Kr. 158. flbonntmentS'Bedingungtn; Womiements< Preis pränumerando: Viertcljährl. 3,30 MI, tnonotl. 1,10 Mk., Ivichentlich 28 Pfg, frei in? Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntag-. »Ummer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg, Post. «donnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeitung?. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 20) Mark, für das übrige Ausland . Mark pro Monat. Poslabonnements nehmen am Belgien, Dänemark. Holland, Italic». Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. vschelnt lZgNch. Verlinev VolkcsblÄkk. Die Tnlertion$'GebUI)r beträgt für die sechsgespallene Kolonel- »eile oder deren Raum KV Psg., für politische und gewerlschaftlichc Bercins- und VcrsnmmlunK-Anzeigen 80 Pfg, „RUint Anreigen", das scttgedruckic Wort 20 Pfg. fzulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasslellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Puch- 1 laben zählen für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nummer müssen bis i Uhr nachmittags in der Expedition gbgcgcbcn werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Teleyraml». Adresse: „Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgati der fozialdcmokrat» fchen partci Deutfchlands. RccUhtton: SM. 68. Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Expedition: SM. 68, Lindcnstrassc 69« Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1981. Angenommen! Am Dienstag hat t>er Reichstag die zweite Lesung der Wehr vorläge zu Ende geführt. Sie hat natürlich den Ausgang genommen, der vorher zu sehen war. Die bürgerlichen Parteien haben der Regierung einhellig be willigt, was sie von ihnen verlangt hat: die ungeheuerlichste Miütärforderung, die in der Welt je dagewesen ist und die noch bis vor'wenigen Monaten selbst in Deutschland kein Mensch für möglich gehalten hätte! Nur die Sozialdemokratie hat in dieser Zeit Wahn- sinnigen Aufrüstens, in diesem Fiebertaumel militärischer Unersättlichkeit kühles Blut und ruhige Besinnung bewahrt. Sie hat sich nicht durch die magren Brocken der schriftlichen Begründung der Wehrvorlagc dazu verlocken lassen, die po litische Lage anders anzusehen als sie in Wirklichkeit ist. Sie hat sich auch durch die tiefsinnig-inhaltslosen Redensarten des philosophischen Kanzlers nicht eines besseren belehren lassen Ebensowenig konnten sie die wichtigtuerischen Reden der bür- gerlichen Parlamentarier und die geheimnisvollen Mitteilung gen gleichgültiger Selbswerständlichkeiten in der Budgetkonr Mission durch den Kriegsministcr zu einer anderen Auffassung bekehren. Man sprach vergebens viel um zu verhüllen, die Sozialdemokratie hörte durch allen Wortschwall und durch alle feierliche und vorschriftsmäßig-byzantinische Aufgeregtheit der bürgerlichen Militaristen doch immer den Grundton kapi- talistischer Erregung hindurch: sie wußte von vornherein, daß sich mit dieser neuesten Phase militärischer Rüstungstreiberei die neueste Phase kapitalistischer Profitjägerei, die Habgier und Maßlosigkeit der imperialistischen Weltpolitik Bahn brach. und daß vor dem gleißenden Schimmer und dem klirrenden Klang des Goldes alle bürgerlichen Parteien andachtsvoll in die Kniee sinken würden. Die Welten haben sich bei der Beratung der Wehrvor läge wieder einmal klar und scharf geschieden. Wenn die bürgerlickjen Parteien auch über Militärreformen redeten, um ihr durch die Ungeheuerlichkeit der militärischen Forderungen dach ein wenig beklommenes Gemüt zu erleichtern, und wenn sie ihren Wählern auch das hohle Schaugericht einer Anzahl Resolutionen mit nach Hause bringen— in den entscheidenden Fragen und jedesmal, wenn es sich um eine Tat handelte. stand die Sozialdemokratie allein. Die bürgerlichen Parteien wollten und wollen am Wesen des heutigen Heeres nichts ändern, so wenig wie sie am Wesen der kapitalistischen Gesell- schaftsordnung irgend etwas ändern wollen. Sie begnügen sich günstigstenfalls mit harmlosen Reförmchen, die nur den An- schein erwecken, als sei etwas geschehen, die aber in Wirklich- keit alles beim alten lassen. Tie Sozialdemokratie will dagegen eine völlige Aenderung unseres Heereswesens. Sie begnügt sich nicht mit einer Mil- derung der Härten des stehenden Heeres, sie verlangt die Miliz, die Volkswehr an Stelle der st ehe n- den Heere. Nicht eine Waffe in der Hand einer herrschenden Kaste zu wirtschaftlichen oder politischen Eroberungszügen nach außen oder zur Abschreckung freiheit» licher Bewegungen im Innern sc!u das Heer sein, sondern das Volk selbst soll sich wehrhaft machen zur Verteidigung seiner selbst, mögen die Feinde von außen kommen oder mögen sie im Innern auf der Lauer liegen. Das bedeutet eine grundstürzcnde Aenderung des gegen- wärtigen Heeressystems, ohne daß darum auch nur für einen Tag die Wchrhastigkeit Deutschlands in Frage gestellt zu werden brauchte. Daß die lierrschende Gesellschaft, allen voran die Generäle und die Rüstungsinteressenten, von einer solchen Neuordnung nichts wissen wollen, ist selbstverständlich. kann aber uns natürlich von einer Propagierung unserer Ideen auch nicht einen Augenblick zurückschrecken. Wenn unsere Fraktion im Reichstage bei der Befürwortung und Verteidi- gung ihrer zahlreichen Anträge sich äußerlich zwar Vorzugs- weise an die Adresse der Herren vom Kriegsministerium ge- wendet hat. so galt die Dialektik unserer Genossen doch für- wahr nicht den uniformierten Herren oder sie galt ihnen doch nur so nebenbei und als Mittel zum Zweck. Was unsere Ge- nassen gesagt haben und was auch noch wieder am letzten Beratungstage, am gestrigen Dienstage, von unseren Rednern dargelegt worden ist. das war in erster Linie für das Ohr der großen Ocffentlichkcit bestimmt, das sollte die Gleichgültigen und Lässigen im Lande aufklären, das sollte der Idee der Volkswehr und der Wehrorganisation einer demokratischen und sozialistischen Gesellschaft und damit dieser Gesellschaft selbst neue Anhänger und Freunde gewinnen. Inwieweit dieser Ziveck erreicht worden ist, läßt sich nicht sogleich übersehen. Scheinbar ist das Interesse der Massen im Lande für die Wehrdebatten im Reichstage nur gering. Aber man darf sich durch zufällige Erscheinungen nicht zu sehr beeinflussen lassen. Wir glauben, daß die Reichstagsdebatten der letzten Wochen ein lebhaftes Echo im Volke gefunden haben. Für die Arbeiter gibt es keine Sommerferien, in denen sie am Ufer des Meeres oder auf den Höhen der Berge die Politik Politik sein lassen und sich um ihre wichtigen Fragen nicht kümmern. Die Parteipresse hat sich auch nicht mit Reichstagsberichten im Telegrammstil begnügt, wie die bürgerliche Presse, sondern ausführlich die Verhandlungen, die zum großen Teile nur aus Reden sozialdemokratischer Ab- geordneter bestanden, wiedergegeben. Da unterliegt es für uns keinem Zweifel, daß manches Wort, das im Reichstage ge- sprachen worden ist, auf guten Boden gefallen ist und still weiterreift, bis es zu passender Stunde und bei passender Ge- legenheit zur politischen Tat wird. In den nächsten Tagen wird über die D e ck u n g s° frage beraten werden. Die bürgerlichen Parteien sind sich inzwischen über die Art der Deckung einig geworden, und so lverden sie drängen und treiben, daß die lange Session bald ihr Ende erreicht. So ausgedehnt die zweite Lesung der eigentlichen Wehrvorlage gewesen ist, so kurz wird voraus- sichtlich ihre dritte Lesung sein. Vielleicht bewilligen die bürgerlichen Parteien auf dem Altar der allgemeinen Ver- brüderung auch noch die bisher vorenthaltenen drei Kavallerie- regimenter, so daß die Militärliga schließlich mit einem vollen Siege nach Hause ziehen kann. Dann wird Freude in Trojas Hallen sein. Aber wir beneiden die Heeresverwaltung und ihre kapitalistischen und höfischen Hintermänner nicht um diesen Triumph. Der Sieg ist nur über bürgerliche Kraftlosigkeit errungen worden, nicht über die sozialdemokratische Grundsatzfestigkeit und Eni- schlossenheit. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Der lachende Erbe des imperialistischen Militarismus und des militaristi- schen Imperialismus aber wird früher oder später das klassen- bewußte Proletariat sein.— Die Deckungsvorlageti. Bcntzrtcuergefetz— Konflikt mit der Regierung Reichs rtempelfteuer— J�achtragsetat 6rbrccbt des Staates. Die Budgetkommisswn des Reichstags trat am Diensiagvor- mittag in die zweite Lesung des Gesetzentwurfs über das F i n a n z- Wesen und dicBesitzsteuer ein. Die Erhöhung des Kriegs- schätz es von 120 auf 240 Millionen wurde gegen die Stimmen der Sozialdeniokraten beschlossen. Beim Besitz st euergesetz bekämpfte namens der Konser> vativen Graf W e st a r p die Besteuerung des K i n d e s e r b e s Abg. Basfer'mann erklärte, ohne das Kindeserbe wäre für die Nationalliberalen das Gesetz unannehmbar.— Genosse David regte an, jetzt noch ein Erbschastssteuergesetz zu schaffen. Wenn die Nationajliberalen mitmachten, könne in kurzer Zeit ein solches Gesetz zustande gebracht werden.— Der konservative Antrag wurde gegen die Stimmen der Antragsteller und dreier Zentrumsabgeordneter ab- gelehnt. Die Volkspartei und die Nationalliberalen hatten diesen Antrag eingebracht:„Der nach dem Zuwachssteuergesetz vom 14. Februar 1911 dem Reich und den Bundesstaaten zu- fallende Anteil der Zuwachssteuer wird, wenn ein Grundstück nach dem 1. Juli 1913 in fremdes Eigentum übergeht, nicht mehr er- hoben. Den Gemeinden(Gemeindeverbänden) ist gestattet, den auf sie entfallenden Anteil so lange weiter zu erheben, als nicht die Regierung des zuständigen Bundesrats Widerspruch erhebt."— Für das Reich und die Bundesstaaten würde somit nach Annahme dieses Antrages die Zuwachs st euer für Grund st ücke in Weg- fall kommen.— Schatzsekretär Kühn bekämpfte diesen Antrag iebhaft. Die Finanzen des Reichs und der Einzelstaaten würden geschädigt und das Vertrauen in die Stetigkeit der Reichsgesetz- gebung schwer erschüttert werden, wenn ein vor zwei Jahren von allen Parteien gefördertes Gesetz jetzt schon wieder für das Reich und die Bundesstaaten beseitigt würde.— Abg. Südeium teilte mit, daß der Vorstand des preußischen StAitetages am Montag noch einen Protest an die Kommission gegen die Aufhebung der Wertzuwachssteuer gesandt habe. Sollte die Aufhebung be- schlössen werden, müßte den Gemeinden eine Entschädigung ge- währt werden.— Ein Teil des Zentrums wünschte die Auf- Hebung des Wertzuwachssteuergesetzes, weil der Grundbesitz sonst doppelt belastet würde; ein anderer Teil des Zentrums forderte dagegen Reformen beim Wertzuwachssteuergesetz.— Genosse Swdekum wendete sich dagegen, daß die Entscheidung über ein Reichsgesetz und seine fernere Anwendung den Landesregierungen überlassen werde.— Genosse David trat für Beibehaltung des Wertzuwachssteuergesetzes ein; denn es wäre un- verantwortlich, die gewaltige Wertsteigerung gerade bei den städti- schen Grundstücken für die Allgemeinheit in steuerlicher Beziehung nicht nutzbar zu machen. Soweit Unstimmigkeiten und Härten im Wertzuwachssteuergesetz bestehen, könnten sie beseitigt werden. Es könne auch zugegeben werden, daß durch die fortschreitende Mono- polisierung des Eigentums an Grund und Boden es möglich werde. die Wertzuwachssteuer auf die Mieter abzuwälzen. Da gelte es eben, gegen die Monopole vorzugehen, nicht aber ein Gesetz aufzuheben, das auf einem gesunden Grundgedanken aufgebaut worden sei.— Abg. Graf Westarp wendete sich ebenfalls gegen die Aufhebung des Gesetzes. Allerdings sei ein großer Teil der Konservativen in diesem Falle anderer Ansicht.— Ter Antrag der Volkspartei und der Nationalliberalen wurde in seinem ersten Teile gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, der Zentrumsabgeord- neten Gröber und Jäger, sowie des Abg. Herzog angenommen; Graf Westarp enthielt sich der Abstimmung. Der zweite Teil des Antrags wurde mit großer Mehrheit angenommen, ebenso die folgende Resolution d« Volkspartei und der Nationalliberalen: „den Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorzulegen, welcher die Voraussetzungen regelt, unter welchen den Gemeinden und Genrchndeverbänden, mit Genehmigung ihrer Landesregierung, die Erhebung einer Steuer auf den beim Grund- stücksverkehr sich ergebenden Wertzuwachs gestattet sein soll." Als Ersatz für das nunmehr beseitigte Wertzuwachssteuer- gesetz beantragten Ratio nalliberale und Volkspartei, den Zuschlagzum Reichs st enipel auf den Grund st ücks- verkehr in der bisherigen Höhe bis 31. März 1915 aufrechtzu- erhalten, serner zur Hälfte der bisherigen Höhe bis 31. März 1917. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Schatzsekretär Kühn gab namens der Verbündeten Regierungen folgende Erklärung ab: Durch die Beschlüsse der Kommission ist in den Finanzplan der Regierung ein so großes Loch gerissen ivorden, daß die Verbündeten Re- gierungen unter keinen Umständen diesen Beschlüssen zu- stimmen werden. Einschließlich der ohnehin feh-- sende n 35 Millionen entsteht durch die neue st en Beschlüsse ein Ausfall von 75 Millionen. Hier können die Regierungen nicht mehr mitmachen. (Zurufe: Auflösung!) Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Konservativen wurde dann die Beibehaltung der Zuckrrsteuer in bisheriger Höhe beschlossen. - Die Sozialdemokraten beantragten bei den weiteren Verhand- lungen wiederum für je 1909 M. Vermögen eine jährliche Fest- stellungsgebühr von 29 Pf. zu erheben.— Schatzsekretär Kühn betonte abermals den ablehnenden Standpunkt der Re- gierung, weit der sozialdemokratische Antrag faktisch die Ein- einer Reichsvermögenssteuer bedeute, die aber von der fiihrung Regierun egierung abgelehnt werde.— Genosse David erwiderte dein Schatzsekretär, daß der sozialdemokratische Antrag der Regierung die Möglichkeit biete, den durch die soeben gefaßten Kommissions- beschlüsse entstandenen Ausfall zu decken. Die Regierung müßte deshalb vernünftigerweise dem sozialdemokratischen Antrag zustimmen.— Gegen die Stimmen unserer Genossen und die der Volkspartei wurde der Antrag abgelehnt.— Damit war die zweite Lesung des Besihsteuergesetzes erledigt. Es folgte die zweite Beratung des Reichsstempelgesehes. Die Konservativen beantragten, eine Reihe von Stempel« steuern derart zu erhöhen, daß eine Mehreiunahme von zivanzig Millionen herausspringi. Gegen die konservativen Stimmen wur- den diese Anträge abgelehnt.— Auf Antrag der National» liberalen wurde die Stempelsteuer für Feuerversiche- rungs Policen nach der Regierungsvorlage wiederhergestellt, also eine Verschlechterung gegen die Beschlüsse der ersten Lesung durchgeführt. Gegen die Verschlechterung stimmten die Sozial- demokraten und die Konservativen.— Die Volksparteilcr nahmen dann den sozialdemokratischen Antrag, der beim Besitz- steuergesetz gestellt war. von je 1999 M. Vermögen eine Fest- stellungsgebühr von 29 Pf. zu erheben, wieder auf, und zwar in der Form einer Stempelgcbühr. Der Vorsitzende erhob Einspruch dagegen, daß dieser Antrag nochmals zur Abstimmung gelangt; gegen die sozialdemokratischen und volksparteilichen Stim- men beschloß die Kommisston, die Abstimmung nicht zuzulassen. Damit war auch die zweite Lesung dieses Gesetzes erledigt. Es folgte die Beratung eines Nachtragsetats zum Etat für 1913, der an Stelle des Ergänzungsetats treten muß. Die durch die Finanzreform von 1999 vorgesehene Schuldentilgung wird durch den Nachtragsctat aufgehoben, die Ueberschüffe von 1912 im Betrage von 77,1 Millionen werden für die Ausgaben der Wehr- Vorlage verwendet. Dem Reichskanzler wird die Ermächtigung erteilt, Schatzanweisungcn im Betrage bis zu 999 Millionen au�- zugeben. Es folgte dann die zweite Lesung des Gesetzes über das Erb- recht des Staates, das von den Konservativen und dem Zentrum nochmals lebhaft bekämpft wurde. Die 13 bis 15 Millionen, die an Einnahmen aus dem Gesetz zu erzielen sind, kämen nicht in Betracht gegenüber den schweren Eingriffen in das Familienleben und in die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches.— Genosse Wurm betonte, die Regierungsvorlage sei ein immerhin gangbarer Weg, und es müsse das Erbrecht des Staates tveitcr ausgebaut werden.— Abg. Fischbcck erklärte, daß das unbe- schränkte Erbrecht der Verwandten aufgehoben werden müsse. Dem Entivurf hafte nur der Mangel eines Finanzgesctzcs an, aber eine Umgestaltung sei möglich, und die könne im Herbst vorgenommen werden.— Nach einem Antrag der Nationalliberalen wurde be- fchlosfcn, das Erbe von Geschwistern statt niit 4 mit 5 Prozent, das Erbe von Geschwisterkindern statt mit 9 mit 3 Proz. und das Erbe weiterer Verwandten mit 12 statt mit 19 Proz. zur Steuer heranzuziehen.— Ter§ 1 der Regierungsvorlage tvurde hierauf gegen die Stimmen des Zentrums- und der Konservativen angenommen. Dann tvurde die Weitcrbcratung über'das Gesetz vertagt. Das neue verlegenheitsprosukt. Jede„Finanzrcform" bringt den Agrariern neue LiebcZ- gaben. Selbst das„patriotische Opfer", die Wehrsteuer, läßt die Grundrente völlig steuerfrei. Der Wert des Grund und Bodens soll bekanntlich nach seinem„Ertrage" eingeschätzt werden, der nach den Beschlüssen der Kommission mit 20 multipliziert wird. Der Reinertrag des Bodens stellt sich gewöhn- lich auf 3,5 Prozent seines Wertes. Das zwanzigfache davon gibt somit nur 70 Prozent des selbst nach der preußischen Er- gänznngssteuer festgestellten Wertes des Grund und Bodens. Man kann also wohl annehmen, daß beim Grundbesitz im Durchschnitt die Hälfte des Wertes, zuweilen aber, wie ein- zclne in den Zeitungen bekannt gewordene Fälle beweisen, selbst zwei Drittel und mehr des Bodenwertcs steuerfrei bleibeu. Damit sind aber die Liebesgaben an die Agrarier noch keineswegs erschöpft. Das jetzt in der Kommission angc- nommene Vermögenszn wachs st euergesetz über- trifft das Wehrsteuergesetz an Liebesgaben für die Agrarier um ein Vielfaches. Hier haben wir mit einem direkten Ausnahmegesetz zugunsten der Agrarier zu t u n. Um die volle Bedeutung dieses Gesetzes zu erfahren, müssen wir uns die Entwicklung des Vermögens vor den Augen halten. Leider haben wir keine genauen Angaben da- für und müssen uns mit den Zahlen Her preußischen Ver- 1895 0,52 0,63 1,15 1902/4 0,62 0,68 1,30 47,58 28,08 75,68 1911/13 0,81 0.96 1,77 64,67 89,39 104,06 mogenssteuerstatistik begnügen, die in vieler Beziehung un- vollkommen und ungenau sind. Danach gab es in- Preußen: Zensiten in den Städten in Millionen auf dem Lande. überhaupt, das veranlagte Vermögen in den Städten in Milliarden Mark 38,28 auf dem Lande,, 25,58 überhaupt„„ 63,86 Daraus geht hervor, daß sowohl die Zahl der Zensiten, als auch dem Vermögen nach die Entwicklung auf dem platten Lande vor 1902/04 recht gering war. Erst die neuen Zölle beschleunigen dieses Tempo und das Vermögen auf dem Lande steigt in den folgenden 9 Iahren um 11,3 Milliarden, während es in den Jahren 1895/96 bis 1902/04 bloß um 2,5 Milliarden zugenommen hat. Dagegen ist das städtische Vermögen in den ersten 1 Iahren um 9,3 und in den folgen- den 9 Jahren um 14 Milliarden gestiegen. Da man hoffentlich keine neue Agrarzollerhöhungen zu erwarten hat, so wird das Vermögen auf dem Lande nur lang- sani zu nehmen, etwa wie in der Periode 1895 bis 1902/4, also bloß um 0,36 bis 0,5 Milliarden jährlich, was in drei Jahren einen Zuwachs von etwas über einer Milliarde bis ll/2 Milliarden, während sich das städtische Vermögen zu gleicher Zeit— selbst, wenn sich die Kapitalakkumulation auch in der Zukunft in den gleichen Grenzen wie in den Jahren 1902 bis 1904 und 1911 bis 1913 halten soll— um 4-/, Milli ardcn vermehren wird. Das städtische Vermögen wird also f a st v i e r m a l soviel an Vermögens z u w a ch s st e u e r zahlen. Tie Einteilung in„städtisches" und„ländliches" Veo mögen sagt uns natürlich noch nicht, aus welchen volkswirb schaftlichen Quellen die Steuer geschöpft wird. Genauer lverdcn die einzelnen Teile des Vermögens erst bei den Zerr fiten mit 3000 M. jährlichen Einkommens. Betrachten wir die Entwicklung des Vermögens der wohlhabenden Schicht näher Das Gesamtbruttovermögeik(also ohne Abzug von Schulden) dieser Zensiten ist von 1895 bis 1911/13 von 52,27 auf 96,19 Milliarden gestiegen, davon in den Städten von 37 auf 69,5 und auf dem Lande von 15,1 auf 26,08 Milliarden An erster Stelle steht das Kapitalsvermögen der Zensiten, das in den Städten von 17,2 auf 33.9 Mlliarden, auf dem Lande von 4,18 auf 2 Milliarden gestiegen ist. Das Grund- vermögen ist in den Städten ebenfalls rasch gestiegen, von 12,5 auf 24,1 Milliarden, hat sich fast verdoppelt. Dagegen betrug das Grundvermögen auf dem Lande 1895/96 9,76 Milliarden, 1902/04 10,94 und 1911/13 15,5 Milliarden Mark. In den 7 Jähren vor dem Jnkraftreten des neuen Zolltarifs ist das„ländliche"(inkl. das Grundvermögen der kleinen Städte mit über 2000 Einwohnern) Grundvermögen bloß um 1,18 Milliarde, oder um 12 Prozent gestiegen. Der Ver- mögenszuwachs war hier also weniger als 2 Prozent jährlich In den folgenden 9 Jahren steigt das Grundvermögen schneller an, um 4,6 Milliarden oder um 24 Prozent. Die jährliche Zuwachsquote beträgt also 2V, Prozent, gegen eine Vermehrung des Kapitalsvermögens in dieser Periode um jährlich 5,95 Prozent. Das Betriebskapital ist von 1895 bis 1911/13 in den Städten von 7,29 auf 11,39, auf dem Lande von 1,13 auf 2,08, überhaupt von 8,42 auf 13,47 Milliarden, oder um nind 4 Prozent jährlich gestiegen.' Das mobile Kapital hat sich also doppelt so rasch vermehrt als das landwirtschaftliche Ver- mögen inkl. landwirtschaftliches Betriebskapital. Taraus folgt, daß die Vermögenszuwachssteuer den Profit und Zins viel stärker belasten wird als die Grundrente. Drückt aber eine Steuer den Prosit und Zins, so begünstigt sie naturgemäß die Grundrente. Je niedriger die Profitrate in der Industrie ist, um so geringer wird der Pächterverdienst und um so höher die Grundrente. Da der Profit des Industriellen stärker be- lastet wird, so wird sich der Pächter dazu bequemen, einen Teil der Steuer, die auf den Grundbesitzer fällt, auf sich zu nehmen und einen entsprechend höheren Pachtzins zu zahlen. So wer- den die Junker die Vermögenszuwachssteuer auf den Unter- nehmerprofit abwälzen. Interessant ist noch, festzustellen, welche Vermögen, die großen oder die kleinen, rascher wachsen. Das läßt sich nach der veranlagten Ergänzungssteuersumme feststellen, die be- kanntlich das große wie das kleine Vermögen mit pro Tausend belastet. Der Ertrag der Ergänzungssteuer war (in Millionen Mark): ksn der+ Vermögensgruppe«tnfte 1895/6 1902/4 1911/13 20 000 1,22 1,41 1,88 1,10 1.74 2,79 3,24 4,25 2,82 2,30 4,19 Land von 0 000— 20 000— 32 000— 52 000— 100 000— 200 000— 500 000-1 000 000 1 000 000-2 000 000 32 000 52 000 100 000 200 000 600 000 9. über 2 000 000 0,94 1,49 2,35 2,71 3,41 2,29 1,76 3,03 1,42 2,27 3,62 4,32 5,65 8,84 3,17 6,23 1893/6 1902/4 1911/13 1,75 1,90 2,67 1,33 1,86 2,03 1,43 1,27 0,81 0,76 1,64 1,28 1,80 1,93 1,28 1,09 0,69 0,69 1,33 1,76 2,39 2,70 1,89 1,66 1,07 1,06 2,90 vdrmogenSgruppen 6000 bis 20 000.; 20 000. 100 000.. 100 000. 1 Million. über 1 Million. In den Städten wie auf dem Lande steigt das große Ver- mögen rascher an als das kleine. In den 16 Jahren, von 1895 bis 1911, ist das städtische Vermögen in der Gruppe 1 durch- schnittlich um 33/s Prozent jährlich, in den folgenden drei Gruppen(mit einem Vermögen von 20 bis 100 000 M.) um ll'/i» Prozent, in den Gruppen 5 bis 7(mit einem Ver- mögen bis einer Million) um 11 Prozent, und das Millionen- vermögen gar um 6 Prozent jährlich gewachsen. Tie Zunahme des Vermögens auf dem Lande war: Jährliche Zuwachsquote 1904/06 gegen 1911/13 gegen 1895/96 1904/06 . 1,22 Proz. 4.4 Proz. , 0,55, ca. 3,5, . 2,10„ 3,5„ . 2,70. 7.2„ Die scheinbar stärkere Vermehrung des Vermögens in der ersten Gruppe ist wohl bloß eine Folge der genaueren Veranlagung. Im allgemeinen ist auch auf dem platten Lande das Vermögen um so rascher gewachsen, je größer es ist. Insbesondere der Großgrundbesitz hat die höchsten Vorteile aus dem neuen Zolltarif gezogen, so daß das Vermögen der Millionäre jährlich um 7 Prozent im Werte gestiegen ist! Das ländliche Millionenvermögen ist also in dieser Periode rascher gestiegen als selbst das städtische Millionenvermögen. Daher dieser große Uebermut der Agrarier in den letzten Jahren... Durch die Vermögenszuwachssteuer wird aber dieses Ver- mögen nur sehr gering belastet werden, da es in normalen Zeiten kaum um 2,7 Prozent jährlich steigt, gegen eine 6 pro- zcntige Zunahme des städtischen Vermögens. Im großen ganzen ergibt sich also, daß die Vermögens- »uwachssteuer eine Belastung des städtischen Großvermögens bedeutet, bei fast völliger Freilassung des Grundbesitzes, wo- mit es den Agrariern ermöglicht wird, die Grundrente auf Kosten des Pächterprofits noch mehr zu erhöhen. Daß eine Vermögenszuwachssteuer in der Tat eine Steuer zugunsten der Agrarier ist, hat auch der konservative Landrat a. D. von Dewitz offen zugegeben. Der Protest des Hansabundes gegen diese Steuer ist deshalb ganz begreif- lich. Daß aber selbst die Fortschrittler für dieses Kompromiß eintreten, zeigt nur, wie wenig diese Partei des„fortschritb lichen" Bürgertums selbst die Interessen des Kapitals richtig zu vertreten versteht._ Gine Befchwichtigungsforrncl. Paris, 23. Juni.(Eig. Ber.) Tie Militaristen beginnen einzusehen, daß auch die dra- konische Kriegsjustiz gegen die„Meuterer" nicht imstande ist, die Erregung in den zum dritten Dienstjahr verurteilten Mannschaften des zweiten Jahrganges zum Schweigen zu bringen, und die radikalen Deputierten, die für die drei- jährige Dienstzeit zu stimmen bereit sind, wollen eine die Mißstimmung der Wähler wenigstens für den Augenblick dämpfende Konzession heimbringen. So hat sich die Regie rnng bereitgefunden,, einem von den Deputierten R e i n a ch und Montebello, Vizepräsidenten der Armeekommission und Verfassern des an der Stelle des ursprünglichen Regie rungsentwurfs offiziell angenommenen Vorschlags, ausge arbeiteten Abänderungsantrag zuzustimmen. Ter Vorschlag setzt das stellungspflichtige Alter, das bisher 21 Jahre be trug, auf 20 herab, ermöglicht also, in diesem Herbst auf ein� mal zwei Jahrgänge einzustellen. Allerdings soll die Ein- stellung der Rekruten an besondere, ihre körperliche Tauglich- keit und Widerstandskraft sichernde Kautelen geknüpft sein, immerhin wäre dadurch die Möglichkeit geschaffen, den gröst ten Teil der zurzeit im zweiten Dienstjahre Stehenden im Herbst heimzuschicken. Der neue Vorschlag hält di? drei- jährige Dienstzeit fest, mit Ausnahme derjenigen, die von der Stellungskommission dreimal als zeitweilig untauglich zurückgestellt worden sind: diese sollen nur zwei Jahre dienen. Man sieht, es ist kein grundsätzliches Zugeständnis, das die Regierung macht. Die dreijährige Dienstzeit wird im ach gemeinen festgehalten und nur der Uebergang zu ihr soll weniger schmerzlich gemacht werden. Auch bei der gesorder ten strengeren ärztlichen Untersuchung der Zwanzigjährigen wird die Zahl der Tauglichen auf 110 000 bis 120 000 ver- anschlagt— so in dem auf die Festhaltung der zweijährigen Dienstzeit und die Verwendung schwarzer Truppen abzielem den Vorschlag des Radikalsozialisten Painleve—, die im ursprünglichen Entwurf Reinach-Montebello als„unerläßlich" geforderte Erhöhung der Effektivbestände beträgt aber 125 000 Mann, so daß in diesem Herbst fast alle das zweite Jahr Dienenden entlassen werden könnten. Daß der neue Vorschlag den grundsätzlichen Gegnern der Dienstzeitverlängerung und der Kasernenarmee überhaupt als ein unannehmbares Zugeständnis erscheinen kann, liegt auf der Hand. Aber er beweist ihnen, daß ihre scharfe tech- nische und politische Kritik des militaristischen Programms nicht so vergeblich geblieben ist und er zeigt auch die Wirk- samkeit der im Land entfalteten Agitation. Der Kampf gegen die Militaristen dauert innerhalb und außerhalb des Parla- ments fort. Sein Schlußergebnis ist noch zweifelhaft. Aber eins ist sicher: so voll, wie sie gehofft haben, werden die Militaristen ihren Wagen nicht in die Scheune bringen. Der belgische lliilitarismus. Brüssel, 17. Juni.