Ar. 819. ( 5 Pfennig) M0)ttltgSltNSgaite( 5 Pfennig) flbonnementS'BediiKiungen: ■SoimemcntS- preis pränumerando: Vierteljährl. S,3i SRC, monaü..l,10 MC. wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. SonntagS- nummer mit Mustrierlcr Sonntags. Beilage.Die Neue Weit' 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 MarC pro Monat. Eingetragen in die Poft-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband sür Deutschland und Oesterreich, Ungarn 7JK) MarC, für daS übrige Ausland s MarC pro Monat. Postabonnements am Belgien, DänemarC, |. Italien, Luxemburg. Portugal, Nämen, Schweden und die Schweiz. Ccfdltlnt täglld). 30. Jahrg. Sie InreMonz-Ledilhf beträgt für die fechSgefpallene Kolonel- zeile oder deren Raum«0 Pig.. für politiiche und gewerlschaftliche BereinS- und LerfammlnungS-Anzeigen 80 Pfg. „Aleine Anreizen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg. izuläffig 2 fettgedruckte Worte), jedes wtitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellenati- zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort 5 Pfg. Wo�e über 1ö Buchstabe» zäblen für ztvei»«rte. Inserate für die nächfie Nummer mütsen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben iverden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „S»s>i>lil«ni»>!»l Berlin". Zcntralorgan der lozialdcniokratl fehen parte» Deutfchlands. Redaktion: 8Äl. 68, Linden ftraße 69. ?xer»sprechrr: Amt Morinplav, Nr. 1983. Montag, den ÄS. August 1913. Expedition: 8M. 68, Linden ftraße 69. NlernivrecCier: Amt Moriüvlati, Nr. 198». ver»ehlheimer fiiritentag. O treue Bundessouveräne, Wie euer Anblick uns erfrischt! In Michels Auge glänzt die Träne, Und mit dem Bermel wird gewischt. Hcrwegh, Zum Fürstcntag 1363. Was sich zwischen Regensburg und Ingolstadt wirklich iind wahrhaftig Patriot nennt, dos wird heute den Matzkrug .nimmer leer haben, denn dort, in dem kleinen bayerischen Donaustädtchen Kelheim entlädt sich ein Pomp und Prunk über die verdutzten und biederen Bewohner, wie sie ihn wohl selten geschaut haben. Zum 25jährigen Regierungs- jubiläum Wilhelms II. hat ihn samt den anderen Bundes- Fürsten nämlich der Prinzregent von Bayern eingeladen, die Von Ludwig I. errichtete Gedenkhalle der Befreiungskriege zu besuchen, und so wird heute Gcrmaniens Imperator, gefolgt oon seinen Vasallen, denn inehr sind sie kaum, auf den Michaelsberg bei Kelheim hinaufsteigen und, wenn uns die Witterung nicht ganz täuscht, eine Rede ins Tal hallen lassen, die hochgemut sich gegen den Korsen Napoleon I. wendet. Nicht um eine politische Angelegenheit handelt es sich ja, sondern mehr um einen dynastischen Famlientag: Deutsch- lands Potentaten feiern hier, ganz unter sich und auf ihre Art, das Gedächtnis an die Taten, durch die ihnen das Volk anno 1813 die Kronen gerettet hat. Auch sie sind Patrioten! Nun wird allerdings das Volk und— man kann nie wissen!— vielleicht auch Herr Cassel der fürstlichen Ge- Äenkfeier an 1813 mit etwas gemischten Gefühlen zuschauen. Gewitz, ein Fürstcntag ist etwas Schönes. Wenn sie einer nack) dem anderen angefahren kommen, den Leibjäger auf dem Bock, der stolz und unnahbar beinahe selbst wie ein Gottes- gnadenmann aussieht, dieser Monarch in blauer Uniform, jener verschnürter roter Jacke und der dritte mit einem Riesensarras zwischen den Knien, und wenn die Fahnen flattern, die Orden klimpern und die Böller bollen, da lacht jedem Hurraschreifritzen das Herz im Leibe. Aber es gibt leider in dem loyalen deutschen Volk auch Nörgler, und von denen könnte der eine oder andere sich eines früheren Fürsten- tagcS erinnern, der ckuch seine Verdienste hatte. Nicht den von Frankfurt im Jahre 1863 meinen wir, der der bismärcki- fchen Revolution von oben zuvorkommen sollte, aber sehr kläglich verlief und von Hcrwegh in recht despektierlichen Versen abgehandelt wurde, sondern jenen anderen Fürstcntag, der 1808 in den Herbsttagen zu Erfurt stattfand. N a- p o l e o n hatte ihn zusammengetrommelt, einmal um das soeben abgeschlossene Freundschaftsbündnis mit dem russischen Alexander durch Entfaltung eines unerhörten Glanzes zu feiern, dann aber auch, um eine Heerschau über seine Vasallen auf den den. scheu Fürstenthronen abzuhalten. So waren sie alle aufgeboten worden und in Gehorsam ersterbend alle er- schienen, die Herrscher'von Napoleons Gnaden, die Könige von Bayern, von Sachsen, von Württemberg, die Grotzherzöge und Herzöge, und wer selbst am Erscheinen verhindert war, hatte doch wenigstens einen Prinzen aus der Verwandtschaft zum 5U'atzfi!tziiiachen hingeschickt. Denn alle zitterten in Ehrfurcht vor dem Manne, den die Revolution hochgehoben und der mit Fllrstenkronen spielte wie mit tauben Nüssen; alle buhlten um sein gnädiges Lächeln, alle bettelten um ein huldvolles Wort, und, hätte er es befohlen, sie hätten mit den allerhöchsten Zungen ihm den Staub von den Reitstiefeln geleckt.' Damals auf dem Erfurter Fürstentag waren deutsche Potentaten so billig wie Brombeeren, und es war ein recht nettes Sinnbild der Zeit, wenn der Offizier der Schlotzwache seine Tambors zornig anfuhr, weil sie beim Einzug des Württembcrgers den nur für kaiserliche Majestäten vorbehaltenen dreimaligen Trommelwirbel schlugen:„Auf- hören! Das ist nu/ein König!" Aber Napoleon behandelte sie alle recht leutselig und sorgte trefflich für ihre Unterhaltung: nicht nur mutzte der berühmte Schauspieler Talma vor einem„Parkett von Königen" spielen, sondern auf dem Schlachtfeld von Jena wurde sogar eine HasenHetze abgehalten, und alle ritten sie mit, auch der Prinz Wil- Helm von Preutzen, dem der etwas grimniige Spatz des Tages galt! Wenn sich nicht nur dieMörgler, sondern auch die Poten- taten diesen Vorläufer des Kelhcimer Fürstentages ins Ge- dächtnis zurückrufen wollten, würde das keineswegs eine Hemmung auf dem Wege zur inneren Einkehr sein. Mit welchen Gefühlen müssen überhaupt die Sprossen der napoleonischen Vasallen von 1808 der Gedächtnisfeier an jene Taten beiwohnen, die den Schutzpatron ihrer Ahnen von der Höhe der Macht ins Nichts hinabgestürzt haben! Nicht Wettin, nicht Wittelsbach und nicht Württemberg zierte heute die Königskrone ohne Napoleon! Und können die Nach- koinmen jener Potentaten im Westentaschenformat, deren Ländle damals nur deshalb nicht mit einem Federstrich von der Karte vertilgt wurde, weil Napoleon von ihrer Existenz gar keine Ahnung hatte, können die Souveräne von Lippe, Schwarzburg und Reutz mit ungemischter Freude an dem Kelheimer Fest teilnehmen? Und der Monarch aus dem Hause der Hohenzollern endlich— er wird, mag er in seiner Rede den Vorsahren auf ein noch so hohes Picdcstal heben, in den Massen des Volkes kein Echo finden, denn hier weiß man, trotz der pseudopatriotischen Mache im Frühjahr dieses Jahres, daß Friedrich Wilhelm III. nicht den Besreiungs- krieg von 1813 entfesselt, sondern gehemmt hat, und daß er nicht mit der Volksbewegung, sondern daß die Volksbewegung über ihn hinweggegangen ist. Aber tut nichts! Die Fürsten seiern heute 1813, das Volk bildet den gaffenden und hurraschreienden Hintergrund, und damit alles klappt, werden sogar die„spontanen" Kund- gebungen auf Komniondo erfolgen, denn also läßt sich das offzielle Festprogramm vernehmen: „Zu gleicher Zeit läuten die Glocken in Kelheim. Die Geschütze in beiden Feuer st ellungcn geben Salut. An vier Stellen in der Nähe der Befreiungshalle und in dem Steinbruch über der Donau werden Kanoncnschlägc gelöst. Das Feuern der Kanonenschläge beginnt mit dem Einsetzen des Ehorcs ohne Zeichen, das Feuer der Geschütze mit dem fünften Kanonenschlag. Der erste Kanonenschlag ist das Zeichen zum Einsetzen des Glockengeläutes. Nach Beendigung des Chores gehen die Fürstlichkeiten in Begleitung des Dienstes und der K. Edelknaben und gefolgt von den zur Tafel geladenen Gästen zur Banketthalle. Die Militärmusiken und die Sänger stimmen dieWacht am Rhein an und gebe» damit Anlaß zu einer spontanen Huldigung. Bei schlechtem Wetter wird, wenn nötig, von dem Anhören des Chores auf der Freitreppe Umgang genommen und ohne Aufenthalt zu�ji Bankctthaus gegangen." Glocken, Kanonen,„spontane" Huldigung— Hurrg! In Michels Auge glänzt die Träne, Und mit dem Aermel wird gewischt! poiitifcbe Ucbcrruht. Ein konservativer Pyrrhus-Sieg. Ter Wahlaussall in dem fast rein ländlichen Wahlkreis Ragnit-Pillkallen hat zwar, wie bereits gestern gemeldet, init dem Siege des Konservativen G o t t s ch a l k geendet, allein die Junker werden von dem Wahlausfall keineswegs erbaut sein. Denn ihre Stimmcnzahl hat sich gegenüber der Haupt- wähl im Jahre 1012 um 580 vermindert, während die sozial- demokratischen Stimmen sich um 277 vermehrt haben. Zwar sind auch die nationallibcralcn Stimmen um 233 zurück- gegangen, doch ist trotzdem die Stiimnenniehrheit der Konservativen, die 1912 noch zirka 850 betrug, diesmal auf einige 230 Stimmen gesunken. Wenn der Liberalismus einmal die Angst vor der eigenen Courage überwinden und wirklich liberale Politik treiben wollte, könnte den Junkern kräftig aufgespielt werden! Verschleppung des KrupP-ProzesseS? Im Oktober oder November sollte bekanntlich die Neuauflage und Ergänzung des Kruppprozesses durch die Prozcssierung des Herrn Maximilian Brand und eventuell etlicher Mitschuldiger beginnen. Jetzt will nun die„Tägliche R u n d s ch a u" er- fahren haben, daß Brand„schwer erkrankt" sei. Der Kornwalzcr- mann sei schon seit Jahren nervenlcidend gewesen und nun unter dem Eindruck der Untersuchungshaft und der Aufregungen des Prozesses„seelisch vollständig zusammengebrochen". Er müsse auf ärztliche Anordnung ein Sanatorium aussuchen, um dort seine „schwer angegriffene Gesundheit" wieder herzustellen. Von dem Verhandlungstermin dürfte also v o r c r st keine Rede sein, da Brands Gesundheitszustand jede VerHandlungsfähigkeit ausschließe. Das kann ja recht nett werden. Möglicherweise erleben wir eine Neuauflage oer Eulenburgercien. Auch� Phili Eulenburg ist nun bereits seit mehreren Jahren so schwer er- krankt, daß jede Verhandlungsmöglichkeit ausgeschlossen ist. Was dem Dichter des Sangs an Acgir recht ist, dürfte am Ende dem Vertrauensmann der allmächtigen Firma Krupp billig sein. Zeigen sich seine Nerven ebenso obstinat, wie hie des Helden vom Starnberger See, so können wir aus den eigentlichen Krupp- prozeß noch recht lange warten! Die„Tägliche Rundschau" will übrigens weiter wissen, daß es auch höchst zweifelhaft sei, ob wenigstens gegen andere Kruppbcamte, gegen einige der Direktoren der Firma An- klage erhoben werde. Von„sehr unterrichteter Seite" will oas Blatt erfahren haben, daß das bisherige Nkaterial als n i ch t g e- n ü g e n d zur Erhebung einer Anklage angesehen werde! Wenn die Kruppoirettoren außer Schußlinie bleiben und Herr Brand nicht verhandlungsfähig wird, ist es also mit der„Klärung", die die Moabiter Verhandlung bringen sollte, wieder einmal nichts. Es wird dann lediglich der parlamentarischen Untersuchungskom- Mission vorbehalten bleiben, der Oeffentlichkeit klaren Wein über die Kruppskandale einzuschenken. Freilich hat man auch hier durch sorgfältige Auslese der Kommissionsmitglieder und daourch, Daß man der Kommission die Kompetenz einer gerichtlichen Instanz verweigert hat, dafür gesorgt, daß bei der Unter- suchung nicht allzuviel ans Tageslicht kommt! So w i r d's gemacht! Wahlpriifungsgerichtshof. Von einem Mitglicde der Wahlprüfungskommission des Reichstages wird uns geschrieben: Ter„Vorwärts" gab in seiner Sonntagsausgabe eine Mcl- dung der„Deutschen Parlamcnts-Korrespondcnz" wieder, wonach der verstärkten