Kr. 183. flbonnementS'Bedlngungen: ESonnemenlä> Prei! pränumerando: Sierteyährl. Z.Z0 M!� monatd 1,10 M!., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus, Einzelne Nummer ö Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Vellage„Die Neue Welt' 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Mar! pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2ch0 Mark, für das übrige Ausland « Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemars. Holland, Italien, lluxemburg. Portugal, Numänien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. Die TnfcrHonS'Gcbüftr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- »eile oder deren Raum 60 Pfg,, für politische und acwerlschaftliche Vereins- und Perseunmlungs-Anzeigen 30.Pfg, „Aleine»noeigen", das settgedruckia Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pig, Stellengesuche und Schlasstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort ö Pfg, Worte über 1ö Buch- Itaben zählen für zwei Worte, Inserate ür die nächste Nunimer müssei Uhr nachmittags in der Erpedillon abgegeben werden, D-» Expedition ist bis 1 Uhr abends geöffnet, krlcheliif täglich. Vevlinev Volksbl�tt. Zcntralorgan der rozialdcmokrati fehen Partei Deutfchlands. Telegramm-Adress« „S?zial(t«mohrat Rcrlln". Redaktton: 8AI. 68, Litt den Strasse 6g, Fernsprecher: Amt Morinplatz, Nr. 1S83. Expeditiqn: SM. 68» I�indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz- Nr. 1984. Sie fuftiz sei der PlutoHratie Untertan. Der preußische Juslizminister hat unter dem 17. Juni dieses Jahres eine allgemeine Verfügung betreffend die Vorschriften über die juristischen Prüfungen und die Vorbereitun- gen zum höheren Justizdienst(Prüfungsordnung) erlassen. Aus dieser Prüfungsordnung interessieren uns diejenigen Vorschriften insbesondere, die geeignet sind, den Justizdienst einschließlich der Rechtsanwalts-chaft zum Privilegium von Personen mit viel Vermögen und wenig Charakter zu machen. Unser Gerichtsverfassungsgesetz enthält keine Garantien für die Unabhängigkeit des Richters, Tie wenigen Bestim- mungen, die nach dieser Richtung hin in dem Gerichtsver- fassungsgesetz enthalten sind, sind dein verstorbenen Zentrums- abgeordneten W i n d h 0 r st- Meppen zu verdanken. Trotz seiner auf föderative Gestaltung des Reichs gerichteten Grundanschauung anerkannte der verstorbene Zentrumsführer, daß, nachdem einmal das Gerichtswesen einheitlich für das Reich geregelt sei, auch Garantien für eine möglichst gerechte Rechtsprechung durch das Reich gegeben werden müßten. Was nützt es. wenn die Reichsgesetzgebung ausspricht, die richterliche Ge- walt werde nur durch„unabhängige, nur dem Gesetz unterworfene Richter ausgeübt", wenn die Einzelstaaten der Ver- waltung gestatten, aus allen möglichen Gründen Richter auf Grund eines Disziplinargesetzes zu bestrafen oder zu entlassen, das durch seine kautschukartigen Bestimmungen der Willkür und dem Belieben der Verwaltungen breitesten Spielraum läßt? Und was nützt die reichsgesetzlich garantierte Unab- bängigkeit, wenn die Beförderung des Richters landesgesetz- licher Willkür überlassen bleibt? Nur die Mitglieder des Reichsgerichts sind gegen Willkür durch das Reichsgesctz ge- schützt. In Preußen ist politische und konfessionelle Gesinnung und Betätigung sowie die soziale Stellung des Richters nicht dem Einfluß der Justizbehörde entzogen. Ja, entgegen dem konstitutionellen Grundsatz- nach dem jeder, der die Be- fähigung zu einem Amt hat, zu diesem auch zuzulassen ist, ist sogar die Zulassung zum Vorbereitungsdienst, der gleichmäßig für Richter und für Rechtsanwälte gilt, dem Belieben der Verwaltungsbehörde nicht entzogen. Das preu- ßische Abgeordnetenhaus hat im Jahre 1878 die Regierung aufgefordert, darauf hinzuwirken, daß das Prüfungswesen und der Vorbereitungsdienst für das Richterwesen reichsge- setzlich geregel werde. Eine solche Regelung ist unter- blieben. Nidst eine reichsgesetzliche Regelung besteht für die Zulassung zum Vorbereitungsdienst, sondern die Willkür der einzelstaatlichen Verwalwngsbehörden. Die neueste vom preußischen Justizminister herausge- gebene Prüfungsordnung gibt drei Gründe an. aus denen ein junger Mann, der das Referendarexamen bestanden hat, dennoch von der Zulassung zum Referendariat, dem reichs- gesetzlich vorgeschriebenen Vorbereitungsdienst zum Richteraiist und zur Rechtsanwaltschaft, zurückgewiesen werden muß. Es sollen die Präsidenten der Oberlandesgerichte erstens in Zukunft nur noch soviel Referendare in ihrem Bezirk auf- nehmen, als tatsächlich mit Erfolg ausgebildet werden können. Ist ein Oberlandesgerichtsbezirk nach Ansicht seines Präsi- deuten überfüllt, so ist der Kandidat zurückzuweisen. Man sollte annehmen, das Reichsgesetz, das die Beschäftigung als Referendar für die Dauer von mindestens drei Jahren auch für die Erlangung der freien Advokatur vorschreibt, sollte auch die Miftel zur Verwirklichung solchen Vorbereitungs- dienstes geben und ebenso sollte man annehmen, ein Landesgesetz und eine Justizverwaltung, die das Reichs- gesetz auszuführen haben, das nicht eine privilegierte, sondern eine freie Advokatur kennt. sollte es als seine Pflicht erachten, nedem der dem Reichsgesetz ent- sprechend seine juristischen Studien vollendet und sein Examen abgelegt hat, die Gelegenheit zu dem reichsgesetzlich vorgeschriebenen Vorbereitungsdienst zu geben. Logisch läßt sich hiergegen auch schwerlich etwas einwenden. Ter Justiz- minister steht aber auf dem entgegengesetzteii Standpunkt. Seine Prüfungsordnung geht von der Voraussetzung aus, eine Pflicht zur Vorbereitung der Referen- darebcstehenicht. Noch schwerwiegender ist ein weiterer Grund, aus dein Dberlandesgerichtspräsident die Zulassung eines Rechts- beflissenen zur Ausbildung als Referendar ablehnen muß. Er soll dies nämlich inüssen, wenn für einen fünf- j a h r 1 g e n st a n d e s g e ni ä ß e n Unterhalt nicht g e s 0 r g t i st. Es werden dadurch von vornherein alle-söhne mmderwohlhabender Eltern, insbesondere Kinder von Ar- beitern, kleinen Beamten und Handwerkern von der Zu- lassung zum Justizdienst ausgeschlossen. In der Praris w.rd verlangt, daß für jedes Jahr mindestens 1500 Mark bereit stehen müssen. Diese Praxis ist unvereinbar mit den Grund- satzen des Gerichtsverfassungsgesetzes. Sie ist wiederholt und u" preußischen Abgeordnetenhause und ini Reichstag abfallig kritisier. T r 0 tz d c m w i r d s i e a u ch' n d e in Ü e\e-JLe'k iv nieder aufrecht erhalte N. Tic preußische �mtizverwaltung nimmt an. ihr Verlangen sei m "er. über 100 �whr alten preußischen Gerichtsordnung be- gründet, on vfltjerjt und.Sachsen bestehen ähnliche �beschriften nicht. In Sachsen erhält sogar der Referendar Ge- halt. Die preußische Justizverwaltung hat seit Jahrzehnten sich auf den Standpunkt gestellt, ein Referendar dürfe seinen Unterhalt nicht aus eigener Arbeit bestreiten. In der Tat, auch wenn das Reichsgesetz der Auffassung der preußischen Justizverwaltung nicht entgegen- stände, läge es doch gerade im Interesse einer gesunden Justiz, daß ein Referendar, der während seiner Vorbereitungszeit seinen Unterhalt durch eigene Tätigkeit selbst erwirbt, selbst erwerben muß, nicht zuriickgewiesen, sondern im Interesse einer guten Justiz solchen seiner Kollegen, die ihre freie Zeit mit Reiten, Flirten, Tennisspielen, Saufereien und Hazar- dieren zubringen, vorgezogen würde. Gerade solche Per- sonen kommen als Richter und als Rechtsanwälte ohne die berühmte Weltfremdheit der Juristen aus und leisten teil- weise Vorzügliches. W i n d t h 0 r st hat im preußischen Abge- ordnetenhaus auf das Entschiedenste getadelt, daß durch solche Bestimmungen den Tüchtigen der Zugang zum Justizdienst verschlossen werde. Er erklärte, wenn die preußischen Ver- waltungsbestimmungen zu der Zeit, wo e r in den Vorbe- reitungsdienst trat, maßgebend gewesen wären, so hätte er niemals den Juristenberuf ergreifen können. Er hat sich als Referendar durch Arbeiten bei Rechtsanwälten und durch sonstige Arbeiten seinen Unterhalt selbst verdient. Später wurde er Rechtsanwalt, wurde dann an das höchste Hannöver- sche Gericht berufen und schließlich I u st i z m i n i st e r. In ähnlicher Weise hat der bekannte Verteidiger und freisinnige Abgeordnete M n n ck e l seinen Unterhalt als Referendar selbst bestritten. Im Reichstag ist bei Gelegenheit der letzten Beratung einer Aenderung des Gcrichtsverfassungsgesetzes im Jahre 1911 die vom preußischen Justizininister.erneute Vorschrift abfällig kritisiert. In der Kommission wurde verlangt, finanzielle Rücksichten dürften für die Zulassung zum Vor- bereitungsdienst nicht maßgebend sein. Tie Kommission schlug eine Bestinimung vor, nach der die Zulassung zur Vorbereitung zum Justizdienst vom Nachweis eines bestimmten Vermögens oder Einkommens nicht abhängig gemacht werden darf. Im Plenum verlangte die sozialdemokratische Fraktion aus dieser Vor- schrift auch das Wort„b e st i ni m t e n" zu st r e i ch e n, weil sonst angenommen werden könnte, daß immerhin ein gewisses Vermögen oder Einkommen zum„standesgemäßen Unterhalt" vorhanden sein müsse. Ter Antrag wurde am 6. Februar 1911 mit großer Mehrheit a n g e n 0 m m e n. Trotzdem hat der preußische Justizininister auch in die neuesten Prüfungsordnung die erwähnte Bestimmung hineingeschrieben, die fast nur den Söhnen Wohlhabender die Möglichkeit läßt, zum juristischen Vorbereitungsdienst und dadurch zur Rechtsanwaltschaft oder zum Richtertum zugelassen zu werden. Nach der neuen Prüfungsordnung muß ferner der Oberlandesgerichtspräsident das Gesuch zur Zulassung zum Vor- bercitungsdienst ablehnen,„wenn der Kandidat der Zulassung zum höheren Justizdienst unwürdig erscheint". Der Be- scheid, den ein Oberlandesgerichtspräsident erläßt, ist für alle Oberländesgerichtspräsidenten bindend. Bestimmte Tat- fachen, aus denen die UnWürdigkeit zu folgern seien, werden in der Prüfungsordnung nicht angegeben. Es besteht also die Gefahr, und zwar im verstärktem Maße wie bislang, daß aus politischen, konfessionellen o-der so- zialen Griinden einem Rechtskandidaten der Weg zur Advokatur und zum Richteramt verschlossen wird. Es ist das ein mit einem konstituellen Staatswesen unvereinbares Ver- Hältiiis. W i n d t h 0 r st hat seinerzeit mit Schärfe darauf hingewiesen, daß es notwendig sei,„d a ß a u ch d i e S ö h n e inißliebiger Männer, ivenn sie sich der Ju- r i s p r u d e n z w i d m en, ihr F 0 r t k 0 m in e n finden können, ohne bei dem Justizminister an- klopfen zu müsse n". Im Reichstag ist eine Reihe von Fällen angeführt worden, in denen Referendare wegen ihrer politischen Gesinnung zum Referendariat nicht zu- gelassen oder als Referendare entlassen sind. Unter anderem führte der polnische Abgeordnete v. Dziembowski- P 0 m i a n den folgenden Fall an: Ein Rechtskandidat wurde zum Prüsungsdicnst nicht zugelassen, weil er im Hause eines — übrigens sehr reichen Herrn verkehrt habe, der größere Gesellschaften gebe und in dessen Gesellschaften auch vielfach Vorträge über polnische Literaturgeschichte gehalten wurden. Die Anhörung von Vorträgen über pol- nische Literatur genügte, um dem jungen Mann die juristische Karriere zu verschließen. Bekannt sind Fälle, in denen sozial- demokraten die Zulassung versagt wurde, weil sie Sozial- demokraten sind. Tie Verfügung des Justizministers wider- spricht der Reichsgesetzgebung, sie schließt die Tore des Vor- bereitungsdienstes für den Justizdienst der minder Wohl- habenden Bevölkerung und ebnet die Wege, um wegen„Un- Würdigkeit" politisch, religpös oder sozial mißliebige Per- sonen vom Justizdienst auszuschließen. Sie geht noch weiter als die bekannte Nichtzulassung zum Offizier. Nach der Ver- fügung kann einem Referendar der Vorbereiluiigsdienst ver- wehrt werden, Ivcil er Sozialdemokrat oder Fortschrittler oder Zentrumsmann oder weil er Katholik oder Jude ist. oder weil sem Vater Arbeiter oder Handwerker oder seine Tante Eier- Händlerin.ist. Das ist ein Zustand, der mit Notwendigkeit dahin führen muh, daß für den Justizdienst so ausgelesene Elemente im Richteramt wie in der Rechtsanwaltschaft in einseitigster Weise lediglich die Interessen des Kapitalismus wahrnehmen können, weltfremd sind und mit Neid und Ver- achtung auf harte Arbeit, auf Charakter und Gesinnungs- treue herabblicken. Hinzu tritt, daß ein einmal zum Re- ferendar Ernannter, ohne daß das Gesetz bestimmte Tatsachen angibt, also lediglich nach Maßgabe der Willkür der Ver- walwng, aus dem Vorbereitungsdienst entfernt werden kann. Dringend erforderlich ist, daß solcher Begünstigung der Plutokratie und solcher Schulung für Charakter- und Ge- simiiingslosigkeit durch Reichsgesetz ein Riegel vorgeschoben wird. Oder meint der preußische Jiistizminister, durch der- artige Verfügungen könne Vertrauen zum Richteramt herbei- geführt werden? In der Tat sind sie geeignet, den Rest von Vertrauen zu künftigen Richtern und auch zu Rechtsanwälten zu unterbinden. Wie kann ein Richter Gerechtigkeit finden, wenn schon die Voraussetzung zu seinem Vorbereitungsdienst in so eindringlicher Weise ihm den kapitalistischen Grund- satz predigen: seid Untertan dem Kapitalismus, meidet werte- schaffende Arbeit!_ Friedensverhandlungen. Die neue bulgarische Regierung hat sich endlich damit abfinden müssen, mit ihren Gegnern in direkte Verhandlungen einzutreten. Bulgarische Delegierte sind bereits in N i s ch eingetroffen, wo die Bedingungen des Präliminarfriedens fest- gestellt werden sollen. Der Entschluß Bulgariens ist auf den Druck Rumäniens zurückzuführen, das seine Truppen nicht eher zurückziehen will, als bis Bulgarien mit seinen Gegnern Frieden geschlossen hat. Außerdem hat auch der Vorstoß der Türken auf Adrianopel sein Uebriges getan, die Bulgaren zum Nachgeben zu zwingen. Verfrüht sind jedenfalls die Meldiingen, nach denen die türkische Armee schon in Adrianopel eingedrungen sein soll. Aus allen Lagern kommen jetzt lauter denn je Klagen über Kriegsgreucl und Barbareien— der anderen. Mögen diese Klagen im einzelnen auch tendenziös aufgebauscht sein, so enthalten sie alle sicherlich doch viel Wahres. Trotz moderner Waffentechnik und Taktik wird der Krieg der Balkanvölker doch nach halbasiatischen�Methodcn geführt. Der alte Rassenhaß tobt sich infolge des Krieges ohne jede Hemmung aus, und Bulgaren, Serben, Griechen und Türken begehen in gleicher Weise Brutalitäten an den Angehörigen der feindlichen Nation. Es wird lange dauern, ehe die Länder und Völker sich von den bestialischen Begleit- erscheinungen dieses„frischftöhlichen Krieges" werden erholen können. Bulgariens Friedensbereitschaft. Vukarest, 21. Juli 1913.(Privattelegramm des „B 0 r w S r t s"). Der neuernannte bulgarische Premierminister Rados- lavoff teilte heute der rumänischen Regierung mit, daß Bulgarien es nicht beabsichtige, nur mit Rumänien Frieden zu schließen, um sodann den Krieg mit den anderen Mächten weiterzuführen, daß eS vielmehr Friedensbevollmächtigte ernannt habe und gleichzeitig anfrage, wo über die Friedensbedingnngen verhandelt werden kann. Die rumänischen Friedensbedingungen. Bukarest, 21. Juli.