Nr. 192. nbonnemcntS'Bcdingungen: SHonncninüS- PrclZ pränumerando! Lierteljährl. 830 MI. monoll. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Pfg. frei inä HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. EoimtagS- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- WonnemeiU: 1.10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-LeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2,60 Marl, für das übrige Ausland s Marl pro Monat. Postabonnements nehmen am Belgien Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Numänien. Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. Die Inlcrtlons-Gcbüljf beträgt für die scchsgcspaltenc Kolonel- zeile oder deren Raum fiO Pfg., für politische und gewcrlschaftlichc Vereins, Versammtungs-Anzeigen 30 Pfg. und „KUsnc Mnrcigcn", das feitgedrutkle Wort 20 Pfg. ijulässig 2 settgedrinltc Worte), jedes weitere Wort>0 Pig. Stellengesuche und Schlafstcllenan, zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Worts Pfg. Worte über ISVuch. 'taben zählen für zwei Worte. Inserate ÜI die nächste Ninnmer müssen bis k" . Uhr nachmittags in der Erpcditio.. abgegeben werden. Die Erpedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, erscheint ttgllch. Berliner Dolkoblcltk. Zentralorqim der rozialdcmokrattfchen Partei Deutfchlands. relcgrainm. Adresse: „Sozialdemokrat Rerlin", Redaktion: 8CCI. 68, Lindenstraese 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Die armemiche Netterecke. Die unerwartete Wenduug, die die Orientfrage durch das Vordringen der Türkei und die Wiederbesetzung Adrianopels durch die türkischen Truppen nahm, hat schneller als man es erwartete die k I e i n a s i a- tischen Fragen in den Vordergrund des politischen Jnter- esses gerückt. Rußland droht mit einer Sonderaktion, wenn die Türkei nicht Adrianopel verläßt, und alle Welt starrt nun wie hypnotisiert nach dem nordöstlichen Winkel Türkisch- Armeniens, von wo aus russischerseits die Mine in den asia- tischen Besitzstand der Türkei gelegt und Fragen von unab- sehbarer Bedeutung aufgerollt werden können. Zunächst sucht die russische Diplomatie allerdings eine gemeinsame Aktion der Mächte gegen die Türkei zustande zu bringen. Aber schon die Tatsache, daß sie in kaum verhüllter Form mit der Besetzung Armeniens drohen kann, zeigt, wieviel Zünd- stoff sich an der russisch-türkischen Grenze angesammelt hat, und welche weltpolitischen Gefahren durch eine aggressive Politik Rußlands in Kleinasien heraufbeschworen werden können. Bei dieser Gelegenheit treten die Endziele der russischen Orientpolitik, entsprechend den im letzten Jahre eingetretenen Veränderungen im nahen Osten, ziemlich deutlich hervor. Noch kürzlich hat der livländische Abgeordnete v. Engelhardt— ein deutsch-baltischer Junker I—, wie grotesk es auch klingen mag, als Richtlinien der russischen Politik im nahen Osten „Rechtgläubigkeit, Slawismus und Meerengen" in der Duma proklamiert. So weit gehen natürlich die amtlichen Vertreter der russischen Politik nicht. Es kann aber als wesentlicher Inhalt der russischen Politik in der jetzigen Situation be- zeichnet werden, tvas das weitverbreitete liberale Moskauer Blatt„Rußkoje Slowo" vor einigen Tagen schrieb:„Der Krieg um die Befreiung der Balkanchristen— bekannte das Blatt offenherzig— war für uns zugleich ein K r i e g um die Schwächung der Türkei, die die Schlüssel zu den Dardanellen in Händen hält... Tritt nun der türkische Imperialismus wieder in den Vordergrund, so müssen die Interessen Rußlands fest und unwiderruflich mit den cner- gischsten Mitteln gesichert werden..." Faßt man das Urteil der führenden russischen Presse zusammen, so kommt man zu dem Ergebnis, daß eine aggressive Politik in der Richtung nach Armenien hin im jetzigen Augenblick von ziemlich weiten Kreisen als zweckmäßig erachtet wird. Handelte es sich doch noch vor wenigen Wochen um eine Einmischung Rußlands in die Frage der Einführung von Reformen in Türkisch- Armenien, so wird jetzt in nationalistischen wie in liberalen russischen Blättern unverhüllt die Losung ausgegeben: Ein- rücken russischer Truppen in Armenienund Angliederung Armeniens an das Russische Reich! Erscheint unter diesen Umständen die armenische Frage in weit gefährlicherem Lichte als noch vor wenigen Wochen, so ist es zur Beurteilung der gesamten Situation in der arme- nischen Wetterecke doch Vonnöten, auf die Vorgänge und Er- örterungen hinsichtlich Armeniens in den letzten Monaten zurückzugreifen. Noch im April lehnte die russische Regierung anläßlich des Besuches des Katholikos aller Armenier in Petersburg eine Einmischung in die arinenische Frage als un- zeitgemäß ab. Das schloß natürlich keineswegs aus, daß die russische Regierung ihre Wühlarbeit in Armenien und Kur- distan, wie ihre militärischen Rüstungen im Kaukasus und in Nordpersien fortsetzte. Die armenische Bauernbevölkerung wurde gegen die Türken und Kurden und die kurdischen Räuberstämme wiederum gegen die Armenier aufgehetzt; russische Truppen wurden fortgesetzt an der kaukasischen Grenze konzentriert, und die an die Türkei angrenzende per- fische Provinz Urmia verwandelte sich in ein festes Bollwerk russischer Macht, von wo aus die ganze türkische Position in Ostanatolien bedroht wird. Hand in Hand mit diesen militärischen Maßnahmen ging eine lebhafte Propaganda für die russische Einmischung in die armenische Frage, an der sich charakteristischerweise auch der größte Teil der liberalen Presse beteiligte. Nach dem Zusammenbruch der panslawistischen Idee am Balkan wurde die„traditionelle Beschüperrolle" Rußlands in Armenien hervorgeholt, um den imperialistischen Plänen in Vordcrasien ein moralisches Mäntelchen umzu- hängen. Die liberalen Befürworter einer solchen Politik ver- hehlten hierbei keineswegs, daß es sich bei der Frage der armenischen Reformen um puren Eigennutz und kühle diplo- matische Berechnung handelte. So erklärte der Kadetten- fuhrer Miljukow noch im Dezember vorigen Jahres in der �.uma:„Wir haben stets die türkischen Armenier gegen die -Uirken ausgespielt, um sie, sobald es in unseren Interessen lag, den Marren wieder zum Opfer zu bringen." Vollkom- men im Einklang mit diesem Grundsatz der russischen Politik verlangte oer�eloe liberale Führer, �>er von unseren Genossen 7N der Duma spottisch der inoffizielle Minister des Auswär- tigen genannt wird, anläßlich der Budgetdebatte am 19. Juni ,n der Duma, daß Rußland sich aktiv in die armenische Frage einmische:„Ich war kurzlich erzählte er— im Kaukasus und fand dort ein solches Hinneigen zu Rußland hin. das dort schon lange ulcht zu finden war. diesem Hinneigen zu Rußland treffen sich samtliche armenischen Parteien und diese Stimmung ist äußerst günstig für unsere unnsittelbare Ein- Mischung in die armenische Frage." Hierbei svrach Professor j Miljukow vollkommen deutlich aus, daß es sich hier weniger um die Armenier als um das imperialistische Interesse Ruß- lands handelt. Wie er schon früher über die strategische und wirtschaftliche Bedeutung des armenischen Wilajets Wan für Rußland gesprochen hatte, motivierte er auch jetzt die Not- wendigkeit einer sofortigen Einmischung mit den Worten: „Wir verurteilen die letzten Reste des armenischen Volkes zur endgültigen Vertilgung und geben unseren natürlichen Stütz- Punkt unmittelbar an unserer Grenze preis." Auch der Frak- tionsgenosse Prof. Miljukows, der armenische Abgeordnete von Baku, Papadschanow, trat im Namen der zahlungsfähigen armenischen Bourgeoisie für die russische Einmischung ein: „Die russischen Armenier �— erklärte er— wünschen, daß Rußland das Reformwerk in Armenien übernehme... Nach Rußland hin sind jetzt unser aller Blicke gerichtet... Nur durch die Einmischung der russischen Regierung können die Reformen in Türkisch-Armensen eine ernste Bedeutung er- langen!" Es liegt auf der Hand, daß eine derartige Stellung- nähme der russischen und der armenischen Bourgeoisie zu der armenischen Frage die aggressiven Tendenzen der russischen Politik in Vorderasien verstärken mußte. Anders freilich ver- hält es sich mit den objektiven Möglichkeiten eines solchen Vordringens Rußlands. Schon die allgemeine schroffe Ver- urteilung, die die neuliche Aufrollung der armenischen Frage selbst in Frankreich und England fand, muß der russischen Diplomatie vor Augen führen, daß sie bei ihrem kleinasiatischen Abenteuer auf einen fast allgemeinen Widerstand stoßen würde. England hat genug an der militärischen Vorherrschaft Rußlands in Nordpersien: Deutschland würde seine wirtschaftlichen Aussichten in der Türkei bedroht sehen, und selbst das mit goldenen Ketten an das Zarenreich geschmiedete Frankreich würde sich nur schweren Herzens zu einer Unterstützung des russischen Vor gehens in Armenien entschließen. Von nicht zu unterschätzen der Bedeutung ist hier auch die durch die Lösung der Bagdadbahnfrage herbeigeführte Einteilung der Interessensphären zwischen England und Deutschland in Vorderasien,' die schon darin zum Ausdruck gelangt, daß England gegen den Besuch deutscher Kriegsschiffe in Mersina und Alexandrette und das Angebot der Schutzbereitschaft über die Armenier nicht Protest erhoben hat. Berücksichtigung verdient endlich auch die Tatsache, daß Rußland durch sein inongolisches Abenteuer bereits im fernen Osten engagiert ist und kaum in der Lage sein würde, einen Kampf nach zwei Fronten hin zu führen. Alles dies läßt eine Voll- streckung der russischen Drohungen hinsichtlich Armeniens als kaum denkbar erscheinen. Ein Moment der steten Be- unruhigung jedoch bleibt die armenische Frage immerhin. Um so dringender ist es deshalb, daß die Mächte durch eine energische Einmischung in die armenische Reformfrage dem russischen Imperialismus in Kleinasien den Boden unter den Füßen entziehen. Namentlich die deutsche Diplomatie sollte es sich angelegen sein lassen, niit aller Energie in dieser Richtung hinzuwirken, nicht nur, um den wirtschaftlichen Interessen Deutschlands in Kleinasien zu dienen, sondern um auch einmal einem bedrückten, dem Untergange geweihten Volke die rettende Hand entgegenzustrecken. vor den frledensverhsydlungeii. Mit Hängen und Würgen ist es glücklich so weit ge- kommen, daß im Laufe dieser Woche in B u k a r e st die Friedensverhandlungen beginnen können, an denen die Ver- treter Bulgariens auf der einen, die Serbiens, Griechenlands und Montenegros auf der anderen Seite, die Rumäniens aber als ausschlaggebende Makler teilnehmen. Die Türkei scheidet bei diesen Verhandlungen aus. Neber ihr schweben die Drohungen der Mächte, die aber noch nicht recht wissen, wie sie diese Drohungen in die Tat umsetzen sollen, wenn die dickköpfigen Jungtürkcn nicht gutwillig wieder aus Adrianopel herausmarschieren wollen. Die Verhandlungen über einen Waffenstillstand, die in Nif ch stattfinden sollten, sind zwar noch nicht offiziell ab- gesagt worden, in Wirklichkeit scheinen sie aber angesichts der ablehnenden Haltung Serbiens und Griechenlands ins Wasser gefallen zu sein. Das Bestreben der Verbündeten läuft darauf hinaus, für die Verhandlungen in Bukarest möglichst viel bulgarisches Terrain militärisch besetzt zu halten, um ihren Forderungen stärkeren Nachdruck verleihen zu können. Ob es aber zu einer vereinigten militärischen Aktion gegbn Sofia kommen wird, die einige Sensationsblätter schon voraussagten, ist noch sehr die Frage. Wie es heißt, soll Rumänien von einem allzuweiten Vordringen der Serben und Griechen nicht sehr erbaut sein und will unter Um- ständen seinen„Kriegszustand" gegen Bulgarien zu einer Schutzaktion umwandeln. Bulgarien hofft auf Europa. Bukarest, 28. Juli. Aus den Kreisen der hier eingetroffenen bulgarischen Delegierten ivird die Auffassung ver- breitet, daß Bulgarien entschlossen sei, alles für eine möglichst rasche Beendigung der Beratungen in Bukarest zu tun, deren Ergebnis nach bulgarischer Ansicht der Genehmigung Europas bedarf, um rechtskräftig zu werden. Expedition: 8W. 68» Oindenstrass« 69, Fernsprechcr: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Vom Kriegsschauplatze. Belgrad, 28. Juli. Meldung des Serbischen PrefiebureauS.) Heute bei Tagesanbruch griffen die Bulgaren die serbischen Stel- lungen bei Tzrvenigrad in der Nähe von Egri Palanka an, dort wo die früheren serbisch-türlisch-bulgarischen Grenzen zusammen- stoßen. Der Angriff wurde sofort energisch zurückgewiesen. Die serbischen Truppen blieben in ihren Stellungen, nachdem sie den Feind Vertrieben hatten. Ein anderer ähnlicher Angriff der Bul- garen bei Blassina wurde ebenfalls abgeschlagen. Auf allen übrigen Punkten herrscht Ruhe. Türkische Streifkorps auf bulgarischem Gebiet. Sofia, 28. Juli.(Meldung der„Agcnce Bulgare".) Türkische Kavallerie in Stärke von einer halben Schwadron versuchte einen bulgarischen Posten bei Kaibiljar im Bezirk Kisil-Agatsch zu umzingeln. Die bulgarischen Soldaten wiesen den türkischen Angriff zurück, der dreimal wiederholt wurde, wobei 20 Mann fielen.— 50 Baschibozuks mit zwei Schwa- dronen Kavallerie drangen in das bulgarische Städtchen Goljem-Bojalük in demselben Bezirk ein, sie wurden jedoch zurückgewiesen. Eine andere Abteilung türkischer Kavallerie wurde von dem Dorfe Küssüklisse zurückgetrieben.— Die Türken haben in Wasiliko und Agathopolis am Schwarzen Meere Infanterie gelandet. Die Cholera. Budapest, 28. Juli. Amtliche Meldung. In Tcmesßiget nahe der serbischen Grenze ist ein Fall von Cholera festgestellt worden. Es wurden die strengsten Vorsichtsmaßregeln getroffen. ver Kampf um die Deckung. Paris, 26. Juli.(Eig. Ber.) Der Kampf um die finanzielle Deckung der Militärvorlage hat iveniger lange gedauert, als man hätte vermuten können. Barthou ist der oppositionellen Linken nach einigem Widerstand mit einer versöhnlichen Gebärde entgegengekommen. Er hat öffentlich erklärt, daß eine Regelung auf einer anderen, als der von der Linken vorgeschlagenen Grundlage nicht möglich sei und sich verpflichtet, wenn der Senat lässig bleibt, selbst die Initiative in diesem Sinne zu ergreifen. Die parlamentarische Situation hatte sich folgendermaßen entwickelt: Barthou hatte unlängst erklären müssen, daß die Kosten der neuen Rüstungen von den Besitzenden, die den meisten Vorteil davon hätten, getragen werden sollten. Auch hatte er zugesagt, die Deckungsfrage unmittelbar nach Erledigung des Drcijahrgesetzes zur Diskussion zu bringen. Andererseits hatte sein Finanzminister D u m 0 n t eine Einkommensteuervorlage produziert, die weit hinter dem seinerzeit unter Caillaur Ministerium beschlossenen und vom Senat verschleppten Gesetz zurücksteht und namentlich die Besteuerung statt auf Grundlage der Deklaration nach „äußeren Merkmalen" veranlagen, d. h. dem Betrug Tür und Tor öffnen will.