Gcschäftsordnungskommission des Reichstages ein Vorschlag vorliegt, einen Reichstagsgcrichtshof für Wahlprüfungen zu schaffen. Diese Behauptung ist nicht richtig, denn die Ge- schästsordnungskommission des Reichstages ist zurzeit natürlich nicht versammelt, und als sie auseinanderging, war ein solcher Vor- schlag nicht vorhanden. Der Geschäftsordnungskommission wurde nur die im Reichstage angeregte Frage überwiesen, wie die Er- Hebungen bei Wahlprüfungcn vereinfacht werden könnten, und außerdem der Antrag Basscrmann, der allerdings verlangt, daß die Wahlprüfungen einem unabhängigen Gerichtshof überwiesen werden sollen. Die Verhandlung dieses Antrages im Reichstage hat aber keinen Zweifel darüber gelassen, daß für eine solche Aenderung eine Mehrheit im Reichtage nicht zu finden ist. Geradezu toll ist aber das, was sich der Vorschlag unter einem Reichstagsgerichtshof vorstellt. Die fünf Mitglieder des Gerichts sollen aus den Reihen der Reichsgerichts- und Oberverwaltungs- gerichtsräte entnommen werden. Die Hauptvcrhandlung soll an: Sitze desjenigen Landgerichts stattfinden, in dessen Bezirk der den Wahlprotest betreffende Wahlkreis liegt! Das wäre also ein G c- richtshof im Umherziehen, der heute am einen und mor- gen am anderen Ende des Reiches tagen müßte. Schon daraus er- gibt sich die W i d c r s i n n i g k c i t des von jener Korrespondenz verbreiteten Vorschlages. Geradezu kurios aber ist die weitere Mitteilung, daß dieser Gerichtshof das Recht haben soll, wenn grob- lichc Verletzungen der geltenden Bestimmungen vorliegen, durch einen Beschluß die Ausübung des Mandats vorläufig zu untersagen. Die Verfassung schreibt vor: Der Reichstag prüft die Legitimation seiner Mitglieder selbst; und sie bestimmt weiter, daß der Gewählte solang« Sitz und Stimme im Reichstage hat, bis sein Mandat vom Reichstage für unghltig erklärt ist. Tic von jener Korrespondenz verbreitete Meldung ist entweder ein Phantasiegebildc oder sie enthält die Gründzüge für einen Vorstoß der Reaktion gegen verfassungsmäßig festgelegte Rechte des Reichstages. Zur Steuerfrage. Wie uns Genosse Wurm mitteilt, soll seine gestern von uns veröffentlichte Resolution, entsprechend dem ihm gewordenen Auftrage, die Grundlagen für die' th e o r c t i s ch e Beurteilung der Steuer- und Dcckungsfragc bieten. lieber die Stellung der RcichStagsfraktion referiert Genosse Dr. S ü d c k u m. Der türhilch-bulganrchc Konflikt. Die Nachrichten über den Verkauf des türkisch-bulgari- schen Konflikts lauten nach wie vor fehr widersprechend. Nur � das scheint festzustehen, daß Bulgarien sich nun doch ent- schlössen hat, mit der Türkei in direkte Verhandlungen ein- zulassen. Auch scheint auf beiden Seiten das vernünftige Be- streben vorbanden zu sein, möglichst alle Zusammenstöße zu vermeiden. Die Meldungen lauten: Konstantinopcl, 24. August.(H. B.) Tie Nachricht, daß zwischen der Türkei und Bulgarien in Sachen der Adrianopel- frage durch die Bemühungen von Natschewitfch bereits eine Verständigung zustande gekommen sei, erscheint der- f r ü h t. Richtig ist nur. daß Natfchewitsch neue Instruktionen erhalten hat, wonach Bulgarien bereit ist, direkt und offiziell mit der Türkei wegen des Besitzes von Adrianopel zu verhandeln. Vormarsch der türkischen Truppen. Paris, 24. August.„Ercelsior" meldet aus Könstanti- nopel: Trotz aller friedlichen Versicherungen der Konstanti- nopeler Regierung bestätigt es sich, daß türkische Truppen in Kirdschalü eingetroffen sind. Man schließt daraus, daß die Pforte keine Autorität mehr über die Truppen besitzt und daß En der Bei sie zwingen will, sie seinen Plänen zu fügen. Tie Lage sei also wenig bc- ruhigcnd, trotzdem der Frage von Adrianopel von den Mächten der internationale Charakter genommen wurde und diese als rein bulgarisch-türkifche Angelegenheit betrachtet wird._ Gegen die dreijährige Dienstzeit. Paris» 24. Auguftl(H.- B) Der„Matin" berichtet aus Bordeaux: Bei der französischen Landbevölkerung herrscht ein großer Widerwille gegen die drcijäbrige Dienstzeit. Der frühere Oberkommandierende der französischen Armee General Bruycre hielt vor den Mitgliedern des Bauern- Vereins der Correze in Uzerche einen Vortrag, in dem er betonte, daß die Regierung bereit sei, den Söhnen der Landwirte während der Ernte und der dringenden Landarbeiten einen längeren sirlauh zu bewilligen. Wilson gegen Hnerta. Der amerikanisch. mexikanische Konflikt scheint sich in die Länge?iehen zu wollen. Huerta hat der Washingtoner Regierung erklärt, dah er all» Präsidentschaftskandidaten den Ge- neral Felix D i a z Vorschlag«. Diaz aber befindet sich zurzeit auf einer Sondermission in Ja p a n, so daß Sr ftühestens Ende Oktober zurückerwartet wird. Bis zu diesem Zeitpunkt verlangt Huerta von den Vereinigten Staaten seine Anerkennung als provisorischer Präsident von Mexiko. Eine amtliche amerikanische Aeußerung zu diesem Vorschlage HuertaS liegt bis jetzt noch nicht vor. Doch äußert sich der„New- Norker Herald" dahin, daß die Washingtoner Regierung nichts gegen die Kandidatur von Felix Diaz einzuwenden habe. Sie würde sogar Huerta als Präsidenten anerkennen, falls er seinen Posten niederlege und dann bei der offenen Wahl vom mexikanischen Volke al» Präsident gewählt werde. Dagegen würde die Regie- rung der Vereinigten Staaten die derzeitige mexikanische Regierung nicht anerkennen. Ferner verlautet, daß die amerikanische Regierung, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, die zurzeit an der mexika- nischen Grenze stehenden Truppen, die 11»00 Mann zählen, u m 14000 Mann verstärken wolle. Wenn es nötig sei, könne dann aus diesen Truppen ein Expeditionskorps gebildet werden. Huerta scheint die amerikanische Drohung vorläufig nicht allzu ernst zu nrfjmen und es, wie sein Gegenvorschlag beweist, mit der Devise zu halten: Zeit gewonnen, alle? gewonnen! Graul!. AuS Metz wird uns geschrieben: In der BegrüßungSversamm- lung deS Katholikentages, am Sonntag, den 17. August, erzählt« Professor Kitzinger, der Vorsitzende des M«tz«r Lokalkomite«?, der Versammlung von„Grau Ii", einem geschwänzten U n- geheuer, daS in grauen Zeiten die Fluren von M«tz verwüstete, bis es vom heiligen Klemens durch die Macht des Gebetes be- zwungen wurde. Dieser Grauli, so erzählt« Professor Kitzinger weiter, sei in unseren Tagen wieder aufgetaucht. Aber, so schloß er frohlockend: was sind alle Prüfungen, die unsere Kirche heim- suchen, anderes als wirkungslose Schwanzschläge dieses Ungeheuers? Derartig« Gedanken mögen wunderbar erscheinen im Munde eines deutschen Professors; doch Herr Kitzinger kennt die Welt, wie wäre er sonst Vorsitzender des Lokalkomitees des Metzer Katho- likentageS. Und zur selben Stunde, da er in der Festhall« vom Grauli erzählte, ging das geschwänzte Ungeheuer leibhaftig in Metz um. Wehe, weh«! In Metz gibt es einen Stadtteil mit engen, dunkeln und zum Teil zerfallenen Straßen. Die stattlichste dieser Straßen ist be- kannt unter dem Namen„Moselgass«", und danach nennt sich das ganze Viertel. Die Häuser dieser Straße führen Nummern in beträchtlicher Größe und feurigen Farben. Abend» sind diese Nummern schön beleuchtet. AuS den Fenstern dieser Häuser schauen und winken— wenn nicht gerade die Polizei in der Nähe ist— schön« Jungfrauen. Im allgemeinen geht eS stille und verstohlen zu in der Mosel- gasse. Nur bei besonderen Gelegenheiten, bei Krieger-, Sänger- und anderen Festen wird es in den Gassen und Gätzchcn lebendig. Die Gründe des zahlreichen Besuches sind verschieden. Mancher geht aus Neugier hin, um sich die Moselgasse, die in ganz Lothrin- gen und darüber hinaus in bestem Rufe steht, mal anzusehen; manchen treibt die Erinnerung an die Zeit, da er in Metz als Soldat stand; andere allerdings treibt weder Neugier noch Er- innerung. Grauli, das geschwänzte Ungeheuer, hat sie gepackt und stößt sie in den Pfuhl der Sünde. Aber, so wird man fragen, was hat denn die Moselgasse mit dem Katholikentage zu tun; in der heiligen Woche wird es doch an diesem sündigen Orte stiller als je gewesen sein? Im Gegenteil: am Sonntag, den 17. August, wo der Metzer Katholikentag seinen Anfang nahm und Professor Kitzinger seinen Zuhörern die grau- liche Geschichte vom geschwänzten Ungeheuer erzählt«, da ging eS in der Moselgasse und den benachbarten Gäßchen lebhafter zu als je. Lebhafter, als wenn Krieger-, Turner- und Sängerfeste statt- finden; lebhafter sogar als in den Tage« des Eucharistischen Kon- gresseS, was immerhin einiges sagen will. Alocdenfilm. ... Tieweil deS Menschen Fürrecht Lachen ist. Rabelais. Berlin 0, 23. August. Sehr geehrte Redaktion! So, da bin wieder. Von Ahlbeck nämlich, indem daß ich ja vor meiner Abreise an Ihnen geschrieben hatte. Wie eS war? Na, hören Sie bloS auf. Einfach kladrig. Wasser nichts als Wasser; von oben Wasser, von unten Wasser; auf der See regnete es, an Land dröschte eS. War man eine Stunde draußen, schwammen einem die Kaulquappen in der Hutkrämpe herum. Na. ich will nichts weiter sagen, denn Sie grinsen doch bloß höhnisch über das Mißgeschick, da? uns Burfchoa, wie Ihr uns nennt, auf unserer Badereise betroffen hat. Ein Glück, daß wir Berliner dort in Ahlbeck ganz unter unS waren. Dauerskate haben wir gemacht, daß ich in der Badezeit mehr Hosenböden durch- gescheuert als Stiefelsohlen abgelaufen habe. JnS Seebad bin ich überhaupt nicht gekommen, mir war's draußen schon wässrig genug. Außerdem gab eS da auch eine ganze Menge Gesinnungsfreunde vom Bezirksverein, und da tonnte man nach Herzenslust vernünftig politisieren. Was ich auch nicht zu knapp getan habe. Nach Swinemünde waren wir natürlich auch rüber, als S. M. mit seiner„Hohenzollern" dort war. Ueberhaupt das halbe Berlin, wo an der Ostsee war, hatte sich eingestellt. Bor allem viele von unseren wohlhabenden jüdischen Mitbürgern; die müssen ja immer dabei sein, wo irgend was von S. M. oder vom Hofe zu sehen ist. Und das große Bootsunglück haben wir auch mit erlebt. Natürlich ganz von weitem. Na, darüber brauche ich nichts weiter zu schreiben. Die Berliner Zeitungen haben ja genug davon gebracht. S i e natürlich nicht, es waren ja auch keine von Ihren Leuten dabei. Und einen Bootsmannsmaat von der.Hohenzollern" habe ich dort kennen gelernt und ein paar GlaS Bier mit ihm getrunken(bezahlt habe ich natürlich). Da» war ein ganz patenter Kerl. Und Dinge hat der mir erzählt, von den Nordlandreisen und so. Nein, war da« nteressant l Aber ich werde mir hüten und Ihnen hier was von schreiben. Damit Sie hernach Ihre dreckigen Glossen drüber machen. Nee, is nich! Na und nun Schluß von die ganze Reiserei. Ich bin froh, daß ich wieder in Berlin bin und daß man sich als gebildeter Staats- bürger wieder um öffentliche Angelegenheiten bekümmern kann. Also, da ist z. B., was mich als Hausbesitzer sehr nahe geht, der Fall in Eharlottenburg, wo der Hauswirt dem Mieter, wo rücken wollte, mit dem Revolver totgeschossen hat. Ich sehe es schon kommen, wie eS in den Zeitungen von Ihrer Kulör und in den Die Moselgasse war in jeder Beziehung auf den Katholikentag vorbereitet. Die Wirtshäuser an ihrem Eingange hatten festlich geschmückt und geflaggt. Von ihren Fenstern grüßten huldvoll die Bilder des Papstes und des Bischofs Benzler. Und die Besucher wußten diese Aufmerksamkeit, die wie eine freundliche Einladung aussah, in vollstem Maße zu würdigen; denn in der liebenswür- digen Straße war am Sonntagnachmittag von 4 Uhr bis spät abends ein Gedränge und ein Gewoge, daß zeitweise der Verkehr stockte. Nicht wenige Männer hatten sogar ihre Frauen mitge- bracht, andere ein