Kr. 214. BbonnemenfS'Bcdingungen: Abonnements- Preis pränumerando: »ierteljährl. Z,zo MI, monatl. 1,l0 ML, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. Hümmer mit illuftrierter Sonntags- Beilage.Die Reue Welt" Z0 Pfg. Post- Abonnement: 1.10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post.Zeitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutichland und Oesterreich. Ungarn 2ch0 Mark, für das übrige Ausland 4 Mark pro Monat. Postabonnnnenls nehmen am Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. «cheiiit tZgl,». Vevlinev Volksblatt. Die Tnfepfions-Gcbüfir beträgt für die scchsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum M Pfg.. für politische und gewcrtschastliche Vereins- und Bersnmmlungs-Aizzcigen 39 Pfg. „Uleine ünr-ig-n", das scttgcdrulktc Wort 20 Pfg. fzulässig 2fettgcdruilte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafslcllenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Jnserale für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Erpeditiou abgegeben werden. Die Expedition ist bis 1 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „SozialdcmoKral Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen parte» Deutfchlanda. Redaktion: SRI. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz. Nr. I.S8S. Mitttvoch, de« 20. August 1013. Expedition: SM. 68» Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz. Nr. 198t. Sie Lage der englischen Arbeiter' partei. London, 15. August.(Eig. 50er.) Die jüngsten Ereignisse in der englischen Arbeiterpartei lassen befürchten, daß die Verschmelzung der liberalen und sozialistischen Elemente der englischen Arbeiterschaft, die durch die Gründung der Arbeiterpartei bewerkstelligt werden sollte, in den dreizehn Jahren des Bestehens der Partei wenig oder keine Fortschritte gemacht hat und daß die Partei einer schweren Krise entgegengeht. Vor wenigen Wochen bei der Nachwahl zu Leicester, als die Arbeiterpartei den Liberalen das Feld räumte, den liberalen Kandidaten unterstützte und gegen den unabhängigen sozialistischen Kandidaten auftrat. war es ihr linker, sozialistischer Flügel, der sich empörte. Heute bei der Nachwahl zu Chesterfield ist es ihr rechter, liberaler Flügel, der sich in offener Rebellion befindet. Doch das Verhalten der beiden sich widerstrebenden Elemente, die man in der Arbeiterpartei lose vereinigt hat. weist einen bedeutenden Unterschied auf. Wäh- rend nämlich die der Arbeiterpartei angeschlossenen Sozialisten bei aller Kritik, die sie üben, trotz der unbehaglichen Situation, in die sie durch die Taktik der Parteileitung geraten, die stets nach einem auskömmlichen Verhältnis mit den Liberalen strebt, um ihre libe- ralen Mitglieder nicht vor den Kopf zu stoßen, stets die Parteidisziplin hochgehalten haben, scheren sich die liberalen Mitglieder der Arbeiterpartei den Teufel um die Parteidisziplin und folgen dem Lockruf der Liberalen Partei, sobald dieser ertönt. Die Nachwahl in Chesterfield in Mittelengland liefert ein klasss- sches Beispiel für die Aufführung dieser„unabhängigen" Arbeiter- Vertreter. Der dort von den Bergarbeitern vorgeschlagene Arbeiter- kandidat hat sich nicht nur von der Arbeiterpartei, sondern auch von der Liberalen Partei aufftellen lassen. Das hat dazu geführt, daß ihn der Parteivorstand der Arbeiterpartei auf Drängen der So- zialiften einstimmig desavouiert hat. Aber dies kümmert diesen Musterkandidaten wenig und seine Freunde, die der Arbeiter- Partei angehörigen liberalen Bergarbcitervertreter Mittelenglands, pflichten ihm durch die Unterstützung, die sie ihm gewähren, bei. Er erklärt, er lasse sich von einer sozialistischen Clique in London nicht kommandieren. Sein Wahlprogramm besteht aus den üblichen liberalen Plattheiten und nebelhaften Phrasen über Sozial- und Lqndreform. In seinen Reden feiert er die„große, mächtige Libe- rale Partei". Der Vorsitzende seines Wahlausschusses ist der Vor- fitzende der lokalen liberalen Parteiorganisation. Sein Wahl- agcnt ist der liberale Wahlagent des Kreises. Seine Wahlorgani- sation ist die liberale Wahlorganisation. Die Redner, die ihn im Wahlkampf unterstützen/ sind liberale Minister und Parlaments- Mitglieder. Einer von diesen hat erst kürzlich einen wirklichen Ar- beiterkandidaten, den Präsidenten der Bergarbeiter Durhams, in einem dreiseitigen Wahlkampf zur Strecke gebracht, indem er den Wählern Versprechungen machte, an deren Ausführung die liberale Partei nie denken kann. Mit Recht bemerkt daher eine Zeitung, daß es schwer sei, sich eine wunderlichere Travestie von einem un- abhängigen Arbeiterkandidaten vorzustellen. Er verdient voll und ganz die Vorwürfe, die ihm der Vorsitzende der parlamentarischen Fraktion in einem Schreiben macht, in dem es heißt:„Ich glaube, daß es unter diesen Umständen weit besser ist, wenn Sie nun ein- mal liberaler Kandidat sein wollen, es offen und ehrlich zu sagen. Wenn Sie als Arbeiterkandidat austreten wollen, müssen Sie ge- wisse Verantwortlichkeiten auf sich nehmen. Zu versuchen, beides zu tun, ist moralisch verwerflich, und wenn sich die Arbeiterpartei das gefallen ließ, würde es den Fortbestand der Partei unmöglich machen." Vielleicht wäre die Angelegenheit für die Arbeiterpartei nicht so schlimm, wenn es sich um einen Einzelfall handelte. Leider findet man die obqii geschilderten Verhältnisse in sehr vielen Wahl- kreisen, die von Arbeiterparteilern, namentlich von Beamten der Bergarbeiterverbände, vertreten werden. Vor vier Jahren be- schlössen die 600 000 Mann der Bergarbeiterföderation auf Betreiben einflußreicher Führer wie Smillie und Hartshorn, sich der Arbeiter- Partei anzuschließen. Für die meisten der Abgeordneten der Berg- arbeiter war dies eine Zwangsheirat, mit der man sich abfand, ohne die alte Liebe zur Liberalen Partei aufzugeben. Weit besser als die liberalen Bergarbeiiervertreter beobachten die früher kon- servativ gesinnten Bergarbeiter(von denen es eine ganze Anzahl nmnenllich in Lcmcashire gab, wo die Arbeiter heftige Kämpfe mit den liberalen Ausbeutern zu bestehen hatten), wie der Bergarbeiter- Vertreter Manchesters Suttou und der Sekretär der Bergarbeiter- söderation Ashton die eingegangenen Verpflichtungen. Ob die Berg- arbeitersöderafion einen wirksamen Druck auf die der Arbeiter- Partei abtrünnigen Mitglieder ausüben kann, ist sehr zweifelhaft. Innerhalb der Arbeiterpartei ernennt jede der angeschlossenen Or- ganisationen ihre eigenen Parlamcntskandidaten, die von dem Parteivorstaud genehmigt werden müssen. Nun ist aber die Berg- arbeiterföderation nur eine lose zusammenhängende Organisation, j» der die verschiedenen Graffchaftsverbände die weitestgehende Sntonomiechefitzen und sich«ich in lokalen politischen Sachen nichts dreinreden lassen. Und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß in den meisten Fällen die Bergarbeiter hinter ihren liberalen Ver- tretern stehen. Welch wunderliches Gemisch die Politik in manchen Bergarbeitergegendcn ist, erhellt aus einer Rednerliste, die sich un- längst die Bergarbeiter Nottinghamshires durch Abstimmung für ihr jährliches Verbandsfest zurechtbrauten. Sie bestimmten als Redner den Schatzkanzler Lloyd George, dann einen mächtigen Bergwerksbesitzer, der eine radikale Geschäftspolitik treibt und— den sozialistischen Präsidenten der Bergarbeiterföderation Genossen Smillie! Das einzige wäre noch, daß man einige sozialistische Bergarbeiterführer ins Parlament wählte, die einen moralischen Druck auf ihre liberalen Kollegen ausüben würden. Aber gerade dies haben die Liberalen, die sich der Gefahr wohl bewußt sind, stets mit allen Mitteln zu hintertreiben gewußt. Es wird wohl kaum bestritten werden, daß der chaotische Zu- stand der politischen Arbeiterbewegung in England das Resultat der sozialistischen Zersplitterung ist. Ein wirklich unabhängiger Arbeitervertreter kann sich nur dort behaupten, wo er auf den Gegner nicht angewiesen ist und eine kräftige politische Arbeiter- Organisation, das heißt eine sozialistische Organisation, im Rücken hat. Aber wie kann diese entstehen, wenn sich die sozialistischen Organisationen beständig befehden, so daß sich die gemachten pro- pagandistischen Anstrengungen einander aufheben? Es ist beklagens- wert, aber wahr, daß in den letzten 4— 5 Jahren trotz zeitweiliger Aufstiege die Zahl der organisierten englischen Sozialisten eher zurückgegangen als gestiegen ist und daß trotz der vielen Einigungs- bestrebungen die Zersplitterung eher zugenommen als abgenommen hat. Als Beispiel dafür möge eine Szene geschildert werden, die man jüngst in einem großen Londoner Park beobachten konnte. Dort stand auf dem großen, für Volksversammlungen reservierten Platze ein Redner der I. L. P., der die Arbeiterpartei gegen An- griffe verteidigte, die ein Redner der B. S. P., der sich nebenan aufgestellt hatte, gegen diese schleuderte. Ein dritter Redner, der ein Parteilein'vertrat, das sich von der B. S. P. losgesagt- griff rücksichtslos seine früheren Parteigenossen an. Und zu allem Ueber- fluß war auch noch ein vierter Redner im Felde, der die Ansichten einer Absplitterung von der Absplitterung der B. S. P. vertrat. Dies ist. keine Uebertreibung- sondern eine nüchterne Konstatierung der Tatsachen. Kann es einen da wundernehmen, daß das an- wesende Arbeiterpublikum lächelnd und scherzend von einer Tribüne zur anderen ging? Glücklicherweise scheinen wir an den äußersten Grenzen dieser unvernünftigen Zustände angekommen zu sein und einer Besserung entgegenzugehen. Das Internationale Sozialistische Bureau hat eine Verständigung zwischen den sozialistischen Or- ganisetionen Englands angebahnt, die hoffentlich zu guten Re- sultaten führen wird. Als Vorstufe zur Verschmelzung soll ein sozialistischer Rat ins Leben gerufen werden, in dem die verschie- denen sozialistischen Organisationen(die I. L. P., B. S. P. und die Fabische Gesellschaft), die alle der Arbeiterpartei angehören müssen, vertreten sein werden. Der Punkt, um den es sich be- sonders handelt, ist der Beitritt der B. S. P. zur Arbeiterpartei. Die Frage des Beitritts wird zurzeit in dieser Organisation rege diskutiert. Eine Entscheidung wird am Ende des Jahres getroffen werden, wenn die Vorstände der genannten Organisationen unter dem Vorsitze Vanderveldes zu einer Sitzung zusammentreten wer- den. Jedenfalls verdient das Internationale Bureau den wärmsten Dank aller derer, die die unhaltbaren Zustände in Großbritannien beendigt sehen möchten. Die I. L. P. hat vom deutschen Parteivor st and die folgende Zuschrift erhalten: „Werte Genossen! Das Internationale Sozialistische Bureau in Brüssel hat uns mitgeteilt, daß die von seinem Vollzugsausschutz seit einiger Zeit zwischen den verschiedenen sozialistischen Parteien Großbritanniens geleiteten Einigungsverhandlungen von Erfolg be- gleitet waren, insofern als es ihm beinahe gelang, die sozialistischen Parteien naher zusainmenzuknüpfen. Aus der uns überreichten Re- solution sehen wir, daß ein gemeinsamer Ausschuß der verschiedenen Parteien gegründet werden wird und daß alle Parteien sich der Arbeiterpartei anschließen sollen. Dieser Bericht des Internationalen Sozialistischen Bureaus hat uns große Freude bereitet. Wir wünschen den weiteren Einigungs- Verhandlungen den besten Erfolg. Die Einigkeit der sozialistischen Parteien Englands schreitet vorwärts. Das britische klassenbewußte Proletariat wird daraus ganz gewiß den größten Nutzen haben." Keileiäzllllndgebuligen zum Code Bebels. Bei Frau Simon in Zürich sind noch folgende Beileids- bezeugungen eingegangen: Im Namen der elsatz-Iothringenschen Gruppe des Reichstags entbiete ich Ihnen unser ehrerbietigstes Beileid. Delsor. Antwort der Frau Simon: Für die mir namens der elsaß- lothringenschen Gruppe des Reichstags gütigst ausgesprochene Teil- nähme verbindlichsten Dank. Frieda Siinon-Bebel. Der S t a d t r a t Z ü r i ch hat mit einer prachtvollen Kranz- spende folgendes Schreiben überreichen lassen: .Zu dem neuen schweren Verluste, den Sie durch den Tod Ihres Vaters und Großvaters erlitten haben, spricht Ihnen der Stadtrat von Zürich sein herzliches Beileid aus. Ist doch dem Verstorbenen unsere Stadt zur zweiten Heimat geworden, in der er nach seinem Wunsche auch seine letzte' Ruhestätte finden soll. Mit August Bebel ist ein Mann dahingegangen, dessen bedeu- tende Persönlichkeit, dessen gerader Charakter und ehrliche Ueber- zeugung weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus von den Angehörigen aller Parteien anerkannt worden ist. Möge Ihnen dies und die Liebe und Verehrung, die dem Ver- storbencn in so hohem Maße zu teil geworden ist, helfen, Ihren Verlust leichter zu tragen." Der Internationale Arbeiter« Verein Genf übersandte einen Riesenkranz aus Edelweiß, die von 12 Arbeitern in zwei Tagen auf den Abhängen des Mont Blanc gesammelt wurden. Von bürgerlichen Parlamentariern kondolierten außer den bereits früher genannten: Friedrich P a y e r, Konrad Haußmann, Kölsch- Karlsruhe, Prof. Dr. Günther, baycr. Landtagsabgeordneter, Dr. M u g d a n. Der Vizepräsident des Reichstages Dove sandte folgende Depesche: Leider verhindert der Trauerfeier beizuwohnen, spreche ich Ihnen herzlichstes Beileid anläßlich des Todes Ihres hochverehrten Vaters aus. Frau Simon antwortete: Für die mir gütigst