Kr. 184. HbonncmentS'Bedinsungen: aSonnemcntS- Preis pränumerand o: Nerteljährl. S�fl Mk, mono«. 1,10 MI., ir-öctjcrulicf) 28 Psg, frei tnf Haus, Ewzclne Nummer 5 Pfg, SonmagS- nummer mit Muftrierter Sonntags- Beilage.Die Neu« Welt» 10 Pfa Post. «bonnement: 140 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitnngS- Preisliste, Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich> Ungarn ZBO Mark, für das Lkrige Ausland 4 Mark pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemark, d, Jwlien, Luxemburg, Portugal, neu, Schweden und die Schweiz, erscheint«glich. 5 Pfennig J 80« Jahrg. Die InfertionS'Gcbüftr beträgt für die fechSgespaltene Kolonel- reile oder deren Raum 80 Pfg„ für olitilche und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlnungs-Anzeigcn 30 Pfg. „Kleine Hmdgeti", das fettgedruckte Wort 20 Pfg, izulässtg 2 fettgedruckte Wortes, jedes wittere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasstellenan- »eigen daS erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis �-----•—«Sjtf-SjMjj Telegramm« Adresse: „SozlalddnoKnt RerHB" Zcntralorgan der rozialdcmohratifchen Partei Deutfcblands. Rcdahtton: 85Q. 68, Lindcnftraßc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplap. Nr. I.S83. Expedition: SM. 68, Lindenftraße 69. Fernsprecher: Amt Moritiplati, Nr. ti>84. Vorhang zü\ Als dm 18. April dieses Jahres der Genosse Lieb- k n e ch t den Schleier von den sauberen Be- stechungspraktiken der Firma Krupp wegriß, standen Regierung und bürgerliche Parteien wie unter einem Sturzbad da. Der Kriegsminister v. Heeringen rappelte sich zuerst auf und stammelte, es handele sich um Uebertreibungen, nur ein paar Feldwebel und ein unterer Beamter der Firma Krupp seien belastet und im übrigen werde die Untersuchung das Weitere ergeben. Ja, diese Untersuchung! Sie war auch in dieser peinlichen Lage der Rettungsanker der bürgerlichen Parteien. Vor ge- schehener Untersuchung wollten sie nichts Entscheidendes dreinreden. Die Untersuchung brspgt es an den Tag. Und so lehnten sie, im vollen und unverbrüchlichen Vertrauen auf die Untersuchungstätigkeit der Militärbehörden, den sozial- demokratischen Antrag auf Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission mit weitgehenden Rechten ab, drehten sich nach der Wand und versuchten weiter zu schlafen. Dann hörte man lange nichts. Bis das Regierungs- Jubiläum Wilhelm II. kam und dem verantwortlichen Leiter der arg komprommittierten Firma, Herrn Dr. Krupp v. B 0 hlen und Halbach, einen hohen Orden bescherte. Diese Ordensverleihung mußte auf die vor dem ober- sten Kriegsherrn die Hacken zusammenschlagenden Mili- tärjustizpersonen wie ein Hinweis wirken, daß die Leitung der Firma Krupp ganz aus dem Spiele zu bleiben habe. Herr v. Heeringen hätte im Reichstag ja schon den Weg angedeutet: ein paar Feldwebel und ein unterer Beamter! und heute stößt die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" in dasselbe Horn, wo sie von der bevorstehenden Verhandlung„gegen einige untergeordnete Persönlichkeiten des Verwaltungsdien�es" spricht. Aber mit Verlaub! So leicht streut man dem deutschen Volke doch keinen Sand in Augen. Nicht um ganz Belanglose untergeordnete Per-s«en handelt es sich, sondern um Zeugoffiziere, und zwar um solche, die an der Quelle saßen und etwas zu verraten hatten, denn jahrelang haben sie den Berliner Vertreter der Firma Krupp, von dem die -„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" geringschätzig und nichts- ahnend als von„einem Herrn Brand" spricht, niit wert- vollen Informationen über militärische Geheimnisse und über Angebote und Preise von Konkurrenzfirmen gespeist. Und jahrelang hat man sich in Essen diesen Verrat gut und gerne gefallen lassen und die Verräter in bar entlohnt— und das alles ohne die Mitwirkung anderer als untergeordneter Stellen? Das ist es, worüber die Masse der Steuerzahler gebiete- risch Aufklärung heischt. Nicht ob ein paar arme Teufel von Zeugoffizieren, die ja aus dem Unteroffizierskorps her- vorgehen und von den wirklich„erstklassigen" nicht für„voll" eingeschätzt werden, der Verlockung blinkender Dukaten er- legen sind, sondern wo die eigentlich moralisch Schuldigen sitzen, die Militärpersonen zu Verbrechen verleiten, die das Gebiet des Landesverrats streifen, das ist das Wesentliche. Die Rolle de» so stürmisch gefeierten Firma Krupp auf- zudecken— das mußte das Ziel der ganzen Untersuchung fein, und diese Aufdeckung war möglich, mußte möglich sein, wenn die Gerichtsverhandlung gegen die schuldigen Militär- Personen im blendenden Tageslicht der Oeffentlichkeit vor sich ging. Aber Kuchen! Der Reichstag ist in Ferien und kann sich nicht äußern, der Herr v. H e e r i n g e n, der mit Biedermannsgeste dem Parlament alle möglichen schönen Dinge verheißen hatte, ist für immer dem Bannkreis der Volksvertretung entrückt, und da kommt sein Nachfolger, Herr v. F a l'k e n h a y n, und zieht— ritsche ratsch!— den Vorhang zu, just, als die Szene am pikantesten werden wollte. Wenn sich die Meldung bestätigt, daß die Verhandlung gegen die sieben Zeugoffiziere auf Weisung des Kriegs- Ministeriums unter vollem Ausschluß der Oeffentlichkeit statt- findet, dann wäre das ein Justizskandal, der dem eigentlichen Krupp-�kandal vollkommen das Wasser reicht. Tie Ver- Weisung der Verhandlung in eine Dunkelkammer wird nach jeder Richtung hin der Vermutung Spielraum lassen, daß. da nun schon einmal Galgen errichtet werden müssen, wieder nur die kleinen Diebe gehängt werden und die großen frei herumlaufen dürfen. In den 7 Zeugoffizieren sieht das Volk, wenn sie verurteilt tverden, nur die Sündenböcke, die man in die Wüste stößt, während man höher hinaufzugreifen nicht wagt. Und ob dem nun wirklich so ist oder nicht das Palladium, der Staatsautorität wird den Schaden davon haben, denn, sagt sich das gesunde Volksempfinden, wo nichts zu vertuschen ist, sperrt man die Türen nicht sorgfältig zu und verhängt nicht die Schlüssellöcher. Nun hat sich allerdings die Scherlpresse des Kriegs- Ministers angenommen und versichert, von ihm sei kein Verbot öffentlicher Verhandlung ausgegangen und das Militärgericht habe vollständig freies Ermessen, die Oeffentlichkeit zuzulassen oder auszuschließen. Stimmt! Aber die Militärrichter sind nur zu geneigt, Wünschen von oben herab ihr Ohr zu leihen, und solche Wünsche gehen mitunter noch von höher gestellten Persönlichkeiten aus, als es ein Kriegsminister ist. Als seinerzeit unter dem Schmunzeln von ganz Europa in dem Prozeß gegen den Trainleutnant B i l s e die Sittenbilder aus einer kleinen Garnison aufgerollt wurden, erklärte der Reichskanzler v. B ü 1 0 w im Parlament die rückhaltsose Auf- deckung solcher Vorgänge für nützlich, nicht nur weil in der Oeffentlichkeit ein heilsames Korrektiv liege, sondern auch weil es ein gutes Zeichen für eine Institution sei, wenn nichts verschleiert und vertuscht tverde, aber kurz danach wurde den Offizieren, die für die Oeffentlichkeit des Verfahrens ver- antwortlich waren, der blaue Brief zugesandt und durch den „Vorwärts" wurde folgende kaiserliche Kabinettsorder bekannt: „Ich habe mit Befremde» aus den in der Presse enthaltenen Berichten über die in Metz stattgehabte kriegsgerichtliche Haupt- Verhandlung gegen den Leutnant B i l s e im Train-Bataillon 16 ersehen, daß das Kriegsgericht unter Außerachtlassung meiner Order vom 2 8. Dezember 1899, deren Vor- aussetzungen vollkommen gegeben waren, und entgegen dem wiederholten Antrage des Vertreters der Anklage von dem Aus- schluffe der Oeffentlichkeit in einem Umfange Abstand genommen hat, der nicht verfehlen konnte, die allgemeine Aufmerksamkeit in noch erhöhtem Maße auf die ohnehin schon so bedauerlichen Vor- kommnisse in Forbach zu lenken und das Ansehen meiner Armee und im besonderen des Offizierkorps in weitenKreisendesJn-undAuslandeszubeein- trächtigen. Ich spreche den Mitgliedern des Kriegsgerichts mein ernstes Mißfallen aus, daß sie meiner in der Verordnung vom 28. Dezember 1899 zum Ausdruck gebrachten Willensmeinung direkt zuwider gehandelt und es nicht verstanden haben, d i e Interessen ihres Standes besser zu wahren. Ich beauftrage Sie, den Mitgliedern des Spruchgerichts dies unter entsprechender Erläuterung persönlich zu eröffnen. Den übrigen Offizieren, Sanitätsoffizieren, Kricgsgerichtsräten ist diese Order in vertraulicher Weise zur Kenntnis zu bringen und für die Folge alljährlich einmal ins Gedächtnis zu rufen." Wer wettet nun noch einen Taler dafür, daß vor die Ver- Handlung gegen die sieben Zeugoffiziere nicht der Vorhang gezogen wird? . Für uns aber wird die Geheimniskrämerei in diesem Falle, der vor dem Forum des ganzen Volkes klargestellt werden müßte, nur ein Ansporn mehr sein zum Kampf für die Beseitigung der Militärjustiz mit ihren mittelalterlichen Privilegien und Gepflogenheiten. Mtloie einigkcil. In ihrer Wochenrundschau versichert die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" mit komisch anmutendem Ernst, daß in bezug auf die die Balkankonflikte„die Haltung der Groß- mächte die gleiche geblieben sei in der Vermeidung von � Sonderunternehmungen und in der Bewahrung der Einig- und Munition zurück. keit". Das ist echt diplomatische Vogelstraußpolitik. In Wirklichkeit verfolgen die Großmächte hinter ihren lenden- lahmen und wirkungslosen Vermittlungsversuchen ihre eige- nen Expansions- und Prestigeinteressen. Rußland, unter- stützt von Frankreich und zum Teil auch von England, sucht den Einfluß über seine siegestrunkenen Balkanschützlinge wieder zu gewinnen; gleichzeitig steht es auf der Lauer, um den tollen Anschlag der jungtürkischen Generäle auf Adria- nopel als Vorwand zu einem Einfall in Armenien zu be- nutzen. O e st e r r e i ch- U n g a r n ist mit der alten schtvarz- gelben Borniertheit�ängstlich besorgt, daß Serbien nicht allzu stark werde. In Frankreich und England sind die Augen der imperialistischen Kreise auf Syrien und einen Teil der Agäischen Inseln gerichtet, und unsere alldeutschen Weltpolitiker machen nach wie vor ihre kleinasiatischen Wünsche geltend. Natürlich hüten sich alle Mächte, von diesen Sonderinteressen offiziell etwas merken zu lassen; diese Wünsche sind aber vorhanden und bewirken, daß die geäußert? „Einigkeit" der Großmächte auf die kriegs- und eroherungs- tollen Balkanregierungen nicht den mindesten Eindruck macht. Das neue bulgarische Ministerium R a- doslawoio-Ghenadiew sucht jetzt aus