Kr. 161. Hbonnements-Bcdingungf n: VlbonnementZ- Preis pränumerando; «iertcljährl. Z.Z0 MI, monatl. 1,10 MI, wöchentlich 28 Pfg. frei ms Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illuskiertcr Sonntags- Vellage.Die Neue Welt» lv Pfg. Post- Abonnement: 1,1» Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2ch0 Marl, für das übrige Ausland s Marl pro Monat. PostäbonnemeMs nehmen an: Belgien. Dänemark Holland. Italien, Luxemburg. Portugal. «umSirien, Schwede» und die Schweiz. 3(K Jahrg. firfchrtot tSgüch. Verlinev VolksblÄlt. Die TnfertionS'Gcbülir beträgt für die scchsgcspalteue Koloncl- geile oder deren Raum K0 Pfg, für politische und gewcrlschaftliche Vereins- und Bersninmlungs-Anzeigen M Psg. ».klleine Anreige»", das settgedruckie Wort 20 Psg.(zulässig 2 seltgedruclte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafstellcnan. zeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort ö Psg. Worte über 16 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Erwdillon abgegeben werden. Die Expedmon ist bis 7 Uhr abends gcöffüÄ, Telegramm-Adresse: „SMialiUinoIim Berlin", Zcntralorgan der rozialdemokratifcben Partei Dcutfcblands. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morinplatz, Nr. 1983. Sonnabend, den Ä8. Inn! 1913. Expedition: 8Rl. 68, lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. IL 81. Der Kampf um die Deckung. Von vormittags 10 Uhr bis abends 7 Uhr war der Reichstag am Freitag zusammen und beriet in stickiger Lust über die Deckung für die neuen Heereslastcn. In Frankreich ist von maßgebender Stelle am Tage vorher kühl und unzwei- deutig erklärt worden, daß die große Aufrüstung Deutsch- lands den alleinigen Anlaß für die Rückwärtsrevidierung der französischen Heeresorganisation, für die schwere Last der drei- jährigen Dienstzeit gegeben habe. So sitzen auch in Paris die Volksvertreter feit Wollten und Monaten in den dumpfigen Parlamentshallen, statt Herz und Hirn in der Sommerpracht der Natur und an ihrem stillen ewigen Vorwärtsschreiten zu erquicken. Aber auf keiner Seite kommt man zu der einfachen. Lösung der beiderseitigen Schwierig- leiten: den„Statusquo" bestehen zu lassen und damit beide Länder vor großen neuen Lasten und den Völkerfrieden vor neuen großen Gefahren zu bewahren! In beiden Ländern sitzt den herrschenden Klassen der imperialistische Sporn in den Weichen und treibt sie zu immer wahnsinnigeren Sprüngen der Rüstungs-Steeplechase. Aber wie nach dem dialektischen Gange der Entwickelung jede große Bewegung auch zugleich mit jedem neuen Fort- schritt die Tendenzen weckt und stärkt, die srüher oder später zu ihrer Ueberwindung berufen sind, so ist auch das militärische Wettrüsten an einem Punkte angelangt, von wo aus jeder neue Schritt der Militaristen auf ihrer Bahn nur in um so stärkerem Maße den Fortschritt ihrer Gegner beschleunigt. In Frankreich weckt der unglaubliche Knlturrückschritt, den die Wiedereinfübrung der dreijährigen Dienstzeit bedeutet, die autimilitaristischen Widerstände der Arbeiter und Bürger von Tag zu Tag mehr. In Deutschland hat der Kampf um die Wehroorlagc mcht minder zur Aufklärung der Massen über die Kulturfeindlichkeit des heutigen Militärsystcms beige- tragen. Noch unmittelbarer aber wirken den Rüstungs- tendenzen die Schwierigkeiten entgegen, die den bürgerlichen Parteien, Kasten, Cliquen und Interessengruppen die Frage der Deckung bereitet. In wochenlangen Vorverhandlungen und Kulissenschiebereien hat man an Komproniissen gearbeitet. Aber wild geht es bei den gegenwärtigen Plenarverhand- lungen durcheinander, und noch munterer wird der Tanz werden, wenn erst die Folgen der in der Gesetzgebungsmaschine vorbereiteten Deckuugsgesetze von den Hauptbeteiligtcn am eigenen Leibe verspürt werden. Tie Konservativen erklärten durch den Mund eines ihrer berufensten Führer, daß sie tzcn geplanten Teckungsvorlagen nicht zustimmen können; die Freikonser- vativen janimern ctlvas Aehnliches und suchen gleichzeitig durch wohlüberlegte Hinweise auf die dem Großkapital be- vorstehenden Anteile an den Rüstungslasten den National- liberalen in de? Gunst der wohlsituierten Herren der Groß- rndustrie den Rang abzulaufen. Das Zentruni weiß noch nicht, ob es mit seinem größeren Heerhaufen nach rechts oder nach links fallen soll. Die Regierung wehrt sich gegen die Angriffe von rechts nnt der geistvollen Ausrede, sie habe sich nicht von„sozialistischen", fondern nur von„sozialen" Be weggrüuden leiten lassen. Mit dem ruhigen Lächeln der Gewißheit, daß die Früchte der Rüstungstreiberei im allgemeinen und der gegenwärtigen parlamentarischen Schwierigkeiten im besonderen früher oder später in der einen oder in der anderen Form ihr zufallen müssen, sieht die Sozialdemokratie diesem Kampfe zu. Sie muß es zwar dankend ablehnen, wenn man ihr die Verant- Wartung für das endgültige Aussehen der neuen Gesetze, des Wehrbeitrages und der Besitzsteuern, zuschieben will. So weit reicht ihr unmittelbarer parlamentarischer Einfluß leider noch nicht, daß sie solche Verantwortung übernehmen könnte. Aber niit Fug und Recht darf sw für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, daß sie die Steuergesetzgebung des Deut- scheu Reiches auf die Bahn gedrängt hat, auf der sie jetzt die ersten Schritte zu machen sich anschickt, auf die Bahn der direkten Reichseinkommens-, Vermögens- und Erbschafts- stcuer. Unser Fraktionsredner, Genosse S ü d e k u in. hatte ganz recht mit feiner Behauptung, daß es der Eiuslusi unserer 110 Mandate und der i1/� Millionen sozialdeinvkratischcn Stimmen ist, der die Regierung und die hinter ihr stehenden Koin- Promißparteien zu den gegenwärtigen Dellungsvorlagen ge- zwungen hat. Die Konservativen haben diese Bemerkung mit einem stürmischen Hört! hört! besonders unterstrichen. Sie haben damit nur vor aller Welt zugegeben, daß ihr Einfluß bei der Deckungsfrage nicht mehr von entscheidender Bedeutung gewesen ist. daß sich vielmehr hierbei umgekehrt, wie auch der Fortschrittler P a y e r mit süßsaurer Miene zu- gab, der Einfluß der Sozialdemokratie durchgesetzt hat. 'Wir sehen in diesen Vorgängen nichts weniger als eine Weltenwende. Aber wir sehen darin Anzeichen für den Lauf, den die militaristische Entwickelung nehmen. wird. Die Kräfte, die für die Volkswehr und die progressiv steigenden direkten Seuern wirken, werden von Tag zu Tag stärker. Ob sie wollen oder nicht— die bürgerlichen Parteien mitsamt ihrem regierenden Ausschuß werden gezwungen, die Richtung auf dieses Ziel einzuschlagen. Freilich kann die Reichstagsfraktion für die Beschleuni- gung des Tempos dieser Entwickelung nur einen Teil bei- tragen. Der größere und entscheidende Teil muß von den Massen im Lande aufgebracht werden. Der Kampf der Frak- tion hat nur Wucht und Kraft, wenn die Einsicht und die Ent- schlossenheit der Massen dahinter stehen. Diesmal reichte das Votum vom 12. Januar 1912 mit all seinen Ursachen und Wirkungen aus, um der Fraktion die Schlagkraft zu geben, die für die Abwehr neuer Attentate auf die Taschen des arbeitenden Volkes für die Bestreitung der Rüstungsaus- gaben notwendig war. Es wird Sache der Masten sein, die Kraft der Fraktion so zu stärken, daß sie bei deni nächsten Waffengange mit dllm Militarismus des kapitalissischen Klassenstaates auch in den entscheidenden Fragen der Entwickelung zum Volksheer Siege erringt. * Die Hauptdebattc am Freitag wurde durch den konserva- tiven Antrag auf Wiederherstellung der Regierungsvorlage, also auf Ablehnung des Kompromisses, herbeigeführt. In namentlicher Abstimmung fiel der konservative Antrag mit 272 gegen 91 Stimmen. Im weiteren entspann sich eine Debatte über die Nicht- ermäßigung der Z u ck e r st e u e r. Von unserer Seite vertrat Genosse Wurm mi t Entschiedenheit die dringende Not- wendigkeit, endlich die infame Zuckersteuer, durch die jede Ar- beiterfamilie jährlich mit 10 M. Steuern belegt wird, aufzu- heben. Aber fast nur die Sozialdemokraten stimmten für diesen Antrag, der damit fiel, so daß die Belastung der Massen mit der Zuckersteuer zugunsten der Heeresvergrößerung be- stehen bleibt. Beim Reichskriegsschatz vertrat Genosse Molken- b u h r die ablehnende Stellung der Fraktion. In der aus- gedehnten Debatte über das Vcrmögenszutvachssteuergesetz ging der Streit zunächst um die Besteuerung des Kindes- erbes. Genosse David konnte mit berechtigtem Hohne die Konservativen an den Umschwung der Dinge seit 1906 und 1909 erinnern. In namentlicher Abstimmung wurde der konservative Vorstoß gegen die Erbschaftssteuer mit 207 Stimemn gegen 130 Stimmen und 10 Stimmenthaltungen abgeschlagen. Die'sozialdemokratische Forderung, die Reichswert- zMvachssteuer gemäß der Regierungsvorlage zu erhalten, wurde abgelehnt, ein blankes Geschenk an die Grundstücks- fpekulanten. Man stellte Haberland über das Vaterland! Dagegen erzielte der sozialdemokratische Antrag, die Steuer- Pflicht der Fürsten ausdrücklich im Gesetze festzulegen, eine nicht sehr große, aber von der Regierung danim nicht minder unangenehm empfundene Mehrheit. Lin Schmkensurteil schlimmster Hrt. 16 Jahre Zuchthaus 12'/« Jahre Gefängnis! Ein furchtbares Urteil fällte, wie uns aus Erfurt tclcgraphiet wird, am Freitag das dortig- Kriegsgericht. Sieben Ar- b e i t c r ans Wolkramshausen bei Erfurt hatten sich wegen Zusammen- rottung, militärischen Aufruhrs, tätlicher Beleidigung, öffentlicher Be- leidigung sowie wegen Mißhandlung eines Gendarmen und eines Dorspolizisten zu«crantworten. Die Angeklagten hatte» am 16. April d. I. eine Kontrollvcrsammlung besucht. Im Lause dieses Tages kam es dann im Gasthaus in der Alkoholstimmung zu Radauszenen und zu Znsammenstößen, bei welchen obige Strafdelikte begangen sein sollen.— Der Vertreter der Anklage beantragte gegen die An- geklagten im ganzen 13 Jahre Zuchthaus. Verurteilt wurde ein Angeklagter zu S'/z Jahren, einer zu 5>/« Jahren, einer zu ö Jahren 2 Rtonaten Zuchthaus, einer zu Ssi'z Jahren, einer zu 5V� Jahre», einer z» einem Jahre und einer zu sieben Monaten Gefängnis. Neben den Zuchthausstrafen wurde auf Entfernung aus dem Heere und neben den Gcföngnisftrafeu auf Versetzung in die zweite Klasse des Soldaten standes erkannt. Das entsetzliche Urteil wird in den weitesten Kreisen daS größte Aufsehen erregen. Es zeigt das Militärgerichtswescn kurz vor der Verabschiedung der Wehrvorlage wieder in seiner ganzen Grau- samkeit.____ Line Rüftungsrede des Minister- Präsidenten lSarthou. Zum Schluß der Tonnerstagsitzuiig der französischen Kammer hielt der Ministerpräsident B a r t h 0 u eine Rede, die die An- griffe der Gegner der dreijährigen Dienstzeit abwehren, gleich- zeitig aber das ganze Rüstungsprogramm der Bourgeoisrepublik begründen sollte. Die Rede ist gewissermaßen die offizielle fran- zösische Antwort auf die Ausführungen, mit denen Herr v. Beth- mann Hollweg die deutsche Heeresvorlage begründete. Minister- Präsident Barthou sagte: Er bedauere keineswegs, für das Gesetz von 190S gestimmt zu haben, ebensö wie die damals fast ein- mütigcn Parteien. Viele wären der Meinung, daß die Lage heute nicht mehr dieselbe wäre. Der Vorwurf reaktionärer Ge- sinnung müßte ja auch diejenigen treffen, welche, ohne bis zur dreijährigen Dienstzeit zu gehen, meinten, daß die auswärtige Lage eine Dienstverlängerung erfordere.(Anhaltender Beifall im Zentrum und rechts.) Die Regierung müsse darauf achten, was der Gegner tue, und sei für die dreijährige Dienstzeit, weil die Grenze nicht ungeschützt bleiben dürfe.(Beifall.) Der Minister bekämpfte das Gerücht, daß der Gesetzentwurf auf aus- ivärtige Einflüsse zurückgehe. Die Regierung habe seit einem Jahre überlegt, daß das Gesetz von 1S0ö der Umgestaltung> be- dürfe, aber erst infolge der Pläne des Nachbar- Volkes habe sie die Verlängerung der Dien st- zeit ins Auge gefaßt. Sie habe ebenso wie der Oberste Kriegsrat alle Lösungen der Frage, auch Jaures' System, geprüft. Der Chef des Generalstabes habe schriftlich dargelegt, 30 Monale Dienstzeit seien zu wenig und drei Jahre erforderlich. Ter Minister bezeichnete es noch einmal als Fabel, daß Rußländ ge- legentlich der Reise Poincares die Wiedereinführung der drei- jährigen Dienstzeit gefordert habe; die beiden verbündeten und befreundeten Nationen hätten natürlicki militärische Unterhaltungen gepflogen; man kenne Rußlands Absichten und könne auf seine Mitwirkung zählen.(Lebhafter Beifall.) Gegenüber dem Bor- Wurfe, der Gesetzentwurf sei eine Herausforderung, zitierte der Minister das„Berliner Tageblatt", nach welchem keine französische Regierung, kein französisches Parlament die drei- jährige Dienstzeit vorgeschlagen haben würde, wenn in Deutsch- land nicht so gewaltige Entwürfe vorgelegt worden wären. Tic Ereignisse aus dem Balkan hätten Deutschland die Notwendig- keit neuer Anstrengungen gezeigt, da ihm die Wirksamkeit seiner Bündnisse zweifelhaft geworden wäre; daher habe es die schon ge- plante Hceresvermehrung noch verstärkt.(Bewegung.) Unter Unterbrechungen von der äußersten Linken führte der Minister die Ziffern der deutschen Gesetzentwürfe aus den letzten zwei Jahren an, welche den Verstärkungen der vorher- gegangenen 37 Jahre gleich seien. Die Bedeutung dieser Ziffern sei klar und für Frankreichs Vorgehen entscheidend.(Beifall rechts, im Zentrum und aus verschiedenen Bänken links.) Da die deutsche Armee 870 000, die französische in ihrem gegenwärtigen Stande höchstens 480 000 Mann zähle, so sei zwischen den beiden Armeen, die gleicherweise die Sicherheit ihres Vaterlandes zu schützen hätten, ein Abstand von 400 000 Nkann, wie nicht zu leug- neu sei. DieS sei die Gefahr, und es handle sich darum, diese Lücke zu schließen.(Beifall.) Entgegen den sonstigen Entwürfen könne nur die dreijährige Dienstzeit die nötige Zahl sichern; aber es handle sich nicht nur um die Zahl als Mittel zum Erfolge, wie der deutsche K r i e g s m i n i st e r deutlich gesagt hätte, als er eine Vermehrung auch der Friedensstärke gefordert hätte, um dadurch den kriegerischen Wert der Truppen der ersten Linie�zu steigern. Er wolle in eine Vergleichung des Wertes der ersten Linie und desjenigen der Reserve nicht eintreten, widerspreche aber dem Vorwurf, die Regierung, die Kommission und die Majori- tät der Kammer verachteten die Reserveregimenter. Diese wür- den zu ihrer Stunde eine starke Hilfe für die Armee sein(leb- hafter Beifall), aber zu der Stunde, zu der man sie jetzt rufen müßte, Ivären sie noch nicht für die erste Linie verwendbar und könnten es nicht sein,(Lärmende Unterbrechungen auf der äußer- sten Linken.) Die Armee müsse in sich festen Zusammenhang und bekannte und geliebte Führer an ihrer Spitze haben. Frank- reich müsse dem Streben Deutsch lands folgen, möglichst wenig Reservisten in die Truppenteile der ersten Linie einzustellen und in Friedenszeiten deren� Kriegsstärke möglichst nahe zu kommen. Die großen Massen wären sehr nützlich und notwendig, aber sie kämen leicht zu spät auf das Schlachtfeld. (Unterbrechung durch starken Beifall der Mehrheit und Wider- 'spruch der Sozialisten.) Die Regierung halte an den Grundsätzen und den hauptsachlichen Einzelheiten des»Gesetzentwurfes fest, indem sie sich auf die Erfahrungen des Balkankrieges beziehe, in welchem auch die ersten Schlachten dem Kriege die Entscheidung gegeben hättem Der Minister las eine Erklärung des deutschen Kriegs- Ministers vor, daß es nötig sei, Frankreich schnell einen ent- scheidenden Schlag beizubringen, um sich dann gegen Rußland wenden zu können. Im übrigen könnten Mobilmachungsfragen nicht aus der Tribüne erörtert werden, sondern nur im Minister- rat und in der Stille des Generalstabes, Der Minister wiederholte eine Reihe bereits oft gehörter Gründe für die dreijährige Dienstzeit, bekämpfte die Gegenent» würfe Augagneur, Messimy und Boncour, er meinte unter leb-. haftem Beifall, daß da» Land den geforderten Opfern durchaus /zustimme. So werde auch die Regierung immer wieder die Ver- trauensfrage stellen. Der Heroismus von 1870 babe die grau- same Amputation nicht verhindern können, unter welcher das Land noch heute leide. Jules Ferry habe einmal das Bedauern dar- über ausgesprochen, daß er und die anderen republikanischen Deputierte» von 1870 sich den Utopien der Abrnstimg und des ewigen Friedens bingegeoen hätten. Er wünsche, daß die Gegner der dreijährigen Dienstzeit einst nicht dieselbe Reue empfinden möchten. Die Regierung treibe keine Politik der Herausforderung, der Abenteuer, des Rückschritts oder des Nationalismus. Er sei kein Nationalist, und er verabscheue die Ausbeutung des Patriotis- mns. Der Friede Europas beruhe auf dem Gleichgewicht der beiden Mächtegruppen und dieses GleiebgeWicht könne nur durrb beiderseitige Kraftentfaltung erhalten»»erden. Der Friede sei nicht möglich, wenn er nur von dem Willen einer der beide» Seiten abhänge. Man dürfe eine Politik der Vorsicht nicht mit einer Politik der Angriffslust verwechseln. Frankreich wolle keinen Angriff unternehmen, aber es wolle bereit sein, auch jeden An- griff erwidern zu tonnen. Der deutsche Kriegsminister habe eine Politik der Offensive befürwortet. Gewiß, der Reichskanzler habe erklärt, die deutsche Regierung habe Beweise ihrer Friedensliebe gegeben, aber er habe hinzugefügt, der Friede sei nur unter der einen Bedingung möglich, daß man auch zum Kriege bereit sei. blanca und anläßlich Slgadirs seine Friedfertigkeit bewiesen. Es habe aber auch gezeigt, daß es bereit sei, seine Pflicht mit Würde zu erfüllen und keine Demütigung zu ertragen.(Stürmischer Beifall.) Das Volk müsse wissen, daß es sich auf die Macht stütz-, und müsse fühlen, daß es eine Armee habe. Ein großer Teil der Kammer bereitete Barthou beim Ver» lassen der Rednertribüne lebhaste' Ovationen. Die Deckuugsfragc. Paris, 27. Juni. Kammer. Bei der Beratung über die B e- willigung der Kredite versprach der Finanzmin�t« Charles Du m o n t, daß vom nächsten Rechnungsjahre an für Vtarokko ein besonderes Budget aufgestsllt chürde. Bei der Besprechung über das siebente BudgetAvölstel erhoben mehrere Sozialistisch-Radikale lebhaften Widerspruch gegen die Finanzmethode. I a u r e s tadelte die Regierung, daß sie nicht das Budget zur Abstimmung bringen lassen wolle, weil drfs französische Bürgertum nicht den patriotischen Opfern zustimmen wolle, welche den militärischen Anforderungen entsprächen. Ja u res warf der Regierung vor, sie wolle zuerst die Militär- Vorlage durchbringen, um nachher von den armen Klassen das nötige Geld zu verlangen.(Beifall auf der äußersten Linken und einem Teile der Linken; Lärm in der Mitte und auf ver- schiedenen anderen Bänken.) Finanzminister Dumont erklärte, er kinne am Montag der Budgetkommission über die Einstellung der finanziellen Erfordernisse in das Budget Mitteilungen machen und am Donnerstag sich vor der Kommission über die Ein- kommensteuer äußern. L e n o i r(Soz.) erklärte, er lehne ab, das siebente Budgetzivölftcl zu bewilligen, um nicht die Verantwortung für eine solche Lage mit zu übernehmen. Ministerpräsident Bart ho u führte in seiner Rede auS: Das Land wird klar erkennen, welche Taktik dabei verfolgt wird, daß man die Ablehnung des Budgetzwölftels verlangt. Uebrigens würde, wenn das Budgctzwölfttcl abgelehnt wird, die Regierung nicht mehr möglich sein.(Zurufe auf der äußersten Linken: Um so besser!) Nun! Angesichts dieser Erklärung und derjenigen des Deputierten Lenoir stellt die Regierung in betreff der Abstimmung über das Budgetzwölftcl die Vertrauensfrage.(Beifall im Zentrum und auf verschiedenen Bänken der Linken.) Der Sozialist Bedouce erhob Anklagen gegen den Finanz- minister. Die Kammer müsse ein Notbudget annehmen oder den Bankerott des unfähigen Parlaments erklären. Ja u r e S bestieg wieder die Tribüne und erwiderte Barthou folgendes: Sie nehmen eine stolze Haltung ein und sagen:„Ich bin ein Teil Frankreichs, ich ergreife Maßregeln für die nationale Sicherheit und stimme den Opfern zu." Gut! So bringen Sie diese Opfer und zahlen Siel(Lebhafter Beifall auf der äußersten Linken.) I a u r e s verlangte sodann, daß die Kammer das Budget- zwölftel nicht ablehnen, aber daß sie die Abstimmung darüber ver- tagen solle, bis zu dem Tage, da die Regierung sagen werde: Diese Opfer verlangen wir von den Reichen. (Beifall auf denselben Bänken.) Barthou erklärte, die finanzielle Lage sei nicht so unge- wohnlich. Etwas Aehnliches sei im Jahre 1911 vorgekommen. DaS siebente Budgetzwölftcl trage keinen außergewöhnlichen Charakter. Indem er zu dem Vergleiche überging, den Jaures zwischen den Vorgängen in Deutschland und Frankreich gemacht hatte, sagte Barthou, er wünsche, daß die Freunde von Jaures mit demselben Eifer an die Bewilligung der Vorlagen herangingen, wie es ander- wärts geschehe.(Beifall in der Mitte und auf verschiedenen anderen Bänken.) Barthou fügte hinzu: Welcher verständliche logische Zusammenhang kann wohl zwischen der Bewilligung des Antrages und den Bemerkungen von Jaures bestehen? ES handelt sich keineswegs darum, in die Ferien zu gehen, ohne die finanziellen Maßnahmen bewilligt zu haben, welche die Deckung für die Militär- Vorlage bedeuten. Mr werden in die Diskussion unmittelbar nach der Abstimmung über die Dienstdauer eintreten.(Beifall.) Bereits jetzt sage ich, daß die besonders schweren Opfer, die durch die Ver- längerung deS Militärdienstes auferlegt werden, als u n v e r- m eidliche Fwlge eine Steuer auf erworbenen "Reichtum haben werden, die nicht auf der armen Klasse lastet, sondern die Wohlhabenden und Neichen betreffen wird, die sie zu erlegen haben werden.(Lebhafter Beifall in der Mitte, auf der Linken und äußersten Linken.) Tie Regierung verlangt vom ganzen Lande ein Opfer, das für die nationale Verteidigung notwendig ist, aber diejenigen, für die die Militärvorlage die Wirkung haben wird, ihre Lage und ihre Interessen zu verteidigen, müssen das Opfer bringen, das die Regierung von ihnen verlangen wird. Ter Ministerpräsident schloß mit den Worten:„Diese Erklärungen sind sicherlich ausreichend, außer, wenn es sich um einen Versuch handeln sollte, Obstruktion zu machen.(Fast allgemeiner Beifall.) I a u r ö s nahm mit Befriedigung zur Kenntnis, daß die Kammer nicht eher auseinandergehen würde, bevor nicht die Mittel zur Deckung der militärischen Ausgaben bewilligt sein würden. Der Vorsitzende der Budgetkommission C o ch e r i erklärte, die Bud- getkommission sei einstimmig der Ansicht, daß die Deckungsmittel von den Besitzenden zu verlangen seien.(Beifall.) Jaures zog Scharnhorst. 1813— 2ß. Juni— 1913. Äni 28. Juni 1813, in der elften Morgensiuiidc. starb Scharnhorst zu Prag, an der schwelle jener Ereignisse, die seinem rastlosen Leben die Früchte bringen sollten. � Nicht nur ein lauteres Herz, ein selbstloser edler Charakter, ein scharfer, durchdringender Geist schied mit ihm, sondern auch die Seele 'der preußischen Heeresreorganisation, die sich auf den Schlacht- feldern dieses Jahres erprobte. Auch Scharnhorsts Tod war nur eine Folge des glühen- den Eifers, den er an seine Sache setzte. In der Schlacht von Bautzen am 2. Mar war er am Fuße verletzt worden. Die an sich nicht schwere Wunde wäre in vier Wochen geheilt gewesen, bei völliger Ruhe und Schonung. Aber wo so viel auf dem Spiel stand, kannte er nicht Ruhe noch Schonung. Er machte sich auf nach Wien, um den österreichischen Staats- mäimern, die ein Bündnis zugesagt hatten, den Rücken zu steifen, damit sie nicht von neuem zu Napoleon abfielen. Aber Metternich hielt ihn unterwegs hin, auch verschlimmerte sich die Wunde zusecheuds— so mußte Scharnhorst in Prag bleiben. Von Znaim aus schrieb er am 21. Mai an seine Tochter einen Brief, der wohl der bitteren Grundstimmung all der letzten Jahre Worte lieh:„Ich will nichts von der ganzen Welt; was mir wert ist, gibt sie mir ohnehin nicht. Könnte ich das Ganze kommandieren, so wäre mir daran viel gelegen, ich halte mich in aller Vergleichung ganz dazu fähig. Da ich das aber nicht kann, so ist mir alles gleich; in der Schlacht finde ich ohnehin bald einen Platz. An Distink- tionen ist mir nichts gelegen; da ich die nicht erhalte, welche ich verdiene, so ist mir jede andere eine Beleidigung, und ich würde mich verachten, wenn ich anders dächte. Alle sieben Orden und mein Leben gäbe ich für das Kommando eines Tages." Dieser Sehnsucht ward keine Erfüllung mehr, und er schied schweren Herzens aus dem Leben, da er mit dem Waffenstillstand zu Prifchwitz. den er wie alle Welt siir den Vorläufer eines faulen und schmählichen Friedens hielt,„den Untergang der edelsten Sache vor Augen" sah. Scharnhorst war alles andere als ein Junker, die auch nach der Meinung mancher Zeitgenossen des Jahres 1913 das Monopol auf militärisches Genie besitzen. Der geniale Re- Organisator des preußischen Heeres war sogar so wenig wie der Perwoltungsresormer Freiherr vom Stein ein geborener hierauf seinen Vertagungsantrag zurück. Das siebente Bud- getzwölftel wurde sodann, wie bereits gemeldet, mit 477 gegen 93 Stimmen bewilligt. var Ergebnis der Sahlen in Holland. Amsterdam, 26. Juni.(Eig. 23er.) Der Stichwahltag war wieder ein Freudentag für das holländische Proletariat. Die Sozialdemokratie hat einen glänzenden Sieg erkämpft und der Klerikalismus ist zerschmettert. Zu dem Auf- stieg von 82969 auf 144 999 Stimmen ist jetzt bei den Stichivahlen der Aufstieg von 7 auf 18 Mandate gekommen. Während die klerikale Rechte von ihren 69 Mandaten nur 45 gerettet hat, worunter noch drei sind, die in Opposition gegen die offizielle Rechte gewählt wurden und damit für die klerikale Politik höchst unzuverlässig sind. Die Zusammenstellung der neuen Kammer ist jetzt folgende: Von ihnen ist am härtesten getroffen die antirevolutionäre, klein- bürgerlich-protestantische Partei, die Partei de? erzreaktionären Exministers Dr. Kuhper, die den Kern der klerikalen Reaktion ausmacht. Sie stellte im jetzt abdankenden Kabinett vier von den acht Ministern. Von der bürgerlichen Linken hat sonderbarerweise am besten abgeschnitten die konservativ gefärbte freiliberale Partei der Groß-Jndustriellen, deren Interessen besonders von der pro- tektionistischen Zolltarifvorlage bedroht waren. Ihr KonservatiS- mus ist aber in zwei Hauptpunkten weniger schädlich geworden, da sich ihre Kandidaten bis auf eine Ausnahme sämtlich auf die sozialdemokratischen Stichwahlbedingungen verpflichten mußten. Uebrigens haben Liberale und Sozialisten einander in den Stichwahlen fast lückenlos unterstützt. Der gemeinsame Wunsch vom reaktionären Klerikalismus befreit zu werden, führte sie, nachdem die Hauptschlacht geschlagen war, zusammen. Viel weniger gut hielten sich die Klerikalen an ihre Parole, die da lautete: Stimmenthaltung zwischen Liberal und Sozialist. Von den sechs Mandaten, die wir gegen einen Liberalen erobert haben, sind wenigstens vier dadurch gewonnen, daß die christlichen Arbeiter in der Stichwahl sozialdemokratisch stimmten. Eine höchst erfreu- liche Erscheinung auS den Hauptwahlen hat sich damit fortgesetzt. Die Mandatzahl, die unsere Partei erreicht hat, deckt sich fast genau mit der Prozentzahl der abgegebenen Stimmen, die sie in den Hauptwahlen erreicht«; wir hatten fast 19 Proz. der Stimmen, wir haben jetzt 18 von den 199 Mandaten. Unsere Fraktion wird durch viele ausgezeichnete Kräfte verstärkt. Der bekannte Rechts- anwalt Dr. Mendels, der UnfallversicherungSratSsekretär Dr. Sannes, der ehemalige Schriftsetzer Spiekman, der Direktor der Amster- dampr Arbeitsbörse Albarda, die alle auch in agitatorischer Htn- ficht sehr tätige Genossen sind, werden die Schlagkraft unserer Fraktion sehr verstärken. Leider stehen wir jetzt, da Troelstra und Mendels doppelt, Spiekmün sogar dreifach gewählt ist— eine Folge des Umstandes, daß wir Kreise gewonnen haben, auf die wir noch vor kurzem nicht rechnen konnten, vor vier Nachwahlen. Glücklicherweise sind deren drei uns ganz sicher. Unsere Mandate haben sich übrigens besonders in den Groß- städten vermehrt. Hatten wir in der alten Kammer von den 19 Mandaten aus den vier großen Städten nur 3 inne, so. haben wir jetzt deren 9 erobert. Uebcr die Rcgierungsänderung, die die Wahlen uns bringen werden, ist kaum zu reden. Die Schwierigkeit liegt darin, daß zwar der Klerikalismus in die Minorität gedrängt ist, daß aber auch der Liberalismus nur ein gutes Drittel der Mandate besitzt und die Sozialdemokratie jede ministerielle Ver- antwortlich keit glatt abweist. Am wahrscheinlichsten ist die Bildung eines sogenannten Geschäftskabinetts. Welches Ka- binett aber auch kommen mag, es wird binnen kurzem das all- Preuße. Im Hannöverschen stand seine Wiege. Der Groß- Vater scharwerkte als Kleinbauer, der Vater hatte, erst als Soldat, dann als Korporal und Wachtmeister, dem Kalbfell gefolgt, und war dann durch eine günstige Heirat in den Besitz eines größeren Landgutes gekommen. Am 12. Fe- bruar 1755 wurde ihm, zu Bordenau an der Leine, ein Sohn geboren, der in der Taufe die Vornamen Gerhard Johann David erhielt und schon früh den lebhaften Wunich äußerte, Offizier zu werdem Mit zähem Eifer mußte er sich zu diesem Ende die Pforten zu den etemenlarsten Wissenschaften selbst aufbrechen: als Kind im Elternhause erhielt er keinerlei mündlichen Unterricht und war ein Autodakt im wahrsten Sinne des Wortes. Im Jahre 1773 gelang es ihm, in die Militärschule aufgenommen zu werden, die der Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe auf einer Insel mitten im Stein- huder Meere errichtet hatte, obwohl er nur über eine Kriegs- macht von noch nicht zwölfhundert Mann verfügte. Als diese Schule, auf der Scharnhorst hauptsächlich in den Artilleriewissenschaften unterrichtet wurde und auch manche Anregung zu feinen späteren Anschauungen Uber Heeresver- fassung erhielt, mit dem Tode des Grafen einging, nahm er in der hannöverschen Armee Kriegsdienste, erst als Fähnrich bei dem Dragonerregiment in Northeim, dann im gleichen Rang als Lehrer an der Artillerieschule zu Hannover. Hier rückte er zum Leutnant und Kapitän auf, heiratete ein mibe- mitteltes Mädchen und erregte schon durch seinen bürgerlichen Umgang das Naserümpfen der hannoverschen Junker, die im Lande wie in der Armee die unbestrittenen Herren waren und an Dummdreistigkeit, Roheit und Unwiffenheit ihre oft- elbischen Klassengenossen schier noch überboten. Zurücksetzung und Unbill in steigendem Maße hatte Scharnhorst von diesem Junkerpack zu erdulden, und als er während des konterrevo- lutionären Kreuzzugs gegen die französische Republik im Jahre 1793 die gleichen Erfahrungen inachte, kmrfchte er: „Wir werden von Aristokraten zurückgesetzt und streiten für Aristokraten!" Kein Wunder, daß es ihm in dieser Umgebung nicht länger litt und daß er, freilich nach manchem Bedenken, einschlug, als ihm eine Stelle in dem preußischen Heer ange- boten wurde. Aber auch'in Berlin stieß er, der mit feiner bescheidenen, zurückhaltenden Gelehrtennatur so gar nichts vom soldatischen Bramarbas an sich hatte, auf den schnarren- den Ucbermnt der Junker: man warf ihm vor, die Wacht- Parade schlecht zu kommaildieren. und ein besonders schneidiger Stabsoffizier meinte, es gebe keinen Unteroffizier im Regi- ment, der in dienstlicher Beziehung nicht über ihm stehe. gemeine Wahlrecht und die unentgeltliche Arz beiterpensionierung zu bringen haben, oder es steht ihm die schärfste Befehdung der mächtig erstarkten Sozialdemokratie bevor. «» « Straßendemonstrationen. Amsterdam, 26. Juni.