(Meldung der„Agence Roumaine'.) Der offiziösen„Presa" zufolge hat die rumänische Regierung in ihrer Antwort auf die letzte bulgarische Note folgende Friedensbedingungen gestellt: 1. Die Grenze Turtuhai— Dobritsch— Baltschik. 2. Verbleiben der rumänischen Armee in Bulgarien bis zum Abschluß des Friedens. Die bulgarischen Delegierten in Nisch. Belgrad, 21. Juli. Gestern abend trafen die bulgarischen Friedensdelegierten, die Generale Paprikow nndJwantschiew, in Nisch ein, um mit den Delegierten sämtlicher Verbündeten un- verzüglich in direkte Friedensunterhandlungen einzutreten. Erregung in Bulgarien. Sofia, 20. Juli.(Meldung des Wiener K. K. Telegr. Korr.-Bureaus.) Angesichts der verzweifelten Lage Bul- gariens herrscht hier außerordentliche Aufregung. Man ist auf alle Eventualitäten gefaßt. Tie bulgarische Armee ist dadurch vollkommen lahmgelegt, daß durch die Zer- störung der über den Bid führenden Eisenbahnbriicke die ein- zige Zufahrtlinie für die Verpflegung aus dem Norden Bul- gariens unterbrochen ist. Der Vormarsch der Türken. Sofia, 21. Juli. Der Militärgouvcrneur von Thrazien meldet daß die türkischen Truppen, die gestern von Usunkzerrus iffid Lule BurgaS her vorrückten, von E n v e r Bei geführt werden und aus Kurden bestehen, unter denen man Serben bemerkt. Eine türkische Rechtfertignngsnote. Konstantinopel, 2t. Juli. In der Zirkularnote der irtc über ihr Vorgeben gegen Bulgarien heißt es: tz des von Bulgarien a* den Tag gelegten Eifers, den Präli- ..-.»arfrieden zu unterzeichnen, weigerte sich Bulgarien, Gebiete zu räumen, die an die Türken zurückgelangen müssen. Bulgarien raVntMfpTTilä 111 bl1!* niitö iitTrfi«» CHremo 11t vcl SBeftimmung uevtu vfiji llis VIL türkische Legierung, des Martens müde� die.Armee.beauftragte, iücfi! Gebiete wieder zu besetzen,"beschloß die bulgarische Regierung, die Truppen zurückzuziehen. Andererseits bestand die Pforte, um die Möglichkeit zu haben, die Hauptstadt und die Dardanellen zu ver- teidigen, darauf, jeden Beweis zu erbringen, daß nur durch die nach Norden längs der Maritza gehende Linie, die ihren Ausgangs- Punkt in Enos nimmt, die Grenze gebildet werden könne. Die Tatsache, daß diese Linie nicht so, wie es sein müßte, im Friedens- vertrag festgestellt wurde, erklärt sich aus dem Wunsche der Mächte, � die damals von den Bulgaren erhobenen Schwierigkeiten zu bc- seitigen und so rasch als möglich die Zusammenkunft der Tele- gierten in London sicherzustellen. Demgemäß und in dcni hauptsächlichen Zwecke, alle Kompli- fationcn zu vermeiden, wandte sich die Pforte direkt an Bulgarien, um ihm die Gründe mitzuteilen, weshalb sie gezwungen sei, darauf zu bestehen, daß die Grenze dem Laufe der Maritza bis Adrianopcl folge. Die Türkei hätte gewiß vorgezogen, diese Fragen mit Bul- garien auf diplomatischem Wege zu regeln. Leider hindern die von den Bulgaren in den besetzten Gebieten mit unbeschreiblicher Barbarei und Vandalismus verübten Greuel, welche ihre Ver- bündctcn mit derselben Empörung feststellen konnten, wie die tür- kischen Truppen, die Türkei an einer diplomatischen Lösung. Die Erfahrung bewies, daß alle mit Bulgarien begonnenen Verhand- lungen dazu verurteilt sind, endlos in die Länge gezogen zu werden, Unter diesen Umständen sieht sich die Pforte gezwungen, die fragliche Grenze schon jetzt zu besetzen, indem sie sich ver- pflichtet, im Einvernehmen mit den Mächten das künftige Geschick Thraziens festzustellen.— Die Pforte fügt hinzu, daß sie, in dem Wunsche, die Entscheidung der Mächte zu achten und mit Bulgarien normale Beziehungen herzu- stellen, die genannte Linie als endgültige Grenze ansieht, indem sie sich verpflichtet, sie unter keinem Vorwande zu überschreiten. Die Pforte hofft, die Mächte werben erkennen, daß der gegenwärtige Krieg zwischen den Balkanstaaten und die mit Bezug auf Thrazien vertretenen Kombinationen die Pforte doppelt zwingen, die Grenze so bald als möglich sicherzustellen, um die Sicherheit der Hauptstadt zu verbürgen, und daß die Mächte, der besonderen Lage Thraziens Rechnung tragend, Bulgarien die notwendigen Ratschläge erteilen werden, um eine rasche und friedliche Lösung in dem dargelegten Sinne zu sichern. Die Pforte glaubt schon jetzt, die Verantwortung für eine eventuelle Wiederaufnahme der Feindseligkeiten auf Bul- garien schieben zu müssen. Die Haltung der Mächte. London, 21. Juli. Unterbaus. Das Unterhausmitglied Buxton(lib.) fragte am, ob die Grenzlinie Enos— Media die Zustimmung der Mächte erhalten habe, ob somit ihre Verletzung eine Beleidigung für die Mächte sei, und welche Schritte die Mächte zu tun gedächten, um ihrer Entscheidung Achtung zu verschaffen. Parlamentsunterfekretär Acland erwiderte, die Grenze Media— Enos sei durch den Londoner Vertrag festgesetzt worden und dieser Vertrag sei unter Mitwirkung der Mächte geschlossen worden, als sie zwischen der Türkei und den Balkan- ftaaten vermittelten. Die Türkei habe der englischen Regierung gegenüber noch bis in die letzten Tage hinein mehr als einmal jede Absicht von sich gewiesen, die neue Grenze verletzen zu wollen. Es seien von feiten der Mächte nachdrückliche Vorstellungen bei der Türkei erhoben worden, durch welche von einem solchen Beginnen abgeraten worden sei. Angesichts der neuesten Mitteilungen in der Presse hätten sich die Mächte auch mit der Angelegenheit beschäftigt, doch könne er nicht sagen, was in dieser Beziehung beschlossen wurde. Whitehouse(lib.) fragte, ob von der englischen Regierung im Verein mit den übrigen Mächten sofort entsprechende Schritte getan würden. Acland erwiderte, die Sache werde heute nachmittag von den Botschaftern beraten. Die Rumänen in Bulgarien. Svfia, 21. Juli. Die Agence Bulgare meldet: Tie Brücke Tolui— Tabiiik bei Milemleatnec au der Eisenbahnlinie Sofia-Warna ist von rumänischen Truppen zerstört worden. Tie Telegraphenanlagen Tolni— Dabnik sind beschädigt worden. Tie Brücke bei Plewna am Kilometerstein 193 ist zerstört, ebenso eine andere bei der Zementfabrik in der Nähe von Plewna. Die Telegraphenlinie längs der Eisenbahn nach Plewna ist unterbrochen. Gerüchtweise verlautet, daß die Brücken der Ortschaft Kreta und über den Vidfluß abge- brachen sind. Die Rumänen requirieren Lebensmittel und Iuttervorräte._ Serben und Albaner. Wien, 2t. Juli. Die Albanische Korrespondenz meldet aus S k u t a r i: Die Serben, welche innerhalb der Grenzen deS von der Botschaftervereinigung Albanien zugewiesenen Gebiets starke Garnisonen gehabt haben, haben nunmehr ihre im nordalbanischen Gebirge stehenden Truppen um 2000 Mann verstärkt und Teile derselben nach Süden vorgeschoben, um das Maldefils zu besetzen. Eine größere Abteilung besetzte bereits das Malischenitgebirge, wobei es zu Kämpfen zwischen den serbischen Truppen und den Malissoren gekommen ist. Die letzteren verloren dabei gegen 100 Mann. Unter den Gebirgs- stammen herrscht große Erregung. Griechischer Protest gegen bulgarische Greuel. Saloniki, 20. Juli.(Meldung der Agence d'Ath&ies.) Gestern fand in der von den Bulgaren zerstörten Stadt Serres eine 5htndgebung der Bevölkerung gegen die bul- garischen Grausamkeiten statt. Nachdem griechische, musel- manische und israelitische Redner gesprochen hatten, gelangte eine Resolution zur Annahme, in der im Nanien von 20 000 Menschen, die ohne Obdach, Nahrung und Kleidung zurückge- blieben seien, angesichts der noch rauchenden Trümmer der Stadt der tiefen Entrüstung über den Vandalismus der bul- garischen Armee Ausdruck gegeben wird, auf den die Auf- merksamkeit der gesitteten Welt gelenkt werden müsse. Es möge eine internationale Kommission gebildet werden, die die Ausdehnung der Untaten ün Ort und Stelle konstatieren könne. Bulgarische Klagen über serbische und türkische Grausamkeiten. Verlin, 20. Juli. Die Bulgarische Gesandtschaft in Berlin hat folgende amtlichen Depeschen aus Sofia bekommen: 1. Alle bulgarischen Dörfer in der Umgebung von Tikwisch, jenseits des Wardar, sind am 6. Juli von den Serben. Baschibozuks und Pomaken verbrannt worden. Die Mädchen sind von den Ser- Den entführt, viele davon getötet worden. Die übrige Bevölkerung ist gestoben. Die Städtchen Kawadartzi und Negotin sind am 7. und 8 Juli niedergebrannt worden. Ein Teil der Bevölkerung ist ge- tötet, der andere nach Bulgarien geflohen. 2. Der Kommandant von Dedeagatsch meldet, daß die bulgari- scheu Dörfer in der Umgebung von Jpasala von den Türken ver- braimt worden sind. Nach Berichten ist die bulgarische Bevölkerung des Torfes Bulgarkö bei Koschan getötet worden. 3. Der Kommandant der bulgarischen Truppen an der türki- scheu Grenze berichtet, daß viele türkische Banden, welche der türki- scheu Armee vorausgehen, in die christlichen Dörfer eindringen und alles, lvas irgend zu erreichen ist. plündern. Unter diesen Banden befinden sich auch türkische Soldaten, welche die Bulgaren im Kriege gesangen genommen hatten, und die vor einiger Zeit, um ihre Felder zu bestellen, von den Bulgaren freigelassen wurden, Die ganze bulgarische Bevölkerung flieht vor der türkischen Armee, und die Wege sind von Flüchtlingen überfüllt. politifcke Qcberficbt. Tie Oeffentlichkeit im Kruppprozcß. Das Kriegsministerium, das so gerne die Oeffentlichkeit bei de» Verhandlungen des Kruppprozesses ausgeschlossen ge- scheu hätte, scheint sich nun doch endlich dazu verstanden zu haben, daß wenigstens ein Teil der Verhandlungen öffentlich stattfindet. Wie bestimmt verlautet, werden die VerHand- lungen gegen die Zengoffiziere und einen Jntendantursekre- tär in der Kruppangelcgenheit vor dem Kriegsgericht der Berliner Konimandantur zum größeren Teil öffentlich ge- führt werden, und zwar werden der allgeineine Teil und die Plaidoyers öffentlich sein: dagegen werden wahrscheinlich am Nachmittag des ersten Verhandluugstages die Einzelheiten der den Kruppbeamten gemachten Mitteilungen ini sogen. „Interesse der Staatssicherheit" unter Ausschluß der Oeffent- lichkeit verhandelt werden. Den Zeitungsberichterstattern sind bereits Einlaßkarten verabfolgt worden. Verhandlungs- sichrer ist Kriegsgerichtsrat Dr. Coerrems, juristischer Bei- sitzer Kricgsgerichtsrat Dr. Berensprung, Vertreter der Ange- klagten ist Kriegsgerichtsrat Dr. Welt. Die drei richterlichen Offiziere sollen erst in den nächsten Tagen ernannt werden. Wieweit diese Ankündigung sich bewahrheiten wird, ist allerdings noch ziemlich zweifelhaft, bleibt doch die Zulassung und Ausschließung der Oeffentlichkeit völlig dem freien� Er- messen des Gerichtshofes anheimgestellt, der sicherlich auf die Wünsche des Rcssortministeriums weiteste Rücksicht nehmen wird. Befremden muß schon, daß tatsächlich nur untergeord- uete Personen angeklagt sind, nämlich die Zeugleutnants Tröse, Heist, Höge, Schleuder, Schmidt und Tiliau, sowie der Oberintandantursekretär Pfeifer. Das alte Spiel. Wie die Korrespondenz Piper von zuständiger Seite erfahren haben will, soll die Meldung der„Militärisch- Politischen Korrespondenz", daß im Kriegsministerium alle Vorarbeiten für eine Neu- bezw. Umbewaff- nung der Artillerie getroffen würden, völlig aus der Luft gegriffen sein. Zu der Meldung der gleichen Korrespondenz. die übrigens kommentarlos von der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" abgedruckt wird, von der Schaffung einer Auslandkreuzerfloite will die Korrespondenz Piper von maßgebender Stelle die Mitteilung erhalten haben, daß ein solches fliegendes Geschwader unter dem Titel Dispositionsgeschwadcr vier Panzerkreuzer bereits in dem jetzigen Flottengesetz enthalte. Die Auslandkreuzerflotte, die mit der systematischen Durchführung des Flottengesetzes gebaut Wird, ist also nichts was über den bestehenden Bauplan hinausgeht. Eine derartige vorläufige Ableugnung der weiteren Rüstungsabsichtcn war vorauszusehen. Nur haben derartige Dementis nach den: unwürdigen Vexierspiel, das vor Ein- bringung der letzten Riesenheeresvorlage getrieben wurde, jede Glaubwürdigkeit verloren. Wir haben schon vor einiger Zeit auf Grund von Erörterungen in der militärischen Fachpresse eine Aenderung der Bewaffnung und Ausrüstung der Artillerie vorausgesagt, lieber kurz oder lang wird sie sicher kommen. Konservativ-nationalliberale Annäherung in Sachsen. Die sächsischen Konservativen setzen ihr Werben um die Gunst der Nationalliberalen eifrig fort, da sie gar zu gerne die Sozial- demokratie aus dem Präsidium der Zweiten sächsischen Kammer ver- drängen und selbst wieder in diesem einen Sitz einnehmen möch- ten. Die Chemnitzer„Allgemeine Ztg." veröffentlicht folgende ihr von dem Führer der sächsischen konservativen Landtagsfraktion, dem Geh. Hofrat Opitz zur Verfügung gestellten Ausführungen, die. wie er erklärt hat, mit der Auffassung seiner Fraktion völlig übereinstimmen: Für die konservative Fraktion sei es an sich ja am vorteil- hastesren, wenn sie in einem Präsidium, für dessen Zusammen-- setzung das Stärkeverhältnis der Fraktionen als das Bestim- mende abgelehnt worden sei, nicht vertreten ist. Die konservative Fraktion habe, indem sie diesen Grundsatz im letzten Landtag be- folgte, der Verwahrung gegen ihre Uebergehung bei der Wahl des Präsidiums den wirksamsten AuÄ-ruck verliehen und es infolge dieser Haltung auch sonst vermeiden können, ihrer Selbständigkeit oder ihrem Ansehen als der stärksten Fraktion der Kammer etwas zu vergeben. Wenn die konservative Fraktion gleichwohl bereit sei, auf diese Vorteile durch ihren Wiedereintritt in ein nach anderen Grund- fätzen zusammengesetztes Präsidium zu verzichten, so geschehe es im wesentlichen mit Rücksicht daraus: 1..datz, wie die Präsidentenwahl im letzten Landtag ge- zeigt habe, bei der Nichtbeteiligung der konservativen Fraktion die Gefahr der abermaligen Wahl eines Mit- gliedes der sozialdemokratischen Partei in das Präsidium nicht ausgeschlossen sei, und� 2. daß durch die Fcrnhalwng der Konservativen vom Prä- sidium die Gegensätze zwischen der konservati- ven und nationalliberalen Partei unaus- bleiblich eine noch weitere Verschärfung er- fahren würden. Geleitet aber von der lleberzeugnng, daß eine solche Ver- schärfung der Gegensätze zwischen den bürgerlichen Parteien nur der Umsturzpartei zugute kommen würde, dürste die konservative Fraktion nicht abgeneigt sein, im nächsten Landtage den Wünschen der nationalliberalen Fraktion bei der Zusammensetzung des Prä- sidinms entgegenzukommen, wenn auch seitens der nationallibe- ralen Partei erklärt werde, die Gegnerschaft beider Parteien bei aller Wahrung der grundsätzlichen Stellung streng in sachlichen Grenzen zu halten, dafür aber im Kampfe um die Aufrechterhal- tung der bestehenden Ordnung gegenüber der Umsturzpartei sich gegenseitig zu unterstützen. Unter