Kr.»10. Bboonemen tS'Bcdingungen; tooimtmetlS- Preis pränumerando: «ierteljährl. ZL0 Mk, monoiL 1,10 MI, wächenllich 28 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit wustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Wonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Prersstste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2,50 Marl, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat, PostabonnemcntS nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. Die Tiifcrflons-Getaijr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zeilc oder deren Raum M Pfg, für ................. Berew' fettgedruckte Bort 20 Pfg, izuläfstg 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Worts Pfg. Worte über ISBrich, ltaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer n-�f�en bis 5 U'-'--'*-■- i Uhr nachmittags in der ErpedMon abgegeben werden. Die Erpebisto» ist bis 7 Uhr abends ger� erlMnt täglich. OS Vevltner VolKsblAkt. Zentralorgan der fozialdemokratJfcben Partei Deutfchlanda. Delegramm.Adrcfsa «SJzlaMiincIsrat Rerfv*. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasac 69. Fernsprecher: Amt Moristplatz, Nr. 1983. Sonnabend, den 10. August 1913. Expedition: SM. 68, lUndenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. Kebels Leiinnungztreue. Ein Blatt zu seinem Gedächtnis. Politiker sind in sehr verschiedenem Grade gesinnungs' fest, unter führenden Parteimännern sind Ueberläufer von Partei zu Partei verhältnismäßig selten. Die Probe auf die Gesinnungstreue erschöpft sich daher nicht damit, daß fest gestellt wird, ob ein Politiker zeit seines Lebens bei ein und derselben Partei verblieben war. Erst das Wie und die Um- stände seiner Betätigung als Parteimann liefern die Maßstäbe, an denen wir die Höhe und den Wert der Gesinnungstreue des Politikers messen können. Das einzige Mal, wo August Bebel ernsthaft in Gefahr stand, sein Reichstagsmandat einzubüßen und dann in der Tat einige Zeit mandatlos wurde, war bei den Reichstags Wahlen des Jahres 1881. 1877 in Dresden-Altstadt gewählt, hatte er sein sicheres Mandat für den 17. sächsischen Wahl kreis sGlauchau-Meerane) aufgegeben, war 1878 in Dresden wiedergeivählt worden und kam 1881 dort unter wesentlich ungünstigeren Umständen als bei den beiden vorhergegangenen Wahlen in die Stichwahl. Er hatte 9079 Stimmen erhalten, sein Hauptgegner, der„parteilos" liberale Ordnungs- kandidat Oberbürgermeister Stübel 8037, der christlich- soziale Hofprediger a. D. Stöckcr 2076 Stimmen und der Fortschrittlcr Wigand 4069 Stimmen. Daß in der Stichwahl mindestens die Hälfte der fortschrittlichen Stimmen dem kantenlosen Oberbürgermeister zufallen würden, war bei der Natur des damaligen sächsischen Fortschritts außer Zweifel, weniger sicher war dagegen die Stimmabgabe der Wähler des braven Stöcker. Sie setzten sich zum überwiegenden Teil aus Kleingewerbetreibenden zusammen, denen das Wasser an der Kehle stand und die daher allen Glauben an den wirtschaftlichen Liberalismus eingebüßt hatten. Sie hätten den Teufel gewählt, wenn er ihnen Hilfe versprach. Auch wurden von der Partei Stöcker, zu der noch eine ganze Anzahl staatssozialistischer Doktrinäre zählten, damals allerhand Versuche ge- macht, in Fühlung mit der Sozialdemokratie zu kommen. In Berlin, wo im vierten Reichstagswahlkreise Bebel gleichfalls zur Stichwahl stand, hatten sich die„Sozialkonservativcn" be- reit erklärt, für Bebel und— im sechsten Wahlkreise— Hasen- klever gegen deren fortschrittliche Gegenkandidaten zu stimmen, falls sie den arbeiterfreundlichen Charakter der Bismarckschen Sozialreform anerkennen und sich verpflichten würden, Seite an Seite mit den Sozialreformern für friedliche Reform zu arbeiten, um durch diese die soziale Revolution zu über- winden. Die Sache wurde den Berliner Genossen, mit denen die Drahtzieher der Stöckcrpartei sich in Ver- bindung setzten, so mundgerecht gemacht, daß sich in der Tat sehr angeschene Mitglieder der Partei dadurch für einen Augen- blick beirren ließen. Indes konnte und wollte man nicht handeln, ohne bei Bebel und Liebknecht angefragt zu haben, die damals, auS Leipzig ausgewiesen, ist dem elenden Dorfe Bors- dorf hausten. Es wurden zwei Genossen an sie abgesandt und durch diese ihnen die Frage unterbreitet, ob man sich auf den Handel einlassen solle. Um die Antwort, welche die Uebcrbringer nach Berlin brachten, in ihrer ganzen Tragweite zu würdigen, muß man sich die damalige Situation vergegenwärtigen. Noch lastete das Bisniarckschc Ausnahmegesetz mit seiner ganzen Schwere auf der Partei. In Berlin, Leipzig und Hamburg herrschte der kleine Belagerungszustand, die Presse der Partei war unter- drückt, fast alle Einnahmequellen abgeschnitten, die auf schrift- stellerische Arbeit angewiesenen Genossen sahen beständig Arbeitslosigkeit vor sich, und nicht viel besser ging es solchen Genossen, die sich durch gewerbliche Arbeit ernährten. Und zu alledem kam, daß in der die ich für grundverkehrt halte. Ich erkläre den Leuten rund heraus, daß sie auf dem Holzwege sind, wenn sie das Hand- werk durch Zünftlerei retten zu können glauben." Und so verlor er in der Tat das Dresdener Mandat— für ihn in jener Zeit nicht nur ein ideeller, sondern auch ein materieller Verlust, da ihm damit die Eisenbahnfahrkarte ent- ging, die ihm die Reisen erleichterte, welche er für sein Geschäft zu machen hatte. Es ist das Geschilderte nur ein einzelner Zug aus Bebels Wirken, und bei weitem nicht der bedeutendste. Aber er setzt die Gesinnungstreue dieses Kämpfers für die Arbeiter- klaffe in helleres Licht, als mancher Akt, der die Außenwelt sensationell erregt. In melodramatischen Momenten zeigen selbst schwache Naturen oft jene Eigenschaft, die man Helden taten zu nennen liebt. Das echte Heldentum bewährt sich gerade da, wo kein Feuerwerk die Tat beleuchtet. Eduard Bernstein. auch nicht ein Sozialdemokrat gewählt worden war, man also gewärtigen mußte, daß die Sozialdemokratie nicht einmal mehr im Reichstag ihre Stimme werde erheben können, sofern nicht wenigstens die Stichwahlen ihr einige Mandate ein- bringen würden. Und um das Anerbieten noch verführerischer zu machen, stellten die Stöcker und Konsorten unseren Ge- nosien für den Fall des Eingehens auf ihren Vorschlag Auf- Hebung des Ausnahmegesetzes in Aussicht, von dem— wie auch die„Norddeutsche" schrieb— im Grunde nur die (unseren Genossen in Berlin verhaßten) Fortschrittler Vorteil hätten. Daß alles dies Bebel und Liebknecht nicht einen Augen- blick beirrte, daß die Sendboten der Berliner Genossen die Antwort zurückbrachten,„lieber 3000 ehrlich gewonnene als 30000 erkaufte Stimmen",„keine gemeinsame Sache mit Parteien, die in ihren Bestrebungen reaktionär und darum arbeiterfeindlich sind", ist bekannt. Und es verkleinert unseres Wilhelm Liebknechts Anteil an der Erklärung nicht, ivenn daran erinnert wird, daß Bebel, der sie mit geradezu leiden- schaftlicher Energie verfocht, damit seiner eigenen Wahl in Berlin das Todesurteil sprach. Nicht anders handelte er in bezug auf die Wahl in Dresden. Dort machte man ihm die Erkaufung des Mandats durch Zugeständnisse dadurch noch leichter, daß man die große Politik völlig beiseite ließ.„Mau will von mir nur etliche Zugeständnisse an die sogenannte Handwerker- Politik", schrieb er mir damals nach Zürich.„Aber ich lasse mich auf nichts davon ein. Lieber das Mandat verlieren, als wider meine Ueberzeugung mich für Maßnahmen erklären, Bebel und die Gcwerkfcbaften. Das..Correspondenzblatt der Generalkommission der GeWerk- schaftcn Deutschlands" widmet Bebel folgenden Nachruf: Mit großer Trauer wird die deutsch« Arbeiterklasse, und mit ihr die organisierten Arbeiter der ganzen Welt, die Nachricht emp« fangen, daß der feurige Vorkämpfer der internationalen Arbeiter- bewegung und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, August Bebel, in der Nacht vom 12. zum 13. August in Passug(Graubünden in der Schweiz) entschlafen ist. Ein Herzleiden hatte seit Jahren die Tatkraft des 73 Jahre alten Kämpfers beeinträchtigt und er konnte sich nicht mehr mit der alten Frische den parlamentarischen und organisatorischen Ar beiten im Dienste der Arbeiterklasse widmen. Trotzdem konnte er sich nicht dazu verstehen, sich Ruhe zu gönnen; er hat vielmehr bis zum letzten Atemzuge mitgekämpft in der Partei, die er m her- vorragendstem Matze mitgeschaffen hat und der er sein ganzes Leben gewidmet hatte. Die deutschen Gewerkschaften sind mit der Partei eins in der Trauer an der Bahre dieses Führers, der ein typischer Repräsentant des vorwärtsstrebenden deutschen Arbeiter? war. AuS den ärm lichsten Verhältnissen hervorgegangen, hat er sich emporgearbeitet, sich ein Matz von Kenntnissen wissenschaftlicher und praktischer Art erarbeitet, das ihn in hervorragendster Weise zum politischen Führer befähigte. Der ehemalige Drechslergesclle war eben so sehr ein feuriger Agitator und guter Organisator wie erfolgreicher Parlamentsredner und angesehener Schriftsteller. Sein klarer Blick hatte ihn früh den hohen Wert der gewerkschaftlichen Orga nisation der Arbeiterklasse erkennen lassen und schon 1864 hatte er auf dem Vereinstag der deutschen Arbeitervereine in Leipzig die Errichtung von Wanderunterstützungskassen und Arbeitsnachweisen gefordert. Auf sein Betreiben schloß sich der Vereinstag im Jahre 1868 in Nürnberg den Grundsätzen der Internationalen Arbeiter Assoziation an, darunter insbesondere der Resolution des Genfer Kongresses der Internationalen Arbeiter-Assoziation von 1866, in der die Gründung von Gewerkvereinen propagiert wurde. Die Propaganda der internationalen Gewerksgenossenschaften in jenen Jahren wurde eifrigst von Bebel betrieben und er konnte auf dem letzten Vereinstag in Eisenach 1869 berichten, daß in mehreren Be- rufen Organisationen geschaffen waren, so bei den Buchbindern, den Fabrikarbeitern und den Berg- und Hüttenarbeitern, und daß in mehreren anderen Berufen die Konstituierung bevorstand. So hat Bebel an der Wiege der deutschen Gewerkschafts- bewegung als tätiger Mitarbeiter gestanden, all die Schwierig- leiten aus praktischer Erfahrung kennen gelernt, die dem Aufbau einer erfolgreichen Gewerkschaftsbewegung entgegenstanden. Daher hatte er auch stets ein Augenmatz für die Bedürfnisse der Gewerk- schaften und wenn er sich auch in der Beurteilung der EntWicke- lungsmöglichkeiten der Gewerkschaftsorganisation in Deutschland soeben vollzogenen Hauptwahl gleich nach Ablauf des Sozialistengesetzes täuschen ließ, so war er der erste, dies anzuerkennen und für die Freilegung der Bahn für die gewerkschaftliche EntWickelung tätig mit einzugreifen. In dem Kampfe um die gewerkschaftliche Neutralität beispielsweise stand Bebel an erster Stelle und auf dem Parteitag in Hannover 1897 erklärte er ausdrücklich, daß es im höchsten Interesse der Gewerk- schaften liegt,„wenn sie sich möglichst fern von der politischen Partei halten. Wie wollen sie sonst die katholischen Arbeiter ge- Winnen? Aus den Gewerkschaften mutz die Politik heraus. Die Gewerkschaftsbewegung ist nicht sozialdemokratisch, sie ist eine proletarische Klassenbewegung." In der Schrift„Gewerkschaftsbewegung und politische Par- teien" hat Bebel im Jahre 1999 sich eingehend über die diesbezüg- lichen Aufgaben der Gewerkschaften ausgesprochen. Er war mit Recht so überzeugt von der siegenden Macht der sozialistischen Ideen, daß er es nicht einmal für notwendig hielt, dem Gewerk- schafter als solchen den Rat zu geben, sich der Partei anzuschließen. In seiner politischen Tätigkeit hat er stets die sozialpolitischen Interessen der Arbeiter in den Vordergrund gestellt. Gleich von Anfang der parlamentarischen Tätigkeit der Sozialdemokratie ist Bebel der Vorkämpfer des Koalitionsrcchts, des gesetzlichen Arbeiterschutzes, der Arbeiterversicherung usw. gewesen. Ihm ver- danken u. a. die Bäckcrciarbeitcr den ersten Schritt zu einer ge- setzlichen Regelung ihrer Arbeitsverhältnisse. Es wäre ein ver- gcblichcs Bemühen, hier auch nur kurz anzudeuten, was Bebel in einer bald fünfzigjährigen parlamentarischen Tätigkeit an sozial- politischen Anregungen gegeben hat. Aber soviel darf gesagt werden, und kann jeden Tag dokumentarisch nachgewiesen werden, daß, was wir heute an Sozialgesetzgebung in Deutschland haben, daran hat Bebe! einen ganz hervorragenden Anteil. Der schonungslose� Kritiker, der zugleich positive Anregungen gab, zwang die Reichs- gesetzgebung zur sozialreformerischen Tat zu einer Zeit, wo an die- jenigen noch nicht zu denken war, die mit der deutsche» Sozial- reform heute renommieren. So ist August Bebels Lebenswerk im Dienste der Arbeiter- klasse eng verwachsen auch mit unseren Gewerkschafte». Und daher stehen die deutschen Gewerkschaften mit der Partei trauernd an der Bahre dieses Mannes, der zugleich ein Kämpfer und et» Wegweiser der Klasse war, der er entstammte. �, •« Der«vorstand des Deutsche« Holzarbeiterverbandes sandte dem Parteivorstand folgendes Beileidsschreibe« Werte Genossen! Nach Empfang der erschütternden Nachricht vo» dem Tod des Genossen Bebel drängt es uns, dem Parteivorstand und damit der Gesamtpartci im Namen aller Mitglieder des Deutsche» Holz- arbeiter-Verbandes im ganzen Reiche zum Ausdruck zu bringen. wie sehr wir teilnehmen an der Trauer um den Verlust des tüch- tigsten, geehrtesten und geliebtesteu aller Führer der Arbeiter- bewegung, die heute die Herzen aller Arbeiter Deutschlands und der ganzen Welt erfüllt. Was die Arbeiterbewegung auf politischem und auch gewerk- schaftlichem Gebiete der unermüdlichen, aufopferungsvollen Führer- fchaft Bebels jetzt und immerdar zu danken hat, ist so viel und so groß und steht in der Geschichte so klar und unverwischbar fest, daß Worte darüber fast profan erscheinen müssen. Aber die Holzarbeiter haben noch etwas mehr als die übrige Arbeiterschaft August Bebel als einen der ihrigen angesehen, weil er seinem früheren Berufe nach als Drechfler einst zu unserer Kollegenschaft zählte. Um so größer und inniger waren unsere Freude und unser Stolz, unsere Anhänglichkeit und Liebe zu diesem Grotzen und Grötzten in der gesamten Arbeiterbewegung, dessen Andenken auch in den Herzen der Holzarbeiter aller Länder fort- leben wird als ein herrliches Beispiel von Mut und UeberzeugungS- treue, von Begeisterung und Solidarität, Po» HofftmngSfreudig- keit und Siegeszuversicht,»y »Nt brüderlichem Grußk Deutscher Holzarbeiter-Cerband. Der Vorstand. A. A. Theod. Leijp»r!. »• • Die Leichenfeier Bebels. Wie uns aus Zürich gemeldet wird, ist für da# Leichenbegängnis unseres dahingegangene» Vorkämpfers folgendes Programm aufgestellt worden: Die BestattnngSfeierNchkett ist auf Sonntag mittag t Ohr a»- gefetzt. Mittags 1 Uhr wird die im„BolkShauS" aufgebahrte Leiche nach dem Trauerhause(Frau Dr. Simon, geb. Bebel), Schiinberg- strafst 5, verbracht. Die Zugordnung ist, kleine Aenderunge» vor- behalten, wie folgt: 1. MnfittorpS„Konkordia". 2. Kranz- und Blnmrutritger. 3. Leichenwagen. 4. Blmnenwagen. 5. Familien-Trauerwage». 6. Begleitwageu.. 7. Delegattoncn: a) ReichStagSfraktion, l>) Vertretung Frankreich!, c) Vertretung Englands. d) Vertretung Oesterreich»»nd diverser ander« Mchgch e) Vertretung Deutschland!, i) Vertretung der Schweiz. 8. MnsikkorpS„Eintracht". 9. Politische Vereine von Zürich«nd Umgedimg. 19. Gewerkschaftsorganisationen. Der Leichenzug bewegt fich durch die Rimifiratze Üb« die Kai- brücke durch die Thalstraße— Sihlbrücke— Baden« Straße— Städtisch« Friedhof Sihlfeld. Eintritt zum Friedhof kann n»r Personen mit de» vo» Burea» ausgegebene» LegitimattonSkartrn gewährt w«de». Um Ausstellung von Einlaßkarte» in den Friedhof»end»«an sich an die Arbeiternnion Zürich, Stauffacherstraße 60, Ii. Stock, Telephon 2404. Die aufgebahrte Leiche ist bis Sonnabend für da! PnbNkn» zugänglich im großen Saale des LolkShanseS, Stauffach«- ftraße 60, von morgens 9 Uhr bis abends 8'/, Uhr. Aus Zürich wird n»S am Freitagabend telegraphiert: Die im BolkShaufe aufgebahrte Leiche Bebel! wird»»- Taufenden besichtigt. Fortgesetzt tteffen zahlreiche Depn- tationrn ans allen Ländern ein. Der Stadtrat von Zürich hat heute beschlossen, zwei seiner Mitglied«, Dr. Naegeli und Dr. Erismann amtlich zu der BestattnngSfeierlichkeit am Sonntag abzuordnen. An, Sarge werden Moltenbnhr, R. Fischer und Frau Klara Zetkin, sowie mehrere ausländische Ver« tretcr der organisierten Arbeiterschaft sprechen. 0 Eine bürgerliche Korrespondenz meldet: Bei den Traucrfeierlichkeiten für den Abg. Bebel in Zürich wird das Reichstagspräsidium offiziell nicht ver« treten sein. Dabei handelt es sich aber nicht etwa um eine Aus- nähme, sondern lediglich um die Beobachtung de» herkömmlichen Verfahren!. Danach nahm da! NeichStagSpräsidwm oder e!»