— Der Regierung wäre es nun am liebsten gewesen, wenn die Kammer sich bereitgefundcn hätte, vor- läufig das noch immer unerledigte Budget von 1913 zu erledigen und dann, mit ein paar unbessimmten Ver- sprechungen für den Herbst ausgestattet, in die Ferien zu gehen. Und im Herbst oder Winter hätte man den Ausweg gesucht, statt der Finanzreform eine für die Groß- kapitalisten doppelt profitable Riesenanleihe zu beschließen, für deren Verzinsung man mit Zuschlägen und vermehrten indirekten Steuern aufgekommen wäre. Es mußte sich also der Linken darum handeln, schon jetzt einen Strich durch diese Rechnung zu machen. Die Sozialisten hatten für den Fall des Widerstandes der Regierung gegen die Ueberwälzung der Kosten der Militärvorlage auf die besitzenden Klassen die Obstruierung des Budgets angekündigt und ihr Steuerprogramm fand im Budgetausschuß die Mehrheit. Der Vorstoß im Plenum der Kammer lvurde von den Linksliberalen Jocquier und Gaval geführt, die beantragten, in einem Textzusatz zum Finanz- Sesetz von 1913 die Aufnahme der progressiven Einkommen-, apital- und Vermögenszuwachssteuer in das Budget von 1914 auszusprechen. Die Regierung leistete zunächst Widerstand. Barthou erklärte, unmöglich mit einem solchen Text vor den Senat treten zu können, dessen gesetzgeberische Souveränität dadurch angetastet werde. Herr Dumont spielte in seiner Iln- zulänglichkeit in Finanzfragen mehr eine unfreiwillig heitere. Rolle und beging eine Ungeschicklichkeit nach der anderen. Er verkündete geradezu, daß es ganz unmöglich sei, im Jahr 1915 mehr als eine Viertelmillion Steuerpflichtiger zur Ein- kommenstcuer heranzuziehen und entdeckte, daß es sich� überhaupt bei dieser Steuer um die heikle Aufgabe handle,„in das Geheimnis der Ehre und der Vermögen der Bürger einzudringen"— um welcher Erleuchtung willen der„Temps" dem Pfaffenfressenden Blockritter a. D. ein gnädiges Lob gespendet hat. Die Debatte erreichte am Donnerstag in einer dramati- schen Spannung ihren Höhepunkt. C a i l l a u x trieb mit einer großangelegten Rede und wiederholten weiteren Jnter- ventionen die Regierung so in die Enge, daß der arme Herr Dumont schließlich verstummte und die Verteidigung der Stellung ganz dem Ministerpräsidenten überließ. Aber auch Barthou sah, daß er von der Kammer eine Verleugnung des demokratischen� Finanzprogramms auch durch Aufziehen der patriotischen Saite nicht erlangen könne, und wich Schritt für Schritt zurück, bis zum feierlichen Versprechen, daß die Regierung im Fall, daß der Senat die Einkommensteuer nicht dor Abstimmung über das Finanzgesetz erledige, die Aufnahme der progressiven Einkommen- und Kapitalsteuer gemäß den vom Budgetausschuß angenommenen Grundsätzen in das Budget von 1914 fordern werde. Damit war die Forderung der Opposition im wesentlichen bewilligt und das Amendement Jocquier wurde zurückgezogen. Hierauf erklärte Jauräs im Namen der sozialistischen Fraktion die Zusage Barthous für eine annehmbare Bürgschaft. Die Sozialisten werden also das Budget nicht obstruieren. Was sie erhalten haben, ist freilich erst ein Versprechen und seine Erfüllung ist nicht völlig gesichert. Der„Temps" wehklagt zwar an dieser„Bresche" der kapitalistischen Steuer festung, aber er läßt die Hoffnung, diese zu behaupten, durchaus nicht fahren. Die Vermutung, daß Herr Barthou das Zugeständnis gemacht habe, um nicht durch eine Ministerkrise das Dreijahrgesetz in letzter Stunde in Gefahr zu bringen, ist für die Wahrheitsmoral des Ministerpräsidenten nicht eben sehr schmeichelhaft, aber man darf sie doch kaum als ein bloßes Geflunker be> trachten. Indes ist nicht zu bestreiten, daß eine Obstruktion im jetzigen Augenblick einen schweren Stand gehabt hätte. Die Finanzreform in acht Tagen zu improvisieren und im Senat durchzusetzen war einfach unmöglich. Und für eine parlamentarische Verhinderung des Budgets fehlte die richtige Resonanz, nachdem die Regierung das Programm der Opposition unterschrieben hatte. Im ganzen muß man sagen, daß auch der zweite Feld- zug der Sozialisten gegen die militaristische Reaktion glücklich geendet hat, wenngleich seine Erfolge auf dem finanziellen Gebiet nicht so handgreiflich sind wie auf dem des Dreijahr- gesetzes selbst, wo es unseren Genossen gelungen ist, wesent- liche Bestimmungen im Interesse der Volksmassen durchzusetzen. Die geringere Gewißheit der zweiten Errungenschaft war viel- leicht der Preis, den unsere Genossen für die erste bezahlen mußten. Die offiziellen„Sieger" aber kehren übel genug zu- gerichtet heim: mit einem Militärgesetz, dessen Undurchführ- barkeit heute schon jedermann zugibt und mit einem öffentlich übernommenen Zahlungsversprechen. »» « Die Deckungsfrage im Senat. Paris, 28. Juli. Der Senat beriet heute das aus der Kam- mer zurückgekommene Budget. Ribot erklärte, die finanzielle Lage würde sich schwierig gestalten, auch ohne die militärischen Lasten, die sich aus der Notwendigkeit ergeben, den A n st r e n- gungen Deutschlands zu begegnen. Ribot gab der Ansicht Ausdruck, Deutschland denke zwar nicht an einen Angriff, aber es denke vielleicht, daß seine Lage weniger gut gesichert sei infolge der letzten Ereignisse; ferner erklärte er, alle müßten die Lasten des Militärgesetzes auf sich nehmen, ohne daß ein Unterschied unter den Steuerpflichtigen gemacht werde. Das Land werde in männ- licher Weise die Opfer auf sich nehmen, die man von ihm fordere. (Lebhafter Beifall.) Ministerpräsident Barthou gab die Zusicherung, daß das Budget 1914 klar und ohne Hinterhalt sein werde, und erklärte nach einer Anspielung auf die gegenwärtige Lage: Wenn Frankreich auch durch die letzten Ereignisse noch nicht in Mitleidenschaft ge- Zvg?ti sei, so halte sich die Regierung doch bereit/jede notwendige Initiative zu ergreifen, um den Weltfrieden zu sichern. Bezüglich der Ausführungen Ribvts erklärte der Ministerpräsident, daß es falsch wäre, zu sagen, daß gewisse Ausgaben von gewissen Steuer- Pflichtigen zu tragen seien, aber gewisse Ausgaben hätten eine Vcr- mehrung des Defizits und der Steuerlasten im Gefolge, die not- wendigerweise diejenigen tragen müssen, die imstande seien, dies zu tun.(Beifall.) Hierauf wurde die Generaldebatte geschlossen. politilcde CleberltcM. Zum Krupp Prozeß. Die„National-Zeitung" erzählt: „Obwohl am Donnerstagvormittag 9 Uhr die Ver- Handlung gegen sieben Zeugosfiziere vor dem Kriegsgericht der Berliner Kommandantur beginnt, ist es bisher noch nicht gelungen, den Gerichtshof vollständig zu bilden, d. h. es ist noch nicht möglich gewesen, die drei richter- lichen Offiziere zu ernennen. Kriegsgerichtsrat Dr. Welt, der in der Verhandlung die Anklage vertritt, hat auf telegraphische Anfrage eine ganze Anzahl Ablehnungen erhalten und zwar, dem Vernehmen nach, hauptsächlich deshalb, weil sehr viele Offiziere, die man als Richter für befähigt erachtet, auf den Truppenübungsplätzen sich befinden und dort augenblicklich un- abkömmlich sind. Es dürfte kaum vor Mittwoch möglich sein, die drei noch fehlenden Richter, die höhere Offiziere sein müssen, zu gewinnen." Das ist doch einigermaßen sonderbar. Sollten die Herren Offiziere etwa befürchten, daß ihr Verhalten möglicherweise eine Mißbilligung von oben erfahren könnte, wie wir das im Prozeß B i l s e erlebten?_ Tie Schattenseiten der Heeresvermehrung. Die nationalistische Presse und die von ihr beeinflußten Ver- ireter der Militärverwaltung haben in allen Tonarten versichert, daß Deutschland nach Annahme der neuen Militärvorlage nahe- zu unüberwindlich sei. Es ist nun gewiß nicht ohne Interesse, was der Generalleutnant z. D. v. Reichenau im„Tag" kritisch dazu äußert. Von sozialdemokratischer Seite ist mehr als einmal im Reichstag betont werden, daß mit der Vergrößerung der Armee ins Ungemessene nicht nur die Schwierigkeit der Führung, sondern auch die der Verpflegung so ungeheurer Truppenniassen wächst. An militärischen Führern ist freilich kein Mangel, aber die Lorbeeren, mit denen sie prunken, haben sie lediglich auf dem völlig ungefährlichen Manöverfelde sich geholt. Es sei nur daran erinnert, wie Fachleute seinerzeit über die von deutschen Kaiser geführten glänzenden Reiterattacken geurteilt haben. Die Meinung ging damals dahin, daß im Ernstfalle kein einziger dieser Reiter mit dem Leben davongekommen wäre. Der General von Reichenau, der die Schwierigkeiten der Heeresverstärkung im Ernst- falle erörtert, sagt daher auch: „Die sich der Führung und sicherlich der Verpflegung der ( Millionenheere entgegenstellenden Hemmungen aller Art dürfen nicht unterschätzt werden, wozu indes so lange eine gewisse Ge- fahr vorliegt, als Aufgaben dieser Art noch nicht praktisch gelöst worden sind. Das konnte aber noch nicht geschehen, weil bisher niemals so große Heeresmassen verfügbar waren, wie sie künftig im Kriege zur Verwendung gelangen sollen, und weil sie noch niemals so rasch bewegt werden konnten." Aus diesem Grunde kommt der General zu dem Schluß, daß es fraglich sei, ob man die Armee unbegrenzt vermehren könne, selbst wenn Menschen und Mittel in reichem Maße vorhanden sein syllien. Von den Soldaten wird allerdings die Ertragung von Strapazen und Entbehrungen gefordert. Allein was nutzt der beste Wille, wenn die physischen Kräfte versagen. Tic Niederlage der von deutschen Ossizieren, geschulten türkischen Armee ist m der Hauptsache auf den Mangel an Verpflegung zurückzuführen. „Wenn die Hunderttausende", sagt General von Reichenau,„vor dem Schlagen im engen Raum vereinigt werden müssen, verschwin� den die Lebensmittel des Landes wie die Blätter beim Einfallen von Heuschreckenschwärmen. Die endlosen Verpflegungskolonnen aber werden oft genug an den ausgefahrenen Wegen festliegen, so sehnsüchtig auch die Hungernden nach ihnen verlangen. In solcher Lage heißt es, den Leibgurt fester ziehen." Wenn es damit getan wäre, dann möchte es immer noch gehen, allein auch das Anziehen des Leibgurtes hat nun einmal eine ganz bestimmte Grenze! Neben der Sorge um die Verpflegung der Truppen bewegt den General von Reichenau vor allen Dingen die weitere Sorge, daß die Truppen nicht genügend starke Nerven haben, um die Aufregung im Ernstfalle ruhig ertragen zu können. Er setzt das in den folgenden Zeilen auseinander: „Die schon jetzt oft den Atem raubende Schnelligkeit des In- fanteriefeuers hat den Gipfelpunkt noch längst nicht erreicht, denn schon ist das Selbstladegewehr in Sicht, das in Vereint- gung mit dem Maschinengewehr imstande ist, sich in die Ziele, gleich einer Stichflamme in Wachs, hineinzufressen. Welche Probe für die Nerven liegt darin! Und doch noch schärfer wer- den sie angespannt durch die künftig ausschließliche Verwendung der mit brisanten, dynamitähnlich wirkenden Stoffen geladenen Artilleriegeschosse. Was aber ein Schnellfeuer mit Brisant- munition heißen will, das hat man bis jetzt noch nicht voll im Ernstfall erfahren, ja, davon machen sich viele Angehörige der Armee noch keinen rechten Begriff, weil sie selbst bei Friedens- Übungen noch nicht in der Lage gewesen sind, am Ziel den Ein- druck des Brisantschnellfeuers auf sich wirken zu lassen. In solchem Feuer im Ernstfall nicht allein auszuharren, sondern auch die Ruhe darin noch so weit zu bewahren, wie klare Befehls- gäbe und Aktionsfähigkeit es verlangen, ist eine Aufgabe, die starke Nerven und Todesmut verlangt." Der General müßte unter solchen Umständen eigentlich dafür eintreten, daß die Lage der arbeitenden Klasse, aus denen die Sol- daten sich in der Hauptsache rekrutieren, gehoben wird, statt dessen wendet er sich gegen eine angebliche Verweichlichung, die ihre Ur- fache habe in verkehrter Lebensführung und in der Sucht nach Wohlleben. Ueberflüssig zu sagen, daß ein solcher Vorwurf die Arbeiterklasse nicht treffen kann, denn die enorme Verteuerung der Lebensmittel hat jede Sucht nach Wohlleben im Keime erstickt und viel besser wäre es, wenn der General einmal die Frage unter- suchen würde, ob das verhätschelte und verwöhnte Offizierkorps, das wir haben, dieser Aufgabe im Ernstfalle auch bestimmt ge- wachsen sein wird. Wenn von Verweichlichung, von Wohlleben usw. geredet wird, dann trifft das lediglich zu auf die Abkömmlinge der besitzenden Klasse und gerade diesen werden die Führerstellen in der Armee auch im Ernstfalle vorbehalten sein! Bafsermann als Zentrumsgönner. Der bei der letzten Reichstagswahl in Bingen- Alzey gewählte auchnationalliberale Reichstagsabgeordnete Dr. Jakob Becker ist bei den Jungliberalen wegen seiner kuriosen reaktionären Ouersprünge wenig beliebt. Die.Jungliberalen Blätter' haben daher jüngst dem Herrn Becker vorgeworfen, er stehe im Bündnis mit dem Zentrum. Darauf teilt jetzt der„Jngelheimer Anzeiger' mit, daß auch Herr Bassermann bei der Ersatzwahl 1909 bereit gewesen sei, mit dem Zentrum Hand in Hand zu gehen: „Warum erzählen die.Jungliberalen Blätter' nichts davon, daß im Jahre 1909 der Reichstagsabgeordnete Bas s ermann den Wahlkreis Mainz ohne Kampf dem Zentrum überlassen wollte, wenn dieses in Alzey-Bingen für den jetzt so verhaßten Dr. Becker eintrete? Warum erzählen sie nichts davon, daß gerade der Ab- geordnete Bassermann es war, der Herrn Dr. Becker zur Annahme der Kandidatur drängte?' Echt nationalliberal.__ Eine kitzliche Sache. Die in Trier erscheinenden, im Sinne der Berliner Richtung des Klerikalismus wirkenden„Petrusblätter" erinnern daran, daß sich in dem offiziellen Leitfaden für das Lokalkomitee zur Vorbereitung der K a t h o l i k e n t a g e ein § 16 findet mit dem Wortlaut:„Die Redncrkommission hat... insbesondere dafür Sorge zu tragen, daß die kirchlichen Interessen, welche mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse und die Begebenheiten des letzten Jahres... besonders wichtig erscheinen, durch Reden in den öffentlichen Versammlungen oder durch Anträge in den geschlossenen Ver- sammlungcn behandelt werden." Auf Grund dieser Bestimmungen, meinen die„PetruS- blätter", sei es nicht zu umgehen, daß sich der Metzer Katho- likentag nnt der GewerkschaftScnzyklika Pius X. vom 24. September 1912 befasse. Die Katholikentage hätten sich schon seit vielen Jahren der sozialen Fragen an- genommen und zu ihrer Behandlung sei ein besonderer Aus- schuß eingesetzt, auch die Gewerkschaftsfrage sei auf früheren Katholikentagen wiederholt gestreift worden und deshalb dürfe man auch in Metz cher endgültigen Erledigung der Gewerkschaftsfrage im Sinne der päpstlichen Entscheidung seine Mitwirkung nicht versagen. Und wenn man dem auslveichen wolle mit dem Einwurf, daß in dieser Frage unter den Katholiken keine Einigkeit bestehe, so sei gerade der Katholikentag geeignet, eine Einigung zu schaffen. Jedenfalls hat man sich oft genug dagegen verwahrt, daß Katholikenversammlungen eine Parade seien, die le di g li ch äu ße r e G e s ch l o ssenh eit v or- täuschen sollte. Sie sollen vielmehr Tage ernster Arbeit sein, die ihr Arbeitspensum nicht in Rücksicht auf S ch e i n w i r k un g e n, sondern in gewissenhafter Erwägung innerer Notwendigkeit zu wählen haben. Und deshalb, meinen die„Petrusblätter", müsse in Metz die Gewerkschaftsfrage behandelt werden, zumal auch das Lokalkomitee die Katholiken diemals einlade mit der ausdrücklichen Aufforderung, in Metz„die großen religiösen und sozialen Fragen der Zeit zu studieren und zu besprechen". So einleuchtend die Forderung des Trierer Blattes samt ihrer Begründung auch ist. so wird sie nicht erfüllt werden. Die Katholikentage sind wirklich nur Paraden und es wird um so mehr darauf gesehen, daß alles klappt, je größer die inneren Unstimmigkeiten sind. Der Metzer Katholikentag wird sich mit dem Toleranzedikt des Konstantins aus dem Jahre 313 und tyit dem Gesellenvereins des seligen Vaters Kolping, aber nicht mit der Gewerkschaftsfrage beschäftigen. Die Unsittlichkeit des Madchenturnens. Bekanntlich will die katholische Geistlichkeit vom Turnen nicht viel wissen, da zur Erlangung des Seelenheils die geistigen Uebun- gen viel dienlicher sind, als die körperlichen, und überdies das Umhergehen in leichten, luftigen Turnerkleidungen die Sinnlichkeit reizt. Dennoch gestattet man den Männern das Turnen, wenn es auf streng konfessionelle Weise geschieht, das heißt die katholischen Turnvereine sich nicht irgendwelchen interkonfessionellen Turn- verbänden anschließen, sondern Unterabteilungen der unter geist- lichen Präsides stehenden katholischen Gesellenvereine bilden. Das Turnen der katholischen Mädchen ist hingegen nach Anficht der frommen Herren eine völlig unnötige modernistische Neuerung, zu» mal das Turnen im Freien, denn gar leicht könnte es passieren, daß Vorübergehende dabei nackte Mädchenbeine und-arme zu sehen bekämen und dadurch in ihrem sittlichen Gleichgewicht erschüttert würden. Ein Fall, der aus Fichtelberg--Neubau im frommen Bayerland gemeldet wird, illustriert aufs Schärfste diese klerikale Sittlichkeit?- theorie. Dort wollte ein Lehrer einen Kursus für Mädchenturnen einrichten. Der klerikale königlich bayerische Lokalschulinspektor hatte jedoch gegen solches Beginnen schwere Bedenken— vornehmlich dagegen, daß das Mädchenturnen im Freien, auf dem Turn- platz, stattfinden sollte. Es werde, meinte er besorgt, doch nirgends Mädchenturnen im Freien getrieben!„Im Hof, wo die Leute vor- beigehen? Das kann nicht sein." Also das Mädchenturnen ward nicht gestattet,„weil hierfür alle Voraussetzungen in jeder Hinsicht fehle n". Die Gemeindeverwaltung beschloß trotzdem die Einführung des Mädchenturnens. Da aber wurden die katholischen Bereine von Fichtelberg zusammengerufen. Die Volksseele kochte und schäumte und die tapferen Zentrumsmannen faßten eine Entschließung, die als Protest durch die Lokalschulin- spcktion an die Regierung eingesandt wurde. Wir sind neugierig, wie die hohe klerikale Regierung ent- scheiden wird. Vielleicht zieht man erst bei den katholischen Moral- theologen der bayerischen Universitäten Erkundigungen ein, ob nach der kirchlichen Morallehre das Mädchenturnen im Freien erlaubt ist. Der Fall ist äußerst schwierig, da der heilige Thomas von Aquino sich in seinen Schriften über das Mädchenturneu nicht ge- äußert hat. Das Erfurter Krieg sgerichtsurteil, dessen Härte im Reichstag bekanntlich scharf kriftsiert worden ist und zur Forderung einer Aenderung des Militärstrafgesetz- buches geführt hat, kommt, da die Verurteilten Berufung ein- gelegt haben, am 1. August vor dem Oberkriegsgericht des 11. Armeekorps zu Kassel zur Nachprüfung. Gesunder Schlaf. Reichlich spät fühlt sich die elsaß-lothringische Regierung bewogen, die fast durch die gesamte deutsche und französische Presse gegangene Mitteilung zu dementieren, daß vom Kommandeur des 16. Armeekorps der Befehl ergangen sei, keine elsaß-lothringischen Soldaten mehr in Telegraphen« und EisenbahnbureauS zu ver» wenden. Die amtliche Stratzburger Korrespondenz schreibt: „Vor einigen Tagen hat der.Messin' die Nachricht gebracht, der kommandierende General des 16.