ausgesprochene warmherzige Teilnahme verbindlichsten Dank. Frieda Simon- Bebel. Ferner gingen noch beim Parteivor st ande Beileids- kundgcbungen ein von der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei in Lodz; von dem politischen Verbände aus Sibirien; von den Druckereiarbeitern in Odessa; von den Arbeitern der Noten- druckerei Jürgenson in M 0 s k a u; von der Redaktion der„Russkoj Bogotsvo" in Petersburg: von der lettischen Parteiorganisation in Jamaika; von 26 politischen Verbannten aus Jrkutsk; von der russischen Arbeitsgruppe Jondowski nebst deren Dumafraktion in P e t e r s b u r g; von der sozialistischen Organisation in Z a r k 0 w! vom Verein„Bibliothek Leo v. Tolstoi" in Prag. politifcbe(UberlicM. Brandt und sein Nachfolger. Auch wir hatten die Nachricht wiedergegeben, daß der berühmte Kornwalzermann, Herr Maximilian Brandt, der praktisch leitende Mann bei der Berliner Vertretung der Firma Krupp, von der Kornwalzerfirma gematzregelt worden und ihm in der Person eines Majors Steinmetz ein Nachfolger gegeben worden sei. Jetzt wird nun gemeldet, daß Herr Steinmetz deshalb nicht als Nachfolger des Herrn Maximilian Brandt in Frage kommen könne, weil er bereits am 1. April 1913 an Stelle des Herrn v. Metzen die formale Leitung der Berliner Vertretung übernommen habe. Seine Berufung stehe also mit der Angelegenheit Brandt in keinem Zusammenhange. Was soll nun eigentlich diese offenbar Krupp-offiziöse Meldung besagen? Daß Herr Brandt überhaupt nicht entlassen worden ist? Oder hat man ihn nur aus dieser Stellung entlassen, um ihn anderweitig um so freigiebiger für seine von ihm der Firma Krupp geleisteten Dienste zu entschädigen? Sicherlich dürfte die Firma Krupp alles aufbieten, um sich, wenn auch nicht mehr die D i e n st e, so doch das ungemein wichtige Schweigen des überaus eingeweihton Herrn Brandt zu erhalten. Hat doch Herr Brandt selbst vor Gericht erklärt daß er noch viel mehr sagen könne, und daß er Jtnr schweige, um nicht den Skandal noch größer zu machen. Ist es also nur selbstverständlich, daß die Firma Krupp Herrn Brandt künftig nicht mehr auf die Zeugoffiziere der A. P. C. usw. loslassen wird, so wird sie doch sicherlich alles aufbieten, um zu verhüten, daß vor der Zivilinftanz in Moabit aus dem A n- geklagten Brandt auch ein Zeuge Brandt werden könne! Reaktionäre Torheit. Bis zu welchem Grad unsinniger und geschmackloser Verbohrt- heit die unentwegte Reaktion es zu bringen vermag, beweist ein Artikel in der Dienstagmorgenausgabe der„Kreuz-Zeitung". Der Artikel besteht aus zwei„Eingesandts", die das führende konser- vative Organ an hervorragender Stelle veröffentlicht, ohne ihnen einen Kommentar zu geben, deren Inhalt es sich also ganz offenbar zu eigen macht. Dieser Inhalt aber besteht darin, daß von den beiden Einsendern der bürgerlichen Klasse und selbst reaktionären Blättern ein bitterer Vorwurf daraus gemacht wird, daß sie Bebel nach seinem Tode— nicht etwa p 0 1 i t i s che Gerechtigkeit widerfahren ließen— sondern daß sie lediglich seine rein menschlichen Eigenschaften mehr oder minder anerkannten. Dein einen der Einsender hat es namentlich folgende Aeußerung angetan: „Der Politiker Bebel darf bei unS aqf keine Sym- pathien rechnen, der Mensch Bebel blieb rein. Er ging durch den jahrzehntelang erbitterten Kampf mit reiner Weste, er hielt seine Finger sauber vom Schmutz, den andere nicht immer zu meiden wußten, und keine politische Gegnerschaft darf so blind sein, daß sie chm an der Bahre diese Achtung verweigerte." Also nicht einmal diese bescheidene Anerkennung der rein per- s ö n l i ch e n Unantastbarkeit gönnt der Gewährsmann der„Kreuz- Zeitung" dem politischen Gegner. Wollte man boshaft sein, so müßte man die bürgerlichen Politiker samt und sonders für mensch- lich unanständige Charaktere halten, da die„Kreuz-Zeitung" die Anerkennung der persönlichen Anständigkeit Bebels schon als unerlaubte Ehrung betrachtet! tivcc warum mißgönnt der Einsender Bebel den Ehrentitel eines menschlichen Ehrenmannes? Weil er unter seiner Abgeordneten« Immunität.ehrenrührige Verleumdungen gegen wehrlose Männer geschleudert" habe. Das ist natürlich eine drei st e Unwahrheit. Denn wenn Bebel beispielsweise gegen einen Peters schärfste Angriffe erhob, so waren diese Angriffe, wie noch der letzte PeterS-Prozeß bewiesen hat. nur zu begründet. Nichtsdestoweniger empfiehlt der der „Kreuz-Zeitung" offenbar so sehr aus dem Herzen sprechende Ein« iender in direktester Verbindung mit Bebel, daß die staatserhaltende Presse.lieber auf gut deutsch einen Ehrabschneider auch einen Ehrabschneider nennen' möge,.gleichviel in welcher Eigenschaft er dieS Gewerbe treibe.' Das ist natürlich kein Sauherdentoni Besonders originell macht es sich, daß die moralische Entrüstung dieses konservativen Biedermannes sich auch gegen die.Kreuz- Zeitung' selbst richtet. Denn auch sie hat in ihrem Bebel gewidmeten Nekrolog anerkannt, daß Bebel wenigstens.ein ehr- licher Schwärmer' gewesen sei. Will sie es jetzt also lieber damit Jjalten, ihn einen Ehrabschneider zu nennen? Man wird uns nicht zumuten, uns über solche Läppischkeiten sittlich zu entrüsten. Das reaktionäre Preßgelichter bringt sich ja dadurch nur selbst bei allen nicht gänzlich dem Hirnschwund ver- fallenen Elementen in Mißkredit. Erwähnt sei des komischen Bei- gcschmacks wegen nur, daß der Angriff der.Kreuz-Zeitung' resp. ihres Gewährsmannes gegen die.Berliner Reue st en Nachrichten' gerichtet ist, also gegen ein ausgesprochenstes Scharfmacherorgan!_ Katholikentag— Zentrumstag! Da? in Breslau erscheinende antibachemsche.Katholische Deutschland' bringt in seiner jüngsten Nummer einen Leitartikel: .Eine vergeffene Hauptaufgabe der deutschen Katholikentage'. Diese Hauptaufgabe ist.die Wiedergewinnung Deutschlands für den katholischen Glauben". ES heißt in dem Artikel: .Für die Heiden in Missionen opfern wir viel, aber neben unS lassen wir Millionen unsterblicher Seelen schmachten und ver« schmachten ohne Sakramente, ohne Wahrheit, ohne Trost im Tode I Und es ist ja nicht einmal wahr, daß sich der ver- ständige Irrgläubige dadurch verletzt fühlen könnte, wenn man ihn aus Liebe und mit Liebe zur Wahrheit ruft. Die Irrgläubigen haben trotz ihrer geistigen Bettelarmut.Evangelisationsvereine' für.Bekehrung' der Katholiken gegründet, und es ist falsch, hierin lediglich Falschheit und Bosheit zu sehen—, vielfach ist bei ihnen doch daS Motiv die Nächstenliebe, die uns Katholiken aus unserer vermeintlichen Finsternis besreien will. Und wir Katholiken sollten solche Liebe nichr haben?... Früher, bis 18S9, wurde auf den Katholikentagen wenigstens noch eine Empfehlung des Canisius-GebetSvereinS zur Ver« einigung Deutschlands im Glauben ausgesprochen; seither ist auch diese unterblieben, ja ein ähnlicher Antrag von unS befreundeter Seite wurde nicht einmal vorgelegt und schließ- lich in rauher Form uns verboten, ihn einzureichen. Der Antrag lautete dahingehend, daß im Hinblick auf die Un- tviffenheit der getrennten Brüder und die ständig zunehmende Ent« christlichung innerhalb des deutschen Protestantismus, die Be- gründung eines.Vereins zur Ausbreitung der katholischen Wahr- heit' in die Wege geleitet werden müsse." DaS ablehnende Schreiben des.Zentralkomitees für die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands' ist vom 11. August 1912 aus Aachen datiert und von dem Generalsekretär Dr. Donders unterzeichnet. Mit der Ablehnung wird die Bitte ver« bunden,.um diesen nun schon so oft eingereichten, für das Zentral« komitee an sich unmöglichen Antrag nicht mehr sich zu be- mühen". Vom Standpunkt des Katholizismus ist das Verlangen des BreSlauer.Quertreiber'-OrganS durchaus konsequent: Der römische Katholizismus beansprucht, die alleinseligmachende Religion zu sein; jeder Nichtkatholik ist irrgläubig, und eS ist Christen- und Nächstenpflicht, ist GotteS Gebot, den Andersgläubigen für die alleinseligmachende Kirche zu gewinnen! Wenn die Macher der Katholikentage dieS nicht gelten lasten und dahingerichtete Bestrebungen unterdrücken, so handeln sie wider den Geist des Katho- liziSmuS; und eS gibt dafür nur eine Ertlärung: diese Bestrebungen laufen zurzeit gewissen Interessen der Leitung der Z e n- trum spartet zuwider. So schreibt denn auch der Verfasser des Artikels im.Kath. Deutschland", Pfarrer Dr. NieborowSki, zum Schluß: .Nun, auf dem nächsten Katholikentage wird ein ähnlicher Antrag von der.Katholischen Aktion' vorgelegt werden. Und ein solcher Antrag wjrd der Prüfstein werden, ob der Katholikentag ein Zentrumstag ist oder nicht. Denn, um noch dies zu sagen: Welches ist denn der tiesste Grund, daß seit 40 Jahren kein Versuch mehr gemacht wird, die armen Protestanten der katholischen Wahrheit zurückzugewinnen? Es ist die Furcht der Zentrumspartei, daß da- d u r ch ihr politisches Gewebe gestört und zer- rissen� w ü r d e. Deswegen wurde bei jedem derartigen Versuch sofort seitens des Zentrums so viel Bedauern und Ver- leugnen ausgesprochen, daß er bald unterblieb. Hat also p o I i- tische Rücksicht und das Geschrei politischer Zeitungen uns bisher von per Samaritertäligkeit an den armen Irrgläubigen ab- gehalten, von nun an werden wir einen heiligen Seelenkreuzzug antreten. Gott will es! Wer kann daran zweifeln, daß Gott die Bekehrung des Irrglaubens, der schon fast ganz Unglaube ge- worden ist, will? Also eine Hauptaufgabe der rein religiösen Katholikentage ist es, auf Mittel und Wege zu raten und zu taten, die Irrenden ins katholische Vaterhaus zurückzuführen."__ Konservativer Wahlterrorismus. Der Wahlkampf in Ragnit-Pillkallen gibt ein sehr lehrreiches Bild von der Art, wie die Konservativen in ihren Domänen den Wahlkampf führen. Daß die Landräte e-Z als eine Selbstverständlichkeit ansehen, den Konservativen dienstbar zu sein, ist bekannt und nach dem Verhalten der Landräte richtet sich ganz natürlich auch das Verhalten der ihnen unterstellten Amtsvorsteher. Die fortschrittliche .KönigSbergcr Hartungsche Zeitung' teilt aus dem Wahlkampfe die beiden folgenden interessanten Vorkommnisse mit: .Der in Wischwill und Umgegend.regierende' Amtsvorsteher hält seine„Untertanen" streng unter der Fuchtel. Ein Gastwirt in Kallwehlen schreibt dem Blatt:.Erteile zur Nachricht, daß ich zu der Versammlung, die am 17. d. M., nachmittags 3 Uhr, in meinem Lokal stattfinden soll, nicht mein Lokal zur Verfügung stellen kann, und bitte, einen anderen Platz zu wählen. Da Sie in Wischwill kein Lokal bekommen haben, so kann ich eS auch nicht machen, denn wir stehen alle unter einem Amtsvorsteher.— Noch größer als in Kallwehlen ist die Furcht vor der Rache der Kon- servativen in Pagulbinnen. Dort wurde einem nationalliberalen Wahlhelfer sogar die Unterkunst für die Nacht verweigert, so daß der Mann trotz des schleckitcn Wetters unter freiem Himmel schlafen mußte. Was man überall im Vaterlande jedem Handwerlsburschen gewährt, mag er auch noch so abgerissen aussehen: ein schützendes Dach für die Nacht, das versagt man in Pagulbinnen einem ehr- baren Gewerbetreibenden, der sich bei seinen Berufsgenossen allgemeiner Achtung erfreut. Aus Furcht vor den konservativen Machthabern!' Daß der nationallibcrale Agitator keine gastliche Stätte fand wo er sein müdes Haupt niederlegen konnte, ist sicher sehr bedauer- lich; aber eS ist sozialdemokratischen Agitatoren in früheren Zeiten in liberalen Ortschaften um kein Haar besser gegangen. Jeder unserer älteren agitatorisch tätigen Genossen wird Beispiele hierfür aus seinen eigenen Erfahrungen anzuführen in der Lage sein. Vom kommunalen Dreiklaffenwahlrecht in Preuhen. In den Städten in Westfalen ist man gegenwärtig mit der Aufstellung und Auslegung der kommunalen Wählerlisten beschäftigt. Ein Einblick in dieselben zeigt die ungeheuerliche Rechtlosigkeit der Arbeiterschaft in diesem Jndustriebezirk. Die Verhältnisse der Stadt Hörde sind in dieser Beziehung typisch. In der e r st e n Abteilung wählen drei Wähler gegenüber 1415 in der zweiten und 4789 in der dritten Abteilung. Das will heißen: ein Wähler der ersten Abteilung besitzt ein 283m al größeres Wahlrecht als ein Wähler der zweiten Abteilung und ein 9S8mal größeres Wahlrechtals ein Wähler der dritten Abteilung. Artikel 4 der Verfassungsurkunde lautet:.Alle Preußen sind vor dem Gesetz gleich." Das Wahlrecht liefert die Illustration zu diesem Grundgesetz. Das Wahlrecht macht die Jndustrieherren zu unbeschränkten Herrschern in der Kommune und wie sich diese Herrschaft zum Nachteil der Bürgerschaft bemerkbar Klüt iillä tränen. AuS JTBn.sta n t i n op e I wird uns geschrieben: Welche Ungeheuerlichkeit der Krieg! Wenn in einer Schlacht Hunderte von Menschen verloren gehen, so fällt daS gar nicht mehr auf, eS mutz schon in die Tausende gehen, um daS Publikum auf» zurütteln! Man hat sich an das Blutvergießen, an alle Grausam- kciten und Schamlosigkeiten der Gewalttätigkeit gewöhnt, und die Opfer selbst des begangenen Massentötens scheinen unter die gleiche .Hypnose zu verfallen und klagen nicht mehr, drücken sich schweigend beiseite, als wenn sie durch das Unglück aus der menschlichen Ge- scllschaft ausgeschlossen worden wären. Ich sah ein Häuflein verängstigter, von diesem Unglück be- drückter Menschen, die wie durch ein Wunder dem allgemeinen Ge- metzcl entgangen