssigkeit von sehr vielen Dingen, die er tun muß.— Der Drill uud die Paraden sollen Notwendigkeiten der Disziplin und der Marschaus- bildung sein. Ich vermute, daß unser Kollege Häusler nicht mehr zu diesen Dingen, für die gerade er so sachverständig ist, sprechen wird und verweise deshalb daraus, daß er früher elnmal ausgeführt hat, daß die maschinenmäßig eingedrillten Gewehrgriffe und Parademärsche nicht nur keinen Wert für die Kriegsausbildung haben, sondern eher durch die Hervorrufung der Kritik die DiSzi- plin untergraben.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Selbst das.Militärwochenblatt' hat 188S festgestellt, daß der bc- geisternde Anblick maschinenmäßig von einem ganzen Bataillon vollzogener Bewegungen die Militärs zu einem Ucbermaß des DrillS verleiten kann, was aber keineswegs die kriegsmäßige Ausbildung fördern könnte. Das alles sagt sich der Soldat, um so mehr, als notwendigerweise schon bei dem geringeren Ernstfall der Felddienst- Übungen alles Parademäßige und Exerziermäßige beiseite gelassen wird. Ich erinnere mich aus meiner Soldatenzeit, daß sich ein Ein- jähriger, ein T h e o l o g e— also gewiß kein Sozialdemokrat!— und später auch ein Regierungsbanmeistcr, der Vizefeldwcbel war und Reserveoffizier werden sollte, in der erbittertsten Weise zu mir über die vielen überflüssigen Anforderungen, die an uns gestellt wurden, ausgesprochen haben. Das waren Leute aus Ihren Kreisen. Die Arbeiter sagen eS nicht so lnnt, sie denken eS sich aber ebenso. Und wir finden iu den Volks- Versammlungen, die doch zu einem großen Teile von ehemaligen Soldaten besucht sind, niemals aufmerksamere Zuhörer, als wenn wir die m i l i t ä r i s ch e A u S b i l d u n g besprechen. Und immer wieder erklären auch die einfachsten Leule: jawohl, daS brancht nicht zu fein, das ist n u tz l o s.(Sehr wahr I bei den Sozial- demokraten.) Herr Nehbel hat vorhin erklärt, daß die Söhne der ärmeren Bauern mit Vergnügen zwei und drei Jahre dienten(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Sogar vier!), weil sie beim Militär noch e t w a S l e r n t e n. Ich registriere das Zugeständnis, daß man in den heutigen Schulen in Ostpreußen und überhaupt auf dem Lande so wenig lernt, daß man selbst in der Kaserne noch etwas zu- lernen kann!(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Aber mir haben die kleinen Bauern Thüringens oft erklärt, daß eS für sie von größtem Wert fein würde, wenn ihre Söhne statt zwei und drei Jahren nur ein Jahr zu dienen brauchten. Die Kritik des Soldaten über die Zeitverschwendung beim Militär wird aber geradezu aufgepeitscht durch d a s S y st e m d e r Einjährig-Frei willigen, über das bei allen nicht militärisch total verrannten Menschen nur eine Meinung herrscht: Zorn über die ganz unberechtigte, auf keinerlei militärische Gründe gestützte Ausnahme und Spott und Hohn, besonders bei den Dreijährigen, weil sie wissen, daß die Einjährigen nieist eine komische Figur im G l i e d e spielen. Die Soldaten fragen sich, warum denn diese Leute bloß ein Jahr zu dienen brauchen?! Und sie kommen zu der Antwort, daß diese Maßregel nur durch soziale Gründe, durch Klassenvorrechte nnd Klassenvorurteile gerechtfertigt werden kann.(Lebhaftes Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Napoleon hat noch den Loskauf für berechtigt gehalten, weil bei der Ungleichheit der Vermögen, auf denen die Volkswirtschaft bc- ruhe, dem Neichen gestattet sein müßte, einen Ersatzniann zu stellen. Das kanu inan heule nicht mehr, wohl aber kann sich der Reiche zur Hälfte loskaufen, so daß er statt zwei Jahre nur ein Jahr zu dienen braucht.(Sehr loabr! bei den Sozialdem.) Auf die einfachste Formel gebracht, heißt das Vorrecht der Einjährig- Freiwilligen: wcr� Geld hat, braucht nur ei» Jahr zu dienen, wer kein Geld hat, muß zwei und drei Jahre diene». Wer Geld hat, hat außer diesem großen Vorteil der kürzeren Dienstzeit noch die sehr hoch anzuschlagenden Vorzüge, daß er nicht in der Kaserne wohnen inuß, daß er, wenn er erschöpft von den Exerzierübungen kommt, nicht noch eine ganze Zeit mit dem erbitternden inneren Dienst in den dumpfigen Kasernenstuben zubringen, daß er nicht in der Kaserne schlafen muß, was bei der großen Anzahl von Leuten, die da in einem Raum schlafen, eine fchlimme Sache ist. Der Ein- jährige wirft nach der Uebung seine staubigen Sachen hin und über« läßt sie dem Putzer, er selbst tänzelt in der Extrauniform über die Promenade und erholt sich. Man sagt, die Kost in den Kasernen sei gut und ausreichend,— nun, dann muß sie eS auch für die Einjährigen sein!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Diese Vorteile bedeuten, daß die Dienstzeit des Einjährigen noch weiter verkürzt wird. Lernt denn der Einjährige besser und schneller? In den heutigen Schulen bereitet ihn nichts auf die spätere mili- tärische Dienstzeit vor. Das alles sagen nicht nur wir, fondern auch die—„Tägliche Rundschau" hat es gesagt!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Einer ist sicher hier im Saale, der sich sagt: wenn auch nicht in der Form, in der Sache hat der Redner doch nicht so ganz un- recht— und das ist der Herr Kriegsminister!(Heiterkeit links— der Kriegsminister lacht hell auf.) Noch im vorigen Jahre hat er in der Budgetkommission mit aller Bestimmtheit erklärt, daß die Aufhebung des Einjährigenprivilegs militärisch wünschenswert fei, da» heißt' doch, diese Einrichtung stört uns und die ganze Ausbildung, sie hat so viele Schäden im Gefolge, daß ich am liebsten die ganze Geschichte beseitigen würde. Wir wollen sie dadurch beseitigen, dag v!r verlangen, alle Soldaten sollen nur ein Jahr o i e n e n. Wenn die Söhne der Reichen bisher mit einem Jahr davonkommen konnten, dann können es die Söhne der Armen ebenfalls. Wie das organisatorisch einzurichten wäre, darüber brauchen wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen. Faßt das Parlament erst einen solchen Beschluß und stellt es sich mit seiner Macht und Eni« schlofsenheit hinter ihn, dann sollten Sie sehen, wie schnell die Herren von der Militärverwaltung umlernen können. (Heiterkeit und Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Tun Sie es aber nicht, wollen Sie die Verkürzung der Dienstzeit nicht herbei- führen, so werden wir die Empörung, die jetzt schon weite Volks- kreise über die Ausnahmestellung der Einjährigen erfüllt, den Unmut über diese ganz unerhörte und erbitternde Ungerechtigkeit noch zu oerstärken suchen und den Arbeitern, kleinen Bauern und kleinen Beamten sagen: Eure Söhne müssen zwei Jahre dienen, weil Ihr arm seid, weil Ihr niedrige Löhne habt, weil der Staat Euch unzureichende Gehälter gibt— habt Ihr aber Geld, dann genügt ein Jahr!(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten. Widerspruch bei den bürgerlichen Par- teien.). Sie können reden was Sie wollen, Sie werden doch nie- wanden klar machen, daß andere Gründe für die Aufrecht- crhaltung dieses Privilegs vorhanden sind. Wenn wir diesen Groll zu stärken versuchen werden, so geschieht das nicht aus allgemeinem Haß gegen das Militär, sondern aus besonderem Haß gegen die ungerechte, rürksichtslose und durch nichts gerechtfertigte Ausnahmebestimmung. Ich hoffe, daß wenigstens die Freunde des Abg. Mumm für unsere Forderung stimmen werden, denn der„Rcichsbote" hat längst gefordert, daß jeder Mann zwei Jahre dienen soll.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Die Freisinnigen fordern uns auf, für ihre Anträge auf Erweiterung des Einjährigen-Privilegs zu stimmen. Wir sind für keine Erweiterung des Privilegs zuhaben, weil wir das ganze Privileg bekämpfen. Uns kommt eS nicht darauf an, die Vorrechte, die jetzt 6 Proz. genießen, auf weitere 2 oder 3 Proz. auszudehnen, sondern alle 100 Proz. derselben Vorteile teil- hastig zu machen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Erziehung des Volkes zur Wehrhaftigkeit ist die Vor- beding ung eines Volksheere s. Ich will nicht sagen, die unerläßliche Vorbedingung, denn schon beute ist die Möglichkeit eines BolksheereS gegeben. Vor einiger Zeit erörterte ein hoher Militär in einer Broschüre, wie eS möglich sei, den Widerstand der Sozialdemokraten gegen die Erziehung zur Webrhasligkeit zu brechen; aber nicht von der Sozialdemokratie geht dieser Wider- stand aus, sonder» von Berufsmilitärs. ES gibt allerdings auch Militärs, die anders darüber denken. Sätze über die Bedeutung des Schulturnens für den Militärdienst, die unser verstorbener Führer Engels geschrieben hat, könnten ebenso gut vom Feldmarschall v. d. Goltz stammen. Und in derselben Weis« hat sich der Kollege Haeusler hier ausgesprochen. Freilich darf das Ziel, das niit der Erziehung der Jugend zur Wehrhaftigkeit verfolgt wird, nicht die Militarisierung der Jugend sein. Das Ziel muß vielmehr sein, die Jugend so zu erziehen, daß die denkbar größte Wehrkraft des Volkes sich von selbst ergibt. Freilich müssen, um dies Ziel zu erreichen, sozialpolitische Vorbedingungen erfüllt werden. Ich erinnere an Wohnungsreform, Säug- l i n g S- und Mutterschutz. Der Kriegsminister täte gut, diesen Fragen seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er würde dann bald er- leimen, in welchem Zusammenhang die Sozialpolitik mit der Kräfti- gung des Volkes und seiner Erziehung zur Wehrhaftigkeit steht. Ich erinnere auch an die große Bedeutung, die der B e r l ä n g e r u n g der Schulzeit innewohnt. Im preußischen Herrenhause, einer Körper- schaft, in der jetzt und vorläufig wohl noch lange keine Sozial- demokraten sitzen(Heiterkeit), hat Feldmarschall Graf H a e s e l e r bekanntlich diese Forderung aufgestellt. Ich will nur kurz verweisen auf die Bedeutung der Wanderungen und Turnspiele. auf das Einführen der Knaben in die Orientierung im Gelände, aus Ausdehnung der schulärztlichen Behandlung usw. Von der größten Bedeutung ist ferner, daß die Kinder nicht gleich nach der Schulzeit acht oder zehn oder zwölf oder gar vierzehn bis sechzehn Stunden abgerackert werden, sondern höchstens eine sechs st ündige Arbeitszeit und mindestens vier wöchentliche Ferien haben. ES wäre uns natürlich das liebste, alle diese Dinge durch Reichsgesetz zu regeln. Aber als Abschlagszahlung nehmen wir auch Landtags- und Gemeinde- beschlüff« in Empfang. Nicht aber können wir anerkennen, daß der Jungdeutschlandbund die Ziele einer wahren Erziehung des Volkes zur Wehrhaftigkeit verfolgt. (Zuruf rechts: Das glauben wir schon!)— Der Jungdeutschland- bund ist eine Karikatur ans die wahr« Erziehung zur Wchrhaftig- kcit. Ich denke hier nicht gerade an die verschiedenen militärischen Kinkerlitzchen, obwohl dieselben gar schon dem Gcneralfeldmarschall v. d. Goltz sauer aufzustoßen beginnen. Doch daS sind schließlich Aeußerlichkeiten. WaS wir in erster Linie am Jungdeutschlandbund tadeln, das sind die Ziele, die ihm gesteckt werden. Ich erinnere an die chauvinistische Rede, die der Generalfeldmarschall v. d. Goltz im Januar d. I. im Verein Deutscher Studenten ge- halten hat. Die Kriegsbereitschaft war das A und O dieser Rede. Man kann nun sagen, diese Rede sei vor Erwachsenen gehalten. Aber in Artikeln in der Zeitschrift deS Jungdcutschlandbundes, der „Jungdeutschland-Post", hat der Feldmarschall dieselben Töne angeschlagen. Wenn Herr v. d. Goltz noch immer eine gewiffe Vorsicht in der Wahl seiner Worte erkennen läßt, so sprechen seine Nachtreter deutlicher. Da hat in der.Jungdeutschland- Post' ein Herr v. Gattberg einen Artilel geschrieben, in welchem der Krieg die höchste und heilig st e Betätigung des menschlichen Handelns aenannt wird.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Herr spricht da von der heiligen Kampf- lnst und der heiligen Stunde deS KriegSaufanges. (Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Zwischendurch wird dann allerdings der Kaiser als Friedensfürst gefeiert. Aber gleich hinter- her heißt es wieder;.Der Krieg ist schön'. Ist das nicht eine Versündigung an der deutschen Jugend?(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Der Mann ist übergeschnappt!) O nein, der Mann ist nicht übergeschnappt. Mit vollster Besinnung feiert er den Krieg, daS Töten, das Blutvergießen. Das ist eine Versündigung an den Seelen der jungen Leute, eine Versündigung an der Pädagogik. Und da wird nun noch behauptet, der Jung- deutschlandbund verfolge keine politischen Ziele.(Zurufe rechts, Zu- stimmung bei den Sozialdemokraten.) Ich habe das reichhaltigste Material, um die PolitifierungSbestrebungen de« Jungdeutschland- bundes zu beweisen, will aber aus Rücksicht auf die Geschäftslage das Material nicht vorbringen. Auch von bürgerlich- pädagogi- scher Seite ist gegen diese Art Soldatenspielerei protestiert worden. Es ist dort das Wort gefallen von. L e d e r st r um p f-P h a n- t a st e r e i von einer.Verindianerung der Jugend'. Selbst in militärischen Kreisen regt sich der Widerspruch gegen diese Soldatenspielerei, unter der Schule und HauS zu leiden haben. Aber trotz alledem und alledem wird der Jungdeutschland- bund in jeder Weise amtlich protegiert und gefördert, während der proletarischen Jugendbewegung Steine über Steine in den Weg gelegt werden. Wenn dem Kriegsminister an der körperlichen Gc- sundheit der Arbeiterjugend liegt, sollte er seinen Einfluß im Ministerrat aufbieten, um die Maßnahmen zu verhindern, die der Arbeiterjugend die körperliche Betätigung zu erschweren wachten. Stur ein paar Beispiele. In Alten bürg ist dem Arbeiterturn- verein ohne jede Angabe von Gründen die Benutzung des Exerzier- Platzes an Sonntagnachmiltagen abgeschlagen worden. Die bürger- lichen Jugendvereine erhalten die Generalstabskarte zu halben Preisen, während' den proletarischen Jugendvereinen dieselbe Vergünstigung, und zwar ohne Angabe von Gründen, versagt worden ist. Also die Kinder der Wohlhabenden zahlen den halben Preis, die Kinder der Armen den ganzen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Schon der Vater der Turnkunst GutSmuts hat dagegen protestiert, ?atz daS Turnen zur Militarisierung dienen soll. Er forderte die körperliche Ausbildung als Vorbedingung der Bollentwickelung»ller Kräfte der Menschheit, und der Mann, der bei den Feiern dieses Jahres so viel genannt wurde, der zwar nicht richtig schreiben, aber um so richtiger denken konnte, Fürst Blücher, hat 1814 gesagt: in Preußen kann man nicht unterscheiden, wo der Bürger auf- hört und der Soldat anfängt.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Das war freilich 1814, in jener kurzen Periode, als das eherne Muß zur Einkehr gezwungen hatte. Die Zeit war bald vorüber, und heute glaubt man in Preußen die Scheidelinie zwischen Soldat und Bürger gar nicht schart genug ziehen zu können.— Wir wissen, daß der Geist der EntWickelung bei uns und unseren Forderungen ist.— Wir werden unsere Forderungen durchzusetzen wissen, wenn nicht gegenüber der jetzigen, dann gegen- über der künftigen Kriegsverwaltung.(Lebhafter anhaltender Beifall bei den Sozialdemokraten.) Kriegsminisier v. Heerinzcn verwahrt sich dagegen, sich für eine Aushebung des Einjährigenprivilegs ausgesprochen zu hoben. Das Einjährigenprivileg ist gewiß eine Last für die Armee, die sie aus bestimmten Rücksichten auf sich nehmen muß, aber nur für einige tragen kann, nicht für alle. Weiter ist es nicht richtig, daß ich wegen der Paraden für eine längere Dienstzeit eingetreten wäre. Ich habe den Paraden nur eine gewisse Berechtigung zugesprochen. Auch der Vorredner hat Wahlrecht und Wehrvorlage in einen gewissen Znsammenhang gebracht. Eine Wehrvorlage darf nur unter militäriichen Gesichtspunkten beurteilt werden.(Sehr richtig! rechts.) Eine Armee, wie der Vorredner sie sich denkt. hat auf diese Bezeichnung keinen Anspruch.(Sehr richtig I rechts.) In einer Armee muß ein Wille herrschen, sonst versagt sie. (Bravo I rechts.) lieber das Verhältnis zwischen Offizieren und Mann- schaften hat der Vorredner ganz falsche Vorstellungen. Im letzten großen Kriege hätte er sehen können, wie die Offiziere sich Abend für Abend mit den Mannschaften um die Biwakfeuer lagerten. Was der Vorredner über eine gute körperliche Ausbildung der Jugend gesagt hat, ist richtig. Aber die Jugendbewegung darf nicht politisch sein,(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten. Zuruf: Sagen Sie das nach rechts!) Der Jungdeutschlandbund will die Liebe zum Vaterland pflegen und zu Treue und Gehör- sam gegen die Obrigkeit erziehen.(Abg. Dr. Liebknecht: Ist das nicht politisch?) Nein, das ist nicht politisch.(Zustimmung bei den bürgerlichen Parteien.) Für Uebertreibungen einiger Artikel darf der Jungdeutschlandbund nicht verantwortlich gemacht werden. Er will auch keineswegs nur den Krieg verherrlichen, sondern will die Jugend zur Opferwilligkeit erziehen. Ich wünsche dem Jungdeutsch- landbunde ferner ein gutes Gedeihen.(Beifall rechts und bei den Nationalliberalen.) Abg. Koch(Vp.) tritt für eine Ausdehnung des Einjährigen- berechtigungsscheines vor allem auf die Baugewerkschüler ein und die neunstufigen Mittelschulen. Abg. Dr. Quarck-Frankfurt(Soz.): Es wird im Volke große Enttäuschung hervorrufen, daß auch diese Militärdebatte ohne jede Gegenleistung ausgehen wird. Auch die Liberalen wollen nicht für unseren positiven Antrag stimmen. Deshalb muß hier zum Schluß einmal folgendes festgestellt werden: die Liberalen predigen daS ganze Jahr den Wählern vor, daß der Augenblick solcher Militärvor- lagen benutzt werden müsse, um Reformen durchzusetzen. Und jetzt lasten Sie uns im Stich und begnügen sich mit Resolutionen. Eine ganze Reihe von militärischen Sachverständigen haben erklärt, daß eine einjährige Dienstzeit genügt, wenn uns die überflüssigen Repräsentationspflichten fortfallen. Ja, darauf kommt es doch an. Jedes andere Verwaltungsressort sucht sich wenigstens den Bedürfnissen der Bevölkerung anzupassen. Nur die Militärverwaltung setzt sich über diese Bedürfnisse hinweg. Sie fühlt sich eben nicht als Dienerin der Allgemeininteresten, sondern als das Ressort, d a S alles verlangen kann, ohne Konzessionen machen zu brauchen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das ist der springende Punkt. Trotz allen Widerstrebens muß die Militärverwaltung die Wege finden, um mit einem Jahr auszukommen. Von einem herzlichen Verhältnis zwischen Offiziere« und Mannschaften in den Manövern habe ich noch nichts gemerkt. Die Offiziere werden in die Villen der Fabrikanten und in die Wohnungen der höheren Beamten gelegt, die Gemeinen aber kommen in die Scheunen der Dörfer. Und wenn im Krieg Offiziere und Mannschaften zusammen an denselben Feuern liegen, so ist das meist durch die Not erzwungen und geschah aus einem Selbst- erhaltungstrieb der Offiziere heraus.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir aber wollen die Armee nicht auf- gebaut sehen auf diesem Egoismus der Offizierskaste, sondern auf solidarischen Interessen zwischen Offizieren und Gemeinen, die nur hergestellt werden können, wenn die Offiziere aus den Reihen der Gemeinen hervorgehen. Wie der Minister den politischen Charakter des Jungdeutschlandbundes bestreiten kann, ist unbegreiflich. Nur konservative Männer oder der konservativen Partei nahestehende Männer wurden zu seiner Gründung hinzu- gezogen. WaZ Sie mit dieser Wehrvorlage wollen, hat der Abg. Erzberger offen ausgesprochen. DeutsHland wolle seinen Gegnern Angst und Furcht einflößen.