Nr. 198. 5 Pfennig Abonnements- Bedingungen: Abonnements Breis pranumerando: Bierteljährl, 3,36 Mr., monatl. 1,10 M., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags Beilage„ Die Neue Welt" 10 Bfg. PostAbonnement: 1,10 Mark pro Monat Eingetragen in die Post- Beitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich Ungarn 2,50 Mart, für das übrige Ausland 4 Mart pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Solland, Italien, Buremburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Ericheint täglich. B Montagsausgabe 5 Pfennig Vorwärts 30. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Kolonel zeile oder deren Raum 60 Bfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins und Versammlnungs- Anzeigen 30 fg. ,, Kleine Anzeigen", das fettgedruckte 28ort 20 Big.( zulässig 2 fettgedruckte Borte), jedes motitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafftellenan zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenftraße 69. Fernsprecher: Amt Morikplay, Nr. 1983. Kontorleutnant. Kontorleutnants Montag, den 4. August 1913. fann zur Not im Instruktionsbuch herumbuchstabieren, ohne je den Kurszettel richtig lesen zu lernen. " Expedition: S. 68, Lindenftraße 69. Fernsprecher: Amt Morisplas, Mr. 1984. Was ist ein Militärgeheimnis? Einer der Angeklagten foll auch dadurch nicht nur das Dienst Was aber weit wesentlicher erscheint, ist, daß man hier geheimnis gebrochen, sondern obendrein wichtigste konstruk den Versucht macht, nicht mehr aftive Offiziere just von den tionsgeheimnisse preisgegeben haben, daß er Brandt Eindas sind nicht etwa die Berliner Kreisen versorgen zu lassen, auf die der grünste Leutnant mit blid in das Bestellbuch nehmen ließ. Eine artilleristisch vorgebilZeugoffiziere, die für das Kontor der Firma Krupp in einer unverhohlenen Mißachtung herabblickt. Der Offizier ist, bete Persönlichkeit, so erklärten die Sachverständigen, ſei wohl im Eſſen die so schnell berühmt gewordenen Kornwalzer liefer- das hat auch der grünste Leutnant so oft gehört und gelesen, ſtande gewesen, sich aus den Eintragungen ein Bild der unternom menen wichtigen Versuche zu machen. ten, sondern es sind jene Herren a. D., denen das preußische der erste Stand" im Staate. Der Offizier dient nur seinem Diese und ähnliche wichtige Dinge, die die Militärverwaltung Kriegsministerium guten Unterschlupf und warme Pläßchen König und nicht um schnöden Gewinnes willen", sondern geheim halten wollte es handelte sich dabei auch um Versuche in der Welt des Handels und der Industrie sichern will. nur um die Ehre". Der„ Roofmich" aber ist ein bin mit Geschützen ber Konkurrenzfirma Ehrhardt sollen nun aber Das bekannte Schreiben des Ministeriums an die Handels- reichend anrüchiger Stand, denn er trachtet nur danach, Geld nach den Bekundungen des technischen Direktors Rausenkammern mit seinen halb naiven, halb anmaßenden Forde zu verdienen" und" Mammon zusammenzufragen". Sit berger der Firma gar kein Geheimnis geblieben sein! Gerade rungen ist noch keine vierzehn Tage bekannt, und schon hat dieser„ Koofmich" vielleicht noch dazu ein Jude, dann gilt er die der Anflage so schwerwiegend erscheinenden Fälle des Verrats ängstlich au hütender Konstruktionses die mannigfachsten Wirkungen gehabt. Auf der einen Seite von vornherein als Paria, dem sich nie ein Offizierkafino ersollen sich zahlreiche Firmen hier gehört ein Fragezeichen schließen wird und dessen Söhne und Enkel bis ins dritte und geheimnisse sind nach Herrn Rausenberger für die Firma hin- bei der„ Auskunftsstelle für Offizierzivilversorgung", vierte Glied es nicht über den Gefreiten d. N. hinaus Strupp völlig belanglos gewesen, weil sie ja alles längst wußte. Wir erfahren ja alles, was wir erfahren Berlin W. 66, Wilhelmstraße 82/84, gemeldet haben, um recht bringen. tollen" meinte Herr Rausenberger leichthin. Und woher? Nun, bald einen ausrangierten Leutnant auf ihren Kontorschemeln burch Monteure, die bei gleichzeitigen Schießversuchen die reiten zu sehen, auf der andern Seite haben und das ist Augen aufsperren, durch eigene Wahrnehmungen aber auch eine Tatsache ohne Fragezeichen verschiedene Organisatiodurch Mitteilungen der Referenten, also der Militärbehörden nen von Handelsangestellten sich sehr entschieden dagegen verselbst. wahrt, mit einer Konkurrenz aus den Kreisen des Offizierforps beglüdt zu werden. Kruppsche Monteure wohnen nun aber den besonders vorgenommenen Versuchen mit Geschüßen der Konkurrenzfirmen nicht bei. Mancherlei läßt sich vielleicht auch noch durch Spionage bei der Konkurrenzfirma in Erfahrung bringen. Aber Brandt hat auch sehr wichtige Mitteilungen über Entschließungen der Militärbehörden selbst gemeldet. Und diese für die Firma Strupp höchst interessanten Mitteilungen sind dem Herrn Direktor Mausenberger völlig gleichgültig erschienen, weil er ja schon alles wußte? Entweder war das eine ungeheure Ueber treibung oder es war wirklich die Wahrheit! In der göttlichen Weltordnung ist es nun einmal so eingerichtet, daß der Koofmich" der Lieferant ist für den Offizier und weiter nichts. Dabei ist es noch eine hohe Ehre für den Koofmich", wenn der Offizier die pflichtschuldigst gelieferten Waren möglichst lange schuldig bleibt, und wehe ihm, wenn er gegen den Stachel löckt! So wurde noch in den Der Grund für die Bitte des Kriegsministeriums an die Reichstagsverhandlungen über die Heeresvorlage von einem Handelskammern ist der, daß man mit jedem Jahre und erst Vertreter der bürgerlichen Parteien angenagelt, daß das recht mit jedem Wachstum der Armee mehr in Verlegenheit Offizierkorps einer Garnison einen Kaufmann deshalb durch gerät, was mit dem großen Schwarm der aus dem Heer aus- Boykottverhängung schädigte, weil er seine Forderungen scheidenden jungen und jüngeren Offiziere anzufangen ist. gegen einen der Erstklassigen" gerichtlich eingeklagt hatte! Bei der Garde freilich hat's keine Not. Einmal sind die Noch ganz wie im achtzehnten Jahrhundert! Jünglinge, die in diese feudalen Regimenter eintreten, dank Auch mit der Möglichkeit, daß Söhne von Roofmichs" der agrarischen Wucherzollpolitik, die ihren Bätern zugute- fich die Schärpe um den Leib gürten können, steht es nicht Jm leßteren Falle hätte aber die Firma Krupp noch viel er gekommen ist, so reichlich mit irdischen Glücksgütern gesegnet, gerade günstig. Wer jüdischer Abstammung ist oder weffen giebigere Informationsquellen befeffen, als die Subalternoffiziere, daß sie unbekümmert und sorgenlos drauflosleben können und Bater je einen offenen Laden gehabt hat, der kann von vorn die dem Brandt ins Garn gingen. Dann aber wäre doch wirklich als Beutnants a. D. oder Rittmeister a. D. einfach die er- herein einpaden! Aber auch bei den Kaufmannssöhnchen, die einmal eine gründliche Untersuchung darüber am Blake, was denn eigentlich ein Militärgeheimnis ist. Denn erbte Alitsche übernehmen. Zum zweiten aber find die Be aus der Großbourgeoisie stammen, ist man immer etwas nach den seltsamen, Bekundungen der Krupp- Direktoren könnte förderungsaussichten für die Junkersprößlinge der Garde weit wählerisch und läßt es sie, selbst wenn sie die Epaulettes er- man sonst die Frage: was ist ein Militärgeheimnis?" etwa so rosiger als bei irgend einem andern Truppenteil. Bei der rungen haben, nicht ungern fühlen, daß fie doch zu anderen beantworten:" Berrat eines militärischen Geheimnisses liegt vor, Garde bringen es 85 v. H. aller Leutnants bis zum Major Kreisen" gehören als die Abkömmlinge der Offiziersfami- wenn ein Subalterner Indiskretionen begeht." und darüber hinaus, bei der Linie mur 37 v. H.! Das will lien, des grundbesitzenden Junkertums und der Beamtensagen: von je 100 jungen Menschen, die Offizier werden, autokratie. berlassen bei dem allergrößten Teil des Heeres nicht weniger Unter sotanen Verhältnissen zu verlangen, daß der als 65 spätestens als Hauptmann, oft auch schon als Leut- Koofmich" den Offizier a. D. mit offenen Armen aufnehme, haben will, sich an die Beugoffiziere heranzumachen natürlich oder so ähnlich ist leider verstorben.( So fehlen leider gerade nant und Oberleutnant, den Dienst. Wenn man sie nicht ge- ist ein starkes Stüd. Offiziersersatz aus Kaufmannskreisen! müsse dabei aber der Schild der Firma blant" gehalten werden rade mit Schimpf und Schande davongejagt hat, werden sie Da zögert man. Aber Kaufmannsersatz aus Offizierskreisen! die interessantesten Zeugen: Herr v. Schüß ist tot, Herr als Beamte in der Post- oder Eisenbahnverwaltung unter- Da soll fest ins Zeug gegangen werden. Ob nun wirklich met en tann wegen seiner angegriffenen Gesundheit Italien gebracht, fie finden bei den großen Waffenfabriken ein Unter- die Meldung stimmt, daß zahlreiche Firmen sich zur Auf- nicht verlassen, Herr Brandt ist infolge eines Unfalls gedächtkommen oder, falls alle Stride reißen, schlagen sie sich als nahme verabschiedeter Leutnants bereit erklärt haben, läßt nisschwach geworden und seine Gattin hat ja inzwischen auch einen Weinreisende oder Versicherungsinspektoren durchs Leben. uns sehr falt, denn das ist eine Frage der mehr oder minder Nervenchot erlitten!) Der Anklagevertreter huldigt nun offenbar dem zwar nicht Aber wenn in Hartlebens Rosenmontag" der Haupt- großen Selbstachtung des Bürgertums. richtigen, aber immerhin gemütvollen Grundsatz: mann v. Grobitsch als Epilog für einen um die Ecke Gegange- Für die Erhaltung des Weltfriedens allerdings wäre es ganz nen fagt:„ Mein Gott, es brauchen doch nicht alle Menschen wünschenswert, wenn recht bald der lekte Offizier statt des de mortuis nil nisi bene( fage Verstorbenen nur Gutes nach). Offiziere zu sein es muß auch Versicherungsagenten Degens den Federhalter zur Hand nähme und von seinem So stellte er benn an Herrn Dreger, den letzten Vorgesetzten des Herrn Brandt, die Frage, ob er Herrn v. Schütz, diesen untadegeben", so ist dem entgegenzuhalten, daß eben nicht alle Schlachtroß auf den Kontorbock stiege. ligen Patrioten, denn für fähig gehalten habe, einem ihm unterMenschen, die einmal mit den Epaulettes geglänzt haben, stellten Beamten auch nur den Schimmer einer Zumutung zu Versicherungsagenten oder Weinreisende werden können stellen, daß er etwas unr echtes tue. Herr Dreger, der schon so viel Leben werden in Deutschland nicht versichert und so vorher Herrn v. Schütz als das" Jdeal eines Ehrenmannes" gebiel Wein nicht getrunken! priesen hatte, antwortete barauf mit dem Brustton der Ueberzeugung: Das glaube ich nicht." Kuriofa aus dem Krupp- Prozeß. lich erhöht werden. Das Ideal eines Ehrenmannes. Herr v. Schüß, von dem Brandt den Auftrag empfangen nach Die Auslagen für den geselligen Verkehr. Da muß denn ein übriges geschehen und deshalb das Herr Maximilian Brandt, der 1898 als 8eugfeldwebel zur Schön! Aber Herr v. Dreger, auch ein sehr hoher Beamter der Rundschreiben des Kriegsministeriums an die Handels. Firma Krupp übergetreten war, bezog feit 1911 10 000 m. Gehalt. fammern. Nun wäre es sicher falsch, einem Träger des„ bor- Dazu 3500 M. Funktionszulage". Diese Funktionszulage sollte firma, der wohl 600 000 M. Gehalt und Bezüge haben mag, hält nehmsten Rockes" ohne weiteres kaufmännischen Geist abzu- ogar, wiz in der Verhandlung erwähnt wurde, auf 5000 M. jähr- sich doch sicherlich für einen ebensolchen Ehrenmann, wie Herrn b. Schüß. Wir wollen ihm diese schöne Ueberzeugung auch feines sprechen. Es gibt Offiziere, und gerade in den feudalen' Nach der Auffassung des Krupp- Direktoriums sollte Herr wegs rauben, sondern nur einfach feststellen, daß Herr v. Dreger Kavallerieregimentern, die trotz einem Pferdejuden mit Brandt aus der Funktionszulage seine„ Auslagen für den doch die Kornwalzer- Tätigkeit und den„ kameradschaftlichen VerGäulen zu schachern verstehen und manchen Kameraden, dem geselligen Verkehr" decken. Natürlch den Verkehr, den tehr" des Brandt sogar dann noch geduldet hat, als fie einen Wallach oder eine Stute aufgeschwatt, ganz erheb- Brandt im Geschäftsinteresse seiner Firma Krupp unterhielt. der ihm bekannt gewordenen Denunziationsdrohung des Herrn sogar das Direktorium ernstlich erwogen hatte, ob lich übers Ohr gehauen haben. Auch wird man, um auf den Welcher Vrkehr aber konnte da nur in Frage kommen? Der v. Meben teuren Bundesgenossen hinüberzugreifen, einem Manne wie mit seinen ehemaligen Nameraden, den Feuerwerkern und Zeug- es nicht die durch Brandt geschaffene unterirdische" Verbindung dem Obersten Red I einen ausgesprochenen Erwerbssinn mit offizieren. Von ihnen konnte Brandt aber selbstverständlich nur lieber abbrechen lassen solle! Herr v. Dreger konnte sich das höchst Bedenkliche der Brandteinem gewissen Bug ins Große nicht versagen können, Gleich. Dadurch etwas erfahren, wenn er sie zu Indiskretionen, zum Verwohl haben die Leiter von Handelshäusern Recht, wenn sie rat von Dienstgeheimnissen verleitete. Das wußten die Herren schen Tätigkeit nicht verhehlen. Aber trotzdem machte er keinen mit einem starken Mißtrauen dem Anmarsch der Kontorleut. Direttoren. Sie wußten auch, mindestens zum Teil, daß sich unter Versuch, dem Brandt das Handwerk zu legen. mit einem starken Mißtrauen dem Anmarsch der Kontorleut- den von Brandt herausgelockten Dienstgeheimnissen auch Dinge Nicht viel anders wird die Sache bei Herrn v. Schütz gelegen nants entgegensehen. Wenn diesen nämlich auch der kaufmännische Instinkt nicht fehlen mag, so doch die kaufmänni- befanden, deren Verrat an Krupp das Staatsinteresse gefährdeten. haben. Trotzdem war er„ das Jdeal eines Ehrenmannes". Man schen Kenntnisse. Trotzdem fanden die Herren, darunter ehemalige höhere Mili- sollte doch wirklich einen neuen Klub der Harmlosen täre und Ministerialbeamte, in diesem Spionagesystem Brandts gründen! Es spricht für die göttliche Leichtherzigkeit, mit der man solange nichts besonders Anstößiges, als Brandt nicht direkte Bes Zeuge v. Mehen und Zeugin Wiczorek. in Offizierskreisen in die Welt schaut, wenn es in dem ste chung übte. Natürlich läßt sich ja gar nicht abgrenzen, wo Was denn diese beiden mit einander zu tun haben, wird Schreiben des Kriegsministeriums heißt:„ Sehr dankenswert kameradschaftliches" Traftieren aufhört und das Schmieren, die man verwundert fragen. Mun, jedenfalls haben sie das Gemeinwären deshalb auch Fingerzeige darüber, für welche Stellen Bestechung, anfängt. same, daß sie nicht in den Klub der Harmlosen gepaßt hätten! besondere Kenntnisse verlangt werden und wo der Offizier Aber davon ganz abgesehen: seit wann ist denn die Verleitung Sie waren wunderbarerweise die