(Eig. Ber.) Gestern abend kam eS anläßlich des Wahlsieges der Sozial- demokratie in einer ganzen Reihe von Städten und Orten wieder zu großartigen, spontanen Strahendemonstrationen. In Rottere dam zog eine vieltausendköpfige Menge, mit der roten Fahne voran, durch die Stadt und brachte den erwählten Sozialdemokraten begeisterte Ovationen. Im Haag kam es abends 19 Uhr zu einem Massenmeeting auf dem„Binnenhof" vor dem Parlamentsgebäude, wo der eben gewählte Abgeordnete Ter Laan zu der Menge redete, auf demselben Platze, der im vergangenen Jahre am„roten Dienstag" militärisch für unsere Demonstration gesperrt war. Auch in Utrecht, Arnheim, Haarlem, Zaandam usw. er- oberten die Arbeiter stürmisch die Straßen. In Amsterdam kam es am Spätabend auf dem Hauptplatz zu einem scharfen Z u s a m'm e n st o ß mit der Polizei, die die heranziehenden Tausende, die aus unseren Versammlungen kamen, mit Säbeln und Knüppeln auseinandertrieb, was die größte Erbitterung hervorrief. In allen Versammlungen ließen sich Hunderte von neuen Mitgliedern in die Partei einschreiben. Eine mächtige Welle der Begeisterung durchzieht das holländische Proletariat. Demission des Ministeriums. Apeldoorn, 27. Juni. Nach seiner Audienz bei der Königin erklärte der Ministerpräsident einem Korrespondenten des Handels» blad, daß das Kabinett zurückgetreten sei. poUtifebe ücbcrricbt. Tie Arbeiten des Reichstages. Ter Seniorenkonvent des Reichstags be» schloß am Freitag, die dritte Lesung der H e e r e s v o r l a g e und des Wehrbeitrags aus die Tagesordnung vom Sonnabend zu setzen. Die Besitz st euervorlage wird erst Montag zur Verhandlung kommen, da die S o z i a l- demokraten die Wahrung der geschäftsord- nungs mäßigen Frist verlangen. Von verschiedenen Seiten wurde gewünscht, möglichst nach Beendigung der dritten Lesungen der genannten Vorlagen noch Wahl- Prüfungen zu erledigen. Voraussichtlich wird sich der Reichstag erst am Dienstag vertagen. Dem Reichstag ist der Antrag der Regierung zugegangen, die Zustimmung zur Vertagung des Reichs- tages bis zum 29. November d. I. zu erteilen. Ter fällige Spionageprozeh. Am Freitag fand vor dem Reichsgericht in Leipzig wieder ein Spionageprozeß statt, und zwar gegen- den Zeichnerlehrling Rudolf Köhler aus Essen a. Ruhr. Der Angeklagte wurde zu drei Jahren Gefängnis, verurteilt, wovon ihm 2 Monate der Firma Krupp mit dem Kopieren von Zeichnungen bc- schäftigt war, hatte sich 11 Zeichnungen angeeignet und sie Frankreich, England, Rußland uno Oesterreich zum Verlauf angeboten in der Annahme, daß sie geheim zu haltende Konstrnk- tionen enthielten. Köhler hatte nur von Frankreich für zwei solche Zeichnungen zusammen 79 M. erhalten. Nur zwei von den elf Zeichnungen waren geheim zu halten, während der Angeklagte der Meinung war, daß alle entwendeten Zeichnungen geheim zu Haltente Konstruktionen aufwiesen. Mit Rücksicht darauf, daß der Ange- klagte in guten Verhältnissen lebte und über feine Tat keine Reue zeigte, wurden ihm mildernde Umstände versagt. Tie Firma Krupp hält auf Ordnung in ihren Bureaus, wenn es sich um einen unreifen Zeichnerlehrling handelt. Handelt es sich aber darum, im eigenen Interesse Geschäftsgeheimnisse anderer Firmen zu erlangen, ist sie sehr weitherzig. Ter Tod in der Niilitärschwimmanstatt. Das Kriegsgericht der 1. Garde-Divifion herhandelte am Frei« tag gegen den Major von Drefow vom 4. Garde-Re- Scharnhorst, der schon seit langem durch Militärwissenschaft- liche Arbeiten sich in Fachkreisen einen Ruf erworben hatte und auch in Berlin Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen, ließ dieses Unwesen geduldig über sich ergehen. Nur manchmal schoß ihm die Galle ins Blut, wie 1895, als er seinen Sohn, der bei der Mobilisierung gebeten hatte, mitfechten zu dürfen, brieflich wegen seines Mutes und feines Patriotismus lobte, aber mit äußerster Bitterkeit fortfuhr:„Lerne, mein Sohn, diese Tugenden früh besiegen: sie haben mir von jeher, und vorzüglich auch in diesem Augenblicke, mehr Kummer als irgendein Laster gemacht." Es kam denn 1896, wie er das trüben Blicks vorausgesehen: die Junker, die Wachtparaden so vorzüglich zu konimandieren wußten, versagten auf dem Schlachtfeld jämmerlich. Heer und Staat brachen in wenigen Tagen zusammen. Aus einer Wunde blutend und mehr noch blutenden Herzens verließ Scharnhorst, damals Oberst und Generalstabschef des Küchelschen Armeekorps, mit einer auf- gelesenen Flinte wie ein gemeiner Soldat bewaffnet, als einer der letzten das Schlachtfeld von Auerstädt. Nachdem er sich als Blüchers Stabschef bei der Verteidigung von Lübeck her- vorgetan, wurde er nach dem Frieden von Tilsit zum Ge- neralmajor befördert und in die neugeschaffene Militär-Re- organisations-Kommission beordert. Das Feld seiner eigent- lichen Wirksamkeit lag jetzt vor ihm. Wenn etwas Scharnhorst aus den historischen Umständen heraushebt und seiner Persönlichkeit Gegenwartsbedculung verleiht, ist es seine Stellung zur Miliz. Schon sein erster militärischer Lehrherr, der Graf von Schaumburg, hatte von einer Art Volksbewaffnung geschwärmt und, ganz im Gegen- satz zu der rohen Djsziplin Preußens, das sein KriegJwik nur mit dem Stock zusammenhalten zu können glaubte, einen Staat dann für unüberwindlich betrachtet,„wenn die Volker ein lebhaftes Interesse an der Erhaltung ihrer Verlas, ung nehmen". Aber als zwanzig Jahre nach seinem Aufenthalt auf der Mmtärschule die Opposition gegen die stehenden Heere allgemein um sich griff und namentlich Berenhorsts Be- trachtungen gegen die„Wissenschaft des Erwürgens nach Re- geln" in allen Wachtstuben mit Feuereifer verschlungen wurden, brach ganz im Sinne der friderizianischen Anschauung Scharnhorst eine Lanze für die stehenden Heere. Wie anders, als er im April 1895, nachdem er abermals ein Jahrzehnt aus dem Gang der Ereignisse gelernt hatte, der preußischen Heeresleitung eine Denkschrift vorlegte, in der er die Errich- tung einer Miliz verlangte und forderte,«daß man die ganze Masse des Volkes bewaffnet". Voraussetzung dazu war für g i m e n t und gegen den Leutnant von Schuck vom 2. Garde-Regiment z. F. Die Grundlage der Anklage bil- dete der Tod des Grenadiers Schmitz von der 1. Komp. des 4. Garde- Regiments. Schmitz fand beim Freischwimmen im Plötzensee den Tod in den Fluten. Die Anklage legte beiden Offizieren zur Last, durch Fahrlässigkeit an dem Tode des Mannes schuld zu sein. Am 3. Juni sand das erste diesjährige Freischwimmen statt. Es beteiligten sich zunächst fünfzig Schwimmer daran. Ter Angeklagte von Schock führte die Aufsicht. Von einem Floß aus sprangen die Schwimmer auf Befehl des Leutnants in die offene See, jedoch nicht, wie dies vorgeschrieben ist, in das Bassin. Auch trug keiner der Schwimmer eine Leine. Der Grenadier Schmitz blieb hinter den andern etwas zurück. Plötzlich riefen mehrere Grenadiere, die auf einem begleitenden Rettungskahn saßen:«Da hinten geht einer unter 1" Im nächsten Moment sah man, etwa zwanzig Meter von dem einen Rettungsboot entfernt, wie einer der Schwimmer die Arme aus dem Wasser herausstreckte und dann in der Tiefe verschwand. Sofort sprangen mehrere Offiziere und 'auch der Angeklagte nach, um den Verunglückten zu retten, doch es war nutzlos. Schmitz war bereits untergegangen und ertrunken. Erst vierzehn Tage später wurde seine Leiche geborgen und auf deu� Garnisonfriedhof bestattet. Leutnant von Schock, als der Hauptbeschuldigte, mußte zugeben, daß er gegen die Bestimmungen verstoßen hat. Als dem Ange- klagten vom Verhandlungsleiier, Kriegsgerichtsrat Hierholzer, die Vorhaltung gemacht wurde, daß durch die Nichtbeachtung der Vorschriften der Tod des Grenadiers Schmitz herbeigeführt worden sei, erklärte Leutnant von Seh., er glaube sicher, daß Sch. einen Herzschlag erlitten habe, und daß er diesen auch im Bassin bekommen haben würde. Eine Fahr- lässigkeit an dem Tode könne man ihm also wohl nicht beimessen. Major von Dresow verteidigte sich damit, daß er angab, er sei Wohl Vorstand der Militärschwimmanstalt, sei jedoch nach den bestehenden Bestimmungen keineswegs verpflichtet, stets an- wesend zu sein. Am fraglichen Tage ließ er sich-vom Feldwebel das Vorschriftenbuch geben, und während er darin blätterte, er- tönte plötzlich der Ruf:»Da geht einer unter!" Als Vorstand einer Militärschwimmanstalt habe der Angeklagte noch keine praktische Erfahrung gehabt, und er habe geglaubt, daß Leutnant von Schock mit allem gut Bescheid wisse. Der Vertreter der Anklage beantragte drei Monate Festungshaft, gegen Major von Dresow vier Wochen Stubenarrest. Formell müsse er die Anklage wegen fahrlässiger Tötung fallen lassen. Das Urteil lautete gegen Leutnant von Schock auf sechs Wochen und einen Tag Festungshaft, gegen Major von Drc- jow auf drei Tage Stubenarre st. Ein militärischer„Schwerverbrecher". Gelegentlich einer Unterhaltung am Biertisch während der Reichstagswahlen äußerte ein Sergeant der vierten Schwadron des Königsjägerregiments in Posen, daß die sozialdemokratischen Stimmzettel seiner Meinung nach die einzig richtigen sind, die bei der Reichstagswahl abzugeben sind. Auf Denunziation des eigenen Schiegervaters erhielt das Regiment Kenntnis davon, das daraufhin ein hoch- notpeinliches Verfahren gegen den.uniformierten Umstürzler" er- öffnete. Das Kriegsgericht Glogau verurteilte den Sergeanten wegen Gefährdung der Disziplin zu einer Woche Mittel. a r r e st. Ein tüchtiger Unterosfizicr. Der Unteroffizier D u k a t s ch vom Regimen: 1l in Breslau stand vor dem Kriegsgericht angeklagt der Mißhandlung und vor- schriftswidrigen Behandlung Untergebener. Eine große Anzahl von Rekruten sirdd von ihm geschlagen, gestoßen und getreten worden. Der Unterossizier gab alles zu. Di« Ausbildung der Rekruten sei ihm als junger Unteroffizier ohne Hilfe schwer gefallen, Unacht- samkeit und Nachlässigkeil der Leute habe ihn erregt und im Dienst- eiser habe er zu den Mitteln gegriffen. Der Anklagevertreter be- anlragt bei Annahme von 14 Fällen„mindcrschwerer Art" der Mißhandlung, wovon 13 im Dienst, und bei zwei noch gleichzeitig vorschriftswidrige Behandlung sechs Wochen M i t t e l a r r e st. Ter Verteidiger, ein Offizier, plädiert auf möglichste Milde, damit diesem tüchtigen Unteroffizier, der zu den besten Hoffnungen berechtigte, die Laufbahn nicht abgeschnitten wird. Das Kriegsgericht hielt die Anklage in vollein Umfang er- wiesen, sah aber kein rohes Verhalten und nimmt auch nur minder- ihn freilich ein Krieg,„wo jeder einen großen Anteil an dem glücklichen Insgailge hat, wo die Nation für ihre Freiheit und Unabhängigkeit fischt". An diese Gedanken, die damals natür- lich Saar auf felsigen Boden waren, knüpfte er an, als er in der Militär-Reorganisations-Kommission saß. Was, un- geachtet aller Anfeindungen der Anhänger des Alten, Scharn- Horst dem König vorschlug, war die Trennung der Waffen- fähigen injtehendes Heer und Miliz. Ter Miliz sollte ein Geist der Freiheit und Selbständigkeit innewohnen, deshalb sollten ihre Angehörigen nicht etwa vorher das stehende Heer passieren, auch hatte die Wahl der Offiziere, die allerdings eine gewisse Bildung nachweisen mußten, durch die Mann- schast zu erfolgen. Zur Ausbildung waren jährlich vier, in der ersten Zeit acht Wochen in Aussicht genomnien. Zu diesem Ende sollte der UnterrichtZplan der bestehenden Stadtschulen so erweitert werden, daß sie schon der Jugend militärische Eigenschaften vermittelten. In den Erholungsstnndcn sollte ein Exerziermeisrer die Knaben im Gebrauch der Waffen üben. Jede Schule formierte sich in Kompagnien, die ihre Offiziere selber wählten. Leibesübungen wie Fechten, Schwimmen und Voltigieren stählten die Körper, die Ka- dettenanstalten als privilegierte Schlupfwinkel des junker- lichen Nachwuchses sollten ebenso wegfallen wie das Vorrecht des Adels auf die Offizierstellen im Heere und die entehren- den Leibesstrafcn bei den Soldaten. Aber init seinen Miliz- planen drang Scharnhorst bei Friedrich Wilhelm III. nicht durch, der mit Gentz über den auffallend demokratisckjen. eckst revolutionären Geist zürnen mochte, der in den Bureaus der Kommission walte. Es wurde lediglich ein Gefetz über die allgemeine Wehrpflicht in Aussicht gestellt, und damit hatte es sein Bewenden. Dieser Abneigung des Königs trug Sckxirichorst wohl Rechnung, denn was er 1813 auf die Beine brachte, die inilizähnliche Landwehr, über deren Wesen in diesem Blatte schon in anderm Zusammenhange gesprochen wurde, war für das konservative Preußen noch volkstümlich genug, aber lange nicht so volkstümlich wie seine Vorschläge von 1808. Auch das Werk von 1813 war durch Scharnhorsts Gedanken belebt, aber nicht alle seine Gelvnken lebten darin. . Tie sogenannten Patrioten von 1913' werden deshalb, an dwtein hundertsten Todestag, nur der Verdienste Scharnhorsts 'vi>jahre 1813 gedenken, denn was er 1808 ins Aug-' gefaßt batte, tvar mit demselben Wasser getauft wie die Forderungen, die dre Sozialdemokratie heute auf dem Felde der Landes- verteidtpung erhebt, schwere Fälle an. Der Unteroffizier habe im Affekt gehandelt, im „Diensteifer" wollte er die Korporalschaft hoch bringen, wobei er leider dort seine Hand erhoben, wo er dies hätte bleiben lassen sollen. Da er unbestraft, seien für die 14 Fälle sechs Wochen M i t t e 1 a r r e st angemessene Strafe. Konservative Geständniffe. Noch einmal geben die A g r a r i e r ihrer Wut und ihrem Schmerz darüber Ausdruck, daß die Lasten für die neuen Heeresvorlagen nicht den Besitzlosen auferlegt werden. Der Ständige Ausschuß des Deutschen Landwirt- schaftsrats erklärt in einer Resolution, daß er„grundsätz- lich und mit Entschiedenheit an den steuerlichen Grundlagen der Reichsverfassung festhalte, nach welchen die Ausgaben des Reichs durch indirekte und diejenigen der Bundesstaaten durch direkte Steuern zu decken" sein. Und besonders schlecht ist der Landwirtschaftsrat darauf zu sprechen, daß der saubere Plan der Regierung, die Deckung den Dreiklassen- landtagen zu überlassen, gescheitert ist. Und ähnlich klagt die „Konservative Korrespondenz", die schließlich erklärt: „Für das jetzt in Aussicht genommene Kompromiß, welches nur dem Namen nach ein Kompromiß ist, in der Sache aber unter Billigung und mindestens stillschweigender Mitwirkung der So- zialdemokraten die Einführung einer mittelbaren Reichs- Vermögens-, Einkommens- und Erbschafts- st e u e r bedeutet, kann die konservative Partei aber die Verantwortung nicht übernehmen. Diese ruht im wesentlichen auf den verbündeten Regierungen, den Parteien der Linken und dem Zentrum." Wenn die Konservativen wirklich gegen die Vermögens- zuwachssteuer stimmen werden, so wird hoffentlich auch der letzte Wähler im Lande begreifen, was er allerdings schon wissen müßte, welch erbitterten Feind die besißlosen Klassen in dieser Partei haben. Und er wird aus dieser Er- klärung zugleich die denkbar stärkste Bestätigung� dafür er- halten, daß es einzig und allein di« Stärke der sozialdemokratischen Fraktion ist, der das deutsche Volk verdankt, daß diesmal nicht die arbeitenden Klassen, sondern die Reichen in erster Linie die Lasten zu tragen haben._ Der fürsorgliche Rcichstagsabgeorduete. Bürgerliche Blätter berichten: Rechtsanwalt Dr. S e m l e r in Hamburg, der Rcichstagsabgeorduete für den Wahlkreis Aurich- Wittmund, hat 30 BolkSschülcr und-Schülerinnen aus seinem Wahl- kreise. Kinder unbemittelter Eltern, zu einer achttägigen Ferienreije eingeladen. Die Kinder werden von den Lehrern ausgewählt und an einem noch zu bestimmenden Tage in Leer von zwei Hamburger Lehrern abgeholt. Unter deren Führung sollen sie an den beiden erstem Tagen die Sehenswürdigkeiten Hamburgs besichtigen. Die verbleibenden sechs Tage sollen die Kinder in Wohldorf auf dem Landgute Dr. Senttcrs verbringen. Den armen Familien, deren Kinder der nationalliberale Ab- geordnete Dr. Semler pllegen will, würde tausendfach mehr gedient sein, wenn er und seine Fraktion wirkliche Arbeiterpolitik treiben würden. Die neue ßalhankrife. Obwohl über das Ergebnis der Geheimsitzung der ser- bischen Skupschtina nichts bekannt geworden ist, läßt alles auf eine friedliche Lösung des Konflikts schließen. Auch der österreichische Ministerpräsident Gras Stürgk gab im Herren- hause einer optimistischen Auffassung Ausdruck. Das serbische Ministerium Paichitsch bleibt im Amte. Die Situation in Serbien. Belgrad, 20. Juni. Mit Rücksicht auf die Bestimmungen der Geschäftsordnung wird über die heutige geheime Sitzung der Skupschtina kein Bericht veröffentlicht werden. Die Er- klärungen, die Paschitsch in der geheimen Sitzung abgegeben hat, bewirkten sichtlich ein« günstigere Auffassung von dem Stande des serbisch-bulgarischcn Konflikts. Es verlautet, Paschitsch lverde im Laufe der Woche nach Petersburg ab- reisen. Ein bulgarisches Dementi. Sofia, 26. Jani. Die„Agence Bulgare" meldet: Die Bcl- grader Nachrichten über einen bedeutenden Kampf beim Flusse Zlatowo entsprechen nicht der Wahrheit. ES hat vorgestern nacht bei dem von den Serben besetzten Dorfe Zlatowo ein Gefecht statt- gefunden zwischen serbischen Truppen und einer von Abazow be- fchligtcn bulgarischen Bande, welche eine aus 76 serbischen Sol- baten bestehende Abteilung von den benachbarten Höhen auf dem rechten Ufer des Flusses vertrieb. DaS Gefecht begann gestern von neuem. Die Serben feuerten etwa 2V Granaten in der Rich- hing gegen Jstip ab.— Die im Auslände verbreitete Nachricht vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Serbien und Bulgarien ist ebenfalls unwahr. Oefterrdeb. Zur Abschaffung des Arbeitsbuches. Oesterreich ist das einzige Land, das noch für die gewerblichen Arbeiter das Arbeitsbuch vorschreibt. Seit Jahrzehnten fordern die Arbeiter die Beseitigung dieser entwürdigenden Einrichtung, die sie sozial herab- drückt und der Maßregelung mit gebundenen Händen überliefert. Der Regierungsvertreter batte im Sozialpolitischen Ausschuß versprochen, die Negierung werde, wenn daSAbgeordnetenhauS einen entsprechenden Antrag annehme, einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Abschaffung dieses vormärzlichen UeberresteS, der durch daS Schwarzelistenshstem der Unternehmerverbände heute besonders gefährlich geworden ist, aus- spricht. So lag dem Hause die Frage des Ausschusses, ob«S eine solche Vorlage wünsche, zur Beantwortung vor. Mit 145 gegen 87 Stimmen wurde sie, nachdem namentlich Genosse S e i tz mit Entschiedenheit dafür eingetreten war, bejahend beantwortet. Kennzeichnend für den politischen Tiefstand der Deutsch- bürgerlichen war es, daß neben den Sozialdemokraten die bürgerlichen Parteien der verschiedenen Nationen mit wenigen Aus- »ahmen für die Abschaffung, un, gekehrt aber die Deutsch-.Freiheit- lichen", gleichfalls mit Ausnahme eines halben Dutzends National- vcrbändler und einiger Wilder, nahezu geschlossen für Aufrecht- erhaltung deS Arbeitsbuches stimmten. Tschechen, Polen, Südslawen, Nuthenen, Italiener: sie alle bewiesen mehr sozialpolitische Einsicht, weniger Klassenhaß gegen daS Proletariat, als die die Christlich- ozialen, Agrarier, Radikalen(unseren Antisemiten entsprechend) und Liberalen deutscher Zunge. Rußland. Ein Vcrlcnmdungsfcldzng. Man schreibt uns au« Petersburg: Vor einigen Tagen ging durch die bürgerliche Presse die sensatio« nelle Nachricht, der lettische sozialdemokratische Abgeordnete der zweiten Neichsduma, Ohsol, und der lettische sozialdemokratische ch Schriftsteller Janson(Braun) seien als Polizeispitzel entlarvt worden. Es ist begreiflich, daß diese Nachricht in Anbetracht der traurigen russischen Wirklichkeit einiges Aufsehen erregte. Zum Glück stellt sich aber heraus, daß an dieser Sensation kein Wort wahr ist.(Was Janson anbetrifft, stellten wir das schon in Nr. 153 des»Vor- wärts" fest.) In der Angelegenheit Ohsol erklärt im Petersburger Arbeiterblatt„Lutsch" der sozialdemokratische Deputierte G. D. T s ch c n k e l i, daß der sozialdemokratischen Dumafraltion nichts Ehrenrühriges über Ohsol bekannt sei. Niemand von den Mitgliedern der sozialdemokratischen Dumafraklion zweifle an der politischen Ehrlichkeit des Genossen Ohsol. Die sensattonellen Berichte der lettischen Realtionspresse seien demnach in bezug auf Iwan Ohsol ebenso unbegründet, wie sie es in bezug auf Genossen Janson sind. Genosse Janson ist einer der Pioniere der lettischen Arbeiter- bewegung und einer der angesehensten Vertreter der lettischen Sozial- demokratie. Die feile lettische ReaktionSprcsse wird durch ihre gistigen Verleumdungen das feste Vertrauen der lettischen organisierten Arbeiter- schast zu ihren leitenden Genossen nicht erschüttert haben. Die baltischen Barone, die die Niederdrückung der lettischen und esthnischen demokrati- schen Bestrebungen und speziell die Ausrottung der baltischen Arbeilerbe- wcgung als ihre vornehmste„Kultur"ausgabe betrackiten, haben schon vor sechs Jahren einen ernsten Versuch gemacht, Ohsol— der damals als Mitglied der zweiten Duma sehr populär war— zu verleumden. Diesen edlen Auftrag übertrugen sie ihrem Berliner Wortführer, Prof. Theodor Schiemann'— selbst ein baltischer Junker—, der in seinem Buch über die lettische Revolution die Behauptung aufstellt, Ohsol hätte Parteigelder verschleudert. Genosse Ohsol hielt es unter seiner Würde, das Geschreibsel der kurischen Barone ernst zu nehmen und darauf öffentlich zu reagieren. franhrdeb. Noch mehr verurteilte Demonstranten. Chslons-sur-Marne, 26. Juni. Das Kriegsgericht des 6. KorpS hat zwei Soldaten, die an den Kundgebungen gegen die dreijährige Dienstzeit beteiligt waren, zu einem bzw. zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Spanien. Aufhebung der Versammlungsfreiheit. Pari«, 27. Juni. Aus Madrid wird gemeldet: Die Re- gierung verweigerte den Sozialisten die Erlaubnis, die von ihnen für nächsten Sonntag anberaumten Protestkund» gedungen gegen den marokkanischen Feldzug ab- zuhalten. Letzte ftaebHdrten« Grosifeuer in der Steglitzer Strafte. Gestern abend kurz nach 16 Uhr brach in der Steglitzer Str. 70 ein gewaltiger Dachswhlbrand aus. Die Feuerwehr eilte unter Führung des Branddirektors mit drei Löschzügen herbei und griff das Feuer mit fünf Schlauchleitungen an. Der T achstuhl ist voll- ständig niedergebrannt. Mit den Ausräumung sarbeiten hatte die Feuerwehr noch mehrere Stunden zu tun. Antomobilunglück. Der Fahrradhündler Lüttke unternahm gestern nachmittag mit seiner Frau, einem älteren Herrn und einer jungen Dame seiner Bekanntschaft eine Automobilspazierfahrt. Zwischen Wannsee und Potsdam in der Nähe des sogenannten KilometerbergS geriet der Wagen aus der Richtung, anscheinend infolge VersagenS der Steuerung, und sauste in den Chausseegraben. In diesem Augenblick passierte ein Direktor R. aus Friedenau die Nnglücksstelle. Er nahm sich der vier Verunglückten an und brachte Lüttke nach dem Oberlinkrankenhause in Nowawes, wo er mit sehr schweren Verletzungen Aufnahme fand. Nach Ausspruch der Aerzte dürfte er die Nacht kaum überleben. Frau Lüttke sowie die beiden anderen Insassen des Wagens sind mit Hautabschürfungen und leichteren Schnittwunden davongekommen. Aufruhr und Räuberbanden in Ehina. Peking, 27. Juni.(W. T. B.) Der Bischof von Taiyuanfu hat der französischen Gesandtschaft Mitteilung von der Ermordung deS spanischen Missionars Bcrnat in Kiachow(Provinz Scheust) gemacht, wo sich 3606 Chinesen im Aufruhr befinden. Die dort stehenden 266 Mann Truppen sind machtlos. Tic chinesische Re» gierung hat energische Maßregeln zur Wiederherstellung der Ruhe und Bestrafung der Schuldigen versprochen.— Chinesische Truppen haben kürzlich die berüchtigten Banditen, die unter dem Namen „Weißer Wolf" bekannt sind und schon lange die Provinz Honan im Schrecken setzten, überrascht und fast vollständig aufgerieben. 666 Banditen wurden getötet und 86 gefangen genommen. Eine notwendige Reform. Rom, 27. Juni.(P. C.) Ein heute morgen den Telepho- nistinnen zur Kenntnis gebrachtes Dekret gibt ihnen fiir die Zu» kunft die Erlaubnis, sich zu verheiraten. Den besten Beweis dafür, daß diese Entschließung wirklich einem Bedürfnis entsprach, bildet die Tatsache, daß im Laufe des heutigen Tages nicht weniger als 366 Telcphondamen»m den Heiratskonsens eingrkommen sind. Ausstand englischer Dockarbeiter. Lcith, 27. Juni.(W. T. B.) Infolge des AuSftandeS der Dockarbeiter kann keine Entladung der Fahrzeuge stattfinden. SSJit Eisenbahngesellschaften erklären, sie seien für die Verzögerwog in der Ablieferung der Schiffsgüter nicht verantwortlich. 136 Kohle»»- trimmer haben sich den Ausständigen angeschloffen. Die Polizei» Mannschaft wurde verstärkt. Weberstreik in Russisch-Polen. Lodz, 27. Juni.(W. T. B.) In der B a u m w o l l s p i n n e- rci Scheibler sind heute 2566 Weber in den Ausstand getreten und fordern höhere Löhne. Die Schließung aller Mannfakturwerke steht bevor. Internationale Ballonfahrt. Straßburg i. Els„ 27. Juni.(W. T. B.) Donnerstag, den 3. Juli 1S13, finden in den Morgenstunden internationale wissen- schaftliche Ballonaufstiege statt. Es steigen Drachen, bemannte und unbemannte Ballons in den meisten Hauptstädten Europas auf. Ter Finder eines jeden unbemannten Ballons erhält eine Belohnung, wenn er der jedem Ballon beigcgebenen Instruktion t gemäß den Ballon und-die Instrumente sorgfältig birgt und aq die angegebene Adresse sofort telegraphisch Nachricht sendet. Äaison-Ausverkauf IUI ». * I*' •: #; •j # Beate f a. folgende Tage Aus verKaufs- Angebote zur Reise Sämtlicbe Restbestände sollen geräumt werden Beate a. folgende Tage Jackett- Anzüge für Herren Serie I Serie III .... 14.25 .... 33 50 Serie II, Serie IV. 20.50 45.75 Ulster und Paletots für Herren Serie I Serie III »<». 16.25 ,»». 35.50 Serie II Serie IV. Hosen für Herren 23.50 44.50 Serie I,,», 2.85 Serie II.,,, 4.90 Serie III.,,, 6.95 Serie IV.. 9.75 Touristen-Anzüge für Herren Jacketts, teilweise Joppenformea Serie I.»». 12.50 Serie II..». 20.50 Serie m.... 26.50 Serie IV.... 32.50 Bozener Loden-Mäntel .. 19.50 Serie I 15.75 Serie II Bast-Anzöge, imit., für Herren Serie I..... 11.75 Seriell..... 16.75 Bast-Jacketts, imit., für Herren Serie I..... 4.35 Serie II..... 7.20 Lüster-Jacketts für Herren Serie I..., 2.65 Serie II..... 5.20 Serie III.... 7.50 Serie IV.... 10.80 Weiße Hosen für Herren Serie I.,,, 2.35 Serie II..... 5.25 Serie III.... 7.10 Serie IV.... 10.90 Loden-Pelerinen für Herren u Damen Serie 1 120-130 cm 1*. 6.65 Serie II 120-130« 14.7 5 Loden-Pelerinen f Knaben u.Mädchen Serie III 70-90« 1» 3.85 Serie IV 70-90« ig. 6.80 SerieV loo-nocmig. 5.35 Serie VI 100-1« 9,60 Stoff-Anzfige für Knaben von 3-8 jähren Sport- und Blusenformen Serie I. Einheitspr. 3.95 Serie II. Einheitspr. 5.75 „ III. Einheitspr. 6.90„ IV. 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ScWller-Thealer ChaC,en- Sonnabend, abends 8 Uhr: HMemanns Töchter, Sonntag, abends 8 Uhr: Hasemanns Töchter. Montag, abends 8 Uhr: Freiwild. TbeateraraKollendoilplatz Täglich S's, Uhr: Burleske Spiele. M Mann mit der Mo Maske. — Variete—— Kino— DeutMchegSchaiisplelharaa 8'/, Uhr: Eine Vergangenheit. gerlmerlilester. 8 uhr: Pilmzauber. Deatsches Theater. Allabendlich um 81/, Uhr: Ensemble-G astspiel; Die Sc hitfbrUcnlsc Kroll-Oper 8 Uhr: Ifignou. Gastspiel; Ethel Hansa. Sonntag: LokLngnin. Koniiz 6pei'ettkn-71iea!kr ssrReue8 7heater>. Amt Norden 1141. Sommerpreisc. Oastsp. Ivl. Spielmann. 8 Uhr: Ter lachende Ehemanu. jose-incAicl Ärofte Frantturtel Str. 132. 0eitaI<-l.lltrllnsemdi..IZa5lsp. lageluic!! einer Verlorenen. Ansang 8'/, Uhr. Auf der Gartenbühne: Achtung! F,s geht los! Aniang-l1/« Uhr. |Passage-Panoplikam Die 3 Schwestern Liliput die kleinst. Sohwest. der Welt. Der weltberühmte amerikanische Negerboxer Andrea Johnson bei seinem Training. Kntt die Hchwebcndc Jnngfran! MB- Alles, lebend! Alles ohne Kxtra-Kntpce! iUNA ~IARK Heute Sonnabend: Elite-Tag mit grandiosem Feuerwerk. Japan, Witching, Waves, Oceana, Tanzrad usw. W s« ii Sozialileiiiokratisclier Walilverein Ghailoltenburg II Morgen Sonntag, den 29. Juni 1913, im Volkshause, Rosinenstraße No. 3; Großes Sommerfest. Konzert, Spezialitäten, Gesang, turnerische Aufführungen Blumenverlosung«e« Fackelzug für Kinder □ Preiskegeln und Preisschießen. Einlaß 2 Uhr. Konzertbeginn 4 Uhr. Eintritt 25 Pf. Von 5 Uhr ab TA5fZ. Herren zahlen 50 Pf. nach. Die KafleekUohc Ist von zwei Uhr an geöffnet. — Jedes Kind erhält eine Stocklateme gratis.==_ Um zahlreichen Besuch bittet 250/13 Das Komitee I M Brauerei Friedrichshain Ilm Königstor. Cef.: Ernst Eiebi Dl' Jeden Dienstag- und Dor.nerstagnachmittag:"91 Kaffes-frei-Vorstellung der Xorddentschen und Apollo- Sänger ei freiem Entree. Freitags: Frei Konzert. » Von der Hiehaelbriieke am Stadtbahnbogen. »X Heute Sonnabend: Große Sommernachts-Promonaden- 'ahrl uiit Musik nach Schmöckwitz, Restaurant Seddinsee. Daselbst große Tanz-Reunion. Abfahrt 9'/, Uhr abends. Preis hin und zurück 50 Pf. Ferner Sonntag: 21/4 Uhr: Extrafahrt nach Neue Mühle, Woltersdorier Schleuse, Krampenburg, Schmöckwitz, Freibad Grünau. Prinzengarten und Neu-Heigoland, Preis; Einfache Fahrt 40 Pf. Außerdem Montag und Dienstag 9 u. 21/4 Uhr mit Musik nach Woltersdorier Schleuse. Preis hin und zurück 30 Pf.[109/1] Bccderel Zachow. Teh Kgst. 6935. Reedeiei Kabul& Herlzer SÄ: äW* Billige Extrafahrten ab: WälSGütlFÜCkG T.glSrb:mq NCUC Mühle l'jgÄ Neue Mühle iw* »oltersl SeMase Jeden Mititvoch nach �VendensehioL- als tZetioao-Kpampeiihlii'g....... ZacgcIIIlalS 2 Uhr, hin n. zurück 50 Ps. Jeden Mittwoch nach VSTIpttZ zurück Von Cafe Aisen(Schief. Brücke) Absahri je llt Stunde später. Ab Xeukölln- Wildenbrachbrücke:■ Reden Montag und Donnerstag nach Hplffnlflfld lAbfnhrt X.-Ahlbeck-Epiedrlchshag. nCU-neigOianU Ubsahrt Jed. Dienstag n. Freitag nach HVenden- VI licro-pllipini hin u' ».chloi;- Cx-ünao- M aldidyll iTlUggeineilU mn u Jede» Siiilwü� �enden- KraiUpenbUfg 50 Pf. Ab Cafi Alsen(Schlcsijche Brücke) ZlbsaHrt ca.'/, Stunde später. Dampfer sind an Vereine usw. hiiiig zu vergeben.-MU ZKetrl>pl>!-7I>ester. Abends 3 Uhr: Die Kino-Königin. Operette in 3 Akten von Jul. Freund und G. OkontowSki. Musik von dea» Hilkeet. In Szene gesetzt v. Dir. Rich. Schultz. jlimii'zlziftlzzt Angenehm kfih Angenehm kühler Aufenthalt. Allabendlich das er. erfolgreiche Eisballett Flirt In St. Moritz. Bis 6 Uhr und von IE/. Uhr halbe Kassenpreise. Restaurant I. Ranges. Wein- und Bier-Abteilung. r/XIV" iocischer GARTEN Rente: IKVBonster- Konzert 5 Kapellen. Eintritt 1 Mark, von 6 Uhr ab 50 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hiilfta. Abends: Große Fesl-BeleucMung. Voigt-Theater Badftrastc 58. Der Bettelstudent. Vollsstück mit Gesang und Tanz in 5 Bildern Gänzlich neue Spezialitäten. zkanenwinung 2 Uhr. Ansang 4'/- Ubr. keledsdAlleg-iliesleT Stettiner Sänger. Znm SchluC: „Künstler üer LaoilstraSe". Eine Musikanten- Burleske von Moysel. Anfang 8 Uhr. Volksgarten- Theater. Badstr. 8 und Bellermannstr. 20 25. Täglich: Konzert, Dheater und Spezialitätenvorstellung» muttersexeR. Schauspiel mit Mufil in ö Akten. Dazu: das brillante Spczialit.-Prhg�» Ansang 4 Uhr. Enttee 20 PI- M M M» zum ürlmiler-SommeMü! am 6. Juli in dem herrlich am Walde gelegenen Restaurant Heidekrng, Jnh. Otto Oertel, ccranstallct von sämtlichen Arbeitervereinen am Ort, als: Turner, Radtaluer, Sänger und Dilettanten etc., welche durch Ausführungen und Belustigungen aller Art die beste Unterhaltung gewährleisten. TSLflZ im Saal and Pariser Tanzselt. Abmarsch zum Fesllolal nachmittags 2 Ubr von Louiscnstr. 17. 280/18 /Siehe auch Lokalnotizy Um recht zahlreichen Besuch bittet Das Komitee. >'B. Bzgl. Brudcrvereine wollen ihren wcrtci�Besuch an- melden bei Rod. Heinricht, Mühlenstr. 19. Ebenio sch-rnbuden. besitzer. welche dort ausbauen wollen, bes. Kasperle- Dheater erwünscht. Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. In /eratenteil verantw.j Tli.Giocke,Bert.'ii.Druliu.Berlag:!LorwärtsBuÄ0r.u Bertagsanjt�ti PaulSinger�Co., Berlin SW. Hierzu 4 Beilagen u-Unterhaltungsbl. Dr. 161. 30. Iahrgaug. I KtilM des„Uorninrlü" KM» NMM. Souvabead, 28. Iuml9l3. Sa; Kaiienitreikproblem. IV. In einem der„Mannheimer V o l k s st i m m e" aus Larlsruhe zugegangenem Artikel heißt es: _-Die absolute Mehrheit(im preußischen Abgeordnetenhause) Betragt 222. Fortschrittlcr, Nationalliberale, Polen, Dänen und Sozialdemokraten zählen zusammen 136. Wie soll es die Sozial- demokratie anfangen, die fehlenden 84„Wahlrechtssreunde" in den Landtag zu lancieren? lind wenn diese Arbeit geleistet ist, ist dann das Ziel ereicht?