£*♦194. Hbonnemenfs-Bcdingungen: HSotmemailä- Preis pränumerando! Lierteijähri. 3,30 SDlt., monatl. 1,10 Mk, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags, nummer mit Mustri erler Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement! 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitunas- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutjchland und Oesterreich> Ungarn 2,50 Mark, für das übrige Ausland 4 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, nänien, Schweden und die Schweiz. 39. Jahrg. vie Insertion;-LedW beträgt für die fechsgcspaltene Kolonet- zeile oder deren Raum 60 Pfg., für . fettgedruch. Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes wettere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch- ftaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis kl......"' Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. krtchelut tiigllch. Nerlinev Volksblnkt. Zentralorgan der rozSaldemokratifchen Partei Deutfcblands. Telegramm- Adreffe: Sozialdemokrat RcrlliT, Die Kelche« und die(Revolution. Während die Besitzenden im Deutschen Reich ob der ge- ringen Belastung, die ihnen Wehrbeitrag und Vennögens- zuwachssteuer auferlegen, entrüstet toben und sich bereits in den„sozialistischen Zukunftsstaat" versetzt wähnen, ist es nicht uninteressant, in der Geschichte einmal um hundertzwanzig Jahre, von 1913 auf 1793, zurückzugehen und zu schauen, wie in wirklich revolutionären Zeiten die Reichen angepackt wurden. Allerdings ist ja die große französische Revolution in ihres Wesens Kern eine Revolution der Kapitalisten, aber sie weist doch Strecken auf— und das sind gerade die revolutionärsten Zeitläufte—, da andere Volksschichten ihren Gang entscheidend beeinflussen. Solange die Konstituante das Revolutions- Parlament war. ging es den Besitzern mobilen Vermögens über die Maßen wohl. Die Kapitalisten waren geradezu die Schoßkinder der Konstituante. Trat ihnen, vor allem auf der feudal-agrarischen und antikapitalistischen Rechten der Ver- sammlung, irgendwer zu nahe, so sprang sofort M i r a b e a u, der bejubelte Wortführer des dritten Standes, gleich einem brüllenden Löwen auf und grollte die Mahnung in den Saal, doch„die leeren Deklamationen gegen Finanziers, Geschäfts- leute, Bankiers und Kapitalisten zu unterlassen". Seine Partei brandmarkte auch jede Steuer, die Arbeit und Industrie ent- mutige, als eine Verletzung der Menschenrechte, und so mühte sich denn die Konstituante bei Beratung der Steuer- frage, ängstlich die Menschenrechte dcS Kapitalprofits zu schützen. Der Vorschlag einer Rentensteuer, der zu verschiedenen Malen auftauchte, wurde jedesmal unbannherzig abgelehnt, und bei>er Mehrheit der Versammlung hatte der Plan einer Luxussteuer ebensowenig Glück, da sie viele wichtige Industrie- zweige mit dem Ruin zu bedrohen schien. In der Frage der direkten Steuern war überhaupt jener Delegierte des zweiten Standes ein weißer Rabe, der eine wirklich gerechte progressive Einkommensteuer vorschlug: kleine Einkommen ließ sie frei, mit fünf v. H. wollte sie die über zweitausend, mit zehn v. H. die über zehntausend Livre jährlich treffen. Aber das Bourgeoisparlament ging über diesen Antrag zur Tagesordnung über, da es, wie es seinem antifeudalen und antiagrarischenWescn entsprach, entschlossen war, dem Grundbesitz alle Lasten auf- zubürden. In der Tat wurde eine Grundsteuer angenommen, deren Ertrag man für 1791 auf 309 Millionen Livres einschätzte. Die sogenannte Mobiliarsteuer dagegen, die dem bcwsglichen Vermögen der Bourgeoisie galt und in der Hauptsache nach der Höhe der Wohnungsmipte bestimmt wurde, sollte wenig über ein Fünftel dieser Summe abwerfen. Als die Konstituante abdankte, sah sich die Legislative, unter dem Druck der stets steigenden Finanzmisere, gezwungen, die Besitzenden schärfer zu den Staatslasten heranzuziehen. Von einem Sechstel des Jahreseinkommens wurde der Höchst- betrag der Gnindsteuer auf ein Fünftel heraufgesetzt, und das bewegliche Vermögen traf ein Dekret, das Wertpapiere beim Besitzivechsel einer Stempelsteuer unterwarf, wie ein anderes, das vorläufig nur mehr staatliche Schuldderpflich- hingen unter 10000 Livres zurückgezahlt wissen wollte. Aber erst der Nationalkonvent legte sich mit seiner Steuer- Politik in einer Weise ins Zeug, daß den dicken Geldbeuteln anfing, angst und bange zu werden. Die Jakobiner, die bald im Konvent den Ton angaben, waren von einem ebenso unhistorischen wie grimmen kleinbürgerlichen Haß gegen die Besitzer großer Vermögen erfüllt. Die erträumte Welt der kleinbürgerlichen Rcvolutionspartei war mit lauter mittleren Existenzen bevölkert, die, unbehelligt von dem kapitalisüschen Kampf ums Dasein, ihr Tagewerk besorgten und Alltags ihren Tabak in der Pfeife und Sonntags ihr Huhn im Topfe hatten. Diese kleinbürgerliche �dylle setzte eine Ausgleichung des Besitzes voraus, aber was die Jakobiner damit anstrebten, war nicht etwa ein revolutionäres Ziel der Zukunft, das auf der Linie der Entwickelung lag, sondern eine reaktionäre Erstarrung der Vergangenheit, die durch keine Mittel zu bewirken war. Freilich waren diese Mittel radikal genug, und die Kapitalisten schrien Zeter und Mordio, als sie von den neuen Macht- habern unsanft' angepackt wurden. Mit dem System der Konstituante. Schröpfung des Grundbesitzes und Schonung des beweglichen Vermögens, war es vorbei. Pon der Feststellung ausgehend, daß dieses jenem an Wert zum mindesten gleichkomme, ichtug V e r n i e r als Berichterstatter des Finanzausschusses eine Progressivsteuer vor. die den Ueberfluß des Reichen treffen und das Bedürf- ms des Armen schonen sollte. Nach der Stufenfolge, die er gleichzeitig in einer Broschüre aufstellte, sollten von 12 000 Livres Einkommen 318, von 36 000 1619, von 18000 2644 Livres Steuer erhoben werden. Die Einkommensteuer, die der Finanzausschuß dem Konvent vorlegte, griff beträchtlich schärfer zu. Die Progression, die bei 1000 Livres jährlichem Ein- kommen begann, stieg in folgendes Weise: Einkommen.- Steuer: «a aan SlÖte* 320 Livres � 0UU» 1(W5 30 000. 0 070' WOOO. 2 370„ 60 000. 9 195' 80000. ig 245" 100000„ 25 295' IS« 000. soZ?: 200 000. 75 295. Das bedeutet innerhalb dieser� Einkommensgrenzen eine Staffelung von 3,2 Proz. bis zu 37 Proz.! Aber während der Konvent die Beschlußfassung über diesen Vorschlag noch aussetzte, ging die Kommune, der revo- lutionäre Gemeinderat von Paris, in dem der kleinbürgerliche Radikalismus fast unumschränkt herrschte, mit gutem Beispiel voran und beschloß eine Zwangsanleihe von 12 Millionen Livres auf folgendem Wege einzutreiben. Für jeden Familien- Vater wurde ein Existenzminimum von 1500, für jedes Familienmitglied eins von 1000 Livres jährlich festgesetzt. Von dem Ueberschuß darüber hinaus waren zu entrichten von 1 000— 2 000 Livres.. 30 LivreS . 2 000— 3 000„.. 50 „ 3 000- 4 000„.. 100. „ 4 000— 5 000... 300„ „ 5 000-10 000„.. 1000, . 10 000—15 000,.. 2250 . 15 000—20 000„.. 5 000. , 20 000—30 000,.. 10 000 . 30 000—40 000„.. 16 000 . 40 000—50 000„.. 20 000 über 60 000„.. Alles! Das schmeckte schon eher nach Konfiskation, denn es be- sagte, daß eine Familie von vier Köpfen mit einem Jahres- einkomnien von 200 000 Livres nicht weniger als 144 500 Livres an die Kommune abzuführen hatte. Aber es kam noch besser! Eine Zwangsanleihe, die das Departement Hürault ausgeschrieben hatte, wurde von Danton als Vorbild gefeiert mit der Ankündigung, daß man auch in dem übrigen Frankreich„den Schwamm ausdrücken" werde. Bald kam denn der Finanzministcr Cambon mit dem Plan einer„Bürgcranleihe" von einer Milliarde Livres. Ver- gebens standen von den Bänken der Gironde die Gegner des Vorschlages auf, vergebens suchte Buzot die Interessen- gemeinschaft von Kapital und Arbeit darzutun und ivarnte vor einer Abschreckung der Kaufleute und Fabrikanten von der Sache der Revolution, der Konvent beschloß die Anleihe, die von einem Jahreseinkommen von 3000 Livres schon 600 heischte und niemandem mehr als 4500 Livres Einkommen ließ, so wirklich die Einkünfte zu einer gewissen„Gleichheit" zurechtstutzend. Aber wenn es den geängstigten Kapitalisten auch schien, als gingen diese Dekrete und Gesetze wie eine Flutwelle zer- störend über jeglichett Besitz hin, so ragte doch am Ende das Prinzip des unantastbaren Privateigentums wie ein starrer Fels aus den schäumenden Wogen auf. Bei der Beratung der Zwangsanleihe mahnte Robespierre zu einer Schonung der mittleren Vermögen und R � a I warnte vor einer'zuweitgehenden Progression, geeignet, Frank- reich einer peinlichen Umwälzung in der Verteilung der Kapitalien auszusetzen, auf denen doch die der arbeitenden Klasse nötige Tätigkeit ruhe. Entscheidender aber war, daß G ö m i s s i e u s Vorschlag, auch �das Kapital zur Zwangsanleihe heranzuziehen, eine bündige Ablehnung er- fuhr. Als M e l l a r m ö erklärte, das Kapital treffen, heiße das Eigentumsrecht verletzen, erscholl auf allen Bänken lauter Beifall— selbst wo sie kleinbürgerliche Strudel auf' warf, blieb es doch eine kapitalistische Revolution. Beginn der Bukaretter Friedens- Konferenz. Die Verhandlungen, die den mazedonischen Krieg be- enden sollen, haben in Bukarest begonnen. Die Unterhändler haben beschlossen, ihre Beratungen geheim zu halten. Das wird natürlich nicht hindern, daß die Sensationspresse wie die großen Blätter, die um jeden Preis„Informationen" bringen wollen, allerlei Nachrichten und Kombinationen „aus guter Quelle" in die Welt lancieren werden. Alle diese Meldungen sind also mit kritischer Zurückhaltung aufzu- nehmen. Obwohl ein Waffenstillstand nicht abgeschlossen wurde, will man offenbar doch die Feindseligkeiten während der Ver- Handlungen ruhen lassen, soweit sich die Militärs ans dem Kriegsschauplatze von den Diplomaten Vorschriften niachen lassen. Ob die Gerüchte, nach denen es auch schon zu Diffe- renzen zwischen Serben und Griechen gekommen sei, auf Wahrheit beruhen, läßt sich noch nicht feststellen. Alle Welt erwartete am Donnerstag von der Bot- s ch a f t e r k o n fe r e n z in London wichtige Entschließungen gegen das Vorgehen der Türkei. Die Erwartung wurde aber gründlich getäuscht. Die Herren in London haben sich lang und breit über die Verfassung des autonomen Albaniens unterhalten, haben dafür gesorgt, daß vor allem die so eminent wichtige Gendarmenfrage für dieses famose und vielversprechende neue Staatswesen geregelt werde, um die Frage der Maß- nahmen gegen die Türkei sind sie aber herumgegangen wie die Katze um den heißen Brei. Die offiziöse Presse der ein- zelnen Großmächte versichert, aber nach wie vor, daß ihre Regierungen„einig" seien. Diese so hilflose und unfruchtbare „Einigkeit" gibt den Konjekturalpolitikerli und Börseninter- essenten reichlich Stoff, über das thrazische Problem tief- finnige oder auch sehr berechnende Betrachtungen anzustellen. Die Aussichten der Bukarest« Konferenz. B u k a r r st, 30. Juli.. Die Delegierten haben beschlossen, ssber den sachlichen Inhalt der Sitzung keine Mitteilungen an die Presse gelangen zu lassen. Ueber die Besprechungen der Delegierten untereinander verlautet, daß vor allem die Ein- stellung der Feindseligkeiten vor dem Beginn der Konferenz erörtert worden sei. In dieser Beziehung wirkte die Ankunft des griechischen Ministerpräsidenten Benizelos mäßigend auf die Ansprüche Serbiens, so daß gehofft wird, daß die Konferenz nicht unter.Kanonendonner eröffnet werden wird. Die Berbün- deten erklären, daß sie ihre Bedingungen gemeinsam stellen und es dadurch den Bulgaren unmöglich machen würden, mit einem allein Frieden zu schließen. Die allgemeine Stimmung in bezug auf den voraussichtlichen verlauf und die Dauer der Konferenz ist günstig. ES besteht die Hoffnung, daß man in zehn bis vierzehn Tagen am Ziele sein werde. Da das Blatt„Universul" den Sinn eines von Spalaikowitsdfc Mitglied der serbischen Mission, gewährten Interviews entstellt wiedergegeben hatte, haben die Bevollmächtigten beschlossen, zu- künftig jedes Interview zu verweigern. Waffenstillstand? Bukarest, 30. Juli.(Meldung der Agence Roumaene.)' Der erste Beratungsgegenstand der Kon» f e r e n z wird die Frage eines kurzen, den Friedens» Präliminarien vorausgehenden Waffen st ill st andes sein, der die drei kriegführenden Mächte geneigt zn sein scheinen. Die Londoner Botschafterkonserenz. London, 29. Juli. Wie das Reutersche Bureau erfährt, wurde in der heutigen Sitzung der Botschaftervereinigung, die drei Stunden dauerte, die Frage des albanischen Sta- tuts endgültig geregelt. Albanien soll von einem Fürsten re- giert werden, der innerhalb von sechs Monaten ernannt werden wird. Inzwischen soll die Verwaltung Albaniens organisiert werden. Zu diesem Zwecke entsenden die Wächte eine Kommission, bestehend aus einem Vertreter Albaniens und je einem Vertreter .jeder Macht, die die Grundzüge der Gemeindeverwaltung und der anderen Arten der Verwaltung, die jetzt schon im Lande bestehen, kennen lernen und dann deu Mächten Vorschläge für die künftige Organisation machen soll. Die Kommission soll sobald als niög- lich zusammentreten. Die Gendarmeric soll von schwedischen Offizier-n befehligt werden. Die Mächte werden die schwedische Negierung bitten, einen höheren Offizier zu ernennen, der die Kommission nach Albanien begleiten soll, um festzustellen, wie viele Offiziere nötig sein werden. Die Botschafterbereinigung wird sich in der nächsten Sitzung am Freitag mit der Frage der Süd- grenze Albaniens beschäftigen. Die Frage des türkischen Vormarsches wurde in der heutigen Sitzung nicht angeschnitten, aber sie bildete nachher. den Gegenstand besonderer Besprechungen zwischen den Bot- schaftcrn. Wie versichert wird, hat sich die Lage in bezug auf ein gemeinschaftliches Vor-iehen nicht geändert. Wie die Agenzia Stefani aus London meldet, erledigte die Botschaftervereinigung in ihrer heutigen Sitzung auch die Frage der finanziellen Unterstützung Montenegros und setzte das offizielle Protokoll fest, durch das der Zugang Serbiens zum Adriatischen Meere geregelt wird. Eine englische Warnung an die Türkei. London, 30. Juli. Im Unterhaus erklärte Parlamentssekretär A c l a n d, daß die Frage der Wieder- erober ung Thraziens durch die Türken von allen Mächten in Erwägung gezogen werde. Die englische Regie- rung schlage keine Sonderaktion vor. aber die türkische R e g i e r u n g sei im Anschluß an den Einfall der türkischen Truppen in Bulgarien gewarnt worden, da England sie nicht vor den Folgen schlitzen könne, die sich aus einem aewalt- samen Vorgehen unmittelbar für sie ergeben würden. Vom Kriegsschauplätze. Belgrad, 30. Juli. Das serbische Prcssebureau ist ermächtigt, zu erklären, daß die bulgarischen Meldungen über angebliche Siege der Bulgaren bei Kotschana vom 20. bis 23. Juli sowie besonders über eine Durchbrechung des Zentrums der serbischen Armee gänz- lich unbegründet sind, daß daselbst zwar täglich von Bulgaren her- vorgerufene Kämpfe stattfinden, daß aber diese bulgarischen An- griffe bis jetzt immer erfolgreich abgewiesen worden sind und daß die serbische Armee' ihre Positionen unverrückt inne hat, ja sogar stellenweise, durch bulgarische Augriffe veranlaßt, im Vorrücken begriffen ist. Die Serben vor Widm. Belgrad, 30. Juli. Das hiesige Pressebureau meldet: Die serbischen Truppen, die vor Widin selbst eingetroffen sind, haben die Einschließungslinien geschlossen und das Dorf Tapartchij, drei Kilometer von der Stadt entfernt, be- setzt. Von den serbischen Stellungen aus sah man, daß in Widin die weiße Flagge�gehißt wurde, aber der Feind ent- schloß sich dennoch, die Stadt bis auf das äußerste zu ver- teidigen. Die serbischen Stellungen an der alten Grenze wurde heute von den Bulgaren angegriffen, wie in den letzten drei Tagen die serbischen Positionen in der Nähe von Vlassina. Aber alle ihre Angriffe wurden zurückgewiesen. Kricgsgrcnel. Sofia, 29. Juli. Wie die Slgence Bulgare meldet, haben die einzelnen Kommandostellen der Armee an das Hauptquartier Be». richte über die von regulären griechischen' uno serbischen Truppen begangenen Plünderungen. Räubereien und Massakers ersiattep an denen manchmal auch muselmanische Banden teilgenommen haben. Diese Berichte! zählen insbesondere mehr als 7g Dörfer auf, die in den verschiedenen bulgarischen Bezirken in Brand ge- steckt wurden und deren gesamte Bevölkerung, soweit sie nicht beb zeiten zu fliehen vermochte, in den Flammen umkam. Ter türkische Thronfolger in Adrianopcl. Konstantmopcl, 3V. Juli. Der Thronfolger und Prinz Ziaeddin sind gestern vormittag in Adrianopel eingettoffen Sie wurden von dem Wali, den Zivil- und Militärbehörden, den geistlichen Oberhäuptern und den Notabeln empfangen. Truppen erwiesen Ehrenbezeugungen: die Bevölkerung be> reitet« den Prinzen einen begeisterten Empfang. Der Thronfolger hielt eine Rede, in der er sagte: Es war schmerz lich für uns. Adrianopel, die zweite Hauptstadt der Türkei, die von meincni Ahnherrn erobert worden ist, in die Hände des Feindes fallen zu sehen. Ich danke Gott, daß die Stadt durch den Mut unserer Armee wiedererobert ist.— Am Nachmittag fand unter Vorsitz des Mufti eine Versammlung statt, die dem Wunsche der Bevölkerung Ausdruck verlieh, daß Adrianopel der Türkei verbleibe.— Der Thronsolger telegraphierte an den Sultan: Es ist unmöglich, die Freude der Ottomanen Adrianopels zu beschreiben, daß sie die heilige Stadt gerettet und dem Feinde wieder abgenommen haben. Griechische Vrrwaltungsmstßnahmen in Mazedonien. Saloniki, 30. Juli.(Dielduna der Agence dÄthdnes.) Nach telegraphischen Meldungen aus Kavalla und Serres weigern sich dort die Banken und Kaufleute, bulgarisches Geld anzunehmen, da jie seinen Umlaufswert nicht kennen. Türkisches und griechisches Geld ist nicht vorhanden, so daß der Handel stark leidet. Mehrere Personen sind außerstande, sich Lebensmittel zu verschaffen, lveil sie nur bulgarisches Geld besitzen. Deshalb hat der Generalgouverneur von Mazedonien dem Zollamt von Kavalla den Befehl erteilt, bulgarisches Geld bei der Bezahlung von Gebühren anzu- nehmen, und zwar mit einer Kursherabsetzung von 20 Proz., was dem wirklichen Werts des bulgarischen Geldes auf dem Markte von Saloniki entspricht. politilcke CUberlicbt. Klerikale Kampromiftpolitik. , Die„Köln. Volksztg." veröffentlichte bekanntlich vor kurzem einen Artikel mit der Ueberschrift„Falsche Wege", in dem sie auf die Vorwürfe der konservativen Presse darüber, daß die Zenttumsfraktion des Reichstages mit den Liberalen paktiert hat. mit einer deutlichen, wenn auch formell recht milden Kritik der taktischen Fehler der konservativen Parteileitung antwortete. Da die leitenden konservativen Blätter, wie die„Kreuz-Ztg." und die„Deutsche Tagesztg.", zwar einiges Beachtenswertes in dem Artikel Landen, im ganzen aber die Kritik des bachemitischen Organs ablehnten, kommt die„Köln. Volksztg."(Nr. 652) in einem neuen Artikel auf einzelne ihrer früheren Aeußerungen zu- rück und legt dann dar. welche Stellung in. nächster Zeit das Zentrum zu den Konservativen und Nationalliberalen ein- zunehmen gedenkt. Enthalten diese Darlegungen auch in der Hauptsache nichts Neues, so sind sie doch recht kennzeichnend dafür, wie das Zentrilm die gegenwärtige politische Lage und sein Verhältnis zu dieser auffaßt: .Unsere Stellung zu den Konseriwtiven ist ein« gegeben«, auch nach der letzten parlamentarischen Aktion im Reichstage, bei der die Konservativen gegen uns stimmten. Wir werden jederzeit in kulturellen Fragen ein Zusammengehen mit den Konservativen suchen müssen; leider haben allerdings in letzter Zeit die Konservativen auch in diesen Fragen zuweilen die Zu. verlässigkeit vermissen lassen. Wir erinnern nur an die Frage des Religionsunterrichtes in den Fortbildungsschulen. Auch in wirtschaftlichen Fragen werden wir unS meistens mit den Kon- servativen zusammenfinden, soweit sie nicht von Nur-Agrariern zu unerfüllbaren Forderungen, getrieben werden. Auch beim nächsten Zolltarif»Verden wir wie beim letzten zweifellos an der Seite der Konservativen dafür arbeiten, daß beim Abschluß der neuen Handelsverträge da? nationale Wirtschaftsleben in Deutschland gestützt und gegen sprunghafte Krisen des AuS- landsmarkteS sichergestellt ist. In mancherlei anderen Fragen werden wir, wie schon in früheren Zeiten, so auch in Zukunft mit den Liberalen zu- sammengehen können und müssen, um die gesunde fortschrittliche Weiterentwickclung unsere? Staats- und Wirtschaftslebens zu fördern. Daraus ergibt sich schon unsere Stellung zum Libe, ralismus. Auch mit dem Liberalismus werden wir manche Strecke Weges in der Politik gemeinsam gehen können, so in der Wirtschaftspolitik, sofern eS nicht dem Hansabund, dem Bund der Industriellen, dem Bauernbund und anderen liberalen HilfS- organisationen gelingt, den Liberalismus immer weiter nach links in das Gotheinsch« Waffer des Freihandel» zu ziehen. In politischen Fragen mit dem Liberalismus zu gehen, wird aller- bingS immer schwerer, je enger sich der Liberalismus mit der Sozialdemokratie verbindet und je schroffer er seine Machipolltik über alles setzt." In allen kulturellen Fragen, so erklärt die„Köln. Volksztg." weiter, stände freilich das'Zentrum im schärfsten Gegensatz zum Liberali' ins— wenigstens so lange, als dieser gegen den Katholizismus(soll heißen: gegen die An- spräche der römischen Kurie und des Klerus) und die „positive Religion" kämpfe. Doch noch in anderer Hinsicht ist der Artikel des rheinischen Zentrumsblattes interessant— nämlich insofern. als er offen zugibt, daß das Zentrum auf die Ein- sührung des Reichstagswqhlrechtes in Preußen völlig Verzicht l ei st et und künftig nur solche„Wahlreformen" fordern und im preußischen Abgeordnetenhaus befürworten wird, über die es sich vorher mit den Konservativen verständigt hat. Daß das nur„Reformen" sein können, die an dem heutigen Dreiklassenwahlrecht so gut wie nichts ändern und die jetzigen Machtverhältnisse der herrschenden Parteien im wesentlichen unberührt lassen, ist selbstverständlich. Das klerikale Kölner Blatt meint nämlich: .In der preußischen Wahlrechtsfrage müßte es unseres Erachtens möglich sein, daß die drei größien Parteien, die Konser. vativen, das Zentrum und die Nationalliberalen, sich„außer- parlamentarisch" aus gewisse Richtlinien einigten, um das Dreiilassenwahlrecht in ein modernes umzuwandeln. So wenig es möglich ist. im Reiche ohne die schärfsten, unübersehbaren Kämpf« das ReichstagSwahlrecht zu ändern, ebenso un. möglich wird es sein, wie die Dinge heute liegen, über den Kopf und gegen den Wullen der Koyferöätit?eK mit einem Geto'ältstreich das preußische Wahlrecht radikal umzugestalten. Wer die Verhältnisse in Preußen und namentlich in der preu- ßischen Verwaltung kennt, wird uns darin zustimmen. Darum hat das Wort der Regierung einige Berechtigung, daß sie keinen weiteren Wahlrechtsvorschlag mehr an. das Haus bringt, bevor sich nicht die großen bürgerlichen Parteien wenigstens über die Richtlinien einer Wahlvechtsänderung einigermaßen einig ge- worden sind." Tie Berufungsverhandluug über das Erfurter Schreckensurteil verschoben l Wie wir soeben erfahren, ist der Prozeß gegen die in Erfurt zu schweren Strafen verurteilten Reservisten, der am 1. August vor dem Oberkriegsgericht Kassel als Berufungs- instanz verhandelt werden sollte, auf unbestimmte Zeit ver- schoben worden. Ueber die Ursachen der Vertagung ist nichts Näheres bekannt._____ Moloch Militarismus. Wer glaubt«, daß mit der Durchführung der neuen großen Militärvorlage vorläufig alle Wünsche der Militaristen erfüllt sein würden, der täuscht sich. Kürzlich wurden bestimmte Andeutungen über eine neue HeereSvorlage, die bereits in Bearbeitung sei, ge- macht. Das übliche Dementi folgte sofort: aber bald darauf traten die Militaristen mit neuen Wünschen an die Oeffentlichkeit, deren Erfüllung im Interesse der Wehrhaftigkeit deS Baterlandes selbstverständlich unbedingt notwendig sein soll. Es wird der Wunsch nach größeren UebungSplätzen laut. Eine militaristische Korrespondenz meldet: «Ein neuer Truppenübungsplatz mit dem bisher größten Areal von 10 000 Hektar soll im Osten d«S Reiches beschafft werden, da das 1., 2, und 17. Armeekorps noch über keinen Truppenübungs- Platz verfügen. ES würde dies der bei weitem umfangreichste UebungSplatz innerhalb des Deutschen Reiche» sein, da die Plätze im Durchschnitt nur 4—5000 Hektar umfassen. Eine Ausnahme bildet nur der dem dritten bayerischen Korps zugeteilte UebungS- platz Grafenwöhr, Bezirk Ingolstadt, der eine Fläche von etwa 9000 Hektar umfaßt. Die Große des neu zu schassenden Truppenübungsplatzes ergibt sich aus der Notwendigkeit, künftig auch Divisionen auf dem Gelände üben zu lassen, das im übrigen Unterkünfte für zwei Jnfanterie-Brigaden und eine Kavallerie- oder Artillerie-Brigade aufweisen muß. Die Notwendigkeit, der- artigen großen Truppenmassen auf den UebungSplätzen Gelegen- heit zur Betätigung zu geben, bringt die Notwendigkeit mit sich, auch die übrigen Truppenübungsplätze nach Möglichkeit zu er- weitern bezw. bei Ankauf von geeignetem Gelände auf eine der- artige Ausdehnung Rücksicht zu nehmen. Im Westen haben das 16. und 21. Armeekorps noch keine eigenen Truppenübungsplätze, doch ist zu erwarten, daß für eins der beiden Korps in nicht ferner Zeit ein Platz angekauft wird, zu welchem Zwecke jetzt bereits Schritte eingeleitet sind. Für das 14, und 13. Korps sind bezw. werden bekanntlich die Truppenübungsplätze Heubcrg und Orb eingerichtet, deren Erwerb in eine frühere Zeit fällt, da sie nur etwa 4000 bis 4800 Hektar groß sind. DaS Nichtvor- handensein der durchaus nötigen IlebungSplätze für jedes Korps hat zur Folge, daß die Ausbildung der Truppen unter den ob- waltenden Verhältnisse ganz wesentlich leidet. Da nicht der ge- nügende Platz für ein« Betätigung der Truppenteile vorhanden ist, mutzten vielfach die Brigade-Uebungen zu früh(schon bis Mitte Mai!) abgeschlossen werden, und ferner leidet namentlich die Ausbildung der Kompagnien darunter, die zu schnell und zu hastig beendet werden mutz. Gerade das letzte Moment muh als bedeutsam anerkannt werden I Dabei sollen die Reserve- und Landwehrübungen auf' den Plätzen vermehrt werden, und dt« Kavalleriedivisionen sollen in größerer Anzahl al» bisher auf ihnen üben! Für den Ankauf oer nötigen UebungSgelände sind zum Teil die Mittel aus dein..