Nr. 159. BbonncmenfS'Ikdingungen: BBonncmenö- Prei» pcänumeranbo! vi erteil ährl. LL0 MI, monitl. 1,10 MI., wöchentlich 2s Pfg. frei inS HauS, Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags« nummet mit illustrierter Sonntags« Vellage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Paft« Abonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn LA) Marl, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen am Belgien. TSnemarl, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal. nänien. Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. vle snlertionz-Ledilhr beträgt für die sechSgespaltenc Kalonel« zeile oder deren Raunt W Psg.. für politische und gewerlschaftliche Vereins« und Bersnmmlungs-Anzeigen 30 Pfg. „kleine Äln-eigen", das sctlgedruilie Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgednirlte Worte), jedes weitere Wort 10 Pig. Stellengesuche und Schlasstellenau. zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch- Stoben zählen für zwei Worte. 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Ueber die Bereitwilligkeit der bürgerlichen Parteien von Westarp bis Gothein, der Re« gierung die neue Aufrüstung zuzugestehen, bestand leider von vornherein kein Zweifel. Wenn es sich um die Interessen des Kapitals und der imperialistischen Unersättlichkeit l)andelt, dann schwenkt auch der linke Flügel der Fortschrittspartei ge- horsam und exerziermäßig ein, wie in der Mittwochsitzung in einem anderen Zusammenhange die Haltung Gotheins äugen- fällig bewies. Dagegen bestanden bei den bürgerlichen Parteien von Anfang an und bis zuletzt die größten Meinungsverschieden- heiten über die Art der Deckung. Bewilligen wollten sie, aber — aus den Taschen anderer! Und da es dieses Mal, ein Opferjahr, nicht gut anging, wieder wie sonst direkt und un- geniert in die Taschen der breiten Massen des Volkes zu greifen, weil dieses Mal endlich auch die Wohlhabenden, wenn auch ungern und mit allen Vorsichtsmaßregeln, zur Deckung herangezogen werden mußten, so war die Verwirrung und Ratlosigkeit auf der rechten wie auf der linken Seite des bürgerlichen Blocks groß und zeitweise so arg, daß die Sozial- demokraten als die lachenden Tritten ihre helle Freude daran- haben konnten. Schien es doch mehr als einmal, als ob der gordische Knoten nur durch den Schwerthieb einer Reichs- tagsauflösung gelöst werden könnte, eine Lösung, mit der wiederum wir Sozialdemokraten am meisten zufrieden ge- Wesen wären. Aber die düsteren Wolken am parlamentarischen Himmel haben sich verzogen. Kein Mensch denkt heute noch an eine Reichstagsauflösung und kein Mensch zweifelt noch daran, daß auch die Dcckungsvorlogen in wenigen Tagen verab- schiedet sein werden. Die bürgerliche Mehrheit ist sich einig geworden: man hat die dringende Mahnung Bethmann Holl- Wegs, endlich zum„Handeln" zu kommen, ganz richtig als eine verschämte Aufforderung zum Kuh handeln aufgefaßt. Unter vorsichtiger Ausschaltung der Sozialdemokratie hat man hinter den Kulissen noch Einigungsformeln gesucht. Hier hat man gegeben etwas nach, dort hat man gegeben etwas nach, die zurzeit geschicktesten Roß- und Kuhhändler der Geschäft!- huberei des bürgerlichen Parlamentarismus sind unermüdlich an der Arbeit gewesen, und so ist es schließlich gelungen. Vor- schlüge zusammenzukompromisseln, für die alle bürgerlichen Parteien stiinmen werden, so daß die Sozialdemokratie mit ihrer Stimmenwucht für die Deckungsvorlagen gar nicht mehr in Rechnung gestellt zu werden braucht. Die Sozialdemokratie befindet sich äußerlich und formell wieder in der glänzenden Isolierung, die das besondere Kennzeichen ihrer parlamen- tarischen Stellung ist, die sie aber nicht etwa zu bedauern hat, sondern der sie bisher ihre dauernden gewaltigen Erfolge ver- dankt, und mit der sie auch noch zahlreickst: Erfolge in Zukunft erringen wird. Denn— darauf hat unser Fraktionsrcdner, der am Mitt- woch in der Generaldebatte über den Wehrbeitrag sprach, Genosse David, mit Fug und Recht und mit berechtigtem Spotte hingewiesen: hat man die Sozialdemokratie auch for- mell„ausgeschaltet", so war sie in Wirklichkeit doch mitten unter den Kuhhändlern, allerdings nicht um mit zu„handeln", sondern als die drohende Warnerin, als das Schwert des Tamokles.„Die Vorlage hat ihr jetziges Gesicht wesentlich durch den Druck der ili Millionen sozialdemokratischer Wähler und der UV sozialdemokratischen Abgeordneten bekommen. Die sozialdemokratischen Wähler vom vorigen Jahre können sich sagen, daß sie mit dieser Regelung einen großen Erfolg ihres Willens zu verzeichnen haben." Genosse David zeichnete dann dieses Gesicht mit einigen scharfen Strichen. Die Re- gierung ist endlich gezwungen worden, den Weg der direkten Reichssteuern zu beschreiten, und wenn sie hundertmal ängst- lich und beklommen ausruft: einmal und nicht wieder— die Logik der Tinge ist stärker als die vorsorglichen Verwahrungen irgendeines epliemeren Reichsschabsekretärs. Wenn man die sozialdemokratische Fraktion auch an dem Kuhhandelsgeschäft hat ausschließen können— zu ihrer Ehre und zu ihrem Stolze—. so kann man sie doch nicht von den öffentlichen Verhandlungen des Reichstags ausschließen. Und hier, im hellen Lichte der Plenarsitzungen, wird die Sozial- demokratie auch zum Wehrbeitrag sagen, was zu sagen ist. wird sie nachweisen, wie auch bei diesem..Volksopfer" wieder mit allen Mitteln danach gestrebt worden ist. die starken Schultern möglichst zu schonen und die weniger starken und schwachen Schultern heranzuziehen. In der'Mittwochsitzung basten die Genossen David, E m m e l. W u m r und Südekum diese dankbare Aufgabe zu erfüllen. Wir haben den Antrag gestellt, auch die Schmuck- lachen im Werte von über Istlist Mark mit zum Vermögen »u rechnen und zum Wehrbeitrag heranzuziehen. Selbstver- ständlich 1 wird jeder vernünftige Mensch sagen. Gerade der teure, überflüssige Schmuck darf und muß sich gefallen lassen, oaß er„auf dem Altar des Vaterlandes" ein Scherflein niedergelegt. Aber die bürgerliche Mehrheit stimmte den An- trag nieder! Wir haben beantragt, die ungeheuren Schätze der toten Hand, der Kirche, wenigstens soweit mit heranzuziehen, als es schon in den Bundesstaaten geschieht. Das kirchliche Ver- mögen, das zu den eigentlichen kirchlichen Zwecken und zu wohltästgen Zwecken benutzt wird, soll unbesteuert bleiben. Aber selbstverständlich! wird wiederum jeder vernünftige Mensch sagen, warum sollen die riesigen Vermögen der Kirche nicht zum Wehropfer beitragen. Die bürgerliche Mehrheit aber stimmt den sozialdemokratischen Antrag nieder. Die sozialdemokratische Fraktion verlangt eine Besteue- rungsart, wie sie in der ersten Lesung der Budgetkommission beschlossen worden war und durch die die kleineren Einkommen auf Kosten der höheren geringer belastet werden sollten. So ists recht, wird vor allen Dingen jeder kleine Mann aus dem Mittelstande sagen, der es für recht hält, daß die Riesenein- kommen mit erheblich höheren Prozentsätzen gepackt werden als die kleinen Einkommen, und der nicht verstehen kann, warum dank dem Kuhhandel!— in der zweiten Lesung der Budgetkommission eine Verschlechterung beschlossen worden ist. Die bürgerliche Mehrheit aber stimmt die sozialdemo- kratischen Anträge nieder. Wir werden auch im weiteren Verlaufe der Beratungen über die Deckung die bürgerliche Mehrheit des Reichstags vor ähnliche Entscheidungen stellen. Wir sind nichfc int Zweifel, wie die breite Masse des Volkes diese Ablehnung aller sozialdemokratis chen Verbesserungsanträge beurteilen wird. * Bevor der Reichstag am Mittwoch an den Wehrbeitrag kam. hatte er einige Gesetzesvorlagen, zum Teil in dritter Lesung, zu erledigen. Das Reichs, und Staatsangehörigkeits- g e s e tz hat die sozialdemokratische Fraktion abgelehnt, sie hat es ablehnen müssen, weil auch hierbei wieder alle sozial- demokratischen Anstäge. die aus einer mangelhaften und teil- weise gefährlichen Gesetzesvorlage ein brauchbares Gesetz machen wollten, abgelehnt worden sind. Unsere Genossen Landsberg, Bern st ein und O u a r ck haben mit den besten Gründen die Notwendigkeit unserer Anträge darge- legt. Aber sie redeten vor tauben Ohren. Bei der ersten Beratung eines Abkommens zur inter- nationalen Vereinheitlichung des Wechsel- rechts konnte unser Redner Gen. Landsberg im allge- meinen die Zustimmung unserer Fraktion zu solchen inter- nastonalen Vesträgen aussprechen. � Für friedliche Kulturarbeit der Völker unter- und miteinander wird die Sozial- demokratie stets zu haben sein. Der Gesetzentwurf über die Entschädigung der Schöffen und Geschworenen wurde in dritter Lesung debattelos angenommen.. vz; badilche AshIMommen. Aus Baden wird uns geschrieben: Das badische Ab- kommen hat folgenden Wortlaut: „Zwischen den Vertretern der Nationalliberalen Partei, der Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokratischen Partei wird heute folgendes vereinbart: 1. Die Vertreter der drei genannten Parteien sind dar- über einig, daß bei den im Herbst 1913 stattfindenden Land- tagswahlen zur Abwehr einer drohenden klerikal-konservativen Mehrheit ein Grotzabkommen für den 2. Wahlgang abgeschlossen werden muß. 2. Um dies zu ermöglichen und vorzubereiten, werden die Nationalliberalen und die Fortschrittliche Volkspartei in folgen- den Kreisen selbständige Kandidaturen für den ersten Wahlgang aufstellen: 27. Kreis, Lahr-Stadt bk. Kreis, Schwetzingen 67. Kreis, Mannheim-Schwetzingen 55. Kreis, Heidelberg-Wiesloch 68. Kreis, Heidelberg-Eberbach 3. Die Vertreter der drei genannten Parteien verpflichten sich, auf den 22. Juni ihre Landesvcrsammlungen abzuhalten und diesen die Genehmigung dieses Abkommens vorzuschlagen." Zuerst war bekanntlich angeregt worden, einen Großblock schon für den ersten Wahlgang abzuschließen, wobei die Par- teien sich gegenseitig ihren Besitzstand garantieren sollten. Dieser Großblock kam nicht zustande.„Wir haben den G e danken abgewiese n," erklärte der nationalliberale Führer Dr. R e b m a n n in Karlsruhe. Dafür kam dann das Kleinblockabkommen, wonach Nationalliberale und Fortschritt- ler— mit Ausnahme der Mannheimer Mandate— sich gegenseistg keine Konkurrenz machen wollten. Ten National- liberalen wurden 52 und den Forstchrittlern 16 Kreise zuge- teilt, in denen sie Kandidaten aufstellen sollten. Damit wäre die„W a ck e r t a k t i k", die darauf hinausgeht, den Liberalen im ersten Mahlgang sozialdemokratische Sitze zuzuschanzen, um ein Großblockabkommen beim zweiten Wahlgang so gut wie unmöglich zu machen, nicht vereitelt worden. Dieses Kleinblockabkommen richtete seine Spitze gegen die Sozial- demokraten. Tie Liberalen wollten die Hilfe der Schwarz- blauen im ersten Wahlgang gegen uns und waren naiv genug anzunehmen, daß wir im zweiten Wahlgang ihre gefährdeten Kreise demnach retten würden. Erst als sie durch unseren Widerspruch einsehen gelernt hasten, daß die sozialdemokrati- schen Wähler unter diesen Umständen für die Kandidaten des Kleinblocks nicht zu haben sein würden, wurden neue Verhandlungen angebahnt, die zu dem genannten Ergebnis geführt haben. Ter Kleinblock bleibt bestehen mit der Modi- fikation, daß in den genannten fünf Kreisen ebenso wie in den fünf Mannheimer Kreisen sowohl die Nationalliberalen wie die Fortschrittler eigene Kandidaten aufstellen werden. Man kann hier die Frage auswerfen, was die Sozial- demokratie eigentlich mit der jetzt beschlossenen Erweiterung des Klcinblocks zu tun hat. denn sie ist dabei ja nicht aktiv be- teiligt! Sie stellt nach wie vor in allen 73 Wahlkreisen eigene Kandidaten auf und führt somit den Kampf gegen alle bürgerlichen Parteien. Der Nationalliberale Führer Dr. R e b m ä n n hat hierauf die Antwort gegeben:„Wir, d. h. die Nationallibc- ralen, gehen in der Hauptwahl mit den Fortschrittlern zu- sammen und nach den Hauptwahlen treffen wir ein Abkommen mit den Sozialdemokraten." Das ist es. worauf es ankommt! Die Großblockparteien haben durch dieses revidierte Kleinblockabkommen das Großblockabkommen für den zweiten Wahlgang vorbereitet. Sie haben die Hände frei und werden voraussichtlich in derselben Weise wie 19st5 und 19st9 den Stichwahlkampf gegen die Schwarzblauen führen. Wenn man die Dinge so beurteilt, wie sie hier wirklich liegen, so versteht man auch, daß auf unserem Landespartei- tag nach dem Referat des Genossen Dr. Frank das Abkommen ohne Debatte gutgeheißen wurde. Das Gefechtsfeld ist jetzt klar, wir sind in Unserer Agi- tation nicht gehemmt und können unsere Stimmen zählen. was bei einem Großblockabkommen im ersten Wahlgang nicht der Fall gewesen wäre._' Da$ CaDdprogramm der englilchen Arbeiterpartei. Lsndo», 23. Juni.(Eig. Ber.) Alle politischen Parteien Englands beschäftigen sich zurzeit eingehend mit der Agrarfrage, die durch die politische Entwickelung des Landes immer mehr in den Mittelpunkt der Politik geschoben wird. Die Liberalen drängt das politische Erwachen des städtischen Proletariat? aufs Land, wo sie um die Gunst der Pächter und Landarbeiter buhlen. Die Konscr- vatippn suchen sich naturgemäß zu verteidigen und machen der Landbevölkerung Versprechungen. Die Arbeiterpartei ihrerseits will das zurückgebliebene ländliche Proletariat organisieren und heben und versucht vor allen Dingen, die Landarbeiter zuerst auf einen Kulturstand zu bringen, auf dem sie der Organisation fähig sind. Dazu kommt, daß die erschreckend große Auswanderung, namentlich vom Lande, allgemeine Befürchtungen hervorgerufen hat, so daß sich heute eine außergewöhnlich große Zahl Leute mit dem Problem beschäftigt, wie dieser Menschenverlust(im Jahre 1911 wanderten aus Großbritannien über 261 669 Menschen aus!) verhindert werden könnte. Die Arbeiterpartei setzte bor einiger Zeit ein Komitee ein, das ein Agrarprogramm entwerfen sollte. Dieses Komitee hat nun- mehr einen vorläufigen Bericht erstattet. Es werden verschiedene Palliativmiltel vorgeschlagen. So die Einführung eines Mindest- lohnS für Landarbeiter auf dem Wege der Lohnämter, wie sie von dem Gesetze des Jahres 1907 errichtet wurden. Man hofft, daß wenigstens die jüngere Generation hierdurch der Organisation ge- Wonnen werden wird. Die Arbeiterpartei soll ein Mindestlohngesetz für Landarbeiter im Parlament einbringen, das auch Bestimmun- gen über die Arbeitszeit enthalten muß. Die Arbeitszeit soll nicht mehr als SV Stunden die Woche betragen, und zwar soll an 5 Tagen 9 Stunden und an einem Tage nur 5 Stunden gearbeitet werden; der Landarbeiter soll demnach wie der englische Industriearbeiter einen halben freien Tag in der Woche haben. Ilm den Pächtern zu ermöglichen, bessere Löhne zu zahlen, sollen Gerichtshöfe zur Festsetzung gerechter Pachten eingeführt werden, die sich schon in Schottland ziemlich gut bewährt haben sollen. Der Gedanke ent- springt wohl unmittelbar den jüngsten Entwickelungcn in der Ge- sctzgcbung. In diesem Jahre hat das Parlament zum Beispiel den Eisenbahngesellschaften erlaubt, ihre Tarife zu erhöhen, weil sie die Arbeitsverhältnisse ihrer Angestellten auf Wunsch de? Parlaments verbessert haben. Weshalb sollte die Gesetzgebung deshalb nicht eingreifen, um die Pachten herabzusetzen, damit die Pächter den Arbeitern bessere Löhne zahlen können? Der Wohnungsnot auf dem Lande soll vorderhand auf staatlichem Wege abgeholfen werden; der Staat soll Gemeinden Zuschüsse gewähren, damit diese Arbciterwohnungen bauen. Das Gesetz des Jahres 1907 über die Schaffung von kleinen Pachtgütcrn, die im Besitze der Gemeinden verbleiben, soll ausgedehnt und seine Anwendung erleichtert werben. Ferner müssen ländliche Kreditanstalten errichtet und das Genossenschaftswesen mutz vom Ackcrbauministerium gefördert werden. Ter Bericht schließt mit den Worten:„Diese Vorschläge sollen keine vollständige Lösung der agrarischen Probleme sein. Sic sollen praktische Vorschläge sejn, die sofort angewendet werden können. Man gebe dem Landarbeiter einen Lohn, von dem er leben kann, ein gutes Haus und eine leichte Gelegenheit, eine Parzelle zu erlangen und zu bebauen, und man wird, wie wir glauben, wesentlich dazu beigetragen haben, der Abwanderung in die Städte und inS Ausland Einhalt zu gebieten. Dadurch wird der Kampf um Arbeit in den Städten erleichtert werden, und die AuSwanderungSzisfern, die jetzt eine erschreckende Größe erreichen� werden verringert werden. Die Ausführung dieser einzelnen Vor- schlage würde nach unserer Ansicht bei der ländlichen Bevölkerung neue Hoffnung erwecken und ihr die Aussicht auf Sicherheit und Besserung ihrer Lage geben, was viel zu jener ländlichen Wieder- gcburt beitragen würde, die so allgemein als wesentlich für die Besserstellung der nationalen Arbeit und den vollen Lebensgenuß der Nation betrachtet wird." Politifcbe deberficbt. Tie Junker bereiten einen Kaiserbesuch vor. Wie richtig wir die nordschleswigschen Hakatisten ein- geschätzt hatten, als wir an dieser Stelle das brutale Landungsverbot gegen einen dänischen Touristen- dampfer als eine nach Dänemark hinübergeworfene Bombe bezeichneten, die den Besuch Wilhelms II. in Kopenhagen vorbereiten solle, ergibt sich nunmehr täglich mit wachsender Klarheit aus der nordschleswigschen Situation. Inden anonymen Korrespondenzzentralen, in denen in Nordschleswig die verfluchten hakatistischen Lügen hergestellt werden, die dem deutschen Volk den haarsträubenden Unsinn einreden sollen, daß das kleine demokratische Däne- mark, das soeben ein radikales a n t i m i l i t a r i st i s ch e s Ministerium gebildet hat, ein finsterer Verschwörerstaat gegen den europäischen Frieden sei— in diesen anonymen Zentralen wird augenblicklich mit Hochdruck gearbeitet. Immer wieder werden ganze Schwärme von Hetzarfikeln auf die Presse vom Schlage der„Post" losgelassen, in denen gelegentlich mit einiger Unvorsichtigkeit darüber gestöhnt wird, daß das Verhältnis zwischen Deutschland und Dänemark„noch immer"(ach, ja I ach, ja!) ein freundliches sei. Und während so die anonymen Korrespondenten des Hakatismus ihre Maul- Wurfsarbeit betreiben, um den Boden für eine deutsch- dänische Verständigung zu unterwühlen, sind auch die hakatistischen Lokalbchörden in Nordschleswig keineswegs müßig. In G r a V e n st e i n ist ein Tischlergeselle Runde aus- gewiesen worden, weil er in der Zeit der letzten Landtags- wählen eine politische Versammlung besucht hatte. Runde hat zwanzig Jahre innerhalb der deutschen Grenzen geweilt und muß nun aus einem so nichtigen Grunde das Land verlassen. In S ch e r r e b e ck hat der Amtsvorsteher Erichscn einen „Heimatlosen" aufgefordert, sich innerhalb 8 Tagen bei den dänischen Aushebungsbehörden zu melden, widrigen- falls er a u s g e w i e s e n'w e r d e n würde. Es ist an sich ja rührend, daß ein preußischer Amtsvorsteher auf diese Weise für das Heer des„feindlichen" Dänemarks sorgt, es liegt aber leider eine sehr niedrige Absicht dahinter. Wenn der Heimatlose sich„freiwillig" beim dänischen Militär meldet, hofft man offenbar, daß der dänische Staat ihn zum dänischen Staatsbürger macht, und dann kann man ihn per Schub über die Grenze bringen. Mit der Ausweisung eines Heimat- losen hat es nämlich insofern einen Haken, als kein Staat der Erde verpflichtet ist, ihn anzunehmen. Während so die hakatistischen Journalisten und Behörden einträchtig damit beschäftigt sind, schmückende Gir- landen für die dänischenEhrensortenzu winden, kommt aus Hofkreisen die Meldung, daß der Kaiser am 23. Juli zu einem dreitätigen Besuch in Kopenhagen ein- treffen wird. Man muß es den Junkern lassen: wenn es sich darum handelt, den Besuchen ihres geliebten Monarchen die Wege zu ebnen, lassen sie cS so leicht an nichts fehlen. Fortschrittliche Konsequenz. Die„Freisinnige Zeitung" macht den verzweifelten Versuch, die Jämmerlichkeit der fortschrittlichen Reichstagsfraktion, die mit fadenscheinigen Gründen unseren Boykott-Antrag ablehnte, durch unwahre Angriffe zu decken. Sie erfindet die Fabel, die sozialdcmo- kratischen Mitglieder der Budgetkominission hätten eingesehen, daß der eigene Antrag, der durch eine gesetzliche Vorschrift den Militär- boykott abschaffen wollte,„absolut unhaltbar sei" und hätten deshalb für die fortschrittliche Resolution gestimmt, zu deren Qimbringung sie selbst animiert hätten. Im Plenum aber hätten die Sozialdemokraten wieder den Antrag gebracht,„von dessen Un- tauglichkeit sie selbst überzeugt waren". Eine tollere und dreistere Entstellung der Wahrheit ist kaum denk- bar, als sie hier von den freisinnigen Herren ge- l e i st e t wird. Die Sozialdemokraten haben in der Kommission sich keineswegs davon überzeugt, daß ihr Antrag„unhaltbar" oder „untauglich" sei, sondern haben im Gegenteil in zahlreichen Reden ihren Antrag begründet und aufrechterhalten. Die Gründe unserer Genossen waren so gut und überzeugend, daß die fortschrittlichen Kommissionsmitglieder, nämlich die Herren Gothein, Müller- Meiningen und L i e s ch i n g, mit unseren Abgeordneten für den sozialdemokratischen Antrag st i m m t e n. Erst als unser Antrag abgelehnt war, stimmten unsere Genossen selbstver- ständlich für die fortschrittliche Resolution, die das kleinere Uebel, verglichen mit dem jetzigen Zustande, darstellt. Daß die fort- schrittliche Resolution nur als Eventual-Antrag für den Fall der Ablehnung des sozialdemokratischen, gedacht war, ergibt sich ohne tveiteres, wenn man die eigene Abstimmung der fortschrittlichen Herren ins Auge faßt._ Ter Kampf gegen den kolonialen Griindungsschwindel. Staatssekretär Dr. S o l f hat die dem Kolonialamt beigegebene ständige Kommission dieser Tage zu einer Sitzung einberufen, in der die Frage erörtert wurde, welche Maßnahmen gegen un- solide koloniale Gründungen zu ergreifen sind. Der Referent im Reichskolonialamt Geh. RegierungSrat Dr. Zoepfl vertrat in seinem Referat den Standpunkt, daß eine kolonialamtliche Zentral- stelle für die Prüfung der Gründungsbedingungen kolonialer Gesell- schaften geschaffen werden müsse. Diese neue Instanz soll gleich- zeitig die Pflicht haben, Auskünfte aller Art über solche Gründungen zu geben. Den Anstoß zu diesem Vorgehen dürfte die skandalöse Fall der Deutschen Ruffiji-Baumwollg-escllschaft gegeben haben. Im Prospekt dieser Gesellschaft sind direkt falsche Angaben gemacht worden. Erst durch diese falschen Angaben, die einen reichen Ge- winn erhoffen ließen, ist das Publikum veranlaßt worden, Anteile dieser fchwindelhaften Gründung zu erwerben. Die Gründer pflegen sich in der Regel der Unterstützung von Leuten zu ver- sichern, von denen sie annehmen, daß sie sich beim Publikum eines ganz besonders guten Rufes erfreuen. Zu den Unterzeichnern des schwindelhaften Prospekts der obengenannten Gesellschaft gehörte auch der Rcichsverbandsgeneral v. Liebcrt, dem im Reichstag nachgewiesen wurde, daß ihm die UnHaltbarkeit der Angaben im Prospekt zu einer Zeit bekannt waren, als es noch möglich gewesen wäre, das deutsche Publikum vor schweren Verlusten zu schützen. Trotzdem hat der Rcichsverbandsgeneral nichts getan, um eine Auf- klürung in der breitesten Oeffentlichkeit herbeizuführen, und wie bereits früher mitgeteilt, sind nun auch gegen den Herrn v. Lieber! Schadenersatzklagen angestrengt worden. Herr v. Liebert steht natürlich nicht allein, den auch andere seiner Standesange- hörigen haben solch fchwindelhaften Gründungen ihre Unterstützung geliehen und es sind leider vielfach gerade solche Kreise, die über große Vermögen nicht verfügen und die sich durch den versprochenen Gewinn betören lassen, ihr Geld in solchen oberfaulen Gründungen anzulegen. Unter diesen Umständen ist es entschieden zu be- grüßen, wenn das Reichskolonialamt endlich eine Instanz schafft, deren Aufgabe es ist, dem kolonialen Gründungsschwindcl nach Möglichkeit entgegenzutreten. Bochumer Spitzelwirtschaft. Der Kriminalkommissar, gegen den der frühere polnische Reichs- tagsabgeordnete Brejski Strafanzeige wegen Anstiftung von An- gestellten zum Diebstahl erstattet hat, erlitt dieser Tage in einem Prozeß gegen ein Mitglied des Arbeiterturnvereins Bochum eine schwere Niederlage. Er hatte am 29. September vorigen Jahres eine Rekrutenabschiedsfeier überwachen lassen und wegen einer an- geblichen Wendung in der Festansprache Strafanzeige wegen Auf- forderung von Rekruten zum Ungehorsam erstattet. Der Prozeß endete mit Freisprechung, iveil alle Zeugen bekunden mutzten, daß der Redner den Rekruten nicht empfohlen habe, sie sollten sich wider- setzen, wenn ein Befehl gegen ihre Ehre verstoße, sondern sie sollten den Befehl zwar ausführen, um einer Bestrafung zu ent- gehen, sich aber dann sofort beschweren. Die Bochumer Spitzel- Wirtschaft treibt immer duftendere Blüten. Wie ein alter Krieger beerdigt wird. In dem ostpreußischen Dorfe Fuchsbcrg verstarb kürzlich ein 71�Jahre alter Veteran, der an den Feldzügen 1861, 1866 und 1876/71 mit Bravour teilgenommen und oafür mehrere Orden und Ehrenzeichen erhalten hat. Er brachte aus den Kriegen auch eine Krankheit init, die ihn bald zu einem Invaliden machte. Der Veteran mußte daher eine Rente bekommen; im übrigen ernährte er sich und seine Familie dadurch, daß er in einer kaiserlichen Forst den Posten eines Waldaufsehers versah. In den letzten drei Jahren war er so siech, baß er aufs Krankenlager gefesselt war. Als dieser Mann gestorben war, begab sich seine Frau nach dem eineinhalb Meilen entfernt liegenden Dorfe Borchertsdorf, um den Pfarrer zu einer Grabrede zu gewinnen. Der Geistliche weigerte sich, diesen Dienst zu versehen, da der verstorbene Krieger ein Trinker gewesen wäre! Dabei hatte er drei Jahre auf dem Krankenlager gelegen. Schließlich ließ er sich doch dazu bewegen, die Rede zu halten. Die Beerdigung wurde auf 8 Uhr nachmittags angesetzt. A.n letzten Tage vor dem Begräbnis bekam die Witwe vom Pfarrer eine Karte, auf der er sie ersuchte, mit der Leiche schon um%1, spätestens aber um 1 Uhr mittags zu er- scheinen, da er sonst verhindert sei, und der Herr Kantor allein die Beerdigung vollziehen müßte. Der Beerdigungstermin ließ sich nicht mehr verlegen, und so kam denn der Herr Kantor, um die Rede zu halten. Tie Witwe des Verstorbenen machte ihn dar- auf aufmerksam, daß ihr Mann, ein alter Krieger, beerdigt würde. Der Herr Kantor muß das aber überhört