Pr. 170. Hbonnement$'Bedlngungcn: Abonnements- Preis pränumerando! Lierteljährl. 3,30 Mt, monolL 1,10 Mt,, wöchentlich 23 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nununer 6 Pfg. Sonntags- Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter ldreuzband für TciUschland und Oesterreich< Ungarn 2,50 Marl, für das übrige iluSIand i Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. Die Insertion;-Lebtihr Beträgt für die sechsgespaltcne Kolonel- zeile oder deren Ramu CO Pfg,, für politische und gewerlschaftliche Vereins- und Versnmmlungs-Anzcigcn 30 Pfg, „Uteine Zjn-eig-n", das fcttgedrilikle Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedrucltc Worte), jedes weitere Dort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch. slaben zählen für zwei Worte. Jnserale für die nächste Nnmmrr müssen bis & Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet crfchejnt täglich. Vevltnev VolKsblatk. Telegramm- Adresse: ,�»ilislilen>»l!rzi stellin". Zentralorgan der rozialdemohratifchen Partei Deutfcblands. ' zz 1. Redaktion: 8Al. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritiplah, Nr. 1388. Sonntag, den 13. Juli 1913. Expedition: 8M. 68, lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moripplatz- Nr. 1981. Vernunft wird Ilnlion, Aohltat Plage! Wenn so oft mit Bitterkeit festgestellt werden mußte, daß das Bülowsche Wort„Preußen in Deutschland voran, Teutschland in der Welt voran" in Kulturfragen leider kei- uerlei Berechtigung hat, so darf es doch unbedingte Geltung beanspruchen für die Art, wie die deutsche Oeffentlichkeit Zielsicher mit weltpolitischen und militaristischen Ideen ver- pestet wird. Was beispielsweise der Flottenverein an skru- Pellosester Rüstungstreiberei geleistet hat, ist allen Steuer- zahlern noch in guter Erinnerung. Und wenn der Flotten- verein gegenwärtig keine so aufsehenerregende Rolle mehr spielt, so nur deshalb, weil die ausschweifendsten Ziele der Flottenbündler inzwischen Wirklichkeit geworden sind und weil die ausschweifendste Flottenpropaganda längst von 0 f s ij5 i e l le n Stellen übernonimen worden ist. Seit 15 Jahren erscheint ja der„Rautikus", der ein immer dickeres Format angenommen und die Aufgaben des Flottenvereins zu einer gewissermaßen amtlichen Ein- richtung gemacht hat. In diesem alljährlich erscheinenden kompendiösen Werke finden alle Strömungen unserer Welt- Politiker, Panzerplatten- und neuerdings auch Luftpatrioten ihren Niederschlag. Aus dem„Nautikus" bezieht nicht nur die mar in istische Presse der Rüstungsinteressenten ihr Agitationsmaterial, sondern nachgerade die gesamte bürgerliche Presse, die längst an Marineenthusiasmus und weltpolitischer Abenteuerlust niit Blättern vom Schlage der„Post", der„Berliner Neuesten Nachrichten" oder der „Rhsinisch-Westfälischen Zeitung" zu konkurrieren vermag. .Hat doch gerade jetzt wieder das„Berliner Tageblatt" eine Poleinik gegen die Marineofsiziösen unternommen, in der es nicht etwa das Rüstungstempo bekämpft, sondern unserer Martneverwaltung den Vorwurf macht, daß sie nicht seit Jahren schon unsere Dreadnoughs mit schwerer Artillerie ausgestattet habe! Wenn gleichwohl der„Nautikus" für 1913 diesmal nicht ostentativ die Tronimel rührt für neue größere Flottenbau- Projekte, so liegt das einmal daran, daß ja in dem Jahre der 1399 Millionen verschlingenden Wehrvorlage nicht gut auch noch Stimmung für eine neue Flottenvorlage ge- macht werden kann, und andererseits in dem von den breiten Volksmassen noch lange nicht genug beobachteten Umstand, daß ja die Wehrvorlage für unseren Luftmilitaris- in u s, und speziell für den den Zwecken der Marine die- nenden Luftmilitarismus geradezu kolossale Summen vor- sieht. Durch die scheinbare Passivität unseres Marinismus darf sich darum das Volk ja nicht in die Illusion einlullen lassen, als ob unsere Marine ihm nicht in absehbarer Zeit neue peinliche Ueberraschungen bereiten würde. Denn unser Marinerüstungswesen trägt, wie aller Rllstungs- Wahnsinn, die immanente Tendenz zur immer größeren Aus- dehnung in sich. Das geht schon aus der entschiedenen Ablehnung hervor, die der von England ausgehende Gedanke einer Rüstungsverständigung und Rüstungskon. t i n g e n t 1 e r u n g ini„Nautikus" erfährt. Nichts sei i r- riger, so bemerkt das offizielle Flottenhandbuch auf Seite 26, als aus der Erklärung des Herrn v. Tirpitz, daß er als Leiter seines Ressorts gegen das von Churchill vor- geschlagene Verhältnis von 19 �16 für die nächsten Jahre kein Bedenken habe, etwa zu schließen, daß ein Umschwung in der deutschen Flottenpolitik bevorstehe. Der Gedanke eines Flottenabkommens sei utopisch. Denn wer wolle die vielen Einzelwerte einer Flotte gegeneinander abwägen und in ein Verhältnis zu einer anderen bringen. In der Tat, mit der gegenseitigen Rüstungsüberflü- gelung wird schon so lange alles beim alten bleiben, bis sich das Volk selbst in den verschiedenen Staaten der poli- tischen Macht bemächtigt..Solange die Nüstungspatrioten und die weltpolitisch spekulierende Bourgeoisie in den Par- lamcnten den Ausschlag gibt, wird der Gedanke einer Rü- stungsverständigung, geschweige denn einer Rüstungsein- schränkung ewig eine Chimäre bleiben! Es wird deshalb nicht lange dauern, bis auch � Höhe des Marinectats, die im Jahre 1913 467 Millionen beträgt, weitaus überschritten sein wird. Sie ist schon jetzt um Tutzendc von Millionen überschritten, wenn man me Ausgaben für den L u f t m a r i n r s m u s hinzu- rechnet. Daß aber nicht nur eine neue schnfsvermehrung bei den enorm gestiegenen Herstellungskosten für jeden ein- zelnen Schiffstyp den Flottenetat gewaltig in die Hohe schnei- len wird, sondern daß auch der L u f t in i l i t a r l s in u s, selbjt, soweit er nur Marinezwecken dient, bereits in den nächsten Jahren mit noch viel ungemesseneren Forderun- gen kommen wird, ergibt sich gerade aus dem interessanten und aktuellen Kapitel des„Nautikus" über„Stand und Aussichten der Marineluftfahrt" Welche Perspektiven wir hier ms Auge zu fassen haben, führt uns„Nautikus" selbst äußerst drastisch zu Gemüte. Er verweist nämlich auf den ersten Aufsatz des„Nautikus" über die Luftschiffahrt vom Jahre 1999. �11 dem damaligen Aufsatz habe es geheißen: -Bis vor kurzem herrschten die abenteuerlichsten Ansichten. Man las schon von Schlachten in der Luft und von der Möglichkeit, England auch über den Kontinent aus der Luft anzugreifen. Hiervon ist natürlich heute keine Rede. Die Mitnahme von 300 bis 400 Kilogramm Munition würde die Fahrtdauer auf einige Stunden be- schränken." Auf diese Ausführungen bezieht sich„Nautikus" aber nicht, um diese Auffassung 1913 zu bestätigen, sondern um in gelassener S e l b st v e r s p 0 t t u n g die I r- rigkeit solcher Prophezeiungen zu illustrieren! Denn, so führt er jetzt, nur 4 Jahre später, aus: alle damaligen An- sichten über die Durchschnittsgeschwindigkeiten der Luftkreuzer und Flugmaschinen, über ihren Aktionsradius, ihre Fahrt- dauer, ihre Aufnahmefähigkeit in bezug auf abzuwerfende Bomben, und infolgedessen ihre Verwendbarkeit im Luft- kriege, seien heute bereits völlig, aber auch völlig über den Haufen geworfen. Habe doch ein Zeppe- lin in, 31 stündiger Fahrt 1659 Kilometer zurückgelegt und sich dabei vier Stunden lang in 2299 Meter Höhe gehalten. Ebenso gewaltig sei die Leistungsfähigkeit der Flngmaschinen gestiegen, sei doch bereits eine Höhe von 5889 Metern er- reicht und in 19 Stunden eine Distanz von 1429 Kilometern zurückgelegt worden. Nicht nur in allen großen Manövern und in den beiden jüngsten Kriegen hätten die Flugzeuge Ausgezeichnetes geleistet, sondern auch„die Möglichkeit ihrer Es folgt dann eine detaillierte Auseinandersetzung über die vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten der Luftkreuzer und Flugzeuge nicht nur für den Beobachtungsdienst, fondern auch zu Kampfzwecken. Luftkreuzer und Flugzeuge ver- möchten gewaltige Strecken in äußerst kurzer Zeit aus unge- fährdeter Höhe zu observieren. Aber sie seien ferner nicht nur zur Unterstützung der Artillerie, namentlich beim Angriff gegen Küstenbefestigungen, äußerst wertvolle Hilfsmittel, son- dern auch beim Aufsuchen und Vernichten von Unterseebooten und, wahrscheinlich auch brauchbare Kampf- mittel während einer Flotte nschlacht, wo die Besatzungen durch den Kampf gegen die feindlichen Schiffe vollauf in Anspruch genommen" seien und„wo vermutlich mit Massenabwürfen von Bomben aus der Luft nicht unerhebliche Erfolge erzielt werden" könnten. Beim Abwerfen der Bomben könnten sich Flugzeuge und Luftschiffe durch Innehalten größerer Höhen sichern. Daraus ergebe sich dann die weitere Folgerung, daß man„eben diesen Luftgeschwadern in ihrem eigenen Element beizukommen" versuchen niüsse: „Keine Sicherheit gegen Angriffe aus der Luft, keine erfolg- reiche Verwendung der eigenen Luftwaffe gegen die feindliche Streitmacht ist denkbar ohne die Beherrschung des Luftraumes, nicht nur unmittelbar über den Kämpfen auf der Erdoberfläche, sondern auch auf dem ganzen Ge- biete, von dem die gegnerischen Luftangriffe ausgehen, und in dem ganzen Raum, durch den sie zu ihrem Operations- ziele gelangen können. Die Beschäftigung mit dem Kampf um die Vorherrschast in der Luft stellt somit Probleme, die noch viel weitreichender und schwerer zu lösen sind, a l s die mit der Eringung der Seeherrschaft ver- knüpftenFragen." Der„Vorwärts" hat diese EntWickelung der Dinge seit Geraumem vorausgesagt. Er hat nunmehr die Bestätigung durch den offiziellen„Nautikus" erfahren. Kein Mensch kann also jetzt mehr daran zweifeln, daß der Luftmilitarismus sich selbst dann zu einer ungeheuerlich kostspieligen Institution für Land- und Wassermilitarismus auswachsen würde, wenn eine weitere Verbesserung unserer Luftkreuzer und Flugzeuge nicht zu erwarten wäre. Daß diese Voraussetzung bei den zu er- wartenden lufttechnischen Revolutionen aber gar zu naiv und optimistisch wäre, bedarf nach der EntWickelung der letzten Jahre kaum ernsthafter Widerlegung. Zieht doch„Nautikus" selbst im Schlußwort seines Kapitels folgendes Resümee: „Die vorstehenden Ausführungen lassen erkennen, wie schon die erste Einführung der Marineluftfahrt dem Bilde, das man sich bisher vom Seekriege machte, gänzlich neue, fremde Züge hinzufügt, und namentlich die Abschnitte über das Bombenwerfen und den Luftkampf müssen zu e r n. ftem Nachdenken darüber anregen, ob nicht schon in wenigen Jahren die Tätigkeit der Luftfahr- zeuge und der Ausgang des Kampfes zwischen den Luftflotten einen be st immenden Einfluß auf den Verlauf des Krieges auf dem Meere a u s ü b e n ni ag. Erwägungen dieser Art sind es jedenfalls, die gerade die an der Seefahrt am meisten interessierten Mächte zur Aufstellung von Programmen für die Schaffung gewaltiger Luft- flotten in allcrjüngster Zeit veranlaßt haben. Niemand wird kühn genug sein, das Ende der EntWickelung voraussagen zu wollen, an derem ersten Anfange sie jetzt noch stehen; nur soviel ist sicher, daß es auf dem einmal eingeschlagenen Wege kein Halten mehr gibt." � Das ist wenigstens einmal ein offenes und ehrliches Be- kenntnis! Es besagt, daß die 159 Millionen, die schon jetzt unsere Wehrvorlage für die nächsten drei Jahre für den Lust- Militarismus durchgesetzt hat, erst die ersten bescheidenen An- fänge künftiger Luftslottenforderungen bilden. Man wird sich also darauf gefaßt machen müssen, daß sich die Aus- gaben für das jüngste Kind unseres Militarismus noch v 1 e I sprunghafter steigern werden, als die Ausgaben für Heer und Flotte!. � m..r, Wer da noch eine Rüstungsverstäiidigung und Rustungv- Verminderung von der Entwickelung der Mordtechnrk oder der Einsicht unserer herrschenden Klassen erwartet, ist ein hoff- nungsloser Phantast. Nicht der eigene Widersinn wird dem Rüstungswahnsinn ein Ziel setzen, sondern erst die Ein- ficht und die d e m 0 k r a t i s ch- r e v 0 l u t i 0 n ä r e Tat- kraft der proletarischen Massen, die es endlich müde geworden sind, jede Schöpfung des Erfinderingeniums durch den kapitalistischen Aberwitz in eine Menschheitsplage ver- wandelt zu sehen!__ AshIpMunge». Die„Konservative Korrespondenz" fährt fort, ihrem Aergcr darüber Ausdruck zu geben, daß die Wahlprüfungskommission und der Reichstag eine Reihe konservativer und freikonservativer Mandate für ungültig erklärt haben. Nachdem der„Vorwärts", ebenso wie frei- sinnige und nationalliberale Blätter die von einer halboffiziösen Kor« respondenz aufgetischten Erzählungen über Bemühungen, die Eni- scheidung über die Wahlen der Abgeordnelen Kölsch und Haupt hinauszuzögern, als reine Erfindungen gekennzeichnet haben, gibt die„Kons. Korresp." zu, daß Bebel und Haase sich scharf gegen eine Hinauszögerung der Prüfung der Wahlen erklärt haben. Aber, meint sie, der„Vorwärts" habe sich zu einer Verteidigung der Ver- schleppung der Wahlprüfungen aufgeschwungen. Unsere Leser wissen, daß auch diese Behauptung eine glatte Erfindung ist. Die sozial- demokratische Fraktion hat bis in der letzten Sitzung des Senioren- konventS die Erledigung der Wahlprüfungen verlaugt. Fetzt springt der„Konservativen Korrespondenz" die„Nordd. Allg. Ztg." bei. Sie ist darüber ergrimmt, daß die Wahlprüfungs- kommission mit 10 gegen 2 Stimmen entgegen der Anschauung des Regierungskommissars die Frage bejaht hat, ob die in die Wähler- liste eingetragenen Wähler bei einer Nachwahl zur Ausübung des Wahlrechts dann berechtigt sind, wenn sie inzwischen ihren Wohnsitz verlegt haben. Diese Frage ist aus Anlaß der Nachwahl des Abgeordneten Halem zur Entscheidung gekommen. Die„Nordd. Allg." gibt aus dem Bericht die Ausführungen des Regierungskommissars wieder, die darin gipfeln, das Reichsgericht habe in einem Erkenntnis vom 7. Februar 1905 die Frage in verneinendem Sinne entschieden. Sie unterläßt aber anzugeben, daß in der Kommission sofort erwidert wurde, das treffe nicht zu, das Reichsgericht habe in jenem Er- kenntnis die völlig andere Frage entschieden, ob jemand zu einer Wahl an zwei Orten wählen könne. Diese Frage hat das Reichsgericht mit Recht mit Rücksicht auf 8 7 Abs. 2(„jeder darf nur an einem Orte wählen") verneint. Die Entscheidung über die vorliegende Frage liegt in der Auslegung des§ 7 Abs. 1, nach dem der Wähler„zur Zeit der Wahl" im Wahlbezirk seinen Wohnsitz haben müsse. Hier hat das Reichsgericht ständig angenommen, daß das Listensystem die notwendige Folge der formalen Berechtigung aller eingetragenen Wähler schaffe. So wenig ein wähl- berechtigter, aber nicht eingetragener Wähler wählen dürfe, so wenig dürfen die eingetragenen Wähler zurückgewiesen werden. Denselben Standpunkt nimmt das Oberverwaltungs- gericht ein. In dem Bericht wird überzeugend nachgewiesen, daß aus der Entstehungsgeschichte des Wahlgesetzes und seinem Zweck folgt: wer zur Zeit der Auslegung der Wählerliste seinen Wohnsitz im Wahlbezirk hatte, der ist am Tage der Wahl wahlberechtigt. Daß das ständige Praxis des Reichstags für Stichwahlen ist, haben wir neulich ans Anlaß der Wahl Ewalds dargelegt. Wird für die Nachwahl keine neue Wählerliste aufgestellt— das hängt vom Belieben der Behörden ab— so gilt die alte Wählerliste in ihrem ganzen Umfange: neu Zugezogene können nicht wählen, Fort- gezogene bleiben wahlberechtigt. Wiederholt ist von Behörden dem entgegen gehandelt. So ohne Erfolg bei der Nachwahl in Reuß ä. L. und mit Erfolg bei der Nachwahl in Schwetz. Daß die Wahlprüfungskommission derartigen die Rechte der Wähler auf das ärgste einschnürenden behördlichen Korrekturen einer Wahl mit voller Entschiedenheit entgegentritt, mag für die„Norddeutsche Allgemeine" und die Konservativen betrüblich sein. Das Plenum des Reichstag? wird sich wohl dadurch nicht abhalten lassen, dem Recht Geltung zu verschaffen statt der behördlichen Willkür Tür und Tor zu öffnen._ Die Rumänen in Bulgarien. Die rumänischen Truppen dringen weiter in Bulgarien ein, ohne daß es bisher zu blutigen Zusammenstößen ge- kommen wäre. Die bulgarische Regierung vermeidet absichtlich jede militärische Operafton gegen den Gegner, der sich zunächst das von ihm verlangte Gebiet militärisch sichern und viel- leicht auch darüber hinaus einige wichtige strategische Punkte besetzen will. Die serbische und griechische Presse gibt sich den Anschein, als ob sie den Frieden nur auf dem Schlachtfcldc geschlossen wissen wolle, aber die Regierungen werden vernünftig genug sein, den Bogen nicht zu überspannen. Das Beispiel Bulgariens zeigt ihnen ja, wohin eine solche Hartnäckig- keit führt. So lange die Verhandlungen noch nicht zu einem Waffen- stillstand geführt haben, wird auf dem Operationsgebiete zwischen demWardartale und der bulgarischen Landesgrenze weiter gekämpft. Die Griechen haben jetzt auch noch den wichtigen Ort Serres besetzen können. Ausgeschlossen ist nicht, daß die bulgarische Armceleitung noch einmal zu einem Verzweiflunzs- schlage ausholt, um für die koinmenden Verhandlungen mili- tärisch nicht gar zu sehr im Nachteile zu sein. Die Stimmung in Bulgarien ist infolge der Mißerfolge sehr erregt. Die Stellung des Ministeriums Daneiv ist er- schüttert, und man behauptet sogar schon, daß der Thron des Königs Ferdinand nicht mehr allzu fest stehe. Eine Erklärung des Ministerpräsidenten Danew. Sofia, 12. Juli. In der S o b r a n j e erklärte Ministerpräsi- dcnt Dr. Danew: Das gegenwärtige Kabinett ist stets ein An- l?änger des Friedens gewesen. Die Regierung hat den Schieds- spruch des Kaiser» von Rußland angenommen, hat ihr Memoran. dum dem russischen Gesandten zugestellt und hat erklärt, an einer Konferenz der Ministerpräsidenten der Balkanstaaten in PeterS- bürg teilnehmen zu wollen. Wenn das Kabinett den Krieg gewollt hätte, so wäre es ihm ein leichtes gewesen, ihn diplomatisch in die Wege zv leiten, indem es als Vorwand die Weigerung Serbiens gebrauchte, den durch den Vertrag vorgesehenen Schiedsspruch an- zunehmen. Die Regierung hätte ihn so dem Gebrauch entsprechend erklären können und dabei das Recht auf ihrer Seite gehabt. Sie Tie Vermittlungsaktion. Sofia, 12. Juli.(Meldung der Agence Hadas.) Aus glaub- würdiger Quelle verlautet, daß die Kriegführenden Ruhland alle nötigen Bollmachten erteilt haben, um einen Modus für die Ein- stellung der Feindseligkeiten zu finden. Und die Griechen siegestrunken... Athen, 12. Juli.(Meldung der Agence d'AMnes.) Auf den von Rußland mit Unterstützung Frankreichs und Eng- lands in Athen und Belgrad unternommenen Schritt zur Einstellung der Feindseligkeiten antwortete die griechische Regierung, der Friede werde auf dem Schlachtfelde geschlossen werden. jterte zur neuen Gebiefsrordepun� Rumäniens." tat es nicht, weil sie nicht die Absicht hatte, einen Krieg herbor- zurufen. Unterdessen traten Zwischenfälle ein, die sich zu großen bluttgen Konflikten auswuchsen. Die Frage, wer sie hervorgerufen hat, wird in jedem einzelnen Fall geprüft werden. Die Zer- streuung unserer Truppen auf der ganzen Grenzlinie, von der Donau biS zum Aegäischen Meere, die Anwesenheit unserer Gar- nison in Saloniki, ihre Nichtbeteiligung an den Kämpfen der anderen bulgarischen Armeen, von denen eine Anzahl Soldaten durch eine Erdbebenkatastrophe und durch Landarbeiten fern der Grenze zurückgehalten wurde, das sind Tatsachen, die deutlich ■zeigen, daß von einem vorbedachten Angriff unsererseits nicht die Rede sein kann. Die Regierung war der Meinung, daß es sich um Grenzzwischenfälle handle, di� einem Zufall zuzuschreiben seien, und bemühte sich, sie nicht zu einem Kriege auswachsen zu lassen. Auch nach diesen Ereignissen gab sie strenge Befehle in diesem Sinne, teilte ihr« Entschlüsse auch in Belgrad und in Athen mit und wandte sich in derselben Absicht an Rußland. Unglücklicher- weise waren alle diese Anstrengungen, den Konflikten Einhalt zu tun, nicht von Erfolg gekrönt. Trotzdem ließ das Kabinett nicht davon ab, nach einein Mittel zu suchen, um dem Blutvergießen ein Ende zu setzen und machte sich kurz entschlossen den guten Willen Rußlands zunutze, das in seinem Wunsche, einem Kriege vorzu- beugen, stets bereit war, die Rolle des Vermittlers zu übernehmen. — Seit vorgestern habe ich Befehl gegeben, die Operationen in Alt- serbicn einstellen zu lassen, welche durch den Einbruch serbischer Abteilungen in bulgarisches Gebiet hervorgerufen waren. Wir haben unseren Truppen an dieser Front befohlen, sich auf die alte Grenze zurückzuziehen, und die mazedonischen Truppen haben den Befehl erhalten, in der Defensive zu bleiben. In dieser Weise haben wir im Interesse des Friedens nicht allein die V e r m i t t e- l u n g Rußlands angenommen, sondern auch den blutigen Konflikten, soweit dies von uns abhängt, ein Ende gesetzt. Wenn man uns bei dieser Sachlage den Krieg erklärt unter dem Vor- wände, wir Wien ihn hervorgerufen, so ist dies vollkommen un- gerechtfertigt. Unsere Beziehungen zu Rumänien sind die ganze Zeit über von der freundschaftlichsten Art gewesen. Während des Befreiungskrieges gegen die Türkei ist Rumänien neutral geblieben, hat aber als Ausgleich für die Folgezeit eine Berichti- gung der Grenze in der Dobruschka und die Anerkennung gewisser Pritnlegien ffoi das rumänische Element in Mazedonien verlangt. In dem gegenseitigen Wunsche, ihre Freundschaft auch in Zukunft zu bewahren, haben die beiden Regierungen auf die Mediation einer Großmacht zurückgegriffen, deren Ergebnis das Petersburger Protokoll war, welches sich auf die Einverleibung Mazedoniens in Bulgarien gründete. Serbien hat, indem es die Ausführung des Bündnisvertrages weigerte, Komplikationen geschaffen, welche gegen unseren Willen die gegenwärtigen Konflikte hervorgerufen haben. So ist denn Bulgarien gezwungen, seine Erwerbungen zu verteidigen. Die bulgarische Regierung kann keinen neuen Um- stand erkennen, der einen Einbruch der rumänischen Truppen in Bulgarien rechtfertigen könnte. Sie betrachtet daher, indem sie an die bisher zwisthen den beiden Ländern bestehenden Beziehun- gen denkt, die rumänischen Maßnahmen als ungerechtfertigt und glaubt, daß die rumänische Regierung, welche Erwägungen ihr auch dies« Mahnahmen diktiert haben mögen, in ihren Entschlüssen nicht hätte bis zum Aeußerftcn gehen dürfen. Wir lehnen alle Verant- Wartung ab und erscheinen unter diesem Gesichtspunkte, der zu- gleich auch der Gesichtspunkt der bestehenden Ordnung und Ge- rechtigkeit ist, vor dem Gerichtshofe deS Gewissens Europas in der Hoffnung, daß unser Recht überall anerkannt werden wird. Wir sind entschlossen, in dieser Stellung bis ans Ende zu verharren. Der rumänische Operatiousplan. Bukarest, 12. Juli.(Meldung des Wiener K. K. Telegr.» Korr�BureauS.) Der Bormarsch der rumänischen Truppen voll- zieht sich planmäßig auf dem Raum Tnrtnkhai— Dobritsch— Balt- schick.— Die halbamtliche„Politik»" schreibt: Heute beginnt die rumänische Aktion mit zwei Zielen: Erstens will Rumänien eine strategische Grenze, wie sie gegen Nachbarn wie Bulgarien eine gc- bietrischr Notwendigkeit ist. Ferner verlangt Rumänien, daß der definitive Zustand auf dem Balkan nicht ohne Rumänien festgelegt werbe. Es handelt sich nicht um eine Politik der Vernichtung Bul- gariens, sondern um Aufstellung eines Gleichgewichts, da« Rumänien und Europa die Aussicht a»f dauernd ruhige Zustände gibt. Das Verhalten Bulgariens. ' Sofia, 12. Juli. Die Agence Bulgare meldet: General Wasow ist zum Kriegsminister ernannt worden.— Uni jeden Konflikt zu vermeiden, wies die Regierung die bulgarischen Militärposten an der rumänischen Grenze an, sich zurnckzu- ziehen. Die Zivilbeamten wurden beauftragt, auf ihren Posten zu bleiben, um auf dk Bevölkerung beruhigend einzuwirken.> Tie bulgarische Stellung auf dem mazedonischen Kriegs- schauplatze. Wien, 11. Juli. Wie die„Militärische Rundschau" meldet, hält sich das Gros der bulgarischen Armee in einer Linie östlich von Egri-Palanka und Pehtschewo. Abteilungen der bulgarischen Hauptmacht, welche bisher der serbischen ersten und dritten Armee gegenüberstanden, sollen zur Unterstützung der Armeegruppe des Generals Iwanow abgezweigt worden sein. Die Griechen in Serres. Athen, 12. Juli.(Meldung der Agence d'Ath«nes.) Die Besetzung von Serres geschah durch eine Erkundungsab- teilung. Darauf wurde der Kriegszustand verkündet und eine Vürgerwehr zur Aufrechterhaltung der Ordnung gebildet. Soldaten und Bürgerwehr durchstreifen die Umgegend, um die Landbewohner gegen Komitatschis zu schützen. Da die Bulgaren die Stadt in panischer Flucht verlassen hatten, blieb eine große Menge Munition und Lebensmittel dort zurück, auch siebzig griechische Notabeln wurden dadurch frei und ent- gingen dem Tode: weitere zweihundert waren bereits nieder- gemacht worden. Rcuc serbische Siegesmeldungen. Belgrad, 12. Juni.(Meldung des serbischen Presse- bureaus.) Während des gestrigen Tages wurden die Bul- garen auf der ganzen Front von Zajetzar(an der serbisch-bul- garischen Grenze) bis Radowischte(in Mazedonien) verfolgt. Bei Kotschana wurden schwache bulgarische Angriffe zurück- gewiesen. Bei Tzer wurde eine bulgarische Abteilung auf- gerieben, und auf der Flucht bis Tzarevosselo scharf verfolgt. Bei Tirantza erbeuteten die Serben vierzehn Militär- bäckereien, 150 Tonnen Mehl und fünf Tonnen Reis, die ser- bische Kavallerie verfolgte den Feind in der Richtung auf Pletschewo, alles zum Rückzüge zwingend. Bei Egri-Palanka haben die Bulgaren schwache Angriffsversuche unternommen, sie wurden aber mit großen Verlusten zurückgeschlagen. Gegenüber den energischen Vorstößen der serbischen Kavallerie sind die Bulgaren außerstande, einen Stützpunkt zu finden, sie lassen ihre Toten und Verwundeten zurück. Die serbische und die griechische Armee sind auf der Linie Radowischte-Tru- mitza in Fühlung getreten; das hatte zur Folge, daß Maze- donien von den regulären feindlichen Truppen geräumt ist. Die auf dem Rückzug befindlichen Bulgaren haben den Zu- sammenhang miteinander verloren und ihre Verprovian- tierung gestaltet sich von Tag zu Tag schwieriger. ver Sieg In?auch-ISeI?ig. Die Eroberung von Zauch-Belzig erweckt schon um besscnt- willen lebhafte Genugtuung, weil es sich um einen übertoiegend ländlichen Wahlkreis handelt. Der Kreis zählt nur eine Stadt über Ist 000 Einwohner, nämlich Luckenwalde; von 164673 Einwohnern wohnen 33 333 in Gemeinden unter 2303 Seelen. Bei der Hauptwahl am 2. Juli waren von 43 768 Wahlberech- tigten 32 333 Stimmen abgegeben. Davon erhielten Ewald (Soz.) 13 778, v. Oertzen(Reichspartei) 11 IIS, Hormann(Fortschr. Vp.) 7356 und Erz berger(Zentr.) 84 Stimmen; 6 Stimmen waren zersplittert. Nach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten wurden bei der Stichwahl gezählt für v. Oertzen(freikons.) 