Ur. 339. BbonnementS'Bcdingungcn: HtonnementS• Preis pränumerando! Bierteljährl. Z,S0 MI, monatl. l,I0 Mk, wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummcr mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Aionnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitunas- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2,60 Mark, für das übrige Ausland 4 Mark pro Monat, Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, nänicn, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. £rf(Wnf»glich. TS* Verlinev Vollisblnkk. Die Infcrüons-Gcbiifjp beträgt für die fechsgespaltene Kolonel. zeile oder deren Raum m Pfg„ für politische und gewerkschaftliche Bereins- und Versnmmlungs-Anzeigen SO Pfg, „Kleine anzeigen", das fettgedruckte SBott 20 i|äfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), fedes weitere Wort lo Pia, Stellengesuche und Schlasstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg„ jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über löBuch. staben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „Soziaidtmolirat Berlin". Zcntralorgan der rozialdemokrattfchcn Partei Deutfcblands. Redaktton:©Cd. 68, Lindcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1383. Donnerstag, den 4. September 1913. Expedition: 8Äl. 68» I�indenstrasse 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. ein feind der IMfenl)eerc. in. An der Organisation der Verpflegung Patte man in der preußischen Armee gar nichts geändert; die Erfahrungen von 1866 waren für die Ausbildung von Führern und Truppe im Verpflegungsdienst nicht nutzbar gemacht worden. Sachsen hatte die ungenügetiden preußischen Einrichtungen über- nommen, und Bayern hatte eine eigene Organisation, die an Bäckern und Oberbäckern keinen Mangel aufwies, aber nicht einen einzigen Feld-Backofen besaß! Tie württembergische Division hatte ebenfalls eine Bäckerei- kolonne, aber auch keine Backöfen dafür hatte sie einen F e I d- P 0 st b e a m t e n! Ter Große Generalstab stellt diese völlig ungenügenden Einrichtungen fest und meint dann:„Trotzdem litten die Truppen auf dem Eisenbahn- transport keinen Mangel, weil die O P f e r w i l l i g k e i t d e r B e v ö l k e r u n g die inangelhaften Vorbereitungen der Militärverwaltung reichlich ausglich, und weil die Truppen aus ihren Mobilmachungsorten nicht unbeträchtliche Vcr- pflegungsmengen mitgenommen hatten." Ten ganz ungeheuerlichen Wirrwarr schon beim Aufmarsch kennzeichnet das Generalstabswerk mit fol- genden Sätzen: „Die Verpflegung im Versammlungsgebiet war in keiner Weise vorbereitet; man rechnete anscheinend noch mit der vor Einführung der Eisenbahnen durch Fußmarsch erfolgten langsamen Versammlung, denn es waren weder in den Proviant- ämtern des Versammlungsgcbietes irgendwelche nennenswerte Vorräte für den Versammlungszeitraum bereitgestellt, noch die Heranziehung von Vorräten aus dem Landcsinnern durch plan- mäßig zwischen die Truppenzüge eingeschaltete Vcrpflegungszüge vorbereitet. Die ganze Verpflegung wie auch die Bereitstellung der für Magazine im Versammlungsgebiet erforderlichen Fuhr- Parks mußte erst nach Ausbruch der Mobilmachung i m p r 0 v i- s i e r t werden und lastete im wesentlichen auf den Korps- intendanturen der Grenzkorps, von denen die des II. bayerischen Armeekorps außerdem nur auf dem Umweg durch das bayerische KriegSministerium zu erreichen war.... Gleich zu Beginn des Aufmarsches versagte die Brotversorgung. Man er- kannte aber die Ursache nicht; sie bestand nicht in der ungenügcn- den Leistungsfähigkeit der Bäckereien, sondern in der Schwierig- keit der Heranführung des Brotes zur Truppe. Man schritt daher auch nicht zu dem einzig richtigen Mittel, mitten im Truppen- bereich die Backanstalten zu errichten, sondern wählte den Weg, der schon IZ66 sich als unzweckmäßig erwiesen hatte: man ließ in Berlin und Potsdam täglich l vv 000 Brotportioncn herstellen und wies die Intendanturen des I., II., IV., V., VI., VII., IX. und X. Armeekorps an, möglichst große Mengen Brotes zur Versendung an den Rhein bereitzuhalten." Der größte Teil des Brotes ist n i e zu den Truppen ge- komnien und was ankam, wartotalverdorben. Hinter dem Rhein, genau wie 1866 in Schlesien, häuften sich enorine Vorräte an, deren Weitertransport sich schließlich als eine Unmöglichkeit erwies. Die Truppen waren von Anfang an aus die„eiserne Portion" angewiesen, bestehend aus Zwieback, Kaffee. Reis, Speck und Salz. Hinter den vorrückenden Truppen waren für die Verpflegung Etappenmagazine angelegt, die von den Landes- behörden gefüllt werden sollten. Das klappte aber nur in den wenigsten Fällen und hatte dann keinen Zweck, weil es an den nötigen Fuhrlverken fehlte, um den Truppen die Nahrungsmittel zuzuführen. Tie Truppen waren auf Bei- treibungen angewiesen, deren Resultat stets sehr verschieden war, die einen Teile hatten Ueberfluß, die anderen litten bitteren Mangel. Schließlich war geradezu eine Art A n a r- chie eingerissen. Darüber berichtet der Große Generalstab: „To verweigerte das Magazin des VIII. Armeekorps in Lebach die Ausgabe von Lebensmitteln an die dorthin gelangen- den Truppen des VII. Armeekorps. Das VIII. Armeekorps entfernte kurzerhand den Magazinvor stand und entnahmdem Magazin nicht nur seinen Be- darf, sondern erheblich mehr. Tie Folge war eine Beschwerde des VIII. Armeekorps beim Oberkommando. Das VII. Armeekorps scheint mit der übermäßigen Beanspruchung von Lebach eine Vergeltung dafür beabsichtigt zu haben, Daß das Magazin Trier, auf welches das Oberkommando das Korps bei seinem Eintreffen angewiesen hatte, vom VIII. Armeekorps vorher größtenteils geleert worden war."(Seite 147.) Das lvar schon in den ersten Augusttagen, und als die Gefechte bei Weißenburg und Wörth vorbei waren und die Truppen im Biwak auf Proviant warteten, fuhren die Pro- viantkolonnen ziellos hin und her, soweit sie nicht überhaupt stecken geblieben waren. Der Armee-Jntendant sagte darüber in seinem Bericht: „Wenn Verpflegungszüge ankommen, von denen kein Mensch � st- don wem und für wen sie sind, sp kann man zwar im äußersten Notfall alle ankommenden Bestände an be- stimmte Zentral-Magazinorte weisen, die Verwirrung wirddadurchaber immer größer, weil alle und j e de Kontrolle aufhört, die Beamten von jeder Verantwort- lichkeit entbunden und die Lieferanten geradezu der- führt werden, der Verwaltung beliebige enorme Quantitäten in Rechnung zu stellen, die sie nie geliefert haben."«-> Um den Mangel an Brot auszugleichen, wurde die Fleisch- Portion auf anderthalb Pfund pro Mann erhöht, denn an Schlachtvieh war in den besetzten Gegenden kein Mangel. Als beinahe erheiternd bezeichnet der Große Generalstab den Befehl, daß grundsätzlich Ouartierverpflegung zu fordern und daß, wo diese nicht gewährt werde, für den Kopf und Tag 2 Frank von den beteiligten Gemeinden einzuziehen sei, hatten doch die armeri Vogesendörfer ebenso wenig Geld wie Lebensmittel. Besonderen Mangel litt das II. bayrische Korps, weil das vor ihm marschierende I. Korps bereits alles Genießbare „ausfourgiert" hatte. Als endlich am 16. August die Ver- pflegungskolonnen eintrafen, waren die Vorräte meist ver- darben; die eisernen Portionen waren mittlerweile aufge- zehrt worden. In Forbach hatten die Truppen ein großes französisches Magazin erbeutet. Nunentstandzwiichen zwei Armeekorps ein Streit, wem die Vor- rätezufallcnsollen. DerStreitniußtedurch das Große Hauptquartier geschlichtet wer- den. Solangeblieben die Vorräteung e.n ü tz t liegen! Nur dadurch, daß der Feind nichts unternahm, rächten sich dieser und andere Mißstände nicht durch einen Mißerfolg. Tie mangelhafte Verpflegung lockertedieMannes- z u ch t, es ging genau wieder so wie 1866. Immer wieder kam es zwischen den einzelnen Armeekorps, die einander die Verpflegung wegnahmen, dieserhalb zu schweren Differenzen. Schließlich mußte das Große Hauptquartier eine Abgrenzung des Bereiches der einzelnen Korps befehlen! Je mehr die Truppen vorrückten, desto heilloser wurde die Verwirrung. „Mehrere Armeekorps ließen die eisernen Portionen auf beigetriebenen Wagen nachführen. Diese marschierten mit dem „Train"; blieb dieser zurück, so fehlten auch die eiser- neu Portionen. Andere Truppenteile unterließen eS, beim Ablegen der Tornister die eisernen Portionen in den Brotbeuteln unterzubringen und entäußerten sich ihrer auf diese Weise. So zogen die meisten Truppen ohne Verpflegung in die Schlacht.... TaS VIII. Armeekorps hat am IS. August nicht abkochen können, weil sein„Train" durch Truppen des I. Armeekorps abgedrängt war. Am 16. wurden die Tornister mit den eisernen Portionen zurück- gelassen. Erst am Nachmittag des 17. konnte abgekocht werden nach Ankunft einer Proviantkolonne, die wider den Befehl herangekommen und dabei versehentlich beinahe in die französischen Vorpopen hineingeraten war. Sie wurde am 18. übrigens wieder— ebenfalls unberechtigterweise— herangezogen und dabei in die beim Korps ausgebrochene Panik verwickelt. Aehnlich war es beim VII. Armeekorps. Zum Hunger gesellte sich noch der Dur st. Auf der wasserarmen Kalkhochfläche gab es keine Quellen. Die Truppen tvaren auf die wenigen Brunnen der Ortschaften angewiesen. Maßnahmen zur Regelung des Wasserholen» waren nicht getroffen, so fehlte vielen Truppen auch das Getränk."(Seite 161.) Ein Kriegstagebuch schildert die Verhältnisse wie folgt: „Ein betrunkener Marketender schläft während eines Nacht- Marsches ein. Sein Pferd, müde und hungrig, bleibt stehen. Der vor dem Marketcnderwagen befindliche Teil der Kolonne ver- schwindet in der Tunkelheit; die folgenden Teile halten. Zunächst fällt das niemanden auf. Marschstockungen sind etwas Gewohntes.... Die Truppen schrieben an diesem Tage, wie so oft, in die Kriegstagebücher: Verpflegung fehlt, Bagage trifft nicht ein." So konnte es passieren, daß ein sächsischer Fuhrpark direkt in die feindliche Festung Verdun hin- einmarschierte und dort natürlich in Gefangenschaft geriet! Außerordentlich schlimm lvar es aber mit der Pflege der Verwundeten bestellt. Ter Große Generalstab konstatiert:� „Die Sanitätskompagnien hatten fast keine Lebensmittel bei sich, auch keine eisernen Portionen. Tie Feldlazarette hatten zwar zum Teil in Voraussicht der Ereignisse während de? Vormarsches Wagen mit Lebensmitteln beigetrieben, aber der größere Teil dieser Wagen verschwand wieder, weil die französischen Fuhrleute mit ihren Wagen flohen, sobald sie nicht scharf bewacht wurden. Auf dem Schlachtfelde gab es nur Fleisch in lebendem Vieh und vor allem kein Wasser. Dlan mußte dieses in Fässern von weither holen und hielt sich inzwischen an den in, fast allen Häusern vor- gefundenen Wein. Vertreter der freiwilligen Krankenpflege er- schienen zlvar rechtzeitig aus dem Schlachtfelde, sie vermochten aber die von ihnen zur Verfügung gestellten Erfrischungen erst nach geraumer Zeit heranzubringen.(Seite 164.) Erst gegen Ende August war die Fürsorge für die Ver- wundeten eine bessere geworden. Tie Truppen waren bereits vor Sedan angelangt und die Verpflegung funktionierte noch immer nicht. ,)Jn Bvzeilles und Donchery wurden französische Verpflegungs- züge erbeutet, die die Verpflegung während und nach der Schlacht ermöglichten. Immerhin waren Teile der Dritten Armee infolge Verbrauchs der eisernen Portionen darauf an- gewiesen, den Hunger durch selbst gegrabene Kartoffeln, Mohrrüben und sonstige Feld- früchte zu stille n." Die Situation verschlimmerte sich, als Sedan kapituliert hatte und nun auch noch die Gefan- genen zu verpflegen waren. Diese Verpflegung bestand fast nur in selbstgegrabenen Kartoffeln, die am Feuer gebraten wurden. Nicht einmal die Verpflegung der Einschließungs- armee von Metz, die keinen Feind mehr im Rücken stehen hatte, war entsprechend geregelt. Der Große Generalstab stellt hierzu fest: „Nur der geringen Entfernung von der deutschen Grenze und dem Bestehen einer Bahnverbindung dahin ist es zu danken, daß die Armee im ganzen genügend verpflegt wurde. D e r V c r- waltung gebührt dafür keinerlei Verdien st." Das Werk des Großen Generalstabs— das bestimmt nicht zu schwarz gemalt hat, im Gegenteil— zeigt die Schwierigkeit der Verpflegung großer Truppen- massen. Die Armeen, die in all den früheren Kriegen im Felde standen, waren winzig zu nennen gegenüber den Armeen, die ein künftiger Krieg ans den Beinen sehen wird. Teutschland allein stellt in diesem Falle eine Armee von fünf Millionen Mann auf. Einmal ganz abge- sehen von der Frage, ob es möglich ist, solche Armeen beweglich zu erhalten, sie zu dirigieren, entsteht die weitere, nicht minder wichtige Frage: WiesolleineV erpfleg u n g dieser ungeheuren Massen gewährleistet werden? Die Truppen haben heute Feldbacköfcn und fahrbare Koch- apparate, aber wo diese Einrichtungen schließlich im Kanipf, der jede vorherige Berechnung über den Haufen wirft, bleiben werden, vermag kein Mensch zu sagen. Diese Truppenmassen müssen von der Heimat aus verpflegt werden, denn der zurückfliehende Feind wird die Lebensmittel, die er nicht mit- nehmen kann, einfach zerstören. Die Verpflegung aus der Heimat setzt aber das Vor- handensein der notwendigen Menge von Lebensmitteln vor- aus, eine Vorbedingung, die in Teutschland nicht erfüllt ist. Der Feind der Massenheerc ist der Hunger! Ihm gegenüber sind Maschinengelvehre und Haubitzen nutzlos. Er z e r st ö r t die Disziplin, in seinem Gefolge halten Krank- h e i t e n und Seuchen ihren Einzug, die mehr Opfer for- dern als selbst die blutigsten Schlachten. Man soll uns nicht damit kommen, daß die Intendantur heute ganz anders aus- gebaut ist. Noch immer schwebt der Streit darüber, ob die Verpflegung der Truppen Sache der Heeresleitung oder einer selbständigen Intendantur sein soll. Gleichviel, wie diese Frage letzten Endes entschieden wird, schafft man damit die Tatsache nicht aus der Welt, daß weder Heeresleitung noch Intendantur Lebensmittel aus dem Boden stampfen können. Deutschland kann seine Bevölkerung schon heute nicht er- nähren ohne Zufuhr aus dem Ausland. Dieser Zustand ver- schärft sich mit dem Wachstum der Bevölkerung. Auf dem Grund und Boden, auf dem vor zehn Jahren noch Brotfrucht gedieh, stehen heute vielfach Mietskasernen, in denen Brot- esser wohnen. Der anbaufähige Grund und Boden kann aber nicht nach Belieben vergrößert werden. Wo sollen also die Lebensmittel herkommen zur Ernährung der Millioncnhecre? Und unter den europäischen Militärstaaten steht in dieser Be- drüngnis Deutschland keineswegs allein, denn in anderen mit Lebensmitteln reicher gesegneten Ländern wird es an Händen fehlen, die die Ernte bergen, und es wird die Transport- Möglichkeit fehlen, den Truppen diesen ungeheuren Bedarf an Lebensmitteln zuzuführen. Der russisch-japanische Krieg hat das zur Genüge be- wissen. Mit hungernden Soldaten erkämpft man aber keine Siege, das lehrt uns die Geschichte aller Kriege, die im ver- flossenen Jahrhundert und auch in der neueren Zeit geführt wurden. Keine Truppe kann auf die Dauer schlechte Vcr- pflegung ertragen. So sind diese Millionenheere zu einem Instrument geworden, so groß, so gigantisch, daß man es im Ernstfalle nicht mehr meistern kann. Damit aber zeigt sich der ganze Wahnwitz des Wettrüstens, das einer kleinen Oberschicht der Völker Vorteile bietet, die Völker selbst aber an den Rand des Verderbens bringen muß. Was der Große Generalstab mit dankenswerter Offen- heit geboten hat, das ivird dazu dienen, das Wafsenarsenal der Sozialdemokratie zu vermehren, neue Waffen zu schmieden i in Kampf gegen den Dt i l i t a r i s- mus!_ Die Erfurter tiiilitärjuitiz. Die Berufungsverhandlung gegen das Erfurter Schreckens- urteil, das seinerzeit wohl in der ganzen Welt ungeheueres Aufsehen erregte und im Reichstage zu den begründetsten An- klagen gegen die Militärjustiz führte, hat gestern morgen in Erfurt vor dem O b c r k r i e g s g e r i ch t begonnen. Noch ist das Urteil über die Unglücklichen, die gelegentlich einer Kontrollversanimlung in der Trunkenheit zu bedauerlichen Exzessen sich hinreißen ließen, nicht gefällt. Eines aber ist nach der bisherigen Verhandlung sicher: das furchtbare Urteil, das die Angeklagten auf viele Jahre zum Teil ins Zuchthaus, zum Teil ins Gefängnis schicken wollte, wird durch einen bedeutend milderen Urteilsspruch ersetzt werden. Wenn man auch noch so kritisch den Prozeßbericht, den wir an anderer Stelle des Blattes wiedergeben, verfolgt, immer wieder kommt nian zu der Ansicht, daß es sich um eine ganz gewöhn! icheWirtshausr auferei handelt, die nur dadurch mit einemmal zur militärischen Meuterei � wurde, weil es sich um R e s e r v i st en und Landwehr- männer handelt, die zufällig am Tage der Kontrollver- sammlung in der Trunkenheit mit Polizisten und Gendarmxn tu Händel gerieten. Das, was sonst mit einer Geldstra/e oder mit einer Woche Gefängnis geahndet wird, ist nach dem Militärstrafgesctz ein so furchtbares Verbrechen, daß auf Einzelstrasen von über fünf Jahren Zuchthaus erkannt wurde. Eine erheblich mildere Strafe wird die Ange- klagten auch schon um deswillen treffen, weil diesmal die Eni- lastungszeugen, die in der vorigen Instanz wegen Verdacht des Meineides nicht vereidigt wurden und auf deren Aus- sagen der Gerichtshof daher nur wenig Wert legen konnte, diesmal unter ihrem Eid vernommen wurden. Ganz eigen- tümlich berührt es, daß der vernommene Gendarm, trotzdem positiv feststeht, daß die Angeklagten im Laufe des Tages eine Unmenge alkoholischer Getränke zu sich ge- uommen hatten, vor Gericht bekundete, daß nach seiner Aus- fassung die Angeklagten nicht betrunken, ja nicht einmal angeheitert gewesen seien. Das schien selbst dem Verhandlungsführer eine so sonderbare Ansicht zu sein, daß ihm ein ganz unwillkürliches„Nanu?" entfuhr. Aber nicht nur der Gendarm, sondern auch ein anderer Be- lastungszeuge, der Polizeisergeant Müller, war in seinen Aussagen so wenig objektiv, daß er sich wiederholt belehren lassen mußte, doch nicht mit so allgemeinen Schluß- folgerungen seine belastenden Aussagen zu stützen. Wenn auch das Urteil voraussichtlich ein erheblich mil- deres wird, es wird die auf der Anklagebank Befindlichen immer noch furchtbar treffen. Es wird andererseits aber auch zeigen, daß das ganze mittelalterliche Militärstrafgerichts- verfahren mit seinen furchtbaren Strafen dem Geiste der Neuzeit ins Gesicht schlägt: es wird erheblich beitragen zur Beseitigung des militärischen Sonderrechts, das bei einfachen Vergehen der Untergebenen so entsetzliche Strafen vorsieht, wie sie im gemeinen Strafrecht nur bei allerschwersten Ka- pitalverbrcen verhängt werden können. Die Vorgänge in Dublin. Das Begräbnis des Todesopfers. Dublin, den 8. September.