haben, denn in seiner Rede am Grabe sprach er nur von„der lieben Mit» schwefle r", die begraben wurde. Er hielt die Leiche für eine Frau; wahrscheinlich hat ihn der Pfarrer falsch informiert. Die Empörung der Teilnehmer an dem Begräbnis war natürlich groß, als der Herr Kantor fortgesetzt von der„lieben Mit- schwester" sprach. Schließlich konnte sich die Frau eines Sohne» des Verstorbenen vor Entrüstung nicht mehr halten. Mitten in der Rede des Kantors stieß sie die Worte heraus:„Aber es ist doch ein Mann I", worauf der Kantor nach einigen Sätzen die Rede abbrach. So wird in Ostpreußen ein alter Kriegsveteran be- erdigt, der in drei Kriegen fürs Vaterland gekämpft hat. Bülow unter de» Bülows. Die bürgerliche Presse druckt mit großem Behagen eine Plau- derer ab, in der sich der von den Schwarzblauen abgesägte vierte Kanzler bor dem Familientag der Bülows in allerhand Lobpreisun- gen seiner unterschiedlichen Vorfahren gefallen hat. Bismarck habe, als er, Bernhard v. Bülow, in den auswärtigen Dienst übernommen werden sollte, auf eine Frage freundlich erwidert:„Von der Sorte können wir nicht genug bekommen." Da? zeugt nicht gerade von einer übermäßigen Wertschätzung, die Bismarck für die Bülows empfand. Wertschätzung war es, wenn der erste Napoleon vom Marschall Massena sagte:„Hätte ich zwei von der Sorte, so würde ich einen erschießen lassen. Aber einen brauche ich." Doch eine Sorte, von der man nicht genug bekommen kann, ist Mittelsorte— zwölf auf ein Dutzend, fünf Dutzend ein Schock. Uebrigens hat Bernhard v. Bülow von seinen„berühmten" Vorfahren in der Familicntagrede einen ausgelassen. Der liegt auf dem Friedhof zu Doberan begraben und auf seinem Grabstein itcht das Bekenntnis: „Jk bin en meckelborgfchen Edelmann. Wat geiht den Düvcl min Supen an!" Darüber ein Kreuz, aber kein blaues. Prost l I« der Kaserne zu Tode geschunden. Der tuberkulöse Ulan Eberhardt vom württcmbergischen Ulanenregiment Nr. 16 wurde wegen angeblicher Lässigkeiten zum Strasexerzieren kommandiert. Beim Gewehrgriffüben riß ihm der Unteroffizier Krall den Karabiner aus den Händen, schlug ihm mit beni Kolben derart au f den Kopf, daß der Tschapka in Stücke ging und Bluterguß aus Mund und Nase erfolgte. Beim Nachexerzieren, wobei abwechselnd liegend und laufend Schietzübungen zu machen waren, mutzte sich der Ulan in Regenpfützcn legen, so daß er völlig durchnäßt und beschmutzt heimkam. Der Unteroffizier hielt dies für das beste Mittel, die Leute vor dem Schlappwerben zu bewahren. Der Soldat ist vor der Hauptvcrhandlung gestorben. Die Sachverstän- digengutachten gaben zu, daß der Tod des Soldaten durch die Ueberanstrengungen und Mißhandlungen beschleunigt woroen ist. Der Unteroffizier erhielt für seine Brutalitäten am Dienstag vom Kriegsgericht der 27. Division Ulm die gelinde Strafe von 2 Monaten Gefängnis. Das ist natürlich auch nur„ein bedauerlicher Einzelfall". Herr v. Hceringen wird nach wie vor sein Sprüchlein von der„wohlwollenden und gerechten Behandlung", die allen deutschen Soldaten zuteil wird, hersagen. Die neue Balbanhrifc. Nach unkontrollierbaren Meldungen sollen sowohl in Sofia wie in Belgrad Anzeichen einer gewissen Nachgiebig. "eit vorhanden sein. Es ist auch anzunehmen, daß die russi- chen Diplomaten im stillen alle Anstrengungen machen, die eindlichen Brüder zur Teilnahme an der Petersburger Kon- erenz zu bewegen. Solange aber die Truppenverschiebnn- wir anhalten und die gegenseitige Erbitterung sich in Zu- ammenstößen äußert, bleibt die Lage ernst und gefahr- drohend. Optimistische Auffassung in London. London, 25. Juni. Wie das Reutersche Bureau erfährt. kann die Gefahr eines Krieges zwischen Bulgarien und Ser- bien jetzt als beseitigt angesehen werden. Es ist zwar noch keineswegs sicher, daß Serbien das Schiedsgericht des Kaisers von Rußland über die bestehenden Meinungsverschiedenheiten bedingungslos annimmt, jedoch sind hinreichend bestimmte Zusicherungen abgegeben worden, so daß man den Ausgang der bevorstehenden Verhandlungen mit Zuversicht entgegen- sehen kann. Man hat Grund zu glauben, daß Serbien ebenso wie Bulgarien der Aufforderung Rußlands nachkam- men wird, seine Forderungen in einer besonderen Denkschrift darzulegen, wenn es dies nicht etwa schon getan hat. Ein ernster serbisch-bulgarischer Zusammenstoß. Belgrad, 25. Juni. Wie dem Presscbureau gemeldet wirb, haben bulgarische Truppen in großer Zahl heute nacht um 1 tlhp die serbischen Truppen bei Zlatowo und Ratkowaz ohne jede Ver- anlassnng angegriffen. Der Kampf dauerte heute mittag noch an. Tie serbische Ministcrkrise. Belgrad, 2o. Juni. Nach Mitteilung von maßgebender Stelle wird die Lösung der Ministerkrise erst erfolgen, nach- dem die morgen zusammentretende Skupschtina zu der schwebenden Frage Stellung genommen haben wird.— Der montenegrinische Ministerpräsident Wukotitfch ist hier ein- getroffen. Weitere Verurteilungen in Konstavtinopek. Konstantinopel, 25. Juni. In dem Prozeß wegen Ermordung Mahmud Schewket Paschas sind Hauptmann Adil und Emin zu lebenslänglichem Festungsarrest und drei Personen zu fünfzehn- jähriger Zwangsarbeit verurteilt, sieben andere, darunter' Oberst Kemal, freigesprochen worden. Die internationale Flnanzkommission. Paris, 25. Juni. Das Subkomitee für Geldforderungen und Geldreklamationen der Internationalen Finanzkommission hörte heute eine ausführliche Auseinandersetzung der Vertreter Mon- t en e g ro s über die Reklamationen der Balkan« staaten an. Darauf folgte eine Aussprache der Komiteemit- glieder über die genaue Feststellung der Ausdehnung ihrer Kom- petenz. Das Subkomitee für Konzessionen und Kontrakte hat die Prüfung der ihm vorgelegten Dokumente begonnen. Snglanä. Arbeiterpartei und Liberalismus. London, 23. Juni.(Eig. Ber.) Eine eigentümliche Situation ist durch den Tod des liberalen Parlamentsmitgliedes für Leicester ent« standen. Leicester ist eine der wenigen Städte Englands, die da? Recht haben, zwei Vertreter in das Parlament zu schicken. Von den vierzig Arbeiterparteilern im Parlament vertreten elf gemeinschaftlich mit einem Liberalen derartige Wahlkreise. Der Arbeitervcrtreter Leicesters ist Macdonald, der Vorsitzende der parla- mentarischen Fraktion. Bei der Erledigung dcS einen(liberalen) Mandats entstand nun die Frage, ob die Arbeiterpartei versuchen sollte, auch dieses Mandat zu erobern. Die Mitglieder der Arbeiter« Partei und der I. L. P. in Leicester waren dafür, daß man einen eigenen Kandidaten aufstellte. Sie brachten den Genossen Barton, der zu den Ratsherren der Stadt zählt, in Vorschlag. Doch daS Parla- mentarische Komitee deS Vorstandes der I. L. P. beschloß, vorwiegend auS finanziellen Gründen, an der Nachwahl mit einem eigenen Kandidaten nicht teilzunehmen. Auch die Arbeiterpartei sah von einer Kandidatur ab. Wie der Haupteinpeitscher der Arbeiterpartei Roberts erklärt, ist die Arbeiterpartei gegen den Versuch, beide Mandat« in einem Wahlkreis mit doppelter Vertretung zu erobern, es fei denn, daß sie der Unterstützung durch die überwältigende Mehrheit der Wähler sicher sei. Die letzten Nachwahlen hätten der Partei keinen Grund zur Annahme gegeben, daß sie zu den zweiten Mandaten berechtigt sei. Gleich nach dem Bekannt« werden deS Beschlusses traten die der Arbeiterpartei nicht an- geschlossenen Sozialisten(B. S. P.) zusammen und stellten nach Beratung mit der Arbeiterpartei von Leicester, die über die Stellung- nähme des Parteivorstandes sehr ungehalten war. einen eigenen Kandidaten in der Person deS Genossen Hartley auf. Diese Vor- fälle verdienen besondere Beachtung, da sie eine in englischen Parteikreisen viel diskutierte Frage aufwerfen. Von der B. S. P. wurde der Arbeiterpartei bisher stets vorgeworfen, daß sie keine unabhängige Partei sei, daß sie zu den Liberalen in einem Abhängigkeitsverhältnis stehe; in den Wahlkreisen niit doppelter Vertretung, wo die Arbeiterparteiler und Liberalen neben« einander gegen die Konservativen kämpften, komme dies deutlich zum Ausdruck. Namentlich Leicester, wo der Arbeitervertreter der Vorsitzende der parlamentarischen Fraktion ist, ist als Beispiel heran« gezogen worden. Es hieß, daß der Vorsitzende der Partei mit liberalen Stimmen gewählt sei, daß er deshalb nicht gegen die Liberalen ernsthaft auftreten könne, daß man es nicht wagen dürfe, in Leicester einen zweiten Arbeiter« kandidaten außer ihm aufzustellen. Auf der anderen Seite wird erklärt, daß die Abhängigkeit der Liberalen von der Arbeiterpartei in diesen Wahlkreisen nicht minder groß ist als die Abhängigkeit der Arbeiterpartei von den Liberalen; denn auch die Liberalen könnten gegen den Willen der Arbeiterpartei ihre Mandate in diesen Städren nicht behaupten. ES scheint, daß ein beträchtlicher Teil der Arbeiterparteiler Leicesters die Kandidatur HartleyS unterstützt,.so daß man auf gespannte Beziehungen zwischen den Liberalen und der Arbeiterpartei gefaßt seiir muß, wenn der Liberale in der Nachwahl unterliegen sollte. Verurteilung eines deutschen Spions. Winchester, 25. Juni. T-r deutsche Zahntechniker William Klare stand heute vor den Geschworenen unter der Anklage, sich ein geheime? Flottenbuch der Werft von Portsmouth verschafft zu haben. Der Angeklagte erklärte, daß er nicht schuldig sei; er wurde jedoch für schuldig befunden und zufünfJahreaZu cht- Haus verurteilt. franhmefc. Ausnahmebestimmungen zur dreijährigen Dienstzeit. Paris, 25. Juni. Die HeercSkom Mission dc� Kammer stimmte heute vormittag dem neuen Bericht Pates über die dreijährige Dienstzeit zu, nach welchem es durch Herabsetzung der Ucberschußziffer von acht auf sechs Prozent möglich sein wird, von der Jahrcsklasse 1913 und den folgenden jährlich 49 000 Mann schon nach zweijährigem Dienste zu entlassen. Tie Beratung des Gesetzes über die dreijährige Dienstzeit. Paris, 25..Juni, Die Kammer setzte nach einer längeren Geschäftsordnungsdebatte die Debatte über die Militärvorlage fort. Pate vcrlaS den ergänzenden Bericht, der entsprechend dem gestern vormittag in der Kammer ausgesprochenen Wunsche verfaßt worden ist. Fast alle Zahlen sind die gleichen wie diejenigen des ur- sprünglichen Berichtes. Tie Gesamtstärke beträgt 672 835 Mann, von denen 29 000 Mann für Ncuformationen vorgesehen sind. Für die Einstellung werden 711329 Mann angesetzt.� Der Unterschied zwischen der in dem Bericht genannten Effektivstärke und der vom Generalstabe berechneten, beträgt nur 1455 Mann.(Beifall in der Mit« und auf verschiedenen anderen Bänken.� Der TOgeorfmett S e f e b r e sagte, indem et die Zahlen, die er in seiner vorigen Rede angegeben hatte, berichtigte,, seit 1906 habe Deutschland für seine Rüstungen nicht 1293, sondern 1319 Millionen aufgewendet, während Frankreich dafür nur 683 Mil» lionen ausgegeben habe. Diese Zahlen sprächen eine beredte Sprache.(Beifall. Lärm auf der äußersten Linken.) Der Redner fuhr fort, ein plötzlicher Angriff würde bedeuten, daß der Krieg schnell zu Ende geführt werden solle. Dies läge im Interesse Deutschlands wegen seiner finanziellen Unterlegenheit. Aus diesem Grunde seien die strategischen Eisenbahnlinien zwischen der West« grenze und der Weichsel stark vermehrt worden.— Ministerpräsident Barth»» unterbrach den Redner und sagte: Dies ist durch den preußischen Kriegsminister vor der RcichStagskommissio» bestätigt »v»rdrn.(Bewegung.)— Lefevre rechtfertigte sodann die Zurück« ziehung der russischen Linientruppen aus Polen, wo sie in schlechter Stellung gestanden hätten, genau so wie gewisse französische Trup- Pen im Jahre 1876. Lefevre ging dann des längeren auf die zu- gunsten der dreijährigen Dienstzeit sprechenden Gründe etn und bat zum Schluß die Kammer, den Gegenentwurf Augagneur zurückzu- weisen und den Entwurf der Regierung und der Kommission an- zunehmen.(Lebhafter Beifall im Zentrum, auf der Rechten und auf verschiedenen Bänken der Linken.) Rußland. Die Antwort auf Deutschlands Rüstungen an der Ostfront. Petersburg, 24. Juni. Die Reichsduma verhandelte über den Etat der Kanzlei des Kriegsministeriums. Der Referent Zweginzew erklärte. Rußland stehe gegenwärtig vor den bei« spiellosen Anstrengungen, welche ein befreun- deter Nachbar st aat zur Entwicklung seiner Kriegsmacht mache. Die Reichsduma sei berechtigt, von den Leitern des Kriegsministe- riumS Aufklärungen darüber zu verlangen, was sie zur W i e d e r- Herstellung des gestörten Machtverhältnisses zu unternehmen planen. Der Chef des General st abs erklärte, die Tätigkeit des Militärressorts sei, wie immer, auf die Kampfbereitschaft der Armee gerichtet. Sie habe sich in den letzten Jahren, insbesondere im Vorjahre, durch den intensiven Bau von Festungen und die Ver- sorgung der Haubitzdivisionen mit neuen Haubitzen und der In- fanterie mit Maschinengewehren gekennzeichnet und sei bereits abgeschlossen. Der Chef des Generalstabs führte weiter die Maßnahmen an, welche da? Kriegsministerium zum Zwecke der schnelleren Deplacierung der Armee sowie zur Vervollkommnung des Aufklärungsdienstes und der Aviatik getroffen habe. Das Ministerium habe dem Wunsche der Duma gemäß die Frage des Baues von Chausseen im westlichen Gebiet aus- gearbeitet. Das Projekt der Ausarbeitung des Bahn- netzeS zu strategischen Zwecken sei in der Ausarbeitung begriffen. Von den Balkanereignissen beeinflußt, welche alle Staaten gezwungen hätten, den Bestand ihrer Kriegsmacht zu prüfen, habe das Kriegsministerium Maßregeln getroffen, um die Armee mit allem Nötigen, was ihr zur Kriegsbereitschaft fehlte, zu versehen. Das Militärressort habe bereits eine Gesetzesvorlage betreffend eine bedeutende Verstärkung der russi» schen Wehrkraft und die Formierung neuer Trup. p e n t e i l e bei der Infanterie, Kavallerie und den andern Waffen- gattungen sowie eine Reorganisation der Feldartil- l e r i e im Sinne der Vermehrung der Anzahl der Geschütze in der Feldartillerie der Armeekorps ausgearbeitet. Zum Schlüsse sagte der Generalstabschef: Alle diese Maßregeln legten dem Va- terlande große Opfer an Leuten und Geld auf. Das Militär- ressort sei der Reichsduma dankbar für die Bewilligung des dies- jährigen Kontingents, das die Mittel gegeben habe, um zu Neu- formierungen zu schreiten. Künftighin seien jedoch noch weitere große Mittel erforderlich. Da» Kriegsministerium hoffe, daß die Reichsduma dem Kriegsressort durch Verstärkung der Ar- mee zu einem Bestände verhelfen werde, der es ermögliche, die Gesamtmacht zur Verteidigung des Vaterlandes und zum Schutze der FriedenSintcressen zu entfalten, wenn ein machtvolles Wort des Kaisers die Armee auf das Feld der Ehre rufen sollte. Petersburg, 2S. Juni. Reichsduma. In der gestrigen Abendsitzung erklärte, auf verschiedene Anfragen erwidernd, der Generalstabschcf, daß im Laufe des Jahres, seitdem im Ministerium eine Abteilung für Flugwesen bestehe, sich die Zahl der Flugzeuge verzehnfacht habe. Das Ministerium werde nicht eher ruhen, als bis in jedem Armeekorps eine Fliegerabteilung eingerichtet sei, die in Kricgszcitcn die Aufklärung sichert. Das Ministerium habe die erste Gelegenheit ergriffen, um die Zahl der Lenkballons zu verdoppeln, wobei es Luftschiffe großen Maß- stabeS, sogenannte Luftdreadrwughts neuester Systeme, erworben habe. Diese seien mit den neuesten Vervollkommnungen aus- gestattet und hätten Maschinengewehre, Bombenwerfer und Tele- graphenapparate. Deutschland habe zwar elf Lenkballons, jedoch bloß acht davon entsprächen den russischen Großlenlballons. Alle sechs russischen LenkballonS könnten sich mit den deutschen messen. Dabei komme in Betracht, daß Deutschland zwei Kriegsfrontcn habe. Rußland aber bloß eine. Marokko.' Verlustreiche kämpfe der Tpauier. Madrid, 24. Juni. Wie der Kriegsminister bekannt gibt, hat gestern zwischen einer von dem Oberleutnant Alcantara be- fehligten Abteilung des Generals Sylvestre und Marokkanern des . Gharbstammes ein Kampf stattgefunden. Die Marokkaner wurden unter großen Verlusten geschlagen. Die Spanier hatten zwei Verwundete. Bei der Rückkehr der Kolonne nach Arzila wurde ein Artillerieleutnant durch eine verirrte Kugel getötet. Madrid, 22. Juni. Wie aus Tetuan amtlich gemeldet wird, zogen die feinde zahlreiche Kontingente zusammen, um die spani- schen Truppen anzugreisen. Diese ergriffen darauf die Offensive und warfen den rkeind nach einem erbitterten Kampf unter er- heblichen Verlusten zurück. Auf Seiten der Spanier wurden drei Offiz'-re und dreißig Soldaten getötet, fünf Offiziere, darunter ein Oberst, und 48 Soldaten ver- mundet. Amtlich wird aus La räche gemeldet, daß von den spanischen Truppen zwei Gefechte geliefert worden sind, das erste zwischen Tzcnin und Talza. das zweite zwischen Talza und Elksar. Auf Seiten der Spanier fielen zwei Leutnants und vier Soldaten. Ter Feind ließ 27 Tote und ziei Gefangene zurück. Hus der Partei. Das Leichenbegängnis des Genossen Kaden gestaltete sich ZU einer machtvollen Demonstration der D r e s- dener Arbeiterschaft. Dem Sarge voran marschierten in langem Zuge die Genossen des vierten Kreises, dessen Ver- toter der Verstorbene 15 Jahre hindurch gewesen. Dem Sarg folgten zunächst die Angehörigen, dann die Vertreter bes Parteivorstandes, der sächsischen Parteiinstanzen, der Relchstags- und Landtagsfraktionen, endlich die Deputationen au» dem Lande. Ihnen schloffen sich die beiden anderen Dresdener Kreise' an. Nach fast zweistündigem Marsche er- reichte der Zug das prächtige Krematorium. Am Sarge sprachen Landtagsabgeordneter W i r t h für den vierten Kreis, Landtagsabgeordneter Schulze- Kossebaude für den Landesvorstand, Reichstagsabgeordneter Molkenbuhr für den Parteworstand und die Reichstagsfraktion, Reichs- tagsabgeordneter Bock für die Kontrollkommission und end- lich Reichstagsabgeordneter Gradnauer. Unter den prächtigen Klängen der Orgel und dem leise hereindringen. den Gesang einer gewaltigen Sängerschar senkte sich der Sarg in die Tiefe._ Totenliste der Partei. In Gablenberg bei Stuttgart ist am Sonnabend wieder ein alter Kämpfer aus der sozialistengesetzlichen Zeit, Moritz Schröter, im Alter von 62 Jahren gestorben. Am 12. Oktober 1848 in Volkmarsdors bei Leipzig geboren, schloß Schröter sich sofort nach seinem Auslernen als Schriftsetzer der Gewerkschaft und der Partei an und hat stets, wenn es galt, seinen Mann ge- standen, ohne lange etwaige Folgen in Betracht zu ziehen. So wurde er schon 1868 in Leipzig wegen Eintretens für die Ge- hilfenintereffen verschiedentlich gemaßregelt und verließ später, um einen verheirateten Kollegen unterzubringen, freiwillig seinen Arbeitsplatz; hierauf war er in Werdau und Gera tätig. Nach einigen Jahren in die Heimat zurückgekehrt, machte er 1873 den großen Leipziger Buchdruckcrstreik mit und wurde 1878, unmittelbar nach Inkrafttreten des Sozialistengesetzes, von den Genossen seines Geburtsortes in den Gemeinderat gewählt, bis er Ansang Juli 1881 nach Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Leipzig„von Gesetzes wegen" binnen dreimal 24 Stunden seinen Wirkungskreis verlassen mußte, Frau und sechs Kinder ohne Mittel zurücklassend. Alle Anstrengungen, auswärts festen Boden zu ge- Winnen und Wieoer sein zerstörtes Familienglück aufzubauen, schlugen fehl, bis er endlich Ende 1882 in Stuttgart beim Genossen Dietz als Schriftsetzer, später als Korrektor Stellung erhielt. Sofort nahm Schröter die Arbeit für Partei und GeWerk- schaft wieder auf und wurde mehrmals mit Vertrauensämtern be- traut. Hauptsächlich die Buchdrucker, an deren Spitze er 1894 bis 1900 als Gauvorsteher stand, haben seinem Wirken viel zu verdanken. polizeiliches» Sein ehrliches ufw» Preßprozesse. Wegen angeblicher Beleidigung eines Gendarmecicwachtmeisters wurde von der Erfurter Strafkammer Genosse P e tz o l d als verantwortlicher Redakteur der„Tribüne" in Erfurt zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, obwohl Genosse Petzold am Tage des Erscheinens zener Notiz, in der die Beleidigung gefunden worden war, gar nicht in der Redaktion anwesend sein konnte, da er auswärts einen Gerichtstermin wahrnehmen mußte. Sein Name war nur aus Versehen mit als„Verantwortlicher" in der Druckform stehen geblieben._ Jugendbewegung. Literatur. Wie soll man wandern? Anleitungen und Winke von Engelbert Graf. Die Schrift ist von der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Teutschlands herausgegeben worden, um zur Förderung auter Jugendwanderungen beizutragen. Die Wanderungen der arbeitenden Jugend sollen nicht nur der körpcr- lichen Erholung und geistigen Erfrischung, sondern auch der gci- stigen Fortbildung unserer Jugend dienen. Dazu die Jugend- Wanderungen auszugestalten ist allerdings keine so leichte Auf- gäbe. Hierbei den Funktionären unserer Jugendbewegung be- hilflich zu sein, ist der Zweck der Schrift. Der Verfasser, ein alter Praktiker im Wandern, gibt eine reiche Fülle erfolgreich erprobter Ratschläge für die Organisation und Durchführung rechter Jugendwanderungen. Somit dürfte die Schrift, die für den Jugendleiter kaum entbehrlich ist, von jedem Freund genußreichen Wandern» begrüßt werden. Der Preis der 32 Seiten starken Broschüre beträgt im Buch. Handel 20 Pf., die Jugendlichen erhalten sie durch die Jugend- auSschüsse und-vereine billiger. Bestellungen sind an die Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW. 68, Lindenstr. 69, zu richten. Komm zu uns! Ein Weckruf an die junge Arbeiterin. Von Luise Zietz. Mit einer Reproduktion des BildeS:„Die junge Bergarbeiterin" von Meunier und einem Gedichte:„Die Arbeit" von Emma Döltz, herausgegeben von der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschland». Zu bezichen durch die Buch- Handlung Vorwärts in Berlin SW. 68. Preis 20 Pf. Die Verfasserin weiß in einer dem Empfindungs- und Auf- fassungsvermögen der jungen Arbeiterin angepaßten Form die Auf- gaben der proletarischen Jugendbewegung darzustellen und die zunge Leserin für die Kulturbewegung der jungen Arbeiterschaft zu begeistern. Die weiteste Verbreitung dieser wirkungsvollen AgitationS- schrift unserer Jugendbewegung ist um so wünschenswerter, da die bürgerlichen„Jugendpfleger" mit Hilfe des Geldes der Steuer- zahler für ihre unehrlichen und arbeiterfeindlichen Bestrebungen neuerdings auch die weibliche Jugend der Arbeiterschaft ein- zufangen trachten. Für die Agitation ist von der Schrift eine besondere Ausgabe hergestellt worden, von der 1000 Exemplare 10 M. kosten. Hus Industrie und Kandel. Die Getrcide-Eiufuhrscheine. Die Handelsvertragsvereins- korrespondenz schreibt:„Der durch unser Einfuhrschcinsystem forcierte deutsche Roggenexport hat der russischen Regierung bekanntlich Anlaß gegeben, die Einführung eines EingangSzolleS für Roggen in Rußland und Finn- land in die Wege zu leite». Wenn auch die Klagen der russischen Agrarier stark übertrieben sein sollten, wie es den Anschein hat, so ist doch die peinliche Tatsache nicht aus der Welt zu schaffen, daß unser seit 1906„verbessertes" Einfuhrscheinsystem für unsere handelspolitischen Beziehungen mit dem Aus- lande immer mehr ein Stein des Anstoßes wird. Die Bereinigten Staaten von Amerika erheben seit dem vorigen Jahre einen„Ausgleichszoll" auf die prämiierte deutsche Ausfuhr von Mühlenfabrikatcn und Hülsenfrüchten, und die be- treffende Verordnung ist bis jetzt trotz des amtlichen deutschen Pro- testes nicht zurückgezogen worden. Mit der Schweiz haben wir einen Zollkrieg wegen der gleichen Frage vor einigen Jahren mit Mühe und Not und nach langen Verhandlungen vermieden. Auch in Norwegen und in den Niederlanden sind schon Klagen laut geworden. Es wäre daher. wirklich an der Zeit, daß gelegent- lich der Revision der Handelsverträge, wenn nicht schon vorher, dieses unglückliche deutsche Einfuhr;cheinshstem ebenfalls einer fachgemäßen Revision unterzogen werden würde, selbstverständlich unter möglichster Wahrung der berechtigten Interessen de« deutschen Getreideexportes. Eine Reform würde sich auch im Interesse der Reichsfinanzen sehr empfehlen. Wachsen doch die Zoll ver- gü tun gen von Jahr zu Jahr in unheimlicher Progression: im ersten Quartal 1911 wurden 38,8 Millionen Mark vergütet, im ersten Quartal 1912: 41,9 Millionen Mark, im ersten Quartal des laufenden Jahres bereits 21,2 Millionen Mark.(!)* In der Tat muß die völlige Beseitigung des Skandals, daß die Ausfuhr von Brotfrucht prämiiert wird, während im Inland Teuerung herrscht, immer wieder gefordert iverden. Ter Eifcamarkt. In der Hauptversammlung des Stahlwerks- Verbandes, die Mittwoch stattfand, wurde über die Geschäfts- läge folgendes berichtet: In Halbzeug ist der Bedarf in- folge der schwächeren Beschäftigung der reinen Walzwerke zurück- gegangen. Mit Rücksicht auf die zurückgegangenen Preise der leichten Walzfabrikate wurden heute die Jnlandpreise für das dritte Quartal um fünf Mark pro Tonne herabgesetzt. Im A u s l a n d e liegt das Geschäft ebenfalls st i l l e r. In Großbritannien veranlaßt die Ungewißheit über den Aus- gang der im Schiffsgewerbe schwebenden Arbeiten Schwierigkeiten, die erst im Laufe des nächsten Monats sich entscheiden dürsten, die Werften zur Zurückhaltung im Abruf. Die seitens der belgischen und französischen Werke erfolgten Preisherabsetzungen wirken ebenfalls hemmend auf das Geschäft ein. Das Geschäft in schwerem Oberbaumaterial hat von seiner' seitherigen günstigen Verfassung noch nichts eingebüßt. Von den Preußischen Staatsbahnen wurde der Hauptbedarf in kleinem Eisenzeug für das Etatsjahr 1914 aufgegeben, der entsprechend dem höheren Schienenbedarf gleichfalls den des Vorjahres übertrifft. Auch von Kleinbahnen wurden in den letzten Wochen Aufträge auf schweres Material erteilt. Vom A u s l a n d e gingen weitere größere Au- fragen auf schwere Schienen ein, die zum Teil bereits zu Ab- schlüssen führten. In groben Schienen wurden die Abschlüsse für das dritte Vierteljahr in etwa derselben Höhe getätigt, wie im zweiten Vierteljahr. Der Spezifikationseingang ist recht beftie- bigend. In Rillenschienen sind die Werke nach wie vor sehr an- gespannt und vielfach nicht in der Lage, die beanspruchten Liefer- termine einzuhalten. Das F o r m e i s e n g e s ch ä f t leidet immer raxh unter den andauernd schlechten Geldverhältnissen, unter denen der Baumarkt schwer darniederliegt. An vielen Stellen ruht die Bautätigkeit fast vollständig, und darin ist erst ein Um- schwung zu erwarten, wenn die erforderliche Erleichterung auf dem Geldmarkte eingetreten sein wird. Die Abnehmer beschränken sich daher zurzeit auf die Deckung des notwendigen Bedarfs. Auf dem Auslandsmarkte wird teilweise ebenfalls Zurückhaltung geübt, Soziales. Sexualpndagogifche Tätigkeit. „Sexualpädagogische Tätigkeit" lautete das letzte Thema auf der Jahresversammlung� die die„Deutsche Gesellschaft zur Be- kämpfung der Geschlechtskrankheiten" in Breslau(nicht in Berlin, wie es in dem letzten Referat hieß) abhielt. Die Diskussion hier- über, welche durch ein Referat von Dr. Chotzen-Breslau eingeleitet wurde und an der sich Vertreter verschiedener Ortsgruppen, Frauen und Schulmänner beteiligten, zeigte, daß trotz der großen Schwierig- leiten, welche sich der sexualpädagogischen Tätigkeit der Gesellschaft und der Schulärzte entgegenstellen, doch jetzt allerorten das Ver- ständnis für die Notwendigkeit einer fachgemäßen sexuellen Er- ziehung der Jugend im Zunehmen begriffen ist. Die erschreckend große Verbreitung der Geschlechtskrankheiten schon unter der halb- wüchsigen Jugend auf der einen Seite, die segensreiche Wirkung der bisherigen Bemühungen der Gesellschaft auf der anderen Seite haben auch eine große Zahl der bisher widerstrebenden Pädagogen aus Gegnern zu überzeugten Anhängern dieser Be- strcbungen gemacht. Viel hierzu beigetragen haben auch die in vielen Städten eingerichteten sexual-pädagogischen Fortbildungs- kurse für Lehrer und Lehrerinnen. Auch die Notwendigkeit, bei den Eltern das Verständnis für dieses wichtige Problem zu wecken und die Mittel und Wege, wie dies geschehen könne, wunden in der Diskussion eingehend erörtert. Damit hatte die Versammlung ihr Ende erreicht._ Hetzte Nachrichten* Das Ergebnis der holländischen Stichwahlen. Amsterdam, 25. Juni.