16 276 und für Ewald(Soz.) 17 148 Stimmen. Die Zahl unserer Stimmen ist also seit der Hauptwahl um 3373, die der Freikonservativen um 5361 gewachsen, die Wahlbeteiligung um 485 Stimmen gestiegen. Die Zahlen lassen erkennen, daß etwa 3333 Fortschrittlcr für unseren Kandidaten gestimmt haben dürften, während der größere Teil der liberalen Stimmen für die unverhüllte Re- aktion, die die Freikonservativen verkörpern, abgegeben worden ist. Die linksliberale Presse hat also unserer Meinung nach nicht all- zuviel Anlaß, Genugtuung zu empfinden. Denn auch dieses Re- sultat zeigt wieder, daß bei dem größeren Teil der freisinnigen Wählerschaft die Scheu vor der Sozialdemokratie stärker ist als der Wunsch, die konservative Herrschaft zu brechen. Diejenigen Liberalen, denen eS wirklich in erster Linie um den Kampf gegen die junkerlich-klerikale Reaktion zu tun ist, können daraus wieder ersehen, daß sie noch ein gutes Stück Erziehungsarbeit zu leisten haben. Die konservative Presse ist über die neue Niederlage natürlich sehr erbittert und die„Deutsche Tageszeitung" läßt ihrer Wut an der fortschrittlichen Parteileitung freien Lauf. Sie schreibt: „Ueber 3333 Liberale haben sich nicht gescheut, rote Zettel abzugeben und haben damit in diesem Jubiläumsjahre bewiesen, daß ihr Gefühl und ihr Augenmatz dafür, ob jemand ein er- klärtcr Feind von Thron und Vaterland ist, durch die Hetz» und Wühlarbeit der freisinnigen Agitatoren und des fortschrittlichen Parteivorstandes bereits vollkommen ertötet ist. Aber dieser Tag von Zauch-Belzig wird hoffentlich für diese Partei, wenn sie sich in Zukunft— wie die Fleoermaus in der Fabel— ihr Zwitterwesen zunutze machen will, und sich jemals wieder als„bürgerliche" Partei aufspielen will, im wahrsten Sinne des Wortes„rot" angestrichen bleiben. Sie hat damit das Siegel auf den Pakt ihrer sozialdemokratischen Knechtschaft gedrückt, und da? soll ihr unvergessen bleiben." Dagegen hält sich die freikonservative„Post" zurück. Sie will offenbar es sich mit den Liberalen bei einer kommenden Wahl nicht verderben. Diese Zurückhaltung mutz dem Scharfmacherorgan, das sonst die rüdesten Töne anzuschlagen gewohnt ist, um so härter fallen, als für die R e i ch s p a r t e i die Niederlage besonders empfindlich ist. Im vorigen Reichstag noch eine Fraktion von 25 Mann, sank sie nach den Wahlen zu einem Grüppchen von 14 Abgeordneten herunter und trotz des voraussichtlichen An- schlusses des Wormser Lederkönigs und Obcrscharfmachers, des Freiherrn Hcvl zu Herrnsheim beraubt sie diese Niederlage aller Aussicht, es im Reichstag wieder zum Rang einer Fraktion zu bringen. Die letzten Nachwahlen haben die Stärke der Parteien im Reichstag zugunsten der Liberalen und Sozialdemokraten ver- schoben. Die Fraktionen setzen sich folgendermaßen zusammen: Sozialdemokraten III, Nationalliberale 43, Freisinnige 44, Konservative 42, Reichspartei 13, Wirtschaftliche Vereinigung 7, Reformpartei 3, Zentrum 88, Polen 18, Elsatz-Lothringer 9, Weisen ö, Fraktionslose 8. Für unseren neuen Abgeordneten bedeutet die Wahl auch eine persönliche Genugtuung. Am 14. Dezember 1884 wurde Genosse Ewald das Objekt der Gesetzgebung. Trotzdem er Stadtverord- neter von Berlin war, wurde er auf Grund des Sozialistengesetzes ausgewiesen. Die Ausweisung führte eine interessante Debatte im Stadtparlament herbei. Auf eine Anfrage erklärte der Ma- gistrat, daß Ewald trotz der Ausweisung fein Mandat behalte. In der Besprechung dieser Antwort fanden auch die Liberalen scharfe Worte dagegen, daß ein Stadtverordneter ausgewiesen worden sei. Genosse Singer benützte den Anlaß, um das So- ziaftstengesetz zu brandmarken, daß eine solche Barbarei möglich mache. Und schließlich erklärte auf seinen Antrag die Stadtver- ordnetenversammlung im Einverständnis mit dem Magistrat, daß das Mandat Ewalds nicht erloschen sei. Jetzt hat Genosse Ewald, nachdem er fast 27 Jahre als Kandidat den Kreis bearbeitet hatte, den Lohn seiner und der Parteigenossen Mühe erhalten und aus dem Objekt ist ein Subjekt der Gesetzgebung geworden. poUtifcbe Ctebcrlicbt. Eine lahme Verteidigung. Die konservative Presse hatte die Regierung angegriffen, weil sie nach Angaben von Zentrumsseite bereit gewesen wäre, eventuell die Erbschaftssteuer zu akzeptieren, auch wenn sie nur mit den Stimmen der Sozialdemokratie angenommen worden wäre. Darauf antwortet nun die„Nordd. Allg. Ztg.": „Wenn die Regierung die im Jahre 1333 von ihr vertretene reine Erbschaftssteuer nicht eingebracht hat, obwohl sie sich dadurch manche Schwierigkeiten im Bundesrat erspart hätte, so war dafür der Wunsch mitbestimmend, den Parteien der Rechten die Mitarbeit an der Deckung zu ermöglichen und eine Entwicklung zu verhindern, bei der die Sozialdemokratie für die Teckungsgesetze eine ausschlaggebende Rolle hatte spielen können. Dieser Wunsch ist erfüllt worden. Der größere Teil der Rechten hat die Brücke, welche die Regierung bot, betreten. Daß eS gelang, die Erledigung der Deckungsgesetze durch eine bürgerliche Mehrheit zu erreichen, st't der Regierung, die den Weg gezeigt, und den Kompromihparteien, die ihn betreten haben, zu danken. Wenn die Regierung dem Verlangen der Rechten, jeder reinen Erbschafts- steuer von vornherein ein Unannehmbar entgegenzusetzen und im Falle ihrer Annahme das Scheitern deS ganzen Werkes in Aus- ficht zu stellen, nicht nachgegeben hat, so wird man logischerweise darin einen Beweis der Schwäche nicht erblicken können. Die Frag«, ob eine vom Reichstag beschlossen« Erbanfallsteuer vom Bundesrat anzunehmen oder abzulehnen gewesen wäre, würde erst akut geworden sein, wenn der andere Teil der rechten Parteien der Haltung der Konservativen gefolgt und ein Kompromiß auf der Grundlage de? Regierungsvorlage nicht zustande gekommen wäre. Da eine solche Entwicklung dank der Einsicht der bürgerlichen Parteien und der Bemühungen der Regierung vermieden wurde, scheinen uns die Vorwürfe der„Kreuzzeitng" unangebracht zu sein." Diese Erwiderung ist reichlich einfältig. Einmal hat sich das Zentrum zum Kompromiß ja nur verstanden, weil die Sozialdemokratie im Hintergrunde stand; ohne dieses Gewicht ioäre das von der Regierung so gepriesene Werk nie zustande gekommen. Dann aber gesteht jetzt die Regierung selbst zu, daß sie, die angeblich über den Parteien steht. Parteipolitik zugunsten der Konservativen getrieben hat. Obwohl sie die Erbschaftssteuer s a ch l i ch für das Bessere hielt, hat sie nicht den Mut aufgebracht, diese Steuer zu vertreten. Gefälligkeits- Politik für die Konservativen— Bosheitspolitik gegen die So- zialdemokratie, das ist die Politik des Herrn v. Bethmann. Sachlich aber läßt sie sich überhaupt nicht vertreten. Und so was will Anspruch auf Autorität erheben? Und noch ein Grund. Um ihre Anhänger, die lvegen der Zustimmung des Zen- trunis zum Besitzsteuer-Kompromiß Opposition machen, und die über Verrat zetern— die Konservativen zu beruhigen, hat die„Schlesische Volkszeitung" vor einigen Tagen mitge- teilt, daß die Regierung auch die Erbschaftssteuer angenommen haben würde, selbst wenn sie unter Mithilfe der Sozialdemo- kratie zustande gekommen iväre. Diese Beruhigungsversuche setzt das Zentrumsorgan in der Nummer vom 10. Juli fort in einem Artikel„Tie Erneuerung des Zolltarifs". Es heißt in demselben: v.. „Mit der Verständigung über die DeckungSiragc wurde eine SammlungSpolitik in Gang gebracht, die gerade für die bevorstehende Erneuerung des Zolltarifs und der Handelsveriräge von entscheidender Bedeutung ist. Wie die Dinge im Reichstage jetzt liegen, ist für eine sch u tzz ö 1 1 neri sch e Mehrheit die national liberale Fraktion notwendig, we. nigsten» der rechte Flügel derselben. Das notwendige Zusammen- arbeiten der Nationalliberalen mit den anderen schutzzöllnerischcn Parteien schien aber bisher sehr erschwert oder gar gefähdet zu sein durch die Erinnerungen von 1339 und die damit zusammen- hängende„Taktik" der Eisersucht und des Argwohns. Von seilen des Zentrums wurde schon im borigen Jahre eine Milderung der Spannung angebahnt durch den bekannten Paragraphen Basser- mann»Erzberger, der die allgemeine und angemessene Besitz. fteueralsVersöhnungSformel aufstellt. ES wäre aber ein schlimmer Rückschlag erfolgt, wenn jetzt nicht über die Durch- jührunsi dieses Paragraphen«im Verständigung erfolgt wäre. Die Väter icS Kompromisses haben sich auch-um die Zukunft der Wirtfchaftspoliti k verdient gemacht, und wenn man die größeren Hebet aufzählt, die durch das sog. kleinere Uebel der Zuwachssteuer verhütet worden sind, so gehören dahin auch die schweren wirtschaftspolitischen Wirren und Kämpfe, die bei einer unversöhnlichen Stimmung und Taktik der national- liberalen Partei zu befürchten gewesen wären." Darum, so möchte man diese Ausführungen schließen, Preis und Tank der Zentrumspartei, die durch ihre schlaue Taktik erreicht hat, daß eine wirkliche Besitzsteuer vermieden wurde und gleichzeitig der Weiterbestand der Hochschutzzoll- Politik gesichert erscheint. Und dazu, Herr G o t h e i n, hat Ihre Partei mitgewirkt, damit dem Zusammenarbeiten von Zentrum und Nationalliberalen auch für die Zukunft vorge- arbeitet.__ Tie Wahlparole des Abgeordneten Hoff. Die Freksinnigen haben es verdammt eilig, die Ansichten des „Vorwärts" durch ihre politischen Handlungen zu belegen. Vor wenigen Tagen erst wurde an dieser Stelle ihre schwächliche Haltung in der nord-schleSwigschen Frage gegeißelt, und schon führen sie eine parteipolitische Posse auf, die an Lächer- lichkeit und Schwäche nicht das Mindeste zu wünschen übrig läßt. Der freisinnige Abgeordnete Hoff soll in Nord-TchleSwig vor der letzten Landtagswahl die Ansicht ausgesprochen haben, daß er dem dänischen Demokraten Nissen bor dem hakatistischen Landgcrichtsdirektor Hahn den Vorzug geben würde, womit er von seinem freisinnigen Standpunkt aus auch durchaus recht hatte. Nach der sehr richtigen Ansicht der Freifinnigen ist der häßliche Hakatismus in Novd-Schleswig ein nationaler Schädling ersten Ranges und man erwirbt sich also offenbar ein nationales Verdienst, wenn man ihn auszurotten bemüht ist. Da nun zudem die mißhandelten und unterdrückten Dänen ein selbswerständliches Recht auf parlamentarische Vertretung haben, und da es sich im Abgeordneten Nissen überdies um einen zuverlässigen Demo- traten handelt, war die Stellungnahme des Abgeordneten Hoff in bester Uebereinstimmung mit allen nationalen und liberalen Prinzipien. Sein freisinniger Parteigenosse, der Freigemeinde- Prediger Johannes Tiedje in Königsberg, einer der besten deutschen Kenner Nordschleswigs, hat denn auch in der nordschles- wigschen Presse genau die gleiche Parole ausgegeben, und tatsächlich haben ungezählte Deutsche am Tage der Wahl den dänischen Wahl- männcrn vor der landesschädlichen hakatistischen Kandidatur den Vorzug gegeben. Herr Tiedje bezog sich in seinem Artikel aus- drücklich auf den Umstand, daß der Abgeordnete Hoff die gleiche Stellung eingenommen habe. Als nun indessen die Parole des freisinnigen Abgeordneten poli- tisch ausgenutzt wurde, widerrief er sie. Er habe eine solche A c u si e r u n g nicht getan, behauptete er. Wir wollen nun demgegenüber gern annehmen, daß er insofern subjektiv die Wahrheit spricht, als ihm die Aeußeruna tatsächlich entfallen sein mag. Da sie aber durch das schriftliche Zeugnis von durchaus einwandfreien demokratischen Persönlichkeiten belegt ist, mutz als objektive Wahrheit angenommen werden, daß er sie tatsächlich getan hat. Nimmt man das aber an(und das tut in Nord- Schleswig jeder Mensch), so liegt leider die Vermutung nahe, daß Herrn Hoff nachträglich vor seiner eigenen Courage bange gc- worden ist.— Nun könnte ein so schwächlicher Umfall des Abgeovdneten Hoff noch relativ gleichgültig sein, wenn nicht leider gleichzeitig die gesamte freisinnige Presse ebenfalls umgefallen wäre. Und diesen Umfall hat der hakatistische Landgerichtsdirektor Hahn, eine der lächerlichsten Figuren, die je die deutsch« Politik blamiert haben, durch sein furchterregendes Erscheinen herbeigeführt. „Sie wollen die Aeußerung nicht getan haben. Aber warum dauerte es dann einen ganzen Monat, bevor Sie sie widerriefen?" donnerte der vortreffliche Herr Hahn Herrn Hoff in einem offenen Briefe an. Und was antwortete die„Liberale Korrespondenz"? Ein Abgeordneter wäre keineswegs verpflichtet, jeden„Bier- b a n k k l a t s ch" und„jeden Unsinn" zu dementieren. Man beachte: Die vom liberalen Standpunkt aus einzig richtige Wahlparole wird hier zu Bicrbankklatsch und Unsinn ge- warfen, um nur ja einem nationalen Rüffel der gestrengen Herrn Hakatisten zu entgehen. Wenn schon einmal ein freisinniger Abgeordneter eine durchaus konsequente und ehrenvolle Wahlparole ausgegeben hat. braucht nur ein hakatistischer Politiker von der läppischen Art des Dr. Hahn der freisinnigen Presse die Pistole auf die Brust zu setzen, damit sie so- fort von einem Schwächcanfall heimgesucht wird und verlegen stot» tert:„Aber mein Gott, eine derartige Parole ist ja„Bierbank- klatsch". Unsere Abgeordneten können doch unmöglich„jeden Unsinn" berichtigen, den man über sie verbreitet." Ter„Vorwärts" meinte kürzlich, daß nach der bekannten chauvinistischen Gewalttat desSonderburgerLandrats nun einige Monate ins Land gehen würden, bis die Freisinnigen ihre alte gottergebene Unterwürfigkeit wiedergefunden hätten. Der„Vorwärts" hat sich in diesem Fall geirrt. Einige Wochen hohen vollständig genügt, damit die freisinnige Presse die einzig mögliche entschlossene Bekämpfung deS HakatiSmuS als einen„Unsinn" hezeichnct, gegen den ihre vortrefflichen Ab- geordneten sich gar nicht erst zu verteidigen brauchten. Eine fette Ente. Der Berliner»Lokalanzeiger" meldet in seiner Sonnabend- Abendausgabe: Wie wir erfahren, wird im Reichstagswahlkreise Stuttgart demnach eine Ersatzwahl erforderlich werden Ter bisherige Vcr- trcter, Reichsiagsabgeordneter Hildenbrand, wird an Stelle des verstorbenen Abg. Zietsch zum Sekretär der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion gewählt werden, siedelt infolgedessen nach Berlin über und beabsichtigt, sein Mandat zum Reichstag und zum ivürttembergischcn Landtag niederzulegen. Wenn man be- denkt, daß verschiedene sozialdemokratische Abgeordnete, die ihren stänoigen Wohnsitz in Berlin haben, auswärtige Wahlkreise im Reichstag vertreten, so wird man wohl zu dem Schluß berechtigt sein, daß der angegebene Grund nur ein Vorwand ist. Hilden- brand ist den Stuttgarter Genossen radikaler Färbung längst ein Dorn im Auge und von ihnen wiederholt aufs schärfste bekämpft worden. Hierin dürfte die eigentliche Ursache seiner Mandats- nicderlcgung zu erblicken sein. Der„Politiker", der das zusammengeschrieben hat, gehört zu der Kategorie der überschlaucn Leutchen, die die Flöhe husten hören. Die Wahl des Fraktionssekretärs ist einzig und allein Sache unserer Fraktion. Und da der Reichstag erst im November wieder zusammentritt, wird die Wahl auch nicht früher stattfinden. Ob diese auf Genossen Hildenbrand fallen wird, weiß heute noch kein Mensch. Am allerwenigsten aber hat das Amt eines Fraktions- sekretärs irgend etwas mit dem Mandat zu tun. Ter politische Zweck der evangelischen Arbeitervereine. -- ir F Parteiblatt, der„Tribüne", ist ein nicht für die Oeffentlrchkert bestimmte« Zirkular auf den RedaktionS- tisch geweht worden, dessen Inhalt klar und deutlich zeigt, welchem reaktionären politischen Zweck die evangelischen Arbeitervereine nach dem W'llen ihrer„groyen Führer" dienstbab gemacht werden sollen. und wie sich dw,e Gcwerkschaftci, dem scharsmacheriichen Untcruebmer- tum für 30 Silberlmge oder mehr oder ivcmger für das christliche Werk der Bekämpfung der Sozialdemokratie anbieten In Erfurt sollen nächstes Jahr zu Pfingsten die Löjäbri- gen„Jubelkongrc,,-" der evangelischen Ar- bei ter vereine und seiner Se.tenverwandten stattfinden, wozu man Geld notwendig hat. Deshalb hat man an Erfurter Unternehmer einen Bettelbrief versandt, in dem die folgenden erbaulichen Stellen vorkommen: „ES ist dies ein dreifaches Jubelfest, denn alle drei Ver- einigungen sind 1890 in Erfurts Mauern gegründet worden, aber sie sind auch eine grosse nationale Kundgebung gegen die Sozial- demokratie. Diese Veranstaltungen, zu denen... die großen Führer unserer Bewegung erscheinen wer- den..., verursachen S000 bis 5500 Mark Kosten. Diese Summe kann der Erfurter Verein aber nicht aufbringen... Wir sehen uns daher veranlaßt, den Weg unserer Brudervereine bei ähnlichen Anlässen einzuschlagen und an die Mildtätigkeit der Gönner und Freunde unserer Bewegung zu appel- lieren. Da wir wissen, daß auch Sie die dringende Notwendig- kcit erkannt haben, der großen sozialdemokratischen Arbeiter- bewegung eine gleich grosse nationale entgegenzustellen und damit den Terrorismus der Sozialdemokratie zu brechen, so erlauben wir uns, die höfliche Bitte an Euer Hochwohlgeboren zu richten, uns doch gütig st eine namhafte Summe für den gedachten Zweck zur Verfügung zu stellen..." ES erhöht den Reiz dieser Anreißerei, wenn wir hinzufügen, daß der Unterzeichner dieses Zirkulars, der königliche Gewehrfabrik- Vorarbeiter und Stadtverordneter N o w a ck, zugleich eine füh- rende Rolle in dem Erfurter Reichsverband gegen die Sozialdemokratie spielt. Man ersieht aus dem Bettelbrief deutlich die Heuchelei, mit der man sich immer gegen die„Politik der Gewerkschaften" entrüstet, während die Evange- lischen Arbeitervereine doch selbst nur eine ausgesprochen politische Gründung tzegen die Sozialdemokratie sind. Zu bedauern sind nur die wirklichen Arbeiter, die neben Pfaffen, Unter- nehmern, hohen Bureaukraten usw. gezwungenermaßen diesen Vereinen angehören und die des naiven Glaubens sind, in ihnen eine Vertretung von Arbeiterintereffen zu finden. Auch die slawischen Parias erwachen. In dem westpreußischen Kreise Strasburg liegt das An- sicdelungsgut Swicrczyn. Auf der Besitzung wurden— auch ein Beitrag zum„Patriotismus" der hakatistischen Polenfresser!— 25 russisch-polnische und 25 ruthenische Arbeiter beschäftigt. Der Oberinspektor Radtke behandelte die Leute schlecht. Auch das Schmalz und das Brot, das sie geliefert erhielten, war ungenießbar. Kurz entschlossen traten die Slawen in einen Streik. Sie begaben sich nach dem Grenzamt und verlangten Rückbeförderung in die Heimat oder andere Arbeitsstellen. Da die Leute nicht zu entbehren waren, mutzte, die Gutsverwaltung mit ihnen verhandeln. Sie wählten eine Kommission, der es gelang, die Entfernung deS Oberinspektors von dem Gut und die Zusicherung besserer Verpflegung durchzusetzen. Laudtagswahlagitation auf der Kanzel. In keinem anderen Bundesstaate des Deutschen Reiches, außer im zentrumsgesegneten Bayern, wird die Kanzel so in den Dienst der Agitation und der Wahlpropaganda gestellt wie in B a d e n. Bisher war dieses edle Geschäft den k a t h o- Irschen Geistlichen vorbehalten, die es feit Jahr und Tag damit halten, von der Kanzel herunter die sozialdemokratische Presse in Grund und Boden hinein zu verdammen und bei jeder Wahl ihren gläubigen Zuhörern einzuprägen: Wählt keinen Sozialdemokraten, sonst ist die Religion in Gefahr I Nun belieben aber in der neueren Zeit auch die p r o t e st a n- tischen Geistlichen die gleiche Praxis. In H a u i n g e n an der badisch-schweizerischen Grenze gab am vorigen Sonntag der protestantische Pfarrer Me- mucke seiner Freude über die Annahme der Militärvorlage im Reichstage in seiner Predigt beredten Ausdruck. Er kam dann auf die bevorstehende badische Landtags Wahl zu sprechen und erteilte den inännlichen Kirchenbesuchern den Rat, bei dieser Gelegenheit wiederum die nationale Gesinnung zu betätigen und— liberal zu wählen. Dabei wurden in dieser Ortschaft am 12. Januar des vorigen Jahres 87 na- tionalliberale Stimmen, 44 für das Zentrum, aber 18 8 Stimmen für die Sozialdemokratie abgegeben. Viel Erfolg ivird also die liberale Kanzelagitation nicht haben, aber sie zeigt immerhin, wie in Baden für die Ge- scheitelten und Geschorenen in gleicher Weise die Kirche als politischer Propagandaort dienen muß. Oeltcmicb. Die Ursachen einer Meuterei. Wien, 11. Juli.(Eig. Ber.) Bekanntlich sind vor kurzem eine Anzahl böhmischer Dragonerreservisten zu v i c I j ä h r i- gen Kerker st rasen verurteilt und vom Tode dazu„be- gnadigt" worden, weil sie gegen ihren Abtransport nach Ga- lizicn rebelliert hatten. Jetzt erst erfährt man, daß die Sol- daten auf dem Transport vier Tage lang ohne Essen gelassen worden waren. Alkohol war ihre„Nahrung". Als auf einer Station ein Reservist an die Restauration ging, was der Leutnant Rösscr verbot und der betrunkene Soldat dem Leutnant ins Gesicht lachte, schlug ihn der mit dem Säbel zu Boden und verletzte ihn schwer. Darauf eröffneten die hungernden Soldaten ein Steinbombar- dement auf den Wagen, in dem der Unmensch saß.... Italien. Ter bürgerliche Tod eines Abgeordneten. Rom, den tO. Juli, l Eig. Ber.) Der Abgeordnete Bruni- alti, einer der durch die Justizpalastaffäre bloßgestellten Depu- tierten, war seit Jahren Mitglied des Staatsrats. Diese Körper- schaft hat nunmehr mit 22 gegen 10 Stimmen beschlossen, dem Mi- nisterpräsidenten ein Votum zu unterbreiten, das die Ausschließung Brunialtis aus dem Staatsrat fordert. Brunialti hatte gewünscht, sich vor seinen bisherigen Kollegen verantworten zu können. Der Staatsrat beschloß aber mit 17 gegen 15 Stimmen, daß ein Verhör Brunialtis überflüssig sei, nachdem die Enquetekommission, die Kammer und der Senat die Unregelmäßigkeiten und die Beteiligung Brunialtis an ihnen festgestellt haben. Der auf diese Art Abgesägte veröffentlicht in den Zeitungen einen Brief, in dem er daran er- innert, daß der heutige Ministerpräsident Giolitti sich unter denen befunden hat, die im Anschluß an den Skandal der Banca Romana von der Kammer desavouiert, und deren Handlungen in einem Kammervotnm beklagt worden waren. Weiter erklärt Brunialti, er hoffe, daß das Gericht, dem alle Dokumente über den Fall abge- treten wurden, seine Ehre wieder herstellen werde. Rolland. Zur Ministerfrage. Amsterdam, 12. Juli.(Priv a t t elegr am m des „V o r w ä r t§".) Die Königin hat dem freisinnig-demokra- tischen Abgeordneten Dr. D. Bos die Bildung eines Kabinetts der gesamten Linke, also mit Einschluß der Sozialdemokraten, aufgetragen. Der sozialdemokratischen Partei lverden nach diesem Auftrag also sicher ein oder mehrere Ministerporte- lcuilles angeboten. Die sozialdemokratische Parteileitung hat beschlossen, einen außerordentlichen Parteitag über die Frage des Eintritts von Sozialdemokraten in das Ministerium entscheiden zu lassen. Ein gut informiertes holländisches Nachrichtenbureau teill mit, daß eine Konferenz der freisinnigen Parlamentsmit" glieder beschlossen habe, nicht an einer Kabinettsbildung teil* zunehmen, falls die Sozialdemokraten sich� weigern, ins Mi« msterium einzutreten. Die Freisinnigen seien bereit, den So- zialdemokraten drei von den neuen Ministersitzen einzu- räumen. Für zwei dieser Ministerposten seien sozialdemo« kratische Abgeordnete in Aussicht genommen. Marokko. Tie Kämpfe der Spanier. Tetuan, 11. Juli. Das Gros der Eingeborenen, die sich wieder gesammelt hatten, ist in der Richtung auf Sabina gesichtet und boxt den spanischen Truppen zerstreut worden. Die Spanier hatterr einen Leutnant tot und vier Offiziere und 59 Sol« daten verwundet. Die Verluste der Eingeborenen wareni erheblich. Madrid, 12. Juli. Bei einem ErkundigungZmarsch in das Ge« biet Suk-el-Kmis kam es zu einem Zusammenstoß mit den Mauren� die eine schwere Niederlage erlitten. Die Spanier Hattert vier Tote und zwei Verwundete. )ZU3 der Partei. Das Leichenbegängnis des Genossen Montemartini. Rom, 11. Juli.(Eig. Ber.) Seit vielen Jahren hat Rom kein Leichengefolge gesehen, wie das es war, das gestern dem Genossen Montemartini das letzte Geleit gab. Ein unübersehbarer Zug, der sich dicht gedrängt über die ganze Länge der Via Nazionale aus« dehnte, folgte dem Sarge. Von einer in ergriffenem Schweigen harrenden Menge wurde der Sarg um 0 Uhr nachmittags von 12 städtischen Schutzleuten über die große Rampe des Kapitals hinuntergetragen. Dem Sarge voran eine Abteilung berittener Stadtschutzleute und das Musik- korps der Stadt� Dann folgte der Leichenwagen, dessen Bahrtuch auf der einen Seite der Abgeordnete B i s s o l a t i, der Sekretär der sozialistischen Partei Lazzari, der frühere Arbeitsminister P a n t a n o und der Präfekt Roms als Vertreter der Regierung trugen: auf der anderen Seite schritten die Vertreter der Stadt Rom, der Provinzialvevwaltung, des Ministers für Ackerbau und Handel und der von Montemartini gegründeten städtischen Elektri- zitätswerke. Es folgten drei Brüder des Verstorbenen, unter ihnen der sozialistische Abgeordnete Luigi Montemartini, dann der unübersehbare Zug des TraucrgefolgeS, in dem der Arbeiter neben dem Minister schritt. Die Minister N i t t i und S a c ch i, der frühere Ministerpräsident Luzzatti, der Herzog To r I o« n i a, der Senator B o d i o, alle Stadtverordneten Roms, die Mit- glieder der sozialistischen Sektion Roms, einige 50 Abgeordnete, das gesamte Personal der städtischen Elektrizitätswerke und der kommu- nalen Straßenbahnen, die während des Leichenbegängnisses ihres Gründers den Dienst ruhen ließen, die Vertreter der römischen Arbeiterkammer, alle Droschkenkutscher der römischen Kooperative mit ihren Wagen, alle, alle neben denen und für die er gearbeitet hat, folgten dem Zuge. Viele Stadtverwaltungen Italiens, so Genua, Florenz, Turin hatten sich vertreten lassen; die Zentral-: verbände der italienischen Gewerkschaften, die Konföderation der Arbeit, zahllose sozialistische und republikanische Vereine waren durch Delegierte vertreten. Gleich nach den offiziellen Delegierten. nach den Ministcrn und hohen Staatsbeamten folgte ein Wald roter Fahnen, über 50 an der Zahl, die Fahnen der sozialistischen Vereine der ganzen Provinz Rom. Nach den Fahnen zahllos« Kränze, dann der Wagen mit der Witwe und dem einzigen Sohn«, die dichtgedrängte tausendköpfige Menge und schließlich eine Kom« pagnie der städtischen Schutzmannschaft.„ Gestern abend fand im Rathaus eine Sitzung statt, die gang dem Gedächtnis des Verstorbenen gewidmet war. Die belgische Partei über die Hosgängerei. Man schreibt uns aus Brüssel: Vor einiger Zeit stattet« König Albert der G e n t e r Ausstellung einen Besuch ab, und die Stadt bereitete ihm bei dieser Gelegenheit einen festlichen Empfang im Rathause und am Hafen. An diesem Empfang nahmen auch die städtischen sozialistischen Vertreter, darunter Anseele, die sozia- listischen Gewerberichter und andere Genossen in offiziellen Stellungen teil. Gegen diese Beteiligung erhob sich bei einem Teil der Parteigenossen Gents Widerspruch, und letzten Mittwoch wurde der Vorfall in der Genter Föderation zur Sprache gebracht Anseele beantragte erst Uebergang zur Tagesordnung, zog aber dann seinen Antrag zurück. Nach der Diskussion wurde dann em Antrag angenommen, der die Partei verpflichtet, die Entschei« dnng solcher Fragen— Teilnahme an Empfängen und der« gleichen— einer Parteiversammlung vorzulegen, Die einstimmige Annahme dieses Antrages läßt nicht ver-: kennen, daß Vorgänge dieser Art zumindest eine psychologische Um- Wertung in Parteikreisen erfahren haben, und gewiß liegt auch m der Tatsache, die Taktik in diesen Dingen unter die Kontrolle der Partei zu stellen, ein prinzipielles Moment von Bedeuwng.