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Das Begräbnis des von der Polizei erschlagenen Arbeiters N o l a n gestaltete sich zu einer machtvollen Demon. st r a t i o n des Dubliner Proletariats. Vierzig bis fünfzigtausend Menschen folgten der Leiche. Es dauerte fast eine Stunde, bis der Leichenzug einen gewissen Punkt in den mit Menschenmassen gefüllten Straßen passiert hatte. Der Oberbürgermeister Dublins und die Mehrheit der Stadtverordneten waren im Zuge. Die Polizei und Gendarmerie ließ sich nicht blicken, weshalb der Aufniarsch sich in vollster Ordnung vollzog. Die Straßen zeigen ein wüstes Aussehen. Allenthalben tritt man auf Glassplitter. Das Gericht verurteilte gestern nicht weniger als Iii Arbeiter, die bei den Ausschreitungen beteiligt sein sollen, zu Gefängnisstrafen von verschiedener Höhe. Die Erregung der Arbeiterschaft ist durch die Eni- 'lassung von einigen Hundert Kohlentransport- ■atb eitern erneut worden.. Vier von den Abgeordneten Dublins haben um eine sofortige öffentliche Unter- suchung des Vorgehens der Polizei und ihrer Orders ersucht. �_: iPfarrer IHünitcrer»er Gericht. Regcnsburg, 3. September 1313. Sehr großes Aufsehen erregte im Februar 1310 auch außer- halb der Grenzen Bayerns die Flucht zweier katholischer Pfarrer, die sich weit über ihren örtlichen Wirkungskreis hinaus bis dahin eines großen Ansehens erfreut hatten. Es waren dies der Pfarrer Georg M ü n st e r e r ans Pondorf, der sich Unterschla- gungen in Höhe von über 1ö3 333 Mark hatte zuschulden kommen lassen, und der Pfarrer Eugen Scheuer aus K o l b e r- m o o r, gegen den wegen Meineids und wegen Verlei- t u n g zum Meineid ein Streckbrief erlassen werden mußte. Gegen Pfarrer Scheuer hatte die„Münchener Post" die Beschuldi- gung erhoben, er unterhalte mit einer Näherin Trautsch ein Liebes- Verhältnis und sei der Vater eines unehelichen Kindes der Trautsch. In dem darauf gegen die„Münchener Post" angestrengten Be- leidigungsprozetz bestritt Pfarrer Scheuer unter seinem Eid jeden unerlaubten Verkehr mit der Trautsch und auch die Trautsch bezeugte, daß sie niemals mit Pfarrer Scheuer intimen Verkehr gehabt habe. Als sich später die R i ch t i g k e i t der von der„Mün- chener Post" erhobenen Beschuldigungen herausstellte, war Pfarrer Scheuer plötzlich verschwunden und schickte aus Nord- amerika dem Erzbischöflichen Ordinariat in München-Freising einen Brief, daß er in Amerika eine Pfarrer st elle übernommen habe. Während Scheuer also verschwunden blieb, wurde gegen die Trautsch vor dem Münchener Schwurgericht wegen Meineids ver- handelt. Sic lourde aber freigesprochen, weil die Geschworenen annahmen, daß sie vollkommen unter dem dämonischen Einfluß des Pfarrers gestanden hatte. Während die Affäre des Pfarrers von Kolbermoor die Gemüter in Bayern noch in Erregung hielt, trug sich der Fall des Pfarrers M ü n st e r e r zu. Münsterer war noch in größerem Umfange als Scheuer auch politisch her- vorgetreten. Er war Mitbesitzer und ein eifriger Mitarbeiter des„Bayerischen Vaterlandes", jenes von Dr. S i g l begründeten und durch seinen Preußenhaß weit bekannten Blattes. Münsterer wiar auch in seiner politischen Tätigkeit mit dem bekannten Zen- trumsführer Dr. Heim in Verbindung gekommen, und er be- tätigte sich in gleicher Weise wie Dr. Heim vor allem in den Kreisen der bayerischen Bauern; sein Bestreben war es, sich bei der Bauernbevölkerung populär zu machen. Er war daher sehr viel auf Reisen und hielt sich viel in den Wirtshäusern auf, um die Fühlung mit den bäuerlichen Kreisen nicht zu ver- lieren. In seiner Eigenschaft als Leiter und Vertrauensmann einer Raiffeisenkasse und als Verwalter einer Kirchen- k a s s e vergriff er sich an den ihm anvertrauten Geldern, ebenso an Geldern- die ihm vertrauensselige Bauern zur Aufbewahrung .übergeben hatten. Als er eine Revision befürchten mußte, ergriff er mit seiner Geliebten die Flucht, und nun stellte sich heraus, daß in der Raiffeisenkasse 143 333 M. und in der Kirchen- kasse etwa 3333 M. fehlten; außerdem hatte er etwa 33 333 M. Privatgelder veruntreut. Ter Aufenthalt Münsterers blieb lange unentdcckt. Man vermutete, daß er sich in Italien in einem Kloster verborgen hielt, während er in Wirklichkeit jenseits des Ozeans ein abenteuerliches Leben führte. Nachdem er seine Ge- liebte irgendwo in der Welt im Stich gelassen hatte, kehrte er nach Frankreich zurück. Er war ohne Geldmittel, mußte betteln und als Bettler wurde er aufgegriffen. Erst jetzt ergab sich, daß er der gesuchte bayerische Pfarrer war, und nach' langwierigen Auslicfcrungsvcrhandlungen wurde er von der französischen Poli- zei nach Deutschland ausgeliefert. Die heutige Verhandlung vor dem Landgericht Regens- bürg fand unter außerordentlichem Andrang des Publikums statt. Bei seiner Vernehmung beantwortete der Angeklagte ohne irgendwelche Zeichen innerer Erregung die Fragen des Vorsitzen- den, Landgerichtsdirektors L e ch n e r. In Pondorf wurde er, nachdem er einige Zeit Pfarrverweser war, im Jahre 1333 Pfarrer. Bald nach seinem Antritt als Rechner der Darlehnskasse begann er mit seinen Unterschlagungen. Wie Münsterer sagt, hätten die Rebisoren ihm seine Unterschlagungen überaus leicht gemacht. Wenn er gewollt hätte, dann hätte er seine Unterschlagungen bis zum Heu- tigen Tage verbergen können. Geflohen sei er am 27. Februar 1313 unter Mitnahme von 18 333 M. Er lebte zu- nächst in Griechenland und dann in Frankreich, wo er völlig mittel- los, und da er seine Zechschulden im Hotel nicht bezahlen konnte, verhaftet worden ist. Ein sehr interessantes Licht auf die Ver- Hältnisse in der Kassenverwaltung wirft die Erklärung des An- geklagten, daß er die Revisoren sich selber bestimmt habe. Er konnte sie haben, wie er wollte, denn längst hätten sie die Ueber- -ficht über seine Kasse verloren. Ueber einen Posten von 13 333 M. kann der Angeklagte keine Erklärung geben und sagt dann mit toeinerlicher Miene:„Ich würde Ihnen sofort darüber Aufschluß geben, aber dann würde man wieder soviel in den Zei- t u n g e n schreiben." Schließlich erklärt er, mit diesem Geld arme Geistliche unterstützt zu haben. Eine Frage des Staats- anwalts, wie Münsterer es mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, im Bewußtsein so schwerer Verfehlungen an den Altar zu treten und die Beichte zu hören, beantwortete der Angeklagte dahiü: „Ja leider, der Teufel hatte mich beim Kragen." Die Zeugenvernehmung ergab die interessante Tatsache, daß die Revision in der Kasse vorher angemeldet wurde, und daß Münsterer die auf die Kasse bezüglichen Mitteilungen, soweit sie ihm paßten, von der Kanzel verkündete. Medizinal- rat Dr. L u ck i n g e r als Sachverständiger erklärte in einem aus- führlichen Gutachten Münsterer als einen defekten Men- s ch e n mit Schwäche des Willens, einem Mangel an Festigkeit, hoher Großmannssucht, der immer den Grandseigneur spielen wollte und deshalb auch den geistlichen Beruf gewählt habe, der seinen moralischen Fähigkeiten keineswegs gewachsen war. Seine strafrechtliche Verantwortlichkeit sei zu be- jähen, aber als gemindert zu betrachten. Das Urteil gegen Mün- sterer lautete auf 4 Jahre Gefängnis. Der Angeklagte nahm die Strafe sofort an. politische Ucbcvücht. Konservative Wahlinache in Ragnit Pillkallen. Die Nationalliberalen haben bekanntlich gegen die Wahl in Ragnit-Pillkallen Protest eingelegt. Nach der Mitteilung der „Nationalliberalen Korrespondenz" rügt der Wahlprotest 22 Verstöße gegen die Wahlvorschriften. Es heißt darüber im Protest: „Die Wahlbezirkseinteilung in Ragnit machte es vielen Wählern unmöglich, ihre Stimme abzugeben. Schon bei der letzten Landtagswahl war die Stadt wegen der großen Wählerzahl in drei Bezirke geteilt worden. In Abwesenheit des beurlaubten Bürger- meisters vollzog diesmal der Beigeordnete van Setten, zugleich der Vorsitzende des konservativen Kreisvereins, die Teilung, und zwar in nur zwei Bezirke. Im Bezirke I hatlen 816 Wähler zu wählen. Bei 3 Stunden Wahlzeit ergibt siich bei gleichmäßiger glatter Abwickelung des Wahlgeschästs für den einzelnen Wähler eine Zeit von 43 Sekunden. Daß das keineswegs ausreichend ist, liegt auf der Hand.. Die Folge war denn auch, daß in der Zeit von 6—7 Uhr abends der Andrang so groß war, daß um 7 Uhr bei Schluß der Wahlhandlung 72 Wähler nicht mehr wählen durften. Ein Teil war schon vorher weg- gegangen, da sie die Unmöglichkeit, die Stimme noch ab- geben zu können, einsahen. Von den Sl6 Wählern konnten nur 635 ihr Wahlrecht ausüben. Dos Wahllokal des Bezirks I lag zudem am äußersten Ende der Stadt, so daß der größte Test der Wähler 23 bis 25 Minuten Wegs zurücklegen mußte. Bei der letzten ReichstagSwahl hatte das Wahllokal inmitten' der Stadt gelegen! Auch im Wahlbezirk H, wo 483 Wähler zu wählen hatten, ergaben sich Schwierigkeiten in der Abwickelung. Von sonstigen amtlichen Wahlbceinflussungen werden die bereits bekannten Veröffentlichungen der Gemeindevorsteher von L u d u- p ö n e n und Lesge wangminnen aufgezählt. Beide Schrift- stücke sind photographiert dem Protest beigegeben. In Uszballen agitierte ein Wahlvorstandsmitglied, der Gemeindevorsteher Käspereit. für den konservativen Kandidaten und suchte liberale Wähler vom Wählen abzuhalten; auch nahm er die ausgelegten nationalliberalen Stimm- z e t t e l an sich und gab sie nicht mehr heraus. Verstöße gegen § 139 des Reichsstrafgesetzbuches(Kauf von Wahlstimmcn) werden in der Gewährung von Bier, Schnaps und Zigarren gesehen. In Alt-Lnbönen wurde solches den Wählern verabfolgt, ebenso in Schlekeiten, wo auch die Mit- glieder des Wahlvorstandes mit Schnaps traltiert wurden. Der Gutsbesitzer Brähmer in Nowischken hatte seine Leute durch Unterschrift verpflichtet, konservativ zu wählen. In manchen Wahllokalen wurden den Wählern die Stimm- zettel von anderen in den Umschlag gesteckt. In einem Ort war eine Zeitlang der ganze Wahlvorstand ab- w e s c n d. Der Wahlvorsteher Lehmann in Rautenbcrg öffnete bei einem Wähler den Umschlag und sah hinein, bevor er ihn in die Urne warf. Der Jsolierraum war in vielen Lokalen unzu- gänglich. Vielfach fehlte er auch ganz. In Schillininken war als Wahllokal die Schule amtlich bekannt gemacht, in Wirk- lichkeit aber war die Wahl im Hause des Amtsvorstehers." Da derartige Verstöße gegen die Wahlordnung in den östlichen Provinzen zu den landesüblichen Gewohnheiten gehören, werden sich wohl bei der Nachprüfung die meisten dieser Angaben des national- liberalen Protestes als richtig herausstellen und zur Ungllltigkeits- erklärung der Wahl des Herrn Goitschalk sührcn, zumal dieser nur mit einer Mehrheit von 115 Stimmen zu einem Reichstagsmandat gelangt ist. Aber ihre große Entrüstung über die sauberen Praktiken der konser- vativen Wahlmacher könnten sich die Nationalliberalen sparen; denn dort, wo sie das Heft in Händen haben, verfahren sie nicht selten nach demselben gemeinen Wahlrezept. Ueber die Wintcrarbeiten des Reichstags hat die„Parlamentarische Korrcsp." eine Aufstellung gemacht. Da- nach wird sich der Reichstag zu beschäftigen haben mit der Regelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, mit einem Gesetzentwurf über die Errichtung eines Kolonialgerichts- Hofes, mit der Einsrfjränkung des Hausierhandels und mit der Beschäftigung von Hilfsrichtern beim Reichsgericht. Femer liegt dem Bundesrat bor: Eine Novelle zur Gewerbeordnung, über die Neuregelung der Konzessionen im Gast- und Schankwirtschafts- gewerbe sowie ein Gesetzentwurf über die Wiederausiiahme des Disziplinarverfahrens gegen Reichsbeamte. In Vorbereitung sollen sich befinden: ein Handelsvertrag zwischen Deutsch- land und dem britischen Reich, ein Luftrechtgesetz, ein Reichstheatergesetz, eine Vorlage über das Waffentragen, eine Novelle zum Kaligesetz und eine Neubearbeitung des Abschnitts der Gewerbeordnung über das Handwerk, ein Gesetzentwurf über Aufbesserung der Altpcnsionäre, ein Gesetz über die Konzessionen der Buchmacher, ein Gesetz über die Hastpflicht der Eisenbahn, eine Ab- änderung des Wechselrechts und ein Entwurf zur Regelung der Arbeitsverhältnisse der Rechlsanwaltsangestellten. Neben diesen hier aufgezählten Arbeiten kommt natürlich der Etat in Frage, der dem Parlament einen guten Teil seiner Arbeitszeit wegnimmt. Für Initiativanträge und für die Wünsche und Forderungen aus dem Volke bleibt da wieder herzlich wenig übrig. freisinnige Biirgermeisterschisbereie« in Nürnberg. Im Rathause zu Nürnberg hat Jahrzehnte der Freisinn die un- beschränkte Herrschaft geführt. In welcher Weise, davon wissen die Arbeiter ein Liebchen zu singen. Durch die beiden letzten Gemeinde- Wahlen ist er von den Sozialdemokraten weit zurückgedrängt worden, und bei den nächsten Wahlen im kommenden Jahre werden voraus- sichtlich unsere Genossen die Mehrheit erlangen. Vor dieser drohenden Gefahr sucht der Freisinn noch so viel als möglich von seiner einflußreichen Position zu retten. Der jetzige Bürgermeister Dr. v. Schuh ist bor 21 Jahren von den Freisinnigen als einer der Ihrigen auf den Bürger- nieistersessel gehoben worden. Solange die freisinnige Herrschaft unbeschränkt blieb, war er ihr williges Werkzeug; als aber die Zusammensetzung der Kollegien eine andere wurde, hat er in manchen sozialen Dingen eine andere Meinung bekundet und sich damir das Mißtrauen der freisinnigen Drahtzieher zugezogen. Herr v. Schuh ist nun 67 Jahre alt und würde höchstens noch einige Jahre das Amt führen können. In der Zwischenzeit aber würde vielleicht die sozialdemokratische Mehrheit kommen und die frei- sinnige Herrschaft brechen. Um noch schnell vor Toresschluß einen Mann ihrer Partei in das Amt zu bringen, wurden deshalb schon wiederholt Gerüchte über die AmtSmüdigkeit des Herrn v. Schuh in die Welt gesetzt. Ein solches Gerücht brachte erst vor wenigen Monaten der freifinnige„Fränkische Kurier". Es wurde aber von dem angeblich Amtsmüden selbst dementiert. Umso überraschender wirkt die am Dienstag im Nürnberger Stadt- Magistrat verlesene Zuschrift des zurzeit in Urlaub befindlichen Ober- bürgermcisters, in der er um seine Versetzung in den Ruhestand nach- sucht. Man scheint ihm also in der Zwischenzeit die Notwendigkeit seines Rücktritts dringend begreiflich gemacht zu haben. Mit eisigem Schweigen wurde das Gesuch sowohl im Magistrat als im Gemeinde« kollegium von seinen früheren Parteifreunden zur Kenntnis genommen. So sang- und klanglos ist noch nie ein Beamter abgetreten wie der einst allmächtige Oberbürgermeister Dr. v. Schuh. Er wollte nicht mehr das bloße Vollzugsorgan der Freisinnigen Partei sein; deshalb mußte er gehen. Schnelles Avancement. Der Kronprinz wird, wie gemeldet wird, bald nach Breslau als Oberst eines Jnfanteric-Regiments übersiedeln. Die„Tägl. Rund« schau" bemerkt dazu: „Es steht schon seit geraumer Zeit fest, daß der Kronprinz als Oberst ein Jnfantcrie-Regiment führen soll. Die Wahl, diezwischen Königsberg und Breslau schwankte, war schon vor Monaten zu- gunsten Breslaus entschieden worden. Die Uebersiedelung von Langfuhr nach Breslau dürfte erst zu Beginn des neuen Jahres erfolgen. Wie lange der Kronprinz in Breslau residieren wird, steht noch nicht fest, voraussichtlich nicht länger als zwei Jahre. Später siedelt der Ltronprinz nach Potsdam über und wird im Gardekorps die Führung einer Brigade übernehmen." Der Amtsschimmel der Reichsregicrung. Der Reichstag hat in den Etat für 1913 zirka eine Viertel- Million Marl eingestellt, aus ivelcher Summe diejenigeir Familien eine Unterstützung erhalten sollen, die mehr als drei Söhne beim Militär haben. Nachdem diese Summe bewilligt war, glaubten natürlich die in Frage kommenden Familien, sie könnten ihre An- sprüche geltend machen. Der„Reichsrnrzsiger" belehrt diese Illusionisten jetzt eines besseren, indem er schreibt: „Durch einen Nachtrag zum Reichshaushatsetat auf das Rech- nungsjahr 13l3 ist der Betrag von 243 330 M. bereitgestellt zu Aufwandsentschädigungen an solche Familien, von denen bereits drei Söhne ihrer gesetzlichen j,wei- oder dreijährigen Dienstpflicht im Reichsheer oder in der Marine.als Unleroffiziere oder als Gemeine genügt haben oder noch genügen, und zwar in in Höhe von 243 M. für das Jahr während der gleichen gesetzlichen Dienstzeit eines jeden weiteren Sohnes in den- selvcn Dienstgraden. Aus diesem Anlaß laufen bereits jetzt bei den Behörden zahlreiche Gesuche um Gewährung dieser A u f w a n d s e n t s ch ä d i g n n g ein. Demgegenüber sei darauf hingewiesen, daß derartige Anträge zurzeit zweck- l o s sind, da Bewilligungen aus dem Fonds e r st d a n n er- folgen können, wenn seitens des Bundesrats die erforderlichen AuSführnngsbestimmungen erlassen sind. Diese Ausführungs- Vorschriften, in denen auch insbesondere darüber Bestimmung ge- troffen werden wird, an welche Stellen die Anträge zu richten sind, befinden sich in Vorbereitung und werden dem Bundes- rat bei seinem nächsten Zusammentreten zur Beschlußfassung vor- gelegt werden." Man hätte eigentlich von den in Frage kommenden Stellen er- warten dürfen, daß sie sich über die Ausführung der Maßregel klar waren, als in den Etat die 243 333 M. eingestellt wurden. Aber es handelt sich ja nicht um neue Kanonen und neue Militäreinrich- tungcn, die in der Regel schon lange in Bestellung gegeben sind, ehe noch die Summe dazu bewilligt wurde; hier handelt es sich um kleine Entschädigungen an Familien, die vom Militarismus besonders hart getroffen werden, und da braucht der Amtsschimmel nicht aus seinem gemächlichen Trott herauszugehen. I Oeftemicb. Tic unbekannten Täter. Wien, 2. September.(Eig. Ber.) Wir haben schon über die merkwürdige Affäre Moißl berichtet. Sie beschäftigte heute die zweite Instanz, das L a n d e s g e r i ch t. Es handelt sich dabei um folgendes: Der den Christlichsozialen sehr verhaßte liberale Ge. meinderat und frühere Magistralsbeamte M o i tz I war vor einiger Zeit wegen Wnhlschwindels verurteilt worden. Kurz darauf boten ein gewisser Janitzky und eine Frau Schräukel dem Moißl die Lieferung eines Schriftstückes an, das den Beweis für hohe Bezahlung des Hauptzeugen in dem Wahlschwindelprozeß durch den Chefredakteur der christlichsozialen„Reichspost", Dr. Fun der, enthalte. Den RathauSchristen wieder sagten die zwei Leute, daß Moißl sie zu einem Einbruch in der„Reichspost" habe bestimmen ivollen. Die Untersuchung gegen Moißl wurde aber bald eingestellt, während das Paar jetzt schon in zweiter Instanz wegen Betrugsvcrsuchs zu Freiheitsstrafen verurteilt wurde. Die Rolle der Christlichsozialen wie der Polizei ist sehr zweifelhaft. ES liegen mancherlei Anzeichen dafür vor, daß es sich um ein Komplott gegen den unbequemen Wisser Moißl handelte. DaS Landesgericht hat beschlossen, den Akt der Staatsanwalt« schaft zur Untersuchung gegen unbekannte Täter lvegen Verleitung des Janitzky und der Schränke! abzutreten. 