noch teureres Gut: die VereinSfahue, die sie nach- mittags im Festzuge getragen hatten. Es wird also der Herr Pfarrer kaum umhin können, die Fahnen von neuem zu segnen, ehe sie wieder Verwendung bei der Prozession finden. Und lustig ging es auch zu in der Moselgasse. Scherzworte zwischen der Menge in der Gasse und den Jungfrauen in den Fenstern der Häuser wechselten hinüber und herüber. Freudiges Erstaunen auf den Ge- sichtern der Neulinge, heiteres Selbstbewußtsein bei den Kundigen. Konstantin, der große Sünder und Heide, dessen Züge die Fest- medaille des Katholikentages trug, wird Freude gehabt haben an dem heidnischen Treiben. Bei den meisten der katholischen Männer, die am Sonntag die Moselgasse bevölkerten, wird es vielleicht nur Neugier gewesen sein, den Ort kennen zu lernen, der für viele Besucher von Metz die größte Sehenswürdigkeit bildet; aber eS ging nicht nur draußen in der Gasse, sondern auch drinnen in den Häusern mit den großen Nummern recht lebhaft zu. Die Inhaber hatten vorsorglich ihren Betrieb stark erweitert. Auch die Wirte am Eingange zur Mosel- straße kamen am Sonntag auf die Kosten. WaS aber sagt Pater Bonaventura dazu, der an dem letzten Tage der Metzer Katholikenwoche eine flammende Rede über die Entchristlichung der Völker hielt und dabei wider Sozialisten und Monisten, Freimaurer und Freidenker wetterte als die Wurzeln alle? Uebels? Ich rate ihm, beim nächsten Katholikentag seine Büß- und Kreuzzugsrede nicht in der Festhalle zu halten, sondern in der Moselgasse oder wie sonst die Stätte der Fleischeslust heißt. Was Professor Kitzinger sagen wird, läßt sich denken. Er wird Grauli anklagen und in dem unheiligen Treiben, das sich am ersten Tage der heiligen Woche in der Moselgasse zu Metz entwickelte, das Werk geschwänzter Ungeheuer erblicken. Vielleicht versucht es der fromme Mann, wie weiland der hl. Klemens, mal mit der Macht des Gebets. Huö 6roß-ßcrUn, Schreckenstat eines Wahnfinnigen. Von ihrem Manne im Schlaf überfallen und übel zugerichtet, wurde in der Nacht zum Sonntag die Ehefrau des Arbeiter? Sander aus der Chausseestraße 50. Die Eheleute Sander wohnen seit einem Jahre mit ihrer 22 Jahre alten Tochter im fünften Stockwerk des HauseS, wo sie Swbe und Küche innehaben. Dem Manne fiel vor zwei Jahren auf seiner Arbeitsstelle ein Stück Eisen auf den Kopf. Der Unfall hatte eine langwierige Krankheit zur Folge. Als diese vorüber war, zeigten sich wiederholt Spuren von Geistesgestörtheit bei dem Verunglückten. In einem Anfalle seines Leidens bedrohte er bereits vor einem Jahre einmal seine Frau. Als S. sich an einem Arzt, der ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen wollte, tätlich vergriff, wurde er nach der Irrenanstalt Dalldorf gebracht. Auf Wunsch der Frau wurde er hier aber wieder nach einiger Zeit entlassen. In der Nacht zum Sonntag, als die Frau eingeschlafen und die Tochter mit ihrem Bräutigam igL Theater gegangen war, erhob er sich gegen 11� Uhr von seinem Bett, nahm aus der Küche einen Hammer und versetzte seiner Frau damit mehrere Hiebe auf den Kopf. Sodann verletzte er sie noch mit einem Messer. Sander ergriff jetzt die Flucht und ist bis zur Stunde noch nicht ermittelt worden. Die schwerverletzte Frau kam nach einer halben Stunde wieder zu sich, ging zu Nachbarsleuten und schilderte diesen mit wenigen Worten die Schreckenstat ihres Mannes. Diese sorgten jetzt für einen Arzt, der die Bedauernswerte nach dem Augusw- Hospital bringen ließ, wo sie schwer daniederliegt. Der flüchtige gemeingefährliche Geisteskranke hatte vorher geäußert, daß er auch noch seine Tochter und deren Bräutigam ermorden wolle. Sander ist 1,00 Meter groß, hat volles, schwarzes Haar, einen vollen, schwarzen Schnurrbart und eine lange spitze Nase. Bekleidet war er bei der Flucht mit einem graugestreiften Jackettanzug und einem schwarzen steifen Hut. Versammlungen losgeht. Von wegen„brutaler HauSpascha" und einem zehnköpfigen Proletarierfamilienvatcr oder so ähnlich. De roten Manieren kennt man ja schon. Aber haben die Kerle, die so reden oder schreiben, eine Ahnung davon, waS für Sorgen und Aerger so ein armer Hauswirt hat. Vor allem mit die Arbeiter und die Jähren von diese. D a klappt'S erst mit der Miete, hier muß man aufpassen, daß nicht gerückt wird, wenn Zappen duster ist, dort verungenieren einem die Jähren Treppen und Hausflur und machen Krakehl im Hose,— na, waS soll ich noch viel sagen, daftir haben S i e doch kein Verständnis nicht. Vielleicht haben aber die von Ihren Genossen, wo selber ein Haus haben, so'ne kleine Ahnung davon. Fragen Sie die mal. Ob die auch immer mit Sie einverstanden sind, wenn Sie gegen die sogenannten HauSagrarier losziehen? Es ist wahrhaftig kein Wunder, wenn so einem geplagten Hauswirt mal die Galle platzt und er zur Notwehr greift. Ich werde überhaupt in unserer nächsten BezirksvereinSversamm- lung den Antrag stellen, daß unsere Abgeordneten im Reichstage dafür sorgen, daß die Paragraphen im Strafgeseybuche über Not- wehr und Putativnotwehr, oder wie eS die Rechtsverdreher sonst nennen, zugunsten für die Hauswirte abgeändert und gemildert werden. Schließlich sind wir doch in derselben Lage wie Schutz- leute, die Arrestanten mit dem Säbel bearbeiten und dabei manch- mal ganz Unschuldige vertobacken. Da werden doch mehrstenteil» die, die eine Naht gekriegt haben, verknackt und die Schutzleute gehen ftei au«. Am letzten Ende gehören wir Hausbesitzer doch auch zu die staatserhaltende Autorität I Die Charlottenburger Geschichte ist natürlich auch an meinem Stammtisch viel besprochen worden, und es kam dabei zu ganz inter- essanten Diskussionen, indem daß der erschossene Arbeiter acht Kinder hatte. Wie haben da über die Kindcrfrage gesprochen. Aber ich muß schon sagen: ich kenne mich da nicht mehr aus. Was wir paar Hausbesitzer waren, wir vertraten natürlich den Standpunkt, daß uns Mieter mit gar keine oder wenig Kinder die liebsten wären. Und daß, wer Kinder nickt ernähren kann, auch nicht so viele in die Welt setzen solle. Aber da kamen wir schön an. Unser Stammtisch- kollege, Oberlehrer Kniefling, sagte, da näherten wir uns den neuesten sozialdemokratischen Theorien von wegen Gebärstreik und so. Wir hatten von so was noch nichts gehört und er mußte uns das erklären. Und da sagte denn Kniefling. daß bei Ihren jetzt so beliebten Auseinandersetzungen über Massenstreik— notabene, wenn man als anständiger Bürger das Wort Massenstreik hört, weiß man wahr- hastig nicht, ob man sich darüber ärgern, oder ob man darüber lachen soll— auch von gewissen Leuten geraten worden wäre, die Arbeiter« stauen sollten mit daS Kinderkriegen streiken, indem daß dann der „Klassenstaat" und die Kapitalisten nicht mehr soviel. Ausbeutung»« objekte" geliefert kriegten. Wie daS so nun mal die roten Reden»- Feuer auf dem GSterbahnhof Frankfurter Allee. In der Nacht zum Sonntag, kurz vor 1 Uhr. wurde die Lichten- bcrger und Berliner Feuerwehr nach dem Güterbahnhof Frank- furter Allee gerufen. Bei Ankunft der Löschzüge stand dort ein mit Papierballen hochbeladener Etsenbahnwaggon vollständig in Flcnnmcn. Der brennende Wagen wurde sofort auf ein an- deres Gleis gebracht, so daß die übrigen Waggons nicht gefährdet waren. Die Ablöschung des Feuers erfolgte mit vier Schlauchleitungen. Ueber die Ursache des Brandes war nichts mehr zu ermitteln. Vor dem Hause Klopstockstraße lll, an der Cuxhavener Straße, geriet gestern l Sonntag) vormittag ein Automobil in Brand. Da der Chauffeur die hoch emporschlagenden Flammen nicht allein ersticken konnte, so wurde die Feuerwehr zu Hilfe gerufen, die den Brand mit einer Schlauchleitung ablöschte. Auf böswillige Vrandstiftung werden zwei Brände zurück- geführt, die gestern abend kurz hintereinander in der Kirchbach. straße 14 im Westen Berlins zum Ausbruch kamen. Zuerst wurde die Feuerwehr um 0 Uhr nach dem Hause gerufen, weil dort ein Bodenbrand herrschte. Der zwölfte Löschzug au? dem Depot An der Apostelkirche war schnell zur Stelle und konnte idaS Feuer, das auch schon einen Teil des Dachgebälks ergriffen hatte, in kurzer Zeit ab- löschen. Nach einer genauen Revision der Brandstelle rückte der Zug gegen VM: Uhr wieder ab. Eine knappe halbe Stunde später erfolgte erneuter Alarm nach der Kirchbachstraße 14. Diesmal brannte der Dachstuhl in größerer Ausdehnung. Der lei- tende Brandmeister mutzte" mit zwei Rohren eingreisen lassen, um eine weitere Ausbreitung de» Feuers zu verhüten. Der Dachstuhl wurde zu einem erheblichen Teil zerstört. Mit den Nachlösch- und AufräumungSarbciten hatte die Wehr bis in die Nacht hinein zu tu�i. Von den Brandstiftern fehlt noch jede Spur. In der Narkose gestorben ist am Sonnabend der 26 Jahre alt« Hausverwalter Fritz Müller aus der Courbierestraße Ib. Müller litt seit einigen Tagen an heftigen Zahnschmerzen. Er suchte deshalb eine Klinik in der In- validenstraße auf, wo der Arzt feststellte, daß die Ursache der Schmerzen die Wurzel eines Backenzahnes war. die nur in der Nar. kose gezogen werden könnte. Mit Einverständnis Müllers nahm der Arzt die Operation in der Narkose vor. AuS dieser erwachte der Patient jedoch nicht mehr. Zur Feststellung der Todesursache wurde die Leiche beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Im Schanklokal vom Tode ereilt wurde in der Nacht zu gestern der 54 Jahre alte Handlungsgehilfe Paul Wehlitz aus der Bergstraße 12. Wehlitz, der unverheiratet war und dort ein möbliertes Zimmer bewohnte, wurde gejjen 11% Uhr in einem Schanklokal in der Elsasser Straße, wo er bau- f:ger verkehrte, plötzlich von einem heftigen Unwohlsein befallen. Er verlor bald die Besinnung und verstarb. Ein Arzt von der Hilfs- wache in der Eichendorfstraße konnte bei seinem Erscheinen nur noch den Tod feststellen. Wahrscheinlich hatte ein Herzschlag dem Leben deS Mannes plötzlich ein Ende bereitet. Nach einer wilden Jagd verhaftet wurde ein schon wiederholt mit Zuchthaus vorbestrafter Einbrecher, der mit zwei Spießgesellen in der Oranienstraße auf frischer Tat ertappt wurde. Ein Wächter der Nachtwach- und Schließgesell- schaft bemerkte auf seinem Rundgange in dem Geschäftshause Nr. 138/183, wie Einbrecher in einem Kontor an der„Arbeit" waren. Er benachrichtigt: einen Schutzmann und ging mit diesem in das Haus. Die Einbrecher hatten jedoch schon„Lunte gerochen" und ergriffen die Flucht. Der Schutzmann setzte einem der Diebe, der eine mit einer Ledcrhülle versehene Schreibmaschine mit sich schleppte, nach. Die Verfolgung ging durch die ganze Skalitzer Straße bis zur Wienerstraße. Als hier der Beamte dem Aus- reißer auf den Fersen war. drehte sich dieser plötzlich um und warf die Maschine seinem Verfolger gegen den Leib. Der Schutz- mann gab jetzt ein Notsignal, das auch die Passanten auf den Elüchtenden aufmerksam machten. Ein Mann, oer sich dem Flie- :nden in den Weg stellte, bekam von diesem jedoch einen so heftigen Faustschlag, daß er rücklings auf die Straße flog. Ens- lich gelang es doch, des gefährlichen Burschen habhaft zu werben. Er entpuppte sich auf dem Polizeipräsidium als ein Karl Strauß, der erst vor sechs Wochen aus dem Zuchthause entlassen worden war. Er will weder seine entkommenen Spießgesellen kennen, noch an dem Einbruch beteiligt gewesen sein. Bon einem Automobil überfahren wurde gestern nachmittag gegen 4 Uhr der 21jährige Sohn des Kaufmanns Fischer, Neue Hoch- arten find. Wir haben da zuerst drüber gelacht und— wie das bei so'nem Thema in der Lust liegt— ein paar zotige Witze drüber gerissen. Und ich habe gesagt, daß uns das doch ganz wurst sein kann, wie es die Arbeiter mit dem Kinderkriegen halten;. ich ließe jedenfalls die Jähren nicht in meinem Hofe und auf den Treppen rumpurzeln. Da solle die Stadt für mehr Spielplätze und so sorgen. Zu was zahlt man denn seine Steuern. Da opponierte nun wieder der Stadtverordnete Schweigner: Wo denn die Stadt die Mittel dazu hernehmen sollte, wo sie doch schon so hohe Polizei- und Schullasten, die großen RepräsentationS- aufwendungen usw. hätte. Die kommunale Leistungsfähigkeit täte auch mal ihre Grenzen haben.