dieser Voraussetzung bestehe die Aussicht, daß die konservative Fraktion durch eins ihrer Mitglieder in das Präsidium der Kammer wieder eintrete, sowie nicht weniger darauf, daß auch die persönlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der beiden Fraktionen, die unter den bisherigen Verhältnissen so gut wie ab- gebrochen gewesen, wieder hergestellt werden." Wie es scheint, ist ein recht beträchtlicher Teil der sächsischen Nationalliberalen geneigt, wieder mit den Konservativen zu pak- tieren. Reaktionäre Handhabung des Bereinsgesetzes auf höhere Anweisung. Im Ruhrgebiet finden zurzeit eine Reihe Verhandlungen vor Scböffengerichren statt, in denen die Frage zu entscheiden ist, ob Strasversügungen zu Recht ergangen sind,.weil polnische Landtags- wäblerversammlungen nicht angemeldet worden und auch in diesen polnisch gesprochen' worden ist. Die Parleipresse hat jüngst über ein freisprechendes Urteil deS Schöffengerichts Bochum berichtet. Die Sache war um deswillen besonders bemerkenswert, weil Polizei und Vertreter der Staatsanwaltschaft sich die erdenklichste Mühe gaben. dem Begriff„zum Betriebe der Wahlen" eine überwiegend Wahl- technische Deutung zu geben, womit die Erleichterungen, die das Vereinsgesetz für die Zett nach Ausschreibung der Wahlen bis zu deren Erledigung illusorisch gemacht werden sollten. In einer an, Sonnabend in R e ck l i n g h a n s e n statt- efundenen Verhandlung über die gleiche Frage, die, wie voraus- emerkt sei, gleichfalls mit Freisprechung endete, machte der Ver» teidiger der Angeklagten eine wichtige F e st st e l l u n g. Er teilte mit, daß er aus den Akten ersehen habe, daß das un- gesetzlicke Vorgehen der Polizeibehörden auf einen UknS des Regierungspräsidenten von Münster zurückzuführen sei, in dem die Polizeibehörden angewiesen werden, darauf zu achten, daß wäbrend der Landtagswahlkampagne nicht unter der Vorgabe von Wahlversammlungen öffentliche Versammlungen allgemein poli« tischer Natur abgebalieu würden. Da im Regierungsbezirk Arns- berg die gleiche Methode angewandt worden, so darf man füglich annehmen, daß auch das Vorgehen der dortigen Polizei auf eine entsprechende Anweisung des Regierungspräsidenten zurückzuführen ist. Damit wäre weiter der Rückschluß gestattet, daß der von den Gerichten für ungesetzlich erklärte Eingriff in das Versammlungsrecht letzten Endes von der preußischen Regie» r u n g veranlaßt worden ist. Zum Sclbstverwaltungsrecht der Gemeinden. Aus Dresden wird gemeldet: Dem zum zweiten Male zum stellvertretenden Bürgernieister von Neustädtel gewählten sozial» demokratischen Stadtrat Jmmerthal wurde vom sächsischen Mini- fterium des Innern die Bestätigung versagt. Gleichzeitig hat das Ministerium den Regierungsrat Zimmer mit der kommissarischen Verwaltung der zur Krcishauptmannschaft Zwickau gehörigen Stadtgemeinde beauftragt. Ter Tenfel in der Kirchcn-Zeitung. Bisher gaben die frommen Katholiken der Sozialdemokratie die Schuld an der Zerstörung der christlichen Familie und der Abnahme der Geburten. Jetzt hat man glücklich eine andere Rotte gefähr- sicher Umstürzlerinnen entdeckt: die D i e n st m ä d ch e n. In der Nr. 3 der„Kirchen-Zeitung" der Pfarre St. Agnes, Köln, klagt ein geistlicher Herr, daß die Dienstboten nicht mehr zu kinderreichen Familien gingen und aus diesem Grunde die Zahl der Geburten ein» geschränkt würde. Klagend predigt er die Dienstmädchen also an: Die Hausfrau ist nicht bequem, nicht ohne Opfersinn, aber dieses Dien st mädchenelend, welches es ihr unmöglich macht, ihren Mann zufriedenzustellen und ihr Haus und die Kinder in herkömmlicher Weise zu besorgen, läßt sie vor dem Anwachsen ihrer Kinderschar zurückschrecken. Und der Mann denkt mit Schrecken an eine Ver» mehrung der Kinder und damit der Arbeiten für die Gattin. Und die schlechten, verderblichen An» schauungen, denen er zuweilen begegnet und die ihn anfangs entrüstet haben, wollen jetzt aus einmal sich ihm aufdrängen i n der Stunde der Versuchung.--— So steigt aus dem Dienstmädchenelend eine gräßliche Gefahr herauf, ja, sie ist schon da, sie unterminiert die christliche Familie, sucht sie in ihren Grundlagen zu erschüttern, zu entehren und zu entwürdigen. Schrecklich, waS diese staatsgefährlichen Dienstmädchen auf dem Gewissen haben! Aber der Teufel hat sogar der sicher mit Weihwasser genügend besprengten Kölner Kircheu-Zeitung einen schlimmen Streich gespielt. In der erwähnten Predigt klagt sie nämlich herzbewegend über die „unseligen Inserate, in denen Dien st mädchen kinderlose F a m i l i e n s u ch e n In den eigenen Inseratenteil hat ihr jedoch der Gottseibeiuns diese Annonce geschmuggelt: „Besseres gebildetes katholisches Mädchen, Fräulein, sucht Stellung bei allein st ehenden Leuten zur Führung des Haushalts." Es ist wahrlich weit gekommen, wenn sich der Teufel sogar in einer Kirchenzeitung breitzumachen wagt. Die Jnseratenabteilung des frommen Blättchens aber wird sofort gründlich ausgeräuchert werden müssen._ Bündlerische Mittelstandsfreuudlichkeit. Zu Wahlzeiten trieft der Bund der Landwirte vor Mittel- standsfreundlichkeit. Seine Agitatoren pflegen dann mit Vorliebe auf die Konsumvereine hinzuweisen, die angeblich dem Mittelstand den Todesstoß versetzen. In Wirklichkeit ist es aber gerade der Bund der Landwirte selbst, der den Mittelstand auf das aller- schwerste schädigt, und zwar durch seinen Warenhausbetrieb. Wie umfangreich und mannigfaltig der Warenhandel ist, den der Bund der Landwirte betreibt, das ergibt sich aus dem folgenden, im„Ber- liner Tageblatt" veröffentlichten Zirkular: „Breslau II, im Juli 1913. Flurstraße 3. An unsere Mitglieder! Zum Bezüge von landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten aller Art erlauben wir uns hiermit unsere Vermittlung in Erinnerung zu bringen. Wir liefern sämtliche landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte in den be- währtesten Fabrikaten zu Vorzugspreisen für Bundcsmitglieder. Für die Erntemonate empfehlen wir besonders: Gras- und Getreidemähmaschinen, Garbenbinder, Pferderechen. Heuwender. Schwadenrechen ufw. Besonders leistungsfähig sind wir in der Lieferung vollständiger Dreschgarnituren in jeder Größe und Zu» sammenstellung, Motoren, Lokomobilen, Strohpressen, Putzdresch» Maschinen. Ferner übernehmen wie die Ausarbeitung von Projekten für Molkereien, Kartoffel-Trocknungsanlagen, Brennereien, Säge» anlagen und die Lieferung der kompletten maschinellen Ernrich. tung für derartige Anlagen. Für elektrische Kraft- und Licht- anlagen, auch im Anschluß an Ueberlartd-Zentralen, beschäftigen wir besondere Fachleute. Wir sind gern bereit, bereits vor» siegende Prospekte auf ihre Wirtschaftlichkeit zu prüfen und unsere großen Erfahrungen unseren Mitgliedern zur Verfügung zu stellen. Wir führen auch die Gründung von Genossenschaften zum gemeinschaftlichen Betriebe der vorstehend angeführten An- lagen aus. Sämtliche landwirtschaftlichen und technischen Bedarfsartikel, wie Bindegarn für Garbenbinder und Strohpressen, Maschinen» öle, Riemen usw. werden in bester Beschaffenheit zu mäßigen Preisen geliefert. Sachkundige Beamte und eigene Monteure stehen auf Wunsch zur Verfügung usw. Verkaufsstelle des Bundes der Landwirte, G. m. b. H., Berlin. Geschäftsstelle Breslau, Flurstr. 3." Es ist bekannt, daß der Bund der Landwirte durch eine tu sondere Zentrale einen schwungvollen Weinhandel betreibt, wie ja auch sein Düngemittelvertrieb sich zu einem recht profitablen Ge- schäft entwickelt hat. Wie lange noch und der Bund der Landwirte wird seinen Betrieb auch dahin ausdehnen, die von den Agrariern abgelegten alten Kleider zu verschachern! Das schwarze Jngendheer. Mit einem geradezu fabelhaften Eifer sucht die katholisch« Kirche ihre jungen Schäflein vor der freien Jugendbewegung, die in einer Werbeschrift mit dein reißenden Wolf verglichen wird, zu bewahren. Aus einem Artikel, der die Runde durch die Zentrunlspresfe macht, erfährt man, daß zurzeit 2636-ka- tholische Jugendvercinigungen mit 257 465 Jugendlichen vor» Händen sind. Das Generalsekretariat gibt unter dem Titel ..Bunte Hefte" eine Sammlung bon zwölf Schriften für die fugend heraus, die schon in 300 000 Exemplaren verbreitet 'und. Beachtenswert ist, daß„Die Wacht", die nur eines der katholischen Jugendorgane ist, in den letzten fünf Jahren ihre Abonnentenzahl von 45000 auf 115000 gesteigert hat. Atit besonderein Erfolg gelingt es der katholischen Kirche Sie Mädchen heranzuziehen. In der vorigen Woche war in Bamberg der Erste Süddeutsche Jugendtag versammelt. Dort konnte die Leitung des Verbandes Süd- deutscher katholischer Jugcndvereine für die im Erwerbsleben stehenden Mädchen über 134 Vereine mit 10 000 Mitgliedern berichten. Die Verbands- zeitung„Die gute Freundin" hatte 110 000 Abonnenten, eine andere katholische Jungfrauenzeitung„Notburga" marschiert mit !�Ü000 Leserinnen auf. Aus diesen unsäglich albern redigierten Blättchen geht ein wahrer Strom von Stumpfsinn in die Köpfe der weiblichen katholischen Jugend. Für die Nichtklerikalen klingt es wie ein Witz, wenn man liest, daß zum Verbands- Vorsitzenden der Jungfrauen wieder ein M a n n, nämlich der Münchener Redakteur Pichlmaier gewählt wurde. Auch der Präses jedes Jungfrauenvereins ist ein Mann, und zwar stets ein Geistlicher, der sich gern und oft mit seinen„Marien- lindern" photographieren läßt. Von der interkonfessionellen und staatlichen Jugendpflege wollen die Katholiken nach wie vor nichts wissen, auch wenn sie sich an den staatlichen Ortsausschüssen beteiligen, weil sie sonst bei der Verteilung der Staatszuschüsse leer ausgehen würden. Auf dem erwähnten Süddeutschen Jugendtag sagte der Bambcrger Erzbischof klar und deutlich: »Wo es sich handelt um die Erziehung der Jugend zu tüchtigen gottesfürchtigen� und lönigstreuen Männern, da mutz ein interkonfessioneller Verein versagen, und ein Versuch, in einem solchen Verein die Jugend zu rette», mutz tot- sicher mit einem Mitzerfolg enden. Der Klerikalismus hält also die Jugend fest in seinem Bann und traut nicht einmal den Hurrapatrioten über den Weg. Er sieht in der kirchlichen Ilmneblung das einzige Mittel, die jungen Köpfe vor dem frischen Luftzug der freien Jugend- bewegung zu bewahren. ftolUtici. Tie Ministersrage. Amsterdam, 21 Juli.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Eine neue Konferenz von Parteivorstand, der neuen Kammerfraktion und der Redaktion des Zentral- organs hat beschlossen, den schon ausgeschriebenen außer- ordentlichen Parteitag zur Beratung der Minister- krtse nicht stattfinden zu lassen. DieKonfcrenzhatsich nämlich mit beträchtlicher Mehrheit gegen jede Teilnahme von Sozialisten an einer liberalen Kabinetts- bildnng in der heutigen Situation ausgespro- ch e n, unter Beibehaltung ihrer schon früher ausgesprochenen Bereiterklärung, ein liberales Kabinett zu unterstützen, das so schnell wie nur möglich das allgemeine Wahlrecht und die unentgeltliche Staatspensionierung bringen soll. Die Konferenz wünscht aber nicht, mit so- zialistischen Ministern auch die Fraktion und die ganze Partei zu Gefangenen des liberal gearteten Kapitalismus zu machen und betrachtet auch ein so wenig homogenes und dadurch schwaches Kabinett, als es ein liberal-sozialistisches sein würde, als die schlechteste Gewähr für die baldige Erreichung des all- gemeinen Wahlrechts. In Anbetracht der Tatsache, daß die Konferenz dem Parteitag keine Abweichung von der bisher befolgten Auffassung und Taktik vorzuschlagen hätte, und es schon feststeht, daß die große Mehrheit der Partei den Stand- Punkt der Konferenz teilt, ist eine nochmalige Beschlußfassung auf einem Parteitag unnötig; daher wird dieser nicht ab- gehalten. Portugal. Eine svndikalistischc Revolte? t'isslihon, 20. Juli, Die Remerunn wurde davon benachrichtigt, daß die Syndikalisten die Absicht hätten, Unruhen zu erregen, um die Befreiung ihrer Kameraden zu erwirken, die an dem Akten- tat bei Gelegenheit der Festlichkeit vom 1t>. Juli beteiligt waren. Die Polizei hatte sich entschlossen, am Sonntagabend die zum Zwecke der Verschwörung Zusammengekommenen festzunehmen. Dabei schleuderten die Syndikalisten zwei Bomben, durch die zwei Polizei- bcamte getötet wurden. Mehrere Personen wurden festgenommen und eine Anzahl Bomben beschlagnahmt. Die Ruhe in der Stadt wurde nicht gestört. Lintia. Tic Erhebung des Südens. London, 21. Juli,„Morning Post" meldet aus Schanghai vom tö. Juli: Heftige Regenfälle hindern in gleicher Weise die Be- wegungen der revolutionären und der nordchinesischen Truppen. Schanghai ist in der Gewalt der Revolutionäre, deren Vertreter meist plötzlich entlassene Beamte sind. Das Arsenal hat sich noch nicht ergeben und seine Verteidigungswerke sind verstärkt worden. Es heitzt, daß die Offiziere der Flotte, die vor dem Arsenal vor Anker liegt und bei welcher sich die neuen Kreuzer„Tschaoho" und „Uingswai" befinden, sich entschlossen haben, neutral zu bleiben. Mehrere Provinzen haben sich für neutral erklärt. Die offizielle Bezeichnung der Revolutionäre ist: Two Auan Tschun, d. h. Armee zur Bestrafung Juans. Tie Pekinger Regierung fährt fort, auf den Bahnlinien von Tientsin nach Pukau und von Peking nach Hankou Truppen nach Süden zu schicken. Bisher sind keine Truppen aus der Mongolei zurückgezogen worden, wo 25 000 Mann die mongolischen Banden zu unterdrücken suchen. Iuanschikai will selbst nach dem Süden gehen, um das Oberkommando zu übernehmen. Aber seine Um- gebnng rät ihm, in Peking zu bleiben, da er in ständiger Gefahr sein würde, ermordet zu werden. Hus der Partei. Aus den Organisationen. Die sozialdemokratische Partei Mecklenburgs hat vom letzten Geschäftsjahr ihren Bericht herausgebracht, der sich über neun Monate erstreckt. Die Sozialdemokratie ist die stärkste Partei in dem immer noch verfassungslosen Junkerlande. Die langen Tarifverhandlungen im Baugewerbe hatten zur Folge, dah Arbeiten nicht in Angriff genommen wurden und die Arbeiterschaft lange arbeitslose Zeiten über sich ergchen lassen mutzte. Da das Baugewerbe in vielen Orten des Landes die einzige Industrie ist, legte dieser Zustand den Parteiorganisationen immerhin einen Hemmschuh an. Die Druckerei der„Mecklenb. VolkSzeitung" ist mit dem 1. Januar d. I. in das Eigentum der Partei über- gegangen und in ihrer Leistungsfähigkeit bedeutend verstärkt worden. Insgesamt fanden 57 öffentliche Volksversammlungen statt. Autzcrdem sind vom Landesvorstand 81 Mitgliederversammlungen und Sitzungen veranstaltet. Ferner haben für die Frauen 43 öffent- liche Versammlungen, desgleichen für die Landarbeiter sechs besondere Versammlungen stattgefunden. Zur schriftlichen Agitation wurden 108 000 Volkskalender, 160 000 Flugblätter sowie eine Anzahl Broschüren geliefert, darunter eine speziell für die Frauen. Zum Zwecke der Hausagitation sind den verschiedenen Ortsvereinen Broschüren zur Verfügung gestellt. Für die politische Aufklärung der Landarbeiter sind bei den verschiedensten Gelegenheiten Landarbeiter- broschüren zur Verteilung gelangt.