(Hort! hört l bei den Sozial- demokraten.) DaS ist des Pudels Kern. Sie geben das zweite Jahr nicht preis, weil Sie den Soldaten zwei Jahre als willenloses Instrument in der Hand haben wollen. Damit steht freilich im strikten Gegensatz unser' Ideal eines Volksheeres. Dieser Gegensatz wird so lange dauern, als bis sich in diesem Hause endlich eine demokratische Linke bildet, die entschlossen ist, in das Konzept der Heeresverwaltung diese Reform hineinzukorrigieren, ganz gleich, was die Militärverwaltung dazu sagt.(Lebhafter Beifall bei den Sozial- demokraten.) Kriegsminister v. Hceringen: In den Ausführungen des Bor- rednerS seheich eine Beleidigung deS deutschen Offiziers- korps, das 1870 und 71 Gut und Blut fiirS Vaterland eingesetzt hat.(Bravo! rechts.) Ich weise diese Beleidigung mit Entrüstung zurück.(Beifall recht».) Abg. Zubeil(Soz.): Der KriegSminister spricht nur von den Offizieren. Aber in weit höherem Maße haben doch die Gemeinen ihr Leben in die Schanze geschlagen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Kaum war der Krieg erklärt, da wurde nicht nur das Verhältnis zwischen Offizieren und Mannschaften, sondern auch zwischen Unter- offizieren und Mannschaften ein bessere«. Es mag auch vor- gekommen sein, daß der Offizier mit dem Soldaten aus einer Pulle getrunken hat. Aber als die Offiziere nichts mehr zu befürchten hatten, als der Friede geschlossen war. da ging der Drill wieder los.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten. Pfui- rufe rechts.) DaS war die Dankbarkeit des Militarismus für seine Soldaten.(Erneute Pfuirufe rechts.) Und als wir 1874 zu einer Schießübung einberufen wurden, da war es einer der Ihrigen(nach rechts), ein Premierleutnant v. Roon, der die Mannichaflen in einer Weise beschimpfte, daß sogar die Bürgerschaft Gubens dagegen auftrat. DaS alles kann der KriegSminister nicht bestreiten. Es bleibt dabei: kaum war der Krieg vorbei und die ungeheueren Beschimpfungen und die Soldaten Mißhandlungen gingen wieder los. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten. Lärm recktS.) Kriegsminister v. Heeringcn: Ich habe selbstverständlich nicht sagen wollen, daß die Gemeinen im Kriege ihre Sämldigkeit nicht getan hätten. Aber in Rot und�Gefahr gehen die Offiziere ihren Untergebenen voran.(Sehr richtig! rechts, Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Das beweist der Prozentsatz der gefallenen Offiziere. Wenn der Vorredner geiagt hat, das herzliche Verhältnis hätte aufgehört, sobald die Offiziere nichts mehr zu fürchten hatten, so fehlt mir zur Antwort hierauf das parlamentarische Wort.(Stürmische Zustimmung rechts. Lachen bei den Sozial- demokraten.) Der deut,che Offizier fürchtet überhaupt nichts.(Lachen b. d. Sozialdemokraten.) Was hier gesogt ist, ist meinem Empfinden nach nicht nur eine Beleidigung des Osfizierkorvs, sondern auch eine Beleidigung der Soldaten.(Beifall rechts, Lachen bei den Sozialdemokraten.) Damit schließt die Debatte. Die Abstimmungen werden aus gesetzt. Es folgt die Beratung eines weiteren sozialdemokratischen Aw» träges auf Einfügung eines Artikels Ib: Soldaten dürfen zu häuslichen Dienstleistungen nicht verwendet werden. Abg. Stücklen(Soz.) begründet den Antrag: ES gibt in der Armee etwa 30 000 Offiziersburschen, die den Offizieren das Dienst« mädchen ersetzen mllffen. Wenn diese Burschen trotzdem aus« reichend ausgebildet werden können, so ist das ein Beweis dafür. daß die Dienstzeit verkürzt werden kann.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Nach der Reichsverfassung dürfen Soldaten nur zu militärischen Dienfileistungen verwendet werden. Das weiß auch die Militärverwaltung, und sie beruft sich nun auf eine vor 100 Jahren erlassene Kabinettsorder. Wozu die Offiziersburschen i» Wirklichkeit verwendet werden, das erläutert eine im Verlag des „Deutschen Offiziersblattes' erschienene Broschüre eines Offiziers Axel v. A l t e n ft e i n, der aus seiner eigenen persönlichen Erfahrung heraus spricht. In dieser Broschüre bezeichnet er z. B. als not- wendige Eigenschaften eines Offiziersburschen, daß er der Kognak-- f l a s ch e und den Zigarren seines Herrn widerstehen kann, da cn sonst zum Burschendienst ungeeignet sei.(Heilerkeit und Hört! hört! links.) Dann ist unbedingte Verschwiegenheit eine für den OsfizierSburschen notwendige Eigenschaft. Was in den vier Wänden der Offizierswohnung vorgeht, darf er nicht ausplaudern, da das nicht sein Geheimnis, sondenr das Geheimnis des Offiziers sei. (Heiterkeit und Hört! hört! links.) Dann soll der Offiziers» bursche keinen üblen Geruch und keine Hautausschläge haben, da sonst das ä st h e t i s ch e Gefühl des Offiziers verletzt würde.(Heiterkeit links.) Er soll zwar Zigarren rauchen dürfen, aber nicht die Zigarren sei n e S Herrn.(Erneute Heiterkeit links.) Der Offiziersbursche soll Mädchen für alles sein. Das trifft allerdings zu, denn wir können ja jeden Tag sehen, wie die Burschen die Kinder ihrer Borgesetzten in die Schule führen oder mit dem Korb unterm Arm auf dem Markt Gemüse einkaufen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Aber dazu brauch! man doch nicht Soldat zu werden.(Sehr richtig! bei den Sozialdemo- kraten.) Schließlich heißt es in der Broschüre, daß die Burschen die Anordnungen der Offiziersfrauen mir derselben Ebrerbielung entgegenzunehmen und mit derselben Pünktlichkeit auszuführen haben. wie die Befehle der Offiziere selbst, da die Anordnungen im Namen deS Offiziers von seiner Vertreterin gegeben seien. (Heiterkeit und Hört! hört! links.) Es fehlt nur noch, baß die Offtziersdamen Strafgewalt bekommen und bestimmen kön- nen, wie lange der Bursche bei einer Widersetzlichkeit eingesperrt wird.(Heitere Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) In: Dresden ist tatsächlich vorgekommen, daß einem Burschen, den sich weigerte, Sonntags in Uniform die Treppe zu scheuern, von der Frau des Hauses gesagt wurde: Wenn ich Ihnen etwas sage, so ist es genau so, als wenn der Hauptmann etwas befiehlt. W e n u Sie sich nicht fügen, fliegen Sie in Arrest!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten. Abg. Nehbel: Unerhört!) Ich nehme an, daß dieses„Unerhört!" sich auf die von dem Burscheir verlangten Leistungen bezieht.(Abg. Nehbel: Nein, auf Ihre Ausführungen!) Ich verlese aus einer Broschüre, die in vierter Auflage erschienen ist, also doch in Offizierskreisen verbreitet sein mutz, und ich trage daS vor, weil die Militärverwaltung behauptet, dah die militärische Ausbildung der Burschen nicht Not leidet. Aenir die Burschen auch nur den zehnten Teil der häuslichen Lerrich- tungen auszuführen haben, die in dieser Broschüre genannt werden, dann können sie unmöglich noch militärisch ausgebilder werden, denn dazu fehlt einfach die Zeit.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dann gibtS eine Reihe Vorschriften, wie dia Decken zusammengelegt werden müssen und wohin die Morgenschuhe des Herrn kommen. Der Bursche ist verant» wortlich dafür, daß sein Herr rechtzeitig zum Dienst erscheint, er mutz dazu alle Mittel anwenden.(Heiterkeit.) Darf er den Offizier angreifen, aus dem Bett herauswerfen? Der Bursche muß sorgen, daß der Offizier gut angezogen ist, er mutz erst den rechten, dann den linken Stiefel hinhalten und die Hosenenden beim Anziehen in die Höhe halten. Bei hohen Stiefeln ist die Stiefelfolge umgekehrt.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten. Tie Offiziere werden be- treut wie kleine Kinder, als könnten sie sich nicht allein� anziehen. Wie wird das im Ernstfall werden?!(Schallende Heiterkeit.) Und die Offiziere können am Ende gar nichts heraus, weil ihnen niemand die Hosenbeine hält!(Große Heiterkeit.) Und zu solchen Zivildienerleistungen werden Soldaten verwendet und im Kasino angelernt. Sie sollen wie Säulen dastehen, durzen über Herrschaftswitze nicht lachen und haben iin Pommer den Kognak, Nordhäuser oder das Kirschwasser zwei Stunden vor Gc- brauch in den EiSschrank zu stellen. Auch eine Illustration zur Antialkoholrede des Kaisers an die Marinerekurten!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ist das soldatische Ausbildung? Soldaten werden als Diener, Kellner, Weinkeller- personal» Lakaien verwendet— dazu sollen wir noch mehr Soldaten bewilligen und deshalb soll die Dienstzeit nicht verkürzt werden! Fordern Sie doch im Etat 30 000 Mann für häusliche Dienstleistungen— aber da fürchten Sie die E n t r ü st u n g in ganz Teutschland! Man wird für den Fall der Abschaffung der Burschen von Entschädigung reden. Für nicht gesetzlich begründete Rechte gibt es keine Entschädigung. Widerrechtlich ist es. Tausende Soldaten zu unsoldatischen Zwecken zu verwenden. Den Zeugoffizieren will man die Burschen nehmen, um die Trennung zwischen Arbeits- und Frontoffizieren noch schärfer zu machen. Was sollen die unmilitärisch ausgebildeten Burschen im Krieg? Wir sehen in der Verwendung von Soldaten zu Lakaiendiensten und zu romantischen Zwecken, ivie Römer- schanzenbauten, einen Mißbrauch der Kommando- gewalt und eine Verletzung der Verfagung. Dieser Mißbrauch mutz beseitigt werden.— Die Zivilbeamten erhalten auch keine Diener von Amts wegen, und die Offiziere sollen sich ihre Diener selbst engagieren und bezahlen, wenn sie sie brauchen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Dieser ganze Mitzbrauch ist der beste Beweis dafür, daß die Dienstzeit verkürzt werden kann. Soldaten sind keine Privatlakaien!(Lebhafter Bei- fall bei den Sozialdemokraten.) Generalleutnant v. Wandel erklärt die Angaben des Vorredners für unrichtig. Alle Soldaten werden gern Burschen, deren es übrigens nur 11 000 dienstfreie gibt und dir alle in einem Jahr militärisch voll ausgebildet sind(Na, also! bei den Sozialdemo- kraten), und sie erinnern sich stets gern an ihre B u r s ch e n z e i t. (Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Wir wünschen selbst, datz die Zahl der Burschen auf einem möglichst niedrigen Stand bleibt. handeln danach und bitten um Ablehnung aller Anträge. Abg. v. Gräfe(k.): Wir lehnen alle Resolutionen und Antrage zur Burschenfrage ab. Burschen sind nötig. Tie Militär- Verwaltung kann daS alles vielbcsserbeurteilen, ob etwas zu ändern ist. Abg. Graf Praschma(Z.): Was Herr Stücklen vorgebracht hat. gehörte nicht vor den Reichstag.(Oho! bei den Sozialdemo. kraten.— Abg. Ledebour: Solch skandalöse Einrichtungen sollen wir nicht besprechen?) Bezahlen SiedieOff'S'ere besser, dann brauchen sie keine Burschen! Wir lehnen den sozialdemokratischen Antrag ab. Äbg. Schöpflin(Soz.): Man begründet die Heranziehung der neuen Sotdatenmasscn mit der gespannten politischen Lage, die die Heranziehung leden ManneS zum Dienst mit der Waffe nötig mache. Hier aber schalten Sie 30 000 Mann aus— soviel sind eS ja doch!„ Die Armee hat 24 000 Offiziere, jeocr hat einen Bur. schen und oazu noch die Ordonnanzen— da kommen schon«mige Zehntausend Soldaten zusammen, die für häusliche Dienst, leistungen abkommandiert werden. Uns war es za höchst interessant, daß Generalleutnant v. Wandel die einjährige Ausbildung der Burschen als militärisch vollwertig bezeichnet. tHört! hört! und sehr gut! b. d. Soz.). Aber, wenn das nach Ihrer sonst geäußerten Meinung nicht der Fall ist, so haben wir an Emjahrigfreiwilligen und Burschen 10—12 Proz. der Armee, die nicht voll ausgebildet sind. Wie wollen Sie das in dieser von Ihnen als so ernst geschilderten Zeit rechtfertigen?(Sehr wahr! lb. d. Soz.). Deutsche Soldaten sind nicht dazu da, dem Herrn Leutnant o i e Stiefel zu putzen, ihn zu wecken, ihm Buketts zu tragen usw.; dazu hebt man deutsche Soldaten nicht aus(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten), sondern doch, um das Vaterland zu verteidigen. Der Kriegsminister hat immer wieder auf den hohen Ernst der politisch-militärischen Situation hingewiesen— wie stimmt seine hohe Auffassung vom Soldatenstand mit einer derartigen Verwendung der Soldaten überein?!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten). Als Burschen suchen die Feldwebel natürlich die intelligente st en Soldaten für die Offiziere heraus — und sonst sino Ihnen angeblich die Intelligentesten gerade gut genug, um das Vaterland zu verteidigen! Natürlich ist jeder Bursche froh, dem Drirl und Kasernen dien st eiitgangen zu sein und manchmal ein Trinkgeld einzuheimsen. Aber man kommandiert die Soldaten nicht zu Dicnerfunktionen, um ihnen aus Geldverlegenheiten zu helfen!(Heiterkeit.) Wie können Sie die gewaltige Mehrforderung dieser Vorlage bewilligen, wenn ein so großer Teil der Soldaten ihrem Beruf entzogen wer- d e n. Lehnen Sie unfern Antrag aber ab— draußen in der Agitation vor dem Volk sehen wir uns wieder.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Generalleutnant v. Wandel erklärt nochmals. Daß nur 11 000 Burschen vorhanden seien, die überdies als Soldaten gar nicht wertlos wären. Alle Nationen, selbst JhrgeliebtesFrank- reich(Lachen bei den Sozialdemokraten», haben diese Einrichtung. Tie Diskussion schließt. Das Haus �vertagt sich. Nächste Sitzung: Morgen. Mittwoch. 3 Uhr nachmittags. Tagesordnung: Abstimmungen zur Wehr Vorlage, Weitcrberatung. Schluß 6 Uhr.__ Hus Induftric und Kandel. Die glorreiche Regierung. Die Byzantiner schlagen Purzelbäume, und die patriotischen Geschäftemacher lungern auf Profite. Nach den höfischen Jubiläums- artikcln erlebte das deutsche Volk in den letzten 25 Jahren nur Tage des Glückes. Eitel Wonne verbreitete Wilhelm« II. übermenschliche Kraft und seine volksfreundliche Gesinnung. Dem nüchternen Be- trachter drängen sich andere Gedanken auf. Die Regierungszeit Wilhelms H. zeichnet fich durch wahnsinnige Verteuerung der Lebenshaltung und durch unerträgliche Steigerung der militärischen Lasten aus. Es lohnt, auch einmal diese Seite der glorreichen Regierung zu betrachten. Das erlauben die nachfolgenden Zahlen. Zunächst sei daS unheimliche Wachsen des Militarismus dar- gestellt. ES betrugen die dauernden Ausgaben in Millionen Mark: 1887/38 19l2 Steigerung in Proz. für das Reichsheer. 850 688 92 für die Marine.. 39 l8l Z64 In der gleichen Zeit erhöhte sich die Zahl der Militärpersonen )H«er und Marine) um 220 000 auf 720 000. Die fich steigernde» Kosten für den Militarismus mutzte vorwiegend die arbeitende Be- völkerung aufbringen, für die nach der Anficht Wilhelms II. die Kompottschüssel längst gefüllt ist. Riesenhast wuchsen die Einnahmen des Reichs aus Zöllen »nd Verbrauchsabgaben. Diese ergaben: 1387/88... S17 288 800 M. 1912.... 1 613999 400 M. Die Steigerung macht 290 Proz. auS! Hinter dieser gewaltigen Steigerung der Steuerlasten versteckten sich aber auch noch viel, viel größere Summen, die da« Volk an ' die Grundbesitzer hat zahlen müssen. Jeder Marl Zoll, die der Konsument an die R-ichskasse zahlt, stehen 5 M. Zoll gegenüber, die er für die Tasche der inländischen Produzenten aufbringen mutz. Unter der glorreichen Regierung Wilhelms II. sind die Preise der wichtigsten Lebensmittel beängstigend in die Hohe gegangen. Bor- nehmlich danken wir das unserer herrlichen, die Junker beglückenden, die arbeitende Bevölkerung aber furchtbar bedrückenden Zoll- und Steuerpolitik. Die nachfolgende Nebersicht stellt die Preise der Waren in denselben Marktorten und Sorten in Vergleich. Sie wird jedenfalls die Hausfrauen mit Entzücken und Dank erfüllen. Hier sind die herrlichen Früchte der glorreichen Regierung: ES kostete 1888 1913 Steigerung Weizen, t...... 177,20 M. 217,— M. 39,80 M. Roggen, t...... 134,50. 185,—„ 60,50„ Futlergerste, t..... 115,—.» 164,40„ 49,40, Braugerste, t..... 115,—. Vt 179.80. 04,80, Hafer, t....... 123.—. 189,70. 06,70. Rinderfleisckv dz.... 90,10. 166,—. 75,90. Schweinefleisch, dz... 85,80. 147,40. 61,60„ Kälberfleisch, dz.... 85,50. 198,50„ 113,—, tammelfleisch. dz... 87,80. 166,—„ 78,50. affee. dz...... 137,30. 149,80. 12,50. Rohtabak, dz..... 50,—. 89,20. 39,20. Heringe. 150 kg.... 20.30. 31,20„ 10,90„ Hat das Volk angesichts solcher Entwicklung Ursache, bei Freudenfeuern und Böllerschüssen Hurra zu schreien? Alles Feiern und Festgepränge kann über die Tatsachen ungeheurer sozialer Schäden nicht hinwegtäuschen. Wohl sind in den letzten 25 Jahren gewaltige Reichtümer geschaffen worden, wohl hat die Zahl der Millionäre um einige Dutzend zugenommen. Aber die Schöpfer des Reichtums, die Arbeiter, leben weiter in Not und Sorge. Und das fühlen die Frauen gerade am allerschmerzlichsten. Die fortgesetzte Verteuerung der Lebenshaltung treibt immer mehr von ihnen in die Erwerbsarbeit, in die Fabriken und Hütten, in die mörderische Heim- arbeit hinein. Ohne das Mitvcrdienen von Frau und Töchtern würde es in mancher Familie an dem Allernolwcndigslen fehlen. In der Berufszählung im Jahre 1882 wurden 5 541 577 weibliche Erwerbstätige gezählt. 25 Jahre später war ihre Zahl auf 9 492 884 gestiegen. Und seit dem Jahre 1907 wuchs die Schar der weiblichen Erwerbstätigen wiederum ganz beträchtlich. Jetzt ist sie auf über 11 Millionen hinaufgegangen. Noch andere Erscheinungen lassen die Arbeiterschaft mit sehr ge- mischten Gefühlen dem Jauchzen und dem Jubeln der Besitzenden zuschauen. Nicht nur die steuerlichen und sonstigen wirtschaftliche» Lasten stiegen ins Ungcmessene, auch das Schlachtfeld der Arbeil forderte mehr Opfer, entsetzlich große Blutopfer. Nach den Berichten der B-rufsgenossenschaflen wurden gemeldet: 1886 ign Steigerung " in Prozent Verletzte überhaupt.. 100159 716 884 615 Schwerverletzte.... 10540 132 114 1 153 Getöttie...... 