dem vom früheren Ministerpräsidenten Tanew verschuldeten Bankrott zu retten, was noch zu retten ist. Zunächst sucht man sich mit Rumänien zu verständigen, um dessen Armee wieder aus dem Lande herauszukommen. Geschow. der bei Ausbruch des ersten Balkankrieges Ministerpräsident war, ist nach Bukarest gereist, um dort eine Verständigung herbeizuführen. Zu direkten Unterhandlungen zwischen Bulgarien und seinen Gegnern in Mazedonien ist es noch immer nicht ge- kommen. Auch hier wird Bulgarien, ivenn es aus seiner Be- drängnis Heranskommen will, sich zu Konzessionen entschließen müsien. Als im Oktober vorigen Jahres, der einzige sozia- listische Abgeordnete in der Sobranje, Genosse Sa ka soff auf die Konfliktsgefahren hinwies, die der Balkanbund in sich berge, wurde er von den nationalistischen Abgeordneten beschimpft und insultiert. Jetzt müssen die Bulgaren sehr schmerzhaft empfinden, wie recht der Sozialist hatte. Die türkische Regierung hat vor den jungtürkischen Generälen kapituliert; sie kehrt sich nicht an die Vorstellungen der internationalen Diplomatie und respektiert die Lon- doner Vertrage festgelegte Grenzlinie nicht. Die Balkanfrage ist in allen ihren Einzelheiten noch so verfahren, daß man noch auf manche unliebsame Ueber- raschung gefaßt sein muß. Das neue bulgarische Kabinett. Sofia, 29. Juli. Das Kabinett, das durch Konzentration der drei liberalen Parteien gebildet worden ist, fetzt sich folgender- maßen zusammen: Radoslawow Präsidium und Inneres, Ghenadiew Aeußeres und interimistisch Ackerbau, Tont- s ch e w Finanzen, P e s ch e w Justiz und interimistisch Unter- richt, General W a s 0 w Krieg, B la k 0 w Handel, D i m t s ch e w Oeffentliche Arbeiten, M 0 r p h 0 w Eisenbahnen. Dir gefangene bulgarische Brigade. Bukarest, 19. Juli.(Amtliche Meldung.) Eine fliegende Kolonne Kavallerie und reitende Arfillerie stieß gestern bei Ferdinandovo zwischen Lompalanca und Sofia mit einer Brigade der 9. bulgarischen Division zusammen, die den Rückzug der Division des Generals Kutintscheff decken wollte, Nach kurzem Kampfe ergab sich die bulgarische Brigade mit dem General und 12 Geschützen. Die rumänischen Truppen auf dem östlichen Kriegsschauplatz, welche die Linie Turtukai- Balfichik besetzten, schicken Erkundigungsabteilungen nach Süden und Südosten vor. Die Serben auf bulgarischem Gebiet. Belgrad, 2V. Juli. Gestern nachmittag besetzten unsere Truppen Kula in Bulgarien. Der Feind zieht sich auf Vidin zurück. Mit der Einnahme von Kula haben wir die serbisch-bulgarische Grenze überschritten. Unsere Trup- Pen setzen über vier Punkte, die sämtlich in Bulgarien liegen, den Vormarsch fort. Ei» griechischer Sieg. Athen, 29. Juli. Wie das Kriegsministerium mittelt, würden die feindlichen Streitkräfte, die sich aus Demirhissar zurückgezogen hatten und die hauptsächlich aus dem größten Teil der dritten und der elften bulgarischen Division bestanden, von einer grie- chischen Division in tagelangen, erbitterten Kämpfen bis Newro- kop zurückgeschlagen. Tort verteidigte der Feind, der immer noch zwölf bis sechzehn Bataillone stark war und über etwa 12 Kanonen verfügte, hartnäckig seinen iletzten Zufluchtsort. Die Schlacht dauerte sechs Stunden und fand bei strömendem Regen statt. Vor dem stürmischen Angriff der griechischen Division mußte sich der Feind schließlich zur regellosen Flucht wenden. Trotz strömenden Regens wurde die Verfolgung die ganze Nacht hindurch fortgesetzt und hält auch heute noch an. Der Feind ließ Kanonen, Waffen Tic ciingen Verbiindctcn. Bukarest, 29. Juli.„L'Jndcpendance Rouinaine" erfährt, daß Rumänien, S e r bi e n und Griechenland sich über die Grundlagen der Friedensbcdingungcn geeinigt hätten und eine Konferenz aller Kriegführenden einberufen werden solle. Als Konferenzorf schlagen Serbien und.Griechenland Sinaia vor. Die Türkei macht Ernst. K 0 n st a n t i n 0 p e l, 20. Juli.' owawe«. Wilhelm Joppe, Lutherstr. 2. Ober-Schöneweide. Alfred Bader, Wilhelminenhosstr. 17, Laden. Bnnkow. Qtto Rihmanu, Mühlemir. 30. Reinickendorf. P. Gursch, ProoinzsN. 56, Laden. Zieuköiln. M. Heinrich, Neckarstr. 2. Conrad, Hermamistr. 50. C. Rohr, Siegsriedslr. 28/29. Rnniinelsbnrg. A. Noseukrauz, M-Boxhagen 56. Sehöneherg. 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Honcla, der Heizer. Von Heinrich Klein. .Hart an der Elbebrücke, die an der Mühle vorbei nach der königlichen Kaminerstadt Elbeteinitz führt, steht eine kleine Villa und hebt sich vornehm von den niedrigen Häuschen ab, welche die steile Straße umsäumen. �> An ihren vergitterten Fenstern stehen viele Blumentöpfe und die glänzend dunkelgrün gestrichene Türe steht offen, trotzdem es zeitlich am Morgen ist. Im Hause selbst spielt sich ein wilder Kamps ab. In den Händen eines riesigen Mannes windet sich Pern, der Direktor der Mühle. Sein etwas feistes und rosiges Gesicht ist nun von dunklem Karmin übergössen, die stumpfen Wasser- blauen, an den Augäpfeln ein wenig gelb verfärbten Augen quellen entsetzt aus den Höhlen, das sonst immer sorgfältig gescheitelte, schon schütter gewordene rotblonde Haar hängt ihm zerrauft in die Stirne. Pern ist selbst ein kräftiger Mann, doch aus den Tatzen, die sich ihm schraubstockartig um die Kehle gelegt haben, gibt es kein Entrinnen. Er hat es mit Tonda zu tun, dem Heizer aus der Zuckerfabrik, dem es keine Schwierigkeit bereitet, zwei Hundertkiloballen zu tragen. Pern zuckt noch ein paar- uial, dann hängt sein blaß und bläulich gewordenes Gesicht schlaff und regungslos in den Händen seines Gegners. Tonda schüttelt den toten Körper und stößt ihn von sich. Lautlos sinkt die Leiche auf den Teppich. Ter Heizer richtet sich auf, blickt in dem fahlen, von den Gardinen noch mehr gedämpften Tänimerlicht flüchtig auf seine zerkratzten Hände und verläßt das Haus. Draußen wurde es � inzwischen langsam Tag. Wohl rötete noch kein Sonnenstrahl �den Himmel, doch iin Osten dehnte sich ein zart nilgrüner Streif und ging gegen Westen zu immer mehr in ein tiefes, fast schwarzes Blau über. Während der kurzen Weile, in der die Sonne zu überlegen schien, ob sie ausgehen solle oder nicht, waren ihre Strahlen von der Erdkugel und den weißen Wölkchen, die sich auf bem uilgrünen Streifen tummelten, abgeblendet, und alle Gegen- stände wiesen harte, scharfe, überdeutliche Konturen. Die lange hölzerne Elbebrücke stand wie niit einem Lineal ge- zogen da, das Wasser rauschte leise durch die aufgezogenen Schützen deS Wehrs, zahllose Weiden- und Pappelblätter schwaminen im Wasser und bildeten, mit Luftblasen gemischt, in der Nähe des Ufers lange Inseln. Die Straße— auf der einen Seite von dem hohen Bahn- dämm begrenzt— führte hart an der Elbe vorbei. Nach dem herßen Sommer war der Wasserstand sehr niedrig und das steinige'.mteripnschene Ufer siel jählings ab. Gedankenlos ging Tonda die Straße entlang. Manch- mal blieb er stehen, setzte sich einmal auch auf den welken Rasen und verstichte nachzudenken. Doch vergeblich. Sein schwerfälliges Gehirn versagte völlig den Dienst. Er schüttelte den Kopf und setzte den Weg fort. Vornuber gebeugt, mit herabhängenden Armen, an denen man durch das H-mid die schweren kantigen Muskeln und dicke, hervortretende Adern sah. schritt er an dem Wächterhänscheii vorüber, wo ihm ein kleiner weißer Spitz laut anbellte und ein verschlafener Eisenbahner, die Signal- scheide in der Hand, verwundert nachsah. Nach einer guten Viertelstunde war er an dem braunen vermorschten Bretterzaun der Zuckerfabrik angekommen, pfiff und nach ein paar Minuten kam der Nachtwächter und öffnete die Türe, über der sich eine surrende Bogenlampe vergeblich bemerkbar zu machen suchte. Tonda überquerte das Industriegleise, ging um das vielstöckig gelblich-weiß ge- strichene Fabrikgebäude herum, dessen Fensterwölbungen indigoblau ausgemalt waren, und betrat das niedrige Kessel- haus. Er mußte sich sputen, es war Montag, die Kessel ganz kalt, und es wird lange dauern, bis er die nötige Dampf- spannung bekommt. Er fachte das Feuer an, legte nach einer Weile zu und ging durch eine kleine Türe mit schmutzigen und öligen Fenstern in das Maschinenhaus. Durch das große Drahtglasfenster fiel kaltes weißes Morgenlicht und weckte allmählich die ruhende Dampfmaschine. Die braunen Zylinder bekamen allmählich eine lebendigere Farbe, die Kugeln des Differentialregulators schauten verschlafen drein, das große, dunkle Schwungrad und die schlaff herabhängenden Trans- missionsseile schliefen noch und der schwarz gestrichene Dynamo kauerte heimtückisch abseits. Saurer, zum Husten reizender Geruch drang aus dem nebenan befindlichen Akkumulatoren- räum. Tonda streichelte den kalten Körper der Maschine, wie er früher seine Pferde geliebkost hatte, musterte das graue und braune Ungetüm, füllte die Schmiervorrichwng mit Oel, wischte einen Oelspritzer sorgfältig vom linken Zylinder ab und sah dann wieder nach dem Feuer. � Er öffnete die Feuerung, fuhr mit einem langen eisernen Schürhaken in den roten Schlund und die flackernden Flam- men warfen einen gelblich-roten Schein auf sein über- nächtigtes, grobgeschnittenes Gesicht und die derbknochige Zyklopengestalt. Tann setzte er sich auf die Drehbank und ließ die langen, in Hosen von undefinierbarer Farbe steckenden Beine hinab- hängen. Ungefär acht Jahre waren verflossen, seitdem Tonda, der Pferdeknecht, eines Herbstes nach Beendigung der Feld- arbeit als Hilfsarbeiter in die Zuckerfabrik kam und die Be- kanntschast der merkwürdig summenden und knurrenden Dampfmaschine machte. Seine Arbeit war, Kohle ins Kessel- haus zu führen, und seine Verwunderung kannte keine Grenzen, als er einmal ins Maschinenhaus kann Knapp über seinem Kopf fuhren die dicken Transmissionsseile vor- über, das große Schwungrad drehte sich fast lautlos, obwohl Tonda meinte, daß es eigentlich bei jeder Bewegung' tosenden Lärm verursachen sollte, und halichtc ihn mit kühlem Atem an, die Zylinder lagen so ausgestreckt wie runde, warm- körperige Weiber, die Kugeln der Regulatoren drehten sich in wirbelndem Tanz und die Kurbelwellen niachten viele An- strengungen, um sich aus dem Lager zu reißen. Und diese Unmenge von Bewegung brachte nur ein leises Summe, ein dumpfes Dröhnen hervor. Tonda sollte auch gleich eine Probe von der Riesenkraft dieses lautlosen Ungetüms bekommen. Er haschte nach dem cuu tiefsten herabhängenden Transmissionsstrick, bekam einen Stoß, der ihn zur Türe hinauswarf und hatte sich die ganze Handfläche aufgeschunden. Der Maschinist schimpfte und lachte zugleich über den verblüfft dreinschauenden Arbeiter, trat dann zum Dynamo hin, rückte die Transmission ein, und der schwarze Gnom begann höhnisch zu tanzen, ein scharfes, helles Lied zu surren, zu dem der Dynamoriemen mit leisem Klatschen den Takt schlug. Dieses große Erlebnis verlieh Tondas stumpfem Gehirn eine unerhörte Aufnahmefähigkeit. Er brachte es zuwege, sich mit dem Maschinisten anzufreunden, ihm jeden über- flüssigen Groschen zu opfern, ihm alle lästige Arbeit abzu- nehmen, nur damit er in ber Behandlung des geheimnisvollen Eisendings unterwiesen werde. Er bestand sogar die Heizer- und Maschinenwärter- Prüfung und war der glücklichste Mensch auf Erden, als er der Nachfolger seines Lehrmeisters wurde und in jeder Woche volle dreißig Kronen verdiente. Später heiratete er auch die Marka, eine Arbeiterin aus der Schuhfabrik. Nun, Tonda war zweifellos eine gute Partie! Em strammer Bursch, etwas dumm— das halten die Weiber aber eher für einen Vorteil und hatte einen schönen Verdienst. Marka hatte wohl schon einige Freier ge- habt.