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Nach den heute stattgcfundenen Stich- Wahlen ist das Ergebnis der Kammerwahlen folgendes: Die Klerikalen sanken von 59 auf 45, die Liberalen stiegen von 34 auf 35, die Sozialisten von 7 auf 18. Der Ausgang der Wahlen ist eine zerschmetternde Niederlage für die Kleri- kalen und ein glänzender Sieg für das allgemein.e, Wahlrecht._ Oesterreich-Ungarn und die Balkanstaaten. Wien, 25. Juni.(P. C.) Die offiziöse„Wiener Allgemeine Zeitung" präzisiert in einer ersichtlich vom Ballplatz stammenden Mitteilung die Stellung Oestetreich-Ungarns: Die Monarchie wünscht auf das lebhafteste die Beilegung des Konfliktes zwischen der. Balkanstaaten. Der Modus, durch welchen diese» Ziel erreicht wird, kann Oesterreich-Ungarn ganz gleichgültig sein. Erst wenn ein definitives Resultat, sei es durch eine direkte Einigung der Balkanstaaten, sei es auf dem Wege eines Schiedsspruches, an den Tag treten sollte, wird die Monarchie zu dieser Teilung der er- oberten Gebiete Stellung nehmen und untersuchen, ob dadurch ihre Interessen nicht tangiert werden. Denn eS ist selbstverständ- lich, daß weder eine Vereinbarung der Balkanstaaten unter-* einander, noch ein auf Grund dieser Vereinbarung gefällter S ch i e d S s pr u ch für Oesterreich-Ungarn irgendwelche ver- bindliche Kraft besitzen. Der bulgarisch-serbische Zusammenstoß. Belgrad, 22. Juni.(W. T. B.) Nach amtlichen Berichten ver- suchten größere bulgarische Truppenmassen durch einen nächtlichen Ueberfall sich der serbischen Stellungen längs des ZlatowoflüsscS zu bemächtigen. Sie wurden nach blutigem Kampf zurückge- schlagen. An maßgebender serbischer Stelle wird die Hoffnung ausgedrückt, daß der Vorfall keine weiteren Kreise ziehen werde. Albanische Freiwillige für Serbien. Saloniki, 22. Juni.(P. C.) Die Serben haben eine große Anzahl albanischer Freiwilliger für den Fall eines Krieges mit Bulgaren angeworben. Sie erhalten 20 Dinar monatlich, reich- liche Tagesrationen und außerdem freien Tabak garantiert. Mehrere tausend Albaner sind bereits in Werissowit im Wilajet Kossowo versammelt, um eingekleidet zu werden. Eine menschliche Bestie. Gotha, 22. Juni.(W. T. B.) Eine auf dem Gute Großfahner beschäftigte polnische Arbeiterin nahm nach einem Streit mit ihrem Manne ihr 6 Wochen altes Kind, legte es auf den Hackklotz und schlug ihm mit der Axt den Kopf und beide Beine ab. Sie beging den Mord zu der Zeit, als der von ihr mißhandelte Mann zum Gendarmen gegangen war. Die Mörderin wurde verhastet._ Ter Streik im Randgebiet. Kapstadt, 25. Juni.(W. T. B.) Infolge der Streiklage im Randgebiet werden in den verschiedenen Städten der Union Truppen bereit gehalten, um im Notfalle nach dem Randgebiet abzugehen. Nach Benoni, in der Nähe der Kleinfontein-Mine, sind 120 Mann berittener Infanterie abbefohlen worden, Eisenbahnunglück in Kanada. Ottawa, 22. Juni.(W. T. B.) Vier Waggons eine» Zuges der Canadian-Paciflcebah» sind in den Ottawafluß gestürzt. 15 Per» sonen sind getötet worden. Die Leichen von 4 Männern, 3 Fr«r Vorstand. & Sozialdeniokratiseiier Wahiverein f. 14.Beri.Beielistagsvalilkreis. Frankfurter Viertel.(Bezirk 261.) De« Mttgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse Gustav Hscber Markusstr. 18 gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Freitag, den 27. Juni, nachmtttags 4 Uhr, von der Halle des Fried- hosS der AndreaS-Markus-Gc- meinde in WUHelmsbdrg aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. VeM IfiemeiDde-u-Staatsarb. Filiale Grofi-Berlln. Unseren Mitgliedern zur Nach- richt, daß der Kollege Ideolfos Dittberner welcher im Betriebe des städttschen GaSwerkeS Schmargendorf be- chhästigt war, verstorben ist. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Bestattung findet am Donnerstag, den 26. Juni, nach- mittags 5'/, Uhr, von der Leichen- balle des neuen Luisen-Kirch- hoseS Westend, Fürstenbrunncr Weg, aus statt. 34/13 llie Ortsverwaltung. Transportarbeiter-VerfaaniL Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Schankwirt Germann Lonradt am 24. Jun i im Alter von 49 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Frettag, den 27. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral-Friedhoses in Friedrichsseide aus statt. Um rege Beteiligung wird ersucht. Den Mitgliedern ferner zur Nachricht, daß unser Kollege, der Hausdiener Karl IrisdiKe am 23. d. Mts. im Alter von S2 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken: r Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 26. d. Ms., nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des neuen Jerusalems- Kirchhoses, Neukölln, Hermann- straßc, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 66/4 Oie Bezirksverwaltung. SozialdemokratiseberWablverein Ld. 4Jerl. Reiebstagsvahlkreis. Görlitzer Viertel, Bez. 160. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Hausdiener Karl k�riscKKe (Lausitzerstr. 34) gestorben ist. Ehre seinem Andenke»: Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 26. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des neuen Jerusalemer Kirch- Hofes, Hermannftraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 214/20_ Per Vorstand. Sängerabteilung I. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser lieber Sangesbruder Karl Frischke am 23. Juni verstorben ist. Ehre seinem Andenke»: Die Beerdigung findet heute Donnerstag, den 26. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- halle des neuen Jerusalemer Kirchhoses, Neukölln, Hermann- straße, aus statt. 1323b Ter Borstand. Montagnachmittag 3 Uhr ent- schlief sonst nach langem Leide» der Silberpolierer------- Heinrich Pleiß im 55. Lebensjahre. Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags 4',', Uhr, von der Halle des Zentral-Friedhoses in Friedrichsselde aus statt. 132gb Frau Else Marco geb. Pleiß. Frau Johanna Fanst. SozialdemokratiseberWalilTerein Kreis iederbaroiE Beslrk Rnminelsbnrg. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse Heiiuicb Witzenhausen verstorben ist. Ehre seinem Andcukcn! Die Beerdigung findet am Freitag, nachniittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Georgen- Kirchhofs, Landsberger Allee 21, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 8/1 Oie Bezirksleitung. Dienstagmorgen entschlief sanft nach kurzem schwerem Leiden mein lieber Mann, unser guter Vater, der Schankwirt Heinrich Witzenhausen im 41. Lebensjahre. Fra» Wiuenhauscn nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Frettag, nachmittags 5 Uhr, von der Halle des Georgen-KirchhosS, Landsberger Allee, aus statt. 86A Verband der ireien Gast- und Schankwirte Deutsehiands. Zahlstelle Lichtenberg. Den Kollegen die traurige Nach- richt, daß unser Mitglied Heinrich Witzenhausen im 42. Lebensjahre verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet Frettag, nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Georgen-Kirch- Hofes, Landsberger Allee, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 73/7 Die Ortsverwaltung. Zentral-Kranken- n. Sterbekasse der deutschen Wagenbaoer. (Verficherungsv. a. Gegenseitigkeit) Ortsverwaltung Nenkölln I. Xachrnf: Vor kurzem verstarb nach langem schweren Leiden unser Mtglied, der Tischler Pelz Weisestraße 58. Ein ehrendes Andenken bewahrt ihm die Filiale Neukölln l. 258/8 Tie Ortsverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung unserer lieben Prirn sagen wir allen Verwandten, Freunden, Bekannten und den Mietern des Thorner Str. 1 unser» herz- ~' 9331 In tiefer Trauer fantiiie A. Schaar. ET An diesem Schild sind die Läden erkennbar, "B in denen SINGER Nähmaschinen verkauft werden. 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IL Nach dex Masienstreilrcde Franks brachten eine Anzahl Blätter aller Richtungen die Notiz einer verbreiteten Korrespondenz, « der es hieß: .Ein Berliner Blatt hat der Wilmersdorfer Versammlung die Meldung vorangehen lassen, daß die sozialdemokratische Partei sich entschlossen habe, binnen einem Jahr in den Massenstreik einzutreten, falls bis dahin keine Wahlreform zustande gekommen sei. Jeder Kenner der Parteiverhältnisse muß sich sagen, daß eine solche Meldung nicht richtig sein kann. Ein Beschluß von so ungeheuer weittragenden Folgen kann selbstverständlich nur nach ausgiebigster Erörterrmg von den Vertretern der organisierten Genossen im ganzen Lande gefaßt werden. Es liegt aber— auch das kann ganz offen ausgesprochen werden— zurzeit kein Anlaß vor, anzunehmen, daß irgendeine Partei- instanz in diesem Augenblick eine derartige Beschlutzfassung wünscht. Frank und die Genossen, die ihm begeistert zustimmten, haben red- lich von ihrem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch ge- macht. Ihre Aeußerung ist das Zeichen einer Stimmung. die in einem Teil dcS kämpfenden Proletariats herrscht; wie groß oder wie klein dieser Teil ist, kann heute noch niemand sagen. Als Stimmungszeichen verdient die Wilmers- dorfer Versammlung bewertet und beachtet zu werden, nicht bloß von den Freunden der Wahlrechtsbewegung, sondern auch von den unentschiedenen Elementen und den Gegnern. Von ihrem Verhalten wird es zum guten Teil abhängen, ob jene Stimmung auf einzelne Teile der organisierten Arbeiter- klaffe beschränkt bleibt, oder ob sie wie ein Lauffeuer um sich greift. Unter den Millionen der Rechtlosen, und sogar noch ein gut Stück über ihre Kreise hinaus ist die Ueberzeugung allgemein, daß eS so wie bisher nicht fortgeht, daß der in Preußen herrschende Zustand nicht aus die Dauer ertragen werden kann. Wird er in naher Zeit beseitigt, so verschwindet mit ihm auch die Erregung, deren Quelle er ist. Bleibt er erhalten, dann wird sich diese Erregung steigern und dann wird auch der Tag kommen, an dem eine schwere Er- schütterung des Staates und des ganzen Reiches durch leidenschaft- liche WablrechtSkämpfe nach dem Vorbilde anderer Länder nicht mehr zu vermeiden sein wird.' Interessant ist die Stellungnahme der Parteipresse im rheinisch-westfälischcn Jndu st riegebiet zur Massen- streikfrage. Die.Essener Arbeiterzeitung schrieb: „So sehr wir bestrebt sind, dem preußischen Wahlrechtskampfe alle Wege freizulegen, die sich irgendwie als gangbar erweisen, sehen wir uns aber vom Standpunkte des überlegenden Organisators aus gezwungen, dem süddeutschen Husarenritt der opportunistischen Parteirichtung unsere unverhohlene Bewunderung auszusprechen über die geradezu leichtfertige Art, wie sie die preußischen Parteigenossen mit einem Wagemut, der alles auf die eine Karte einer momentanen Volksstimmung zu setzen sucht, in den politischen Massenstreik hinein- zusagen suchen. Alle Begeisterung in Ehren, ohne sie ist im poli- tischen Kampfe überhaupt nichts auszurichten, sie muß aber einen realen Untergrund haben, und der kann für den politischen Maffenstreik in Preußen nur geschaffen werden durch ein- gehende Erörterungen in den wirtschaftlichen und politischen Organi- sationen des Proletariats im Reiche und in Preußen. Das letzte Beispiel des belgischen politischen Massenstreiks scheint eine geradezu verheerend gleichmachende Wirkung in den Köpfen mancher unserer Parteiführer angerichtet zu haben. In unserem westlichen Industrie- bezirk Preußens haben wir seit 188g nun schon dreimal den Wirt- schastlichen Maffenstreik im Bergbau erlebt und die praktischen Lehren dieser Bewegung kennen gelernt, die sich bis jetzt noch in keine noch so schön erklügelte Hurrastimmung hineinpressen läßt. Unsere am Herde des konzentriertesten Großkapitals im Wirt- schaftlichen und politischen Feuer geschmiedeten Klafsenkämpfer des Proletariats sind sich doppelt bewußt, daß der Wahlrechtskampf in Preußen bis zu seinem bittersten Ende durchgekämpft werden mutz, aber dazu bedarf es noch gewaltiger wirtschaftlicher und politischer Schulung des Proletariats, auf das wir uns im entscheidenden Augenblick unter allen Umständen müffen verlassen können, wenn es nicht zum üblen Ende für die opferbereite Schar der Kämpfer für die Freiheit in Preußen ausschlagen soll. Wir haben hier im Industriegebiet unsere heutige Position im BefteiungSkampfe des Proletariats zu mühsam erobert, als daß wir uns je dazu herbei- lassen würden, den Kampf um die Erstürmung der preußischen Zwingburg aufzunehmen, ehe wir nicht mit gutem Gewiffen sagen können, nach unserem Ermessen ist alles bereit, um diesen schweren Feldzug gegen die preußische Reaktion, deren tiefste Wurzeln unS nur zu bekannt sind, mit Ehren aufnehmen zu können. ... Was wir fordern müffen, um aus dieser politischen Misere herauszukommen, in die der preußische Wahlrechtskampf hinein- zugeraten droht, da? ist zunächst eine entschiedene unzweideutige Willenserklärung. Die geradezu dürstige Tagesordnung für unseren diesjährigen Parteitag läßt nicht viel Hoffnung aufkommen, daß be- sondere Absichten im Schöße der Partei für die allernächste Zeit nach Gestaltung drängen. Vielleicht löst sich daS aber noch in den nächsten Wochen au«. Vom ernsthaften Angriff des Werkes bis zur entscheidenden Tat wird dann immer noch eine ganz ausgedehnte Vorarbeit zu bewältigen fein, die sich voraussichtlich sogar über etliche Jahre hinaus ausdehnen wird, um dann natürlich nach weit ausgeholtem Schlage die preußische Reaktion möglichst so zu treffen, daß ihr eine heilsame Lehre daraus erwächst. � Absichten und Marschrichtungen nach ganz prosaischen Kriegs- planen— die mehr das Werk unserer Organisatoren als unserer Agitatoren sein müssen— gilt es zunächst festzulegen und dann der Propaganda freizugeben. Nach dieser mehr praktischen als gloriosen Parole hat das Proletariat Preußens Bedürfnis. Dies fordert die nächste Zukunft.' Das.Bochumcr Volksblatt' schrieb dagegen: „Es wäre ein Fehler, wenn über der Frage nach den Ursachen des tinbefriedigenden Wahlausganges die Prüfung der Zukunftsfrage zu kurz käme, die Frage, was hat zu geschehen, um aus dem Elend des Dreiklassensystems herauszukommen, wie führen, wie beleben wir aufS neue den Wahlrechtskampf! Denn das muß für uns feststehen und steht auch fest, daß wir uns nicht in stiller Entsagung damit abfinden können, daß nun einmal nichts zu machen sei. Der Gedanke, daß das Dreiklaffensystem ein FeiS sei. an dem alle unsere Bemühungen zuschanden werden, hat keinen Raum in den Berechnungen eines revolutionären Politikers. »ür uns steht fest: Das Dreiklaffensystem in Preußen ist zurzeit Generalhindernis jedes politischen Fortschritts nicht nur in Preußen, sondern ,m ganzen Reiche. Deshalb muß das Dreiklaffen- system fallen! Da kann es sich also nur um die Frage des Wie handeln, von deren Lösung auch die Frage des Wann handelt. Wir preußischen Parteigenoffen. die wir mitten in der Arbeit für die Land- tagswahlen gestanden haben, konnten begreiflicherweise unmittelbar nach den Wahlen, unter dem Eindruck des geringen Ertrages unserer Arbeit nicht gleich die Spannkraft wieder finden, sofort kühn und klar die Mittel deS neuen Kampfes zu erörtern. Da ist eS recht erfreulich und uns allen und unserer Sache dienlich, daß Genossen ans dem Süden, die erfahrenen Praktiker fortschrittlicher Politik, oft genug darum verschrien, kommen und unS frischen Mutes ihre An- ficht sagen über die nächsten Aufgaben, die wir erfüllen müssen, von den allein wirksamen Mitteln, die wir anwenden müssen, um wieder aus dem Stillstand herauszukommen, um wieder Leben in die Bude »» bringen um schließlich zum Ziele zu gelangen.... -... Nie aber werden wir die Massen ins Feuer bringen durch Mrtwöhrende Erwägungen darüber, ob sie dazu zu bringen' sind. Niemals wird ein politischer Massenstreik Aussicht auf Erfolg wenn wir nicht? z« tun wissen, als seine Schwierigkeiten zu Das aber sage ich zum Schluß auf Grund einer mindestens ebenso reichen Erfahrung, wie sie dem Essener Warner zur Ver- fügung steht: Niemand ist in der Lage zu sagen, das deutsche Industrie- Proletariat sei zu einem politischen Maffenstreik nicht reif! Die Erfahrungen mit den wirtschaftlichen Streiks im Ruhr- revier bilden kein Merkmal zur Beurteilung der Möglichkeiten eines politischen Massenstreiks. Böten sie ihn aber, dann spräche er durch- aus nicht gegen die Möglichkeit des politischen Masjenstreiks. Der politische Maffenstreik trägt seinen Maßstab in sich selbst. Er ist in Deutschland noch nicht angewandt worden, und daher gibt es keine Möglichkeit, zu sagen, er könne nicht angewandt werden. Dagegen ist gewiß, daß ein politischer Massenstreik vor allem entschlossene und tatbereite Führer erfordert, daß aber Flaumacherei, auch mit den revolutionärsten Grundsätzen, jede Tat unmöglich macht I' Die„Rheinische Zeitung'(Köln) äußerte sich u. a.: „Es muß einmal gesagt werden: mit dem Wahlrcchtskampf steht es geradezu trübselig. Gewiß hat die Sozialdemokratie Massen aufgerüttelt und ihnen das Bewußtsein der preußischen Schmach eingehämmert. Doch vom Ziele sind wir noch weit entfernt. Zähneknirschend stehen wir vor der beschämenden Tatsache einer dumpfen und stumpfen Gleichgültigkeit gewaltiger Arbeiter- schichren. Zu dem politischen Dusel kommt das deuffche National- laster der Temperamentlosigkeit, das sich als ein weiterer Hemm- schuh stürmender Aktionen erweist. Politischer Massenstreik?— ein packender, überwältigender Gedanke, aber zu schön, um in unserer Atmosphäre behaglicher Gemächlichkeit Hoffnung auf Verwirk- lichung geben zu können! Das ganze Preußen müßte es sein. Doch wo ist der moderne Herkules, der den Hunderttausenden und Millionen, die träge dahindösen, den heißen Atem revolutionärer Energie einblasen könnte? Das im Verhältnis recht kleine Heer unserer einexerzierten und opferbereiten Kämpfer reicht natürlich bei weitem nicht aus; die Hoffnung darauf, daß wir die über das Gelingen eines Massenstreiks entscheidenden Schichten mitreißen könnten, ist aber vorab so gering, daß jede Massenstreikdebatte im Sande verlaufen muß. Gewiß: in uns allen brennt die heiße Sehnsucht nach kraftvoller Massenaktion— aber die lähmende und niederziehende Gleichgültigkeit, die politische Saft- und Kraft- losigkeit von Millionen, die dabei sein müßten, bringt uns die vorläufige Aussichtslosigkeit solcher Wünsche sehr bitter zum Bewußt- sein." Die„Niederrheinische Arbeiterzeitung'(DuiS- bürg) schrieb: „Gerade weil wir im politischen Maffenstreik eine so wuchtige Waffe erkennen, gerade weil wir glauben, daß sie es ist, die im preußischen Wahlrechtskampfe die Entscheidung herbeiführen wird, deshalb halten wir die ernsteste, umfassendste Vorbereitung ihrer Anwendung für nötig, deshalb lehnen wir jede leichtgemute Be- schäftigung mit ihr ab. Fragen wir uns zunächst, ob in der Maffe der preußischen Arbeiterklasse nach dem Ausgange des Landtagswahlkampfes der heiße, ungehändigte Streiterwille lebt, den die Belgier auf der Haben- Seite der politischen Buchführung verzeichnen konnten? Wir sind nie Pessimisten gewesen und können dem Genossen Meerfeldt nicht zu- stimmen, der in einem Artikel der„Neuen Zeit" von den Anzeichen einer Verbürgerlichung der Partei spricht und konstatieren zu müssen glaubt,„daß die deutsche Bewegung die Phase schon hinter sich hat, da sie etwa an einen politischen Massenstreik denken könnte". Unsere Meinung ist vielmehr die, daß wir, was die Umsetzung polittscher Erkenntnis in politische Tatkraft anbetrifft, zwar noch recht weit zurück sind, daß wir aber durch intensivste innere Arbeit, durch immer- währendes Wachrütteln der Lauen und Stillen, durch machtvolle Steigerung der begonnenen Bildungstätigkeit sehr wohl dahin kommen können, wohin die romanischen Völker durch Leidenschaft und Temperament gelangt sind. Nur, daß unser Kampf dann zäher, berechneter, systematischer sein kann, daß er nicht nur eine fcurtge Attacke, sondern ein ausgedehnter, konzentrischer An- griff aus die nächste Position der kapitalistischen Klassenherrschaft sein wird. Noch, das geben wir unumwunden zu, auf Grund der Ersah- rungen namentlich bei der letzten Landtagswahl, stehen»vir nicht auf dem Punkte, von wo aus sich dieser Kampf entwickeln könnte, aber wir werden ihn erreichen. Niemand wird verneinen, daß die Entschlußfähigkeit und Disziplin deS hauptsächlichsten großstädtischen Proletariats uns in die Lage versetzen würden, hier bei entsprechender Vorbereitung den politischen Massenstreik zu wageu. Es muß und wird möglich sein, mit der Organisation und Erkenntnisbildung der Proletarier- masien in den Industriegebieten, den mittleren und kleineren Städten ebenso weit zu gelangen. ES wird uns daS vor allen Dingen dann möglich werden, wenn die sozialen Gegensätze sich verschärfen und tief in den Jntereffenkreis der Mafien eingreifeude politische Ereigniffe sich abspielen. Darüber sind wir uns alle klar, daß das bis heute unumgäng- liche Parlamentieren, Verhandeln, Vergleichen und Kompromisse- schließen derer, die an der Spitze der großen und immer anschwellenden sozialen Heereskörper stehen, kein ewig währender Zustand sein wird.... Eine Wirtschaftskrise wirst drohend ihre Schatten vorauf. Bricht sie herein, die Arbeiter zum Verzweiflungs- kämpf um ihre nackte Existenz, um die Aufrechterhaltung ihrer sozialen und ökonomischen Errungenschaften zwingend, so wird ein großer Zusammenprall der kapitalistischen und pro- letarischen Macht wohl nicht zu umgehen sein. Ein solcher Kampf wird ohne weiteres zum politischen Ereignis— ist er's nicht von vornherein, so wird er von der herrschenden Klaffe dazu gestempelt: wir sahen die Vorboten dessen ja im R u h r st r e i k und auch bei anderen Gelegenheiten. Mit diesem naturgemäß uur skizzenhaften Hinweise wollen wir andeuten, daß uns die kommenden Jahre Mittel zur Aufrüttelung der Arbeiterklasse massenhaft in die Hand geben werden... ES ist die Konseguenz unserer Anschauung über den Mafien- streik, daß wir für die D i S k u t i e r u n g und Propagierung dieses Kampfmittels eintreten. Der Vorstoß deS Genoffen Frank, hinter dem nicht er allein, sondern zum mindesten eine Gruppe von Parteigenosse» steht, belehrt uns. daß die Diskussion keineswegs überflüssig ist und unfruchtbar verlaufen muß. Die Propagierung deS Massenstreiks als Kampfmittel zunächst für den preußischen Wahl- rechtskampf ergibt sich als Notwendigkeit aus der gegenwärtigen Situation, in der schon erkennbar die Keime der kommenden liege». Deshalb ist eS gerechtfertigt, daß, wie von verschiedenen Seiten ge- fordert, die bevorstehenden Parteitagungen sich eingehend mit dieser Frage beschäftigen."__ Reichstag. 169. Sitzung. Mittwoch, den 25. Juni�lvIS, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstisch: D e I b r ü ck. Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Beratung des Reichs- und Staats- angebörigheitsgeretzes. Abg. Dr. Landoberg(Soz.):' Keiner von unseren in der zweiten Lesung gestellten Anträgen hat bei der Mehrheit Gnade gefunden, selbst solche Anträge sind vom Zentrum und den Nationalliberalen abgelehnt worden, die diese Parteien in der Kommission selb st gestellt haben. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Es scheint, daß sie lediglich deshalb abgelehnt worden sind, weil wir sie gestellt haben. Uns schmerzt das nicht, wir wissen, daß unsere Anträge, wenn nicht das Recht der Gegenwart, doch das der Zukunft darstellen, wir sind stolz darauf, auch auf diesem Gebiet als Pioniere zu gelten. Unsere endgültige Stellung zu dem Gesetz machen wir abhängig von dem Schicksal der Anträge, die wir heute erneut einbringen. Wir verlangen, daß jeder Deutsche staatSangehörig ist in dem Bundesstaate, in dem er seinen Wohnsitz hat, zum mindesten, lvenn er den Unter st ü tz u n g S- Wohnsitz erworben hat; wir verlangen weiter, daß solche Personen ein vcrfolgbares Recht auf Einbürgerung erhalten, die aus der Ehe eines staatenlosen Mannes mit einer deutschen Frau stammen, in Deutschland wohnen und bereit sino, im deutschen Heere zu dienen: dasselbe Recht auf Einbürgerung verlangen wir für Kinder von Ausländern, die in Deutschland geboren und erzogen sind und alle Pflichten eines Deutschen auf sich nehmen. Schließlich beantragen wir die S t r e i ch u n g der Bestimmung, die den Bundes- staaten die Befugnis nimmt, Ausländer einzubürgern, sondern allen anderen Bundesstaaten ein Einspruchsrecht gewährt. Wir begreifen vor allem nicht die Stellung des Zentrums, dessen Mitglied Dr. Belzer die preußische Dänenpraxis als u n h e i l v o l I und skandalös bezeichnet hat.