(Eig. Ber.) Die Rechnung für das neue Militärgesetz ist endlich oräsentiert worden. Tie Regierung hatte es damit weniger eilig als mit der Abstimmung gehabt. Sie erfolgte in der Kammer, ohne daß die Patrioten wußten, was ihr Patriotis- »ms dem Lande kosten wird. Nachdem Herr v. Broqueville las Votum in der Tasche hatte, geruhte er endlich in der ge- icherteren Atmosphäre des Landes den Mund aufzumachen und sich über den Kostenpunkt zu verbreiten. Man muß agen, das„kleine Belgien" macht sich ia puncto Militarismus. Für einen neutralen Staat ist die Rechnung aan> mtzig. Sie beträgt nebenbei auch etwas mehr, als der Mi- nister Renkin— vor den Wahlen schätzte, da er die neuen Militärlasten auf 25 Millionen bemessen zu dürfen glaubte. Herr v. Broqueville hat sie im Senat mit 284 Millionen angegeben. Und zwar sieht sich der forsch inaugu- rierte belgische Militarismus im enzelnen folgendermaßen an: Das neue Militärgesetz wird den Belgiern 47 Millionen /ährlich kosten— zu den 63 Millionen, die das normale Kriegsbudget verschlingt. �, Die neuen Ausgaben zerfallen in zwei Teile. Ter eine Teil umfaßt die laufenden jährlichen Ausgaben für die Unterhaltungskosten usw. der neueinzustellenden 18 000 Mann mehr gleich 27 Millionen— so daß das ordent- liche Kriegsbudget auf 90 Millionen anschwillt. Der zweite Teil betrifft die„außerordentlichen" Ausgaben, als da sind: 18i/� Millionen zu den schon 1895 bewilligten früheren für die Festung in Antwerpen: 75 Millionen für die Forts, also für Antwerpen allein 95� Millionen: für Waffen, Ausrüstung, Unterhalt der Pferde 100 Millionen: fiir Immobilien mili- tärischer Gebäude. Arsenale usw. 70 Millionen, für Grund- /tücke zu Stndienzwecken 18 Millionen, macht also alles in allem 2 8 4 M i I l i o n e nl Nachdem Herr v. Broqueville also im Senat gesprochen, rückte der Finanzminister Levie in der Kammer mit der Steuerrechnung heraus. Sie ist fein säuberlich in 5 Partien geteilt, und beginnt mit einer ausgiebigen Alkoholsteuer, wie >er Finanzminister witzig bemerkte, aus purer Freundschaft ür die Temperenzbewegung, und endet mit Börsensteuern. Was die Alkoholsteuer betrifft, so ist ihre Motivierung, daß Alkoholbesteuerungen einen Konsumrückgang bewirken und hie Regierung damit quasi eine soziale Tat übe. wirklich ein Witz. Denn dieselbe Regierung hat vor einigen Monaten Ourch die Aufhebung der Lizenz bewirkt, daß sich 107 000 neue Kabarets— Schankstuben auftaten. Das ist aber nur der Anfang, denn es versteht sich am Rande, daß mit den angekündigten 40 Millionen neuer Steuern kein Auskommen sein wird, um einmal das große inanzielle Loch zu decken, das der Minister der Schatzscheine im Staatsbeutel hat. um die neuen Auslagen für den Mili- tarismus zu decken, um � das Defizit des Annerionssegens wettzumachen, und schließlich um ihren Liebhabereien für iwn Klerus nachzukommen. Und dann schließlich wird der Tag kommen, wo man auch für die sozialen Großtaten der Regierung der jährlichen 100- oder sogar 200-Millionen- defizite— von den Klerikalen genannt die Regierung der „nationalen Prosperität"— die Rechnung vorweisen wird. Der Witz der ganzen Situation drückt sich aber in diesen zwei Momenten aus, daß es keine wütenderen Gegner der Steuerpolitik geben konnte als die belgischen Klerikalen. Als im Jahre 1883 ein liberales Ministerium mit einer Forderung von 18 Millionen auftrat, packte Herrn Woeste das Entsetzen. Heute geht es um 284 Millionen. Und wofür? Für den Militarismus, und das ist der zweite Punkt, dem sich die klerikale Partei bisher so feindlich und schroff gegenllberge- stellt hat. Ihre Vertreter haben sich sogar direkt auf ihre antimilitaristifchen Bekenntnisse hin wählen lassen, auf Be- kenntnisse, die allerdings im Laufe der Militäidebatte von Herrn V. Broqueville zum Schweigen gebracht wurden, im Namen des Patriotismus, der Landesverteidigung und des Regierungsgehorsams. 300 Millionen für ein Militärgesetz, das niemanden, am wenigsten die, die es mit der Landesverteidigung ernst meinen, befriedigt, das Privilegien schafft und aufrecht er- hält und die hauptsächlichste demokratische Forderung, die Ver- kürzung der Dienstzeit, mißachtet: 40 Millionen, vorläufig, für neue Steuern, und zu alledem die Folgen einer Finanz- Wirtschaft, die das Land immer tiefer ins Elend der Defizite und des kläglichsten Schuldenmachens reißt. Das sind so die Rechnungen, die der Klerikalismus augenblicklich den Bel- gieru präsentiert.__ polltircbe Qeberlicht Protest gegen die Wahl Rosenows im 1«. Berliner Landtagstvahlkreis. Im 10. Berliner Landtagswahlkreise wurde der Fort- schrittler R o s e n o w mit 439 von 869 Stimmen, also mit einer Mehrheit von nur 4 Stimmen, gewählt. Gegen die Wahl ist von sozialdemokratischer Seite Einspruch erhoben worden mit der Begründung, daß der Wahlvorstand bei der Prüfung der Mandate der Wahlmänner 45 beanstandete Mandate für gültig erklärt hat, obwohl Verstöße gegen das Wahl- reglement vorliegen._ Gardebetrachtungen. Ein ehemaliger Offizier schreibt unS: Der Herr Kriegsminister v. Heeringen war sehr entrüstet, weil Sozialdemokraten meinten, die kriegerischen Verdienste des preußischen Gardekorps seien nicht so groß, wie sie immer dargestellt werden. Er bestritt auch lebhaft, daß die Garde im Kriege geschont wurde. Da wollen wir darauf ausmerksam machen, daß ein leibhaftiger Prinz, der kgl. preußischer General der In» fanterie war, ganz offen zugab, daß die Garde 1813 und 1814 nur wenig in Verwendung kam. Auf Seite 185 des II. Teiles seiner.Strategischen Briefe" schrieb nämlich der Prinz Kraft zu Hohenlohe, der 1370 sogar die Artillerie das Gardekorps kommandierte. man habe vorderSchlacht vonSedan gefürchtet, dieGarde würde auch in diesemKriege wieder so geschont werden, wie in den Befreiungkriegen, wo sie 1813 und 1314 nur je einmal verwendet wurde. Wenn der Herr Kriegsminister die betreffende Stelle nachlesen sollte, so wird er auch sonst noch ein paar Betrachtungen über das Thema Schonung der Gardetruppen" finden. Ferner bitten wir den Herrn Kriegsminister bekanntzugeben, wieviele Freiwillige des Gardelorps den deutschen Truppen, die nach China und Südwestafrila geschickt wurden, zu» geteilt waren. und wieviele Freiwillige von den anderen Armeekorps zur Einreihung kamen. Wir können uns ganz genau erinnern, daß bei einem dieser kriegerischen Unternehmen von der Garde auffallend wenige Freiwillige in das Expeditionskorps eingestellt wurden. Gemeldet haben sich beim GardekorpS wahrscheinlich ebenso viele Freiwillige wie bei den anderen Armeekorps. Aber eingereiht wurden nur wenige. Herr von Heeringen gestand selbst ein, daß daS Gardekorps ur Mobilisierung 7 Tage mehr benötige als die anderen Armee« orpS. Freilich setzte er hinzu, dieser Nachteil werde durch b e» andere Maßregeln wettgemacht. Wie daS gemacht wird, ist direkt rätselhaft. Man kann doch die anderen Armeekorps nicht anweisen, ihre Mobilmachung zu verzögern, damit dieGarde nicht zu sehr hinterdrein hinkt. Oder will der preußische Kriegsminister die Fron- zosen bitten, daß sie um 7 Tage später losschlagen sollen, weil sonst ?ie preußische Garde nicht mittun könnte? Daß das GardekorpS unter den jetzigen Verhältnissen am längsten zum Mobilisieren braucht, ist besonders charak» t e r i st i s ch für die ganze Institution, denn just die Garde könnte am schnellsten fertig sein, weil sie ihren Bedarf an Mann» chaften und Pferden mit Leichtigkeit aus Berlin und Potsdam, also auS ihrer nächsten Umgebung beziehen könnte. Aber o etwas darf beileibe nicht sein, sintemalen namentlich in Berlin fo viele Sozialdemokraten hausen. Wir wollen hier dem preußischen Kriegsminister eine Aeußerung des vor einigen Jahren verftorbenne bayerischen KriegsmrnisterS Freiherrn von Asch erzählen. Dieser sagte nämlick einmal im Landtag, er sei der csten Ueberzeugung, daß in dem Regiment, das er seinerzeit kom- mandierte, eine große Anzahl Sozialdemokraten gewesen sei, aber er habe auch an diesen niemals Nachlässigkeit im Dienst oder eine Betätigung unerlaubter Gesinnung beobachtet. Und nun kommt das„Entsetzliche": Das betreffende Regiment, das so viele Sozialdemokraten in seinen Reihen hatte, trägt den Namen„König", hat also eo ipso den jeweiligen König von Bayern zum Inhaber und garnisoniert außerdem in München. Trotzdem steht der Thron der Wittelsbacher noch heute! Herr von Heeringen sprach bei seiner Verteidigung der Garde viel von der Notwendigkeit der Tradition im Heere. Wie steht es aber mit der Tradition, wenn ein regierender Fürst von einem anderen entthront wird. Dann muß die Armee des geschlagenen Landes, der seit Jahrhunderten vorgesagt wurde, ie müsse für ihre angestammte Dynastie freudig Blut und Leben opfern, mit einer Geschwindigkeit, die an Hererei erinnert, um« lernen und feierlich schworen, daß sie von jetzt ab ihr Blut und Leben ebenso fieudig für denjenigen hingeben werde, der die früher o vergötterte, angestammte Dynastie zum Teufel gejagt hat. Wo bleibt denn da die Mücksicht auf die Tradition, Herr von Heeringen?_ Der Reichsverbandsgeneral auf dem Kriegspfade. Vom Wahlkampf in Jüterbog-Luckenwalde wird unS geschrieben: Der Wahlkampf ist jetzt in voller Heftigkeit entbrannt. Versammlungen auf Versammlungen finden statt. Der Segen �er Wahrheitsflugblätter des Reichsverbandes flutet über den Krris.-�ic Fortschrittler haben eine große Anzahl BureauS mit Hilfskräften und Sekretären eingerichtet und auch ihr Kandidat Hormann- Bremen ist Tag für Tag in Versammlungen auf dem Wählerfang. Der erfolgreiche Vertreter der Interessen des„Norddeutschen"lovd „hofft" in die Stichwahl mit unserem Genossen Ewald zu kommen und dann mit Hilfe der Konservativen zu siegen. DeShaw ver. -ehlt er in keiner Versammlung zwischen sich und die sozial- )smokratie einen dicken Strich zu ziehen, um sich si5 Gunst späterer konservativer Wahlhilse würdig zu erweisen. Unsere Genossen sind ebenfalls auf dem Posten. �Am letzten Sonntag wurde die dritte Nummer der.Wahlzeitung verbreitet und überall freudig aufgenommen. Mehr als zwanzig Verstimm« lungen fanden an diesem Tage statt und. bis zum Wahltag stnd noch etwa vierzig weitere Versammlungen in Vorbereitung. Die Freikonservativen setzen jetzt erst eigentlich mit der Agi- tation ein. Für sie soll der amtliche Apparat die geistigen und körperlichen Strapazen ersetzen. Deshalb bleiben sie mit Vorliebe in geschlossenen Zirkeln. Am Sonntag sprach in Groh-Kreutz in einer Versammlung von.Freunden der konservativen Sache" aus 12' eingeladenen Dörfern der Generalissimus des Reichsverbandes General v. L i c b e r t. Ganze 70 Mann hatten sich eingefunden. Darunter unser Genosse Wels. Schon bevor v. Liebert den Saal betreten hatte, stellte Wels die Frage an ihn, ob er dafür sorgen wolle, daß dem Vortrage freie Aussprache folge. Herrn v. Liebert mochten wohl sofort seine geschäftlichen Trans- aktionen in Rufiziaktien usw. einfallen, denn so verlegen, wie es ein alter Soldat, der im Kugelregen gestanden, nie sein dürfte, antwortete er stockend:„Das, das entscheidet das Komitee". Das „Komitee", d. h. Herr v. Liebert und der Amtsvorsteher, berieten dann schleunigst, wie sie sich auS der unangenehmen Affäre ziehen könnten und man sah es bald an dem Aufleuchten ihrer Gesichter, daß sie das Ei des Kolumbus gefunden. Nach der Eröffnung und der Mitteilung, daß Herr Pauli, für den man sich im April einzutreten verpflichtet habe, zurückgetreten sei und man.die Freude habe, den altbewährten Herrn v. Oertzen wieder als Kandidaten zu haben"— welche Zugeständnisse dieser in der Erbschaftssteuerfrage gemacht, wurde nicht gesagt— erteilte der Amtsvorsteher eiligst Herrn b. Liebert das Wort. Ehe der aber beginnen konnte, fuhr WelS ihm in die Parade mit der An- frage, wie es mit der Redefreiheit nach dem Vortrage beschaffen sei. Darauf wurde ihm gesagt, da er aus Berlin sei, zur Ver- sammlung aber nur Wähler aus 12 besonders benannten Dörfern eingeladen seien, würde er das Wort nicht erhalten. Wels repli- zierte, daß ein solches Verhalten sich von selbst richte. Die Wähler des Kreises würden auf diese Betätigung konservativen Mannes- muts schon die richtige Antwort geben. Der tapfere Herr v. Liebert der Sozialistenfresser psr excellence, saß dabei an seinem Tisch und atmete sichtlich erleichtert auf, als unser Genosse ihn von seiner Gegenwart befreite. Später erschienen in der Versammlung zwei Fortschrittler, die in die Diskussion eingreifen wollten, Sie erhielten denselben Bescheid wie Wels. Da aber wurde einigen Ortshonoratioren die Sache doch zu bedenklich und sie baten, doch bei dieser Praxis nicht zu beharren. 5 Minuten Redezeit wurden dann auch glücklich gewährt. Es geht nichts über wahre Tapferkeit, als deren besseren Teil Herr v. Liebert allerdings die Vorsicht zu betrachten scheint. Zur Reichstagsersatztvahl in Salzwedel-Gardelegen. Am 2. Juli soll die Ersatzwahl für das vom Reichstage für ungültig erklärte Mandat v. Kröchers stattfinden. Der KreiS ist seit 1890 in konservativem Besitz. Vorher war er wiederholt durch Liberale, einige Legislaturen durch Freikonservative vertreten. Seit 1890 beteiligt sich auch unsere Partei an den Wahlen. Die letzte Wahl brachte uns von insgesamt 24 772 Stimmen 2407, während der konservative v. K r ö ch e r 12073, der Bauernbündler Dr. B ö h m e 10271 Stimmen erhielten. Es ist ein ausgeprägt agrarischer Kreis, der namentlich im westlichen Teile sehr viele Bauern zählt. Industrie ist fast gar nicht vertreten. Selbstverständlich beherrschen die Junker die Kreistage, die bekanntlich bei Neubesetzung der Landratsposten das Borschlagkrecht genießen und dies immer zugunsten eines wasch- echten Junkers benutzen. So ist die konservative Partei in diesem Wahlkreise ebenso mächtig und rücksichtslos, wie 'n irgend einem ostpreußischen Wahlkreise. Hier lassen die Herren alle Skrupel fallen, wenn es gilt, ihre Partei- interesjen durchzusetzen. Die Folge davon ist eine sehr starke Opposition, namentlich bei den bäuerlichen Wählern, die allein schon die starke Stimmenzahl des Dr. Böhme erklärt. Aber die Empörung über das Junkerregiment, das besonders rücksichtslos auch durch v. Kröcher vertreten wurde, hat auch große Kreise der indifferenten Arbeiterschaft ergriffen. So kam es, daß bei der vorigen Wahl in den kleinen Landstädten viele Arbeiter schon im ersten Wahlgange für Dr. Böhme stimmten, weil sie unserer Kandidatur einen Sieg über die Junker nicht zutrauten. Bei der Nachwahl treten die Konservativen mit v. K r ö ch e r und mit dem Bauern Schulz in Ritze auf. Diese Doppelkandidatur soll zunächst Verwirrung unter die Bauern bringen. Man nimmt an, daß die Kandidatur Schulz im letzten Augenblick zurückgezogen wird. Der Schachzug würde den Konservativen durchaus zuzutrauen sein, aber es ist fraglich, oh er Erfolg haben wird. Die National- liberalen haben den Dr. Böhme abermals auf den Schild erhoben. Unsere Partei hat dem Genossen Karl Bergemann, der Gau- leiter des Zimmererverbandes ist, die Kandidatur übertragen. Ist die sozialdemokratische Wahlagitation schon an sich in einem solchen weit ausgedehnten fast reinagrarischen Kreise sehr schwierig, so hier doppelt, weil die Gegner mit einem kolossalen Aufwand von Mitteln arbeiten. Die Bauernbündler sind in der Agitation den Konservativen zurzeit entschieden überlegen. Sie haben zwei eigene Zeilungen zur Verfügung, und alle Abende sind fünf oder sechs Redner auf den etwa 230 kleinen Dörfern, die mehr als 200 Einwohner zählen, unterwegs. In Salzwedel ist ein ganzes Hotel als Wahlsekretariat eingerichtet. Zahlreiche AutoS stehen zur Verfügung und an lärmenden Veranstaliungen fehlt es nicht. Natürlich sind auch die Konservativen nicht faul. Der Generaldirektor Kuntze hat die Oberleitung. Eine Anzahl anderer Generalsekretäre stehen ihm zur Seite. Beide Parteien haben genügend Lokale, die Konservativen natürlich alle, die Bauernbündler müssen in kleinen Orten des öfteren unter freiem Himmel reden. Unserer Partei hat man dagegen selbst in Salzwedel das VersammlungS- lokal abtreiben können. Dagegen hat nun das Militär die Erlaubnis erhallen, das für die Sozialdemokraten gesperrte Lokal zu besuchen, obwohl dort von zarten Händen die Getränke kredenzt worden. Wir können auch in den übrigen Orten nur ganz aus- nahmsweise Versammlungen zustande bringen. Und mancherorts sind die Arbeiter zu sehr eingeschüchtert, als daß sie unsere Ver- sammlungen besuchten. So müssen wir den Kampf unter sehr un« günstigen Bedingungen führen. Gleichwohl tzt die Partei mit aller Energie bestrebt, gegen die übermächtigen Gegner anzukämpfen. Ueber die Wahlaussichten läßt sich bei der Parteikonstellation wenig Zuverlässiges sagen. Wie eS scheint, wird der Bauernbündler gegen daS vorige Mal einiges den Konservativen abnehmen. Unsere Genossen sind bestrebt, durch eine grundsätzliche Aufklärungsarbeit den Wahlkampf auszunutzen.__ Versicherung der Lehrer. Dem Reichstag ist ein� Kompromißantrag zugegangen, JJstterstützt von sämtlichen grokeren Parteien, der folgendes bestimmt: Den§ 14. Mr. l, 2 des VerficherungSgesetzeS für Angestellte vom Dezember 1911 aufgeführten Lehrern und Erziehern an nicht öffentlichen Schulen oder Anstalten werden die privaten Einzelunter- «cht erteilenden Lehrer und Erzieher g l e i ch g e st e l l t. soweit sie o« öffentlichen PenfionSanstalten für Lehrer und Erzieher ver- sichert sind._ Die Soldatenerkrankunge« in Osnabrück. _ 7«. Infanterieregiment in Osnabrück find 300 Mann unter vergtftungserscheinungen teilweise sehr bedenklich erkrankt. Bon sozialdemokratischer Seite ist deshalb im Reichstag eine Anfrage eingebracht worden, die den Reichskanzler um Auskunst über die Ursachen dieser Erkrankung ersucht und gleichzeitig fragt, welche Anordnungen getroffen worden sind, um eine Wiederholung solcher Vorfälle zu vermeiden.__ Wohlwollende Militärjustiz für— Soldatenschinder. Das Feldartillerieregiment Nr. 59 zu Köln war im letzten Jahre wiederholt der Schauplatz schwerer Soldatenmißhandlungen. Zunächst standen alte Mannschaften wegen gefährlicher Aus- schreitungen gegen Rekruten vor dem Kriegsgericht. Unter anderem war der Sohn eines Stadtmissionars braun und blau und blutig geschlagen worden. Die Untersuchung dieses Falles förderte zahllose andere Exzesse zutage. Schließlich wurde der Unteroffizier Stellmacher von der ö. Batterie angeklagt, in über 100Fällen Untergebene vorsätzlich mißhandelt, vorschriftswidrig behandelt oder mangelhaft beaufsichtigt zu haben. Einige andere Unteroffiziere leisteten ihm auf der Anklagebank Gesellschaft. Es wurden dem Stellmacher allein Ausschreitungen gegen Untergebene in 4 6 F ä l- len nachgewiesen, ferner wurde er überführt, in 5 2 Fällen Untergebene vorschriftswidrig behandelt oder mangel- Haft beaufsichtigt zu haben. Die Spezialität seiner Quälereien war das sogenannte.Pumpen", d. h. die Soldaten mutzten sich auf die Erde werfen und dann 50mal und öfter den Oberkörper heben und senken. Zur Abwechselung ließ er die Rekruten 20- bis 30mal die Leitern zu den Heuböden hinauf- und herunterklettern oder er ließ sie schwer bepackt bis zur Erschöpfung durch die Stallgasse laufen. DaS Kriegsgericht hielt nach langer Verhand- lung unter Ausschluß der Oeffentlichkeit 98 Fälle für erwiesen und verurteilte den Menschen zu 4 Monaten Ge- fängnis. Seinen Mitangeklagten wurden„nur" 10—20 Fälle nachgewiesen, und sie kamen daher mit Strafen von 2 Monaten Gefängnis bis zu? Wochen Mittelarrest davon. Die Verurteilten hatten anscheinend starke» Vertrauen zur Militärjustiz, denn sie legten Berufung ein. Auch daS Oberkriegsgericht schloß die Oeffentlichkeit auS. Es kam zu der Ansicht, daß die Angeklagten zwar überführt seien, jedoch sei der Umfang der erwiesenen Straftaten bei weitem' nicht so groß wie das Kriegsgericht angenommen habe. Es könne nicht von.shstcma- tischen" Mißhandlungen die Rede sein. Die Straf« gegen den Unteroffizier Stellmacher, der in 9 8 Fällen überführt war, wurde auf zwei Monate Gefängnis, die Straf« seiner Mit- schuldigen entsprechend reduziert. Die neue ßalbanfmfc. Nach Bulgarien veröffentlichen jetzt Serbien und Griechen- land lange Noten, in denen sie ihre Ansprüche präzisieren und ihre Beziehungen zu Bulgarien erläutern. Die Petersburger Konferenz schwebt noch in der Luft und eine Intervention der Großmächte ist noch nicht zu spüren. Immerhin werden Stimmen laut, die eine friedliche Lösung des Konflikts in Aussicht stellen. Die serbischen Forderungen. Belgrad, 23. Juni. Die Note, welche die Regierung vor einigen Tagen über eine Revision des Bündnisvertrages an die bulgarische Regierung gerichtet hat, enthält u. a. folgende Forderungen: Die neue Basis, auf welcher das Kondominium aufgeteilt werden müßte, muß durch ein Uebereinkommen aller Verbündeten festgestellt werden. Diese neue Basis müßte Serbien einen Gebietszuwachs über den Teil des strittigen Gebietes hinaus, der ihm nach dem Vertrage sowieso zusteht, zusichern unter folgenden Gesichtspunkten: 1. einen Gebietsteil als Entschädigung für alle die Ver- tragspflichten, welche Bulgarien hätte erfüllen sollen, aber nicht erfüllt hat; 2. einen Gebietsteil als Entschädigung für alle Opfer, die Serbien für Bulgarien übernommen hat, ohne durch den Vertrag dazu verpflichtet zu sein: 3. einen Gebietsteil als Entschädigung für'das Gebiet, welches Bulgarien im Osten mehr erhalten hat; 4. �inen Gebietsteil als Entschädigung für das ihm ver- tragsmäßig unstreitig zustehende Gebiet im Westen und das Küstengebiet am Adriatischen Meer, das Serbien verloren hat. Hinrichtung der Mörder deS Großwesirs. Konstantinopel, 23. Juni. Die Hinrichtungen der zwölf wegen des Mordes an Mahmud Schewket Pascha Verurteilten fandeu heute früh um 4 Uhr auf dem Bajazidplatze vor dem Kriegsministerium, nicht weit von dem Orte deS Attentats statt. Starke Truppenspaliere umgaben die Galgen. Alle Verurteilten benahmen sich sehr kalt- blutig. Die Leichen blieben einige Stunden hängen. Die Massen- Hinrichtung macht großes Aufsehen; ein zahlreiches Publikum be- wegte sich auf dem Platze. Polizei, Gendarmen und Truppen erhalten die Ordnung austecht. Konstantinopel, 24. Juni. Außer den bereits gestern Hingerich- teten zwölf Angellagten sind noch elf in«ontunaaoiam zum Tode verurteilt worden, darunter Sabah Eddin, Scherif Pascha, Reschid Bey, Kemal Midhat, Oberstleutnant Zeki, Pertew Tewfik und der ehemalige Deputierte JSmael. fraubreich. Der Kampf gegen die dreijährige Dienstzeit. PapiS, 24. Juni. Kammer. Augagneur fuhr heute fort, sein Gegenprojekt zu erklären. Er empfahl, dem aktiven Militärdienste die Feuerwehrmannschaften wieder zuzuführen. Alle diejenigen, die jetzt als Handwerker, Sekretäre des-Generalstabs usw. festgelegt seien, sollten durch Zivilisten ersetzt werden. Durch diese Beschäftigung seien augenblicklich 92 000 Mann dem aktiven Militärdienst entzogen. Augagneur glaubt, die Durchführung der dreijährigen Dienstzeit würde soviel Geld kosten, daß eS nachher unmöglich sein würde, etwas für die Aufbesserung der Offiziers- und Unteroffiziersgehälter zu tun.(Beifall auf der äußersten Linken und bei einem Teile der Linken.) Zum Schlüsse der Vormittagssitzung brachte JaureS einen Beschlußantrag ein. daß der Heeresausschuß am Donnerstag einen Bericht über die richtige Ziffer der Mannschaftsvcrmehrung er- statten möge, welche durch das Gesetz über die dreijährige Dienst- zeit erzielt werde. Jaures bemerkte in der Begründung seines Beschlußantrages, daß nach den Ziffern des Generalstabs diese Vermehrung 143 000 Mann betrage. Der Regierungskommissar General Legrand versuchte, die Behauptung Jaures' zu entkräften, gab jedoch zu, daß der General st ab einen Rechenfehler begangen habe.(Bewegung.) Der Obmann des HeereSaus- schusseS Le Herrisse stimmte sodann dem JaureSschen Beschluß- antrag zu. Die Debatte über die Militärvorlage wird erst morgen nachmittag wieder aufgenommen werden. In den Wandelgängen wurde der von Jaures erzielte Erfolg lebhaft besprochen. Tie Nutznießer der nationalistischen Reaktion. Paris, 23. Juni.(Eig. Ber.) Die Kammer betreibt noch immer, in den wenigen freien Stunden, die ihr der anspruchs- volle Militarismus freiläßt, den famosen„Schutz der Laien- schule" und ab und zu legitimiert ein Mitglied der von einer kompakten Rechtsmchrhoit gehaltenen Regierung durch irgendein aufrechtes antiklerikales Sprüchlein die rcpublika- nische Firma des Ministeriums und die gehorsamen Abstim- mungen ihrer radikalen Hilfstruppe. Unterdes macht die von den Modeströmungeu der Politik, Philosophie und Literatur getragene Organisationsarbeit der Klerikalen große Fort- schritte. Dem gewaltigen klerikalen Demonstrations- zug zu Ehren der Jungfrau von Orleans ist gestern ein Schau- turnen der Turnsektion der katholischen Patronagen der Pa- riser Diözese gefolgt, bei dem 4500 junge Leute mitwirkten, die unter dem Kommando von Geistlichen heranmarschiert kamen. Der Erzbischof Ainette eröffnete das Fest mit einer Messe und hielt zum Schluß eine patriotische Ansprache.— Die EntWickelung der klerikalen Turnerei in Frankreich ist sehr bemerkenswert. 1898 gab es 600 Turner, heute etwa 150 000 in 43 Verbänden und 1452 Vereinen.— Die republikanischen „Staatsmänner" aber deklamieren� ihre Hymnen über Kraft und Segen der weltlichen Demokratie weiter. Wie heißt es doch im Gedicht Detlef v. Liliencrons:„Hans Töfel liest oben Gedichte." Belgien. Ein Votum für das gewerkschaftliche Recht der Arbeiter. Unser Brüsseler Korrespondent schreibt uns unterm 18. Juni: Das gestrige Votum der Kammer in der Angelegenheit der ausgesperrten Wagenbauer darf die Arbeiter mit voller Genugtuung erfüllen. In zwei Sitzungen beschäftigte sich die Kammer mit der sozialistischen Interpellation über die unerhörte Vergewaltigung deS gewerkschaftlichen Rechts durch die Karosseriefabrikanten, die 1400 Arbeiter auf die Straße warfen, weil diese zu ihrer Organisation hielten und sich nicht zu willenlosen Maschinen erniedrigen lassen wollten. Die Regierung hatte durch den Mund des Arbeits- und Justizministers, der einmal den christlichen Demokraten gemimt hatte, offen Partei für die Unternehmer ergriffen und sich zum willigen Anwalt aller Unternehmerargumente gemacht, wonach die Organisation nicht nur die Profitinteressen der Fabrikanten geschädigt, sondern diese auch zu förmlichen Knechten der Gewerk- schaft gemacht habe. DaS Plädoyer war sehr rührend und sehr pathetisch, dennoch fanden selbst politische Freunde deS Arbeitsministers, daß hier ein unerhörter Gewaltakt gegen die gewerkschaftliche Freiheit der Arbeiter borlag, und sie brachten den Mut auf, für daS Recht der Angestellten und gegen die Regierung und die Unternehmer aufzutreten. Die Haltung der Liberalen war, wie gewöhnlich in Arbeiterfragen, wo es für sie anderes als abstrakte Kulturgüter zu verteidigen gilt, schäbig. Der größte Teil hielt sich bei der Abstimmung zu den Reaktionären von der Rechten. Der Schlachtrufer im Kampf gegen den Klerikalismus, H h m a n S, motivierte seine Stimmenthaltung damit, daß die Kammer sich nicht zum Richter in Konflikten zwischen Arbeitern und Unternehmern machen dürfe. Als ob es sich bei dem Votum um ein Urteil über den Konflikt an sich gehandelt hätte! Die Tagesordnung, die von Vandervelde und dem Klerikalen Gobi et vorgelegt wurde, besagt einfach, daß das Vorgehen der Karosserie- fabrikanten, ihren Arbeitern die Teilnahme an ihrer Gewerkschaft zu verbieten, ungerechtfertigt ist.— Die Abstimmung über die Tagesordnung Woeste— Uebergang zur Tagesordnung— wurde mit 73 gegen 64 Stimmen und drei Enthaltungen verworfen. Die Tagesordnung Vandervelde« Gablet vereinigte 79 Stimmen— gegen 47 und 25 Enthaltungen. Die Annahme wurde von den Sozialisten mit demonstrativem Beifall aufgenommen. Der Arbeitsminister war nicht zu sehen, überhaupt die ganze Minister« bank leer. Australien. Tie neue Regierung. Melbourne, 24. Juni. Der liberale Führer Cook hat das neue Ministerium gebildet. Cook übernimmt den Vorsitz und das Ministerium deS Innern. LrttzU rfoehricbtcn« Einberufung der serbischen Skupschtina. Belgrad» 24. Juni.(P. C.) Die Skupschtina ist für Don- n e r S t a g einberufen worden. Ministerpräsident P a s i t s ch hofft, bis dahin sein Kabinett neu gebildet zu haben Eine offiziöse Erklärung Serbiens. Belgrad, 24. Juni.(W. T. B.) Die offiziös«.Samouprava' stellt fest,'daß seit einiger Zeit gewisse Gerüchte ausländischen Ursprungs in der serbischen und ausländischen Bevölkerung im Umlauf sind über angebliche Konzessionen, die Serbien Bulgarien machen müsse, besonders eine aus Sofia stammende Meldunig, der- zufolge der russische Gesandte Nekludoff'dem König Ferdinand Mit- teilung gemacht habe, daß Serbien entschlossen scheine, den Ver- trag anzuerkennen und einen Schiedsspruch auf der Grundlage des Vertrages anzunehmen. Serbien hält seine in der dritten an Bulgarien gerichteten Note entwickelte Ansicht aufrecht, daß die Ministerpräsidenten der Verbündeten in Petersburg zusammen- kommen müßten, um zu versuchen, eine direkte Verständi» gung zu erzielen und im Falle des Nichtgelingens einen Schiedsspruch auf breite st er Grundlage über alle strittigen auf daS Condominium sich beziehenden Fragen aazu- rufen, ohne die Lebensinteressen Serbiens zu berühren. Bulgarische Rache. Sofia, 24. Juni.(P. C.) Drei verkleidete serbische Spwne wurden bei.Juschewo von einer bulgarischen Patrouille aufgegrif- fem Die Verhafteten gestanden ein, im Dienste des serbischen Hauptquartiers zu stehen. Ein Kriegsgericht verurteilte die Spione zum Tode. Das Urteil ist heute vollstreckt worden, Folgenschwere Fahrlässigkeik. Uebungsplatz Ohrdruf, 24. Juni.(W. T. B.) Gestern ex- p l o d i e r t e n in einer Baracke des Schießplatzes Ohrdruf beim Wäschetrocknen in einem Ofen mehrere Platzpatronen, die von einem vorher übenden Truppenteil zurückgelassen und in den Ofen geworfen worden waren. Sechs Mann des ersten Kur- hessischen Feldartillerie-Regiments Nr. 11 wurden verletzt, darunter drei schwer. Verheerender Brand. Prae, 24. Juni.(P. C.) In dem Städtchen Politschka brach heute mittag eine Feuersbrunst aus, die rasch um sich griff und im ganzen 18 Wohnhäuser mit sämtlichem Zubehör einäscherte. Un- gefähr 50 Familien sind ohne Obdach. Der angerichtete Schaden ist schr bedeutend. SozialdenokratischerWaMverelii LllierLReicbstags-Wablkreis. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Genosse Paul ScKofc am 19. Juni beim Baden er- trunlen ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen Donnerstag, den LS. Juni, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle de» Demeinde-Friedhoses in PlöTense« auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 204/3 Der Vorstasd. SozialdeinokratischefWahlveFeiii I.d. UerLneichstagswablkreis. Görlitzer Viertel, Bez. ISO. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Genosse, der Hous- diener Kar! friscdke (Lausitzerstr. 34) gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Di« Beerdigung findet am Donnerstag, den LS. Juni, nach- mittags S Uhr, von der Leichen- all« d«S Jerujalemer Kirchhofes, ergmannstrage auS statt. 214/19 Um reg« Beteiligung ersucht Her Vorstand. DTachrnf. Stralauer Viertel Bez. SIS I. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unsere Genossin, Frau Antonie Thorn (Posenerstr. 4) gestorben ist. Ehre ihrem Andenke»! Di« Beerdigung sand am 19. Juni statt. vor Vorntand. Deutscber Translfortarheiter- Verband. Bezirksverwaltung GroS-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser. Kollege, der Hausdiener �otlaaa WoHk am 21. Juni im Alter von S3 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 25. Juni, nach- mittags, von der Leichenhalle des MarluS-KirchhoscS, Wilhelmsberg, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 8K/5 Die Bezirksverwaltung. Deutseher Holzarbeiterverband. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Schirm- macher ledaim Radesehinsky geint Alter von storben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den- 23. Juni, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des PiuS-KirchhoseS in Wilhelms- berg auS statt. 68/3 Die Drtsverwaitur.g. Deutseber Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, dag unser Mitglied, der Schlosser Kar\ Biebelge Stolpische Str. 45. am 22. d.M. an Gehirnerweichung gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 25. Juni, nachm. Z>/, Uhr, von der Leichenhalle des Gethsemane-Kirchhoses in Nieder- Schönhausen-Nordend auZ statt. Rege Beteiligung erwartet 120/14 Die Drtsverwaitung. Arbeiter-Turnverein zuAdiershoI. Mitgl. d. Arbeiter-Turnerbundes. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unsere Turnschwester, Frau Marie Hartig am Sonntag, den 22. d. M., früh 6 Uhr, nach langer Krankheit vcr- storben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 23. Juni 1913, abend« 7 Uhr, von der Leichen- Halle aus statt. Die Mitglieder versammeln sich im Nereinslokale um K>/, Uhr. Rege Beteiligung erwartet ISS/S Der Borstand. Dienstagmorgen entschlief sanst nach langem, schwerem Leiden ntein guter Mann und Bater, der Schankwirt Hermank Conradt im 49. Lebensjahre. Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags 5> Uhr, von der Halle des Zeirtral-Friedhoses in Friedrichsselde aus statt. Bau Conradt nebst Sohn, Gubener Str. 27. A Verband der Laubenkolonisten Berlins und Umgegend. Geschäftsstelle: Neukölln. Reuterstr. 34. Geschäftsstelle: Neukölln, Reuterstr. 34. Heute Mittwoch, 35. Juni, abeuds 8V2 Uhr, im Herlmer Klubhaus, Ohmltraße 3, an der Brücken-, Neander- und Köpenicker Strastc» Oeffentliche Laubenkolonisten-Versammlung -iolonistc» wegen -lsgang Heine und Tagesordnung: „Die Vernichtung de? Berliner Laubenkolonien infolge Bestrafung V Sonntagsarbeit." Referenten: Reichstagsabgeordneter Rechtsanwalt äT Verbandsvorsitzender Franz Steinweg. Laubenkolonisten Grost-Berlins! Durch höchstinstanzlichcs Urteil ist die Bestrafung der Laubenkolonisten wegen ihrer Arbeiten an Sonntagen bestätigt worden. Damit ist die Existenz der Laubenkolonie» i» Frage gestellt. Kollegen und Kolleginnen I Erscheint alle in dieser Versammlung, um hiergegen wuchtigen Protest einzulegen. 1312b* Der Berbandsvorstand. Zentral-Verband der Zimmerer. ZaMftelle Berlin und ötrigegend. Heute Mittwoch, den ÄZ. Juni 1913 abends 8V, Uhr: Allg. Mitglieder- Uersammwng in der Alhambra, Wallner-Theater-Str. 13. Tagesordnung: 1. Die gkwerbschnstlich-geussstuschastlicht Verficheruug„Dolbsfürsorge". Reserent: Stadtverordneter Genosse Ad. Ritter. 3 Die Wunde bei der Adtteugesetlschutt Siemens& Halsbe uud der Firma Daerger au dem Kau der Untergrundbahn, Strecke Müller- und Shauffeeltraße. Reserent: Kamerad W. Witt. 254/7 Pünktliches Erscheinen aller Mitglieder ist Pflicht._ Der Vorstand._ Verband der Jnaler, SacUierer« Anstreicher Bureau: Melchiorstraßr 28, Part. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. TiHsls 3erUn. USW. Arbeitsnachweis: Rückerstraße g. Fernsprecher: Amt Norden 6708. Donnerstag, den 26. Juni 1913, abends 8� Uhr: MitgliedersVersammlung: in Kellers„Neue Philharmonie", Köpenicker Str. 9697. Tagesordnung: Hauptvorstandes zur 1. Die Anträge des Verbandsangelegenheiten. -— mtgliedabncls legitimiert. Generalversammlung in Halle. iss/ie Zahlreiches Erscheinen erwartet vi« vrtsverwaltunx. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und zahlreichen Kränz» spenden bei der Beerdigung meines eliebten Mannes, unseres lieben aters, sagen wir allen Bekannten und Kollegen, sowie dem Verband, Seifion Putzer, und dem Gesang- verein unleren besten Dank. 131Sb I-ni«e Heibig und Kinder. Danksagung. ür die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage ich allen Kollegen und Kolleginnen der Firma W. Bürenstein und dem Verbände der Buch« und Steindruckerei- HllsSarbeiter Berlin meinen heszlichsten Dank. 34A Eiin Wendler. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung unseres einzigen Sohnes 78A Ulis Fritze sagen wir allen daran Beteiligten sowie den Arbeitskollegen der Firma A. Gonde auf diesem Wege unseren herzlichen Dank. G. Fritze nebst Frau. Ich habe mein« Praxis wieder ausgenommen. 108/2 Dr. Artur Schlesinger Chirurg. BOO Mark 104/4* Anzabl. an verk. Parz. von 2000 M. an. 10 Ps.-Tour elektr. Bahn. Linie 164. Hohenschönhausen, Hauptftr. 17, Hs. Pt. Heines Werke > 3 Bände 4 Marl- Buchhandlung Vorwärts MoliremstSä Kolonnaden. GrFranKfurteotr 115 Trauer- Magazin Kleider.Hüteöt 3� Äußerste Preiie . Tarbige Konfektion in größtem MoßMabe zu bfi ligsten -Preisen—- Westmann Dr.Simmel Spezial-Arzt ir Haut- und Harnleiden. rinzenstr. 41, 10—2. 5—7. Sonntags 10—12. Hygienische Haar� Pflege enthaltend, welche nach Angaben des Geheimrats Professor Dr. Stahlschmidt aus den seit Jahrtausenden als heilkräftig bekannten Aachener Thermal- Quellen gewonnen werden. Thennal-Shampon gesundet kranke Kopfhaut und kranke Haare und verleiht nach wenigen Waschungen eine dauernde Haarfiille. Nur auf einer gesunden Kopfhaut gedeihen die Haare und bleiben gesund. Preis pro Flasche 30 Pf. l�u haben in allen Drogenhandlungen. Werrmnnn& Co., Berlin-Friedenau. Tel.: Uhland 3700 Orts- Krankenkasse der Handschuhmacher. mttwoeb, den S. Juli, abends 8'/, Uhr, bei Haderlandt, Linieuft». 78: Generalversammlungyelegierteii (Arbeitnehmer«. Arbeitgeber). Tagesordnung: 1. Berichterstattung über die ein- gegangene Antwort des Versicherungs- amtes aus unseren Antrag aut Weiter- bestehen unserer Kasse resp. Stellung« nähme dazu. 273/9 2. Verschiedenes. Der Borstand. G. Schmidt. Vorfitzend er. Haben Sie Sioft? idi /trOn davon Anzug od. Ptlatot ch Mass, tdiidc. daaerh. Zutaten von 25 Mark an. Moritz Labend, Neue Promenade 8, U.(Stadtb. Bort.) i?) y Speziat Arzt Dr. med. Wockenfuss Haut-, Harn-, Frauenleiden. Ehrlich- Hala-Kuren, Blutuntersuchung. SchneUe.gründl.,schinerzl.Behd]g. FMIchstr. 125 CJK;,) Nahe Friedrichstr.u.Stett. Bahnh. Sprechet. 10-1 u. 5-8. Sonnt. 9-11, Verwaltung Berlin. Korbmacher. Tonnerstag, den 36. Juni 1913, abends 8 Uhr, im„Gewerbschaftsbans*', Engelufer 13, Saal 5: Versammlung« Tagesordnung: 1. Bericht von der Generaweifammlung. Die Regelimg des Beitrages in unterer Branche. 2. Neuwahl des Obmannes und Ersatzwahl zur Kommission. 3. Branchenangelcgenheiten. SS/4 Die Ortsverwaltang. Vermttlmgssttlle Uerlitt C 54, iinifnflr. 83-85. Verwaltung: Kassierer: Arbeitsnachweis: Telephon: Amt Norden 1987. Amt Norden 185. Llmt Norden 1239, 9714 Donnerstag, den 26. Juni, abends 8Vs Uhr: illgem. Klempner-Versammlung in den Andreas-Festsälen, Andreasstr. 21. Tagesordnung: 120/13 1. Vortrag des Genossen Dr. Julius Moses: „Der allzu reiche Kindersegen im Arbeiterhaus." 2. Distussion. 3. Bericht über den Verlaus der Bewegung in der Flugzeugindustrie. 4. Branchenangelegenheiten. Die Kollegen werden ersucht, zu dem lehrreichen Vortrage ihre Frauen mitzubringen. Die Kollegen von Aschinger, Bäsch, Carowwerke(vormals tiackel u. Picht), Heufelder, Heuer, Eckel u. Glienecke, Dennecke, Thielemann, achmann und dem Kunstgewerblichen Treibwerk werden ersucht, zahlreich zu erscheinen. Die Ortsverwaltnng. Zahlstelle Berlin. Etuisbranche! DonncrStag, 26. Juni, abends 5'/. Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstraste S8/SS: == Branchen-Versammlung== der in den Kfrlmer Etvisfabrikett deschöttigtett Mitglieder. Tagesordnung: 1. Unser Tarifablauf in diesem Jahre. 2. Verschiedenes. Kollegen und Kolleginnen! In dieser Versammlung sollen wichtige Beschlüsse sür den einzelnen sowohl als auch jür die gesamte Branche gcsaßt werden. Darum dars in dieser Versammlung auch nicht ein einziges Branchenmitglied sehten. Sorgt sür weiteste Verbreitung dieser Einladung! Die Ortsverwaltung. R. Würzberge r. 24/4 Die Darifkommission und Brauchenleitnng. Kulikowski. l MM Am Donnerstag, = Filiale Berlin.= den 26. Juni 1913, finden die abends 8 Uhr, Kertilitr KeMs-NtchMliliM in folgenden Lokalen statt: Bezirk: Restaurant Nowottnick, Lange Straße 30(Osten), „ Must' Festsäle, Manteuffelstraße 95(Südosten), „ Restaurant Wildner, Friedrich- Karl- Straße 9/19 (Lichtenberg), „ Restaurant Kramer, Zietenstraste 69(Neukölln), „ Swinemünder Gesellschaftshaus, Swinemünder Straße 42(Norden). 6,„ Restaurant Poezontel, Hauptstr.87(Rummelsburg). Di« Tagesordnung in allen Versammlungen lautet: „Volksfürsorge". Der Vortrag wird die Schäden der kapitalistischen Volksversichcrungen (Victoria, Jduna, Friedrich-Wilhelm usw.) und ihre Resorm durch die am 1. Juli 1913 eröffnete Volkssürsorge behandeln. Bekanntmachungen. Laut Verwaltungsbeschlutz erhalten die arbeitslosen Mitglieder bei Vorzeigung ihrer Arbeitsloscn-Konlrollkarte beim Besuch der General-, Branchen- und BezirtSversammlungen 30 Pf. Zehrgeld. Wir machen schon jetzt aus unser am 10. August d. I. in Treptow statt- sindende Tommerfest aufmerksam. Da wir alleS aufbieten werden, um uns und unseren Kindern einen recht vergnügten Sonntag zu verschaffen, rechnen wir aus zahlreiche Beteiligung.' 195�' jz Die Frauen-Agitationskommisfion ersucht um Sammeln von Adressen Nichtorganisierter Textilarbeiter und-arbeiterinnen. Die Adressen sind an unsere Geschäftsstelle einzusenden. Verwaltung. Sie bilden sich ein neue Wäsche zu sehen, wenn Sie sie mit*Persil gewaschen haben, so blendend weiss, frisch und duftig ist sie danach geworden. Einfachste Anwendung, billig im Gebrauch und absolut unschädlich unter Garantie! HENKEL& Huch Fabrikanten der allbcliebtcn HcnkcTs BIcich-Soda. »erant». Redakteur; Albert Wachs, Berlin. Inseratenteil verantw.z Utz-Glocke. Berb-n. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u,«erlagSanftalt KalllSinser�Co..BerlinLW. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhaltungsbl. Nr. 158. 80. Jahrgang. 1 Wm des Jotraiitte" ßetlintt üoMItft. Mittwoch, 25. Juni 1913. Da$ lüalicnltrcilfprobkn). I. Der Ausgang der preußischen Landtagslvahlen hat der Sozial- denwkratie relativ einen schönen Erfolg gebracht. An der reak- tionären Zusammensetzung des Dreiklassenhauses hat sich aber so gut wie nichts geändert, und die Aussichten auf ein freies Wahl- recht in Preußen, soweit der rein parlamentarische Weg in Betracht kommt, sind genau so trübe wie zuvor. Kein Wunder, daß in parteigenössischen Kreisen jetzt der Wunsch nach stärkeren Mitteln lauter wird als früher. Der Groll über die Hartnäckigkeit der Reaktion gebiert den Drang, endlich einmal schneller vorwärts zu kommen. Diese Stimmung findet ihren Ausdruck in zahlreichen Resolutionen einzelner Organisationen, in denen der politische Maffenstreik als Kampfmittel verlangt wird, sei es nun, daß man ihn zunächst auf die Tagesordnung des nächsten Parteitag? gesetzt haben will, sei es, daß man«ine gründlichere Belehrung der Massen über dieses Kampfmittel verlangt. Auch in einem Teile der Parteipresse wird für und gegen den Massenstreik Stellung genommen. Parallel damit geht eine Kritik an der Halbing unserer Fraktion bei Beratung der Wehrvorlage sowie Erörterungen über unsere Milizforderung. Ihre schärfste Form hat diese Kritik in jener bekannten Stuttgarter Resolution gefunden, die von der Fraktion die Durchführung der Obstruktion verlangte, außerdem aber den politischen Massenstreik als Kampfmittel gegen die überspannten Forderungen des Militaris- mus empfahl. Diese Kritik und dieser Drang nach schärferen Kampfes- formen sind gewiß erfreuliche Erscheinungen. Beweisen sie doch, daß der Wille zur Tat in unseren Reihen lebendig ist. Und soweit dadurch die revolutionäre Energie gestählt wird, die Köpfe zum Nachdenken über wichtige Probleme angeregt, Zaghafte oder Gleich- gültige vorwärts gedrängt werden, ist die Aufrollung deS oder richtiger der Probleme etwaiger Massenaktionen nur zu begrüßen. Wenig gedient aber wird dieser aufrüttelnden Kritik, wenn sie in Form mehr öder weniger vermäntelter und mit der Wahrheit nicht immer im Einklang stehender Bosheiten gegen einzelne Personen, Instanzen oder Zeitungen, in erster Linie den„Vorwärts", gs- richtet sind, wie das erst kürzlich wieder in einem U. O. gezeich- beten Artikel der„Leipziger Volkszeitung" der Fall war. Es heißt da, der„Vorwärts" habe seine„begeisterte Zustim- tnung" zu den„taktischen Feuerwerken in der Art der Frankschen revolutionären Weckrufe" gegeben, um„offenbar den Großblock in Baden mit dem Massenstreik in Preußen harmonisch zu ver- binden". Dabei hat der„Vorwärts" bis heute nur ein kurzes Stimmungsbild über die Wilmersdorfer Versammlung mit Franks Ausführungen gebrocht und zur Frage selbst noch gar nicht Stellung genommen. Dagegen war der„Vorwärts" dasjenige Blatt, das jetzt wie vorher in erster Linie gegen den Grotzblock- gedanken Stellung genommen hat. � Mit einer solchen verbitternden Kritik dient man einer so wichtigen Frage, wie der politische Massenstreik eine ist, wahrlich nicht. Denn ihre wichtigsten Voraussetzungen, die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Massen, das gegenseitig« Znv erstehensuchen und gemeinschaftlich« Handeln, das Vertrauen in die Führung— die Form de» Massenstreik» als eines regellosen, anarchistelnden Massenputsche» scheidet doch wohl überall au»— werden durch eine Kritik, die nicht aufbaut, sondern zersetzt, von vornherein untergraben. Wenn die Erörterung de» Massenstreikproblems ftuchtbringend sein, wenn der Gedanke großer Aktionen in der Masse Wurzel schlagen soll, müssen die Argumente ruhig und gründlich erörtert und die Schlußfolgerungen vorurteilslos gezogen werden. Einen wesentlichen Anstoß zur Erörterung der Massenstreik- frage in der Presse gab die Rede des Genossen Frank in Wil- mersdorf. Selbst wenn man mit dem Drum und Dran dieser Versammlung nicht einverstanden sein kann, muß man doch zu- veben, daß sie die Massenstreikftage in den Vordergrund der DiS. kussion geschoben hat. Wir wollen daher, da Franks Rede gewisser- «aßen den Ausgangspunkt bildete, ihren wesentlichen Inhalt hier kurz �nachholen. Frank führte nach einer Charakteristik der preußischen Zu- stände u. a. auS: -Wenn aber alles Bitten umsonst ist, dann muß eS endlich heißen: Heraus aus den Fabriken, heraus aus den Werkstätten, r m'-8 0118 �en Kontoren! Denn auch diese Leute sind genau io Burger dritter Klasse wie die Arbeiter. Dann ist der Tag des Massenstreiks, gekommen, wenn alle anderen Mittel versagen. Ueber die Notwendigkeit deS Massenstreiks brauchen wir nicht zu debat- tieren. �L. Arbeiter nehmen Wochen- und monatelang Not auf sich um- Pf, Lohnerhöhung für die Stunde; soviel wird ihnen die staatsbürgerliche Gleichberechtigung auch noch wert sein und joviel werden sie auch tun für die großen gewaltigen Ziele, die hinauswachsen über die Schmerzen des täglichen Lebens..%. . k" Massenstreik möglich ist, hat die Geschichte in zahl- reichen fallen bewiesen, so in dem Chartistenaufstand in England, der, wenn auch erst in späteren Jahren, zu bedeutenden Wahl- rechtserweiterungen geführt hat. Gewiß sind damals schwere Zucht- Haus- und Gefängnisstrafen verhängt worden, aber noch lange nicht so viel Gefängnis und Zuchthaus, als unter der Regierung des preußi'chen Königs über die Kämpfer der Arbeiterklasse ver- hängt wurden.(Lebh. Sehr wahr!) Die Massenstreiks in Belgien IHM, lsiiZg und Iö12 sind weitere Beweise für die Möglichkeit des Massenstreiks, und wenn nicht ein sofortiger Sieg erzielt wurde, so hat die Arbeiterschaft doch ihren Kampf mit imposanter Ruhe abbrechen können. Ein Volk, das eine solche Disziplin nicht auf- bringen konnte, würde den Anspruch verwirken, nicht von anderen beherrscht zu werden. 1903 sahen wir den Massenstreik in Schweden, 1904 in Italien und 1905 den gewaltigen Kampf in Rußland, wo nicht nur die Räder der Fabriken, sondern auch das große Räderwerk der staatlichen Bureaukratie. der Industrie und des Handels stillstand. Wenn auch in Rußland durch einen Staats- streich die damaligen Errungenschaften verschlechtert wurden, so ist doch alles, was das neu« Rußland an BerfassungSeinrichtungen besitzt, ein Erfolg deS Massenstreiks von 1905. Und dieser Massen. streik hat den Kampf unserer österreichischen Kameraden so be- feuert, daß sie das gleiche Wahlrecht durch die bloße Ankündigung errungen haben. Preußen und Deutschland hat die beste Arbeiterbewegung und hie verbreitetste Arbeiterpresse der Welt. Nun lernen wir vom Pro- letariat der ganzen Welt den Massen kamvf.(Stürmischer Beifall.) Es wäre ja denkbar, daß zuerst einmal zur Warnung die Arbeiter drei Tage hintereinander auf die Straße gehen; wenn das noch nicht hilft, dann könnte ja der Generalstreik als eine Art fliegendes Feuer ausbrechen. Vielleicht, daß zum Beispiel im Westen eines Tages hunderttausend Bergleute nicht mehr in die Grube fahren, und wenn sie zur Arbeit zurückgekehrt sind, es im fernen Osten zu glimmen anfängt und daPn im Norden, in der Mitte und überall, so daß die Herrschenden in Preußen ihrer H�rschaft nicht mehr ftob werden dürften. Wir dürfen sie nicht ulchr zur Ruhe kommen lasse«. Gewiß drohen von diesem Kampfe Opfer und Gefahren, aber wo sftid jemals politische Kämpfe ohne Gefahr geführt worden? Es gmt keine Versicherung gegen solche Gefahren, und wir brauchen auch keine! Wir müssen uns vornehmen, den einmal als not- wendig erkannten Kampf bis zum Ende durchzuführen, wir müssen das Schiff besteigen, auch wenn man sagt, daß Klippen vorhanden sind. Wer Klivpen fürchtet und im Hafen bleibt, dem passiert nicht viel, abe.»nwird niemals zu dem fernen Ufer gelangen, das das Ziel i." er Sehnsucht ist. Deshalb aufs Schiff und vorwärts, vorwärts--'um Kampf!" In den folgendei. Nummern werden wir die wesentlichsten Pretzäußerungen über die Massenstreikftage bringen. Reidystag. 168. Sitzung. Dienstag, den 24. Juni 1918, nachmittags 3 Uhr. Am Bundesratstisch: v. Heeringen. Da? HauS ehrt das Andenken des verstorbenen Abg. Kaden (Soz.). Kurze Huf ragen. Abg. Graf Praschma(Ztr.) verweist in seiner Anftage auf eine Bestimmung des amerikanischen Zolltarifs, die vom amerikanischen Schatzamt dazu benutzt wird, in deutschen Fabriken und Geschäftsbetrieben die Vorlage von Geschäfts- büchern, Rechnungen usw. zu verlangen und auf diese Weise ein- gehende Ermittlungen über die Gestehungskosten, Preise, Frachten, Absatzgebiete usw. anzustellen. Die Verweigerung der Auskunft hat Zollzuschläge, sogar die Ablehnung der Verzollung und damit überhaupt Verhinderung der Einfuhr nach Amerika zur Folge. Deutsche Fabrikanten müssen wichtige Ge- schäftsgeheimnisse preisgeben, die zur Kenntnis der amerikanischen Konkurrenten kommen. Was hat die Regierung zur Verhinderung derartiger Vorgänge getan! Geh. LegationSrat Lehmann: Die bisherigen Bestimmungen des ZolltarifeS haben zu einer Verhinderung der Einfuhr deutscher Waren nicht geführt, und die Regierung hat bisher keine Veranlassung gehabt, emzuschreiteu. Nachdem aber in dem neuen amerikanischen Entwurf ausdrücklich eine Vorschrift aufgenommen ist, daß amerikanische Importeure auf Verlangen zur Vorlage der Geschäftsbücher verpflichtet sind, ist die Regierung in Washington im Sinne der Beseitigung dieser Vorschriften vorstellig geworden, ebenso auch andere Staaten. Bisher ist der Erfolg der, daß der Senat in Washington diese Bestimmung gestrichen hat. Es wird die zwexU Beratung der CHehrvorlage fortgesetzt. Zur Debatte steht der von den Abgg. Dr. Ablaß(Vp.) und Genossen beantragte Artikel 3a, im Reichsmilitärgesetz zu be- stimmen, daß die Verbündeten Regierungen dafür zu sorgen haben, daß die männliche Jugend im schulpflichtigen Alter Turnunterricht erhält. Der Abg. Mumm beantragt dazu, daß nur staatstreuen Turn- vereinen Staatsunterstützung zuteil werden darf. Die Abgg. A l b r e ch t(Soz.) und Genossen beantragen: „Alle landesrechtlichen Vorschriften, durch welche die Erteilung deS Turnunterrichts von der politischen oder religiösen Gesinnung des Lehrers oder der Schüler abhängig gemacht wird, werden aufgehoben. Ebenso alle landesgesetzlichen Vorschriften, durch welche Gemeinden beschränkt werden in der Ueberlassung der Turn« hallen an Vereine, die Turnunterricht erteilen oder Turnübungen abhalten," Abg. Stadthagen(Soz.): Der Abg. Mumm hat zur Begründung seines Antrages, der geeignet ist, GesinnungS- und Charakterlosigkeit großzuziehen, neulich u. a. darauf hingewiesen, daß die nationalen Turner daS Lied„Deutschland, Deutschland über alles!" singen. Ihm wird wohl nicht bekannt sein, daß dieses Lied Hoffmann von Fallersleben gedichtet hat und daß er wegen dieses Liedes und seiner sonstigen Bestrebungen auf Herstellung eines reaktionslosen einigen Deutschlands von den Reaktionären, die heute Herr Mumm unter- stützen will, in Deutschland h in- und h er g ej agt wurde. Die Herren, die den Sinn des„Deutschland, Deutschland über alles I' für sich in Anspruch nehmen, sollten erkennen, daß ihre Bestrebungen identisch mit denen sind, die zur Verfolgung von Leuten, wie Hoff- mann von Fallersleben, damals geführt haben und heute führen. Ebenso wie das Lied war die schwarzrotgoldene Fahne von den reaktionären hochkonservativen Herren in der Verwaltung Preußens bis weit in die siebziger Jahre hinein verboten. Als 1878 für den durch zwei Leute angeschossenen Kaiser ein Fackel- zug von den Studenten hier in Berlin vorbereitet wurde, kani der damalige Vertreter des Polizeipräsidenten Freiherr v. H e r z b e r g in die letzte Komiteesitzung und erklärte, die schwarzrotgoldenen Fahnen, wie sie die Burschenschast„Arminia" und der Akademische Turnverein aufwiesen, dürften nicht e n t- rollt werden, und das Lied„Deutschland, Deutschland über alles" dürfe nicht gesungen werden. Am Tage des Fackelzuges wurde dann doch die Genehmigung zur Entfaltung dieser furchtbar revolutionären Fahne erteilt, nachdem beide Vereine erklärt hatten, daß sonst der Fackelzug unterbleibe. Als dann der Zug vor dem Schlosse des Kaisers angelangt war und das Komitee sich herauf- begeben hatte, hatte ich mit der Leitung des Zuges zu tun und lieh nun entgegen dem Polizeiverbot das Lied„Deutschland, Deutschland über alles" anstimmen. So ist dies Lied offiziell geworden. Wenige Jahre danach wurde es. sehr mit Unrecht, zum Kampflied der Leute um den Hofprediger S t ö ck e r. Was unseren Antrag anlangt, so könnte man ihm mit Recht entgegenhalten, wie es denn denkbar sei, daß landesrechtliche Be- stimmungen dieser Art bestehen. Mein Parteigenosse Heine hat schon darauf hingewiesen, daß im Reichsgerichtsurteil vom 28. Juli 1910 dargelegt ist, daß k e i n e R e d e davon sein könne, daß durch Landesgesetzgebung das Erteilen von Turnunterricht beschränkt werde, daß dazu etwa die Genehmigung des ProvinzialschulkollegiumS oder der Regierung nötig sei. Es folgte der charakteristische Ansturm gegen daS Reichsgericht, damit eS anders entscheide, der zur Folge hatte, daß am 7. Dezember 1910 der berühmte Beschluß der Vereinigten Senate des Reichsgerichts herauskam, an dem 35 Herren mitgearbeitet haben. Auf Grund dieses Beschlusses hat das preußische Kultusministerium unter Berufung auf die Kabinettsorder von 1834/39 für die Erteilung von Turnunterricht die Einholung eines besonderen Erlaubnisscheins verlangt, sogar Lehrern, die längst den Unterrichtserlaubnisschein haben, ist ver- boten worden, in Turnvereinen zu unterrichten. In dem Geheim- erlaß vom 7. August 1907, der im„Vorwärts" veröffentlicht wurde. hatte es geheißen, daß auch die politische und religiöse Zuverlässig- keit der Unterrichtenden geprüft werden müsse, und daß dieses zu verneinen sei, wenn es sich nni Angehörige der sozialdemokratischen Partei handle. Wenn Servilität nach oben und Brutalität nach unten das Ziel der Jugenderziehung wäre, hätte dieser Erlaß einen Sinn. Auf jeden Fall verstößt er gegen die Verfassung, nach der alle Preußen vor dem Gesetz gleich find. Daher forderte der„Vorwärts" zum Ungehorsam gegen diesen Erlaß auf, da in ihm»ine Auffordemng zum Ver- fassuugsbruch enthalten sei und daher eine Nichtbeachtung nicht strafbar sein könne. Uebrigens hat das Reichsgericht selbst ausgesprochen, daß die Verordnungen von 1834 und 1839 aus den Verhältnissen der da- maligen Zeit heraus ausgelegt werden müßten. War denn 1834 in Preußen das Turnen in Uebung? Jahn, der 1811 den ersten Turn- platz errichtet hatte, wurde bekanntlich von den Reaktionären ver- hastet, zu zivei Jahren Festung verurteilt, und nach Auf- Hebung des Urteils unter Polizeiaufsicht gestellt. 1819 wurden in Preußen sämtliche Turnplätze polizeilich ge- s ch I o s s e n. Sehr interessant ist, daß die Anklage wegen Hoch» Verrats gegen Jahn erhoben wurde mit der Begründung, er hätte die höchst gefährliche Lehre von der Einheit Deutschlands aufgebracht.(Lebhaftes Hört! hört l links.) Das kennzeichnet den Geist der damaligen Zeit. Wenn mau also aus dem Geiste jener Zeit diese Verordnungen auslegt, müßte man den Lehrern die Turn- Unterrichtserlaubnis versagen, die die Lehre vom einigen Deutschland anerkennen. Das Turnen wurde erst nach 1842 in Preußen wieder als Unterrichtsgegenstand zugelassen. ES steht also fest, daß in Preußen ein Kesseltreiben gegen alle anständigen Leute, die aufrechte Gesinnung haben, auf Grund des Geheimerlasses de» Kultusministeriums in hinterhältiger Weise getrieben wird.� Dagegen muß von reich s wegen eingeschritten werden.(Sehr richttg! bei den Sozialdemokraten.) Ein solch unmoralisches verfassungswidriges Verhalten muß für die Zukunft unmöglich gemacht werden. Es ist charatteristisch, daß wir Sozialdemokraten für einen Antrag eintreten müssen, bei dessen Nichtexistenz Jahn, wenn er noch leben würde, als Hoch- Verräter bezeichnet werden müßte, daß wir eintreten müssen da- sür, daß unsere Jugend zu selbständigen charaktervollen Menschen erzogen wird. Ich bitte Sie, trotz der V o r e i n- genommenheit, mit der Sie anscheinend unseren Anträgen be- gegnen, den Antrag zu prüfen und anzunehmen.(Lebhafter Beffall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Gans Edler zn Putlitz(k.): Daß wir der turnerischen Ausbildung unserer Jugend freund- lich gegenüberstehen, brauche ich nicht zu betonen. Wir halten uns dabei von jeder Unter- aber auch jeder Ueberschätzung fern. So- lange die Sozialdemokratie in dieser den Staat dirett an« greifenden Haltung verharrt, muß sie natürlich anders behandelt werden. DaS Wort: Deutschlcnd, Deutschland über alles, werden die Sozialdemokraten jedenfalls für sich nicht in Anspruch nehmen. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Bei dieser Debatte gehört der preußische Kultus« minister auf die Anklagebank. Wo ist er? Acht Monat« lang hat er sich um die Reichsgerichtsentscheidung nicht geschoren und seine Behörden ebensowenig. Der Minister ließ die Schul- aufsichtsbehörde sich auflehnen gegen den höchsten Gerichtshof und er wühlte unausgesetzt gegen das Reichsgericht, das schließlich auf der ganzen Linie kapitulierte und ihm eine größere Vollmacht zu seiner skandalösen Schulpolitik gab, als er sie längst verlangt hatte. Diese reaktionäre Entscheidung aber wurde mit verblüffender Schnelligkeit bekanntgegeben. Angesichts all dessen, was Heine und Stadthagen vorgetragen, ist meine letzthin mit einem Ordnungsruf gerügte Kritik der preußischen Verwalwng voll- auf berechtigt. Fragt man nun auch die Militärjugendlehrer nach dem Unterrichtserlaubnisschein oder pfeift auch der Kriegsminister auf daS Gesetz wiederpreußischeKultuSminister?(Sehr wahr I M de» Sozialdemokraten.) Präsident Kaempf ruft den Redner zur Ordnung! Abg. Dr. Liebknecht(Soz.) bespricht die Verfolgung der polnischenGesangSkehrS f ttfto. in Oberschlesten, die in wenigen Wochen Geldstrafen von ins« gesamt 6000 und 2000 Mark erhielten, so daß der Eine in» Ausland flüchtete.(Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.) Alle Versuche, dem Mann die Rückkehr auS dem gastlicheren Galizien zu ermöglichen scheitern, bis in Preußen kulturelle Zu- stände herrschen! Der liberale Magistrat Bayreuths hat dieser Tage jugendliche Arbeiter eingesperrt, weil sie im Jugendheim S t e n o« g r a p h i e lernten. In Spandau kletterte die Polizei über die Mauern und verhaftete im Turnverein weißharige Männer — um festzustellen, ob sie unter achtzehn Jahren seien! (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die ganze Verantwortung für das schmutzige Spitzeltreiben der Polizei gegen die Arbeiterjugend- icwegung fällt auf die Polizeipräfidenten und den Minister de» Innern als ihre Auftraggeber. Die staatliche Jugendpflege ist eine Jugendpflege der systematischen Korruptton.