� Armeekorps habe für seinen Dienstbereich einen Befehl erlassen, wonach kein elsaß- lothringischer Soldat in Zukunft mehr in Bureaus beim Telegraphen- oder Telephondienst sowie beim Dienst der Eisenbahnen verwendet werden dürfe. Die Tagespress», hat diese Behauptungen aufgegriffen und daran eine Reihe von Kommentaren geknüpft. Dadurch ist eine wohl begreifliche Beunruhigung in allen Kreisen der Bevölkerung des Landes, insbesondere auch bei der großen Masse loyal gesinnter Bürger eingetreten. Diese Be- unruhigung ist noch erhöht worden durch die Kritik, die ein Teil der Presse ohne weiteres gegen Regierung und Militärverwaltung üben zu sollen geglaubt hat. ohne abzuwarten, ob diese Gerüchte auf Wahrheit beruhten. Alle Behauptungen, wonach der kommandirende General des 16. Armeekorps Befehle erteilt haben soll, künftighin keinen elsaß-lothringischen Soldaten seiner Abstammung wegen in Vertrauensstellungen zu verwenden, sind in jeder Hinsicht unzu- treffend. Das gleiche gilt hinsichtlich des IS. Armeekorps; auch für dieses ist kein Befehl der fraglichen Art ergangen." Man scheint in Straßburg noch immer einen sehr gesunden Schlaf zu haben._ Oeflemncb. Ter böhmische Staatsstreich. Zur Auflösung des böhmischen Landtags und Einsetzung der bis auf weiteres oktroyierten Landesverwalwngskom- Mission bemerkt die„Wiener Arbeiter-Zeitung": „Wohl läge der Gedanke daher nahe, die Axt an die Wurzel des Uebels zu legen und in Böhmen ganze Tat zu machen, also wirklich eine Ordnung herbeizuführen. Die Wahlschein- lichkeit, daß die in tiefften Groll verbissenen Nationen zu der Vereinbarung gelangen werden, die ein erträgliches Nebenein- anderleben uno Miteinanderarbeiten verbürgt, die wird ja nur immer geringer; und auf jenen Ausgleich zu warten, der ans der freien Entschließung der zankenden und zanksüchtigen Par- teien hervorgegangen ist. erscheint nach den Erfahrungen, die man in so reichlicher Fülle schon gemacht hat, als eine Einbil- düng, der nachzuhängen nachgerade eine ausbündige Albern- heit wird. Mit der z e h n p r oz e n t i g c n Umlage-Er- höhung und der Einführung der Bierumlage ist Böhmen nicht geholfen; die Heilung müßte, um segensreich zu wirken, schon noch anderswo anheben als bei den leeren Kassen des Landesausschnsses Die Heilung ver- langt ebenso eine Neuordnung des Verhältnisses derbeidenNationen, soweit es sich in Gesetzen und In- stitut:onen ausdrückt, wie sie eine Erneuerung des Landtages aus der Tiefe heraus erfordert, die die Gewähr dafür gibt, daß neben den nationalen Sorgen, die so vielfach hohle Uebertrieben» Herten find, auch die sozialen Sorgen der Völker un» gebrochen zum Ausdruck gelangen. Dazu wäre freilich eine u n- er,chrockene und zielbewußte Tat notwendig; wer wird sie aber von den Jämmerlingen, denen Oesterreich heute anvertraut ist, erwarten wollen?" franftmcb. Tic Erbitterung über das Drcljahrgcsetz. Alx-en-Provcnce, 27. Juli. Der Deputierte Andre Lescvre. der für den Gencralrat kandidiert, wurde in einer Rede. d,e er auf einer Wahlversammlung hielt, von den Gegnern des Gesetzes über die dreijährige Dienstzeit unterbrochen. Als sich �efcvre au; seinen Platz zurückbegab, schlug ihn ein Zuhörer heftig ans den Kopf. Lcfcvre trug eine leichte Verletzung davon. pferoKKo. Kolonialfreuden der Spanier. Ceuta 28-tuli. Auf dem Wege zwischen Ceuta und Tetuan griffen Kabylen' inen Wagen°n. m welchem sich der Sekretär des Ausschusses ü" öffentlich- Arbeiten bei der Generalrefidenz Emilio Gut erre, und seine Gattm nebst dre, Kindern m.ugendlichem Alter sowie dessen S-dwager Manzano zwei Bediente und der Kutscher fiefonJ» Die Kabylen eröffneten ein Feuer, verwundeten d«n lebensgefährlich und töteten Gutierrez, Manzano, eines der Kwder und«wen der Diener. Frau Gutierrez und ein Kind von ?..i«abren wurden schwer verletzt. Vor einer im Galopp heran» ,, Menden Kavallerieabteilung ergriffen die Kabylen sodann die Gluckt. An den Ufern des Ucd Asmili wurde eine Schar von Ris- männcrn durch eine spanische Kolonne auseinander gesprengt. Bei den Spaniern fielen zwei Offiziere, zwölf Soldaten wurden ver- "'""xonger, � e�li. Briefe aus Tetuan vom 2S. d. M. melden. patz die Stadt eingeschlossen sei und daß.Schüsse gegen ße abgegeben werden. Es seien mehrere Transporte aus der Route nach Ceuta angegriffen und aufgehoben worden. Zahlreiche Mauren bereiten sich vor, an einem neuen heftigen Angriff teilzunehmen. Clritia. Niederlagen der südstaatlichen Revolutionsarmee. London, 28. Juli. Die„Times" meldet aus Peking vom 27.d.M.: DieForts vonHukou an der Mündung des Pojangsees, auf die die Operationen der Revolutionäre von Kiangsi basiert waren, sind von den Regierungstruppen eingenommen worden. Dieser Erfolg, der hauptsächlich durch das Eintreffen der Flotte erreicht wurde, bricht der Bewegung in Kiangsi das Rückgrat und wird die Truppen und die Kanonenboote für die Offensive weiter unterhalb am Flusse und für einen Angriff auf die Nachhut der Nankinger Armee freimachen. Schanghai, 28. Juli.(Meldung des Rcuterschcn Bureaus.) Die Munizipalpolizci hat gestern 8 0 0 a u f st ä n d i s ch c S o l- baten entwaffnet. Marinesoldaten der verschiedenen Ratio- nen bewachen die Fremdenquartiere. Nanking, 27. Juli. Bei Beginn der Erhebung drangen die Südchinesen mit Geschwindigkeit auf der Bahnlinie Tientsin— Pukau vor in der sicheren Erwartung, daß der General Tschangsun sich ihnen anschließen oder doch neutral bleiben würde. Sein un- erwarteter Widerstand brachte den Normarsch vollständig zum Stehen, und sie hatten keine Wahl, als über den Hwei zurück- zugehen. Es fehlt ihnen an Proviant, und sie werden im Rücken durch die Regierungstruppcn bedroht, die durch die Provinz Anhui vorrücken. Man erwartet, daß sie sich wieder auf Nanking zurück- �...en. EhneriKa. Die Bereinigten Staaten gegen Mexiko. Washington, 28. Juli. Da die Sicherheit der amcrika- nischcn Untertanen in Mexiko bedroht ist, hat die amerikanische Regierung bei der mexikanischen energische Vor- stellungen erhoben._ Hus der Partei. Der neue Liberalismus. Die„Feststellung" des Genossen Kaulsky über seinen„neuen Liberalismus" werde ich, zusammen mit seinem Angriff gegen mich in der Frage des Mastenstreiks, in der„Neuen Zeil" beantworten vorausgesetzt natürlich, daß man mich dort zu Wort kommen läßt.__ R. Luxemburg. Totenliste der Partei. Genosse Karl A t t i n g e r aus Singen, Sekretär des ersten badischen Reichstagswahltreises, ist am Sonntagnachmittag aus einer Radiour von Unwohlsein befallen worden und ist eine Stunde später gestorben._ Der mecklenburgische Parteitag wurde am Sonntag in Strelitz eröffnet. Vom Parteivorstand war Genosse P f a n n ku ch- Berlin anwesend, der in seiner Rede betonte, daß die Partei keine Ursache habe, mit dem Stand der Organisation unzufrieden oder gar davon enttäuscht zu sein. Selbstverständlich bleibe noch vieles zu wünschen, und Aufgabe der Genossen sei es, die Organisation so zu stärken, daß, wenn eventuell der Wille zum Massenstreik wirklich vorhanden ist, er nicht nur eintritt, sondern auch zum siegreichen Ende geführt werden kann. Aus dem vom Landessekrelär K r o g e r» Rostock erstatteten Geschäfts- bericht geht hervor, daß die Organisation sich wie in den Vorjahren weiter entwickelt hat.— Angenommen wurde der Organisarions- entwurf, der Mecklenburg und Lübeck zu einem Agitationsbezirk zu- sammcnfaßt. Aus den Organisationen. Am Sonntag tagte in Görlitz die Bezirkskonserenz für den Agitationsbezirk Görlitz. Als Vertreter des Parteivorstandes war Genosse Brühl erschienen. AuS dem Geschäftsbericht sei mitgeteilt, daß die Mitgliederzahl in der neun Monate umfassenden Berichts- Periode um 879, darunter 514 Frauen, gestiegen ist. Die Gesamt- mitgliederzahl beträgt 8297, darunter 1561 weibliche Mitglieder. Die Gewerkschaften im Bezirk wiesen eine Miigliederzahl von 23 365 auf: gegen das Vorjahr eine Zunahme von 2307. Gegen die Teuerung und ihre Ursachen fanden in zahlreichen Orten des Bezirks Protestversammlungen statt. In verschiedenen Orten wurden durch das Vorgehen unserer Genossen Kommissionen zur Linderung der Teuerung eingesetzt und die Gemeinde- Verwaltungen dazu gedrängt, Lebensmittel durch Selbsteinkauf und direkte Abgabe an die Konsumenten zu verbilligen. Die zeitweilige Einfuhrerlaubnis von Fleisch ist auf den Einfluß der Sozialdemokratie zurückzuführen. In der Berichtszeit fanden 141 Volksversammlungen, 33 öffentliche Fraucnversammlungen und 411 Mitgliederversammlungen statt, außerdem noch 42 Zusanimcnlünfte der weiblichen Mitglieder. In das Berichtsjahr fiel auch die An- stellung der Sekretärin. Genossin Frieda Wulff-Breslau. An Flug- blättern und Schriften wurden verbreitet 308 500, darunter 97 300 Kalender. Die sozialdemokratischen Gemeindevertreter haben sich ver- mehrt von 139 ,n 35 Orten im Jahre 1911/12 auf 166 in 53 Orten im Jahre 1912/13 BildungSauslchuste bestehen in 11 Orten. Die Preste weist eine Zunahme von 357 Abonnenten auf. Ihr Strafkonto hat im Bc- richtsjahre keine wesentliche Steigerung erfahren. Die Abonnenten der„Arbeiter-Jugend sind gestiegen von 376 auf 484. Bei den LandtagSwahlen wurden abgegeben im ganzen Bezirk 11 764 sozial- demokratische Stimmen, auf die-53 Wahlmänner entfielen. Das Sekretariat weist 750 Eingange und 1050 Ausgänge auf. Der Kassen« bericht der Agitationslommission ergibt bei einer Einnahme von 7142.68 M. und einer Ausgabe von 7654,17 M. ein Defizit von 611,49 M. Beschlossen wurde, m der ersten Hälfte de? September in allen Orten des Bezirks eine umfassende HauSagitation für die »Görlitzer Volkzeitung" vorzunehmen. Die Generalversammlung dcS Wahlkreises So r a u- F o r st tagte am vergangenen Sonntag in �orft. Aus dem vom Vor- sitzenden und dem Kassierer erstatteten Bericht �war zu entnehmen, daß von einer Stagnation im Ps"tcileben de».Kreises nicht gc- sprachen werden kann, aber auch ein FortMrltt nicht gerade zu ver- zeichnen ist. Waren im vorhergehenden Geschäftsjahr 2538 mann- Me und 411 weibliche Mitglieder eingetragen, so sind ,n diesem Geschäftsjahr 2584 männliche, aber nur 325 weibliche Organisierte vorhanden. «niw0" b-en delegierten wurde hauptsächlich.Me Agitation w den ländlichen Bezirken nicht genügend gepflegt worden ist. Vom Vorfitzenden des KreiSausi'chusses'st em grogzuglg an- ale�di�" f'l1 die Landagitation in Aussicht gestellt worden Ob- gleich die Frage des Massenstreiks nicht auf der Tagesordnung stand. war die Generalverfammiung n/ch in"a-n Ausführungen d°S Vertreters ÄÄÄ 11 ÄITÄ C ZU.�eNS°S g���Sell« S stA°TÄ STffsw V1" M'it.el"ist dann'der Mosten- MaffenitteUzupt�qieterthätt� C . nF®aral|f wurden Wahlen für den Pa�eitag�und zur Pcovinzial. b-njerenz vorgenommen und ein- � i» der Haltuna der Reich?taoskal Resolution angenommen, in der v«wgen geMi� tmrd?" 2-L°uüber den Wehr- und DcäungZ- Das bosnische Parteiblatt„Stimme der Freiheit" wird vom 1. August an, trotz der Verfolgungen durch die Militärzensur, als Tageblatt erscheinen. Sozialee. Behördlicher Angriff gegen das Koalitionsrecht des Pflegepersonals. Der Landeshauptmann in Ostpreußen hat nachstehende Verfügung gegen das Koalitionsrecht des Pflegepersonals er- lassen: Der Landeshauptmann der Provinz Ostpreußen. Gesch.-Nr. II. A. 4023. Königsberg, 22. Juli 1913. Der Anschluß des Pflegepersonals au den„Verein angestellter Pfleger und Pflcgeriuiien der Provinzial-Hcil- und Pflegeanstaltcn Ostpreußens" hat insofern lliizuträglichkeiteii gezeitigt, als in einer Anstalt zwischen Vereinsmitgliederil und solchen Pflegern, die aus dem Verein ausgetreten sind, eine tiefgehende Mißstimmung und Entfremdung eingetreten ist. Hierdurch werden die Interessen dieser Anstalt auf das nachteiligste beeinflußt, und eS ist zu be- fürchten, daß derartige Mißstände sich auch in anderen Provinzial- anstalten entwickeln. Die Zugehörigkeit des Pflegepersonals zu dem Verein hat sich hiernach als mit dienstlicheii Interessen un- vereinbar herausgestellt. Ich wünsche deshalb, daß kein Pfleger und keine Pflegerin mehr dem Verein beitritt, und daß diejenigen, welche noch Mit- glieder sind, ihren Auslritt aus dem Verein erklären. Zugleich bestimme ich folgendes: 1. Jeder, der in Zukunft als Pfleger(Pflegerin) angenommen wird, hat sich schriftlich zu verpflichten, weder dem genannten Verein, noch dem„Bunde angestellter Pfleger und Pflegerinnen der Provinzial-Heil- und Pflegeaiistalten Deutschlands" zuNeuruppin, noch einem Verein mit gleichen oder ähnlichen Tendenzen beizutreten. Ihm ist bei der Annahme protokollarisch zu eröffnen, daß er so- fori entlassen werden wird, wenn er der eingegangenen Verpflichtung zuwiderhandelt. 2. Die auf Kündigung oder auf Lebenszeit angestellten Pfleger und Psiegerinneil haben, so lange sie in dem Verein verbleiben, forlan auf keine Vergünstigungen(Unterstützungen, pachtweise Ueber- lassung von Acker- oder Gartenland, Gehaltsaufbesserungen usw.) zu rechnen. Die auf Kündigung Angestellten haben leine Aussicht auf lebenslängliche Anstellung. Weitere Maßnahmen behalte ich mir vor. Ich ersucke Sj-, diese Verfügiiilg den Pflegern und Pflegerinnen bekannt zu geben und mir bis zum 1. August d. Js. diejenigen zu melden, welche entgegen meinem Wunsche ihren Austritt aus dem Verein nich: vollzogen haben. Diese haben ihre Weigerung zu Protokoll zu erklären. Die übrigen Pfleger und Pflegerinnen, die aus dem Verein ausgetreten sind, haben dies schriftlich zu versichern und die in Ziffer 1 Satz 1 ent- haltene Erklärung abzugeben. Die Protokolle sind der Meldung beizufügen. Im Austrage. (gez.) Dr. Blunk., An den Herrn Direktor in T a p i a u. Bei der Beratung des Bürgerlichen Gesetzbuches wurde von den Kommissionsmitgliedern aller Parteien und vom Re- gierungsvertreter anerkannt, daß Verträge, welche die Koalitionsfreiheit beschränken,„zweifellos" gegen die guten Sitten verstoßen und deshalb nichtig sind. Es wurde deshalb ein sozialdemokratischer Antrag abgelehnt, ausdrücklich Ver- träge für nichtig zu erklären, durch die Arbeitern die Verpflichtung auferlegt ivird, bestimmten poli- tischen oder gewerkschaftlichen Vereinigungen nicht an- zugehören oder aus denselben auszutreten. Hier ver- langt der ostpreußische Landeshauptmann, daß nur solche gegen die guten Sitten verstoßenden Verträge abgeschlossen werden. Er folgt dabei den Angriffen, die der Staatssekretär Delbrück in der letzten Reichstagssession gegen das Koalitions- recht machte. Das Koalitionsrecht ist ein für Lohnangestellte unentbehrliches, unveräußerliches und unbedingtes Recht. Ver- tragsvorschriften, wie sie der Landeshauptmann fordert, sind nichtig. Der Hauptvertreter des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuches, Planck, sagt in seinem Kommentar zum B. G.-B.: „Ein Rechtsgeschäft, das gegen die großen Prinzipien des modernen Rechts, insbesondere gegen die Prinzipien der Koalitions- freiheit verstößt� ist immer auch als ein gegen die guten Sitten verstoßendes Rechtsgeschäft anzusehen." Gegenüber der wachsenden Tendenz, das Koalitionsrecht trocken zu legen, und gegenüber der Unzuverläsigkeit des Reichsgerichts auf diesem Gebiete wird die Notwendigkeit immer dringender, das Koalitionsrecht mit wirksamem Schutz gegen seine Angreifer zu umgürten. Landwirtschaftliche Unfall„vcrhütilng". So schlecht es auch in den industriellen Betrieben noch um die Durchführung der Maßregeln zur Verhütung von Unfällen steht— die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten liefern dazu alljährlich bezeichnende Beiträge—; noch schlimmer sieht es in dieser Be- ziehung in den landwirtschaftlichen Betrieben aus. Die landwirt- schaftlichen Arbeiter sind einer unverständlichen Sorglosigkeit aus- geliefert. Diese sehr gelinden Strafen, die von den Berufsgenossen- schaften gegen nachlässige Gutsherren verhängt werden, wirken natürlich nicht, und so müssen Hunderte, ja Tausende von Arbeitern die unverantwortliche Nachlässigkeit der Unternehmer mit ihrer Ge- sundheit oder ihrem Leben bezahlen. Wie traurig es um die Durch- führung der Unfallverhütungsvorschristen bestellt ist, zeigt der Be- richt der technischen Aufsichtsbeamten der westfälischen landwirt- schaftliche« Bcrufsgcnosscnschaft. Es heißt darin, daß vor jeder Revision das bevorstehende Er- scheinen des Revijionsbcamten öffentlich bekannt gemacht worden sei, so daß jeder Landwirt habe wissen müssen, daß an einem de- stimmten Tage sein Betrieb revidiert werden würde. In 953 Haupt- betrieben sind aber trotzdem nicht weniger als 3803 Verstöße gegen die Vorschriften festgestellt worden— auf jeden Betrieb kommen also im Durchschnitt vier Verstöße! Ausdrücklich wird hervorge- hoben: „In der Berichtszeit ist kein einziger Betrieb gefunden wor- den, in welchem keine Verstöße gegen die Unfallverhütungsvorschrif- ten festgestellt werden konnte. Einer unvermuteten Nachrevision wurden 1151 Betriebe unterzogen. Hierbei wurden, trotzdem bei der ersten Revision dem Betriebsunternehmer durch den tech- nischen Auffichtsbeamten eine eingehende Belehrung an Ort und Stelle erteilt worden war, noch 850 Verstöße gegen die Unfall- Verhütungsvorschriften konstatiert." Diese traurigen Feststellungen veranlassen den Beamten zu der Klage, daß es sich häufig nur um Mangel an gutem Willen gehandelt habe. In vielen Fällen sei ohne Bestrafung überhaupt nichts zu erreichen gewesen. Als Strafen sind aber nur Geldbußen von 3 bis 5 M. festgesetzt worden, und auch in den Fällen— 153—, wo bereits ein Unglück infolge des Fehlens der Schutzvor- richtungen eingetreten war, ging die Berufsgenossenschaft nicht über eine Geldstrafe von 50 M. hinaus. Vielfach sind Kinder und altersschwache Personen an den Maschinen und anderen gefähr- sichen Arbeitsstelleji beschäftigt angetroffei; worden I- �'■, Diese Mitteilungen beweisen wiederum, wie leichtfertig gerade in landwirtschaftlichen Betrieben mit der Gesundheit der Arbeiter umgesprungen wird. Die Berichte der anderen landwirtschaftlichen Berufsgenossen» schaften, nicht minder aber die jährlich steigende Flut von Opfern cm Gesundheit und Leben landwirtschaftlicher Arbeiter zeigen, daß die im Bericht der westfälischen Berufsgenossenschaft niedergelegten Mißstände leider nicht vereinzelt sind. Sie schreien nach Abhilfe. Und dennoch hat die Reichsversicherungsordnung dem Reichsvcr» sicherungsamt verboten, Unfallvcrhütungsvorschriften für ländliche Betriebe zu erlassen. Den Arbeitern ist in der Landwirtschaft wie in der Industrie versagt, bei der Ueberwachung von Unfallver» hütungsvorschriften mitzuwirken. Ein freies Koalitionsrecht der Landarbeiter würde manche Mißstände zu beseisigen geeignet sein. £Ius Industrie und Kandel. Fiskus und Kohlenkonveution. Wie ein bürgerliches Blatt zu melden weiß, will der Bcrgfiskus in diesem Jahre die jeden Herbst vorgenommene Kohlenverteuerung der privaten Zechen nicht mitmachen. Die Oberschlesische Kohlenkonvention beabsichtigt wie gewöhn- lich am 1. September ihre Kohlenpreise um 50 bis 60 Pf. zu erhöhen. Der Fiskus hat dagegen erklärt, im Gegensatz zu früheren Jahren von einem Winterauffchlag abzusehen. Sollte sich diese Meldung bewahrheiten, so wäre das ein Zeichen, daß der Fiskus endlich seine Aufgabe erkennt, die Interessen der Konsumenten gegenüber den Unternehmer- kartellen zu schützen._ Zur Konzentration in der Stahlindustrie. Die Beteiligungen im Stahlwerksverbcmde habe» seit der Verlängerung des Verbandes im Vorjahre einige Verschiebungen erfahren. Veranlaßt wurden diese Aenderungen durch die Einbeziehung der Erweiterungsbauten der großen Hüttenzechen. so daß die Ueberlegenheit der gemischten Werke gegenüber den reinen Werken in den Beteiligungsziffern noch deutlicher hervor- tritt. Nach einer Aufftellung der„Köln. Ztg." ist die Berück- sichtigung der neuen Werke von Gelse nkirchen und der Thyssen schen Gruppe durch eine Zusatzbeteiligung von je 100 000 Tonnen zum Ausdruck gelangt. Beide Werke haben in sämtlichen Gruppen entsprechende Erhöhungen ihrer Be- teiligungsziffern erfahren. Die absolut und verhältnismäßig hoch st e Gesamtbeteiligung hat die Gruppe Deutsch- Luxeiiiburg mit 569 763 Tonnen oder 8,9 Proz. Ihr kommt am nächsten die Gruppe Burbach-Eich-Düdeliugen mit 7,9 Proz., dar- auf folgen Frieor. Krupp A.