�doch das ging Tonda nichts an. Ein lediges Mädel kann tun, was es will, die Hauptsache bleibt: kein Kind zu kriegen. Und wenn selbst das passiert, ist das Malheur nicht so groß. Der Kaiser kann immer Soldaten brauchen. Die Marka war ein fesches Weibsbild, das mußte man ihr lassen, und die Männer waren hinter ihr her wie die Hunde hinter einem saftigen Knochen. Sie war groß, ihre Hüften breit, unter der Bluse strafften sich kräftige, harte Brüste. Das Gesicht war derb, aber gut gefärbt, dre Haare schütter, denn die Bauernmädchen tragen, auch wenn sie in die Fabrik gehen, das Kopftuch, welches das Haar ruiniert. Die Weiber erzählten auch jetzt, daß sich der Werksuhrer viel mit Marka zu schaffen mache, aber Tonda war nicht der Mann, sich um das Geschwätz von Weibern zu kümmern. Doch gestern war er stutzig geworden. Er saß am Abend im Gasthausgarten neben der Bahnstation und trank ruhig und schweigsam sein Glas Bier, wie dies eben seine Art war, als sich der Maschinist, der in Kolin arbeitete, zu ihm setzte: „Ist Deine Frau schon lange zu Hause?" fragte er nach einer Weile. � „Meine Frau? Nein, sie ist in Kolin be? ihrer Tante.� „Mein Lieber, die Tante hat Hosen und einen rotblonden Schnurrbart," grinste der Maschinist und erzählte, er komme aus Kolin und habe gesehen, daß Marka mit Pern in ein kleines Hotel in der Vorstadt eingetreten sei. Der Pern ist ein fescher Mensch, hat Geld wie Mist und hübsche Weiber gern, Tonda fühlte, tvie ihm alles Blut zu Kopf stieg, und er tvollte auf den Maschinisten losfahren, doch der dickleibige Wirt, der in der Nähe stand, trat auf ihn zu, legte die fleischige Hand auf seine Schulter und sagte: „Tonda, macht hier keinen Lärm, geht nach Hanse unkj paßt besser auf Euer Weib auf!" Der Heizer wurde blaß wie die Bratenweste des Wirtes, warf acht Kreuzer auf den Tisch und ging. In der Wohnung hielt er es nicht lange aus, denn er vermeinte fortwährend, die Mauern nstißten ihn erdrücken. er lief in den Wald hinaus und wälzte sich keuchend, nach Luft schnappend in den knisternden Fichtennadeln. Er wußte nicht, was er tat, noch was er tun werde. Tann ging er wieder heim, warf sich aufs Bett und lag lange dort. Schließlich stand er auf, machte Licht und begann zu suchen: wenn es feine Frau wirklich mit Peru hielt, mutzte er einen Beweis finden. Unter dem Hausrat, dem man die schleuderhafte Arbeit der billigen Fabrikware ansah, stand auch eine weißgestrichene, rot und blau bemalte Truhe, in der Markas Fahrnisse waren. Tonda wollte die Truhe öffnen, sie war versperrt. Er holte eine Hacke vom Hof herbei, preßte die Schneide in der Nähe des Schlosses unter den Deckel und drückte an. Der Deckel sprang auf. Der Mann erfaßte den ganzen Inhalt der Truhe und streute die Sachen auf die Erde. Zwischen Kitteln und Hemden lag ein kleines braunes Gebetbuch mit einem angeklebten Kreuz aus weißem Zelluloid, ein paar Heiligenbilder und— in ein Taschentuch geknüpft, einige Banknoten und Goldstücke, eine dünne Silberkctte mit einem Anhängsel und ein Armband aus Korallen— Geschenke Tondas. Aber auch zwei ganz neue kleine Etuis waren dabei, in dem einen ein Ring, in dem anderen ein paar Ohrgehänge mit Opaleu. Woher hatte Marka das Geld und den neuen Schmuck. Sonst fand der Mann nichts. Er begann wieder den ganzen Kram, ein Stück nach dem anderen in die Truhe zu werfen, und da kam ihm ein weißes Leinentaschentuch in die Hand. Dem Tuch entströmte ein süßlicher Geruch..., den Tonda kannte... Er dachte nach, wo er so etwas schon gerochen hatte... ja... er wußte schon... ha!... Pern war bei ihnen einigemal in der Fabrik gewesen... war auch ins Maschinenhaus gekommen... und durch den Gestank von Schmierfett, Maschinenöl und Eisen... war dieser Geruch gedrungen. Der Heizer trat näher zur Lampe und musterte das Taschentuch genauer; von dem weißen, glatten Grund hob sich ein schön verschlungenes I. P. ab... Johann Pern... Tonda tobte. Er biß die Zähne zusammen, daß die breiten, vorstehenden Kieferknochen fast durch das Fleisch der Wange drangen, sein Atem ging zischend und keuchend, er zerriß das Tuch in unzählige kleine Fetzen. Den Kerl mußte er samt dem Frauenzimmer umbringen! Er lief sofort hinaus, war in einigen Minuten in Teinitz und auf dem Wege nach Kolin. Die kühle Nachtluft brachte ihn einigermaßen zur Be- sinnung. Was wollte er in Kolin. Er wußte nicht einmal, wie das Hotel hieß, und dann war es schon ein Uhr nachts. Das Pärchen war längst ausgeflogen. Er beschloß, er werde bei der Bahn warten, ob der Direktor mit dem Dreiuhrzug zurückkehrt. Kommt er nicht, dann wird er ihn in der Frühe schon zu finden wissen. Ter Mann ging mit raschen Schritten durch die klare Sommernacht uni» langte bei der Station an. als der Zug einfuhr. Pern kam, befand sich aber in der Gesellschaft zweier Herren. Es niußte daher etwas anderes unternommen lverden. Ohne viel zu überlegen, fast instinktiv lief Tonda den Männern vor, wieder gegen Teinitz zu. Er passierte die Elbebrücke, erreichte die Villa, sprang, ohne sich umzusehen, von der Wasserseite über die Gartenmauer und blieb zwischen den Blumenbeeten stehen. Nach einer Weile näherten sich am anderen Ufer Schritte. Tonda trat rasch zur Türe, welche vom Garten ins Haus kührte. Fast im Nu war das dünne Gitter, welches an der oberen Türhälste mehr als Verzierung denn zum Schutze angebracht war, weggerissen, die Glasscheibe eingedrückt, und Tonda stand im Flur. Dann drehte sich der Schlüssel im Tor, Pern verabschiedete sich lachend von seinen Begleitern, trat ein und wollte eben die Türe wieder schließen, als ihn eine Hand bei der Kehle faßte und in das Vorzimmer schleppte. Dort erkannte er den Heizer, wußte, was er zu erwarten habe, und begann sich seines Lebens zu wehren... An der Wand des Kesselhauses sing ein Wecker schrill zu läuten an, Tonda sprang auf, lief über die eiserne Wendel- treppe auf den Kessel, und die Tampfpfeife heulte ihren Ruf: Huuu— huuu, hu— huuuul Auf dem Hofe hatte schon früher Lärm eingesetzt, jetzt wurden die Tore geöffnet und die Bauern fuhren nnt zucker- rübenbeladenen Wagen ein, der Rübenwage zu. Hül ho! riefen sie den Pferden zu und hieben mit den Peitschen auf die Tiere ein, welche mit hart aufgestemmten Hinterfüßen und zuckenden Flanken die Wagen schleppten. Tonda war inzwischen ins Maschinenhaus gegangen und hatte die Tampfventile aufgedreht. Dann trat er an das große Schwungrad und stemmte sich dagegen, als wollte er einen Elefanten vom Fleck schieben. Zögernd, leicht knarrend setzte sich das Rad in Bewegung und im Bruchteil einer Mi- nute surrte und summte alles. NiVl hörte Tonda die Schritte seiner Frau, die ihm das Frühstück brachte, und ging hinaus. Die Frau saß schon auf einem Holzklotz, auf der Drehbank stand eine blaue Blech- kanne mit Kaffee und lag in einem roten Taschentuch ein- gewickelt ein Stück Brot. Der Heizer streifte mit unausgeschlafenen farblosen Augen flüchtig das Gesicht der Frau, wendete ihr grußlos den Rücken zu und begann den Kaffee aus der Kanne zu trinken. „Beeil Dich!" drängte die Frau.„Ich muß in die Arbeit!" Tonda war mit seinem Frühstück fertig. Er wendete sicki um, trat ganz nahe an die Frau heran, die erschrocken den Mann anstarrte, dessen Gesicht wieder von maßloser Wut verzerrt war. „Du verfluchtes Luder!" knirschte er und versetzte ihr eine Ohrfeige, die sie sofort mit blutendem Mund zu Boden warf. „Zu Hilfe! Zu Hilfe!" schrie die Frau und vom Hofe her kam ein ganzer Trupp Bauern und Knechte gelaufen. Doch Tonda ergriff ein Eisenrohr und schwang es durch die Lult. „Packt Euch fort, sonst schlag ich Euch allen die Schädel eins Mit meiner Frau kann ich machen, was ich will!" Die Leute glaubten, er prügele feine Frau, und lachten, bekamen aber vor dem wilden Menschen Angst und wichen zurück. Tie Frau wollte flüchten, doch der Mann erfaßte sie bei den Schultern und schüttelte sie, daß ihr Hören und Sehen verging, Jetzt tauchten rmter den Bauern zwei braune Helme mit gelben Spitzen und zwei kurze, breite Bajonette auf. Zwei Gendorme zwängten sich schimpfend durch die Bauern, fällten, als sie Tonda mit seinem Weibe sahen, so- fort die Bajonette und drängten ihn zurück. Der Heizer wollte sich zuerst zur Wehr setzen, besann sich aber dann eines anderen, sei es, daß er die Nutzlosigkeit seines Widerstandes einsah, sei es, daß ihm ohnehin alles gleich- gültig geworden war. „Tonda Vyskoc, im Namen..." begann der Postenführcr. Der Heizer ließ ihn nicht einmal aussprechen und fiel ihm mit müder, apathischer Stimme ins Wort. „Lassen Sie mich die Maschine abstellen, dann geh ich mit!" Von den Gendarmen gefolgt, trat er rasch zur Maschine, drehte die Dampfventile wieder zu, die Umdrehungen des Rades wurden immer langsamer, die Stricke und Riemen klatschten an den Transmissionsscheiben, die Regulator- kugeln sanken hinab.. Das Rad knarrte ächzend und stand still. Man hörte keinen Laut. Durch das große Drahtglasfenster schien hell die Sonne und sah verwundert, wie sich Tonda ruhig fesseln ließ und mit den Gendarmen fortging. Mir anäern. Wir wollen Licht und Sonnenschein In jedes Menschenherz hinein, Wir wollen Freud' und frohes Singen Auch in die letzte Kutte bringen. Wir wollen eine neue Zeit Zn Frieden und Gerechtigkeit, Wo keine andern Werte wiegen, Als die im Menschen selber liegen. Den neuen Glauben wollen wir, And alles opfern wir dafür, Den Glauben, daß von allem Bösen Der Mensch sich selber wird erlösen. Fritz Sänger. Die verfilmte Literatur» (Ein Gespräch.) Wir saßen in einem Cafö. Der BormittagShimmel war draußen mit dunklen Wolken umzogen und ein fast herbstlicher Wind riß die Blätter von den Bäumen, „Ich begreife gar nicht," begann mein Gegenüber,„wie Sie sich in einer literarischen Frage so verrennen können. Sie denken doch sonst leidlich real. Daß jetzt auch B ö l s ch e einen Roman dem Kino ausgeliefert hat, werden Sic ja wohl gelesen haben. WaZ meinen Sie nun eigentlich dazu?" Ich zuckte die Achseln. „Das ist keine Antwort, sondern ein Zeichen der Verlegenheit. Nur immer heraus mit der Sprache! Was für Gründe haben Sie für Ihre ablehnende Haltung?" „Gründe des literarischen Idealismus." „Aber mein Gott, sehen Sie denn nicht, daß es sich in diesem Fall um den deutschen Ouerkopf-Jdealismus handelt, der überall in der Welt anstößt und nie etwas erreicht. Wenn wir diese Gattung von Idealismus, die uns lediglich lächerlich macht, restlos abstreifen könnten, würden wir weiter kommen." „Wenn Sie weiter keine Schmerzen haben, könnten Sie eigent- lich beruhigt sein. Im Abstreifen des Idealismus aller Gattungen haben wir schon ein tüchtiges Stück Arbeit geleistet. Und wener sind wir auch gekommen. Es fragt sich nur worin." Mein Gegenüber wurde energisch. „Also merken Sie aus"— er setzte sich in Positur.