(Hört! hört!) Wir können die Ver- antwortung nicht übernehmen, daß diese preußische Praxis auf das ganze Reich übertragen wird.(Beifall bei den Sozialdemokraten� Unterstaatssckretär Dr. Delbrück: In der zweiten Lesung wurde behauptet, daß ein Staatenloser in Nordschleswig ausgewiesen wurde, weil er wegen Diebstahls und Widerstands gegen die Staatsgewalt bestraft fei das erstere sei ein Apfeldiebstahl gewesen, den der Betreffende als Kind begangen und den das Gericht durch einen Verweis gesühnt habe, das letztere sei ein harmloser Streit mit einem Nachtwächler gewesen. Die au- gestellten Ermittelungen haben ergeben, daß es sich bei dem Diw- stahl um einen Einbruchsdiebstahl handelte— es wurde aus einer verschlossenen Kommode ein gefülltes Portemonnaie entwendet—, und bei dem Widerstand gegen die Staats- gewalt handelte es sich um einen Konflikt mit einem Polizeisergeanten, den der Betreffende am Rockärmcl faßte und als Lumpen, Lausekerl, Schweinehund beschimpfte.— Der Gesetzentwurf entspricht den Wünschen der Auslandsdeutschen nach Erschwerung des Verlustes ihrer Staatsangehörigkeit und nach Erleichterung ihrer Wiedererlangung. Trotz mancher an dem Entwurf der Verbündeten Regierungen vorgenommenen Aenderung enthält er keine für die Verbündeten Regierungen unannehmbare Bestimmung. Wohl aber ist das mir den heute erneut eingereichten Anttägen der Sozial- demokratte der Fall, die darauf hinauslaufen, Ausländern die Ein- bürgerung zu erleichtern, ihnen sogar einen rechtlichen Anspruch darauf zü geben. Dem können wir n i ch t zustimmen.(Beifall rechts.) Sli g. Dr. Blunck(Vp.): Unter dem Druck der Verhältnisse lehnen wir die sozialdemokratischen Anträge ab. Wir könnten eS nicht verantworten, die wesentlichen Fortschritte deS Gesetzes zum Scheitern zu bringen. Der§ 7a hindert die Fortsetzung der bisherigen preußischen Praxis im ganzen Reich, das sichern unS die Zusagen der Regierung. Die Sozialdemokraten aber, wenn sie den 8 7a ablehnen, treten für ungesetzliches Vorgehen ein!(Große Heiterkeit bei den Sozialdemo- kraten.) Wir vertrauen darauf, daß die uns versprochene loyale Handhabung allen Beschwerden abhelfen wird. Abg. Bernstei»»(Soz,): Wo ist denn die Gewähr für eine solche Praxis? Man chat zwar erklärt, daß die Konfession bei Einbürgerungen nicht maßgebend sein soll— aber das hat man ja auch schon bisher immer behauptet! Was beweist das also? Man wird die Anträge„nicht wegen der Konfession", sondern eben ganz einfach ablehnen. Wir haben doch so viele schreiende Fälle er- fahren I Sie geben den Abgewiesenen nicht einmal ein Rechts- mittel gegen auf heimtückischen Denunziationen beruhenden Ab- Weisungen und liefern sie den verborgenen Fußangeln des Gesetzes aus. Herrn Delbrück erwidern wir, daß wir hier keineswegs alle früheren Anträge wiederholt haben. Wir bieten nicht die Hand zu diesem Gesetz, das nicht nur im Reich, sondern auch international „on schädlich st er Wirkung sein wird.(Lebhafte Zustimmung gei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Landsberg(Soz.): Kollege Blunck verläßt sich auf die Zusage der Regierung, daß daS Gesetz in loyaler Weise angewendet werden solle. Was solche Zusagen praktisch bedeuten, hat die Erfahrung reichlich erwiesen. Wir verlangen Rechtsgarantien, und da sagt Herr Blunck, wir putschen die preußische Regierung zu ihrem Vor- gehen auf. Ich kann ihm nur erwidern: Mein teurer Freund, ich rat dir drum, zuerst voUogium logicurn!(Heiterkeit b. d. Sozial- demokraten.) Abg. Dr. Blunck(Z.): Der Einspruch eines Bundesstaats gegen eine Einbürgerung muß doch nach 8 7a auf Tatsachen gestützt sein I Abg. David(Soz.): Wie wollen Sie die Verhandlungen de? Bundesstaats kon- trollieren? Die Generaldiskussion schließt. In der Spezialdebatte betont Abg. Dr. Ouarck(Soz.)', daß der Antrag, die Staatsangehörigkeit durch den Wohnsitz resp. II n t e r st ü tz u n g s w o h n s i tz zu begründen, gewissermaßen ein Reichsindigenat schaffen wolle. ES liegt.dies vor allem im Interesse der Arbeiter, die durch ihre soziale Lage im Reich hin- und hergeworfen werden und politisch rechtlos werden, wen» sie die Staatsangehörigkeit nicht erwerben. Aber diese Rechtlosigkeits- machung der Arbeiter ist gerade das, was den bürgerlichen Parteien am Herzen liegt.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Der sozialdemokratische Antrag wird abgelehnt. Abg. Bernstein(Soz.) begründet den Antrag, wonach Staatenlose, die von einer deutschen Mutter stammen und in Deutschland groß geworden sind, das Recht auf Einbürgerung haben müssen. Wenn die Regierung schon das ins sali(Recht auf Grund des Geburtsortes) nicht an- erkennen wolle, so müsse sie um so mehr das ius sanguinis(Recht auf Grund des Blutes der Abstammung) gelten lassen. Sie können gegen unsere Anträge stichhaltige Argumente nicht vorbringen. Wir haben keine Mittel, Sie zu zwingen, diesen unseren Anträgen zu- zustimmen. Wenn Sie sie ablehnen, bleibt uns nur übrig, Ihnen die Verantwortung für die Vorlage zu iiberlasien. (Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Hanffcn(Peine): Der sogenannte Einbruchsdiebstahl, den der Staatssekretär er- wähnte, liegt 15 Jahre zurück. Damals loar der Betreffende Dienst junge und hat auch nur einen Verweis dafür be- kommen. Schwerer dürfte wiegen, daß er ini letzten Jahre vom Deutschen Gastwirteverband ein Diplom siir fünfjährige treu geleistete Dienste erhalten hat. Er ist auch nicht etwa wegen der Straftaten ausgewiesen, sondern weil er geheiratet hat, um sein Kind zu legittmieren.(Hört! hört!) Den Staatssekretär möchte ich fragen, warum die Verhandlungen mit Dänemark zur Beseittgung der Staatenlosenfrag«. poch immer-z« keinem Ergebnis geführt haben. Staatssekretär Dr. Delbrück: Die Schwierigkeiten liegen hier in der dänischen GeMtzgebuna, und daft die dänische Regierung in dieser Beziehung nicht nachgeben wird, solange ihre Interessen hier durch Herrn Haussen so wirksam vertreten werden, liegt auf der Hand. Der Antrag Albrecht sSoz.) wird abgelehnt. Abg. Ouarck(Soz.) begründet den Antrag Albrecht auf S t r e i ch u n g der Bestimmung, dag eine Einbürgerung in einen Bundesstaat nur möglich ist, wenn kein anderer Bundes st aat Widerspruch erhebt. Bisher war es möglich, dah jemand, dem in Preusten die Einbürge- rung versagt wurde, sich in dem liberaleren Süddeutschland zur Einoiirgerung mit Erfolg bewarb. Dieses kleine Stückchen liberaler Einrichtungen soll jetzt auch noch vernichtet werden, die Praxis Preilbens soll auf das ganze Reich ausgedehnt werden, deutlich zeigt sich, dast Preuben der böic Geist des Deutschen Reiches ist.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Vizepräsident Dove erklärt diesen Ausdruck für unzulässig. Abg. Waldstein(Vpt.) betont, daß die Kommission das Einspruchsrecht der BuitdeSstaaten wesentlich gegenüber der Regierungsvorlage eingeengt habe. Wir erwarten von diesem Paragraphen gerade eine gewisse Bereinheit- lichung des Einbürgerungsrechts. Die Abstimmung bleibt zunächst zweifelhaft, da auch ein Teil der Freisinnigen und des Zentrums neben den Polen' und Elsässern für den Antrag Albrecht stimmen. Die Abstimmung durch Hammelsprung ergibt die Ablehnung deS Antrages mit 164 gegen 121 Stimmen.— Für den Antrag stimmen u. a. Abg. Gröber(Zentr.) und der den Borsitz führende Vizepräsident Dove.(Von den Sozialdemokraten fehlt eme Anzahl infolge des Begräbnisses Kadens.) Abg. Gröber(Zentr.) begründet einen Antrag des Zentrums, wonach nicht nur die Anstellung im Kirchendienst, sondern auch die im Synagogendienst die Staatsangehörigkeit begründen soll. Staatssekretär Delbrück wendet sich gegen den Antrag. Der Antrag wird gegen die Stimmen der Rechten a n« genommen. Ein vom Abg. Bernstein(Soz.) begründeter Antrag, wonach eine Deutsche durch Eingehung einer Ehe mit einem Ausländer ihre Staatszugehörigkeit nicht verlieren soll, wird abgelehnt. Der Rest des Gesetzes wird debattelos angenommen. ES soll am 1. Januar 1914 in Kraft treten. In der G e s a m t a b st i m- mung wird das Gesetz gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Polen und Dänen angenommen. Abg. Zimmermann(natl.) begründet eine Resolution auf Schaffung einer AuZkunftSstelle für Einbür gerungSfragen im Aus- wältigen Amt. Die Resolution wird unter großer Heiterkeit einstimmig a n g e n o m in e n. Es folgt die erste Beratung des Abkommens zur Vereinheitlichung des Wechselrechts von, 23. Juli 1912 nebst der zugehörigen einheitlichen Wechsel- o r d n u n g. Staatssekretär des Auswärtigen Amts v. Jagow -cgt dar. daß da» Abkommen einem Wunsche des Reichstages und jahrzehntelangen Bestrebungen der Handelswelt entspreche. ES seien .'6 Staaten daran beteiligt sei. Bedauerlich sei, daß England .md Nordamerika sich nickit angeschlossen hätten. Dies neue Rechtsband, das um die beteiligten Völker geschloffen wird, wird zur gegenseitigen Verständigung und Annäherung der Staaten bei« tragen.(Bravo I> Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Lisco beleuchtet die juristische Tragweite deS Abkommens. Abg. Dr. Landsberg(Soz.): Wie wir jede Annäherung der Nationen begrüßen, so auch diese Vorläge. Jede solche Annäherung muß eine Steigerung der Kultur zur Folge haben und mutz den Völkern zeigen, daß eine solche Steigerung der Kultur nur auf dem Wege der Ver« st ä n d i g u n g erreicht werden kann und nicht auf dem Wege der R ü st u n g e n.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Früher galt der Gedanke eines internationalen Wechselrechts als vollkommen utopisch. Wir hoffen, daß dies Abkommen der Vorläufer vieler anderer sein wird, die auch auf anderen Gebieten zu einem einheitlichen internationalen Recht führen werden.(Bravo I) In nicht zu ferner Zeit wird auch das Handelsrecht vcreinheit- licht werden, wir begrüßen diese Entwicklung, stimmen der Vorlage zu und verzichten auf Kommissionsberatung. Erfreulich ist, daß die Wahrnehmung von Wechselrechten nicht mehr von der Beobach- tnng der etnzelstaatlichen Stempelvorschriften abhängig sein wird. Auch andere Verbesserungen sind zu konstatieren.(Der Redner zählt die Bestimmungen von mir fachlichem Interesse auf.) Wir bedauern aber, daß der Reichstag von der Mitarbeit von diesem Abkommen ausgeschlossen wurde; zwischen den zwei internationalen Konferenzen hätten die Abgeordneten sehr wohl zu dem Vorentwurf Stellung nehmen können. Wir werden an der Haager Wechselordnung jetzt nichts mehr ändern können. Der Nichtbeitritt Englands und Nord« a m e r i k a s ist um so verwunderlicher, als das Abkommen gerade dem englischen Wechselrecht sehr weit entgegen- kommt. Ich hoffe, daß unsere Vettern jenseits des Kanals doch auch die Wichtigkeit eines einheitlichen Weltwechselrechts für den englischen Kaufmann erkennen werden. Einheitliches Recht würde trotz deS einheitlichen Gesetzes erst durch einen internationalen höchsten Gerichtshof gesichert werden, denn das einheitliche Gesetz kann von verschiedenen Gerichten verschieden ausgelegt werden.(Zu- stimmnng bei verschiedenen Parteien.) Abg. Belzer(Z.) stimmt dem Abkommen zu und wünscht ebenfalls, daß in Zukunft solche Entwürfe vorher dem Reichstag vorgelegt werden. Die Krönung deS Abkommens wäre die Schaffung eines inter- nationalen Gerichtshofes zur Entscheidung von Streitigkeiten aus der Wechselordnung. Abg. Dr. Junck(natl.): Eine gewisse Freiheit der Entschließung behält der Reichstag insofern, als ihm die durch das Abkommen notwendig werdende Novelle zur Wechselordnung vorgelegt werden soll, bevor das Abkommen ratifiziert wird.— Daß man auf der einen Seite sich in Rü st un gen geradezu überbietet und auf der anderen Seite solche Abkommen abschließt, halte ich von meinem Standpunkt aus nicht für unlogisch. Eine gemeinsame Gerichtsbarkeit für das gemeinsame Wechselrecht ist allerdings eine dringende Forderung. Abg. Dr. Giese(k.): Auch meine Freunde stimmen dem Abkommen zu. Unser alteS gutes Wechselrecht ist dabei im großen und ganzen beibehalten. Auch dem Gedanken eines Weltwechselgerichts stehen wir sympathisch gegenüber. Abg. Dove(Vp.): begrüßt gleichfalls lebhaft dw Vorlage. Wenn eine größere Mit- Wirkung des Reichstags gewünscht wird, so ist daS allerdings die Kehrseite solcher internationalen Abmachungen, daß die Einzel« Parlamente ausgeschaltet werden. Wir muffen dann eben rein konstitutionelle Zustände anstreben, damit am BundeSratSlisch eben nur Herren sitzen, mit denen wir einverstanden sind.(Heiterkeit und Sehr gut l links.) Die Ueberspannung solcher konstitutionellen Bedenken hat ja dazu geführt, daß die Vereinigten Staaten die Be« teiligung abgelehnt haben, weil sie in dieser Art internationaler Vereinbarungen einen Eingriff in ihre Souveränität sehen. Abg. Warmuth(Rp.) stimmt dem Abkommen zu. Mliilsterialdirektor Dr. Kriege sagt zu. daß der Reichstag von internationalen Abmachungen schon vor ihrer Festlegung in Kenntnis gezetzt werden soll. DaS Abkommen wird genehmigt. Der Geietzentwnrf betreffend Entschädigmig der Schöffen und Geschworene» wird in dritter Beratung debattelos angenommen. Der einmalige außerordentliche Mehrbeitrag. Reichsschatzsokretär Kühn: Während die Vorlage der Regierung im wesentlichen das Ver- »lögen zur Deckung der Wehrvorlage heranziehe» wollte, hat die Kommission statt dessen eine Art E i n k o in m e n st e u e r vorgesehen. Die in der Presse hiergegen erhobene maßlose Kritik macht nch die Regierung nicht zu«igen, ein Eingriff in das Privateigentum ist bei jeder Steuergesetzgebung notwendig. Vor allem muß ich nachdrücklich betonen, daß eine so außerordentliche Maßnahme, wie die Einforderung eines WehrbeitragcS, sich nicht wiederholen darf.(Bravo I rechts, Lachen bei den Sozialdemokraten.) Diese öffentliche Erklärung sind die verbündeten Regierungen nicht nur sich selbst schuldig, sondern auch den Steuerzahlern, in deren Kreisen sonst eine große Beunruhigung entstehen würde. Deshalb ist es auch zu begrüßen, daß. falls die notwendige Milliarde durch den Ertrag des Wehrbeitrages überschritten wird, nach dem Kommijsionsantrage der Mehrbetrag zur Kürzung des letzten Drittels des Wehrbeitrages bereit zu stellen ist und daß Mindereinnahmen nicht etwa durch Zuschläge zu dem Wchrbeitrag gedeckt werden sollen. Ich verkenne nicht, daß der Nation ein gewaltiges Opfer zugemutet wird, aber sie wird eS bringen, um sich den Frieden und seine Segnungen zu erkaufen.(Bravo! rechts). Abg. Dr. David(Soz.): Der Staatssekretär hatte toohl vor allem das Bedürfnis, die Regierung selbst zu beruhigen, denn ihr scheint vor dem Gesetz, auf dessen Einbringung sie so stolz war. jetzt bange zu sein. Wir hatten von vornherein leine Sympathie dafür, doch ist sie nach der Arbeit der Kommission etwas gewachsen. Di« Mehr- beit des Hauses ist fest entschlossen, neue ungeheure Rüstungs- steigerüngen zu bewilligen, und wir haben kein Mittel, dies zu ver- hindern. So bleibt für uns die Aufgabe, wenigstens dahin zu wirken, daß die Deckungsvorlagen in einer Gestalt verabschiedet werden, daß sie die wirtschaftlich Schwächeren schonen und möglichst die ganze Last auf die wirtschaftlich Starken und Stärksten geschoben wird.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Regierung wollte die Vermögen von 19 009 M. an treffen, gleichgültig, ob ein Einkommen dabei vorhanden ist oder nicht, also ganz kleine Geschäftsleute mit vielleicht 1999 oder 1299 M. Jahreseinkommen sollten herangezogen werden, dagegen sollten Leute mir einem Ein- kommen bis zu 69 999 M. freibleiben. Ferner wollte die Re- gierung von den kleinsten Vermögen denselben Prozentsatz, 73 Proz., erheben, wie von den größten. Das war keine all- gemeine Besitzsteuer, sondern eine, die vor allem den kleinen Mittelstand Belasten mußte. Die Kommission hat das beseitigt. Wir beantragten, die Vermögen bis zu 59 999 M. nur mit "',o Proz., bis zu 199 999 M. nur mit 2/10 Proz. zu belasten. Das r wieder ein Beispiel dafür, wer für den Mittelstand eintritt. (Sehr wahr l bei den Sozialdemokraten.) Natürlich müßte man dann, wenn die Milliarde herauskommen soll, die g r o ß e n B e r- mögen stärker treffen. Di« Kommission hat das Gesetz auch zu einem Einkommensteuergesetz gemacht, in dem die Grenz« für die heranziehbaren Einkommen von 59 999 auf 6999 M. heruntergeschoben ist. Allerdings sollen die kleineren Einkommen nur gering ge- troffen und die Steuer gestaffelt werden. So hat das Gesetz eine breitere Basis bekommen, gewissermaßen zwei Füße, so daß eS jetzt ein Vermögens- und ein Einkommensteuergesetz ist. So bescheiden die Staffelung ist, hat sie doch in den betroffenen Kreisen einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. In allen Aeußerungen über die Arbeiten der Kommission ist nur eine, die einen idealen Zug zeigt. Dr. R u h l a n d, Mitglied der elsaß-lothringi- schen Kammer, hat im Berliner„Tag" ausgeführt, der Gedanke des allgemeinen Opfers sei in der Fassung der Kommission nicht zum AuS- druck gekommen, es müßte in dem Gesetz stehen, daß die beschlossenen Beiträge M i n d e st b e i t r ä g e seien, daß aber jeder einen höheren Beitrag zahlen dürfe. Wir würden gegen einen solchen Antrag nichts haben, übrigens kann Herr Ruhland sich beruhigen, es ist ein allge- meines Staatsbürgerrecht, mehr zu zahlen, als was gefordert wird. Das ist der einzige Idealist, der sich vernehmen ließ. Die städtischen und ländlichen Agrarier betonten, weitere Opfer dürften nur auf dem Wege der indirekten Steuern aufgebracht werden. Der Schutz verband für die deutsche In« d u st r i e verlangte, daß die Einkommen von 999 M. aufwärts zum Wehrbeitrag herangeholt würden.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Daß ist der Geist, der in den Kreisen lebt, die den Mund nicht genug aufreißen konnten, als es galt, Rüstungen zu bewilligen, die sie n i ch t bezahlen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Der Deutsche Handelstag protestierte gegen die Staffelung, die doch der breiten Masse der kleineren und mittleren Kaufleute zugute kommt und nur die großen Krösusse schärfer trifft. Sehr charakteristisch ist die Eingabe der Handels« kammer des nicderrheinisch-westfälischenJndustrie- b e z i r k s, also der Industriellen, die von allen RüstungS« Vermehrungen den größten pekuniären Vorteil haben. Sie sprechen von rück sichtslosen Eingriffen in das Ver« mögen eines Teiles der Bürger. Sie nennen die KommissionS- Vorlage nichts mehr und nichts weniger als den e r st e n S ch r i t t z u r K o n fi s ka ti o n d er großen und mittleren Ber- mögen. Wenn die Dinge so weiter gehen, muß die nächste Deckungsvorlage eine Monopolisierungsvorlage zur Ueberführung der Rüstungsindustrien auf das Reich sein.(Lebh. Sehr richtig I b. d. Soz.) Wenn Sie mit Ihren Rüstungen fortfahren, dann wird daS Reich chlietzlich die Mehrwertindustrie an der Quelle fasten müssen. (Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Sie sagen ja selbst, daß Sie mit den direkten Steuern nicht weiter gehen können, es wird also dazu kommen müssen, daß Sie die Rüstungsindustrie in den Besitz des Staates oder des Reiches überführen.(Zu- timmung bei den Sozialdemokraten.) Der Ansturm der Interessenten hat leider Erfolg gehabt und daS Gerede von der Vermögenskonfiskation hat nicht wenige Herren dieses Hauses so weit eingeschüchtert, daß sie schleunigst daran gingen, die Beschlüsse der ersten Lesung zu revidieren. Man hat gesagt, daß die Heranziehung des Vermögens mit einem Betrag von 29 bis 39 Prozent des Jahreseinkommens viel zu stark sei. An sich klingt ja diese Zahl sehr hoch, aber nach einer Denkschrift der Regierung über die Steuerverhältnisse im Deutschen Reich werden pro Kopf der deutschen Bevölkerung an Zöllen und Verbrauchssteuern 25 Mark pro Jahr, somit von einer Familie von 6 Köpfen 199 bis 159 M. pro Jahr aufgebracht� was bei dem Einkommen der proletarischen Familien eine Jahreseinkommensteuer von 19— 16 Proz. be- deutet.(Hört l hört l bei den Sozialdemokraten.) Da die Ver- teuerung der Lebensmittel im Inland infolge der Zölle aber un- gefähr denselben Betrag ausmacht, find die Armen und Allerärmsten mit der Wegnahme von 29—39 Proz. ihres Jahreseinkommens be- steuert.(Lebhafte Zusiimmung bei den Sozialdemokraten.) Als diese Belastung geschaffen wurde, haben die großen und reichen Herren nicht über Konfiskation geschrien, das tun sie nur, wenn sie selbst bezahlen sollen. Die Hergab« von 29—39 Proz. des Einkommens durch die Armen und Allerärmsten halten Sie für gerecht? Es ist aber doch eine ganz andere Frage, ob jemandes Einkommen ganz zur Beschaffung von Kleidung, Wohnung und Nahrung aufgebraucht wird, zur Aufrechterhaltung seiner Gesundheit völlig verbraucht, oder ob eine Steuer au» dem Vermögen von Millionen oder dem Einkommen von Hunderttausenden gezahlt wird. DaS ganze Geschrei über Konfiskation ist aber erst richtig zu verstehen, wenn man, wie das Gesetz tut, den Wehrbeitrag auf drei Jahre aufteilt und somit nur eine Steuer von 6 bis 19 Proz. pro Jahr übrig bleibt. Vom Standpunkt der steuerlichen Gerechtigkeit kann kein sozialcmpsindender Mensch angesichts der ungeheuren Besteuerung der breiten Volksmassen gegen diese Staffelung etwas einwenden. (Sehr richtig! links.) Der Ansturm hat nun die Mehrheitsparteien inS Wanken gebracht, so daß sie die Errungenschaften der ersten Lesung zun, Teil beseitigt haben. Wir werden Ihnen Gelegenheit geben, diese Errungenschaften tviederherzu st eilen und darüber hinaus weitere Verbesserungen vorzunehmen. Der Wchrbeitrag ist für die reichen und reichsten Leute ein sehr nützlicher Lehrbcitrag. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Sie bekommen zum erstenmal zu spüren, was die Rüstungstreibereien bedeuten, und da bei diesen Leuten vielfach daS Portemonnaie die empfindlichste Stelle ist, werden sie vielleicht ihren Patriotismus revidieren und mancher wird sich fragen, ob nicht der Frieden auf dem Wege besser gesichert wird, den die Sozialdemokratie weist. Ter Wchrbeitrag ist aber auch ein Lehrbeilrag für die regierenden F ü r st e n, die sich„aus Lpfersinn" bereit erklärt haben, initzusteuern. Tie große Mehrheit der Kommission hat gewünscht, daß alle Reichsaugehörigen, auch die Fürsten, auS steuerlicher Gerechtigkeit herangeholt werden müssen. Die Regierung aber hat erklärt, daß eS der Ehre und der Stellung der Monarchen Abbruch tun würde, wenn sie auch wie gewöhnliche Sterbliche Steuern zahlen müßten.(Lebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten!) Ein preußischer Monarch hat gesagt, der König sei der e r st e Diener des Staates.(Zuruf der Sozialdemokraten: Das ist aber schon lange her I Heiterkeit links.) Man lvill doch immer die Tradition pflegen, mit welchem Rechts wollen sich also die ersten Diener dieser Dienstleistung für den Staat entziehen, sie müßten doch den anderen Dienern mit gutem Beispiel voran- gehen!(Sehr gut l bei den Sozialdemokraten.) Vor allem aber wird die Reichsregierung aus diesem Wchrbeitrag gelernt haben, daß der längst durchbrochene Grundsatz, daß das Reich direkte Steuern nicht erheben dürfe, hinfällig ist. Wir haben ja immer ge- fordert direkte ReichseinkommenS- und Vermögenssteuer und Zu- schläge der Bundesstaaten hierzu nach ihrem Bedarf. Nur so werden einzelne kleinere Bundesstaaten aus ihrer Steuermisere und das Reich auS dem Steuertohuwabohu herauskommen. Der Wehrbeitrag ist eine direkte Reichseinkommeu- und Vermögens- st e u e r, zunächst für drei Jahre. Will der Staatssekretär dem« gegenüber nicht die lächerliche Behauptung, daß das Reich nicht die Bundesstaaten durch eine direkte Reichssteuer um ihre Einkünfte bringen wolle, preisgeben?(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn wir unseren sozialdemokratischen Standpunkt, eine dauernde Reichsvermögens- und Einkommensteuer einzuführen, realisieren wollen, dann hätten wir nach drei Jahren folgenden Antrag einzu- bringen: Ter Wehrdeitrag wird weiter erhoben.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Nun schwört aber der Staatssekretär Stein und Bein: Nein. nein. eS soll nur einmal sein.(Große Heiterkeit.) Zunächst ist es bis nach drei Jahren schon dreimal. Aber dann soll es aushören, dann soll es nie mehr geschehen.(Heiterkeit.) Ja. wenn der Staatssekretär eine Garantie in der Tasche hätte, daß dann keine neue Heeres- und Marinevorlage kommt I Aber dazu ist ja kein Schatzsekretär imstande gewesen, und wenn er sich einfallen ließ, sich gegen das Verlangen anderer Instanzen npch mehr Soldaten und mehr Schiffen anzustemmen, ist es ihm schlecht gegangen. Vostißia, terrent.(Die Spuren schrecken). Herr K ü ü h n weiß sehr wohl, daß das in seiner Macht nicht liegt, wenn Sie nicht, wie wir eS verlangen, unsere ganze auswärtige Politik ändern und sich auf den Boden einer vernünftigen Verständigung stellen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)— Die Begründung der Regierungen gibt unS übrigens bereits eine prinzipielle Grundlage für das Verlangen, daß auch in Zukunft einmalige Ausgaben für RüstungSvermehrungen nicht auf Anleihen zu über- nehmen sind. Diese Begründung wird unS sehr wertvolle Dienste leisten. Sie sagt,»diese Mittel im Wege des Kredits, also des Schuldenmachens, zu beschaffen. würde den anerkannten Grundsätzen unserer Finanzgebarung widerstreiten". Auf diese bessere Erkenntnis, die sich jetzt wenigstens theoretisch durchgesetzt hat, werden wir uns in Zukunft stützen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. Auch dieser Richtung ist der Wchrbeitrag ein Lehrbeitrag, hoffentlich für die Regierungen. Im übngen werden alle Steuern immer nur einmal erhoben, immer wenn eS notwendig ist. Die Gesetzgebung ist souverän, jedesmal wieder dasselbe zu beschließen. Die Vorlage hat ihr jetziges Gesicht wesentlich durch den Druck der 4>/z Millionen sozialdemokratischer Wähler und der 119 sozial- demokratischen Abgeordneten bekommen. Die sozialdemokraiischen Wähler vom letzten Jahre können sich sagen, daß sie mit dieser Regelung einen ersten großen Erfolg ihre» Willens zu verzeichnen haben.