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Die vor dem Reichsvereinsgesetz erschienene, mit gutem Recht teilweise politisch gewesene„Junge Garde' zu Mannheim muß heute zur Verfolgung der längst unpolitisch gewordenen Jugendbewegung herhalten; diese fügte sich dem Gesetz— während die nationale eS verletzt— und wird dafür nach Noten schikaniert. Die abgetakelten„Patriotismus- und Königsbeue"-Phrasen deS Abg. Mumm kennen wir. Wir wollen die Menschen-, Nächsten- und Freiheitsliebe des deutschen Volkes pflegen— das nennt dieser Geistliche Politik, aber die Königstreue ist unpolitisch! Der Jungdentschlandbund ist die politischste Jugendbewegung, die Deutschland je gehabt hat.„Wenns doch' nur endlich mal losginge" hat ihr Führer v. d. Goltz aus- gerufen, chauvinistisch erzieht sie die Jugend— aber der pilzartig emporschießende Jungdentschlandbund wird auch wie ein Pilz ein- gehen. Die Fortschrittler, die die Misöre deS ReichsvereiuS- gesetzes verschuldet haben, schließen sich in der Feindschaft gegen die Arbeiterjugendbewegung der Reaktion an; Herr Müller- Meiningen hat sie in der Budgetkonimission als politisch erklärt und hier kein Wort gegen die Verfolgungen der proletarischen Jugend- bewegung gefunden. Ihr ganzer„Kampf" um Militärrcformen ist ein Bcrsteckspiel, (der Präsident rügt diesen Ausdruck), ein Scheinkampf und der Hohn des Kriegsministers über Ihre klägliche Haltung zur Boykott- ftage war wohlverdient! Herr Mumm, woher stammt denn daS Geld des Staates? Wir fordern einfach für das Volk einen Teilde» ihm ab- genommenen Geldes zurück(Sehr wahr I bei den Sozial- demokraten), aber bitten und betteln werden wir nicht darum. In dem verhaßten„Soldatenkatechismus" wird den Soldaten Männlichkeit und Bürgerstolz empfohlen; dieser Geist freilich scheidet sich von dem unseres Militarismus wie Feuer vom Wasser— aber dieser Geist ist eS, der da? größte Militärgenie aller Zeiten zu Boden geschmettert hat vor hundert Jahren; Sie aber züchten durch Ihre innere Politik den ttefsten Haß gegen dieses Preußen. Ist das Ihr Patriotismus, daß sich die Königs- berger Sttidenten die Köpfe beinahe zerschlagen haben um das Vor- recht, den Lakaiendienst des Kaiserhochs auszubringen! Ihr Geist ist es, der in Breslau das H a u p t m a n n- fest spiel verbot, das nur sachte an den Geist von 1813 erinnert. Und Sie berufen sich auf Goethe, auf Schiller, der sein Jugenddrama mit der Inschrift:„In bprannos!" versah und den Sie schon als undeutsch zu verwerfen begrünen!(Präs. Kaempf ruft den Redner zur Sache; wa» er vorbringe, sei«nwesent« lidi.') D>!r Gl-ist Ihrer Jugendpflege i st wesentlich! Auf Fichte beruft sich Herr M u in m> auf Fichte, der keinen ServilismuS kannte und eine Organisation deS Staates forderte gegründet auf die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägtl und der ein Ahnherr des Sozialismus wurde.„Fichte" war der richtige Name für die Ar- beitcr-Turnvcreine. Unsere Anträge und ihr Schicksal werden dem Volke demonstrieren das Wesen deS heutigen Militarismus, dieses G e w a l t i n st r u in e n t e S der Herrsäienden in der inneren und auswärtigen Politik Wäre nicht die Angst vor der sozialdemokratischen Jugendaufklärung. wir hätten noch beute keine staatliche Jugcndpslege, die auch aus dem kapitalistischen Bedürfnis nach größerer Militärmacht hervor gegangen ist. Wir Sozialdemokraten wollen, daß vorbehaltlos um deS Volkes Glück und Wohlsein selbst für das Volk gesorgt werde, ohne politischen Beigeschmack. Sie aber haben Ihre ganze Jugendpflege nur aus Aug st um Ihre Herrschaft angefangen, und deswegen werden Sie auch unsere Anträge ab lehnen, weil sie keine loirklich unpolitische Jugendorganisation ohne die patriotischen Schanmschlägereien wollen. sPräs. K a e m p f untersagt diesen Ausdruck. Zustimmung des Abg. Kreth.) Nun gut, so zeigen Sie den Militarismus nackt und ohne allen Flittertand a!§ das Werkzeug der kapitalistischen Minderheitsherrschaft!(Lebhafter Beifall bei den Sozial- demokraten.) Präsident Kaempf erteilt dem Abg. Stadthagen nachträglich wegen der Bezeichnung der preußischen Regierung und des Kultusministers als v e r- fassungSbrecherisch(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten einen Ordnungsruf. Abg. Sachse(Soz.): Die Herren von der äußersten Rechten haben einen Antrag ge stellt, der direkt auf ein Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter hinaus läuft. DaS geht aus der Begründung deutlich hervor, die Herr Mumm am Sonnabend dem Antrag gegeben hat. Was wird die Folge sein, wenn der Antrag Mumm angenommen wird? Noch mehr als bisher werden aus öffentlichen Mitteln die parteipolitischen Jugendorganisationeu unter- st ü tz t werden. Darunter vermutlich auch die gelben Organi- sationen.(Zuruf deS Abg. Dr. Burckhardt: Die gelbe Bewegung ist doch keine Jugendbewegung?) Ach, Kollege Dr. Burckhardt, seien Sie doch nicht so naiv. Ich werde Ihnen nachweisen, daß die Gelben auch ihre Jugendorganisationen haben. Zunächst aber möchte ich hier an eine treffende Charakteristik er- innern, die im vorigen Jahre bei Gelegenheit der Berg arbeiterstreikdebatte der Kollege Schiffer vom Zentrum von den Gelben gab. Er bezeichnete sie als einen Krebs- schaden der Industrie und der Arbeiterbewegung. (Zustimmung des Abg. Schiffer sZ.s). Ich freue mich, daß der Kollege Schiffer noch heute dieser Ansicht ist, die ja auch, wie den Herren Behrens, Mumm usw. wohl bekannt sein wird, auch von den übrigen christlichen Gewerkschaftsführern ge- teilt wird. Diese gelben Organisationen bilden sich mehr und mehr zu politischen Organisationen aus, die namentlich auch in die Wahlkämpfe eingreifen. Neuerdings ist, so zum Beispiel im Königreich Stumm, von den gelben Werkvereinen usw. sogar statutenmäßig festgestellt worden, daß Abstimmungen bei Wahlen, wenn sie nicht nach Wunsch der Borstände respektive Protektoren erfolgen, mit HlrnniSwurf bestraft werden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Schon 1SKIS haben die Gelben in Nheinland-Wesifalen in den Wahlkampf eingegriffen und zwar nicht nur gegen die Sozialdemokratie, sondern auch gegen das Zentrum.(Hört! hört!) Die sogenannten reichs treuen Bergarbeiterverbände in Mansfeld und in Waldcn bürg haben ebenfalls Wahlaufrufe veröffentlicht und dadurch und durch ihre sonstige Politik die heuchlerische Redensart von ihrer parteipolitischen Neutralität widerlegt. In den Jugend- abteilnngen dieser gelben Verbände— wohlverstanden, in. den Jugendabteilungen, Herr Kollege Mumm— werden von k o n s e r v a t i v e n und freikonservativen Parteisekretären Vorträge gehalten, deren parteipolitischen Charakter wohl selbst die Herren Burckhardt und Mumm nicht bestreiten werden. Jede Nummer des gelben Organs„Der Feierabend" liefert den Be> weis für den völlig parteipolitischen Charakter der gelben Organisationen und ihrer Jugendabteilungen. Aber für po- litisch sind diese Organisationen nicht erklärt worden, während fort- gesetzt Zahlstellen der freien Organisationen zu politischen Vereinen gestempelt werden. Mit so nackter Parteilichkeit vird in Preußen vorgegangen. Gegen die Gelben macht kein Staatsanwalt, kein Gericht mobil. Protektor der schlesischen Gelben ist der Fürst Pleß und das erklärt viel. Der Einfluß deS Herrn ist groß, wenn auch einmal ein Amtsrichter, der ein u n v e r z i n s- iches Darlehen(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten) er- halten hat, von Schlesien nach Thüringen versetzt wird.— Ich glaube, unwiderleglich nachgewiesen zu haben, daß das, was der Antrag Mumm fordert, schlechtweg ein Ausnahmegesetz ist. Mit Ausnahmegesetzen kann bekanntlich jeder Esel' regieren. (Heiterkeit und Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Wir fordern ille Parteien des Reichstags, denen eS mit der Rechtsgleichheit Ernst .st, auf, mit unS gegen diesen auSnahmcgesetzlichen Anirag zu stimmen. Wird er aber angenommen, so werden wir mit diesem AuSnahmcsatz ebenso gut fertig werden, wie wir mit anderen Aus- nahmegesetzcn fertig geworden sind.(Lebhaftes Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Damit ist die zweite Lesung der Wehrvorlage beendet. Es folgt die Beratung des JSacbtragöctata zum JVftUtäretat Beim Titel I ergreift das Wort: Abg. Büchner(Soz.): Wir wollen bei dieser Gelegenheit den Wunsch zum Ausdruck bringen, daß den berechtigten Forderungen der Arbeiter in den Militärbetrieben mehr als bisher Rechnung getragen wird. Der Augenblick, Ivo ein neues ungeheures Opfer von der Nation gefordert wird, sollte wirklich geeignet sein etwa? mehr Sozial- 'olitik in den Militürbetrieben zu betreiben und das 3 ort von den Musteranstalten etwas mehr zu verwirklichen. Die Arbeiter onnschen eine bessere und anständigere Behandlung! sie sind keine ie kr uten und die Werkstätten sind nicht der Kasernenhof. Zu erlangen ist ferner, daß auf die A r b e i t e r a u s s ch ü s s e mehr iückficht genommen wird als bisher. Auch die Techniker fordern nit Recht die Anerkennung ihrer Koalitionsfreiheit.— Erneut erheben oir die Forderung, daß das Lohnklassensystem beseitigt wird, über das ie Spandauer Militärioerkstättenarbeiter seit langer Zeit Klage führen. Die Militärverwaltung sollte auf keinen Fall den Einflüsterunzen zener scharfmacherischen Kreise ihr Ohr leihen, die forlgesetzt be- haupten, daß in den Staatsbetrieben höhere Löhne gezahlt werden alö in den Privatbetrieben. Diese Behauptung ist u n- wahr lmd vielmehr das Gegenteil ist der Fall.(Sehr wahr! bü den Sozialdemokraten.) Wie man selbst Arbeitem in Staatsbetrieben versucht die U n f a l l r e n t e zu kürzen, beweist ein Fall, der vor dem Ober- versicherungsamt in Erfurt verhandelt wurde. Ein Arbeiter hatte 18lH in der kgl. Gewehrfabrik in Erfurt einen schweren Betrieb«- nniall erlitten. Er bezog bis Anfang dieses Jahres die Vollrente. Dnnn wurde ihm die Rente auf Grund des Gutachtens eines Arztes auf Proz. gekürzt, obgleich er noch völlig g e l ä h m t ist und inzwischen siebzig Jahre alt geworden ist.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Erst das Oberversicherungsamt hat ihm dann die Vollrente wieder zugesprochen. Jedenfalls beweist der Fall, wie man auch Arbeiter in solchen Staatsbetrieben versucht zu schikanieren. Wenn jetzt eine, neue Militärfabrik errichtet werden soll, so möchte ich' die Leitung ersuchen, die Arbeiter nicht in der Ausübung ihres Koalitionsrechtes zu hindern. Ferner wünschen die Arbeiter, daß ihnen schon nach kürzerer Zeit Urlaub gewährt wird, und daß mehr Wert auf hygienischen Schutz in den Betrieben gelegt werde. In der gesundheitsgefähr- lichen Bleiabteilung der Munitionsfabriken sollten Frauen überhaupt nicht beschäftigt werden, zumal in einer Zeit, wo man über den Rückgang der Geburten klagt. Die Inspektion sollte nicht durch Offiziere, sondern durch technische Beamte oder Gewerbe� inspektoreu besetzt werden, Leute, die sozialen G e i st befitzen. Dann würde manches, was bisher Anlaß zu Differenzen gegeben hat. beseitigt werden. Tie Arbeiter sind nicht gewöhnt, im Betriebe als unmündige Kinder sich behandeln zu lassen. Die Militärver waltung ist bei der neuen Fabrikabieilung vor eine hohe Aufgabe gestellt, möge sie hier einmal das Wort zur Wahrheit niachen. daß Staatsanstalten Musterbetriebe sein sollen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die Abstimmung. Der sozialdemokratische Antrag zur Reform der Militärjustiz wird gegen Polen und Soziatdemokratrn abgelehnt, die Reso- lntionen der Budgetkommission gegen die Rechte angenommen. Zur D i e n st p r ä m i e der Unteroffiziere wird der Kommissions- antrag angenommen und zwar gegen die Sozialdemokraten. Zur Frage des I u g c n d t u r n e n s wird der sozialdemokra- tische Antrag gegen die Sozialdemokraten und einen Teil der Fort- schrittler abgelehnt, der Antrag der Fortschrittler auf Einfügung eines Art. lila gegen die Fortschrittler abgelehnt, die fort- s-brittliche Resolution von der Linken angenommen, der Antrag Mumm gegen die Konservativen, die Mummgruppe und einige Reichsparteilcr abgelehnt.(Heiterkeit links.) Die Beratung cles j�acktragsetats wird forigefcht. Abg. Licsching(Vp.) tritt für eine Resolution ein, daß den SanitätSoffizleren ein Teil der Studienzeit in da? Dienstalter ein- gerechnet werden soll. Abg. Dr. Merlach(Z.) schließt sich an. Abg. Dr. Bcckcr-Sprendlingen(b. k. P.) ebenso. Abg. Dr. Quarck(natl.) desgleichen. Ein fortschrittlicher Antrag aus Streichung einiger Offiziers- stellen wird gegen Fortschritt und Sozialdemokratie abgelehnt, die Resolution zugunsten der Sanitätsoffiziere fast einstimmig an- genommen. Abg. Zubeil(Soz.) begründet einen Antrag, die Konkurrenz den Militär- musikern gegen die Zivilmusiker zu verbieten. Hellte wird ganz rücksichlSlos in das zivile Erwerbsleben eingegriffen und werden Existenzen vernichtet. Daß hier Wandel ge- schaffen werden muß, wird auch von bürgerlicher Seite, selbst von rechtsstehender, anerkannt. Will der Reichstag denn nicht endlich die Hoffnungen der Zivilmusiker erfüllen? Die Zivil- musiker gehören auch zu den Steuerzahlern, die mit zur Unterhaltung des Militarismus beitragen müssen. Da haben sie das Recht, gegen die Konkurrenz der Militärmusiker ge- schützt zu werden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Selbst in Kreisen der Militärmusiker beginnt man mit dem gegenwärtigen Zustand unzufrieden zn werden. Ein alter Musiksergeant hat meinem Parteigenossen A l b r e ch t geschrieben, eS sei doch eigentlich ein unwürdiger Zustand und verstoße sogar gegen die DiS- z ip lin, daß die im Unteroffiziersrange stehenden Musiker auf Tanz- böden den Soldaten, also ihren Untergebenen, gegen bare Bezahlung vorspielen.(Sehr wahr I b. d. Sozialdemokraten.) In ähnlicher Weise läßt sich ein Schreiben aus denselben Kreisen ans, das mein Parteigenosse N o s k e erhalten hat. In dem Schreiben wird hervor- gehoben, daß durch die Privatbeschäftigung der Militärkapellen und die r ü ck s i ch t S l o s e A u s b e u t u n g, die in ihnen herrscht, die Dienstbrauchbarkeit der Militärmusiker leiden muß.(Hört I hört! bei de» Sozialdemokraten.) Wie kann man den Leuten, die vom Staat erhalten werden, die ihre Dienschrämie, ihren Zivil- Versorgungsschein bekommen, gestatten, nebenbei ein Privat- gewerbe zur Schädigung ziviler Berufsgenossen zu treiben? Entschiedenen Protest müssen wir dagegen einlegen, daß die Militärkapellen sogar Zivilisten zuziehen, die dann zu Un- recht Uniform tragen. In großem Maßstabe ist das z. B. wieder in Magdeburg vorgekommen. Wir verlangen, daß energische Maßnahmen gegeii diesen Mißbrauch der Uniform getroffen wurden. Die Zivilmusiker, die mit ihren Familien eine halbe Million Köpfe ausmachen, haben sich erneut an den Reichstag gewandt mit der Bitte, sie doch endlich vor der übermächtigen Konkurrenz der Militärkapellen zu schützen.— Wenn, wie ich nrchte, unser Antrag gleich seinen Borgängern der Ablehnung ver- ällen wird, so werden die Zivilmusiker erkennen, welche Partei allein ihre Interessen vertritt.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Generalleutnant v. Wandel bittet um Ablehnung des Antrages. Es steht fest, daß weite Kreise unseres Volke« die Militärmusik nicht missen wollen. Es ist uns au« Ostpreuße» z. B. erklärt worden, daß das ganze Musikleben der Provinz vernichtet sein würde, wenn den Militärkapellen das Spielen vor Zivilpublikum verboten würde.(Hört! hört! rechts. Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Die Beschwerden der Zivil- musiker sind zum großen Teil übertrieben.(Widerspruch links.) Ein sächsischer BundcsratSbevollmächtigter bestreitet gegenüber einer Bemerkung des Vorredners, daß die Auslösung der Bautzener Stadtkapells durch die Konkurrenz der Militärkapelle verschuldet sei. Abg. Dr. Pfeiffer(Z.): Auf Grund deS Tatsachenmaterials muß ich entschieden der Be« hauptung des Generals v. Wandel entgeoentreten, daß die Klagen der Zivilmusiker durchweg übertrieben sind. Sie sind vielmehr durchweg begründet.(Hört l hört! links.) Generalleutnant V.Wandel erzählt uns, daß in Ostpreußen daS Musikwesen vernichtet ei, wenn das öffentliche Spielen der Militärkapellen verhindert wird. Nun, als Kulturzentrum kann man Ostpreußen doch nicht gerade an- sprechen.(Heiterkeit und Sehr gut! links.) Die Mlitärverwaltung ollte loirklich nicht mit einer leichten Handbewegung über die Klagen der Zivilberufsmusiker hinweggehen.(Beifall im Zentrum und links.) Generalleutnant v. Wandel: Es kann keine Rede davon sein, daß über die Beschwerden der Zivilmnsiker mit einer leichlen Handbewegung hinweggegangen wird. Die Beschwerden werden vielmehr sehr sorgfältig geprüft, und e§ wird, sobald sie sich als berechtigt herausstellen, in jedem Falle für Abhilfe gesorgt. Abg. Zubeil(Soz.): Daß General v. Wandel alle Beschwerden als übertrieben bezeichnet, ist man ja gewöhnt. Er schüttelt zwar nicht die Be- ichwerden mir einer Handbewegung ab, aber der Inhalt der Be- chwerden wird aä acta gelegt. Erst ruiniert man die )ivilkapellen durch die Konkurrenz der Militärkapellen und dann agt man, die Bevölkerung erkläre, obne Militärkapellen sei nicht auszukommen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Man erlaubr doch keinem Militärscbneider oder-böcker außerhalb der Kaserne eine gewerbliche Tätigkeit auszuüben.(Sehr gut! bei den Sozial- demotraten.) Verbiete man den Militärkapellen, in Uniform zu konzertieren, dann wird sich ja zeigen, ob die Militärkapellen die Anzichungskrast wirklich behalten, ob sie wirklich die Träger der Kunst gegenüber den Zivilberufsniusikern sind.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Albrecht(Soz.): In dem Zlachtrage werden u. a. auch neue Oekonomie- Handwerker angefordert. Seil langem fordern wir die Besei- tigung deS Systems der Oekonomiehandwerker. Wenigstens diese kleine Reform könnte man doch bei dieser Gelegenheit bewilligen. Sonst gilt es als S ch a n d e, zum Arbeits soldaten degradiert zu werden. Aber Leute, die zu schwach sind zum eigentlichen Militärdienst, die hebt man aus und zwingt sie zur Handlverksnrbeit im Dienste des Militarismus, macht sie zu Arbcitssoldatcn, ohne daß sie sich etwas haben zu schulden komme» lassen. Der Zenirumsabgeordnete Dr. Lieber und der Konservative Jacob skötter, der Abg. Gröber und zahl- reiche andere bürgerliche Parlamentarier haben verlangt, daß mit dem System der Oekonomiehandwerker gebrochen lverdc. In der Tat ist man auch bei einigen Armeekorps dazu über- gegangen, statt der Oekonomiehandwerker Z i v i l h a n d.- w e r k e r zu beschäftigen. In einer Denkschrift,'die vor drei Jahren erschien, hat der Kriegsminister dies gemischte System als unhaltbar und als eine Gefabr für die Schlagferligtett der Armee erklärt.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Jetzt aber kommt derselbe Kriegsminister und verlangt neue Oekonomie- Handwerker, also eine Verewigung des von ihm selbst als un- haltbar bezeichneten Systems.(Hört! hört! bei den Sozialdemo- kratrn.) Uebrigens gibt der Kriegsminister in seiner Denkschrift ausdrücklich zu, daß in den BekleidungLämtern viel billiger und auch sauberer gearbeitet wird alö von den Oekonomiehandwerker».(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Auch für den Mobilmachungsfall wäre die Militärverwaltung völlig gesichert, wenn sie alle Arbeit in den Bekleidungsämtern und bei Handwerkern machen ließe, denn die Leute in den Bekleidungsämtern sind doch meist nicht diensttauglich. Für uns ist maßgebend, daß die Militärverwaltung in der Lage ist, in den BekleidungSämtern aber gute gesundheitliche Verhältnisse in den großen Werkstätten sowie ge- regelte Arbeitszeit einzuführen. Die Oekonomiehandwerker sind nicht dazu da, von der Militärverwaltung ausgebeutet z u w erden; wenn sie dienstuntauglich sind, sollte man sie frei lassen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Dazu kommt. � daß die Militär- Verwaltung auch in der Lage wäre, das heute bestehende Zwischen- meistersystem zu beseitigen. Die Z w i s ch e n m e i st e r stecken heute noch die Hälfte der geringen Löhne ein. die die Militärverwaltung zahlt. Treten Sie also mit uns für die Beseittgung deS Systems der Oekonomiehandwerker ein.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Generalleutnant v. Staads: Die Militärverwaltung hat wiederholt erklärt, daß sie leinen besonderen Wert auf das eine oder andere System legt. Die Bei- beHaltung der Oekonomiehandwerker entspricht aber einem Wunsche des Reichstages.(Sehr richtig l rechts.) Die Debatte schließt. Der Antrag A l b r e ch t(Soz.) in bezug auf die Militärmusiker wird abgelehnt. Bei einem späteren Kapitel wendet sich Abg. Dr. Pfeiffer(Z.) gegen die Angriffe, die gegen den Major Parseval und die Luftschiff» aknengesellschaft erhoben sind, weil sie ein Parsevallustschiff nach England verkauft hätten. Wenn diese Privatgesellschaft, die keine Nationalspende erhalten hat wie Zeppelin, ihren Typ verbessern will, so muß sie auch nach dem Ausland verkaufen. Das ist sogar verdienstvoll, denn dann werden die Studienkostcn gewissermaßen vom Ausland getragen. Die Militärverwaltung möchte ich bitten, nicht nur einseitig die Systeme Zeppelin und Schütte-Lanz zu bevorzugen. GeneraNeutenant v. Wandel erwidert, daß die Militärverwaltung alle ihre vorgelegten Luftschiff- apparate mit Interesse verfolge. Abg. van Calker(natl.) beantragt Wiedereinstellung der „Westmarkenzulage" für die Unteroffiziere in Eljaß-Lothringen au» „nationalpolitischen" Gründen. Abg. Boehle(Soz.): Daß dl« Lebensverhältnisse in Elsaß-Lothringen besonder« teuer sind, geben wir zu. Aber wenn Sie den Unteroffizieren eine Zulage geben wollen, müssen Sir sie allen Beamten in Elsaß- Lothringen geben. Wir lehnen den Antrag nach wie vor ab. Kriegsminister v. Heeringen bittet dringend den Antrag anzunehmen, da eine wirkliche Notlage der Unteroffiziere in Elsaß-Lothringen vorliege. Der Antrag wird gegen die Stimmen der Konservativen und Nationalliberalen abgelehnt. Der Rest des Gesetzes wird debatteloS genehmigt. Das Haus v e r t ä g t sich. Nächste Sitzuug: Mittwoch 1 Uhr. Dritt« Lesung Kleinerer Vor« lagen, darunter StaatsangehörigkeitSgesetz. zweiteLesung deS Wehrbeitrages, Wahlprüfungen. Schluß 8 Uhr._ Caiideswriammlung der iächiifchen Sozialdemokratie. Plauen, den 24. Juni. Am Dienstag sprach zunächst Genosse S e e g e r- Leipzig über die Gemeindewahlrechtsbewegung. Eine Resolution wurde ein- stimmig angenommen, in der ein energischer Kampf gegen die un- gerechten Gemeindewahlsysteme verlangt wird. ES wird dann über den Antrag auf Aufhebung deS Verbots der Doppelkandi» daturen verhandelt. Nach kurzer Debatte wurde dieser Antrag gegen 12 Stimmen abgelehnt. Weiter wurde eine Resolutton anac» nommen, in der im Prinzip der Errichtung einer eigenen Presse für den Plauener ReichstaaswahlkreiS zugestimmt, der Beschluß aber von der Zustimmung deS Landes- und Bezirksvorstandes abhängig ge- macht wurde. ÄlS Sitz des Landesvorstandes wurde Dresden wieder bestimmt und die alten Mitglieder des Vorstandes gegen wenige Stimmen wieder gewählt. � Ein Antrag eines Leipziger Telegierlen, der die Preßpolemiken persönlicher Art verurteilt, wurde wieder zu- rückgezogen, aber die Erwartung ausgesprochen, daß die Presse per- sönliche Polemiken unterläßt. Als Ort der nächsten Landesver» sammlung wurde Leipzig bestimmt. Mit einem Hoch auf die I n t e r- nationale Sozialdemokratie wurde die Versammlung geschlossen.__ Hus der Partei. Aus den Organisationen. Der Sozialdemokratische Verein für den Wahlkreis Delitzsch- Bitter f«ld hielt am Sonntag in Delitzsch seinen Kreistag ab, an dem 72 Delegierte teilnahmen. Trotz reger VersammlungS» tätigkeit und trotz Verbveitung von 12Ü 000 Flugblättern üw 19 000 BolkSkalendern stagnierte die Mitaliederzahl. die am 1. Apv» 3082 betrug. Auch in der Abonnentenbeweaun� der Pnrteiblätter trat ein Stillstand ein. Es wurden 3100 Abonnenten des Hflue- schen„VollSblatt" und� 900 der„Leipziger Volkszeitung" gezahlt- Die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten ist dagegen wieder um rund 700 auf über 8000 gestiegen. Auch die Jugendbewegung kam gut vorwärts; sie hat eS auf 060 Abonnenten der„Arbei.er- Jugend" gebracht. Sozialdemokratische Vertreter sitzen in Drei Städten 14 und in 11 Landorten 4> ,n den Eemeindeparlanieinen. Die Kassenverhältnisse des Kreises gestalteten sich sehr guning. 0039.70 M. Ausgaben standen 8100,63 M. Einnahmen gegenuver. In zwei Resolutionen wurde festgelegt, in welcher Weile eine erfolgreichere Agitation für das„BolkSblatt" systematisch ourcy. geführt werden soll, lieber den Parteitag referierte kurz der Genosse Raute. Als Delegierte zum Parteitag wurocn die Genossen Raute und Burlhardt« Eilenburg gewählt. x.in Antrag Eilenburg, wonach unter den jugendlichen Ar der» ter» von 18 bis 21 Jahren eine größere Propaganda für die Ziele des Sozialismus gemacht werden soll, wurde nach einer zustimmenden Diskussion angenommen. Zwei Antrage, Die sich mit der Frage deS Massenstreiks beschäftigten, wurden leb. Haft und eingehend diskutiert. Tie beiden vorgelegten Rejotuttonen wurden schließlich mit Zustimmung der Antragsteller zusammen- gezogen nnd dann einstimmig angenommen in folgender Fassung: .Der Kreistag ist der liebe rzeugung, daß der politische Massenstreik eines der wichtig st en Mittel im Kampfe gegen die preußische Dreiklassenschmach ist. Er verpflichtet die Orts- vereine, daß st« in ihren Versammlungen den politischen Massen- streik diskutieren und alles aufbieten, um die Partei- und Gewerkschastsgenossen von der unumgänglichen Not- wendrgkeit dieses Kampfmittels zu überzeugen. Er erwartet, daß die preußische Landeskommission Maß- regeln ergreift, um über diese Frage volle Aufklärung unter den Massen Preußens herbeizuführen." Ein Antrag, Gemeindevertreterlonserenzen öfter abzuhalten, wurde angenommen; ein Antrag, den Austritt aus der Landeskirche mehr zu propagieren,, zurückgewiesen, mit dem Bemerken, daß man durch Werben von..Volkblatt"-Abonnen'tcn und durch geeignete Vorträge auf diesem Gebiete für weitere Aufklärung sorgen solle. Der Sozialdemokratische Verein Dessau- Zerbst hielt am Sonntag in Dessau seine diesjährige Generalversammlung ab. Die Gesamtmitgliederzahl stieg von S326 auf 5768. Die Zahl der männlichen Mitglieder ist von 3541 auf 3304. die der weiblichen Mitglieder von 1785 auf 1867 gestiegen. Die Zahl der sozial- demokratischen Gemeindevertreter erhöhte sich von 74 aus 31.— Der Antrag des Kreisvorstandes, den 10 Pf.-Wochcnbeitrag für männliche und den 5 Pf.-Wochenbeitrag für weibliche Mitglieder vom 1. Oktober ab einzuführen, wurde gegen eine Stimme an- genommen._ ?ugenäbev?egung. Gelbe Jugendpflege. Die allgemeine Jagd des Bürgertums auf die proletarische Jugend beginnt auch die Großindustrie zu erfassen. Einige Riesen- betriebe begnügen sich nicht mehr damit, die christlich-nationale Jugendbewegung durch Geld zu unterstützen, sondern treten selbst an die Organisation der Jugend im Rahmen ihrer Fabrikbetriebe heran. Ein Beispiel dafür bieten die großen Farbenfabriken von Frtcdr. Bayer u. Co. in Leverkusen bei Köln. Zunächst hat diese Firma den z w an g s w e i s e n Fort- bildungsschulunterricht für alle Jugendlichen der De- triebe eingeführt. Sie stellt Schulräume und Lehrmittel und hat dafür den Vorteil, daß alle Fortbildungsschulpflichtigen ihres Be- triebes nur diese Schule besuchen dürfen, wo der Unterricht speziell auf die Bedürfnisse der Firma Bayer u. Co. zugeschnitten ist. Außerdem hat sie auf diese Weise die jungen Leute auch außer- halb der eigentlichen Arbeitszeit in ihrer Gewalt. Hinzu kommt ein eigener Ju g e n d V e r« r n, der sich auf alle jungen Leute der Werke erstreckt, gleich welcher Religion sie angehören. Dieser gelbe Jugendverein bekommt dadurch den Schein der Selbständig- Kit, daß er steh selbst einen Vorstand wählen darf. Ueber ihm steht aber ein von der Firma eingesetzter Beirat, den es vor- behalten ist, die Beschlüsse des Jugcndvcreins zu genehmigen oder zu verwerfen. Die.Selbständigkeit" ist also nur loser Schein. Natürlich darf auch die Porbildung zum späteren Krieger- Viveinlcr nicht fehlen. Darum hat man für die Fabrikjugend der Firma eine eigene Jugendwehr eingerichtet. Zum Kom- mandeur ist ein Sergeant der Pioniere berufen. Die Uniform nebst Gewehr, Koppel und Patronentasche wird den jungen Leuten von der Firma kostenlos geliefert. Diese Heranbildung der jungen Arbeiter zu gelben Streik- bruchkolonnen wird sicher nicht auf wenige Betriebe beschränkt bleiben. ES ist daher notwendig, daß wir auch dieser Gruppe der bürgerlichen Jugendpflege unsere Aufmerksamkeit widmen und ihr Kampf ansagen._ Ein Held. Im.Zoller", einem hohenzollerischen ZentrumSblatt, ist folgendes Klagelied zu lesen: .Der Jung1>eutschlandbund Heckingen ist von einem Schicksalsscklag betroffen worden: sein Kassierer, ei» junger Kaufmann, hatte den Auftrag erhalten, die Uniformen für die Mitglieder des Bundes zu bestellen. Der Auftrag wurde auch ausgeführt und die Garderobe an die Mitglieder abgeliefert, das dafür erhaltene Geld im Gesamtbeträge von 460 Mark der- wendete der er st zwanzig Jahre alte Kassierer aber dazu, um eine Spritztour nach Venedig zu machen. Dort konnte er aber infolge nicht genügenden Ausweises nicht weiter, er reiste daher zurück und zwar zu seinen in Ulm wohnenden Eltern." Da« katholische Blatt scheint für jungdeutsche Betüchtigung kein Verständnis zu haben. Wie kann es den Borfall als einen Schickialsschlag betlagen, für den es hoffentlich nicht noch den lieben Gott verantwortlich macht. Da« Ereignis verdient al» eine hervor- ragende Heldentat j u n g d e u t s ch e r Betüchtigung ge« priesen zu werden. Zu bedauern ist nur der weniger heldenmütige Ausgang der mit jungdcurschem Mute begonnenen Spritztour. Königlich sächsische Jugendpflege. In L a u b e g a st bei Dresden erhielten verschiedene Zöglinge der Freien Turnerschaft vom Gemeindevorstand Straf- Verfügungen über 4 M., weil sie in der Freien Turnerschaft turnten, ohne die Genehmigung des SckulvorstandeZ einzuholen. Die Urteile über dieses sonderbare Verfahren sind selbst in bürger- lichen Kreisen für die Ortsverwaltung nicht sehr schmeichelhaft. Schutzleute unter cler Mlsge der Zuhälterei. Zweiter BrrhandlungStag. Als erste und Hauptzeugin wird die vielgenannte Frida O rtmrier vernommen. Sie macht ihre Aussagen mit großer Sicherheit und Gewandtheit. Sie fiihrte auS: Sie habe den Tlstedc im November 1910 in der Fricdrichstraße kennen gelernt. Er sagte zu ihr:„Sehen Sie sich vor. heute ist es scharf hier, der Inspektor und Kommissar ist auch untrrwcgs." Dann habe er sie morgens, als sie noch im Bette lag, besucht und sich mit den Worten ein- geführt:„Ich habe mir das Haus von außen angesehen, jetzt kann jch's ja auch mal von innen begucken." Er blieb etwa eine Stunde. Später kam er dann öfter. Vigilantin war sie seit 1909. Man habe sie nach dem Präsidium beordert und ihr diese Tätigkeit ange- boten. Als Vigilantin habe sie Sittenpolizcikontraventionen von Mädchen mitgeteilt. Dem Thiede habe sie in dieser Hinsicht nur einmal geholfen. Sie hätten wie zwei Verliebte miteinander ver- kehrt und seien zusammen in Lokale gegangen. Intim hätten sie schon kurz nach dem Bekanntwerden verkehrt. Frau Thiede habe ihren Mann ,n dem Berkehr veranlaßt. Zuerst habe sie ihm Kisten mit Zigarren spendiert, dann Geldsummen in Höhe von 10. 