—„Sie werden wahrscheinlich behaupten, daß eine Dichtung notwendig geschändet werden muß, wenn fie in einen Film verwandelt werden soll." „Wenn Sie gestatten: Ja!" „Aber sehen Sie denn nicht, daß diese ganze Ansicht ein H i r n g e s p i n n st ist?" „Ich bedauere: Nein!" „Wie kann man nnr so an Halluzinationen leiden! Sie wissen, daß man das Wort„Filmbordell" geprägt hat. Oder sollten Sie es etwa nicht wissen?" „Ich habe es sogar selber gebraucht." „Dann beantworten Sie mir steundlichst die Frage: Was ge« schieht mit einem Mädchen, das in ein Bordell verschleppt wird?" „Genau dasselbe, was im Kino mit einer Dichtung geschieht. Sie wird zugrunde gerichtet." „Soweit das Mädchen in Frage kommt, stimmts. Im Kino aber wird durchaus nichts zugrunde gerichtet. Sie wissen, daß ein Roman von mir verfilmt ist. Sie kennen den Roman. Ich werde Ihnen morgen ein Exemplar senden. Wenn auch nur ein Adjektiv Schaden genommen hat, will ich mich hängen lasten. Wenn der Roman zugrunde gehen müßte, damit ein Film entstehen könnte, hätten Sie recht. Aber Sie dürfen sich darauf verlosten, der Roman bleibt unbeschädigt. Es wird lediglich ein Abbild von ihm hergestellt." „Ein Abbild, das einer Verstümmelung gleichkommt," „Da mögen Sie recht haben; aber was schadet eS meinem Roman, daß er einen Namensvetter hat, der häßlich aussieht?" „Wenn der„Faust" in einer norwegischen Ausgabe erschiene, die einer Schändung Goethes gleichkäme, wenn diese Ausgabe dann durch eine kapitalistische Ramschfirma in Riesenmasten vertrieben würde, möchten Sie an diesem Geschäft verantwortlich beteiligt sein?' „Das kann ich gerade nicht behaupten," „Und doch würde die ursprüngliche Dichtung Goethes ganz unbe» rührt bleiben. Oder nehmen wir einen anderen Fall: Wenn ein berühmter Maler aus finanziellen Gründen zuließe, daß von seinen Werken hundsgemeine Reproduktionen in Hundert- taufenden Exemplaren ins Volk geschleudert würden, würden Sie die Geschäfte dieses Mannes billigen?" „Nein." „Warum verlieren Sie aber dann alle Logik, wenn Sie im Kino einer neuen Erscheinung gegenüber stehen? Es ist zwar richtig, daß Ihr Roman unbeschädigt bleibt. Sie gestatten aber, daß eine er- bärmliche Kopie als Ihre Arbeit vertrieben wird. Und das sollten Sie eigentlich nicht tun." „Wenn nun aber auf diese Weise ein Dichter die Muße der Produktion gewinnen kann, die ihm sonst unerreichbar wären?" „Dann mag er es tun; Not bricht bekannrlich Eisen und also erst recht ideale Verpflichtungen. Sie wisten aber, daß gerade schwerreiche Dichter auf diesem Wege vorangegangen sind. Und das nenne ich nach wie vor einen Verrat an unserem Metier." „Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?" „Warum nicht?" Wir verließen das Thema. Wettermanns �unnelMm. Als ein Zeitereignis geradezu ist von einem Teil der Kritik der Roman ausgeschrien worden, den Bernhard KcNer- mann vor kurzem unter dem Titel„Der Tunnel" bei S. Fischer- Berlin hat erscheinen lassen. In der Tat schlägt das Buch mit verblüffendem Keulenhieb nicht nur die vor die Stirn, die Kellcrmann nur aus seinen ersten Schöpfungen als einen zartbesaiteten Dichter lyrischer Seelenstimmungen und-Vorgänge kannten und nun staunen, wie dieser„Unzeitgemäße" vom Geist des Amerikanismus gepackt ist und vom Fieber des Kapitalismus geschüttelt wird. In einem atemraubendcn Tempo ist das Buch geschrieben, über Stock und Stein, über Katastrophen und Explo- sionen rast die Handlung dahin, ein sprühendes Feuerwerk von Worten rauscht auf, noch eins wie hier, das dem nächtlichen New Uork gilt:„Unaufhörlich schössen Lichtfontänen und farbige Strahlengarben aus den Straßen empor zum Himmel. Ein Blitz zerriß ein Turmhaus von unten bis oben und setzte einen riesigen Schuh in Brand. Ein Haus ging in Flammen auf und in den Flammen erschien ein roter Stier: Bull Durhams Rauchtabak. Raketen jagten zur Höhe, explodierten und bildeten beschwörende Worte. Eine violette Sonne kreiste wie irrsinnig hoch oben in der Luft und spie Feuer über Manhattan, die bleichen Lichtkegel von Scheinwerfern tasteten nach dem Horizont und beleuchteten kalk- weiße Häuserwüsten. Hoch oben am Himmel über dem blitzenden New Dor! aber standen blaß, unscheinbar, elend, geschlagen, die Sterne und der Mond." Aber wer sich durch alle stilistischen Virtuosenstückchen nicht blenden läßt, kommt bald enttäuscht dahinter, daß es sich bei Kellermanns Roman kaum um mehr als um einen grandios entworfenen und grandios heruntergespielten Film, aber immer um einen Film handelt, dem die Seele fehlt. Die Leinwand flim- mert. Erstes Bild: Mac Allans Idee.(Nämlich: Amerika und Europa durch einen Untersectunnel zu verbinden, durch den in vier- undzwanzig Stunden die Züge hindurchjagen.) Zweites Bild: �ie Milliardärversammlung auf dem Hoteldachgartcn.(Das Pro- Uli wird finanziert.) Drittes Bild: All- Welt Aktionär der Tunnelgcsellschaft!(Die Spardollars der Arbeiter und Kleinbürger werden für Anteilscheine gelockert.) Viertes, fünftes, sechstes und soundsovieltes Bild: In den Bauch der Erde hinein!(Das grabt und bohrt und wühlt und sprengt und dringt vor— ganze Arbecker- armeen auf dem Marsch!) Dreißigstes Bild: Die Katastrophe. Dreitausend Tote! Vierzigstes Bild: Die Riescndefraudation S. Woolfs. Sturz der Tunnclaktien. Finanzkrise in der ganzen Welt. Die Schlachten der" Arbeitslosen. Einundvierzigstes Bild: Mac Allan geächtet! Dreiundvicrzigstes Bild: Die Tochter de? Milliardärs als Retterin. Vierundvierzigstes: Es wird weiter ge- baut? und fünfundvierzigstcs: Der erste Zug Amerika— Europa. Schlußapotheose!(Spieldauer: Dreieinhalb Stunden.) Nein, man tut Bernhard Kellermann wirklich kein Unrecht, wenn man in solchen Tönen von seinem Kunststück spricht. Wie ganz anders, wieviel ernsthafter hat E m i l Zola, der von un- seien Jüngsten längst zum alten Eisen geworfen ist, das Jnein- ander und Durcheinander der kapitalistischen Produktion geschildert! Wie hat Frank Norris in seinem„Oktopus"-Roman schier historisch-materialistisch und doch mit überwältigender Dichterkraft den Weizen als eine umwälzende Weltmacht gestaltet! Aber Bernhard Kellermann artistelt letzten Endes auch hier und hat nicht den Blick und den Griff, das Unpersönliche der kapita- listischen EntWickelung in ihren unheimlichen Wirkungen festzu» halten. So verzettelt er sich in allerhand persönlichen Episoden und bleibt auch hier noch in der Schablone stecken. Wie farblos die Frauengestalten des Romans, Mac Allans erste Frau Maud und seine zweite Ethel! Wie schematisch dieser Milliardär Lloyd, der über unermeßliche Schätze gebietet und dessen Leben dabei von der- giftender Krankheit zerfressen wird, so daß- ihm keiner mehr von allen Genüssen der Welt winkt— wie oft sind wir dieser Figur des„armen Reichen" schon begegnet! Und welch eine Marlitt-Jdee schließlich, nur durch die Liebe der Milliardärstochtcr zu dem kühnen Ingenieur das Werk vollenden zu lassen, das doch wahrhaftig von allem andern abhängt, nur nicht davon, ob Hans seine Grete freit und ob Grete ihren Hans liebt! Am schlimmsten freilich, aber auch am verständlichsten ist, daß Kellermann nur versucht hat, die eine Seite des kapitalistischen Getriebes zu beleben und zu beleuchten, die Arbeiter treten nur als ungeheure Massen ohne jeden Einzelzug auf und auch wo sie streiken oder auf der Straße demonstrieren. erscheinen sie fast wesenlos und nur wie ein Heer vorüberziehender Schatten an der Wand. Kellermann gehört eben einer neu aufkam- wenden Dichtergeneration an, die das Lied der neuen Zeit singen, ihrem Schaffen weite Horizonte geben und im phntastischen Flam- menschein der Hüttenfeuer schaffen will, aber zu tief in bürgerlich überkommenen Vorstellungen drinsteckt, um diese Zeit quer und längs durchmessen zu können. Nur den Kapitalismus sehen fie mit seinen berauschenden AusdehnungSmöglichkeiten. aber nicht auch seinen Gegenpol, den Sozialismus in seinem Kampf um die Macht! Das ist der Grund, der den Tunnelroman, selbst wenn er im einzelnen besser charakterisierte, dazu verurteilt, lediglich ein wo- dernisterter Jules Verne zu sein. H. W. Krieg der unanttänäigen Kleidermode! Ter„Leo", ein Sonntagsblatt für das katholische Volk. herausgegeben von der Bonifatiusdruckerei in Paderborn, bringt in seiner Nummer vom 20. Juli eine„Homilie über die unanständige Kleidertracht der Frauen" von Kardinal Cavallari, Patriarch von Venedig Unter Berufung auf Worte des heiligen Petrus an Neubekehrte in verschredenen Provinzen des römischen Reichs wendet sich die oberhirtliche Predigt gegen die„Schamlosigkeiten" nicht weniger Frauen unserer Tage. Damit kein Zweifel bleibt, was unter dieier „unanständigen Kleidermode" zu verstehen sei. heißt es in dieser erbaulichen Betrachtung ausdrücklich: „Unter unanständiger Kleidung versiebe'.ch aber icne, die die Arm«, einen guten Teil des Oberkörpers unbedeckt läßt oder kaum bedeckt mit Spitzen oder Schleiern, so d u n n. daß es den Anschein hat. sie sollten gerade die lundhafte Neugierde erst recht reizen. Ich meine damit auch iene Kleider. die so e n g a n d e r P e r so n anliegen, daß die,e bei jeder Bc- Regung die ganze Körper form in s ch a r f e n Umrissen zeigt und so auch den letzten Reck natürlicher Scham verletzt." Die katholischen Priester werden dann mit dem Hin- weise auf ihr Recht, die krrtlsche �oude an die Tracht der Frauen zu legen, animiert, unanständig gekleidete Frauen aus den Kirchen zu weisen, wenn ste als Patinnen fungieren wollen. Aber � ��<1? den Dingen: „Nicht als ob m-m Perionen, die M der Welt leben, jenen ehrbaren Schmuck mcht erlauben tollte, der ihrem Stande g e z i e m t und den, h r- M, t t e l ihnen gestatten. Diesen ver. langt ihre gesell schaftllche Stellung und gewisse Fa. milienrücksichtcn— immer jedoch ohne Beleidigung Gottes und ohne Schaden der Seelen. Aber schlimmer noch als die eigene Schuld ist die Sünde. die die.