einzigen, die sich über die TragGelegenheit hat, sich diese anzueignen." Schon der junge zu einer Schurterei erlaubt, wenn sie auch wenig kostet? Selbst weite der Brandtschen Tätigkeit wirklich klar waren. Manche der Mann, der hinter dem Ladentisch Heringe in die Kreuz wären, bent Brandt aus eingebildeter Freundschaft" die Dienst fallend gefunden. Aber der eine beruhigte sein Gewissen damit, wenn die verführten Zeugoffiziere so gutmütige Schafe gewesen Krupp- Direktoren hatten den Inhalt der Kornwalzer zwar aufzeitung" einwickelt, bedarf besonderer Kenntnisse, die man geheimnisse zu verraten- die Verleitung zu solchen Verräte- daß ihn die Geschichte ja nichts angehe, der andere damit, daß auf dem Kasernenhof nicht erwirbt, ganz zu schweigen von reien verlöre darum nicht ein Atom ihrer Strafwürdigkeit, weder sie ja schon eine durch längeres Bestehen geheiligte Institution sei, den gutbezahlten und einflußreichen Bosten, auf die doch sicher im kriminellen, noch im moralischen Sinne. von den verabschiedeten Offizieren Anspruch erhoben wird. Die Verleitung ging von Brandt aus. Wer aber gab ihm den Auf dem Schlachtfeld des Handels zu disponieren ist nicht so Auftrag? Wer gab ihm die Gelder zu seinem geselligen Verleicht, wie auf dem Manöverfeld zu egerzieren, und man tehr"? Wer gehört auf die Anklagebank? und ein dritter wunderte sich zwar auch, aber er dachte nicht weiter darüber nach". Das war das Ideal eines Beamten, denn ein tüchtiger Beamter soll wie ein Soldat nur dann denken, wenn er von seinem Vorgesezten dazu den Auftrag erhält. Nur der Herr 6. Mchen, der Nachfolger des HerrVf v. Schütz, also der Vorgesetzte des Brandt, wußte, wie schwer die Firma Krupp durch die Kornwalzer kompromittiert werde. Er bemäch. tigte sich denn auch einer Anzahl Kopien, um sich ihrer als Prcssionsmittel zu bedienen. Nun könnte man meinen, Herr v. Metzen sei wohl ein beson- dcrs intelligenter und scharfsinniger Beamter gewesen, skeptischer als seine harmlosen Kollegen. Warum wäre dann aber die offen- bar doch weder übermäßig gebildete noch geistig besonders geweckte Friseuse W i c z o r e k imstande gewesen, gleich Herrn v. Metzen das Unerlaubte und Korrupte des Brandtscheu Spionageshstems zu kapieren?! Frau Wiczorek kam ganz aus sich selbst heraus— obwohl ihr nur die gewiß nicht einmal erschöpfenden Berichte ihres ehemaligen Geliebten, des Zeugleutnants Schleuder, als Unterlage dienten, zu der äußerst richtigen Erkenntnis, daß die Brandtsche Schnikffe- lei auf die Schädigung der kleineren Konkurrenzfirmen hinaus- laufe, und daß die Enthüllung des Spionagesystems ein„Welt- skandal" werden müsse. Die schlichte Frau Wiczorek begriff also mit ihrem ge- sunden Menschenverstände, obwohl sie nicht einmal den hundertsten Teil des Treibens kannte, sofort dessen Verwerflichkeit, während all die klugen, hochgestellten Herren des Direktoriums den Kasus nicht zu begreifen vermochten und trotz alles ZuhilfekommenS der Gerichtsbehörden bis heute noch nicht kapiert haben! Wäre es da nicht gut, wenn die Firma Krupp, um künftig nicht in aller Harm- losigkeit in einen ähnlichen Skandal hineinzurennen. Frau Wiczorek als j u r i st i s ch e n Beirat zu gewinnen suchte?? Aochenabonnement und filaf)lvereIn$orgaidfation. Gestern ,am Sonntag, fand eine außerordentliche Generalver- sammlung des Verbandes sozialdemokratischer Wahlvereine Groß- Berlins statt. Sie hatte einige Anträge zu erledigen, die von der vorigen Generalversammlung zurückgestellt worden find. Diese An- träge beziehen sich auf die Reorganisation der Wahl- vereine sowie auf die obligatorische Einführung des Wochenabonnements zu25 Pf. auf den„Vorwärts". Als die auf das Abonnement bezüglichen Anträge in der bori- gen Generalversammlung erörtert wurden, kam auch der in letzter Zeit eingetretene Rückgang der Abonnentenzahl des„Vorwärts" zur Sprache. Bei dieser Gelegenheit führte Genosse Stadt- Hagen aus, an dem Abonncntenrückgang sei neben Gründen Wirt- schaftlicher Natur auch die redaktionelle Haltung des „Vorwärts" schuld, die darauf zurückzuführen sei. daß ein Teil der Redaktionsmitglieder allzusehr unter dem Einfluß der vom Parteivorstand betriebenen Dämpfungspolitik stehe und den Ansichten des ParteivorstandeS und des Vorfitzenden der Preß- kommission Rechnung trage. Als der Vorsitzende Ernst die gegenwärtige Generalversamm- lung eröflnet hatte, sagte er: AuS Anlaß der bezeichneten Ausführungen Stadthagens habe der Vorstand eine Versammlung der Wahlvereinsvorstände ein- berufen, damit über die von Stadthagen angeschnittene Frage eine rückhaltlose Aussprache stattfinden könne und auch Dinge erörtert werden könnten, deren Behandlung in breiter Oeffentlichkeit nicht geeignet sei. Zwei derartige Sitzungen seien abgehalten worden; man habe die Angelegenheit nach allen Seiten besprochen, aber nichts sei vorgebracht, was nicht auch in der Generaldersammlung hätte vorgetragen werden können. Dem Vorschlage deS Genossen Ernst entsprechend, stellte die Generalversammlung die auf die Organisation bezüglichen Anträge einstweilen zurück und behandelte zunächst die Anträge, welche sich mit dem „BorwSrts"-Ab-nnement beschäftigen. Zur Begründung dieser Anträge wurde geltend gemacht: Da die Arbeiter Wochenlohn erhalten, ist e» ihnen leichter, das Abonnement wöchentlich zu zahlen, als monatlich. Einige in Arbeiterkreisen verbreitete bürgerliche Blätter haben aus diesem Grunde das Wochenabonnement eingeführt und von da ab eine wesentliche Er- höhung ihrer Abonnentenzahlen erfahren, während zu derselben Zeit die Steigerung der Abonnentenzahlen beS„Vorwärts" nachzulassen begann. Die Agitation für den„Vorwärts" bringt die ge- wünschte Steigerung der Zlbonnentenzahl nicht, weil die monatliche Zahlung den Arbeitern zu schwer fällt. Würde das Wochenabonne- ment eingeführt, dann könne mit einer Steigerung der Abonnenten- zahl um 40 000 gerechnet werden. Eine Vermehrung der Wonnen- ten habe aber wieder eine Vermehrung der Wahlvereinsmitglieder zur Folge, also sei die Einführung des Wochenabonnemenis im Interesse der Partei notwendig. Ein Antrag deS Wahlkreises Niederbarnim verlangt die Einsetzung einer besonderen Kommission, die den Ursachen des Rückganges in der Organisation und der„Vorwärts"- Abonnenten nachforscht und Mittel zur Abhilfe in Vorschlag bringt. Stadthagen, der diesen Antrag begründete, führte aus: Nach dem Bericht des Parteivorstandes ist der Rückgang der Abonnenten- zahl unserer Parteipresse cm allgemeiner, aber er ist, wie die Zahlen des Berichte? erweisen, beim„Vorwärts" um öOOO größer als bei der gesamten übrigen Parteipresse. Gewiß sind Wirtschaft- liche Ursachen für den Rückgang bestimmend, aber der Umstand, daß der Rückgang beim„Vorwärts" größer ist, als bei der ganzen übrigen Parteipresse, muß doch noch andere Ursachen haben. Diese Ursachen zu ergründen, soll Aufgabe der beantragten Kommission sein. Ihr soll das einschlägige Material vorgelegt werden, welches ich bis jetzt nicht habe bekommen können, obgleich ich es am 25. Juni bei der Preßkommisfion beantragt habe. Es ist mir zum Vorwurf gemacht worden, daß ich in der vorigen Generalversmnm- lung die Haltung eines Teils der.Voru>ärts"-Redaktion für den Abonnentenrückgang mitverantwortlich gemacht habe. Die aus einem UeberbureaukratiSmuS fließende kindliche Entrüstung, ich hätte meine Kritik am unrechten Ort vorgebracht, muß zurück- gewiesen werden. Die Generalversammlung ist die in letzter Linie zuständige Stelle zur Entscheidung von Berliner Partei- angelegenheiten. Ich bin nach wie vor der Meinung, daß das Drängen nach rechts für die Partei schädlich ist. Aber es wird auch Parteigenossen geben, die anderer Meinung find. Deshalb soll eine Kommission eingesetzt werden, welche Klarheit darüber schafft, aus welchen Ursachen die Presse, unsere vornehmste Waffe, in Berlin stumpf geworden zu sein scheint. Richard Fischer wandte sich an die Versammlung mit dem Er- suchen, die Abonnementsfrage nicht nach Stimmungen, sondern mit kühlem Verstände zu behandeln. Die Frage, ob man in der Partei rechts oder links steht, hat mit der Frag« deS Wochenabonnements nichts zu tun. Mit Unrecht hat sich Stadthagen beklagt, daß er das Material über den Abonnentensiand früherer Jahre von der zuständigen Stelle nicht habe bekommen können. Tie Expedition ist in der Lage nnd auch bereit, das betreffende Material der Preß- kommission oder auch jedem Genossen, der eS zu Parteizwecken ver- wenden will, zu liefern. Wenn sich Stadthagcn an die Expedition oder Geschästsleitung gewandt hätte, dann würde er in wenigen Tagen da» Material bekommen haben, welches er braucht. Es fragt sich, ob die von Niederbarnim beantragte Kommission der rechte Weg ist, um die Ursache» des Abonnentenrückganges sestzu- stellen, oder ob nicht hinter diesem Antrage ein Mißtrauen gegen die Preßkommisfion steht, die doch einen solchen Auftrag, wenn sie ihn bekommt, mit mehr Sachverständigkeit erledigen kann, wie eine Kommission, die mit den einschlägigen Verhältnissen gar nicht ver- traut ist.— Was den Abonnentenrückgang betrifft, so haben wir eS mit einer Erscheinung zu tun, die mit Naturnotwendigkeit unter gewissen Bedingungen immer eintritt. In Zeiten der Krise sowie nach Wahlbewegungen tritt stet» ein Rückgang der Abonnentenzahl ein. Deshalb hat e» in den Aöonnentenzahlen des„Vorwärts" stets ein Auf und Ab gegeben, icher im ganzen bewegt sich die Entwicke- lung des Abonnentenstand«« in entschieden aussteigender Linie. Der gegenwärtige Rückgang in Berlin ist begreiflich, weil hier die Krise schon viel größer ist, als angenommen wird. Man muß auch be- denken, daß der„Vorwärts" als rein politisches und ausgesprochenes Parteiorgan nur auf solche Leser rechnen kann, di« einen gewissen Grad von politischer und sozialpolitischer Bildung haben. Man kann deshalb nicht erwarten, daß jeder» der bei der Wahl für uns stimmt, auch Leser de»„Vorwärts" wird. Nur die politisch fort- geschrittensten und kampflustigsten Elemente werden an einem Blatte, wie eS der„Vorwärts" ist. Gefallen sinden. Andere, die zwar auch zu uns gehören, aber doch nicht mit Leib und Seele bei der Partei find, werden den„Vorwärts" oft langweilig finden und Blätter bevorzugen, die dem UnterhaltungsbedürfniS in erster Linie Rechnung tragen. DaS alle» muß berücksichtigt werden, wenn man über den Abonnentenstand deS„Vorwärts" spricht.— Der Redner gab darauf eine eingehende zahlenmäßige Dar- stellung der finanziellen Folgen, welche nach der Einführung deS Wochenabonnements eintreten würde. Er kam zu dem Schluß: Die Berechnung der Antragsteller ruht auf einer falschen Grund- läge. Selbst, wenn die von ihnen erwartete Zunahme deS Abonnentenstandes eintreten sollte— was aber nicht anzunehmen ist— so sind die Mehrausgaben beim Wochenabonnement be- deutend höher, als sie von den Antragstellern berechnet werden. Sie haben nicht in Rechnung gestellt, daß die erwartete Steigerung der Auflage um 40 000 Exemplaren neue Papier- und Druckkosten verursacht, auch erhöht sich der Botenlohn viel bedeutender als die Antragsteller annehmen. Mit Rücksicht aus die geschäftliche Lage des„Vorwärts" ist die Einführung des Wochenabonnements daher unannehmbar. Die Versammlung möge keinen Beschluß fassen, der die Geschäftsleitung in eine Zwangslage bringt. Die Eni- scheidung über geschäftliche Angelegenheiten, sollte man doch der Instanz überlassen, die dafür eingesetzt und mit den einschlägigen Verhältnissen vertraut ist. DaS ist die Preßkommission. Tort, oder auch in einer anderen Kommission, wenn eine solche einge- setzt wird, kann eine sachgemäße Aussprache mit der Geschäfts- leituug stattfinden. Redakteur Däumig führte aus: Die Redaktion hat sich natür- lich auch mit dem Abonnentenrückgang beschäftigt und ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß nicht nur ein Grund oder einzelne Personen, sondern ein ganzer Komplex von Gründen für den Rück- gang maßgebend ist. In erster Linie ist die wirtschaftliche Krise schuld an dem Rückgang. Daß in der geschäftlichen und redak- tionellen Leitung des„Vorwärts" noch manches verbessert werden könnte, ist selbstverständlich; aber die Art und Weise, wie Stadt- Hagen am 15. Juni die seiner Meinung nach bestehenden Mängel vorgetragen hat, ist durchaus nicht geeignet, die Werbekraft des „Vorwärts" zu erhöhen. Stadthagen hat es so hingestellt, als ob sich die Redaktion vom Parteivorstand und dem Borsitzenden der Preßkommission habe nach rechts drängen lassen. Das ist eine falsche Auffassung. Die Redaktion läßt sich nicht vom Parieivor- stand am Gängelbande führen. Das, was er als ein Nach-rechts- drängen des„Vorwärts" bezeichnet, ist durch da? Ergebnis unserer 40 Jahre alten parlamentarischen Arbeit bedingt. Alle Mitglieder der Redaktion stehen auf dem linken Flügel der Partei und lassen sich nicht nach rechts drängen. Uebrigens hat die Richtungsfrage gar keinen so wesentlichen Einfluß auf den Wonneutenstand. Wegen der Haltung der Redaktion ist die Abonnentenzahl sicherlich nicht zurückgegangen. Lingner vermißt eine Stellungnahme des„Vorwärts", als die Frage des Wochenabonnements auftauchte. Auch zur Frage deS Massenstreiks habe der„Vorwärts" erst hinterher Stellung ge- nommen. Die Besprechung, welche der„Vorwärts" einer am 11. Juni vom Genossen NoSke im Reichstage gehaltenen Rede widmete, bezeichnete der Redner al» einen widerlichen BhzantiniS- muS gegenüber dem Parlamentarismus. DaS demokratische Prin- zip hat sich nach Anficht deS Redners in der Organisation der Redaktion nicht bewährt. ES würde nichts schaden— meint er— wenn ein Bonaparte mit fester Hand die Leitung der Redaktion ergreifen würde. Der Redner beantragte, den„Vorwärts" im Wochenabonnement zu 30 Pf. abzugeben, und außer der „Neuen Welt" auch den„Wahren Jakob" als Grasssbeilage zu geben. Dieser Antrag stieß in der weiteren Debatte auf heftigen Widerstand. Auch das Verlangen nach einem RedaktionS-Bonaparte wurde von einem der folgenden Redner zurückgewiesen. Lebhasten Widerspruch fand die Angabe des Genossen Schi«mann, ihm sei bei der Agitation nie entgegengehallen worden, daß der „Vorwärts" zu teuer sei. Müller sParteivorstandSmitglied) betonte, niemand habe Stadt- Hägen zum Vorwurf gemacht, daß er überhaupt Kritik an der Haltung des„Vorwärts" geübt habe, oder daß er sie in der Generalversammlung geübt habe. Man habe ihm nur das zum Vorwurf gemacht, daß er die Angelegenheit nicht zuvor mit seinen RedakssonSkollegen besprochen, sondern ohne weitere? hier eine rein sensationelle Rede gehalten hat. Ferner führte der Redner aus; Die Mutmaßung EtadthagenS, der Parteivorstand und der Vor- sitzende der Preßkommission übten einen nach rechts drängenden Einfluß auf die Redaktion de».Vorwärts" aus, trifft nicht zu. Die Beziehungen zwischen dem Parteivorstand und der Redaktion sind sehr lose, man kann fast sagen, zu lose. Der Parteivorstand hat stets erklärt, eS liegt ihm nichts daran, den„Vorwärts" zu seinem offiziösen Organ zu machen. Die Gesamtheit der Redaktion steht völlig auf dem linken Flügel. Wenn der Parteivorstand bestrebt wäre, sie nach rechts zu drängen, dann würde er doch dahin gewirkt haben, daß neu zu besetzend« Redaktionsstellen mit rechts Mockenkilm. i, Dieweil des Menschen Fürrecht Lachen ist. Rabelai». „Berliner Tageblatt� hat sich mit seinem jungen Mann in Leipzig ekelhaft tu die Nesseln gesetzt. Beleidigung der deutschen Turnerschaft- ei weih! Und mm bestellt Herr Bliemchen eegalweg da«„B. T." ab und in keiner Gosenstube wird'S mehr aufgelegt und die„Deutsche Tageszeitung" drischt immer feste drauf lo». Natürlich nicht Konkur-enzsache. sondem Sache der heUigsten Güter der Ratton.