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Diese Regelung wäre nicht gekommen, wenn nicht die A n g st vor dem weiteren Anwachsen dieser Bewegung die Regierung und die Mehrheit dieses Hauses getrieben hätte. Man hat versucht, die Sozialdemokratie bei der Regelung der ganzen Deckungsvorlagen auszuschalten. Konservative und Zentrum haben sich im Schweiße ihres Angesichts darum bemüht. Und da meinte man, wenn man hinter den Kulissen ohne uns verhandelte, hätte man uns aus« geschaltet. Aber Sie wußten wohl, daß vor den Kulissen 119 Sozialdemokraten stehen und der Geist dieser 119 war bei Ihnen tätig. Das hat die„Germania" öffentlich zugegeben, daß sie leider nach der Zusammensetzung des Reichstags diesen Weg gehen mußten, da eine Mehrheit für eine Erbschafts- und Reichsvermögenssteuer vorhanden war. Bei der Besitz« st e u e r wird diese Frage ja noch generell zu behandeln sein. Hier will ich nur sagen, daß auch daS mühsam zustande gebrachte Besitz- steuerkompromiß die Züge des Einflusses der»Va Millionen Wähler und 119 Sozialdemokraten trägt. Wenn es wirklich so naive Leute gibt, die glauben, bei dieser Gelegenheit die Sozialdemokratie aus- geschaltet zu haben, so trifft aus die das Wort Mephistos zu: .Den Teufel spürt daS Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte."(Heiterkeit und lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Spahn(Z.): . DaS Bestreben, da» Gesetz sozial auszugestalten, nehme ich für alle Parteien in Anspruch.(Rufe: Na, na! bei den Sozialdemo- traten.) Wenn die Vorlage ein schöneres Gesicht bekommen hat. so ist das das Hauptverdienst deS Berichterstatters.(Gelächter links.) Abg. v. Halem(Rp.): Die Beschlüffe der Kommission enthalten in der Tat eine Reihe Verbesserungen. Glücklicherweise ist«S gelungen, eine Reihe exzessiver Anträge der äußersten Linken zurückzuweisen. Gegen die Be- schlüsse der Kommission erster Lesung haben sich Korporationen ausgesprochen, die den Liberalen sehr nahe stehen, wie verschiedene ' andelskammern, die Aeltesten der Berliner Kauf», annschaft und der .ansabund.(Hört! hört! rechts.) Die Beschlüsse wurden als Konfiskation der mittleren und großen Ver- mögen bezeichnet. Diese Beunruhigung des Großkapitals ist eine bedauerliche Erscheinung. Wir behalten uns die Stellungnahme zu Abänderungsanträgen vor. Aufs schärfste protestieren wir gegen die Abficht einer Wiederholung dieses Wehrbeitrages.(Ge- lächter links.) Das Deutsche Reich wird auch in Zukunft aus in- direkte Steuern angewiesen sein.(Hört I hört I bei den Sozial« demokraten.) Wir bewilligen den Wehrbeitrag im Interesse des Vaterlandes.(Bravo I rechts.) Damit schlietzt die Debatte.§ 1 des Wchrbeitrag» wird unter großer Heiterkeit einstimmig angenommen. Nach§ 6 Ziffer 4 werden vom Kapitalvermögen ausgenommen die au» den laufenden JahreSeinkünften vorhandenen Bestände, soweit sie zur Bestreitung der lausenden Ausgaben dienen. Ein Kompromihantrag der Nationalliberalen, des Zen trumS und der BolkSpartei will auch Bank- oder sonstige Guthaben. soweit sie zur Bestreitung der laufenden Ausgaben für drei Monate dienen, ausnehmen. Ein weilerer solcher Kompromistantrag will noch nicht fällige Ansprüche auf Versicherungen zum Kapital gerechnet wissen. Beide Anträge werden ohne Debatte angenommen. Zum§ 8 begründet Slbg. Dr. Tavid(Soz.) einen Antrag, der auch die S ch m u ck s a ch e n im Werte von über 1000 Mark zum Vermögen rechnen will. Es ist nicht richtig, riesige Werte, die in Schmucksachen angelegt sind, Werte, die in die Hundert- tausende gehen, steuerfrei zu lassen. 1813 wurden Schmucksachen auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt, da sollten sie heute wenigstens zu der Steuer in geringerem Maße beitragen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Der Antrag wird abgelehnt. Abg. Wurm(Soz.) begründet zu§ 11 einen Antrag, das in der Borlage freigelassene Kirchenver mögen lvenigstens soweit zu besteuern, als eS in einzelnen Bundesstaaten bereits einer Besteuerung unterzogen ist. Die gewaltige Höhe des Kirchenvermögens ist bekannt, und es gibt Kreise, die der Kirche nahestehen, die selbst in der Besteuerung des Kirchenvermögens nichts Unfahbares sehen. Freilich haben sich bis- her die Staaten nur sehr zögernd und vorsichtig an die Kirchen« besteuerung herangewagt, etwa so, daß ein staatlicher Beirat der Verwaltung des Kirchenvermögens beigesellt wird. Die Kirchen er- halten enorme Schenkungen— in Preußen waren es in wenigen Jahren 181 Millionen Mark, nur aus Schenkungen von bis 3000 M. und in Bayern gar öOO Millionen Mark! Seit 1910 wird in Bayern eine neue Aufstellung der Kirchcnvermögcn gemacht. Wir könnten sehr gut eine Darlegung der Regierung über die Höhe der Kirchengeldcr erhalten. Daß es der Kirche nicht schlecht geht, beweist der koloisale Ausbau ihrer Einrichtungen.(Infolge andauernder großer Unruhe ist der Redner nur lückenhaft verständlich.) Bei der Reichsfinanzreform hat auch Kollege Dr. Jäger die An- sammlung der großen Kirchenvermögen für g e m e i n s ch ä d I i ch erklärt.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Berliner Stadlsynode hat ebenfalls beschlossen, daß ihr Vermögen zu dieser Steuer herangezogen werde. Wir beantragen das nicht aus anti- kirchlichen Tendenzen, so wenig, wie Sie die Besteuerung der großen Aktiengesellschaften aus antikapitalistischen Gründen verlangen(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten), sondern wir fordern eS i m Interesse der Gerechtigkeit. Deshalb läßt unser Antrag auch alle diejenigen Vermögen der Kirche frei, die zu wohltätigen Zwecken verwendet werden. Um so weniger ist eine Ausnahmestellung des übrigen Teiles de? Kirchenvermögens berechtigt.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Junck(natl.): Der sozialdemokratische Antrag ist unannehmbar, weil man nicht einzelne Teile des Vermögens juristischer Personen je nach dem Verwendungszweck ausscheiden kann. Der Antrag Albracht wird gegen die Sozialdemokraten und die meisten Fortschrittler abgelehnt. Abg. Dr. Südekum(Soz.) begründet einen Antrag, bei der Besteuerung der Aktiengesellschaften die Ltegierungsvorlage wiederherzustellen. Will man die Alricngesellschaflen überhaupt besteuern, dann sollten sie auch gleich- mäßig besteuert werden, wie es nach der Regierungsvorlage der Fall ist. Daß die Aktiengesellschaften mit den in der Bilanz auf- geführten wirklichen Reservekonien herangezogen werden, wie die Kommiision will, ist ungerecht; gerade die leistungsfähigsten Ge- sellfchaften geben in der Bilanz ihren Besitz nicht an, gerade sie machen erhebliche Abschreibungen für Maschinen, Ländereien usw., während die minder leistungsfähigen da? Bestreben haben, diese Werte möglichst hoch in die Erscheinung treten zu lassen, um ihren Kredit zu stärken. WohlfahrtssondS hätten von dem steuerpflichtigen Vermögen abgezogen werden müssen. Wir wissen sehr wohl, daß auf das Konto„Wohlfahrt" beispielsweise bei der Firma Krupp die in Essen an Offiziere und Beamte ge- zahlten Beträge verbucht werden, auch die Ausgaben für die gelben Vereine werden auf dieses Konto verbucht. Aber um der Ungerechten willen wollen wir die Gerechten nicht leiden lassen; und da eS auch wirkliche. Wohlfahrtskontos" gibt, wollen wir diese freilassen.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Der sozialdemokratische Antrag wird abgelehnt. Z 13 bestimmt, daß bei einem Einkommen bis 2000 M. KOOOV M. Vermögen vom Webrbeitrag befreit sind und bei Ein- kommen von 2000— 4000 M. 30 000 M. Vermögen. Abg. Emmel(Soz.) beantragt Wiederherstellung der Beschlüsse erster Lesung der Kom- Mission, wonach bei bis 3000 M, Einkommen 50 000 M. Vermögen sreibleiben und bei bis 5000 M. Einkommen 30 000 M. Vermögen. Man will hier die kleinen Einkommen mehr belasten, um die großen Einkommen entlasten zu können, weil man im§ 31 bei den höheren Einkommen durch Herabsetzung der Staffel eine Lücke geschaffen hat. Diesen Fehlbetrag wollte man hier wieder einbringen.(Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf Westarp(k.): Das ist nicht richtig. Es ist im Z 31 möglich gewesen, die Sätze etwas zu ermäßigen, weil die erste Rentabilitätsberechnung des Reichsschatzamts sich als nicht ganz richtig herausstellte. Die Staffe- luffg bringt genau so 80 Millionen wie bisher. Abg. Emmel(Soz.): Tatsache ist, daß die Kommission hier gegenüber der ersten Lesung eine wesentliche Verschlechterung für die kleinen Einkommen beschlossen hat.(Hört I hört! und Sehr richtig! bei den Sozialdeurokraten.) Weiter ist Tatsache, daß die Staffelung für die großen Einkommen in zweiter Lesung wesentlich ermäßigt sind. Die Schlüsse daraus ergeben sich ganz von selbst.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf Westarp(k.) hält seine Ausführungen aufrecht. Abg. Wurm(Soz.): Nach den Beschlüssen der Kommission erster Lesung unterlagen die hohen Einkommen einer weit höheren Steuer, z. B. über 500 000 M. 14 Proz., jetzt 8 Proz.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Man hatte aber mit Fug und Recht bei ganz großen Einkommen auch eine höhere Staffel genommen. Wer eine Million hat, kann viel leichter 140 000 M. bezahlen, als ein Mann aus dem Mittelstande ein paar hundert Mark.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Reichsschatzsekretär Kühn: Nach den Beschlüssen der Kommission in erster Lesung ging die Steuer bei den großen Einkommen bis auf 14 Proz.; das erschien den Verbündeten Regierungen zu hoch. Die Kommission hat sich dann auf die Grenze von 8 Proz. geeinigt. Gering ist diese sicherlich auch nicht. Abg. Gothein(Vp.) tritt für die Kommissionsbeschlllsse ein. Durch sie tritt eine Eni- lastung der mittleren Einkommen ein. Nach den Ausführungen des Abg. Wurm könnte man bei den größten Einkommen schließlich bis zu einer Steuer von 100 Proz. kommen, und an An- trägen, die dem nahe kommen, hat es in der Kommission auch nicht aeseblt. Abg. Wurm(Soz.): Anträge, die großen Einkommen bis zu� 100 Proz. zu besteuern, haben wir vorläufig nicht gestellt. Auf dem Boden der gegen- wärtigen Wirtschaftsordnung und in diesem Parlament ist das aus- sichlslos. Wir betrachten es auch keineswegs als gleichgültige Sache, dem werbenden Kapitah so große Summen zu entziehen, und zwar für unproduktive Zwecke. Festgestellt haben wir jedenfalls, daß Sie auch hier die Kleinen belasten und dieGroßen schonen. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf Westarp(k.): Die großen Einkommen werden in Preußen bereits mit 15 Proz. besteuert; da erschien es uns zu hoch, hier auch noch eine Steuer von 15 Proz. festzusetzen. r Abg. Dr. David(Soz.): Der Wehrsteuerbeitrag verteilt sich auf drei Jahre, deshalb tritt der Prozentsatz nur mit dem dritten Teil in die Erscheinung: daS ist doch zu bedenken, wenn man ihn vergleichen will mit den Lasten. die sie den Aermsten jährlich auferlegt haben. Wir fordern auch hier wieder Herabsetzung der Steuer für die kleineren Vermögen, erheben also eine Mittelstandsforderung. Der sozialdemokratische Antrag wird abgelehnt. Hierauf vertagt sich das Haus. Persönlich bemerkt Abg. Dr. Ocrtel(k.), er habe für den Z 1 des Gesetzes ge- stimmt. Abg. v. Payer(Vp.) schlägt vor, die Wahlprüfungen von der Tagesordnung morgen abzusetzen. Abg. Graf Westarp(k.) bekämpft diesen Antrag, der nach außen einen schlechten Eindruck machen müsse.(Lachen links.) Der Antrag v. Payer wird angenommen. Nächste Sitzung: Donnerstag 11 Uhr(Fortsetzung der Beratung und Reichsstempelqesetz). Schluß-/«8 Uhr._ 6encbt8- Zeitung Eine Almosenempfängerin, die die Armenverwaltung hinters Licht geftihrt und außerdem sich als eifrige WarenhauSdiebin be- tätigt hat, ist die Witwe Marie JankowStt, die gestern unter der Anklage des Betruges und des Diebstahls vor der 7. Strafkammer des Landgerichts I stand. Tie Angeklagte bezieht von der Stadt Armenunterstützung. Beim Diebstahl in einem Warenhause am Alexanderplatz wurde sie abgefaßt, als sie eben fünf Stück Seiden- reste unter ihrem Mantel hatte verschwinden lassen. Bei der darauf in ihrer Wohnung in der Benolerstratze vorgenommenen Haussuchung fanden sich in einem Korb eine Menge Gegenstände vor, die aus Warenhausdiebstählen herrührten. Als der Beamte an die Revision eines SpindeS ging, bemerkte er, daß die Ange- klagte ein Kuvert in einen nassen Eimer fallen ließ. Er fischte es heraus und sah, daß die„verschämte Arme" in diesem Tresor einen Tausendmarkschein und vier Hundertmarkscheine bewahrte. Da sie über den Erwerb dieses Geldes offenbar unzutreffende Angaben machte, wurde es im Interesse der Armenverwaltung vorläufig mit Beschlag belegt. Die Angeklagte wurde in Haft genommen. Das Gericht verurteilte sie zu lizj Jahren Gefängnis unter An- rechnung von 2 Monaten Untersuchungshaft. Kummer und Lebensüberdruß haben die 50jährige Aufwärterin Mathilde F r e c z k a auS Ehar- lottenburg zu einer Tat getrieben, die sie gestern unter der Anklage des versuchten MordeS vor daS Schwurgericht des Landgerichts III führte. Die Angeklagte hatte, als sie die Schule verlassen hatte, bis zu ihrem 19. Lebensjahre bei ihrer Mutter geschneidert, dann war sie als Dienstmädchen in der Provinz tätig gewesen. Im Jahre 1895 kam sie nach Berlin und verheiratete sich hier im Jahre 1899 mit einem Schmied. Aus dieser Ehe stammt ein jetzt 0 Jahre alter Sohn, den sie über alles liebt. Es gelang ihr, eine Portier- stelle zu erhalten; der Mann verbrauchte seinen ganzen Verdienst und überließ es der Frau, für sich und ihr Kind zu sorgen. Schließ- lich trennte sich die Frau im Oktober 1912 von dem Manne. Da sie inzwischen die Portierstelle verloren hatte, begann für sie ein langer Dornenweg. Ihre Bemühungen, Arbeit zu finden, waren längere Zeit vergeblich. Da sie kein Geld hatte, mußte sie Schulden machen und geriet in eine ganz verzweifelte Stimmung. Endlich erbarmten sich die Hausbesitzer Röhrbeinschen Eheleute in der Sesenheimer Straße ihrer, nahmen sie zur Hausreinigung und zu Aufwartediensten an und gewährten ihr unentgeltlich ein Stübchen und eine Küche, dazu monatlich 20 M. Frau R. sorgte auch dafür, daß sie Essen und Kaffee bekam. Ihr freudeloser Lebensgang hatte die Angeklagte recht melancholisch gemacht, sie ging stets in trüben Gedanken umher und es schien, als ob ihr jeder Lebensmut ver- koren gegangen wäre. Ihre Arbeiten verrichtete sie aber,�ohne Anlaß zur Beschwerde zu geben. Am 3. Dezember war ihr Söhn- chen wegen eines Halsübels aus der Schule weggeblieben und lag zu Hause im Bett. In einem Augenblicke der Verzweiflung faßte die Angeklagte den Entschluß, mit ihrem Sohne zusammen aus dem Leben zu scheiden. In der Dämmerstunde drehte sie die Gas- hähne in ihrer Wohnung auf, legte sich zu ihrem Sohne ins Bett, nahm diesen in den Arm und erwartete den Tod. Mittlerweile fiel es dem Hauswirt auf, daß die Angeklagte ihrer Pflicht, das Gas auf den' Treppen anzustecken, nicht nachkam. Er begab sich daher nach ihrer Wohnung, und da strömte ihm intensiver Gas- geruch entgegen. Als die Wohnungstür geöffnet worden lvar, fand man den ganzen Raum mit Gas gefüllt und Mutter und Kind in bewußtlosem Zustande vor. Beide konnten jedoch bald ins Leben zurückgerufen werden. Nach dem Gutachten des Kreisarztes Dr. Kasten ist nicht anzunehmen, daß die Angeklagte unzurech- nungsfähig im Sinne des 8 51 St.-G.-B. gewesen ist, doch hat sie zweifellos die Tat unter besonders starkem psychischem Druck ver- übt.— Die Geschworenen verneinten die gestellten Schnldfragen. Hieraus erfolgte die Freisprechung der Angeklagten. Ein garstig, ein politisch Lied. Gegen die Vorstandsmitglieder des Arbeitcrgesangvercins «Einigkeit" in Reinickendorf wurde vor einigen Monaten eine An- klage auf Grund des Reichsvcreinsgesetzcs erhoben, weil er an- aeblich politisch sei und die den politischen Vereinen nach dem Reichsvereinsgesetz obliegenden Pflichten nicht erfülle. In erster Instanz erfolgte tatsächlich auch eine Verurteilung. Aus die Be- rufung der durch Rechtsanwalt Heincmann vertretenen Angeklagten stand jetzt vor der Strafkammer des Landgerichts III Berlin Ter- min an. Derselbe endete mit der Aufhebung des verurteilenden Erkenntnisses erster Instanz und der Freisprechung der Ange- klagten._ Eine agrarische Buttermantschcrei. Der Direktor der Licgnitzer Molkcrei-Gcnossenschaft, Krohn, wurde vom Schöffengericht Liegnitz wegen Butterverfälschung zu 100 M. Geldstrafe verurteilt. Gegen dieses milde Urteil legte Krohn noch Berufung ein. Die Strafkammer Liegnitz erhöhte die Strafe auf 300 M., weil erst in dieser Verhandlung bekannt wurde, daß die Molkerei-Genossenschaft seit 12 Jahren sibirische Butter in großen Mengen bezog und diese, mit hiesiger Butter vermischt, als gute Tafelbutter verkaufte. Große Mengen solcher Tafelbutter gingen auch nach Berlin. Die Licgnitzer Molkerei-Genossenschaft ist eine rein agrarische Gründung, in der auch jetzt noch Agrarier das Szepter führen._ Soziales* Liliputausgabe der Bersicherungsgcsetze. Auö dem Verlage von Liebmann sind die Liliputausgaven des Bürgerlichen Gesetzbuchs und des Handelsgesetzbuchs nebst Zivil- und Könkursordnung bekannt. Jetzt ist in demselben Verlag ein« Liliputausgabe der ReichSversschcrungsordnung und des Bersichc- rungSgefetzeS für Angestellte erschienen. Sie enthält in einem dauerhaften Leineneinband auf 619 Seiten einen guten Abdruck beider Gesetze und ein Sachregister. 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Honorar mäßig, auch Tellzahl. Separates Dameuzimmer. «tu, Berlin K, BrunnenetraJJs SS. _ 975(8 Freitag, den 27. Juni, abends S1� Uhr, in den Jndustriefestsälen, Beuthstr. 21(großer Saal): AI aller in Berlin arbeitenden Wähler des Kreises. Tagesordnung: L Die Keichstagsersahwahl am 2. Juli. Referenten: Reichstagsabgeordneter M Weis und ReichStagSkandidat FerdiliaOÖ Ewald. 2. Diskussion. 196/17* Die Genosse» in Bureaus, Werkstätten, Fabriken und auf Bauten werden aufgefordert, alle Wahlberechtigten auf diese Versammlung hinzuweisen. I»»!. �VaKI�omltsv. 9t. 31.: H. Jahn, I,nckenwalde. Verband der Hausarztvereine. Zentralvorsitzender O.Jacob, Berlin, Emdener Straße 45.— Tel.; Moabit 1134. Arbeiter von Spandau! Freitag» den 27. Juni, abends SVa Uhr, findet in der SW„Flora","Wl Pichelsdorfer Straße 39, eine WW öffentliche Versammlung"ME statt.— Tagesordnung: 1. Dortrag des Genossen Dr. J.Moses: Dkl GebarfimK M Arbelttthaase. 2. Diskussion. - Arbeiter! Arbeiterinnen l Erscheint in Massen!- Der Verband der Hausarztvereine hat sich die Arbeiter- Gesundheitspflege zur Aufgabe gestellt. Bei dem geringen Beitrag, monatlich 1,10 M., gewährt er außer sonstigen Vorteilen freien Arzt und Medizin für die ganzen Familienangehörigen.— Er sucht Ersatz zu bieten für die fehlende Familien- Versicherung.— Darum ist es Pflicht eines jeden Arbeiters, der für die Gesundung des Proletariats eintritt, sich mit seiner Familie dieser Organisation anzuschließen. 286/13 Oer Einderufer: 0. Jacob. AWss" Die Mitglieder werden ersucht, ihre Mitgliedskarten in ihrer Zahlstelle abzugeben mit der Erklärung, ob sie einer Nachmittags-, Gemischten oder Abendabteilung angehören wollen und können gleichzeitig nach Zahlung des nächsten Beitrages von Mark l.IO die neue Slitglicdskartc für das Spieljahr 1913/14: (in der bisherigen Zahlstelle) in Empfang nehmen. � S!6y in den Monaten Juni, Juli sind alle etwaigen Umschreibungen in eine andere Zahlstelle zu bewirken. Zahlstellcnveründcrnngcn: Zahlstelle 33, bisher Augustin, befindet sich jetzt im Restaurant Krautz, Kochstr. 39. Ken! Zahlstelle 63: Kcnkülln, Hagedorn, Zigarrenladen, Karchstr. 15. 244/18* Der Torstand. I. V.: G. Winkler. OOGGOGGOGSZi Orts Krankenkasse der Geld- und Zwngießer zu Berlin. Freitag, d. 4. Juli, abds. Sfl, Uhr, im Gewei lschaftshaus, Engelufer 15 Saaltt Anßerordentllchc General- Versammlung der Vertreter der Kasse. Tagesordnung: Beschlußfassung über Erhebung einer Beschwerde an die oberste Ver» wallungsbehbrde über die Ent» scheidung des Lberverstcherungs» amteS Groß-Berlin betr. die Nicht« zulaisung der Kasse. Der Wichtigkeit wegen ist es die Psticht eines jeden Vertreters, pünkt- lich und bestimmt in dieser Versamm» lung zu erscheinen. Berlin, den 25. Juni 1313. 1327b Her Torstand. W. Schutt, Vorsitzender. Zsischlerei-Krundst.,sich.Exift.st>re!sw. " z. vk. Osf. L.>. Postl iöirfenmerbcr.* Quali/a/s r Cipafeiie KOM' LINOM Jedes Wort 10 Pfennig. 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Wie wir fciiier�cit bereits berichtet hatten, wurde gegen sämtliche Gewerkschaften in Sagau auf Vcronlassung des Regierungspräsidenten in Liegnitz eine große Polizei- aktion unternommen. Alle sollten als politische Vereine ver- pflichtet sein, ihre Statuten einzureichen und ihre Vorstands- Mitglieder anzumelden. Als sie dies strikt ablehnten, wurden sie unter Anklage gestellt, jedoch vom Schöffengericht Sagan s r c i g c s p r o che n. Gegen dieses Urteil legte der Staats- onwalt Berufung ein. Ter Regierungspräsident bemühte sich, alles nur Hdenk&are Material herbeizuschaffen. In seinen» Schreiben an die Staatsanwaltschaft betonte er, daß er allen Wert aus die Ausrechterhaltung der Berusung lege. Das Ge- Werkschaftskartell in Sagau betätige sich ganz zweifellos sozial- demokratisch. Es stehe nicht nur in örtlicher und persönlicher Beziehung mit der Sozialdemokratie in engster Verbindung. Die Delegierten der einzelnen Gewerkschaften seien sämtlich Anhänger der Sozialdemokratie und wurden in der„Görlitzer Volkszeitung" einfach als„Genossen" bezeichnet. Auch werde von dem Kartell und der Partei dasselbe Lokal zu ihren Ver- sammlungen benutzt. Das Kartell habe sich in seiner ganzen Tätigkeit als Gefolgschaft der sozialdemokratischen Partei ge- zeigt. Die Mai-Feier gehe vom Kartell aus; es bildet zu- sammen mit dem Wahlverein einen Bildungsausschuß usw. Es ist, so schließt das höchst interessante Schriftstück, eine Erscheinung, die im Bezirk an mehreren Orten hervortritt, daß die sozialdemokratischen Wahlvereine möglichst im Hintergrund bleiben und ihre Agitation in Versammlungen, Aufzügen und Festlichkeiten äußerlich durch die Gewerkschafts- kartelle und Arbeitervergnügungs-, Sportvereine u. dgl. be- treiben. Durch diese angeblich unpolitischen Veranstaltungen werden dann Elemente, die sich von den politisch-sozialdemo- kratischen Parteibestrebunzen fernhalten würden,„eingefan- gen" und allmählich für die Ideen der Partei gewonnen. So- dann heißt es wörtlich: „Tie Kenntlichmachung dieser Organisationen als Po- litisch-sozialdcmokratische ist daher für eine Bekämpfung der Sozialdemokratie über die Notwendigkeit der Beobachtung der Vorschriften des Rcichsvereinsgescües hinaus für die Ver- waltungsbchörden von Wichtigkeit." Daß unter denen, die die Ansicht des Regierungsprä- stdenten in Liegnitz unterstützten, auch der Berliner Polizei- Präsident, Herr von I a g o w, nicht fehlte und auch er sein Scherflein zur Politischerklärung der Gewerkschaften bei- tragen wollte, versteht sich von selbst. Er beschäftigte sich spe- ziell mit dem Bauarbeitervcrband und dem„Grund- stein", die er als politisch ansieht. Demgegenüber ist es höchst charakteristisch, daß selbst der Polizeipräsident in Hamburg, woselbst der Bauarbeiterverband seinen Sitz hat, erklärte, daß die Polizeibehörde in Hamburg bisher keinen Grund zum Einschreiten aus Grund der Vorschriften des Reichsvereinsgesctzes gehabt habe. Am 25. Juni wurde vor der Strafkammer in Sagan die Sache von neuem auf Grund der Berufung des Staatsanwalts verhandelt. Rechtsanwalt H e i n e m a n n, Berlin, vertrat die Verbände der Maler, Tertilarbeiter, Steinsetzer, Holz- arbeiter, Bauarbeiter, Maschinisten und Heizer und der Zim- nierer, Rechtsanwalt Herzfeld, Berlin, die Töpfer und Schubmacher. Es fand eine überaus umfaitgreiche Beweisaufnahme statt. Zunächst wurde der Polizeiinspektor in Sagan ver- nommen. Er bekundet, daß er keinerlei Anhalt dafür habe, daß die Gewerkschaften in Sagan sich politisch betätigen. Er habe verschiedene öffentliche Versammlungen der Gewerk- schaften überwacht, dort sei lediglich über die Lohn- und Ar- beitsverhältnisse in Sagan gesprochen und hervorgehoben, daß Sagan in dieser Beziehung erheblich hinter anderen Orten in Deutschland zurückstehe. Daran sei stets die Mah- nung, sich der Gewerkschaft anzuschließen, geknüpft worden. Wenn in seiner Gegenwart ein politisches Thema behandelt worden wäre, so würde er eingeschritten sein. Als früherer Amtsanwalt sei ihm. dem Zeugen, genau bekannt, was ein politisches Thema sei. Dieselbe Aussage machte ein ziveiter Polizeibeamter. Hierauf wurden der Vorsitzende der örtlichen politischen Organisation, der Arbeitersekretär und von jeder Gewerkschaft 2 bis 3 Mitglieder ganz eingehend vernommen, die die Staats- anwaltschaft ermittelt hatte. Die Beweisaufnahme ergab mit solcher Wucht die Tat- fache, daß die Gewerkschaften Sagans sich von jeder� politischen Tätigkeit fernhalten, daß der Staatsanwalt am Schlüsse der Beweisaufnahme felbst erklärte, er könne nicht behaupten und beweisen, daß die Gewerkschaften sich politisch in irgend einer Beziehung betätigem Er nehme daher gegenüber sämtlichen Angeklagten die Berufung zurück! Berlin und Qmgcgcnd. Achtung, Steinarbeiter! Bei der Firma Friese k e s Kunst- steinwerke) sind drei Kollegen wegen Verweigerung von Uebcrstunden entlassen worden. Wir ersuchen, den Betrieb bis zur Erledigung dieser Angelegenheit streng zu meiden. Das Anftagen um Arbeit ist bis aus weiteres zu unterlassen. Zentralverband der Steinarbciter, Zahlstelle Berlim Deutsches Reich. Die Arbeiterinnen und Arbeiter der Zichorien- und'Kaffee- surrogatcfabrik Gebr. I. G. Weih in Fraucndorf bei Stettin stehen seit 1l Wochen im Streik, um eine 5 bis Ivprozentigc Lohnerhöhung und eine geregelte Arbeitszeit zu erkämpfen. Die Firma weigert sich, die Löhne, die teilweise für erwachsene männliche Arbeiter pro Stunde 29 und 39 Pf., für Arbeiterinnen und jugendliche Arbeiter pro Tag 1,36 Mk. betragen, zu erhöhen. Die Firma lehnte bis jetzt jedes Zugeständnis ab. Daß nicht etwa irgendwelche Konkurrenzrücksichten die Firma leiten, diese minimalen Forderun- gen abzulehnen, beweist, daß sie den Arbeitswilligen, höchst un- sauberen und zweifelhaften Personen, 3 bis 6 Pf. pro Stunde Lohn mehr zahlt, als die Streikenden fordern. Auch das traurige Vorkommnis, daß der Arbeitswillige Brandenburg den strei- kenden Arbeiter Kühl ohne jeden Grund