— Das Tadclsvotum wurde mit starker Minorität— 180 gegen 00 Stim« men— abgelehnt. Auch die Brüsseler Föderation hat neulich im Anschlüß an die Genter Vorgänge die Frage der Beteiligung an Empfängen dis- kutiert, aber vorderhand keine prinzipielle Entscheidung gefaßt. Letzte rtacbrtebten. Tie Unterhandlungen mit der Türkei. Konstantinopel, 12. Juli.(W. T. B.) Das Blatt„Taswir t Efkiar" erfährt, daß die Pforte sich noch nicht entschieden habe, ob sie neutral bleiben werde. Der endgültige Entschluß dürfte morgen gefaßt werden. Bulgarien habe zwar einige Vorteile an. geboten, jedoch würden die von dem bulgarischen Unterhändler Natschowitsch bis gestern abend gemachten Vorschläge als u n z u- reichend angesehen. Die Hoffnung auf Annahme derselben durch die Türkei sei aber noch nicht geschwunden. Die thrazische Frage biloe die Grundlage der Verhandlungen. Die Unterhandlungen mit Griechenland dauerten fort; es sei jedoch unwahrscheinlich, daß sie ein positives Ergebnis zeitigten, weil Griechenland ohne Opfer seinerseits den Beistand der Türkei verlange. Unfälle bei der Kieler Flugwoche. Kiel, 12. Juli.(W. T. B.) Am heutigen Flugtage sah stch bei böigem Winde der Flieger Schall gezwungen, außerhalb deS Flugplatzes niederzugehen. Bei der Landung wurde der Apparat sehr schwer beschädigt, der Flieger blieb unverletzt. Der Flieger Schüler erlitt einen Absturz, blieb indessen ebenfalls unverletzt, während sein Apparat vollständig zertrümmert wurde._ Hochwasserschäden in Galizicn. Lemberg, 12. Juli.(W. T. B.) AuS S t a n i s l a u wird ge« meldet, daß das Hochwasser der Bystrhcza und des Dnjestr die Ort« schaften Halics, Jezupol, Wolczyniec, Nizniow und andere über« schwemmt und überall Verheerungen angerichtet hat. Der Verkehr auf den Landstraßen ist gestört; sämtliche Feldftüchte haben stark gelitten; die Heuernte ist vernichtet. Auch auS anderen Teilen des Landes werden durch die Ueberschwemmung verursachte Schaden gemeldet. Der Regen hält an. Opfer des Automobilsports. Longueau, 12. Juli.(SB. T. B.) Bei den heutigen Autonwbil« rennen überfuhr der Wagen von Guineß einen Zuschauer, der beide Beine brach und spätex den xrlittenen Verletzungen erlag. Extras Angl ebof: Sommer-Kleid jy Edith u W Mötk aus vorzüglichem Wasch- sioff mif reicher Stickerei und Froffiä'Besaö in weiß u. farbig Wasclv-' Blusen in enormer Auswahl OraiMesi�S�r. 105 Am Oranien-Plaß Leipziger Sir. 42. Ecke Markgrafen-Straße R. M. U. M. Maassen '_«»r». E». H._ hH Diese Woche!! Diwandecken ioer Buntpersische doppelseitige Diwandecken äM.6,7S-B,7S(Ä�.) einfachere(Jcalität 435 4,s Rot, bleu, oliv, bnnte iMÖSdl-�r Moderne 4Q75(bisher kleine MnsterlO 27 M.) MnloH Tisch- Q35(bisher ™M"«ll"decken 3 15 M.) Teppich-Spezialhaus LAW" Emil efem Berlin S. Seit 1882 nur Oranienstr. 156 Der neue Katalog B? , T /AI' VImÄ-A':!-.-«4.',- mit bunten Teppichmustern, 760 Abbildungen, gratis u. franko. Ijondparzeilen b. Buckow hint. Britz, 10 Min. v. d. eleltr. Stratzenb., vrrl. spottbillig R eiert, Lankwitz, Derfflingcrstr. 4. 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Dann fing das Polizei- liche und militärische Schreckensregiment wieder zu walten an: die Zugteilnehmer niußten aufgelöst den Friedhof verlassen, einschließlich der Arbeitermusik, und im Arbeiterviertel der Stadt Mülhausen standen am Abend an den Straßenecken wieder die Jnfanterieposten und tanzten die Gäule der Dra- goner und Jäger auf Straßen und Trottoirs den Fußgängern provozierend über den Weg. Kennzeichnend für die Lage ist das folgende Schrei- ben, das von einem Boten des Dornach er Bürger- m e ister am ts dem sozialdemokratischen Geineinderatsmit- glied Bader- Dornach noch während der Leichenfeier auf dem Friedhof überbracht wurde und das, mit der Unterschrift des Bürgermeisters von Dornach, Dr. Baum, versehen, lautet: „Im Auftrage des Herrn Polizeipräsidenten teile ich Ihnen ergedenst mit, daß der Herr General erklärt hat, den Rückmarsch zur Stadt der zur Beerdigung nach Dornach mar- schierten Vereine bezw. Vereinigungen in geschlossener Formation nicht zu dulden. Der Herr Polizeipräsident ist nicht in der Lage, diese militärische Anordnung zu ändern. Ich bitte Sie daher dringend, die in Frage kommenden Vereinigungen fauch Musiksektionen) entsprechend zu verständigen und dahin wirken zu wollen, daß die Teilnehmer an dem Begrab- nis nicht geschlossen sich in die Stadt zurückbegeben, da sonst militärischesEinschreitenzu befürchten steht." Die Wendung, worin der Herr Polizeipräsident gleich- sam entschuldigend auf seine Ohnmacht gegenüber dem Ge- neral hinweist, erklärt sich wohl daraus, daß Polizeipräsident v. R z e w u s k i am Vormittage desselben Tages mit den Landtagsabgeordneten Mülhausens und von Mülhausen-Land einer Besprechung auf der Generaldirektion der Reichseisen- bahnen in Straßburg beiwohnte und aus dem Anlaß erklärt hatte, er werde den Teilnehmern an der Begräbnisfeierlichkeit nichts in den Weg legen. Militärdiktatur geht aber in Preußen-Deutschland noch über Polizeidiktatur! Die Arbeiter ließen sich an dem Abend nicht reizen, und so geschah denn nichts. Dafür verhandelte der G e m e i n d e r a t eingehend über die sozialdemokratische Jnterpella- t i o n, den Streik, seine Ursache, die polizeilichen und mili- tärischen Maßnahmen und ihre Folgen betreffend. Genosse E m m e I begründete die Interpellation, und die Genossen Im artin, Wicky und Gsell setzten mit ihm den Zen- trümlern und den tapfern bürgerlichen Fortschrittsmännern gehörig zu, welche mit dem Bürgermeister als braven Unter- tanen die Ansicht vertraten, dem Gemeinderat stehe kein Recht zu, die militärischen und polizeilichen Maßnahmen in einer Resolution zu tadeln. Ein Standpunkt, der um so un- würdiger ist in Mülhausen, das mit den anderen größeren elsaß-lothringischen Städten als Beitrag Fu den Kosten der Polizeiverwaltung an den Staat 1,20 M. pro Kopf der Zivil- Verwaltung, zusammen hier jährlich über 100 000 M., ab- zuführen hat! Gleichwohl lehnte der Gemeinderat mit 19 bürgerlichen gegen die 8 sozialdemokratischen Stimmen den ersten Teil der sozialdemokratischen Resolution ab, der die unter dem Vorwande des Schutzes von Arbeitswilligen aus Anlaß des Streiks am Nordbahnhof vorgenommenen beun- ruhigenden und provokatorisch wirkenden Maßnahmen der Polizeibehörde, denen zwei blühende Menschenleben zum Opfer gefallen sind, nach Form und Umfang als nicht ge- rechtfertigt verurteilte. Hingegen wurde der zweite Teil der sozialdemokratischen Resolution e i n st i m m i g a n g e- n o m m e n, der an den Bürgermeister das Ersuchen richtet, „bei allen Verhandlungen mit staatlichen Behörden über die Aus- sührung von öffentlichen Arbeiten für Rechnung ves Staates in Zukunft den Standpunkt des Gemeinderats zur Geltung zu bringen, der dahin geht, daß bei solchen Arbeiten Wiebeiden Arbeitenfür Rechnung der Gemeinde nur Privatunternehmer in Betracht kommen, welche die zwischen 'der organisierten Arbeiterschaft und den Unternehmerverbänden abgeschlossenen Mindestlvhntarife beobachten." Einstimmig angenommen wurde dann auch eine fort- schrittliche Resolution, worin der Gemeinderat der Eisenbahn- Verwaltung nahelegt, den Unternehmer auch bei den jetzt schon begonnenen Bauarbeiten am Nordbahnhof zur Zahlung der ortsüblichen Löhne zu veranlassen und für die Zukunft dafür zu sorgen, daß die Einstellung der Arbeiter in erster Linie durch Vermittlung des örtlichen oder wenigstens des elsaß- lothringischen Arbeitsnachweises erfolgt. Endlich ersuchte der Gemeinderat den Bürgermeister— wiederum einstimmig—, dahin zu wirken, daß die angeordneten m i- litärischen Maßnahmen, welche bei der großen Er- regung zu Uebergriffen führen müssen, aufgehoben werden. Die Generaldirektion der Reichs-Eisenbahnen in Elsaß- Lothringen wird diesen Gemeinderatsbeschlüssen Rechnung tragen müssen, und mit ihr die bisher für die Arbeiter- forderungen so unnahbare Tiefbail- Aktiengesell- schaft Julius Berger-Berlin, deren Vertreter bei den von den sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten der- anlaßten Vermittlungsverhandlungen auf der Generaldirek- tion der Reichseisenbahnen in Straßburg unter den vor- liegenden Umständen jetzt endlich ein Entgegenkommen in Aussicht stellten. Die Streitfrage am Nordbahnhof in Mülhausen soll, wenn eine gütliche Verständigung zwischen Arbeitern und Unternehmern nicht alsbald erfolgt, durch einen S ch i e d s- s p r u ch entschieden werden, der durch ein Schiedsgericht ge- fällt wird, dessen Vorsitz Bürgermeister Coßmann in Mül- Hausen führt mit je einem Beisitzer als Vertreter der Ar- bester und der Unternehmer. An dem Ergebnis dieser Ent- scheidung, die nach Lage aller Verhältnisse zugunsten der Arbeiter ausfallen muß, kann hiernach nicht gezweifelt werden. Die Stadt Mülhausen hat für die nächsten fünf Jahre enge und kostspielige Beziehungen zum Eisenbahnfiskus wegen der Neubauten für den Personenbahnhof in Mül- Hausen. Es ist nach diesen Vorgängen und durch die ein- stimmig gefaßten Gemeinderatsbeschlüsse vom letzten Don- nerstag dafür gesorgt, daß Arbeitskonflikte wegen Ueber- gehung der vereinbarten Mindestlohntarife nicht mehr aus- brechen, sonst tut die Stadt Mülhausen einfach nicht mehr mit und— die Arbeiten werden nicht fertig. Mit der Ver- gebung öffentlicher Bahnarbeiten an nicht tariftreue Fir- men, mit der Festsetzung tarifwidriger Löhne und dem Jn- port ausländischer Lohnsklaven, während die einheimischen Arbeiter bei der geringsten Geste des Widerstandes nieder- geknallt werden,— mit diesen Schönheiten des kapitalisti- schen Wirffchastssystems hat es nach alledem in der ober- elsässischen Proletarierstadt und ihrer Umgebimg nun doch einige Haken. Berlin und Qmg-egend. Der„Herr im Hause" der Auergesellschaft. In einer überfüllten Versammlung aller bei der Auer« ges ellschaft. Abteilting A. R. Feuer, Hill- und Exportgesellschaft beschäftigten Personen nahmen die An- wesenden Stellung zu den Machinationen des Herrn Direktor Schwarz gegen den Metallarbeiter-Verband und den verflossenen Streik in der Jnvcrtbrennerei. Großkopf, Zentralleiter des Metallarbeiter-BerbandeS, gab einen großzügigen lleberblick über die Entwicklung dieses Monopol- betriebes in der Glühstrumpffabrikation. Durch Ankauf aller ihr Konkurrenz machenden Betriebe, worunter sich auch die „81. R. Feuer- und Hillgesellschaft" befanden, gelang es der Auer- gesellschaft, das Monopol an sich zu reißen. Waren vor Sluf« saugung dieser beiden Firmen in diesen für die?lrbeiter einiger- maßen erträgliche Bedingungen vorhanden, so hörte man nach Uebernahme durch die sich so„liberal" gebärdende Auer- gesellschaft nichts als berechtigte Klagen. So produzieren � die Arbeiterinnen in Räumen und unter Verhältnissen, die allen sanitären Forderungen Hohn sprechen. Es herrscht z. B. in der Brennerei im Sommer mitunter eine Temperatur von 50— öl) Grad Hitze. Als vor zirka zwei Jahren auf Anzeige die Gewerbeinspektion diesen „Musterbetrieb inspizierte, wurden kurz vorher alle Mißstände auf Geheiß der Direktion auf einige Stunden beseitigt. Unter diesen Umständen fand die Inspektion natürlich alles in bester„Ordnung". Die Garderoben- und Eßräume sowie die in der Kantine ver- ausgabten Speisen und Getränke lassen seit jeher alles zu wünschen übrig. Im Gegensatz zu dem Glühlampenbetrieb ist eine Kontrolle der Kantine durch die Arbeiter nicht vorhanden und wurden Forde- rungen strikt abgelehnt. Schlechtes Slrbeitsmatcrial und Schurigeleien führten, verbunden mit obigen Mißständen, schon des öfteren zn wilden Streiks. Der Erfolg dieser war. daß man Besserung ver- sprach. Eine gewählte Kommission wurde nach„Herrenmanier" kurzweg abgewiesen, mit der wichtigen Begründung, nur mit einem „gesetzlichen Arbeiterausschuß" zu verhandeln, was weiter nichts als ein Auf- die- lange- Bank- schieben bedeutet. So steht heute noch ein Betrieb von zirka 2000 Personen ohne' Arbeiter- ausschuß da. Die Lohnverhältnisse spotten jeder Beschreibung. Weil ein ftüherer Meister einsichtsvoll genug war, den schlechtest gestellten Arbeiterinnen etwas zuzulegen, wurde er lvahrscheinlich von der humanen Firma entlassen und an seine Stelle ein Herr Schade gestellt, der es besser versteht, die b0 Proz. Dividende auf Kosten der durchschnittlich 9—11 M. verdienenden Arbeiterinnen zu erhöhen. Trotz dieser Löhne erhöhten sich in letzter Zeit die Strafen von 25 Pf. auf 1 M. Da unter dem Regime des Herrn Schade, der nach Meinung der Arbeiter in betriebstechnischen Angelegenheiten nicht allzu große Fähigkeiten entwickelt, viel Bruch geliefert wurde, unternahm die Direktion einen 10 prozentigen Abzug der sowieso schon erbärmlichen Löhne. Eine Beschwerde wurde durch Hinauswurf dreier Werkstatt- Konnnissionsmitglieder beantwortet. Auf Vorftelliglverden wollte man eine alte, brave Frau wieder- einstellen, wenn die Arbeiterinnen sich den 10prozentigen Abzug gefallen ließen. Wieder- holtes Vorstelligwerden hatte nur einen negativen Erfolg. Der Ver- treter vom Metallarbeiterverband wurde so wenig wie die Arbeite- rinnen gehört, so daß als letztes Mittel nur der Streik in der Jnvertbrennerei übrigblieb. Ueber den Verlauf des Streiks be« kleines Feuilleton. Ein Diplomat über diplomatische» Humbug. Der verstorbene Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter hat im Anfang seiner diplomatischen Laufbahn, wo er an den berufsmäßigen Humbug feiner Rolle noch nicht genügend gewohnt war, in spöttischen Briefen feinem Herzen Luft gemacht.(Sie werden jetzt in Auswahl in der „Voss. Ztg." veröffentlicht). Besonders gelungen ist die Schilderung, die er von seinem Antrittsempfang als Gesandter in Hamburg ent- wirft. Sie stammt aus dem Jahre 1K91 und mag zeigen, wie es in der Welt des großep Zeremoniells närrisch zugeht. Herr v. Kiderlen schreibt: „Nachdem ich mich in meinen blauen Frack mit goldenen Knöpfen geworfen(um am hellen lichten Tage wenigstens einem Kammerdiener und nicht im schwarzen Frack einem Kellner gleich- zusehen), kam um 8/411 Uhr die Staatskarosse des Hamburger Senats mit großem Galabock und hinlenaufstehenden Dienern vor- gefahren und der Senatssekretär mit tadellosen weißen Handschuhen und den Worten:„Es ist mir der ehrenvolle Auftrag geworden. Eure Exzellenz(!) zum Herrn Bürgermeister zu geleiten", trat ein. Ich fuhr nun mit ihm los, wurde bei Bcrsmann von gallo- nierten Senatsdienern empfangen und trat nun(großer Moment) vor das„Sstätsoberhaupt des Sstäts Hämbuch!" Nun kam aber der komischste Moment: er guckte mich und ich ihn an und es wurde die Pause immer länger. Da ging mir ein Talglicht auf: er erwartete eine feierliche Ansprache. Daran hatte ich nicht gedacht und natürlich vergessen, mir eine Anrede aus- zudenken. Ich raffte mich also zusammen, sp.. ,e in die Hände(nur in Gedanken!) und begann sehr feierlich und langsam— um Zeit zu gewinnen:„Euere Magnifizenz habe ich die Ehre, das Schreiben zu überreichen, durch welches Se. M. der König von Preußen, mein Allergnädigster Herr, mich zu Allerhöchst seinem Gesandten usw." Nun ging es dann ganz gut weiter mit„Pflege bisheriger ausgezeichneter Beziehungen usw., wohlwollende Unterstützung, die stets meinem Vorgänger teil- geworden, erhalten wollen, persönliche Ehre und Freude für mich, gerade auf interessanten Posten bei größtem deutschen Handelsemporium ausersehen zu sein" usw. usw. Nun begann der andere eine endlose, ostenbar sorgfältig vorher ausgearbeitete Rede.„Aus den Händen Eurer Exzellenz habe ich das Schreiben entgegengenommen. durch welches usw., die gütigen und sympathischen Worte Eurer Exzellenz, die ich dem Senate übermitteln werde, haben mich wohl- u?�d berührt" und ähnlicher Quark. Trotz der warmgefühlten Worte sr. Magnifizenz überkam mich auf einmal das Lacken, als ich nämlich ?-m>S�6fe£retäc Dr. Zellmann hinüberschielte und sab. wie dieser « ieÄ Neugier Haltung, aber mit sanft bewunderndem c-" lieblichen Worten lauschte, die wie £ s fitn58 Gebieters Munde flössen, und als mrr dann der Gedanke durch den Kopf fuhr, was ich jetzt wohl selbst für em dummes Ge ch mache! Nach Beendigung der Rede baten m.ch Se. Magn.stzenz auf das Sofa, sprachen mir ihr Bedauern über i s" nämlich die Schnur der Fahnen- stanze gerissen und er habe daher nicht, wie er gewünscht, zu Ehren °"lz>eheii können; dann sprachen Se. M. W«?SK fcen ÄtDei Gesichtern Hamburgs, dem Elbgesicht und dem Alstergesicht" und erzählte, daß er schon vor vier Wochen von lemem Friseur(!) gehört habe, ich wollte in der Schlüterstraße einmieten!!l„vom Friseur, der alle vier Wochen zu mir kommt", sagte der gute Bürgermeister.„Ein bißchen selten", dachte ich— sagte es aber klüglich nicht!. Seine Rede war mit „Exzellenz" förmlich gespickt, aber für jede„Exzellenz" versetzte ich ihm eine„Magnifizenz"! Das Alter der Schauspielerinnen. In dem Prozeß, in dem die korrupte Wirtschaft des Herrn Zickel aufgedeckt wurde, antwortete eine Schauspielerin, die als Zeugin nach ihrem Alter geftagt wurde: „Das Alter einer Schauspielerin ist Berufsgeheimnis." Der Richter war galant genug, nunmehr das Alter aus den Akten sestzustellen, und das Publikum lächelte, als es den Vorgang in der Zeitung las. Daß die kleine Szene aber doch einen ern st haften sozia- len Hintergrund hatte, wird nun durch einen anderen Vor- gang bewiesen. Die Bühnenkünstlerinnen haben an den Bundesrat eine Eingabe gerichtet, daß bei der Angestelltenversicherung auf den Zahlkarten die Angabe ihres Alters unterbleiben möge, weil sie sich dadurch in ihrer Existenz bedroht fühlten. Man könnte demgegenüber nun fteilich leicht bemerken:„Nun ja, weibliche Eitelkeit, wie damals im Gerichtssaal auch." Aber ganz so liegen die Dinge nun doch nicht. Daß ernstere Dinge im Spiel sein müssen, ergibt sich schon aus der einfachen Tatsache, daß sowohl der Generalsekretär des deutsch-österreichischen Bühnenkartells und des Chorsänger- Verbandes, wie auch der stellvertretende Präsident der B ü h- nen genossenschaft die Eingabe mit unterzeichnet haben. In der Tat kann auch das Alter einer Schauspielerin, die jünger als ihre Jahre ist, zu einer sehr unangenehmen feindlichen Waffe werden. „Herr Gott, die ist ja schon so und so alt," heißt es beim Agenten dem Direktor gegenüber, der sie persönlich vielleicht nicht kennt. Oder: Der Direktoer, mit dem sie in einen Konflikt geraten ist, verweigert ihr bestimmte, für sie wesentliche Rollen, weil er sich plötzlich darauf besinnt, daß sie zu alt geworden sei. Es kann sehr wohl einer Dame passieren, daß sie auf diese Weise aus ihrem Fach und damit aus ihrer ganzen künstle- rischen Existenz, hinausgeworfen wird. Ja, man braucht nicht einmal mit einem mißgünstigen Direktor oder mit mißgünstigen Agenten zu rechnen: Auch im Publikum kann das Bekanntwerden ihres Alters die Illusion stören und so ihren Leistungen hindernd entgegentreten..... Alle Kunst ist nun einmal Illusion und die Schausplelerln ist zum nicht geringen Teil auf die Illusion angewiesen, die von ihrer körperlichen Persönlichkeit ausgeht. Darum: wenn das Alter bereits im privaten Erwerbs- leben für die Männer eine soziale Gefahr werden kann,>o für die Domen am Theater erst recht. Und darum möchten wir wünschen, daß sich die Herren vom Bundesrat ebenso galant erweisen wie jener in dieiem Punkt weise und gerechte Richter aus dem Zickel-Prozeß. Sie sollten um so eher ein Einsehen haben, als wir armen Mannsbilder im Varkett ja auch elend gestraft werden, wenn wir in dieiem Punkt die Illusion verlieren. Nicht nur die Kunst, auch die erotische Wertschätzung ist auf Illusionen angewiesen. Was aber zwei Großmächte von so hohem Rang gebrauchen, sollte ihnen von einem gestrengen Bundesrat auch gegeben werden, Ein Pereat auf Goethe. Unter dem Titel„Martin Disteli als Student in Jena" veröffentlicht Dr. Hugo Dietschi im„Oltencr Tageblatt"(Ölten liegt im Kanton Solothiirn) ein paar interessante Erinnerungen an den schweizerischen Karikaturenzeichner Disteli. Seine Karikaturen im Karzer zu Jena hatten solche» Aufsehen erregt, daß der Karzer im Interesse ihrer Erhaltung geschloffen wurde. Disteli hatte sich im Mai 1822 in der philosophischen Fakultät in Jena immatrikulieren lassen; obwohl er ein fleißiger Hörer aller erdenklichen Vorlesungen loar, war er doch auch studenti- sckem Ulk nicht abhold. Von zwei Disziplinaruntersuchungen gegen den Schweizer wissen die Slkten der Universität Jena zu melden. Die eine bezog sich auf zwei satirische Zeichnungen, die am schwarzen Brett der Universität einem Relegalionspatent beigefügt Ivorden waren, und die man Disteli» Hand glaubte zuschreiben zu dürfen. Disteli stellte seine Urheberschaft kühn in Abrede; später wurde fest- gestellt, daß er damals beim Verhör der Wahrheit nicht die Ehre gegeben. Die Untersuchung gegen den Schweizer wurde im April 1823 „im Mangel mehrerer Anzeigen", wie es im schönsten Kurialdeutsch heißt, eingestellt. Schlimmer lief aber der zweite Handel für Disteli ab. Die Karlsbader Beschlüsse nach dem Wartburgfest hatten den von der weimarischen Regierung zum Bevollmächtigten an der Universität Jena bestellten Präsidenten von Motz bewogen, durch Rektor und Senat im November 1822 eine Bekanntmachung am schwarzen Brett zu erlassen, wonach alles Singen auf Straßen und öffentlichen Plätzen bei zwei Gulden Geldstrafe verboten wurde. Daraufhin erfolgten studentische Kundgebungen mit Fenstereinwerfen und Pereatrufen an die Adresse des Herrn von Motz. Goethe stand im Geruch, auch auf der Seite der Matznahmen gegen die akademische Freiheit zu stehen. Und so kam es, daß am Abend des 28. August 1823, also am Abend von Goethes 74 Geburtstag, auf dem Markt in Jena dem Dichter„wegen seines Jndifferentismus" von einer größeren Anzahl Studenten ein ?srsat(Nieder mit ihm) ausgebracht wurde. Unter den Demon- stranten befand sich auch Marlin Disteli. Ihm wurde das Ehrenwort abverlangt, daß er das I'srsat-Nufen weder veranlaßt noch in die Rufe eingestimmt hätte. Disteli zog es aber vor, aus Jena zu verschwinden. Als er nun auf öffentliche Vorladung des UnibersitätS- amies nickt erschien, wurde im Dezember 1823 die Relegation über ihn verhängt. Ein Exemplar der Relegationsurkunde wurde auch dem„Hochlobl. Kanlonsgericht zu Ollen" zugestellt. Als Disteli in seine Vaterstadt zurückkehrte, fand er hier die RelegationSurkundc am Stadttor angeschlagen. Die Aufgaben der Expedition Stefansson. Der Norweger Stefansson ist nunmehr zu seiner neuen Forschungsreise in das arktische Gebiet aufgebrochen. Sein nächstes Ziel ist die Beauforisee im Norden von Britisch-Kolumbien, in die sich der große Mackenzie- ström ergießt. Der Verlauf des Unternehmen» wird mit großer Spannung erwartet werden, da Stefansson beabsichtigt, das letzte große Rätsel de» Norpolargebiets zu lösen. Nach der Vermutung großer Autori- täten soll in der Gegend zwischen der Beauforisee und dem Nordpol eine ausgedehnte Landmasse vorhanden sein, von der aber noch nie etwas gesehen worden ist. Diese Frage will Stefansson entscheiden, und wenn es ihn vier Jahre kosten sollte, auf die sein Plan ein- gerichtet worden ist. Selbst wenn die Suche negativ ausfallen sollte, können die Ergebnisse der Reise sehr bedeutend werden, da außer dem Forscher nickt weniger als 15 Gelehrte an der Fahrt beteiligt sind. Sollte das vermutete Land rüjtete giäuleiu Schccpc, Mitglied der Bezirksleitung. Mit Genug- !nung konnte sie feststellen, daß die Stimmung im Verlauf der ganzen Zeit eine ausgezeichnete war. Von den in Betracht kommenden, darunter ein Teil Unorganisierte, erklärte sich unr eine einzige in geheimer ALstimmung gegen den Streik. Da der Herr Direktor S ch w a r z nicht mit dem Verbände, auch nicht mir einer Kommission verhandeln wollte, sondern nur niil den Arbeiterinnen persönlich, gingen diese auf dringenden Rat des Streikleiters Diederich darauf ein. Eine Mitbeteiligte gab tolgendes Bild dieser Verhandlung: Nachdem die Brennerinnen tg nalifiziertere Arbeiterinnen), die nur aus Solidarität streikten, von den entbehrlicheren Aufzieherinnen getrennt wurden, begann das Ver- handeln.» Jede einzelne wurde nach ihren„Wünschen und Schmerzen" gefragt, wobei der Name und die Kontrollnummer werkwürdiger- iveise peinlichst notiert wurde. Besonders wurde Beschwerde darüber geführt, dag ohne die Zeit bezahlt zu bekommen, die Arbeiterinnen die Maschinen putzen und auch scheuern UI ü s s c n. Um sich nach den stundenlangen Verhandlungen zu kräftigen, bot Herr Schwarz den Arbeiterinnen als sichtbares Zeichen seiner Wohlanständigkeit je ein Butterbrot und ein Paar Würstchen auf seine Kosten an. Die Solidarität versuchte man dadurch zu brechen, daß den Brennerinncn unaufgefordert Zugeständnisse ge- '.nacht wurden, aber charakteristischerweise den so elend gestellten Alifzieherinnen so gut wie gar nichts gewährt wurde. Im weiteren rlauf äusterte Herr Schwarz, dah er keine Organisierten u l d e. Er werde ein Schild anmachen lassen, daß Organi- sierte nicht eingestellt werden. Die Kommission verhöhnte er auf seine ihm angeborene feine Art und wagte eine verheiratete Frau sKommissionsmilglied) wie ein ächulmädel zu behandeln. Befehle wie:„Sie haben zu schweigen,"„ I ch d u ld e ke i n e K o mm i s s i o n,"„Sie liaben aus dem Fenster zu sehen, damitSie die anderen nicht beeinflussen," mußte sich diese an den Kopf werfen lassen. Diejenigen, die gesprochen haben und Beschwerden vorbrachten, und deren Namen so peinlichst notiert wurden, sind prompt aufs 'Master geflogen. So wird das Versprechen der Wiedereinstellung der Streikenden, auf Grund dessen der Streik aufgehoben wurde, von der Direktion gehalten. So schmählich und demütigend diese Verhöhnungen sind, ge- labten die Anwesenden, nun erst recht treu und wacker sich um das Banner der Organisation zu scharen, um für spätere Kämpfe besser gerüstet zu sein. Mit dieser Losung ging die imposante Versamm- lung auseinander._ Achtung, Zimmerer! Ueber die Betonarbeiten der Firma Fischer u. Krüger, Vau?teuenburger Str. 8, hat der Deutsche Bauarbeiterverband die Sperre verhängt. Wir ersuchen deshalb unsere Berufsgenossen, nicht falschen Freunden zu folgen, sondern diese Arbeiten streng zu meiden. Die Verbandsleitung. Deutsches Reich. Die Hafen- und Holzplaharbeiter in Düsseldorf und Neust stehen seit dem 1. Juli d. I. im Streik. Die Unternehmer l eabsichtigen Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und eine die Arbeiter materiell schädigende Aenderung des Akkordsystems ein- zuführen. Alle von der Leitung des Transportarbeiterverbandes iternommcnen Vermittelungsversuche wurden von den Unter- urhmern brüsk abgelehnt und dadurch den Kampf heraufbeschworen. Die Unternehmer versuchen nun auf alle Art und Weise, Streik- brechertruppen heranzuziehen und haben sich von verschiedenen „Seelenverkäufern" einen Teil Hintzegardisten, lauter Bassermannsche Gestalten, importieren lassen. Da jedoch diese„nützlichen Elemente" die verlangte Arbeit nicht leisten können, ivird Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen versucht, ehrliche Arbeiter aus allen Teilen Deutschlands heranzuziehen. Den Arbeitern wird erklärt, dah sie für etwa vier Wochen aushelfen sollten, da die in Düsseldorf ansässigen Arbeiter die Arbeit nicht bewältigen könnten. Nach der Ankunft in Düsseldorf wird dann den Leuten ein Vertrag ur Unterschrift vorgelegt, durch den sie sich verpflichten sollen, nndestens vier Wochen bei einer bestreikten Firma zu arbeiten, andernfalls die Firma berechtigt ist, pro Tag 3 M. von dem vereinbarten Lohne in Abzug zu bringen. Diele 3 M. pro Tag werden bei der wöchentlichen Lohnzahlung in Abzug gebracht und 'o lange als Kaution einbehalten, bis die vierwöcheutliche Arbeits- entdeckt werden, so werden die Forscher für ihre Be- uitigung freilich eine noch umfangreichere Gelegenheit erhalten. Der Erfolg ist immerhin unsicher, lveil alles von den Eisverhält- nssen abhängt, die in der Beaufortsee angetroffen werden. Nach den bisherigen Erfahrungen ist dieser Meeresteil bei östlichen Winden eisfrei genug, um eine Durchfahrt ohne wesentliche Hindernisse zu gestatten. Westwinde dagegen führen zur Anhäufung undurch- dringlicher Massen von Packeis. Für diesen Sommer erwartet Stefansson und sein auf arktischen Reisen erprobter Kapitän Bartlett einen etwa mittleren Zustand. der es dem vor- trefflichen Schiff wenigstens gestatten würde, ohne allzu graste Schwierigkeiten vorzudringen. Eine Erreichung des Nordpols von dieser Seite beabsichtigt Stefansson wohl keinesfalls. Austerdem hat da? Vordringen bis zum Nordpol, nachdem er einmal erobert worden t, glücklicherweise nicht mehr den sportlichen Reiz wie früher, so daß die Zwecke wahrer Forschung mehr in den Vordergrund treten. Zweimal gestorben. In der Pariser Akademie der Wissenschaften und in der chirurgischen Gesellschaft erstattete der bekannte Pariser Arzt Dr. Bouchon einen interessanten Bericht über den Verlauf einer eigenartigen Operation, die er an dem Herzen einer gestorbenen Frau vorgenommen hatte. Die Frau war von einem Automobil berfahren worden, die Räder gingen über ihre Brust und sie war alsbald tot. Unmittelbar nach ihrem Tode öffnete der Chirurg den 'rustkasten der Toten und stellte fest, dast die rechte Herzseite ge- vlatzt war und eine fast drei Zoll lange Wunde aufwies. Er ver- nähte nun diese Wunde, injizierte ein Serum und begann das Herz ;u massieren. Eine Minute später setzte die Herztätigkeit wieder ein und der Puls wurde deutlich fühlbar. Diese wiedererweckte Herz- ütigkeit und Blutzirkulation dauerte 3ö Minuten, worauf die Frau •um zweitenmal starb. Der Tod trat infolge einer schweren Ver« ..tzung der Leber und anderer vitaler Orgaue eine. Pr. Bouchon sieht aus dem Ergebnis seiner Operation den Schluh, dast im Falle einer gewaltsamen Herzverletzung, etwa durch einen Messerstich oder dergleichen, es möglich sein könne, die Toten wieder zum Leben zu bringen und auch am Leben zu erhalten, vorausgesetzt, dah die Operation sofort ausgeführt wird. Notizen. — In der großen Berliner Kunstausstellung ain Lehrter Bahnhof ist der 13. Juli ein billiger Sonntag. Ein- rittspreis von nachmittags 2 Uhr ab 25 Pf.