„sch-ck gekleideten grauen dadurch verüben, daß sie die Männer verfuhren.. Und der Teufel geht bekanntlich umher nicht nur als. em brüllender Löwe, sondern er ist in jeglicher Gestalt zu finden, auch und zumal in der modernen Kleidung der Frauen und Madchen; Vom beißen Sis. Nichts ist unbekannter als das Nächstliegende. Wer die Ge- schichte der Wissenschaften kennt, wird diesen Spruch nur zu berech- tigt finden. Luft und Wafier— zwei Dinge, die uns auf Schritt und Tritt umgeben, sind in ihrer wahren Beschaffenheit erst spät, zum Teil sogar überhaupt noch nicht erkannt worden. Es vergeht ja kaum ein Jahr, ohne daß wir von der Entdeckung neuer Bestand- teile der Luft Kunde erhalten, und was das Wasser anbetrifft, so sind durch die neuesten Forschungen darüber wahre Wunderdinge zu- tage gefördert worden. Den Weisen der Antike galt das Wasser als ein Grundelement der Welt. Neben Erde, Luft und Feuer spielte es eine hervorragende Nolle in den kosmologischen Theorien der Naturphilosophie, wie auch später in den phantastischen 5konstruktionsn der mittelalterlichen Alchemisten. Erst mit dem Austreten der modernen Chemie gelang es, die Grundbeschaffenheit des Wassers dahin aufzuklären, daß es als ein zusammengesetzter Körper erkannt wurde, bestehend aus zwei Grundstoffen: Wasserstoff(H) und Sauerstoff(0). Diese beiden Grundstoffe sind gasförmig. Dem Gewichte nach kommt auf je ein Teilchen(Molekül) Wasser 8 mal mehr Sauerstoff als Wasser- stoff, während dem Umfange nach Wafferstoff 2 mal stärker vertreten ist als Sauerstoff. Die kurze Formel Il�O drückt die Wissenschaft von der Natur des Wassers aus, sofern sie durch die einfachen chemischen Untersuchungen gewonnen worden ist. Indes erweist sich diese Wissenschaft bei weitem nicht als aus- reichend, um alle Besonderheiten des Wassers aufzuklären. Und dieser Eigentümlichkeiten sind so viele, daß das Wasser als.ein ganz besonderer Saft' angesprochen werden muß. Da ist zunächst die allbekannte Tatsache zu nennen, daß das Wasser bei der Ab- kühlung unter 4 Grad sich nicht zusammenzieht, sondern ausdehnt. Das Eis ist leichter als das Wasser; es schwimmt an der Wasser- Oberfläche. Diese Eigenschaft, die beiläufig gesagt für die Oekonomie der Natur von höchster Wichtigkeit ist, da dadurch vollständige Ver- eisung unserer Seen und Flüsse im strengen Winter verhindert wird, paart sich mit einer Reihe von anderen ebenso merkwürdigen. Der Siedepunkt des Wassers liegt viel niedriger, als er nach den physikalischen Gesetzen, denen die anderen Flüssigkeiten sonst gehorchen, liegen müßte. Ebenso abnorm ist die Fähigkeit des Wassers, Wärme auf- zunehmen, ihre Wärmekapazität, die beinahe zweimal so groß ist als bei anderen uns bekannten Flüssigkeiten. Diese Abnormitäten— und es könnten ihrer noch viel mehr genannt werden— ließen vor etwa zwanzig Jahren den bekannten Physiker Röntgen die Hypothese aufstellen, daß das Wasser keine einheitliche, homogene Flüssigkeit ist. Er nahm an, daß im gewöhn- lichen Wasser nicht nur Wassermoleküle, sondern auch komplizierter gebaute Eismoleküle immer vorhanden seien, daß das Wasser mit einem Worte eine.Eislösung' sei. Durch eine Reihe von neueren Versuchen fand diese Annahme nicht nur eine Bestätigung, sondern auch eine unerwartete und höchst merkwürdige Ausdehnung. Je höher der Druck, unter dem man das Wasser gefrieren läßt, desto niedriger sein Gestierpunkt. Und da die Wassermoleküle— falls solche wirklich vorhanden sein sollten — schwerer als die Eismoleküle sind, so wäre das Eis, das unter hohem Druck gewonnen werden kann, kein gewöhnliches Eis, sondern eben das.gefrorene Wasser'. Und in der Tat ist es verschiedenen Forschern gelungen, eine Reihe von Eisformen zu gewinnen, die schwerer als das gewöhnliche Eis sind, und die im Unterschiede vom allbekannten.Eis I' als.Eis II",.Eis IH' und.Eis IV' benannt worden find- Sie exisfieren sämtlich unter sehr niedrigen Temperaturen und haben einen kristallischen Bau, der von dem Bau des gewöhnlichen Eises wesentlich verschieden ist. Dadurch sind aber die Besonderheiten des Wassers bei weitem nicht erschöpft. In der allerletzten Zeit ist es gelungen, noch zwei Formen von Eis—»Eis V' und.Eis VI"— zu gewinnen, die unsere landläufigen Begriffe gänzlich über den Haufen werfen. Diese Formen kommen unter exorbitant hohem Druck von 3000— 6000 Atmosphären vor(S500—6B00 Kilo auf einen Ouadratzentimeter). Und— was das merkwürdigste ist— die Temperatur dieses Eises steigt mit dem Steigen des Druckes. Bei 20 000 Atmosphären existiert das.Eis VI' unter einer Temperatur von 7 6 Grad C e l s i u s I Man kann also, wenn man ein Stück von diesem heißen Eise unvorsichtig anfaßt, sich Brandwunden holen, und doch ist es Eis, d. h. derselbe Körper, der in der Kälteindustrie sonst zur Ab- kühlung dient! Was Wunder, daß nach solchen überraschenden Entdeckungen, auch von besonderen.Dampsmolelüle' gesprochen wird, wonach also das Wasser ein Gemisch von drei verschiedenen Körpern wäre. Und' es ist durchaus möglich, daß sich bald der eiskalte Dampf zu heißem Eise gesellt. Der komplizierte Bau des Wassers kann übrigens eine Erklärung für Verschiedenheiten der Wasserfärbung abgeben. Es ist schon seit langem bekannt, daß der Ausdruck.farblose Flüssigkeit" in bezug auf das Wasser nur mehr eine poetische Metapher ist, da auch das reinste Wasser immer bläulich oder grünlich gefärbt ist. Nun ist fest- gestellt worden, daß die blaue Färbung desto mehr zunimmt, je mehr das Wasser abgekühlt wird. Daraus läßt sich der Schluß ziehen, daß die komplizierten Eismolekllle von blauer Farbe, die Wassermoleküle dagegen gelblich oder grünlich gefärbt sind. So erweist sich das simple Wasser als ein Ausbund von Eigen- tümlichkeiten, deren schließliche Erklärungen auch den schärfsten Mitteln der modernen chemisch-physikalischen Forschung nur mit vieler Mühe gelingen kann. Vom Jahrmarkt des Lebens* Die Badewanne als Luxusartikel und der GericbtsvoUzieber als Nervenarzt 1 Im Anfang Mai deS Jahres ISIS(nicht 1813) wurde einem Kaufmann in Düsseldorf wegen eines nicht bezahlten Geldbetrages eine Badewanne gepfändet. Auf den Einspruch des Schuldners, daß die Badewanne für ihn und sein 7jähriges Töchterchen ein not- wendiger Gebrauchsgegenstand sei, erwiderte der Gerichtsvollzieher, .eine Badewanne sei ein Luxusgegenstand und als solcher Pfand- bar I"— Auf den Einspruch des Schuldners bei dem Düsseldorfer Amts- gerichts, daß er sehr nervös sei und aus diesem Grunde eine Kneip- kur und kalte Waschungen mache, daher die Badewanne unbedingt gebrauchen müsse, erwiderte das obengenannte Gericht: .daß nach Aussage des Gerichtsvollziehers der Schuldner gesund aussähe und nicht nervenleidend sei, die Pfändung der Badewanne demnach nicht aufgehoben werden könne.' Was wollt Ihr baden gehn, verwöhnte Bändel— Der Schmutz hält warm und spart Euch dicke Kluft.—> Kauft keine Badewannen!— Hierzulande Ist dieses Luxus— wie die stische Luft.— Schützt Euren Körper vor dem frischen Wasser, Damit die Fettschicht nicht herunter geht!— Tragt Jägerhemden— wie die Licht-Lufthasser— Und den Effekt Ihr dann auch sehr bald seht.— Doch wenn Ihr stolz im Glänze frischen Linnen? Und rein gewaschen vor dem Richter steht,— So schilt Euch der— ob solchen keck' Beginnens— Wer Schulden hat— nicht m die Badwann' geht!—> Ihr seid nervös?— Der Herr Gerichtsvollzieher, Er attestiert Euch bald das Gegenteil.-- Und Kneippsche Kuren?— Lachendes Gewieher.— Nicht baden gehn— ist mehr zu Eurem Heil.— Wer Schulden hat, braucht keine Badewannen, So dekretiert die hohe Obrigkeit.— Habt Ihr kein Geld— nehmt Nachttöpfe und Kannen!— Nervosität ist nichts für arme Leut'l-- zwischen Männer- und Frauenäbteilung, benutzt. In diesem näherte sich der„Geisteskranke" einer verwahrlosten Patientin Wärter überraschten das Paar» aber Abwehrmaßregeln wurden seitens der Anstaltsleitung nicht getroffen. Vielmehr gelang es dem geisteskranken Verbrecher, auch eine in Anstaltspflege gegebene hochbegabte junge Lehrerin aus guter Familie zu betören. Die Folge des Verkehrs beider in dem unverschlossenen unter- irdischen Gang war die Geburt eines lebensfähigen Kindes. So mußte die bald nach diesem folgenschweren Verkehr aus der An- staltspflege entlassene und ihrem Schuldienst zurückgegebene Lehre- rin in Pension treten. Wegen der sich daraus ergebenden Eni- schädigungsansprüche gegen die Stadt Bamberg erbat die Be- dauernswerte zunächst gemäß des bayerischen Rechtes die Vor entscheidung des Verwaltungsgerichtshofcs. Letzterer pflog sasl zwei Jahr Erhebungen und verhandelte über deren Ergebnis siebe Stunden in der öffentlichen Sitzung vom 25. Juni 1918. Der Ük neralstaatsanwalt persönlich begutachtete den Antrag, indem er r.