— Die Zahl der Ortsvereine ist 66. Für das B i l d u n g s tv e s e n ist auf Beschlutz der Gewerk- schafts- und Parteifunktionäre ein Bezirksbildungsausschutz für Mecklenburg und Lübeck ins Leben gerufen, der eine segensreiche Tätigkeit entfaltet hat. Die Gewerkschaftsbewegung hat äutzerst gute Er- folge errungen. Das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft ist erfreulich gut. Einen ganz bedentenden Fortschritt hat auch die Genossen- schaftsbewegung gemacht. Obwohl Junkertum und Bürger- tum auf dem Lande und in den Städten vor keinem Mittel zurück- schreckten, den Aufstieg zu hemmen, ging dieser Aufstieg rüstig vor sich. Die Zahl der sozialdemokratischen Bürgervertreter in den mecklen- burgischen Städten beträgt insgesamt 42. Auch in einer Land- gemeinde haben wir einen Vertreter. Der Jugendbewegung in Mecklenburg wird nach wie vor reges Interesse gewidmet. Die Rostocker Arbeiterschaft hat ihrem jungen Nachwuchs ein neues Jugendheim errichtet, das von ihr in reichem Matze unterstützt wird. Das Wahlprogramm der italienischen Partei. Rom, den 10. Juli.(Eig. Ber.) Nach langer Diskussion hat der italienische Parteivorstand in seiner am 16. Juli zum Abschlutz ge- kommenen Tagung eine Tagesordnung über das Wahlprogramm bei dem bevorstehenden Wahlkampf angenommen. Die betreffende Resolution erinnert zunächst an den Parteitags- beschiutz von Reggio Emilia, der alle Wahlbündnisse bedingungslos untersagte und setzt dann fest, datz die Periode der Wahlagitation benutzt werden soll, um den Millionen von Proletariern, die zum erstenmal ihr Wahlrecht ausüben, das Programm der sozialistischen Partei vorzuführen mit ihren Methoden und Endzwecken unter Dar- Icgung des Wertes, der im Wirken der Partei der parlamentarischrn Aktion beigemessen wird. Die Tagesordnung beschlieht weiter, die unheilvollen Folgen des Militarismus und des Kolonialismus in politischer und finanzieller Beziehung im Wahlkampf zu beleuchten und den antikapitalistischen und antimonarchischcn Charakter der Partei zu betonen. Schlietzlich werden die Forderungen festgesetzt, für deren Vertretung im Parlament die sozialistische Partei die Zu- stimmung der Mafien fordert: 1. Systematische Opposition gegen die Politik der Kolonialabenteuer und des Militarismus. 2. Opposition gegen jede Form industrieller und agrarischer Schutzzölle. 3. Arbciterschutzgesetzgebung, nainentlich Arbeiter- Versicherung, Urbarmachung des brachliegenden Grund und Bodens. 4. Eine Abgabenpolitik' der Enteignung, die das durch den Krieg verursachte Defizit deckt und dessen Last anSschlietzlich auf die kapitalistischen Klassen abwälzt und ermöglicht, eine Milliarde für die erwähnten sozialen Reformen auszuwerfen. S. Hebung des Schulwesens und Besserstellung der Lehrer. 6. Umgestaltung des neuen Wahlgesetzes durch Einführung des allgemeinen Wahlrechts für beide Geschlechter und der Listenwahl mit Proportionalvertretnng. 7. Abschaffung der Crispischen Ausnahmegesetze und der Paragraphen des Strafgesetzbuches, die die Gedankenfreihoit und die freie Ent- Wickelung der wirtschaftlichen Kämpfe hindern. Weiter wird auf Antrag Mussolinis beschlossen, durch leicht fatzliche Broschüren über Einzelfragen, die Forderungen dieses Pro- graminS in die Mafien zu tragen und am ersten Sonntag im Sep- tcmber die Wahlvorbereitungen durch gleichzeitige Abhaltung von Volksversammlungen in ganz Italien zu beginnen. Der Vorstand hat auch die Liste der proklamierten Parteikandidaten, deren Zahl sich auf 296 beläuft, diskutiert. Drei Kandidaten wurden be- anstandet. Was die Stichwahlen betrifft, so hat der Parteivorstand beschlossen, Wahlabkommen nur mit den Kandidaten zu treffen, die gegen die Kolonialpolitik und gegen die Vermehrung der Militär- ausgaben Stellung nehmen und' sich schriftlich dazu verpflichten. Während der Stichwahlwoche wird der Paneivorstand beständig tagen und von Fall zu Fall über die Wahlabkommen entscheiden. In mehreren Wahlkreisen stehen einander sozialistische und refor- mistische Kandidaten gegenüber. Soziales. Entsetzliche Folgen der Fürsorgeerziehung. Am 8. März teilten wir einen Fall von Fürsorgeerziehung mit, in dein die Begründung der Fürsorgeerziehung durch das Amtsgericht in Unna deutlich erkennen läßt, in welche Gefahr Kinder sozialdemonatischcr oder polnischer Eltern durch die Handhabung des Fürsorgegesetzes geraten. Der Fall lag folgendermaßen; Ter söhn Felix des Bergmanns Beer in Unna hatte im Jahre 1911 einige Mark und Kleinigkeiten(eine Kralvatte. einen Kragenschoncr, ein Halstuch und eine Brieftaube) ent- wendet. Ter Vater strafte ihn deshalb ab. Gerichtliche Bestrafung konnte nicht eintreten, weil der. Knabe noch nicht 12 Jahre alt war. Ter Magistrat zu Unna leitete aber das Verfahren ans Unterbringung in Fürsorgeerziehung gegen das Kind ein. Der Beschluß wurde jedoch am 15. Juni 1912 auf 6 Monate ausgesetzt, weil der Unternehmer, bei dem der Junge inzwischen befchästigt wurde, ihm ein gutes Zeugnis ausstellte. Bei diesem Unternehmen war Felix Beer bei dem Arbeitgeber beschäftigt. Weil ihm die Hänseleien durch einige Kol- legen nicht paßten, ging er dann zu einem anderen Arbeit- gcber. Bald beschuldigte ihn dieser, einige Feusterschciben mutwillig zerschlagen und mehrere 5lohlköpsc im Garten ruiniert zu haben. Ter Junge bestritt das auf das ent- schiedenste. Ein Mitarbeiter bestätigte, daß die Scheiben schon vorher zerbrochen waren. B. verließ diesen Arbeitsplatz und wurde Laufbursche bei einem Kansmann, dessen uneingeschränktes Vertrauen er sich erwarb. Er hatte vier Gelder in größeren Summen von der Bank zu holen und nach dort zu bringen, und nie mißbrauchte er das in ihn gesetzte Vertrauen. Inzwischen war aber wegen der ruinierten Kohlköpfe das Verfahren gegen ihn wieder aufgenommen worden und am 13. Februar 1913 beschloß das Amtsgericht in Unna die Verfügung der Fürsorgeerziehung. Es hielt die Beschuldi- gungen des Fabrikanten für erwiesen und begründete das Urteil unter anderem wie folgt: „Auch spricht er im Verkehr mit seinen Arbeitskollegen schon viel von der Sozialdemokratie und hat erklärt, das, er dem sozial- demokratischen Verbände beitreten wolle. Die Eltern haben nicht die Macht, den Söhn von seinen schlechte» Handlungen znrückzn- halten. Mit Rücksicht auf die Straftaten und die übrigen Lebensverhältnisse des F. B. erscheint daher seine Fürsorge- erziehung zur Verhütung weiterer sittlicher Verwahrlosung er- forderlich." Diese Begründung ist ehrlich) Sie sprW die eigentlichst Gründe aus, die von manchem Richter nicht in den Beschluß geschrieben werden. Der Beschluß wurde in der Reichstags- kommission zur Vorberatung des Jugendgerichtsgesetzes vor- getragen. Ein Antrag, in das Gesetz hineinzuschreiben, daß politische oder relegiöse Ansichten nie zum Vorwand der! Unterbringung in Fürsorgeanstalten, diese Brutstätten der Erziehung zur Charakterlosigkeit und zu Lastern, genommen werden dürfe, fiel jedoch. Die Mehrheit der bürgerlichen Mit- glieder meinten, das Verlangte sei selbstverständlich, solche verfehlte Beschlüsse würden mit Sicherheit in höherer Instanz aufgehoben. Das Landgericht werde auf Beschwerde so be- schließen. Derselben Ansicht hatten wir Raum gegeben. In Wahrheit ist das Gegenteil eingetreten: das Landgericht hat die Beschwerde des Baters gegen den Beschluß zurückgewiesen. Allerdings behauptete es, die politische Anschauung des Vaters sei für den Beschluß nicht maßgebend gewesen, es liege in dem Beschluß auch kein abfälliges Urteil über den sittlichen Wert der Sozialdemokratie. Ans Verzweislung über diesen Beschluß erschoß sich der Vater. Er wollte die Schande nicht überleben und verzweifelte an der Gerechtigkeit für einen Arbeiter in Preußen. Der Sohn aber mußte fort, obwohl seine Mutter noch einen letzten Bittgang zuni Bürgermeister unternahm. Die pren- ßische Fürsorgeerziehung riß also eine Familie völlig aus- einander, nahm ihr den Ernährer und den Sohn, als er eben so weit war, daß er zum Unterhalt beitraaeu konnte. Legten nun die Behörden gegen den landgerichtlichen Be- schluß Beschwerde ein? Mit nichten. Sie strengten aber— Beleidigungsklage gegen unser Bruderorgan in Dortmund, die„Arbeitcr-Zeitung", an, die diesen Fürsorgefall kritisiert hatte. Dadurch soll sie den Amtsrichter in Unna beleidigt haben. Es ist aber nicht Anklage wegen Behauptung un- richtiger Tatsachen(8 186 des Reichsstrafgesetzbuchs), sondern nur wegen vermeintlicher formaler Beleidigungen, wie„Ten- denznrteil",„empörender Richterspruch" erhoben. Der Ange- klagte wird selbstverständlich versuchen, den Fall selbst, ohne den die kritisierenden Anmerkungen ja unverständlich sind, aufzurollen und zu würdigen. Wir wünschen, daß die un- glückliche Mutter noch setzt von dem ihr zustehenden Recht Ge- brauch macht, den Fürsorgebeschluß zur Aufhebung zu bringen. Vor wenigen Tagen teilten wir mit. daß ein paar Stu- deuten in Hannover,' die einige Straßenlaternen zertrümmert hatten freigesprochen wurden. Hier aber handelt es sich um ein Arbeiterkind. Weil es Fensterscheiben zerbrochen und einige Kohlköpfe ruiniert haben soll, wird es zur Fürsorge verurteilt und sein Vaier zu einer Verzweiflung an der Gerechtigkeit getrieben, die ibn leider Hand an sich legen ließ. Dieser empörende Fall der Möglichkeit, Fürsorgeerziehung zur Anwendung zu bringen, zeigt deutlich, wie tief das Klassenvorurteil der Richter gegen Kinder der Arbeiter geht. Er bringt auckx die Gefahren des vor der Verabschiedung stehenden Jugendgerichtsgesetzes lebendig zur Anschauung. Da- mit solche Fälle in Zukunft unmöglich werden, ist eine Be- seitigung des heutigen Fürsorgcsustems und sind gesetzliche Garantien gegen einen Mißbrauch einer Fürsorgeerziehung dringend erforderlich. Es handelt sich um Abwehr dagegen. daß das Teuerste, das die Arbeiter haben, ihre Kinder, unter den nichtigsten Vorwänden ihnen genommen und Zuchtan- stalten zur Zermürbung des jungen Menschen überwiesen werden. Hetzte l�acfmditen. Türkischer Angriff auf bulgarische Truppen. Sofia, 20. Juli.>W. T. B.) Die gegen Adrianopel vorrückenden türkischen Truppen röffneten auf die die Eisenbahn bei Kuleli- Burgas bewacbenden bulgarischen Abteilungen Infanterie- und Ar» tilleriefeuer. Die Regierung hat deshalb bei den fremden Gesandt- schastcn Protest erhoben. Internationaler Bergarbciterkongrcß. Karlsbad, 21. Juli.(W. T. B.) Der 24. internationale Berg- arbeitcrkongreß wurde heute vormittag in Anwesenheit von etwa 200 Delegierten hier eröffnet. Der Präsident der heutigen Ver» sammlung war Smillic. Präsident der internationalen Föde- ratio» von Großbritannien. Er hob hervor, daß der heutige Kon- greß in Karlsbad der größte internationale Bergarbeiterkongreß sei, der je stattgefunden habe und erklärte in Besprechung des Balkankriegs, er glaube, daß sich der Krieg verhindern ließe, wenn die Arbeiter vor dem Ausbruch eines Krieges streikten. In der Nachmittagssitzung beklagte der Abgeordnete Sachse, daß es in Deutschland keine einheitliche Organisation gäbe. Für die nächste Zeit sei infolge des befürchteten Konjunktursturzes eine Ver« Minderung der Löhne zu erwarten. Schweres Grubenunglück. Tnisburg, 21. Juli.(„P.-C.") Ein schweres Grubenunglück ereignete sich heute morgen in Holten auf Zeche„Rhein", Schacht 1 und 2. Durch herabfallendes Gestein wurden sieben Berg� l e u t e verschüttet. Ein Schachtmeister konnte nur noch als Leiche geborgen werden, während der Bruder de? Verunglückten mit einigen schweren Knochcnbrüchen davonkam. Auch die übrigen Bergleute wurden so schwer verletzt, datz sie ins Krankenhaus ge« bracht werden mutzten, wo sie hoffnungslos daniederliegen. Von Einbrechern erschossen. Aachen, 21. Juli. Gestern nacht wurde der Landwirt Kochs itt Blaustein von Dieben, die während seiner Abwesenheit in sein An- Wesen eingedrungen waren, und die er bei seiner Rückkehr über, raschte, erschossen._ Streik russischer Textilarbeiter. Vialpstok, 21. Jüli.(W. T. B.) Sämtliche Arbeiter der hiesigen Wollspinnereien sind in den Ausstand getreten. Meuterei im Vatikan. Rom, 21. Juli.(32. T. B.) In den letzten Tagen entstand unter den SchweizergarLen im Vatikan eine lebhafte Unzufrieden» heit wegen der Disziplin. Infolge der Entfernung des Haupt» manns G l e s s o n schien die Ordnung wieder hergestellt. Den Zeitungen zufolge artete aber gestern infolge der Haltung des Obersten R e p o n d die Unzufriedoeiheit in offene Meuterei aus, Heute wurden die Garden entfernt. Der Papst konferierte mit dem Kardinalstaassekretär Merry del Val, drückte seinen lebhaften Schmerz und die Hoffnung aus, daß eine Beruhigung eintretey werde.' Sozialdemokratischer Wahl verein für den 4. Berliner Reiehstagsvahikreis. Heute Dienstag, den SS. Juli, abends 8 Uhr: 2 Mitglieder s Versammlungen in bcii Lokalen: 1. In Kellers Festsälen, Koppenstr. SV, S.„ der„Urania", TLrangelstr. 10/11. Tagesordnung in beiden Versammlungen: 1. Der politische Massenstreik. 2. Diskussion. Reserenten sind: Reichstagsabgeordneter Genosse Dr. Lensch-Leipzig und Genossin Dr. Rosa Luxemburg. 215/11» -- Mitgliedsbuch legitimiert.- Der Borstaud. Verband der JKaler, Saekierer, Anstreicher usw. Bureau: Melchiorstraße 28, Part. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. Filiale Berlin. Arbeitsnachweis: Rückcrstraße 9. Fernsprecher: Amt Norden 8708. Donnerstag, den A4. Juli 1913, abends 8V2 Uhr, im Gewerkschaftshanse, Engelufer 15: �Ztslieiler-Versaininlunx Tagesordnung: 1. Aufstellung und Wahl der Delegierten zum Bauarbciterschutz-Kongrest in Leipzig. 2. Wahl eines Mitgliedes zum Beirat. 3. Bericht von der General- Versammlung in Halle. 4. Diskussion. 5. Lcrbandsangelegenheiten. - Mitgliedsbuch legitimiert!-------- Wegen der reichhaltigen Tagesordnung wird die Versammlung pünktlich um S'/z Uhr eröffnet. zzg�lg»_ Plc Ortsverwaltnng. Zentral-Verband der Zimmerer. ZablftcUe Berlin und Umgegend. Mittwoch, den SS. Jnli ISIS abends L'/z Uhr: AUg. Mitglieder Versammlung im Gcwerkschaftshaus, Engel>Ufer 15(großer Saal). Tagesordnung: 1. Die Vorgänge bei der Aktien-Gesellschaft Siemens u. Halske an dem Bau der Untergrundbahn(Strecke Mütterstraste) und der Verrat der Lokalisten. Referent: Kamerad W. Witt. 2. Wahl eines Delegierten zum Bauarbcitcrschutzkongrest in Leipzig. Pünktliches Erscheinen aller Mitglieder ist Pflicht. 254/8 Ter Vorstand. Kiiiiiini- und Krnuidiudtrti von Rodert Aexer,' Jnh.: P.«olletz Mariannenstr. 2. Tel. Mpl 348. lltwattunggstelle Kertin. C 54, sinienstr. 83—85. Telephon: Amt Norden 185, 1239, 19S7, 9714. Mittwoch, den SS. Juli 1V1S, abends 8'/z Uhr: == Versammlung i= der Former und Gießereiarbeiter in den Poeiiszls-SNleii, Aäctftr. 6/7.' -Die Tagesordnung wird in der Bcrsammlung bekannt gemacht. . nitslledsdnel» legitimiert.