— Das 12 Meter hohe Gipsmodell der Frith j o fst at u e von Prof. Max Unger ist jetzt in der Westhalle frei zugänglich. — Im Kunstgewerbemuseum(Lichthof) ist eine Tamm- lung aller von der Mestbildanstalt in den letzten Jahren auf- genommenen kunsthistorisch interessanten Bauwerke Potsdam; sind der Schlösser und Gärten der Umgebung nebst älterem Material ausgestellt. — JmKainztheater am kleinen Wannsee wird Sonnabend, den IS. Juli, nachmittags 3 Uhr. für die Kinder„Schneewittchen" aufgeführt. Montag und Donnerstag„Iphigenie", Dienstag und Sonnabend Widmann-Einakter und Hans- Sachsspiele. Mittwoch szu volkstümlichen Preisen)„Des Meeres und der Liebe Wellen", Freitag ..Medea". — Die plattdeutsche Predigt. In Schlesivig-Holsiein sibt es einen„Verein für Evangelisation in der Landessprache", dem zahlreiche Geistliche angehören, die überall da. wo es angebracht erscheint, plattdeutsch predigen vollen. Bei Gelegenheit eines Hamburger Missionsfestes hat denn auch ein Hamburger Pastor eine plattdeutsche Predigt gehalten. zeit beendet ist.— Es wird dringend ersucht, Zuzug von Arbeitern nach dem Streikgebiet fernzuhalten. Ein Stückchen aus dem Zukunftsstaat. So etwa haben die bürgerlichen, also arbeiterfeindlichen Blätter einen Artikel überschrieben, der zuerst im Organ der berufsmäßigen Streikbrecher, im„Hamburger Hafenarbeiter", unter der Ueber- schrift erschien:„Wie der Transportarbeiterverband unter- stützungsberechtigte Hafenarbeiter abfertigt". Ein Ham- burger Kaffenverwalter des Deutschen Transportarbeiterverbandes sollte die Frau eines kranken Mitgliedes, als sie für ihren Mann das Krankengeld erheben wollte, in der„rohesten" Weise beschimpft und mißhandelt, und„warmherzige" Leute sollten der blutend am Boden liegenden Frau die erste Hilfe gebracht haben. In Wirklich- keit liegt die Sache ziemlich umgekehrt. Das frühere Verbands- Mitglied A. N e tz erhielt vom Arbeitsnachweis des Verbandes am 13. April Arbeit nachgewiesen, die er aber nicht antrat. Nach Be- endigung des Binnenschifferstreiks meldete Netz sich wieder und erklärt«: er habe bei der Schiffahrtsgesellschaft„Berliner Lloyd" gearbeitet. Auf Vorhalt, daß er ja dann Streikarbeit verrichtet habe, erklärte N.:„Was geht denn mich das an, wenn ich nur Geld verdienen kann. Ich habe schweres Geld verdient, weil ich meistens bis 2 Uhr nachts arbeitete. Was hallen die Leute über- Haupt durch ihr ewiges Streiken erreicht?" Natürlich wurde nun das Ausschlußverfahren gegen den Streikbrecher eingeleitet. Wenige Tage später meldete Frau N. ihren Mann krank und verlangte gleich Krankengeld. Sie wurde auf die Vorschriften des Statuts aufmerksam gemacht, außerdem wurde ihr mitgeteilt, daß während des Ausschlußverfahrens Rechte und Pflichten der Mitglieder ruhen. Jetzt ergoß sich eine Flut von Schimpfworten nicht nur über den Verbandsangestellten, sondern auch über den eigenen Mann der Frau. So äußerte sie: ihr Mann habe sie bei der Heirat gründ- sich reingelegt, er habe ihr ein Vermögen von 20 000 M. borge- schwindelt.(Sie ist 27, er 60 Jahre alt.) Netz wurde zweimal vorgeladen, um sich gegen den Vorwurf des Streikbruchs �u verteidigen. Er schickte aber jedesmal seine Frau. Das zweitemal erklärte die Frau kreischend, ihr Mann müsse schlafen; sie wolle Geld haben. Als sie wieder abschlägig be- schieden wurde, fing sie fürchterlich zu schimpfen an. Tie sechs- oder siebenmalige Aufforderung, das Bureau zu verlassen, wurde immer mit einer neuen Flut Schimpfreden beantwortet. So ging das ekelhafte Treiben etwa 10 bis 15 Minuten. Um der Szene ein Ende zu machen, wozu die Kranken, die ihre Unterstützung erheben wollten, drängten, faßte der Beamte die Frau beim Arm und dreht« sie mit dem Gesicht zur Tür. Aber diesen Liebesdienst quittierte die Frau mit einem kräftigen Schlag ihrer schweren Handtasche in das Gesicht des Angestellten. Als sie zum zweitenmal auslangte, stieß der Bedrohte den Arm zurück.wodurch nunmehr der Mund der Frau Bekanntschaft mit der Tasche machte. Die Frau verlor nunmehr jede Beherrschung und tobte in der schlimmsten Weise. Die letzte Zuflucht der Angestellten war der Schutzmann. Der be- schuldigte Angestellte schilderte diesem den Vorfall und stellt«©traf- antrag. Wie die Frau nun sah, daß ihr Skandalmachen böse aus- gehen konnte, erklärte sie plötzlchi, der Angestellte habe ihr das Portemonnaie entrissen. Da sie bei alledem immer noch Skandal machte, wollte der Schutzmann sie sistieren. Sie ist dann schließlich mit dem Schutzmann fortgegangen. Die bürgerliche Presse versäumt nicht, ihr altes Lied, daß die Arbeiter wohl hohe Beiträge zahlen müßten, aber nichts daiür hätten, um einig« falsche Noten zu vermehren. Wir müssen be- tonen, daß diese Blätter sich einen schlechten Zeugen aussuchten. N e tz hat etwa 170 M. Beiträge gezahlt und 274,60 M. Unter- stützungen erhalten. Er hätte auch jetzt natürlich Unterstützung bekommen, wenn er nicht Streikbrecher geworden wäre. Im übri- gen wird die Gerichtsverhandlung Aufklärung bringen, da der beschuldigte Angestellte Beleidigungsklage angestrengt hat. ZZusUmd. Neue Bewegung der italienische» Seemannschaften. Rom, den 10. Juli. fEig. Ber.) DaS Personal aller subventionierten Schiffahrtslinien ist in den Ausstand getreten, weil die Reeder die Forderung des Memorandums des Zentralverbandes der Seeleute abgelehnt haben. Diesem Streik gegenüber, der mit dem Ausstand der Mannschaften der Schiffs- linien des toskanischen Archipels begonnen hat, nimmt die Re- gierung eine durchaus provozierende Haltung an. Sie hat den Ge« scllsihaften, die die subventionierten Linien betreiben, mitgeteilt, daß jeder Dampfer, dessen Personal sich unter dem üblichen Vor« wand der Krankheit nicht vollständig einstellte, sofort seine sämt- lichen Mannschaften auSsckiffen soll. Dementsprechend haben bereits in Genua verschiedene Gesellschaften fünf Dampfer abgerüstet. Man darf neugierig darauf sein, wie der Zentralverband der See- Mannschaften auf diese Provokation antworten wird. NirtichsMIchei' Aochenbericht. Vom Fürstenkonzern. Die neuen kriegerischen Ereignisse auf dem Balkan haben, so schädigend sie sonst auf da? wirtschaftliche Leben Europa? wirken, an den Börsen keine besonders großen Kursrückgänge verursacht. Um so mehr fielen in der vergangenen Woche die Kursrückgänge der Aktien der Hohenlohewerke auf. Während noch im vergangenen Jahre der niedrigste Stand der Aktien 167 betrug, ist er in den letzten Tagen bis auf 148 Proz. gefallen. Da besondere wirtschaftliche Ereignisse jAende- rungen in den Produktions-, Absatz« oder Preisverhältnissen) diesen Rückgang nicht erklären können, suchte man ihn in der finanziellen Situation der Aktiengesellschaft. Man weiß, daß der Finanzkonzern, dem die Hohelohewerke angehören, sich schon seit langem in Geldschwierigkeiten befindet, und man brachte deshalb den Kursrückgang sofort mit einer bevorstehenden Reorganisation dieses sogenannten„Fürstenkonzerns" in Verbindung. In Börsen- kreisen wurde sogar die Ansicht verbreitet, daß auch die Einladung zweier Bankdirektoren von der Diskontogesellschaft durch den Kaiser zu den Veranstaltungen der Kieler Woche geschehen sei, um die Großbank für den Fürsteiikonzern, dessen Hauptstütze der Freund des Kaisers, Fürst Egon von Fürstenberg zu Donaueschingen ist, zu inter- essieren. Inzwischen ist bekannt geworden, daß der Fürstenkonzern tat- sächlich vor der finanziellen Reorganisation steht, daß er aber dazu Ver« Handlungen mit der Deutschen Bank führt, die im vergangenen Jahr ihre schon früher bestehenden Verbindungen mit der Fürstengruppe abgebrochen hatte. Ueber die näheren Bedingungen einer erneuten Beteiligung der Deutschen Bank an den Unternehmungen des Fürstenkonzerns ist noch nichts bekannt. Man weiß nur, daß auf Wunsch der Deutschen Bank der Direktor Hofmann von der Handelsvereinigung, der Bank des Konzerns, die? Amt niedergelegt hat und auch aus dem AufsichtSrat der Hohenlohewerke ausscheiden wird. Wahrscheinlich wird ein Vertreter der Deutschen Bank diese Posten einnehmen. Die Fürstengruppe hätte damit auf- gehört, als selbständiger Konzern zu existieren. Vielleicht wird sogar die Handelsgesellschaft offiziell ausgelöst werden. Die Uebernahme der Fürstengruppe, in welcher Form sie auch geschehen möge, bedeutet einen nicht zu unterschätzenden Sieg für die Deutsche Bank. Als die Unternehmungen der Fürstengruppe eine Erweiterung der finanziellen Basis mit Hilfe einer Großbank nötig machten, bestand sogar ein gewisser Wettbewerb zwischen der Deutschen Bank und der Berliner Handelsvereinigung um die Unterstützung der Fürstengruppe. Die Handelsvereinigung, an die sich die Fürstengruppe zuerst anlehnte, zog sich aber • bald zurück und überließ der Deutschen Bank das Feld. Aber auch diese geriet in Konflikte mit der für die Deutsche Bank zu eigenmächtig vorgehenden Leitung der Fürstengruppe. Im vergangenen Jahr endeten die Differenzen mit einem offenen Bruch; Direktor Klönne von der Deutschen Bank legte sein AussichtSratSamt in den Hohenlohewerken nieder. In der bürgerlichen Presse werden die Konflikte als mehr persönliche geschildert und die Diffe- renzen aus die wenig sachgemäße Leitung der Fürstengruppe zurückgeführt. Diese Vorwürfe lassen sich naturgemäß von der weiteren Oeffentlichkeit nicht nachprüfen. Selbst wenn sie zutreffen, muß doch das ökonomische Moment als Hauptfaktor für die Unterordnung der Fürstengruppe unter die Deutsche Bank berücksichtigt werden: in unserer Zeit der Kapitalskonzentration kann ein noch so großer selbständiger Konzern sich auf die Dauer nicht dem bestimmenden Einfluß der Großbanken entziehen. Daß die Kapitulation der Fürstengruppe, deren gesamte Kapital« anlagen man übrigens auf mindestens 250 Millionen abschätzt, gerade im gegenwärtigen Moment erfolgt, ist ebenfalls rein ökonomisch begründet. Die Geldteuerung, die durch die bereits wieder abflauende Hochkonjunkturperiode und durch den Balkankricg verursacht wurde, hat alle Unternehmen, die nicht an einer Groß- dank ihre feste Stütze finden, in eine recht schwierige Situation gebracht. Die Entziehung des Kredits bei gesteigerten Kapitals« bedürsniffen der Unternehmen ist eine scharfe Waffe in der Hand der Großbanken. Ihr ist die Fürstengruppe, die selbst keine neuen Kapitalien flüssig machen konnte, unlerlegen. Die Deutsche Bank hat dadurch leichten und schnellen Sieg gehabt. Als sie sich im ver- gangenen Jahre vom Fürstenkonzern zurückzog, wußte sie wohl selbst nicht, daß die Geldmarktlage des laufenden Jahres ihr so bald den Fürstenkonzern ausliefern würde. Die Verluste, die der Deutschen Bank durch Abschreibungen auf ihrem Konto der Fürstcnkonzern» Unternehmungen entstanden sind, werden jetzt durch emsprechende Uebernahmebedingungen wieder reichlich ausgeglichen werden. Wie dringend die KopitalSansprüche des Konzern? bereits waren. geht aus folgender Meldung hervor. In Paris ist vor zwei Wochen der Versuch gemacht worden, für 1,2 Millionen Mark Hohenlohe- Aktien an der Börse zu lombardieren(verpfänden), und wollte sich der Bieter mit einem Leihbetrag von rund 700 000 Mark zu- frieden geben. Ein solch hoher Aktienbetrag kann nur von dem Konzern oder einem seiner Hauptträger angeboten worden sein. Die Träger des Konzerns sind eine Reihe von Fürstlichkeiten, die sich zuerst im Jahre 1005 zusammentaten, um ihren Vermögen eine gemeinsame Anlage zu schaffen. Im Jahre 1005 gründeten mit einem Kapital von 3 Millionen Mark Fürst Max Egon zu Fürstenberg, Fürst Christian Kraft zu Hohenlohe« Oehringen, Prinz Friedrich Karl zu Hohenlohe- Oehringen, Prinz Franz von Ratibor und andere die M a d e i r a A.- G. In diese Ge« sellschaft brachten die beteiligten Fürsten ihre Vermögen eii� entweder als bares Kapital oder als Aktien von Unter« nehmungen, an denen sie beteiligt waren, oder ihren bisher privaten Besitz(Einzel- Unternehmungen, Terrain- besitz). Mit dem zusammengebrachten Kapital wurden wieder Aktien anderer Unternehmungen erworben bezw. neue Unter- nehmungen ins Leben gerufen. Die Madeira A.-G. blieb aber immer eine bloße Finanzierungsgesellschaft, eine Bank, die nur die Kontrolle über die gewerblichen Unternehmen ausübte. Ihr Kapital wurde bi» auf 12 Millionen und nach Umwandlung in die Firma „Handelsvereinigung A.-G." im Jahre 1008 auf 15 Mill. Mark erhöht. Neue Effekten wurden von den Aklionären eingebracht und die HandelSvereinigung dehnte ihre Ge. schäfte immer mehr au«. Einmal gruppierten sich diese um die Berliner Terrain« und Baugesellschaft. Als die Deutsche Bank sich an dem Fürstenkonzern zu beteiligen be- gann. vereinigte sie die von ihr kontrollierten Bau- und Terrain- gesellschaften mit der genannten Firma. So kontrollierte die Berliner Terrain- und Baugesellschaft schließlich die Firma Boswau u. Knauer, Passagebaugesellschaft, die Hotel Esplanade A.-G., die Wolf Wertheim G. m. b. H. u. a. In dem Grundstückskrach von 1007 erlitt der ganze Konzern erhebliche Verluste, von denen auch die Deutsche Bank und ihre an diesen Geschäften beteiligten Tochtergesellschaften betroffen wurden. An den H o h e n l o h e w e r k e n(Kapital 80 Millionen), die Steinkohlen- und Zinkgruben umfassen, ist die Handelsvereinigung nicht direkt, sondern durch die Deutsche Palä st ina-Bank beteiligt. Diese Bank betreibt zwar Bankgeschäfte im Orient, dient aber vornehmlich auch als FinanzierungSgesellschaft für die Unter« nehmungen des Fürstenkonzerns. Sie ist im Besitz von Aktien der zum Konzern gehörigen Kalibergwerls« und SchiffahriSgesellschaften. Von Kaliwerken kontrolliert der Konzern u. a. Friedrichshall, Sarstedt, Heldburg, Bernsdorf, Burggraf, Reichskrone, Richard. Die Schiffahrtsinteressen gruppieren sich um die Deutsche Levante-Linie A.-G., die wieder an der Dampfschiffsreederei Union A.-G., der SeetranSportges. m. b. H., der Reedereivereinigung G. m. b. H., der Deutschen Reederei G. m. b. H. beteiligt ist. Da- mit ist doS Interessengebiet deS Fürstenkonzerns noch längst nicht erschöpft. Es gehören weiter dazu: die Kohlenvertriebs« gesellschaft Wolff u. Co., die Niederländischen Kohlenwerke, Braun- kohlen- und Kohlengewerkschaften, die Allgemeine OmnibuS« gesellschaft, Deutsche Post- und Eisenbahnverkehrsgesellschast, AtlaS- Gesellschaft für Reiseverkehr, eine BerficherungSaktiengesellschast, zahlreiche Hotel- und Theaterbetriebsgesellschaften, die Wolf Wert« heim G. m. b. H-, Weingroßhandlnngen, Druckereien usw. Der größte Teil aller dieser Unternehmungen wollte nicht recht florieren oder litt wenigstens an dauerndem Kapitalmangel. Einzig die Hohenlohewerke warfen hohe Gewinne ab, die dann immer wieder zur Kapitalbeschaffung für die notleidenden Unternehmen des Konzerns herangezogen wurden. Jetzt scheint die Situation auch dieser Gesellschaft so zu sein, daß sie diesen Ansprüchen nicht mehr genügen kann. Die Inanspruchnahme einer Großbank läßt sich nicht umgehen, und die Deutsche Bank wird das gesamte Erb« des Konzerns antreten. Die Großbank erfährt dadurch eine nicht zu unterschätzende Machterweiterung. GenosfensckaftUcbes. Tos doppelte Gesicht— der Schwarzen. Die Voltsversicherung ist da? bestgehaßteste Objekt ultrainon. taner Demagogie. Ein Musterbeispiel ihrer— Vielseitigkeit, ihrer geistigen Schmiegsamkeit liefern die M.-Gladbacher in der Art. wie sie der VolkSsürsorge daS Wasser beschmutzen woller Unter An- führung deS Abg. Gie»bertS haben sie kurzlich an den Reichskanzler und andere BeHorden eine Eingabe gerichtet, in der sie Maßnahmen gegen den— DcutAen Kriegerbund fordern, zur Förderung de» Kampfes gegen die VolkSsürsorge! In der Eingabe heißt eS: „Wie Ew. Exzellenz bekannt sein dürft«, hat der Plan der sozialliemokratischen freien Gewerkschaften und Konsumvereine, ein eigenes Voltsversicherungsunternehmen zu gründen, alSbald zabl» reiche, auf nationalem Boden stehende Organisationen veranlaßt, Gegenmaßnahmen ins Auge zu fassen... ES gelang, mit den großen privaten Versicherungsgesellschaften Fühlung zu gewinnen und im Verein mit diesen wurde unter Beteiligung zahlreicher großer Organisationen von Arbeitern, Handwerkern. Kleingewertw» treibenden, Bauer», Angestellten und Unterbeamten die Deutsche VolkSvcrsicherungS-A.-G. in« Leben gerufen. Zur Mitarbeit an diesem, nur die Volksversicherung betreibenden und daher ausschlief, lich im Interesse der minderbemittelten Bebölkerung arbeitenden Unternehmen haben sich bereits vor Aufnahme des Geschäfts- betrtebeS Orga n i sa tio ne n von mehr als einer Million MitHlioder vertraglich verpflichtet... Um so bedauerlicher, aber auch unverständlicher ist es, daß eine Organisation, die den Kampf gegen die Sozialdemokratie in ganz besonderem Maße auf ihre Fahne geschrieben hat, nämlich der Deutsche Kriegerbund, unseren Bestrebungen, eine gemeinnützige Volksversicherung auf breitester Grundlage als Gegengewicht gegen die sozialdemokratische Volksfürsorge, lebenskräftig und leistungs- fähig zu gestalten, sich nicht nur vollkommen fern hält, sondern sogar ablehnend gegenüber steht.'Denn auf der am 12. Juli d. I. in Breslau stattfindenden Generalversammlung der Lebensversiche- rungsanstalt des Deutschen Kriegerbundes beabsichtigt die Bundes- leitung, den Delegierten die Auflösung der Bundessterbekasse und ihren Anschluß nicht etwa an die Deutsche Volksversicherungs-A.-G., sondern an die Friedrich Wilhelm vorzuschlagen. Auf eine diesbe- zügliche Anfrage wird uns von feiten der Deutschen Volksversiche- rungs-A.-G. mitgeteilt, daß Seine Exzellenz Herr Staatsminister Dr. Graf von Posadowsky-Wehner bereits unter dem 6. März 1313 sowohl dem Präsidenten des Deutschen Kriegerbundes als auch dem Aufsichtsrat der Lebensversicherungsanstalt um Verhandlungen über einen etwaigen Anschluß der Kriegervereine an unser Unter- nehmer gebeten hat, daß ihm hierauf aber eine kurze ablehnende Antwort zuteil geworden ist.... Daneben ist aber auch noch ein anderes zu bedenken; durch die Verträge mit der Deutschen Volksversicherungs-A.-G. haben sich die Organisationen verpflichtet, die Anwerbung von Versicherungen und die Einkassierung der Versicherungsbeiträge durch ihre Ver- trauensmänner ausführen zu lassen... Wir sind daher, im Einvernebmen mit zahlreichen führenden Persönlichkeiten der hinter uns stehenden Or�anisationsgruppen zu der Ueberzeugung gekommen, daß die in Aussicht genommene Fusio- nierung der Bundessterbekasse mit der Friedrich Wilhelm nicht nur mit Rücksicht auf eine gedeihliche EntWickelung des KriegervereinS- wefens, sondern vor allem im allgemeinen nationalen Interesse un. bedingt verhindert werden muß. Da wir nichts unversucht lassen möchten, um einen solchen folgenschweren Schritt zu verhüten, haben wir geglaubt. Euerer Exzellenz unsere Sorgen vortragen zu sollen. Bei dem Einfluß, den Euere Exzellenz— wie wir wohl wissen— auf den deutschen Kriegcrbund auszuüben in der Lage find(l), geben wir uns der Hoffnung hin, daß eS Euere Exzellenz gelingen möge, die Leitung der Bundessterbekasse vor übereilten Schritten zu bewahren und sie zu veranlassen, den Fusionsantrag von der Tagesordnung der diesjährigen Generalversammlung ab- zusetzen." Rührend ist diese Sorge um die Einheit und Gemeinsamkeit aller reaktionären Elemente. Wer jedoch an der schwarzen Uneigen. nützigkeit glaubt, ist schlecht beraten. Den Romheiligen kommt es nur darauf an, für sich ein Extrasüpplein zu kochen. In der aller- neuesten Nummer der„Westdeutschen Arbeiterztg.", des Organs des vielgeschäftigen Herrn GiesbertS, liest man folgende Propaganda— gegen die Deutsche Volksversicherungs-A.-G.: „... Bei dieser Gelegenheit wollen wir sagen, daß wir der Deutschen Volksversicherung grundsätzlich freundlich gegenüberstehen, daß wir indes keine Veranlassung haben, ihr zu Liebe und zum Nach- teil unserer eigenen Verbandskasse, irgendwelche Propaganda für sie in den Kreisen des Westdeutschen Verbandes zu betreiben. Im Gegenteil, soweit es sich um angeschlossene katholische Arbeitervereine handelt, müssen wir nach wie vor verlangen, daß nur die Lcokasse zur Einführung gelangt und nachdrücklichst gefördert wird. Es darf nicht vorkommen, daß in irgendeinem katholischen Arbeiterverein die VerbandSkasseauSgeschaltetunIdeineandereVer. sicherungs Unternehmung empfohlen und gefördert wird, das wäre eine Verletzung der dem Verband« gegenüber ob- liegenden Verpflichtungen. Die nachdrücklichst« Unterstützung der Leolasse muß eine Ehrensache aller Verein« sein, um so mehr, als in der Gegenwart alle möglichen Neugründungen entstehen und unter der Devise: Kampf gegen die«Volksfürsorge" sich mit Vor- iliebe an die katholischen Arbeitervereine Menden." Wie wenig die Leokasse und die Volksversicherungs-A.-G. den Interessen der Versicherten dient, haben wir neulich an der Hand der Leokassenstatuten dargelegt. Aber abgesehen davon: das oben mitgeteilte ist eine herzerhebende ultramontane Ehrlichkeit. Eni- kleidet man die ganze Aktion ihres auf Täuschung der Nichtultra- montanen berechneten SchmuckwerkS. dann enthüllt sich folgendes: die lieben organisierten, an die klerikale Stelle gefesselten Gläubi- gen werden unter strengem konfessionellen Verschluß gehalten. Die Gründung einer sogenannten neutralen Versicherung soll dann weiter den Vertrauensmännern der schwarzen Verbände und kleri- kalen Vereine als Sprungbrett dienen, um in die ihrem Einfluß noch nicht unterworfenen Kreise zu dringen. Was die nicht ultra- montanen Organisationen als Agitatoren für die— schwarze Volks- Versicherung aufbringen können, ist so minimal, daß es gar nicht in Betracht kommt. Die M.-Gladbacher wagen es schon, dem Reichs- kanzler und KriegSmimster ziemlich deutlich zu sagen, waS er zu tun hat. Wehe, wenn sie nicht parieren! Unter der Herrschaft der Schwarzen geht Deutschland netten Tagen entgegen. Soziales. Plcureuscnkniipfcrri. Die Verhältnisse in der Pleureusenknüpferei erfuhren dieser Tage vor dem Gewerbegericht eine eigenartige Beleuchtung. Die Firma E. Ruhemann u. Co., Kommandantenstr. 4S, hatte in einigen Tagen nicht weniger als fünf Termine anzustehen. In jedem der Fälle handelt es sich um eingezahlte 5 Mk. Jede Ar» beiterin muß vor ihrem Eintritt in die Beschäftigung bei der Be- klagten diesen Betrag hinterlegen. Wofür, war aus den Ver- Handlungen nicht mit voller Klarheit zu ersehen. Die Firma selbst macht darüber völlig verschiedene Angaben. Einmal soll die Summe al» Entgelt für die dreitägige Lehrzeit gelten, das jedoch nach zweimonatiger Beschäftigung wieder erstattet wird. Ein anderes Mal soll sie eine Sicherheitsleistung dafür sein, daß die Arbeiterin ihrer Verpflichtung, zwei Monate mindestens bei der beklagten Firma zu arbeiten, nochkommt. Die Firma Ruhemann u. Co. scheint diese Vorsichtsmaßregel sehr nötig zu haben, denn, wie aus den übereinstimmenden Angaben in den verhandelten Fällen her- vorging, ist die Bezahlung der Arbeiten außerordentlich gering. Für eine Jeder, an die Hunderte von den kleinen Federchen oft vier- und fünfreihig hintereinander mühselig angeknüpft werden müssen, zahlt die Firma 90 Pfennig. Wer sechs solcher Federn pro Woche liefert, bekommt jedoch 1 Mk. für das Stück— ein Be- wei», daß jedenfalls S Stück schon eine erhebliche Leistung dar- stellen. Nun soll aber auch noch eine Bestimmung bestehen, daß jede Arbeiterin, deren Verdienst wöchentlich unter sechs Mark bleibt, ihre Krankenkassenbeiträge selbst zu tragen habe. Zwar wird den neu Eintretenden versichert, daß sie Vit 18 Mk. pro Woche verdienen„können". Doch wird behauptet, dieS sei nur den Ge- übtesten möglich, wenn sie tagsüber im Geschäft und dann die Nacht hindurch bis Z und 4 Uhr morgens zu Hause arbeiten. Die Arbeits. räume der Firma und vor allem auch die Klosetts sollen in bezug auf Sauberkeit geradezu alles zu wünschen übrig lassen. In den Streit'ällen selbst handelt es sich um folgendes: 1. Eine Frau hatte sich der Pleureusenknüpferei zuwenden wouen und erwähnt« S M. hinterlegt. Nach einhalbtägiger...Lehr- ?eit»sah sie ein, daß ihre Augen für diese anstrengende Tätigkeit aj Meter hoch. Zirka 15 Ortschaften sind vollständig zerstört worden. Nach amtlichen Angaben dürften allein durch Hagelschlag und Wirbelwind etwa 80 Menschen ihr Leben eingebüßt haben. Der Eisenbahnverkehr ist auf 8 Linien wegen Einsturzes der Brücken und Unterwaschung� der Dämme eingestellt worden, ebenso der Schiffsverkehr zwischen Szegedin und Csonograd. Ueberall sind die Erträge der Felder vernichtet, so daß der Schaden viele Millionen beträgt« Selbstmord eines Zeugen zum Justizpalastskandal. giom, den 19. Juli 1913.