„Wenn man Euch so hört", meinte dann der Fabrikant Pfefferkorn,„müßte man glauben, die roten Gebärstreikpropheten hätten recht. Ihr Hauswirte wollt keine Kinder ins Haus, die Stadt will nichts mehr für die Kinder tun. Aber wo bleiben denn wir von der Industrie? Wenn der Streik beim Kinderkriegen systematisch und konsequent durchgeführt wird. sitzen wir in zwanzig Jahren ohne billige Arbeitskräfte da. Da» Angebot ist dann so gering, daß wir Löhne zahlen müssen, die einfach nicht zu zahlen sind. Und dann adieu Profit! Dann können wir Fabrikanten Arm in Arm mit den Hebammen betteln gehen." Aber da meinte nun wieder Oberlehrer Kniefling, daß wir die Sache zu einseittg und zu sehr vom Standpunkt der Sonderinteressen ansähen. Das mit dem Gebärstreik berühre aber ein schwerwiegende» nationale» Problem. Wir sollten doch mal auf Frankreich sehen, wo die Sittenlofigkeit von wegen dem Zweikindersystem dem Volkskörper so schwere Wunden geschlagen habe, daß sie nicht mehr wüßten, wo sie die Soldaten hernehmen sollten, und daß sie jetzt wieder drei Jahre dienen müssen. Und das müsse ein abschreckendes Beispiel für Deutsch- land sein. Was das wohl mit uns werden sollte, wo wir doch jede» Jahr für die Sicherheit des Vaterlandes soviel neue Regimenter und Bataillone schaffen, wenn in zwanzig Jahren nickt mehr genug Rekruten da sind. Und dann überhaupt, meinte der Ober- lehrer, sei das eine Schweinerei mit der roten Gebärstreiklehre, indem daß es die natürliche Pflicht der Frau sei, Mutter zu werden. Da rief der Rentier Beitzert, der immer gern boshastige Bemerkungen macht und die anderen in Wolle bringt, dazwischen, waS denn die Mütter machen sollen, wenn sie für ihre Bälger nicht« zu essen (eigentlich sagte er fressen) und keine Bleibe hätten. Aber da hätten Se mal den Kniefling fuchtig werden sehen können. Er gäbe eben sittliche und nationale Gesetze, denen allcS andere untergeordnet werden müsse, schrie er, und überhaupt müsse man als liberaler Bürger allen sozialistischen Irrlehren entgegentreten. So ging daS am Stammtisch hin und her. Und eS war sehr interessant. Aber schlau geworden, was nun eigentlich richtig sei, bin ich nicht. Nun hat ja wohl dieser Tage in der Rixdorfer, Männer. 1600 Meter. 8. Abteilung in 4,10.8 Minuten.— Diskuswurf für Männer. Erster: Stahn-�chöneberg 28,92 Meter.— Weitsprung für Lehrlinge. Erster: Reichardt fll. Abt.) 5,30 Meter.— Mannschaftskugel- stoßen für Männer. Erster: 7. Abteilung 81,93 Meter.— 3000-Meter-Mannschaftslauf. Erster: 17. Abteilung 6,46 Minuten.. Der Tcmpclhofer Fußballklub„Viktoria 1911" beging gestern die Weihe seines neuen SportplohcS in der Frieorich-Karlstraße zu Tempelhof. U. ei, fand ein Wetlspicl der ersten Mannschaft gegen„Neu-Hellas" statt, oas von Viktoria mit 6: 1 gewonnen wuroe. Das an aufregenden Momenten reiche Spiel war bon Anfang bis zum Schluß verteilt. Neu-Hellas hatte Anstoß und gelang es ihm auch, vor des Geg ners Tor zu kommen. Doch wurde der Angriff von der Viktor! vVerteidigung vereitelt und ein gut angelegter Ball wurde vom Mittelstürmer Waldheim glatt verwandelt, Neu-Hellas bedrängte des öfteren oeS Gegners Tor, doch gelang es ihm nicht, einen Erfolg zu erzielen. Aus einem Georängc heraus schießt der Halbrechte Viktoria Wcclisch das 2. Tor, dem kurz daraus das 3., 4. und 5. folgten. Neu-HtvaS macht gefährliche Angriffe und es gelingt ihm auch Mirch einen schönen Schuß von N. Bock das erste Tor zu erzielen. Nach einigen aufregenden Momenten ging es in die Pause. Das schon vorher flotte Spiel wurde jcßt noch lebhafter und Neu-HellaS hatte des öfteren Gelegenheit, Viktoria zu bedrohen. Doch war ihm kein Erfolg beschieden. Infolge Durchbruch des Halbrechten Viktoria wurde die Torzahl auf 6 erhöht. Dem Spiel wohnten etwa 500 bis 600 Personen bei. Fußball-Rcsultatc. Johannisthaler Ballspiclklub 2. Mannschaft gegen Tempelhofer„Martin" 1. Männschaft: Halbzeit 1:0. Endzeit 5: 0, zugunsten des Johannisthalcr Klubs. Johannisthaler Ballspiclklub 1. Mannschaft gegen Sportliche Vereinigung Berlin 1. Mannschaft 1: 1. Bei Halbzeit stand das Spiel 1: 0 zugunsten der Sportlichen Vcr- einig ung. Dem B. F. K. Adler gelang es abermals, den Meisterschafts- klub Liberia mit 6: 1 zu schlagen. Die 2. Mannschaft deS Adler schlug Liberia mit 5: 4. Ballspiel-Rcsultate. Die 2. Männermannschaft des Reinickendorfer Ball- sviclklubs spielte gegen F. T. Jung-Stralau und stand das Spiel Halbzeit 2: 0 und Ende 5: 2 für N. B. C. Das Spiel hatte spannende Moniente. Die 1. I u g e n d e n: R. B. C. spielte gegen Fichte 18 und |land das Spiel Halbzeit 4:0 für R. B. C., Ende 9:0 für N. D i e 2. I u g e n d e n: R. B. C. spielte auch gegen Fichte 18 und stand das Spiel Halbzeit 3:0 für R. B. C., Ende 7:0 für R. B. C. Beide Spiele wurden von R. B. C. ganz überlegen gewonnen. Vom Jahrmarkt äes Lebens. Sin Cnumpb der Bureaubratie. Ein Meisterstück bureaukratischer Ordnungsliebe wurde dieser Tage von der Königsberger Stadtverwaltung gemacht. Für die Er- richtung eines Sprungturmes in einer Badeanstalt waren von den Stadtverordneten 360 Mk. bewilligt worden. Der Voranschlag wurde- jedoch um einen Pfennig überschritten. Wegen dieses einen Pfennigs wurde ein Aktenstück angelegt und die Nachforderung ein- gehend begründet, dann wanderten die Akten zum Magistrat, wo die Rechnung geprüft und durch mehrere Unterschriften bestätigt wurde. Das Aktenmaterial ging darauf in das Bureau der Stadt- verordnetenversammlung, von dort aus wurde e» auf Anweisung des Vorstehers in die Wohnung eines Referenten getragen; der trug mit ernstester Miene die Etatsüberschreitung zweimal vor— zuerst im Ausschuß und dann in der Stadtverordnetenversammlung— und hatte natürlich einen großen Heiterkeitserfolg. Dann erst konnte der Pfennig bewilligt werden. Aber auch hiermit ist natür- lich der Rundgang des Aktenstücke» noch nicht beendigt. Ob es nicht vorteilhafter gewesen wäre, den Unternehmer zu ersuchen, der Stadt den einen Pfennig zu schenken? Ganz er- hebliche Unkosten und überflüssige Arbeit wäre dann erspart worden. Aber das hieße ja gegen den heiligen Geist der Bureaukratie re- bellieren. vlnfere aufgeklärte Zeit. Ein Zettel in etwas mehr als Visitenkartengröße ist mir«f den Schreibtisch geflattert. Auf seiner Vorderseite glänzt mir ein schön gezeichnetes, strahlendes Herz entgegen und darüber steht in fetten Buchstaben:„Ihr Geburts-Glückstein. Tragen Sie einen; er bringt Glück!" Zur weiteren Information für Glücksbedürftige heißt es dann:„Wunderhübsch eingefaßt von einem Aluminium» Silber-Herzen, in welchem die glückbringenden Embleme— Hufeisen, vierblättrigcs Kleeblatt, Hase und Wunschknochen— eingraviert sind. Sie können dasselbe als Uüranhängscl, Medaillon, Armband oder auch in der Tasche oder Brieftasche tragen. Reizendes, vornehmes Geschenk für Freunde oder Verwandte. Preis und andere Einzelheiten finden Sie auf der Rückseite. Nichten Sie gcfl. alle Aufträge nur an die..... Co., London." (Folgt näyere Straßcnangabc.) Auf der Rückseste sind dann wohl zwölf Steine, vom Diamant bis zum Mondstein, genannt, von denen jeder vom 20. des einen Monats bis zum 20. des anderen regiert. Der werte Besteller hat nicht? weiter zu tun, alS einen Kupon mit seinem Geburtsdatum und seiner Unterschrift zu versehen, selbstredend auch den erforder» liehen Beirag als Einlage zu überreichen, und das Glück kommt ihn ins Haus geflogen. Das Glück, einem smarten Engländer die Wohltaten einer gefüllten Tasche verschafft zu haben. Und die Tasche wird sich füllen, denn es gibt wohl kaum etwas, auf das der intelli» gcnte Deutsche nicht hineinfiele. Das läßt tief blieben. Auf dem Katzbach-Schlachtfelde fand am Sonntag vor acht Tageir zur Erinnerung an die Schlacht vor IlK) Jahren in Gegenwart von 12 VW Jugendlichen ein großer patrio» tischer Rummel statt, wobei die Jugendlichen auf Kosten aller Steuerzahler abgefüttert wurden. Mittags wurde auf freiem Felde abgekocht. Jetzt forscht, wie das„Lauersche Stadtblatt" meldet, die Polizei in vielen Orten des Kreises Jauer nach Spitzbuben, die bei der Feier den Lieferanten der Speisen einen erheblichen Teil des Geschirrs entwendeten, da? zum Abkochen gebraucht wurde. Den Lieferanten, die schon häufig bei anderen Zwecken abgekocht haben, ist, wie sie ver- sichern, noch n i e so viel gestohlen worden, w i e b e i dem patriotischen Jugendrummel auf dem Katzbach» Schlackstselde, an dem ausschließlich patriotische Vereine teil- nahmen. Das Telegramm an den Zaren, in dem sich die Jugend- liehen für die uns 1813 geleistete treue Waffenbrüderschaft bedanken, erfährt durch die Klage der Lieferanten über große Diebstähle von Kochgeschirr ja eine allerliebste Beleuchtung- Letzte Nachrichten. Bebel-ßedäcbtmefeier in London. London, 24. August.(Privattelegramm deS „V o r w ä r t s".) Auf dem Trafalgar Square fand heute nachmittag eine von 10 000 Menschen besuchte Bebel» gedächtnisfeier statt. Den Vorsitz führte Keir Hardie. Redner aller sozialistischen Sektionen und der Gewerkschaften sprachen, so Hyndman, Knee Gorle, Anderson, Glasier und andere. Die Genossen Dr. Philipps und Cameron feierten den Verstorbenen in ihren Reden als das leuchtende Vorbild der internationalen Sozialdemokratie. Besonders wiesen fast alle Redner auf die Rolle hin, die Bebel in der Bewegung zur sozialistischen Einigung gespielt hat. In seinem Schlußwort sagte Keir Hardie, er erwarte mit Zuversicht, daß man im nächsten Jahre auf dem Trafalgar Square zusammen- komme, nicht um des Todes eines großen sozialistischen Vor, kämpfers zu gedenken, sondern um die Geburt der sozialisti- schen Einigung Englands zu feiern. Die Friedensverhandlungen. Konstantinopcl, 24. August.