- Berkauf des Tempelhofer Feldes durch die Militärverwaltung bestimmt. Bis zum Jahre 1922 werden diese Gelder für die Beschaffung von UebungS- Plätzen für daS Gardekorps, das 18. Korps und weitere Korps im Westen Verwendung finden, während von diesem Zeitpunkte ab die Mittel, die aus dem Verkauf von Teilen des Tempelhofer Feldes einkommen, für sonstige neue IlebungSplätze und zur Ver- befferung und Ausgestaltung nicht genügender Plätze aufgewendet werden sollen." Die Kosten für den im O st e n angeblich notwendig werden- den Uebungsplatz dürften nicht gering sein, denn die Ostelbier, denen da» Terrain gehört, werden den Staat sicherlich schröpfen. Ein Dementi und doch keines. AuS den Reichslanden wird nnS geschrieben: Die amtliche.Straßburger Korrespondenz" hat nach Preß- erörterungen, di» volle acht Tag« währten. eS als unzutreffend erklärt, daß die kommandierenden Generäle de? IS. und des 16. Armee- korps den.Befehl' erteilt haben sollen,.künftighin keinen elsaß- lothringischen Soldat seiner Abstammung wegen mehr in BertrauenS- stellungen zu verwenden." In der reichsländischen Presse hält man demgegenüber daran fest, daß eine dahingehende Anordnung— wenn auch vielleicht kein ausdrücklicher„Befehl"— in dieser oder jener Form ergangen sein muß, da iiachgewtesenerniaßen in diesem Sinne verfahren wird: wen» die Anordnung nicht von den kom- mandierenden Generälen der in Elsaß- Lothringen liegende» Armeekorps erlassen wurde, so geschah dies wohl, waS in dem Dementi nicht bestritten wird, vonseiten des Krieg» mi niste« riurnS in Berlin.— Reu wird jetzt in einem Straßburger Blatte behauptet, daß der dortige kommandierende General, der be- kannte Säbelraßler v. Deimling, beim Kaiser dahin wirke, daß die Verordnung, wonach Elsah-Lothringer zu einem be- stimmten Prozentsatz in den inElsaß-Lothringen garni- sanierenden Regimentern eingestellt werden können, aufgehoben werben möge. Di« amt- liche Dementierspritze wird auch gegen diese neu« Be- hauptung in Bewegung gesetzt werden müssen. Sie würde, wenn fie richtig ist, dasselbe bedeuten, wie der in so wenig einwandfreier Weise dementiert« ArmeekarpS.befehl". Der Ritt»ach dem Weste«. Vor kurzem wurde gemeldet, die Berliner Richtung in der Zentrumspartei habe daS Aachener ZentrumSblatt„VollSfreund" an- gekauft, um der Kölner Richtung und der„Kölnischen BolkS- zeitung" im„verseuchten Westen" selbst entgegentreten zu können. Es wurde behauptet, hinter dem Plane stehe der Kölner Erzbischof Dr. v. Hartmann. Diese Meldung wurde von dem Aachener .Volksfreund" lebhaft bestritten. Der Urheber der Nachricht hatte aber seiner Behauptung gleich hinzugefügt, er werde fie trotz der zu erwartenden DemeniiS aufrechterhalten. Nun ist die Entscheidung gefallen. Der bisherige Redakteur Röder ist plötzlich aus der Redaktion deS„Volksfreund»"„aus- g e s ch i e d e n". An seine Stelle wurde der Sekretär Salm vom Bureau der Aachener Zentrumspartei berufen, ein Erzreaktionär. Es ist wirklich gleichgültig, ob der Erzbischof direkt an dem Ankauf beteiligt ist— so offen werden solche Geschäfte natürlich nicht betrieben— es ist auch von geringer Bedeutung, ob das Konsortium, das den„Volksfreund" angekauft hat. aus Anhängern der Berliner Richtung besteht. Sicher ist, daß der„VolkSfreund" fortan im Sinne der antigewerkschaftlichen Berliner Richtung redi- giert wird. Damit haben die„Berliner" im Westen einen wert. vollen Stützpunkt gefunden, eine Position, von der aus sie die Ge- schösse bequemer als bisher in das feindliche Köln werfen können. Werde» die Meischpreise steige«? Die.Deutsche Tageszeitung" beantwortet diese wichtige Frage immer und ewig mit„Nein", selbst in den Zeiten, wo ein Ansteigen der Preise bereits deutlich merkbar ist. Auch jetzt wieder sucht fie allerlei Zahlen zusammen(vor den amtlichen Preisberichten der .Statist. Korrespondenz" zeigt sie dabei einen verständlichen Humor), um die Tendenz der Fleischpreisbewegung zu verschleiern. Heute wollen wir sie auf ein paar Zahlen aufmerksam machen, die sich in dem sonst von ihr mit Vorliebe benutzten.Zentralblatt der preußischen LandwirtschaftSkammern" finden. Dort sind die Preise veröffentlicht, die bei Vergebungen der Fleischlieferungen für die Militärverwaltung vereinbart wurden. Für die wichtigsten Fleischsorten ergeben sich hiernach im ersten und zweiten Halbjahr 1913 verglichen mit dem zweiten Halbjahr 1912 folgende Mindest- und Höchstpreise per Kilo- gramm in Mark: 2. Halbj. 1912 I.Halbj. 1913 S.Halbj. 1913 Ochsenfleisch Kuhfleisch.... Gehacktes Rindfleisch Kalbfleisch.... Kalbsbraten... Hammelfleisch... Schweinefleisch.. Eisbein..... «Schweineschmalz 1,14-1,57 1,18-1,66 1,24-1,62 1,12—1,50 1,16—1,62 1,18—1,57 1,20—1,70 1,25—1,93 1,42—1,90 1,00—1,70 1,20—1,80 1,30—1,84 1,16—1,05 1,30—2,00 1,60—2,20 1,22—1,62 1,30—1,64 1,48—1,80 1,08—1,39 1,38—1,85 1,16-1,70 0,80—1,40 1,00—1,70 0,90—1,48 1,10—1,55 1,45-2,00 1,20-1,80 Gegen das zweite Halbjahr 191S, dessen Teuerung sogar unsere agrarische Regierung zum Eingreifen veranlaßte, zeigen die für die zweite Hälfte dieses Jahres verabredeten Preise bedeutende Er« höhungen. Wenn die Regierung konsequent wäre, hätte fie daher schon jetzt wieder Hilfsmaßregeln ergreifen müssen. Aber auch-gegen das erste Halbjahr 1913 weisen die neuen Preise bei einigen Fleischsorten noch Erhöhungen auf. Die Regierung(Militärverwaltung) rechnet also mit einem weiteren Steigen der Fleischpreise für die kommenden Monate. DaS Proletariat hat daher die trübe Aussicht, im Winter bei zunehmender Arbeitslosigkeit unter wachsenden Lebensmittelpreisen zu leiden, wenn die Regierung nicht endlich dem Druck der hungernden Massen nachgibt und ausreichende Hilfe schafft. Die Wege dazu, Erniedrigung und Beseitigung der Zölle, sind ihr längst gewiesen. Fortbildungsschulgesesientwurf für das Grostherzogt«m Oldenburg. Die mit der Ausarbeitung eines Entwurfes für ein Fori» bildungsschulgesetz beauftragte Kommission hat ihre Arbeiten nach und weibliche Personen nach Beendigung der Schulzelt, zzur alle im Handel und Gewerb« als Lehrlinge beschäftigten jnmrn- liehen und weiblichen Personen dauert die Schulpflicht v« e r�Jahre, für alle anderen männlichen Personen drei Jahre und wr alle anderen weiblichen Personen zwei Jahre. Die Fortbtldungsschu.en werden von den Gemeinden eingerichtet; die Halste der Kosten trägt der Staat. Auf die Erhöbung von Schulgeld verzichtet der Entwurf nicht. Ter Unterricht ist aus jährlich 240 Stunden be- rechnet. Um den Agrariern entgegenzukommen, wird für die»n der Landwirtschaft Beschäftigten die Stundenzahl um die Hälfte, auf 120 Stunden, ermäßigt. Die Fortbildungs,6,ulcn sollen nicht dem Ministerium für Kirchen und Schulen, sondern einem neu- zubildendcn sogenannten Landesamt unterstellt werden. ReugumZ- Unterricht ist nicht vorgesehen. Wichtig für die Oeffentachke'.t'st ferner noch, daß zu den Aufgaben der Fortbildungsschulen auch die staatsbürgerliche Erziehung und Auebildung tm .»-aterländischen Sinne" sowie die körperliche Ausbildung der Schüler und Schülerinnen gehören soll. Zu diesem Zweck.'- müssen in den Lehrplan in der Woche zwei Stunden für Turn- Unterricht und Jugendpflege aufgenommen werden, die aber außerhalb der Schulzeit liegen dürfen und nichr zu der borge- schrieben«» Schulzeit zu rechnen sind. Es ist Zwang, für zeden Schüler und jeder Schülerin an diesen Stunden teilzunehmen In einem weiteren Paragraphen wird bestimmt, daß zur Er- teilung von Unterricht an FortbildungSschulpflichtige von dem LandeSamt die Genehmigung eingeholt werden muß, und diese Ge- nehmigung kann versagt werden auch au»„anderen wichtigen Gründen" als dem Mangel an„guter, sittlicher Fuh- — Damit ist die bequeme Handhabe geboten, fortbtldungS- schulpflichtige Personen aus den A r 6 ei t e r t u r n v e r e i n e» zu entfernen» und auch der proletarischen Jugendbe- wegung Schwierigkeiten zu bereiten. Die sozialdemokratische Landtagsfraktion wird also rmchltch Gelegenheit haben, im kommenden Winter bei Beratung deS Fort- btldungSschulgesetzes außer den bereite tu den Entwurf aufge- nommenen Verbesserungen auf weitere zu dringen, besonders darauf, daß das FortbildungSfchulgesetz nicht zu einem kleinen Ausnahmegesetz gegen die Arbeiterschaft und ihre Bestrebungen wird. Der oldenburgische Landtag besitzt eine sozialdemokratisch- liberale Mehrheit, so daß bei einigermaßen Rückgratfestigkeit der Liberalen in Oldenburg ein Fortbildungsschulgesetz zustande kommen könnte, das vorteilhaft absticht von den bestehenden Gesetzen über die Fortbildungsschulen in anderen Bundesstaaten. Portugal. Haftentfnssung OliveiraS. Lissabon, 80. Juli. Wie die Zeitungen melden,«st Smerieo Oliveira au» der Haft entlassen worden und nach Lissabon zurück- gekehrt. Nollancl. Wahlsieg in Amsterdam.' Amsterdam, S0. Juli.(Eig. Ber.) Bei d-r Stachwahl tm«wetten Amsterdamer Wahlkreis, die notwendig wurde, weil Genosse Dr. Rendel zweimal gewählt>var. ist in der Stiehl Genosse Oberlehrer Aorian Gerhard.gewählt worden""t gefle« 1072 stimmen, die auf den klcrikalcii Kandidaten entfielen. Bei der ersten Wahl war der Liberale ausgefallen. Di« libemle flarwi- organtsation hatte die Parole ausgegeben, � �zlaldemo- mentSmitglied ist einer der Veteranen der flarte» und einer der Führer der Freidenkerbewegung. IVUrokko. Schwierige Lage der Spanirr. Paris 30 Juli. Noch einer Blättermeldung au» Tanger gestaltet sich die Lag-" 0« E 6'" a« �mec b-denklicher. Die von den Spaniern angeworbenen Riftchutzen �verüben namentlich im Judenviertel Plünderungen und Gewalttätigkeiten aller Art. Unter den spanischen Truppen herrscht große Entmutigung. Drei Soldaten seien vorgestern ttzegen Fahnenflucht erschossen worden. Lkina. Unabhängigkeitserklärung de? Provinz Huna». London, 80. Juli,-t io„Times" meldet aus Peking vom 29. d. M.t Die Provinz Hunan hat am letzten Freitag ihre Unab- hängigkeit erklärt. Sie hat diesen Schritt nicht in der Absicht getan, um an dem Kampfe gegen Duanschikai teilzunehmen, sondern nur, um sich"ach allen Seiten hin zu schützen. Truppen, die nach ver» schiedenen Schätzungen 1000 bis 1800 Mann betragen, find»it 16 Feldgeschützs« in Jungtschou äufgestellt. um Angriff« Äzu. »ehren._ Unterwerfung Nankings. Schanghai, SO. Juli. �Meldung des Reuicrschkn BureauS.) Hierher ist die Nachricht gelangt, dafj N a n k i n g sich der Regierung des Nordens wieder unterworfen hat. Die Nachricht ist durch Funkspruch ein«? der vor Nanking ankernden Schiffe bestätigt worden._ Notlage der Fremden in Schanghai. Schanghai, 30. Juli.(Meldung des Reutcrschen Bureaus.) Jiffolge der Einstellung des gewöhnlichen Dienste» der Handels- dampfer sind die Fremdenniederlassungen von Mangel an Leben»- Mitteln bedroht. Die fremden Konsuln haben b«i den Admirälcn der Flotte der Nordpartci wegen de« Bambardement» von Schanghai in der letzten Nacht energischen Protest erhoben. Mög- licherweise wird eine Flottenaktion der internatio» »al«n Streitkräfte erfolgen. Amerika. Ein Putsch Castros. New Jork, 30. Juli, In Wilhelmstad auf Curacao sind Ge- rächte im Umlauf, daß die Anhänger C a ft r o s Coro in Vene« zuela einnahmen und den Gouverneur General Jurado fest« imhmen. Außerdem verlautet, daß Castro gestern in Venezuela ge- landet sei. Die politische Lage in Venezuela ist kritisch, zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten wurden verhaftet. Eine Anzahl von Anhängern Castro», darunter zwei setner Neffen, reisten heimlich von hier nach Coro und Bogota ab. �Dte hiesigen Blätter melden, daß die Anhänger Castros eine Revolution vorbereiten. Bus der Partei. Ein herber Verlust der dänischen Partei. Eines der tö Opfer der schrecklichen Eisenbahukatastrophe bei Bramminge ist der dänische Reichstags« b'g ordnete Peter Sabroe gewesen. Mit ihm verliert unser« dänische Lruderpartei ihr eigenartigstes Mitglied. Peter Sabroe war etwa das, was man betrachten könnte als die Fleisch geworden« Summe aller Kinderfchutztommissionen eines Lande». Seine Tätigkeit war jahrelang mit glühendem Eiser der Ausgabe gewidmet, die Kinder und die Jugend vor allen Mißhandlungen und falschen Erziehern in Schutz zu nehmen. Mit glänzener Beredsamkeit trat er als An« Häger auf gegen alle, die aus diesem Gebiete gesündigt haben, und einmütig stellt heute die ganze Presse Dänemarks fest, daß Sabroe mit seiner Agitation und seinem Eifer eine gewaltige Reihe von Mißständen beseitigt hat. Sabroe hat auch in Deutschland, in Kiel, gesprochen, und der Gegenstand seines Vortrages an einem Abend war die Alkoholsrage, an dem anderen Abend die Frage des 5tampfcs um da» Kind. In F l e n S b u r g ist Sabroe ebenfalls vor Jahren einmal aufgetreten. Er wurde aber, bevor er zum Reden kam, von der Polizei abgeschoben. Im dänischen Parlament war er der Vertreter von Aarhus-Nord. wo er Wahl für Wahl mit wachsen« der Stimmcnzahl gewählt wurde. Trotzdem er innerhalb der dänischen Partei bisweilen Retbungen gehabt hat, darf man wohl sagen— was auch unsere dänischen Parteigenossen zugeben daß Mlt Sabroe einer ihrer bedeutendsten Leute dahingegangen ist. Aue den Organisationen. Der Jahresbericht der BezirkSoraanisation Schle», w ig. Ho Ist« in berichtet wie der mehrerer anderer Bezirks- arganisationen über emen kleinen Mitgliederrückgang. Die Mit« gliederzabl sank von»0 450 aus 80 16Ö, also um 2ä{. Besonders bedewkllch ist diese Erscheinung nicht, denn neben der Tatsache, daß der Zeitpunkt de» JahresäbschlusseS gegen früher ungünstiger für äie Organisation ist, wirkt« der Umstand ein, daß der OrtSverein ?iltona, bei Anlegung eine« neuen Mitgltederverzeichnisse» etwa 1700 bisher immer noch geführt« Mitglieder strich, die wegen säumiger Zahlung längst hätten gestrichen werden müssen. Dazu kommt noch«>ne ganz besonders schlechte Konjunktur in den Orten an der Westküste der Provinz. Tie Zahl der weiblichen Mitglieder beträgt S91S. Die im Agitationsbezirk verbreiteten Partei» blätter:„Hamburger Echo",„« ch l e s w i g« H o l st e i« nische B o l k s z t g." und„F I e>, S b u r g e r P o l k s z t g." haben innerhalb des AgitationSbeziris eine Abonnentenzahl von 48 201. Nur die„Schleswig-Holsteimsche Volkszig." hat 754 Leser gewonnen, die anderen Zeitungen haben etwas verloren. Die Leserzahl der nwnatlich einmal auf dem Lande zur Verbreitung kommenden " �' 0* H o l st« i n i s ch e n L a n t> p o st" stieg von 25 40» oU'v ix Insgesamt wurden rund 335 000 Exemplare dieser �.andagitationsschnift verbreitet. Die durchgreifende Landagitation hat auch wc|«much mit zur Förderung des Landarbeiterverbandes beigetragen, llnde Igtl hatte der Landarbeiterverband innerhalb der Grenzen der BezirkSorganisation in 44 Ortsaruppen 1472 Mit- glieder, jetzt smd eS kn 60 Ortsgruppen 211g Mitgtieder, , brachte in der Provinz rund 300 sozialdemo- krotischc Wahlmanner mehr als 1905. Von diesem Zuwachs ent- fallen aber 183 auf den Landtagswahltreis Kiel-Reumünster. In diesem Kreise war das Resultat für uns so günstig, daß selbst unter dem Dreitlassenwahlrecht ,n absehbarer Zeit mit der Er- obsrung diejes Kreljes durch die Sozialdemokratie gerechnet werden kann. D,e Bete�lgung an den Kommunalwahlen hatu den Gr« folg, d-ß d,e Zahl der sozialdemokratischen Stadtverordneten von 46 auf 73, die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindevertreter von 191 aus 215 vermehrt wurde. v«e.er Die Kasse der Bezirksorganisation erhielt vom Parteivorstande einen Zuschuß von 8900 M.; die neuen Kreisorganisationen des Bezirks führten aber an den Parteivorftand insgesamt 33 697,69 Mark ad. Dem Bericht ist noch ein Bericht des LezirkSbildungSausschusseS und der Bezirksjugendkemm'.ssion angehängt. Der BeziriSbildunas- ausschuß hat trotz der großen entgegenstehenden Schwierigkeiten gerade für eine große Anzahl von kleinen Orten Beransialtungen wlssenschaftlichen und künstlerlichen Charakters möglich gemacht. Tie Bozirtsjugendtommisston hat Verbin.uug mit 26 JugeiidauS- schössen in der Provinz.__ Berichtigung. In dem BerichtdesParteivorstandeSanden Par« 'eltag ist(m Kassenbericht irrtümlich ein Zuschuß für dl«„Freie Vresse" in Strqßburg in Höhe von 2700 M. verzeichnet. Dieser Betrag ist auf das Konto der„Mülhauser Volkszeitung- im Elsaß Kf''w Bericht für diese« Blatt angegebene Zuschuß er- höht sich also entsprechend. Eins Industrie und Kandel. Rüstunqskapital. Die französische Waffenfabrik.Schneider— Creuzot steht mit der serbischen Regierung.n Verhandlungen zwecks Gründung v Ä r 1(« i ,Uvü � Uyö Kriegsmaterial in Kragmevac (Serbien). Glerch nach Beendigung des Krieges soll der Bau der Fabrik begonnen werden. v-rboten der Krise. Die Deutsch.Lurcmburaiscke Bergwerk»- gesells-�ft hat«'s ihrer Abteilung Horstef �'en-'� Stahlwerk t« Horst a. o. Ruhr 150 Mann gekündigt. Ein Teil des Betriebes wurde stillgelegt. Da» Werk wird nur m den Zeiten der Hochkonjunktur betrieben. Die jedesmalige Stillegung de» Werkes gilt als ein sicheres Anzeichen der herannahenden Krise. Der Arbeitsmarkt im Juni. Die Lage des gewerblichen Arbeitsmarktes im Juni war nach dem„Reichsarbeitsblatt" im allgemeinen noch ausreichend, doch er- gab sich im Vergleich zum Vormonat und Vorjahr fast durchweg eine gewisse V c r s ch l e ch t e r u n g. Der Ruhrkohlenmarkt war im Zusammenhange mit der allge- meinen Wirtschaftslage etwas ruhiger, dagegen gestaltete sich die Lage im»raunkohlenbergvau um ein ivrmges günstiger. Der Eisenerzbergbau, die Roheisenerzeugung und die Siahlindusvne waren im allgemeinen ausreichend beschäftigt. Das gleiche gilt von der Maschinenindustrie, in der sich jedoch infolge des Mangels an Aufträgen eine Neigung zum Rückgang bemerkbar macht. In der chemischen Industrie war der Geschäftsgang befriedigend, dagegen wird die Geschäftslage in der T e x t i l i n d u st r i e, abgesehen von der ausreichenden Beschäftigung in der Seiden- und Leinen- industrie, als ungünstig bezeichnet. Der noch immer andauernde ungünstige Stand des Arbeitsmarktes im Baugewerbe beein- flußte in nachteiliger Weise auch die mit dem Baugewerbe zu- sammenhängenden Jndustrieen, wie die Ziegeleien, Bautischlerelen und Installation elektrischer Anlagen. Die Zahl der bei den berichtenden Krankenkassen in Beschäfti- gung stehenden Mitglieder war am 1. Juli um 39611 Per- fönen geringer als am 1. Juni. An dieser Abnahme war das männliche Geschlecht mit 16 992, das weibliche mit 22 6l9 Personen beteiligt. Im gleichen Monat des Vorjahres bezifferte sich die Ab- nähme auf 24 065 Personen. Wenn auch gewöhnlich in den Som- mermonaten ein Rückgang des Beschäftigungsgrades sich bemerkbar macht, so zeigt doch die wesentlich höhere Zahl des Abganges von Krankenkassenmitgliedern in diesem Jahr«, daß die Belchäftigungs- gelcgenheit erheblich geringer geworden ist. Gegenüber dem Jahres- beginn ist der Beschäftigungsgrad, wenn man den Bestand am 1. Januar 1913 gleich 100 setzt, beim männlichen Geschlecht im Ver- hältnis zum Vormonate von 105 auf 164, beim weiblichen dagegen von 102 auf 100 gesunken. Ueber die Arbeitslosigkeit im Monat Juni berichten 49 Fachvcrbände mit 2 064 232 Mitgliedern; von diesen waren am Ende des Monats 2,7 v. H. arbeitslos. End« Mai betrug die Arbeitslosenzghl 2.5 v. H. und Ende Juni 1912 1,7 v. H. Es ist also gegenüber dem Vorjahr eine Vers chle cht erung ein- getreten. Diese zeigt sich auch bei der Benutzung der ArbeitSnach- weise. Bei deren Gesamtzahl kommen im Berichtsmonat für männliche Personen auf je 100 offene Stellen 168 Arbeitsgesuche gegen nur 166 im Mai 1913 und 146 im Vergleichsmonate des Vorjahrs. Bei den weiblichen Personen ist das Verhältnis(auf 100 offene Stellen 101 Arbeitsuchende) gegen die Vergleichsmonate ziemlich unverändert geblieben. SiemenS-Schuckert in Bayern. Die EbektrizitätS-A.-G. vorm. Schuckert in Nürnberg und die Brown Boveri A.-G. in Mannheim erhielten, wie der„Bvrsen-Courier" meldet, von der bayerischen Re« gierung den größten Teil Unterfrankens und den westlichen Teil Oberfrankens zur Versorgung mit elektri- scher Energie. Es handelt sich um die Erwerbung einer der größten Uebcrlandzentralen Deutschlands, die so vom Staate der privaten ElektrizitätSindustrie ausgeliefert wird. Der Staat ist der beste Zu- treiber für den kommenden ElektrizitätS t r u st. Soziales« Z»r Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit schwillt immer mehr an. Abhilfe tut dringend not. In einem der Initiativanträge, die die Reichstagssraktion gestellt hat. wird reichSgesetzlichs Regelung der Arbeitslosenversicherung durch Zuschüsse au» öffentlichen Mitteln an die Arbeitslosenkaffen der Gewerkschaften verlangt. Bis heute ist der Antrag noch nicht zur Beratung gestellt. Im Ausland kennt England bereits die staatliche Arbeitslosenversicherung. In Deuffchland hat noch kein Staat die Arbeitslosenversicherung eingeführt. DaS alte Uebel: das Reich verweist auf den Staat, der Staat auf das Reich und die Gemeinden. Nur wenige Gemeinden in Deutschland haben Ansätze zu einer Arbeitslosenversicherung. Und doch tut gegenüber der immer stärker werdenden KrisiS Eile dringend not. Die Notwendigkeit, von Staatswegen einzugreifen, hat jetzt in Bayern der Prinzregent Ludimg anerkannt. Unter dem 27. Jult hat der Prinzregent Ludwig an den Minister des Innern Freiherrn v. Soden folgendes Handschreiben ge- richtet: .Mit lebhaftem Bedauern habe ich Ihrem Bericht entnommen. daß die mir von verschiedenen Seiten zugegangene» Mitteilungen über die herrschende Arbeitslosigkeit leiber zu- treffend sind. Ich habe aus dem Bericht aber auch mit Be- friedigung ersehen, daß bereits Anordnungen zur Gchaffung von Arbeitsgelegenheit getroffen sind, und daß sonstige Maßnahmen, darunter die vielerörtete Frage der Arbeitslosenver- sichern irg, in den itreis der Erwägungen ge- zogen wurden. Durchdrungen von der WichUgkeit der Sache und von dem Wunsche nach tunlichster Abhilfe beauftrag« ich Sie, der Arbeitslosensürsorge auch ferner voll« Aufmerksam- keit zuzuwenden, alle geeigneten Mahnahmen im Benehmet� mit den übrigen beteiligten StaatSminlsterieu einzuleiten und mir von Zeit zu Zeit weiteren Bericht zu erstatten." Was nützen alle die Erwägungen? Spruchreif ist die reichsgesetzliche, die landesgesetzliche und die gemeindliche Arbeitslosenversicherung längst. Heran an's Werkl Prozehverschleppung vor dem KaufmannSgericht. Daß schnellere Verfahren gilt als eines der Hauptvorzüge der Einrichtung der Sondergerichte. Die KaufmannSrichter pflegen darum auch offenkundigen Verschleppungsmanövern feiten» der verklagten Partei energisch entgegenzutreten. In einem jetzt ver- handelten Falle, der wegen der Notlage deS Klägers besonders dringend lag. ließ die 4. Kammer de» Berliner KaufmannsacrichtS da» Hinziehen des Prozesses, der wenigstens zum Teil wohl hätte entschieden werden können, leider durchgehen. Ein Stadtreisender L. klagte gegen die Fahrradhandlung von I. C. Krüger ans ruck- ständiges GckttU und Provision. Nachdem schon einmal in der S leüc verhandelt wurde, kam der Beklagte mit dem Einwand, der Kläger habe nach den Aufzeichnungen der Firma nicht mehr als 106 M. herauszubekommen. Nach der Rechnung deS Reisenden ist aber sein Guthaben weit höher. Eine präzise Ausstellung der- mochte der Beklagte nicht beizubringen, lveShalb da» Gericht be- schloß, die Sache bis zum 5. August zu vertagen, um bis dahin eine Ausstellung einzureichen. Gegen diese Vertagung wendete sich nun der Reisende, indem er auf seine Notlage hinwies. Er habe mchtö zu essen und könne unmöglich zwei Wochen warten; der Beklagte möge doch dann wenigstens vorläufig die 100 M. zahlen. Dazu er- klärte sich auch der Beklagte bereit, wenn der Kläger auf alles übrige verzichte. Diesen großen Verlust wollte aber der Kläger er- klärlicherweise nicht tragen. Auf seine inständigen Bitten, ihm doch etwas von seinem Guthaben zu verschaffen, erwidert« schlichlich der Borsitzende:„Wir können Ihnen nicht helfen. Sehen Sie zu, wie Sie sich bis pghin durchschlagen." Das Gericht hatte sehr wohl die gesetzliche Handhabe, dem in dringender Notlage befindlichen Kläger zu helfen. Da der Beklagte 100 M. selbst anerkannte, so.häite es den Händler durch Anerkennt. nisurteil zur sofortigen Zahlung dieser Summe verurteilen können. Der Kläger hätte das auch beantragen können. Die mersten Richter greifen in solchen Fällen der weit verbreiteten Rechtsunkenntnis den Parteien hilfreich unter die Arme. Das hätte auch hier geschehen sollen.. Ans dem Jnnungöschiedsgkricht. Sitzung vom Mittwoch. 