(Eig. Ber.) Ein Hauptzeuge gegen die Firma Borelli, zu deren Gunsten die' verschiedenen Gesetze?« verletznngen durchgeführt wurden, die den langjährigen Bau-des Juftizpalasies begleitet haben, der Ingenieur Giannint, ist heute durch Selbstmord aus dem Leben geschieden: Es heißt, daß er vor der Tat noch einen Brief an die Staatsanwaltschaft aufge- geben, in dem er ein umfassendes Geständnis abgelegt hätte, doch ist über das Geständnis selbst noch nichts Näheres bekannt. Die Nach- richt des Selbstmords erregt großes Aufsehen in Rom und scheint vor allem die Kreise zu beunruhigen, die fürchten, daß der Ingenieur vor seinem Tode noch Enthüllungen gemacht hat, Kleine Notizen. Bankdefraudationen großen Stils. Unter der Selbstbezichti» a großer Veruntreuungen stellte sich am Freitag nachmittag ein elstubenvorsteher des Bankhauses von der Heydt, Kersten und söhne in Elberfeld de' Staatsanwaltschaft. Die Veruntreuungen sollen etwa 399 999 M. betragen und scheinen mehrere Jahre zu- rückzuliegen.— Die Feststellungen über die Veruntreuungen bei dem Bankhause von der Heydt. Kersten u. Söhne nehmen immer grüße- ren Umfang an. Die Untersuchung hat sich nun auf drei festge, nommene Kassierer und einen vierten Bankbeamten ausgedehnt, welcher sich am Sonnabendmittag in seiner Wohnung er« schoß. �, Siebe» Arbeiter durch eine Kesselexplosion getötet. In einer Ziegelfabrik in Ehätenay-sur-Seine bei Paris wurden am Sonn« abend früh durch eine Kesselexplosion sieben Arbeiter getötet und sechs verletzt. Infolge der Explosion stürzte eine Mauer ein. May befürchtet, daß unter den Trümmern noch weitere Opse; jtegeg, Schriftliche Bestellung von ausserhalb erbitte an die Versand- Abteilung A.Weriheim �'Leipziger Extra- Preise Billiges weiss. Tafelgeschirr Porzellan Versand- Abteilung: Leipziger- Strasse 132—137 'Bis Mittwoch: gezackte Form Speiseteller'tief oder aacb 1 8 Ff. Dessertteller. 12 Pf. Kompotteller........ 9 pr. Terrinen...... 1.10, 1.35 Kartoffelnäpfe.. 75, 95 pr. Saucieren.......... 38 Pf, Salatschüsseln.. 12 bu 48 pl Bratenschüsseln 25 bis 95 pf. Kaffeekannen...... 45 Pf Teekannen.......... 45 pf Milchtöpfe...... 12, ISpr. Znckerdosen 12, Tassen 8, 12 pf. Tafelgeschirr„Flora" gezackte Form, zartes Blumenmuster Speiseteller tief oder Sacb 44 Ff. Dessertteller........ 30 pt Kompotteller.... 1 6, 20 pf. 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Seclaß&anjwlt jöaul Vmger u.»C* Nr. 176. 30. Jahrgang. 2. Keilm Ups Jotmirtf Krim lolMatt S«nntag, 13. Zill 1913. ßruitklnder und Flafcbenftinder. Säuglinge mit der Brust zu nähren, wird von Aerzten immer wieder den Müttern empfohlen. Der günstige Einfluß dieser Er- nährungsweise tritt am auffälligsten in der heißeren Jahreszeit hervor, wenn die sommerlichen Berdauungskrankheiten besonders unter den Flaschenkindern ihre Opfer fordern. In Berlin be- treiben seit einer Reihe von Jahren die Säuglingsfürsorgestellen mit unermüdlichem Eifer die sogenannte„Stillpropaganda", die dem Säugling die natürliche Ernährungsweise zurückerobern will. Welchen Erfolg diese Bemühungen bisher gehabt haben, darüber konnte man sich zunächst nur aus den Feststellungen unterrichten, die in den Säuglingsfürsorgestellen gemacht wurden. Aus ihnen ersah man, daß in der Gesamtheit derjenigen Säuglinge, die den Fürsorgestcllen zugeführt wurden, die Brustkinder von Jahr zu Jahr zahlreicher vertreten waren. So ganz beweiskräftig ist das indes nicht; denn erklären könnte es sich auch daraus, daß das Interesse an den Säuglingsfürsorgestellen bei den Müttern von Brustkindern mehr als bei denen von Flaschenkindern zugenommen hätte. Darüber, ob in der Säuglingsernährung tatsächlich die Ernährung mit der Brust wieder mehr als bisher üblich geworden ist, geben besseren Ausschluß die amtlichen Feststellungen, die bei den Volkszählungen gemacht werden. Weil die Berliner Säuglingsfürsorgestellen bei der Zählung von 1905 erst kurze Zeit bestanden, bei der Zählung von 191g aber eine Tätigkeit von be- reits einem Jahrfünft hinter sich hatten, so darf man von einer Bergleichung zwischen 19VS und 1910 immerhin schon einige Be- lehrung erwarten. Gezählt wurden in Berlin, wie der neueste Band des Ber- liner Statistischen Jahrbuchs mitteilt, am 1. Dezember 1905 noch 39 568 Kinder des ersten Lebensjahres, am 1. Dezember 1910 aber nur 35 125. so daß der Bestand an Säuglingen— infolge der andauernden Geburtenminderung— sehr beträchtlich abgenommen hatte. Zur Zeit der Zählung wurden ernährt: in 1905 unter den 39 568 Säuglingen 14 253 mit der Brust, 25188 mit der Flasche(bei 127 nicht ermittelt); in 1910 unter den 35 125 Säuglingen 12 150 mit der Brust, 21 987 mit der Flasche(bei 983 nicht ermittelt). Den„Brustkindern" sind für 1905 und 1910 zugerechnet 1682 bezw. 1313 Kinder, die mit der Brust und daneben noch mit der Flasche ernährt wurden. Unter je 1000 Säuglingen wurden mithin ernährt: in 1905 mit der Flasche 639, mit der Brust 361(einschließlich 43 daneben mit der Flasche), in 1910 aber mit der Flasche 644, mit der Brust 356(einschließlich 38 daneben mit der� Flasche). Hier wäre also keine Steigerung des Anteils der B r u st k i n d e r zu verzeichnen. Bei der Zählung von 1910 wurden die Ermittelungen auch darauf ausgedehnt, ob die zur Zeit der Zählung nicht mit der Brust ernährten Säuglinge wenigstens in den früheren Lebensmonaten Brust nahrung erhalten hatten. Unter den in 1910 gezählten 21987 Flaschenkindern waren 12 415 von Geburt an sogleich mit der Flasche ernährte und 9572 zunächst mit der Brust ernährte, darunter 3727, die über drei Monate hindurch mit der Brust ernährt worden waren. Zln der Gesamtzahl der in 1910 gezählten Säuglinge waren die Flaschenkinder, wie schon oben angegeben, mit 644 pro 1000 beteiligt. Unter diesen 644 pro 1000 waren 364 von Geburt an mit der Flasche genährte und 280 wenigstens zunächst mit der Brust genährte Kinder, unter den letzteren wieder 109, die über drei Monate hindurch die Brust er- halten hatten. Werden noch diese den Brustkindern zugezählt, so stellt deren Anteil an der Gesamtzahl der lebenden Säuglinge sich für 1910 auf 465 pro 1000. Ter Anteil derjenigen noch lebenden Säuglinge, die überhaupt je an die Brust genommen worden waren, betrug 636 pro 1000. Leider ist für diese Zahlen eine Bergleichung mit 1905 nicht möglich, weil damals die bezüglichen Feststellungen noch nicht ge- macht wurden. Es bliebe mithin nur das Ergebnis, daß von 1905 und 1910 der Anteil derjenigen Kinder, die noch zur Zeit der Zählung mit der Brust genährt wurden, leider nicht gestiegen ist. Immerhin muß man schon daS als einen„Fortschritt" ansehen und hinnehmen, daß wenigsten» der Rückgang ihrcS Anteils diesmal fast zum Stillstand gekommen ist, parte!- Hngcleacnbeiten* Dritter Kreis. Heute Sonntag findet im schönen Naturgarten von Fritz Wille, Sebastianstraße 39, das Sommerfest des Wahl« Vereins statt. Mitwirkende: Mitglieder des Gesangvereins„Libertö", Lieder zur Laute(Herr E. Kühne), der Tambourizaverein Haoliick. Im Saale Tanz. Anfang 4 Uhr. Billetts 20 Pf. Die Kaffeeküche ist von 3 Uhr an geöffnet. Sch-neberg. Der Wahlvereiu feiert heute Sonnkag, den 13. Juli, im Garten und sämtlichen Räumen der Neuen Rathaussäle. Meininger Str. 8, sein Stiftungsfest, bestehend aus Instrumental- und Vokallonzert sowie humoristischen Borträgen. Mitwirkende sind Neues Tonkünstlerorchester, Direktion Hollfelder. Schöneberger Männerchor. Eintrittskarten sind bei den Bezirksführern erhältlich. Zehlendorf(Wannsrcbahn). Am Dienstag, den 16. d. MtS., abends 8>/z Uhr bei Mick, Karlstr. 13, findet eine öffentliche Ver- sammlung statt, in welcher Genosse Dupont über daS Thema: „50 Jahre Deutsche Sozialdemokratie" referieren wird. Friedenau. Die Generalversammlung des W a h l- v e r e i n s findet am Mittwoch, den 16. Juli, abends pünktlich g'/z Uhr. im„Kaiser-Wilhelmgarten", Rheinstraße 65. statt. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Vortrag des Landtagsabgeordneten Genossen Conrad Haenisch über:„Möglichkeiten und Grenzen des Parlamentarismus". Kassenbericht usw. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung ist das Erscheinen aller Genossen notwendig. Der Vorstand. Britz-Buckow. Am Dienstag, den 16. Juli, abends g'/z Uhr, findet die Generalversammlung bei Husenbeck,.Chausseestraße iLindenpark) statt. Tagesordnung: Bericht des Gesamtvorstandes, Bericht der Gemeindevertreter, Wahl der Delegierten zur Verbands- Generalversammlung und zur Kreis-Generalversammlung. Karlshorst. Heute Sonntag, nachmittags 2l/z Uhr, findet unser Sommerfest im Restaurant Fürstenbad(Inhaber Bartels) statt, unter Mitwirkung des Gesangvereins Vorwärts III Friedrichsfelde-KarlS- Horst. Eintritt 20 Pf.. Kinder frei. Die Bezirksleitung. Oier-Schöneweide. Dienstag, den 15. Juli, abends 8l/z Uhr, Bei Prochowski. Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Oerter über Massenstreik. Bezirksangelegenheiten und Diskussion. Mittwoch den 16. Juli, nachmittags 3'/, Uhr, findet das Kinderfest m Tabberts Waldschlößchen statt. Die Bezirksleitung. Rosenthal. Die am Dienstag, den 15. Juli, fällige Mitglieder- Versammlung findet eine Woche später, also am 22. Juli, smit. Die Bezirksleitung. Borsigwalde-Wittenau. Dienstag, den 15. Juli, abends S'/a Uhr, findet in Wittenau, im Lokal von Eberhardt, Lübarser Straße" die Mitgliederversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Vortrag über Massenstreik. 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegen- heilen. Spandau. Am Dienstag, den 16. Juli, abends 3>/z Uhr. findet im Restaurant„Tivoli", Seeburger Straße 26, die Generalversamm- lung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Vor- standes; 2. Neuwahl des Vorstandes; 3. Bericht von der Landtags- wähl; 4. Bericht von der Kreisgeneralversammlung; 6. Anträge; 6. Verschiedenes.— Ohne Mitgliedsbuch kein Eintritt! Der Vorstand. Lerlirnr Nachrichten» Juli in Berlin. Man sollte eigentlich besser fixieren und schreiben: „Zehnter Juli in Berlin" oder„Elfter Juli in Berlin", denn Berlin ist im wahren Sinne des Wortes über Nacht zur Welt- stadt geworden und bietet dem aufmerksamen Beschauer jeden Tag ein neues Bild. Er braucht darum gar nicht mal, mit oder ohne Anwendung der Wünschelrute, in die Tiefen der Riesenstadt hinabzusteigen, kann sich gemächlich an der allen flüchtigen Beschauern freiliegenden Oberfläche, an Berlins Hauptverkehrsadern: Leipziger- und Friedrichstraße hin- treiben lassen und wird doch unaufhörlich in der Lage sein, über Neues, Bemerkenswertes, zu berichten. Das Typische des heutigen Tages wird Berlin eines- teils durch den momentanen Fremdenzustrom und anderer- seits durch sein Detail-Gefchäftsleben, durch die mehr oder weniger, fester oder loser, mit diesem Fremdenzustrom in Verbindung stehenden augenblicklichen Ausverkäufe und Auk- tionen aufgedrückt. Vielleicht aber auch dürften die vielen Auktionen— sicher nicht die schönste und vornehmste Seite des hiesigen Geschäftslebens— schon als Vorboten längst an- gedrohter Handelskrisen auszufassen sein. Wer weiß? Die unzähligen Ausverkäufe, die„Räumungsausver- käufe",„Inventurausverkäufe",„Riesenausverkäufe", „Massenausverkäufe",„Gänzlichen Ausverkäufe",„Außer- gewöhnliche Kaufgelcgenheiten",„Ausverkäufe wegen Ge- ichäftsaufgabe",„wegen Verlegung des Lokals"(wie es fo drastisch lautet)„wegen Fortzugs",„wegen Aufgabe der Branche", usw. usw., die„Waren zu herabgesetzten Preisen", zu„halben Preisen",„unter Einkaufspreis", mit„5 Prozent Nutzen", zu„Schundpreisen", usw. usw., geben wirklich zu denken, müssen stutzig machen. Da tritt der Fremde in ein sonst hochfeines Geschäfts- lokal an der Leipziger Straße. Er traut seinen Augen kaum. Die roten Affichen an den Schaufenstern haben ihn herein- gelockt. Ein Klumpen feilschender Individuen empfängt ihn. Männer, ältere, jüngere Burschen von sechzehn bis achtzehn Jahren, mit Filzhüten, mit Mützen, mit Strohhüten, auf dem Kopf, Frauen und Mädchen, aus dem Bllrgerstand, aus dem sogenannten„besseren" Stand, aus höchst„zweideutigem" Stand, elegant gekleidet und schlicht angetan, auch Schüler und kleine Mädchen dazwischen. Die Schüler an den farbigen Mützen erkennbar, die Mädel an ihren blonden und schwarzen Zöpfen. Ein Menschenklumpen mit unzähligen gierigen Augen drängt sich vor dem rohen Holztisch, von dem lierab der Beherrscher, der Auktionator, seine abgebrauchte Stimme ertönen läßt. Das heißt der eigentliche Beherrscher des in wahnsinnigste Unordnung geratenen, oder gebrachten, Ladens, der dicke kahlköpfige Besitzer der Ware, befindet sich unerkannt unter dem Publikum, feuert es zum Kaufen an, oder hat sich auch wohl andere Leute zu diesem Zweck dahin bestellt. „Hier, meine Dame, ein weißer, wunderbarer Pompa- dour, was bieten Sie darauf?"„Zwei Mark? Ach kein Gedanke daran, meine Dame, dafür geht doch solch ein Pracht- stück nicht fort!"—„Drei Mark sind geboten, drei Mark, wer bietet mehr?"—„Drei Mark zum Ersten, zum Andern und zum— Drei Mark, fünfzig, sehen Sie wohl, meine Dame, das Stück ist doch unter Brüdern seine zwanzig Mark wert, drei Mark, 75 Pfennig, zum Ersten, zum Zweiten und zum— Vier Mark!— Zum Ersten, zum Zweiten und zum— Dritten!" Bumbum!, fällt der Hammer auf das Brett. Jetzt kommt ein feuerroter Kimono, eine prachtvolle Ma- tinee an die Reihe, aber der Fremde hat genug, hält sein Geld fest und eilt ein Haus weiter. Da trifft er dasselbe Bild in grün. Nur daß es sich hier um kostbare Oelgemälde und Bronzen handelt. Tarauf ist der Fremde natürlich noch weniger ausgegangen und deshalb hängt auch an der Wand allen Augen sichtbar ein großes weißes Plakat mit der In- schrift:„Anzahlung genügt, Rest bei Lieferung!" „Meine Herrschaften, sehen Sie, bitte, dieses Prachtge- mälde an, hat einen Verkaufswert von 580 Mark! Diese wun- derbare Schneelandschaft! Unnachahmlich! Wer bietet? Kein Angebot? Nein, mein Herr, mit 50 Mark wird die Sache nicht eingesetzt, dann stellen wir sie einstweilen zurück! Sehen Sie diese beiden Genreblder, Fischer und Fischerin, haben 350 gekostet. Werden auch einzeln abgegeben. Wer das eine erwirbt, hat das Vorkaufsrecht auf das andere. Dreißig Mark sind geboten, fünfunddreißig! Meine Herren und Damen, sehen Sie sich doch das Kunstwerk genau an! Vierzig Mark für den Fischer, vierzig Mark! Fünfzig Mark! Na, also! Zum Ersten, zum Zweiten und zum— Dritten!" Bumbum! fällt der Hammer aufs Brett.„Soll ich hier nun vielleicht mit der hübschen Fischerdeeren sitzen bleiben? Wer bietet? Kein Angebot mehr? Nein, mein Herr, zu vierzig Mark können wir Ihnen das Gegenstück nicht ablassen. Legen Sie nur ruhig noch die zehn Mark zu! Fünfundvierzig Mark sind geboten! Achtundvierzig Mark! Mein Herr, für fünf- zig Mark haben Sie die Vorhand! Fünfzig Mark! Zum Ersten, zum Zweiten und zum— Dritten I" Bumbum I, fällt der Hammer aufs Brett. Aber nicht der Mann, der den Fischer kaufte, sondern ein Schlaumeier, der das Schwanken des ernstlichen Käufers ausnutzt und ihm das Gegenstück später unterderhand für sechzig Mark absteht, nimmt die Fischerdeeren in Empfang. „Nun das neueste Bild des Kronprinzen, meine Herren und Damen, vorzügliche Ausführung, außergewöhnlich geist- volle Auffassung, hat 350 Mark gekostet..."„Tet schicken Sie man nach Breslau!" schreit ein Spaßvogel dazwischen. Schallendes Gelächter quittiert über den Kalauer. Ter Auk- tionator zieht ein ärgerliches Gesicht und lehnt das Krön- Prinzengemälde mit dem ausdrucksvollen Gesicht einstweilen an die Wand. Er weiß ganz genau, daß voni Erhabenen bis zum Lächerlichen oft nur ein Schritt und daß das Bild nun momentan nicht geht, und er möchte verdienen,„Geschäfte machen". „Nun aber dieses herrliche Wunderwerk aus echt Castelliner Marmor, meine Herrschaften. Wer bietet auf dieses entzückende Kind. Sechshundert Mark unter: Brüdern..." Aber der Fremde hört nicht weiter, er hat die Tür in die Hand genommen und inmitten des Berliner Großstadt- getriebes spintisiert er für sich: „Wenn das in Berlin mit dem Waren-VeraukftoniereN so weiter um sich greift, sollte man den Berliner Auktionato- ren doch oben offene, fahrbare, Karren,-nach dem System der Bremerhavener Fischauktionatorwagen, zur Anschaffung empfehlen, die ruhen nämlich auf Rädern, der Auktionator steht oben darin und die Karren iverden dann in den langen Fischdampfer-Anlegehallen, wo die Isländer und Nordsee- fahrer ihre Millionen Zentner von Fischen ausladen und sor- tieren, der Kürze der Zeit und der Bequemlichkeit wegen, im Interesse der Käufer und Verkäufer auf und nieder gerollt. Die würden sich sicher auch auf dem Berliner Asphalt und den zahlreichen Ausverkaufsauktionen bewähren. Hamburg-Helgoland. Tausende verlassen mit Beginn der Ferienzeit Berlin, um sich in Sommerfrischen und Bädern zu zerstreuen und zu er- freuen; andere wieder fahren zu Verwandten in die Provinz, um sich zu erholen und neue Kräfte zu sammeln für den Kampf ums Dasein. So viele es auch sein mögen, die sich eine Reise leisten können, die große Mafse der Arbeiterschaft ist leider dazu nicht in der Lage. Es fehlen die Mittel und es fehlt auch die Zeit dazu. Zwar hat die Forderung der Arbeiterschaft auf Gewährung von Sonimerurlaub bereits an Boden gewonnen. Die Mehr- zahl und auch die größten Berliner Betriebe haben sich leider zu diesem sozialen Fortschritt noch nicht aufschwingen können. Und gerade Arbeiter und Arbeiterinnen, die jahraus, jahrein in der Tretmühle des Lebens stehen, hätten am ehesten An- spruch darauf, einmal im Jahre ausspannen zu dürfen, um die geschwächten Kräfte zu stärken. In den großen Riesenbetrieben bieten die sogenannten Jnventurtage eine willkommene Gelegenheit für die Arbeiter und Arbeiterinnen, aus der engeren Umgebung und aus der täglichen Eintöniglcit hinauszukommen. Leider kann man die Erfahrung machen, daß die wenigen Tage oft nicht in richtiger Weise ausgenutzt wurden. Es ist deshalb zu begrüßen, daß die Gewerkschaften beginnen, für ihre Mitglieder und deren Angehörige sogenannte Ferien-Sonderfahrten zu veranstalten. Der Metallarbeiter verband, Ortsverwaltung Berlin, hat bereits im Juni eine Reise nach Hamburg- Helgoland unternommen und am 27. bis 30. Juli soll die zweite Fahrt erfolgen. Für die Binnenländer bietet die alte ehrwürdige Hansa- stadt Haniburg mit ihren großartigen Hafenanlagen, als Metropole des deutschen Handels und des Seeverkehrs viel des Jnieressanten und Sehenswerten. Eine Fahrt von Ham- bürg nach Helgoland, jener sagenumwobenen Insel, die gleich einer stolzen Ritterburg kühn aus der Nordsee hervorragt und in jedem Jahre das Reifeziel von Zehntausenden ist, übt einen besonderen Reiz ausi Durch größere Beteiligung an solchen Sonderfahrten werden Vergünstigungen geboten, die einem einzelnen nicht gewährt werden. Den Mitgliedern ist durch eine solche Veranstaltung Ge- legenheit gegeben, Land und Leute kennen zu lernen und ihr Wissen zu bereichern. Wenn auch in bescheidener Weise, so können sie doch teilnehmen an den Kultur gütcrn, die sonst als Vorrecht der Besitzenden gelten. Der diesjährige Ferienverkehr auf den Berliner Fernbahnhöfen hat nach den amtlichen Fest« flellungen den vorjährigen an Stärke überlroffen, wie die nach- stehenden Zahlen, denen die vorjährigen zum Vergleich in Klammern beigefügt sind, erkennen lasten. Der Verkehr setzte am Freitag, den 4. Juli, mit einer Anzahl von 67 231(49 239) verkauften Fahrkarten ein und stieg am 5. Juli auf 93 923(69 286) Fahrkarten. Der Ver« kehr ging dann zurück am Sonnlag, den 6. Juli, auf 79 783(88 636), am Montag, den 7. Juli, auf 64 303(75 629), am Dienstag, den 3. Juli, auf 48 640(57 387), am Mittwoch, den 9. Juli, auf 45 274 (48 862) Fahrkarten. Hierzu kommt noch die Anzahl der im Vor« verkauf in der Zeit vom 26. Juni bis 3. Juli für die bezeichneten VerkehrStage ausgegebenen Fahrkarten mit 43 776 Stück. Im ganzen wurden demnach anf den Berliner Fcrnbahnhöfen, einschließlich Charlotlenburg und Gesundbrunnen, 442930(4 2001 1) Fahr- karten, also 22 919 Stück mehr als im Vorjahre verausgabt. Der Gepäck verkehr war am stärksten am 5. Juli, an welchem 37 316(33 592) Gepäckstücke abgeferttgt wurden; am 4. Juli waren e? nur 36 349(gegen 23 209 im Vorjahre). Insgesamt wurden vom 4. bis 9. Juli 145 419 Gepäckstücke(gegen 141 221 im Vorjahre) ausgeliefert. An denselben Tagen wurden zur Bewältigung deS Verkehrs außer den fahrplanmäßigen Zügen 53 Feriensonde r�« z ü g e und 280 Vor- urxh Nachzüge abgelassen. Bon den Berliner Fernbahnhöfen wurde, wie immer, am stärksten beansprucht: der Stettiner Bahnhof, woselbst 104 659 Fahrkarten verkauft und 34 389 Gepäckstücke abgefertigt wurden; danach folgen der Lehrter Bahnhof mit 56 800(15 940) und der Anhalter Bahnhof mit 53 163 Fahrkarten und 33 032 Gepäckstücken, der S ch l e f i s ch e Bahnhof mit 42 346 Fahrkarten(4403) und Bahnhof »Friedrich st raße" mit 36 806 Fahrkarten und 12 782 Gepäck« stücken. Von den am Fernverkehr beteiliglen Vorort stallonen wurden an den Hauplreisetagen 49 708 Fahrkarten verausgabt und 8352 Stück Gepäck für die Fernzüge abgefertigt. Groher Jutvelendiebstahl. Für 18 000 M. Juwelen und Goldsachen erbeuteten Einbrecher, die in der vergangenen Nacht dem Goldwarengeschäft von Rudolf Finn in der Rosenthaler Straße 10 einen Besuch abstatteten. Die Einbrecher, die nach ihrer Arbeit mit dem besten Werkzeug ausgerüstet waren, hatten schwere„Arbeit" zu verrichten, die sich aber auch sehr'lohnte. Nachdem sie sich mit Dietrichen Eingang in den Keller verschafft hatten, bohrten sie hier mit Zentrumsbohrern ein großes Loch in die Decke, durch das sie in den Laden einstiegen. Jetzt bewältigten sie den hier stehenden Geldschrank nach Art ge« werbsmäßiger Knacker und stahlen daraus die wertvollsten Waren- Vorräte des Geschäftsinhabers, der nicht im Hause wohnt kostbaren Stücke in den Schrank abends beim Verlassen des Ladens einzuschließen pflegt. Mit dieser Beute begnügten sich die Ein- Brecher jedoch noch nicht. Sic räumten auch das Schaufenster auS und rafften alles zusammen, was sie auf den Tischen und in den Schubläden fanden. Tic Schmucksachen aus Brillanten, Ringe, Ohrringe, Krawattennadeln, Broschen, Anhänger usw., haben einen Werk von 100 vis 1000 M. has Stück. Die TolVsachen vesteHen aus Herren- und Damenuhren nebst Ketten, Ketten, und Uhrenarm bändern, 80 massiv goldenen Trauringen, 8. und llkarätige, sowie dulatgoldcm:, IVs Gros einfache goldene Ringe von 3 bis 10 M. das Stück u. a. m. Die Kriminalpolizei warnt vor Ankauf dieser Keuteftücke. Entdeckt wurde der Einbruch erst gestern vormittag, als das Geschäft aufgeschlossen wurde. An die falsche Adresse. Uns geht folgende Zuschrift zu: Als ich am Sonnabend nach Hause kam, wurde ich von verschiedenen Mitbewohnern deS Hauses aufgeregt'-�fangen. Auf meine Frage, was denn los sei, erhielt ich zur Antwort, dah ein Gerichtsvollzieher mit zwei Schlossern dagewesen sei, die Türe erbrechen ließ und meinen Schreibtisch pfändete. Ich lachte die Leute aus, denn ich habe wirklich nichts mit dem Gericht zu tun und auch keinen Gerichtsvollzieher zu er- warten. Als ich in meine Wohnung kam, bestätigte sich die Mitteilung auf meinem Schreibtisch klebte der Kuckuk.— Irgend eine Mitteilung in amtlicher Form— nicht zu finden. Da es Sonnabend nach 8 Uhr abends ist, kann ich nichts mehr unternehmen. Doch das Beste kommt. Es wurde bei mir gepfändet— für einen ganz fremden Mann, dessen Schulden mich gar nichts an- gehen. Ich habe die Wohnung gemietet— meine Möbel gekauft und meine Braut wohnt bereits da, da wir im August heiraten wollen. An der Tür ist das Schild L... M... vorläufig an- gebracht. Der Bruder meiner Braut P... M..., welcher wegen 16,80 gepfändet werden sollte, ist in Schöneberg angemeldet, wohnte bis vor vier Wochen auch da— ist zur Zeit sseit vier Wochen) im Erholungsheim von der Krankenkasse aus. Da er Briefe usw. er- wartete, hat er auf der Post die Adresse seiner Schwester an- gegeben.— Der Gerichtsvollzieher erkundigt sich nicht bei der Polizei, ob der P.... M.... da wohnt, denn sonst hätte dieser fahr- lässige Irrtum nicht passieren können, sondern er geht zum Portier und ftägt, ob M.... im Hause wohne.— Als er die bejahende Antwort erhält, denn er hat nicht nach P, M. gefragt— und� ich glaube, es ist doch auch ein Unterschied bei dem Gericht zwischen Mann und Frau, dringt er in meine Wohnung ein und pfändet meinen Schreibtisch, welcher 120,— M. gekostet hat, wegen 16,80 M. Durch die Blamage, welche ich erlebt, bin ich am Sonn- tag früh aufgeregt zu dem Gerichtsvollzieher gegangen, um ihn über seinen Irrtum aufzuklären. Der Herr ließ sich jedoch nicht sprechen— sondern habe nur wochentags zwischen 3—4 Uhr Sprech- stunde. Also Montag zwischen 3— 4 Ühr war ich wieder da. Auf mein wohl etwas aufgeregtes Mahnen— denn ich bin im ganzen Hause geschädigt— rügte er mein Betragen und er behalte sich weiteres vor, weil ich sagte, das seien.russische Zustände" I— Es bleibt mir nun nichts übrig, als zu intervenieren. Dem Herrn Gerichtsvollzieher passiert nichts für sein fahrlässiges Handeln durch ungenügende Information, denn er soll einen P. M. pfänden mid dringt in eine Wohnung ein, an welcher L. M. steht. Nun habe ich unzählige Laufereien und Kosten; abgesehen den Schaden, der mir dadurch entstehen kann, Ich verlangte, daß der Gerichtsvollzieher komme und das Siegel entferne— fällt ihm gar nicht ein. Ich verlangte ein Schriftstück, woraus ersichtlich, daß es sich um einen Irrtum handele, damit ich im Hause nicht weiter mir schiefen Augen angesehen werde— gibt es nicht. Ich weise mich durch Mielskomrakt und Möbelquittung aus— hilft alles nichts. Ich verlangte, daß mir das ruinierte Schloß wieder in Ordnung gebracht werde— ich solle es selber machen lassen, war der Vorschlag, den mir ein Beamter auf dem Gericht machte. Also der deutsche Bürger wird beleidigt, der Kredit wird untergraben, unter dem Mantel des Gesetzes dringt man in fremde Wohnungen ein— und zun: Schluß eventuell noch eine Klage, weil man das.russische Zustände" neiml. Gelegenheit, fich zu erftischen. Der Fiskus hat dem Mangel ab geholfen, indem er dem Berliner Frauenverein gegen den Alka- Holismus erlaubte, am Teufelssee eine seiner Hallen zu errichten, Das ganz aus Holz erbaute schmucke Haus grüßt mit seinem roten Ziegeldach und seinem Blumenschmuck schon von fern. Im Gastraum in der Vorhalle und im umhegten.Garten" ist Sitz gelegenheit für mehr als hundert Gäste vorhanden. Frische Milch wird mit 10 Pf, das Glas verlauft, ebenso Buttermilch, Seiter sFlasche), frische Himbeer« und Zitroncnlimonade; für 15 Pf. erhält man eine Tasse Kaffee oder Kakao, Tee, Brauselimonade, Ferner gibt es Dickmilch, Voghurt, Eier, alkoholfreien Punsch, Würstchen mit Salat, Kartoffelpuffer, belegte Brötchen und Butterbrote, sowie Kuchen und anderes Gebäck, Schulen und Vereinen wird empfohlen, fich mindestens zwei Tage vorher bei der Wirtschafts stelle des Vereins, Luisew straße 59, schriftlich anzumelden. Für Klassen werden die Preise auf Antrag noch ermäßigt. Auf seine Frau geschossen, hat gestern der in der Linienstt, 248 wohnhafte Arbeiter Rich. Woelke. Die schwer verletzte Frau mußte nach dem Krankenhaus am Friedrichshain gebracht werden, während der Revolverheld verhaftet wurde. Nicht identisch mit dem wegen Fahrraddiebstahls festgenommenen Paul Thewes ist der Galvaniseur Paul Tews, Gitschiner Straße 74. Ein tödlicher Straßenunfall ereignete sich gestern abend gegen 7 Uhr in der Schönhauser Allee. Als dort der 42 Jahre alte Musiker Alfred Günther aus der Greifswalder Straße 192 in der Nähe deS Exerzierplatzes mit seinem Zweirade den Fahrdamm kreuzen wollte, geriet er, nach Zeugenaussagen durch seine eigene Schuld, unter einen Kohlenwagen. Die Räder deS schweren Wagens gingen über ihn hinweg und verletzten ihn so schwer, daß er bald darauf verstarb. Straßensperrungen, Die Zimmerstraßc zwischen Charlotten� straße und Markgrafenstraße wird wegen Pflasterarbeiten vom 16. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke gesperrt, Wegen Rohrverlegung beziehungsweise Kanalisationsarbeiten infolge des Baues der Nord-Südbahn wird der Kreuzdamm der Jnvalidenstraße und Chausseestraße bis auf 20 Meter zu beiden Seiten in die Jnvalidenstraße hinein sowie die Jnvalidenstraße zwischen Chausseestraße und Gartenstraße, Ictzterenfalls je nach dem Fortschreiten der Arbeiten streckenweise, beginnend mit dem Stück zwischen Garten« und Borsigstraßc, für den West-Ost-Fahr- und Reitverkehr vom 14. d. M. ab bis auf weiteres gesperri. Die er- 'orderliche Ablenkung des Verkehrs erfolgt durch die Hessische Hannoversche« und Elsasser Straße, im anderen Falle durch die Borsigstraße und Elsasser Straße. Aus Eifersucht. Die dicht an der Grenze von Lichterfclde gelegene Goßlerstraße in Dahlem war in der letzten Nacht der Schauplatz einer Revolver- fzeue. AuS Eifersucht gab dort die Wirtschafterin Wendel vier Rcvolver- schüsse auf den Negierungsrat Einecker ab, ohne ihn aber zu treffen, Tann schoß sich die Frau eine süufte Kugel in den Kopf und verletzte fich tödlich. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt und nach der Halle deS Friedhofes in Schildhorn gebracht. Frau Wendel war früher Wirtschafterin bei dein Regierungsrat gewesen, mußte aber nach fünfzehnjähriger Dienstzeit da? Haus verlassen, da der Regierungsrat zu einer reichen Witwe in Beziehungen getreten war. Kurz nach der Kündigung im Oktober vorigen Jahres beging die Wirtschafterin in der Wohnung de« Regierungsrats einen Selbst- Mordversuch, indem sie eine größere Dosis Verona! nahm. Sie wurde schwerkrank aufgefunden und in das 5lrankenhauS zu Lichter- felde gebracht. Als sie nach mehreren Wochen wiederhergestellt war, zog sie nach der Uhlandstraße 118—119 in Wilmersdorf. Sie hatte diese Straße absichtlich gewählt, da dort die Geliebte deS Regierungsrates wohnt. Sie verfolgte ihren früheren Brotherrn beständig und beobachtete auch ihre Rivalin auf Schritt und Tritt. Schließlich versuchte sie, die Ortszeitungen für ihre Sache zu interessieren und wollte die Angelegenheit der Oeffentlichkcit übergeben. Seitenlange Briefe kamen an die Redaktionen, in denen die Frau ihre Unglück- lichen Verhältnisse schilderte. Freitag abend verließ die Wirt- schafterin ihre Wohnung und begab sich nach Dahlem, um den RegieruugSrat aufzulauern. Als dieser gegen 1 Uhr nachts durch die Goßlerstraße kam, stürzte sich die Frau auf ihn und feuerte ohne jeden Wortwechsel kurz hintereinander vier Schüsse ab. Die Kugeln verfehlten aber sämtlich ihr Ziel. Ein Wächter, der den Vorgang beobachtet hatte, sprang sofort hinzu und wollte die Wirtschafterin überwältigen. Ehe er es aber verhindern konnte, brachte fich die Frau einen Schuß in die rechte Schläfe bei, der sofort tödlich wirkte. Zum dritten Male abzelehnt. Die Berliner Stadtverordneten- Versammlung und deren Ausschuß hatten sich mehrere Male mit dem Antrage auf Entschädigung der durch den großen Gewitterregen am 2, Juli vorigen Jahres Geschädigten de� Greifswalder Straße beschäftigt und beschlossen, den Magistrat zu ersuchen, dem Antrage zu entsprechen. Der Magistrat hat die ersten beiden Beschlüsse ab- gelehnt und jetzt auch den dritten vom 8, Mai d. I. nach erneuter Prüfung und iveil infolge deS jüngsten Gewitterregens wieder zahlreiche Gesuche um Entschädigung von Bewohnern der Greifs- walder Straße und Schönhauser Allee an den Magistrat gelangt sind. Auch diesen Anträgen hat sich der Magistrat gegenüber ablehnend verhalten, da im, Fall der Berücksichtigung der Entschädigungs- ansprüche die finanziellen Folgen bei künftigen größeren Regenfällen nicht abzusehen sind und es andererseits aber auch nicht billig er- scheint, den bei dem einen Unwetter Geschädigten Ersatz zu bieten und die bei einer anderen Wetterkatastrophe Betroffenen ohne Hilfe aus städtischen Mitteln zu lassen. Unter dem Verdacht von SittlichkeitSverbrechen-an Kindern ist in Pankow vor einigen Tagen ein höherer Staatsbeamter Friedrich Sch. aus Nieder-Schönhausen verhaftet worden. Obendrein wird er be- schuldigt, einem Vater, der den Mann wegen Attackierung seiner 14 Jahre alten Tochter zur Rede stellte, in der rohesten Weise miß- handelt zu haben. Eine neue ErfrischungShaLe ist am Teufelssee im Grunewald eröffnet. Hier gab es früher einen Försrereiausschank, Unsere Leser werden sich erinnern, daß der ForstfiskuS— dem Drängen der um- wohnenden Gastwirte nachgebend— vor etwa zwei Jahren be,chloß, bei Neubesetzung einer Försterstelle de» dort etwa bisher ausgeübten Ausschank eingehen zu lassen. DaS traf anr Teufelssee Zuerst ein. Auf dem einstündigen Wege vom Bahnhof Grunewald biS Picheis- berge oder hinüber nach Schildhorn fehlte eS nun völftg an einer Vorort- JVadmebtem Schöneberg. Teilweise kommunale Wohnungspolizei auch in SchSneberg. Der Minister des Innern hat durch einen Erlaß die Ortspolizei- Verwaltung auf dem Gebiete der Wohnungspolizei, ebenso wie in Berlin, vom 1. Juli d. I, ab widerruflich auch dem Oberbürgermeister in Schöneberg insoweit über- tragen, als diesem die Befugnis zustehen soll, innerhalb der gesetzlichen Grenzen bei etwaigem Widerstande der Haus- eigentümer oder der Wohnungsinhaber zur Erzwingung des Zutritts der mit der Wohnungsaufficht betrauten städtischen Beamten Zwangsverfügungen gemäß§§ 132 ff. des Landes- verwaltungsgesetzes vom 30. Juli 1883 zu erlassen. Eharlottenburg. Vom Spiel in den Tod. Ein bedauerlicher Unglücksfall hat sich Freitagnachmittag in Charlottenburg ereignet. Dort spielten an der Caprivibrücke mehrere Knder, unter ihnen auch der Sjährige Hans Kuwlitzki auS der Wilmersdorfer Straße 11, Ter Knabe setzte sich auf das Bollwerk unter der Brücke und vergnügte sich da- mit, Steine in das Wasser zu werfen. Dabei verlor der Schüler das Gleichgewicht und stürzte in die Spree. Obwohl auf das Hilfegeschrei der übrigen Kinder ein vorübergehender Arbeiter so- fort in einem Kahn an die Unfallstelle fuhr, konnte er den Ver- unglückten nicht mehr retten. Erst nach längcrem Suchen konnte die Leiche des Ertrunkenen gelandet werden. Die Ferienspiele für Charlottenburg finden vom Mittwoch, den 16. Juli, ab wie folgt statt: Treffpunkt um 1 Uhr, 1. Gustav- Adolf-Platz(an der Schule) zur Jungfernheide; 2. Bahnhof Charlottenburg(Haupteingang Stuttgarter Platz) zum Grunewald. Brot und 5wfsee ist mitzubringen. Solweit die Eltern in der Lage sind, sollen sie den Kindern das Fahrgeld in Höhe von 10 Pf. mit- geben. Rückkehr abends 8 Uhr. Adlcrshof. Das von der Gemeinde errichtete Freibad an der Oberspree bei „Neptunshain" ist jetzt fertig und eröffnet worden. Um die vielen Irrtümer zu beseitigen, sei besonders bemerkt, daß das Bad nicht nur für die AdlerShoker Einwohner allein vorhanden ist, sondern jedermann Zutritt hat. Der Eintrittspreis beträgt für erwachsene Personen 10 Pf. und für Kinder 5 Pf. Die Adlershofer Gemeinde- schüler haben wochentags bis 2 Uhr mittags freien Zutritt gegen Vorzeigung der von dem Rektor der Sckule ausgefertigten Ausweis- karte. Das Bad mit seinem schattigen Strand ist besonders geeignet, für die Arbeiterschaft ein Erholungsort nach der schweren Tages- arbeit zu werden. Für die Versucher aus Berlin oder Neukölln bietet sich eine bequeme Fahrverbindung bis Bahnhof Oberspree oder Spindlersfeld. Pankow. Die GewerkschaftS-Unterkommissio» teilt mit: Mit dem Jnkraft- treten der Reichsversicherungsordnung müssen die Wahlen zu den Ausschüssen der Krankenkassen erledigt sein. In unserem Ort werden dieselben in der ersten Hälfte des September stattfinden. Um nun rechtzeitig eine vollständige Liste aufstellen zu können, ersuchen wir die Kollegen, in den Betrieben hierzu Stellung zu nehmen und die Vorschläge an den Obmann der Gewerkschafts-Unterkommission Otto Gütig, � Vinzstr. 35, bis spätestens Sonntag, den 27. Juli, einzusenden. Zu wählen sind 60 Vertreter und für jeden 2 Stellvertreter. Die Kinderspiele beginnen am Mittwoch, den 16. d. M., nach- mittags 2 Uhr. Treffpunkt des Nordbezirks Flora- Ecke Gaillard- straße und Breitestraße, an der Kirche. Abmarsch l'/a Uhr nach dem Spielplatz, Kissingenstraße am Amtsgericht. Die Kinder des Süd- bezirks wollen gleich nach dem Spielplatz gehen. Die Spiele be- ginnen Montag. Mittwoch und Freitag, nachmittags 2 Uhr, DienS- lag und Donnerstag morgens 9 Uhr. Essen und Trinkbecher ist mitzubringen. ES wird um rege Beteiligung bei diesen Veranstal- tungen ersucht. Köpenick. Tödlicher Straßenunfall. Von einem Schlächterwagen über. fahren und getötet wurde am Freitag die fünfjährige Tochter des Zimmermanns Gruber aus der Grünauer Straße in Köpenick. Als gegen 10 Uhr vormittags Frau G. mit der Kleinen den Köllnischen Platz in Köpenick passierte, riß sich das Mädchen von der Hand der Mutter loS, um über den Fahrdamm zu laufen. Als das Kind einem herannahenden Wagen der Straßenbahn ausweichen wollt«. geriet es gegen ein aus entgegengesetzter Richtung kommendes Gefährt des Fleischermeisters K. aus der Bahnhofstraßc, das von dem Lehrling Krog gelenkt wurde. Der Kutscher versuchte zwar nach Kräften die Pferde herumzureißen, konnte jedoch das Unglück nicht mehr verhindern. Das MädchÄt w»rde umgestoßen und siel unker den Wagen, dessen Vorderräder über die Bedauern Stoerke hinweggingen. Mit schweren inneren und äußeren Verletzungen wurde die Verunglückte zu einem in der Nähe wohnenden Arzt ge- bracht, unter dessen Händen sie alsbald verstarb. Die Schuld an dem bedauerlichen Unglücksfall, der sich vor den Augen, der entsetzten Mutter abspielte, konnte noch nicht einwandsfrci festgestellt werden. Britz-Buckow. Zum Besten der Fcrienspiele find Sammellisten herausgegeben. Spenden nehmen alle Hauskassierer sowie Genosse Freudenreich, Hannemannstr. 35(Laden), entgegen. Lanktvip. Die Fcrienausflügc finden wie im Vorjahre jeden Montag und Donnerstag statt. Treffpunkt V/s Uhr, neue Schule, Seqdlitzstraß�. Fpoi sau. Die Sozialdemokratie und der„Rote Adler" in Spandau. Nach Abdruck unserer Notiz über die Lokalfrage vom Freitag schreibt das konservative„Spandauer Tageblatt" unter obiger Ueberschrift:„Das rote Parteiorgan ist wieder einmal, was nicht weiter wunder nimmt, mit der Wahrheit gehörig entgleist. Der königlichen Komman- dantur in Spandau ist nicht im Traum eingefallen, dem Einfluß des Seitzschen Boykotts— wenn man von einem solchen überhaupt sprechen kann— irgendwie Rechnung zu tragen. Im Gegenteil ver- bot ein Kommandanturbefehl den Zutritt des MilttärS zum„Roten Adler", solange der Inhaber sozialdemokratische Versammlungen ge- stattete. Diesem Befehl kamen die Soldaten gern und willig nach. Erst nachdem der Pächter des„Roten Adler" den Volksverführern die Tür gewiesen, hat die königliche Kommandantur das Lokal wieder freigegeben... Gleich nach Uebernahme des„Roten AdlerS" vor einiger Zeit durch Herrn Leichter gab dieser der königlichen Kom- mandantur in Spandau innd, daß er sozialdemokratische Versamm- lungen in seinem Lokal künftighin nicht mehr dulde, und bat gleich- zeitig, dem Militär den Zutritt nicht zu versagen. Diesem Ansinnen kam die Königliche Kommandantur auch bereitwilligst nach." ES ist eine ziemliche Unverfrorenheit des„Spandauer Tage- blatts", die unwahre Behauptung aufzustellen, in-der Zeit, in der der Rote Adler" allen Parteien, also auch der sozialdemokratischen, zur Abhaltung von Versammlungen zur Verfügung stand, sei durch einen Kommandantuobefehl dem Militär der Zutritt zum„Roten Adler" verboten worden. In dieser Zeit hatten lediglich einige über- eifrige Regimentskommandeure den„Wunsch" ausgesprochen, daß die Soldaten das Lokal nicht besuchen möchten. Nebensächlich hierbei ist, daß die Kapelle des Gardefutzartillerieregiments seinerzeit die Proben vom„Roten Adler" nach den„Lichtspielen" verlegte. Uirum- stößliche Tatsache ist, daß während der ganzen Zeit, in der im„Roten Adler" sozialdemokratische Versammlungen stattfanden, jeden Sonn. tag mindestens hundert Soldaten, darunter auch einige Unterofft- ziere, das Theater in demselben Lokal desuchten und auf wiederholte? Befragen erklärten, daß ein Verbot zum Besuch de»„Roten Adler" nicht vorliege. Da» Gleiche erklärte auch der Theaterdirektor Passig. Sämtliche bürgerlich« Parteien am Ort hatten eben«ingesehen, daß die Lokalsrag« am besten dadurch gelöst war, daß der„Rote Adler" allen Parteien zur Verfügung stand. Dieser vernünftigen Ansicht hatte sich auch die Kommandantur endlich angeschlossen und«inen offiziellen Boykott über den„Roten Adler" nicht verhängt. Lediglich die Arbeiterfeindlichkeit des jetzigen Unterpächters Leichter hat diesen dazu veranlaßt, diesen alle Teile befriedigenden Zustand aufzuheben und der Arbeiterschaft den„Roten Adler" zur Abhaltung von Ver- sammlungcn brüsk zu verweigern. Die» veranlaßte natürlich die organisierte Arbeiterschaft, über den„Roten Adler" den verschärften Boykott zu verhängen.— Betreffs des früheren Seitzschen Boykotts wollen wir heute nur bemerken, daß ei dem„Spandau er Tageblatt" nahestehende bekannt« RcichSverbandSan Hänger waren, die den Gast- wirt Seitz zur Führung der ins Unendliche gehenden Boykottklagen anstifteten. AIS aber die Klagen für den Kläger fast durchweg einen ungünstigen Verlauf nahmen und S. außer dem durch den Boykott erlittenen Schaden auch noch 7000 bis 10 000 M. Prozeßkosten zu lx. zahlen hatte, drückten sich die falschen Ratgeber und schlugen sich seit- wärts in die Büsche. Hu s aller Alelt. Eine Eheirrung im Hause Wittelsbach. In dem EhescheidungSprozeß des 82jährigen Herzogs Ludwig in Bayern gegen seine Ehefrau Antonie v. Bartolf fand Freitag nachmittag 4 Uhr vor der 1. Zivilkammer des Landgerichtes München I Schlußverhandlung statt. Der Vertreter der Beklagten R.-A. Dr. Bernheim gab die Erklärung ab. daß er in Rücksicht auf die Jnter- essen S K. Hoheit und des Königlichen Hanfes auf zede weitere Einrede gegen die Klage und Erklärungsabgabe verzichte. Die Zivilkammer erließ dann Urteil dahin, daß die Ehe zwischen S. K. H.' Ludwig in Bayern und seiner Eheftau Antonie v. Bartolf aus Verschulden der Beklagten geschieden sei. Beide Partewertretcr gaben die Erklärung ab, daß sie auf Revision gegen das Urteil verzichten, so daß es sofort Rechtskraft erhielt. Die vermögensrechtlichen Auseinandersetzungen wurden außergerichtlich vergleichsweise zur Zufriedenheit der Frau v. Bartolf geregelt.— Verständlich wird diese? Urteil dann, wenn man ein Urteil der 5. Zivilkammer, das vor einigen Tagen ergangen ist, betrachtet. Durch dieses Urteil hatte Herzog Ludwig Feststellung dahin ver- langt, daß er nicht der Vater des von der Frau v. Bartolf vor einigen Monaten geborenen KindeS sei. Zur Verhandlung über diesen Rechtsstreit war Frau v. Bartolf selbst erschienen; das Urteil lautete dahin- Es wird festgestellt, daß Herzog Ludwig nicht der Bater des Kindes der Frau v. Bartolf ist. Versammlungen—«Veranstaltungen. Zweiter Kreis. Am Dienstag, den IS. Juli: Dampferpartie der Genossinnen nach WolterSdorser Schleuse. Abfahrt S Uhr von der Schillingsbrücke. Fahrpreis hin und zurück SO Pf. Zahlreiche Beteiligung wird ermattet. «ohuSdorf. Am Dienstag, den tS. Juli, findet ein Fettenausflug nach Kramp enburg statt. Treffpunkt srüh 8'/, Uhr an den Paradieshäusern. Abmarsch pünktlich 9 Uhr. Bei ungünstigem Wetter findet der AuSflug eine Woche später statt. Pankow. Statt des Juli-Lejeabends findet am Dienstag, den tS. d. SR«., ein Ausflug nach Waidmann, lust statt. Absahtt morgens S.SS Uhr vom Nordbahnhof; Treffpunkt sür Nachzügler Lokal Bergschlotz, WaidmannSlusl, biS 2 Uhr nachmittags._ Allgemeine Familiensterbekasse. Restaurant Ackcrstr. 122.__ Heute Zahltag von 3— ö Uhr im lSafierstandS-Rachrtchten der Landesanstal! für Gewäfiertunbe, mitgeteill vom Bettiner Wetterbureau Wafierstand Memel. Tilfit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder, Rattbor Rrofim Franffutt Warthe. Schnmm Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmctttz Dresden ' Äarby Magdeburg Wafierstand Saale, Grochlitz Havel, Spandaus , Rathenows Spree, Spremberg') , Beeskow Weser, Münden , Minden Rhein, Maximilians au » Kaub , Köln Neckar, Heiwronn Main, Hanau Mosel, Trier »)-f bedeutet Wuchs,— Fall.—') Unterpegel. hönlg• iUosjf>4 leipziger Slroisc 65 Taucntiicn-Straisc 10 Oronicn• Strawc 47« mnkl Of anicn.Slra»»e. 54 f ric de nau. R hrinstr. 1 ♦ MüllreSlratsr 3a Nrukölln. Bfrgrtr, 7 7'/. Uhr: Hie üleiÄeTsilige? vgl! lilli'iiIiöTg. Montag: LohengrSn. TheateratnKoliendGrfpIatz Täglich 8'l, Uhr: — Kino—— Varletö— im »Mann mit der grünen Masken Sroße srrantsurler Str. 18L. 8n,emdl.-lZL»t«i>.lZelIsIi-l.utr Tagelnich einer Verlorenen. Ansang 8'/, Uhr. Auf der •Acktiui artenbühne: eht los! g! Es ge Ansang 4 Uhr. Passage-Panoplikum Der persische Angeuiakir in seinen fanat. Derwisch- Martern (hebt n. a. mit den Augen schwere Gewichte). 3 Schwestern Liliput, die kleinst. Sohwest. der Welt. Alles lebend! Ohne£xtra-Entrec! Jßetropol-Iheater. Abends 8 Uhr: Die Kino- Königin. Operette in 3 Akten von Jul. Freund und G. Okonkowsli. Musii von denn Ollbert. In Szene gelebt v. Dir. Rich. Schultz. Berliner Praler-Theater 7-9 Kastanien Allee 7— 9. ZV Täglich:-7PS Tas Bummelmädchen Gr. AusstattungSp. in 4 Akt. v. M.Heyc �"Uk Vmi Hirsch und Schreyer. �rstklad. TpczealitSte». Konzert. Ansang 4>/, Uhr. Eintritt 3ö Pf. Voigt- Theater Badstrafte 58. Sonntag, den 13. Juli: Gewonnene Herzen. Volks stück mit Gesang und Tanz in 3 Akten von H. Müller. Vollständig neue Spezialitäten. Kalienöfsn. 10 Uhr. Ansang 4 Uhr. " V Admiralspalast. Kis-Areitu Angenehm kühler Aufenthalt. Uente« Vorstcllnngcn nachm. und abends Das� sensationelle Kis-Ballett Flirt in St. Morifz. Beg. d. Naohm.-Vorst.(z. halb Preis.) um 4'/. U., Schluß 7 U Beginn der Abend- Vorst, um 9 Lhr. hinlaß ab Tl. Uhr Ab IVU Uhr halbe Preise. — Erstklassige JCüohe.— Wein- n. Bler-Abtell. j LvZ! s m MieMMscIier Wah Iterel lif lu 8. Berliner RMslapiWs Heute Sonntag, den 13. Juli 1913, im Etablissement„Schloß Weißensee": Sommerfest II bestehend in Konzert, Massengesang, turnerischen und sportlichen Vorführungen, Feuerwerk und Volksbelustigungen. Mitwirkende: Zwei Musikkapellen, Oesangvereine des Arbeiter-Sängerbnnde«, Schwimmer, Athleten, Freie Turner und Spezialitäten. In den Sälen: Tanz. Auf der Wiese Klndernplele unter Leitung bewährter Fachleute.— Die Kaffeekttche ist von 2 bis 6 Uhr naohmittags geöffnet. ÄDlang mittags 12 Ottr. Billett im Vonrerkanl 20 PI., an Oer Kasse 25 PI. Programmtieite gratis. Jedes Kind erhält am Eingang 2 Bons, einer wird gegen eine Stocklateme umgetauscht, der andere gilt zur Benutzung des Karussells.— Pahrverbindung mit den Linien: 69, 60, 61, 62, 72, 78 sowie mit der Stadt- und Kingbahn(Nordring). 228/15* i ZoZ 302® V* LOCISCHER-V KARTEN Heute Sonntag: Eintritt§0 Pf. Kinder nnt. 10 Jahren die Hälfte. Ab nachm. 4 Uhr: Großes Militär-Konzert (3 Kapellen). Täglich: Militär-Doppel-Konzert. Volhsgarten- Theater. Badstr. 8 und Bellermannstr. 20/25. Sonntag, 13, Juli, und solz. Tage: Unsere Don Juans. Gc|angsposse in 4 Akten v. 5. Treptow. Dazu: Erstklassiges Spezialitätenprogramm. Ansang 4 Uhr. Im Saale: Grofter Ball. 1 Neue Veit I A.Scholz. Hasenheido108-t14 Heute, Sonntag, 18. Juli: ,[11 n Anf. 4 Uhr. Entree 25 Pf. Im Riesen-Festsaal; Großer Ball. Bestanrant?arkschIoß Am Treptower Park 66, Ecke Parkstra6a. inh. Friedrich Kubat. Tel.: Moritzpiatz 3474. Großer schattiger jlj Stile zum Abhalten v. Ver- Harten. I| Sammlung. u.Vergnügung.jd.Art. BV Vereins zimmer frei."VQ Sonntag: Freikonzert u. Kaffeekochen. In dieser Saison noch versohiodene Sonnabende frei.* Täglich billigt Feritlidllmpfrrflihrten. Ab Jannowift-s(Woltersdorfer Schleuse u. nachm. abwechselnd brücke vorm. 9/nachi nach Neue Mühle. Nauchfangstverder. u. nachm. L UHrs lMüggelheim, Krampenburg. Freib. Grünau. vorm. 9.30 Uhr jeden Montag, Mittwoch, Donnerstag n. Neue Mühle. , 10 Uhr jeden Mittwoch nach Wernsdorfer Schleuse. . 8.30 Uhr jeden Montag Gesellschastssahrt(3.10 M.)l. 8.00 Uhr jeb. DieuSt. u. Freit. billige Fahrt(2.00 M.)) nai5 Teupttz. lldeilt.Ok«triitoklsmml«nij unserer Verwaltungsstelle im gr. Saale der Brauerei Friedrichshain, Am Friedrichshain 23. Tagesordnung: „Ter ülternationale Metallarbeiterkongrest in Berlin". Mitgliedsbuch und Legitimationskarte sind vorzuzeigen-, ohne diese kein Zutritt. Vertretung ist nicht zulässig. Besondere Einladungen erfolgen diesmal nicht._ Dienstag, den 15. Juli, abend � SVa Uhr, in de«„Prachtsälen Nord-West", Wiclefstr. 24: Fortsktzvvg der Kezirksvtrsnmmluug vom 7. Juli. Tagesordnung: Bericht vom Verbandstag in Breslau. ■m. Mitgliedsbuch legitimiert!■■ Dienstag, den 15, Juli, abens 8 Uhr: piitgllcdcr-Vertammlufig für Adlershof und Alt-Glienicke im Lokal von Rich. Kanl, Adlershof, Bismarkstraße 16. Tagesordnung: 1. Bericht vom Verbandstag in Breslau. 2. Bezirksangelegenheiten. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert!. Dienstag, den 15. Juli, abends 8'/? Uhr: verismmlung lamll. flutogenfchweißer bei Hoffmann, Dragonerstraße 15. Tagesordnung: Beratung und Beschlußfassung über die einzureichende Tarifvor- läge. Berichterstatter: Kollege W. S i e r i n g. Kollegenl Erscheint vollzählig und pünktlich in obigen Versammlungen. Achtung! Achtung! Die nächste ordentliche Generalversammlung der Berwaltnngs- stelle Berlin findet am Montag, den 23. A u g u st d. I., statt. Anträge müssen bis zum 23. Juli in Händen der OrtSverwalwng sein 121/19 I»le Ortsverwaltnng. Zweigrerein Berlin. Sektion der Putzer. Am Mittwoch, den 16. Juli, abends 8 Uhr: Vsi'ssmndSungvn in folgenden Lokalen: Bez. Weddiug bei Hoffmann, Pasewalker �Straße 3 Gesundbrunnen Norden I„ Osten Südosten Westen Nordoste»„ Moabit„ Lichtenberg„ Neukölln„ Charlotteubnrg im „ausch, Prinzenallee 17 Schmidt, Pappelallee 64 P. Hoffmann, Königsberger Straße 28 Fröhlich, Muskauer Straße 1 Wiemer, Bülowstraße 58 Krause, Bötzowstratze 8 Bachstei«, Sblzwedeler Straße 16 Pickcnhagen, Scharnweberstraße 60 Hoppe, Hermannsiraße 48 "'olkshanse, Rosinenstraße 3 Steglitz bei Liebske, Moinmsenstraße Pankow„ Jtteritz, Florastratze 90 Gr.-Lichterfelde„ Wahrendorf, Bakestraße 22 „ Friedrichshagen„ Schröder, Seestraße 103 „ Weißensee„ Peukert, Berliner Allee 251 Am Donnerstag, den 17. Juli: », Schöueberg, Obst, Meininger Straße „ Norden II„ G. Hofstnann, Swinemünder Str. 47. Kollegen! Da in diesen Versammlungen wichtige An- aelegenheiten zur Erörterung kommen, wird vollzähliges Erscheinen erwartet. 143/6« vis Obleute. Ü Deutscher Arbeiter-Sängerbund. Gau Berlin und Umgegend. Sonntag, den 20. Juli 1913, vormittags pünktlich 11 Uhr, im großen Saale der Brauerei Friedrichshain: || Uebungsstunde für den Bezirk I(Berlin). Geübt werden folgende Lieder; 1. Tord Foleson. 2. Ich warte Dein. 3. Eine Mühle liegt im Tal. 4. Hinaus. Im Nebensaale pünktlich 10 Uhr: Ausschuß-Sitzung Tagesordnung:' 17/11 1. Aufnahme von Vereinen. 2. Bundesangelegenheiten. tsMT* Die Vereine werden ersucht, bis spätestens 20. Juli die Zahl der Teilnehmer am Sängerfest beim Vorsitzenden 'anzugeben.*»...(( »WQW0WMW8WW*»*»—— Der Vorstand. Orts- Kraukenkafse der Tabakarbeiter == zu Berlin.. Einladung zur Außerordentllohen General- Versammlung am 22. Juli, abends S*/, Uhr, nach dem Lokal des Herrn V o O, Wederstr. 6. Tagesordnung: 1. Verlesen des Protokolls der letzten Generalversammlung. 2. Aus» klärung unserer Kassenmitglieder über die Verhältnisse der diesseitigen Kasse nach dem 1. Januar 1914. 3. Ab« sindung der Witwen verstorbener Kassenmitglieder. 4. Regelung der Anstellungsverhältnisse des Reit bauten. S. Verschiedenes. 274/2 Der Vorstand. Orts-Krankenkaffe Sertm-Hoiienschönhausen. Der in der Generalversammlung vom 23. April 1913 beschlossene und vom Bezirksausschuß unterm 23. Juni er. genehmigte 10. Nachtrag tritt mit dem 1. Juli d. I. in Krast. Druckexemplare sind im Kaffenlokal erhältlich. 273/20 Berlin-Hohenschönhausen, 11. Juli 1913. Ter Borstand. II. petrolt, M Quast, Vorsitzender. Schristsührer. Sterbekasse ehem. Wag'sdjer Arbeiter sHetzelsche Kasse). Sonntag, den 27. Juli ISIS. vormittags 9'/, Uhr pünktlich General-Versammlung imBereinshausBerlinerMufiker. Kaijer-Wilhelm-Straße ISm, unterer Saal. 14926* Tagesordnung: 1. Kassenbericht(Januar bis Juni 1913). 2. Bericht der Redisoren. Bericht über das Ergebnis des zur Erhöhung von Kassenleistungen angesertigten mathematischen Gut- achtens. 4. Festsetzung der Publilations« organe sür das Jahr 1913/14. ohne MitgHeilsbuoh kein Zutritt. Zahlreichen Besuch erwartet Boi» Torstand. I. 81.: G. W e g u e r. Krankeiuiiiterstiitziiiigs- und eiräbnisverein gewerb. Ärbeiter zu Berlin. 287/3 Sonnabend, den 19. Juli 1918. abends 8'/, Uhr, in den„Marinesälen", Brandenburger User 1: Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Abrechnung pro 2. Quartal 1913. Verschiedenes. Recht regen Besuch erwartet Bor Vorstand. I. A.: Friedr.FreudBnroich,23otfijjeni)er Britz, Hannemannstr. 35. zu Berlin. Am Dienstag, den 22. Juli 1913, abends 7'/, Uhr, findet im„Ueriiner Klubhaus'1, Ohmstraße 2, eine Außerordentliche General-Versammiung statt, zu der die sür 1912/13 ge< wählten Vertreter hiermit. ergebenst eingeladen werden. 274/1 Tagesordnung: 1. Beschlußfassung über die vom Oberversicherungsamt für notwendig erachteten 8lenderungen der Satzung. 2. Beratung und Beschlußsassung über eine Krankenordnung. 3. Beschlußsassung über die not- wendig gewordenen Llenderungen des Regulativs, betreffend Ruhegehalt und Hinterbliebensürsorge der Slngestellten der 8lllgemeiuen Ortskrankenkasse zu Berlin. 