niederstach, hat die Firma nicht von ihrem halsstarrigen Standpunkt abbringen können. Die Behauptung der Firma, die Organisation wolle die Firma auf die Knie niederzwingen, ist unsinnig. Der Gegenbeweis ist dadurch erbracht, daß die Verbandsleitung, schon ehe es zum Streik kam, darauf verzichtete, bei den Verhandlungen mit zugegen zu sein. Und noch während des Streikes hatte die Firma von neuem Gelegenheit, mit den Arbeitern zu verhandeln. Doch sie verlangte bedingungslose Aufnahme der Arbeit. Das mußten die Arbeiter ablehnen. Das Gewerkschaftskartell Stettin und die gewerkschaftlichen Instanzen haben beschlossen, den Boykott über die Produkte der Firma zu verhängen. Boykottiert sind alle Pakete, Kaffeesurrogatc und Zichorien, die die Firma I. G. Weiß tragen, ganz gleich, welche Farbe die Verpackung trägt. Hauptlager hat die Firma in Bromberg, Danzig, Tilsit, Königsberg i. Ostpr. und Guben in der Provinz Brandenburg. Außerdem liefert die Firma an eine Anzahl Engrosgeschäfte in Berlin, in Flensburg, Kiel, Gnesen usw. Ferner werden bestimmte Marken von einzelnen Firmen vertrieben und diese von der Firma Weiß hergestellten Marken, die in allen größeren Städten und Orten der Provinzen Pommern, Westpreußen, Ostpreußen, Posen, Schlesien, Brandenburg und Schleswig-Holstein Absatz finden, sind natürlich in den Boykott ein- bezogen. Es handelt sich um folgende Marken: Kalobion-Nährsalz- kaffce, Sparkaffee in blauer Verpackung, Sparkaftee in grüner Verpackung,„Vorpommern" in blauer Verpackung und Kaffee- surroggte und Zichorien in grüner, roter und gelber Verpackung. Viele Geschäfte vertreiben außerdem die Weitzschen Produkte, die die Firma I. G. Weiß tragen und daher ohne weiteres er- kenntlich sind. Die Lohnbewegung der Brauereiarbeitrr in Stolp i. P. hat mit einem Erfolg für die Brauerciarbeiter geendet, nachdem die Brauereien wesentliche Zugeständnisse machten. Hätten die Mit- glieder des Gewerkvereins(H. D.) die Beschlüsse der Versamm- lungen hochgehalten, an welchen sie sich lebhaft beteiligtem so wäre nicht nur mehr erreicht worden, sondern auch ein Tarif- vertrag zustande gekommen._ Ein Erzbischof für die Gelben. Der Erzbischof von München hat vor einigen Monaten den christlichen Gewerkschaften seine Sympathien bekundet, er empfahl sogar katholischen Arbeitern, diesen beizutreten. Daß der Herr Erz- bischof auch anders kann, daß ihm noch weitere Gewcrkschaftsgebildc' ans Herz gewachsen sind, davon legt folgender Vorfall Zeugnis ab. In Hausham(Oberbayern� begingen die christlich organisierten Bergarbeiter bei dem E>rdc 1919 ausgebrochenen Streik auf der Grube Hausham Strcikbruch. Der christliche Sekretär stellte sich der Grubcnvcrwaltung zur Vcrfiigung, ging auf der Zeche ein und aus und suchte mit Hilfe des Direktors und Zcchenbeamtcn dem Gcwcrkvercin christlicher Bergarbeiter aus den Reihen der Streik- brcchcr Mitglieder zuzuführen. Tic Verwaltung ließ sich den christ- lichcn Strcikbruch gerne gefallen und so lange der Streik andauerte, wurden auch Bergarbeiter auf der Zeche veranlaßt, der christlichen Organisation beizutreten, in der Hoffnung, daß die christliche Zahl- stelle sich zu einem gelben Werkverein entwickeln würde. Da sich die christliche Zahlstelle so nicht aufgeben konnte, wurde aus der Grube ein gelber Sondcrvcrcin gegründet, dem nun viele christliche Gewerkschafts- und katholische Ilrbeitervcreinsmitglieder beitraten. Von 1499 Mann Belegschaft verblieben der christlichen Organisation kaum 39—49 Mann, ein großer Teil gehört dem freien Verbände an, eine Anzahl ist nun auch dem gelben Werkverein angegliedert. Zwischen den Gelben und Christlichen entbrannte ein heftiger Kon- kurrenzkampf, der bcsoydcrs stark im katholischen Arbeiterverein in Hausham geführt wurde, weil beide, der christliche Verband und die Gelben, hier um Mitglieder warben. Die Gelben behielten die Ilcberhand und so kam es, daß der Präses Korat Leb, der den Christlichen zugeneigt ist, sein Präsesamt niederlegte und seine Ge- treuen in einer Vcreinsversammlung am 18. Bkai aufforderte, aus dem Verein auszutreten und einen neuen katholischen Arbeiterverein zu gründen. Er benannte denn auch einige Christliche zu Vorstands- Mitgliedern des neuen Vereins und verlangte dann vom alten Ver- ein die Herausgabe der Fahne und des sämtlichen Inventars. Im Weigerungsfälle wollte er gerichtlich vorgehen. Die Gelben wandten sich an den Erzbischof, legten ihm Ziele und Zwecke des Werkvereins dar und klagten Leb an. Der Oberhirt gestand, daß er über den Werkverein bisher falsch berichtet worden sei. Der Verein gefiel ihm so gut, daß er sofort den Korat nach München beorderte und ihm aufgab, Fahne, Kasse und Inventar dem aus Gelben bestehenden alten katholischen Arbeiterverein zu belasten. Und so ist es denn auch geblieben. Die christlichen Gewerk- schaften dürften ob der Haltung des Erzbischofs nicht erfteut sein. Bisher glauben sie, ihn für sich in Erbpacht nehmen zu können. Nun wirkt er für die Gelben! Jedenfalls, weil sie bezüglich der Streik- brechcreien und der Anhimmlung der Unternehmer den Gewerk- schaftschristen noch über sind. ZZnsland. Erfolge der Buchdrucker in der frauzösischcn Schweiz. Zwei Genfer Zcitungsdruckcreien haben nach zweijährigem Boykott der organisierten Arbeiterschaft nachgegeben und stellen nun wieder organisierte Buchdrucker ein. Ein Sieg proletarischer Soli- darität!— Der romanische Buchdruckerverein hat einen neuen Tarifvertrag mit S3stündigcr�Arbeitswochc errungen, die am 1. Ja- nuar 1916 iveiter auf 62 Stunden reduziert wird. Alle Löhne wurden um 2 bis 3,59 Fr. pro Woche erhöht, das Wochemninimum mit 33 Fr. für Handsetzer und Buchdrucker, mit 47 Fr. für Maschinensetzer festgesetzt._ WttterungSübersicht vom SS. Juni 1913. GtaUona» Swinemde. "3 S E o"2 lS5 is if «Setter ISSlZSNW lamfiurg;7593B323 Berlin 759 aSS Franks. a.M! 76t SW ' 76t WSW l sbedeckt 760 WNW! twolkig irrann. a.a München Wien 3 bedeckt Zjbedeckt 3wolkig IMebel »s dü M* Stationen 1| II aparanda 759NW eterSburgj7S7S Scilly Werdeen Paris 766 NNO 76ANNW 7641®» £ Vetter 6 1 heiter >alb bd. 3 Regen �bedeckt it ü Äi 10 16 12 13 12 Wetterprognose für Donnerstag, den 36. Juni 1913. Ziemlich kühl bei mäßigen westlichen Winden und veränderlicher Be- wölkung ohne erhebliche Niederschläge. Berliner W etterbureau. kleines feuilleton. Tic Sensationen der Films. Man Ivandelt nicht ungestraft unter Palmen,-per Umstand, daß Kopenhagen ein Hauptsitz der Filmindustrie geworden ist, macht sich in allerhand geschmackvollen Vorgängen bemerkbar. Ein dänischer Schauspieler veredelte beispielsweise seine Kunst, indem er von einer Eiscnbahnbrücke aus einen Zug hinabsprang. der unter der Brücke hindurchrolltc. Ein anderer imponierte den zournalistischcn Snobs, weil er ohne schützende Binden und Ban dagen lebeusgesahrliche Abstürze auszuführen wagte. Ter Verlag Gyldendal schlachtet unter der bewährten Führung des Herrn Peter Nansen den nationalen literarischen Besitz in widerwärtiger Weise fürs Kino aus. Jetzt soll sogar ein alter Hof angefteckt werden, damit die Jeuersbrunst„gefilmt" werden kann. Cs ist dringend zu hoffen, daß die dänische Filmindustrie auf dem betretenen Wege rüstig weiter schreiten wird. Ein brennendes .Haus ist schließlich doch nur eine schale Sensation. Wenn aber ein Haus brennt, das eine architektonische Ehrwürdigkcit darstellt, kommt gleich ein ganz anderes Leben in die Massen. „B r a n d eines berühmten Hauses in Dänemark, d a s v o u allen K u nsthistorikern als ein nationales Kleinod bezeichnet wurd e." Wenn das mit Riesenlettern in die Welt geschrien wird, füllt sich das Kino ganz von selber.— Und warum sollte es nicht geschehen? Etwa von wegen der künstlerischen Ehrwürdigkeit eines solchdn Hauses?— Auch der Gyldendalsche Verlag war ehrwürdig und hat sich doch vom Filmkapital kaufen lasten. Oder weil der gute Geschmack es verbietet? Wenn der gute Geschmack nicht einmal einen schwerreichen Dichter wie Gerhart Hauptmann davon zurückzuhalten vermag, seine eigenen Romane ins Filmbordell zu verkaufen, tut man am besten, von dieser Seite keine Wunder zu erwarten. Die Namen bei den Jude». Im Hamburger Lehrerverein Mendelssohn sprach, wie wir dem„Hamb. Korresp." entnehmen. Dr. Nathan über die Namen bei den Juden. Er sagte, sie seien Kulturdenkmäler, teils Merkmale für den Grad der Gottesverehrung 'm Volke, teils charakteristische Bezeichnungen für den Träger eines Namens teils Gradmesser für die Duldung innerhalb der Wirts- Völker oder für'hre Abgeschlostenheit im Ghetto, teils auch Embleme ihrer Beruf-Zarten. Ihre Rufnamen nahmen sie aus }�tet unmittelbarcii Ilmgebung, und da sie als Nomaden in enger Beziehung zu den Tieren standen, so waren Ticrnamen sehr ge- bcauchljch In diese Rubrik gehören die Namen Lea. Rahel. Nun. Jona uiw. Bekanntlich bedeuten diese Namen in derselben Reihenfolge Wildkuh. Mutterschaf, Fisch. Hund. Taube. Auch Zippora Vogel und Deborah--- Biene sind bei dieser Gelegen- zu nennen. Ost gab irgendeine Tätigkeit zu einem Namen Anlaß, so daß eine Gruppe von Namen zusammengefaßt werden kann, die von Verben abgeleitet sind wie Isaak und Jakob. Der Fortschritt des Gottesglaubens dokumentiert sich in den Namen mit der Vor» oder Nachsilbe J o. wie das Josua, Jonathan. Jochanan, Nathans el, Netanjo beweisen. Die Rufnamen im Mittelalter sind rein biblisch, ein Zeichen für Abgeschlossenheit, wurden aber wieder deutsch, sobald die Juden in regere Beziehungen zu der Umwelt traten. Interessant ist eS, daß man die rein deutschen weiblichen Rufnamen, wie Schönchen, Gütchen, Gitel, Sprinzchen für jüdische hielt und sie viel- fach wiederum umbildete. Jüdische Familiennamen aber sind nicht, wie irrtümlich angenommen wird, durchweg kaum hundert Jahre alt, sondern manche lassen sich gar bis in das Jahr 1999 zurückführen. Dokumente, Grabsteine sind klare Zeugen dieser Tat- fache. Gumpertz, Gumprecht, Horwitz, Lipschütz sind solche historische Namen. Gewissen Emblemen verdanken die Rotschilds. Schwarz- schilds, Kann ihre Namen. Das Recht auf Sehen im Theater. Ein interessantes Urteil fällte dieser Tage ein Pariser Gerichtshof. Ein Herr Wagniart hatte gegen das Moutmartrc-Thcater auf Rückzahlung von 49 Sous, die er für zwei„unverwcndbarc" Eintrittskarten gezahlt hatte, geklagt und außerdem noch eine Entschädigung verlangt, weil er und seine Frau von den Plätzen, für welche die Eintrittskarten galten, so gut wie nichts hatten sehen können. Das Gericht er- kannte»ach dem Klageanspruch und billigte dem Kläger auch eine Entschädigung von 16 Frank zu; in den Urteilsgründen heißt es: „Durch die Aussagen der Parteien und durch eine Besichtigung des in Betracht kommenden Theaters wurde festgestellt, daß die In- Haber der beiden an der Theaterkaste verkauften Plätze sich ziemlich weit vorbeugen mußten, wenn sie von der Vorstellung etwas sehen wollten. Ein Theaterdirektor hat aber, wenn das Theater voll ist und nur noch ein paar schlechte Plätze zu haben sind, die Pflicht, Personen, die an die Kaste kommen, darauf aufmerksam zu machen, daß die betreffenden Plätze nicht günstig gelegen sind und daß er bereit sei, auf Wunsch das Geld zurückzugeben. In dem hier in Betracht kommenden Falle hatte der Direktor aber nicht einmal die Entschuldigung, daß der Saal voll gewesen sei und daß er nur noch diese Plätze übrig gehabt habe. Der diensttuende Schutzmann hat ausgesagt, daß zahlreiche Plätze unbesetzt waren. In Anbe- tracht aller dieser Umstände ist dem Klageantrage auf Rückzahlung des gezahlten Eintrittsgeldes stattzugeben und auch der Anspruch auf Schadenersatz als berechtigt anzuerkennen." Ter staatlich geschützte Edelmarder. Die preußische Staatsiorst- Verwaltung hat jüngst Maßregeln zur Erhaltung unseres edelsten Raubtieres, des Edelmarders, getroffen. Der Edelmarder ist schon so selten geworden, daß er ohne Schutzmaßregeln bimien kurzem auSsterbeil würde, da sein Pelzwerk hoch bezahlt'wird und außerdem Abschußprämien ausgesetzt waren. Der preußische Minister für Land- Wirtschaft. Domänen und Forsten hat die königlichen Regierungen jetzt ermächsigt, den Forstbeamten daS Fangen und Erlegen beS Edelmarders in den Staatsforsten ihres Bezirkes für eine bestimmte Zeit zu untersagen, insofern dies zur Verhinderung des völligen Aussterbens des Tieres notwendig erscheint und sonst keine Be- denken im Wege stehen. Der Erlaß weist darauf hin, daß der Edel- marder sich durch die Verfolgung des Eichhörnchens nützlich macht und daß für seine Schonung größere Waldgebiete in Frage kommen, in denen die Interessen der niederen Jagd von geringerer Bedeutung sind. Freilich ist es wünschenswert, daß dieser Schutz des Edel- marders auch auf Privat- und Gemeindeforsten ausgedehnt werde. Humor und Satire. Tägliche Rundschau. Willst du einen Menschen hasten der nicht paßt in deinen Kram, kannst ihn aber gar nicht fasten, dann leg' ab die letzte Scham. Kann der Hunger ihn nicht zähmen und versagt der Staatsanwalt, kannst du ihm die Ehr' nicht nehmen, kurz, hast keinerlei Gewalt,— dann bleibt diese Hintertüre: Schreie nach dem Irrenarzt, daß er jenen interniere, weil du selbst Tollhäusler wardst. Dich bringt niemand in die Zelle, atmest frei die deutsche Luft, denn du trauriger Geselle bist ja bloß ein ganz normaler Schuft. __ Franz. Notizen. — Eine n e u e O p e r Wolf-Ferraris. Ermanno Wolf« Ferrari hat soeben die Komposition seiner zweiaktigen Musikkomödie nach Moliere. betitelt„Der Liebhaber als Arzt", deren deutsche Uebertragung von Dr. Richard Batka herrührt, vollendet. Die Ur- aufführung findet Ende Oktober am Dresdener Hostheater statt. —„Nach unendlichen Ueberlegungen" hat Gerhart Hauptmann, wie er dem Berliner Goethebund telegraphiert, von dem Gedanken abgesehen, in Berlin persönlich hervorzutreten. (Der Goethebund— er lebt also noch— hatte Hauptmann eingeladen. nach Berlin zu kommen und dort in einer ihm zusagenden Form, vorlesend oder erläuternd, sein Werk zu interpretieren.) — Ein Ergebnis der Scotts chen Expedition. Die Terranova brachte, wie aus London gemeldet wird, eine große Kollektion von Fossilien vom Südpol mit. Im ganzen wurden 299 Kästen gelandet und in das Kenfington-Museum ge- bracht. Man behauptet, daß eS sich um eine Sammlung von größtem wissenschaftlichen Interesse handelt. Hus der Frauenbewegung. Die �rau in der Reimarbeit. Die moderne kapitalistische EntWickelung der Wirtschaft drängte die Frauen in die Erwerbsarbeit. Nicht nur die un- verheirateten, sondern auch in großem und sich unVerhältnis- inäßig schnell steigerndem Maße die Ehefrauen, die Mütter! Gegen die Erwerbsarbeit der unverheirateten und der der- heirateten kinderlosen Frauen, wenn diese von der Arbeit im eigenen Haushalt befreit würden, wäre grundsätzlich nichts einzuwenden. Allerdings dürfte es keine gesundheitsschäd- liche, den Nachwuchs gefährdende und nicht zu lange Tätigkeit sein, die gebührend bezahlt würde. Daß aber Mütter ge- zwungen sind, außer dem Hause einem Beruf nachzugehen, West der Lohn des Mannes zur Erhaltung der Familie nicht aus- reicht, daß Mütter gezwungen sind, ihre Kinder fremden Händen zu übergeben oder sie ohne jede Aufsicht allein im Hause zu lassen, um ein paar Pfennige zu verdienen, das ist eine empörende Tatsache. Ter Staat will Kinder haben, aber er gibt den Proletarierfrauen nicht die Mittel und nicht die Möglichkeit, ihre Kinder ohne Sorgen aufzuziehen, sie gesund und kräftig zu machen. Der Geburtenrückgang in Deutschland wäre weniger bedeutungsvoll als er ist, wenn die vielen gesunden und kräftigen Kinder, die geboren werden, nur die nötige Sorgfalt in der Ernährung und Erziehung genießen könnten, an der es aber viele Eltern aus Geldmangel fehlen lassen müssen: wenn nur alle die unbehüteten Kinder, deren Väter und Mütter tagsüber in der Erwerbsarbeit fronen müssen, in ordentlich: Aufsicht genommen würden. Um ihre Lieblinge nicht allein zu lassen, ziehen es viele Mütter vor, statt in der Fabrik, im Bureau oder iin Nähsaal, zu Hause zu arbeiten. Man follte glauben, das wäre eine gute Lösung, um beiden Anforderungen zu genügen, die Kinder zu beaufsichtigen, zu erziehen und gleichzeitig durch die Heimarbeit ein paar Pfennige(es sind hier wirklich nur ein paar Pfennige) zu den Kosten des Lebensunterhalts bei- zutragen.— Aber dem ist nicht so. Wie eine Ironie des Schicksals mutet es an, daß das Bild der erwerbstätigen Frau und Mutter nirgends so fchwarz, so trostlos schwarz aussieht wie in der Heimarbeit, gerade dort, wo man die naturgemäße Anpassung an die häusliche Tätigkeitssphäre der Frau er warten sollte. Die Frau hat fast an jeder Heimindustrie Anteil, ent weder als selbständige Heimarbeiterin oder als Helferin bei der Heimarbeit des Mannes. In der Textilindustrie in Aachen verdient ein Heimarbeiter mit Hilfe seiner Frau gegen 40 M. im Monat. Ein Bild einer Aachener Heinr arbeiterin gibt die folgende anschauliche Schilderung von Dr. W i lb r a n d s: „Eine winzige Stube für 36 M. jährlich gemietet, darin zwei Betten, ein Webstuhl, ein zur Bereitung des Mittagessens dienender Ofen, also Schlafzimmer, Wohnzimmer, Werkstatt, Küche zugleich, heiß und dunstig vom Kochen. Am Webstuhl eine elend aussehende Weberin. Sie arbeitet leichten blauen Baum- Wollstoff das ganze Jahr hindurch; im selben Raum schustert der Mann." Bekannt ist die Holz- und Spielwarenindustrie in Sonneberg in Thüringen. Ueber alle Maßen schlecht ist hier die Lage der Heimarbeiterinnen. Für unerhört niedrige Löhne müssen sie arbeiten: das Preisdrücken von feiten der Fabrikanten und Kaufleute hat hier beispeillose Formen an- genonnnen. Die arme Heimarbeiterin schützt weder Gesetz noch Recht vor sprupellosester Ausbeutung. Für eine Elle Tresse zur Puppenfrisur erhält die Heimarbeiterin 3 Pf.; selbst die Geschickteste kann nicht mehr als höchstens 1% Ellen in der Stunde herstellen. Das wären 5 Pfennig als Stunden- maximallohn I Wie die Fabrikanten selbst angeben, verdient keine der Heiinarbeiterinnen dort bei 12- bis löstündiger Ar- beitszeit täglich über 60 Pf. Eine Puppenschuhmacherin er- hält bei täglich durchschnittlich 17stündiger Arbeitszeit 6,50 M. in der Woche. Bei angestrengtester Arbeit und un- erhört langer Arbeitszeit verdient eine Puppenkleidermache- rin 80 Pf. im Tag. Die Holzschnitzerinnen verdienen bei 15stündiger Arbeitszeit höchstens 14 M. in der Woche. In der ganzen Holz- und Spielwarenindustrie beträgt die Ar- beitszeit im Durchschnitt 15 Stunden; über die Hälfte des Sonntags wird gearbeitet. Das gehört so zum System. Da ein Saisongewerbe anzunehmen ist, genießt es sogar den Schutz des 8 105 der Gewerbeordnung. Von Ende November bis Ende März herrscht fast völlige Arbeitslosig- keit. Für diefe verdienstlose Zeit muß noch„gespart" werden; fparen bei den oben genannten Hungerlöhnen! Dafür darf dann aber in der Saison Tag für Tag 20 Stunden ge- arbeitet werden. Am Freitag ist Tag und Nacht durch- zuarbeiten, um am Liefertag fertig zu sein. In einer kleinen Mansarde wurde eine Greisin gefunden, die sich täglich um 3 Uhr nachts erhebt und bis 1 Uhr nachts, 2 2 Stunden, fortgesetzt init ihren zittrigen Fingern, ihren gichtisch gekrümmten Händen arbeitet, um sich, ihre kranke Tochter und ein Enkelkind zu ernähren. Die Wohnungsverhältnisse bei den Heiniarbeiterinnen sind entsetzlich, Stube und Kammer von Haus- und Handgerät vollgepfropft. In den wenigen Betten schlafen je 2, 3, ja 4 Personen zusammen. Von Nein- lichkeit kann keine Rede sein, da man zum Scheuern, Kehren und Aufräumen der Wohnung einfach keine Zeit hat. Die Schlafkammer wird nie gesäubert. Wie die Wohnung so ist die Nahrung schlecht und ungenügend; Brot, Kaffee und Kar- tofseln in endloser Wiederholung. Natürlich ergeben sich als Folgen diefer Lebensführung Krankheiten und zahlreiche Todesfälle. Besonders Tuberkulose herrscht dort. Aber nirgendwo trifft man größeres Elend an als bei den Heimarbeiterinnen der Wäsche- und Kleiderkonfektion. Hier erreichen die Schundlöhne ihren tiefsten Stand. Ein be- deutendes München er Konfektionsgeschäft zahlt für die Herstellung von einem Dutzend Babyhemden 40 Pf., die Ar- beitszeit dafür beträgt mindestens% Tage. Knabenhemden werden mit 80 Pf. pro Dutzend bezahlt, Herrenunterhosen mit 1,20 M. pro Dutzend. Der höchste Wochenverdienst einer Münchener Heimarbeiterin in der Wäsche- und Kleiderkonfek- tion beträgt 4,10 M., wovon aber noch die Ausgaben für Furnituren zu bestreiten sind. Die Regel ist eine 1 4- bis 16 stündige Arbeitszeit. Die elenden Löhne bedingen schlechteste Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse und selbst- verständlich erschreckend hohe Krankenziffern. Das Elend dieser großstädtischen Heimarbeiterinnen ist grenzenlos. Ja, es ist in der Regel so, daß der Arbeitgeber bei dem geringen Lohn, den er der Heimarbeiterin zahlt, mit dem Zuschuß aus der Prostitution zu rechnen scheint. Es ist ein trauriges Kapitel menschlicher Kultur— dieser Zusammenhang zwischen schlecht bezahlter Heimarbeit und Prostitution. Viele Ur- sachen treiben die unglücklichen Mädchen schließlich zu dieser Erwerbsquelle, Hungerlohn, traurige Wohnungsverhältnisse, mangelnde Erziehung, schlechte Beispiele usw. Es sind wohl die Aermsten der Armen, die die soziale Organisation zur Prostitution zwingt, denen sie zu ihrem materiellen großen Elend noch das seelische Unglück bringt. In welche Art der Heimarbeit wir auch blicken, überall das gleiche trübe Bild: niedrigster Lohn, übermäßig lange Arbeitszeit, schlechteste Wohnungsverhältnisse. In der Holz- schnitzcrei in der R h ö n erhält die Heimarbeiterin bei 15- bis 16stündiger Arbeitszeit durchschnittlich 1,20 M., in der Tabakindustrie bei 12- bis 13-, auch bis 15stündiger und regel- mäßiger Sonntagsarbeit 0,80 bis 1,10 M. pro Tag. Gerade in der Tabakindustrie findet man erschreckende Bilder des Elends. So ermittelte ein Gewerbeinsvektor in Baden folgendes: „In einer Stube, die als Aufenthaltsraum für die ganze Familie diente und deren einziges Fenster auf einen vor dem Hause liegenden Düngerhaufen ging, rippte eine Frau mit ihrem 13jährigen Sohn Tabak. Beim Tabakrippen sitzen in einem mit zwei Betten belegten Zimmer eine Werkmeisterswitwe, ihre beiden Kinder von vier- zehn und neun Jahren und eine über 76 Jahre alte in Pflege genommene Frau oft bis 12 und 1 Uhr nachts; eines der Betten dient der neunjährigen Tochter und ihrer lungenleidenden Schwester von 12 Jahren, das andere der alten Frau, während die Mutter mit ihrem 14jährigen Sohn in einem dunklen, nur durch einen Vorhang von der Küche getrennten Raum in einem Bett schlafen. Neben einer in einer kleinen Küche mit Tabakrippen be- schäftigten Frau liegt auf dem Küchentisch ein Kind von wenigen Monaten, während ein noch nicht ganz zweijähriges Kind au' den feuchten Rippen sitzt und spielt. Ein Pflegekind schläft in der kleinen Nebenkammer. Die Frau klagt über Krankheits erscheinungen bei ihren Kindern." Die Ausbeutung der Frauen in der Heimindustrie ist grenzenlos und unerträglich. Dringend nötig sind Gesetze zu ihrem Schutze. Die Frauenarbeit in der Heimindustrie bedarf vor allem des Arbeiterschutzgesetzes, besonders des Wöchnc- rinnenschutzcs, dessen Fehlen heute zum unheilbaren Schaden für Mutter und Kind wird. Auf diesem Gebiete haben bisher alle bürgerlichen Par teien versagt. Sie alle fürchten mehr, dem Kapitalismus wehe zu tun, als das Hinmorden ungezählter Proletarie- rinnen. Die Verwüstung der kommenden Generation zu der- hindern, das geht zu sehr gegen kapitalistische Interessen. Darum wird weiter gemordet. Das Problem der Sommerferien. Anknüpfend an den Artikel der Genossin Sußmann vom 13. Juni, in dem sie sich warmherzig der Ferienfürsorge für die Proletarierjugend annahm und Vorschläge machte, denen jedenfalls ernsthaft näher zu treten ist, soll nachstehendes den Beweis bringen, daß auch unter den jetzigen Verhältnissen bei zielbewußtem ernsten Wollen etwas geschaffen werden kann, was zwar nicht eine ideale Lösung der Ferienfrage bringt, aber doch in die Herzen unserer schul- Pflichtigen Arbeiterjugend einen Begriff von Ferienseligkeit trägt, der sie seelisch und körperlich erstarken läßt. Die organisierten Frauen Friedenaus haben vor nunmehr zwei Jahren zum erstenmal den Versuch gemacht, mit den Arbeiterkindern halbtäglicheFerienausflüge nach dem Grunewald zu veranstalten, um die Kinder der die Be- wegungssreiheit beengenden Straßen zu entziehen. Der Gedanke wurde von den Kindern mit Begeisterung begrüßt und die Beteiligung war eine über Erwarten rege. Die Betefligung im vorigen Jahre zeigte, daß die Ausflüge von unseren Kleinen nicht vergessen waren; ie zeigten sich als eifrige Agitatoren, so daß die Zahl der Teil- nehmenden um ein bedeutendes stieg. Bemerkt sei hierzu, daß wir nicht nur Kinder von Genossen, sondern ungeachtet der politischen Stellung der Eltern alle Kinder an den Ausflügen teilnehmen ließen. Da nun für jegliche? Beginnen Geld in Frage kommt, so gaben die hiesigen Genossinnen Sammellisten heraus, um den so nötigen Fonds zu schaffen. Selten ist es passiert, daß, unser Werben für diesen Zweck vergebens war, selbst Angehörige aus uns fernstehenden Kreisen, oftmals wohl direkt Gegner, sahen sich angesichts dieser fröhlich hinausziehenden und unter Gesang heimkehrenden Kinderschar veranlaßt, den Leiterinnen Beträge zu übermitteln. So konnten wir denn oft über 166 teil- nehmenden Kindern täglich Erfrischungen im Walde bieten. Den Schluß der Ausflüge bildete ein A b s ch i e d S f e st, das für die Kinder natürlich den Höhepunkt der ganzen Ferien darstellt. Einen Teil des Fonds haben wir zur Anschaffung von Spiel- geräten verwendet und als Höhepunlt der diesjährigen Veranstaltung gilt der Gedanke, die Kleinen hinauszufahren, um ihnen den immerhin ermüdenden Marsch in brennender Mittagsglut zu er- sparen. Möge die Teltower Kreisbahn, an die sich die leitenden Genossinnen gewendet haben, mehr Verständnis zeigen für absolute Notwendigkeit, wie der Friedenauer Gemeindevorstand, der eS Kindern entgelten läßt, daß die Eltern nicht in die reaktionäre Ordnungs- trompete blasen. Diese Ausführungen sollen den Zweck haben, den Gedanken in weitere Kreise zu tragen. In jedem Vorort Berlins oder in den einzelnen Kreisen wird es wohl Genossinnen geben, die sich mit Be- geisterung der Aufgabe unterziehen würden, Leiterin einer solchen improvisierten Ferienhalbkolonie zu sein. Der Erfolg unserer Be- strebungen ist ein Beweis, daß auch unter den gegebenen Verhält- nissen etwas Ersprießliches für die Arbeiterjugend geschaffen werden kann, daß es möglich ist, die Ferien zu dem zu machen, was sie ein sollen, eine Zeit der Erholung und Stärkung für Körper und Geist. . Emma T ö l l e- Friedenau. Das gleiche Thema berührt die Zuschrift eines Genossen, der sich in Oesterreich in der proletarischen Jugendpflege betätigt hat. ES heißt darin: Vor LV, Jahren wurde in Wien die erste Ortsgruppe des Arbeitervereins Kinderfteunde" gegründet und heute bestehen in Wien allein zehn Ortsgruppen, weitere sind im Entstehen und auch in der Provinz breitet sich die Bewegung kräftig aus. Das Tätigkeitsgebiet dieser Vereine ist sehr umfangreich. Die Ortsgruppe Wien XVI. konnte z. B. schon nach dreivierteljähriger Tätigkeit be- richten: Es haben 42 Ausflüge stattgefunden an denen sich 3111 Kin- der(1667 Knaben und 1b04 Mädchen beteiligten.) 