(W. T. B.) Die Gerüchte, wonach der bulgarische Unterhändler Natschewitsch aus Sofia die Weisung erhalten habe, mit der Pforte direkt zu unterhandeln, werden von bulgarischer Seite als verfrüht bezeichnet. ES sei jedoch auf beiden Seiten der Wunsch vorhanden, zu einer Lösung aller schwebende» Fragen zu gelangen. straft« 44. AlS derselbe unter der Ueberfüh�tzg der Nordbahn an der Kreuzung der Liesen-, Garten-, Acker- und Scheringstraßer über den Fahrdamm schritt, wurde er von dem Automboil des Schlächter- meisters Klewitz erfaßt und überfahren. Schwerverletzt wurde F nach dem Krankenhause gebracht. Ein tödlicher Strahenbahnunfall ereignete sich am Sonntagnach- mittag gegen 3% Uhr vor dem Hause Kaiser-Fricdrich-Straße 52 in Neukölln. Dort spielte die 314jährige Tochter Frieda des Arbeiters Behrend auf dem Damm, als sie plötzlich von der zu Besuch kommen- den Großmutter gerufen wurde. Die Kleine wollte auf den Bürger- steig laufen, geriet dabei aber unter einen herannahenden Straßen- bahnwagen der Linie 27. Obwohl der Fahrer sofort bremste, erlitt die Kleine so schwere Verletzungen, daß sie auf der nahen Unfall- Itahon verstarb. Spiel und Sport. Das gestrige Arbciter-Sport-Mccting auf der Treptower Radrennbahn, veranstaltet vom rührigen Turnverein„Fichte", war der erste ge- lungene Versuch, die Arbeiterturn- und Sportvereine Groß-Bcrlins zu einer imposanten Fülle von Leichtathletik zu vereinigen. Außer den Mannschaften von„Fichte" waren erfreulicherweise zahlreich auch solche von Cottbus, Cöpenick, Neukölln, Rathenow, Schönederg und Weißensee vertreten. So stellten sich, nachdem die Vorkämpfc am Sonnabendnachmittag und Sonntag früh erledigt waren, zur Endentscheidung dem Starter fast durchweg stark besetzte Felder. Herrliches Wetter gab dem Sportfest der Arbeiter sein schönstes Relief. Die einfachen und doch duftigen Sommerrobcn. die bunten Wimpel auf hohen Masten, die lustigen Musikklänge der Neuköllner Arbeit«rturner-5da pelle— das alles machte die Herzen froh und spornte unsere Männer und unsere Jugend, die Frauen und Mädchen da unten in d«r Arena ohne Hervortun und Fererei zum besten Können an. Das Publikum hielt die hübsche Treptower Ellipse bis zum letzten Plätzchen dicht besetzt; noch auf den Balu- straden und am Zement klebten die Menschen, ein neuer schöner Beweis, wie sehr die Massen sich schon eins wissen mit der rastlos vorwärts strebenden Arbeitersportbewegung. Die Sportleiiung hatte so praktische Vorkehrungen getroffen, daß jeder sich leicht orientieren konnte. Ueber den Clou der Veranstaltung, den 1500- Meter-Lauf für Männer und über die spannenden Stafettcnläufc, quittierte das Publikum mit lebhaftem Beifall. Ein Unfall beim Stafettenlauf für Frauen stellte sich glücklicherweise bald als bc- deutungSloS heraus. Von den nach fachmännischem Urteil über Erwarten guten Ergebnissen der 24 Programmnummern seien die folgenden erwähnt: Hochspringen für Männer. Acht am Start. Sieger mit je 1,60 Meter Schulz-Rathenow, Fuhrig, Zobel.— 1 0 0- Meter-Lauf für Frauen. Sechs am Start. Siegerin in 14 Sekunden Charlotte Heide.— 1500. Meter-Lauf für Männer. Acht am Start. Erster: Giebert 4,39»/» Minuten, Zweiter: Ludwig 4,40 Minuten.— Hindernislauf für Jugendliche. 300 Meier. Erster: Schubert 50 Sekunden. Zweiter: Schafer 53 Sekunden.— Weitspringen für Männer. Acht am Start. Sieger: Dahlke-Rathenow, Sprung- weite 6,6 Meter.— Hochspringen für Jugendliche. Sieger: Reichardt.— Kugelstoßen für Männer. Erster: Grabert 17,51 Meter. Zweiter: M. Neumann 17,31 Meter.— Kugelstoßen für Jugendliche. Erster: Hämmerling 16,82 Meter.— Hürdenlauf für Männer. 110 Meter, 10 Hürden. Erster: Tiede.— Hürdenlauf für Jugend- l i ch e. 110 Meter, 10 Hürdew Erster(trotz Sturzes hinter der letzten Hürde): Eichholz.— Hochspringen für Frauen. Sechs am Start. Erste: Margarete Schäfer und Meta Naumann je 1,30 Meter.— Speerwerfen für Männer. Sechs am Start. Erster: Stahn-Schöneberg 47,86 Meter. Zweiter: Schmidt (12. Abt.) 45,72 Meter.— Hindernislauf für Männer. Erster: ThomaS-Rathenow 1,87'/» Minuten.— Stab hoch- springen für Männer. Neun am Start. Erster: Toggel 3 Meter frei. Zweiter: Rau-Cöpenick und Stahn-Schöneberg je 2,90 Meter.— 1000-Meter-Stafettenlauf. Erste: 3. Abteilung 2,15 Minuten.— Stafettenlauf für Frauen. Sieger: 1. Abteilung 1,33'/» Minuten.— Stafettenlauf für Männer. Erster: 2. Abteilung 2,11'/» Minuten. Zweiter: 4. Abteilung 2,12'/» Minuten.— Olympische Stafette für parbon Neuköllner„Neuen Welt"«ine Versammlung über den so« genannten Gebärstreik stattgefunden. Ich will gelegentlich mal den Bericht darüber lesen. Vielleicht werde ich dann klug aus das Problem. Aber ich glaube nicht, denn ein anständiger Bürger kann daS rote Geschreibsel nur halb verdauen. Und wie ich mich bei dieser Geschichte nicht auSkenne, so kann ich auch daS Verhalten einiger unserer Abgeordneten nicht verstehen. Ihr alter Bebel ist gestorben. Na gut, der Mann ist tot. und ich will nichts weiter über ihn sagen. Aber waS in aller Weit haben denn unsere liberalen Abgeordneten nötig, große Beileid»- telegrannne abzuschicken, die nalürlich in allen roten Blättern ab- gedruckt werden? Hat denn Herr von Bethmann Hollwcg ein Tele- gramm geschickt, oder Herr Delbrück, oder Herr von Hehdebrand, oder auch Herr Bassermann und Herr Paasche? Das können sehr viele liberale Bürger nicht verstehen. Nu, wenn auch vielleicht im Reichs- tage unsere Abgeordneten dann und wann mit welchen von Ihren Leuten etwa? zu reden haben, desto trotz heißt eS für die mehrsten von unS liberalen Bürgern, wenigstens für die, wo WaS haben, in bezug auf die roten Brüder: Zehn Schritt vom Leibe I Womit ich verbleibe Mit der Ihnen gebührenden Hochachtung Friedrich Wilhelm Schulze, Rentier und Hausbesitzer. Istnst. königlich preußisches ebr�efiihl» Ein Leutnant hat einen Untergebenen unter Mißbrauch der Dienstgewalt, also vermittelst des Befehls, zur Erstattung einer unrichtigen Meldung, also einer Lüge, einem Betrug, veranlaßt. Ein Vergehen, das bei einem kaufmännischen Angestellten wahr- scheinlich zur sofortigen Entlassung führen würde. Käme es dabei zu einer Klage, so würde dieser Angestellte in voller Oeffcntlichkcit der Lügenhaftigkeit, der Unehrlichkeit geziehen und oamit gerichtet werden. Kein Mensch fände bei dieser öffentlichen Brandmarkung etwas, denn Gerichtsverhandlungen sind ja Gott sei Dank heute nicht mehr geheime, hochnotpeinliche Verfahren, und wenn daS den einen unverdient hart trifft, so hafs schon hunderttausend andern genützt. Ehrlich und Ehre hängen nicht nur sprachlich, sondern auch ethisch zusammen, nur— das ist das neueste— nur bei einem Leutnant nicht. Dieser Angehörige des ersten Standes nämlich kann ein Betrüger sein, kann, dank seiner un- beschränkten Befehlsgewalt, den Untergebenen zur Lüge zwingen und selbst lügen, laut einer Kabinettsorder des Kaisers ist selbst dann noch da? Ehrgefühl des angeklagten Offiziers soweit als möglich zu schonen, das heißt die Oeffentlichkeit auszuschließen. So geschehen in Thorn. Natürlich in Preußen. Kabinettsorder erinnert nicht umsonst an Kabinettsjustiz. Während man bei dem hier erwähnten Ehrgefühl keineswegs an den Begriff„Ehre" � zu denken braucht, mit dem es nicht das gc- ringst- zu tun hat. Dies Ehrgefühl, daS man nun auch bei Schwindlern geschont sehen will, ist eine Fassade, die im Interesse des Militarismus, gegen die Oeffentlichkeit hin aufrechterhalten werden soll, damit das königstreue, militärfromme Volk nicht auf den verbrecherischen Gedanken kommen soll, eS stänke auch im Kreise der Kameraden vom Regiment. Die Fiktion der sogenannten StandeSehre ist nie besser abgefertigt worden, als durch dies: kaiserliche KabinettSorder. Ein Leutnant wird als unehrlich er- funden und verurteilt, aber fein Ehrgefühl wird geschont. Da werden die Zivilgauner bald gleiche Rechte verlangen, der Dieb wird sagen, es beleidige sein Ehrgefühl, wenn in seiner Gegen- wart von EigentumSvergchen die Rede fei, und der Kassen- defraudant wird bitten, die Oeffentlichkeit auszuschließen, weil er seinen guten Namen nicht aufs Spiel setzen wolle. Wer durch seine ehrlosen Taten eben dokumentiert» hat, daß er kein Ehrgefühl habe, bei dem wird eS geschont und wer, als armer Teufel, etwas begangen hat, was mit Ehrgefühl gar nicht zusammenhängt, weil Hunger und Not so vornehme Gefühle gar nicht aufkommen lassen, der wird ehrlos gemacht. Diese kaiserliche Kabinettsorder zeigt erstens die militärische Gerichtsbarkeit in einem herrlichen Licht aller jliichterhigenden und zeigt zweitens, welche Mittel notwendig sind, um der sogenannten OffizicrSehre auf die Beine zu helfen. Die Geschichte vom König in den Unterhosen ist bekannt. Dieser König ist Seine Majestät der Leutnant, der da in Deutsch- land nicht nur über Frauenherzen, sondern auch über gesinnungS- tüchtige Männerherzen unbeschränkt und ohne die Garantien einer Verfassung herrscht. Gemeine Menschen tragen ihre Ehre imvendig. Aber zum Leutnant trat eines Tages der Zauberer Militärkabinett und sprach:„Du Auserwähltcr unter den Söhnen der besseren Stände! Die ordinäre Ehre, die das Pack unterm Brustlatz trägt, ist für Dich nichts. Ich will Dir eine siebenfarbige Ehre anmessen, wie sie kein anderes sterbliches Wesen hat. Eine Eigentümlichkeit aber soll diese Ehre haben: nur, wer selbst den feinen Kreisen an- gehört, kann sie fühlen und sehen. Dem Pöbel wird sie ewig ver- borgen bleiben!" Der Leutnant jauchzte, ließ sich die Ehre an- messen und schlüpfte stolz hinein. Dann ging er spazieren. Und überall, wo er hinkam, ertönte der Ruf:„O welch prachtvolle Ehre! Was für eine gutsitzende, mit Tressen und Ehrenzeichen be- setzte Ehre!", denn jedermann gab natürlich vor, die Ehre zu sehen, weil jedermann den feinen Kreisen angehören wollte. Bis ein junger, kritischer Bursch auf einmal rief:„Aber der Leutnant hat ja gar keine Ehre an! Der geht ja in Unterhosen!" DaS ist noch nicht sehr lange her. Der Zauberer Militär- kabinett hat den Leutnant angeführt und weil der glaubte, er gehe im Festrock einer besonderen Ehre spazieren, hatte er«b verschmäht, sich die Ehre der Arbeit oder der Tüchtigkeit oder des Geistes zu verschaffen. Die Fiktion der Leutnantsehre wird nur noch in den Kreisen geglaubt, die Reserveoffiziere werden wollen. Die andern sehen die Nacktheit dieser Gesellschaft und schreien: Der König i» Unterhosen! Und wenn jetzt kaiserliche Kabinettsbefehle anordnen, man müsse den Fröstelnden die Idee belassen, sie stäken in einem wunderschönen, besondern Ehrenrock, dann wird auch sie nicht ver- hindern können, daß der Ruf sich weiterpflanzt. Eine? wird aber diese Geschichte vom Ehrgefühl die Deutschen lehren: eS ist ganz schön, wenn man das militärische Blutgesetz ein bißchen mildert, aber die giftigen Wurzeln deS Militarismus trifft man nicht, wenn man ein paar gar zu mittelalterlich in unsere Zeit ragenden Schößlinge abschneidet. Jeder Stand, der sich eine besondere Shre zulegt, verletzt die Ehre der anderen. Denn der Glauben an die besondere Ehre schließt den an die besondere Unehre der andern ein. Für uns gilt ja die KabinettSorder nicht: Also drauf, und wenn auch ihr besonderes Ehrgefühl dabei in die Binsen geht! Und zwar in vollster Oeffentlichkeit. s Oer Blitlifcfnvur. ES gibt solche und solche, Böcke und Schafe. Es gibt ein« tote Rotte und mit Gott für König und Vaterland kämpfende Krieger- vereine. Denn Kampf ist das Losungswort eines jeden mutige» Kriegers, ganz gleich, ob eS sich auf den KriegervereinSfeftrn um den Kampf gegen die Abstinenz handelt oder um sonstwie geartete unblutige Kämpfe. Aber grimmigster Feind jedes braven Krieger» vereinlcrS bleibt doch die sozialistische Aufklärung. Vor unS liegt ein gedrucktes Formular, am Kopf geziert mit der Aufschrift„Landwehr- und Kriegerverein Gladbeck, Kompagnie Rentfort, KreiS-Krieger-Verband Necklinghause". In schönen la- teinischen Lettern prangt auf dem Formular der folgende furcht- bare Schwur: „Vor Gott und allen Kameraden gelobe ich, daß ich als Mitglied der Kompagnie Rentfort des Landwehr- u. Krieger- Vereins Gladbeck mich gewissenhaft nach den Satzungen richten, meinen beim Eintritt in die Armee bczw. Marine geleisteten Fahneneid ehrenhaft hochhalten will und treu zu König und Vaterland stehe. Jedoch alle Umsturzbestrcbungen der Sozialdemokratie ver» abscheuen und nach besten Kräften meine Kameraden vor rcvo- lutipnären Ideen bewahren will." Brave Kämpfer! Sie fechten nach zwei Fronten: gegen die Sozialdemokratie und nebenher gegen die deutsche Sprache. Bei so viel Heldenmut kann der Erfolg nicht ausbleiben. Hus aller Melt. Momentaufnahme. etn« Kompagnie Soldaten, vom Tempelhofer Feld kommend, marschiert bestaubt, verschwitzt und müde über den sonnenglühenden Belle-Wiance-Platz, Richtung Wilhelmstraße. Vorn neben der ersten Reche der Unteroffizier. Ein Auto überholt die Truppen in rascher Fahrt. Wie es vorbeisaust, sieht der Feldwebel über die Rückenlehne des Wagens silberne Achselstücke und eine Offiziers- mütze hervorragen.