Meiern und mitteilen, wieso es kommt, daß die Dinge so sind. Es steht deshalb so, weil ich zu jeder Zeit ehrlich den sozialdemokratischen Klassenstandpunkt vertreten habe, weil ich heute noch mit diesen Massen übereinstimme, aus denen ich hervorgegangen bin. Bebel auf dem Parteitag zu Dresden 1993. Parlamentarismus. Noch niemals habe unter den Parteigenossen ein Zweifel be- standen darüber, daß die Macht der sozialdemokratischen Partei wesentlich mit auf ihrer parlamentarischen Tätigkeit und der Teil- nähme an den Wahlen beruhe. Nicht die Teilnahme an den Wahlen sei es also, was der Partei zum Schaden gereiche, sondern nur die Ueberschätzung des Parlamentarismus könne gefährlich werden. Wer freilich glaube, daß auf dem heutigen, parlamenta- risch-konstitutionellen Wege die letzten Ziele des Sozialismus er- reicht werden könnten, kenne die Ziele entweder nicht oder sei ein Betrüger. Partei uncl Religion. Jeder mag glauben, was er will; er kann als Sozialdemokrat katholischer Christ, er kann Materialist und Atheist sein, das geht keinen Menschen innerhalb der Partei etwas an. Nur wenn er für seine religiöse Ueberzeugung als Sozialdemokrat Propaganda machen will, treten wir ihm energisch entgegen, denn dann verletzt er den für uns selbstverständlichen Grundsatz:„Religion ist Privat- fache". Außerdem erläutert unser Programm klar und deutlich, wie wir uns die Forderung der Erklärung der Religion zur Privat- fache denken. Wir treten der Vermengung der kirchlichen und staat- lichen Gewalt entgegen und verlangen die absolute Trennung dieser Gewalten. Wir vertreten die Anschauung, daß der Staat ein rein weltlicher Staat ist, und daß die Religionsgemeinschaften Privat- gesellschaftcn sind. Wir erklären uns auf das entschiedenste da- gegen, daß der Staat kraft der Gesetzgebung und seiner Zwangs- mittel irgendeinen Menschen nötigt, zu seiner Gemeinschaft zu gehören oder Mittel' zur Unterhaltung dieser Kirchengemeinschaft herzugeben oder daß der Staat selbst seine eigenen, aus dem all- gemeinen Steuersäckel genommenen Mittel für kirchliche Gemein- schasten hergibt. „deberpvocluktioii" an Bildung. Bei der Kritik der bestehenden Wirtschaftsordnung geht man in der Regel von der materiellen Produktion und der Lage der ihr dienenden Arbeiter aus. Allerdings sind die Uebelstände auf diesem Gebiete am schlimmsten und am ausgedehntesten. Will man aber die Widersprüche aufzeigen, in welche die individualistische Wirtschaftsweise sich selbst vcr- wickelt, dann bietet die g e i st i g e Produktion weit bessere Anknüpfungspunkte der Kritik. Schon der Begriff einer Ueberproduktion an Intelligenz ist in sich so widersprechend, so paradox, daß einem, der sich nicht in die modernen Verhältnisse eingelebt hat und der sie nicht wie dieser als eine selbstverständliche Erscheinung hin- nimmt, auch nur die Möglichkeit einer solchen schwer begreif- lich zu machen sein dürfte. Was für eine verkehrte Welt, in der eine allgemeine Verbreitung der Intelligenz zum Uebel geworden ist! Hätte jemals ein vorblickender Mann in früheren Jahr- Hunderten sich einen solchen Zustand träumen lassen? Sind nicht die Staatsmänner und Weisen aller früheren Zeiten einig gewesen, daß das Gedeihen eines Staates im hohen Grade von der Verbreitung von Wissen und Bildung unter seinen Gliedern abhänge, daß die allgemeine Teilnahme aller an den Vorteilen der Bildung das Ziel aller Kultur sei? Unserer Zeit ist die Einsicht vorbehalten, daß Wissen— wirkliches Wissen, nicht bloß Halbwissen— vom Uebel sein könne!... bürste stimmen. Aber Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den Lassallcanern, mußte ich Lassallcs Schriften lesen, um zu wissen, was sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Mein Grundsatz ist allezeit im Leben gewesen, sobald ich einen Standpunkt, den ich bisher in einer Frage verfochten hatte, als unhaltbar erkannte, ihn zu verlassen und rückhaltlos der neuen gewonnenen Ueberzeugung zu folgen und sie auch öffentlich und nachdrücklich zu vertreten. Im vorliegenden Falle war es die Haltung der liberalen Wortführer, sowohl in der Politik, wie ins- besondere den Arbeiterfragen gegenüber, die mir das Verlassen des alten Standpunktes und meinen Uebergang ins sozialistische Lager erleichterten. Große Seelenkämpfe hat mich diese Wandlung nicht gekostet, und wenn qlte, licbgewordene persönliche Beziehungen dabei geopfert werden mußten, nahm ich dieses als selbstverständliche Kon- sequcnz hin. Ich habe, wie ich glaube, allezeit die Sache über die Person gesetzt und mich weder durch Verwandtschafts- noch Freun- dcsbande davon abbringen lassen, zu tun, was ich im Interesse einer von mir vertretenen Sache für unumgänglich hielt. Im vorliegenden Falle hat zweifellos mein Uingang mit Lieb- knecht meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses Verdienst hat er. Achnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Re- Volutionen, die deutschen Volksbewegungen, über politische Tages- fragen usw. Kam er auf Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch. Längere theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner Erinnerung nach nicht von ihm. Zu privaten Unterwei- jungen hatte aber weder er noch ich Zeit, die Tageskämpfe und was damit zusammenhing, ließen uns zu privaten theoretischen Erörle- rungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner ganzen Veranlagung weit mehr großzügiger Politiker als Theoretiker. Die große Politik war seine Lieblingsbeschäftigung. Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialist wurden, über Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen, noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste Broschüre„Unsere Ziele", die Ende 1869 er- schien. Gegen Ende 1869 fand ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867 erschienenen ersten Band „Das Kapital" von Marx gründlich zu lesen, und zwar im Gefäng- nis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1bö9 erschienene Schrift von Marx„Zur politischen Oekonomie" zu studieren, aber es blieb bei dem Versuch. Ucberarbeit und der Kampf um die Existenz gewährten mir nicht die nötige Mutze, die schwere Schrift geistig zu verdauen. Das„Kommunistische Manifest" und die anderen Schriften von Marx und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger Jahre und Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx in die Hände kam, und die ich mit Genuß las, war seine, Jnauguraladr-sse für die Gründung der Internationalen Arbeiterassozuftion". Diese Schrift lernte ich 18SS kennen. Ende 1866 trat ich der Internationalen Arbeiterassozia- ticm bell Dem Dunkelmann mag es natürlich erscheinen, daß die Menschen auch zu viel von dem Gute der Erkenntnis besitzen können. Es harmoniert mit seiner Weltanschauung, nach der die Vernunft die„Hure von Babel" ist, die die Welt ins Ver- derben lockt. Dem Freund der Wahrheit und des Fortschritts gibt die bestehende Ueberproduktion an Bildung nur den Be- weis, daß die heutige Ordnung am Ende ihrer Tage angelangt sei. Die überproduzierte Bildung wird zu einem der eifrigsten Totengräber der alten Gesell- schaft. Darum ist auch die Sozialdemokratie nicht davor zurückgeschreckt, noch weitere Verallgemeinerung der Bildung zu verlangen, obgleich eine solche, wenn die Dinge bleiben wie sie sind, nur zu weiterem Schaden gereichen würde. Sie fordert sie für eine zukünftige Gesellschaft, in der Wissen kein Fehler ist und deren Aufbau allein mehr Intelligenz und klare Erkenntnis des Wirklichen erfordern wird, als irgend in der Welt vorhanden war. Nur was man jetzt vielfach für Wissen ausgibt, wird da oft vom Uebel sein. 6leid?e Rechte, gleiche pflichten für alle! Sobald die Gesellschaft im Besitz aller Arbeitsmittel sich be- findet, wird die Arbeitspflicht aller Arbeitsfähigen, ohne Unterschied des Geschlechts, Grundgesetz der sozialisierten Gesellschaft. Die Gesellschaft kann ohne Arbeit nicht existierem Sie hat also das Recht, zu fordern, daß jeder, der seine Bedürfnisse be- friedigen will, auch nach Matzgabe seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten an der Herstellung der Gegenstände zur Befriedigung der Bedürfnisse aller tätig ist. Die alberne Behauptung, die Sozia- listen wollten die Arbeit abschaffen, ist ein Widersinn sondergleichen. Nichtarbeiter, Faulenzer gibts nur in der b ü r g e r- lichen Welt. Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin über- ein, wenn diese sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Aber die Arbeit soll auch nützliche, produktive Tätigkeit sein. Die neue Gesellschaft wird also verlangen, daß jeder eine bestimmte indu- striclle, gewerbliche, ackerbauliche oder sonstige nützliche Tätigkeit ergreift, durch die er eine bestimmte Arbeitsleistung für die Be- friedigung vorhandener Bedürfnisse vollzieht. Ohne Arbeit kein Genuß, keine Arbeit ohne Genutz. Indem alle verpflichtet sind zu arbeiten, haben alle das gleiche Interesse, drei Bedingungen bei der Arbeit erfüllt zu sehen. Erstens, daß die Arbeit im Zeitmaße mäßig sei und keinen über- a n st r e n g t; zweitens, daß sie möglichst angenehm ist und A b wechslung bietet; drittens, daß sie möglichst ergiebig ist, weil davon das Maß der Arbeitszeit und das Maß der Genüsse ab- hängt. Diese drei Bedingungen hängen aber wieder von der Art und Menge der zur Verfügung stehenden Arbeitsmittel und Arbeits- kräfte ab und von den Ansprüchen, welche die Gesellschaft an ihre Lebenshaltung stellt. Die sozialistische Gesellschaft bildet sich nicht, um proletarisch zu leben, sondern um die p r o l e t a- r i s ch e Lebensweise der großen Mehrzahl der Menschen ab- z u s ch a f f e n. Sie sucht jedem ein möglich st hohes Maß von Lcbensannehmlichkeiten zu gewähren. LlikKumnscHe der Reichstagsfralition zu ßebels 70. Geburtstag. Unserem Freunde und Fraktionsführcr August Bebel, der uns in leidenschaftlicher Begeisterung, in alles wagendem Mute, in klug abwägender Besonnenheit und in unermüd- lickser Arbeit ein Vorbild war und ist; der durch die Macht seiner flammenden Beredsamkeit dem Sozialismus im Par- lament Bahn gebrockten hat und der Organisator der Siege war, die seit niehr als einem Menschenalter das deutsche Pro- letariat erfochten hat; den keine Verfolgung schreckte und keine Niederlage beugte; vor dessen Lauterkeit und Ueber- zeugungstreue selbst erbittertste Gegner sich neigen, bringen wir, seine parlamentarischen Arbeitsgenossen, die Mitglieder der Sozialdemokratischen Fraktion des Deutschen Reichstags, zu seinem 70. Geburtstag unseren Dank, Gruß und Glück- Wunsch dar. Berlin, den 22. Februar 1910. bürgerliche IPreßitimmcn. Zum Tode August Bebels schreibt der „Berliner Lokal-Anzeiger": „Mit August Bebel ist der unbestrittene Führer der sozial- demokratischen Partei Deutschlands aus dem Leben geschieden. Hatte sein Herzleiden ihn auch in den letzten Jahren schon mehr und mehr zur Zurückhaltung in den politischen Tages- kämpfen gezwungen, so war doch sein Einfluß an der Spitze der Partei unvermindert geblieben... Die elektrisierende Wirkung seines Namens hatte durch die unfreiwillige Ein- schränkung der agitatorischen Tätigkeit keine Abschwächung erfahren. Die im sozialdemokratiMn Fahrwasser steuernden Massen hingen mit glühender Liebe an diesem heißblütigen Mann, der in seinen guten Tagen über eine glänzende Be- redsamkeit verfügte... Seine bürgerlichen Gegner kreuzten gern mit ihm die Klinge und versagten ihm nicht die Achtung, die ein uneigennütziger Vorkämpfer politischer Ideale für sich beanspruchen kann... Auch seine Gegner werden heute am Todestage August Bebels mit dem Zeugnis nicht zurückhalten, daß mit ihm eine geistig bedeutsame Persönlichkeit aus dem politischen Leben des deutschen Volkes versckssvindet, daß er nnt seiner Arbeit das Wohl der arbeitenden Klassen, so wie er es verstand, zu fördern suchte, und daß sein Name mit der inneren Geschichte des Deutschen Reiches, dessen parlamentari- scher Vertretung er von der Reichsgrllndung an ununter- krochen angehört hat, dauernd verknüpft bleiben wird." Das „Berliner Tageblatt" behält sich eine eingehende Würdigung vor und begleitet die Todesmeldung zunächst nur mit folgenden Worten:„Die Be- deutung seiner Persönlichkeit und der Einfluß, den er auf das politische Leben in Teutschland gehabt hat, werden hier noch ausführlicher gewürdigt werden. Daß einer der inter- essantesten Männer, der ehrlichsten Charaktere, der glänzend- sten, temperamentvollsten Redner mit ihm verschwindet, unter- liegt auch für diejenigen keinem Zweifel, die ihn politisch be- kämpften." Die „Vossische Zeitung" erinnert daran, daß die Sozialdemokratie in den letzten Jahren eine Reihe hervorragender Führer, Liebknecht, Auer, Singer, verloren hat und fährt dann fort:„Obgleich jeder (dieser drei) in seiner Art der Partei unersetzlich war und ge- blieben ist, kommen alle drei zusammengenommen an Beden- tung nicht Bebel gleich, der wie kein zweiter vier Jahi�ehnte hindurch der deutschen Sozialdemokratie Ziel und Richtung gewiesen hat. Bebels Einfluß schildern, heißt die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie seit der Errichtung des Deut- schen Reiches schreiben. In ihm verliert die deutsche Volks- Vertretung ihr ältestes Mitglied... Bebel war unser Gegner: „Ich will der Todfeind sein der bürgerlichen Gesellschaft," so rief er vor 10 Jahren aus den: Parteitag in Dresden aus, und er knüpfte daran die Versicherung, daß er bestrebt sein werde, die bürgerliche Gesellschaft zu vernichten. Aber auch diesem Todfeind muß billig zugestanden werden, daß er ein ehrlicher Charakter war." Verschiedene andere Blätter, so die„Deutsche Tages- zeituug" und die„Kreuzzeitung", behalten sich ein näheres Eingehen auf die Persönlichkeit Bebels vor. Die„Deutsche Tageszeitung", die einen kurzen Nachruf bringt, schildert zu- nächst Bebel als den schlimmsten Feind der bestehenden Ver- Hältnisse und des Vaterlandes und fährt dann fort:„Und doch wird die Kritik an Bebels Persönlichkeit stets das aw erkennen müssen, daß seine ganze politische Tätigkeit aus reinem Idealismus herausgewachsen ist, und daß, soweit er in Betracht kommt, von Geschäfts- und Berufspolitikerttim nicht gesprochen werden darf." Von den bedeutenderen auswärtigen Blättern bringt die „Frankfurter Zeitung" einen großen Nachruf, der sich eingehend mit der Stellung Bebels in der Partei und der EntWickelung der Partei befaßt. Tie„Frankfurter Zeitung" hebt besonders hervor, daß Bebel eine außerordentliche Popularität genoß und daß er die Massen immer hinter sich hatte.— Tie„Kölnische Zeitung" bringt zunächst nur die Todesmeldung. Dagegen hat die Kölnische Volkszeitung" einen längeren Nachruf, der Bebel im Rahmen der politischen und der Parteibewegung zu würdigen versucht. Wir wollen nur den nachstehenden Satz hervorheben:„Bebel war ein Mann, auf den man schwor, dem man blindlings folgte, das lag an seiner Persönlichkeit. Er war Fleisch vom Fleische des handarbeitenden Volkes. Viele Jahre, nachdem er im konstituierenden Reichstag seine parlamentarische Tätigkeit begonnen hatte, hat er noch an der Drechslerbank gestanden oder doch mit seinem bescheidenen Geschäft sich seinen Lebens- unterhalt erworben. Seine Bedürfnisse blieben einfach, auch als er längst ein berühmter Mann geworden war, und gegen sein Privatleben haben auch seine Todfeinde keine Anklage erhoben. Man wußte, daß er schon miter bescheidenen Ver- mögensverhältnissen eine offene Hand für Parteizwecke hatte und, was mehr war, immer Zeit für die Partei, im Vorstand, in zahllosen Versamnilungen, auf der Tribüne des Reichstags." Das„Achtuhrabendblatt" der nationalliberalen „Nationalzeitung" schreibt zu Bebels Tode:„Vierzig Jahre lang hat August Bebel für die Sache, die sein ganzes Leben erfüllte, mit all jener großen Kraft, dem Feuer Und der Leidenschast gekämpft, und mag er immerhin ein Gegner gewesen sein, so darf nicht verhehlt werden, daß er ein durch und durch ehrlicher Kämpfer und ein achtungswerter Gegner gewesen ist. Nichts Un- lauteres wohnte in ihm... Nicht allein in der Geschichte der sozialdemokratischen Partei, auch in der politischen Ge- schichte Teutschlands wird er seinen Platz finden, und Freunde sowohl wie Widersacher werden sein Andenken ehren." * London, 13. August.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Die Londoner Abendblätter aller Partei- richtungen künden heute den Tod Bebels in langen Artikeln an, in denen der Charaktereigenschaften und Verdienste des Verstorbenen gedacht wird. Die Blätter geben die Lebens- beschreibung Bebels und zitieren bekannte Aussprüche von ihm. Der„Star" schreibt:„Es kann keinem Zweifel unter- liegen, daß Teutschland, hätte es einen Präsidenten der deut- schen Republik zu wählen gehabt, August Bebel gewählt haben würde." Aehnliche von Hochachtung für den Verstorbenen zeugende Urteile finden sich in allen liberalen und konser- vativen Zeitungen. Hetzte pjacbrichten. Ein verständiges Urteil über das Kriegsrnsten. London, 13. August.(W. T. B.) U n t e r h a u s. Bei der dritten Lesung des Finanzgesetzes erklärte Schatzsekretär Lloyd George in bezug auf die vermehrten Ausgaben in allen Ressorts, es sei nicht die geringste Ausficht auf eine Ermäßigung der Rüstungsausgaben vorhanden. Das Gegen- teil sei der Fall. Es wäre nutzlos, diese Tatsache zu VerHeim- lichen. Alle Länder hätten sich gegenseitig zu großen Aus- gaben gereizt. Ehe nicht vollkommene Verständigung und vollständiges Zusammenarbeiten unter den Ländern herge- stellt sei, um den Rüstungsausgaben Einhalt zu tun, sei keine Möglichkeit vorhanden, diese einzuschränken. Ein Land allein würde sich dadurch in zu große Gefahr begeben. Lloyd George fuhr fort: Vielleicht sei ein internationales Zusammenwirken nicht unmöglich, besonders nach den Ereignissen des laufen- den Jahres, wo es der öffentlichen Meinung zum Bewußtsein gekommen fei, wie schrecklich und verderblich ein Krieg für das industrielle und soziale Leben der betroffenen Länder sei. Bis ein solches Zusammenwirken gesichert sei, habe man nichts anderes zu erwarten als vermehrte Ausgaben. Diese wahu- sinnige Aufregung habe eine Atmosphäre geschaffen, in der die Völker die Dinge nicht verständig beurteilen können. Die Gemütsverfassung sei niemals normal gewesen. Infolge der erregten Unruhe, die ihr Blut erfüllte, konnten die Völker ihre nationale Lage nicht so beurteilen, wie es ein ruhiges und verständiges Volk hm sollte. Das Ergebnis sei der Arg- wohn, der unter Umständen zu einer furchtbaren Katastrophe führen könne, wenig Leute wüßten, wie nahe man ihr in den letzten zwölf Monaten gewesen sei. Lloyd George fügte hinzu, daß die soziale Reforin Fortschritte machen müßte. Castros Niederlage. New York, 13. August.(P.-C.) Nach einer Meldung aus Carracas sind die in der Gegend von Maeuro Goajira und Tachira stehenden Anhänger des Exprüsidenten Castro vollständig geschlagen worden. Castro ist mit einer kleinen Schar von den Truppen des Präsidenten Gomez umzingelt und man erwartet seine.Gefangen- nähme. Zur Wcrftarbeitcrbcwegung. Kiel, 13. August.(W. T. B.) Die hiesigen Werften hahen heute mit der Wiedereinstellung der Arbeiter begonnen. Sie er- folgte jedoch allmählich, da sämtliche Betriebe nicht auf einmal er, öffnet werden können. Todes-Anzeigen SozialdeüiokratisffierV/alilvepein I. d. 6. Berl. ßeidistagswahlkreis Am 12. b. M. verstarb unsere Genossin Frau �isrie 8c!iml6t, Kolonieftraße 42. Ehre ihrem Andenken: Die Totenfeier findet am Frei. tag. nachmittags 4 Uhr, in der Halle des Virchow-KrankcnhauscS, Eingang Shlter Straße, statt. Die Einäscherung erfolgt in Leipzig. 229/10 Um rege Beteiligung ersucht V«? Vorstand. Verband der Blich- und Stein- dmekerei-llsarbeiter nnd Arbeiterinnen Dentsehlands. Ortsver« altung Berlin. Am 8. August verstarb ganz plötzlich unser Mitglied Adolf Jensch im Alter von 37 Jahren. Ehre seinem Andenke«: Di« Beerdigung findet am Freitag, den 15. August, nachmittags'1,4 Uhr, auf dem Heilig-Kreuz-Kirchhos w Marien- dors statt. �28/7 Die Ortsverwaltung. Allen Bekannten und Kollegen die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, der Durchnäher Otto l>orn nach langem, schwerem Leiden am Montagabend b�/,Uhr verstorben ist. Die trauernde Gattin �VildelinZne vorn nebst Kindern. DI« Beerdigung findet am Freitag, den 15. August, nachm. 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des städtischen Fricdhoses m der Scesir., Eing. Müllerstr., aus statt. 29a Zentralverband der Schubmacher| Deutschlands. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nach- richt, daß unser langjähriges Mit- glicd Kollege Oftäo Dorn gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am| Freitag, den 15. August, nachmittags 4'/, Uhr, von der Leichen-> Halle des Paul-Friedhoses, See-[ straße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 169/11 Der Vorstand. Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß j unser Mitglied, der Metallarbeiter (iustav Paris l gestorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am I Freitag, den 15. August, nach- | mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Kirchhofes in Otters- leben bei Magdeburg auS statt. ! 123/16 Die Drtsverwaltung. Zhcatcr. D onnerStag, 14. August 1913. Ansang VI, Ubr. Prater. Das Bummclniädchen. Ansang VI, Uhr. Neues Opern(Kroll). Lohcngrin. AniaNa 8 Ubr. Urania. Großgloclncr, Gastcin, Salzburg. Schiller Figaros Hochzeit. Westen. Sylvester Schäffcr. Das starke Stück. Ein angebrochener Abend. Verlincr. Filmzauber. Dbnlia. Puppchen. Nletropol. Die Kino-Königin. Herrnseld. Endlich allein. Die Schonzeit-Jäger. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshallen. Stetliner Sänger. Anfang 8'/, Ubr. Komödienhaus. Hvchhcrrschastliche Wohnungen. Deutsches Schauspielhaus. Das Faltnermädchen. Lustspielhaus. So'n Windhund. Rose. Vampvre der Großstadt. Luisen. Geächtet. Fvlies Eapricc. Die keusche Toinette. Schlafe Patent. Kasino. Der Aktientenor. Ansang 8'/, Ubr. Deutsches. Die Schiffbrüchigen. Zlniang 9 Ubr. Admiralspalast. Eisballett: Flirt w St. Moriy. » t« Sternwarte, Invaliden str. 57—62. SehllleF-ThealeF"r" Donnerstag, den 14, August 1913: Eröffnung der Spielzeit. Der I�eilixÄl-dist. Komödie in 3 Aufz. v. Franz Molnär. Ansang 8 Uhr. Ende 10 Uhr. Freitag und folgende Tage: Her Leibgardist. Berliner Theater� s uhr: Filmzauber. Sachse-Oper SeliiIleF-ThealerO.Öaanet' iOSISCHER GARTEN Täglich: Großes Militär- 5 Doppel-Konzert. JEintritt 1 Bnrk, von 6 Uhr ab 50 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hälfte Passage-Paiiopliküm j Die Offenbarungen- der Traumraalerin Frau Assmann, d. Aufseh. d. wissensch. Kreise. AGA die schwebende Jungfrau. Buddha die geheimnisvolle Tafel. Alles ohne Extra-Entree! CasinosTheater Wiedereröffnung: Sonnabrud, den Iii. August. „Der Aktien-Tenor oder Caruso aut Teilung". Vorverk. tägl. 11—2 an d. Theaterkasse. 8 Uhr: > Thealer. Figsros Hochzeit. DcutschesSchanspielhaiis 8'/, Uhr: Das Farmerniädchcn. Kroll-Oper ?'/. Uhr: liOliengrln. Gastspiel: Frieda' Langendorff und Marcella Roeseier. Freitag: Die Meistersinger von Nürnberg. Theater des Westens. 8 Ubr. Tlorlehte Woche: Silvester dicbttilcr. Vorher: Das starke Stück. Ei« angebrochener Abend.. OSE=THEATE| Mroße Frankfurt ei Str. 132. Bamphre der Groststadt. (Biederleute.) Ansang 8'lt Uhr. Aus der Eartenbühne: Rlehern großen Teich. Lebensbild in 4 Akt. Ansang 4'/, Uhr. Vorher Konzert. Einakter. Buni Teil. !'Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine[ | liebe Frau Auguste Eichstädt nach langem Leiden am 11. August] verstorben ist. Der trauernde Hinterbliebene! J. Blcbstfidt. Die Beerdigung findet Freitag, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Luisen-KirchhoseS, Hermann- straße, aus statt. 1829b 1 IRetropol-Theater. 'Abends 8 Ubr: Die Kino- Königin. Operette in 3 Akten von Jul. Freund und G. Okonkowski. Musik von dcan chillbcrt. Stn Szene gesetzt v. Dir. Zlich. Schultz. Volksgaden- Theater. Badstr. 8 und Bellermannstr. 20/23. Donnerstag, den 14. August 1913: „Ihre Familie" oder„Zwei v. Ballett" und die»encn Spezialitäten. Anfang 4 Uhr. Voranzeigen. Freitag, den 15. August: Letztes Austreten der Ballcttmeisterin Frl. Frida lederer. Mittwoch, den 20. August: Benesizvorst. s. L. Gebhardt-Hoffmann. Brayerei FriedrichsSiain Reiehshallea-Tbealer liir Mager (Meysol, Britton, Schräder etc.) Neu engagiert; Komiker Knselll. Anfang 8 Uhr. BeFlinei' PraleF-TlieateF 7—9 Kastanien-Allee 7—9. Täglich: Das Bummelmädchen Gr. Ansstattungsp. in 4 Akt�v. M. Hetze Musik von Hirsch und Schreycr. Erstklaff. Spezialitäten, Konzert. Ansang 41/, Uhr. Eintritt 35 Pf. 1 Neue Welt Ü A.Scholz. Hasenheide 108-114 Heute Donnerst., d. 14. August: Klitc-Tug. Konzert u. Vorstcllg. verbunden mit großem Brillant-Feuerwerk. Auf allg. Wunsch n. einmal: Beschießung und Brand von Adrianopel. Pyrotechnikor Nielandt, Änf. 5 Uhr. Entree 50 Pf. Im Neuen Saal: Gr. Ball. T UNA iARK Sonnabend, den 16. August 1913: £ll(c-Tag mit Sehönheits- Konkurrenz i! Preise» Riesen- Brillant- und Front- Feuerwerk. Täglich miltär-Konzcrt: Admiralspalast Einz. Eispalast der Welt mit prunkvollen Eisballetten. Angenehm kühler Aufenthalt Allabendlich Flirt in St. Boritz. Wlederauftr. der kleinen Charlotte. Bis 6 Uhr und von KP/j Uhr halbe Kassenpreise. Am Königstor. Ock.: Ernst Eiehing. Jeden Dienstag- und Donnerstagnachmittag: Staue Kleidig Ii Kaflee-lrei-VorsteUimg "«eil hör ifev*rldl itnh ATinlln. 11 Fertig am Lager: BebMMWbWKu. züge», �;40 Cütawayn.We3te®®;®°;§Üir.i Beinkleider II$ 8». Fertige schwarze Kleidung lür Knaben und Jünglinge in größter Auswahl Feine Maß- Anfertigung :: in ca. 10 Stunden:: Baer S®9in Kleider- Werke Berlin. Gegr. 1891. Chausseestraße 29— 30, 11. Brückenstraße 11. Gr. Frankfurter Str. 20. ßohöneberq, Hauptetr. 10. der Norddeutschen und Apollo- Sänger bei freiem(?nttcc. Freitags: �rei-Konzert. 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Druck u.Bertag:>vorwSrt»Buchdr.ii«erlagSanstaU Maul Singer t Berti« SV/, Hierzu Z Beilage» u.Untcrhaltungsbf. Nr. 208. 30. Iahrgauy. t Keilmc des Jotmärtf ßttlintt Jlollislilotl. Aovuerstag. 14. August 1913. politifcbe deberltcbt Jesuitenstreit. Die„Germania", das Organ der Geschorenen, beeilt sich die Meldung von der bevorsteyenden Aufhebung des Jesuitengeietzes mit der größten Entrüstung zu dementieren. Sie wirft der„Tägl Rundschau", dem Organ der Gescheitellen, vor, daß jene Meldung nur dem Evangelischen Bund Stoff zu einem Protestrummel geben soll. Aber dabei erklärt das Zentrumsblatt selbst, daß die bekannte authentische Interpretation des Bundesrats vom vorigen Jahr das Vorspiel zur Aufhebung des Jesuitengesetzes gewesen sei, da sie sich als völlig unhaltbar erwiesen habe. Man hat nämlich auf diese Interpretation hin den Jesuiten das Auftreten in einigen westfälischen und badischen Orten verboten, in denen sie vor der angeblichen Milderung des Gesetzes ruhig die Seelen retten konnten. Nun, eine Verschärfung der Praxis war sicher nicht die Absicht des Bethmann-Hertlingichen Bundesrats, der eben jetzt wieder dem Jentrum für die Bewilligung der ungeheuersten R ü st u n g s v e r stä r kun g so dankbar sein muß. In dieser Stellung des Zentrums, das nichts umsonst tut und dessen Christentum sich sicher nicht ohne gute Gegenleistung in der Vermehrung der Regimenter, Geschütze und Offfzierstellen äußert, liegt aber gerade die Wahrscheinlichkeit für die von der„Germania" bestrittene Meldung. Aber schließlich— braucht der Evangelische Bund ein bißchen Entrüstnng über die Auf Hebung des Jesuitengesetzes, so braucht das Zentrum dringend noch für den am Sonntag zusammentretenden Metzer Katholikentag die Harfe für den alljährlichen Schmerzensgesang um die„vom Vaterland ferngehaltenen teueren, besten Söhne, die allein noch den Umsturz aufhalten können". Worüber sollte man denn sonst in Metz reden? Etwa gar über die Abmurksung der christlichen Gewerkschaften und der Kölner Richtung? I Schon damit diese peinlichen Dinge nicht erst herankommen, muß dem Jesuitenchorus der größte Spiel räum bleiben. Nach dem Fest kann man dann eher zugeben, daß es soweit ist, die Abmachungen von der Wehrvorlage einzulösen! Ter Krupp-Proze� vor dem OberkriegSgericht. Die Verurteilten im Krupp-Prozetz haben, mit Ausnahme des bei Krupp angestellten D r o e s e, sämtlich Berufung an das Obcrkriegsgericht eingelegt. Die Verhandlung dürfte ini Laufe des Monats Oktober stattfinden. Neueinteilung der Reichstagswahlkreise? Die„Neue Gesellsch.