waren, als ihre Dörfer zum Opfer sielen. ES sind das bulgarische Flüchtlinge. Den Rekord an Grausamkeiten hielten ja im zweiten Balkankriege die Bul- garen. Aber in diesem Teil sahen wir nicht bulgarische Peiniger, sondern bulgarische Märtyrer. Es sind Erwachsene von zwei Dörfern, die vom türkischen Heer, nach dem Rückzüge der Bul- garen, neu besetzt wurden: Bulgarhein und Poschamten. Ich will gleich an dieser Stelle noch hervorheben, daß nach übereinstimmen- der Erklärung aller, die ich ausfragte, die Grausamkeiten von den kurdischen und arabischen Reitern begangen wurden. Als die ersten Nachrichten von dem Gemetzel in den erwähnten Dörfern kamen, beeilte sich der griechische Patriarchat zu inter- venieren. Er beabsichtigte zugleich eine Kommission an Ort und Stelle zu senden, um eine Untersuchung vorzunehmen, kam aber später von seinem Gedanken ab und beschränkte sich darauf, die Flüchtlinge, die dem Massaker entkamen, auf der Insel Prinkope, in der Nähe von Konstantinopel, unterzubringen. Es scheint, daß man im griechischen Patriarchat annahm, die Bevölkerung jener Ortschaften sei griechisch; soll deshalb der Eifer der geistlichen Herren erlahmt haben, weil eS sich herausgestellt hat, daß es Bul- garen waren? Sie erzählten mir ihr Leid in einfachen Worten: es sind d,«. selben Geschichten, die man schon öfters gehört hat:� Mord, Ver- gcwaltigung, Raub, keine Bestialität, die während dieses Krieges nicht auch vielfach an anderen Orten an Tausenden von Menschen begangen worden wäre. Immer dasselbe! Aber wie traurig. wie beschämend ist das für unsere sogenannte Zivilisation! Wir treten in den gewaltigen Hof deS griechischen Wachthauses, wo die Flüchtlinge untergebracht sind. In einer Ecke bemerken wir ein Häuflein Menschen, meistens Kinder, dann Frauen, dazwischen einige Männer. Sie haben sich über die Wiese zerstreut und sehen so hilflos und verlassen aus wie eine Schafherd«, die sich vor dem Sturme flüchtete. Ihre Mitteilungen über daS Vorgefallene sind durchaus über- einstimmend. Ich gebe die Erzählung eines Jungen wieder, der klar und ohne viel Uebcrlegung meine Fragen beantwortet«. „Vater, Mutter sind weg. Auch die Großmutter, der Onkel. Ich weiß nicht, wo sie sind. ES war am Tage. Da sahen wir, es kommen die türkischen Soldaten. Lauter Kavallerie. Kurden und Araber. Wir gingen ihnen entgegen, mit dem Popen. Brachten ihn«n Brot, Eier, Butter. Drei, vier Tage fütterten wir sie. Dann flohen wir in die Berge...." „Warum seid ihr denn geflohen?" „Die Soldaten begannen uns zu bedrohen. Wir bekamen urcht und flohen in die Berge. Da kam zu uns der Jaschbaschi. ehrt zurück— sagte er— es wird euch nichts geschehen." „Da kehrten wir zurück. Wir fanden aber alles ausgeplündert. Man drang nun zu uns in die Häuser ein. Wir verstanden nicht ihre Forderungen, denn sie sprachen arabisch und sie prügelten uns. Dieses Militär ging fort und es kam anderes. Jetzt versammelte man alle Männer. Man band je drei zusammen. Man setzte das Dorf in Brand. Fing an zu schießen. Von allen Seiten kamen Gewehrsalven. Die Weiber fingen an zu schreien und flüchteten. Ueberall wurde geplündert. Ich flüchtete ebenfalls, als alle flohen." „Ich sah mit meinen eigenen Augen, wie zwei Mann mit Lanzen erstochen wurden und wie man einem jungen Mann Ohren und Nase abschnitt." Vom Dorf Hulparken ist, nach der Versicherung der Flüchtlinge, kein einziger erwachsener Mann übrig geblieben, alle sind er- schlagen worden. Und es waren im Dorf 400 Höfe! Unter den lüchtlingen aus diesem Dorf sehe ich tatsächlich keinen einzigen rwachsenen. Von Poschamken sind etwa 50 Männer gerettet und 200 Kinder und Frauen! Ein Lehrer der Dorfschule hat sich selbst erschossen, um nicht in die Hände der Wüteriche zu fallen; ein anderer blieb im brennenden Hause. So erzählten die Flücht- linge:„Wem man im Felde traf, der wurde erschossen." Alle er- zählen, daß sie auf dem Wege viel verkrüppelte Leichen trafen. Männer und Frauen, denen es nicht gelang, zu flüchten, wurden entführt.„Man nahm sie mit. wir wissen nicht, wohin.' Es läßt sich denken, in welcher Angst die Frauen flüchteten! Ich rufe aus den Reihen eine junge Frau heran; ihr verstörter Gesichtsausdruck fiel mir besonders auf. Sie wollte erst nicht; doch, aufgemuntert von den anderen, tritt sie schließlich hervor. Ich frage sie, weshalb sie weine. „Es tut so weh," sagt sie.„DaS Dorf ist verbrannt. Der Vater ist erschossen. Die Brüder find ebenfalls erschossen. Meinen Mann hat man gebunden und getötet. Das Kind, anderthalb Jahre alt, habe ich weggeworfen...." „Wie, weggeworfen?" Ich richte an sie eine Frage, und eine bange Vorahnung von etwas Entsetzlichem erfüllt mich. „Alle schreien: werft die Kinder weg, um besser laufen zu können. Viele haben es getan. Ich warf das meine auch weg!..." Also das war eS!„Werst die Kinder weg!" Im Hintergrunde brennt das Dorf und es stürzen die Häuser ein. Gewehrsalven, Schreie, tobendes Gemetzel. Entsetzt fliehen die Frauen. Sie sehen nichts mehr, hören nichts, sind sich nichts mehr bewußt als des einen: der furchtbaren Verfolgung, der sie entkommen wollen — und sie werfen ihre Kinder weg, um besser laufen zu können..- Vorher kam ein altes Mütterchen an uns heran— spindeldürr, zusammengeschrumpft, mit zahllosen kleinen Falten im Ge- ficht, mit zitternden Händen und triefenden Augen. „Ich hatte Glück," murmelt sie,„ich kam davon." Es klingt aus diesen Worten eine freudige, verwunderte Frage, als wenn sie es unbegreiflich fände, daß gerade ihr da» passieren sollte.„ macht, ist hinreichend bekannt. Freilich: daS Bürgertum hat sich gottergeben an dieses echte preußische Recht so sehr gewöhnt, imß es noch staunt und sich gar beunruhigt fühlt, wenn die Arbeiterschaft nach ernsten Mitteln sucht, diesen schmachvollen Zustand zu be» seitigen._ Christentum und Krieg. Die Zentrumspresse hat das Titelbild der Nummer 20 des „SimplicissimuS", daS sich mit den Greueln des Balkankrieges be- faßte, zum Anlaß genommen, an die„verantwortlichen S: e l I e n' die Frage zu richten, ob eS keine Mittel gebe, solchen „Beschimpfungen der christlichen Religion, die einer Gottes- lästernng gleichkommen", ein Ende, zu machen. Der„Simpli- cissimus' hat nämlich eine treffende Charakteristik jener Sorte „Christen" gebracht, die sich auf dem Balkan in den scheußlichsten Bestialitäten nicht genug tun konnten. Das Münchener Witzblatt hat nicht das Christentum beschimpft, sondern dies vor den kriegs- freundlichen Maulchristen, zu denen auch unsere ZentrumSpharisäer gehören, in Schutz genommen. Diesen möchten loir die folgenden Bemerkungen, die wir in der Nummer(32) der„Christlichen Welt' finden, unter die Nase halten: „Es ist wohl keine subjektiv bewußte, aber eine unbewußte Heuchelei, wenn man meint, Christentum und Krieg ver- einigen zu können. Heuchelei ist es. von einem Gott der Liebe zu reden und von ihm zu verlangen, daß er uns helfe, unsere Feinde zu röten. Heuchelei ist eS, vom Reich Gottes zu träumen und die Verbindung der Völker als Utopie zu verwerfen. Heuchelei ist es. „Friede auf Erden' zu predigen und doch an diesen Frieden nicht zu glauben. Heuchelei ist es. sich auf den Namen Jesu des Friedefürsten zu berufen und zugleicki den Haß g e g e ns die A u s l ä n d e r,: die er ebenso erlösen wollte, wie uns, zu schüren. Wie sagt doch Mirza Schaffy? Ihr mögt von Krieg und Heldentum So viel, wie ihr nur wollt, verkünden, Nur schweigt von eurem Christentum Gepredigt aus Kanonenschlünden...' Vielleicht denunziert die Zentrumspresse, auf die diese Kenn- zeichnung buchstäblich zutrifft, auch den Verfasser dieses Artikels der Marburger Wochenschrift._ Drei Jahre«nd einen Monat Gefängnis für einen Trunkenheitsexzest. Das Kriegsgericht der elften Division in Breslau, unter Vorsitz des Majors Grafen v. Wengerski verurteilte den Kanonier Paul B o k d o l vom Regiment 21 in G r o t t k a u wegen tätlichen Angriffs, Achtungsverletzung. Gehorsamsverweigerung, Be« Harrens im Ungehorsam gegen einen Vorgesetzten zu' drei Jahren und �einen Monat Gefängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatcnstandes. Der Kanonier kam angetrunken in die Kaserne. Unteroffizier Müller hieß ihn. sich rllhig schlafen zu legen. Bokdol schlug mit beiden Fäusten den Vorgesetzten vor die Brust, daß er hinstürzte und als er aufstehen wollte, faßte der Mann den Unteroffizier um den Hals und drückte ihn nieder. Der Anklagevertreter, KriegSgerichtSrat Dr. RöSler beantragte An- nähme eines schweren Falles, aber unter Zubilligung mildernder Umstände, zwei Jahre einen Monat Gefängnis nebst Ehrenstrafe. Bok dol will sinnlos betrunken gewesen sein. Sein Verteidiger plädierte in erster Linie für Freisprechung wegen Un- zurechnungsfähigkeit, sonst aber für Annahme eines minderzchweren Falles. Das Kriegsgericht nahm nicht sinnlose Trunkenheit an, billigte ihm auch keinen minderschweren Fall zu. Für den tätlichen Angriff wurde da« Mindeststrafmaß, welches das Milltärsstafgesetzbuch bei einem schweren Fall festsetzt, drei JahreGefängnis, ein- gesetzt._ Das Vorgeben der Cürkei gegen Bulgarien. Die Besetzung von Gebieten auf altbulgarischer Erde dürch türkische Truppen gibt der internationalen Presse, der nach dem Frieden von Bukarest der Sensationsstoff auszu- gehen beginnt, Anlaß zu allerlei Alarmnachrichten und Kom- binationen. Zweifellos bedeutet das blinde Draufgängertum der jungtürkischen Militärpartci eine Gefahr, da dadurch die panslawistische Reaktion in Rußland mobil gemacht wird und das Gespenst eines russischen Einmarsches in Armenien immer wieder auftaucht. „Wie alt bist Du, Großmütterchen? Wohl an die Hundert?" „Ich weiß es nicht. Dürfte wohl hundert sein. Kinder habe ich längst nicht mehr. Ich bin allein. Und ich bin am Leben ge- blieben." Inmitten der furchtbaren Verwüstung, die sich vor unseren Augen entrollt, erscheint es wirklich selffam, daß gerade dieses alte Mütterchen am Leben bleiben sollte. Und die Kinder— die Säuglinge, die noch nicht auf ihren schwachen Beinchcn stehen und laufen können— die hat man weg- geworfen.... Sie sind zerstreut auf dem Wege, unter Sträuchern und in den Gräben. Wer wird sie ernähren? Die sengende Sommersonne wird ihnen die Augen und die Lippen brennen, sie werden vergebens die Mutterbrust suchen. Die herumstreifenden Wölfe werden ihr Wimmern erhören und die Raben werden die Reste ihrer mageren Körperchen verzehren!... Soll ich noch weitere Episoden erzählen? ES ist ja alles daS» selbe! Grausame Schlachten und Mordbrennen! Ich frage die Flüchtlinge, ob sie den Wunsch haben, nach Bul- garien auszawandern? Uebereinstimmend und freudig antworten sie:„Ja!" Warum aber nicht in die alten Orte zurückkehren? Da lächeln sie bitter: alles sei verbrannt. Wenn man ihnen aber Häuser und Vieh geben würde?„Wir wollen nicht. Wir können nicht. Es ist die Angst. Wir fürchten uns." Gesetzt selbst, diese Furcht sei unbegründet, denn sie lebten doch lange Jahre im Frieden, so bedenke man dock», welche furchtbaren Erinnerungen jetzt für sie mit jenen Orten verbunden sind! Blutige Gespenster blicken ihnen entgegen. Hinter jedem Strauch, auf jeder Wiese, aus dem Feldweg, von jedem Fleckchen des heimatlichen Bodens! Wer solches erlebte, kann es nicht mehr vergessen, bleibt gezeichnet für sein ganzes Leben. Und wenn eS ein ganzes Volk betrifft, entsteht eine Mafienpsychose. Und das, was ich schilderte, ist ja bloß ein kleiner Teil dessen, was geschah; und das, was in den zwei Dörfern Bulgarhein und Poschamken geschah, ist äußerst winzig im Vergleich zu dem, tvaS dieser Krieg in seinem traurigen Verlauf anrichtete. Wenn das Schicksal und die Erlebnisse dieser einiger hundert bulgarischer Flüchtlinge unser Mitleid erregen, so wollen wir doch auch an jene nicht etwa hunderte, sondern hunderttausende türkischer Flüchtlinge denken, deren langer Zug Thrazien und Mazedonien durchquerte, verfolgt, wie gehetztes Wild, hinter sich eine breite Blutspur hinterlassend! Ein gewaltiges Meer von Voltsschmerz überflutete diese Län- der und seine Wellen peitschen blutigen Schaum aus; Ruinen menschlicher Wohnungen, menschliche Leichen mit entsetzten Ge- sichtern ohne Zahl, darunter zarte Kinder und Frauen mit ver- stümmelten Körpern und derRauch derBrände verdunkelt dieSonn«. Da» ist der Krieg! Ob es nicht schon Zeit ist. dem ein Ende zu machen? Ob e» nicht Zeit ist, zu den Ideen der Kultur zurückzukehren und sich von dem Furchtbaren Rechenschaft zu geben, das angerichtet wurde? Damit dieses Furchtbare sich nicht wiederhole! Die Grausamkeiten des Balkankrieges! Aber begreift ihr denn nicht, daß dies blutige Vorzeichen sind eine» europäischen Krieges? Wir werden dazu vorbereitet, in. dem unsere Nerven abgestumpft werden, unsere Empfindsamkeit herabgesetzt und eine KriegSgewohnheit geschaffen wird! In den Konstantinopeler Regierungskreisen ist man sich aber ohne Zweifel klar, daß bei der völligen Wirt- schaftlichen Erschöpfung der Türkei ein Kampf mit Bulgarien und Rußland aussichtslos ist. Man weiß recht gut, daß man auf den guten Willen Europas angewiesen ist, um das so nötige Geld zu erhalten. Diese Erkenntnis wird auch all- mählich den Hitzköpfen im Hauptquartier zu Adrianopel auf- gehen. Ueber die Absichten der Türkei wird der„Franks. Ztg." aus Konstantinopel gemeldet: Mehrere Botschafter haben geglaubt, in ihren Unter- redungen die Pforte vor der Uebcrschreitung der Maritzalinie eindringlich warnen zu sollen. Als Antwort entwickelte die Pforte ihre Absichten dahin, daß es ihr fern liege, eine Linie ienseits des Maritzaflusses dauernd zu besetzen. Von der Armee seien allerdings gewisse Punkte zum Schutze der muselmanischen sowie der nichtmuselmanischen Bevölkerung, die den bulgarischen Greueln ausgesetzt seien, provisorisch besetzt worden. Daß es sich aber um keine dauernde Besetzung handle, gehe daraus hervor, daß die Pforte von der Einsetzung von Zivilbehördcn absehe. Sobald Bulgarien den Besitz Ädrianopels anerkennt, würden diese verhältnismäßig unbedeutenden Komplikationen verschwinden. Trotz der Niedermetzclung der Gefangenen von Eski Zigora und der noch in diesem Augenblick von Bulgarien für gut be- fundenen Drangsalierung der Muselmanen im Gebiete von Kirdschali habe die Pforte von neuen Operationen abgesehen und die dringenden Beweggründe, welche einen Vormarsch durchaus gerechtfertigt hätten, aus Nachgiebigkeit vor Europa unberücksichtigt gelassen._ Oeftermeb. Die Wut der deutschböhmische» Spießer. Prag, 18. August.