«ver-, treter dcssewen bisher nur an Trauerfeierlichleiten für solche Abgeordnete teil, die in Berlin verstorben oder in Berlin beerdigt wurden. So war beispielsweise das Reichstagspräsidium bei der Beerdigung des Abg. Nichter in Berlin Vollzählich vertreten, dagegen fehlte es u. a. bei der Beerdigung Windthorsts in Hannover und bei der Bestattung Liebers in Montabaur, sowie unlängst noch bei der Beisetzung des Grafen Kanitz in Podangen— nur um einige Partei- führer herauszugreifen. Bon einer amtlichen Teilnahme des Präsidiums an der Beerdigung Bennigsens konnte allein schon des- wegen keine Rede sein, weil Bennigsen zur Zeit seines Todes nicht mehr im Besitz eines Mandats Ivar. Der Präsident Kacmpf hat das Bureau des Reichstags beauftragt, einen prachtvollen Kranz im Namen des Reichstages nach Zürich zu senden. Genosse Eduard Bernstein ersucht uns um Aufnahme des Folgenden: Zu meinem schmerzlichen Bedauern machen besondere Umstände es mir unmöglich, unserem August Bebel, mit dem mich mehr als vierzigjährige Kampfgenossenschast und persönliche Freundschaft verband, in Zürich das letzte Geleit zu geben. Ich glaube dies bekannt geben zu müssen, weil mein Fernbleiben falsch gedeutet werden könnte, und werde im übrigen am Sonntag das Meinige tun, nach besten Kräften an der Gedächtnisfeier Berlins zu Ehren des dahingeschiedenen Freundes mitzuwirken. Berlin-Schöneberg, den 15. August 1913. Ed. Bernstein. »» * Das Reicbtagsprändium zum Code Bebels. Frau Dr. Simon hat von dem Präsidenten des Deutschen Reichstages folgendes Beileidstelegramm erhalten: Die Nachricht von dem Hinscheiden Ihres Herrn Vaters habe ich mit tiefem Bedauern erhalten und spreche Ihnen bewegten Herzens mein aufrichtiges Mit- gefühl aus. Dr. K a e m p f. »» * Vom Vorsitzenden der ReichstagSfraktion der Fortschrittlichen Volkspartei erhielt die Tochter Bebels folgendes Telegramm: Anläßlich des Ablebens Ihres Herrn Vaters spreche ich Ihnen namens der Fraktion der Fortschrittlichen Volkspartet des Deutschen Reichstages die aufrichtigste Teilnahme aus. Fischbek. - Genosse H a a s e, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion erhielt vom Vorsitzenden der Z e n t r u m s- sraktion des Reichstages folgendes Schreiben: An Herrn Rechtsanwalt H a a s e. Vcrehrtester Herr Kollegel Meiner Fraktion und meine eigene Teilnahme an dem schweren Verluste, den Ihre Fraktion durch den un- erwarteten Tod ihres Führers Bebel erlitten hat, bitte ich, der sozialdemokratischen Fraktion und der Tochter des Toten ausdrücken zu wollen. Mit vorzüglicher Hochachtung Spahn. *• * BeUeldsbundgebungen zu Bebels Cod. Noch immer laufen zahlreiche Beileidskundgebungen zum Tode Bebels beim Vorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands und bei der Tochter Bebels ein. Wir verzeichnen nachstehend die wesentlichsten: Jena. Bewegt vom Tode Bebels, spreche Ihnen und den An- gehörigen herzliche Teilnahme aus und gedenke mit Unzähligen seiner menschlichen Größe und Kraft. Naumann. Paris. Die Trauerbotschaft vom Tode August Bebels ver- ursacht uns einen unermeßlichen Schmerz. Wir sind mit Euch eins, um diesen Verlust zu beklagen, wie wir mit Euch eins waren, sein Leben zu bewundern, das ganz und gar dem Werk der Be- sreiung der Arbeiterklasse gewidmet war. Der Schmerz, den die deutsche Sozialdemokratie empfindet, gilt einem unersetzlichen Ver- lust für das gesamte internationale Proletariat. Im Namen des französischen Sozialismus drücken wir Euch unsere schmerzlichste Bewegung aus und geben Euch die Versicherung, daß diese grau- same Prüfung die Verbindung zwischen den deutschen und fran- zösischen Arbeitern noch fester schließen muß. Für die geeinigte sozialistische Partei. Das Bureau des Nationalrats. Chesterficlb. Im Namen der um den..Daily Herald" ver- einigten Sozialisten und Gewerkschafter, sende ich Ihnen auf- richtige Sympathie und Anteilnahme, gleichzeitig mit dem Aus- druck der Bewunderung und Liebe für den toten Kameraden Bebel. Wir hoffen, daß dieses glänzende Beispiel und diese Hingabe an unsere große Sache alle jungen Männer und Frauen anspornen wird, in seine Futzstapfen zu treten, im Wirken für die Solidarität der Arbeiterklasse. Georg Lansbury. Sydney(Australien), llm Bebels Tod trauern wir mit Euch. Der internationale sozialistische Klub in Sydney. Paris. Die revolutionäre sozialistische Partei Ziußlands drückt anläßlich des Todes des großen Vertreters des internationalen Sozialismus ihren lebhaftesten Schmerz aus. Das Zentralkomitee. Berlin. Tief erschüttert durch die schmerzliche Todesnachricht unseres großen Vorkämpfers und Lehrers, stehen wir vor seiner Trauerbahre. Der Ruhm und die beispiellose Popularität Bebels ist ein Gemeingut, nicht nur in Europa, sondern auch in den ent- legxnsten Ecken der halbkultivierten Erdteile. Mit der Propaganda der Ideen des Kommunistischen Manifestes klingt überall zugleich der Name Bebels als Ideal der Verkörperung des sozialistischen Denkens und Fühlens. Die armenischen Sozialdemokraten Berlins. Chicago. Als Vertreter der sozialistischen Partei der Vereinigten Staaten Nordamerikas spreche ich in Gemeinschaft mit den Vertretern unserer fremdsprachigen Parteigruppen dem deutschen Volke zu dem Tode des Genossen Bebel die tiefgefühlte Sympathie jedes Sozialisten in Nordamerika aus. Wir trauern mit Euch, Euer Verlust ist der ganzen Welt Verlust., Walter Landersiek, Sekretär der sozialistischen Partei von Nordamerika. Buenos AireS. Die Internationale trauert um Bebels Tod. Sozialistische Partei Argentiniens. Sarajewo. Tieferschüttert von der Todesnachricht senden wir der deutschen Sozialdemokratie, deren Begründer, Vorkämpfer und unermüdlicher Lehrer Bebel war, unser tiefstes Beileid. Die Parteileitung von Bosnien und Herzegowina. Spalato. Tiefbetrübt über Bebels Tod senden wir eine Hand- voll roter Nelken auf sein Grab. Die Fahne, für welche er gelebt, weht Halbmast. Ehre seiner Asche! Die sozialdemokratische Partei und GeWerk- schaftskommission Dalmatiens. Zagreb. Mit Euch von dem schweren Verluste des großen Kämpfers hart betroffen, drücken wir unser tiefstes Beileid aus. Mit dem gesamten internationalen Proletariat betrauern auch die kroatischen Sozialisten den Verlust ihres Lehrers und Aufilärers, dessen Andenken immer bewahrt bleiben wird. Sozialdemokratische Partei und GeWerk- schaftskommission für Kroatien und Slawonien. Trieft. In innigster Teilnahme an dem Schmerze des beut- schen Proletariats und der ganzen Internationale, versichern wir Euch auch der Trauer der italienischen Sozialdemo- kratie in Oe st erreich. Battisti, Oliva Pittoni Czcrnowib. Mit dem Proletariat der ganzen Welt beweinen den unersetzlichen Verlust die ukrainische und buko- winische sozialdemokratische Organisation. London. Die an der genossenschaftlichen Studienreise durch Groß-Britannien beteiligten deutschen, ungarischen, dänischen und holländischen Sozialisten, versammelt mit den Mitgliedern des kommunistischen Arbeiter-Bildungsvereins in London, drücken ihre tiefste Teilnahme dem Tode unseres unvergeßlichen Genossen August Bebel aus. Möge die Sozialdemokratie immer Führer haben, welche mit gleicher Liebe, Tatkraft und Uneigennützigkeit für das Volk wirken, wie er es getan hat. A. v. Elm. Feuerstein. Rackow. Weitere Beileidskundgebungen sandten ein: das sozialdemo- kratische Komitee Lettlands; die sozialistische Föderation in Gent; die Redaktion der„D e l n i c k e L i st h" in Wien; die süd- slawische sozialistische Verlagsgenossenschaft in Zagreb; der Landesausschuß der tschechoslawi schen Sozialdemo- kratie Niederösterreichs; der sozialistische Verein in Rom; die sozialistische Föderation des Departements du Nord in Lille; das Exekutivkomitee der jüdischen Arbeiter New Dorks; der jüdische „Vorwärts", New Uork; die Parteivertretung der polnischen Sozialdemokratie Galiziens und Schlesiens; das Zentral- komitee der ukrainischen Sozialdemokratie Rußlands; Landcspartei und Landesgewerkschaftskommission in Salzburg; der deutsche Arbeiterverein Antwerpen; Mctallarbeiter-Sektion in Turin; die sozialistischen Arbeiter in Basel; Sozialistischer Verein in Cesena bei Rom; Bezirksorganisation Marburg (Steiermark); Sozialistische Vereinigung zu Wien; Klub der russischen sozialdemokratischen Partei und des jüdischen Arbeiter- bundes in Heidelberg; die russische Gruppe in Capri; der Verband der Drechsler Oesterreichs; die Genossen Posens; die Redaktion der russischen Zeitschrift„Energie"; das Zentralorgan der polnischen Sozialdemokratie Oesterreichs; Sozialdemokratische Organisation- in F a l» kenau-Eger; Genosse Jean Longuet in Paris; der Dumaabgeordnete Petersburgs Badaet; die sozialistische Jugend der 19. Sektion der französischen Partei, Paris. Beileidskundgebungen gingen weiter noch ein: von den Ge- nossen in Markneukirchen; vom ungarischen Metallarbeiter- verband in Budapest; von der Kommunalverwaltung in S e st o- fiorcntino; von der sozialistischen Föderation Rabenna; vom Sozialdemokratischen Verein Danzig-Stadt; von der Gruppe der jüdischen sozialistischen Jugend in Ezenstochau; vom Sozialdemokratischen Bczirksverband in W e st p r e u ß e n; von der Parteiorganisation in Szeged; vom Reichstagsabgeord- neten Jos. Hannich in Wien; von der russischen sozialistischen Gruppe in St. Maurice(ValaiS); vom Sozialdemokratischen Verein in Würzburg; von Genossen in der Heilstätte Engel- thal; vom Zentralvorstand des Verbandes der Hausarzt- vereine; von �der Redaktion des„Svobota" in Kladno in Böhmen und vom Ausschuß des II. Kreises der tschechoslawischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei; von der Brüsseler Gruppe der Sozialdemokratie Lettlands; von der allgemeinen Arbeiter- Association in Turin; vom Zentralkomitee der armenischen Studenten in Genf; von Parteigenossen im Urbankranken- haus; von der Gruppe Studierender des allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes in München; vom Genossen Rubanowitsch in Paris; vom Trabes Council in London; vom deutsch-franzö- ischen Versöhnungsinstitut in Meudon; von den Patienten des Genesungsheims Spiegelberg bei Aussig; vom finnischen Eisenbahnerverband in Helsingfors; vom Deputierten Com- pere-Morel, Paris; von der autonomen Gruppe der revolutio- nären russischen Sozialisten in Paris; von der Redaktion der jüdisch-sozialistischen Zeitschrift„Neues Leben" in New Dork; von der Lokalorganisatwn der polnischen Sozialdemokratie in K r a k a u; vom Bezirksausschuß der polnisch-sozialdemokratischen Partei in Stanislau; von der russisch-sozialdemokratischen Gruppe in Lausanne: von der sozialdemokratischen Bezirksorganisation eipert; den deutschen Genossen des Vereins„Vorwärts" in uenos-AireS; den Genossen in Jassy(Rumänien); der deutschen Arbeiter-Kranken- und Sterbekasse in New Uork und dem in Brüssel versammelten Kongreß der belgischen Textilarbeiter. Aus Melbourne(Australien) ging folgendes Telegramm ein:„Die australische Arbeiterwelt betrauert den Tod Bebels." Fisher. Aus C h r i st i a n i a kam folgende Kundgebung: Die Sozial- demokraten Norwegens sind tief betrübt über Bebels Tod; sein Name und seine Arbeit sind auch bei uns so geliebt und geschätzt, daß sein Andenken immer in der norwegischen Arbeiterklasse leben wird. Im Namen der norwegischen Arbeiterpartei: Chr. H. K n u d s e n, Vorsitzender. Magnus Nilssen, Parteisekretär. Reichstagsabgeordneter Legten erhielt aus Mailand das wlgende Beileidstelegramm:„Die gewerkschaftliche Landeszentrale Italiens teilt mit Euch den Schmerz um Bebels Tod; wie Euch, so war er auch uns ein Führer im proletarischen BefreiungS- kämpf." Darragona. -»* Das Husland übet* Bebel, Dänemark. Das Zentralorgan der dänischen Partei„Social- demokraten", Kopenhagen, schreibt: „Mit Bebel verschwindet die aus der neueren Zeit be- kannteste Persönlichkeit der deutschen Sozialdemokratie. Er ivar der größte Agitator, den die Partei seit Lasialle gehabt hat. Nach innen durch seine geschichtliche Autorität die sam- melnde Kraft, das flammende Einheitszeichen gegenüber allen Zersplitterungsversuchen— nach außen der schlagfertige Feld- Herr, der Wortführer im Reichstage, dessen Reden blitzten und verwundeten wie ein Schwert. Seit Liebknechts Tod war Bebel der alleinige Ver- treter der großen Traditionen der Partei. Er hatte— vor etwa einem halben Jahrhundert— an der ersten Be- wcgung teilgenommen, die zur Gründung einer deutschen Sozialdemokratie führte. Er hatte die ganze bewegte Ent- Wickelung der Partei erlebt, die Bedrängnisse, die Unter- drückung, die Niederlagen und die Siege. Er hat Jahre seines Lebens im Gefängnis gesessen. Nichts war imstande, ihn auch nur für einen Augenblick wankelmütig zu machen.... Er blieb bis in die letzten Jahre, wo Alter und die zermürbende Arbeit schließlich seine Kraft geschwächt hatten, der Banner- führer seiner Partei, und in dieser seiner Eigenschaft wird seiner gedenken nicht nur die deutsche, sondern die internationale Sozialdemokratie." » Schweden. „Socialdemokraten" Stockholm schreibt:„... Aber Bebel durfte nicht nur erleben, wie die kleine Schar deutscher sozialistischer Arbeiter, gegen die sich die Hand aller erhob, unter seiner Leitung zur unvergleichlich größten und stärksten politischen Partei Deutschlands wurde. Die gleiche Ent- Wickelung, mehr oder weniger schnell, vollzog sich in der ganzen Welt. Die Internationale konnte 1907 in Stuttgart in einer unvergleichlichen Weise ihrem ersten Mann huldigen. Aber die Kriegspolitik des Kapitalismus erzwang auch 1912 die sozialistische FricdcnSmusterung in Basel. Noch dort war es Bebel, der in den Einzelvcrhandlungen ein ent- scheidendes Wort hatte und in der Stunde des Kongreß- schlusses hervormußte, um den Dank und die Huldigung aller zu empfangen, als er selbst, der alte Oppositionsmann, den teilweise sozialistischen Behörden des Kantons den Dank des Kongresses abstatten wollte... In dieser ganzen Situation lag einer der handgreiflichsten Beweise dafür, daß die Zeit sich doch schnell vorwärts bewegt. Der Sozialismus rückt vorwärts, während eines Menschen- lebens, in einer Weise, die gekennzeichnet wird durch Bebel als Gefangenen auf Hubertusburg und den gleichen Bebel 40 Jahre später als den geistigen Führer einer internationalen Solidaritätspartei von einer solchen Stärke, daß sie sich den Zugang zum alten, ehrwürdigen Münster in Basel erzwang.. Das Schicksal fügte es nicht so, daß er den mehr als einmal ausgesprochenen Wunsch verwirklichen konnte, uns Schweden hier oben im Norden zu besuchen. Aber in der Arbeiterbewegung unseres Landes gehörte Name und Tat Bebels zu dem, was die Biasien mit größter Sympathie und Beivunderung aus der Ferne verfolgt haben. Und obgleich sein Tod nicht ganz unerivartet kommt, wird die Nachricht von seinem Tode überall mit Wehmut auf- genommen. Es gibt eine Lücke im Walde, wenn die alte Eiche fällt." » Wie die Nachricht von Bebels Tode in der b ü r g e r- lichcn Presse Skandinaviens beurteilt wird, zeigt olgende Aeußerung aus einem langen Nachruf des liberalen Regierungsorgans in Stockholm,„Dagens Nyheter": „Die internationale Sozialdemokratie der ganzen Welt umflort ihre Fahnen. Ihr erster Mann, der unermüdliche Kämpfer und Führer, der klare Kopf und das warme Herz, hat der Vergänglichkeit gesteuert. Seine Feuerseele kann nicht mehr zünden und wärnien, aber sein Werk wird nach ihm leben. Wenn die vielen gekrönten Häupter, die zu seiner Generation gehörten, in ungcrühmte Vergessenheit gesunken ein werden, wird sein Name immer noch im Pantheon der Erinnerung leuchten." Bebel als— byglemfcbe Gefahr. Die„Wiener Arbeiterzeitung" erzählt, daß die Wiener Polizei im September 1892, als die Wiener Arbeiter die ersten großen Kämpfe um das allgemeine, gleiche Reichs« ratswahlrecht schlugen, das Auftreten Bebels in einer Volks- Versammlung verbot, weil damals in H a m b u r g die Cholera herrschte und also Bebel sie am Ende mitbringen könnte I Natürlich machten sich die Wiener gar nichts aus den Sorgen der Polizei. Bebel kam, redete und die- Wahlreform siegte schließlich über all« hygienische» Bedenken.— 1893 kam Bebel mit Engels und Luise Kautsky nach Wien und sie sprachen dort im großen Drehersaale, den die Wiener sonst als das Hauptaushebungslokal kennen. Das letzte Mal war er zur Feier des 69. Geburtstages seines Freundes Dr. Viktor Adler mit Dietz 1912 in Wien. Adler hat ihn auch noch im Mai dieses Jahres in Berlin befugt und wohnte damals auch der Sitzung des Reichstages bei, in der die Interpellation über Elsaß-Lothringen besprochen wurde. »» « Eine Totenmaske von August Bebel. Der Bildhauer Julius Obst aus Charlottenburg hat die Totenmaske Bebels aufgenommen. Die Aufnahme soll gut ge« lungen sein. Obst ist ein sehr talentierter Künstler, der bereits eine vorzügliche Lassallebüste hergestellt hat. Die Totenfeier in Hamburg. Eine Gedächtnisfeier für August Bebel veranstaltet am Sonntagmittag die Landesorganisation der sozialdemokratischen Partei Hamburgs im größten Saale Hamburgs, bei Sagcbiel. Sie besteht aus Orgelvortrag, Gedächtnisrede und Chorgesang. Der Eintritt ist nur Parteimitgliedern gestattet. PoUtileke(leberlicdt. Vorbcrcitnngen für den Metzer Katholikentag. Auf dem am Sonntag beginnenden Katholikentage soll, um die katholische Volksseele in Wallung zu bringen, energischer als auf den früheren Tagungen.die Aufhebung des Jesuitengesetzes und die Wiederherstellung des römischen Kirchenstaates gefordert werden. Das Vorspiel zu dieser Demonstalion hat bereits begonnen. Das Metzer Lokalkomitee hat nämlich an den Papst eine Adresse gerichtet, in der es ankündigt, der Katholikentag werde sich mit der Lage der religiösen Orden und Kongegrationen beschäf« tigen,„die in der freien und unbeengten Ausübung ihrer segensreichen Arbeit im Weinbergs des Herrn und der Herbei« führung einer reichen Ernte ihrer Tätigkeit durch manche Fesseln ge« hemmt sind".„Wir werden," heißt es in der Adresse,„die Hebung dieser Hindernisse fordern. Sodann werden wir mit aller Tatkraft eintreten für die Rechte der Kirche in den öffentlichen Schulen, welche gottentfremdete Männer aus ihrer innigen Verbindung mit der heiligen Religion losreißen wollen." Der Papst Pius X. hat darauf ein sogenanntes„huldvolles Antwortschreiben" erlassen, worin er nicht nur das Streben nach der Aufhebung des Jesuitengesetzes gutheißt, sondern indirekt auch den Katholikentag anweist, gegen die„Gefangenschaft" des Papstes im Vatikan, das heißt für die Wiederherstellung des Kirchenstaates zu demonstrieren. So heißt es in seinem Schreiben: „Der nun auf dem Erdkreise Jubelfeste abgehalten werden zur Feier des Friedens und der Freiheit, die der Kirche durch göttliche Fügung von Konstantin geschenkt worden sind, so nimmt es in Anbetracht euerer Liebe zur Kirche, unserer Mutter, nicht wunder, wenn in eueren Versammlungen dieser unvergeßlichen Tat in begeisterter Weise gedacht wird. Mit Recht wollt ihr, daß diese Erinnerung nicht auf eine leere DankeSfcier hinauslaufe, sondern daß sie eure Gedanken aus der Vergangenheit auf die Gegenwart lenke und euren Eifer, zum Wohle der Kirche zu ar- Veiten, anfeuere. Da ihr demnach, wie jederKatholik, lebhaft bedauert, daß euer oberster Seeleu Hirt auch heute noch in einer gewiß nicht lvürdigen Lage sich befindet, so seid ihr entschlossen, von neuem mit Nachdruck zu verlangen, daß der römische Oberhirt endlich wieder in den Besitz der vollen Freiheit eingesetzt werde, die seine so hohe Würde und da? Amt des gemeinsamen Vaters der katholischen Völker erheischt. Es entspricht ferner eurem mannhaften Sinne, eure Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß die Kirche von den Fesseln, die sie hemmen, befreit werde. Bei diesem Bestreben gefällt uns besonders das Versprechen, mannhaft dafür eintreten zu wollen, daß den religiösen Orden und Kongregationen zum Nutzen des christlichen Volkes die Freiheit, Niederlassungen zu gründen und ihre Tätigkeit zu entfalten, durch das Gesetz gewährt werde und daß die natürlichen und unveräußerlichen Rechte der Kirche in den öffentlichen Schulen nicht verletzt werden." Damit die Beteiligung an der Kirmes in Metz nicht allzu sehr hinter der früherer Katholikentage zurücksteht, hat man veranlaßt, daß aus fast allen Teilen Deutschlands, bis nach Schlesien hin, > Deputationen nach Metz abgesandt werden, ebenso aus dem Aus- lande, namentlich zahlreich aus Luxemburg und Belgien. Nicht weniger als 82 Sonderzüge sind eingelegt, um den zu erwartenden Massenverkehr aus der näheren und weiteren Umgebung bewältigen zu können, und die Zahl der für den Festzug am Sonntag von auswärts bereits angekündigten Einzelpersonen und Mitglieder katholischer Vereine hat die 25 000 bereits erheblich überschritten. Hotels und Privathäuser sind außerstande, alle Angemeldeten auf- zunehmen, so daß für Massenquartiere vorgesorgt werden mußte- Die Halle, in der die Hauptveranstaltungen stattfinden, ist denn auch mit einem Kostenaufwand von rund sechzigtausend Mark hergerichtet worden und bietet Raum für sechs- bis siebentausend Personen, abgerechnet die zahlreichen Nebenräume. Nochnials der Handwerks- und Gewerbekammcrtag in Halle. In Ergänzung unseres gestrigen Berichts über die Verhand« lungen des 15. Deutschen Handwerks- und Gewerbckammertages in Halle wird uns von dort geschrieben: Die nicht gerade reichhaltige Tagesordnung bot im ganzen wenig Interessantes; nur das Referat des hannöverschen Handels- kammersyndikus Dr. Wienbeck über das Thema:„Schutz der Arbeits- willigen" verdient eine nähere Betrachtung. Der Referent skizzierte zunächst die bisher zur völligen Knebelung der aufstrebenden Ar- dciterschast unternommenen Versuche und führte zum„Be- weise" der angeblich planmäßigen Vergewaltigung der lieben Ar- dcitswilligen die alten schonchundertmal richtiggestellten Terrorismus- geschichtcn an, womit er bei den Kongreßteilnehmern, die von einer Tags zuvor nach den weltberühmten Sektkellereien von Kloß u. Förster in Freyburg(Ursprungsort