„Achtung, Tritt gefaßt. Augen links!" Tröh- nend fahren die fiskalischen Stiefel aufs Pflaster. Stramm leistet die Kompagnie die Ehrenbezeugung vor einem Messengerbop. der sein Rad gemächlich striegelt. Fern um die Krümmung der Wil- Helmstraße wirbelt indes eine Benzinwolke.— Vom Wettbewerb um den Pommcrtipokal. Danzig» 24. August. lP. C.) Ter französische Flieger Letort, der gestern mittag nach 3 Uhr in Berlin-Johannisthal zum Weiter- fluge nach Petersburg aufstieg, hat den Flug Paris-Petersbnrg nicht vollenden können. Er landete abends gegen g Uhr in voller Dunkelheit und unter großen Schwierigkeiten bei Danzig. Der Pommerypokal ist dem Flieger damit entgangen, da Brindcjonc de Moulinais auf seinem letzten Europaflug von Sonnenaufgang �biS Sonnenuntergang eine um 50 Kilometer längere Strecke zu- rückgelegt hat. Schweres Fliegerunglück. Paris, 24. August.(P. C.) Bei dem Wettflug der Wasier- flugzeuge von Paris nach Deauville, der die große Woche von Deau- ville-Trouville einleiten soll, ereignete sich ein zweifacher Todesfturz. Bon den neuen in Paris gestarteten Fliegern waren Levasseur und Chemet bereits an der nach vielen Tausenden zählenden Men- schenmenge vorbeigekommen, als gegen Z4l2 Uhr ein neuer Apparat gemeldet wurde. Er tauchte in nur geringer Höhe über dem Wasserspiegel auf und flog über die Oberbäuins der benachbarten Insel Lacroix dahin, bis man ihn plötzlich sich neigen und in der nächsten Sekunde zwei Körper herabsausen sah. Ter Apparat selbst schnellte darauf zurück und blieb in den Kronen der Bäume hängen. Als man hinzueilte, fand man einen Flieger mit zerschmettertem Echädcl und gebrochenen Beinen auf dem Wasier treibend. Der zweite war durch das Leincndach einer Pinasse gestürzt und auf dem Verdeck zerschmettert liegen geblieben. Tic Verunglückten sind ein aus Rouen gebürtiger 27jährigcr Amatcurflieger namens de Monalant und sein Mechaniker M e t i V i e r. Wie es scheint, wollten sich die beiden aus ihrem Apparat durch Abspringen retten, als dieser deni Steuer plötzlich nicht mehr gehorchen wollte. — Sieger im Flug Paris-Teauville ist der junge Flieger M c t auf ernem Morel-Apparak. Er hat die 330 Kilometer lange Strecke mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 68 K Kilometer zw« rückgelegt. Ter Löwe ist los. Paris, 24. August.(H. B.) Die Tänzerin La Goulue hat beul Plan gefaßt, sich mit der Zähmung wilder Tiere zu beschäftigen. Sie erstand gestern im Zoologischen Garten einen jungen Löwen. Da sie mit der Verwaltung über den Preis eines Käfigs nicht einig werden konnte, so nahm sie das Tier kurzerhand in ihre Arme. setzte sich in die Straßenbahn, welche den Zoologischen Garten mit der Stadt verbindet, und fuhr davon. Der junge Löwe wurde je- doch während der Fahrt unruhig, kratzte seine neue Besitzerin und entsprang ihr. Nach langer aufregender Jagd konnte das Tier im Bois de Boulogne gefangen werden; es hatte bereits zwei Hunde erwürgt. Kampf zwischen Schmugglern und Zollbeamten. Avcsnes s»r Hclpa, 24. August.(H. 53.) Ein Automobil mit sechs Schmugglern besetzt versuchte in rasender Fahrt den Zoll- Posten zu passieren. Drei Schmuggler schosien mit ihren Revolvern auf die herbeistürzenden Zollbeamten, die das Feuer erwiderten. Das Automobil konnte nicht angehalten werden und entkam. Trotz eifriger Nachforschungen hat man bisher nicht die geringste Spur von den Schmugglern entoccken können. Zhcatcr. Admiralsvalast. St. Moritz. Buchhandlung Vorwärts Llndenstr. 69(Laden). Hkeaerachctnnngen: Abhandlungen und Vorträge zur sozialistischen Bildung. Herausgegeben von ]Sax Grnnwald Heft 8: Ute Konsumgenossensehalts- bewepg der deutschen Arbeiterklasse von" P a n I Göhre. Preis SO Pf. Heft 0: Die Technik des Gewerk- schaftswesens von Adolt Cohen. Preis 40 Pf. Montag, 25. August. Ansang 7'/, Nbr. Prater. Das Bummelmädchen. Anfang 7'/, Ubr. Kgl. Opernhaus. Das Rheingold. «gl. Schauspielhaus. DieOuitzowS. Anfang 8 Mr. Urania. Mit Imperator nach New Dorf. Deutsches. Erdgeist. Kammcrspiele. Mein Freund Teddy. Schiller O. Der Wildschütz. Schiller Charlottenburg. Der Leibgardist. Westen. Sylvester Schäffer. Das starke Stück. Ein angebrochener Abend. Berliner. Filmzauber. Thalia. Pupbchen. Theater am Nollendorfpfab. Die Kino-Königin. Kasino. Der Aktientenor oder Earuso aus Teilung. Trianon. Der abgcrisiene Glocken- zug. Untreu. Herrnfeld. Endlich allein. Die Schonzeit-Jägcr. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshallen. Stctliner Sänger. Ansang 8'/4 Ubr. KomSdienhauS. 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Jh.»» so. mm Seiillge des„NllMlllts" Kerliller NolksdlM. v""" �« 1913 „Es wird zwischen dem Statthalter Christi und den Hilfstruppen des bösen Feindes noch manche erbitterte Kämpfe geben, und diese werden für den Papst und alle, die zu ihm halten, um so mühsamer werden, als die Gegner der Kirche und der von ihr verkündeten ewigen Wahrheit heute mehr denn je als Wölfe in Schafsfellen auftreten und vielfach im Namen des Katholizismus den Katholizismus bekämpfen. (»Germania.') Die kHlfstmppen des bösen feindes. Vorkampfmn Linie Koburg, Es ist doch eine merkwürdige Tatsache; bei jedem Spieler- Uder Wucherprozeft stellen die Herren in des Königs Rock das größte Kontingent für die Angeklagten- oder Zeugenbank und wenn ein recht großer Skandal aufplatzt wie ein Geschwür, dann zeigt es sich regelmäßig, daß die stärksten Fäulniserreger unter den „Edelsten der Nation", womöglich in der obersten Oberschicht zu suchen sind, die sich mit Hoheit anreden lassen, um joder weiteren Hoheit in Denken und Handeln überhoben zu sein. Seine König- liche Hoheit, der Prinz oder die Prinzessin X. geruhten unter mehr oder minder betrügerischen Ncbcnumständcn Pleite zu machen. Wenn nur bei all diesen moralischen Mißerfolgen der Interessenten nicht bald einmal die Institution Bankerott macht. Denn der gött- liche Ursprung der Fürstenhäuser wankt angesichts all der Prinz- lichcn Geldgeschäfte mit nachfolgender„Unzurechnungsfähigkeit" auch in den bestgesinntcn Kreisen, und dem stetigen Offenbarungs- eid ist der Untertancntreueid auf die Dauer nicht gewachsen. Eine der zielbewußtesten Vorkämpfcrinnen der antimonar- chischen Sache in Europa ist heute Ihre Königliche Hoheit die Prin- zessin Luise von Koburg. König Manuel hat mit starker Hand ein ganzes Volk zum Rcpublikanismus erzogen. Prinzessin Luise wirkt international. Sie hat bei dem Geld, das sie sich pumpte, nie auf die Prägung gesehen. Sic erfüllt einen ganzen Erdkreis mit dem Geräusch ihrer Wcchsclklagen und alle Zeitungen sind voll von ihren rührenden Anklagen gegen das Wuchergeschäft. Ein künftiges Wechselrecht wird ihr ein ganzes Kapitel widmen, denn sie hat die Berliner Schieber um(habsburgische) Nasenlänge im Wechselreiterrennen geschlagen. Sie hat endlich, wohl dank erb- licher Belastung vpn Vaterseite, eingesehen, daß fürstliche Geburt gar nichts nützt, so lange sie nicht bankmäßig verwertet wird, und wenn ein Volk den Dusel gehabt hätte, sie als Königin begrüßen zu dürfen, so wftre unter den Kronjuwelen sicher ein munteres Leben ausgebrochen. Das Gottesgnadentum, zur Börse angemeldet, ist ein Sieg des demokratischen Gedankens, der noch weit über den jüdischen Leutnant hinausgeht. Den aber hätte Königin Luise sicherlich auch ihrem freiheftslechzenden Volk gewährt, unter der Bedingung, daß die geschäftliche Auskunst gut und er einige Staats- Wechsel giriert hätte. Da es der hohen Frau nicht gegeben war, ein Volk zu be- glücken, so hat sie wenigstens dem Standesleben der Völker neue Wege gewiesen. Zum Beispiel kaufte sie eine Villa und bezahlte sie nicht etwa, sondern ließ sich noch ein paar hunderttausend Mark leihen, um ihre Schulden in Paris zahlen und die Villa beziehen zu können. Tüchtig, was? Die Berliner Terrainspekulanten er- röten ob ihrer Unfähigkeit angesichts dieser wahrhaft königlichen Begabung. Oder sie kaufte Wagen und Pferde und pumpte sich vom Verkäufer noch zwei Dutzend blaue Lappen, um den Wagen und die Pferde nicht sofort weiterverkaufen zu müssen. Welcher Weitblick, welches Dispositionstalent! Oder sie besann sich auf ihre hohe Geburt und gab ihr koburgisch prinzeßliches Wort, in acht Tagen zurückzuzahlen, was man ihr auch vorstreckte. Und tat es dann auch? Im Gegenteil, sie war der Ansicht, daß man an einem fürstlichen Wort nicht drehen und deuteln solle, und als der Gläu- biger doch zu deuteln versuchte, als sei sie durch ihr Wort zur Rück- zahlung innerhalb einer Woche verpflichtet, strafte sie den Um- Kilirzler, indem sie gar nicht zahlte. In jeder ihrer Handlungen zeigt diese seltene Frau, daß sie durchaus begriffen hat, was nur die Betroffenen nicht zugeben wollen, daß nämlich das. reiche Bürgertum im tiefsten Herzen danach lechzt, von hochgeborenen Schiebern hereingelegt zu werden, wenn es nur seine Gaben vor dem in Ehrfurcht ersterbenden Publikum darbringen darf. Wie angeekelt mufs die Prinzessin sein, wenn dies reiche Pack dann nach- der sein« Krämcrrechnung präsentiert. Es hatte doch zuerst die Ehre des fürstlichen Umganges, die Erlaubnis, mit dieser intimen Bekanntschaft zu renommieren und zuletzt seinen wohlverdienten Tritt! So wars immer zwischen Hoheit und Pöbel! Luise von Koburg hat die Dummheit einiger bauchrutschender Bürger mit Erfolg in Geld umgesetzt. Dabei aber auch erfreulicher- weise einen guten Teil von Fürstenanbetung und Monarchentreu den Gottesgnadcnstotz versetzt. Wo ihr Name auftaucht, wimmelt es sofort von Maden, die keinen erfreulichen Geruch von sich geben. Gläubiger und Schuldnerin sind einander würdig, die einen ver- langten Wucherzinscn und die andere wollte sie nur mit fürst- lichcm Umgang bezahlen. Luise ist ihrer Zeit vorausgeeilt. Noch hat das Prädikat„Königliche Hoheit" keinen festen, bankmäßigen Wert, aber das wird noch kommen. Fe mehr die moralische Wert- schätzung von des„Thrones Höh'" sinkt, desto mehr wird seine finanzielle Verwertung steigen und zwar dank des Bürgertums, das sich dann für sein Geld anstatt entmündigter Grafen oder offen- barungsbceidcter Fürsten richtiggehende und noch nicht sitzende Prinzen und Prinzessinnen kaufen wird. Diese Entwicklung kann uns ja nur angenehm sein. Was der Parvenü zwischen die Finger kriegt, das verdirbt er. Mit der Kunst hat er es so gemacht, wie mit dem Geist. Die fortschrittliche Politik hat er zu etwas herunter gewirt- schaftet, was sich mit Kriegerverein und Rotem Adler durchaus ver- binden läßt. Gebt ihm jetzt nur' noch das Gottesgnadentum in ein paar ramponierten Exemplaren in die Hand und ihr habt es für immer los. J«desmal, wenn ein Monarch(wir meinen nicht die mecklen- burgischen, sondern die aus dem Gotha) sich an den überladenen Mittagstisch von Börse oder Handel setzt, bröckelt ein Stückchen ab. Sobald er mit dem Tafelaufsatz sich in die Aufgabe teilt, das Mahl des Protzenbürgertums zu schmücken, ist es um ein paar Prozent unschädlicher geworden. Luise von Koburg hat relativ noch wenig Kunden für ihren hochsürstlichcn Umgang gefunden. Die nach ihr kommen, werden es besser haben. Es wird ein internationaler monarchischer PreiSkurant aufgestellt werden, in dem jede strebsame Familie aus dem Osten ersehen kann, ob sie sich erst Sachsen- Weimar oder schon Habsburg leisten kann. Für eine kleine Million werden frische Kommcrzienräte mit Kronprinzen Schmollis trinken können, für etwas mehr können sie sich mit einem regierenden Fürsten zusammen die gleiche Mätresse halten. Und wenn dies« Entwicklung