-Korr." verbreitet die Meldung, daß die Linke und das Zentrum bei Wiederzusammentrilt des Reichstages eine Neueinteilung der Wahlkreise fordern werden. In der bürger- lichen Presse, soweit sie nicht den Junkern dient, wird diese alle Forderung der politischen Gerechtigkeit zwar begrüßt, aber zu ihrer Begründung mit bezeichnender Uniformität auf diejenige» Riesen- Wahlkreise verwiesen, in denen große bürgerliche Minderheiten glatt unter den Tisch fallen, wie insbesondere Teltow-Beeskow und es wird als die dringendste Notwendigkeit die Teilung gerade dieses Wahlkreises gefordert. Von einer derartigen teilweisen Gerechtigkeit darf natürlich keine Rede sein, wenn sie auch gerade den Nationalliberalen und dem Zentrum ohne weiteres zu- zutrauen ist, die ja im Dreiklassenhause mit aller Zähigkeit au der Wahlkreisschande der Vergewaltigung der Städte und Industrie- bezirke festgehalten haben. Die Reichsverfassung muß durchgeführt werden, die das gleiche Wahlrecht und darum gleich große Wahlkreise fordert. Das«chicksal der Jahrkartenstencr. Zu den Steuern, die sich gar nicht„einleben" können, gehört die Fahrlartenstcuer, die dem Reich zwar eine Einnahme, den im Besitz der Eisenbahnen befindlichen Bundesstaaten aber Nachteile gebracht hat. lieber die Frage einer Reform dieser Skeuer hat die„Ber liner Börsen-Zeilung" an maßgebender Stelle erfahren, daß mau dort immer noch den Standpunkt vertritt, daß die Fahrkarten stcucr in ihrem Aufbau verfehlt sei und die Schuld an der starken Abwanderung aus den höheren in die niederen Wagcnklasscn der deutschen Eisenbahnen trage. In dieser Erkenntnis hat nicht nur die preußische Regierung, sondern mit ihr eine Reihe anderer Bundes- staaten wiederholt Vorschläge zur Reform der Fahrkartensteuer ausgearbeitet, die übereinstimmend davon ausgingen, durch eine geringere Besteuerung der ersten und höhere Besteuerung der dritten Wagenllaffe einen Ausgleich unter den Fahrgästei-, die der Steuer unterliegen, herbeizuführen. Eine Besteuerung der 4. Wagenklasse kam dagegen nicht in Frage. Diese Reformversuche der verbündeten Regierungen fanden beim Reichstag keine Gegenliebe: sämtliche Vor- schlüge fielen entweder schon in der Budgetkommission oder im Plenum unter den Tisch, weil der Reichstag einmal dem Verlangen der Regierung, einen Ersatz für den Ausfall der ganzen Fahrkarten- fteucr zu schaffen, nicht entsprach, und zum ziveiten keine Neigung hatte, dem Wunsche der Regierung entsprechend die erste und zweite Klasse durch eine wenn auch noch so geringe Mehrbelastung der dritten Klasse zu entlasten. Grundsätzlich steht die Regierung' noch heute auf dem Standpunkt, daß eine Acnderung der Fahrkartensteuer gerade iin Interesse des Eisenbahnverkehrs und der Reichsfinanzen dringend erwünscht sei. Die dritte und vierte Wagenklasse bringen den Eisenbahn- Verwaltungen den größten Anteil an den Einnahmen aus dem Per- sonenverkehr. Diese lleberschüsse müssen das Defizit der ersten Wagenklasse decken und eS ist ganz besonders menschenfreundlich, daß die preußische Eiscnbahnvcrwaltung die Reisenden dritter Klasse auch noch höher belasten will. Im gegenwärtigen Reichstag wird man dafür allerdings keine Mehrheit finden. Am besten wäre cS, die Fahrkartensteuer überhaupt aufzuheben und den Fehlbetrag durch einen Zuschlag zur Ver in ögenszu wachs st euer zu decken.• Ei»«icrkwürdiges Kruppopfer. Gegen den früheren Vorgesetzten des Kruppschen Korn- walzermatadors Brandt, den Hauptmann a. D. v. M e tz e n, will man jetzt ehrengerichtlich vorgehen, tveil er von den Kornwalzeru einen unrechtmäßigen Gebrauch gemacht haben soll. Offenbar verdächtigt man ihn, dem Genossen Dr. Lieb- knecht das Material zu seinen Enthülluugen geliefert zu haben. Liebknecht ist das Material a n o n h ni durch die Post zu- gegangen und es spricht nichts dafür, aber manches dagegen, daß gerade Herr v. Metzen daran irgendwie beteiligt' ist. Aber gesetzt, es wäre der Fall— will man dann wirklich gegen denjenigen vorgehen, der zur Beseitigung von Zu- ständen beigetragen, die doch gerade bei den Militär- b e h ö r d e n den höchsten Abscheu erwecken mußten? Und was ist es mit den Offizieren, die von den Kornwalzern wußten und ihr Wissen ruhig für sich behielten? l Regt {ich da die Ehre des vornehmsten Rocks nicht?! Llus dem Reiche deS Herrn Breitenbach. In welch erschreckendem Äkaße die Schnüffelei und Be- ßtzwtzelung im Bereiche der preußischen Eisenbahnverwaltung zum System ausgebaut ist, das lehrte eine Verhandlung, die dieser Tage vor dem Schöffengericht in Potsdam stattfand. Der Bahnarbeiter Krause in Michendorf hatte seinen Kollegen, den Bahnarbeiter Heine wegen Beleidigung verklagt, weil dieser dem Bahnmeister Braun erzählt hatte, Krause sei am zweiten Osterfeiertag im sozialdemo- kratischen Mewerkschaftshause gewesen. Der Ämtsrichter fragte ganz erstaunt, wo denn da eine Beleidigung liegen solle, die Antwort des Klägers lautete: Die Verwaltung habe ihn zur Klage gezwungen, um„rein dazustehen". Der Bahnmeister mußte, als Zeuge ver- nommen, eingestehen, daß ihm Heine das nicht hinterbracht sondern daß er den Heine danach gefragt habe! Schließlich kam ein Vergleich zustande, in dem die„beleidigende" Behauptung zurückgenommen wurde. Dieser kleine Ausschnitt aus dem Treiben innerhalb der Bahn Verwaltung spricht Bände. Der Bahnmeister Braun ist offenbar der Typ des Beamten, wie die preußische Bahnverwaltung ihn sich wünscht, er bekümmert sich sogar darum, wo die Arbeiter an freien Tagen ihr Bier trinken! Und wenn nun der Arbeiter wirklich im Gewerkschastshause ein Glas Bier getrunken hätte? Was in aller Welt geht denn das die Organe der preußischen Eisenbahnverwaltung an. Hätte der Arbeiter eine Animierkneipe aufgesucht, dann wäre ihm sicher kein Vorwurf gemacht worden� zumal solche Lokale meist sehr patriotisch mit Kaiserbildern ausgestattet sind, aber ein Besuch im Gewerkschastshause, in dem weder Dirnen noch Zuhälter ver kehren, gilt als ein Verstoß, wegen dessen sogar eine gerichtliche Klage angestrengt werden muß. Bedenkliches schweigen. Auf die offenen Fragen, die unfer-Waldenburgcr Partei organ an den konservativen Chefredakteur Lippold richtete und die dahin lauteten, ob der Meincidsdenunziant Köhler von Lippold 75 M.„Vorschuß" erhalten habe lange bevor er ein gestellt wurde, hat der Herr bis jetzt noch gar keine bestimmte Antwort gegeben. Obgleich seit der ersten Fragestellung be reits anderthalb Wochen verstrichen sind und die Fragen von der„Schlesischeu Bergwacht" schon ein zivcites und drittes Mal in derselben bestimmten Form gestellt worden sind, hat der Veranlasser des Meineidsprozesses bisher weder mit j a oder nein geantioortet. Das einzige, womit der Mann auf die Angaben unseres Parteiorgans reagierte, bestand in zwei versteckten Zeitungsnotizen, in denen sich L. darauf beschränkte, die Fragen als„Klatsch" zu be zeichnen, der vom Biertisch der„Bergwacht" zugetragen sei. Demgegenüber betonte die Redaktion unseres Partei blattes auf das entschiedenste, daß ihre Quelle eine sehr lautere sei und daß jetzt, falls sich L. noch ferner vor einer klaren Antwort drücken sollte, der Staatsanwalt Gelegenheit nehmen niüßte, zu erforschen, was wahres an den gestellten Fragen sei. Jedenfalls muß das verlegene Schweigen des konservativen Blattes den Verdacht erhöhen, daß Köhler in der Schwurgerichtsverhandlung in Schweidnitz auf die Frage der Verteidigung und des Gerichts unwahre Angaben gemacht hat, und daß der als Zeuge anwesende Lippold bei dieser Gelegenheit unterlassen hat, den Sachverhalt aufzuklären. Man darf gespannt sein, ob der Staatsanwalt jetzt in Aktion treten wird._ Die neue Kalkanlage in englifcker Keleucktung. Sir Edward Grcy hat rm englischen Unterhause eine zusaunnenfassende Darstellung der Bajkanprobleme gegeben. Besonders beachtenswert war der Passus, ans dein hervorgeht, daß auch England den Bukare st er Frieden als de- finitiv ansieht und von einer Revision nichts wissen will. Weniger klar ivaren die Ausführungen Greys über die Maß- »ahmen gegen die Türkei wegen der Räumung Thraziens und Adrianopels. Am schiversten wird hier die Drohung mit einer Unterbindung der finanziellen Unterstützung der Türkei ivicgcn. Wie nocki nachträglich aus London gemeldet wird, sagte Grcy in bezug auf das Verhältnis zur Türkei noch folgendes: „Unsere Politik gegenüber der Türkei richtet sich auf die Her- stellung gesunder Finanzen, einer guten Rechtspflege, der Ordnung und einer guten Regierung. Eine wirkliche Gefahr droht der Türkei nicht von einem äußeren Angriff, sondern von innerer Unordnung und innerer Schwäche. Die Politik, die wir zu verfolgen wünschen, hängt, um erfolgreich sein zu können, von der Zustimmung und dem guten Willen der anderen europäischen Mächte ab. Die asiatische Türkei interessiert so viele Mächte, und zwar so bedeutend, daß, was immer getan werden soll, mit Zustimmung aller geschehen muß." Am Schlüsse seiner Rede sagte Greh,„das europäische Konzert habe ein großes Ziel, nämlich die Lokalisierung des Krieges, gehabt, und es sei weise gewesen, sich darauf zu be- schränken. Mehr zu erstreben, hätte das ganze Konzert gefährden können. Es sei leicht, von der Stärke der europäischen Mächte zu sprechen, und wie sie ihren Willen geltend machen könnten, wenn sie nur wollten. Natürlich konnten sie Flottcndemonstrationen vor- nehmen, aber wenn sie bei den letzten Ereignissen hätten intcr- vcniercn sollen, so hätten sie Truppen gebrauchen und riskieren müssen, daß ihre Soldaten getötet würden. Es sei übrigens schwierig, die europäischen Mächte dazu zu bringen, daß sie Geld bewilligen und Truppen verwenden außer in den Fällen, wo die Interessen des eigenen Landes in Frage kämen. Es sei etwas sehr Fragwürdiges, Krieg zu führen, um Frieden zu erzwingen, aber man müsse nicht annehmen, daß, wenn die Mächte als Ganzes keine Gewalt angewandt hätten, keine von ihnen unter allen Umständen so handeln würde. Wenn eine gewaltsame Intervention eintreten sollte, so würde sie wahrscheinlich nicht duöch das europäische Konzert als Ganzes geschehen, oder indem das europäische Konzert einem Mitglicde ein Mandat erteile, sondern die eine oder andere Groß- macht könnte so herausgefordert werden, daß sie in eigenem Intcr- esse auf eigene Hand vorginge." Serbien demobilisiert. Belgrad, 13. August. Das Amtsblatt veröffentlicht einen Ukas des Königs, durch den die Demobilisierung der gesamten serbischen Armee angeordnet wird. Amerika. Die Anklage gegen den Gouverneur Sulzer. New York, 13. August. Gouverneur Sulzer wurde durch das Unterhaus des Staates New Dork nach einer langen Nachtsitzung heute früh 5 Uhr mit 79 gegen 35 Stimmen in Anklagezustand ver- setzt unter der Beschuldigung. Wahlgelder zu eigenem Nutzen ber- braucht und in dieser Angelegenheit einen Meineid geleistet zu haben. China. Der letzte Stützpunkt der südstaatlichen Revolutionäre verloren. Schanghai, 13. August.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Wusungforts sind übergeben worden.©> heißt, daß Geld dabei eine wichtige Rolle gespielt hat. Tausend Mann Regierungstruppen schlugen am Montag 1599 Rebellen in der Nähe von Schanghai. Die letzteren griffen die Regierungstruppen an, indem sie Salven abgaben. Als die Rebcl- len anfingen zu schwanken, griffen die Nordtruppcn mit dem Bajonett an. Sie töteten 299 Mann. Lilieh Chun, der aufständische Gouverneur von Kiang-fi ver- sucht, den Widerstand neu zu organisieren, indem er es als ver- ächtlich ablehnt, dem Beispiel der Huangksing und Sunyatscn zu folgen, die er als armselige Feiglinge darstellt. Der politische Massenstreik. Die Genossen des sechsten Berliner Reichstagswahlkreises diskutierten am Dienstag in vier Versammlungen die Frage des politischen Massenstreiks. Die Versammlung in den PHaruSsälen war so stark besucht, daß der Saal die große Zahl der Erschienenen kam zu fassen vermochte. Genosse Konrad Haenisch halte das Referat. Er führte, oft von lebhaften Zustimmungsäußerungen unter- brachen, etwa folgendes aus: Das Thema, aus der gegenwärtigen Situation entsprungen, dürfe auch nur im Zusammenhange mit dieser behandelt werden, damit wir zu einer kühlen und nüchternen Abschätzung aller Be- dingungen und Möglichkeiten kommen. Die herrschende Situation sei aber gekennzeichnet durch eine weite Kreise der Arbeiterschaft be- herrschende Stimmung des Mißvergnügens, der Enttäuschung, hervor- gerufen durch das Mißverhältnis zwischen der Stärke unserer Organisationen und den tatsächlichen praktischen Erfolgen. Dies, in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Niedergange und der stets ein- tretenden Entspannung nach Wahlen, biete erst eine volle Erklärung des Stillstandes in der Organisation und des Rückganges der Arbeiterpresse. Es würde eine gefährliche Täuschung sein, wollten wir von dem sogenannten„roten" Reichstag, der uns eine so ungeheuerliche Militärvorlage beschert habe, wie nie zuvor irgend ein anderer Reichstag und der in sozialpolischer Hinsicht völlig unfruchtbar ge- blieben sei, etwa in den kommenden handelspolitischen Kämpfen eine volksfrcundliche Haltung erwarten. Gewiß lue unsere Fraktion voll und ganz ihre Schuldigkeil, aber in allen entscheidenden Fragen zerstiebe die angebliche„Mehrheit der Linien" wie Spreu vor dem Winde; handle es sich um Lebensinteressen der Massen, so stände uns auch in diesem Reichstag die„eine reaktionäre Masse" geschlossen gegenüber. Auch die Kämpfe unserer kleinen Landtagsfraktion werden, selbst nach der erhaltenen Ver- stärkung, keine nennenswerten Erfolge erzwingen können. Tritt hierzu noch der offene Hohn der Gegner, wie er zum Beispiel im Organ des Kanzlers unmittelbar nach dem Ausfall der Landtagswahlen zutage trat, dann muß das in den Massen eine Stimmung auslösen, die nach anderen Mitteln schreit. Hier müssen wir uns zunächst einmal fragen, welches sind die Grenzen der Leistungsfähigkeil unserer Gegenwartsorbcit: des Parlamentarismus, des gewerkschaftlichen und des genossenschaft- lichen Kampfes. Wir können diesen Faktoren alle ihnen gebührende Hochschätzung entgegenbringen und ihre weitere kräftigste Pflege für ganz unerläßlich hallen, und werden bei nüchterner Be« nrteilung doch zugeben müssen, daß ihrer Wirksamkeit Grenzen ge- steckt sind, die ihnen aus der herrschenden Wirtschaftsordnung er« ivachscn. Wenn wir diesen allbewährten 5iämpfniitreln ein neues zu« fügen wollen, so heißt das durchaus nicht, sie zum alten Eisen werfen, sondern sie durch eine wirksame Waffe ergänzen. Halte die Arbeiterschaft bisher ihren Kampf vorwiegend durch ihre Vertreter geführt, i'o muß jetzt daneben in immer höherem Maße auch d i e M a s s e selbst handelnd auf die Bühne treten. Die Verhältnisse sind weit entwickelt und die innere Kraft der Arbeiterbewegung ist so sehr gewachsen, daß wir jetzt in jene Periode des Klassenkampfes eingetreten sind, in der wir von der Abwehr in immer steigendein Maße zum Angriff übergehen müssen. Die erste Festung, die es zu stürmen gilt, ist die Zwingburg der preußitchen Dreiklassenschmach. In diesem Kampfe wird sich die neue Taktik der Massenaktion immer mehr entzünden. Die Be- deutung und Kraft der Massenaktionen ist von altersher bekannt. Die militärischen Paraden und Aufzüge, die katholischen Prozessionen haben keinen anderen Zweck, als die gewaltige Kraft der Masse zu demonstrieren. Ich bin überzeugt, daß der Massen st reik über kurz oder lang einmal kommen muß, und gerade deshalb dürfen wir nicht leichtfertig an diese Frage herantreten. Der Massen- streik läßt sich weder vom Parteivorstand noch von dcr Gencralkommission durch Kommando hervorrufen. Er wird und muß aus den Ver- h ä l t n i s s e n h e r a n s w a ch s e n und dann wird es, wie sich die Verhältnisse in Deutschland zugespitzt haben, um das Ganze geben und wir dürfen nicht erwarten, die Sympathie auch nur eines Teiles des liberalen Bürgertums auf unserer Seite zu haben. Man über- schätzt auch vielfach die Wahrscheinlichkeit, beträchtliche Teile der gelb oder christlich organisierten Arbeiter mitfortzurcißen. Dagegen muß es unser Streben sein, die gewaltigen Massen der Verkehrs-, Berg- undLandarbeiter für die Massen- st r e i k i d e e zu gewinnen. Vor allem auch die Buchdrucker sind wichtig, weil das Fehlen der gewohnten Nachrichten ein nicht zu unterschätzendes Moment der Unruhe in die Bourgeoisie bringt. Ist aber die Erziehung der Buchdrucker durch ihr Verbands- organ, ist dessen Haltung zum Massenstreik derartig, daß sie die notwendige Begeisterung erzeugt? Schließlich wird auch noch zu erwägen sein, wie die Konjunktur auf den Massenstreik einwirkt. Gewiß erhöht die Zeit der Krise, in die wir jetzt eingetreten sind, auf der einen Seite die Erbitterung der Massen, auf der anderen Seite aber bietet natürlich eine Zeit der allgemeinen Arbeitslosigkeit an sich keineswegs etwa einen besonders geeigneten Boden für einen Massenstreik. So kann ein Massenstreik nicht jeden Augenblick beliebig proklamiert", dann wieder abgebrochen und morgen an irgend einer anderen Stelle ansS neue inszeniert werden, sondern er wird nur dann kommen, wenn auf der einen Seite die Verhältnisse und auf der anderen Seite die Menschen für ihn reif find. Auf das letzte köniien und müssen wir durch Erörterurv; und nicht zuletzt auch durch rastlose Organisationsarbeit, die niemand in ihrem hohen Werte unterschätzen sollte, mit aller Kraf? hinwirken. Man hüte sich, in einzelnen„Führern" die Schuldigen zu sehen, wenn es nicht schnell genug vorwärts geht. Wir dürfen die großen, uns bevorstehenden Kämpfe nicht damit einleiten, daß wir uns alle gegenseitig verärgern und verbittern. Damit ist dem Massenstreik- gedanken wirklich nicht gedient. Im übrigen wünscht Redner, daß sich besonders diejenigen über die Frage des Massenstreiks äußern, die noch im werktätigen Leben s e l b st st e h e n und die schließlich doch die größten Opfer zu bringen haben. Wie. sobald einmal die große Stunde schlägt, deren Entscheidung ausfallen wird, ist mir nicht zweifelhaft, denn, wenn die Arbeiter ichon jetzt um einige Pfennige Lohnerhöhung oder um eine halbe Stunde Arbeitszeilverkürzung lange, opfervolle Kämpfe führen, so Iverden sie auch ihren Mann stehen, wenn es sich einmal um die heiligsten Rechte, um die höchsten Güter der Mensch- heit handelt. In der anschließenden Diskussion sprach sich eine große Anzahl Redner ausschließlich in zustimmendem Sinne aus. Im Moabitcr GcsellschaftshauS sprach vor überfüllter Versammlung Genosse S t r ö b e l. Das Thema des Massenstreiks ist— so fährte er aus— kein neues. Schon im Jahre 1906 und 1906 beschäftigten sich zwei Parteitage mit dem politischen Massenstreik. Heute nun wird dieser besonders aktuell, da unsere Wünsche und Forderungen mit der EntWickelung der politischen Verhältnisse nicht gleichen Schritt gehalten haben. Als im letzten Monat ein Stillstand innerhalb der Organisationen konstatiert werden mußte, vertraten verschiedene die Ansicht, andere Mittel als bisher anzuwenden, um die Bewegung vorwärts zu bringen. Nun sei er ja der Meinung, daß die Stagnation eine periodisch auftretende Erscheinung sei. Das sei zwar be- dauernswert, aber keineswegs tragisch zu nehmen; denn bei einer Hebung der Konjunktur werde auch diese Unannehmlichkeit schwinden. Nun darf aber keineswegs die Erörte- rung des Massenstreiks darunter leiden, daß man ihn unter dem Ge- sichtspunkt einer momentanen Flauheit zur Hebung dieser diskutiert; er muß vielmehr im Zusammenhang mit den sozialen und politischen Verhältnisien erwogen werden. Von vornherein abzulehnen ist der anarchistische Generalstreikgedanke. Da wir wissen, daß die bürger« liche Ordnung so fest gefügt ist, ihre Machtmittel so gewaltig sind, daß wir sie ans einmaligen Ansturm nicht werfen können, dürften lvir unS mit dem Gedanken vertraut machen, daß in den verschieden- sten Situationen, verschiedenemal mit der größten Intensität gefochten werden muß. So sehr unser bisheriges Wachstum in jeder Beziehung unS mit Genugtuung erfüllen kann, ebenso sehr muffen wir uns der gleich starken oder stärkeren Organisationen unserer Gegner be- wüßt werden, die sich alle in den Dienst des Klassenstaates stellen. Der politische Massenstreik bildet nur den Anfang des großen Ringens. Denn nach und nach würde bei Ergreifung dieser Waffe dem Proletariat die Möglichkeit gegeben, an Stelle des Klaffenstaales den sozialistischen Staat zu erringen, doch ist das vorläufig ein Fernziel. Ueber die Notwendigkeit des Massenstreik« muß also ge- redet werden; kindlich aber wäre es, zu sagen, wir müssen schon in diesem Herbst oder Winter losschlagen. Vielmehr wird die AuS- führung erst in den nächsten Jahren akut sein. Die Energie und daS Wollen der Massen sowie die kommenden politischen und sozialen Verhältnisse werden dann schon die Kampfbedingungen schaffen. Auch werden in Prcußen-Deutschland, wie z. B. in Belgien. nie die Liberalen, welcher Schattierung sie auch angehören, einem Wahlrechtsstreik sympathisch gegenüberstehen. Das beweist ihre Ver- gangenheit und die Gegenwart. Niemals haben sie, wo es sich um die breite Masse handelte, einen Finger gerührt, so daß wir ganz allein auf unsere eigene Kraft angewiesen sein werden. Darüber, daß wir einer geschlossenen reaktionären Phalanx gegenüberstehen, müssen wir unS vor allen Dingen klar sein. Dann haben sich vor allem die Organisationen in den Dienst der Sache zu stellen. Ist in diesem Sinne gearbeitet, dann darf man sich auch weiter nicht scheuen, selbst große persönliche Opfer zu bringen; denn auch das Bürgertum hat in seinen Revolutionen und Kämpfen sein Leben in die Schanze geschlagen. Dem Proletariat wird das vielleicht auch nicht erspart bleiben. Notwendig ist es deshalb, geisttge Waffen zu gebrauchen, um diejenigen, die einst der.vornehmste Rock" bekleidet, zu Sozialdemokraten zu erziehen, daß sie nicht auf Vater und Mutter schießen.(Zuruf: Jugend, Jugendbewegung I> Jawohl, doch ist diese so leicht nicht gewonnen, sintemalen die Krieg»- und RäubertumSromantik de«»JungdeutschlandbundSertüchtigung" einen gewissen Reiz auf die jungen Seelen ausübt. Dies veranlaßt uns, doppelte Kraft anzuwenden, vor allem aber müssen die Arbeiter- cltern ihren moralischen Einfluß geltend machen. Der Parlamentarismus, den der Redner absolut nicht herab- setzen will, wird unter den gegebenen Verhältnisien auch nichts bringen können. Stärkere Beschwörungsformeln müssen wir an- wenden. Die Tat muß folgen. Das Kapital muß fühlen, daß wir ihm Wunden schlagen wollen, daß es uns ernst ist. Es ist dann nicht ausgeschlossen, daß die Bourgeoisie sich sagt, wir wollen eS lieber mit dem Zuckerbrot versuchen, ehe unS große wirtschaftliche Wunden geschlagen werden. Selbstverständlich ist, daß mit dem zweischneidigen Schwert .Massenstreik" nicht gespielt werden darf. Zu viel steht auf dem Spiel, so daß man es den Gewerkschaftsführern und dem Partei- vorstand nicht verargen kann, wenn sie vorerst zögern. Kommt aber der ungestüme Wille zum Massenstreik innerhalb der organisierten Arbeiterschaft zum Durchbruch, so wird Parteivorstand und General- kommission nicht verweilen, sich an die Spitze zu stellen.(Lebhafter Beifall.) Dr. R o s e n f e l d, der als erster Diskussionsredner sprach, glaubt die Frage aufwerfen zu müssen, ob Ströbel für oder gegen den Massenstreik ist. Verschiedene Stellen seines Referats ließen ihn als Anhänger erkennen, doch habe er andererseits grau in grau gemalt, so daß man im Zweifel sein kann. An dem Ausbleiben der Massen hat wohl die Partei selbst schuld. Daß Massen auf die Beine gebracht werden können, da« haben die Straßendemonstrationen zur Genüge bewiesen. Der plötzliche Abbruch des begonnenen Wahlrechtskampfes und die gedämpften ReichStagSwahlen mußten naturgemäß eine Enttäuschung bringen. Weiterhin verringert die Gesetzes- frömmigkeit und das Arbeiten auf höchstes Kommando alle Initiative innerhalb der Genossen. Nicht minder verschulden verschiedene Gewerk- schaften eine derartige flaue Stimmung. Bedauerlich ist es, daß verschiedene GewerkschaftSblätter sich ähnlich wie die.Metallarbeiter-Ztg." ausgesprochen haben. Unerklärlich ist es, daß die Gewerkschaftler, die doch sonst Riesenkämpfe um 2 Pf. Lohnerhöhung usw. führen, wo doch auch daS Wohl und Wehe der Gewerkschaften auf dem Spiel steht, sich bei der Wahlrechtsftage nicht fragen, öS es lohnt, ein Risiko einzugehen. Um das preußische Wahrecht zu erobern, heißt es den Masienstreik zu propagieren und bei kommender Gelegenheit ihn zu benutzen. Auch hier gelte das Wort:„Bereit sein ist alles." (Lebhafter Beifall.) G r ü n k e wundert sich über die pessimistischen Ausführungen des Referenten. Das Fehle» der Aktion sei jetzt überhaupt im Schwange. Weder beim Zarenbesuch noch bei der Militärvorlage sei etwas Ernst- Haftes unternommen worden. Aehnlich sprachen noch die Genosien Friede!, Hoß und Fo eS in längeren Ausführungen. In seinem Schlußwort betonte Ströbel, daß er mit Absicht nicht an die Gefühle, sondern an den Verstand der Anwesenden appelliert habe. Nichts liege ihm ferner, als den Genosien die Sache zu verekeln, sondern er wolle nur zeigen, was für riesige Opfer ge- bracht werden müsien. Ihm persönlich sei daS preußische Wahlrecht wohl mehrere Massenstreiks wert. Aber nur dann können wir weiter kommen und eventuelle Niederlagen überwinden, wenn die Kämpfer- schar mit dem Geist des Klassenbewußtseins durchdrungen ist.(Lebh. Beifall.) Im Saale des Lokals „Kastanienwöldchcn" sprach Genosie Eichhorn. Er führte u. a. aus: Die Idee des Massenstreiks ist eine alte. Schon in den 70er Jahren wurde diese Frage diskutiert, bekämpft und befürwortet. Für uns gilt der Begriff des Massenstreiks, wie er auf den Parteitagen in Jena und Mann- heim festgelegt worden ist. Nur um diese Form kann es sich handeln. Man hat sich gewundert, daß mit einem Male diese Frage so leb- Haft debattiert wird. Wer über die politischen Vorgänge ständig orientiert ist, war nicht überrascht. Wir wissen, daß, wenn große Fragen auf dem Spiele stehen, sie immer mit ganzer Macht von unten heraus hervorbrechen. Die jetzige Massenstreikdebatte ist keine Lite- ratenerörterung, auch keine Sensationsmache. Uebcrall, im Norden und Süden des Reiches, hat die Frage alle Gemüter ergriffen. Wenn man eine Erklärung dafür suchen will, so kann sie nur in der allgemeinen Mißstimmung liegen, die sich in der Partei langsam, aber sicher entwickelt hat.(Sehr richtig 2) 1912 hatten wir große Erfolge bei der Reichstagswahl. Da kam mitten in die Siege-sfreude hinein die Parole der Dämpfung. Als gutdisziplinierte Partei- genosien haben sich die Mitglieder gefügt. Um so leichter wurde die Mißstimmung verwischt, als 110 Abgeordnete in den Reichtag ein- zogen. In den letzten Jahren hat sich überdies eine starke Ueberschätzung des Parlamentarismus bemerkbar gemacht. Redner erklärt, den Parlamentarismus nicht unterschätzen zu wollen. Aber allein auf parlamentarischem Wege könnten wir unsere Ziele nicht erreichen. Es kam dann der Vorstoß des Militarismus, ein Vorstoß, wie wir ihn seit Bestehen des Deutschen Reiches nicht erlebt haben und nicht für möglich gehalten hätten. Niemand hätte geglaubt, daß eine Wehrvorlage wie diese so glatt durchgehen würde in einem Reichstag, wo 110 Sozial- deniokraten sitzen und der schwarzblaue Block in eine wenn auch knappe Minderheit gedrängt war. Da ist wohl manchem, der vom Parlamentarismus begeistert war, das Gefühl auf- gestiegen, daß in der Militärftage mehr hätte geschehen sollen. Ferner kam dazu, daß die Fraktion zum ersten Male von dem Grundsatz abging: diesem System keinen Groschen. Die Fraktion hat die Gründe für ihre Haltung dargelegt und es ist ohne weiteres anzunehmen, daß sie in Jena ein Ver- trauensvotum bekommen wird.