Dr. S34. B0> Jahrg. Hbonnemcnts-Bcdlngungen: W-�afP��X �LNANkJE( Die Infertions- Gebühr «oimemmts. Preis prSnim>er--ndo: SO H �1 f tMbT �M\t/ Hl 19 H aU Ml/ I �4.. tehägtjüt die i-chzgesvaIt-»eNoI°ne'. «erteljährl. Z�so Mk, monatl. l.10 MI.. kW Wß« W WI//WWSW WM W ETJ Se>I° oder deren Raum W P,g„ für wöcheiiillch 28 Pfg. frei ins Haus. iW I.JUm\ W W W(aN W W W W W W f/ W j poNKsche und-ewe�schaftliche Vereins- Einzeln« Rümmer S Wg. Sonntags. F�B H BN BB VJ M M W HH M Un H M p— v/ und«er�!imI»ngs.Anzeigcn 30 P'g. Nummer mit illustrierter Sonntags. bj?WW I SB WD DW HM«W W>|Q OM Wj DW HB I /' �„ seitgedriicktc «eiiage.Die Neue Weif 10 Psg, Post- WWW\ b9|| W W W W W W W W LW � W Wort A(jutäffig 2 fettgedru-ttr «bonnenient: 1,10 Mark vro Monat. WW I W W> WU S9.>9. j�B Hfl HR Kj Rj Dorti)- jedes weitere Wort 10 Psg. Eingetragen in die Post.ZeiwngS.-'BB■H W W JB&\ JiMi MM» JB&Njdäx ttm W Stellengesuche und Schiasltellenaii. PreiSiisie. Unter Kreuzband für VW Wl W.�>U< WM>> MDfl�WW»�� MLW�HWe. W T/ Wi zeigen das erste Wort 10 Psg.. ,cd-z Deutschland und Oesterretch. Ungarn MW WUl JR\ // W!??«« Wort S Pfg. Worte über tb Kuch 2�0 Mark, für d-S übrig-«uSIand � � IX WBH>\ Z' W s taben zühlen für zwei Worte. Znserat- » Mark pro Monat. PostabonnementS- r—,-- 1/ MkX Bf&i h-r die nächste Nummer nMcn btS nehmen-N! Belgien. Dänemark, sQ1 /f X,__ Cs_ ▼/— a 5 Ute ttachmittagi ta iw Erpedttton Holland. Itallen. Luxemburg. Porwgal. dxl— ft �\\?0 abgegeben� werden. W- Expedition ist Wtmättien, Schweden und die Schweiz.-/ v_______ X X bis 7 Uhr abends geöffnet, Ls-«s-. ZentvuXovqnw der fozialdemokratffchcn Partei Deutfchlands. Rcdahtion: 6 Cd. 68, Lindcnatraasc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Sklaverei unterm Sternenbanner. (Von unserem New-Aorker Korrespondenten.) Vor fünfzehn Jahren okkupierten„wir" die Philippinen; durch ein 1902 erlassenes Gesetz übernahmen die Vereinigten Staaten die Verwaltung der fernöstlichen Inselgruppe, in deren Verfassung selbstverständlich eine Bestimmung auf- genommen wurde, die die Sklaverei und die Peonage— die gewaltsam erzwungene, unfreiwillige Dienstbarkeit, die sich von der Sklaverei dadurch unterscheidet, daß ihr Objekt(?son) im Gegensatz zum Sklaven keinen Handelsartikel bildet— verbietet; ebenso selbstverständlich ist dies ein toter Buch- stabe geblieben. Wird doch die Peonage in den Vereinigten Staaten südlich der Mason-Dixon-Linie von den Nachfahren der Sklavenbarone wie in West-Virginia und in Pennsylvanien von den Zechen geübt, ohne daß das gegen diese moderne Form der Sklaverei gerichtete Bundesgesetz bis jetzt ernsthaft zur Anwendung gebracht worden wäre. Die Verblüffung, welche über den dieser Tage eingelaufenen Bericht des Kommissärs Worcester in den parlamentarischen, wie in den Regierungskreisen der Bundeshauptstadt Washington zur Schau getragen wird, ist denn auch nicht echt. Das Bestehen der Sklaverei und daS Florieren eines ganz offen betriebenen Sklavenhandels waren schon längst„offiziell bekannt". Der Bundessenator Borah von Idaho, der vor sechs Jahren durch die gehässige Vertretung der frivolen Mord- anklage gegen Moyer und Haywood eine unrühm- liche Notorietät erlangte, aber seit seinem Eintritt in das Bundesparlament angesichts der Radikalisierung der öffent- lichen Meinung den sozialpolitisch empfindenden, entschiedenen Reformer mimt, setzte am 1. Mai d. I. im Bundessenat die Annahme einer Resolution durch, in welcher das Kriegs- Ministerium, dem die Verwaltung der überseeischen Besitzungen unterstellt ist, zur Auskunftserteilung über Bestehen resp. Nichtbestehen der Sklaverei auf den Philippinen aufgefordert wurde. Diese Auskunft liegt nunmehr in dem oben erwähnten Berichte des Ministers und Philippinenkommissärs Worcester vor. Allen eventuellen Angriffen auf seine Amtstätigkeit beugt Worcester vor mit dem Hinweis darauf, daß er das Kriegs- Ministerium schon in den Jahren 1910 und 1912 auf die auf den Philippinen bestehende Sklaverei aufmerksam machte. So ganz gelegentlich flicht Worcester ein. daß der damalige Generalgouverneur und nachmalige Präsident Taft schon im Jahre 1903 amtlich von dem Bestehen der Sklaverei und des Sklavenhandels unterrichtet wurde, aber(was bei diesem reaktionären Sachwalter jeglicher Unterdrückung und Aus- beutung nicht wundernehmen kann) nicht einmal einen Ver- such unternahm, Remedur zu schaffen. Nach der in jeder Einzelheit mit dokumentarischen Be- weisen belegten Darstellung Worcesters werden auf den Philippinen neben der Peonage die Sklaverei und der Sklavenhandel ganz offen geübt. Wie ftüher in Afrika, so werden auf den Philippinen noch heutzutage die Sklaven auf dem Wege deS Menschenraubes erlangt. Be- waffnete„Speditionen" dringen in die Gebiete der Heid- Nischen Negritos, Jfugaos, Manobos. Mandayas, Taghanuas und Filipinos wie der mohammedanischen Moros ein, rauben hauptsächlich Kinder, deren Eltern und erwachsene Angehörige sie niedermetzeln, und bringen sie in den christlichen Provinzen Palawan und Jsabella auf den Markt. Die Minderzahl der jugend- lichen Sklaven wird nach China verhandelt, angeblich um dort von wohlhabenden kinderlosen Ehepaaren adoptiert zu werden. Aber gleichviel ob die Sklaven nach dem heidnischen China verschachert werden, ob sie in den Provinzen Palawan und Jsabella bleiben oder ob sie nach der Hauptstadt Manila komnien; die erbarmende Nächstenliebe ber christlichen Menschcnräuber und der nicht minder christ- lichen Sklavenhändler äußert sich in der Vornahme der Taufe. Praktisches Christentum, das innerster Linie darauf bedacht ist, daß die Seelen der geraubten Sklaven ins Himmelreich ein- gehen, wenn die Körper unter Jier„liebevollen" Behandlung frommer oder ungläubiger Sklavenhalter dem Tode ver- fallen! Für jede Qualität hat die menschliche Ware einen festen Kurs. Der Preis schwankt je nach Geschlecht und Alter zwischen 40 und 360 Pesos(1 Peso---2,10 M.); am höchsten ist er für Mädchen von beginnender Geschlechtsreife. Den Satz„Kindlein, liebet einander!" scheinen die Frommen auf den Philippinen demnach recht sinnlich auszulegen und zu praktizieren. Mit dem„guten Beispiel" gehen die Würdenträger der übrigen Bevölkerung voran. So wurde dem Generalgouverneur Taft(1909 bis 