20 Mark und dergleichen. Durck'«"st- wann will sie der Frau Thiede ein Kleid, dem Mann zu seinem Geburtstage ein Portemonnaie mit zwei Zwanzigmarkstückeu gegeben ljaben. Wenn sie mit TTiicde ausging, habe sie ihm von rhrcm Gclde 20 bis 30 M. zugesteckt. Wieviel davon übrig ge- blieben sei. wisse sie nicht, den Rest habe er immer behalten. Die Zechen seien nicht hoch gewesen, denn sie wären nur in Bierlokale und Cafzz gegangen. Dienstliche Ausgänge waren das nie. Sie konnte ihn, solche Summen geben, denn sie verdiene im Durch- schnitt täglich 30 bis 70 M. und erhalt« außerdem feste Bezüge von emem Rittergutsbesitzer, der sie aushalte. Thiede habe von tgr auch mehrere Anzüge und Ueberzieher, : bczw. den Stoff dazu erhalten. Außerdem habe sie noch den � Macherlohn , für den Schneider bezahlt. Frau Thiede habe sich nämlich dahin . geäußert:„Na, Sie verkehren ja mit meinem Manne, Sie haben > ihm ja Stoff geschenkt, wenn Sie aber schon Stoff geben, so geben - Tie auch den Macherlohn. Wissen Sie nicht einen Schneider?" Später habe sich Frau Thiede bedankt für die„20" Mark, sie habe - dem Thiede aber 30 M. gegeben, er habe also 10 Mark vor seiner - Frau verschwirgcn. Auch für Frau Thiede sei ein Kostüm abge- fallen nebst Macherlohn und eine Bluse, die diese von der Ort- ! meier angenommen habe. Ebenso : Lebensmittel tu größeren Mengen, � ganze Seiten Speck, Würste, Butter, Eier, Wein usw., alles Dinge, ' die sie von ihrem Verhältnis(Rittergutsbesitzer) geschickt bekam. Es scheine der Frau Thiede jedoch alles noch nicht genug gewesen. t Wenn sie, die Ortmcier, zu Thiede in die Wohnung gekommen I sei, habe sich die Ehefrau in der Regel entfernt. Sie habe der ! Frau darum später im Zorne einmal gesagt:„Jede Hure ist auf � ihren Luden eifersüchtig und Sie noch nicht einmal auf Ihren Mann. Sie stehen ja tief unter einer Dirne." Später hätten sie ' sich auf Veranlassung der Frau wieder vertragen. Wenn sie und : Frau Thiede ein Lokal besucht haben, sei es auf ihre, der Ortmeier. ' Kosten geschehen. Im August 1911 sei es zu einem Krach auf der Straße ge- kommen. Dabei habe Thiede die Ortmeier nach der Wache gebracht. Dort habe Thiede sich vorgestellt mit den Worten: „Ich bi« Kriminalbeamter." Da habe sie geschrien: „Kriminalbeamter bist Du? Lude bist Du! Was To am Leibe : trägst, ist ja von mir!" Auch nach diesem Krach kam es wieder zur Versöhnung. Als die ganze Angelegenheit in der Presse veröffentlicht und ; die Untersuchung eingeleitet war, habe nach ihrer Vernehmung ' Thiede zu ihr gesagt:„Es steht Aussage gegen Aussage, Deine ' Aussage nimmt das Gericht gar nicht an." Sie trafen sich dann immer wieder auf Wunsch Thiedes. Darüber, ob sie vom Januar ° 1912 ab noch mit Thiede geschlechtlich verkehrt habe, verweigert die ' Zeugin die Aussage aus strafrechtlichen Gründen, wie sie betont. 1 Die anderen Beamten, zum Beispiel der Mitangeklagte Bach- : mann, hätten wohl gewußt, d�ß sie Thiede unterstütze mit Geld und„einpuppe". Vorteile irgendwelcher Art seien ihr ans dem ' Verkehr mit Thiede nicht erwachsen. Sie sei nicht anders behau- ° delt worden wie die übrigen Mädchen von der Straße. Sie habe � auch nichts erwartet. Als sie aber unter Kontrolle gekommen sei, i habe sie sich geärgert. Die Geschenke will sie aus Zuneigung gegeben haben. Am j 7. August 1912 sei eine Anzeige von Thiede gegen fi« � ergangen, worin es hieß: sein Ruf als Beamter leide unter den . Szenen, die die Ortmeier ihm bereite, sie müsse auf ihren Geistes- zustand untersucht werden. Für ihre Vigilantcndicnste sei ihr keinerlei Belohnung zuer- � könnt worden. Der Geschlechtsverkehr mit Thiede habe auch in : ihrer Wohnung sehr oft stattgefunden und Frau Thiede habe dies ! alles gewußt. Sie habe einmal gesagt:„Wenn mein Mann dienstlich in Ihrer Wohnung schlafen muß, dagegen kann ich nichts einwenden." Nach einer Verstim- , mung zwischen ihnen habe die Frau sich auch geäußert:„Sie sind � so zu mir und dabei teile ich mit Ihnen da? Liebste." An Bach- mann will sie zirka 59 Mark entrichtet haben. DaS erste Geld habe er von ihr geborgt und wollte es in drei Wochen wiedererstatten. Sie habe es aber nicht zurückerhalten. Als er in ihrer Wohnung war, habe sie gesagt: „Jetzt haben Ihre Kollegen mich ausgenutzt und geneppt und trotzdem bin ich nun unter Kontrolle gekommen." Das Geld habe sie Bachmann gegeben, weil sie glaubte, er brauche eS sehr nötig. Es sei ja bekannt, daß ein Sittenschutzmann immer Geld brauchen könne. Bachmann habe Ratschläge erteilt, wie sie wieder von der Kontrolle befreit werden könnte. Auszüge aus den Akten und dergleichen dienstliche Mitteilungen habe sie nicht erhalten. Später habe er sie vom Auto aus mal angesprochen und mitein- steigen lassen. Dabei habe er ihr geklagt, daß ihm die Erten- nungsmarke und der Revolver abgenommen worden wären. Da habe sie ihm wieder 10 Mark gegeben. Bei ihrer Vernehmung habe ihr Polizrirat Penzig gesagt:„Das mit dem Thiede soll ja seinen Weg gehen, was aber die anderen betrifft, so könne man dies doch in„Güte" regeln. Ueberhaupt glaube er gar nicht, daß feine Beamten so etwas machten." Da habe sie geantwortet:„Herr Polizcirat, Ihre Beamten machen noch ganz was anderes!" Die zweite Zeugin, Frau Walter, war feit 1906 bei der Polizei Vigilantin. Beamte hätten ihr gesagt, wenn sie bei ihnen Dienst tue, werde sie in ihrem Ge- werbe geschont. Mit Thiede hatte sie nicht« zu tun. Bei einer früheren Vernehmung hat sie ausgesagt, daß sie Secgebarth Gc- schenke gemacht habe. Jetzt aber verweigert sie die Angaben aus Furcht vor Bestrafung. Nachher sagt sie aber doch, daß sie dem Genannten, als er in die Wohnung gekommen sei und ihr mit- geteilt habe, daß sie nicht m�hr unter Kontrolle stehe, Geld zugesteckt habe. Borsitzender:„Hierüber wollten sie doch nicht aussagen?" Zeugin:„Ach, Herr Rat, ich habe mich eben vergaloppiert." (Heiterkeit.) Getan habe in der Angelegenheit Seegebarth absolut nicht? für sie, wie die Zeugin noch ausdrücklich betont. Auch 15 Meter Seide habe er von ihr erhalten und einen Jupon. ES wäre überall be- kannt, daß Sittcnbcamte nehmen, wenn sie etwa« bekämen. Er sei im Auftrag der Behörde gekommen und habe die Meldung über- bracht. Als sie nun 1911 trotz ihrer geleisteten Bigilautendienste wiederum unter Kontrolle gestellt wurde, sei sie wütend geworden und zu Karl Schneidt gegangen. Tie Angelegenheit mit den die Polizei kompromittierenden Briefen sei aber nicht damals, sondern erst später perfekt geworden. Es folgen nunmehr eine ganze Anzahl von Zeugen, die wesentliches nicht bekunden können. Interessant war sie Aussage des Schutzmanns Simon. Er war auf der Wache, als Thiede die Ortmeier hinbrachte nnd diese ihn„Lude" nannte und seine Frau„Kuppelmutter" und be- hauptete. er sei ganz eingekleidet von ihrem Gelde. Bis auf die Schuh- fei alles von ihr geschenkt, was er anhabe. Thiede antwortet auf die Frage, warum er sich diese Bcleidi- gungcn Hab« gefallen lassen, ohne Anzeige zu erstatten: so etwas seien die Beamten schon gewohnt. Der Zeuge Schutzmann Simon erklärt aber wiederholt und durchaus bestimmt, daß davon keine Rede fein könne, so etwas ließen sich keineswegs die Beamten ge- fallen, er schon ganz und gar nicht. Wenn ein Betrunkener mal schimpfe, das lasse man laufen. Aber solche Beschuldigungen wie diese, hätte er sich»ich! gefallen lassen, sondern sofort eine Unter- h'uchung gegen sich beantragt. Rechtsanwalt Schwindt:„Haben die Beamten nicht Weisung, sich bei solchen Szenen einfach die Ohren zuzuhalten?" Schutzmann Simon:«O nein, wenn so bestimmte Vorwürfe fallen, dann nicht!" Polizcirat Klatt und Amtsrichter Hofheinz haben die Zeu- ginnen früher vernommen. Der letztere bezeichnet die Walter als glaubwürdig, die Ortmeier dagegen sei ihm widerspruchsvoll vor- gekommen. Die Verhandlung wird auf Freitag vormittag v Uhr vertagt. Redakteur Schneidt ersucht uns um Mitteilung, daß an der von dem Angeklagten Bachmann bei seiner Vernehmung vorgestern aufgestellten Behauptung,„er sei fortwährend durch den Redakteur Schneidt verfolgt und belästigt worden, derselbe habe ihm fort- während Spitzel nachgeschickt", kein wahres Wort ist. Redakteur Schneidt habe niemals daran gedacht, den Schutzmann Bachmann zu verfolgen und belästigen, geschweige denn ihn durch Spitzel ob- servieren zu lassen. Eue aller Alelt. CClcr nicht pariert, der fliegt Stets noch haben die Reaktionäre aller Schattierungen in sitt- licher Entrüstung gemacht, wenn es für die sozialdemokratische Partei notwendig wurde, eines oder das andere Mitglied auszu« ichließcn, weil es die prinzipiellen Anschauungen der Sozialdemokratie nicht mehr vertrat. Wehleidig heulmeierte noch jedesmal auch die gesamte liberale Presse. In spaltcnlangen Leitartikeln jammerte sie über die Unduldsamkeit der Partei, die es fertig bringe, so nette Menschen auszuschließen. Die ab- gedroschenen Phrasen vom Doktrinarismus, vom Papsttum in der' Partei wurden aus der Rüstkammer hervorgeholt, die Krokodilstränen über das angebliche Unrecht rollten nur so, das alles, um der Partei ein Mitglied zu erhalten, das sich in seinen Anschauungen des vollsten Beifalls der Liberalen und manch- mal auch der noch weiter rechts stehenden Parteien erfteute. Da mußte man freilich meinen, daß so etwas wie Unduldsamleit in den bürgerlichen Vereinen ein ganz unbekannter Begriff ist. Doch da? „Berliner Tageblatt", dem über den Ausschluß des Herrn Gerhard Hildebrand noch die Tränen in den Augen stehen, belehrt uns eines besseren... In K i e l findet, wie daS„Berliner Tagebl." berichtet, zurzert der Deutsche Haus- und Grundbesitzcrtag statt. Einer der angeschlossenen Vereine, der HauSbesitzcrverein Itzehoe, hat sich das Vergnügen geleistet, den zweiten Vorsitzenden deß Bundes deutscher Bodenreformer als seinen Delegierten auf den Hausbesitzertag zu entsenden. Von Bodenreform wollen die Hauspaschas erklärlicherweise nichts wiffen. Die Folge war denn auch, daß ob dieser Gemeinheit der Hausbesitzer- verein Itzehoe von der Tagung ausgeschlossen wurde. Ein Delegierter des Berliner Frankfurter-Tor-VereinS. dem diese Art Schnellseuerjnstiz nicht behagte, erdreistete sich, gegen den Ausschluß zu sprechen. Das gab dem Langmut des Vorsitzenden Justizrat Baumert, den Rest. Er„legte den: Franlfurter-Tor- Verein dringend ans Herz, zu erwägen, ob ein Mann, der sich derart mit den A n s i ch t e n der Mehrheit in Wider- spruch setze, ein geeigneter Vertreter auf dem Verbandstagsei." Wir warten auf den EntrüstungS-Leitartikel des„Berliner Tage- blattes" 1_. Die Mass enerkrankungen in Osnabrück. Wie von amtlicher Seite mitgeteilt wird, haben die Er- krankungen bei dem Jnfanterie-Regiment?tr. 78 in Osnabrück weiter um sich gegriffen. Beim zweiten Bataillon sind nun auch 81 Soldaten erkrankt, während sich die Ziffer beim ersten Bataillon auf zirka 260 erhöhtyat. Die Untersuchung über die Ursache der Erkrankungen ist noch nicht abgeschlossen._ In den Strudeln des NiagarafaNes. Ein schwerer Unglücksfall hat sich nach einem Telegramm aus Niagara an den Fällen zugetragen. Zwei Kinder im Alter von neun und zehn Jahren hatten ein gegen 100 Meter vor Beginn der Fälle verankertes Boot bestiegen. Plötzlich rissen die Ketten, mit denen das Boot befestigt war, und das Fahrzeug schoß mit rasender Schnelligkeit auf die Fälle zu. Zahlreiche Spaziergänger sahen von: Ufer aus, ohne daß es möglich war, etwas zur Rettung der Unglück- lichen Wesen zu tun, dem furchtbaren Schauspiele zu. Inner- halb weniger Minuten hatte das Boot den Rand des Ab- grundes erreicht und war im Nu von dem tobenden Wasser verschlungen. Trotz aller Anstrengungen konnte weder eine Spur des Fahrzeuges noch von den Kindern entdeckt werden. Ins Meer gestürzt. Einen tragischen Tod hat am Montag der englische Aviatiker Fairbairns gefunden, der bei Shoeburyncß mit seinem Aero- plan ins Meer stürzte. Fairbairns war ans einem von ihm selbst konstruierten Militär-Acroplan um 7 Uhr abends von dem Artillerie- schießplatz aufgestiegen und befand sich gegen 8 Uhr in einer Höhe von 200 Meter Über dem Meere. Plötzlich kippte der Apparat vorn Über und stürzte inS Wasser. Es gelang dem unglücklichen Aviatiker nicht, sich aus dem Sitz zu befreien, da der Führersitz de« Aeroplans geschlossen war. und er ertrank hilf« los, bevor schnell herbeigeeilte Rettungsmannschaften ihn erreichen konnten. Wenn Könige erben. Der Prozeß, den die Erben Louis S a p e n e§ gegen den König von Spanien angestrengt baben, fand am Montag in'dem Gerichts- bofe des kleinen Städtchens Saint GaudcnS im Departement Haute Garonne statt. Sapene hatte dem König Alphons von Spanien sein ganzes Vermögen in Höhe von 3 Millionen vermacht. Die Erben bestreiten jedoch die Gültigkeit dieses Testamentes»nd weisen darauf hin. daß Sapene geistesgestört war. Die Verhandlung ergab tatsächlich, daß der Verstorbene seit langem nicht m'e hr im Besitze seines klaren Verstandes gewesen ist. Den Behörden von Saint Gaudcns ist Sapene in den letzten Jahren in unglaublicher Weise lästig gefallen. Häufig schrieb er täglich den Behörden 30 Briefe mit den unglaublichsten Be- ickwerden. Der Bürgermeister von Saint Gaudens hat allein 8000 Briefe von Sapene erhalten. Nach diesen Feststellungen wurde der Prozeß bis auf weiteres vertagt. Kleine Notizen. Schreckenstat eines Wahnsinnigen. Der Fabrikarbeiter Hampel in Ohligs ermordete in der vergangenen Nacht seine Frau und seinen zweijährigen Sohn, indem er beiden mit einem Rasiermesser die Kehle durchschnitt. Sich selbst öffnete er die Pulsadern, durchschnitt sich die Kehle und stürzte sich aus dcm F e n st e r der im zweiten Stock gelegenen Wohnung. Die Tat soll im Wahnsinn begangen sein. Brand auf der Zeche König Ludwig. In der chemischen Anlage der Zeche König Ludwig in Rccklinghausen brach Dienstag- nachmittag ein Brand aus. Infolgedessen explodierten zwei nebeneinander stehende Naphlalinkcssel. Der Brand wütet noch fort. Auch das Oellager steht in Flammen. Soweit bisher bekannt ist, sind Personen nicht zu Schaden gekommen. DaS verunglückte Salutschicßen. Bei den» Unglücksfall auf dem Fort Raule in Cherbonrg wurde ein Feuerwerker und einArtillerist getötet. Sieben Artilleri st en sind schwer verwundet in? Lazarett gebracht worden; der den Be- fehl führende Leutnant ist leicht verwundet. Die Schuld an dem schweren Unglück trägt der Leutnant, der, entgegen den Vorschriften, Geschosse offen logern ließ. Vm V Af�Malvn-VM 1_ Franz Abraham Eiob. Metaüia-tLRömertrmnk-Kell, C.g5 BgUtotr. 8», Fernap. Kgst. 13708 EpsohalRt 2 mal Schentlich. M8i Bette* alkoholfreies Getränk, Berlin 0,Rudolfttr.4. c JIpbeltep-Beklelduna BarabargerLjiden, Charl.,W»llitj f Auto-Fahpsohulen J OoftlrQ Gr. Frankfurterstr. 44 Oall&C Eintr.tägl., Teilz.gest. � Blokereiow, Konditor� [Blottner's GroBbSckerei Geschäfte In Berlin, CharlattenbarG. SchOnebepfl, Wllmeradorf. j na | BeaEugsqueHei'Vepgeichnis» J. Ch. Pollmann, Utlrtigentr. U. Rpirhp A SeydektrsSo 16. I\ClkllC> n. Lief, aller Kassen � BnleuohtT-BeBnüntT") Bfittner, A., Danzigerstr. 96. c Drosen u. Farben Relnh. Assmas, Gerichtstr. 10. Gnstnv Berta?, Weidenweg 80. aas, Wilh� Ueektreindentr. II. Frledr. Bars, Landen. Allee 146 Panl Berger, Uirbaehstr. 29 K. Biedermann, Oryphiaestr. 18. Paul veUx, MarknsstraBe 15. Albert Oenkewlti, Jslloukistr. 14 Doliva, Ferdinand Torellstr. 4 I Brot-Fabrik„Vorwärts' Hermann TJllricb, Kdpenick. BniBnenrtf.1D8n.15? Prinz Hand]crle3fr.2Nkl.G. Wolff. Klahn,B.,SUIi.Eui«r-Fri«dri3l KDese&e[|[-Dro9.,Hem.�t.ii9. KriningsAdler-Drogerie, Stmlentr.?. P.Lehrke,Iiittli!erDsBn8i-8S�sifiB Alfr. Marsch, Cnlmstr. 97. Rathana-Drogerle.Nklls.BmMtr. 94. f. H�QEM 22 Verfcanfsatellen 22 l ir 48 eigene DetailgMckifte 1 HennaniirtF.57G.R"eL Prinzenstr. 103 Alfred Hoffmann Fr. Schlnssnng», Liebauerstr. 22. Hago Schultz, Müllerstr. 166 a.. Hyg.Gummiw,, Pbotogr.-Artikel. Franz Fanlwett er, Mantcnffelstr. 67. Friedr.Flemming, Boiliagcnerrtr.27. E. Freyer, Blunenstr. 72. B. larktui tr Georg Genz, Memelerstr. 20 ■ PaaAnnnPetersborgerBt.SS AsbBSSflB IVrilsiter str. 71 Gamnior, H. 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So haben sich Gegner noch nicht in den Haaren gelegen, wie die Katholiken unter sich an der Saar und Mosel, und alle Bemühungen, Frieden zwischen den Ehristenbrüdern zu stiften, blieben bisher ohne Erfolg. Der Streit blieb auch nicht auf die beiden Gewerkschaftsrichtungen beschränkt, son- der» setzte sich in den katholischen Arbeitervereinen fort, und > es kam so weit, daß eine Anzahl dieser Vereine, die den christ- lichen Gewerkschaften nahe standen, sich zu einem Sonderver- band zusammenschließen wollten. Sie wollten sich der bischöf- lichen Kontrolle möglichst entziehen und wenn nicht anders. ohne kirchliche Präsides unter Leitung von Laien weiterarbei- ten. Das war dem Bischof von Trier denn doch zu bunt. Er eilte nach Saarbrücken, wo die Opposition ihren Herd hatte und las den christlichen Gewerkschaftsführern und den ihnen nahestehenden Geistlichen derart den Text, daß sie von ihrem Vorhaben absahen. Der Bischof hatte auf der Konferenz er- klärt, daß er nicht mit den Arbeitern, dafür aber ohne Um- schweife mit den Geistlichen zu reden habe. Und dann erklärte er diesen eingehend die Enzyklika„Lmjxulari quadam" und stellte fest, daß es nunmehr Pflicht der Geist- lichen sei, nur für die katholische Standes- organisation einzutreten. Wenn die Enzy- klika auch dulde, daß katholische Arbeiter unter bestimmten Voraussetzungen ch r i st- lichen Gewerkschaften angehören diirfen, so sollen katholische Geistliche diese GeWerk- schaften nicht fördern und für sie eintreten. Neue Gewerkschaften dieser Art sollen nicht gegründet werden; in keinem Falle dürften Geistliche beim Versuch solcher Neugründun- g e n m i t w i r k e n. So der kirchliche Befehl des Bischofs. Die christlichen Arbeiterführer waren starr ob des Vor- gehens ihres Bischofs, aber bis heute haben sie nicht den Mut gefunden, ihr K o a l i t i o n s r e ch t, d. h., das Recht, sich auch in christlichen Gewerkschaften zuwrganisieren, zu vertei- digen. Und zwar sich zu organisieren, ohne bestimmte in der Enzyklika enthaltene Bedingungen zu erfüllen. Die Herren Arbeiterführer, die jahrelang den Mund nicht genug vollneh- men konnten, um die Selbständigkeit der christlichen GeWerk- schaften und ihrer Mitglieder hervorzuheben, sind auf des Bischofs Befehl in der Erzdiözese Trier ins kaudinische Joch gekrochen. Sie haben hier ihr Spiel gegenüber den Berlinern verloren und haben den Kampf gegen diese einstellen müssen. Die Zentrumsorgane, die, wie z. B. die„Saarpost", stets zur Ver- teidigung der christlichen Gewerkschaften bereit waren und die mit ganz besonderem Hasse die Berliner Richtung behandelte, öffnete ihre Spalten nur noch„Stimmen zum Frieden". Noch gärt es hie und da ob der bischöflichen Vergewaltigung in den katholischen Arbeiterschichten, aber die Zentrumspresse tut alles, um jede Opposition gegen den geistlichen Oberhirten niederzuhalten. Interessant sind auch die Richtlinien, die jetzt in ihrem Wortlaut bekannt werden und die der Bischof für die katho- lischen Arbeitervereine beider Richtungen festlegte. Sie lauten: 1. Alle tatholischen Arbeitervereine der Diözese Trier schließen sich dem Diözesanverband an. 2. Der Tiözesanverband wacht als solcher über die religiöse und sittliche Betätigung der Vereine. 3. Im Vorstande des Diözesanverbandes erhalten auch Ver- treter der nicht in Berlin angeschlossenen Vereine pro rate Sitz und Stimme. 4. Christlich organisierte Arbeiter, die sich einem katholischen Arbeiterverein anschließen, sind nur zu einem Lokalbeitrage ver- Pflichtet. Die brauchen das Berliner Verbandsorgan nicht zu halten, haben aber auch in Angelegenheiten des Berliner Ver- bandes kein Stimmrecht. 5. In den Vereinen des Diözesanverbandes darf von Vereins wegen kein Blatt gehalten werden, daß die Bestimmungen des Hl. Vaters in seiner Enzyklika„Lingulari quadam" mißachtet oder bekämpft. 6. Entstehende Schwierigkeiten werden von den Leitern des Diözesanverbandes unter dem Vorsitz des Bischofs oder seines Ver- treters geregelt. Also, alle Vereine haben sich dem Diözesanverband anzu- schließen, ob sie wollen oder nicht. Christliche Gewerkschaftler haben sich den k�holischen Arbeitervereinen anzuschließen; aber sie brauchen das ihnen so verhaßte Blatt„Der� Arbeiter" — Berlin nicht zu halten, jedoch dürfen die Arbestervereine ihnen keinen Ersatz dafür bieten. Das gebt die„Westdeutsche Arbeiterzeitung" an. Beginnt diese ihre bisherige Taktik in der Gewerkschaftsfrage aufzugeben, bemüht sie sich, die katho- lischen Arbeiter genau zu den Grundsätzen der genannten En- zyklika zu erziehen, dann darf sie Eingang auch in die katho- lischen Vereine der Diözese Trier finden. Jedenfalls aber erst nach längerer Prüfungszeit. Alle Entscheidungen in der Ar- beitervereinsbewegung, soweit sie gewerkschaftlicher und strittiger Natur sind, trifft der Bischof oder sein Stellvertreter. Nun wissen wir. wohin die christlichen Gewerkschaften geraten sind und uns wundern ihre Schurkenstreiche an der Arbeiterschaft bei Streiks, Lohnbewegungen und anderen Ge- legenheiten nicht mehr. Die christlichen Gewerkschaften haben angefangen, sich auf die Enzyklika„SinAuIari quadam" einzurichten. Das besagt genug. Berlin und Umgegend. Achtung, Böttcher! In der Malzbierbrauerei Groterjan, Prinzen- allee 19/20, haben sämtliche Böttcher die Arbeit niedergelegt. Die Direktion hat die geinachten Zugeständnisse in der Tarifstreitsache nicht innegehalten. Zuzug ist streng fernzuhalten. Die Brauerei ist für Böttcher gesperrt. Verband der Böttcher, Weinküfer und Hilfsarbeiter. DeutTehes Reich. Gegenseitigkeitsvertrag über Agitationsgebietsabgrenzung. Durch verschiedene Gewerkschaftsblätter geht eine Notiz, wo- nach zwischen dem Verbände der Sattler und Porte- f e u i l l e r und dem der Tapezierer ein Gegenseitigkeits- vertrag über Agitationsgebietsabgrcnzung und Uebertritt von Mit- gliedern abgeschlossen worden ist, der am 1. Oktober 1913 in Kraft tritt. So weit ist es noch nicht. Die Leitungen beider Verbände haben allerdings in mehreren Sitzungen sich über Vorschläge ge- einigt, die den Mitgliedern in den Verbandsorganen bekannt ge- geben worden sind und vorüber in den Verbandsfiliälen diskutiert werden soll. Erst wenn diese Aussprache abgeschlossen ist(Mitte August d. I.), werden die Verbandsvorstände, den Wünschen der Mitglieder möglichst Rechnung tragend, zur endgültigen Regelung und zum Abschluß eines Gegenseitigkeitsvertrages zusammentreten. Die Aussperrung der Perlenarbeiter im Fichtelgebirge. Die Fabrikanten der Perlenindustrie fühlen sich noch immer nicht veranlaßt, die Aussperrung der Perlenmacher aufzuheben, trotzdem der Mehrzahl der Unternehmer das Messer bereits an der Kehle sitzt. Einige Unternehmer haben versucht, die Arbeiter zur Rückkehr zur Arbeit zu bewegen, und sie ha�en die gewünschte Lohnerhöhung bewilligt. Dagegen harrt der übrige Teil der In- dustriellen noch auf eine bedingungslose Rückkehr der Perlenmacher. Die Arbeit ruht noch in vollem Umfange, denn die Arbeiter lehnen es ab, nur bei einigen Fabrikanten die Arbeit aufzunehmen, weil die Möglichkeit besteht, daß diese dann Streikarbeit für die übrigen Betriebe liefern. Einige Industrielle hatten bereits auf die Rück- kehr der Arbeiter bestimmt gerechnet und ihre Oefen in Betrieb gesetzt. Die Herren hatten sich aber unnötige Ausgaben gemacht und mußten die Feuerung wieder löschen, denn die Arbeit wird nur dann aufgenommen, wenn alle Arbeiter in vollem Umfange wieder eingestellt werden. Da die Industriellen Kaufläden haben und die Arbeiter bisher zwangen, ihre Waren bei demjenigen Industriellen zu kaufen, bei dem sie arbeiteten, so stehen jetzt auch die Kaufläden völlig still, denn die Arbeiter lehnen es ab, ihre Streikunterstützung zu Leuten zu tragen, von denen sie einer geringen Lohnforderung wegen aus- gesperrt wurden. Der eine Industrielle besitzt sogar eine Brauerei. Die Arbeiter wurden gezwungen, ihr Bier aus dieser Brauerei zu nehmen; auch das ist seit der Aussperrung abgelehnt und so leiden die Herren auf zwei Seiten. Es steht daher zu erwarten, daß die Aussperrung nicht mehr lange anhält und daß die Herren die verlangte Lohnforderung be, willigen müssen.'