---------- Mittwoch, den SS. Juli ISIS, abends«-/- Uhr: Sraneken- Versammlung der chirurgischen Dranche im Ilozentlinler Hok, Rosenihaler Straße 11/12. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen Adolf Wuschilk. 2. Diskussion. Z.Branchen- angelegenheiten._____ Mittwoch, den SS. Juli ISIS, abends 8'/z Uhr: I�UgUeder-Versammlutig der Klempner eattdUen, Kaiser-Wi Tagesordnung: Wilhelm-Sir. 18m. w den Zlnslkor-Pestl Tagesordnung 1. Vortrag über die„Volksfürsorge". Resermt: Genosse Hanel. 2. Diskussion. 3. Branchenaiigelegenheiten. ■ Mitgliedsbuch legitimiert k- Zahlreichen Besuch obiger Versammlmigen erwartet 122/9 Ple Prt«ver,vslti,ng. Deutscher Buchbinder-Verband. Luxuspapierbranche. Mittwoch, den SS. Juli, abends 8 Uhr. bei Wcgener, Seydelstr.»0: Goldschnittmacher-Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht der Tariskommission. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 24/8 Die Ilranchcnleltnng. r 700 Anzüge. PaletotS. Ulster, von Herrschaften, ltavalieren K. gc> iragen, au« Maßstofsen in ersten WerlslStlen aeaibcitet, für jede fftgur tauch siarlcre), paftend am vager Jaqu.. Anzüge M. 10 14 18 ic. Nock An, ü««. 12 10 20 Webrorf Anz.. 18 2« 27 Herren P-I-t.. S 8 12 Ulster. 12 1« 22 7t>ingl.»AnzLge, 7 lO 14 Hose». 2 3 biso Abt. II: Neue Bekleidung. Zastitat für Vorlelhuag: 6(60. Oeaelfschattn-Auzüg: Oor der ob enhani Gr. Fraukioxter Str. 116, aa der Asdreaaatr. II. Gttchlft: Chausteestr. ES. Arbeitermöbel! 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Der Stand von drei» ,ebn Organisationen, die den Fragebogen beantworteten, betrug an, 1. Januar 1912 194 539 Mitglieder. Arbeitslosenunterstützung »ablen von den 13 nur 4 Organisationen: Dänemark, Serbien, Oesterreich und Ungarn. Krankcnunterstützung gewähren: Amerika, Deutschland. Niederlande. Oesterreich und die Schweiz. Reise- Unterstützung zahlen: Dänemark, Deutschland. England. Frankreich. Oesterreich. Schweiz und Ungarn. Nach dem Kassenbericht hat das Sekretariat einen Kassenbestand von 4115,99 Ml. Die Diskussion über den Bericht würde gleich mit dem zweiten Punkt der Tagesordnung, der weitere Ausbau der internationalen Beziehungen und mit der Beratung der dazu vorliegenden Anträge verknüpft. Die Aussprache war sehr ausgedehnt, sie wurde am ersten Tage nicht mehr beendet. In der Hauptsache drehten sich die Erörterun- gen darum, wie eine bessere Verbindung, regelmäßigere Orientie- rung über die Verhältnisse in den einzelnen Ländern möglich ist. Für den Antrag, eine Internationale Revue, die dreimonatlich erscheint, herauszugeben, stimmten nur Amerika, England und Frankreich. Gegen die Stimme des amerikanischen Vertreters wurde dann folgende Resolution, die vom Bureau vor- geschlagen war, angenommen: „Die sechste internationale Schneiderkonferenz verpflichtet die angeschlossenen Verbände, über alle wichtigen Angelegenheiten, insbesondere über größere Streiks und Aussperrungen, so schnell wie möglich dem Sekretär Bericht zu erstatten, welcher denselben dann sofort allen Verbänden mitzuteilen hat. Ferner hat jeder Verband am Jahresschluß einen kurzgc- faßten Bericht an den Sekretär einzusenden. Vom Sekretär ist ein Fragebogen herauszugeben, wodurch die Berichterstattung ver- cinfacht wird. Tie Jahresberichte sind vom Sekretär zusammengefaßt im Druck herauszugeben— in deutsch, französisch und englisch— und den angeschlossenen Perbänden in der benötigten Anzahl Exem- plarc zuzusenden. Dazu wurde noch folgender Antrag Gion(Oesterreich) ein- stimmig angenommen: Zum Zwecke der gegenseitigen Verständigung und zur Förde- rung der Organisationen der Schneider aftgr Länder wird die deutsche„Fachzeitung" als offizielles Organ der dem Jnternatio- nalen Sekretariat angeschlossenen Länder angesehen und beauf- tragt, eine Rubrik,„Aus der„Schneiderinternationale" zu er- öffnen und in dieser alles Wissenswerte ans der Schneider- s bewegung aller Länder zu veröffentlichen. Ter Redakteur S a b a t h des deutschen Verbandsorgans hatte vorher seine Bereitwilligkeit zur Schaffung einer solchen Rubrik erklärt. Einmütige Annahme fand auch ein Antrag S m i t k a- Oester- reich, der den internationalen Sekretär beaustragt, ein Statut und eine Geschäftsordnung für die Internationale Verbindung und für die Konferenzen auszuarbeiten und den Organisationen zur Begut- achtung vorzulegen. Neber eine Reihe weiterer Anträge wurde in eine S p e z i a l- b e r a t u n g eingetreten. Die Franzosen verlangen Belehrung der Mitglieder über deren Pflichten, wenn sie ins Ausland gehen. Die Zureisenden schließen sich oft nicht den Landesorganisationen an. In Paris seien in der Damenschneiderei 85 Proz. der Beschäftigten Ausländer, in der Herrenschneiderei 35 Proz. Vorsitzender Stühmer gibt die Erklärung ab, daß den Wünschen der Franzosen entsprechend im Fachblatt diesbezügliche Bekannt- mackungen erfolgen. Damit sind die Franzosen zufrieden. An- genommen wird ein Antrag Markgraf iSchweiz): „Die sechste Internationale Schneiderkonferenz beschließt er. ncut, daß die nach dem Auslande reisenden organisierten Kol- legen verpflichtet sind, im zugereisten Lande in den dem inter- uanonalen Sekretariat angeschlossenen Schneidervcrband über- zusiedeln." Besvrechuna eines Antrages von Dänemark, der unter- sucht haben will, welche Maßnahmen gegen die Lohndrückerei der russischen Juden getroffen werden könnten, wurde fast allgemein über diese Lohndrückerei geklagt. Sie seien aber schwer für die Organisation zu gewinnen. Kunze(Deutschland) erklärte, daß in B e r l i n die Schwierigkeiten überwunden seien und fast alle der Organisation angehörten. Drhche(.Amerika) betonte, 65 Pro- zcnt seiner Organisation seien russische Juden. Wären diese ein- mal organisiert, würden sie auch fest zur Organisation halten.— Ein Beschluß wurde nicht gefaßt, sondern lediglich ausgesprochen, daß mit allen Mitteln versucht werden muß. diese Kollegen bei ihrer Einwanderung aufzuklären und zu organisieren. Ein Antrag Holland, daß die eingewanderten Mitglieder sofort alle Rechte wie die Einheimischen genießen können, zeitigte eine lange Auseinandersetzung. Der internationale Sekretär wurde schließlich beauftragt, bis zur nächsten Internationalen Konferenz bei den einzelnen Ländern anzufragen, inwieweit sie bereit sind, dem Antrage Hollands Rechnung zu tragen. Bis dahin bleibt eS den einzelnen Ländern überlassen, Gegenseitigkeitsverträge abzu- schließen. Ein schweizerischer Antrag auf Herausgabe internationaler Mitgliedsbücher und Reiselcgitimationen wurde dem Jnternatio- nalen Sekretariat überwiesen, das versuchen soll, eine größere Ein- heitlichkeit zu schassen. Beschlossen wurde noch, nach den Grenzstädten Italiens einen Agitator zu senden, um auch die italienischen Kollegen für die Or» ganisation zu gewinnen. Der Beitrag an das Sekretariat wurde einstimmig von 1 Cents auf 2 Cents pro Mitglied und Jahr erhöht. Zur Beratung stand am dritten Tage der Konferenz der Punkt: Ter gesetzliche Hcimarbeiterfchutz in den verschiedenen Ländern. Der Referent. Rcichsratmitglied Smitka-Wicn. unterbreitete am Schlüsse seiner Ausfuhrungen folgende Resolution: „Die sechste internationale Konferenz der Schneider macht es den gcschlogcnen Organisationen zur Pflicht, die gesetzliche Regelung der Heimarbeit, insofern eine solche noch nicht erfolgt ist, mit aller Macht anzustreben. Dabei ist die gesetzliche Fest- setzung eines zwischen Arbeiter und Unternehmer vereinbarten Minimallohnes als die entichdioende Bestimmung in dieser Ge- gcsetzgcbung anzustreben. Die Konferenz erwartet von allen an- geschlossenen Organisationen, oatz ste der gewerkschaftlichen Or- ganisierung der Hermarbeiter rhre bc, andere Aufmerksamkeit zuwenden, weil dadurch fowohl ore Regelung der Arbeitsverhält- uisse in der Heimarbeit durch eigene Kraft als auch die Durch- fühnwig des gesetzlichen Schutzes der Heimarbeiter gefördert wird." An das Referat schloß sich eine längere Aussprache, in der von der Mehrzahl der Redner betont wurde, man dürfe nicht allzu viel von der Gesetzgebung erwarten, sondern müsse sich auf die Kraft der Organisation verlassen. Sabath- Deutschland erörterte das deutsche Hausarbeits- gesetz, das im vorigen Jahr eingeführt wurde, aber äußerst unzu. träglich sei. Tie Meisten Bestimmungen hatten übrigens kein zwingeiches Recht, es hieße meist,„es kann. istuhmer betonte, die Organisierung der Heimarbeiter sei m?St)ch> das beweise, daß 50 Proz. der Mitglieder des deutschen Verbandes Heimarbeiter toen. Durch Tarifverträge müßten die Löhne festgesetzt und das Eingreifen der Gesetzgebung nur als Hilfsmittel betrachtet werden. wissen" �lau'3'lat�e müssen wir uns auf unsere eigene Kraft ver- JPJ n n- England sagte: Unsere Erfahrung, die wir in ? seudeni wir uns mit der Heimarbeit beschas.tgen- um die Verhältnisse in der Heimarbeit wirklich zu l16 0ana abgeschafft werden..„ we«f? betonte ebenfalls, daß nur die Ab. Die die Zustande ändern könne. TVr= 0n fand einstimmige Annahme. internationale Sekretär Stühmer- Berlin wurde ein- Sa b?tb und�n"�'' Zekretaria. durch zwei Beisitzer. a b a t h und K u n z e(Berlin), verstärkt. AruMe>ej?eH!.'�ch°n." �hnb-w-gungen sollen die bisherigen Z a g� n."'�"at'vnale Konscrcnz tagt 1916 in Kopen- Em Induftne und ftandel. Verständigung im Kredit-Genossenschaftswesen. Während die Kredit-Genossenschaften Schulze-Delitzscher Richtung einerseits und der Raiffeisen-Organisation andererseits sich bisher aufs schärsste bekämpften, hat in neuerer Zeit eine Annäherung zwischen beiden Gruppen stattgesunden. Ueber die Gründe dieser Verständigung sprach auch der Vertreter der Raiffeisen-Organisation auf einem Verbaydstag der anderen Richtung folgendermaßen aus: „Heutzutage, wo Bestrebungen erneut in die Erscheinung treten, daß wir unter den Staatspantoffel gebracht iverden solle», da glaube ich. ist das Moment wohl hervorzuheben: Schulze- Delitzsch und Raiffeisen, sie gehen einen Weg, den Weg der vollen llnabhängigkeit. Sie wollen vom Staat nichts als neutrales Wohlwollen. Sie haben von jeher auf Ihre Fahne geschrieben volle Freiheit und Un- abhängigleit, und auch wir sind der Meinung, daß das Genossen- schastswesen nicht als Treibhauspflanze Früchte bringen kann, sondern es will aus sich selbst heraus kämpfen und arbeiten, es will sich die Selbständigkeit erhalten und weiter errichten. Ich darf es hier aussprechen. Als im Jahre 1896 die P r e u ß e n k a s s e gegründet wurde, hat unsere Organisation sich mit allen Kräften gegen diese Gründung gewehrt. Wir waren aber zu schwach, wir mußten uns fügen. Und wenn ich die Behauptung ausstelle, daß durch die Gründung der Preußenkasse, durch die Darbietung von billigem Gelde kolossale Ueberslürzungen in der Gründung von Genossenschaften und in unfruchtbaren Gründungen entstanden sind, ich glaube, wer von Ihnen die Erfahrung des Alters hat, wird mir recht geben." Die Furcht, gleich der dritten großen Kreditgenossenschafts- organisation, dem Reichsverbande(Haasscher Richtung), in Abhängigkeit von der P r e u ß e n I a s s e zu gelangen, hat also zu dieser Annäherung geführt. Die Preußenkasse ist bekanntlich eine Begründung des Preußischen Staates und wird wesentlich im Interesse der Großagrarier geleitet. Durch leichte Kreditgewährung an die Genossenschaften, die ausschließlich mit der Preußenkasse in Verbindung stehen, ist es der Kasse gelungen, den anderen älteren und freien Genossenschastszentralen erheblichen Abbruch zu tun. frzuen-Letcabcndc. Gerichts- Zeitung Im Kampf um vcrmciutlicheS Recht. Eine an Zwischenfällen reiche Verhandlung beschäftigte gestern die 10. Ferienstrafkammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgcrichtsrats Esche. Es handelte sich um eine seit längerer Zeit schwebende Beleidigungsklage, welche der Geheime Medizinalrat Professor Bier gegen den praktischen Arzt Dr. Anton Hengesbach aus N e u e n f e I d e bei Hamburg und den Buchdruckereibesitzer Amandus Möhlmann aus Finkenwärder angestrengt hatte. Der Anklage, die schon einmal im Oktober 1912 die Strafkammer beschäftigt hatte, liegt folgender Sachverhalt zu- gründe: Anfangs 1903 gab der Angeklagie Dr. Heugesbach eine Broschüre„Vademecum für Professor Bier als Pfadfinder" heraus, in der er den Geheimrat Bier beschuldigte, in seinem Buch „Hyperämie als Heilmittel" ein Plagiat begangen zu haben, da dieses Buch über 90 wörtliche Uebereinstimmungen mit einer von ihm, Dr. H., schon im Jahre 1894 veröffentlichten Abhandlung über „Heilung der Infektionskrankheiten" enthalte. Der Angeklagte hatte seinerzeit auch gegen Prof. Bier Strafanzeige wegen Nachdrucks er- stattet, das Verfahren wurde jedoch eingestellt. Auf die Anzeige des Prof. Vier wurde Dr. H. dann im Jahre 1909 wegen Verletzung der Standeschre vor dem Ehrengericht in Hannover zu einer Geldstrafe verurteilt. Auf die Berufung des Dr. H. hob der Ehrengerichts hos in Berlin das Urteil auf, da Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten ent- standen seien. Wie die Anklage behauptet, soll der Angeklagte nunmehr einen beispiellos heftigen Kampf gegen den Prof. Bier begonnen haben, bei welchem er von dem Mitangeklagten Möhlmann, dem Heraus- gebcr der„Unterelbe-Zeitung", unterstützt ivurde. Wie Dr. H. behauptet, habe er deshalb den Kampf mit solcher Schärfe geführt, um endlich den Prof. Bier zu veranlassen, gegen ihn die Beleidigungs- klage einzuleiten. Dies sei ihm auch endlich durch eine Broschüre „Der Spitzbube beim Kaiser Wilhelm IL" gelungen, die aber bald nach Erscheinen von der Hainburger Staatsanwaltschaft beschlag- nahmt worden sei. In der ersten Verhandlung vor der 10. Straf- kammcc am 17. Oktober 1911 habe der damals amtierende Staats- anwalt plötzlich den Antrag gestellt, ihn auf seinen Geistes- z u st a n d untersuchen zu lassen. Das Gericht gab diesem Antrage trotz des schärfsten Protestes des Angeklagten statt. In der Folgezeit weigerte sich der Angeklagte hartnäckig, sich von dem mit der Untersuchung betrauten Prof. Weygandt von der Irrenanstalt Friedrichsberg bei Hamburg untersuchen zu lassen. Nachdem dem Angeklagten der Rechtsanwalt Dr. Schwindt als Offizialverteidiger gestellt worden war, wurde von der 10. Strafkammer der Beschluß gefaßt, den Angeklagten auf Grund eines von Prof. Weygandt ge- mäß§ 81 Str.-P.