1913 Präsident der Vereinigten Staaten) im Jahre 1903 amtlich gemeldet, daß der Gouvcr- neur Dichoso der Provinz Jsabella und dessen Schwiegervater Claraval eine Anzahl Sklaven hielten, die sie kurz vorher gc- kaust hatten. Dasselbe wurde von Silvcrs D. Cecilio. einem in der Philippinen-Hauptstadt Manila wohnenden Mitgliede der Assembly(gesetzgebende Korperschaft) festgestellt. Da er nicht anders konnte, ließ Taft des Scheines halber„Er- Hebungen" vornehmen, wobei der Sklavenhändler Agapito pch zu seinem traurigen Handwerk bekannte und die Schuld' Dienstag, den 9. September 1913. Dichosos wie Claravals erwiesen wurde. Taft las die Unter- suchungsakten, aber er unternahm nichts. Recht unglücklich ist die Art der Verteidigung, zu welcher die amtlichen Stellen ihre Zuflucht nehmen. Die Sklaverei, wird geltend gemacht, sei allerdings in der Verfassung der Philippinen verboten; aber die Philippinen-Assembly lehne hartnäckig die in Vorschlag gebrachten Ausführungsgcsetze, die erst die Strafen festsetzen, ab. Daher fehle es an einem Mittel, die Beobachtung des Verbots der Sklaverei zu er- zwingen. Nun erfolgte die erste Assembly-Wahl im Jahre 1907, während das Bestehen der Sklaverei schon längst vorher bekannt war. Von 1902 bis 1907 wurden alle Gesetze für die Philippinen, soweit nicht der Verordnungsweg beschritten wurde, von dem Kongreß der Vereinigten Staaten erlassen, der auch jetzt noch über die Philippinen-Assembly hinweg Gesetze beschließen kann. Sodann ist die Assembly nur für einen Teil der Philippinen zuständig, während die vom Präsidenten der Vereinigten Staaten bestellte Philippinen-Kommission über den Rest des Gebietes eine absolute Herrschast ausübt, soweit der Kongreß nicht besondere Beschlüsse faßt. Trotz alledem ist noch nichts Ern st Haftes zur Unter- drückung der Sklaverei geschehen. Dafür sind Demokraten wie Republikaner gleichmäßig vcrant- wortlich. Zwar sind die Demokraten erst am 4. März dieses Jahres nach sechzehnjähriger Unterbrechung wieder ans Ruder gekommen. Aber trotz der Worcesterschen Berichte von 1910 und 1912 beeilte sich die neue demo- kratische Kriegsexzellenz Garrison im April dieses Jahres zu beteuern, daß im Kriegsministerium von dem Bestehen der Sklaverei auf den Philippinen„nichts bekannt" sei. Die humanen Redensarten, mit welchen die Vereinigten Staaten die„Befreiung Kubas und der Philippinen von dem spanischen Joche" rechtfertigten, waren eftel Humbug. Unseren imperialistischen Kolonialenthusiasten war eS lediglich ums Geschäft zu tun. Solange die Sklaverei für unsere Dividenden- schlucker vorteilhast ist, wird sie nicht abgeschafft. Dafür reden „wir" um so mehr und um so überzeugter von Humanität, wahrem Christentum und echter Kultur. Line Kundgebung des Dubliner Proletariats. Loudou, 8. September.(Privattelegramm des „Vorwärts".) Das Dubliner Proletariat hielt gestern eine Riesenversammlung in der O'Connel Street ab, um zu den jüngsten Ereignissen Stellung zu nehmen. Es war ein machtvoller Protest. Drei Tribünen waren in dieser breitesten Straße Großbritanniens aufgestellt worden. Außer den Delegierten des britischen GeWerk- schaftskongresses sprachen noch der Sekretär der britischen Arbeiterpartei H e n d e r s o n und die Parlamentarier Barnes und Roberts. Die angenommene Resolution tritt für die Versammlungs- und Koalitions- f r e i h e i t ein und verlangt eine' soforsige und unab- hängige öffentliche Untersuchung der polizeilichen Ausschreitungen. Die Versammlung verlief in musterhafter Ruhe und Ordnung. Die Polizei war abwesend. Ein irischer Redner kennzeichnete die Situasion mit epigram- matischem Witze mit den Worten:„Vorigen Sonntag herrschte der Knüppel ohne Verstand, heute herrscht der Verstand ohne Knüppel". In Großbritannien fanden gestern überall Ver- sammlungen statt, in denen gegen das Polizeiregiment in Dublin protestiert wurde. In Schottland allein wurden hundert solcher Versammlungen abgehalten. Der Kekhsverein der liberalen Melter und flngeltellten und die Fortfcbrittliche Uolkspartei. AuS Halle wird uns geschrieben: Um eine gewisse Rückenstärkung zu gewinnen und ihre spür- lichen Truppen zu vermehren, haben die Fortschrittler im vorigen Jahre in Leipzig den Reichsverein liberaler Arbeiter und An- gestellten gegründet; aber so kurz auch erst dieser Berein existiert, haben sich doch schon allerlei Differenzen zwischen ihm und der Parteileitung der Fortschrittlichen Volkspartei ergeben. Dafür er- brachte der erste Delegiertentag des Reichsvereins, der am Sonn- abend und Sonntag in Halle tagte, deutliche Beweise. Wohl ! wurde der Delegierlentag vom Vorsitzenden der Volkspartei, Abg. Wiemer. sehr väterlich begrüßt, aber schon im Geschäftsbericht, den der Schriftführer, Ingenieur Wilhelm, gab, wurde be- dauert, daß die Fortschrittliche Partei e« abgelehnt hat, einen Vertreter des ReichsvereinS liberaler Arbeiter und Angestellten in ihren Zentralausschutz aufzunehmen I Und der Berichterstatter fügte spöttisch hinzu, daß, solange die ZentralauSschutzmitglicder auf eigene Kosten zu den Sitzungen nach Berlin fahren niüssen, wohl ni e e i n A r b ei t e r i n d ie Z e n tr all eitun g der Fort» schrittlichen Bolkspartei hineinkommen werde! Auch darüber, daß die Volkspartei nicht zu Srbeiterkandidatnren Expedition: SM. 68, Lindcnetrasee 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1984. —— g———————O bei den Parlamentswahlen zu bewegen sei, erhob der Berichterstatter nachdrücklichst Beschwerde, wofür er den starken Beifall der Dele- gierten erntete. Er betonte wörtlich: Die Zentralleitung sei hieran nicht schuld, aber die Parteifreunde im Lande hätten immer noch eine Gänsehaut davor, einen Arbeiter oder Ange st eilten aus den Schild zu heben. So seien denn nur in aussichtslosen Wahlkreisen Kandidaten auS unserer Vorschlagsliste aufgestellt worden. In der Diskussion wurden diese Beschwerden nachdrucklichst unter- stützt und aussichtsreiche Wahlkreise für die Arbeiterkandidaten ver- langt. Ein Redner aus Breslau enthüllte sogar die liebliche Tatsache, daß bei der letzten Landtagswahl der Vorsitzende der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, G 0 l d s ch m i d t, von den leiten- den Personen absichtlich zu spät davon unterrichtet worden sei, daß er als Kandidat aufgestellt werden sollte. In- zwischen hatte er in Oberbarnim eine Kandidatur angenommen und kam daher für den aussichtsreichen Breslauer Kreis nicht mehr in Frage. Dort wurde ein s e l b st ä n- d i g e r Tischlermeister dazu gedrängt, sich aufstellen zu lassen. Ueber die Beziehungen zwischen dem Reichsverein der liberalen Arbeiter und der Fortschrittspartei verriet auch der Kassenbericht, der nur mündlich gegeben wurde, allerlei Bemerkenswertes. In den Gesamteinnahmen von 6700 SR. sind nur 1800 M. Beiträge der Ortsgruppen enthalten, 232 SR. haben einige„unterstützende" Mitglieder(Geldleute) und 200 M. Einzelmitglieder aufgebracht. Die Haupt summe. 