_ Eine glatte Mastregelung wegen Zugehörigkeit zur gewerkschaftlichen Organisation ist die Entlassung von sechs Tischlern der Margarinefabrik Jürgens und P r i n z e n in G o ch. Als Grund gibt die Firma allerdings Arbeitsmangel an; aber das kann als wahrer Grund nicht anerkannt werden. Die Entlassenen sind alle verheiratet, während ein junger Lediger, der zudem auch später im Betrieb angefangen hat, weiter« arbeiten soll. Derselbe ist unorganisiert und wird auf alle möglich� Art bevorzugt, weil er der Sohn eines Jagdaufsehers von Herrn Jürgens ist. Die Entlassung wirkt umso aufreizender, weil zurzeit in Goch ein Tischlerstteik bei den Meistern geführt wird, so daß es den Entläsienen nicht möglich ist, in Goch in andere Stellen zu komnien. Der Vorschlag des Gauvorstehers vom Deutschen Holzarbeiterverband, die Arbeilszeit zu verkürzen oder Feierschichten einzulegen, wurde kurzerhand abgelehnt, obgleich es im Betriebe für andere Branchen üblich ist, Feierschichten einzulegen. Bei den Tischlern ist eS viel» leicht deshalb nicht möglich, weil sie fast alle organisiert sind und sich nicht mehr alles gefallen lassen wollten. Auch will sich die Firma wahrscheinlich vor Lohnfordernngen schützen, die beim Ablauf deZ jetzt bestehenden Vertrages am 1. Oktober erhoben werden müssen, weil die Löhne für die Tischler in der Stadt bei den Meistern höher sind, als in der Margarinefabrik. Die Lohnverhältnisse fordern die Krittk ganz energisch heraus. Bei einer Akkordarbeit brachten eS die Tischler trotz des größten Fleißes nur auf SS Pf. Ver« dienst pro Stunde. Das Verlangen, für diese Arbeit wenigstens einen Stundenlohn von 38 Pfennig auszuzahlen, wurde ab« gelehnt. Das ist die große Weltfirma, die ihre Produkte fast ausschließlich in Arbeiterkreisen absetzt und die aus diesem Grunde doch eigentlich schon auf einigermaßen friedliche Verhältnisse mit der Arbeiterschaft sehen sollte. Die Arbeiterschaft des Betriebes, die ja sowieso ängstlich ist, soll durch diese Maßregelung von der Organi- sation abgeschreckt werden. Da ist es die Pflicht der organisierten Arbeiterschaft von ganz Deutschland, daß sie zu solchen Herrscher« gelüsten Stellung nimmt._ Die ßerliner Gewerklchaflskommitilon hielt am Montag eine Sitzung ab, in der als 1. Punkt der Bericht der. Sekretäre gegeben wurde. K ö r st e n verwies eingangs seiner Ausführungen auf den gedruckten Jahresbericht, sowie den ausführlichen Auszug im„Vor, wärts". Redner gibt eine Reihe von Erläuterungen und Ergän« zungen zu dem Bericht. Zur Frage der Arbeitslosigkeit erklärte Redner, daß hier die Gewerkschaften sehr bald Schritte unternehmen werden, die zu einer einigernraßen günstigen Lösung dieses schwierigen Problems im Sinne der Arbeiter führen müssen. Man unterscheide heute schon zwischen„verschuldeter" und„unvcr- schuldeter" Arbeitslosigkeit, wie es in Straßburg schon zum System geworden sei, mit dem die Gewerkschaften sich jedoch nicht ein«. verstanden erklären könnten. Bezüglich des Gewerbegerichts könne man nunmehr von einer Stabilität der Prozesse sprechen, diese hätten anscheineird den Höhepunkt erreicht. Die Popularität der Gewerbegerichte �abe nachgelassen. Es zeige sich das Bestreben, die Prozesse immer mehr nach den Vororten Berlins zu ziehen. Die Arbeiterbeisitzer haben an Ansehen so gewonnen, daß ihre Grundsätze schon weit über Berlin hinaus, ja für ganz Teutschland Geltung erlangt haböti. Das Einigungsamt habe bei den Unternehmern an Zu« neigung verloren, diese zögen es heute schon vielfach vor, lieber von Partei zu Partei zu verhandeln. Die Wahlbeteiligung bei der Gewerbegerichtswahl im Vorjahre sei eine gute zu nennen. Wir könnten mit der Situation zufrieden sein. Die Jugendfürsorge, die feit vier Jahren in den Händen der Gewerkschasten liege, gehe gut vor sich, erfordere aber die an- gestrengteste Arbeit. Zu bedauern sei, daß in dem neuen Jugend- gerichtsgesetz die Frauen als Schöffe ausgeschaltet sind. Die Frage der Vormundschaft verdiene ernste Beachtung zum Wohle der Ar- beiterjugend. Unser Grundsatz sei: Ein Mann, eine Pflege! Der zweite Referent Ritter nannte das Jahr 1912 ge« werkschastlich ein Durchschnittsjahr, der gewerkschast- liche Gedanke sei aber keinesfalls in den Hintergrund gerückt, wenn nicht alles nach Wunsch gehe, so liege das an der absteigenden kleines feuitteton. Tie Bühne als Gcwissenswcckerin. Die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten läßt am Mittwoch im Deutschen Theater das Tendenzdrama„Die Schiffbrüchigen" von B r i e u x aufführen— zur Warnung vor den Folgen der Syphilis. Die Absichten, die hierbei verfolgt werden, kennzeichnet eine Ein- fllhrungsschrift. Einer der größten Fortschritte unserer Zeit— heißt es darin— ist es, daß die heutige Medizin sich nicht mehr mit der stillen Laboratoriumsarbeit des Forschers und der heilenden Tättg- keit des Arztes begnügt, sondern ein unerläßliches Mittel im Kampfe gegen alle großen Volksseuchen, gegen die Tuberkulose ebenso wie gegen den Alkoholismus und die Syphilis in der umfassenden Auf- klärung weiter Bevölkerungskreise erblickt. Sicher reicht die Kenntnis aller dieser Gefahren nicht aus zu ihrer Bekämpfung; sicher geht gerade bei den Geschlechtskrankheiten die Leidenschaft oft qnt dem Verstände durch, aber auch Tausende fallen der Unwissenheit zum Opfer, und sie zu retten ist ein Gebot wahrer Menschlichkeit. Ein französischer Dramatiker hat es gewagt, die Verheerungen der Syphilis dramatisch darzustellen, wahrlich, ein Stoff, den man kaum für bühnenfähig halten sollte. Er entrollt die Tragödie eines Syphilitikers, der gegen den Rat des Arztes ungeheilt eine Ehe ein- geht und die furchtbare Krankheit nun in die neuvegründete Familie hineinträgt. In wenigen packenden Szenen bringt er eine solche Fülle eindrucksvoller Tatsachen, daß diese, wie ein zeitgenössischer Schriftsteller sagt, in der unmittelbaren und eindrucksvollen An- schaulichkeit der Bühne eine pädagogische Durchschlagskraft ge- Winnen, die kein Vortrag erreicht und die Hunderte von Broschüren und Aufklärungsschriften vergebens anstreben. Man spürt die ungeheure Suggestionskraft der Bühne und des auf der Bühne gesprochenenWortes. Die Kamst des dramatischen Dichters ist in ihrer Wirkung die unmittelbarste und damit zugleich die verantwortungsvollste. MchtS wirlt entsittlichender als die zotige Posse, nichts sittlicher als das aus reiner Dichterseele geborene Drama. Und man darf angesichts dieser tiefen und dauernden Wirkungsmöglichkeiten nicht unter An« rufung aller Götter der Aesthettk und der Kunst mit Keulen drein- schlagen, wenn auch die Bühne sich der Aufklärungsarbeit be- •nächtigt. Warum soll man dann nicht auch ein Wort über die Krankheiten hören dürfen, die der Prostitution folgen und sich an dem. der die Prostituierte kaust, bis zu dem dritten und vierten Geschlecht rächen? Wenn die dramatische Kunst sich nicht damit begnügt, die Plunderkonflikie der Ehebrüche und die Situationskomik der Personen- Verwechselung in tausendfacher Variation immer wieder von neuem zu bearbeiten, sondern das Leben packt, wo seine großen und wahren Konflikte sich abspielen, dann kann man die Schaubühne mit Recht als das bezeichnen, als was Schiller sie aufgefaßt wissen wollte: als moralische Anstalt. Sittlich geläutert und im Innern er» schüttelt, voll Furcht und Mitleid haben überall, wo.Die Schiff- brüchigen" aufgeführt wurden, die Zuschauer das Theater verlassen. Paradies Zuchthaus. Ein Insasse eines MilitärgefängnisseS hat einen BrandsttflungSversuch gemacht. Grund? Er wollte aus dem Militärgefängnis ins Zuchthaus kommen, brauchte dann auch nicht die noch sehlende Zeit abzudienen. Gewiß ein Verbrecher, denn er hatte schon allerhand Dinger hinter sich. Aber kein Einzelfall. Warum erleben wir immer wieder, daß Leute um scharfe Strafe— d. h. um das Zuchthaus— bitten, nur um nicht in die Gewalt wessen zu fallen? der Berwaltungs- behörden. Hier liegt genau das gleiche vor wie beim Arbeitshaus. Die bürgerlichen Blätter berichten jedesmal, wenn ein Zuhälter bestraft wird:.Nichts nämlich fürchten derartige Elemente mehr als das Arbeitshaus". Aha! denkt der kluge Leser— da müssen sie nämlich arbeiten. Keine Spur. Die Militärstrafgefangenen und die Arbeitshäusler ziehen das Zuchthaus vor. weil sie instinttiv sühlen, daß sie nicht vor Strenge—, aber vor Willkür geschützt sind. Da gibt es Revisionen, eine gewisse Kontrolle... Anders bei den Verwaltungsbehörden. Da hat eine Ueber- tretung der Hausvorschriften ein anderes Gesicht als im Zuchthause. Da ist ein Verbrechen, was dort ein Vergeben ist. Wer schützt gegen die„Hausväter" der Arbeitshäuser? Was find das für Leute? Das weiß man nicht. Ein bestimmter Bildungsgrad wird von ihnen nicht gefordert. Der Häftling ist ihren Schikanen wehrlos überlassen. Und die Folge davon? Die Erbitterung, die sich ansammelt, muß heraus, wenn der Mann wieder in die Freiheit kommt. Prozesse haben es aber auch bewiesen, daß Größenwahn und Sadismus unter diesen Vorständen nickt selten sind. Wer schützt? Niemand. Beim Zuchthause ist eine Beschwerde denkbar. Hier nicht. Das ist eine große Polizeiwachtstube. Und da ist es aus. Militär und Arbeitshaus: der letzte Schein von Recht ist hier gewichen. Hier regiert das Maul und die Faust. Aus der Welt der Nichtigkeiten. Vier Toiletten den Tag— das ist das mindeste, was eine Pariser Modezeitschrift den Damen von heute vorschreibt, wenn sie elegant und passand angezogen sein wollen. Zunächst muß sie, wenn sie ihr Dcshabille(Nacht- kostüm) verläßt, ein elegantes Hauskleid anlegen, in dem sie des Morgens beim Frühstück erscheint. Zum Ausgang wirft sie sich in ihr Promenadenkostüm, und wenn sie nachmittags zum Shoping oder in ein vornehmes Restaurant geht, dann legt sie eine kostbare Nachmittagstoilette an, die sich in der Drapierung des Rockes wie in der ganzen Garnierung vom Straßenkleid himmelweit unter- scheidet. Für den Abend ist dann die Gesellschaftstoilette vorge- schrieben. Bedenkt man nun die unzähligen Kleinigkeiten, vom Schuh und den Dessous bis zu den Handschuhen und dem Schirm, die, um zu jeder der Toiletten in Harmonie zu stehen, stets eben- falls in verschiedener Farbe und Ausführung angelegt werden müssen, so wird man begreifen, daß die elegante Frau den größten Teil des Tages mit dem An- und Auskleiden verbringen muh— und zur Puppe wird. Humor und Satire. An Gerhart Hauptmann. Ich will Dir nicht ein gewisses Talent Bezüglich der Dichtkunst bestreiten— Manch Büchlein, das man von Dir kennt, Hat seine sympathischen Seiten. Du hast entschieden von Natur Anlagen und Qualitäten— Mitunter merkt man sogar die Spur Eines ganz passablen Poeten. Du wärst darum in manchem Betracht Der Meister der Dichterinnung— Doch fehlt Dir, was erst den Dichter macht: Die vorschriftsmäßge Gesinnung! Das vaterländisch-naive Gemüt. Das bedingungslos schwarz-weiß-rote, Das selbst noch für Otto den Faulen erglüht, Und das Herz, das dynastisch durchlohte l Dir mangelt des Geistes strenge Zucht, Die bei Gutgesinnten stets da ist, Und deren schönste und edelste Frucht Das dreifach gestrichne Hurra ist l 's ist schade, mein Lieber! Du hast daS Format, Hast manch' Verdienst um die Dichtung--- Doch leider eine im preußischen Staat Ganz indiskutable Richtung! A. D. Notizen. — Bühne irckronik. Harry Walden, der schon seit dielen Jahren sich auf Gastspielreisen verzettelte, ist an das Wiener Burg» theater engagiert worden. — Ein städtisches Museum in Erfurt. Die Stadt« verordneten in Erfurt bewilligten für die Errichtung eines städtischen Museums 600 000 Mark und beauftragten den Professor van der Velde in Weimar mit der Ausarbeitung eines Projektes. — Verboten ist, was erlaubt. Zu einer Zeit, da Hauptmanns Festspiel bereits abgesetzt war, wird ein Erlaß ver« öffentlicht. wonach„des Königs Majestät zur öffentlichen Aufführung des von Dr. Gerhart Hauptmann zur Erinnerung an die Freiheitskriege der Jahre 1813, 1814 und 1315 verfaßten Festspiels, in welchem in einer kurzen Szene König Friedrich der Große auf der Bühne erschein�, die Genehmigung zu erteilen geruht haben". Konjunktur. Bei der Arbeitslosenfrage werde in der Frage, wie zu helfen sei, individuell vorgegangen werden müssen. Redner schließt mit einem hoffnungsvollen Ausblick für die künftige Zeit. Link geht ausführlich auf die sozialpolitischen Ver h ä l t n i s sc ein und gibt aus seinen vielen Erfahrungen eine Fülle von Anregungen und Winken. In der Diskussion bemängelt Werner lTransportarbeiters die Abfassung des Kassen berichts. Die Aufstellung des Kassenberichts müsse in Zukunft wieder so erfolgen, wie es früher immer war, daß man jederzeit daraus ersehen könne, wieviel jede Gewerkschaft als Beitrag zu den Kommissionen und zum Maifonds beigesteuert hat. Mehr Funktio- näre zur Jugendpflege abzugeben als bisher, wäre den einzelnen Organisationen kaum möglich. In der Kritik über die Abfassung des Berichts ist Körsten mit Werner einverstanden, es liege dies an der„Vorwärts"- Druckerei, die den Bericht im kommenden Jahre wieder wie früher herstellen werde. Die Frage der Vormundschaft und der Jugendpflege wird von der organisierten Arbeiterschaft in vollem Umfange gelöst werden. Die Neuwahl des Ausschusses der Gewerkschaftskommission hatte die einstimmige Wahl folgender Genossen zur Folge: Baum- garten, Cohen, Mietz, Kunze, Maß, Bruns, Schuld, Schultze, UtheS. Als Revisoren wurden wiedergewählt: K w a S n i ck und Leopold, neugewählt Schmidt. Achte Gelleralversammlullg des Verbandes der Denffchen D a n z i g, den 22. Juni. Der heutigen Schlußtagung lagen noch zwei wichtige Punkte lZur Erledigung vor: die der Beschwerden und die Entgegennahme des Berichts der Kommisston zur Bearbeitung der Anträge des gesamten Unterstützungswesens. Tie erstere Materie, rein persön- licher Natur, nahm die Gesamtdauer der Vormittagssitzung in Anspruch, so daß für den wichtigsten Punkt der Tagesordnung, die Erledigung der Anträge zum Unterstützungswesen, nur noch die Nachmittagssitzung übrig blieb. Es wurden deshalb schon Stimmen laut, die der Befürchtung Ausdruck gaben, daß der Berbandstag auch den Montag noch werde in Anspruch nehmen müssen. Doch die Sache kam anders. Der Kommissionsberichterstatter FuhS- Mannheim appellierte gleich bei der Einleitung seines Berichts dafür, daß der Verbandstag die Vorschläge der Kommission ohne Debatte annehmen möge, da sie auf einem Kompromiß beruhten, das nach langen Auseinandersetzungen und nach Erwägung aller in Betracht kommenden Umstände zustande gekommen sei und ein Ein- tritt in die Beratung von Einzelwünschen unter Umständen den ganzen Ausbau gefährden könnte. Die Kommission habe im Rahmen der bestehenden Beiträge eine Umarbeitung der Unterstiitzungseinrichtungeu in dem Sinne vorgenommen, daß ein gerechterer Austausch zwischen Leistung und Gegenleistung gegeben sei, wobei man bis an die Grenze des Möglichen gegangen sei. Die Kommission habe aber auch auf dem prinzipiellen Standpunkt gestanden, daß jede weitere Erhöhung der Unterstützungen ausgeschlossen bleiben und der Aus- bau innerhalb der Organisation mehr dem gewerkschaftlichen Charakter Rechnung tragen müsse:„Wir wollen gute Ge- werkschaftler uno nicht bloße Kassenmenschen s e i n", bemerkte der Berichterstatter. Aus diesen Gründen mußten alle Anträge, die eine Erhöhung des Krankengeldes, der Sterbe- Unterstützungen usw. forderten, abgelehnt werden. Der Referent ging dann zur Motivierung der einzelnen Positionen über, wobei er betonte, daß die Kommission sich von dem Grundsatz« habe leiten lassen, daß bezüglich der Kranken- und Reiseunterstützung neben einem gerechteren Ausgleich auch ein« größere Einheitlichkeit not. wendig sei. ES wird deshalb sowohl für den Bezug des Kranken- geldeS wie für die Reiseunterstützung eine zehnwochentliche Bci- tragsleishing in Vorschlag gebracht. Bisher bestand für den Bezug der Reiseunterstützung eine sechswöchentlich« Karenzzeit und für den Bezug des Krankengeldes eine solche von 13 Wochen. Die Einheitlichkeit ist hier somit auf der Grundlag« erfolgt, daß zu- gunsten der Erkrankten Abstriche an der Bezugs zeit für Reiseunter- stützung gemacht sind. AuS denselben Gründen schlägt die. Kom- misston eine 26wdchentliche Karenz sowohl für die Ausgesteuerten wie für die Wiedereintretenden und für die wieder arbeitsfähig werdenden Invaliden vor. Die Wunsche bezüglich der OrtSnnterstützung sind sehr viel- fertig und gehen außerordentlich weit auseinander. Die Kommis- sion hat sich mit dieser Position den Vorschlägen deS Verbands- Vorstandes angeschlossen und empfiehlt folgende Sätze: Bei 7ö Beitrogsleistungen 1,25 M. bis zu 10 Wochen-- 70 Tagen 0 150, 1,75„,, 20,=110. , 500, 1,75,,, 30,-=210, , 750, 1,75,,, 40,=280, , 1000, 2,-... 40.=280, Der Gauzuschuß in Höhe von 50 Pf. täglich bleibt für die Gegenseitigkeit maßgebend. Ortszuschüsse irgend welcher Art be- dürfen der Genehmigung des Verbandsvorstandes. Di« Reise- Unterstützung von 1 M. pro Tag soll nach mindestens 75 Bei- tragswochen auf 1,50 M. erhöht und für 175 Tage gezahlt werden und nach einer Beitragsleistung von 250 Wochen in der alten Höhe von 280 Tagen bestehen bleiben. Neben diesen Hauptpunkten sieht die Vorlage noch eine ganze Anzahl von Bestimmungen vor, die sich teilweise auf die Einzelvegulierung der verschiedensten Positionen, teilweise als Sicherheitsbestimmungen gegen böswillige Aus- Nutzung der Unterstützungseinrichtungen anzusehen sind. Erwähnt sein mag noch, daß die Ge maßregelten Unterstützung von 2 M. auf 2,50 M. hinausgesetzt und daß für den Bezug der Invaliden Unterstützung die Karenzzeit auf 450 Wochen. beitragszeit bezw. auf 700 Beitragswochen verlängert worden ist. Die Jnvalidenunterstützung, die 1 M. beträgt, soll für die älteren Verbandskollegen mit einer Beitragsleistung von 750 bezw. 1000 Wochen über die Karenz hinaus, 1,25 bezw. 1,50 M. betragen. Der Berichterstatter bittet am Schlüsse seiner Darlegungen nochmals um einstimmige Annahme der Vorschläge und hat die Genugtuung, daß die Generalversammlung unter leohasten. Beifalls- bezeugungen die Vorschläge debattelos akzeptiert, nachdem Faber. Berlin der Kommission für ihre gründliche Arbeit Dank gesagt und darauf hingewiesen hat, daß in der jetzigen Lage daS geboten wurde, was zu bieten möglich war und daß insbesondere der gewerk- schastliche Charakter der Organisation in den Vordergrund gestellt wurde. Die neuen Unterstützungseinrichtungen treten mit dem 1. Januar 1914 in Kraft. Es finden nun noch einige wahrend der Tagung zurückgestellte Anträge ihre Erledigung. Bezüglich der Stellung des Verbandes zur„Bolksfürforge" erklärt Döblin, daß er in der Aussprache mit den Vorsitzenden der übrigen Verbände und der Verwaltung deS Unternehmens wie auch in der Aussprache mit der General- kommission bindende Versprechungen für die Organisation nicht übernommen habe. Es stehe daher den Mitgliedern frei, für ihre Person irgendwelche Funktionen für die Volksfürsorge zu über- nehmen oder nicht. Für selbstverständlich halte er eS. daß die Kollegen dort für die„Volksfürsorge" Propaganda machten, wo sich ihnen entsprechende Gelegenheit dazu biete. Döblin gibt nun noch ein Resümee von den Verhandlungen, don Graßmann wird die stattliche Zahl von BegrüßungS. telegrammen verlesen, der französische Delegierte Lortihoy. Paris und der ungarische Delegierte Rothen stein- Budapest halten Ansprachen, zwischen dem Verbandsvorstande und der ört- lichen Kommission werden gegenseitge Dankesbezeugungen auSge- tauscht und dann wird her VerbandStag geschlossen. Em Induftrie und Findel. Warenhäuser und Effektengeschäft. Daß sich große Warenhäuser mit der Besorgung bankmännischer Geschäfte befassen, ist nichts Neues. Wir haben in Deutschland ver- schieden« Warenhäuser mit eigenen Bankabteilungen oder mit Depositenkassen von Großbanken. An sich ist hiergegen auch nicht viel einzuwenden. Der Spekulationstrieb wird im ganzen Lande schon durch die zahllosen Depositenkassen großer und kleiner Banken kräftig angeregt und gefördert. Es kommt also auf eine derartige Einrichtung mehr oder weniger nicht an. Ziemlich bedenklich er- scheint jedoch eine Neuerung, die das Warenhaus G i m.b e l Bros in New Nork eingeführt. Wie der„Confectionair" mitteilt, offeriert diese Firma ihren Kunden für 100 000 Dollar der neue» 4l/zprozentigen New Forker Anleihe. Die Stücke werden zum Kurse von 100.125 angeboten, d. h. etwas billiger als der offizielle Börsenkurs. Ein solches Vorgehen eröffnet ungeahnte Perspektiven. Wie wäre eS in Deutschland mit.AuSnahmetagen für preußische Konsols'I Oder.Re st Partien dreipro- zentiger Reichsanleihen'I Die Finanzgenies der ameri- kanische» Warenhäuser rechnen nicht mit der Kundschaft der Milliardäre. Sie begnügen sich mit»den kleineren Kapitalisten ohne große Er- fahrung". Diese können schon Stücke zu 10 Dollar laufen und hier- durch zu Börsenspielern werden. Man muß nämlich berücksichtigen, daß in England und in Amerika Börsenpapiere zu wesentlich niedrigeren Nominalbeträgen ausgegeben werden dürfen, als in Deutschland. Wenn aber Anteile zu 20 oder 40 M. ins große Publikum gebracht werden, dann bedeutet dies ganz entschieden eine geradezu unheimliche Er- Weiterung deS Marktgebietes der Börsenpapiere. Dann ist den Beutezügen der Großspekulanten, denen in Amerika auch ein großer Teil der Handelspresse zu allen denkbaren Zwecken ur Verfugung steht, Tür und Tor geöffnet. Jede Beunruhigung >cS MaxkteS muß an den„Effektenlagern" der Warenhäuser nette Szenen zur Folge haben. Gimbel BroS. haben in vorsichtiger Weise mit dem billigeren Verlauf von Stadtanleihen den Anfang gemacht. Dieser Geschäftszweig wird aber bald ausgedehnt werden. Es ivird wohl nicht mehr lange dauern, bis Gimbel Bros, alle Arten von Effekten um Bruchteile von Prozenten unter dem Marktpreise verkaufen. Be« sonders in den Papieren, die zum offiziellen Börsenhandel nicht zu- gelassen sind, ließe sich manches gute Geschäft machen. Angeblich hat das New Dorker Publikum auf diese Erweiterung der Warenhaus- artikel sofort.sehr lebhaft reagiert". Sehr viele kleinere Spe- kulanten und Kapitalisten in und um New Dork haben von der günstigen Gelegenheit Gebrauch gemacht. In Deutschland wird dieses Beispiel so bald noch keine Nachahmung finden können, da hier nur relativ hohe Einheiten gehandelt werden können. Die deutschen Warenhäuser werden eS also nach wie vor den Depositen- lassen der Banken und den Animierbankiers überlassen müssen, daS Verständnis für das Börsenspiel in weitere Kreise zu tragen. Die deutsche Eisen- und Stahlausfuhr gewährt auch im Monat Mai noch ein recht beftiedigendes Bild. Sie betrügt: 1912 1918 1912 1013 Tonnen Tonnen Mark Mark Januar.. 4S31V4 499 913 81 854 000 103 048 000 Februar. 479 694 501 754 94 948 000 105 289 000 März.. 469 040 602 928 100 233 000 126 542 000 April.. 497 991 567150 93 356 000 113 294000 Mai... 486 647 550 617 91 580 000 109 862 000 Seit Jahresbeginn 1913 berechnet sich nunmehr die gesamte deutsche Eisen- und Stahlausfuhr auf 558 035 000 M. gegen 463 297 000 M. in der vorjährigen Parallelzeit, so daß also daS Mehr in fünf Monaten bereits annähernd 100 Millionen Mark beträgt._ Soziales« Schmiergelder. Heber einen typischen Bestechungsversuch verhandelte gestern daS Schöffengericht Dortmund infolge eines Strafantrags des Ver- eins gegen das Bestechungsunwesen, Sitz Berlin. Die Vertreter zweier Maschinenfabriken in Düsseldorf und Borbeck, die als Spe- zialität Bäckereimaschinen herstellen, konkurrierten um die Lieferung einer Knetmaschine an eine Bäckerei in Herne. Der Vertreter der Düsseldorfer Fabrik versuchte seinen Konkurrenten dadurch zu schlagen, daß er dem Erstgesellen de? Bäckermeisters einen Hundert- markschein als Schmiergeld anbot. DaS Gericht verurteilte den Ver- treter zu fünfzig Mark Geldstrafe oder ersatzweise zu zehn Tagen Gefängnis.— Am 20. Juni hatte die Strafkammer Köln auf An- trag des Vereins gegen das Bestechungsunwesen zwei Kaufleute wegen Bestechung zu je fünfhundert Mark Geldstrafe verurteilt. Der EiscnbahnfiSkuS als Lebensvcrnichter. Fast täglich ereignen sich schwere Unglücksfälle an Bahnüber» gängen. Der sparsame FiskuS hält eben an dem völlig veralteten System fest, daß auch Schnellzüge Strecken passieren rönnen, die nicht einmal eine Schranke haben, um das Publikum zu schützen. Der FiskuS zahlt den Hinterbliebenen seiner Opfer eine Rente, wenn er gar nicht anders kann oder läßt es auf einen langwierigen Prozeß ankommen. Unberücksichtigt bleibt die dringende For» derung nach Abhilfe durch Errichtung von Schranken für jeden Straßenübergang oder einer Unterführung des Bahndammes. Solche wichtige Aenderungen kosten eben Geld, welches ja jetzt für nötigere" Ausgaben verwendet werden muß. Der eben erschienene Bericht der Brauerei- und Mälzerei- Berufsgcnossenschaft meldet, daß an„Eisenbahnübergängen allein bei unserer Genossenschaft regelmäßig fast alle zwei bis drei Monate ein Fuhrwerk überfahren und der Birrführer und sein Mitfahrer chwer verletzt oder zumeist sogar getötet wird". Die Berufsgenossenschaft hat kein Wort des Tadels gegen den sparsamen Fiskus, sondern registriert nur und warnt die Biersuhrer., � Etwas deutlicher wird der Bericht nur später bei Punkt: Pro- zeffe. Hier werden einige Fälle wie folgt gemeldet: „In den im vorjährigen Bericht erwähnten Prozessen gegen den EisenbahnfiskuS wegen deS Unfalls deS BierfahrerS Kalka und des BierfahrerS Anton haben die Oberlandesgerichte Breslau und Königsberg zu unseren Gunsten entschieden. Während jedoch das Urteil in der Sache Anton rechtskräftig geworden ist, hat daS Reichsgericht auf Berufung des EisenbahnfiskuS das oberlandeS- ?erichtliche Urteil aufgehoben und die Sache zur nochmaligen Ver- andlung an das Oberlandesgericht Breslau verwiesen, weil dieses die örtlichen Verhältnisse nicht richtig berücksichtigt habe. Die chließliche Entscheidung steht also hier noch auS." Recht bezeichnend ist nachfolgende Schilderung: ..Vor dem Oberlandesgericht Naumburg schwebt noch unser Prozeß gegen die Eisenbahndirektion Erfurt wegen deS tödlichen Unfalls des Chauffeurs Boens, der an einem Eisenbahnübergang in der Nähe von Mühlhausen i. Thür, mit seinem Lastautomobil vom Eisenbahnzuge erfaßt und nebst dem ihn begleitenden Mit- ährer getötet wurde. Während uns unsere Aufwendungen für die Hinterbliebenen deS Mitfahrers Emmerich von der Eisenbahn- Verwaltung ersetzt worden sind, bestreitet diese ihre Ersatzpslicht hinsichtlich des Chauffeurs Boens, weil derselbe den Unfall selbst verschuldet habe. Nach den Feststellungen bei der Unfallunter- üchung, ebenso wie bei der gerichtlichen Beweisaufnahme, die von dem Prozeßgericht, dem Landgericht Erfurt, veranlaßt wurde, ist der Eisenbahnübergang nicht mit Schranken versehen und außer- ordentlich gefährlich, weil die Straße bis kurz vor dem Uebergang durch vorgebaute Häuser völlig unübersichtlich ist. Obwohl die? ogar von dem Bürgermeister des betreffenden Ortes ausdrücklich bestätigt wurde, und die Gemeinde bei der Eisenbahnverwaltung wegen der Anbringung von Schranken vorstellig geworden war, hat uns das Landgericht mit unserer Klage abgewiesen. Doch hoffen wir in der Berufungsinstanz eine günstigere Entscheidung zu erwirken." Der Eisenbahnfiskus wußte, daß diese Mängel vorhanden waren, wurde sogar von der Gemeindeverwaltung um Abhilfe er- sucht und trotzdem blieb alles beim alten. Jetzt hat die fiskalische Sparsamkeit am unrechten Orte wieder zwei Opfer gefordert, und trotzdem wird die nötige Schranke noch nicht angebracht sein, ob- schon der Zustand nach amtlichem Bericht.außerordentlich gefähr- lieh" sei. Das Landgericht, welches sich im vorliegenden Falle auf feiten des Fiskus gestellt hat, wird jedenfalls eine„prinzipielle" Ent- scheidung der höheren Stelle erst abwarten wollen. Der Bericht meldet in einem weiteren Falle: „Gegen die Eisenbahndirektion Bromberg mußte die Klage an- hängig gemacht werden wegen Ersatz unserer Aufwendungen auS dem Unfall des Bierfahrers Mich. Paluch, der nachts an einem weder mit Schranken noch durch Beleuchtung gesicherten Eisen- bahnübergang mit seinem Fuhrwerk getötet wurde. Es kommt hier wieder die für uns so wichtige Frage in Betracht, wieweit die Eisenbahnverwaltung für Anbringung solcher Sicherheitsmatzregeln an Eisenbahnübergängen verpflichtet ist. Denn gerade derartige Unfälle sind außerordentlich häusig.(Vgl. das darüber im vor- jährigen Bericht an dieser Stelle Gesagte.)" Im Sonderbericht der technischen Aussichtsbeamten der Berufs- genossenschaft werden noch zwei weitere Fälle erwähnt: „Ein Lastautomobil, welches im Begriff war, einen Eisenbahn- gang zu kreuzen, wurde von einem Eisenbahnzuge angefahren, wobei der auf dem Anhängewagen fitzende Mitfahrer getötet wurde. Hier handelt es sich wieder einmal um einen schrankenlosen Bahn- Ubergang. Ein gegen den Chauffeur eingeleitetes Strafverfahren endete mit dem Freispruch des Chauffeurs." „Eine teilweise unübersichtliche Bahnstrecke, zwischen zwei staatlichen Zechenschächten, wird von einer Chaussee gekreuzt, ohne daß an der Kreuzung Wegschranken vorhanden sind. Der Führer eines Brauerei-Motorlastzuges hatte eines Tages von seinem ver- deckten Führersitz aus, welcher von der Heeresverwaltung vorge- schrieben ist, und welcher seitlich ein Fenster hat, einen sich nähern- den Zechenlastzug, bestehend aus Lokomotive, Pack- und Sand- wagen, nicht bemerkt, da ihm außerdem die Aussicht noch durch einen Wald behindert war und das Läutewerk der Lokomotive durch daS Geräusch des Lastzuges übertönt wurde, wie später die durch die Staatsanwaltschaft vorgenommenen Versuche an der Unfall- stelle ergaben. Der Brauerei-Motorlastzug wurde infolgedessen von dem Zechenzug erfaßt, wobei sämtliche drei den Brauereilastzug begleitende Chauffeure tödlich verunglückten// Wie lange will der Fiskus noch mit Sicherheitsvorrichtungen warten? Damit ist es doch nicht getan, daß man die Schuld cm dem Unfall womöglich auf den unbesonnenen Kutscher lenkt und diesen dafür verantwortlich macht, die arme Familie ohne Hilfe läßt oder im günstigsten Falle die Hinterbliebenenrente auszahlt und dann jahrelangen Prozeß mit der Behörde um den Ersatz der Aufwen- düngen führt. Menschenleben müssen geschützt werde«, Familien- Väter ihren Kindern erhalten bleiben. Das ist mehr wert, als einige Millionen Mehrüberschnß aus dem Betriebe der„melkenden Kuh", Eisenbahnbetrieb genannt. Hier sollte das Reich eingreifen, dem nach Arttkel 4 und 43 der Verfassung das Recht und die Pflicht zusteht, die nötigen Sicherheitsmaßnahmen zu schaffen._ Einatmen von giftige» Gasen als Betriebsunfall. Der Begriff„Unfall" setzt voraus, daß das schädigende Ereig- niS plötzlich, das heißt in einem verhältnißmätzig kurzen Zeitraum eingetreten ist. Ein Versicherter war nun während einer drei- stündigen Arbeitsschicht in einem alten Sielschachte üblen Aus- dünftungen ausgesetzt, die sich au« dem alten durchtränkten Mauer- werk und Erdreich entwickelten. Diese Einatmung der Gase führte zu einer Lähmung de» Herzens und hatte nach 4 Tage» den Tod zur Folge. Das Reichsversicherungsamt nahm einen Betriebsunfall als vorliegend an. In der Entscheidung heißt es: „Die Dünste oder Sielgase enthalten Teile giftigen Schwefel- Wasserstoffes und führen öfter zu Erkrankungen der Sielarbeiter; sie haben auch bei dem Maurer P., der bisher keine Sielarbeit ver- richtet hatte, schon in der ersten Arbeitsschicht blasses Aussehen, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, Durchfall, Reizung zum Schweißaus- bruch hervorgerufen und haben bei der schon bestehenden Vergrößc- rung und Verfettung des Herzen» ungünstiger als es sonst bei völlig gesunden Menschen geschieht, eingewirkt. Hiernach ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß P. während seiner ersten dreistündigen Arbeitsschicht— und eine solche ist ein dem Erfordernisse der Plötzlichkeit noch genügender. Verhältnis- mäßig kurzer Zeitraum— die schädlichen Sielgase eingeatmet und diese Einatmung zu einer Lähmung des Herzens and zum Tode geführt hat. Bei solcher Sachlage ist aber die Annahme eines ur- sächlichen Zusammenhangs zwischen dem Tode und dem Einatmen der Gase infolge der Betriebstättgkeit gerechtfertigt." Geschlechtskrankheiten und BevölkerungSprobleu». Die deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrank. Helten hielt am Sonnabend in Berlin ihr« Jahresversammlung ab. Ueber das erste Thema der Tagesordnung„Gcschlccbtskrank- heilen und Bcvölkerungsprvblcm" führte Dr. Julian Marcus« (München) aus, daß die neuzeitlich« Entwicklung des Wirtscbafts- und Gesellschaftslebens entsprechend der Wertung des Einzclindi- viduums eine relattve Autonomie hat erstehen lassen, die ihren Aus- druck nicht nur in der Stellung des modernen Menschen in Gesetz- gebung, Recht und Sitte findet, sondern auch vor allem in der Um- Wertung innerer Ziel- und Strcberichtungen im Sinne einer Per- sönlichkeits- und damit Wollen und Handeln bestimmenden Kultur zu