-O. gcsteMen Antrages auf die Dauer von sechs Wochen zur Beobachtung seines Geistes zustandeS der Irrenanstalt Fmiedrichsberg zu überweisen. Dr. Hengesbach wurde dann eines Tages von zwei Gendarmen aus seiner Wohnung geholt und der Irrenanstalt zugeführt, aus der er aber nach fünf Tagen wieder ent- lassen wurde, nachdem die Mehrzahl der Orts ein lv oh n er von Neuenfelde, den, Wohnort des Dr. H.,eine Petition an daSBerliner Gericht gerichtet und um die Freilassung ihres allgemein beliebten ArzteS gebeten hatte. Vorher hatte der Angeklagte an die Staats- anwaltschaft folgende humoristische Eingabe gerichtet:„Ich flehe nicht um meinen Verstand, doch will der Staatsanwalt Gnade mir geben, so gönn' er mir noch acht Tage Zeit, bis ich den Kindern die Pocken beschaut, dann mag meinen Geist er erwürgen. Dr. Hengesbach, Jrrenhauskandidat". Wie der Angeklagte in einem später von ihm herausgegebenen Flugblatt schildert, sei der Auf- emhalt in der Irrenanstalt sehr amüsant gewesen. So habe unter anderem ein Wärter zu dem anderen gesagt:„Nehmen Sie sich in acht, der neue Herr ist normal!" In demselben Flugblatt richtet der Angeklagte die schärfsten Angriffe gegen die drei Richter, welche den Beschluß über die zwaiigstveise Unter- bringung in eine Irrenanstalt gefaßt hatlen, die er als„Justiz- apachen",„talarierte Verbrecher" usw. bezeichnete. In der gestrigen Verhandlung überraschte der Angeklagte das Richterkollegium durch Ablehnung des ganzen Gerichtshofs wegen Besorgnis der Befangenheit. Die Folge war, daß erst Hilfsrichter herangeholt werden mußten. Nach zweistündiger Pause trat der Hilfsgerichtshof unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Goebel zusammen und verkündete nach Prüfung der Sachlage den Beschluß, daß der Ablehnungsantrag völlig unbegründet sei. Der Angeklagte brachte nunmehr ein Schriftstück zur Verlemng, nach welchem ihm der Gerichtsvollzieher mitgeteilt habe, daß die von ihm beantragte Ladung Kaiser Wilhelm Ll. nicht möglich sei. Tatsächlich hatte der Angeklagte den Kaiser mit Hilfe einer so- genannten direkten Ladung persönlich an Gerichtsstelle laden lasien, trotzdem ihm mitgeteilt worden war, daß eine derartige Ladung zwecklos sei. Der Angeklagte vertrat den Stand- Punkt, daß dann eben die gesetzlich zulässigen Zwangs- maßregeln in Anwendung gebracht werden müßten. Auf eine Frage des Staatsanwalts an den Sachverständigen Prof. Weygandt, ob der Angeklagte verhandlungsfähig sei, erklärte dieser, daß keinerlei ärztliche Gründe gegen eine Verhandlungsfähig- k e i t sprechen. Die Verhandlung fiel schließlich der Vertagung anheim, da das Gericht dem Antrage des Angeklagten, ihm zwecks Boyhereiwng weiterer Beweisanträge Abschriften der in den Alten befindlichen Gutachten zu übermitteln, stattgeben mußte.' Waidmannslust. Mittwoch, 23. Juli, abends 8 Uhr, im Schweizer- hauS. Vortrag._ Jugendveranstaltungea. Arbeiterjugend Nowawes. Sonnabend, den 23. Juli, findet die Tour nach Rüdersdorf statt. Die Teilnehmer treffen sich 6�,-6'/, Uhr am Bahnhof Nowawes. Abfahrt 6".(Cbarlottenburg umsteigen ab 7°° bis Fredersdors.l Ab Fredersdorf 5", Ankunft in Rüdersdorf 8°».(Nachtquartier bei Rademacher, Gasthof zur Linde.) Sonntag, den 27. Juli: Besichtigung des Bergwerls. Stienitziee»ach Strausberg.— Liederbücher, Kocher und Humor nicht vergesscu. Proviant für den ganzen Tag mitbringen. Versammlungen— Veranstaltungen. Borfigwalde-Wittenau. Die Genossimien veranstalten am Dienstag, den 22. Juli eine Dampferpartie nach Pichclswerder zum alten Freund. Gäste willkommen. Treffpunkt früh 8 Uhr bei WilH. Schulze(Restaurant). Hus aller Alelt. Das Erdbeben in Süddeutschland. Glücklicherweise hat, wie sich nach den uäheren Mitteilungen ergibt, das in Snddeutschland weit verbreitete Erdbeben vom Sonntag keinerlei ernstliche Folgen gehabt. Die im geodätischen Institut von Potsda m gemachten Aufzeichnungen ergaben, daß es sich nur um ei» schwaches Beben gehandelt hat. Der Herd des Erdbebens war anscheinend, wie vor zwei Jahren, in Süd- deutschland. Man nimmt an, daß es sich um tektonlsches Erdbeben, verursacht durch Bruch einer Erdscholle im Innern der Erdrinde, ge- handelt hat. Uebrigens wurden Ausläufer des Erdbebens auch in Kassel und in anderen Teilen des Regierungsbezirks wahrgenommen. Andererseits wurden die Erdstöße auch in Augsburg im Osten und, sofern die Nachrichten zutreffen, im westlichen Frankreich gespürt.__. Ter turnende Abonnent. Da war in Leipzig ein Turnfest vonstatten gegangen mit dein üblichen Klamauk, Hurra, Kraftgeprotze und beut- scher Mannesstärke. Schön. Das„Berliner Tageblatt" ließ seinen Leipziger Korrespondenten über diese weltbewegende An- gelegcnheit viel schreibe», und der kleine Schmock, der sonst sich auf den Literaten aufspielt, schrieb in üblem Deutsch etwas gegen die Turner. Aber er sagte nicht etwa, daß die Leute sich da etwas vormachten, daß Bürger des Mittelstandes den Barren als ein heiliges Nationalgcrät anbeteten, selbst aber klein, feige und schwach blieben, gegen einen Engländer ge- halten... so etwas sagte er nicht. Sondern er klopfte den schweißigen Turnern kritisch schnüffelnd auf den Bauch, be- dabbertc sie schleimig und konstatierte vor allem, daß er als Kulturmensch natürlich dergleichen nicht mitmache: hätten etwa diese Leute schon alle in ein Telephon gesprochen oder wären schon alle wie er schon in einem Theater gewesen, kurz: er stellte ein engstirniges Kulturideal einem andern gegen- über. Schön. Die Turner protestierten. Sie erwarteten von der Re- daktion, daß sie den Schreiber des schamlosen Artikels fallen lasse. Nicht antworten,— meinen Sie? Das Tageblatt ließ fallen. Es hat nicht einmal den Mut zur Verschmockt- heit, wenn sich der Abonnent dagegen auflehnt. Der Artikel sei ohne die Korrekturen der Redaktion erschienen.... Man kann sich nun ungefähr denken— und weiß es auch schon durch einen Fall—. wie diese Korrekturen aussehen müssen, die doch in diesem Fall die Meinung des Korrespondenten in sein Gegenteil verkehrt hätten. Nicht, was dieses Blatt druckt, nicht druckt, wie es sich von Schreiern an die Wand klemmen läßt, sondern: diese Art Freisinn kompromittiert jeden Kampf gegen eine Kultur des Oberschenkels. Kleine Notizen. Ein verschollenes Kauffahrteischiff. Das Hamburger Vollschiff „Klio", das sich auf der Reise von Talcahnano nach Mexillones befand, die ungefähr zehn Tage beansprucht, ist seit 60 Tagen über- fällig. Anscheinend ist das Schiff samt Besatzung, die etwa 20 Mann stark ist, verloren gegangen. Erdbeben in Böhmen. Am Sonntagnachmittag und um 11 Uhr nachts wurde sowohl in Eger wie in Franzensbad cm von dumpfem Rollen begleiteter Erdstoß verspürt. Mord und Selbstmord. Wegen Familienzwistigkeiten erschoß der Arbeiter Paulohn in Hamburg, Breitergang wohnend, seinen zwei- jährigen Sohn und dann sich selbst. Durch den Schuß entzündete sich das Bett des Kindes und der Leichnam verbrannte fast voll- ständig. Zweifacher Giftmord. Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft in Jnsterburg wurde am Montag vormittag in Hamburg die seit einigen Monaten dort wohnende Frau Rosa Mars wegen Beteili- gung an zwei Giftmorden verhaftet. Vor 12 Jahren soll sie gemeinsam mit ihrer Mutter ihren eigenen Vater mit Arsenik und im vorigen Jahre den bei Jnsterburg wohnenden Alten- teiler Kerelies vergiftet haben. Die Staatsanwaltschaft wurde auf die Giftmördcrinnen durch Gerüchte, die unter de,r Bevölkerung waren, aufmerksam und ließ die Leichen ausgraben. Die Unter- suchung ergab, daß beide Personen vergiftet worden waren. Die Mutter der Mars ist bereits in Jnsterburg verhaftet worden. Beids Verhafteten beschuldigen sich gegenseitig der Täterschaft.- Tödlicher Rangierunfall. Auf dem Bahnhof in Luckenwalde geriet am Montag vormittag beim Rangieren eines Güterzuges der Rangiermeister Schulze zwischen die Puffer zweier Wagen und wurde totgequetscht. Schwerer Straßenbahnunfall. Am Sonntagabend ereignete sich auf der Straßenbahn in Mülheim a. Rh. ein schwerer Unfall. Ein Triebwagen entgleiste und fuhr in den Vorgarten einer Gast- Wirtschaft hinein. Ein Soldat der Mülheimer Garnison, der sich durch Abspringen vom Wagen in Sicherheit bringen wollte, geriet unter die Räder und wurde totgequetscht. Fünf andere Fahr- gäste erlitten schwere Verletzungen. Arbeiterrisiko. Ein gräßlicher Unglücksfall passierte in dem pommerschen Dorfe Reetzin in der Nähe des dortigen Gutstorfmoors. Die zum Torfpressen benutzte Lokomobile wurde durch ein großes Pferdevorgespann zurückbefördert. Der 20 Jahre alte Hofgäyger Kracke ging neben der Lokomobile; er rutschte aus und wurde vor das Hinterrad geschleudert. Die schwere Lokomobile fuhr ihm über Rücken und Hinterkopf, so daß der Tod sofort eintrat. Verhaftung eines Mädchenhändlrrs. Wie aus Hamburg ge» meldet wird, ist am Montag ans Veranlassung des jüdischen Aus» wandercrkomitces in Warschau in der Auswandererhalle der Ham» burg-Amerikalinie der russische Mädchenhändler Aron Jaku» b o w i t s ch verhaftet worden, der auf Grund gefälschter Ausweis- Papiere im Begriff stand, mit der 21jährigen Pcrla Schulmann aus Warschau mit dem Dampfer„Cap Blanco" nach Buenos Aires ab» zureiscn. Vootsunglück. Am Montag morgen stieß bei der Kurzen Brücke in Enkenwcrder bei Hamburg ein Kahn auf das Ruderblatt de? Dampfers„Georg Placke". Das Boot kenterte und der Schiffs- eigner Engelmann, der Bootsmann Born und dessen Frmz ertränke� Theater. Dienstag, den 22. Juli 1913. Nnsang 7'/4 Uhr. Prater. T>as Bummclmädchen. Ansana 8 Ubr. Urania. Der Grohglockner, Gastcin und die Salzburger Alpen. Neues Oper»«Kroll). Mignon. Deutsches Schauspielhaus. Der Dieb. Schiller O. Der Troubadours Berliner. Filmzauber. Dlialia. Pupvchcn. Mctropol. Die Kino-Königin. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshallen. Dresdener Biktoriu Sänger. Änsang B'lt Uhr. Komödieiihaus. Hochhcrrschastliche Wohnungen. Friedr.• Wilh. Schauspielhaus. DaS Farmermädchcn. Lustspielhaus. Der lustige Kakadu. Rose. Tagebuch einer Verlorenen. Aniang 8'/, Ubr. Deutsches. Die Schiffbrüchigen. Theater am Nollcndorsplatz. Der Mann mit der grünen MaS.'e. Ansang 9 Ubr. Admiralspalast. EiSballett: Flirt in St. Moritz. »» » Sternwarte, Jnvalidenstr. S7— K2. s s Deutsches Schanspielbans 8 Uhr: Der Dieb. KnolloOp»»» 8 Uhr: (Gastspiel: 7t,ba voeeb.) Mittwoch: Carmen. TheateramKolIendorfplatz 8' Mann mit der grün. Maske. A| neuest.GaumontsilmS U Jni Kino-Varictsteil erst. 2Nassige Varietenummern u. d.ne: �.ÄmZrslspalast Klus. Eispalast der Welt mit prunkvollen Eisballetten. Angenehm kühler Aufenthalt. Allabendlich Flirt in St. Boritz. Bis 6 Uhr und von lO�/j Uhr LOGISCHER GARTEN Täglich: GroOes Militär- |3| Doppel-Konzert. Eintritt 1 Mark, von 6 Uhr ab 50 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hälfte- Saehse-Oper SchilleF-TheaterO.Saaner' > Theater. 8 Uhr: Martha. Berliner Theater. s uhr: Filmzauber. OSE=THEATE| Große Franfiurter Str. 132. Iszeiillelt einer wlorenen. Ansang S'j, Uhr. Aus der Gartenbühne: Einmal. Aufführ., arrangiert v. Artur Winckler, bei ausgchob. Abonnement: Feher'n groUen Teich. Lebensbild. Ansang 8 Uhr. Passage-Panoptikum I>er persische Angenfaklr in seinen fanat, Derwisch- Martern (hebt u. a. mit den Augen schwere Gewichte). 8 Schwestern Lilipnt, die kleinst. Schwcst. der Welt. Alle« lebend! Ohne Extra-Entrce! Volbsgarten- Theater. Badstr. 8 und Beliermannstr. 20/25. Täglich: Konzert, Theater und Spezialitätenvorstelliing. Unsere Den jlnan». Gesangsposie in 4 Akten o. L. Treptow. Morgen: Bencsiz sür Herrn Zleglsseur A. Cimburek seinmaUgc Aufführ.); Der Raub der Sabinerinnen. Ans. 4 Uhr. 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Vierter Wahlkreis, t. Abteilung. Am Mittwoch, den 23. Juli, findet ein Kaffeekochen in Neu-Helgoland statt. Abfahrt mit dem Dampfer um 2 Uhr von der Oberbaumbrücke. Fahrgeld hin und zurück 60 Pf. Kinder die Hälfte. Recht zahlreiche Beteiligung ist erwünscht. Hohen-Schönhauscn. Am Mittwoch, den 23. Juli, abends 8'/, Uhr, im Lokale von Reyher, Berliner Straffe 33, öffentliche Ver- sammlung: Thema:„Die Bedeutung der Konsumgenossenschaften im Wirtschaftsleben". Referent Gen. Hahnel. Am Dienstagabend 8>/z Uhr findet von den bekannten Bezirks- lokalen eine Flugblattverbreitung statt. Johannisthal. Mittwoch, den 23. Juli, abends 8'/, Uhr: Mit« gliederversammlung im Arbeiterheim, Friedrichstr. 60. öerUner rtoclmckten. Das Kammergericht. Wohl jeder Berliner kennt in der Lindenstratze, schräg- gegenüber der Markthalle, das niedrige Haus mit der klotzt- gen Steinrampe, dem man wohl sein ehrwürdiges Alter, schwerlich aber seine Bestimmung als oberstes Rechtsprechungs- institut für den preußischen Staat ansieht. Noch weniger wird er sich iiber den Geist juristischer Haarspalterei, der allda umgehen soll, oder über Herkommen, Existenz und Bedeutung des nüchternen Kastens den Kopf zerbrechen, weil schließlich für diese wenig fruchtbare Tätigkeit doch die— Kammer gerichtsräte amtlich gesetzt sind. Und dennoch— auch das Kammergericht hat seine„Geschichte", die sich rückläufig durch ein halbes Jahrtausend spinnt. Seine Entstehung datiert eigentlich von dem Tage an, da die geschäftsklugen Hohenzollern mit dem Burggrafen Friedrich von Nürnberg sich im Lande festsetzten und sich rasch zu Kurfürsten von Brandenburg machten. Das geschah am 21. Januar 1412. Seßhaft wurde das genannte Gericht frei- lich erst niit dem Entstehen des von Kaspar erbauten Schlosses an der Spree, von dem an der Wasserseite heute nur noch ein Turm, der„grüne Hut", übrig geblieben ist, und in dessen Räumen das Kammergericht noch bis 1660 unter gebracht war. Lange Zeit war es übrigens nur eine Kabinettsjustizbehörde von untergeordneter Bedeutungslosig- keit.