«tss.m fchon. Nur sollte Oertel nicht so boshaft sein. Schimpft nämlich in einer der letzten Rummern über Mosse» jungen Mann, weil er nicht nur im„BerlinerTageblatt" geschrieben hat. sondern auch in den„Leipziger Neuesten Nachrichten". Oertel meint:„Der politisch so überraschend vielseitige junge Mann muß sich also früh die Fähigkeiten eines literaturberühmten größeren Vorgängers angeeignet haben!" Kleiner Schäcker, der dick« Oertel! Zielt hier ab auf den Liman. der in der„Deutschen Tageszeitung" rechts schrieb und in den„Leipziger Neuesten Nachrichten" mittel und in der„Londoner Börsenzeitung" links— überhaupt ein kesser Junge! Aber von Oertel ist es nicht nett, alten bewährten Mitarbeiter so dem Spott der Mischpoke von der Jerusalemer Straße preiszugeben. Unfair 1 Unter uns gesagt- Junger Mann von Mosse hat ganz recht ge- habt! Tumerei ist eine plebejisch verdächtige Sache, und Turner. auch mit schwarz-weitz-roten Bauchbinden, find üble Blase. Tragen Jägerhemden und Röllchen und riechen nach Schweiß. Ein Gent treibt Sport, ein Gent turnt nicht! Erinnere mich noch von Universität her. Turnerschaft ging noch, leidlich« Verbindung, denn die heißen nur so. turnen nicht. Aber Akademischer Turnverein— pfui Deubel! Wir recken den Arm. wir strecken das Bein, Wir find der akademische Turnverein. Kerl» turnten wirklich und trugen auch Nonnalhemden und Röllchen. Und so was gilt noch als sattSkaktionSfähig. Verrückte Welt! Offiziell freilich müssen wir Brust rausdrücken und in hohen Kehltönen von Bedeutung der teutschen Turnerei sprechen. Geht wie geschmiert, wenn man im Zuge ist..... ehem... Fest- Versammlung I... hohe nationale, patriotische, monarchische Be- deutung TurnenS... ehem... mens sanus in... nee. oorpm sanus in... nee, nee ist gleichgültig l.». Fnscher Körper, frischer Geist!... vaterlandslosen Rotten... Thron und Altar... Solange Turner noch Ken zu Kaiser und Reich, ne. und so weiter... Hurra! Hurra! Hurra I' Habe ich auch schon gemacht. Aber nachher mit Hau cko Oologne waschen, um ekelhaften Schweißduft von Schustern und Gemüsekrämern loszuwerden. Brauchbare» Stimmvieh für unsere Sache, aber, bitte, zehn Schritt Distanz! Herr PinthuS hat also recht, aber unrecht hat der„Reichs- böte". Empörendes Gequassel: Trotz der zahlreichen und schönen Reden, in welchem gesunde ManneSkraft. deutscher Sinn. Ehrenhaftigkeit und Sittlichkeit tags- über und abends bei den Festbanketten unablässig gefeiert wurden, schämten fich dieselben Männer nachher nicht. Nacht für Nacht in Scharen, noch geschmückt mit ihren Turnerabzeichen, gewisse ver- rusene Sssaßen aufzusuchen, in welchen bald ein Andrang herrschte, der jeder Beschreibung spottet«... Tapergret», der daS geschrieben, ist ein Mensch ohne nationale Gesinnung! verständnisloser Böotier l Wa» haben denn, bitte sebr. schöne Reden zu tun mit... mit... na I mit dem andern? Ist eS nicht bester, geradezu glänzender Beweis für„gesunde ManneSkraft", wenn abends in Straßen, wo die kleinen Mädcben sind(weiß schon: links und rechts von der Petersstraße I), unheimlicher Andrang herrscht. Hier betättgt fich„gesunde ManneSkraft", denn nicht auf den Bizeps allein kemmt e» an. Murr in den Knochen und druff wie Vater Blücher! Sind nicht umsonst die Nach- iemmer derer, die 1813 auch Leipzig im Sturm genommen haben. Und wa» meint der Nörgelfritze im„Reichsboten", wenn in der „grünen Woche" das Saft Nattonal geschloffen bliebe und Friedrich« strotze abgesperrt würde, wie viele von unfern Schollenfesten kämen wohl nach Berlin l Die Reden im Zirkus Busch allein tun e» nicht— für'S Gemüt will der Mensch auch waS haben, und ein Agrarier zumal l Dreiklassenwahlrecht, Schnapsflasche, Bordell— in diesem Jeichen werden wir fiegen. Ueber die verdammte rote Rotte nämlich, die täglich frecher wird. Jetzt ist sogar ein Soze Landrat geworden, natürlich nicht in Preußen, sondern bloß da unten in Bayern, und es ist auch Gottlob! Kein Landrat nach königlich preußischen Begriffen, sondern gehört nur zu einem Kollegium von Ortsschulzen und dergleichen aber immerhin fatal! Der Titel Landrat und steckt ein Roter da- hinter! Alle gestorbenen preußischen Landräte müssen im Grab rotieren und alle lebenden müssen vor gerechter Wut und Empörung selber rot werden, lind nun die Krupp- Sache! Auch nur an- gerührt von den Roten. Bis ans Ende der Welt hätte noch die reine uneigennützige Freundschaft zwischen Herrn Brandt (Gehalt wie kein Regimentskommandeur— Donnerwetter! und Zeugpersonal bestehen können. Zeugleuwants hätten ihre blauen Lappen eingesteckt und Firma Krupp ihre Kornwalzen— beide Teile hochzuftieden l Mußte da ausgerechnet der Liebknecht, dieser, dieser Massenstreikprophete, von der Sache Wind kriegen, und nun haben wir dm Skandal! Höchst peinliche Affäre für Milttärbehörden. ob« mußte eingeschritten werden— schon von wegen dämlichen Reichstags I Verteidigen sich übrigens nicht ungeschickt, die Leute I Haben geglaubt, Krupp sei der Staat und der Staat sei Krupp l Bravo! ä la Ludwig XIV.: Staat bin ich! Krupp ist der Staat! Alle wirklich patnottschm Kreise erwarten, daß Kriegsgericht diese Gründe anerkennen wird. Wenn nicht, na ist auch nicht schlimm! ZeuglmtnantS sind ja eigentlich gar keine' Offiziere, sondern bloß Beamte 1 Und Hauptsache ist. daß Firma Krupp glänzend dasteht und der Staat. Aber Krupp ist ja der Staat und der Staat ist Krupp I Im übrigen mag die rote Sippschaft über Komwalzengeschicht» so viel nörgeln, wie Lust dorhanden. wir wissen Gott W Dank. waS Wir an unserem herrlichen KriegSheer haben. H-er-Sverswrkung hat erst richtigen Wert und letzten Schliff erhalten durch Verfugung des Kriegsministers, die in gewohnter Wahrheitsliebe„Vorwärts" seinen Lesern natürlich unterschlagen hat. Voilä: Zhrung- besssmm" nämlich nach«otm. Die exakte AuSfübruna der Kommando» hangt nicht wenig auch von der Art ab wie diese Kommandos gegeben werden. Wer Soldat war der weiß d°b in den verschieden, tm Tonarten und Aussprachen' kommandiert wird. F°V�si es den£m™nnboS in der unglaublichsten Aussprach«, so daß«S dm Leuten im- möglich ist das Kommando«»«Mähren. Hierin soll jetzt eine Aenderung einsseten. P f Heß hat jedes Kommando in au�uwrchen mS U�8 be.ge- fügt, wie jedes Kommando au sprechen und zur Erreichung eines klaren, v e r st S n d l, ch e n kurze nKommandos der Mund zu formen'st. � Als Grundton der Kommando- spräche ist der Ton k angenommen. DaS Kommando„Rechts— um I" steht z. B. in k o-„Rechts hat die Lange einer halben und um"' die Länge achtel Note. D:e kriegsministerielle Anordnung'st soeben den Truppen bekannt gegeben worden, die Unteroffiziere sollen noch wahrend der Sommermonate mit dem Kommandieren nach Noten verkaut gemacht werden. Bei der Aus- fiSa de» Rekuten-LehrpersonalS im Herbst tritt die Neuerung mm erstenmal allgemein bei den preußischen Truppenteilen in Kraft. ES ist anzunehmen, daß auch die nichtpreußiichen deutschen HeereSverbände das Kommandieren noch Noten einführen werden. jfujt sollen die Herren Franzcsen mal kommen. Wir komman- vieren jetzt nach Roten und prügeln sie nach Noten. Immer feste auf die Weste! Druff! Hurra! Der konservative August. stehenden Genossen besetzl Serssen. Aach Schaffung 5e8 MontagZ- blattes ist erst wieder mit Zustimmung des Parteivorstandes ein als radikal bekannter Genosse in die Redaktion aufgenommen worden. Unter Hinweis auf die Ausführungen Richard Fischers ersuchte der Redner um Ablehnung des Wochenabonnements. Nachdem Brochnow für das 25 Pf.-Wochenabonncment gesprochen hatte, wurde ein Schlugantrag angenomnicn. Wels erklärte: Die Pregkommission hat sich mit der von Stadthagen am IS. Juli vorgebrachten Angelegenheit beschäftigt und hat nach gründlicher Untersuchung derselben eine Resolution angenommen, welche besagt, daß die Haltung des «Vorwärts" mit den Grundsätzen und Be- schlüssen der Partei in Einklang steht und daß sieauch fürdieZukunfterwartet, der. Vorwärts" werde in diesem Sinne redigiert werden. Nach einer Geschäftsordnungsdebatte über den Abstiminungs- modus wurde der Antrag des Kreises Niederbarnim angenommen. Es wird also eine Kommission eingesetzt, welche den Ursachen des Abonnentenrückgangcs nachzuforschen und Mittel zur Abhilfe vorzuschlagen hat. Ueber die Anträge, das Dochenabonnement betreffend, wurde nicht abgestimmt, da auch diese Frage in den Rahmen der Aufgaben der Kommisjion gehört. In die Kommission soll jeder der acht Wahlkreise sowie der geschäftsführende Ausschutz je ein Mitglied entsenden. Ein Antrag, wonach der ZeitnngSbeschwcrdc- k o m m i s s i o n Legitimarionskarten für die Einziehung restierender Abonnementsgelder auszustellen find, wurde nach kurzem Für und Wider angenommen. Hierauf begründete Groger folgenden Antrag des Kreise» Teltaw-BeeSkow: Um eine möglichst großzügige Reorganisation der Partei Grotz-Berlins durchzuführen, wird der Zentralborstand Groß- Berlins beauftragt, der nächsten Verbandsgeneralversammlung eine Vorlage zu unterbreiten, nach der die acht Wahlvereine Grotz-Berlins zu einem einheitlichen Bezirksverein zusammen- zulegen sind. Tie Generalversammlung beschließt, daß die Zahlabende beibehalten werden, um die Kleinarbeit erledigen zu können. Zur Aufklärung der Mitglieder und Agitation unter den uns noch Fernstehenden sind Bezirksversammlungen abzuhalten. Den Leitern der Zahlabende ist mehr Material Wecks besserer Ausgestaltung derselben zu übermitteln. Um die Fluktuation unter den Mitgliedern einzudämmen, ist die Hauskassierung durchzuführen. Der Redner sagte unter anderem, es sei unzweckmäßig und ungerecht, wenn man die unsinnige WahlkreiSeinteilung als Grund- läge der Lrganisation beibehalten wolle. Sie erzeuge einen ge- wissen Partikularismus, der uns in mancher Hinsicht am Vorwärts- iomnien hindere. Tagegen werde eine eircheitlicke Organisation für Grotz-Berlin das Parteileben anregen und fördern und die Auf- gaben der Partei besser erfüllen können als es bei der Wahlkreis- organisation der Fall sei. Der Antrag Teltow-BeeSkow wurde den Kreisen zur Beratung überwiesen. Damit war die Tagesordnung erledigt. •« * Die vom Genoffen Wels in vorstehendem erwähnte Resolution der Pretzkommission über die politische Haltung deS.Vorwärts" lautet wörtlich: In der Generalversammlung von Grotz-Berlin am IS. Juni hat der Genosse Stadthagen u. a. ausgeführt: ..Matznahmen, die wohl im Einvernehmen mit Mitgliedern de» Parteivorstand«« und dem Borfitzenden der Pretzkommission, ohne Zustimmung der Redaktion getroffen werden,.lassen eine Tendenz nach recht? erkennen", so daß denen. die der Meinung find, der.Vorwärts" muh so wie früher redigiert werden, die Mitarbeit nach und nach verekelt wird." Diese Ausführungen enthalten den direkten Vorwurf gegen Mitglieder des Parteivorstandes und den Vorsitzenden der Preß- kommission, daß sie den„Vorwärts" dazu drängten,„eine- Ten- denz" einzuschlagen,„mehr bestehende Gegensätze zu verwischen, als neue Klassenkämpfer aus den Reihen der Arbeiterklasse zu suchen". Dazu erklärt die Pretzkommission, daß sie stet? geschlossen auf dem Standpunkt gestanden hat, den sie auch heute unverändert einnimmt, daß der„Vorwärts" redigiert werden mutz nach den grundsätzlichen Beschlüssen der Parteitage, in schärfster Wahrung deS Klassen- kämpfe? der Arbeiterschaft. Tie Pretzkommission hat keine Veranlassung gehabt, diesen Standpunkt der Redaktion gegen- über besonders zu� betonen, weil über diese Auf- gaben des„Vorwärts" stets erfreuliche Ueber- einftimmung festgestellt wurde. politifcke üeberlicbt Das Prcssebureau des ktriegsministeriums. Das Kriegsmiiiisterium will sich ein Pressebureau ein- richten zur„planmäßigen Information der staatserhalten- den vaterländischen Blätter". Eigentlich handelt es sich nur um den schonen Ausbau emer schon beileheiiden. rech: gut funktionierenden Einrichtung. Schon zetzt gibt es eine Mi- uisterialabteilung im Kriegsmlnisterlum, deren hohe Auf- gäbe im Wesentlichen darin besteht, den Perkehr mit der Presse zu unterhalten. Aber die Ansprüche stiegen, so daß nach Meinung des Kriegsministermms diese fegenvolle In- filturron unbedingt einer Erweiterung bedarf. In Anbetracht �r. lmmcr häufiger werdenden Erkundigungen, die zum groBen Teil erst durch Nücksraae bei den verschiedenen Depar- teilnn�— werden können, werde die Belastung der Ab- Migen Zusammensetzung zu groß und somit eine Persturkung des Personals znr unbedingten Notwendig- keit. Ob das Kriegsministerium vom Reichstag einen oder zwei weitere Referenten mit dein nötigen Tienstpersonal der- Ä".<1,»och?.in° dlft-itw--Mch-idm,» getroffen: das aber nur Offiziere in Frage kommen können. sei ganz selbstverständlich.