erblicken ist. Charakterisiert ist das Dasein derVölw: der Ge- genwart durch die Ansammlung der Menschen in rasch wachsende» Gemeinwesen und durch die Bindung und Kniipfuug des Einzelnen an den Begriff der Arbeit, beide Erscheinungen herbeigeführt durch die wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen der letzten Jahr- zehnte. Damit und die Denk, und Lcbensgewohnheiten der Bevöl- kerung von grundaus umgeformt worden, ihr charakteristisches Haupdnerkwal.M die Einsetzung der vollen Persönlichkeit behus» Behauptung wirtschaftlicher Position und weiterhin das Streben nach sozialer Geltung und Anerkennung. Mit diesen beiden ökono- mischen Erwägungen""d Denkvorgängen ist die Sorge für Auf- ziehung, Zukunft und Wohlergehen der Nachkommenschaft aufs Engste verknüpft. D,e hinzutretenden objektiven Schwierigkeiten der Lebensführung und DaseinSverhälttvisse lösen den Gedanken der Selbsthilfe auS und führen allmählich zur bewußten Klein- Haltung der Familiiu Je mehr Schichten der Gesellschaft mit ihrem ganzen Wohl und Wehe in das moderne Erwerbsleben einbezogen werden und nicht nur dessen Vorteile, sondern auch dessen Nachteile am eigenen Körper zu spüren beginn»», desto weitere Kreise werden aus ihrem alten Denken aufgerüttelt und rationalistischen Erwa« gungen anheimgegeben. Auf diese Weise erklärt sich die konstante Erscheinung der mehr und mehr sinkenden G-burtszifftr der Kul- turvölker. Neben dieser gewollten und durch die verändert« Stellung de» Individuums, insbesondere der Frau innerhalb der Gesellschaft bedingten Beschränkung der Geburtenzahl spielen im Lebensprozeß der Rasse als Ausjätemomente Kindersterblichkeit und Geschlechts» krankheiten eine bedeutende Rolle. Die erstere im Sinn einer Aus- schaltung von bereits zur Entwickelung gelangten organischen Lebe- Wesen, die letzteren im Sinn einer Fruchtbarkeit unk» Keimbildung zerstörenden Wirkung. Wähvend nun zwischen Ruckgang der ehe- lichen Fruchtbarkeit und Säuglingssterblichkeit innere Zusammen- hänge derart bestehen, daß der erstere auf die Sterblichkeitsqnot« einen bestimmenden Einfluß und zwar in der Richtung erhöhter Lebenserhaltung der Säuglinge aufweist, besteht die verhängnisvolle Wirkung der Geschlechtskrankheiten ohne irgendwelchen rvffedien. licheu Ausgleich fort. Ihre Bekämpfung gehört daher zu den wich- tigsten Aufgaben der Rassenhpgiene wie der Erhaltung des Jndi- diduums. Die Prophylaxe der Sexualscuchen ist undurchführbar ohne die Verwendung von Schutzmitteln, deren Eliminierung ganz abgesehen von der dadurch herbeigeführten Erhöhung der Jnfek- tionsgefahr nur zur weiteren Verbreitung von Gesundheit und Leben bedrohenden Praktiken führen würde. Selbst die im Gebrauch von Schutzmitteln liegende Konzeptionsbeschränkung kann an ihrer Bedeutsamkeit im Kampf gegen die Geschlechtskranhcitcn keine der- änderte Auffassung herbeiführen. Der Antagonismus zwischen Qualität und Quantität der Geburten, wie er sich als Ausdruck bisheriger und teilweise noch heute wirksamer Bevölkerungsvor- gängen manifestiert, scheint nach neuerer Erkenntnis durch die mehr und mehr fortschreitende zielbewußte Beherrschung des generativen Automatismus einen Ausgleich zu erfahren und zwar dadurch, daß für die EntWickelung nicht nur die Erhaltung der Art, sondern auch die besondere Art der Anpassung an das Milieu als gteichwirkende Komponente in die Erscheinung tritt. Von diesen Gesichtspunkten ausgehend ist die Verminderung der Geburtenziffer, soweit sie nicht sozialpato logischen Ursprungs ist, weder als Degenerationszeichen noch als Rassenselbstmord anzusehen. Als zweiter Redner betonte Professor Blaschko- Berlin gleich- falls, daß die Geschlechtskrankheiten unter den Ursachen der sin- kenden Geburtenziffer ein nicht zu unterschätzender Faktor sind. Da die Geschlechtskrankheiten in den Städten bei weitem verbreiteter sind, als auf dem Lande, da innerhalb der Städte ihre Verbreitung mit der Größe der Einwohnerzahl proportional zunimmt und da in Deutschland die Städte, insbesondere die Großstädte, sich noch stark vermehren, so ist der Einfluß der Geschlechtskrankheiten auf die Abnahme der Geburtenfrequenz im steigenden Wachstum be- griffen. Alle sozialen und hygienischen Reformen, die zu einer Eindämmung der Geschlechtskrankheiten führen, sind daher auch ein wirksames Mittel zur Hebung der Bevölkerungsziffer. Die Be- strebungen aber, die darin zielen, den Vertrieb der Schutzmittel gegen die Geschlechtskrankheiten zu erschweren, weil diese auch als antikonzeptionelle Mittel Verwendung finden, sind aussichtslos, da eS neben diesen Mitteln noch zahlreiche andere Mittel und Wege zur Konzeptionsverhütung gibt, die auf gesetzlichem Wege über- Haupt nicht unterdrückt werden können. Die Tendenz zur Klein- Haltung der Familien ist cm sich nicht ohne weiteres zu verurteilen, da sie der mit. der Ueberproduktion von Menschen einhergehenden Vergeudung von Menschemnatcrial entgegenarbeitet, eine Höher- Wertung des Einzellebens, eine bessere Aufzucht des Nachwuchses und eine bessere Lebenshaltung der Gesamtheit zur Folge hat. Das Streben nach Kleinhaltung der Familie wird aber künstlich gc Samten Lebensführung nach sich zieht und den einsichtsvolleren Teil tex städtischen Bevölkerung zu einer unter diesen Verhältnissen be- greiflichen Beschränkung der Kinderzahl veranlaßt. Einer Ucber- treibung und künstlichen Steigerung dieses StrebenS, das in natio- naler und rassehygienischer Beziehung schädlich werden könnte, kann daher auch nur gesteuert werden durch wirtschaftliche und soziale Maßnahmen, die der Massenabwcmdcrung vom Lande in die Städte entgegenarbeiten und für die städtische Bevölkerung gesunde Lebens- bedingungen, geeignet zur Erzeugung und Aufzucht eines tüchtigen Rachwuchses ermöglichen. Sericbts- Leitung. Eine«unbedingt nötige" Sistierung. Während der Jugcndversammlung, die am 28. Februar in der Koppenstraße(bei Keller) stattfand, mußten wegen Ueberfüllung des Lokals zahlreiche Besucher vor dem geschlossenen Saal um- kehren. Mehrere junge Leute, die auf dem Bürgersteig noch einige Zeit beisammenstanden, wurden von einem Schutzwann aufgefordert, weiterzugehen. Als sie an anderer Stelle wieder stehen blieben und dann zurückkehrten, um ein benachbartes Bier- lokal aufzusuchen, griff der Schutzmann sich den vorangehenden Lehrling Lawrenz heraus. In dem auf 6 Mk. lautenden Straf- mandat, das bald kam. wurde L. beschuldigt, der Aufforderung deS Beamten.nicht unbedingt Folge geleistet" und übrigens auch„in berkehrshindernder Weise" auf der Granitbahn gestanden zu haben. Gestern hatte das Jugendgericht Berlin-Mitte(unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats Roedcr) zu prüfen, Wiebiel von diesen Beschuldigungen zutraf. Der Angeklagte gab selber zu, daß er auf der Granitbahn gestanden habe, doch sei er dann auf Auf- forderung weitergegangen. Zeuge Schutzmann Hüttig bekundete, L. sei zwar mit den anderen weitergegangen, aber immer wieder stehen geblieben, so daß er ihn persönlich viermal nacheinander aufgefordert habe. Drei Begleiter von L. erklärten, das sei un- richtig, ja unmöglich, Hütfig habe nur einmal oder(wie ein Zeuge sagte) höchstens ztveimal aufgefordert. Einer dieser Zeugen gab an, der Schutzmann habe L. ins Genick gestoßen, ein anderer sagte, es sei eine Ohrfeige gewesen, und auch ein älterer Mann, der zufällig die Sistierung mitangesehen hatte, bestätigte, daß der Schutzmann dem L.„eine gewinkt" habe. Hüttig bestritt das und versicherte, L. nur am Kragen gefaßt zu haben, worauf dieser Zeuge das Anfassen vormachte und hinzufügte:„Ich meine, das ist ein Schlagen, wenn ich einen Menschen so anfasse." Als der junge Mensch noch abgeführt worden fei, habe er, der Zeuge, mit Bezug auf jenen Schlag bemerkt:„Na, eine Strafe genügt doch." Der Bmtsanwalt hielt L. für überführt und beantragte 6 Mk. Geldstrafe. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Kurt Rosenfeld, forderte Freisprechung. Nach des Schutzmanns eigener Darstellung sei Lawrenz weitergegangen, und die schließliche Sistierung auf dem Wege zum Restaurant beruhe offenbar nur auf einem Mißver- ständnis. Für das Verweilen auf der Granitbahn fehle der Nach- weis einer Verkehrsbehinderung, deren Strafbarkeit dem L. nicht bekannt gewesen sei. Das Gericht kam bezüglich der angeblichen Nichtbefolgung zu einer Freisprechung, weil hier eine irrige Annahme des Schutz- manns vorliege. Wegen der„Berkehrsbrhinderung" wurde L. zu einem Verweis verurteilt. Ei«„Hurra!" für die Polizei. Am 7. März fand in„Kellers FestsÄen"(Koppenstraße) eine Jugendversammlung statt, in der gegen das Verhalten der Polizei bei den Jugendversammlungen vom 28. Februar protestiert wurde. Hunderte von Personen, die in das überfüllte Lokal nicht mehr eingelassen werden konnten, bewegten sich in den benachbarten Straßen auf und ab. Als die Polizei plötzlich den Weg versperrte, erhob sich ein allgemeines„Hurra!" Ein Lehrling Rimmcrgut wurde aus den Letzten herausgegriffen und erhielt ein Straf- mandat von 5 M. wegen Beteiligung an einem Auflauf, bei dem er gesungen und„Hurra!" geschrien habe. Vor dem Jugendgericht Berlin-Mitte(unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats Roeder) hatte er sich gestern als Angeklagter zu verantworten. Er gab zu, einmal „Hurra!" mitgerufen zu haben. Die Schutzleute Gehrkc und Liebschwager bekundeten, daß N. wenigstens den Hut mehrere Male geschwenkt habe. Der Amtsanwalt sah in dem Verhalten N.s eine gröbliche Ordnungsstörung, die nach ihrer Gesinnung als ungebührlich zu bezeichnen sei. Das„Hurra!" sei Hohn gewesen, Polizeiverhöhnung aber sei Ungebühr. N. sei wohl einer Massen- suggestion unterlegen, er müsse aber bestraft werden. Mit 5 M. solle er dafür büßen. Der Verteidiger Rechtsanwalt Kurt Rosen- frld forderte Freisprechung, weil jenes„Hurra!" kein grober Unfug sei. Ein„Hurra!" in der Koppenstratze könne nicht anders be- wertet werden als ein„Hurra!" in der Straße Unter den Linden, und als„beunruhigend" werde die Bevölkerung von Berlin-Ost jenes„Hurra!" gewiß nicht empfunden haben. Um die Unter- scheidung zwischen Koppenstraße und„Linden"-Gegend entspann sich dann noch eine gereizte Auseinandersetzung zwischen Amts- anwalt und Verteidiger. Der Amtsanwalt stellte der Huldigung für den Kaiser die Verhöhnung der Polizei gegenüber, der Ber- teidiger aber forderte, daß das„Hurra!" als Ausdruck einer durch das Verhalten der Polizei hervorgerufenen Stimmung ebenso be- handelt werde wie das„Hurra!" als Ausdruck der Begeisterung für den Kaiser. Gegen die Aeußerung, daß hier dem Gericht zweierlei Rechtsprechung zugemutet werde, wehrte sich der Amts- anwalt erregt. DaS Gericht war der Meinung, daß jenes der Polizei ausgebrachte„Hurra!" eine Anulkung gewesen sei, die einen groben Un- fug bedeute. Weil N. aber aus bloßem Uebermut sich beteiligt habe, könne ein Verweis genügein Generalstreik Aufforderung zum Ungehorsam? Wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze stand gestern der Redakteur des Syndikalistenblattes„Der Pionier", Johannes Leskien, vor der 4. Strafkammer des Landgerichts!. Es handelte sich um einen in dem Blatte erschienenen Artikel unter der Ueberschrist„Die Gesetzmäßigkeit des Gewerkschafis- kampfes", in welchem der Generalstreik empfohlen worden sein soll, Der Angeklagte wurde zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Wucher. Aus der„Welt, in der man sich nicht langweilt", rekrutierte sich die Zeugenschaft, die fast eine ganze Woche hindurch vor der zehnten Strafkammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Land- gerichtsrats Dr. Günther zu erscheinen hatte. Es befanden sich darunter höchst schneidige Damen en grancle toilette, sogenannte „Schauspielerinnen" mit recht kleinen Gagen und recht großen Be- zügen von gut situierten Verehrern, die teilweise Reitpferde im Tattersal zu stehen hatten und über sieben- bis achtzimmerigc Wohnungen und mehrköpfiges Dienstpersonal verfügten, aber trotz- dem mehr wie einmal in die Lage kamen, zum Geldverleiher zu gehen, um sich neue„standesgemäße" Garderobe, Schmucksachen und dergl. zulegen zu können. Ans der Anklagebank sahen eine Frau Emilie Schmidt und deren um viele Jahre jüngerer Ehe- mann, der die Gattin inzwischen verlassen hat. Das Ehepaar stammt aus Pforzheim, wo er einen Juwelenhandel betrieb. Vor einigen Jahren ist er nach Berlin übergesiedelt. Hier hat die Ehefrau in erster Reihe eine Tätigkeit entwickelt, die die Anklage wegen Wuchers gegen 27 Personen, versuchten Betruges, Betruges und Unterschlagung gezeitigt Hai. Während der mehrtägigen Per- Handlung bekam man einen Einblick in das seltsame Treiben„dieser Damen", deren Verschwendungssucht keine Grenzen kennt. Die angeklagte Ehefrau spielte gewissermaßen den Bankier für die Damen, die, zumeist aus ganz kleinen häuslichen Verhältnissen stammend, durch die Gunst gut situierter Lebemänner in eine äußerlich strahlende Situation hinaufgeklettert waren. Wenn diese Damen zu Mutter Schmidt gingen, wenn sie klamm an Geld- Mitteln waren, so erhielten sie nicht ohne weiteres die verlangte Barsumme, sondern sie mußten Juwelen mit annehmen, die ihnen zu einem weit höheren Preise angerechnet wurden als sie wert waren. Auf die Darlehen wurden horrende Zinsen berechnet, die gleich„aufgeknallt" wurden, die Summen wurden stets nach oben abgerundet und über das Ganze mußten Wechsel ausgestellt, daneben im Notfalle mich die Wohnungseinrichtung usw. der- pfändet werden. In den meisten Fällen kam ein Zinssatz von 100 Proz., in vielen aber von 200 und 240 Protz., in zwei Fällen sogar von S00 Proz. heraus. Es wurde die Rotlage und der Leichtsinn der betreffenden Personen ausgebeutet. Das Gericht kam aus formellen Gründen zur Freisprechung deS Ehemannes und verurteilte die Ehefrau wegen Wuchers zu acht Monaten Gefängnis, 300 M. Geldstrafe und 3 Jahren Ehr- Verlust. Die Angeklagte wurde aus der Haft entlassen. Als straf- mildernd kam in Betracht, daß der Ehemann die Frau mit sieben Kindern hatte sitzen lassen, die sie über Wasser zu halten sich bemühte._ Der„Kontraktbruch? deS Tenors. Die Privatklage des Operettentenoirs Epielmaun gegen den Theaterdirrktor Palfi kam gestern in zweiter Instanz vor der S. Strafkammer unter Vorsitz des Londgerichtsdirektors Dr. Schwartze zur Verhandlung. Die Privatklage richtete sich, wie erinnerlich, gegen eine vom Direktor Palfi erlassene öffentliche Erklärung, daß Spielmann kontraktbrüchig geworden sei, weil er sich geweigert habe, in der Premiere des„Fürstenkindes" im Theater Grotz-Berlin aufzutreten. Es hieß in dieser Erklärung weiter, Spielmann habe Primadonnalaunen gezeigt usw. Das Schöffengericht hatte Direktor Palfi zu 1000 M. Geldstrafe vcr- urteilt. In der Berufungsinstanz kam es nach längeren Be- mühungen des Vorsitzenden zu folgendem Vergleich:„Direktor Palfi erklärt, daß er bei Abfassung der inkriminierten Artikel zwar die Auffassung gehabt habe, daß der Privatlläger kontraktbrüchig gewesen sei, daß er diese Ansicht aber jetzt nicht mehr aufrecht cr- aalte, vielmehr auf Grund der Sachverständigengutachten die Ueberzeugung gewonnen habe, daß der Privatklägcr keinen Kon- traktbruch begangen habe. Direktor Palfi nimmt den Vorwurf des Kontraktbruchs und den gesamten Inhalt der Artikel mit Be- dauern zurück. Die außergerichtlichen Kosten werden gegenein- ander aufgehoben, die gerichtlichen übernimmt der Privatbeklagte." IiiInMer(üettmcli FOntMlde-M Oller 70 km am 15. Juni wurde von Gcirfoai Quciliicii gewonnen Sieger Ernst Albrecht auf Continental-Absätzen 2 ter Martin Ruppert auf Continenial-Absätzen 3„ Emil Adam auf Continental-Absätzen 4„ Paul Mahr auf Continental-Absätzen 5„ Paul Hempel auf Continental-Absätzen 6„ Hermann Müller auf Continental-Absätzen 7„ Ludwig Molte auf Continental-Absätzen 8„ Hans Heuer auf Continental-Absätzen Wieder der beste Beweis, dass COntinentol-JUe s erhöhte Gehleistung A, hAeifypn slastisoh weioher Gang Vorzüge besitze| Schonung von Körper u. Nerven. — Für kluge Leute— Verlangen Sie bei Ihrem Schuhmacher ausdrücklich„Continental". Es gibt Nachahmungen. Tausendfach bewährte Nahrung bei: Brechdurchfall, KlrnJemahrang Diarrhöe, -Krankenkost vsrmksfarrh. etc. ist der schönste Ausflugsort? � Immer noch Pichelswerder, �Heerstraße" beim Altttt Fpettttd. 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M»w.ch.25 Z-ÄISIO. Nolk im SchsfzKIeid. Lon Zeit zu Zeit gefällt sich die bürgerliche Presie darin, über oen Niedergang oder den Rückgang der Sozialdemokratie zu fabu-- lieren. Seit der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemo- kratie die bürgerliche Presse mit Stoff versorgt, erscheinen, regel- mäßig wiederkehrend, wie das Mädchen aus der Fremde, Artikel iuld Notizen, in denen den gläubigen Lesern das Märchen vom Rückgang der Sozialdemokratie aufgetischt wird. Dabei gedeiht unsere Partei auf das Trefflichste. Sie verstärkt fortgesetzt ihren Einfluß auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und veranlaßt die herrschende Klaffe, von der Regierung— ihrer Sachwalterin— energischere Schritte gegen die„sozialdemokratische Gefahr' zu verlangen. Auch gegenwärtig wird in der bürgerlichen Presse viel Tinte verspritzt über den Rückgang der Sozialdemokratie. Den Anlaß dazu bietet der Umstand, daß nach Berichten verschiedener Organisationsleitungen in einer Reihe von Parteiorten die Zahl der organisierten Parteimitglieder und auch die Zahl der Leser der Parteipresse eine Abnahme erfahren hat. Wer die sozialdemokratische Bewegung kennt, weiß, daß immer ein Auf und Ab zu verzeichnen ist; nur mit dem Unterschiede, daß dieses Auf und Ab einmal größer, ein andermal kleiner war, daß eS aber im großen und ganzen immer frisch und munter vor- w ä r t s ging. Dieses Auf und Nieder tritt besonders vor und nach größeren Aktionen, besonders bei Wahlbewegungen, in die Er- scheinung und wird gesteigert, wenn eine größere Wirtschaftskrise an- hebt. In einer solchen Situation befinden wir uns jetzt. Gerade weil die Anhänger der Sozialdemokratie von einer Krise am schwersten getroffen werden, äußert sich bei ihnen auch am schwersten die Folge der Krise, die in größerer Arbeitslosigkeit, verbunden mit Not und Entbehrung, zum Ausdruck kommt. Die bürgerlicher Presse gibt sich einer Selbsttäuschung hin, wenn sie eine zeitweilige Abnahme von organisierten Parteigenossen und Lesern der Parteipresse ohne weiteres gleichstellt mit einem Rückgang der Sozialdemokratie überhaupt. Ob außer den oben an- geführten Ursachen noch innere Gründe, die kürzlich in der Groß- Berliner Generalversammlung von Rednern in einer Selbstkritik be- rührt wurden, einen erheblichen Einfluß hierbei ausüben, ist mehr sekundärer Art. Bezeichnend ist aber, wie ein Blatt, wie die„Volkszeitung', die sich heute noch ein demokratisches Mäntelchen umzuhängen sucht, sich mit dieser Erscheinung abzufinden sucht. Sie nimmt die Manieren des Reichsverbandes an und redet von einer Art.TerroriZmuZ', die unsere Partei treibe. In einem Leitartikel betitelt:„Rückgang der Sozialdemokratie' faselt die„Volkszeitung': „Wie sieht es heute nnt vielen Mitgliedern der sozialdemo- kratischen Partei aus? Wie kommen viele von ihnen in den Wahlverein? Die Kollegen in der Werkstatt erkläre» dem Ar- beitsgenossen einfach, wenn er Wert darauf lege, als anständiger Arbeiter betrachtet und behandelt zu werden, müsse er sich dem Wahlverein anschließen und den.Vorwärts' abonnieren. Da hilft kein Widerstreben, der Bien muß. Bei der Pressung zum Parteimitglied braucht gar kein.Terrorismus' im schlimmsten Sinne des Wortes ausgeübt zu werden. Schon die gesellschaftliche Aechtung der Kollegen, mit denen man täglich zusammen arbeitet, können nur ganz rück- gratfeste Männer ertragen. Der Wahlverein hat ein neues Mitglied, aber zugleich auch einen inneren Feind. Bei solchen Zwangsmitgliedern kann natür- lich von Opferfreudigkeit keine Rede sein. Zudem find ihre Zwangsbeiträge schon so hoch, daß sie schwer genug daran zu knabbern haben. Die Knebelung der Gesinnungsfreiheit jedoch, der sie in vielen Werkstätten wehrlos ausgesetzt sind, macht sie zu stillen, aber um so erbitterteren Feinden der Partei. Wenn dann die Versuchung an sie herantritt, durch den Beitritt zu„gelben" Werkvereinen wirtschaftliche Vorteile zu erreichen, so sind sie— dadurch erklärt sich zum großen Teil das rapide Anwachsen dieser unerfreulichen Gebilde— nur zu schnell dabei, auch wenn sie ihrer ganzen Gesinnung nach den koalitions- feindlichen Bestrebungen dieser Werkzeuge des Unternehmertums abgeneigt sind. Bietet sich ihnen doch hier eine Gelegenheit, dem viel schlimmeren Gewissenszwang der sozialdemokratischen Vertrauensmänner in der Werkstatt zu entfliehen. So untergraben die Z w a n g s m i t g l i e d e r den inneren Bestand der sozial- demokratischen Organisation, und so besorgen die Parteifanatiker mit ihrer terroristffchen Agitationsmethode die Geschäfte der Feinde der Arbeiterschaft. Unabhängige Zeitungen aber, die diesen Sach- verhalt gerade aus ihrer ehrlichen Arbeiterfreundlichkeit heraus offen schildern, werden von der sozialdemokratischen Parteipresse. die hier lediglich für ihren eigenen gefährdeten Abonnentenstand schreibt, als„arbeiterfeindlich' gebrandmarkt!' Soweit die demokratische„Volks-Zeitung", ganz im Stile der Scharfmacher. Sie beweist damit, daß ihr nicht nur jedes Verständnis für die sozialdemokratische Bewegung abgeht, sondern daß sie auch unsere Bewegung mit einem Haß verfolgt, wie er nicht schärfer in den Unternehmerblättern, der„Post', den „Neuesten Nachrichten' und der„Rheinisch Westfälischen Zeitung" zum Ausdruck kommt.' Weil unsere Genossen von ihrem Recht Gebrauch machen, ihre eigenen Kollegen auf ihre Klassenlage auf- mertsam zu machen, ihnen die Pflicht nahelegen, sich in Reih und Glied niit ihren Klassengenossen zu stellen im Kampfe gegen das Ausbeutertuin, deshalb treiben sie„Terroris- niuS", deshalb üben sie einen„Zwang auf ihre Arbeitskollegeu" aus! Eine solche Ansicht kann nur jemand vertreten, der da meint, Unternehmer und Regierung hätten dauernd Anspruch, brave, ge- fügige Arbeitersklaven zu haben. Und dann das Gerede von den Zwangsbeiträgen! Ganz im Sinne der urreaktionären preußischen Minister Dallwitz und Lentze! Arbeiterfeindlicher kann kein Blatt schreiben, wie daS die .Volkszeitung' hier wieder einmal gezeigt hat. Klassenbewußte Arbeiter wissen, was sie von dem Geschreibsel der.Volkszeitung' zu halten haben, die im Sinne des Reichsverbandes, unter Um- hängung eines demokratischen Mäntelchens vorgibt, Arbeiterinteressen zu vertreten. Ein Wolf im Schafskleid! Oartei- Btogelegenkeiten. 6. Wahlkreis. Zu dem Konzert des Philharmonischen Orchesters am f*- Juni in der Vrauerei Königstadt sind noch Billetts zu haben im Bureau des Wahlvereins, Gerichtstr. 71. . Neukölln. Den jungen Genossen und Genossinnen zur Kennt- nlsiiahiux, daß heute bei Bartsch, Hermannstr. 19 1, die Versamm- rung der Jugendsektion stattfindet. Der Beginn ist auf 8 U h r NMge,etzt. damit es einer Anzahl Funktionare möglich ist, an einer anderen Veranstaltung teilzunehmen. Auf der Tagesordnung sieht: i. Vortrag des Redakteurs y.?':0 b über;..Hohenzollerngeschichte". 2. Diskussion. 3. Ver- Angesichts des wichtigen und zeitgemäßen Themas wird um rege Agitation unter den jungen Arbeitern und Arbeiterinnen Neuköllns ersucht. Stralau. Am Donnerstag, den 26. Juni, abends 8 Uhr, im Lokal Steinicke, Alt-Stralau Nr. 5: Generalversammlung. 1. Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Bericht der Funktionäre. S. Diskussion. 4. Neuwahlen. 5. Anträge. 6. Verschiedenes. Köpenick. Heute, den 25., abends 8% Uhr, Wahlvereinsversammlung im Stadttheater(kleiner Saal). � Zossen. Am Donnerstag, den 26. d. M., im Lokal Scherler: Wahlvereinsversammlung. Tagesordnung: Aufnahme neuer Mit- glieder, Bericht von der Kreis- und Generalversammlung von Groß-Berlin, Vortrag/ Königs-Wusterhauscn. Am Donnerstag, den 26. Juni, abends 8 Uhr im Lokale des Genossen Wilh. Kodanek: Außerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins. Auf der Tagesordnung steht unter anderem ein Vortrag des Genossen Max Groger über das Thema:„Was nun?' sowie einzelne Ersatzwahlen der Funk- tionäre und Stellungnahme zum Sommerfest. Lerlmer Nachrichten. Ter städtische Schulgarten. Hinter Nieder-Schönhausen-Nordend an der Straße nach Blankenfelde fällt kurz vor dem Gelände der Ferienspielplätze ein Grundstück auf, das dicht hinter dem Zaun mächtige Spaliere und Gestänge zeigt. Das ist der neue städtische Schulgarten. Noch ist er nicht ganz fertig, nicht in vollem Maße lieferungsfähig für die Großberliner Schulkinderarmee. Einstweilen wird auch der alte, im Humboldthain an der Gustav-Meyer-Alleebelegene städtische Schulgarten herangezogen, dessen Fläche dem Gesamtbedarf längst nicht mehr genügte. Zudem wird hier der Pflanzenbestand durch den benachbarten Betrieb der Allgemeinen Elektrizitäts- Gesellschaft geschädigt. Kleinere Schulgärten an verschiedenen anderen Stellen reichten auch nicht aus und erwiesen sich als unzweckmäßig, so daß die städtischen Körperschaften sich zu der großzügigen Blanken- seider Anlage entschloffen. Die Bedeutung eines solchen Schulgartens ist noch viel zu wenig bekannt. In erster Reihe steht der Lehrzweck, in zweiter der Schauzweck. Es werden also in gräßerer Menge vorzugsweise heimische Pflanzen an- gezüchtet und das ganze Jahr hindurch, im Sommer natürlich vermehrt, an sämtliche städtische Schulen, durch besondere Verträge auch an andere Schulen, für den botanischen Unterricht geliefert. Diese Massen- lieferung, in 250 Arten schon mehr als eine halbe Million Pflanzenexemplare jährlich, will für rund 250 000 Volksschulkinder und für etwa 50 000 Schüler und Schülerinnen anderer Lehranstalten etwas heißen, zumal die Lehrpflanzen in mög- lichst frischem Zustande in den Schulen eintreffen sollen. Man sieht also schon hieran klar den Unterschied von dem Dahlemer Botanischen Garten, der seiner Bestimmung entsprechend vorzugsweise ausländische Pflanzen aufweist und neben seinem öffentlichen Charakter dem reinen Anschauungs- Unterricht für Schüler, Studierende und Laien, überhaupt für jeden Interessenten und Naturfreund, dient. Zwar wird der Blankenfelder Garten, wie das schon seit Jahren bei dem Schulgarten im Humboldthain der Fall ist, auch zur freien, unentgeltlichen Besichtigung später zugänglich sein, aber nur auf besondere Anmeldung. Ganze Schulklassen wandern mit ihren Lehrern schon jetzt hinaus, um an dem zu lernen, was nicht gut nach der Schule geliefert werden kann. Der überragende Vorteil gegen alle bisherigen städtischen Schulgärten besteht in der mehr der Naturwirklichkeit angepaßten Art der Anlage. Was in den Garten gehört, erscheint auch hier als Garten. Besonders interessant-ist ein„Bauern- garten", in dem das Angenehme mit dem Nützlichen der- Kunden ist, die Rose und die Nelke dicht bei dem Gemüse, bei Kohlköpfen, Kartoffeln und Obst steht. Das erinnert lebhaft an unsere Laubenkolonien. Wasserliebende Pflanzen sind an Rieselgräben und an einem Karpfenteich vereinigt. Die mär- kische Heide mit Erika ist ebenso vertreten wie ein Stück Land- Wirtschaft und ein märkischer Miniaturwald mit allem, was im Walde gedeiht, vom' Brombeerstrauch, Wacholder und Waldmeister bis zur Tanne, Buche und Birke. Von besonders praktischem Werte werden auch die noch nicht ganz fertigen Gift- Pflanzenbeete sein. Ein Vivarium mit lebenden Tieren (Schlangen, Eidechsen, Fröschen usw.) soll noch kommen, ferner eine morphologisch- biologische Abteilung, die veranschaulicht, welcher Umbildung lebende Pflanzen fähig sind. Der Magistrat hat endlich in weiser Vorsorge auch an sich selbst gedacht. Der Schmuck der Jnnenräume des Rathauses fiir alle möglichen, oft recht überflüssigen Empfangs- und Festgelegenheiten ist modern geworden. Erwürbe, wollte man die Blumen kaufen, ein Heidengeld verschlingen. Vorläufig erreichten allerdings die in den Gewächshäusern am Humboldthain an der Gustav- Meyer-Allee untergebrachten Blumen und Gewächse diesen Zweck. Große Besitzerwerbungen der Stadt Berlin. Wie wir hören, beabsichtigt die Stadt Berlin ihren Besitz an Grund und Boden in großem Umfange zu erweitern. Die Stadt Berlin hat bereits im Jahre 1909 größere Wald- und Landflächen bei Schönwalde-Chorin erworben. Während damals etwa 1000 Hektar erworben wurden, soll die jetzt geplante Besitzerweiterung etwa 4480 Hektar umfassen. Als solche ist die Erwerbung der Herrschaft Lanke in Aussicht genommen. Die Herrschaft Lanke liegt in den Kreisen Nieder- und Oberbarnim und gehört zum Familien- fideikommiß des Grafen Redern. Die Besitzung hat eine Größe von etwa 4480 Hektar, von denen etwa drei Viertel Waldboden, der Rest Ackerland umfaßt. Zu Lanke gehören u. a. der Liepnitzsee mit der Insel Großer Werder, der Obersee, die Krumme Lanke, der Hellsee, jene bekannten Ausflugspunkte, die zu den schönsten Teilen der Mark zählen. Bon Berlin, Stettiner Bahnhof, erreicht man Lanke entweder über Bernau, Biesenthal oder über Reinickendorf-Rosenthal-Wandlitz. Ein erheblicher Teil der Besitzung ist zurzeit an den Geheimen Kommerzienrat v. Friedländcr-Fould verpachtet, der auch ein Vorkaufsrecht beansprucht Dem Vernehmen nach sind jedoch Vereinbarungen zwischen den Beteiligten gesichert, auf Grund deren Herr v. Friedländer-Fould sich bereit erklärt Hai, sein Vorkaufsrecht nicht auszuüben. Der Magistrat tut gut daran, rechtzeitig an eine Besitzerweiterung zu denken. Zur Erfüllung der der Stadt obliegenden Aufgaben er- weist sich die Ausdehnung städtischen Geländes als eine dringende Notwendigkeit. Das ist, abgesehen von allen anderen Aufgaben, um so mehr notwendig, als der FiSkuS drauf und dran ist, den Groß- Berliner Gemeinden für teures Geld unter unglaublich harten Be- dingungen fiskalischen Wald aufzuhängen, um sich femer eigenen sozialen Verpflichtungen zu entziehen. Sorgt die Gemeinde durch Besitzerweiterung zugleich für Erholungsmöglichkeit ihrer Einwohner, so kann sie um so leichter die ungeheuerlichen Forderungen deS Fiskus die Stirn bieten. Die Stadt braucht dann weniger Geld dem Fiskus hinzuwerfen und ist„Herrin im eigenen Hause'. Umzugstermin k Nach dem Gesetz vom 30. Juni 1834 und der Bekannt- machung vom 26. März 1870 sind bei den bevorstehenden Umzugsterminen zu räumen: 1. Kleine, aus höchstens zwei Zimmern und Zubehör bestehende Wohnungen, am 1. Juli d. I. 2. Mittlere, aus drei oder bier Zimmern nebst Zu- behör bestehende Wohnungen bis zum 2. Juli d. I., mittags 12 Uhr. 3. Große, mehr als vier Wohnzimmer umfassende Wohnungen, bis zum 3. Juli d. I., mittags 12 U h r. Die Inhaber von Wohnungen, die aus drei Wohn- zimmern und Zubehör bestehen, müssen jedoch c i n Wohn- zimmcr, und die Mieter von Wohnungen nnt mehr als drei Wohnzimmern mit Zubehör zwei Wohnzimmer schon am- 1. Juli d. I.