-G. mit 7,6 Proz. und der Phönix mit 7,1 Proz., dann erst kommen die Thyssensche Gruppe mit 7,1 Proz. Hinter diesen Riesen bleiben die andern Werke ziemlich erheblich zurück. Was die einzelnen Gruppenbcteiligungen anbelangt,, so stellt sich die Gesamtbeteiligung der Werke in Eisenbahn- Material(Schienen, Schwellen) auf 2 550 427 Tonnen. Dar- auf folgt die Gruppe Formeisen(T- und ll-Eisen) mit 2 501 442 Tonnen und endlich die Gruppe Halbzeug(Knüppel, Blöcke, Breit- eisen) mit 1 343 669 Tonnen. Die Gesamtbetciligung von Halb- zeug macht sonach noch nicht einmal 25 Proz. der Gesamtb eteili- gungsziffer in den Produkten A aus. Die überragende Be» deutung, die das Eisenbahn Material für die Werke des Verbandes gewonnen hat, tritt aus dieser Zusammenstellung somit noch deutlicher als aus den Ucberfichtcu früherer Jahre herpoii Die absolut und verhältnismäßig höchste Beteiligungszifscr in dieser wichtigen Gruppe hat die A.-G. Friedr. Krupp mit 9,9 Prozent. Darauf folgt die Gruppe Dcutsch-Luxemburg und weiter der Phönix. Eine im Verhältnis zu seiner Gesamtleistung sehr hohe Beteiligung an Eisenbahnmaterial hat der Bochumer Verein, ivenn er mit der absoluten Höhe dieser Ziffer auch hinter jenen großen Werken weit zurückbleibt. In der Gruppe Halbzeug be- haupten die Rombacher Hüttenwerke mit 13,1 Proz. nach wie vor die erste Stelle. Darauf folgen die Gruppe Burbach-Eich-Düde» lingen, ferner Friedr. Krupp A.-G. und der Phönix. Bei den Ronibacher Hüttenwerken mc.cht die Halbzeugbeteiligung mehr als 50 Proz. ihrer Gesamtbeteiligung aus. In Formeisen steht die Deutsch-Luremburgischc Gruppe mit 9,7 Proz. weitaus an erster Stelle. In erheblichem Wstand folgen darauf die Räch- lingschen Eisen- und Stahlwerke mit einer Beteiligung von 8,5 Prozent/ die Firma de Wendel u. Co. mit 8,1 Proz. und das Pciner Walzwerk mit 8 Proz. Bei allen andern Werken bleibt die Formeisenbeteiligung in mehr oder weniger großem Umfang hinter 200 000 Tonnen zurück. LrCtztc Nachrichten. Rumänien fordert die Schleifung bulgarischer Festungen� Bukarest, 28.Juli.(Meldung des Wiener K. K. Tel. Corr.» Bureaus.) Mit Rücksicht auf die Bestimmung des Petersburger Protokolls, wonach Bulgarien sich verpflichtet, die näher zu be« stimmende Grenzzone nicht zu befestigen, wird Rumänien die Schlei. fung der Befestigungen von Rustschuk und Schnrla verlangen./ Politische Krise in Portugal. Lissabon, 28. Juli. Die revolutionäre Bewegung in Portugal ist viel ernster, als die Regierung zugestehen will. Die Zahl der mit der Neuordnung der Dinge im Lande seit dem Sturze der Monarchie Unzufriedenen ist sehr bedeutend gewachsen un!» die gegenwärtige Regierung sieht sich gezwungen, gegen eine ganze An- zahl von den Leuten, die ihr seinerzeit bei der Vernichtung der Köiiigsherrfchaft geholfen haben, vorzugehen. Die Arbeiter spüren noch nichts von den erhofften Erleichterungen ihrer Lage, die ihnen die Republik bringen sollte. Es hat sich eine starke Strömung ge- rade unter dieser Klasse der Bevölkerung gebildet, die a u f e i n e n Sturz der gegenwärtig ani Ruder befindlichen Politiker hinarbeitet. Die neue Bewegung ist geschickt ge- leitet. An ihrer Spitze stehen viele von den Führern der Revolution im Oktober 1910. Einer von diesen, der sich damals einen gewissen Namen gemacht hatte, Americo Oliveira, wurde heute von der Polizei in Alcobassa verhaftet. Ob diese Verhaftungen die Bewegung aufhalten können, scheint ungewiß. Zum Morde im v-Zuge. Frankfurt a. M., 28. Juli.(P. C.) Bei einem hiesigen Alt- Händler wurden heute die Uhr und die Kette des im v-Zuge er- mordeten Kaufmanns Brechner gefunden. Die Kriminalpolizei be- fchlagnahmte die Gegenstände sofort. Die Prämie aus die Er- greifung des Mörders ist auf 2000 M. erhöht worden. Diebstahl in der Gcnter Weltausstellung. Brüssel. 28. Juli.(W. T. B.) Aus der belgischen Kolonial- abteilung der Weltausstellung in Gent sind in der letzten Nacht goldhaltige Barren im Werte von 100000 Fr. verschwunden. Vog dem Diebk fehlt jede Spur,.-r---? x v � v' s | Todes-Anzeigen| SozialdemokratisetierWaiilYereiD \.i Z.Berl.RelclistRgs-Wahlkrels, Bezirl 215. Am 26. Juli verstarb unser Mitglied, der Kellner Nans Lützow. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet Mitt- woch, den 30. Juli, nachmittags 41/, Uhr, von der Halle des Simeon»- Kirchhofes> Britz, Tempelhoser Weg aus statt. Um rege Beteiligung bittet 206/7 Der Borftand. MM der Gastwlrtsgehillen. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied, der Kellner Nans Lützow am 25. Juli verstorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 30. Juli, nach- mittags'/,5 Uhr, von der Kapelle des Kirchhofes der Simons- Ge- meinde, Neulölln, Mariendorser Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 32/1 0rl»»srn»ltung verlin I. SoziaidemokratlseberWaiilTerelii LdlBerLRelchstags-WÄis. Am 26. d. M. verstarb unser Genosse, der Gürtler Kmno Richter Soldiner Straße 11. Bez. 815 a. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Mttwoch, den 30. Juli, nach- mittags 5 Uhr, von der Halle deS Sophien-KirchhoseS in der Freien» walder Straße aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Borftand. Deutseher TransportarhBiter- Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Packer Walter Weselovski am 26. Juli imAlter von 26 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke»: Die Beerdigung findet heute Di enStag, den 29. Juli, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle deS Sophien-Kirchhofes, Freienwalder Straße, aus statt. 67/1 Die Bezirksverwaltung. Beutseber Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, Frau EHissbeth Becker Britzer Str. 35, am 25. Juli an Lungenleidcn gestorben ist. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 30. Juli, nachm. 4� Uhr, von der Leichenhalle des St. SimeonS-Kirchhojcs in Britz, Tempelhoser Weg, auS statt. Rege BeteUigung wird erwartet. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Hermann Förder gestorben ist. Ehre ihrem Andenken: 122/13 Die Ortsverwaltung. und mm tiker Verein der Stereotpsure ßaivanoplasüker Berlins und rmgegend. Unseren Mitgliedern zur Nach- richt, daß am 23. Juli der Kollege Herrn. Ihorme�er plötzlich gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, DienStag, den 29. Juli, nach- mittags 5 Uhr, auf dem Gethse- mai:e-Kirchhof in Nordend statt. Um zahlreiche Beteiligung er- sucht 288/4 Der Vorstand. Sozialdeniokratiscber Wabiverein I.d. UerLReicbstagsvahlkreis. KSpenlcker Viertel. Bezirk 175. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Tischler Wilhelm Gesekus PScklcrstr. 26 durch Absturz verstorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung fand am 27. Juli in Schandau statt. 216/2 Der Torstand. Todes-Anzeige. Am Donnerstag, den 24. d. M., verstarb insolae eines Unfalles beim Bergsport der Tischler Wilhelm Hesekus. Ehre seinem Andenke»: Die Beerdigung sand in Schandau in Sachsen statt. 24« Die Kollegen der Möbelfabrik „Fortuna'". Heute nachmittag 1 Uhr ent- jUef sanft nach kurzem, schwerem Leiden unser lieber Kollege, der Schriftsetzer Karl Sy im 36. Lebensjahre. Sein Andenken werden stets in Ehren halten Die Kollegen der„Vossischen Ztg." Berlin, den 26. Juli 1913. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 30. Juli, nachm. 5 Uhr, von der Leichenhalle deS französischen Kirchhofes, Pankow, Wollankfiraße, aus statt._ Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- i pcnden beim Begräbnis meines lieben Mannes Max Konszek sage ich hierdurch allen Freunden und Bekannten, besonders der Firma und den Kollegen von Körner und Prohl meinen herz- lichsten Dank. 169b Martha Konszek, Witwe. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und reichen Kranzspenden bei der Beerdigung meine« lieben Mannes, unseres Vater» Heinrich Neithardt sagen swir allen Verwandten und Bekannten, sowie den Genossinnen und Genossen des Wahlvereins, den Kollegen der freien Gastwirte, sowie dem Verein der arbeitenden Jugend, dem Sparverein, sowie allen Bc- teiligten unseren besten Dank. Witwe louise Neithardt, geb. Scholze nebst Kindern. 1693b Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten VaterS sagen wir unseren herzlichsten Dank. Witwe C, Raeke 66« nebst Kindern. Kranzspenden sowie sämtliche Blumenarrangements liefert schnell und billig Dnnl Gross. Lindenstr.69, Tel. Mpl. 7203. !» Verwaltung Berlin. Branchen-Versammlungen Sargtischler. Mittwoch- den 30. Juli 1913, abends 8'/j Uhr, im Lokal von?. IViicitgltBeck, Petersburger Str. 84. Bodenleser. Mittwoch, 30. Juli, abends 8 Uhr, im„Gewerkschaftshaus", Engclufer 15, Saal 3. Tagesordnung: 1. Lau Werthelm. 2. Branchenangelegenheit. 3. Verschiedenes. 86/11 Ole Ortsverwaltnng. Schöuebergs. Sozuldemokratifcher Madlverem. Dienstag, den 29. Juli 1913, abends 8 Uhr. in den Neuen Rathaussälen, Mciningcr Straße Nr. 8: MH; g H e d e r- V« r s a mm I im a. Tagesordnuna: 1. Der Jenaer Parteitag. 2. Anträge. 3. Vor- schlage zur Delegtertenwahl. 4. Wahl der Delegierten zur wbands. um» KreiSgencralvers ammlung. 5. Vcreinsangclegenheiten und Verschiedenes. Die Genossinnen sowie Genossen wollen pünktlich und zahlreich erscheinen. 15/17 Oer Torstand, ttr Dkmaltullgsstelle Sellin. C 54, Finienstr. 83—85. Telephon: Amt Slorden 185, 1239, 1987, 9714. Mittwoch, den 30. Juli 1913, abends 8% Uhr: �ntgtleder-Verfammiung der Hold- und Silberarbeiter und oenuandten* ßerufsgeuossen im Dresdener Garten, Dresdener Strafte 15. Tagesordnung: VerbandZangelegenheiten und Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert. Mzz Mittwoch, den 30. Juli 1913, abends 8 Uhr: Versammlung aller in den Suehstabenbetrieben beschäftigten Klempner, Gürtler, Schlosser usw. In den Andreas-Festsälen, Andreasstrafte 21. Tagesordnung: 1. Bericht über die Agitation in unserer Branche in der letzten Zeit. 2. Diskussion. 3. Aussprache über die emzelnen Betriebe. Zlokrleger und Keifet! Mittwoch, den 30. Juli 1913, abends 8 Uhr: IlHtglfeder-Verfammtung im großen Saale deS Gevrerkschaftshansea, Engelufer 15. Tagesordnung: 1. Bericht der Agitationskommission. 2. Neuwahl der Agitations. kommission und deS BranchenvertreterZ. 3.„Unsere Aufgaben unter dem neuen Tarif." Referent: Kollege W. Siering. 4. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert l==- Donnerstag, den 31. Juli 1913, abends 6 Uhr: Versammlung aller in den Stempelbetrieben beschäftigten Kollegen und Kolleginnen im Gewerfcschaftshanse Engelufer 15, Goal 4. Tagesordnung: 1. Vortrag über Tarifverträge. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Donnerstag, 31. Juli 1913, abds. pünktlich S'/s Uhr: Außerordentliche Generalversammlung unserer Verwaltungsstelle lm großen Saale der Brauerei Friedrichshain, Am FriedrichShain 23. Tagesordnung: SttlluugMhme zum außerordtntl.Vtrbandstag in Kerlin. py Mitgliedsbuch und Legitimationskarte find vorzuzeigen; ohne diese kein Zutritt. Vertretung ist nicht znlasfig. Besondere Einladungen erfolgen diesmal nicht. 122/19 OrtsTerwaltang. Tätowierung entfernt Dr. Schtlnenianu Spezlalarzt für Hautkrankheiten Berlin S., Oranienstraße 139. 217/20 Dr. Simmel Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzensir. 41, 10—2. 5— 7. 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In die Reihe der Organisationen, die über ein eigenes Verbandshaus verfügen, ist vor kurzer Zeit auch der Holz- arbeiterverband eingetreten. Am Köllnischen Park in Berlin neben dem Gebäude der Landesversicherungs-Anstalt erhebt sich das Haus der Holzarbeiter. Sein Ziegelrohbau paßt sich den umgebenden öffentlichen Gebäuden an. Ter Stil aller- dings hebt sich bedeutend von diesen ab und ist dem Berliner Mietshaustyp angenähert.. Ter Architekt war gezwungen, der Front mehrere Reihen von vorgebauten Loggien anzu- kleben, weil das Haus aus Gründen, die später erörtert werden sollen, auch Privatwohnungen mit ihren von den Mietern nun einmal verlangten Einrichtungen enthält. Als der Verband seinerzeit in Kassel gegründet und sein Sitz nach Stuttgart verlegt wurde, kam die Zentralleitung mit eine m Zimmer aus. Das änderte sich mit den Fort- schritten der Organisation. Umzug auf Umzug erfolgte, und jeder Umzug wurde schwieriger. Denn mit dem Wachstum des Verbandes häufte sich das Material, das beim Umzug ein- gepackt, ausgepackt, neugeordnet und untergebracht werden rnußte. Als dann der große Uinzug von Stuttgart nach Berlin erfolgte, wurde es dein Vorstand klar, daß dies nur der letzte sein könnte! Es blieb nur übrig, ein Haus zu kaufen oder zu bauen, und zwar so groß, daß es möglich war, dem Zentralvorstand und allen seinen Verwaltungsabteilun- gen unbedingt und für immer ein Heiin zu bieten. Neben den Verwaltungsräumen mußte auch für solche gesorgt wer- den, welche die Unterbringung eines Truckcrciunternehniens ermöglichten. Zum llmzugsgut des Verbandes gehört näm- lich auch eine große Rotationsmaschinc, die eine eigenartige Geschichte hat und die Keimzelle einer Verlagsanstalt des Holzarbeiterverbandes geworden ist. Als der Firma D i e tz ii>� Stuttgart bei Griindung des Verbandes der Druck der „Holzarbeiter-Zeitung" übertragen werden sollte, kratzte sich der Genosse D i e tz sorgenvoll hinter die Ohren und fragte u. a. auch dm Genossen Bebel um seine Meinung, wie er sich zu der Sache stellen solle. Genosse Bebel wird ja von unseren Gegnern gern als ein schlechter Prophet hingestellt', er erwies sich aber hier lvie in anderen Tinge» als ein außer- ordentlich treffsicherer Beurteiler, der eine jahrzehntelange EntWickelung mit Sicherheit voraussah. Er meinte nämlich, der Holzarbeiterverband und sein Organ würden doch eininal mit zwingender Notwendigkeit nach Berlin übersiedeln. Das bestimmte den Genossen D i e tz, bei Uebernahme des Druck- auftroges die Stellung der Rotationsmaschine vom Auftrag- geber, also dem Holzarbeiterverband selbst, zur Bedingung zu machen. Diese Rotationsmaschine siedelte dann aus der Dictzschen in die Vorwärtsdruckerei über. Jetzt hat sie einen Ehrenplatz im Parterre des neuen Verbandshauscs am Köll- Nischen Park erhalten! Am Sonntag wurde das neue Gebäude einem Kreise von Gewerkschafts- und Parteifunktionären gezeigt, die sich zu diesem Zwecke im Arbeitslosensaal zusammenfanden, von wo aus der Weg durch alle Räume angetreten wurde. Genosse L c i p a r t empfing die Gäste des Verbandes mit einer herz- liehen Ansprache, in der er die Freude des Holzarbeiterver- bandes schilderte, ein solches Werk vollendet zu sehen. Er wies darauf hin, daß eigentlich die Holzarbeiter, historisch be- trachtet, ihr Haus an gar keiner anderen Stelle bauen durften. Hier hausten vor Jahrhunderten die königlichen Holzhändler, die später durch private Händler abgelöst wurden, deren Riesenlager sich noch im letzten Viertel des vorigen Jahr- Hunderts bis an die Spree hinzogen. Kümmerliche Reste dieses Holzhandels finden sich in der Rungestraße noch jetzt. Dann schilderte er die Mißstände, welche die vielen Umzüge für den Verband mit sich brachten und zeigte die Notwendigkeit, ein Haus zu bauen, in das die Organisation hineinwachsen könne. So entstand das Gebäude, das im ersten und im vierten Stock Bureauräume, im zweiten und dritten aber Wohnungen bc- herbergt, die später einmal Verbandszwecken nutzbar gemacht werden können. Dem Architekten war damit keine leichte Aufgabe gestellt, die dennoch befriedigend gelöst ist und die auch die eigentümliche Fassadendurchführung erklärt. Prinzip war: Jttlles vom solidesten Material: kein Prunk-, aber auch kein Schwindelbau! Die Mietswohnungen mußten natüv lich aus Rentabilitätsgründen den modernen Komfort bieten. Die Räume der Berliner Ortsverwaltung im ersten Stock sind wie die auch des Hauptvorstandes im vierten hoch. hell und luftig. Tie Bureaumöbel und Einrichtungen sind die üblichen und aus anderen Gcwerkschaftsbureaus be kannten. Das Prinzip, das für den ganzen Bau gilt, ist auch in den Einzelräumen durchgeführt. Ein einziger Raum im ganzen Gebäude sticht davon ab: der Sitzungssaal des Hauptvorstandes. Hier wird dem Beschauer vor Augen ge führt, daß er sich in der Zentrale der H o I z arbeiterbewegung befindet. Hohe Fenster erhellen einen Saal, der von oben bis unten mit Holz getäfelt ist. Fußboden, Decke, jedes Möbel bieten ein Bild von dem, was unsere moderne Holzindustrie zu leisten verniag. Und im Lichte der gewaltigen Krone, die von der Decke herabhängt, muß dieser Raum geradezu über- Wältigend wirken. Dabei ist. unserem modernen Geschmack entsprechend, zwar kostbares und vorbildlich verarbeitetes Material verwendet, aber jede Protzerei vermieden.