°" u Für die unabhängige Press» bat di-ies Pressebureau des Kriegsministmums absolut keine Bedeut rna denn es werden ganz naturlich nur solche �chrichten hwauscieaeben an deren Verbreitung das Kriegsministerium e n JnteMe hat. Die nieisterbast� haben' aber erkannt, wie �!sse in �n� verstanden hat. die O-,. Flottenpatrioten*u beeinflussen und dieses schone Beispiel soll nun Nachahmung finden Vorspiele zum Metzer Katholikentag. Die Zentrumsorgane sind krampfhaft bemüht, aus den Massenstreik- und Teckungsdebatten in der sozialdemokratischen Partei ein Ouäntchen Honig zu saugen und tieffinnige Betrach- tungen über die Zerrüttung und Spaltung der„sozialdemokrati- schon Geister" anzustellen. Zu gleicher Zeit benutzen aber die Pro- vinzblätter des Zentrums die Wochen vor dem Katholiken- tage, um sich mit erneuter Kraft auf die„standhaften, charakter- festen Männer" in der„G e r m a n i a" nnd die Oppersdorffer zu stürzen. Die Bersemung der letzteren ist hinlänglich bekannt und dieser Streit bringt nichts Neues; die„Germania" aber hat durch ihr Verhalten aufs Neue den Verdacht aus sich geladen, daß sie insgeheim die Berliner„Quertreiber" begünstigt. Nachdem ihr dafür schon das Hildesheimer Zcntrumsblatt deutlich gesagt hat, daß sie Beleidigungen der gesamten Zentrumspresse verübt und etwas eigene Gcwissensforschung nötig hätte, giftet die„Reißer Zeitung" ihr eigenes Zentralorgan folgendermaßen an: „Gewiffensforschung? Hat sie gar nicht nötig. Sie(die „Germania") kann unmöglich vergessen haben, wie schön sie geschwiegen hat zu jedem Angriff des Blattes(dessen sitz- redakteur der Schneidergeselle ist, den sich der Herr Pfarrer von Reichtha! halt, für den Fall, daß etwas Unangenehmes passiert), gegen den Vizepräsidenten des Preußischen Abgeord- netenhauses, Konsistorialrat, Geheimen Justizrat, Vorsitzenden der Zentrumsfraktion des preußischen Abgeordnetenhauses Tr. Porsch, gegen den bayerischen Ministerpräsidenten Freiherrn v. Hertling, gegen den Tr. Spahn, einen doch nicht ganz unbe- rannten Herrn(!) der ZentrnmSfraktion des Reichstages und des Landtags!!! Geschwiegen wie ein Grab! Ge- schwiegen, weil oder �trotzdem der Pfarrer von Reichthal, gedeckt durch seinenSchneidergesellen, die Herren angriff! Und jetzt, wo dem Herrn Dr. Nieborowski, dem Erfinder der„Hertlingiaden" und der unerhörten Angriffe gegen die übrigen Herren, die Maske gelüftet wird, rücken die edlen Ritter von der Spandauer Straße in Berlin zu Haufen gegen die Bösewichte, welche den Mann mit seinem Schneidergesellen stellen, an! Und ieyt sucht dasselbe Blatt, welches den Bischof von Fulda, Dr. Georg Kopp, als„Zentralorgan der Katholiken Deutschlands" dereinst vor sein Forum gezogen und miß- handelt hat, die Zentrumsorgane ohne Unterschied der Un- chrerbietigkeit gegen den Episkopat zu zeihen? Und das sind zum Teil dieselben Leute, die heute noch der„Germania" Ziel und Richtung geben I Wirklich, charakterfeste, st and- hafte Männerl. Keine Frage! Man kann sich auf die Herr- schaften verlassen!! Wir sind herrlich weit gekommen? Und d i e Leute nennen sich„Zentralorgan der Katholiken Deutschlands!" TaZ sind so einige Komplimente der schlesischcn Zentrums- presse für ihr Berliner Hauptorgan. Täte die züchtige Jungfer „Germania" nicht besser, statt mit Massenstreik und Sozialdemo- kratie sich einmal mit der Hochachtung und Wertschätzung zu be- schäftigen, die sie im eigenen Lager genietzt? Die Abnahme der Geburten. Im Kulturstaate Preußen geht die GeburtSUffer mehr und mehr zurück. Im ersten Vierteljahr 1913 hat die Zahl der Lebend- geborenen in Preußen 293 652 betragen, was einer Abnahme gegen- über demselben Vierteljahr 1912 um rund 16 666 oder 3,36 v. H. ausmacht. Das Land ist an dieser Abnahme mit rund 8666 stärker beteiligt als die Städte; immerhin waren die Geburten auf dem Lande verhältnismäßig noch wesentlich zahlreicher als in den Städten. Denn auf 1666 Einwohner entfallen in den Städten nur 25,32(in den Stadtkreisen 24,95), aus dem Lande dagegen 31,14 Geborene. Im ganzen Staate beträgt die Verhältniszahl 28,35, im LandeSpolizeibezirk Berlin nur 19,87. Was schadet dem guten Ruf deS Militärs? Der zivile Bürger wird vielleicht denken: Soldaternnitzhand» langen, heroisches Austreten gegen das Zivilistenvolk, Kornwalzer- Prozesse und dergleichen. Das Breslauer Kriegsgericht hat aber etwas gefunden, was dem guten Ruf des Militärs noch viel mehr schadet, nämlich, den Besuch eines Vereinsfestes der Freien Turnerschaft. Dies« Sünde hatte sich der Musketier Günther aus Oppeln zuschulden kommen lassen, der vor seiner Militärzeit Mitglied des ArbeiterturnerbundeS war. Ein Standgericht verurteilte ihn zunächst zu einer Woche Mittelarrest. Der Gerichtsherr legte jedoch Berufung ein und erreichte auch, daß das Kriegsgericht in Breslau die Strafe auf drei Wochen heraufsetzte. Der Musketier Günther wurde als ein ordentlicher, williger Soldat geschildert, der nie hervorgetreten sei, und der zum Gefreiten vorgeschlagen werden sollte; aber das Gericht fand in seiner Weisheit, daß„das Ansehen und der gute Ruf des Militärs" beim Publikum leiden, wenn es sieht, daß ein Soldat an einer sozialdemokratischen Veranstaltung teilnimmt._ Die Situation auf dem ßathan. Die neue bulgarisch-rumänische Grenze. Bukarest, 3. August. Heute früh fand eine Konferenz der bulgarischen und rumänischen Delegier- ten unter dein Vorsitze Majorescus statt. Nach einer länge- rsn Beratung, die bis mittag dauerte, kam es zu einer E i n i- g u n g unter den beiden Parteien über die drei Punkte, die von Rumänien in der Note vom 21. Juli formuliert worden waren. Der Verlauf der neuen Grenze wurde durch die militärischen Delegierten festgelegt. Sie beginnt 12 Kilometer unterhalb von Baltschik auf dem ersten Hügel, der auf der Karte mit der Höhenangabe 2152 bezeichnet ist, läuft dann in einer Entfernung von 10 Kilometer südlich von Dobritsch vorüber und endigt 0 Kilometer westlich von Turtukai bei dem Dorfe Tourksyinil. An einigen Punkten weicht die neue Grenze gemäß der topographischen Eigenart um 15 bis 16 Kilometer von der geraden Linie nach Westen ab. Ferner verpflichtet sich Bulgarien, die Befestigungen von ll ustschuk und Schumla zu schleifen und keine neuen Befestigungen in dem dazwischen liegenden Gebiet und in einem Umkreis von 20 Kilometer um Baltschik herum anzulegen. Die Frage der rumänischen Schulen und Kirchen m dem von Bulgarien eroberten Gebiet wurde entsprechend den auf der Petersburger Konferenz gemachten Vorschlägen geregelt._ Außerordentlicher Parteitag i» Holland. Amsterdam, 3. August. Der Zentralvorstand der sozialistischen Partei hat beschlossen, einen außerordentlichen Kongreß für den 9. und 16 August einzuberufen, und zu entscheiden, ob die Sozialisten Portefeuilles im neuen Kabinett annehmen sollen oder nicht. Die Nevolutiou in Venezuela. Earaca», 2. August. Gerüchten zufolge wurden die Regie- rungsbeamten in Coro von den Anhängern Castros überrumpelt und getötet oder festgenommen. In einer Proklamation, datiert vom 27. Juli, erklärt C a st r o, der Krieg sei unvermeidlich. New Kork, S. August. Nach einem Telegramm aus Wilhelm- stad hat sich Präsident Gomez entschlossen, selbst die Truppen gegen Castro zu führen. Der Präsident begab sich von Tara- caS nach Puerto Cabcllo, von wo er sich auf einem Kriegsschiff nach Coro begeben will, Das Nachspiel einer„nationalen RnhmeStat". Rom, 31. Juli.(Eig. Ber.) Der Konteradmiral M i l l o, 5cr soeben zum italienischen Marineminister ernannt worden ist, bringt in seine neue Stellung ein nicht gerade sympathisches Anhängsel mit, nämlich einen Prozeß wegen Verleumdung, den der Korvetten- kapitän De Rosa gegen ihn angestrengt hat. Und dieser Prozeß selbst mutz in nationalistische� und hurrapatriotischen Kreisen bcson- ders peinlich wirken, da er die Fahrt nach den Darda« n e l l en, die als glorreiche Episode des lhbischen Krieges lange genug verherrlicht worden ist, jeden Glorienscheines entkleidet. Bis jetzt ist der Prozeß noch auf der Suche nach einer zuständigen In- stanz, die er vielleicht nie und nimmer finden wird, und pendelt zwischen dem Militärgericht und dem gemeinen Gericht hin und her, aber mit dem Glorienschein ist es doch zu Ende, nachdem der Tatbestand des Unternehmens durch die Klage bekannt geworden ist, ohne daß die Militärbehörden und die bürgerliche Presse ihn hätten widerlegen können. Die Fahrt nach den Dardanellen, die als eine geniale Tollheit zunächst Erstaunen und vielleicht auch Bewunderung hervorgerufen hat, erscheint nach den jetzt bekannt werdenden Tatsachen als ein der Anlage nach völlig unausführbarer und hirnverbrannter Ver- such, der auch tatsächlich kläglich mißlang. Die Sache war von dem Konteradmiral Millo gemeinsam mit?em Herzog der Abruzzen au», geheckt worden. Man wollte nachts, ohne bemerkt zu werden, mit der Torpedoflotte durch die Dardanellen dringen, um die jenseits der Meerenge stationierte türkische Flotte zu beschießen und zu ver- nichten. Dabei ging man einmal von der falschen Voraussetzung aus, daß diese Flotte schwach und schlecht bewehrt, die Meerenge ungenügend bewacht und mangelhaft verteidigt wäre. Weiter ver- kannte man die Schwierigkeit, nachts mit gelöschten Lichtern bei unruhigem Meer mit einer zahlreichen Flotte eine so schmale Meer- enge zu durchschiffen. Die Zwecklosigkcit de? Unterfangens war allen Offizieren und einem Teil der Mannschaft so völlig klar, daß ein ganz geringfügiger Mißerfolg den Anlaß zum Umkehren bot. Im Dunkel der Nacht liefen die Torpedoboote„Turbine" und „Nembo" gegeneinander, wobei die Kommandanten beider den Ein- druck erhielten, daß der Rumpf ihres Schisfes beschädigt sei und Notsignale gaben. Der Pilot des„Nembo" meldete, daß das Schiff auf eine Klippe gelaufen sei, worauf alle Schiffe der Flottille Ordre erhielten, mit Volldampf zurückzufahren. Als man den Schaden bei Licht besah, war kein Schaden da, aber alle waren froh, datz das unsinnige Spiel mit Menschenleben nicht zu Ende gespielt worden war. Nachträglich stellte sich aber heraus, daß man einen Sündenbock brauchte, um das Mißlingen des Versuchs, das diesem der ganzen Anlage nach eingeboren war. zu erklären. Als Sünden- back diente der Korvettenkapitän De Rosa, der als Kommandant der„Turbine" an die vor ihm fahrende„Nembo" angelaufen war. ES wurde deshalb gegen ihn ein vom Herzog der Abruzzen unter- zeichneter Rapport eingereicht, der ihm die Charaktereigenschaften und die Besonnenheit absprach, deren ein Marineoffizier bedarf, und der Mann wurde zur Disposition gestellt. De Rosa ist es nun. der wegen dieser Veröffentlichung einen Vcrleumdungsprozetz anstrengt. Er macht geltend, datz die Ilm- kehr der Flotte gar nicht durch die Hilfssignale seines Schiffes. sondern durch die irrtümliche Meldung des Piloten der„Nembo" veranlaßt wurde, der meldete, sein Schiff wäre auf einer Klippe aufgelaufen. Dieser Pilot, der daZ erste Schiff und somit die ganze Flottille führte, ist eine geheimnisvolle Persönlichkeit. Korvetten. kapitän De Rosa behauptet, datz dieser Pilot ein Deutscher ist — ob ein Abenteurer und Glücksritter oder ein Marineoffizier. bleibt dahingestellt. Sei es aus Irrtum, sei es aus böser Absicht. jedenfalls hat der Pilot durch eine falsche Meldung das Signal zum Rückzug gegeben. Noch geheimnisvoller wird die Piloten- geschichte durch die mit drötztcr Bestimmtheit vom„Avanti" am 36. d. M. gegebene Nachricht, datz der Mann für seine„Dienste" beinahe eine Million Lire erhalten hat. Wahrscheinlich wird der Prozeß gar keinen Richter finden, um so weniger jetzt, nachdem Millo zum Marineminister ernannt worden ist und also Senator werden wird. Aber die öffentliche Meinung hat doch wohl das Recht, nachdem sie so viel Lobes- erhebungen über die Dardanelle'nfahrt gehört hat, nun auch zu erfahren, aus welchem Grunde De Rosa gematzrcgelt wurde, und was es mit dem geheimnisvollen Deutschen auf sich hat, der für seine mangelhaften Piloiendienste fast eine Million bekommen haben soll.____ letzte ftathrichten* Gegen die Cholera. Wien. 3. August.(P. T.) Mit Rücksicht auf die drohende Ausbreitung der Cholera sind von der Regierung besonders strenge Vorsichtsmatznahmen getroffen. Auch ans die Truppen an der Grenze wurden diese Maßnahmen ausgedehnt. So wurde die dritte Kompagnie des Pionierbataillons in Szegedin bei Ihrer Rückkehr von einem starken Kordon von Gendarmen umgeben, so daß die Dorfbewohner nicht mit ihnen in Berührung kommen konnten. Die Soldaten haben Befehl erhalten, ihre Kasernen in den nächsten fünf Tagen nicht zu verlassen. Grubenunglück in Amerika. New Bork, 3. August.(P. C.) Eine Explosion auf der East-Brookside-Kohlenzeche bei Pottsville im Staate Penn- sylvania forderte gestern 18 Todesopfer. Das Unglück ist auf die vorzeitige Explosion eines Sprengschusses zurück- zuführen, bei der 13 Bergleute ihr Leben verloren. Sofort ging eine aus fünf Mann bestehende Rettungsmannschaft nach der Unglücksstelle ab. Gerade als die Kolonne auf der Un- glücksstelle ankam, ereignete sich eine zweite Explosion. Alle fünf Retter wurden getötet. Flicger-Gefahren. Wanne, 3. August.(P. C.) Der Pilot B u s s e r, der auf dem Flugfelde von Dortmund Schauflüge ver- anstaltete, konnte infolge der großen Menschenmasse, die sich auf dem Platze drängte, nicht an dem von ihm vorgesehenen Platze niedergehen. Um den Polizisten Zeit zu lassen, den Platz zu räumen, führte er noch einen Flug über Dortmund aus. Als er sich über der Stadt befand, setzte plötzlich der Motor aus und Basser sah sich zu einer Potlandung gezwungen. Da eine Landung im Fabrikviertel unmöglich war, ging er im Hafen des Dortmund-EmS- Kanals nieder. Vor dem Tode des Ertrinkens rettete er sich nur dadurch, datz er auf den Spannturm feines Apparates kletterte, von wo ihn Schiffer retteten. Der Apparat wurde dann aus dem Kanal geborgen, er ist erheblich beschädigt.— Auch der Flieger W i r t h, der von Wanne aus nach Dortmund fliegen wollte, ent- ging mit Not dem Tode. Er flog in einer Höhe von 3666 Metern, als plötzlich die Pleuelstange des Motors den Zylinder zerschlug. Wirth ging im Gleitfluge nieder. Als er sich in nur noch geringer Entfernung vom Erdboden befand, verlor er die Herrschaft über seinen Apparat. Er rettete sich dadurch, datz er aus einer Höhe von 5 Metern aus dem Sitz sprang. Wirth kam mit leichten Ver- lctzungen am Kopf und an den Händen davon, Theater. Montag, ben 4. August 1913. Anfang 7 Uhr. Prater. Das Bummelmädchen. Anfang 7, Uhr. Neues Opern( Krom). Lohengrin. Anfang 8 Ubr. Brof. W. Deutscher Bauarbeiter- Verband. Warnung vor Ankauf Zweigverein Berlin. 144/ 2* Sektion der Gips- und Zementbranche. Montag, den 4. August, abends 6 Uhr, gleich nach Feierabend, bei Frit Wilke, Sebastianstr. 39: Urania. Evo Smith: Streit Außerord. Versammlung der Gipsbranche. züge durch Norwegen. Schiller O. Der Freischüß. Westen. Sylvester Schäffer: Das starte Stück. Ein angebrochener Abend. Berliner. Filmzauber. Thalia. Puppchen, Metropol. Die Kino- Königin. Herrr Gudlich allein. Die Sonzers Jäger. Wintergarten. Spegrantäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Anfang 8%, Ubr. 