3000 M., hat die Parteileitung hergegeben, und 273 M. sind noch von örtlichen Parteivereinen an den Reichsverein gezahlt. Also ganze 3273 M. haben sich die Fortschrittler, die Partei der Bank- und Börsenleute, im letzten Jahre die Agitation zur Werbung liberaler Arbeiter als Mitglieder kosten lassen. Daß daraus keine besondere Wertschätzung des Arbeitervereins spricht, wird jeder, der etwas von AgitationSkosten versteht, ohne weiteres zugeben. Der Erfolg war denn auch dem- entsprechend. In 84 Ortsgruppen zählt der ReichSverein liberaler Arbeiter und Angestellter ganze 3382 Mitglieder. Da die Hirsch- Dunckerschen Gewerkvereine 110 000 Mitglieder zählen, die unter liberaler Flagge segelnden Handlungsgehilfenveibände(Sitz Leipzig, Hamburg und Frankfurt) insgesamt fast 200 000 Mitglieder haben, und die Techniker, Werkmeister, Eisenbahner, weibliche Angestellte usw. auch noch mit über 100 000 aufwarten, so mutz man sagen, daß der An- fang deS Reichsvereins recht kläglich ist l BS müssen sich ja noch nicht einmal die Funktionäre der Verbände und Gewerkvereine dem Reichsverein angeschlossen haben, ein Beweis weitgehender politischer Indifferenz und sehr geringer Opferftendig- keit der„liberalen" Arbeiter und Angestellten. Aber so gering diese Opferbereitschaft auch ist, dem Führer der Liberalen, Abg. Wiemer, schien sie doch noch größer zu sein, als die des Bürgertums.„In wohlhabenden Kreisen," so erklärte er wörtlich,„ist noch viel weniger Opferwillig- keit vorhanden." Und er fügte das interessante Geständnis hinzu, daß man auch in Zukunft nicht viel für die Agitation deS liberalen Arbeitervereins her- geben könne,„denn bei dergentrale der Fort- schrittspartei sind die Gelder recht knapp". Er könne deshalb hier nichts versprechen! I Die Wahlkosten ver- schlängen alles. Er habe unter der Hand gehört, daß die Nationalliberalen ganz erschrocken seien über die Höhe der Wahlkosten der Nachwahl in Ragnit-Pillkallen. Er wisse nicht, wo- hin daS noch führen soll. Bezüglich der von ihnen verlangten Vertretnng im ParteiauSschuß erteilte der Abg. Wiemer den Arbeiterdelegierten eine erneute runde Absage, indem er erklärte, darüber müsse erst der nächste Parteitag beraten. Trotz dieser Ausführungen wurden mehrere Anträge angenommen, die ausdrücklich eine weitergehende Berücksichtigung der Wünsche deS Reichs- Vereins liberaler Arbeiter und Angestellter in der Partei fordern. Ein charakteristisches Geständnis liberaler Schwammigkeit wurde von den gesamten leitenden Personen bei der Beratung eine» An- tragS auf Ausarbeitung eines kommunalpolitischen Programms abgelegt. Der Antrag wurde vom Borstand des Reichsvereins sowie vom Abg. Wiemer bekämpft, da ein einheitliches liberale? Kommunalprogramm un- möglich sei; die Verhältnisse seien in den einzelnen LandeSteilen zu verschiedenartig.— DaS ist daS offene Eingeständnis der völligen Ohnmacht der fortschrittlichen Parteileitung gegenüber den reaktiv- nären Taten, die sogenannte Fortschritrler sich fortgesetzt in den Stadtverwaltungen zu schulden kommen lassen. Die Fortschritts- Partei lehnt es ausdrücklich ab, den liberalen WahlrechtSverrätcreien und der reaktionären Polizeiwirtschaft so mancher auchliberaler Stadtverwaltungen einen programmatischen Damm entgegenzusetzen. Bei solcher Art der Beschlüsse war es eine treffende liberale Selbstkritik, wenn am zweiten Verhandlungstage der württembergische Landtagsabgeordnete Fischer in seinem Referat über die politische» und kulturellen Aufgaben des Liberalismus den Satz prägte: Daß er nicht genug für die kleinen wirtschaftlichen Sorgen des Volkes, speziell auch der Krauen und Jugendlichen getan hat, daS hat den Liberalismus lahm erscheinen lassen. Zum Schluß hielt der bekannte Privatdozent Dr. Oppen« h e i m e r den Delegierten einen mit starkem Beifall aufgenommenen Vortrag, in dem er sein bekanntes Steckenpferd ritt und nachzuweisen suchte, daß der Großgrundbesitz die ganze Schuld am sozialen Elend trägt. Sei erst einmal der Großgrundbesitz aufgeteilt, dann habe man den liberalen Z u k u n f t S st a a t. Er fand auch sehr radikale Worte der Kritik gegen daS heutige soziale Elend und begrüßte die Tagung der liberalen Arbeiter, da er von diesen erhofft, daß sie da« faulund feig gewordew« Bürgertum vor- wärt« drängen werde«. Die radikalen Tön« Oppenheimers fielen den anwesenden Ab- geordneten sehr auf die Nerven. Keiner von ihnen äußerte sich dazu. Sie wollten sich nicht vorwärts drängen lassen. Daß die liberalen Arbeiter in dieser Hinficht bei ihren auchliberalen Parteiführern nicht viel Glück haben werden, ist selbstverständlich. Und sollten fie wirklich einmal gar zu stürmisch werden, dann Ivird man ihnen die Alimente ganz entziehen. felnSe der Kslienheere. Uns wird geschrieben: Die interessanten Ausführungen Ihrer Artikelserie„Ein Feind der Massenheere" veranlassen mich, Ihre Aufmerksamkeit auf zwei weitere Feinde der Massenheere zu lenken, die zwar beide schon tot, deren Autorität auf dem Gebiete des Militarismus aber kaum bezweifelt werden dürfte. Als die Rüstungstreiber anfangs der neunziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts wieder einmal die Schlagfertig- keit des deutschen Heeres anzweifelten, hielt Herr v. C a p r i v i am 27, November 1891 im Reichstage eine Rede als Antwort auf diese Hetze, indem er ausführte: .Man hat in der Welt sich jetzt vielfach gewöhnt, Armeen nach ihrer Zahl einzuschätzen. Das ist auch wieder für Zeitungs schreib« und Leser ein bequemes Mittel. Es rechnet da einer vor: die Franzosen haben B 400 000 Mann und Ihr habt 4 500000 Mann, folglich seid Ihr schwächer als die Franzosen, folglich beunruhigt Euch."