(Eig. Ber.) Wenn man in der Berliner bürgerlichen Presse die Artikel über Deutschböhmen und die Sonntag in Komotau abgehaltene Vertrauensmänner- Versammlung liest, könnte man glauben, daß demokratischer Männertrotz das deutschböhmische Bürgertum gegen die Be- seitigung der Landesautonomie und die staatsstreichlerische Einsetzung der k. k. Landesverwaltungskommission empöre. Aber da müßte man die Bürger Deutschböhmens und erst recht ihre Wortführer nicht kennen. Ihr ganzes Toben ent- springt einzig und allein der Todesangst, daß die Beamten der Landeskommission sich vielleicht doch nicht mehr zum systematischen Amts- und Amtsgeldermiß- brauch für die Chauvinisten und gegen die deutschen Arbeiter und die tschechischen Minderheiten hergeben werden, worin zuletzt das ganze Wesen der„Selbstverwaltung" bestand I Und zum zweiten ist der Beweggrund des Spießertobcns, wie wir hier schon ankündigten, die Besorgnis vor dem Auf- zivingen einer Landtags Wahlreform, die endlich auch die beiden Völker Böhmens, nicht nur die Spießercliqucn und die Agrarier im Landtag zum Wort kommen ließe. In Komotau hat man den Deutschen Nationalvcrband im Wiener Reichsrat aufgefordert, Opposition zu machen. Vielleicht geht Stürgkh daraufhin, und für seinen jungfräulich un- beflectten Nachfolger können die Nationalverbändler wieder ihre Mameluckendicnste leisten. Daß der National- verband es durch Obstruktion zu Neuwahlen treiben wird,'ist recht zweifelhaft. Sein Gewissen ist schlecht, er hat die Tabakpreiscerhöhung, die Mobilisierungen, all den inneren Jammer zu verantworten, und gegen die Regierung könnte er sein Hauptargument, den Terrorismus und den Wahl- schwindet, nicht anwenden, und schließlich brauchen sich sogar die schäbigsten Schriftleiterverleumdungen ab.— Diese Unsicherheit des Ausganges geht auch daraus hervor, daß die Vertrauensmänner in Komotau nicht Obstruktion, sondern nur schärfste Opposition forderten. Hmcnha. Verschärfung des Konflikts zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Der bisher im mexikanischen Bürgerkriege siegreich ge- bliebene Diktator H u e r t a ist von den Vereinigten Staaten nicht als Präsident Mexikos anerkannt worden. Er drohte daher, den neuen Gesandten der Union namens Lind nicht an- erkennen zu wollen. Lind ist zwar in Mexiko eingetroffen, zu einer Verständigung kam es aber nicht. Es gab im Gegen- teil sehr erregte diplomatische Auseinandersetzungen. Am Dienstag sollte Huerta sogar der Regierung in Washington ein Ultimatum gestellt haben, das dahin ginge, ihn innerhalb 24 Stunden anzuerkennen, sonst würden die diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Diese Meldung wird allerdings von Washington aus denrentiert: jedenfalls haben aber die Intrigen amerikanischer Kapitalkliquen einen Zustand her- beigeführt, der auf die Dauer nicht bestehen bleiben kann. Nach einem Telegramm aus Washington erklärte der Staats- sekretär, daß er kein Ultimatum, wohl aber eine neue Ab- lehnung der amerikanischen Vorschläge zu einer friedlichen Beilegung der Revolution erhalten habe. Obwohl die Mit- glieder der Regierung über diesen Gegenstand Stillschweigen bewahren, ist es wahrscheinlich, daß diese Ablehnung alle Be- Ziehungen mit Huerta aufhebt. Der Senat und amtliche Kreise erklären, daß die Regierung alles getan habe, was ein freundschaftlich gesinnter Nachbar hätte tun können, ohne die Gewalt zu Hilfe zu nehmen, wofür keine Stimmung bestehe. Das einzige Interesse der Vereinigten Staaten sei fetzt der Schutz von Leben und Eigentum. Die finanziellen Verluste könnten durch Entschädigungen gedeckt werden. Die Men- schenleben würden am besten dadurch geschützt, daß die Bürger der Vereinigten Staaten Mexiko verließen. Die Regierung erörtert daher die Entfernung der Amerikaner aus Mexiko, wobei für bedürftige Personen die Beförde- rungskosten bezahlt werden sollen. £Iiis der Partei. Totcnliste der Partei. Der meiningensche Landtagsabgeordnete, Genosse E ck h a r d t, ist in der Nacht zum Dienstag in seinem Wohnort Salzungen im Alter von 66 Jahren gestorben. Der Verstorbene war seit Jahr. zehnten in der Partei tätig und gehörte seit 1837 dem meiningenschen Landtage an. Aus den Organisationen. Eine außerordentliche Landeskonferenzfür den Reichstags Wahlkreis Äoburg stellte am 17. August für den verstorbenen Genossen Zielsch den Genossen Rechtsanwalt Hof- mann aus Hof i. B. mit 68 von 60 abgegebenen Stimmen als Reichstagskandidaten auf. Als Delegierter zun: Partei- tage in Jena wurde Genosse Redakteur Franz Kling ler-Koburg gewählt. Parteiliteratur. Sozialdemokratie und Militärvorlage. Mit diesem Titel erschien soeben im Verlage der Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. H., Berlin, in der Serie Sozialdemokratische Flugschriften ein neues Heft. Das Heft beschäftigt sich mit der gewaltigen Heeresvorlage und der Stellung der Sozialdemokratie zu dieser. Der Preis beträgt 10 Pf. Eine Ausgabe ohne Umschlag— die zur Massenverbreitung bestimmt ist— wird den Organisationen zu ganz niedrigen Preisen geliefert. Bestellungen sind an die Buch- Handlung Vorwärts, Berlin, zu richten. polireilicbes» emcbtUcbea ulw. Preßprozeß. Der Redakteur der„Altenburger Volkszeitung" wurde wegen Beleidigung eines Feldwebels, den er in Gegensatz zu einem, wie in der Zeitung hervorgehoben war, humanen Hauptmann stellte, zu 5 0 M. Strafe verurteilt. )Zu3 Industrie und Handel. Lage des deutschen Arbeitsmarktes. Das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ist der letzte und zu- weilen auch klarste Reflex der wirtschaftlichen Gcsamtlage. Teueres Geld, mangelnde Unternehmungslust, darniederliegende Bautätigkeit sind zum Teil die Ursache der ungünstigen Arbeitsmarlllage. Die Andrangsziffern, d. i. die Zahl der Arbeitsuchenden, die auf 100 offene Stellen kamen, gestalteten sich in den Monaten Januar bis Juli, verglichen mit den gleichen Ziffern der Monate vorigen Jahres, folgendermaßen: Jan. Febr. März April Mai Juni Juli 1912.. 168,0 125,8 110,7 116,7 117,6 118,3 112,2 1913.. 137,1 131,4 118,9 123,5 128,9 126,9 135,7 rcsp. Abn.- 20,9+ 6'1+ 8'2+6'8+11'2+ 8'6 4- 23.5 Nur der Januar d. I. zeigte ein günstiges Bild, während der Juli dieses Jahres mit dem hohen Ueberschuß von 23,5 eine leines- wegs günstige Prognose für die Zukunft stellt. Riesenauffchwnng des Exports der Vereinigten Staaten. Das Kaiserliche Generalkonsulat in New Dork berichtet eingehend über den Aussuhrhandel der Vereinigten Staaten. Das bemerkenswerteste in diesem Berichte ist eine vergleichende Zusammenstellung der Aus- fuhrwertziffern der Union, Großbritanniens, Deutschlands und Frank- reichs, aus der mit aller Deutlichkeit hervorgeht, wie die Vereinigten Staaten immer mehr auf die Abnahme des Auslandes angewiesen sind, was unter andern zu einem größeren Entgegenkommen Nord- amerikas in der Frage der Zolltarifierung und der Zollbehandlung führen muß. Der Wert der Ausfuhr heimischer Fabrikate betrug': Es erhellt hieraus, daß die amerikanische Ausfuhr dieser Art dem Werte nach unter den zum Vergleiche herangezogenen Haupt- sächlichsten Aussuhrländern der Welt die dritte, hinsichtlich der pro- zentualen Zunahme von 1900 bis 1912 die erste Stelle einnimmt. Vom Umfang de? Tabaktrusts. Durch einen früheren Ange- stellten des englisch-amerikanischen Tabaktrusts wurde die Behaup- tung ausgestellt, die Zigarettenfabrik Manoli in Berlin stehe mit diesem Trust in Verbindung. Der Syndikus des Verbandes der deutschen Zigarettenindustrie und der Syndikus des Verbandes zur Abwehr des Tabaktrusts selbst teilen nun mit. daß diese Behaup. tung den Tatsachen nicht entspricht. (Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.) 8o2iale3. Gegen die Arbeitslosenversicherung. Von den Gemeinden Neukölln und Schönoberg ist bekanntlich ber dem Zwcckverband Grvtz-Bcrlin der Antrag gestellt worden, die Arbeitslasenderficherung— solange eine reichsgesetzliche Regelung nicht besteht— für Groß-Bcrlin einheitlich zu regeln. Dieser üntrag hat die Frage der Arbeitslosenversicherung wieder in Fluß gebracht. Aber schon sind die vom Zentralverband der Industriellen beeinflußten Offiziösen daran, energisch abzuwinken. Schwein- burgs„Berliner Politische Nachrichten" reden von der Stimmungs- mache zugunsten der Arbeitslosenversicherung, der gegenüber„vor einer abwegigen Auffassung und Behandlung„des Arbeitslosen- Problems" dringend gewarnt werden müsse". „Nach der Verabschiedung der Reichsversicherungsordnung und des Privatangeslelltcnversicherungsgesetzes darf nach Recht und Billigkeit das große Werk der deutschen Sozialversicherung in seinen Grundzügen und Destimmungszwecken im wesentlichen als a b g e- schlössen gelten.... Wollte man dennoch dem lockenden Worte folgen, daß mit der Arbeitslosenversicherung die staatliche Arbeiter- fursorgegesetzgebung zum_ Abschluß gebracht werden müßte, so würde man sehr bald dieselbe Erfahrung machen, die noch jede neue Maßnahme auf dem Gebiet der sozialpolitischen Gesetzgebung gebracht hat: weiteren Wünschen, erhöhten Forderungen wären dann Tor und Tür geöffnet und des Streitens und Feilschcns um sozialpolitische Reformen und Neuschöpfungen wäre kein Ende. Gegen die Einführung einer Arbeitslosenversicherung sprechen aber noch andere, sehr gewichtige Bedenken. Bis jetzt gab es nur kleine Anfänge einer Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Aber es hat sich bereits gezeigt, daß es sehr schwierig war, zutreffend zwischen Arbeitslosen und Arbeitsscheuen 5U unterscheiden, und es hat sich weiter gezeigt, daß von den zu diesem Zweck getroffenen Einrichtungen diejenigen Arbeiterorganisationen den größten Vorteil haben, die über den größten Mitgliederbestand und die zuverlässigste Disziplin verfügen. Und weiter: Würde von Reichs wegen eine allgemeine Arbeitslosenversicherung ins Leben gerufen, so würde die allgemein beklagte Herabsetzung der Ar- beitSenergie, der Strebsamkeit, der Selbstverantwortlichkeit, die die Arbeiterversicherungsgesetzgebung im Gefolge gehabt hat, ins Ungemessene steigen, sie könnte zu einem volkswirtschaftlichen Krebsschaden werden...- Allein die ArbeitSbeschaffrmg bietet die Gewähr, daß nicht der Glaube sich einnistet, auch ohne Arbeit sei im Gegenwartsstaate eine Existenz möglich. Schließlich bietet nur die Arbeitsbe- 'chaffnng die Möglichkeit, das Uebel der Arbeitslosigkeit an der Wurzel zu fassen, nämlich die Arbeitslosen da zur Ver- sügung zu stellen, wo sie gerade gebraucht!v erden, und sie da zu entfernen, wo für ihr Angebot kein Bedürfnis besteht. So ausgefaßt und'behandelt kann die Frage der ArbeitSlosenfürsorge «tner Lostnrg entgegengeführt Zverden. die Me dauernde Gesun». dung unserer wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu bringen vermag." Schweinburg kommt zu spät, wenn er jetzt erst den Glauben bekämpfen will, daß auch ohne Arbeit im Gegenwartsstaat eine Existenz möglich sei. Es leben so viele Faulenzer, so viele Drohnen, ohne daß sie selbst arbeiten, vom Schweiße der Arbeiter, und die herrschende Wirtschaftsordnung ermöglicht so viele Existenzen ohne eigene Arbeit, daß sich der Glauben an die Existenz ohne Arbeit gar nicht erst einzunisten braucht, daß er bei den Besitzenden Fleisch und Blut geworden ist. Nicht gegen die Arbeiter braucht man die Notwendigkeit der Arbeit zu betonen, sondern gegen das Drohnen- tum in der kapitalistischen Gesellschaft. Im übrigen zeigt der An- griff auf die Arbeitslosenversicherung nur wieder die Harmonie zwischen Großindustriellen und Agrariern, denn dsr Wunsch, die Arbeitslosen dort zur Verfügung stellen zu können, wo sie gerade gebraucht werden, will nichts anderes besagen, als�daß man die städtischen Arbeitslosen aufs Land abschieben möchte, um den Agrariern billige Arbeitskräfte zu sichern. Spekulation auf die Unkenntnis der sozialen Einrichtungen. Der Ncichszuschuß zur Hinterbliebenenversicherung ist für 1913 in Höh« von 1950 000 M. angesetzt. Man nimmt an, daß dieser Betrag ausreicht. Die Offiziösen versichern,„daß sich die Wabo» nehmung gezeigt habe, daß nach Einführung eine- neuen Versiche- rungszweiges von den in einem Jahre a n s p r u ch s ber echt i ß s gewordenen