„In solchem Räume", meinte Emil D ö b I i n. der Vorsitzende der Buchdrucker,„ist es kein Kunststück, vernünftige Beschlüsse zu fassen." Alles in allem waren die Besucher durch das Gesehene hoch befriedigt und schieden mit dem Wunsche, daß der Holz- arbeiterverband das neue Haus bald bis in den letzten Winkel selbst ausfüllen möge._ Berlin und Ömgcgcnd. Ein Streikbrechcragent, wie er im Buche steht. Zu der am 22. d. M. im.Vorwärts" gebrachten Notiz über das Anwerben von Streikbrechern für Petersburg lSteindrucker und Lithograpben) ist noch nachzutragen, datz der Mann, der sich dazu hergibt, sich seiner unrühmlichen Handlungsweise wohl bewußt ist. da er die« unter dem Namen Klein tut. während er in Wirklichkeit der Steindrucker Kusche, Lychener Str. 14, ist. Im übrige» machen die Petersburger Druckereibesitzer in dem K. eine feine Akquisition. Derselbe hat kurz vor seiner Abreise noch den Manifestationseid leisten müssen und verläßt Schulden halber Berlin. veutkcbes Reich. Zum Hamburger Werftarbeiterstreik. In den letzten Tagen haben verschiedene am Streik beteiligte und interessierte Gcwcrkschasten in Vertrauensmänner- oder Mit- gliedcrverjammlungen Stellung zur Streikfituation und zum Ver- halten der Verbandsleitungen genommen. » Die Versammlung der Schmiede und Kesselschmiede verurteilte die Haltung des Zentralvorslandes. Es kam die Md. nung zum Ausdruck: Die Werftarbeiter dürsten den Werftgewal- tigen nicht ausgeliefert werden. Eine Resolution, die den Werft- arbeitern die Sympathie der Versammlung ausspricht und vom Vorstand erwartet, daß er die Bewegung sanktioniert, wurde ange- nommen. Der Erhebung von Extrabeiträgcn in Höhe von 1 M. bis 4 M. pro Woche wurde zugestimmt. In einer Delegierten- und Vertrauensmännerbersammlung de? HolzarbeitcrverbandeS legte ein Vertreter des Vor- standes die Gründe dar, die maßgebend für die Stellung der Or- ganisationslcitung waren. Nach langer Debatte wurde folgende Resolution angenommen: .Die Dclcgicrtenvcrsammlung sämtlicher Branchen des Holz- arbeitervcrbandcs, Zahlstelle Hamburg, bedauert aufs lebhafteste die statutenwidrige Arbeitseinstellung auf den Werften. Es kann aber unserer Kollcgenschaft kein Vorwurf gemacht werden, da für dieselben nach Lage der Dinge die Weiterarbcit unmöglich war. Die Versammlung bedauert den Standpunkt der Hauptvorständc der beteiligten Gewerkschaften, durch welchen die Streikenden den Werftgewaltigen auf Gnade oder Ungnade überliefert sind. Sie fordern den Hauptvorstand dringend auf, unverzüglich seine Gc- nehmigung zum Streik zu geben und den Streikenden die statuten. mäßige Unterstützung zu zahlen." Einen Antrag der Ortsvcrwal- tung zur Aufbringung von Mitteln zur Unterstützung der Strei- kenden lehnten die Delegierten ab. Die Former. und Eiießcreiarbeiter nahmen eben. falls zu dem Streik der Werftarbeiter Stellung. Die Haltung der Zentralvorstände wurde einer scharfen Kritik unterzogen. Eine Shmpathicresolution wurde angenommen. In ihr heißt eS: Die Versammlung fordert die gesamte Mitgliedschaft der Vcrwaltungs- stelle Hamburg auf, dafür einzutreten, daß dem Hauptvorstand das Verfügungsrecht über unsere Lokalkasse abgesprochen wird und die Lokalkasse im Interesse der Werftarbeiter in Anspruch genommen wird.— Ein Extrabeitrag von bO Pf. bis 2 Mk. pro Woche wurde angenommen. Die Graveure, Ziseleure, Gold- und Silber. schmiede nahmen in ihrer Versammlung eine andere Stellung ein. Sowohl das Verhalten der Werstarbeiter als das der Vor« stände wurde kritisiert. In einer Resolution heißt es: Die Ver- sammelten erblicken in der am 14. Juni erfolgten Arbeitsnieder- legung einen großen Verstoß gegen das Verbandsstatut und be- fürchten bei Wiederholung derartiger Angelegenheiten eine schwere Schädigung der Arbeiterorganisationen.— Um aber die Situation nicht noch zu verschlimmern und die Fortentwickelung des Ver- bandes nicht noch weiter zu gefährden, erkläre sich die Versammlung mit den sreiwilligcn Extrabeiträgcn einverstanden. Die Beiträge wurden auf bll Pf. bis 3 M., je nach der Höhe des Verdienstes, festgesetzt. Eine Versammlung der Schiffszimmercr beschloß einen Extrabeitrag von 1,bl> M., den die arbeitenden Kollegen während des Streiks allwöchentlich zu leisten haben. Die Befürchtung, daß am Montag ein größerer Zuzug von Streikbrechern zu erwarten sei, war vorläufig unnötig. Diejenigen, die noch keine Unterstützung zu bekommen haben, sind zum großen Teil abgereist oder sie warten auf die Entscheidung der außer- ordentlichen Generalversammlung des MctallarbeiterverbandeS. Die Gelben versuchen, Streikbrecher heranzuschaffen. NennenS- werten Erfolg haben aber auch sie nicht zu verzeichnen. Ein Agent der Gelben versucht, in Ahlfeld a. d. L. Streikbrecher für die Vulkan» werft zu werben. Die verschiedenen Gruppen des Metallarbeiter- Verbandes haben jetzt sämtlich die Erhebung eines ExtrabeitrageS beschlossen. Der Bund der Techniker crmahnt in einem Zirkular seine Mitglieder, sich nicht zu Strcikbrechcrarbeiten herzugeben und Arbeiten, die sie bisher nicht verrichtet haben, nicht zu über- nehmen. Trotzdem haben sich verschiedene Techniker und Beamte des Kalkulationsbureaus der Vulkanwerft freiwillig zu Streik- brechcrarbeiten hergegeben. Wie sich die Bundeslcitung zu diesen Tatsachen stellt, muß abgewartet werden. ES müßte den im Bunde organisierten Technikern doch möglich sein, ihre Mitglieder von solchem Verrat der Streikenden zurückzuhalten. Ter Streikbrecher als Strastenräuber. In Waldenburg i. Schl. wurde am Freitag der Schlosser Hoff- manu vom Schraubstock weg verhaftet, weil er im Verdacht des Straßenraubes stand. Er hatte vor einigen Tagen einen Bergmann überfallen und ihm seinen ganzen Wochenlohn im Betrage von 28 M. entrissen. Hossmann hat die Tat eingestanden. Der Straßenräuber war vor vier Wochen noch eines der nützlichen Elemente, die beim Metallarbeiterstreik in der Wilhelmshütte zu Altwasser den Streit« brecher machten und andere mit großem Eifer zum Streiköruch zu verleiten suchten.__ Erfolgreicher Streik in der Palminfabrik von H. Schlinck u. Co. in Wilhclmsburg. Seit dem 2. Juli streikten die Arbeiter der Firma. Diese lehnte eine Verkürzung der Arbeitszeit ab; sie wollte den Stundenlohn in den Jahren 1914 und 1915 um je einen halben Pfennig(!) erhöhen. Der energisch durchgeführte Streik traf die Firma um so mehr, als„Palmin",„Palmona" und andere Speisefette be- sonder? in Arbeiterkreisen konsumiert werden. In erneuten Ver- Handlungen, die zwischen der Firma und den Vertretern der Ge- iverkschaft und dem ArbeitcrauSschuß stattfanden, wurde eine Einigung erzielt. Der Stundenlohn wird sofort um 1 Ps. und vom Januar 1915 um einen weiteren Pfennig erhöht. Die Arbeiter erhalten jetzt 50'/, bis 52'/z Pf. pro Stunde. Die Schichtlöhne und Wochen- löhne sind ebenfalls entsprechend erhöht, ebenso wurden die Löhne der Arbeiterinnen um l Pf. aufgebessert. Der garantierte Mindest- lohn für Akkordarbeiterinncn wird auf 2,40 M. pro Tag erhöht. Die etwa 100 während der Bewegung eingestellten Arbeiter werden entlassen und die ausständigen Arbeiter nehmen ihre alten Plätze wieder ein. Eine Verkürzung der Arbeitszeit ließ sich nicht erreichen. Die Arbeitszeit beträgt bisher 56 Stunden in der Woche. Liemes feuiUeton. Die anständige Firma. Der Prozeß der Kruppschen Kornwalze hat ichon letzt ein Ergebnis gezeitigt, das ein Demokrat mit inniger Freude als Bestätigung seiner Weltanschauung von der Gleichheit aller Menichen m sich verarbeiten darf. Ob eS sich um die Per- fönlichkeiteu der größten und mächtigsten Jndustriestrma Deutsch- lands oder um die lichticheuen Geschäftsleute des armseligsten Animierlokales handelt— es bleibt dieselbe Geschichte. Herr Brandt bezog, wie man weiß, auf seinem Berliner Krupp- Posten ansehiiliche ReprasentatronSgelder. Diese hatten natürlich nur den Zweck, die Leuiseligkelt der Firma unter die Berliner Massen zu bringen. Krupp lebt«von Mordwerkzeugen) und läßt leben(von Wein, Thcaicrbilletts, Gcichenken und Darlehen!) Also kneipte Herr Brandt, schleppte seine Freunde ins Puppchen oder Autoliebchen und pumpte ihnen; freilich b-lchrankte er seine repräsentative Volks- Propaganda für Krupp auf Leute, d,e auf irgend eine Weise mit der Lieferungen vergebenden Militärverwaltung zusammenhingen. Die geistvollen Gespräche aber, die beim Blase Wein in den Zwischen- Pansen von Vorstelluligen oder bei der Abwicklung von Darlehens- geschästen geführt wurden, zeichnete er sorgsam auf, verewigte sie in Maschinenschrift und sandte diele gesammelten.Brandisgespräche mit Zeugleutnants" namenlos in regelmäßiger Folge in die Kruppschen Gehcimschräiike nach Essen; so entstand em liierarisches Archiv, m dem die bedeutsamen geistigen Regungen von Feuerwerkern. �ntendantursekretären und Zeugleutnants preußischer Nation auf- bewahrt wurden. Mail nannte aber diese Urkunden der Krupp. mtellektuellen— Kornwalzen. Indessen nicht allen Menschen geht der Geist leicht ab. Es be- oarf mitunter alkoholisckkr Nachhilfe, um die nmere Gedankenwelt über die Zunge zu treiben. Und so mußte der arme Brandt zu- 11111 vcu H°siern und Gönnern der Firma Krupp unmäßig » F'.repräsentativ saufen, wenn er die Kornwalzen. h«™ und reichlich fortsetzen wollte. Danach käme» Suo-nhNck o a°""sse Reaktionserscheinungen, und m einem Luginblick solcher Zerknirschung klaate er wohl einem der Krupp- Leben�m.d'er"toflT f v bieI trintcn unb tabe T DirJftnr Oh« � ein anständiger Mensch bleiben. Der Direklor aber brauste mit der blitzschnellen alle Strafparagraphen zugleich im Fluge uberschauenden Erkennlnisschärfe der Unternehmer. Intelligenz gegen den unglücklichen Repräsentationstrinker aus:„Tun Sie denn was Unanständiges? Wcnn dg.? mindeste passiert, sind Sie für uns erledigt; merken Sie sich das Eine in der Tat demokratisch erfrischende Antwort k Jener Sub- dlrektor Krupps hat genau dasselbe Verteidigungsmittel gegen alle u�fsiichen Zwychenfalle angewandt, wie der Inhaber des Weinlokals �ndko?t�Ve��sMieL 1:11 unbezahlten Kellnerinnen den tugendhaften Vertrag schließt, daß sie auss strengste, bei Vermeidung lofortiger Entlassung, angewiesen seien, sich jeden AnimierenS zu emhalien und keinerlei Unanständigkeiten zu dulden oder zu be- gehen.... Auch die gefällige aber teuere Wirtin, die ihre Zimmer an Mädchen auf Tage, Stunden und Minuten vermietet, pflegt ihren Schlafgangerinnen zu sagen: Herrenbesuch dulde ich nicht, sonst müssen S»e sofort raus. Nein, es ist alles in Ordnung und alles kann gut geschworen werden. Es wird überall auf die gleiche Weise für ein unantastbar gutes Gewissen gesorgt. Die Firma ist grundsätzlich überzeugt, und nichts kann sie in dieser Ueberzeugung erschüttern, datz nicht das mindeste passiert, und wenn der Kriminal dennoch in die Korn- ivalzen des ahnimgslosen Anstandcs hineinplatzt, so verschränkt die Firma die Arme und ruft mit dem entrüsteten Pathos eines schmä- lich Verratenen und gänzlich aus den Wolken Gefallenen: Haben wir Ihnen nicht gesagt, wenn das mindeste passiert!... Wir sind eine anständige Firma, Ehrensache! Landwirtschaft in der B-lksschule. AnS Düsseldorf wird einer Korrespondenz geschrieben: Interessant ist eS. was in diesen Tagen die D o r f g e m e i n d e N e u w c r k im München-Gladbacher In- dustriegebiet in vorbildlicher Arbeit durch Schaffung einer Garten- bauschule für die oberen Klassen ihrer Volksschule geleistet hat. Die Schule, die auf den Namen des Grafen Häseler getauft wurde, will die zukünftigen Bürger, deren viele als Arbeiter der Industrie zuwandern, zur Errichtung eines eigenen Heims, zu Gartenarbeit und Kleinviehzucht anregen und anleiten. Ans diese Weise arbeitet sie zu- gleich auch der völligen Industrialisierung ihres Gebietes, das heute noch teilweise landwirtschaftlich ist, glücklich entgegen; und wie notwendig dieser Widerstand ist, zeigt gerade dieses Gebiet mit dem durch Fabrikabwässer verpesteten, zu einer Landplage gewordenen Flüßcken Niers. Die Schule gibt im Winter und bei schlechtem Wetter theore- tischen Unterricht oder die Unterweisung in der Viehhaltung in den dafür eingerichteten Ställen für Ziegen, Schweine, Kaninchen und Hühner. In dem von� der Gemeinde zur Verfügung gestellten Gartengelände sind zunächst fünf 600 Ouadratmeter große Schul- gärten abgeteilt worden. Jedes der größeren Schulsysteme erhält so einen eigenen Garten, dessen eine Hälfte den Knaben, dessen andere den Mädchen zufällt. Ein größerer Teil des Geländes wird für Obst- kullur zurückgehalten, auf einem andern Stück werden Mustergärten in verschiedenen Größen angelegt; hier sollen in freien Stunden die Knaben besonders ausgebildet werden, die lebhaftere Aufmerk- samkeit und stärkere Begabung zeigen. Durch besondere Vor- kehrungcn soll dafür gesorgt werden, daß auch die schulentlassene Jugend fortgebildet werden kann. Ferner ist für die Mädchen eine Haushaktungsschule angegliedert worden, in der ein Teil der Obst- und Geinüseerzeugnisse verwertet wird. Dieses Experiment wird zweifellos unternommen, um der so- genannten Landflucht entgegenzuarbeiten und den Industriearbeiter als kleinen Besitzer seßhaft zu machen. Die Gemeinde Neuwerk hat in der Tat die Absicht, 100 Morgen Bruchland als Arbeiter- siedelung auszubauen. Wenn aber auch der nächste Zweck, der mit dieser Schulreform erstrebt ivird, ein agrarisch- reaktionärer sein mag, der Grundgedanke ist doch sozialistisch. Unser Ziel: die Schule dem Leben dienstbar zu machen und die Arbeit in die Schule als ErziehnngS- und Unterrichtsmittel einzuführen, ist hier über- nommen und einseitig ausgenützt worden. Sozialistische Gedanken werden hier also zunächst in einer entstellteu Form Wirklichkeit. Eine Wallfahrtskirche gefällig? Eine ebenso seltene als seit« same Kaufgelegenheit bietet sich, wie der„Franks. Ztg." geschrieben wird. Interessenten am 12. August in K r a m s a ch bei Rattenberg im tirolischcn Unterland. Laut Bekanntmachung des Bezirksgerichts Nattenberg gelangt an diesem Tage die Wallfahrtskirche Zu unserer Lieben Frau auf dem sogenannten Hilariberg bei Kramsach mit allen Nebengebäuden, der Kapelle, dem Marienhospiz, Gärten, Wiesen und Weideland im Wege der gerichtlichen Versteigerung � zum Verkauf. Ebenso wird auch das ge- samte Zubehör an Kircheneinrichtungen, Paramenten, Kirchen- gewändern, Altären, Bildern, Glocken, Kreuzwegstationen usw. an den Meistbietenden veräußert. AIS Schuldner erscheint in der amt« lichen Kundmachung des Bezirlsgerichts von Ratlenberg der Abt der Wallfahrtskirche?. Gerzabek, als Gläubigerin ist die Preßburger Bank in Preßburg eingetragen. Die uralte Wallfahrtskirche auf dem Hilari- berg, vor vielen Jahrhunderten von den Herren von Liechtenthurn erbaut, war einmal eine Einsiedelei. Später zum Gnadenort er« hoben, war sie das Ziel vieler Wallfahrten aus ganz Tirol. Ueber die Ursachen der jetzigen finanziellen Bedrängnis ist in der Oeffent« lichkeit nichts bekannt. Vielleicht bildet sich eine internationale Aktiengesellschaft zum Betriebe des UnteniehmenS(Religion der Aktionäre natürlich Neben- fache). Oder hält das Kapital so fromme Sachen nicht mehr für an« lagewürdig?