4. Regelung der Hilssarbeitersrage. 5. Bericht des Vorstandes über die Vcreinigungsbcdindungen der in Frage kommenden Ortskrankenkassen. S e r l i n. den 13. Juli 1913. Bs? Vorstand. Wilhelm Piehl. Vorsitzender. VereiliizilllllZllgeMeim KeuhiHti Dienstag, den 15. Juli 1913, abends 8'/z Uhr, in BartschS Frstsälen, Hermannstraße 49, großer Saal: Cenersl-Verssmmlung. Tagesordnung: 1. Verwaltungsbericht vom letzten Geschäftsjahr. 2. 8ltlsstell>tng'des Voranschlages für das Jahr 1913/14. 3. Wahlen: a) Vorstand; b) Revisoren; c) Verwaltungsrat. 4. Verschiedenes. VW Mitgliedskarte legitimiert.-Wlg Ehefrauen von Mitgliedern haben als Gäste Zutritt. 287/S Der Vorstand. 99 Berolina" Vliesenleger Prodnk tiv genossenschatt Eingetragene Genoffenschast mit be- schränkter Haftpflicht. Schöneberg, Sachsendamm 44. Nachtrags-Bekauutmachung zur Bilauz per 31. Dezember 1912. Die Hastsumme sowie Genossen- chastZantcil-Konto haben sich im Lause zes Jahres um 2250 Mark vermehrt. Di Haftsumme beträgt Ende 1912 5750 Mark. 100/2 Der Vorstand. Helnr. Huxhold. Wilh. WBsthof. Spezialarzt1 und Syphilis. Ehrlich-Hat für Harnleiden .... Syphilis. Ehrlich-Hata-Kuren. Blutuntersuchung. Sohnelle, sichere Heilung. Maß. Preise.' Dr. med. WockenfuB, Fnednchstr. 125, Oranienb.Tor. Spr.8-8, Sonnt. 8-9. t Gneisen austraße 10, 2 8. Gran, billigste u. beste Bezugsquelle für* � SÄ öbel jeder jlrif * Kassa und Teilzahlung. � Ziveigverein Berlin. Sektion der Gips- und Zementbranche. Montag, den 14. Juli, abends 8'/, Uhr, bei Wille, Sebastianstraste 39: W Versammlung"MW Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht vom zweiten Quartal. 2. Sektionsangelegenheiten. »��»»»� Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch aller im Gips- und Betoirbaugewerbe beschäftigten Kollegen erwartet mit kollegialem Gruß 143/15» _ Der Scktionsvorftand. I. A.: Faul Hähne. 1» -I Verwaltung Berlin. Kisten- und Koffernmcher. Dienstag, den IS. Jnli, abends 8(Ihr, im I-okal von Boeker, Weberstr. 17: Branchen- V crfammlung. Tagesordnung: Vortrag über.Die Bolksfiirsorge». Reserent: Kollege W. Nitschke. Verbandsangelegenheiten. 3. Branchenangclcgenheiten und Wahl von Kommissionsmitgliedern und des Obmanns. Hie Kollegen werden ersucht, auch ihre Frauen mitzubringen. 85/17___ Die Ortsverwaltnng. n tsi Märkischer Hof Admiralstr. 18c. Moritzpl. 4594. sonnt!: Großer Bagg. Empfehle meine Säle zu Versamm» lungen u.Vereinsfestlichkeiten. Einige Sonnabende im Juli u. August unter bekannt kulant. Bedingungen z. vergeb. s. Haut-, Harn-, Frauenleiden. nerv. Schwäche, Beinkranke jeder Art, Ehrlich Hata- Kuren in llk. Horneyer V Untersuchung., Fäden i. Harn usw. Irotoiisl,. 81, Spr. 10—2, 5—9, Sonnt. 11—2. Honorar mäßig, auch Teilzahl. Separates Damenzimmer. tZarllinenliaus Bernhard Schwartz Erstkl. Bezugsquelle sür Gardinen, Portieren, Teppiche WsIIstr, 13- Spindlershof: Qelegenh.-Posten s. billig! Mittwoch, den 16. Juli 1913, abends S1/- Uhr, bei Boeker, Wederstraste 17: General- Versammlung. 2. Vortrag über: in Deutschland". Tagesordnung: 1. Kassen- und Geschäftsbericht pro 2. Quartal. .Die Arbeiterschaft und der Geburtenrückgang Referent: Dr. Moses. 3. Verschiedenes. Kollegen und Kolleginnen I In Anbetracht der emment wichtigen Tagesordnung erwartet vollzähliges Erscheinen 159/10 Die Ortsverwaltnng. Zar Beachtung! Am Sonnabend, den 19. Juli, findet im Elhsium, Landsberger Allee 41, das Sommerfest des Verbandes statt. Eintritt 20 Ps. Zlnsang 4 Uhr. Bn. Sirnrnel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. PrinzenslF. 41, Ä* 10— 2. 5— 7. Sonntags 10— 12. c/trihe/t�e/r- StAta dtfeff Reiseführer, Wanderkarten und Bücher, Kursbücher hält stets am Lager Buchhandlung Vorwärts liindenstr. 69. i. Baer SädStf.�Spriifz!- Alles ystife Herren- und Knaben- l Jrr4 Moden, Berufskleidung. Li Paletots. Großes Stofllaner zur Anferti- gung nach MaB. Aller« billigste streng feste Preise. LerantwortliKer Redakteuri Albert Wachs, Berlin. Für den Lnjeratenteil veranuo.: TH.Givcke, Berlin. Druck»,«erlag: Borwärt» Luchdruckerei u.«erlagsanftalt Paul Singer u. Co., Berlins� Nr,l76. 30. Iahrgasg. I KilU ki Jotmitff fierlin« Bnlblilnlt. Aovvtils, 13. M Wk3. Bürgerliche Jugendliteratur. n. Jugendpflege. Alte und neue Wege zur Förderung unserer schul- entlassenen Jugend. Herausgegeben vom Hcruprausschutz für Jugendpflege in Charlottenburg. Eugen Diederichs Verlag in Jena 1912. Preis 3 M. Das Buch enthält die Vorträge, die in einem von der Pots- dsmer Regierung angesetzten bürgerlichen Ausbildungskursus für Jugendpflege gehalten worden sind. Die Ausführung lag in den Händen des Charlottenburger Magistrats und des Charlottenburger Hauptausschusses für Jugendpflege. Heber 200 Zuhörer, meistens aus den Gemeinden des Regierungsbezirks Potsdam, nahmen an dem Kursus teil. In dem Vorwort des Buches wird mit besonderem stolze darauf hingewiesen, daß„die verschiedensten Richtungen der �öerncn Jugendpflege: evangelische Jugendvereine, katholische Jünglingsvereine, konfessionelle Jugendklubs, Fortbildungsschul- vereine, Turnvereine" zu Wort gekommen sind. Es handelte sich also innerlich und äußerlich um das Sammelsurium, das sich unter dem Stichwort der„staatlichen Jugendpflege" zusammenfindet So trenig es für diese künstlich und aus unsachlichen Motiven hervor- gerufene Bewegung bis jetzt eine einheitliche Ideologie und gleiche Ziele und Mittel gibt— wahrscheinlich wird es zu dieser Einheit- lichkeit niemals kommen— wie in der staatlichen Jugendpflege über Rächt und oft genug wider Willen der abstoßendste und subalternste Politiker vom Schlage des Reichsverbandes mit dem ernsten, aber etwas weltftemden Menschenfteund in denselben Stall gesperrt tvorden ist, so ist auch das Buch mit den Vorträgen des Ausbildungs- kursus nicht einheitlich. Das wüste Geschimpf des geistlosen So- zialistenfeindcs findet sich zwar nicht darin, eher herrscht hier und da eine gewisse wissenschastlich-objektive Schwerfälligkeit vor und die Arroganz des bürgerlichen Intellektuellen, der, endlich mit der Rase aus das Jugendlichenproblem gestoßen, sich nunmehr sofort einbildet, er wisse alles besser als der proletarische Vater, obwohl dieser schon seit langem praktisch mit dem Problem ringt und es neuerdings auch theoretisch zu meistern sucht. Und die Arbeiterklasse als Ganzes bedarf für ihre Jugendpflege auch nicht der wohl- wollenden Führuirg von Pastoren, Doktoren und Generälen, die Arbeiterklasse hat in jahrzehntelangem, unter den schwierigsten Ver- Hältnissen geführten Kampfe gezeigt, daß sie weiß, wie Kulturauf- gaben angepackt und ihrer Lösung näher gebracht werden müssen. Im einzelnen enthält das Buch brauchbare Fingerzeige und Rat« schlüge. Was Sander, ein Fortbildungs- und Handelsschullehrer in Charlottenburg, aus seiner Praxis der Jugendpflege an der Fortbildungsschule mitteilt, werden auch proletarische Jugendpfleger mit Interesse und Rutzen lesen. Lesenswerte Beiträge sind auch die Vorträge von Bcrthold Knetsch über Musik und Jugendpflege, von Fritz über Jugendlektüre, von Kaup über die Hygiene des Jüngling- alters und einige ander«, so daß das Buch sich für die Handbibliothek der Mitglieder von proletarischen Jugendausschüssen eignet. Die Arbeiterjugendbewegung wird zwar falsch beurteilt oder ignoriert, aber man kann auch von einem Dornstrauch keine Feigen ernten. Jugendpflege im Lichte der katholischen Lebensauffassung. Ein Wort der Liebe und Sorge, den Eltern und Freunden der Schulentlassung gewidmet von Dr. Adolf Bertram, Bischof von HildeSheim. Erstes Heft der Beiträge zur Jüng- lingspädagogik und Jugendpflege. Verlag des Generalsekre- tariats des Verbandes der katholischen Jünglingsvereinigun- gen Deutschlands. Düsseldorf. 40 Pf. Tie Schrift gibt einen lehrreichen Einblick in den Geist der katholischen Jugendpflege. Wer wenig von der katholischen Welt- arsschauung und ihrer Propaganda kennt, kann sie aus dieser bischöflichen Sonntagnachmittagspredigt ein wenig kennen lernen. „Christi Lehre, Christi Gebote und Christi Einrichtungen sind die Richtlinien aller gesunden christlichen Jugendpflege. Das ist der grundlegende>satz der katholischen Lebensauffassung. An diesem Grundsatze scheiden sich die Wege der konfessionellen, christlichen Jugendpflege und die Wege derjenigen Richtungen in der weltlichen Jugendpflege, die der christlichen Jugendbildung ablehnend gegen- überstehen." Dieser Gegensatz wird von dem Verfasser öfter be- rührt. Ihn kränkt augenscheinlich der Fortgang der intierkonfessio- ncllcn Jugendpflege. Er kann sie zwar nicht völlig ablehnen, denn sie wird staatlich gefördert. Aber ihren relativen Wert erkennt er doch nur mit süßsaurer Miene an. Sein Gesicht wird dagegen sofort eitel Freude und breite Wonne, sobald er sich der katholischen Jugendbewegung zuwendet. Nur der Jüngling ist gut aufgehoben, der sich einem katholischen Jugendverein anschließt. Alle anderen sind der Gefahr der Verführung ausgesetzt. Alles wird in dem süßlich-salbadernden Tone des amtierenden Priesters vorgetragen, so daß man froh ist. wenn man das Buch zu Ende gelesen hat. Jugendpflege. Von I. Tcws. 454. Heft des Päd. Magazin. Langensalza. Hermann Beyer u. Söhne. 191t. 25 Pf. Auf knappen 12 Seiten erörtert der bekannte liberale Schul- Politiker das Problem im bekannten liberalen Einerscits-Anderer- seits. Eigentlich hält er die neue Art der Jugendpflege mit dkr staatlichen Millionenhilfe weder für nötig noch für richtig. Er bestreitet mit Recht, daß die heutige Jugend verwilderter sei als die Jugend früherer Zeiten, er bestreitet die Gefahren, die angeblich aus sozialdemokratischen Jugendorganisationen für den Staat er- wachsen, er sagt zutreffend, daß der Staat lieber Millionen für sein mangelhaftes, staatliches Schulwesen, als eine Million für „Veranstaltungen Dritter" ausgeben solle. Aber er findet doch keine klare und nergische Stellung gegen den parteipolitischen Schwindel der staatlichen Jugendpflege, und gegen die sozialdemokratische Jugendbewegung hegt er neben vernünftigen Anschauungen naive und spaßige Vorurteile. Auch für ihn bedeutet sie in gewisser Be- Ziehung„eine Gefahr für die bestehende staatliche und gescllschaft. liehe Ordnung." Ein liberaler Politiker bleibt eben stets auf halbem Wege stehen. Die Gedankenwelt der modernen Arbeiterjugend. Eine Belench- tung der roten Jugendbewegung von W. I l g e n st e i n. 1912. Vaterländische Verlags- und Kunstanstalt, Bcr- ltn SW. 61, Johanniterstr. 6. Preis 1,60 M. Das Buch ist der Katechismus aller Gegner der proletarischen Jugendbewegung, die diesen wichtigen Kulturfaktor aus Neigung und intellektueller Bequemlichkeit nicht anders als mit den Schmutzmethoden des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozraldenwkratle anzufassen wissen. Das Buch ist ein er- schreckendes Beispiel für den geistigen Tiefstand und die geistige Bedürsni-'Iosig.cit jener Sorte Gegner. Man sagt wohl kaum zuviel, wenn man behauptet, daß der Verfasser der Schrift die Dokumente für ote wirkliche Gedankenwelt der Arbeiterjugend, die tatsächlichen wie oic literarischen Dokumente, niemals mit seinen leiblichen und geistigen Augen geschaut hat. Soweit der Herr tJlgenstein, seines Zeichens Inspektor der Berliner Stadtmission, Gedanken bei seiner Arbeit gehabt hat, waren sie lediglich darauf gerichtet, Gedanken anderer Leute, die sich mit der Arbeiter- jugend im guten oder bösen beschäftigt haben, zu einem möglichst dicken Buch zu vereinigen. Die inhaltlich dürftigen Lesefrüchte des Herrn Jlgenstein, die er aus der Lektüre arbeiterfeindlicher Zeitungen, Zeitschriften, Flugschriften, Bücher und Kalender bei- läusig geerntet hat, hat er mit Lesefrüchten aus sozialdemokrati- schen Schriften, Flugblättern, Protokollen bunt durcheinander gemischt wie die Karten bei einem Kartenspiel; und das krause Durcheinander wiro dann durch die gedankenarme, in klatschenden Schlagwörtern schwelgende Sprache des untergeordneten und haß- erfüllten politischen Fanatikers notdürftig miteinander verbunden. Wer in der Arbeiterbewegung im allgemeinen und in der prole- tarischen Jugendbewegung im besonderen lediglich das teuflische Werk gemeiner Subjekte sieht, wird in Jlgensteins Schmähschrift eine wertvolle Unterstützung seiner Ansicht begrüßen. Jeder ernst denkende Gegner aber, jeder Mensch, der für gesellschaftliche Er- scheinungen nach gesellschaftlichen Ursachen forscht, wird das Buch als wertlose literarische Spreu in den Papierkorb werfen. Der Jngendprüses. Persönliche Voraussetzungen im Präses zur Lösung der Aufgaben eines Jünglingsvereins von Pro- fessor G. Lenhart, Diözesanpräses der katholischen Jugendvereinigungen des Bistums Mainz. Zweites Heft der Beiträge zur Jünglingspädagogik und Jugendpflege. Verlag des Generalsekretärs der katholischen Jünglingsvereinigungen Deutschlands. Düsseldorf. 30 Pf. Ein Büchlein, das auch proletarische Jugendpfleger mit In- teresse und Gewinn lesen werden. Es ist zwar von einem katho- lischen Priester zugunsten der katholischen Jugendbewegung gc- schrieben. Aber die katholische Weltanschauung tritt nicht herrisch in den Vordergrund, sondern sie hält sich vorsichtig zurück. Die Hauptsache bilden wertvolle Anregungen für die Behandlung der Jugendlichen. Man spürt es jedem Worte des Verfassers an, daß er mitten in der Praxis der Jugendbewegung steht, und daß er weiß, wie Jugendliche behandelt werden müssen. Man wird nicht alles unterschreiben. Aber viele Raischläge können ohne weiteres von proletarischen Jugendausschüssen beherzigt werden. Die wich- tigste Eigenschaft eines Jugendleiters ist für den Verfasser die Fähigkeit, sich das Vertrauen der Jugendlichen zu erwerben. Eine Autorität habe nur Wert, wenn sie aus dem Vertrauen empor- wachse. Er lehnt auch die Forderung ab, die Jungen hätten einfach zu parieren.„Ich antworte darauf: Eben das ist unter den heu- tigen Verhältnissen zuviel verlangt." Das sind tveitherzige Aw- schauungen, wie man sie bei einem katholischen Geistlichen nicht erwartet. Sie lassen aber begreiflich erscheinen, warum viele katho- tische Jünglingsvereine ihre Mitglieder so fest an sich fesseln. Im Jugendheim. Herausgegeben in zwangloser Heftfolge von Max Niedurny. Berlin. Verlag von Franz Goerlich. Bisher sind erschienen: Zu den Waffen! Stoffe zu einer Gedächtnisfeier für den Freiheitssänger E. M. Arndt und zur Erinnerung an die Befreiungskriege 1813— 15. 50 Pf. Fröhliche Gesellen. Eine Sammlung von heiteren Gedichten zum Vortragen und Vorlesen in Jugendheimen und ähnlichen Vereinigungen. 1,25 M. Gut Freund! Eine Sammlung von ernsten Gedichten � zum Vortragen usw. 1,50 M. Aus der Vortragsmappe. Ausführungen und An- deutungen zu belehrenden Vorträgen. 1 M. Das Ganze ist eine Spekulation auf die fetten finanziellen Hintergründe der staatlichen Jugendpflege. In Eile sind die vier Bücher zusammengestoppelt worden, die Ausstattung ist dürftig, so daß Herausgeber und Verleger bei den hohen Preisen schon zu ihrem Gelde kommen werden. Am erträglichsten sind die beiden Bände, in denen der Herausgeber am wenigsten„Einiges" gibt: die zwei Gedichtsammlungen. Die meisten Gedichte sind von bekannten Autoren, besonders Kopisch ist stark vertreten. Die Auswahl ist aber ohne feineren Geschmack erfolgt und die Zusammenstellung taugt auch nichts, so daß beide Sammlungen für die Arbeiter- jugend nicht zu empfehlen sind. Völlig wertlos sind die anderen beiden Heftchen. Von dem eigentlichen Arndt erfährt man so gut wie nichts, man könnte ihn nach Herrn Niedurny für den ersten besten byzantinischen Bänkelsänger halten. Die„Andeutungen" zu „belehrenden" Vorträgen sind zum größten Teile servile untertänig- lobhudelnde Anekdoten über die Kaiscrfamilic. Das übrige taugt auch nichts. Aber es zeigt wenigstens, wie„unpolitisch" es in den bürgerlichen Jugendheimen zugeht. Wenn in den Zusammenkünften junger Arbeiter nur der zehnte Teil der Politik getrieben würde, für die der Herausgeber des Heftes den bürgerlichen Jugendheim- leuten„Ausführungen und Andeutungen" gibt, würden sie noch zehnmal mehr als heute von Polizei und Gerichten geschurigelt werden. Heinrich Schulz. 2ur Buswanderung nach Kanada. In der Zeit der Krise finden jene Stimmen leicht Gehör, die die Arbeitslosen zur Auswanderung nach anderen Ländern zu ver- anlassen suchen. In den letzten Jahren sind von Berlin zahlreiche Personen ausgewandert in der Hoffnung, anderweitig ein besseres Dasein sich zu schaffen. Manche haben Glück gehabt, viele aber Unglück. Speziell diejenigen, die nach Brasilien gegangen sind, haben mit äußerst schlechten Verhältnissen kämpfen müssen, und so mancher ist unter der Last der Mühen und unter Krankheit zusammen- gebrochen und elend umgekommen. Für Personen, die beabsichligen sollten, nach Kanada zu geben, sind einige Informationen erwünscht, die uns über die dortigen Verhältnisse gemacht werden. Von der deutschen sozial- demokratischen Gruppe in Winnipeg in Kanada geht uns ein Schreiben zu, dem wir folgendes über die dortigen Zustände ent- nehmen: „Die Dominion sProvinzialbund) von Kanada besteht aus nenn Provinzen und fünf unorganisierten Territorien und liegt nördlich von den Vereinigten Staaten. Kanada ist eine britische Kolonie mit einerReichs- regierung in Ottawa, auch hat jede Provinz eine Lokalregiernng. Zu Reichs- und Provinsial-Parlamentswohlen hat jeder männliche britische Untertan das Wahlrecht. Es stehen sich immer zwei Parteien gegen- über, von denen jede um die Regierung kämpft. Wer die Mehrheit hat, kommt ans Ruder. Es ist deshalb kein Wunder, wenn die Kämpfe unter gröbsten Wahlbeeinflussungen vor sich gehen. Die Arbeiterklasse hat als solche bis jetzt— mit nur wenigen AuS- nahmen— noch nicht versucht, ihre eigenen Vertreter ins Parlament zu senden; sie überläßt die Politik der Kapitalistenklasse, welche es natürlich versteht, diese sich für ihre eigenen Interessen auszunützen. Der kanadische Durchschnittsarbeiter ist für Politik nicht zu haben. zu viel von der Gier nach dem Dollar angesteckt, um sich mit Arbeiterpolitik zu befassen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse haben aber auch hier bereits einen Teil der Arbeiterklasse aufgerüttelt. Es existiert durchs ganze Land eine sozialdemokratische Partei mit etwa 6000 Mitgliedern. Bis jetzt besteht die große Mehrzahl der Parteimitglied«: noch aus eingewanderten Europäern und setzt sich zusammen aus englischen, russischen, lettischen, jüdischen, polnischen, finnischen, ruthenischen Arbeitern und der hiesigen deutschen Sprachgruppe. Gewerkschaftlich ist ein Zwölftel— 160 000— der Arbeiterklasse organisiert. Die Leitung befindet sich hier meist in Händen von rückschrittlichen Führern, und ist Politik innerhalb der Organisation ausgeschlossen. Die europäische Einwanderung zieht sich besonders nach Winnipeg und den drei westlichen Prärieprovinzen Manitoba, Saskatchewan und Alberto, welche eine Fläche von zirka 1700 Kilometern Länge und 1400 Kilometern Breite umfassen und ausschließlich nur für Land- Wirtschaft geeignet sind. Um nun diese große Fläche zu kultivieren, gibt die Regierung an jeden Mann über 13 Jahre alt(auch Wtiweni, welche sich der Landwirtschaft widmen wollen, eine Heimstätte von 160 Acker— 64 Hektar frei ab. nur sind 10 Dollar Einschreibe- gebühren zu entrichten. Nach dreijährigem Wohnsitze auf dem Lande und unter gewissen Verpflichtungen wird der Ansiedler Besitzer des Landes. Was nützt einem aber alles Land, wenn man nicht die Mittel besitzt, Haus. Vieh und Ackergeräte zu kaufen? Und ohne letzteres kann man sein Leben auf dem Lande nicht fristen. Für den kleinsten Anfang sind 2000 M. noch herzlich wenig(ausgenommen. man verdient sich hier erst Erfahrung und Geld). Auch sind die klimatischen Verhältnisse zu berücksichtigen, der Winter dauert zirka fünf Monate und ist sehr streng.; Die Folgen der internationalen Geldknappheit sind auch hier fühlbar und es herrscht deshalb auch hier viel Arbeitslosigkeit. Dieses sollten die Europamüden nicht vergessen, denn eS sind gerade die Neuankömmlinge und der englischen Sprache Unkundige, welche unter diesen Verhältnissen am meisten zu leiden haben. Die Industrie ist hier noch in den Anfängen. Die kapitalistische Ausbeutung der Arbeiter ist auch hier ebenso rücksichtslos und brutal wie in der alten Welt, ohne jegliche Kranken- und Alters- fürsorge. Für auswandernde Familien ist es ratsam, wenn der Manu erst allein hinausgeht und sich mit den Verhältnissen etwas bekannt macht, außerdem es sind Bekannte hier, an die man sich wenden kann." » Auf Ersuchen teilen wir mit, daß die deutschen Genossen in Wimipeg sich jeden ersten und dritten Sonntag im Monat abends 8 Uhr und jeden vierten Sonntag, nachmittags 3 Uhr, in ihrem Parteilokale, 213 Janisave, versammeln. Achter ordentlicher Uerbaudstag des Nerbnndes der freien Gast- nnd Schankwirte Aevtschlands. Vom 7. bis 14. Juli tagte der achte ordentliche Verbandstag des Verbandes der freien Gast- und Schankwirte in B r e m e n. Es waren 88 Delegierten antvesend. Ferner nahm eine Delegation des „Gewerbevereins Nürnberger Gastwirte" an den Verhandlungen teil. Nach dem Geschäftsbericht ist die Zahl der Mitglieder im letzten Jahre von 6410 auf 7944 gc- stiegen. Die Hauptkasse hatte im Berichtsjahre eine Mehreinnahme von 33 406,64 M., das Gesamtvermögen betrug 195 310,38 M. Die Auflage des Verbandsorgans„Freier Gastwirt" stieg im letzten Jahre von 7100 auf 10 000 Exemplare. Der Verband verfügt heute über 122 Verwaltungsstellen; eine Verwaltungsstelle löste sich im letzten Geschäftsjahre auf, 16 Verwaltungsstellen kamen neu hinzu. An Unterstützungen wurden in der Berichtsperiode ausbezahlt: Sterbeunterstützung 21 510 M., Notstandsunterstützung 5375 M. und für Rechtsschutz 10 974,96 M. Der Vorsitzende Litfin(Berlin) verweist in seinem allge- meinen Bericht auf die vielen Polizeischikanen, unter denen die Wirte zu leiden hatten. Die Polizeibehörde der Stadt Witten- berg a. E. habe eine Verfügung erlassen, Ivonach den Wirten die Verpflichtung auferlegt worden sei, ihre Lokale im Sommer nicht vor 7 Uhr und im Winter nicht vor 8 Uhr morgens zu öffnen. Trotzdem das preußische Kammergericht diese Verfügung für nn- gültig erklärt habe, wurde sie stets wieder gegen die Wirte in An- wendung gebracht. Aehnlichc Zustände herrschten in Stettin und Danzig. Die im Reichstage stattgefundene Debatte über den Mili tärboykott habe den Wirten ein ausgezeichnetes Material geliefert. General v. Wandel sei bei der Debatte gezwungen tvorden, ein Schreiben des Deutschen Gastwirtsverbandes zu verlesen, aus dem hervorgehe, daß dieser Verband sich wohl gegen den Militärboykolt erklärt habe, aber nicht so weitgehe, daß auch diejenigen Wirte davon verschont werden sollen, bei denen ausschließlich Sozialdemo kraten verkehren. Eine wertvolle Bestimmung habe die Stadt Gera in ihrem Ortsstatut aufgenommen. Danach würden die Wirte von einer militärischen Einquartierung verschont, über deren Loka! der Militärboykott verhängt worden sei. Die sozialdemokratischen Gemeindevertrcter seien überall zu bitten, dafür einzutreten, daß einer gleichen Bestimmung in allen Gemeinden Geltung verschafft werde. Den Bericht der Kontrollkommission gab G e r i ck e(Ham- bürg). Eine Beschwerde der Kölner Mitglieder gegen den Ver bandsvorsitzenden wurde als unberechtigt befunden. Den Anlaß zu dieser Beschwerde habe die Ausstellung der Kölner Verwal- tungsstelle gegeben. Es sei an der Zeit, daß der Verbandstag ein- mal mit dem Ansftellungsunwesen aufräume. Der Antrag der Kommission, dem gesamten Vorstande Decharge zu erteilen, wurde nach Schluß der Diskussion einstimmig angenommen. In der mehrstündigen Debatte wurde von den Rednern na- mentlich auf die örtlichen Verhältnisse bezug genommen. Der Ver- bandstag genehmigte dann einstimmig eine Resolution, wonach er mit Entrüstung von dem diktatorischen Vorgehen des Schutzver- bandes der vereinigten Brauereien Nürnberg-Fürth Kenntnis nimmt, das derselbe in der Frage des Schaummatzes einnimmt. Der Verbandstag betrachtet den Kampf der bayrischen Kollegen gegen das Braukapital als eine Wachtfrage und spricht ihnen seine vollste Sympathie aus. Der Vcrbandstag stimmte auch einem An- trage der Verwaltungsstelle Leipzig zu, wonach der Hauptvorstand beauftragt wird, dem nächsten Verbandstage eine Denkschrift treffend die Einführung einer Krankenversicherung für die Mit. glieder und deren Angehörige vorzulegen. Zugleich wurden 600 M. für lue Erledigung dieser Arbeiten bewilligt. In die" Statutenberatungskommission wurden gewählt: Matthes(Berlin:, Obst(Schöneberg), Dietze(Leipzig), Grönwald(Hamburg), E m m e r(Halle), O b i g I o(Berlin), Gerstmever(Bremerhaven), Gebhard iNürnberg), Brand (Frankfurt a. M.). In die Veschwcrdckommission wählte der Ver- bandstag: P r i c t s ch(Berlin), N ü n d e l(Gera), C o u r c de l (Mainz), E m m e r(Halle) und Wi l k(Stettin). Ueber die. allgemeine Lage im Wirtsgewcrbc Deutschland? referierte Redakteur Richard A iehle(Berlin). Den Wirten wird M,.... die Existenz ganz besonders durch die Belastungen erschwert, die Nach der Arbeitszeit interessiert er sich für Sport; er ist auch viel! ihnen vom Reiche und Staate auserlegt worden sind. Infolge der Teuerung gehen die Einnahmen her Wirte Ben Tag'zu Tag Mrück. Es gibt 36 verschiedene Steuern von denen da» Gastwirtsgewerbe betroffen wird. Dazu werden die Wirte von den Brauereien zum Abschluh von Verträgen gezwungen, die manchmal an Erpressung grenzen. Mit Bittgesuchen und Petitionen werden die Wirte ihre Lage nicht verbessern, das wird auch weder durch Gastwirtskammern noch durch Fachausschüsse erreicht. Protest muß der Verband ein- legen gegen die Petition, die der Reichsverband für das Gastwirts- aewerbe wegen der Aenderung des 8 33 der Gewerbordnung dem Reichstage unterbreitet hat. Dieser Verband fordert, daß man nur solchen Kollegen die Konzession erteilen soll, die das Gewerbe„ein- wandfrci" geführt und gelernt haben. Wie kann man nur von einer Polizei erwarten, daß sie objektiv beurteilt, wer sein Getverbc einwandsfrei geführt hat? Und wenn die Reichsverbändler von der Regierung fordern, daß man auch nur solchen Kollegen die Kon- Zession erteilen soll, die ein eigenes Vermögen nachweisen, so wird dadurch Zehntausenden von Kollegen die Existenz untergraben. Die freien Gastwirte müssen dafür sorgen, daß in die Gewerbeordnung Bestimmungen aufgenommen werden, wonach den Behörden die Form vorgeschrieben wird, nach der sie Konzessionen zu erteilen haben.