1, Merkwürdige Begriffe über das Verhältnis zwischen Arbeit- geber und Arbeitnehmer entwickelte der Töpfermeister Lichtwerk gestern vor dem Jnnungsschirdsgericht. Ein Zuträger, dreiund- zwanzig Jahre alt, Irmr bei ihm für die enorm hohe Summe von 18 M. pro Wockze beschäftigt und klagte auf Bezahlung für zwer halbe Tage, die er unfreiwillig hatte aussetzen müssen.„Die Verhältnisse liegen in unserem Gewerbe nun mal so, daß nicht immer Arbeit vorhanden istl", meinte der Beklagte.— Also muß der ohnehin miserabel entlohnte Arbeiter noch auf seinen Lohn verzichten? Nach dem Gesetz und dem natürlichen Nechtsempfiirden liegts umgekehrt. Ter Arbeiter hat seine Dienste bereitzustellen. Kann oder will sie der Arbeitgeber, gleichviel ob mit oder ohne Verschulden, nicht annehmen, so kommt er in Verzug( ß 293 des Bürgerlichen Gesetzbuches) und hat zu zahlen. Das Gericht sprach dem Kläger dementsprechend die geforderten 3 M. zu.> 2. Beharrliche Arbeitsverweigerung berechtigt nach der Gewerbe- ordnung zur sofortigen Entlassung, nicht ei» Aufschub der Arbeit oder dergleichen. Es tlagie der Büglcr Rosenbcrg grgen den Inhaber der Firma M. Prober, Kroncnstraße, auf Entschädigung für 14 Tage Lohn wegen Nichteinhaltung der Kündigungsfrist. Mit dem Kläger war unbestrittenermaßen über Kündigung nichts ver- einbart. Als infolge Erkrankung des Inhabers der Sohn das Ge-<- schüft nicht glaubte im bisherigen Umfange aufrechterhalten zu können, sollte unter anderem auch der Kläger entlassen werden. Er wies auf seinen Anspruch auf vicrzeyntägige Kündigung hin und sollte dann während dieser Frist beschäftigt werden. Angeblich waren glatte Sachen, für die der Kläger speziell angenommen war. nicht da, und er sollte— vielleicht nicht ganz ohne schikanöse Absicht~ durchbrochene Sachen bearbeiten. Er weigerte sich zu- nächst, das zu tun, besann sich aber eines Besseren und erbot sich etwa eine halbe Stunde später zu der Arbeit. Jetzt wurde ihm keine mehr verabfolgt, sondern ihm bedeutet, daß er gehen könne. Auch vor dem Schiedsgericht ließ sich der Sohn des Firmrninhabers nicht über das Ungerechtfertigte seiner Handlung belehren und ging auf eine vergleichsweise Zahlung von 33 M. nicht ein, die der Kläger in esnem ganz unnötig weiten Entgegenkommen vor- schlug. ES wurde die Firma zu dem vollen Betrag, zu 72 W.« verurteilt. Denn, selbst wenn zwischen der anfänglichen Weigerung und dem kurz darauf erfolgten Widerruf eine größere Spanne Zeit — etwa zwei Stunden--- gelegen hätte, wäre noch keine beharrliche Arbeitsverweigerung gegeben, und nur eine solche berechtige zur sofortigen Entlassung, führte der Vorsitzende begründend aus.. 3. Verzicht? Ter Bauarbeiter Mick« klagte gegen die Firma Streubel auf Nachzahlung von 6,15 M. zu wenig erhaltenen Lohnes. Er war angeblich zu dem tariflichen Lohn von 60 Ps. pro Stunde angenommen. Bei der Lohnzahlung am Sonnabend waren ihm nur 55 Pf. berechnet worden. Dagegen protestierte er. Der Polier er- klärte aber kategorisch:„Mehr zahle ich nicht I" Der Kläger arbeitete weiter,„bohrte" jedoch im Laufe der Woche nochmals um tarif- liche Bezahlung an. Tarauf erhielt er am Sonnabend seine Ent- lassung. Leider ließ er sich auf das eindringliche Zureden des Vorsitzenden Hagemann bewegen, die Klage zurückzunehmen. Der Rat hätte nicht erteilt und nicht befolgt werden sollen. Es hätte der Klage stattgegeben werden sollen. Waren 60 Pf. Lohn verein- bart, so waren sie zu zahlen. In der Unterschrift der Lohnberech- nung bei der Lohnempfangnahme unter mündlichem Protest gegen die Lohnhöhe liegt keinesfalls ein Berzickt.' Ein solcher wäre,«ach wenn er schrittlich und ausdrücklich erteilt wäre, hinfällig. Denn der Arbeiter rst nach§ 2 des Lohnbeschlagnahmegesetzes nicht be- rechttgt, über seinen Lohn bor der Empfangnahme zu verfüg». Waren nicht 60 Ps., sondern nichts vereinbart, so war de? Klägers Anspruch gleichfalls gerechtfertigt, denn dann hätte er nach§ 612 Absatz 2 deS Bürgerlichen Gesetzbuches„die übliche Vergütung", also den tariflichen Lohn, zu verlangen. letzte ffoefrHebten, Die erste Sitzung der Friedenskonferenz in Bukarest. Bukarest, 30. JulÜ(Meldung der Agence Roumaine.) Die Sitzung der Friedenskonferenz begann um 4 Uhr. Vom ersten Augenblick an herrschte bei den Besprechungen vollkommene Cour- toisi«. Ministerpräsident Majorescu hieß die Erschienenen im Namen des Königs und der rumänischen Regierung will- kommen. Ministerpräsident Paschitsch bat im Namen der Ver- bündeten den Ministerpräsidenten Majorescu, den dauernden Vor- sitz bei der Konserenz zu übernehmen. Dieser Vorschlag wurde durch Akklamation angenommen. MajoreSeu hielt sodann eine An- sprach«, auf welche Ministerpräsident VenizeloS erwiderte und er- klärte, daß die Missionen den Vorschlag einer SuS- pendierung der Feindseligkeiten zustimmten- Tontschow, der sich dem Vorschlag anschloß, drückte den Wunsch aus, daß alle Missionen von dem gleichen Geiste der Bersönlichkcit beseelt seien wie die bulgarische. Die Sitzung wurde dann unterbrochen, um den militärischen Sachverständigen Gelegenheit zu geben, das Abkommen über die Einstellung der Feindseligkeiten zu redi- gieren. Nach Wiederaufnahme der Sitzung billigte die Konferenz das Protokoll über einen Waffenstillstand von fünf Tagen. Vier Exemplare wurden de? Chefs der Missionen übergeben, damit sie den Text an die Hauptquartiere telegraphierten. Me Bevollmäch. tigten verzeichneten mit lebhafter Genugtuung die einmütige Zustimmung zu dem Waffenstillstand. Die Konferenz vertagte sich dann aus morgen 4 Uhr nachmittags. Zum Konflikt im Metallarbeiterverdand. Stettin, 80. Juli.(Prtvattelcgramm des „Vorwärts".) In einer überfüllten Mitgliederversamm- lung der Verwaltungsstelle Stettin des Deutschen Metall- arbelterverbandes wurde heute der Beschluß vom 24. Juli. wonach keine Gelder an die Hauptkasse in Stuttgart gesandt werden sollen, wieder aufgehoben. Der katalonische Tcxtilarbeiterstreik. Barcelona. 30. Juli.(W. T. B.) Durch den Streik sind' 6 4 Betriebe in der Stadt in Mitleidenschaft gezogen. In mehreren Reden, die gestern in verschiedenen Loksleu gehalten wurden, sprach man sich für den revolutionären Streik aus. Der Zivilgouverneur hat erklärt, daß er über siebzehntauscnd Mann verfüge, um zu verhindern, daß der Streik einen revolvtio- nären Charakter annehme. Schweres Unwetter in Nordamerika. Washington, 30. Juli.(W. T. B.) Heut« nachmittag brach ein schweres Unwetter los, welches den Bahnverkehr lahm. legte und großen Schaden anrichtete. Mehrere Regierungs- gebäude wurden durch Blitzschlag beschädigt. Zahlreiche Pcrssne.n ft.u t fc c® tz e r l e tz t. Deutscher Metallarbeiter-Verband NtMllltvllgsstttle Kerlm C 54, Fimevstr. 83-85. Telephon: Amt Norden 185. 1239, 1987, 9714. Sonnabend, de» 2. August 1913, nachtS 12 Uhr: Mlgemeine VeräimmUntig der Kino- Operateure Groß-Berlins in Wwe. Augustins Festsälen, Oranienstratze 103. Tagesordnung: 1. Ist die Erhebung einer Stempelsteuer für unsere Prüfungszeug- niste ansechtbar? 2. Kommissionsbericht und Branchenangelegenheite». 3. Fragelasten. Kollegen I Erscheint vollzählig und pünktlich in dieser Versammlung. 123/1__ Die OrtsTertvaltnngf. wie dn Spanler hdnnen Sie auf das fiübscbe und brauchbare Geschenk sein, das jedem Paket von Dr. Oentner"« Veilcbensdfenpulvet „fioldperle" bd liegt. Verlangen Sie aber au» driicklich „Goldperle'i Vertretung und Lager bei Hermann Kundcr. Neukölln, Herrfurthsir. 25. 200/12» Graumanns Festsäle und Garten Kannynstrafie 27 Bühne mit elektrischer farbiger Beleuchtung. Sonnabende und Sonntage im August noch zu vergeben. Sonnabend, der 13. September, frei- geworden. 1330L' Sängerchor Wedding teaa Benin) S M. d. D. A.-S.-B.— Chormcitter Emil Thilo. Sonntag, den 3. Angnst 1913: .JistriMtal-Ert-lfl im Seebad Reinickendorf, Residenzstr. 49 Mw Mitwirkung des Berliner H-Trio. Eröffnung 2 Uhr.— Anfang des Konzerts 4 Uhr. Eintrittskarten im Vorverkauf 25 Pf., an der Kaste 30 Kinder in Begleitung Erwachsener frei. Jedes Kind erhält eine Stocklaterue gratis. .. Tie Kaffeeküche------ 59/17 steht den geehrten Damen von 2 bis 6 Uhr zur Verfügung. Neue Welt Arnold Scholz. Hosenheide 108/1 14. Heute Donnerstags den 31. Juli 1913: «»sssAA Elite-»Tag! oee**** Konzert und Vorstellnng verbunden mit � 9 1(«rt-Fifflll. 9 Zum Schluß: „Beschießung und Brand von Skutari." (Pyrotechniker Nieland.) Anfang 5 Ehr. Entree 50 Pf. Im Riesenfestsaal: Großer Ball. —« Brauerei FriedrichsSiain Am Köiiigstor. Cef.; Ernst Elebing. Jeden Dienstag- und Oonnerstagnachmittag: Kaffee-7r ei-Vorstellung der Xorddentschen und Apollo- SÄnger bei freiem Entree. Freitags: Frei-Konzert.» n Theater des Westens. Ab Freitag, 1. Aug.: Kurzes Gastsvicl Sylvester Schäffer. Vorher die beiden Einakter: Ein angedrochener Abend Das starke StBek.— Sominerpreisc! Berliner Theater. e uhr: Filmzauber. Senntag, den 31. August: Beginn der Spielzeit 1913—1914. Die erstes Vorstellungen sind: Im Deatschen Operuhans in Cbarlottenbnrg: Komisohe Oper von Nikolai: Die lustigen Weiber von Windsor. 4. Abteilung und 11. Abteilung(a). 12. Naehmillagsableilung im Venen Volkstheater 8 Uhr: Fritz Stavenhagens niederdeutsches Drama; Mudder Mews. Montag, den 1. September, abends 8'i, Uhr, 16.(gemischte) Abteilung im Venen Volkstheater: Mudder Mews. Sonntag, den 7. September(3 Uhr) 1 und 2a Abteilung im Schiller-Theater Charlottenburg; Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld. 9. Abteilung im Herrnfeld Theater: Arno Holz und Johannes Schlaf: Familie Selicke. Drama in 3 Aufzügen. In Szene gesetzt von Fritz Witte-Wild. Sonntag, den 14. September(3 Uhr): 6. Abteilung und 16. gemischte Abteilung(c und d) im Thalia-Theater: Henrik Ibsen: Die Wildente. Schauspiel in 5 Akten. In Szene gesetzt von Fritz Witte-Wild. ggJF- Die Mitglieder werden ersucht, ihre- Mitgliedskarton in ihrer Zahlstelle abzugeben mit der- Erklärung. ob sie einer Nachmittags-, Gemischten oder Abendabteilung angehören wollen und können gleichzeitig nach Zahlung des nächsten Beitrages von Mark 1.19 die neue Mitgliedskarte für das Spieljahr 1913/M (in der bisherigen Zahlstelle) In Empfang nehmen. � tzjsjk Alle etwaigen Umschreibungen in eine andere Zahlstelle müssen spätestens bis Ende Juü bewirkt sein. X Zahlstellenverändcrnngcn: Zahlstelle 22, bisher Augustin, befindet sich jetzt im Restaurant Kraatz, Kochslr 39....... Zahlstelle«9, hishor Schäfer, befindet sich jetzt m Konfitürengeschäft G. Mttllcr, Molzstr- 73. Von! Zahlstelle 62: Xcnkälln. Hagedorn, Zigarren- ladcn, Mareschstr. 15... v?'20 \ou! Zahlstelle 65: Elcbtenbcrg, Artur Stein, Zigarrenladen, Frankfurter Chaussee 45. »er Vorstanck. t V.: G. Winkler. Voigt- Theater «»»straste 38. Jeden Donnerstag: Kinderfest. Nur noch einige Mate: Die schöne Melusin o. Vollst, neue erstkl. Spezialitäten« Kastenöffn. 10 Uhr. Ansang 4'/, Uhr. Voranzeige. Dienst., 5. Aug.: Benefiz Heinr. Bach: Der Verschwender. IOSE=THEATE Große Fraiikturlei Str. 132. Rur noch bis Freilag. I.Aug.: lägeduek einer Yerlorenen. Li Ansang 8'/, Ubr. Auf der Gartenblibne: Achtung! Es geht los! Große Posse. Anfang 41/, Uhr. Passage-Panoptikum Der persische Angenfahir in seinen fanat. Derwisch- Martern (hebt u. a. mit den Augen schwere Gewichte). 3 Schwestern Liliput, die kleinst. Schwest. der Welt. Alles lebend! Ohne Extra-Entrec! Berliner Prater-Theater 7-9 Kastanien.Allee 7-9. Täglich:"mi Das Bummelmädchen Gr. Aussiaitungsp. in i M o. M. Heye Musik von Hirich und Schreqer. Y-rstklafi. Spezialitäten. Konzert. Aniana 4'/. Ubr. Eintritt 35 Pf. Admiralspalast Elnz. Eispalast der Welt mit prunkvollen Eisballetten. Angenehm kUhler Aufenthalt Allabendlich EHrt in St. Moritz Wiederauftr. der kleinen Charlotte BlS und von 103N llhr ��hnlbcKassenpreis e. Volksgarten TUeate Baestr. 8 und Bellermannstr. 20 J''?,u'e:.rn»cro Don Juan Coffc mit Gesang u, Tanz in 4 AI Saraus der brillante VarietH» Freitag, den 1. August: Debüt . erstklassigen Aiigust-Spezialitätei Heute: Gr. Brillani-Feuerw, Ansang 4 Ubr. Für oen Jnyat» ver In, erat« tzdernimmr sie Resattion dem Publikum gegenüber keinerlei Nevanrivortnna. Lerantw� Redakt.: Alfred Wielkpp, Neukölln. Inseratenteil verantw.: rh.Gia-ie.Lerlln. Druck u. Beriag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagsaustaU VaulS'nge: i Co.. Berlin SW. H.erüu 3«etlaaen u. anterbaltunaWl srm so. i. Kejlsgt des ,f ormürts" fetliner DslksblM. ijBiEmaiirEPWMtMgTiniMBrngMarnarT�iffOTinnrTTffviiwf-�MMrH�riwMMMWMnnBMBTiiw� Das Mailevittelkprobiem. Genosse Kautskh in Nr. 42 der„Neuen Zeit": III. Will nun Genosse Meerfeld vielleicht behaupten, der Massen- streik sei bei uns nicht deshalb überholt, weil er überflüssig, son- dern deshalb, weil er umnöglich, weil der deutsche Proletarier nicht mehr gewillt oder fähig sei, ihn durchzuführen? Daß er augenblicklich nicht möglich ist, geben eigentlich alle Genossen zu, die sich darüber geäußert haben; sie weichen bloß voneinander ab in den Ursachen, in denen sie diese Unmöglichkeit begründet sehen. Aber damit ist es keineswegs gesagt, daß es so bleiben mutz. Wohl aber fühlen die Massen ganz gut, daß ein Massenstreik in Deutschland nicht eine einfache Demonstration ist, die man nach Belieben ansetzen und wieder einstellen kann, ohne daß sie irgend- welche Konseuenz nach sich zieht. Sie bauen auch nicht darauf, daß ein Kampsstreik, der heute resultatlos abgebrochen werden mutz, morgen wieder erneuert werden kann. Sie wissen, daß er unter deutschen Bedingungen zu den Kämpfen gehört, die nur mit einenr großen Siege enden können öder einer großen Niederlage, die zum mindesten eine tiefe Zerrüttung der Organisationen und Entmutigung der Kämpfer für Jahre zurückläßt. Aber das besagt nicht, daß sie für immer auf den Massenstreik verzichten müssen, sondern nur, daß sie bloß im äußersten Falle nach seiner Anwendung drängen werden. Nur als äußerstes Mittel kommt er für uns in Betracht. So wurde er auch stets von der Mehrheit unserer Partei auf- gefaßt, soweit sie in Parteitagsbeschlüssen zum Ausdruck kam. Als ein solcher äußerster Fall kommt zunächst die Bedrohung eines wichtigen politischen Rechtes in Frage, vor allem des Reichs- tagsivahlrechtes. Der Jenaer Beschluß faßte in erster Linie diesen Fall, die Anwendung des Massenstreiks als Mittel der Defensive zur Llbwehr eines?lnschlagS auf das Wahlrecht oder auf das Koalitionsrecht, ins Auge. Und er ist auch derjenige, der am leichtesten eintrete» kann und am ehesten die vollste Gc- schlossenheit der proletarischen Massen bei seiner Anwendung verbürgt. Aber auch als Offensivwasse kann bei uns der Massenstreik m Anwendung kommen. Zum Beispiel dann, wenn das bestehende, die Massen erdrückende Regierungssystem durch historische Ercig- nisse zu wanken scheint, so daß die Massen erwarten können, ein energischer Stoß genüge, es über den Hausen zu werfen. Eine derartige Aussicht wäre wohl imstande, die Massen zu entflammen, wie es 1905 in Rußland der Fall war, und den unwiderstehlichen Drang zu einem Massenstreik in ihnen zu entfesseln. Aber auch der preußische Wahlrechtskampf könnte schließlich zu einem Massenstreik führen, wenn die Massen so weit gekommen sind, daß sie in der Niederwerfung des Dreiklassenwahlrechts eine Lebensfrage erblicken; wenn sie glauben, ohne die Uebertragung des Reichstagstvahlrechtes aus Preußen nicht weitcrexistieren zu können oder durch diese Uebertragung einen gewaltigen Schritt zu Macht und Wohlstand zu machen. Solange die Massen noch nicht diese Empfindung haben, wird es nie gelingen, sie zum Massenstreik im Wahlrechtskampf zu be- geistern. Diese Empfindung gewinnen die von uns noch nicht gewonnenen Massen aber nicht durch einzelne Leitartikel und Reden, die ja doch nur auf die schon überzeugten Parteigenossen wirken, die gewinnen sie nur durch den Anschauungsun.ter- richt von Tatsachen. Das ist der einzige, der auf die ganze Proletariermasse wirkt, ohne die wir den Massenstreik nicht gc- Winnen können. Dieser Anschauungsunterricht fehlt, solange das allgemeine, gleiche Wahlrecht zum Reichstag nicht eine Volksvertretung liefert, die für das Proletariat an„positiver Arbeit" weitaus mehr leistet als das Dreiklassenhaus. Das war bisher noch nicht der Fall. Die Majorität im Reichstag war bisher fast ebenso arbeiterfeind- lich wie im Landtag, nur wagte sie ihre Arbeiterfeindlichkeit unter dem Drucke des gleichen Wahlrechts nicht ebenso unverhüllt und frech zu äußern wie im Landtag. Aber das kann sich ändern. Die 110 Sozialdemokraten im Reichstag mit den 4% Millionen Stimmen hinter sich haben es bereits erreicht, daß die Lasten der jüngsten Wehrvorlagen den Besitzenden zugeschanzt wurden. Wir können vielleicht im Reichs- tag noch mehr erstarken und dahin gelangen, daß wir ihn zu Sozialreformen drängen. Gelänge es, die Praxis im Reichstag so zu gestalten, daß sie den Massen zeigte, daß Reichstagswahlrecht besitze für sie großen praktischen Wert, dann würden sie auch die Wichtigkeit seiner Erringung für den preußischen Landtag begreifen. Kommen wir so weit, daß die Ergebnisse der auf Grund des Reichstags- Wahlrechts gewählten Volksvertretung in ausfallenden Gegensatz zu denen des Dreiklassenhauses geraten und dadurch auch dem ungeschultesten Arbeiter deutlich zeigen, wie sehr daS allgemeine, gleiche Wahlrecht, um mit Marx zu sprechen, durch die Tätigkeit der Sozialdemokratie aus einem Werkzeug der Prellerei ein Werkzeug der Befreiung werden kann, dann ist ist es am ehesten möglich, die gesamte proletarische Masse zu dem Kampfe für Er- setzung des Dreiklasienwahlrechtes durch das Reichstagswahlrecht in Preußen mobil zu machen. Das erscheint mir zurzeit als der aussichtsreichste Weg, den Massenstreik für den preußischen Wahl- rechtskampf vorzubereiten: nur durch das Wachstum der Bc- deutnng des Reichstags im Bewußtsein der Volksmassen gewinnen sie die Erkenntnis von der Bedeutung des Reichstagswahlrechtes. Der entgegengesetzte Weg der Massenaktionsschwärmer, die Leistungsfähigkeit des Reichstages und damit des Reichstagswahl- rechtes als recht gering hinzustellen, ist der verkehrteste Weg dazu. Je mehr es gelingt, dem Reichstag durch das Gewicht des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes Konzessionen für das Prole- tariat abzuringen, desto größer aber auch die Versuchung für die herrschenden Klassen, zu trachten, dieses nnbeueme Wahlrecht los- zuwcrden. So bringen unsere Fortschritte im Reichstag den Massenstreik in doppelter Weise näher: als Mittel der Verteidigung des Reichstagstvahlrechtes und als Mittel des Angriffes, um seine Uebertragung ans Preußen zu erzwingen. Wir haben also sehr wohl mit der Möglichkeit, ja mit der Wahrscheinlichkeit eines Massenstreiks auch in �Deutschland zu rechnen; aber nicht unter belgischen oder russischen Formen und Bedingungen, sondern unter besonderen deutschen. Und der Massenstreik ist heute nicht die Bedingung unseres weiteren Vorwärtsschreitens, sondern unser jetziges Vorwärts- schreiten ist die Bedingung eines künftigen Massenstreiks. Im allgemeinen kann man von ihm sagen, die Vorbedingung seines Gelingens ist eine Situation, die die Arbeiterklasse so sehr erregt, daß alle ihre Schichten einmütig nach den schärfsten Mitteln der Aktion verlangen: die Parteigenossen nicht nur, sondern auch die freien Gewerkschaften, ja die Diasse in den gegnerischen Or- ganisationen und die urlorganisierten Massen selbst. Die Entschlossenheit und Geschlossenheit der ganzen prole- tarischcn Massen ist für uns Vorbedingung des Massenstreiks. Es könnte zum Beispiel keine unzweckmäßigere Vorbereitung des Massenstreiks geben, als eine Entzweiung zwischen Partei und Gewerkschaft. In dein einmütigen Zusammenwirken von Partei, Gewerkschaft und Genossenschast im Wahlrechtsstreik ist das bel- gische Beispiel mustergültig. Die Geschlossenheit der ganzen proletarischen Masse muß auch schon vor dem Ausbruch des Massenstreiks vorhanden sein und zu ihm drängen, soll er gelingen. Der umgekehrte Weg, diese Eni» schlossenheit und Geschlossenheit der Masse erst aus dem Massen- streik durch seine öftere Wiederholung herauswachsen zu lassen, ist bei so hochentlvickelten Verhältnissen wie den deutschen un- gangbar.■ Zur Herbeiführung einer derartigen Stimmung der Massen kann natürlich die Agitation und Taktik unserer Partei viel bei- tragen. Wer sie sind nicht allein und nicht einmal in erster Linie dafür entscheidend. Viel bestimmender werden da ökonomische und politische Bedingungen, die von unserer Haltung völlig unab- hängig sind. Augenblicklich verlangt, wie schon bemerkt, niemand die Anwendung des Massenstreiks. Alle seine Befürworter in der Partei fordern bloß seine Vorbereitung oder Propagierung. Aber wir haben gesehen, daß es nicht eine einzige Art von Massenstreik gibt, sondern verschiedene. Jedes Land entwickelt besondere Typen. Ehe wir den Massenstreik propagieren wollen, müssen wir uns zunächst klar darüber werden, welche Art von Massenstreik wir propagieren wollen, den friedlichen Demonstrationsstreik oder den chronischen Kampfftreik, der durch eine frische, fröhliche Offen- sive provoziert werden soll, in der die Massen gehörig erregt werden, oder den Kampfstreik als letztes Mittel einer bestimmten Kampfperiode, als Ergelmis einer spontanen allgemeinen Er- regung der Massen, die nicht mehr zurückzrchalten sind, einen Streik, mit dem wir rechnen, auf den wir bauen, wenn es zum Aeußersten kommt, mit dessen Idee wir unsere Genossen vertraut machen, für dessen AMvendung in einem bestimmten Moment wir uns aber keineswegs festlegen, weil diese Anwendung- nicht von uns Sozialdemokraten allein abhängt, sondern von der Gesamt- masse des Proletariats. Nur eine dieser verschiedenen Arten des Massenstreiks kann propagiert werden, denn jede von ihnen schließt die andere aus. Es genügt heute nicht mehr, vom Massenstreik im allgemeinen zu reden. Wer ihn befürwortet, muß auch sagcir, welche Art dieses Streiks er propagiert wissen will. Die proletarikhe Jugendbewegung. III. Tie Bekämpfung durch die bürgerliche Jugendbewegung.' Der behördliche Kampf gegen unsere Jugendbewegung findet in der sogenannten bürgerlichen Jugendpflege seine Ergänzung. Vereint unter dem Helme des Jungdeutschlandbundes, und in Preußen und Sachsen von de« Regierungen strategisch geführt, bemühen sich alle bürgerlichen Jugendvereine und„Jugend- Pfleger", die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen mit dem Lockmittel des Zuckerbrotes der proletarischen Jugendbewegung zu entziehen. Es ist bekannt, daß Staat und Gemeinde der bürgerlichen Jugend- bewegung alle nur erdenklichen moralischen und materiellen Vor- teile gewähren. Wer mit welcher Skrupellosigkeit dies geschieht, ist leider weiten Kreisen der Arbeiterschaft unbekannt geblieben. Die Agitation für bürgerliche Jugendvereine beginnt schon in der Volksschule. Die Schulkinder werden angehalten, den Konfirmanden Werbeschriften in die Wohnungen zu tragen oder es werden die Adressen der zur Entlassung kommenden Schüler den bürgerlichen Vereinsvorständen übermittelt. Die Lehrer der Fortbildungsschule befleißigen sich, den Anordnungen des Ministers, die Schüler wiederholt auf die bürgerlichen Jugendver- Ausnahme- Preise für moderne lackeft-Änzüqe nniniiiiinnnmniimiinmnnmninn»iimniimmnimminmininui» iJWhihiih Sdilufs Sonntagj 3. August « 1■■ A•• bunt gtmmtert Cheviot fk ilOC Jackett- Anzüge für Herren 24 f I.» Jk„ m oder a gemusterter r> OO«: Jackett-Anzüge für Herren S. � 32 « 1 I« A•• martngo Cheviot, such r) �1r\c Jackett-Anzüge für Herren 3/" w 1 ji A•• vornehm gemusterter a � ryc Jackett-Anzüge für Herren 4125 Jackett- Anzüge für Herren 4525 Jackett-Anzüge für Herren 5025 i Eine begrenzte Anzahl schwarzer unci xe- i i mustertcr Rock- Anzüge zu den Preisen von 18'"* u 27� j BaenSohn Spezial-Haus größten Maßstabes für Herren- und Knaben-Kleidung Chausseestraße 29- 30 BERLIN 11 Brackenstr aße 11 Gr. Frankfurter Straße 20 Gegr. 1891 Schöneberg, Hauptstr 10 Sonntags nur oon 8— /o geöffnet,_ Prompter Versand nach außerhalb. ={ Haupt-Katalog Nr. 47(Neuegte Moden) kostenfrei."); 49 Sorte ärtä Suchdruckerei und BedaeSanftalt$anl etjtjtt 4 Berlin SW. 68, Lindcnstr. 