(Heiterkeit.).So liegt die Sache nun doch nicht. Für die Leistungen einer Armee wird im Anfang eines Krieges immer die Qualität und nachher erst die Quantität d« Truppe da« Entscheidende sein. Und erst wenn der Krieg zur B«teidigung des eigenen' Bodens in die Länge gezogen wird, dann wird auch die Quantität der Truppe nach und nach zur Geltung kommen. Ich glaube nicht, daß unter den lebenden Heerführern einer da ist, der im« stände wäre, diese Massen, mit denen zu rechnen man sich jetzt gewöhnt hat, zu ernähren, zu be« wegen und zu gemeinsamem Schlagen zu bringen. Da« ist bei solchen Zahlen ausgeschlossen. Es hat also diese Zahl an fich, selbst wenn fie aus lauter guten Soldaten zusammengesetzt wäre, ihr Bedenkliches. Es ist also dieses Rechnen mit den Zahlen nicht ganz unbedenklich, und man empfindet das nicht bloß bei uns, sondern auch in Frankreich. Man hat den Ausdruck dafür gefunden: la rage des nombres, die Zahlenwut. Ich meine also, wenn ein deutscher Zeitungsleser nun in seinem Leibblatt liest, daß an anderen Stellen mehr Soldaten aufgebracht werden, so hat er keinen Grund sich zu beunruhigen.---* Diese sehr vernünftigen Ausführungen des Reichskanzlers und Jnfanteriegenerals haben ihn natürlich nicht gehindert, anderthalb Jahre später eine Erhöhung der Friedenspräsenz um 84 000 Mann zu verlangen. Eine andere Persönlichkeit, die auch heute noch bei allen Patentpatrioten in hohem Kurs steht, der Großvater W i l h e l m H, hat 1857 als Prinz von Preußen seine Militär- polltischen Ansichten in einer Denkschrift zusammengefaßt, worin folgender Ausspruch vorkommt: .AllndingS hört man oft den Ausspruch, eigentlich müßten alle Waffenfähigen ausgebildet werden. Doch niemand scheint die not- wendige Konsequenzen dieses Satzes in seine Berechnungen gezogen zu haben. Nämlich wie stark müßte die Arme« werden, und welche enormen, dem Lande gradezu unerschwing« lichenKosten müßte sie machen, wenn alle Waffenfähigen auch eingestellt würden I"> Was würde dieser Nationalheillge wohl heute sagen? Und noch eines ist interessant. Die Zitate sind einem Wahlbüchlein entnommen, daS, von Eugen Richter der- faßt, 1893 erschien. Zwanzig Jahre später haben die Erben Richters die ungeheuerliche Wehrvorlage der Regierung ohne Besinnen und Bedenken apportiert. Fortschrittliche Ent- Wicklung?_ Preußischer aohnungsgeietzentwurf und Städtetag. Mit dem Wohnungsgesetzentwurf wird sich ein außerordentlicher preußischer Städtetag. der Anfang Oktober in Breslau zusammen« tritt, beschäftigen. Daß der Entwurf, ebenso wie der vom Jahre 1904, in den Kreisen der Städtevertreter lebhasten Bedenken be« gegnet, ergibt sich aus der vom Vorstande deS Städtetages be- arbeiteten Denkschrift, die eS zwar dankbar begrüßt, daß die Regie- rung durch Vorlegung des Entwurfs.ihre Fürsorge für das wichlige Gebiet des Wohnungswesens betätigt hat", aber so zahlreiche Ein- Wendungen erhebt, daß man wohl nicht fehl geht in der Annahme, daß ein Scheitern des Gesetzes den Magistratsvertretern nicht gerade unangenehm wäre. Die Denkschrift wendet fich zunächst gegen das Bestreben der Regierung, wichtige Rechte der Städte durch staatspolizeiliche Zu- ständigkeiten zu ersetzen. ES wird darauf hingewiesen, wie manche Städte gerade in der Bodenpolitik, die von der Wohnungspolitik untrennbar ist, vor unlösbaren Schwierig- keiten stehen. Die Schuld daran trage nicht die einzelne Stadt, die in Notwehr handle, weil fie gegenüber dem wirtlichen Stand der Entwicklung ein künstlicher Ausschnitt aus einer Wirtschaftseinheit sei, sondern der Staat, der dem Streben der Gemeinden, diesem Zu- stand abzuhelfen, hinderlich sei. Auch der neue Entwurf ändere daran nichts, er lasse die Städte in ihrer Entwicklung eingekeilt, nehme ihnen aber ihre bisherige Zuständigkeit und stelle ihre ganze Bodenpolitik unter polizeiliche Leitung. Zur Begründung führt der Entwurf aus, auf die rechtliche Möglichkeit für die Staatsbehörden, die Festsetzung geeigneter Bebauungspläne zu erzwingen, könne nicht verzichtet werden mit Rückficht auf den den HauS- besitzern in den Gemeindevertretungen eingeräumten Einfluß. Mt Recht nennt die Denkschrift diese Begründung eine verwirrende Schlußfolgemng und fügt hinzu:.Wenn die gesetz- gebenden Organe meinen, daß daS Hausbesitzerprivileg schädlich wirke, dann ergibt fich für sie als logischer Schluß der Vorschlag. diese« Privileg aufzuheben oder abzuändern, nicht aber der Vor- schlag, dieses Privileg zu belassen und wegen des Privileg» die Zu- ständigkeit der Stadt einzuschränken." Ganz unserer Meinung, nur hätten wir gewünscht. daß der Vorstand de3_ Städtetage« die Konsequenz gezogen und mit Rückficht aus die tatsächlich vorliegende schädliche Wirkung des HauSbefitzerprivilegS neben seinen anderen AenderungSvorschlägen auch den auf Beseittgung dieses durch nich,s begründeten Vorrechts gemacht hätte.„„...... Einverstanden find wir mit dem Vorstand des Stadtetagefl m der Forderung der grundsätzlichen Uebertragung der Baupolizei und der Wohnungspolizei auf städtische Organe. Dagegen können wir ihm darin nicht beipflichten, daß die Städte es seit 1904, seitdem der erste preußische Wohnungsgesetzentwurf mit durch ihren Widerspruch zu Fall kam. an Bemühungen rm Gebiet der Wohnungsfrage nicht haben fehlen lassen. Gewiß'It hier und da— meist auf Drängen sozialdemokratischer Gemerndevemet«— daS eine oder andere geschehen, aber wieviel Städte find es denn, die durch Förderung des Realkredits, durch Erleichterungen für den Kleinwohnungsbau, durch Einführung von Wohnungsinspektionen, durch Aufftellung vernünftiger Bebauungspläne, durch Verkehr« verbesierungen und ähnliche Maßnahmen das Wohnungselend zu mildern sich bemüht haben, ganz zu schweigen von weitergehenden Maßnahmen, die in der Betreibung einer von sozialen Grundsätzen geleiteten Bodenpolitik oder in der Erstellung von Wohnungen für den minderbemittelten Teil der Bevölkerung zu erblicken sind? Wenn der Vorstand des Städtetages an die in Aussicht genommene Bearbeitung des bezüglichen Materials geht, dann wird er selbst sehen, wie herzlich wenig geschehen ist und wie ungeheuer