(Hört I hört!) Er, Redner, wolle keine Kritik üben, sondern nur zeigen, wie das starke Gefühl des Mißbehagens entstanden ist, das die wesentlichste Quelle der Massen- streikdebatten bildet. Daraus könne man verstehen, daß von unten heraus stärkere Mittel verlangt werden. Es kommt noch hinzu, daß die Landtagswahl zeigte, daß die Junkerherrschaft auf diesem Wege nicht gebrochen tverden kann. Wer auf den Liberalismus seine Hoffnung setzt, der ist auf dem Holzwege. Selbst unsere Fortschrittler in Preußen sind nicht so, daß wir uns in der Wahlrechtsfrage auf sie verlassen können. Nun hatten wir ja eindrucksvolle Demonstrationen, und die haben bei dem Bürgertum auch Furcht ausgelöst; positive Erfolge in der Wahlresorm aber haben sie nicht gebracht. Bleibt also lediglich noch der Masienstreik. Auch Redner ist der Meinung, daß die Stimmung, die aus dem Volke heraus kam, den richtigen Weg geht, indem sie den Masienstreik fordert. Die Reichspolitik ist zugeschnitten auf die preußische Junkerpolitik. Keine Gesetzesvorlage im Reiche, die nicht erst die preußischen Ministerien passieren muß. Darum kommt dem preußischen Landtag eine andere Bedeutung zu wie den Landtagen in den übrigen Bundesstaaten. In den Resolutionen der Parteitage über den Massenstreik wird dieser als ein Mittel bezeichnet, um auch politische Grundrechte zu erobern. Ein solcher Fall liegt also vor. Darum muß der Massenstreik propagiert und organisiert werden; allerdings kann nicht blindlings der Masienstreik proklamiert werden. Der Masienstreik ist ein schweres Problem und bedarf intensivster Vorbereitung und vor allem auch eines günstigen Zeitpunkte?. Der Masienstreik darf jedoch nicht wieder auf die lange Bank geschoben werden. Hätten wir die Organisation vor sieben Jahren energisch in Angriff genommen, wie es Bebel in seiner Masienstreikrede forderte, wer weiß, ob wir nicht schon die Probe damit gemacht hätten. Wir gehen zurzeit einer großen Krise entgegen. Es ist selbstverständlich, daß wir in dieser Situation keinen Massenstreik machen können. Nun sagen manche, beim Massenstreik werden die Unternehmer aussperren und dann ist die Gewerkschaftsarbeit von dreißig Jahren vernichtet. Redner glaubt das nicht; er könne sich keinen Massenstreik denken, bei dem nicht der größte Teil aller Gruppen aus der Werlstatt ginge. Wen sollten die Unternehmer dann auS- sperren? Die Christlichen und die Gelben? Wenn nur die zwei Millionen gewerkschaftlich organisierter Arbeiter in Preußen hinaus- gehen und aushalten, dann werden sich die Unternehmer hüten und aussperren I Die Furcht vor den Unorganisierten ist ebenfalls übertrieben. Die Organisierten bilden die Kerntruppe der Arbeiter, mit dem anderen Kruppzeug wird das Unternehmertum nichts an- fangen können. Im übrigen werden die Vorbereitungen zum Massenstreik schon von heilsamer Wirkung sein. Die Hauptsache ist, daß wir einig sind in der Frage, ob der Masienstreik als schärfstes Mittel zur Erringung des Wahlrechts angewandt werden soll. Darum muß hingewirkt werden darauf, daß sich der Parteitag dahin erklärt:das preußische Wahlrecht ist Grund genug, um Gebrauch vom Massen st reik zu machen. Wenn nur der Will« da ist und der Anfang mit der Organisation des Massenstreiks gemacht ist, dann werden wir in absehbarer Zeit auch zur Anwendung dieser scharfen Waffe und zum Siege kommen. (Stürmischer Beifall.) Als erster Diskussionsredner nahm Rücker das Wort, der sich mit dem Referenten einverstanden erklärte. Es handle sich nur um die Frage: wer kann und wer wird bei einem Massenstreik mitgehen? Dies festzustellen, sei notwendig. Er wende sich gegen jene, die morgen schon den Massenstreik wollen. Solche gäbe es. Wenn der Masienstreik in Szene gesetzt wird, dann muß ihm auch der Sieg folgen. Die Arbeiter schließlich bloß zur Demonstration auf die Straße treiben, hieß ein Verbrechen begehen. Er sei kein Gegner des Massenstreiks, aber die Zeiten und Verhältnisse müßten" danach sein, um ihn riskieren zu können. Es wird gesagt, die Massen haben das Vertrauen zu ihrern Führern verloren. (Stürmisches Jawohl!) Die Führer wollen aber nur die Gewißheit haben, ob die Mitglieder auch dem Rufe folgen. Schubert: Die Interesse« und Temperamentlosigkeit des deutschen Arbeiters sind daran schuld, daß wir nicht weiter kommen. Sonst wäre das preußische Wahlrecht schon längst geändert. Wir müsien andere Erziehungsmethoden einschlagen, mehr Idealismus entfachen und uns nickit einlullen lasien. Hoffentlich wird der Partei- tag nicht mit einem Referat über diese Frage hinweggehen, zumal noch andere Positionen als das Wahlrecht dabei in Betracht kommen. Fuß: Der Worte sind genug gewechselt, lasien wir denn Taten sehen! Die ganze politische und gewerkschaftliche Situation drängt zum Massenstreik. Rüsten wir dazu l Weide: Wenn wir dem Proletariat ein Ziel geben und uns nicht mehr selbst bekämpfen, dann werden eine ganze Menge In- differcnter zu uns herüber kommen. Ein großer Teil der Massen ist verärgert und entmutigt über unsere schlappe Haltung. Wir müssen zur Offensive übergehen. Pett: Es werde niemand annehmen, daß wir jemals alle Arbeiter unter eine Fahne bringen werden. Darum ist es Pflicht, vor allem in unseren Reihen den Massenstreik zu propagieren. Wir lassen uns viel zu sehr leithammeln. Das hat großen Verdruß in der Menge ausgelöst. Weyer: Der Masienstreik ist in nächster Zeit nicht möglich. Wer in der Fabrik arbeitet, weiß, daß Leute, die sonst nicht den Mut haben, für sich selbst einzutreten, auch nicht für den Massenstreik zu haben sind. Vorläufig ist es also damit nichts. Der Massenstreik ist ein gutes KampfcSmittel, aber nur zur rechten Zeit. Nicht die Hälfte von zwei Millionen würde jetzt herausgehen. R e i m a n n: Wir müsien zeigen, daß wir mehr können als demonstrieren. Die Gewerkschaftsführer wollen bloß ihre gesicherte Position hochhalten. Wir haben nichts zu verlieren. Arndt: Wir hätten uns schon früher mit der Masienstreik- frage beschäftigen müssen. Wir sind an den Massenstreik schon ge- wohnt. So oft, wie wir ohne Arbeit sind! Und den Hunger kennen wir auch. Wir brauchen deshalb nicht 60 Jahre zu warten. Unsere Kinder müsien in unserem Sinne erzogen werden. U r i ch: Der politische Massenstreik hätte schon mehr propagiert werden müssen. Der Redner erklärt, wenn mal fünf Jahre nicht ge- heiratet und fünf Jahre keine Kinder in die Welt gesetzt würden, dann kämen wir in der Masienstreikfrage mit einem Schlage weiter. R a e b e l bedauert, daß Partei und Gewerkschaften leider doch nicht eins seien und nicht Hand in Hand arbeiten. Eichhorn konstatierte in seinem Schlußwort die fast völlige Einstimmigkeit in dieser Frage. Die Versammlung nahm eine Resolution an, welche die DiS« kussion über den Massenstreik als ein Aufklärungsmittel und den Massenstreik selbst als eine Waffe bezeichnet, die geeignet sei, uns dem Sozialismus näher zu bringen. Im großen Saal des PraterS hatte Genosse Liebknecht das Referat übernommen. Der Saal war stark besetzt. Nach Ansicht des Redners gibt es in der Partei heute über die Frage, ob ein Massenstreik auch zur Erringung von Rechten angewandt werden soll, keine Meinungsverschiedenheiten mehr. Die Frage ist nur noch, unter welchen Voraussetzungen der Massenstreit anzuwenden ist und ob derselbe jetzt oder in einer nahen Zukunft anwendbar ist. Der Redner will sich jetzt nur mit dem Massen st reik im Zusammenhang mit der preußischen Wahlrechtsfrage befassen, da diese im Brennpunkt der Debatte steht.— Nun ist von verschiedenen Seiten besonders auch in Hamburg der Meinung Ausdruck verliehen war- den, das preußische Wahlrecht lohne einen so schweren Kampf nicht. Der Meinung bin ich nicht. Jeder Parlamentarismus erhält Be-, deutung durch die Frage, welche Macht hinter den Abgeordneten steht. Die sechs Abgeordneten unserer Partei haben im Landtag eine große Rolle gespielt, weil hinter ihnen 4% Million Reichstagswähler stehen. Unsere Gegner sind sich trotz aller zur Schau ge- tragenen Gleichgültigkeit der Macht dieser Massen durchaus bewußt und wagen es aus diesem Grunde nicht, die Vertreter allzu sehr zu brüskieren. Die parlamentarische Betätigung ist durchaus nicht sinn- und zwecklos. Aber bei der Eroberung des allgemeinen Wahlrechts für Preußen steht mehr auf dem Spiel. Es ist aus- geschlossen, daß wir ein freies Wahlrecht ohne ernsten Kampf er- halten. Ein freies Wahlrecht werden wir erst haben, wenn die zetzt die Macht ausübende Kaste zu Boden geworfen ist. Der Wahl- rcchtskampf richtet sich in das Herz der preußischen Reaktion. Die Junkerreaktion ist eine aussterbende Kaste, sie besitzt keine Wirt- schaftlichen Machtmittel im Staate und würde, wenn sie einmal zu Boden geworfen, niemals wieder zur Herrschaft gelangen. Der Kampf um das preutzrsche Wahlrecht ist also eine Sache von hohem Wert. Heydebrand hat ganz recht, wenn er immer sagt: Es geht aufs ganze. Tatsächlich führen die Junker diesen Kampf auf Leben und Tod.— Das preußische Bürgertum führt den Kampf um ein freies Wahlrecht nicht mit dem nötigen Ernst. Außerdem will ein großer Teil das freie Wahlrecht, wie wir eS fordern, überhaupt nicht. Wir sind also allein auf das Proletariat angewiesen. Es wäre nun sinnlos, zu sagen, weil das preußische Wahlrecht den Einsatz lohnt, muß der Massenstreik gemacht werden. Redner bespricht nun in großen Zügen die verschiedenen Möglichkeiten, die für einen Kampf gegen die preußische Reaktion gegeben sind, und führt dann weiter aus: Alle Machtmittel müssen angewandt wer- den, um die Reaktion zu bezwingen. Ich sage nicht: entweder oder. Ich sage: sowohl als auch.. Die Massenversammlungen, die wir hatten, haben viel zur Aufklärung beigetragen. Jetzt haben sie alle Wirkung verloren. Die Strahendemonstrationen waren von un- geheurer Bedeutung. Diese Demonstrationen des Jahres 1910 gehören zu den glänzendsten Perioden der deutschen Sozialdemokratie. Aber auch Straßendemonstrationen verlieren an Wert, wenn sie nur noch Spaziergänge sind. Die Bedeutung der Demonstrationen lag in dem Kampf der Polizei gegen uns. Jetzt brauchen wir stär- kere Machtmittel. Unsere Geduld ist zu Ende. Es mutz endlich einmal ein großes Stück vorwärts gehen. Wir kämpfen lange genug. In der ganzen Partei hält man den Massenstreik für das ge- gebene Mittel, bezweifelt wird nur vielfach, ob der Zeitpunkt der richtige ist. In anderen Ländern hat der Massenstreik längst sein« Blut- und Feucrstaufe erhalten. Besonders das belgische Beispiel wird viel bei uns angezogen und allgemein hört man, waS Belgien kann, können wir auch.— Redner bespricht dann das Ergebnis des belgischen Kampfes und meint, wir Preußen könnten uns mit einem solchen Erfolg nicht zuftieden geben. Wir sind oft genug genarrt und gefoppt worden. Bei einem Massenstreik kann man ledoch nie wissen, ob er ohne Blutopfer verlaufen wird. In Belgien war der Streik von den Sympathien des Bürgertums getragen, womit wir hier nicht rechnen können.— Vielfach wird befürchtet, daß ein erfolgloser Massenstreik eine Niederlage bringen mutz. Ich sage: Es kann wohl sein, daß ein erfolgloser Masienstreik eine Niederlage bringt, es m u ß aber nicht sein. Es heißt immer, die Gewerkschaften sind nicht geneigt, einen Massenstreik zu führen. Die Massen wissen nichts von dieser Abneigung. Die Führer bremsen, aber wie ich ausdrücklich betonen will, mit Fug und Recht, so lange wie möglich. Die Führer handeln damit nicht gegen das Interesse der Arbeiterbewegung. Solange eS möglich ist, durch Bremsen die Massen zurückzuhalten, solange ist die Zeit noch nicht reif zum Massenstreik. Erst wenn alle bereit sind, dann ist die Zeit zum Massenstreik gekommen. Die Masienstreikfrage ist keine Frage des Radikalismus oder Revisionismus. Es ist auch falsch zu sagen, der Massenstreik muß die soziale Revolution sein. Der Massenstreik ist ein prinzipielles Kampfmittel wie die anderen und als solches durchaus friedlich. Ob sich revolutionäre Ereignisse im Heugabelsinne anschließen, ist eine durchaus offene Frage. Es schädigt die Propaganda, wenn man das immer behauptet. Heute ist diese Stimmung für den Massenstreik nicht vorhanden. Die Frage, wann sie kommen wird, können wir nicht beantworten. Es ist möglich, daß die Zeit schon im Winter bei der Eröffnung des Landtages gekommen ist, denn es ist nicht vorauszusagen, ob und eventuell was für eine Wahlrechtsvorlage die Regierung einbringen wird und welcher Impuls dadurch der Bewegung verliehen wird. Uysere Parole mutz sein: Bereit sein ist alles. In der Diskussion kam zuerst Genosse Schrodeck zu Wort. Er wisse nicht, wieso es so schwer sein solle, einen Massen- streik zu arrangieren. Die Arbeiter, die fortwährend auf der Straße liegen und wenn sie Arbeit haben, schikaniert werden, halten einen Massenstreik nicht für eine gefährliche Sache. Wir Arbeiter habe« nur zu gewinnen aber nichts zu verlieren. M a n e tz k e glaubt nicht, daß die Unorganisierte« für eine« Massenstreik zu haben sind und hält er darum eine» solchen vor» läuftg für undurchführbar. Halfter ist in der gegenwärtigen Zeit gegen einen Massen- streik, da augenblicklich, auf allen Gebieten der Arbeiterbewegung ein Mitgliederstillstand oder gar Rückgang zu verzeichnen ist. Weber ist mit den Ausführungen Liebknechts im allgemeinen einverstanden. Einen Massenstreik rönnen wir erst führen, wenn die Massen genügend revolutionäre Energie aufbringen. Redner zweifelt daran, daß die jetzige Zeit die geeignete ist. Ueberall macht sich eine große Lauheit bemerkbar. Bei den Landtagswahlen hätten sich viel mehr an der Wahl beteiligen müssen, wenn die Erregung wirklich so groß wäre. Man muß sich allerdings wundern, daß die Arbeiter immer noch Geduld haben. Ich glaube nicht an einen friedlichen Masienstreik. Wenn unsere Massen si> weit sind, in den allgemeinen Streik zu treten, dann geht es aufs Ganze und dann muß der Streik auch gewonnen werden oder wir zertrümmern alle unsere Organisationen. Ich fürchte das nicht und ich hoffe, daß Sie alle es nicht fürchten, aber ausgesprochen muß es werden. Be» kommen werden wir den Massenstreik, allerdings nicht wie Lieb- knecht meint, in diesem Winter. Die Christen und die Unorgani» sierten werden vorläufig nicht mitmachen und darum glaube ich, wird noch manches Jahr vergehen, bevor der Massenstreik kommft Böhm hält einen Masienstroik für durchaus möglich und hofft, daß die Konsumgenossenschaften die Arbeiter dann mit NahrungS- Mitteln versehen werden. Schmidt spricht sich gegen das Flaumachen durch die Führer aus. Der Massenstreik muß propagiert werden und nicht immer- fort auf die Gefahren hingewiesen werden. Dentzer ist der Meinung, daß wir bei einem Mass-nstr«k nicht auf die Unorganisierten zu warten brauchen. Die werde» von den Unternehmern ausgesperrt. Genossin Gauck verlangt, daß nicht immer erst gewartet wird, bis uns Rechte genommen werden. Es ist Zeit zum Angriff über- zugehen, und wenn es gelingt, die Unterstützungsfrage auf belgisch« Art zu regeln, dann werden die Frauen die dann ihre Kinder nicht hungern lassen müssen— mit Begeisterung dabei sein. In seinem Schlußwort beschäftigt sich L i e b k n e ch t noch kurz mit den Diskussionsrednern und schließt seine Ausführungen UUt einem begeisterte« Appell für de« Magen streik. Avs deu Kenihten der Keaustragtell der Serufs- gtllossenschaft der chemlslheu Industrie Dentschlands 1913. Die Beauftragten der Berufsgenosserrschaften haben die Auf- gäbe, die ihnen angeschlossenen Betriebe daraufhin zu kontrollieren, daß die zur Sicherheit der Betriebe und zum Schutze der in ihnen beschäftigten Arbeiter und Angestellten von der Bcoufsgenossenschaft erlassenen Bestimmungen befolgt werden und die angeordneten Schutzvorkehrungen vorhanden sind und benutzt werden. Sie sollen dabei möglichst im Einvernehmen mit den staatlichen Gewerbeaus- sichlsbeamten stehen, sind aber nicht von diesen abhängig. Sie haben auch die vorgekommenen Unfälle, ihre Ursachen und Folgen proto- kollarisch festzustellen und die Beseitigung der die Unfälle verur» fachenden Uebelstände sowie die zur Berhütung derselben nötigen Maßnahmen bei den betreffenden Betriebsinhabern zu beantragen, dem Genossenschaftsvorstande Anzeige davon zu machen und über die vorgekommenen Unfälle und den bei ihren Revisionen befundenen Austand der Betriebe einen Jahresbericht zu erstatten. Diese Be- auftragten werden von den Vorständen der Berufsgenossenschasten angestellt und können eventuell von diesen entlassen werden, stehen also in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnisse zu denselben, durch die ihrer Tätigkeit eine ähnliche Beschränkung auferlegt ist wie den Betriebskrankenkassenärzten. Allerdings ist der Standpunkt der Genossenschastsvorstände doch meist nicht so eng wie der der einzelnen Betriebsleitungen. Daß die Zahl dieser Beauftragten ebenso wie die der staatlichen Gewerbeaufsichtsbeamten für ihre Aufgabe viel zu klein ist, ergibt sich schon daraus, daß im Jahre 1912 in 1617 Tagen von 11 Beauftragten nur ölXV von 9058 vorhandenen Betrieben revidiert werden konnten, also nur bö,3 Proz. Die Zahl der den Berufsgenossenschaften gemeldeten Unfälle war 1911: 13 993, 1912: 14 578; zur erstmaligen Entschädigung kamen 1911: 1813, 1912: 1893 Unfälle. Dies« Angaben lassen vor- läusig nur erkennen, daß sowohl die gemeldeten wie die zur Eni- schädigung gelangten Unfälle gegen 1911 zugenommen haben; aller- dings ist dabei die Zahl der im Jahre 1912 beschäftigt gewesenen Zlrbeiter nicht berücksichtigt, da über diese noch nicht vollständige Angaben vorlagen. 1911 hatten eine Reihe schwerer Unfälle in einigen Betrieben der Berufsgenossenschaft den Vorstand zur Ergänzung und Ber- besserung der Nnfallverhütnngsvorschriften veranlaßt. Diese sind am 1. Januar 1912 in Kraft getreten. Namentlich betrafen sie die Borschriften über den Fahrswhlverschluß und-betrieb, die Vor- schriften zum Schutze gegen gefährliche Gase und Dämpfe, die bei Vergrößerung der Betriebe eine dieser Vergrößerung entsprechende Vervollständigung der Rettungsmaßregcln und-einrichtungen ver- langten: ferner eine entsprechende Vermehrung der Sauerstoff- apparate, die bei Erstickungsgesahr angewendet werden, die Maß- nahmen zur gefahrlosen Durchleitung elektrisch leicht erregbarer Flüssigkeiten wie Benzin, die Schutzgeländer und Abstände von Schwungrädern und Wellen an Kraftmaschinen, die automatischen Ausrückvorrichtungen an ArbeitSmaschinen wie Gummiwalzwerken, Scifenpvessen usw., an Aufzugsvorrichtungen, Winden und Hebe- werken, die oft noch alte, unzweckmäßige Konstruktion zeigen. Aber obwohl für die Durchführung dieser notwendigen An- schaffungen und Verbesserungen eine große Zahl von Dispensen und Fristverlängerungen gewährt wurden,, um jede Härte dabei möglichst zu vermeiden, so war nach dem bestimmten Urteil der Beauftragten die Zahl derjenigen Betriebe, die zu keiner Erinne- rung Anlaß gaben, in diesem Jahre eine sehr kleine. Auch die Sicherheitsventile an Dampffässern und Druckapparaten wurden in diesem Jahre mehrfach beschwert gefunden. Dadurch ereignete sich u. a. ein Todesfall durch Explosion einer kleinen achtpferdigen Dampfturbine zum Antrieb eines Exhaustors. In einer Gelatine- fabrik hatte sich der Treibriemen gelockert und war abgefallen, und durch die dadurch freigcwordene Zentrifugalkraft wurde die Maschine und das Gebäude zertrümmert und ein Arbeiter getötet. Auf ein im Verkchrsbereich ohne Schutzwehr laufendes Wellenvad einer Kraftübertragung wurde ein junger Arbeiter gewickelt und getötet,, obwohl durch di« Unfallverhütungsvorschriften ausdrücklich ange- ordnet ist, daß an jedem Wellenrad, das im Verkehrsbereich läuft, eine Schutzwehr angebracht fein muß. Viele Maschinen wurden noch ohne Abstellvorrichtungen gefunden, ebenso viele Aufzüge, Winden, Transmissionen, Windenz iig« und Filterpressen. Eine ganze Reihe von Unfällen kamen daher auch in diesem Jahre an in Gummi- fabriken, an Zelluloidschneidemaschinen beschäftigten, namentlich jungen und weiblichen Arbeitern vor. An Kreissägen kamen Un- fälle vor, weil die Schutzhauben nicht benutzt wurden, und an den Seifenschneidemaschinen, weil die Sicherung am Ausrücker fehlte. Die Benutzung solcher mangelhaften Maschinen sollte im Jnter- esse der dadurch gefährdeten Arbeiter heut gar nicht mehr zugelassen weichen, seitdem man sie heut mit besseren Sicherheitseinrichtungen herstellt. Tie Arbeitgeber, die noch mit alten, ungeschützten Ma- schinen arbeiten lassen, sollten für den dadurch entstandenen Schaden persönlich haftbar gemacht werden. Der Bericht macht hierbei mit Recht auf die ständige Ausstellung im Museum für Arbeitevwohl- fahrt in der Frauenhofer Straße in Charlottenburg aufmerksgm, wo für die verschiedensten Zwecke eine Anzahl gesicherter Maschinen usw. aufgestellt und zum Teil im Betriebe sind, wie Misch-, Knet-, Walz-, Hack-, Schneide-, Bohr-, Preßmaschinen usw. Auch durch das Tragen ungeeigneter Kleidung und Haartour sind mehrfach Unfälle vorgekommen; sie sollten daher nicht mehr geduldet werden. Durch das Vernachlässigen und Beschmutzen unbedeutender Ver- letzungen sind Blutvergiftungen und schwere Erkrankungen«inge- treten. Es wird daher mit Recht daraus aufmerksam gemacht, daß auch sie bald in ärztliche Behandlung gebracht werden. Manche neu eingestellten Arbeiter wären nicht in schrecklicher Weis« ums Leben gekommen oder zeitlebens zum Krüppel geworden, wenn sie über ihre Arbeit genauer informiert worden wären und wenn bei der Arbeit eine bessere Beaufsichtigung stattgefunden hätte, da viele Unfälle in letzter Linie auf Unkenntnis der Gefahr und falsche Behandlung zurückzuführen sind. Daher die zahlreichen schwereren, vielfach tödlichen Unfälle an Motoren, Transmissionen, Mahlgängen und Hebemaschinen, die zahlreichen Verletzungen und Verbrennungen durch Säuren, Laugen, durch Verbrühungen, Er- stickungen, Vergiftungen usw., die wir leider hier nicht alle be- sprechen können, wir müßten sonst eine umfangreiche Broschüre schreiben. Hervorgehoben seien nur die Unfälle in der Sprengstoff- »ndustrie. Die Zahl der in der Sprengstossindustrie verunglückten Männer und Frauen ist verhältnismäßig vielleicht nicht viel größer als in den übrigen Betrieben dies«r Berufsgenossenschaft, aber sie sind in dieser wesentlich schwerer und tödlicher. In allen Betrieben der chemischen Industrie, mit Ausnahme der Sprcngstoffindustrie, kamen im Jahre 1911 13 898 und im Jahre 1912 14 432 Unfälle zur An- Meldung; davon wurden für entschädigungspflichtig erklärt: 1911 1774— 12,76 Proz. und 1912 1834— 12,70 Proz.; von den für ent- schädigungspflichtig erklärten Unfällen verliefen tödlich: 1911 122— 6,87 Proz. und 1912 III= 6 Proz. In der Sprengstoff- industri« allein kamen 1911 95 und 1912 146 Unfälle zu Anmeldung, davon wurden für entschädigungspflichtig erklärt: 1911 44— 46,3 Proz. und 1912 59= 40,4 Proz.; von diesen verliefen tödlich 1911 29- 65,9 Proz. und 1912 23 � 39,0 Proz. Die Zahlen der männlichen und der weiblichen und die der jugendlichen verunglückten Arbeiter sind leider in den Berichten der Beauftragten nicht getrennt angegeben; aber schon Wörrishöfer hat vor mehr als 20 Jahren darauf hingewiesen, daß Verhältnis. mäßig die meisten weiblichen und jugendlichen Arbeiter in der Sprengstoffindustrie beim Anfertigen von Zündhütchen, Patronen usw. zu finden sind. In seiner Monographie der Fabrikarbeiter Mannheims schreibt er:„Es ist geradezu verblüffend, daß diese gefahrvollen und gesundheitsschädlichen Arbeiten, bei denen so oft Verletzungen vorkommen, zu acht Neunteln von weiblichen Per. sonrn ausgeführt werden. In den Sprengstoffabriken Badens be- tragen bei den Arbeitern unter 20 Jahren die weiblichen 96 Proz. und b«i den über 20 Jahrer 70 Proz." Nun sind ja. seitdem Wörrishöfer das geschrieben hat, über 20 Jahre verflossen: in den Berhälwissen mag sich manches geändert habe«, aber auch heut»och werden in Spandau und in Baden zahlreich junge Mädchen mit der gefährlichen Anfertigung von Zündhütchen, Patronen und ähnlichen Dingen beschäftigt. Der Bericht teilt nur einen Vorfall bei dieser Beschäftigung mit:.7 Kilogramm Gelatinedynamit kamen zur Explosion. Zwei Mädchen wurden dabei in einer Patronenhütt« zerrissen. Die betreffende Holzbude wurde zersplittert, während die Fernwiikung unerheblich war. An den nächsten Patroncnhütten wurden die Fensterscheiben zertrümmert und die Bretterwände durch die Saugwirkung herausgerissen. Daß di« Mädchen während des Patronicrens verbotwidrig an der Maschine hantiert oder geklopft hätten, scheint ausgeschlossen. Bon Interesse war der Umstand, daß am Tage vorher Jahrmarkt war. Vielleicht haben sich die Mädchen da etwas Billiges gekauft, wie unechte Schmuckringe oder Perl- mutterlnöpfe, und haben sie getragen. Durch Reibung eines solchen Ringe- oder Knopfes an der Wandung der Maschine kann dann eine Explosion verursacht lein. Die Mädchen waren ja nicht daran aufmerksam gemacht worden, solche Schmuckgegenstände nicht an- zulegen oder vorher abzulegen. Auch sonst sind den Zündhütcben- laderinnen noch weitere Vorsichtsmaßregeln nötig, so beim Ein- bringen und Herausnehmen der zu ladenden Zündhütchen unter die Glocke, wobei im Jahre 1912 auch eine Laderin getötet wurde. Aber auch Leute, die die Gefährlichkeit verstehen sollten, ver- fahren unglaublich leichtsinnig und fahrlässig. Seit länger als 20 Jahren ist es bekannt, daß sogenannte Chlorate, Sätze von Kaliumchlorat mit rotem Phosphor oder pulverisiertem Aluminium höchst explosiv sind und nur durch behutsames Mischen der trockenen Pulver mittels einer weichen Federsaser hergestellt werden dürfen. Ein Chemiker aber, ein Mann also, der es wissen sollte, wollte ein« solche Mischung durch Verreiben in einer Reibschale herstellen lassen. Hierbei kam die Mischung natürlich zur Explosion, und der be- treffende Arbeiter erlitt so schwere Verletzungen, daß er an ihnen staÄ. Der gleichzeitig im Laboratorium anwesende Chemiker kam mit einer leichten Kopfwunde davon. In einer Sprengstoffabrik war ein Mischsäurebruckkessel (Mischsäure ist ein« Mischung von konzentrierter Salpeter- und Schwefelsäure) an der Nietnaht der Stirnwand in geringem Maße undicht geworden. Da�veranlatzte der Betriebsingemeur einen Schlosser, die undichte Stelle zu verstemmen, während der Kessel unter dem vollen Druck von 8 Atmosphären stand. Durch die Schläge auf die Wand platzte di« ganze Stirnwand heraus und traf den Schlosser so schwer, daß er sofort tot war. Aber auch der danebenstehende Ingenieur wurde durch die ihn in großer Menge überschüttende Mischsäure so schwer verbrannt, daß auch er nach einigen Stunden i«inen geradezu frevelhaften Leichtsinn mit dem Tode büßen mutzte. Bei der Explosion einer Fabrik von Trinitrotoluol(auch ein Sprengstoff) wurden von 3 Arbeitern 4, die in dem Räume an- wesend waren, getötet, ohne daß festgestellt werden konnte, was die Ursache der Explosion gewesen ist, weil die dabei beschäftigten vier Arbeiter sämtlich getötet wurden. In einer anderen Sprengstoff- fabrik wurde das Nitrieren von Schießbaumwolle unter so unge- nügenden Schutzvorrichtungen vorgenommen, daß eine Entzündung eintreten mußte und ein Arbeiter dabei ums Loben kam. Solche Vorkommnisse dürften dartun, daß auch in diesen Be- trieben, ebenso wie in Bergwerken, sachverständig« und unabhängig« Vertrauenspersonen der Arbeiter an der Kontrolle der Betriebe teilnehmen sollten. Mus der Partei. Aus den Organisationen. Stuttgart, 13. August.(Privattelegramm des.Vor- w ä r t s Eine Parteiversammlung nahm am Dienstagabend Stellung zum Parteitag in Jena. Der Referent, Genosse Crispien, übte scharfe Kritik an der Reichstags- f r a k t i o n. Die Diskussion verlief in zustimmendem Sinne; ein Beschlutz wurde aber nicht gefaßt. In einer Resolution betreffend da? Delegationsrecht zur Landesversammlung wird die Einberufung einer außerordentlichen Landesversammlung verlangt und der Wunsch nach einer moralischen Unterstützung durch Parteivorstand und Parteitag ausgedrückt. Der Sozialdemokratische Verein zu Magde- bürg nahm am Montagabend in einer außerordentlichen General- Versammlung Stellung zur Tagesordnung des Parteitages. Der Referent, Parteisekretär Holzapfel, ging u. a. näher auf den Massen st reik ein. Die Zustimmung der Reichstags- sraktion zu dem Wehrbeitrag und der Besitzsteuer könne man nur begrüßen; erfreulich sei, daß die drei in Magde- bürg vorhandenen Reichstagsabgeordneten(Brandes, Haupt und LandSberg) zur Mehrheit in der Fraktion gehört hätten. Di: Per- sammlung nahm mit 134 gegen 109 Stimmen einen Antrag an, der anerkennt, daß die Zustinnnung der Reichstagsfraktion zu den Be- sitzsteuern nicht im Widerspruch zum Parteipro- g r a m m stehe, sondern den Beschlüssen der Internationalen Kon- gresse und den Interessen des arbeitenden Volkes entspricht. In der ausgedehnten Diskussion wandten sich u. a. die Genossen Brandes und Haupt gegen den Antrag, weil er überflüssig sei und außerdem eine gründliche Erörterung der Steuerfrage auf dem Parteitag in Aussicht stehe. Die Generalversmnmlung lehnte ferner einen Antrag ab, der.Parteitag möge beschließen, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und ihrer Folgen auf die Tagesordnung des Parteitages zu setzen", weil die Tagesordnung schon genug belastet sei; dagegen wurde beschlossen,„zur Be- känipfung der Arbeitslosigkeit und ihrer Folgen möge der Partei- tag beschließen, eine nachhaltige Massenbewegung zugunsten der Einführung der Arbeitslosenversicherung durch das Reich ein- zuleiten". Abgelehnt wurde ein Antrag, beim nächsten Jnternatio- nalen Kongreß zu beantragen, die Maifeier aus den ersten Sonntag im Mai zu verlegen; Annahme fand dagegen ein Antrag, Mairefercntcn in Zukunft nicht mehr zu entschädigen, abgesehen von der Erstattung des Fahrgeldes, sowie ein Antrag, die Aufnahme von„Schwindclinseraten" in den.Wahren Jacob" zu verhindern. Der Sozialdemokratische Verein des Kreises Essen beschäftigte sich am Sonntag mit der Stellung der Fraktion zu den Wehr- und Deckungsvorlagen. Der Referent, Genosse L i m b e r tz, verurteilte die Zustimmung der Fraktion zum Wehr- beitrag und zu den Besitzstcuern. Eine Reichstagsauflösung sei nicht zu befürchten gewesen, wie der Fraktionsbericht des Zcn- trums, Auslassungen der„Kölnischen Volkszeitung", des Zentrums- abgeordneten Marx das deutlich erkennen ließen. Aber selbst wenn diese Möglichkeit vorlag, durfte sie auf die Haltung der Fraktion nicht eiirwirken.