69. eine und'-Veranstaltungen hinzuweisen, in übertriebener Weise nachzukommen. Agitationsvorträge, von Lehrern und uniformier ten Offizieren gehalten, gehören zum wichtigsten Bestandteil des „staatsbürgerlichen Unterrichts" der Fortbildungsschule. Auf der Arbeitsstätte aber sind es die Meister und Unternehmer, die die Jugendlichen zum Beitritt in die bürgerlichen Bereine zu be- stimmen trachten. Selbst von der Kanzel der Kirche herab er- schallt das Sammelhorn der bürgerlichen Jugendvereine., Der„sanfte Druck", der bei dieser Propaganda auf die Jugend lichcn ausgeübt wird, verdichtet sich oft zu einem offenen Zwange. Die Auftiahme der Turnstunden in den Unter- richtsplan der Fortbildungsschule ist nichts weiter als ein Vorwand, die bürgerlichen Vereine zu stärken. Denn die Mitglieder der bürgerlichen Jugendvereine, die Turnstunden abhalten, sind in der Regel vom Turnunterricht befreit. Um den eventuellen Schäden dieses Pressionsmittels zu entgehen, haben selbst konfessionelle Ber- eine das Turnen eingeführt. Den Gipfel der terroristischen Agitation für die bürgerliche Jugendbewegung dürfte der Regierungspräsident für Merseburg erklommen haben. Er hat angeordnet, daß die Zeitschrift: „Wir sind Deutschlands Jugend" a l s L e r n m i t t e l in den Fortbildungsschulen zu benutzen sei. Die Zeitung wird von der Schule geliefert und jeder Schüler hat hierfür 6» Pf. jährlich zu berappen. Da? sonderbare Lernmittel ist eine von dem staatlichen Bezirksjugcndsekretär Hemprich-Merseburg herausgegebene Zeitung, deren vornehmste Aufgabe es ist, die Sozialdemokratie in den Augen der Jugendlichen verächtlich zu machen. Kein Wunder, daß Ar- beitcreltern sich weigerten, die Zeitung zu abonnieren. Dafür wurden sie mit Strafmandaten bedacht. Gegenwärtig haben die Gerichte die Entscheidung zu treffen, ob diese seltsame Fugend- pflege der Fortbildungsschule mit dem Gesetz in Einklang zu bringen ist. Wie dem Jungdeutschlandbunde die Mitglieder zu- getrieben werden, plauderte der Vorsitzende seines Schlesischen Provingialverbandes, General Freiherr von Seckendorff, aus. Der ganze Regierungsbezirk Oppeln und ein Teil des Regierungsbezirks Breslau seien gn den Jungdeutschlandbund angeschlossen worden. Für den Jahresbeitrag von IM M. sei erreicht worden, daß sämt- liche in den Kreisen befindliche Jugcndvereine, die 120 MO„Köpfe" zählen, als Jungdeutschland angeschlossen gelten. Die Aufführung der Aiitgliederzahlen des Jungoeutschland- bundeS ist also als eine Zuchthausstatistik zu bewerten und man weiß, was es mit der halben Million Mitglieder, die der Bund besitzen will, auf sich hat. Die Tätigkeit des Bundes hat je länger je mehr auch bürgerliche Kreise zur ablehnenden Kritik herausgefordert. Der Unfug der Kriegsspiele ist von allen Seiten der Bevölkerung, mit Ausnahme des exklusiven Militärs, mehr oder minder scharf ver» urteilt worden. Der preußische Kultusminister sah sich genötigt, zur Beschwichtigung der empörten Bevölkerung die RegierungS- Präsidenten zu ersuchen, dem Gebrauch von Schießgeräten ent- gegenzuwirken. Seit einiger Zeit hat der Bund seinen Arbeitsplan um die geistige„Ertüchtigung" der Jugend erweitert. Bon den G e- meinden läßt er sich Jugendheime bauen. ES ist an sich zu begrüßen, daß die Gemeinden endlich sich ihrer Pflicht besinnen, fiir die so gut wie heimatlose Arbeiterjugend Stätten der Bildung und Unterhaltung einzurichten. Heime, die von den Gemeinden inanziert werden, sollen aber der ganzen Jugend zugute kommen, ind in unparteiischer Weise von der Gemeindeverwaltung zu eiten. Der Jungdeutschlandbund dagegen verfolgt nicht gemein- nützige Zwecke. Sein« ÄriegSspiele berechtigen eher zu dem Schluß, daß er eine öffentliche Gefahr darstellt. Jedenfalls verfolgt er »inen politischen Zweck: die Bekämpfung der modernen Arbeiterbewegung. Dem Jungdeutschlandbunde Jugendheime der Gemeinden zur Verwaltung zu übergeben heißt: Mißbrauch treiben mit öffentlichen Mitteln. UebrigenZ bewegt sich die Arbeit deS Bundes zur geistigen „Ertüchtigung" der Jugend auf dem gleichniedrigen Niveau seiner körperlichen„Ertüchtigung", der so viele rühmliche Früchte bereits erwachsen find. Die Zeitung„Jungdeutschlandpost", die er seit dem 1. Januar d. I. in Gemeinschaft mit der Deutschen Turnerschaft herausgibt, bringt vorwiegend Abhandlungen, die sich mit militärisch-kriegerischen Dingen befassen. Von Zeit zu Zeit enthält sie Artikel mit starker kriegshetzerischer Tendenz. Dies« Tendenz atmen auch die übrigen, geselligen und anderen Beranstaltungen. Da ist es kein Wunder, wenn auf der Hauptbundesversamm- lung Exzellenz v. Bissing-Berlin Nagte, die besten, ausgezeich- netsten Jungen verschwinden allmählich auS dem Bunde. Dank der weitgehendsten Förderung durch Staat und Ge- meinde hat die bürgerliche Jugendbewegung einen bedeutenden Umfang angengmmen. Nach eigenen Angaben oder Schätzungen zählen die Zentralorganisationen Mitglieder: 1. Konfessionelle Bewegung. Nationalvereinigung der evangelischen JünglingSbündnisse Deutschlands: 2419 Bereine mit 142 826 Mitgliedern, davon die Hälfte im Alter von 14 bis 17 Jahren; Verband evangelischer Jungfrauenvereine: 4999 Vereine mit 29999 Mitgliedern, meist über 18 Jahre alt; Jugendbund für entschiedenes Christentum: Oktober 1912: 429 Vereine mit 11999 Mitgliedern, Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren verhältnismäßig wenig; Bund deutscher Jugendvereine(evangelisch-liberal): 1918: 153 Bereine mit 8799 Mitgliedern, ferner für Mädchen 59 Ber- eine mit 1799 Mitgliedern; Katholische Jünglingsvereinigungen: 1912; 2695 Vereine mit 265 719 Mitgliedern; Jugendabteilungen des Verbandes katholischer kaufmän- nischer Vereine: 1912: 79 Vereine mit 5999 Mitgliedern; Jungfrauenkonyreationen(katholisch): 399 999 Mitglieder; Verband katholischer Vereine erwerbstätiger Frauen und Mädchen: 1911: 6999 Mitglieder unter 18 Jahren; Verband süddeutscher katholischer Jugendvcreine für die im Erwerbsleben stehenden Mädchen: 1913: 198 Ortsgruppen mit 6299 Mitgliedern; Verband derjüdischen Jugendvereine Deutschlands: 112 ver. eine mit 1799 Mitgliedern, davon nur 1699 unter 18 Jahren. 2. Interkonfessionelle Bewegung. Deutschnationaler HandlungSgehilfenverband: 14 981 jugendliche Mitglieder; Deutscher Verband kaufmännischer Vereine: 3799 jugendliche Mitglieder; Deutsche Gewerkvereine(Hirsch-Duncker): 1918: 56 Jugend- abteilungen mit 1199 jugendlichen Mitgliedern; Kaufmännischer Verband für weibliche Angestellte: 1912: 29 Jugendabteilungen mit 1999 jugendlichen Mitgliedern; "■ aftlichen nationalen Arbeiter- Westfalen(gelbe Gewerkschaft): Jugendbund'der Wirt bewegung in Rheinland 2909 jugendliche Mitglieder; Guttemplerorden(Antialkoholverein): 1913: 559 Jugend- verbände mit 22 999 jugendlichen Mitgliedern; Deutsche Turnerschaft: 1913: 198 183 Mitglieder im Alter von 14 bis 17 Jahren; Verband Deutscher Wandervögel: Dezember 1911: 17 799 jugendliche Mitglieder, außerdem 2259 Mädchen; Deutscher Radfahrerbund: 2999 jugendliche Mitglieder im Alter von 11 bis 18 Jahren; Deuffcher Schwimmerbund: 1919: 19 695 jugendliche Mit- glieder und 1211 Rildche«; Deutscher Futzballdund: 1913: 24 688 Mitglieder im Alter von 14 bis 17 Iahren; Jungdeutschlandbund: 1. Oktober 1912: 396 999, gegen- wärtig zirka 599 999 jugendliche Mitglieder. Zweifellos imponierende Zahlen! Bei ihrer Wertung ist aber zu berücksichtigen, daß erstens die Ziffern oft stark nach oben ab- gerundet sein dürften, zweitens, daß sehr viele Mitglieder Zwangs- Mitglieder sind, dann geht aus der Statistik auch nicht immer her- vor, wieviel Mitglieder im Alter von 14 bis 18 Jahren stehen, und schließlich sind die Mitglieder, die mehreren Vereinen ange- hören, doppelt und dreifach gezählt. Wie hoch die Summe auch sein mag, die die faktische Mitgliederzahl verringern könnte: sie bleibt immerhin noch groß genug, um uns mahnend ins Ohr zu klingen. Der weitaus größte Teil der Mitglieder in dm bürger- lichen Jugendvereinen ist proletarischen Ursprungs, gehört inner- lich zur Arbeiterbewegung. Es entsteht die Frage, ob die unserer Jugendbewegung gegen- wärtig gewidmeten Mittel und Kräfte ausreichend sind, um die stetig wachsenden Aufgaben in Zukunft erfüllen zu können. Diese Frage sollte von allen Beteiligten ernstlich geprüft werden! ZweiffelloS ist, daß nicht nur mehr Eifer, sondern hier und da auch ein Ausbau der Einrichtungen unserer Jugendbewegung eine Forderung des Kampfes um die Jugend ist. An die Delegierten zum 3. Bauarbeiterschutzkongreß. Die Delegierten, die ihre Meldekarte noch nicht an das Lokal« komitee in Leipzig abgesandt haben, werden dringend ersucht, dies unverzüglich zu tun. ES stehen genügend Wohnungen zu an- gemessenen Preisen zur Verfügung. Auch die Delegienen. die sich selbst eine Wohnung beschaffen wollen und auf die Besorgung einer solchen durch daS Lokalkomitee verzichten, müssen ihre Melde- karte einsenden. Sonnabend, den 9., und Sonntag, den 19. August, befindet sich daS Lokalkomitee im Volksbaus, Zeitzer Straße 32. Letztere» ist Empfangslokal für die Delegierten und vom Hauptbahnhos mit der hl-Linie der Straßenbahn direkt zu erreichen. Am Hauptbahnhof werden Genossen, durch entsprechende Abzeichen kenntlich, anwesend sein, um den ankommmden Delegierten Auskunft zu geben und, wenn nötig, als Führer zu dienen. Im Volkshause erhalten die Delegierten ihre WohnungSlarte und anderes Material auS- gehändigt. Meldekarten und sonstige Zuschriften find zu richten an A. L ütt i ch Leipzig, Zeitzer Straße 32,«rbeitersekretariat. Marktpreise von Berlin am 29. Juli 1913. nack Ermitlewngen deS königb Volizeiprälidium«. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 20,02 bis 20,70, mittel 20,46—20,54, geringe 20,80—20,88 Roggen, gute Sortis,«)— 00,00, mittel 00.00—00.00. geringe 00.00-00,00(ab Babn). Futter. gerste, gute Sorte l7.20-17.60. mittel 16,70— N.lO, geringe>6.20—16.60. haser, gute Sorte 17.70— 1S.10. mittel 16,60—17,60. Mais smixed), gute Sorte 00,00—00,00. Mals«runder), gute Sorte 14,60— 15,20. Richlstroh 0,00. Heu, alt 0,00, neu 5,80—7,40. Martthallenoreise. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00, Sveisebobnen, weitze 35.00—60,00. Lmien 35,00—60,00. Kartosseln(ttleinhdl.) 6,00—12,00. 1 Kilogramm Rmdüeiich, von der Keule 1,70— 2,40. Rindfleisch, Sauchfleilch 1,30—1,80. Schwemesleisch 1,50—2,10. Kalbfleisch 1.40—2,40. Hammelfleisch ILO— 2.40. Butter 2.20—3.00. 60 Stück Eier 8,60—5.40. 1 Kilogramm Karvien 1,80—2,60. Aale 1,60—3,20. Zander 1,40—3,60. Hechle 1,60—3,00. Barsche 1,00—2.40. Scklti» 1.60—3.50. Bleie 0.80—1.60. 60 Stück Kreble 1,00—48.00 Den reinsten€lflg h«rettet waa silb sehr dillig selbst r au Kricher« Essig" Essenz« feinsten, milden EiflWSCHe- und SpeiSG- am«, fcomlt etnaeleste gftüchte dewahren 61« zuletzi ihren sttnen»eichmack und unoeründert lchines UuSsehen ohne stonseroiernngsmiitel. Sehr dtonomisih im verbrauch. 1 ftl. 1.10, 1, gl. 60 Hf. inü. gl., aasreichend(üt 12 bzw. 6 Weinst, srn«. gn lUftnnvnn crhülitich. aber echt und Wa nicht oortAtig den UsWM rein nur mit Marke fc-ICn*nerZ« wende man sich an Otto Refehel, Berlin 43, Elsenbahnslr. 4. Fern.pr, Moriupi.475i-53. Von der Reise zurück. 123/15 vn. Hsiuismsvin Kurfttrstcntttr. 3. Spezialarzt* U.,"' und Frauenleiden— Ehrlich- Hata. Blutuntersuchung. Schnelle, sichers Heilung. Mäßige Preise. 252/7* Dr. med. WockentuB, Friedrichsir. 125, Oranienb.Tor. Spr. 8-8, Sonnt. 8-9. ODÖSSTt DEUTSCHE CtSAfiETTCKFABSIA Hus dir Frauenbewegung. Gebärftreih. Noch bis vor Wenigen Jahren hatte die Sozialdemokratie sich mit der bürgerlichen nach M a l t h u s benannten An- schauung auseinanderzusetzen, daß die Ursache allen Elends auf dieser Erde in der zu raschen Bevölkerungsvermehrung zu suchen- sei. Nach dem englischen Oekonomen Malthus (gestorben 1834) hat die Bevölkerung die Tendenz, sich viel rascher zu vermehren, als der Nahrungsspielraum sich erweitert oder mit anderen Worten: die Bevölkerung nehme rascher zu als die ihr zur Verfügung stehenden Existenz- mittel. Das war eine zur Zeit wirtschaftlichen Nieder- ganges in England schlau ersonnene Lehre, um die Verant- Wartung für die Not der Zeit auf das Proletariat selbst ab- zuschieben, das in leichtsinniger Weise Kinder in die Welt setze, ohne auf die angebliche Beschränkung der überhaupt vor- handenen Lebensmittel gebührende Rücksicht zu nehmen. Daran schloß sich dann von bürgerlicher Seite stets die offene Aufforderung, das Proletariat möge seine Geburtenzahl be- schränken, und der berüchtigte Rat der Frau V u l p i u s, gegen große Kinderzahl helfe am besten ein Waschkübel, ist in mannigfachen Variationen den Proletariern erteilt worden, die mit Rücksicht auf ihre große Kinder- zahl Lohnerhöhungen forderten. Nun besteht ein absoluter Mangel an Existenzmitteln natürlich keineswegs, nur die Verteilung der Güter ist in der kapitalistischen Gesellschaft eine ungerechte und verkehrte; während ein kleiner Kreis von Begüterten im Uebersiuß lebt, muß die breite Masse darben. Auch hindert die Anarchie der gegenwärtigen Produktionsweise die volle Entfaltung aller in Natur und Gesellschaft schlummernden Kräfte zur ausreichenden Erhaltung der ganzen Menschheit. Da nun seit einigen Jahren die Bevölkerungszunahme in den entwickelten kapitalistischen Staaten langsamer fortschreitet als in früheren Jahrzehnten, malt die bürgerliche Gesellschaft plötzlich statt des Gespenstes der drohenden Uebervölkerung das noch schrecklichere des Aussterbens der Bevölkerung an die Wand. Und während bisher das Proletariat sich nach Meinung der Bürgerlichen zu rasch vermehrte, zetert man nun in denselben Kreisen über den Rückgang der Geburtenzahl. Um so auffälliger mutz es erscheinen, daß jetzt in Parteikreisen eine Argumentation propagiert wird, die der selbst von Bürger- lichen aufgegebenen Malthusschen Lehre bedenklich ähnelt. Die Phrase von einem zu inszenierenden„Gebär- streik" mischt sich in die ernstesten Diskussionen störend ein. Während die Propaganda der Geburteneinschränkung als Mittel zur Beseitigung des menschlichen Elends in bürgerlichem Munde wenigstens einen Sinn gibt(nämlich den, dasProletariat über die wirklichen Ursachen seiner Not zu täuschen), kann diese Propaganda von sozialistischer Seite als angebliches„Klassenkampfmittel" nur falsche Vorstellungen über unsere Aufgaben erwecken. Die Notwendigkeit der Agitation für den Gebärstreik hat man unseres Wissens durch zwei Momente zu begründen versucht: einmal soll der Gebärstreik das Bürgerlum durch Entziehung der Arbeitskräste und Rekruten treffen und sodann soll der Geburtenrückgang ein Mittel sein, die Lage der Arbeiterklasse im Interesse des politischen und gewerkschaftlichen Kampfes zu stärken. Was das erste Moment anbetrifft, so ist cS in der Tat richtig, daß das Bürgertum durch den Geburtenrückgang be- unruhigt wird, weil es einen größeren Verlust an arbeits- und waffenfähigen Männern fürchtet. In Frankreich zum Beispiel ist die Stagnation(der Stillstand) der Bevölkerung be- reits so groß, daß es gegenüber Völkern mit rascher Ver- mehrung militärisch ins Hintertreffen gerät und daher durch Einführung der dreijährigen Dienstzeit die Lücke im Nachwuchs auszufüllen sucht. Aber gerade das Beispiel Frankreichs zeigt, daß der Geburtenrückgang den herrschenden Klassen ein Anlaß ist. dem Proletariat noch härtere militärische Lasten aufzuer- legen. Die Geburtenverminderung hat die Lage des franzö- fischen Proletariats in dieser Hinsicht nicht verbessert, sondern erschwert und es ist kein Zweifel, daß die bürgerlichen Parteien in Deutschland in derselben Situation zum gleichen Hilfsmittel greifen werden. Die Propaganda des Gcbärstreiks mit dem Ziele. dem Klassenstaat Rekruten zu entzieben, ist daher eine völlig aussichts- lose und sehr gefährliche Sache. Nicht besser steht es mit dem Argument, daß ein Gebär- streik das Bürgertum durch Entziehung der Arbeitskräfte schädigen wird. Schon heute— trotzdem es Hunderttausende von deutschen Arbeitslosen gibt— zieht das agrarische und industrielle Unternehmertum aus wirtschaftlichen und politischen Gründen Hunderttausende von billigen und fügsamen aus- ländischen Arbeitskräften ins Land. Schon heute hat das deutsche Proletariat schwer unter der Schmutzkonkurrenz dieser meist völlig unaufgeklärten, bedürfnislosen Massen von aus- ländischen Proletariern zu leiden, die durch ihren schnellen AufenthaltSwcchsel im Jnlande und die jährlich wiederholte Rückwanderung ins Ausland, die sprachlichen Verschiedenheiten, die Rückständigkeit ihrer Heimat- lichen Verhältniffe und Denkungsweise usw. der sozialistischen Aufklärung so schwer zugänglich sind. Es wäre Wahnsinn. den Zuzug dieser Massen absichtlich zu beschleunigen, oder glaubt man im Ernst, die Bevölkerungszunahme ließe sich so rasch zum Stillstand bringen, daß die Unternehmer diesen AuSweg nicht in genügender Weise(auch zur Heranbildung qualifizierter Arbeiter)' benutzen könnten? Oder soll das Proletariat nach Anschauung der Befürworter des Gebär- streiks die Geburteneinschränkung bis zur Selbst- Vernichtung treiben? Ohne diese Möglichkeiten konkret auszumalen, läßt sich die Unrichtigkeit der Argumentation für den Gebärstreik auch burch rein theoretische Ueberlegungen nachweisen. Die ganze kapitalistiiche Gesellschaftsordnung beruht auf dem Gegensatz von Kapitalisten und Proletariern. Es ist nun nicht einzu- sehen, wie durch bloße Verschiebung des Zahlenverhältnisses beider Klassen eine grundsätzliche Acndenxng der ökonomischen Machtverhältnisse eintreten sollte, zumal wenn das Zahlen- Verhältnis zuungunsten der Proletarier geändert wird. Eine Verschiebung der Art. daß die relative„Ueberzählig- keit der Proletarier je verloren geht, ist innerhalb der kapita- listischeu Gesellschaft undenkbar. Sie liegt schon deshalb völlig außerhalb des Bereichs der Möglichkeit, weil die Bourgeoisie langst den Grad der Bevölkerungsvermehrung erreicht hat. unter dem eine Vermehrung überhaupt noch gerade gewährleistet wird. Ein Unterschreiten dieses Grades bedeutete eben ein Aussterben. Befürchtungen über den Ausgang des „Vorwärts" Nr. 194.— Donnerstag, den 31. Juli 1913. Klassenkampfes braucht man daher nach keiner Richtung hin weder von zu großer noch zu kleiner Geburtenzahl zu hegen. Die innere Organisation kapitalistischer Wirtschast sorgt für die Ueberzähligmachung von Proletariern ganz von selbst, so daß eine Gefährdung des Klassenkampfes durch die Geburten- abnähme nicht zu erwarten ist, solange man sich nicht über die Wirkungen dieser Abnahme in Täuschung versetzt. Durch die früheren Ausführungen ist zum Teil auch schon das zweite Argument widerlegt, daß die Geburtenbeschränkung ein Mittel ist, die Lage der Arbeiterklasse zu heben und sie für den Klassenkamps fähiger zu machen. Daß die Lage des Proletariats als Klasse durch die Geburtenabnahme keine Besserung erfährt, bedarf keiner iveiteren Ausführung. Wäre dies Mittel wirklich geeignet, den Arbeitern zu helfen, dann brauchten sie überhaupt kein Streben nach dem Sozialis- mus und keinen Klassenkampf niehr. Aber in dieser rohen Form(die nur eine Wiederholung Malthusscher Gedanken darstellen würde) vertreten wohl die Befürworter des„Gebärstreiks" dieses Argument nicht. Vielmehr haben sie wahrscheinlich die Vorstellung, daß eine Proletarierfamilie mit wenig Kindern mehr Zeit und Geld zur eigenen Aus- bildung und Teilnahme an der Arbeiterbewegung aufwenden kann als eine mit großer Kinderzahl. Gerade unter den Genossinnen findet man daher Verteidiger für die Notwendigkeit des Gcbärstreiks. Sie schildern lebhaft die Nöte einer Mutter mit acht Kindern, deren Berufs- und Hausarbeiten keine Zeit zum Besuch von Versammlungen oder zur Lektüre, deren materielle Sorgen kein Geld zu Parteizeitungen oder Abonnementsgeldcrn für die Arbeiterpresse übrig lassen. Diese Beweisführung, die von Tausenden von Prolctariermüttern mit dem ganzen Gefühl eigener bitterer Erfahrungen wiederholt wird, ist, so bestechend sie auch erscheinen mag, nichtsdestoweniger falsch. Nicht die geringe Kinderzahl ist der Weg zur sozialistischen Er- kenntniö und Politik; denn sonst müßten bürgerliche Schichten oder ausländische Proletarier, bei denen das Zweikindershstem bereits eingebürgerte Sitte geworden ist, im Klassenkampfe das deutsche Proletariat überholt haben. Aber gerade in den Ländern, wo die Bevölkerung stagniert, leiden die Arbeiter unter ökonomischem und politischem Druck, ist oft die Arbeiterbewegung selbst gehemmt. Die Fortschritte der proletarischen Befreiung sind denn doch von anderen Faktoren abhängig als von der Kinderzahl. Für das einzelne Individuum mag geringe Kinderzahl eine Erleichterung be- deuten, aber die Schulung für den Kampf einer ganzen Klasse wird davon nicht berührt. Es wäre töricht, die Entwickelung des Klassen bewußtseins in irgendeine Beziehung zur Kinderzahl bringen zu wollen. Ideen solcher Art sind viel mehr geeignet, die Klarheit sozialistischer Erkenntnis zu trüben. In bürgerlichen Kreisen, die ein gewisses Verständnis für die sozialen Nöte haben und nicht mit einem rohen„Helft Euch wie Ihr Euch immer geholfen" gleich dem Düsseldorfer Rcgierungsrat Bornträger die Anwendung empfängnisver hütender Mittel als Sünde und Verbrechen schlechtweg veo werfen, wird Wohl die Geburtenbeschränkung als soziales „Heilmittel" und„Vorbedingung für den sozialen Ausstieg der Menschheit" propagiert. Aber die Wiederholung und Vev brämung dieses Rats mit scheinbar dem Schatz sozialistischer Erkenntnis entnommenen Argumenten verwandelt ihn noch nicht zu einem brauchbaren Ziel proletarischer Taktik. Es heißt wirklich Ursache und Folge völlig verkehren, wenn man eine Erscheinung, wie den Geburtenrückgang, geboren aus der Not kapitalistischer Wirrnis, und geradezu ein Zeichen kapitalistischer Dege» n e ra ti o n, uns empfiehlt als eine Waffe, deren Anwendung unseren Kampf erleichtern soll. Um die Geburteneinschränkung zu erklären und zu recht' fertigen, bedarf es solcher Argumente überhaupt nicht. Die zureichende Begründung dafür liegt vielmehr in ganz anderen Erscheinungen, worüber ein zweiter Artikel Aufschluß geben soll.—_ Die konservative Partei wirbt unter den flauen. Der im vergangenen Herbst gegründeten.Vereinigung konser. vativer Frauen" scheint das Leben von den männlichen Mitgliedern der eigenen Partei recht sauer gemacht zu werden, trotzdem die Vereinigung im Einverständnis mit der konservativen Parteileitung begründet worden ist und von vornherein unbedingten Kadaver» gehorsam zugesagt hat. Denn was man bisher von der Tätigkeit dieser Bereinigung hörte, war nicht etwa Agitation gegen weibliche Mitglieder anderer Parteien, nicht ein Werben in den Reihen der Indifferenten, sondern Agitation gegen die Mit- glieder der gleichen Partei und«in Buhlen um die Gunst der Anhänger der eigenen Weltanschauung. Dieser Kamps um die Anerkennung im eigenen Haus beweist, daß die Bil- dung einer konservativen Frauenpartei in der Tat einen Bruch mit den bisherigen Prinzipien und der alten Taktik der Konservativen bedeutet, weist darauf hin, daß die neue Vereinigung den Rahmen der konservativen Partei zu erweitern geeignet ist. Konservativismus und Betätigung der Frau auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet sind oder besser waren unzweifelhaft sich widersprechende Dinge und wir begreifen das Grauen der alten konservativen Garde vor der neuen Er- scheinung. die zunächst als Fremdkörper empfunden werden muß. Aber eS wäre Täuschung, wenn wir diese im konservativen Lager noch nicht für voll angesehene Neuschöpfung darum al« weniger gefährlich ansehen wollten oder gar erwarteten, die Vereinigung bliebe immer zu einem Scheindasein verurteilt. Die Erfahrungen anderer(insbesondere skandinavischer) Länder zeigen, daß die Konservativen auch die Frauen einzugliedern wiffen. Gleich wie die Konservativen überall die schlimmsten Feinde des sozialen Fort» schrilles sind, so gehören dort auch die konservativen Frauen zu den mächtigsten und gefährlichsten Gegnern der Demokratie. Auch in Deulichtand wird die konservative Frauenbewegung ihre Position er» ringen und e« ist ein charakteristisches Zeichen, daß da« offizielle Organ der Konservativen, die.Kreuz-Zeitung", fort und fort ihre spalten kür die Verteidigung der neuen Vereinigung gegen eigene Parteimitglieder zur Verfügung stellt. Natürlich geht es bei diesem Kampf um die Daseinsberechtigung nicht ohne Spitzen gegen die bisher gellende Taktik der Konservativen in der Fraucnfroge ab. In einer Zuschrift der„Vereinigung" („Kreuz-Zeiiung" vom 20. d. M.) heißt es: »Für falsch würden wir eS halten, wenn die ganze An- gelegenheit nur mit der Begründung zurückgewiesen würde, wie «s'st. so soll-S auch bleiben". Bei der Erörterung der Eiuzelforderuugen der Bereinigung wird sogleich zugestanden, daß „manches dabei ist. waS den konservativen»nfchammgeu fremd war". Und in der Tat liest man in dem Programm Zugeständnisse an Anschauungen, die bis zurzeit von der konservativen Partei heftig bekämpft werden. Die Vereinigung gibt zu, daß in allen Schichten Millionen von Frauen gezwungen sind, um ihre Lebensexistenz zu kämpfen..., daß die Fragen der Frauenbewegung aus einem wirklichen Notstand erwachsen sind..., daß, so lebhaft auch der Wunsch ist, die ganze Er- ziehung aller Mädchen auf den Beruf als Frau und Mutter vor» zubereiten, so wenig das möglich ist. Konservative Frauen haben es weiter„als Mangel empfunden, daß sie ihre Vorschläge nicht direkt an den Stellen anbringen können, bei denen die Entscheidungen liegen", sie fordern daher ein« Prüfung. ob die Forderungen des kirchlichen und kommunalen Wahl« rechts mit konservativen Grundsätzen und konservativer Welt« anschauung vereinbar sind. Mindestens könnten eventuell die Arbeitskommissionen der kirch- lichcu und städtischen Verwaltungen verpflichtet werden, Frauen als Sachverständige zu hören. Das alles sind in der Tat im Munde eines Konservativen trotz aller Verklausulierung unerhörte Forde- runge». Wir würden uns nicht wundern, wenn der Anti- Frauen» emaiizipaliousbund daraufhin auch der neuen konservativen Frauen- Vereinigung Fehde ansagt, zumal die Vereinigung sich selbst gegen den Anti-Bund also wendet: „Es ist doch nicht zu leugnen, daß die Gegner der Frauen- bewcgung bisher keine wirtsamen Mittel angegeben' haben, um die bestehenden Notstände aus der Welt zu schaffen." Dadurch, daß die Forderungen der Frauen von der konser» vativen Parteileitung gebilligt und moralisch unterstützt werden, ergibt sich zugleich die interessante Frage: wie werden die konser- vativen Parlamenlsfraktionen sich in Zukunft zu diesen Forderungen stellen? Eine glatte Ablehnung wie bisher ist unmög- lich, da die konservative Partei selbst die Untergrabung eigener ftüherer Anschauungen fördert. Ein freikonservaliver Abgeordneter hat ja bereits im diesjährigen Landtagswahlkampf seinem prinzipiellen Einverständnis zum kommunalen Frauenwahlrecht Ausdruck gegeben. Die Motive für den Stimmungswechsel in der Frauenfrage bei der konservativen Partei liegen klar zutage. Da die Sozial- demokratie, der Liberalismus und, seit kurzem mit vermehrter Energie, auch das Zentrum Frauen in die Partei eingliedern, können die Konservativen nicht zurückstehen und den Gegnern das Feld ohne Kampf überlassen.