viel zu tun noch übrig bleibt. Im einzelnen enthält die Denkschrift manche Vorschläge, deren Verwirklichung eine Verbesierung des Wohnungsgesetzentwurfs be deuten würden, die aber wohl gerade deshalb wenig Aussicht auf Annahme haben dürften. Auf sie alle einzugehen, würde zu weit führen. Es handelt sich im wesentlichen um Vorschläge, die darauf hinauslaufen, die Rechte der Städte unangetastet zu lassen. Soweit es sich dabei um unangebrachte Eingriffe in das Selbstverwaltungs recht handelt, stehen wir auf feiten der Verfasier der Denkschrift, so z. B. bei dem Bestreben, zu verhindern, daß die Wohnungsämter aus der städtischen Aemterverfassung herausgehoben und der Wohnung« aufsicht der Charakter einer polizeilichen Einrichtung gegeben werden soll. Andererseits können wir den Widerstand des Vorstandes des Städte tages gegen die Absicht, den Städten daS Recht zum Bauverbot an nicht fertig hergestellten Straßen zu nehmen, nicht begreifen. Tab sächlich ist mit diesem Recht Mißbrauch getrieben, tatsächlich haben manche Städte auf Grund dieses Rechts die Herstellung kleiner Wohnungen verhindert oder erschwert in dem Bestreben, nur besonders steuerkräftige Mieter heranzuziehen. Die Denkschrift gibt das ja auch zu. nur behauptet fie, daß die Fälle nicht zahlreich sind und sich ausschließlich auf solche Städte beschränken, die in Notwehr handeln, weil fie nur noch einen künstlichen Ausschnitt einer Wirtschaftseinheit darstellen. Die Denkschrift exemplifiziert auf Berlin und fügt hinzu:.Wenn einzelne Berliner Vorortgemeinden nicht dafür sorgen, daß sie auch kräftige Steuer zahler bekommen, so müssen fie finanziell einfach zusammenbrechen." An sich ist dieser Satz richtig, nur darf man, wenn man Wandel chaffen will, nicht am verkehrten Ende anfangen. Man sorge, wie es von sozialdemokratischer Seite von jeher betont ist, für die Schaffung eines einheitlichen kommunalen Gebildes Groß-Berlin, ei es durch Eingemeindungen großen Stils, sei es durch Erweiterung der Zuständigkeiten des Zweckverbandes. Nicht aber behalte man eine gesetzliche Bestimmung bei, die die Gemeinden veranlaßt, einen wilden Konkurrenzkampf zum Schaden ihrer Bürger gegeneinander zu führen._ politifcbe Qeberlicbt. Alldeutscher Verbandstag. Die Alldeutschen tagten am Sonnabend und Sonntag in Breslau. Hauptredner waren natürlich wieder die Claß, Keim und Liebert. Herr Claß konstatierte das kostspielige Fiasko der österreichischen Balkanpolitik, deren Folgen die Deutschen hüben und drüben durch vermehrte Rüstungen tragen müssen. Aber die österreichischen Deutsche bürgerlichen waren ja die begeisterten Stützen dieser Politik! Dann verlangte Herr Claß, daß die deutschen Rüstungen endlich verwendet werden, um aus England loszuschlagen. Die Verbesserung de« Verl hältnisseS zu England ist ihm ein Reinfall der Regierung, und der Landhunger müsse die energische Tat gebären.— Der Redegeneral und vollkräftige Pensionsempfänger Keim machte dem deutschen Volk die angenehme Mitteilung, daß die neueste Heeresvorlage eben nur eine, aber lange nicht die letzte Rüstung« Vermehrung ist, denn Frankreich rüste, Rußland auch. Dann ver- langt Herr Keim Militarisierung der Jugend und der Reservisten. Zur Welfenfrage forderte man den absoluten Verzicht der Cumberländer und Rathenower auf Hannover als Vorbedingung der Thrönchenbesteigung in Braunschweig und reichsgesetzliche Regelung der Thronfolge in allen Bundesstaaten.(Ein Reichsgesetz, da« be- ägen würde:„Auf die jetzigen Throninhaber folgt kein anderer mehr l" wäre die beste Lösung I) Ferner protestierte man gegen den Skandal der Fremdenlegion, und hier forderte ein Pfarrer Reuß- Hamburg Bildung einer deutschen Kolonial-Soldtruppe. damit sich die deutsche Abenteuerlust wenigstens als Kulturdünger für deutsche? Kapital national betätigen kann! Den Hauptgegenstand der Beratung bildete das Thema:.Die Polnischen Fortschritte und der Abbau der preußi- schen Polenpolitik". Der Pfarrer Friedland aus Bromberg referierte darüber. Er erzählte, der Balkanlrieg hätte die polnischen Hoffnungen auf Wiederaufrichtung des Polenreichs bis ins maßlose gesteigert. Unter den Segnungen preußischer Kultur habe daS einst so verkommene polnische Volk große Fortschritte gemacht. So- wohl in der Landwirtschaft, wie in Industrie und Gewerbe verdrängten die Polen die Deutschen. Zu den früher vorhandenen 24 Parzellierungsbanken seien sieben neue hinzugekommen. Durch polnische Pressebureaus würden die französischen, italienischen und englischen Zeitungen mit deutschfeindlichen Artikeln versorgt. Leider ließe das Verhalten der preußischen Staatsregierung in den letzten Jahren den Schluß zu, als solle die gesamte preußische Polenpolitik allmählich abgebaut werden. Die Ansiedelung«- tätigkeit versumpfe, 1912 seien nur 61 neue Bauernstellen geschaffen worden, während jährlich eintausendfünfhundert Neu- siedelungen erforderlich seien, damit die Vermehrung der deutschen Bevölkerung auch nur Schritt halte mit der polnischen Bevölkerungs- steigerung. Die Verantwortung für all das trage der Reichskanzler, dessen einst dem Ostmarkenvcrein so manneskühn zugedrahtctes „Nirnquam retrorsum" heut die Bedeutung:„Niemals zurück zum Bismarck-Bülowkurs" erhalten zu haben scheine. Aber auch der Landwirtschaftsminister und der neue Oberpräsidcnt der Provinz Posen seien an der neuen VersöhnungSära schuld, die noch trauriger enden werde als die Aera Caprivi. Nach langer Erörterung wurde folgende Entschließung gefaßt: „Der Alldeutsche VerbandStag fordert von der Preußischen Staatsregierung die Rückkehr zu der bewährten Bismarck-Bülow- schen Ostmarkenpolitik. Die Lösung der Nationalitätenfrage im Sinne des Deutschtums innerhalb der Ostmark ist nur möglich, wenn 1. durch eine ausgedehnte Bauernansiedelung die deutsche Unter- schicht aus dem Lande vergrößert und dami: auch dem städtischen Deutschtum eine festere und breitere Grundlage gegeben wird; 2. durch daS endlich zur Verabschiedung zu bringende ParzellierungS- gesetz der Vermehrung deS polnischen KleingrundbefitzeS ein Riegel vorgeschoben wird; 8. daS EnteignungSgesctz vom Jahre 1908 in wirksamer Weise zur Anwendung gebracht wird, damit der An- siedelungskommisfion durch Enteignung polnischen Großgrund- besitzeS für längere Zeit genügender Landvorrat zur Befiedelung bereitgestellt wird." In seiner Schlußrede feierte der Vorsitzende Rechtsanwalt Claß-Mainz die Verdienste Preußens um die staatliche Zusammen- fassung des deutschen Volkes. Da« Schicksal aller Deutschen auf der Erde sei mit dem des Deutschen Reiches untrennbar verbunden, da« Deutsche Sieich aber ruhe auf Preußen« Wacht' und Gesundheit. Gerade die nichtpreußischen Teilnehmer de« Alldeutschen Berbandstages find sich klar, daß von der inneren Ge- sundheit des preußischen Staates das Schicksal der deutschen Zukunft im wesentlichen abhänge. Der Redner schloß mit dem Ruf:„ES leb e Preuß en!'