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Für diese Abteilung liefert K. nicht. Habe also fünftig kein Geld mehr. Sei nicht böse. Es geht nicht anders. In treuer Liebe Dein Hugo. Herrn Zeugleutnant Hugo. II. Du bist ein Wasserschwein. Mich so sigen zu lassen. Wie heißt das Frauenzimmer, das Du jest haft, Du verliebter Karpfen. Das wird mit Dir ein schlechtes Ende nehmen, Du Luder! Du wirst noch an mich denken!!! Aber überhaupt, ich bin ein patriotisches deutsches Mädchen. Schämst Du Dich nicht, solche Geschichten zu machen?? Die Frau Krupp hat 1000 Millionen und Du läßt Dich mit 10 M. und warmes Abendbrot schmieren. Pfui Teufel. Ich pfeife auf Deine Geschenke. Aber, lieber Hugo, ich liebe Dich schreckich. Ich muß sterben, wenn Du nicht mehr in meine Arme eilst, fleiner, süßer Schäfer. Das ist mein letztes Wort, Du Schmugian. Für 10 Mark! Du sollst von mir hören. Aber Du kommst, nicht wahr, sonst wird es schrecklich tagen. Ich bin ganz littitti. Deine unvergeßliche Emilie. III. Sehr geehrtes Fräulein! Ihre schöne Taille habe ich schon lange bewundert. Auch für Ihre Geheimnisse habe ich immer Verwendung. Auf 100 Frant tommt es mir nicht an. Wann darf ich Sie sehen? Ist auch alles wahr, was Ihnen der Zeugleutnant gesagt hat? Schreiben Sie mir bald. Ich brenne vor Sehnsucht. Vielleicht auch Reise nach Paris. Herzliche Grüße, Ihr kleiner Franzose Jean Malin. Chehr! IV. Du fleiner Aff. Du kannst aber füssen! Man fühlt gleich, daß Du ein Franzose bist. Nicht so ein Schlappschwanz aus Brigwalt mit 10 M. Komme bald wieder. Ich weiß nun eine Masse feine Sachen. Du bist nobel. 200 Frant für eine lumpige Geschichte! Haft wohl Geld wie Heu, meine Honigschnute??? Aber Du erzählst nicht weiter, was ich Dir anvertraue. Es wäre mir unangenehm. Nimmst Du mich bald nach Paris?? Also für 300 Frank was Ertrafeines und ein Haufen Liebe außerdem. Deiner zärtlichen V. Jwan Knutikoff 1000 Nüsse von Emilie. Offeriere Jhnen Neuestes über Krupp- Geschütze. Preis 5000 Fr. Telephonische Antwort! VI. Petersburg. Jean Malin- Paris. Petersburg, 4. August 1912. An das Kriegsministerium in Berlin. Ich bin in der Lage, Ihnen Mitteilungen über Verrat militärischer Geheimnisse zu machen. Honorar 10 000 Rubel VH. Haus Krupp Essen Jwan Knutikoff. Petersburg, 4. August 1912. Ich bin in der Lage, Ihnen Mitteilungen über Konkurrenzanerbietungen und neue Erfindungen in Berlin zu machen. Preis 20 000 Rubel. Jwan Anutitoff Jwan Knutiloff. VIII. Dringendes Telegramm. Petersburg Einverstanden. Sofort senden. IX. Postkarte. Sehr geehrter Herr! Wir lehnen dankend ab. alles. Heeringen. Wir haben das billiger und wissen Ergebenst X. Krupp Essen. Dewiz. = Ein Direktorialbureau in Essen Direktor A.: Nein, mein Lieber, nur in diesen Dingen nicht großzügig! Wir müssen in Deutschland sparen, um die enormen Speien für Rußland, Frankreich, Türkei herauszuwirtschaften. Direktor B.: Aber 3000 M. Repräsentationsgelder sind doch wirklich zu wenig! Kommt auf den Walzer 3 M. Bürgerliche Journaliſten. Der öffentliche- nichtöffentliche Krupp- Prozeß. A KRUPP- PROZES Die Deffentlichkeit nicht auszuschließen Tat das hohe Gericht beschließen. ( Soweit die Sache nicht brenzlich und mieß Lind keine schlimmen Enthüllungen verhieß.) Wird die Sache aber kritisch für Krupp, Fliegt die Presse raus mit einem Schwupp. Aber frog Posten und verschlossenen Türen Ist der Duft des Krupptopps doch stark zu spüren. Montag, 4. August 1913. aus den Inseraten ersehen können, denn diese Leute werden ihnen am liebsten sein. Die werden nie durch unprofitable Prinzipienreiterei die Verlagsgeschäfte stören. Die werden heute verdammen, was sie gestern anbeteten wenn inzwischen beim Verlag drei Abonnenten das Blatt auffündigten. Die werden feine Strupel haben, jede geschäftliche Lumperei zu decken. Mit dem Pathos der Gesinnungsmenschen, versteht sich; mit giftigen Ausfällen auf die Sozialdemokratie, die keine Geistesfreiheit kennt, mit salbadernden Hymnen auf die deutsche Ehrlichkeit, auf männ liche Ueberzeugungstreue; mit schwellendem Stolz auf den hohen Beruf des Journalisten als Führer des Volkes... Ein Opfer der Kapitaliftenbrutalität. Auf dem kürzlich zu Karlsbad abgehaltenen Internationalen Bergarbeiterkongreß wurde einem der amerikanischen Delegierten von den Vertretern der Bergarbeiter der ganzen Welt ein begeisterter Empfang zuteil: dem sozialistischen Präsidenten der " Western Miners' Federation", des Verbandes der Erzbergarbeiter des westlichen nordamerikanischen Kontinents, Charles Moyer. Sein Name war vor sechs und sieben Jahren im Munde aller organisierten Arbeiter. Um ihn und seine Genossen Haywood und Pettibone tobte der Kampf zwischen dem amerikanischen Proletariat und dem amerikanischen Kapitalismus, der die Köpfe der Führer der Erzbergarbeiter forderte. Sie waren angeklagt, den Mord des Gouverneurs Steunenberg veranlaßt zu haben, und noch vor dem Ende des Prozesses nannte der großmäulige Präsident Roosevelt die drei Bergarbeiter öffentlich unerbetene Bürger". Schon diese Aeußerung des Oberhauptes des kapitalistischen Staates beweist, mit welch blinder Wut die drei Männer verfolgt wurden. Wie ein gefräßiges Raubtier, das seine Beute in Gefahr steht, warf sich das amerikanische Grubenkapital auf die Gewerkschaftsbeamten, auf die Leiter der Organisation, die ihm den Profit schmälern wollte. Aber der verbrecherische Plan mißlang. Haywood wurde nach 20 Monaten, Pettibone nach zwei Jahren Untersuchungshaft freigesprochen und Moher wurde, nachdem er zwei Jahre und drei Monate im Gefängnisse gesessen, aus der Haft entlassen, ohne daß man ihn vor Gericht gestellt hätte. Eine Genugtuung jedoch hatten die Kapitalisten: sie hatten ihren Hauptfeind gesundheitlich ruiniert. Ein Asthmaleiden, von dem Woher feit 20 Jahren kuriert war, stellte sich während der langen UnterDie Reise nach dem Intersuchungshaft wieder bei ihm ein. nationalen Bergarbeiterkongreß gestaltete sich für Charles Moyer zu einer wahren Qual. Uebrigens war dieser Mordprozeß nicht der einzige, der gegen Moher angestrengt wurde. Während seiner Laufbahn als Präs sident der Western Miners' Federation" haben ihn die Kapitalisten nicht weniger als viermal des Mordes angeklagt, ohne es ein einziges Mal zu wagen, ihn vor die Geschworenen zu stellen. Immer nur handelte es sich darum, den unbequemen Gewerkschaftsführer aus dem Wege zu schaffen. Das frechfte Manöver war wohl die Verhaftung Moyers zur Zeit des Bergarbeiterstreifs in Idaho im Jahre 1904. Als ihm damals von dem Sheriff im Gefängnis erklärt wurde, er sei verhaftet worden, weil man ihn im Verdacht habe, einen Mord begangen zu haben, fragte Worer, wer denn ermordet sei. Und der saubere Sheriff antwortete: " Ja, das weiß ich nicht." Heute, da das Grubenkapital in Südafrika mit ähnlicher Wildheit wie in Amerika auf die Bergbevölkerung einschlägt, mag cs am Plage sein, den großen Mordprozeß gegen Moher, Haywood und Pettibone wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Wir schildern ihn, wie ihn Moher in friedlicher Abendstunde erzählte: Um das Ereignis zu verstehen, muß man auf den Streik des Jahres 1899 in Jdaho zurückgehen. Während dieses Streits wurde eine Eramühle in die Luft gesprengt, und die Bergarbeiter wurden angeklagt, dieses Verbrechen verübt zu haben. Steunenberg, der Gouverneur von Idaho, ließ das Standrecht proklamieren und rief das Militär herbei. Man verhaftete die Streikenden, wo man ihrer habhaft werden konnte. 700 Mann wurden in eine Einzäunung gesperrt, wo sie unter freiem Himmel auf Stroh schlafen mußten. Viele andere wurden aus dem Staate Idaho verwiesen. Durch diese brutale Niederknüppelung des Streits machte sich der Gouverneur Steunenberg bei der Arbeiterschaft sehr verhaßt. Im Jahre 1900 zog sich Steunenberg aus dem politischen Leben zurück, beschäftigte sich mit der Schafzucht und wurde bergessen. Plötzlich wurde er 1906 zu Colwell in Idaho vor seinem Hause durch eine Bombe getötet. Man verhaftete einen Bergarbeiter namens Orchard, der bald darauf auch gestand, den Mord verübt zu haben. Orchard war einer von denen, die im Jahre 1899 vom GouDirektor A.: In Deutschland ist man gottlob noch an- drücklich als„ te in gewandter Leitartikler", weiß aber dafür neben verneur Steunenberg während des Streits ausgewiesen wurden. ſpruchslos. Ich sage Ihnen, für 3000 m. friegt man fogar 3000 vielen anderen Vorzügen(„ wohlbeschlagen in Politik" usw.) auch Er hatte bei seiner Ausweisung ein Grundstück für etwa 100 Dollar Walzer, und für je 100 wt. Repräsentationsgelder haben wir im ben in die Bagschale zu werfen, daß er„ gesuchter Festredner" sei. losschlagen müssen, auf dem drei Jahre später eine der reichsten Vorjahre 100 000 M. mehr verdient.... K. E. Das wiegt bei rechtsstehenden" Organen sicherlich nicht nur den Blei- und Silbergruben der Welt entdeckt wurde. Dieses WeißMangel bei der Abfassung von Leitartikeln auf, sondern kann auch geschick hatte dem Menschen einen furchtbaren Haß gegen den Urdarüber hinwegsehen lassen, ob der Bewerber ein bißchen mehr heber seines Unglücs eingegeben, der, mit dem Morde Steunenoder weniger rechts" steht. bergs seine Genugtuung erfuhr. Aber im Gefängnis machten sich Geschäft ist Geschäft. Die Hauptsache ist das Geldverdienen, Die übrigen zwölf Stellesuchenden preisen sich die Pinkertons, die Schergen der Unternehmer, an den Mörder erst in zweiter und dritter Linie kommt die Gesinnung. für eine rein politische Betätigung an, ohne auch nur heran und wußten ihn durch Versprechungen zu bewegen, auszuRecht deutlich muß das jedem werden, der mit offenen Augen mit einem Worte anzudeuten, welcher Weber sagen, daß ihn Moyer, Haywood und Pettibone zu dem Worde gedie Stellengesuche jener Leute durchsieht, die so gewissermaßen von zeugung sie huldigten. Bei zweien oder dreien mag man bungen hätten. Haywood war damals der Sekretär des Verbandes; Berufs wegen verpflichtet sind, eine Gesinnung au vertreten und noch ein Auge zudrüden, weil sie als Volontäre oder Hilfskräfte Bettibone war ein früherer Bergarbeiter, der Möbelhändler gesich wohl auch stolz in die Brust werfen als Erzieher des Volkes zu eingestellt werden möchten. Bei dem Rest, also fast der Hälfte worden war. Er war den Grubenbefizern ein Dorn im Auge, einer bestimmten Gesinnung. Man nehme etwa einmal die letzte aller Bewerber, fehlt auch dieser letzte Entschuldigungsgrund. In weil er seinen alten Kameraden stets mit Rat und Tat zur Summer des Beitungsverlags", des offiziellen Organes des Ver- oft widerlicher Weise werden dafür die Vorzüge des Stellensuchers Seite stand. eins deutscher Zeitungsverleger, zur Hand. Dies Blatt enthält den herausgestrichen. Da empfiehlt sich einer als„ Direktor und Chef- Nun versuchten die Pinkertons unser habhaft zu werden. Es bedeutendsten Arbeitsmarkt der bürgerlichen Journalisten. In der redakteur, versierter Journalist, mit allen Sparten des Zeitungs- gelang ihnen, von dem Gouverneur unseres Heimatstaates Monlehten Nummer suchen 28 Personen redaktionelle Stellungen oder wesens sehr wohl vertraut", aber kein Mensch erfährt, in welchem tana einen gejezwidrigen Auslieferungsbefehl zu erhalten. Nach wenigstens Beziehungen zu einer Zeitungsredaktion. Davon scheiden Sinne dieser Chefredakteur sein Blatt zu leiten bereit iſt; noch den Gesetzen der Vereinigten Staaten fann ein Bürger nur an wir die Feuilletonredakteure, die bloßen Berichterstatter und Mit- zwei andere sind dabei, die auf Chefredakteurposten reflektieren, einen anderen Staat der Union ausgeliefert werden, wenn nacharbeiter, ia, auch noch die Schlußredakteure und die Leiter des mit ausdrücklicher Betonung ihrer politischen Fähigkeiten, ohne gewiesen werden kann, daß er zur Zeit des Verbrechens, dessen er lokalen Teiles aus; es bleiben noch 23 Bewerber, die sich auch für daß auch bei ihnen irgendeine Angabe über die Barteirichtung zu beschuldigt ist, in corpore in dem die Auslieferung fordernden direkt politische Arbeiten zur Verfügung stellen. Ganze zwei von finden wäre. Ein bestens empfohlener" Herr preist sein gesundes Staate anwesend war. Aber alle unsere Mitbürger wußten, daß dieſen 23 haben Mut und Ueberzeugung genug, halbwegs deutlich politisches Verständnis", aber ob es sich von der Richtigkeit Heyde- wir zur Zeit der Ermordung Steunenbergs nicht in Idaho waren. sucht Stellung an" streng nationalem" Blatte, der andere an im Dunkel.„ Versiert in Politik, Handel und Sport", liest man wurden bei Nacht und Nebel ergriffen und in einem Ertrazuge einer„ liberalen" Zeitung. Zwei weitere Bewerber sind wenigstens gleich darunter; aber auch hier kein Wort von dem politischen nach Colwell in Idaho geschafft, wo wir in Ketten durch die er ühn genug, offen fundzutun, welcher Richtung sie derzeit dienen; Glaubensbekenntnis. So geht es Inferat für Inserat. Am ehr- regte Volksmenge geführt und wie gemeine Verbrecher ins Zuchtdie Verleger können also daraus ihre Schlüsse ziehen. Einer„ be- lichsten erscheint noch in dieser Gesellschaft eine unermüdlich ar- haus geworfen wurden. Drei Wochen lang saß ich in einem vorzugt" ein fortschrittliches Blatt, drei erklären sich bereit, an beitende",„ erste" Kraft, die sich für Politik und Kommunal- finsteren Loch des Zuchthauses. Die Wände meiner Zelle be= einem liberalen oder„ parteilosem" Blatte mitzuwirken( man weiß, politik empfiehlt und dann hinzufügt:„ Als geschäftskundiger Mann standen aus Stahl. In dem dunklen, feuchten und kalten Loche wie diese„ Parteilosigkeit" nachher auszusehen pflegt,) einer will mit reichen Erfahrungen im Inseraten- und Propagandawesen, fror ich an allen Gliedern. Bei meiner Verhaftung wog ich Leitartiller und politischer Redakteur an einem„ katholischen" nehme ich mich mit Eifer der Verlagsintereffen an." 182 Pfund; am Ende der dritten Woche wog ich nur noch 134 Pfund. oder„ unabhängigen" Blatte werden, einer umschreibt den Kreis, Bei all diesen Inseraten handelt es sich nicht um eine Ver- Am Ende der dritten Woche transportierte man uns nach dem in dem er mit Ueberzeugung zu wirken vermag, mit„ mittelpartei- geßlichkeit der Stellesuchenden, sondern um Berechnung. Diese Grafschaftsgefängnis. lich", einer möchte an einem rechtsstehenden" Blatte unterkommen. Braven können rechts schreiben und können links schreiben Es war klar, daß man beabsichtigte, uns nach kurzem Prozeß Dieser„ rechtsstehende“ Herr empfiehlt sich im übrigen zwar aus- wenn es nur etwas einbringt. Und das sollen die Verleger auch in die Ewigkeit zu befördern. Es galt daher zuerst, Zeit zu ge. Winnen. Wir appellierten gegen unsere gesetzwidrige Auslieferung, gingen bis an das höchste Gericht und verlangten, daß wir vor unsere gesetzmäßigen Richter, die Richter und Geschworenen Mon« tanas, gestellt würden. Das höchste Gericht der Vereinigten Staaten entschied, daß wir zwar zu Unrecht verhaftet und aus- geliefert worden wären, daß sich aber an der Tatsache, daß wir uns in der Gewalt der Gerichte des Staates Idaho befänden, nichts ändern lasse. Man erklärte also die gewaltsame Entführung für gesetzmäßig. Mittlerweile hatten die Pinkertons ihren Orchard bearbeitet. Wie sie diesen Menschen trainiert hatten, auf alle Fragen Antwort zu geben! Alle Versuche unserer Advokaten, ihn in Widersprüche zu verwickeln, schlugen fehl. Aber die Geschworenen glaubten ihm kein Wort. Wir konnten nachweisen, daß Orchard ein entarteter Mensch war; ein Dieb, Brandstifter und Bigamist. Er kam aus Kanada, wo er eine Kesselfabrik in Brand gesteckt hatte, um die Versicherungssumme zu erhalten. Dort hatte er auch seine Frau und seine Kinder in Stich gelassen. In Montana hatte er wieder geheiratet, während seine Frau noch lebte. Haywood wurde nach einer Prozeßdauer von zwei Monaten freigesprochen. Nach weiteren vier Monaten wurde auch Pettibone freigesprochen, der bald nach seiner Entlassung starb. Mich selbst hielt man zwei Jahre und drei Monate gefangen. Man entließ mich, ohne mich vor die Richter zu stellen. Der Prozeß kostete über 600 000 Dollar. Unsere Gewerkschaft hätte allein diese Summe nicht aufbringen können; aber wackere Freunde in der ganzen Welt kamen uns zur Hilfe. Der Lump Orchard wurde zum Tode verurteilt, aber später zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt." Icu. fmdrkk Engels als jVlensck. Am ö. August sind achtzehn Jahre vergangen, seit Friedrich Engels starb, ein Dutzend Jahre nach Karl Marx, der anderen Hälfte seines Wesens, und nach einem langen Leben, das reichste Ernte in tausend Scheuern ein- gebracht hatte, aber dennoch zu früh für seine Freunde, für das internationale Proletariat und für ihn selbst.