� Man vergesse doch nicht, daß im aller- günstigsten Fall der ausschlaggebende Teil dieser„wahlrechtsfrcund- Icchen" Mehrheit aus Nationalliberalcn bestände, aus Na- tionalliberalen der preußischen Landtagssorte! Wer leistet die Her- kulesarbeit, diese Herren„vorwärts zu peitschen"? Ist es aber hier- nach eine Utopie, zu glauben, man könne im Wahlrechtskampf unter dem gegenwärtigen Wahlrecht eine wahlrechtsfreundliche Mehrheit erzielen, was soll es uns dann nützen, wenn es uns auf dem vom Genossen Kolb angegebenen Weg wirklich gelingen sollte, den Libe- ralismus zu einer energischeren Verfechtung der Wablrechtsforde- rung zu treiben? Wie oft haben wir gerade aus dm Munde des Realpolitikers Kolb die Lehre vernommen, daß mit bloßen Reden nichts erreicht wird! Der Kampf einer Minorität aber erschöpft sich nun einmal ausschließlich im Reden. Und gesetzt auch den Fall: der empfohlene fEeg führe in ferner, ferner Zeit zum Ziel. Soll man die Arbeiter- schast auf so fern liegende Hoffnungen vertrösten? Ist es doch gerade der Reformismus, der uns stets die Lehre predigt, die Ar- beiterschaft wolle gegenwärtige greifbare Vorteile, von Zukunfts- illusionen werde sie nicht satt. Nun denn, so greife man zu Maß- regeln, die schneller zum Ziele führen. Von diesem Standpunkt kann ich dem Genossen Dr. Frank nur beipflichten, wenn er den Massenstreik empfiehlt. Die Gründe, die Genosse Kolb dafür «nführt, daß, was in Belgien ging, in Preußen nicht gehe, über- zeugen durchaus� nicht. Auf die Sympathie des Bürgertums mit dem Mittel als solchem kommt es nicht an. Durch den Massenstreik soll das Bürgertum aus seinen eigenen egoistischen Interessen her- ml§. an.. der Wahlrechtsfrage beteiligt werden, soll es aus seiner iGleichgülkigkeit aufgerüttelt werden. Gezwungen, die katastro- phalen Wirkungen des Massenstreiks auf das Wirtschaftsleben ab- zuwenden, gezwungen, den gefährdeten Geldbeutel zu verteidigen, soll und wird es selbst die privilegierten Kreise zum Nachgeben zwingen. Es darf auch nicht vergessen werden, da wir den ein- zigen Erfolg, der bisher im Wahlrechtskampf erzwungen wurde, die f. Zt. eingebrachte Wahlrechtsvorlage ausschließlich den voran gegangenen Massendemonstrationen zu verdanken haben. Selbstverständlich darf man nicht gewaltsam zum Massenstreik treiben, man darf nicht Hetzen. Der Streik kann nur gelingen, wenn die erforderliche Stimmung in den Massen vorhanden ist. Und ob das der Fall ist, kann man von hier aus schwer beurteilen. Aber ebenso verkehrt wäre es, angesichts der gegebenen Situation, die etwa vorhandene Stimmung zu dämpfe n'und durch unnötige Schwarzmalerei die vorhandene Hoffnungssrcudigkeit und Siegeszuversicht zu ertöten. Wenn je eine Idee es wert war, daß man um ihretwillen das Aeußerste wag«, so ist sie hier gegeben. Und wenn je Grund vorhanden war, auf die siegreiche Kraft einer gerechten Forderung zu vertrauen, so ist eS die. daß der ausschlaggebende Staat des Deutschen Reiches von dem auf ihm lastenden Drucke halbabsolutistischer Barbarei befreit werde." In der„Märkischen V o l k S st i m m e" vertraten die zwei Redakteure des Blattes zwei entgegengesetzte Ansichten. Genosse Bartels trat für die Notwendigkeit und die Propagierung des Massenstreiks ein, während Genosse Rabold diesen Standpunkt bekämpfte. Letzterer schrieb u. a.: „Die Massen, die zur erfolgreichen Durchführung eines etwai- ocn Massenstreiks notwendig sind wie das Salz zum Brot, befinden sich zurzeit in einer Erschlaffung, die in Anbetracht der gespannten inner- und außerpolitischen Verhältnisse und in Anbe- bracht der ungeheuren Belastung durch die neue Militärvorlage, die doch letzten Eneds die erwerbstätige Bevölkerung zu tragen haben wird, kaum zu verstehen ist. Und da von einem„Willen zum Massenstreik" reden,— da sich plötzlich ins Zeug legen und den Massenstreik als das zurzeit wichtigste und notwendigste Kampfmittel propagieren; als das Mittel, das das preußische Volk allein aus seiner jahrhunderte- langen Knechtschaft reißen und der so lang ersehnten Freiheit ent- gegenführcn könne? Mir dünkt, als würde hier mit einer Waffe gespielt, die man am besten in der Rüstkammer läßt und erst dann ervorholt, wenn es der Ernst der politischen Situation erheischt... Ter Massensrreikgedanke, der gegenwärtig auftaucht, ist durch- vuS unrealer Natur; er ist so wenig durch die gegebene Si- tuation bedingt, wie selten zuvor. Er kommt mir vor, wie ein plötzlich aufflackerndes Strohfeuer, das durch einen unge- ahnten Windstoß entfacht wird, eine Pludcrflamme gibt und sofort wieder verlöscht, wenn der Wind nachläßt. Der Wind, der in diesem rjalle das Feuer angefacht hat, kommt aus Belgien. Er blies schon � Zwar ungleich heftiger; aber das macht: damals kam der Wind aus Rußland. Ob es sick�nun aber um Rußland oder um Belgien handelt— '"V stierte Gedanken, die in Preußen-Dcutschland ,n die Tat umgesetzt werden sollen,— Gedanken, die nicht den «alen wrrtichaftlichcri und politischen Verhältnissen entsprechen,— Gedanken, die auch nicht der impulsiven Begeisterung der Masse entsprungen, weil eben diese Masse und eben diese Begeisterung einstweilen noch nicht da sind und auch nicht von heute auf morgen zu beschafren sind. bezeichnenderweise muß man erfahren, baß jetzt der Massen- strclkgedankc auch von Genossen propagiert wird, die noch vor nicht allzulanger Zeit sich etwas darauf zugute taten, den Eisnerschen Vorschlag als das Wunderding zu cnipfehlen, das uns aus den Fesseln der preußischen Reaktion befreien könne.... Wir alle stehen voller Bewunderung vor den Kämpfen des russischen und belgischen Proletariats. Aber es darf nicht vergessen werden, daß in beiden Ländern ganz andere Voraussetzungen für den Massenstreik bestanden, als es bei uns zurzeit der Fall ist... Der so oft und so gern erhobene Einwand: wir wollen den Massenstreik ja gar nicht propagieren, sondern die Massen nur das Mittel des Massenstreiks gebrauchen lehren, fällt in sich zusammen. Mas will man den Massen denn eigentlich lehren? Einen regel- rechten Streikplan entwerfen— ihnen erzählen, wie sie sich bei einem etwaigen Streik zu verhalten haben—, welche Mittel zur erfolgreichen Durchfuhrung eines Massenstreiks notwendig sind? DaS wäre die gleiche Utopie, wie die vorher angeführte Utopie einer Koalition mit dem Bürgertum. Die politischen und Wirt- schaftlichcn Verhältnisse verschieben sich in einem fort. Keine Gc- werkschast latm im voraus einen Plan festlegen, nach dem ein etwaiger späterer Streik zu führen sei. Immer nmß abgewartet werden, welch« Verhältnisse in dem Augenblick vorliegen, wo mit dem Streik begonnen werden soll; kurz gesagt: nicht der Plan macht den Streik, sondern die Verhältnisse bestimmen ihn— sein Erfolg ' hängt von dar Gunst des Augenblicks ab, den die wirtschaftlichen Verhältnisse geschaffen haben. Ein Massenstreik, der das gesamte Wirtschaftsleben lahmlegen soll, läßt sich natürlich noch um viel Weniger nach einer vorher festgesetzten Richtlinie durchführen; er «uß der Begeisterung der Massen entspringen; er kann ebensowenig Gemacht wedcn wie eine Revolution... . Nack, meinem Dafürhalten brauchen wir keine Propaganda für Massenstreik, sondern eine klare und prinzipielle Aufklärung •®Sinuc der Lehren des proletarischen Klassenkampfes. Keine Ver- ■gjerung unserer Ideen im bürgerlichen Sinne, sondern wirkliche Schulung d«r Massen nach den Ergebnissen der sozialistischen Welt- anschauung. Haben wir da schon alles getan und wird das Ver- säumte nachgeholt werden durch die Propaganda für den Massen- streik? Nein!" In einem Artikel der„ChemnitzerVoltS stimme" suchte dann Genosse Dr. Breit scheid den Nachweis zu erbringen, daß sich der Großblockgedanke sehr wohl mit der Massenstrcikpropaganda vereinigen lasse. Es heißt da u. a.: „Aber so lange es eine sozialdemokratische Partei gibt, hat sie, zum mindesten in der Praxis, niemals auf dem Standpunkt gc- standen, daß es nicht in der„einen reaktionären Masse" Bestand- teile gibt, mit denen man im Interesse der Erreichung des sozial- demokratischen Endzieles so oder so vorübergehende Verabredungen treffen könnte. Wir haben die größeren oder geringfügigeren Gegen- sähe zwischen den einzelnen bürgerlichen Schichten benutzt, um für die Arbeuerschaft Vorteile herauszuschlagen. Daß dabei gelegent- lich Fehler gemacht worden sind, wird niemand leugnen wollen. Jedoch es handelt sich hier um das Prinzip, und das Prinzip ist so lange unbedingt richtig, als seine Anwen- dung das Bewußtsein des Klassengegensatzes nicht trübt... Die Sache>könnte erst dann bedenklich werden, wenn in unseren Reihen die Auffassung erstarkte, als gebe es eine Art von natür- lichem Bündnis zwischen uns und dem Liberalismus oder auch zwischen uns und irgend einer anderen bürgerlichen Partei. Die lleberzeugung muß selbstverständlich wachgehalten werden, daß jede Gemeinsamkeit mit den Bürgerlichen nur so lange einen Sinn und eine Rechtfertigung besitzt, als mit ihrer Hilfe Siege für das Proletariat erfochten werden können und als wir durch sie jeweils im entscheidenden Augenblicke nicht an der Anwendung solcher Mittel gehindert werben, die sich direkt gegen die Interessen der bürgerlichen Klassen wenden. Daß der Massenstreik zu diesen Mitteln gehört, ist klar. Aber gerade der Umstand, daß er in der fraglichen Versammlung von einem Manne empfohlen wurde, der, wenigstens für seine engere Heimat, die Taktik des Großblocks empfiehlt, beweist die Grund- losigkeit der Befürchtung, es könne das taktische Zusammengehen mit Bürgerlichen und mit dem Liberalismus insbesondere die Nei- gung zum Gebrauch der schärferen Waffen des Klassenkampfes ver- ringern. Und auch d i e Behauptung trifft nicht zu, daß, wenn nicht bei den Führern, so doch bei den Massen die Kampflust und die Kampfbereitschaft eingeschläfert werde. Wir wissen, daß es in den Reihen der Sozialdemokratie nicht ganz wenige gibt, die gegen eine Propagierung des Massenstreiks allerlei oder mehr oder weniger starke Bedenken geltend machen. Aber die Gegnerschaft hat doch nur bei einem sehr kleinen Teile ihren Grund in der Sorge, daß man die Liberalen, daß man das Bürgertum vor den Kopf stoßen könne. Zahlreiche von denen, die dem Gedanken des politi- schcn Massenstreiks ablehnend gegenüberstehen, und über die Agi- tation zu seinen Gunsten nicht erfreut sind, wollen ebensowenig von einem systematischen Zusammengehen mit den Liberalen zur Erringung des Wahlrechts in Preußen etwas wissen. Es sind die verschiedensten Gründe, aus denen heraus sie die Streikidee.ver- weigern. Die einen halten noch nicht alle übrigen Mittel für er- schöpft, andere verweisen auf den deutschen Nationalcharakter und die relative Schwerfälligkeit der deutschen Arbeiterschaft; wieder andere zweifeln am Erfolg und scheuen die Kosten, und die letzten versprechen sich alles von der Agitation und der Organisation, wo- bei sie Gefahr laufen, Dinge zum Selbstzweck zu machen, die doch nur Mittel zum Zweck sind. Dagegen wird man auf der anderen Seite unter den Anhängern des Massenstreiks sehr viele finden, die sich auch nicht gescheut haben, bei Gelegenheit einem Paktieren mit bürgerlichen Parteien inner- halb und außerhalb des Parlaments das Wort zu reden. Das hat seinen Grund darin, daß schließlich doch die eine wie die andere Form des Borgchens nur ein Teil der großen politischen Aktion für die Erreichung der sozialdemokratischen Ziele ist. Für energische und entschlossene Taten des Klassenkampfes wird derjenige noch immer im ehesten und leichtesten zu haben sein, der sich überhaupt daran gewöhnt hat, die Politik unter dem Gesichtspunkt der T a t zu betrachten, und der erkannt hat, daß die Entwickelung die Form ist, der der tatbereite Wille des Menschen den Inhalt geben muß. So heißt es durchaus nicht die einheitliche Taktik des Klassen- kampfes zerstören, wenn man den Massenstreik empfiehlt und doch prinzipiell einem Zusammengehen mit bürgerlichen Parteien zustimmt." Reichstag. 171. Sitzung. Freitag, den 27. Juni ISIS, vormittags 16 Uhr. Am BundeSratStisch: v. Bethmann Hollweg, Kühn. Kurze Hnfragcn. Abg. Dr. v. Gerlach(Z.) weist darauf hin, daß in Cösfeld in Westfalen einige PaterS der Ge- sellschaft Jesu E x e r z it i e n abgehalten haben und daß der Re- gierungSpräsident von Münster die Cösfelder Geistlichkeit auf- gefordert habe, mit tunlichster Beschleunigung diese Verbots- lvidrige Tätigkeit der Jesuiten Paters zu ver« hindern. Dieses Vorgehen des Regierungspräsidenten stehe im Widerspruch mit der Erklärung des Reichskanzlers, daß eine Aende- rung der bisherigen Praxis nicht herbeigeführt werden solle. Ministerialdirektor Caspar: Eine völlig einheitliche Handhabung deS Verfahrens in allen Teilen des Reiches herbeizuführen, ist schwer.(Lachen im Zentrum.) Ein Vorwurf kann dem Regierungspräsidenten in Münster nicht gemacht werden, selbst wenn der vorliegende Fall von einer früheren Praxis abweichen würde.(Erneutes Lachen im Zentrum.) Inwieweit das der Fall ist, bedarf noch der Aufklärung. Der Reichskanzler ist nach lvie vor der Ansicht, daß Verschärfungen der früheren Praxis vermieden werden müssen. Der Reichskanzler hat den vorliegenden Fall zum Anlaß genommen, erneut mit dem Minister des Innern die Sachlage zn prüfen, damit eine gleichmäßige, mit der früheren Handhabung übereinstimnrende Praxis für Preußen gesichert wird. Abg. Brey(Soz.): fragt, ob dem Reichskanzler die Ursachen der zahlreichen Er- krankungen der Mannschaften im 78. Infanterie- regiment zu Osnabrück bekannt sind und welche An- Ordnungen getroffen sind, um Wiederholungen solcher Erkrankungen vorzubeugen? Gcncraloberarzt Schulz: Im I.Bataillon des 78. Regiments sind 293, im 2. Bataillon 49 Mann erkrankt. Mit Ausnahme ziveicr Fälle von Herzschwäche war der Verlauf der Erkrankungen ein leichter. Die Ursache der Er- kranlungen hat sich bisher nicht mit Sicherheit feststellen lassen. Als vermutliche Ursache wird der Genuß von Fleisch angesehen, das nach tierärztlicher Untersuchung als gesund erschien. Auch in der Bürgerschaft sind einige Erkrankungen vorgekommen. Erkrnnkt ist auch ein Major, der das Mannschaftsessen gekostet und geprüft hat. Eine Metallvergiftnng kann nach dem Verlauf der Krankheit als ausgeschlossen betrachtet werden. Das Tier, dessen Fleisch die Erkramnng hervorgerufen haben könnte, batte ein ge- snndeS Aussehen, eine Notschlachtung war nicht vorgenommen worden. Auch eine Besichtigung des Schlachthauses zeigte ein durchaus ein- waudjteieS Ergebnis. Die gesetzliöhen Vorschriften sind damit er- füllt. Wenn trotzdem das Fleisch die Gesundheitsschädigung hervor- gerufen hat, so liegt hier ein Fall vor, der nach dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht ver- hütet werden konnte. Abg. Dr. Weill(Soz.) fragt: Ist der Reichskanzler in der Lage, darüber Auskunst zu geben, ob die in der französischen Presie verbreitete Nachricht zutrifft) daß neuerdings deutsche Truppen in Kamerun ein ver- lu st reiches Gefecht gehabt haben? Direktor im Reichskolonialamt Dr. Gleim: Von einem Zusammenstoß, wie ihn die französischen Blätter ge- meldet haben, ist weder beim Kolonialamt noch beim Gouvernement von Kamerun, von dem sofort telegraphischer Bericht eingefordert wurde, etwas bekannt. Cs darf mit Sicherheit_ angenommen werden, daß eine Verw echselung mit einem früheren Gefecht vorliegt, in dem am 17. April der Unteroffizier Sievertsen ge- fallen ist. Diese Nachricht war doch bereits anfangs Mai hier ver- breitet. Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): WaS hat der Reichskanzler zur Ausführung deS in der ReichS- tagsfitzung vom 23. April d. I. gefaßten Beschlusses betr. Berufung einer Kommission zur Prüfung der Rüstungslieferungen veranlaßt? Wie loird die Kommission im einzelnen zusammengesetzt sein? Wann soll sie zusammentreten? Gcheimrat Lehmann: Der Reichskanzler hat den Staatssekretär deS Innern mit den Vorbereitungen für die Bildung der Kommission und dem- nächst mit der Leitung ihrer Verhandlungen beauftragt. Der Staats- sekretär hat sich mit den Parteien wegen der Auswahl der Mit- glieder in Verbindung gesetzt. Ueber dis� Zusammensetzung der Kommission schweben zurzeit noch die Erörterungen der de- teiligten Resiorts. Die Kommission wird voraussichtlich nach Ende des Sommerurlaubs im Herbst zusammentreten. Ein von allen Parteien deS Hauses eingebrachter Gesetzentwurf zur Gleichstellung der Lehrer und Erzieher, die privaten Einzel- Unterricht erteilen, mit den im Versicherungsgesetz für Angestellte de- rücksichtigten Lehrern und Erziehern an nichtöffentlichen Schulen oder Anstalten wird ohne Debatte in allen drei Lesungen a n- genommen. Die Genehmigung zur Einleitung einer Privatklage gegen den Abg. Dr. B I u n ck(Vp.) wegen Beleidigung wird entsprechend dem Antrag der Geschäflsordnungskommission nicht erteilt. veckungs vorlagen. ES liegt ein Antrag des Grafen W e st a r p(!.) bor, die von der Kommission gestrichenen ersten beiden Paragraphen des Finanz- gesetzcs wiederherzustellen. Es handelt sich dabei darum, die Besitz- steuer durch eine Erhöhung der Matrikularbeiträge aufzubringen, und zwar sollten die Bundes st aaten den auf sie entfallenden Anteil durch eine allgemeine Besteuerung des Vermögens, des Einkommens oder der Erbschaften allein oder' nebeneinander bei sich einführen, oder wenn sie derartige Steuern schon haben, sie eventuell erhöhen. Abg. Bafsermann(natl.): Meine politischen Freunde werden dem Besitzsteuergesetz, wie es von der Kommission angenommen ist, ihre Zustimmung geben. Es war ja von vornherein klar, daß nicht nur der Wehrbeitrag, sondern die laufende Deckung die größten Schwierigkeiten bieten werde. Auf dem Boden der Matrikularbeiträge, wie die Regierungs- Vorlage sie fordert, konnten wir uns nicht stellen; nicht etwa, weil wir den Gedanken der Veredelung der Matrikularbeiträge an sich verwerfen. Aber wir wollen nicht, daß daS Reich Kostgänger bei den Bundes st aaten wird; auch wäre hierdurch keine Deckung gegeben, sondern die Deckung wäre vom Reich aus die Einzelstaaten abgewälzt worden, die unter den größten Schwierigkeiten genötigt werden sollten, neue Finanzgesetze zu machen.'Es wäre auch ein starker Eingriff in die finanziellen Ver- Hältnisse der Einzelstaaten, denen reichsgesetzlich vorgeschrieben werden sollte, wie die Landesgesetze gemacht werden sollen; der Bundesrat sollte entscheiden, ob ein Landesgesetz des Reichsgesctz- gebnng entspricht. Diese Kontrolle der Reiches hätte sich lehr un- licbsam bemerkbar gemacht. Eine Stärkung des Reichs- gedankenS wäre dadurch nicht herbeigeführt worden.(Sehr richtig! bei den Nationalliberalen). Bei der großen nationalen Aufgabe der Herresverstärkung inußte aber der Versuch einer Einigung herbeigeführt werden. An die Stelle der veredelten Matrikularbeiträge konnte die Erb- a n f a l l st e u e r mit einem Betrage von 80 Millionen Mark gesetzt werden. Aber über die anderen 126 Millionen �wurde eine bc- friedigende Einigung nicht erzielt. Unsere BerständigungSversuche bewegten sich naturgemäß zunächst auf dem Gebiete der Reichs- Vermögens st euer. Hier standen wir dem.Unannehmbar" des Reichskanzlers gegenüber. Deshalb kamen wir zu diesem Besitz- steuergesetz, ßegen dessen Nachteile wir keineswegs blind sind. Ein Teil memer Freunde kann auch nur dafür stimmen, weil dieses BermögenszuwachSstcuergesetz ein Teil der ganzen DeckungSvorlage ist. Weiter haben wir in einer Resolution den Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß nach der Feststellung des Ergebnisses des Wehrbeitrages dem Reichstag eine U e b e r s i ch t vorgelegt ivird, wie die Lasten hieraus sich verteilen. Die Aufhebung des ScheckstempelS und die Bc- seitigung der den Grundstücksverkehr lähmenden Wertzuwachssteuer sind Vorteile dieser Vorlage. In der großen nationalen Frage der Heeresverstärkung ist es eine vaterländische Pflicht, bei der Deckung den»verbitternden Parteistreit zu vermeiden und dem In- und Ausland zu zeigen, daß eine entschiedene Mehrheit unseres Volkes dieser patriotischen Notwendigkeit Rechnung tragen will.(Beifall bei den bürgerlichen Parteien.) Abg. Dr. Südekum(Soz.): Diesen letzten Worten gegenüber stelle ich nochmals fest, daß wir in der Wehrvorlage nicht ein Werk zur Sicherung des Vater- landes sehen, sondern im Gegenteil eine neue Gefahr für daS Vaterland. Wir werden deshalb nach wie vor aus richtig verstandenem Patriotismus gegen die Wehrvorlage stimmen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten) Wir haben von Anfang er- klärt, daß, wenn es uns mit aller uns zu Gebote stehenden Kraft nicht möglich ist, die Wehrvorlage zu verhindern, wir dann alles daran setzen werden, wenigstens bei der D e ck u n g dafür zu sorgen, daß die Lasten der neuen Heeresvermehrung d«n besitzenden Klassen auferlegt werden, die nicht müde werden, nach neuen Wehr- vorlagen zu schreien, und die es bisher verstanden hatten, alle aus den Rüstungen entspringenden Lasten mittel» der indirekten Steuern und Matrikularbeiträge auf die Minderbemittelten zu überwälzen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. Widerspruch rechts.) Wir' sind gewillt, die§§ 1 und 2 des FinanzgesetzeZ abz»- lehnen, die veredelten Matrikularbeiträge zu verwerfen und damit den Weg frei zu machen für die Besteuerung deS Besitzes. Die unendlich vielen Schäden der Matrikularbeiträge hätten längst ihre Abschaffung erfordert, das einzige, was für die Aufrecht- Haltung dieses Systems sprechen könnte, ist ein wenigstens scheinbares Einnahmebewilligungsrecht des Reichstags. Alles andere aber spricht dagegen, namentlich der Charakter der Matrikulatarbeiträge als eine reich und arm mit denselben Beträgen belastende Kopf st euer. Freilich Ivollte man jetzt die veredelten Matrikularbeiträge ein- führen.(Infolge der zahlreichen Privatgesprache, namentlich auf der Rechten, herrscht so starke Unruhe, daß der Redner die"sich Unterhaltenden mit folgenden Worten apostrophiert: Den Herren, die es so eilig haben, noch vor dem Schluß der Session ihre Privatgespräche zu erledigen, �-möchte ich mitteilen, daß-tsie so schnell, lv!e Sie denken, doch nicht nach Hause kommen werden und ihre Privatgespräche also ganz ruhig noch auf den Sonntag aufsparen können I(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten. Präsident K a e m p f sieht sich jetzt auch veranlaßt, durch Läuten zur Ruhe zu mahnen.) Auch die veredelten Matrilularbeiträgc können nicht aus unsere Zustimmung rechnen; wenn sie auch einen etwas bessereu Maßstab für die Umlegung erhalten sollten, als bisher, so steht doch ihrer Einsiihrung das große Bedenken entgegen, daß sie den Weg zu einer wirklichen direkten Besitzsteuer durch eine quoiisierbare Steuer mehr v e r s p e r r e n a l S öffnen. Deshalb müssen sie zunächst anS dem Wege geschafft werden, damit loir einfache Berhältnisie im Reiche bekommen, die für die Zukunft die direkte Bcsitzbcstcucrung ermöglichen.(Zustimmung links.) Unsere alte Forderung einer direkten Reichs- Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftssteuer ist in dieser Vorlage nicht in ihrem vollen Umfang erfüllt worden � aber wir verkennen nicht, daß sie in gewissem Umfang allerdings dem Rechnung trägt, wofür wir viele Jahre lang hier und im Lande eingetreten sind. Es ist der Einfluß unserer llv Mandate und der 4'/� Million sozialdemokratischer Wähler, der es dahin gebracht hat, daß die DeckungSvorlage in ihrer Gestalt von der Regienmg präsentiert wurde, und noch viel inehr scheint 'Iiis das der Fall zu fein bei den Beschlüssen � der 1 o m m i s s i o n.(Stürmisches Hört! hört!. rechts.) In der liegicrungsvorlage war namentlich die Besteuerung des tindeserbes doch nur fakultativ eingeführt, während wir als --rechte und den Verhältnissen entsprechende Besteuerung die rrbanfallsteuer ansehen müssen. Die KommissionSbcschlnsse bewegen sich auf dem Weg nach diesem Ziel, daS zu erreichen durch die Beschlüsse deS Hauses von 1909 vereitelt wurde. DaS Zentrum. hat seinen Stellungswechsel in der Frage der Besteuerung des .liudeSerbeS in Artikeln der ZentrrrtnSprcsse begründet, die an Gliederverrenkung alles leisten, was man verlangen konnte. .Heiterkeit links.) Es geht daraus hervor, daß das Zentrum gegen die Besteuerung deS Kindeserbes gewesen ist, nicht, weil die von ihm dagegen vorgebrachten sozialen und volkspsychologischen Gründe ivirklich ausschlaggebend wären, sondern weil es anS der politischen Situation jener Tage heraus die Regierung stürzen wollte, die die Erbanfallsteuer vorgeschlagen hatte. Nun, wenn eine große Partei von diesem Standpunkte ausgeht, so ist das ihr gutes Recht; aber jetzt in diesem Augenblick stellt sich das Zentrum anders; und zwar doch nicht um der schönen Augen der Regierung willen, sondern offenbar unter dem Eindruck, daß man gegen den außerordentlichen Dnick, der sich verkörpert in dem An wachse it der Sozialdemokratie, mit einer dauernden Ablehnung der Besteuerung auch de? KindeScrbcS nicht werde Seide spinnen können.(Lachen im Zentrum, Znstinimung bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Bas»ermann hat erklärt, wenn auch das Kom- promiß dor KommissionSbcschlüsse nicht befriedigend sei, so habe sich doch ettvas anderes nicht schaffen lassen. Es sei zwar zweifellos eine Mehrheit für die Vermögens- und Erbschaftssteuer vorhanden, aber die Nebenbedingungen dafür konnten mit der dazu vor- handencn Mehrheit nicht erfüllt werden, Deiugegenübcr stelle ich fest, daß wenn wir in diesem Augenblick nicht zur reinen Ver- inögenssteuer im Reich komnrcn, dies in erster Linie nur die Schuldder Parrci deSAbg. Basser mann, der Ratio- n a l l i b e r a l c n ist.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Es hätte sich eine Mehrheit mit den Nalionalliberalen für eine Ver- mögenS- und namentlich auch für eine Erbanfallstener bilden lassen, die, ohne exzessive Forderungen auszustellen, doch den Bedarf, der jetzt zu decken ist, wirklich gedeckt haben würde. Das ist an der nationalliberalen Partei gescheitert und das ist Ihre Schuld!' � Die Lösung, die die Kommission durch die Zuwackisbesteueruiig gefunden hat, befriedigt uns nicht. Wir verkeimen durchaus nicht die Bedenken, die dafür sprachen, des Vermögen selbst von der Besteuerung freizulassen und den Vermögenszuwachs zu treffen. Wir wissen sehr ivohl, daß sonst zuerst die ivirklich vorwärtStrcibcr.den volkswirtschaftlichen Elemente und die städtische Bevölkerung härter ge- troffen worden wären als die ländliche. Aber gegen alle dies« Be- denken, die wir tcilcir, habe ich sestzustellen: was an dieser Besitz- besteneriing n n s o z i a I ist, f ä l l t uns nicht zur L a st, was au ihr gut ist, können w i r a u f u n s e r K o n t o schreiben, lGroßes Gelächter rechts und im Zentrum.) Es liegt auf der Hand, daß nur unter dem Druck der Sozialdemokratie die Besitzbesteuerung jetzt möglich geworden ist. Daher ist der Grundgedanke uns zuzuschreiben, t Sehr richtig! bei den Sozial- dcmokraten. Vereinzelte? Sehr richtig! rechts.) Es liegt Weiler auf der Hand, daß wenn nicht ein Teil der zu bildenden'Mehrheit für die Vermögens- und Erbschaftssteuer ver» a g t hätte, wir die reine Vermögens- und Erbschastsstelier bekommen hätten, also die un- sozialen Elemente in diesem Gesetz sollen anderen Leuten zur Last, nicht litis, und ich bin daher berechtigt, daß für meine Partei zu reklamieren, was ich soeben für sie in Anspruch genommen habe, »Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten, Hört'! hon! rechts.) Wir brauchen aber auch das, wa? wir erreicht haben, durchaus nicht allzu gering einzuschätzen. So antisozial die Kommissions- beschlüsse auch sind, so bergen sie doch den 5t c i m der V e r b e s s e- rung in sich,(Stürm, Hört! hört!) rechts.) Die„5drenzztg." von heute sagt:.Da? Kompromiß bedeutet die Ehiführung einer unmittelbaren Reichcvermögens-, NcichSeinkommeiiS-,.und ReichSerbschansbcstcuc-- rung.(Sehr wahr! rechts. Sehr gilt! links.) Die«Deutsche Togesztg.' iagie gestern abend noch, daß die lebhaften und liesentpfunvenen Bedenken sich nicht nur gegen die steuerliche Erfassung dcS siindes- eide' und die Doppelbesteuerung der auf entfernte Verwaiidte oder Richtvcrwandte übergehenden Erbschaften richten, sondern in erster L.nie auf staatsrechtlichem Gebiet liegen. Die Vermögens- ztuvachssicuer sei tarsächlich der erste Schritt zu einein atlgc- meinen NeichSverrnögenSsteuergesetz und auch zi; einem Reich?» einkommenstcuergesetz.(Sehr richtig! rechts. Bravo! links.) Am Abend vorher halte dieselbe«Deutsche TagcSztg." ganz feierlich anSholend ihren Artikel begonnen:«So ist es denn geschehen! Clonftuminatum est! Tie Budgctkommission des Neichstages hat die Besteuerung des L.iiideSerbes beschlossen."(Abg. Dr. Oertel nickt zustimmend.) Tos sind doch(auf Dr. Öertol weisend) gewichtige Zeugniiie i?roße Heiterkeit) zur Bekrästigung dessen, was ich gesagt habe. I« diesem Gesetze ist allerdings ein Wandel in der Finmizgebarimg deS Reiches sestzustellen(Lebhaftes Sehr richtig! rechts), eine Abkehr von un- serer früheren Finanzpolitik(Erneute lcbbas!« Zustimmung rechts und bei den Sozialdemokraten), die Lasten ausschließlich auf die B e- s i tz l o s e n zil werfen, die Lasten derjenigen Gesetze, die die B e- sitzenden in erster Linte verlangen.(Lebhafte Zttstlinmlmg bei den Sozialdemokraten; Widersprich rechts.) WaS in den langen Jahrzehnten der deutschen Finanzgeschichte -ueine Partei erstrebl hat: die direkte Besteuerung des Besitze?, de? Einkommens und des K i n d e? e r b c s, ist jetzt zwar noch nicht ausreichend, aber allerdings zu ciuem' Teil uns vorgeschlagen:«So ist e? denn geschehen!' (Große Heiterkeit, lebhafte Zustimmung links, Hörll hört! rechts.) Aver für uns kann das nür der Anfang sein, die nn- sozialen Momente müssen heraus, von der Zuwachssteuer münen wir zur Vermögenssteuer kommen, und als meine besten Bundes- genossen auf diesem Wege sehe ich die führenden Kreise, namentlich auch des städtischen Besitzes an,(Abg. m r e t h: Hansabimd.') T ie werden dafür sorgen, daß der Gedanke der direkten Vermögens- beste iieruNg. der im wesentlichen bisher nne von meiner Partei propagiert wurde, in ganz anderer Weise in den Vordergrund der politischen Erörterung geschoben, zur Frage des politischen Kampfes wird, und daß schon die nächsten Reichstagswahlen sich Hilter dem Zeichen abspielen werden: ll in w a n d l u n g oder Weiterbildung der Zu w a ch S st e n e r in ein« reine Vermögenssteuer mit der Ergänzung durch die Erbanfallsteuer, um jeder Steuerhinterziehung ein Ende zu bereiten!(Hört! hört! rechts) Wer die direkt« Besteuerung im Reiche will, der darf nicht dem kou- servaiiven Antrag Graf Westarp zustimmen, denn die Beseitigung der veredelten Matrikularbeiträge allein öffnet den Weg zur direkten Besteuerung. Aber der konservative Antrag hat auch noch die Be« deutung, daß er das Märchen zerstört jjon einem einheitlichen Kompromiß der bürgerlichen Parteien. So bitte ich Sie denn, unter dem Vorbehalt iveiterer AnSführüngeil zur Besitzstener, zunächst imter Anerkennung des Grundgedankens: daß wir in der Zuwachs- »teilet die Einführung der direkten VermögenSbestenerung im Reiche erkennen, den konservativen Antrag abzulehnen und es bei dem Beschluß der Kommission zu belassen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Ein konservativer Antrag auf namentliche Ab- st i m m u n g tvird ausreichend unterstützt. Abg. Graf Zlchwcrin-Löwilz ik.): Wir bedauern, daß die Vorlage der Regierung von ihren Vertretern selbst bisher nicht mit der nötigen Entschieden- heit vertreten»vorden ist.(Sehr gut! rechts.) Artikel 75 der ReichSverfasfung bestimmt, daß die Ausgaben des Reichs in erster Linie durch die Bundesstaaten und durch die Zölle auszubringen sind. Ob die bisherige Erbschaftssteuer eine Durchbrechung dieses Prinzips gewesen ist, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls hat die Regierung diese Steuer damals als indirekte Steuer bezeichnet. Niemals aber haben die Negierungen den geringsten Zweifel darüber gelassen, daß eine direkte ReichSverniögenS- und ReichSeinkonimen- steuer die Wurzel unserer R e i ch S v c r f a s s u n g treffen würde. iSehr richtig! rechts.) Und bei Einbringung dieser Vorlage sind sie jedenfalls auch noch von diesem Standpunkt ausgegangen. Daran, daß eine so große Wehlvorlage lediglich durch eine Besitzsteuer gedeckt werden müsse, bat seinerzeit bei dem Besitz- sieueranlrag B a s s e r m a n n- E r z b e r g c r niemand g e- dacht,(Sehr wahr! rechts.) Herr Bassevmann sagte, es würde nicht dem Wunsche Bismarcks entspreche», daß da? Reich Kostgänger der Einzelstaaten sei. Aber noch viel weniger ist es im Sinne Bismarcks, wenn das Reich die Steuerguellen der Einzelstaaten selbst anfaßt. Auch gegen die subsidiäre Besitzsteuer, wie sie die Vor- läge enthält, haben wir s ch>v e r e Bedenken, aber wir sind bereit, ihr zuzustimmen und die ganzen Lasten auf den Besitz zu nehmen. Aber eS geht über das Maß hinaus, wenn man jetzt in die Grundlagen der Verfassung und die Selbständigkeit der Einzelstaaten eingreift und ebenso sollte das über das Maß dessen hinausgehen, was die Regierung zugeben kann.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Man soll sich doch nicht über den Eharalier der jetzt vorgeschlagenen Besitzsteuer täuschen. Schon die f r e u d i g e Z u st i m m u n g, die sie bei den Sozialdemokralen findet, zeigt, wohin sie führt. Und der Vorredner hat vollkommen recht, sie ist nichts als eine 5k o m b i n a t i o n von Reichs- e i n k o m m e n S- und Reichserbschafts st euer.(Sehr richiig! rechts.) Dazu kommt, daß die Vermögciiszuwachssteuer eine B e st e n e r>i ii g der Sparsamkeit bedeutet. Was bestimmt die Verbündeten Regierungen, die eine Reichsvermögenssteuer stets für unannehmbar erklärt haben, diesem Kompromiß zuzustimmen? In meiner mehr als zwanzigjährigen Praxis ist noch nie eine Regierungsvorlage so schwach von der Regierung selbst vertreten worden: es machie von vornherein dey Eindruck, als sei es der Regierung»elbst nicht recht ernst mit der Vorlage. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich gebe ja die Hoffnung auch heute noch nicht auf(Große Heiterkeit rechts), daß der Reichskanzler wenigstens heute noch eine Lanze für seine Vorlage einlegen wird— denen, die unter Ihnen noch ge- willt sind, an der bundesstaatlichen Verfassung des Reiches nicht rütteln zu lassen, möchte ich noch einmal in letzter Stunde die volle Tragtveite ihrer Entschließung zu be- denken geben. Die Erfüllung ihrer.Kulturaiifgabrn wird durch das Kompromiß der Bimdesstaatcii unmöglich gemacht zu Gunsten einer nivellierenden Tendenz wie sie nur im S i» n e der Sozial- demolratie liegt. Lehnen Sie uniern Antrag ab, dann lehnen wir unsererseits jede Veraniwortung für die ver- hängnisvckllen Folgen ab, welche die Preisgabe der verfassiiugsrechtlicheii Grundlagen des Reiches mit Naturnot- wendigkeit nach sich ziehen muß.(Stürmischer Beifall rechts.) ReichKschajfsekretär Kühn: Die Negierungen haben dem Besitzsteuergesetz Basserman-Erz- berger zugestimmt' und müssen jetzt d i e K o n s e q u e n z e n daraus ziehen.(Sehr richtig! links.) Wenn die Bundesstaaten trotz aller Bedenken auf den Weg treten würden, der jetzt von der Kommission vorgeschagen wird, so würden sie daS tun, weil sie das große Werk, das jetzt seiner Vollendung entgegengeht, soweit möglich, mit all- s e i t i g e r Zustimmung zustande bringen möchte n. Sie würden das tun in voller Auerkennimg. die dem Reichstag als anderem Faktor der Gesetzgebung zukommt.(Bravo! links.) Sie würden das allerdings auch in der Voraussetzung tun, daß sie nunmehr in bezug auf die Steucrgebiete, die ihnen ver- bleiben, nicht weiter eingeengt werden.(Lautes Lachen rechts.) Wir stehen hier vor' ungemein e r n st e n Dinge». (Sehr richtig! links.) Die Lasten» die die deutsche Nation jetzt auf sich lade» will, sind so ungeheuer, sie dürsten von jedem ihrer Glieder gefühlt werden, ob er direkt zur Steuer herangezogen wird oder nicht. Wenn der Reichstag den Be'chlüssen der Kommission� zu- stimmen sollte, und sich auf dieser Grundlage die Aussicht eröffnen sollte, daß wir zu einer bcftiedigenden Lösung der großen uns obliegenden Arbeit gelangen, wird die Regierung in eirte erneute Prüfiliig ihrer ernsten Bedenken eintreten, Ucberraicht hat mich, daß der» o z i a l d e m o k r a t i i ch e Redner die Besiysteuer als das Werk»einer Partei binnellte. Die Vorlage der Vermögenszuwachs- »'teuer ist Ihnen vom Bundesrat vorgelegt worden, der dabei aller- dings soziale, aber ni.tr io�ialdcniokraiische Tendenzen verfolgt hat. (HetterkeiT.) Der letzte Redner hat sich mit großer Schärfe gegen die Haltung der Regierung in der Kommiision gewandt. Nach meiner langen, mehr als zwanzigjährigen Praxis kann ich hier feststellen, daß noch niemals an einem großen Sienergesctz so einmütig und so bereitwillig von allen Seiten mitgearbeiter worden ist wie an den vorliegenden Gesetzen, und(mir erhobener Skimine) das ist ein Mvnienk, mit dem die Vertreter der Regierungen intch zu rechnen haben,(Lebhafter Veisall links) Abg. v. Paftcr(Vp.): Wir haben der Wehrvorlage nicht freudig, wie Herr Äasiermernn. zugestlMint, sondern weil wir es für imfere vater- l et» di s ch e Pf l i ch k hielten. Jedenfalls mußten wir dann auch für die Deckung sorgen. Für die Erbansallsteuer, die ja wohl eine Mehrheit hier gesunden häkle, einztitreten, hatte gewiß parieipoli- tischen Reiz. Aber die Rücksicht auf die Sacke selbst war dock wick- liger. Im Übrigen ist die Erbanfallskeiier ja auch in dem Kompromiß eiilhalien: das Ziel unserer Kitir.pfe ist also erreicht, T>« ReickisvernivgenSsteiler koniiteit»vir nicht einführen, weil die Zustimmung d e r 31 e g i e r u n g da zu nicht zu haben>var. Ich begrüße es, daß die Bimdesslaaten iveiiigsienS den jetzt vor- liegenden Konipromißvorickläaen zuzuinnmien gedenken, trotzdem auck diese eincrr" zcwisieu Gingriff in ihre Selbständigkeit enthalten. Die 3!ede des Grafen S ch Iv c r in hat u»S erst recht gezeigt, d a ß iv i r auf dem rechten Wege sind.(Bravo! links>— Daß die Vcrbefferiingen der Vorlage auSschließ I i ch ein Verdienst der Sozialdemokraten seien, muß ich aber znrückweksen. Wir anderen Huben auch gewußt, was wir, wollte», auch wir waren bestrebt, die Vorlage im sozialen Sinn und im Stime der Gerecktigkeit auszugestalten.(Bravo! bei der Volksvartet.)— Allen individuellen Ber- bältnisien der Steuerzahler kann eine Bermogeussteuer nie Rechnimg tragen und noch iveniger«in so k fernes Z n f a tz v e r m L g e n s st e u« r ck e n, wie wir es jetzt einsühren. Die starke Kritik geaeu den Eiitwurs ist zu»iiiem großen Teil wohl darauf zurückzufützre», daß. die öffentliche Meiuunjj nicht genügend vorbereitet werden konnte. Aber wir wollen hierfür mit der Regierung nicht zu scharf ins Gericht gehen, sckon um sie zu stärken gegen die Angriffe von der rechten Seite, die sich bis zu der Drohung steigerten, man werde den konservativen Gin- f l u ß schon bemerkbar macken, wenn die Regierung nicht pater peccavi sage. Freilich muß man im Bundesrat jetzt Spar- famkeit walten lassen und darf nicht im nächsten Jahre wieder mit einer Marinevorlage kommen, dann wieder mit einer Militärvorlage;'darin sind wir jetzt an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit.(Sehr ivahr! bei der Volkspartei.i Sollten trotzdem neue Vorlagen kommen, so werden wir mit Flickwerk nicht mehr auskommen, dann ivird der Eingriff in die Selbständigkeit der Bundesstaaten eintreten müssen, von dem die Kon- servativen heute schon ipracken. Das Erfreulichste an dem Kom- promiß ist, daß die Konservativen, die bisher unserer Steuerpolitik den Stempel aufged.rückt haben, e»' diesmal nicht tun konnten: dies bedeulet einen Wendepunkt in n n f e r e r S t e u e r p o l i t i k, den wir nicht der Regierung vordanlcut. sondern uns selbst. Ziehen wir daraus den Schluß, uns stets au? die eigene Kraft zu verlassen. (Lebhafter Beifall bei det Volkspartei.) Abg. Schultz(R»: Das Kennzeichen der Situation ist die', begeisterte Zustimmung der Sozialdemokratie zu den Beschlüssen der Kommission. Nur scheinbar handelt es sich um ein iiation.Bliberalcö Kompromiß, in Wirklichkeit ist- die Sozialdemokrat te Siegerin auf auf der ganzen Linie.(Heilerkeit links.) Im Lande hat die BermögenSziiwachsstcuer eine außerordentlicheAufregung hervorgerusen. gerade auch in liberalen Kreisen.»Sehr ivahr l rechts.) Im Lande ist allgemein der Eindruck, daß.Wie Vermögens« zuwachsslener eine Steuer auf den Sparer ,'st. Auch über die Erträgnisse der Steuer gfi.t man sich TäuschunKen hin: olle schönen Berechnungen werden bsi abflauender Konjunkl er über den Hausen geworfen werden.(Sehr ricktig rechts.) SeHr bedauerlich ist, daß die Finanzminister der Einzelstaaten nicht mehr die ölraft haben, dem unheilvollen Beginnen zu widerstehen! Wer hätte daS noch im Jahre 1909 gedacht!(Heiterkeit links.) Tie Regierung hat ihre Vorlage leickten Herzens fallen lassen, weder in der Kommtiston noch hier hat sie sie energssch verteidigt: deshalb fürchte ich. daß sie nicht die Kralt haben toü'd, auf der abschüssigen Bahn Halt zu machen.(Zustimmung' rechts.) Herr P a y e r freute sich, daß die Rechte bei der Finanzpolitik aus« geschaltet wird und erblickte hierin einen Wendepunkt auch für iinsere Wirtschajispolitik. Wir haben die bewährte Bismarcksche SLirt- schaftspolitik vertreten und werden das auch in Zukunft.Pu. (Beifall recht?.) Abg. Dr. Tüdcktlm(Soz.): Herr Payer sagte, das Verdienst um alle Verbesserungen i» diesem Gesetz habe ich für die Sozialdemokratie in Anspruch ge- nommen. Ich habe lediglich betont: der Grundgedanke der Besitzbesteuerung ist von uns nicht nur jahrzehntelang propagiert, sondern auch durch diese Propagierung so stark geworden, daß er in die Wirklichkeit übergeführt werden kann.»Sehr wahr! bei den Sozialdemoktatcn.) Daß wir ihn nickt so durchführen können« mit einer Erbschafrs- und llteichsvermögenssteuer, wie wir es»vollen, verdanken wir dem Umstände, daß»vir nicht über die Mehrheit: verfügen, sondern das andere Parteien mitivirken mußten, daß»vir eben noch einen Erdenrest zu tragen haben. Der Gedanke der Besitzstener gebührt uns, seine schlechte Ausführung den anderen Parteien.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten).. In England hat man bei Debatten, bei denen sozialistische Maßnahmen in Frage kamen, immer erklärt, die. Maßnahme ist: garnicht sozialistisch,»andern sozial. Allmählich aber wnßte man.. als der Sozialismus stärker wurde, die Taktik ändern, und Harcourt! sagte, bei solcher Gelegenheit,»vir sind ja alle Sozialisten.. Vielleicht kommen auch unsere Minister noch einmal dazu, zu sagen. wir sind ja alle eilt bißchen Sozialisten.(Große Heiterkeit.) Auf keinen Fall hat der Staatssekretär recht, wenn er meint, diesem Gesetz liege kein sozialdemokratischer, sondern nur ein sozialer Ge- danke zugrunde. Rein, diese Befttzbesreuerung ist ein ganz richtiger sozialdemokratischer Gedanke. (Sehr rkchffg! bei den Sozialdemokraten und reckt?.) Er steht in unserem Programm. Und wir haben ihn jähr- zehntesang propagiert. Die Ausführungen de? Grasen Schwerin waren zum Teil mckßlos übertrieben. Er sagte, den Eingriff in die Steuerhoheit der Einzelstaaten könnle seine Partei. nicht mitmachen. Aber im Jahre 1911 war Graf Westarp. der eifrigste Befürworter des RetchsivertzuwachssteuergesetzeS. Dies Argument ist also nicht das wahre Motiv des Widerstandes der Konservativeit gegen das Gesetz. DaS wahre Motiv ist wohl au« einer Aeußerung des Herrn v. Heydebrand zu erkennen, die mir noch in den Obren klingt, daß man nämlich dem aus einem: demokratischen Wahlrecht hervorgegangenen Reichstag: nicht das V e r f ü g n n g s r e ch r über das Portemonnaie der Besitzenden gehen darf. Das ist der wirkliche Grund der Konservativen.(Lebhafte Zusiimmung links.) Sie suchen die Re- gierung und die anderen Parteien'charf zu macken, indem Sie vrophezeien, es hebe ein S t ü ck W e l t n n t e r g a n g an, damit die anderen Ihnen Helsen, daß es bleibt wie bisher, daß Sst die Ausgaben bewilligen und das arbeitende Volk sie bezahlt. Herr Schultz hat etivas gedämpft nur dasselbe getagt,»vi« Graf Schwerin. Manche feiner finanziellen Bedenken teilen wir: des- halb haben wir uns anck keineswegs als Sieger aufgespielt. Richtig ist, daß er sagte: Wer hätte 1999 noch gedockt, daß es so komme» würde? Ja. zwischen 1999»nd 1913 liegt eben 1912, und 1912 bor die Tat fachen gebracht, vor denen wir jetzt stehen.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.» Wenn es nach uns ginge« wird Herr Schultz noch mehr solcher blauer Wunder erleben, denn vor inis liegt auch noch die N e u a e st a l t ui�g unserer Handelspolitik.(Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Neichsschatzsokretär Kühn wendet sich gegen die Ausführungen des Abg. Schultz; wenn daS Gesetz unvereinbar wäre mir dem Wohlergehen des Reiches, würden die Bundesregierungen und die Reichsleitung ihm niemals ihre Zu» stimmung geben. Damit schließt die Tebakle. Ter Antrag Graf Westarp aaf Wiederherstellung der Re- gierungsvorlage wird in namentlicher Abstimmung mit 272 gegen 91 Stimmen bei 2 Stimmenthalliingra abgelehnt. Nach§ 8a wird das Gesetz über die spätere Ermäßigung der Zucker st euer aufgehoben. Abg. Kley«(natl.): Die Regierung hat die Aushebung der Zuckersteuer ausdrücklich versprochen. Herr Spahn hat das als einen Kardinalpunkt s n r da» Z e n ttu rn bezeichnet und wenn da» Zentrum von einem ..Kardiiiz«« prändenten Dave wiederholt zur Sache gerufen.— Mit 75 Proz. wird der Zucker�besteuert, die Zuckersteuer ist geradezu die idealste Steuer für den schatzfekretär. Lassen Sie von dem fiskalischen Stand- Punkt ah, der die Zuckerindustrie schwer schädigt. Abg. Wurm(Soz.): Der Zuckerindustrie ist nur durch Beseitigung der Zucker« steuer zu helfen. Ausfuhrprämien wird der Reichstag der Zucker-, indnstrie nicht mehr benritligeii, wie sie früher bestanden und der Zuckerindustrie Millionen zugeführt haben. Die Konvention ist nur eine Folge jener PrSmienpoliiik gewesen, die die Zuckerfobrikant-n in die Lage versetzte, den Zucker zu Schleuderpreisen zu verkaufen� DaS zwang dte ausländischen Staaten zu Straizöllcn und'o muß!« di« Konvention geschlossen werden, die es Ltußland ermöglichte, auch seine Ware auf den Markt zu bringen. Wäre die Zuckerindustrie nicht damals künstlich großgefüttert worden auf Kosten der Aermsten der Bevölkerung, so wäre es zu diesen Zuständen nicht gekommen. Noch heute ist die Arbettersamtue mit 10 Mark jährlich durch die Zuckersteuer belastet. Die Verteuerung des ZuckerS durch die Steuer hindert die Vergrößerung des Zuckerverbrauchs. Als sie ermäßigt war, ist der Konsum von 13 auf 19 Kilogramm pro Kopf gestiegen. Daß der Zucker die körperliche Widerstandskraft durch Erleichterung der Atmung erhöht, hat auch die Heeresverwaltung anerkannt, indem sie den Soldaten bei Märschen Zucker gibt. Drei Fünftel der deutschen Zuckerproduktion sind heute auf den Auslandsmarkt angewiesen. Und dieser wird uns immer mehr abgeschnitten durch die Konkurrenz Italiens, Rußlands, mit dem Zucker aus Zuckerrohr, der auf Kuba gewonnen wird. Dieser naturgemäßen Konkurrenz gegenüber wird sich die künstliche Herstellung des Zuckers aus Rüben nicht halten können. Der Vor- redner hat nur die Interessen der Zuckerindustrie vertreten. Er will Wiederherstellung des Kartells, damit die Industrie die Konsumenten wieder ungehindert ausbeuten kann.(Sehr richtig! b.d. Soz.) Es ist ja skandalös, wie hier im Reichstag mir der Zucker- steuer umgegangen wird. Erst hieß es, sie solle 1907 auf- gehoben werden; bei der Finanzreform von 1909 wurde fest- gelegt, gesetzlich festgelegt, daß sie 1915 aufgehoben wird, und jetzt wird das Versprechen wieder gebrochen. Der Vorredner sagte, daS geschieht aus Patriotismus. Dieser Patriotismus hat aber einen sehr metallischen Beigesch in ack; denn die 40 Millionen müßten sonst auf anderem Wege, und zwar aus dem Portemonnaie der Besitzenden, aufgebracht werden. Wir be- trachten den Zucker nicht als Luxus-, sondern als ein not- wendiges Nahrungsmittel. Den Herren rechts verschlägt daS natürlich nicht?: sie verteuern ja unbedenklich die notwendigsten Nahrungsmittel. Wir verlangen, daß das. was gesetz- lich festgelegt ist bei der Finanzreform von 1909, bei diesem Gesetz nicht wieder aufgehoben wird; wir verlangen Einlösung des Versprechens, da»nit daS Volk endlich billigeren Zucker erhalte. Wir beantragen daher die Streichung des ß 3a. lDeifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf v. Carmer-Zieserwist(k.) befürwortet einen Antrag, die Herabsetzung der Zuckersteuer am 1. April 1918 eintreten zu lassen.� Wir können es nicht ver- aurworleu, daß der Gedanke der Herabietzung der Zuckersteuer gänz- lich fallen gelassen wird. Em Ausfall an Einnahmen würde durch solche Herabsetzung übrigens gar nicht eintreten, da der Konsum sich erheblich steigern würde. Abg. v. Meding(Weife) tritt für die Herabsetzung der Zuckersteuer ein; die Sozial- demokraten hätten sehr wohl die Macht gehabt, dicS zu erzwingen. Abg. Kleye(natl.): Di- internationalen Sozialdemokraten sollten dafür sorgen, daß der Zucker in allen Staaten gleich behandelt werde, vor allem in Rußland ebenso wie bei uns; dann brauchten wir keine Karlelle, damit unsere Zuckerindustrie über die Rußlands siegt. In A m e r i k a werden wir freilich die Konkurrenz mit dem kubanischen Zucker nicht ausnehmen können. Abg. Wurm(Soz.): Ich quittiere mit Vergnügen, daß die Wolfen und National- liberalen uns zu Hilfe rufen zur Beseitigung einer die Volks- Wirtschaft ruinierenden Politik. Wir werden uns' die größte Mühe dazu geben. Hoffentlich helfen Sie uns dann aber; speziell der Vorredner sollte seinen Freund P a a s ch e, der ja mitschuldig ist an der Zuckersteuergesetzgebung, an der Prämienwirtschaft, dazu bewegen. So lange wir die Mehrheit nicht haben, können wir allein die Gesetze nicht mache». jBeisall bei den Sozialdemokraten.) Unter Ablehnung der gestellten Anträge wird Z 3» aufrecht erhalte». § 4 sieht die Erhöhung des Kriegsschatzes durch Prägung weiterer 120 Millionen Silbermünzen vor. Abg. Dr. Arendt(Rp.): Zch möchte dringend warnen vor dieser Verschlechterung des Goldumlaufes. Sehr bedenklich ist auch die ini nächsten Para- graphen vorgesehene Ausgabe von ISO Millionen weiterer Reichs- kasienscheine zu b und 10 M. Bedauerlich ist die geringe Aus- Prägung der I u b i l ä u m s m ü n z e n, die, so häßlich sie sind, doch sehr verlangt werden. Abg. Molkenbuhr(Soz.): Wir halten diesen Paragraphen für eine Schädigung unseres Wirtschaftslebens. Es wird von dem hohen Bankdiskont stark be> droht. Der Grund dieses hohen Diskontsatzes ist, daß die Gold- ansammlungen nicht Schritt hielten mit der industriellen Eni- Wickelung und dem dadurch steigeiiden Geldbedarf. Es wird be- hauptet, daß das meiste Gold die Massen im Portemonnaie tragen. Des- halb wurden kleine Kassenscheine ausgegeben um das Gold in die Bank zu ziehen. Jetzt soll nun wieder die Goldreserve um über 100 Millionen verringert werde». DaS wird den Diskont wieder erhöhen. Wenn man sagt, man werde im Kriegssalle das Gold in der Bank zurück- hallen, lo heißt daS nichts weiter als daß das Münzgesctz dann aufgehoben werden soll, wonach jeder Anspruch hat, Summen über 20 M. in Gold zu erhalten. Wir werden gegen diesen Paragraphen stimmen. ziwird angenommen: ebenso der Rest de? Gesetzes Über Aeiidernngen im Finanzwesen. Es folgt das Ycrniögcnszuwachöftcuergerctz. Abg. Arnstadt(kons.): befürwortet einen Antrag, pgZ Kindeserbe ans der Besteuerung herauszulafseil. Es ist dies nur der erste Schritt zur Ausdehnung der Neilbscrbschaflsstcuer auf Kinder und Ehegalten.(Sehr richtig! links.) Das muß zur Mobilisierung�deS ländlichen Grundbesitzes und zum Ruin unsere» Bauernstandes führen. lGelächter links.) Wenn die Sieuer auch noch so abgeschwächt ist, so müssen wir sie doch grundsätzlich ablehnen. Abg. Dr. David(Soz.): Die Klagegesänge, die Schmer, kundgebungcn der Rechten, die wir bisher gehört haben, rühren eigentlich nur von dieser Besten«- rung des Klndcserbes her.(Sehr richtig! rcchiS.) Der Vorredner meinte, das Kindcserbe sei gar l e r n V e c m ö g e n S z u w a ch s. N„'o wenn ei» Vater sein Kind enterbt, gehl diesem nichts verloren, das ist Ihre Logik. sGroße Heiterkeit.) ES rächt sich hier da; Perbalten der Konservattven und de» ZenuumS vom Jahre 1009, oU Tie den Reichskanzler v. B ü l o w über die Klinge springen ließen wegen des Kindeserbes. Der Vorredner sagte, damals wäre das Kindeserbe gar nicht lo scharf berangezogen worden. Sehen Sie, nachträglich kommt Ihnen jetzt die Reu«(Heiler- k»il>', daß Sie damals nicht das mildere Gesetz angenommen haben. Hier kommt jetzt... die ttöhnc für icne Tat. Uebrigens entspringt auch der Gedanke de? KindeserbcZ einer s o- S i a l'd c m o k r a t i s ch e n Auregimg. Wir hatten das Kindcserbe 1906 beim Erbschaftssteuergesetz schon beantragt. Damals haben die Mehrheilsparteien diesen unseren Antrag abgelehnt. l90g wnrde dieser 1906 abgelehnte sozialdemokratische Anlrag als Regierungsvorlage eingebracht.(Zuruf rechls: leider!) Lm Sinne der Gerechtigkeit gewiß nicht leider.(Zusiimiiiung ba den Sozialdemokraten.) Auch 1900 haben Sie dielen Antrag ab- «elchiit, heule werden Sie eS nickt wieder tu». Wir haben 1906 und 1909 auch Anträge auf Erhöhung der Erbschastsstcueriatze ba Seite ii verwandten gestellt, die Sie ablehnten, beule haben Sie sie annehmen m ü s s e n. Das muß festgestellt werden. Fürst Bülow sprach von dar p fantastischen Ast- tragen der Sozialdemokratie, die keiner ernst nehnien könne, die Sozialdemokratie sage immer nur nein, und könne nichts erreichen. jch Ihnen gleich eine Reihe von Dingen ge- zeigt, die wir erreicht haben, 1907 waren Sie voller Triumph, da fiel das Wort von den Niedergerittenen/ die man ausgeschaltet. deren Einfluß man gebrochen habe. Heute fitzen die Niedergerittenen auf der rechten Seite, und zwar sind Sie niedergeritten, weil Sie Ihren Mandatsgewinn von 1907 ausgenutzt haben zu einer Sleuergesetzgebnng, die das Gegenteil von Gerechtigkeit war.(Sehr richtig! links). Der Vorredner sprach mit etivas verächtlichem Tonfall vom FiskuS, der beim Uebergang des Erbes vom Vater auf den Sohn einen Teil wegnehmen ivvlle. Der Fiskus stellt die Gesamtheit dar, unter deren Schutz üöerhaiipt erst geordnete Wirtschaslsverhältnisse möglich sind. De: Fiskus hat daher ein gutes Stecht auf diese Steuer(Zustimmung links). Der Schatzsekretär fragte, was Herr Schultz denn sjir neue Steuern vorschlagen würde. Würden Herr Schultz und seine Freunde hier die Mehr- h e i t haben, so würde» Sie neue mdireltc Steuer» vor- schlagen. Sie oppelicren an das Gerechtigkeitsgesühl erst, iverni die Besitzenden zahlen sollen, aber nie fragen Sie bei Steuervorlagen, ob sie für die besitzlosen erträglich sind. (Lebhafte Zustimmung bei den SozialdeN>s>kraten.) Die sozialdemo- krntischen Forderungen haben sich Anerkennung errungen, weil sie der Sache»ach gerecht und notwendig sind. Wkwen die Forderungen töricht, so hätten wir sie mit aller Beredsamkeit nicht durchsetzen können.(Sehr richtig! links.) Und noch eines: Die größten RüstungSichrcier sitzen in den Reihen der F r ei k o n s e r v a t i v e n, von denen wir heute so beweg Ii cheKlagen gehört haben. Gerade, diese Herren sind in erster Reihe schuld daran, wenn immer neue und neue Steuern gemacht werden.(Lebhafter Betfall bei den Sozialdemokralen.) Abg. Fischbeck(Vp.): Herr Arnstadt hat wieder das Lied vom kleinen Bauern ge- sungen. Dabei find Extrabestimmungen in das Gesetz aufgenommen worden, die dazu sübren, daß die Bauern gar nicht von dem Gesetz betroffen werden.— Dieser Paragraph ist nicht nur für die Rechte, sondern auch für uns der springende Punkt. Bei der Wehrvorlage erklärte die Rechte, es müsse eine Verständigung auch bei der Deckung herbeigeführt werden. Wir haben an dieser Ver- ständigung ernstlich mirgearbeitet.(Sehr richtig! links.) Die Kon- i e r v a t i v e n aber haben die schlimmsten Besteuerungen von Handel und Verkehr beantragt. Nun soll hier auch mal der alte befestigte Grundbesitz durch die Besteuerung des KindeSerbes herangezogen werden und da setzen die Konservativen mit ihrem ganzen Widerstand ein, nachdem wir im Interesse des Ganzen auf die weitere Ausdehnung der Erbschafts- steuer verzichtet haben. Ten Konservativen wäre eS vielleicht ganz recht gewesen, wenn die yanze Heeresvermeh.''ung und Deckungs- frage cur diesem Punkte zusammengebrochen wäre, damit sie daran ihre Partei suppe kochen konnten.(Sehr wahr! links.) Uns ist die Frage der Heeresrüstung dazu zu ernst, wir sind bereit, im Interesse des Vaterlandes ein Opfer zu bringen.(Bravo I links.) Damit schließt die Debatte. Die Abstimmung über den Antrag Westarp(k.) auf Be- seitignng der Best euer nng des KindererbeS ist namentlich. Der Antrag wird abgelehnt mit 207 Stimmen gegen 150 bei 10 Stimmenthaltungen.(Lebhaftes Bravo! links.) In K 17 beantragt die Koinnrisfion, das Reichswertzuwachs- stenergesetz aufzuheben, nur die Gemeinden sollen den ans sie eut- fallendeu Teil weiter erheben dürfen, so lauge nicht die Regierung des zuständigen Bundesstaates Widerspruch erhebt. Die Sozialdemokraten beantragen statt besten die Regierungsvorlage wieder herzustellen, wonach der Wert- zuwachs, von dem die Wertzuwachsstener entrichtet oder zu ent« rickten ist, von dem der Vermögenszuwachssteuer zugrunde liegenden Berniögenszuwachs abzuziehen ist. Abg. Dr. Jacgcr(Z.) beantragt, daß vor dem Wirksamwerden des Vermögcnszuwacksiteuergesetzes dem Reichstag ein Gesetzentwurf vorgelegt werde, durch welches die Härten und Unstimmigkeiten des Rcichswertzuwachssteuergesetzcs beieiligt werden. Ein weiterer von den bürgerlichen Parteien eingebrachter Kom- promißantrag verlaugt, daß bei der WertzuwachSstcuer der ReichSaiilcil nicht mehr erhoben, aber in den entschädigungsberech- tigten Gcineindcn, das sind diejenigen, die die Zuwachssteuer schon vor dem ReichSgeietz eingeführt hatten, diesen zufallen soll. Ein i o zi a l d e ni o kr a t i s ch e r Antrag verlangt, daß im Falle der Annahme dieses Antrages der Anteil des Reiches allen G e m e i n d.e n zufallen soll. Reichsschatzsekretär Kühn äußert Bedenken gegen diesen Kompromißantrag, bleibt aber im einzelnen auf der Tribüne unverständlich. Abg. Haase(Soz.): Wir haben seinerzeit das Znwachsfteuergesetz abgelehnt, obwohl wir seinem Grundgedanken zustimmten, weil uns die Gestaltung des Gesetzes nicht zusagte. Es ist nun eine eigentümliche Er- icheiming, daß dieielben Parteien, die damals das Gesetz geschaffen haben und in die Welt hinausposaunten, daß sie damit dem deutschen Volke ein Kleinod beschert hätten, das jetzt wieder ab- schaffen ivollcn. Geradezu ungeheuerlich ist die Bestimmung, wonach die Aufhebung eines ReichsgesetzeS nickt laut ReichSgesetz erfolgt, sondern der Landesgesetzgebung überlassen ist, ein Vorgang wie er in der Gesetzgebung der ganzen Welt nicht wieder vorkommen dürfte. Damit soll dem Volke vorgespiegelt werden, als ob das Gesetz aufrechterhalten werde. Was soll man im übrigen sagen von Gesetzgebern-, die jetzt selbst die Art an die Wurzel ihres vor kurzem gesckaffencn Werkes legen, die so ganz im Vorübergehen, ohne die Konsequenzen im einzelnen zu bedenken, ein so wichtiges Gesetz au§ der Welt schaffen! Die größte Beunruhigung bringen Sie mit diesem Antrag in das Finanz« iv e s e>r der G e in e i n d e n, wenn diese befürchten müssen, daß ihnen das, was sie beule habe», jeden Augenblick genommen werde» kann. Ter Wertzuivachs ist im wesentlichen herbeigeführt durch Emrichluugeir, vor allein der Gemeinden. Daher haben wir be- antragt, daß zum»lindesten die Erträge au« de», Gesetz, wenir nicht dem Reick, so den Genieinden zufallen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Jaeger(Z.) (ard die unpraktische Schematisierung be- seiligt. Es läuft ein Antrag A l b r e ch t(Soz.) ein, über den Absatz des Komproiiiißautrages Boss ermann, der der Landesgesetzgebung eine andere Regelung vorbehält, gesondert abzustimmen. Abg. Baffermann(natl.) widerspricht als Antragsteller auf Grund der Geschäftsordnung dieser Teilung seines Antrages. Abg. Haase(Soz.): ES muß immer möglich sein, über eine» neuen Teil eines An- träges gesonderte Abstimmung zu herlangen.(Widerspruch). Im übrigen brauchen wir uns mit dieser OuisquMe nicht aufzuhakien. wir können dasselbe Ziel erreichen, wenn wir den Antrag Basser- mann ohne den betreffenden Absatz erneut selbst einbringen.(Sehr gut! bei den Soziaidemolraten.) Abg. Bogt-Hall(k.) spricht sich für den Kompromißantrag aus. Inzwischen läuft der vom Abg. Haase eben angekündigte An« trag Albrecht(Soz.) ein. Abg. Haase(Soz.): Wie richtig unser Antrag ist. beweist daS krampfhafte Bemühen des Abg. B a s s e r m a n n, auf Grund der Geschäftsordnung die Streichung des betreffenden Absatzes zu verhindern. Durch unseren Antrag, für den ich getrennte A b st i m m u n g über die einzelnen Teile beantrage, wird unser Zweck nun doch erreicht. Ferner haben wir noch die Streichung eines besonders charakteristischen Teile? arxs dem Antrag Bassermann beantragt. Er will die Vorschrift des§ 1 Absatz 2 Satz 3 des Zuwachssteuergesetzes aufheben. WaS bezwe-ckt er damit? Nach dem jetzigen Gesetz sind die Spekulanten aus» genommen von der Steuerfreiheit, die eintritt, falls bei bebauten Grundstücken der Wert des Grundstücks nicht mehr als 20 000 M. beträgt. Diese Bestimmung soll nun beseitigt werden, d. h. eS sollen diejenigen, die den Zwischenhandel gewerbsmäßig be- betreiben, von der Steuer frei bleiben ohne Rücksicht ouf den Wert des Grundstücks. Wenn inan diese Novelle mit dem richtigen Namen benenw, müßte sie heißen Lex Haberland.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Behrens(Mrtsch. Vg.): Den letzten Ausführungen des Abg. Haase kann ich nur zu« stimmen. Sie sind sehr bedeutungsvoll. Hier will man den Terrarnspekulanten Millionen schenken, aber für die Aufhebung der Steuer«, üher die man früher so geschrien hat, ist offenbar kein Verständnis vorhanden. Ein Regierungskommiffar bekämpft den Kompromißantrag: auf keinen Fall dürfe, wie die Sozialdemokraten beantragen, der letzte Absatz dieses Antrage? ge- strichen werden, es müsse die Möglichkeit gelassen werden, den Ver- Hältnissen in den einzelnen Gemeinden Rechnung zu tragen. Abg. Fegter(Vp.) wendet sich gegen die Beibehaltung des erhöhten Umsatzstempels, dessen Ermäßigung bei Einführung der Wertzuwachssteuer versprochen wurde. Mit dieser ungerechtestett aller Steuern gehe eS gerade so wie mit der Zuckprsteucr. Abg. Dr. Südekum(Soz.): Der Reichsschatzsekretär hat, wenn ich ihn recht verstanden habe, für die A u s r e ch t e r h a I t u n g des Wertzuwaihssteuer- gesetzeS gesprochen. Nach ihm trat ein preußischer Regurnngs« komniissar auf und empfahl, daL Reichsgesetz fallen zu lassen und die Entscheidung in die Gemeinden zu verlegen, d. h. in die Hände der Hausbesitzer. Welches die Meinung der Regierung ist, knobeln die Herren vielleicht auS.(Heiterkeit.) ReichSschatzsckretär Kuh«: Jch habe die Bedarkcn gegen die eingebrachten Anträge dar- gelegt. Der Kommissar, der nach mir gesprochen hat, wollte nur nachweisen, daß, wenn, man aus die Anträge eingeht, eS vorzuziehen iväre, den letzten Absatz beizubehalten, um den verschiedenen Ber- hältnissen in den Gememden Rechnung tragen zn können. Damit schließt die Debatte. Das Ergebnis der sehr verwickelten Abstimmung ist: Die geltende Werl zuwachs st euer bleibt bis 1916 erhalten. Von da an fällt der R e i ch S a n t e i l (SO Proz.) fort. Der BundeSstaatenanteil bleibt erhalten, ebenso der Anteil der Gemeinde. Die Steuerregulierung der Wert- zuwachssteuer bleib: Sache der Landesgesetzgebung, resp. der Gemeinden. Bei 8 30. der bestimmt, daß. wenn der Wert von Aktien nicht durch den Karswert zu ermitteln ist, er das 16�/z fache des Durchschnitts deS Gewinnes der letzten drei Jahre ist, begründet Abg. Gothein(Vp.) einen von den liberalen Parteien und dein Zentrum eingebrachten Antrag, den Wert der Aktien in solchen Fällen nach freiem Er» messen zu schätzar. Der Antrag wird angenommen. Die J&ditzfUucr der ßundesfürften. Bei§ 43 liegt ein Antrag A l b r e ch t(Soz.) vor, einen neue» Absatz einzufügen: Der Bundesrat bestimmt die sür die Veranlagung und Er- Hebung der Vesrtzstcuer der BimdeSfürstcn zuständigen Behörden. Abg. Hause(Soz.): Ob der Antrag angenommen wird oder nicht, ist für die materielle Sleuerpflicht der BundeSfürsten nicht entscheidend.(Lebhaftes Sehr richtig!) Daß sie besteht, hat das Hans mit großer Mehr- heit bereits anerkannt. Es wird auch zu wenig geachtet, daß nach dem preußischen Einkommensteuergesetz vom 23. April 1906 die Bundesfürsten in Preußen steuerpflichtig und zn den Real- steuern heranzuziehen sind. Auch gewerbe steuerpflichtig sind die Vundesfürsten. Wenn im Erbschaftssteuergesetz von 1906 eine besondere Ausnahmebestimmung emhallen war, so war auch damit zum Ausdruck gebrocht, daß an sich die Steuerpflicht besteh».(Lebhafter Widerspruch rechts.) Es ist aber gut. in Kon- sequenz der Haltung, die wir bei dem anderen Gesetz eingenommen haben, festzustellen,' daß die Fürsten nicht ans ihrem besonderen Eiitgegenkoimnen steuerpflichtig sind. Beweisen Sie auch bei dieser Gelegenheit die Festigkeit und den Mut, den das Volk vom Reichstage erwartet.