— Der allein in Betracht kommende Ausnahme- fall, daß wir Steuern für volksfeindliche Zwecke, welch letztere wir nicht verhindern können, bewilligen, wenn bei Ablehnung noch schlechtere Steuern drohten, habe sicherlich beim Wchrbeitrag nicht vorgelegen. Auch bei den Besitzsteuern sei nicht nachgewiesen, daß die Gefahr schlechterer Steuern bestanden habe. Es sei schon be- denklich, wenn eine Abstimmung durch eine Erklärung motiviert werden müsse, falsch sei aber der Schluß der Fraktionserklärung, daß Besitzsteuern da? Interesse der Besitzenden für den Kapitalis- mus abkühle. Zum Massenstreik vertrat der Referent die Auffassung, daß die Idee propagiert werden müsse. Alle acht Diskussionsredner traten der Auffassung des Referenten bei. Ein Genosse meinte, Genosse Dr. Frank habe die Massenstreikfrage aufgerollt, um die Aufmerksamkeit der Genossen von der Steuerfrage abzulenken. Von einer Beschlußfassung wurde abgesehen. Personalien. Die Leitung des Feuilletonteiles der, D r e S- dener Volkszeitung' hat Genosse Otto König, der bisher in Wien vornehmlich als Mitarbeiter der Wiener.Arbeiter- zeitung" tätig war, übernomme». IlloUreiUcbes, ßerichtlidiea uTw, Keine Meldepflicht der Ortsvcrcine. D i e Ortsvereine der Kreis wahlvereine sind nicht meldepflichtig. Dieses Urteil, das der 19. hau« noversche Wahlkreis durch Nichtanmeldung der Vorstands- Mitglieder von Altenbruch herbeiführte, wird auch für andere Wahlkreise von großer Wichtigkeit sein. Das dortige Schöffengericht hatte einen Strafbesehl wegen Nichtanmeldung bestätigt, weil nach dem früher eingerichteten Ortsstatut ein selbständiger Verein im Sinne des Gesetzes vorhanden fei. Dann sei früher auch der Vor- stand angcmelder worden, die Anmeldung von dessen Veränderung am 16. März aber habe man unterlassen.— In der Verhandlung vor der Fcrienstrafkammer in Stade hob der Kreisvorsitzende Ge- nosse Brandes aus Geestemünde hervor, daß die Orts» vereine allerdings selbständige Vereine gewesen seien. In einer Kreisgeneralversammlung sei ein Statut beschlossen worden und mit diesem trat eine Einschränkung der Rechte der Ortsvereine ein. Diese könnten jetzt keinerlei selbständige Hand- lungen vornehmen, besonders in bezug auf Kassengeschäfte und An- schaffung des Materials. Die Bestätigung der Vorstandswahlen und der Vorschläge für Gemeindevcrtreter müßte vom Kreisvorstand geschehen. Bei Ablehnung müßten Neuwahlen stattsinden. Der Vorstand bestände aus dem Vorsitzenden, dem Kassierer, dem Schrift- führer und einer Genossin im Vorort, augenblicklich Geeste- münde, und je einem Genossen aus den Orten Wulstorf, Schiffs- darf, Geestemünde, Bremerhaven und Lehe. Frühere Statuten seien jetzt ungültig. Zur Anmeldung der Auflösung seien sie nach dem Gesetz nickt verpflichtet. Nur wenn die Tätigkeit des Ortsvereins eine örtlich beschränkte sei, könne man von einem selbständigen Verein sprechen. Nach einer kurzen Beratung wurde das Schöffen- gerichtsurteil aufgehoben und die Angeklagten, Genossen Nickel und Rüther, freigesprochen. Da kein selbständiger Verein im Sinne des Gesetzes vorläge, wären sie auch nicht zur Anmeldung verpflichtet gewesen.__ Soziales* Die alten Bergleute. Der älteste Veteran des 409 949 Mitglieder zählenden All- gemeinen Knappschaftsvereins ist im Jahre 1817 geboren und bezieht als Mitglied der Beamtenklasse für 2244- Dienstwochen 810 M. Rente; der älteste Invalide der Arbeiterabteilung ist 1319 geboren und erhält für 1408 Dienstwochen 330 M. Rente. Diese alten Veteranen werden von der Unternehmerpresse mit Behagen zum Be- weise dafür ins Feld geführt, daß der Bergbau doch nicht so .männermordend" sti, wie eS von sozialdemokratischer Seite immer hingestellt werde. Daß es sich um vereinzelte Personen handelt, die durch eine selten rüstige Körperkonstitution und durch mancherlei andere Um- stände auch als Bergmann über das Patriarchenaller hinauskamen, ist selbstverständlich. Maßgebend für die Beurteilung, ob der Bergbau in der Tat männerm'ordend ist, ist nachfolgender Vergleich: Bei der Beamten- klaffe stellt mit 1492 Invaliden das Geburtsjahr 134 2 68 Renten« bezieher. Diese Zahl steigt fast gleichmäßig bis zum Jahr« 1842 und fällt fast gleichmäßig bis zum Jahre 1884. Bei den Arbeiter- invaliden stellt das Geburtsjahr 1857 von 32 748 Versicherten schon mit 1239 die Höchstzahl. Also 13 Jahre verschiebt sich die Höchst» ziffer zugunsten der Beamten. Auffallend hoch ist die Jnvalidisierung der Arbeiter in den besten Lebensjahren. Die Höchstziffer stellt schon das 47, Lebensjahr, aber das 33. und 33. Lebensjahr hat auch schon erschrecklich viel Invaliden aufzuweisen. Das JnvalidifierungSalter der Bergleute sink überhaupt von Jahr zu Jahr; es sink mit der stetig zunehmenden Antreiberei und mit den bei der größeren Ties« der Schächte zunehmenden gesundheitlichen Gefahren. Welche Un- summen von nicht zu ersetzender Volkskrast hier sinnlos vergeudet werden I Müßte da nicht die Regierung mit einer durchgreifende» Reform des Berggesetzes, wodurch die Arbeitszeit verkürzt, das wild« Ueberschichtwesen wirksam eingeschränkt würde, endlich eingreifen? Wer liefert de» Nachwuchs? Bei den anmaßenden Forderungen der Junker kehrt immer die Behauptung wieder, die eigentliche Landbevölkerung liefere in weit überragendem Maße den Nachwuchs. Schon aus diesem Grunde muffe— das Junkertum bevorzugt, mit Liebesgaben gespickt werden. Darauf läuft ja schließlich jede Forderung auf eine sogenannte Be- günstigung der Landwirtschaft hinaus. Daß ein noch stärkerer Fett- ansatz bei den Junkern die allgemeine Fruchtbarkeit auf dem Lande steigern würde, darf man selbst bei der größten Achtung vor der Leistungsfähigkeit und dem Opferwillen unserer Edelsten doch wohl zu bezweifeln wagen. Wie steht's in Wirklichkeit mit dem Anteil der Landbevölkerung an der Bevölkerungszunahme? Die Ergebniffe der Berufszählungen verweisen die Behauptungen der Agrarier, daß das Land vorwiegend den Nachwuchs liefere, in das Reich der Fabeln. Die Ergebnisse zeigen nämlich eine sehr starke Zunahme der der« heirateten Lohnarbeiter in der Industrie sowie in Handel ohne Ver« käufer, dagegen eine Abnahme der Verheirateten in Landwirtschaft und Forstwirtschaft sowie bei Dienst- boten und den Lohnarbeitern wechselnder Art. Ein Vergleich nach dieser Richtung liefert aus den beiden letzten Zählungen das folgende interessante Bild. Es wurden verheiratete männliche Lohnarbeiter gezählt: 1895 1907 Zunahm« Industrie...... 2 238 212 8 482 367 1 244 156 Handel ohne Verkäufer. 395 443 653 417 257 975 Freie Berufe..... 77 639 86 668 9 029 zus. Zunahme.. 2 721 294 4 222 452 I Sil lS» Abnahme Land- und Forstwirtschaft 990 597 802 71» 187 884 Häusliche Dienste, Lohn« arbeit wechselnder Art und persönliche Dienste 134 062 06 261 88 700 zus. Abnahme.. 1 124 649 897974 226 675' Der Zunahme der Verheirateten in Industrie und Handel um IV, Millionen steht eine Abnahme um etwa y» Million in den übrigen Berufsgruppen gegenüber. Eine erhebliche Zunahme weist noch die Gruppe der Angestellten auf. Von 442 208 im Jahre 1895 stieg ihre Zahl auf 855 502 im Jahre 1907. Die Zunahme ergibt mit 413 204 fast 100 Proz. Die Land- und Forstwirtschast ist an dieser Zunahme nur sehr wenig beteiligt. Die Zahl der verheirateten Selbsiständigeu ist überhaupt nur um 142 866 gestiegen. Die starke Beteiligung von Industrie und Handel und ihre wachsende Bedeutung in bezug auf die Verheirateten tritt in den herausgestellten Zahlen sehr deutlich in die Erscheinung. Besonders bemerkenswert ist die Abnahme der verheirateten land- und forst- wirtschaftlichen Arbeiter sowie des Dienstpersonals. Die vielen, in verschwenderischer Fülle den Junkern geschenkten Liebesgaben sollten doch, nach oft gehörter Zusicherung, vornehmlich dazu dienen, die oziale Lage des Landproletariats zu verbessern. Wäre das ge- chehen, dann würde sich solche Ehcunlust unter den ländlichen Pro« letariern nicht bemerkbar machen. Die dargestellte Entwickelung läßt darauf schließen, daß viele Leute vom Lande abwandern, weil sie hier nicht die Grundlage für einen eigenen Hausstand finden können. Um sich verheiraten zu können, ziehen sie in die Stadt. Die Volks- ausbeutende Zoll- und Lebensmittelwuiberpolitik hatte eine wahnsinnige Steigerung der Güter und der Pachten, nicht aber eine ent- sprechende Hebung der wirtschaftlichen Lage der Landprolctacier im Gefolge. Die sogenannte nationale Wirtschaftspolitik hat anstatt die Landflucht zu hemmen, sie eher noch gefördert. Die agrarische Wirtschaftspolitik erweist sich in jeder Beziehung als ein Nachteil für das Volk._ Gefängnisarbeit. Seit 40 Jahren verlangt die Sozialdemokratie, daß die G« fängnisarbeit als SchmutzkonkurrenH gegen Handwerker»od Are beitcr aufhören und durch Arbeiten für Gemeinde- und Staats- betriebe mit angemessenen Löhnen ersetzt werde. Ihre dahin ge- richteten Anträge— der Arbeitcrschutzgesetzentwurs von 1877 und alle folgenden Arbeiterschutzgesetzeirtmürfe enthalten dahin zielende Forderungen, desgleichen ein zum Zolltarifgesetz gestellter Antrag — wurden abgelehnt. Die Handwerker wurden vertröstet und ließen sich weiter gegen die Sozialdemokratie hetzen. Versprochen wurde ihnen freilich alles mögliche. Die Erregung darüber, daß Versprechen und Halten zweierlei ist, hat die Handwerker jetzt in gerechtfertigte Erregung versetzt. Sie wollen aus dem deutschen Innungs- und Handwerkertag, der Ende August in Braunschweig tagen soll, abermals ihrem Unmut Luft machen. Tatsächlich wird die Arbeitskrast der Strafgefangenen zu Schundlohnen verdungen. Die Strafgefangenen werden mit Ar- beiten� aller Art, wie Anfertigung von Möbeln zu Wohn- und Gastwirtszwccken, Strümpfen, Peitschen, Patentvcrschlüssen von Flaschen, Tütenkleben, Spielsachen aus Blech, Mattenflechten, Sortieren von Federn zum Damenputz usw. beschäftigt. Den Straf- gefangenen wird eine kleine Vergütung für die vorgeschriebene ge- leistete Arbeitsmenge übertviesen. Wie hoch stellt sich nun aber diese Vergütung, wird der Leser neugierig fragen? Ein mit der Anfertigung von Tüten beschäftigter Gefangener erhält für die vorgeschriebene Arbeitsleistung etwa 1300 bezw. 1600 Tüten IL Pf. Für das Flechten von 60 Meter Rohr zu Matten erhält er 10 Pf. und für die Anfertigung von 6000 Reißnägeln den Bc- trag von 15 Pf. Für die Anfertigung von 20 000 Briefumschlägen, die von 3 Gefangneen mit Maschinen ausgeführt loerden, werden Pf. gezahlt. Für das Legen von 40 Dützens Paar Strümpfen werden 6 Pf. vergütet. Die in den Waschanstalten tätigen Ge- fangenen erhalten einer tägliche Vergütung von 20 Pf.. Daß dem freien Handwerker und Arbeiter eine nur allzufühlbare Gegner- schaft durch die Beschäftigung der Gefangenen entstanden ist, ist im Hinblick auf die nach Abzug der nur geringen Unterhaltskosten der Strafgefangenen gewährten Vergütung nicht von der Hand zu weisen. Die Handwerker wünschen, wenn man die Gefangenen mit Arbeiten beschäftigen will, so soll die Justizverwaltung von den Interessenten, die Arbeiten in Gefängnissen ausführen lassen, höhere Beträge für die von Gefangenen geleisteten Arbeiten ein- fordern. Nur so könne der freie Handwerker und Arbeiter vor feinem Untergang geschützt werden. Die erhöhten Beträge für die gelieferten� Arbeiten sollen bei verheirateten Strafgefangenen zum Unterhalt der Familie, die jetzt zum Teil der Ortsbehörde zur Last fällt, verwendet werden und bei ledigen Strafgefangenen zur Deckung der Prozeßkosten eventuell zum Unterhalt der Angehörigen, wenn diese durch die Strafverbüßung Schaden erleiden. Die Handwerker sollten mit dahin wirken, daß die alte sozial- demokratische Forderung Wirklichkeit wird. Sie sollen auf Zahlung angemessener Löhne dringen, dann wären sie die Schmutzkonkurrenz bald los,_ Bmfkarten der Kedahtio«. St. E. 14. 1. und 2. Wartezeit ist abgelaufen, aber Eheverbot besteht. Der Antrag auf Befreiung vom'Eheverbot ist an den Justizminister zu richten.— A. K. 05. 1. Die Firma ist dazu berechtigt. 2. Ohne Einsichtnahme in den Lcihoertrag nicht zu beurteilen.— A. 2. 12. 1. Nur nach den österreichischen Gesetzen. 2. Die Frau kann Klage bei dem für den Wohnfitz des Mannes zuständigen Landgericht erheben.— Raabe 35. 1200 Beitragsmarken.— G. G. 85. 1. Sie bleiben bis zum Ablauf des Vertrages an letzteren gebunden. 2. Der Ersleber des Grundstücks ist. soscrn er letzteres im Wege der Subhastation erworben hat, berechtigt, den Mietsvcrtrag zu dem nächsten gesetzlichen Kündigungstermin aufzukündigen._ ßnefhaften der Expedition. Patienten in Beelitz, Bnch und anderen Heilstätten. Diejenigen unserer Abonnenten, die noch während des ganzen nächsten Monats in der Heilstätte bleiben, wollen ihrem bisherigen Spediteur wegen der Ueberweisnng von Frei- excmplaren sofort ihre Adresse einsenden, da bei verspäteter Bestellung die ersten Nummern des neuen Monats von der Post nicht geliefert werden. Alle Adressen müssen jeden Monat neu eingesandt werden. Verkaufe. PsandleihhauS Hermamiplab 6. Spottbilliger Vettellverlaus. Wäschc- verkaus. Gardinenverkaus. Tcppich- verkauf. Goldwarenlager. 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August, abends Uhr, bei Boeker, Webcrstr. 17: Kombinierte Versammlung der Oris»tr»i>lt«»z rniii(iiiitioBkoxHil'iiii. Tagesordnung: 1. Unser Vertrag. 2. Diskussion. Achtung! Bodenleger. Achtung! Freitag, de» 15. August 1913, abends Uhr: Mitglieder-Versammlung im Gewerkschaftshaus, Engclufer 15, Saal 5. Tagesordnung: 1. Die gegenwärtige Lage in unserer Branche.— 2. Branchen- angelegenheilen.— 3. Verschiedenes. Die Bibliothek ist wieder eröffnet, es wird um rege Benutzung ersucht. IHe Ortsverwaltnng. Branche der Möbelpolierer. Sonnabend, den Ä3. August 1913: Großes Sommervergnügen bei Boeker, Wcberstr. 17 bestehend aus Konzert, Theater, Spezialitäten und Kall. Eröffnung 7 Uhr. Anfang 8 Uhr. Billetts inkl. 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Jahrgang. 2.§tilU i>cs.loriiinrlü" Srrliiitt DoIIiüMüII Donnerstag. 14. August 1913. 6e werk rcbaft liebes. Berlin und Umgegend. Lohnbewegung der Mützenmacher. Der Bericht in Nr. 207 des„Vorwärts" über die Bersaminlung dom 1l. d. M. enthält insofern eine Unrichtigkeit, daß es um Forderungen der Arbeiter, Arbeilerinnen und Zwischenmeister sich handeln soll. Es handelt sich aber nur um Forderungen der selb- ständigen Mützenmacher, die sie an die Fabrikanten gestellt haben. Da aber auf Grund eines zum 1. Januar d. I. abgeschlossenen Kartellvertrages zwischen dem Deutschen Kürschnerverband und dem Verein selbständiger Kürschner und Mützenmacher die Berliner Filiale mit dem Verein der Mützenmacher einen Tarifvertrag abschloß, der am 3. April in Kraft trat, so ist nach diesem Vertrage der Verband verpflichtet, jede Lohnbewegung der Hausindustricllcn zu unter- stützen. Zum Schluß muß es deshalb auch heißen, daß die Ver- Handlungen der Zwischenmeister unter Kontrolle des Vorstandes des Vereins der selbständigen Mützenmacher stattfinden sollen. Deutscher Kürschner-Verband(Ortsverwallung Berlin). veuvlckes Reich. Zur Werftarbeiterbewegung. Der Unternehmerarbeirsnachweis in Hamburg hat nunmehr die Vermittelung wieder aufgenommen. Die Werftarbeiter aber, denen es auf eine geschlossene Arbeitsaufnahme ankommt, meiden vorläufig den Arbeitsnachweis. Einzelne Meister von den Werften bemühen sich, Arbeiter heranzuziehen, haben damit aber bisher wenig Glück gehabt. Kleine Streilbrecherkolonnen, die recht heruntergekommen aussehen und»eilweise barfuß auf den Werften herumlaufen, machen den organisierten Werftarbeitern keine Sorge. Wie verlautet, warten die Christlichen die allgemeine Arbeitsaufnahme nicht ab, sondern wollen sofort die Arbeit wieder aufnehmen. Die Stettiner Werftarbeiter nahmen in vier Versammlungen Stellung zu den Beschlüssen der außerordentlichen Generalversamm- luug des Metallarbeiterverbandes. Mit 225(1 gegen 672 Stimmen <84 Stimmen waren ungültig) wurde die Wiederaufnahme der Arbeit beschlossen. Die Streiktontrolle soll vorläufig weiter aufrechterhalten werden. Die Unternehmer wollen auch hier die Streikenden nur durch den Arbeitsnachweis wieder einstellen. Es wird aber mit den Unternehmern noch einmal verhandelt wegen Wiederaufnahme der Arbeil unter Ausschluß des Arbeitsnachweises. Die Hirsch-Duncker- schen haben sich in ihrer Versammlung in demselben Sinne auS- gesprochen, aber noch keinen Beschluß gefaßt. Auch i» den anderen Werftorten beschäftigen sich die Arbeiter jetzt mir den Beschlüssen der außerordentlichen Generalversammlung des MetallarbeiteiverbandeS. Ueberall soll diesen Beschlüssen Rech- tiung getragen werden. Die Arbeitsaufnahme dürfte Verhältnis- mäßig langsam vor sich gehen, da die Arbeiter überall durch die Arbeitsnachweise eingestellt werden sollen. In Kiel arbeiten seit Mittwoch 500. in Vegesack 250 Streikende wieder. In Flensburg soll die Arbeit am Donnerstag aufgenommen werden. » Hutarbeitcrstreik in Brandenburg a. H. Die Firma Gebr. Silbermann verlegte ihre Fabrik von Berlin nach Brandenburg, offenbar um billiger produzieren zu können. Da sie die bisher in Berlin gezahlten Löhne um ein gutes Drittel reduzierte, stellten die Arbeiter in Brandenburg die Forderung, die Arbeitslöhne den in Berlin gezahlten annähernd gleichzustellen. Das lehnte die Firma ab. Ein Teil der Arbeiter hat nun. der ewigen Vertröstungen müde?- die Arbeit eingestellt. Eine öffentliche Hut- arbeiterversammlung erklärte sich mit deren Bergehen einverstanden. Zuzug von Hularbeitern nach Brandenburg ist fernzuhalten. Husland. Tie Gcneralstrcikbcwegung in Italien. Rom, den 11. August.(Eig. Bericht.) Die sieben Tage des Mailänder Generalstreiks, die am gestrigen Sonntag abgelaufen sind, stellen ein ziemlich eintöniges Einerlei von Straßendemonstralionen und Polizeiattackcn dar. In den ersten Tagen nahm die Zahl der Streikenden beständig zu und wurde am vierten und fünften Streiktage auf 80— 90 000 geschätzt, ungerechnet der 40 000 Arbeitslosen, die Mailand heute aufweist; die gesamte in- dustrielle Arbeiterschaft der Stadt beläuft sich auf rund 155 000. Es trat dann insofern eine Wendung ein, als die Brutalität der Polizisten, namentlich der in Zivil, und auch die prinzipielle Stellungnahme der Regierung die Arbeiterkammer Mailands bewogen, ihre Organisierten zur Niederlegung der Arbeit aufzufordern. Zu Anfang hatte sich die Arbeiterkammer von der von der syndikalistischen Gegenorganisation geleiteten Bewegung ferngehalten; nunmehr lud sie ihre Mitglieder ein, mit den Streikenden solidarisch zu sein und die von der„Unione sindacale" gegebenen Orders zu befolgen. Da Giolitti auf telegraphische Anfrage des republikanischen Abgeordneten Chiesa es abgelehnt hatte, den Präfekten zur Einleitung eines Vermittclungsversuchs anzuhalten, glaubte das Komitee der Arbeiterkammer auf diese Stellungnahme der Regierung dadurch ant- warten zu müssen, daß sie den Streikenden die Solidarität ihrer Organisationen gewährte. Durch das Votum der Arbeiterkammer dehnte sich der Streik auch auf die Bäcker, Buchdrucker, die Arbeiter des Baugewerbes und die Straßenkehrer aus. Am fünften Streik- tage unternahmen die syndikalistischen Führer einen Versöhnungs- versuch, indem sie sich bereit erklärten, die unlängst den Turiner Albeitern der Fabriken für Eisenbabnmaterial gewährten Be- dingungcn anzunehmen. Am sechsten Streiktage, am Sonnabend, lehnten die Unternehmer diesen Versuch ab, worauf die Syndikalisten am Sonntag olle Arbeiter Italiens aufforderten, aus Solidarität mit den Mailänder Streikenden die Arbeit niederzulegen, bis die Mailänder Metallindustriellen nachgegeben hätten. Die Phasen des Streiks sind also die folgenden: Mitte Juni traten 6000 Arbeiter der Fabrik für Eisenbahninaterial in den Aus- stand, der nach einer zeitweiligen Beilegung sich Anfang Juni auf die Forderung zuspitzte, allen Arbeitern einen Lohnzuschlag von 10 Cent, täglich zu gewähren, während die Unternehmer nach eigenem Ermessen die Arbeiter aufbessern sollten, die sie für tüchtig hielten. Nachdem zwei VermittelungSversuche gescheitert waren, wurde am 28. Juli der allgemeine Ausstand der Mailänder Metallarbeiter, der 35 000 Arbeiter umfaßte, dekretiert. Am 4. August proklamierten dann die Syndikalisten den Generalstreik in Mailand, am 10. den in ganz Italien. Da die syndikalistischen Gewerkschaften, deren Mailänder Zentrale die„Unione sindicale" ist, eine eigene Landeszentrale haben, hat die Be- teiligung der Mailänder Arbeiterkammer, die der unter sozialistischem Einfluß stehendem Konföderation der Arbeit angeschloffen ist, eine eigen- artige Situation gezeitigt: die Arbeiterkammer hat sich gleichsam von ihrer Zentrale losgelöst, um sich einer anderen Zentrale anzu- schließen. Sie hat dies nicht formell, wohl aber tatsächlich getan. Am 10. d. M. hat nun aber auch die Konföderation der Arbeit durch ihr Exekutivkomitee zu der Situation und zu der Ausforderung zum Generalstreik Stellung genommen, und zwar, wie vorauszusehen war, durch eine Aufforderung an ihre Organisationen, nicht zu streiken. Bis jetzt ist auf die syndikalistische Aufforderung hin der Streik in Roni, Modena, Pisa, Spczia, Bologna und mehreren kleineren Orten proklamiert worden, während die Arbeiterkammern von Genua und Monza ihre Organisierten auffordern, sich der Resolution der Konföderation der Arbeit gemäß zu verhalten. In Rom haben sich auch die Setzer der Tageszeitungen sofort der Bewegung ange- schlössen, so daß alle Blätter nur noch in Eile eine Nachmittags- ausgäbe machen konnten und keine Abendzeitungen erscheinen. In allen Betrieberr Liguriens, mit Ausnahme von Genua selbst, wird gestreikt, namentlich auf den Werften und in den Eisenwerken von Scstri Ponente und Snmpierdarena. Auch der Tramverkehr zwischen Genua und den Vororten ruht. Bis diese Zeilen in Druck gehen, wird voraussichtlich das Schicksal des Generalstreiks im ganzen Lande entschieden sein. Bis jetzt sind verschiedene Versuche gemacht worden, die Eisen- bahner zum Anschluß an die Bewegung zu veranlaffen. Ein Zug auf derLinie Mailand— Piacensa wurde von den Streikenden angehalten. Vor der Proklaniierung hatte das Syndikat der Eisen- bahner erklärt, sich der Mailänder Bewegung anzuschließen, falls die „Unione sindacale" dies für wünschenswert hielte. Angesichts der ungeheuren Opfer, die die Ausdehnung der Be- wegung auf ganz Italien dem Proletariat auferlegß ohne das Unter- nehmertum, das ohnehin die Produktion herabzusetzen sucht, emp- findlich zu treffen, kann man nicht verkennen, daß das syndikalistische Agitationskomitee eine schwere Verantwortung auf sich lädt, um so schwerer, als kein vernünftiges Verhältnis zwischen dem Ziel des Streiks und den von ihm erforderten Kraftaufwand besteht. * Rom, 13. August.(Privattelegramm des„Vor- w ä r t s".) Der Mailänder Streik ist eingestellt, da die Unter- nehmer zn Verhandlungen bereit sind, Der Versuch, den General- streik auf ganz Italien auszudehnen, ist mißglückt. Nach einigen partiellen Streiks ist die Arbeit überall wieder aufgenommen. In Spezia ist bei einem Zusammenstoß mit den Karabinieri ein Arbeiter gelötet worden.__ Der Streik der Speditionsarbciter in Wien, der eine empfind« liche Stockung des Verkehrs mit sich brachte und stellenweise auch Ausschreitungen veranlaßte, ist beendet. Die Arbeiter haben eine Lohnerhöhung und andere kleinere Zugeständnisse erlangt. Hus Induftric und Findel. Der Beutezug der Gemüsebauer«. Wir erhalten folgende Berichtigung: In der Nr. 175 des„Vorwärts" vom 12. Juli d. I. veröffcnt« lichten Sie mit der Ueberschrift„Der Beutezug der Gemüsebauern" einen Artikel, welcher sich mit den Zolltviinschen der deutschen Gärtner für die künftigen Handelsverträge beschäftigt. In diesem Artikel wird behauptet, daß der Unterzeichnete auf einer Tagung in Breslau in einem Vortrage u. a. ausgeführt hat: „Wir sind zwar keine Millionäre, aber die Ausgabe für die neue Hccresvorlage zwingt uns, für neue Einnahmen zu sorgen." Diese Darstellung aus meinem Vortrage ist unrichtig. Richtig ist, daß ich diese oder eine ähnliche Aenßerung dem Wortlaute oder auch nur dem Sinne nach in meinem Vortrage nicht gemacht habe. Neukölln, den 12. August 1913. F. Joh. Beckmann, Generalsekretär des Verbandes der Handelsgärtner Deutschlands. Wir werden unserem Gewährsmann Gelegenheit geben, sich zu dieser Berichtigung zu äußern, und wollen für heute nur bemerken, daß der beanstandete Satz genau einen vollen Monat lang durch zahlreiche Blätter gegangen ist. ohne daß Herr Beckmann bisher eine Berichtigung für notwendig hielt. Bnlkanwirkungen. Der Semestraiabschluß der Oesterreichischen Kredit« a n st a l t hat einige Ueberraschungcn hervorgerufen. Man hatte ge« glaubt, daß das linternehmen wegen seiner engen Verbindungen mit dem Balkan und niit der Türkei so erheblich unter den Kriegswirren zu leiden gehabt hätte, daß selbst sehr große Mehrgewinne auf dem Zinsen- und Provisionenkonto den Verlust nicht ganz hätten ausgleichen können. Nun zeigt sich, daß der Gewinn im ersten Semester 12,7 Millionen Kronen gegen 11,8 Millionen Kronen im ersten Halbjahr 1912 beträgt. Und zwar ist dieses günstige Ergebnis hauptsächlich auf die Steige- rnng der ZinSeinnahmen von 10,9 Millionen Kronen auf 12,8 Millionen Kronen zurückzuführen. Demgegenüber fällt der Rückgang der Effekten- und Konsortialgcwinne von'1,37 Millionen Kronen im ersten Halbjahr 1912 auf 700 137 Kronen im ersten Halbjahr 1913 nicht allzu schwer ins Gewicht. Die Oesterreichische Kreditanstalt hat eben ihre ungeheuren Geldmittel und ihre weitverzweigten Verbindungen derart ausnützen können, daß sie ans der Oprozentigen Bankrate den größtmöglichen Nutzen zog. Es ist daher nicht aus- Liemes feuilUton. Die Ideen. Von Emr re Verhaerrn. O, die Ideen und ihre Schauer! EijlstmaUi wohnten sie einzig in den Büchern: nur die reine Vernunft war ihre Beherrscherin und durch die engen Schluchten der Schlüsse und Syllogisnien stiegen sie empor zu einer Wahrheit, die syinmetrisch und systematisch war wie ein kunstvoller Bau. Manchmal breiteten sie auch die Philosophen wie kostbare Steine unter gläsernem Gehäuse au?. Kalt schienen sie dann und voll seltenen Geleuchts. Sie glichen starren und blitzenden Augen. Da sie Eigentum der reinen Denker allein waren, blieb es den anderen nur gestattet, ihr Leuchten bloß von fern zu beschauen. Dennoch aber, trotz tausendfacher Mühe, begann Staub sie zu verdunkeln, aber dann kamen immer wieder andere, sie aufs neue glänzend zu machen. Verboten war es, ihre lebendige Nähe zu berühren: das Glas des durchsichtigen Gehäuses wehrte der Neugier.