8cbwdz. Begnadigung des König-Attentäters. Madrid, 3. September. Der König hat sechs zum Tode Ver- urteilte begnadigt, darunter Sanchez A legre, der am 13. April das Attentat aus den König verübt Kat. Rolland. Friedcnsspiclcrcien. Haag, 3. September. Die Achtzehnte I n! c r P a r l a m e n- tarische Konferenz wnrde heute hier eröffnet. Lord W e a r d a l e, Präsident des Jnterparlamentarifchcn Rats, schlug vor, den Deputierten Tydeman, Mitglied der niederländischen Gruppe, zum Vorsitzenden der Konferenz zu ernennen. Tydeman stellte in seiner Eröffnungsrede fest, dasi die Zunahme der Rüstungen andaure. Er glaube indessen nicht, dag der Einfluß der Interparlamentarischen Union abgenommen habe; aber man müsse kämpfen gegen die Traditionen des Chauvinismus und der materiellen Interessen, um eine Umwälzung in den Ideen herbeizuführen. Er hoffe, daß die Konferenz an einer Ersetzung der Gewalt'durch das Recht mitwirken werde, zum Nutzen der ganzen Menschheit. Ministerpräsident Cort van der Linden hieß die Konferenz namens der Regierung willkommen und besprach die Schwierigkeiten, die den Bestrebungen der Jnterparlamenta- rischen Union entgegenständen. Das Ziel sei um so edler, je schwieriger es zu erreichen sei. Er hoffe, daß die Konferenz einen wichtigen Schritt verzeichnen könne auf dem Wege zur Verwirk- lichung der allgemeinen Wohlfahrt, die durch gutes Einvernehmen und den Frieden unter den Völkern zu erreichen sei. China. Tic rcvolntionärc Lcwcgting. Schanghai, 3. September. Nanking ist gänzlich im Besitz der Regierungstreuen. Tie Rebellen räum- ten den Löwenhugel, bevor noch die Truppen f�engkuochangs vorgerückt waren. Bei dem Südtor wurde die ganze Nacht hindurch erbittert gekämpft. Hierbei fielen 200 Rebellen. Jetzt ist die Stadt gesäubert und strenge Maßnahmen sind getrofsen worden, um eine Plünderung zu verhüten. Nach einem Telegramm aus WuHu ist die Revolution zusammengebrochen. Tie Rebellen, er- schreckt durch die Annäherung der großen Regierungsstreit- kräftc, nahmen gern von den Kaufleuten 30 000 Dollar als Entschädigung dafür, daß sie die Waffen niederlegten. Die Regierung kann jetzt im ganzen Vangtsetale als Herr der Lage angesehen werden. Kimerika. Tic Militaristrn an der Arbeit. Ncwyork, 3. September. Verschiedene amerikanische Blätter greifen die Unionsregierung an, weil sie nicht einmal imstande sei, den 80 000 Mann mexikanischer Negierungstruppen mehr als 33 000 Mann im Ernstfalle entgegenstellen zu können. DieS sei Schuld daran, daß Amerika sich bei den jetzigen Differenzen mit Mexiko erniedrigende diplomatische Nieder- lagen hole. Bus der Partei. Zum Fall Radek. Die Mehrheit der Bremer Untcrsuchungskommission ersucht uns um Aufnahme folgender Erklärung, die sich gegen die Bc- haupwngcn des polnischen Parteivorstandcs richten: � „Erstens wirb der Bremer Untersuchungskommission vor- geworfen, daß sie wissentlich die Partciöffentlichkeit in bezug auf einem vom deutschen Parteivorstand stammenden und vom polni- scheu Parteivorstand zurückgewiesenen Vorschlag zur Einsetzung �einer außerstatutarischen Kommission irregeführt habe; dieser Vor- schlag stamme nicht vom deutschen Parteivorstand, sondern von der Kommission selbst. Nun muß sich schon jeder Leser selbst sagen: hätte der Bericht der Bremer Kommission über die Verhandlungen mit unserem Parteivorstand— die wir nur kurz erwähnten— tatsächliche Unrichtigkeiten enthalten, so hätte doch höckstwahrscheinlich der Parteivorstand bereits Widerspruch erhoben. Dieser ist aber bisher nicht erfolgt. Als Beweis für ihre Behauptung führen die Vertreter des polnischen Parteivorstandes einen Brief Hcnkes an den deutschen Parteivorstand vom 20. Januar an. Aber schon das darin enthaltene Wörtchcn„erneut" beweist, daß es sich in diesem Brief um die Wiederaufnahme eines früheren Vorschlages handelte. Wir lassen hier notgedrungen den Schluß des Brieses des deutschen Parteivorstandes vom 2. Oktober löl2 �gezeichnet: Herin. Müller) an den Vorsitzenden unserer Kommission folgen: „Wir bieten jedoch ferner unsere Vermittlung zur Klärung der Angelegenheit an, wenn sowohl Radek, als auch die Sozial- dmnokratie für Russisch-Polen und Litauen erklären, daß sie mit unserer Vermittlung einverstanden sind. Dies vorausgesetzt, könnte es sich jedoch nur um die Einsetzung einer außerhalb unseres Organisationsstatuts zu bildenden Untersuchungskom- Mission bandeln, für welche sowohl Radek, als auch die Sozial- demokratie für Polen und Litauen je 2 bis 3 Beisitzer zu er- nennen hätten und für die wir bereit wären, einen unparteiischen Vorsitzenden zu bestellen." Aus diesem Brief ergibt sich, daß der Vorschlag ursprünglich vom deutschen Parteivorstand ausging; es ergab sich für uns ferner daraus, daß er auch dem polnischen Partcivorstand gemacht wurde. Nachdem wir— wie auch Radek— uns mit dem Vorschlag einver- standen erklärt hatten, ging uns am II. Oktober vom Parteivorstand ein Schreiben zu, in dem von jenem Vorschlag nicht weiter die Rede ist, sondern auf den nächsten polnischen Parteitag verwiesen wird, und der dann fortfährt: „Sollte sich jedoch innerhalb des nächsten Jahres die Ein- berufung eines Parteitages unmöglich machen, so würde jeden- falls eine Parteikonferenz stattfinden, und der Vorstand der S. D. P. L. wird dafür eintreten, daß diese als Berufungsinstanz fungiert, wenn sie als solche angerufen wird." Da doch für den polnischen Parteivorstand kein Anlaß vorlag. aus eigene Faust mit dem deutschen Parteivorstand über eine noch- malige Behandlung der Radek-Affäre zu verhandeln, mußten wir nach diesem Briefe annehmen, daß der deutsche Parteivorstand mit dem polnischen Parteivorstand über seinen Vorschlag geredet hatte, und daß dieser dann demgegenüber auf einen anderen Weg zur erneuten Prüfung des Falles hingewiesen l>at. Die Liebenswürdig- keiten, mit denen die Vertreter des polnischen Parteivorstandcs jetzt den Vorschlag bedenken: „Es wäre eine Ungebührlichkeit, von der polnischen Sozial- demokratie zu verlangen, sie soll sich nnt einem von ihr wegen gemeiner Delikte ausgeschlossenen Mitglied vor dem Forum einer deutschen Parteiinstanz stellen und sich wegen des von ihr gc- fällten Urteils mit ihm prozessieren" haben sie also an den deutschen Parteivorstnnd und nicht an uns zu richten. Ilebrigens ist den polnisch-litauischen Genossen— wie ihre eigene Erklärung beweist— bekannt, daß es sich nicht um eine„deutsche Partciinstanz", sondern um„eine außerhalb des deutschen Organisationsftatuts zu bildende„Untersuchungskom- mlssion" handelte. In unserem Schreiben vom 20. Januar haben wir dann, oben- drein nicht einmal aus eigener Initiative, nur den früheren Vor- schlag des Parteivorstandes wieder aufgenommen. Zweitens wird uns vorgeworfen, Tatsachen verschwiegen zu haben, um„wider besseres Wissen" den Eindruck zu erwecken, als hätte der polnisckw Parteivorstand eine Nachprüfung verhindern wollen— die Tatsachen nämlich, daß er bereit war, dem deutschen Varteivorstand das ganze Material vorzulegen, und es der Bremer Kommission nur verweigerte, weil er diese für parteiisch hielt. Dieser Vorwurf— Taten des polnischen Parteivorstandcs ver- schwiegen zu haben— hätte nur dann einen Sinn, wenn nicht Radek, sondern der polnische Parteivorstand auf der Anklagebank säße und über diesen abgeurteilt werden müßte. Wir hatten nicht den geringsten Anlaß, über Dinge zu berichten, die nur den deut- schen und den polnischen Parteivorstand betrafen und sich nicht auf unsere Tätigkeit bezogen...'. Tie Aufgabe unserer Kommission bestand lediglich darin', das Anklagematerial gegen Radek zu sammeln, nachdem wir�uns möglichst bemüht hatten, es zusammenzubringen, mußten wir— Mehrheit sowohl wie Minderheit— sagen: was uns vorliegt, genügt zu einem Schuldbeweis nicht. Jetzt weisen die Vertreter des polni- schen Parteivorstandes auf ihr Dossier von 100 Schriftstücken hin, das überzeugende Beweise der Schuld Radeks enthalten soll. Nun wäre es doch höchst sonderbar, ivenn ein Gericht unzweifelhafte Schuldbeweise in der Hand hat, sie jedoch in der Begründung des Urteils sorgfältig verschweigt und als Begründung nur einen Mischmasch gibt von Behauptungen, die keinen Menschen überzeugen können, und Mitteilungen, die das Gericht selbst als Material für den Schuldbeweis für ungenügend erachtete. Müssen wir dem- nach an unserem Schluß festhalten, daß das Urteil mit Begründung „alles enthalten dürfte, Ivas Radek vorgeworfen werden konnte", so werden wir darin noch bestärkt durch die Erklärungen der Ge- noffen Dalski und Krakus, Mitglieder der polnischen Untersuchungs- kommission, die das Anklagematerial sammeln und sichten sollte und vom polnischen Parteivorstand aufgelöst wurde, bevor sie ein Gutachten abgegeben hatte. Liest man die Bemerkung, die dem Gerichtsurteil angehängt worden ist: „Dagegen stellt das Gericht fest, daß die Kommission alles Material gesammelt hat, das gesammelt werden konnte" und stellt man daneben die Erklärung der genannten beiden Mit- glicdcr der Kommission, die also dieses ganze Material kannten, in ihrer Zuschrift an den deutschen Partcivorstand: „Selbst dieses einseitige, durch die eventuelle Aussage Radeks nicht korrigierte Material ist nicht so gravierend, daß nur der Gerichtsweg der einzige angewiesene wäre'' eine Erklärung, die sie nachher in einer Zuschrift an die Bremer Kommission vom l. März noch schärfer dahin faßten: „Angesichts alles dessen kann von einem nur irgendwie stich- haltigcn Beweise, daß Genosse Radek die fragliche Summe cnt- wendet hat, nicht die Rede sein" so sind denn doch Wohl gelinde Zweifel an der Versicherung der Vertreter des polnischen Parteivorstandes, ihr umfangreiches Dossier enthalte noch erdrückende Schuldbeweisc, nur allzu berechtigt. Schließlich bezeichnen die Vertreter des polnischen Parteivor- standes es als„grundfalsch", daß das polnische Verfahren gegen Radek aller Rechtsgarantien entbehrte, die wir in der deutfchen Partei an ein Schiedsgerichtsverfahren zu stellen gewohnt sind, und sie verweisen auf eine frühere Widerlegung dieser Behauptung. Diese angeblich„grundfalsche" Behauptung stammt nicht von uns, gleichwohl erlauben wir uns, das Folgende zu bemerken. Erstens: hervorragende Mitglieder der polnischen Partei selbst, wie Leder und Hanetzki, haben das polnische Gericht als ein statutcnwidriges Tendenzgcricht bezeichnet. Zweitens: die frühere Widerlegung be- mühte sich nur um den Nachweis, daß das außerordentliche Gericht nicht im Widerspruch zu dem Statut der polnischen Partei stehe. Darum handelt es sim hier aber nicht. Die polnisch-litauische Parteileitung kläre doch die deutsche Parteiöffentlichkcit, um deren zuverlässige Orientierung es ihr dem Anscheine nach so sehr zu tun ist, vielmehr darüber aus, ob ein„außerordentliches Gericht", daS den Vertrauensmännern des Angeklagten die Anwesenheit bei den Verhandlungen verweigert und nicht einmal den vom Angeklagten bezeichneten Hauptzeugen hört, in bezug auk Rechtsgarantien auch nur im entferntesten mit einem deutschen Parteigericht verglichen werden kann, in dem die Vertrauensmänner des?lngeklagten selbst als Richter sitzen. Auf die persönlichen Angriffe, die in der Erklärung gegen uns gerichtet werden, zu antworten, halten wir für überflüssig. Die Mehrheit der Bremer Untersuchungskommission." pollrelllcbes, SembtticKes ukw. Verfehlte Aktion. Am Montagvormittag wurde in Köslin bei dem Genossen Prüfer eine polizeiliche Haussuchung vorgenommen und die Kassenbücher sowie die Korrespondenz des Wahlvereins Köslin- Kolberg-Bublitz beschlagnahmt. Tie Aktion ist nur daraus zurück- zuführen, daß die Staatsanwaltschaft Material herbeischaffen will, um den Genossen O st w a l d, Leiter der Abteilung Kolberg des Kreisvereins, wegen Uebertretung des Vereins- g'e s e tz es— er soll die Mitgliederliste des Vorstandes der Polizei einreichen— zu belangen. Die behördlichen Bemühungen werden aber vergeblich sein. Preßprozeß. Vom Schöffengericht in H e i l b r o n n ist am Sonnabend der verantwortliche Redakteur des„Reckar-Echo", Genosse Fr. Ulrich, wegen Beleidigung eines Geistlichen zu 60 M. Strafe verurteilt worden. Außerdem wurde ein zweiler Genosse, der die Zeitungen mit der angeblich beleidigenden Notiz im Wohnort des Pfarrers verbreitet hatte, zu 20 M. Strafe verurteilt. Die Beleidigung wurde darin gesehen, daß in einem Eingesandt gesagt war, entweder habe der Pfarrer das Beichtgeheimnis gebrochen oder ein Zeuge, der etwas Derartiges behauptet halte,' habe einen Meineid ge- schworen. Das Gericht lehnte die Vernehmung einiger Zeugen ab, die belastend aussagen sollten. Soziales. Ter„Personalbogen" als Fallstrick für Angestellte. Mit einem neuen System, das dazu bestimmt ist, sich miß- liebiger Angestellten auf dem schnellsten Wege zu entledigen, hatte sich die 3. Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts in ihrer letzten Sitzung zu beschäftigen. Das System wird neuerdings von einzelnen großen Versicherungsgesellschaften angewandt und besteht in der Hauptsache darin, daß von dem sich um eine Stellung bewerben- den Gehilsen die Ausfüllung eines Personalbogens verlangt wird, den er bei der Direktion einzureichen hat. Dieser Personal- bogen enthält mehrere Dutzend von Fragen, die ganze private und geschäftliche Lausbahn des Bewerbers betreffend, und alle Fragen müssen nach Art der Versicherungsanträge beantwortet werden. Die Bogen aller angestellten Gehilfen werden nun in einem Archiv ge- sammelt und kommen erst wieder zum Vorschein, wenn der An- gestellte mit der Gesellschaft in Differenzen gerät. Jede einzelne Antwort wird dann auf ihre Genauigkeit bis aufs i-Tüpfelchcn geprüft, wobei, wie die Verhandlung vor dem Kaufmannsgericht zeigte, die einzelnen Gesellschaften Hand in Hand arbeiten. Wehe dem armen Versicherungsbcamten, der sich in der Beantwortung auch nur die kleinste Ungcnauigkeit zuschulden kommen ließ; es wird ihm aus ihr sofort der Strick zur sofortigen Entlassung gedreht. In welcher Weise diese ominösen Personalbogen zum Schaden des Gehilfen ausgenutzt werden, zeigte sich in einem Rechtsstreit, der sich gegen die Magdeburgische Lebensversich e- rungs-Gesellschaft richtete. Der die Klage erhebende Ge- Hilfe G. war sofort entlassen worden, weil er im Personalbogen ülsche Angaben gemacht haben sollte. Die Frage:„Wieviel be- trug Ihr letztes Gehalt?" beantwortete G. mit 200 Mk., obgleich er nur 150 Mk. bei Ausfüllung des Vogens bezog. Der Kläger erklärt das dahin, daß er eine ihm in Aussicht gestellte Zulage schon hinzugerechnet habe. Die Beklagte hatte, als sie erfuhr, daß G. nur 150 Mk. bezog, diesen auch nur mit 150 Mk. eingestellt. Sodann sollte G. seine atquisitorischen Erfolge ziffernmäßig falsch angegeben haben. Es wird ihm vorgeworfen, daß er abgeschlossene Versicherungen mitgerechnet habe, die später nicht eingelöst wurden, Die Beweisaufnahme ergab in dieser Beziehung,, daß% die Angaben in gutem Glauben gemacht hatte. Er konnte zur Zeit der Ausfüllung des Fragebogens noch gar nicht wissen, daß die be- treffenden Versicherungsprämien nicht bezahlt würden.— Das Kaufmannsgericht hielt beide Entlassungsgründe nicht für stich- haltig. Die Angabe bezüglich des Gehalts sei allerdings nicht korrekt, indessen sei ja der Gesellschaft keinerlei Schaden ent- standen, denn sie habe den Kläger ja auch nur mit dem Gehalt angestellt, das er in seiner früheren Stellung bezog.— Die Ver- Handlung mahnt die Angestellten jedenfalls zur größten Vorsicht bei Ausfüllung des Personalbogens. Die Abschrift einer Kündigung ist keine Kündigung. Ter Reisende einer Berliner Treibriemenfabrik war bei seiner Rückkehr von der Geschäftstour von einem Buchhalter ge- fragt ivordcn, ob er schon eine andere Position habe; er wisse doch wohl, daß ihm während seiner Abwesenheit von Berlin gekündigt worden sei. Als der Reisende darauf erklärte, ihm sei von einer Kündigung nichts bekannt, schlug der Buchhalter das Kopierbuch auf und zeigte jenem die Kopie der Kündigung. Der Reisende enthielt sich bei Vorlage der Kopie jeder Aeußerung und focht später die angebliche Kündigung durch Klage beim Berliner Kauf- mannsgericht an. Ter Prinzipal führte aus, selbst wenn der Kläger den Kündigungsbrief nicht erhalten haben sollte, so habe er ihn doch später durch stillschweigende Kenntnisnahme der Kopie anerkannt.— Die 1. Kammer des Kaufmannsgerichts hielt ein späteres Anerkenntnis der Kündigung nicht für vorliegend, eS sei der Vorgang auch nicht als erneute Kündigung anzusehen. Die Kündigung hätte durch eine ausdrückliche Tat noch einmal voll- zogen werden müssen. Die Vorlage der Kopie einer Kündigung sei nicht als eine rechtsgültige Kündigung anzusehen, Zus Industrie und k)andei. Die Bankrottcure leihen Geld. Als Oesterreich- Ungarn während deS Balkankrieges Geld auf- nehincn wollte, mußte eS sich an das Ausland wenden. So wurde ein Teil der Anleihen in Deutschland begeben. Dieser Geldmangel hindert Oestcrrcich-Ungarn aber nicht, jetzt die Geldbedürfnisse anderer Staaten zu befriedigen. Gleich an zwei ausländischen Anleihen will es sich beteiligen. Die Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft, die Kreditanstalt und die Länderbank haben von der chinesischen Regierung 1200000 Pfd. Sterl. Oproz. SchatzbondS mit durchschnittlich vierjähriger Laufzeit übernommen. Die Anleihe wurde auf Grund einer Ermächtigung der Nationalversammlung von der chinesischen Zentralregierung abgeschlossen. Der größere Teil des Erlöses dieser Anleihe wird zur Anschaffung von drei Kreuzern für die chinesische Kriegsmarine verwendet. Die Lieferung wurde der Werft des Canticre Navale in Monfalcone(Oesterreich) und den Skodawerken in Pilsen(dem österreichischen Krupp) übertragen. Einen politischen Hintergrund hat auch die zweite Anleihe, über die jetzt Vorverhandlungen mit den Wiener und Budapest« Großbanken schweben. Bulgarien will eine Schatzschcinanleihe von 30 Millionen Frank zu 0 Proz. machen. Obgleich der überwiegende Teil in Frankreich gedeckt werden soll, legt das österreichische Mini- sterium des Aeußern„Wert" darauf, daß sich auch österreichisch-ungarisches Kapital daran beteiligt. Mit den Nebengebühren wird sich die Ver- zinsung für Bulgarien auf 11 Prozent stellen— ein Wucher- zinS für das durch den Krieg erschöpfte Land. Letzte Nachrichten. Selbstmord des Tegeler Mörders. Einer uns spät zugehenden Meldung entnehmen wir, daß sich der Mörder der Näherin Schäfer, der Schneider Max Kirchstein, gestern abend auf der Flucht vor seiner Festnahme erschossen hat. Aus der Schilderung geht hervor, daß K. an einer Litfaßsäule auf dem Gesundbrunnen vorbeigehen wollte, an welcher einige Per- sonen dst��izeAichö Bekanntmachung über den Mord lasen. Eine diesi��ßrsmiem�e�en�. erblickte, rief plötzlich:„Das ist er ja!" K�M�tm�Ä�r�rst�und iprang schnell auf eine vorüberfahrende cr�fäh, daß die Verfolger mit lautem Halloh �n�rhmstsesen) fpraixg�er wieder ab und lief nach dem Vinetaplatz Hse»"� er�töch� bald ein, daß es kein Entrinnen mehr für ihn gab. t�r zoa�aher schnell einen Revolver und schoß erst vier Schüsse ab; dio�wahrscheinlich für die verfolgende Menschenmenge bestimmt wcrixn, jedoch niemand trafen. Mit einem fünften Wohl- gezielten Schuß in den Kopf machte er dann seinem eigenen Leben ein Ende. Tie Leiche wurde später auf Veranlassung der Polizei fortgeschafft.__ Italienische Truppen in Albanien. Athen, 3. September.(H. B.) Die griechische Regierung ist sehr erxegt über die in italienischen Blättern erschienene Nach- richt, daß 100 Mann Bcrsaglieri die albanische Grenze über- schritten hätten. Man meint hier, die italienische Regierung müsse wissen, daß es für die Ruhe und Ordnung in Albanien nicht an- gängig sei, daß in dem von Griechenland besetzten Gebiet italie- nifche Truppen gelandet werden.