der Sektmarke„Rotkäppchen") der- anstalteten Spritzfahrt noch in Sektstimmung waren, großen Beifall fand. Den frivolen Tarifbruch, den die Unternehmer kürzlich in Mühlhausen begangen haben, suchte er den Arbeitern in die Schuhe zu schieben, wie er auch den Streikbrecher, der in Frauendorf bei Stettin einen Streikenden meuchlings niederstach, in Schutz nahm. Bei dem Bergarbeiterstreik im Ruhrrevier, der über 2000 Prozesse im Gefolge hatte, seien, so erzählte er, die Streikenden so brutal vorgegangen; daß sogar der Minister des Innern mit Püffen bedacht worden sei. Dieser Streik sei die eigentliche Ursache zu der Eingabe an die Reichsregierung gewesen. Mehr wie die Industrie habe das Handwerk Veranlassung, Abstellung der nach raffinierten Methoden geschaffenen Zustände zu fordern. Der Handwerksmeister, der nicht über Großkapital verfügen könne, sei hilflos den Machenschaften der Organisationen ausgeliefert. Der Arbeiter sei geschützt durch seine Kassen, aber die Arbeitgeber vertröste man auf die Reform des Strafgesetzbuches, die vielleicht erst 1920 zu erwarten sei. Besonders müsse gegen die Arbeiterpresse von Gesetzeswegen mit aller Schärfe vorgegangen werden. Zu der wüsten Preßagitation komme noch die Agitation durch Flugblätter usw. Ein Schutz gegen solche Rechtsvergewaltigung bestehe nicht. Deshalb muffe gefordert werden, daß der§ 153 aus dem Gewcrbegesetz herausgeschafft und durch ein Sondergesetz das Arbeiterrecht auf eine ganz klare Grundlage gestellt werde. Redner erörterte dann die einzelnen Punkte der von der Hand- werkskummer Hannover vorgelegten Resolution. Eine der wirk« sam st en Waffen sei die Arbeiterpresse. Wenn der in der Resolution unter Punkt 3 angeführten Forderung stattgegeben würde, dürfte der Boykott ausgeschaltet sein. Die schöne Rösolution lautet: „Der 15. Deutsche Handwerks- und Gcwcrbekammertag zu Halle a. S. richtet an die deutschen Bundesregierungen und Parlamente die dringende Bitte, einen wirksamen gesetzlichen Schutz gegen den zunehmenden Mißbrauch des Koalitionsrechtes zu schaffen. Dieser Mißbrauch wird be- sonders dem Handwerk gegenüber durch willkürliche ArbeilScin- stellnngeu, verbunden mit Tarifbruch durch Koalitionszwang, Be« drohung Arbeitswilliger, öffentliche Verleumdung von Arbeitgebern, Ueberwachung der Betriebe, immer häufiger ausgeübt und führt zu schweren wirtschaftlichen Schädigungen vieler Handwerksmeister. Dazu kommt die Taktik mancher Berufsverbände, einzelne Hand- Werksbetriebe durch die Presse und mit Unterstützung bestimmter Bevölkerungsschichtcn zu b o y k o t ti e r e n und sie durch Androhung des wirtschaftlichen Ruin-5 den willkürlichsten Forderungen geneigt zu machen.... Der 15. Deutsche Handwerks- und Gewcrbckaminertag hält es daher für dringend geboten, d a S mit dem gewerblichen Arbeitsverhältnis verbundene Koalitionsrecht unter ein Sondergesetz zu stellen, ähnlich wie eS zum Schutz der Bausorderungen oder des unlauteren Wettbewerbes auf anderen Wirtschaftsgebieten geschehen ist. Das Gesetz soll nicht nur Rechte und Pflichten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und ihrer Verbände den tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte anpassen, sondern es soll auch Handhaben bieten, den einzelnen Arbeitgeber und Arbeitnehmer schnell und erfolgreich gegen die Ue b e r sp a n nun g d e s 5lo a l i t i o n s r e ch t c ö zu schütze n. Als solche Handhaben toimnen im Interesse des Handwerks in Betracht: 1. Berufs vereine fürungerechtfertigte Wirt- schaftliche Schädigungen materiell haftbar zu machen; 2. das Streikpostcustchen zu verbieten; 3. alle öffentlichen Maßnahmen zu verbieten, die, anknüpfend an das gewerbliche Arbeitsverhältnis, dazu dienen, Ansehen oder wirtschaftliches Fortkommen von Arbeit« gebern und Arbeitnehmern willkürlich zu beeinträchtigen. Zu diesen Maßnahmen gehören besonders Bekannt- machungen durch Flugblätter. Anschläge, öffentliche Versammlungen oder durch die Tagespress e; 4. den Handwerker-Jnnungen zu gestatten, Arbeitsverein« barungen nur durch Vermittelung der Gesellenausschüsse ab- zuschließen; 5. den gewerblichen Korporationen Klage« und Anzeige- recht bei Uebertretungen des Gesetzes zu geben. Außerdem stellt der Deutsche Handwerks- und Gewerbe- kammertag den gesetzgebenden Korporationen dringend anheim, das Gesetz im Jnleresse des gesamten Mittelstandes auch auf die Boykott fälle auszudehnen, die mit politischen oder kommunalen Wahlen zusammenhängen." In dieselbe Kerbe hieb auch der. frühere Gewerkschaftler, jetzige konservative Reichstagsabgeordnete Malkewitz« Stettin, der von der Regierung sagte, sie säße mitsamt dem Reichstag hier auf der Anklageblank, weil sie die Zügel habe schleifen lassen. Wenn sie die Bestrebungen der Mittelständler nicht kräftig unterstütze, mache sie sich mitschuldig an den schädlichen Folgen, die sich aus dem Terrorismus der Sozialdemokratie ergeben würden. Der Vorsitzende der Handelskammer zu Harburg, Obermeister Lampe, forderte, daß die B o y k o tt v ersu ch e gesetzlich be- kämpft werden. Zum Schluß wurd» die vorgelegte Resolution einstimmig angenommen.__ Verstaatlichung des Mesothoriums. Wir hatten kürzlich auf den Wucher hingewiesen, der mit dem neuen Heilmittel gegen die Krebskrankheit, mit dem sogenannten Mesothorium, getrieben wird, und in Anknüpfung daran die Forde- rung gestellt, daß der Staat eingreifen und dieses Mittel im Juter- esse der schwerleidenden Krebskranken und der Volksgesundheit dem wucherischen Privatbetrieb entziehen möge. Jetzt weist auch die klerikale„Köln. VolkSztg." auf die wüste Preissteigerung dieses Mittels durch die Privatspekulation hin und fordert, obgleich sie sonst gut kapitalistisch denkt, die Verstaatlichung der Herstellung und des Vertriebes des Mesothoriums. Sie schreibt: „Es ist bekannt geworden, daß die Firmen, welche Mesothorium gegen KrebS erzeugen, die Preise dieses Heilmittels möglichst hoch halten. Ja, es soll sich schon ein Trust gebildet haben, der zwar unter harmloser Flagge segelt, in Wirklichkeit aber wohl nichts Besseres sein wird als alle die anderen Konventionen und Trusts, die auf eine Beherrschung des Marktes und damit auf eine den Konsum schädliche Preisstellung abzielen. Man denke sich nun: Da wird ein Mittel erfunden, mit dem man einem der ärgsten Feinde des Menschengeschlechts auf den Leib rücken kann, der Erwerb dieses Mittels ist aber von dem Belieben einiger Privatfirmen abhängig. Das heißt denn doch alle Begriffe von Kultur und Menschlichkeit einfach auf den Kopf stellen. Wahrscheinlich wird sich demnächst auch die Aktienspekulation dieser neuen Gewinnchancen bemächtigen, und wir loerden wieder, wie nach der Entdeckung des Mittels gegen die Syphilis, das erhebende Schauspiel erleben, daß der Spekulanten« geldbcutel fich mit Profiten füllt, die man dem Menschenelend ab- geknöpft hat. Gegen solche Ungeheuerlichkeiten gibt es nur eine Maß- nähme: Der Staat muß sich unter allen Umständen die Alleinver- Wertung und den Alleinvertrieb von Präparaten sichern, die nach dem Urteil eines zu bildenden Fachausschusses der kranken Menschheit Segen bringen können. Wenn je eine Verstaatlichungsforderung berechtigt war, so gewiß diese. Es darf nicht geduldet werden, daß die Privat- industrie und die Effeftenspekulation der Gesundheit des Volkskörpers entgegenarbeiten, Staat und Volk haben daran gleichzeitig ein ganz außerordentliches Interesse. Es macht absolut nickts aus, wenn der Staat Jahr für Jahr einige Millionen für den Erwerb derartiger Mittel ausgibt, selbst wenn sich nachher herausstellt, daß die Hoff- uungen, die man an die Wirkung der Mittel gesetzt hat, sich nicht ganz oder gar nicht erfüllen."_ Ein würdiger Kompagnievater. . Thorm 14- August. fPrivattelegramm des„ V o r w. Der Hauptmann und Kompagniechef Arthur Köhler vom 173. In- fanterieregiment, der bereits im April dieses Jahres vom Kriegs- gericht wegen Mißhandlung und vorschriftswidriger Behandlung Untergebener in über hundert Fällen sowie wegen anderer Vergehen zu sechs Monaten F e st u n g S h a f t verurteilt worden ist. wurde heute in einem neuen, durch den ersten Prozeß veranlaßten Verfahren, ferner wegen vorsätzlicher Mißhandlung Untergebener in Ausübung des Dienstes unter Mißbrauch der Waffe in fünf Fällen zu vier Wochen Stubenarre st verurteilt. Oeftemicb. Endlich Reservistenentlassunge«. Wien, 14. August.(Eig. Ber.) Jetzt endlich sollen doch 30000 Mann der beiden südöstlichen Korps entlassen werden. Der Kompagniestand in Bosnien bleibt aber auf 150 Mann erhöht und deshalb werden aktive und Reserve Mannschaften der im Innern des Reichs stehenden Truppen hingeschickt. Offenbar sott das dem ReichSrat die rteue Heeresvermehrung herauspressen. England. „Arbeitervertreter." London, 13, August.(Eig. Ber.) Eine eigentümliche Situation ist in dem Wahlkreis Chesterfield entstanden, der im Parlament in den letzten Jahren von dem kürzlich verstorbenen Berg- arbeiterbeamten H a s l a m vertreten wurde. Ursprünglich hieß es, daß bei der kommenden Nachwahl sich Kandidaten der konservativen, liberalen und der Arbeiterpartei gegenüberstehen würden. Aber bald zeigte es sich, daß die Liberalen mit dem vorgeschlagenen Ar- beiterkandidaten ganz zufrieden waren. Dieser, der Bergarbeiter- beamte K e n Y o n, ließ sich zuerst von der lokalen Organisation der Arbeiterpartei als Kandidat aufstellen. Dann ging der gute Mann hin und ließ sich auch von den Liberalen aufstellen. Das war den fortschrittlichen Elementen in der Arbeiterpartei jedoch zuviel. Sie protestierten gegen diesen Arbeiterkandidaten und bewogen den Parteivorstand, die Kandidatur Kenyons nicht zu genehmigen. Aber diese Nichtgenehmigung stört den Kandidaten nicht im geringsten. Er fährt in seinem Wahlkampf fort, da er sich der Unterstützung seiner gewerkschaftlichen Organisation und der liberalen Partei er- freut. Voraussichtlich wird er auch gewählt werden, wenn ihm nicht in letzter Stunde noch ein sozialistischer Kandidat entgegentritt. Als- dann wären seine Aussichten nicht so sicher. Der«Labour Leader" schreibt zu der Angelegenheit:„Selbst, wenn der Kandidat eine un- zweideutige Unabhängigkeitserklärung abgäbe, würde er dennoch dem Geiste und den Anschauungen nach ein Liberaler bleiben. Wir erklären gerade heraus, daß wir solche Leute nicht haben wollen; sie hindern uns mehr, als sie uns nützen. Chesterfield ist in Wirk- lichkeit nie ein Kreis der Arbeiterpartei gewesen. Herr Haslam bediente sich der Wahlorganisation der liberalen Partei, und die lokalen Beamten der Bergarbeiter sind fast ohne Ausnahme Libe- rale. Die beste Politik, die wir verfolgen können, ist die, in dem Wahlkreis tzurch Propaganda und Organisation eine starke»nah- hängige Parteiorganisation aufzubauen, und wenn dann der KreiS unser ist, werden wir ihn durch unsere eigene Stärke und Anb strengung gewonnen haben und denen nicht verpflichtet sein, die nicht mit uns sind." Dieser Zug nach rechts zur liberalen Partei zurück macht sich auch in anderen Wahlkreisen stark bemerkbar. So hat der Kandidat der Arbeiterpartei in Crewe(ein Eisenbahner), der das letzte Mal einen dreiseitigen Kampf auszukämpfen hatte und unterlag, in der letzten Zeit Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Liberalen zu bewegen, ihm das Feld freizulassen. Daraufhin hat ihm die Union der Frauenstimmrechtsgesellschaften, deren Wahl- Politik darin besteht, die Arbeiterparteiler gegen die Liberalen zu unterstützen, die Unterstützung entzogen. Alle früheren Versuche, in Großbritannien eine unabhängige Arbeiterpartei zu gründen, haben bekanntlich stets in dem großen Magen der liberalen Partei ihr Ende gefunden. Dieselbe Gefahr droht der bestehenden Ar< beiterpartei wieder in sehr akuter Form. Parlamentsschluß. London, 15. August. Das Parlament wurde heute mit einer Thronrede geschlossen, in der es u. a. heißt: Der kürzlich erfolgte Besuch des Präsidenten der französischen Republik m meiner Hauptstadt war eine Quelle- großer Be« friedigung für mich, und die Sympathiekundgebungen, zu denen er den Anlaß gab, lieferten eine neue Gewähr für die Fortdauer herz» lichcr Freundschaft, welche die beiden Länder verbindet. Die Konferenz der Delegierten der Balkan- staaten begann ihre Sitzungen im Frühjahr und wurde sich über die Bedingungen des Friedensvertrags einig. Ich bedauere es sehr, daß die Feindseligkeiten der der« fchiedenen Nationaliäten einen neuen Kriegszustand schufen, der von vielen bedauernswerten Zwischenfällen hegleitet war. ES ist be« friedigend, daß die Konferenz der Kriegführenden in Bukarest zu einer Beendigung der Feindseligkeiten führte, die hoffentlich eine dauernde sein wird. Es gereicht mir zu großer Genugtuung, daß die Großmächte fortgesetzt miteinander in Fühlung blieben und daß meine Regierung alles getan hat, um den Austausch der Anschauungen und die Gemeinsamkeit im Vorgehen durch die Botschafter in London zu erleichtern. Der König wirft dann einen Rückblick auf die Gesetzgebung in der vergangenen Sitzungsperiode und verwies auf die Sudananleihe, die durch die kaiserliche Schatz« kammer garantiert wird. Er hoffe, daß die Anleihe nicht nur zu dem Gedeihen jenes Gebiets beitragen, sondern auch eine zunehmende Versorgung für die britische Baumwollindustrie mit Rohmaterial bewirken werde. 26-/38. I. 706./91. 11. Bekanntmachung. In der Strafsache gegen den Rcidakteur Albert Wachs in Berlin wegen übler Nachrede hat die 11. Strafkammer des Königlichen Landgerichts I in Berlin in der Sitzung vom 29. März 1912 für Recht erkannt:. „Der Angeklagte wird wegen übler Nachrede zu einem— 1— Monat Gefängnis und in die Kosten des Verfahrens verurteilt. D-er« jemge Teil aller Exemplare der Nummer 100 des„Vorwärts", 28. Jahrgang, vom Sonnabend, den 29. April 1911, welcher unter „Soziales" den Artikel:„Ins Elend mit schuldlosen Kindern!" enthält, sowie die zur Herstellung dieses Teils bestimmten Platten und Formen sind unbrauchbar zu machen." Dasselbe Gericht hat in der Sitzung vom 3. Juni 1913 weitech hin für Recht erkannt: „Dem Königlichen Konsistorium der Provinz Brandenburg ft« Berlin und der Königlichen Negierung in Franlsurt a. O. als den amtlichen Vorgesetzten des beleidigten Pfarrers und Ortsschul- inspeltors Lehmann in Königswalde, und zwar jeder Behörde für; sich, wirb die Befugnis zugesprochen: � 1. den verfügenden Teil des Urteils der Strafkammer 11 deS Landgerichts I in Berlin vom 29. März 1912 bis zu den Worten: „Platten und Formen sind unbrauchbar zu machen", ergangen auf Grund der tatsächlichen Feststellung, daß der Angeklagte am 29. April 1911 als verantwortlicher Re- dakteur der in Berlin periodisch erscheinenden Druckschrift:„Vor- wärts, Berliner Volksblatt, Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands" durch den in der Nummer 100, 28. Jahrgang der genannten Druckschrift unter„Soziales" abgedruckten Artikel: „Ins Elend mit schuldlosen Kindern!" in Beziehung auf den Pfarrer und Ortsschulinspektor Lehmann in Königswalde nicht erweislich wahre Tatsachen behauptet und verbreitet hat, die ihn in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet sind, und zwar öffentlich und durch Verbreitung von Schriften, 2. den verfügenden Teil des gegenwärtigen Urteils binnen einer Frist von 1— einem— Monat nach Zustellung beider rechts- kräftigen Urteile an sie im Haupkblatte des„Vorwärts" und des „Neumärkisck�en Volksblattes" einmal aulf Kosten des Angeklagten öffentlich bekannt zu machen. Die Kosten des Verfahrens werden, soweit über sie noch nicht durch das Urteil vom 29. März 1912 entschieden fft, dem Auge« klagten auferlegt." Berlin, den 12. August 1913. Der Erste Staatsanwalt bei dem Landgericht l. Bus der Partei. Personalien. Von der Bezirksleitung Niederrhei», Sitz Elb er« fel d, wurde der Genosse Ernst D röner- Elberfeld als zweiter Parteisekretär gewählt. Er tritt seinen Posten am 1. Oktober d. I. an. An diesem Tage tritt die Genossin Elfriede Gewehr, jetzt ?frmi Merkel, wegen ihrer Verheiratung von ihrem Posten als Partei« ekretärin des Bezirks zurück. In die Redallion der„Volkszeitung" in Zittau tritt demnächst Genosse Georg Fuchs aus Bautzen als dritter Redakteur ein. Fuchs war bisher als Berichterstatter für die„VolkSzeitung" tätig. Hetzte Nachrichten, Der Aufstand in China. Schanghai, 15. August.(Meldung deS Reuterfchen Bureaus.) Die Truppen des Generals Changsun sind, wie gemeldet wird, bei Nanking mit den Aufrührern handgemein geworden und haben dett Purpurberg erobert, welcher die Stadt beherrscht. In Nanking sollen einige Plünderungen vorgekommen sein, jedoch ist fremdes Eigentum nicht berührt worden. Die Truppen FengkuachangS, die drei Meilen nördlich von Pukou zusammengezogen sind, haben den Fluß noch nicht überschritten, eS wird nicht erwartet, daß Nanking ernstlich Widerstand leistet. Unterstützt Japan den chinesischen Aufstand? Peking, 15. August.(Meldung des Reuterfchen BureauS.) Hier nimmt die Ueberzeugung zu, daß die Japaner den Aufrührern bei- gestanden haben und noch beistehen, indem sie sie mit Geld und Waffen unterstützen. Man hat die Empfindung, daß die japanische Regierung, wenn sie es gewollt hätte, verhindern konnte, daß ja- panische Untertanen sich in Chinas Angelegenheiten mischten. Schwerer FliegerniifaK. Leipzig, 15. August.(W. T. B.) Heute abend stürzten auf dem Lindentaler Flugplatz der Flieger Nömpler und sein Begleiter Diplomingenieur Rlltgers aus Aachen infolge einer heftigen Bö« mit ihrem Flugzeug aus einer Höhe von 10 Metern ab. Die Maschine ging m Trümmern. Nömpler erlitt Hautabschürfungen ynp Verstauchungen, während Rütgers seinen Tod fand, , DANDORF VGSVSSOGTTSSGHGGSGOGGGSS» MMAMMMW A«, m -•' w n w» 1 tfj I o » 1 Ka o» i ca 'G�MSiSW»�' üpiiioiiiiariii Döiio-fliiiaiiucsir. Dr.rriiimiüi'iörsLr. Di'uiiiibiisir. Runuuser uamm � ®®®®® Soweit Vorrat. Verkauf nicht an Wiederverkäufer, �£ O O � Artikel von hervorrag-ender Freiswnrdigrkeit Z iKto-r�SS. Kskao............ Zocher-Mg (DeintraQlKn Pflrjlclie........ Zitronen 75,95 Pfand M lif ll � Pf. GI"0 QK tK O■ Pfand A J pf in Kisten, Brattoi. Netto Pfand WW Pf. Pfand ..Datzend 30 Z5.« ZO, 30 Sorälnen"o,,Ä»cJ5 pt pt pf. I Stück J.75 M(5ß 63,68,75. Kassier« Pfund (Nicht am Spittclrrarktj Wurstwaren Butter.»d Käse Cervelat- oder Salamiwurst.... Pfund 1B40 Mettwurst 1.05 ff. Leberwurst.............. pf-nd 1,15 Landleber- od. Rotwurst Pfand 95� Jagdwurst................... Pfand 95 pt Sülzwurst..................... Pfand 70 pt Zwiebel- od. Blutwurst..Pfand SO". Nusschinken................. Pfand 1,40 Schinkenspeck............. Pfand 1,20 Melkereibutter..... Vi"�-p.ket SOp ff. Molkereibutter-/.pfand.p�et 63"- Schweizer Käse........... Pfand 90" Tilsiter Käse................. Pfand 85" Brie Käse.................. Pfand 55" Limburger Käse........... Pfand 45" Romatour Käse.............. stock 29 pt Spitz- oder Faustkäse 3 stock 25 pt Land- oder Kuhkäse 2 stock ZA?-. Kaffee'sssSS. Tomaten u. 0�».!�.«..JO. ZüSpiel.................«.«15 Rociiapiei..._.........«..10 Ejsöirnen.............»IZ Kocimirnen............«.«10 Pünumen..............«...13 pt pt. pf. pt Frisches Fleisch (Nickt am Kottbneer Damm) Schmorfleisch��ÄOS pt Schweinebauch Kamm od. Querrippe pm 85 pt Kalbskamm od. Bug Pfd. 80 pt Kalbsbrust.......... Pfand 90 pf Rückeniett.......... Pfund 65 80 ..Pfand öü Pt Schulterblatt.m..Ganp"nd 35 pt Hammeldnnnung Pfand 90 pf. Hammelkeule.!m..