„Schlechtes Richtermaterial, schlechtes Advokatenmaterial, schlechte Prozeßordnung und landesherrliche Eingriffe" hätten, so urteilt der Berliner Amtsgerichtsrat Bsringuier, seinem Ansehen empfindlich geschadet. Erst unter Friedrich Wil Helm I., als Samuel von Cocceji 1722 zuvörderst Präsendent des Kammergerichts, sodann preußischer Justizminister wurde, sei von durchgreifenden Reformen zu sprechen. Welche gering- schätzige Meinung der erste Preußcnkönig von jenem Richter- kollcgium hatte, bewies er unter anderem dadurch, daß er den Titel„Kammergerichtsrat" nur gegen Zahlung ent- sprechender Gebühren an die Rekrutierungskammer verlieh. Und als ein junger Blaublütler um Verleihung des Titels nachsuchte, da sagte Friedrich Wilhelm I.:„Ein gut gewachsener Adliger ist dazu zu schade", und ernannte ihn zum— D r a- goncrleutnant... Cocceji>var es auch, der den König zur Errichtung des KL"imcrgerichtsgebäudes zu bestimmen wußte. Erst sollte das Institut in einem gräflichen Palais, an der Ecke der Stechbahn und Brüderstraße. das der Kurfürst Friedrich III. für 16 000 Taler erworben hatte, unterkommen. Als einige Zeit später das Oberappellationsgericht begründet wurde, er- hielt das Kammergericht seine Geschäftsräume in einem zum Riarstall gehörigen Gebäude auf der östlichen Seite, nahe am Schloßplatz. Schließlich mußte es sein eigenes Haus haben. Für den Bauplatz wurde eine Gegend an der äußersten Peripherie der Friedrichstadt gewählt, nämlich an der alten nach Teltow führenden Landstraße, der heutigen Lindenstraße. Im Herbst 1733 wurde der Grundstein gelegt. Im nächsten Jahre stand der Bau fertig, trocknete bis Frühjahr 1733 aus und war seitdem bewohnbar. Das Haus lag zwischen Gärten eingebettet; nur an der Vorderfront führte die mit jungen Linden bepflanzte Straße vorbei. Auch militärischen Zwecken diente das Gebäude, da zwei nachbarlich garnisonierende Regimenter auf dem sehr geräumigen Boden ihre Montierungskammern erhielten. Hernach sollte es undenkliche Schwierigkeit kosten/ wenigstens doch ein knappes Viertel des Bodens für die stetig sich mehrenden reponierten Prozeßakten zu erlangen. Diese militärische Benutzung der Räume erklärte es auch, daß das Kollegienhaus stets von einer Militörwache bezogen wurde, die dann, wenn die Garnison von Berlin abwesend war, durch Bürgergardisten ersetzt wurde. TaS Schilderhaus mit dem gewehrschulternden Grenadier erscheint daher auf allen alten Abbildungen des Kollegicnhauses. Das Kammergericht sollte aber auch einmal in politische und literarische Angelegenheiten Hinubergreifen, insofern tvenigstens, als Kammergerichtsräte seit Inkrafttreten der Karlsbader Beschlüsse(1819) zu Mitgliedern der„Jmmediat- Untersuchungskommission zur Ermittelung staatsgefährlicher Verbindungen" befohlen wurden. Ihr geHorte von 1819 bis 1821 auch Ernst Theodor Amadäus Hoffmann an. Uebrigens hatte das Kammergericht nur kraft ihm von der Mimsterialkommission gegebenen Auftrages einzuschreiten. �os war besonders der Fall, als 1834 die staatspolitische r;frt!fcf0Unv Schriftsteller des jungen D eutsch/ a nb einsetzte, cht« dann 1835 durch die BundestagsbSschlusse erst recht noch verschärft wurden. Da sich jedoch das Kammer- Pv? Ä* i-nei: Ministerialinstanz unterstellen wollte. so wurde es durch«me.Kabinettsorder vom 20. Mar 1�4 be- sonders angewieien, hierin allen Verfügungen des Königs „unangesehen ob und worin die Kriminalordnung hiervon ab- weiche. Folge hu leisten." erinnert, daß auch zwei namhafte Poeten � r gewesen sind. Hoffmann, der geniale Dichter-Musiker und Karikaturist, dessen bereits Er- Wohnung geschah, arbeitete von 1798 bis 1800 dort als Referendar und seit 1816 als wohlbestallter Rat. Allerdings be trachtet man den inzwischen als Novellist, Opernkomponist und Theaterkapellmeister zu einiger Berühmtheit gelangten, so wundersamen Geist in juristischen Kreisen mit etwas verwun derten Augen.„Der Justizgroßmogul", klagt er, scheine ihn „für ein exotisches Gewächs zu halten, das in der Justiz sich nicht einbürgern könne." Der andere Dichter und Kammer- gerichtsrat war Hoffmanns ostpreußischer Landsmann Ernst W i ch e r t, der hier erst vor wenigen Jahren verstorben ist. Ob in den muffigen Hallen der heiligen Themis noch ein Hauch des literarischen Geistes von ehedem zu verspüren, das ist doch sehr die Frage._ Reklameunfug. In der heutigen Zeit ist die Reklame für einen Geschäslsmann eine dringende Notwendigkeit und jedes größere Geschäft hat ein ständiges Reklamekonto, ohne das heute nun einmal nicht gut mehr auszukommen ist. Daff dabei auch recht ungeschickte Reklame unter- läuft, kommt häufig vor. muff aber hingenommen werden. Wenn aber die Reklame zu einem empörenden Unfug ausartet, mutz öffent- lich dagegen Stellung genommen werden. Das Abzahlungshaus: „Alle Tage Anders" am Nettelbcckplatz lieh dieser Tage eine Reklame verbreiten, die auf der einen Seite ein Bild auS dem Hererofeldzuge brachte. Deutsche Soldaten schieffen auf Hereros bei Omaruru. Der Text der Bilder besagt, daff die Hereros sich durch Raublust und Hinterlist hervortun usw. In Wirklichkeit find die H e r e r o S aus geraubt worden. Die Firma„Alle Tage Anders" täte gut, etwas weniger Geschmacklosigkeit zu entwickeln, die unter den Arbeitern des Nordens, denen diese Reklame in die Hand gedrückt werden, nur Em- pörung auslösen kann._ Bon den„Freuden" der Laubenkolonisten. Die Stadt Berlin hat durch die Verwaltung ihrer Riesel- güter vor einigen Jahren eigene Laubenkolonien einrichten lassen. Auf ihren Ländereien bei Blankenburg sind ausgedehnte Kalo- nien von„Kleingärten" entstanden, für die sich aus der er- holungsbedürftigen Bevölkerung der Arbeiterviertel von Berlin- Nord zahlreiche Pächter gefunden haben. Diesen„Kleingärten"- Pächtern wird von dem Amtsvorsteher Mahnke zu Fran- zösisch-Buchholz, in dessen Machtbereich die Blankenburger Ländereien liegen, das Leben da draußen recht sauer gemacht. Wer eine Laube bauen will, muß dazu die Genehmigung des Amts Vorstehers nachsuchen, der aber gestattet nicht, daß Feuerung?� anlagen in den Lauben eingerichtet werden. Da viele Pächter die Feuerungsanlage nicht entbehren zu können meinten und auf eigene Verantwortung eine solche einrichteten, so mutz jetzt in des Amtsvorstehers Auftrag der Gendarmeriewachtmeister Schneider aus Französ.-Buchholz sich die Beine ablaufen, um ungenehmigte Feuerungsanlagen auszukundschaften. Wehe dem Kolonisten, bei dem das„Auge des Gesetzes" ein verbotenes Ofenrohr erspäht! Ein Strafmandat ist dem Frevler gewiß, und zwar sogleich beim erstenmal ein nicht zu knappes, das ihm 20 Mark Geld st rase aufpackt. In den letzten Wochen hat in den Blankenburger„Wein- gärten" der Gendarm an hundert Kolonisten zur Strecke gebracht, die jeder die Feuerungsanlage mit 20 Mk. Geldstrafe büßen sollen. Ja, es ist„ein Vergnügen eigener Art", Laubenkolonist zu sein! „Nur Scherz". Selbstmord verübt hat der 26 Jahre alte Monteur Georg Steingräber aus der B o r n h o l me r Str. 73. Der junge Mann, der kurz vor der Verheiratung stand, verfolgte seine Braut ständig mit Eifersucht. Am Sonnabend abend besuchten beide ge- meinsam eine Schankwirtschaft in der Swinemünocr Straße, und auf dem Heimwege gerieten sie wegen der Eifersüchteleien wieder in Streit. Zu Hause angekommen begab sich Steingräber in die Küche und leerte hier ein Glas mit einer giftigen Flüssigkeit. Dann ging er zu seiner Braut und sagte ihr, daß er sich vergiftet habe. Als diese einen Arzt herbeiholen wollte, versicherte er, daß er nur Scherz gemacht habe. Kaum hatte er aber mit seiner Be- teuerung geendet, als er besinnungslos zusammenbrach und auf der Stelle verschied. Ein Arzt, den die Braut jetzt herbeiholte, stellte fest, daß er sich tatsächlich vergiftet hatte. Vorsicht vor Friedhofsdieben! Am Grabe ihres Mannes bestohlen wurde wieder einmal eine Witwe auf einem Neuköllner Friedhof. Wie es scheint, treibt sich auf den Friedhöfen in der Herma nstraße ein Dieb umher, der die„Spezialität" hat. Trauernden in einem unbewachten Augenblick die Handtasche zu leeren. Vor einigen Tagen erst wurden einer Dcune auf dem Jakobikirchhof auS einer Tasche, die sie, während sie ihre Gieskanne füllen ging, auf der Grabban! hatte liegen lassen, 75 Mark bares Geld und wertvolle Schmucksachen gestohlen. Eine andere Dame wurde auf dieselbe Weise auf d-m Emmauskirchhof mehrere hundert Mark bares Geld und Wertsachen los. Am Sonnabend büßte jetzt wieder die Witwe eines Oberivachtmeisters auf diesem Friedhof Schmucksachen und bares Geld im Gesamtwerte von un- gefähr 200 Mark ein. Die Frau hatte von den früheren Dieb- stählen gelesen und deshalb aus Vorsicht schon ihre Pension, die sie früher auch stets beim Ausgang mitzunehmen pflegte, in ihrer Wohnung zurückgelassen. Auf dem Kirchhof steckte sie einen Brillantring im Werte von 150 Mark, um ihn bei der Arbeit am Grabe zu schonen, in das Portemonnaie und dieses in die Hand- tasche. Sic dachte aber nicht daran, diese mit zum Brunnen zu nehmen. Die wenigen Minuten ihrer Abwesenheit benutzte ein Dieb, das Portemonnaie mit Inhalt aus der Tasche zu stehlen. Die Frau verdächtigt einen Burschen von 16 Jahren, der dort um- herschlich._ In der Maske eines Bettlers. Als„Bettler" trat ein Einbrecher auf, der am Sonntag dem Hause Alexandrinenstraße 116 einen Besuch ab- stattete. An den Türen klingelnd, suchte er festzustellen, welche Wohnungen unbewacht waren. Schließlich verschaffte er sich Zutritt zu der im Seitenflügel gelegenen Wohnung einer Familie, die ver- reist ist. Er wurde von den Hausbewohnern bei der Arbeit über- rascht und zur nächsten Polizeiwache geführt. Dort gab er an, Wilhelm Krätzer zu heißen._ Ter Polizeipräsident über Filmzensur und Kinokontrolle. Der Verein der Lichtbildtheaterbesitzer Groff-Berlins und der Provinz Brandenburg hatte sich an den Mini st er des Innern beschwerdeführend gewandt, weil den Kinobesitzern durch den Ber- liner Polizeipräsidenten vor Erstattung von Anzeigen durch die Beamten der Exekutive keine Möglichkeit gegeben wurde, den je- weiligen Tatbestand festzustellen. Dem Verein ist daraufhin jetzt auf Veranlassung des Ministers vom Polizeipräsidenten ein langer amtlicher Bescheid zugegangen, dem wir folgende interessante Aus- führungen über die Filmzensur und Kinokontrolle entnehmen: „Die einen großen Aufwand an Arbeitskräften erfordernde und auch sonst erhebliche Kosten verursachende zensurpolizeiliche Filmvrüfung kann ihren Zweck nur dann erfüllen, wenn gleichzeitig die öffentlichen Kinovorstellungen daraufhin überwacht werden, daff tatsächlich nur zugelassene Films zur Vorführung gelangen, und daff auch diese lediglich in der polizeilich genehmigten Form gezeigt werden. Die zunächst mit der Ueberwachung betraut gewesenen Beamten der zuständigen Polizeireviere haben sich dieser Aufgabe nicht gewachsen gezeigt. Abgesehen davon, daff ihnen eine eingebende Kenntnis der Zensurgrundsätze fehlte, und daff sie sich miihin oft darüber nicht klar gewesen sein mögen, welche Bilder in einem Film erlaubt und welche verboten waren, mißlang ihnen die einwandsfreie Feststellung zensurpolizeilicher Unregelmäßigkeiten meist auch schon deshalb, weil sie den Kinobesitzern und deren Angestellten in der Regel persönlich bekannt waren. Um eine wjrksame Ueber- wachung der Lichtspiele zu gewährleisten, mufften daher besondere Beamte, die in den beteiligten Kreisen unbekannt sind, eigens für die Zwecke der Kinokontrolle angelernt werden. Aufgabe dieser über die zensurpolizeilichen Grundsätze genau unterrichteten Exekutive ist es, jetzt lediglich den öffentlichen Vorführungen un» auffällig und unerkannt beizuwohnen und über die hierbei von ihnen gemachten Beobachtungen zu berichten. Die Eingabe vom 11. April scheint nun von der An- nähme auszugehen, daß etwaige Zensurübertretungen gleich an Ort und Stelle von den überwachenden Beamten festgestellt werden. Diese Annahme ist irrig. Die Beamten, denen ja die Zensurkarte nicht zur Verfügung steht, können eine solche Feststellung zunächst gar nicht treffen. Ueber ein polizeiliches Einschreiten wird deshalb erst dann Entscheidung getroffen, wenn sich aus Grund der Meldungen der Exekutive nachher an der Hand der Zensurkarten und der als Beweismaterial hier aufbewahrten Ausschnitte herausstellt, daß eine Zensurpolizeiübertretung in Frage kommt, sei es, daff ein überhaupt nicht genehmigter Film gezeigt worden ist, sei es, daß der Film nicht den für die öffentliche Vorführung gestellten Bedingungen entspricht. Dieses Verfahren hat sich be- währt und muff auch sernerhin beibehalten werden. Soweit es sich um zensurpolizciliche Uebertretungen handelt, bin ich hiernach nicht in der Lage, dem in der Eingabe ausgesprochenen und, wie schon bemerkt, von falschen Voraussetzungen ausgehenden Wunsche stattzugeben. Bei der Feststellung anderer Uebertretungen (z. B. Ueberfüllung des Lokals, Verstoß gegen das Rauchverbot und dergl.) werden die Kinobesitzer oder deren Geschäftsführer zukünftig sofort hinzugezogen werden." Eine„Wohltätige gnädige" Frau. In der Nr. 361 des„Berliner Lokal-Anzeiger" ist folgendes In» serat zu finden: Nehme aufs Land bei freier Station für ca. 7 Wochen ge« wandte Schneiderin, auch geübt in Kindergarderobe, bei b e» s ch e i d e n e n Ansprüchen. Auf Wunsch für Erholungsbedürftige 6 Stunden TageSarbeit, dann kein Gehalt. Bewerbungen sind Empfehlungen beizufügen. Frau von Arnim Kröchlendorff R. M. Die gnädige Frau will eine Schneiderin auf möglichst billige Weise haben. Bescheidene Ansprüche darf sie aber nur stellen. Was mag die Frau v. Arnim darunter wohl verstehen? Die Antwort auf diese Frage scheint uns der zweite Satz in dem Inserat zu geben. Eine Erholungsbedürftige braucht nur 6 Stunden zu arbeiten, wenn sie auf Gehalt verzichtet, dafür soll sie Landlust atmen können. Wieviel Stunden muß dann erst die Schneiderin arbeiten, die von dieser großen Vergünstigung keinen Gebrauch machen will und welche Entlohnung wird dieser Arbeitsbiene zu« gesichert._ Ein rätselhafter Selbstmord. In der Nacht vom 14. zum 15. Juli vergiftete sich die im städtischen Krankenhause zu Charlottenburg, Kirchstr. 13/20, angestellte Krankenschwester Hella Lemke mit Sublimat. Sie wurde noch lebend aufgefunden und auf Anordnung des leitenden ArzteS nach dem Kraukenhause Westend gebracht, wo sie am Sonntag, den 20. Juli, starb._ Tainpfcrunfall auf der Oberspree. Große Aufregung unter den Fahrgästen verursachte am Sonntag- nachmittag ein Dampferunfall auf der Oberspree. Die Schiffsreederei Saewert veranstaltet regelmäßig Fahrten von Berlin nach Wolters- dorf. Sonntag nachmittag trat der Dampfer„Königin Luise" nach 2 Uhr wieder eine solche Fahrt mit 50 Fahrgästen an. An der Oberbaumbrücke gab eS plötzlich einen furchtbaren Krach. Der Dampfer rannte mit der Backbordseite gegen einen Brückenpfeiler so- wuchtig an, daff der Schornstein, das Sonnendeck und die Bord- brüstung in Trümmer gingen. Der Paffagiere bemächtigte sich eine große Beunruhigung und Aufregung. Sie kamen aber mit dem Schrecken davon, denn verletzt wurde niemand. ES ist dies dieselbe Reederei, deren Dampfer wiederholt schon die Oeffentlichleit beschäftigt haben. Wie wir lürzlich berichteten, sprang bei Rahnsdorf, unterhalb des neuen Kruges der 20 Jahre alte Sohn des Produktenhändlers Prohl aus der MuSkauer Straße in die Müggelspree. Trotzdem der Vorfall auf dem Schiff große Auftegung hervorrief und der Schiffsführer davon erfuhr, fuhr dieser ruhig weiter. Seine Ausrede, daff er nicht habe halten können, weil ein großer Schleppzug ihm in kurzer Entfernung ge- folgt sei, ist durch Zeugenaussagen absolut widerlegt. Es ist in absehbarer Entfernung gar kein Dampfer gekommen. Der Schlepp- dampfer„Wilhelm", unter den sich die Leiche des jungen ManneS festsetzte und der sie mit nach Berlin schleppte, ist erst gekommen, als der Dampfer schon weit außer Sicht war. Ein Revolvcrattcntat. Der 27jährige Bierkutscher Ernst Kraft, Tilsiter Str. 10 wohnhaft, gab auf seine Weidenweg TV wohnende Schwiegermutter, die Arbeiterftau Ernestine Handle geb. Fiebig, in deren Wohnung in angetrunkenem Zustande aus einem Revolver einen Schutz nb und verletzte � sie leicht an der linken Wange. Die Verletzte wurde auf der Hilfswache verbunden und dann in ihrer Wohnung belassen. Der Täter wurde verhaftet. Die Ursache des Vorfalls ist in Familienzwistigkeiten zu suchen. Ein gräßlicher Kindcsmord wurde gestern nachmittag im Tier- garten entdeckt. Dort fand ein Aufseher an der Reiterbrücke der Rouffeauinsel im Wasser die Leiche eine» neugeborenen Kindes, an der noch deutliche Spuren der gewaltsamen Tötung sichtbar waren. Dem Kinde war der Kopf vollständig eingedrückt worden. Di« Leiche war sodann in schwarzes und braunes Packpapier gewickelt, an dem mit einer Schnur ein in weiße Leinwand gehüllter Dach- gtegcl gebunden war. Die kleine Leiche wurde von dem Aufseher der Polizei übergeben, die sie nach dem Schauhause bringen lieg. Die Kriminalpolizei, die nach der unnatürlichen Mutter fahndet, hat bisher noch keine Spur von ihr finden können. Umfangreiche Razzien wurden in der letzten Woche an per- schiedenen Tagen von der Kriminalpolizei im Friedrichshain vor- genommen. Eine große Anzahl Kriminalbeamten umstellten nachts im Verein mit einer großen Anzahl Beamten der benachbarten Reviere, die in Zivil erschienen und auch zum Teil Polizeihunde bei sich führten, den Hain und veranstalteten ein regelrechtes Kessel- treiben. Während bei der ersten Razzia ungefähr 60 Mann den Weg zur Wache antreten mußten, waren es bei der zweite» nur noch die Hälfte. Bei der letzten Razzia wurden noch 5 Mann festgenommen. Unter den Sistierten befanden sich eine ganze Anzahl gesuchter Personen sowie ein ans einer Anstalt entwichener Geisteskranker. Diese Razzien werden zur Säuberung der Parks auch in den anderen öffentlichen Hainen und Anlagen vorgenommen werden und sollen bezwecken, daß harmlose Leute, die in später Abendstunde dort noch spazieren gehen oder auf dem Heimwege durch die Anlagen kommen, nicht inehr so sehr Gefahr laufen, von herumlungernden Burschen be- lästigt und, wie in vielen Fällen, sogar tätlich angegriffen zu werden. Es fragt sich nur, ob nicht auch Personen bei den Razzien nach der Wache geschleppt werden, die vollkommen unschuldig sind. Das scheint aber bei der Art, alles, was sich spät abends in Parks aufi hält, zu sistieren, der Fall zu sein. Zweiter Wahlkreis. Bei dem am Sonntag stattgefundenen Sommerfeste sind verloren gegangen: 1 Damenhandtasche mit Schlüffel, 1 HerrensSirm, 1 Damenschirm, 1 Damenuhrkette. Abzu geben bei Schmidt, Kirchbachstr. 