> Türkisches Dementi. Konstantinopel, 3. September.(H. B.) Die Pforte dementiert die Nachricht, daß die türkischen Truppen die Maritza überschritten hätten und erklärt, daß die türkische Regierung an ihrer früheren Erklärung festhalte und nicht.weiter vordringen werde. Nur die bereits erfolgte Besetzung strategisch wichtiger Punkte auf dem rechten Stromufer der Maritza werde aufrecht erhalten. Drei Arbeiterführer in Südafrika verhaftet. Johannesburg, 3. September.(W. T. B.) Drei hervor- ragende Mitglieder der Arbeiterpartei find ver- hastet worden. Die Verhaftung steht im Zusammenhang mit einer Versammlung am Sonnabend, bei der heftige Reden gehalten worden waren. Die Arbeiterpartei erließ ein Manifest, in dem sie zum Kampfe für Rede- und Prcßfreiheit auffordert. Folgenschwere Gasexplosion in Paris. Paris, 3. September.(W. T. B.) Eine heftige Gas. explosion fand heute nachmittag in der Rue Salneuve statt. Ein Cafe wurde vollständig zerstört, dessen Fußboden einbrach und dessen Schaufenster nach außen geschleudert wurde. Auch in den benachbarten Häusern wurden erhebliche Verwüstungen ange- richtet, zwei Läden zerstört und mehrere Personen unter den Trümmern begraben. Man zählt einen. Toten, sechs Schwer- und sechs Leichtverletzte. Vom Automobil überfahren und getötet. Kahla(Sachscn-Altcnburg), 3. September.(W. T. B.) Von; einem Automobil aus Apolda hinterrücks überfahren und getötet wurde am Dienstagabend beim Radeln auf der Land- straße kurz vor Kahla der Friseur Zugwurst. Der Ueberfahrene ist Vater von sechs Kindern.__ Raubmord in Finnland. Helsingfors, 3. September.(W. T. B.) Räuber überfielen das Postamt in Alatemnas, töteten die Verwalterin und ihrefünfzehnjährigeNichte und entkamen mit der Kasse. V \ \ BRENNINKMEYERC MBH Damen-Konfektion %)-"r-j-:-.•/ r• �*------' Chausseesir*. 113 W S NA Hurunelko j Avtch�cnd Verband der Maler, Sacteieter, Anstreicher Bureau: Melchiorstraße 28, Part. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. TiUsle 3erUn. USW. Arbeitsnachweis: Rückerstraße g. Fernsprecher: Amt Norden 6708. fmtag, den 5. September 1913, abends 8'/, Uhr: Mitglieder-Versammlung: im Cewerkfcbaftshaus,(Jngelufer 15. Tagesordnung: 1. �Bericht von der Generalversammlung in Halle. 2. Bericht über den Bauarbeiterschutzkongreh. 3. Diskussion. 4. Berbandsangelegenheiten. (Fortsetzung der Diskussion.) 135/2» Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Nur Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet _ Die Ortsverwaltang. Die Versammlung der Küchenmöbelbranche findet nicht heute, sondern erst am Dienstag, den 1.6. September, statt. Bezirk Osten. Das Bezirkslokal ist nicht mehr Andreasstr. 34, sondern Gr. Frankfurter Str. 16 bei Merkmann. Itlckal-Krllnken- 11. Sterbc- kllffe der Jimmrer(Hamburg) O ertliche Verwaltung Verlin. Freitag, d. ä. September, abends 8'/, Uhr, im Iian»", Engeluser 15: PgliGder- Versammlung. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom 2. Quartal. 2. Verschiedene Kassenangclegenheiten. Ter Vorstand. F. A.: Richard Schrttder, __ Tilsiter Str. 7.[253/4* r Verwaltungsstelle Berlin. G 54, Linlenstr. 83-85. Telephon: Amt Norden 185, 1239, 1987, 9714. Sonnabend, den 6. September, nachts präzise 1Ä Uhr: Allgemeine Versammlung der KIno-Opcratcure Groß-Bcrlins in Witwe Augustins Festsälen, Oranienstraste 103. TaxeSordnung: 1. Vortrag über: Die Elektrizität in ihrer Anwendung t« der itinoindustrie. Referent: Kollege Fr. Lindau. 2. Diskussion. 3. Bericht der Kommission. 4. Branchenangelegenheiten. 5. Fragekasten. Pünktliches und zahlreiches Erscheinen wird erwartet. 125/5 Die OrtnvcrvaUaiix. 2 / /..•'' •ij«l.. MHMM'ann in allen revolutionären Bewegungen in Teutschland und in der Schweiz zu finden war. In Friedrich Engels' Nähe machte er 1849 den badischcn Aufstand um die in Frankfurt bc- schlossene Reichsverfassung bis zum allerletzten Augenblicke mit; während der Internationale gab er von 1866 bis 1871 den„Vor- boten", das Organ der Internationalen Arbeiter-Assoziation, her- aus und die Zeit des Sozialistengesetzes sah ihn wiederum dienst- eifrig an der Arbeit für die Sache des Proletariats. Unter Beckers Papieren befinden sich 35 Briefe, die Engels an ihn schrieb. Einen davon, der am 14. Oktober 1884 aus London ahgesanot wurde, veröffentlicht jetzt N. Rjasanoff im Wiener „Kampf". Darin ist auch von Marx und Bebel die Rede. Marx war seit anderthalb Jahren tot und Engels war daran, das ver- antwortungsvolle, schwere Amt des Testamentsvollstreckers zu er- füllen. Aus dieser Arbeit heraus schreibt er nun an Becker: „Wegen meiner Gesundheit mach Dir keine Sorgen, ich habe ein lokales, manchmal störendes, aber keineswegs allgemein nach- wirkendes und nicht einmal unbedingt unheilbares Leiden, das mich schlimmstenfalls kriegsdienstuntauglich macht. Vielleicht kann ich aber doch wieder in einigen Jahren zu Pferd steigen. Ich habe nicht schreiben können seit vielen Monaten, aber dik- tieren, und bin mit dem zweiten Buch des„Kapital" so ziem- lich fertig, auch die englische Ucbersetzung des ersten Buches schreiben: .... Von Fall zu Fall-- und so mir will ja der Ge- werkverein christlicher Bergarbeiter seinen Vorschlag aufgefaßt wissen—. Z. B. in Knappschaftsfragen, laßt sich doch wohl ein Zusammengehen durchführen, ohne daß die christliche Gewerkschaft ihre Eigenart aufgibt oder sie verwischt. Das liegt schließlich auch im Interesse der Allgemeinheit selbst. Es kann nicht verkannt werden, daß die starre Jntransigenz des Bergbaukapitals auf die Dauer zu einer ständigen Drohung für das volkswirtschaftliche nnd soziale Leben wird. Je stärker aber auf beiden Serien die sich gegenüberstehenden Kräfte find, um so mehr Kräfte werden in der Allgemeinheit geweckt, die mit Macht auf den Frieden � Diese Auffassung lebt gewissermaßen instinktiv in der christlich organisierten Arbeiierschaft, so daß ein Zusammengehen von Fall zu Fall leicht verwandte Saiten anklingen läßt. An eme wirkliche Arbeitsgemeinschaft im umfassenderen, tieferen Sinne des Wortes ist wohl nicht zu denken. Dafür wird die Gewerkschaftsarbeit auf christlicher Seite grundsätzlich zu verschieden aufgefaßt im Vergleich zu der sozialistischen Auffassung. Dt« sozialislischen Gewerkschaften wollen den gewerkschaftlichen Jnteressenkampf in möglichst weitem Umfange zum Klasienkampf hinüberleiten, während die christlichen Gewerkschaften eben nur an einen Kampf denken, wo und soweit er zum Ausgleich sich gegenüberstehender Interessen erforderlich ist."' Also nur von Fall zu Fall! Hoffentlich soll die Arbeitsge- meinschast nicht ausgeschieden werden, wenn es den Grubenbesitzern etwas kostet, und wenn der Gewerkverein ernstlich Farbe bekennen soll. Für eine solche Art der Arbeitsgemeinschaft wäre in den Kreisen deS alten BergarbeiterverbendeS sicherlich keine Stimmung zu machen._ Achtung, Emaillcure! Der Streik auf dem Emaillier- werk Rhenania in Düsseldorf währt bereits 19 Wochen. Eine Verständigung war durch den Herrenstandpunkt des Direktors noch nicht möglich. Bisher ist es gelungen, alle Versuche auf Er- langung von Arbeitswilligen zum Scheitern zu bringen. Jetzt versucht man es mit einem neuen Trick. In der„Blech- zeitung", bürgerlichen und Arbeitgeber-Organen teilt man mit, d a h der Streik erledigt sei, um auf diese Weise Arbeiter zu erlangen. Dies ist Schwindel. Da die Firma bisher jedes Ent- gegenkommen ablehnt, geht der Kampf weiter und wird nach wie vor ersucht, Zuzug fernzuhalten. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Deutscher Metallarbeiterverband. Verwaltung Düsseldorf. Die Aussperrung im Karlsruher Flcischergcwerbe ist nunmehr zur Tat geworden. Die Arbeiter der beiden Groszfirmen Gebrüder Hansel und Stephan Gärtner haben durch ihre Organisationsleitung und durch das Gewerlschaftskartell alles versucht, um einen friedlichen Ausgang der Tarifbewegung zu erlangen. Sie haben zunächst die von den lsnternehmern besonders monierten Forderungen fallen gelassen, sie haben auch das Gewerbegericht als Einigungsamt angerufen. Doch alles das wurde von den Unternehmern trotzdem abgelehnt. An den Sekretär des UnternchmerverbandeS wurden sie verwiesen, und als sie mit ihm verhandeln wollten und er die Firmen um Vollmacht dazu ersuchte, lehnten die Firmen es ab. Sie erklärten, schon genügend Personal engagiert zu haben, sie könnten das neuengagierte Personal nicht wegschicken, dazu könnten sie sich nur im Notsalle verstehen, wenn sie durch die Situation dazu gezwungen würden.— Fast alle Arbeiter sind verheiratet und haben Frau und Kinder zu ernähren; die meisten sind schon jahrelang bei den Firmen beschäftigt. Die Firmen haben auf einen starken Umfall der Beschäftigten gerechnet, sie find getäuscht worden; nur bei einer Firma verüben einige ältere Leute Streikbruch. Das Gewerkschaftskartell hat sich bereits mit der Verhängung des Boykotts über alle Produkte dieser Firmen besagt. Die Firmen haben fast ausschließlich Arbeiterkundschaft. Ihre Hoffnung, daß der Boykott versagen werde, weil die Arbeiterfrauen sich doch nicht .danach scheren", wird sicher an der Solidarität der Arbeiterschaft zugrundegehen, und die Herren werden sich zu Verhandlungen und zu einem Tarifabschluß bequemen müssen. Bei ihren schlechten Rat- gebern, den Scharfmachern im Jnnungslager, mögen sie sich nachher für ihren Reinfall bedanken�_ Gerichts-Zeituitflf» Vom Begriff der öffentlichen Kollekte. Herr Lippka, Pfarrvikar an der katholischen Kirche zu W i t t st o ck, hatte eines Sonntags die Gemeinde in der Kirche aus- gefordert, an der Tilgung der Schulden der Kirchs teilzunehmeck. Er werde gelegentlich der Ausübung der Seelsorge Gaben ent» gegennehmen. Herr Lippka suchte dann auch in der Umgegend von Wittstock eine Reihe von Katholiken auf, um sie zur Hergabe von Beiträgen zu bestimmen. Verschiedene der angegange- nen Leute kannte L. als Katholiken, andere waren ihm von Be- kannten als solche bezeichnet worden. Wegen dieser Sammeltätig- keit wurde Lippka vom Landgericht in Neuruppin als Berusungs- instanz wegen unbefugten Veranstalten� und A b- Haltens einer öffentlichen Kollekte zu einer Geld- st r a f e verurteilt. Er sollte die Verordnung des Regierungspräsi- deuten vom 3. August 1892 übertreten haben, welche das Ver- anstalten und Abhalten nichtgenehmigter öffentlicher Kollekten mit Strafe bedroht. Das Kammergericht verwarf die von Lippka hier- gegen eingelegte Revision. Es verwarf die Auffassung des An- geklagten, daß es sich hier nicht um eine öffentliche Kollekte ge- handelt hätte, weil er sich nur an einen kleineren Kreis von Personen, nur an seine Pfarrkinder gewandt habe. Es sei kein Rechtsirrtum, wenn die Strafkammer sage, es schließe die Annahme des öffentlichen Charakters dieser Kollekte nicht aus, daß An- geklagter als Pfarrer zu seinen Pfarrkindern in einem Person- lichen Verhältnis gestanden habe. Allerdings könnten solche Be- Ziehungen dazu führen, daß der Begriff der Oeffentlichkeit aus- gechlossen werde. Aber hier sei er nicht ausgeschlossen worden, weil sich L. nach den Feststellungen nicht bloß an ihm persönlich als Katholiken bekannte Personen gewandt habe, sondern auch an solche, die ihm von anderen als Katholiken bezeichnet worden seien, die er selber ab ernicht kannte. Nach dieser Feststellung sei die Zahl derjenigen, an die er sich wandte, als nicht begrenzt anzusehen, woraus die Oeffentlichkeit der Kollekte folge. Mit Recht sei Angeklagter auf Grund der Polizeiverordnung des Ne- gierungspräsidenten verurteilt worden, die im Allgemeinen Land- recht und in der Instruktion für die Oberpräsidenten vom 31. De- zember 182S ihre Rechtsgrundlage habe. Ein gemeingefährlicher Briefkastenmarder stand in Hannover in der Person des angeblichen Arbeiters Johann Schmitz vor Gericht. Der Angeklagte hat durch seine Freveltaten über viele Geschäftsleute großes Unglück gebracht. Die Anklage gegen ihn lautete auf schweren Diebstahl und schwere Urkundenfälschung in Verbindung mit Betrug und Betrugversuch. Der Angeklagte diente seit 1902 zwei Jahre beim Jnfanterieregi- ment Nr. 77, dann kapitulierte er nach Südwcstafrika, diente dort 6 Jahre und wurde als Neservefeldwebel entlassen. Da Schmitz als Militäranwärter eine Stellung nicht erlangen konnte, verfiel er auf die Idee der Ausraubung von Postbrief- kästen. Er verschaffte sich einen zu einem'Postbriefkasten passen- den Schlüffel und beraubte in den verschiedensten Straßen der Stadt die Briefkästen ihres Inhalts. Er nahm die sämtlichen Briefe mit in seine Wohnung und stellte fest, ob sich in ihnen Wechsel befanden. Fand er beim Oeffnen oder Durchleuchten der Briefe einen solchen mit einem Wechsel, dann eignete er sich das Original- akzept an. Die Wechsel pauste er mit großer Fertigkeit durch, wobei er mit schlauer Berechnung die Fälligkeitstage der Wechsel mehrere Tage hinausschob. Die durchgepausten Wechsel schickte er dann ruhig in den wiederqeschlossenen Briefen dem Bestimmungsort zu, wäh- rend er die Originalakzepte am Fälligkeitstage den Akzeptanten zur Einlösung präsentierte. Er stahl und fälschte in dieser Weise 53 Wechsel, in 18 Fällen gelang es ihm, die Wechselbeträge sich zu erschwindeln, während eS tck'4 Fällen bei einem Versuch blieb. Den Akzeptanten der Wechsel wurden natür« lich kurz nacheinander zweimal derselbe Wechsel zur Einlösung präsentiert und die Folgen waren Prozesse zwischen den Wechsel- empfängern und Wechselschuldncrn. Die Prozesse fielen zuungunsten der Akzeptanten aus, die fahrlässig gehandelt hatten, indem sie die Akzepte anstatt per Einschreibebrief in einfachen Briefen auf ihrq Verantwortung zur Versendung gebracht hatten. Das Gericht er- kannte gegen den Angeklagten, indem es die Gemeingefährlichkeit des Angeklagten betonte, an einzelnen Strafen wegen Diebstahls, Urkundenfälschung und Unterschlagung 5Jahreund2Wochen Zuchthaus und faßte diese einzelnen Strafen zu einer Ge, samtstrafe von 4 Jahren Zuchthaus zusammen; es erkannte ferner auf 5 Jahre Ehrverlust und wegen unbefugten Tragend von Waffen auf 29 M, Geldstrafe eventuell 4 Tage Haft,, Bervand der Friseurgehilfen Deutschland?(Zweigverein Berliy und Vororte.) Donnerstag, den 4. September, abends S'/, Uhr: Ver- jammlung und Vortrag im Lokal RosentHaler Str. 11/12,, Witterungsübersicht vom 3. September 1913- Slatlouen = 2 Swinemde. Hamburg Berlin Franks. a.M München Wien 43 S| 761 NO 763.NNW 762,28 764!N 7641® 762W Setter Dunst bedeckt bedeckt 1 Dunst wölken! wollenl *3- *11 i? w2> Etationen |a Ii ZK Bsa taparanda etersburg Scilly Aberdeen Paris 771 763 763 770 763 ih sf N NNO O NNO N Weller 4 wollenl 1 Regen 3 bedeckt albbd. eiter tt Ü 8 15 15 11 15 Wetterprognose für Donnerstag, de« 4. September 4943. Etwas kübler, zeitweise nebelig, sonst ziemlich heiter, bei mäßigen nördlichen Winden; leine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. WasierstandS-Nachrichte« der LandcSanIlalt sür Gewässerlunde, mitgeteilt vom Berliner Weiterbureau ') bedeutet Wuchs,— Fall.— t Unterpegel. Nach tAegraPhischer Meldung ist die Weichsel heute bei Thorn aus 359 om gestiegen, das Steigen wird dort voraussichtlich bis morgen an- halten. Der Wasserstand der Oder bei Ratibor betrug heute morgen 244 cm. if Unserem langjährigen Mlt- W gliede S7A... Karl Knoth S zum 50. Geburtstage die|j besten Glückwünsche.® .■■j Die Branehenkornrnlsslon der � y KüchenrnSbeltischler. t'. Todes-Anzeigen I ZlüisIllellliitiMedei'Välilvei'eiii !. dlBerl. Reichstags- Wahlkreis. Am 1. d. M. verstarb unter Genosse, der Zigarrenmacher Wilkelm Blank Ackerstr. 119, Bezirk 628. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags 6'/, Uhr, von der Halle des Eüsabelh< Kirch- hoseS, Prmzenallee, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Verhaml der Fabrikarbeller Deutschlands. Zahlstelle GroB-Berlln. Am Montag, den 1. Sept., verstarb unser Mitglied Georg Kasper. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Freitag, den 5. September, nach- mittags 4 Uhr. von der Halle de« GcmeindesriedhoseS, Weißen- see, Rölckestraße, aus statt. 57/6 Die Drisveraraliung. Danksagung. Für die Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben grau LOA Anna Briese sagen wir allen Freunden und Be- kannten sowie den Kollegen der Filiale Berlin aus diesem Wege unseren herzlichsten Dank. C. Briese nebst Kindern. Am 1. September verstarb nach langem Leiden unser verehrter guter Kollege 210gb Hermaim Röhn im 58. Lebensjahre. Seine selbstlose Tätigkeit als Mensch und Kollege wird ihm ein dauerndes Andenken bei den Berliner Buch- drucken, sichern. personal der Boohdruekerel Dito lllsner. Die Trauerfeier findet am 4. September, nachnnttag» 4 Uhr, aus dem Zcntratsriedhose in Friedrichsseide statt. Danksagung. Für die Beweise herzlicher Teil« nähme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Karl fritilam sage allen Beteiligten, insbesondere den Kollegen des Neubaues Katz- mann(Charlotlenburg) meinen herz« lichstcn Dank. 73A Witwe Prihkow. Danksagung. iür die Beweise herzlicher Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben ManneS, unseres guten VaterS Rani.follellsehvager sagen wir allen Freunden und Be kannten, insbesondere den Haus genossen der Ansiedelung Nordufer deS Berliner Spar- und BauvereinS, den Kollegen der Firmen Kurt von Grueber und den Genossen des Wahlvereins unseren besten Dank. Anna Jodenschwager nebst Kinder. 73A Spezialarzf fOr Syphlli«, Harn- u. Frauenleiden— Ehrllch-Hata. Blutuntersuohung.* Schnelle, sieh. Hellung. MäBIge Preise. Dr. med. Wockenlofl, Frledriehstr. 125(Oranienb. Tor) 8—9, 12-2, 6— 8, Sonnt. 8—'/.lO. Potsdamer Str. 4(Potsdamer Platz) Spr. 10—11, 4—5, Sonnt. 10— U. Deutscher Setallarbeiter-Verliand Verwaltungsstelle Berlin. Todea- Annclife. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Revolver- drcher Kar! Raamann. Licbenwalder Straße 5, am 2. September an Lungenleidcn gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 5. September, nach. mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Nazareth-KirchhofeS in Reinickendorf, Kögelstraße, aus statt. 125/6 Rege Beteiligung erwartet Die Ortsverwaltung. Danksagung. Für die zahlreichen Beweise herz- licher Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unserer un- vergeßlichen Tochter, Schwester und Schwägerin 4gzi Wally Bolljahn geb. Zitzer sagen wir unseren herzlichsten Dank insbesondere dem zweiten Reichstags. wahlverein, der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend, dem Verband der Lagerhalter, den Kollegen der 8. Abteilung, der Agitationslommission und den Verkäuferinnen der 56. Ver- kaussstellc der Konsumgenossenschast, dem Gesangverein»Kreuzberger Har- si10?'6.", Genossen Huhn sür die -»®«"°° 3m Namen der Hinterbliebenen Ernst Bolljahn. Äugusta-Bad Köpenicker Straße 60. sämtliche Bäderarten.— Lieferant aller Krankenkassen. sl629b* �eisefükrer, >Vanderkarten und Bücher, Kursbücher hält stets am Lager Buchhandlung Vorwärts JLlndenstr. 