„Besteht nicht für die Frauen dieselbe Gefahr in dem Eindringen liberaler und demokratischer Ideen wie für den Mann?" fragt die erwähnte Zuschrift. Als Ansicht deS Parteivorstandes wird dazu weiter gesagt: „Es wurde durchaus anerkannt, daß die maßgebenden konservativen Kreise sich bisher zu w e n i g mit den Jntereffen der Frauenwelt befaßt hätten, daß diese Interessen bei der rapide fortschreitenden Entwickelung unserer Verhältnisse viel komplizierter und schwieriger sind als früher. Viele ehrlich denkende konser« valive Frauen, die im Beruf stehen, sind in Gefahr, sich an d i e linken Parteien zu wenden, da die größte Zahl der kon» servaliven Herren bis jetzt für berechtigte Wünsche der Frauenwelt kein Ohr hatten." Diese scharfe Selbstkritik bestätigt zwar unsere Vorwürfe gegen die Konservativen,- aber sie zeigt zugleich, daß die konservative Partei willens ist, ihre Anhängerinnen zu sammeln und sie für den Kampf gegen alle wahrhaft fortschrittlichen Bestrebungen auszurüsten. Die Notwendigkeit des Ausbaues der proletarischen Frauenbewegung wird dadurch nur zwingender. An uns ist eS. wachsam zu sein und den gewonnenen Vorsprung zu halten und zu vergrößern! Frauenarbeit. Berkäuseriiinen mit und ohne Sternchen. Die größeren Spezial» aeschäfle sowie bestimmte Abteilungen der Warenhäuser benötigen stets einen Stamm tüchtig vorgebildeter Verkäuferinnen. Hier und da gehen sie deshalb an die Errichtung von Verkäuferinnenschulen oder-kursen, in denen Materialkenntnis gelehrt und die jungen Mädchen mit den Umgangsformen im Bedienen der Kunden vertraut gemacht werden sollen. Man klagt über die mangelhaft« Vorbildung der aus den Volksschulen hervorgegangenen Mädchen und versucht, Mädchen auS den„besseren" Bllrgerkreisen mit Töchterschulbildung heranzuziehen. Aber die kommen nicht in hellen Scharen. Mehr und mehr rekrutieren sich die Ladenangestellten au« den Arbeiterschichten, die nicht in der Lage sind. ihren Töchtern eine bessere Schulbildung angedeihen zu lassen. Ja, sie sind oft genug so dringend auf den Mrterwerb der Kinder an« gewiesen, daß die Mädchen nicht einmal die Volksschule bis zur obersten Klasse besuchen können. Um nun aber die wenigen Töchterschülerinnen, die im Ver« käuferinnenberufe tätig sind, von vornherein von den auS der Volks« schule kommenden Mädchen zu unterscheiden— denn der Gedanke wäre doch gräßlich, wenn Töchtcrschülerin und Boltsschülerin, die die gleiche Arbeit zu verrichten haben, auch als vollkommen gleich angesehen würden—, kommt ein Herr Otto Borbeck in Dort- mund auf die glänzende Idee, ein Abzeichen einzuführen, durcb das die Verkäuferinnen in zwei Klassen geteilt werden. Er schreibt darüber in der„Textilwoche": „Die Mehrzahl der Verkäuferinnen wird dauernd der Volks» schule entstammen. Die höhere Töchterschule wird nie in der Lage sein, der großen Nachfrage bezüglich deS Nachwuchses zu genügen. Die Töchterschülerinnen und somit die Angehörigen der gebildeten Volksschichten werden, wenn sie diesen Beruf wählen, mit Volksschülerinnen zusammen arbeiten muffen. In Anbetracht dieser Tatsache drängt sich die Frage aus: Ist eS nicht ratsam, zwei oder mehr Kategorien von Verkäuferinnen zu schaffen?_ Die auf erstklassiger Bildungsstufe Stehenden werden äußerlich kenntlich gemacht, etwa wie beim Postsekretär gegenüber dem Postasfistenten der höhere Stand durch das am Kragen angebrachte Sternchen erkenntlich gemacht wird. Bei Damen lönnte diese« Erkennungszeichen eine eigen« zu dieiem Zwecke hergestellte Brosche sein, die nach Prüfung aller diesbezüglichen Fragen von einem Ausschuß der gesammten kauf» männischen Verbände verliehen werden müßte." Mit dieser hervorragenden Idee ist nun zwar nicht das ver« käuferinnenproblem gelöst, aber es wird dafür künstlich der Standes» dünkel großgezogen und die Angehörigen eines Berufes nach ihrer Herkunft in mehrere Klaffen geschieden. Das paßt dann Wunder« schön zu dem Gerede von dem„Ausgleich der Klassengegensätze", das immer dann einsetzt, wenn irgendeine Schicht von Angestellten sich erlaubt' von gemeinsamen Interessen der Arbeitnehmer gegenüber denen des Kapitals zu reden. Vom Arbcttsmarkt der Dienstboten. In bürgerlich reaktionären Kreisen sucht man noch immer die Notwendigkeit der industriellen Frauenarbeit mit dem Hinweis zu widerlegen, daß sich den Frauen zahlreiche und gut lohnende Stellungen als Dienstmädchen böten. Ueber die Lage der Dienstboten, die unter dem schmachvollen Ge» finderecht stehen und daher allen Launen ihrer Dienstherrschaft so gut wie schutzlos ausgesetzt sind, soll hier gar nicht gesprochen werden. Auch nicht davon, daß verheiratete Frauen nicht als Dienstboten tätig sein können, sondern afff industrielle Arbeit allein angewiesen find.(Für Aufwartestellen ist dauernd ein großes Angebot von Arbeitsuchenden vorhanden, daß die Nachfrage das Angebot weit übersteigt.) Ab« selbst für Dienstmädchen der» schlechtert sich der Arbeitsmarkt von Jahr zu Jahr. Die zunehmende Lebensmittelteuerung zwingt immer mehr Bourgeois« fcnnilien, auf den Luxus eines eigenen Dienstboten zu verzichten. Das geht aus den Statistiken der Arbeitsnachweise deutlich hervor. So bewarben fich durchschnittlich um 100 offene Stellen im Mai 1911 rund 66 stellungslose Dienstmädchen, im Mai 1912 bereits 79, und im Mai dieses Jahres sogar 80 arbeitsuchende Dienstboten. In den Frühjahrs- und Sommermonaten besteht immerhin noch eine Nachfrage nach Arbeitskrästen. Zu Ende jedes Jahres steigt aber die Zahl der arbeitsuchenden Dienstmädchen über die Nachfrage hinaus. Es gibt dann mehr Stellungslose als offene Stellen. So kamen auf 100 offene Stellen im November 1911 etwa 121 Arbeitsuchende, im gleichen Monat des vergangenen Jahre rund 103. Da nicht anzunehmen ist, daß die Dienstboten gerade in der Jahreszeit mit den schlechtesten Aus- sichten auf Wiedereinstellung ihre Stellung aufgeben, bleibt nur die Erklärung übrig, daß die.Herrschaften" kurz vor Weihnachten ihre Hausangestellten entlassen, um das übliche Weihnachlsgeschenk zu sparen, das im Grunde ja nur einen smeist vorenthaltenen) Teil des Lohnes darstellt. Da schon in diesen Sommermonaten keine große Nachfrage nach Dienstboten besteht, sind die Aussichten für den Winter vom Standpunkt der Dienstmädchen noch schlechtere. Das trifft nicht nur für die Zahl der Stellen, sondern auch für die Arbeiisbedingungen zu. Denn mit abnehmender Nachfrage nach Arbeitskräften steigt die Tendenz, den Preis für den Berkauf der Arbeitskraft zu d r ü ck e n. Um so mehr müssen die Dienstboten durch Zusammenschluß(in ihrem„Zentralverband der Hausangestellten") ihre Jntdressen zu wahren suchen. fmucn stimmreckt. Zum Sieg der Frauen in Illinois wird uns aus New Dork ge« schrieben: Es ist zunächst nur ein Teilwahlrecht, das Illinois seinen Frauen eingeräumt hat— dafür tritt aber dieses eingeschränkte Stimmrecht sofort in Kraft, das heißt, ohne daß es erst eines Referendums �Volksabstimmung) bedarf. Das angenommene Gesetz macht nämlich die Frauen nur mit Bezug auf solche Lemter, die»nicht durch die Staatsverfassung geschaffen" lind, wahlberechtigt. Es sind dies alle kommunalen Äemter, sowie die höchsten Bundesämter und die Kongreßsitze. Hätte das Staats- Parlament ein uneingeschränstes Frauenwahlrecht proklamiert, so hätte das erst der Ratifizierung durch die Wähler bedurft, der die Frauen natürlich, soweit es sich um die Staatsämter handelt, auch keinesfalls aus dem Wege gehen wollen. Ganz im Gegen- teil: Ihr nächstes Ziel ist jetzt die Durchsetzung eines ' Frauenstimmrechts- Amendements zu der StaatSverfasiung. und unter dem Zeichen dieser Agitation stand dann auch bereits die Siegesfeier, die Chikagos Frauen am 4. Juli inszenierten. Mit ihnen jubeln die fortschrittlichen Frauen des ganzen Landes, ist der in Illinois errungene Sieg doch von Tragweite für die Bewegung in den ganzen Vereinigten Staaten. Erst jetzt hat das Frauenwahl- recht in Amerika den Misstssippi gekreuzt und seinen Siegeszug ostwärts angetreten. Es ist nicht länger lvahr, wenn der Philister sich damit tröstet, daß es nur einige Staaten im entlegensten Westen seien, die ihren Ladies das Stimmrecht gewähren, weil sie ihnen sonst so wenig zu offerieren haben.... Zu den sechs älteren Frauenrechts-Staaten— Kalifornien, Wyoming. Colorado, Idaho, Utah and Washington— sind im vergangenen Jahre Kansas, Arizona und Oregon getrelen, und nun haben sich ihnen Alaska und Illinois zugesellt. Bis vor zwei Jahren betrug die Zahl der weiblichen Wähler im Lande 1 346 923— heute wird sie die vierte Million er- reicht haben, und da auch die reaktionären Parteiführer gern siegen und daran bei künftigen Wahlen nicht mehr zu denken ist, wenn man die Frauen gegen sich hat, so ist ein allgemeiner Sieg des Frauenstimmrechts in der Union nur noch eine Frage der Zeit. Nicht wenig zu diesem raschen Wandel mag der Umstand beigetragen haben, daß das bekannte Gerede, den Frauen selber läge gar nichts an staatsbürgerlicher Gleichberechtigung, durch die Erfahrungen des Frauenwahlrechts so gründlich aä absuräum geführt ist. Noch kürzlich ergab sich bei kommunalen Wahlen in Los Angeles(Kal.), daß die Frauen nicht minder zahlreich zur Urne gehen als die Männer. Wahr ist nur, daß sie selber nicht so begierig sind, politische Aemter zu bekleiden, wie die Männer. Nur in Colorado hat es immer ein oder zwei weibliche Parlamentsmitglieder gegeben und kürzlich wurde dort auch der erste weibliche Senator gewählt. In Wyoming war es das erstemal, daß einige Frauen zu Landtags- vbgeordneten erkoren wurden. Hus dem partd leben. Die Zahl der weiblichen Parteimitglieder ist, wie aus dem Bericht des Parteivorstandes hervorgeht, vom Juli 1912 bis März d. I- um 10 744 gestiegen. Die Partei zählt jetzt 141 115 Frauen als Mitglieder. Der Zuwachs betrug im vergangenen Jahre 8.2 Proz. Die Zahl der männlichen Mitglieder stieg nur uni rund 2000 auf 341 735 oder um 0,23 Proz. An dem Gesamtmitgliederzuwachs der Partei von 1,3 Proz. sind also vornehmlich Frauen beteiligt. In einzelnen Agitationsbezirken hatten auch die Frauen eine Mitglieder- abnähme zu konstatieren, so in Westpreußen, Oberlangenbielau (Schlefien), Magdeburg, Halle a. S., Hannover, im Saargebiet, in der Pfalz, in Mecklenburg, in Sachsen-Altenburg. Doch wurde» davon nur 9 Bezirke betroffen, während einen Rückgang der Gesamt- mitgliederzahl 15 Bezirke verzeichnen mußten. Jedenfalls zeigen diese Zahlen, daß trotz der ungünstigen wirtschaftlichen Konjunklur die Agitation unter den Frauen durchaus wirksam gewesen ist und gute Aussichten auf weiteren Erfolg hat.— Hinzufügen wollen wir. daß der Abonnentenstand der„Gleichheit" von 94 300 Ende 1911 auf 112 000 im März d. I. gestiegen ist. Sexuelle frage, Eine Deutsche Liga zur Bekämpfung des Frauenhandels hat fich in München gebildet. Die Liga beabsichtigt Vorbeugung und Be- kämpfung des Mädchenhandels. Nach dem Programm hält sie die Vorbeugung für den weil wichtigeren Teil, versteht darunter aber in erster Linie die„Aufklärung der breiten weiblichen Volksschichten". Die Liga gibt zurzeit ein Organ, den„Menichenwart" heraus. Eine zweite Zeilschrift soll folgen und„in populärer Form, ohne Anstoß zu erregen" die Aufklärung in weitere Kreise tragen. Von Vor- trägen, Broschüren, Reklamewerken. Plakaten u. a. verspricht sich die Liga weiteres, ebenso von einer„Eingabe an die Herren Bischöfe und Pfarrer jeder Konfession, in Bekanntmachungen und Predigten wenigstens einmal im Jahre auf den Mädchenhandel hinzu- weisen" I In B e r l i n soll eine eigene Zentrale errichtet werden, die u. a. einen Ueberwachungsdienst der Heiratsannoncen ausüben, ferner ein Auskunftsbureau und einen Stellennachweis erhalten soll. Schließlich ist die Gründung eines Hauses für gefallene Mädchen. auf religiöser Grundlage geplant. Im Präsidium finden sich sechs adlige Damen, der Schauspieler Possart und der Warenhaus« besitzer Oskar Tietz, als Ehrenmitglied ein bayerischer Prinz.— Wir wünschen den Arbeiten der Liga besseren Erfolg, als er dem bis- herigell Kampf beschieden war, obgleich wir von der Nutzlofigkeil dieser Kampfesart gegen das kapitalistische Uebel überzeugt find. Cagimgen. Der diesjährige(vierte) Deutsche Kongreß für Säuglingsschuh, veranstaltet von der Deutschen Vereinigung für Säuglingsschutz, findet am 18. und 19. September 1913 in Breslau stall. Für die Tagesordnung sind folgende Referate vorgesehen: 1. Geburienrück« gang und Säuglingsschutz. 2. Die Stellung des Arztes in der Säuglingsfürsorge. 3. Die Rechtsstellung des unehelichen Kindes nach deutschem Recht. Die Teilnehmerkarte<10 M.) berechtigt zur Teilnahme an den Verhandlungen und den übrigen Veranstaltungen sowie zum kostenlosen Bezüge der Drucksachen und des später er« scheinenden Berichts._ Jedes Wort 10 Pfennig. Du fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2(ettgedruckte Worte). Stellengesuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 P'S-! das erste Wort(fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. ] Kleine Anzeigen| ANZEIGEN für die nächste Nummer werden in den Annahmestellen für Berlin bis I Uhr, für die Vororte bis 12 Uhr, in der Haupt-Expedition, Lindenstrasse 69, bis 5 Uhr angenommen. Verkäufe. Teppich Thomas, Oranienftr. 126, d erkauft farbfehlerhafte Teppiche ipott« billig; Gardinen, Steppdecken, Tisch- decken halben Preis. Vorwärtslefern 5 Prozent Extrarabatt. 78551* Betteustaub 9,—. straße 70, im Keller. Brunnen« ISOOSt* Aoriavrige eiegameHerrenanzüge ttnb PalelotS aus feinsten Magstosten SO— 10 Mark, Hofen 6—14 Mark. BeriandbauS Germania, Unter den Linden 21.* Tevptepe! ifehierhaile) m allen Größen, fast für die Hälfte deS Wertes Tepvichiager Brünn, Hackeicher Marti 4. Bahnhof Börfe.(Leier des SVorwärtS" erhalten 5 Prozent !abalt.) SonmagS geöffnet!• Zehn Prozent Rabatt Vorwärts« lefern. (Sardinenreste, Fenster 1,55, 1,95, 2,45, 2,85, 3,50, 4,25, 5,50, 6,75 ufw. E. 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Wehe dem Beamten oder Arbeiter, der auch nur verdächtig ist, einem sozialdenwkratischen Abgeordneten seine Stimme gegeben zu haben: er wird von Stunde an unter ganz besondere Obser- vation genommen und fällt über kurz oder lang einem kor- ruptem Spionagesystem zum Opfer. Die Bespitzelung geht aber noch weiter: nach seiner Zeitungslektüre, seiner Zuge- Hörigkeit zu einer Gewerkschaft, sogar danach, ob irgendeiner seiner Verwandten einem Konsumverein angehört, wird ge- fahndet. Bei der Erforschung solcher rein privaten Angelegen- heiten wirkt denn aber gewöhnlich auch die königlich preußische Polizei mit. Wir erinnern da nur an die Auslieferung der auf ungesetzlichem Wege herbeigeschafften Abschristen der Mitgliederlisten der Verwaltungsstelle Essen des Transport- arbeiterverbandes an die Eisenbahnbehörde, die darauf schleunigst einen durch Zufall in der Liste stehenden Eisen- bahnarbeiter entließ. In dem Schadenersatzprozeß, den der Angestellte des Transportarbeitcrverbandes, der Genosse K i m m r i tz, gegen den Fiskus angestrengt hat und der zurzeit beim Oberlandesgericht in Hamm schwebt, hat die Essener Polizei bestritten, der Eisenbahnbehörde von dem Inhalt der beschlagnahmten Mitgliederlisten Mitteilung ge- macht zu haben. Klarheit hierüber dürfte erst die Her- nehmung der vom Kläger benannten Zeugen, darunter die des Geheinirats Sommerfeld von der Essener Eisenbahn- direktion bringen. Inzwischen ist es jedoch gelungen, festzustellen, daß die Polizei direkt im Dienste der Eiscnbahnbehörde steht, um die Beamten und Arbeiter, besonders die Ncueingestcllten, aus ihre Gesinnung hin zu bespitzeln. Ein besonders krasses Bei- spiel konnte vor einigen Tagen in Bochum festgestellt werden. Ein Arbeiter hatte an der Eisenbahn Arbeit gefunden. Er bekam den fürstlichen Lohn von 3,90 M. pro Tag. Der Ar- beiter war töricht genug, dieser Stellung wegen seine Zu- geHörigkeit zu einer gewerkschaftlichen Organisation, seine Mitgliedschaft im Konsumverein und im sozialdemokratischen Wahlverein aufzugeben und die Arbeiterpresse abzubestellen. Für später war ihm die Festanstellung und ein Lohn von 4 M. bis 4,60 M. pro Tag in Aussicht gestellt worden. Eines schönen Tages tauchte ein uniformierter Polizist auf, der in bekannter Polizeischläue in der Nachbarschaft des Neuange- stellten„Recherchen" anstellte. Seine Wissensbegierde er- streckte sich zunächst darauf, ob der Betreffende einer Gewerk- schaft oder einem Kriegervercine angehört. Zur Erklärung seiner auffälligen Neugierde meinte der Beamte: Die Eisen- bahn hat uns beaustragt, Recherchen über den Arbeiter ein- zuziehen. Nachdem er sich entfernt hafte, inuß ihn wohl plötzlich doch seine Offenheit gereut haben. Er kam»och.einmal zurück und bat die Frau, bei der er seine Erkundigungen eingezogen hatte, niemanden von der Unterredung Mit- teilung zu machen. Was wäre wohl aus der Existenz des Eisenbahn- arbeiters geworden, wenn die um Auskunft angegangene Person ihm feindlich gesonnen und die Antworten auf die Fragen des Polizisten wahrheitswidrig ausgefallen wären? Wieviel Eisenbahnarbeiter mögen diesem System schon zum Opfer gefallen sein! Gegen diese Bespitzelung und Bevormundung gibt es nur ein Mittel der Abwehr und das ist der Zusammenschluß aller Eisenbahner in eine gewerkschaftliche Organisation. Das heutige Bespitzelungssystem wird solange bestehen, wie es sich um die Maßnahmen gegen einzelne handelt, gegen die Masse aller Eisenbahnarbeiter und-beamten wäre es wirkungslos._ Berlin und Omgegend. Miststände bei der A. E.-G. Trotz aller Behauptungen der Firma, wonach der Geschäfts- gang in de:-. A. E.-G.-Betrieben ein sehr gwer sein soll, ist die Zahl der Beschäftigten dort fast um die Hälfte reduziert. Sluch gegen- wärtig werden Entlassungen vorgenommen, die mit Arbeitsmangel begründet werden, wenn auch diese Begründung absolut nicht als einwandfrei betrachtet werden kann. Ein durchaus tüchtiger Schleifer der Werkzeugbauerei in der Grünthaler Straße, der viel Arbeit an seinem Platz hatte, wurde plötzlich wegen Arbeitsmangel entlassen, weil in der Nachbarabteilung ein tüchtiger Spezialist über- flüssig sei. Auf Beschwerde des Arbeiterausschusses versuchte die Be- triebsleitung, sich durch Redensarten aus der Affäre zu ziehen. Der Schleifer wurde am anderen Morgen nicht mehr in den Betrieb ge- lassen. Der tüchtige Spezialist erklärte selbst in einer Betriebs- Versammlung der A. E.-G.-Arbeiter des Werkes Grünthaler Straße, daß er erst einmal acht Tage an so einer Maschine gearbeitet habe. Der Entlaffene selbst hatte sich dadurch gegen die Firma versündigt, daß er den von der A. E.-G. gegründeten gelben Verein kritisierte. War in früherer Zeit das Arbeitsverhältnis immer noch leidlich, so versucht die Betriebsleitung jetzt sortgesetzt Verschlechterungen ein- zuführen. Trotz des geringeren Absatzes soll versucht werden, den gleichen Gewinn herauszuwirtschaften. Man versucht zu diesem Zweck eine Neukalkulation der Preise einzuführen und bat sich zum Kalkulator den früheren Meister Schale erwählt. Wenn früher der Arbeiterausschuß bei Akkorddifferenzen zuständig war, so verlangt man jetzt von den Arbeiterinnen und Arbeitern. daß sie sich ihr Recht selbst suchen, in der Erwartung, daß sie dann zufrieden sein werden. Die Betriebsleitung will also„zufriedene* Arbeiter haben. Um dies zu erreichen, wird fortgesetzt versucht, Mitglieder für den gelben Verein zn gewinnen, obwohl die Direktion ausdrücklich mit dem Arbeiterausschuß schriftlich vereinbart hat, daß die Agitation für den gelben Arbeiterverein unterbleiben soll. Zu was die Mitglieder dieses Arbeitervereins am besten zu ge- brauchen sind, geht au? den Ausführungen des Betriebsleiters Hof- st ä d t e r hervor, der dem Arbeiterausschuß erklärte, die Gelben hätten ihn auch schon denunziert. Nach den Mitteilungen der Versammelten sind die Vereins- Mitglieder auch weniger zum Arbeiten zu gebrauchen. Herr Alt. der Vertrauensmann der Gelben, läuft den Tag über mit den Händen in den Hosentaschen herum. Hat also somit gar keine Zeit zum Arbeiten. Auch in der Werkzeugdreherei hat man nach langem vergeblichen Suchen einen gelben Dreher gefunden. Der bat es fertig gebracht, einen Stempel, den die übrigen Arbeiter in dreiviertel Stunden anfertigen, in 14 Stunden zu machen. Er war dabei so vorzüglich, daß ein Lehrling ihn dann fertig machte. Die Firma kann wirklich von Glück sagen, daß sie fast ausichließlich sreiorganisierte Arbeiter und Arbeiterinnen hat, die auch Gewähr für Leistungsfähigkeit bieten, sonst würde es mit den 14 Proz. Divi- dende für die Herren Aktionäre sehr bald bergab gehen. Wenn aber die Firma glaubt, die ungünstige Geschäftslage der A. E.