14. Verloren gegangen sind am Sonnabendabend in der Nähe der Kottbuser Brücke ein Krankenkassenbuch, eine Jnvalidenkarte und verschiedene Zeugnisse. Der ehrliche Finder wird gebeten, dieselben bei Franz Gutzeit, Schlesische Straße 14 abzugeben. Vorort- JSfachncbtcm Wilmersdorf-Haleusee. Unser Parteigenosse Oskar Riedel hat gestern wegen Fortzuges von Wilmersdorf sein St adtverordnelen Mandat nieder- gelegt. Er vertauscht sein Amt in der Berliner Zentralleitung des Gemeindearbeiterverbandes mit einer Stellung in der Verbandsfiliale seiner Heimatstadt Hamburg. Da Riedel seit kurzem auch das Amt des Vorsitzenden im sozialdemokratischen Wahlverein Wilmersdorf bekleidete, so hat auch hier in der am Ende des Monats stattfindenden Versammlung eine Neuwahl zu erfolgen. Daß die Arbeiterschaft des Ortes den Fortzug unseres rührigen Parteigenossen lebhaft bedauert, bedarf keiner näheren Ausführung. Neukölln. Ferienpartie. Am Sonnabend, den 26. und Sonntag, den 27. d. M., findet die Partie über Strausberg nach Freienwalde statt. Treffpunkt Sonnabend morgens 6 Uhr, Bahnhof Neukölln. Für Nachzügler am Sonnabendabend 5 Uhr 26 Minuten oder ö Uhr 6 Minuten von Berlin, Wriezener Bahnhof nach Leuenburg, Gasthof von Kraatz. Fahrpreis 4. Klasse 0,86 M. Die Teilnehmerliste wird am Mittwochabend geschlossen, bis dahin werden noch Meldungen im Sekretariat, Neckarstr. 3, oder bei Gen. Butenschön, Mahlower Straße 25 IV, angenommen. Weifjettsee. Eine Gemeindevertretersitzung jagt jetzt die andere, um wieder- holt Stellung zur Weißenseer Bank zu nehmen. Die außerordentliche Inanspruchnahme der Gemeinde hat anscheinend„oben" nicht den richtigen Gefallen gefunden, anders ist die Unschlüssigkeit deS Kreisausschusses ohne Mitwirkung des abwesenden Landrats nicht zu der- stehen. Die letzte geheime Sitzung stand unter dem Drucke des Be- schlusses des Kreisausschusses, die sonst führenden Herren waren sehr wortkarg. Auch scheinen die Verhandlungen mit den größeren Kreditoren der Bank, ihre Gelder noch längere Zeit der Bank an- zuVertrauen, keinen großen Erfolg zu versprechen. Wie der Weißenseer Banksturz daher enden wird, kann nicht vorausgesagt werden. Da die geheime Sitzung infolge- dessen nicht viel Beachtenswertes hatte, wurden besonders die schlechten Berkehrsverhälmisse besprochen und wurden viele.Wünsche" an die Große Berliner gestellt- einzelne Linien werden geradezu zum Hohne, so fährt z. B. der erste Wagen der Linie 2 des Sonntags erst gegen 1Uli Uhr ab, der letzte Wagen der Linie 63 fährt vom Görlitzer Bahnhof schon vor 10 Uhr ab. Es wurde weidlich auf die Große Berliner geschimpft und trotzdem wird es nicht viel wirken. Die nächste Gemeindevertretersitzung findet bereits wieder am Freitag statt. Berichte des Gewcrbegerichts und Kaufmannsgerichts für das Jahr 1912. Beim Gewerbegericht wurden im abgelaufenen Geschäftsjahre 280 Streitsachen anhängig gemacht, hierzu kamen 42 aus dem Vorjahre übernommene Streitsachen, so daß im ganzen 822 Sach?n zu erledigen waren; 33 von ihnen waren am Jahres- schluß noch unerledigt und mußten in das neue Jähr übernommen werden. Die Zahl der Kläger betrug 306. Von den Rechtsstreitig- leiten sind erledigt durch Zurücknahme 16, Vergleich 105, Auer- kenntnis 6, rechtskräftiges Versäumnisurteil gegen Kläger 24, gegen Beklagten 36. In 12 Fällen erfolgte Verurteilung nach dem Klage- antrage, in 3 Fällen teilweise Verurteilung, in 12 Fällen erfolgte Abweisung der Klage, durch Ruhenlassen erledigten sich 66 Sachen, wegen Unzuständigkeit wurden 5 abgewiesen, und in einer Sache wurde Berufung eingelegt. Abgehallen wurden insgesamt 66 Termine. Davon wurden verhandelt in 37 Terminen vor dem Vorsitzenden allein ohne Zuziehung der Beisitzer, unter Zuziehung der Beisitzer in 28 Terminen. Die Höchstzahl der an den einzelnen Tagen ange- setzten Sachen betrug für einen Termin ohne Beisitzer 13 und mit Beisitzern 10. Als Einigungsamt ist das Gewerbegericht im Berichts- jähre nicht in Tätigkeit getreten. Beim Kaufmannsgericht wurden im abgelaufenen Ge- schäftsjahre 47 Streitsachen und zwar von Kaufleuten 2 und von Handlungsgehilfen 46 anhängig gemacht. Hierzu kommen noch 4 ans dem Vorjahre übernommene Streitsachen, so daß im ganzen 61 Sachen zu erledigen waren. Drei davon mußten als unerledigt ins neue Jahr übernommen werden. Es fanden zehn Termine mit Zuziehung von Beisitzern statt. Die im Berichts- jähre eingebrachten Klagen verteilen sich nach Streitgegenständen: 1. Antritt, Fortsetzung und Auflösung des Dienst- und Lehr- Verhältnisses, sowie Aushändigung und Inhalt des Zeugnisses in drei Fällen; 2. Rückständiges Gehalt und sonstige Leistungen aus dem Dienst- und Lehrverhältnis in 11 Fällen; 3. Ansprüche auf Gehaltsentschädigung wegen vorzeitiger Entlassung und sonstiges in 33 Fällen. Hieran waren beteiligt vier Buchhalter, neun Verkäufer, sechs Handlungsgehilfen, sieben Reisende, drei Expedienten, sechs f ilialleiter und Kontrollcure, drei Stenotypisten, drei Lehrlinge, ein ontorist, ein Kassierer, sonstiges zwei, außerdem noch zwei Klagen der Kaufleute. Erledigt wurde» durch Vergleich 18, Zurücknahme der Klage drei, Versäumnisurteil an Kläger zwei, desgleichen an Beklagten eins, durch Ruhenlassen fünf, sonstige Endurteile 16. Die geringste Klagesumme betrug 3 M., die höchste 8640 M. Als Einigungsamt trat das Kaufmannsgericht im Berichtsjahre nicht in Tätigkeit. Das Gewerbe- und Kaufmannsgericht gehört dem Ver- bände Deutscher Gewerbe- und Kaufsmannsgerichte an. Die Beisitzer erhalten die Zeitschrist.Das Gewerbe- und Kaufmannsgericht" auf Kosten der Gemeinde zugestellt. Trevtow-Baumschulettnieg. Der Wahlvcrein besichtigte am Sonntag vormittag das Krema- torium der Gemeinde in der Kiefholzstraße. Die Beteiligung seitens der Mitglieder war dabei eine außerordentlich lebhafte, sodaß zu der Besichttgung der unter dem Platzniveau gelegenen eigent- lichen Vcrbrennungseinrichtungen kleinere Gruppen gebildet werden mußten. Ein Angestellter des Bauamis und der Friedhofsverwalter teilten sich in der Führung und Erklärung. Wirkt an sich der günstig gelegene Kuppelbau der Friedhofshalle eindrucksvoll, so erweckte die innere Einrichtung allgemeines Interesse. Nach einem neuen System ist der selbsttätige Verschluß der hhdrau- lichen Versenkungseinrichtung, die vollständig geräuschlos arbeitet, eingerichtet. Die beiden Seitenflügel des massiven Bauwerks bergen zu ebener Erde helle Kammern zur Einstellung der einkommenden Leichen in Särgen. In der Mitte liegt ein Sezierraum. Die liefer liegenden Räume sind sämtlich hell und soweit sie dem Bestaltungs- akle bienen, in würdiger Weise sauber ausgestattet, die Wände mit Fliesen belegt. Die ganze Anlage hinterließ allseitig einen günstigen Eindruck. Für die Frauen der Mitglieder, die ob häuslicher Ver- pflichtungen sich an diesem Besuche nicht beteiligen konnten, ist eine besondere Besichtigung für den Abend des 29. Juli geplant. Teltow. Stadtverordneteuwähler! Bis zum 30. Juli er. liegen im hiesigen Rathause, ? immer Nr. 6, in der Zeit von früh 10 Uhr bis mittags Uhr, die Wählerlisten zu jedermanns Einsicht aus. Auch können dieselben im Lokale von Bonow, Berliner Straße 16, eingesehen werden. Bernau. Die letzte Stadtverordnetenversammlung beschäftigte sich Haupt- sächlich mit der Abrechnung der Hussitenspiele. Genosse Helbig er- stattete namens der Rechnungsplüfungskommission, der die Ab- rechnuyg zur Nachprüfung überwiesen war, Bericht. Danach schließt das große.patriotische Unternehmen" mit einem erheblichen Defizit ab. Es sind im Jahre 1911 vereinnahmt einschließlich des Garanrie- sonds von 20 000 M., welcher von einigen Garantiefondszeichnern aufgebracht wurde und einschließlich eines Betrages von 1800 M., welche die Stadt bewilligt hatte, zusammen 76 600,31 M. Im Jahre 1912 sind vereinnahmt 43 778,97 M.. worunter sich die von der Stadt zum Weiterspielen bewilligten 10 000 M. befinden. Die Aus- gaben belaufen sich auf beide Jahre insgesamt auf 127 811,64 M., so daß noch 7432,31 M. abzüglich einer noch ausstehenden Einnabme von 202 M. zu decken sind. Der Stadt ist dadurch ein Schaden von 19 030,31 M. entstanden. Eine weitere Summe von vielleicht 2000 bis 3000 M. wird die Stadt noch an einen Architekten zu zahlen haben, mit dem sich der Festausschuß nicht gütlich geeinigt hat, und welcher nunmehr den Klageweg beschritten hat. Das gesamte Manko beträgt also 20 000 M. GaranttefondS, 19 930,31 M., welche die Stadt schon gezahlt hat und nilch zu zahlen hat und dann noch die 2000 bis 3000 M. für den Architekten, so daß das„große Unternehmen" recht schlecht abschließt. Der Magistrat ersuchte nun um Bewilligung der noch zu deckenden Summen, wogegen unsere Genossen Helbig, Knöschke, Krüger und Werner energisch protestierten. Sie gaben der Meinung Ausdruck, daß diese horrenden Summen kulturellen Zwecken hätten dienen sollen und nicht solch patriottschem Rummel. Die bürgerlichen Vertreter saßen wie die betrübten Lohgerber da und meinten nur, es müßte das Manko doch bewilligt werden, damit die Gläubiger zu ihrem Gelde kämen. Sie bewilligten auch gegen die Stimmen unserer Genossen die zu deckenden Summen. Höchst wahrscheinlich dürsten die bürgerlichen Vertreter wohl belehrt worden sein, bei der Arrangierung solch patriotischer Unter- nehinungen künftig größere Vorsicht walten zu lassen. Der Bürgermeister wandte sich alsdann gegen ein Eingesandt im Kreisblatt, worin behauptet wurde, es wären ihm vor Jahren von Friedländer-Fuld 10 000 M. angeboten worden zum Ankauf eines Mühlengrundstückes, damit die auf dem Grundstück befindliche Mühle, welche zu dicht an der Börnicker Chaussee erbaut sei und des öfteren Unglück hervorgerufen habe, indem Pferde gescheut hätten und durchgegangen sind, abgerissen werde. Er brachte ein Schriftstück des Herrn Friedländer-Fuld zur Verlesung, worin eine Beitragssumme zum Ankauf besagten Grundstücks entschieden ab- gelehnt wurde und somit das Eingesandt nicht den Tatsachen entspreche.__ Marktpreise von Berlin am 19. Juli 1913. nach Ermittelungen des königl. Polizeipräsidiums. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 20.NS bis 20,40, mittel 20,28—20,32, geringe 20,20—20,24. Roggen, gute �oue 17,00, mittel 00,00—00,00, geringe 00,00—00,00(ab Bahn). Futter- gerste, gute Sorte 17,10—17,60, mittel 16,60—17,00, geringe 16,10—16,50. taser, gute Sorte 17,60— 19,00, mittel 16,50— 17,40. Mais(mixed), gute orte 00,00—00,00. Mais(runder), gute«orte 14,70—16,20. Richtstroh 0,00. Heu, alt 0,00, neu 6,00—7,40. Markthallenpreise. 100 Kllogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Speisebobneu, Meitze 35,00—60,00. Linsen 35,00—60,00. Kartosseln(Kleinhdl.), alte 8,00— 14,00, neue 0,00— 00,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30— 1,80. Schweinefleisch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1.40— 2,40. Hammelfleisch 1,50— 2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,60— 5,40. 1 Kilogramm Karpsen 1,80-2,60. Aale 1,60—3,20. Zander 1,40-3,60. Hechte 1.60—3,00. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,60—3,50. Bleie 0,80—1,60. 60 Stück Krebse 1,00-60,00.__ Witterungsubersicht vom 21. Juli 1913. Stationen ss E = a il B- A= Ü Swinemde. 758 SW Hamburg 757IW Berlin!760W Franks. a.M 765 SW München 763 ZW Wien!762iV a «euer 4wolkig 3Regcn 4 wolkig Awolkig 3wolkig 9 wolkig ax e5> »l! =? 14 13 13 12 12 12 Etatwnen 5= A*j c 2 Bf S >aparanda 760 N Petersburg 758, OSO Scilly Abcrdeen Paris 768! NW 764 NW 7S7>Still Vetter 2beiter 1 wolkig Iwollenl Owokkig iwolkenl c* 19 21 14 12 13 Wetterprognose kür Dienstag, den 22. Juli 1913. Kühl und vorherrschend wolkig mit wiederholten Rcgensällen ziemlich frischen nordwestlichen Winden. Berliner Wette rburea und u. Waflerstands-Nachrichten der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—») Unterpegel. Eingegangene Drüchrcbriften. Wahrheiten über ein deutsches Bergwerk in Böhmen. Von Hermann Ahlwardt. Preis 50 Ps. Verlag von G. Hedeier, Leipzig. Statistische Erhebungen über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in den Papier- und den Papierstoffabriken im Jahre 1912.— Protokoll der ersten Konserenz der in den Zellulose- und Papierfabriken beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Herausgegeben vom Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. VV«-w. fbtVWkftfk« tT&iä'tc-trtrerw trurtt-v f-�r Ha ar a'«rytfV WTd WW ww MsksLsz UäftTOeSi VSkMMZWS Freitaa Pelerinen Ausnahme- Preise für Loden- Pelerinen iiiiiiiiiin; Sämtliche Lodenstoffe sind vor der Verarbeitung imprägniert worden. Grau oder grünlich Strichloden, ganz vorzüglich im Tragen, Kapuze abknöpfbar, mit Tragbändern, Armdurchgnffen und Taschen Für Herren und Damen Für Knaben und Mädchen Qualität Iii Längen 120 bis 130cm...... Einheitspreis 6 � Spezial- Marke: Längen 120 u. 125 cm 1380 130 cm 1625 Onaliföf II. Längen 70, 80 und 90cm yfllO 100 und 110 cm CM\ I�UallLat 11. Einheitspreis....... 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