— Wir aber haben das gläserne Gehäuse zerbrochen I— O. die Ideen und ihre Schauer! Man lehrte uns: alle sind sie keusch und rein. Sie lieben nicht und lassen sich nicht lieben. Sie kennen kein Lächeln und keinen Stolz, und so hoch und erhaben sie sind, so sehr feindlich sind sie auch jeder Glut und jeder Leidenschaft. Wer immer sie dank der Mühe und seines Denkens sich wirbt, muß sie körperlos, unsinnlich erfassen. Sein Körper, seine Seele, seine Denkart mag sich wandeln, die Jugend ihm zulächeln oder das Alter ihn bedrohen. Glück oder Unglück an seinem Heer rasten oder von ihm fliehen: nichts hat Gewalt über diese harten und kalten Steine, über die unwandelbaren Wahrheiten, die da unter dem Glase symmetrisch glänzen. Dogmen sind sie. ewige Wahrheiten. So hat man unS gelehrt. Aber wir haben das gläserne Gehäuse zerbrochen! O, die Ideen und ihre Schauer! Wir haben Euch in unser lebendiges Leben gemengt, haben Euch in jenen Wirbel geschleudert, der wir selber sind. Wir sind zu Euch gekommen und haben Euch wieder verlassen. Wir haben Euch ge- liebt und haben Euch gehaßt. Einst wäret Ihr uns Gebieter, heute seid Ihr uns Gefährten. Mögt Ihr auch außerhalb unser selbst Heimstatt haben, mögen auch andere Euch preisen und schaffen, aber doch, ivir glauben Euch, wir haben erst Glauben und Vertrauen zu Euch seit dem Tage, da Ihr in unser Wesen eingedrungen, Teil und Besitz unserer Existenz geworden seid. Denn dann nur werdet Ihr Teil unseres Wesens, habt Kälte oder Wärme von der Starre und Hitze unseres Bluts, seid Ihr wahr oder salsch, wenn Ihr gemäß seid unserer Lebens- unruhe, die unablässig ausgreift und sucht. An unserem Verlangen rantt Ihr Euch heute empor, genährt und gebadet von unserem Blut. Wie fern ist die Zeit, da Ihr nur kalte Steine wäret, sorg- fällig aufgereiht und sorgfältig beziffert unter dem schützenden Glas! Aber wir haben das gläserne Gehäuse zerbrochen. O, die Ideen und ihre Schauer! Nun können wir den Menschen und die Welt und die Sterne nicht anders bewundern als dank Euch. Ihr führt unseren Blick, Ihr steigert unsere Inbrunst. Die ganze Menschheit verstehen wir nur durch Euren Instinkt, Eure Glut, Eure Qual und Euren Ruhm, und wir fühlen das Gesetz, das Euch durchdringt, das Euch erhebt und Euch zerschmettert, dieses Gesetz, das in Euch von Jahrhundert zu Jahrhundert eine immer neue Wahrheit wird und das wir mehr fühlen, als wir es wissen. Alles wird klar, alles ruht in sich selbst, alles wird stark und Panzer des Herzens. Alles wird leuchtend durch sein Werden zur Glut. Und wir entflammen uns selbst in diesem Wissen, das eins wird mit seinem Gegenstand, das in sich und in uns lebt, das an allen unsere» Empfindungen, an unserer Furcht, unserer Hoffnung teilnimmt und dadurch unser ganzes zeitgenössisches zeitliches Glück bedeutet. O, die Ideen und ihre Schauer! (Uebersetzt� von Stefan Zweig.) Wenn sie unter sich sind. In„Westermanns Monatsheften" er- scheinen Briefe von Kiderle n-Waechter aus der Zeit, da er noch nicht Staatssekretär war. Dieser Schwabe war nicht nur ein Anekdotencrzähler von Rang, ein starker Raucher und geeichter Zecher, sondern auch ein amüsanter Plauderer und vor allem ein sarkastischer Spötter, der sich zu allein Klimbim hoher, höchster und allerhöchster Herrichafien das Seine dachte und es zuweilen auch aussprach. Dafür zeugen wieder diese Briefe, in denen er über seine Eindrücke auf einer großen Hoffestlichkeit in Petersburg witzelt. „Endlich hörte man den Hof sich allmählich heranklopfen. Zuerst erschienen paarweise Diener, vom gemeinsten aufwärts; dann in derselben Reihenfolge eine Anzahl Kammerjunker und-Herren, da gab» alte und junge, schöne und häßliche, dicke und dünne, gerade und krumme, nüchterne und— nein, das waren sie doch alle, wenigstens taten sie so. Nach den Kammcrherren kamen Generale, Exzellenzen und solche Sachen." Und nach„solchen Sachen" kam der Zar Alexander II.„Ich wurde vom Botschafter vorgestellt, worauf Seine Majestät die allerhöchste Frage an inich richtete: Württemberger? und ich die alleruntcrtänigste Antwort gab: Ja. Majestät. Da in it schloß diese de nkwüdige Unter- r e d u n g." Kidcrlen hin, Kiderlen her, das alles ist sehr nett. Aber auch sehr ehrfurchtslos. Knickt nicht zusammen, als er vom Selbst- Herrscher aller Reußen angesprochen wird, ist nicht beglückt über die allerhöchste Huld— neml Dreht den Schnurrbart, lächelt und spottet: Damir schloß diese denkwürdige Unterredung. Aber so ivie Kiderlen sieht wohl die Mehrzahl der herrschenden Sippe dem höfischen Zauber zu, skeptisch, sarkastisch, tiefinnerlich überzeugt, daß dies alles sauler Zauber ist. Vielleicht hat sogar Herr v. Bethmann Hollweg respektlose Gedanken, wenn er zur Gratulationskour im Weißen Saale erscheint— vielleicht auch er! Und was werden in stillen Stunden für Gedanken durch ihre Schädel huschen I Aber vor der Oeffentlichkeit, mit ihren Orden klimpernd, da mimen sie alle mit. Im Herzen die Skepsis und den SarkaSmus, aber die Miene gravitätisch. Dem Volke muß die Religion erhalten werden. Und der Glaube an.allerhöchste Herrschaften. Und die Ueberzeugung von dem Beglücktsein des gewöhnlichen Sterblichen, der aus allerhöchstem Munde die allerhöchste Frage vernimmt: Württemberger? ....„Damit schloß diese denkwürdige Unterredung.".... Notizen. — Neuer Fortschritt der drahtlosen Tele- phonie. In der Großstation Nauen wurden in letzter Zeit Telephonieversuche mit einer neuen Arcoschen Hochfrequenzmaschine angestellt, die alle bisher auf diesem Gebiete erreichten Erfolge über- trafen. Aus Wien, Wilhelmshaven, Norddeich und Straßburg wird gemeldet, daß die übermittelten Musikstücke und Singstimmen gut, klar und deutlich zu verstehen waren. — K u n st ch r o n i k. Die diesjährige jurhfreie Kunst- schau Berlin, die in den Räumen des Kunstausstellungshauses, Kurfürstendamm 208/9, stattfindet, wird einen umfassenden Ueberblick über die deutsche moderne Malerei geben. — Der Struwelpeter abdrucksfrei. Der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann, der Anno 1845 den Struwelpeter erstmal» veröffentlichte, ist zwar noch nicht 30 Jahre tot, so daß die gesetzliche Schutzfrist für sein berühmtes Kinderbuch verstrichen wäre, aber das Buch erschien in den ersten sechs Auflagen Pseudonym, und solche Werke werden, wenn der Verfasser sich die verlängerte Schutzfrist nicht durch ausdrückliche Erklärung sichert, nur 30 Jahre nach ihrem Erscheinen geschützt. Hoffmann hat jene Erklärung versäumt, und nun ist einem Leipziger Verlage, der den Struwelpeter nachdruckte, vom sächsischen Obcrlandesgericht bestätigt woxden, daß er ein Recht darauf hatte, dem langhaarig-langnägeligen Peter zu noch größerer Verbreitung zu verhelfen. Bis zur 324. Auflage hat er's schon ge- bracht. Nun werden die Auflagen gar erst wie die Pilze hervor- schießen. Dem unsterblichen Burschen sei's gegönnt. — I o h n G a l s w o r t h y, der englische Dramatiker, besten Tragikomödie„Der Menschenfreund" für die Kammerspiele des Deutschen Theaters erworben wurde, hat ein neues Schauspiel„Der Erbe" vollendet, ivelches soeben von Martersteig für das Leipziger Stadt-Theater zur Uraufführung angenommen wurde. — Krebs und Röntgenstrahlen. Aus London wird mitgeteilt: Dr. Roberts vom Allgemeinen Hospital, der seit drei Jahren eine Spezialbehandlung deö Krebses durch sekundäre Röntgen- strahlen anwandte, welche bereits durch eine Silber-, Kupfer« oder Zinnplatte gegangen sind, hat bisher 40 F ä II e behandelt, in denen kein Rückfall eingetreten ist. — Schmieren elend. Das So mm ertheater in Mühlacker bei Pforzheim veröffentlicht folgende Annonce:„Für ein solides, reelles Engagementsverhältnis wird sofort 1 kom. Alte sowie Herr f. Chargen gesucht. Bedingungen: je 1 Teil, 1 Mark Honorar,% örtl. Benefiz, 1 Teil Zetteltragen, sowie ganzes Sousfleurjournat zu vergeben." Die Bezeichnung.Hungergagen" wäre viel zu schwach. geschloffen» bah daZ Nnternehmen daS Gesamtjahr so abschließt, daß eine höhere Dividende verteilt werden kann, ein Er» gebniS, mit dem wahrscheinlich keine der deutschen Großbanken lvird aufwarten können. Wenn man sich die Einzclbeteiligungen der Kreditanstalt ansieht, so wird zwar hier und da über den Ein- fluß der Balkanereignisse geklagt, andererseits jedoch haben einige Konzernuuternehmungen von dem Kriege direkt profitiert. Das trifft zum Beispiel für die Munitionsfabrik Roth zu, die nach der Angabe der Verwaltung fortlaufend zufriedenstellend beschäftigt ist. Bekanntlich machen auch die deutschen Munitionsfabriken ihr Balkangeschäft teilweise über Oesterreich. So hat z. B. die Gustav- Genschow-Gesellschaft in Oesterreich eine Filiale. Ferner wird von der Verwaltung der Kreditanstalt bemerkt, daß die Beschäftigung der österreichischen Fezfabriken mit Rücksicht auf die Balkanereignisse als zuftiedenstellend bezeichnet werden könne. Bei diesen Fabriken wird es sich wohl hauptsächlich um Bestellungen flrr die türkische Armee handeln, deren Kopfbedeckung bekanntlich der Fez ist. Andererseits haben die Unternehmungen des Konzerns der Oesterreichischen Kredit- anstalt zu leiden gehabt, die mit dem Tabakbau auf dem Balkan in Verbindung stehen. So wurden die Zigarettenpapierfabriken von den Balkanereignissen ungünstig beeinflußt. Naturgemäß mußte» die Balkanwirrcn auch auf solche Unternehmungen hemmend wirken, die den Handelsverkehr zwischen Oesterreich und dem Balkan vermitteln. Dazu gehört die Austro-Orien- talische Handels-A.-G., die, wie der Bericht der Kreditanstalt sagt, in hohem Maße unter den Balkanereignissen gelitten hat. Indirekt beeinflußt wurden die Eisenwerke Liothau- Neudcck, da ja auch die österreichische Eisenindustrie infolge des Balkankrieges und infolge der allgemeinen Konjunkturverhältnisse in letzter Zeit von einem Rückgänge ergriffen worden ist. Wahrscheinlich wird der Jahres- bericht der Kreditanstalt pro 1913 allerlei Interessantes von Anleihe- operationen zu berichten babcn, die mit den Balkanereignissen zusammenhängen. In kurzer Zeit werden die Anleiheansprüche der Balkanstaaten und der Türkei wieder in den Vordergrund des Jnter- esses kommen. Die Benzinpreise werden billiger. Die Benzinpreise, die in der ersten Hälfte dieses Jahres einen bisher noch nicht gekannten Höchst- stand erreicht hatten, in den letzten Wochen aber schon eine rück- gängige Tendenz zeigten, haben dieser Tage einen weiteren Rückgang erfahren.— Wie uns aus Hamburg berichtet wird, hat die Deutsch- Amerikanische Petroleumgesellschaft ihre Benzinpreise dieser Tage um 2 bis 3 M. per 109 Kilo ermäßigt und auch die übrigen Import« gesellschaften dürften sich hierdurch veranlaßt sehen, mit ihren Forderungen herunter zu gehen. Die rückgängige Bewegung der Benzinpreise wird darauf zurückgeführt, daß die bisherigen hohen Tankdampferfrochten durch die Einstellung einer großen Anzahl neuer Tankdampfer eine Abschwächung erfahren haben.— Im ganzen stellen sich die Benzinprcise heute um nicht weniger als 4 bis 5 M. pro 100 Kilo niedriger als zu Beginn dieses Jahres. rietet dem verein ffrveiterjugendhelm bei! Seit 1910 bestehen in Berlin von den Arbeitern ftir die Aebeiter- fugend errichtete Jugendheime. Ihre Zahl ist noch gering. Unendlichen Plackereien find sie ausgesetzt. Aber sie wachsen, blühen und ge- deihen trotz alledem und' müssen noch erheblich vermehrt werden. Was wollen die Arbeiterjugeudheime? Nach dem Grundsatze: Wissen ist Macht, Macht ist Wiffen— sollen die Heime der Jugend das ersetzen, was Staat, Kirche, Schule und Gesellschaft ihr vorenthalten haben. Was die Wissenschaft und Kunst an Schönem und Gutem bietet, soll in den Jugendheimen durch geeignete Kräfte den jugendlichen Besuchern vermittelt und dem Verständnis und der Eigenart der Jugendlichen angepaßt werden. Sie sind Sammelpunkte und ein Ort der Unter- Haltung und Weiterbildung. Die Jugendheiine sollen ein Jugendborn sein, wo die Jugendlichen ihr Wissen erweitern und vertiefen können, um den mannigfachen Anforderungen, die unsere bewegte Zeit an sie stellt, gewachsen zu sein. Die Jugendheime sollen unsere Kinder den Gefahren der Straße, des Wirtshauses, schlechter Vergnügungsstätten und der Schund- literatur entziehen, sie nach des Tage? Arbeit in großen, behaglich eingerichteten und gesunden Räumen sammeln und dann ihnen hier mit Hilfe von Spielen und guten Büchern Gelegenheit bieten, sich zu unterhalten und sich weiter zu bilden. Das Heim und der ganze Auf« enthalt im Heim soll durchweht sein von einem reinen, edlen Menschen- tum, von dem Ringen nach einem besseren Ich, von jener Freude und Fröhlichkeit, die uns Erwachsenen in der Jugend zumeist vorenthalten war, die wir aber in reichem und bestem Maße zum Erbe unserer Jugend machen wollen. � Die Heimbesucher sollen möglich st e Selbständigkeit erhalten. Die erivachsenen Leiter und Helfer sollen in edler Freund- schaft und verständnisvoller Zurückhaltung die Jugendlichen sich tummeln lasien. Diese sollen durch gegenseitiges Sichkennenlernen und Abschleifen ihrer jugendlichen Unarten aufeinander bessernd ein- wirken, selbst auf Aufrechterhaltung von Ordnung und gutem Ton sehen, kurzum: im Jugendheim alles das sehen, üben und lernen, was sie später im Leben brauchen, und was uns in unserer Jugendzeit als Ideal vorschwebte. Von diesem Geiste sind alle Veranstaltungen im Jugendheim durchdrungen, dieser Geist leitet die Jugendheime beim Besuch von Museen, bei den Spielen im Freien, wie erst recht bei Wanderungen durch Wald und Feld. Alles, was edel und gut ist, soll im Heim zu haben sein, alles, was Seele und Körper schädigt, soll mit sicherer, fester und doch schonender Hand ausgemerzt werden. Edle, prächtige Aufgaben mit dem Ziel der Erziehung der Jugend zu selbständig denkenden, selbstbewuhlen. dem Wohle der Allgemein- heit dienenden Menschen hat sich also der Berein Arbeiterjugendheim gestellt. Und sie sind emporgewachsen aus dem tatkräftigen Drängen der politisch entrechteten, wirtschaftlich geknebelten Arbeiterklasse selbst heraus. Grund genug zur Verfolgung der Jugendheime durch die herrschende Klasse. Weshalb verfolgt man die Arbciterjugcndhcime? Die Arbeiterjugendheime sind der herrschenden Klaffe verhaßt, weil sie dem offenen und versteckten Bestreben der Feinde der Arbeiterklaffe entgegenwirken, die Jugend durch Zuckerbrot und Peitsche zu willenlosen Knechten zu erziehen, die die Peitsche ihrer Gegner selbst flechten. Die Feinde der Arbeiterklasse wollen die Verewigung der Ausbeutung der Arbeiterklasse. Sie hoffen den un- abwendbaren Sieg der Sozialdemokratie durch Verführung und Ver- giftung der Jugend aufzuhalten. Sie wünschen, die Arbeiterjugend soll zu unterwürfigen Kreaturen herabgewürdigt werden. Ihr Ziel ist: die Kinder dazu zu erziehen, späterhin zu leiden ohne zu klagen und ohne richtig zu denken. Die Jugendlichen sollen eingelullt und zum Kampf gegen ihre eigenen Eltern abgerichtet werden. Dies Ziel suchen die Reaktionäre durch systematische Verblödung der Jugend, durch Geld, nicht zuletzt aber durch Drangsalierung und Gewalt gegen die von der Sozialdemokratie errichteten Jugendheime zu erreichen. Millionen und abermals Millionen haben die Feinde der Arbeiterklasse aus dem allgemeinen Staatssäckel sich bewilligt, um die Jugend zur Unter- würfigkeit nach oben und Brutalität nach unten zu erziehen. In dem großen, gewaltigen Ringen zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Weltanschauung kämpft die Arbeiterklasse mit dem geistigen Rüstzeug der Aufklärung und Ueberzeugung. Den Feinden der Arbeiterklasse mangelt es an Munition zum geistigen Kampf. Unterdrückung. Verleumdung und Gewalt gegen die Arbeiterklasse sind ihre Waffen. Die Staatsgewalt haben sie gegen die Arbeiter- vigendheime mobil gemacht. Welche Gcwaltmaßregeln sind gegen die Arbeiterjugeudheime vorgenommen? Die Erinnerung an alle gegen Gesetz und Recht und auf Grund formeller Gesetzesparagraphen gegen die Arbeilerjugendheime in Groß-Berlin unternommenen Schritte würde ein dickes Buch füllen. Wir erwähnen hier das Urteil des Oberverwaltungsgerichts und das am 7. Febrnar d. Js. vom Kämmergericht gefällte Urteil. Diese Urteils mußten freilich anerkennen, daß die Jugendheime nützlich auf die Arbeiterjugend wirken. Der Verein Arbeiter- jugendheim wurde aber trotzdem für einen politischen Verein erklärt, weil in den Jugendheimen die Jugend nicht in. einer„allgenieinen Weltanschauung", sondern in der der sozialdemo- kratischen Partei erzogen werden solle. Was heißt das anders als: der Verein wird für politisch erklärt, weil er im Gegensatz zu den politischen Bestrebungen der bürgerlichen Jugendheime nicht die Arbeiterklasse und ihre politische Organisation, die Sozialdemokratie, bekämpft? Die bürgerlichen Vereine sind aber nicht für politisch erklärt I Toren, die da meinen, durch juristische Zwirnsfäden ließen sich die Arbeiter bewegen, ihre Kinder der Verwahrlosung und den Feinden der Arbeiterklasse auszuliefern! Der Verein Arbeiter- jugendheim ist für„politisch" erklärt. Nunwohl— was schadet es?. Seitdem werden die Namen der Mitglieder des Vorstandes snatür- lich nicht der Mitglieder) der Polizei fein säuberlilb auf Schreib- papier mitgeteilt. Darum erst recht: hinein, Ihr Erwachsenen, in den Verein! Einige Hauseigentümer haben es abgelehnt, an Sozial- demokraten ein Jugendheim zu vermieten. Wo solche dennoch er« richtet sind— es leiden doch nicht alle Hauseigentümer an moralischem Irrsinn— kain die Polizei daher. Die- selbe Behörde, die bis heute noch nicht die Polizei- lichen Totschläger, die den Tod des Arbeiters Herrmann verschuldet haben, ermittelt hat, loendete ungeheure Aufmerksamkeit den Arbeiterjugendheimen zu. Da wurde ausfindig zu machen gesucht, der Jugendheimleiter hinterziehe Schanksteuer, weil— alkoholfreie Getränke unter Mitverwendung eines Teiles des Vereinsvermögeirs im Jugendheim ausgeschänkl wurden. Das Verfahren mußte frei- lich eingestellt werden, weil auch ein Preisausschreiben keinen Staats- anwalt auf die Beine hätte bringen können, der an- nähme, ein Gericht würde auf die haltlose Anklage hin eine Verurteilung eintreten lassen. Dann warf sich die politische Polizei auf Vorschriften der Baupolizei. Sie fand herans, der Hof des Hauses, in dem ein Jugendheim liegt, sei zu klein, die Türen zu scbmal usw., wiewohl bürgerliche Jugendheim- Häuser weit schmalere Türen und engere Höfe ausweisen. All diese und andere Drangsalierungen sind Nadelstiche, über die das Prole- tariat lacht, das Narben in reichster Fülle aufzuweisen hat, die es aber in dem Willen bestärken müssen: Nun bleiben wir er st recht nicht untätig, nun erst recht: Her mit neuen Jugendheimen. Die wenigen Jugendheime, die bisher in Groß-Berlin eingerichtet werden konnten, befinden sich an folgenden Orten: Berlin, Heim I: dl, Brunnenstr. 70. Berlin, Heim II; 0, Große Frankfurter Str. 122/123. Berlin, Heim III: Wilhelmshavener Str. 21(von Oktober: SiemenSstr. 12). AdlcrShaf: Bismarckstr. 11. Köpenick: Schönerlinder Str. 5, Hof parterre. Charlottcnburg: Volkshans, Rosinenstr. 3. Friedrichshilgen: Friedrichstr. 60, 2. Hof parterre. Johannisthal: Friedrichstr. 63. Lichtenberg: Dossestr. 22. Neukölln: Ideal-Passage. Obcr-Schönctvcidc: Klarastr. 2, vorn parterre. Röntgcnthal:. bei Pierow, Kaiser-Friedrich-Straße. Tegel: Schlieperstr. 30, parterre. Tempelhof-Maricndorf: Kaiser-Wilhelm-Str. 76, Hof parterre. Treptow, Ortsteil Baumschulcnwcg: Ernststr. 24. Wilhclmsruh-Roscnthal I; Lindenallee 30, Gartenhaus parterre. Die Heime sind geöffnet: Wochentags von 6 bis 10 Uhr nachmittag». Sonntags von 4 bis 10 Uhr nachmittags Unser Nachwuchs darf nicht den Feinden der Arbeiterklaffe auS- geliefert werden. Mehr Jugendheime tun dringend n o t. Damit sie errichtet werden können, tretet dem Verein Arbeiterjugendheim bei! Beitrittserklärungen für den Verein Arbeiterjugend- heim können jederzeit in den Zahlabenden, ferner in den Bureaus der Wahlvereine und im Jugendsekretariat, Lindenstraße 2, abgegeben werden. Der Mouatsbeitrag für den Verein beträgt 10 Pfennig. Auch höhere, freiwillige Zuwendungen zu leisten, steht natürlich den besser situierten Parteigenossen frei. Einer für alle— alle für einen. Hinein in den Verein Arbeiterjugendheim! Soziales. Eine Stadtverwaltung unter sozialistischer Leitung. Schenktady, eine Mittelstadt im Staate New Aork, steht seit November 1911 unter sozialistischer Verwaltung. Was diese trotz aller Umtriebe der„respektablen" Kreise und ihrer Presse, trotz aller von den übernommenen bürgerlichen Beamten und den Gerichten planmäßig bereiteten Schwierigkeiten für das Gemeinwohl ge- schaffen hat, bezeugt der kürzlich vom Genossen Walter Krucsi, dem Wohltätigkeitskommiffar, erstattete Verwaltungsbericht. An der Spitze steht die Gesundheitsfürsorge. Die Zahl der Stadtärztc wurde verdoppelt, die Zahl der Dienststunden für Schulen und Gemeinde erhöht. Die städtischen Pflegerinnen stiegen von 3 auf 8: 0 für die Schulen, je eine für Tuberkulose und Schwangere. Jedes Schulkind wird sorgfältig überwacht, Arbeits- erlaubnis für Kinder nur nach vorheriger ärztlicher Untersuchung erteilt. Kinder haben freie zahnarztliche Behandlung, jeder be- dürftige Kranke Anspruch auf freie Behandlung und Medizin. Besondere Aufmerksamkeit findet die Nahrungsmittelkontrolle. Die Milch wird scharf überwacht, ein chemisch-bakteriologisches Labors- torium wurde errichtet. Die Erfolge blieben nicht aus: die Stadt ist seit 1909 um 14 Proz. gewachsen, aber die Zahl der Todesfälle ging zurück. Weitgehende Förderung fand die Wohlfahrtspflege. Wohl- tätigkeitsbeamte wurden angestellt, um für ausreichende Armen- pflege zu sorgen. Die Kinder gewisser Schulklassen erhielten freie Speisung. Viele Freikonzerte und Vorträge und für die Kinder Sonntagsausflüge und Kinovorstellungen wurden veranstaltet. 7 Jugendspielplätze wurden eröffnet; vorher gab es keine dort. Man mutz bei diesen Maßregeln, die großenteils keinen ausgesprochen sozialistischen Charakter haben und denen in Europa auch von bürgerlicher Seite Aehnliches an die Seite gestellt werden kann, an die Verwahrlosung des Gemeindelebens, wie es in so vielen Städten der Union herrscht, denken. Ohne die Sozialisten hätte die Stadt lange auf solche Reformen warten können. Aber auch in das wirtschaftliche Leben und seine Kämpfe griff die Verwaltung im Interesse der Arbeiter und Konsumenten energisch ein. Zwei Streiks wurden durch hie Haltung der Stadt- behörden gewonnen. In einem Falle wurde den Unternehmern verboten, ihre„zum Schutze ihres Eigentums bewaffneten Privat- Wächter"— die berüchtigten Pinkerton-Berufsstrrilbrrcher— auf die Straße zu schicken. Sie mußten in den Hofräumen bleiben und konnten die Streikenden nicht provozieren. Im anderen Falle handelte es sich um einen Straßcnbahubau. Der Baugcsellschaft wurde mitgeteilt, die Stadt könne die Straßen nicht länger als eine bestimmte Zahl von Stunden aufgerissen liegen lassen und werde nötigenfalls die Reparaturen selbst auf Kosten der Gesell- schaft vornehmen lassen. Die Arbeiter erhielten sofort die geforderte Lohnerhöhung. Weiter wurde für die Arbeitslosen gesorgt: städtischer Arbeits- Nachweis— in Verbindung damit ein Logierhaus, das Abendbrot, Bett, Bad und Frühstück verabreicht—, eine städtische Farm für Landarbeit Arbeitsloser. Ihre Erzeugnisse werden im Winter an die Bedürftigen verteilt. Zum Kampfe gegen die Wohnungsnot wurde ein Baugesetz geschaffen, das die Stadt in der Bekämpfung der Wohnhöhlen sslums) an die Spitze stellt. Ueberall sollen ParkS angelegt werden. 8 Schulen wurden errichtet, deren jede einen Spielplatz von 6000 Quadratmetern erhalten soll. Die Halbtags» schule ist nun verschwunden. Die Stadt nahm ferner die Lieferung von Kohlen, Eis und Kolonialwaren zum Selbstkostenpreise in die Hand. Dagegen klagten die Händler, und die Gerichte verboten der Stadt diese Geschäfte, die außerhalb ihrer Aufgabe lägen. Nun nahmen ein- zelne Beamte privat die Eislieferung selbst vor, doch war die Weiterentwickelung dieser Art öffentlicher Fürsorge unterbunden. Einen wirksamen Schlag gegen die„xrakterz", die korrupten und korrumpierenden Lieferanten, führte man durch sorgfältige Re- Vision der Lieferungsbedingungen. So wurden allein in einem Jahre rund 100 000 Dollar an der Straßcnpflasterung gespart.— Zur Hebung der Sittlichkeit erfolgte die Schließung der Spielhöllen und Bordelle. Doch war es unmöglich, sie völlig zu beseitigen. Immer wieder tauchten welche für einige Zeit auf,„um uns daran zu erinnern, daß die Wurzel dieses Uebels tief im kapitalistischen System eingebettet liegt und daß lokale Bestrebungen nicht genügen, um es auszurotten". Man kann es begreifen, daß alle in ihren heiligen Gefühlen verletzten Interessenten: Unternehmer und Händler, Spekulanten, Kuppler und Geschäftspolitiker, alles daransetzen, diese verhaßten Umstürzler, denen gegenüber alle Parteigegensätze verschwinden, bei der Wahl im Herbste zu werfen. Unter der wehenden Unions- flagge und dem Segen der katholischen Kirche werden sie für Vater- land und Familie gegen die Vaterlandslosen, denen nichts heilig ist, anstürmen. Es wird sich zeigen, ob die Arbeiterbewegung schon hinreichend gefestigt ist, um dem Toben der Ausbeuterhorde die gebührende Abweisung zuteil werden zu lassen. (Siehe auch 1. Beilage.) Serickts- Leitung. Das verdächtige Schulheft. Mit welchem Raffinement Verbrecher vorgehen, um einem in der Irrenanstalt befindlichen„geisteskranken" Komplizen zu be- freien, zeigte eine Verhandlung, die gestern die 3. Ferienstraf- kammer des Landgerichts III beschäftigte. Wegen versuchter Ge- fangcnenbefrciung ivar die Arbeiterfrau Frieda Schwarz aus Magdeburg angeklagt.— Die Angeklagte, die selbst bisher völlig un- beschälten ist, ist die Schwester des zu der sogenannten Kirsch- Kolonne gehörenden Einbrechers Otto Hinze. Hinze war, nachdem er eine Zuchthausstrafe von 10 Jahren verbüßt hatte, im Jahre 1908 wegen eines Einbruchs, bei dem er auf die Kriminalbeamten geschossen hatte, von der Strafkammer des Landgerichts l zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Er spielte in der Straf- anstalt den„Verrückten", so daß er schließlich nach der Irrenanstalt Buch gebracht wurde, wo er in dem sogenannten festen Haus unter» gebracht wurde. Während er hier saß, waren seine Komplizen unermüdlich an der Arbeit, ihm eine Gelegenheit zur Flucht zu verschaffen. Während ihnen dies bei dem zu derselben Einbrecher- bände gehörenden Verbrecher Mar Gorski durch Bestechung eines später zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis verurteilten Pflegers der Anstalt Buch gelang, waren ihre Bemühungen bezüglich des Hinze ohne Erfolg. Im Juni d. I. lief ein von der Schwester des Hinze, der jetzigen Angeklagten, abgesandtes Paket bei der Anstalt ein, das außer Wurst, Butter, Obst und Zigaretten auch Schreibutcnsilien, zu denen auch ein dickes Schulheft, ein sogenanntes Diarium, ge- 'hörte. Durch die eigentümliche Schwere des Heftes wurde man stutzig und man fand in dem Pappdeckel verborgen 8 Stahlsägcn und eine dünne Feile, die offenbar zum Durchsägen der eisernen Fenstergitter dienen sollten.— Die Absenderin behauptet bei ihrer Vernehmung, daß ihr das Buch einige Tage vorher von einem Un- bekannten übergeben worden sei, mit der Bitte, es ihrem Bruder zu schicken.— Das Schöffengericht erkannte mit Rücksicht darauf, daß es sich um den zum Glück durchkreuzten Befreiungsplan eines ge- fährlichen Einbrechers handele, auf 6 Wochen Gefängnis. In der Berufungsinstanz machte Rechtsanwalt Dr. Scnglier für die An- geklagte als strafmildernd geltend, daß es sich um eine bisher un- bescholtene einfache Frau handele, die sich offenbar der Schwere ihrer Verfehlung gar nicht recht bewußt gewesen sei. Das Gericht schloß sich diesen Ausführungen an und ermäßigte die Strafe auf 3 Wochen Gefängnis._ VogclfreieS Gesinde. Die Rechtlosigkeit der Dienstboten wurde wieder einmal in einer Strafkammersitzung in Hirschberg gerichtlich dokumentiert. Die Magd eines Großgrundbesitzers aus HohcnpeterSdorf, Kreis Bollen- Hain, war während der Osterfeiertage über den ihr gewährten Er- holungsurlaub, der in der Regel sich nur auf wenige Stunden er- streckt, etwas länger ausgeblieben. Als die Magd zurückkehrte, wurde sie von der„Gnädigen" gefragt, wo sie wieder herum- gehurt habe. Das mit Recht über diese Unverschämtheit empörte Mädchen frug darauf die„Gnädige", ob sie es früher, wenn sie ausging, etwa so gemacht habe. Das war für die einen so„vornehmen" Ton führende Madam vom Lande zu viel. Als dann später der„Dienstherr" nach Hause kam, wollte er gegen die„unbotmäßige" Magd„einschreiten". Da diese aber dein Rächer der Ehre seiner Frau nicht im unklaren darüber ließ, daß sie sich von ihm nichts Unrechtes gefallen lassen wolle. mißbandelte dieser daS Mädchen so. daß diese sich in ärzt- liche Behandlung begeben mußte und Anzeige erstattete. Die Strafkammer erkannte sonderbarerweise auf Freisprechung des schlagfertigen Gutsbesitzers, und zwar mit folgender Begründung: „Der Angeklagte habe sich der einfachen Körperverletzung schuldig gemacht, dies sei durch daS Attest des Arztes und durch die eigenen Angaben deS Angeklagten erwiesen. Der Angeklagte sei ober freizusprechen, weil er eine„Beleidigung", die ihm daS Mädchen zugefügt habe, auf der Stelle erwidert habe, und zwar durch die Ohrfeigen. Wenn auch der Angellagte nicht formell be- leidigt wurde, so mutzte er jedoch durch die Aeußerung der Dienst- magd:„Ich lasse mir eben von Ihnen nichts safjen", eine Mißachtung erblicken, die als Beleidigung aufzufassen sei." Darauf, daß das Dienstmädchen durch die Frau des miß- handelnden Gutsbesitzers schwer in ihrer Ehre gekränkt nurde und dessen Frau die eigentliche Urheberin der Beleidigung gewesen ist, scheint das Gericht keinen Wert gelegt zu haben. Nach der Auf- fassung der Hirschberger Richter wird das Gesinde aus Grund der alten vermoderten Gcsindeordnung für vogelfrei erklärt. Das heißt also, jeder Dienstgeber kann eine wörtliche Beleidigung, wenn man in dem vorliegenden Fall von einer solchen reden kann. durch einige kräftige Ohrfeigen oder andere körperliche Mißhandlungen sühnen. Hus der Frauenbewegung. .Vorwärts" Nr. 208.