69. Schumachers Festsäle ü Skaiitzer Straße 126:: sind noch sür einige Sonnabende und Sonntage zu vergeben. 1939b' urs c}vLv3 tfyy. Kleingemustecte imitierte Boucle- Teppiche gran, blau, oliv oder rot Fond S6 130X190 cm H. 7" 160x225 190x290 II50 Ißso Vorlag. QrSQe 50X100 cm 1,25 Nach ausw. per Nachnahme. Teppich-Spezialhaus — WT Emil eftrre Berlin S. Seit 1882 nnr Oranienstr. 138 SpezialKatalog 650jlbb|ldunj� flnnabmcffcllen für„IKIelne Anzeigen" Berlin C. A. Hahnisch, Ackerstr. 174. G. Schmidt. Kirchbachstr. 14. 81. Hadclbusch. Petersburger Platz 4. Gustav Bogel, Koppen« streß e 82. 8i. WengclS. Gr. Frankfurter Str. 129. l>. L. Zucht, Jmmanuclkirchstr. 12. I. Reul, Barnimftr. 42. W. Baumann. Rheinsberger Str. 67. H. Fischer, Bastianstr. h, . Hönisch. Müllerftr. 34». iey, Jnvalibenftr. 124, Karl Mar», Greisenhagener Str. 22 H. Bogel, Lortzingstr. 37. A. \W. Salomon Joseph, Salzwedelerstr. 8. GW. H. Werner, Gneisenaush 72. Taehn, Hagellerger Str. 27. 8. St. Frist, Prinzenstr. 31. H. Lehmann, Kottbuser Damm S. SO. Paul Böhm, Lausitzer Platz 14/15. P. Horsch, Sngelul« 15, Adlerahof. Karl Schwarzlose, Bismarckstr. 59. Uaanischalenivcg. H. Hornig, Narienthalerstr. 13, J. Borsigwalde. Paul Kienast» Räuschstr. 19. Charlotteahurg. Gustav Scharnberg, Sesenheimer vir,£ Friedrichshagen. Ernst Wertmaun, Köpenicker Vir. ISL Grünau. Franz Klein, Friedrichstr. 19. .lohaniilsthal. Max Gonschur, Parkstr. 0. Karlshorst. Richard Küter, Rödelstr. 9, Q. Köpenick. Emii Wtfflcr, Kietzerslr. 6, Laben. Lichtenberg. Ctto Seikel. Wartenbcrgstr. 1- � Nledcr-Schönewclde. Will), ltnruh, Brückensir. 40. Biowawes. Wilhelm Jappe, Lutherstr. 2. Ober-SchUneweide. Alfred Bader« Wilhelminenhosstr, N, Laden. Pankow. Ctto Ristmann, Mühlenstr. 39. Kelnlekendorf. P. Gursch, Provinzstr. 56, Lade«. Keakülln. M. Heinrich, Neckarftr. 2. Eonrad, Hermann st» 80. C. Rohr, Siegsriedstr. 28/29. Bamnielsburg. A. Rosenkranz. Alt-Boxhagen 56. Schüneberg. Wilhelm Bäumlrr, Martin-Luther-Str. 69 im Laden. Spandan. Koppen, Breitestr. 64. Steglitz. H. Berosee, Alsenstr. 5. Teiupelhot. Joh. Strohn, Borussiastr. 62. Treptow. Robert Gramenz, Kiesbolzstr. 412, Laden. WeilSensee. Fuhrmann. Sedanstr.105. Schillert, Berliner Allee 25?, Wilmersdorf. Paul Schubert, Wilhelms aue 27. XTbeater* Donnerstag, 4. Septbr. 1913 Anfang 7 Iltr, Atgl. Opernhaus. Die Meisterfinger von Iiiirnberg. Anfang VI, Uhr. Prater. Johanniszauber. Anfang Tj, Uhr. Sgl. Schauspielhaus. Der Kauf mann von Venedig. Deutsches. Hamlet. Ansang 8 Ubr. Urania. Mit dem Imperator nach New Jork. Aammeripiele. Venezianische Nacht Die Stärkere. Kleines. In Ewigkeit Amen. Paul und Paula. Der Barbier von Berriac. Deutsches Schauspielhaus. Sieben tolle Tage. Schiller O. GygeS und sein Ring. Schiller Eharlottenburg. Die Stützen der Gesellschast. Berliner. Filmzauber. Dhalia. Pupvchen. Theater am Nollendorfplatz. Die Kino-Königin. Aöniggrätzcr Strafte. DaS Buch einer Frau. Kasino. Der Aktientenor oder Caruso aus Teilung. Drianon. Der abgerissene Glocken zug. Untreu. Herrnfeld. LiebeSprobe. Schonzeit- Jäger. Deutsches Opernhaus. FigaroS MontiS Operetten. Der lachende Ehemann. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshalle«. Stettiner Sänger. Anfang 8'/, Ubr. Komödienhaus. Geschlossen. Lustspielhaus. Majolika. Rose. Die Schiffbrüchigen. Luisen. Weh dem. der lügt. Residenz. Die Frau Präsidentin. Folies Caprice. Ritter Baldrian. DaS Adoptivkind. Die Mißgeburt. Walhalla. Der LiebcSonkel. Anfang 8'/, Ubr. Rene» Volkstheater. Mudder Mews. Anfang 9 Ubr. «dmiralspalast. EiSballett: Flirt in St. Moritz. '.' Sternwarte. Jnvalidenstr.»7— S2 Sehiller-Thealer c":a' Donnerstag, abends 8 Uhr: VI« Stützen der Gesellschaft. Freitag, abends 8 Uhr: Am Tage des Gerichts. Sonnabend, abend» 8 Uhr: Die Stützen der Gesellschaft. Sehiller-TheaterOÄT«: Donnerstag, abends 8 Uhr: Gyges and sein Ring. Frestag, abends 8 Uhr: Zwei Wappen. Sonnabend, abends 8 Ubr: Am Tage de» Gerichts. DentaehesSchansplelhans , 8 Uhr: Steden tolle Tage. Berliner Theater. « Uhr: Filmzauber. 8 Uhr: Das Dach einer Frau. Verbsnä der Laubenkolonisten Geschttf tsstelle: Berlins und Umgegend. XenkOlIn, Renterstr. 34. Tel.: 1Ä20. Sonntag, den 7., Montag, den S., und Dienstag, den 9. September, in Kellers Festsälen, Koppenstraße 29: Große allgemeine Ausstellung von selbstgezogenen Gemüsen, Blumen, Früchten, Hühnern, Tauben und Kaninchen. - 2099b* In den Nebensälen:__ HoIIfelder- Konzert und Ball."WD Die Ausstellung ist von mittags I Ubr bis abends 9 Uhr geöffnet. DV Billetts Im Yorvcrkaat 25 Pf., an der Kasse SO Pf.'StzS Kfetropol-Theater. I» Vorbereitung: Die Reise um die Erde in vierzig Tagen. Gr. Ausstattungsstück i. 22 Bildern V. Jul. Freund. Musik»onJean Gilbert. In Szene gesetzt v. Dir. Rich. Schultz. ZOOLOS ischer Garten Tttglich: Pitär-Boppel-Konzert. Blntrlttsprelsc: Zoo: 1 M., von 6 Uhr ab 50 Pf. Agnar.: lM.v.d.Straße,0,50v.Zoo Kinder unt. 10 Jahren d.Hälfte. Neu! Yen! AQUARBUM 9 Uhr morgens bis tO Uhr abends. Berliner Prater-Theater 7— J) Kastanien.Zlllce 7—9. £■(?- Täglich:"WW Johanniszauber. Oper.-Burleske in 3 Akt. v. SB. Gericke. Musik von M. Schmidt. Erftklaff. Spezialitäten. Konzert. Ans. 4'/, Uhr. Eintritt 30 Ps. Folies Capriee. Allabendlich 8',. Uhr: Ritter Raldrlaa. Schwank von Otto Härting. Vau Adoptivkind. Von Leonh. Haskel. Musik v. Steinke. Rle Hlßgebart. Posse v. Harting u. Theo Halton. Volksgarten- Theater. Badstr. 8 und Bellermannstr. 20/25. Donnerstag, 4. September 1913: Große Gaia-Benesizvorstellung für llrvin Berka«, Ernst Loewe, Willi Günther, Friedrich Haase: Die lustige» Heidelberger. Lustspiel in 4 Alten v. A. Schreiber. Auftrete» v. Spezialitäten ersten Ranges. Kleine Preise: 50, 30, 20 Ps. Gr. Brillant-Paradefeuerwerl. Ansang 4 Uhr. Ruaemhle-Gastsplel des Berliner Metropol-Theaters: Die Kino-Königin! Anfang 8 Uhr. Residenz-Theatern Die Frau Präsidentin. (Madame la Presidente.) Schwank in 3 Akt. v. M. Hennequin und P. Veber. Morgen u. folgende Tage Die Frau Prttwldcntl ?e: In. Montis Operetten-Theater Schiffbauerdamm 4a.(fr. Neues Th.) Gastspiel Julius Spielmann: Per lachende Ehemann. Ansang 8 Uhr._ ~Ro ae■ Theater Täglich Borstellung. Dte Offenbarungen der Trauramalerin Frau Assmann, d. Aufseb. d, wissensch. Kreise. AGA di« achwebende Jungfrau. Buddha die geheimnisvolle Tafel. Alles ohne Extra-Entree! Casino- Theater Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr. Der nene Berl. Possenschlager: „Des Aktien-Tenor oder Caruso auf Teilung". Admiralspalast Ein». Eispalast der W elt mit prunkvollen Eisballetten. Angenehm kühler Aufenthalt. Allabendlich Flirt in Sl. Moritz. Beginn d. Vorstellung'/.ll Uhr. Bis 6 Uhr und von 10'/, Uhr halbe Kassenpreise. Trianon-Theater. abe-Muhr: UntNVU. Vorher: Der abgerissene Glookenzug. Keiedshsiieu-Idesler NM (Messel, Britton, Lehrader etc.) Neu engagiert: Komiker Rnselll. Anfang 8 Uhr. neederei Kaimt& Hertzer masi Ab Waisenbrttcke: 3»- Lebte diesjährige TAimSSv ITornowsl__ Fahrten nach> � Id.vll) Sonntag. 7. September, Abf. 7>/, Uhr vorm.) Hin n. zurück 2 Marl, Mittwoch, 19. Septbr,„ T/,„. f Kinder 4 Mark. Fahrscheine find auch vorher in unserem Kontor zu haben."MS WM M Verwaltung Berlin. Bezirk Charlottenburg. Donnerstag, den 4. September: Mitglieder- Versammlung im Bolkshaus, Rofinenstr. 3. Tagesordnung: 1. Bericht von der Generalversammlung. 2. Aufstellung der Vertreter zu den Krankenkassen Charlottenburgs. 3. Verbandsangelegenheiten. 88/5__ Die Ortsvcrwaltung. Die neuen Miigliedskarten mtissen ans den Zahlstellen abgeholt werden. Für neue Mitglieder sind noch in den Abteilungen 16—20 in den bekannten Zahlstellen Groß- Berlins Mitgliedskarten zu haben, Sonntag, 7. September, 3 Uhr: Deutsche Oper: Die lustigen Weiber von Windsor. Schillertheater-Charlottenburg: Der Pfarrer von Kirchfeld. Herrnfeld-Theater: Familie Selicke. Neues Volkstheater:. Mudder Mews. Die Geschäftsstelle: G. Winkler. Werbet Mitglieder! Vereinigte Berliner Volksbühnen. Eniscn-Theater. S'/j Uhr: Weh' dem, der lügt. Sonnabend. Sonntagnachm. u. Moni. Weh' dem, der lügt! Walhalla-Theater. Täglich 8ll, Uhr: Der Liebeöonkel. Posse mit Gesang und Tanz. Musik von Walter Kollo. Brauerei Friedrichshain am Am Königstor. Ott.: Ernst Eicbing. f" gm Jeden Dienstag- und Donnerstagnachmittag; Kaffee-frei-Vorstellung der BTorddentschen und Apollo• Sänger bei freiem Entree. Freitags: Frel-Konzert. Veigi- Vheaier Badstrafte 28. Donnerstag, den 4.. u. Freitag, den S. September, geschlossen. Sonnabend, fcm 6. September 1913: JubiläumSbenefiz für den Theater. meister B. lenssen. Berlin, wie es baut und kracht. Gänzlich neue Spezialitäten. Kasseneröffnung 10 Uhr. Ans. 4'/, Uhr. Hn die Arbeiter Berlins! WerWaecküMSpechm! Nachdem die untenstehenden 39 Krankenkassen zur Auflösung kommen und die drei ange- gebenen sich verschmelzen, findet am Sonntag, den Ä8. September 1913 die Wahl zum Ausschuß für die Allgemeine Ortskrankenkasse der Stadt Berlin statt. Zu wählen sind nach dem Berhälwiswahlsystem 60 ordentliche Mitglieder und 120 Stellvertreter. Wahlberechtigt sind alle volljährigen(21 Jahr alt) Kassenmitglieder beiderlei Geschlechts der untenstehenden Kassen. Zur Wahlberechtigung ist eine Aufnahme in die Wählerliste der Allgemeinen Ortskranken- lasse erforderlich. Diese Aufnahme erfolgt mittels Feststellungsscheine, die durch uns heraus- gegeben werden. Alle Werkstattvertrauenspersonen bitten wir. in ihren Betrieben festzustellen, wie viel wahlberechtigte Personen beschäftigt sind, um für diese von uns Engelufer 15 1. Zimmer S3 in der Zeit von 9—1 oder 4— Th Uhr, oder schriftlich die gewünschte Anzahl dieser Wahlfest. stellungsscheine zu fordern. Bei Briefen bitten wir die genaue Adresse des Empfängers respektive Absenders anzugeben. Diese Feststellungsscheine sind auszufüllen und von der Firma oder der Geschästsleitung mit der Unterschrift oder Stempel zu versehen. Nachdem die Vertrauens- oder Einzelpersonen den oder die Scheine ausgefüllt haben, begeben sich die Mitglieder der Allgemeinen Ortskrankenkasse nach der Köpenicker Str. 80— 8 S, die Mitglieder der aufgelösten und der sich verschmelzenden Krankenkassen nach ihrem alten Kassenlokal, um diese Scheine abzugeben. Dafür erhalten sie eine Legitimationskarte. die dem Ueberbringer dazu dient, in der Zeit vom 13.— 27, September in demselben Kassenlokal soviel Wahlkarten in Empfang zu nehmen, als Wahlfeststellungskarten abgegeben worden sind. Wer im Besitz dieser Wahlkarte ist, bedarf am 28. September, am Tage der Wahl, keinerlei anderer Wahllegitimationen. Der Ausschuß dn Gmkrllschustsllvminisfisii Knlius und Wzegeud. I. A.: A. Körst en. Die Krankenkassen, die der Auflösung verfallen sind: Ortskrankenkasse der Goldschmiede, Kupferschmiede, Gelbgießer, Messerschmiede, schmiede, Nadler, Maschinenbauer, Stellmacher, Uhrmacher, Musikinstrumentenverfertiger, Weber, Posamentierer Tapezierer. Sattler. Korbmacher. Drechsler. Vergolder, Lackierer. Möbelpolierer. Bäcker. Schlachter. Bierbrauer, Tabakfabrikarbeiter, Zigarrenarbeiter, Schneider, Kürschner, Handschuhmacher, Schuh- macher, Barbiere, Perrückenmacher, Zimmerer, Maler, Dachdecker, Brunnenbauer, Topser, Photographen, Graveure, Bildhauer, Gastwirte. Die sich verschmelzende« Ortskrnnkenkafsen sind die der Kaufleute, Bureauanflestellten und der Allgemeinen Ortskrankenkasse mmmSBmmmBtmmBm �a'teneröffnunfl 10 uyr. ANs. v/, uqr,_ 1»�---------- �----- g gvrnn KUi. «---»fwortlicker MebflUtur: Blfteh Wi-l-pv. Neukölln. Für den ans?mtentetlv-za-tw.: Tb�I-cke. Berlin. Druck».Verlag! Vorwärt»»uchdru-i-te. u. Ät clagSanstalt Paul Singer«.>4°.. svernns» Nr. 229. 30. Iahrgaug. 2. KtilM te Jutniärts" Kerlim guMliilt Donnerstag. 4. September 1913. Die Perfönlicblteit des Frauenmörders fettgeftellt.> Der Mörder der Näherin Schäfer, der sich dieser unter Heirats- Versprechungen genähert hatte, ist nach den neueren Feststellungen der am 4. Oktober 1861 zu Berlin geborene Schneider Max Kirch- stein aus der Bernauer Straße 470. Ueber seine Verfolgung und die Feststellung seiner Persönlichkeit erfahren wir folgende Einzel- heiten: Beim Durchsuchen der Wohnung der Ermordeten fand die Kri- minalpolizei in einem Buche zwei Briefe, die Karl S. unterzeichnet waren und von niemand anders herrühren konnten als von dem Mann, der die Beziehungen mit der Näherin angeknüpft und sie er- mordet hat. Er redet seine Geliebte darin mit„Liebes Schätzchen" an und schreibt in dem ersten Brief, daß sie ihm nicht böse sein solle, weil er ihr das Geld genommen habe. Er würde sie heiraten und dann sei alles wieder gut. In dem zweiten Schreiben läd er sie zu einem Spaziergange nach Tegel ein. Die Näherin hat dem Manne postlagernd unter der Chiffre„Karl" nach dem Postamt 28 geantwortet. Diese Briefe ' wurden beschlagnahmt, um damit weitere Ermittelungen anzustellen. Während man mit diesen beschäftigt war, erschien ein Zeuge, der aussagte, daß er einen Mann kenne, der im Besitze des Hammers mit dem eingeschnittenen �1 irrt Stiel gewesen sei. Es sei dies ein Schneider Kirchstein, der zuletzt in der Bernauer Straße gewohnt habe. Taraufhin wurden sofort die Akten im Polizeipräsidium ein- gesehen und hierbei stellte sich heraus, daß Kirchstein ein schon wiederholt vorbestrafter Mensch ist, der zuletzt T Jahre Zuchthaus verbüßt hat. Es wurde nun die Handschrift des Kirchstein in den Akten und die der beschlagnahmten Briefe verglichen. Schon diese Schristvergleichung ergab, daß Kirchstein ohne Zweifel der Täter war, denn die Schriftzüge paßten ganz genau überein. Jnwischen wurden auch in der Wohnung Kirchsteins, der von seiner Frau ge- trennt lebt und ein arbeitsscheuer und liederlicher Mensch ist, Ermittelungen angestellt und eine Durchsuchung vor- genommen. Die Nachforschungen ergaben, daß Kirchstein, in der Nacht vom Montag zum Dienstag um 3 Uhr zurllcb gekehrt, sich dort einen neuen Anzug angezogen hatte und dann sofort auf und davongegangen war. Dienstagabend war er dann noch einmal dorthin zurückgekehrt, hatte sich aber nur wenige Minuten aufgehalten und sich gleich wieder entfernt. Seitdem hatte er sich nicht mehr sehen lassen. In seiner Behausung, wo er sich die Hände von Blut gereinigt hat, die jedoch je�t noch deutlich Kratz- wunden aufweisen dürften, wurde auch eine Hose gefunden, die von einem anderen Manne schon vorher beschrieben wurde. Auf der Straßenbahnstrecke von Heiligensee nach Tegel hat sich Kirchstein oft in den frühen Morgenstunden aufgehalten. Er war dort als pervers veranlagter Mann bekannt und hat wegen seines schändlichen Treibens auch schon wiederholt von Arbeitern, die ihn dabei betrafen, eine gehörige Tracht Prügel erhalten. Kirch- stein, der dabei die in seiner Wohnung gefundene Hose trug, machte sich in ganz schamloser Weise an Fabrikmädchen heran, die sich auf dem Wege nach ihren Arbeitsstätten in Berlin befanden. Auf ihn war deshalb auch schon von anderer Seite aufmerksam gemacht und der Verdacht geäußert worden, daß er der Mörder der Frau sein könne, was sich jetzt denn auch bestätigt hat. — �Kirchsieiii-hatte— d«— Nähorin- vorgeschwindelt, daß er ein Zigarrengeschäft in der Königstraße einrichten wolle und die Laden einrichtung bereits bestellt habe. Ehe das Fräulein ihm jedoch das Geld dazu hergab, erkundigte sie sich in der Möbelhandlung und erfuhr nun, daß die Angaben ihres Geliebten auf Schwindel be ruhten. Jetzt wußte er die heiratslustige Näherin dahin zu bereden, daß er sie veranlaßte, mit ihm nach dem Amtsgericht zu gehen, um dort eine gerichtliche Bescheinigung zu erhallten, daß er das Geld von ihr erhalten habe. Ehe sie aber dort noch einen Richter gesprochen hatte, hatte der Schwindler sie zu bewegen gewußt, ihm das Geld anzuvertrauen. Er ent fernte sich dann unter Zurücklassung seines Hutes, um die Toilette aufzusuchen. Von diesem Gange kehrte er jedoch nicht wieder zurück, sondern ließ seinen Hut im Stich. Die Betrogene war jetzt wutentbrannt und wollte Anzeige erstatten. Er wußte sie jedoch niit dem vorhandenen Brief zu beschwichtigen. Ohne Zweifel hat der Mörder bei der Durchwiihlung der Behälter nach diesen Briefen sowie nach Geld gesucht. Während er die ihn be- lastenden Briefe nicht fand, weil sie in einem Buche versteckt waren, muß ihm jedoch noch Geld in die Hände gefallen sein. Man schließt dies daraus, daß ein kleiner Junge, der in der Nacht erwachte, als Kirchstein seine Behausung aussuchte, gesehen hat, wie dieser„eine blaue Fahne mit einer Tante drauf", also wahrscheinlich eine» Hunderlmarkschein bei sich hatte. Partei- �lngelegenbeiten. Vierter Wahlkreis. Wegen Verlegung des Bureaus bleibt die Bibliothek des Wahlvercins bis 1. Oktober ge- schlössen. Die entliehenen Bücher sind bis zum 12. September in das Bureau, Stralauer Platz 1/2, zurückzuliefern. �Stralau. Heute, Donnerstag, den 4. September, abends S'/z Uhr, bei Sleinicke, Alt Stralau 5, Mitgliederversammlung des Wahlvcreins. Wichtige Tagesordnung.__ Berliner Nachrichten. Ans der Elcndsstatistik. Im Monat August nächtigten im Männerasyl 15 234 Personen, wovon 7387 badeten, im Frauen- asyl 2498 Personen, wovon 770 badeten. Arbeitsnachweis wird er- beten für Männer und für Frauen: Wiesenstr. 55—69. Die Stadt Berlin im Joche der Scharfmacher. Ter Verband der Berliner Metallindustriellen unterhält in der Wusterhausener Straße sein schwarzes Kabinett. Wer in den Fabriken der Metallindustriellen Arbeit haben will, niuß erst einen Schein von dem genannten Verbände haben. Im Arbeitsnachweisbureau dieses Verbandes wird derjenige Arbeiter, der den Unternehmern nicht genehm ist, verfemt, von der Arbeitsverinittelung ausgeschlossen. So komnit es, daß dieses Bureau bei den Arbeitern in Verruf steht und nur die bitterste Not treibt die Arbeiter in die Räunie des Bureaus der Metallindustriellen. Gestern wurde uns zu unserem Erstaunen ein Schein vorgelegt, aus dem hervorgeht, daß auch die Direktion der Städtischen Straßenbahn ihre Arbeitskräfte durch das Bureau der Berliner Metallindustriellen bezieht. Das hat gerade noch gefehlt, daß die Stadt Berlin sich unter die Bot- Mäßigkeit der Scharsmacher stellt, die Stadt Berlin, die er- heb Ii che Mittel aufwendet zur Erhaltungi des Arbeitsnachweises in der Gorma nn st r a ß e. Ein solches Verhalten ist aber auch nur noch bei der Direktion der Städtischen Straßenbahn möglich, deren Leitung sich bisher als geradezu arbeiterfeindlich erwiesen hat. Hoffentlich wird diese Angelegenheit im Rathaufe in das rechte Licht gerückt._ Tie verschwundene Wirtschafterin. Das rätselhafte Verschwinden der Wirtschafterin Galle, die wahrscheinlich ebenso wie die Näherin Schäfer ein Opfer ihrer Heiratslust geworden und von ihrem Liebhaber ermordet worden ist, veranlaßt die Kriminalpolizei, die sich noch unausgesetzt mit der An- gelegenheit beschäftigt, zu einem amtlichen Ausschreiben. Es lautet Berlin, den 3. September 1913. Seit dem 29. Juli d. I. verschwunden und wahrscheinlich er- mordet ist die Stütze Gertrud Galle, am 30. 9. 