Ä3 95 pt Liesen.................. Pfund 70 pt Dose »«» besonders r\| preiswert 95. ,lzs Kartalfeln 10 Pfund Z3 Pf. 1 ! 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Mark öö 691.24 673.52 65 012,72 13 090.— 63 055,39 605,22 62 450,17 9 279,55 63 084,83 605,65 Grund- und Bodenkonto GebSudekonto IV.. Abschreibung.... 62 479,23 9 179,80 113 283,75 1 137.89 Mark 78 102,72 71 729,72 71 659,03 Grund- und Bodenkonto_ Gcbäudekonto V..... 115 989,35 Abschreibung...... 1 159,90 112 150,86 7 325,22 119 476,08 Grund- und Bodenkonto 114 829,95 7 127,38 121 957,33 100,- Hinterlcgungskonto... Jnvenlarlonto...... 1 516,85 Abschreibung..... 1 515,85 1,— Postscheckkonto...... 130,23 Baukonto VI...... 3 771,30 Konto sür rückständige Mieten, Pachten usw.: 1 773,16 Kassakonto....... 1 441,56 Bankkonto....... 30 081,38 Grundstückskonto..... 226 172,22 Hypothelcnforderung(I.Stclle) 89 328,40 Insgesamt 815 744,13 Fol. Mark 9 Geschästsantellkonto 13 Grundstückhypothekenkonto... 15 Grundslück-H ypotheken-Zinsenkonto 19 Rcservesonds........ 28 Hilssrescrvesond»....... 20 Hypothekenfonto....... 71 Konto für Rücklagen usw..... 52 SchuIdverschrcibungSkonto... 76 EchuIdverschreibungS-Zinsenkonto, 51 SparsondSkonto....... 57 Darlcbnkonto........ 58 Pflichtspareinlagcnkonto.... 49 Haushypothckenkonto..... 72 Erneuerungskonto...... 73 Konto für Wohlsahrtszwecke... Gewinn- und Verlustkonto.. Mark 14 835,— 121 000,— 788,34 3 565,78 27 770,19 372 702,18 30 000,— 17 700,— 986,60 46 131 ,06 42 03347 91553,63 252,67 24 870,— 6 000,— 15 555,51 Haftsumme. Dieselbe betrug am 31. März 1912..'. 13 824 M. Vermehrte sich im Lause des Geschäftsjahres um..........•"" 960 Beträgt somit am 31. März 1913 14 784 M. Dasselbe betruc Verringerte sich Geschäftsguthaben. am 31. März 1912... im Laufe des Jahres um 16 520 M. 1 685„ 14 835 M. Insgesamt.. 815444, 13 Mitgliederbewegung. Am 31. März 1912 waren vorhanden. 576 Genosse» Eingetreten bi» 31. März 1913 sind.. 105 681 Genossen bieden am 31. März 1913: durch Kündigung... 57 Gen. . Ucbcrlragung.. 5, . Tod.■.■. 3, 65 W, Betrügt somit am 31. März 1913 Ter ZlufsichtSrat. Tic Rcvisionskommissiou. Pssoiiei, Vorsitzender. A. Langer. Ch. Schulze. E. Miersch. Mithin am 31. März 1913 616 Genossen Der Aorstand. 0. Dorner, Vors. P. Schiffke. F. Hoppe. zu! Jod. Herrn, der sich eleg. u. bill. kleiden will, empfehle eleg. Monatsgarderobe in feinsten Werkstatt. Berlins gearb., von Herrschaften, Doktoren, Kavalieren nur kurze Zeit gebr.(fürjed. Fig. pass.) Monats-Jackett-Anzüge 8,10, 14, 18M Monats-Rock-Anzüge 10, 12, 16, 20 M. Monats-Paletots 8, 10, 14, 18 M. Monals-Herren-Hosen 2,50, 5,00 M. Ulster, sehr billig;.* GreBe Abteilung neuer Garderobe MnltUnoii Gr- Frankfurter Str. 08 luuluallcr,(Nähe Strausberger PI.) 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KcW des Jorantts" letlinn WIMM Sooaabtsd.t6.Aagvstt9l3. fei ne Die Keiteii der cebenshsitung der flrbeiterklaffe. T o n d o n. i3. August 1913.(Eig. 39er.) Unter dem obigen Titel hat das englische Handelsamt neue Untersuchung herausgegeben, die sich" dem viel i zitierten Werke des Jahres 1905 anschließt. Im vorigen Jahre fettete das Handelsamt in 88 Städten mit zusammen 1 19 Millionen Einwohnern eine Enquete über folgende Fragen s«in: 1. Mieten der Arbeiterwohnungen; 2. Tie Preise, die �on der Arbeiterklasse im Kleinverkauf für die Hauptnahrungs- üttel und für Kohle bezahlt wurden; 3. Die Lohnsätze im augewerbe, im Maschinenbau und im Buchdruckgewerbe. Die gewonnenen Zahlen ermöglichen nun einen Vergleich mit en Resultaten der Untersuchung des Jahres 1905. ! In dem zwischen den beiden Erhebungsjahren befindlichen uZeitraum hat sich ein großes Steigen der Preise sdollzogen, während die Löhne nur wenig zunahmen. Die Mieten sind in den sieben Jahren allerdings um 0,3 Proz. gesunken. Wenn man jedoch London ausnimmt, ist ein 'Steigen der Mietspreise zu verzeichnen. Die Preise der Lebens- »nittel und der Kohle sind in den 88 Städten im Kleinverkauf feit dem Jahre 1905 um 13 Proz. gestiegen. Auf Miets- preise und Lebensmittelpreise berechnet, beträgt die Steigerung 10,3 Proz. Besonders groß war die Steigerung bei �folgenden Artikeln: Kartoffeln(46,1 Proz.), Speck 32,1 Proz.). «Ohle(22,5 Proz.). Käse(18,8 Proz.). Brot(15,3 Proz.), Mehl(15,1 Proz.), Eier(13,6 Proz.), einheimisches Schweinefleisch(12,6 Proz.), Butter(9,9 Proz.), einheimisches Rind- (fleisch(9,5 Proz.), Milch(9,4 Proz.), einheimisches Hammel- -fleisch(6,1 Proz.), importiertes Rindfleisch(9,5 Proz.), im- importiertes Hammelfleisch(11 Proz.). Nur der Preis des (Zuckers ging um 0,2 Proz. und der des Tees um 3,8 Proz. (herab. [ In bezua ouf die Preise der Kleidung wird berichtet:„Die Praktische Schlußfolgerung aus den zur Verfügung stehenden kDaten ist die, daß in dem Zeitraum 1905—12 die Kosten der eKleidung wahrscheinlich im Verhältnis nicht viel weniger ge- »stiegen find als die der Nahrungsmittel, der Kohle �nd der iMiete zusammengenommen: die Steigerung offenbarte sich �entweder in dem erhöhten Preise für denselben Artikel oder kill, einer geringeren Qualität zu demselben Preise." Im Vergleich zu diesen Preiserhöhungen nehmen sich die rln den langen und harten Kämpfen der letzten Jahre durch- -gesetzten Lohnerhöhungen sehr klein ans. Seit (1905 stiegen die Löhne im Baugewerbe für gelernte Arbeiter »im 1,9 Proz., für Hilfsarbeiter um 2,6 Proz.; im Maschinen- -Baugewerbe für gelernte Arbeiter um 5,5 Proz., für Hilfsarbeiter »um 3,9Proz.; im Buchdruckgewerbe um 4,1 Proz. Durchschnittlich (stiegen die Löhne der Arbeiter in diesen drei sehr gut organisierten Industrien in dem erwähnten Zeitraum in den L8 Städten um 3,83 Proz. für gelernte Arbeiter und um L,25 Proz. für Hilfsarbeiter. Ein anschaulicheres Bild erhält »nan, wenn man ein von dem englischen Handelsamt er- -»nitteltes Haushaltungsbudget einer Arbeiterfamilie mit drei oder vier Kindern dem Vergleich zugrunde legt. Eine der- artige Familie konnte iw Jahre 1905 ihre Ausgaben für Nahrungsmittel und Kohle für 19 Schilling und »S'/z Pence bestreiten; im Jahre 1912 kostete derselbe Haus halt 23 Schilling und Pence. An der Hand dieser Ziffern Macht der„Daily Citizen" die interessante Berechnung, daß (die 9 Millionen Arbeiterfamilien in Großbritannien im Jahre 1912 um 87 Millionen Pfund schlechter daran »varen als im Jahre 1905. Die Fülle des gebotenen Materials macht es schwer, aus Bem dicken, 400 Seiten starkem Bande die wichtigsten Tat fachen herauszuziehen. Es sei nur noch der Vergleich mit -anderen Ländern erwähnt, den der Bericht bringt. Allerdings (find die folgenden Ziffern für den Zweck des Vergleichs nicht absolut verläßlich, da sie nicht ganz in derselben Weise ge- Wonnen Ivorden sind. Wenn man die Preise der Lebensmittel für das Jahr 1900 gleich 100 setzt, so standen im Jahre '1912 nach den englischen Ermittelungen die Lebensmittelpreise in den folgenden Ländern wie folgt: Vereinigtes König Mich 115; Oesterreich 135; Ungarn(1911) 137; Belgien 132; Frankreich 115; Deutschland(nur Baden) 130; Holland 123; Italien 120; Norwegen 119; Rußland(1911) 121; Vereinigte Staaten(1911) 139; Japan(�911) 138; Kanada lol; Australien 116; Neuseeland(1911) 116. Eines geht klar aus dieser Enquete hervor: In England wenigstens kann von einem materiellen Aufstieg der Arbeiter- klaffe unter der Herrschast des Kapitalismus nicht die Rede fein, und das nach all den heroischen Kämpfen, die das -englische Proletariat in einer kapitalistischen Prosperitäts- Penode geführt hat, wie sie die Geschichte kaum je zuvor gesehen. Die Ziffern lassen für den denkenden Slrbeiter nur eine Schlußfolgerung zu: Hinweg mit dem ganzen Wirtschafts- system, das selbst in der höchsten Blütezeit dem Produzenten einen immer größer werdenden Anteil an seinem Llrbeits- Produkt vorenthält.__ Die Organiiationen zum Parteitag in lena. Die Haltung d'e r Reichstag Sfraktion zu den Wehr- und Deckungsvorlagen beschäftigte am Dienstag eine gutbesuchte P a r t e i v e r s a m m l u n g in Zwickau. Das einleitende Referat bierzu hielt der Vertreter des Kreises Genosse Wilhelm Stolle- Gesau. Derselbe führte zu der strittigen Frage auS: Das Programm vervstickte die Fraktion, gegen jede Militär- Vorlage zu stimmen, da es fester(ijrundsatz der Partei sei, dieiem System leinen Mann und keinen Groschen zu bewilligen. Diesmal habe die Fraktion in dieser grundsätzlich:,, Frage eine andere Stellung eingenommen. Nach eingehender Auseinandersetzung in der Fraltion habe sich die Mehrheit dafür entschieden, der Deckungsvorlage zuzustimmen. Es sei allerdings unleugbar, daß das Gesetz durch das Eingreifen der Sozial- demokratie eine annehmbare Gestalt angenommen habe. Trotzalledem sei sein Standpunkt der gewesen, daß sür eine Institution, wie sie der Militarismus verkörpere, und die aller Kultur Hohn spreche, keine Mittel bewilligt werden dürfte». Die Fraktion hätte deshalb gegen den Wchrbeilrag und die Besitzstener stimmen müssen, selbst wenn die Lasten durch das Gesetz den Reichen aufgebürdet werden. Die Stimmabgabe der Fraktion sei daher ein Fehler ge- Wesen. Redner kam sodann auf den Parteitag in Jena zu sprechen und Betonte dabei, daß auf demselben die Einführung der Arbeitslosenunterstützung gefordert werden müsse. Die Arbeitslosenunterstützung der Gewerkschaften genüge nicht, um die Arbeiter in Zeiten der Krise vor bitterer Not zu schützen. Eine weitere wichtige Frage sei die des Massenstreiks. Derselbe sei zweifellos als Kampfmittel anzuwenden, aber nur dann, wenn die Voraussetzungen dazu gegeben sind. In der Diskussion trat zunächst Genosse Friedrich(leitender Redakteur des„Sächs. Volksbl.") dem Genossen Stolle entgegen. Er betonte, daß in der Parteipresse nur drei verschiedene Metnungen aufgetaucht seien. Von einer Massenproduktion von Meinungs- Verschiedenheiten in der Presse könne daher keine Rede sein. Im weiteren billigte Redner die Haltung der Fraktion in der heiß- umstrittenen Deckungsfrage. Die Annahme der Wehrvorlage war durch unsere IIb Mann im Reichstage nicht zu Verbindern. Aber die Frage war zu erledigen, wem die kolossalen Lasten aufzuerlegen seien. Demgegenüber war unsere Fraktion verpflichtet, die Lasten den tragfähigen Schultern aufzuerlegen. Darum wurden doch die IIb Mann nach Berlin ge- schickt. Durch das Deckungsgesetz wurde erzielt, daß die Militär- Phantasten auch einmal in ihre Taschen greifen müssen. Auch werde die Steuer im Mittel- und Bauernstand eine gewisse Abkühlung in der Militärschwärmerei hervorrufen. In ähnlichem Sinne sprachen sich auch die Genossen Lang- bast. Hähner, Krasser und Breslau er aus. Sie vertraten dabei den Gesichtspunkt, daß die Fraktion nach den gegebenen Verhältnissen gar nicht anders als geschehen, hätte handeln können. Eine Prinzipienverletzung liege nicht vor. Die heutige Parlamentsarbeit neige zur Opportunitäts Politik hin; wir müßten nicht immer der verneinende Geist sein B reslauer erinnerte daran, daß die Fraktion seinerzeit auch die Mittel sür die Mannschaftszulage bewilligt und sich bei der Herero- Vorlage der Abstimmung enthalten hätte, ohne daß darüber ein großes Geschrei in der Partei erhoben worden wäre. Die Genossen Bezirkssekretär Meier, Graupe und Rein- hold nahmen den entgegengesetzten Standpunkt ein und stimmten der Meinung Stolles zu, daß diesem System kein Mann und kein Groschen zu bewilligen sei. Durch die Zustimmung zur Deckungs Vorlage habe die Fraktion gleichsam die Militärvorlage mit bewilligt. Meier schob einen Teil Schuld an dem Umfallen der Fraktion den Parteigenossen zu, welche in dieser Frage keinen bestimmten Stand- Punkt eingenommen haben. Weiter bedauerte er, daß der Parteitag nicht schon früher zur Steuergesetzgebung Stellung genommen hat Graupe meint, daß durch das System der direkten Steuer in England ebenfalls kein Einhalt im Rüstungsfieber erzielt worden sei. Die Ablehnung hätte ebensowenig wie die seinerzeitige 31b lehnung der Kolonialvorlage der Partei Schaden gebracht. Daß die Nichtzustimmnng indirekte Steuern gebracht hätte, sei nur Vermutung Jedenfalls leide das Prinzip unter dieser Rechnnngsträgerei. Landtagsabgeordneter Genosse Müller vertrat den Stand Punkt, daß die Fraktion bei dem Wehrbeitrag Gewehr bei Fuß hätte stehen sollen. Für die Vermögenssteuer durste sie stimmen, weil sie sich hier in einer Zwangslage befunden habe und cS galt, indirekte Steuern vom Volke abzuwenden. Zwecknräßigkeitspolitik müsse in den Parlamenten teilweise doch getrieben werden. Zum Massenstreik erklärte der Redner, daß derselbe nicht diktiert werden könne, sondern das Produkt bestimmter politischer Verhältnisse sein müsse. Im Schlußwort betonte Genosse Stolle, daß er sich gegen jede Abweichung von dem bisherigen Wege wende, der uns zur Höhe geführt habe. Er müßte es bedauern, wenn jetzt andere Wege eingeschlagen werden sollten. Der sozialdemokratische Verein Stuttgart nahm in seiner Mitgliederversammlung am letzten Dienstag Stellung zum Parteitag in Jena. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende Genosse West meyer dem von Stuttgart scheidenden Vorsitzenden des Landesvorstandes Reichtagsabgeordneten K. Hildenbrand Worte des Dankes für die der Partei geleistete Arbeit. Mit der württembergischen Parteiorganisation sei der Name Hildenbrand untrennbar verbunden. Wohl seien in de» letzten Jahren Meinungsverschiedenheiten entstanden und zum Austrag gekommen über den Weg, den die Partei sürdcrhin zu gehen habe. Heftige Auseinandersetzungen hätten stattgefunden, unter denen nicht nur Genosse Hildenbrand persönlich gelitten habe, sondern auch die- jenigen, die eine andere Taktik für geboten erachteten. In der Scheidestunde aber müsse alles Persönliche schweigen angesichts der dauernden Verdienste, die sich Genosse Hildenbrand in harter Zeit um die Partei erworben hat. Dafür gebührt Genosse Hildenbrand Dank. Möge sein Wunsch, daß nunmehr ein friedliches Zusammen- arbeilen innerhalb der württeinbergischen Partei Platz greife, in Er füllung gehe». Genosse C r i s p i e n referierte alsdann über den bevor- st ehenden Parteitag. Eingehend befaßte ersichmitder Haltung der Reichstag sfraktion zu den Wehr- und Deckungsvorlagen. Bedauerlich sei, daß anfangs der größere Teil der Parteipresse den Artikel des Genossen Stampfer kritiklos übernommen und damit die Haltung der Fraktion gebilligt habe. Man habe gespöttelt, die „Schwab. Tagwacht" stehe mit ihrer Kritik.allein auf weiter Flur" Das sei anders geworden an dem Tage, da die KreiSgeneral Versammlung Stuttgarts energisch Front gemacht habe gegen die opportunistische Taktik der Reichstagsfraktion. Die bekannte Stutt- garter Resolution habe erfreulicherweise eine tiefgründende Diskussion gezeitigt, die bereits wertvolles Material zur Beleuchtung der neuen Taktik gebracht habe. Mir der Taktik, die die Reichstagsfraktion seinerzeit bei der Beratung der Börsensteuer, deren Ertrag gleichfalls für militaristische Zwecke bestimmt tvar, eingehalten und als prinzipiell richtig energisch vertreten habe, stehe die neueste Taktik in schroffstem Widerspruch. Die Behandlung der Wehr- und Deckungs- vorlagen durch die Rcichstagsfraktion sei ein klassisches Beispiel der rein opportnnistischen Taktik der Fraltion, die den Kampf auf parlamentarischem Boden anSfechlen wolle und sich scheue, die Massen der Arbeiterschaft aktiv mitwirken zu lassen. Wenn so alte und bewährte Parteigenossen wie Genosse Geyer der Befürchtung Ausdruck geben, daß ein Fortschreiten auf dem von der Fraktion eingeschlagenen Weg dazu führen könne, daß sich aus der Sozialdemokratie � heraus eine neue revolutionäre Arbeiterpartei entwickeln könne, so sei das ein Warnungssignal für die Gesamlarbeitcrschafl. das ernsteste Beachtung verdiene. Für die Partei sei die Schicksalsstunde gekommen,' da sie sich entscheiden müsse, ob sie deii� neuen Weg beschreiten oder bleiben wolle, was sie gewesen: die Todfeindin der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Das Referat fand allseitigen starken Beifall. In der Diskussion, die sich in zustimmendem Sinne bewegte, wurde besonders scharf gerügt, daß unser wisienschaftliches Organ, die.Neue Zeit", die Führung im Kampfe der Geister fast vollständig verloren habe. Von einem Beschluß in dieser Angelegenheit wurde abgesehen. Sodann befaßte sich die Versammlung mit der von der letzten Landcsversammlung vertagten A e n d e rn n g d e s D e l e gations- s y st e m s zur L a n d e s v e r s a m m l u n g. Der Referent, Genosse W e st m e h e r, legte ziffernmäßig dar, daß das heutige Delegations- recht einem Fünftel der Mitgliederzahl der wllrttenibergischem Landesorgauiiation es ermöglicht, vier Fünftel seinen Willen aufzu- zwingen.� Das müsse naturgemäß die taktischen Differenzen unge- mein verschärsen und verbittern. Drei Landesversammlungen haben sich bereits mit der Frage beschäftigt, wie der Wille der Mehrheit der Parteimitglieder klar zum Ausdruck kommen könne. Auf Antrag des Genossen Keil sei die Erledigung dieser Frage, die für die Ge- saintorganisation von höchster Wichtigkeit sei, wiederum um ein Jahr vertagt worden. Es ist wenig Hoffnung vorhanden, daß die nächste Landesversammlung gleiches Recht für alle Parteigenossen schafft. Rkan sehe sich darum gezwungen, den Parteivorstand und den Partei- tag um moralische Unterstützung zu bitten.