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Reichsschatzsekretär Kühn bittet uin Ablehnung des Antrages. Abg. Graf Westarp(k.): Wir teilen den Standpunkt, daß die Steucrpflicht der Fürsten bestehr, wenn nichts anderes in daS Gesetz hineingeschrieben ist. nicht, stehen vielmehr auf dem entgegen« gesetzten Standpunkt. Abg. Fischbcck(Vp.): Wir haben den Standpunkt vertreten, daß weder aus der Verfassung noch ans irgendeinem Gesetz die Steuerfreiheit der Fürsten herzuleiten ist. Wir sind der Meinung, daß, mag der Antrag angenommen werden oder nicht, die Steuer» Pflicht der Fürsten besteht. Da der Antrag gestellt ist, werden wir für ihn stimmen. Der Antrag wird mit den Stimmen der Sozialdemokraten, der Bolkspartei, der Wirtschaftlichen Vereinigung, der Polen und einem großc-i Teil des Zentrums angenommen. Bei den Schlußvorschriften beantragen die Abgg. Vöhl«(Soz.) und die übrigen elsäsfischen Abgeordneten Einfügung eines 8 77d. wonach bis 1919 den Bundesstaaten, die Erbschaften in gerade ab- steigender Linie besteuern und bis 1916 diese Steuer mit Rücksicht auf die Besitzsteuer ermäßigen, der Ausfall an Erbschaftssteuer ersetzt werden soll. Abg. Dr. Ricklin(Elf.) bittet, dem Ankrage aus BilligkeitS« gründen zuzustimmen. Abg. Wurm(Soz.): Auch wir verkennen die Schwierigkeiten nicht, in die Elsaß» Lothringen kommt. In der Kommission haben wir einen solchen Antrag abgelehnt, ans der Besorgnis, daß die veraltete Stenergesetz- gebung Eliaß-Lothringens durch eine solche Begünstigung noch weiter bestehen würde. Wenn wir aber wußten, daß die Elsaß-Lothringische Regierung bereit ist, eine Einkommen- und Vermögenssteuer, wie eine solche Vorlage schon einmal vorlag, zur Vollendung zu bringen, würden wir diesen, Anlrag zustimmen. Jch richte deshalb an den Vertreter der Elsaß-Lothringischen Regierung die Frage, ob er namens der Regierung zusagen kann, daß in der kommenden Session ein solcher Steuergesetzentivurf dem Landtag Vovgelegt werden wird? elsah-Sot�ringischer Vertreter Dr. NobiZ: Wie der Vorredner andeutete, ist ein solcher Entwurf schon vor IVa Jahren dem Landtag vorgelegt'worden. Er enthielt den liebergang zur allge- meinen progressiven Einkommen st euer und Er« gänzungssteuer für fundierte Einkommen. Durch Schließung des Landtags sind die Vorlagen nicht zur Verabschiedung gelangt. Ich bin aber ermächtigt, ausdrücklich im Namen der Regierung der Reichs- lande zu erklären, daß die Vorlage dem Landtage in der nächsten Session wieder vorgelegt werden wird: mit den Ab- änderungen, die die logische Konsequenz aus der Reichsgesetzgebung sind, die das hohe Hau« im Begriffe ist zu verabschieden. Es besteht natürlich keine Möglichkeit die Verpflichtung einzugehen, daß das komplizierte Gei'etzgebungswerk bis 1916 in' beiden Kammern schon zur Verabschiedung gelangt, aber die Regierung wird alles tun, um die Vorlage möglich st schien»ig st zu ver- abschiede lt. Im übrigen bitte ich Sie. dem vorliegenden An trage zuzustimmen, die reichsländische Bevölkerung wird Ihnen dafür danken.(Lebhafter Beifall.) Der Antrag wird mit großer Majorität— gegen die Stimmen der Nationalliberalen— angenommen. Damit ist die Deckungsdorlage erledigt. Es folgt der Bericht der Kommission über die Initiativanträge 2ur MoKnungsirage. Die Kommission beantragt eine Resolution, die einen Gesetz- entwurf Verlangt, der eine Ausgestaltung des Erbbau- rechts für die Zwecke der Wohnungsfürsorge bringt. Abg. Göhra(Soz.): Die Resolution deckt sich wörtlich mit der im Vorigen Jahre ein- stimmig angenommenen, nur ist die Aufnahme eines Reichs- Verflcherungsaufsichtsamtes fortgelassen. Nachdem dieser Stein des Anstoßes für die Regierung beseitigt ist, erwarten wir, daß von der Regierung energische Schritte getan werden zur Förderung der Wohnungsfürsorge.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Die Resolution wird angenommen. Einige Petitionen werden debattelos nach den Vorschlägen der PetitionSkommission erledigt. Die Tagesordnung ist erschöpft. Nächste Sitzung Sonnabend 16 Uhr.(Dritte Lesung der Wehr- vorläge, des Wehrbeitrags, des Stempelgesetzes, kleinerer Vorlagen.) Schluß 7'/« Uhr.__ Die mIIItsMilche lugend-Mernalionale. Fast alle Jugendbewegungen der fremden Länder haben deutlich bewußt oder unbewußt das Bestreben, die Wehrfähigkeit der Jugend zu erhöhen. Graf v. Bothmer:„Jugend u. Wehrkraft". Die systematische, auf breiter Grundlage betriebene Erziehung der schulentlaffenen Jugend ist ein Produkt der jüngsten Zeit. Sie ist wie der Kapitalismus international und. steht in fast allen Ländern unter der Obhut des Staates. Ihre Ursachen findet sie in den Anforderungen der großindustriellen Produktionsweise und des modernen Staatslebens mit seiner weitverzweigten Bureau- kratie. Außerdem ist sie als bürgerliche Jugendbewegung ein Gegengewicht gegen die stetig wachsende Macht der Arbeiterklasse und der von ihr betriebenen proletarischen Jugendpflege. Ihre kräftigsten Impulse aber empfangt sie unstreitig aus den Bedürf- uissen des Militarismus, an denen sie sich auch im wesentlichen orientiert. Zwar richtet sich die militärische Jugenderziehung in ihren einzelnen Formen nach den Eigentümlichkeiten, den Tradi- tionen und dem Stand der verschiedenen Länder; in ihren Grund- gedanken aber erstrebt sie überall die körperliche und geistige Er- tüchtigung der Jugend zum Zwecke erhöhter militärischer Leistungs- fähigkeit. Deutschland, dessen militaristische EntWickelung rapid vorwärts geschritten ist und eine hohe Stufe der Vollkommenheit erklommen hat, hat die am planmäßigsten entwickelte und am kon- sequentesten durchgeführte Jugenderziehung auf militaristischer Grundlage. Man sucht in anderen Ländern vergebens nach einer Organisation, die ähnlich dem Jungdeutschlandbund eine so um- fassende und scharf ausgeprägte Tendenz zur Militarisierung der Jugend aufwiese. Der Jungdeutschlandbund, der sich des Pro- tektoratS des deutschen Kaisers erfreut, ist«in riesiger, raffiniert funktionierender Organismus, dessen weitverzweigtes Geäder im Militarismus als seinem Herzen zusammenläuft. Er genießt die Unterstützung sämtlicher Behörden, wird durch die Volksschule pro- pagiert und aus dem Geldbeutel der Großfinanz gespeist. Ueber 106 066 Jugendliche zählt er bereits in seinen Reihen. Ihm am nächsten kommt die militaristische Jugenderziehung in Frankreich. Schule und Kaserne, Lehrer und Offiziere, Kultusministerium und Kriegsminffterium arbeiten einander auch hier konsequent in die Hände. Verschiedene Gesellschaften betreiben die militärische Erziehung der Jugend zwischen Schule und Kaserne planmäßig. Als Bindeglied funktioniert das sogenannte Be- fähigungszeugnis, das von allen Gesellschaften erstrebt wird und dem Inhaber wesentliche Vorteile, als Wahl der Truppe und Waffengattung, Bevorzugung bei der Beförderung und im Dienst und bei Kapitulationen, gewährt. Das Befähigungszeugnis steht als Reizmittel geradezu im Mittelpunkt der Tätigkeit der Gesell- schaften, die als Turnvereine, Schietzvereine und militärische Vor- bereitungsvcreine auftreten, abgesehen von einer ganzen Reihe inoffizieller Gesellschaften, die aber wie die übrigen sämtlich unter staatlicher Kontrolle stehen. Verfolgen die Turngesellschaften mehr die allgemein körperliche Ausbildung der Jugend, so pflegen die Schietz. und Vorbereitungsgescllschaften lediglich die militärische ErtüchtiMng. Ihre Tätigkeit erstreckt sich auf die Ausbildung im Gebrauch der Waffe, auf Exerzier-, Marsch-, Fcchtübungen, im Kasernen- wie im Felddienst wie im Kartenlesen. Die geistige Er- ziehung zielt auf die Uebung militärischer Disziplin; durch allerlei Belohnungen und aiüzcre Reizmittel sucht man die Jugend, durch Vergünstigungen die Offiziere und Lehrer für die Organisation zu interessieren. Die Oberaufsicht über sämtliche Gesellschaften führt der Divisionsgeneral des betreffenden Bezirks. Kaum hinter Frankreich zurück steht Italien. Ein„Zentral- ausschuß für nationales Schießwesen und körperliche Ausbildung zu militärischem Zweck" untersteht unmittelbar dem Kriegs- ministeriuin, das außerdem noch das Protektorat über zwei Gesell- schaften, die Nationale Kriegsgesellschaft und den freiwilligen Radfahr- und Automobilverein, zwei für die Zwecke des Krieges sehr wichtige Institutionen, führt. Durch dieses Protektorat wird die weitgehendste finanzielle Unterstützung und die Versorgung mit dem geeigneten Lehrpersonal garantiert. Die Verleihung des Ein- jährig-Freiwilligen-ScheineS wird von der Beteiligung an den Uebungen der Schießgesellschaft direkt abhängig gemacht. Oesterreich hat die fakultative Ausbildung im Schießen in allen Mittelschulen beschlossen. Das militärische Schulprogramm sieht vor: Unterweisung über Wehrkraft, Kartenlesen, Geschütz- besichtigung, Einführung in die Tätigkeit der Feldtelegraphen, der Feldküchen, Besichtigung von Gewehr- und Munitionsfabriken. Auch Rußland betreibt di« militärische Fugenderziehung durch Bildung von Jugendkompagnien, die teils mit Holzgcwehren, teils mit Militärgewehren ausgerüstet sind und deren Uniformen denen der aktiven Truppen getreu nachgebildet sind. Schließlich hat noch Japan eine ausgedehnte militärische Er- ziehung der Jugend, die bis in die Volksschulen hineinragt. England hat noch keine allgemeine Wehrpflicht. Durch planmäßige militärische Jugenderziehung soll sie jedoch populari- siert und vorbereitet werden. Die Bovs-Scouts-Bcwequng (Knabenkundschafterbewcgung) verfolgt das Ziel der militärischen Ertüchtigung durch entsprechende Uebungen im Freien, durch Man- derungen, Ueberwinden von Strapazen, Uebungen im Küstenschutz, EntWickelung des Gehorsams und der Diszivlin, Stärkung der Selbständigkeit und deS Verantwortungsgefühls. Besondere Fortbildungskurse Pflegen die Kolonialschwärmerei und unterweisen in der Theorie und Praxis des Ansiedelungswesens. Man arbeitet auch hier auf eine Zentralisation der bis jetzt noch getrennten Be- strebungen hin. Weitere Darstellungen über alle dies« Bewegungen finden sich in der oben zitierten Schrift des Grafen Bothmer sowie in der Ar- beit des Obersten K. Fisch„Erziehung zur Wehrpflicht". So sehen wir überall eine starke Tendenz zur Militarisierung der Jugend, die in dem Maße fortschreiten wird, in dem die imperialistische Politik sich in den verschiedenen Ländern entwickelt und die Rüstungen nötig macht, in demselben Maße aber auch, in dem die Arbeiterbewegung dem Militarismus auch schon in ihren Jugendorganisationen einen starken Rivalen erstehen läßt. Angesichts der Jnter Nationalisierung der militari st i scheu Jugendbewegung aber ergibt sich für die Arbeiterklasse aller Länder die Not- wendigkeit einer intensiv betriebenen prole. tarischen Jugenderziehung. Die stäcltüchen ferienfpielplätze sind wieder in den kommenden Ferien und zwar vom 7. Juli bis 9. August geöffnet. Es find 21 Plätze, 6 Außen- und 12 Innen» spielplätze. Die Außenspielplätze befinden sich: 1. im Grunewald, unweit der Försterei Eichkamp; 2. im Plänterwald in Treptow, der große Platz an den vier Ringen; 3. in Wartenberg; 4. in Buch, das Waldgebiet um die Försterei; 2. und 6. in Blankenfelde, die großen Rieselwiesen hinter Nordend. Die Ausflüge nach diesen Plätzen finden werktäglich bei gutem Wetter statt. Das Recht der Beteiligung an denselben haben sämtliche Berliner Volksschüler und -schülerinncn«also nicht auch die Kinder der Vororte). Jedes Kind hat täglich für„alles" 26 Pf.(nach„Buch" 36 Pf.) zu ent- richten. Freikarten können erhalten: alle Waisenkinder, die Halbwaisen, Kinder eheverlassener Mütter, Pflegekinder und alle diejenigen, welche sonst von der Schule Speisemarken erhalten. Beteiligen sich am Ausfluge drei und mehr Kinder„ein und der» selben Familie", so ist das 3., 4. usw. Kind auch frei, wenn die beiden ersten bezahlt haben. Wichtig ist, daß die Eltern wissen, wohin sie morgens ihre Kinder zu schicken haben. Diese versam- mein sich um 7 Uhr auf den„Sammelstellen"; das sind folgende 42 Schulhöfe: 1. Für Grunewald: Bremer Straße 13— 17, Turmstr. 86, Gneisenaustr. 7, Culmstr. 12, Derfflingerstr. 18a, Levetzowstr. 26 und Rostockcr Straße 32. 2. Für Plänterwald: Wrangelstr. 128, Naglerstr. 6, Schlesische Straße 4, Britzer Straße 17— 18, Reichenberger Straße 131—132, Schmidstr. 38 und Alte Jakobstr. 127. 3. Für Buch: Ackerstr. 28a. Kesselstr. 3, Schulstr. 99—166, Tegeler Straße 13— 20, Müllerstr. 48, Putbuser Straße 22 und Pankstr. 20—22. 4. Für Wartenberg: Markusstr. 49, Koppenstr. 84, Memeler Straße 25, Rigaer Straße 81— 82, Straßmannstr. 6, Höchstestr. 34— 32 und Olivaerstr. 19. 2. Für Blankenfelde I: Keibelstr. 31— 32, Prenzlauer Allee 227— 228, Christburger Straße 14, Senefclder Straße 6— 7, Greifenhagener Straße 26, Sonnenburgcr Straße 21 und Dricsener Straße 22.» 6. Für Blankenfelde II: Gipsstr. 23a, Gartenstr. 167a, Stralsunder �Straße 24, Prinzenallee 8, Christianiastr. 36— 39, Oderberger Straße 57— 59 und Hannoversche Straße 26. Von diesen Sammelstellen aus marschieren die Kinder in geschlossenen Zügen unter Begleitung von Lehrern und Lehrerinnen bis zu den Abfahrtsstellcn der Bahnen und werden mit Sonder» zügen bis zu den Spielplätzen befördert. Dieselben liegen abseits von jedem Verkehr, sind für das Publikum gesperrt und entziehen die Kinder allen Gefahren der Großstadt. Die Kinder dürfen sich hier— in erlaubten Grenzen— frei tummeln und werden andererseits zu geordnetem, regelrechten Spiel und gegenseitiger Verträglichkeit erzogen. Zum Frühstück bekommt jedes Kind einen halben Liter frischer Milch, zum Mittag Maggisuppe in beliebiger Menge, nachmittags Kaffee und 2 Stück frischer Backware. Gegen 6 Uhr erfolgt der Aufhruch; die Zurückbeförderung geschieht in derselben Weise wie morgens, so daß die 5rinder alle rechtzeitig wieder in der elterlichen Wohnung sein können. Die den Plänter» wald besuchenden Kinder gehen täglich nach dem Kaiserbad baden, ohne daß ihnen Kosten entstehen.— Haben Eltern übrigens ver» säumt, sich„vor den Ferien" beim Rektor ihrer Kinder für diese sich Freikarten zu erbitten, so sind solche auch auf den Autzenspiel- Plätzen beim Oberleiter.„durch schriftliches Gesuch" erhältlich. Für alle die Kinder, welche aus irgendwelchen Gründen an den täglichen Ausflügen nicht teilnehmen können, sind die „I n n e n s p i e l p l ä tz e" gedacht. Dazu sind große, schatfige Schulhöfe ausersehen und zwar folgende: Wassertorstr. 31, Schmidstr. 38, Skalitzer Straße 25— 56, Kraut» stratze 43, Petersburger Straße 4, Straßmannstr. 6, Schönhauser Allee 166s, Zehdenicker Straße 17— 18, Ruppiner Straße 47— 48, Gartenstr. 107— 107a, Pflugstr. 12. Ruheplatzstr. 2—7, Ouihow» siraße 115, der Platz am Urban und der große Spielplatz in der Bremer Straße. Diese Plätze sind werktäglich bei gutem Wetter vormittags von 9— 12, nachmittags von 3— 7 Uhr geöffnet. Auch hier dürfen sich die Kinder frei hewegen. Sie finden zum Spielen Geräte in ge» nugenier Anzahl vor, wie Bälle jeder Art, Tamburine, Seile usw. Müssen Kinder ihre noch nicht schulpflichtigen Geschwistcrchen be» aufsichtigen, so sollen sie sich mit einer Litte an den Lehrer auf dem Jnnenplatz wenden.— Tritt Regenwetter ein, so brauchen sich die Eltern wegen ihrer Kinder, die sich auf den Außenspielplätzen befinden, keine Sorgen machen. Es ist daselbst durch große Untcrkunftshallen für Schutz in ausreichendem Matze gesorgt. H % l Halbschuh~ Neuheiten unia für Damen Unna Lcinen-Schuhc Strand"Schuhe bh Sandalen m Derbe Kinder-» Stiefel Für das Gebirge Vor Antritt Ihrer Gcbirgsrcife Tollten Sic nicht verfäumen eine Bcßchtigung unterer erprobten und bewährten Berg- undTouren-Stiefel vorzunehmen, denn dieses Gebiet von Schuhwaren bildet seit Jahren eine besondere Spezialität unseres Hauses.** Wir bieten darin eine unübertroffene Auswahl aller Arten, von ersten Sportslcutcn empfohlenen, Gcbirgs- Stiefel Zentrale: Berlin C.> Jerufalemcr Straße 32-35, am Dönhoff-Platz Pobdamer Siratze Nr. 2 Tauemlzien• Sir»he 19 a Tauentzien- Siratze 7 b Friedrich- Stratze Nr. 75 Köni�-Siratze Nr. 25-20 Rotenihaler Stratze Nr. 5 Oranicn- Stratze Nr. 161 Gr. Frankfurter Str. 123 Chauuee-Str. Nr. 114-115 SchOncb�., Hanpf-Str. 146 Neukölln, 5crg-Stratze25 Chart., WUiner«l<»rfcr«r.«5 Zweig-Niederlassungen: Magdeburg• Halle• Cassel• Posen• Danzig• Königsberg L Pr. " Verantwortlicher Redattesr� Albert Wachs, Berlin. Für den Lnseratenteil verantw.i Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Luchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer«.Co, Berlin 9.16.. so. Mt9m, 2. Keilllge des„Jormirtf Idiner iollislilott Gewerkfd�aftlicbea. ötrihtc Hblcbnung der ötraßenbahnerwünfebe! In iiberfütttet Versaininlung legten am vergangenen Donnerstag die Straßenbahner energischen Protest gegen das sck)arfmacherische Verhalten der Großen Berliner Straßenbahn ein. Hill er, vom Deutschen Transportarbeiterverband, führte aus, daß die Straßenbahner wieder um eine Ent- täuschung reicher geworden seien. In der Konferenz der Ver- trauensmänner lehnte die Direktion der Großen Berliner die geringen Forderungen ab. Nun hat die Große Ber- liner noch nie etwas freiwillig gegeben, im Gegenteil hat der Direktor W u s s o w seinerzeit erklärt: der Druck der?ln- gestellten war es. der eine Lohnaufbesserung nötig machte. Dieser Druck fehlt aber unter den Angestellten. Wenn sich auch die Vertrauensleute der gelben Organisation,„des Ver- eins der Angestellten", mitunter radikal gebärden, so ist das eitel Spiegelfechterei. Dieser Verein kann und wird niemals einen Druck ausüben, er will es auch nicht. Haben doch diese Herren es abgelehnt, für Wahlkouverts zu den Vertrauens» männerwahlen zu stimmen. Sie wußten genau warum. Ihnen haben wir die Ablehnung unserer Wünsche zu ver- danken. Zweifel, daß die miserable Lage verbessert werden mutz, herrscht wohl nirgends. Wenn auch die Direktion mit Zahlen operiert, daß die Angestellten im ersten Jahre 1546 Mark, im fünften Jahre 1761 M., im zehnten Jahre 1961 M. verdienen, so sind das eben Zahlen der Direktion. Tarin sind nämlich mit einbegriffen 70 M. für Uniform(I), 36 M. für Fahrgeld(!), ja sogar der Verkauf von Fahrplänen(Ver- dienst pro Stück 5 Pf.) figuriert in diesen Summen. In Wirklichkeit stellt sich der Lohn für diesen nervenzerrüttenden Dienst im ersten Jahre auf 1260 M. und steigt nach 18 Jahren auf 1680 M. Hierbei werden noch monatliche Kassenabzüge von 8 bis 11 M. gemacht. Trotz alledem aber schrieb der ..Lokalanzeiger", das Gehalt entspreche dem eines mittleren Beamten. Nicht besser entlohnt werden die Arbeiter und Handwerker. Da verdienen die letzteren pro Tag 4,25 M.. das macht pro Jahr 1330,25 M., die Wagenwäscher haben sogar nur einen Lohn von 3,20 M. pro Tag. Das wären im Jahr 1001,60 M. Hiermit nicht genug, verweigert man dieser Kategorie von Arbeitern auch noch die Vertrauens- männer. Da mutz die Frage aufgeworfen werden: Ist eine Besserung möglich? Ist die Große Berliner in der Lage, Zu- geständnisse zu machen? Das muß bejaht werden! Verteilt sie doch an die Aufsichtsratsmitglieder eine Tan- tisme, die die Summe von 500 Jahresgehältern der höchsten Klasse ausmacht. Kommt der nötige Druck von unten, so wird auch der gelbe Verein mit seinen vielen Mitgliedern der Gesellschaft keine Liebesdienste mehr leisten können. Nur durch Stärkung des Transportarbeiterverbandes werden Er- folge errungen werden.(Lebh. Beifall.) An der Diskussion beteiligte sich auch Herr P i e tz s ch, Tempelhof, 4. Vorsitzender des gelben Vereins. In der komischsten Pose wollte er den Anwesenden Glauben machen, daß er voll und ganz mit den Ausführungen H i l l e r s ein- verstanden sei. Aus vollem Herzen unterschreibe er dies, wenn, ja wenn?? Unter stürmischem Beifall fertigte Riedel diesen Herrn ab, indem er ihn an seine Sünden in der Frage der Ruhegehaltskasse erinnerte. Einstimmig wurde sodann folgende Resolution angenommen. Die am Donnerstag, den 26. Juni 1913 im Marinehaus tagende Versammlung der Straßenbahn-Angestellten, Handwerker und Arbeiter der Großen Berliner Straßenbahn protestieren mit aller Entschiedenheit gegen die ablehnende Haltung der Direktion in der letzten Vertrauensmänner-Konferenz betreffs Aufbesserung . der Lohnverhältnisse. Die Versammelten sind der Ansicht, daß die Gesellschaft wohl in der Lage ist, den bescheidenen Wünschen des Personals Rechnung tragen zu können, ohne dabei in sinan- zielle Schwierigkeiten zu geraten. Die Versammelten sind der Meinung, daß es Pflicht des gesamten Personals sei, sich ihrer gewerkschaftlichen Organisation, dem Verband der Straßenbahner, Mitgliedschaft im Deutschen Transportarbeiter-Verband, anzuschließen, um dadurch in Zu- kunft ihren Wünschen mehr Nachdruck verleihen zu können. O r t m a n n referierte darauf über die R u h e g e- Haltskasse und ihre Verschlechterung e n durch die letzten Satzungsänderungen. Die Indifferenz der Kollegenschaft ausnutzend, gelang es der Di- rektion, einen Kautschuckparagraphen in das Statut hinein- zubringen. Durch diesen Paragraph ist es möglich, daß Ar- beiter, die nicht mehr in der Lage sind, bei der Gesellschaft zu arbeiten, aber noch 50 Proz. und mehr der Arbeitskraft be- sitzen, sich eine 20 Prozent, ja eine 35 Prozent. Kürzung ihres geringen Ruhegehaltes gefallen lassen müssen. Besonders ein Fall von vielen sei erwähnt. Der Fahrer Albrecht, 19 Jahre im Dienst, überfährt einen Knaben und wird durch die Auf- regung nervenkrank. Mit 58 M. monatlich wird er pensioniert. Nach einem Jahre setzt man die Rente auf 35 M. herunter, mit dem Bemerken, für die Gesellschaft sei er zwar nicht mehr zu gebrauchen, doch habe er jetzt wieder 75 Prozent Arbeitsfähigkeit. Das Schiedsgericht entschied zu Ungunsten des Klägers. Das sonderbare ist nun hierbei noch, daß Nerven- arzt Dr. Pleßner 40 Prozent der Erwerbsfähigkeit feststellt, Herr Dr. Schwarze, Vertrauensarzt, ein dem PIeßnerschen Attest ganz entgegengesetztes erbringt. Die beste Charak- terisierung des Schwarzeschen Attestes ich wohl eine Mitteilung der Berufsgenossenschaft, an Albrecht, er möge schleunigst aufs Land gehen, da der Stadtaufenthalt für ihn gesund- heitsschädlich sei. So sehen die Wohlfahrtseinrichtungen der Großen Berliner aus. Man könnte einwerfen, es seien keine Mittel vorhanden. Doch ist Geld in der Ruhegehaltskasse in Hülle und Fülle vorhanden. Bei der letzten Abrechnung war ein Vermögen von 11 141 713 M. vorhanden. Verausgabt wurden für Unterstützungen 383 145 M., allein an Zinsen schluckt die Kasse 419 540 M., das ist den Unterstützungsaus- gaben gegenüber ein Mehr von 36 395 M. Hier Aenderung zu schaffen ist eine Hauptaufgabe.(Lebh. Beifall.) Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: Durch die letzten Satzungsänderungen bei der Ruhegehalts- lasse sind Verschlechterungen eingeführt worden, die gerade die- jenigen Angestellten, Handwerker und Arbeiter am schwersten treffen, die ihre Gesundheit im Dienste der Großen Berliner Straßenbahn gelassen haben. Tie Einrichtung der Teil- und Zeitpension bei der Ruhegehaltskasse ist lediglich deshalb ge- schaffen worden, um die Kasse zu schonen und um andererseits der Oeffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen, als wäre man bestrebt, auch den weniger Erwerbsunfähigen die Wohltaten der Ruhegehaltskasse zugute kommen zu lassen. Die Angestellten, Handwerker und Arbeiter sehen aber aus der Praxis, daß die Einrichtung der staffelmäßigen Pensionierung ihnen nur zum Schaden gereichen muß und verlangen die Ab- schaffung derselben. Die heute versammelten Angestellten, Handwerker und Ar- beiter ertoarten, daß die vom Vorsitzenden der Ruhegehaltskasse schon längst versprochene Zusammenkunft der Delegierten bald- möglichst einberufen wird, damit eine den Wünschen des Per- sonals entsprechende Umgestaltung der Satzungen der Ruhe- gehaltskasse in die Wege geleitet werden kann. Sollte dies wider Erwarten nicht geschehen, so verpflichten sich die Versammelten alle Ruhegehaltskassenmitglieder darüber aufzuklären, daß nur dann die Gesellschaft zu Reformen bereit sein wird, wenn die Angestellten, Handwerker und Arbeiter eine starke Organisation hinter sich haben. Darauf schloß die imposante Versammlung mit einem Hoch auf die moderne Arbeiterbewegung. kleines Feuilleton. Wie ein Hohenzollcr das Theater förderte. Unter den dielen er- götzliwen Kapiteln von den Hohenzollern und der Kunst ist jenes nicht das schlechteste, das von Friedrich Wilhelm I. handelt. Dieser König wollte vom Theater nichlS wissen, das er lediglich als eine Gelegenheit zur Verschwendung ansah. Eine Ausnahme machte er mit dem DlrekrorJohann Karl v. Eckenberg, genannt der„Starke Mann", dem der Liebhaber der.langen Kerls" 1717 ein Privilegium erteilte. 1731 erhielt Eckenberg dann die Erlaubnis, auf dem Neuen Markt eine Bude aufzuschlagen, doch unter der Bedingung,„honette Sachen, keineswegs aber scandaleuse Sauzoten und sündhafte Reden und AcrioneS zu spielen". Man sieht, die Zensur des Friedrich Wilhelm war in einem Punkte noch strenger als die der heutigen preußischen Polizei, denn diese verbietet doch nur die„sündhaften Reden", d. h. die politisch mißliebigen, während sie gegen die.skandalösen Sauzoten" der Lebemanntheater wenig oder gar nichts einzuwenden hat. Die Gunst Friedrich Wilhelms gegen Eckenberg ging so weit, daß er dem Direktor auf eine echt hohenzollernsche Art höhere Ein- nahmen zuschanzte: Er zahlte nicht etwa selber eine Subvention oder dergleichen, sondern verfügte 1732. als Eckenberg in das„Hof- theater" in der Breitestraße übergefiedelt Ivar. daß die Berliner Beamten Billetts zur Komödie zu losen und täglich einige Vertreter zum Besuch des Schauspiels abzuordnen hätten. Eckenberg erhielt sogar in Anbetracht.vieler von ihm abgelegten guten Proben" den Titel Hostomödiant und die Erlaubnis, ein eigenes Theater zu bauen. ES versteht sich eigentlich von selbst, daß der Spielplan dieses HohenzollerngünstlingS aus dem ödesten und gemeinsten Zeug be- stand, das die ohnehin so erbärmliche deutsche Literatur jener Zeit aufzuweisen halte. Harlekinaden und„Staatsaktionen" waren so recht nach dem Geschmack jenes königlichen GönnerS. Eckenberg durfte sich auch jahrelang ungestraft die größten Roheiten gegen sein Personal erlauben, durfte Schulden machen wie ein Baron und sich jeder Ausschweifung hingeben. Erst als er aus irgendwelchen besonderen Gründen m Ungnade fiel, mußte er Berlin verlassen. Unter Friedrich II. kam er wieder, konnte sich aber gegen den tüchtigen und ernst gesinnten Schönemann nicht halten. Der neue König bedeutete insofern einen Fortschritt für die Kunstpflege, als er wenigstens die deutsche Kunst m Ruhe ließ. Wollte Gott, daZ täten andere Hohenzollern auch! Eine Stadt ohne Kaiserjubiläum. SuS dem Rheinlande wird emer bürgerlichen Korrespondenz geschrieben: Man sollte eS kaum für möglich halten, daß in Deutschland eine Stadt von einigen 80 000 Einwohnern existiert, die vergessen hat. das RegierungS- jubilaum de» Kaisers zu feiern. Und doch ist dem so. Di- Stadt hewt Ohligs und liegt im Rheinland an der Köln-Elberfelder Eisen- bahnsirccke. In der letzten Stadtverordnetensitzung wurde der Ohligser Verwaltung die Unterlassungssünde vorgehalten, und auf d>e Frage eines StadwaterS nach den Gründen vermochte der Vor- sttzmd« d« Versammlung zu seinem Bedauern eine Auskunst nicht u erteilen. Für ihn äußerte sich dann der Stadtofsessor daljin, daß olche Feiern— Vereinsangelegenheiten feien. Zudem fei an die Stadt keine Anregung zur Veranstaltung einer solchen Feier ergangen. Infolgedessen seien auch keine Mittel zu der Jubiläumsfeier bereit- gestellt worden, Glückliches Ohligs I Ein Bronzemann. Glücklicherweise einer, der exportiert werden wird. Die Norweger sollen ihn haben, den Knaben Fridtjov näm- lich, den der Kaiser ihnen zum Dank für die Schönheiten des Nordens schenken möchte. Es ist ein richtig gehender, ganz natur- Mttreu kostümierter Opernsänger; er hat ein Bärenfell über die Brust geknotet und stützt die edle Rechte auf das Schwert. Dies Schwert wiederum bohrt sich in einen Stein. Es ist all«? da und alles wie in der SiegeSallec. Hoffentlich wird der Name des Spenders recht deutlich angeschrieben; eS wäre einigermaßen peinlich, wenn die Nordleute meinen könnten, diese? 14 000 Kilogramm bronzene Panoptikum wäre ein Wahrzeichen deutscher Kultur. Br. 3« Fuß von Asien nach Amerika k�Als erster Weißer hat, wie die in Christiania erscheinenden„Aftcnposten" jetzt melden, der norwegische Zoologe Johann Koren die B e r i n g st r a ß e, jene Meerenge, die Asien und Amerika an jener Stelle scheidet, wo sich die beiden Erdteile am nächsten kommen, zu Fuß durchquert. Das Forschungsgebiet Korens ist besonders das nordöstliche Sibirien, über das die Wissenschaft ihm schon reichen Aufschluß verdankt. Auf seiner ersten sibirischen Expedition im Jahre 1908 verdammte ihn infolge des Todes seines einzigen Begleiters ein hartes Schicksal dazu, monatelang als Einsiedler in der Eiswüste zu leben. Damals hat er sich den Beinamen:„Der norwegisch« Robinson Crusoe" erworben. Diesmal war es wieder ein unglückseliger Zufall, der ihn dazu verleitete, das tollkühne Wagnis einer Durchquerung der Beringstraße zu Fuß zu unternehmen. 40 Meilen von der Bering- straße entfernt erlitten«r und seine Gefährten im Oktober vorigen Jahres Schisfbruch. Es gelang ihnen jedoch, auf Hundeschlitten das Ostkav, dje äußerste Spitze Asiens, zu erreichen. Dort wollten sie eine Gelegenheit abwarten, um die 92 Kilometer breite Bering- straße bis zum nordamerikanischen Prinz Wales-Kap zu durch- queren. Schwere Stürme machten aber dies Vorhaben lange Zeit unmöglich, und als endlich die Ueberfahrt in einem Eskimo-Walboot gewagt wurde, da kam man mir bis zu den Diomedesinseln. An der Weiterfahrt durch für jedes Schiff verderbliche Eismassen ver- hindert, mutzten sie die Gastfteundschaft der Eskimos in Anspruch nehmen. Ein erster Versuch Körens, mit einem Gefährten zu Fuß über daS Eis die Westspitze der amerikanischen Küste zu erreichen, mißlang, weil Korens Begleiter einen schweren Unfall erlitt. Bald danach brach der Forscher noch einmal allein auf. Ein gütiges Ge- schick war ihm hold, und nach einem Tage schon erreichte er das Prinz Wales-Kap in Alaska. Aus Hundeschlitten gelangte er dann nach 3!ome Citv, wo man über die tollkühne Leistung nicht wenig erstaunt war. Eingeborene sollen allerdings häufig schon mit Erfolg die Beringstraße gekreuzt haben. Der Photographieautomat. Zu den mannigfaltigsten Auto- matenapparaten, die beveit sind, als stumme, immer gefällige Diener uns die Befriedigung unserer Lebensbedürfnisse zu erleichtern, ist Berlin unck Qrngezenck. Die Schlichtungskommission für das Berliner Rohrleger- gewerbe. In überfüllter Versammlung nahmen am vergangenen Mittwoch die an dem neuen Vertrag beteiligten Rohrleger und Helfer Stellung zum Tarifabschluß und zur Wahl der Schlichtungskommission. Ziese, vom Allgemeinen Verband, bemerkte in seinem BerUht, daß Wiesenthal noch in den letzten Stunden den TarifviKtrag zu verhindern suchte, was ihm jedoch nicht gelang. Der abgeschlossene Bertrag, der drei Jahre Gültigkeit hat, brachte unter anderem auch eine Regelung des Arbeitsnachweises. Nach hartem Kampf wurde erreicht, daß nur vormittags vermittelt wird. Der Vertrag ist je einmal mit dem Deutschen und mit dem Allgemeinen Metall- arbeiterverband abgeschlossen. Um nun ein geregeltes Arbeiten zu erzielen und Wiese nthal jede Möglichkeit zu neuen Quer- treibereien zu nehmen, schlage er vor,� nur eine Schlichtungs- kommission sür das ganze Gewerbe zu wählen. ES komme daraus an. die Tarifgemein schaft immer dichter zu schließen, um so dem Wohl der ganzen Branche zu dienen. Sie ring(Deupcher Metallarbetterverband) erklärt, daß er dem Bericht nichts hinzuzufügen habe. Nur auf � einige Mißverständnisse möchte er hinweisen. Um alle Objektivität zu wahren, habe er seinerzeit in einer kurzen ,Vorwärts"notiz darauf hin- gewiesen, daß zwei Vertragskontrahenten, nämlich der Allgemeine und der Deutsche Metallarbeiterverband, sür den Abschluß in Frage kommen. Ebenso stellte S i e r i n g noch eine technisch-organisatorische Frage(Versammlungsanzeige und Einladung) richtig und ersuchte, alles möglichst objektiv zu betrachten. Weiterhin ermahnte er die Anwesenden, sich nicht von Leuten, die ein großes Interesse an der Zersplitterung der Rohrlegerbewegung haben, den Kopf verkeilen zu lassen. Dannenberg, Allgemeiner Verband: Das Mißtrauen, das aufgetaucht ist, sei durch die Erklärung Sierings gefallen; die Sache habe sich in Wohlgefallen aufgelöst. Daß� bei einer dorartigen Tarifbewegung Mißverständnisse auftauchen können, sei klar. Doch trotz allem hoffe er, daß das Zusammenarbeiten von Dauer sein werde. Der allgemeine Verband glaubte wegen seiner Mitgliederzahl ein Recht zu haben, 4 aktive und 4 Ersatzleute(je 6 bilden die Kommission) in der Schlichtungskon. Mission beanspruchen zu können. ES entspreche dieS, so wurde von verschiedenen Rednern ausgeführt, auch der Demokratie. Bon anderer Seite wurde dagegen, besonders von Siering, geltend gemacht, daß dies ja keine Prinzipienfrage sei. Siering ist von den Mitgliedern des Metallarbeiterverbandes beauftragt, zu erklären, daß sie die Kommission gleichmäßig besetzt wünschten, sintemalen man ja bis jetzt auch gemeinsam gearbeitet habe. Doch würden die Mitglieder deS Deutschen� Metallarbeiter- Verbandes sich als gute Demokraten auch nicht aufhängen, wenn die Versammlung anders beschließt. Dannenberg war ebensalls der Meinung, daß deswegen keine Eifersüchteleien entstehen mögen. Auch die Angehörigen des Allgemeinen Verbandes würden sich dem MajoritälSbeschluß ohne weiteres fügen. Die Anwesenden beschlossen sodann, daß das Verhältnis in der Kommission 3 zu S sein solle. Es wurden vom Allgemeinen Ver- band als aktive Mitglieder gewählt: Ziese, Jüngling und Landes; als Ersatzleute fungieren Klein, Fritz Schulz und E. Fiehn. Vom Deutschen Metallarbeiterverband wurden Fric- derich, Gedalitz, Siering, Freibusch, O. FiciuS und Koch gewählt. Die drei erstgenannten sind aktive Mitglieder, die letzteren sind Ersatzleute.