77 zu Krossen a. O. geboren, die am Morgen des 29. Juli d. I. das Erholungsheim vom Roten Kreuz in Schönholz bei Berlin verlassen hat und seitdem weder dorthin noch an ihre Verwandten ein Lebenszeichen hat ge langen lassen. Die Galle ist von einwandssteien Zeugen zuletzt am 29. Juli dieses Jahres, nachmittags gegen 3 llhr, zu Reinickendorf in Be- gleitung des inzwischen wegen verschiedener Straftaten festgenommenen, jetzt in Untersuchungsbast befindlichen Formers Hermann Henk, am 26. April 1867 zu Lenslbow geboren, gesehen worden. Dieser hat das Sparkassenbuch der Galle über zirka 1600 M. zusammen mit ihrer Jnvalidenquittungskarte am 30. Juli dieses Jahres von Berlin aus an die Sparkasse in Krossen a. O. eingesandt mit einem von ihm mit Gertrud Galle unterzeichneten Anschreiben, in dem er um Uebersendung des Guthabens bittet. Henk, der die Galle zunächst gar nicht gekannt haben wollte, macht über den Erwerb des Sparkassenbuches ganz unglaubwürdige Angaben, so daß nach Lage der Sache damit gerechnet werden muß, daß er die Galle ermordet hat, um sich in den Besitz des Sparkassenbuches zu bringen. Bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt a. O. ist unter diesen Umständen gegen Henk ein Vermittelungsverfahren wegen Verdachts des Mordes an der Galle eröffnet worden. Von besonderer Wichtigkeit für den weiteren Verlauf der Er- Mittelungen ist es nun, festzustellen, wo die Galle seit dem 29. Juli dieses Jahres, nachmittags 3 Uhr, sich aufgehalten hat und ob sie event. in Begleitung des Henk gesehen worden ist. Mit Rücksicht darauf, daß Henk andere Frauen, mit denen er in Verkehr gestanden hat, stets in die Umgegend von Fürstenwalde— seine angebliche Arbeitsstelle— und zwar meist in den späten Abendstunden mit ihm zu fahren veranlaßt hat, erscheint es ziemlich sicher, daß auf seine Vor spiegelung hin auch die Galle sich hat bereitfinden lassen, dorthin ihm zu folgen. Für sachdienliche Mitteilungen, welche auf die Spur der Galle bezw. zur Auffindung ihrer Leiche führen, wird seitens der Kriminal Polizei Berlin eine der Wichtigkeit der einzelnen Nachricht ent- sprechenden Belohnung ausgesetzt. Bezügliche Mitteilungen werden zu 2707. IV. 19. 13 an Kriminalkommissar Kuhn erbeten. Die Galle ist 1,65 Meter groß, hat volles, schwarzes Haar längliches, zuletzt stark gebräuntes Gesicht, dunkle Augen, einige künstliche Zähne, trug blaues Kostüm, gelben, runden Strohhut in Glockenform mit schwarzem Bande, schwarze Schnürstiefel mit Lack- spitzen, mit 0. G. gezeichnete Wäsche und führte einen schwarzen Schirm und eine schwarze Handtasche mit sich. Henk ist 1,76 Meter groß, schlank, hat graumeliertes Haar, rot- blonden Schnurrbart, blaugraue Augen, mittelgroße, eingedrückte Nase, etwas stechenden Blick, abstehende Ohren, vollständige Zähne trägt dunklen Anzug und braune Automütze. Ueber die bisherigen Ermittelungen der Kriminalpolizei und den Fortgang der Untersuchung gegen den wegen Mordverdachts in Haft sitzenden Heiratsschwindlers Henk erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Bei ihren Nachforschungen nach dem Verbleib und den Aufenthalt der Galle nach dem Verlassen der Heilstätte zeigten die Beamten ihr Bild sowie das des Henk auch in den Straßenbahnhöfen umher. Hierbei stießen sie auf einen Schaffner, der in dem Bilde des Henk einen Mann mit aller Bestimmtheit wiedererkannte, den er am Nachmittag des 29. Juli in einer Schank Wirtschaft in Reinickendorf gesehen hatte. Er erinnert sich des- halb so genau, weil der Mann, der in einem Hinterzimmer saß, verschiedentlich nach vorn kam und sich darüber beschwerte, daß es so lange dauere, bis er seinen bestellten Kaffee erhalten. Um ganz sicher zu gehen, wurde das Bild Henks auch der Schankwirtin gezeigst. Sowohl diese wie ihre Tochter erkennen in dem Bild einen Gast tvieder, der mit einer Dame in dem Hinterzimmer ihres Lokals Kaffee getrunken habe. Als man ihnen nun auch die Photographie der Galle zeigte, erkannte sie auch in dieser die Begleiterin des Gastes. Allein Anschein nach hat das Paar von dort aus den Ausflug unternommen, bei dem die Galle ermordet ist, denn Fräitlein Galle ließ sich Butterbrote geben mit dem Hinweis, daß sie nach außerhalb fahren wollten. Als diese wichtige Fest- stellnng Henk entgegengehalten wurde, blieb er zuerst immer noch bei der Behauptung, die Galle weder gesehen noch gesprochen zu haben, bis er doch schließlich einsah, daß er dies nicht mehr leugnen konnte. Er gab jetzt zu, mit der Galle sich bei einer Heirats- Vermittlerin getroffen zu haben, jedoch habe er diese nicht heiraten wollen, sondern sein Freund Darge. Er habe nur den Vermittler spielen und die Galle mit diesem bekannt machen wollen. Darge habe ihm gesagt, daß er tief im Dalles stecke und unbedingt heiraten müsse. Er sei denn auch mit der Galle nach Fürstenwalde an der Spree gefahren, wo sie mit Darge zusammen- getroffen seien. Ohne sich dort aber länger aufzuhalten, seien sie dann nach Frankfurt a. O. weitergefahren. Unterwegs habe Darge ihm zu verstehen gegeben, daß er nicht ans Heiraten denke, ihm es nur um das Sparkassenbuch zu tun gewesen sei. Während nun Dcrrge mit der Galle in seine Wohnung gegangen ist, habe er unten gewartet. Nach einer Weile sei sein Freund gekommen und habe ihm das Sparkassenbuch gegeben. Weil er jedoch damit nichts habe an- saugen können, habe er ihn um eine Legitimation gebeten. Darauf- hin habeihmDargc dann auch noch dieJnvalidenkartenquittung gebracht. Für das Buch habe er dann Darge einen Geldbetrag gegeben, den dieser angeblich benötigte, uin mit der Galle nach Zopott zu fahren. Dieser Betrag sei allerdings, wie er jetzt aussagt, nicht so hoch gewesen, wie er zuerst angegeben habe. Er meint nun, daß es gar nicht ausgeschlossen sei, weil doch Fräulein Galle ver- schwunden ist, Darge sie unterwegs beiseite geschafft hat. Danach befwgt, wo denn die Wohnung Darges in Frankfurt a. O. liege, blieb er die Antwort schuldig. Er gibt an, Darge früher im Ge- fängnis kennen gelernt zu haben. Alle Nachforschungen nach einem Manne dieses Namens oder mit dem von ihm beschriebenen Aus- sehen, haben sich jedoch als ergebnislos herausgestellt, sodatz un- bedingt damit gerechnet werden muß, daß diese Person gar nicht existiert und nur in der Phantasie Henks, der eine schwere Bluttat von sich abwälzen will, vorhanden ist.* Nach dem Verschwinden der Galle war Henk auch noch mit einer anderen Heiratslustigen zusammengetroffen. Diese Zeugin ist der Ansicht, daß Henk, als er in dem Walde in der Nähe eines Sees hinter Fürstenwalde den Revolver gezogen und sie nach ihrer Bar- schaft gefragt habe, auch sie habe umbringen wollen und nur davon abgesehen hat, weil sie außer dem Fahrgeld nach Berlin kein Geld bei sich hatte. Sie spricht auch die Vermutung aus, daß hier Fräu- lein Galle von ihm ermordet lvorden ist. Alle Nachforschungen nach deren Leiche sind jedoch bisher resultatlos verlaufen. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß er sie in den See versenkt hat und sie vielleicht erst später zum Vorschein kommt. Krieg im Frieden. In Aufregung wurden gestern nachmittag die Angestellten der Firma A. Druckenmüller in Tempelhof, Gottlieb-Dunkelstr. 60—52, versetzt. Ein Fenster des Bureaus wurde plötzlich von einem Geschoß durchschlagen und fiel dann, ohne weiteren Schaden angerichtet zu haben, nieder. Es war, wie sich bei der Untersuchung ergab, eine Kugel, die aus einem Jnfanteriegewehr, Modell 98, herrührt. Höchst- wahrscheinlich kam das Geschoß von den Schießständen in der Hasen- Heide her. Und dabei leben wir noch im größten Frieden! Eisenbahnfreuden. Ueber zu kurzen Aufenthalt eines Stadtbahnzuges geht uns folgende Mitteilung zu. Ich war am Sonntag, den 31. August, im Begriff mit meiner aus Frau und drei Kindern bestehenden Familie einen Ausflug nach Westend zu machen. Zu diesem Zwecke wollte ich den vom Bahnhof Wedding gege» l1/., Uhr nachmittags abgehenden Zug benutzen. Ich war" rechtzeitig auf dem Bahnhof und wartete die Ankunft des Zuges ab. Als ich nun im Begriff war mit meiner Familie einzusteigen und auch schon meine beiden ältesten Kinder im Abteil- Platz genommen, wollte ich mit einem vierjährigen Kinde auf dem Arm ebenfalls einsteigen. Ich wurde aber von einem Beamten durch einen Zuruf daran verhindert und mußte von dem sich inzwischen in Bewegung setzenden Zuge wieder abspringen. Der Zug fuhr noch mit einigen offenen Coupstüren ab. Infolge des kurzen Auf- entHalts war es mir und meiner Frau nicht mehr möglich, gemeinsam mit den beiden anderen bereits im Zuge befindlichen Kindern die Fahrt zu bewerkstelligen. Auf meine mündliche Beschwerde beim Stationsvorsteher wies mich dieser an den Zugführer, da dieser das Signal zur Abfahrt gegeben habe. Verschiedene Personen mußten dann auf den nächsten Zug warten. Der Zug hat nach meiner Ueberzeuguirg höchstens ein paar Sekunden gehalten. Auf tele» phonisches Anrufen nach Westend wurden die Kinder davon ver- ständigt und konnten dann beim Eintreffen ihrer Eltern diesen zu- geführt werden.___ Durch einen Sturz aus dem Fenster nahm sich Dienstagmittag die 21 Jahre alte Ehefrau des Arbeiters Kindler aus der Pankstr. 72 das Leben. Die junge Frau hatte vor acht Tagen einem Kinde das Leben geschenkt. Nach der Geburt scheint sie gemütskrank geworden zu sein und auch in einem Anfalle ihres Leidens den verhängnisvollen Schritt getan zu haben. Sie stürzte sich aus ihrer im vierten Stock belegenen Wohnung auf den Hof hinab, wo sie mit zerschmetterten Gliedern tot liegen blieb Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Selbstmord eines Fabrikanten. Der 38 Jahre alte Fabrikant Franz Fuchs, Mitinhaber der Kartonsabrik und des Postkartenverlages von Fuchs u. Korn am Michaelkirchplatz 2, wurde gestern früh in einem mit Gas angefüllten Räume neben dem Bureau besinnungslos aufgefunden. Er hatte die Gashähne geöffnet und so den Tod gesucht. Da er nach längeren Wiederbelebungsversuchen noch schwache Lebenszeichen von sich gab, wurde er nach dem Krankenhause in Bethanien gebracht, wo er aber noch im Lause des Tages infolge der Vergiftung verstarb._ Ein weiterer Fortschritt auf dem Gebiete des ArbeitergesangeS ist in Berlin zu verzeichnen. Die Vereine„Berliner Männerchor", Liberts" und„Scnefelder" haben sich zu einem Chor verschmolzen, der unter dem Namen„Berliner Sängerchor", zirka 200 Mann stark, seine Uebungsstunden jeden Freitag abend im Gewerkschaftshause abhält. Die gesangliche Leitung ist Herrn Franz Bothe übertragen. Großfcucr in der Schivelbciner Straße. In der zweiten Morgen- stunde kam gestern in der Schivelbeincr Str. 28 im Norden Berlins ein gewaltiger Dachstuhlbrand zum Ausbruch. Das Feuer muß schon längere Zeit unbemerkt geschwelt haben, denn als man es wahrnahm, standen schon fast alle Bodenverschläge des Vorderhauses und Seitenflügels in Flammen. Bei Ankunft der Feuerwehr mit dem 19. Zuge war dann der Brand auch schon auf die beiden Dach- stühle übergesprungen. Da Gefahr für die Nachbargebäude bestand, so wurde schleunigst noch ein zweiter Löschzug zu Hilfe geholt. ES wurde mit insgesamt sechs Rohren Wasser gegeben. Von den beiden Dachstühlen konnte aber trotzdem nur wenig gerettet werden. Mit den Ausräumungsarbeiten hatte die Wehr mehrere Stunden lang zu tun. Zahlreiche Mieter sind durch das Feuer in Mitleidenschaft gezogen worden, da sie ihre Habseligkeiten, die in den Boden- kammern lagerten, verloren haben. Ueber die Ursache des Feuers konnte nichts festgestellt werden.— Außerdem hatte die Feuerwehr in der letzten Nacht auf dem Güterbahnhof Frankfurter Allee zu tun, wo ein größerer Posten Preßkohlen auf einem Lagerplatz brannte. Die Ablöschung erfolgte mit einer Schlauch« leitung. Radrennen in Treptow. Dienstag, 2. September. Zur Belebung der Fliegerrennen will die Direktion jetzt wöchentlich ein Abendrennen veranstalten, das als Hauptnummer den Titel „Mei st er schaft der Nacht" führen soll. Der Sieger erhält eine goldene Medaille im Werte von 200 M. und eine tägliche Rente von 20 M., die anr nächsten Renntag auf den neuen Sieger über- gehep. Am Schluß der Saison wird die Medaille unter den bis- herigen Siegern ausgefahren. Die heutigen Rennen waren trotz des schönen Wetters nur mäßig besucht. Einige andere Flieger- rennen vervollständigten das Programm. Leider starteten nicht alle auf der Liste stehenden Fahrer, so daß das Hauptrennen eintönig verlief.— Ergebnisse: Meisterschaft der Nacht. Dem Sieger die goldene Medaille im Werte von 200 M. und eine tägliche Rente von 20 Pf- 1. E. Stabe, 2. Moretti, 3. Gardellin. Malfahre?i. Klasse R 100, 80, 60, 40 M. 1. Pawke, 2. Rudel. 3. Fechmer, 4, Grotzmann. Klasse G. 20, 15, 10, 5 M. 1. Tetzlaff, 2. Krupkat, 3. Freiwald, 4. Rehra. Prämien- fahren über 20 Runden. 50, 30, 20, 10 M., jede Runde 2 M. 1. Rudel, 2. Techmer, 3. 81. Müller, 4. Rehra. Prämien: Krupkat 5, Großmann 4, Linsener 3, Theis 2, Rudel, Purka, Rabe und Schmitchen je 1.__ Vorort-Nadmchtan Neukölln. Was wird beabsichtigt? Bekanntlich ist in der Ferienzeit der kommunalfortschrittliche Stadtverordnete Klebe gestorben, so daß eine Neuwahl im 2. Bezirk der zweiten Wählerklasse stattfinden muß. Bisher hat eS der Magistrat immer nicht sehr eilig gehabt mit der Ansetzung des Wahltermins, llm so mehr war man überrascht, als plötzlich bekannt wurde, baß die Ersatzwahl schon am 12. September stattfinden soll. Da vom IS. bis 30. September bereits die neuen Listen ausliegen und die alten Wählerlisten schon sehr unvollständig sind, so hätte erst recht kein Mensch geglaubt, daß die Wahl noch auf Grund der alten � Liste stattfinden sollte. Doch der Magistrat hatte es anders beschlossen. Als bekannt wurde, was beabsichtigt war, hatte sich der sozialdemo- kratische Wahlverein an den Magistrat gewendet mit dem Ersuchen, die Wahl erst im Oktober stattfinden zulassen, wenn die neue Wähler- liste Rechtskraft erlangt habe, um so mehr, als bei einer Wahl nach der alten Wählerliste der Wille der Wähler nicht unverfälscht zum Ausdruck kommt. Darauf hat der Magistrat an die Organisation ein Schreiben gerichtet, in dem unter anderen ausgeführt wird: .Im übrigen ist als wesentlicher Grund für die schleunige Anberau- mung des Wahltermins in. Betracht gekommen, daß die jetzt geltende Liste hinsichtlich ihrer Richtigkeit nicht anzufechten ist. Bei den scharf umstrittenen Wahlen der IL Wählerabteilung ist anzunehmen, daß wegen der noch nicht ausgetragenen Frage über die Wahl- rechtigung öffentlicher Körperschaften entweder von der einen oder von der anderen Seite Einsprüche gegen die neue Wählerliste erhoben werden. Nach der ergangenen Rechtsprechung deS O.-V.-G. halten wir es aber nicht für angebracht, Wahlen auf Grund einer Wählerliste vorzunehmen, deren Gültigkeit zweifel- Haft ist." An diesem Schreiben des Magistrats ist zunächst richtig, daß die jetzt bestehende Wählerliste nicht angefochten ist, doch damit ist noch nicht gesagt, daß sie auch wirklich richtig ist. Ja, der Magistrat weiß sogar genau, daß in der Wählerliste mehrere der ersten Abteilung zugewiesene Wähler enthalten sind, welche auf Grund einer Ober- verwaltungsgorichts-Eirtscheidung, die in einem Lichtenberger Wahl« rechtsprozeß erlassen wurde, zu Unrecht in der Liste stehen. Da unser Magistrat Wahlrechtsprozesse sehr aufmerksam der- folgt, wenn er fich■ auch nur schwer entschließen kann, die Ent- scheidungen zu befolgen,— so muß er wissen, daß die jetzt be- stehende Wählerliste nicht den Anforderungen des Gesetzgebers genügt. Der Magistrat will nun aber die Wahl nach dieser Liste vor- nehmen, da er selber im Zweifel zu sein scheint, ob die neue Liste, die er aufstellt, nicht angefochten wird, und zwar handelt es sich wieder um die Frage, ob die Stadtgemeinde gegen sich selbst als Wähler auftreten kann. Hätte der Magistrat die Absicht, die Stadtgemeinde nicht in die Wählerliste aufzunehmen, so könnte gar kein Zweifel über die Rechtsgültigkeit der Liste bestehen, da ja nirgends im Gesetz oder von den Verwaltungsinstanzen ausgesprochen ist, daß die Stadt Wahlrecht besitzt. Wer von den Bürgerlichen damit nicht einver- standen ist, könnte ja gegen die Richtigkeit klagen. Aber der Magistrat scheint die Absicht zu haben, seinen Versuch vom vorigen Jahre wieder neu aufzunehmen und die Stadt- gemeinde als Wähler einzutragen. Dadurch würde allerdings der Liste die Rechtskraft fehlen, da ja eine Oberverwaltungsgerichts- Entscheidung in einer Spandauer Sache vorliegt, wonach die Stadt nicht an sich selbst Steuern zahlen kann. Hat der Magistrat die Ab- ficht, dann beugt er das bestehende Recht, und er kann sich darauf ver- lassen, daß die Sozialdemokratie alles versuchen wird, auch diesen neuen Wahlrechtsbetrug illusorisch zu machen. Besteht jedoch die Absicht, in diesem Jahre so vorzugehen, so ist auch das Schicksal der Wähler- liste von 1914 schon entschieden, da es ja gar nicht möglich ist, bis zum Sommer 1914 eine Obcrverwaltungsgerichts-Entscheidung herauszubekommen. Der Magistrat wird dann jedenfalls wieder den Standpunkt einnehmen, den er bei den früheren Wahlrechts- Verschlechterungen vertreten hat, nämlich, so lange eine Sache nicht prinzipiell entschieden ist, er an seiner Auffassung festhält. So würden die Wahlen im nächsten Jahre wieder auf Grund einer un- zulässigen Liste vor sich gehen. Deshalb hat die Wählerschaft alle Veranlassung, bei der bevor- stehenden Ersatzwahl nur solche Kandidaten zu wählen, die genügende Gewähr bieten, daß das an sich schon miserable Wahlrecht nicht noch yiehr verschlechtert wird. Aber auch bei der vom IS.