2/16 9 443 247 Wahrlich, das sind„Fortschritte" in einem Bierteljahrhundert, die alles andere eher als Zufriedenheil und Dankbarkeit auslösen können. In den vorstehenden Ziffern prägt sich das verwüstende Wirten de� Militarismus, der Zollwucherpolitik und des Kapitalismus »it erschreckender Deutlichkeit aus. �«»Slandsanleihen. Der preußische Handelsminister. Herr »tzdow, hat Einspruch dagegen erhoben, datz in der nächsten Zeit weitere Auslandsanleihen an der hiesigen Börse eingeführt werden. Die neue Mexikanische Staatsanleihe und die neue Mexikanische Eisenbahnanleihe, an der sich auch deutsche Banken beteiligt haben, werden infolgedeffen nicht den Weg zur Berliner Börse finden. Das Eingreifen des Handelsministers verfolgt den Zweck, zu verhindern, daß durch weiteren Abfluß von Geldkapital ins Ausland die Gelo- Marktverhältnisse noch mehr verschlechtert werden. So2ialeg. Kinbcrausbeutung. Ein vierzehnjähriger Arbeitsbursche forderte, vertreten durch seinen Vater, gestern vor den: Gewerbegcricht für 14 Tage 9 M. Lohn, weil er ohne Einhaltung der Kündigungsfrist entlassen wurde. Er war bei deni Tiitcnfabrikanten Ludwig beschäftigt. Dieser behauptet, der Kläger habe sid;— anfangs fl eitzig— später faul gezeigt und rüpelhaft betragen; er sei wiederholt von der Arbeit weggeblieben und habe die Vespcrpausen überschritten. Ein ebenfalls vierzehnjähriger Zeuge sagt aus, datz Kläger allerdings „nur" 39 Pfund täglich geliefert habe, während die anderen in der Regel 50 Pfund Tüten fertiggestellt hätten. Es sei auch mehr- fach zu Uzereien gekommen und Kläger habe— schrecklich— einmal 5 Minuten früher angefangen zu vespern. Auf Befragen des Vorsitzenden— Magistratsrat Schultz— gibt der Beklagte zu, datz in seinem Betriebe 5 Jungcns im Alter von 14 Jahren und 2 Schulpflichtige mit Arbeitskarte tätig sind, außer- dem er selbst als Inhaber und sein 17jähriger Sohn, der auch die Ausficht führt, wenn er selbst nicht da sein kann. Die Jungens er- halten 4,50 bis 7 M. pro Woche Lohn. Da über Kündigung nidsts vereinbart war, kam das Gericht zu einer Verurteilung. Der Vorsitzende wies bei der Urtcilsver- kündung auf den unheilvollen Zustand hin, daß in einem solchen Betriebe keine genügende Aufsicht über JungenS in diesem Alter vorhanden sei. Wie die Hirsch-Tunckcrschcn für den„Arbeitswilligenschutz" eintreten. Die Hirsch-Tunckerschen Gewertoereinler sind in einer üblen Lage. Sie wollen auf Leben oder Sterben durchaus„politische Macht" gewinnen, und zwar durch Stärkung der„liberalen" Par- teien. Dabei geraten die Hirsch-Dunckerschen, die immer noch den- ken wie die Seifensieder, oft in fatale Klemmen, aus denen sie sich aber echt demokratisch fortschrittlich unentwegt herausbringen. Das Blatt der Gewerkvereinler von Rheinland-Westfalen, die„West- deutsche Post", berichtet nachträglich aus Düsseldorf zur Landtags- wähl, daß von der Liberalen Bereinigung am Tage vor der Wahl ein Wahlaufruf herausgegeben sei, worin aud) ein wirksamer Schutz der Arbeitswilligen gefordert wurde. Es heißt, datz diese Stelle bei den liberalen Arbeitern Widerspruch hervorgerufen habe, sei erklärlich, es wäre sogar bedauerlich, wenn sie dazu geschwiegen hätten. Für die beiden Kandidaten, die von der Liberalen Per- einigung in Gemeinschaft mit der Fortschrittlichen Volkspartei auf- gestellt gewesen, seien auch die liberalen Arbeiter eingetreten,„zu- mal sie von der Arbeiterfreundschaft des Kandidaten Halstenberg aus langjähriger Erfahrung überzeugt" geivesen seien. Aber das Eintreten für diese Kandidaten besage noch lange nicht, daß die Ardeiter mit allem einverstanden seien, was nun die betreffende Parteirichtung in einem Wahlaufruf veröffentliche. Jeder liberale Arbeirer, der schon Arbeitskämpfe mitgemacht habe, wisse aus eigener Erfahrung, wie gerade von den Polizeibehörden die Ar. beitswilligen in Schutz genommen würden. Die um ihre Existenz und um ihre Menschenrechte kämpfenden Arbeiter seien schütz, und machtlos den Denunziationsgelüsten der fragwürdigen Elemente, die sich unter den Arbeitswilligen befänden, ausgesetzt. Wer die Düsseldorfer Liberale Bereinigung kenne, der wisse, daß mit der Forderung nach weiterem Schutz der Arbeitswilligen gar nichts anderes gemeint sei, als polizeilicher Schutz der Arbeits- willigen gegenüber streikenden Arbeitern. Seit Jahren laufe man Sturm, um dem Arbeiter das Koalitionsrecht durch Verbot des Streikpostenstehens ganz. illusorisch zu machen. Seit Jahren würden an den Fabriktoren einflußreicher, sich liberal nennender Arbeitgeber, Arbeitswillige, die gerne arbeiten möchten, von der Arbeit zurückgewiesen, weil sie das Verbrechen begangen, bei einem anderen Arbeitgeber von Düsseldorf und Umgegend aufzuhören, oder weil sie beim Meister in Ungnade gefallen und entlassen war- den seien. In letzter Zeit gingen eine Reihe sich ebenfalls liberal nennender Arbeitgeber dazu über, Leute von der Arbeit zurückzu- weisen, die es ablehnten, eine Erklärung zu unterschreiben, daß sie keinem Bcrbandc angehörten, wohl aber den Gelben beitreten wollten. Und für solche„Liberalen" sind also die Hirsch-Tunckerschen Gewerkvereinler trotz alledem eingetreten, wenn sie auch hinterher „erklären", daß sie nicht mit dem Wahlausruf einverstanden seien. Die tapferen und unentwegten Hirsch-Dunckerschen, die ja immer nodi mit ihrem Generalissimus Erkelenz für die„große liberale Arbeiter- und Bürgerpartei" schwärmen, müssen es ja wohl für die beste Art, die scharfmacherischen Allüren der Düsseldorfer„Libe- ralen" zu bekämpfen, halten, wenn sie hei der Landtagswahl für deren Kandidaten stimmen! Das ist greisenhafte Gewerkvereins- konsequenz. Gerichts- Leitung. VersamRIungsbesucher mit Säbel und Revolver bedroht. Nach Schluß einer Jugendversammluna. die am 7. März in Kellers Saal in der Koppenstraße abgehalten wurde, spiel» ten sich auf der Straße Vorgänge ab. die schon mehrmals vor Gericht erörtert wurden. Auch gestern kam diese Angelegen- heit wieder vor Gericht zur Sprache. Schärfer wie in den früheren Verhandlungen wurden diesmal die Vorgänge be- leuchtet und. wie gleich'vorweg gesagt werden soll, waren es Schutzleute, die durch unbesonnenes Verhalten das Publikum derart erregten, daß Rufe der Entrüstung und Empörung gegen die Beamten laut wurden, was wieder Gelegenheit zu Sistierungen und Anklagen gexzen mehrere Personen gab. Gestern hatte sich vor der vierten Strafkammer des Land- gerichts I der Arbeiter Molkenthin zu verantworten. Er soll nach der erwähnten Versammlung eine Menschenmenge zu Gewalttätigkeiten aufgefordert und zwei Schutzleute beleidigt haben. Als Belastunaszeugen traten die Schutzleute Härtung und Jeschoreck auf. Sic hatten den Auftrag, das Publikum, welches nach Schluß der Versammlung nach Hause gehen wollte, durch die Langesiraße nach der Fruchtstraße zu drängen. Wie die beiden Schutzleute vor Gericht angaben, soll die Menge durch Singen von Arbeiterliedern und Hoch- rufe auf das Proletariat eine widersetzliche Haltung ange» nommen haben: Rufe wie„Haut die Blauen, baut die Blut- Hunde" sollen aus der Menge gefallen, auch Gegenstände, dar- unter eine Flasche, sollen gegen die Beamten geschleudert worden sein. Infolge dieses Verhaltens der Menge— so sagen die Beamten— hätten sie den Säbel gezogen und so die Leute zu verdrängen gesucht. Nach den Beobachtungen der Feugen Mathilde Wurm, Weimann und Peters erscheint der Vorfall dagegen in einem wesentlich anderen Licht. Diese Zeugen waren in der Ver- sammlung. Als sie nach Schluß derselben auf die Straße gingen, sahen sie, wie die Schutzleute Härtung und Jeschoreck mit gezogenen Säbeln über den Köpfen der Menge herum- fuchtelten. Durch dies Verhalten der Beamten— das ist die bestimmte Bekundung dieser drei Zeugen— wurde die Menge erregt, und nun fanden sich kleine Gruppen zusammen, die lebhaft gegen die Bedrohung mit dem Polizeisäbel protestier- ten. In dieser Situation kam Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld hinzu. Er sagte zum Schutzmann Härtung, er solle doch den Säbel einstecken, dann würden sich die Leute beruhige« und nach Hause gehen.— Schutzmann Härtung aber erwiderte forsch und schneidig:„Das mache ich nicht, Sie habe» hier gar nichts zu bestimmen, gehen Sic weiter."— So stellte auch Schutzmann Härtung als Zeuge den Vorgang zwischen ihm und Rosenfeld dar. Dann aber niachte der Zeuge Härtung eine Angabe, die nicht nur an sich höchst unwahrscheinlich klingt, sondern auch durch andere Zeugen als unzutreffend .bezeichnet wurde Zunächst sagte der Zeuge Härtung, ihm sei von Sträßenpassantcn zugerufen worden, er solle doch Dr. Rosenfeld festnehmen, denn der wiegele sa die Leute auf, indem er sie auffordere, ruhig weiter zu singen, die Polizei habe ihnen nichts zu sagen.— Er selbst— sagte der Zeuge Härtung— habe diese Aeußerungen Rvsenfelds nicht gehört. Wenige Minuten später verdichtete sich diese Angabe Härtung� zu der bestimmten Behauptung, er habe selbst gehört, daß Dr. Rosenseld die Leute aufforderte, weiter zu singen.— Diese Angabc des Schutzmanns Härtung erklärten Frau Wnrm, Weimann und Peters als völlig unzutressend. Diese Zeugen � wissen, daß Rosenfeld die Menge, lvelche durch die Säbel- fuchtelei der Schutzleute erregt war, zu beruhigen versuchte und den Leuten zuredete, nach Hause zu gehen. Weil aber die Beamten für vernünftige Vorstellungen, die ihnen Rosen- seid machte, ganz unzugänglich waren, so ging Rosenfeld nach der Polizeiwache, um den Leutnant zu ersuchen, daß er die Schutzleute anweise, das Hantieren mit dem Säbel zu unter- lassen. In derselben Absicht begaben sich auch Peters und Frau Wurm nach der Polizeiwache. Ob sie hier Gehör fanden, darüber wurde vor Gericht nichts gesagt.� Tatsache �ist aber, daß die beiden Schutzleute schließlich doch die Säbel ein- steckten. Aber dann sah man einen Revolver in der Hand wenigstens des einen Schutzmannes, vielleicht auch beider. Schutzmann Härtung gab zu, daß er den Revolver in der Hand hatte. Aber, sagt er, die Waffe sei ihm aus der Tasche gefallen, er habe sie ausgehoben, nachgesehen, ob sie durch den Fall Schaden gelitten habe, und sie dann in die Manteltasche gesteckt.— Der Zeuge Peters hat aber ganz bestimmt gesehen. daß der Schutzmann den Revolver in der erhobenen Hand hielt, ihn gegen das Publikum richtete und so zum Weiter- gehen aufforderte.— Jedes derartige Vorgehen der Schutz- leute rief begreiflicherweis Protstrufe aus dem Publikum hervor sowie Hochruie auf das Proletariat.— Bei einer solchen Gelegenheit ist der Angeklagte festgenommen worden. Tie beiden Schutzleute gaben an, sie hätten aus seinem Munde den Ruf gehört:„Haut die Blauen, baut die Blut- Hunde!"— Der Angeklagte bestritt, diesen Ruf ausgestoßen zu haben.— Tie anderen Zeugen konnten über diesen Punkt keine Angaben machen. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenseld, bean- tragte Freisprechung, weil die beiden Schutzleute, denen ja in zwei Punkten unzutreffende Angaben nachgewiesen seien, nicht als glaubwürdige Zeugen angesehen werden könnten. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu drei Woche» Gefängnis. In der Begründung wurde gesagt: Daß einige Zeugen einen Teil der Vorgänge nicht gesehen haben, spreche nicht gegen die Nichtigkeit der Angaben der Schutzleute. Diesen sei in der Hauptsache Glauben zu schenken. Sie seien durch den Widerstand der Menge zum Einschreiten veranlaßt war- den. Ter Angeklagte habe durch den Ruf:„Haut die Blauen, liaut die Bluthunds" zu Tätlichkeiten aufgereizt� und die Beamten beleidigt. Das sei eine so erhebliche Störung der öffentlichen Ordnung, daß das Gericht, obgleich der Ange- klagte noch unbescholten sei, von einer Geldstrafe abgesehen und eine Freiheitsstrafe verhängt habe. *» * Hätten die Richter einmal Gelegenheit genommen, aus einer Versammlung heimkehrende Arbeiter und aufgeregte Schutzleute zu beobachten, so hätten sie unmöglich das Bild, das der Schutzmann von dem Hergang entwarf, als ein solches erachten können, das einem Gerichtsurteil zugrunde gelegt werden kann. Ein Urteil soll sich doch auf Wirklichkeit aufbauen, nicht aber ans Annahmen einer Persönlichkeit, deren Mitteilungen von der Wirklichkeit in mehreren Punkten er- weislich differierten. Die Lehren der Zeugenpshchologie er- weisen, daß die vrmeintlichen Wahrnehmungen derartiger Personen völlig unzuverlässig sind. Hätten sich die Richter unter der Menge befunden, so hätten sie unmöglich ein Urteil fällen können, das in der Schuldfrage wie in der Straszu- Messung dem Rechtsempfinden so wie das gefällte wider- spricht._; Karl Bogt vor Gericht. Tie moderne gewerkschaftliche Bewegung der Schauspieler, die sich augenblicklich erfreulich entfaltet, fehle sich zunächst bekanntlich nur in heftigen Konflikten durch. Ein besonders schmutziges Kapitel bildet in diesen Konflikten die Broschüre eines Schauspielers K a r l Vogt, die durch allerhand Klatsch dem gewerkschaftlichen Führer der Schauspieler die Ehre vom Leibe reißen wollte. Herr Karl Vogt, der sich in jener Broschüre nach einer Klage heiser schrie, ist seitdem von einer heilsamen Scheu vor den Gerich- ten befallen worden. In einer Verhandlung gegen Erich Schlaikjer, der die Broschüre ihrem Charakter nach gekennzeichnet hatte, kam er zu spät, so daß daS Verfahren eingestellt ivcrden mußte und Schlaik- jer seine Zeugen nicht aufmarschieren lassen konnte. Ein Prozeß, den der verdächtigte Führer der Schauspieler, Hermann Nissen, gegen ihn anhängig gemacht hat, wird seit Jahren mit allen möglichen Berschlcppungskünsten hingehalten. In einer Klage gegen den be- kannten Schauspieler Gustav Rickelt ist nun aber Herr Bogt zwar nicht von seinem Schicksal ereilt worden, wohl aber hat er vo« diesem Schicksal einen Borgeschmack erhalten. Als die Vogtsche Broschüre erschien, hatten die gewerkschaftlichen Instanzen der Schauspieler soeben das Verfahren gegen den wegen seiner Korruption bekannten Theaterdircktor Zickel anhängig ge- macht, und es bestand von vornherein die begründete Vermutung, daß die Vogtsche Schrift eine Hilfsaktion für den unheilbar bla- mierten Herrn Zickel sein sollte. In der Verhandlung gegen Nickelt ist nun tntsächlich festgestellt worden, daß der korrupte Herr Zickel zu den Hintermännern des widerwärtigen Pamphlets gehört hat, auch die neueste Nummer des schauspielerischen FachorganS brandmarkt Herrn Bogt als Verräter. Da Geridit sprach Nickest mit der Begründung frei, datz er ein Recht habe, einen Mann zu kennzeichnen, der seinen Berufsgenossen während ihres Kampfes in den Rücken gefallen sei und gegen seine Organisation unfair gehandelt habe. Der Standpunkt, den damit das Gericht eingenommen hat, gefällt uns so außerordentlich gut, daß wir nur wünschen möchten, er käme auch einmal zur Geltung, wenn gegen proletarische Streikbrecher verhandelt wird. Herr Vogt ist übrigens gegen de» Einspruch sämtlicher Regisseure von Herr« Hülsen an das jkgl. Schauspielhaus engagiert worden. Franz Abraham Baal. UMiina-a. Rfimeitrtzik-KeU. C.tl Bat»litr. 8», Fernap. Kgit.l J70S SFSi Bestea alkoholfreies Getränk. 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Die Krefelder Polizeipraris greift über auf die übrigen Streikorte. Im süddeutschen Streikgebiet sind jetzt die poli- zeilichen Maßnahmen ganz wesentlich verschärft worden. Die Gendarmerieposten wurden verstärkt. Die Absperrung der Straßen wird außerordentlich streng durchgeführt, sowohl artf elsässischer wie auf badischer Seite. Aus den Wegen, die die Arbeitswilligen passieren, darf überhaupt niemand gehen, der nicht geniigend nachweisen kann, daß er dringende Ge- schäste zu erledigen hat. Auf den übrigen Wegen bekommen die Passanten scharfe Weisung zum Weitergehen, die mit- unter mit dem Gewehrkolben unterstützt wird. Trotz alledem verhält sich die Volksmenge ruhig. Wie schweizer Blätter melden, soll für Friedlingen auf badischer Seite ein Aufgebot von zwei Kompagnien I n f a n- terie�mit Maschinengewehren und für die elsäs» fische Seite eine Schwadron Dragoner zur Verstär- kung der Polizeimacht für die nächsten Tage in Aussicht ge- nomnien sein. Noch toller geht es in der Schweiz zu. Tie dortigen Vorgänge beweisen, daß die vielgepriesene schweizer Freiheit sofort in sich zusammenbricht, wenn der Geldbeutel der Kapi- talisten durch streikende Proletarier in Gesahr gebracht wird. Dort hat die Polizei unter den Streikenden furchtbare Blutarbeit verr ichtet. Am Freitag- abend wurden in Basel die Streikbrecher von berittenen Polizisten und solchen zu Fuß begleitet und beschützt, aus den Fabriken ihren Wohnungen zugeführt. Eine zahlreiche Men- schenmenge hatte sich eingefunden, die den Zug mit Johlen empfing. Statt mit der Streikbrechereskorte sich von der Volks- menge zu entfernen, ritt der Baseler Polizeiinspektor provo- katarisch mitten durch die Massen hindurch. Die Volksmenge folgte jetzt dem Zuge der Streikbrecher. Da fanden es einige Polizisten plötzlich für gut, die Volksmenge anzuhalten und zurückzudrängen, was nicht gelingen konnte, da ja die hinten Nachdrängenden von den Vorgängen an der Spitze des Zuges keine Ahnung hatten. In der Aufregung zogen die Polizisten die Säbel und hieben wie wütende Kosaken auf die anwesen- den Männer, Frauen und Kinder ein. Diejenigen Polizisten, die nicht blank zogen, schlugen mit den Fäusten um sich. Mehrere Personen wurden arg mißhandelt und verwundet. Ein Arbeiter erhielt zwei Säbelhiebe über den Kopf, blut- überströmt mußte er in ärztliche Behandlung gebracht werden. Die Roheiten der Polizei wiederholten sich mehrnrals. Einem Arbeiter wurde die rechte Hand erheblich verletzt. Ein Kind, das für einen Augenblick der Hand des Vaters entschlüpft war, wurde von einem Polizisten mit einem Säbelhieb in die Hüfte schwer verletzt. Einige Verhaftungen wurden vor- genommen. Die Mehrheit des Regierungsrats der Baseler Regierung hat beschlossen, zwei Kompagnien Infanterie in Bereitschaft zu stellen. Nur der Genosse Negierungsrat B l o ch e r sowie ein bürgerliches Mitglied Regierungsrat Mangold haben gegen diese Maßnahmen gestimmt. Re- gicrungsrat W o h l s ch l ä g e r ist in Krankheitsurlaub ab- wesend. So werden in den nächsten Tagen deutsche Dra- goner und Infanteristen und Baseler Miliztruppen aufgs- stellt sein zum Zwecke der Niederhaltung streikender Arbeiter. Die schweizer Leitung der Arbeiterorganisationen erläßt an die Arbeiterschaft nachstehende Aufforderung: „An die Arbeiterbevölkerung des Horburgqartiers! Werte Kollegen und Genossen! Freitag abend sind im Hör- burgquartier und gegen Kleinhüningen Ansammlungen und in- folgedcssen vereinzelte Zusammenstöße mit der Polizei vorge- kommen. Wer die Verantwortlichkeit dafür trägt, wird eine un- kleines fcuilleton. Das abgesevte Jahrhunderlfestspicl. AuS Breslau wird gemeldet; Das Jahrhundertfestspiel Gerhart Hauptmanns wird, wie der Festausschuß bekannt macht, am Dienstagabend zum letzten Male aufgeführt. Bon den in Aussicht genommenen 16 Auf- führungen haben nur 11 stattgefunden. Die plötzliche Einstellung der Auffuhrungen ist um so unbegreiflicher, als gerade die letzten Vorstellungen besonders gut besucht waren. Die Stadtverordneten- Versammlung wird sich mit dieser Frage noch zu beschäftigen haben. Den Hetzereien der vereinigten Reaktionäre ist es also gelungen, dem Festausschusse ihren Willen aufzuzwingen. Pfaff und Junker im Bunde kommandieren die Künste. Wie könnte eS in Preußen anders fein! Das Bürgertum, das den Mut gehabt hat, Hauptmann zum Festdichter zu bestimmen, bat nicht die Kraft, sein und ihr Spiel vor der Meute der Kläffer zu beschützen. Die Stützen von Thron und Altar find nie skrupellos gewesen, wenn es galt, sich durchzusetzen. Sie hätten es auch fertiggebracht, im Namen des Vaterlandes die weiteren Aufführungen zu stören. Jedenialls war der Boykott des Festspieles schon ausgesprochen. Der Vorsitzende des„Gesamtverbandes preußisch-deutscher Vororte" hatte zu dem bereits angekündigt, daß die Generalversammlung seines Verbandes in Breslau nur staltfinden könne, wenn die .patriotischen Herzen verletzende Festspiele" aufgehört hätten. Es ist an dieser Stelle ohne Schonung gesagt worden, warum uns das Hauptmann-Festspiel künstlerisch und historisch verfehlt er- schien._ Aber diese künstlerischen und historischen Bedenken sind xK natürlich nicht, die den„Patrioten" zu schaffen machten. Es ist nackte Interessen- und Klassenpolitik, die sie treiben. wenn sie das Festspiel unterdrücken. Hauptmann hatte es verschmäht, die üblichen historischen� Legenden und dicken Lügen aufs neue zu frisieren.