__ Achtung, Töpfer! In der„Berliner Volkszeitung" vom 26. Juni sucht die Firma Prengel in Köln a. Rh. Ofensetzer zmn Tagelohn von 6,50 M. Wir weisen darauf hin, daß der iuris- mätzige Tagelohn für Köln a. Rh. 7,50 M. beträgt. Die Firma Prengel will also oen Tarif drücken. Wir ersuchen, das Arbeits- angebot außer acht zu lassen, chenn wer zu den von der Firma ge- stellten Bedingungen dort in Arbeit tritt, macht sich des Tarif- bruchs schuldig. Im übrigen könnte auch ein Kollege mit 6,50 M. Tagelohn im teuren Köln kaum existteren; unmöglich wäre es, wenn er Familie hat und diese auch noch von diesem Gelde er- nähren sollte._ Tie Verbandsleitung. Ein Großbetrieb im Barbiergewerbe. Wenn auch im Friseurgewerbe ein Großunternehmertum wie in anderen Berufen nicht vorhanden ist, so bietet darin doch eine nun auch noch der Photographieautomat gekommen. Sein Erfinder ist in junger Engländer, namens Harry Ashton Wolff. Der Automat präsentiert sich äußerlich als ein mächttgcr Kasten, an> dessen Vorder- wand ein großes schwarzes Loch gähnt. Der sein Konterfei Wünschende nimmt auf einem Stuhle vor dem Loche Platz und läßt ein Geldstück in den vorgesehenen Schlitz gleiten. Daraufhin hört er eine elektrische Glocke tönen und ein Schild erleuchtet sich, das ihm die freundliche Aufforderung zuruft:„Achtung, wenden Sie den Kopf nach rechts und lächeln Sie!" DaS künstliche Licht — um unabhängig von der Tagesbeleuchtung zu sein, arbeitet der Apparat mit künstlichem Licht— flammt auf und ein« zweite Glocke zieht die Aufmerffamkeit auf den Satz:„Bewegen Sie sich nicht!" Nach einigen Sekunden erlischt das Licht und drei Minuten später kann der Getypte sein„wohlgelungen-cs Porträt" in Empfang nehmen. Was ist inzwischen im Innern des geheimnisvollen Apparates vorgegangen? Das eingeworfene Geldstück schließt im Fallen den elektrischen Strom und damit tritt der Mechanismus in Tätigkeil. Dieser besteht nicht aus einem Uhrwerk— ein solche? würde nicht mit der nötigen Exaktheit arbeiten—, seine 52 verschiedenen Bewegungen werden vielmehr durch einen Elektromagneten ausgelöst. Die auf eine Gelatine-Bromsilber-Postkarte aufgenommene Photo- graphie kommt zunächst in ein Entwickelungsbad. Nach 20 Sekunden Entwickelung wird der Hervorrufer nacheinander durch 7 andere Bäder ersetzt, die das ursprüngliche Negativbild in ein Positiv um- wandeln, fixieren, auswässern usw. Für jede Aufiiahme werden dabei frische und daher immer gleich leistungsfähige Bäder gc- nommen. Zuletzt kommt die Karte auf eine Platte, auf der sie durch Klammern festgehalten wird und die mit einer Geschwindigkeit von 5000 Touren in der Minute rotiert. Hier wird ihr durch die Zentrifugalkraft alles Wasser entzogen, worauf sie durch eine Oeffnung aus dem Apparat herausfällt. Notizen. — Fried mann 8 Serum. Die kanadische Aerztebercini- gung erklärte, die Versuche mit dem Serum Dr. Friedmanns hätten ein unbefriedigendes Ergebnis gehabt.(Die Berliner Aerzte haben zu ihm auch kein Vertrauen. In Amerika wird mit echt kapital!- stischen Mitteln dafür Reklame gemacht.) � Ein sächsischer Naturschutzpark. In der sächsischen Schweiz war die malerische Felsenkette am Elbufer durch Sandstein» brüche und Industrieanlagen vielfach gefährdet. Ein Verein will jetzt sür die Naturschönheiten nicht nur von Fall zu Fall eintreten, sondern das ganze rechte Elbufer in einen Naturschutzpark ver- wandeln. — Die Ozonbild ii ng der Nadelbäume. Nach den Untersuchungen von Prof. Lemström in HelsingforS wirken die Nadeln von Kiefern und Fichten und verwandten Bäumen als ElektrizitälSerreger auf die Atmosphäre. Die Bäume sind danach stets wie von einer elektrischen Wolke umgeben, und insbesondere macht sich in ihrem Umkreis eine Anreicherung von Ozon bemerk- bar. Dasselbe gilt auch von den Grannen deS Getreides.. Der Gelehrte nimmt an, daß auch sie Elektrizität erzeugen, die von der Pflanze zu ihrer eigenen Entwicklung verlangt wird. WuSnofjmc Herr Paul Arndt, seines Zeichens Dentist, wcchnhast Dahlem, Unter den Eichen 94a. Herr Arndt als Inhaber dreier Frisenrgeschäfte, Bergmannstr. 112, Luisenufer 21 und Alexander- platz 2, seht sogenannte„Pächter" für seine Geschäfte ein. Für den Betrieb Alcranderplatz 2 ist dies ein Herr Krause, über Bcrgmannftrahe 112 und Luisenufcr 21 regiert Herr Martini. Leider ist es der Organisation nur möglich gewesen, auf die mehr von Arbeitern besuchten Geschäfte Bergmannstr. 112 und Luisen- ufer 21 Einfluß zu gewinnen. Hier hat auch Herr Martini als Pächter den Tarifvertrag der Organisation unterzeichnet. Weil nun ein neu eingestellter VerbandSgchilfe den Herren ein bihchcn zu scharf auf die Fingern sah, bestehende Mißstände der Organi- sation meldete, diese Mißstände auch in einer Betriebsversamm- lung u»er Hinzuziehung der Herren A r n d t- M a r t i n i klären wollte, wurde er sofort entlassen. Herr Martini engagierte nun mit großem Eifer unter Zustimmung des Herrn Arndt unorganisierte Gehilfen. Die Forderung des Organisationsver- Weiers, den Gemaßregelten sofort wieder einzustellen, lehnte Herr Martini schroff ab, woraus die noch in den Betrieben Berg- mannstraße 112 und Luisenufer 21 beschäftigten Verbandsmit- gliedcr sich mit ihrem gemaßregeltcn Kollegen solidarisch erklärten und die Arbeit sofort niederlegten. Inzwischen war Herr Arndt nicht müßig und schaffte von dem Winkelnachweis Älcxandrinen- straße L9 per Automobil neue Arbeitskräfte heran. Um nun der überzeugten Arbeiterschaft nicht zuzumuten, sich von Nichtorgani- sicrten rasieren zu lassen, hat die Streikleitung in dem Hause Belle allia nee straße 75 eine Rasier st übe errichtet. In der Nähe des Luisenufcrs 21 befinden sich außerdem folgende Tarifßeschästc: Britzer Straße 14, Schreiber; Wassertorstraße 38, Äuhrmann. DentMieki Reich. Zu unserer Notiz betr. den Boykott über die Erzeugnisse der Firma Weist in Stettin, in der wir unter anderem auch den „Kalobion-Nährsalz-Kaffee" als Fabrikat der Firma Weiß bczeich- ncten, wird uns von der Kalobion-Nührsalz-Jndustrie Karl Schmcitzncr, Berlin-Halensee, mitgeteilt, daß jene Angaben unzu- treffend seien.— Ter Kalobion-Nährsalz-Kaffee wird seit jeher dauernd und ausschließlich in Berlin selbst erzeugt, während die Firma Weiß nur ganz vorübergehend zu kleinen Aushilfesendungen herangezogen wurde. Die Nichtigkeit dieser Angaben wurde uns durch vorgelegte Schriftstücke nachgewiesen. Das Stettiner Ge- wcrkschaftskartcll hat denn auch den Boykott über Kalobion-Nähr- salz-Kaffee sofort aufgehoben._ Zun« Polizeikanipf gegen den Holzarbeiterverband. Gegen den Lorsitzenden der Zahlstelle Bromberg des Deutschen Holzarbeitcrverbandes, Bernau, wurde ein Polizei- licher Strafbefehl erlassen, weil er es abgelehnt hatte, die den politischen Vereinen nach dem Neichsvercinsgesetz obliegenden Pflichten zu erfüllen. Bernau erhob gegen den Strafbefehl Wider- soruch. Am 27. d. M. stand Termin vor dem Schöffengericht in Bromberg an. Bernau wurde von dem Rechtsanwalt Heine- man n-Berlin vertreten. Bernau lehnte es ab, für den nicht- politischen.Charakter des Holzarbeiterverbandes Beweise anzu- treten, er wartete vielmehr ab, was die Anklagebehörde vorzu- bringen in der Lage war, um nachzuweisen, daß die Zahlstelle Bromberg sich politisch betätigt habe. Dieser Nachweis aber siel mehr als kläglich aus. Ter vernommene Polizeikommissar vcr- mochte lediglich zu bekunden, daß er aus ihm gemachten A e u ß e- r u n g e n auf den Charakter der Zahlstelle als eines politischen Vereins geschlossen habe. Genauer nach dem Inhalt dieser Aeutzerungen befragt, erklärte er, daß er weder sagen könne, wie diese gelautet hätten, noch Ivcr sie gemacht habe, noch selbst, daß sie sich auf den Holzarbeiterverband bezogen hätten. Er habe daraus nur entnehmen zu können geglaubt, daß alle freien Gewerkschaften politische Vereine seien. Befragt, was er deun unter einem politischen Verein verstehe, meinte der Zeuge, dies wisse doch jedermann. Daß allerdings der Verband � auf die Gesetzgebung einzuwirken bezwecke— bekanntlich das cfftzige Kriterium des politischen Vereins—, vermöge er nicht zu sagen. Er bekundete vielmehr, daß er zu einer solchen Annahme keinen irgendwie durch Tatsachen belegtes Grund habe. Er meine nur, der Holzarbeiterverband trage einen„mehr politischen Charakter". Da der zweite vernommene Polizeibeamtc noch lveniger bekunden konnte, beantragte der Staatsanwalt selbst die Freisprechung, auf die das Gericht denn auch in llebercinftimmung mit einem Urteil der Strafkammer in Thorn erkannte, das vor kurzem ebenfalls die dortige Zahlstelle des Holz- arbciterverbandes als unpolitisch erklärt und deshalb auch auf Frei- sprcckung erkannt hatte. In diesen Tagen ist, wie wir hier hinzufügen, noch ein an- derer sehr interessanter Rechtsstreit gegen den Holzarbeitcrverband beendet worden, über den wir in der Nr. 89 vom 15. April d. I. eingehend berickitet hatten. Die Staatsanwaltschaft hatte versucht, die Zahlstelle Friedland in Schlesien des Deutschen Solz- arbeiterverbandes für einen politischen Verein zu erklären. Dieser Versuch war auch in erster Instanz geglückt. Tie Strafkammer in Waldenburg erkannte jedoch auf Freisprechung,� indem> sie die politische Natur der Zahlstelle verneinte. Gegen dieses Urteil legte der Staatsanwalt Revision ein. Das Oberlandes- gericht Breslau vertoarf jedoch durch Urteil vom 25. d. M. die Revision des Staatsanwalts, so daß das frei- sprechende Urteil der Strafkammer die Rechtskraft beschritten hat. Zu der geplanten Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen der Werftarbeiter ist zu berichten, daß den Organisationsleitungen an den einzelnen Orten von den Werstlcitungen resp. den Ge- schäftsstellen der Untergruppen der Arbcitgeberverbände die Mit- tcilung zugegangen ist, daß zunächst der Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller zu den eingereichten Vorschlägen Stellung nehmen muß. Die hierzu einberufene Sitzung findet in diesen Tagen statt. Nach der Sitzung soll den Organisationsleitungen weitere Mitteilung zugehen. Husl&nck. Ter Turiner Metullarbeiterstreik beendet. Nach mehr als dreimonatiger Dauer hat der Streik in der Turiner Autonwbilindustrie durch einen Vertrag sein Ende gefunden. Noch vor 14 Tagen haben die Unternehmer die Bedingungen zurück- geivicsc», die sie' sich jetzt anzunehmen entschließen mußten. Aller- dingS haben auch die Arbeiter von ihren ursprünglichen Forde- rnngen wesentlich heruntergehen müssen. Die Arbeiter erzielen eine geringe Herabsetzung der Arbeitszeit um eine Stunde wöchentlich im laufenden Jahr, zwei Stunden im nächsten und drei Stunden im übernächsten, in ivclchem der Tarifvctrag abläuft. Der Stundenlohn erhöht sich um 2 Centesimi. Die Unternehmer stellen alle Arbeiter «vieder ein und erkennen der Gewerlschast das Recht zu, bei allen Fragen und Unterhandlungen mit den Unternehmern als Vertreter der Arbeiterschaft aufzutreten. Die Tagesordnung, in der die Wieder- aufnähme der Arbeit beschlossen wurde, spricht all' denen, die die Streikenden während ihres langen Kampfes unterstützt haben, und vor allem den deutschen Metallarbeitern, den Dank der Arbeiter der Automobilindustrie ans. Der Streik, der 8000 Arbeiter umfaßte, war einer der hartnäckigsten, den die italienische Metallindustrie mit gutem Ausgang ausgefochten hat. Zlhutsleute unter der Mlage der Zuhälterei. Tritter Berhandlungstag. Am Freitag wurde die Zeugcnvernchniung fortgesetzt. Erster Zeuge ist Ludwig Lacher. Er war seinerzeit unter den 10 Kriminal- beamten, die vom Dienst entbunden wurden und gegen die ein Ermittelungsverfahrcn eingeleitet war. Der Zeuge hat seinen Dienst als Kriminal- bczw. Sittenschutzmann wieder aufgenommen. Er wird vorerst nicht vereidigk. Zeuge sagt aus: Die Ortmeier habe ihm erzählt, die Walter wollte Briefe von ihm an den Redak- teur Karl Schncidt verkaufen, dieser habe das Material, als belang- los bezeichnet, es später aber doch gekauft. Er, Zeuge, ist der Meinung, die W. habe sich an ihm nur rächen wollen. Zeuge war auch in der Friedrichstraße tätig. Bon ihnen habe keiner gewußt, wo Thiele die Sache» herbekomme. Sie hätten wohl mal gefragt: „Na, schon wieder eine» neuen Anzug?" Da habe Thiele dann geantwortet:„Ja, ein Reklamcanzug!" Zeuge kann keine plausible Erklärung geben, was damit gemeint war. Er habe nur dienstlich init der Ortmeier und der Walter verkehrt, die beide ihn öfter belogen hätten. Frl. Ortmeier sagt hierzu aus: Lacher habe zu ihr gesagt, sie möge doch sehen, daß sie die Briefe wieder von der Walter heraus- bekomme, so oder so. Kriminalschutzmann Lüdickc wird ebenfalls vorerst nicht vcr- eidigt. Auch er war in der Fricdrichstratze im Dienst gewesen. Ter Zeuge behauptet, daß Karl Schncidt Zeugen habe beeinflussen wollen, kann aber positive Angaben nicht machen. Kriminalinspcktor und Dr. med. Güth wird als Sachverstän- diger vernommen. Er ist seit 8 Jahren bei der Polizei tätig und gibt Auskünfte, wie der Dienst der Sittenpolizei organisiert ist. Die Kontrolle der Prostituierten wird entsprechend dem Charakter der einzelnen Straßen ausgeübt. Für die Friedrichstraße existiert jedoch ein ganz besonderer Dienst, da von dort die Klagen über die Prostituierten sich sehr gehäuft hätten. Die Beamten haben dort nur ganz bestimmte und kleine Strecken zu beobachten, die sie nicht verlassen dürfen. Zur Verfolgung sind andere Beamten beordert. Die Gepflogenheit, sich der Mithilft von Vigilanten zu bedienen, sei von der Kriminalpolizei auf die Sittenpolizei übergegangen. Ein straffes Dienstverhältnis mit Vigilanten bestehe aber nicht. Es werden bestimmte Personen, die dazu geeignet erscheinen und darauf geprüft werden, zu dieser Tätigkeit ausgesucht. Die Ein- richtung ist getroffen, um Mädchen, die sich der Kontrolle entziehen, festzustellen und somit Krankheitsherde zu verstopfen. Die Beamten bedienen sich der Vigilantinnen in Fällen, wo sie selbst nichts er- reichen können. Bare Auslagen werden ersetzt, die Mädchen träten aber nie mit Forderungen heran. Sic täten es wohl, wie die Ort- meier gesagt habe,„aus Passion". Auch spielt wobl der Brotneid eine große Rolle dabei. Gesagt werde den Vigilantinnen stets, daß sie auf Vorteile irgendwelcher Art nicht zu rechnen hätten. Wenn eine wieder einen anständigen Broterwerb aufmessen könne, so werde sie von der Kontrolle befreit. Ein Beamter teile ihr dann dies mündlich und ganz unauffällig mit. Es sei bei der Behörde nicht bekannt gewesen, daß Beamte Geschenke annehmen. Es komme vielleicht vor, daß ein Beamter mal gelegentlich eine Zigarre oder ein Glas Bier erhalte, unzulässig sei es aber, Geschenke anzunehmen. Uebrigens habe nicht Karl Schncidt, sondern Thiede selbst durch seine Anzeige den Stein ins Rollen gebracht. Schneidt behaupte nämlich, daß er es gewesen sei, der die Angelegenheit in Fluß gebracht habe. Vorsitzender:„Was Herr Schneidt behauptet, ist ja egal." Wenn Bachmann der Ortmeier Ratschläge erteilt habe, so sei er dazu allerdings nicht befugt gewesen. Hier tritt die Zeugin Walter vor und sagt: Tie Beamten haben »ns erlaubt, auf den Strich zu gehen, sie haben, wenn wir mit einem Herr» zusammen waren, so lange gewartet, bis wir fertig waren. Sie haben gefragt, wieviel wir bekommen haben, haben mit Kollegen Versteck gespielt, damit wir ungestört arbeiten konnten. Zeuge Güth, fortfahrend: Tic drei Beamten seien sehr Pflicht- eifrige Beamten, ganz besonders aber sei Thiede ein forscher und schneidiger Beamter, der positiv das meine geleistet habe unter den Beamten. Vom medizinal-psychologischen Standpunkte könne er die Prostituierten dahin charakterisieren: Haltlosigkeit, ibr Leben einzurichten; Zügel- losigkcit der Affekte und dann Lügenhaftigkeit. Eine Wissenschaft- liche Richtung vertrete die Ansicht, daß die Prostituierten durch ihre angeborene Minderwertigkeit zu ihrem Gewerbe prädestiniert seien. Daß sie durchweg hvsterisch seien, treffe nicht zu, auch spreche dafür, daß selten mal eine turbulente Szene bei ihrer Ver- nchmung sich ereigne. Mit der Ortmeier sei er wenig zusammen- gekommen, er halte sie aber für hysterisch. Gewundert habe er sich allerdings über ihr außerordentlich ruhiges, sicheres und vorteil- baftes Austreten hier vor Gcricbt. Im allgemeinen hätten die Beamten Weisung, an Schiinpscreicn, wie sie alltäglich vorkommen, vorbcizuhören, aber nur, soweit es nicht öffentlich geschehe oder darunter die Autorität der Beamten und der Behörde nicht leide. Es wäre im Falle Thiede richtiger gewesen, wenn er Anzeige er- stattet hätte wegen der Beschimpfungen auf der Wache. Kriminalwachtmcister Rclitz bekundet über die Verhöre, die er mit den beiden Zeuginnen Ort- meier und Walter vorgenommen hat. Die Ortmeier sei direkt, ohne Vorladung und ohne die Anzeige, die Thiede gegen sie ein- gereicht, zu kennen, zu ihm gekommen und habe Thiede beschuldigt, u. a. inorgens in ihre Wohnung gedrungen zu sein— und zwar in betrunkenem Zustande. Hier bittet Thiede um das Wort, und wendet sich heftig gegen die Ortmeier. Diese wiederum gerät— zum ersten Male wäbrenh der Verhandlung— in große Erregung und ruft in den Saal: „Ter lügt ja wie gedruckt!" Ter Vorsitzende rügt diese Bemerkung. Frida Ortmeier: Lackstiefel habe ich ihm nicht gekauft, es waren braune Stiefel, die hat er sich später schwarz färben lassen I Frau Thiede: Ich sitze nun schon tagelang hier und muß mir mit blutendem Herzen die Unwahrheiten der Zeugin anhören. Nichts habe ich bekommen als ein paar Stückchen Speck, so groß wie ein Aktenstück und ein paar Würste, und das habe ich bezahlt. Vorsitzender: Ja, Frau�hicdc, warum haben Sie es denn ge- nomine», Sie wußten dock�daß die Ortmeier keinen Kaufladen hatte. Fran Thiede: Ich fürchtete, die Ortmeier würde meinem Manne nicht mehr Dienst leisten. Zeuge Relitz, fortfahrend: Später sei Thiede nach Angabe der Ortmeier öfter erschienen, da sei es zum' intimen Umgang � gekommen. Auch daß sie ihn eingekleidet und mit Geld und Lebensmitteln unterstützt habe. Schon am Tage nach der Schenkung des ersten Anzuges sei Frau Thiede zu ihr gekommen und habe gesagt:„Na, den Macherlohn können Sic uns auch geben, das ist ja gerade das Teuerste bei Kleidern." Ihre Aeußerungcn habe sie damals wider- rufen, weil, wie sie sagte, Mitleid mit Thiede sie dazu getrieben habe. Die Zeugen werden hierauf vereidigt, mit Ausnahme der Ort- meier, die verdächtig ist, sich der Begünstigung schuldig gemacht zu haben durch die Zurücknahme ihrer damaligen Aussage. Hierauf nahm Staatsauwaltschaftsrat Töpffcr das Wort zu seiner Anklagerede: Wer seinerzeit, als die Ange- legcnheit ihren Anfang nahm, die Presse verfolgte, konnte zu der Annahme gelangen, daß hier ein Polizei-Panama ausgedeckt worden sei. Die Beschuldigungen hätten sich aber bei der Unter- suchung zum größten Teil nicht aufrecht erhalten lassen. Lediglich die drei Fälle, über die hier verhandelt wurde, wären übrig- geblieben. Er habe, als der Prozeß seinen Anfang nahm, ge- wünscht, daß auch die drei Angeklagten sich befreien könnten von den Anschuldigungen, doch sei ihnen dies nur zum Teil gelungen. Im weiteren Verlaus seiner Ausführungen kommt er zu dem Schluß, daß die Tatbestandsmerkmale einer Bestechung für alle drei Angeklagten nicht vorhanden seien und die drei von dieser Anklage freigesprochen werden müßten, da sie sich eine» Amtsver- brechens nicht schuldig gemacht hätten. Es könne dahingestellt bleiben, ob S c c g e b a r t h die von der Walter erhaltene Seide bezahlt oder geschenkt erhalten habe, da festgestellt sei, daß diese Zuwendung nicht gegeben wurde in Erwartung eines Vorteils. Be- züglich des Geldes, das sie ihm gegeben haben will, ließen sich keine Schlüsse ziehen, denn die Walter habe hierüber die Aussage aus strafrechtlichen Erwägungen verweigert und sich nur einmal unab- sichtlich vergaloppiert. Es sei infolgedessen nicht zu ersehen ge- Wesen, unter welchen Umständen das Geld gegeben worden sei. Was Bach mann anbelangt, so könne aus dem Darlehen, daS er sich von der Ortmeier geliehen haben soll, ungünstige Schlüsse nicht gezogen werden. Bei den übrigen Summen, die die Ortmeier ihm gegeben haben will, sei es auch nicht erwiesen, daß es als Entgelt für Dienstleistungen gedacht war. Auch bei Thiede könne von Bestechung keine Rede sein, da die Ortmeier selbst bekundet hat, keinerlei Vergünstigungen erhofft noch erhalten zu haben. Anders stehe es aber mit der Frage der Zuhälterei. Diese sei im vollsten Umfange erwiesen. Die Anklage gegen ihn stehe und falle mit der Aussage der Ort- meier. Gewiß, bei einer Vertreterin ihres Gewerbes sei es üblich und ratsam, jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Nicht aber könne man ohne weiteres sagen, daß eine Prostituierte unter allen Umständen unwahrhaftig und eines Meineides fähig sei. ES liege auch noch mehr vor, wie die Aussage der Ortmeier— ihre Briese und Thiedes Briese. Diese bewiesen, daß von einem dienst- lichcn Verhältnis zwischen beiden keine Rede sein könne. Auch bestimmte Angaben könne sich die Ortmeier nicht aus den Fingern gesogen haben, z. B.:„Komme an meinem Geburtstag nicht, es könnten�an dem Tage gerade Kollegen da sein," oder die Aeutzcrung der Frau Thiede zu Psingsten 1911:„Geh heute abend nicht rüber zu Fräulein Ortmeier, ihr Bruder wollte kommen. Bleibt bier, ich mache Euch das Hintere Zimmer zurecht." Weiter die Be- merkung der Ortmeier, als sie bei der Verncbmung mit Thiede zusammentraf:„Na, den Schwindel hast Du Dir ja schön zurecht gelegt." Die Ortmeier habe hier vor Gericht ihre Aussagen in sehr ruhiger, klarer und bestimmter Form gegeben, und die anderen Zeugen konnten Tatsachen für die Unglaubwürdigkeit der Ortmeier nicht vorbringen. Die Sachen hat sie Thiede zweifeUos geschenkt. Das sei Zuhälterei. Thiede wußte, wie und wo die Ortmeier ihr Geld verdiente. Allerdings habe sie nur teilweise zu seinem Lebensunterhalte beigetragen. Aber daS sei doch schon beträchtlich. wenn man bedenke, daß es in W* Jahren sich schätzungsweise auf zirka 1090 M. belicf. Bei Frau Thiede stehe es fest, daß sie die Ortmeier wieder- holt aufgefordert hat, zu ihrem Manne zu gehen. Sie hat in zwei Fällen Gelegenheit zur Unzucht geboten. Es komme in Betracht, daß die Thiedes jährlich zirka 30(>0 M. Gehalt zu verzehren hatten und durch Vermieten eines möblierten Zimmers noch etwa 499 M. im Jahr hinzuverdienten, außerdem kinderlos sind. Erschwerend sei der Umstand, daß er als Beamter so ge- handelt, mildernd die Tatsache, daß ihm das Zeugnis eines äußerst pflichteifrigen und tüchtigen Beamten ausgestellt werde. Er beantrage gegen Tlsicdc wegen Zubälterei 9 SNonatc Gefängnis, gegen Fran Thiede wegen Kuppelei 4 Wochen Gefängnis. Ferner beantrage er, dem Thiede die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher.Acmter auf die Dauer von 3 Jahren ab- zusprechen. Von dem Antrag auf Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte sehe er ab, um dem Angeklagten den Wiedereintritt in die bürgerliche Gesellschaft nicht zu erschweren. Bachmann und Scegcbarth beantrage er, freizusprechen. Die Verteidiger beantragen Freisprechung. Nach längerer Beratung verkündete Landgerichtsdirekior Schmidt folgendes milde Urteil des Gerichts wie folgt: Die Hauptsache bei der Verhandlung war die Frage, ob die Zeugin Ortmeycr glaubwürdig ist oder nicht. Das Gericht hat die Zeugin für glaubwürdig erachtet, obgleich ihre eidliche Aussage in dem Ehescheidungsprözcß Müller direkt das Gegenteil von der eid- lichen Aussage darstellt, die der Zeuge Müller hier im Prozeß ge- niacht hat. Der Ehescheidungsprozeß mag auch ergeben haben, daß die Behauptungen ter Zeugin von anderen Zeugen nicht bestätigt wurden, aber der Eheset�idungSprozeß ist ja noch nicht zu End«. In dieser Verhandlung haben sich viele Momente ergeben, die fiir die Richtigkeit der Angaben der Ortmeycr sprechen und persönlich hat die Zeugin einen guten Eindruck aus den Gerichtshof gemacht. Daß sie hysterisch sei, hat das Gericht nicht wahrgenommen, sie hat nach Ansicht des Gerichts auch kein« Rachsucht gezeigt. Anderer- seits weist auch das Verhalten der Thiedeschcn Eheleute darauf hin, daß die Angaben der Ortmeyer richtig sind. Di« Briese ergeben mit aller Deutlichkeit, daß zwischen Thiede und der Ortmeyer nicht etwa ein Verhältnis wie zwischen einem Vorgesetzten und einem Untergebenen geherrscht hat, sondern daß ein intimes Verhältnis. vorgelegen haben mutz. ES mutz auch zugegeben werden, daß aller- dings die Briese Andeutungen aus einen geschlechtlichen Verkehr nicht enthalten, aber die sonstigen Tatsachen sprechen dafür, daß die Behauptungen der O. nicht unwahr find. Sie haben sich in einem gegebenen Moment veruneinigt; Thiede hat aber nachher den Verkehr wieder fortgesetzt, ebenso die Frau nach dem Krach, den die O. vor der Polizeiwache auf der Straße gemacht hatte und Thiede hat sich nicht gescheut, den Verkehr noch zu unterhalten, nach- dem die Untersuchung schon eingeleitet war. Er hat mit der O. noch postlagernde Briese gewechselt und das intime Verhältnis muß noeli bis Mai 1912 bestanden haben. Dazu kommt, daß die O. verschiedene Tatsachen bekundet hat, die sie unmöglich sich einfach aus den Fingern gesogen haben kann.. Tie Aussage der O. wird außerdem durch die eigenen Angaben der Thiedeschen Eheleute be- stätigt. Wenn letzter« bebauptct hätten, niemals Geld oder sonst etwas Erhalten zu haben, dann würde man sagen können: eS steht Aussage gegen Aussage. Sie geben aber selbst zu. drei Anzüge. einen Paletot und Nahrungsmittel in großer Menge von der O. erhalten zu haben. Da mutz man doch fragen: weshalb haben st« denn diese Sachen angeblich„gekauft"? Die Ausrede, daß dies geschehen sei. um die O. als Agentin für sich zu erhalten, greift nicht durch; es ist ja auch nur einmal passiert, daß Thiede die Dienste der£). in Änspruch genommen hat— was auch nur zufällig war. Sind aber die Angaben der O. richtig, so folgt daraus, daß Thiede sich strafbar gemacht hat, allerdings nicht der Bestechung: denn es ist nachgewiesen, daß Thiede für die Vorteile, die er emp- fangen, der O. ein Aequivalent in amtlicher Eigenschaft nicht gcwäh� hat. Dasselbe ist bei Bochmann und Scegcbarth der Fall, die deshalb freigesprochen worden sind. Thiede ist wegen Zuhälterei z« f*.' strafen, weil er von einer Frauensperson, von der er wußte, daß sie ein unsittliches Gewerbe betreibt, sich hat Vorteile und teilwel>e- Lebensunterhalt sich hat gewähren lassen.'.. Bei der Frau Thiede bat das Gericht die Frage, ob sie sim der Kuppelei schuldig gemacht hat, verneint. EL ist nur ein er- wiesen, in welchem sie— am zweiten Pfingstftiertage— die»Loh. nung ihrem Manne und der O. überlassen hat. Anidere.Ftille Uno nicht erwiesen. Aus rechtlichen Gründen muß sie freigesprochen werden insofern, als sie nicht gewohnheitsmäßig gehandelt hat. ist aber cmch nicht festgestellt worden, daß sie auS Eigennutz ge. handelt, sondern sie mag vielleicht geglaubt haben, ihrem Manne für seinen Beruf einen Dienst damit zu erweisen. � Bei Abmessung der Strafe gegen Thiede ist berücksichtigt worden, daß er ein Beamter war und diw Zeugin Ortmeyer doch in ganz erheblicher Weise ausgenutzt hat. Nach der Angabc der O. be- ziffert sich die Sumiilc der Aufwendungen, die sie für ihn gemacht hat, auf etwa 1999 M. Andererseits ist er nocv nicht bestraft und ferner ist berücksichtigt worden, daß die Zuhälterei doch nicht so schlimm war, wie sonst in Fällen der Zuhälterei. Nach alledem hat das Gericht den Thiede z» 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Auf Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte und Absprechung der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Llcmter zu erkennen, bat der Gerichtshof keine Veranlassung gehabt.— Tic übrigen Angeklagten hat das.Gericht freigesprochen. Diese Woche: Saison-flnsveritaiif Enorm billige Angebote in fast allen Abteilungen � Wurstwaren Cervslat- cder Salamiwurst. J SpStteimarkt Seüe-Aiüancsstrassa Grosse Frankfurterstrasse irußneastrasse Kotlbuser Damm Pfund 1.4© 0 Schinkef» wurst.............. Pftmdt.40 ff. Leberwurst............. ptnnd D Landleber- cd. Rotwurst I 95 pt Srühpolnische............. Pfand 90� Zwiebel- od. Rotwurst..Pfand ZZ?.. ZLbinkenspeek............. Pfand t.10 Nasschinken................. Pfund 1a4@ Speck rund 75« 90« Neue KodcReln 35 WMnte. 8,12,15 Butter and Käse % Soweit Vorrat. (Niehl am SpUtebnarkt) Verkauf nicht an Wiederverkäufer. ß i E O i % pf. pf. § KüSSler.........-88,95 § e Frisches Fleisch 1.S9, 1.35 1'n 9uten Q�räten, zu billigen Preisen 1 9 9 Molkereibutter..... 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Schleuzsner, Wsrsohioerst.S c Seifen J Heidke, Paul, Burgsdartstr. 13. Gust. Banse, Elsasserstr. 9 a. L Tepplohe n. Bapdinen) Oordlnenh. Bernhard Schwartz Berlin, Wallstr. 13(dreizehn), B, Wfndlor, Re!niakendnrferst.65 ��läShelmaoailn���J Dnehne.F., Ri., Neue Jonasstr.36. J.Deutmann, GeIe9e11btat.Bulel1tr.il WHiKT Brunnen- Str. 162. ®F>utbau$ norden Brunnonstraße 51. Badstraße 65 Chausaecstraße 55. Dresdnerstraße 120 Geppert, Paul, Zoaseners». 32. Gleiser, G.HadcetWilhelmBhavener8tr.20. König, A., HkliiLjBerlinerstr. 102. Herrn. Kogel H.mÄ.«. Beiße, Rod-, Chaussee«». 66. M. Grund„„„�.1. 177 Hut-En gr.-Lager,B«i]i-,Girtaervt.24. A. Lemaitre, WllKfdrf.lB«rliifnt.l 32. Rieck, Em. SÄ«. Schosrr, Herrn., Wllmersd.-St. 45. Vester, E. ÄS« Eüchenmöhel Berliner Kiiehenmöbel-Fobrik Neue.Königst. 31-33, T. VII 4743 J. A. Sclmlz"r" �Uhpenu�Boldwapenl Arendt, H. 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TeUwcise aujkiarend. vorherrschend wollig mit leichten Regensällen und ziemlich jrijchen westlichen Winden; Temperatur wenig verändert. Berliner Wetterburean. WaslerstandS-Nachrichte« der LandtSanstall für Gewässerkunde. mügeteUl vom Berliner Wetterburean. Wasserstand M e m e l, Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel, Thor» Oder, Ratlbor , Krossen , Frankfurt Warthe. Schrimm , 9andSberg Rehe, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden . varbv Alagdeburg am 26. S. cm 93 —35 82 III 73 78 10 —19 -38 46 -60 149 130 seit 25. 6, cm1) 0 +2 -4 -1 -6 —4 0 -2 —2 —30 —32 +12 +18 Wasserstand Saale, Grechütz Havel, Svandaufi , Rathenow') Spree, Svremberg') , BeeStow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximilianSau , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Hanau Mosel, Trier am 26.6. cm 165 14 —11 68 78 188 274 474 263 243 79 202 35 1 seit 125. 6. cm1) —45 0 -1 0 0 —20 —19 —10 +7 +11 -0 4 34 —9 ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Untcrpegel. ßnefkaften der Redaktfcti. XU(«rtslltdu epr-tpft»»», finttt 2 t n» t n(t r n e e 09, von, vier Treppe, — Aaprftndt ttmwcnUglld) von 4Vb dt« JVp IIP» abend«, eonnadendp, da» 4M, dl» 0 Uhr adend» statt. Jeder sstr den vrtestaftra dcsttmauen ist et»»»chftade»od ewe Zah, al« Meetictiden detjusdgen.»rtefUUe wird nicht erteilt. Anfragen, denen leine Adonne«ent»a»ttt»»i detgesstg,» ve'd-u nicht deannooetet.«Ittge Fragen»rage man ,n der«Prechft»«», mx. B 32. Der Standpunkt der Steuerbehörde cntsprichl dem Gesefe. — C. M. Ihre Angaben reichen nicht au«, kommen Sie mit den AnirechnungSbcscheiuigungen und der letzten Quittungilarte in die Sprech. stund«. Im übrigen iind Ihre Frage» bereits in der Nummer vom 19,6 b--mtworlct.— c. 2. 13. 1.»iä zur«ollendnn» de» 1«. Lebensjahres 2. Für die Kosten einer angemessenen Ausbildung sind«le hostbar._ 2A..M. 50. Zur Leistung de« OssenbarunaSeide« ist Ihre Frau ver» pflichlet. Nimmt Sie den Termin nicht wahr, so kann der Gläubiger Haft» beschluß Bconfragcn. Dieser lattn jedoch erst bollstreckt werden, wenn der Gläubiger 45 M, bei der GcrichtSkasse einzahlt.— Tibor, Gostlerstraste. Nach Ihrer Darstellung hat Ihre Tochter Anspruch ans Zahlung des Lohnes und aus Entschädigung sür Kost und LogiS für den ganzen Monat. Bean- tragen Sie s o f o r t bei dem Polizeirevier, in dessen Bezirk die.Herrschaft� wohnt, das Sühncverfahren.—- H 2. 51. 1. Ja, sofern die Steuer nicht länger als>/, Jahr rückständig ist. 2. Ist das letztere der Fall, so beschweren Sie stch bei dem Landrat.