ihrem Ende zugediehcn ist, wird es sovicle stellungs- lose Monarchen geben, daß sie, um Preisdrückereien zu verhindern, eine Gewerkschaft gründen müssen, der sie in dankbarer Erinne- rung an ihre wirksamste Pionicrin den Namen„Luise von Koburg" verleihen werden. Abzeichen(ohne das kommen sie doch nicht aus): ein Wechselformular, in der linken Brusttasche zu tragen, um immer gewappnet zu sein. dlontaAnard. Von den lebendig Begrabenen. In der russischen Regierungspresse und zum Teil auch in der bürgerlichen Presse aller Länder wird immerfort die Lüge ver- breitet, die Klagen über die Greuel in den russischen Gefängnissen beruhten auf maßlosen Uebertreibungen, die von den russischen Revolutionären zur„Diskreditierung" der Zarenregierung ausge- nutzt würden. Es hat keinen Zweck, sich mit den Vertretern dieser Ansicht sachlich auseinander zu setzen, da ihre Stellung zu den Greueln der Zarenregierung durch ihre allgemeine politische Haltung diktiert wird. Bloß um den moralischen Abstand dieser Leute von den elementarsten Forderungen der Menschlichkeit zu kennzeichnen, sei nachstehend folgendes Schreiben eines Elternpaares in einem bürgerlichen russischen Blatte angeführt: „Im Gefängnis zu Jekatcrinburg— heißt eS in diesem Schreiben— ist nun schon seit zwei Jahren unser Sohn Wladimir Godlewskh interniert, der im Jahre 1906 in einem politischen Prozeß(Ermordung eines Spitzels und Zugehörigkeit zur Kampf- gruppe der sozialdemokratischen Partei) verurteilt wurde. Vor seiner Jnternierung war er im Verlauf von b Jahren in vier pshchi- atrischen Heilanstalten, in Perm, Ufa und Petersburg, wo er als u n- heilbarer Geisteskranker(dementia precoca) befunden worden. Trotz dieses ärztlichen Gutachtens wurde unser Sohn vor Gericht gestellt und zu 19 Jahren Katorga(Zuchthaus) verurteilt. Nicht genug damit wird unser Sohn während der ganzen Zeit unter den härtesten Bedingungen gefangen gehalten, die nicht ein- mal in den berühmten steinernen Säcken der Schlüsselburger Festung zur Anwendung gelangen. �Es wird keine Rücksicht ge- nommen, daß dieser Verbrecher, als er sein Verbrechen beging, nur 17 Jahre alt war. Wegen des geringsten Disziplinvergehens wird der Kranke des Besuches der Verwandten, des Rechtes, Briefe zu schreiben und Nahrungsmittel zu erhalten, beraubt; er wird(auch heute noch) im Karzer dem Hunger preisgegeben, er wird(ohne Rücksicht auf die Anwesenheit der Verwandten) fürchterlich geprügelt; endlich hat einer der Aufseher in der Zelle auf ihn geschossen, der Schuß ging aber fehl, wofür der Aufseher vom früheren Gefängnisdirektor Gabemann, der jetzt mit einer Amtserhöhung nach Wladimir ver- setzt worden ist, eine Rüge erhielt.. Dem Kranken wurden alle Sachen fortgenommen, selbst die Bilder seiner kleinen Schwestern und Brüder; zugleich wurden ihm eiserne Fesseln angelegt. Ein solches Regime hat die Gesundheit unseres SohneS voll- kommen zerrütet. Mit 24 Jahren sieht er wie ein Greis aus: er ist halb erblindet, leidet an Gelenkrheumatismus und Brust- schmerzen, die er sich in seiner halbdunklen, mit einem Asphaltboden versehenen Zelle, die im Winter wochenlang nicht geheizt wird, geholt hat. Es ist mit einem Wort, als wäre er zur Mittelalter- lichen Folter verurteilt. Seine seelischen Qualen werden akß Ver- stcllung qualifiziert, und die Symptome seiner geistigen Er- krankung— als der Ausdruck eines bösen Willens, der von ven übereifrigen Gefängnisherren hart bestraft wird. Als wir noch neulich, nachdem wir auf unsere Briefe und unser Telegramm lange keine Antwort erhielten und durch den Verteidiger unseres Sohnes uns nach der Ursache seines Schwei- gens erkundigten, erhielten wir die lakonische Antwort:„Er be- findet sich im Karzer."... Wann werden endlich die Leiden dieses Märtyrers ein Ende nehmen?" Zur Gefcbicbte der Kommune. Aus neuen Dokumenten. In den 42 Jahren, die feit dem Fall der Pariser Konv- mune verflossen sind, hat sich eine sehr stattliche Literatur über den Parrser Ausstand angesammelt: Memoiren, Zei- tungsartrkel, Erinnerungen und zusammenfassende Dar- stellungen. Die umfangreichste von diesen hat der vor kurzem verstorbene Kommunarde und spätere nationalistische Politiker Edmond Le pelletier begonnen und unvollendet hinter- lassen. Lissagarys in Deutschland bekannte Geschichte hat bei einem rühmenswerten Fleiß der Materialsammlung doch noch nicht die nötige Perspektive: Dubrenilhs vor- treffliche, knapper gehaltene Darstellung in der Sammlung „Histoire Sozialiste" behandelt den Gegenstand vor allem unter dem kritischen Gesichtspunkt der modernen sozialistischen Aktion, also mit einer durch die Aufgabe selbst geforderten Beschränkung: das als Lektüre vorzüglichste, aber auch in der Durcharbeitung des Stoffes ausgezeichnete Margueritte- s ch e Buch lehnt schon durch die gewählte Nomanform die strengen Maße methodisch-kritischer Beurteilung ab. So darf man sagen, daß eine wissenschaftlich vollkommen zureichende Geschichte der Kommune noch nicht geschrieben ist— aber es ist Wohl auch wahr, daß sie nicht geschrieben werden konnte. Denn noch ,st entscheidendes Material in Archiven begraben. Für dw militärische Geschichte des Aufstandes enthalten die Archive der Seine-Präfektur manches wertvolle Stück in den Akten der Nationalgarde. Sie sind schon der Forschung zu- gänglich gemacht worden, aber gerade die für die Geschichte des Aufstandes bedeutendsten, die Hauptakteure betreffenden Dokumente sind seinerzeit von den Kriegsgerichten einge- fordert worden und werden teils in den Archiven der Militär- justiz, teils im Kriegsministerium aufbewahrt und noch ge- heimgehalten. Interessant ist auch, daß sogar die Original- Protokolle der Kommune, die allerdings von den Schrift- fiihrern liederlich genug angefertigt worden sind, bisher nicht veröffentlicht worden. Dubrenilh war der erste Historiker, der sie einigermaßen benützte. Ihre Herausgabe ist in Vor- bereitung. Unter den in den letzten Jahren erschienenen Aufzeich- nungen der an der Kommune beteiligten Zeitgenossen ist das Tagebuch Elte R e c l u s„La Commune au jour le jour" (Die Kommune von Tag zu Tag) als Stimmungsbild aus der stürmischen Zeit von Interesse, wenngleich es keine neuen Tatsachen und mancherlei aus den unkontrollierbaren Tages- gerächten geschöpfte Irrtümer enthält, so zum Beispiel die Eintragung vom 30. Mai über die Füsilierung elsässischer Kommunarden durch die Preußen und die von diesen angeb- lich vollzogene Transportierung von Flüchtlingen nach Ver- sailles. Elie Reclus war ein weniger berühmter Bruder Elysss, aber diesem gleich in Wissensdrang wie in opfer- bereiter Hingabe an die Ideale der Menschheit. Er konnte infolge einer Verletzung an einer Hand nicht wie seine zwei Brüder die Flinte tragen, aber er nahm doch an dem un- glücklichen Ausfall vom 3. April teil, um für Ermüdete den Tornister zu tragen und Verwundete aufzuheben. Seine Auf- Zeichnungen wollen keine Geschichte sein.„Ich war ein Thermo- meter, das in einem Winkel hing," sagt er im Vorwort. Be- deutender sind, besonders für die militärische Geschichte der Kommune die 1908 bei P. V. Stock erschienenen Memoiren und Briese Louis Nossels. Sie verstärken den Ein- druck der Ungerechtigkeit, die die meisten Beurteilungen des hochbegabten siebenundzwanzigjährigen Organisators dpr Pariser Verteidigung von feiten der �auf der revolutionären Seite stehenden Schriftsteller, namentlich auch Dubrenilhs, hervorrufen.— Erwähnt seien endlich auch die noch früher erschienenen„iMemotres d'un Commuard" des Genossen Jean A l le m a n e, voll interessanter Details aus seinen Auf- stands- und Bagnojahren. Da auch die jüngsten der noch lebenden Kommunarden heute alle schon in die Greisenjahre einrücken, müssen sich diejenigen, die die zahlreichen noch un- aufgehellten Stellen dieser wichtigen Episode durch Zeugnisse der Teilnehmer aufklären wollen, beeilen. Unter den solcher- art Tätigen ist vor allem Lucien Descares zu nennen, dessen vor einigen Wochen im Verlage von Ollendorff er- schienener Roman ,.?b1Iemon, Vieux de la Vieille"(„Einer von der alten Garde") die erste Geschichte der Kommune- e m i g r a t i o n ist. Ein auch als Kunstwerk anziehendes Buch! Descares bereitet serner eine Monographie über V a r l i n vor, den prachtvollen Vorkämpfer und Märtyrer Die Zufriedenen. Sie fühlen nicht den Hunger dieser Erde, es brennt kein Durst in ihrem matten Blut: in ihnen lebt nur eines: die Gebärde des Dankes für ein nie empfangnes Gut. Sie tragen duldsam jegliche Beschwerde und wissen nichts von prometheischer Glut, sind überglücklich in dem Trott der Herde, in der sie sehen, was ein jeder tut. Ich seh' mehr Menschlichkeit im Gang der Pferde und aller andern Tiere dieser Welt, in denen des Empörens Aufschrei gellt, der da» Erhabene im Wesen nährte und vorwärts stieß: der Zorn der Kreatur, den Selbstzufriednen ward er nicht Natur. Alfons Petzold. Offener Lrief an den Vagabunden peter ferdmandfen. Mein lieber Jugendfreund und Spielkamerad! Ich habe neulich in der Zeitung gelesen, daß Du zu lebenS- länglichem Zuchthaus verurteilt worden bist. Du kannst Dir gar nicht denken, wie tiefen Eindruck das auf mich gemacht hat. Viel- leicht hast Da mich auch ganz vergessen. Aber ich erinnere mich deutlich an Dich, weil wir ja zusammen als Kinder gespielt haben, denn Du warst in jeder Hinsicht ein besserer Junge als ich, und ich beneidete Dich unaufhörlich. Ich wohnte im Vorderhause, Du unter dem Dach im Hinter- hause. Ich hatte meine Eltern und Geschwister, meine guten Kleider, meine gute Schule und mein gute? Essen. Deine Mutter hatte keinen Vater für Dich und mitunter auch kein Essen. Sie sah so schlimm aus. Ich glaube, sie trank. Es war ja auch nicht schön, immer dazusitzen und zu nähen und zu hungern. Weiht Du noch, wie der Zirkus in der Stadt war, und wie wir Verantwortlicher Redakteur: Ernst Meyer,-Steglitz. Für den der Internationale in Frankreich, dessen Andenken in neuester Zeit verdientermaßen, wenn auch anscheinend nicht ohne Ab- ficht der Ausschrotung für gewisse Tendenzen, neubelebt worden ist. Das Sterben Varlins, das in den bisherigen Dar- stellungen nicht gleichmäßig erzählt wird, wird durch Zeug- nisse, die Marime V u i l l a u m e in dem soeben(in den Caluers de la Quinzaine) herausgegebenen neuesten seiner „CaWers Eouges"(Rote Hefte) beibringt, klargestellt. Vuillaume war unter der Kommune einer der Redakteure des erneuerten„I'äi'e Duch6ne", eines Blattes das zur anti- klerikal-jakobinischen Mehrheit des Stadthauses hielt. Er ist jetzt Redakteur der bürgerlich-radikalen„Aurorc". Seine „Hefte", deren Serie nunmehr schon neun Nummern aufweist, enthalten neben minder wichtigen chronikartigen Details un- gemein viel Originalzeugnisse, an denen kein Geschichts- schreiber des Aufstandes wird vorübergehen dürfen. Vuil- laume hat u. a. jetzt festgestellt, daß Varlin nicht, wie ge- wöhnlich angenommen wurde, im Garten des Hauses Nr. 0 der Rue des Rosiers, an derselben Stelle wo am 18. März die Generäle Lecomte und Thomas, füsiliert worden ist, sondern auf der Straße, etwa 50 Schritte weiter. Man kann an der Hand der Vuillaumeschen Darstellung dem Passions- iveg, den der Tapfere vom Ort seiner Verhaftung in der Rue Lafayette bis auf die Montmartrehöhe zurückzulegen hatte, genau folgen. Varlin hatte unter der Kommune mit Jourde zusammen die Finanzen verwaltet. Nach dem Tode Delescluzes am 25. Mai wurde er Delegierter des Kriegs- Wesens und leitete, wenn man dieses Wort von dem un- geordneten Verzweiflungskampf gebrauchen darf, die Ver- teidigung bis Sonnabend, den 