~ scharfen Worten betonte, daß bei noch so freier Behandlung der Kranken in den modernen Irrenanstalten diese Freiheit für mann- liche Insassen ihre Grenze unbedingt an den Türen der Frauen- abteilungen finden müsse und daher der unterirdische Verbindungs- gang in jedem Falle hätte geschlossen werden müssen. Trotzdem erkannte der Verwaltungsgerichtshof in seiner am S. Juli verkündeten Entscheidung, daß die Anstaltsleitung sich einer Amts- Pflichtverletzung nicht schuldig gemacht habe. Dem Eingeweihten ist bekannt, daß in geschlechtlicher Hinsicht in den modernen Irrenanstalten noch ganz andere, viel schwerer: Ausschreitungen vorkommen, die von den Verwaltungen und der Irrenärzten gewöhnlich abgeleugnet oder vertuscht werden. Hie. liegt wohl der erste derartige Fall vor, der gerichtlich festgenagelt worden ist. Der unterirdische Gang im Irrenbaufe. Ueberaus bedauerliche Ereignisse aus der städtischen Heil- und Pflegeanstalt St. Getreu in Bamberg waren kürzlich Gegenstand öffentlicher Verhandlung in der Sitzung des königlich bayerischen Verwaltungsgerichtshofes in München. Aus der Strafanstalt Preungesheim bei Frankfurt a. M. wurde ein in der Strafvoll- streckung angeblich geisteskrank gewordener Zuhälter und sexueller Erpresser zunächst der städtischen Irrenanstalt Frankfurt a. M. und von dort mit dem Gutachten, daß dieser geisteskranke Verbrecher dauernder Anstaltspslege bedürfe, seiner heimatlichen Irrenanstalt St. Getreu in Bamberg überwiesen. Hier genoß dieser„Geistes- kranke" bald alle erdenklichen Freiheiten. Er erhielt oft die Er- laubnis zu freiem Stadtausgang ohne Begleitung und fand leicht die Möglichkeit, nicht nur sämtliche Räume der Männerabteilungen, sondern auch der Frauenabteilungen zu betreten. So war auch, wie durch beeidigte Zeugen festgestellt ist, die Gelegenheit gegeben, sogar innerhalb der Anstaltsmauern den Geschlechtstrieb zu be- friedigen. Hierzu wurde ein unterirdischer Gang, die Verbindung Hlkobol und JVIonarcbenbegeifteruncf. Wie stimulierend der Alkohol auf unseren teutschen Patriotismus einwirkt, ist hinlängluh bekannt. Wenn das Bier in Strömen fließt, schlägt in der deutschen Mannesbrust das Herz doppelt begeistert für Thron und Altar, für Vater- land und angestammtes Fürstenhaus. Ja man könnte fast soweit gehen, zu behaupten, daß ohne Alkohol bei uns keine echte rechte Monarchenbegeisterung aufzubringen sei. Daß wir kaum übertreiben, zeigen folgende Fälle, die uns ein Freund unseres Blattes mitteilt: Als man in Dresden zum Kaiserjubiläum rüstete. ließen die Dresdener Korporationen der Kgl. Sächsischen Technischen Hochschule„offiziell" erklären, daß sie an jeder Kaiserjubiläums- oder Jahrhundertfeier, die kein Kommers sei, nur„gezwungen" teilnehmen würden. Ohne komment- gemäße Alkoholvertilgung schien es also für die Herren Hoch- schüler keine„würdige" Jubiliäumsfeier zu geben. Dabei kommen doch die akademischen Korporationen in ihrem Patriotismus noch vor den Kriegervereinen! Aber auch sonst schien man in deutschen Akademiker- kreisen der Meinung zu sein, daß Patriottsmus und reich- licher Bierkonsum schwer voneinander zu trennende Begriffe sind. So wurden auch in Berlin beim Regierungsjubiläunr des Kaisers jedem Festteilnehmer 6— schreibe sechs— Frei- biermarken ausgehändigt, die aus dem allgemeinen Studentenfonds bezahlt wurden. Im ganzen wurden 24000 Freibiermarken ausgegeben. Da der Fonds unter anderem auch zur Unterstützung „hilfsbedürftiger" Studenten dient, scheint man diese Be- stimmung so ausgelegt zu haben.— In Greifswald gar hat ein Student vom Rektor einen Verweis erhalten, weil er— nicht etwa gegen die offizielle Jubiläumsbegeisterung protestiert hatte, nein— weil er es gewagt hatte, durch Flugblätter darauf auf-- merksam zu machen, daß es doch eigentlich ein Widersinn sei. den Kaiser durch Kommerse zu feiern, da Wilhelm II. doch ein Gegner des Kommersiercns sei. Und derweilen diese Flugblätter die Wirkung hatten, daß der Kommers nicht die vom Rektor gewünschte Beteiligung fand, wurde vom Rektor und den Stadtbehörden noch ein allgemeiner„Frühschoppen" auf offenem Markt arrangiert! Auch ein Greifswalder Blatt sah sich veranlaßt, zu dem Vorgehen der Studenten Stellung zu nehmen— aber natürlich im Sinne des Rektors und der Behörden. Wie konnte auch ein deutscher Student so un- studentisch und unpatriotisch handeln!_ „Man kann sagen, daß eine Frau, die sich unanständig zu kleiden pflegt, die mächtigste Hilfstruppe des Teufels bildet, um die Seelen ins Verderben zu ziehen.... Denselben Kunstgriff— den die Moabiter und Ma- dianiter durch ihre versührcrischcn Töchter nach der Bibel gegen die streitbaren Juden anwandten— wendet der Teufel bei so vielen Christen unserer Tage an.- Um die Seelen in seine Netze zu ziehen, bedient er sich heutzutage zahlreicher Mittel, aber kaum ist eines verhängnisvollcr und verderblicher als die in unfern Tagen vielfach übliche unanständige Kleidertracht. Die Frau, die in Kleidung und Haltung unehrbar durch die Straßen geht, säet Veftwrben. Die Jugend flieht sie und entbrennt in unreinen Begierden, wälzt sich im Schmutze einer verdorbenen Phantasie und endigt im Abgrund aller Liederlichkeit. Auch die Männer in reiferenJahr e n sehen sie an, machen unan- ständige Witze darüber� und auch in der Kälte der vorge- rückleren Jahre fühlen sie, wie im Herzen sich die Flamme der Sinnlichkeit entzündet." Diese Litanei richtet sich nicht nur gegen die Moderverrücktheiten unserer Tage, sie ist auch ein Beitrag zu dem Kampfe der Kirche gegen moderne �ebensregungen der Frauen. Den gedrechselten Modepuppen der hochnoblen Ge- sellschast ins Gewissen zu reden, dazu haben die katholischen Priester— und ihre evangelischen Bruder nicht minder— hinreichend Gelegenheit in den Kreisen ihrer gläubigen Ge- rneinden, und ob der Teufel der Sinnlichkeit und der Begehr- lichkeit allemal hinter den herausgeschnürten Busen dieser Gesellschaftspüppchen lauert, das kann allerdings der zölibatäre Geistliche selber am besten feststellen. Womit aber nicht gesagt ist, daß jeden anderen Menschen, wenn er bloße Mädchenarme und einen freien Frauenhals üeht, gleich dieselben Empfindungen beschleichen müssen, die der Teufel Bitru durch die Modepuppen bei Asketen auslösen mag. Oer Kondor* Bon Wilhelm Scharrelmann. In einem elenden Menageriekäfig, zwischen einem Brüllaffen und einem Paar abgemagerter Hyänen, saß ein Kondor gefangen. Es war noch ein junges Tier. Seine Flügel hatten noch nicht die volle Große, und ,n den Kielen der Schwungfedern befand sich noch Wnt. Bor Monaten hatten ihn die Hände eines Jägers aus dem «bewachten Nest genommen. Nun faß et hinter den rostigen Ws»>ftSbe» fcineS Äöfiga ynd dachte an die Heimat... Stunden- lang saß er da und starrte mit trübem Blick in die halbdunkle Bude hinein, in der es nach Pferdefleisch roch und alle Gegenstände den scharfen Geruch der Raubtiere angenommen hatten, die ruhelos hinter den Stäben ihrer Gefängnisse auf und ab schlichen. Seine Federn waren struppig und unordentlich, so jung sein Gefieder noch war, seine Bewegungen matt und lässig; nur in Augenblicken, wo ihm ein Traum die einsame Größe seiner Heimat zeigte, die blauen Berge und die schroffen Felsen Perus und die wilden Täler, die sich dort zwischen den Bergen hinziehen, leuchtete sein Auge auf, und mit wilden Flügelschlägen versuchte er sich zu erheben, von Sehnsucht gequält.... Aber die kurze, harte Kette über den Zehen des linken Fußes mahnte ihn an sein Schicksal und zog ihn wieder auf sein Sprungholz zurück, auf dem er einen Tag nach dem anderen verbrachte. Dann legte er wieder die Flügel zusammen, zog den Kopf zwischen die Schultern und schaute mit trüben Blicken auf die Leute, die vor seinem Käfig standen und ihn neugierig betrachteten. Er war einer der Hauptanziehungspunkte für die Besucher der Tierbude und wurde als„echter Felsenadler aus den Cordilleren Amerikas" im Verzeichnis geführt, einem kleinen, schmutzigen, ge- druckten Stück Papier, auf dem in dicker, schwarzer Schrift das Wort Katalog zu lesen war und das nach Pferdefleisch roch, wie alles, was zur Bude gehörte. Dabei war es ein Glück, daß es in der Bude nach Pferdefleisch roch, wenigstens für die Tiere, die man darin eingesperrt hielt, denn Pferdefleisch war für sie die einzige Wonne ihres Lebens, ihre Morgen- und Abendandacht. Wenn es aber zuweilen fehlte und man erst auf Besucher wakten mußte, um von neuem einkaufen zu können, knurrten die Tiere ungeduldig hinter ihren Gitterstäben und warfen tückische Blicke auf die Leute, die satt und zufrieden die Bude betraten, um die Tiere zu betrachten. Jede Vorstellung begann damit, daß der.Tierbändiger", der am Schluß die Wölfe über die Schnur springen ließ, ihnen glühende Reifen vorhielt und sie mit der Peitsche zwang hindurch- zuschlüpfen, den Kondor vorführte. Er wurde dann mit der Sitz- stange aus dem Käfig genommen, man breitete seine Flügel aus und zeigte, wie weit sie klafterten, und dann liebkoste der Wärter ihn und gab ihm ein Stückchen Fleisch. Meistens ließ das Tier alles ruhig mit sich geschehen. Matt und schläfrig, bewegte es sich kaum auf seiner Stange. Aber zuweilen leuchtete es in seinen Augen auf. als zöge ein königlicher Traum an ihnen vorüber, ein Traum, von einem Fing über Berggipfel hinweg, von der Jagd auf lebendige Beute und dem freien Horste auf schwindelnden Felsenwänden. Es war nur ein kurzes Aufleuchten: ein Auf- flackern, eine vorüberhuschende Erinnerung. Aber wer diese fun- kelnden, königlichen Blicke auffing, voll tückischen Haffes auf die, die ihn quälten, erschrak und trat unwillkürlich einen Schritt zurück..... Nach einigen Monaten wußte es der Besitzer:„Cäsar" hatte die Schwindsucht. Es war ein ewiges Kreuz, daß die besten Tiere seiner Bude nach einiger Zeit an der Schwindsucht eingingen. Daran hatte er den Schimpansen verloren, den er im vorigen Jahre für teures Geld erstanden hatte, den großen Amazonen- papagei und den Ära, der alle Besucher durch die Pracht seiner Federn fesselte. Langsam, allmählich begannen die Tiere zu krän- kein und gingen trotz der aufmerksamsten Pflege nach einiger Zeit ein., Eines Tages wurde der Kondor wieder„vorgeführt". Der Wärter strich ihm mit der Hand über den Rücken und zog die Flügel auseinander, wie er es sonst tat. Aber welche Fieber- Phantasie mochte dem königlichen Tiere plötzlich den Blick blenden, ihm das Blut ins Gehirn treiben und dem Blick seiner Augen den Ausdruck maßloser blinder Wut geben? War es die Krankheit? War eS der Ingrimm über die langsame Todesmarter, die ihn: zuteil geworden war, war es die Wut darüber, daß man ihn ein- gesperrt hielt und nun langsam das Mar? seines Lebens dahin- schwand. Unaufhaltsam? Wütend hatte er sich plötzlich aus den Wärter gestürzt, dem er sonst nie zu nahe gekommen war. Mit einem einzigen Schnabelhieb hatte das von einer Vision auf- gestachelte Tier seinem Pfleger das eine Auge ausgehackt und die beiden Füße mit den Krallen in seine Wangen eingeschlagen. Ein Schrei des Entsetzens erfüllte den Raum; man eilte herbei und warf sich auf das wilde, mit den Flügeln schlagende Tier, in dem der Geist seiner Rasse mit einem einzigen Schlage erwacht schien. Und dann verging der Wutanfall so plötzlich wie er gekommen. Mit unbewegter Ruhe hockte das Tier wieder auf seiner Stange und ließ sich in