„Wenn ich noch," schrieb er an seinem einundsiebzigsten Geburtstage, „bis 1900 leben sollte, so denke ich noch allerlei zu erleben". Das war beileibe nicht die sich selbst belächelnde, behagliche Resignation, die Theodor Fontane in die Verse goß: Eigentlich ist alles nichts, Heute hglts und morgen brichtS, Hin stirbt alles, ganz geringe Wird der Wert der irdischen Dinge; Doch wie tief herabgestimmt Auch das Wünschen Abschied nimmt, Immer klingt es noch daneben: Ja, das möcht ich noch erleben, fondern es war der leidenschaftliche Drang eines Geistes, der ganz verknüpft war mit der stürmischen Vorwärtsentwickelung des proletarischen Sozialismus, noch entscheidende Schlachten und Siege seiner Sache zu erleben, die er gerade für die Wende des neunzehnten und zwanzigsten Jahr- Hunderts voraus sah: eS war eine politische, keine persönliche Sehnsucht. Aber während die wissenschaftliche Bedeutung von Friedrich Engels und seine praktische Wirksamkeit für die Jnter- nationale längst in der Welt der modernen Arbeiterbewegung anerkannt ist, weiß man weit Iveniger, daß, wie der andere große Altmeister des wissenschaftlichen Sozialismus, wie Karl Marx, auch Friedrich Engels einer der liebenswertesten Menschen war, die je in der Oeffentlichkeit tätig gewesen sind. Was aber nur Toren wundernehmen kann, dieser Mann, dem der Gedanke der Jnternattonalität in Fleisch und Blut übergegangen war wie kaum einem anderen, war in den meisten der Eigenschaften, die ihn uns menschlich nahe bringen, deutsch im guten Sinne des Wortes und viel deutscher jedenfalls�iIs�n�RoidsPatrio� die Kinnbacken zu dem Kalmückenruf Hurra auseinander- reißen. Ein Stück patriotischen Stolzes war es, wenn er in der deutschen Arbeiterbewegung die Erbin der deutschen klassischen Philosophie sah, wenn er den wissenschaftlichen Sozialismus fiir ein wesentliches deutsches Produkt erklärte und den geistigen Stammbaum.der deutschen Sozialisten nicht nur auf Saint Simon, Fourier und Owen, sondern auch auf Kant und Hegel zurückführte. Nicht minder war es echte Vaterlandsliebe ohne chauvinistische Scheuklappen, mit der er die deutsche Muttersprache hegte und pflegte und die ihn erbittert wettern ließ gegen das auf der Schule ein- gepaukte Deutsch„mit seinem scheußlichen Periodenbau und dem Berdum durch zehn Meilen Einschiebsel vom Subjekt getrennt". Er selbst hat denn auch Zeitlebens ein vorbildlich klares und durchsichtiges Deutsch geschrieben, das nicht nur von dem schöngeistigen Schwulst seiner belletristelnden Zeit- genossen wohltuend absticht. Mit Leib und Seele war Engels Revolutionär und keine lieblichere Musik gab es seinen Ohren, als wenn er schier körperlich die alte Gesellschaftsordnung in all ihren Fugen krachen zu hören meinte. Aber er war ganz und gar nicht ein Revoluftonär, wie ihn sich etwa ein höherer oder niederer Polizeidiener vorstellt; mit finsteren Falten auf der Stirn und finsteren Plänen im Herzen, sondern das Wissen um den unerbittlichen Gang der Entwickelung und die Er- kenntuis, daß uns alle Dinge zum besten dienen müssen, gab ihm eine heitere Stirn und ein fröhliches Herz. Das lag aber auch an seinem angeborenen Temperament. Wenn- schon seine Geburisstadt Barmen ein Brutnest des Mucker- tumS war, so fühlte er sich doch immer nur als einen Rhein- länder und nicht als einen Barmer. Ein Erbteil dieses rheini- schen Blutes war sein Humor, der sich bei weitem nicht mit dem oft bitteren und stets scharfen Witz von Karl Marx deckt und meist etwas Versöhnendes an sich hat. Nie hüllte sich Engels in die Toga des unnahbaren Cato, sondern wußte überall menschliche Dinge menschlich zu sehen und mit seinem Humor eine Brücke auch über Pein- liche Situationen zu schlagen. Wie liebenswürdig läßt er jene halb lächerliche Episode aus der Reichsverfassungs- kampagne von 1849 ausklingen, als er in Kirchheimbolanden wegen„Herabwürdigung der Erhebung des pfälzischen Volkes und Aufreizung gegen die Regierung" verhaftet und von einem Gendarmen geschlossen nach Kaiserslautern, dem Sitz der Pro- visorischen Regierung, geschafft wird. Dort macht er den provisorischen Regenten der Pfalz, mit denen er vordem tag- täglich zusammen gewesen, wie man zu sagen pflegt, einen gehörigen Schweinehund, wird daraufhin aus der Haft entlassen und als er nun alle mögliche Genugtuung erhalten,„wurden beiderseits die feierlichen Gesichter abgesetzt und im Donnersberg einige Schoppen zusammen getrunken". Einem guten Schoppen war er nie abhold. Zur rechten Zeit mit guten Freunden einmal darauflos zu kneipen, war ihm ein nicht zu verachtendes und keineswegs ein verächtliches Vergnügen. Als ihm das Alter zu belästigen anfing und er wegen Schlaflosigkeit auf jeden Alkohol verzichten zu müssen glaubte, da erschien es ihm als eine bittere Ironie des Schicksals, daß gerade er auf seine alten Tage Abstinenzler werden sollte, lleberhaupt war er stets das Gegenteil eines Asketen, der in härenem Gewände sich von Heuschrecken und ivildem Honig nährt. Den Widersinn so mancher Akademiker, die da meinen, um für die bessere Zukunft des Proletariats zu kämpfen, müsse man in der Gegenwart auf ein proletari- sches Lebensniveau herabsteigen— in einer Berliner Arbeiter- Versammlung der neunziger Jahre erregte es ungemischte Heiterkeit, als sie entdeckte, daß der Vortragende, Dr. Ladislaus G u m p l o w i c z, den unteren Teil seiner Gewandung statt mit bourgeoisen Hosenträgern mit einem ultraproletarischen Lendenstrick am Leibe hielt— wies er weit von sich und sah in den Genüssen des Lebens, die er sich als wohlhabender Mann leisten konnte, nicht verwerfliche Sünden gegen den heiligen Geist des proletarischen Emanzipationskampfes, sondern gerade für einen unermüdlichen Kämpfer Kraft- erhalter und Lebensverlängerer. Aber er verwendete seine Einkünfte bei weitem nicht für sich selbst. Was er als stets hilfsbereiter und uneigennütziger Freund für Karl Marx getan, der oft mit bitterster Daseinsnot zu ringen hatte, darüber wären noch 100 Seiten zu schreiben. Auch den Frauen kam Engels verehrend entgegen, aber er girrte nie um die Huldiunen des Salons. Zwar kam Frau Marx wohl in die Lage, den Freund mit einem verweisenden Blick von dem gemeinschaft- lichen Tisch wegzuscheuchen. wenn er mit einer nicht gerade hoffähigen Schönen in einem Nestaurant er- schien, aber auch in seinen flüchfigen Beziehungen war Engels ganz und gar nicht das Urbild des lockeren Vogels. Als eine Geliebte, die ihm auf einer längeren Wegstrecke treue Lebensgefährtin gewesen, starb, spürte er, dem dann doch wieder das politische Kampfgetümmel frische Jugendkraft verlieh, die ersten Schneeflocken des Alters auf seinem Herzen, und als Marx in einem Brief mit einer mißverstandenen, allerdings auch mißverständlichen Kürze über diesen Schlag wegging, kam es fast zu einem Knax in dem Verhältnis dieser unzertrennlichen Freunde. Allerdings hatte Engels auch Empfindungen, die mancher vielleicht als alt- modisch abtun wird. Als eine auf dem Boden der modernen Frauenbewegung stehende Dame ihm wegen eines unter- lassenen Besuches oder eines anderen Etiketteverstoßes grollte, schrieb er entrüstet:„Ich erlaube nicht den Frauenrechts- Madämchen, von uns Galanterien zu verlangen; wollen sie Männerrechte, sollen sie sich auch als Männer behandeln lassen." Aber was er an Lebensfreuden dem Schicksal abkaufte, war nur ein leichtes Gegengewicht gegen die schier unheim- liche Arbeitslast, die er zu bewältigen hatte. Da er nach dem Tode von Marx der tausendfach angegangene Bc- rater der Internationale war, türmten sich auf seinem Schreibtisch die deutschen, französischen, italienischen, spanischen, polnischen, russischen, dänischen, englischen und amerikanischen Zeitungen, die er sich alle wenigstens ansehen mußte, uni auf dem laufeuden zu bleiben; und als er auch das rumänische und das bulgarische Parteiblatt zugeschickt bekam, vertiefte er sich noch als Fünfundsiebzigjähriger in den Geist dieser Sprachen. Dazu bereitete er, ganz zu schweigen von seiner umfangreichen Korrespondenz, noch die Herausgabe des dritten„Kapital"- Bandes vor, nachdem er den Zwesten unter ähnlichen Schwierigkeiten in Druck gegeben hatte. Und bei allem blieb er, ungerechnet des gesunden Selbst- bewußtseins gegenüber Nichtskönnern und Querköpfen, der jederzeit Bescheidene, der die Fülle der Glückwünsche zu seinem siebzigsten Geburtstage abwehrte:„Schließlich bin ich ja doch nur derjenige, der den Ruhm von Marx einerntet!" Seit langem wissen wir, daß diese Bescheidenheit seine Bedeutung zu Unrecht verkleinerte: Engels wäre gewiß ohne Marx nicht gewesen, was er war; aber auch Marx hätte, was er geschaffen, nimmer ohne Engels leisten können l bw. Die verstummende Qhr» Die kleine Uhr tickte mit emsiger Schnelligkeit durch das stille Zimmer. Ihre Pulsschläge klangen, jetzt freudiger und heller als in dem Dunkel der Nacht, die endlich gewichen war und den sonnen- glänzenden Morgen durch die Fenster dringen ließ, dessen Licht- fluten das Nickelgehäuse der Uhr umströmten, so daß rosige Licht- streifen auf die braune Platte des Tisches reflektierten. Ter Sonnenschimmer kroch indessen langsam über die Mauer, bis er das Antlitz des Schläfers erreichte und auf dessen Wangen spielte. Und als hätte die Uhr nur dieses Zeichen erwartet, schrillte sie in einem schmetternden Lachen los, rasselnd und klingend, daß es sie erschütterte und das Tischchen, auf dem die Uhr ruhte, zum Vi- brieren brachte. Doch zugleich fühlte die kleine Lärmende, daß sie der Erwachende bald verstummen machen würde, da er täglich em» porsprang und das Läutewerk abstellte. Aber was war dies? Er Die Berge rufen I Die Berge rufen es Euch zu, Äabt Zhr es denn noch nicht gehört? Du Arbeitsmann und Du und Du— Nun steht Ihr da und schaut verstört; Äabt Ihr es denn noch nicht vernommen: Ihr sollt doch in die Berge kommen. Da weitet sich die enge Brust, Der Blick faßt hundert Berge ein, And Lieder, die Ihr nie gewußt, Die singt Ihr in die Welt hinein, And Kräfte, die Ihr nie empfunden, Die werden frei und losgebunden. Die Berge rufen Euch schon lang, Was zögert Ihr noch immerdar? Euch ist vor keiner Arbeit bang, Ist eine Freude Euch zu wahr? Nein, nein, Ihr sollt das Glück nicht scheuen! Leicht lemt es sich, das beste Freuen. Was hör' ich da als Widerhall—? Ihr seid gebunden, könnt es nicht, Ihr müßtet erst— auf jeden Fall— Was ist's, wovon man da noch spricht, Die Mühe Euch— und das Belohnen— Noch immer— immer noch den Drohnen? Fritz Sänger. Die VereinsgrUndung. Eine Wiener Skizze von Carl Marburgs r. In nächster Zeit gab es wiederum Wahl in den Gemeinderat und da wurde überall eifrig Politik getrieben. Die Wahlzeit war auch nicht ohne— da gab es Versammlungen, in denen geschimpft und räsoniert wurde, da höre man auch manchen guten Witz— kurz, es lohnte sich, die Versammlungen zu besuchen._ Man freute sich allgemein darauf; auch am Stammtisch im„Grünen Baum". Aber da wollte man. etwas Besonderes haben und mit Freuden wurde der Vorschlag des Herrn Dullinger begrüßt, einen politischen Verein zu gründen. Vereine kann es nie genug geben, meinte er, und man pflichtete ihm bei, Die Herren Dullinger, Inhaber eines Kolonialwarengeschäftes, Schuhmachermeister Wanneck und Pri- vatier und Hausbesitzer Stienböck wurden mit den nötigen Vor- arbeiten beauftragt und von einigen Bezirksgrößen darin unter- stützt. Sie entledigten sich ihrer Aufgabe derart, daß nach vier- zehn Tagen die konstituierende Versammlung einberufen werden konnte. Für acht Uhr war der Beginn angesagt. Acht Uhr— also be- ginnt die Versammlung um halb neun. Darüber waren sich alle klar und sie erschienen auch nicht früher.� Langsam füllte sich der Saal. Rauchend und behaglich trinkend harrte man der kommen- den Dinge. ES wurde halb neun. Da erschien der Herr Doktor, der re- ferieren sollte. Man begrüßte ihn mit einem„Hoch!". Er war erfreut und dankte leutselig. Aber eines verdroß ihn: die Herren vom Komitee fehlten. Sowohl Tullinger und Wanneck als auch Stienböck. Das war doch eine Schlamperei! Er ließ sich an dem reservierten Tische nieder und wartete. Aber eS wurde dreiviertel neun und die Herren vom Komitee waren noch immer nicht erschienen. Da blieb nichts anderes übrig als Boten nach ihnen zu senden. Und das geschah. Herr Wanneck erschien allerdings bald darauf. WaS? Man wartete schon auf ihn? Aber die Versammlung sei doch für acht Uhr angesagt, da habe man ja Zeit, um neun Uhr zu kommen. Anders sei er eS nicht gewöhnt. No, und dann habe er geglaubt, daß die anderen Herren bereits hier wären, und daß er vorderhand entbehrlich sei. Seltsamerweise hatte Herr Dullinger, der keuchend hereinkam, dasselbe gedacht. Und als ihm der Doktor Vorwürfe machte, da sagte er ganz entrüstet, daß er doch nicht wissen konnte, daß die beiden anderen fehlen würden. Die hätten hier sein sollen, dann wäre alles gut gewesen. Ihn treffe keine Schuld. aber von den anderen sei es eine Schlamperei. Stienböck, der als letzter kam, machte nicht viel Worte: „Wissen S'. meine Herr'n, i bin grab bei an Tapper(Karten- spiel) g'sessen und war im G'winn. Da Hab' ich bleib'n müssü. Dös is doch a G'hörtsich!" Nun konnte die Versammlung beginnen. Und sie begann. Herr Dullmger begrüßte die Anwesenden und erteilte dem Doktor das Wort. Dieser setzte den Leuten auseinander, daß es unbedingt nötig sei, den geplanten Verein zu gründen. Es komme die Wahl und da müsse man darauf bedacht sein, Männer in den Gemeinderat zu senden, die wirkliche Männer sind und das Herz auf dem rechten Flecke haben. Denn so gehen es nicht weiter.