& bat die Sache mit den Augen eines bürgerlich Aus- geklärten anzusehen gesucht(und ist nach unseren Begriffen auf halbem Wege stecken geblieben). Aber schon das bißchen bürger- licher Freihe'tstendenz. aus die sein Werk gestimmt war. ist den Nutz- nießern des patriotischen Festrummels zu viel. Sie wollen nichts von Volk und Freiheit wissen, sie sehen in dem Befteiungskrieg, den das Volk 1813 begann, keinen Anfang, sondern ein Ende. Die Festipiele nach ihrem Herzen haben das Königshaus zu verherrlichen. ,clbst wenn es von einer hemmenden Null wie dem damaligen Friedrich Wilhelm vertreten wurde.„Der König rief und dann immer feste druff für Thron und Aliar!" Napoleon wäre als Giftschlange zu behandeln, der mit Gottes Hilfe d-r Kopf zerschmettert wurde. D,e unverschämteste Tendenz wäre diesen Bütlein gerade recht, nicht die Tendenz. die in der tatsächlichen Entwickelung der Dinge lag, sondern die Tendenz ihrer Machtinleressen. Sie kümmern sich einen Dreck um die Kunst, wenn diese ihre Kreise nicht stört, aber sie jagen sie zum Tempel hinaus, wenn die Kunst ihren Zwecken nicht dienen kann und mag. So ist diese Festsptelgeschichte die beste Illustration ,u der Sorte «reiheit. die unS 100 Jahre nach dem Befreiungskriege blüht. Das Denkmal auf S»rsch«ß. Der vor einiger Zeit in Paris •«llzogene Bertaus des künstlerischen Nachlasses des berühmten Bild- Hauers Carpeaux, gibt Ken»Annales" Anlaß zu einer kleinen-nied« parteiische Untersuchung festzustellen haben. Hier sei aber eins jcstgcstellt: die Streikenden tragen an diesen Vorkommnissen 1 keine«chuld. Im Gegenteil, sie haben das allerhöchste Interesse, daß der Streik in aller Ruhe vor sich gehen kann. Im Namen und Interesse der Streikenden ersuchen wir deshalb alle Partei- genossen, Arbeiter und die gesamte Bevölkerung des zunächst be- teiligten Horburgquarticrs, jede Ansammlung im Streikgebiete zu vermeiden, alles zu unterlassen, was die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährden könnte. Laßt die Streikbrechertolonne ruhig ihres Weges ziehen. Ver- achtung ist das einzige, was sie verdienen. Parteigenossen, Arbeiter! Es ist im Interesse einer sieghaften Beendigung des Streikes, was wir von Euch fordern. Die Solidarität der Arbeiterklasse fordert heute diese Pflicht von Euch, erfüllet sie! Parteikomitce der sozialdemokratischen Partei. Sozialdemokratische Großratssraktion. Ausschuß des Arbeiterbundes." Wie wenig gerechtfertigt überhaupt das brutale Verhal- ten der schweizer Polizei ist. ist aus nachstehendein ersichtlich: Am Mittwoch wurde sozusagen der schweizer Streikleitung das Vorgehen der Polizeibehörde in Aussicht gestellt. Einige Mitglieder wurden vor die Behörde zitiert. Dort wurde ihnen eröffnet, daß 10 Fälle schwerer Mißhandlungen zu ver- zeichnen seien und die Polizei deshalb gezwungen werde, ans der bisher gewahrten Reserve herauszutreten. Da der Streikleitung von diesen sogenannten schweren Mißhandlun- gen nichts bekannt war, forderte sie nähere Aufschlüsse, und siehe da. es wurde ihnen bekanntgemacht, daß die entsprechende Mitteilung von den Unternehmern eingereicht worden sei. Der schließlich hinzugezogene mit der Untersuchung betraute Oberleutnant mußte dann zugeben, daß die 10 Fälle sich sofort auf 4 reduziert haben, bei denen es in keinem einzigen Falle um einen tätlichen Angriff handelt. Mittlerweile nimmt der Kampf einen größeren Umfang an. In C o m o in I t a l i e n wird jede Sfteikarbeit für die Schweiz und für Krefeld verweigert. Eine Versammlung von 1400 italienischen Seidenfärbern beschloß den Generalstreik. sobald Streikarbeit angeboten wird. In Krefeld selbst ist es zu großen blutigenSchläge- reien in den Färbereien gekommen. Die dort einlogierten Hintzegardisten begannen unter der Einwirkung des Alkohols sich in der Nacht vom 8. zum 9. Juni mit Fäusten und mit gefährlichen Gegenständen zu bearbeiten. Schließlich schössen sie aus ihren Revowern und bearbeiteten sich mit Messern. Eine Anzahl Arbeitswilliger wurden fest- genommen._ Berlin und Qmgcgend. Achtung, Töpfer! Wegen Tarifbruchs sperren wir bicrmit folgende Firmen: Richard Siebert, Neukölln, Hcrmannstr. 93, Bau Kaiserin-Augusta-Straße in Tcmpelhof, und Hermann P ö the u. Gustav Falke, Neukölln, Bau Anzengruberstraße. Achtung, Arbeiter von Niedcr-Schöncweide! Dem Zigarren- Händler Oskar Hönisch, Berlin- Nieder-Schöneweide, Hasselwerder- straße 11, mußte das grüne Plakat entzogen werden, da der Ge- nannte von Zigarrenfabriken bezieht, die den Wünschen und Forde- rungen der Arbeiterschaft feindlich gegenüberstehen. Arbeiter, Raucherl Kauft nur dort Euren Zigarrenbedarf, wo das grüne Plakat, unterschrieben Astoin Schulze, vorhanden ist. Uebt Solidarität! Der Vertrauensmann der Tabakarbekter. Deuttches Reich. Die Organisation der Dienstboten, die seit dem Jahre 1909 auf zentraler Grundlage aufgebaut ist, wird von dem Verband der Hausangestellten Deutschlands unverdrossen fortgesetzt, wie aus dem Tätigkeits- bericht der Verwaltung für das Jahr 1912 zu ersehen ist. Auf stark steigende Mitgliederzahlen kann der Verband freilich nicht hinwifen. Nur langsam geht der Aufstieg, denn ist die Organi- sation der gewerblichen Arbeiterinnen im allgemeinen schon lichen Geschichte, die von dem Schöpfer der unendlich anmutigen Tanzgruppe vor der Großen Oper in Paris, erzählt wurde. Carpeaux, der ein ebenso großer Lebeman, wie Witzbold war, er- hielt einst von einem Kunstfreund einen sonderbaren Auftrag. Er sollte nämlich eine Gruppe liefern, der das Thema gestellt war: „Polyphem zermalmt AciS mit einem Felsblock." Der Künstler, den mythologische Stoffe gar nicht interessierten, nahm den Auftrag an und ließ sich sofort einen tüchtigen Vorschuß darauf geben. Damit war die Bestellung für ihn zunächst er- ledigt. Er ließ sie ruhig liegen, obwohl der Kunstfreund ihn immer und immer wieder daran erinnerte. Als Carpeauy, der den größten Teil des Vorschusses bereits verbraucht halte, dem heftigen Drängen des Bestellers nicht mehr ausweichen konnte, nahm er ihn eines Tages in sein Atelier und führte ihn vor einen großen, unförmlichen Tonklumpen, der in einer Ecke aus dem Boden lag.„Da ist Eure Gruppe," sagte mit einer nachlässigen Handbewegung der Künstler. „Jedenfalls ist das der Felsen, aber wo ist denn Acis?"„Seldst- verständlich unter dem Felsen: er ist doch zermalmt."„Ah so! nnd Polyphein?"„Aber glauben Sie denn, daß er dageblieben ist, nach- dem er diesen Wurf ausgeführt hatte?" 1 Künstliches Leder auS Schimmel. Seit einiger Zeit wird ein lederartigcr, sehr zugfester Stoff durch die Berliner Auergesellschaft hergestellt, der aus künstlichem Wege aus Mikroben aufgebaut wird. Als Außgangsmaterial dienen dabei nach einer Mitteilung der„Naturwissenschaftlichen Wochenschrist" Häute, die durch das Wachstum von Bakterien und Schimmelpilzen ans geeigneten Unterlagen gebildet werden. Solche künstlichen Häute lassen sich in beliebiger Ausdehnung und in beliebiger Dicke herstellen; das Balte- rium Thlinum bildet z. B. Häute bis zu 30 Zennmeter Dicke, die sich kaum aus den Bottichen heben lassen. Dem besonderen Mikro» organismus muß der Nährboden jeweils angepaßt werden, und man verfährt dann so, daß man diesen Nährboden, z. B. Kar- toffelmaische, mit den Kulturen impft, die die Häute bilden, und die Lebewesen sicb dann unter genügender Luftzufuhr selbst über- läßt. Diese künstlichen Häute werden dann loeiter verarbeitet, indem zuerst die Flüssigkeit ausgepreßt wird, dann werden sie ge- gerbt, vor dem Gerben aber werden sie zuweilen durch Füllstoffe, z. B. Aluminiumharzseife, verbessert. Das Kunstleder, das man so erhält, soll ziemlich fest sein und kann natürlich durch Aufziehen auf entsprechende Gewebe oder durch Einlagern eines Gewebes zwischen zwei Häute verstärkt werden. Theater. Deutsches Schauspielhaus. Ter durch Ellen Key modisch gewordene„Schrei nach dem Kinde" ist ja in so manches Schncidcraielier für moderne Dramenkunst gedrungen daß man sich nicht zu wundern braucht, wenn ihn nun auch der Italiener Silvio Z a m b a l d i in seiu Schauspiel„Eine Vergangen- h e i t" verarbeitet hat. Wir hören da die rührselige Dorfgeschichte von einer»erführten Lehrerin, die dann die Frau eines Arztes ge- worden ist. Ihm verdankt sie das Leben; aber die Fähigkeit zur Mutterschaft ging ihr dabei verloren. Das weiß der Chirurg libr jetziger Mann) ganz genau; sie ahnt es vorläufig nur, bis dann diese Ahnung zum Wissen wird. Soweit lebte die Toktorsamilie recht glücklich. Den Namen des Verführers wollte er nicht erfahren, und mehr Edelsinn braucht's nicht. Nun trifft es sich aber, daß eine auf. einer Autofahrt verunalückte Dame zu ihm gebracht und schwer, so begegnet sie bei den Dien st boten durch die Einzel- stelluug der Mädchen, durch die stete Zuwanderung vom Lande und durch die Gesindeordnung noch besonderen Schwierigkeiten. In Breslau wurde die Vereinigung der Mädchen durch die Polizei verhindert, indem die dortige kleine Ortsgruppe als politisch erklärt wurde und sich auflösen mußte. Was den Mädchen in 28 anderen deutschen Städten erlaubt ist, wird in Breslau ver- boten. Als der Vorsitzende des Gewerkschaftskartells in Breslau eine Versamnrlung von Eltern einberief, die ihre Kinder in den Dienst geben, da erhielt er flugs ein Strafmandat über 20 M. Und die geplante Versammlung bat nicht einmal stattgefunden. Die Mitgliedcrbewegung des Verbandes zeigte für das Berichts- jähr einen Bestand von durchschnittlich 6747 Mädchen und Frauen, um 019 höher als im Vorjahre, nach dem Verkauf der Beitrags- marken berechnet. An der Spitze der 28 Ortsgruppen in Deutsch- land steht Hamburg mit 1875 Mitgliedern, dann folgt Berlin mit 1067, dann Hannover mit 381, Nürnberg mit 379, Bremen mit 350, Frankfurt a. M. mit 297, Leipzig mit 184, Dresden mit 154, Halle mit 125. Stuttgart mit 120, Braunschweig mit 112, Lübeck mit 101 Mitgliedern usw. Diese Zahlen sind sehr vorsichtig gehalten, denn es sind darin nur die Mitglieder ausgeführt, die ihre Beiträge pünktlich bezahlen. Sonst könnte der Verband mit anderen Mit- gliederzahlen prunken; im Berichtsjahre wurden 4213 neue Auf- nahmen vollzogen, gegenüber 4002 im Vorjahre, aber die neu- gewonnenen Mitglieder sind um so schwerer zu halten, als sie ber dem häufigen Stellenwechsel leider zu oft versäumen, ihre Adressen dem Verbände einzusenden. Die monatlich erscheinende„Verbandszeitung", die gern für Agitationszwecke verlangt wird, hat eine Auslage von 9000 Exem» plaren, gegenüber 8000 im Vorjahre. Die Stellen für Rat- und Ausknnfterteilung, die der Verband eingerichtet hat, wurden stark in Anspruch ge- nommen. Zahlreiche Differenzen mit den Herrschaften kamen zu einer befriedigenden Lösung durch das Eingreifen des Verbandes. In 41 Fällen mußten die Gerichte zur Entscheidung angerufen werden. Der langwierige Weg über die Amts- und Landgerichte verzögerte manche Entscheidung Monate und Jahre. Darum fordert der Verband immer dringender die Einführung von Gerichten in der Art der Gewerbegerichte für die Dienstboten, um so mehr, als es sich gewöhnlich um Lohn- und Kostgeldfragen bei den Klagen dreht. Von den genannten 41 Fällen wurden 24 gewonnen, 4 ab- gewiesen, 7 zurückgenommen, 5 blieben noch unerledigt und eine Klage ging verloren. Der Verband gab für Rechtschutz im Berichts- jähre 892,54 M. aus, gegenüber 309,82 M. im Jahre 1911 und 205,80 M. im Jahre 1910. Die Ausdehnung der Krankenversichcrungspflicht auf die Dienst- boten läßt noch immer auf sich warten, obgleich sie längst beschlossen ist, aber die„Vorbereitungen" nehmen merkwürdig lange Zeit in Anspruch und dauern von einem Jahr zum anderen, sehr zum Schaden der Mädchen. Die kleine Unterstützung, die der Verband in Krankheitsfällen zahlt, summierte sich im Jahre 1912 auf 4212,50 M., gegenüber 3118 M. im Jahre 1911 und 1857,50 M. im Jahre 1910. Tie Ansprüche an den Verband sind demnach sehr stark gestiegen. Eigene Arbeitsnachweise untcrhiclicn die Ortsgruppen Ham- bürg, Hannover, Bremen, Halle, Dresden, Stuttgart, Zeitz. Die übrigen Ortsgruppen lehnen sich zum Teil an städtische oder städtisch subventionierte Stellenvermittelungen an. Auf die Verkürzung oder vielmehr Regelung der unbegrenzten Arbeitszeit durch Einführung bestimmter Freizeiten wird überall großer Wert gelegt. In der Hamburger Stellenvermittelung wqtz eine Nachfrage von 4412 Hausfrauen und ein Angebot von 2306 Frauen und 1004 Mädchen im Berichtsjahre zu verzeichnen. Ver- mittelt wurden 1747 Stellen für Frauen und 564 für Mädchen. Nach Hamburg folgt Hannover mit 900 Nachfragen von Hausfraufli und 467 Angeboten von Mädchen und 220 vermittelten Stellen, dann Bremen mit 521 Nachfragen und Angeboten von 360 Frauen und 201 Mädchen und 170 vermittelten Stellen für Frauen, 156 für Mädchen. Zur Agitation wurden von der Zentralstelle 307 000 Flugblätter und Broschüren und 1900 Plakate ausgegeben.„Der HauS- angestellten Klage" erschien in einer Auflage von 58 000. Der Vorstand bemühte sich um Erhöhung der Kostgcldsätzc in den ein- zelnen Orten und erhob die Ansprüche der Hausangestellten auf die neuen Fortbildungsschulen für Mädchen, freilich nur mit einem hier von einer Frühgeburt überrascht wird. Die Dame ist die Frau jenes Unholds, dem eben«inst die Lehrerin ins Garn gegangen war. Zwischen ihm, der schleunigst ans Kindbettlager geholt wurde, und seinem Opfer gibt es jetzt die Szene eines unerwünschten Wiedersehens, wobei sich der Verzweiflungsschrei um die geraubte Mutter- schuft mit Flüchen gegen den Schurken mischt. Das mutet fast„dra- matisch" an. Bei dieser Gelegenheit erfährt der Arzt, was er nicht erfahren wollte. Dem Schuft an die Gurgel zu springen, verbietet ihm die Pflicht, die er als Arzt an dessen unschuldiger Frau vertritt. So kocht er also in Eifersucht gegen Luisa, seine eigene Gattin, weil sie ihm ihre Beziehungen zu ihrem einstigen Verführer ver- schwieg. Man befürchtet nun ein echt italienisches Ende mit Dolch. stichen und Schießerei. Nichts von alledem. Der Dichter zieht sämt- liche Register der Versöhnung und beweist mit viel Rührseligkeit- daß Rauppach, Auerbach und Charlotte Birch-Pfeiffer nicht umsonst gedichtet haben. Die Darstellung bot außer der Luisa von Paula S o m a r y nichts von Belang. e. k. Notizen. — Eine überraschende Entdeckung. Die bürgerliche Presse hat bei den Gratisaufführunqen, die einige Theaterdirektoren zu Ehren von S. M. und zur Reklame fürs Geschäft veranstalteten, höchst sonderbare Eindrücke gewonnen. Staunend verkündet sie, wie enipfänglich, wie hingegeben und dankbar und auch gesittet da» Publikum war. Die ausgeschickten Theaterkritiker zweiter Garnitur schwimmen in Volkstümlichkeit. Sie wünschen das üble Premieren- Publikum fwenigstens in der Nichtbörsenpresse) zu allen Teufeln und proklamieren die Kunstbereitschaft des Volkes... Waren denn die Volksbegeisterten noch nie in Bolksbühnenaufführungeu, wo sogar wirkliches und auch noch zahlendes Volk diese neuentdeckten Tugenden schon so lange bewährt? — In der Krolloper gelangt Mittwoch, Tristan und Isolde" mit Frau Langendorff als Brangäne zur Wiederholung. Die Isolde singt diesmal Frau Dopler. Donnerstag setzt Kammer- sänger Pennarini als Lohengrin sein Gastspiel fort; Freitag be» ginnt Walter Soomer sein auf zwei Abende berechnetes Gastspiel als Hans Sachs. — Die Zensur wacht. Hermann Essigs Komödie.Die Weiber von Weinsberg', die im München er Künstlertheater zur Uraufführung gelangen sollte, ist von der Zensurbehörde verboten worden. — Ein jurysreie Kunstausstellung ist— nachdem Berlin und München vorangegangen find— nun auch in Dresden inszeniert und am Dienstag eröffnet worden. — Das Bild auf Reisen. Der Jenaer Kunstverein, der zum 60. Geburtstage des Schweizer Malers Hobler eine Ausstellung seiner Gemälde vorhatte, ließ ein Monumentalwerk von ihm aus dem Jahre 1880 wegen seiner Größe in offenem Wagen aus Zürich beschaffen. Ein Orkan beschädigte unterwegs das Bild erheblich; eS muß nun erst restauriert werden. — Ein Keuchhustenserum. Der Direktor deS Pariser Pasteursche» Instituts, Rour, teilte in der Sitzung der Akademie der Wiffenschaftcn mit, daß es dem Leiter des Pasteurschen Instituts in Tunis, Ricolle, und feinem Assistenten Conor gelungen sei, mittels Keuchhustenbazillen ein Serum herzustellen, mit dem in einer großen Anzahl von Fällen eine schnellere Heilung von Keuchhusten erzielt worden sei. «gattv«» ResvNaki Me Forderunyen der Dienstboten k-nnen hier und da zu einer öffentlichen Diskussion, und damit muhte man sich begnügen. Der Verband aber war selbst nach Kräften tätig für die Fortbildung der Mädchen; Lehrkurse über Literatur und tÄeschichte, Versammlungen mit belehrenden Vorträgen, Nähabende, Theaterabende usw. wurden den Mitgliedern geboten; der Kampf gegen die Schundliteratur und allerlei Aberglauben, gegen Heirats- schwindler und Mädchcnhändler wurde besonders im Verbands- organ nicht vergessen. Der Kassenbericht zeigt kein erfreuliches Bild. Bei den ge- ringen Beiträgen von k>0 Pf. pro Monat(vorher 40 Pf.) kann der Verband ohne ansehnliche Zuschüsse nicht bestehen. Immerhin sind im Berichtsjahre trotz der Beitragserhöhung von 10 Pf. die Ein- nahmen aus Beiträgen und Eintrittsgeldern um rund 2S0V M. gestiegen. Die Abrechnung für das Berichtsjahr bilanziert mit öl 660,78 M- Erst eine ganz außerordentliche Erhöhung der Mit- gliederzahlen kann hier günstig einwirken, und ein solcher Auf- schwung wäre dem Verbände wohl zu wünschen. Die Leitergerllstbauer in Düsseldorf stehen bei sämtlichen Firmen im Streik. Sie fordern: Regelung der Arbeitszeit und Erhöhung der Stundenlöhne. Die Unternehmer haben jede Ver- Handlung mit der Organisation abgelehnt. Es wird dringend er- sucht, den Zuzug von Lcitergerüstbaucrn nach Düsseldorf fern- zuhalten. Christliche Aussperr«ngSandrohu«g. In der Textilindustrie des katholischen Städtchens Bocholt an der holländischen Grenze drohen die Fabrikanten mit der Aus- sperrung der Arbeiter, wenn bis nach Ablauf der Kündigungsfrist, am 21. bezw. 28. Juni, eine Einigung, wie die Fabrikanten sie wünschen, nicht erzielt wird. Es kommen 5800 Arbeiter in Frage.