_ Notizen. -7 Prof. August Wassermann ist zum Direktor des Instituts für experimentelle Therapie in Dahlem ernannt worden. Wassermann ist hauptsächlich durch die nach ihm benannte Reaktion bekannt geworden, auf Grund deren festgestellt werden kann, ob eine Syphilis geheilt ist. — D er konfiszierte Tolstoi. Die Staatsanwaltschaft in S p a l a t 0(Dalmatien) hat Tolstois Schrift über die Bauern- Unruhen konfisziert, was das Verbot für ganz Oesterreich bedeutet. Nach dem Borbild des russischen Obersten Gerichts durfte doch die österreichische Zensur nicht zurückbleibenl — Ei» konfiszierter Roman. Der Roman des katholischen Pfarrers Hans Kirch st eiger„Wie lautet das sechste Gebot" wurde in Wien vom Staatsanwalt konfisziert. Das liiatfenttreiftproMem. Genosse K a u t s k y legt dann in Nr. 42 der„Neuen Zeit seine eigene Auffassung über das Massenstrcikproblem dar. Er schreibt: l. Der jüngste belgische Massenstreik sowie der Abschluß des preußischen Landtagswahlkampfes haben die Frage des Massen� streiks bei uns wieder in Fluß gebracht. Aber in recht eigene artiger Weise. Man diskutiert ihn nicht etwa, weil man glaubt nun sei der Moment gekommen, wo er uns den(sieg verspreche sondern deshalb, weil man vermeint, wir kämen nicht vorwärts und weil man kein anderes Mittel weiß, den Wahlrechtskampf fort- zuführen. Man wendet sich ihm zu nicht aus Siegeszuversicht, son- dem aus Verlegenheit. Noch schlimmer aber ist es, daß sich bei der Diskussion die größten Meinungsverschiedenheiten über den Massenstreik ergeben. Und die Meinungen sind nicht etwa bloß in der Weise geteilt, daß man sich für oder wider den Massenstreik ausspricht. Es bestehen vielmehr die verschiedenartigsten Anschauungen. Die eine Rich- tung propagiert den Massenstreik nach dem letzten belgischen, eine andere nach russischem Muster. Eine dritte erklärt, weder ein belgischer noch ein russischer sei bei uns möglich, damit aber auch jede Möglichkeit eines Massenstreiks für uns ausgeschlossen. Die vierte Richtung endlich stimmt der dritten darin zu, daß ein Massen- streik in der Art der beiden Muster bei uns nicht mehr möglich sei. Sie schließt daraus indes nicht, daß damit jede Aussicht auf einen siegreichen Massenstreik in Deutschland ausgeschlossen sei, sondern nur, daß er hier seine besonderen Bedingungen habe, die zurzeit wohl nicht gegeben seien, deren Eintreten aber keineswegs unmöglich, sondern sehr wohl zu erwarten sei und vielleicht schon in kurzer Zeit durch gewaltige Ereignisse herbeigeführt werden könne. Die Richtung, die man die belgische nennen kann, will einen oder mehrere Demonstrationsstreiks, die ebenso friedlich enden, wie sie begannen. Zu einem derartigen friedlichen Ausgang ge- gehört nicht bloß eine strenge Disziplin der Feiernden, sondern auch eine wohlwollende Neutralität der Unternehmer. Es liegt durch- aus kein Widerspruch darin, sondern ist sehr logisch, wenn die Idee eines solchen Streiks gerade von Genossen verfochten wird, die in höherem Grade als die Mehrheit der Partei zu den Libe- ralen mehr Vertrauen haben. Wir müssen in Deutschland darauf gefaßt sein, daß einc�all- gemeine Arbeitsruhe auf die entschiedenste Gegnerschaft sämt- licher Unternehmer stößt, auch der liberalen unter ihnen; daß sie den Temonstrationsstreik mit ausgedehnten Aussperrungen beant- Worten, die entweder die Kassen der Gewerkschaften leeren und mehr deprimierend als anfeuernd wirken, also den Zweck des Temonstrationsstreiks in sein Gegenteil verwandeln, oder stür- mische Protestaktionen hervorrufen, die den friedlichen Demon- strationsstreik über Nacht in einen gewaltsamen Kampfstreik ver- wandeln, der ausgefochten wird, bis der eine oder der andere Teil der Kämpfenden zu Boden liegt. Daß dem so ist, gibt die andere Richtung zu, die wir die russische nennen wollen. Aber das ist für sie kein Grund, nicht nach einem solchen Demonstrationsstreik zu drängen. Im Gegen- teil, gerade weil er den Kampfstreik in seinem Schöße birgt, ver- langt sie ihn. Die Frage aber, ob wir zurzeit die Kraft haben, ihn siegreich auszufechten, weist sie mit verächtlicher Handbewegung als bürgerliche Krämerfurcht von sich ab. Nur einmal anfangen, und die unorganisierten Massen, die nie versagen, werden schon kommen. Und wenn wir auch niedergeschlagen werden, und die Organisation zum Teufel geht, was liegt daran? Um so größer die Erbitterung der Massen, um so rascher werden sie den Streik wiederholen, immer und immer wieder, wie es in Rußland 1SOS der Fall war, bis der Sieg erreicht ist. Das ist die„frisch-fröhliche Parole" dieser Richtung. Nun sind, wie schon gesagt, die russischen Verhältnisse mit den unseren nicht zu vergleichen. Die russischen Arbeiter sind völlig rechtlos, der Streik ist für sie die einzige mögliche Art der kor- porativen Betätigung. Was immer sie bewegt, es äußert sich in einem Streik. Dabei sind sie die bedürfnislosesten der euro- päischen Arbeiter, können ohne Erwerb und Unterstützung länger aushalten als irgendeine andere Arbeiterschaft des kapitalistischen Europa. Und überdies waren die Ereignisse von 1905 von der außer- brdentlichsten Art. Eine Reihe zerschmetternder Niederlagen im Kriege hatte die Regierung bei den Massen zu einem Gegenstand von Haß und Verachtung gemacht. Die Möglichkeit erstand, end- lich die Bedingungen menschenwürdigen Lebens zu gewinnen, das unerträgliche Joch abzuschütteln. Die Arbeiter wurden angestachelt, ihre Existenz einzusetzen, weil sie erwarteten, eine Welt zu gc- Winnen. Dabei wurde ihr Kampf in dem allgemeinen Zusammen- bruch erleichtert dadurch, daß vielfach die Unternehmer die Löhne während des Streiks weiterzahlten, teils aus Sympathie mit den politischen Freiheitsbestrebungen der Arbeiter, in weit höherem Grade aber noch aus Angst vor ihrer Macht. Trotz alledem mußte schließlich die chronische Streikerei auch hier versagen. Sie reichte aus, die Freiheit zu erobern. Sie ver- sagte, als es galt, die Freiheit zu verteidigen. Das ewige Streiken hatte das Proletariat so erschöpft, daß es der Gegenrevolution nicht mehr ausreichenden Widerstand entgegenzusetzen vermochte. Und seitdem bis heute ist es in Rußland still geworden vom chronischen Massenstreik, obwohl dort keine zentralisierte Massenorganisation die nie versagende unorganisierte Masse hemmt. Für Westeuropa mit großen zentralisierten Massenorgani- sationen und für nicht revolutionäre Zeiten ist die Idee des chroni- schen Massenstreiks einfach absurd. Da konzentriert sich der Kampf stets zu einer einzigen großen entscheidenden Aktion. So wenig kann oas russische Beispiel als Schablone für Westeuropa dienen, daß sich seine Vertreter bei uns selbst nicht streng daran halten können. In Rußland entsprangen die Massenstreiks der spontanen Erregung der Volksmassen, die durch den militärischen Zusammen- bruch des Zarismus ausgelöst wurde. In dieser Spontaneität, die durch ein gewaltiges Ereignis hervorgerufen wurde, das auch den indifferentesten, zurückgebliebensten Mann im Volke aufrütteln muhte, lag die siegreiche Kraft jener Streiks. Unsere„Russen" hier erkennen an, daß die Spontaneität der Erregung Vorbedingung eines siegreichen Massenstreiks sei. Aber sie sehen in den deutschen Massen keine derartige gewaltige Er- regung; darauf zu warten, bis historische Ereignisse, wie in Ruß- land, die Massen aufpeitschen, ist ihnen aber zu langweilig. Sic verlangen die spontane Erregung möglichst bald, und da sie nicht kommen will, fordern sie kategorisch von der Partei, sie soll diese Spontaneität durch eine„kühne Initiative" künstlich schaffen, und zwar sofort. Wodurch soll dies aber erreicht werden? Durch nichts anderes als durch eine„kühne Aktion", das heißt durch den Massenstreik. Das sei das souveräne Mittel, die Massen zu erregen, daß sie unS begeistert folgen und den Massenstreik machen! Münchhausen, der sich am eigenen Zopfe aus dem Sumpfe zieht. Dieser Widersinn erklärt sich daraus, daß hinter der marxisti- schen Erkenntnis, die Volksmassen würden nur durch große soziale Veränderungen bewegt, noch die blanquistische Putschtaktik lauert, daß eö stets nur eine kleine Minderheit sei, die die Geschichte in der Weise macht, daß sie durch ihre kühne Aktion die Volksmassen mit sich fortreißt, eine Taktik, die die deutsche Sozialdemokratie von ihren Anfängen an verworfen hat. Wir brauchen nicht in die Vergangenheit zurückzugehen, um zu zeigen, wie oft jene Minderheiten in ihrem Vertrauen in die „nie versagende unorganisierte Masse" bei ihren Putschen herein- gefallen sind. Aber wir haben in der jüngsten Vergangenheit ein Beispiel, das zeigt, daß selbst eine bedeutende organisierte Mehr- heit. die dringende Bedürfnisse der Gesamtheit vertritt, ber ichr wohl überlegtem und vorbereitetem Vorgehen nicht bloß von der unorganisierten Masse, sondern sogar von anderen, okonomncb in i Ähnlicher Richtung wirkenden Organisationen im Stiche gelassen, ' ja bekämpft werden kann, wenn sie 5en Versuch macht, sie durch ihr Vorgehen mit sich fortzureißen. Wir meinen den letzten Berg- arbeiterst ceik. Er hat deutlich gezeigt, daß wir uns auf keine andere Macht verlassen dürfen, als auf unsere eigenen Organi- sationen. Kein Zweifel, die Mitwirkung der gegnerischen Organisationen und der unorganisierten Masse ist sehr wertvoll. Wir können nicht warten, bis wir den letzten Mann in unseren Organisationen drin haben. Aber mit der Mitwirkung der außerhalb unserer Organi- sationen stehenden Proletarier steht es sehr faul, wenn sie nicht spontanem Drängen dieser Elemente vor der Aktion entspringt, sondern wenn erst die Aktion den nötigen Spiritus in ihnen her- vorrufen soll. Einer Aktion der organisierten Proletarier, die mit leichter Mühe siegt, also die unorganisierten Elemente gar nicht braucht, könnte es wohl gelingen, diese mit sich fortzureißen. Eine Aktion, die auf hartnäckigen Widerstand stößt, vielleicht mit einer Nieder- läge bedroht ist, kann unmöglich geeignet sein, die Schwachen, die Feigen, die Unentschlossenen, also die Nichtorganisierten mit sich fortzureißen. Nichts irriger als die Ansicht: Das Proletariat kann seine Kräfte nicht sammeln und seine Macht für den endgültigen Sieg nicht anders steigern, als indem es sich im Kampfe erprobt, mitten durch Niederlagen und alle Wechselfälle, die ein Kampf mit sich bringt. Ein aus- gefochtener großer Kampf, ganz gleich, ob er mit Sieg oder Niederlage endet, leistet in kurzer Zeit an Klassen- aufklärung und geschichtlicher Erfahrung mehr als Tausende von Propagandaschriften und Versammlungen in windstiller Zeit. Diese Auffassung deckt sich völlig mit der der Syndikalisten von der revolutionären Gymnastik, nnt der sie es so herrlich weit gebracht haben. Sie wird nicht richtig dadurch, daß man als andere Alter- ncrtive die Taktik jener Vorsichtsmänner hinstellt, die sich nur dann zum Kampfe entschließen, wenn sie den Sieg in der Tasche haben. Man kann nicht stets bloß dann kämpfen, wenn man des Sieges sicher ist— wo das der Fall, wird der Gegner meist frei- willig das Feld räumen. Aber niemals kämpft man bloß um zu kämpfen, gleichgültig, ob man siegt oder nicht, man kämpft um zu i e g e n, um ein bestimmtes Resultat zu erreichen. Das wäre ein sauberer Feldherr, dem es nur um den Kampf und nicht um den Sieg zu tun wäre. Man tritt in der Regel nur dann in einen Kampf ein, wenn man erwarten darf, zu siegen, und nur durch Siege, nie durch Niederlagen gewinnt ein Feldherr das Ver- trauen seiner Truppen, gewinnt eine Partei das Vertrauen der Massen. Ein Feldherr, der sich verlocken läßt, einen Kampf auf einem ihm ungünstigen Terrain aufzunehmen, gilt in der Kriegs- geschichte als Tummkopf, und wenn er der tapferste Mann wäre. Daß der Kampf an sich belebend und kräftigend wirkt, einerlei ob er mit einem Sieg oder einer Niederlage endet, ist ein Grund- atz nicht des Krieges, auch nicht des Krieges der Klassen, son- dern des Sports. Nur unter ganz ausnahmsweisen Verhältnissen kann ein pro- letarischer Kampf auf jeden Fall, auch wenn er mit einer Nieder- läge endet, erhebend wirken. Das gilt einmal für Arbeiterschichtcn, die so herabgedrückt sind, daß sie nichts mehr zu verlieren haben. Raffen die sich einmal zu einem Verzweiflungskampf auf, dann kann schon die bloße Tatsache, daß sie einmal nicht widerstandslos zusammenknicken, und daß der einzelne sich nicht isoliert sieht, daß er sich vereint fühlt mit zahlreichen anderen Kämpfern, anfeuernd wirken, auch wenn der Kampf augenblicklich kein Resultat hat. Der- artige Kämpse sind unter russischen Verhältnissen noch häufig, nicht aber unter deutschen. Anderseits kann eine Arbeiterschaft, die schon Erfolge erzielt, die etwas an organisatorischer Macht oder politischen Rechten zu verlieren hat, gezwungen werden zu einem Kampfe,„ganz gleich, ob er mit Sieg oder Niederlage endet", dann, wenn der Gegner versucht, ihr ihre Errungenschaften zu rauben. In diesem Falle wäre eine kampftose Waffenstreckung vor dem Feinde viel ver- nichtender, als es die vernichtendste Niederlage nach hartnäckiger Gegenwehr sein könnte. Auch im Kriege kann die entschlossene Ver- teidigung einer belagerten Festung bis zum letzten Mann, selbst wenn jede Aussicht auf Entsatz ausgeschlossen, der schließliche Fall der Position sicher ist, von großer Bedeutung werden. Das Beispiel Adrianopels und Skutaris wirkte auf die türkische Bevölkerung sicher erhebend. Aber auch in solchem Falle, wo man angegriffen ist und sich einer Haut wehren muß, wird ein guter Feldherr nach einer Taktik suchen, die verspricht, zum Siege zu fuhren, und sich von jedem Abenteuer fernhalten. So hat zum Beispiel die deutsche Sozialdemokratie nach dem Erlaß des Sozialistengesetzes alle Anreizungen der Moste und Hasselmänner zurückgewiesen, die von der Partei verlangten, sie olle mit energischen Erhebungen gegen dieses Attentat auf die Freiheit des Proletariats protestieren. Bei der Beratung über die Verlängerung des Sozialistengesetzes 1880 bedauerte Öasselmann im Reichstag, daß seine Kollegen die Taktik der russischen„Nihi- listen" ablehnten, und er erklärte, die Zeit des parlamentarischen Geschwätzes sei vorüber, die Zeit der Taten gekommen. So wenig fand diese„kühne Initiative" ein Echo in den Massen, daß Hasselmann wenige Wochen darauf Deutschland ver- ließ, um in Amerika spurlos zu verschwinden. Heute ist unsere Situation sicher eine andere. Weder sind die deutschen Arbeiter'so herabgedrückt, daß sie gar nichts mehr an Rechten und organisatorischer Macht zu verlieren hätten, noch aber stehen im Momente Positionen in Gefahr, die sie erobert haben. liritlk an der keichstagsfralltion. Die Haltung der Reichstagsfraktion zur Wehr- und Deckungsvorlage war der Gegenstand der Er- örterung in zwei Parteiversammlungen in Leipzig am 18. und 23. Juli. L e n s ch als Referent wies darauf hin, daß seit einiger Zeit in der Partei lebhafte Debatten über die Taktik der Gesamt- Partei im allgemeinen und der Reichstagsfraktion im besonderen gepflogen würden. Der große Wahlsieg von 1912 habe Er- Wartungen erweckt, die um so grausamer enttäuscht wurden, je mehr sie sich auf parlamentarische Erfolge konzentrierten. Be- anders ernüchternd habe der Ausfall der preußischen Landtags- Wahlen und dann die schnelle Annahme der Militärvorlage im Reichstage der 110 Sozialdemokraten gewirkt. Namentlich die An- nähme dieser Niesenvorlage habe in die Partei ein starkes Gefühl des Unbehagens hineingetragen und die Frage aufgeworfen, ob alles getan worden sei, den möglich größten Widerstand zu leisten. Der Fraktion sei besonders ihre Haltung vor der zweiten Lesung der Wehrvorlage vorgeworfen worden, als es sich darum handelte, ob die Fraktion die zweite Lesung der Wehrvorlage aus der Budgetkommission im Plenum zulassen sollte oder nicht. Das habe sie bekanntlich getan; und wie Lensch betonte, habe sie daran recht getan. Er begründete dies eingehend aus der Lage der damaligen Verhandlungen und der Haltung der bürger- licken Parteien. Die ungleich wichtigere Frage sei aber, wie wir uns zu der endgültigen Abstimmung der Fraktion zu verhalten hätten. Die Ablehnung der Wehrvorlage habe sich von elbst verstanden, ebenso die der Stempelsteuer, Zuckersteuer, Auf- Häufung des Kriegsschatzes usw. Den Wehrbeitrag und die Besitzsteuer aber habe die Fraktion angenommen. Die Er. klärung des Genossen Haase zur Wahrung unserer prinzipiellen Haltung dem Militarismus gegenüber sei ja da ganz schön ge- Wesen, noch schöner wäre es aber gewesen, wenn wir unseren prinzipiellen(Standpunkt auch bei der Ab st im- mung gewahrt und besonders den Wehrbeitrag abge- lehn: hätten, was ohne die geringste Gefährdung proletarischer Interessen hätte geschehen können und somit hätte geschehen müssen. Bei der Be sitzsteuer sei es insofern anders gewesen, als hier die Konservativen dagegen stimmten und die Gefahr vorlag, daß die Besitzsteuer fiel, wenn die Sozialdemokratie dagegen stimmte, und eine indirekte Steuer an ihre Stelle getreten wäre. Lensch erörterte dann die(Stellung der Partei zu den Steuern und bemerkte, es sei nicht Aufgabe der Sozialdemokratie, dem Staate die Steuern zu bewilligen, die er zur Erhaltung seiner Bureau- kratie, seines Heeres usw. braucht. Dem Staate Steuern zu be- willigen, lediglich weil sie Besitzsteuer oder Erbschaftssteuer ist, können wir nicht als richtig anerkennen. Wir verlangen Ein- kommen- und Vermögenssteuer als Ersatz für die indirekten Steuern. Nur dort, wo eine direkte eine indirekte Steuer beseitigl�.'