seinen Käfig zurückbringen. Dort saß es, als fei nichts geschehen und starrte mit dem müden Blick ins Leere, den es vom ersten Tage an gehabt hatte, als es in diesen Raum gebracht wor- den war.. Am folgenden Morgen fand man den Kondor tot in seinem Käfig. In seinem Todeskampfe hatte daS gefesselte Tier sich in die Kette verstrickt, und nun lag es da, als wenn es die eiserne Fessel im letzten Augenblick noch hätte zerbreche» wolle» Cdlzablungcn. Den Rucksack auf dem Rücken, Tiroler Erde an den genagelten Stiefeln, trete ich an mein Fenster und öffne es. Der Staub der vierzehn Tage steigt auf und schon schreit mich der Lärm der Grost stadt an; das überlaute Lärmen im Kinderpark, das Rollen der Räder, das Glockengekreische der Motorwagen. So eine Elektrische Ein Halbhundert Menschen darin eingepfercht I Plötzlich liegt wieder die feierlich breite Seiser Alpe vor meinem Blicke. Weit grün ausgestreckt. Ich selbst als einsamer Schreiter darauf. Vor mir die Schlerner Schneehöhen. Alm und Gebirge vor meinen Augen? Törichte Phantasie! Die alte, kaum vergessene Plakatwand starrt mich wieder an, die Feuermauer, auf der ein Schneidermeister seine Ware anpreist. In übergroßen Lettern treten mir die Herrenkleider entgegen. »Ohne Preiserhöhungen auf Teilzahlungen." Teilzahlungen das Wort ist stockhoch hingemalt. Natürlich: Teilzahlungen. Wie konnte ich dieses Plakat so ganz vergessen? Es war doch seit Jahren meine Aussicht. Wie kam es denn, daß ich zwei Wochen lang über Feld und Fels schritt voll staunenden Genietzens und ohne jef>en Gedanken an diese Teilzahlungen? Jetzt hat sie mich wieder in ihren Klauen, die Großstadt. Ich glaubte, zwei Wochen lang frei zu sein. Ein Spiegelbild der verzerrten Freiheit schielt mir nun höhnisch entgegen: Freiheit auf Teilzahlungen. Diese ganze Gegenwart, kennt sie etwas anderes als Freiheit auf Teilzahlungen, Gerechtigkeit auf Teilzahlungen, Schönheit und Genutz auf Teilzahlungen? Nichts erhalten wir voll ausbezahlt. Die Luft und das Licht, der Sommer und der frische Wind, das Rauschen der Wälder und das Schweigen der Hochwelt, wer genießt das ganz? Der Sonnenstrahl und die Stromwelle, der Atemzug und der Augenblick, sie sind teure Waren geworden. Es ist alles nur noch ratenweise zu erschwingen. Still räume ich den Rucksack wieder in den Schrank ein, still bröckle ich die Tiroler Erde von den Nagelschuhen, still blicke ich in den Spiegel auf mein braunes Gesicht. Rucksack und Nagel- schuhe werden verstauben, das Gesicht wird wieder blaß und müde werden. Ja, ich habe es völlig vergessen, in was für einen ver- 'ächtigen Kauf sie dieses ganzes Dasein verwandelt haben. Draußen ragen die Berge, aber drinnen tummeln sich die bleichwangigen Kinder. Draußen ruft und winkt das ganze große Leben. Drinnen aber machen sie daraus ein Geschäft auf Teilzahlungen.'' Cm armer Ceufcl. Ein Mitarbeiter schreibt uns: Ach, diese bedauernswerten Damen, denen die einwandfreie Eleganz der Inhalt ihres Lebens sein muß! Grimme Sorgen sind es, die ihnen gar oft die Ruhe aus dem nach der allerletzten Mode eingeschraubten Busen stehlen! Gestern konnte ich mich davon überzeugen, und ich war zu tief erschüttert, der Zufall hatte mich vor eine allerfeinste Modeaus- läge gebannt. Neben mir hatten zwei Damen auf weißen, Hand- schühledernen Stöckelschuhen Posta gefaßt. Es waren so feine Schuhchen, daß man durch das Leder das nervöse Spiel der Zehen- lägelchen beobachten konnte. Ei, und wie die beiden ausnehmend gut rochen! Ich glaube, sie füllten die Straßen bis in die Vororte hinaus mit benebelnden Parfümdüften. Ich Dummrian hatte mo- nentan die Empfindung, man müsse Wohl keine Glückswünsche mehr an das Leben haben, wenn man weiß-handschuhlederne Schuh- chcn abnützen und so weithintragend gut riechen darf. Es war ein Irrtum. Denn da Hub die eine der Damen zu sprechen an, und was sie sagt«, griff mir ans Herz.„Wenn du mir raten könntest, Herti! Ich werde wahrhaftig noch wahnsinnig durch meine Unentschlossenheit!" Was drang da zitternd an meine Ohren. Die neueste Mode, der 7ux>e tonneau, der Fatzrock war es, der dieser so köstlich Duftenden ans Gemüt griff. Sie mache sich, schmerzelte sie, noch immer Gedanken, ob sie sich den ausgesprochen pariserischen oder den gemilderten Jupe Tonneau machen lassen solle. Der Schneider rate ihr wegen ihrer etwas vollen Figur zu dem gemilderten, ihr Sinnen gehe aber nach dem unverfälschten, nach dem besondersten. Aber schließlich, ob der Schneider nicht � doch recht hat! Jedoch, ihre Freundin, die Lia, trage auch pinen ganz echten„Faß". Ach, du lieber Himmel, was für ein Quälen! Tag und Nacht martere sie sich, aber sie könne zu keinem endgül- tigen Entschluß kommen! Nein, es sei entsetzlich!„Es raubt mir den Schlaf, Herti, du kannst es glauben!" Mir krampfte sich das Herz zusammen. Ach, diese arme, von vielen Zweifeln ge- plagte Seele! Wer dieser wohlriechenden Gnädigen doch helfen könnte. Wie kummervoll blickten ihre Augen zwischen den kunstvoll bemalten Wimpern! Und wie unglücklich zuckten die Zehlein unter den Handschuhledernen, als die Sorgenvolle sich nun zum Gehen wendete. Sie haben keine Ahnung von solcher Gswissensqual, die Glücklichen, die sich einfach mit dem Barchentrock zufrieden geben dürfen. Barchentröcke haben mit der Mode nichts zu tun. Kein Schneider diktiert ihnen die Form, sie verändern sich nicht, sie machen keinen Kummer..<- Spiel und Sport Bürgerliche und proletarische Sportbewegung. Zur Einweihung des„Deutschen Stadions" ist im Ver- läge von August Reher in Charlottenburg eine Festschrift er- schienen, die unter anderem einen Ueberblick über Sport und Turnen in Deutschland ini Jahre 1913 bieten will. Selbst- verständlich erstreckt sie sich nur auf die bürgerlichen Sport- verbände. Für uns sind dabei lediglich die Zahlen von Interesse, die uns über die Stärke der gegnerischen Bewegung informieren, wobei nicht vergessen werden darf, daß viele Mitglieder nur auf dem Papiere figurieren. Da steht an der Spitze die Deutsche Turnerschaft, die am 1. Januar 1912 1 228 930 Vereinsangehörige angibt, darunter 181 690 Zöglinge im Alter von 14—17 Jahren, außerdem 63 112 Frauen, 80 790 Knaben und 31 476 Mädchen. 52 650 Vorturner leiteten die Hebungen, 38 474 Turner traten als Rekruten in das Heer ein. Die Mitglieder verteilten sich auf 10 265 Vereine und 8633 Vereinsorte. Interessant ist auch die zahlenmäßige EntWickelung der Deutschen Turnerschaft. Mitglieder über 14 Jahre gab es in den Jahren: 1862 1869 1880 1890 1900 1910 1S4S03 128191 170 31S 388 313 648 273 946113 1912 1 063 332 Zöglinge gab es: 1884 1890 29 914 32 331 Frauen gab es: 1397 1990 13 969 24 133 1900 94 021 1910 161096 1912 184 690 1903 1910 1912 28 516 53 447 63112 Das Vermögen der Deutschen Turnerschaft ist, an diesen Zahlen gemessen, gering. Es beträgt 66 283,12 M.; außerdem sind als Stiftungen und Abgeordnetenkasse 140 635,05 M. vorhanden. Das letzte der bisherigen elf Turnfeste im Jahre 1908 zu Frankfurt a. M. hatte 55000 Teilnehmer. Das Deutsche Turnfest ist kürzlich in Leipzig gefeiert lvorden. Bacchus, Gambrinus und Venns, hatten niehr als reichlich zu tun, Verstärkungen heranzuziehen. Beachtenswert ist, daß der Hurrapatriotismus der Deutschen Turnerschaft in Mittel- und Süddeutschland mehr Anklang sindet als ini Norden. Stellen wir einige Zahlen gegenüber: Kreis Mittelrhein 128 183 Mitglieder, Kreis Oberrhein 99730, Kreis Schwaben 70 846, Kreis Bayern 94 794, Königreich Sachsen 153 287 Mitglieder; dagegen Mark Brandenburg nur 56 108 Mitglieder, Pommern 16 417, Hannover und Braun- 'chwcig nur 32198 Mitglieder. Hinter dem Koloß der Deutschen Turnerschaft stehen alle anderen bürgerlichen Sportverbände weit zurück. Die „Deutsche S p o r t b e h ö r d e für(L eicht-)Athleti k", die die Zentralstelle für 11 Sonderverbände bildet, gibt für das Jahr 1912 131 137 Mitglieder in 7531 Vereinen an. Sie entsandte 5884 junge Männer in das Heer. Sehr rasch hat ich, wie das Fußballspiel in Deutschland überhaupt, der Deutsche Fußballbund entwickelt. Von 194 Vereinen und 9317 Mitgliedern im Jahre 1904 ist er auf 161 613 Mit- glieder in 1936 Vereinen im Jahre 1912 gestiegen. Der Deutsche Schwimmverband umfaßt zurzeit 340 Ver- eine mit 58 000 Mitgliedern: er hatte im Jahre 1897 erst 61 Vereine mit 4853 Mitgliedern. Weniger günstig ist die Entwickelung des Deutschen Radfahrer- b u n d e s, Wohl deswegen, weil das Radfahren in der Hauptsache nur noch von Proletariern ausgeübt wird. Der D. R. B. hatte im Jahre'1912„rund"(I) 50 000 Mitglieder. Seine früheren Mitgliederzahlen gibt er vorsichtigerweise nicht bekannt. Auch die Ruderer, die in Deutschland aus naheliegenden Gründen vorläufig fast nur bürgerlichen Schichten angehören, sind organisiert. Sie haben 336 Vereine mit angeblich über 20000 Mitgliedern. Das T e n n i s s p i e l ist ebenfalls noch ein rein bürgerlicher Sport. Im Deutschen Lawn-Tennis-Bund sind 145 Klubs mit etwa 22 000 Personen vereinigt. Die Gesamtmitgliederzahl des Reichsverbau ds für Schwerathletik beträgt nach der neuesten Statistik 6000. Außerdem sollen noch etwa 15 bürgerliche Athletenverbände mit zusammen 20000 Mitgliedern vorhanden sein. Dem Deutschen Eislau f-Verband gehören zurzeit 72 Ver- eine mit über 20 000 Mitgliedern an, der Deutschs Fechterbund nähert sich bereits einer Mitglicderzahl von 1000„Fechtern". Viele Freunde hat sich in kurzer Zeit der Skisport erworben. Der Deutsche Ski-Verband stieg von 2450 Mitgliedern im Jahre 1905 auf 27 913 im Jahre 1912. Auch der Deutsche G o l f- V e r b a n d hat schon 44 Vereine mit ungefähr 2500 Mitgliedern. Den Schluß möge der„Sport" der deutschen Spießbürger. das Schießen, bilden. Der deutsche Schützenbund, bei dessen Namen man unwillkürlich an Drehorgelklänge, Bratwurstduft und Kasperle-Theater denkt, zählt in rund 1000 Vereinen 31000 Mitglieder. Wir haben absichtlich einmal diese bürgerliche Sportarmes in ihrem großen Umfange, der übrigens hier noch nicht voll- ständig abgemessen ist, durchmustert, um ihren Aufmarsch auf diejenigen unter uns wirken zu lassen, die diese Bewegung gelegentlich mit geringschätzigem Achselzucken oder dem Spott- ivort„Klimbimvereine" abzutun versuchen. Die bürgerlichen Sportverbände gewinnen um so größere Bedeutung, als sie allerwärts das Rückgrat der staatlichen Jugendpflege bilden. Es ist daher durchaus folgerichtig, daß die erwähnte Fest- schrift endet mit je einem Artikel über den Jungdeutschland- bund