„ES mutz etwas g'fcheh'n— namentlich für den kleinen Mann." Was geschehen müsse, darüber verlor der Herr Doktor nicht viel Worte. Das verlangte man auch gar nicht von ihm. Wenn nur„estoas g'scheh'n" wird. Und das„etwas" getan wird, dafür stand der Herr Doktor im Namen der Partei ein. Die Männer forderte er auf, dem Berein beizutreten und für die gute Sache zu agitieren. Von den Frauen aber verlangte er, daß sie während der Wahlzeit ein Einsehen haben und nicht schimpfen sollen, wenn der Mann am Abend in das Wirtshaus zur Versammlung geht. Das müsse sein, und die Frauen sollen eben beide Augen zudrücken, wenn der Mann spät nach Hause kommt. Paßt ihnen oas aber nicht— dann müssen sie selbst ins Wirtshaus mitgehen. Das waren die Schlußworte. Reicher Beifall folgte, und als der Vorsitzende dem Redner für seinen Vortrag dankte, gab es lebhafte„Hoch" rufe. Der Doktor aber empfahl sich. Er habe noch etwas zu tun. und die Herren mögen nun selbst„die Gffchicht' in Ordnung bringen!" �„Alsdann, meine Herrschaft n." Hub Herr Dullingcr an..Oes Hab s g hört, daß was gsscheh n muß. Und wenn Oes wollt s, daß es anders wird in d r Wcanastadt, da niüßt's Ihr dem Berein beitreten. Tös is amal g'wiß. Ka gibt'S nix! Jetzt aber geh'n wir weiter zur Tagesordnung: 1. Name und Zweck des Vereins. 2. Wahl des Ausschusses. No, alsdann, meine Herr'n. macht's Vurschlag'. Wer was z'sagen hat, soll sich melden." Eine kleine Pause. Dann meldete sich jemand aus den vor- dersten Tischreihen. Dullinger fragt nach dem Namen. „Langhofer", ist die Antwort. -Alsdann, der Herr Langhofer hat'S Wurt!" verkündet Dul- linger. »Meine Herr'n". hebt Langhofer an,„die G'schicht ist ooch ganz einfach. Dös ist doch g�- der Zweck ves Vere.nS.s: Versammlungen abhalt'n und wählen. Einige zustimmende Rufe A�er fort.„döS mit'n rrs-j-z'? viel— ma kennt sich rein nit aus vor lauter Nam..lber. i glaub. mir w�en a Namen was a Namen's und Heiken uns. weil mir Bürger'san,'-i„Bürgervercin". DoS ,s mein Vurschlag, meine fteäfttge Bravorufe. Doch sofort erhebt sich eine zweite Hand; ein Bekannter deS Dullmger. und er erteilt.hm sofort das Wort. M�ine Scrr'n". sagt-r,..Oer Brandler hat's Wurt." "■ wiiraerverein soll'n mir uns heißen?" beginnt Brandler. Meine Herr'n, dös is a Unsinn! Dös mir Bürger san, wissen mir eb' döS brauch'n mir niemand'« zu d'rzähl'nl" Lautes Lachen und Zustimmen. „Aber, meine Herr'n, n Verein gründ'n mir als Wähler. �esbalb heißen mir uns''n„Wählerverein". Tös is a Nam', der an Sinn hat!" Ein BeifallSmurmeln. doch schon erhebt sich Stienböck und sagt: „Meine Herr'n, daß mir Wähler san— dös wissen mir auch eh'. Dös brauchen mir auch niemand'n zu d'rzählen!" Gesteigerte Heiterkeit und Bravorufe. „Alsdann, meine Herr'n, nit„Bürgerverein" und nit„Wähler- verein"— i werd' Ihnen was anderes sag'n. A Verein, wo lauter Vewegte sich, trotzdem er erwacht war, nicht, blickte nur starr zur Decke empor und lieh sich die Uhr im Rasseln und Klingen er. schöpfen. Da krampfte diese ihre metallenen Eingeweide zusammen, machte einen Knax— und verstummte. Der Erwachte lachte bitter auf. Mochte sie verdorben sein, stillstehen. Er brauchte jetzt die Uhr nicht, morgen nicht, wer konnte Wissen: wie lange nicht. Unausgesetzt starrte er zur graugetünchten Decke empor, ohne das Behagliche des ungewohnt längeren Ruhens empfinden zu können. Er fühlte, daß die Muskeln des Körpers gegen diese Ruhe rebellierten. Sie waren gewohnt, um diese Stunde bereits tätig zu sein, dem Rufe der Arbeit zu gehorchen, der sie fast täglich rief, dem sie folgen muhten— weil sie leben wollten. Aber heute scholl dieser Ruf nicht, denn er war arbeitslos. Arbeitslos! Armseliges, einfaches Wort! Wohl ein deutsches Wort, aber vielen unverständlich. Der Sinnende drang mit seinen Gedanken bohrend in die Höhen der sozialen Schichtungen ein. Dieses Wort verlor die furchtbare Bedeutung vor der Tür des Be- sitzes, aller jener, die die Verwaltung der Arbeit— der anderen oder deren Nutznießung pflegten. Vom einfachen unverstandenen Wort bei der Türe des Besitzes schwoll es auf dem Wege zum Pro- letariat zum furchtbaren Dämon an, wurde zum Ungeheuer, das seine Krallen in die Muskeln und Gehirne der Masse schlägt, sie zerfetzt, zermürbt, das Lachen und die Fröhlichkeit fristet und mit seinem verdörrenden, pestartigem Hauche Gesundheit, Glück und Sorglosigkeit verzehrt. Arbeitslos! Heulendes Lachen des Entsetzens, dessen Laut die Körper erzittern lätzt, die Stärksten mit geheimen Grauen erfüllt, die Schwachen erschüttert und zu Boden wirft. Das wie eine drohende Gewitterwolke am Horizont steht, seine Blitze entsendet und in Zeiten der Krise ganze Länder verheert! Was gilt da das Leid des einzelnen, das Leid der Familie, die Tränen der Mütter, die Seufzer der Väter— alles Leckerbissen für den Götzen, der sich in das kleine einfache Wort kleidet, Fabriken, Werkstätten und Maschinen stillegt und in betäubender Müdigkeit die Muskeln lähmt. Essen und Ambosse, Spinnmaschine und Guhform leer und verödet, erstarrt unter dem furchtbaren Einflutze des fluchwürdigen Wortes. ES ist eine Welle, die mit der EntWickelung der Menschheit an Gröhe gewinnt und deren Aufschäumen immer stärket: und furcht- barer wird. In wildem Auffluten rauscht sie über Städte und Länder, über die ganze Erde. Sie quillt auf im Süden Amerika«, rollt wie ein Samum über die Kulturzentren, entvölkert die Häuser, um mit grauser Wucht über die alte Welt niederzubrechen, Hunderttausende im Schlamme begrabend... Eine Fliege summte um die schweigende Uhr, eine bedrückende Stille kroch in das Zimmer, legte sich beengend über den Sinnenden. Aus dem Summen der Fliege glaubte dieser zu entnehmen, dah er träge sei, nicht ruhen dürf« um diese Stunde, in der ein brausendes Lied der Arbeit durch die Welt klang. Seufzend erhob er sich und trat zum Fenster. Die Sonne hatte sich hinter dichtgeballten grauen Wolken geflüchtet, kummergrau und sorgenschwer starrten die Fassaden der Zinskasernen auf die sonnenleere Strahe nieder, über die einige schlecht gekleidete magere Kinder verspätet zur Schule eilten. Hin und wieder rollte ein Geschäftswagen durch die schmale Gasse; mißtönend und ratternd scholl das Gepolter der Räder in dem Luftschachte der beiden hochaufftrebenden Häuserfronten empor. Nun ging es ans Ankleiden. Am Tisch lag das Arbeitsbuch und schien sich in lästiger Behaglichkeit die Kammer zu betrachten. Freilich nicht lange. Die muskulösen Finger schlangen sich um den steifen Deckel und versenkten das Buch in die weite dunkle Tasche. Melancholisch schweigend blickte die Uhr dem Scheidenden nach, der mit einem unterdrückten Fluche die Tür hinter sich zuschlug. Der Arbeitslose schritt über die Straße, eilte an Fabriken vor- bei, deren Schornsteine mit schweren Stöhen Rauchschwaden in die Luft bliesen. Aus den finsteren Kellerwerkstätten scholl dumpfes Hämmern, vor den Bauten knarrten die Winden der Flaschenzüge. Ueberall Bewegung, Leben, Tätigkeit, Schaffen, nach dem sich auch der Müßige sehnte, durchdrungen von einer Moral, die in ihm wohnte, deren er sich nicht bewuht war und die ihn doch in un- klarem Drange zum Schaffen drängte. Die Stunden flohen dahin, die Fabrikpfeifen durchrissen gellend die Luft. Dunkle Knäuel quollen aus den Toren, eilten hastig über Weana san, dös heißt a„Weanaverein", a Verein, wo— mein't- wegen— lauter Landstraher san, heitzt a„Landstraherverein", no und mir san lauter Leut' vom Neubau, heißen mir unS'n „Neubauerverein". Da weiß man wenigstens, in welchen Bezirk ma hing hört. I Hab' ausg'red't!" Wieder ein Beifallsmurmeln. Kaum, daß es sich gelegt, meldet sich Herr Deubner, ein alter Stammgast de-?„Grünen Baum", zum Wort und erhält es. „Meine Herrn, fängt er an,„Neubauer-Verein"— no, dös 15 ja ganz gut— aber es sagt nit g'nug. Wist'n S'. meine Herr'n, mir san lauter Gast auS'n„Grünen Baum"— no. als- dann— was wollen S' no mehr— heißen mir uns'n"Grüner- Baum-Verein". Jubelnde Zustimmung. Beifallsklatschen und Bravorufe. «Dös ja! DöSiSaNam'! Bravo Deubner!" schallt es umher und nur mit Mühe macht sich der nächste Redner verständlich. „Meine Herr'n", beginnt er,„seh'n S', i bin Stammgast bei der„Schlange"—"a, und wann Sie sich'n„Grüner-Baum- Verein" heißen, da Hab' i ja in ihrem Verein nix zu tun. Oder muß a jed'S Mitglied auch Stammgast vom„Grünen Baum" werd'n? Kommt dös am Eno' in die Statuten?" Vergnügtes Lachen und Rufen: „Sehr gut!"' „No. alsdann! T r£\ f t t«T � T»■.» � i n � t �. 0,11».. �.. CTt� Tl______________ die in selbstmörderischer Absicht in den See gesprungen zu sein scheint. Ueber die Personalien vermochte man nichts zu ermitteln. Die Leiche wurde nach dem Friedhof in Heiligensee überführt. in endlosen Scharen froh den fernen Wohnungsquartieren ent-' Schlüssel, machte sich einige Zeit in der Wohnung zu schaffen und gegenzieht. Natürlich blieb dieser und jener stehen, Männlein l entfernte sich dann wieder. Man glaubte, endlich den Missetäter wie Weiblein, und im Handumdrehen sah man ein schwatzlustige erwischt zu haben und hatte inzwischen die Polizei benachrichtigt. Menge beisammen. „WaS mag's geben? Vielleicht Zarenbesuch?" „Na, na! Wat so'n Potentäterich ist, wär doch Wermuth'n hier, oder Neicke von't„jrüne Huhn" und„Jeheimrat" Cassel—" „Sie meenen, von wejen die Bücklingskiste?" ,Janz recht." „Dann is Wohl noch höherer Besuch in Sicht?" In der Budike nebenan klimperte gerade jemand die„Wonne- gans". „Tie fehlte ooch noch— wo't sich doch man bloß um Zucht- Hauskandidaten handelt." Wat Se nicht glooben. Wat een nobliger Jauner is, is alle- mal ooch patriotisch gesinnt bis uff die Knochen. Da paßt Empfang mit Musike." „Na, da mögen sich die Herren Spitzbuben ordentlich druff ims inbilden." „Dun se ooch. Passen Se man jenau uff." Tie Umstehenden lachten. Mittlerweile rasselte ein Fernzug in die Halle herein. Alles schaute gespannt nach der Tür. Der Schutz- man schob die Vordrängenden zurück. Freie Bahn zum„Blauen Heinrich" muß gewährt bleiben. „Ja, ja, Respekt muß sind. Wer wat jründliches ausjefressen hat, iL wer!" „He, Sie Freileinke mit dem jroßen Wolkenschieber, vasperren Se det Jaslicht nich!" Noch ein Train sauste hinein. Die Nasen der Gaffer erhoben sich schnuppernd. An den Fenstern des Bahnsteigs flitzten ein paar .Blitzableiter" vorbei. „Nu werden se wull kommen." Und richtig, nach kurzen Augenblicken öffnete sich die Tür. �wei Schutzleute traten zuerst durch die Spalte, rechts und links sZosto fassend. Gleich hinterher ein Gefesselter in Zuchthausmontur; dann >och einer und noch einer mit je einem„Blauen" als Begleiter. Ein grinsendes Lächeln, ein höhnischer Blitzblick— und marsch hinein in den Wagen. „Aha, richtig jehende Plötzenseer! Die haben schon die Pro- zcssierung hinter sich. Dufte Kunden!" Den Beschluß machten ein Dickwanst in Zivilkluft mit einem Rucksack auf dem Buckel und eine Nymphe. Waren zwei irgendwo und irgendwann„Ausgehobene"— Amateure also zu sagen im angehenden Zuchthäuslergewerbe. Ihre Visagen verkrochen sich ordentlich vor Beschämung. „Vorwärts!" herrschte den Dicken sein behelmtes Auge des Gesetzes an,„den Rucksack'runter— und da hinein!" Die Wagen- Tir klappte zu; der Kutscher auf dem Bock nahm Peitsche und Lenkzügel; die Gäule zogen an-- und heidihopsassa rollte das Gefährt von dannen. „Die werden die Sonne lang nicht schauen," flötete eine poetisch angehauchte höhere Tochter. Ein Spaßbruder aber meint tiefsinnig:„Ick werde mir 'chleunigst'nen Staubsauger für Verbrecher-Verladezwecke . atentieren lassen, mit'nem langen Schlauch vom„Blauen Hein- ich" bis zu't Kupee, wo de Transportierten drinne sitzen. Dann iebt et keene offizielle Bejrützung nich mehr und keene Zaun- -äste"_____ Ter„Landsmaun" als Fremdenführer. Im Freibad Wannsee wurde ein G a st w i r t aus Stuttgart, der mit einem Kollegen hierher gekommen war, um ch Berlin anzusehen, empfindlich bcstohlcn. Als beide am Sonn- bcnd auf ihren Rundgängen durch die Stadt in das Zeughaus .men, gesellte sich ein Mann zu ihnen, der sich als Landsmann vor- cllte und sich erbot, ihnen die Sehenswürdigkeiten Berlins zu stgen. Er führte die beiden Fremden auch überall umher, er- lärte zum Schluß aber, daß sie nicht sagen könnten, in Berlin -ewesen zu sein, wenn sie nicht auch einem Freibad einen Besuch abgestattet hätten. Weil das Wetter dazu besonders günsttig war, 'rklärten sich die beiden Wirte bereit, mit ihm auf seinen Vor- chlag hin nach Wannsee zu fahren. Dort angekommen, bekamen ie Fremden sofort Lust, auch ein Bad zu nehmen. Der„Lands- >iann",riet ihnen auch zu und sagte, daß er auf ihre Sachen�acht- 'eben werde. Als sie nun badeten, untersuchte der„Führer" die laschen des einen, in denen er ungefähr 150 M. bares Geld, für 000 M. Wertpapiere und ein Sparkassenbuch fand. Er nahm das >!eld, die Papiere und das Buch an sich und suchte damit das Weite. irst als die Fremden zurückkamen und ihren„Führer" vermißten, ntdeckten sie den Diebstahl. Der Dieb soll schon wiederholt in tzuseen und im Zeughaus sich an Fremde unter der Vorspiegelung, in Landsmann zu sein, herangemacht haben. Der Raubanfall in der Kochhannstraße» ei dem ein Mädchen drrrch einen Hieb mit einem Hammer erheb- ich am-Kopf verletzt wurde, beschäftigt noch immer die Krimi- a l p o l i z e i. Auf Grund von Mitteilungen aus dem Publikum erfolgt sie mehrere bestimmte Spuren, besonders eine, die ihr mehr !s andere beachtenswert scheint. Eine den Zeitungen zugehende otiz sagt hierüber, daß die Ueberfallene nach einer Photographie n Täter zu erkennen glaubt. Der Verdächtige sei, wie festgestellt erden konnte, wegen Vorübung einer anderen Straftat bereits üchtig geworden. Die Erfahrung habe aber gelehrt, daß man it derartigem„Erkennen" nach dem Bilde doch vorsichtig in muß. Es sei deshalb doch noch zweifelhaft, ob diese Spur die 'chtige sei. Die Kriminalpolizei gehe darum auch allen anderen . ingerzeigen nach und bitte unter Hinweis auf die ausgesetzte Be- huung von SlX) M. das Publikum weiter um Mitteilungen über eiwa verdächtige Personen. Tie Notiz sagt dann wörtlich:„Die Beschreibung des Täters kann jetzt ziemlich bestimmt ge- eben Werdens Ter Täter ist etwa 22 bis 24 Jahre alt, hat eine inkle Gesichtsfarbe, schwarze Augen und schwarzes Haar, eine ntersetzte Gestalt und trug einen schwarzen steifen Hut und einen inklen Jackctkanzug. Auf diese Beschreibung ist bei der Beob- i chtung etwaiger verdächtiger Personen zu achten." Diese„Be- hreibung" ist so, daß sie auf sehr viele Leute paßt. Es scheint. iß die Kriminalpolizei selber nicht viel mit ihr anzufangen weiß. in wichtiges Beweisstück könnte der Hammer werden, mit dem er Hieb geführt wurde, aber der Eigentümer ist immer noch nicht rmittelt. Festgestellt ist nur. daß es ein Schlosserhammer ist, der n der letzten Zeit zum Nieten gebracht wurde. Jung in den Tod. Eine Frauenleiche ist gestern aus dem Tegeler See ge- .ndet worden. Es handelt sich um eine etwa 18jährige Blondine, In dem Augenblick, als der Unbekannte das Haus verlassen wollte, wurde er verhaftet. Er sträubte sich gegen seine Festnahme, so daß ihm von den Polizeibeamten Fesseln angelegt wurden. So trans- portierte man ihn, gefolgt von einer großen Menschenmenge, nach dem nächsten Revier. Dort sollte dann die Einbruchsaffäre eine recht harmlose Aufklärung finden. In dem vermeintlichen Ein- brecher wurde ein 60 Jahre alter Schlosser Heinrich D. aus der Bohenstraße ermittelt. In dem Hause Pankstr. 