Personen nur ein Teil tatsächlich An» spräche geltend macht." Statt nun die anspruchsberechtigte,, Personen auf ihre Ansprüche aufmerksam zu machen, freut man sich, daß weniger Geld gebraucht wird. Soziale Fürsorge! Lohnprellerei. Recht eigenartige Pvaktiken, die geradezu zur öffentlichen Brandmarkung herausfordern, scheint der Schneider E. Dim- sack, laut Adreßbuch Elbinger Straße 40, seinen Arbeitern gegen- über anzuwenden. Gestern standen gleich zwei Sachen vor dem Jnnungsschiedsgericht gegen ihn an, wo die Kläger den Lohn für eine Woche forderten. Beide waren vom Beklagten eingestellt, eine Woche beschäftigt und dann ohne Lohn entlassen worden. Dim- fack war zum Termin nicht erschienen. Aus einigen Aeuße- rungen war aber zu entnehmen, daß er schon öfter diese Methode, feine Leute um den wohlverdienten Lohn zu prellen, angewendet hat. Wie es nm D. bestellt ist, kann man aus dem Rat des Vor- sitzenden an den Kläger schließen, daß es zur Erleichterung der Zwangsvollstreckung gut sei, sich nach der Firma zu erkundigen, für die D. liefere. Es liegt im öffentlichen Interesse, vor einem der- artigen Arbeitgeber nachdrücklichst zu warnen. „Lehrzeit" einer Näherin. Eine jugendliche Arbeiterin klagte gestern vor dem Jnnungs- schiedsgericht gcgeg die Inhaberin einer Nähstube Melchert auf Auszahlung von 4 M. einbehaltenen Lohnes. Mündlich war eine Lehrzeit von einvierteljährlicher Dauer verein- bart, während welcher 6 M. W o ch e n l o h n gezahlt werden sollte. Die Klägerin wartete jedoch den Wlauf der„Lehrzeit" nicht ab und die Beklagte glaubte nun daraus eine Art Kontraktbrnch her- leiten und obigen Betrag einbehalten zu können. Sie mußte sich aber sagen lassen, daß sie auf alle Fälle das Geld Heransgeben müsse und daß im übrigen auch der„Lehrvertrag" leine gesetzliche Gültigkeit habe.. Soviel Verständnis sollten unseres Erachten? die gesetzlichen Vertreter jugendlicher Personen selbst besitzen, daß derartige Ab- machungen in der Tat nichts anderes sind, als eine ziemlich durch- sichtige Verschleierung der a l le rg r öb Ii ch st e n Aus- b e u t u n g, und sollten ihre Einwilligung dazu niemals hergeben. Die Kindersterblichkeit in Rustland. Der„Köln. Ztg. wird geschrieben: Die ftotistischen Tabellen auf der jüngst in Petersburg veranstalteten Allrussischen Hygieneausstellung, welche die Sterblichkeit der Kinder graphisch darstellen, liefern das Ergebnis, daß sich bei der Verteilung der Bevölkerung nach Religionen scharfe, offenbar nicht zufällige Unterschiede ergeben. Am größten ist danach Re Sterblichkeit unter den Griechisch-Orthodoxen, d. h. den Groß- russen, mit 51,2 Todesstille auf 1000 Geburten. Wenn dem auch eine unvergleichlich höhere Geburtenziffer gegenübersteht, so läßt die ungeheuer große Zahl doch Rückschlüsse aus schwere Mängel in der Lebensweise des Volkes zu. Der Prozentlatz der Gestorbenen bei den Mosltm ist über die Hälfte kleiner, bei den Pro- testanten annähernd ebenso gering. Besonders der auffallende Unter- schied gegen die mohammedanische Bevölkerung führt auf die richtige Spur. Die Moslim trinken keinen Alkohol, jedenfalls keinen Schnaps. Und gerade in den Zentren des größten Schnapsvorbrauches, in den Großstädten Petersburg und Moskau, ist die Sterblichkeit der Kmder am größten. Selbst die trostloje Versorgung des Dorfes mit ärztlicher Hilfe ses kommt im Durchschnitt auf 22 000 Einwohner ein akademisch gebildeter Arzt) und das Ueberhandnehmen der von Droschkenkutschern, Arbeitern und anderen städtischen Saisonarbeitern nach den Dörfern ver- schleppten Syphilis, des Krebses und der Schwindsucht erscheint neben den Verheerungen des Alkohols als minder wichtig, �er staatlich vertriebene Alkohol, der angeblich zum Monopol gemacht wurde, um dem Schnapsgenuß zu steuern,, ist der schlimmste Würgeengel der russischen Jugend. Die Kindersterblichkeit ist ohne Frage diesem Wolkslaster zur Last zu legen. Die extensive Volkswirtschaft Rußlands reckrnet auch mit dem Menschenmaterial einstweilen noch lo verschwenderisch, als ob diese Quelle nie versiegen könnte. Wenn nun fteilich auch die Bevölkerungszahl absolut steigt, so dürste unter den geschilderten Verhältnissen ein Rückgang in dem Wert deS Materials unausbleiblich sein.— Ursache und Wirkung sind bei dieser Dar- stellung verkehrt worden. So verheerend der SchnapSkonsnm auch wirkt, er ist nur eine Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse, das heißt der elenden Lebensweise. Die Protestanten weisen eine geringere Sterblichkeit auf, weil sie im wesentlichen die städtische Bourgeois- bevölkerung(vornehmlich Selbständige und besser bezahlte Angestellte) repräsentieren. Die Groß-Russen sind dagegen in der Mehrzahl Bauern oder Lohnarbeiter in der Stadt, deren beider Los bekanntlich in dem Despotenstaate ein unsäglich trauriges ist. NacbrSdrtcn. Mord ans Eifersucht. Aus Neukölln wird uns wieder eine schwere Bluttat gemeldet. Eine in dem Hause Hermannplatz 6 wohnende Frau Adam wurde gestern abend von ihrem Schlafburschen erwürgt. Der Täter wurde verhaftet. Das Motiv zur Tat soll Eifersucht sein. Ausbreitung der Cholera in Bosnien. Sarajewo, 19. August.(P. C.) In Bosnien breitet sich die Cholera immer weiter aus. Seit gestern sind sechs neue Er- krankungen an Cholera zu verzeichnen gewesen. Die Militär- Verwaltung, die gerade damit beschäftigt ist, die in Bosnien zurück- gehaltenen Reservisten zu entlassen, hat die umfassendsten Maß- nahmen getroffen, um eine Einschlcppung der Cholera in das Innere der Monarchie zu verhüten. Die Reservisten und Urlauber werden vor ihrer Entlassung Militärärztlich untersucht und erst nach einer drei- bis fünftägigen Quarantäne in die Heimat ent-> lassen. Auch die Privatreifenden müssen sich ebenfalls ärztlichen Untersuchungen unterziehen, wenn auch die Quarantäne aus vier- undzwanzig Stunden beschränkt wird. Ruhigere Auffassung der mexikanischen Verhältnisse in Amerika. Washington, 19. August.(SB. T. 83.) Die Spannung, die in offiziellen Kreisen in betreff Mexikos vorherrschte, hat infolge des Empfanges von Telegrammen der amerikanischen Botschaft und der Meldung Linds, nach denen die Verhandlungen.noch fort, schreiten,-etwas Mchgeja�eu.,-'« i-kh Melchiorstr. 28. M Verwaltungsstelle Berlin. (F ete. Geöffnet v. 9-1 Uhr. Donnerstag, den 21. August 1»13, abends«'/z Uhr: »Versammlung im Gewerkschaftshaus. Engelufer 15. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom ersten und zweiten Quartal 1913. 2. Bericht von der Generaloersammlung in Leipzig. 3. Verschiedene Kassenangelegenheiten. 289/7 Mitgliedsbuch legitimiert. _______ Ple Ortsverwaltnng. Verwaltung Berlin. Stock- und Zelluloid-Arbeiter! Mittwoch, den 20. August 1913, abends 6 Uhr: Sranehen- Versammlung im„Königstadt-Kasino", Holzmarktstr. 72. Montag, den 23. August, abends 0 Uhr: OcfftMlhe Ailhhiilitm-Ntrstmiiililllg bei H e r m e l, Holzmarktstr. 21. Tagesordnung: 1. Wie können wir unsere Lage verbessern? 2. Verbands- und Branchenangelegenhciten. HB. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung muß jeder Stuhl Polierer in obige: Versammlung erscheinen._ 87/14 Verwaltungsetelic Berlin. G 54, Linienstr. 83-85. Telephon: Amt Norden 185, 1239, 1987, 9714. Donnerstag, 21. August, abends 81/« Uhr: Kezirsts- Nersnmmlungen: für den 20. Ktzirli in Frankes FestsSlen, Kadstraße 19. Tagesordnung: AM- Fortsetzung der Versammlung vom 18. August. Für Ober-Schönewelde, Nirder-Schönknieide, Johannis- thal nnd Umgegend im Lokal Wilhclminenhof, Ober-Schöneweide. Tagesordnung: 1. Stellungnahme zur Generalversammlung. 2. Bericht vom außer» ordentlichen Verbandstag in Berlin. IM- Ovnc Mitgliedsbuch kein Zutritt."MtzK Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet 124/3 _ Die Ortaverwaltang. Zentral-Verband der Töpfer und Serufsgenosseti Deutschlands. Filiale Groß-Berlln. Am Donnerstag, den 21. August 1913, abends 8 Uhr, im(*ew�erliscl»akt»l»au»i Engelufer 15, Saal 1: Versammlung aller Kollegen, die in„Privatfirmen� beschiistigt find. Tagesordnung: 1. Wie haben fich infolge der Tarif-Vertragölosigkeit dicArbeitA- Verhältnisse in Pen»Privatfirmen« gestaltet? 2. Veischiedcncs. Per Vorstand. Orts- Krankenkasse der Bnreauangestellten zu Berlin. Die für daS Jahr 1912 gewählten Delegierten werden hiermit zu der am f reitag, den lös. d. M., abends >/, Uhr, im Berliner Klubhaus, Ohmstraße 2, stattfindenden Außerordentlichen.n General-Versammlung i eingeladen. 274/14 Tagesordnung: Berichterstattung und Beschluß öder die Vereinigung unserer Kaffe mit der.Allgemeinen OrtSlranlen- lasse-. Bealw, 21. August 1913. Per Vorstand. I. St.: Bauer, Vorsitzender. Wald- u. Landparzellen Wer solche billig erwerben will, besichtige zuerst das neu er- schlosscne Gelände der llnlomeHeii-IIöliörili direkt an der Heerstraße und am Bahnh.Dallgoiv-Döbcritz, l2Min. Fahrz. v. Spandau, vorzügl-Lage, guter Boden. Große Zukunst. Slcußerst günstige Bedingungen, kleine Anz., geringe jäbrl.Tellzah- lung. Pläne tostentos.Slusl. durch � M. 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Allgust 1913, Oranienstraße 14a. Anna Fligg u. Sohn. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 21. August 1913, nachmittags 4 Ubr, von der Halle des neuen St.-Michaei-KirchhoseS, Mariendorjer Weg. aus statt. Zentrai-Verhand der Töpfer u. Derufsgenossen Deutschlands. Filiale Ciroß-lterlin. Am Freitag, den 15. August, verstarb infolge Sttaßenunsall unser Mitglied, der Kollege EErnst:(lebel (Bezirk Spandau) im Alter von 52 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute nachmittag 2 Uhr von der Ob- dultionshalle, Gatower Str., aus aus dem städlischen Friedhose, In den Kisseln, stalt. Um rege Beteiligung ersucht Pei- Vorstand. Deutscher Metaitarheiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Dreher Hermann Krone Neukölln, am 16. d. MtS. an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Tie Beerdigung findet am Mittwoch, den 29. August, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Allen Jalobi-Kirchhoses in Neukölln, Hermannstr. 2, aus statt. Rege Beieiligung wird erwartet. 124/4 Oie Ortsverwaltung. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung nieines lieben Mannes sage ich allen Bekannten uud Verwandten sowie dein Verband der Gastwirtsgehilsen, dem Verein der Kellner des Osten«, dem Sparverein .Humor-, den Kollegen des Restau« rants„WaidhauS Grunewald" meinen herzlichsten Dank. 1892b HVltwe Anna Pckker. MohrenstnSü Kolonnaden. Qr frankfurtertfr 115 Trauer- Magazin Kleider, Hüte jr- Äußerste Preuc-mr .. Tarbige Konfektion in größtem Moßitabe. zu bll ligsten -Preisen— Westmann Bon der Reise zurück. Dr. Magnus HirscSifeld. Ohne jede Anzahlung! Keine Kassierer, kleine Raten! Bett- u. leidwüsctie, Teppiche, Portieren, Bilder, Gardinen, Stores, Stepp- u. and. Becke». MATZXER,• Hufelandstrafte Rr. 41. lerleih.Jnft«tu* A. Borchart, Friedrichstr. 115, Oranb.Tor. 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Wem: ich heute jemand in Groß-Berlin zu einem Bumniel nach Halensce einlade, so bedeutet ihm— sofern er nur halb- Wegs mit Berliner Gepflogenheiten vertraut ist— der Name »Halensee" schon allein ein Programm, ein lustiges, sehr lustiges, mit ein wenig Eroti! gewürztes Programm. Es be- ginnt mit der Fahrt in einem überfüllten Wagen der „Elektrischen" oder einem noch„überfüllteren" Abteile der Stadtbahn. Der Begriff„überfüllt"(dies nebenbei) hat im Groß-Berlincr Verkehrsleben eine außerordentliche Stcigerungs- fähigkeit, die oft erst jenseits der Bewußtseinsschwelle endet, also von schwachuervigen Pasiagieren nicht mehr im äußersten Grade konstatiert werden kann. Das aber merkt Wohl jeder- mann, auch wenn er als Stockfremder in ein sonntag- nachmittäglich besetztes Abteil der Stadtbahn steigt, daß hier noch Dampfbetrieb herrscht; denn dampfend, kochend gelangt er an sein Ziel. Wer etwa auf Station Börse mit einigen weichgekochten Eiern in der Tasche einsteigt, kann sie, wenn er in Halensee Appetit verspürt, nur noch hartgekocht oder als Rühr- oder Quetschet verzehren. Es sind nur die Opttmisten, die von der Elektrisierung der Berliner Stadt-, Ring- und Borortbahn er- hoffen, daß den Passagieren der Berdampfungsprozeß danach erspart bleiben werde. Skepttker hingegen meinen, nur der Zugführer werde nach der Elektrisierung weniger zu dampfen haben. Angekommen in Halensee, schaukelt man über die elastisch federnde Halenseer Brücke, eingehüllt in eine dustreiche greu- lich-bläuliche Wolke, die konstant über dem Wege lagert. Eine unab- sehbare Kette von brüllenden, heulenden, gurgelnden, meckernden, Autos sorgt durch hinterwärstgc Ausatmungen für ihre unauf- hörliche Erneuerung. Eine Wolke von Benzinschwaden, in denen die aufgewirbelten Staubkörperchen wie mikroskopisch kleine Mückchcn spielen und tänzeln, blitzend in den Strahlen der brütenden Sonne, angesogen von den Atmungsorganen der ftöhlich schwelgenden Spaziergänger, auf deren lichte Kleider sich die rußigen Auspuffungen der Eisenbahn nieder- lassen. Der sonntägliche BerkehrSstrom des„vornehmen" Kur- fürstendammes schwemmt Dich mit fort. Sobald Du jenseits der wippenden Brücke wieder festen Boden unter den Füßen spürst, vernimmst Du, sofern Dich das dröhnende Tohuwabohu bis jetzt nicht mit Taubheit geschlagen hat, die entzückenden Klänge der diversen Gartenblaskonzerte. Nie geahnte Klang- Wirkungen ergeben sich ans der Verschmelzung der unterschied- lichen Orchester. Ein Musikgelehrter, der lustwandelnd im heiteren Geströme auf die Idee verfiel, diese Tonmischung zu analysieren, soll mitten auf der Straße toll geworden— der Aermste!