önnen wir prinzipiell für sie stimmen, das heißt, wir können selbst dann für sie stimmen, wenn das Stimmergebnis nicht von unseren (stimmen abhängt. Auf der anderen Seite können wir einer direkten Steuer nicht aus prinzipiellen, aber aus taktischen Gründen zustimmen, wenn bei ihrer Ablehnung die Einsührung einer in- direkten Steuer droht. Das war der Fall bei der Bejitzsteuer; des- ivegen war hier die Zustimmung der Fraktion durch die Zwangs- läge geboten. Nichts aber und gar nichts, auch die Er'- klärung Haas es nicht, kann die Zustimmung zum Wehrbeitrag rechtfertigen. Hier hatte die Frak- tion die volle Freiheit der Entschließung. Die Annahme des Ge- setzes stand fest, alle Parteien— mit Ausnahme der Polen— stimmten ihm zu. Wenn auch die Sozialdemokratie ihm zu- gestimmt hat, so halte ichdiesenSchritt fürverhängnis- voll und für einen schweren Fehler. Hierauf erörterte Lensch die Situation in der Partei. Ter Partcikörpcr mache gegenwärtig einen heftigen Gärungsprozeß durch, die Partei besinde sich in einem Stadium des lieberganges. Der Imperialismus habe neue Probleme gestellt, die Gegen- sätze in der Gesellschaft und zwischen den konkurrierenden Staaten außerordentlich verschärft; diese hätten einen Spannungsgrad er- reicht, der ein Ausweichen nicht mehr ermögliche. In dieser Situation erhebe sich aus der Masse der Genossen selber ganz spon- tan der Ruf nach dem Massenstreik. Das sei kennzeichnend für die politische Situation der Partei. Es spreche hier der Geist der Offensive und sein Erwachen sei die erfteulichste Erscheinung, die wir seit langem in der Partei gehabt. Dieser Geist erwache im selben Augenblick, da der Parlamentarismus als Waffe für das Proletariat an Schneidigkcit und Wucht zu verlieren beginne. Mit dem Anwachsen der Sozialdemokratie bilden die bürgerlichen Par- tcien im Parlament immer eine geschlossene Masse; da sei es nötig, daß die Kämpfe im Parlament immer mehr begleitet werden von der bewußten und entschiedenen Anteilnahme der Masse. In der D i s k u sss i o n sprach zunächst S ch ö p f l i n, der erklärte, nicht nur für die Besitzstcuer, sondern auch für den Wehrbeitrag ge- stimmt zu haben. Seit der Stengelschen Finanzreform im Jahre 1908 sei eine Aenderung in der Haltung der Partei zu den Steuer- fragen eingetreten, und zwar bei der Tantiemcsteuer, für die die Fraktion stimmte. Daran habe sich keine Partcidiskussion geknüpft, wohl aber über die Haltung der Fraktion bei der Beratung der Erbanfallsteuer im Jahre 1909. Hier hätten Genossen wie Kautsky, «inger, Ledebour den alten Standpunkt vertreten: Diesem System keinen Mann und keinen Groschen! Bei der diesjährigen Steuer- Vorlage habe kein Parteiblatt gefordert, die Fraktion solle den Wehrbeitrag ablehnen. Das sei auch erklärlich, denn im Manifest der französischen und deutschen Fraktion vom 1. März heiße es, die (Sozialdemokratie hat, wenn sie neue Militärvorlagen nicht ver- hindern kann, dafür zu kämpfen, daß die Lasten für diese Vorlagen auf die Besitzenden abgewälzt werden. Solchermaßen festgelegt, habe die Fraktion gar nicht anders gekonnt, als dem Wehrbeitrag zuzustimmen. Auf der einen Seite verlangten wir im Programm direkte Steuern, auf der anderen Seite heißt es: Diesem System keinen Mann und keinen Groschen. Für ihn stehe fest, daß die Partei nicht dauernd in diesem Zustand bleiben könne. Die Ent- Wickelung habe dazu geführt, für Mittel zu stimmen, die ausschließ- lich militärischen Zwecken dienen. Nachdem 1908 der erste Schritt getan war, glaube er, müsse die Partei noch weitere tun, da wir kommende Militärvorlagen nicht verhindern könnten. Genosse Grenz machte der Parteipresse einschließlich der „Leipziger Volkszcitung" den Vorwurf, daß sie in der kritischen Zeit vollständig versagt habe, soweit es sich um die radikalen Anschau- ungen handelte. Im Gegensatz zu Lensch sei er nicht der Meinung, daß der Revisionismus tot ist. Manchen Parteiorganisationen und manchen Redakteuren sitze er stärker im Nacken als sie selbst an- nehmen; er stecke heute in manchen Köpfen, wo man ihn vor einigen Jahren noch nicht gesucht hätte. Von dem Verwendungszweck der Steuern(für militärische Zwecke) sei keine Rede mehr. Um über die Dinge hinwegzukommen, singe man ein großes Lied vom Im- perialismus und Massenstreit. Die Partei stehe vor einem Ent- weder— Oder. Entweder werde die Partei den Parlamentarismus weiter betätigen, dann müsse sie alle Konseqnenzen tragen, oder aber sie werde etloas anderes tun. In der zweiten Versammlung legte Genosse Block dar, daß die Fraktion für direkte Steuern stimmen mußte, wenn damit in- direkte verhütet wurden. Das sei bei der Besitzsteuer der Fall ge- Wesen. Für den Wehrbeitrag hätte sie auf keinen Fall stimmen dürfen, denn dieser belaste den Mittelstand, die Bauern usw. zu- gunsten des Großgrundbesitzes. Zur Frage des Verwendungs- zweckes erklärte er: Wenn wir uns in keiner Zwangslage besinden, dewilligen wir für das Militär keinen Groschen. Wenn wir aber nur nach dem Verwendungszweck fragen, würden wir zu ganz un- möglichen Situationen kommen. Die Verwendung der Steuern für die Militärvorlage ist ein Uebel; aber dieses Uebel konnte die Fraktion nicht mehr verhindern. Es galt jetzt, das kleinere Uebel zu wählen, und das war die Abwälzung der Kosten auf die Besitzen- den. Danach ist die Fraktion verfahren, nur beim Wehrbeitrag nicht. Denn dieser hatte eine Mehrheit: es war nicht zu befürchten, daß hier indirekte Steuern drohten Genosse L i p i n s k i wendet sich gegen die pessimistische Be- urteilung der Lage der Partei. Der Revisionismus, wie ihn Schippe! verkörperte, sei durch die Verschärfung der Klassengegen- sätze uberwunden. Soweit er aber sein ganzes Augenmerk auf die Gcgenwartsarbeit richte, sei er gestärkt Es gelte darum, die Ge- nossenmehr theoretisch zu schulen. Daß der JmperiaUsmuseine neue Erscheinung sei, könne er nicht einsehen; 1892 habe ch« Kautsky ,n, einen Exläuterunaen aum Erfurter Programm behan- delt. Durch das Auftauchen neuer Schlagworte werde die Agitation nicht gefördert. Er legt dann dar, daß das Schlagwort: Diesem System keinen Mann und keinen Groschen, zu einer Zeit gangbar war, als die Partei noch keinen auSschlagg�e�en Fattor dar stellte. W,r bekämpfen den Militarismus, aber wir können ihn nicht verhindern. Wir müssen deshalb danach streben, dienten da�r aus die schultern der besitzenden Klassen zu walzen, ow das gesthehe, sei eine steuertechnische �rage Im Programm se. kein Vorbehalt wegen des»Ameckes Die Fraktion habe vernunftig Ärr ksin s ££ Ite Ä»'««äs fei«äj?.s-L aber Militar.smus v7rwend� werden Von einer Zwangslage sei k Rede gewesen Wohl hätte d,e Ablehnung Konflikte gebracht, doch nur»wischen den �rgerlichen Parteien und zwischen diesen und der Rcaicrung. Diese Konslikw hotten wir aber nicht zu stheuen auch nickt eine even u-lle Re.chStaaSauflösung, bei der m Geaenteft die Part-,-"je äußerst gunstige Stellung gehabt hätte. Aber manch- Kr-is- der Partei scheuten emen solchen Konflikt i» der Sorge um-"»S- Mandate. Höher aber als diese Mandate stände dock unser Programm mid die Möglichkeit der Auftlärung der Wäblermassen be. einer Wahl. Es sei gesagt worden, die Masten hätten die Ablehnung einer Besitzsteuer durch die Fraktion " die dann erfolgende Einführung neuer indirckkdr Steuern „übt verstehen können. Da müßte es schlimm stehen um die Par- tei nachdem sie so groß geworden und solche Mittel zur Verfügung bat wie ihre Presse. Den Kampf gegen die indirekten Steuern hätte die Partei ruhig aufnehmen können. Wollte man sagen: Tie neuen indirekten Steuern kamen nur, weil die Sozialdemo- kraten keine direkten Steuern wollten, so müsse man fragen: Würden denn die 100 Millionen neuer indirekter Steuern ein so großes Unglück gewesen sein? Die Lumperei mit der Vermögens- tuwachsfteuer bedeutet einen Pappenstiel gegenüber den 140 000 'kann, die man im selben Augenblick dem Volke aufhalst. Es wäre eine ganz neue Taktik der Partei, sich nach der Stimmung der Masse zu richten. Unsere Aufgabe sei es, den Masten unsere grund- sätzliche Haltung beizubringen. Diesmal sei der Opportunismus in der Fraktion ausschlaggebend gewesen. Dieser Rechnungs- trägerei müsse ein Riegel vorgeschoben werden, denn er schädige die Partei und mache sie zum Gespött der Gegner. Die Bürger- lichen könnten heute sagen: Ihr könnt gegen den Militarismus sein; bewilligt nur die Mittel, das andere werden wir schon be- sorgen. Auf die Frage: Sollen wir der bürgerlichen Gesellschaft direkte Steuern bewilligen? sagen wir: NeinI Denn sonst be- willigen wir sie dem von uns bekämpften System und stellen uns in Widerspruch mit uns selbst. Den Grundsatz: Diesem System keinen Mann und keinen Groschen, mag man verlachen; ich unter- stütze ihn. Wir bekämpfen das System und sollen es unterstützen? Da wären wir entweder verrückt oder wir wären Verräter. Wenn es einmal dahin käme, unter dem jetzigen Programm so zu handeln, dann würde es zu schweren Kämpfen innerhalb der Partei kom- men. Das bürgerliche System zu schützen, darf die Partei niemals tun, sonst bleibt sie keine proletarische Partei mehr. In dem Augenblick, wo sie ihre Grundsätze aufgibt, wer- den die Kämpfe so heftig, daß die Gefahr besteht, daß aus der jetzigen proletarischen Partei eine neue proletarische Partei entsteht.(Stürmische Zu- stimmung.) Genosse Müller ist der Meinung, die Verwirrung in der Steuerftage rühre daher, daß man sie in erster Linie als eine tak- tische Frage auffasse. Das sei nicht nur die Schuld der Fraktion, sondern der ganzen Partei, die trotz der seit langem bestehenden Unklarheit, trotz eines Antrages Geher, die Steuersrage auf einem Parteitage zu behandeln, die Entscheidung solange hinausgezogen babe. Es scheine fast, als ob man sich aus taktischen Gründen scheute, die Entscheidung zu beschleunigen. In seinem Schlußwort betonte L e n sch nochmals, es habe für die Fraktion eine taktische Zwangslage bestanden; und ledig- lich dadurch sei mit Hilfe der Erklärung des Genossen Haase die Haltung der Fraktion zu verstehen. Bei dieser Gelegenheit könne man auch die Absurdität beobachten, die in der Forderung nach Abrüstung liegt. Denken wir unS, daß eine Abrüstungsvorlage, also eine Verweigerung des Heeres und der Marine, der jetzigen Heeresvorlage gegenüberstand. Dann wäre also die Partei in die Lage gekommen, für eine solche Vorlage stimmen zu müssen, bloß um eine gefährlichere Vorlage, die der Heeresvermehrung, zu ver- hindern. Die angestimmten Klagen über die Versumpfung der Partei seien unberechtigt. Wir haben keinen Anlaß, die Köpfe hängen zu lassen. Eine Resolution lag den Versammlungen nicht vor. Die end- gültige Stellungnahme zu den Fragen soll in den Versammlungen der Kreisvereine zum Parteitage erfolgen. ver tvürttembergiiche Parteitag. Die Landesversammlung der Sozialdemokraten Württembergs wurde am Sonnabend und Sonntag in Stutt- gart abgehalten. Es waren 406 Delegierte anwesend, außerdem die Mitglieder der Parteileitung sowie der Preßkommission und die Rächrzahl der Landtagsabgeordneten. Als Vertreter der Ge- samtpartei war Genosse E b e r t- Berlin, als Vertreter der elsatz- lothringischen Partei Genosse H ü b e r- Straßburg erschienen. Den Vorsitz führten H i l d enbrand- Stuttgart und G öh r i ng- Ulm. Ten Bericht des Vorstandes über seine Tätigkeit in den ver- flossencn neun Monaten erstattete dessen Vorsitzender Hilden- b r a n d. Das Wesentliche aus dem gedruckt vorliegenden Bericht ist schon mitgeteilt worden. Hildenbrand besprach die Taktik bei den Landtagswahlen und verteidigte den Landesvor- stand gegxn den von einigen Ortsvereinen erhobenen Vorwurf wegen des mit der Volkspartei getroffenen Abkommens, das sich auf fünf Wahlbezirke erstreckt. Die hierbei eingeschlagene Taktik habe der von der vorjährigen Landesversammlung gegebenen Direk- tive entsprochen, die dahin ging, nach Möglichkeit das Zustande- kommen einer schwarzblauen Landtagsmehrheit zu verhindern. Der Landcsvorstand habe überdies in voller Uebereinstimmung mit den Vertrauensmännern des Landes gehandelt. Das Wahlabkommcn habe leider den Erwartungen nicht entsprochen, aber der Landes- vorstand habe nicht das Gefühl, daß er Vorwürfe verdiene. Auch dic� Abstimmung bei den Landesproporzwahlen beftiedige nicht; unsere Wähler hätten in größerer Zahl zur Urne gebracht werden und die Partei hätte zwei weitere Mandate erobern können, die bei der jetzigen Zusammensetzung des Landtages von großem Wert wären. Der Redner streifte sodann die Agitation gegen die Rüstungsvorlage, die leider, wie im übrigen Reich, nickst das gewünschte Echo fand. Er wies dann auf die EntWickelung der Or- ganisation hin und betonte die Notwendigkeit, die Unorganisierten zu gewinnen, denn mit Organisierten können Massenaktionen er- folgreicher durchgeführt werden als mit Unorganisierten. Ein- gehend beschäftigte sich Hildenbrand mit den zwischen dem Landesvorstand und der Preßkommission e n t- st a n d e n e n K o n f l i k t e n. Es sei dem Lattdesvorstand zu verdanken, daß vor zwei Jahren die Preßkommission eingesetzt wurde. Aber man habe nie einen Zweifel darüber gelassen, daß die„Tag- wacht" Landes orgaa sei und bleiben müsse. Die Preßkommisiion aber habe dauernd versucht, ihre Befugnisse auf Kosten des Landes- Vorstandes zu erweitern. Sie habe damit lediglich den Wünschen des radikalen Teiles der Stuttgarter Genoffen gedient. Das Landes- organ solle aber nicht das Blatt eines Teiles der Partei sein, son- dein den verschiedenen Anschauungen innerhalb der Partei Rech- nung tragen. Dw Retaktion eines Parteiblattes dürfe sich auch nicht als L ber.�,eni urbchorde betrachten, sondern habe die Aufgabe, die auf exponiertem Posten stehenden Genossen zu decken und die Aktionen der Partei zu unterstützen. Die.Tagwacht* könne nicht drei Beichwerdeinftanzen brauchen. Nach dem geltenden Statut seien Beschwerden an den Landesvorstand, in zweiter Instanz an den Landesausschuß zu richten. Die Preßkommission habe bei der Anstellung der Redakteure und bei der Kontrolle der taktischen Hal- tung des Blattes mitzuwirken. Dies Recht sei ihr nicht bestritten worden. Auf die Einzelfälle, die zu Differenzen zwischen beiden Instanzen führten, könne ausführlich nicht eingegangen werden. Die Preßkommission solle nicht, wie sie behaupte, das fünfte Rad cksu Wagen sein, aber sie solle auch nicht dem Landesvorstand, der die Verantwortung ftir die Tätigkeit der Partei im Lande trage, zuweisen. Wenn auf allen Seiten die Neigung bestünde, sich zu verständigen, so fände sich auch ein Weg. Im Bericht des Geschäftsführers Vehr über d,e Parteipresse wird hervorgehoben, daß von den Landtagswählern erst 40 Proz. re,,Cr-.".w" Presse find. Besonders der Abonnenten st and viel zu wünschen�übrig. Preßkommission erstattete Genossin V e t: t n. tele erkannte an. daß Hildenbrand sich um das Zu- setzuna°de�R����lsion bemüht habe. Aber bei der Be- ietzung der Redaktton hecke nicht nur der LandeSvorftand, sondern fvn»T801 �tzrgenkourmen gezeigt. Die Preßkommission habe sich streng an ihre Befstanille die Siechte des - be» Londcsvorst-nd» wäre e» ' Preßkommission ein--n jL&lJ? Sebe es auch Genossen. d,e eine andere Haltung im vurttembergtsshcri«ictls wun cheg. Apex gia fBfeu jaufil in prinzipiellen Fragen einen einheitlichen Standpunkt berkreten. Die einzelnen Redakteure dürften nicht entgegengesetzte Anschauungen im Blatt vertreten. Mit unbeschränkter Redezeit erhält dann Redakteur E r i s p i e n das Wort. Die von ihm vor einem Jahre in Stuttgart angetretene Stellung sei nicht die angenehmste gewesen. Nicht ganz falsch werde er sie ausgefüllt haben, denn keine Beschwerde und kein Mißtrauensbeschlutz liege vor. Der Äandesvorstand habe aber der Redaktton die Arbeit erschwert, indem er versucht� habe, in der Frage der Heranziehung von Mitarbeitern Vorschriften zu geben. Auch habe er bestimmte Artikel beanstandet und Urteile gefällt, ohne die Redaktion zu hören. Der Redner ging auf Einzelfälle ein und verteidigte dann die Stellungnahme der.Tagwacht" zur Teilnahme der Fraktion an der Landtagseröffnung. Tann rechtfertigte Crispien die Haltung der„Tagwacht" in einigen weiteren Fragen und versicherte, es sei immer rein sachlich gekämpft worden. Als offenbar würde, daß die Fraktion für die Besitzsteuern stimmen wollte, habe er allerdings erklärt, jetzt sei es Zeit, die Parteipresse auf den Tamm zu rufen. Er habe den Erfolg zu verzeichnen, daß die.Tagwacht" jetzt nickt mehr allein stehe. Jedenfalls lasse sich die Redaktion nicht die Flügel beschneiden und aus der„Tagwacht" kein amtliches Kreisblatt des Landesvorstandes machen. Am zweiten Vcrhandlungstag waren noch als Ver- freier der bayerischen Landespartei der Genosse Maurer-Dkün- chen und als Vertreter der badischen Partei Genosse Hahn- Mann- heim anwesend. Die Debatte über die Presse wurde fortgesetzt. Redakteur Pflüg er, der den württcmbcrgischen Teil der„Tag- wqcht" redigiert, sprach gleichfalls mit unbeschränkter Redezeit. Er beklagte sich über Mangel an kollegialem Zusammenarbeiten in der Redaktion. Gegen den Artikel über die Landtagseröffnung habe er wegen der Form des Artikels Einwendungen erhoben. Wäre diesen Einwänden Rechnung getragen worden, so würde die nachfolgende Auseinandersetzung weniger heftig und umfangreich gewesen sein. Er habe dasselbe Ressortrecht für sich beansprucht, da? die anderen Redakteure hatten, die ihn vor der Veröffentlichung wichtiger, die Parteitaktik berührender Artikel auch nicht fragten. Die Landesversammlung vor zlvei Jahren habe eine einheitliche Redaktion gewünscht. Ter Landesvorstand habe dann Konzessionen gemacht. Das billige er. Er wünsche nur, daß man bei MeinungS- Verschiedenheiten auch mit ihm rede. In der weiteren Diskussion traten die Redner teils für den LandeSvorftand und gegen die Haltung der„Tagwacht", teils für die Preßkommission und die„Tagwacht"-Taktik ein. Im ganzen verlief die Auseinandersetzung in sachlichen, ruhigen Bahnen. In den Schlußworten der Referenten wurden die Differenzen noch einmal eingehend besprochen. Hildenbrand wandte sich besonders scharf gegen Crispien. Fast eine Stunde dauerten dann die persönlicken Bemerkungen, die den Abschluß der Debatte bildeten. Einstimmig angenommen wurde ein Antrag, der die Befugnisse der Preßkommission und des Landesvorstandes genau umgrenzt. Mit starker Mehrheit fand auch ein Antrag Annahme, in dem das Einverständnis mit der Taktik des Landesvorstandes bei den Landtagswahlen ausgesprochen und die Art der Aufstellung der Proporzkandidatcn gutgeheißen wird. Die Anstellung eines Sekretärs für den Sckwarzwaldkreis wurde dem Landesvorstand zur Erwägung überwiesen. Die Anträge gegen die Doppelmandate gelten durch den Beschlutz als erledigt, nach welchem Doppelmandate möglichst � besonders bei Neuaufstellungen— vermieden tverden sollen. Durch Uebergang zur Tagesordnung wurden die Anträge erledigt, die die Ablieferung eines Teils der Diäten von Doppel- mandataren und Parteiangestellten verlangen. Zur Frage des DelegationsshstemZ wurde beschlossen, den Landesvorstand mit der gründlichen Prüfung aller gegebenen Anregungen und mit der Ausarbeitung einer alle berechtigten Wünsche berücksichtigenden Vorlage für die nächste Landesversammlung zu beauftragen. Die Minderheit der Versammlung sprach in einer Erklärung ihr Be- dauern über die Verzögerung der Entscheidung aus. In der Frage der Zugehörigkeit von Parteigenossen zu bürgerlichen Turnvereinen wurden die Parteigenossen verpflichtet, keinen Vereinen anzu- gehören, die versteckt oder offen antisozialdemokratische Tendenzen verfolgen. liebet die Tätigkeit der Reichstagsfraktion refe- rierte Genosse Keil, der in der Deckungsfrage den Standpunkt der Mehrheit der Fraktion vertrat und die Haltung der„Tagwacht" kritisierte. Dr. Lindcmann vertrat denselben Standpunkt; Westmeher und Crispien beanstandeten die Zustimmung zu den Deckungsgesetzen. Eine Resolution, die die Haltung der Frak- tion billigt, wurde zurückgezogen, nachdem auch eine Vertrauens- resolution für die„Tagwacht" zurückgezogen worden war. Auf das Referat über die Landespolitik wurde wegen der vor- geschrittenen Zeit verzichtet.