27., wo er, vor Ermattung zusammenbrechend, das Kommando dem Oberstleutnant Hippolyte S a r e n t übergab. Am Sonntagnachmittag ivurde er von einem Passanten, angeblich einem Priester in Zivil, dem Leutnant Sicve bezeichnet. Er liatte keinen Ver- such gemacht, sein Aeußercs zu verwandeln und sein charakte- ristisches, rückwärts geworfenes, dichtes Haar und seinen Bart behalten. Sicre nahm ihn fest und fesselte ihm die Hände auf dem Rücken. Dann führte er ihn, unter dem Geleite einiger herbeigerufener Soldaten, den eine gute halbe Stunde langen, im Zickzack verlaufenden Weg nach der Rue des Rosiers. Im Haus Nr. 6 hatten die siegreichen Versailler einen Kricgsgerichtshof eingerichtet. Das Urteil war rasch gefällt. Die Exekution wurde aber außerhalb des Hauses vorgenommen. Sie hatte einen Augenzeugen in einem Sol- daten, den eine merkwürdige Fügung in der jüngsten Zeit zum engeren Kollegen Vuillaumes gemacht hat. Es ist General P e r c i n, ehemaliger Kommandant des 13. Armee- korps und des obersten Kriegsrats, derselbe, der in der „Aurore" die tapferen Artikel gegen die dreijähriger Dienst- zeit geschrieben und seinen demokratischen Standpunkt auch in einer Volksversammlung vertreten hat. Percin war 1871 Artilleriehauptmann. Er zog mit der Versailler Armee in Paris ein. Am 28. Mai stand er mit seiner Batterie auf der Höhe von Montmartte und wohnte ganz zufälligerweise der Füsilierung Varlins bei. Er erzählt: „Ich irrte auf der Höhe umher, als ich gegen vier Uhr ?inen Gefangenen von hohem Wuchs, mit bloßem Kopf und die Hände auf dem Rücken gefesselt, auf die Weite von ein paar Schritten heranschreiten sah. Etwa fünfzig Leute. Männer und Frauen, umringten ihn schreiend und heulend. (Dieses Zeugnis widerspricht den Schilderungen, wonach einige Tausend Menschen Varlin gefolgt wären. Diese Dar- stellungen, die der Tendenz entspringen, den Haß gewisser Elemente der Bevölkerung gegen die Mitglieder der Kommune in greller Uebcrtreibung zu illustrieren, werden schon durch die Raumverhältnisse Lügen gestraft.) Ein Korporal und zwei Soldaten hatten ihn in die Mitte genommen. Er war bald ganz nahe bei mir. Ich er- kundigte mich.„Es ist Varlin, Mitglied der Kommune. Er wird füsiliert." Der Zug ging einer Mauer entlang, die einen Garten begrenzte.?lnf der anderen Seite, gegenüber, ein unbebautes Gelände. Fünfzig Meter weiter rückwärts ein zweistöckiges Haus mit einem kleinen Hof. Man sagt mir. daß es das sei, wo die Generäle Lecomte und Clement Thomas füsiliert wurden. Der Korporal und die zwei Soldaten hatten Halt ge- macht. Der Gefangene stellte sich an die Mauer. Ich sehe ihn noch aufrecht, mit festem Blick zur Menge sprechen, die ihn verabredeten, daß jeder eine Krone stehlen sollte, um hineinzu- kommen. Ich bestahl meinen Vater und Du den Krämer, bei dem Du Laufjunge warst. Mein Verbrechen war das schlimmere, denn mein Vater war gut zu mir, und ich hatte viele Vergnügungen und hätte die Krone wohl bekommen, wenn ich darum gebeten hätte. Während der Krämer Dich prügelte und Du nie im Zirkus oder bei sonst einem Vergnügen gewesen warst. Man entdeckte uns. Ich bekam Schelte und liebevolle Er- Mahnungen und Taschengeld, damit ich ein andermal nicht wieder in Versuchung kommen sollte. Du aber wurdest vom Krämer halb zuschanden geschlagen und aus dem Dienst gejagt; dann schlug Deine Mutter Dich, bis sie nicht mehr konnte, und drohte Dir mit der Polizei. Und mein Vater verbot mir, mit Dir zu verkehren. Wir sahen uns natürlich trotzdem, denn ich liebte Dich. Du warst so klug und so tüchtig. Du warst solch ein guter Kamerad und hattest eine so leichte Hand. Du schlugst nie die, die kleiner waren als Du; und wenn ich Dir einen Apfel gab, teiltest Du ihn immer mit Deiner kleinen Schwester, die einen anderen Vater als Du hatte und doch keinen Vater. Dann passierte etwa? mit Dir in der Schule, Du wurdest streng bestraft und von dem Tage an von allen Lehrern für un- verbesserlich gehalten. Es passierte auch etwas mit mir in meiner Schule; das war so schlimm, daß ich eS nicht gerne erzählen mag; aber Vater brachte es in Ordnung, und die Lehrer halfen mir darüber weg, so daß mir nichts Böses zustieß. Da, das weiß ich noch, dachte ich daran, warum Du keinen Vater hättest, der Dir helfen konnte. So verging die Zeit, und wir sahen uns nicht oft. Aber hin und wieder hörte ich etwas Neues über Dich, und dann trafen wir uns als Soldaten. Damals warst Du schon ein wenig versumpft. Du hattest auch keinen Menschen, zu dem Du gehen konntest, während ich im Theater oder in Gesellschaft war, so oft ich Urlaub bekommen konnte. Na— ich machte meine Examina und holte mir eine Braut und ein Amt und verheiratete mich. Du hattest schon vor mir eine Braut, aber konntest nicht heiraten. Dann bekamt Ihr zwei Kinder; und in dem Jahr, als der strenge Winter war, stahlst Du und wandertest ins Gefängnis. Als Du wieder freikamst, heiratetet ihr; aber dann brach der große Streik aus, wo Du'S mit den Kameraden halten mußtest. Die Frau verließ Dich, die Kinder Inseratenteil verantw.! Tb. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag. Vorwärts beschimpft. Mit einer jähen Bewegung des jdopfeS wirst« sein langes ergrauendes Haar rückwärts. Die Soldaten haben geladen. „Tötet ihn!" schreit die Menge.„Tötet ihn, füsiliert ihn!" Dann besinnt sie sich eines anderen. „NeinI Nicht hier... etwas weiter... dort..* Der Zug setzt sich von neuem in Bewegung. Die Menge brüllt ihre Verwünschungen weiter. „Feige Bande!" schreie ich, von Ekel gepackt.„Feige Bande! Vor ein paar Tagen hättet ihr mir Euer„Tötet ihn!" zugerufen, wenn ich in Eure Hände gefallen wäre." Das Ende der Mauer war erreicht, dort, wo sich die Straße mit einer anderen, herabsteigenden schneidet. „Hier! Füsiliert ihn hier!" Varlin stellte sich etwa einen Meter vom Straßeneck auf, an die Mauer der absteigenden Straße. Noch einmal erhob sich das Gebrüll, die Stimme Varlins übertönend, den ich die Lippen bewegen sah. Wie auf der früheren Station hielt sich der Verurteilte sehr aufrecht. Seine ganze Haltung war die eines tapferen Mannes. Die Soldaten, von der Menge vorwärts gedrängt, sind nur drei oder vier Schritte von Varlin. Sie feuern. Die zwei Gewehre gehen fehl. Sie laden von neuem und schießen ein zweites Mal. Varlin schwankt und fällt. Da er am Boden liegt, klatscht die Menge in die Hände. Die Soldaten zerstreuten mit Flintenstößen den Men» schenschwarm. Und nur der Tote blieb, auf der Seite liegend, am Fuß der Mauer zurück. Das tragische Haus in der Rue de Rosiers. der Garten und die Mauer, an der Varlin fiel, bestehen heute nicht mehr. Auf ihrem Grund erhebt sich die Basilika von Sacr6-Coeur. Von besonderem Interesse im neuesten Heft Vuillaumes ist die Aufdeckung des bisher ganz unbekannten Plans der Verhaftung, den die führenden Mitglieder der Kom- munemehrheit gegen die Minderheit, die söge- nannte ParteiderJnternationale, im Schilde führten. Als die Mehrheit die Nachäfferei der Revolutionäre von 1793 mit der Einrichtung eines Wohlfahrtsausschusses fortsetzte, erließen 22 Mitglieder der Kommune am 15. Mai eine Erklärung, worin sie ihren Kollegen bekanntgaben, daß sie nicht mehr in die Versammlung kommen und sich in ihre Bezirke zurückziehen würden. Am 17. erschienen sie jedoch alle wieder in der Sitzung, zur großen Verblüffung der Mehrheit. P r o t o t, der noch lebende Delegierte des Justizwesens, schil- derte Vuillaume den Vorgang folgendermaßen: Rigault, der ankam, trat auf mich zu, nahm mich beiseite und sagte, indem er mit einem Blick die Sitze der Dissidenten stteiste: Die Haftbefehle sind bereit. Ich erhob mich, um Delescluze und Pyat zu suchen, deren Meinung ich einholen wollte. Wir gingen alle drei hinaus. Rigault blieb im Saal. Wir prüften die Möglichkeiten einer Verhafwng der Zweiundzwanzig. Delescluze bemerkte, daß in der verzweifelten Situation, worin wir uns befanden, einige Tage vielleicht vor der Niederlage die Ausführung eines so gewichtigen Beschlusses nur neue Stoffe der Zwietracht schaffen und neue Vorwände zur Desertion geben müßte. Pyat war der gleichen Meinung. Wir kehrten in die Sitzung zurück. Ich erklärte Rigault die Gründe, die uns von dem Plan der Verhaftung absehen ließen. Es gab auch noch andere. Wir hätten vielleicht am 17. Mai in den Bataillonen nicht mehr die notwendige Unter- stützung gefunden, um die allgemeine Annahme der Verhaf- tung eines Teiles der Mitglieder der Versammlung durchzu- setzen." Der Verhaftungsplan ist nicht enthüllt worden. Deles» cluze und Rigault fanden ein paar Tage später den Tod. Pyats Geschichte der Kommune, die im Manuskript in den Händen seiner Erben sein soll, ist nicht veröffentlicht worden. Protot hatte bis jetzt auch darüber nichts gesagt. Die Episode ist ein neuer Beweis für die Richfigkeit der Kritik, die die Anhänger der Internationale an den revolutionären Klein- bürgern, Demagogen und BohSmiens der Kommune geübt haben. Die sozialistische Arbeiterschaft hat das unsterbliche Teil der Revolution von 1871 gerettet, eben darum, weil sie. zu ihrem Ruhm, von Anfang an ihr Recht beansprucht hat, zu zeigen, was an ihr sterblich war. O t t o P o h l. kamen ins Armenhaus; und eines Abends, als Du betrunken warst, schlugst Du einen Schutzmann zuschanden und mußtest die Reise ins Zuchthaus antreten. Seitdem habe ich nichts mehr von Dir gehört, bis ich jetzt kürzlich in den Blättern las, daß Du einen unbescholtenen Mann, den Du nicht kanntest, überfallen und ihm den Schädel zertrümmert hättest. Bei mir ist es indessen immer bergan gegangen; ich habe ein schönes Heim und liebe Kinder und Gesundheit und mein Aus- kommen. Und jetzt sollst Du also für immer in? Zuchthau» kommen. Der Gedanke ist wahrhaftig wunderlich, alter Freund, denn Du warst so ein tüchtiger Kerl. Ich bin überzeugt, wärst Du im Vorderhause geboren, so wärest Du Bischof von Seeland oder Justizminister geworden, bei Deinem Kopf. Und ich bin meiner Sache nicht so ganz sicher, wies mir gegangen wäre, wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre... Aber das ist natürlich nichts anderes als idealistisches Ge» wäsch, was mir heut einfällt, weil ich gut zu Mittag gegessen habe und hier mit meiner Havannazigarre sitze. Und dann, weil ich bei Deinem ersten Verbrechen Teilnehmer war--— Wenn ich ordentlich nachdenke, glaube ich wirklich sogar, daß ich eS war, der auf den Gedanken kam, die Krone zu mausen. Aber da ist nun nichts zu machen. Unsere Lehrer haben genug damit zu tun, uns die höchsten Punkte in den Aloen und daS Todesjahr OttoS des Faulen zu lehren— die können keine Zeit auf einen Spitzbuben von einem Jungen vergeuden. Unsere Pastoren haben neue Kirchen zu bauen, wo sie ihre alte Wolle weiterspinnen können, und aufzupassen, daß nicht zwei ohne ihre Genehmigung beisammen schlafen— die können sich mit einer verworfenen Seele wie Deiner nicht beschäf» tigen. Unsere Juristen stellen so viele feine Spekulationen an, um das Geld der Leute zu hüten— unsere Politiker fitzen das liebe. lange Jahr und verteilen die Steuern-- da ist nichts zu machen, alter Freund, Du mußt ins Zuchthaus wandern. Denn wir können uns nicht dareinfinden, daß Du einen unbescholtenen Mann überfällst und ihm den Schädel zertrümmerst. Und wir können doch bei Gott auch den Bischof von Seeland und den Justiz- minister nicht prügeln. Aber, wie gesagt— Du verstehst wohl... e« ist gar nicht amüsant für mich. Denn Du warst so ein tüchtiger Junge«ch eigentlich mehr wert als ich. Dein treuer charil Ewatti. vuchdruckerei u. verlagSanstalt Paul Singer u. Co., Berlin 5M