— und eine Panik unter den Paffanten der- ursacht haben. Der Menschenstrom zweigt sich gleich hinter der Brücke. Der„Kursürstenpark" verschlingt seine Opfer. Es ist die Jugend, die holde Jugend, die auf blankem Saalparkett Terpsichoren geopfert wird. Meine niedliche Freundin meint: es hieße„die Zichore" und nicht„der Ztchorc"! Ja— so sind diese Racker, die Halensce zu seinem Weltrufe verhalfen. Der Leser merkt etwas: Aha— jetzt wird'S erotisch. So ist's: EroS und Terpsichore sind die Schutzpatrone Halenseeö. Ihnen erbaute man Tempel, und diese Tempel verleihen dem ganzen Ortsteil das charakteristische Gepräge. Siehe: Kur- fürstenpark, Kaiser-Wilhelm-Garten, Luna-Ballhaus und weiter draußen: Waldpark und„Franzensbader". Fünf Tanzböden; aber jeder„eine Nummer für sich": Ein„Schiebus" im„Kur- fürsteichark" ist wie ein junges wildeL Pferd aus der Steppe. Im„Kaiser-Wilhelm-Garten" hält man schon auf„Form"; im„Luna-BallhauS" tanzt man ihn stilvoll, im„Waldpark" gesittet und im»FranzcnSbadcr"— ach, so tugendsam. Im „Kurfürstenpark" und„Kaiser-Wilhelm" ist„alles Natur", im „Luna-BallhauS" alles„Kultur", und was hier seiden knistert und rauscht, schwelgt im„Franzensbader" baumwollen. Der liebliche Name„Halensee" bedeutet ein Programm, ein lustiges, sehr lustiges Progranirn. Hör' ich ihn nennen, gleich summt in meinen Ohren daS rhythnnsche Schrumm- schrumm der Tanzmusik und ich verspüre Benzingeruch und süßere Düfte._ Weitere Verpestung der Lust. Unter dieser Spitzmarte wird der„Deutschen Tageszeitung" geschrieben: Die Vermehrung der Krastfahrzeugi-, welche im Hinblick auf die Verkehrsnot Grost-Bertins jedermann mit Freude begrüßen wird, löst leider auch die Beflirchtung aus, daß der sanitäre Zustand in den Hauptverkehrsstraßen weiter sinken und die Volksgesundheit durch die zunehmende Verpestung der Luft eine wettere, empfindliche Schädigung erleiden wird. Gehören doch gerade die schweren Auto- busse, deren Zahl bald ins Ungemessene steigen wird, zu oeu schlimmsten Luflderpestern, nicht allein durch den Auspuff giftiger Gase, sondern auch durch die sraubaufwirbelnoe Tätigkeit ihrer breiten Räder. Gewisse Straßen, die dem Automobilvcrkchr freie Bahn ge« währen, werden schon heute von empfindlichen Leuten ängstlich gemieden; wie lange wird's dauern, dann werden auch Passanten, die an die.stliche Luft" bescheidenere Anforderungen stellen, eine» Umweg über stillere Straßen nehmen müssen, die noch weniger von der modernen Kultur beleckt sind. Man hat früher des öfteren von einer Minderung der Staubplage durch die städttsche Straßenreinigung ge. hört; eS sind Versuche angestellt worden, und man sieht auch heute zuweilen noch Pfützen weißlicher Flüssigkeit an den Bordschwellen stehen, die aus die staubdämpfende Tätigkeit der Sprengwagen schließen lasten. Allein, wenn es in dieser Hinsicht auch etwas besser geworden sein mag— eine durchgreifende Wirkung verspricht daS bisher geübte Verfahren leider nicht. Es scheint, als ob man vor Radikalmitteln, wie sie z. B. in den Ver- einigten Staaten zum Staublöschen angewandt werden, bei uns zurückschreckt, vielleicht aus zarter Rücksicht aus die Gunnnireifen tat Automobile, die fettige Substanzen nicht gut vertragen sollen. Ja, vertragen denn unsere Lungen den säuregeschwängerten Straßenschmutz? Die Erkrankungen der Atmungsorgane nehmen nach ärztlichem Ausspruch von Jahr zu Jahr in bedenklichem Maße zu,— was wird erst geschehen, wenn soundso viele Autobus- wagen mit soundso viel mehr Verbrennungsmotoren über die Straße sausen? Noch schädlicher wie der Staub für die Lungen und daS Geräusch iür die Nerven sind die giftigen Gase, welche diesen schweren Maschinen entströmen. In der ersten Zeit deS Kraft- wagcnverkehrs empfand man diese Schädigung der Volksgesundheit selbst in Antomobilkreisen, und man schien damals auf Mittel zu ihrer Beseitigung oder Abmilderung zu stnnen. Freilich klang es fast wie Hohn, als der Vorschlag laut wurde, die Auspuffgase zu — parfümieren,— als wenn»verzuckertes Gift seine schädliche Wirkung verlöre I Immerhin schien es doch aber, als wolle die Automobilindustrie im allgemeinen Interesse gesündere Bahnen ein- schlagen. Davon ist es heute ganz still geworden, man fährt immer toller drauflos und scheint sich in der Hoffnung zu wiegen, daß oaS Publikum sich an den Pesthauch der Automobile gewöhnt habe... So liegen die Dinge heute, wo man mit einer ganz erheblichen Vermehrung des Kraftwagenparkes umgeht. Es ist daher die höchste Zest, auf Mittel zur Abwehr zu sinnen. Und diese Pflicht liegt in erster Linie dem Wagenbauer ab, in zweiter dem Wagen- fübrer selbst. W-r bequem und schnell fahren will, darf dies nicht auf Kosten der Gesundheit anderer tun. Die hohen Fabriksckilote, die den Kohlendunst der Fabrik hoch in die Lüfte entsenden, werden durch Elektromotoren entbehrlich gemacht; die Lokomotive sucht man durch Elektrisierung der Eisenbahnen auszuschalten, und auf den Straßen der Stadt, direkt vor den Nasen vieler Tausende, sollen ungezählte neue Quellen atemversetzender, luftverpestender Dünste erschlossen werden dürfen?! Nach alledem haben die Auf- sichtsbehörden die Pflicht, Maschinen, welche die Pastanten belästigen oder gar schädigen, vom öffentlichen Verkehr auszuschließen. Mögen solche Motoren mit Rauchverbrennungseinrichtungen ausgerüstet, oder, wenn dies nicht geht, mit elektrischem Antrieb versehen werden. Der Fußgänger hat auch ein Recht auf die Straße, und er braucht sich das bißchen Luft, dessen er zum Leben bedarf, nicht verkümmern zu lasten. Man hat sie schon viel zu weit einreißen lasten, die Sünden der Automobilisten.... Die Zuschrift enthält mannigfache Anregungen, au? denen matzgebende Kreise eine heilsame Nutzanwendung ziehen könnten. Ter Abzug größerer Jndustrieunternehmungen von Berlin nach den nördlichen Vororten macht sich seit einer Reihe von Jahren in starkem Maße bemerkbar. Begünstigt werden diese Uebersiedelungen zum Teil durch Terraingesellschaften, die den in ihrem Besitz befindlichen geeigneten Grund und Boden an industrielle Unternehmer für Betriebsanlagen loszuschlagen suchen. Zudem ist infolge der Schaffung des Großschiffahrtsweges Berlin-Stettin, der an sich für die Industrie eine billige VerkehrSmöglichkeit bietet, für industrielle Ansiedelungen immer mehr Terrain erschlossen worden. Und neben dieser günstigen Wasserstraße suchen die mit solchen Unter- nehmungen beglückten Gemeinden auch eine möglichst gute Bahn- Verbindung herbeizuführen, damit die in den Betrieben beschäftigten Arbeitskräfte Groß-Berlins schnell zu ihrer Arbeitsstätte gelangen können. Von den zahlreichen Gemeinden, in denen sich im Laufe der letzten Jahre Industrie niedergelassen, hat daS den Knotenpunkt der Bahn über den Großschiffahrtsweg Berlin-Stettin bildende Hennigs- d o r f einen erheblichen Aufschwung genommen. Allein die A. E.-G. beschäftigt in ihren Betrieben dort zirka ISOO Arbeiter. Und neben dieser gewaltigen Fabrikanlage sind weitere industrielle Bauten in Angriff genommen. Kein Wunder, daß durch eine solche im letzten Jahrzehnt vollzogene Umwälzung der stille Dorf- charalter dcS OrtS verschwunden ist. Die Gemeindeverwaltung suchte sofort dieser ungeahnten Eni- Wickelung Rechnung zu tragen, indem sie ein eigenes modernes Gas- werk errichtete; Verhandlungen mit dem Brandcnburgischen Kreis- Elektrizitätswerk wegen Abgabe elektrischer Kraft sind dem Abschluß nahe. Eine eigene Hafenanlage ist im Bau und außerdent dürfte der Plan, eine elektrische Straßenbahnverbindung mit dem 11 Kilo- meter entfernt liegenden Spandau zu schaffen, in Bälde der Ver- wirklichung nahe sein. Nur der Kreis Osthavelland als Besitzer der Straßen dieses Ortes scheint sich au die gewaltige Neuerung der Verhältnisse nicht gewöhnen zu wollen, denn die Straßen befinden sich immer noch in einem recht mißlichen Zustande. Und die Ein« gesessenen des Ortes sträuben fich gleichfalls, ihr Teil zu einer befferen Straßenanlage beizutragen. Dabei ist infolge dieser industriellen Entwickelung des Ortes so manches Väuerlein bei seinen Landvcrkäufen zum wohlhabenden Rentier geworden. Trotzden: glaubt man, daß der Kreis sowohl wie di» betreffenden Anlieger dem Zuge der Zeit Rechnung tragen werden; find doch bereits für den Ausbau der Hauptstraße die Verhandlungen zum Abschluß gekommen. Hinzu kommt, daß eine neu gegründete Arbeiter-Baugenossenschaft auch auf dem Gebiete des WohnungS- Wesen? eine gesunde Entwickelung anstrebt. Als ei» Mißstand in verkehrstechnischer Hinsicht wird es noch empfunden, daß der seit Jahren mit Berlin bestehende Vorortverkehr noch nicht abgelöst worden ist durch einen Bollverkehr, der allerdings die geplante Höher- legung des Bahnkörpers zur Voraussetzung hat. Unter dem gegenwärtigen Zustand entstehen bei der Beförderung der Arbeiter von und zur Arbeitsstätte erhebliche Schwierigkeiten, die behoben werden könnten, wenn die Ausführung des Projektes zum Vollverkehr baldigst erfolgen würde. Neuansgab« des Berliner Gemeindercchts. In elf Bänden hat der Berliner Magistrat in den Jahren 1S02— 1909 eine Sammlung aller für die Städtische Verwaltung wichtigen Bestimmungen heraus- gegeben. Dieie Sammlung ist niemals vollständig geworden. Große Zweige der Verwaltung, wie da« Finanzwesen, die Grund- e'gentuinSdeputation, die Feuerfocietär, die Bauverwaltung, die Waisenverwaltung, die Jcrcnpflege usw. waren gar nicht berück« sichtigt. Infolge der raschen Entwickelung des städttsche» Gemein- wcsenS sind erhebliche Teile des bisherigen GemeinderechtS ver- altet und neue Verwaltungen, wie das städtische Untersuchungsamt, daS Wohnungsamt, die städtischen Staßenbchnen sind Hinzuge- kommen. Der Magistrat hat siöh deswegen zu einer Neuauflage deS Gemeinderechts entschlossen. Diese Auflage, welche im Berlage von Julius Springer erscheint und somit auch im Buchhandel käuflich sein wird, soll anßer den bereits in der ersten Auflage veröffentlichen alle bisher fehlende Materie umfasten, und wird daher die Zahl von elf Bänden überschreiten. Zunächst ist das Recht der Gasverwaltung und der Elektrizitätsangelegenheiten im Druck vollendet worden. Wie wir aus dem Vorwort deS mit der Herausgabe an Stelle des ver- storbenen Stadtrats Teurbio beauftragten Magistratsrats Wölbling er- sehen, soll das Recht der Ticfbauverwaltung, der Steuerverwalluua und der Armendirektion bald folgen. DaS Recht der Volksschulen ist inzwischen auch bereits fertig gedruckt. Der städtische Seefischverkauf in den Markthallen mit Ausnahme der Zentralmarkthalle wird am 2. September d. I. j» der bisherigen Weis« wieder aufgenommen. Der Verkauf findet wie ftüher Dienstags und Donnerstag? von 8—1 Uhr statt. Es werden noch besondere Bekanntmachungen an den Anschlagsäulen erfolgen._ Zur Anftliirung des rätselhaften Verschwiiidens der Wirtschafterin Gertrud Gallo hat die Kriminalpolizei eine Belohnung von 300 M. ausgesetzt. Der unter dem Verdacht, die Galle beiseite geschafft zu haben, festgenommene ftüher« Former Henk bestreitet immer noch, jemals mit der Verschwundenen zusammengekommen zu sein, ja sie überhaupt zu kennen. Die neueren Ermittelungen haben jedoch ergeben, daß diese Angaben auf Unwahrheit beruhen. In dieser mysteriösen Angelegenheit wird jetzt eine amt- liche Bekanntmachnng veröffentlicht, in der es unter anderem heißt: Die Angaben des Henk über den Erwerb des Buches begegnen berechtigtem Zweifel. Es ist inzwischen festgestellt, daß er die Galle doch persönlich in Berlin kennen gelernt und mit ihr, unter dem Vorgeben, sie heiraten zu wollen, am 28. Juli d. I., stundenlang in Berlin unterhandelt hat. Wie weiter festgestellt ist, ist das Spar- kassenbuch am 80. Juli d. I. von Berlin aus an die Sparkasse in Krossen gesandt worden. Zur Aufklärung des mysteriösen Falles liegt der Kriminalpolizei in Berlin besonders daran, seftzustellen, wo fich die Galle seit dem 29. Juli d. I. früh eventuell aufgehalten hat und insbesondere, ob fie in Begleitung des Henk gesehen worden ist. Wie weiter berichtet wird, machte Henk die Bekanntsöhaft der Vermißten hier im Bureau einer Heiratsvermittlerin. Anderen Damen, die er hier kennen lernte, stellte er sich als Maschinist oder Monteur Heinke vor und erzählte ihnen, daß er in einem großen Fabrikbetriebe außerhalb Berlins feste Stellung habet Bald nannte er als seinen Beschäftigungsort Frankfurt a. O., bald Fürstenwalde an der Spree, in einem Falle auch Grünberg in Schlesien. Er wußte sie zu veranlassen, mit ihm dorthin zu fahren, damit er ihnen zeigen rönne, wo sie später mit ihm wohnen würden. Auf diesen Gängen, die meistens vom Bahnhof durch einen Wald führten, versuchte er fie dann anzuborgen. Eine Dame bekam, als er mit ihr durch den Wald nach dem Bahnhof in Fürstenwalde ging, Angst. Als Henk dies sah, zog er einen Revolver, sagte, daß sie sich nicht zu sürchten brauche und machte Schießversuchc an den Bäumen. Auch dieses Mädchen hatte er vorher anzuborgen versucht. Nach Grün- berg will Henk mit einem Dampfer gefahren sein, auf dem er als Maschinist tätig war. Nach seinen Angaben kain das Schiff von Swinemünde, legte in Berlin an und fuhr dann weiter nach Schlesien. Koch- und HauShaltunzSschnlen. Der Provinzialvsrein des Vaterländischen FrauenvereinS unterhält zurzeit neun Koch- und Haus- baltungSsäiulen, in denen junge Mädchen hauswirtschaftliche Aus- bildung erlangen und welche als Fortbildungsschulen der städtischen Schullüchen betrachtet werden können. Es befinden sich die Schulen: Frobcnstr. 