_ Zum Wahlrechtsraub in Altona wird uns in Ergänzung unserer Mitteilungen vom Sonntag ge» schrieben: Außer Einführung der Bezirkswahlen verlangt der Altonaer Magistrat eine Vermehrung der Stadtverordneten« Mandate von 35 auf 42. Mit Ablauf jeden Jahres sollen sieben Stadtverordnete ausscheiden. Danach tritt also erst nach sechs Jahren eine vollständige Erneuerung de? Stadtverordneten- kollegiums ein. Eine genauere Betrachtung der Bezirkseinteilung zeigt, mit wie außerordentlich großem Raffinement der Magistrat die Wahlkreis- geometrie vorgenommen hat. Ilm die sozialdemokratische Mehrheit ins Hinlertreffen zu bringen, hat man zwei Bezirke aus reinen Arbeitervierteln zusammengesetzt. Die übrigen drei Bezirke wurden dann so gestaltet, daß die Villenviertel und die Wohnquartiere deS „besseren" Bürgertums immer gerade die Arbeiterviertel überwiegen. Legt man die Resultate der Stadtverordnetenwahl vom Jahre 1912 zugrunde, so würden die Bürgerlichen mit einer durch- schnittlichen Mehrheit von 600 Stimmen drei Bezirke �gewinnen, die Sozialdemokraten mit einer durch- chnittlichen Mehrheit von 1200 Stimmen zwei Bezirke. Und das, trotzdem die Sozialdemokraten im vorigen Jahren wo die Stadt einen Wahlbezirk bildete, einen Gesamt-Simmen- Überschuß von 500 Stimmen hatte I Die Furcht vor der Sozialdemokratie ist es, die den Magistrat und die kommunalen Vereine von Altona-Ottensen zu diesem infamen RechtSraub getrieben hat. Ganz offen wird das zugestanden. Der RechtSraub ist um so empörender, als ohnehin durch den jetzigen Zensus von 1200 M. schon über 20000 Arbeiter vom K o m m u n a l w a h lr e ch t aus« geschlossen sind. Die Erbitterung unter der Arbetterschast Altonas ist außer- ordentlich groß. Sie wird den Magistrat lehren, daß auch seine reaktionäre Politih möge fie mit noch so raffinierten Mitteln ge» trieben werden, einmal ein Ende haben muß. Verschärfung der Kontrollversammlungen. Im Anschluß an das grausame Erfurter Reservisten-Urteil ift in vielen Blättern die Forderung erhoben worden, mit der zwecklosen Unterstellung der Kontrollpflichtigen unter die Militärgerichtsbarkeit während des ganzen KontrolltageS Schluß zu machen. Diese ver- nünftige Reform ist den Militaristen ein Dorn im Auge, da mau aber die Unzuträglichkeiten des bisherigen Systems nicht leugnen kann, schlägt die„Schles. Zteitung" vor, die Kontrollpflichtigen den ganzen Tag mit militärischen Dingen zu beschäftigen. Sie sollen soldatische Uebungen machen, militärische Vorwäge anhören und in ihrem Wirtschaftsbesuch militärisch kontrolliert werden. Das sei eine Folge der Vermehrung der Wehr- und Kontrollpflichtigen und der beste Schutz gegen die jetzige Abschwächung des militärischen Geiste«- Die Militärverwaltung soll es nur mit diesen Vorschlägen ver- suchen, die Sozialdemokratie kann fich gar nichts Besseres wünschen. Der Seelenmord des Militarismus. DaS Bluturteil von Erfurt, das auch in seiner qt*- milderten Form noch immer furchtbar ist, hat eine bestimmte Seite de» Militarismus beleuchtet, die uns nie aus den Gedanken kommen darf. WaS für einen Sinn sollte eS wohl haben, Volksgenossen, die dem Militärdienst längst entwachsen find, am Tage der Konlrollver- sammlung unter die barbarische Härte der Militärgesetze zu stellen, wenn nicht eben den. die sklavische Unterwürfigkeit deS Heeres so weit wie möglich auf daS gan�e Volksleben auszudehnen. Demselben Zweck dienen die„Krregervereine", die den so- genannten„militärischen Geist" pflegen wollen, und im übrigen wird durch Militärboykott in fröhlicher Weise nachgeholfen, wenn einmal ein Gewerbetreibender aufsässig sein sollte. Die wirtschaftlichen Opfer, die der Militarismus dem Volke auf- erlegt, find ungeheuerlich. ES ist aber immer noch die Frage, ob die Opfer an Blut und Seele, die er alljährlich frißt, nicht eben. so schlimm sind. Die preußischen Junker möchten am liebsten da? ganze Deutschland in einen großen Kasernenhof verwandeln, auf dem da»; Volk von ihren Söhnen angeschnarrt wird. Da daS aber immerhm nicht geht, wird die militärische Sklaverei bei jeder nur mögliche»; Gelegenheit auf das Volk ausgedehnt und vor allem wird dem Soldaten selber jede freie Regung der Seele gemordet. Wenn man überlegt, daß früher die dreijährige Dienst» zeit allgemein war und daß fie heute noch bei bestimmten Truppen- .Gattungen besteht; wenn man ferner überlegt, daß die Söhne de»; Volkes in einer sehr entwicklungsfähigen Jugend vom Heere auf- genommen werden, schaudert man vor dem organisierten Seelenmord zurück, der hier Jahr für Jahr an der nationalen Jugend begange» wird. Nicht einmal das ursprünglichste aller Rechte, das ganz vo«j elber überall in der Schöpfung gilt und das von einem bürger»i lichen Gericht auch dem verkommensten Menschen nicht abgesprochen.? werden könnte—, nicht einmal das Naturrecht der Notwehr! wird dem gemeinen Soldaten gelassen. Wenn er von einem, adistischen Unteroffizier mißhandelt wird, hat er keines- Wegs das Recht, den Burschen mit der Klinge nieder«! zuschlagen, sondern muß sich zunächst mißhandeln lassen. Damit ist ihm allerdings der letzte Rest der menschliche» Würde genommen. Man kann die Rechtlosigkeit gar nicht schärfer zum Prinzip erheben, als indem man dem Soldaten da» Recht der Notwehr nimmt, das von jedem Tier als unmittelbar vorhanden empfunden und ausgeübt wird. Nach der Militärzeit aber wird der Soldat in eine„bürgerliche" Welt entlassen, die von einer mit seinen militärischen Vorgesetzten eng vervetterten feudalen Bureaukratie beherrscht wird und in der ein militärisches Abhängigkeitsgefühl immer wieder