und die staatlich organisierte Jugendpflege. Man kann die Erbitterung unserer Freunde in den Arbeiter-Sportverbänden darüber verstehen, daß jene Riesen- zahlen zu einem ausschlaggebenden Teile von Proletariern, ja von organisierten Arbeitern und ihren Kindern gebildet iverden. Die Bestrebungen, diese Klassengenossen dem Einflüsse der Hurrapatrioten zu entziehen, verdienen unsere Unterstützung. Das erhöhte Bedürfnis nach sportlicher Betätigung wird gc- boren aus der kapitalistischen Entwickelung, die den Körper oder den Geist einseitig beschäftigt und die arbeitenden Menschen in Fabriken und Massenquartiere zusammendrängt. Taraus erwächst die gesunde Sehnsucht nach dem Turn- und Spiel- platz, nach der freien Natur und ihren Schönheiten. Diese Entwickelung, die sich gerade in der Jugend unwiderstehlich äußert, muß in die richtige Bahn geleitet werden. Bisher ist nur der Arbeiter radfahr er bund„Solidarität" 1150000 Mitglieder, zurzeit wohl noch etwas mehr) seinem bürgerlichen Konkurrenten überlegen. Die Arbeiter- s ch w i m m e r hatten 1912 42 Vereine nrit 6650 Mit- gliedern, die Arbeiterw ander vereine hatten im gleichen Jahre an 20000 Mitglieder und sogar ein freier Deutscher Ruderverband setzt mit Nachdruck ein. Der Arbeitersängerbund, der eigentlich kaum hier- hin gehört, stieg im Jahre 1912 auf 150 000 Mitglieder. Im Ärbeiterathletenbund werden Wohl augenblicklich an 10000 Klassengenossen vereint sein, und die Mitgliederzahl des Arbeiterturnerbundes endlich hat im Jahre 1912 die 200000 überschritten. Dieser größte und zukunftsreichste proletarische Sportverband stieg im letzten Jahre um 10 000 Mitglieder. DaS Interesse der Arbeiter an ihrer Sportbewegung wächst, die Klassenscheidung wird auch auf diesem Gebiete schärfer und muß es werden, wenn wir nicht Schaden davon haben sollen. Allerdings darf der Arbeitersport auch nicht überschätzt werden und er muß sich außerdem in gesunden Bahnen bewegen. Turnverein„Fichte", Turnplatz Treptow. Am gestrigen Tage sollte ein Dreikampf der Süd-Ost-Abteilungen stattfinden, welcher jedoch durch den gegen 2 Uhr eingetretenen starken Gewitterregen vereitelt wuvde. Es fanden deshalb nur zwei Stafetrenläufe und einige Faustballwettkämpfe statt. Die Resultate derselben sind folgende: 1690 Meter in der Gasse: Stafette der Männer- abteilungcn: 7. M.-Abt. 2,20% Min.; 3. M.-Abt. 2,22 Min. Stafette der Lehrlingsabteilungen: 3. Lehrl.-Abt. 2,2i% Min.; 6. Lebrl.-Abt. 2,24% Min. Faustballwettspiele(30 Mi- nuten): 3. gegen 13. M.-Abt. 63: 48 Punkte. 7. M.-Abt. II. Mann- schaft gegen 1. Fr.-Abt. 48: 34 Punkte. 7. M.-Abt. I. Mannschaft gegen kombinierte Mannschaft der 6. und 8. M.-Abt. 90; 57 Punkte. 3. Lehrl.-Abt. gegen 6. Lehrl.-Abt. 60: 77 Punkte._ Hus dem Kriege zurück. Unveröffentlichte Briefe von Heinrich v- R e d er. Die Feldpostbriefe Heinrich von Reders aus dem Kriege 1870, die wir kürzlich verössentlichten, waren ebenso charakteristisch für den Krieg wie für den Mann. Sie haben in den Kreisen, die von der Kriegeslegende leben, einige Unruhe hervorgerufen, und Familicnmit- glieder fühlten sich bewogen, die Veröffentlichung in Er- klärungen als pietätlos zu beklagen. Wir lassen zur Ergänzung noch einige weitere Briefe folgen, die zeigen, welche tiefe Verbitterung der Poet und Offizier aus dem Kriege in den Friedensdiensl heim- gebracht hat. München, den 26. Dezember 1870. Ich bin an Geist und Körper so zerschlagen, daß ich mich sogar zum Briefschreiben unfähig fühle. Ich kann hier keine Ruhe finden, die für meinen jetzigen Zustand am notwendigsten wäre. Meine Wunde zeigt bis jetzt ein gutes Aussehen und ich ge- denke, sobald es mir nur immer möglich sein wird, von hier fort- zugehen, überhaupt eine gründliche Veränderung meiner Verhält- nisse herbeizuführen, denn das Avancement des Prinzen Leopold, wie sehr ich ihn wegen seiner persönlichen Bravour hochachte, als Major mir vor die Nase, nachdem ich mich in jeder Schlacht aus- geliefert und er in zwei Schlachten unter meinem Kommando ge- standen, hat mich tief empört.„Gefechtswinkcl"... Ich bin von Besuchen so überschwemmt, denen ich all die K-icgsgreuel zwei- und vielfach erzählen muß, daß mir davon ganz übel wird. Man zeigt mir viel Teilnahme, aber diese Teilnahme ruiniert mich... Mich interessiert der Krieg nur noch insofern, als er jetzt eigentlich epP ansängt, und mancher, der sich demselben entronnen glaubt, darin noch sein„selig Ende" finden wird... Werde ich als„Mohr" mit einem Kreuzlein abgefertigt, das mich alle 14 Tage ein neues Band kostet, so bin ich in meinen alten Tageü noch entschlossen, mein Heil jenseits des Meeres zu suchen. Ich habe an Paulina, um alte Schulden gegen ihren Vater cchzu- tragen, mehrere Bilder mitgegeben. Ter Erfolgs den sie damit erzielt'hatz wird mich bestimmen, denn unsere politischen und meine persönlichen Verhältnisse sind mir in gleicher Weise zuwider, und mehr als den Hauptmann von Kaphernaum habe ich denn doch ucrbicuh,..-j-w. Sieg von Beaugeruy- W Sieg; um au bieiem �agc.m Schritte Terrain zu gewinnen, wurde dns �e"d mit deichen oeieckt und die bahertsche Artillerie namentlich im Bestand ihrer Offiziere nahezu vernichtet, und dazu nun die Phrase: die Bayern haben rühmlichst Anteil genommen. Ich kam mit meinen drei Batterien bor das französische Zentrum in Cernay zu stehen, und weil die Preußen auf beiden Flügeln nicht vorwärts kamen, mutzte ich schließlich, um die Batterien nicht an die vorstürmenden Kolonnen zu verlieren, nachdem wir' entsetzlich gelitten, um 300 Schritte zurücknehmen. Dg machte ich den„moralischen Halt", erhielt meinen Schuß, was weiter geschah, weiß ich nicht— aber man kämpft« noch am 16ten nm dasselbe Terrain, das wir am 8ten hätten nehmen sollen. Dieses Marschieren an der Spitze der Zivi- lisation unter der preuß. Pickelhaube ist ebenso kaiserwahnsinnig wie das der granäe nation unter dem Avcnturier Napoleon... München, 7. April 1871. Eben besuchle mich mein Hausherr, um mich des Jahres um 22 fl. in der Wohnung zu steigern. Das ist der Lohn der Bour- gcoisie an die Vaterlandsverteidiger, welche sie vor dein Einfall der Franzosen bewahrt. Kürzlich traf ich oen Grafen... auf der Straße. Zum Schluß unserer Unterhaltung über den Krieg machte er die Aeuße- rnng:„Wir sind eben alle Bestien", worauf ich sagte, daß ich zu dieser Ueberzeugung schon lange gekommen... Vor einigen Tagen wurde ich der Militär-ObersanitätSkom- Mission„bezüglich der Versorgungsansprüche" vorbestellt. Gemäß meiner Erklärung wurde ich für„fekodienstkriegstauglich" bc- fundcn und habe demnach keine Versorgungsansprüchc an den väterlich besorgten Staat. Am 10. April.komme ich auf Ersatzkommission und habe das Kqponenfutter für den nächsten Krieg auszulesen... Ich wünsche Dir Besserung Deines Gesundheits- und Gemüts- zustandcs. Tie Brahmanen sagen:„Alles ist nichts." Eine Ueber- zeugung, die ick gleichfalls teile. Hier erwürgt der Tod jung und alt... Alles Spreu im Wind... Die Geschichte in Paris ekelt mich an. Die Menschen sind eben Bestien, und man braucht nicht gerade Graf zu sein, um dies einzusehen... Tu bist ja Doktor der Philosophie und solltest der Trostgründe bessere haben denn ich. Mein Teil ist„Schweigen"... München, 13. Juli 1871. Ich bin in allen Fugen krank und habe nicht einmal die Kraft in mir, weiter zu gehen. Ich weiß nicht, ob Du den Kronprinzen mit Zubehör sehen willst, wenn ja. bist Du hierher eingeladen, ich aber gehe den Einzugsfeicrlichkciten aus dem Wege, wahrscheinlich aus solange nach Starnberg. Würzburg, 27. Februar 1872. ... Außer den eigenen Kindern und den Eltern soll man die übrigen Menschen im Durchschnitt als Raubtiere behandeln, stets bereit, von den neben ihnen Lebenden etwas herunterzu- reißen... Ich hänge wieder einmal in der Luft... Ich weiß nicht, ob ich durch Versetzung nach München oder innerhalb des 2. Regiments nach Landau oder Germersheim komme oder hier bleibe.- Darüber ist das geheimnisvolle Dunkel der Bureaukratie verbreitet. Herr Prof. C., mein Hausherr, durch einen infamieren» den Prozeß zur Genüge bekannt, hat mir gekündigt, weil ihm ein Russe mehr bezahlt, so daß ich gezwungen bin, mir bis zum 1. April eine andere Wohnung zu suchen. Ich hatte also das Vergnügen, ein im Winter beinahe unbe- wohnbares Quartier auszuheizen, in der Hoffnung, dasselbe im Sommer zu besitzen. Sehr viel Geld ausgegeben siir Holz und Steinkohlen, 42 fl. für Vorhänge und nun das C. als Raubtier... Ich habe am 8. Januar ein sehr gutes Pferd, weil ich es hier. da es nicht zugeritten, nicht brauchen konnte, an einen Juden um 330 fl. verkauft. Bedingnis 40 Tage Gewährzeit und Erlag des Kaufschillings zur Hälfte sogleich, die andere Hälfte nach vierzig Tagen. Der Jude gab mir statt der Hälfte nur 200 und hat mir den Rest von 350 fl. bis heute noch nicht bezahlt, nachdem die Summe am 18. Februar sckion verfallen. Ich werde gezwungen sein, ihn deshalb zu'verklagen. Also wieder ein Raubtier jüdischer Konfession— die Konfession alteriert nicht Yen Charakter. Der Staat hat die Armee formiert. Bisher mußte ich zwei Pferde halten- nun aber drei— also-er Staat, der christliche, auch ein Raubtier und zwar das grögtc In den Restaurants Würzburgs ay nh um o3 Kreuzer bis 1 fl. schlecht zn Mittag. Raubtiere im srack mit der Serviette unter der Vorderpranke.„ Ein Offizier, dem ich vor zwei Jahren durch e,ne Verteidigung vor dem Ehrengericht seinen Rock gerettet, mußte kürzlich wegen eines Skandals quittieren. Ich hatte �.ust, eines seiner Pferde zu kaufen. Er bot mir einen alten Klepper um 330 fl. Also ein niidankbarcs Raubtier.■... Hier hast Du so tu kurzem cm�e Annehmlichkeiten der Würz- bürgen Garnison- Veraaste alle Men, che», und die Du beherrschen kannst, tyrannisiere, dann wirst Du geachtet. Die Gustel Kreuzspinne im Loche. Für die Vorübergehenden ist es gut, daß die Fenster vergittert sind, so kann sie nur begeisern statt zerreißen— also ein giftiges Raubtier- Der Pfandhausamtmann schleicht mit seinem Sack am Halse manchmal über die Straße und machte alle am Halse aufhängen, bis daß sie tot sind. Aber er hängt;cho>i am Galgen. Nun zappelt er noch � ein zum Tode verurteiltes Raubtier. Der Bibliothekar hat in der Kammer geschauspielt und ist durchgefallen. Etil ultramontane's Raubtier, das sich au seiner Ehre gekränkt fühlt: lache Augurl Verantwortlicher Redakteur: Paul John, Berktn. Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer u.Co., Berlin ZWd