— B. IVO. Sie können bei dem Polizcipräfi- dium den Antrag aus Namensänderung stellen.— A. B. 100. 1. Nein. Nach dem jetzigen Gesetz kann die Altersrente erst nach Vollendung des 70. Lebensjahres beansprucht werden. 2. 1200 BeitragStvochen, josern nicht eine Verkürzung der Wartezeit in Frage kommt, wofür sich aus Ihrem schreiben nichts folgern lägt.— N. 1555. Anspruch aus Aussteuer lägt sich jetzt nicht mehr geltend machen, da die einjährige Frist nach prsolgter Eheschließung verstrichen ist.— St. N. 24. Sofern Sie noch unverheiratet find, war die Beschlagnahme zuläsfig.— G. H. D. Für die Kosten der Erneuerung der Scheiben hastet der Vermieter, sosern nicht etwa aus Be- ftimmungen des Mietsvertragcs etwas anderes zu solgern ist.— M. Ja. — Steinweg. Informieren Sie fich aus den Lehrbüchern über deren Verlag und nehmen Sie dort Rücksprache. Auch bei der Redaktion einer technischen Fachzcitung.— E. K. 6. Kgi. Charitä. 6 Monate 300 M. Meldungen beim Kreisarzt.— R. B. 34. 1. Wohl in Regel ehrenamtlich. 2. Wetiden Sie sich an die Berliner GewerlschastKkommission, Berlin, Engel-' user 15.— A. V. 50. An die StistungsdeputationHes Magistrats, Berlin, Poststr. 1(5.— Papier 400. Wir lehnen grundsätzlich ab, in geschäftlichen Unternehmen Berater zu sein.— E. B. 50. Dazu fehlt im Bricskaslm der Raum. In der Buchhandlung des.Vorwärts' billigt Ausgabe über Garten« und Blumenpflege.— B. R. 0. Georg Weihnacht. Berlin, Grün» straße 21.— R. R., Sparrstr. K. Im Reichstag im Höchstfälle 3000 M. für die Session unter Abzug der Tage der Abwesenheit. Im Landtag 15 M. sür den Tag der Tagiingsperiode.— W. D. 1592. Hossentlich. �euzs/e� T MAGGr Suppen s§nd die besten 3 Allein echt mit dem Namen MAGGI und der Schutzmarke � Kreuzstern. WM-.ypy »v.: Todes-Anzeigen SozialdeniokratisclieFWshliferfiln LlZ.Berl.ßeiebstags-Wahikreis. Bezirk 79. «m 24. Juni 1918 verstarb unser Mitglied Karl Röhrig. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 2s. Juni, nach« mittags 4 Uhr, von der Halle des Heilig-Kreuz-KirchhoseS in Marien- darf auS statt. 200/4 Der SZorstoud. Sozlaldemofratiseiier WaJilvereiii Ld.S.BerLReiciistags-Waiilla'eis. Am Montag verstarb unser Genosse, der Lackierer PauB Saft Lehrterstraße 48c, Bezirk 737. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, nachmittags'4'/� Uhr, von der Leichenballe deS städtischen riedhofcZ, Müllcrstraße, Ecke See- aße, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorat&nd. ierljanil der Maler, Lackierer J Anstreictier nsw, Unseren Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Lackierer Paul Saft cm» 24. Juni verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Sonnabend, nachmittags i'l, Udr, von der Leichenhalle des ftüdt. Friedhofes in der Müllerstraße, Ecke Seeftraße, aus statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 139/17 Die Ortsrerwalhing. BeutsclierMElallarheileF-VerbaDd Verwallungstlelie Berlin. Jugendabteilung. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Metall« arbeitec Otts Kraft gestorben ist. Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 28. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Nicderschönhauser March« hoses in der Schönbolzcr Heide, Germaniastraße, aus statt. Rege Betelligung wird erwartet. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Gustav Wölk Spandau, Staakener Straße 20, gestorben ist. Ehre ihrem Andenken! 120/1? Die Orteverwaltung. Verbeod der Koplerscluniede DenlSCÜaildS. kMale Berlin. Nachruf. Arn 21. d. MtS. verstarb»wser Kollege vustav Sckulie im Alter von 56 Jahren. Ehre feinem Nndcnkeu! gv/S Der Voeetanck. - tzt r Deutscher Holzarbellerferhand. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Möbel- Polierer IBctoin Sauer sEbertyftraße 50) im Alter von 29 Jahren gestorben ist. Ehre feinem Andenke«! Die Beerdigung findet beute Sonnabend, den 28. Juni, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle des MarkuS«5tzirchhoseS in Wtl« Helmsberg auS statt. 85/5 vis OrtivenraRuag. DtfiikKaffiiiig. Für die vielen Beweise herzstcher Teilnahme bei der Beerdigung unseres einzigen Sohnes, dcS Torpeoo-Ober- Hetzer» I'rleelrl«!!» Zlovk sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten unsiren herzlichsten Dank. liael Mook nebst Frau und Tochter. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung unserer lieben Tochter, Schwester, Mutter und Schwägerin 7A Marie Hartiq geb. Look sagen wir allen Verwandten und Freunden, dem Arbeiterturnverein Ädlershos, dem Deutschen Textil- arbeiterverband, der A. E.-G. Kabel- werk Oberspree, sowie den Kollegen und Kolleginnen der Seidenspinnerei A. E.-E. Oberschöneweide unseren innigsten Dank. Die trauernden Hinterbliebenen Familie Look. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes. unsere» treusorgenden BaterS sagen wir allen Freunden und Bekannten unseren herzlichen Dank. 40A Luise DiUberner nebst Kindern, Pestalozzistrahe 70. Vornehme Herren Beriiir Span. Baum eingetragene"®cno| schränkter mit be- Wicht. Bilanz am 31. Dezember 1912. Aktiva, Mark Bebaute Grundstücke. 10140 247,82 Neubauten Mörtelwerk..... Inventar...... Anlage-Kto. d. Siegfried Levy-Schenkung... 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Mitgliederzahl. Am 1. Januar 1912.... 5490 Eingetreten im Jahre 1912. 045 0141 Am 31. Dezember 1912 lchieden aus lnsolge Ausschlug, Tod und Austündigung...._ 488 Bestand an Mitgliedern am 1. Januar 1913..... 5633 Die Hastsumme sämtlicher Mitglieder betrug am Schlüsse des GcschüstS«» jahrcs 1911.... 1008 000 M. sie hat sich vermehrt um 45 000„ Gesamt- Hastsumme am Schlüsse des Geschäft»- jahres 1912.... 1 713 OOOM. 105/10 Der Vorstand. L. Schmidt. Ernst Rascher. Kleidung fertig und nach Mafi erhallen Sit in der modernen Mass- Schneiderei J. Kurzbers Biegriindct 189S mit ähnlich lautenden Finnen nicht zu Tcrirechscln •Auf Wunsch Wochenrate Roscnihaler Strasse 36 1.£t»ge, Frankfurter Allee 104 Ecke Eriedenetrnaee, Reinickendorfer Str. 4 Wsädingpjate! Keine Filiolen. iMark wBchentllche Teilzahlung liefere elegante Herren- Moden fertig nnd nach Mast! Garantie für tadellosen Sitz. Jonas Kurzbers Oranlenstr.1601' zoiuhtn Marita- o. Oranianplaü. ! Bitte genau auf Streue I Ig ffeuinummar ru achten I Bekanntmachung. Gctverbegericht zu Berlin. J.-Rr. 421 Gew.-Ker. 13. Schiedsspruch deS EinigungSamtes des Gewerbe- gerichtS zu Kerlin für das Staket- gewerbe vom 12. Juni 1913. Der Tarifvertrag sür das Staker- gewerbe wird mit nachfolgenden «enderungen bis zum 21. März ISlO verlängert. Zu§ 1: Der Stundenlohn be. trägt vom 2. August 1913 bis zum 30. September 1914— 72 Pfennig, vom 1. Ottober 1914 bis zum 31. März 1916= 74 Pfennig. Zu§ 1 Absatz 3 wird hinzugefügt.- »Dem Arbeitnehmer ist Gelegenheit zu geben, sein Geschirr während der Arbeitszeit zu schärfen'. Zu 8 8: Der§ 2 trhält folgende Fastung: Akkordarbeit ist zulässig. Der Akkord. satz beträgt bei gewöhnlicher Stakung sür den Ouadralmeter 12 Ps., beim Schütten mit angefahrenem Lehm sür den Quadratmeter 15 Ps. Wenn die Entserriung zwischen Lagerstelle»nd Treppe mehr als 40 Meter beträgt, so sind sür jede wetteren angefangenen 12 Meter sür den Quadratmeter 1 Ps. mehr zu zahlen. Beim Schütten auS dem Keller mit losgemachtem Lehm ist für den Quadratmeter 15 Ps. zu zahlen. Bei Kappenschüttung mit Asche be- wägt der Akkordpreis pro Quadrat- metcr sür je 1 Zentimeter Höhe 1 Ps. Zu 8 1» Das Fahrgeld, das der Arbeiter über 1,20 M. in jeder Woche verbraucht, ist von dem Arbeitgeber zu vergüten. Zu 8 fr? Der Lohn muß auf der Arbeitsstelle gezahlt werden. Wo dies nicht wucgehatten werden kann, hat der Arbeiigeber eine Stelle zu be- stimmen, an der der Lohn spätestens l Stunde nach Feierabend zu zahlen ist. Wartezeit über 1 Stunde hinaus ist von dem Arbeitgeber zu bezahlen. Zu 8 7 t Bei Arbeiten außerhalb deS BerttagSgebieteS ist pro Tag eine Zulage von 2 M. und außerdem in ltder Woche eine Hin- und Rückfahrt zu bezahlen. Dies gilt jedoch nicht für Arbeitsstellen außerhalb deS Ver- IragSgebieteS an solchen Orlen, die noch an den Vorortverkehr ange- schlössen sind. Bei solchen Arbeits- stellen ist jedoch die Eisenbahnsahrzeit zu vergüten. Alle übrigen Bestem- mutigen deS alten Tarisvertrages bleiben bestehen. gez. Billerbeck. W. WengelS. Wiih. GLth. G. Üliielcnz. Dr. Graefiner. Nachträglicher Zusatz zu vor- stehendem Schiedsspruch: Für Wickclslaten ist pro Quadratmeter 55 Ps. zu zahlen, mit Lattenan nageln sür Dicken 00 Ps. und für Mansarden 65 Ps._ Vorstehendem Schiedssprüche und seinem nachträglichen Zusätze haben die Parteien sich unterworscn. Berlin, den 25. Juni 1913. Der Borsitzcndc des EinigungSamteS gez. Dr. Graestner. Achtung'! Neukölln! Sonntag, 29. Juni, vormittags 9 Uhr, in Bartsch!» Festsälen (großer Saal), Hermannstr. 49: Oeffentliche Sänger-Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag:.Welche Vorteile bietet ein großer Chor gegenüber von llcmen Gesangvereinen?" Res.: Redattcur Däumtg. 2. Diskussion.(Freie Aussprache.) 3. Kründung eir-.eS größeren Chores. Hierzu werden alle Neuköllner Gesangvereine, sowie sangeSkundiae und sangessreudige Herren eingeladen, um die Gründung eines größeren Sängerchores vorzunehmen. 17/9 J. A.: Männergeiangverein.Schneeglöckchen-«nd»Melodia- Mitglieder des Arbeiter-SängerbundeS. Nemilltungsstelle Kerlia C 54, Finienstr. 83-85. Verwaltung: Kassierer: Arbeitsnachweis: Telephon: Amt Norden 1987. Amt Norden 185.' Amt Norden 1239, 9714 Montag, den 30. Jnni 1013, abends 6 Uhr, im großen Saale des Gcwerkschaftshauses, Engelufer 1b Große Versammlung der lüetalldrüchr Berlins u. Umgegend. Tagesordnung: 1. Situationsbericht«nd Diskussio». 2. Lichtbildervortrag: „WohuungSelcnd«nd Wohnungsrcsorm in der Groststadt.« Ref.: Kollege F. Gatnchmidt. 3. Verschiedenes. Die Kollegen werden ersucht, zu dem Vortrag ihre Frauen mitzubringen. 120/18 vi««rtsrcrwaltniix. X Hingfreie Briketts X änRorcf hillin von vorzüglicher Haizkraft»o Beamte, Private, dUOcloi Uliliy Warenhäuser, Konsum-, Hausbesitzer-, Spar- n. 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Juli, D a m p f e r a u s f l u g nach Woltersdorfer Schleuse. Abfahrt Uhr, Jannowitzbrücke. Treffpunkt daselbst 8'/, Uhr. Dampferfahrt 30 Pf. Zahlreiche Beteiligung an beiden Veranstaltungen wird er- wartet. (kharlottenburg. Am Sonntag, den 2g. Juni findet im„Volks- Haus", Rosinenstratze 3, ein großes Sommerfcst des Wahlvereins statt.'Die Genossen wollen für Massenbesuch Sorge tragen. Nä- heres siehe Inserat. Neukölln. Am Mittwoch, den 2. Juli, abends 8� Uhr, findet in der«Neuen Welt", Hasenheide 108/14, eine öffentliche Versammlung statt, in der Landtagsabgeordneter Genosse Dr. Karl Liebknecht über das Thema:„Was nun in Preußen?" referieren wird. Die Genossinnen und Genossen wollen für guten Besuch dieser Versammlung agitieren. Spandau. Die für Sonntag angesetzte Flugblattverbreitung flnbet nicht statt. Berliner I�admcbten. Volkskonzerte des Berliner Philharmonischen Orchesters im Juli. Das Berliner Philharmonische Orchester veranstaltet im nächsten Monat an folgenden Tagen Volkskonzerte: Am 2. und 19. in der„Concordia", am 5. und 25. in der„Germania", am ö. und 30. in der„Brauerei Friedrichshain", am 11. und 22. in der„Neuen Welt" und am 16. in der„Brauerei Königstadt". Den Vorverkauf von Eintrittskarten hat die Berliner Gowerk- schaftskommission am Engelufcr 13, Zimmer 13, übernommen. Ein Teil der Billetts ist auch im Vorverkauf in den betreffenden Etablissements zu haben. Tie übrigbleibenden Billetts werden an der Abendkasse verkauft. Ter Eintrittspreis beträgt 30 Pf. Bei einer Mondschcinfahrt«ms Leben gekommen. Zu der Notiz, die wir mit dieser Uebcrschrift in Nr. 157 der- Lfseiitlichten, erhalten wir eine Zuschrift von einem Herrn S t i m- m i n g. Er stellt sich als Führer des Dampfers„Woltersdorf" vor, von dessen Bord am Montagmorgcn in der Nähe von Rahns- dorf der in jener Notiz erwähnte junge Mann ins Wasser sprang oder fiel, wobei er ertrank. Herr St. wünscht, daß wir unsere Mitteilungen„berichtigen", er muß aber, was darin über sein eigenes Verhalten gesagt wurde, selber bestätigen. Auch er schildert den Hergang so, daß er keinen Versuch zur Rettung seines Passa- giers machte, sondern weiterfuhr. Wir meldeten nur diese Tat- fache, ohne über den Schiffsführer, der das für korrekt gehalten hatte, ein Urteil abzugeben. Zur Erklärung seines immerhin un- gewöhnlichen Verhaltens teilt er jetzt mit, daß er erst Kenntnis von dem Vorfall erhalten habe, als sein Schiff bereits 150 Meter vorauf war. Uebrigcns seien schon zwei Ruderboote— eins wurde auch in unserer Notiz erwähnt— an der Unfallstelle gewesen, und schließlich bätte der Dampfer wegen der Enge des Wasserweges und der Nähe eines ihm folgenden Schleppzugcs nicht wenden können. Teilnehmer der Fahrt, denen wir Herrn St.'s Erwiderung vorlegten, sind der Meinung, daß der hinter dem Dampfer fahrende Schlepper noch in reichlicher Entfernung gewesen sei. Was Herr St. aufgeregt von dem übermütigen Treiben des angeheiterten jungen Mannes erzählt, gehört gar nicht zur Sache. Wohl jeder Führer eines zu Mondscheinfahrten verwendeten Dampfers weiß, daß cS dabei mitunter sehr ausgelassen zugeht, zumal wenn der Alkohol seine Wirkung tut. Auch wir halten es für wünschenswert, daß man auf einem Dampfer sich lieber keinem allzugroßen Ueber- mut hingäbe, aber das kann für uns kein Grund sein, den hilflosen Untergang des Mannes nicht zu bedauern. Sollte übrigens, wie der Vater des Ertrunkenen annimmt, dieser nicht selber dem ins Wasser gefallenen Hut nachgesprungen, sondern hineingestoßen worden sein, so läge kein Akt eigenen Uebermutes vor. Vielleicht wird Herr St. aus diesem Unglücksfall die Lehre ziehen, daß ein Schiffsführer immer gut tut, bei dem Ruf„Mann über Bord!" unter allen Umständen anzuhalten, wenn nicht etwa dadurch noch größeres Unglück entstehen kann. Wir vermuten auch, daß wohl die mcißtcn Schifssführer das tun würden, selbst dann, wenn sie sehen, daß ihrem gefährdeten Passagier schon andere zu Hilfe eilen. Herr St. erzählt noch, daß er auf seinem Schiff alle Hände voll zu tun hatte, weil an Bord eine Panik entstand, verschiedene Per- scnen in Ohnmacht und in Krämpfe fielen usw. Man bestätigt uns das. Hinzugefügt wird aber, daß, als das Wassergrab sich über dem Ertrinkenden geschlossen hatte, die Musik des Dampfers eingesetzt habe. Das hatte gewiß den Zweck, die Aufgeregten zu beruhigen und die Stimmung wiederherzustellen. Aber wir be- greifen es, daß nach jenem Verzicht auf Hilfeleistung dieser heitere Abschluß eine ganz andere Empfindung weckte und Passagiere ihre Entrüstung darüber äußerten. HersteNung kohlensaurer Getränke. Der Geltungsbereich der am 1. Mai d. I. in Kraft getretenen Polizeiverordnung, betreffend die Herstellung kohlensaurer Ge- tränke und den Verkehr mit solchen Getränken, erstreckt sich nicht nur auf die gewerbsmäßige Herstellung von künstlichen Mineral- wässern, Brause- und Fruchtlimonaden und den gewerbsmäßigen Verkehr damit, sondern auch auf den in Schankstätten stattfindenden Verkehr mit Erfrischungsgetränken, die aus kohlensaurem Wasser und Fruchtsaft durch Mischung hergestellt werden. Auch die.Her- stellung von natürlich vorkommenden Mineral- und Heilbrunnen und der Verkehr mit solchen Getränken, soweit bei deren Ab- füllung Kohlensäure, ohne Unterschied wo sie gewonnen ist, zuge- setzt wird, unterliegt den Bestimmungen der genannten Verord- nung. Tie Kosten für die Prüfung der hierbei benutzten Appa- rote auf Widerstandsfähigkeit und Gesundheitsunschädlichkeit hat jetzt wieder der Unternehmer zu tragen. Tie Prüfungen auf Gesundheitsunschädlichkeit der Entlvicke- lungs-, Misch- und Ausschankgefäße(gute Verzinsung) werden wie bisher alle zwei Jahre vorgenommen. Zum Eisenbahnattentat. Der Anschlag auf den Schnellzug Berlin-Hannover. über den wir berichteten, wird auf Veranlassung der Königlichen Eisenbahn- Direktion, die für die Entdeckung des Täters eine Belohnung von �>0 M. ausgesetzt hat. von einem Berliner Kriminalkommissar am Tatort bearbeitet. Wie mitgeteilt, bemerkte ein Streckenarbeiter unweit der Güterstation Neugarten, daß durch Lösen einer Laschen- berbindung und von Verbindungen zwischen der Jahrschiene und den 'Schwellen das Gleise so unterbrochen worden war, daß der fällige O-Zug Berlin-Hannover zur Entgleisung gekommen wäre. Die Ermittlungen an Ort und Stelle haben nun bisher folgendes wichtiges positives Ergebnis gehabt: Die Schwellenschrauben, von denen der Täter im ganzen acht gelöst hat, sind, wie zweifelsfrei feststeht, mit einem T-förmigen, etwa 60 Zentimeter langem vier- kantigen Schlüssel gelöst worden, wie er bei der Bahn unter dem Namen„Aufsatzschlüsscl" zum Lösen dieser Schrauben Verwendung findet, außerdem aber auch von Arbeitern von Unternehmern be- nutzt werden, die von der Bahnverwaltung Aufträge zum Strecken- bau erhalten haben. Unfall beim Exerzieren. Ein eigenartiger Unfall ereignete sich am Donnerstag nach- mittag bei einer Ucbung des Garde-Kürassier-Regiments auf dem Tempelhofer Felde. Beim Aufsitzen geriet ein Kürassier mit seiner Lanze seinem Nebenmann Starke zu nahe, so daß die Spitze dem Getroffenen in den Oberschenkel drang und ihn nicht unerheblich verletzte. Der Kürassisi wurde im Automobil nach dem Garnison- lazarctt geschafft. Mit dem Leichenfund in Velten wird ein Kleiderfund in Verbindung gebracht, der jedoch bisher noch nicht daraufhin nachgeprüft werden konnte, ob er wirklich mit dem mutmaßlichen Knabenmord etwas zu tun hat. Die Er- Mittelungen zur Aufklärung der rätselhaften Angelegenheit haben ergeben, daß vor ungefähr drei Wochen junge Leute aus Stolp, die in Velten auf der Äbladestclle der Ofenfabriken beschäftigt waren, auf dem Nachhausewege im Walde, nicht weit vom Wege entfernt, einen Jackettanzug und eine Mütze gefunden haben. Während der eine die Mütze für sich behielt, probierten die anderen den noch ziemlich guterhaitenen Jackettanzug an, um ihn eventuell noch zu tragen. Es ergab sich dabei aber, daß er ihnen zu klem war, vielmehr für eine Person in der Größe von 1,50 Meter, also in der des aufgefundenen Kno&c paßte. Zu dem Leichcnfund in Velten wird uns weiter berichtet, daß es noch im Laufe des gestrigen Nachmittags gelang, die jungen Leute ausfindig zu machen und die von ihnen gefundenen Kleidungs- stücke wieder herbeizuschaffen. Es handelt sich um eine vollständige Bekleidung und zwar um eine solche, wie sie Bäcker zu tragen pflegen. Die Finder der Kleidungsstücke, junge Arbeitsburschen, die jetzt in Velten am Großschiffahrtsweg arbeiten, geben an, die Sachen an einem Montag» und zwar in der Zeit zwischen Pfingsten und dem 1. Juni gefunden zu haben. Sie lagen nach ihrer Be- kundung im Gebüsch uivoeit der Chaussee, die von Velten nach Hennigsdorf führt. Der �anze Befund dieser Sachen läßt darauf schließen, daß sie von einem Bäcker getragen worden sind und zwar allem Anschein nach von einem Bäckerlehrling. Sehr auffällig ist es, daß sie dem Knaben, dessen Leiche man dort fand, sehr gut gepaßt hätten und zwar sowohl was die Größe anbetrifft wie auch sein Körperumfang. Da deshalb mit der Möglichkeit gerechnet werden muß, daß es die Kleider des Toten sind, so liegt der Kriminal- Polizei sehr daran, festzustellen, wer sie getragen hat. Es sind Arbeitskleider, die doch niemand ohne besonderen Grund ablegen würde. Es ist deshalb nicht anzunehmen, daß jemand dort seine Kleidung gewechselt hat. Sollte jedoch irgend jemand aus einem Grunde seine Kleidungsstücke dennoch gewechselt haben, was jedoch kaum anzunehmen ist, so möge sich dieser sofort melden, damit die Ermittelungen nach dieser Richtung hin bald abgeschlossen werden können. Die Kleidungsstücke wurden noch gestern abend nach dem Berliner Polizeipräsidium gebracht und liegen hier im Zimmer 54 zur Ansicht aus. Berzweiflungstat eines Liebespaares. Eine Liebestragödie hat am gestrigen Freitagnachmittag in dem Hause Hauptstr. 114 zu Schöneberg ihren Abschluß gefunden. Auf die Hilferufe eines Münnes drangen Passanten und Schutz- leute in die Wohnung des Agenten Rehfeld ein und fanden diesen, aus einer Kopfwunde blutend, besinnungslos auf dem Fußboden liegend auf. Auf dem Bett im Schlafzimmer lag die Leiche seiner 38jährigen Wirtschafterin Marie Grimm. Ueber den Vorfall wird uns folgendes gemeldet: Seit etwa einem Jahre wohnte der 41jährige Agent Wilhelm Rchfcld in einer zweizimmerigen Wohnung im linken Seiten- flügcl des Hauses Haxpkstr. 114 in Schöneberg. Rehfeld war früher Apotheker gewesen, mußte aber eines nervösen Leidens wegen seinen Posten aufgeben. Längere Zeit arbeitete er dann in Drogerien, konnte jedoch nirgends festen Fuß fassen, da seine sich ständig verschlimmernde Nervosität ihn zu jeder geregelten Arbeit untauglich machte. Schließlich wurde R. Reisender für chemische Fabrikate, konnte aber, da er nicht redegewandt genug war, auch in dieser Stellung nichts'verdienen. Seit zwei Jahren lebte er mit seiner Geliebten, der 38jährigen Marie Grimm zu- sammen, deren Mutter, eine Lehrerswitwe, ebenfalls in Schöne- berg wohnt. Das Verhältnis zlvischen den beiden war ein sehr glückliches und erfuhr auch keine Trübung, obwohl die finanzielle Lage des Reisenden von Tag zu Tag schlechter wurde. Zuletzt der- kaufte R. alle nur entbehrlichen Gegenstände, um sich und seine Geliebte über Wasser zu halten. Als sie jedoch alle Hilfsquellen versiegt sahen, beschlossen beide in den Tod zu gehen. Auf noch nicht aufgeklärte Weise verschaffte Rehfeld sich ein größeres Ouantum Morphium. Am Mittwochabend nahm das Paar dann, nachdem die Frau an ihre Mutter einen Abschiedsbrief geschrieben hatte, das Gift ein. Während die Grimm der lähmenden Wir- kung des Morphiums schon nach kurzer Zeit erlag, gab der Reisende die Flüssigkeit. wieder von sich. Als er dann das Be- wußtsein wieder erlangte und sah, daß er nicht zu seinem er- wünschten Ziel gekommen war, schoß er sich eine Kugel in die rechte Schläfe. Aber auch auf diese Art fand er den Tod nicht. Nachdem er fast 36 Stunden bewußtlos in seinem Bett neben der Leiche der Wirtschafterin gelegen hatte, erwachte er wiederum zum Leben. Und zum drittenmal versuchte er in den Tod zu gehen. Er richtete die Waffe gegen die Brust und feuerte einen Schuß ab, der aber fehlging. Die expandierenden Pulvergase fügten ihm schwere Brandwunden an der linken Brust nahe dem Herzen zu. Von furchtbaren Schmerzen gequält, schleppte der Lebens- müde sich an das Fenster und rief in den Hof um Hilfe herab. Nun drangen Nachbarn in die Wohnung ein und fanden Rehfcld besinnungslos am Fenster auf dem Fußboden liegen. Man schaffte den Unglücklichen in das Augusta-Viktoria-Krankenhaus, wo eine sofortige Operation notwendig wurde. Tie Aerzte haben jedoch wenig Hoffnung, den Verletzten am Leben zu erhalten. Die Leiche der Grimm wurde in das Schauhaus übergeführt. Der Verein Panorama Caub 1814, der die Ausstellung des Gemäldes von Wendling und Ungewittcr in Charlottenburg zugunsten der Veteranen veranstaltet, schreibt uns im Hinblick auf unsere neuliche Veröffentlichung, daß beim Versand von Eintritts- karten an Pereine insofern ein Versehen unterlaufen fei, als allen Vereinen Karten zu 75 Pf. anstatt zu 50� Pf. zugestellt worden seien, und er ersucht alle Vereine, die zugesandten Karten zu rctournieren und gegen solche von 50 Pf. einzutauschen. Ter Verein legt in seiner Zuschrift Wert darauf, zu betonen, daß es sich bei der Ausstellung um ein künstlerisches Werk zu gemein- nützigen Zwecken bandelt. Wir haben das nicht bestritten, aber geglaubt darauf hinweisen zu müssen, daß mit solchen kleinen Mitteln die Not d'r armen Veteranen so wenig gelindert wird, wie das durch die Veranstaltung von Kornblumentagen geschehen ist, und daß außer Reich und Staat diejenigen Kreise Vcr- pflichtungen haben, denen durch den wirtschaftlichen Aufschwung eine gesicherte Existenzmöglichkeit geschaffen worden ist. Gefährlicher Brand in der Katzlerstrahe. Große Aufregung herrschte gestern in der zweiten Morgen-« stunde bei einem Feuer in der K a tz l e r st r a ß e 12 im Westen Berlins. Es brannten die Kellereien des Hintergebäudes, und die Gefahr war erst bemerkt worden, als der Qualm durch die Treppenhäuser in die Wohnungen der Mieter eindrang. Die Rauch- entwicklung wurde bald so stark, daß ein Passieren der Treppen unmöglich war. Unter den zahlreichen Mietern entstand infolge- dessen eine panikartige Aufregung und viele von ihnen schrien aus den Fenstern verzweifelt um Hilfe. In diesem kritischen Moment traf die Feuerwehr mit dem 12. Löschzuge aus dem Depot an der Apostelkirche auf der Brandstelle ein. Der Brandmeister ließ auf dem Hof sofort eine mechanische Leiter emporrichten und außerdem zwei Steckleitergänge herstellen, über die hinweg Sappeure in die einzelnen Stockwerke vordrangen und die Leute beruhigten. Zur Unterstützung wurde schleunigst noch der g. Löschzug herbeigerufen. In einigen Wohnungen war die Verqualmung so stark, daß die Feuerwehrmannschaften die Familien ins Freie bringen mußten. Im ganzen sind acht Personen über die verqualmten Treppen in Sicherheit gebracht worden. Sie waren alle vom Rauch schon hart mitgenommen, erholten sich aber an der frischen Luft in kurzer Zeit wieder. Inzwischen hatten sich andere Mannschaften an die Bekämpfung des Kellerbrandcs gemacht. Es wurde aus zwei Rohren Wasser gegeben und von den beiden Rohrsiihrern trug der eine einen Sauer stofffchutzhelm und der andere war nüt einem Rauchschutzapparat ausgerüstet. Nur so war es überhaupt möglich, in den brennenden Keller vorzudringen. Erst nach fast einstündigcr Arbeit war das Feuer gelöscht. Wie sich herausstellte, hatten Verschlüge mit allerhand Gerümpel und Balkenlagen gebrannt. Wodurch das Feuer entstanden ist, konnte nicht ermittelt werden.— Außerdem hatte die Feuerwehr heute früh längere Zeit in der Frankfurter Allee 59 zu tun, wo die Dach- schalung eines Fabrikgebäudes brannte. Wer ist der Tote? Am 24. Juni vormittags gegen 10 Uhr er- schoß sich im Tiergarten in der Bcllcvue-Allee ein dem Mittelstände angehörender ungefähr 55— 60 Jahre alter Mann.— Er Ivar bekleidet mit graugriinem Jackettanzug, schwarzem steifen Hut, schwarzen Stiefeln, blauweiß gestreiftem Hemd, weißen Man- scheiten und hatte einen schlvarzen Regenschirm mit gebogener Krücke bei sich, sowie einen Korb mit der Aufschrift Amalie Fui- tinowski oder ähnlich lautend. Tie Leiche hefindet sich in der Charit«*. Mitteilung über die Person des Toten erbittet die Kriminal-Polizei zur Nr. 2509 IV. 55. 13., auch nimmt jedes Polizeirevier solche entgegen. Im Berliner Prater-Theatcr erlebt„Das Bummelmädchen" am Dienstag seiixe 50. Aufführung. Am gleichen Tage beginnt durch Auftreten neu engagierter Spezialitäten das Ferienprogramm. Am Nachmittag wird die llraufführung der neuen Wiener Ope- rette„Prinzeß Barfuß" stattfinden. Die Arbeiterschaft Velten? feiert am 6. Juli ein Sommerfest, welches von sämtlichen Arbeitervereinen veranstaltet und durch Aufführungen und Belustigungen aller Art verschönst wird. Am gleichen Tage findet auch ein Fest des Kriegervereins statt, welches alljährlich an den Berliner Anschlagsäulen als„Volksfest" ange- priesen wurde. Da jene Veranstalter unter ihrer Einladung jeg- liche Namensnennung vermeiden, ist es offenbar auf eine Irre- führung abgesehen. Alle Besucher Veltens werden gebeten, unser Festlokal, Restaurant„Heidekrug", zu beachten. Vorort- l�acdricdten. Neukölln. Die Stadtverordneten-Bersammlung genehmigte in der Sitzung am Donnerstag den vorgelegten Plack für die Verlängerung der Kaiser-Friedrich-Straße nach dem Bahnhof Köllnische Heide der Johannisthaler Anschluß- bahn; am Dammweg soll die Straße in einen Platz ausbuchten. Der Abänderung des Ortsstatuts über die st ä d t i s ch e An» st alt für zweite Hvpotheken, wonach als zweite Hypo- theken solche gelten, die sich zwischen 50 und 80 Proz. des durch Taxe festgesetzten Grundstückswertes bewegen, wurde zugestimmt. Die Schudoma st ratze soll in der Strecke von der Maresch- straße bis zur Teupitzer Straße reguliert werden. Interessant an der Begründung des Magistrats dazu war die Feststellung, daß zwei führende Geister des Hausagrariertums sich geweigert haben, ebenso wie die anderen Anlieger unter den üblichen Bedingungen der Stadt bei der Beseitigung der dort herrschenden skandalösen Zustände behilflich zu sein. Dem wiederholt geäußerten Verlangen der städtischen Arbeiter folgend, hat der Magistrat eine Revision der Arbeits- o r d n u n g vorgenommen, die nunmehr der Versammlung vor- lag. Ilm die Arbeiter noch in diesem Jahre in den Genuß des vorgesehenen verlängerten Sommerurlaubs(nach einem Jahre Dienstzeit 3 Tage, von Jahr zu Jahr um einen weiteren Tag steigend bis zu 14 Tagen) zu setzen, wurde diese Bestimmung sofort genehmigt, der Entwurf im übrigen aber einer gemischten Kom- Mission überwiesen. Von der sozialdemokratischen Fraktion gehören dieser die Genossen Pätzel, Polenske, Thurow und W u tz k y an. Nach den Vorschlägen des Magistrats soll das G u n k e l s ch e P r i v a t I h z e u m am Richardplatz, nachdem dessen Leiterin Pen- sioniert worden ist, als solches unter städtischer Aufsicht weiter- geführt und die Umwandlung in eine städtische Anstalt für später zurückgestellt werden. Die Schule soll eine Turnhalle, einen Physik- saal und andere erforderliche Nebenräume erhalten; für deren Leitung ist ein städtischer Oberlehrer in Aussicht genommen. Stadt- verordneter Dr. S i l b e r st e i n(Soz.) erklärte, dein Provisorium mit Rücksicht auf die Lehrkräfte der Schule zustimmen zu wollen, forderte aber die Festsetzung von 10 Proz. Freistellen für unbe- mittelte Schülerinnen und die Möglichkeit einer Aufsicht über die Schule durch die städtischen Körperschaften. Bürgermeister Dr. W e i n r e i ch stimmte diesen Wünschen zu, worauf die Vorlage angenommen wurde. Für die am 1. Oktober d. I. im Schulgebäude Donaustraße zu eröffnende städtische Haushaltungsschule empfahl der Magistrat, das Schulgeld auf 140 M. pro Jahr und für den als Wahlfach zugelassenen englischen Sprachunterricht 16 M. pro Jahr extra festzusetzen. Unter den 35 Schülerinnen sollen 5 Freistellen vorgesehen Iverden. Der Besuch der Schule soll solchen Mädchen offen stehen, die mindestens 1 Jahr die 3. Klasse eines LvzeumS, die 2. Klasse einer höheren Mädchenschule oder Mittelschule oder die 1. Klasse der Volksschule mit Erfolg besucht haben. Der sozial- demokratischen Fraktion genügt,— wie Stadtv. Dr. Silber st ein erklärte— die Vorlage noch nicht; insbesondere wäre eine Ermähi- gung des Schulgeldes zu wünschen. Ilm aber die an sich nützliche Einrichtung dieser Schule nicht aufzuhalten, werde die Fraktion zustimmen. Die Versammlung genehmigte einstimmig die Vor- läge. Die Stadtvv. B h t o m s k i(Soz.) und Genossen hatten den Magistrat interpelliert, warum er dem Beschlüsse der Friedhofs- deputation, in einer Untcrsuchungsangelegenheit Stadtverordnete hinzuzuziehen, nicht beigetreten ist. Wie Antragsteller erklärte, handelte es sich um Beschwerden von Friedhofsarbeitcrn gegen einen Beamten und einen Vorarbeiter, die so schwerwiegend ivaren, daß im Einverständnis mit dem Dezernenten eine Unterkommission von der Deputation eingesetzt worden war, um den Mistständen auf dem Friedhos ein Ende zu machen. Der Magistrat verwehrte aber der Kommission die Untersuchung. Als Grund dafür wustte in Beantwortung der Interpellation Stadtrat Dr. Mann nichts anderes anzugeben, als daß nach der Städteordnung allein dem Magistrat die Vcrwaltungstätigkcit zustehe. Es wird also wohl künftig ein anderer Weg gewählt werden müssen, wenn sogenannte „Vorgesetzte" der städtischen Arbeiter, die sich gegen die letzteren Roheitsdelikte zuschulden kommen lassen, das Handwerk gelegt werden soll und der Magistrat dabei versagt. Unter den seit einiger Zeit probeweise installierten elektrischen Acleuchhingsarten in der Berliner Strahe entschied sich die Versammlung für die M i t t e l b e l e u ch t u n g. In der solgenden geheimen Sitzung wurden mehrere Grund- stücksverkäufe genehmigt, darunter auch die Abtei in Treptow. Dem Ankauf der letzteren erklärte die sozialdemokratische Fraktion nur dann zuzustimmen, wenn eine Gewähr dafür vorhanden sei, dast dort durch Anlage eines Spielplatzes usw. insbesondere für die unteren Volksklajsen weitgehende Erholungsmöglichkeit geschaffen tvird. Bürgermeister Dr. W e i n r c i ch erklärte, dast dies die Ab- ficht des Magistrats sei._ Tie Vormittagsspielpartic fällt am Sonntag, den 29. Juni, aus. Dafür findet ein Ritter- und Bürgcrspiel für Knaben über 8 Jahre in der Königsherdc statt. Treffpunkt morgens 8 Uhr auf dem Richardplatz. Den Eltern steht mit den anderen Kindern von 2 Uhr ab der„Fichtc"platz in Treptow,.Köpenicker Landstraste, zum Spielen zur Verfügung. Daselbst Kaffeekochen. Die Knaben kommen nach dem Platz zurück. Um rege Beteiligung wird ersucht. Die Fortsetzung des Probcspiels für die Ferienspiele findet am morgigen Sonntag auf dem Turnplatz der Freien Turnerschaft an der Grenzallee statt. Alle Spielleitcrinnen, auch die, welche neu hinzugekommen sind, werden dringend gvbeien, dort zu erscheinen. Ten Kindern soll während der Ferien gute Unterhaltung geboten werden. Aus Lebensgefahr gerettet hat vorgestern nachmittag der Bret- terträger Gustav Hummel aus der Admiralstraste 86 einen Knaben, der beim Spielen am Weiganduser in den Kanal gefallen war. Der acht Jahre alte Sohn Kurt deS Fuhrherrn Wille aus der Pamerstratze 55 spielte mit mebreren anderen Knaben am Wci- gandufer in der Nähe des Weichfelplatzes; plötzlich fiel der Knabe die Uferböschung hinab ins Wasser. Hummel, der auf den Vorfall aufmerksam gemacht wurde, eilte von seiner in der Nähe gelegenen Arbeitsstelle hinzu, zog seinen Rock aus und sprang dem ertrinken- den Knaben nach. Es gelang ihm auch, den Jungen noch recht- zeitig zu fassen und wieder ans Ufer zu bringen, wo er sich bald Ivieder so weit erholte, dast er in die elterliche Wohnung gebracht werden konnte. Ein schwerer Straßenunfall ereignete sich vor dem Hause Berg- straße 155. Als das Arbeiterchcpaar S. aus der Ziethenstraste um 1 Uhr nachts auf dem Heimwege die Bergstraste entlang ging, geriet dessen 5 jähriges Töchterchen Erna, das etwas vorangelaufcn war, unter die Räder einer Kraftdroschke, die in übermätzig schnel- lem Tempo angefahren kam. Die Kleine erlitt schwere innere Verletzungen. Nachdem dem Kinde auf der Unfallstation 12 ein Notverband angelegt worden lvar, wurde cS nach dem Neuköllner Krankenhaus in Buckow gebracht. Schöneberg. Die Kinderausflüge nach dem Grunewald während der grasten Schulferien setzen mit Montag, den 7. Juli, wieder ein. Meldungen zur Teilnahme werden bis 1. Juli entgegengenommen. Spätere Meldungen können nicht mehr berücksichtigt werden. Zur Teilnahme sind auch berechtigt Kinder im vorschulpflichtigen Alter, jedoch nicht unter drei Jahren. Zur Beaufsichtigung der Kinder werden«ine grössere Anzahl Genossinnen die Kinder begleiten. Sofern Genossinnen gewillt sind, an diesen Arbeiten mit teilzunehmen, wollen sich die- selben bei der Genossin Lazer, Berchtesgadener Strosse 22/28, melden. Bevor es in den Wald geht, wird im Lokal Goelsch .Zum Waldkater" erst jedem 5linde eine Tasse Milch verabfolgt: während des SpielenS im Walde steht kalter Kaffee bereit; vor Aufbruch nach Haufe erhält jede« Kind ein Butterbrot. Schaukeln, Glasflaschen, ebenso Gläser dürfen den Kindern nicht mitgegeben werden. Wann und wo die Kinder die Straßenbahnwagen besteigen, wird später mitgeteilt. Um die Kosten decken zu können, wird ge- beten, auf die zirkulierenden Listen zu zeichnen; auch können Bei- träge direkt an den Genossen L. Herter, Grunewaldstr. 