— Gegen wenige Stimmen gelangte sodann folgende vom städtischen Komitee Stuttgart vor» gelegte Resolution zur Annahme: »Die Versammlung bedauert, daß die letzte LandeSversamm- lung unterlassen hat, das Delegationssystem zur Landesverfamm- lung entsprechend den berechtigten Wünschen der großen Organi- sationen nach dem Grundsatz des gleichen Rechts für alle Partei- genossen zu ändern. Die Versammlung erwartet, daß der Landes- vorstand gemäß dem ihm gewordenen Auftrag die Ausarbeitung einer neuen Vorlage nach Möglichkeit beschleunigt. Um eine gründliche Beratung des Entwurfs zu ermöglichen, hält die Vcr- sammlung eine außerordentliche Landesversammlung für geboten. Die Versammlung beauftragt die Parteileitung, den Parteivorstand und den Parteitag zur moralischen Unterstützung des Bestrebens der großen Mitgliedschaften zu veranlassen im Jnt-reffe eines friedlichen und gedeihlichen Zusammenarbeitens innerhalb der württeinbergischen Parteiorganisation." Rm Induftne und Daiidd. Der deutsche Arbeitsmarkt im Juli 1913. Nach vorläufiger Mitteilung des kaiserlichen Statistischen AmtcS auf Grund der Berichte für das.Reichsarbeitsblatt" zeigt die Lage des gewerblichen Arbeitsmarktes im Juli gegenüber dem Vormonat wiederum eine kleine Verschlechterung. Gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres ist ebenfalls eine ungünstigere Lage festzustellen. Die an das„Reichsarbeitsblatt" berichtenden Krankenkassen hatten am 1. August 1913 5 278 128 beschäftigte Mitglieder oder 41 616 weniger als am 1. Juli, und zwar hat die Zahl der männlichen Mitglieder um 0,8ö Proz., die der weiblichen um 6,64 Proz. abgenommen. In der Regel tritt vom 1. Juli zuni 1. August zwar bei den weiblichen Mitgliedern eine Abnahme, bei den männlichen Mitgliedern aber eine kleine Zunahme ein. Es hat also der Beschäftigungsgrad der männlichen Arbeiter sich in diesem Jahre ungünstiger gestellt. Nach den Berichten von IS größeren Arbeiterfachverbänden mit zusammen 1,7 Million Mitgliedern waren Ende Juli 1913 4SS76 oder 2,6 Proz. der Mitglieder arbeitslos gegenüber 2,4 Proz. Ende Juni 1913. Von Ende Juni bis Ende Juli pflegt die Arbeitslosigkeit etwa auf gleicher Höhe zu bleiben. Im Vorjahre trat sogar eine Abnahme von 9,1 Proz. ein. Gegen- über dem Juli 1912 mit 1,6 Proz. Arbeitslosen ist eine erhebliche Verstärkung der Arbeitslosigkeit eingetreten. Bei 294 öffentlichen Arbeitsnachweisen mit 139 969 Ver- Mittelungen kamen im Juli auf 199 offene Stellen bei den männ- lichen Personen 163, bei den weiblichen 199 Arbeitsgesuche. Die entsprechenden Ziffern deS Vormonats waren 1S8 und 98. Hiernach hätte der Andrang männlicher und weiblicher Arbeitsuchenden zu- genommen. Eine geringe Zunahme von Juni auf Juli entspricht dem regelmäßigen Verlauf, doch ist bei den männlichen Personen die diesjährige Zunahme erheblicher. Die Berichte von industriellen Firmen und Verbänden über die Lage des Arbeitsmarktes im Juli 1913 lauten der Mehrzahl nach nicht sehr günstig. Die Berichte über Kohlen- und Erzbergbau sind befriedigend, doch hat der Ruhrkohlenmarkt eine Abschwächung er- fahren. Die Roheisenerzeugung war nach der Statistik höher als je, dennoch klagen die meisten Werke über Verschlechterung des Marktes, die auch von den Eisengießereien gemeldet wird. Die Ziffern des Stahlwerksverbands zeigen gegen den Vormonat wie das Vorjahr eine Verschlechterung. Aus dem Maschinenbau wird genügende, au? der elektrischen und der chemischen Industrie im allgemeinen zufriedenstellende Beschüfngung gemeldet. Die Berichte aus der Baumwollspinnerei und Weberei sind überwiegend im- günstig, besser die aus der Leinen- und Seidenindnstrie. Be- sonders ungünstig sind die Berichte aus der Holzindustrie und dem Baugewerbe._ Tie SpirituSprodnktioir der Berliner städtischen Güter hat be- kanntlich vor kurzem der Berliner Magistrat öffentlich ausgeschrieben, dann aber die Vergebung verschoben, um noch weitere Offerten ab- zuwarten. Angebote waren eingelaufen von feiten der Spiritus- zentrale und der ringfreien Spritfabrik M. u. W. Müller, Berlin. Wie wir hören, hat sich nunmehr der Verband Deutscher Spiritus- und Spirituosen-Jnteressenten E. V. mir einer Eingabe an den Magistrat gewandt und ihn ersucht, das Angebot einer ringfreicn Firma zu bevorzugen, da die Spirituszenirale durch ihre rücksichts- lose Preispolitik die Interessen der Likörfabrikanten, Destillateure so- wie der Detailverkäufer von Branntwein, insbesondere der Gastwirte, also vieler Tausender Gewerbetreibender von Berlin auf das schwerste geschädigt habe. Gerade gegenwärtig, wo die Zentrale mit Ber- Handlungen betreffend Verlängerung ihres Gesellschaftsvertrages be- jchästigt ist, kommt es darauf an, die wenigen außerhalb des Kartells befindlichen Firmen im Interesse sämtlicher Konsumenten zu unter- stützen. Schlachtung im 2. Quartal 1913. Nach den soeben beröffent- lichten Ausweisen über die Ergebnisse der Schlachtvieh- und Fleisch- beschau sind im zweiten Quartal 11299 Rinder mehr geschlachtet worden als im ersten Quartal 1913, dagegen 36 599 Stück weniger als im zweiten Quartal des Jahres 1912, so daß außer 1997 die niedrigste Schlachtzahl erreicht ist. Auch bei den Kälbern erreichte die Schlachtung mit Ausnahme des Jahres 1996 im zweiten Quartal den niedrigsten Stand. Sie war 143 999 Stück geringer als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Bei den Schafen liegt ein Rückgang der Schlachtung von 15 999, bei den Schweinen ein solcher um 127 999 gegenüber dem zweiten Quartal 1912 vor. Die Schweine- schlachtungen waren aber immerhin noch höher als im Jahre 1911 und früheren Jahren. Die durch die gewerbsmäßigen Schlachtungen gewonnene Fleischmenge betrug, ein gleichmäßiges Durchschnitts- gewicht zugrunde gelegt, im zweiten Quartal 1999 1919 1911 Tonnen.... 557 591 554 342 571 978 Wert in 1999 M,. 736 128 768 914 746 646 Wert per 199 leg M. 132,- 138,69 139,59 1912 587 927 993 467 153,67 1913 567 731 867 279 152,76 Versammlungen. Verband der Maler. In einer am Donnerstag abgehaltenen Versammlung der Filiale Berlin widmete der Vorsitzende M i e tz dem verstorbenen Genossen Bebel einen tief empfundenen Nachruf. — Dann gab M ie tz den Bericht über die Verbands-Gcneral- Versammlung in Halle. Er betonte, daß die Berliner Delegierten daselbst ihre Pflicht vollauf getan haben, wenngleich auch der Per- bandstag viele Kollegen enttäuscht haben möge.— Sodann berichtete Klotz über die ausgebauten Unterstützungseinrichtungen. So sei vor allen schon ein Erfolg die prinzipielle Einführung der Arbeitslosenunterstützung. Durch sie gewönnen die Mitgliedschaften nicht nur an Stabilität, sondern sie iverdcn auch mehr an die Or- ganisationen gefesselt werden. Pon verschiedenen Seiten würde ja nun der Einwurf erhoben, daß die Erwerbslosenunterstützung nicht weitgehend genug sei, doch ließ sich unter den gegebenen Verhältnisse nicht mehr erreichen. Eine bedeutende Verbesserung wären ferner auch die Kranken- und die Reiseunterstützung. Um den neuen Einrichtungen gerecht zu werden, mußte notwendigerweise eine Beitragserhöhung stattfinden, womit sich auch schon vcr- chiedene Bezirke einverstanden erklärt hätten.— Es folgte eine lebhafte Diskussion. Kritisiert wurde die Annahme der GchnltS- vorläge. Das Verwaltungsshstem des Verbandes wurde als un- demokratisch bezeichnet, und von der Arbeitslosenunterstützung sagte ein Redner, sie sei ein totgeborenes Kind, man hätte mit ihrer Einführung bis zum nächsten Verbandstag warten können.— Die Fortsetzung der Diskusfirm Wurde bi» tzwr nächsten Versammlung vertagt. "Cbeaten onnabend. 18. August 1913. Anfang 71f< Uhr. rater. Das Bummelmädche». Aniaiil, 8 Nkr. Irania. Großglockner, Gastew, Salzburg. Schiller O. Der Freischütz. icharlotteubnrg. Der Leibgardist. besten. Sylvester Schäffer. Da» starke StÄl. Ein angebrochener Abend. berliner. Filmzauber. �balia. Puppchen. �.'ietropol. Die Kino-Könlgin. biasino. Der Aktientenor oder Caruso aus Teilung. Driano». Der abgerissene Glocken- zug. Untreu. bervnfeld. Endlich allein. Die Schonzeit-Jäger. Siutergarten. Spezialitäten. teichShallen. Stettiner Sänger. Ansang 8'/, Ubr. omödieuhaus. Hochherrschastllche Wobnungen. -deutsches Schauspielhaus. Da» Farmermädchen. »ktspielhauS. So'n Windhund. tose. Vampyrc der Kronstadt. stestdenz. Die Frau Präsidentin. uiseu. Geächtet. Lolte» Caprice. DI« keusche Tolnelte. Schlafe patent. Ansang 8'/, Uhr. Neue? volkstheatcr. Die Schiff- brüchigen. Slnfang 8 Ubr. AdmiralSpalast. EiSballett: Flirt w St. Moritz. '.' Sternwarte. Jnvalidenstr. 87—82. So�ialÄemok�atStebeI* Mablvepeln für den V. Berliner Reichstagswahlkreis ■■ Sonntag, 17. August, in der Brauerei Priedrichshain (Am Königstor) Großes Sommerfest Mitwirkende; Berliner Tonkünstler- Orchester unter Leitung des Kapellmeisters Herrn Fritz Blume— Gesangverein„Einigkeit" der Hutmacher— Turnverein„Fichte"— Gebrüder Grenzend, die Meister auf dem Oritfinal Wiener chromatischen Akkordions— The great Friends, brillante Hochturnkünstler, sowie hervorragende Künstlerspezialitäten, u. a.: Plastische Darstellung berühmter Bildwerke(Turnverein Fichte) Im Saale: Ball bei großem Orchester Anfang 4 Uhr Kinderlheater— Fackelzug(Stocklaterne gratis) Eintritt 25 Pf. Bei ungünstiger Witterung findet das Gesamtarrangement im Saale s';i" Hl Sachse-Oper Schiller-Theater O.X"« 8 Uhr: Der Freischütz. Schilier-Theater"Vü??.8"" Der Leibgardist. Komödie in 3 Ausz. v. Franz Molnär. Anfang 8 Uhr. Ende 10 Uhr. Morgen und folgende Tage: _ I>op I.cibgardist. _ JCISCHE» GARTEN Täglich: Großes Militär- M Doppel-Konzert, Eintritt 1 Jlark, von 6 XThr ab 50 Pf. 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Für Vegesack und Umgegend wirb? ein Berichterstatter zum sojorligen An« tritt gesucht, der die Berichierftattuiig; sür die.Bremer Bürger-Zeitung" zu übernehmen hat. Es ist Voraussetzung. daß die Bewerber sür das in Aussicht � genommene Kopsblatt die Redaktion' zu übernehmen haben. Kommunal- politische Kenntniffe und rednerische Fähigkeit crivünicht, Slnsangsgchalt 2200 M, im übrigen Bedingungen des Vereins Arbeiterpresse. Offerten. mit der Aujschrist.Berichterstatter" aw II..- rr CT1S Veronfwortlicher Liedatteur: Alfred Wiclepp. Neukölln. Für den Jnjeratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck n. Verlag: Vortvart««puchpruckerei u. VeriagSanftalt Paut Singer U. Ec�, Pertin»Ah Ar. 210. 30. Jahrgang. 2. KnlM i>es Jütmirts" fftlintt PoMInlt GewerkfcbaftUd�cs. Berlin und Umgegend. Stukkateure, Putzer! Seit dem 18. August streiken die Putzer «nd Stukkateure in Bielefeld. Es wird nun versucht, hier Arbeits- krafte für Bielefeld zu gewinnen. Arbeitsangebote nach Bielefeld sind also abzulehnen. Deutscher Bauarbeiterverband. Zwcigverein Berlin. Achtung, Gastwirtsgehilfen. Wegen Nichtinnehaltung der tariflichen Vereinbarungen ist das Restaurant„Gasthaus zur Schleuse" in Neumühle bei Königswusterhausen, Inhaber Wilhelm Thormann, für organisierte Gasiwirtsgehilsen gesperrt. Verband der Gastwirtsgehilfen. Ortsvcrwaltung Berlin. veutkebes Reich. Zum Ende des Wcrftarbciterstreiks. Aus Hamburg wird uns geschrieben: Wie gestern bereits tele- graphisch gemeldet wurde, haben die Werftarbeiter von Hamburg- Altona und� Harburg sich am Donnerstagnachmittag in drei über- füllien Versammlungen nach zum Teil recht stürmischen Debatten entschlogen, die Zlrbeit auf allen Werften wieder aufzunehmen. Leider ist es der Streikleitung nicht gelungen, den Arbeitern den Arbeitsnachweis zu ersparen. Die Unternehmer bestehen darausi Sie haben aber die Zusicherung gegeben, daß keinem der Strebenden Schwierigkeiten bei der Wiedereinstellung bereitet weeoen. Jeder Mann soll nach Möglichkeit wieder auf seinen alten P.atz kommen.� Um die Geschäfte beim Zlrbcitsnachweis rascher abwickeln zu können, ist von der Streikleitung mit den Unter- nehniern vereinbart worden, daß am Freitag und Sonnabend zunächst die Schisfsbauer eingestellt werden. Die anderen Ar- beiterkategorien werden dann der Reihe nach in den ersten Tagen der nächsten- Woche sich beim Arbeitsnachweis melden. Vorher lassen sich die Arbeiter in den Streikloialen Arbeitskarten aus- stellen. Es wird damit zweierlei bezweckt. Einmal sollen vor allen Dingen die älteren, verheirateten Arbeiter in erster Linie ein- gestellt werden und zum andern soll ein plötzlicher Ansturm auf den Arbeitsnachweis, wodurch es leicht zu Zusammenstößen mit der Polizei kommen könnte, vermieden werden. Es ist ein ebenso charakteristisches als erfreuliches Zeichen, daß in den Versammlungen, so erregt die Arbeiter auch über die Entscheidung der Generalversammlung und besonders über die Taktik Schlickes waren, keine Rede davon war, nun etwa dem Metallarbeiterverbande den Rücken zu kehren und eine eigene, selbständige Organisation zu gründen. Vereinzelte Anspielungen darauf, die von einigen Diskussionsrednern gemacht wurden, wies die übergroße Mehrheit sofort mit großer Entschiedenheit zurück. Man war sich einig darüber, daß nicht die Zentralvorstände allein, sondern die übergroße Mehrheit der Metallarbeiter des Inlandes, die sich wahrscheinlich durch die schlechte Kon- junktur hätten abschrecken lassen, sich gegen die Metallarbeiter an der Wasserkante gewandt habe. Diesen Zustand gelte es zu be- seitigen, wenn man in einiger Zeit wieder an eine neue Lohn- Bewegung herantreten wolle. Es wird daher aller Voraussicht nach zu � irgendwelchen wesentlichen Absplitterungen nicht kommen. Hoffentlich ergeben sich in den nächsten Tagen bei den Wieder- einstellungen durch etwaige Maßregelungen keine neuen Kom- plitationen. Damit hat diese Etappe des Werftarbeiterkampfrs ihr Ende erreicht. Niemand wird den. streikenden. Metallarbeitern, die.An- erkennung versagen, daß sie getan haben, was setzt im Interesse ihrer Organisation getan weiden mußte. Möge ihnen recht bald in einem neuen Kampfe ein besserer Erfolg.beschieden sein. * Berichtigung. Infolge eines Hörfehlers ist in der gestrigen Mitteilung der Name des ersten Bevollmächtigten nicht richtig wiedergegeben worden. Es muß statt Käris heißen Kürbis. * .Tie syndikalistischen Quertreiber wollen im trüben fischen. Fritz Kater-Bcrlin hielt in Hamburg eine überfüllte Ver- sammlung ab. Er behandelte den Werftarbeiterstreik recht vor- sichtig, mahnte sogar vor voreiligen Uebertritten zu seiner Orga- nistüion und verwahrte sich dagegen, daß die Syndikalisten die Hyänen des industriellen Schlachtfeldes seien. Wie wenig die syn». dikalistischen Phrasen Boden fanden, zeigte der starke Beifall, den der Werftarbeiter Petersen fand, als cr sich gegen Katers Aus- fsthrungen wandte. In die Versammlungen der Streikenden ge- langten denn auch die syndikalistischen Sirenentöne nicht hinüber. � Nach dem Verlauf dieser Versammlungen ist so gut wie sicher, I daß die Organisation in Hamburg-Altona keinen nennenswerten Mitgliederverlust erleiden wird. Christliche und freigewerkschaftliche Bergarbeiter. Kürzlich hatte„Der Bergknappe", das Organ der christlichen Bergarbeiter, einem Zusammengehen der Bergarbeiter aller Richtungen, einer Arbeitsgemeinschaft der verschiedenen Berarbeiterorganisationen das Wort geredet. Gegen diese an sich ganz vernünftige Idee wandten sich einige Zentrumsblätter. Die Schwarzen wollen eben ihre Schäfchen von jeder wenn auch noch so vernünftigen und not» wendigen Berührung mit freigewerkschaftlichen Kameraden bewahren, denn nur in völliger Abgeschlossenheil von allen modernen Be- strebungen kann der Weizen der Kirche blühen, wenn auch die materiellen Interessen der Arbeiter dabei Schaden leiden. Erheblich bedeutungsvoller ist es natürlich, welche Aufnahme die Anregung von christlicher Seite beim Bergarbeiterverbande findet. Die neueste Nummer der„Bergarbeiter-Zeitung" beschäftigt sich mit der Anregung des christlichen Organs. Sie steht dem Vorschlage nicht ablehnend gegenüber, meint aber, es liege nur an der christ- lichen Organisation, wenn eine Arbeitsgemeinschaft aller Bergarbeiter- organisationen bisher noch nicht habe zustande kommen können. Die „Bergarbeiter-Zeitung" schreibt hierzu: .Der GewerkvereinSaufruf richtet sich an die falsche Adresse. Wann und wo hat der Bcrgarbeiterverband eine ArbeirSgemein- schaft mit den anderen Berufsorganisationen vor dem Massen- streikbruch abgelehnt? Auch der dem„christlich- nationalen" Geweriverein günstig gesinnte Landrichter a. D. und Schriftsteller Kulcmann hebt in seiner Gewerkschaftsgcschichte hervor, im Berg- arbeiterverbande habe stets die Neigung zum Zusammenarbeiten auch mit der eigens zu seiner Bekämpfung gegründeten Berufs- organisation bestanden I Hat nicht der verstorbene Verbands- Vorsitzende Heinrich Möller 189S und 1898 den Gewerkvereins- Vorsitzenden Brust zum Zusammenarbeiten eingeladen? Das Zu« sammengehen 1899/1999 geschah auf Veranlassung der Leitung des Bergarbciterverbandes. 1991 hat Kamerad Sachse den Versuch zur Verständigung mit Brust gemacht, 1995 kämpften die Verbände zusammen, 1999 gab Fmbusch seine berüchtigte Vernnreinigungs- broschüre heraus; 1993 lehnte der GewerkvereinSvorstand die Ab- Haltung eines allgemeinen BergarbcitcrkongresseS fSicherbeitS- männergesetz) ab und akzeptierte die„weiße Salbe". 1919 lehnte der GewerkvereinSvorstand die gemeinsame Lohnbewegung ab, denunzierte den Dreibund der parteivolitischen Machenschaften; 1911 hintertrieb der GewerkvereinSvorstand wieder die nun von dem Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinsvorstaud angeregte gemein- same Lohnbewegung und 1912 organisierte der Gewerkvereins- vorstand sogar den Massenstreikbruch. Trotzdem hat der Berg- arbeiterverband im Saargebict und im Wurmgebiet, obgleich wir dort in brüsker Weise„kaltgestellt" und hier mit beleidigenden„Be- dingungen" bedacht wurden, seine Mitglieder zur Bildung einer gemeinsamen Kampffront gegen die Unternehmer angehalten, also echte Kameradschaftlichkeit geübt. Desgleichen in Ober- schlesien. Der Bergarbeiterverband har noch niemals die Bildung einer gemeinsamen KampfeSfront gegen die Zechenbesitzer ab- gelehnt. Wohl aber geschah dies wiederholt in der kritischen Zeit seitens des Vorstandes des Gewerkvereins der„christlichen" Berg- leute! Darum hätte der Aufruf im„Bergknappen" betitelt werden müssen:„An den Vorstand des christlichen Gewerkvereins der Bergleute!" Das ist die einzig richtige Adresse für einen Auftuf zur Bildung einer gemeinsamen Kampfesfront der Berg- leute Deutschlands. Will und darf dieser Vorstand zu einer ehrlichen Arbeitsgemeinschaft mit den Leitern der anderen Bergarbeitergewers chaften zusammenwirken, dann ist die hochnötige Kampsfront ge- schlössen I" Husland, Tic Itreikbcwegunii in Polen. Zur selben Zeit, da in dem antijüdischen Botikott der national- religiöse Fanatismus in schärfster Ausprägung erscheint, vollzieht sich auch>daS Erwachen des polnischen Jndustrieprolctariats. Durch äußerste Not getrieben, ist es im ganzen Lande in eine Bewegung eingetreten, die, von der Hauptstadt Warschau ausgehend, alle wichtigen Plätze erfaßt und in dem Industriezentrum Lodz ihren Höhepunkt erreicht. Wie dem„Peuple" geschrieben wird, stehen dort seit über einem Monat etwa 95 999 Arbeiter im Streik oder in der Aussperrung: mit ihren Familien mehr als ein Drittel der Bevölkerung von etwa 459 999. Infolge der letzten schlechten Ernten, des Balkankrieges usw. steht die dortige Baumwoll- uno Wollenindustrie seit Monaten unter einem sehr starken� Drucke, der den Bankerott vieler kleinen und Mittelbetriebe verursacht, d&c Großbetriebe zur Verminderung der Arbeitszeit um 1 bis 3 Tage wöchentlich und zur Herabsetzung der Löhne veranlaßt hat. Unter- nehmer und bürgerliche Presse geben selbst zu, daß die Löhne un» genügend zur Ernährung der Arbeiterfamilien sind, zumal die Lebensmittelpreise eine bedeutende Erhöhung erfahren haben. So sahen die Arbeiter sich gezwungen, Lohnerhöhungen um 39 bis 59 Proz. zu fordern und infolge ihrer Ablehnung in den ersten. rein wirtschaftlichen Kampf großen Stils, ganz abweichend von den politischen Arbeitseinstellungen früherer Jahre, einzutreten Den Kampf muß unter den ungünstigsten Bedingungen geführt wer- den, da seit der Niederlage von 1997 alle Arbeiterorganisationen aufgelöst und öffentliche Versammlungen verboten sind, während die Unternehmer festgeschlossen austreten und dabeh die Unterstützung nicht nur der Polizei, sondern auch der bürgerlich-pol» nischen Partei und ihrer Presse, die die Bewegung als-Mache sozialistischer und jüdischer Hetzer" bekämpft, genießen. Bei der Aussperrung von 1997 zählte die Organisation der Textilarbeiter rund 29 999 Mitglieder, und es gelang, 499 999 Rubel(869 999 M.)' aufzubringen. Jetzt ist keine öffentlich« Sammlung möglich, so daß den Großunternehmern die Zeit günstig erscheinen konnte, nach dem Ausdruck eines ihrer Blätter, den Arbeitern eine Lektion zu erteilen, die durch reichliche Vorräte in den Lagern noch er« leichtert werden soll. Trotzdem haben die Arbeiter eine Reihe Erfolge errungen. Die Arbeitseinstellung vollzog sich in vollster Ordnung. Um der Polizei keinen Grund zum Eingreifen zu geben, hielten die Arbeiter die vorgeschriebene vierzehntägige Kündigungs. srist ein. Trotz größter Not hielten sie standhaft aus. Taufende sind abgereist, um als Feldarbeiter oder sonstwie ihren Unterhalt zu gewinnen. Bereits beginnen die kleinen und mittleren Unter-- nehmer zu bewilligen. Man erwartet, daß auch die großen wenig» stcns teilweise Zugeständnisse machen müssen. Derbandstag der Kthograxhkll, Ktmdnicker «nd vrrmMtn Seruft. Stuttgart, 14. August. Vor Eintritt in die Tagesordnung macht der Vorsitzende Mit» teilung von dem Ableben August Bebels, dessen große Ver-- dienste um die deutsche Arbeiterbewegung der Vorsitzende unter großer Bewegung der Delegierten schildert, die den Nachruf stehend anhören. Es wurde beschlossen, an Bebels Tochter ein Bei- leidstelegramm abzusenden. Die Generalversammlung tritt sodann in Beratung des Punktes Unsere Lohnbewegung ein. Die Verhandlungen waren nicht öffentlich. Der Vor- sitzende S i l l i e r gab einen umfassenden Uebewlick auf Umfang, Verlauf und Resultat der großen Streik, und Aussperrungs- bewegung von 1911/12. In der sehr umfangreichen Debatte, die sich diesem Referat anschloß, wurden die Erfahrungen und Lehren dieser Bewegung gründlich ausgetauscht. Es wurden folgende Be» schlösse gefaßt: „Dem Statut ist folgende Bestimmung über die Gauleiter» konferenzen einzufügen: 1. Nach Bedarf, mindestens aber jährlich, findet eine gemeinschaftliche Konferenz der Gauleiter des Verbandes statt, auf der auch der Haupworstand, der Zentralaus» schuft und die'Redrrftimr der„Graphischen Presse" vertreten seiw- muß. 2. Die Gauleiterkonferenzen sind vom Hauptvorstand ein» zubcrufen unter gleichzeitiger Mitteilung der zur Beratung stehenden Punkte. 