— Donnerstag, den 14. August 1913. W SM« Wll die MU dss W iii m« dm MM md Sei z» Die Frau hat das gletme Recht wie der Mann auf Ent- faltung ihrer Kräfte und auf freie Betätigung derselben; sie ist Mensch wie der Mann und sie soll wie er die Freiheit haben, über sich zu verfügen als ihr eigener Herr. Der Zu- fall, als Frau geboren zu werden, darf daran nichts ändern. Die Frau, weil sie als Frau und nicht als Mann geboren ist— woran der Mann so unschuldig ist wie die Frau—, von der Gleichberechtigung auszuschließen, ist ebenso un- gerecht, als wenn Rechte und Freiheiten von dem Zufall der Religion oder der politischen Gesinnung abhängig gemacht werden, und ebenso unsinnig, wie daß sich zwei Menschen als Feinde betrachten, weil sie durch den Zufall der Geburt verschiedenen Volksstämmen oder verschiedenen Nationalitäten angehören. Das sind eines freien Menschen unwürdige Anschauungen. Der Fortschritt der Menschheit besteht darin, alles zu beseitigen, was einen Menschen von dem anderen, eine Klasse von der anderen, ein Geschlecht von dem anderen in Abhängigkeit und Unfreiheit erhält. Es hat keine andere Ungleichheit Berechtigung als jene, welche die Natur in der Verschiedenheit des Wesens der einzelnen und zur Erreichung des Naturzwecks schuf. * Die volle Emanzipation der Frau und ihre Gleichstellung mit dem Mann ist eines der Ziele unserer Kulturentwickelung, dessen Verwirklichung keine Macht der Erde zu verhindern vermag. Aber sie ist nur möglich auf Grund einer Um- gcstaltung, welche die Herrschaft des Menschen über den Menschen— also auch des Kapitalisten über den Arbeiter— aufhebt. Das„goldene Zeitalter", von dem die Menschen seit Jahrhunderten träumten und nach dem sie sich sehnten, wird endlich kommen. Die Klassenherrschaft hat für immer ihr Ende erreicht, aber mit ihr auch die Herrschaft des Mannes über die Frau. August Bebel. Die bürgerliche Frauenbewegung. i. Strömungen im Bund Deutscher Frauenvereine. Der Bund Deutscher Frauenvereine ist eine Zu- sammensassung von bürgerlichen Frauenverbänden der verschieden- sten Richtungen sweiblichen Berufsorganisationen, Wohltätigkeits- vereinen, politischen Frauenverbänden, Rechtschutzorganisationen und anderes mehr), die den Zweck hat, die gemeinsamen Forderungen der bürgerlichen Frauen nach außen hin zu vertreten. Wenn man von den Gruppen absieht, die sich nur deshalb dem Bunde angeschlossen haben, weil sie mit dabei sein wollen, so kann man als den Grundgedanken, auf dem er sich aufbaut, wohl den Wunsch nach Eröffnung besserer Bildungsmöglichkeiten, nach Erschließung neuer Berufe und Er- ringung einer günstigeren rechtlichen Lage für hie Frauen ansehen. Es gibt kaum einen Verein innerhalb der bürgerlichen Frauen- bewegung, der von der Notwendigkeit dieser Forderungen nicht über- zeugt wäre, aber natürlich bestehen große Unterschiede in bezug auf das Maß von Bildung, Erwerbsmöglichkeiten und Rechten, das zu erstreben ist. Hier sind die verschiedenartigsten Strömungen Vorhänden, und da nur zu leicht nach den mehr oder weniger ver- nünstigen oder unvernünftigen Forderungen eines Vereins oder Verbandes die ganze Frauenbewegung beurteilt wird, so ist es gut, einmal in groben Umrissen die hauptsächlichsten Richtungen, die im Bund Deutscher Frauenvereine vertreten sind, zu skizzieren. Zunächst muß jedoch festgestellt werden, daß der Bund Deut- scher Frauenvereine durchaus nicht etwa alle bürgerlichen Frauen- organisationcn umfaßt. Außerhalb stehen noch, um nur einige der wichtigsten Verbände zu nennen, der Katholische Frauenbund wie überhaupt sämtliche katholischen Frauenorganisationen, der Bund für Mutterschutz und die Gesellschaft für Mutter- und Kindesrecht, der Vaterländische Frauenverein. Der Katholische Frauen- bund' mit seinen SVlXXZ Mitgliedern und 112 Zweigvereinen wird bisher nicht den Wunsch nach einer Ver- tretung im Bunde gehabt hatten. Sollte er aber ein- mal auf den Gedanken kommen, dort mittun zu wollen, so würde sich vermutlich die ganze Politik des Bundes mit einem Schlage ändern, denn dann wäre die konfessionelle Frauenbewegung im Verein mit dem reaktionären Flügel im Bunde tonangebend und es dürfte den anderen Richtungen schwer werden, sich zu behaupten. In der konfessionellen Frauenbewegung, zum mindestens in der katholischen, liegt eine gewisse Gefahr und nicht nur für die bürger- liche Frauenbewegung. Sie ist auch einer der ernstesten Gegner, mit denen die Arbeiterinnen zu rechnen haben, und sie ver- dient ebenso wie die Frauenstimmrechtsbewegung, die zwar in Deutschland bei weitem noch nicht zu einer ähnlichen Bedeutung gelangt ist, wie in vielen anderen Ländern, das Interesse und die aufmerksame Kontrolle der Sozialdemokratinnen. Innerhalb des Bundes Deutscher Frauenvereine treten deut- lich zwei Strömungen hervor. Tonangebend infolge seiner Mit- gliederziffer und der Gefolgschaft, die ihm andere, im übrigen von ihm unabhängige Vereine leisten, ist der Allgemeine Deutsche Frauenverein, der zugleich die gemäßigte Richtung im Bunde darstellt. Er ist der älteste Frauenverein: sein Entstehen bedeutet den Beginn der deutschen Frauenbewegurig und seine Gründung durch Luise Otto-Peters im Jahre ISSS war ein für jene Zeit gewaltiger Fortschritt. Luise Otto-Peters hatte im Sinn, eine Bewegung aller Frauen zu schaften, sie interessierte sich auch stark für die wirtschaftlichen Forderungen der Arbeiterinnen, aber mehr und mehr wurde die Arbeiterinnenfrage der- nachlässigt. Der Verein bemühte sich vor allem, bessere Bildungs- Möglichkeiten für die B ü r g e r t ö ch t e r zu beschaffen. Ein großer Teil der bisher im Haushalt des Mittelstandes erledigten Arbeiten — Spinnen, Weben, Lichteziehen, Brotbacken und vieles andere mehr— wa� von Industrie und Gewerbe übernommen worden. Durch die Umwandlung in der Hauswirtschaft wurden weibliche Arbeitskräfte freigemacht, anderseits sahen sich auch die Töchter des Bürgertums— wenngleich noch nicht in dem Umfange wie gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts �— vor die Notwendigkeit ge- stellt, sich wirtschaftlich selbständig zu machen. Ihnen kam die Propaganda des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zugute. Der entstehenden Arbeiterinnenbewegung gegenüber verhielt sich der Allgmeine Deutsche Frauenverein ziemlich ablehnend, und auf ihn ist es auch zurückzuführen, daß der Bund Deutscher Frauenvereine bei seiner Gründung im Jahre 1834 erklärte, daß .die sozialistischen Arbeiterin icenvereine selb st- verständlich" ausgeschlossen sein müßten. Nur sechs Frauen, unter ihnen Minna Cauer, Lily von Gizycki(Lilh Braun) und Lina Morgenstern protestierten gegen diese Erklärung. Die andern stimmten zu und zogen dadurtd mit aller Schärfe eine Scheidungslinie zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung. Der Allgemeine.Deutsche Frauenverein, der noch heute in gewissem Sinne die Führung im Bunde Deutscher Frauenvereine hat, bildete sich mehr und mehr zu einer Organisa- tion der Frauen des mittleren Bürgertums und der Beamten her- aus. Er sah in der kommunalen Betätigung, in der praktischen Arbeit die wichtigste Ausgabe für die Frau. Im Gegensatz zu ihm' stellte der später entstandene Ver- band so rt schrittlicher Frauenvereine— nicht zu verwechseln mit den in der Fortschrittlichen Volkspartei organisier- ten Faucn— die Erlangung von Rechten in den Vordergrund seiner Propaganda. Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der zusammen mit dem deutschen Verband für Frauenstimmrecht den sogenannten linken Flügel im Bund Deutscher Frauenvereine bildete, ging im Jahre 1899 aus dem Zusammenschluß des Ver- eins Frauenwohl Berlin mit ähnlichen von Minna Cauer und an- deren fortgeschrittenen Frauen ins Leben gerufenen Vereinen her- vor. Auf seine recht interessante Entstehungsgeschichte kann hier nicht weiter eingegangen werden, denn es kommt uns hauptsächlich darauf an, ein Bild von der Gegenwartspolitik det bürgerlichen Frauenbewegung zu geben. Im Bund Deutscher Frauenvereine kam es bald zu scharfen Zusammenstößen zwischen den Gemäßigten und den Radikalen. Diese vertraten das Prinzip, daß an Stelle des gemeinnützigen Wirkens die Sozialpolitik treten und als Ziel die Befreiung der Frau anerkannt werden solle, während die Gemäßigten durchsetzten, daß als Zweck des Bundes festgelegt wurde:„Durch organisiertes Zusammenarbeiten sollen die gemeinnützigen Frauenvereine erstarken, um ihre Arbeit erfolgreich in den Dienst des Familien- und Volkswohls zu stellen." Die Radikalen verlangten, daß der Bund 1999 auf seiner General- Versammlung die Verständigung der bürgerlichen und der sozialistischen Frauenbewegung in Sachen der Frauenfrage für wünschenswert erklären solle, die Gemäßigten konnten sich dazu nicht entschließen und setzten eine Resolution durch, die den Ver- einen empfahl, eine Verständigung von Fall zu Fall„in Bc- tracht zu ziehen". Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine bildete und bildet noch heute die Minderheit im Bund Deutscher Frauenveceine. Zu dem Allgemeinen deutschen Frauenverein stößt das Gros der an- deren Verbände und weiter rechts steht noch der Deutsch-evangelische Frauenbund und neuerdings der Deutsche Frauenbund, der weib- liche Ableger des Verbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Trotz seiner geringen ziffernmäßigen Bedeutung hat aber der Ver- band fortschrittlicher Frauenvereine immer einen gewissen Einfluß ausgeübt. Er bildete das vorwärtstreibende Element. Heute be- kennt sich der Bund Deutscher Frauenvereine zu Forderungen, die früher nur von den Radikalen und zwar in heftigem Gegensatz zu den Gemäßigten vertreten wurden. Als der Verband die Forde- rung des Frauenstimmrechts aufnahm und sich lebhaft an der Sitt- lichkeitsbetvegung beteiligte, wurde ihm von den zaghaften Ver- tretern der Gemäßigten oft genug vorgeworfen, daß er durch seinen Radikalismus die Interessen der Frauen schädige. Inzwischen ist die Frauenstimmrechtsbewegung, wie überhaupt die politische Frauenbewegung modern geworden, und mit Ausnahme des Deutsch-evangelischen Frauenbundes stößt sich niemand mehr im Bund Deutscher Frauenvereine an der Forderung des politischen Frauenwahlrechts. Daraus kann aber nicht gefolgert werden, daß fortschrittliche Tendenzen jetzt im Bunde die Vorherrschaft haben. Leben und Be- wegung— soweit beides überhaupt vorhanden und nicht schon „formvollendeter Stillstand" eingetreten ist— tragen zwar die Ver- treterinnen der Radikalen auf den großen Tagungen in die De- batten. Werden aber Forderungen gestellt, die den Bund zwingen würden, sich weiter links zu orientieren, so erhebt sich großes Ge- schrei und die Anträge werden abgelehnt. Das trat recht deutlich zutage, als der Bund für Mutterschutz den Antrag stellte, in den Bund aufgenommen zu werden. Hier war solch eine unerhörte Forderung, und sie wurde denn auch abgelehnt mit der Begründung, daß man Vereine mit familienzerstörenden Ten- d e n z e n nicht aufnehmen könne. Dem Bund für Mutterschutz hat diese Entschließung nicht weiter geschadet, und der gesamten Frauen- bewegung hat sie nichts genützt, denn ihre Gegner werfen ihr trotz alledem die Stärkung samilienzerstörender Tendenzen vor. Selbstverständlich ist der Bund neutral. Er kann schon des- halb nicht anders, weil die verschiedenartigsten Gruppen von rechts bis ziemlich weit links in ihm vertreten sind; und ebenso selbstver- ständlich ist der Bund gut bürgerlich. Die Besserstellung der b ü r- g e r l i ch e n Frauen— sei es wirtschaftlich oder rechtlich, sei eS durch sozialreformerische Matzregeln oder durch Stärkung der Be- rufsorganisationen— ist seine Aufgabe. Aber das merkwürdige ist, daß immer dann, wenn durch Gesetze den Forderungen des Bundes Geltung verschafft werden soll, die parlamentarischen Ver- treter der Schichten, aus denen diese Frauen kommen, versagen. So war es— um nur einige der neuesten Gesetzentwürfe, zu denen der Bund genau präzisierte Forderungen gestellt hat, anzuführen — bei den Verhandlungen über den verstärkten Mutterschutz in der Reichsversicherungsordnung, so war es beim Staatszugehörigkeits- gesetz und bei dem Gesetz über die Jugendgerichtshöfe. In diesen Fragen haben die Frauen bei den bürgerlichen Parteien bis in die Reihen der Fortschrittler hinein kein Ent- gegenkommen und kein Verständnis gefunden. Es blieb der So- zialdemokratie, der Partei der arbeitenden Klasse, vorbehalten, ihre Forderungen mitzubertreten; und von den verschiedensten Seiten wurde ja auch bittere Klage darüber geführt, daß diese Parteien für die Wünsche der Frauenbewegung so schwer zugäng- lich seien. Solange die Frauen das Wahlrecht nicht besitzen, werden sie natürlich auch weiter nicht für voll angesehen werden. Rücksichten werden von den bürgerlichen Parteien nur auf Wähler genommen. Dadurch wird aber der Kampf der bürgerlicben Frauenbewegung, ohne daß sie es wünscht, ja zum Teil völlig gegen ihren Willen, zu einem Kampf gegen den Mann, und auch darin unterscheidet sie sich von der prole- tarischen Frauenbewegung, die eng verbunden mit den Männern in der sozialdemokratischen Partei ihre Interessenvertretung sieht und nicht ihre Kraft unnütz in dem Kampf gegen die Männer der eigenen Klasse verschwenden muß. Es bliebe noch manches zu sagen über die Berufsorganisationen bürgerlicher Frauen wie auch über die Tatsache, daß die Anhänge- rinnen der Fortschrittlichen Volkspartei durchaus nicht etwa die Füh- renden der fortschrittlichen Frauenbewegung im Bunde sind, sondern daß die bekannteren Volksparteilerinnen, so Gertrud Bäumer, Helene Lange u. a. im Bund Deutscher Frauenvereine zur gemäßigten Richtung gehören. Aber uns kam es hier mehr darauf an, einen allgemeinen Ueberblick zu geben, den Gegensatz zwischen radikaler und gemäßigter Frauenbewegung aufzuzeigen und gleichzeitig zu beweisen, daß weder die eine noch die andere auf eine Vertretung ihrer Interessen durch bürgerliche Parteien rechnen kann. __ Tony Breitscheid. JMutterfchiitz und f�rauenrecht. Aus London wird uns geschrieben: Nach dem englischen Ver- sicherungsgesetz erhält eine versicherte Arbeiterin oder die Frau eines versicherten Arbeiters bei der Geburt ihres Kindes eine Unterstützung von 39 Schilling. Bisher konnte nur der versicherte Mann einer unversicherten Frau die Unterstützung erheben. Das August Bebel.(„Frau und Sozialismus".) hat in verschiedenen Fällen zu Mißbrauchen geführt, indem nämlich der Vater das für die Mutter und das Kind bestimmte Geld für sich verwendete. Zurzeit wird nun eine Novelle zu dem Versiche- rungsgesetz im englischen Parlament beraten. Im Komitee hatte man sich mit der Abänderung der erwähnten Bestimmung befaßt und beschlossen, daß in Zukunft nur der Mutter die Unterstützung gewährt werden sollte. In der Plenarsitzung kam es darüber zu einer interessanten Debatte, die wohl der Registrierung wert ist. Die Arbeiterpartei hatte beantragt, daß die Unterstützung sowohl an die Mutter wie an den Vater ausbezahlt werden könnte, der der Mutter dann das Geld auszuhändigen hätte. Dieses Amendement, das von den Arbeiterparteilern Roberts und MacDonald verteidigt wurde, spiegelte die Ansichten der Kassen wieder. Dagegen aber zogen die organisierten Frauen in einem Manifest der Genossen- schaftlichen Frauengilde zu Felde, die in einer Denkschrift die An- gelegenheit zu einer Prinzipienfrage machten. Von den Antrag- stesiern wurde hervorgehoben, daß es nicht angehe, ein ganzes Gc- schlecht(die Gatten der Frauen) zu entrechten, daß die Ausführung des Komiteebeschlusses aus administrative Schwierigkeiten stoßen werde, daß es auch Frauen gebe, die das Geld vergeuden würden und daß man den Kassen das Recht einräumen müsse, zu entschei- den, in welchen Händen das Geld am sichersten seinem Verwen- dungszweck zugeführt werden würde. Aber die Gegner des Ab- änderungsantrages, Mitglieder aller Parteien.ließen sich nicht be- irren. Sie forderten die strikte Durchführung des Grundsatzes, daß nur die Mutter zum Empfang des Geldes berechtigt sei. Bei der Abstimmung kam es zu einer verwirrenden Szene. Die Stimmzähler beider Parteien riefen:„Hierher, wer die Frauen bc- schützen willl" Dadurch stimmten einige Jrländer, die gegen das Amendement stimmen wollten, für das Amendement, das mit ge- ringer Mehrheit angenommen wurde, trotz der bissigen Bemcrkun- gen des Genossen Snowden, der seinem Parteigenossen Roberts vor- warf, er betrachte die Angelegenheit von dem mosaischen Standpunkt des zehnten Gebots, wo die Frau mit dem Ochsen und Esel des Herrn in einen Topf geworfen wird. Doch der Sieg der Antrag- steller war nur von kurzer Dauer. Gleich wurde ein Unteramende- ment gestellt und angenommen, nach dem der Gatte von der Frau zum Empfang des Unterstützungsgeldes autorisiert sein muß, um es erheben zu können. In der Praxis mag die Aenderung nicht viel bedeuten; aber die Alleinberechtigung der Frau zu dem Mutter- schutzgeld ist nunmehr juristisch befestigt. An solchen kleinen Ereig- nissen kann man merken, wie kräftig die Frauenbewegung in Eng- land die Gemüter schon beeinflußt. Gemcinbewahlrccht der Frau. In der„Kommunalen Praxis" macht Genossin Breitscheid den Vorschlag, zu versuchen, in den Städten Rheydt und Essen die Eintragung von Frauen in die kom- munalen Wählerlisten durchzusetzen. In beiden Städten sind Frauen zu Ehrenbürgerinnen ernannt worden(in Essen Frau Berta Krupp, in Rheydt Fräulein Marie Lenssen, die um die Für- sorge für die weibliche Jugend Verdienste hat). 8 b der Städte- ordnung, der von der Teilnahme am Wahlrecht spricht, wurde bisher so ausgelegt, daß nur Männer wahlberechtigt seien, obgleich darin von„jedem selbständigen Preußen" die Rede ist. 8 6 der Städte. ordnung, der die Verleihung des.Ehrenbürgerrechts regelt, spricht ausdrücklich von„Männern, die sich für die Stadt verdient gemacht haben". Selbstverständlich ist es ein Unsinn, einmal Frauen von dem„gewöhnlichen" Bürgerrecht auszuschließen, ihnen aber daS Ehrenbürgervecht zu verleihen, obgleich der Wortlaut der Städte- ordnung eher die umgekehrte Handhabung zuläßt. Staatspensi-n für arme Mütter. Unter dieser Spitzmarke hatten wir im Mai d. I. eine Notiz über die staatliche Unterstützung mittelloser Mütter in amerikanischen Bundesstaaten gebracht. Wie Genosse Adolf Hepner der„Gleichheit", die diese Notiz ebenfalls abgedruckt hatte, schreibt, sind die tatsächlichen Angaben dieser Mit- teilung falsch. Litcrarirches. DaS sterile Berlin von Felix A. Theilhaber.(Verlag Eugen Marquardt. Berlin 1913. ISS Seiten. Preis 4 M.) Hinter dem etwas sensationellen Titel birgt sich eine statistische Studie, die>mt Hilfe neuer Berechnungsmethoden die ökonomisch wichtige Tatsache festlegt, daß der Geburtenrückgang in Berlin heute bereits so groß ist, daß Berlin ohne den Zuzug fremder Personen aussterben würde. Ueber diese Untersuchung hinaus wirft die Arbeit einige Streiflichter auf die Geburtenbeschränkung im Altertum und Mittelalter, bc- schäftigt sich mit den Beziehungen von Beruf und Geburtenzahl io- wie mit denen zwischen Konsession und Geburtenzahl. Sie führt weiter den Beweis, daß ähnliche Tendenzen der Sterilität sich in den übrigen Großstädten geltend macben. Die Ursachen für die von ihm dargestellten Erscheinungen sucht der Verfasser wesenllich in ökonomischen Wurzeln. Dieses Resultat ist um so wertvoller, als Theilhaber in früheren Ver- öffentlichungen anderen Faktoren(Konfession usw.) mehr Einfluß einräumte. Den Weg zu dem Zugeständnis von der fast auSschlreß- lichen Wirksamkeit ökonomischer Momente führte Theilhaber offenbar die Beschäftigung mit der Säuglingssterblichkeit, die sür die Be- urteilung der zukünftigen Bevölkerungsvermchrung von äußerster Wichtigkeit ist. Die Arbeit klingt aus in der Forderung nach Wirt- schaftlichen Reformen, die der Mutter und dem Kinde die Sicherheit auskömmlichen Unterhalts gewähren. Die Rassenhygiene in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Von G. von Hoffmann.(F. F. Lehmanns Ver- lag, München 1913. 237 Seiten. Preis 4 M.. geb. S M.) Die Arbeit berichtet nach einer kurzen Zusammenfassung der Grund- lehren der Rassenhygiene über die Verbreitung rassenhygienischer Ideen und Maßnahmen in den Vereinigten Staaten, insbesondere über Eheverbote, das Unfruchtbarmachen der Minderwertigen und Einwanderungsverbote. Als Ergänzung dazu wird der Wortlaut eines Ehegesetzes, des Einwanderungsgesetzes und der bestehenden Gesetze über Unfruchtbarmachung mitgeteilt. Ein sehr reichhaltiges wertvolles Schriftenverzeichnis von mehr als 999 Nummern über die behandelten Fragen ergänzt den Inhalt. Die Darstellung der amerikanischen Gesetzgebung hat uns von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit solcher Gesetze zur Verbesserung der Nachkommen- schaft nicht überzeugen können. Auch in Amerika werdon die Ehe- Verbote für Geisteskranke, Schwachsinnige, Jdiote»,, Epileptische, Geschlechtskranke, Alkoholiker, Lungenschwindsüchtige, und Personen, die der Armenpflege zur Last fallen(!), gar nicht oder ziemlich willkürlich durchgeführt, soweit solche Gesetze überhaupt bestehe». Das gleiche trifft für die gesetzliche Sterilisierung zu. Uns scheint es überhaupt prinzipiell bedenklich, dem Staate so weitgehende Bc- fugnisse zu überlassen, so lange nicht auf sozialpolitischem Wege alles versucht worden ist, um Volksseuchen, Verbrechen und Wirt- schaftliche Not zu beseitigen. Di« Frau im Dienste der Reichs-, Post- und Telegraphenver- waltnng. Von Dr. Oskar Wagner(Verlag Teubner, Leipzig und Berlin 1913. 247 Seiten. Preis 4,89 Mk.) Der Verfasser, Ober- Postpraktikant in Halle a. S., gibt eine eingehende mit zahlreichen aktenmäßigen Belegen versehene Darstellung der Tätigkeit von Frauen im Postdienst Deutschlands, der nichtdeutfchen Staaten Europas, Nordamörikas und Neuseelands. Aus dieser intcrnatio- nalen Uebcrsicht ergibt sich, daß fast alle einzelnen Arbeitsbcdin- gungen in diesem oder jenem ausländischen Staat günstiger sind als bei der deutschen Postbeamtin. Sie MeitsMigkcit in Berlin. Stu§ der Lage des Arbeitsmarktes läßt sich schon seit längerer Zeit erkennen, daß das Wirtschaftsleben wieder von einer schweren Krise heimgesucht wird. Das Heer der Arbeits losen vermehrt sich fort und fort. Wenn auch augenblicklich »och nicht von einer allgemeinen, das ganze Wirtschastsgetriebe bedrückenden Krise gesprochen werden kann, so ist es doch eine unbestreitbare Tatsache, daß gewisse Industriezweige schon seit längerer Zeit unter einer schweren Depression leiden, die es vielen Teufenden von Arbeitern unmöalich macht, Arbeit zu finden. In erster Linie ist es das Baugewerbe, die Holz industrie und das graphische bewerbe, wo sich der Wirtschaft- liche Niedergang schon seit längerer Zeit mit erschreckender Deutlichkeit bemerkbar macht. Ungewöhnlich groß ist die Zahl der Arbeitslosen in diesen drei Produktionsgebietcn. Nach einer Erhebung, die der Ausschuß der Berliner GeWerk- schastskomniission in letzter Zeit vorgenommen hat, sind allein von den Mitgliedern der freien Gewerkschaften in Berlin arbeitslos: Im Baugewerbe 5700, in der Holzindustrie 5000, in den graphischen Berufen L000. Der Transportarbeiter� Verband gibt die Zahl seiner arbeitslosen Mitglieder auf über L000 an. Insgesamt sind von den Mitgliedern der freien Gewerkschaften in Berlin gegenwärtig 10 000 bis 17 000 arbeitslos. Man muß natürlich annehmen, daß auch die Mitglieder anderer Organisationen sowie die Unorganisierten in demselben Verhältnis an der Arbeitslosigkeit beteiligt sind. Hiernach werden wir zurzeit etwa 50 000 Arbeitslose in Berlin haben. Wer zu einer optimistischen Auffassung neigt, der wird vielleicht sagen, im Verhältnis zur Gesamtzahl der Be schäftigten sei die Zahl der Arbeitslosen noch nicht besonders groß. Dem ist entgegenzuhalten: Wenn in Berlin 50 000 Arbeitslose vorhanden sind, so bedeutet das doch eine Summe von Not und Elend, an der die Oeffentlichkeit nicht achtlos vorübergehen darf. Ein Heer von Arbeitslosen liegt auf der Straße. Zehntausende fleißiger Arbeiter bemühen sich ver- gebens um Arbeit und Verdienst. Sie belagern die Arbeits- nachweise, reißen sich um die Arbeitsangebote der Zeitungen, melden sich zu Hunderten, wo ein Arbeitsplatz frcigeworden ist und kehren nach vergeblichem Suchen enttäuscht in ihr elendes Heim zurück, um an den folgenden Tagen den Kampf um Arbeit und Brot mit dem gleichen Mißerfolg wieder auf- zunehmen. Und dieser Kampf wird von Tag zu Tag härter und aussichtsloser, denn das Heer der Arbeitslosen schwillt imnier mehr an. Die Aussicht, ein Unterkommen zu finden, wird von Tag zu Tag geringer und die Zeit der Arbeits- losigkeit, zu der jeder einzelne der Arbeitslosen vcrdamint ist, wird länger und länger. Es ist ja eine von der widersinnigen kapitalistischen Wirt- schaftsordnung untrennbare Erscheinung, daß immer eine industrielle Reservearmee, eine Anzahl überschüssiger Arbeits- kräftc vorhanden ist, für welche die Industrie keine Verwendung hat. Aber noch nie war der Bestand der industriellen Reserve- armee ein so dauernder wie jetzt. Wer heut das Unglück hat, als überschüssige Arbeitskraft auf die Straße gesetzt zu werden, der findet so bald keine Arbeit wieder. Die Feststellungen der Gelverkschaftskomniission haben ergeben, daß die Dauer der Arbeitslosigkeit für jeden Arbeitslosen eine erschreckend lange ist. Eine Arbeitslosigkeit von 10 bis 20 Wochen für den einzelnen kommt sehr häufig vor. Wem es gelingt, schon nach wenigen Wochen wieder Arbeit zu bekommen, der kann sich unter den heutigen ungesunden Verhältnissen noch zu den Glücklichen rechnen. Das sind in der Tat traurige Verhältnisse, die dringend der Abhilfe bedürfen. Die Gewerkschaften haben ja durch die Arbeitslosenunterstützung eine Einrichtung geschaffen, die be- stimmt und geeignet ist, der Not ihrer zur Arbeitslosigkeit verdammten Mitglieder nach Kräften zu steuern. In normalen Zeiten reicht diese Hilfe wohl aus, um der drückendsten Not zu steuern. Aber in einer Zeit der 5lrise, bei ungewöhnlich langer Dauer' der Arbeitslosigkeit kann die Selbsthilfe der Arbeiter nicht genügen. Da müssen Staat und Gemeinde eingreifen, um mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die Not zu lindern, welche das tvidersinnigc kapitalistische Wirtschaftssystem, verschärft durch die das Volk aussaugende Zoll- und Steucrbelastung, über Zehntausende von Arbeitern heraufbeschworen hat. Jetzt stehen wir erst am Anfang einer Krise, aber doch macht sich ihr Druck auf die Arbeiterschaft schon in einer so schweren Weise bemerkhar, daß es Pflicht der öffentlichen Organe ist, Abhilfe zu schaffen, soweit es in ihren Kräften steht und nicht zu warten, bis sich das gegenwärtige Elend zu einer allgemeinen Notlage ausgewachsen hat. Der Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommission ver- anstaltete gestern vormittag sieben Arbeitslosenversammlnngen. Da wurde das Elend der Arbeitslosen in anschaulicher Weise gezeigt, die Ursachen der Arbeitslosigkeit wurden dar- gelegt, und die Forderungen, tvclche an Staat und Gemeinde gestellt werden, in einer Resolution zusammengefaßt, die in allen Versammlungen einstimmige Annahme fand. Die Resolution lautet: Die am 13. August versammelten Arbeitslosen aller Berufe erblicken in der zurzeit herrschenden großen Arbeitslosigkeit eine ständig wiederkehrende Begleiterscheinung der gegenwärtigen Wirt- schaftsordnung. Infolge der seit Jahren herrschenden Teuerung, wovon alle Lebensmittel und Bedarfsartikel betroffen sind, ist der Konsum der Massen des Bolkes ganz erheblich eingeschränkt. Die andauernde Verschlechterung des Geldmarktes und der schranken- lose Grund- und Bodenwucher haben die Bautätigkeit fast gänzlich lahmgelegt.