— Diese Aussperrungsandrohung ist die Antwort der Unternehmer aus; die von den christlichen Arbeitern eingereichten Forderungen. K. Sevossellschaststag des Ientralverbavdes destscher Konsumvereine. Dresden, den 17. Juni 1913. Die 1. ordentliche Hauptversammlung des 10. Genossenschafts- tage? des Zentralverbandcs Deutscher Konsumvereine fand am heutigen Dienstag unter dem Vorsitz von Lorenz- Hamburg statt. Sie wurde eröffnet mit einem Bericht über die TStigkeit de? Borstanbes. Diesen erstattete Konrad Borth- München. Der Redner be- richtete über die Entwicklung der deutschen Konsumvereine bis zu den Ereignissen von Kreuznach, die zur Trennung von dem All- gemeinen Verband der deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossen- schaften führten, und über die bisherige zehnjährige Entwicklung des Zentralverbandcs. Er schloß seinen Bericht mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß auf den Frühling der deutschen Konsumgenossen- fchaftsbewegung ein warmer Sommer und ein crntereicher Herbst folgen möge(Beifall). Den Bericht über die Entwicklung des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine gab der Generalsekretär Heinrich K au f m an n-Hamburg: Unsere Genossenschaften stehen mitten in einem Wirtschaftsleben, dessen höchstes Gesetz der Kampf aller gegen alle ist. Ringe und Trusts wenden sich geschlossen gegen uns, Verleumdungen und Verdächti- gungen aller Art werden uns entgegengeschleudert. Die Behörden werden gegen uns mobil gemacht. Dagegen müssen wir uns durch Versammlungen, Broschüren und unsere Presse wehren, die mächtige Waffen der Konsumenten geworden sind. Das ganze letzte Jahr war erfüllt mit heftigen Kämpfen, über die unser Jahresbericht Rechenschaft gibt. Im Mittelpunkt des Interesses standen die Maßnahmen der Konsumvereine gegen die Lebens- Mittelteuerung, die im Jahresbericht eine(vom„Vorwärts" bereits besprochene) Bearbeitung erfahren haben. Weiter haben wir einen heftigen Kampf gegen ungerechte Steuervorlagen geführt. Wir treiben keine Steucrdrückebergerei. Aber wir wehren uns gegen Ausnahmegesetzgebung und gegen Ausnahmebesteuerung. Die deutschen Genossenschaften haben jetzt die Ziffer von 24 000 erreicht. Ihre Mitglicderzahl beträgt 4,8 Millionen. Die Konsumvereine insbesondere haben in den letzten 10 Jahren ihre Mitgliederzahl von 950 000 auf 2,1 Millionen, ihren Umsah von 212 auf 568 Mil- lioncn und ihre Eigenproduktion von 21 auf 88 Millionen gesteigert. An diesen Zahlen nimmt der Zentralverband in ivachsendem Maße teil. Während er vor 10 Jahren knapp die Hälfte der deutschen Konsuinvereine umfaßte, sind es jetzt% der genossenschaftlich organisierten Konsumenten. An dieser Entwicklung ist besonders die Großeinkaursgcsellschaft hervorragend beteiligt, die ihren Um- sah in dieser Zeit von 26 auf 136 Millionen steigerte, während die Zahl ihrer Angestellten von 192 auf 1732 Personen stieg. Außerdem unterhält sie eine immer wachsende Eigenproduktion. Neben diesen äußeren Fortschritten stehen die inneren Fortschritte: Tarifamt und Tarifverträge, die wir zusammen mit den GeWerk- schaften abgeschlossen haben, Abwchrmaßnahmcn gegen die Heim- arbeit und die Zuchthausarbcit, und nicht zuletzt die gewerkschaft- lich- genossenschaftliche Bcrsicherungsaktiengesellschaft„.Bolksfür- sorge". Dann wäre der Aufbau der Revisionsvcrbände und des Zentralverbandes selbst zu erwähnen. Auch die Einzelvereine er- weitern den Kreis ihrer Betätigung. Ein großer Konsumverein ist jetzt sogar dazu übergegangen, ein Rittergut zu erwerben und zu bewirtschaften. ES ist ehrenvoll, wenn die großen Konsum- vereine sich als Pioniere aus dem Neuland genossenschaftlicher Be- tätigung bewähren. Eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre wird es sein, unser Geldwesen zu systematisieren. Beson- dcrs muß auf eine Stärkung der Reserven und auf eine Erhöhung der Geschäftsanteile gedrungen werden. Trotz unserer großen Fortschritte haben wir noch größere und schönere Aufgaben in der Zukunft zu erfüllen. Wir Konsumvereinler sind ein wesentlicher Teil der neuen ununterbrochenen Entwicklung in dem Aufstieg lZr Menschheit zu höheren Formen des Gemeinschaftslebens. In dieser feierlichen Jubiläumsstunde wollen wir uns versprechen, in diesem Geist zu arbeiten. Nicht die Rechte, die jemand ausübt, sondern die Pflichten, die er sich auferlegt, geben ihm den wahren Wert. Nehmen wir alle Pflichten des Genossenschaflers auf uns, um den Zentralverbaird deutscher Konsumvereine immer höher zu ent- wickeln.(Stürm. Beifall). In der Diskussion betonte Mendel von der„Produktion" in Hamburg die ungeheure Wichtigkeit einer engeren Verbindung zwischen Stadt und Land, zwischen städtischen Konsumvereinen und landwirtschaftlichen Genossenschaften. Hier sei noch sehr viel zu tun. Allerdings stehe dem der antikollektivistische Bauernschädel und der Mangel an kaufmännischer Bildung der Leiter der land- wirtschaftlichen Genossenschaften entgegen. Jedenfalls wolle er die Leitung deS Zentralverbandes auf diese� wichtige Aufgabe auf- merksam machen(Beifall).— Generalsekretär Kaufmann: Als Bauernsohn habe ich dieses Problem schon in früheren Jahren im Jahrbuch des Zentralverbandes behandelt. Leider ist die Ver. bindung mit dem Reichsverband landwirtschaftlicher Genossen- schaften abgebrochen worden, seitdem von ostelbischer Seite der Leitung des Reichsverbandes der Vorwurf gemacht wurde, daß sie mit der Sozialdemokratie paktiere. Da? Musterstatut für Bezirkskonsumvereine besprach Verbandssekretär Karl S ch m i d t ch en- Düsseldorf. Er schilderte die Rolle des Genossenschaftrats, der� für die künstliche Gesetzgebung der Vorläufer eines Repräsentativsystems sei und zu- gleich eine Arbeitsorganisation ersten Ranges in den Vereinen bilden soll. Ter Redner beantragte, die endgültige Beschlußfassung hierüber dem Generalrat des Zentralverbandes zu überweisen.— Rechtsanwalt Steinschncioer- Berlin enipfahl beweglichere Organisationsformen.— Es wurde nach dem Antrag des Referen- tcn beschlossen, Hierauf gab A. v. Elm-Hamburg einen Bericht über die„Bolksfürsorge". Er schilderte die Entstehung der..Volksfürsorge", und dieser erste, der Oeffentlichkeit erstattete authentische Bericht wurde von der Versammlung mit größter Spannung entgegengenommen, v. Elm legte dar, daß die lange Berzögerung des Inkrafttretens der„Volks- fürsorge" zum großen Teil darauf zurückzuführen ist, daß bei der Gründung der Volkssürsorge 429 Tabellen zu den einzelnen Ver- sichcrungszweigen ausgearbeitet werden mußten, aus denen jeder Versicherte in jedem Augenblick den Rückkaufswert seiner Ver- sicherung ersehen kann. Nur mit Hilfe großer Rechenmaschinen war es überhaupt möglich, diese Arbeit in der gegebenen Zeit zu bewältigen. Tie übrigen BolksversicherungSgcsellschaftcn haben auf diese Tabellen verzichtet. Aber dann gibt es nachher beim Rück- kauf der Versicherung jedesmal eine große Enttäuschung über die gering« Höhe der erhaltenen Summe. Tie„Volksfürsorge" hat ihre Arbeit auf Wahrheit und Klarheit gegründet, um ihrer Ver- sicherung von vornherein das Mißtrauen zu nehmen, das bisher der Volksversicherung in Deutschland so sehr geschadet hat. Für die Zukunft wird diese Arbeit ihr auch sehr zustatten kommen und ihr viel Arbeit und viel Kosten ersparen. Die Vorarbeiten waren am 3. Dezember 1912 soweit gediehen. daß zur Gründung der Gesellschaft geschritten werden konnte. Am 16. Dezember fand die Grundungsversammlung statt. Der Grün- dungsversammlung lag ein Schreiben des Präsidenten des Kaiser- lichen Aufsichtsamtcs vor, in dem er Bedenken gegen die Be- teiligung von Genossenschaften an einem Versicherungsunternehmen äußerte. Die Gründung wurde daher nicht durch die Organisa- tionen, sondern durch beauftragte Personen vorgenommen. Von feiten der Genossenschaften waren es die Herren Scharling, Dr. Kassau und Dr. Mayer, von feiten der Gewerkschaften der Vorsitzende der Generalkommission Legien und je ein Beamter des Bauarbeiterverbandes und Metallarbciterverbandes. In den Auf- sichtsrat wurden gewählt von gewerkschaftlicher Seite Bauer, Schlicke, Lcipart und Ebert, von genossenschaftlicher Seite Hoffmann. Dr. August Müller, Junger und Fräßdorf. In den Vorstand wurden entsandt von gewerkschaftlicher Seite Paeplow, Lesche und Wandker, von genossenschaftlicher Seite Lorenz, Kaufmann und v. Elm. Auf Grund der Eingaben beim Kaiserl. Aufsichtsamt wurde am 16. Januar 1913 eine Konferenz anberaumt. In Gegenwart des Präsidenten des Kaiserl. Auffichtsomtes Dr. Gruner wurden vom Aufsichtsamt einige Bedenken gegen den Geschäftsplan erhoben. So mußte der Organisationsfonds von 100 000 M. auf 200 000 M. erhöht und bar eingezahlt werden. Auch sollten die Genossen- schaften an dem Versicherungsgeschäft nicht beteiligt sein. Di« Aktien wurden daher auf Personen ausgestellt. Aber die Frage, inwieweit eine Genossenschaft Versickerungsgeschäftc betreiben darf, wird rechts- und endgültig zur Entscheidung gebracht werden. Außerdem mußten die Tarife in einigen Punkten geändert werden, weil das Aufsichtsamt bei der Höhe des Aktienkapitals eine Ver- sicherung über den Betrag von 1500 M. hinaus nicht dulden wollte, und auch eine Umarbeitung der Sterbeversicherung verlangte, da die.Volksfürsorge' nicht darauf eingehen wollte, besondere Ge- uhrenklasscn für die einzelnen Berufe zu schaffen. Endlich am 17. April konnten die notwendigen Aenderungen in den Tarif und in den Gcsellschaftsvertrag auf�nommen und erneut beim Auf- ächtsamt eingereicht werden. Die zweite Eingabe wurde vom Auf- ichtsamt in der unglaublich kurzen Zeit von drei Wochen erledigt. Die Gewerkschaften und GenossensHiften sind dem Aufsichtsamt ür die prompte Erledigung der Prüfung und für das weitgehende Entgegenkommen zu großem Dank verpflichtet.(Lebh. Beifall.) Am 6. Mai fand die mündliche Schlußverhandlung vor dem zu- 'tändigen Senat des Kaiserl. Aufsichtsamts statt. Zunächst wurde eingehend die Frage erörtert, ob die..Volksfürsorge" mit der sozial- demokratischen Partei in irgendwelchen Beziehungen stände. Wenn die Gegner nach diesen ausgiebigen Erörterungen ihre Verleumdung wiederholen, daß die Volksfürsorge ein sozialdemokratisches Unter- nehmen sei, so beleidigen sie nicht nur die Genossenschaften und Gewerkschaften/) sondern verleumden auch das Kaiserl. Aufsichts- amt für Privatversicherung.(Lebhafte Zustimmung.) Jeder Ge- werkschaftler und Geiwssenschaftler weiß, daß unsere Gegner lügen. Ich glaube, unsere Gegner wissen es jetzt selbst.(Heiterkeit) Weiter wurde die Fragen erörtert, inwieweit das Inkasso gesichert ist. Von dem Moment an, wo die.Volksfürsorge" sich entschloß, den Rahmen einer bloßen Sparversicherung sür Gewerkschaftler und Genossenschaftler zu überschreiten und auch die Kavitalversicherung einzu- fiihrcn, den Versicherten einen Rechtsanspruch zu geben und sich an alle Volkskreise zu wenden, mußte sie auch die Verpflichtung zu einer regelmäßigen Prämieneinziehung von den Versicherten übernehmen. Wir haben uns vor dem Kaiseel. Aufsichtsamt noch einmal förmlich dazu verpflichtet, daß dw Abholung der Prämien regelmäßig und pünktlich erfolgen wird. Darauf ist am 6. Mai die Genehmigung erfolgt, am 17. Mai ist die.Volkssürsorge" in Hamburg zum Handelsregister angemeldet worden, und am 22. Mai erfolgte ihre Eintragung. Der Geschäftsbetrieb wird am 1. Juli eröffnet werden. Die Versendung des gesamten Materials erfolgt in diesen Tagen und bereits von jetzt an werden überall Bcr- sicher» ngsbciträgr entgegengenommen. lLebhafter Beifall.) Tie Grundsätze der„Bolksfürsorge" tragen zunächst den Be- dürfnissen und Lebensverhältnissen des arbeitenden Volkes Rech- nung. ES war deshalb unmöglich, die Versicherung auf die ganze Lebensdauer auszudehnen. Es mußte vielmehr die Möglichkeit geschaffen werden, sie kurzfristig zu machen. Die Grundlage der Berechnungen waren die neuesten Sterbetafeln, die dem Versicher- ten durchweg günstiger sind, als die von den anderen Gesellschaften benutzten älteren Sterbetafeln. Darum sind unsere Prämien niedriger und unsrre Bcrsicherungssummc ist höher als dort. Tie beiden Hauptarten der Versicherung werden die Kapital- und die Sparversicherung sein. Tie Kapitalversicherung rechnet mit festen Prämien und festen Versicherungssummen. Die Sparversicherung ist zwanglos. Der Versicherte kann zahlen, loann nnd wo und wieviel er will. Mit der Sparversicherung ist eine Risikoversiche- rung verbunden, die die Schäden, deretwegen die Sparversicherung sich bisher wenig ausgebreitet hat, vollkommen beseitigen_ wird. Jetzt ist dieser Konnex von Risiko- und Sparversicherung für die Arbeiter die vorteilhafteste VcrsicherungSform und kann ihnen da- her am meisten empfohlen werden. Die Gegner' der�..Volksfürsorge" sind der Meinung, daß sie nichts wird leisten können, weil ihre Leiter und Agenten keine Versicherungsfachleute sind. Der Meinung waren auch die Krämer, als die ersten Weber von Roch. dale anfingen, sich mit dem Warenhandel zu befassen. Aber genau so, wie sich die Konsumvereine im Warenhandel durchgesetzt haben, werden wir uns auch bei dem Handel mit der Ware„Versicherung" durchsetzen. Eine Volksversicherung, darf nicht allein nach den Tarisen beurteilt werden, sondern vor allem nach den Versichc- rungsbedingungen. Bei den bestehenden Volksversicherungen haben allein im letzten Jahre 300 000 Personen ihr eingezahltes Geld eingebüßt, ohne auch nur einen Pfennig zurückzuerhalten. Bei der „Volksfürsorge" hört das auf. Nach einjähriger Prämienzahlung wird die Kapitalversicherung in eine prämicnfteie Versicherung umgewandelt und, wird die Zahlung abgebrochen, bevor ein Jahr verflossen ist, so erfolgt die Umwandlung in eine Sparversicherung. Es wird also in Zukunft so gut wie kein Versicherungsnehmer sein eingezahltes Geld mehr verlieren. Ganz im Gegensatz zu den übrigen Versicherungen wird der Rückkauf und die Belribung jeder- zeit zugelassen werden, und es werden dann bei der Kapitalver- sicherung vier Fünftel der Prämienreserven, bei der Sparvcrsiche- rung 95 Proz. der Prämienreserven zurückgezahlt. Wenn die Geg. ner uns verleumden, daß wir unsere Versicherten auf Lebenszeit einfangen wollten, natürlich nicht nur für uns, sondern auch für *) Redner meint selbstredend nicht, das; es für ein Unter- nehmen eine Beleidigung sein könne, ein sozialdemokratisches zu sein: er will vielmehr�zum Ausdruck bringen, daß die Beleidigung darin liegt, daß Genossenschaften oder Gewerkschaften vorgeworfen wird, in Widerspruch mit den Gesetzen anzugehen. Besteht die Leitung der„Volksfürsorge" aus Sozialdemokraten, gehören ihr Sozialdemokraten als Mitglieder an, und wird sie in sozialistischem Geiste geleitet, so kgnn sie da? lediglich ehren. die Sozialdemokratie, so können wir ruhig antworten, daß wir Wilde bessere Menschen sind.(Beifall.) Tie Bersicherungspresse er» kennt den günstigen Charakter unserer Bedingungen an. Die Verleumdungen, oie in geheimen Zirkularen, z. B. von einer Agentur der„Friedrich Wilhelm" gegen uns ausgestreut worden sind, können das Licht der Oeffentlichkeit nicht vertragen. Unsere Hauptkonkurrenz wird wahrscheinlich die nationale Versicherung sein. Tie öffentlich rechtlichen Volksversicherungen haben ihre Tarife nur vom preußischen Ministerium des Innern prüfen lassen und haben sich ihren Organisationsfonds von fünf preußischen Provinziallandtagen aus dem Geld der Steuerzahler bewilligen lassen. Scheinbar bieten sie höhere Versicherungssummen als wir. Aber dafür fällt auch jede Gewinnmöglichkeit für die Versicherten, mindestens für die ersten 10 bis 20 Jahre, fort, während bei un- Serer„Volksfürsorge" von vornherein eine Rückvergütung� an die Zersicherten mit einkalkuliert ist. Höhere Versicherungssummen als wir bot auch die..Vereinsversicherungsbank" in Düsseldorf, aber trotz ihrer schönen Versprechungen, hat sie jetzt ihren Betrieb liquidieren müssen und ihr ganzer Bestand geht an die„Arminia in München zu erheblich schlechteren Versicherungsbedingungeni über. Die Sozialistenftesserei ihres Direktors Keppler hat sie nicht am Leben erhalten und ebensowenig die schmachvollen Angriffe» die der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie gegen uns gerichtet hat.(Zuruf: Dafür bat auch Dr. Bovenschen einen Orden bekommen!) Die kapitalistischen Volksversicherungen haben, seitdem der Plan der„Volksfürsorge" aufgetaucht ist. eine wahre GewaltSakquisition getrieben. Für jede neue abgeschlossene Ver- sicherung zahlte die..Viktoria" früher 6 M., im letzten Jahre 7,35 Mark Abschlußprovision, und im nächsten Jahr werden es wahr- scheinlich 8 M. werden. Wir zahlen 30 Pf. für den Abschluß einer Versicherung, und werden auch bei dem Inkasso und bei den Ver- waltungskosten ungeheure Summen sparen. Wir wollen das ganze Volk umfassen, unbekümmert um religiöse und politische An- schauungen und unbekümmert um das OrganisationSvcrhältnis deS Versicherten. Wir arbeiten lediglich auf gemeinnütziger� BasiS. Niemand, weder die Gewerkschaften noch die Genossenschaften, wollen von der„Volksfürsorge" einen materiellen Nutzen haben. Der ganze Nutzen kommt den Versicherten zugute, und die Gewerk- schaften und Genossenschaften begnügen sich mit dem moralischen Erfolg. Die..Volksfürsorge" bedeutet den Anfang einer Reform der Volksversicherung. Sie hat überall im Lande große Be- geisterung erweckt, und, wenn mit dieser Begeisterung an die Ar- beit herangegangen wird, wird sie schon jetzt die Grundlagen legen, auf denen in Zukunft ein stolzer Reformbau errichtet werden kann. (Lebhafter anhaltender Beifall.) Die weiteren Verhandlungen werden auf Mittwoch vertagt. Nelgiicher Gewerlricliaftsltongreß. Brüssel, 15. Juni.(Eig. Ber.) Ter für drei Tage angesetzte Genossenschaftskongreß wurde heute um 10 Uhr vormittags vom Genossen Solan eröffnet. Der Kongreß tagt im Festsaal des„Maison de Peuple". Es sind ins- gesamt 188 Teilnehmer anwesend: 159 Delegierte für 39 Gruppen und 29 Mitglieder der Gewerkschaftskommission. Von auswärt? sind erschienen als Vertreter der Confederation Generale du Travail in Paris D e m o u l i n, für die holländische Gewerk» schaftskommission Van Z u t p h e m, für die rumänische Mari- nescu und für die schweizerische Hugler. Die Generalkommission der freien Gewerkschaften Deutsch- lands teilt mit, tzaß sie diesmal keinen Vertreter entsenden kann» da ihre Mitglieder zu sehr beschäfsigt sind. Begrüßungsschreiben sind aus Schweden, Dänemark, Ungarn, Spanien, Jtalen, Chile usw. angelangt.— Die Vertreter der ausländischen Gewerkschafts- bewegung vermerken alle in ihren Begrüßungsreden das freudige Echo, das die Disziplin und die Kraftäußerung der belgischen Ar- beiterschaft in ihrem Generalstreik bei den Arbeitern des Auslandes gefunden hat. Für alle Arbeiterorganisationen berge er ein Bei- spiel und eine Lehre. Vor dem Eingehen in die Tagesordnung nimmt der Kongreß noch einen Protest gegen die von der ftanzösi- schen Regierung geplanten Matznahmen gegen die französische Eon- söderation der Arbeit an. Tann beginnt die Debatte über die von der Kommission vorgelegten Berichte, die sich wesentlich zu einer Kritik an der Tätigkeit des einen Sekretärs der GewerfschaftS» kommission, Genossen Bergmans, zuspitzt. Es wird ihm in der Hauptsache zur Last gelegt, daß er es in seinem Amt an Jni- tiativc, an richtunggebender Tätigkeit fehlen lasse, daß Resolutionen der Kongresse spät oder überhaupt nicht zur Ausführung kommen und daß für bestimmte Fragen keine Propaganda und keinerlei agitatorische Aktion eingeleitet wurde. So hält De Bedogne(Buchdrucker) BermanS u. a. vor, daß die ganze Art, wie über die christlichen Gewerkschaften berichtet werde, taktisch und praktisch falsch ist. De Man bemängelt, daß der Sekretär unterlassen habe, für den internationalen Bericht der Gewerkschaften das entsprechende Ziffernmaterial zu liefern. Auch habe die Kommission, bezw. der Sekretär, unterlassen, das projektierte Plakat, mit dem für die Ge- iverkschaftsbewegung— mit Hinweis auf die Lehren des General- streiks— Propaganda gemacht werden sollte, in Umlauf zu bringen. Der schärfste Kritiker ist der Sekretär der Handelsangestellten, Jaquemotte. Er findet den Bericht in vielerlei Betracht un- zulänglich. Er kritisiert ferner die Haltung der Kommission lväh» rend des Generalstreiks, sür den von dort keine spezielle Aktion ausging. Man habe nichts getan, um bestimmte Berufe in den Streik hineinzuziehen, und überhaupt den Generalstreit nicht sür die Gewerkschaftsbewegung agitatorisch ausgenützt.— Er fragt, ob der Vorstand oder nur der Sekretär für alle diese Unterlassungen verantwortlich sei.