3, Eine außerordentliche Gauleiterkonferenz bat stattzufinden, wenn diese von mindestens vier Gauvorständen beantragt wird." Resolution:„Sind bei großen Lohnbewegungen außer» ordentlich wichtige Entscheidungen zu treffen, so hat der Hauptvor- stand und der Zentralausschutz eveirtuell eine außerordentliche Generalversammlung einzuberufen, bei der 599 Mitglieder einen Delegierten wählen. Außer den Delegierten sind Mitglieder des Hauptvorstandes, Vertreter des Zentralausschusses, die Gauleiter und der Redakteur Teilnehmer dieser Generalversammlung." Mit diesen Beschlüssen, die vom Hauptvorstand und der Gau- leite rkonferenz beantragt waren, sind alle übrigen Anträge zum Punkt Lohnbewegung erledigt. Annahme fand noch folgende Reso- lution: kleines fcinlleton. Saurischc Architektur. An der Vorderfront gibt es unheimlich große Reliefs jener bekannten Bestien, die als Saurier vor der Sündflut lebten. Gott sei dank hat man ihre Skelette gefunden; wäre das nicht geschehen, so hätte das neue Aquarium(von dem soll nämlich hier die Rede sein) am Ende keine Mauern bekommen So aber hat man aus den besagten Knochengerüsten, aus Schlangen- leibern, Polypen, Fischköpfcn und Korallen das Haus gebaut. Es versteht sich, daß all diese Zoologie aus Stein gehauen worden ist, und daß die Schlangen, die an der Decke der Eintrittshalle sich winden, und die Muscheln, die allenthalben herumkleben, nicht etwa lebendig sind, noch gekocht werden können. Immerhin: es ist eine saurische, sauer reagierende Architektur. Was einem recht leid tut. Es hätte aus diesem Haus etwas Ausgezeichnetes, etwas Eigenes werden können. Ten wundersamen Tieren des Meeres, den gleißenden Schlan- gen der Tropen, den dämonischen Krokodilen und den philosophischen Schildkröten sollte ein Gewahrsam und zugleich eine Bühne ge- schaffen werden. Da galt es, so sachlich und so neutral wie mög- lich zu sein, damit kein blöder Menschenwitz das Schauspiel der Natur störe. Ganz lächerlich aber war es, mit solcher Natur weit- eifern zu wollen und den züngelnden, in liebestollen Knäulen ge- ballten Schlangen tote, aus Stein gehauene Ornamente entgegen- zusetzen. Gewiß, ein genialer Architekt hätte sich durch die Elasti- zilät solch eines gleitenden Leibes oder durch die Bauchung solch eines Meeresungeheuers anregen lassen; aber wahrhaftig nicht da- zu, um nun zu bauen, was die Urkräfte schon wachsen ließen. Ein geniale� Architekt hätte die Intensität des Rhythmus, die in solch einem Saurierskelett sich offenbart, auf sich wirken lassen, um dann aus Eisen, Beton und Glas einen charaktervollen Apparat der modernen Zoologie zu gestalten. Nun ist es also damit nichts ge- worden, und wir können noch froh genug sein, daß wenigstens an der Neihung der Kästen, der Terrarien und Aquarien nichts ver- dorben wurde. Hinter großen Glasscheiben öffnen sie sich wie Bühnen; von hinten belcuchi?t, drängt sich das seltsame Schauspiel der Quallen und Rochen dem in der Dunkelheit des Ganges stehenden Beschauer entgegen. Durch nichts abgezogen, kann man sich konzentrieren und kann sich ganz der zoologischen Aesthetik hingeben. Diese einzelnen Bühnenkäfige bergen als Element das Wasser, den Fels, den Sumpf oder den Kletterbaum, genau das, was das betreffende Tier zur Führung seines Daseins braucht. Es würde aber nirgends versucht, Miniaturlandschaften vorzutäuschen. Nur das große Krokodilhaus und die Koje für die Riesenschildkröten durchbrechen solch gesundes Prinzip. Tie Schildkröten können eine Landschaft, die auf die Wand gepinselt ist, bewundern; die Krokodile bekamen ein kleines Panoptikum. Wieviel vernünftiger wäre es da ge- Wesen, den Schildkröten(um nur dies Beispiel zu behandeln) und deren gelb-schwarzen Panzern einen starkfarbigen Hintergrund zu geben, um so für das Auge des Beschauers die Wirkung solch eines monumentalen Schildes»och zu steigern. Daß dort, wo diese ge- panzerten Großpapas leben, Palmen wachsen, hätte da? Publikum genau so gut wie durch eine schlechte Malerei durch einen gedruckten Hinweis erfahren können. Die zoologisierte Architektur gehört zu den Krankheiten unserer zoologischen Gärten. Die Büffel bekommen indianische Götzen vor die Tür gestellt, den Straußen baut man ägyptische Tempel und den Affen Moscheen. Das alles ist Unsinn. Ein sachlicher Käfig, der zugleich eine diskrete Bühne ist, das allein tuts, nur damit kann man das Tier zum entscheidenden Schauspiel werden lassen. Tie angewandte Zoologie unserer zoologisd,en Gärten und Aquarien ist ein ausgezeichnetes Erziehungsmittel und darüber hinaus ein Freudenbringer für die Sinnlichkeit der Augen. Es sollten aber die Zoologen ihr dankenswertes Werk nicht dadurch gefährden, daß sie sich stumpfen Architekten ausliefern. R. Br. Bllrger-Solidarität. Das Unglück von Swinemünde ist fast vergessen. Ab und zu noch bringen die Blätter einen kleinen Be- richt von einem, der dabei gewesen ist. Sonst: aus. Ueberlegen wir, was geschehen ist. Ein Unglücksfall hat sich ereignet, der anscheinend nicht zu vermeiden gewesen ist. Vielleicht hätten sich die geängstigten Fahrgäste ruhiger benehmen sollen... das weiß man nicht. Sicher ist: Die Rettungsvorrichtungen waren gänzlich unzureichend. Ich stelle das hier nicht fest, weil den Arbeiter das unmittelbar etwas anginge,— cr wird sich eine vierwöchige Badereise kaum gestatten können. Aber es ist doch symptomatisch, wie alle vergessen haben, was da vorging. Die Sache liegt doch so, daß alle— ohne Ausnahme— alle Seebäder, die der deutsche Mittelstand besucht, kein Geld für die einfachsten Rcttungsvorrichtungen aufwenden. Kein Strand, an dem nicht alles fehlte. Und sie lassen es sich gefallen! Niemand rührt sich. Niemand meidet ein solches Bad, in dem cr seines Lebens nicht sicher ist. Man stelle sich den Fall vor, daß so etwas unter organisierten Arbeitern geschieht. Das Bad wäre in einem Jahre ruiniert oder aus der Höhe einer Zeit, die immerhin Rcttungscinrichtungen kennt. Warum? Weil wir eine Lokalliste haben. Weil wir ein Zusanimcngehörigkeitsgefühl haben. Weil wir auch noch als Kon- sumenten empfinden, daß es nicht damit getan ist, eine Sache zu kaufen, zu mieten.. sondern daß man auch hierin an die All- gemeinheit zu denken hat. Die da denken nicht daran. Ein paar Leute mögen abgereist sein,— heute spielen die Kinder wieder am Strande, die„Protestversammlung" hat ihr Kaisertelegramm ab- gesandt,— und so wird auch dies vorübergegangen sein, ohne daß etwas besser wird. Uns kann es recht sein. Aber es zeigt doch immer wieder, wie indolent diese Leute sind. Hier handelt es sich um das Leben,— nichts geschieht. Und da verlangt man, sie sollen um irgendeiner idealen Sache willen etwas tun oder unterlassen?— Und wenn sie versaufen,— sie werden den alten Zuckeltrab nicht ändern. tu. Pfahlbauten in der Mark. Aus dem Kreise Westhavelland wird der„Magdeb. Ztg." berichtet: Bei den Baggerarbeiten, die gegen» wärtig im Flüßchen Rhin, einem Vestbinvunasfluß zwischen dem Witzker- und Hohennauener See, vorgenommen werden, sind bei der Furt nahe der Ortschaft Wassersuppe zerschlagene Tierknochen, Feuersteinsplitter in großer Menge, prähistorische Scherben, mit Schilf durchsetzte Tonstücke, Pfähle in Armdicke, die zum Teil unten zugespitzt waren, ferner eine sehr sorgsam au? Knochen ge- arbeitete Lanzenspitze an das Tageslicht gefördert worden. Von unterrichteter Seite wird mitgeteilt, daß dies alles Fundstücke seien, die unzweifelhaft beweisen, daß sich an der betreffenden Stelle in vorgeschichtlicher Zeit eine Pfahlbautenansiedlung befunden hat. Notizen. — Kunstchronik. Die Ausstellung„Der Sturm", Potsdamer Str. 134a, wird heute, nach vollendetem Umbau, wieder eröffnet. Bis Ende dieses Monats ist noch die Kollektion futuristi- scher Gemälde von Seberini ausgestellt. Die Ausstellung»st täglich von 19—6 Uhr und Sonntags von 11— 2 Uhr geöffnet. — Kunst und Staatsanwalt. Der Berliner Staats- anwaltschaft wurde wieder einmal die Ruhe gestört. Sie hat zwei Ansichtskarten als unzüchtig in Leipzig beschlag- nahmen lassen. Allerdings sind auf den Karten zwei im Leipziger städtischen Museum der bildenden Künste hängende Gemälde„Adam und Eva" von W. Mü l l e r- S ch ö n e f e I d und„OdysseuS und die Sirenen" von O. Gr ein er nachgebildet. Aber das macht ja nichts. Die Sittlichleit, für die die Polizei sorgt, kann auf Kunst keine Rücksicht nehmen. �— A l s Nachfolger van t'HoffS hat. wie Züricher Blätter melden, Prof. Dr. Einstein an der eidgenössischen Tech« nischen Hochschule den Ruf nach Berlin angenommen; er tritt sein Amt im Frühjahr 1914 an. — Faust in Kanada. Ueber eine merkwürdige Faust« aufführung in Montreal, der Halbmillionenstadt m Kanada, wird berichtet: Im Grand Theatre richtete der Direktor vor dein zweiten Akt eine Ansprache an das Publikum, wonach er Gretchens Spinnrad durch eine Nähmaschine der Firma X. ersetzt habe.„Ihr Gang ist so leicht, daß Sie keinen Ton des wunderbaren Liedes vom König in Thüle verlieren worden." Nachher kam Grctchen und setzte sich an die Maschine, die in leuchtenden Buchstaben den Namen der Firma trug. Nach dem Nähen bemerkte sie:„Eine wunderbare Maschine! Und sie kostet nur 69 Dollar!" Der Gedanke ist noch wunderbar entwicklungs« fähig. Z. B. könnte Faust den Valentin mit einem Revolver tot- schießen und die Firma dazu nennen. Der Erdgeist könnte sich auf ein renommiertes Elektrizitätswerk beziehen, Mephisto in Auerbachs Keller als Vertreter der berühmten Weiuhandlung N. auftreten usw. „Hoch der Fortschritt!" — Ein Vogelnest auf einem Schafsrücken. Ein« große Ueberraschniig soll nach dein„Standard" vor einigen Tagen ein Schafschercr in Buckland Brewre erlebt haben. Während des Scherens stieß er plötzlich auf ein richtiges Staruest auf dem Rücken des Tieres. Einen der jungen Bögel hatte er mit der Schere durch» schnitten. Das Nest war aus Zweigen und Moos gut versteckt in die Wolle eingebettet. Die englische Zeitung verbürgt sich-für die Richtigkeit dieser Angaben. .Die(Beneta&erfctntnlimg leHnt die falsche Auslegung, die der Schutzverbaud der Vereinbarung über das Merkblatt gibt ent- schieden ab. Sie spricht dem Verband das Recht zu, nach wie vor • O unmoralischen Lehrlingswerbung und LehrlingSauZstellung UN Llthogiraphen» und Steindruckgewerbe entgegenzutreten," Soziales. Schneiderelend und blinde Kinder in London. m cP1? Eitizen' erzählt Bert Lethe von dem traurigen Geschick de: Kinder des Schnriderbezirks S t e p n e y in Ostlondon. Kinder von fünf und sechs Jahren gehen dort mit Brillen. Ihre Zahl mmmt ständig zu. Ein Optiker sagte:.Die Menge Kinder. terlwerse kaum über das Säuglingsalter hinaus, die ständig äugen- leidend zu mir kommen, setzt in Erstaunen. Es ist keine gewöhn- uche Augenabschwächung— dazu sind sie zu jung. Es ist an- geborene Schwäche, ererbtes Leiden, von den Eltern übertragen,_ deren eigene Sehkraft von Jahr zu Jahr schwächer wird. Die Zunahme ist geradezu beängstigend." Die meisten dieser Kinder gehören Schneidern, Männern und Frauen, die dort in der Anzugs- und Mäntelbranche arbeiten. Es sind etwa 36 000 Arbeiter beider Geschlechter, großenteils russische Juden, von denen 35 006 unter ungesunden Bedingungen arbeiten. Der Rest hat mit Mühe und Not etwas bessere Be- dmgungen erzielt. Auf diese, Zuschneider und einige Werkstatt- schneid«, wird verwiesen, wer sich nach den Verhältnissen dieser Arbeiterschaft erkundigt. Es find aber nur einzelne gegenüber der Masse der Heim» und Schwitzbuden arbeiter, die von den Zwischenmeistern beschäftigt werden. Von ihren Arbeitsstätten Hecht es: »Wir stolpern eine Treppe mit wackligen Stufen hinab in einen Keller. Haben wir uns durchgetastet so stehen wir in einem kleinen stinkigen Raum von etwa 12 Fuß im Quadrat<13 Quadrat- meter). Ein niederer Durchgang führt von ihm in ein.Zimmer" von 20'/, Quadratmetern, in dem 10 Personen sitzen. Fenster find Nicht dann, in der Decke ist ein Oberlicht. Wenn nicht das Gas brennte, könnten wir kaum den engen Raum übersehen. Am Abend ist es mit dem Licht noch schlimmer. Denn es gibt nur eine Gas- flanime und kein Glühlicht. Dann rücken die schinalschultrigen Leute enger zusammen, und selbst dann find sie kaum imstande, zu der feinen Arbeit zu sehen. Manche tragen Brillen. So sitzen sie von früh morgens bis spät in die Nacht. Mit Frauen und Mädchen steht es oft noch schlimmer, da sie die feinere Arbeit haben und ibre Augen stärker dabei leiden." Die Inspektion dieser Schwitzbuden ist ungenügend, infolgedessen eine Kontrolle über die Einhaltung der gesetzlichen Arbeitszeit vor- banden. Die bewilligten Ausnahmen werden in der unverschämtesten Weise und unter Fälschung der Schriftstücke erweitert. So wird von einem Meister berichtet, daß er 100 mal in einem Jahre Ueberzeit arbeiten ließ, ohne auch nur die zulässige Höchstzahl von 30 Be« willigungen in Anspruch zu nehmen. Als Heilmittel bezeichnen die Vertreter der Organisation die Abschaffung der Zwischenmeister, die Einführung des Zeit- statt des Stücklohns und die Errichtung gewerkschaftlicher Werkstätten. In dieser Richtung gehe die Ent Wicklung. Die Mitgliederzahl deS Verbandes jüdischer Schneider wachse und die unternommenen Streiks seien erfolgreich. Wenn alle Arbeiter organisiert seien, werde die Frage gelöst'sein. Wie lange wird das aber wohl noch dauern? Und wieviel Kinder werden bls dahin noch als Opfer der Ausbeutung ihrer Eltern mit verkümmertem Gesichtssinn zur Welt kommen? Wie herrlich weit eS doch die Mensch- heit gebracht hat!—_ Die Furcht vor der Magenausspülung. Die Nichtbefolgung kassenärzrlicher Vorschriften kann fiir den erkrankten Handlungsgehilfen große materielle Nachteile im Gefolge haben, wie ein gestern vor der 3. Kammer des Berliner Kaufmanns- gerichts zur Entscheidung gekommener Streitfall lehrte. Der Kläger Hermann M.. der Expedient in der Lampenfabrik von K. u. W. war, erkrankte Anfang April an einer Magenstörung. Am 17. April der- ordnete der Kassenarzt eine Magenausspülung, der sich der Patient sofort unterziehen sollte. Anstatt sich dem Kassenaxzt zur Vornahme der Mageuausspülung zur B«fügung zu stellen, schrieb M. am 19. April an die Kasse, er möchte wieder gesundgeschrieben werden. Die Kasse verfuhr auch demenffprechend, Kläger jedoch ließ sich von einem Privatarzt weiter behandeln, der statt der Magen- ausspülung warme Umschläge verordnete. E. fehlte auch weiter aus dem Geschäft,, erhielt aber am 29. April seine Eutlassuug. Die Firma hatte nämlich von der Kasse erfahren, daß der Kläger sich schon vor einer Woche auf seinen eigenen Wunsch gesund schreiben ließ. In der Verhandlung begründete der Kläger sein Verhalten damit, daß ihm von mehreren Seiten von der Magenausspülung abgeraten worden sei. Die sehr anstrengende Prozedur solle, wie man ihm erzählte, den körperlichen Zustand nur ver- schlimmern statt verbessern. Der Privatarzt habe ja auch in der Tat eine andere Behandlungsmethode angewandt, die gute Wir- kungen erzielt hat. M. wollte dafür Beweis antreten, daß er in der fraglichen Zeit bettlägerig gewesen sei; das Gericht hielt aber diesen Beweis nicht für notwendig, sondern kam auf Grund des Ergeb« nisseS der Verhandlung zur Abweisung der auf Zahlung von 177 M. Gehalt gerichteten Klage. Kläger habe sich selber um den Beweis seiner Erkrankung gebracht, denn er hat sich selber gesundschreiben lassen und habe sich der kassenärztlich verordneten Magenausspülung entzogen. Seine sofortige Entlassung war darum berechttgt. Kinoangestcllten-Sorgen. Der Vorführer Kirsch, der Rezitator Sachs und der Portier Maschkewitz klagten gegen die Eheleute Kapale und den Kaufmann Abraham Weißenberg. Letztere hatten gemeinsam ein Kinotheater in der Reichenberger Straße eröffnet. Zweifellos war W. der eigenttiche Geldgeber. DaS Kinotheater teilie aber das Schicksal so vieler ander«, es mußte seine Pforten schließen und die Angestellten hatten nun noch Lohn- reste einzufordern, die an sich unstreitig waren und zusammen 82 M. ausmachten. Es handelte sich nur um die Frage, wer zur Zahlung verpflichtet sei. Zwischen der EhefrauK. und W. war nämlich ein Berttag abgeschlossen worden, aus dem hervorging, daßW. Kaution undBetriebs- kapital hergab und von den Einnahmen, nach Abzug für Miete, Beleuchtung und Amortisation der Anlage dieHälfie des verbleibenden UeberschusseS erhalten follle. Außerdem war dem W. eine weitgehende Kontrolle des Geschäfts eingeräumt und zur Einstellung der«forderlichen Hilfskräfte war seine Zustimmung nötig. Er selbst wollte sich jedoch nur als stillen Teilhaber betrachtet wissen, während die Kläger ihn als ihren eigentlichen Arbeitgeber ansahen. Das Gericht sprach den Klägern die geforderte Summe zu und verurteilte beideKontrahenten zur Zahlung, gleichzeitig dem Ehemann L. die Verpflichtung auferlegend, in eine Zwangsvoll- streckung gegen seine Ehefrau einzuwilligen. Einen Denkzettel hat der Friseur Rausch, Reichenberger Str. 3, vom Gcwerbegericht bekommen. Rausch hatte eines Tages beim Arbeitsnachweis der»Freien Vereinigung" eine Aushilfe bestellt. Daraufhin wurde der Gehilfe Valentin zu ihm geschickt. Dieser soll jedoch in unsauberem Zustande erschienen sein. Der Beklagte ließ dem Kläger, der angab, lediglich insolge der Hitze und seiner Eile etwa« durchgeschwitzt gewesen zu sein, gar nicht erst seine ArbeitSkleid« auspacken, sondern schickte ihn fort. Kläger forderte nun ö,— M. Entschädigung. Diese wäre ihm auch zugesprochen worden. Um dem unterliegenden Teil, also Siausch, die Kosten zu sparen, riet ihm der Vorsitzende Dr. Graeffner, den Betrag vergleichsweise zu zahlen und ließ durchblicken, daß er sonst verurteilt werde. Erst in diesem Moment— eS hatte bereits ein Termin stattgefunden— erhob er den Einwand der mangelnden Passivlegitimatio». Nicht er, sondern seine Frau sei Inhaberin des Geschäfts. Nun mußte das Gericht zur Klageabweisung kommen, verurteilte aber den Rausch zur Zahlung von 6 M. Entschädigung an den Kläger für den Termin und empfahl letzterem, nunmehr die Klage gegen die Eheftau deS Beklagten ein« zureichen. Das Gericht hätte übrigens dem Kläger die Kosten einer Klageabweisung sparen können, wenn es ihn zur Zurücknahme der Klage veranlaßt hätte, wozu Kläger sicher bereit gewesen wäre. Gerichts- Zeitung, Ein nettes Früchtchen. Ein 17jähriger Brandstifter und Einbrecher hatte gestern vor der 3. Ferienstrafkammer des Landgerichts III ein größeres Schuld- konto zu begleichen. Wegen vorsätzlicher Brand st ist ung, schweren und einfachen Diebstahls war der Schlosserlehrling Günter F r o h n e r t angeklagt.