-G. ermögliche die Unterdrückung der Arbeiter, dann täuscht sie sich. Sie zwingt allerdings die Beschäftigten mehr als bisher den Ueber- redungcn zum gelben Verein durch kraftvolle Agitation für den Metallarbeiterverband entgegenzuarbeiten. Eine Resolution, die dies verlangte, fand in der durchaus imposant verlaufenen Versammlung einstimmige Annahme._ Dcuttchcs Reich. Zum Streik der Werftarbeiter. Am DienStag nahm, eine von über 60 Personen besuchte Mit- gliederversammlung der Verwaltungsstelle Hamburg des Deutschen Metallarbeiterverbandes, die in den beiden großen Sälen des Sage- bielschen Etablissements stattfand, zu dem außerordentlichen Verbands« tag Stellung. In der Debatte wurde die Stellung des Vorstandes scharf kritisiert. Die Mehrzahl der Mitglieder habe bestimmt ge- glaubt, der Vorstand werde den Streik genehmigen. Er habe kein Recht, die Bestände der Lokalkaffen mit Beschlag zu belegen. Wenn die in den Landbetrieben beschäftigten Kollegen die freiwillige Unterstützung nicht ausgebracht hätten, wäre die Bewegung schon zu Ende. Man solle Kollegen zur Generalversammlung schicken, die dafür eintreten, daß aus dem § 38 des Statuts das Wort„jedwede" gestrichen werde, das dem Vorstand die Handhabe zu seinem Borgeben gegenüber dem Ver- fügungsrecht über die Lokalkaffenbestände biete. Unter lebhaftem Beifall wurde von einem Redner aufgefordert, daß auf keinen Fall jemand die Vorgänge der letzten Wochen zum Anlaß nehme, auS dem Verband auszutreten. Nachdem sich auch die übrigen Werftorte, obgleich sie wußten, daß die Unterstützung verweigert werde, der Bewegung angeschloffen hatten, mußten der Vorstand und die Generalversammlung einsehen, daß hier Behältnisse vorl�-cn, die aus den bisher geltenden Grenzen hinausgewachsen seien. Auf bie Lokal- lassen habe der Vorstand keinen Anspruch. Damit er die Arbeitslosen» Unterstützung nicht verweigern könne, müffe der§ 88 geändert werden. Eine ganze Reihe weiterer Redner schloß sich dieser Krrtik an. Die Mehrheit war darüber einig, daß das Statut den Berhältniffen nicht mehr angepaßt sei. Nur ein Redner verteidigte den Vorstand, der sich korrekt an daZ Statut gehalten habe. Folgende Resolution wurde gegen eine Stimme angenommen: Die heusige Mitgliederversammlung spricht dem Hauptvorstand die vollste Mißbilligung über sein Verhalten im Kampfe der Werft- arbeiter aus. Weiter weist die Versammlung den Eingriff des Hauptvorstandes in das Verfügungsrecht über di« Lokalkaffen energisch zurück." • Die Arbeiter der Werft von vormals Hemh Koch in L st deck haben am Dienstag, den 2S. Juli, in einer stark besuchten Versammlung zu der Bewegung Stellung genormnen. Eine Verständigung über die Forderungen zwischen der Betriebsleitung und den Arbeitern ist auch dort nicht erzielt. Die Versammlung hat aber dennoch es abgelehnt, den Streik zu beschließen und zwar wahrscheinlich mit Rücksicht auf die bevorstehende Generalversammlung des Metall- arbeiterverbandes, die die gegenwärtige Streiksiwation erst klären wird. Die Abstimmung der Werstarbeiter in der Versammlung er- gab 286 für und 221 gegen den Streik. Damit war die statutarische Zweidrittelmajorität für den Streik nicht vorhanden. Die Bewegung ist also bis nach der Generalversammlung aus- geschoben._ Die Former und Gießereiarbeiter der Eisengießereien in B u n z l a u strebten seit längerer Zeit eine Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen an. Doch die Konjunktur war nicht dazu angetan, Forderungen durch Arbeitseinstellungen durchsetzen zu können. In diesem Jahre nun verlangten die Arbeiter eine einheit- liche Regelung ihrer Löhne, der Akkorprcise und der Arbeitszeit. Es wurde eine wöchentlich SSstündige Arbeitszeit, ebenso EinstellungS- löhne für Arbeiter und Arbeiterinnen verlangt. Bei unverschuldetem Fehlguß soll den Formern kein Abzug gemacht werden: in strittigen Fällen sollte eine von Unternehmern und Arbeitern gebildete Koin- Mission entscheiden. Unterhandlungen mit den Unternehmern hatten nur bei einem Erfolg, so daß dort eine Einigung zustande kam. Die Arbeiter, die zum größten Teil dem Metallarbeiterverband angehören, nur eine kleine Anzahl gehört dem Hirsch- Duncker- Ge- werkverein an, haben jetzt einmütig die Arbeit eingestellt. Der Ge» samtverband Deutscher Metallindustrieller hat bereits durch Rund- schreiben verfügt, daß nicht nur Streikende, sondern alle Metall- arbeiter aus Bunzlau, ob sie puS den bestreikten Betrieben kommen oder nicht, von anderen Unternehmern nicht eingestellt werden dürfen. Doch die Unternehmer in Bunzlau werden ihr Ziel nicht erreichen, wenn die Former und Gicßereiarbeitcr in anderen Orten Deutsch- lands die übliche Solidarität wahren, indem sie strengstens für Fern» Haltung des Zuzugs nach Bunzlau sorgen. Für Former und Gießerei- arbeiter sind die Firmen: Gebr. Kranz, Vogeler vorm. Praekelt und Wiesner in Bunzlau gesperrt._ Lohnbewegung der Heizungsmonteure und Helfer in Nheinland-Westfale». Der Streik der Heizungsmonteure und Helfer dauert fort. Die Monteure haben noch bei einigen weiteren Firmen die Arbeit ein- gestellt. Die Unternehmer machen krampfhafte Anstrengungen, die Monteure und Helfer zur Arbeitsaufnahme zu bewegen. Zu diesem Zweck haben sie einen neuen Tarifvertrag ausgearbeitet, derselbe wurde aber nicht der Organisationsleitung zugestellt(anscheinend will man die Organisation ausschalten), sondern die Unternehmer haben hie und da versucht, die Monteure und Helfer zur Unterschrift zu be- wegen. Die Arbeiter haben aber in richtiger Erkenntnis der Sach- läge es bis jetzt überall abgelehnt, diesen Einzelvertrag zu unterschreiben. Es kommt noch hinzu, daß auch dieser von den Unternehmern neu ausgearbeitete Tarif sehr wenig Entgegenkommen zeigt. Hier und da bat man einige Verbesserungen hineingebracht und glaubte vielleicht dadurch, diesen oder jenen düpieren zu können. Bis jetzt ist dies aber nicht gelungen. Liemes-feuilieron. Das Ringlein der Treue. Die portugiesischen Royalisten, die in Lissabon gefangen sitzen, haben davon gehört, daß demnächst ,hr König und Herr Manuel Hochzeit hält, und es treibt sie. ihm ihre treue'Anhänglichkeit bei dieser Gelegenheit durch eine Gabe zu be- weisen. Sie kratzten von den Gerätschaften des Gefängniffes einiges Zinn ab. und kunstverständig verfertigten die Juweliere unter ihnen swir schätzen. eS sind ehemalige Hoflieferanten) aus diesem Material einen Ring für die königliche Hand. Eine rührsame Geschichte fürwahr. Alte Jungfern werden leise schluchzend daS Tiichlein an die Augen führen, und die männ- lichcn HerzenSmonnrchisten aller Länder wird es mit wildem Weh er- greifen. Und das Objekt der Untertanentreue?— Wir nehmen an, daß zu den Härtlingen des Liffaboner Gefängnisses nicht die bild- verzicrien Tages- und Wochenpapicre von Aug. Scherl G. m. b. H. dringen, und das ist schade. Denn für diese Preffe ist Dom Manuel so gut wie für die Getreuen im Kerker noch immer König, und in angemessenen Zwischenräumen, die natürlich größer sind als bei Potentaten, die von GolteS Gnaden über mehr Quadratkilometer ge- fetzt sind, erscheinen hier von ihm und dem, was ihm anverwandt und zugetan ist, photographische Aufnahmen. Das letzte Bild, dessen wir uns erinnern, zeigte Manuel als Schiedsrichter bei irgendeinem sportlichen Wcttkampf in England: ganz bei der Sache, ganz„gent", w als wenn er sein Leben lang nichts anderes gewesen iväre als Schiedsrichter, und als wenn er beabsichrigte, diesen Beruf dauernd beizubehalten. Einige Zeit davor zeigte uns Scherl Manuel, den Entkommene», auf der Rennbahn. Sehr schick, sehr vergnügt, und rechts und links von ihm zwei ebenso schicke und ebenso ausgeräumte Damen, lind ähnlich wird er uns immer vorgestelli. Stets mit tadellosen Bügelfalten, stets bei irgend einer vielleicht zeitraubenden aber niemals anstrengenden Bcschäfti- gu»g. Korperlich bekommt ihm das Brot der Verbannung aus- gezeichnet und man hat nicht den Eindruck, daß er eS mit seinen Tränen weichen muß. auch nicht den. daß er an die seinetwegen ein- gesperrten Hoflieferanten denkt Zu ichade, wie gesagt, daß die die illustrierten Blätter nicht zu sehen bekommen. S.e hätten ihm dann doch wohl ctwaS Lustigeres geschenkt alS einen zmneren Ring. Moderne'.Polarforschung". bcr norwegischen Zeitung .Tidens Tegn verofsentlichr ein Beamter der Telcfunkenstalion aus Spitzbergen— also ein wirklich Sachverständiger- einen scharfen Artikel gegen die neuerlich gepia».«,, schweizerischen und deutschen Spltzberge,.cxped>no»e.i. Er weis, darauf hin, daß alle Männer. Vre m der Polarforschung etwas erreichten, von der Pike auf dienten. sowohl Nausen. Peary Amundsen. Borchegrin. Nordenskiöld u. a. nahmen zuerst ,n untergeordneter Stellung an Erpeditionen teil, sammelten Ersahrungen, erprobten ,hre phy.jswe Türtitig'eit Erst nach vieljähriger Vorbereitung zum Führerberuf übernahmen sie die Leitung einer Expedition, für die sie die tüchtigsten Mitglieder anwerben konnten.„Jetzt"— jährt der Artikel fort—„ist mindestens für Spitzbergen eine Aenderung dieser einzig natürlichen ForschungS- melbode eingetreten. Da das Beispiel der im Winter verunglückten deutschen Expedition nicht abschreckend gewirkt hat, sondern im Gegen- teil eine neue nach sich zieht, deren Chancen und Pläne— nach den bekannt gewordenen Aufklärungen— um kein Haar besser sind, muß man im Namen der gesunden Vernunft doch diese Expeditionen in das richtige Licht stellen.... ES ist beinahe eine Ironie dcS Sckicksals, daß gleichzeitig ein Mitglied der verunglückten Er- vedltlon der norwegischen Presse vorwirft, daß ihre Kritik„geeignet !el. das Interne mr andere deutsche Erpedrlionen zu schwächen... Wenn es der norwegischen Presse wirklich gelingen sollte, das Interesse'ur Expeditionen mit solchen„Plänen" zu schwächen. dann wurde sie der wirklichen Polarforschung unschätzbare Dienste leisten." Der Artikelschreiber weist darauf hin, daß Spitzbergen nur in leinen entlegensten und wildesten Teilen unerforscht ist, und daß Expeditionen m bicic Gegenden die sorgfältigste ltnd gediegenste Ausrüstung und ein besonders erprobtes, widerstandsfähiges Menschenmatenal erfordern. Diese �modernen" Expeditionen nehmen zwar einige erprobte Leute als Teilnehmer, ober das sind die Dleiieiiden— die Leitung bleibt in den Händen der Uucrprobten, der absolut Erfahrungsloseit, daher Untüchtigen. Dieser Haupicehlcr wird bei der geplanten neuen deutschen Expedition wieder begangen.„Es darf aber nicht mehr da- mit fortgefahren werden"— so schließt der Artikel,„solche groß an- gelegte Expeditionen unter dem Deckmantel der Wissenschaft von Un- kundigen leiten zu lassen... die mit ihren„großen Plänen" die Welt verblüffen, aber ganz sicher wieder nur Elend und Unglück über die Teilnehmer bringen werden," Leider ist wenig Hoffniing vorhanden, daß diese berechtigte Warnung eines wirklich Sachkundigen die„wissenschaftlichen" Sport- fexe zur Besinnung bringt. Eine Leihbibliothek vor 50 Jahren. Einen interessanten Einblick in die Lektüre, die das Publikum vor einem halben Jahrhundert liebte, gewährt der völlig unberührt erhaltene Bestand einer Leih- bibliothek, der sich»och in Ilmenau befindet. Dr. Julius Boigt berichtet darüber in einem Aussatz der„Grenzboten". ES ist ein merkwürdiger Ausschnitt, der sich da aus dem Schrifttum der Zeit von 1830—1860 darbietet. In dieser„silbernen Epoche unserer Literatur", da das junge Deutschland eine nene Weltanschauung beraussührte, Hebbel und Otto Ludwig schufen und die großen Realisten den Roman zum klassische» Kunstwerk machten, war es augenscheinlich um den Geschmack der Menge schlechter bestellt als beute. Die Annahme, daß damals das Publikum nur gute Lektüre liebte, wird jedenfalls durch dieses ganz zufällig sich darbietende Material widerlegt. Goethe und Schiller, die zu jener Zeit nicht in billigen Ausgaben in jeder Hausbibliothek standen, fehlen ganz; das ist besonders bei Goethe merkwürdig, der zu Ilmenau in so nahen persönlichen Beziehungen gestanden. Von Lessing sind nur drei Werke da: Heine ist überhaupt nicht vertreten; auch sonst sucht man die Namen der damals moderneir Literatur, die noch heute einen guten Klang haben, vergeblich. Nur Freytag hat mit„Soll und Haben" und Gutzkow mit zwei Bänden Dramen Aufnahme gefunden. De» Hauptbestandteil der Leihbibliothek bilden Ritter- und Räuber- r o m a n e sowie empfindsame Rcisebeschreibungcn. Der alte Lafontaine, der Lieblingsschriftsteller um die Jahrhundertwende, ist mit seinen Romanen noch immer vertreten: Clanren, der Meister der süßlich-lüsternen Erzählung, ist mit 13 Bänden seines Taschen- buches„Vergißmeinnicht" da. Von den besseren UnterhaltungSschrift» stellcrn der Zeit werden Spindler mit 47, Tromlitz mit 69, Gustav Schilling mit 07 Bänden aufgeführt. Sehr zahlreich sind die damals in endlosen Bänden verfertigten Geschichtsromane, die auch als „historisch-romannsche Gemälde" auftreten und bisweilen schon in das Gebiet des Räuberromans hinüberreichen, wie etwa:„Die Ver- führerin und Robespierre. Ein Nachtstück aus den blutigen Tagen der französischen Revolution." Diese Schundlite- ratur der Schauergeschichten bildet den weitaus größten Teil des Bestandes und umfaßt über 3S0 Bände. Eine AuS- lese von Titeln kündet genügend von dem Inhalt dieser Schmöker an. die die geistige LieblingSnahrung der damaligen Zeit bildeten: „Die Ursullnennnen oder das Geständnis in der Todesstunde", „Markulf, der Schauermann oder die Bluthochzeit der schwarzen Brüd�x,„Paulowno, da« unglückliche Mädchen im Totengewölbe", „Die ,slam»ienritter oder Heldenmut und Geistesgröße im Kampfe wider Pkaffenbosheit und Tyrannei",„Der Seufzerturm oder der blutige Geist um Mitternacht",„Die tanzenden Schädel am Raben- stein". Neben dieser Literatur bieten das wichtigste Lesefutter die iciit, mentalen Neisebilder. die Fürst Pückler-MuSkau in Mode ge- bracht hatte. Notizen. — Ein neuer Generalintendant? Es behaupten sich nnt einiger Hartnäckigkeit Gerüchte, nach denen der jetzige Hülse«, Beherrscher der löniglichen Theater und Oberscharfmacher, an den Rücktritt denkt. Täte er eS nur! Vorderhand aber ist er mit temem Prinzipal in Norwegen beschäftigt. Als Nachfolger wird der General v. Chenius genannt, der nicht nur Regimentskamerad von M. war, sondern sogar bei der Musik akkreditiert sein soll. Vom Theaterbetrieb braucht er selbstredend nichts zu verstehen. — Lohengrin, der Likörheilige. DaS Lohengrin» Haus in Großgroupa bei Pöllnitz(Sachsen), d. h. das Haus, in dem Wagner den Lohengrin komponiert hat, ist an einen Berliner Fleischermeister verkauft worden. Es soll dort jetzt eine Likörfabrik einaerichlet werden. ES wird also einen Elsabittern, einen Schwanen- Pfefferminz und einen Lohengrin-Magenlikör geben. Die Sächsischen Patrioten sind über diese„Kunsteniweihung" sehr empört. Einen andern Trick versucht die Firma Bechem u. Post, Filiale Münster i. W. Diese hat nämlich an einzelne ihrer Leute folgendes Schreiben gerichtet: „Wir teilen Ihnen mit, daß wir den vom Arbeitnehmer verband aufgestellten Tarif für Sie anerkennen und wollen Sie zu diesen Bedingungen die Arbeit fortsetzen.� Allerdings hat auch dieser Lockruf nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Verschiedene Unternehmer scheinen aber auch mit der Maß- nähme des Arbeitgeberberbandes nicht so recht einverstanden zu sein. Bei Ueberreichung des neuen Unternehmertarifs wurde nämlich von Arbeitgeberseite gewünscht, man möge stch dock mal an die Bezirks« leitung wenden zwecks Verhandlung. Es scheint, als wenn die Arbeitgeber langsam einsehen, daß sie schlechte Berater bei der An> gelegenheit gehabt haben. Eine Anzahl weiterer Firmen hat im Laufe der zweiten Streik- Woche ebenfalls den Tarif anerkannt, so daß jetzt W Monteure und Helfer unter den neuen Bedingungen arbeiten. Im Streik standen am Schlüsse der Woche noch 661 Monteure und Helfer. Wir möchten noch darauf hinweisen, daß die Firmen hie und da versuchen, die eilige Arbeit durch Klempner und Installateure fertig zu stellen. Es darf wohl von diesen erwartet werden, daß sie Solidarität üben und irgendwelche Arbeit für die Heizungkfirmen, die bis jetzt den Tarif nicht anerkannt haben, verweigern. Huslanck. Ein riesenhafter Tcxtikarbeiterstrcik ist in der spanischen Provinz Catalonien ausgebrochen. Die Textil- arbeiter fordern eine 40prozentige bezw. Löprozentige Lohnerhöhung und Verkürzung der llstündigen Arbeitszeit auf v Stunden. Gegen- Wärtig beläuft sich die Zahl der Streikenden auf 6000, darunter f ahlreiche Frauen. Ende der Woche dürste die Zahl der Ausständigen edoch mehr als 40 000 betragen. Die Arbeitsruhe in der Textil- industrie zwingt andererseits die Arbeiter zahlreicher anderer Branchen zur Arbeitseinstellung, so daß sich die Zahl der feiernden Arbeiter in der Provinz Catalonien auf 80« bis 100 000 belaufen wird. Zur Verhinderung von Kundgebungen sind bereit? mehrere Regimenter nach Barcelona, dem Zentrum der Susstandsbewegung, zur Verstärkung der dortigen Garnison geschickt Worden. Der Militärgouverneur von Barcelona, der wegen seiner unnachsichtigen Strenge bekannte General W e y I e r, verfügt über 15 000 Mann Militär und hat in Erlassen an die Bevölkerung erklärt, daß er im Falle von Ausschreitungen oder was er dafür hält, die Truppen rücksichtslos vorgehen lassen werde, so daß man sich auf schlimme Massakers der Streikenden gefaßt machen kann. Mehrere französische Arbeiter, die in der Bewegung der Textil arbeiter eine Rolle gespielt haben, haben den Ausweisungsbefehl erhalten und find unter polizeilicher Bedeckung über die Grenze gebracht ivorden.__ Streik in Bäk». Gegen 4000 Arbeiter einer Naphthaindustriegesellschaft und einer mechanischen Fabrik haben die Arbeit eingestellt. Sie fordern eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Tie Situation in der Goldstadt. London, 29. Juli. sEig. Ber.l AuS den verwirrenden Nachrichten, die aus Johannesburg ein- laufen, ist zu entnehmen, daß man in den nächsten Tagen mit dem Wiederausbruch des Generalstreiks rechnen mutz. Die Versprechungen der Regierung, mit denen die Bewegung vor drei Wochen endete, haben sich als trügerisch erwiesen. Die Zugeständnisse, die Regier- rung und Goldgrubenbesitzer den Arbeitern gemacht haben, haben diese nicht befriedigen können. Und so rüstet sich die Arbeiterschaft der Südafrikanischen Union,' wie sie bei der Beilegung deS blutigen Kampfes vom 4. bis 6. Juli erklärt hatte, zu einem neuen Kampfe, der an einem vorher nicht bestimmten Tage ' plötzlich ausbrechen soll. Auf diesen Kampf bereiten sich Regierung und Unternehmer vor, die beständig miteinander konferieren. Neben dem Goldbergbau kommt in dem bevorstehenden Streik die zweilwichtigste Erwerbsquelle der Union: die Eisenbahnen, vornehmlich in Betracht, deren Angestellte ebenfalls dem von dem Gewcrkschaftsbund gegebenen Signal Folge leisten werden. Die Goldgräber haben ihre Forderungen formuliert. Sie um- fassen: die Abschaffung aller unnötigen SonntagSarbeit; das Recht der freien Rede und Abschaffung des Gesetzes 6 vom Jahre 1894! ein Achtstundentag einschließlich der Ein« und Ausfahrt! ein einheit- licheS Lohnsystem! Erhöhung der Höchstentschädigung für Lungen- schwindsüchtige von 400 auf 700 Pfund; Sicherung des halben freien Tages am Sonnabend! Abschaffung des Systems der schwarzen Listen; zehn Tage Ferien im Jahr und Arbeitsruhe zu Weihnachten, am 1. Mai und 4. Juli. Der 4. Juli wurde bisher in Johannes- bürg ollgemein gefeiert, da sich unter den Bergarbeitern viele Amerikaner befinden, die auch im Auslände den Tag der Un« abhängigkeitserflärung nicht ungefeiert lassen. Jetzt soll dieser Tag zu Ehren der Opfer, die am 4. Juli in Johannesburg gefallen sind, gefeiert werden. Die Goldgrubenbesitzer haben den Arbeitern folgendes Angebot gemacht: Konsolidierung aller Hilfskassen! einen l/zstündigen Arbeitstag; wöchentliche Lohnzahlungen; Anerkennung der Gewerkschaften, wenn diese keine politischen Zwecke verfolgen; zehn Tage Ferien im Jahre bei halbem Lohn! der halbe freie Sonn- abend,„wo eS möglich ist". Dieses Angebot haben die Arbeiter nicht angenommen. Regierung und Grubengesellschaften scheinen den Streik wieder mit Gewalt niederzwingen zu wollen. Außer dem englischen Militär hat man auch Buren aus entfernten Landesteilen requiriert, die man auf die„verdammten Engländer" loslassen will. Schon sind diese Hinterwäldler mit ihren Wagen in den Vorstädten Johannesburgs erschienen. Die„Rand Daily Mail", das einzige Blatt in der Goldstadt, das den Magnaten nicht mit Leib und Seele ergeben ist, schreibt zu diesem Plane: „ES scheint als ob ein toller panischer Schrecken den Thron der Vernunft usurpiert hätte. � Beabsichtigt man, den Rassenhaß zu dieser verbrecherischen Orgie des Bösen herbeizurufen? Wahr- lich, wenn dieses Land von den Göttern verflucht ist und wenn sie auf seinen Ruin bedacht sind, säen sie die Saat des Rassenhasses auf einen sehr fruchtbaren Boden." Der panische Schrecken, der sich der Regierung bemächtigt hat, ist nicht in letzter Linie auf die Unruhe unter den schwarzen Arbeitern zurückzuführen. Charakteristisch für diese Erscheinung sind die Au»- führungen des Organs der afrikanischen politischen Organffation, einer Gesellschaft der Eingeborenen der Union. Dieses schrieb zu den letzten Unruhen: „Das Militär führte die Befehle mit brutaler Wildheit aus. Die Eingeborenen wurden von der Regierung mit dem Militär bedroht, als sie sich weigerten, in dem Augenblick in die Gruben einzufahren, in dem es rhren mächtigen Arbeitgebern gefiel. Sie müssen sicher doch das einfache Recht haben, ihre Arbeits- kraft vorzuenthalten, wenn sie zur Arbeit nicht geneigt find. Gerade wie die Weißen müssen sie das Recht haben, als Körper- schast diese Stellung einzunehmen und sie müssen lernen, die Organisation für ihre Zwecke zu gebrauchen." Der Artikel fordert dann einen Lohn von 5 Schilling den Tag für schwarze Arbeiter. Der Kampf zwischen den„weißen Stämmen" hat auch den schwarzen Arbeiter auf den Plan gebracht. Mit den Nachrichten über die kritische Situation am Rand laufen auch die ersten brieflichen Nachrichten über die Mordtaten� des Militärs vom 4. und v. Juli ein. Der„Daily Citizen' der- öffentlicht einen Brief, den«in in Johannesburg wohnender Schotte an seinen Bruder in London gerichtet hat. Der Brief- schreibcr war Augenzeuge eines Teils der Ereignisse und versichert seinem Bruder, daß er, der hinter der Polizei stand, nicht gehört habe, daß man die Menge gewarnt habe, ehe man Salven auf sie abgab.„Kaltblütig überlegter Mord," schreibt der Schotte, „ist die einzig passende Beschreibung für die Taten, die hier seit Freitagabend begangen worden find". In bezug auf die Mordtaten der Johannesburger Kapitalisten, die als Speziallonstabler ein- geschworen wurden, schreibt er seinem Bruder: „Männer, Frauen und Kinder wurden von einer erbarmungs- lose» Bande von Scheusalen niedergeknallt, die sich fürchteten, ihre dreckigen Knochen der Gefahr auszusetzen und aus den Fenstern des Klubs heraus auf das Volk schössen. Da ist ein Kaufmann, der soeben ein gewaltiges Warenhaus errichtet hat, den man ge- sehen hat, wie er von einem Fenster aus einen Mann totschoß, und als dessen Freund kam, um ihn aufzuheben, schoß er diesen auch toy so daß er auf seinen Freund siel. Dann zielte er mit seinem Gewehr auf eine Frau, die augenscheinlich die Frau eines Streikenden war, und nieder fiel sie. Ein unbewaffneter Mann kam hervor, nm sie aufzuheben, und während er das tat, wurde er von Schüssen durchbohrt. Kann man glauben, daß solche Un« geheuer unbestraft bleiben sollen und daß die Obrigleit ihnen Gewehre zur Benutzung in die Hand gibt?" Dem„Daily Citizen" wird aus Johannesburg gemeldet: „Alles deutet darauf hin, daß die Regierung beabsichtigt, den kommenden Streik mit Gewalt zu unterdrücken; aber die Streiken- den find keine Kinder. Ziemlich jeder vpn ihnen hat einen Krieg mitgemacht und ist mit einer automatischen Pistole von großer Schnelligkeit und Präzision ausgerüstet. Dazu muß man bedenken, daß die Bergarbeiter als'Körperschaft an den Kämpfen, die vom 4. bis 6. Juli stattfanden, nicht teil- nahmen. Sollte man die Bergbevölkerung aufregen, so wird die Regierung selbst mit Hilfe der Feldgeschütze große Schwierigkeiten haben, die Arbeiter zu besiegen. Viele der Arbeiter sind natürlich Mitglieder der aktiven Bürgerwehr und an diese hat der Gewerkschaftsbund einen dringenden Aufruf erlassen, ihre Kameraden nicht auf den Befehl der von den Kapitalisten be- herrschten Regierung abzuschlachten." Gerichts-Leitung. Von der Arbeit Arbeitswilliger. Aus Anlaß eines Streiks bei einem Neubau von der Firma Rietsch in der Dreibundstraße am Tempelhofer Felde kam eS im März d. I. zwischen einigen Streikposten und sogenannten Arbeits- willigen zu einer Schlägerei. Fünf von den noch jugendlichen Bau» arbeitern hatten sich daher vor dem Schöffengericht Berlin-Tempel- Hof wegen vorsetzlicher Körperverletzung und Beleidigung, zum Teil auch wegen Vergehens gegen Z 153 der Gewerbeordnung zu verantworten. Sie wurden zu einer Woche bis 6 Monaten Ge- fängniS verurteilt. Die erste Fcrienstrafkammer des Landgerichts Berlin II erkannte gestern auf Verwerfung der von den Ange- klagten eingelegten Berufung. Nur bezüglich des Augeklagten Klammer, der zu zwei Monaten und einen Tag Gefängnis ver- urteilt war, gelang eS dem Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Behrend den Nachweis zu führen, daß der Angeklagte sich nur durch die allgemeine Erregung der Streikenden zu unbesonnenem Handeln habe hinreißen lassen. Das Gericht hob gegen Klammer das Urteil auf und erkannte auf 180 M. Geldstrafe, eventuell für je 5 M. Geldstrafe einen Tag Gefängnis. , Tie spendable Schwiegermutter. Unter der Anklage des Betruges im strafschärfenden Rückfalle hatte sich gestern die Wirtschafterin Julie Emter vor dem Straf- richter zu verantworten. Der in einem hiesigen Gymnasium an- gestellte Kastellan Bergmann suchte vor einiger Zeit, nachdem seine Ehe geschieden worden war. eine Wirtschafterin. Er engagierte chließlich die jetzige Angeklagte Emter. ohne zu ahnen, daß diese erst kurz vorher nach Verbüßung einer Betrugsstrafe auS dem Zuchthause entlassen worden war. Nach einiger Zeit zog auch die 19jährige Tochter der E. zu ihr. Zwischen B. und dem Mädchen entwickelte sich ein Liebesverhältnis, welches auch zu einem Ver- löbnis führte. Die Schwiegermutter in spe begann nun eine ehr emsige Tätigkeit, um bis zu dem bevorstehenden Hochzeits- termin eine gute'Aussteuer zu schaffen. Sie kaufte alles mögliche und gab das Geld mit vollen Händen au». Als schon alle Vor. bereitungen zu der Hochzeit getroffen waren, trat ein Ereignis ein, welches den zukünftigen Ehemann aus allen Himmeln riß. Die spendable Schwiegermutter wurde plötzlich von der Kriminal- Polizei verhaftet. Das geschah auf eine Anzeige eines Maschinisten Streich hin. Die Angeklagte hatte diesem unter Vorlegung aller möglicher Papiere vorgespiegelt, sie trete demnächst eine Erbschaft von 20 000 M. an, sie habe nähere Beziehungen zu dem RechtSan. Walt Dr. Schwindt und einem hiesigen bekannten Zeitungsverleger, so daß sie in der Lage sei, seinem Sohne eine gute Stellung zu beschaffen. Diese Erzählungen hatten St. veranlaßt, der Ange- klagten nach und nach 1400 M. zu leihen. Das Gericht erkannte mit Rücksicht auf die vielfachen Vor- strafen der Angeklagten und ihr recht raffiniertes Vorgehen auf Jahre Zuchthaus, 450 M. Geldstrafe und 3 Jahre Ehrverlust. Hu s aller Melk. Aerantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Sternickel hingerichtet! Eine Depesche meldet: Frankfurt a. O., 30. Juli. Der Raubmörder August Sternickel ist heute morgen hingerichtet worden. Die Hinrichtung wurde um 6 Uhr früh von dem Scharfrichter Schwiez au» Breslau vollzogen. SternickelS ebenfalls zum Tode verurteilte Komplizen bei der Ort- wigcr Bluttat, der ISjährige Franz S ch l i e w e n z und der 23jShrige Georg Kersten. wurden in letzter Stunde zu lebenSläng- lichem Zuchthaus begnadigt. Unsere kürzlich entgegen anderen Blättern ausgesprochene Ver- mutung trifft also zu, daß die von Sternickel unter Benutzung ihrer Notlage zu ihrer abscheulichen Tat verführten beiden Mittäter be- gnadigt sind.