• Diese Ursachen liegen der schon seit langem andauernden Arbeitslosigkeit zugrunde und verschulden die ungemein lange Dauer der Arbeitslosigkeit, wovon zehntausende Berliner Arbeiter betroffen sind. Als eine besonders gefährliche Erscheinung muß die Tatsache angesehen werden, daß Tausende Arbeiter aus den Bauberufen, die zurzeit volle Beschäftigung haben sollten, gegenwärtig ohne Arbeit smö. Zu gleicher Zeit wird von großen kommerziellen und in- dustriellen Unternehmungen berichtet, daß keine neuen Aufträge ein- gehen, und soweit dies dennoch der Fall ist, von einer günstig zu beurteilenden Geschäftslage keine Rede sein kann. Vielmehr wird die Konjunktur allgemein als sehr schlecht bezeichnet. Somit steht für den kommenden Winter eine noch viel größere Arbeitslosigkeit zu erwarten. Die Gewerkschaften haben bisher schon nach ihren Kräften die durch die Arbeitslosigkeit entstandene Notlage gemildert. E s kann jedoch den Gewerkschaften nicht allein zu- gemutet wer d e-n, den Opfern des heutigen Wirt- schaftsshstems über die schlimmen Zeiten der Arbeitslosigkeit hinwegzuhelfen. Hier müssen Staat und Gemeinde eingreifen und die Arbeits- losigkeit abzuwenden suchen und soweit dies nicht möglich ist, die durch Arbeitslosigkeit entstehende Not zu mildern. Staat und Gemeinde können dieses berechtigte Verlangen er- füllen, indem sie l. die von ihnen beabsichtigten Bauausführungen und andere gewerblichen Arbeiten alsbald in Auftrag geben und diese Arbeiten unter Beobachtung der Tarifverträge der einzelnen Berufe ausführen lasse»: II. die Arbeitslosenversicherung alsbalv einführen. Die Versammelten erblicken in diesem Verlangen die Er füllung einer Pflicht, die Staat und Gemeinde ihnen gegenüber haben und die daraus resultiert, daß Staat und Gemeinde als Sachlvalterin der Interessen des Volkes auch jene Teile des Volke- nicht vergessen dürfen, die mit zum Wohlstande der Nation bei getragen haben, aber unter den Schäden des heutigen Wirtschafts- systcms am schlimmsten leiden. In Rücksicht daraus, daß im Winter eine bedeutende Ver- schlimmernng der Lage eintreten wird, erivarten die Versammelten daß ihre berechtigten Verlangen alsbald berücksichtigt lverden. Die Versammelten beaustragen daher den Ausschuß � der Ge- Werkschaftskommission, alle Schritte einzuleiten, die erforderlich sind, um die hier in Aussicht genommenen Maßnahmen durchzu- führen. ** * lieber den Verlauf der Versammlungen geben wir die folgenden Berichte: Im Moabiter Gescllschaftshaus tn der Wiclefstraße referierte O. Hanke. Nach Erörterung der allgemeinen, in der kapitalistischen Produktionsweise begründeten Ursachen wirtschaftlicher Krisen besprach er die besondere Gestaltung der augenblicklichen Verhältnisse, unter denen im hervorragenden Maße bestimmte Gewerbe zu leiden haben. Dabei gab der Redner einige interessante Zahlen. Im Jahre 1906, als der Höchststand einer guten Konjunktur im Baugewerbe war, wurden im Berliner Baugewerbe 22 000 Maurer und die dazu gehörige Anzahl von Putzern, Zimmerern, Hilfsarbeitern usw. beschäftigt. 1997 und 1998 verminderten sich die Zahlen erheblich und im vorigen Jahre, wo die Schwierigkeit der Geld beschaffung immer größer wurde, verininderte sich die Zahl allein der in Berlin� anwesenden Maurer so, daß jetzt 19 999, höchstens aber 11 999 Maurer inr Berliner Geschäfts- bercich gerechner werden können. In den letzten 6 Jahren habe sich die Zahl der Berliner Maurer um die Hälfte verringert. Wo seien nuii die anderen geblieben? Bei Beannvorlung der Frage sei zu berücksichtigen, daß im Baugewerbe die Verbältnisse anders lägen, wie in anderen Gewerben. Der Nachwuchs komme im Baugewerbe nicht aus den großen Städten, sondern vom flachen Lande. Die Lehrlinge würden vorloicgend auf dem flachen Lande ausgebildet. Es gab Dörfer in der Provinz Brandenburg, wo etwa 199 Maurer wohnten, aber nur zwei am Orte beschäftigt werden konnten. Die anderen kommen Montags nach Berlin, um hier die Woche über zu arbeilen und dann Sonnabends wieder heimzufahren. So komme es denn, daß bei abnehmender Berliner Arbeitsmöglichkcit diese Leute in der Landwirtschaft oder in anderen Gewerben unter- zukommen suchten. Trotz jeuer großen Abnahme der in Berlin vor- handelten Bauarbeiterschast seien zurzeit 15 Prozent der in Berlin anwesenden Bauarbeiter arbeitslos, und das zu einer Jahreszeit, die für das Baugeiverbe sonst die günstigste 'ei. Natürlich wirke das zurück auf alle irgendwie init dem Bau- gewerbe zusammenhängenden Gewerbe.— In anderen Gewerben, die besonders stark von der jetzigen Arbeitslosigkeit heimgesucht seien, z. B. in der Berliner Holzindustrie, sei nun im Gegensatz zum Bau- gewerbe, wegen der anders gearteten Verhältnisse, die Zahl der o r t s all w e s e n d e n Berufsangehörigen nicht gesunken, sondern eher noch etwas gestiegen. Es sei also klar, daß die Arbeitslosigkeit im Berliner Holzgewerbe noch größer sei.— Die Zunahme der Arbeitslosigkeit in Berlin kennzeichnete Redner durch die von den freien Gewerkschaften gezahlten Unterstützungen. Hervorzuheben ist, daß die gesamten Berliner Gewerkschaften im Jahre 1911 an Arbeitslosenunlerslütjung 1 947 009 M. und im Jahre 1912 bereits beinahe Lstz Millionen Mark Arbeitslosenunterstützung zahlten.— Unter Hinweis auf die dem Reich, dem Staate und den Kommunen obliegenden Verpflichtungen begründete Redner unter Beijall die Forderungen der Resolution. In der „Neuen Welt" war nicht nur der hintere Saal, sondern auch ringsherum die Galerie gefüllt. Arbeitslose Proletarier und Proletarierinnen lauschten den Worten des Referenten Werner. Tiefer Ernst zwar, aber keine Mutlosigkeit lag über der Versammlung ausgebreitet. Und dann noch ein erfreuliches Zeichen. Nur ganz spärlich sahen wir an diesem und jenem Tische ein Glas Bier; ein Erfolg gewerk- ichaftlicher, proletarischer Erziehungsarbeit. Das Bewußtsein, die ache des arbeitslosen Proletariats in den tatbereiten Händen der Organisation zu wissen, macht eben die elendverschärfende Betäubung durch den Alkohol überflüssig. Auch der Saal des Restaurants „Königshof" in der Bülowstraße war gefüllt. Referent war Genosse D u p o n t. Ein Versammlungsteilnehmer führte in der Diskussion bitter Klage über einige zutage getretenen Mißstände in der Schöneberger Arbeits- loscnversicherung. Die Bestimmung des§ 3, wonach Unterstützung nur gewährt wird, wenn die Arbeitslosigkeit unverschuldet enl- standen ist, werde zum Nachteil der Arbeitslosen in rigorosester Weise angewendet. Auch die Parität in der Verwaltung sei durchbrochen dadurch, daß jede Fraktion ihren Vertreter dahinein entsende, die immer dann erscheinen, wenn es gilt, einen Antrag abzulehnen, die eigentliche Verwaltungsarbeit aber den anderen überlassen. Nach der Brauerei Königstadt zogen um die zehnte Vormittagsstunde Scharen von Arbeitslosen. An den Straßenecken und �n den Hausflure», ebenso vor dem Ver- 'ammlungslokal waren Schutzleute postiert. Als Genosse Schneider sein Referat begann, war der Saal ämt den Galerien bis auf den letzten Platz besetzt. Kopf an Kopf landen und saßen die Zuhörer und lauschten den Worten des Redners. Nicht minder stark war der Zustrom der Arbeitslosen nach den Sophicnsälcn, wo die Polizei schon frühzeitig das Versammlungslokal absperrte. Hier gab Genosse Becker eine Darstellung von der großen ivirt- schaftlichen Not, unter der viele Tausende armer Menschen leiden müssen, ohne jegliche Aussicht auf Bessergestaltung in nächster Zeit. Dasselbe Bild im Gewerkschaftshaus, wo Scharen von Arbeitslosen ja ein: ständige Erscheinung sind, Diesmal aber hatten sie sich zusammengefunden, um durch ihre Zahl und ihren Protest das Gewissen der Oeffentlichkeit zu wecken. Mit Recht wies denn auch Genosse Kunze darauf hin, daß mit Not- standsarbeilen nicht geholfen sei, wenn man schließlich solche bereit- stellen sollte, sondern durchgreifende Maßnahmen getroffen werden müßten, um diesem grauenvollen Zustande ein Ende zu bereiten. In Kellers Festsälcn referierte Glocke. An Hand eines reichhaltigen Materials schilderte er das Elend der Arbeitslosigkeit. Als er die traurige Tatsache er- wähnte, daß gegenwärtig sehr viele Arbeiter 12 Wochen lang ohne Arbeit seien, erscholl cS von allen Seiten:.29 Wochen!" 39 Wochen!" „Ich bin schon seit November arbeitslos!" Ein paar anarchistische Eigenbrödler suchten durch gehässige Angriffe auf die Partei- und Gewerkschaftsangestellten einen Mißton in die Versammlung zu bringen, mußten aber schließlich merken, daß sie hier keinen Anklang fanden. Die Polizei hatte sich in der Koppenstraße in starker Zahl ein- gefunden, sie erhielt aber nichts zu tun. Die Anwesenden befolgten den Rat der Versammlungsleilung, sich nicht provozieren zu lassen, und zerstreuten sich in aller Ruhe. Nerblllidsteg der Fithographell, Ztkiadrucker und oenvandttn Kerufe. Stuttgart, 12. August. Der Verbandstag trat heut in die Debatte über den Punkt Technische Umwälzungen im graphischen Gewerbe ein. Von den Lithographen wird besonderer Wert darauf gelegt, daß die Neuerscheinungen allen Sparten des Gewerbes zugänglich gemacht werden. Im übrigen dreht sich die Debatte um die Schaf- fung einer zentralen Sammelstelle der Druckerzeugnisse im graphi- schon Gewerbe, lieber die Schaffung selbst herrscht Einmütigkeit. Differenzen entstehen nur über den Sitz dieser Zentrale. Von Leip- zig aus wird beantragt, die Sammelstelle nach Leipzig zu legen, weil hier die Umwälzungen mit aller Schärfe in die Erscheinung träten, Leipzig sei die graphische Zentrale der ganzen Welt. Der Gau 1(Berlin) will die Sammelstelle dem Hauptvorstand an- gliedern. Man befürchtet auf dieser Seite, daß bei einer Eni- scheidung für Leipzig der Hauptvorstand nicht mehr die wirkliche Zentrale in allen Berufsfragen bleibe. Leipzig erhält jedoch bei der Abstimmung die große Mehrheit. Dieser Zentrale soll nach einem weiter angenommenen Antrag auch eine Samm- lung von Drucksachen kollegialer Veranstaltungen angegliedert werden. Annahme findet auch ein Antrag, der eine Statistik über die Rotary- und Offsetmaschinen fordert, welche nachweist, was und wieviel an diesen Maschinen geleistet wird und wieviel Flachdruck- pressen durch diese Maschinen überflüssig werden.— Man geht sodann über zu den Geschäftsberichten. Den Bericht des Hauptvorsitzenden gibt der Verbandsvorsitzende S i I l i e r- Berlin, der auf die kleine Zunahme der Steindrucker und den Rückgang der Ehcmigraphen und der Lichtdrucker verweist. Bei den Lithographen sei ein weiterer Rückgang durch den Rück- gang des Gewerbes selbst zu erwarten. Die Steindrucker hätten sich besser gehalten, denn der Steindruck habe das verloren ge- gangene Exportgebiet durch Neueroberungen auf dem Inlands- markt, besonders für die Bedürfnisse der Lebensmittelbranche, mehr als ausgeglichen. Den Kassenbericht erstattet HauptkassieA:r B r a l l» Berlin. Der Bericht des Zcntralausschusses, den H i e k- mann- Dresden erstattet, weiß über nennenswerte Beschwerden nicht zu berichten. Der Hauptvorstand sei überlastet, die Verweh- rung der Kräfte sei notwendig.— Den Pressebericht erstattet B a r t h c l- Berlin. Er verwahrt sich besonders dagegen, daß er sich bei seiner Rcdaktionstätigkcit vom Hauptvorstand als einer obersten Zensurbehörde habe beeinflussen lassen. Im Interesse des Verbandes müsse in taktischen Fragen möglichst Einmütigkeit zwischen Häuptvorstand und Redaktion herrschen. Diese Verständi- gung sei bisher stets möglich gewesen.— Weitere Berichte werden entgegengenommen über die Redaktion des„Lithograph" und der„G r a p b i s ch e n R u n d s ch a u".— Zu den Geschäftsberichten liegt eine Reihe von Anträgen vor. Die Debatte über die Berichte gestaltet sich sehr lebhaft. Es wird die Lückenhaftigkeit des Vorstandsbcrichts gerügt, das Ver- graben aller Lohnbewcgungsangelegenheiten in nichtöffentlicher Sitzung beanstandet und eine Resolution von Hannover bean- tragt, die für alle beruflichen Sparten der„Graphischen Presse" bestimmte Mitarbeiter fordert, deren Meinungsfreiheit in beruflichen und wirtschaftlichen Fragen sicherzustellen sei. Im Ver- laufe der Debatte weist Redakteur Barthel besonders mit aller Entschiedenheit den von Hannover erhobenen Vorwurf zurück, daß er sich vom Schutzverband Vorschriften habe machen lassen.— Gerügt wird, daß die vor drei Jahren geforderten Erhebungen über die sanitäre Lage vom Hauptvorstand nicht vorgenommen wurden. Darauf tritt Vertagung bis Mittwoch ein. Verantwortlicher Redakteur: Alfretz Wiclepp, Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Becftn. Druck u. Verlag: Vorwärts BHefKaften der Kedahtion. Die juristische Sprechstunde findet bis einschließlich Sonn- abend, den 39. August, nur von 7 bis 9 Uhr abends statt.— Sonnabends Sprechstunde von ZHö bis 6 Uhr nachmittags. R. R..1«. 1. Ab l. Oktober. 2. 3.60 M.— A. I. 1. u. 2. Der Be- schlug ist bindend. 3. Nein.— M. W. 1. Die Erklärung erscheint nicht ausreichend. Eine schriftliche gleichlautende Erklärung würde genügen, so« fern die Frau Vermieterin ist.— N. L. Fso. III. Unverständlich. Wiederholen Sic die Anfrage unter Darstellung des Sachverhalts.—.v>. A. 209. Nein.— R. T. 19. Die genannten Sachen gehören zu den unentbchr- lichcn. Sie können Herausgabe fordern, eventuell klagen.—.6..H. 51. Nein.— M. I. 50. Ja. Falls eine elufforderung erfolglos ist, rönnen sie die Schrift selber herstellen lassen und die Kosten erstattet verlangen. Von der Miete dürfen sie den Betrag jedoch nicht kürzen.— K. Tch. 115:2. 1., 2. u. 3. Das ist ohne weiteres nicht zu sagen. Jedenfalls ist es rat- sam, der Aufforderung Folge zu leisten. Ein Verschulden liegt in Ihrem Verhalten nicht. 4. Bevor Sie hingehen, fragen Sie schriftlich an, ob die Bersäuinnislosten gedeckt werden. Erst nach zustimmender Antwort brauchen Sie der Aufforderung Folge zu leisten.— M. P. 1000. 1. u. 2. Nein. 3. Sie haben Anspruch sür das ganze Jahr, Falls Zahlungstermine nicht vereinbart sind, ist der Betrag erst nach Ablaui des Jahres fällig. — Dmifc. Eine gesetzliche Verpflichtung zur Taust besteht nicht. Jedoch könme das Vormundschastsgericht, salls die Mutter ihr Sorgcrccht zum Nachteile des Kindes ausübt, ihr das Fürsorgerecht entziehen. Ein gewalt- sainer Zwang kann nach einer anderen Richtung hin der Mutter gegenüber nicht ausgeübt werden.— D. B. 10. Eine Geisteskrankheit ist nur mög< lich, sofern die Gciilcskrantheit mindestens drei Jahre angedauert hat und unheilbar ist. Liegen diese Voraussetzungen vor, so können Sie die Ehe- schcidungsllage durch einen Rechtsanwalt beim Landgericht erheben lauen. — Strlisiburg. Sic sind sür die Schulden Ihres Ehcmmmes nicht hqjt- bar.— 30. 0. Wiederholen Sie Ihre Anfrage und geben Sie noch an, wann die Ehe der Eltern geschlossen und wo der erste Shcwobnsitz gewesen ist,— P. 35. Sie müssen zunächst von dem Eigentümer Abhilfe fordern unter Setzung einer angemessenen Frist. Verstreicht die Frist crsolglos, so könnten Sie, sosern die Ruhestörung erheblich ist, aut Vertragslösung klagen.— M. S. 13. 1. Der Satz ist angemessen. 2. Befragen Sie einen Arzt oder Chemiker. Z. 833. Sie sowie Ihre Kinder haben kein Erbrecht.— P. G. 11. Der Siegel muß an einer in die Augen lallenden Stelle des Pfandstücks befestigt werden. Eventuell steht Ihnen Beschwerde an das Vollstrcckungs- gericht zu. 2. Nein.— 9t. 19. Sie müssen zahlen.— O. 35. Sie 'örnicn Entfernung der Schilder verlangen unter Setzung einer Frist. Ver- streicht die Frist erfolglos, so können Sie von dem mit dem Cassbesitzer ge« schloffcncn Vertrage zurücktreten und Schadenersatz verlangen. Von dem Anbringen des Plakats raten wir ab.— 05. B. 37. Ein solcher Vertrag wäre anjcchtbar.— 91. M. 30. Ja. Sie müssen aber schristliche Prozeß- vollmacht von Ihrer Pflegemutter haben. Beglaubigung der Unterschrist ist nicht crsordcrlich. Marktpreise van Berlin am IS. 9tugust 1913, nach Ermittelungen des königl. Polizeiprk.ndiums. 190 Kilogramm Weizen, gute Sorte 19.98 bis 20,00, mittel 19,94—19,96, geringe 19,90—19,92. Roggen, gut- Sorte 16,50, mitte! 00,00—00,00. geringe 00,00—00.00(ab Bahn). Futter- gerstc, gute Sorte 17,10—17,50, mittel 16,50—17,60, geringe 16,20—16,50. Haser gute Sorte 17,60—19.00. mittel 16,60—17,50. Mais smixed), gute Zorle 16,50—16,70. Mais i runder), gute Sorte 14.50—15.00. Richtswoh 5,00. Heu. alt 0,00, neu 6,00—7,20. M a r k t h a l l e n v r e i s e. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30 00— 50,00. Speis ebohnen. weiße 35,00—60,00. Linien 35,00— 60,00. Kartosj-In(Kleinbdi.) 5,00—10,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1 70— 2,40. Rindfleisch, Bauchsleisch 1,30—1,80. Schweinefleisch 1,60—2,10. Kalbfleisch 1.40—2,40. Hammelfleisch 1,60—2.40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,60—5,40. 1 Kilogramm Karpien 1,60—2,60. Aale 1 40— 3,20. Zander 1,40—3,60. Hechte 1,60—3,20. Barsche 1,00—2,40, Schleie 1,60—3,50. Bleie 0.80—1,60. 60 Stück Krebse 1,00—45,00. Buchdruckerei a. BerlogSanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SSL lt. 208. 30. Iahtgasg. 3. ßfilajt des Jorniiitto" ßtrlintt WlksdlM Donnerstag, 14. Avgust 1913. Die Gemeinden Groß-Berlins und die ürbeitsloienfüriorge. Immer Jsiluroljlicfjcr rückt das Gespenst der Arbeitslosigkeit "näher. Von banger Sorge erfüllt sehen viele Tausende Arbeiter familien dem an Arbeitsgelegenheit noch geringeren Winter cnt- gegen. Not und Elend sind schon in„normalen" Zeiten der ständige Gast im Hause des Proletariats. Anderseits häufen sich in unseren großen und reichen Metropolen die Kulturgüter zu fabelhafter Höhc„ Reichtum und Besitz schwelgen immer üppiger. Die arbeitende Klasse dagegen, die alle Werte erzeugt, führt ein erbärm- liches Hundeleben. Ewige Existenzunsicherheit, karger Lohn und Harle Arbeit sind die ständigen Begleiter der Schöpfer alles Reichtums. Schon jetzt sind Taufende Arbeitsloser auf den gewerkschaftlichen und öffentlichen Arbeitsnachweisen vorgemerkt, jeder ersehnt den Tag, bis seine Nummer an die Reihe kommt und er wieder Arbeits- gelcgcnheit findet. Wochen und Monate harren sie— vergeblich! Gebückt und gedrückt schleichen sie enttäuscht nach Hause in ihre Elendshütte. Nur die Gewerkschaften haben bisher durch ihre Untcrstützungs- einrichtungen dem entsetzlichen Jammer einigermaßen zu steuern versucht. Hunderttausende und Millionen von Mark nehmen die Arbeiterorganisationen durch ihre Arbeitslosenunterstützungen der Gemeinde an Lasten ab. Staat und Reich erklären sich außerstande, diesem immer wiederkehrenden Massenelend wirksam entgegen treten zu können. Und die Gemeinden? Auch sie haben bisher wenig Neigung gezeigt, für die Opfer der kapitalistischen Wirt- schastsordnung zu sorgen. Wenn in Preußen unsere Junker mit absoluter Gewalt herrschen und soziale Fragen kaum berühren, so dominieren in den Gemeinden Grotz-Berlins in der Hauptsache die Vertreter des Freisinns. Auch das Interesse dieser Herren war gegenüber der Arbeitslosenfürsorge ein sehr geringes. Trotz wieder- "Holter Anträge unserer Parteigenossen in den kommunalen Ver- tretungen Groß-Berlins und trotz dringender Vorstellung und ein- gehender Begründung ist es ihnen bisher leider nicht gelungen, diese Angelegenheit erfolgreich durchführen zu können. Unter Anführung allerlei nichtiger Gründe wurden im allgemeinen ihre Anregungen achtlos beiseite geschoben. Gerade zur rechten Zeit ist diese Angelegenheit in ein neues Stadium gerückt und den Gemeinden Gelegenheit gegeben worden, dazu Stellung zu nehmen. Der Magistrat von Neukölln hat, einem Beschluß der gemischten Kommission zur Einführung der Arbeitslosenversichc- rung folgend, dem Verband der Gemeinden Groß- Berlins einen Antrag auf Einführung einer das Gebiet Groß- Berlins umfassenden Arbeitslosenfürsorge unter- breitet. Dieser Antrag und der dazu beigefügte Organisationsplan stützt sich in seinen Grundzügen auf die seinerzeit von unseren Ver- trctcrn in fast allen Gemeinden eingereichten Anträge. Der Antrag des Magistrats Neukölln gibt einleitend eine Ueber- ficht, was im Gebiet Groß-Berlins für die Arbeitslosenfürsorge bis- her getan ist. Von den Gemeinden Groß-Berlins hat erst eine einzige, Bcrlin-Schönebcrg, eine„arbeitslosenversicherungsähnliche" Fürsorge eingeführt, zu der alle im Stadtgebiet wohnenden männ- lichen invalidenversicherungspflichtigcn Arbeiter und Angestellten zu- gelassen sind. Es kommt hierbei einmal das sogenannte Genter System für diejenigen in Frage, die einer Bcrufsvereinigung angehören, die Arbeitslosenunterstützung zahlt, auch erhalten diejenigen Bar- Unterstützung, die über ein für die Zeiten der Arbeitslosigkeit ge- spcrrtcs Sparguthaben verfügen, und zum andern Mal werden die- jenigcn Jnvalidcnversichcrungspflichtigcn, die keiner solcher Orga- nisation angehören, während der Wintermonate, durch Speise- marken, für welche aus der Volksküche Mittagessen verabreicht wird, unterstützt. Andere Gemeinden haben auf dem Gebiete der Arbeitslosen- Versicherung praktische Arbeit nicht geleistet. In Charlottenburg sind alle Verhandlungen infolge der Ein- sichtslosigkeit des Bürgertums resultatlos verlaufen. Nur in Berlin-Wcißensce ist die Errichtung einer Arbeitslosen lasse für alle im Orte wohnenden männlichen und weiblichen Arb citer beschlossen worden. In Berlin selbst und den übrigen Gemeinden sind Schritte, welche die Frage der Arbeitsloscnfürsorgc lösen können, überhaupt nicht getan worden. Der Antrag des Neuköllner Magistrats gibt die Möglichkeit, vorwärts zu kommen. Würde jede Gemeinde für sich an die Lösung dieser Frage herangehen, so bestände die Gefahr, daß ein buntes Allerlei von Versicherungsarten gegebenenfalls zur Einführung ge- langen würde. Ein Beweis dafür sind schon die verschiedenartigen Entwürfe, die bisher behandelt und beraten wurden. So ist das Genter System in einem Fall ausgedehnt auf alle E i n h e i in i- scheu, dann ist das Gentcr System verbunden mit einer städtischen Arbeitsloscnvcrsicherungskasse nur für die im Gcmeindcgcbiet B e- sch ä ft igten und ferner eine Arbeitslosenversicherungskasse, die alle im Orte Wohnenden umfaßt. Durch dieses Plan- und Systemlose werden die Interessen der zu' versichernden Arbeiter keineswegs genügend gewahrt. Eine ein- zclne Gemeinde Groß-Berlins ist kein in sich abgeschlossenes Wirt- schaftsgebiet. Ein erheblicher Teil der in diesen Gemeinden woh- nenden Arbeiter und Angestellten geht außerhalb seiner Wohn- gemeinde seiner Beschäftigung nach; im Gegensatz dazu kommen viele Gemeinden in der Hauptsache wieder als Betriebsgemeinden in Frage. Wenn nun jede Gemeinde für sich eine kommunale Arbeitslosenfürsorge schaffen würde, fänden in erster Linie lokale Verhältnisse ihre Berücksichtigung. Bei der starken Wanderung der Groß-Berlincr Arbeiter von einer Gemeinde in die andere, die her- vorgerufen wird durch die verschiedenen wirtschaftlichen Verhält- nisse, machten die verschiedenen lokal abgeschlossenen Arbeitslosen- Versicherungen die Fürsorge für die zu Versichernden bald illuso- rrsch. Die wirtschaftliche Einheit Groß-Berlins erheischt also nur eine sich über vas ganze Gebiet sich erstreckende, nach einheitlichen Grundsätzen ausgebaute Versichorungsart. Hinzu kommt noch, daß, wenn jede Gemeinde nach eigenem Ermessen vorgehen würde, gerade die ärmeren iristungsunfähigtti Arbeitergemeiuden finanziell am stärksten belastet würden, während die reicheren leistungsfähigen Gemeinden keine oder nur unwesentliche Mittel für diese Zwecke aufzubringen hätten. Auch die Lastenverteilung muß nach einheit- lichen Grundsätzen vorgenommen werden. Noch andere Momente, so die Kontrolle und Arbcitsvermittelung, sprechen für eine Ein- heitlichkeit auf breitester Grundlage. Aus allen diesen Gründen können die Einzclgemcindcn Groß- Berlins als geeignete Träger der Arbeitslosenversicherung nicht zweckmäßig und geeignet erscheinen. Mit Recht wird in der Begründung deS Antrags hervor- gehoben, daß eine erfolgversprechende Lösung der Frage nur dann herbeigeführt werden kann, wenn ein gemeinschaftliches Vorgehen der Gemeinden zum Zwecke der Ausdehnung der Arbeitslosen- Versicherung auf das Groß-Bcrliner Wirtschaftsgebiet ermöglicht ist. Eine Reihe von Mängeln würden dadurch beseitigt. Der Unterschied zwischen Wohn- und Beschästigungsort wäre dadurch ausgeglichen. Bei einer Ansässigkeitsfrist kämen die zu Versichern- den nicht um ihre Rechte, die sie in einer Gemeinde in dieser Sache erworben haben, da nicht mehr der Aufenthalt in einer Gemeinde. sondern in Groß-Bcrlin in Betracht käme. Hinzu komme»och, daß auch die Gewerkschaften nicht lokal abgegrenzt sind, sondern sich über das ganzö' Wirtschaftsgebiet erstrecken. Auch für die in Berlin be- stehenden Hauptarbeitsnachweisc kommen die angeschlossenen Ar- bciter der Vororte mit in Betracht. In dem Entwurf wird noch die Schaffung eines gemeinsamen Arbeitsamtes angeregt. Zusanimenfassend wird beantragt: „Die Frage der Einführung einer Groß- Berliner A r b e i t s l o s e n f ü r s o r g e d e in n ä ch st in einer Verbandsversammlung einer näheren Prüfung zu unterziehen und nötigenfalls bei der Kgl. Staatsregicrung dahin wirken zu wollen, daß ihm das gesetzliche Recht erteilt würde, eine Arbeitslosenversicherung für das Verbandsgebict ein zuführe n." In dem Organisationsplan wird borgeschen, daß zur Linderung der durch unfreiwillige Arbeitslosigkeit entstehenden Mißstände folgende Maßnahmen getroffen werden sollen: Der Ver- band Groß-Bcrlin zahlt 1. an Arbeitslose, welche einer Arbeits- losenunterstützungskassc eines BcrufsvcreinS angehören, einen Zu- schütz zu den Unterstützungsbciträgen, den sie von ihrer Kasse er- halten; 2. er zahlt Zuschüsse zu den von den für Zeiten der Arbeits- losigkeit gesperrten Arbeitcr-Sparguthabcn abgehobenen Beträgen; 3. er begründet eine Arbcitsloscnvcrsichcrungskasse, zu deren Leistungen im Falle der Arbeitslosigkeit er einen Zuschuß gewährt Die Kosten sollen vom Verbände getragen werden und auf die Mitglieder nach Matzgabe der Bevölkerungszahl und Einkommen steuerkraft umgelegt werden. Jedem Arbeitslosen männlichen und weiblichen Geschlechts, der einem Bcrufsvcrcin mit Arbeitslosenunterstützung angehört oder der ein für Zeiten der Arbeitslosigkeit gesperrtes Guthaben besitzt, wird zu dem Unterstützungsbctrage, den er von seinem Bcrufsverein er hält, oder dem Betrage, den er von seinem Sparguthaben abhebt ein Zuschuß von 50 Proz. gewährt, der indessen 1 M. pro Tag nicht überschreiten darf. Der Zuschuß soll nur an solche Arbeitslose ge zahlt werden, die bei Eintritt der Arbeitslosigkeit seit einem Jahre im Verbandsgebiet wohnen und zuletzt daselbst beschäftigt waren. Die Arbeitslosenversicherungskasse soll eine Vcrsicherungsmöglichkeit für den Fall der Arbeitslosigkeit gewähren uyd Gelegenheit zu einer Zusatzvcrsicherung zu einer bereits ander weitig eingegangenen Arbeitslosenversicherung geben. lieber die statistischen Nachweise nnd Berechnungen haben wir in Nr. 2& vom 31. Januar er. eingehend berichtet. Wenn auch manche Bestimmung des Statuts zu hart ist und einer llmände vung bedarf, so muß doch die Gelegenheit und die sich immer mehr geltend machende Arbeitslosigkeit als Anlaß dienen, die Groß Berliner Gemeinden auf der Bahn der kommunalen Arbeitslosen- Versicherung vorwärts zu treiben. Den liberalen Männern um Cassel und Goldschmidt ist die Gelcgcnheit geboten, ihr angeblich arbeiterfreundlichcs Herz durch die Tat zu bekunden. Die bürgcr lichen Gcmeindemchrheiten können hier aus eigener Macht und eigenem Recht zeigen, wie weit es ihnen mit der sozialen Fürsorge für die Arbeiterschaft Groß-Berlins ernst ist. Es ist die höchste Zeit, daß angesichts der täglich wachsenden Not in der Bevölkerung endlich eine Tat vollbracht wird. Partei- Angelegenheiten. Trebbin. Am Sonnabend, den 16. August, abends 8'/z Uhr, im Sckützenhause: Wahlvereinsversammlung. Tagesordnung: I.Kasse und Ausnahme neuer Mitglieder. 2. Bericht von der Verbands- generalversammlung. 3. Sladtverordnetenbericht. 4. Die bevor- stehende«tadtvcrorduetenwahl. 5. Lokalfrage. 6. Parteiangelegen- heiten. berliner Nachrichten. Die juristische Sprechstunde findet bis einschließlich Sonnabend, den 30. August, nur von 7 bis 9 Uhr abends statt.