— Der Angeklagte, der aus guter Familie stammt und auch eine bess«e Schulbildung genossen hat, hat seinen Eltern schon viel Kummer und Sorge bereuet. Er mußte schließlich zu einem Schlosser in die Lehre gebracht werden, aus der aber der arbeitsscheue junge Bursche bald wieder entlief. Er trieb sich in Berlin umher und fristete seinen Lebensunterhalt durch allerlei Gelegenheitsdiebstähle. Eines Tages wurde er völlig z«Iumpt und halb verhungert von einem Rennfahrer Kubry in Neukölln auf der Straße aufgelesen, der ihn aus Mitleid in seine Wohnung nahm und ihm dort erst ordentlich zu essen gab. Der An- geklagte lohnte diese Gastfreundschaft damit, daß er dem K. 140 M. entwendete und sich des Nachts aus dem Staube machte. Nach- dem das Geld verjubelt war, brach der jugendliche Taugenichts eines Nachts bei seinem Onkel, einein in Dahlwitz ansässigen Gast- Wirt, ein und entwendete 40 M. Nachdem auch dieses Geld in Berlin durchgebracht war, fuhr er nochmals nach Dahlwitz und zündete hier das Stallgebäude seines Onkels an m der Absicht, während der durch die Feuersbrunst entstehenden allgemeinen Verwirrung die Geldkassette seines Onkels zu entwenden. Während das Stallgebäude bis auf die Grundmauern nieder- brannte, drang der jugendliche Verbrecher in die Wohnung ein, wurde aber von seiner eigenen Großmutter an der Ausführung des geplanten Diebstahls verhindert. Um sich in den Besitz von Geld zu setzen, erbrach er während der Löscharbeiten einen Auto- maten und ergriff mit dem Geldinhalt die Flucht.— Der Verdacht der Täterschaft fiel sofort auf den Angeklagten, der am nächsten Tage in der Nähe von Altlandsberg verhaftet wurde.— Vor Gericht räumte der Angeklagte seine Verbrechen ein, ohne eine Spur von Reue zu zeigen.— Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnis- strafe von zwei Jahren, da der offenbar recht starke verbrecherische Trieb, der in dem jugendlichen Burschen stecke, nur durch eine empfindliche Strafe unterdrückt werden können. Das Gericht er« kannte auf eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und fechsMonaten._ Ein Hochstapler. Der Lebenslauf eines Abenteurers kam in einer Verhandlung zur Sprache, die gestern die 7. Feriensttafkammer des Landgerichts I be« schäftigte. Au« d« Untersuchungshaft wurde derangebliche Schriftsteller Theophil Brenner vorgeführt, um sich wegen Betruges im straf« schärfenden Rückfalle zu verantworten.— Der 38jährige Angeklagte ist schon vielfach wegen Betruges vorbestraft. Ende der 90er Jahre machte« in Hamburg durch einen originellen Gaunerstreich viel von sich reden. Er gründete hier eine Jugendwehr, zu deren Offizier er sich selbst ernannte. Um der Sache einen besseren Anstrich zu geben, ließ er sich ein Phantafiekostüm anferttgen, welches Aehnlich- keit mit der Uniform eines Jägerleuwants hatte. Er nannte sich dann nur noch»Leutnannt" und verübte eine große Anzahl von Ztteditschwindeleien, die ihm schließlich eine Gefängnisstrafe von 1'/. Jahren einbrachten. Kaum aus der Strafanstalt entlasten, ließ er sich wieder in Hamburg nieder und nannte sich Schiffsagent und gab sich als Oberleutnannt zur See der Reserve aus. In zahlreichen deutschen Zeitungen erließ er Inserate, in denen er sich zur Vermittelung von Schiffsjungenstellen au'- bot. Es meldeten sich etwa 250 Leute, denen er Beträge bis zu 20 M. abnahm, um dann schleunigst zu verschwinden. Als er gefaßt wurde, wurde er.geisteskrank" und mußte die nächsten sechs Jahre in einer Irrenanstalt zubringen. Nach seiner Entlassung zog er in ganz Deutschland umher und verübte alle möglichen Hoch« stapeleien. Er wurde endlich in Berlin gefaßt und hier zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ende April d. I. wurde er aus dem Gefängnis in Tegel entlassen. Er fuhr sofort nach Hamburg und kaufte sich hier eine Uniform eines Offiziers der Handelsmarine, mit der er dann in Leipzig auftauchte, um seinen alten Gannertrick wieder zu inszenieren. Auf Grund eines in den»Leipziger Neuesten Nachrichten" von ihm erlassenen Inserats meldeten sich zahlreiche junge Leute bezw. deren Eltern bei ihm. Er gab sich als Reedereiagent ans und nahm den Leuten, darunter einer armen Witwe, die ihren Jungen als Schiffsjungen unterbringen wollte, Beträge bis zu 47 M. ab, um dann spurlos zu verschwinden. Er verlegte dann das Feld seiner Tätigkeit nach Berlin, wo er ebenfalls als Oberleutnant zur See der Reserve auftrat und in mehreren Fällen je 30 M. erbeutete.— Vor Gericht war der Angeklagte, der u. a. behauptete. Bühneninspizient bei Reinhardt und ferner als»Marineschriflstell«"� für 206 Zeitungen tätig gewesen zu sein, in vollem Umfange geständig. Der Staatsanwalt beanttagte eine Gefängnisstrafe von 3'/, Jahren. Das Gericht billigte dem Angeklagten mit Rücksicht auf die schon früher erstatteten Gutachten, nach denen er ein geistig minderwertiger Mensch ist, ebenfalls mildernde Umstände zu und erkannte auf zwei Jahre und drei Monate Gefängnis und fünf Jahre Ehrverlust unter Anrechnung von zwei Monaten der erlittenen Untersuchungshaft._ Ein polizeiliches Meisterstück. Seitdem die Hetze der Teutonen gegen ausländische Studenten zum guten Ton gehört, scheint auch die Hallesche Polizei gegen »bessere Uebeltäter" mit mehr Nachdruck vorgehen zu wollen, um das häßliche Wort von der Klassenjustiz mir außer Kurs setzen VW helfen. Wie man aber dabei nicht zu Werke gehen darf, das zeigt».' eben diese Hallesche Polizei. Vor dem Schöffengericht stand aur Donnerstag wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt unter Anklage der stuck, nai-. Mar v. L o u d o n aus Rußland, der in ein« Nacht auf der Promenade groben Unfug verübt und dann gegen einen Polizeiwachtmeister und zwei Polizisten äußerst aus- fallend gewesen sein sollte. Der Uebeltäter wurde längere Zeit nach der Tat wegen Fluchtverdachts verhaftet, eingesperrt, dann aber bald nach Hinterlegung einer Kaution von 1000 Mark auf freien Fuß gesetzt. Die geladenen Polizeibeamten gaben sich große Mühe, darzulegen, daß der Angeklagte Widerstand begangen habe. Die Gegenzeugen, darunter ein Hauptmann, sagten aber auS, daß sich die Polizeibeamten in jener Nacht wenig sachlich benommen hätten; da der Angeklagte durch den Griff nach seiner Karte die Abficht gehabt habe, sich zu legitimieren, und kein Grund vorgelegen habe, den Mann so plötzlich nach d« Wache zu bringen. Bei den kolossalen Zeugenwidersprüchen ersuchte der Richter, die Aussagen der Polizeibeamten genau zu protokollieren. Schließlich rückte der Verteidiger des Angeklagten mit der BeHanphing heraus, der als Zeuge geladene Wachtmeister habe, als er die Ladung zu diesem Termin erhielt, einem Gerichtsbeamten gegenüber gesagt: WaS soll ich denn in demTermin, der Mann hat: ja gar keinen Wider st and geleistet. Der Wachtmeister bestritt allerding«, jene Aeußerung„in der Form" getan zu haben.— Amtsanwalt und Gericht kamen aber zur Freisprechung des Studenten, da Widerstand keineswegs vorliege. Der gegen den Studenten erlassene Haftbefehl wurde natürlich aufgehoben. Todes-Anzeigen UUei Köpenicker Viertel. Bezirk 183 II Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Arbeiter Ertnisim Glasig Wrangelftraß« 84 gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Di« Beerdigung findet heute nachmittag 5 Uhr von der Halle de« Anstalts- Friedhofes Wühl- garten aus statt Um rege Beteiligung ersucht L1S/I1 I>er Vorst an wie auch wetbl. i Uuterleibskatarrh(Weiß- 1 stufe) herbeigeführt. Wenn in �Drogerien nicht erbältlich, d. Otto Heiebel, Berlin 43, Eisenbahiistraße 4.* 8achhandlung Vorwärts Lindcnstr. 69(Laden) insiehtskarten vom Riesengebirge, Hara, Sächsische Schweiz, Dresden, Berlin in reicher AuswahL Stück 5 PI. Westmann MoSirenstc. 37a nahe Jerasalemer Str. Gr. Frankfurter Str.115 nahe Audreasstrasse 1000«u Ksrnnstn, Saida, Loden, Tuoh, aasl. PhaotaaleataAe, heutige Preislagen ■ 8*/,. n.-,10.-.«0.-b.60.-(reg. b. 120.-) ■«• 10«. IfltSl 8t. (Preislagen von M. 24.— an) ES Röcke» Binsen von M. 6.— an Alle Grössen vorrätig! Verkauf einzeln an Private, denen leh ausserordentliche Vorteile biete wegen bevorstehender Eröffnung der Herbstsaison Vsrkauf hocheleganter Modelle KoatlrmandeBklelder Sonntag 8— 10 geCBnctl Zur Einführung In die Herbstsaison I SealpUtchmknlel(echt engl Lister) M. 85.-(reg. bis 175.-), Seidenplüsch- mtntelM.Sfr-(reg. bis 85.), Pelzmantel M. 130.-(reg. bis 340), Woll- pUeohmantel M. 55.-(reg. bis 120-). PUusohmantel M. 15-(reg. bis SO.-) Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wirlcpp, Mukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck lst Verlag.-Vorwärt« Büchdruckeret u. Verlag s findliche Taster auch vom Wagenführer zugleich mit der Luftbremse betätigt werden kann, scheint sich zu bewähren. Am U.d.M., nach- mittags S'/j Uhr, wurde vor dem Hause Urbanstraße 119 ein drei- jähriges Kind durch diese Einrichtung vor dem Neberfahren gerettet. Das Kind lief gegen den Wagen, wurde umgestoßen und unverletz" durch den Fangrahmen aufgenommen. Die schon oft gerügte Unsitte deS Auf- und Abspringens bei fahrenden Straßenbahnen hat neuerdings im Betriebe der städtischen Straßenbahnen wieder mehrere Unfälle von Fahrgästen verursacht Es kann daher nicht nachdrücklich genug auf die Gefährlichkeit des Auf- und Abspringens von Straßenbahnwagen während der Fahrt hingewiesen werden._ Ucber 300 heiratslustige Mädchen hatten sich auf ein Inserat hin gemeldet, das ein Heiratsschwindler aufgegeben hatte, um Opfer zu suchen. Der 41 Jahre alte Kauf- mann und Versicherungsbeamte Meher aus Schöneberg, der von seiner ersten Frau geschieden ist, inserierte, daß er als Bersicherungs- beamter mit einem Jahreseinkommen von 5999 M. ein Mädchen zu heiraten suche, das über etwas Vermögen verfüge. Weil er auch durchblicken ließ, daß er nicht abgeneigt sei, Mädchen dienenden Standes zur Gattin zu nehmen, so liefen über 399»Offerten" für ihn ein. Aus dieser großen Anzahl Heiratslustiger suchte er sich diejenigen heraus, die über das meiste Bargeld verfügten und trat mit ihnen in brieflichen Verkehr. Er verabredete zuerst eine Zu- sammenkunft in dem Wartesaal I. Klasse irgend eines Bahnhofes. Das zweite Mal traf er sich dann mit ihnen in seiner Wohnung, in der Rubensstr. 49 zu Schönederg. Hier hatte er eigens zu dem Zwecke, die Mädchen über seine Vermögenslage zu täuschen, ein» Vierzimmerwohnung gemietet nnd mit einer vornehmen Einrichtung. die er auf Mietskontrakt nahm, ausgestattet. Er erzählte dev Mädchen, denen er bald die Heirat versprach, daß er noch Schulden von seiner ersten Frau her habe, die er unbedingt begleichen müsse oder aber, daß er vor der Beförderung zum Subdirektor stehe und als solcher eine hohe Kaution stellen müsse. Auf diese Weise gelang es ihm, eine ganze Reihe Mädchen um Beträge von 259 bis 2399 M. zu besibwindeln. Einer Dame aus Potsdam kam die Sache doch schließlich verdächtig vor. Sie wandte sich an die Polizei, die durch Ermittelungen bald feststellte, daß die ganze Wohnungseinrichtung geliehen worden war und Meher sich dort überhaupt nicht auf- zuhalten pflegte, sondern bei seiner Mutter in der Ebersstraße wohnte. Hier wurde er gestern vormittag verhaftet. Bei einer Durchsuchung fand man»och eine ganze Reihe von Briefen, aus denen die Adressen der betrogenen Mädchen zu ersehen waren. Der Betrug bei der Dresdner Bank aufgeklärt. Schneller als es gewöhnlich geschieht, ist es diesmal gelungen, einen raffiniert angelegten Betrug aufzuklären und die Täter zu verhaften. Den Nachforschungen der Kriminalpolizei war eS ge- lungen, einen Mann zu ermitteln, dem ein Freund erzählt hatte, daß er sich für einen Gang nach der Bank mehrere hundert Mark verdient haben könne, die Zumutung seines Auftraggebers, eines guten Freundes von ihm jedoch abgelehnt habe. Die Kriminal- Polizei vernahm darauf den jungen Mann, der diese Aeußerung getan hatte und bekam dabei heraus, daß der Sohn des Buchdruckers Wreschner im Dezember vor. I. dies Ansinnen an ihn gestellt hatte. Nun war sofort eine Verbindung mit dem raffiniert ausgeklügelten Schwindel hergestellt, denn der Buchdrucker Wreschner ist derjenige, der für die Dresdner Bank die Drucksachen herstellt. Daraufhin wurde der junge Wreschner ver- haftet und einem eingehenden Verhör unterzogen. Angesichts des be- lastenden Materials gab dieser schließlich zu, bei dem großen Betrug seine Hand im Spiel gehabt zu haben. Wie er angibt, ist er mit dem Kassenboten Thiel der Depositenkasse A der Dresdner Bank vor längerer Zeit bekannt geworden. Weil beide tief in Schulden steckten und keinen Ausweg wußten, hatten sie einen Plan ersonnen, auf irgend eine nur mögliche Weise Geld herbeizuschaffen. Wreschner sei dann mit dem Vorschlag gekommen, eine gefälschte Rechnung zu kassieren. Er habe das Formular in der väterlichen Druckerei hergestellt und Thiel habe es im Laufe der Zeit durch längere Nebungen mit den Unterschriften und Bezeichnungen versehen, die seine Vorgesetzten bor der Auszahlung darauf zu machen pflegen. In einem geeigneten Augenblick drückte er auch den notwendigen Stempel auf die Rechnung. Nachdem der Plan in allen Einzelheiten besprochen und vorbereitet worden war, suchten sie einen dritten Helfer, der das Geld erheben sollte. Diesen fanden sie in einem Kassenboten Hartlepp. Als Termin der Erhebung des Geldes wählten sie den vergangenen Montag, weil Thiel ftich an diesem Tage nicht in der Bank befand und wo der Verdacht nicht auf ihn fallen konnte. Er hatte Tags zuvor einen fünftägige» Urlaub angetreten und sich zur Sommerfrische nach Lhchen in der Uckermark begeben. Als dem Kaflenboten Hartlepp das Geld aus- gezahlt worden war und dieser es dem Wreschner gegen die ver- einbarte Summe von KOS M. eingehändigt hatte, telegraphierte Wreschner dem Thiel nach Lhchen verabredungsgemäh:»Hansa- Aktien kaufen". Was soviel bedeuten sollte, daß alles geklappt hatte. Bon dem Gelbe sollte Wreschner seine und Thiels drückendsten Schulden decken und das übrige Geld bei einer Bank deponieren. Wreschner bezahlte aber nur seine Schulden und legte 24 OOO M. in ein Safe einer Bank, wo sie heute im Laufe deS TageS von der Kriminalpolizei beschlagnahmt werden sollen, Nachdem der Betrug nun aufgeklärt war, fuhren zwei Kriminal- beamte gestern nachmittag sofort nach Lhchen, um zur Verhaftung des Haupttäters Thiel zu schreiten. Sie ermittelten diesen auch bald und nahmen ihn fest. Thiel war über seine Verhaftung nicht wenig überrascht, da er glaubte, daß nun alle Gefahr vorüber sei, weil über den Betrug nicht mehr berichtet wurde und alle Er- Mittelungen bis dahin ergebnislos verlaufen waren. Er hatte schon seine Sachen zusammengepackt, um heute früh wieder nach Berlin zu reisen und, als ob nichts geschehen sei, seinen Dienst wieder an- zutreten. Die beiden Beamten fuhren jedoch noch gestern abend mit ihm hierher und brachten ihn nach dem Polizeipräsidium, wo er heute vormittag verhört werden wird. Ein„Institut für Geschäftsverkäufe", das in der Oranienburger Straße 87 unter der Firma„Kompaß" sein Wesen treibt, sucht seine Opfer unter kleinen Geschäftsleuten, welche die Absicht haben, ihr Geschäft zu veräußern. Erfährt die Firma„Kompaß" von der Absicht des Geschäfts- Verkaufs— z. B. aus einem Inserat in einer Tageszeitung—, so schickt sie dem Geschäftsinhaber ein formularmäßiges Schreiben zu, tn dem die günstigsten Versprechungen gemacht werden. So heißt es u. a. in diesem Schreiben: »Zum Verkauf Ihres Objektes ist es jetzt äußerst günstige Ge- legenheit, noch zumal wir zurzeit ca. 3000 Käufer vorgemerkt haben". An anderer Stelle:„Nutzlose Geldausgaben machen Sie sich durch die Wiederholung Ihres Inserats, denn Inserate dieser Art laufen ins Geld, insbesondere, wenn Sie dieselben in Ermangelung von Erfolgen wiederholen müssen und so eine Mark nach der andern ausgeben, um zu guter Letzt dach die Aussichtslosigkeit Ihres Be- ginnens einzusehen. Säumen Sie darum nicht, sofort mit uns in Verbindung zu treten, wenn Ihnen daran liegt, ohne besondere Mittel einen sicheren Erfolg zu erzielen. Unser Institut ist das ein- äigste und reellste seiner Art, welches vorschußlos zu niedrigen Provisionen An- und Verkauf jeder Art vermittelt." Um den Geschäftsleuten die Sache bequem zu machen, ist dem Schreiben eine Postkarte beigefügt, die benutzt werden soll, um den.kostenlosen" Besuch des Vertreters der Firma zu ver- langen. Nicht wenige fallen auf diese Zuschrift herein, sie ver- langen den„kostenlosen" Besuch des Vertreters. Hat das Schreiben noch nicht genügend gewirkt, so gelingt es doch dem Vertreter in der Regel, durch die weitgehendsten Versprechungen und Zusiche- runaen die Leute zur Unterzeichnung eines Auftrages zum Ge- schäftsverkauf zu bewegen. Der Inhalt dieses Schriftstücks sieht auf den ersten Blick ziemlich harmlos aus. Es wird dort ein be- stimmter Prozentsatz vom Kaufpreis vereinbart, in einem uns vor- liegenden Schein ein Satz von 10 Prozent des auf 650 M. festgesetzten Mindestkaufpreises, das wären 55 M., ein Betraa, der, trenn auch hoch, doch immerhin in einem nicht allzu auffallenden Verhältnis zum Geschäftspreis steht. Doch ein weiterer Satz in dem Auftragsschein gibt den Firmen- inhabern die Möglichkeit, ihre Auftraggeber gehörig zu neppen. Es heißt dort: „Den in Ihren dieSbezgl. Registern vorhandenen und einge- kragenen Reflektanten auf solche Objekte, wie mein hier in Auf- trag gegebenes, lassen Sie sofort und unverzüglich ausführliche Offerte über mein Verkaufsobjekt zugehen. Die hierdurch ent- stehenden, sowie die infolge des Auftrages nötig werdenden Kosten, wie Jnsertionsgebühren, Schreibgebühren. Portoauslagen, Fahr- gelder und Bemühungen wollen Sie gefl. für mich verauslagen und sodann in Rechnung stellen..... Ich überlasse es der Firma „5iompaß" oder deren Vertretern vollkommen und ganz, alle die- jenigen Maßnahmen zu treffen, welche dieselbe für die Erledigung dieses Auftrages für erforderlich halten und verzichte ich auf den etwaigen späteren Einwand, daß solche nicht erforderlich waren." Was nun weiter geschieht, wollen wir an der Hand einiger uns bekanntgewordener Fälle darstellen: Nach einiger Zeit, mitunter erst nach Monaten, wenn der Austraggeber die Sache schon ver- geffen ober sein Geschäft schon verkauft hat, erhält dieser ein Schreiben von der Firma, in dem die Auftragserteilung bestätigt wird. Wiederum nach Monaten, in einem Falle nach mehr als einem halben Jahr, geht ein Schreiben ein, nach welchem das ange- botene Geschäft in die Verkaufsliste der Firma aufgenommen sei. Wird nun der Firma z. B. mitgeteilt, daß das Geschäft bereits ver- kauft ist, oder schreibt der Auftraggeber, daß er mit der Firma nichts mehr zu tun haben will, so kommt die Kostenrechnung über »Auslagen", die so aussieht: Grundgeb, f. Anl. u. Führ. d. H..... 6,30 M. Grundgeb. f. Inserate........ 