30,-sowie an die Parteispedition, Martin-Luther-Str. 69, eingesandt werden. An beiden Stellen werden auch Anmeldungen entgegengenommen. Friedenau. Ein liberales Mäntelchcn hängt sich des öfteren der Verleger deS hiesigen Lokalblättchens, Herr Leo Schulz, um. Und er hat recht, der Schatzmeister des fortschrittlichen Vereins! Da, wo es jedoch darauf ankommt, zählt Herr Schulz immer zu den ver- stocktcstcn Reaktionären. Es ist-in der Friedenauer Gemeinde- dunkelkammer noch kein volksfeindlicher Beschlust zustande ge- kommen, der nicht„die Zustimmung dieses Fortschrittlers" gefunden hätte. Gelegentlich der Beratung der Filialsteuervorlage, für die Herr Schulz als freisinniger Mann sprach, hielt er es für ange- bracht, eine Attacke gegen die Sozialdemokratie zu reiten. Er sang da» alte Lied von der Mittelstandsfeindlichkeit der Sozial- demokratie, von der sozialdemokratischen Mistwirtschaft in den Krankenkassen und dergleichen mehr. Wir würden von dem Ergufj des Herrn Schulz keine Notiz nehmen, jedoch verlohnt es sich daraus hinzuweisen, dast Herr Schulz als glücklicher Besitzer des OrtSblätt- chenS das, was er bei seiner Rede in der Gemeindevertretung ver- gössen, in dem von dem Blättchen gebrachten stenographischen Bc- richt über die Sitzung mit einschmuggeln lästt. Ein anderer Hei- liger in der Gemeindevertretung ist Herr Dr. med. Thurmann. In seinen Ausführungen gegen die Landkrankenkasse erwähnte Ge- uosse Richter, dast sich der Friedenauer Aerzteverein gegen die Er- richtung dieser Kasse ausgesprochen habe. Prompt erschien Herr Dr. Thurmann auf dem Plan, um al» Mitglied diese» Verein» zu erklären, dast das Gegenteil der Fall sei. Nachdem die Land- krankenkasse beschlossen war, erschien im Blättchen de« Herrn Schulz eine Erklärung des Herrn Dr. ThlKmann, die besagte, dast seine Ausführungen in der Gemeindevertretung über die Stellungnahme der Friedenauer Aerzte auf einem Irrtum beruhen. Da Herr Thurmann nach seinen eigenen Angaben den Verhandlungen in dieser Frage im Aerzteverein beigewohnt hat, erscheint seine Unwissenheit während der Verhandlung der Gemeindevertretung doch etwas zweifelhaft. Böse Zungen behaupten, eS handle sich bei all den Irrtümern und Erklärungen um eine Komödie. Tempelhof. Mit der Verschönerung deS Orte» beschäftigte sich in der Haupt- fache die letzte Gemeindevertretersttzung. Schon bei der Etats- beratung wurden Wünsche laut, namentlich der Berliner Strasse ein freundlicheres Bild zu geben. N-un ist diese Augelcgenheit dadurch spruchreis geworden, dast sich die Grosse Berliner Stratzenbahn bereiterklärt hat, die Kosten für das Einbetten der Gleise in Rasen- streifen von der Drerbundst raste bi» zur Dorfstrastc zu übernehmen, Auch die Dorsstraße soll von dieser Verschönerung betroffen werden. Hier wird ein schienenloser Damm, der allerdings etwas geschmälert wird, hergerichtet und die Gleise ebenfalls in Rasen gelegt, wobei unter größtmöglichster Schonung des alten Baumbestandes vor- gegangen-werden soll. Der Befürchtung, dast das Militär auf der Berliner Chaussee bei ihren Ucbungen rücksichtslos die Rasenstreifen zertrampeln würde, begegnete Bürgermeister Wiesener mit der Erklärung, dast in solchem Falle eine einmalige Schadenersatzklage genügen würde.— Genosse Schmidt bemängelte hierbei das Fehlen von Ruhebänken in der Dorfstraste.— Die vereinbarte Endhaltestelle der in Zukunft quer über das Feld nach dem Zoologischen Garten gehenden Strastenbahn wurde aus der Dorfstraste nach Strasse 6 sRathausnähe) verlegt. Die in der Einwohnerschaft gehegte Auffassung, daß das neue Rathaus doch noch einen anderen Platz erhalten wird, zerstreute Bürgermeister Wiesener bei Vorlegung des vom Gcmeindebau- ineister Bräuning entworfenen Projektes. Dieser Monumentalbau wird au der Berliner Straße, gegenüber dem Gemcindepark, in mehreren Bauabschnitten ausgeführt werden und so den geomciri- scheu Mittelpunkt der Gemeinde bilden. Es werden etwa 5066 Quadratmeter für Diensträume vorhanden sein, die schätzungsweise dem Bedürfnis einer Einwohnerzahl von 89 999 bis 129 999 Ein- wohncr entsprechen. sJetzt zählt der Ort 39 999 Einwohner.! Die Kosten mit innerer Einrichtung belaufen sich aus etwa 2 Millionen Mark. Hervorragende Künstler haben sich mit dem Bau durchaus einverstanden erklärt. Die Gemeindevertretung sah daher von einer Ausschreibung des Rathausprojektes ab. Die Wach- und Schließgesellschaft hat durch Zirkular aus die Verschlechtrung des nächtlichen Polizeidienstes aufmerksam gemacht und ihre Dienste angepriesen. Dieses Zirkular mußte auf Ver- aulassung von zuständiger Seite richtiggestellt werden, zumal sich der nächtlicht Polizeidienst nicht verschlechtert, sondern tatsächlich etwas verbessert hat.— Eine Vcrkehrsverbesserung verzeichnet der neue Gebietsteil auf dem Felde insofern, als dort eine Auto- Omnibuslinie 4c mit einem Achtminutenvertehr durch die Friedrichstrastc nach dem Stctlincr Bahnhof eingerichtet worden ist. Leider erstreckt sich diese Verbesserung nicht auch auf den alten OrtSteil.— Einer Anregung, die am 13. bis 29. September in Leipzig tagende Hauptversammlung des Verbandes Deutscher Ge- werbe- und KaufmanuSgerichte durch Delegierte zu beschicken, wurde entsprochen. Auster dem Vorsitzenden und dem Schriftführer soll je«in Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer des Gewerbe- gerichts delegiert werden.— An die öffentliche schloß sich wisderum eine geheime Sitzung. Lichtcrfelve. Die außerordentliche Generalversalumlung bestätigte den in der letzten Mitgliederversammlung gefaßten Beschlust, den BildungS- aussdmst aufzuheben. Den Bericht von der Kreisgeneralversammlung gab Genossin Osburg. Am 3. August findet das diesjährige vom WaHlvereiu veranstaltete Kinderfest bei Wahrendorff statt. AIS Bezirksführer für den seit'/« Jahr unbesetzten 11. Bezirk wurde Genosse Scheibe gewählt. Neuaustrahmen waren 4 zu verzeichnen. Mahlsdorf an der Ostbahn. In der Gemcindevertrctersiöung wurden zunächst 682,84 M. z-u den Ämtsuuiosten für den Amtsbezirk Biesdorf nachbcwilligt, so daß die Gemeinde Mahlsdorf rund 5299 M. zu zahlen hat; eine Summe, wofür die Gemeinde einen eigenen Amtsbezirk haben könnte. Dadurch würde sehr vielen Einwohnern der Weg nach Kaulsdorf erspart. Eine längere Debatte rief der Punkt„Fried- Hofsanlage" hervor. Disse Angelegenheit hat die Gemeinde schon wiederholt beschäftigt und teilweise auch sehr viel Unzufrieden. Veit erregt. Ein Teil der Gemeindemitgleder ist der Ansicbt, dast die Gemeinde mit den bestehenden Verhältnissen noch eine geraume Zeit auskommen könne. Unsere Genossen in der Vertretung sind jedoch der Meinung, dast endlich einmal mit diesen Zuständen auf- geräumt werden muß. Es sei geradezu skandalös, daß in einem Ort vor den Toren Berlins der Raum zur Aufvahrung der Leichen und der für die Freibank in einem Gebäude von zirka 29 Ouadrat- meter Flächenraum untergebracht sei. Die Gemeinde besitzt im nördlichen Ortsteil ein Grundstück, das zum Friedhof ausersehen ist. Die Baukommission war mit den Vorarbeiten beauftragt; sie machte den Vorschlag, eine Leichenhalle zu errichten, die den drin- gendsten Anforderungen entspricht. Dieselbe soll enthalten: eine Halle mit Vorraum, einen Altarraum, eine Uruenhalle; im Keller- geschotz einen Aufbewahrungsraum für Leichen und einen Sezier- räum. Die Kosten der Halle sind auf rund 49 999 M. veraiischlagi; für Umzäunung, Bewässerung und Bepflanzung sind 19 999 M. berechnet. Auch unseren Genossen erschien die Summe für die hiesigen Verhältnisse sehr hoch. Sie meinten jedoch, daß diese Anlage auch für die Zukunft berechnet sei. Herr Siebert meinte: In den nächsten 59 Jahren werde die Urnenhalle wohl nicht benutzt werden. Er sei der Ansicht, dast die Gemeinde aus dem alten Friedhof noch ein« Hall« bauen und nach einigen Jahren dieses Projekt au» führen könne. Unsere Genossen erklärten, daß sie diesen Weg der Sparsamkeit nicht mitmachen, denn das heitzt das Geld für die Halle auf dem alten Friedhof unnütz wegwerfen. Mit 8 gegen 8 Stimmen wurde beschlossen, eine Anleihe von 59 999 M. aufzunehmen und den Gemeindefriedhos benutzbar herzustellen.— Unter„Mitteilungen" verlas der Gemeindevorsteher ein Schreiben deS Herrn Rektor Dürre, worin derselbe mitteilt, dast er davon absehe, die in einem Schreiben angedrohte Klage zu erheben». Ober-Schöncwcide. Ein von der Gemeinde vcranstaltetes Zinfoniekonzrn findet am Montag, den 39. Juni, abend« 8X Uhr, im Etablissement „Blumengarten" statt. Es darf wohl erwartet werden, daß die künstlerischen Darbietungen des Blüthnerorchesters denselben Zuspruch finden wie bei der ersten Veranstaltung; der Ein- trittSpreis ist auf 39 Pf. festgesetzt. Karten sind vorher in den mit Plakaten belegten Geschäften zu entnehmen. Zehlendorf(Wannscebahn). Die Mitgliederversammlung des Wahlverrins mußte den an- gekündigten Vortrag:.59 Jahre deutsche Sozialdemokratie" in An- betracht des schlechten Besuche« zurückstellen. Es wurde aber beschlossen, an, V. Juli eine össentliche Beriammlung mit dem gleichen Thema abzuhalteu. Ferner soll eine Konserenz sämtlicher Vorstände der am Ort bestehenden Arbeitervereine abgehalten werden. Nach Erledigung verschiedener interner Angelegenheiten ermahnte Genosse Krekeler die Anwesenden, jetzt gerade nach der LandtagSwahl keine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, um für unsere Presse und den Wahlverein zu agitieren und neue Klassenkämpser heranzuholen. Steglitz. Die Mitgliederversammlung de§ Wahlvereins nahm zuerst den Bericht des Genossen Chomse über die Kreisgeneralversammlung entgegen. Bei der darauf folgenden Ergänzungswahl zum Borstand wurde Genosse Bierschenk als erster Schrififührer gewählt. Di« Posten des zweiten Schriftführers sowie des Beisitzer« konnnten nicht besetzt werden, die Wahl hierzu ivurde bis zur nächsten Mitglieder- Versammlung Vertagt. Für die Ferienspiele wurden auf Antrag des Vorstandes 39 M. bewilligt. Vom BildungSausschust fllr Steglitz wurden für den gleichen Zweck 59 M. zugesteuert, so dast dem Frauenkomitee für die Ferienspiele mit dem Restbestande vom ver» gangenen Jahr und einer privaten Spende von 15 M. etwas über 190 M. zur Verfügung stehen.— An den Bericht über die Verband». generalvcrsammlung, den Genosse Alfermann gab. schloß sich eine kurze Debatte. Zum Schluß machte der Gemeindevorsteher Genosse Astmann einige Mitteilungen auS der Gemeindevertretung, an die sich noch verschiedene Anfragen knüpften. Rüdersdorf. Aus der Gemeindevertretung. Zunächst wurde die Gemeinde- kassen-Jahresrechnung vorgelegt. Einer Einnahme von 149 431,25 Mark steht eine Ausgabe von 147 255,97 Mk. gegenüber. Mithin verbleibt ein Vermögensbestand von 2175,28 Mk.— U. a, wurde noch von dem Projekt, betr. Versorgung des östlichen Teiles de? Kreises Niederbarnim mit Gas, Kenntnis gegeben. Zernsdorf. Der Gesangverein„Freie Säuger" Zernsdorf veranstaltet am Sonntag, den 29. Juni, im Lokal von I. Knorr von nachmittags 3 Uhr ab sein zehnies Stiftungsfest. Da genannter Verein sich zu Arbeiterfestlichkeiten jeder Zeit zur Verfügung stellt, so werden die Arbeiter und Sangesfteunde ersucht, recht zahlreich mit ihren An» Angehörigen zu erscheinen. Pankow. Die Klasscnfrrguenz an den hiesigen Gcmcindcschulen weist nach einer Zusammenstellung im Monat Mai d. I. gegen das Vorjahr eine geringe Besserung auf. In den zurzeit vorhandenen 6 Gemeindeschulen wurden im Monat Mai insgesamt 6491 Kinder (3993 Knaben und 3398 Mädchen) in 149 Klassen unterrichtet, was einer Durchschnittsfrequenz von 45,72 Schülern pro Klasse(gegen 46,67 zur selben Zeit im Vorjahre) entspricht. Dieses Resultat verschlechtert sich jedoch ein wenig, wenn wir die sechs geringer besetzten HilfSklasseu für 125 Schwachbegabte in Abrechnung bringen. Es ergibt sich dann bei 134 regulären Klassen mit 6276 Schülern eine Durchschnittsfrequenz von 46,34(gegen 47,85 im Vorjahre). Von den regulären Klassen hatte die höchste Schülerzahl eine Mädchenklasse der dritten Gemcindeschule mit 79 Kindern, die niedrigste ebenfalls eine Mädchenklasse der vierten Gemeindeschule mit 32 Schülerinnen aufzuweisen. Tie 149 Klassen setzten sich aus 62 Knaben-, 66 Mädchen- und 12 gemischten Klassen zusammen. Von letzteren waren 6 HilfS- und 6 reguläre Klassen. Die Durchschnittsfrequenz der regulär gemischten Klassen betrug 43,67, die der Hilssklassen 21. Bemerkenswert ist die Tatsache, dast das Prozentverhältnis der Schwachbegabten zur Gesamtschülerzahl sich in diesem Jahre günstiger gestaltet. Während die Gemeinde- schüler im Vorjahre noch 2,99 Proz. Schwachbegabte auswiesen, ist diese Ziffer in diesem Jahre auf 1,95 gesunken. Die neu errichtete Knabenknittelschule soll einen allmählichen Aufbau erfahren. Sie besteht nach dem Stande um Mitte April dieses Jahres aus zwei Klassen(Vlo und Vo) mit zusammen 98 Schülern, von denen 6 auswärtige find. � Daß eine Durch- fchnittsklassenfrequenz von 49 Schülern für eine Mittelschule kein idealer Zustand ist, braucht kam gesagt zu werden. In der letzte« Mitgliederversammlung des Wahlverein« gab Genosse Neumann den Bericht von der Berbands-Generalversamm- lung. Die darauffolgenden Diskussionsredner beschäftigten sich bauptsäiblich mit dem Rückgang der Mitgliederzahl und betonten die Notwendigkeit einer rege» Agitation. Auch über den Antrag des vierten Kreises betr. deS Wochenabonnements wurde diskutiert, doch war die Meinung vertreten, es beim alten Modus zu belassen. Am 27. Juli veranstaltet der Wahlverein ein Sommerfest in Schloß Slbönhausen. Ein Beschlust de« Frauen-LeseabendS, während der Ferien Kinderspiele zu veranstalten, wurde gutgeheißen. Die Ge» nassen werden ersucht, für diese Spiele rege Propaganda zu machen, damit eine gute Beteiligung erzielt wird. Statt des Leseabends veranstalten die Frauen im nächsten Monat einen Ausflug, der noch näher bekannt gegeben wird. Reinickendorf-Ost. In der Mitgliederversammlung des Wahlvereins hielt Genosse W i s s e l l einen mit grossem Beifall aufgenommenen Vortrag über:„Fünfzig Jahre deutscher Sozialdemokratie". Der Männer- chor brachte bei Beginn und am Schluh der Versammlung einige stimmungsvolle Gesangsvorträgc zu Gehör der Anwesenden. Es wäre erwünscht, wenn sangeSkundigc Genossen den Verein durch Beitritt unterstützen würden. Rowawes. In der Sitzung der Gemeindevertretung verlas der Bürger- mcister ein Schreiben der Eisenbahnverwaltung, in dem sie sich gegen den ihr von der Gemeindevertretung gemachten Vorwurf. die Höherlcgungsarbeiten verzögert zu haben, verwahrt. Sie sei bestrebt gewesen, den Bau so schnell wie möglich zu fördern, doch hätten sich Hindernisse eingestellt, die sie nicht voraussehen konnte. Die verlangte Beseitigung des Schaltergebäudes in der Linden- straße sei ihr erst zum 1. Oktober möglich, doch sei sie bereit, zwecks Weiterführung der elektrischen Strastenbahn in nächster Zeit den Eisenbahnzaun fortzunehmen. Wegen der Beschädigung deS Pflasters an der Unterführung im Zuge der Moltkestrahe möge sich die Gemeinde vor der Bauabnahme mit der Bauleitung ver- ständigen.— Die Armenarztordnung soll dahin abgeändert werden, daß der Armenarzt in Zukunft nur bei länger dauernden Behindern n gsfällen für kostenfreie Stellvertretung zu sorgen hat. Gegen die wiederum zur Beratung gestellte Bürg- scbaftsübernahme für den Beamtenheimstättenverein von 199 999 Mark sprachen verschiedene Redner ihre Bedenken auS, die Herr Assessor Golisch durch den Hinweis darauf zu zerstreuen suchte, daß die Gemeinde durch die von dem Verein selbst sowie von der Verbandskasse deutscher Beamtenvercine zu leistende Rückbürgschaft genügend gesichert sei. Nach dem Vertragsentwurf stände der Ge- meinoe übrigens frei, bei eventueller Verschlechterung der pekuni- ärcn Verhältnisse oer Baugenossenschafter Befreiung von der Bürg- schaft zu fordern. Die Gemcindevertreter Philipp und Böhm er- klärten sich strikte gegen die Bürgschaftsübernahme. Letzterer wies besonder» auf die leerstehenden Wohnungen am Orte hin und meinte, die Gemeinde, die doch ihren Bürgern auch keine Bürg- schaft leiste, hätte keine Ursache, den Berein in seinem Vorhaben in dieser Weise zu umcrstützen. Gemeindevertreter Rust warnte gleichfalls vor der Bürgschaftsübernahme und beantragte Zurück- Verweisung der Angelegenheit an die Kommission, damit diese die Frage der Sicherheit nochmals eingehend nachprüfen könne. Ge- nosse Neumann erklärte hierzu, dast er mit seinen Fraktionskollegen gegen die BürgschaitSübernahme prinzipiell nichts einzuwenden habe, er befürcbte jedoch, daß bei zunehmender Bebauung auf der Kleinen Sandscholle die BürgfchaftSsumme übermässig ansteigen könnte, so dast die Gemeinde schlteßlich nicht für 199 999 M., sondern vielleicht für Millionen Mark haften müßte. Dabei konnte die Gemeinde leicht in eine sehr gefährliche Lage geraten. Aus diesem Grunde halte auch er Zurückverweisung der Sache an die Kommission für angebracht. Bei dem der Gemeinde zugemuteten Risiko wäre eS überhaupt notwendig, daß der Verein über seine Vermögenslage klaren Einblick awähr«. Nach genügender Ans- spräche fand der Antrag Nüst einstimmige Annahme.— Dem ITus» bau der Domstraste durch d,e Terraingesellschaft Neubabelsberg stimmte die Vertretung zu. Vor Zustimmung zur Anlage der gleichfalls auf Klein-Glienickcr Gebiet liegenden Straße 2 soll je- doch auf Antrag de» Genossen Neumann eine Besichtigung an Ort und Stelle stattfinden.— �Zwecks Anschlusses des von der Konsum- genossenschaft„Hoffnung" auf ihrem an der Husarenstraste er- wordenen Gelände zu erbauenden Lagerhauses an die Kanalisation macht sich in der Strahe 41 die Legung von etwa 119 Meter Ka- »alisatiousröhren notwendig. Die Kosten hierfür in Höhe von 1309 M. wurden bewilligt.— Zum Schluh gab Schöffe Steiner bekannt, daß das Ouantum von Seesischen, deren Verkauf während der heißen Monat« eingestellt werden muß, bisher 29 167 Pfund betrug. Eine Einbuße habe die Gemeinde hierbei nicht gehabt, da die Einnahmen die Ausgaben decken. Beim Gewerkschaftsfeft ist eine gelb« Brieftasche verloren ge- gongen. Der Inhalt war«ine Quittung über Kartellbeiträge und einige Eintrittskarten. Der Finder wird gebeten, dieses beim Ge- nassen Biete, Priesterstratze 49d, abzugeben. Spandan. lieber die Mißstände im hiesigen Strahenbahnbetrieb entspannen sich in der letzten Stadtverordnetensitzuna wieder einmal lebhafte Debatten. Veranlassung hierzu gab eine Magistratsvorlage betr. Bewilligung von 1999 M. für Abgabe eineö Gutachtens über etwaige Mängel und notwendig« Verbesserungen im Straßenbahn. betrieb sowie Uebertragung des Austrage» zur Abgabe d«« Atztz, achiens an den Oberingenieur der Tettower Kreisbahnen Korschel in Lichterfelde. Stadtv. Rupke versprach sich von einer sachlichen und gründlichen Prüfung der Strasienbahnbctriebes ersprießliches, da aber der Gutachter die hiesigen Verhältnisse nicht kenne und außerdem einer der teuersten Straßenbalmen vorstehe, werde bei deni Gutachten höchstens eine weitere Erhöhung der Tarife heraus- kommen. Redner brachte noch eine Beschwerde über die Monats- karten vor, welche sonderbarerweise nur an den ersten 10 Tagen des Monats gelöst werden könnten. Oberbürgermeister Koeltze meinte, die andauernden Beschwerden der Stadtverordneten über den großen Wechsel des Personals usw. hätten den Magistrat be- wogen, einen Gutachter hinzuzuziehen. Derselbe solle sich einige Zeit hier aufhalten, um den Betrieb genau kennen zu lernen und dann sein Gutachten abgeben über die Tarise, das Personal und den rationellen Betrieb der Straßenbahn. Genosse Pieper betonte, daß eine Verbesserung im Betrieb eintreten müsse, hat ja selbst der Oberbürgermeister zugegeben. Die bisher vorgebrachten Beschwerden wären schon Grund dazu, einen Gutachter heranzuziehen. Redner kam dann auf das Stratzenbabnunglück zu sprechen, das sich am Montag hier zugetragen und schwere Verletzungen mehrerer Per- sonen zur Folge hatte. Das Unglück hätte seiner Meinung nach vermieden werden können, wenn der Straßenbahndivektor Müller die Führung des Wagens nicht einem jungen Fahrer übertragen hätte, der erst 8 Tage bei der Straßbahn beschäftigt war und erst mit knapper Not seine Prüfung bestanden hatte. Die Betriebs- sicherheit müsse übrigens unter dem ständigen Personalvvcchsel sehr leiden. Um billige und willige Arbeitskräfte zu erhalten, soll Direktor Müller sogar in oft- und westpreußischen Blättern in- serieren, während bicr genug Arbeitslose vorhanden wären. 25 bis 30 alte Schaffner müßten sich den ganzen Sonntag im Depot aufhalten, ohne daß sie in Dienst zu treten brauchten; hierdurch entständen der Stadt unnötige Kosten. Redner rügte weiter, daß der Buchhalter Söbröder sich nebenbei als Versicherungsagent be- tätige. Arbeiter, die bei der Straßenbahn angestellt werden, er- hielten von Sch. Formulare zur Unterschrift vorgelegt, um sich der- sichern zu lassen. Anläßlich des LSjährigen Regierungsjubiläums Sei allen städtischen Arbeitern der Tagelohn ausbezahlt worden, den ie Straßenbahner aber bisher noch nicht erhalten hätten. Aus dem Ertrag der Strafgelder werde nur nach Gunst Unterstützung an Angestellt« gewährt. Zum Schluß ersuchte Genosse Pieper die Straßenbahndeputation, danach zu trachten, daß Direktor Müller seine Befugnisse den Angestellten gegenüber nicht überschreite. Stadt- baurat Paul bestritt die Richtigkeit der meisten vom Genossen Pieper vorgebrachten Beschwerden. Ohne Strafgelder gehe es nicht ab. Wenn sich hier keine Leute für den Betrieb fänden, müßten solche von außerhalb herangezogen werden. Sonntags müßten immer Schaffner im Depot bereitgehalten werden. Stadtv. Rupke be- schwerbe sich über den großen Wechsel beim Personal. Bei dem letzten Unglück sei er Augenzeuge gewesen; der Fahrer hätte nicht einmal auf 10 Meter Distanz den Wagen zum Halten bringen können. Der Stadt werde das Unglück eine Menge Geld kosten. Oberbürgermeister Koeltze gab zu, daß der Wagenführer erst acht Tage im Dienst war, aber einmal müsse er doch selbständig fahren. Die meisten Klagen, die Stadtv. Pieper vorgebracht hätte, wären auch in dem anonymen Schreiben an den Magistrat enthalten. Der Buchhalter Schröder hat im Auftrage des Magistrats gehandelt, als er die Leute zum Entritt in die Versicherung aufforderte. Ter wöchentliche Beitrag von 10 Pf. für eine sogen. Arbeiterversicherung würde den Leuten vom Lohn abgezogen. Genosse Pieper wandte sich gegen die Form der Versicherung, wobei ein gewisser Zwang ausgeübt würde. Von einem jungen Wagenführer müsse unbedingt verlangt werden, daß er den elektrischen Strom aus- und einschalten könne. Im übrigen habe man einen Teil seiner Beschwerden zu- geben müssen. Hierauf wurde wider Erwarten die Vorlage ab- gelehnt. Die Stadtverordneten gaben hierauf nach kurzer Debatte ihre grundsätzliche Zustimmung zur Errichtung einer st ä d t i s ch e n Knabenmittelschule und ihr Einverständnis damit, daß mit der StaatSregierung Verhandlungen über die Errichtung einer zweiten höheren Lehranstalt(Realgymnasium) unter eöentl. Ge- Währung eines städtischen Zuschusses stattfinden. ' Ueber das Gesuch des katholischen Kirchenvorstandes um Erlaß der Umsatzsteuer und des einmaligen Kanalisationbeitrages ent- spann sich eine längere Debatte. Genosse Pieck bemerkte, es zeige sich auch hier wieder, daß die Kirche einen großen Magen habe. Wenn sie aber, wie jeder andere Privatmann, bezahlen solle, dann weigere sie sich. Gegen 3 Stimmen wurde die Ablehnung des Gesuchs beschlossen. Die hiesige Ortsgruppe des Bundes Deutscher Bodenreformer ersuchte in einem Antrage s) um Einführung einer Differenzierung der Grundwertsteuer, b) eines Zuschlages zur Reichswertzuwachs- steuer und c) einer sozialen Bauordnung. Z�ach einstündiger Debatte, wobei betont wurde, daß die Mietskasernen der Charlotten- burger Baugenossenschaft auch nicht als erstrebenswertes Ziel an- zusehen seien, wurde beschlossen, zu s) Ueberweisung des Antrages an den Magistrat zur Erwägung, b) Uebergang zur Tagesordnung. c) Ueberweisung des Antrages an den Magistrat als Material. Gegen die Errichtung eines jüdischen Begräbnisplatzes in der Nähe der Heerstraße ist seitens des Bezirksvcreins Wilhelmstadt Einspruch erhoben worden. Wie Stadtv. Schreiber mitteilte, stehe hinter dem Unternehmen die Neue Berliner Bodengesellschaft. Da durch die Anlegung des Friedhofes die schönsten Stellen an der Havel geopfert würden, beantragte er eine Resolution, in der der schärfste Einspruch gegen das geplante Unternehmen eingelegt wird. Die Resolution gelangte zur Annahme. Ein Gesuch des Zimmermannes Gerick aus Staaken um Gc- Währung einer Entschädigung für die gewaltsame Tötung seines Ziehhundes während der verschärften Hundesperre wurde auf An- trag des Genossen Pieck dem Magistrat zur Erwägung überwiesen. Ueber die beiden Vorlagen betr. Ankauf einer Rustwiese und Anstellung weiteren Forstgeländes an den Architekten Heinel ent- wickelte sich eine Geschäftsordnungsdebatte, ob öffentlich oder ge- heim beraten werden sollte. Ueber den Ankauf der früher Polzinschen Rustwiese in Größe von L3 310 Quadratmeter zur Preise von 118 000 M. wurde in öffentlicher Sitzung verhandelt. Ter Ankauf der Wiese wurde ab- gelehnt, da die Stadtverordneten erst sehen wollten, ob aus dem Waldverkauf überhaupt etwas würde. Jugendveranstaltunge«. Tempclhof-Maricndorf. Heute Sonnabend beteiligt sich die arbei- tende Jugend an der Sonnwendscicr des Arbeitcr-Wanderbundcs„Die Siatursrcunde' am Teupitzer See. Treffpunkt'/,8 Uhr im Jugendheim, für Nachzügler bis 8.S0 Uhr am Görlitzer Bahnhos. Fahrgeld sür Jugend- liehe 60 Bf. Lichtenberg. Sonntag, 29. Juni: TageSpartie nach Tegel— Heiligen- see— Hermsdors. Treffpunkt morgens 7 Uhr Jugendheim. Fahrt vom Schlefischcn Bahn hos kMadaistroffe) Linie 31. Fahrgeld 40 Ps. Diejenigen, welche nicht an der Partie leilschmen, treffen sich aus dem Turnplatz an der Trcskowallce. Das Heini ist geschlossen. Jeden Montag und Mittwoch gcnieinsame Spiele aus dem Spielplatz an der Riltergutswaffe. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 29. Juni, vormittags 9 Uhr, Pappelallce 15—17, Neukölln, Jdcalpassage, und Tegel, Schlicper- straffe 20: Freireligiöse Vorlesung.— Vormittags 11 Uhr, Kleine Frank- jurter Swage 6: Vortrag von Herrn Dr. Max Brie:„Franz Schubert, der Meister dcS Liedes'.— Damen und Herren alS Gäste willkommen.— Während der Schulsericn keine Vorträge. ßnefkaften der Sxpedttfon. Patienten in Beelitz, Buch und anderen Heilstätten. Dlefeulgen unserer Abonnenten, die noch während des ganzen nächsten Monats tn der Heilstätte bleiben, wollen uns wegen der Ueberweisung von Frei- exemplaren sosort ihre Adresse einsenden, da bei verspäteter Bestellung die ersten Nummern des neuen Monats von der Post nicht geltesert werden. Alle Adressen müssen jeden Monat neu«ingesandt werden. Marktpreise von Berlin am 26. Juni lSIZ. nach Eriniltelungen des tönigl. Polizeipräsidiums. 100 Kilogramm Welze», gute Sorte'20,06 bis 20,10, mittel 19,98—20,02, geringe 19,90—19,94, Roggen, gute Sorte 16,30, mittel 00,00—00.00, genüge 00,00—00,00(ab Bahn). Futter. gerstc, gute Sorte 16,10—16,50, mittel 15,60—16,00, geringe 15,20—15,50. Hafer, gute Sorte 17,30-18,50, mittel 16,20—17,20. Mais(mixed), gute Sorte 15,30—15,70. Mais(runder), gute Sorte 00,00-00,00. Richtstroh 0,00—5,00. Heu, alt 0,00—0,00, neu 0,00—0,00. Markt hallenpreise. 100.Mio gr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00-50.00. Svcisebobncn. weiffe 30,00—60.00. Linien 35,00—60,00. Kartoffeln lKIeinhdl.). alte 7.00—10,00. neue 00,00-00,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70— 2,40. Rindfleisch, Bauchsleijch 1,30—1,80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1�0—2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,00—5.40. 1 Kilogramm Karpfen 1,40-2,80. Aale 1.60—2,20. Zander 1,40—3.60. Hechte 1,60—2.80. Barsche 1.00—2,40. Schleie 1,40—2,50. Bleie 0,80-1.60. 60 Stück Krebse 1,60-60.00._ eingegangene Drudtzfehriften. Eigenhäuscr. 70 kleine Wohnhäuser. Von R. Gebhardt u. E. Eberhard. 80 Seilen. Westdeutsche VerlagSgcsellschast, Wiesbaden. Jnsel-Bücherri: 43. Das Maricnleben von Rainer. Maria Rilke.— 44. Goethe über feinen Faust.— 45. Kaiser Friedrich III. Tagebuch von seiner Reise nach dem Morgenlandc 1869.— 46. Drei Fastnachtsspiele. Von H. Sachs.— 47. Lieder der alte» Edda, lieber- tragung der Brüder Grimm.— 48. Arne. Von Björnstserne Bjornson.— 49. Frühling. Von I. Schlaf.— 50. Gedichte von Fr. Hölderlin.— 61. Leben des vergnügten Tchulmeisterlein Maria Wuz. Von I. Paul.— 52. Ter Tod des Iwan Jljitsch. Von L. N. Tolstoi.— 53. Lehren und Sprüche. Von O. Wilde.— 54. Leonorenlieder. Von I. Ch. Günther.— 55. Neber Schriftftellerei u. Stil. Von A. Schopcn- Hauer.— 56. Till EuleniPirgel. Mit 58 Holzschnitten.— 57. Carmen. Novelle von Prosper Merimäe.— Einzelnummer geb. 50 Ps. Insel» Verlag, Leipzig. Wissenschaftliche Bolksbücher herausgegeben von F. Gansberg.— Bd. 21. Drei Jahre im innersten Asien. Von Sven Hedui.— Bd. 22, TaS Brrkehrswcseus von R. van der Borght.— Bd. 23 Tagebuch des dcutsch-frnnzösischen Krieges IKVO/TI von G. HIrth u. I. v. Gosen. Jeder Band 1,50 M. A. Jauffen, Hamburg. Tie rechtliche Stellung der Aerzte, Apotheker und Heil- anstaltcn»ach der RcichöversicherungSordniinq. Von Dr. W. de Martincourt. 2,40 M. Pultkammer u. Mühiorecht, Berlin W 56. Im Klubsessel. Lustipiel von K. Röffler und L. Heller.(Universal- Bibliothek Nr. 5552.) 20 Pf. Ph. Reclam, Leipzig. 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