— vollständig geräumt— dem künftigen Wohnungsinhaber zur Verfügung stellen. Diese Bestimmungen beziehen sich nicht auf die Räumung von Geschäftslokalen. Deren Räumung richtet sich nach den Bestimmungen des Mietsvertrages._ Ein unaufgeklärter Leichenfund. Ein noch unaufgeklärter Leichenfund, der auf ein' Verbrechen schließen läßt, beschäftigt die Behördein Auf Hennigsdorfer Gebiet wurd Montag nachmittag von Ausflüglern eine bis zur Unkennt- lichkeit verweste und völlig unbekleidete Leiche entdeckt, die mit dem Gesicht auf der Erde lag. Sie benachrichtigten von ihrem Funde den Hennigsdorfer Amtsvorsteher, der sofort mit mehreren Polizei- beamten und einem Arzte nach dem Fundort eilte. Dieser liegt ungefähr 1% Stunden von Hennigsdorf nach Velten entfernt, in dem sogenannten Veltener Eichenhain des Falkenhagener Forstes, der aber noch zu Hennigsdorf gehört. Es ergab sich, daß sich infolge der Verwesung rtzcht mehr feststellen ließ, ob es sich um die Leiche einer männlichen oder weiblichen Person handelt. Wie es scheint, ist die Leiche auch von Tieren angefressen worden. Auf Tierfraß glaubt man auch die Wunden zurückzuführen, die wie Verletzungen aussehen. Die Kopfhaut der Leiche scheint völlig abgefressen worden zu sein. Einzelne zerstreut um die Leiche herumliegenden Haare sind etwa handlang. Das läßt darauf schließen, daß es sich um die Leiche eines Mannes handelt. Nach dem Grade der Verwesung zu urteilen, hat die Leiche schon mehrere Wochen dort gelegen. Man sah von einer genaueren Besichtigung der Leiche ab und ließ sie in ihrer Lage, damit Dienstag vormittag beim Gerichtstermin noch alles unverändert ist. Der Erste Staatsanwalt des Landgerichts III ist mit mehreren Gerichtsärzten bereits nach dem Fundort gefahren. Montag abend beschränkte man sich darauf, die Umgebung abzu- suchen. Irgendwelche Kleidungsstücke fand man nicht, dagegen in einer etwa 10 Meter entfernt gelegenen Lichtung eine Stelle, auf der ein Kampf stattgefunden zu haben scheint. Der Boden war dort völlig zertreten. Von diesem Platz aus führte ein Schleiffpur nach der Leiche. Man rechnet deshalb damit, daß die Person hier Übeö�"'' fallen und von dem Mordbuben dorthin geschleppt worden ist. Es ist nicht anzunehmen, daß diese itt der Havel gebadet und dann im Walde herumspaziert ist, denn das Wasser liegt über eine halbe Stunde von dem Fundort entfernt. Wer die Person ist, wird sich schwer feststellen lassen, da eine Beschreibung auch nicht annähernd gegeben werden kann. Zu dem Leichenfund wird uns weiter mitgeteilt, daß die Ge- richtskommission gestern mittag am Fundort erschien. Auch ei« Berliner Kommissar sowie Beamte des Erkennungsdienstes waren dorthin gefahren. Die Leiche wurde photographiert, ebenso die nähere Umgebung und der Platz, auf dem der Kampf stattgefunden haben soll. Der Termin ergab, daß es sich wahrscheinlich um die Leiche eines Knaben von ungefähr 14 Jahren handelt. Ob aber ein Lustmord oder irgendein anderes Verbrechen vorliegt, kann noch nicht bestimmt gesagt werden. Die Leiche wurde nach Beendigung des Termins nach Hennigsdorf gebracht. Dort sind inzwischen schon verschiedene Vermißtanzeigen von verschiedenen Personen einge- laufen, die alle nachgeprüft werden, ob sie mit der aufgefundenen Leiche irgend etwas zu tun haben. Im Laufe des gestrigen Nachmittags erließ der RegieruttgS- Präsident von Potsdam auf Vorschlag des Ersten Staatsanwaltes vom Landgericht III Krause folgende amtliche Bekanntmachung: „Am 23. Juni d. I. ist nachmittags im Walde bei Velten, unweit der Gastwirtschaft Heidekrug, die halbverwest«, völlig un- bekleidete Leiche einer etwa 14 bis 16 Jahre alten männlichen Person gefunden worden. Der gutgepflegte, muskulöse Körper ist etwa 1,50 Meter groß. Die Länge der Füße beträgt 28 Zentimeter. Die blonden Haare sind 4 bis 5 Zentimeter lang, die Zähne gut erhalten und vollzählig. Der Tod ist vermutlich schon vor drei bis sechs Wochen ein« getreten und anscheinend auf gewaltsame Einwirkung eine? Dritten zurückzuführen. Auffallend ist es, daß das Zungenbein und' der Kehlkops ' fehlen. Es besteht daher die Möglichkeit, daß diese Teile von dem Täter entfernt worden sind. Es sind bisher keine Kleidung?- stücke in der Nähe der Leiche gefunden worden, bis auf ein paar defekter, schwarzgefärbter, früher gelb gewesener Schnürstiefel, die etwa 10 Meter von der Leiche entfernt lagen. Auf die Ermittlung des Täters hat der Regierungspräsident von Potsdam eine Be- lohnung von 1000 Mark ausgesetzt." Abgestürzt. Beim Fensterputzen abgestürzt und tödlich verunglückt ist gestem mittag der 25 Jahre alte, unverheiratete Fensterputzer Hermann Kühn. Kühn stellte, um ein Fenster im ersten Stock des Hauses Rankestr. 34 zu putzen, seine Leiter außen auf da» Gesims, ohne sich, wie es Vorschrift ist, anzuseilen. Beim Arbeiten glitt die Leiter aus und er fiel mit ihr auf den Bürgersteig und zwar so unglücklich, daß er auf der Stelle verstarb. Nachdem ein Arzt seinen Tod fest- gestellt hatte, wurde die Leiche von der Polizei beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht._ Die Sonntagsarbeit in den Laubenkolonien. Ein offiziöse Meldung besagt, daß nach den Vorschriften der jetzt für den Landespolizeibezirk Berlin geltenden Polizei- Verordnung vom 15. Mai dieses Jahres solche Arbeiten ge- stattet sind, wie dies im§ 2 der Polizeiverordnung zum Aus- druck gebracht wird. Denn wenn im 8 1 Buchstabe bestimmt sei, daß die gewöhnlichen Landarbeiten und die öffentlich de- merkbaren Arbeiten u. a. verboten sind, so ist im 8 � Ziffer 4 bessimmt, daß dies Verbot keine Anwendung findet auf Arbeiten, welch« in Zier- und Hausgärten oder diesen gleich zu achtenden kleineren Gärten oder Feldgrundstücken von den Besitzern selbst oder von ihren Angehörigen verrichtet werden. Unter die den Zier- und Hausgärten gleich zu achtenden klei- allen auch die sogenannten trengeren Vorschriften der tellt dies eine Erweiterung neren Gärten und Feldgrundstücke Laubenkolonien. Gegenüber den bisher gültigen Polizeiverordnung �________ J|„ der Ausnahmen dar. Es wird anerkannt, daß solche Arbeiten vielfach als Erholung empfunden werden, die schon im Jnter- esse der Gesundheit zugelassen werden sollten. Wenn die Ar- beiten auch während der Zeit des Hauptgottesdienstes auch nach der neuen Polizeiverordnung noch ruhen solle, so stehe für diese Arbeiten der ganze übrige Sonn- oder Feiertag frei. Es sei nicht von der Hand zu weisen, daß bei Vor nähme auch solcher Arbeiten gerade während des Haupv gottesdienstes sich weitere Kreise der Bevölkerung in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen könnten." Das letztere ist nun nicht richtig, aber die polizeiliche Auslassung ist geeignet, die berechtigte Erregung der Lauben- kolonisten etwas zu dämpfen. Es ist nicht klar, ob es sich bei dem von verschiedenen Zeitungen mitgeteilten famosen Urteil um ein Kammergerichts, oder Oberlandesgerichts- urteil handelt._ In einem Eisenbahnzuge erschossen bat sich in der vergangenen Nacht gegen 1 Uhr in einem Abteil II. Klasse des Vorortzuge? Nauen-Fürstenbrunn ein noch unbekannter, etwa 30 bis SB Jahre alter Mann. Man fand ihn gestern früh mit einem Schuß im Munde. Der Tod war bereits eingetreten. Die Leiche wurde nach dem Lehrter Bahnhof transportiert und von dort nach dem Schauhause in Berlin gebracht. Der un- bekannte Tote war im Besitz einer Fahrkarle III. Klasse, die in Nauen abgestempelt worden war. Außerdem wurden bei ihm niehrere Karten von Nennbahnen, wie Ruhleben und Grüne- Wald, vorgefunden. Auf eine Zeitung.' die er bei sich trug, hatte er folgende Aufzeichnung gemacht:.Sei so freundlich und erledige meine Angelegenheiten. Die Gründe, die mich zu der Tat bewegen, sind einzig nnd allein meine Krankheit. Wenn dieselbe sich auch nicht äußerte, so hing die Krankheit wie ein Damoklesschwert über mir und nahm der Gedanke daran mir jede Lust zum Leben." Eine Adresse hat der Mann jedoch nicht aus- geschrieben. Der Unbekannte ist 1,73 Meter groß und untersetzt, hat blondes Haar, einen kurzgeschnittenen, bürstenartigen Schnurrbart und ein längliches Gesicht und trug ein weißgestüeiftes Oberhemd, wollene« Unterzeug, einen grauen Jackettanzug, schwarze Strümpfe und Schnürstiefeln, einen Stehkragen mit schwarzem, weißgestreistem Selbstbinder und einen braunen Stock. Sein weißes Taschentuch ist ll. B. gezeichnet. Am linken Oberschenkel, oberhalb deS KnieS, hat -r eine alte, runde Narbe.__ Zwischen Trittbrett und Bordschwelle. Als Montagabend der Zug A 9, vom Wedding kommend, in den Ringbahnhof Putlitzstraße eingelaufen war und jeden Augenblick wieder weiterfahren mußte. entstieg einem Abteil noch schnell der 3g Jahre alte Lackierer Paul Saft. In seiner Hast verfehlte �r die Bordschwelle und trat zwischen diese und das Trittbrett. Ehe er sich erheben konnte, setzte der Zug sich in Bewegung und Saft wurde furchtbar eingeklemmt. Nachdem man durch Aussägen des untersten Trittbretts den Verunglückten be« freit hatte, brachte man ihn auf einer Tragbahre mit einem rechts- seitigen doppelten Beckenbruch, inneren Verletzungen und Wunden an beiden Armen und Beinen in hoffnungslosem Zustande nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhanse. Tie„Deutsche Gesellschaft für Mutter- und Kindesrecht, E. B.", Charlottenburg. Dahlmannstr. 25, unterhält in allen Stadtteilen Groß- Berlins Auskunftsstellen, in denen Frauen und Mädchen in allen sie und ihre Kinder betreffenden Angelegenheiten unentgeltlich beraten werden. Die AuSkunflsstellen be finden sich: Im Norden: Schönhauser Allee 18t, Mittwoch 7�-3, Sonnabend 10-11. Im Norden: Koloniestr. 1, Donnerstag, 1— S, Dienstag 6—7. Im Süden: Dresdener Str. 31, Dienstag'/zlO— V,U, Freitag 8—9 abends, Im Westen: Steinmetzstr. 11, Montag 1—2. In Pankow: Rathaus, Armenamt, Sonntag 11—12. In Neukölln: Steinmetzstr. 113, Mittwoch 10— 11, Sonnabend 7— 8. In Charlottenburg: Dahlmannstr. 25, täglich>/z2— 3. Außerden, unterhäält der Verein ein Mütter- und Kinderheim, die.Mutterhilfe", Wilmersdorf, Düsseldorfer Str. 14. In diesem finden Mütter vor der Entbindung und nach derselben mit ihren Kindern bis zu ihrer Erwerbsfähigkcit Aufnahm«. Für die Ver- pflegung haben die Mütter 1 M., mit Kind 1,50 M. pro Tag zu zahlen. Bei Bedürftigkeit werden die Verpflegungskosten erlassen. Die Anmeldung in die.Mutterhilfe" geschieht durch die Geschäft«- stell« des Verein« oder durch eine ihrer Auskunftsstellen. Zu erschießen versuchte sich gestern vormittag im Tiergarten ein noch unbekannter Mann von etwa 50 Jahren. Schutzleule fanden den Mann mit einer Schuhwunde in der Stirn und brachten ihn mit einer Droschke nach dee Charits, wo er noch schwer danieder liegt. Wer der Lebensmüde ist. der kaum mit dem Leben davom kommen dürfte, ließ sich nicht feststellen, da er keinerlei Papiere bei sich trug. Ueberfahren. Am Sonntagabend gegen 10 Uhr ist in der Chausseestraße(Ecke Schwartzkopffstraße) Drau Graf aus der Stral- sunder Straße 18 so unglücklich zu Fall gekommen, daß sie von einem AutoomnibuS überfahren wurde und schwerverletzt in das Krankenhaus am FriedrichSbain gebracht werden mußte. Bon einem AutoomnibuS überfahren wurde gestern abend gegen 10 Uhr vor dein Hause Alexanderstr. 12a ein anscheinend dem Arbeiterstande angehörender Mann und in bewußtlosen: Zustande nach der Rettungswache In der Holzmarktstraße gebracht. Den Chauffeur soll nach Angaben der Zeugen keine Schuld treffen. Der Verband der Laubenkolonisten Berlins und Umgegend ver- anstaltet heute Mittwoch im Berliner Klubhause, Ohmstraße 2, eine öffentliche Laubenkolonistenversammlung. Die Tagesordnung lautet: .Die Vernichtung der Berliner Laubenkolonien infolge Bestrafung der Kolonisten wegen SonntagSarbeit". Referenten sind Reichs- tagSabgeordneter Rechtsanwalt Wolfgang Heine und Verbands- Vorsitzender Franz Steinweg. Zwei Kinderleichen wurden gestern aus der Spree gelandet. Beide waren völlig unbekleidet. Die eine fand man an der Michaelkirchbrücke, die andere hinter der Pionierkaserne in der Köpenicker Straße. Vorort- richten. Lichtenberg. Moderne Rotvdies in städtischen Anlagen. Der Stadtpark in der Möllendorffstraße wird mit Recht von der Lichtenberger Einwohnerschaft als ein angenehmer Erholungsplatz gern ausgesucht. Aber auch aus dem an Erholungsplätzen armen Wohnvierteln des Berliner Ostens strömen erholungsbedürftige Familien nach hier. Scharen der Kleinen geben sich eifrig auf den hierzu Hergerichte- ten Spielplätzen dem Spiele hin, während Erwachsene unter dem herrlichen Baumbestande de» gut gepflegten Garten« promenieren. Nach Feierabend suchen die am Tage in Staub und Hitze ge- plagten Arbeiter und Arbeiterinnen den Park auf, um den Lungen frische Luft zuzuführen. Aber nur kurz ist die Zeit der Ruhe und damit die der Erholung. So wie es dunkelt, verlassen die Familien den Park, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie auch die bestgemeinte Einrichtung von unverständigen Leuten in Verruf gebracht werden kann. Eine größere Zahl halbwüchsiger Burschen haben sich den Park erkoren, als den Platz, auf dem sie sich schrankenlos ihrer Radaulust und sonstiger Flegeleien hingeben. Wohl bemühen sich Wächter und Gärtner um den Schutz der Anlagen und des Public kums, aber hier scheint Jungdeutschland das Feld zu beherrschen. Am gestrigen Dienstag'war auf den Steinstufen zum Aussichtsberg noch das Blut zu sehen, das aus den Köpfen der angehenden Helden geflossen ist. Und die abgebrochenen Zweige des herrlichen Grün legen Zeugnis davon ab, daß in den Kreisen, in denen diese Burschen verkehren, die Erziehung zum Gemeinsinn eine untergeordnete Rolle spielt. Sollte die Stadtverwaltung denn wirklich keine Mittel an der Hand haben, dem widerlichen Treiben der Rowdies Einhalt zu bieten. Wir erinnern hierbei an einen Vorgang, der sich vor längerer Zeit einmal abgespielt hat. Im Saale des.Schwarzen Adler" saßen hunderte älterer Arbeiter sowie schulentlassene junge Leute, die andächtig mit sichtlichem Interesse dem Versuch des Vor- tragenden, an der Hand von Lichtbildern die Entstehung der Erde zu erklären, lauschten. Da plötzlich traten, wie aus der Erde ge stampft, ein Leutnant, ein Wachtmeister und 7 Schutzleute in den Saal und lösten die Veranstaltung aufl Im Stadtpark können diese halbwüchsigen Burschen sich die Köpfe zerschlagen und die Er- wachsenen an der Erholung hindern, hier aber scheint keine Ver- anlassung zur„Auflösung" vorzuliegen. Handelt eS sich doch hier nicht um die bildungshungrige Arbeiterjugend, sondern um die hoffnungsvollen Bürschchen, die bei der„Parade" dabei sein müssen und so den Stolz und die Staffage des Patriotenrummels bilden. Mit allem Nachdruck muß jedoch betont werden, daß der Stadtpark dem erholungsbedürftigen Publikum gehört. Wollen sich die Rowdies lümmeln und niedrig« Szenen aufführen, so mögen dieselben sich das Paradefeld hierzu aussuchen— aber noch vor den Ferien. Schöneberg. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Zunächst wurde über die Prüfuno des Lagerbucbes berichtet und festgestellt, daß das Vermögen der Stadt, besonders an Grundbesitz, erheblich vermehrt ivorden ist, es müsse daher daran gedacht werden, dementsprechend« Abschreibungen vorzunehmen. Daraufhin wurde beschlossen, von allen städtiichen Gebäuden M Proz. des Feuerkassenwertes und von der Marktbude, den Trinkhallen und den Zeitungskiosken mindestens 10 Proz. abzuschreiben. Auf dem Bayerischen Platz sollen zwei rechteckige Bedürfnisan st alten sowie eine Trinkhalle nebst Zeitungskiosk und Fernsprechzelle errichtet werden. Die 4&edurfnisansialt an der Ecke der Haupt- und EberSstraße soll die Form eines Rundbaues erhalten. Für die Versetzung der An- stalt von dem Platz vor der Apostel-Paulus-Kirche nach dem Sachsen- dämm wurden 2500 M. bewilligt. Dafür soll auf diesem Platz ein Verkehrshäuschen gebaut werden; gleichzeitig soll Rück- ficht darauf-genommen werden, daß eine bequeme Durch- führung von der Schwäbischen nach der Akazien-Straße möglich ist. Moniert wurde, daß bei den städtischen Bauten hie Bauleitungen immer erhebliche Ueberschreitungen aufweisen, die teilweise bis zu 90 Proz. betragen. Stadtrat E g e l i n g-erklärte, das käme daher, daß man bisher nicht recht gewußt habe, loovon die bei diesen Bauten tätigen Techniker besoldet werden sollten. Dieser Zustand sei jetzt beseitigt worden. Dem Vertrag mit dem Fuhrunternehmer Schulz, der ein« AutomobilomnibuS-Verbindung nach dem städtischen Friedhof bzw. Obdach errichten will, wurde zugestimmt. Da ge- nügend unbenutzte Räume im Obdach vorhanden sind, sollen zu- nächst drei Hilfsklassen täglich unter Begleitung ihrer Lehrer dort- hin befördert werden, um denselben draußen den Unterricht zu erteilen.— Ferner wurde den Projekten und Kostenanschlägen für die Verlängerung der Gräben sowie für die Anlegung von Klär- teichen auf dem Rieselfelde zugestimmt. Infolge Tieferlegung der Germaniastraße in Tempelhof ist auch die Verlegung des Schöne- berger DruckrohrcS erforderlich. Die Kosten belaufen sich auf über 12 000 M.< es wurde beschlossen, der Verlegung der Regenrohr- kanäle nur unter Protest und unter Vorbehalt der Kostenerstattung durch die Gemeinde Tempelhof zuzustimmen. Mit der Gemeinde D e u t s ch- W u st e r h a u s e n soll«in Vertrag über die gemeinsame Anlegung eines Friedhofes abge- schlössen werden. Mehrfache Verhandlungen und Beratungen mit den Gemeindevertretern unter Beihilfe der Regierung haben es endlich ermöglicht, den Vertrag zustande zu bringen. Danach hat Schöneberg die Hälfte derjenigen Kosten zu erstatten, die für die erstmalige Anlegung und Herrichtung de? gemeinsamen Friedhofes erforderlich sind. Dieser Betrag darf 7000 M. nicht übersteigen. Des weiteren hat es die Hälfte derjenigen laufenden Unterhaltungs- kosten zu zahlen, die für die angemessene Instandhaltung der Friedhofskapelle, des Brunnen? und des von der Hoherlehmestraße abzweigenden Aufgangswegcs zur Kapelle erforderlich sind. In der ihr überwiesenen Hälfte der FriedhofSanlagen trägt jede Partei für sich die laufenden Wege- und Bauunterhaltungskosten. — Nach kurzer Debatte wurde dem zugestimmt. Hierauf folgte eine geheime Sitzung. Treptow-Banmsckiulentvcg. AuS der Organisation. Die in der Rennbahn stattgefundene Mitgliederversammlung des Wahlvereins nahm zunächst den Be- richt deS Genossen Freigang über die Generalversammlung deS Kreises entgegen. Der Redner betonte: Besonders bedauerlich sei der Rückgang der Mitgliederzahlen in 17 namentlich aufgeführten Orten, es sei indes zu hoffen, daß, wenn alle Parteigenossen sich energisch an den AgitatiouSarbeitcn beteiligen, die Organisation sich bald wieder vorwärts entwickeln müsse. Freigang bedauerte, daß der Antrag, der forderte, den jeweiligen Bestand von der Drittelung der örtlichen Einnahmen auszuschließen, keine Annahme gefunden habe. Hierauf nahm die Versammlung den Bericht des Gen. Hornig über die VerbandSgeneralversammlung entgegen und den des Genossen Strieder von der Bildungsausschußkonferenz. Nachdem di� Genossen Germrot als Schriftführer und Magel als Abteilungsleiter der Abteilung 1 gewählt worden waren, setzte noch eine recht lebhafte Debatte über die Interpretation ver Aus- führungsbestimmungen betr. HauSkassterung ein. Mit dem Hin- weise, daß es not tue, mit Eifer an sie Agitation zu gehen, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Strausberg. Die außerordentliche Mitgliederversammlung des Wahlvereint hatte zunächst mehrere Neuaufnahmen zu verzeichnen. Sodann warf Genosse Leuenburg einen Rückblick auf die verflossene Land. tagSwahl. bei der es erfreulicherweise gelungen sei, den sozial- demokratischen Kandidaten zum Siege zu verhelfen. Unter„Ver» einsangelegenheiten" erstattete Genosse Thalacker Bericht über die Tätigkeit der Lokalkommission. In der sich daran anschließenden Diskussion entspann sich eine längere Debatte über da» Schmidtsche Lokal. Die Versammlung forderte, daß gegen den Inhaber euer- gische Schritte unternommen werden sollten, weil derselbe sich be- leidigende Aeutzerungen gegen unsere Stadtverordneten habe zu- schulden kommen lassen. Rowawes. Dir Bahndammaufschiittungen, soweit sie noch nicht mit Rasen bedeckt sind, üben auf die Wohnungen in den angrenzenden Straßen eine sehr üble Wirkung au«. Der durch die ständige Hitze au»ge- trocknete feine Saud wird schon bei mäßigem Winde aufgewirbelt und durch die geöffneten oder undichten Fenster in die Wohnungen hineingetragen. Ter Gemeinde ist es leider nicht möglich, durch Berasung der Böschungen dem Uebel abzuhelfen, weil in letzter Zeit von einem Fortgang der Aufschüttungsarbeiten überhaupt nichts zu merken ist. Dabei herrscht am Orte eine Arbeitslosigkeit, wie sie seit Jahren nicht zu verzeichnen war. Viele Arbeiter haben bereits wegen der Aussichtslosigkeit, Beschäftigung zu erhalten, den Ort verlassen, und viele andere werden ihrem Beispiel folgen müssen, wenn sich die Gemeinde nicht bald zur Inangriffnahme irgendwelcher notwendigen Arbeiten entschließt und vor allem beim Eisenbahnfiskus darauf dringt, daß beim Bahnbau die hiesigen Arbeiter mehr als bisher berücksichtigt werden. Obwohl sich der FiskuS damit entschuldigen dürfte, daß die Arbeiten von Privat- Unternehmern ausgeführt werden, so hat es die Gemeinde doch in der Hand, den Fiskus durch Gewährung irgendwelcher Konzessionen zu einem entsprechenden Druck auf die Unternehmer zu veran- lassen. Die Gemeindegärtnerei errang auf der in Breslau veranstalteten Spezialausstellung von Gartenerzeugnisscn einen schönen Erfolg. Sie erhielt auf ihre Kollektion von 100 Exem- plaren der seltenen Crossuta coccinea die bronzene Medaille sowie einen Ehrenpreis der Stadt Breslau. Die in ihrem vollen Blüten- schmuck prangenden Blumen wurden nach Schluß der Ausstellung zum Verkauf gestellt und sollen guten Absatz gefunden haben. Jugendveranstaltunge«. Pankow-Nieder-Schönhause». Am Sonntag, den 23. Juni, nach- mittags von 2 Uhr ab, finden in Pankow gemeinsame Spiele der Arbeiter- jugend von Pankow, Nieder-Schbnhausen, Charlottenburg und Zehlendors statt. Treffpunkt pünktlich 2 Uhr: Pankow-Nordbahn und Pankow-Kirchc. Nachzügler Neffen sich bei Larjen, BrehmesN. 47/48. Die Arbeiterjugend der oben genannten Orte wird ersucht, sich zahlreich zu beteiligen, ebenso ist die erwachsene Arbeiterschaft willkommen. Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Tempelhof. Donnerstag, den 26. Juni, nachmittags 5'/, Uhr, im Gemcindesitzungszimmcr, Dorsstr. 42. Bruchmühle. Donnerstag, den 26. Juni, abends 8 Uhr, im Ge< meindebureau. Diese Sitzungen stnd Iflentlich. Jede« SemcindeangehSrig« ist bu rechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. WaidmannSlnst hauS", Dianaftraße. frauen-I�efeabenäe. . Mttwoch, den 25., abends S Uhr, im.Schweizer» Bnefkaften der Redaktion. Sie lurlstlflhe Lpreqstande finde« Ltndenftratze SS, dorn die« rreppe» — N a h r st» h l—, wochentä glich von bis?>-! Nbr abenbS, Sonnabend», ««» IVt bis 6 Uhr abends stall. Jeder für de» vrtcltaftea»csttmmten Anfrage ist«in vuchftabe und eine Zahl als Merlzcichen beizufügen. Briefliche Antwort wirb nicht erteilt. Anfragen, denen lein« Abonnemciitsqnittnug beigefügt ist, rerd-n nicht»caatwortet. eilige Fragen«rage man t« der Sbrechstnube bor. D. 53. Der Ersteh«: des Grundstücks kann zu dem geseblich zunächst zulässigen Kündigungstermin auskündigen. Versäumt er dies,'o behält der Vertrag seine Äultigkcit. Welches der zunächst zulässige Kündigungstermin ist, läßt sich nur nach Einsichtnahme in den Mirtsvertrag beurteilen.— F. Z. 28. Beschweren Sie sich über den Kassenarzt unter Sachdarstcllung bei dem Borstand der Ortskrankenkasse.— P... zelc 269. Sic können die Zahlung de» Reftkausgeldes abhängig machen von der vorherigen Er» teilung der lituslaffung.— G. R. 44. 1. Wenn die Behauptungen be» wiesen werden können und das geschilderte Verhalten der Frau öslerS in neuerer Zeit sich wiederholt hat, ist eine Klage nicht aussichtslos. 2. Der Prozeß muß durch einen Rechtsanwalt geführt werden. 3. Mindestens drei. 4. Die Koste» richten sich nach dem Objekt, welches daS Gericht nach den Einkommens- und VcrmögenSverhältnissen der Parteien sestsetzt. S. Ja, sosern er von der Gemeinde ein Armutsattest erhält.— E. W. 16. Nein. - T.«. 20. l. Ja. 2. Da» ist zweckmäßig.— B. St. 42. 1. Der Vormundschaitsrichter ist dazu besugt. Ihr künftiger Schwiegervater soll dem Rat, Entbindung von der Vormundfchast zu beantragen, nicht folgen. 2. Nicht erforderlich. 3. Nein, jedoch Ihr künftiger Schwiegervater.— R. P. 24. Ohne Angabe, welche Tättgkeit ausgeübt wird, nicht zu beantworten.— Ruch-Elbe 30. 1. Etwa 80 M. monatlich. 2. Nein. — ft. 9)1. 88. Ihre Darstellung reicht nicht aus, kommen Sie in die Sprechstunde.— L. K. 14. 1. Aus Verlangen des Standesbeamten, ja. 2. In Schöneberg oder Neukölln.— W. 501. Ja, Geldltrasa bis 1000 M. — Ä.®. 100. Sosern Sie Ihr Eigentumsrecht nachweisen können, intcr» veniere» Sie für den Fall der Pfändung. Ein besonderer Bertrag ist nickt criorderlich. von dem angegebenen Lohnbetrag find 6 bis 7 M. wöchentlich psändbar.— P. 3. 100. Nein, Gläubiger, die zur Zeit der Eigentumsübertraguiig Forderungen bereits gerichtlich geltend gemacht haben, könnten de» Vertrag ansechten.—(8. W. 097. Stellen Sie einen solche» Antrag an die LandcSverstcherungSanstall. Diese kann die Kosten ganz oder teilweise decken. Erzwinge» läßt nch das jedoch nicht.— B.(Hagen). 1. Rein. 2. Ja, losern nicht andere Beweismittel vorhanden sind. 8. Der Verkehr gilt al« Ehebruch. Erfährl Ihre Frau davon, kann sie Widerklage erheben.— O. H. 54. In der Regel nei».—&. Zt. 13. Ja, falls die BcrusS- genoffenschasl Ihrem Antrage stattgibt, beträgt die Msindungssumme 179g,S0 R. Marktpreise von Berlin am L3. Juni 1913, nach Ermittelungen deS königl. Polizeipräsidiums. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 20,16 bi« 20,20, mittel 20.08—20.12. geringe 20,00—20,04. Roggen, gute Sorte 00,00-16,40. mittel 00.00-00.00. gering- 00.00-00.00(ab Bahn). Futter- aerst«, gute Sorte 16,10—16,80, niiitel 15,60—18,00, geringe 15,20—15,50. Hafer, gute Sorte 17,30—18,80, mittel 16,20—17,20. Mais(mixed), gute Sorte lo.A)— 15,60. Mais(runder), gute Sorte 00.00-00,00. Rtchistroh 0,00. He», alt 0,00—0,00, neu 0,00—0,00. Martthallenprcise. 100 Kilogr. Erbsen, gelb«, zum Kochen 30.00-50,00. Speisebohnen, weiße 30,00—60.00. Linsen 35,00-60,00. Karloffein(Kletuhdl), alte 7.00—10.00, neue 12.00—16,00. 1 Kilograinn, Rindsteisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleiich, Bauchjleisch 1,30—1,80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1,40— 2,40, Hammelfleisch 1,50— 2,40. Butter 2,20-3,00. 60 Stück Eier 3,00-5,40. 1 Kilogramm Karpfen 1,40-2,40. Aale 1.4O-3L0. Zanderl.40-3,60. Hechte 1,80-2,80. Barsche 1.00-2,40, Schleie 1.60-3.50. Bleie 0.80-1.70. 60 Stück Krebse 1,60-60.00.______ «SttterungSüberflcht vom«4. Juni 1913. Swinemde. Hamburg Berlin Franks. a.M München Wien 762 5 761 SSO 708 763 765 763 W « sW SSO 2beiter 2 Regen lidedeckt 1 Regen Zchedeckt 1'mfllf.ti tabaranda eterSburg Detlly Aberdeen Paris 758ONO 762WN« 7SKWNA 75ÄNO 76LNW l!wolkenl 3 wolkig 2'be deckt ollenl Wetterprognose für Mittwoch, den 23. Jnnt 1918. Sin wenig kühler, zeitweis« ausNarend. vorherrschend wolkig mit leichte» Regensällen und mäßigen südwestlichen Winden. Berliner W e tt erb«r» au. WasserftandS.Rachrichten der LanbeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wettcrbureau. Wasserstand M emel, Ttlfit Pregel. Jnfterburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor , Krassen , Franksutt Warthe, Schrimm . LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leittneritz , Dresden . Larby , Magdeburg Wasserstand Saal», Grochlitz Havel, Spandaus , Rathenow Spree, Spremlerg') . BeeSkow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximilianSau , Kaub , Köln Neckar, Heildrom, Main. Hcm-m Mosel. Tner ') 4- bedeutet Wuchs,— Fall.—*) Unterpegel. am J8.6. cm 223 12 —9 60 80 234 256 482 232 207 104 131 63 seit 22. 6. cm') +112 0 ' Seranttvorilichtt Redaltul« Albert Wach«. Verlim Für Pen Lnjeratelrtetl versnt».! Th. Glocke, Berlin. Drucku.«krlag: Vorwärt» Buchdrucierei»KerlasSattjialt Paul«inger»So, BerliuZ