— 30. September stattfindenden Aus- legung der Wählerlisten sollte sich jeder Wähler davon überzeugen, daß er überhaupt in die Wählerliste eingetragen ist und auch an der richtigen Stelle steht. Eine außerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins nahm am Dienstag den Bericht der Stadtverordnetenfraktion ent- gegen. Der Referent Genosse Dr. Silber st ein entwarf in großen Zügen ein Bild der Tätigkeit unserer Genossen, die jetzt in einer Zahl von 31 im Stadtparlament vertreten sind. Abzüglich des jüngst verstorbenen Kommnnalfortschrittlichen Klebe beträgt die Gesamtzahl der Stadtverordneten 71. Hoffentlich gelingt es bei den kommenden Wahlen die Mehrheit zu erreichen, denn dann erst werde es möglich sein, mehr als bisher unseren Grundsätzen gemäß positive Arbeit zu leisten. Betont zu werden verdiene es, daß unsere Genossen jetzt in denKommissionen, in denen die Hauptarbeit liege, eine der Fraktions- stärke entsprechende Vertretung gefunden haben. Ausgeschlossen seien unsere Vertreter immer noch von der Schuldeputation. Im Laufe der Berichtszeit habe man der sozialdemokratischen Fraktion auch den zweiten Vorsitzenden konzedieren müssen, so daß dieselbe nunmehr auch Einfluß auf die Geschäftsführung erlangt habe. Bemerkenswert sei die beschlossene Anstellung von Schulärzten, der Eweiterangsbau des Krankenhauses, durch den die Bettenzahl von 430 aus 650 erhöht worden sei. Für die Schülerspeisungen habe man leider wieder nichts erreichen können, obwohl- gerade in Neukölln ein dringendes Bedürfnis auf diesem Gebiete vorliege. Die bürger- liche Mehrheit verschanze sich hinter der finanziellen Notlage der Gemeinde, in Wirklichkeit ermangele ihr das nötige Verständnis, denn die Ausführung der Schulspeisung könnte auf den Etat der Stadt nicht eine so große Rolle spielen. Auf diesem Gebiete werde auch erst etwas erreicht werden können, wenn es gelungen sei, ein einheitliches Groß-Berlin herbeizuführen. Der Zweckverband könne da nichts helfen. In der Einverleibungsfrage nach Berlin sei allerdings die bürgerliche Mehrheit mit dem Oberbürgermeister entgegengesetzter Meinung. Auch die Badeanstalt gehe ihrer Vollendung entgegen; zeitweise habe eS so ausgesehen, als ob dieselbe wieder abge- Lrochen werden sollte. In der Frage der Arbeitslosenunterstützung habe einzig und allein die sozialdemokratische Fraktion die Initiative ergriffen; die Sache sei bisher jahrelang in einer Kommission ver- schleppt worden. Jetzt sei es endlich zu einem Antrag an Groß- Berlin gekommen. Was nunmehr herauskommen werde, müsse die Zukunft lehren. Darauf zu dringen sei, daß die größte Not gelindert werde und außerdem müßten Notstandsarbeiten in umfassendem Maße in Angriff genommen werden. Nicht vergessen werden dürfe, daß auch Matznahmen gegen den Nahrungsmittelwucher unternommen werden mögen. Die Fraktion habe daher seinerzeit bereits beantragt, den Fleischverkauf in eigene Regie zu nehmen.' Letzteres geschah zuerst nicht, erst als die Mißstände imnier größer wurden, betraute man die Konsumgenossenschaft mit dem Verkauf des Fleisches. Auch der Seefischverkäuf müsse in der kälteren Jahreszeit wieder aufgenommen werden. Für die städtischen Arbeiter seien S0 000 M. mehr in den Etat eingesetzt worden. Zu erwähnen sei noch, daß auch die Fraktion für die Verkehrsverhältnisse ihr. möglichstes getan habe, � dazu gehöre die Festlegung des Zehnpfennig-Tarifs für die Nord-Südbahn, die Einführung der Autoomnibusse, die einen schnelleren Verkehr bringen und die Verlängerung der Straßenbahn bis zum Krankenhause. Aus Antrag der Fraktion seien des weiteren die Zensiten mit einem Ein- kommen von 900 Mark von der Steuer befreit worden. Die Fraktion werde auch in Zukunft bemüht sein, soweit es rn ihren Kräften stehe, das Kommunalleben vorwärts zu drängen, In der Diskussion wurden zahlreiche Wünsche zum Vortrag ge- bracht. Insbesondere wurde gefordert, daß die proletarische Jugend von der Stadtverwaltung mit demselben Maße gemessen werde, wie die bürgerlichen Vereine. Während letzteren alle Plätze für ihre Ver- anstaltungen zur Verfügung gestellt würden, sie auch in jeder Weise Entgegenkommen fänden, speise man die Arbeiterjugend ab. Das sei erklärlich, wenn man bedenke, daß der zweite Bürgermeister der bürgerlichen Jugendbewegung sein besonderes Interesse zu« wende. Bei der Beschaffung des neuen Spielplatzes und der Bereitstellung, der Abtei müsse darauf gedrungen werden, volle Gleich- berechtigung aller Jugendvereine zu erlangen. Auch könnten die Aulen der Jugend zur Verfügung gestellt werden. Weiter solle die Fraktion beantragen, die Jugendheime zu subvemionieren. Eine ein- gegangene Resolution fordert, daß die Stadt Lei Vergebung ihrer Arbeiten die Unternehmer verpflichten solle, die bestehenden Tarife einzuhalten und auch die Einwohnerschaft Neuköllns bei den Arbeiten gebührend zu berücksichtigen. Es wurde betont, daß es in bezug auf sanitäre Maßnahmen und Entlohnung der Arbeiter gerade auf städti- schen Bauten sehr trübe aussehe. Bei dem Bau der Baugewerks- schule beständen so niedrige Löhne, daß kein hiesiger Arbeiter dafür arbeiten könne, man hole daher Polen usw. Scharf kritisiert wurden die vom Magistrat bereitgestellten Feriensprelplätze, die auch nicht den bescheidensten Anforderungen genügt hätten. Wenn das Geld hierfür so knapp sei, so hätte man die Summe, die für die Ausschmückung des Rathauses verwendet worden sei, zur Herrichtung der Plätze für die 26 000 Kinder nehmen sollen. In seinem Schluß« wort ging Genosse Silberstein auf die einzelnen Wünsche ein. Zum Ankauf der Abtei habe die Fraktion ihre Zustimmung gegeben unter der Bedingung, daß unsere Schuljugend gleichfalls Anteil daran haben solle; auf einen Zwischenruf: Auch der älteren Jugend? erwidert der Redner:.Jawohl, auch der älteren Jugend". Wenn die Abtei, wie verlautet, zu einer Flottenstation für die bürgerlichen Vereine hergestellt werden solle, so werde die Fraktion dem ent- gegentreten. Des weiteren werde die Fraktion für die Gleich- berechtigung auch bei dem Platz an der Grenzallee eintreten. In der Theaterfrage sei zu bedenken, ob die dafür erforderlichen 86 000 M. ausgegeben werden sollen oder ob diese Summe nicht besser für � die Arbeitslosen zu verwerten sei. Die Versammlung stimmte hierauf der Resolution betreffend die Vergebung von Ar- beiten zu. Als Kandidat für die zweite Abteilung im zweiten Bezirk wurde der Restaurateur Genosse Richard Felsch einstimmig auf- gestellt. Außerdem wurden noch die Abrechnungen von der Land- tagswahl und der Maifeier entgegengenommen. Charlottenburg. Eltcrnverein für freie Erziehung. Sonntag, den 7. d. Mts., findet ein großer Familienausflug nach dem Grunewald statt. Treff- Punkt: Nachmittags 2 Uhr vor dem Kaiser-Friedrich-Denkmal sLuisenplatz). Abmarsch pünktlich 2'/� Uhr. Für Nachzügler zur Kaffecpause auf dem Spandauer Bock. Auch NichtMitglieder und deren Kinder können daran teilnehmen. Gleichzeitig wird noch auf die jeden Mittwoch nach der Jungfernheide stattfindenden Ausflüge hingewiesen. Treffpunkt: 2�/, Uhr vor dem Kaiser-Friedrich-Denkmal. Gäste willkommen. Reinickendorf. Die Gemeindevertretung beschloß in ihrer letzten Sitzung auf Antrag unserer Genossen, zu dem am 18., 19. und 20. September in Leipzig stattfindenden VerbandStag der deutschen Gewerbe- und Kaufmannsgerichte außer dem Vorsitzenden Herrn Stadtrat a. D. R e i ch h e l m noch je einen Arbeitgeber und Arbeitnehmer des hiesigen Gewerbe- und KäufmannSgerichts und zwar die Herren Ladner, Bürkner, Thater und Th eiler zu entsenden. Eine längere Debatte zeitigte der Antrag des Gemeinde- Vorstandes, dem bisherigen Gemeindevertreter Busch die Gemeinderechte zu verleihen. Herr Busch ist zurzeit Direktor der Grundstücksgescllschaft Berlin- Nord, die in Reinickendorf größere TerrainS erschlossen hat. Als Vertreter dieser Gesellschaft— und notabene deren Interessen— ließ fich Herr Busch im vorigen Jahre in die Gemeindevertretung wählen. Er betätigte sich hier vornehmlich im Interesse der privaten Grundbesitzermteressen. Am 1. Oktober scheidet er aber aus- seiner Stellung aus. Die Voraussetzungen, auf Grund deren er zum Gemeindevertreter ge- wählt werden konnte, treffen also nicht mehr zu. Die Ver- treter der Großgrundbesitzerinteressen hätten ihn sich aber gern erhalten. Beim Gemeindcvorstand fanden sie bereit- williges Entgegenkommen. Jedoch sofort nach Bekanntwerden der Absicht machte sich ein lebhafter Unwille in der Oeffentlichkeit be- merkbar. Herr Busch hatte seine Absichten zu deutlich enthüllt. Auch unsere Genossen in der Gemeindevertretung lehnten das Ansinnen des Gemeindevorstandes ab. Genosse Schön dorn wies nach, daß der 8 42 der Landgemeindeordnung hier nicht zutreffe, da das Gemeinderecht nur den von anderen Land gemeinden zu- ziehenden oder den Besitzern bisheriger selbständiger Gutsbezirke, nicht aber den aus einer Stadtgemeinde Zuziehenden verliehen werden könne. Er belegte das unter Hinweis auf den§ 6 der Städteordnung. Aber auch aus moralischen Gründen müßten unsere Ge- nossen die Verleihung der Gemeinderechte, die eine unverdiente Ehrung für Herrn Busch bedeute, ablehnen. Herr Rechtsanwalt P i n k u S erkannte die erhobenen juristischen Bedenken als berechtigt an. Auch er lege die Landgemeindeordnung so aus. Wo bisher anders entschieden worden sei. habe zweifellos ein Verstoß statt- gefunden. Er beantragte, eine Kommission einzusetzen, die diese Frage studieren und allgemeine gültige Regeln für die Verleihung des Gemeinderechts aufstellen solle. Schöffe R e i n i ck e crklärde, daß und warum er den Direktor Busch veranlaßt habe, den Antriag zu stellen. Da er jetzt die Stimmung der Versammlung� kenne, werde er ihn veranlassen, den Antrag zurückzuziehen. Er ersucht daher um Vertagung. Genosse G u r s ch ersuchte um glatte Ablehnung. Mit den Stimme» sämtlicher bürgerlicher Vertreter wurde Vertagung be- schloffen. Einig war sich aber die große Mehrheit darin, den Antrag des Gemeindevorstandes abzulehnen, falls Herr Busch nicht ver- zichtet. Eine vom Gemeiudevorstand vorgelegte neue Prüfungsordirung für Anwärter auf Assistenten- und Sekretärstellen erfuhr sowohl von bürgerlicher, als auch von sozialdemokratischer Seite erhebliche Anfechterng. Während aber die bürgerlichen Herren einige Erleichterungen wnd, speziell für bereits vorhandene Militäranwärter, Uebergangs- bestimmungen wünschten, lehnte Genosse Köh n im Austrage der sozialdemokratischen Gemeindevertreter die ganze Prüfungsordiuvng als nicht mehr zeitgemäß gänzlich ab. Schließlich wurde jedoch die Ordnung gegen die Stimmen unserer Genossen unverändert an- genommen. Der letzte Punkt der Tagesordnung betraf den Verkauf von Genreinde-Grund stücken. Endlich hatten sich die ersten Käufer eingefunden. Die Sehnsucht unserer Bürgerlidsten — sich der Gemeindeterrains zu entledigen— sollte in Erfüllung gehen. Den Gemeindevenretern war mit der Vorlage zugleick ein„Verkaufsvertrag nebst Baubeschreibung" zur„Kenntnis- nähme" zugegangen. Vorgeschrieben wird, daß in den Vorderhäusern keine Wohnung unter drei und in den Hinterhäusern solche nicht unter zwei Zimmern gebaut werden dürfen. Ueber die Bauausführwng find bis ins kleinste, gehende Details vorgeschrieben. Die Absticht geht dahin, auf diesem Gemeindeierrain ein besseres Wohnviertel zu errichten und dadurch bessersituierte Steuerzahler anzulocken.— Also kommunale Wohnungspolitik für die Bemittelten und Wochl- habenden. Nochmals machten unsere Genossen den Versmch, die Verschleuderung des Gemeindebesitzes zu verhindern. Lebhaft protestierte Genosse Höpfner gegen diese„Verwertung" des Gemeindegrundbesitzes. Genosse Schönberg forderte den Bau von„Arbeiterwohnungen" in eigener Regie der Gemeinde; er wies die Ausrede, daß die Terrains für eine kommunale Wohnungspolitik zu teuer seien, zurück. Da die Gemeinde den Käufern außer dem Grund und Boden sowohl die erste als auch die zweite Hypo-thek zur Verfügung stelle, könne sie getrost noch einen Schritt nxiter gehen. Bei einem Scheitern der jetzigen Pläne falle das Odium schlechter Oekonomie doch auf die Gemeinde. Die Gemeinde habe es in der Hand, sich ein soziales Verdienst zu er- werben. Obgleich der Direktor einer Grundstücksgesellschaft, Herr Thielicke, teilweise die Ausführungen unserer Genossen unterIützte, s eindringlich aber von einem Verkauf bei der jetzigen Situation aus dem Baumarkt warnte, vermochten die Bürgerlichen ihren Verkaufs- eifer nicht mehr zu dämpfen. Doch bald ließen sich bei der Be- Handlung der einzelnen Objekte einige Bedenken nicht ganz unter- drücken, so daß von den vorliegenden drei Kaufofferten nur eine angenommen, eine zweite dagegen verworfen wurde und bei einer dritten eine Kommission prüfen soll, ob das Objekt sein in der Subhastation erworbenes bebautes Grundstück, das von der Gemeinde-Sparkasse zur ersten Stelle hypothekarisch beliehen war) nicht doch vorteilhafter im Besitz der Gemeinde verwertet werden kann. Dieser Kommission gehört auch unser Genosse Bahr an. Biesdorf. Zu dem Bericht über die Biesdorfer Schulverhältnisse sendet uns der Gemeindevertreter Herr August Müller eine kurze Zuschrift, worin er festzustellen ersucht, daß die Bemerkung, ein Mitglied des Schulvorstandes habe den Grundsatz verteidigt: auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, nicht den Tatsachen entspreche. Diese Aeußerung sei vielmehr von einem in der Versammlung anwesenden Vater getan worden. Kinderschutzkommisston für Teltow-Beeskow-Charlottenburg Am Freitag, den 5. September, abends Uhr, Sitzung der Kontrolleu» rinnen resp. Kontrolleure im Kreisbureau, Berlin SW., Lindenstrahe 3, 2. Hos, Ausgang III, i Treppen.— Jeder Ort muß vertreten sein. Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Rosenthal. Heute Donnerstag, abends 6 Uhr, in der Aula der Ge- mcindeschule Schillerstraße. Diese Sitzungen find öffentlich. Jeder Gemeindeangehörige ift be-. rechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Klus aller Alelt. Die Cholera in Rumänien. Das furchtbare Morden auf dem Balkan mußte schwere Seuchen im Gefolge haben. Für die am Kriege beteiligten Staaten besteht vor allem die Gefahr, daß die Cholera, die während des Krieges bereits zahlreiche Opfer forderte, mit den zurückkehrenden Truppen ins Land eingeschleppt wird. Auch das am Kriege beteiligte Ru- m ä n i e n ist jetzt ein Herd der Cholera geworden. Aus allen möglichen Teilen des Landes, besonders aber unter den aus Bulgarien zurückkommenden Regimentern werden Cholera- erkrankungen gemeldet. Zwar bemüht sich die rumänische Regierung, die Wirkungen der furchtbaren Epidemie nach Möglichkeit zu ver- tuschen, jedoch mußte amtlich zugegeben werden, daß bereits am 23. August 139 Choleraerkrankungen, wovon S 3 tödlich verliefen, festgestellt wurden. Das Wasser der Donau i st infiziert, so daß die Seuche noch größeren Umfang annehmen dürfte. Von befreundeter Seite geht uns aus Bukarest eine Warnung an deutsche Arbeiter zu, in Rumänien Arbeitsgelegenheit zu nehmen. Die Gefahr einer Verseuchung des Landes sei um so größer, als die sanitären Zustände alles zu wünschen übrig lassen. Unter der armen Bevölkerung, die noch ganz unter dem Einfluß der Geistlichkeit stehe, sei durch die Erhaltung in völliger Dummheit und Unwissenheit eine große Gleichgültigkeit gegen Schmutz zu finden. Es be- stehe daher die Gefahr, daß deutsche Arbeiter, die in Rumänien Arbeitsgelegenheit nehmen, diesen unglaublich schlechten sanitären Zuständen zum Opfer fallen. Einsturzkatastrophe in Dublin. Ein von 13 Familien bewohntes Mietshaus in der Churchstreet in Dublin stürzte Dienstagabend gegen zehn Uhr mit gewaltigem Krachen zusammen. Da die Trümmer nachgaben, konnte nur mit äußerster Vorsicht vorgegangen werden. Gegen 11 Uhr waren 2 Personen unversehrt geborgen. Bis Mittwochmorgen hatte man weitere sieben Personen unter den Trümmern hervorgezogen, die jedoch teils tot waren, teils auf dem Transvort nach dem Krankenhause st a r b e n. Unter den Trümmern liegen noch zahlreiche Personen. Das Wimmern und Klagen aus den Trümmern läßt darauf schließen, daß sich noch eine Anzahl von ihnen am Leben befindet. Das Rettungswerk wird mit Hilfe von Militär fieberhaft fortgesetzt. Kleine Notizen. Ungetreuer Beamter. Der langjährige Gemeindekassierer Wenzel in Starnberg hat große Veruntreuungen zum Schaden der Gcmeindekasse verübt. Bei einer Revision wurde ein Fehl- betrag von über 10000 Mark festgestellt. Flicgcrabftiirz. Der ftanzösische Flieger O Ii vier, der während des Balkankrieges als Flieger im Dienste der Bulgaren stand, ist bei M e l u n während' eines Nachtfluges mit Passagier ab« gestürzt. O l i v i e r wurde dabei lebensgefährlich verletzt, sein Passagier, ein Kaufmann, getötet. Die Opfer der amerikanischen Eisenbahnkatastrophc. Nach neueren Meldungen beträgt die Zahl der Todesopfer bei dem Eisen- bahnnnglllck bei Wallingford 18; außerdem wurden etwa 60 Reisende verletzt, darunter mehrere so schwer, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Beranstaltunge«. Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Montag, den 8. September. 8'/, Uhr. in Kellers Neuer Philharmonie, Köpenicker Straße 96/97. Vortrag:„Wanderungen durch Italien", Reserent: Joh. Sasscnbach. Gäste(Männer und Frauen) willkommen. Jngendveranstaltunge». Lichtenberg. Am Sonntag, den 7. d. MtS.: Tagespartie nach Rabns- dors, Freversdors, Rüdersdorf. B-fichtigung der Kalkbergc. Treffpunkt flz7 Uhr früh, Bahnhos Etralau-Rummelsburg. Abfahrt des Zuges 6.49. Fahrgeld 70 Ps. Trwkgesüße und Liederbücher nicht vergessen. Die Eltern sind freundlichst eingeladen._ Briefharten der Redaktion. Dir turifttschc Sprechstunde findet Li»den st raste es, vorn vier Treppen — Sastrstnhi—, wochentöglich von 4Mi bis 7H Uhr abends, Sonnabends, von 4Zi> bis e Uhr abends statt. Jeder für den Briefiastcn bestimmten Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Mcrtzctchen betznfagen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Antragen, denen leine Abonnemcntsguittung detgrfligt ist, , erden nicht beantwortet. tkUige Fragen trage man in der eprechftnnde vor. Schuldner 180. Eine Klage gegen den Sohn erscheint durchsührbar. — Alter Abonnent k. Ja, beim Armenvorstcher Ihres Bezirks.— A. 91. 11. Lichterfelde. Ja.— A. Z. 160. I.Nein. 2. Der Bertrag dürsse gültig sein, doch ist eine Umschreibung zweckmäßig.— K. 4. 1. und 2. Ja. 3. Jede Gemeinde hat den sofortigen Erstattungsanspruch. Es ist ratsam, auch bei der Charlottenburger Gemeinde Ratenzahlungen zu be. antragen und darum zu ersuchen, mit Beginn derselben zu warten, bis die Schuld an die Panlower Gemeinde abgelragen ist. 4. Da die Kosten von beiden Armenvcrbänden an die Krankcnhausverwaltung zu erstatte,, find. M. B. Wenn nicht» anderes vereinbart, kann die Kündigung nur bis zum IS. eines Monats mit Wirkung zum darauffolgenden Ersten er- folgen, sofern die Mietsentschädigung nach Monaten bemessen ist. Marktpreise von Berlin am 2. September IglZ, nach Ermittelungen deS kgl Polizeipräsidiums. Mais(miped), gute Sorte 16,60— 17.00. Mais (runder), gu!e Sorte 14,80— 15,30. Richtstroh 4,80—5,00. Heu 5,90— 7,50. Markthallenpreije. 100 Kiiogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30 00— 50,00. Spcisebohncn, weiße 35,00— 60,00. Lmsen 36,00— 60,00. Kartoff'cln(Kleinhdl.) 4,00—8,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1 70—2 40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30— 1,80. Schweinefleisch 1,50— 2,10. Kalbfleisch 1.40—2,40. Hammelfleisch 1,60—2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,60—5,50. 1 Kilogramm Karpfen 1,40—2,60. Aale 1,40—3,00. Zander 1,40—3,20. Hechte 1,40—2,80. Barsche 0,80—2,40. Schleie 1,70-3,50, Bleie 0,80-1,80.