28 Spieltage wurden auf dem von privater Seite überlassenen Spielplatz ab- gehalten, an denen 2434 Kinder teilnahmen. Das Arbeiter-Strand- bad konnte, ungünstiger Witterung wegen, nur viermal besucht werden. 261 Kinder nahmen teil. Am Turnunterricht beteiligten sich an 61 Turntagen 3561 Kinder. Der gleiche Bericht enthält auch Mitteilungen über die Jugend- bibliothek(Leser 766, entliehene Bücher 17 376), den Kinderchor, Hand- ertigkeitsunterricht, Vorlesungen und Besichtigungen. Das Tätigkeits- gebiet dieser Vereine reicht aber noch weiter. Ferienreisen bis zu 6 und 8 Tagen haben schon stattgefunden, ebenso Märchen- Vorlesungen mit Lichtbildern und Jugendkonzerte. Spielnachmittage, HandfertigkeitS« und Turnkurse werden auch im Winter aufrecht er- halten. Nach Möglichkeit lverden auch Eislaufplätze eingerichtet. Man geht von dem Gesichtspunkt aus, daß die Arbeiterwohnung auch im Winter in der Regel ein ungesunder Aufenthalt für die Jugend ist. Aus der weiteren Absteckung des Tätigkeitsgebietes ist zu er- sehen, daß nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Ent- Wickelung der Kinder gefördert wird. Die Vereine übernehmen damit einen Teil der Erziehungsaufgaben der Eltern. Die .Kinderfreunde" suchen auch durch Elternabende, durch die Zeitschrift „Der Kinderfreund" und durch gelegentlich herausgegebene Schriften hervorragender Fachmänner unter der Arbeiterschaft Kenntnisse über Pflege und Erziehung des Kindes zu verbreiten. In der ganzen Arbeit dieser Vereine wird darauf geachtet, daß die Grundsätze und Erfahrungen der modernen Pädagogik in ihr zu Geltung kommen. Daß sich überall die Arbeiterschaft ihrer Jugend annimmt, zeigt, daß wir vor einem Problem unserer Zeit stehen, dessen Lösung eine dringende Aufgabe ist. Auch die Gegner geben uns Anlaß, uns diese» Fragen zuzuwenden. Der Arbeiter, der heute die Bestrebungen der Gegner auf diesem Gebiete sieht, hat Grund genug, sich um die Erziehung seiner Kinder zu sorgen. Es unterliegt heute keinem Zweifel mehr, daß eine politische Verseuchung der Jugend von feiten der Staatserhaltenden ausgeht, daß also für eine unpolitische und pädagogisch einwandfreie Erziehung der Jugend die Arbeiterschaft selbst sorgen muß. Die Anregung der Genossin Sußmann wird darum sicher kräftigen Widerhall finden. Ernst Fröhlich. * In Frankfurt a. M. haben Magistrat und Stadtverordneten« Versammlung beschlossen, zur F e r i e n f ü r s o r g e der Kinder der Volksschulen 12 666 M. zu bewilligen. Kinder, die leine Gelegenheit haben, während der Ferien die Großstadt zu verlassen, und deren Eltern sie auch nicht ins Freie führen können, sollen unter Aufsicht von Lehrern und anderen Erwachsenen auf Spiel- Plätze und in den Wald geführt werden. Es werden Ferien« spaziergänge für halbe und ganze Tage eingerichtet. Die Kosten ein« schließlich der für einfache Verpflegung sollen durch die 12 666 M. gedeckt werden. Die Arbeiten werden von den Vereinigungen, die sich zur Mitarbeit gemeldet haben, ausgeführt. Auch die von der Partei und den Gewerkschaften ins Leben gerufene Kinderschutzkommission ist dabei. Zwei ihrer Mitglieder sind in die Aufsichtskommission für Ferien- ipaziergänge berufen worden. Unsere Kinderschutzkommission hatte schon in den früheren Jahren Fcrienspaziergänge eingerichtet. Ihrer Tätigkeit und den Anträgen unserer Genossen im Stadtverordneten- kollegium ist die Uebernahme der Ferienspaziergänge auf die Stadt zu danken.— Neben dieser Form des Kinderschutzes ist auf Antrag unserer Genossen von der Stadtverordnetenversammlung und dem Magistrat außerdem eine Kommission eingesetzt, welche die Kinder in ihrer schulfreien Zeit überwachen und die gewerbliche Beschäftigung der Kinder kontrollieren soll. Rebarnmemvefen. Die Petition um Erlaß eines deutschen HcbammengesctzeS, dessen Dringlichkeit wir in Nr. 138 deS„Vorwärts" erörterten, beschäftigte kürzlich die Petitionskommission des Reichstages. Eine ähnliche Petition mit derselben Forderung hatte der Kommission bereits im März 1366 vorgelegen. Sie fand im Plenum keine Erledigung. Beantragt wurde damals Ueberweisung der Petition als Material für den Reichskanzler. Sie fand auch diesmal kein besseres Los, obwohl die Vernachlässigung der Geburtshilfe durch die Gesetz- gebung heute nicht minder himmelschreiend ist wie vor dreizehn Jahren. Die in einer zweiten Petition von der Vereinigung deutscher Hebammen gewünschte Schaffung eines Zwangs- Versicherungsgesetzes zur Sicherstellung der Heb- ammen gegen alle Arten von Erwerbsunfähigkeil wurde gleich- zeitig erörtert. Der Verband norddeutscher Frauenvereine hatte diefe Forderungen zu den seinigen gemacht und ebenfalls eine Petition überreicht. Die Kommission hielt den Erlaß eines Zwangs- neue Heb- ammenberuf gehöre zu den freien Berufen, denen bisher nur die freiwilligen Versicherungen offen stehen. Das haben die Heb- ammen längst gewußt, und sie weisen in ihrer Petition darauf hin. daß die geringen Einkünfte auS ihrem Beruf ihnen nicht einmal die Aufbringung der verhältnismäßig kleinen Beiträge für die bestehenden Versicherungen gestatte.... Die oft große Notlage der Hebammen einerseits, ihre Bedeutung als Organe deS öffent« lichen Gesundheitsdienstes andererseits wurden in der Kommission anerkannt. Daher entschloß man sich, nicht Uebergang zur Tages- ordnung. sondern wie bei der ersten Petition Ueberweisung als Material für den Reichskanzler zu einpfehlen. Angesichts der Ab- neigung der Herrschenden, die zu einer Gesundung der geburtshilf« lichen Ordnung unumgänglich nötigen, freilich etwas kostspieligen Reformen vorzunehmen, ist eS so gut wie sicher, daß das Plenum des Reichstags den Anträgen der Kommission entsprechen und den Petitionen der Hebammen ein Begräbnis zweiter Klasse bereiten wird. Versicherungsgesetzes nicht für angezeigt, weil es eine völlig Phase der Versicherungsgesetzgebung bedeuten würde. Der Geftindhettspftege des Kindes. Gegen den Unfug des Ohrringstcchens wendet sich Dr. A. E p o k i n in der.Zeitschrift für Kinderheilkunde". Insbesondere lenkt der Ver- fasser die Aufmerksamkeit auf die vielfachen Schäden dieses Volks- brauchs. Eine Statistik ergibt, daß bei Kindern der wohlhabenden Gesellschaftsklassen nur 66 Proz. der Kinder die Ohren gestochen werden, während unter den 126 Ammen der LandeSfindelanstalt in Prag 37 Proz. die Ohrläppchen gestochen hatten. Darunter be- fanden sich aber nicht wenig, die von diesem Besitz niemals Ge- brauch gemacht hatten. Daher war man in der Lage, manche Folgezustände schlecht geheilter Stichöffnungen zu konstatieren. Zu den wichtigsten Komplikationen des Ohrringstechens gehört die Tuberkulose. Man sollte darum endlich mit dem Unfug des Ohrringstechens aufhören. , Das Bettnässen besprach Dr. Tromner im Aerztlichen Verein m Hamburg au? Grund seiner Erfahrungen in 133 in den letzten zehn Jahren behandelten Fallen. ES waren fast sämtlich Kinder im Alter von 2 bis 15 Jahren. 43 Proz. Knaben und 57 Proz. Mädchen. 38 Proz. waren belastet durch früheres Bettnässen der Eltern, und zwar ging drefe Belastung mehr vom Vater als der Mutler auS. 22 Proz. waren allgemern belastet. Ein Drittel war jedenfalls ftei von erblicher Belastung, em Beweis, daß Bettnässen nicht unter allen Umständen.Degenerationszeichen" ist. Auffallend oft(in 46 Proz.) wurde sehr tiefer Schlaf gemeldet, so tief, daß die Kinder kaum zu wecken und dann noch lange schlaftrunken waren, 12 Proz. aber hatten leisen und 13 Proz. sogar unruhigen Schlaf. Sprechen im Schlaf und Schlafwandeln war häufiger als bei normalen, nämlich 13 resp. 7 Proz. Das beste Mittel gegen dieses Leiden ist nach den Ausführungen Dr. Tromners die hypnotische Suggestion, weil sie hemmend oder erregend auf die Schlafzustände selbst einzuwirken erlaubt. Ihre Anwendung bei Kindern ist für den geübten Arzt leicht und absolut bedenkenftei. Der Vortragende konnte damit ein Drittel seiner Fälle heilen und ein Drittel mehr oder weniger erheblich bessern. DaS andere Drittel wurde zum Teil nicht gebessert, zum Teil entzog eS sich zu ftüh der weiteren Beobachtung. Die Bereinigung für Frauenwohnungen teilt mit, daß in den beiden G-Ichästsstellen: Berlin LW.. Großbecrenstr. 63b I, Sprech. tunden Montag und Donnerstag von 5—7 Uhr, und Charlotten- bürg, Pestalozzistr. 1661, Sprechstunden Mittwoch und Sonnabend von Vs®— V»10 Uhr abends und Dienstag von 5—7 Uhr, kosten- lose Auskunft über leere und möblierte Zimmer und Wohnungen erteilt wird. Verantwortlicher Redakteur: Albert Wach«. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdruckerei n. LerlagSanstalt Paul Singeru. Co.. Berlin LM |r.l59. 30. Jahrgang. 3. ikilnjt des JotmWs" Kttliser PolMIntt. Donnerstag, 26. Juni 1913. Partei- Hngelegenbeitcn* Neukölln. Die ausstehenden Bücher der Wahlvereinsbibliothek stnd der Inventur wegen bis zum 30. Juni zurückzubringen. Die Bibliothekskommission. Eichwalde. Morgen Freitag, abends S Uhr, Versammlung im Bahnhofsrestaurant(Inhaber Friedrich). Tagesordnung: 1. Die nächsten Aufgaben eines sozialdemokratischen Wählers. Referent: Genosie Barth. 2, Diskussion. 3. Kommunale Angelegenheiten. fkriiner Nachrichten. *fc„Grohc Berliner" gegen Unfallverletzte. Im Betriebe der Großen Berliner Straßenbahn ereignen sich fast täglich Unfälle, die entweder durch Zusammenstöße oder dadurch herbeigeführt werden, daß Personen überfahren werden. Es ist nicht immer leicht, in solchen Fällen die Schuldfrage festzustellen. Soweit es sich um Zusammenstöße handelt, bei denen fahrendes Publikum zu Schaden kommt, ist die Nichtschuld des Publikums klar, aber auch die Haftpflicht der Straßenbahn, lieber das Verhalten der Straßen bahn gegen Unfallverletzte verbreitet sich die„Deutsche Tageszeitung" in recht verständigen Ausführungen, die wir der Wiedergabe für wert halten, sie schreibt: Man sollte meinen, die Große Berliner Straßenbahn, die für den hier entstandenen Schaden ohne weiteres haftpflichtig ist, würde es für ihre Pflicht halten, bei derartigen Unfällen sich schnellstens über den entstandenen Schaden informieren und bereit- willig für die sachgemäße ärztliche Behandlung und Verpflegung der Verletzten Sorge zu tragen. Weit gefehlt! Die Straßenbahn- direktion kümmert sich vielfach— vielleicht sogar in den meisten Fällen— gar nicht um die Verunglückten, obwohl deren Name und Wohnung in der Regel sofort durch Polizei und Schaffner fest gestellt werden. Die Direktion der Großen Berliner wartet viel- mehr ruhig ab, bis die Geschädigten mit Ansprüchen an sie herantreten. Dann lehnt sie Entschädigungen entweder ein« fach ab. oder die Erledigung vollzieht sich in einem Schnecken tempo. Die Direktion läßt den Verunglückten nämlich eröffnen, daß sie„grundsätzlich" eine laufende Unterstützung für die Dauer der Krankheit überhaupt nicht zahlt, daß sie aber bereit sei, über eine einmalige Abfindung zu verhandeln. Hierin liegt eine schlimme Ungerechtigkeit gegenüber den Ver- letzten, die in vielen Fällen völlig arbeitsunfähig sind, aber doch nicht sagen können, welche Dauer ihre Krankheit haben wird und mit welcher Summe der entstandene Schaden kapitalisiert werden kann. Hier wäre es die Pflicht der Straßenbahn, zunächst die erste Not zu lindern. Das tut sie aber grundsätz- lich nur. wenn sie im Prozeßwege dazu ge- zwungen wird. Wozu diese eigenartige Praxis führt, hat sich bei dem jüngsten ' Straßenbahnunfall in der Brunnenstraße gezeigt. Die Direktion der Berliner Straßenbahn veröffentlicht den Brief eines Winkeladvokaten an einen Verletzten, worin dieser �seine Dienste anbietet und darauf hinweist, daß die Straßenbahn ver- pflichtet sei,„jeden Schaden, wie solcher auch heißen mag sowie ein entsprechendes Schmerzensgeld von mindestens KXX) M. zu bezahlen". Der Winkeladvokat bezeichnet sich selbst als Spezialist für derartige Unfallprozesse. Die Straßenbahn beklagt sich darüber, daß sich eine ganze Industrie damit befasse, an Unfall- verletzte heranzutreten und sie von einer gütlichen Beilegung der Schadenersatzfrage abzuhalten. Zweifellos hat die Straßenbahn durch ihr Verhalten eine solche Industrie er st großgezogen. Einer großen Verkehrs- gesellschafr stehen natürlich hinreichend tüchtige Anwälte für solche Prozesse jederzeit zur Verfügung. Die Ver- letzten sind meist nicht in der Lage, sich an einen tüchtigen Rechtsanwalt zu wenden. Am allerwenigsten können sie aber eine» Schadenersatzprozeß durch alle Instanzen treiben. Die Straßenbahn ist also sehr leicht in der Lage, die Geschädigten durch langes Hinzögern der Angelegenheit kirrezumachen. Wer will es den Leuten daher verdenken, daß sie sich von einem Winkel- advokaten beraten lassen! Jedenfalls steht fest, daß die Straßenbahndireltion ihre Ver- pflichtung zum Schadenersatz bei Unglücksfällen nicht so auffaßt, wie man es im öffentlichen Interesse verlangen sollte. Hierauf müßte die Polizei, die doch für die Droschkenkutscher und Auto- führer fast alle Wochen neue Reglements ausarbeitet, eiu schärferes Auge haben. Wenn außerdem die Polizei das nicht immer ein- wandfteie Wagenmaterial der„Großen" ständig kontrollieren würde, so könnte schon manchem Unheil vorgebeugt werden. Dazu ist die Polizei da, wenn die„Große" versagt." Man kann diesen Darlegungen nur zustimmen. Die gärtnerische Ausgestaltung des Alexanderplatzes. Ter Alexanderplatz, der durch den Bau der Untergrund- bahn jahrelang verunziert worden ist, soll nun, nach Beendi- gung der Bauarbeiten wieder gärtnerisch verschönert werden. Durch die Untergrundbahn wird der Platz eine Veränderung erfahren müssen. So wird es beispielsweise kaum möglich sein, den schönen Springbrunnen in der ursprünglichen Äcise ivieder herzustellen, weil das die unter dem Niveau liegenden Tunnels und Kanalisationsrohre verhindern. Es soll versucht werden, entweder kleine Springbrunnen herzustellen oder aber auf dem Platze vor dem Tietzschen Warenhause, wo die Bcro- lina steht, einen größeren Springbrunnen zur Zierde des Platzes zu schaffen.___ Die Revision des Berliner Bebauungsplanes. Der Berliner Bebauungsplan, der aus dem Jahre 1832 stammt, hat im Laufe der Jahre manche Aenderungen erfahren müssen. So gute Seiten er auch hat, so entspricht er in mancher Hinsicht nicht den neuzeitlichen Bestrebungen eines modernen Städtebaues, er be> rücksichtigt auch nicht die im Laufe der Zeit hervorgetretenen Be- dürfniffe des Verkehrs. Das konnte er auch nicht, weil die in Berlin eingetretene Verkehrsentwickelung im Jahre 1832 nicht in dem Maße vorausgesehen werden konnte. Die sich notwendig machenden Straßenverbreiterung-n beweisen dies. Großzügiger auf diesem Gebiete vorzugehen, ist aber nicht möglich, wenn von Fall zu Fall entschieden werden muß. Es besteht die Gefahr, daß bei längerem Zuwarten gerissene Terrainspekulanten moderne städte- bauliche Bestrebungen durchkreuzen können, wie das durch die Bau- gefellschaft„Union" geschehen ist. Dazu kommt, daß bei einer plan- maßigen Verfolgung der Sache auch Polizeiverordnungen über die Bau- weise herbeigeführt werden können im Sinne neuzeitlicher Grundsätze. Wird man auch nicht ohne lveitercs überall neue Baufluchtlinien festsetzen können, zumal da nicht, wo spekulative Unternehmer darauf warten, so � �ne erhöhte Aufmerksamkeit der städtischen Ver- dieser Richtung hier dringend erwünscht. Von diesem GeffchtSpunkt ausgehend hat die städtische Tiefbaudeputation in ihrer gestrigen Sitzung nach Erstattung eines Berichtes über die An« fcfw beschlossen, eine ständige Kommission zur systematischen Nachprüfung des Bebauungsplanes einzusetzen. Die Kommission hat die Aufgabe, die bestehenden Bauflucht- linien einer Revision zu unterziehen, ferner zu prüfen, ob neue Baufluchtlinien bei übermäßig liefen Bauflächen als notwendig sich erweisen, ob für besondere Wohnviertel Polizeiverordnungen an- zuregen sind, die einen Ausschluß von Fabriken herbeiführen und wieweit der eigene Grundbesitz der Stadt nach neuzeitlichen Städte- baugrundsätzen zu erschließen ist. Die Kommission besteht aus sieben Mitgliedern, welcher der Stadtbaurat, zwei Stadträte, einem Baurat und drei Stadtverordnete, darunter auch ein Vertreter unserer Partei, angehören._ Tie Manipulationen des„Predigers" Krampen vor dem Kaufmannsgericht. Der zurzeit unauffindbare Gründer des Kinderheims„Bethesda" macht auch dem Berliner Kaufmannsgericht momentan viel Arbeit. Dieser„Kinderscelsorger" verstand es nämlich, wie sich jetzt ergibt, sich unter dem Vorwand der Nächstenliebe auf den verschiedensten Gebieten Einnahmequellen zu verschaffen. Während Krampen in dem sogenannten„Kinderheim" in Hermsdorf die armen Pfleg- ling« in Schmutz und Verwahrlosung verkommen ließ, sandte er an Hunderte von Privatleuten einen Prospekt mit dem Kopf: „Kinderheim Bethesda", Hermsdorf bei Berlin. An der Spitze des Druckbogens steht als Motto:„Und Jesus sprach: Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Luk. S, 48." Nach einer beineglichen Schilderung der Schäden des Kinderhandels gibt Prediger Krampen als Ziel und Zweck des Kinderheims an: 1. den Kleinen das Elternhaus zu ersetzen und für sie wie Eltern einzutreten; 2. für ihre Erziehung und späteres Leben vollständig zu sorgen; 3. sie vor dem Weg der Schande und des Lasters zu bewahren; 4. sie vor Ausnutzung irgendwelcher Art zu bewahren. Damit wir, heißt es dann am Schluß des Rundschreibens, die Mittel zum Unterhalt nicht zu betteln brauchen, haben wir eine Versandabteilung für Kaffee, Kakao und Tee geschaffen. In der Erwartung, daß Sie, werte Hausfrau, solch ein Unternehmen gern unterstützen, verbleibt mit dankbarem Gruß die Verwaltung des Kinderheims„Bethesda". Auf diesen heuchlerischen Appell an die Mildtätigkeit sind leider sehr viele hineingefallen, denn einem Stadtreisenden, der ihm im Mai etwa ein Dutzend Aufträge brachte, verweigerte er die Zahlung des Gehalts, mit der Motivierung, er wäre untätig gewesen. Ein anderer Reisender hätte 150 Aufträge gebracht. Der Stadtreisende klagte jetzt gegen die Versandabteilung des „Kinderheims Bethesda", Leiter: Prediger Krampen, Blücher- straße 2, da er für diese„Firma" auch von Krampen angenommen wurde. Die Klage konnte indessen vom Kaufmannsgericht gar nicht zugestellt werden; sie kam mit dem Poswermerk:„Adressat Blücherstraße 2 unbekannt" zurück. Aehnlich wie diesem Kläger geht es einer ganzen Anzahl von Leuten, die zum Teil ihrer Kaution beraubt, selber um den Lohn ihrer Arbeit gebracht wurden und noch ungewollt dazu herhalten mußten, andere durch falsche Vorspiegelungen hineinzulegen. Ter Veltener Leichenfund. Zu dem Leichenfund bei Velten wird mitgeteilt, daß es bisher noch nicht gelungen ist, die Leiche zu rekognoszieren. Im Laufe des Dienstags meldeten sich Leute, die darauf hinwiesen, daß sie einen Knaben in dem angegebenen Alter vermissen. Da die Wissenschaft- liche Untersuchung der Zähne bereits abgeschlossen worden war, so konnten ihnen die hierbei entdeckten Merkmale vorgehalten werden. Hierdurch ließ sich feststellen, daß der Tote mit keinem dieser Ver- mißten identisch ist. Im Laufe des gestrigen Tages wurden im Fahndungskorps des Polizeipräsidiums alle Vermißtanzeigen darauf- hin nachgeprüft, bei welchen Personen die hier festgelegten Angaben bezüglich des Alters, der Größe und des Körperbaues, sowie der Haarfarbe mit dem unbekannten Toten übereinstimmen. Die An- gehörigem der dafür in Frage kommenden Personen werden nach dem Polizeipräsidium geladen, um hier weitere Nachprüfungen an- zustellen. Ob man hiermit zum Ziel kommen wird, ist noch sehr fraglich. Jedenfalls wollen sich auch alle anderen Leute, die an- nehmen, daß der wahrscheinlich Ermordete eine von ihnen vermißte Person ist, umgehend melden. X Daß es sich um einen Knaben handelt, kann mit positiver Sicherheit nicht gesagt werden. Man schließt dies jedoch außer einigen Feststellungen im Knochenbau, die auf ein männliches Ge- schlecht hindeuten, hauptsächlich aus dem noch vorhandenen Teil des Skalpes. Es ist nicht anzunehmen, daß der Täter seinem Opfer die Haare abgeschnitten hat, um die Ermittelungen zu erschweren. Auch scheinen die Haare von einem Sachverständigen, also einem Friseur, geschnitten worden zu sein. Da die Fingernägel ziemlich lang und auch etwas gepflegt sind, so kommt man mit Rücksicht auf die feine Haut an Händen und Füßen zu der Annahme, daß eS sich um einen Kaufmannslehrling handelt. Ein Arbeiter oder Handwerker kann er schwerlich gewesen sein, weil dazu die Fingernägel zu fein sind. Man glaubt deshalb auch nicht, daß die in der Nähe der Leiche gefundenen Stiefel dem Toten gehört haben. Sie sind völlig abgetragen, das Oberleder ist geplatzt und die Sohlen sind ganz durchgelaufen. Fabrikzeichen könnten, selbst wenn welche daran gewesen wären, nicht mehr erkannt werden. Auch die eine noch vor« handene Lasche trägt keine Erkennungszeichen. Es ist eher anzu« nehmen, daß ein Handwerksbursche, dem irgendwo ein Paar neue Stiefel geschenkt worden sind, sie hier abgelegt hat. Um aber nichts außer acht zu lassen, wurden sie von der Polizei doch beschlagnahmt. Da außer dem Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchungen, von denen die des Zahnarztes Dr. Peters die wichtigste ist, kein einziger Anhaltspunkt zur Feststellung der Persönlichkeit des Toten vorhanden ist, so hat die Polizei von vornherein mit so viel Schwierigkeiten zu kämpfen, wie sie bei einem anderen Falle in der Kriminalistik noch nicht zu verzeichnen gewesen find. Auf dem Potsdamer Bahnhof verstorben. Als gestern morgen gegen 9 Uhr ein etwa 35 jähriger Herr an den Fahrkartenschalter des Potsdamer Fernbahnhofes trat, sank er plötzlich, ohne einen Laut von sich zu geben, zu Boden. Man schaffte den Bewußtlosen in die nächste Unfallstation, wo er infolge eines Gehirnschlages nach wenigen Minuten verstarb. Der Tote ist etwa 1,70 Meter groß, hat blondes Haupthaar und kurzen englisch ge- schnitte»« Schnurrbart. Er war mit einem schwarzblauen Jackett- anzug und weißem Oberhemd bekleidet, das das Monogramm i1. G. zeigt. Die Leiche des Unbekannte», der keine Legitimations- papiere bei sich führte, wurde nach dem Schauhause geschafft. Ein Straßenbahnunfall ereignete sich am gestrigen Mittwoch- nachmittag vor dem Hause Kottbuser Damm 30. Dort wollte der Radfahrer Theodor Michalek kurz vor dem Motorwagen SM int Schienen kreuzen, wurde jedoch umgestoßen und schlug so heftig auf das Pflaster auf, daß er eine Gehirnerschütterung davon trug. Der Verletzte wurde nach dem Krankenhaus am Urban gebracht. Von der Untergrundbahn überfahren. Ein tödlicher Unfall ereignete sich am gestrigen Mittwoch- nachmittag im Betriebe der Untergrundbahn nahe der Station Spittelmarkt. Auf der Strecke zwischen Untergrundbahnhof Dönhoff, platz und Spittelmarkt hatte sich nach Angabe eines Streckenbeamten ein kleiner Defekt an der Anlage herausgestellt und der Werk- Meister schickte deshalb den Schlosser Campler, Simon-Dachstr. 27/23 wohnhaft, auf die Strecke, um den Schaden zu beheben. C. ging nahe den Schienen entlang, als plötzlich vom Bahnhof Friedrich- straße her in Zug herannahte. Der Schlosser wurde umgestoßen und geriet unter die Räder des Triebwagens, die ihm den rechten Oberschenkel zermalmten. Außerdem erlitt C. einen Schädelbruch. In hoffnungslosem Zustande wurde der Verunglückte nach der Unfallstation und von dort nach dem Urban-Krankenhaus gebracht, wo er bald nach seiner Aufnahme verstarb. Ertrunken. Bei ein� Spazierfahrt mit einem Motorboot auf dem Tegeler See ist vorgestern nachmittag der 17jährige Bureaugehilfe Harter, der bei den Kudell-Motorwerken angestellt war, ertrunken. Der junge Mann ging auf dem Verdeck des Bootes entlang, rutschte ab und stürzte dabei ins Wasser. Die sofort angestellten Rettungs- versuche waren ohne Erfolg. Die Leiche ist inzwischen gefunden worden. Explosion von Feuerwerkskörpern. In dem Schreibwarengeschäft von Erich Boehnke in der Driesener Str. 20 erfolgte gestern nachmittag eine heftige Erplosion von Feuerwerlskörpern. Durch den Luftdruck wurde eine große Schaufensterscheibe zertrümmert und eine Stichflamme setzte Tische, Spielwaren und Kartons in Brand. Die in dem Laden an- wesenden Personen kamen mit dem bloßen Schreck davon. Die Feuerwehr war schnell mit einem Löschzug zur Stelle und beseitigte in kurzer Zeit jede Gefahr. Bei den Aufräumungsarbeiten zog sich der Oberfeucrwehrmann Gronewald durch Glassplitter Ver- letzungen am linken Bein zu, die ihm auf der nächsten Unfallstation verbunden wurden. Die Explosion entstand auf folgende Weise: In dem Geschäft erschien ein junger Mann und verlangte b e n g a- tische Streichhölzer. Die Verkäuferin holte zwei größere Kartons hervor, in denen sich Feuerwerkskörper aller Art befanden. Als sie dann dem Kunden die Streichhölzer zeigen wollte und eine der Schachteln öffnete, entzündete sich plötzlich, vermutlich infolge scharfer Reibung, ein bengalisches Streichholz. Einige Funken sprühten auf die auf dem Ladentisch stehenden Kartons, und im nächsten Augenblick explodierte der ganze Vorrat an Feuerwerks- körpern. Der Schaden ist ziemlich erheblich. Feuer in der Jndustriestätte„Erdmannshof". In der dritten Morgenstunde wurde gestern die Feuerwehr nach der Jndustriestätte„Erdmannshos" am Kottbuser Ufer 39/40 gerufen. Als der 8. Löschzug aus der Reichenberger Straße dort eintraf, stand im zweiten Stock des Fabrikgebäudes auf dem zweiten Hofe die Deutsche Nougat- und Marzipanmassenfabrik von Hage- dorn u. Co. in hellen Flammen. DaS Feuer mußte schon längers Zeit in dem großen Fabriksaal geschwelt haben, ehe es bemerkt wurde. Die Flammen fanden an den vorhandenen Rohmaterialien und fertigen Waren reichliche Nahrung, so daß die Wehr längere Zeit mit zwei Schlauchleitungen Wasser geben mußte, um die Gefahr zu beseitigen. Die Fabrik ist fast vollständig vernichtet und auch die Maschinen sind zerstört. Nur die Kontorräume sind vom Feuer ver« schont geblieben. Auf welche Weise der Brand entstanden ist, konnte mit Sicherheit nicht mehr festgestellt werden, doch vermutet mau Kurzschluß in einer elektrischen Leitung. Der Schaden, den die Firma erleidet, ist erheblich. Die Feuerwehr konnte erst nach drei« stündiger Arbeit den Brandplatz wieder verlaffen. Verloren gegangen sind dieser Tage für ungefähr 47 M. Ver- bandsmarken des Maler- und Lackiererverbandes. Da der Verlierer ersatzpflichtig ist, wird gebeten die Marken abzuliefern an Franz Gerth, Zionslirchstr. 