— Sonnabends Sprechstunde von K Uhr nachmittags. Auf dem Wege zur Arbeit. Wem das Glück beschiedcn ist, längere Zeit an einer be- stimmten Arbeitsstelle tätig sein zu können, der tvird auf dem Wege zur Arbeit täglich gar bald eine Menge bestimmter immer wiederkehrender Einzelheiten an sich vorüberziehen sehen. Es ist die Pflicht zur Arbeit, die an jedem Morgen zur gleichen Stunde und Minute immer dieselben Menschen auf den Plan ruft und durch-ihre strenge Gesetzmäßigkeit auch hier schon eine gewisse Monotonie in das Ganze hineinträgt. Ob wir nun fahren oder gehen, immer werden wir uns auf unserem Wege gewisse Merksteine— lebendige oder tote— gesetzt haben, an denen wir unsere Zeit und unseren Weg messen. An der und der Stelle begegnen wir dem und dem, auf dessen Pünkt- lichkeit wir uns streng verlassen können. Komnit es dann gar einmal vor, daß eine bestimmte Person früher unseren Weg kreuzt, dann beschleunigen wir unsere Schritte, denn jener Bekannte ist ja pünktlich und unser Respekt vor der Fabrik- pfcife�oder-Klingel groß genug, um uns eilen zu lassen. Sind wir nun gar gezwungen, auf dem Wege zur Arbeit Straßen- oder Stadtbahn oder sonst irgendwelches Verkehrs- Vehikel zu benutzen, dann sind die uns zur Pünktlichkeit er- ziehenden Momente noch bedeutungsvoller. Bei unserer Um- gebung haben wir nicht selten Gelegenheit, Charakterstudien zu machen, sei es nun in der sich allmählich aus der längeren Bekanntschaft entwickelnden Unterhaltung, oder aber auch durch die Zeitungslektüre. Und wer all' diese Erscheinungen schärfer ins Auge saßt, wird in der Beurteilung seiner Umgebung gar bald eine gewisse Uebung erreicht haben. Er wird herauskenncn, ob dieser oder jener teilnimmt an den großen' Kämpfen des sozialen Lebens, oder ob er zu jenen Lauen gehört, deren nebelhaste Vorstellungen von den realen Dingen der Weltnichtnur in ihren Gesprächen, sondern auch in ihrer Zeitungslektüre zum Ausdruck kommen. Der Lesestoff solcher Menschen ist die sogenannte parteilose Presse, die sich durch die Klippen der Politik aalglatt hindurchzu- winden versteht, die nicht A und nicht B sagt, desto öfterer aber„tvcnn" und„aber". Ihre Gespräche drehen sich um die trivialsten Vorkommnisse, um Eifersuchtsdramen, Mord und Einbruch usw. Ihnen ist noch nicht zuni Bewußtsein ge- kommen, daß neunundneunzig von hundert all der kleinlichen Dinge in den gesellschaftlichen Zuständen unserer Zeit ihre Erklärung finden. Anders jene, die sich bereits zu einer bestimmten Welt- anschauung durchgerungen haben oder eifrig bestrebt sind, durch die Arbeiterzeitung zu einer solchen zu gelangen. Ihre Unterhaltungen verbergen einen inneren Kern und in einfachen und ungekünstelten Worten verraten oft schlichte Arbeiter größere Kenntnisse der allgemeinen gesellschastlicheu Zusammenhänge als viele hockgelahrtc bürgerliche Herren. Für den stillen Beobachter sind diese divergierenden Unter- Haltungen oft ein Genuß und eine Quelle der Belehrung zugleich. Und so manchmal werden die eifrig Diskutierenden zu früh auseinandergerissen. Der oder jener ins Gespräch Verwickelte ist am Ziel seiner Wirksamkeit, und schon in einer Stunde stehen sie alle, die noch kurz vorher so verschieden über einzelne Fragen des Lebens gedacht, im Geschirr, um unter allgeniein geltenden Bedingungen der kapitalistischen Ausbeutung tätig zu sein. Ein gewaltiger Tachstuhlbrand kam gestern früh kurz vor 1 Uhr in der Schonens che» Straße Nr. 14 im Norden Berlins zum Ausbruch. Als die von verschiedenen Seiten alarmierte Feuerwehr mit vier Löschzügen eintraf, stand der Dachstuhl des Vorderhauses schon in ganzer Ausdehnung in hellen Flammen. Brandinspektor Mende ließ unverzüglich mit drei Rohren Wasser geben, die von Tampfspritzen gespeist wurden. Der Lösch-- angriff erfolgte über eine mechanische Leiter und über die Treppen. Erst nach fast einstündiger Lvschlätigkeit war die Gewalt des Feuers gebrochen. Der Dachstuhl des Vorderhauses ist vollständig nieder- gebrannt. Die Aufräumungsarbeiten zogen sich bis gegen 5 Uhr hin. lieber die Ursache des Feuers konnte nichts festgestellt werden. In der Großen Frankfurter Straße 37 herrschte außerdem ein größerer Brand in einer Korsettfabrik. Hier wurde die Gefahr unter Benutzung einer Schlauchleitung beseitigt. Weshalb sammelt der Berliner Krippenverein bei den Armen? Es besteht hier ein„Berliner Krippenverein"—„unter dem Protektorat Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit der Frau Kronprinzessin". Er unterhält in Berlin, Schöneberg, Neukölln und Oberschönewcidc Krippen, in denen Kinder im Alter bis zu drei Jahren über Tag ansgenomincn werden, wenn die Mütter gezwungen sind, ans Arbeit zu gehen; außerdem eine Krippe, in der die Kinder auch Tag und Nacht bleiben, wenn die Mutter ge- slorben oder durch Krankheit an der Pflege des Kindes gehindert ist. Ferner werden von ihm auch Säuglingspflcgerinnen und Kinderwärtcrinnen ausgebildet. Soweit ein edler Zweck. Aber warum der„Berliner Krippenverein" bei Aufbringung der Mittel für seine Zwecke sich gerade an die breiten Massen der Arbeiter wendet, ist nicht einzusehen, da er infolge seiner Zu- sammensetzung— in seinem Vorstande sitzen nur Angehörige der besitzenden Klassen— doch besonders geeignet wäre, sich an die Wohlhabenden zu wenden und denen das Gewissen in bezug aus die Milderung der sozialen Not zu schärfen. Denn diese scheinen nicht sehr opferbereit zu sein. Vereinnahmte der Verein doch nur im verflossenen Jahre 116 358,82 M., obgleich es ihm gestattet ist, in Berlin, Neukölln, Lichtenberg, Nummelsburg und Stralau Hausiollekten zu veranstalten. Und wieviele Arbeitergroschcn mögen noch darunter sein? Denn der„Berliner Krippenverein" sucht auch die Arbeiter auf breitester Grundlage zu Gaben heran- zuziehen. So werden an die Hausbesitzer Sammellisten nebst Briefumschlägen an die einzelnen Mieter versandt, um auch diese heranzuziehen. Einer unserer Genossen, der Hausbesitzer ist, de- antwortete diese Aufforderung mit folgendem zutreffenden Schreiben an den„Berliner Kbippcnverein", dem wir nichts weiter hinzuzufügen haben: Neukölln, den 13. August 1913. An den Vorstand des Berliner Krippenvereins Berlin W., Kyffhäuserstraße 22. Ich sende Ihnen beigeschlossen die mir zugeschickten Sammel- listen nebst den Briefumschlägen für meine Mieter zurück. Ich muß es ablehnen, die Listen bei meinen Mietern zirkulieren zu lassen, und zwar aus folgenden Gründen: Vor allem halte ich es für eine Aufgabe des Krippenvcrcins, sich an die besitzenden Klassen zu wenden, welche die Hauptschuld an oen mißlichen sozialen Ver- Hältnissen tragen und welche bei ernstlichem Willen auch die Mittel besitzen, diese Not zu lindern. Daß dieser Wille aber nur sehr wenig vorhanden zu sein scheint, beweist am besten Ihre eigene Angabe, wonach in dem ganzen großen Bezirk Ihrer Tätigkeit im letzten Jahre nur 169 Säuglinge und Kinder gewartet"und gepflegt worden sind. DaS ist ein außerordentlich beschämendes Resultat in Anbetracht der vielen reichen Leute und des Luxus, der von den besitzenden Klassen getrieben wird. Ich erinnere mich, in verschiedenen Zeitungen gelesen zu haben, daß eine Ihnen sehr nahestehende Dame für eine Robe allein 69999 M. aus- gegeben haben soll. Meine Mieter sind durchweg Arbeiter und kleine Leute, die schwer mit der Not des Lebens zu kämpfen haben, die aber durch Beiträge zu ihren Gewerkschaften dazu bei- tragen, daß viele Not in Fällen von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Tod usw. gelindert wird. Sie tun dadurch in viel höherem Maße ihre Mcnschenpslicht als es durchgängig bei den besitzenden Klassen der Fall ist, und ich mag ihnen daher nicht zumuten, für Ihre Zwecke, die ich an sich natürlich begrüße, noch ihre sauer verdienten Groschen zu opfern. Außerdem darf ich meinen Mietern auch nicht zu oft mit derartigen Sammellisten kommen, zumal ich erst vor einiger Zeit eine Liste für die Neuköllner Ferienkolonien her- umgehen ließ. � Gestatten Sic mir, Ihnen den Rat nochmals z« geben und Ihnen zu sagen, daß ich es für Ihre vornehmste Aufgabe halten würde, wenn Sie die besitzenden Kreise mehr als bisher für wohl- tätige Zwecke zu interessieren und opferfähig zu machen beflissen sein würden, bei der Arbeiterschaft haben es die Arbeitcrorgani- 'ationcn schon in der erfolgreichsten Weise getan. Zum Wilmcrsdorfer BrillautendiebstaM, Das mysteriöse Dunkel, das über dem Brillantendiebstahl und der Brandstiftung in der Güntzelstraße liegt, ist noch immer nicht gelichtet. Verschiedene Umstände erschweren die Ermittelungen, die einen ungeahnten Umfang anzunehmen drohen und eifrigst fort- gesetzt werden. Die rätselhaften Einbrecher haben noch verschiedene Dummheiten, die ihnen möglicherweise zum Verhängnis werden, ge- macht. So wurde von ihnen verschiedenes Handwerkzeug zurück- gelassen. Man fand eine feine Stichsäge von 43 Zentimeter Länge mit einen. Griff aus dunkelgelbbrauu lackiertem Holz. Die Säge ist noch ganz neu und jedenfalls erst unmittelbar vor dem Einbruch gerade zu diesem Zweck gekauft worden. An dem Griff der Säge befindet sich auch noch der Preis von 79 Pf. in hellgelber Tinte und arabischen Ziffern angegeben. Ferner wurde eine Buchbinder-Messer klinge von 6 Zentimeter Länge und 2 Zentimeter Breite vor- gefunden. Der Griff dieser Klinge, die ebenfalls noch ganz neu ist, besteht in einem 12 Zentimeter langen Stück rohen Holzes. Die Polizei sucht jetzt das Geschäft ausfindig zu machen, wo diese Werk zeuge gekauft worden sind._ Vom Bestattungswesen der Stadt Berlin. Die von der Stadt Berlin unterhaltenen Gemeindefried- Höfe haben in dem Etatsjahr 1S12(1. April 1913 bis 31. März 1913), aus dem jetzt der Berwallungsbericht des Bestattungskuratoriums vorliegt, den Friedhöfen der Kirchengemeinden wieder eine beträcht liche Zahl von Leichen abgenommen. Das Wort.abnehmen" kann man hierbei als doppelsinnig ansehen? denn die Freunde und Anhänger der Kirche empfinden die Friedhöfe der Sladtgemeinde nicht als eine erwünschte Hilfe, sondern als eine sehr unerwünschte Konkurrenz. Dah die Stadt den Kirchengemeinden alljährlich Tausende von Leichen»abnimmt", bringt den Kirchengemeinden. weil's ja nicht nur.Armenleichen" sind, eine„Erleichterung" auch ihrer— Kassen. Ursprünglich unterhielt die Stadt Berlin ihre Friedhöfe nur für Arme, die auf Stadtkosten beerdigt werden mutzten. In den letzten Jahrzehnten aber entwickelten Berlins Gemeinde- sriedhöfe sich allmählich zu Begräbnis st ätten für alle, die auszerhalb des Schattens der Kirche ruhen wollten. Besonders in neuester Zeit sind den Friedhöfen der Kirchengemeinden und ihren Kasten immer mehr Leichen, für deren Beerdigung die Angehörigen bezahlten, entzogen worden. Auf dem im Jahre 1881 eröffneten Berliner Gemeindefriedhof bei Friedrichsfelde sind in jetzt 32 Jahren über 190 090 Leichen be- erdigt worden. Darunter waren rund 14 000, für die die Angehörigen bezahlten, und an diesen 14 099 sind allein die letzten fünf Jahre mit über 7999 beteiligt. In 1912 hat der Friedhofs bei Friedrichs- selbe ganz aufgehört, Begräbnisstätte für„Armenleichen" zu sein, so das; er jetzt nur noch Leichen gegen Bezahlung aufnimmt. Beerdigt wurden dort im Etatsjahr 1912 auf Stadlkosten nur noch 316 Leichen, einschließlich 78.Anatomieleichen", gegen Bezahlung aber 1566 Leichen. Gegen Bezahlung wurden ferner auf dem Gemeindefriedhof an der Seestraße, der schon seit längerer Zeit keine»Arinenleichen" mehr austiimmt, 692 Leichen bestattet, außerdem noch auf dem alten Gemeindefriedhof an der Gerichtstraße vier Leichen auf reservierten Stellen. Zur Beerdigung auf Stadtkosten wie gegen Bezahlung soll künftig der neue Berliner Gemeinde- friedhof bei Buch dienen, der im letzten Etatsjahr immer noch nicht in Benutzung genommen werden konnte. Auf dem Anstaltsfriedhof in Buch, der als Ersatz benutzt werden mußte, fanden 4934 auf Stadtkosten beerdigte Personen ihre Ruhestätte, einschließlich 823.Anatomieleichen". Außerdem wurden dort auf bezahlten Grabstellen 137 Personen beerdigt. Im ganzen wurden auf den ge- nannten Gemeindefriedhöfen in dem letzten Etatsjahr 6799 Tote der Erde übergeben. Der Bericht des Kuratoriums behandelt zum ersten Male auch das Berliner Krematorium, das den die Feuerstattung hassenden Frommen ein neuer Dorn im Auge ist. Es wurde auf dem Gemeindefriedhof an der Gerichtstraße im November 1912 eröffnet. Vom 28. November 1912 bis zum 31. März 1913 fanden schon 256 Einäscherungen von Leichen statt, von denen 129 aus Berlin, 97 aus Vororten, 39 von außerhalb herrührten. Ueber das Religions- bekenntnis der 256 Verstorbenen gibt der Bericht' an: 293 evangelisch, 10 katholisch, 28 mosaisch, 3 freireligiös, 10 dissidentisch, 2 andersgläubig. Zur Beisetzung der Aschenurnen besteht auf dem Friedhof bei Friedrichsfelde seit langem eine Urnenhalle, auch können dort Urnen unter und auf der Erde beigesetzt werden. Am Schluß des Etatjahres befanden sich auf dem Friedhof in der Urnenhalle und sin Freien zusammen 573 Urnen. Auch der Friedhof an der Gerichtstraße hat eine Urnen- Halle, die 1119 Nischen enthält; 906 davon waren bis zum Schluß des Etatjahres verkauft. Die Umwandlung dieses Friedhofes in einen Urnenhain war bis dahin soweit vorgeschritten, daß 821 Urnengräber geschaffen werden konnten._ Rohrpostverbindung zwischen Berlin und Pankow. Die Herstellung einer Rohrpostverbindung Berlin— Pankow gilt als gesichert. Die Gemeindeverwaltung von Pankow hatte sich wiederholt in Petitionen an die Oberpostverwaltung um Einführung einer Rohrpostverbindung mit Berlin gewandt. Gestern, so wird be- richtet, traf an amtlicher Stelle der Bescheid ein, daß bis zum nächsten Frühjahr die Rohrpostverbindung fertiggestellt sein werde. Als Aufgabepostamt kommt das Postamt 2 in der Berliner Straße in Betracht. Zwei Personen bei einem Automobil, infall verunglückt. Der Monteur und ein Lehrling des dem Piloten Fokker gehörenden Tourenautomobils machten gestern vormittag eine geschäftliche Fahrt. Als der Wagen auf der hinter Rudow führenden Chaussee fuhr, verlor der Monteur aus noch nicht aufgeklärten Ursachen plötzlich die Gewalt über das Steuer und das Auto sauste mit großer Heftigkeit gegen einen Baum und stürzte dann in den Chausseegraben. Die Jnsaffen wurden hinausgeschleudert und blieben bewußtlos liegen. Passanten, die den Unfall gesehen hatten, schafften beide schleunigst auf einem requirierten Wagen nach dem Flugplatz, wo sie im Sanitätsraum von dem diensttuenden Militärarzt verbunden und dann nach dem Krankenhause gebracht wurden. Beide haben schwere, ber keine lebensgefährlichen Verletzungen davongetragen. Opfer der Arbeitslosigkeit. Die Selbstmordchronik erfährt infolge der wirtschaftlichen De- Pression fast täglich eine traurige Bereicherung. Not und Elend, die Begleiterscheinungen der hereinbrechenden Wirtschaftskrise, treiben jetzt so manchen Existenzlosen in den Tod. Wieder wird gemeldet, daß aus Nahrungssorgen der 38 Jahre alte Arbeiter Friedrich M., Ttlsiter Straße, gestern seinem Leben ein Ende bereitet hat. M. entfernte sich von daheim und erklärte beim Fortgehen, er werde sobald nicht wieder zurückkehren. Einige Stunden später fanden ihn Spaziergänger in der Wuhlheide erhängt auf. M. war durch andauernde Arbeitslosigkeit in große Not ge- raten und hat in der Verzweiflung zum Strick gegriffen. Einen empfindlichen Verlust hat ein Arbeiter zu beklagen, der am Sonntag von Karolinenhof nach Grünau ein Portemonnaie mit 36 M. Inhalt verlor. Der ehrliche Finder wird gebeten, das Gefundene bei Hössel, Culmstraße 31, vorn 4 Treppen, abzugeben. Vorort- Nadmcbten* Neukölln. Beim Aufspringen auf einen fahrenden Straßenbahnwagen ist gestern die 37 jährige Frau Krüger schwer zu Schaden gekommen. Sie wollte vor dem Hause Hermannstraße 211 einen Straßenbahn- wagen der Linie 28 während der Fahrt besteigen, kam jedoch zu Fall und geriet mit dem rechten Bein unter den Schutzrahmen. Frau K. erlitt so schwere Verletzungen am Bein, daß sie nach dem Krankenhause Buckow geschafft werden mußte. Zu dem Gcncralversammlungsbcricht des WahlvcreinS erhalten wir folgende Richtigstellung: Angenommen wurde der Antrag, auf die Tagesordnung des Parteitages zu setzen: Maffenstreik und WahlrechtSsrage. Gleichfalls angenommen, und zwar einstimmig, wurden die Anträge, die »Gleichheit" in leicht verständlicherer Form, dem Wesen der Neu- eintretenden mehr angepaßt zu redigieren und: Um die Arbeiter- flauen von den heutigen Modenzeitungen, die alle mehr oder weniger gegnerische Politik treiben, unabhängig zu machen, wird allmonatlich eine den Bedürfnissen des Arbeiterhaushaltes ent- sprechende Modenzeitung herausgegeben. Abgelehnt wurde mit 169 gegen 138 Stimmen der Antrag der Jugendlichen._ Paul Feller. Charlottenburg. Die Einrichtung einer Samariterabteilung ist, um vielfachen Wünschen gerecht zu werden, beschlossen worden. Der Arbeiter- Samariterbund, der zurzeit 77 Ortsgruppen umfaßt, hat die Auf- gäbe, das Samariterwesen in weitestem Maße unter der Arbeiter- schaft zu verbreiten. Es wird deshalb in diesem Winterhalbjahr am hiesigen Orte ein Kursus zur Ausbildung in der ersten Hilfe bei Unglücksfällen unter ärztlicher Leitung abgehalten werden. Der Kursus beginnt am 3. September, abends 8'/z Uhr, im Volkshause. Die Arbeiterschaft, insbesondere aber die Sportvereine, werden des- halb ersucht, davon Notiz zu nehmen. Es ist für die Arbeiter von großer Bedeutung, wenn bei Unglücksfällen in Betrieben, auch im Sporlbetriebe, sofort Helfer zur Hand sind, die sachgemäß die erste Hilfe leisten können. Am 20. August, abends 8V2 Uhr, findet im Volkshause eine Versammlung derjenigen statt, welche sich an dem Kursus beteiligen wollen. Es wird auch erwartet, daß sich Frauen recht zahlreich daran beteiligen. Lehrpläne sind zu haben bei E. Stein, Kaiser-Friedrich-Straße 49. Auch wird von demselben jede Auskunft erteilt. Elternvercin für freie Erziehung. Sonntag, den 17. August, findet ein großer Familienausflug nach Pichelswerder statt. Treff- Punkt vormittags 9� Uhr, auf dem Reichskanzlerplatz. Abmarsch pünktlich 19 Uhr. Für Nachzügler zur Kaffcepause beim Alten Freund. Auch Nichtmitglieder und deren Kinder können daran teil nehmen. Mariendorf-Tempelhof. Ihr neuntes Stiftungsfest begeht am Sonnabend, den 16. August die Freie Turnerschaft Tempelhof-Mariendorf im Laarschen Gesellschaftshaus in Mariendorf, Chausseestr. 395. Humoristisch- turnerische Aufführungen und Auftreten des Berliner Ulk-Trio usw. Eintritt 25 Pf. Da der Verein sich stets bei Arbeiterfestlichkeiten zur Verfügung gestellt hat, wird auf guten Besuch gerechnet. Ober-Schöneweide. Eine überraschende Wendung hat die Angelegenheit de? Er- werbes des großen Terrains zwischen Ostendswaße und Spree durch die Allgemeine Elektrizilätsgesellschaft genommen. Bekanntlich läuft auf dieses Terrain eine kurze Gemeindestraße(die Bunzelstraße) aus, die zufolge eines mit der Gemeinde getroffenen Abkommens ihrer Bestimmung entzogen und dem Bauland der Käuferin zugeschlagen, wohingegen an anderer Stelle Terrain an die Gemeinde zur Ver- breiterung der Ostendstraße abgetreten wurde. Jetzt ist nun der Zweckverband Groß-Berlin auf den Plan getreten; er hat als Ersatz für die entzogene Freifläche der Bunzelstraße die Schaffung einer zirka 2 Morgen großen Grünfläche an anderer Stelle verlangt. Die Gemeinde oder die Ä. E.-G. müßten bei Erfüllung dieser Forderung beträcht- liche Kosten für Grunderwerb aufwenden; wem im vorliegenden Falle diese Pflicht obliegt, bedarf vorderhand noch der Klärung. Als weitere Schwierigkeit in der Angelegenheit tritt noch, hinzu, daß sich die A. E.-G. strikte weigert, den von der Gemeinde geforderten Kostenbeitrag zur Verbreiterung der Ostendstraße zu leisten. Diese Weigerung ist um so unverstandlicher, als feststeht, daß bei dem Terrainaustausch die A. E.-G. ein Mehr an Bauland von zirka 1999 Quadratmeter erzielt hat, und andererseits erfolgt die Straßen- Verbreiterung in ihrem Interesse. Der Stand der Sache ist jetzt so, daß die Gemeinde die Straßenverbreiterung, weil angefangen, ruhig durchführen wird, und den Bürgersteig, in welchem der von der A. E.-G. übereignete Streifen liegt, einfach unausgeführt läßt. Es ist recht bezeichnend, daß wegen einer solchen Lappalie eine Millionengesellschaft einen solchen Standpunkt einnimmt. Wenn in dieser Frage der Gesellschaft Fürsprecher erstehen, die da mahnen, es doch ja nicht zum Bruch init den guten Beziehungen kommen zu lassen, so sollte man auf dieser Seite doch bedenken, wie blutwenig die A. E.-G. für die Gemeinde bislang getan hat; auf der anderen Seite steht die ungeheure Belastung der Gemeinde infolge der mittel- und unmittelbaren Aufwendungen für die Großindustrie. Kaulsdorf. Die Gemeindevertretung hatte sich mit der Bewilligung weiterer Mittel zur Leistung von Ueberstunden an der hiesigen Schule zu beschäftigen. Beim Beginn des Schuljahres war die Gemeinde vor die Frage gestellt, infolge Teilung einer unteren Klaffe entlveder eine neue Lehrkraft anzustellen oder aber einen Teil der mehr zu leistenden Arbeit durch Ueberstunden des ganzen Lehrkörpers aus- zugleichen. Genosse Schmidt betonte schon damals, daß es sowohl im Jntereffe der Kinder, als auch der Lehrerschaft liege, die Ueber- stunden fortfallen zu lassen und eine neue Lehrkraft anzustellen. ES wurde jedoch beschloffen, erst abzuwarten, in welcher Weise sich durch Zu- oder Abzug vom Ort die Klasfenfrequenz ändere und die Ueber- stunden bis' 30. Juni versuchsweise einzuführen. Nun berichtet der Rektor, daß dieser ModuS sich bewährt habe, er bittet, auch für die letzten Wochen des Somniersemesters die Mittel zur Bezahlung der Ueberstunden bereit zu stellen. Dem Antrage wurde entsprochen, doch wird dem Rektor auf An- regung des Genossen Scbmidt aufgegeben, über die jetzige Klassen- frequenz und die Aussichten per Oktober Bericht an die Gemeinde- Vertretung zu erstatten, damit die Gemeinde beizeiten einen neuen Lehrer anstellen kann und die wenig zweckmäßige Art des Unter- richts durch Ueberstunden nicht auf das Winterhalbjahr übertragen wird.— Dem Antrage eines Grundbesitzervereins, eine kurze Straße, abweichend vom Ortsstatut, nicht mit 8, sondern mit 6 Meter Damm- breite zu pflastern, wurde stattgegeben. Ferner wurde die Wahl eines Schiedsmannsvertreters nach kurzer Debatte entsprechend dem Lorschlage des Gemeindevorstehers erledigt. Einige Ausnahmebau- genehmigungen resp. Gesuche um Wohnerl anbnis wurden der Bau- kommission zur Prüfung der örtlichen Verhältnisse überwiesen. Bohnsdorf. Bei dem am Sonntag, den 3. August, stattgefundenen Erntefest der Arbeiterbaugenossenschaft.Paradies" sind bei der Verlosung folgende gezogenen Gewinne nicht abgehoben worden: Nr. 23, 166, 221, 265, 692 und 631. Inhaber dieser Lose können die Gewinne bei R. Leonhardt, Paradiesstraße, Aufgang 12, in Empfang nehmen. Bei dem Fackelzug ist eine Handtasche mit Inhalt verloren worden. Der ehrliche Finder wolle diese ebenfalls dort abgeben. Mnhlenbc«f. WaS wollen die Sozialdemokraten? Ueber dieses Thema sprach in der letzten Mitgliederversammlung des Wahlvereins Gen. Klüß- Neukölln. Nach dem beifällig aufgenommenen Vortrage beschloß die Versammlung, demnächst eine öffentliche Versammlung mit dem gleichen Thema und Referenten abzuhalten. Wie aus der Gemeinde- Vertretung mitgeteilt wurde, haben die bürgerlichen Vertreter be« schloffen, für Jugendpflege als ständige Beihilfe 39 M. zu gewähren. Die mit der Gemeinde Pankow gepflogenen Verhandlungen betreffs Wafferrohrlegung haben noch keinen Abschluß gefunden. Unter Vereinsangelegenheiteu wurde dem Genossen Bärsch wegen Nicht- beteiligung an der Landtagswahl eine Rüge erteilt. Die ein- gegangenen Jugendschristen sollen so bald als möglich verbreitet werden. Ein Autrag des Genossen Beyer, die ,Fackel"-Verbreilung durch die Mühlenbecker Genossen ausführen zu lassen, fand Anaahme; dieselbe soll am zweiten Sonntag im Monat vom Lokal des Ge- nosfen Bärsch aus erfolgen. Zum Schluß wurden die Genossen er- sucht, aus Anlaß des Erntefestes für Beachtung der Lokalliste Sorge tragen zu wollen. Spandau. Stadtvcrordnetcnwähler! Die Wählerlisten liegen vom 15. bis 39. August im neuen Rathause, Zimmer 253, die für den Stadtteil Nonnendamm und Hasclhorst zur selben Zeit im Magistratsbureau, Hefnersteig 2 g. links, in der Zeit von 8 bis 1 Uhr vormittags und von 3 bis 6 Uhr nachmittags zur jedermanns Einsicht öffent- lich aus. Jeder Wähler, der sich fein Wahlrecht sichern will, ist verpflichtet, die Liste einzusehen. Wer nicht in der Liste steht, darf nicht wählen. Diejenigen Wähler, die keine Zeit haben, die Liste selbst einzusehen, wollen sich unter Beibringung ihres Steuerzettels an einen hier an- gegebenen Genossen wenden: E. Köppen, Buchhandlung Vorwärts, Breitestr. 64; Otto Grieben, Schuhmachermeister, Neumeisterstr. 13; Otto Arend, Seifen- geschäft, Lynarstr. 7; Meyer, Restaurant, Falkenhagener Str. 39; Busch, Restaurant, Fehrbelliner Str. 34; Danneberg, Restaurant. Pichelsdorfer Str. 5; Ledabo, Restaurant, Hamburger Str. 71; Fr. Kant, Restaurant, Siemensstr. 34; Wilh. Pieper, Zigarren- geschäft, Metzer Str. 12; Reinh. Wels, Barbier, Seeburger Str. 38; H. Richter, Bureau des Metallarbeiter-Verbandes,.Wörlher Platz 2, sowie an den Verkaufsstellen des Konsumvereins Merkur, Mittel- sttaße 13, Földerichstr. 5 und Seegefelder Str. 59. Das sozialdemokratische Wahlkomitee. Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Mühlenberk. Heute, Donnerstag, den 14. August, abends 8 llhr, bei Müller. Glienicke(Ndb.). Am Freitag, den 15. August, abends 8 Uhr, im Gcm-indeburcau, Hauptstt. 18. Dies- Sitzungen find ösfcnMch. Jeder Gemcindeangehöttge ist be- rechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Hu 9 aller Alelt. Aus der priesterlichen Lcbewelt. Gegen den Priester Luigi M a r r 0 ni ist eine Anzeige wegen Verführung bei der Staatsanwaltschaft gemacht worden. Der Mann, der 27 Jahre alt ist und seinen philosophischen Dottor gemacht hat, lebte in Neapel in zärtlichen Beziehungen zu der jungen und hübschen Tochter seiner Wirtin. Als er diese plötzlich verließ, um sich nach Rom zu begeben, erstattete der Vater die Anzeige. Der geistliche Herr war bereits vorher von der vorgesetzten kirchlichen Behörde wegen seines sidelen Lebens a divinis suspendiert worden. Ein anderes Sorgenkind der Kirche ist der Priester G u i s e p p e B 0 c c a in Turin, ein reicher junger Mann, der es sich leisten kann, mehrere Automobile zu halten. Er legt sogar Wert darauf, auf seinen Sportautomobilen selbst im Priestergewande den Chauffeur zu spielen. Wegen dieser seiner sportlichen Leistungen ist auch er a divinis suspendiert. Jetzt hat er nun gar das Pech ge- habt, einen achtzigjährigen Mann zu überfahren, den der sport- frohe Priester felbst mit seinem Automobil ins Krankenhaus brachte, wo sich die Verletzungen als unerheblich herausstellten. Auf diese Weise kommt die Kurie nicht aus den Sorgen heraus um ihre in erotischer oder sportlicher Hinsicht abschweifenden Priester I Eine opferfreudige Ehefrau. Einen ungewöhnlichen Beweis von Opfermut gab eine Frau in N e w D 0 r k, die darauf bestand, mit ihrem in einem Lepraspital internierten Gatten zusammenzubleiben. Die Frau, namens Hart- mann, zählt erst 19 Jahre und ist seit kaum zwei Monaten ver- heiratet. Der Mann diente als Soldat auf den Philippinen und hat sich, als er in einem dortigen Lepralazarett die Wache hatte, angesteckt. Das Spital, in dem sich der Aussätzige jetzt befindet, zählt außer ihm nur noch einen chinesischen Patienten. Der Mann hat alles aufgeboten, um seine Frau von ihrem verhängnisvollen Entschluß abzubringen. Auf alle seine Einwände hatte sie nur die Antwort:»Nein, ich bin Deine Frau und will Dir zur Seite stehen. Da ist mein Platz." Sie hat ihren Willen auch durchgesetzt, und lebt jetzt, mit einem weißen Gewand und einer Mönchskapuze, die ihr Gesicht bedeckt, angetan, mir ihrem Mann und dem leprakranken Chinesen zusammen von der Welt abgeschieden im Lepraspital. Sie hat sich selbst das Todesurteil gesprochen und wird wohl für alle Zeiten bis zu ihrem Tode von der menschlichen Gemeinschaft aus- geschloffen fein. Die opfermütige Handlung zeugt jedenfalls von größter Heldenhaftigkeit und Liebe. Kleine Notizen. Arbeiterrisiko. Auf dem Bahnhofe Osterfeld stürzten beim Abladen von Schienen mehrere von diesen auf Arbeiter. Ein Mann wurde getötet, zwei andere wurden schwer verletzt. Bergung der Verirrten. Die drei Studenten, die sich in den französischen Alpen bei der Besteigung des Cirque de Noron verirrt hatten, sind aufgefunden worden. Sie sind zwar sehr erschöpft, aber nicht verletzt. ES handelt sich nicht um Deutsche, sondern um einen Oesterreicher, einen Engländer und einen Bulgaren. Folgenschwere Explosion. Zwei kleine Schrapnelldepots in der Batteria Tevcre in Rom sind heute früh explodiert. Drei mit der Entladung von Granaten beschäftigte Soldaten wurden ge- tötet._ Singegsngene Druchfchnften. Theorie und Methoden der Statistik. Lehr- und Lesebuch für Studierende und Praktiker von A. Kausmann. lö M., geb. 17,60 M. I. C. B. Mohr, Tübingen. Tie Hansestädte und die Koutiuentalfperre von W. Vogel. 1 M. Duncker u. Hnmblot, Leipzig. T9lttcr»ugSüb erficht vom 1Z. August 1913. Stattouen 1 Z Swinemde amburg l erlin Franks. a.M München Wien 759 SW WSW W SW 761 761 766 765 NW 762NW Wen er 3«olkig 4 Regen Ihedcckt 1 bedeckt Lhcdeckt üchedeckt ti-t all H «5j «tattonen SB Lö taparanda7f>5 ctcrSburg 754 Petersburg Scilly Aberdeen Paris ZZ 8f NO N 7S9WNW 761 768 Still Wetter K* Ii Schollenl 1 Regen 4wollig Ibcdeckt bedeckt 17 15 16 12 18 liche Wetterprognose für Tonnerstag. den 14. Augnst 1913. siemlich kühl, vtelsach wolkig ohne erhebliche Niederschläge, frische West- verltner Wetterbureau. Wafierstands-Rachrichten der LandeSanfialt sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetterburcau Wasserstand Memel, Tilsit P r e g c I, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krojsen , Frankfurt Warthe,«chrimm LandSberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barby Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandaus . Rathenow') Spree, Spremberg') , Becskow Weser, Münden Minden Rhein, MaxtmilianSau , Kaub Köln Neckar, Heilbronn Main, Hanau Mosel, Trier am 12.8. cm 64 —4 —16 60 80 126 198 490 268 244 68 117 83 seit 11.8. cm') —6 —1 —1 0 0 —12 —4 —2 —4 0 —18 0 »)+ bedeutet WuchS,— Fall.— � Nnterpegel. yuflcncuajen._ h>uui tfcuci. uuj uuu.____,,--------------—--_-—«f fttaZte»; i&Ukpfc Sodölla. Mx de» KxwU»-; Xft.fWwtc.Pecli«. Druck».Prrlas: ttrasact« JQu�uictciu u. IfotloasanstaU Lati Singer■. ü«,»öecua Mfc