— Nichts geschehen sei auch, um die Resolution bezüglich einer Aktion für den freien Sonnabcndnachmittag zu ver- wirklichen. Ebenso treffe die Kommission oder den Sekretär ein Verschulden, daß über die Gewerbegerichtswahlen kein genügende? Material vorliege, das über die Vermehrung der sozialistischen Stimmen und die Kräfte der Unternehmer unterrichtete Schließ- lich findet Jaquemotte, daß der Sekretär auch seiner Mitarbeiter- Pflicht am Korrespondenzblatt der Kommission nicht genüge Bergmans �ersucht:n längerer Rede die Anwürfe der Vorredner zu entkräften. Vor allem mangele es ihm an Zeit, all den Verpflichtungen nachzukommen; zumal die Delegierungen be- anspruchen Zeit und Arbeit und die Kreuzung des politische» und gewerkichaftlichen Lebens erfordere zeitraubende Anteilnahm« an Sitzungen.isw. Ebenso habe er verschiedentlich Arbeit durch die Aktion für die Zentralisation gewisser Gruppen, die seine Teil- nähme an.Konferenzen und Kongressen notwendig machten. verweist hier au; die von der Kommission Unternommeneil Schritte, die Bergarbeiter des Borinage zum Anschluß an die Kom'nisftmt zu veran lagen.,— Was die Fachpresse betrifjl, so sei ihre Konsoli- dierung nicht seine Ausgabe, sondern die der nationalen Organ,- tionen.—-Atolle man eine genügende Bearbeitung(auch darüber wurde geklagt) so mögen die Gewerkschaften die innere Organ,. sation verbessern, damit das nötige Material zustande komme,— Auf manche Angriffe antwortete Bergmans ffeilich etwas„da- neben", so war es über die unterbliebene Agitation der Kam- Mission für den Generalstreik, über die Propaganda für den freien Sonnabend, über die Bearbeitung der GewerbeaerichtSwahlen und manches andere.— Nach seiner Rede setzt dann die Kritik von neuem wieder ein. De Bedogne nimmt nochmals das Wort und präzisiert seine Angriffe dahin, daß die Kommission unter BergmanS Füh. rung �ine Richtschnur für bestimmte Tendenzen und für die Taktik gäbe. Jaquemotte fragt, warum die Kommission keine spezielle Propagaiida wahrend des Generalstreiks unternommen habe, wo doch die Bedmgunaen für eine solche so günstig waren. Der Redner erklärt schließlich, daß er gegen die Wiederanstellung Bergmans sei. Es sprechen noch die Vertreter der Holzarbeiter und der Del«. gierte der Fabrikarbeiter; der letztere setzt sich für Bergmans ein, und konstatiert die Fortschritte, die sich in der«brngung der B«. richte zeigen. Er verweist auf die Fortschritte der belgischen Ge- iverkschaftsbewegung und die ZentralisationSidee und manches yh- der«, wyran Bergmans seinen Anteil habe. BanderSmissen spricht im Namen des Vorstandes der Kommission und muß manche der Vorwürfe zu recht anerkennen, wenn auch die Kommmission als ganzes den einen und andern ab- lehnen mutz.— Es wäre, meint er, keine Lösung der Krise, wenn der Kongretz durch ein Votum sich gegen die Wiederanstellung Bergmans ausspräche. Er empfiehlt schlietzlich im Namen des Vor- standes der Kommission zur Beilegung der Krise die Annahme einer Resolution in der die Kommission beauftragt wird, die Teilung der Arbeit, die Tätigkeit und die Veranwortlichkeit der beiden Sekretäre abzugrenzen und alle Matznahmen zu treffen, um den Einflutz der Kommission zu fördern und für die Zukunft Angriffe dieser Art unmöglich zu machen.— Diese Tagesordnung wird e i n st i m m i g angenommen. Der Bericht Bergmans wird mit öl) Stim- men Enthaltung zur Kenntnis genommen. Der finanzielle Bericht wird einstimmig angenommen.— Die Mitteilung über die An- Wesenheit der Delegierten des Syndikats der nunmehr(jeeinigten Diamantarbeiter Antwerpen?— es existierten bisher zwei Organi- fationen— wird mit demonstrativem Beifall aufgenommen.— Damit schließ der erste VerhandlungStag. Achte Generalversammlullg des Verbaodes der Aeutschell D a n z i g, 1(5. Juni. Die Verhandlungen der 8. Generalversammlung des Verbandes der Deutschen Buchdrucker wurden heute abend in üblicher Weise mit einem Begrützungskommerse eingeleitet, der insofern von den sonst üblichen Empfangsfeierlichkeiten abstach, als daran auch ein offizieller Vertreter der Stadtverwaltung teilnahm und die Musik von einer Militärkapelle, der des Westpreutzischen Futzartillerie- Regiments Nr. 17, gestellt war. Der Vertreter des Magistrats, Herr Stadtrat Toop, nahm auch, nachdem der Ortsvorsitzende und Vertreter des Gaues West- preutzen, Nagrotzki, in einer Ansprach« die Delegierten begrüßt hatte, das Wort, um dem Verbandstage den WillkommenSgrutz der Stadtverwaltung zu überbringen und das Interesse der Stadtver- waltung an den Verhandlungen zu bekunden. Der Herr Stadtrat feierte die Buchdruckcrkunst als bedeutendster Faktor für die Kultur- entwickelung und betonte im Laufe seiner Ausführungen unter andern, datz der Buchdruckerverband sich dadurch besonders aus- zeichne, datz er nicht als KampfeSorganisation auftrete, sondern versuche, die wirtschaftlichen Interessen der Buchdrucker auf dem Wege deS friedlichen Einvernehmens zu fördern. Dadurch wirke er vorbildlich und erwecke das Allgemeininteress«. Ferner ging der Herr Stadtrat auf die Unterstützungseinrichtungen des Verbandes mit einigen Worten ein und lobte sie als ein Zeichen der prak- tischen Tätigkeit der Buchdruckcrorganisation. Verbandsvorsitzender D ö b l i n wies demgegenüber darauf bin, datz es eine Arbeiterorganisation sonst nicht gewöhnt sei, von den Stadtverwaltungen ihrer Tagungsorte begrüßt zu werden, da man sie sowie auch die Staatsbehörden wohl auf den Kongressen der Arbeitgeber, nicht aber auf denen der Arbeiter anzutreffen ge- wohnt sei. Den Wunsch des Herrn Stadtrats, datz der Buchdrucker. verband vorbildlich wirken möge, füge er den gleichen Wunsch hinzu, datz das Beispiels der Stadtverwaltung von Danzig bahn- brechend wirken möge in jenen Kreisen, die sonst in den Bestrebungen der Arbeiterorganisationen nichts weiter sehen als eine.Hetze". Die Unterstützungseinrichtungen seien dem Verband« nicht Selbst- zweck, sondern nur Mittel zum Zweck. Die Hauptaufgabe des Verbandes bleibe, Einflutz auf die Gestaltung der ArbeitSverhält- nisse zu gewinnen. Was die Buchdrucker errungen, sei lediglich auf ihre Solidarität zurückzuführen, die zurzeit von einer gewissen Scharfmachergruppe, die sich in Arbeitgeberkreisen bemerkbar mache, -u zerstören versucht werde, obwohl man eine Zeit lang das, was ie Buchdrucker geschaffen, als Kulturarbeit bezeichnet habe. Redner hofft, datz die Kollegen den Ernst der Situation, der sich ergebe aus der nie rastenden Tätigkeit der Technik, begriffen haben und auch ferner in Einigkeit verharren. Mit einem.Hoch" auf den Verband und die Solidarität der deutschen Buchdrucker schlieht Dvblin seine Ausführungen. 12. Kerbandstng der Kuchbmder. Stuttgart, IS. Juni. Im hiesigen GewerkschaftShauS wurde heut« vormittag der zwölfte Berbandsrag des Deutschen Buchbinberverbande» vom Verbandsvorsitzenden K l o t h eröffnet. Die Tagung ist von 82 De- legierten, 3 Vorstandsmitgliedern, dem Redakteur M i ch a l i S (Berlin) und dem AuSschutzvorsitzenden Bergmann(Leipzig) besucht. AIS Gäste nehmen an ihr teil Vertreter der Verbände der BuchdruckereihilfSarbeiter und der Lithographen und Steindrucker sowie der Bruderorganisationen in England, Oesterreich und Ungarn. Die Generalkommission vertritt K n o l l(Berlin). AIS Vorsitzende deS Verbandstages werden Brückner(Berlin) und Dürr(Stuttgart) bestimmt, denen zwei Schriftführer zur Seit« stehen. Nach den üblichen ibegrützungSansprachen gab K l o t h(Berlin) den Geschäftsbericht. Er verwies auf den schriftlichen Bericht. Noch niemals habe der Verband in einem dreijährigen Zeitraum solche Fortschritte, einen solchen Machtzuwachs zu verzeichnen gehabt, als es seit dem letzten VerbandStag geschehen sei. Die Wcrbekraft des Verbandes habe sich aufS glänzendste bewährt. Beträgt doch die Miigliederzunahme seit dem letzten Verbandstage rund 8800. Di« Mitgliederzahl stieg bis Ende 1812 auf 33 428. Die Zunahm« an weiblichen Mitgliedern war größer wie die an männlichen, was zur Folge hatte, daß nun beide Gruppen gleich stark find. Die Zahl der männlichen Mit- glieder beträgt IS 717 und die der weiblichen 16711. In den letzten Jahren hat sich da? Stärkeverhältnis langsam, aber stetig zu- gunsten der weiblichen Mitglieder verschoben. Im Jahre 1887 bil- deten die Männer noch 157,8 Proz. der Mitglieder, geht aber die EntWickelung so weiter, werden die weiblichen Mitglieder bald die gröher« Hälfte deS Verband«? bilden. Zahlstellen zählte der Ver- band am End« der Berichtszeit 131 gegenüber 118 bei Beginn der Periode. Lohnbewegungen hatte der Verband in den drei Be- richtsjahren 1818/1812 insgesamt 238 zu führen, die sich auf 2826 Betriebe mit 42 183 Beschäftigten erstreckten. Datz diese Lohn- bewegungen nicht umsonst geführt wurden, zeigen die folgenden Zahlen über das Ergebnis der Kämpfe. ES wurde für 21 638 Per- sonen ein« jährliche ArbeitSzeiWerkürzung um 1 422 336 Stunden und für 26 388 Personen ein« jährliche Lohnerhöhung um 2 287 764 Mark erreicht. Dt« Kosten für diese Lohnbewegungen und die AuS. gaben zur Aufrechterhaltung errungener günstiger Arbeitsbedingun- gen betrugen insgesamt 883 888 M. ES wurde fast sechsmal soviel an Lohnerhöhungen erreicht, als dem Verbände die Lohnbewegungen und die damit gewissermatzen im Zusammenhang stehende Gematz- regeltenunterstützung gekostet haben. Interessant ist auch ein Vergleich der Lohnerhöhungen mit den Verbandsbeiträgen. Die gesamten, innerhalb der Jahre 1818 bis 1812 von den VerbandSmitgliedcrn geleisteten Verbandsbeiträge betrugen einschlietzlich einer frei- willigen Exftasteuer 1 888 843 M. ES ist also über 288 888 M. mehr an Lohnerhöhungen erreicht worden, als die Beiträge betrugen. Ganz abgesehen von der ArbeilSzeitverkürzung, die doch sicherlich auch ein« wertvolle Errungenschaft darstellt. Nach Abzug der 383 888 M. Unkosten der Lohnbewegungen blieb von den Verbands- beitrügen die Summ« von 1 686 243 M. übrig, die zu anderen Unterstützungen, zu den sonstigen Unkosten des Verbandes und zur Aufspeicherung de? Verbandsvermögens verwendet werden konnte. Damit wird in überzeugender Weife die Behauptung bewiesen, datz der Verband die allerbest« Sparkasse ist. Wi« sehr die vertragliche Festsebu n g der Arbeite. bedingungen immer mehr vordringt— dank der Macht deS ver bände? und der wachsenden Einsicht der Unternehmervereinigungen, daß die Gewerkschaften als legitime Vertretung der Arbeiterschaft nicht mehr zu ignorieren find— zeigen die Zahlen über die AuS breitung der Tarifvertrüge. Am Schlüsse d«S Jahre» 1888 be standen 82 Tarifverträge für 1674 Betrieb« mit 28882 Beschäftigten. Ende 1812 hatte der Verband jedoch 138 Tarifverträg« für 2168©e. triebe mit 33 188 Beschäftigten abgeschlossen. Das Verhältnis des Verbandes zu den übrigen graphischen Organisationen ist ein durchaus freundschaftliches. Die General veriammlungen dieser Verband« besuchte der Verbandsvorsitzende, der sich dort bemühte, eine engere Verbindung zur Anbahnung eines graphischen JndustrieverbandeS herbeizuführen. .Leider ohne Erfolg"— wirb im Geschäftsbericht gesagt—,„da cS über platonisch« Erklärungen oder Resolutionen nicht hinausging. Es liegt für uns keine Veranlassung vor, und es dürfte kaum dem gewollten Zweck dienlich sein, weiter bei den anderen graphischen Verbänden um die Schaffung eines graphischen Verbände» zu bitten. Lassen wir doch, nachdem wir genügend unsere Bereit- Willigkeit erklärt haben, die anderen Verbände mit Wünschen an un» herantreten, wir werden sie sympathisch begrüßen." Di« Kaflenverhältnisse de» Verbandes, über die H a u e i f e n berichtet«, haben sich ebenso günstig entwickelt wi« die Mitgliederbewegung. Zur Zeit der Ab- Haltung de» letzten Verbandstages hatte die Hauptkasse ein Ver- mögen von 433 363 M. aufzuweisen. Jetzt beträgt eS aber rund 888 888 M., das Vermögen hat sich also mehr als verdoppelt. Zu diesen 888 888 M. kommen noch die Vermögensbestände der Lokal- lassen, die am Jahresende 1812 rund 388 888 M. betrugen. Der Verband ist also auch finanziell gerüstet. Für die Redaktion berichtete MichaliS(Berlin). Di« Auf- läge der„Buchbinderzeitung ist stark gestiegen. Bei Beginn� der Geschäftsperiode betrug die Auflage 27 638 Exemplare, gegenwärtig jedoch 36 488. Die.Buchbinderzeitung" sei auch in der Berichts- Periode bemüht gewesen, ruhig und sachlich die Interessen der Mit- glieder zu vertreten, Aufklärung über die Bestrebungen d«S Ver- bandes zu verbreiten, zur regen Mitarbeit an den Organisation»- arbeiten anzuspornen und agitatorisch unter den Berufsgenossen zu wirken. Bergmann(Leipzig) gab den Ausschußbericht. Dex AuS- schütz hatte 16 Beschwerden gegen den Vorstand zu erledigen. DaS Verhältnis zwischen dem Vorstand und dem AuSschutz war ein gutes. An die Berichte schloß sich«ine verhältnismäßig kurze Diskussion, in der sich die Delegierten im allgemeinen mit der Tätigkeit deS Vorstandes einverstanden erklärten. Di« vorgebrachten Monitas waren nur geringer Natur. Kritisiert wurde, datz die Jahresberichte sehr spät erscheinen. Auch hätte, betonte Würzberaer(Berlin), das Ergebnis der statisttschen Aufnahme über die Lohn- und Ar- beitsverhältnisse im Buchbindergewerbe früher herauskommen müssen, um rechtzeitig agitatorisch verwendet werden zu können. Man solle den größeren Zahlstellen die Bearbeitung d«S Materials selbst überlassen. Mehrere Redner verlangten vom Vorstand größere Unterstützung der Verwaltungsstellen bei der Agitation. DaS Agi- tationSmaterial sei unzulänglich, sagt Brucks(Breslau). Der Vorstand wäre zu engherzig bei Ausgaben für die Agitation. Er verlang« immer Voranschläge, lehne diese aber regelmäßig ab und verweise auf die HauSagitation. Von allen abgeschlossenen Tarlfver- trägen sollten den Verwaltungsstellen einige Exemplare übersandt werden, man könne diese bei der Agitation gut verwerten. D r e h w a I d(Stuttgart) sieht in den langfristigen Tarifver- trägen ein Hemmnis in der Agitation. Der Düsseldorfer Sielegiert« Ernst hält die vom SJerband herausgegebenen Fragebogen für zu kompliziert, sie müßten vereinfacht werden. Herzog(Berlin) kri- tisierte den Artikel der„Buchbinderzeitung" gegen die Stellung- nähme des„Vorwärts" zur Genossenschaftsfrage. Es habe keine berechtigt« Veranlassung vorgelegen, in dieser Weis« gegen den„Vor- wärt»" loszugehen. In den Schlußworten gingen die Referenten auf die in der Debatte aufgeworfenen Fragen ein und präzisierten ihren Standpunkt. Kloth betonte, der Vor- stand könne nicht versprechen, das Ergebnis einer solch umfang- reichen Statistik, bei der 28 888 Fragebogen zu bearbeiten gewesen seien, künftig früher herausgeben zu können. Der vorstand bedaure auch, datz der Jahresbericht so spät erscheine, aber dazu tragen verschieden« Umstände bei. ES werde kaum möglich sein, den Jahresbericht vor Mitte Mai fertigzustellen. Bezüglich des vom Vorstand herausgegebenen AgitationSmaterialS könne man zweierlei Meinung sein. Verschiedene Bevollmächtigte hätten ihre Zufrieden- heil mit dem Material erklärt. Redakteur MichaliS bemerkte gegenüber der Kritik seine? Artikels gegen den„Vorwärts", er würde einen derartigen Artikel heute genau so schreiben, wenn die Verbälwisse wiedcr so lägen. Der Artikel habe sich nur gegen die Form der Kritik deS„Vorwärts* am Zentralverband deutscher Konsumvereine gewandt. Andere Ge> werkschaften hätten da? Verhalten des„Vorwärts" noch schärfer kri. ttficrt. Wir haben als Gewerkschafter ein große? Interesse daran, die Genossenschaften zu fördern. Ueber Unsere Lohnbewegungen referierte nun Verbandsvorsitzender Kloth(Berlin). Er betonte eingangs: In der letzten Geschäftsperiode habe der Verband außer. ordentlich erfolgreich auf diesem Gebiet gearbeitet.(Wir haben ein zahlenmäßiges Bild deS Erreichten im Vorbericht gegeben.) Dann besprach der Redner einzelne der gehabten Lohnkämpfe. Als in Berlin, Stuttgart und Heilbronn die Tarifverträge für die Gc- schäftSbuchbranche zum Ablauf gekommen seien, hätten die Unter- nehmer den Schwerpunkt darauf gelegt, den Ablauftermin zu ändern. Die Taktik der Unternehmer gehe dahin, überall den gleichen Ablauftermin festzulegen. Da sei Vorsicht am Platz«. Im Jahre 1816 würde eine sehr groß« Anzahl der Tarif« ablaufen, nämlich insgesamt 31 Tarife für 732 Betriebe mit 18 217 Beschäftigten. E» stehe ein schwerer Kampf bevor, für den man sich rechtzeitta zu rüsten habe. Dabei müsse man auch berücksichtigen, daß die Zahl der weib» lichen BerufSangehörig«nimmer großer werde, was zur Folge habe, daß für die niedrigsten UnterstützungSklassen die höchsten Unter» itützungen in Frage kämen. Bei der Beratung der BeitragSfrag« müsse der Verbandstag entsprechend« Beschlüsse fassen. Die Arbeitgeber würden sich immer mehr zusammenschließen, der Verband habe daher alle Ursache, Maßnahmen zu treffen, um mit Ehre die Kämpfe bestehen zu können. Die Verhandlungen wurden dann auf DicnSlag vertagt. Theater und Vergnügungen Mtttwo ch, den 18. Juni ISIS. Anfang 7'i, Nbr. fljraker. Das Dumme Imidchen. Anfang 8 Udr. Urania. Hohenzollern-Fahrten. «öniggrüner Straße. Da» Buch einer Frau. Lesfing. All-Wien. Deutsches. Der lebende Leichnam. Uaminerspiele. Kaiserliche Hoheit. Berliner. Filmzauder. Schiller O. Der Leibgardist. Schiller- Eharlottenburg. Frei- Montis Operetten. Der lachende Ebemann. Dcntschco Schauspielhaus. Sine Vergangenheit. kleine». 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Filmzauber. 8 Uhr: Theater iD der RönigirätzBr Straße 8 Uhr: Das Buch einer Frau. Kroll-Oper 8 Uhr: Tristan � Isolde. Moabiter Gesellschaftshaus Heute Mittwoch, 18. iunl, abds.»'/, Uhr; Volks-Sinfonle-Konzert de» Blüthner- Orchesters Richard Wagner»Abend. Dirigent; Onldo v. Facha, Karten i 80 Pf. in d-bekannton Vor- verkaufsatellen and Abendkasse. CC5SCHER GALTEN Rente Garnisoofest. Ab 4 Uhr nur Eintritt fllr AktlonSrs sowie für diejenigen Abonnenten und zahlenden Besucher, dio dss Weinrestaurant t. Rang, besuch, wollen(Adlerportal). Passage-Panoptikum Die 3 Schwestern Liliput die kleinst. Schwest. der Welt. Der weltberQhmte amerikanische Negerboxer Andrea Johnwon bei seinepi Training. i dio'schwebende Jnnjrfranl_ tv»~ Alle« lebend!"Mg Alles ohne Fxtra-ilntree: TheateramKoIIendorfptatz Täglich 8'/, Uhr; Burleske Tvielc. Gei' ta mit der grünen Maske. — Tarlet6— — Kino— Donnerstag: I, o h e n gt D i n. Kontis Operetten-Theater fit. Heues Theater). Amt Norden 1l41. Sommervretsc. Gastsp. 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Fernsprecher: Amt Norden K7l>8. Hierdurch machen wir unsere Kollegen darauf aufmerksam, daß alle Ansprüche» die dieselben noch aus der Aussperrung au die Ortsverwaltung zu haben glauben» bis zum Ä8. Juni d. I. eingereicht sein müssen. 139/15 Nach dem 28. Juni werden Anträge irgendwelcher Art, die aus der Aus» sperrung herrühren, nicht mehr entgegengenommen. Tie Ortsverwaltung. OsONiZ A.aJasma hzii AKK Ges. Dresden Größre deufsche CigareH*enfabriK. Saison- Ausverkauf vom 18. Juni bis 5. Spezial- Haus für Herren-, Jünglings- und Knaben-Kleidung. ääss. i£ cnti) 9 Schaufenster i CARL iEOBEL Köpenicker Straße 121(Eckhaus). Staatspreise Ehrenpreise doldene Iledalllen, Jedes Wort 10 Pfennig. Das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulSssIg Zfettgedruckie Worte). Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort(fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. 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Heute, Mittwoch, abends 8 Uhr, bei W. Bonow, Berliner Straße 16, Mitgliederversammlung. Auf der Tagesordnung steht u. a. Bericht von der Kreisgeneralversammlung und der Generalversammlung Groß-Aerlin. Mariendorf. Heute Mittwoch, abends 8>/z Uhr. Mitglieder- Versammlung des Wahlvcreins bei Preuß, Kurfürstenstr. 46. Tages- ordnung: 1. Bericht von der VerbandSgcncralversammlung. 2. Bericht von der Kreisgeneralversommlung. 3. Bericht von der Landtags- wähl. 4. Wahl des zweiten Vorsitzenden. 5. Wahl der Delegierten. Birkenwcrder. Heute Mittwoch, den 18. Juni,»/-S Uhr: Ertra- Zahlabend. Dabendorf bei Zossen. Am Sonnabend, den 21. d. M., abends 8 /2 Uhr, bei Wiese, Mitgliederversammlung. Sehr wichtige Tages- »rdnung. Jßerliner N�cbrlcbtem C, diese guten Bürger! Es war im Jahre 1847/48 als die Berliner Bürger in hellen Scharen nach den Linden und in den Tiergarten strömten, um politische Diskussionen zu pflegen. Ilm zu be- raten, wie man dem feudalen und absolutistischen Preußen eine modernere Fasson geben und wie man am besten die Hoffnungen von 1813/14 verwirklichen könne. Das waren die Bürger Berlins, voni Jahre 1848. Und da die Entwicklung, nach deni berühmten Philosophen von Hohenfinow, nicht still steht, zogen die Berliner Bürger vom Jahre 1913 in noch größeren Scharen nach der Straße„Unter den Linden", deren ganze respektable Breite sie mit ihren ivohl- genährten bürgerlichen Leibern bis auf den letzten Platz füllten. Mit dem Bewußtsein, daß für eine große Sache große Opfer gebracht werden müssen, schlüpften sie eine oder zwei Stunden früher aus den Betten, um ihre Position„Unter den Linden" einnehmen zu können. Und da wir gerade das große Opferjahr 1913 haben, verzichten unsere guten Bürger aus Liebe zu der„großen" und„erhabenen" Sache auf ihren gewohnten Frühschoppen mit dem sich anschließenden Skat und auf den ihnen sonst unentbehrlichen Mittagsschlaf. Kaum, daß ihnen Zeit genug bleibt, den ihnen ans Herz ge- wachsencn„Lokal-Anzeiger" oder die„Tante Boß" zu über- fliegen, die sie doch gerade in den letzten Tagen so vortrefflich unterhalten und die somit auf ihre Dankbarkeit Anspruch haben. Und wer es trotz aller dieser Entbehrungen unserer guten Turchschnittsbürger noch fertig bringt, ihre Begeisterung für die„große erhabene" Sache anzuzweifeln, der hätte nur hin- gehen sollen unter die Linden, wo die Bürger vom Jahre 1913 standen. Der hätte sich ansehen sollen, wie sie sich dort von Schutzleuten hin und her schieben ließen, wie sie stundenlang meistenteils auf einem Bein stehen und schwitzen mußten und wie sie es schließlich über sich ergehen lassen mußten, bei dem Vorbeihuschen eines kaiserlichen Autos gerade das Hinterteil irgendeines Schutzmannsgauls vor ihrer Nase zu haben. Und wer es nach all diesen Wahrnehmungen noch nicht über sich bringen kann, alle Zweifel abzulegen, der gilt als unver- besserlicher Schwarzseher, dem man im Jubiläumsjahr 1913 keinen Platz im ganzen deutschen Lande gönnen sollte. Der weiß eben nicht, daß das Jubiläumsjahr auch ein großer Tanz um das goldene Kalb ist. das längst zu den Idealen des braven Bürgers gehört. Was die Bürger von 1848 wollten, das wollen die Bürger von 1913 nicht mehr. Sie gehen nicht unter die Linden, politische Diskussionen abzuhalten, sondern um zu gaffen und Hurra zu schreien. Sic fühlen es nicht, wie unwürdig und knechtisch ein solches Verhalten ist. Der Bürger von 1848 lebt nicht mehr. Man braucht ihn nur noch manchmal zur Dckoricrung der Tagespolitik. Im übrigen spricht� man nicht von ihm und hat man es vielleicht zu Titeln und Orden gebracht, schänit man sich seiner. Man bückt sich und duckt sich und bewilligt für reinen Tand viele Zehn-, ja Hunderttausende. Die andern aber, die weit abseits stehen und die für all den Jubel sich ihren eigenen Vers macken! Sie murren und knurren, und wehe Euch, wenn sie beißen! Biel Bolt wollte der Kaiser an seinem JubiläumSlage sehen. AnS diesem ©runde ewichloß er sich, am Montagabend im offenen Automobil durch die Straßen Unter den Linden und nach dem Tiergarten zu fahren. � Der„Lokal-Anzeiger" kann sich gar nicht genug tun ob der patriotischen Huldigung, die dem Kaiser bei dieser Ausfahrt zuteil geworden. Im patriotischen llcberschwang berichtet er: „Gegen 6 Uhr erlebte die Menge eine freudige Ueberraschung. Ganz unerwartcr erklangen die bekannten Hupensignale, die da? Nahen eines kaiierlichen Automobils aukündigten. Wie elektrisiert flogen die Köpfe herum, denn schon erklangen von iveilem lebhafte Hurrarufe. Der Kaiser kommt 1 Niemand achtete ,n e h r der Sonnenhitze, das lebhafte Geplauder ver- stummte, und alles reckte sich,»ni den Monarchen möglichst gut sehen zu löuneu.� Wenige Sekunden später nahte auch schon das Automobil, langsam durch die wie auf Konunando Spalier bildende Menge fahrend. Alle Hände flogen in die Höhe, tausend Hüte wurden geschwenkt und brausende Hurrarufe erfüllten die Luft Der Kaiser und seine Gemahlin machten eine Rundfahrt durch Stadt, um sich auch an diesem festlichen Tage den Berlinern und den nach Zehn- lausenden zählenden Fremden zu zeigen und selbst bie glänzend geschmückte Stadl in Augenschein zu n e b m e n. Das Kaiserpaar war durch die herzliche Beg-üßuug durch das Publikum sichtlich erfreut und dankte, fortwährend nach allen Seiten freundlich grüßend. Der Kaiser irng GeiieralSuniform. die Kaiserin ein helles Kleid mit Federhut. Der Monarch schien in bester Stimmung zu lein und lich über die lebhafte Stadl außerordentlich zu freuen. An der Ecke derMoSmarinstraße wurde das Automobil des Monarchen durch den Verkehr aufgehalten und zum Stehen gebracht. Das Publikum benutzte diese Gelegenheit, das Auto zu umringen»nd dem Kailer stürmische Ovationen darzu- bringen Die Zurufe und das HLteschwenken wollten kein Ende nehmew bis daS Auto in die Linde« einbog und den Blicken der Menge entschwand. Dem kaiserlichen Wagen folgte ein zweiter, >n dem mehrere Offiziere Platz genommen hatten. Allgemein fiel gesunde, frische Aussehen der kaffcrlichen Herrschasten auf. be- Ks Jonniirts" sonders das von der Sonne gebrännte Antlitz des Kaisers. Das leutselige Wesen unseres Herrscherpaares zeigte sich auf dieser Rundfahrt wieder in schönstem Lichte. Soweit der„Lokal-Anzeiger", das Leibblalt des Kaisers.— Der Kaiser wird aber getäuscht, wenn ihm eingeredet wird, das Publikum, das am Montagabend Hurra gerufen und sich wie wild patriotisch gebärdet hat, sei das schaffende aufgeklärte Volk von Berlin. Diese Arbeitermassen, die wissen, daß fie politisch entrechtet und wirtschaftlich ausgebeutet sind, sie fordern ihre Rechte, die ihnen vorenthalten worden sind, durch zähen, unermüdlichen Kampf, nicht aber durch Schweifwedeln und Hurraschreien. Mittelalterlicher Mummenschanz. Gestern haben die Berliner Handwerker gehuldigt. Seit Wochen haben die Innungen die Vorbereitungen zu dem Festzuge getroffen. Die verstaubten Laden, vor denen früher die Gesellen freigesprochen wurden, die alten Fahnen von Anno dazumal wurden aus den Ecken hervorgeholt. Die früheren Gewerksabzeichen wurden wieder auf- frisiert oder neue aus Pappe angefertigt und so alles getan, um die „gute alte längst entschwundene Zeit", wo das„Handwerk angeblich noch einen goldenen Boden" hatte, wo noch das patriarchalische Ver- hältnis bestand, wieder herzuzaubern. Mit frischem Aufputz, bunten Schärpen, neuen Blusen— so traten die Handwerker mit ihren Lehrjungen gestern vor dem Brandenburger Tor an, um am Schlöffe vorbeizuziehen und den Kaiser in das Mittelalter zurückzuversetzen. Die Schlofferinnung hatte den ehrwürdigen früheren Schlossermeister Fritsch, der 161 Jahre alt ist, im Zuge mitgeschleppt, um so dem ganzen Zuge das charakteristische Gepräge zu geben. Und so zogen denn die Jnnungskrauter die Linden entlang mit Festwagen und einer Anzahl Fahnen. Bäcker mit einer Riesen- bretzel eröffnete den Zug, dann folgten Brunnenbauer, Bildhauer, Schlosser, Dachdecker, Perückenmacher, Schornsteinfeger, Hutmacher, Handschuhmacher, Schneider, Fischer u. a. Vor dem Schlöffe machten sich die Kapellen gegenseitig Konkurenz. Während die eine Kapelle: „Heil Dir im Siegerkranz spielte", fiel die andere ein mit:„Ich bin ein Preuße!" Dieses Durcheinander soll einen ohrenbetäubenden Lärm hervorgerufen haben. Aber das ficht unsere Jnnungsbruder nicht an; sie hochten und winkten nach dem Schlöffe hinauf, als ob sie es bezahlt kriegten. Auf dem Neuen Markt löste sich der Zug auf, der große Verkehrsstörungen verursacht hatte. Die ganze Auf- siihrung der Handwerker erinnette mehr an ein Schützenfest. Eine Darstellung unseres Wirtschaftslebens gibt die Maskerade nicht. Der handwerksmäßige Betrieb ist durch die kapitalistische Entwickelung längst überholt und die Handwerker, die Kleinmeister existieren nur noch durch das ihnen gesetzlich gewährleistete Lehrlingsprivileg. Durch einen solchen mittelalterlichen Mummenschanz, wie ihn die Jnnungsmeister gestern veranstalteten, werden sie auch nicht auf die Beine kommen. Unfälle Unter den Linden. Die große Hitze, welche gestern vormittag herrschte, hatte zahl- reiche Fälle von Erkrankungen und Ohnmächten unter dem Publikum, tvelches dem Jnnungsfestzuge zuschaute, zur Folge. Die RettungS- Mannschaften und städt. Rettungsstellen hatten alle Hände voll zu tun. DaS städtische Rettungswesen hatte gemeinsam mit der Sttaßenreinigung eine Neuerung getroffen; eS fuhren die Linden kleine Wasserwagen entlang, deren Begleiter dem Publikum Trink- waffer reichten. Diese Einrichtung nahm da« Publikum stark in An- spruch._ Tie Hygiene der Schulhöfe ist ein tvichtiges Problem der Volksgesundheit. In Nr. 6 der „Zeitschrift für Volksgesundheitspflege" vom Juni 1813 wird aus- geführt, daß die oft beträchtliche Staubentwickelung auf den Schul- Höfen der Gesundheit des kindlichen Organismus höchst abträglich sei, da ein großer Prozentsatz vor allem der Volksschüler an der Lunge nicht intakt ist und nach Professor Dr. Karl Flügge im Freien durchschnittlich in einem Kubikmeter Luft 500 bis 1666 Keime, darunter 166 bis 266 Bakterien und der größte Teil des Restes Schimmelpilze, gefunden werden. Ilm nun staubfreie und doch trockene Schulhöfe zu erzielen, empstehll Stadtbaumeister a. D. Helfncht in Halle a. S. einen Bodenbelag, dessen Hauptbestandteile eine aus zehn Zentimeter Stärke eingestampfte Koksschlackenschicht mit einer drei bis vier Zentimeter hohen Oberschicht von lehmfreiem, gesiebtem Kies bildet. Nach den gemachten Ersahrungen wird dadurch eine Pfützenbildung bei Regen ebenso ausgeschlossen wie Staubentwicklung selbst bei starkem Winde. Außerdem sei finanztechnisch wertvoll, daß die meist städtischen Gasanstalten ein Absatzgebiet für die sonst kaum verwendbaren Schlacken finden. Professor Flügge warnt aber gleich- zeitig vor einer Ueberichätzung der Staubgefahr im Freien. Er verweist auf die Statistik der Berliner Straßenkehrer, die„der Infektion mit Ttraßemtanb fortgesetzt in höchstem Grade ausgesetzt sind, von denen aber nur ein relativ sehr kleiner Bruchteil (2 Prozent) an Lungen- und Bronchialkatarrh erkrankt. Dabei haben 76 Prozent dieser Straßenkehrer eine Dienstzeit von über fünf Jahren, 55 Prozent eine solche von über zehn Jahren". Dieser Hinweis erscheint insoweit etwas verfehlt, als die angegebenen Dienstzeiten in einem verhältnismäßig geringen Zeitraum liegen. Nach noch längerer Dienstzeit und bei zunehmendem Alter wird sich der stetige Umgang mit bakteriengefülltem Staub und Schmutz wohl bedeutend empfindlicher bemerkbar machen. Weiter sagt der Hhgieniker Flügge, daß der Staub der Höfe vom Straßenstaub nur wenig verschieden ist, da hier die große Lnstzirkulation der Straße fehlt, die jede längere Ansammlung von Krankheilskeimen verhindert, wenigstens in Orten, wo die Straßenreinigung ordnungsmäßig versehen wird und damit der Lustzirkulation zu Hilfe kommt. Zudem sei der kind- liche Organismus schon gegen die mechanische Reizwirkung des StaubeS sehr empfindlich. Die älteren Berliner werden noch lebhast im Gedächtnis haben, in wie schauderhafter Verfassung früher, ebenso wie die Klassenzimmer, auch die Schulhöfe waren. Da fand man von all- gemeiner Hygiene und von Schulhygiene keine Spur. Noch mehr als die Schulhöfe lvaren die Schulzimmer wahre Bakterienherde. Man muß zugeben, daß die Schulverwaltung viel geleistet hat zur Besserung, was nicht ausschließt, daß noch besseres geleistet werden kann. Die Reinigung der Klassenzimmer erfolgt schon heute so, daß der aufgewirbelte Staub sich nicht bald darauf an den alten Stellen niederlegt. Die sestgesügten Fußböden werden periodisch zur Staub- biudung geölt. Auch die Schulhöfe sind im allgemeinen in gutem Zustande, schon vielfach mit leichter Kiesschüttung versehen. Beim Bau weilerer Schulen werden immer neue Versuche angestellt. Das staubmindcrnde Anpflanzen von Bäumen und Sträuchern mit um- gebenden Grasflächen könnte freilich noch erweitert und der Schul- Hof immer mehr zu einem Erholungsgarten werden.. Krematorien in Deutschland. Einäscherungen fanden in den deutschen Krematorien im Mai 874 statt. Davon kommen auf die preußischen Krematorien 89, von diesen wiederum Mittwoch, 18. Ium 1913. allein auf Berlin 72, auf Frankfutt a. M. 19, Wiesbaden 4, Hagen 3. Mehr Einäscherungen als Berlin hat auch außer- halb Preußens nur Leipzig mit 89. Es folgen Dresden mit 79, Bremen 61, Gotha 56, Mainz 48, Chemnitz 44, Hamburg 42, Stuttgart 39, Zittau 39, Jena und Offenbach je 27, München 26, Koburg 24, Gera 23, Mannheim 22, Ulm 29, Zwickau 18, Eisenach und Weimar je 14, Karlsruhe 13, Sonneberg 11, Heidelberg 19, Baden-Badcn, Lübeck und Pößneck je 9, Dessau 7, Nürnberg 6, Heilbronn und Meiningen je 5, Göppingen 4, Reutlingen 3. Gegen das Vorjahr haben die Einäscherungen uni 192 oder 13,2 Prozent �zuge- nommen. Unter den Eingeäscherten befanden sich 524 Männer, 359 Frauen._ Feuer in einer pyrotechnischen Fabrik. Ein Kind verbrannt. Ein gefährlicher Brand lam gestern vormittag kurz nach 6 Uhr auf dem der Stadl Berlin gehörigen Grundstück M ü l l.e r st r a ß e 81 (früher Abdeckerei) zum Ausbruch. Auf dem Hintergelände befindet sich dort die pyrotechnische nnd Kohlenanzünderfabril von Wilhelm Israel u. C o. Die Arbeitsräume liegen in einem einstöckigen, etwa 26 Meter langen und 16 Meter breiten Gebäude. Als gestern vormittag in dem einen Arbeitsraum etwa 26 Arbeiterinnen mit der Herstellung von Streichhölzern beschäftigt waren, entstand plötzlich auf bisher nicht ermittelte Weise Feuer. Die Flammen griffen so schnell um sich, daß an ein Löschen nicht mehr zu denken war und die Arbeiterinnen schleunigst die Flucht ergreifen mußten. Zum Gluck waren zwei Ausgänge vorhanden, durch die die Arbeiterinnen ins Freie stürzten. Wenige Augenblicke später brannte der ganze Raum lichterloh. In der allgemeinen Aufregung hatte man«in kleines Kind, daS sich gleichfalls in dem Raum aufgehalten hatte, vergessen. Es war die 2'/, Jahre Tochter Loste der Arbeiterin Wolf aus der Amsterdamer Str. 5. Das Kind mußte vor den Augen der Mutter elendiglich verbrennen, da eine Hilfe nicht möglich war. Als die alarmierte Feuerwehr eintraf, fand sie eine bedrohliche Situation vor. Das brennende Gebäude war etwa 866 Meter von der Straße entfernt und so mußten ungewöhnlich lange Schlauchleitungen gelegt werden. Der Brandmeister gab sofort noch die Meldung„Mittel- feuer" an die Feuerwachen, worauf weitere Löschzüge herbeikamen. Nach halbstündigem Wassergeben war das Feuer gelöscht. Die Leiche des verbrannten Kindes wurde zwischen den Brandtrümmern gesunden und sofort nach dem Schauhause ge- bracht. Der Arbeitsraum der Firma Israel u. Co. ist vollständig ausgebrannt; ebenso ist das Dach zerstört worden. Mit den Auf- räumungsarbeiten hatte die Feuerwehr bis in die Nachmittagsstunden hinein zu tun. Wie es heißt, soll das kleine Kind mit einem fünf« ährigen Knaben der Mutter Frühstück gebracht haben. Ob diese Behauptung richtig ist, wird nachgeprüft werden müssen. Außerdem hatte die Feuerwehr gestern früh in der Oderberger Straße 45 einen Wohnungsbrand abzulöschen, der auf Brand- st i f t u n g zurückgeführt wird. Die Ermittelungen in dieser Richtung find eingeleitet. In der Keibelstraße 11 gingen ferner noch Kisten auf dem Hofe des Grundstücks in Flammen auf. Hier mußte längere Zeit mit einer Schlauchleitung Waffer gegeben werden. Die vergessene Sttasse. Ein sonderbarer Sttaßenschilder- und Hausnummer- Wirrwarr erregt in Berlin-Südost seit einiger Zett die Ver- wunderung der Bewohner dieses Stadtteils. Von der Schlesischen Straße erstteckt sich bis zum Landwehrkanal und dann an ihm entlang bis zur Reichenberger Sttaße ein Sttaßcnzug, der früher in sewer ganzen Ausdehnung den Namen„Görlitzer Ufer" fühtte. Die zwischen der Schlesischen Sttaße und dem Landwehrkanal liegende Strecke des„Görlitzer Ufers"— die übrigens gar kein Ufer, sondern eine Straße mit zwei Häuserreihen ist— wurde zu Anfang des Jahres 1913 durch Namensänderung zu einer selbständigen Straße gemacht. Mit Rücksicht ans die benachbarte Taborkirche gab man ihr die Bezeichnung .. Taborstraßc". während die am Landwehrkanal sich hinziehende Strecke des„Görlitzer Ufers", die wirklich ein Ufer ist, den alten Namen behielt. Die Umtaufung wurde durch eine vom 28. Januar dattette Bekanntmachung des Magistrats in seinem„Gemeindeblatt" am 9. Februar mit- geteilt, und es folgten'dann im.Gemeindeblatt" vom 27. April zwei« vom 18. April datiette Bekanntmachungen über die durch die 5!amensänderung notwendig gewordene Umnumerierung der„Taborsttaße" und des„Görlitzer Ufers". Der Name„Taborstraßc" steht bereits auf den inzwischen neu erschienenen Stadtplänen, er wurde auch bei den Landtags- Wahlen in dem amtlichen Urwahlbezirkstableau schon benutzt und findet sich ebenso schon in dem neuen„Rotbuch" der Stadt Berlin, wenn auch noch mit den allen Haus- nummern. Geht nian aber durch die neugetauste„Tabor- straße", so sucht nian noch jetzt, in der zweiten Hälfte des Juni, an den Straßenecken vergeblich diesen Namen. Ueberall präsentieren sich noch die alten Namensschilder, die den Straßenzug noch in seiner ganzen Ausdehnung als „Görlitzer Ufer" bezeichnen. Dabei ist die Umnumerierung längst auf der ganzen Sttecke durchgefühtt, und an den meisten Häusern hat man nicht mal mehr die alten Hausnummern neben den neuen bis auf weiteres beibehalten, wie das sonst oft geschieht, um Unkundige auf die Umnumerierung hinzu- weisen. Ein Fremder, der jetzt am„Görlitzer Ufer" ein Haus aussuchen muß und von der Umtaufung und Umnumerierung nichts weiß, kann da in böse Verlegenhett geraten. Er mutz wählen zwischen dem fälschlich noch so ge- nannten„Görlitzer Ufer", das von der Schlesischen Sttaße bis zum Kanal und zurück die Nummern 1—24 hat. und dem richttg weiter so benannten„Görlitzer Ufer", das am Kanal entlang die Nummern 1—11 hat. Die Bewohner der„Tabor- straße" und des„Görlitzer Ufers" sowie der benachbatten Straßen schütteln verwundert den Kopf darüber, daß die„Taborsttaße" immer noch erst auf dem Papier existiert. Wird die vergessene Straße nicht endlich sich mit ihrem neuen Namen schmücken dürfen?