1, Turmstr. 19, Planuser 88(an der Admiralsbrücke), Metzer Str. 38, Wilhelmstr. 30/31, Tilsiter Str. 87, Alexander- straßc 9, Ackerstr. 148(Ecke Jnvnlidenstraße). Schönhauser Allee 141. Die Schülerinnen zahlen 3 M. Eintrittsgeld und jede Woche 1 M. oder monatlich 4 M. Lehrgeld, wofür sie Unterricht, Mittagessen und die Kllchenkleidung erhallen. Auch sind in jeder Schule einige ganze und halbe Freistellen vorhanden. Der Kursus dauert 6 Monate und beginnt am 1. April und 1. Oktober. Anmeldungen von Schülerinnen werden werktäglich in den Kochschulen von 10— 2 Uhr durch die Lehrerin entgegengenommen. Die städtische Schuldcputation hat die Rekroren der Gemeindeschulen veranlaßt, die demnächst ab- gehenden Schülerinnen auf die Wichtigkeit der Ausbildung im Kochen und Haushalten in den oben bezeichneten Schulen nach- drücklichst aufmerksam zu machen. Ei« Automobilunsall, der glücklicherweise für die Beteiligten noch glimpflich ablief, ereignete sich gestern vormittag gegen 10 Uhr auf dem Potsdamer Platz. Der Direktor der Aschinger-Gesellschaft, Hans Witte, fuhr mit seinem Automobil über den PotSdanier Platz. als plötzlich ans der Leipziger Straße ein Droschkenauto in voller Fahrt herankam. Der Chauffeur konnte seinen Wagen auf dem nassen Pflaster nicht mehr zum Halten bringen und so erfolgte ein Zusammenstoß, der so gewaltig war, daß das Privatauto beiseite geschleudert wurde und umkippte. Direlior Witte wurde zwischen die Trümmer seines Gefährts, das vollständig demoliert war, ein- geklemmt und mußte von Passanten befreit werden. Er hatte außer einem Nervenchok eine nicht unbeträchtliche Wunde an der Stirn erlitten, so daß er sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. Der Chauffeur des Privatwagens erlitt einen heftigen Nervenchok, während der Führer der Droschke unverletzt davonkam. Die Suche nach dem Mörder Paul Koffau, der, wie gemeldet, in der Warschauer Straße die Frau Eckelt ermordete, ist bis jetzt er« gebniSloS verlaufen. Weder nach Wriezen noch nach seiner Wohnung Warschauer Str. 30 ist er zurückgekehrt. Die Ermittelungen der Polizei haben ergeben, daß Kossau die Nacht vom Sonntag zum Montag in einem Fremdenlogis in der Warschauer Straße zuge- bracht hat. Wo er die letzte Nacht gewesen ist, konnte noch nicht festgestellt werden. Es ist aber von verschiedenen Seiten gemeldet worden, daß Koffau gestern früh in Berlin, und zwar in der Nähe des TaborteS gesehen worden ist. Ein in der Gegend der Heim- straße verbreitete» Gerücht, daß der Mörder verhaftet worden sei, bewahrheitet sich nicht. ES wurde zwar ein Mann festgenommen, der Kossau sehr ähnelt und seltsamerweise auch auf den Namen Eckelt laufende Papiere bei sich hatte. Bei der Vernehmung auf der Polizei stellte sich aber heraus, daß der Verhaftete für die Tat nicht in Betracht kommt.~TA*' Leichtathletisches Sportmeetlng am 24. August. Die großen Wettkämpfe am nächsten Sonntag auf der Rennbahn in Treptow, veranstaltet vom ersten Kreis des SrbeiterwrnerbundeS, sollen ein umfassende» Bild des gesamten leichtathletischen Arbeiter- spart» geben. Zu vollem Erfolg gehört fteilich, daß Petrus am nächsten Sonntag die großen Schleusen geschlossen hält und nicht die Rennbahn in ein Schwimmbad verwandelt. Welch groß« Arbeit am Sonntag zu erledigen ist, zeigt daS soeben erschienene Programm, daS auf IS Seiten folgende Konkurrenzen aufführt: Diskus- und Speerwerfen, Kugelstoßen, IbOO- Meterlauf 100- Meterlauf, Olympische Stafette, Hoch-, Weit» und Stab- springen, Hürdenlauf, 1000-Meter-Stafette, vOO-Meter-Hinderniblauf, Mannschaftskugelstoßen. Interessant dürfte e! sein, daß auch weib- liche Sportler in den Wettkampf eintreten; insgesamt habe» fich gemeldet: 177 Sportler über 18 Jahre, 110 Jugendlich« und 20 Sportlerinnen. Infolge dieser über Erwarten großen Zahl von teil- nehmenden Sportlern beginnen die B o r k ä m p f e bereits am Sonnabend, den 23. August, um B Uhr nachmittags und werden Sonntag morgen 7 Uhr fortgesetzt. Auch zu diesen Kämpfen ist dem Publikum der Zutritt gestattet und der Besuch zu empfehlen, da die Mqssenkämpf« stattfinden. Sonntag vormittag kostet der Eintritt 20 Pf. Am Sonntagnachmittag treten die Sieger der Borkämpf« zu den Endkämpfen an, da» Publikum wird also am Nachmittag die besten Kräfte zu sehen bekommen. Eingegangen find insgesamt 307 Meldungen von Sportlern, die 5B0 Konkurrenzen zum AuStrag bringen wollen._ Der Ranbiiberfall in Neukölln auf den aus New stark stammenden Diener Lenig. worüber wir am Montag früh berichteten, erscheint nach den Feststellungen der Neuköllner Kriminalpolizei jetzt in«wem etwa» anderen Lichte. Es war gleich aufgefallen, daß Lenig, ob- wohl er einen tiefen Messerstich in den Unterleib erhalten hatten seine Kleider nicht durchlocht waren. Auch war er, al» er fich z« einem Schutzmann geschleppt und diesem von dem Uebersall Mitteilung machte, gar nicht an seinen Kleidern beschmutzt, obwohl eS Regenwetter und auch der Boden in der Bedürfnisanstalt auf dem Boddin- platz, wo er niedergestochen worden sein soll, mit Schmutz bedeckt war. Bei dem Berhör zeigte sich Lenig auch sehr zurückhaltend und suchte eS zu vermeiden, über gewisse Einzelheiten zu sprechen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß e» sich nicht um einen gewöhnlichen Raub- «mfall handelt, sondern daß auch sexuelle Momeut« mitsprechen. Im fiöu|fe de» gestrigen Tages find bo« der Neuköllner KrÄnInakyoNzei mehrere verdächtige Personen sistiert worden, doch muhten diese alle wieder entlassen werden. Die Verletzung Lenigs ist nicht lebens- gefährlich. Nach der jetzigen Lage glaubt man, dah er in vierzehn Tagen auS dem Krankenhaus wieder entlassen werden kann. Die schon etwas in Verwesung übergegangene Leiche eines un- bekannten Mannes von etwa 55 bis 60 Jahren wurde gestern vor» mittag von einem Parkwächter in der Nähe des Humboldt-Denkmals in einem dichten Gebüsch aufgefunden. Der Tote trug noch eine Zuckerschnur um den Hals, mit der er sich an einem niedrigen Ast erhängt hatte, die aber später gerissen ist. Bei dem Toten wurden Papiere, durch die sich seine Persönlichkeit hätte feststellen lassen. nicht vorgefunden. Die Leiche befindet sich im Schauhause. Ein Unglücksfall ereignete sich auf dem stilliegenden Neubau Freienwalder Str. 10, der bis zur ersten Etage gediehen ist. Da der Bau nicht abgeschlossen ist, machten sich Kinder auf demselben zu schaffen.» Bei dem Versuch, von einer Mauer zur anderen zu springen, trat plötzlich ein lOjähriger Knabe fehl und stürzte in die Tiefe. Außer einem Bruch des rechten Oberschenkels zog sich der Knabe Verletzungen am Kopf zu. Er wurde zunächst nach der Un- fallstation in der Badstrahe und von dort nach dem Virchow- Krankenhause gebracht. Hoffentlich wird nunmehr durch geeignete Abschliehung des Baugrundstücks den Kindern das Betreten' des- selben unmöglich gemacht. Die unbekleidete Leiche eines neugeborenen KindcS wurde am Montagabend auf dem Bllrgersteige an der Ecke der König- und Dircksenftrahe aufgefunden. Wie diese in diesem Zustande dorthin gekommen ist, konnte nicht ausgeklärt werden. Eine zweite Kindesleiche wurde gestern vormittag in der Ver- längerten Bossestraße gefunden. Als dort ein Zimmermann einen Arbeitsplatz betrat, fand er ein Paket, das die kleine Leiche enthielt. Sie war in Zeitungspapier und gelbes Packpapier eingewickelt. Eine Berlängeruug der Hundesperre gibt der Regierungspräsident von Potsdam durch eine gestern in Kraft getretene Viehseuchen- polizeiliche Anordnung für die zwischen Spandau und O r a n i e n« bürg belegenen Gemeinden und Gutsbezirke der Kreise O st- Havelland und Niederbarnim bekannt. Die Sperre wird danach bis zum 10. November verlängert und zwar u. a. für die Ortschaften Velten, Finkenkrug, Bötzow, Brieselang. Neuen- darf, Stolp, Hermsdorf, Waidmannslust usw. Veranlaht ist diese Mahregel durch einen in Bötzow erschlagenen Hund, bei welchem die Tollwut festgestellt worden ist. Auch nach dieser Anordnung ist das freie Umherlaufen der Hunde gestattet, sofern diese gewissenhaft überwacht und mit sicherem Maulkörbe versehen sind. Selbstmordversuch eines Bahnbeamten. In selbstmörderischer Ab- ficht stürzte sich der Eisenbahnschaffner Kurz aus Lichtenberg vor einen um 0.20 Uhr in Rummelsburg-Ost ankommenden Vorortzug. Der Lokomotivführer brachte zwar den Zug sofort zum Stehen, konnte aber nicht verhindern, dah K. von den Rädern ersaht wurde. Schwer verletzt zog man den K. hervor und brachte ihn nach dem Kaiserin-Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Rummelsburg. Sein Zu- stand ist besorgniserregend. Vom eigenen Fuhrwerk überfahren und getötet wurde der 28jährige Sohn des Besitzers Bartel aus Heiligensee. Auf der Fahrt nach Berlin gingen die Pferde des Bartelschen Fuhrwerks durch und rasten gegen einen Strahenbaum. Hierbei wurde B. vom Bock her- - unter auf den Fahrdamm geschleudert. Als dann die Pferde weiter liefen, gingen dem jungen Menschen die Räder des Gefährtes über Brust und Beine hinweg. B. wurde so schwer verletzt, dah er bald nach der Einlieferung im Virchow-Krankenhause starb. Beim Massenausflug der Berliner Arbeiterjugend am vergangenen Sonntag ist ein rotpolicrtcr Wanderstock verloren und ein Regen- schirm gefunden worden. Abzugeben resp. abzuholen sind beide Gegenstände bei Paul Böhme, Berlin SO., Franzstr. 17, Vorort-JMacbricbtein Charlottenburg. Mit den kommenden Wahlen zum Ausschuh der Allgemeinen Ortskrankenkasse für den Stadtkreis Charlottcnburg beschäftigten sich am 14. August cr. die Delegierten der Charlottenburger Gcwerk- schaftskommission. Der Referent, Genosse Ahrens, behandelte die neue Materie, unter welchen die Wahlen diesmal stattzufinden haben. Bei dem darin enthaltenen Verhältniswahlsystem müsse es die Aufgabe der Gewerkschaften sein, kräftig und umfassend für die Wahlen zu agitieren, damit wir am Tage der Wahl mit einer im- posanten Stimmenzahl auftreten können. Diese Ausschuhwahlen seien ferner das Fundament für die weiteren Wahlen zu den übri- gen Versicherungskörperschaften. Genosse Flcmming betonte die Notwendigkeit, auch die Agitation unter den weiblichen Mitgliedern ganz besonders in die Wege zu leiten, denn den früheren Erfahrun- gen nach zu urteilen, hätten diese sich in sehr geringer Zahl an den bisherigen Delcgiertenwahlen der Kasse beteiligt. Wegen der am Orte jetzt herrschenden Arbeitslosigkeit, unter der eine Reihe von Berufen zu leiden haben, nahm Genosse Seifert Veranlassung, darauf hinzuweisen, dah unsere Vertreter mit Nach- druck bei den städtischen und staatlichen Körperschaften für eine Arbcitsloscnfürsorge eintreten mögen. Nachdem vom Genossen Flcinming diese Ausführungen noch unterstrichen wurden, gaben die Genossen Graudcnz und Storch ein Bild von der in der Holz- industrie besonders starken Arbeitslosigkeit und kritisierten, daß die Hochbaudeputatiou der L-tadt Charloltenburg Tischlerarbeiten an eine Firma in Treucnbrietzen, die nicht einmal tariftreu sei, ver- geben habe. Genosse Richter teilte hieraus niit, dah in der Frage der Arbeitsloscnfürsorge von den sozialdemokratischen Stadtvcrord- netcn in aller Kürze etwas getan werde. Nachdem noch auf das am 24. August cr. stattfindende allge- meine Gcwerkschaftsfest im„Volkshause" und auf den am 3. Sep- tcmber cr. beginnenden Samariterkursus des Arbeiter-Samariter- bundes hingewiesen, wurde auf Anregung des Genossen Böhla be- schloffen, eine Sitzung der Funktionäre abzuhalten, die sich mit der Volkshausfrage beschäftigen soll. Zum Schluh widmete der Obmann, Genosse Richter, dem ver- storbcncn Genossen August Bebel einige Worte der Anerkennung für seine Tätigkeit im Interesse des internationalen Proletariats. Es fehlten: Bäcker, Brauereiarbeitc?, Porzellanarbciter und Schneider. Schöncberg. Ein rätselhafter Fall beschäftigt gegenwärtig die Schöneberger Kriminalpolizei. In der Nacht zum Dienstag gegen 12'/z Uhr hörte plötzlich ein Laternenanzünder einen Hilferuf im Schöneberger Sucht- park. Er eilte hinzu und sah auf dem Wasser des dort gelegenen Sees einen Frauenkörper schwimmen. Nasch sprang er in den See und brachte nach längeren Anstrengungen die bererts Leblose ans Ufer. Mit Hilfe mehrerer Passanten wurde die Frau in das nächste Polizeirevier geschafft,, wo ein hinzugernfener Arzt nach mehr- stündigem Bemühen, die Leblose wieder ins Dasein zurückzubringen vermochte. Da die Unbekannte jedoch vollständig erschöpft war, muhte sie ins Schöneberger Krankenhaus übergeführt werden, wo sie bisher die Besinnung noch nicht wieder erlangt hat. Die sofort ein- geleiteten Recherchen haben noch nicht ergeben, ob es sich hier um einen Unfall, Selbstmordversuch oder Verbrechen handelt. Neukölln. Große Aufregung verursachte gestern mittag auf der Thielen- brücke der Selbstmordversuch des ans dem Arbeitshause in Rummels- bürg entwichenen 56 Jahre alten Händlers Bartsch. Dieser schwang sich über das Brückengeländer und sprang in den Kanal hinab, ehe ihn die Passanten daran hindern konnten. Er verschwand vor deren Augen im Wasser und kam nicht wieder zum Vorschein. Der Maler Wilhelm Hahn aus der Prinz-Handjerh-Strahe, der gerade de? Weges kam, warf seinen Rock ab und sprang dem Selbstmörder nach. verantwortlicher Redakteur: Alfretz Wielepp, Neukölln. Für dei Nach längeren Bemühungen und verschiedenen Tauchungen gelang es ihm auch, den dem Ertrinken nahen Mann wieder ans Ufer zu bringen. Er hatte schon das Bewußtsein verloren, doch waren längere Wiederbelebungsversuche von Erfolg gekrönt. Er war jedoch so erschöpft, daß er nach dem Krankenhause in Buckow gebracht werden muhte. Bartsch hatte den Selbstmordversuch unternommen, weU er nach seiner Entweichung aus dem Arbeitshause sich ver- geblich bemüht hatte, Arbeit zu finden und sein Brot zu verdienen. In der Jugendsektion spricht heute vor den jungen Genossen und Genossinnen im Lokal von Bartsch, Hermannstr. 