„Begnadigt"— zu lebenslänglichem Zucht- hau?. Wie steht es nun mit der Plagwitzer Raubmordaffäre? Durste Sternickel hingerichtet werden, bevor auch wegen des Plagwitzer Raubmordes und seiner anderen Untaten im ordentlichen Verfahren seine Täterschaft festgestellt war? Es war die Strafverfolgung er- forderlich, weil das Gesetz die Verfolgung deS Täters verlangt und weil die Nichtverfolgung einen Unschuldigen der Gefahr einer Ver- folgung aussetzt. Weshalb ist da« Versahren wegen deS Plagwitzer Mordes nicht zu Ende geführt? Es wäre das Verfahren auch des- halb am Platze gewesen, weil es Klarheit darüber geschaffen hätte. ob in der Sat die nach 1905 erfolgten von Sternickel verübten Greueltaten unmöglich gewesen wären, wenn das Amtsgerichi Löwenberg nicht den vom Mühlenbesitzer Wenner als Sternickel rekognoszierten festgenommenen Mörder entlassen hätte— weil er Papiere auf den Namen eines gewissen Trautmann besaß._ Lnseratenteil verantw.; Th. Glocke, Berlin. Triick u. Verlag: Vorwärts Auf einem Ferienansfluge ertrunken. Einen traurigen Abschluß fand eine Ferienpartie. die zwei Berliner Herren unternahmen. Sie wanderten nach Heegermühle bei Eberswalde und rasteten in dem Fischer- Hause von Gericke. Von dort aus suchten sie den nahen Samithsee auf und nahmen ein Bad. Die beiden Herren schwammen ein Stück in den offenen See hinaus und Plötzlich ging der eine von ihnen unter. Sofort tauchte der Begleiter, der nichts Gutes ahnte, unter, um den Freund zu erfassen, doch vergeblich. Der letztere war bereits in dsr iZiiefe verschwunden. Die Leiche des Ertrunkenen konnte bisher nicht geborgen werden._ Kleine Notizen. Den Gatten im Schlafe erstochen. Die Ehefrau des Glas- machers Mysak in Lohr am Main erstach gestern ihren im Bette liegenden schlafenden Mann. Die Frau flüchtete darauf mir ihren vier Kindern zu ihrer Mutter, wo sie verhaftet wurde. Abermals eine Automobilkatastrophe. Auf der Chaustee zwischen Markersdorf und Schlauroth bei Görlitz verunglückte ein mit vier Personen besetztes Automobil, indem es gegen einen Baum fuhr. Der Kaufmann Otto Schimpf, Mitinhaber der 5!ogna!sirma R. Bähr, wurde getötet, eine Kellnerin erlitt einen A r m b r u ch. Schwerer Hazelschlag in Südtirol. Am Dienstag hat in Süd- ttrol zwischen A r c o und Riva Hazelschlag die Weingefilde zerstört. Der Schaden beträgt über eine Million. Die Schloßen erreichten Eiergröße. In der Nähe fiel sogar ein EiSklmnpen im Gewicht von 1,92 Kilogramm nieder. Bootsunglück in Frankreich. Im Luchö-Pringö im Departement Sarthe kenterte auf dem Loire-Fluß ein mit sieben Personen besetztes Boot. Vier Personen ertranken. Hundert Personen infolge Mehlverfälschung erkrankt. Infolge des Auftrages der Staatsanwaltschaft von B i e n n e, Departement I s ö r e, wurde der Bäcker Biessy in St. P r i e st verhastet, weil er eine große Menge Mehl mit Baryt vermischiund daraus Brot gebacken hatte. Etwa hundert Personen waMt infolge des Genusses dieses Brotes erkrankt. Betrogene Spitzbuben. Eine schwere Enttäuschung dürften die Diebe erlebt haben, die aus der Kolonialableilung der Genter Weltausstellung die beiden Goldbarren, die angeblich eine» Wert von 100 000 Frank besessen haben sollten, entwendet haben. Nach einer Mitteilung des Kolonialministeriums handelt eS sich lediglich um Nachahmungen, deren Gesamtwert nicht mehr a l.s 1,50 Frank beträgt. Versammlungen— Veranstaltungen. Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterktasie. Sonntag, den 8. August: Ausflug nach„Freie Scholle"(zillischen Tegel und Waid- mamislust.) Tresfpunlt von 11 Uhr im Schollenkrug. Fahrgelegenheit mit der Bahn bis Tegel oder Waidmannslust(20 Minuten Fußweg) oder Straßenbahn 26 und 31 bis Tegel und 28 bis Wittenau. Wetterprygiios« für DounerStag. den 31. Juli 1913. Etwa» wärmer, vorwiegend heiter und trocken bei mäßigen nordöstlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Todes-Anzeigen ZMsWemvImtoVMvei'eiö LillßerlÄlags-WÄis. Am 29. d. M. verstarb unser Genosse, der Gastwirt Paul Lutiig Fürstenberger Str. 5. Bez. 503.| Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung siodet morgen! Freitag, den 1. August, nachmittags j »>/, Uhr. von der Halle deS Zions. KirchhoseS in Nordend auS statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. 1 Todesanzeige. Am Dienstag, den LS., cutschlui> nach langem schweren Leiden mein J inmggenebter Mann, unser guter Vater, Bruder. Schwager, Schwieger- und Gioßvater, der I Gastwirt 24A Paul Luttig Fürstenberger Straße 5. Um stille Teilnahme hüten im Namen der Hinterbliebenen Tlreren« Lattle und Kinder. Die Beerdigung findet am Frei- lag. den 1. rlugust, nachmittags um 5'/, Uhr, von der Halle des ZionS-Kirchhose» auS statt. vektzciiel' 7l'MMt!U'!s?itk?'sLI'dZI!!!. 8srielio»sr«sltung Lrob-Lerlio. Den Mtglicdern zur Nachricht, ' daß unser Kollege, der Auto- | droschfeiisühtet Anton SCrolitk j am Ä. Juli imAlter von 37 Jahren | verstorben tft. Ehre keinem Andenken! Die Beerdigung smdet heutet > Donnertag, den 81. Juli, nachm. i !! Uhr. von der Leichenballe deS I j HedwigS-KirchhoseS, Hohenschön- 1 I bauten, Bcrtiner Str., aus statt, j f 07/2 0!» Seriet!»»er«atliiag. MM i likk ZMeiiiek. w. Den Mitgliedern hiermit zur I Nachricht, daß unter Kollege, der | Hcrrenmaßschnetder Wilhelm Wssenigk 1 am 27. Juli im Alter von 1 51 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heut« J Donnerstag, den 31. Juli, nach- mittags 4'/, Ubr, pon der Halle des städtischen FAcdhoseS w j FriedrichSsoldc aus statt. 1 164/9 Die OrtsverwalUino. SozialdemokratischerWahlvereiii Den Parteigenossen zur Nachricht, daß unser Mitglied Otto 8aiMleubu8ck am Montag, den 28. Juli, morgen« 1 Uhr. im Alter von 3g Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Donnerstag, den 31. Jul, nach- mittags 4Y, Uhr, von der Leichen- Halle des Friedhofs in den Kisseln auS statt. Rege Beteiligung erwartet Ter Vorstand. Deutscher Transportarbeiter-Verhsnü. Beilrksverwaltang GroB-Bcrlln. flfm Wontöfl« ben 28. �ult/ «STensT&r, verschied unser Mitglied.. Otto Sandenbusch im Alter von 89 Jahren. Gchtc feinem Andenke»: Die Beerdigung findet an. Doimerstag, den 31. Juli, nach- mittags 4'/, Uhr. auf dem Fried- bot in den Kisseln statt. Nm rege Beteiligung ersucht vi« OrUverwaltung. Nach langem schweren Leiden ! verstarb am 29. Juli, nachtt- 112'/, Uhr, mein iniiiggcliebtcr| Mann, unser herzensguter, treu- j sorgender Vater Pudolk?ebel im 66. Lebensjahr. Dies zeigen iit tiefer Trauer an Frau vllar» Zcbet geb. Michaelsen. Gertrud und Charlotte als Töchter. Berlin, Llücherstr. 53. 17036 Die Beerdigung findet am frei. tag, den 1. August, um 8 Ubr, von der Leichenhalle de« Heilig. Krcuz-Ktrchbose» in Mariendors. Siscnacher Straße, auS statt. Am Dienstag, den 2g. Juli, verstarb nach langem, schwerem Leiden meine liebe, gute Frau Süsse geb. Wolter. Um herzliche Teilnahme bitten Ernst Sasse nebst Kindern. Die Beerdigung findet morgen .grcitag.den I.August, nachmittag« 4'/, Ubr, von der Leichenhalle des Gemeinde-griedhosc« i» Reinicken- dort, Humboldtstraße, aus statt. Dantsagnttg. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meine« lieben Manne«, unsere? guten Vater« sagen wir unfern herzlichsten Dank. Witwe Amalie Dittlg A nebst Kindern Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Baut Singer u. Co., Berlin 3� |tt94. 30. Jahrgang. 8. KtilHt Ks Lmiick" Kerlim Alksdlxll. IM«N5la�Zl.Z«lil9>Z. ver krsvS cker iioMeuticheii LiMerke in Plötzeusee. Der Riesenbrand der Norddeutschen Eiswerke in Plötzensee, der am Dienstagabend ausbrach und die Ztacht über andauerte, hat nicht nur schweren Schaden angerichtet, sondern auch ein Dlenschenleben gekostet. Durch die Explosion von Ammoniakfässcrn wurde der dreizehnjährige Stanislaus Pazdziur getötet. Gegen 10 Uhr abends, als die Wehr mitten in der intensivsten Löscharbeit war, erfolgte plötzlich eine ungeheure Detonation. Wehrere Ammoniakbehälter, die in einem Schuppen lagerten, waren explodiert, eine Menge von Holz und Eisenteilen prasselte auf die in der Nähe des Schuppens stehenden Feuerwehrleute und Neugierigen hernieder. Der drei- zehnjährige Schüler Pazdziur wurde dabei von einem Balken so schwer getroffen, daß er den Geist aufgab, ehe ärztliche Hilfe zur Stelle war. Erheblicher verletzt wurde der Feuerwehrmann Balzer und die 12 Jahre alten Schüler Knebel und Geizig. Man brachte diese zum Teil nach dem Virchow-Krankenhaus oder nach einer Unfallstation, wo sich auch einige leichter verletzte Feuerwehrleute und Zuschauer verbinden ließen. Zu spät alamiert. Die Berliner Wehr wurde zunächst nach der Birkenstraße 28 alarmiert. Als der 15. Zug dort ankam, sah Brandmeister Steiner nur dicken Qualm, der jede Uebersicht erschwerte. Es wurde nun die Fahrt nach Plötzensee unternommen, wo der Zug ankam, als die Eiswerke schon total brannten. Sofort wurde weitere Hilfe ver- langt. Der Charlottenburger Wehr ging es nicht besser. Sie wurde erst nach der chemischen Fabrik von Schering alarmiert. Als Brand- direktor Bahrdt dort ankam, hieß es die„Olpmpia-Radrennbahn" brennt. Dort angekommen, stellte es sich heraus, daß die Nord- deutschen Eiswerke in Flammen standen. Diese Verzögerungen sind darauf zurückzuführen, daß Plötzen- s«e einen eigenen Gutsbezirk bildet, der weder zu Berlin, noch zu Charlottenburg gehört. Der Feuerschutz ist dort natürlich sehr ge- ring. Hätte man nicht die Berliner Wehr von der Birkenstratze aus und die Charlottenburger vom Bahnhof Jungfernheide aus alarmiert, dann wären diese Wehren noch später erschienen, d. h. bis von amtlicher Stelle aus ein Gesuch um Hilfe ergangen wäre. Und das erfordert viel Zeit. Vom Strafgefängnis Plötzensee aus, das in der Nähe liegt und durch Feuermelder mit Berlin verbunden ist, war kein Alarm eingegangen, dann wären sofort mehrere Züge ausgerückt. Die freiwilligen Wehren aus Reinickendorf-West, Wittenau und Tegel kamen erst später an, als nichts mehr zu retten war. Die Berliner Wehr griff mit 6 B-Rohren und 1'C-Rohr an. Die Charlottenburger Wehr schützte mit 4 B-Rohren und 1 C-Rohr die Laboratorien, während die freiwilligen Wehren mit einigen C-Rohren vergebliche Versuche zur Löschung machten. Diese war durch die Hitze, den unbeschreiblich dichten Qualm, der keine Uebersicht gestattete, den herrschenden Sturm, die herumfliegenden brennenden Holzteile, sowie durch eine zahllose Menschenmenge, die den Brandherd in weitem Umkreise umlagerte und' durch Militär und Gendarmen zurückgehalten wurde, sehr erschwert. Die Ursache des Brandes. Als Ursache des Brandes wird angegeben, daß Kinder außerhalb der Umzäunung mit Streichhölzern gespielt und Stroh in Brand gesetzt hätten. Das Feuer ergriff einen Holzzaun, der das Ge- bände der Eiswerke umgibt, und pflanzte sich dann auf die um- liegenden hölzernen Baracken fort, die ein Terrain von annähernd 3000 Quadratmetern bedecken. Angefacht durch den heftigen Nord- Westwind, griff das Feuer sehr schnell um sich, und in wenigen Minuten schlugen haushohe Flammen empor. Der Brand wurde besonders gefördert durch die Anlagen der sogenannten Laufbrücken, die sich aus der höchsten Höhe der Eisschuppen nach den einzelnen Gebäuden hinziehen und zum Transport der Eisblöcke dienen. Diese ganz aus Holz bestehenden Brücken bildeten den Weg, auf dem sich die Flammen fortpflanzten. Das Feuer wütete die ganze Nacht hindurch und ist auch jetzt noch nicht völlig gelöscht. Der Gutsvorsteher von Plötzensee war während der Nacht noch mit mehreren Beamten bemüht, zu ermitteln, welche Kinder das gefährliche Spiel mit dem Feuer getrieben haben. Die amtliche Untersuchung wird weiter fortgeführt. Die Eisfabrik der Werke ist vom Brande nicht berührt, so daß der Betrieb fortgesetzt werden kann. Eisschuppen und Stallungen stich vollkommen vernichtet. Partei- TZngelegenKeiten. Lokalliste und Erntefest. Franz.-Buchholz N.-B. Am Sonntag, den 3., und Montag, den t. August, findet hier daS Erntefest statt. ES sieben unS nur die Lotale von Kähne, Berliner Str. 39, und A. Rossak, Hauptstr. 71, zur Verfügung, alle anderen Lokale find streng zu meiden. Wannsee. Am Sonntag, den 3. August, von nachmittags 3 Uhr an, feiert der Wahlverein im Restaurant.Fürstenhof" sein dies- jähriges Sommerfest. Gartenlonzert. turnerische Aufführungen, Kinderbelustigungen usw. Abends Kinder-Fackelzug und Feuerwerk. Berliner Nachrieb ten» tie sozialistische Liedertafel lstetv Uorks i« Berlin. Am Dienstagabend fand im Gewerkschaftshaus zu Ehren sozialistischen..Liedertafel" ein Kommers statt. Die nossen aus Amerika— fast durchwag Deutsch- rerikaner— hatten sich m stattlicher Anzahl an zwei gen Tischreihen niedergelassen und nahmen mit froh- legten Gefühlen den vom Gesangverein der Berliner chdrucker und Schriftgießer„Typographia" prächtig vor- ragenen..Sängergruß" entgegen. Unter ihnen befanden sich der Führer Adolf Genossen Richard ßi scher, Alwin Karsten und dinand Ewald. Von der Parteileitung war Hermann iller anwesend und vom Berliner Zentralvorstand en sich eine größere Anzahl Mitglieder darunter Eugen nst. E. Boeske und TH. Fischer, eingefunden. zerdem wohnten noch viele Vertreter der Gewerkschaften i Kommers bei. Nachdem der Gesangverein geendet, begrüßte Genosse nan Müller die ausländischen Gäste in einer kurzen Er sagte unter anderem: i Wir haben in den letzten Jahren öfters Gäste in Berlin gehabt, zum Beispiel anläßlich der Demonstrationen gegen den Imperialismus und für den Völkerfrieden. Es waren für die Berliner Genossen immer Kampftage und Festtage, wenn ausländische Genossen bei uns weilten. Auch der heutige Tag ist ein Festtag, da wir als liebe Gäste die Mitglieder der New Vorker„Liedertafel" hier begrüßen dürfen. Wenn auch der Ozean uns trennt, so waren die Be> Ziehungen zwischen den deutschen Genossen und den amerika- nischen doch immer die engsten. Der Redner weist auf den Weitlingschen Kommunismus und auf die Tätigkeit der 48er, wie Weidemeier und Willich. sowie auf das Wirken der internationalen Arbeiterassoziation in Amerika hin und er- innert daran, daß die deutschen Arbeitervereine in New Vork eine Stütze des internationalen Sozialismus bildeten. In den Jahren 1872 bis 1876 war New Vork der Sitz des Generalrats und Generalsekretär war Genosse Sorge. Von Amerika wurde unseren Genossen während des Sozialistengesetzes wirksame Unterstützung gewährt und um- gekehrt taten unsere Genossen Schlüter, Molken- buhr, Jonas, Vahlteich und Grottkau das ihre zur Verbreitung des Sozialismus in Ainerika. Amerika hat eine glänzende EntWickelung durchgemacht, ein Beweis, daß die Gesellschaft reif für den Sozialismus ist. Doch auch Teutschland hat seit 1876 eine fast amerikanische EntWicke- lung zu verzeichnen. Wenn die Errungenschaften der Kultur Besitztum der Massen werden sollen, ist der Sozialisnius das einzig mögliche Ziel. Für dieses Ziel haben auch die Gesang- vereine kräftig gewirkt: in Zeiten der Verfolgung waren sie der einzige Sammelpunkt der sozialistischen Bewegung und der Sozialistenmarsch ist heute Gemeingut der deutschen Ar- beiterschast. Redner schließt mit den herrlichen Worten von Max Kegel: Der Erde Glück, der Sonne Pracht, Des Geistes Licht, des Wissens Macht, Dem ganzen Volke sei's gegeben, Das ist das Ziel, das wir erstreben! Die Ausführungen des Genossen Müller lösten jubeln- den Beifall aus. Hierauf nahm Genosse Jablinowski das Wort und dankte im Namen der amerikanischen Genossen für den herz- lichen Empfang. Er freue sich, wiederum an dieser historischen Stätte stehen zu können, wo er vor zwei Jahren schon einmal gestanden habe. In Amerika hätten die deutschen Genossen. die durch das fluchwürdige Gesetz vertrieben wurden, die gast- freundlichste Aufnahme gefunden. In den Anfangsjahren fand man sie bei den Zusammenkünften der amerikanischen Genossen Schulter an Schulter mit diesen an der Arbeit, zum Teil noch mit Genossen, die hier ini Saale als Mit- glieder der„Liedertafel" anwesend sind. Die Schilderungen von der Arbeiterbewegung, wie sie den deutschen Genossen durch Zeitungen usw. dargebracht werden,, sind meist nur zum Teil richtig. Er erkläre hier, daß die„Liedertafel" zu den deutschen Genossen komme als eine Vereinigung klassenbewußter Sozialisten!(Stürmische Zu- stimmung!) Das habe die„Liedertafel" auch mit anderen Arbeitergesangvereinen New Vorks gemein. In Amerika sei die Bewegung durchaus nicht so einmütig, wie G o m p e r s es vor zwei Jahren hier dargestellt hat. Er. Redner, könne auch heute noch nicht begreifen, warum ihm damals das Wort nicht, erteilt worden sei, obgleich er es verlangt Hobe. Die amerikanischen Genossen hätten schon große Opfer gebracht, doch stecke die sozialistische Bewegung, an der deutschen ge- messen, noch in den Kinderschuhen. Die Verhältnisse in Amerika seien aber auch schwierigere, da die Menschen aus allen Weltteilen dort zusammenströmen. Vor allem hätten die Genossen in Amerika etwas, was die Bewegung sehr schädige, das sei das Verhalten Gompers. Was würden Sie— so fragte der Redner die anwesenden deutschen Genossen— mit einem Führer tun, der den Arbeitern heute das Zentrum, morgen die Nationalliberalen und übermorgen die Konservativen empfähle?(Rufe: Rausschmeißen!) Das glaube auch ich bestimmt. Das aber hat bei uns Gompers. der größte Volksverführer, der größte Demagoge, getan.(Hört! hört!) Hier in Deutschland sind die Gewerkschaften mit der Partei verbunden, könnten ohne sie nicht bestehen, in Amerika aber sind es leider die Ge- werkschasten, welche die Arbeiter im Dunkeln halten, aus materiellen und anderen Gründen. Das. was Gompers seinerzeit hier ausführte, entspricht nicht im entferntesten der Wahrheit. Er nehme die Grüße der deutschen Genossen in die amerikanische Heimat mit, wo man die deutsche Arbeiter- bewegung bei allen klassenbewußten Arbeitern als das Vor- bild anerkenne. Das. was er hier ausspreche, sei die Meinung aller Mitglieder der„Liedertafel". In diesem Sinne und nur in diesem Sinne seien sie nach Deutschland gekommen!(Stürmischer Beifall.) Nachdem die beiden Ansprachen beendet waren, nahm das reichhaltige und geschmackvoll ausgewählte Programm seinen Fortgang. Die„Typographia" und Herr Emil Kühne vom Residenz-Theater brachten ernste und heitere Lieder und Dichtungen zum Vortrag und ernteten die ein. mütige Anerkennung. Die amerikanischen Sänger boten ebenfalls vorzügliche Proben ihres Könnens und zeigten, daß auch im Dollarlande die schönen Künste sehr Wohl noch eine liebevolle Pflege finden. Besonders ein Sängerquartett von der„Liedertafel" eroberte sich die Herzen der deutschen Ge- nossen im Sturme und mußte immer wieder Zugaben ge- währen. Am Schlüsse der Feier überreichte Genosse Jablinowski dem Genossen Müller für die deutschen Genossen ein sehr hübsches Diplom zur Erinnerung an die schöne Feier und zum Tanke für gastfrenndliche Abnahme. Am Dienstagnachmittag yatten die amerikanischen Gäste den Vorwärtsbetrieb in der Lindenstraße besichtigt, nachdem bereits am Monatg ein Teil einer Einladung nach Nowawes gefolgt war._ Die abermalige Verlängerung der Hnndesperre. Die weitere Verlängerung der Hundesperre— wenn auch in gemilderter Form— Hai unier den Tierfreunden sehr enttäuickit und von neuem wird die Frage über die Notwendigkeit dieser Maß- nähme ernstlich erörtert. Dabei muß selbstverständlich in erster Linie bedacht werden, daß Menschenschutz vor Tierschutz geht. Die aber- malige Verlängerung der Sperre soll ja auch zum Schutze der Menschen erfolgen. Es dürfte kaum einen verständigen Menschen geben, der unter solchen Umständen selbst tiefgreifend« Maßnahmen ablehnen wird, wenn sie den gedachten Zweck fördern. Aber viele Sachverständige find über dies« Frage doch verschiedener Meinung. Der„Deutschen Tageszeitung" wird von tierschützerischer Seite geschrieben: „Die Hundetollwut ist eine Krankheit, von der zwar ziemlich jedermann sich ein stereotypes und etwas fabelhaftes Bild macht, die aber selbst die wenigsten Tierärzte aus eigener Anschauung kennen. Trotz des Pasteurschen Jmpsverfahrens und anderer gc- lehrter Errungenschaften gibt es bekanntlich namhafte Vertreter der Wissenschaft, die an das Bestehen einer eigentlichen Tollwut nicht glauben, sondern annehmen, daß eine falsche Beobachtung von Hunden vorliegt, die dem Irrsinn verfallen sind, der bei den Hunden ebenso wie gelegentlich bei anderen zahmen und wilden Tieren vorkommt. Aber selbst wenn man daS Krankheitsbild, das von der Tollwut entworfen wird, für glaub- hast hält, müssen wir fragen, wie man daraufhin die weitere Ver- längerung der Hundesperre begründen will. Nach den bisher bc- obachteten Fällen beträgt die Inkubationszeit der Tollwut drei bis sechs Wochen. Nach dem Ausbruch geht das erkrankte Tier nach höchstens zehn Tagen, bei der sogenannten stillen Wut schon am zweiten bis dritten Tage zugrunde. Wenn also noch irgendwo ein durch Biß, der einzige» Uebertragungsmöglichkeit, angesteckter Hund existiert hätte, so hätte inzwischen die Tollwut längst bei ihm zum Ausbruch kommen und das Tier verenden müssen. Seit Monaten hat man aber nach den ersten, bekanntlich von ernsthafter tierschützerischer Seite bestrittenen Fällen angeblicher Tollwut nichts gehört, und darum ist es nicht ohne weiteres verständlich, warum die Sperre abermals verlängert wird. Zweifellos ist die als Wohltat für die Gesamtheit gedachte Maßnahme doch nur dann zu rechtfertigen, wenn sie durch die Not- wendigkeit begründet ist. Diese wird aber, wie man iveiß, von wissenschaftlicher Seite bestritten. Und sicherlich leiden die Tiere, die der geringen sonst in der Großstadt zu Gebote stehenden Frei- heit beraubt sind, schwer unter der Strenge der verhängten Vor- schriften. Unter diesen Umständen wäre es wohl angezeigt, daß die maß- gebenden Instanzen die Frage der Notwendigkeit einer weiteren Verlängerung der Sperre mit Wohlwollen und unter Be- rücksichtigung der beachtenswerten Einwände in Betracht ziehen, die ihnen von tierschützerischer Seite dauernd unterbreitet worden sind."_ Aus Not in den Tod. In erschreckenden Weise häufen sich die Fälle, daß Leute aus Arbeitslosigkeit in den Tod gehen, um dem Elend aus dem Wege zu gehen. Es ist eine furchtbare Anklage gegen die heutigen Zu- stände, daß Leute, die arbeiten wollen, dies nicht können und zur Verzweiflung getrieben, den Tod als Erlöser dem Elend vorziehen. Man lese nur folgende Lokalmeldung: „Auf schreckliche Weise hat sich Dienstag abend der dreißig Jahre alte Tischler Richard Schulze, Höchstestraßs 42 ums Leben gebracht. Der Lebensmüde stürzte sich aus seiner in der vierten Etage belegenen Wohnung auf die Straße hinab und blieb mit zerschmetterten Gliedern auf dem Bürgersteig liegen. In einem Krankenautomobil des Verbandes für erste Hilfe wurde der Schwerverletzte nach dem Krankenhaus am Friedrichshain gebrach!, doch trat bereits auf dem Transport der Tod ein. Die Leiche wurde dann gleich nach dem Schauhaus gebracht. Sch. hat die Tat aus Verzweiflung verübt. Er war in große Not geraten und konnte in letzter Zeit die Miete nicht bezahlen. Es war ihm daher vom Wirt in einem eingeschriebenen Brief gedroht worden, daß er bis zum 1. August die Wohnung räumen müsse, anderenfalls der Wirt von seinem Recht der Exmission Gebrauch machen werde. Sch. wußte leinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen."_ Klage gegen den Berliner Magistrat. Die auswärtigen Brauereien haben jetzt eine gemeinsame Klage gegen den Magistrat Berlin wegen der Besteuerung des von ihnen nach Berlin eingeführten Bieres angestrengt. Sie bestreiten der Stadt Berlin das Recht zur Besteuerung.auswärtiger Betriebe"._ Gestohlene Haare. Für 6000 M. Haare erbeuteten Einbrecher, die in der ver- gangencn Nacht dem Friseurgeschäft von Kaffka in der Bergstr.& zu Neukölln einen Besuch abstalteten. Die Diebe drangen vom Hof ans in den Borortraum ein und stahlen hier für 6000 M. Zöpfe und künstliche Haararbeiten. Weil der Bestohlene bereits vor einiger Zeit von Einbrechern heimgesucht worden ist, hatte er sich eine elektrische Alarmvorrichtung anlegen lassen. Davon müssen aber auch die Einbrecher gewußt haben, denn sie durchschnitten diese, ehe sie in die Räume eindrangen.__ Der Zeit weit vorausgeeilt ist ein Postamt Berlin— Schöneberg. das eine uns vorliegende Postkarte wie folgt abstempelte: 5. 8. 