__ Als Stiefkinder der Berliner Stadtverwaltung fühlen sich die zirka 2666 Angestellien und Arbeiter der städtischen Gaswerke. Die vorletzte Nummer des Gemeindeblattes enthielt folgende Bekannimachung des Magistrats: „Aus Anlaß des 25jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers findet am Montag, den t6. d. M., in sämtlichen städtischen Bureaus und Kassen Sonntagsdienst statt." Wie nun dieser„SoimtagSdienst in sämtlichen städtischen Bureaus und Kassen" aussieht, zeigt nach- stehende Verfügung deS Dirigenten der Pnvacheleuchtnng der städtischen Gaswerke, da heißt eS: An sämtliche Revierinspektionen Um Irrtümer und Weiterungen zu vermeiden, teile ich mit, daß am 16. d. M. der Revierdienst wie an jedem Wochentage aufrecht zuerhalten ist. Berlin, den 13. 6. 13. gez. Steinke. Ein Angestellter des Revierdienstes schreibt uns hierzu: De» Angestellten und Arbeitern, die hier in Frage kommen, ist ein solches Messen mit zweierlei Maß einfach unverständlich; sollte der Berliner Magistrat wirklich nicht wissen, daß die Revierbureaus auch städtisch sind, oder ist ihm von der erwähnten Verfügung der Gaswerks Verwaltung überhaupt nichts bekannt? Mag»im das eine oder das andere hiervon richtig sein, eine Ungerechtigkeit bleibt es in jedem Falle. Die Mehrzahl der Angestellten dachte nicht im entferntesten daran, den 16. Juni mit Hurraschreien zu verbringen, dazu haben sie infolge der nenn- bis dreizehnstündigen Arbeitszeit wirklich Wichtigeres zu tun; es soll lediglich das Verlangen nach einer gerechten Behandlung durch die Stadtverwaltung zum Ausdruck ge- bracht werden._ Aus einem Kinderheim. Heber das Kinderheim„Bethesda", über das wir am Sonntag berichteten, erfahren wir weiter, daß die Untersuchung gegen den geflüchteten Vorsteher des Heims, den Prediger Krampen, einen immer größeren Umfang annimmt. In den letzten Tagen liefen bei den Polizeibehörden in Hermsdorf sowie auch in Pankow Anzeigen von vielen Müttern ein, die sich über die Be- Handlung ihrer Kinder in dem Heim beschweren. Fast alle geben an, daß sich die Kleinen in einem geradezu beklagenswerten Zustand befunden haben, als sie von dem Vorsteher des Heims wieder zurück- geschickt wurden. Hochgradige Empörung spricht aus dem Verhalten der Angehörigen der Kleinen. Die jungen Männer, die bei Krampen angeblich als Buchhalter oder Hausdiener gegen Kaution angestellt worden find, haben von ihrem Geld« keinen Pfennig wiedergesehen. Es ist sicher, daß fie einem Kautionsschwindler in die Hände geraten sind. Die Nachforschungen nach dem Prediger Krampen, der es, als ihm der Boden unter den Füßen zu heiß wurde, vorgezogen hat zu flüchten, waren bisher ergebnislos. Man vermutet, daß er sich ins Ausland gewandt hat. Zweifellos verfiigt Krampen über eine größere Geldsumme, die er im Laufe der letzten Wochen in seinem Kinderheim zusammenbekommen hat. Mit Hilfe de? Geldes wird es ihm nicht schwer fallen, die Reise über den„großen Teich" an- treten zu können.__ Gefesselte Fürsorgezöglinge. Eine hiesige Korrespondenz berichtet:„Den Fesitrubel Unter den Linden benutzten gestern nachmittag drei Fürsorgezöglinge dazu, ihrem Transporteur zu entweichen. Die Zöglinge, Burschen im Alter von 17 und 13 Jahren, rissen sich, als der Beamte mit ihnen an der Ecke der Friedrichstraße und Unter den Linden den Fahr- dämm kreuzen wollte, plötzlich los und tauchten in die Menge unter, so daß an eine Verfolgung nicht zu denken war. Sie entkamen alle drei, obwohl zwei Zöglinge mit einer Kette aneinander- g e's ch l o s s e n waren." Diese Meldung charakterisiert die heutige Art der Fürsorge- erziehung schärfer, als jede Kritik das vermöchte. Mit Ketten waren die Zöglinge aneinandergeschlossen, wie schwere Verbrecher. Und dabei handelt es sich um junge Menschen, die erzogen werden sollten- ES wäre wünschenswert zu erfahren, ob es sich im vorliegenden Falle um Zöglinge des Berliner Kommunalverbandes handelt und ob die Berliner Waisenverwaltung die Fesselung angeordnet hat oder die Polizei._ Ueberfahren und getötet. Ein Opfer des starken Verkehrs wurde Montagabend in der Friedrichstraße ein junger Mann. Als dieser in der Nähe des Belle- Alliance-Platzes neben einem Straßenbahnwagen herlief, übersah er das Herannahen eines Kraftomnibusses der Linie 4. Auch der Wagenführer bemerkte zu spät den jungen Mann, so daß er nicht mehr rechtzeitig den Omnibus zum Stehen bringen konnte. Die Räder des schweren Wagens gingen über den Unglücklichen hinweg und verletzten ihn so schwer, daß er schon auf dem Transport nach der Hilfswache am Tempelhofer Ufer verstarb. Die Persönlichkeit de« Toten ließ sich nicht feststellen, da dieser keinerlei Papiere bei sich hatte. ES handelt sich um einen jungen Mann von etwa 17 Jahren, der seinem Aeußeren nach dem Arbeiterstande angehört zu haben scheint. Er ist 1,67 Meter groß, hat ein bartloses Gesicht und blonde Haare und trug ein dunkelblaues Jackett und Weste, eine grauschwarzzestreifte Hose, graue Strümpfe, schwarze Schnür- stiefel, weiße Wäsche, einen bunten Bindeschlips und einen schwarzen Hut.___ Zur Vorsicht mahnt das Treiben einer Frauensperson im Norden der Stadt, die sich an zum Eiuholen ausgeschickte Kinder heranmacht. Sie lockt die Kinder an sich, erteilt ihnen fingierte Austräge, nachdem sie den Kindern Geld oder Waren zum Aufheben abgenommen hat und ver- schwindet. Am Sonnabend hat die Person ein Kind in der Seelower Straße mit einem Auftrag in ein Hau? geschickt, hatte sich aber vor- her von dem Kinde Geld und Waren geben lasten. Als das Kind zurückkam, war die Frau verschwunden und mit ihr 11 M. bares Geld, die sie sich hatte anvertrauen lassen. Die Eltern, die Kinder zum Einholen fortschicken, tun gut, ihre Kinder ernstlich zu er- mahnen, daß sie fremden Personen Waren und Geld nicht an- vertrauen sollen._ Die Auflösung der Uhrinacherztvangsinnuug. In ihrer Sitzung am 13. d. M. hat die Uhrmacherzwangsinnung mit 10V gegen 8 Stimmen die Auflösung beschlossen. Während der ganzen Zeit ihres Bestehens kämpft die Mehrheit der Innung um die Abänderung der Statuten. Bon einigen Antragstellern wurde nunmehr eine Aenderung des Statuts herbeigeführt und damit eine von der Mehrzahl der Mitglieder als ungerecht empfundene ander- weitige Beitragszahlung festgesetzt sowie für die ehrenamtliche Tätig- keit der Amtspersonen eine Entschädigungssumme von 3060 M. beschlosten. Die Entrechtung der Mitglieder und die Bevormundung derselben durch die Aufsichtsbehörde und den Vorstand führte schließ- lich den Auflösungsbeschluß herbei. Emen schweren Verlust hat ein Arbeiter zu beitagen, der in der vergangenen Woche in Stralau vor dem Hause Ali-Stralau a zwei Zwanzigmarlscheine verlor. Da der Verlierer ersatzpflichtig ist, wird der Finder des Geldes gebeten, dasselbe bei Hermann Abt, Berlin, Michaelkirchplatz 9, Hof links parterre, abzugeben. Vermißt wird seit dem letzten Freitag der 32 Jahre alte Schleifer Erdmann Jepp aus Adlershof. I. lvar bis vor 4 Wochen bei der Firma Goerz-Friedenau beschäftigt, dort wurde er wegen Arbeirsmangel entlassen. Die Angehörigen des Vermißten befürchten, daß sich I. ein Leid angetan hat. Bei seinem Weggange trug er schwarze Hosen und Weste, schwarze Stiefeln, ein braun und schwarz kariertes Jackett, braunen runden Hut und einen rotbraunen Selbst- binder. Er ist 1,7ö Meter groß, dunkel und hat englischen Schnurr- bart. Unter dem linken Auge befindet sich eine von einem Betriebs- Unfall herrührende Narbe. Personen, die etwaige Mitteilungen über den Verbleib des Vermißten machen können, werden gebeten, dies an die Polizei zu melden. Vorort- Nacbncbtem Neukölln. Ein schwerer Straßenbahuunfall hat sich Montagabend gegen '/.jT Uhr in der Herthastraße ereignet. Dort lief die Ivjährige Margarete Biinkmann, die mit anderen Kindern auf dem Straßen- dämm spielte, kurz vor einem herannahenden Straßenbahnzuge der Linie 7 auf das Gleis. Obwohl der Führer nach Kräften bremste, konnte er das Unglück nicht mehr verhüten; das Mädchen wurde umgestoßen und geriet unter den Vorderperron. Die Schülerin er- litt einen doppelten Bruch des linken Unterschenkels, eine schwere Verletzung des rechten Kniegelenks und einen Bruch des rechten Fußknöchels. Die Verunglückte erhielt auf der Unfallstation in der Steinmetzstraße Notverbände und mußte von dort mit dem Kranken- wagen nach dem Krankenhause in Buckow geschafft werden. Köpenick. Die Gewcrkschaftsunterkommission beschäftigte sich in gut bc- suchter Versammlung unter anderem mit dem am 13. Juli im Müggelschloß stattfindenden Volksfest. ES wird erwartet, daß von der organisierten Arbeiterschaft Köpenicks an diesem Tage keinerlei andere Veranstaltungen getroffen werden, damit dieses Fest sich durch Massenbeteiligung zu einem wirklichen Volksfeste gestaltet. Nähere Angaben werden später erfolgen. Alsdann wurde die Gründung einer Arbeiter-Samariterkolonnc in die Wege geleitet; in nächster Zeit soll bereits ein Kursus zur Ausbildung seinen Anfang nehmen. Mitglieder der Gewerkschaften und Arbeitervereine, welche gewillt sind, der Kolonne beizutreten, eventuell sich am Kursus zu beteiligen, wollen sich bei Herrn Max John, Berliner Str. 5(Kon- sum) melden. Größere Ilnkosten entstehen hierdurch nicht. Zeuthen. Was für Folgen die allzu große Oferwilligkeit der Gemeinde- Vertretung haben kann, zeigten die letzten Sitzungen derselben. Be- kanntlich hatte der Kriegerverein zur Jahrhundertfeier IVO M. erhalten. In der Meinung, daß die Gemeindevertretung auch weitere Forde- rungen nicht ablehnen werde, verlangte selbiger, um das Regierungs- jubi'läum Wilhelms II. würdig feiern zu können, wiederum IVO M. ans Gemeindemitteln. Das war aber doch einem Teil der bürgcr« lichen Vertreter zu viel, weshalb dieser Antrag abgelehnt wurde. Der Gemeindevorsteher machte nun den Vorschlag, die Veteranen unseres Ortes von der Gemeindesteuer zu befreien. Hiergegen wandten unsere Genossen ein, daß der größte Teil Veteranen am Ort wohl keine Not leide, jedoch seien sie bereit, eine einmalige Zu- Wendung zu bewilligen. Dieser Vorschlag wurde auch angenommen. Ein Vertreter des Kirchenbauvereins ersuchte die Gemeindevertretung um die Bewilligung von 25 000 M. zum Bau einer evangelischen Kirche. Diesen Antrag bekämpften unsere Genossen. Auch einigen der bürgerlichen Vertreter erschien diese Summe zu hock>, doch einigte man sich schließlich auf 20 600 M. Mit 7 gegen ö Stimmen wurde die Verzinsung dieser Summe angenommen. Strausberg. Aus der Stadtvcrordnetenversamnilung. Beim Bau der Pfarr- Häuser ist der Voranschlag von SV OVO M. um 2668 M. überschritten worden. Die Versammlung erklärte gegen die Stimmen unserer Genossen mit einer Vorlage ihr Einverständnis, wonach 2060 M. von der Kirchengemeindc getragen und 668 M. auf den Titel Pfarr- Hausbau gebucht werden sollen. Ein Antrag des Magistrats, dem Stadlbaumeister Ruft für außerordentliche Arbeiten beinr Pfarrhaus- bau eine besondere Summe zu bewilligen, wurde von unseren Genossen bekämpft mit dem Hinweis, daß an Stelle solcher Remu- nerationen bessere Gehälter gezahlt werden sollten. Dem Antrage wurde jedoch zugestimmt. Genosse Quast hat sein Mandat nieder- gelegt, da er infolge seiner wirtschaftlichen Verhältnisse an der Aus- Übung desselben behindert ist. Die Neuwahl soll bei den diesjährigen Stadtverordnetenwahlcn mit vorgenommen werden. Potsdam. Die Ueberschüsse der städtischen Verwaltung aus dem Jahre 1912 betragen 223 80V M., wovon auf das Ordinarium 212 VVV M. entfallen. Die Ueberschnsie kommen zum größten Teile aus den Mehr- erträgnisten der Betriebstverke(Elektrizitätswerk, Straßenbahn usw.). Diesen Ueberschüssen steht eine Mehrausgabe gegen den Etat in Höhe von 36 bvv M. gegenüber, außerdenc ist über die Summe von 57 774 M. bereits für den laufenden Etat verfügt worden, so daß von den Ueberschüssen 91 271 M. in Wegfall kommen. Von der verbleibenden Summe sollen 10 OVO M. dem SteuerauSgleichs- fonds zugeführt werden, der damit eine Höhe von rund 175 OVO M. erreicht. Der Rest wird auf den nächsten Etat vorgetragen und vor- nehmlich zur Pflasterung von Straßen verwendet. Das Statut der gewerblichen Fortbildungsschule hat jetzt eine Abänderung erfahren. Bisher lvaren„alle sich hier regelmäßig auf- haltenden" gewerblichen Arbeiter, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, dem Fortbildungsschulzwange unterworfen. Diese Fassung ist bisher dahin ausgelegt worden, daß solche Lehrlinge, die hier lernen, aber nicht wohnen, nicht unter den Schulzwang fallen. In Zukunft werden auch die Lehrlinge schulpflichtig sein, welche außerhalb wohnen und hier lernen, lobald ihr Wohnort bis zu 8 Kilometer von Potsdam entfernt liegt. Befreit von der Ver- pflichtung zum Schulbesuch sind solche gewerblichen Arbeiter, die den Nachweis führen, daß sie diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten be- sitzen, deren Aneignung das Lchrziel der Anstalt bildet, oder die eine Jnnungs- oder eine andere FortbildungS- oder Fachklasse be- suchen, deren Unterricht als ausreichender Ersatz des allgemeinen Foctbi'ldungSschulunterrichts durch den Regierungspräsidenten in Potsdam anerkannt word-tz ist. Spanvnu. 'Der hier plötzlich verstorbene Russe heißt Franeszak Smcklar; ob er außer dem baren Gclde, das er bei sich führte, noch weitere Mittel besessen hat. ist noch nicht festgestellt. Die in seiner Be- gleitung befindlichen Mitreifenden, die gleichfalls auf der Heimreise von Amerika begriffen waren, haben alle in demselben Wagenabteil beförderten Koffer und Kisten mitgenommen und es wird vermutet, daß darunter sich auch die Habseligkeiten des Verstorbenen befunden haben. Als Spielplatz freigegeben ist seit dem 13. d. MtS. der Schulhof der 8. und 9. Gemeindeschule in der Kurstraßc. Der Spielplatz ist in den Nachmittagöslunden stets von Kindern zahlreich besucht. Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Lichtenberg. Donnerstag 6 llhr abends im Rathause, Möllendorff- strajje 5. Maricndorr. Donnerstag, den IS. Juni, nachmittags 5 Uhr. im Rathause, Kaiscrstratze. v Wümcrsvorf.Halenscc. ventc Mittwoch, nachmittags 6 Uhr, in der Aula der Viltoria-Luis-nschulc, UHIandsttaße. Rosenttzal. Donnerstag, den IS. Juni, abends 6 Uhr, in ver Aula der Gcmeindcschule Schill-rstraße. Diese Sibungru smv öffentlich. Jeder Gemeindcangehörige iii be- rechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Bus aller Welt. Das gestörte Licbcemabl. Ein im Kasmo der K ö» i g s b e r g c r W r a n g e I k ü r a s s i e re vor einigen Tagen gegebenes Liebesmahl wird für einen Beteiligten, den Oberleutnant v. der Trenck, recht Uilangenehme Folgen haben. Wie erst jetzt bekannt wird, hat es auf dem„Liebesmahle" eine wenig liebevolle Auseinandersetzung zwischen dem Oberleutnant und einem Vorgesetzten, einem Major, gegeben. Die kameradschaft- liche Aussprache nahm solche Dimensionen an, daß man den schwer______ Verantwortlicher Redakteur: Albert Wach«, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th Glocke, Berlin. Druck ü� Verlag: Vo-wärtS Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Eo� Berlin verletzten Major auf einer Tragbahre in seine Wohnung bringen mußte. Leutnant v. d. Trenck, der wohl einen alten Zwist mit dem Major auf diese feudale Weise erledigte, wurde zunächst in das Garnisonlazarett zur Untersuchung seines Geisteszustandes eingeliefert. Nachdem er sich aber tüchtig ausgeschlafen hatte, konnte man wirklich keine Geistes- störung bemerken. Er ist daher in das MilitärarresthauS gebracht worden, wo er seiner Aburteilung entgegensieht. Entgleisung eines Berliner D-Zuges. Wie ein Telegramm aus Brandenburg a. H. meldet, ist Dienstag mittag der aus Berlin abgegangene D-Zug 30 in der Nähe von G r o ß w u st e r w i tz entgleist. Die beiden letzten Wagen sprangen aus den Schienen und rollten die Böschung hinab. Der Schaffner Kloß aus Berlin ist tot. Drei Personen, Marie Habermann aus Schöne- berg, Bernhard G i e ß l e r aus Iserlohn und Albrccht Drücker aus Berlin, wurden verletzt. Brindejone fliegt weiter. Der französische Flieger Brindejone ist Dienstag vormittag 11 Uhr 25 Miiiuteu von Dünaburg kommend auf dem Peters- b u r g e r Kommandantenflugplatz eingetroffen. Er hat die Strecke von Dwinsk bis Petersburg trotz starken Windes in 3 Stunden 50 Minuten zurückgelegt. Er gedenkt nach zweitägiger Erholung über H e l s i n g f o r S, Stockholm und Kopenhagen nach Paris zurückzukehren._ Meuternde Polizisten. Die Hüter der öffentlichen Ordnung in M a n a o s �Brasilien) sind mit ihrem Lose äußerst unzustieden und haben gegen die Re- gierungsgewalt gemeutert. Ihren Kommandanten haben sie verwundet, der Gouverneur ist mit seiner Familie und seinen Freunden in das Hauptquartier geflohen. Die Meuterer drangen dann in die Geschäftsräume einer Handelsgesellschaft ein und raubten und zer st orten die vorhandenen Waren. Kleine Notizen. Liebesdrama in der Kirche. In der ungarischen Ortschaft Romote Vasyars hat der Pfarrer Johann Vojka nach Beendigung des Gottesdienstes in Anwesenheit der ganzen Kirchengemeindc in der Kirche die Lehrerin Anna Szen- t e m r e h erschossen und sich dann selb st entleibt. Es handelt sich um eine Liebesaffäre. Schweres Grubenunglück in England. Infolge eines Wasser- e i n b r u ch s in die Kohlengruben von Carehouse bei Rotherham sind acht Bergleute umgekommen. Beim Spiel die Schwester erschossen. Die Leichtfertigkeit, ge- ladene Waffen im Bereich von Kinderhänden zu lassen, hat in Wald bei Solingen ein schweres Unglück hervorgerufen. Ein Knabe legte mit einer Flinte, die er nicht geladen glaubte, auf seine achtjährige Schwester an und erschoß sie. (tzrostfcucr im Hotel. In der oberschlesischen Ortschaft K i e- s c r st ä d t e l brach in der Nacht zum Dienstag in dem Hotel ..Zoza" ein Großfeuer aus, wobei drei Hotelgäste schwere Brandwunden erlitten. Einer ist seinen Verletzungen bereits erlegen. Schweres Unglück bei einem Festzug. Bei dem Jubiläums- festzuge in Glückstadt scheuten die Pferde eines Wagens und rasten in die Menge hinein; ein a ch t n n d si e bz i g j äh r i ge r Veteran ist getötet, zwei Personen sind schwer, einige andere leicht verletzt worden. vrlefkasten der Redahrtom F. P. 33. Sie können allwöchentlich kündigen.— A. 100. Der Wirt kann Sicherheitsleistung für die ganze Dauer des Vertrages oerlangen. Sosern diese nicht geleistet wird, kann er die entbehrlichen Sachen ein- behaUen, und zwar auch dann, wenn Ihre Frau allein zieht.— A. 2. 130. Staatsanwaltschast beim Landgericht II, Turmstr. bg/SI.— L. H. 30. Ihre Stieftochter hat Anspruch aus'I, bei Nachlasses.— C. Tb. 68. Die Einforderung der Steuer für das erste Kalcndcrquartal ist begründet. — Nimmcrgnt. Sie sind zur Zahlung der einen Marl noch verpflichtet. Marktpretsc von Berlin am 10. Juni Ii»13, nach Sriniltclungcn des köniql. Polizeipräsidiums. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 00,00 bis 00,00. mittel 00.00—00,00. geringe 00.00—00,00 Roggen, gute Sorte 00,00—00.00. mittel 00,00—00,00, gering- 00,00-00,00(ab Badn>. Futter- gerste, gute Sorte 00.00—00,00. mittel 00.00—00.00, geringe 00,00—00,00. Haier. gute Sorte 00.00—00,00. mittel 00.00—00.00 sjrci Wagen und ab Bahn). Mais