aufgesri;cht wird. Vielleicht nicht die gefährlichste, wohl aber eine der aufreizendsten Auffrischungen dieses Abhängigkeitsgefühls sehen wir in der Tat» ache, daß man es wagt, den deutschen Bürger am Tage der Kontroll», Versammlungen unter die Militärgesetze zu stellen. Der Schrei nach dem Znchthausgesetz. Die„Kreuz-Zeitung" kommt in ihrem sonntäglichen Wochen- rllckblick zu scharfen Angriffen auf die Nationalliberalen, weil sie fich noch immer nicht entschließen wollen, ihre Zustimmung zu einem Gesetze zu geben, das den sogenannten„Schutz der Arbeitswilligen' bezwecken soll. Da» konservative Blatt stellt dieses Bestreben in Parallele mit der Abänderung deS Militärstrafgesetzbuches und führt dazu aus: Dort war die ReichStagSmehrheit sofort zur Hand, um ein paar' Radaumacher vor allzu harter Strafe zu schützen, hier ist man nicht für Maßnahmen qegen ein soziale« Uebel zu haben. unter dem ganze Berufsstande seit Jahren aufs schwerste seufze«. Dort freilich gmg man mit der Sozialdemokratie Arm m Arm, hier hätte man der sozialdemokratischen Phrase die Stirn zu bieten. Wir haben gesehen, daß früher auch der Reichskanzler ein Arbeit«- willigenschutzgesetz mit der Begründung abgelehnt hat. daß er ein Gegner von Ausnahmegesetzen sei. Inzwischen hat er diese Gegnerschaft gegen Ausnahmegesetze verleugnet und wir glauben, daß jeder praktische Staatsmann in dieser Richtung umlerne» Würde. Die grundsätzliche Gegnerschaft gegen„Ausnahmegesetze" erscheint unS genau so doktrinär und unpraktisch, wie etwa der Standpunkt von Heilkünstlern, die jede örtliche Behandlung einer Krankheit ablehnen wollten mit der Begründung, sie sei aus dem ungesunden Zustand des ganzen Körpers entstanden, deshalb dürfe man ihr auch nur durch Behandlung des ganzen Körpers zu Leibe gehen." � Die Konservativen werden ihren ZuchthauSgesetzantrag im Reichs- 'tag natürlich wieder einbringen und man darf gespannt darauf sein, ob die konservative Erziehungsarbeit an den Nationalliberalen in der Tat Früchte gezeitigt hat. Bis jetzt haben sich nur 10 national- liberale Reichstagsabgeordnete für ein Zuchthausgesetz ausgesprochen, ; der Rest hat gegen den konservativen Antrag gestimmt. Die katholischen Gesellenvereine, die in diesem Jahre überall den 100. Geburtstag ihres Stifters Adolf Kolping feiern, veröffentlichen soeben das Ergebnis der am 31. Dezember 1012 aufgenommenen Verbandsstatistik. Die Gesellen- vereine betreiben keinerlei gewerkschaftliche Tätigkeit, sondern be- schränken sich lediglich auf die Aufgaben, mit denen der Klerikalismus die sozialen Fragen zu lösen trachtete, ehe ihn die freie Arbeiter- ! bewegung zur Gründung christlicher Gewerkschaften zwang. Die Haupttätigkeit der katholischen Gesellenvereine erstreckt sich mithin auf religiöse Festigung und Schulung. Fort- b il du n g s un terri ch t, Sparkassen und Unter- stützungswesen, neuerdings auch Körperpflege, und vor � allem die Errichtung von Gesellenheimen. Die Zahl der dem Verbände angeschloffenen Vereine betrug Ende 1012 1250(1910: 1221), die Zahl der aktiven Mitglieder 84 021(1010: 70 342), die Zahl der außerordentlichen 137 041. 1 Gegen 1908 ist das eine Zunahme von 77 Vereinen, 10 513 aktiven - und 16 601 außerordentlichen Mitgliedern. Die Vereine erstrecken sich aus Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Schweiz, Holland, Nord- amerika usw. Von den aktiven Mitgliedern waren 30 Proz. 17 bis t lg Jahre und 53 Proz. 20 bis 25 Jahre alt. Den christlichen Gewerkschaften gehörten 20 851 oder 24,2 Proz. der Mitglieder an. Der Verband besitztjetzt 408 eigene Häuser im Werte von 31 Millionen Mark. Das ist seine stärkste Zuziehungskraft. Wohnten doch in diesen Häusern im vergangenen Jahre nicht weniger als 6486 Mitglieder und in 05 097 1 Fällen wurde unentgeltliches Nachtquartier erteilt. vie ßalbanfragen. Eröffuung der bulgarisch-türkischeu Verhandluugeu. Koustautiuopel, 8. September. Die Verhandlungen zwischen der Türkei und Bulgarien sind eröffnet ' worden. . Die Muselmanen von Gümüldschina haben sich für � unabhängig erklärt und eine provisorischeRegierung •eingesetzt._ Norwegen. HandekSpolitische RegierungSschmerze«.— Eine neue Miß- stimmung gegen deutsche Schiffer. Die zollpolitischen Fragen scheinen in Norwegen einen baldigen Konflikt in der Regierungspartei herbeiführen zu sollen. Der Premiermmister Knudsen ist Anhänger eines Schutzzoll- systmS, das gewissermaßen als Erziehungszollsystem genannt werden kann, und er hat sowohl in der Regierung als in der libe- ralen Partei überhaupt viele Anhänger. Ein entschiedener Gegner der Schutzzölle ist jedoch der Handelsminister Castberg, der soeben die Gelegenheit benutzt hat, gegen die schutzzöllnvrischen Tendenzen im Liberalismus vorzugehen. ES handelt sich dabei zunächst um die Frage eines Zucker- • z o ll S. Bisher importiert Norwegen seinen Zucker zollfrei, eine t einheimische Zuckerindustrie größeren Umfange? ist aus dem Grunde schon nicht vorhanden, weil bisher keine Zuckerrüben angebaut ' worden sind. Nun hat man aber durch Experimente festgestellt, i daß an der Südküste Norwegens der Rübenanbau möglich ist, und daß der Zuckergehalt der Rüben hier den in Dänemark und Schweden angebauten gleichwertig ist. Die Interessenten fordern nun die Einführung eines Schutzzolles, um eine eigene Zucker- � induftrie sicherzustellen. Und bei einem Teil« der Regierung findet diese Forderung Sympathie. Neben den übrigen Freihändlern ist auch der Handelsminister und die ihm nahestehenden Kreise gegen den geplanten Zuckerzoll. Der Kreis der südnvrwegischen Interessenten ist so klein, wird da | erklärt, daß man ihretwegen den Zucker für die Gesamtbevölkerung ; nicht verteuern dürfe. Und überhaupt dürfe zu der übrigen Teue- � rung nicht noch eine Preiserhöhung des Zuckers treten, die un° bedingt aus dem Zoll sich ergeben würde. Die EntWickelung der Angelegenheit bietet nicht nur vom handelspolitischen Standpunkte Interesse, vielmehr wird sie eine Belastungsprobe für den regierenden Liberalismus werden. Die wirtschaftlichen Interessen der Wählermassen dieser Partei sind zu sehr divergierend, als daß sie durch das Schönheitspflaster liberaler Programmschreiber auf die Dauer zusammengehalten werden könnten. Eine neue