49, an Slelle des verhinderten Genossen Eichhorn der Genosse Müller über Volks- sitten und Wirtschaftsleben in Amerika. Nach dem Vortrage Diskussion und Verschiedenes. Wir bitten die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen dringend, für diese Versammlung und die Jugendsektion eine rege Propaganda zu entfalten. Der Referent war lange Jahre in Amerika und wird daher ein anschauliches Bild amerikanischer Verhältnisse geben. Die älteren Genossen sind herzlich willkommen. Die Ferienspiele finden insofern eine Fortsetzung, als Mittwochs und Sonntags mit den Kindern im Treptower Park unter der Leitung Erwachsener gespielt wird. Es wird gebeten, die Kinder zu den bekannten Sammelstellen zu schicken. Bei den Ferienausflügen und bei dem Schluhfest sind mehrere Gegenstände gefunden worden, dieselben können im Bureau Neckar- strahe 3 abgeholt werden. Britz. In der Mitgliederversammlung des Wahlvereins erstattete Genosse F a r w i g Bericht von der Verbaadsgeneralversammlung. In der dem Bericht folgenden Diskussion wurde besonders die Einführung des 2S-Pfennig-Wochenabonnemcnts für den„Vor- wärts" hervorgehoben. Beim nächsten Punkt: Stellungnahme zum Parteitag, betonte Genosse Händel, daß er die Haltung der Reichstagsfraktion bezüglich der Wehr- und Deckungsvorlagen nur billigen könne. Er, Redner, hoffe, daß durch die Annahme dieser Vorlage auf die Rüstungspatrioten eine heilsame Wirkung aus- geübt werde. Des weiteren betonte Redner, dah unsere bisherige Taktik in bezug auf die Erringung des allgemeinen Wahlrechts für Preußen völlig erfolglos geblieben sei. Trotzdem glaube er, daß die Frage der Erringung des Wahlrechts nicht die nötige Zugkraft habe, um den jetzt von allen Seiten verlangten Massen- streik mit Erfolg zur Tat werden zu lassen. In der diesen Aus- führungen folgenden Diskussion, die wegen der Wichtigkeit der Frage und der großen Zahl der in der Rednerliste vermerkten Genossen im kombinierten Zahlabend stattfand, sprach sich Krüger gegen die Haltung der Gewerkschaften aus. Mit den jetzigen Führern sei an eine erfolgreiche Durchführung des Massenstreiks nicht zu denken. Im übrigen hätten wir bei Anweirdnng des Massenstreiks nichts zu verlieren, da man ja denselben beizeiten wieder abbrechen könne. Gegen diese Auffassung wandte sich Prenzlau. Bei einem Massenstreik in Deutschland gehe es aufs ganze, da sei ein Massenstreik zugleich ein Kampf um die Er- ringung der politischen Macht. Gleichwohl müsse die Massenstreik- frage propagiert werden. G e h r k e empfahl, bei der Frage des Massenstreiks vorsichtig zu sein. Gegenwärtig sei der Zeitpunkt für dessen Anwendung noch nicht gekommen. Ein Massenstreik müsse spontan hervorbrechen. Zur Maifeicrfrage betonte Redner, dah für das Versanden derselben die Gewerkschaften berantwortlich zu machen seien, Unter den jetzigen obwaltenden Umständen sehe er es lieber, wenn die Maifeier völlig abgeschafft werde. Schröder meinte, der alte Köhlerglaube, dah die Arbeiterklasse durch das Parlament die heutige Gesellschaft überwinden werde, müsse verschwinden. Bei Anwendung Und Propagierung des Massenstreiks scheine man auf Widerstand der Gewerkschaften zu stoßen, deren Macht stärker sei als die der Parteileitung. Der geltende Standpunkt, vor einer solchen Bewegung erst die Frage aufwerfen, was es koste, hemme jeden Fortschritt. H e n s ch e l betonte, dah der Massenstreik komme, auch wenn die Führer nicht damit einverstanden wären. Demgegenüber legte Prenzlau dar, daß wir in Deutschland andere Verhältnisse hätten wie in Belgien; die Haltung der Gewerkschaften sei daher nur begreiflich. Es sprachen hierauf noch G u t s ch m i d t und F a r w i g. Letzterer meinte, es sei notwendig, aus den Massen die Lauheit zu ver- treiben und sie mit einem anderen Geist zu beseelen, den wir brauchen, um siegen zu können. Die Genossin Bohm-Schuch betonte besonders, dah auch die Propaganda unter den Frauen nicht verabsäumt werden dürfe, die wir zur Durchführung schwerer Kämpfe gebrauchten. Im übrigen sei vor Anwendung des Massen- streiks vorher genau zu erwägen, ob auch der Einsatz lohne. In bezug aus Belgien sei zu betonen, dah dort nicht die Feuerköpfe den Streik gewannen, sondern diejenigen, die abwarten konnten. Steglitz. Todcssturz aus dem Fenster. In geistiger Umnachtung sprang vorgestern vormittag die Frau des Eigentümers W. in einem un- wewachten Augenblick aus ihrer im ersten Stockwerk in der Körner- strahe 45 befindlichen Wohnung. Die Unglückliche fiel auf den Zaun des Vorgartens und erlitt so schwere Verletzungen, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Neuenhagen(Ostbahn). Aus der Gemeindevertretung. Der Grundbesitzerverein des OrtsteileS Bahnhof hatte beantragt, den Platz an der Ackerstrahe Kaiser-Wilhel in- Platz, die Straßen IL und 22 Marien- und Pestalozzistrahe zu benennen und die Neuenhagener Allee in Königs-Allee umzuändern. Schon in voriger Sitzung be- gründete Herr Nisiel den Antrag. Zur Erinnerung an das Jubel- jähr müsse der Platz Kaiser-Wilhelm-Platz genannt werden; der Name Neuenhagener Allee sei zu lang und hätte keine Berechtigung inehr, weil sie jetzt mitten im Ort liege. Unsere Vertreter wandten sich- gegen den Byzantinismus und machten andere Vorschläge. Da eine Einigung hierüber nicht erzielt wurde, beschloß die Vertretung Kommissionsbcratung. Die Benennung der Straßen 18 und 22 muhte aus bestimmten Gründen vorläufig unterbleiben. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung wurde nun nochmals darüber beraten. Nach dem Kommissionsvorschlag soll der Platz Wilhelmsplatz, die Neuenhagener Allee Königs- Allee benannt werden. Weil man nun mal beim Umändern war, sollte auch die am Platz vorbeiführeude Ackerstrahe in W i l h e l m- strahe umgetauft werden. Ackerstrahe klingt doch zu gewöhnlich I Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten wurde der Kommijsions- Vorschlag angenommen.— Der Anregung, die Regenwasserkanäle durch ständige Kontrolle vor Versandung zu schützen, soll Folge ge- geben werden.— Um der Gemeinde und den Anliegern unnötige Kosten zu ersparen, soll möglichst mit der StrahenbeleuchtungSleitung zugleich die Konsumentenleitung verlegt werden.— In geheimer Sitzung wurde den Verträgen zum Erwerb von Strahenland zu- gestimmt und einstimmig beschlossen, wegen Auflassung von Straßen- land eine Klage anzustrengen. Klein-Schönebeck— Fichtenau. Der Gcmeindeschöffe Förster ist am Sonntag plötzlich einem Herzschlage erlegen. Der gesunde und rüstige Mann hatte noch am Nachmittag am einer Sitzung teilgenommen und keinerlei Miß- behagen oder Unwohlsein verspürt. Obwohl der Verstorbene unser politischer Gegner gewesen und in Fragen der Kommunalpolitik nicht immer auf unserer Seite zu finden war, müssen unsere Ge« nassen doch seinen geraden Eharakter, seine eigene Meinung und sein Bestreben, nach besten Kräften dem Gemeindewohl zu dienen, anerkennen. SpanSan. Zum Zwecke der Gcwcrbcgerichtswahl sind vom Magistrat Legitimationsformulare herausgegeben worden. Jeder Wähler hat sich dieselbe von seinem Arbeitgeber unterzeichnen zu lassen, wenn der Geschäftsbetrieb fich in Spandau befindet. Diejenigen, welche in Berlin oder in einem anderen Orte in Arbeit stehen, müssen sich Lnjeratentetl verantw.i Tb» Glocke- Berlin. Druck ll. Verlag: Vorwärts den Ausweis von dem zuständigen Polizeirevier ausstellen lassen. Die Bekanntgabe der Bezirke, in welchen gewählt wird, erfolgt durch die Anschlagsäulen; wir erwarten, daß sich jeder Wähler genau unterrichtet, in welchem Bezirke er wählt. Wahllegitimationen sind noch im Bureau des TranSportarbeiter-Verbandes, Breite Str. 64 I, zu haben._ Gerichts- Zeitung Noch einmal Polizei und Jugend. Weil er der Aufforderung zum Weitergehen nicht Folge ge« leistet haben sollte, hat der Buchdrucker Friedrich K o s ch m a n n ein polizeiliches Strafmandat von 3 M. erhalten. Hiergegen rief der damit Bedachte richterliche Entscheidung an, die jetzt vor dem Amtsgericht Neukölln zum Austrag gelangte. Der Tatbestand ist folgender:- Am 6. April d. I. sollte in einem Lokal in der Bergstrahe in Neukölln eine Jugendvcrsammlung stattfinden, die Polizei erklärte dieselbe jedoch für„politisch", und die Jugendlichen unter 18Jahren verliehen daraufhin den Versammlungsraum. Auf der Strahe bildeten sich dann Gruppen, was die Polizeibeamten vcranlahte, zum Weitergehen aufzufordern. Der Angeklagte befand sich eben» falls unter den Jugendlichen. Er gab an, auf und ab gegangen zu sein und die Jugendlichen fortwährend ermahnt zu haben, nach Hause zu gehen. Plötzlich sei er von einem Schutzmann mit nach der Wache genommen worden, wo man ihn etwa zwei Stun- den in eine Zelle gesperrt habe. Er habe sofort gegen seine Sistierung protestiert, der Schutzmann habe aber erklärt: „Jedenfalls baden Sic der Aufforderung nicht Folge geleistet." Der Polizeileutnant, der die Sistierung veranlaht hatte, sagte als Zeuge aus, er habe den Angeklagten wegbringen lassen, weil er fortwährend auf und ab ging und scheinbar einen grohen Ein- flutz auf die Jugendlichen ausgeübt habe. Auf eine diesbezügliche Frage des Vorsitzenden muhte er zugeben, dah der Angeklagte nur wenige Sekunden, etwa eine halbe Minute, zuweilen stehen.' geblieben sei. Eine direkte Aufforderung an Koschmann habe er nicht ergehen lassen, aber dieser hätte die allgemeinen Ausforde- rungen auch aus sich beziehen müssen. Ein jugendlicher Zeuge konnte die Angaben des Angeklagten nur destätigen. Der Amts- anwalt hielt die Schuld des Angeklagten für erwiesen und be- antragte eine Geldstrafe von 3 M. oder 1 Tag Haft. Rechtsanwalt Dr. Kurt R o s e n f e l d ersuchte um Freisprechung. Er führte unter anderem aus: Man müsse sich wundern, daß nach einer solchen Beweisaufnahme der Amtsanwalt überhaupt noch eine Strafe beantrage. Es habe sich doch gezeigt, dah der Angeklagte, der an der' Beseitigung der„Verkehrshindernisse" mitgeholfen hatte, schliehlich selbst als„Verkehrshindernis" angesehen worden sei. Uebrigens habe der Angeklagte ja getan, was die Polizei be- sohlen habe, und sei weitergegangen. Wenn er, ww der Leutnant selbst zugegeben habe, mal einige Sekunden stehengeblieben ist, so falle dies doch kxineswegs unter den Begriff des Nichtfolgeleistcns bei polizeilichen Anordnungen. Das Urteil lautete auf F r e i s p r e ch u n g. In der Begrün- dnng wurde gesagt, der Angeklagte sei verhaftet worden, ehe er dreimal aufgefordert worden war, wegzugehen. Nach Aussage des Polizeileutnants hat der Angeklagte auch den Verkehr nicht gestört, da sein Verweilen ein Stehenbleiben im Sinne des Ge« setzes nicht darstelle._ Brnfhaftcn der Redaktion. Tie juristische Sprechstunde findet bis einschließlich Sonn- abend, den 30. August, nur von 7 bis 9 Uhr abends statt.— Sonnabends Sprechstunde von%5 bis 6 Uhr nachmittags. F. K. 77. Eine Ndresse können wir Ihnen nicht angeben, vielleicht Berliner Ndretzbuch.— G. R. 84. Wenn Ihnen Einreibung mit grauer Salbe nicht hilft, vertrauen Sic sich einem Arzte an.—(f.$. 13. Melden Sie sich bei der Fürforgestelle Schumannstr. 21, Montag und Frei- tag von 4—6 Uhr, oder Palisadcnstr. 25, DicnStag 4—6 und Donnerstag 10— 12 Uhr.— H. 171. 1. Aus Antrag bei der Polizeibehörde. 2. Gc- schästsadressen finden Sie im Berliner Adreßbuch. Der zweite Teil der Frage ist unverständlich. 3. Unmöglich zu beantworten,- fragen Sic in der Sprechstunde persönlich an.— F. E. 87. 31. August bis 1. September. —(«crtrud 30. Krüppelheim und Fürsorge-Ver-rin, Geschästsstclle Am Urban 10— 11, von 9—11 und 4— 7 Uhr.— C. R. 50. Bei jedem Antiquar. Adressen im Berliner Adreßbuch.— Dänemark 55. 1. Nein, Magyaren. 2.— 3. Buchhandlung Vorwärts, Berlin, Lindcnstr. 69. — G. Stent. Nein.— G. I. 10. Psrovscn oder nudeln.— Afrika 30. Reichskolonialamt Berlin, W. 8, Wilhclmstraße 62.— S. M. 100. Eine Pflichtjortbildungsschule nicht.— Parteimitglied Nr.«1720. 1.-3. Der Apparat wird zurzeit nur in der Privatpraxis des Erfinders in Brmmschweig angewandt. In 3—4 Monaten werden ihn auch Acrztc in Berlin zur Behandlung von Schwerhörigkeit benutzen. Die Behandlung selbst darf nur durch den Arzt geschehen. 4. Der zweite Apparat wird schon seit Jahren bei Spezialärzten sür Ohrenleidcn benutzt. Nur der Arzt kann entscheiden, ob der Apparat bei der Art des Leidens Ersolge zeitigen kann.—