18,—» Provisionsgeb. f. Vermittl. d. Auftr.... 8,50„ Direkte Offerte resp. Diktat...... 1,50„ 530 Offerten a 40 Pf......... 212,—» Briefmarken.,......... 15,90» Schreiben an P...........—,25, Schreiben an P...........—,25» Koftenrechn............. 1—. Sa. 258,90 M. Wenn diese„Auslagen" bezahlt werden, so macht die Firma ein feines Geschäft. Nach dem ganzen Geschäftsgebaren kommt es der Firma hauptsächlich wohl darauf an, diese.Auslagen", die das Fünffache der verabredeten Provision ausmachen, zu„verdienen". Selbst die Aufstellung der Kostenrechnung verursacht 1 Mark „Auslagen". Vielleicht prüft mal die Staatsanwaltschaft an Hand dieser Auslagenberechnung und des Aktenmaterials der Firma „Kompatz" das sonderbare Geschäftsgebaren nach. Beweismaterial steht zur Verfügung. Unseren Lesern aber raten wir. wie schon aus anderen Anlässen, sich nicht Unterschriften abschwätzen zu lassen. Häusig genug fällt man dabei einem Schwindelmanover zum Opfer. Mit den Klagen, die diese Firma androht, dürfte sie allerdings kein Glück haben. In einem Hotel erschossen hat sich gestern abend der 46 Jahre alt« Kaufmann Otto Knpftr, der in der Blumenstr. 61 eine Kurbel- stickerei betrieb. Während diese früher sehr gut ging, hatte er in der letzten Zeit größere Verluste. Diese Verluste gingen ihm so zu Herzen, daß er tiefsinnig wurde. Gestern nachmittag um 5 Uhr nahm er in einem Hotel in der Koppenstratze ein Zimmer. Uli- gefähr eine Stunde später hörten die Hotelangestellten einen Schuß fallen. Als sie hinzueilten, fanden sie den Gast tot auf. Er hatte sich durch einen Schuß in den Kopf getötet. Di« Leiche wurde beschlagnahmt und wach de» Schauhause gebracht. Aus dem Fenster des vierten Stockes stürzte gestern nachmittag in der Falckensteinstr. 29, im Südosten Berlins, ein hier Jahre alter Knabe; das Kind blieb tot unten liegen. Ein Dachstuhlbrand brach gestern früh kurz nach 5 Uhr in der Ebertystraße 10, Ecke Kochhannstraße, im Osten Berlins aus. Als die Feuerwehr eintraf, stand der Dachstuhl in halber Aus- dehnung in Flammen. Ter leitende Brandmeister ließ sofort kräftig Wasser geben, und es gelang in verhältnismäßig kurzer Zeit, das Feuer zu ersticken. Im Rose-Thcater wurde am Donnerstag von einem Gastspiel- Enscmbel unter Leitung von Alfred Dedak und Siegfried V.Lutz ein Sittenbild i» 4 Aufzügen von Robert Misch,„Vampire der Groß- stadt" betitelt, aufgeführt. Der Verfasser hat fich zur Aufgabe ge- macht, zu zeigen, wie eine Familie unter dem Deckmantel der Frömmigkeit und der Königstreue es meisterhaft versteht, bei zahl- reichen Vereinen und wohlhabenden Personen ihren Lebensunterhalt zusammenzuschnorren. Auch als Almofenenrpfänger anö dem Armen- fäckel tritt die Familie auf. Bei einem so breit angelegten Bettel führt die Familie ein recht behäbiges Leben. So manches, was uns in diesem Sittenbild entgegentritt, trägt den Charakter des Realistischen, wenn auch Dinge wie die hier zur Darstellung ge- brachten im Reiche des Elends als Ausnahmen zu betrachten sind. Da die Darsteller diese Vampire der Großstadt naturgetreu zu schildern verstanden, kamen die Besucher voll auf ihre Rechnung. Um die Aufführung machten sich Marg. Franz. August Wenzel. Lene Lenk und Stefan Franz besonders verdient. Vorort- ftedmckten. Schöneberg. Sturz aus dem dritten Stockwerk. Auf schreckliche Weise ver- suchte gestern die 22jährige Maria Pettke aus der Fregestr. 13 ihrem Leben ein Ende zu machen. Gestern besuchte Fräulein P.. die kurz vor ihrer Hochzeit stand, die Wasch, und Plättanstalt von Splittgerber in der Wilhelm-Hauff-Stratze 18, um mit der ihr bekannten Inhaberin wegen ihrer Aussteuer Rücksprache zu nehmen. Im Laufe der Unterhaltung geriet die P. in heftige Gemütsbewegung und ließ sich nicht beruhigen. Plötzlich sprang sie auf einem neben dem geöffneten Fenster stehenden Stuhl und stürzte sich, che sie daran gehindert werden konnte, kopfüber auf die Straße hinab. Die Unglücklich« trug schwere äußere und innere Verletzungen davon und wurd« in hoffnungslosem Zustande durch den Krankenwagen der Feuerwehr nach dem Schöneberger städtischen Krankenhause gebracht. Neukölln. Ein gewaltiger Dachstuhlbrand kam gestern nachmittag gegen 2 Uhr in dem Eckhause Goethe- und Bergstraße 140 aus bisher noch nicht ermittelter Ursache zum Aus- bruch. Als die Neuköllner Feuerwehr an der Brandstelle er- chien, stand der große Dachstuhl mit dem Eckturm schon in großer Ausdehnung in Flammen. Die Treppen waren bereits verqualmt. Zwei Schlauchleitungen wurden über mechanische Leitern und zwei andere über die Treppen vorgenommen. Ferner wurde noch vom Dach des Nebenhauses mit Erfolg angegriffen. Dadurch gelang eS. eine weitere Ausdehnung zu verhüten und die Flammen von einigen Bodenkammern abzuschneiden. Leider wurden zwei Feuerwehr- männer durch herabfallende Schiefersteine verletzt. Der Schaden soll nur zum Teil durch Versicherung gedeckt sein. Wilmersdorf. Todesspruiig aus dem vierten Stock. In der Kaiserallee 80 stürzte sich gestern vormittag gegen 9 Uhr die 23 Jahre alte Oester- reicherin Hilda Urbach, die von einem Nervenleiden befallen war und im Sanatorium Pfalzburg Aufnahme gefunden hatte, in einem unbewachten Augenblick von einem Ballon aus dem vierten Stock in den Vorgarten hinab. Sie starb nach wenigen Minuten. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt. Britz. Die Kindcrferienspiele endeten vor mehreren Tagen mit einer von Eltern und Kindern gut besuchten Schlußfeier bestehend aus einem Vortrag der Genossin Boehm-Schuch, Kaffeetrinken, Reigen, Gesang, Spiele und Fackelzug.. Die Spiele wurden fünfmal in der Woche abgehalten und durchschnittlich von 70 Kindern besucht. Einmal wurde der Mürchenbrunnen im Friedrichshain und einmal der Schillerpark mit seiner Planschwiese besucht. Dem Wunsche der Kinder Spiele auch während der Schulzeit abzuhalten, wurde statt- gegeben, dieselben finden jeden Mittwochnachmittag statt. Im September wird der wissenschaftliche Kinovortrag Christoph Columbus in der Treptow-Sternwarte zum ermäßigten Eintritts- preise für Erwachsene 40 Pf., Kinder 10 Pf. besucht. Die Teilnehmer mögen sich bis 30. August bei Genossen Kapke, Jahnstr. 72 melden, dort sind auch Billetts zu haben. Ferner ist für marschlüchtige Kinder eine Herbst-, Winter- und Frühlingswanderung geplant. Die Kinder sollen Gelegenheit haben, die Schönheiten der Mark Brandenburg in den verschiedenen Jahres- zeiten kennen zu lernen. Diese Ausflüge sollen Sonnstags statt- finden. Lichtenberg. Aus Anlaß der Bebel-Gedächtnisfeicr fällt der für Sonntag geplante Familienspaziergang nach Friedrichsfelde aus. Potsdam. Ein Opfer seines Berufs wurde gestern früh der im Hause Junkerstr. 24 wohnhafte Dachdecker Otto Berner. Berner begann mit Reparaturarbeiten aut dem Dache der Kaserne des 1. Garde- regimentS und stürzte dabei herab. Mit einem Schädelbruch und schweren inneren Verletzungen brachte man ihn nach dem städtischen Krankenhause, doch starb er bereits auf dem Transport. Er war bei dem Dachdeckermeister Valentin beschäftigt. Spandau. Der für Sonntag nachmittag festgesetzte Familienausflug des Frauenvereins ist aus Anlaß der am Sonntagmittag 12 Uhr in der Brauerei Pichelsdorf stattfindenden Bebel- Gedächtnisfeier auf Sonntag, den 24. August, verschoben worden. Ein bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich hier gestern abend um 6 Uhr. Der Töpfer Göbel wollte mit seinem Rade an einem Automobil der Firma Kaisers Kaffeegeschäft vorbeifahren, blieb aber in einer Straßenbahnschiene stecken und fiel vor das Automobil. Die Räder des mit einem Anhänger versehenen Automobils gingen Göbel über den Brustkasten hinweg und drückten diesen vollständig ein. Im städtischen Krankenhause, wohin der Verunglückte gebracht wurde, konnte nur noch der sofort eingetretene Tod sestgestellt werden. Versammlungen. Deutscher Transportarbciter-Verband. Die Bezirksverwaltung Groß- Berlin hielt am Donnerstag ihre QuartalSversamm- lung ab. Dem Geschäftsbericht rst unter anderm zu ent- nehmen, daß die Verwaltung beschlossen hat, bei Wahlen gegnerischen Parteien keine arbeitslosen Mitglieder als Wahlhelfer zu ver- Mitteln.— Umfangreiche Lohnbewegungen sind in diesem Quartal nicht zu verzeichnen. Mit der Mitglicderzunahme kann der Ver- band zufrieden sein, wenn die wirtschaftliche Lage berücksichtigt wird.— Arbeitslose Mitglieder waren 5176 im letzten Quartal eingeschrieben. Die Gesamtzahl der gemeldeten Stellen betrug 6440, die der besetzten Stellen 5623. Arbeitslos blieben am Schluß des 2.'Quartals 1255 Kollegen, 2428 unterstütz'ungZEere'chtigte arbeitslose Kollegen erhielten für 44 789 Tage 53 801,75 M. Arbeits- losenunterstützung. Insgesamt wurden an 2577 Arbeitslose für 46 722 Tage 59 569,75 M. Unterstützung ausgezahlt. Kassenbericht: Einnahmen und Ausgaben bilanzieren mit 548 072,23 M. Für Unterstützungszwecke wurden insgesamt ausgegeben 477 700 M.— Die Mitgliederbewegung ergibt folgendes Bild: Bestand am 1. April 1913 männliche 46 477, weib- liche 1867, jugendliche 2032, insgesamt 50 376. Bestand am 1. Juli 1913 männliche 47 823, weibliche 1968, jugendliche 2026, ins. gesamt 51 817. Hus aller Melt. Tie Grönland-Expedition des Hauptmanns Koch. Das Kopenhagener Komitee der Grönland-Expedition des Haupt« manns Koch hat mit dem Grönlandschiff„Godthaab" einen Bericht über den Verlauf der Expedition erhalten. Die Expedition bestand außer dem Leiter aus dem deutschen Meteorologen Dr. W e g e n e r, dem dänischen Matrosen L a r s e n und dem Isländer Visus Sigurds on und wurde von dem Schiff.Godthaab" am 24. Juli 1912 auf dem Eise an der Ostküste Grönlands ge« landet. Sofort nach der Landung entliefen 13 von den 16 mit« gebrachten Ponnhs. ES gelang jedoch, 10 wieder einzusaugen. Am 1. September hatte die Expedition mit dem gesamten Materia! Kap Stop erreicht. Das neue Eis bot jedoch große Schwierigkeiten, da es noch nicht tragfähig war, und die Expedition vedlor ein Motorboot, das unterging. Erst nach Verlauf von drei Wochen war das Eis stark genug, um Schlitten und die Pferde zu tragen. Dr. Wegener kam dabei zu Fall und brach eine Rippe, er überwand jedoch diesen Unfall bald, worauf die Expedition am 13. Oktober das Winterquartier beziehen konnte. Trotz großer An- strengungen gelang es der Expedition nicht, Königin-Luisen-Land zu erreichen, und Hauptmann Koch beschloß daher, auf dem Inlandeis zu überwintern und nicht auf dem Lande. Ende Oktober wurde eine Schlitienreise nach Königin-Luiscn« land unternomnien. Bei dieser stürzte Hauptmann Koch in eine 12 Meter tiefe Gletscherspalte und brach das rechte Bein. Die Ucberwinterung verlief ausgezeichnet. Die Temperatur war bis 60 Grad unter dem Gefrierpunkt. Während der ganzen lieber- Winterung wurden wissenschaftliche Beobachtungen angestellt und vom 6. März bis zum 14. April wurde eine Anzahl Schlitten« reisen nach Königin-Luisen-Land unternommen. Am 20. April verließ die Expedition das Winterquartier mit fünf Schlitten und 'ünf Pferden, um den 1200 Kilometer langen Marsch über das In« landeis nach der Westküste Grönlands anzutreten. Während der ersten vierzig Tage war das Welter außerordentlich schlecht bei starkem Schneegestöber, worunter namentlich die Pferde schwer zu leiden hatten. Sie wurden schneeblind und ermatteten ersichtlich, so daß drei von ihnen vorzeitig geschlachtet werden mußten. Als die Ex- pedition weiter in das Land eindrang, wurde das Wetter allmählich besser. Aber die Sonnenstrahlen waren für die Expediiions« Mitglieder belästigend und es bildeten sich Wunden aus ihrer Haut. Die Temperatur sank in der Nacht bis unter 30 Grad Kälte. Tis Pferde waren von großem Nutzen. Bei losem Schnee wurden Schnee- 'chuhe an ihren Füßen befestigt. Am 11. Juni wurde das vorletzte Pferd wegen Futtermangels geschlachtet. Das Terrain begann nun allmählich abzufallen und am 2. Juli bekam die Expedition vom Inlandeise aus Laad in Sicht. Hier mußte nun das letzte Pferd geschlachtet werden, nachdem es 1100 Kilomeler über das Grönland« eis zurückgelegt hatte. Die Expedition setzte den Marsch fort und hatte in den folgenden Tagen viele Schwierigkeiten zu überwinden. Sie mutzte unter anderem wegen schlechten Wetters unter einer Klippe 35 Stunden lang ohne Speise liegen, da der Proviant aufgezehrt war. Am 15. Juli wollte man weiterziehen, aber die Teilnehmer waren so erschöpft vor Hunger, Kälte und Feuchtigkeit, daß sie nicht vermochten, sich einen Weg durch den tiefen Schnee zu bahnen. Sie schlachteten den Hund, der ihnen auf dem ganzen Wege gefolgt war, und kochten das Fleisch. Sie waren gerade dabei, das Mahl zu beginnen, als sie ein Segelboot auf dem Fjord östlich von Pröven bemerkten. Durch Schüsse und Signale riefen sie das Boot herbei. Es gehörte dem Pastor Chemnitz, der sich selbst im Boote befand und die sehr er- schöpften Polarforscher nach Pröven brachte, wo sie mit großer Liebenswürdigkeit von dem Leiter der Kolonie aufgenommen wurden und sofort die nötige Pflege erhielten. Untergang eines deutschen Seglers. Ein Telegramm von den Scilly-Jnseln meldet, daß am Freitag« morgen bei der Insel St. Marys dreißig Mann von der Besatzung des deutschen Frachtschiffes»Susanne", da« von Jquique mit Salpeter abgegangen war, in Booten gelandet sind. Die „Susanne" ist in der vorigen Rächt während des Nebels an den Felsen der Scilly-Jnseln gestrandet und gesunken. Alle Mann der Besatzung sind gerettet. Ein Mann der geretteten Besatzung des Schiffes erzählte, das Schiff sei mit vollen Segeln gefahren, als es so heftig gestrandet sei, daß das mittlere Segel und der Hauptmast weggebrochen wurde. Das Schiff ist so schnell gesunken, daß keine Zeit mehr war, die Boote auszusetzen, deshalb seien die Taue gekappt worden. Die Besatzung sei kaum von Bord gewesen, als das Schiff gesunken sei. Ter steirische Bauernschreck. Seit vielen Wochen richtet ein Raubtier, dessen man trotz aller Treibjagden und selbst durch Mililäraufgebote bisher nicht Herr werden konnte, unter dem auf den„Alpen" sHochweiden) befindlichen Vieh in der Nordsteiermark große Verheerungen an. Das Vieh muß deshalb ins Tal abgetrieben werden und sogar der Touristenverkehr in den betreffenden Gegenden hat stark abgenommen. Kleine Notizen. Der russische Freund. Wieder einmal sind deutsche Luftschiffer beim Ueberfliegcn der russischen Grenze beschossen und später in Haft genommen worden. Die zwei Insassen des deutschen Ballons «Metzeler", der in Forst in der Lausitz aufgestiegen war und in S anniki bei Warschan landete, wurden beim Ueberfliegcn der russischen Grenze mit einem Kreuzseuer von etwa 200 Schüssen empfangen. Nach der Landung wurden sie in Haft genommen, ans der sie bisher nicht enrlassen sind. Eine neue Nordpolcxpcdition. Das Expeditionsschiff»Fram" ist am Donnerstag unter Führung des Kapitäns Dexrud von Buenos Aires nach Colon abgegangen, um dort die Polarforscher P e a r y und A m u n d s e n an Bord zu nehmen. Amundsen wird die Fram dann zum Nordpol führen und gedenkt unter Benutzung des Polarstroms über Spitzbergen nach Christiania zurückzukehren. Dexrud will sich in San Francisco in der Lustschiffahrt vervollkommnen, um dann auf dem Luftwege in die Polarregion zu gelangen. Die Expedition soll sechs Jahre dauern. Vatermörder. Weil der Vater ihnen Geld zum Schnapseinkanf verweigert hatte, drangen in dem russischen Dorfe Anastasjewska die drei Söhn« des Bauern Bety in den Sö�lafraum ihres Bater« ein und ermordeten ihn durch Beilhiebe. In der Dorf« schenke wurden dir Mörder. finnloS betrunken, verhastet. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 17.«ugust, dormMag» S Uhr. Pappelallee 15—17, Neukölln, Jdealpassage, und Tegel, Schlieper- straße 30: Freireligiöse Vorlesung.— Vormittags 11 Uhr, Kleine Frankfurter Str. 6: Vortrag von Herrn M. Baege:.Der Wert der Wissenschaft'. Damen und Herren als Gäste willkommen. Allgemeine Kranken-»nd Sterbekasse der Metallarbeiter. Filiale Berlin 4. Sonnabend, den 20. August, abends 8*1, Uhr, bei Bringmann, Mitgliederversammlung.— Filiale Berlin 5. Sonn- abend, den 1ö. August, abends 8'/, Uhr, Mitgliederversammlung bei Hofs- wann. Arbeiter-Radfahrerbund„Solidarität". Gau 9. Bezirk 2. Kreis Teltow. Die zum Sonntag, den 17. August, angesetzte Untcrbezirkstour fällt aus; die Genossen beteiligen sich an den Trauerseierlichkeiten. Die Tour findet nunmehr am Sonntag, den 7. September, statt. OrtSgruPve Neukölln. Am Sonntag, den 17. August, sällt die Tour wegen der Bebel-Gedenkseier aus. Rachmittags Treffpunkt der Mitglieder in Britz, Chausseestr. S?. Sommersest der Ortsgruppe Britz. Slngegangene Druchrcfmften. Palmström von Ch. Morgenstern. 7? S. B. Calfirer, Berlin W. 35. Rassenverbcfserung. Malthusianismus und Neumalthusianismus. Bon Dr. I. Nutzer. Deutsch von Frau M. G. Kramers. 3 M., geb. 4,20 M. H. Minden, Dresden und Leipzig. Marktpreise von Berlin am 14. August IvlZ, nach Ermittelungen des tgl. Polizcimäsidiums. 100 Kilogramm Weizen, gute Sorte 13,08— 19,70, mittel 19,64—19,66, geringe 19,60—19,62, Roggen, gute Sorte 16,33 bis 16,40, mittel 16,37—16,38, geringe 16,35—16,36 sab Bahn). Futter- gersle, gute Sorte 17,00— 17,40, mittel 16,50— 16,90, geringe 16,00— 16,40. Haser, gute Sorte 17,50—19,00, mittel 16,40—17,40. Mais(mixed), gute Sorte 16,50— 16,70. Mais l runder), gute Sorte 14,50— 15,00. Nichtstroh 0,00. Heu, alt 0,00, neu 0,00. Martthallen preise. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 80,00— 50,00. Spciscbobnen, weiße 35,00—60,00. Linsen 36,00— 60,00. karlofseln(Kleinhdl.) 5,00— 10,00. 1 Kilogramm Rindfieisch, von der Keule 1,70—2,40. Kindjicisch, Bauchfleisch 1,30— 1,80. Schweinefleisch 1,60—2,10. kalbilcisch 1,40— 2,40. Hammelfleisch 1,60— 2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,60—5,40. 1 Kilogramm Karpsen 1,50—2,60. Aale 1,40-8,». 8 und et 1,40-3,60. Hechte 1,60-8,20. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,60—8,50. Bleie 0,80-1,60. 60 Stück Krebse 1,00—45,00. Wasserstands-Rachrichte« der Sandeianstalt für Gewäffertunde, mitgeteilt vom Berllner Wetterbureau Wasserstand Memel. Tilsit P r e g e I, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krassen . Frankfurt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barbh Magdeburg l)+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unterpcgel. Witterungsübersicht vom IS. August 1S1Z. 1 Slattonen | »■=■ Swinemde. tamburg erlin Franks. a.M München Wien i| 759 NNO 761 N 753RW 762, W 761 NW 757WNW SScttct 2jttoItia 4 halb 6b. 2chcdeckt Ijwolkig bchedeckt Lbedeckt n% all 1« w3s Etatwnen ÖE 2 E is JI R— taparanda etersburg Scilly Aberdeen Paris 76? 765 iE i| Setter SO 2wolkenl SO Iwolkig 2, Nebel 765 S I 2bcdeckl 764 WNW IMegen c* ti är Wetterprognose für«otmrtetA, de« 16.«ugust 1913. Ziemlich trübe und kühl, ab« zeltweise aufheiternd mit etwas Regelt und mäßigen nördlichen Winden. Berliner Wetterdureair (» >• (» ( I Otto Grimm Laoilslierger Allee 28 nahe Brauerei Patzenh. Bestellungen frei Haus. Femspr. Amt Kgst. No. 90. Empfehle in bekannter Güte: Hiesige junge Gänse, � pm. 80« 85« Wartebruclier Mastgänse...«ä. 78-88« Gänselliein 8S« Gänserümple �e 31 100, 1 Keulen 75« Liesen 1°° iäJfe Enten stok.300, 10 159 etc. 75 Fette Suppenliühner....... 225, 250, 2 Brathühner, voufleischige, junge stet 90, l10, l23 Hirsehaelseh«d. 45, 60, 85«■ Leb. 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