8. Vorort- Nachrichten» Aus dem Neuköllner Krankenhaus. Gegen die Stadt Neukölln hat ein Patient des Neuköllner Krankenhauses(zu Buckow) einen Prozeß geführt, dessen Anlaß ebenso wie der schließliche Ausgang von Interesse für die Oeffent, lichkeit ist. ES handelt sich um eine Schadenersatzklage eines Tischlerlehrlings Schmidt, der am 19. September 1911 mit Blind- darmentzündung aufgenommen worden war, am 18. November ge- heilt entlassen wurde, aber zwei Tage daraus mit Diphtherie in dasselbe Krankenhaus zurückkehren mutzte. Als er nach einem halben Monat wieder als geheilt entlassen worden war, stellte am folgenden Tage ein Kassenarzt große Geschwülste am Halse bei ihm fest, die eine erneute Behandlung nötig machten und dann im Krankenhaus Bethanien als tuberkulös erkannt wurden. Die An» gehörigen Schmidts meinten nun. daß die Diphtherie noch im Neu- köllner Krankenhaus, wo schon am Tage vor seiner Entlassung sich Halsschmerzen bei ihm bemerkbar gemacht hatten, auf ihn über- tragen worden sei, und daß auch die Jnfizierung mit Tuberkeln lediglich als Folge der Diphtherie aufgefaßt werden müsse. Ter Schadenersatzanspruch, den danach der noch minderjährige Schmidt durch seinen Vater gegen die Stadt Neukölln erhob, stützte sich unter anderem darauf, daß ihm infolge der Krankheit jetzt die Lehrzeit verlängert wurde und er um so viel später in den Genuß deS Lohnes eines Gehilfen kam. Zu der Behauptung, die Diphtherie sei im Krankenhaus äuf ihn übertragen worden, gab Kläger eine Schilderung der Zu- stände. die er dort beobachtet habe. Mit seiner Blind- darmentzündung hatte er vom 19. September ab zunächst auf Station 7 gelegen, am 6. November aber wurde er nach Station 14 b umgelegt, die unmittelbar neben der für Diphtheriekranke bestimm- ten Station 14 a sich befand. Beide Stationen hatten, wie erwiesen ist, gemeinschaftlicheinenOberarztundeineOber- s ch w e st e r. Kläger hob auch hervor, daß sogar auf Station 14 b damals noch Kranke mit Diphtherie gelegen hätten, nämlich zwei an Diphtherie erkrankte Assistenzärzte, die in einem zu Station 14 d gehörenden besonderen Zimmer untergebracht waren. Er behauptete, daß beide Aerzte und auch rekonvaleszeute Kinder aus der Diphtheriestation 14 a den gemeiuschaftlicheu Flur und den Ausent- Haltsraum von Station 14 b betreten hätten, und daß zwischen dem Pflegepersonal beider Stationen ein beständiger Verkehr ohne vor- herigen Kleiderwechsel stattgefunden habe. Ueberdies seien auf Station 14 b Bücher in Umlauf gewesen, die zunächst auf 14 a bei den Diphtheriekranken die Runde gemacht hätten. Gegenüber diesen Behauptungen des Klägers bestritt der M a- g; ft r a t. daß von dem in beides Stgtime« verkehrenden Personalt icm Oberarzt und der Oberschwester, die angeordneten V o r s i ch t s- maßregeln nicht innegehalten worden seien. Beide seien aus der Diphtheriestation nur nach Kleiderwechsel und Desinfizierung in die andere Station hinübergegangen. Die erkrankten Assistenz� ärzte hätten auf 14 b nur noch zwei Tage nach Schmidts hierher er- folgter Ueberweisung gelegen, überdies sei der eine damals schon feit zwei Wochen, der andere überhaupt immer bazillenfrei gewesen. Unwahr seien die Angaben über den Umlauf der Bücher und über den Verkehr noch ansteckungsfähiger Kinder. Im übrigen machte der Magistrat geltend, daß er bei Auswahl des in Frage kommenden KrankenhauspersonalS, vor allem des leitenden Direktors sowie des Oberarztes und der Oberschwester für 14 a und 14 b, mit der erforderlichen Sorgfalt verfahren sei. Das Landgericht Berlin II hat den Kläger abge- wiesen. Festzustellen, welche Zustände damals in dem Kranken- Haus herrschten, hat es nicht für nötig gehalten. Es hat entschieden, daß die Stadt, da Kläger als Kasienmitglied in das Krankenhaus aufgenommen wurde, nicht mit dem Patienten, sondern mit der Krankenkasse ein Vertragsberhältnis eingegangen sei, also aus diesem Vertragsverhältnis nicht ihm gegenüber haften könne. Aber auch auf Grund autzervertraglicher Haftung könne hier keine Ersatzpflicht eintreten, weil bei der Auswahl des Personals die erforderliche Sorgfalt beobachtet worden sei und im Hinbhck auf die hinreichende Vorbildung des Direktors die Stadt keine weiter- gehende Pflicht, das Krankenhaus zu„leiten", gehabt habe. Hier- nach komme es nicht darauf an, ob überhauvt die vom Kläger be- haupteten ordnungswidrigen Zustände in der Anstalt geherrscht haben und ob seine Krankheit auf sie zurückzuführen ist. Kläger hat jetzt darauf verzichtet, noch eine Entscheidung des Kammergerichts herbeizuführen. Hauptgrund des Verzichtes war ihm der, daß das Kammergericht die Gewährung des-Armenrechts verweigert hatte, weil die Sache aussichtslos sei. Welche Lehren mag die Krankenhausverwaltung aus diesem Prozeß gezogen haben?._ Schwarze Liste». Der zweite Nachtrag zur zweiten Generalschutz- liste des Bundes der Grundbesitzer von Nenkölln E. B. ist erschienen. Der Nachtrag enthält nicht weniger als 197 Namen fein säuberlich nach dem Alphabet geordnet. Das Kuvert ziert die Inschrift: Sehr wichtig und vertraulich! Sämtliche Angeführten sind in eine Rangliste eingeordnet, und je nach der Schwere ihres Vergehens gegen die heiligen Grundsätze der Hausagrarier bekommen dieselben Buchstaben angehängt. Die Erläuterung besagt darüber folgendes: 1. In Spalte 1 bezieht sich auf Mieter, die einen gemeinfchaft- lichen Hausstand bilden. 2. Ein Stern in Spalte 1 vor dem Namen deutet die wieder« holte Neumeldung an. 3. Die Bezeichnung in Spalte Beruf„siehe l" bedeutet, daß die gemeldete Person unter sittenpolizeilicher Kontrolle steht. a bedeutet: Der Gemeldete ist Miete schuldig, b bedeutet: Der Gemeldete hat nur unpfändbare Möbel, o bedeutet: Der Gemeldete hat bereits den Offenbarungseid geleistet, ä bedeutet: Der Gemeldete ist gerückt, o bedeutet: Der Gemeldete mußte exmittiert werden, t bedeutet: Gegen den Gemeldelen liegen noch andere Tatsachen vor. 4. ein-f hinter den Buchstaben bedeutet mindestens dreimalige Meldung. Den Hausbesitzern scheint gar nicht bekannt zu sein, daß es einem großen Teil der auf der Liste Stehenden infolge sozialer Mißverhältnisse unmöglich ist, auch nur den Lebensunterhalt herbei- zuschaffen, geschweige denn ihren regulären Verpflichtungen dem Hauswirt gegenüber nachzukommen. Es scheint als in den einzelnen Fällen gar nicht erst nachgeprüft wird, ob die soziale Not auf bösen Willen zurückzuführen ist. Eine genaue Durchsicht der Liste läßt das nämlich sehr fraglich erscheinen. Können sich die Hausbesitzer denn die Folgen ausmalen, die durch derartige Veröffentlichungen ent- stehen? Schon das einfache Gebot menschlicher Rücksichtnahme sollte die Hausbesitzer von der Ausstellung solcher schwarzen Listen ab- halten. Schöneberg. Ein tödlicher Automobilunfall ereignete sich am Dienstagabend gegen 19 Uhr vor dein Hause Hauptstraße 56. Dort wollte die 72 jährige, in dem Hause Haupt- straße 54 wohnende Frau Auguste Schäffer den Damm überschreiten, als ein'Droschkenautomobil herannahte. Der Chauffeur konnte seinen Wagen nicht mehr zum Halten bringen. Frau Sch. wurde beiseite gestoßen und erlitt einen schweren Schädelbruch, an dessen Folgen sie auf dem Wage nach der Unfallstation verstarb. Die Leiche wurde nach der Halle an der Blanken Hölle gebracht. Die Gewerkschaftskommission beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung eingehend mit dem städtischen Arbeitsnachweis. Genosse Marquardt berichtete, daß er innerhalb 4 Wochen noch nicht seine Karte erhalten habe, ohne diese aber würde der Arbeitslosenzuschuß nicht ausgezahlt. Die Verzögerung komme daher, daß erst bei den Arbeitgebern angefragt werde. Tie Antwort laufe entweder gar nicht oder verspätet ein. Marquardt empfahl, daß die Arbeiter- schaft sich mit dieser Frage einmal in öffentlicher Versammlung beschäftigen müsse. Genosse Henkel berichtete hierauf aus dem Arbeitsamt: wiederholt hätten einige Fälle vorgelegen, wonach Ar- beitslosen die Unterstützung entzogen worden sei, weil dieselben durch eigenes Verschulden arbeitslos geworden sein sollen. Auch habe ein Gesuch des Vereins für soziale innere Kolonisation auf Entsendung von Arbeitslosen in die Kultirarbeitsstätten Reppen gegen Gewährung eines Zuschusses von der Stadt zur Beratung gestanden; es sei ein Zuschuß von 599 Mk. empfohlen worden. Ein Gesuch der Steinsetzer, die Vermittelung für Berlin und Umgegend zu übernehmen, sei angenommen worden. Tie Kommission sei der Ansicht, daß in kürzester Zeit eine öffentliche Versammlung sich mit dem Arbeitsamt beschäftigen müsse. Amerikanische Kulturverhältnisse und Erwerbsleben lautete das Thema, über das Genosse Müller in der Mitgliederversammlung des Wahlvereins referierte. Auf Grund mehrjährigen Aufenthalts in Amerika entrollte der Redner ein interessantes Bild des Wirt- schaftlichen und politischen Lebens in dem neuen Lande. Am Schlüsse seines mit reichem Beifall aufgenommenen Vortrages be- leuchtete der Redner auch die Hindernisse, die sich der Verbreitung des Sozialismus bisher in Amerika noch entgegengestellt haben. Alsdann gab Genosse Cheminski einen ausführlichen Bericht von der Kreisgeneralversammlung. Den Bericht der Verbandsversamm- lung erstattete Genosse Böttcher. Unter Vereinsnachrichten der- wies der Vorsitzende ans das am 13. Juli stattfindende StiftungS- fest deS Wahlvereins. Eharlottenburg. Dem System der festbezahlten Kassenärzte mit freier Arztwahl an Stelle des Systems der unbeschränkten freien Arztwahl will sich die Allgemeine Ortskrankenkasse in Charlottenburg vom 1. Januar 1914 ab für die Kassenmitglieder zitwenden. Wie man uns mitteUt, geschieht dieS nicht infolge von Streitigkeiten mit dem Charlotten- burger Verein der freigewählten Kassenärzte, sondern wegen der durch die unbeschränkte Zulassung vonAerzten hervorgerufenen enormen Belastung der Kasse und der fortdauernden Klagen der Kassenmitglieder über unzu- längliche Behandlung. Auch das Arzthonorar spielt bei dem Wechsel deS ArztsystemS keine Rolle: im Gegenteil wird die Kasse unter dem neuen System eine erheblich höhere Summe für die ärztliche Behandlung auswerfen als bisher. Sicherem Vernehmen nach hat die Allgemeine Ortskrankenkasse schon eine größere Anzahl Aerzte für das neue System gewonnen, so daß in nächster Zeit die Aufnahmeliste geschlossen werden wird. Die sich meldenden bisherigen Kassenärzte sollen in erster Reihe be- rückfichtigt werden. Ober-Schöneweide. Für die Errichtung eiuer Gemeindeturnhalle mit Volksbadeanstalt hat jetzt das Gemeindebauamt ein Projekt aufgestellt, daS die Unter- bringung beider Anstalten in einem gemeinsamen Bau auf dem kürzlich von der Gemeinde erworbenen Grundstück in der Luisen- straße vorsieht. Die Kosten werden sich auf insgesamt 799 990 M. belaufen. Die Ausstellung der Projekte entspricht Anträgen der sozialdemokratischen Gemeindevertreter, die im Prinzip in der Vertretung zur Annahme gelangten. Bei dem in Vertretung vielfach beobachteten Krämergeist steht zu befürchten, daß vor der endgültigen Erledigung wieder der große Kostenaufwand hervorgehoben werden dürste. Der Bau der Turnhalle, in der dann auch der Arbeiterturnverein wieder eine Stätte findet, kann jedoch nicht mehr zurückgestellt werden, da andererseits auch die Schulverwaltung an demselben interessiert ist. Und die Badeanstalt kann ihren Zweck nur erfüllen, wenn in der selben auch medizinische Bäder eingerichtet werden; ihre Verwirk- lichnng liegt daher im allgemeinen öffentlichen Interesse, denn bei Schließung der einzigen Privatanstalt am Orte wäre die große Zahl der Jndustriebevölkerung ohne eine solche Einrichtung. Spandan. Von dem verkrachten Naturtheater auf Pichelöwerber, das die schöne Landschaft arg verschandelte, sind jetzt auch die letzten Reste der Baulichkeiten entfernt worden. Trotz der Protektion der hohen und höchsten Herrschaften, ansehnlicher Zuschüsse zahlreicher Gemeinden und Körperschaften und der Abkommandierung von Soldaten zu den Aufführungen konnte sich dies hurrapatrwtische Unternehmen nicht halten, da ihm die Arbeiterschaft fern blieb. Sang- und klanglos mußte das Unternehmen zu Grabe getragen werden, die einzigen Leidtragenden sind einstweilen verschiedene noch nicht abgefundene Gläubiger. Für die Gcwerbegerichtswahlen, die am 11. August für Arbeit- nehmer und am 12. August für Arbeitgeber stattfinden, find ein- schneidende Aenderungen des Ortsstatuts für das Gewerbegericht vorgenommen worden: Tie bisherige dreijährige Amtsperiode der Gekverbegerichtsbeisitzer ist auf sechs Jahre erhöht. Für die Wahlen sind 19 Bezirke gebildet worden, und zwar 6 in Spandau, 3 auf dem Nonnendamm und einer in Haselhorst. Auf dem Nonnendamm sind außer der Halle der Feuerwache und dem Restaurant Heide- krug sonderbarerweise auch 4 Fabrikspeisesäle der Firma Siemens u. Halske als Wahllokale in Aussicht genommen. Die Wahlen finden nach dem Proportionalwahlsystem statt, und zwar wird die Verteilung der Beisitzerstellen nach Feststellung der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen vorgenommen. Der Hauptkampf bei der Wahl wird sich auf dem Nonnendamm abspielen, wo etwa 19 909 Wahlberechtigte in Frage kommen und die Obergelben sich großen Hoffnungen hingeben. Es wird sich aber auch hier zeigen, daß die übergroße Mehrzahl der abgegebenen Stimmen bei der geheimen Wahl auf die Liste der freien Gewerkschaften entfallen werden, da die meisten den gelben Gewerkschaften angehörenden Arbeiter nur gezwungen der Prätorianergarde des Unternehmer- tums angehören. Zossen. In der Notiz:„Die sozialdemokratische Partei geht unter die Agrarier" ist dem Verfasser derselben ein Irrtum unterlaufen in- sofern, als es statt Gemeindevorsteher von Fern-Neuendorf heißen muß Gastwirt Präger, Speerenberg, Vorsitzender deS Kriegervereins. Reinickendorf-Ost. In der Mitgliederversammlung des Wahlvereins hielt Genosse Wissel! einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über Männerchor brachte bei Beginn und am Schluß der Versammlung einige stimmungsvolle Gesangsvorträge zu Gehör der Anwesenden. Es wäre erwünscht, wenn sangeskundige Genoffen den Verein durch Beitritt unterstützen würden._ Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Wilmersdorf. Freitag, den 27. Juni, abends S Uhr, in der Aula der Viktoria-Luilenschule, Uhlandstratze. Spandau. Donnerstag, den 2S. Juni, nachmittags 41/« Uhr, im alten Rathause. Eichwalde. Freitag, den 27. Juni, nachmittags 5'/, Uhr, Im Gemeinde« sitzunqssaal, Grünauer Str. 49. Bohnsdorf. Heute Donnerstag, den 26. Juni, nachmittags 4 Uhr. Nieder-Schöneweide. Heute Donnerstag, nachmittags 3 Uhr, im Gemeindebause, Grünauer Str. t. Mariendorf. Freitag, den 27. Juni, nachmittag« 5 Uhr, im Rat« hause, Kaiserstraße. Köpenick. Freitag, den 27. Juni, nachmittag» 5 Uhr, Im Rathauisaal. Adlershof. Heute Donnerstag, abend» 6'/, Uhr, im Sitzungssaal des Gemeindeamts I, BiSmarckftr. 1. Diese Sitzungen sind össentlich. Jeder Gemeindeangehörige i> de- rechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Bus aller(CUlt. Automobilunglück bei Brandenburg a. Havel. Ein schwerer Kraftwagenunfall hat sich Mittwoch morgen gegen 4s4 Uhr vor dem Dorfe Klein-Kreuz bei Brandenburg ereignet. Dort geriet das Privatautomobil eines Berliner Rentiers ins Schlsudern und stürzte in den Chausseegraben. Der Chauffeur wurde sofort getötet, während drei Mit- fahre r zum Teil schwere Verletzungen erlitten. Der Chauffeur Schulze, der bei dem Rentier Fleischer in Charlottenburg angestellt ist. sollte den Wagen nach Magdeburg bringen. Vor Brandenburg erlitt das Gefährt, als et eine der dort befindlichen sehr schlecht angelegten Holzbrücken passierte, einen Bruch der rechten Vordecfeder. Ter Chauffeur ließ den Schaden bei einer Automobilfirma in Brandenburg ausbessern und machte dann eine Probefahrt, bei der er von dem Fahrmeister M o l t r e ch t sowie den beiden Gehilfen desselben begleitet wurde. Hinter dem Bahnübergange, dicht vor der Ortschaft Klein-Kreuz. geriet das Gefährt, ein 59pferdiger Minerva-Wagen, auf der vom Regen schlüpfrig gewordenen Straße ins Gleiten. Der Wagen stürzte in einen Graben und überschlug sich. Ter Chauffeur wurde von seinem Sitz geschleudert und schlug mit dem Kopf gegen einen Feldstein, so daß er einen schweren Schädelbruch erlitt. Der neben ihm sitzende Werkmeister Moltrecht zog sich eine Ver- letzung beider Arme und des Rückgrat? zu. Die beiden Mechaniker kamen mit einigen Fleischwunden am Kopf und an den Beinen davon. Bewohner der Ortschaft schafften die Verletzten auf einem Wagen nach Brandenburg, wo Schulz bei seiner Einlieferung in das Krankenhaus v e r st a r b. Die drei übrigen Verletzten be- finden sich außer Lebensgefahr. DaS Automobil ist total zertrümmert worden. Furchtbares Familiendrama. Nach einer telegraphischen Meldung aus Budapest hat sich in der ungarischen Ortschaft Bojtorjanow am Mittwoch ein entsetzlicher Vorfall abgespielt. Der Steuereinnehmer Johannes Safek versuchte sich durch Erhängen zu töten. Seine hinzukommende Frau schnitt ihn rechtzeitig ab. Aus Wut hierüber ergriff er eine Holzhacke und tötete niit derselben seine Frau und seine vier kleinen Kinder. Nach der gräßlichen Tat zündete er das Haus an. Der Tobsüchtige konnte von der Gen- darmerie verhaftet werden._ Die Maffenerkrankungeu in Osnabrück. Wie von amtlicher Seite mitgeteilt wird, ist die Zahl der Er- krankten im Regiment 78 weiter gestiegen. Beim 1. Bataillon sind jetzt 289 und beim 2. Bataillon 42 Soldaten erkrankt. DaS Befinden der Erkrankten gibt zu ernsten Besorgnissen keinen Anlaß. Die Fiebererscheinungen sind im allgemeinen zurückgegangen. Heber die Ursache der Erkrankungen verlautet noch nichts, Brindejonc auf dem Rückfluge. Der durch seinen hervorragenden Flug Paris— Berlin— Petersburg bekanntgewordene französische Flieger Brindejonc hat am Mittwoch auf seinem Rückfluge, den er über Stockholm— Kopen- Hägen macht, den Baltischen Meerbusen überflogen. Er ist in Stockholm glatt gelandet und gedenkt keinen Flug am Freitag fortzusetzen._ Ter geneppte Vankee. Ein amerikanischer Vergnügungsreisender hafte in eine« Frankfurter Hotel einen Herrn kennen gelernt, der sich als Engländer vorstellte. Auf einem gemeinsamen Spaziergange fanden beide ein versiegeltes Kuvert, das ein vor ihnen gehender Herr verloren hatte. Man verständigte den Verlierer, der sich als Amerikaner zu erkennen gab und zum Dank beide Herren in eine Bar einlud. Beim Weine erzählte er, er habe kürzlich 5 Millionen Pfund Sterling geerbt unter der Bedingung, eine Million für wohltätige Zwecke herzugeben, und er suche eine vertrauenswürdige Person zur Ausführung dieser Verpflichtung. Der Engländer erklärte sich dazu bereit. hinterlegte zur Sicherheit 18999 M. und bewog den Amerikaner, 12 999 M. zu hinterlegen. Kurz darauf verschwanden die beiden Fremden nacheinander. Man glaubt, daß eS sich um dieselben Betrüger handelt, die im vorigen Sommer einen Ameri- kaner in Berlin um 29 999 M. prellten. Das besteuerte Regierungsjubiläum. Eine Ueberraschung eigener Art hat das Regierungsjubiläum Wilhelms II. den Bewohnern des schönen Moselstädtchens Traben- Trarbach gebracht. Die jetzt zur Ausgabe gelangten Steuerzettel haben eine bemerkenswerte Bereicherung erfahren durch die mit gewandter Schreiberhand eingefügte Rubrik:„Sonder-Um- läge zur Kaiser Wilhelm- Jubel-Stiftung". Diese Bereicherung des Steuerzettels hat nun bei den braven Traben-Trarbachern alles andere als Jubel hervorgerufen. Viele Steuerpflichtige stellen sich der Jubel-Steuer gegenüber auf den Rechtsstandpunkt und weigern sich, zu Ehren des Jubiläums in den Beutel zu greifen. Nach alledem scheint man in Traben-Trarbach doch die Lammsgeduld des deutschen Patrioten überschätzt zu haben! Kleine Notizen. Aber Frau Kommerzienrat! In einem ausländischen Bade wurde eine Dame der Gesellschaft, die Gattin eines Münchener KommerzienratS wegen Falschspiels verhaftet und gegen Erlag einer Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt. Gegenwärtig befindet sich die„leidende" Dame in einer M ü n- chener Nervenheilanstalt. Es handelt sich bei dem Spiel um das bekannte Pokern, wobei die Dame eine augenfällige Finger- fertigkeit an den Tag legte. Durch Blitzschlag getötet. Am Dienstagnachmittag erschlug der Blitz während eines Gewitters in der Ortschaft P s o r tz (Pfalz) eine Frau Ruland, die unter einem Nußbaum Schutz gesucht hatte. Ihr Mann, der neben ihr stand, wurde gelähmt. In Alzenau erschlug der Blitz die 16jährige Zigarren- sortiererin Anna am Berg in ihrer Stube. Explosion in einem Getreideelevator. In Buffalo fand in einem Elevator der Husted Milling Company eine Getreide- explosion statt. Der ganze Elevator wurde in Brand gesetzt. Die meisten in dem Elevator beschäftigten Arbeiter erlitten schwere Brandwunden. Vier Arbeiter waren auf der Stelle tot, 39 schwer. 39 leicht verletzt. Der Schaden beträgt mehr als zwei Millionen Mark. Zwischenfall bei einem Stierkampfe. Bei einem Stierkampfe in A l m e r i a entkamen vier Stiere, als man sie nach der Arena bringen wollte und verletzten zahlreiche Spazier- g ä n g e r. darunter drei Greise schwer. Einer derselben ist bereits gestorben. Mit großer Mühe gelang eS, drei der Stiere wieder einzusaugen; der vierte stürzte ins Meer, wo er ertrank. «Versammlungen--«Veranstaltungen. «inderschutzkommissio» Xeltow-Beeskow. Freitag, den 27. Juni. abend» 8 Uhr. Gc wertichajlshauS, Engeluser 15, Saal 5: Sitzung der Kon- trolleurinnen. Die Vertretung aller Orte ist dringend notwendig. BrUffeaften der Kcdahtion. %U lutlftlfdie epreqstuv«« findet Ltudeaftratz« 6», vorn die»»repdea — Satzrftudl—, Wochen Li gliid von»I»"Vi U»r adcnd», sonnadrndS, »««»Vi dt» 6 Uhr abend» statt. Jede, für den«rteftafte» de«tm»«e» Anfrage ist ein Buchstabe und eine Saht al» Merkzeichen bei,»fügen. Briefliche Antwort wir» nicht encilt.«»fragen, denen letne Adanarmratsanittuag detgefstgt ist, »erden nicht»eantwortet. EUtgr Kroge» trage man in de»«»rechstnnd» vor. Köpenick. Der Antrag kann mündlich zu Protokoll oder schriftlich bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk Schuldner wohnt, gestellt werde». Die Kosten betrage» 40 Pf, abgesehen von den Zwangsvollstreckungskosten. Falls Schuldner Widerspruch nicht erhebt und der VollstreckungSbesehl er- teilt wird, verjährt der Anspruch erst in 39 Jahren.— H. H. 18. Sie find berechtigt, die gellend gemachten Ansprüche zu decken, sedoch verpflichtet, gewissenhaft zu prüfen, ob die Forderungen auch zu Recht bestkhcn. Für den Fall, daß Gläubiger Klage erheben, sind diese für die Eristenz ihrer Forderungen beweispilichttg.— 25. 25. Ja.— A. z. zg. Eine Heraus» gabepflicht besteht nicht. Der Erzeuger bleibt weiterhin unterhaltspflichtig.— Marttpretse von Verli« am 24. Juni lg 13. nach Ermittelungen deS königl. Polizeipräsidiums. 199 Kilogramm Weizen, gute Sorte 29,16 bis 29,29. mittel 29.98—29,12. geringe 29.99—29,94. Roggen, gute Sorte 16,38—16,49. mittel 16,34—16.36, geringe 16.39—16,32(ab Bahn). Futter- «erste, gute Sorte 16,19—16,59, mittel 15,69—16.99. geringe 15,20—15,59. Hajer, gute Sorte 17,39—18,89, mittel 16,20—17,20. Mais(mired), gute Sorte 15,39—15.69. Mai»(runder), gute Sorte 90,00-00,00. Richlstroh 4,50. Heu. alt 6,40—7,40, neu 6,09-7,20. Mar Ith alienpreise. 199 Kiwgr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 39,99—59,99. Sveisebobnen. weiße 39.90—69.99. Linsen 35,00—60.00. Kartoffeln(Kleinhdl.). alte 7,99—19.99, neue 99,99—90,90. I Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1 79-2.49. Rindfleisch. Bauchfieisch 1,30—1.80. Schweinefleisch 1,40-2,00. ftaldfleisch 1,40-2.40. Hammelfleisch 1,50-2.40, Butter 2,20-3,00.«0 Stück Eier 3,00-5,40. 1 Kilogramm Kardien 1,40-2,80. Aale 1,60-3,20. Zander 1,40-3,60. Hechte 1.60-8-00. Barsche 1,00—2,40. Schleie 1,40—3,50. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 1,60—60,00.__ . Wasierstaitp»-Rachrichte« �. der Landesanuall für Gewässerkunde, mitgetellt vom Berliner Detterburean. seit 23.«. «ca») +33 0 —1 +8 0 —29 +30 +6 +10 +13 —24 +10 Wasserstand M e m e t, Tilsit P r e g e l, Jufterdurg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor , Krossen , Franklurt Warthe, Schrimm . Landibera Rede, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , varby . Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel. Spandaus , Rathenow Spree, Spremberg') , Beeskow Weser, Münden , Mm den Rhein, Maximilian»«« Kaub , Köln Neckar, Hellbronn Rai». Hanau Mojel. T-ck-r am 24.6. am 256 12 —10 68 «0 225 286 488 242 220 80 141 4« 1+ bedeutet Wuchs.—Fall.— 1 Unterpegel. Der Wasserstand der Saale bei Trotha?eui« 7 Uhr 16 Mim morgen« 328 cm bei langsamem Fallen. Der höchste Stand betrug gesteru 1 Uhr nachmittag« 348 cm. Lerantwortlicher Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Für de» Jnseratentetl oerantw.: Td. Glocke. Berlin. Druck«.Verlag: Borwarl» vuchdruckere» u. Verlagsanstalt Paul Singer«».Co., Berlin ZM