— Die Ausführungen der Diskussionsredner bewegten sich im wesentlichen im Sinne des Referats. Der Vcrbandstag beschloß in namentlicher Abstimmung mit 70 gegen 17 Stimmen, den„Gewerbeverein Nürnberger Gastwirte" als Mitglied des Verbandes aufzunehmen. Der genannte Verein zählt gegenwärtig 700 Mitglieder. Das vorhandene Vermögen bleibt Eigentum der Zahlstelle Nürnberg, um die lokalen Angelegen- hciten zu regeln. Der Verein wird unter dem Namen„Gewerbe- verein Nürnberg, Mitgliedschaft des Verbandes der freien Gast- und Schankwirte Deutschlands" dem Verbände angeschlossen. Li t f i n(Berlin) referiert über die Haftpflichtversicherung im Verband. Es liegen hierzu eine Reihe Anträge vor. Diese Anträge sind nach Ansicht des Referenten nicht annehmbar. Es sei nicht möglich, eine solche Einrichtung im Verband zu schaffen. Außerhalb des Verbandes könne die Versicherung deshalb nicht geschaffen werden, weil es nicht möglich sei, das nötige Kapital aufzubringen. Bei der Mannheimer Versicherung— mit der der Verband einen Vertrag geschlossen hat— wird für jedes Mitglied der Beitrag vierteljähr- lich im voraus bezahlt. Dadurch scheide die Möglichkeit aus,-daß ein Mitglied in Verzug komme, weil die Police nicht bezahlt sei. Gegen einen jährlichen Beitrag von 7,20 M. seien die Verbands- Mitglieder gegen jeden Schaden versichert, der ihnen zustoße. Bei keiner andern Versicherung sei es möglich, sich so vorteilhaft zu der- sichern. Von den Verbandsmitgliedern hat sich bis jetzt nur ein Bruchteil der Versicherung angeschlossen. Aus diesem Grunde er- sucht der Referent die Delegierten, in allen Verwaltungsstellen die Mitglieder aufzuklären, die Gefahren seien für den Gastwirt größer, als er glaube. Es sei ein beruhigendes Gefühl für einen Wirt, wenn er sich sagen könne, in meinem Lokal kann passieren was will, ich bin versichert.< Bei der Abstimmung werden alle in dieser Sache gestellten Anträge dem Vorstande überwiesen. Angenommen wird folgende Resolution: „Der 8. ordentliche Verbandstag in Bremen beschließt, um den Kampf zwischen den Nürnberger Brauereien und dem WirtS- gewerbe wirksam zu unterstützen, alle Verloaltungsstellen aufzu- fordern, dahin zu wirken, daß, bis die Frage geklärt ist, das Bier der Brauereien von Nürnberg-Fürth in ihren Wirtschaften nicht zum Ausschank kommt." Ueber den gemeinschaftlichen Warenbezug referiert Franke(Berlin). Der Redner muß sich im wesentlichen auf die Berliner Verhältnisse beschränken, weil die Großeinkaufs- kommission über die Verhältnisse in den anderen VerwaltungS- stellen nicht genügend orientiert worden ist. In Berlin haben die Mitglieder auS dem gemeinschaftlichen Warenbezug hohe Gewinne herausgeholt; sie wurden dadurch in die Lage versetzt, 10 bis 15 Prozent billiger zu kaufen. Der gesamte Umsatz betrug 300 000 Mark. Redner bittet die Delegierten, dafür einzutreten, daß sich die Verwaltungsstellen künftig in größerem Maße an dem gemein. samen Einkauf beteiligten. Ein Beschluß wird in dieser Sache nicht gefaßt. ES wird dann zu den allgemeinen Anträgen Stellung genommen. Ueber den Antrag einer Anzahl Verwal- tungSstellen, den VerbaudStag alle zwei Jahre stattfinden zu lassen, wird namentlich abgestimmt. Der Antrag wird mit 65 gegen 23 Stimmen abgelehnt. Es bleibt demnach bei dem alten Zustand, wonach die Verbandstage alljährlich stattfinden. Abgelehnt wird mit derselben Stimmenzahl ein Antrag, die Verbandstagsdiäten von 15 M. auf 20 M. zu erhöhen. Auch diese Abstimmung war eine namentliche. Alle vom Hauptvorstand gestellten Anträge werden angenommen. Außerdem stimmt der Verbandstag einem Antrage der Verwaltungsstelle Altona zum Z 11 zu, wonach neben der Erlassung die Beiträge auch gestundet werden können. Die übrigen zum Statut gestellten Anträge werden abgelehnt. Hier- nach wird die Rechtsschutzordnung mit einigen vom Vorstande be- antragten Aenderungen genehmigt. Es wird sodann mit großer Majorität beschlossen, den nächsten Verbandstag in Nürnberg stattfinden zu lassen. Der Vorsitzende L i t s i n und der Hauptkassierer G i e n k e werden einstimmig wiedergewählt. Die Kontrollkommission soll auch im kommenden Jahre ihren Sitz in Hamburg haben. jfiigenäbexvegiing. Eine verpuffte Staatsaktion. Als im April dieses Jahres in dem Städtchen Brehna bei Bitterfeld die erste öffentliche Jugendversammlung stattfand, schloß der Bürgermeister ohne weiteres den politischen Charakter der Ver» sammlung daraus, daß ein sozialdemokratischer Redakteur das Thema: „Die wahren und die falschen Freunde der arbeitenden Jugend" in dem„sozialdemokratischen" Lokal des Ortes behandeln wollte. Der Polizeigewaltige schickte einen Polizisten und einen Gendarmen zur Ueberwachung und dann folgte in wenigen Tagen an den Redner, Genossen KaSpareck- Halle, ein Strafmandat, weil er die von ihm eröffnete politische Versammlung nicht angemeldet habe. Unser Genosse erhob Einspruch und in der Schöffengerichtsverhandlung zu Bitterfeld wollten Gendarm und Polizist das Politische der Versammlung wiederum damit beweisen, daß sie von Sozialdemokraten veranstaltet worden war. Sie fügten dem noch hinzu, der„Redner habe die Jugend von den Konservativen abzuhalten und der Sozialdemokratie zuzuführen" versucht. Die eifrigen Beamten muhten aber dann auf Befragen zugeben, daß die Worte Konservative und Sozialdemokraten gar nicht ge- braucht worden sind. Nach längeren Darlegungen über die AuS- legung deS Vereinsgesetzes und den Begriff Politik wurde der Be- klagte schließlich freigesprochen. Der Staatsanwalt legte je- doch Berufung ein. Die Strafkammer zu Halle sprach aber Ge. nassen Kaspareck wiederum frei, wozu der Landgerichts- direktor Krüger in der Begründung bemerkenswerterweise unter anderem ausführte:„Es ist sehr wohl möglich, daß politische Vereinigungen unpolitische Zu. s a m m e n k ü n ft e v e r a n st a l t e n. Aus der Parteizugehörig. keit des Redners, dem Lokal und dem Thema das Politische der Versammlung so ohne weiteres zu folgern, seinicht angängig, und da dem Angeklagten bestimmte politische Aeuße- rungen nicht nachzuweisen waren, mußte(!) es bei dem Frei- spruch bleiben." �_ und kapitalkräftiger Persönlichkeiten erfreu?, beeilte sich die Leitung der Deutschen Turnerschaft, mit dem also geförderten neuen Bunde einen Pakt zu treffen. Ohne die Mitglieder zu fragen, wurden sie mit Kopf und Kragen dem Jungdeutschlandbunde angeschlossen. Für die jugendlichen Mitglieder beider Organisationen wurde sogar eine gemeinsame Zeitung herausgegeben: die � Jungdeutsch landpost", Das unerhört eigenmächtige Vorgehen der Leitung der Deutschen Turnerschaft rief in den Mitgliederkreisen eine Eni- rüstung hervor, die mit dem Heranreifen der Früchte jungdeutscher Erziehung stetig wuchs. Im gemütlichen Schwabenlande beschlossen 60 Vereine mit 12 000 Mitgliedern ihren Austritt aus der Deutschen Turnerschaft. Die teutschen Mannen in der Leitung waren ver- dutzt. Schließlich rafften sie sich auf, eine Beruhigungsaktion zu unternehmen. Auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung des Hauptausschusses der Deutschen Turnerschaft wurde als besonderer Punkt:„Das Verhältnis zum Jungdeutschlandbund" gesetzt. Am 11. Juli begann die Sitzung in Leipzig. Der Referent Stadtschul- rat Rühl glaubte, die Mißstimmung seiner Mitglieder dadurch zu dämpfen, indem er gegen den Jungdeutschlandband tüchtig vom Leder zog. Der Bund, so meinte er, habe derartige Anforderungen an die Turncrschaft gestellt, daß deren Mitglieder mit Recht an- nehmen konnten, sie ständen zum Bunde in einem Abhängigkeits- Verhältnis. AuS dem Jahresbericht des Bundes gehe auch hervor, daß der Bund die körperliche Ausbildung der Jugend nach der militärischen Seite hin pflegen wolle. Der Redner kam zu dem Schluß: das gegenwärtige Verhältnis kann nicht aufrechterhalten werden. Es sei eine gemeinsame Kon- ferenz der Vertreter der Turnerschaft und des Bundes in Aussicht genommen, in der die beiderseitigen Grenzen gezogen werden sollen. Auch der Vorsitzende Dr. G o e tz verstieg sich zu den mutig klingen- den Worten:„Wir sind frei von jeder Partcirücksicht und frei von Abhängigkeit nach oben und nach unten, während der Jung- deutschlandbund von oben geleitet wird." Wenn man weiß, daß Dr. Görtz zweiter Vorsitzender des Jung- deutschlandbundes ist, so muß man sich doch fragen, warum er die Wünsche seiner Turnmit�lieder nicht im Bunde zur Geltung bringt. ES bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist sein Vorsitzender- amt im Bunde nur eine Statistenrolle oder er bringt an der Seite des Generalfeldmarschalls a. D. v. d. Goltz nicht den Mut auf, die Wünsche seiner Auftraggeber zu vertreten. Tatsächlich haben wir noch nie vernommen, daß ihm in der Bundesleitung solch derbe Worte der Kritik über den Jungdeutschlandbund entfahren wären, wie er sie im Kreise der teutschen Turner anzuwenden beliebt. Diese scheinen sich dessen aber nicht einmal bewußt zu werden. Sonst würden sie sich mit ein paar schönen Worten ihres Ooetz, die doch billig sind wie Brombeeren, nicht immer wieder beruhigen lassen. Auch die Sitzung des Hauptausschusses beschloß, es vorläufig beim alten zu belassen und zunächst die Resultate der gemeinsamen Kon- ferenz abzuwarten. Die Mitglieder in der Deutschen Turnerschaft, die es mit ihrer Gegnerschaft zum Jungdeutschlandbund ehrlich meinen, sollten dem ewigen Komödienspiel ihrer kraft- und mutlosen Leitung durch Austritt aus der Deutschen Turnerschaft das längstverdiente Ende bereiten. GmcKts- Leitung. Was alles öffentliche Lustbarkeit sein kann. Der GastwirtSchubert in BreZlauhat in seinem Restaurant ein Kla- vier. Der Verlobte der Tochter des Wirtes machte dieser eines Tages das Vergnügen, ihr etwas auf dem Klavier vorzuspielen. ES waren noch zwei Stammgäste im Lokal anwesend. Wegen dieses Ohrenschmauses wurde der Wirt vom Magistrat Breslau zur LnstbarkritSsteuer herangezogen. Schubert klagte auf Freistellung und betonte, daß der Verlobte seiner Tochter mit seiner Kunstübung nur den Zweck ver- folgt habe, seiner Braut etwaS vorzuspielen. Er habe auch nur gespielt, weil das Lokal, abgesehen von zwei Stammgästen, voll- ständig leer gewesen sei. Der Bezirksausschust wieS jedoch die Klage ab und führte u. a. auS: Nach ihrem Wortlaut wolle die LustbarkeitSsteuerord- nung unter anderm alle öffentliche Lustbarkeiten besteuern, ganz gleichgültig, ob sie entgeltlich oder unentgeltlich seien. Unzweifel- Haft sei nun das Klavierspiel hier alS eine„Lustbarkeit" anzusehen, daS heißt als eine Veranstaltung zur Ergötzung oder Unterhaltung Es sei aber auch eine öffentliche Lustbarkeit gewesen. Und zwar deswegen, weil sie in einem jedermann zugänglichen Gastzimmer einer Gastwirtschaft stattgefunden habe, das für die fragliche Zeit nicht für eine geschlossene Gesellschaft reserviert gewesen sei. Ob dabei viel oder wenig Personen anwesend waren, sei gleichgültig. Und als„Veranstalter" der Lustbarkeit sei der Wirt anzusehen, weil er daS Klavier zur Benutzung jeder beliebigen Person in seinem Gastzimmer aufgestellt habe. Das Oberverwaltungsgericht hat die gegen dieS eigenartige Urteil eingelegte Revision verworfen! AlS paß er Die schwache Deutsche Turnerschaft. z der Jungdeutschlandbund gegründet war und es sich zeigte, sich einer liebevollen Unterstützung aller behördlichen Organe Aufgehobene Unterstellung einer Bereinsversammlung unter die Zensur. Der Gewerkschaftssekretär Schiller hatte dem Amtsvorsteher angezeigt, daß am 24. Januar 1913 in Kars bei Radzionkau das Faschingsvergnügen des OrtsvereinS Radzionkau der polnischen Berussvereinigung stattfinden werde, das mit der Aufführung eines Theaterstückes verbunden sei. Das Vergnügen werde sich aber aus einen geschlossenen Kreis bestimmter eingeladener Personen beschränken, also ein geschlossenes sein. Trotzdem verlangte der Amtsvorsteher die Einreichung des Stückes, dessen Aufführung geplant war, zur Zensur. Schiller wlgte der Aufforderung nicht, weil die Aufführungen von Theater- lücken in geschlossenen Gesellschaften nicht der Zensur unterliegen. Einer erneuten Aufforderung folgte er zwar, worauf der Amts- Vorsteher das Stück freigab, aber er focht die Verfügung, die die Einreichung gefordert hatte, im Verwaltungsstreitverfahren an. Der Landrat verwarf seine Beschwerde. Der Regierung»- Präsident zu Oppeln wies die weitere Beschwerde mit folgender „Begründung" zurück: Geschlossene Veranstaltungen unterlägen nicht der Anzeigepflicht. Daher habe der Amtsvorsteher aus der Anzeige trotz deS Vermerks, es werde eine geschlossene Veranstal- tung sein, annehmen können, daß man über den Rahmen einer geschlossenen Gesellschaft hinausgehen werde. Das komme öfter bei den polnischen Vereinen vor.— Aber auch bei Annahm« einer geschlossenen Gesellschaft hätte der Amtsvorsteher vorbeugend wirken können, und zwar aus§ 10 Teil 17 deS Allgemeinen Landrechts. wonach die Polizei die nötigen Borkehrungen zu treffen habe, zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit und zum Schutze des Publikums gegen bevorstehende Gefahren. Denn der Amts- Vorsteher hätte mit einer Störung der öffentlichen Ordnung, der Ordnung außerhalb der geschlossenen Gesellschaft rechnen können, deshalb, weil die von den Polen aufgeführten Stücke oft im Sinne der grotzpolnischen Agitation aufhetzend wirkten und diese Wir- kung sich im Anschluß an die Veranstaltung auf der Straße etc. außerhalb der geschlossenen Gesellschaft äußern könne. Deshalb hätte der Amtsvorsteher auf jeden Fall die Einreichung des Stückes fördern können. Das Obcrverwaltungsgericht hob am Donnerstag den Bescheid des Regierungspräsidenten auf und setzte die polizeiliche Verfügung, durch welch« die.Einreichung deS Stücke» gefordert wordig war. außer Kraft. Begründend wurde äuSgefühft, daß nach Annahme des Gerichts hier die tatsächlichen Voraussetzungen, welche die Polizei berechtigt haben würden, den Te*t des Stückes zur Zensur einzufordern, nicht vorlägen.— Das Obevverwaltungsgericht ist also den sonderbar gewagten und Hakatistischen Deduktionen des Regierungspräsidenten nicht gefolgt._ Ausarbeitungen unterhaltenden Inhalts. Gegen den Unfug der Ausdehnung des Urheberrechts hat airt Freitag das Reichsgericht in einem Einzelfalle sich gewendet. Der Redakteur Justus Schönthal, der Herausgeber der„Täglichen Korrespondenz", hatte in seiner Korrespondenz folgende zwei Be-> richte gebracht:„Das VmhrlichungszcugniS" uno„Ter Verse- kundige Bürgermeister". Beide Artikel hatten wahre Begeben-- heiten, Tagesneuigkeiten zum Inhalt, waren aber in eine humo- ristische und unterhaltende Form gekleidet. Beide Artikel waren in Zeitungen, die auf Schönthals Korrespondenz abonniert waren, erschienen. Der Redakteur des„Oberschlesischen Anzeigers" in Ratibor, Peterknecht, druckte die Artikel darauf aus jenen Zeitungen in seiner Zeitung ab. Dadurch sollte er sich, gegen den auf einen von Schönthal gestellten Strafantrag hin ein Strafverfahren einge- leitet wurde, gegen I 18 Abs. 2 des Gesetzes betreffend das Ur- heberrecht an Werken der Literatur und der Tonkunst vom 19. Juli 1901 vergangen haben. Dieser lautet:„Der Abdruck von Aus- arbeitungen wissenschaftlichen, technischen oder unterhaltenden In- Halts, ist, auch wenn ein Vorbehalt der Rechte fehlt, unzulässig." Das Gericht ist aber zur Freisprechung P.'S gelangt und hat gleichzeitig den Bußanspruch des als Nebenkläger zugelassenen Sch. abgelehnt. Es führte zur Begründung aus:„Daß die in Rede stehenden Artikel weder wissenschaftlichen noch technischen Inhalts sind, bedarf keiner Erörterung. Sie sind aber auch keine Aus- arbeitungen„unterhaltenden Inhalts" im Sinne des 8 18 Absatz 2 des genannten Gesetzes. Sie enthalten vielmehr lüiglich Nach- richten tatsächlichen Inhalts und TageSneuigkciten, die aus Zei- tungen oder Zeitschriften stets abgedruckt werden dürfen, gemäß der Bestimmung des Absatzes 3 desselben Paragraphen. Allerdings. so fagt das Urteil weiter, seien beide Artikel im gewissen Sinne auch unterhaltend, da Sch. die Tatsachen, die an sich schon deS unterhaltenden Charakters nicht entbehren, durch seine Darstel- i lungStveise noch besonders„ausgeschmückt" hat. Dadurch aber seien die Berichte noch nicht zu„Ausarbeitungen unterhaltenden Inhalts" im Sinne des Gesetzes geworden; ein direkter literarischer Wert, den daS Gesetz eben schützen wolle, sei ihnen nicht zuzu- sprechen. Gegen das freisprechende Urteil hatte die Staatsanwalt- schaft Revision eingelegt. DaS Reichsgericht erkannte einem Antrage der ReichSanivalt- schaft entsprechend auf Verwerfung der Revision. „Professor." Gegen den Naturhcilkunbigen„Professor" Paul Mistelskif hatte gestern wieder einmal das Schöffengericht Berlin-Mitte unter Vorsitz des AmtsgerichtSrats von TreSckow zu verhandeln. Der aus dem Strafgefängnis vorgeführte angebliche Professor der Uni- versität Chikago hatte sich wegen unbefugter Führung des Pro- fessortitels und Gewerbevergehens zu verantworten. Der Angeklagte verbüßt zurzeit eine ihm wegen fahrlässiges Körperverletzung, begangen durch die kurpfuscherische Behandlung einer Kranken, zuerkannten Gefängnisstrafe von 6 Monaten, die schon im Jahre 1909 gegen ih» verhängt worden war. Mistelskti verstand es dann, die Verbüßung dieser Strafe bis jetzt hinauszu- schieben und verschiedene Aerzte, darunter bekannte Autoritäten, ;u täuschen, so daß ihm attestiert wurde, daß er nicht haftfähig ei. Eine neuerliche unvermutet vorgenommene Untersuchung durch >en Gerichtsarzt Dr. Strauch ergab, daß Mistelskh seine Krank- heit simuliere und seinen angeblichen KrankheitSzustand durch Einnehmen geeigneter Mittel künstlich herbeiführe. Die Folge war, daß Mistelskt) verhaftet und zur Verbüßung der Strafe in daS Gefängnis abgeführt wurde. In der vorliegenden Strafsache wurde er beschuldigt, in einem Schreiben an die Universität Rochester sich den Titel„Professor und Dr. of mech. ther. der Universität Chikago(Jll.)" zugelegt zu haben und ferner ohne approbiert zu sein und ohne staatliche Genehmigung sich einen Titel beigelegt zu haben, durch den oer Glaube ertveckt wurde, er sei eine geprüfte Medizinalperson, in- dem er sich in dem TelephcnverzeichniS als„Professor" mit dm Zusatz„elektrophysikalisches Licht- und Naturheilinstitut, Brücken- straße 10b" bezeichnete. Der Amtsanwalt beantragte eine Geld- strafe von 150 M. Das Gericht hielt es, wie der Vorsitzende aus- führte, für notwendig, den Angeklagten etwas schärfer anzufassen, da sein ganzes Treiben nur auf eine Täuschung des Publikums angelegt sei. Ter Angeklagte trachte schon seit Jahren danach, sich recht viel Titel zu verschaffen, um sich mit dem Glanz wissen. schaftlicher Bildung zu umgeben und dem Publikum Sand in die Augen zu streuen. Einem derartig gefährlichen Unfug könne nur mit empfindlichen Strafen entgegengetreten werden. Das Urteil lautete deshalb auf 2 Wochen Haft und 300 M. Geldstrafe. Jugendveranstaltungea. Pankow-Schönhaufen. Der hiesigen Arbeiterjugend zur Kenntni», das, die Spiele vom 16. d. MtS. ab jeden Mittwoch und Freitag aus der Spielwiese, Kissingenstratz«(am Amtsgericht), stattfinden. Tempelhaf-Mariendorf. Sonntag, den 13. Juli, macht die arbeitende Jugend einen Spiclatlsssug nach Lichtenrade. Mocken-Spielplan der Berliner Cheater. Neue» Overntheater. Sonntag: Die Meisterfinger von Nürnberg. �uisang 7»/. Uhr.) Montag: Lohenmin.(Ansang?>/, Uhr.) Dienstag: Mignon. Mittwoch: Tannnüuser. Donnerstag: Die Meistersinger von Nürnberg.(Ansang 7st, Uhr.) Freitag: Carmen. Sonnabend: Tristan und Isolde.(Ansang VI, Uhr.) Sonntag: Lohengrln.(Ansang VI, Uhr.) Montag: Der fliegende Holländer.(Ansang 3 Uhr.) Deutsches Theater. Sonntaaiiachmittag 4 Uhr: Die Schiff- brüchigen. Allabendlich: Die Schiffbrüchigen.(Ansang 8'/, Uhr.) Berliner Xbeattt. Allabendlich: Filmzauber.< Ansang 8 Uhr.) Deutsches Schauspielhaus. Sonntag: Eine Vergangenheit.(An- fang 8>/. Uhr.) Montag und Dienstag:«ine Vergangenheit.(Ansang 8>i, Uhr) Mittwoch und Donnerstag: Der Dieb. Freitag: Der gute Rus. Sonnabend: Der Dieb. Sonntag pnd Montag: Der gute Ruf. (Ansang 8 Uhr.) Kleines Theater. Sonntag: Proseffor Bernhardt. Von Montag ab geschlossen. Lnstspielhaus. Allabendlich: Der lustige Kakadu.(Ansang 8'/, Uhr.) Tchiller-Theater O. Sonntagnachmiitag 3 Uhr: Undw«. Abend»: Don Juan. Montag: Fra Diavolo. Dienstag: Don Juan. Miitwoch: Troubadour. Donnerttag: Martha. Freitag: Der Troubadour. Sonn- abend: Don Juan. Sonntag: Der Troubadour. Montag: Stell» maria. Fr?edr«ch?«ilhelmstädt. Schanspielhan».«llabendlich: Da» �°�THnttmThcatrr!°"Sonnlagnachmittag 3'/, Uhr: Charleht Tante. All- °��Ro�e'.THeat«r."' Im Garten: Allabendlich: Achiung, es geht loS.— Im Saale- DaS Tagebuch einer Verlorenen.(Ansang 8"/, Uhr.) Theater am Sl-Uendorfplatz. Allabendsich: Der Mann mit der grünen MaKke.(Ansang 6�', Uhr.) Urania. Theater. Sonntag mid Montag: In den Dolomiien. Dienstaa: Ueber den Brenner nach Venedig. Mittwoch: In den Dolomiten. Donnerstag: Ueber den Brenner nach Venedig. Freitag: In de« Dolomiten. Sonnabend: Ueber den Brenner nach Venedig. Sonntagt In den Dolomiten. Montag: Unbestimmt.(Anfang 8 Uhr.) Luisen> Theater. Sonntagnachmlttaz 3 Uhr: Die Sünde de» Vriesters. Sonntag und Montag: Die Allwörden,.(Ansang 8'/. Uhr.) Von Dienstag ab geschlossen. Komödienhaus. Allabendlich: Hochhcrrschastliche Wohnungen.(An- �Mottes� Caprice. Allabendlich: Ein Pechvogel. Die Krampffach«. (Anfang&lli Hbr.) -vietrvpol- Theater. Allabendlich: Di» Kino- Königs».(A»l«g S Uhr� Wintergarten. Wakendllch SdezlalltSten. sAnfaNg S Nlj?. Admtralspalast. EiSballelt: Mrt in St. fflorij. lAnjang 9 U§r.) Reichshallen-Theater. Allabendlich: Stettiner Sänger.(Ansang 8 Uhr, Sonntags VI, Uhr.)_ Marktpretse von Berlin am 11. Juli 1V1Z. nach Ermittelungen deZ lönigl. Polizeipräsidiums. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 20,14 bis 20,20. mittel 20,02—20,08. geringe 19,90-19,96. Roggen, gute Sorte 00,00-00,00. mittel 00,00—00.00, geringe 00,00-00,00(ab Bahn). Futter. gerste, gute Sorte 16,5»— 16,80. mittel 16,10-16,40, geringe 15,70—16,00. Hafer, gute Sorte 17,4»-18,90, mittel 16,50—17,30. Mais(mixed), gute Sorte 00.00—00,00. Mais(runder), gute Sorte 14,90—15,50. Richtstroh 4,20-4,60. Heu. alt 7,00, neu 5,80—7,20. Marktdallenpreije. 100 flilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Speisebohnen, weih« 35,00-60,00. Linsen 35,00-60,00. Kartoffeln(Kleinhdl.), alte 0,00— 00,00, neue 9,00—16,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30— 1,80. Schweinefleisch 1,40-2,00. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,50—2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,60— 5,40. 1 Kilogramm Karpfen 1,60—2,80, Aale 1,60—3,20. Zander 1,40—3,60. Hechte 1,60—2,80. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,80—3,50. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebs« 1,00-60,00. Wetterprognose für Sonntag, den 13. Juli 1913. Ein wenig kühler, verän derlich, vorherrschend wolkig mit etwas Regen und ziemlich frischen nordwestlichen Winde». Berliner W e tt er b ur e au. Witterungsüberstcht vom IL. Juli 1913. Stationen Iwinemde Hamburg Berlin Franks. a.M München Wien II 8f 759 ANW 7V3M 7603)52 763 763 757 Still W NA «Setter 5 halb bd. Ichedeckt 4wolkia bedeckt bedeckt 4 wolkig issi 1* m£> Stationen Haparanda Petersburg Scilly Aberdeen Paris ü= =■3 gs« 761 765 I 3 B« 763 S 760,0 NO 763 Still Still Still «Setter wollenl wölken! wolkig Wolken! «olkenl tt *k 21 19 13 12 14 Todes-Anzeigen SozialdemokratiselieFWalilvErein LdJ.Berl.Reichstags-WatilkrEis. Am 9. Juli verstarb unser Genosse, der Rohrleger Kgrl Meufing Strelitzer Str. 32, Bezirk 612. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen, Montag, nachmittag« 4'/, Uhr, von der Leichenhalle deS städtischen Friedhofes in FriedrichSsclde au« statt. 228/18 Um rege Beteiligung ersucht veei» Voratand. DentseherMetallarheiter-yeiiianil Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Rohrleger Ksrl Meufing gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 14. Juli, nach» mittags 4'/, Uhr, von der Leichen- halle deS Zentral«FricdhoseS in FriedrichSseld« auS statt. Rege Beteiligung erwartet 121/20 Die Ortsverwaltung Yerlianil de? Steinsetzer, PQasteferulerufsgJeutsclilands Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß mifer Kollege, der Steinsetzer Willi Vieth verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 14. d. M., nach» mittags 5 Uhr, von der Halle des städtischen Friedhofes in Buch aus statt. Rege Beteiligung erwartet 175/9_ Der Borftand. Verband der Steinsetzer, Pflasterer a.BEniIsg.DEntscIiIands Filiale Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Steinsetzer Julius krenner verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! _ Die Beerdigung findet am Sonntag, den 13. Juli, nachm. l'l4 Uhr, von der Halle deS Sophien-KirchhoscS, Freienwalder Straße, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 175/8__ Der Borftand. Allen Verwandten, Freunden und Kollegen die traurige Nach- richt, daß mein lieber, guter Mann, der Tapezierer (jusinv Wurzbach nach langem schweren Leiden am Donnerstag verstorben ist. Die trauernde Witwe grau Anna V/urrbacK geb. Walter. Die Beerdigung findet am Montag, 14. Juli, nachm. 4 Uhr, von der Halle der HimmelsahrtS- Gemeinde, Nordend-Ntederschön- Hausen, auS statt. 1531b lentralvei'M de? Fleiselier. Nachruf. Dm Mitgliedern zur Kenntnis, daß unser Kollege �nton Cepelka am 6. Juli verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! 287/15 Der Tortttand. Verband der Tapezierer Filiale Berlin. Am 10. d. MtS. verschied nach langem Leiden unser langjähriges Mitglied 178/8 Kustav Wurzbach. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet Montag, den 14. d. MtS., nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle der Himmel- sahrts> Gemeinde in Nordend aus statt. 177/11 Um zahlreiche Beteiligung bittet Die Ortsverwaltung. Statt besonderer Anzeige. Heute abend entschlief nach langem schweren Leiden in Heidel- berg mein lieber Mann, unser guter Vater, der srühere Mewerk- schastSsekretäc Herrnarm Faber im 52. Lebensjahre. Um stille» Beileid bitten Obcrstein/Heidelberg, dm 11. Juli Die trauernden Hinterbliebenen .&mia Faber:md Kinder. Die Beerdigung findet am Man- tag, den 14. Juli, in Heidewerg statt. IS Mark monatliche Teilzahlung lieseit elegante Herrengarderobe nach Maß, eigene« «tofflag. Per Kasse Preisermäßigung. UI.Tomporowgkt, Schneidermst., jetzt SW 47, Dreibnndstr. 47, an der Belleallianeestr. u. Tempelhoser Feld. Vertrcterbesuch jederzeit. DaaliMajxmig. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner so früh au« dem Leben geschiedenen lieben Frau Amalie ksunbmanii.geb.uniclie. spreche ich allen Verwandten und Bekannten, den Kollegen der Buch- druckcrei A. B. N., den Mitgliedern des Slatklubs.Ramsch' meinen herzlichen Dank aus. 14A Emil Rruckmann. MohrenstrSfa Kolonoaderv, QrfranKfiirterstrtia Trauer- Magazin Kleider, Hütete, j»* AuUerststfVeue-«* .. rarbige Konfektion in größtem MaßMobs rubiiilgstef} -Preisen— Westmann ReutersWerke - 3 Bände 4 M-rk■ Buchhandlung Vorwärts MM Kli Fettig am Lager; WntjlMWsMKn. MWnzOgEK;40M |CntawayiL Weste Beinkleider Fertige schwarze Kleidung für Knaben und JUngllngs :t In grCSter Auswahl Feine Maß- Anfertigung :: In ea. 10 Stunden Baer Sohn Kleider• Werke Berlin. Qegr. 1891. ChanisentraSe 29—30. II. BrUokanitraOe 11, Gr. Frankfurter Str. 20. toMneberg. Hauplstr. 10. + Magerkeit+ schwindet durch Haufe's Nühr- gnlver„Thllossia". Preisgekrönt erlin 1904. 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