42 wohnt die ver- heiratete Schwester des D., die zurzeit mit ihrem Manne verreist ist. Sie hatte D. gebeten, während ihrer Abwesenheit die Blumen in der Wohnung öfter zu begießen. Als D. gestern seinem Ver- sprechen zum erstenmal nachkommen wollte, hielt man ihn fälsch- licherweise für einen schweren Verbrecher. Er wurde wieder aus freien Fuß gesetzt._ Fliegerabsturz in Johannisthal. Gestern abend um 8 Uhr stürzte bei der Pilotenprüfung der Flugschüler Bröks aus Schneeverdingen, Kreis Holtau, mit einer Jeanninstahltaube ab. Der Flieger flog sehr niedrig und stieß infolge Uebersteuerung oder weil die Maschine zu wenig Geschwin- digkeit hatte, gegen die Seile des Windmessers. Der Apparat zer- schellte vollständig und stand sofort in Flammen. Bröks, zu dessen Füßen schon alles brannte, wurde von dem Flieger M a i t h i e s unier eigener Lebensgefahr aus dem Flugapparat gerissen. Der verunglückte Pilot wurde sofort in die Behandlung des Militärarztes gegeben. Augenscheinlich hat er l e b e n s- gefährliche Verletzungen davongetragen. Der Flug- apparat verbrannte vollständig, nachdem die Benzinbehälter explo- diert waren. Feuer bei A. Borsig. In der fünften Abendstunde brach am Sonntag bei A. Borsig in Tegel ei größerer Brand aus. Das Feuer hatte seinen Herd in der Kesselschmiede und erfaßte auch das Dach dieses Fabrikgebäudes. Außer der Fabrikfeuerwehr eilten die Wehren von Tegel, Reinickendorf-Ost und Wittenau zu Hilfe. Insgesamt wurde aus sechs Schlauchleitungen Wasser gegeben, doch dauerte es über eine Stunde, bis die Gefahr als beseitigt gelten konnte. Die Aufräumungsarbeiten nahmen dann noch längere Zeit in An- spruch. Ueber die Ursache des Feuers konnte nichts ermittelt wer- den. Der angerichtete Brandschaden ist nicht allzu erheblich. Aus der Telbstmordchronik. Vor der Tür seiner Wohnung erschossen hat sich der 33 Jahre alte Kutscher Oskar Kerpa aus der Elisabcthstr. 48. Kerpa, dessen Frau vor einem Jahre starb, wohnte dort mit seiner Schwester und seinem elf Jahre alten Sohn zusammen. Am Sonn- abendabend ließ der Mann sein Fuhrwerk auf der Straße stehen, verschenkte seine Peitsche und andere ihm gehörige Sachen an Ar- beitskollegen und begab sich dann gegen 9 Uhr nach Hause. Er klopfte an die Tür seiner Wohnung, in der sich seine Schwester befand, und schoß sich, als diese gerade öffnete, eine Revolverkugel in den Kopf. Er brach besinnungslos zusammen und verstarb nach wenigen Minuten. Es wird angenommen, daß Kerpa die Tat in einem Anfalle von Gcistesgestörtheit begangen hat. Einen Grund zum Selbstmord soll er nicht gehabt haben. Auf offener Straße sich zu vergiften, versuchte am Sonnabend- abend der 28 Fahre alte Reisende Richard Hannemann aus der Schönhauser Allee 146. Hannemann, der dort ein möbliertes Zimmer bewohnte, hatte schon seit zwei Monaten keine Stellung mehr. Er fand auch keine, obwohl er sich eifrig bemühte. Da er kein Geld hatte, mußte er schwer mit Nahrungs- sorgen kämpfen. Er äußerte seinen Wirtsleuten gegenüber wieder- holt, daß er seinem Leben ein Ende machen wolle. Sonnabendabend trank er denn auch auf dem Luisenplatz eine Flasche Lysol. Ein Schutzmann, der ihn beobachtet hatte, brachte den Lebensmüden sofort nach der Charite, wo er schwer daniederliegt. Spiel unci Sport. Fußballresultate: Turnverein Fichte, 3. Männer-Abteilung gegen Johannisthaler Ballspielklub: S: 4. Halbzeit: 4:0 zugunsten des Johannisthaler Ballspielklubs. Auf dem Tempelhofer Sportplatz fand gestern ein Propaganda- spiel statt zwischen dem Tempelhofer Sportklub 1. Mannschaft gegen Johannisthaler Ballspielklub 2. Mannschaft. Das Resultat war folgendes: 1:9(Halbzeit 0: 6) zugunsten' des Johannisthaler Ball- spielklubs. Das Spiel nahm einen sehr fairen Verlauf. Radrennen im Olympia-Park. Sonntag, 3. August. Der „Große Preis von Berlin für Flieger" und der„Große Preis von Berlin für Dauerfahrer" standen im Vordergrund des Interesses. Trotz des heißen Wetters hatte die Bahn einen sehr guten Besuch zu verzeichnen und die Rennen verliefen sehr spannend. Im Fliegerpreis standen nach zahlreichen Vorläufen die Deutschen Arend, Meyer und Rütt dem Franzosen Hourlier gegen- über. In drei Läufen wurde um die Entscheidung gestritten. Preise: 1000, 500, 300 und 200 M. 1. Walter Rütt; 2. Otto Meyer; 3. W. Arend; 4. Hourlier. Rütt gewinnt die beiden ersten Läufe sicher, wird aber im dritten knapp von Meyer geschlagen. Großer Preis von Berlin. 100-Kilometer-Rennen. 2000, 1200, 1000, 800 und 600 M. 1. K. S a l d o w- Berlin 1 Std., 13 Min., 36% Sek.; 2. A. Stellbrink, 3940 Meter; 3. Carmen, 10090 Meter; 4. Scheuermann, 16350 Meter; 5. Guignard, 22 460 Meter. Das ganze Rennen spitzte sich zu einem Kampfe zwischen Saldow und Stellbrink zu. Letzterer hatte bis nach dem 40. Kilometer die Führung, erlitt dann Radschaden und nun war der Weg für Saldow frei. Alle anderen drei Teilnehmer kamen nie in Betracht. P r ä m i e n f a h r e n. 1. F i n n. Vorgabefahren. 1. Rütt. 2. Lorenz. Zwei neue Rekordflüge um den Pomery-Pokal. Paris, 3. August.(P. T.) Gestern und heute sind um den Pomery-Pokal wieder zwei sensationelle Fernflüge ausgeführt worden, und zwar wieder von französischen Fliegern, obwohl dieser Wettbewerb be- kanntlich international ist. lim den Pokal, den seit dem Monat Juni bekanntlich der bekannte Brindejonc de Moulinais besitzt, stieg gestern morgen 4% Uhr in Billa-Coublay der Aviatiker Gilbert zu einem Fluge Paris— Casablanca auf. Ohne Zwischenlandung flog Gilbert 825 Kilometer von Paris nach Vittoria und landete dort um 12 Uhr 50 Min. Er wurde von dem ftanzösischen Aviatiker T i s s i e r empfangen, der dort zurzeit Schauflüge ausführt. Tie Mechaniker Tissiers füllten rasch Benzin nach, so daß der Flieger bereits wenige Minuten später den Weiterslug antreten konnte. Er landete abends um 3 Uhr, ohne Zwischenlandung in Caceres, 250 Kilometer südlich von Madrid. Insgesamt hat Gilbert 16 0 0 Kilometer zurückgelegt. Heute stieg ein anderer Fernfliegcr um die Rente des Pomery-Pokals auf: Guillaux, der seiner- zeit an einem Tage die längste Strecke zurücklegte, indem er von Marseille nach Kollum in Holland, 1500 Kilometer, flog. Er landete in Bordeaux und stieg wieder auf mit dem Kurs auf die spanische Grenze. Er will ebenfalls in Vittoria eine Zwischen- landung vornehmen. £Iiis aller Welt. 9l/z Jahr Zuchthaus für eine knabenhafte Prahlerei. Rom, 2. August.(Eig. Ber.) Ein Tummerjungenstreich der törichtesten Art hat drei Soldaten vor das Militärgericht von Venedig geführt. Die Anklage lautete auf Jnsubordina- tion und Drohungen gegen einen abwesenden Offizier. Dieser „abwesende Offizier" war der oberste Kriegsherr, der König. Der Anklage lag folgende Kinderei zugrunde. Ein Soldat Mari, der wegen Desertion im Gefängnis saß, hatte sich dort von den beiden Mitangeklagten Soldaten Nonino und Falvetti den Arm mir dem Motto:„Tod dem König", tätowieren lassen und dies in Gegenwart zahlreicher anderer Gefangenen! Für diesen blödsinnigen Einfall beantragte der Staatsanwalt 3 Jahre 2 Monate Zuchthaus für jeden der drei Soldaten. Das Militärgericht verurteilte Mari zu 4*4 Jahren, Nonino zu 3 und Falvetti zu 2 Jahren Zuchthaus!. Ob wirklich die militärische Disziplin durch solch barbarische Ahndung einer Dummheit gestärkt wird? Tie abgetretene Perle. Zu der jüngsten Hohenzollernrede schreibt unser Wiener Bruder- blatt: Daß die Söhne des deutschen Kaisers ihrem Vater nacheifern und auch Reden halten, ist begreiflich. Nur einer von ihnen schwieg bisher beharrlich: sein Jüngster, der Prinz Joachim. Alle deut- schcn Patrioten hegten schon die schlimmsten Besorgnisse. Ist auf der Welt und hält keine Reden. Nun hat er sich freilich gerecht- fertigt. Nun wixd das deutsche Volk auch in Joachim den Geist seiner Ahnen freudig erkennen. Der junge Prinz hat— endlich— seine erste Rede gehalten. In S t r a ß b u r g hat er Mittwoch beim Empfang eines Hochschulzeugnisses den Mund geöffnet und an die entzückten Professoren und Studenten einige tiefsinnige Worte ge- richtet:„Schon lange war es mein sehnlicher Wunsch gewesen, Straßburg mit eigenen Augen sehen zu können, das mir aus Geschichte und Literatur von früher Kindheit her vertraut war, an dem des Dichters Wort zur Wahrheit wird:„Die Stätte, die ein edler Mensch betrat, die ist geweiht für alle Zeiten", Straßburg, von dem wiederum der Dichter sagt:„Du wunderschöne Stadt, da- rinnen liegt begraben so mancher Soldat." Diese Perle soll, solange noch ein akademisches Herz im Busen schlägt, nicht wieder abgetreten werden." Nein, hoffen wir. daß der Zabn der Zeit das nicht zulassen wird, daß er über diese Geschichte wird Gras wachsen lassen. Gewiß, solange noch ein akademisches Herz im Busen schlägt, sollte keine Perle abgetreten werden. Sie könnte zerbrechen. Das wäre ein teurer Spaß. Und Prinz Joachim zeigt seine gute Erziehung zur Sparsamkeit, wenn er gegen das Abtreten der Perlen spricht... Prinz Joachim wird von nun an das deutsche Volk gewiß noch oft mit mancher Gedankenperle beschenken. Echtes Christentum. Eugen Debs, der von den amerikanischen Genossen wiederholt als Präsidentschaftskandidat aufgestellt worden ist, war vor kurzein das Ziel heuchlerischer Angriffe. Vpr einigen Wochen nahm er in sein Haus in Terre Haute(im Staate Indiana) Helene Cox auf. Helene Cox, die junge sehr hübsche Tochter eines methodistischen Pfarrers dieser Stadt, war mit dem Sohn eines amerikanischen Millionärs durchgegangen und hatte ihn geheiratet. Als sich ein Jahr später der junge Mann von ihr scheiden ließ und ihr auch ihr Kind nahm, verlor die junge Frau den moralischen Halt. Sie wurde aufgegriffen, als sie Männer ansprach, aber nach dreitägigem Auscnt- halt im Polizeigefängnis von Eugen Debs durch Stellung einer Kaution befreit. Genosse Debs nahm sie als gleichberechtigtes Fa- milienmitglied in sein Haus auf. Die Pharisäer, Heuchler und Prüden der Staaten stießen sich natürlich an dieser echt christlichen Tat und boykottierten Debs gesellschaftlich, worauf Debs folgende Erklärung veröffentlichte: „Ich habe ein junges, unglückliches Weib, das vom Leben und vom Schicksal gehetzt und dem Laster der entsetzlichsten Art in die Arme getrieben wurde, bei mir aufgenommen. Ich treibe dadurch nichts anderes als praktisch angewandtes Christentum und for- dere von meinen und meiner Frau Freunden und Bekannten, daß sie die Arme respektieren und ihr dieselbe Achtung entgegen- bringen wie mir und meiner Frau. Werden die Bewohner dieser Stadt ihr helfen oder durch eine organisierte Hetze sie wieder auf die Straße und in Verzweiflung treiben? Mögen die Bewohner dieser Stadt, die Frommen und Braven, die Tugendhaften und Nie- angefochtenen, sich Sonntag in der Kirche fragen:„Was würde Christus mit dieser Gefallenen tun?" Nun denn, ich erkläre. daß ich Helene Cox als mein Kind betrachte und auf die Wert- schätzung aller Pharisäer und Lästermäuler verzichte. Die wahr- Haft Ehrenhaften werden zu mir halten." Diese deutliche Sprache soll nicht ohne Erfolg gewesen sein; Geistliche haben sogar von der Kanzel herab Debs Tat gelobt Vom Prozest des Justizpalastes. Rom, 2. August.(Eig. Ber.) Den Ingenieuren Ricciardi und B o r e l l i und dem Rechtsanwalt S i l v e st r e, die sich wegen des Justizpalastskandals in Untersuchungshaft befanden, ist Frei- lassung gegen Kaution bewilligt worden. Allen Dreien ist in drei kleinen Orten der Provinz Rom Aufenthalt angewiesen worden; falls sich die Angeklagten von diesem Ort entfernen, werden sie widder in Haft genommen. Der Abgeordnete B r u n i a l t i, gegen den der Staatsrat die Ausschließung aus dieser beratenden Körperschaft vorgeschlagen hatte, ist auf Beschluß des Ministerrats seines Amtes als Mitglied des Staatsrates enthoben worden. Durch diesen Beschluß wird der bürgerliche Tod Brunialtis besiegelt. Brunialti hat, wie erinnerlich. sein Parlamentsmandat nicht niedergelegt, wird aber bei den neuen Wahlen nicht wieder kandidieren. Ein deutscher Ballon auf franzöfischem Boden. Ein mit drei Personen bemannter deutscher Ballon landete Sonntag nachmittag bei Rupt en Woevre. Er kam von Frank- fürt a Main und war durch den Wind nach Frankreich getrieben worden. Der Unterprafekt und ein Spezialkommissar versicherten sich daß der Aerostat ausschließlich sportlichen Zwecken diente. stellten die Identität der Lustschiffer fest und überzeugten sich, das sich an Bord nichts Verdächtiges befand. Tann wurde den Lus: schifsern gestattet, mit der Bahn die Rückreise anzutreten, nachdeu. sie die üblichen Zollgebühren erlegt hatten. Verantwortlicher Redakteur: Ernst Meyer, Steglitz. Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt, Buchdruckerei u. BerlagSanjtalt Pauk Singer u.To.. Berlin