14, 11—12 R. Hiernach lebt man in Schöneberg bereits im Monat August des Jahres 1914. Und wir hier müssen noch recht lange warten, bis wir da angekommen find. Aus der Pauke gefischt wurde gestern nachmittag an der Ufer« straße von spielenden Kindern die Leiche eines neugeborenen Mädchens. Sie war in einen Blechbehälter gestopft worden. Wie es scheint, liegt jedoch kein Kindesmord vor. Die kleine Leiche des wahrscheinlich totgeborenen Mädchens wurde von der Polizei dem Schauhause überwiesen. Aus dem Landwchrkanal gelandet wurde gestern vor dem Hause Kottbuser Ufer 3 die Leiche des 26 Jahre alten Lackierers Hans Lilienthal aus der Stuttgarter Str. 57 zu Neukölln. Ob ein Unglücksfall oder ein Selbstmord vorliegt, ist noch nicht festgestellt. Von einem Frachtwagen überfahren und schwer verletzt wurde gestern nachmittag der 58 Jahre alte Invalide Julius Kurian vom Weidenweg. Beim Ueberschreilen des FahrdammeL wurde er an der Ecke der Karl- und Albertstraße von einem Frachuvagen umgestoßen und überfahren. Ein Rad streifte seinen rechten Oberschenkel und quetschte ihm das Fleisch bis aus den Knochen ab. Der Schwer- verletzte wurde nach der Chorus gebracht, wo er Aufnahme fand. Schlasstcllcnschwindler sind fortgesetzt an der Arbeit und be- schwindeln und bestehlen Vermieter. Dieser Tage gab sich ein solcher Bursche in einer Schankwirlschast im Nordwesten der Stadt als Monleur aus und ein arbeitsloser Maurer nahm den Mann in die Wohnung als Meter auf. Die Gelegenheit benutzte der Gauner, sich Geld und Wertsachen anzueignen und auf Nimmerwiedersehen zu verduften. Zu dem Nebcrfall in der Kochhannstraßc auf die unverehelichte Else«chmidt wird uns mitgeteilt, daß sich bei der Kriminalpolizei im Laufe des gestrigen Tages mehrere Personen gemeldet haben, die aber für die Ermittelung des Täters nur wenig wertvolle Mit- teilungcn machen konnten. Wichtig ist die Bekundung eines Schutz- manns und einer Zeugin. Beide sahen in der Nacht um die Zeit des Ueberfalles einen Mann, auf den die Beschreibung des Täters patzt, in der Nähe des Baltenplatzes. Er kam von diesem Platz her und ging durch die Petersburger Straße nach der Kochhannstraße zu. Die Zeugin will auch gesehen haben, daß er es sehr eilig hatte und mehr lief als ging. Es wird angenommen, daß der Täter in dieser Gegend wohnt. Vielleicht hat er sich auch in einer Kneipe in der Nähe aufgehalten und entsinnen sich Wirte des Gastes, der das Werkzeug bei sich hatte und auf den die Beschreibung des Eni- kommenen patzt. Alle Personen, die irgendwelche Bekundungen machen können, wollen sich bei der Kriminalpolizei im Zimmer 105 melden. ES sei nochmals darauf hingewiesen, daß auf die Er- greifnng deS Täters eine Belohnung von 300 M. ausgesetzt worden ist. / von Einbrechern heimgesucht wurde gestern der Korrektor Sch. in der Karpfenteichstratze 19 zu Treptow. Seine Angehörigen machten einen Ausflug, und als Sch. aus dem Geschäft kam, sah er plötzlich in der Wohnung ein paar fremde Schnürst, efel stehen. Dafür fehlten die neuen Zugstiefel. Sämtliche Schreibtischfächer und Schubläden sonstiger Möbel waren durchwühlt. U. a. find ge- stöhlen eine sechzehneckige goldene Damenuhr(auf der Rückseite gravierte Tauben), eine breite goldene Herrenuhrkette, ein golde- neS Kettenarmband mit großem Opal usw. Beim Angeln ertrunken ist gestern nachmittag gegen 5 Uhr ein noch unbekannter Knabe von etwa 14 Jahren. Der Junge hielt eine Rute mit einer Angelschnur hinter dem Zirkus Busch in die Spree. Er legte sich dabei zu weit über die Brüstung, verlor das Gleichgewicht und fiel in das Wasser. Augenzeugen des Vorfalles machten sich sofort an die Rettung des Knaben. Es gelang aber erst nach einer Weile, ihn herauszuziehen. Wiederbelebungsversuche, die man mit dem Ertrunkenen anstellte, blieben ohne Er- folg. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause Sebracht. Der unbekannte Knabe ist 1,49 Meter groß und schlank, at dunkelblondes Haar und trug einen dunkelblauen Anzug, ein wollenes Hemd, graue Strümpfe und schwarze Schnürschuhe. Dachstuhlbmnd. Gestern früh um 4 Uhr stand der Dachstuhl des Hauses Kopernikusstr. 6 in Flammen Es brannten dort Bretter wände, Fußböden, der Inhalt der Bodenvorschläae, sowie Schab decken und Badestuben im 4, Stock, lieber die schon verqualmten Treppen und eine mechanische Leiter wurde angegriffen und da« durch nach kräftigem Wassergeben eine weitere Ausdehnung ver- hütet._ Volkskonzerte des Philharmonischen Orchesters im August 11)13. DaS Berliner Philharmonische Orchester veranstaltet im nächsten Monat an folgenden Tagen Volkskonzerte: am 2. und 20. in der Brauerei Königstadt, . 6.. 23. in den Concordiafestsälen, m 8. in der Neuen Welt, „ 13. und 29. in der Brauerei Friedrichshain, , 16., 27. in den Germaniafestsälen. Ein Vorverkauf von Eintrittskarten findet bei der Berliner Gcwerkschaftekommission am Engeluscr 1ö, Zimmer 13, statt. Ein Teil der Billetts ist auch im Vorverkauf in den de- treffenden Etablissements zu haben. Die übrigbleibenden Billetts werden an der Abendkasse verkauft. Der Eintritts- preis beträgt 30 Pf. Billetts zu dem am 2. August in der Brauerei König- stadt stattfindenden Konzert sind noch im Bureau des Wahl- Vereins deS 6. Wahlkreises, Gerichtstr. 71, zu haben. Arbeiter- BildungSschule. Am Sonntag, den 3. August, mittags 1 Ubr, Befichligung der Ständigen Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt in Eharlottenburg, Fraunhoferstraße 11/12. Diese findet unter fachmännischer Führung statt. Teilnehmer versammeln fich bis '/�1 Uhr im Lokal von B. Gonell, Fraunboferstraße 13. Anschließend an die Besichtigung Spaziergang, Knffceiochen und Spiel. Für Nachzügler Treffpunkt im»Deutschen Kronprinz', Inhaber Rickard Dyck, am Spandauer Schiffahrtskanal. Straßenbahn zur Au?« ftellunjj: 64, 164, 7, 10, 90, 54, Q, N, P, T. Mitglieder, Gäste und Angehörige sehr willkommen. Ter Singerchor Wcdding, M. d. D. A.»S.«V. Gau Berlin, ver» anfialtet am Sonntag, den 3. August 19l3, im Seebad Reinickendorf ein Bokal- und Jnstrumental'Garlenkonzert unter Mitwirkung des Berliner Ulktrio». Eröffnung 2 Uhr, Anfang de« Konzerts 4 Uhr. Eintrittskarte im Borverkaus 2b Pf., an der Kasse 30 Pf. Freunde und Gönner des Vereins find freundlichst eingeladen. Vorort cd richten. Parteitag und Parteitaktik. Auf der Tagesordnung der Generalversammlung deS Wahl- Vereins Bezirk Lichtenberg stand am Dienstag: 1. Stellung- nähme zum Parteitag, 2. Stellungnahme zur Kreis» und Ver- bandSgeneralversammlung und 3. Verschiedenes. Zum 1. Punkt der Tagesordnung führte als Referent Genosse Jaffke auS: Wie vor zwei Jahren findet der Par- teitag in Jena statt und wie damals die sogenannte linke Gruppe mit der Haltung deö Partcivorstandes nicht einverstanden war und auf seme Reorganisation und auf Aenderung der Taktik drang, so steht es diesmal ähnlich. Nach den Reichstagswahlen wurde im Gegensatz zu dem Grundsatz, den Wahlkampf auS eigener Kraft zu eröffnen und durchzuführen, der Weg der Dämpfung eingeschlagen. Dieser ist seitdem der Leitstern geblieben. ES wird nicht mehr in erster Linie auf die Propagation unserer Grund- sähe und auf die Zahl der abgegebenen Stimmen und erst in zweiter Linie auf die Zahl der Mandate geachtet, sondern umge» kehrt. Bei der Taktik ist die Frage maßgebend geworden: Wie stellen sich die bürgerlichen Parteien, wie stellt sich der Liberalis- muS zu der Frage. Die Landtaaswahlen sind ein schlagender Be» weis dafür, daß seitens des Vorstandes nicht alle? in Bewegung gesetzt ist, der doch maßgebend ist, wenn auch der geschästSführende Ausschuß die Verantwortung trügt. Wie vor 2 Jahren wird auf dem Parteitag Kritik an der Haltung des Parteivor- st a n d e S geübt und klar gelegt werden müssen, daß die Meinung der breiten Masse mehr zum Ausdruck kommen müsse. Der Still- stand oder kleine Rückgang in der Organisation in einigen Orten ist ein bedenkliches Zeichen. Gewiß hat die wirtschaftliche Krisis und die Arbeitslosigkeit ihr Teil dazu beigetragen, auch hat der preußische Landtagswahlkampf nicht gebracht, was man_ erhoffte. Ueber die Gründe einer scheinbaren Stagnation muh Klärung ge- schaffen werden. In der Haltung der R e I chs t a g S fr a k t i o n ist leider ein ganz gewaltiger Umschwung eingetreten. Der alte Grundsatz ist verlassen: diesem System, speziell dem Militärsystem, keinen Mann und keinen Groschen. Von dem Reichstag, in dem die So- zialdemokraiie mit 110 Abgeordneten die stärkste Fraktion bildet, sind zwei Mililärvorlagen angenommen, die alle ihre Vorgänger in oen Schatten stellen. Recht unvorteilhaft sticht die Haltung der Fraktion von der kleineren Fraktion ab, die alle Machtmittel ent- faltete, um den Zolltarif zu bekämpfen. Die Zahl der Abaeordne- ten ist größer, ihr Erfolg geringer geworden. Gegen die Militär- Vorlage ist ja ziemlich energisch gekämpft. Es find aber nicht alle Machtmittel angewendet. Die Fraktton war zu sehr darauf be- dacht, die Geschäfte deS Reichstage» durchzuführen. Noch viel be- dauerlicher aber ist die Bewilligung der Mittel für die Militärvorlage durch die Fraktion. Auch wenn die Mittel von den Besitzenden aufgebracht werden, hätte die Fraktion die Mittel für die Militärvorlage verweigern müssen. Bei an- deren Gesetzen, die Verbesserungen der Lage für die Arbeiter brach- ten, hat fie mit Recht sich stets die Frage vorgelegt: welche Ver- schlechterung bringt das Gesetz und dann dieser Verschlechterung willen das Gesetz abgelehnt. Hier hätte sie zur Ablehnung der Deckungsvorlage kommen müssen, getreu dem Grundsatz: keinen Mann und kemen Groschen diesem System. Der Parteitag muß zu dieser Frage Stellung nehmen und eine Richtschnur aufftellen. Rücksichtlich der Maifeier hat der Chemnitzer Parteitag den alten Beschluß aufgehoben, daß die Parteigenossen, die sich in angestellten Stellungen befinden, ihren Lohn abzuführen haben. Das ist der erste Schritt zu einem Erbbegräbnis für den 1. Mai. Der Vorschlag deS Parteivorstandes und des Parteiausschusses, nur die Partei- und die GewerkschafiSangestellten sollten den Lohn ab- führen, bedeutet ein« Eonderbesteuerung für einen kleinen Teil feiergedanke aufs neue gekräftigt und dem Drängen entgegen- getreten werden, die Maifeier auf den Sonntag nach dem 1. Mai zu verlegen. Erwünscht ist es, die Frage des Massenstreiks aus die Tagesordnung zu setzen. Es gilt schärfere Waffen zu schmieden und zu ergreifen. Der Unterschied zwischen rechts und links ist hierbei völlig verwischt. Die Mittel zur Erringung des Wahlrechts für den preußischen Landtag haben versagt, ein gewaltiger Zug ging durch das Proletariat, als die Demonstrationsversammlungen stattfanden und das Recht auf die Straße erobert wurde. Da tauchte die Frage der Einwendung des politischen Massenstreiks zur Erringung des preußischen Wahlrechts auf. Es sind Bedenken geltend gemacht, ob das Mittel zum Ziel führen würde und ob es gelingen werde, die Unorganisierten und die Andersorganisierien mitzureißen. Mehr wie bisher muß auch in GewerkschafiSkreifen darüber gesprochen werden, daß es als letztes Mittel für den Ar- beiter nichts als den Massenstreik gibt, kein anderes Mittel, als seine ganze Existenz aufs Spiel zu setzen, um Vorteile für seine Klasse zu erreichen. Beim letzten Landtagswahlkampf war weniger Begeisterung, Lust und Liebe der Beteiligten zu bemerken, als bei manchen Stadtverordneten- oder Gemeindewahlen. Es war seitens der führenden Parteigenossen verabsäumt, die Masse auszupeitschen. Es muß Klarheit darüber geschaffen werden, daß ohne Kamps an einen Sieg nicht zu denken ist. Einen vom Genossen Unger ge- stellten Antrag auf Einschränkung der Delegierten- zahl zum Parteitage bittet Redner bis zum nächsten Parteitag zurückzustellen, da seitens des Parteivorstandes und ParteiauS- schusseS der berechtigte Wunsch ausgesprochen ist, OrganisationS- fragen nicht zur Diskussion zu stellen. In der Diskufsio« tritt Genosse Sydow den Ausführungen des Referenten bei und unterstreicht besonders den Tadel gegen die ReichStagSfraktion wegen ihre Zustimmung zur Deckungsfrage.„Ich war,' führt Redner unter anderem auS,»zur Zeit der Abstimmung zu einer Uebung im 41. Regiment einberufen. Wir waren recht unan- genehm überrascht, als wir durch Zufall von der Abstimmung Kenntnis erhielten. In einem Hotel hörte ich, wie Patrioten sich darüber unterhielten. Der eine schimpfte auf die Sozialdemokraten, do entgefineie ihm der andere:„Warum schimpfst Du auf diese? Die bewilligen keine Soldaten aber die Kosten dafür." Die Be- willigung verstößt gegen die bei Einbringung der Militärvorlage von uns eingebrachte Protestresolution und gegen unsere Grund- sätze. Genosse Unger wendet sich unter anderem lebhaft gegen die Bewilligung der DeckungSvorlage. Selbst auf die Gefahr hin. daß der Reichstag aufgelöst wäre und vielleicht 50 statt III Sozial- demokraien gewählt wären, hätte die Vorlage abgelehnt werden müssen. Die Angst vor einer Neuwahl scheine bestimmend ge- Wesen zu sein. Am Schluß zablt auch die direkte Steuern der Arbeiter. Der Standpunkt der Fraktion läßt sich nicht verteidigen. Stadihagen führt aus: Die Maifeier, der Massenstreik und die Haltung der Fraktion zur Militärvorlage würden auf dem Parteitag eine erhebliche Rolle spielen. In der Maifeier- 'rage stimme er mit dem Referenten überein. Ter Vorwurf, oaß die Fraktion keine Obstruktion gegen die Militärvorlage versucht habe, erscheine ihm unberechtigt. Die Obstruktion ist unter- lassen, nicht weil man sie nicht wollte, sondern weil man sie infolge der während der Zolltariskämpfe vorgenommenen Aenderung der Geschäftsordnung leider nicht machen konnte. Anders steht es mit der Frage der geschäftlichen Behandlung der Mili» i ä r- und Deckungsvorlagen. Die Fraktion hat in ihrer Mehrheit sich dagegen ausgesprochen, daß zunächst die DeckungS- und erst dann die Militärvorlage erledigt werden sollte. Maßgebend für die Mehrheit war hierbei der Gedanke, dadurch in gerechterer Weise die Besitzenden stärker treffen zu können. Redner gehörte zu der Minderheit; er hätte gewünscht, daß zunächst die DeckungS- Vorlage erledigt würde, weil dadurch die einzige Gelegenheit ge- schaffen wäre, vielleicht eine Auflösung herbeizuführen, und da» durch die Erregung über die immense Militärlast und die Auf- klärung über ihre Äulturschödlichteii in die Masse zu tragen. Mit- bestimmend für den entgegengesetzten Beschluß, bei dem eine Tren- nung zwischen links und rechts nicht stattfand, war wohl das Schlagwort von dem schwarz-blauen Block, und jene Richtung die Jaffke zutreffend als Leitstern bezeichnet habe, die ihren greif- barsten Niederschlag in der D ä m p f u n g S t a k t i k fand und wie ein roter Faden durch sonst Unerklärliches sich hindurchzieht. Diese Richtung werde durch eine auch bei führenden Genossen sich geltend machende Uebersckätzung des Parlamentarismus hervorgerufen. Selbstverständlich haben sämtliche Kollegen im Reichstag geglaubt, durch die von ihnen vertretene Richtung die Interessen der Arbeiter- klasse am besten fördern zu können. Viel schlimmer als dieser erste Fehler sei die Zustimmung zu dem Wehrsteuer. beitrag und zu dem Besitzzuwachssteuergesetz ge- wesen. Eine solche Zustimmung wäre ohne jede Borbereitung zur Ueberraschung der meisten auf dem linken Flügel Stehenden vorge- schlagen. Er könne der Generalversammlung Nieder-Barn, ms, die jenen gegen Sonderkonferenzen gerichteten Beschluß in Chemnitz in die Wege geleitet habe, den Vorwurf nicht ersparen, daß die dadurch herbeigeführte Erschwerung einer Aussprache innerhalb der Fraktion den mit schwacher Mehrheit gefaßten verhängnisvollen Beschluß erleichtert habe. Der einzelne bleibe, wenn er der Kom- Mission nicht angehöre, jetzt ohne intimere Kenntnis der Dinge, so sei er auch davon überrascht worden, daß einige Mitglieder in der Kommission für den ReichskrieaSschatz gestimmt haben; einstimmig wendete sich nachher die Fraktion dagegen. In der IrakiionSsitzung, in der über die beiden Teckungsvorlagen Beschluß gefaßt wuroe, waren 96 Fraktionsmitglieder anwesend. 52, also nur 3 über die Mehrheit der Anwesenden stimmten für die Zu- stimmung zu den beiden Gesetzen, 37, darunter auch Redner, da- gegen, 7 wollten, daß die Fraktion sich der Abstimmung enthielte. Diese Abstimmung veranlaßte eine Anzahl Genossen, darunter auch den Redner, sich die Frage vorzulegen, ob sie bei der Ab- stimmung den Saal verlassen sollten, weil ihrer Ueberzeugung nach der Beschlutz nicht nur ein taktischer Fehler, sondern auch ein Verstoß gegen die prinzipielle vom Partei- Programm und unseren Grundanschauungen getragene Anschauung sei, daß da» kapitalistisch« System und seine Hauptstütze, der Mili- iariSmuS, nicht gestützt werden, Mittel für dies System nicht be- willigt werden dürfen. Mit Rücksicht darauf, daß eine Stimm- enthaliung einer größeren Anzahl Abgeordneter das Signal für eine Spaltung der Partei werden könnte, habe man sich, zumal die Steuerfrage auf der Tagesordnung des Parteitages stehe,«nt- schlössen, dem Beschlutz der Fraktion sich zu unterwerfen, wenn eine klare bestimmte Erklärung abgegeben werden würde über unsere Stellung zum Militarismus. Diese Erklärung ist ja dann formuliert. Vorher war beantragt, nochmals in eine Diskussion der so wichtigen, plötzlich angeschnittenen Frage einzuireien. DaS wurde aber mit 52 gegen etwa 46 Stimmen leider abgelehnt. D,e Minderheit setzte sich aus Genossen des linken Flügels und aus dem Genossen Bernstein zusammen. Bernstein legte insbesondere an den Verhältnissen in England klar, daß die Aufbringung der Militärlasten durch direkte Ste�n keineswegs die Zustimmung rechtfertige. Der von der Mehrheit ins Vordertreffen geschobene Grund, daß durch ihre Stellung eine schwerere Bela,tung der großen Menge abgewendet werde, sei verfehlt. Zunächst hatte unter allen Umständen der Verwendungszweck die Zufiimmung ver» hindern sollen. Oder soll etwa die Fraktion, wie bei der Beratung ausgeführt wurde, für ein Gesetz stimmen, das Mittel verlangt. um gegen die Sozialdemokratie gerichtete Gesetze durchzuführen. z. B. ein Gesetz, das die Fürsorgeerziehung aller Kinder sozial- demokratischer Eltern oder die Verbannung der ReichstagSfraktion nach Sayenne festlegt? Unser grundsätzlicher Kampf gegen daS kapitalistische System und gegen das Militärsystem verbietet eine Zustinunung, wie sie die Mehrheit beschlossen hat. Die Wehrsteuer wäre auch ohne Zustimmung der Fraktion mtt großer Mehrheit angenommen. Beim BesitzzuwachSsteuergeietz stimmten mtt ja 280, rntt nein 63, der Stimme enthielten sich W. Da« Gesetz wäre also Inseratenteil oeranw.:»».Glecke. Berlin.' Druck u.«»riag: Borivau» auch, fijernt die 103 Sozialdemokraten, die be! der Abstimmung an- wesend waren, mit nein gestimmt hätten, mtt 175 gegen 168 an- genommen worden. Bei der Entscheidung der Frage»ablehnen oder annehmen?" mußte aber allerdings in Rücksicht gezogen werden, daß durch unsere ablehnende Haltung das Gesetz vielleicht zu Fall gekommen Ware. Das wäre kein Schaden gewesen. Es oarf aber nicht vergessen werden, daß am letzten Ende auch die direkten Steuern vom Volk getragen werden, und daß die Junker und Grotzkapitalisten versuchen werden, die kleine Last, die sie nach der Deckungsvorlage zu tragen haben, durch Erhöhung der Zölle dreifach auf die große Menge abzuwälzen. Utopisch ist die Annahme, die bürgerliche Klaffe werde an einen Abbau der militä- rischen Rüstungen herantreten, weil die Kosten sie mittreffen. Sie tritt für dieses System als ein Instrument zur Niederhaltung der arbeitenden Klasse ein. Was wäre denn die Folge gewesen, wenn die Besitzeuerborlage abgelehnt worden wäre? Es wäre im Herbst abermals zu einem Kampf gekommen oder es wäre zu einer Auf- I ö s u n g gekommen. Das letztere habe Redner gewünscht und bedaure, den Ausführungen der Vorredner beitreten zu müssen. Auch seine Empfindung gehe dahin, die Mehrheit der Fraktion ist von der Furcht vor der Auflösung und vor einem eventuellen Ver- lust von Mandaten getrieben worden. Solche Furcht sei völlig un- begründet. Aber auch, wenn sie begründet wäre, haben wir unse- ren Grundsätzen und nicht vorübergehenden Vorteilen Rechnung zu tragen. Die Zustimmung zu den Steuervorlaaen kann viel größere Nachteile der Partei bringen, viel mehr die Beschleunigung ihres Sieges hemmen, als die schlimmste Wahlniederlage. Der gehler ist nun einmal geschehen, es kommt jetzt darauf an, daß auf dem Parteitag, wo endlich eine klare Stellung zur Sieuerfrage genommen werden soll, klipp und klar erklärt wird, daß eine solche Zustimmung mit unserer Grundanschauung nicht übereinstimmt. Man geht klaren Entscheidungen in den letzten Jahren gern mit der Mahnung aus dem Wege: die Einigkeit der Pariei muß ge- wahrt bleiben. Gewiß muß die Einigkeit gewahrt bleiben, man wahrt aber die Einigkeit nicht dadurch, daß man die Wahrheit und die Grundanschauungen der Partei leiden läßt. In der Diskussion ist heute und sonst über Stagnation geklagt. Liegt ein Teil der Erklärung hierfür nicht daran, daß aus der Agitation die für die Arbeiter als Arbeiter wichtigsten, ihnen naheliegendsten Punkte zu sehr entschwunden oder in den Hintergrund getreten sind? Die Frage des Massenstreiks ist eine eminent wichtige. Er ist kein Allheilmittel und ein Mittel, bei dessen Anwendung man mit der intensivsten Gegenmacht der bürgerlichen Klasse rechnen muß. Die wirtschaftliche Macht deS Proletariats sei nicht nur als zur Defensive, sondern auch als zur Offensive tauglich. Allein die Erringung des Wahlrecht» in Preußen dürfte schwerlich das Ziel eines Massenstreiks sein kön- nen. ES kommt auf die gesamte politische und wirtschaftlich« Situation und auf die Notwendigkeit zur Erringung von Vor- teilen für die Arbeiterklasse an. Als solche dürften in erster Linie soziale Vorteile, Erringung des Achtstundentages, Erweiterung und Schutz des Koalitionsrechts in Betracht zu ziehen sein. Sie för. dern die Lebensbedingungen des Proletariats und vermögen auch die Masse zu begeistern. Die Art, wie Genosse Frank die Massen- streikS nach den Zeitungsberichten propagieren will: mal im Norden, mal im Süden, mal im Osten, mal im Westen streiken. ist eine Spielerei. Wer den Massenstreik will, muß auch mit einem verlorenen Streik rechnen und mit den immensen Opfern, die solch ein Verlust nach sich zieht und über die Kreise der einzelnen hinaus nach sich ziehen kann. Di« Situation, wann ein Generalstreik zur Anwendung gelangen kann, können wir nicht schaffen. Sie wird aber kommen, denn die Gegensätze spitzen sich immer gewaltiger zu. Der Massenstreik kann nicht kommandiert werden, er muß von unten herauf mit der Entschlossenheit zu einem bestimmten Ziel dringen. Möge der Jenaer Parteitag größere Klarheit auf diesem Gebiete schaffen und auch diese Waffe d«S Proletariat» schlagbereit machen. � �.._ ,»,, Genosse May stellt den Antrag, den Chemnitzer Beschlutz über die Sonderkonferenzen aufzuheben. Genosse Jaffke wendet sich in seinem Schlußwort dagegen. So wenig die Sonderkonfe- renz der Süddeutschen in der Budgetfrage zu billigen war. so wenig ei es die Eisenacher Konferenz de» linken Flügels gewesen. Sie fätien hier in Berlin Gelegenheit zur Aussprache. Bezuglich der Stellung zur Militärvorlage bleibe er dabei, daß die Fraktion. wem, sie in ähnlicher Weite wie beim Zolltarif vorgegangen wäre. die Erregtheit unter den Indifferenten gesteigert hatte. Der Antrag May wird abgelehnt. AI« Delegierte sollen der Generalversammlung vorgeschlagen werden Genosse I a f f k e und die G e n o s s i n S ch u I z e. Zur Generalversammlung in Grotz-Berlin spricht sich die Ver- sammlung für das 25 Pf.- Wochenabonnement auS. Einstimmig wird noch ein Antrag Jaffke angenommen, nach dem die Sp-ditionsaushilfen nicht unier den Sä�en de? Mindestgehalt» beschäftigt werden � 0' Unter.Verschiedenes' wird ein von der Gruppe 54 ge- stellter Antrag, eine obligatorisch« Jahresmarke von 10 Pf. für die gerienspiele einzuführen, kür die nächste Generalversammlung im Oktober zurückgestellt. Eharlottenburg. Berichtigung der Gemeiudewählerliste. Der Magistrat gibt bekannt, daß die Liste der stimm- fähigen Bürger nach dem für Charlottenburg bestehenden Ortsstatut in der Zeit vom 1. bis 15. August berichttgt wird. Um eine möglichste Vollständigkeit und Richtigkeit dieser Liste zu erreichen, wird anheimgestellt, schon während dieser Zeit die Liste einzusehen. Dieselbe liegt aus in der Geschäfts- stelle IV. Lützower Str. 8n. Portal 1. III. Z'mmer 39/40. wochentags von 8—3 Uhr. ES können dabei Anträge schnell geprüft und Zfichfigstellungen sogleich bewirkt werden. Tie eigentliche Offenlegung der Liste erfolgt in der Zeit vom 15. bis 30. August.... Ut.. Anbetracht der Tatsache, dag der Kampf um die Stadtverordnetenmandate in diesem Jahre für uns ein überaus anstrengender sein wird, ersuchen wir die Genossen dringend, alles daran zu setzen, daß kein Wahlberechtigter in der Liste, wenn sie abgeschlossen ist, fehlt. Wir haben nicht nur eine Anzahl Mandate zu verteidigen, sondern auch die Pflicht, neue zu erobern. Von den 26 der dritten Wählerabteilung zur Disposition stehenden hatten wir nur 18 tnne. Lichtenbera. »o rnil um, i u 1 1) n c t-« � o»--- u------- -u veranstalten. Diese Konzerte sind nunmehr gesichert und werden an folgenden �qen stattfinden: Sonnabend, den 13. September 1913. Freiiaa den 10 Oktober 1913. Sonntag, den 14. Januar 1914, Monlaa den 9 Februar 1914. Als Konzertlokale find die Lokale von Paul Schwarz. Möllendorsstraße. und von Arnold..Schwarzer Adler", Frankfurier Ehauffee 5, m Aussicht genommen. Ober-Schöneweide. Svielpartie. Donnerstag, den 31. Juli: Spielpartie nach d« Rohrlaacke. Treffpunkt: Evangelische Kirche nachmittag« 2 Uhr. Jugeudveranstaltuuge«.