— Nach einer ausgedehnten Debatte über die Förderung der Frauenorganisatton fand der Antrag des Landesvorstandes auf Einsetzung einer Frauenagitationskommission Annahme. An Stelle des nach Hamburg übersiedelnden Genossen Hilden- brand. der die Leitung des literarischen Bureaus der„Volkssür- sorge" übernimmt, wurde Genosse Fischer zum Vorsitzenden des Landesvorstandes gewählt. Die übrigen Mitglieder des Landes» Vorstandes wurden wiedergewählt. Neu tritt Genosse Keil in den Landesvorstand ein. Von den sieben bisherigen Mitgliedern des �andesausschusscs wurden fünf wiedergewählt, zu denen zwei kommen"" Stuttgarter Delegierten vorgeschlagene Mitglieder "'"demann würdigte dann noch die Verdienste Hlldeubrands um die Parteientwickelung des Landes, zollte ihm den Dank der Genossen und wünschte ihm ein erfolgreiches Wirken an der Statte ferner neuen Tätigkeit. -- Mrt seinem Schlußwort verknüpfte der Vorsitzende Hildenbrand w'nen Dank für das ihm seit vielen Jahren geschenkte Vertrauen. A/ic Versammlung wurde dann mit einem Hoch auf die Partei ge- schlössen. Sericbts- Leitung. Gegen die Hundesperre. Gegen den Aviatiker Leutnant a. D. Ellrry von Gorrisscn hatte gestern die 1. Ferienstrafkammer des Landgerichts II eine An- klage wegen vorsätzlichen Vergehens gegen das Biehscuchrngesctz zu verhandeln.— Ter Angeklagte ist Besitzer eines großen etwas bös- artigen Hundes, den er häufig in seinem Automobil nach dem Flug- platz Johaninslhal mitnimmt. Eine Frau Paul hat auf dem Flug- platzgclände die Aussicht über eine— Hammelherdc. Da es häufig vorkam, daß der Hund des Angeklagten wie toll in die Hammelherbe hineingelaufen war und, wie die Frau P. behauptet, sogar einen Hammels totgebissen hatte, hatte sie sich wiederholt an von G. gewandt mit der Bitte, den Hund anzuschließen. Als der Angeklagte auch selbst nach dem Erlaß der Hundesperre den Hund weiter frei herumlaufen ließ, erstattete die um ihre Hammel be- sorgte Frau schließlich Anzeige. Das Gericht nahm nur eine Fahrlässigkeit an, da die Be- Häuptling des Angeklagten, daß sich der Hund losgcrisscii habe, nicht zu widerlegen war. Während der Staatsanwalt nur 15 M. Geldstrafe beantragt hatte, erkannte das Gericht auf eine Geldstrafe von 30 M.____ Bus aller Älelt. Die Eisenbahnkatastrophe in Jntland. Zu dem furchtbaren Eisenbahnunglück werden noch folgende Einzelhciten�gcmeldet; Das Unglück passierte kurz nach 4 Uhr an der Sneumer Brücke einen Kilometer westlich von Bramminge. Zufälligerweise hatte man in Bramminge keine Lokomotive bereit und es dauerte erst IV« Stunden, ehe der H i I f s z u g an der Unglücksstelle, die nur wenige Kilo- mctcr entfernt liegt, eintraf. In Bramminge war der e i n z i g e Arzt nicht zu Hause und eine Krankenpflegerin auSi Kopenhagen, die auf Ferien in Bramminge Kveilte. leistete die erste Hilfe. Man telephonierte sofort nach allen Aerzten der Umgegend und in einer Stunde waren ungefähr dreißig Aerzte an der Unglücksstätte versammelt. Me Unglücksslätte bot einen entsetzlichen Anblick. Die zweite Lokomotive hatte sich tief in die Erde eingegraben. ein Durchgangswagen, sowie drei Personenwagen waren voll- kommen zertrümmert. Die Trünimer waren über und über mit Blut bespritzt. Die Nettungsarbeiten waren außer- ordentlich schwierig. Man mußte die Toten mit Sägen und Beilen aus den Trümmern befreien und herzzerreißende Szenen spielten sich hierbei ab. Die Verwundeten jammerten vor Schmerzen und die nicht oder nur Leichtverletzten suchten weinend nach ihren Angehörigen; die Mütter suchten ihre Kinder, die Männer ihre Frauen, die stöhnend unter den Trümmern lagen, ohne daß es möglich war, sie sofort aus ihrer entsetzlichen Lage zu befteien. Sämtliche Leichen sind furchtbar ver- stümmelt. Die Toten liegen auf blumengeschmückten Bahren im Hotel von Bramminge. Die Verletzten sind in den beiden Krankenhäusern in Esbjerg untergebracht. Von dem Zugpersonal wurde merkwürdigerweise nie- mand verletzt. In dem verunglückten Zuge befanden sich im ganzen 179 Passagiere, größtenteils Eng- l ä n d e r und Deutsche. Die Ursache der Katastrophe ist noch nicht vollkommen aufgeklärt. Die Gleise waren neulich umgelegt worden und wurden infolge desien morgens und abends genau geprüft, ohne daß man am Unglücksmorgen Fehler gefunden hätte. Man vermutet, daß die enorme Hitze, die in ganz Dänemark herrschte, die Gleise gebogen hat. Der Eisenbahnminister, der Minister deS Innern und der Generaldirektor der dänischen Eisenbahnen sind in der Nacht in Automobilen an der Unglücksstätte ein- getroffen. Eine amtliche Untersuchung über die Ursache der Katastrophe ist eingeleitet worden. Auch ein sozialistischer dänischer Abgeordneter, Genosse S a b r o e, ist tödlich verunglückt. Er erhielt bei dem Zu» sammenstoß eine so schwere Verletzung der Schläfe, daß der Tod sofort eintrat. Insgesamt wurden 16 Personen getötet. Die Zahl der Verletzte« betrögt 60—70. Auch eine Anzahl Berliner befinden sich unter den Toten und Schwerverletzten, Der Rentier A r t u r W e l l n e r, der bei dem Unglück den Tod fand, steht im 52. Lebensjahr. Er wohnte in der Nassauischen Straße 31 zu Wilmersdorf. Weiterhin hat bei dem Unglück der Kaufmann Krause aus Charlottenburg, Wielandstraße 14, das Leben eingebüßt. Unter den Ver- letzten befinden sich Frau Margarete Kohl, deren Sohn Arno Kohl und ihre Schwägerin Frida Kohl aus der Bamberger Straße 29 zu Schöncberg. Während Frau Kohl nur leicht verletzt wurde, und ihr Befinden nach den zuletzt eingelaufenen Nachrichten günstig ist, sind Arno und Frida Kohl schwer verletzt_ Schwere Automobilunfälle. Wie aus Stuttgart gemeldet wird, fand am Sonn- tag in der Nähe Stuttgarts ein Radfahrer ein qi�r auf der Straße liegendes umgestürztes Automobil. Der Schmiede» meister Paul Mayer aus A u l e n d o r f lag tot da- neben, der Besitzer des Automobils Undalenkesa und sein Sohn sowie der Fabrikant Frick von Aulendorf lagen schwer ver- w u n d e t und bewußtlos am Straßenrande. Offenbar hat das Auto eine Kurve zu kurz genommen nnd ist dabei umgestürzt. Mannheim, L8. Juli. Gestern nacht fuhr eine von dem Chauffeur Noerr gesteuerte Kraftdroschke auf der Neckarbrücke mit solcher Wucht gegen einen Leitungsmast der elektrischen Straßenbahn, daß das Fahrzeug vollständig zertrümmert wurde. Von den vier In« fassen erlitten zwei so erhebliche Verletzungen, daß sie als. bald verstarben. Der Chauffeur, dem die Schuld an dem Un- fall treffen soll, wurde verhaftet. Paris, 28. Juli. In der Nähe des Waldes von Fontainebleau stießen gestern an einer Straßenkreuzung die Automobile des Pariser Börsenmaklers Brault und deS Theaterdirektors Montcharmont zu- sammen. Die Gattin deS letzteren und die Schauspielerin Du- bourg wurden getötet und vier Wageninsassen schwer verletzt._ Verheerende Waldbrände in Südfrankreich. Man schreibt unS aus T o u l o n vom SS. Juli: Seit einigen Tagen stehen die Wälder auf den Ausläufern der Seealpen an der französischen Riviera in Flammen. Zunächst wurde der Baum- bestand der Insel Porquerolles bei Toulon völlig vernichtet. Zwischen Hysres und Frejus, zwei bekannten Kurorten, schreitet die FeuerS- brunst nnt einer Front von über 20 Kilometern Breite unaufhaltsam landeinwärts. Ein weiterer ausgedehnter Brandherd wird aus der Nachbarschaft der italienischen Grenze gemeldet. Das Feuer findet reiche Nahrung in den Kiefernwäldern und in den Oliven- und Weinpflanzungen, um so mehr als seit Monaten hier kein Tropfen Regen gefallen ist und ein heftiger Sturm die Flammen selbst über breite, baumlose Flächen hinwegtreibt. Der Verlust an Früchten und Vieh ist bedeutend; viele Häuser und Ställe fielen dem Element zum Opfer; die Bewohner mehrerer Ortschaften mußten sich Hals über Kopf in Sicherheit bringen. Ob Menschenleben zu beklagen sind, steht noch nicht fest. Allgemeines Befremden erregt die Teil« nahmlosigkeit der militärischen Behörden: von den vielen Regi- mentern, die zwischen Toulon und Nizza in Garnison stehen, sind bis jetzt ganze hundert Mann zur Hilfeleistung abgeordnet worden. Kleine Notizen. Neuer Weltrekord und Todessturz. Einen neuen Höhenweltrekord mit drei Passagieren hat der englische Flieger Henry HawkeS ausgestellt. Er erreichte auf dem Flugplatz von Brookland mit drei Pasiagieren eine Höhe von 2595 Metern.— Bisher war Theten Inhaber des Weltrekords.— Der Aviatiker Chambenois unternahm in A u t e r i v e (Frankreich) Flüge. Nachdem er bereits längere Zeit die Lust durch« kreuzt halte, versagte plötzlich sein Motor und daS Flugzeug stürzte aus größerer Höhe herab und zerschellte am Boden. Der Flieger wurde mit zerschmettertem Schädel tot aus den Trümmern hervorgezogen. BcrhöngniSvolle Blitzschläge. Esch Weiler. 28. Juli. Gestern nachmittag schlug der Blitz in die Gruppe einer Mädchen- kongregation aus Langerwehe ein, die sich auf einem Ausflug nach der Schevenhütte befand. Sämtliche Mädchen wurden betäubt. Fünf sind durch Brandwunden schwer verletzt, zwei erlitten nur leichte Verletzungen.— Innsbruck. 28. Juli. Auf dem Brandjoch wurde gestern während eines Gewitters ein Tourist vom Blitze getötet, einige andere betäubt und leicht verletzt. Opfer der Berge. Aus Bern wird gemeldet: Am Tour Satteres sind drei Franzosen, wahrscheinlich Studenten aui Paris, eine über 1000 Meter hohe Felswand abgestürzt. Die schrecklich verstümmelten Leichen sind geborgen. Am großen Mythen stürzte der Schreiner Otto E g l i aus Zürich ab; er war sofort tot. Auch am Siebenkreuzberg in den Appenzeller Bergen ereignete sich ein Absturz, der aber nicht tödlich verlief. fraueti-Lefeabemle. HervSdors. Der Lejegbevd sällt. diesmal am Sozialdemokratischer Wahlverein für den 4. Berliner Reiehstagswahlkreis. Heute Dienstag, den 29. Juli 1913, abends 8 Uhr: Sechs Uiertels Uerf ammlungen in folgenden Lokalen: 4. Stralauer Viertel in den Coulcnins-Zälen, Mcmeler Str. 67 Referent: Genosse 5. Petersburger Viertel in der Löwenbrauerei, Frankfurter Allee 53. Referent: Genosse Wicloch. 6» Landsberger Viertel im Elysium, Landsberger Allee 46. Referent: Genosse Zlelle. Tagesordnung: 1. Anträge und Vorschläge der Delegierten zum Parteitag. 2. Bestätigung der Delegierten zur Vcrbandsgeneralversainnilung. - Mitgliedsbuch legitimiert.- 213/20* Ter Aorftand. 1. Görlitzer Viertel bei Graumann, Naunynstr. 27. Referent: Genosse Büchner. Ä. Köpenicker Viertel in Süd-Ost, Waldemarstr. 75. Referent: Genosse Siegle. 3. Frankfurter Viertel bei Boeker, Weberstr. 17. Referent: Genosse Basner. H.& P. Uder, Berlin MO. 16, engd-Ofer 5. Tnbak-GrroUhanellnng und Tahakfabrik. Spezialität: Nordhäuser Kautabak von Q. A. Kanewacker, Qrtmm& Triepel. — Stets frisch zu den äutiersten Engrospreisen.■ Amt IV. 3014. �peziaiarzt f. Haut-. Harn-. Frauenleiden. nerv. Schwäche, Beinkranke jeder Art, Ehrlich Hata-Zluren in u.Co.konz. Laboral, j Blnt- Untersuchung., Fäden i. Harn usw. fiieiriEldr, 81, Spr. 10— 2, 5— 3, Sonnt. 11— 2. Honorar uiähig. auch Teilzahl. 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ScilM des„flotBirts" Strlintr Bullistilill 5ifn9t«j,29.|ulim Die ASHIerliiten zur Stadtverordnetenwal)! liegen nur noch bis Mittwoch, den 3V. �uli, zur Einsicht nähme aus. nnd zwar von 3 Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends in den Turnhallen der folgenden Gemeindeschulen: Hagelberger Str. 34, Wahlbezirke 1—8: für die Stadt bezirke 1-78 Q 118, 120 und 210-217, Waldemarstr. 77, Wahlbezirke 9—14: für die Stadtbezirke 79-117, 119 und 121-144, Strausberger Str. 9, Wahlbezirke 15—25: für die Stadt' bezirke 145—201, Oderberger Str. 57, Wahlbezirke 26—35: für die Stadt' bezirke 202-209, 218— 254 E, 258-267, 276-278 und 321, Ravensstr. 12, Wahlbezirke 36— 48: für die Stadtbezirke 255—257, 268—275, 279— 320 L, 322— 326 V. Jeder steuerzahlende Einwohner sollte sich überzeugen, ob .sein Name m der Liste aufgeführt ist. Partei- 5Zngelegenbeiten» Zweiter Wahlkreis, 6. Abteilung. Heute Dienstag abend, in Habels Brauerei, Bergmannstr. 6—7: Versammlung. Bortrag der Genossin Regina Rüben. Karlshorst. Am Dienstag, den 29. d. M., abends 8l/j Uhr, im Restaurant.Fürstcnbad" «heiter 3 heiter 1 ivolkeiib 20 2 wölken! 18 wölken! 16 1 heiter 1 18 Stationen ■ S te= if >aparandai 760 SO ictersburg 756 NW Scillv i 767, still Abcrdeen 771WN« Paris 766 NO Wetter 2.wolkenl 3'wolkcnl heiter 1 wolkig «bedeckt fi äj 14 11 16 13 18 Wetterprognose für Dienstag, den 23. Juli 1913. Kühler, vorherrschend wolkig mit etwas Regen und ziemlich srischeu nordwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Wafferftauds-Rachrichten der LandeSanstalt für Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterbureau Wasserstand Mcmel, Tilsit P r e g e l, Jnslerburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor , Krosjen . Frank surt Warthe, Schrimm Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leittneritz , Dresden , Barby Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs.— Fall.—») Unterpegcl. SpezialarzY K'8 und ____ Frauenleiden— Ehrlich- Mala. Blutuntersuchung. Schnelle, sichere Heilung. Mäßige Preise. 252/7* Dr. rned.WcckenfuB, Friedrichstr. 125, Oranienb.Tor. 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Admiralspalast, St. Moritz. Eisballett: Flirfw Sternwarte, Jnvalidenstr. 57—62. Berliner Tdester. s uhr: Filmzauber. DentoclicsScliaiiBpielliiHi* 8 Uhr: Der gute Ruf. lii'oll-Kzisn 8 Uhr: (Gastspiel: Eihel Hansa.) Mittwoch: IdOhengrin. Sachse-Opsr Sehiller-TbealerOÄTer: 8 Uhr: Don Juan. Theater de« Westens. Ab Freitag. 1. Aug.: Kurzes Gastspiel Sylvester Schäffer. Vorher die beiden Einakter: Bin angebrochener Abend. Bas starke Stock.— Sommerpreise I Theater atnKollendorlpIalz Mann mit der grün. Maske. Im Kino-Varietsteil erst. 2 Nassige Varietsnummern u. d. neuest.Gaumontfilms » 1 2 Eeiehshallen-Theater Ciastsplel der berühmten dresdener Vlriona- Sänger. Anfang 8 Uhr. Freitag, 1.8.: Wiederbeginn der s OSE=THEATE Große Franksurter Str. 132. IsgMeh einer Verlorenen. Ansang 8'/, Uhr. Auf der iöartenbühne: Achtung! Ks geht los! Große Posse. Ansang 4'/, Uhr. 1 Voigt- Theater Badstraste 58. Dienstag, den 29. Juli 1913: Nur noch einige Male: vi« schttne Äelnsine. «ollst, neue erstkl. Spezialitäten. Kassenöffn. 19 Uhr. Ansang i'L Uhr. Voranzeige. Dienst., 5. Aug.: Benefiz Heinr. Bach: Ter Berschwender. Ißetropol-Ttieater. Abends 8 Uhr: Die Kino- Königin. Operette in 3 Akten von Jul. Freund und G. Okonkowski. Musik von dfean Gtlbeet. In Szene gesetzt o. Dir. Rich. Schultz. VolkLgsrten-7lles«ör. Badstr. 8 und Bellermannstr. 20/23. Täglich: Konzert. Theater und Spezialitätenvorstelluug. Unsere Don Juans. Posse mit Gesang u. Tanz in 4 Akten. Hieraus die brillanten Juli-Tpe- zialitäte«. Ansang 4 Uhr. _ Brauerei Friedrichshain m Am KSnigstor. Cef.: Ernst Eicblni" fflWF" Jeden Dienstag- und Donnerstagnachmittag:"ME Kaffee-frei-Vorstellung der Norddeutschen und Apollo- Sftnger bei freiem Entree. Freitags: Frei-Konzert. Täglich: Woltetsd. 8cllleiise früh 9 u. 11 Uhr, nachm. 2'/« Uhr Neue Mühle früh 10 Uhr. Hin und zurück Reederei Zachow. Abs. von der Michaclbrüete am Stadtbahnbogen. 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Druck u. Verlag: Vorwartz jvuchdruckerei u. VerlagSanstalt Pastl Singer it. Eo� Berlin