§0 Stück Krebse 1,00-46,00. Hus der Frauenbewegung. Krankheit und Sterblichkeit der frau. In dem Sammelwerke„Krankh-it und soziale Lage", heraus- gegeben von Professor Dr. M. Mosse und Dr. med. G. Tugend- reich(lJ. F. Lehmanns Verlag, München 1912) hat SanitätSrat Dr. med. Wilhelm Weinberg, Stuttgart,'den dankenswerten Versuch unternommen, aus dem verhältnismäßig dürftigen Material, das die Statistik bisher geliefert hat, den Einfluß der sozialen Lage auf Krankheit und Sterblichkeit der Frau festzu- stellen. Ein Ergebnis dieser interessanten Untersuchung ist— um eS gleich vorweg zu sagen—, daß die Erwerbsarbeit verrichtende Frau gesundheitlich weit mehr gefährdet ist als der Mann, und zwar sowohl bei körperlicher wie bei geistiger Arbeit. Ganz be- sonders ungünstig ist der Gesundheitszustand der Lehrerinnen; sie erkranken doppelt so häufig und doppelt so lange als die Lehrer, wie statistische Vergleiche aus Stettin, Kiel, MaruiHeim, München, Hamburg und Magdeburg ergeben. Schulo daran sind unseres Erachtens verschiedene Umstände, vor allem die kostspieligere Aus- bildung und die niedrigere Besoldung der Lehrerinnen gegenüber der der Lehrer. Beide Faktoren verhindern nur zu oft eine rationelle Ernährung, die bei dem überaus anstrengenden Beruf besonders notig wäre. Dazu kommen später die nervenschädigenden Wirkungen des Zölibats. Nicht in demselben Matze wie diese Proletarierin der Kopfarbeit ist die Lohnarbeiterin dem Arbeiter gegenüber in bezug auf Erkrankungshäufigkeit und Krankheits- dauer b machteil igt; doch läßt sich die ungemein wichtige Tatsache aus den statistischen Zahlenreihen ablesen, daß es die Zeit der EntWickelung, der Fruchtbarkeit und des Erlöschens der Geschlechts- reife, im besonderen das Alter von 20 bis 55 Jahren ist, in dem die Frauen besonder? leicht erkranken. Ein ähnliches Bild zeigt die weibliche Sterblichkeit im Vergleich zur männlichen. Dagegen steht die Frau nach den Wechseljahren erheblich günstiger da als der Mann. Vergleichen wir aber verschiedene Bevölkerungs- schichten miteinander, dann erweist die Statistik die aufreizende Tatsache, daß die Uebersterblichkeit der Frau nur auf die ärmere Bevölkerungsklasse beschränkt ist. So ergibt ein Vergleich der Frauensterblichkeit in verschiedenen sozialen Schichten Bremens, daß im Alter von 15 bis 39 Jahren die Sterblichkeit der armen Frauen 7mal und im Alter von 39 bis 69 Jahren mehr als doppelt so groß war, als die der wohlhabenden Frauen. Bekannt ist die größere Fruchtbarkeit des Proletariats im Ver- gleich zu der der Bourgeoisie. Allein gerade die fruchtbaren Mütter, die Frauen der Armen, die dem Staate unermüdlich neue Bürger schenken, sind es, die Krankheit und Tod am schwersten bedrohen, weil jene— nicht genug der ungeheuren Kraftausgabe des Tra- genS, Gebärens und der Aufzucht der Kinder— häufig auch noch zu schwerer Erwerbsarbeit gezwungen sind. Diese Doppel- belastung der Proletarierin rächt sich frühzeitig durch Erschütte- rung der Gesundheit. Wir sehen, daß die Frau infolge von Leiden und Krarrkheiten, die in irgendeiner Beziehung zu ihrer Ge- schlechtssphäre stehen, eine erheblich höhere Krankhcitsziffer auf. weist als der Mann. Nicht nur bei den Folgekrankheiten von Ge- burt und Wochenbett ist dies der Fall, sondern auch bei den Krank- Herten deS EntwickelungSalters. In der Leipziger Krankenkassen. statistik kamen z. B. auf 19 999 Pflichtmitglieder 28 Erkrankungen an Blutarmut bei den Männern gegen 676 bei den weiblichen Mitgliedern; eS kamen ferner 9,2 Fälle von anderen EntWicke- lungskrankheiten bei Männern vor gegen 121 Fälle bei Frauen. Blutarmut und Bleichsucht, die so oft die Grundlage zu Tuber- kulose bilden, sind häufige Entwickelungskrankheiten bei jugend- lichen Arbeiterinnen, denen Neberarbeit bei gleichzeitiger Unter- ernährung zugemutet wird. Kein Wunder, da unsere Gesetz- gebung die Kinder nur bis zum 13. Lebensjahre vor der AuSbeu- tung in den dumpfen Erwerbshöhlen der Industrie schützt! Die Blutarmut hängt wiederum häufig zusammen mit den bei ar- bettenden Frauen so zahlreichen Krankheiten der Verdauungs« organe. Krankheiten der Harn- und Geschlechtsorgane, die bei Frauen vielfach Folgen von Geburten sind, zeigten bei den weib- lichen Mitgliedern der Leipziger Krankenkasse die enorme Ziffer von 255 gegen 49 Erkrankungen bei den Männern. Dieses Miß- Verhältnis war besonders ungünstig in der Altersklasse vom 26. bis 35. Lebensjahre, also den Jahren der höchsten Fruchtbarkeit deS WeibeS. Ein direkter Zusammenhang besteht ferner zwischen Tot» geburten und sozialer Lage. Die bis unmittelbar vor der Niederkunft hart arbeitenden Frauen haben häufiger Totgeburten als solche Frauen, die in auskömmlichen Verhältnissen leben und sich schonen können. Eine österreichische Statistik erweist, daß die Sterblichkeit an Kindbettfieber bei unehelichen Müttern— und da? find zumeist die ärmsten der armen— um 22 Proz. höher ist als die der ehelich Gebärenden. Klaffend treten die sozialen Unterschiede zutage im Vergleich der Wochenbettsterblich- keit der wohlhabenden und der armen Frauen in einer österreichi- schen Tabelle. Die Sterblichkeit der Frauen der Industrie- und Lohnarbeiter an Kinobettfieher war fast doppelt so hoch, die der landwirtschaftlichen Arbeiterinnen gar spinal so hoch, wie die der Frauen von selbständigen Industriellen.„Die antiseptischen Schutzmaßnahmen bei der Entbindung verlangen einen gewissen Komfort," sagt Dr. Brennecke, der bekannte Vorkämpfer einer Re- form der Geburtshilfe. Wo wäre dieser Komfort, der der wohl- habenden Frau ohne weiteres zu Gebote steht, in den Wochen« stuben der Armut zu finden? Noch mehr der erschütternden Tatsachen: eine der am meisten gefürchteten Krankheiten, gegen die die ärztliche Wissenschaft noch wenig ausrichten kann, der Krebs, vor allem der Krebs der Ge- bärmutter, ist bei armen vielgebärenden Frauen weit häufiger als bei wohlhabenden Frauen mit wenigen oder gar keinen Kindern. Die Tuberkulose wütet unter den Frauen im Alter von 25 bis 35 Jahren mörderischer als in derselben Alters- klasse von Männern. Vergleichen wir aber verschiedene soziale Schichten der Frauen miteinander, so finden wir von neuem die alte Wahrheit bestätigt, die nur ein M u g d a n leugnen kann, daß die Tuberkulose die Proletarierkrankheit ist. Nach der Bremer Statistik von Funk starben von je 19 999 Frauen im der Alter wohlhabenderen mittleren ärmeren von Klasse 15—89 Jahren 1,6 11 49 39-69, 2,9 11 84 über 69, 19 18 31 Auch andere Berechnungen zeigen eine, wenn auch nicht so krasse, so doch sehr erhebliche Uebersterblichkeit an Tuberkulose bei den Frauen der Armen, besonder? bei den vielgebär-nden. Diese oft ungeheuerlichen Zahlenkontraste bedürfen kaum eines Kommentars, denn sie offenbaren— auch dem blödesten Auge sichtbar— die letzten Wirkungen der kapitalistischen Wirt- schaft mit ihren bis aufs äußerste zugespitzten Klassengegensätzen. Diese können wir nicht anders überwinden als im Klassenkampf, im Kampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden, der Unterdrückten gegen die Unterdrücker. Die Frauen deS Proletariats wahren nur ihre eigensten, von der heutigen Gesellschaftsordnung am ver- „Vorwärts" Nr. 229.— Donnerstag, den 4. September 1913. hängnisvollsten bedrohten Interessen, wenn sie als sozialdemo- kratische Klassenkämpferinnen tatkräftig mithelfen, allen Ange- hörigen des Volkes die gleichen Existcnzmöglichkeiten zu erringen. Die bürgerlichen frauen zum Code Bebels. „Die gesamte Frauenwelt hat den tapferen Vorkämpfer sür ihre Rechte auf allen Gebieten nur den wärmsten Dank zu widmen und sein Andenken hoch in Ehren zu halten. Wird sie es tun, wird die bürgerliche Frauenwelt wenigstens in diesem Augenblick, alle Gegensätze beiseite setzen, um diesem Dank Ausdruck zu geben, wo der große Kämpfer für ihre Rechte nicht mehr seine flammenden Worte für sie in die Wagschale zu ihren Gunsten hineinwerfen kann? Wird die bürgerliche Frauen- welt großdenkend sein und damit dankbare Worte dem Kämpfer auch für ihre Rechte zu widmen verstehen?" So fragt die bürgerliche Frauenrechtlerin Minna Cauer in ihrem Organ„Die Frauen- bewegung" Hallens desselben den Arbeiterinnen gegenüber in einem inneren schweren Konflikt stand. Die Unterredung mit Bebel in betreff der bürgerlichen Frauenbewegung und meine Auffassung dazu sowie Bebels Ansichten ist für mich ein Markstein geworden. Seit dem habe ich manchesmal, wenn eS sich um Eingaben an den Reichstag oder um wichtige Versammlungen handelte, mich an Bebel gewandt. Immer erhielt ich von ihm als Freund der Lage der gesamten Frauenwelt, nicht nur der seiner Partei, die bereitwilligste Auskunft und die besten Ratschläge.... Die Frauen aber, ob sie seinem Werk verstehend oder ablehnend gegenüberstehen, sollten nie vergessen, was Bebel für sie geleistet hat, er, der ihnen als Ver mächtnis hinterlassen hat:„Es gibt keine Befteiung des Menschen ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter." Die Gefelllchafterin. Der Kapitalismus hat eine Reihe von Berufen ins Leben ge- rufen, die nur auf seiner Herrschaft basieren und die schwinden müssen in dem Augenblick, in dem an seiner Stelle eine gesunde, lebensfähige Gesellschaftsordnung sich entwickelt. Zu diesen nicht lebensfähigen Berufen gehört der der Gesellschafterin. Alte, reiche Damen, meist Offiziers- oder Beamtenwitwen, die sich nach einem Leben voller Vergnügen ohne ernstes Lebensziel einsam fühlen und sich langweilen, brauchen eine Gesellschafterin, an der sie alle ihre Launen auslassen können, von denen sie tausenderlei kleine Dienst- leistungen verlangen und deren Lebenszweck darin bestehen mutz, das Leben ihrer Gebieterin so erträglich wie möglich zu gestalten. Die Gesellschafterin entstammt ebenfalls fast immer einer Militär- oder Beamtenfamilie. Sie hat die übliche Jnstitutsbildung ge- nassen, musiziert und malt ein wenig, tanzt vorzüglich One und Twostep und spielt auch sehr gut Tennis. Gewöhnlich hat sie den letzten Schliff in einem Pensionat der französischen Schweiz ge- nassen. Ausgerüstet mit allen Tugenden, die die Gesellschaftsfähig- keit der oberen Zehntausend ausmachen, wird die junge Dame„aus dem Stall geführt", s�st sie jung und hübsch, so fehlt es ihr nicht an Verehrern und Tänzern. Aber es sind nur Verehrer, keine Nehmer. Am Schluß des Winters verloben sie sich mit der Tochter irgend eines„Krämers", über die sie sich vorher lustig gemacht haben. Die Flamme vom Winter muß sehen, wie sie sich mit ihrem gebrochenen Herzen abfindet. Sie wird älter und aus den Ver- ehrern werden immer mehr Pflichttänzer, denn der Papa ist ein- flußreich. Schließlich bekommt er aber den Abschied und man zieht nach„Pensionopolis", irgendeiner kleinen Stadt, wo es von Exzellenzen und sonstigen hohen Tieren wimmelt, die alte über- ständige Töchter haben. Eine ernste Beschäftigung kennen diese nicht. Sie machen Handarbeiten oder brennen uno malen aller- Hand unnütze Gegenstände, die sie meist nicht verkaufen können. Ein anderer Gelderwerb gilt ftir nicht standesgemäß und so führen sie ein trotz Kaffeegesellschaften und Tennispartien unbefriedigtes Dasein. Da findet eine von ihnen ein Inserat in der„Kreuz- zeitung", durch das eine vornehme Beamtenwitwe ein nicht zu jun- ges Mädchen aus guter Familie als Gesellschafterin sucht. Pflich- ten werden nicht verlangt, dagegen wird die Stellung einer Haus- tochter zugesichert. Selbst dem Papa erscheint dies Angebot seiner hohen Stellung würdig. Er führt selbst die Korrespondenz, in der der Geldpunkt unerwähnt bleibt, nur ein Taschengeld sichert die Frau Geheimrat aus Berlin zu. Voller Hoffnungen reist die Ge- sellschafterin ab. Sie kommt in eine elegante Wohnung in Wil- mersdorf, in der sie allerdings nur ein kleines dunkles Hinter- stübchen neben dem Schlafzimmer der Frau Geheimrat eingeräumt bekommt. Dafür darf sie ja aber ani Tage die vorderen Pracht- räume benützen. Die Verbindungstür des Schlafzimmers muß nachts offen bleiben. Die Frau Geheimrat leidet an Schlaflosigkeit und muß dann jemand haben, mit dem sie sprechen kann und zwar gibt es keine Nacht, in der die Gesellschafterin nicht Pulver oder Tropfen mischen muß. Die Sehenswürdigkeiten von Berlin kann sie nie besuchen. Die Frau Geheimrat geht nur Sonntag für Sonn- tag zu Schulte, wo sich die vornehme Welt trifft. In der Woche werden vormittags Besorgungen gemacht, denn die Kinder, die in der Provinz verheiratet sind, wollen alles aus Berlin. Den an- strengenden Teil muß die Gesellschafterin übernehmen; sie muß durch die Läden hetzen, denn das Alleinsein verträgt die Frau Ge- heimrat schlecht. Nachmittags kommen ein paar alte Damen zum Tee, den die Gesellschafterin servieren muß. Ab und zu fährt man in den Grunewald, immer Len gleichen Weg, an dem sie jeden Baum und Strauch kennt; oder man geht zur Abwechselung in den „Zoo". Abends muß sie stundenlang vorlesen, Bücher, die sie in- und auswendig kennt; die aber dem geistigen Horizont der Fran Geheimrat entsprechen. Ab und zu besuchen die Damen Diners oder Abendgesellschaften, in denen es von verwitweten Exzellenzen und dergleichen wimmelt. Die Rolle der Gesellschafterin dabei ist nicht sehr amüsant. Statt einer muß sie zehn alte Damen be- dienen, darf nur sprechen, wenn sie gefragt wird und wird nicht als voll angesehen. Auch das Theater besuchen sie zuweilen, aber nur das Schauspielhaus, weil das das einzige ist, in dem man sicher ist, keine„unanständigen" modernen Stücke zu sehen. Auch in die Kürfürstenoper wird die Gesellschafterin mitgenommen und sieht dort zum fünften oder sechstenmal die Oper„Tiefland". Ihr bescheidener Vorschlag, ob man nicht einmal in das Opernhans gehen könnte, wird abgelehnt. Da spielt man immer Wagneropern, und die sind nichts für die Nerven der Frau Geheimrat. Ueber- Haupt spielen diese Nerven eine große Rolle in ihrem Leben. Nachts lassen die Nerven sie nicht schlafen, und sie kann nicht allein sein. Am Tage kann sie erst recht nicht allein sein, denn wenn sie so an- gegriffen ist, muß sie jemand um sich haben. Nicht einmal Sonn- tags kann die Gescllschaferin allein ausgehen, denn da ist es gerade „so langweilig" in Berlin. Köchin und Stubenmädchen haben das Recht, regelmäßig Sonntags— oder auch in der Woche abends aus- zugehen. Die vornehme Gesellschafterin beneidet sie manchmal. Sie darf ihren Posten nie verlassen. Nur nach dem Mittagessen kann sie eine Stunde für sich lesen oder schreiben. Da aber machen sich die gestörten Nächte geltend und sie schläft regelmäßig ein zum großen Erstaunen der Frau Geheimrat, die in dem Akter nie am Tage schlief. Das in Aussicht gestellte Taschengeld ist durchaus nicht fürstlich. Die Frau Geheimrat knausert gern, wo es nicht gilt, nach außen zu protzen. Zudem hat ja die Gesellschafterin ihrer Meinung nach den ganzen Tag nichts zu tun, sondern darf die Freuden Berlins umsonst genießen. Die Gesellschafterin wagt nicht zu opponieren, denn von Geld zu sprechen, ist za nicht vornehm. Aber die Geheim- rätin bemerkt ihr enttäuschtes Gesicht und meint etwas spitzig, es gäbe genug Damen aus guten Familien, die eine so gute, bequeme Stellung umsonst übernehmen würden. Auch auf Reisen darf die Gesellschafterin die Frau Geheimrat begleiten. Die Damen fahren erster Klasse und wohnen in den ersten Hotels. Aber eine Erholung sind diese Reisen für die Ge- sellschafterin nicht. Sie findet„keine Ruhe bei Tag und Nacht", denn die Frau Geheimrat hat immer wieder einen anderen Wunsch und versteht es, ihrer Gesellschafterin jede Freude an Kunst oder Naturgenuß gründlich zu stören. Dazu jammert sie so viel über die hohen Preise, sucht sich auf der Speisekarte die teuersten Ge- richte aus, da sie sich pflegen muß, paßt aber argwöhnisch auf, ob die Gesellschafterin auch nicht so anspruchsvoll ist. Diese wagt schließlich kaum noch, sich sattzuessen. Nach Hause schreiben will sie nicht. Sie schämt sich, daß gleich ihr erster selbständiger Ausflug ins Leben mit einem Fiasko enden soll. Zudem denkt sie mit Schrecken an die Atmosphäre der Langeweile und Beschränktheit, die sie auch dort erwartet. Wie ganz anders sie im Leben stehen könnte, wenn sie irgend etwas Nützliches gelernt hätte, daran denkt sie nicht. Ihre Brüder konnten einen Beruf ergreifen. Sie ist ja nur ein Mädchen, noch dazu ein Mädchen aus guter Familie. Immer klarer wird ihr, wie überflüssig sie eigentlich überall ist, und wie ihr das Leben nichts mehr zu bieten vermag. Sie wird stiller und stiller, und die Frau Geheimrat beklagt sich bitter bei ihren Bekannten.„Immer ist sie still und verdrossen und die geistige Anregung, die ich von Fräulein v. H. erwartete, ist gleich null," schreibt sie ihrer verheirateten Tochter.„Dabei fiihrh sie ein Leben wie eine Prinzessin." Endlich wird der Hausarzt, der häufig wegen der verschiedenen kleinen Leiden der Frau Geheimrat konsultiert wird, um Rat ge- fragt. Er macht ein ernstes Gesicht bei der Untersuchung der Ge- sellschafterin. Hochgradige Nervendepression stellt er endlich fest und rät zur Ueberführung in ein Sanatorium. Entsetzt � telegraphiert die Frau Geheimrat an den Vater ihrer Gesellschafterin und macht ihm eine Szene, daß man ihr zumuten konnte, einen kranken Menschen zu sich zu nehmen. Sich selbst mißt sie keine Schuld bei. Sie hat die Gesellschafterin wie ihre Tochter gehalten und ihr das Leben in jeder Beziehung so angenehm wie nur mög lich gemacht! Bekannte und Verwandte pflichten ihr bei.„Unglaub lich!" sagt ihr Schwiegersohn, der Leutnant.„Wie gut hat sie es gehabt, nichts zu tun, das gute Essen und Trinken und die schöne Wohnung und die Reisen gratis. Sogar Taschengeld hat sie noch bekommen. Wenn man denkt, was von einem Leutnant alle� verlangt wird für sein bißchen Gehalt." A. B. Veranstaltungen— Cagungen. Der Verein für Frauen nnd Mädchen der Arbeiterklasse ver- Lffentlicht sein Winterprogramm für 1913/14; Vorträge: Joh. Sassenbach, Wanderungen durch Italien(8. Sept.); Toni Breitschcid, Geschichte des Frauenwahlrechts<15. u. 29. Sept.); Dr. Wilh. Hausenstein, Napoleon I.(6. Okt.); Wally Zepler, Die Fran in der neuen Literatur<29. Okt. u. 3. Nov.); Robert Schmidt, Theorie und Praxis der Gewerkschaften<17. Nov.); Rob. Breuer, Die Malerei des Berliner Realismus<1. u. 15. Dez.); Friedr. Stampfer, August Strindberg<5. Jan. 1914); Frl. Dr. Whgodzinski und Frl. Böse, Körperkultur und Kleiderreform<19. Jan.); Rudolf Wissell, Jugend- fürsorge<2. u. 16. Febr.); Dr. Ernst Meyer, Die Seele der Fran nach der experimentellen Psychologie<2. März). Die Vorträge fallen stets auf einen Montag und finden 8Vz Uhr abends in Kellers Neuer Philharmonie, Köpenicker Str. 96/97, statt. Konzerte: Werke von Joh. Seb. Bach<21. September); von L. v. Beethoven <23. November); von Lifzt, Wagner und Strauß<28. Dezember). Die Konzerte beginnen Sonntag nachmittags 4 Uhr im Blüthner- Saal, Lützowstr. 76; Eintrittskarten 69 Pf. Ferner finden statt: eine Weihnachtsfeier am 29. Dezember, das 15. Stiftungsfest am 8. Februar in den Sophien-Sälen, Sophienstr. 17/18, und die Generalversammlung am 16. März in Kellers Neue Philharmonie.— Alle Veranstaltungen(Vorträge, Konzerte, Führungen durch Muscen usw.) werden regelmäßig am Donnersrag unter„Veranstaltungen" im all- gemeinen Teil des„Vorwärts" bekannt gegeben. Der Monatsbeitrag beträgt 29 Pf. Gäste Kuren in u.Co. konz. Laborat. i Blut- Untersuchung., Fäden i. Harn usw. Frlüdiicbslr, 81, Spr. 10—2, 5— 9, Sonnt. 11—2. Honorar mäftig, auch Teilzahl. Separates Daurenzimmer. sfrvi-t,<£ruiM Dr. Homeyer * Ohne jede Anzahlung Pianos < erstklassiges Fabrikat X vielfach prämiiert, u. a.: Berliner Gewerbe- Ausstellung 1896 Berliner Musik-Fachausstellung 1906 s.* Flügel md Harmoniums gegen kleine monatl. Teilzahlung. Für jedes Instrument gewähre ich langjährige Garantie. Conrad Krause neUi.**■«***' Eigenes Geschäftshaus. ß Tod u. Teufel Reichel'« Wanzen Reichel'« Schwefeen- Spezlal pulvcr..Poudre Martial". unfehlbar flchcr zur Schwabon-AuSroltuna PS. 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