Mißstimmung gegen Deutschland wird zurzeit zu erzeugen versucht, wobei das recht unpassende Verhalten eines deutschen Fischdampfers den An- laß gibt. Im Shltesiord bei Vardö wurden am 1. September zwei deutsche Fischdampfer innerhalb der norwegischen Territorialgrenze fischend angetroffen. Als die Behörden aufmerksam wurden und zur Feststellung der Eindringlinge schreiten wollten, verschwand der ein« in die See hinaus, während der andere, ein Dampfer„Caroline Kreutz- aus Geestemünde, den Beamten den Zutritt zum Dampfer mit Gewalt verweigerte. Der Kapitän soll gar mit dem Revolver in der Hand auf der Kommandobrücke gestanden haben, während die Mannschaft am Reling mit Knüppel ausgerüstet war. Darob ist nun große Entrüstung in einem Teile der norwcgi- schen Presse. Selbstverständlich wird das Verhalten des betreffen- den Fischdampferkapitäns auch in Deutschland allgemein verurteilt werden, falls es sich wirklich so verhält, wie die Presse es darstellt. Die Reichsregicrung sollte nicht säumen, den Schuldigen sofort zur Rechenschaft zu ziehen. Eine diplomatische Aktion in der Ange- legenheit wird übrigens in der norwegisöhen Presse angekündigt. siszpan. Die Agitation gegen China. Tokio, 8. September. Gestern abend begab sich eine große Menschenmenge vor das Haus des Ministers des Aeußeren, um wegen der Vorgänge in ssianking Kund- gebungen zu veranstalten. Der Minister war nicht zu Hause und die Behörden ließen die Manifestanten gewähren. Die Kundgebungen dauerten die ganze Nacht hindurch an. Die Aktion der Regierung. Loadml, 8. September.„Daily Mail- meldet aus Tokio: Die Regierung teilt mit, daß sie gegenwärtig die B e- dingungen festsetzt, die China wegen der Tötung von Japanern in Nanking auferlegt werden sollen. Die„Times" meldet aus Peking: Die j a p a n i s ch e A k t i o n hat sich bisher darauf beschränkt, der chiuesischeu Regierung die Tatsachen zur Kenntnis zu bringen und ihre Aufmerksamkeit auf den e r>: st h a f i c u Charakter der Vorkommnisse zu lenken. Die japanische Geiandlschast wartet gegenwärtig Instruktionen ab, um dann V o r st e ll un g e n zu erheben, die, wie man an- nimmt, der Art sein werden, daß sie die öffentliche Meinung in Japan befriedigen. Siidafnba. Wohnuiigsverhältinffe im Goldlande. London, 7. September.(Eig. Ber.) Ein amtlicher Be- richt aus Johannesburg besagt, daß enge Gänge existieren, in welche die Türen schmaler Einzelräume münden, die mit 20 M. Pro Woche vermietet sind. In ihnen wohnen unterschiedslos Weiße, Neger, Chinesen, Inder. Weiße Frauen führen in diesen Behausungen ein Leben der ab- hängigen Schande, preisgegeben Weißen und Farbigen. Oft wohnen zehn Personen in einem solchen Räume. Die Kinder der Weißen wachsen in dieser Pestatmosphäre auf und man kann begreifen, zu ivelch einer Klasse von Bürgern sie werden. Die Behörden haben nur die Befugnis, solche Behausungen zu schließen, wenn ein Oberbeamter sich persönlich von der Ungeeignetheit derselben für Wohnungszwecke in sittlicher und sanitärer Beziehung überzeugt. Nichts geschieht indessen, da man nicht weiß, wohin mit den auszusetzenden Bewohnern. Die Bourgeoisie macht Unsummen an Profit aus diesen Höhlen. Bus der Partei. Der 24. Gautag der Sozialdemokratie der Pfalz tagte am 6. und 7. September in Pirmasens. Anwesend waren 135 Delegierte aus 89 Orten. Dem gedruckt vorliegenden Berichte ist zu entnehmen, daß auch in der Pfalz eine gewisse Stagnation in der Mitgliederbewegung eingetreten ist. Gegen das Borjahr hat die Zahl der männlichen Mitglieder um 142, die der weiblichen um über 224 abgenommen. Der Stand am 31. März war 10 579 männliche und 068 weibliche Mitglieder. Die Zahl der Ortsgruppen betrug 136. Oeffentliche Versammlungen wurden 238 abgehalten, darunter 22 Frauen- versanimlungen, Mitgliederversammlungen fanden insgesamt 1023 statt. Flugblätter wurden in einer Gesamtauflage von 690 000 Ex- emplaren verteilt.— Gute Fortschritte zeigen auch die Berichte des Bezirksbildungsausschusses und des Bezirksjugendausschusses. Der bayerische Volkskalender„Armer Konrad- wurde in 20 363 Exem- plaren verteilt. Einnahmen und Ausgaben bilanzieren mit 40 807 Mark 71 Pfennig, Der mündliche Bericht der beiden Parteisekretäre sowie die Dis- kussion über Presse und Geschäftsbericht waren recht gründlicher Natur und ergaben als praktisches Resultat die Annahme einer Resolution, die den Parteigenossen zur Pflicht macht, noch mehr als bisher für die Vorwärtsentwickelung unserer Organisation einzutreten; ebenso soll die Agitation für die Presse in energischerer Form be- trieben werden. Genosse Reichstagsabgeordneter Hoffmann- Kaiserslautern referierte über das Thema„Militarismus und Sozialdemokratie im Deutschen Reickstage-. Er ließ noch einmal die Vorgänge im Reichstage Revue passieren und beleuchtete die Gründe, die die Mehrheit der Reichstagsfraktion zu ihrer Stellung in der Deckungsfrage bewogen haben. Eine Diskussion über diesen Punkt fand nicht statt.— Erwähnenswert sind noch die Begrützungsworte des Genossen Adolf Müller- München, die dieser als Vertreter des bayerischen Landesvorstandes sprach. Er der- wies auf den Ausbau unserer Presse, dem leider vom Parteivorstande nicht die erforderliche Beachtung geschenkt werde; hier müsse eine gründliche Wendung zum Besseren eintreten. poUzeilicbee, öcrichtiicbce ulvp, Preßprozeß. Wegen angeblicher Beleidigung eines Lehrers wurde der ber- aniwortliche Redakteur des Zeitzer„VolkSboten-, Genosse Blech- fchmidt, zu 20 M. Geldstrafe verurteilt. Für den abwesenden Amtsanwalt amtierte ein P o l i z e i f e k r e t ä r, der frischweg drei Monate Gefängnis beantragte, obwohl der Angeklagte beweisen konnte, daß die unter Anklage stehende Notiz ohne sein Wissen veröffentlicht worden war. Jugendbewegung. Die Fromme« gegen die Patrioten. Die.patriotische' Jugendbewegung beginnt den Frommen im Lande unbequem zu werden. In der Sonntagnummer des„Reichs- boten" entrüstet sich ein anscheinend geistlicher Herr über den Plan der Stadt Altona, draußen auf der Fischbecker Heide ein Schutz- haus zu errichten, zu dem an jedem Sonnabendnachmiltag die Jugend hinausziehen soll, um dort zu übernachten und am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe schon die Möglichkeit zu haben, sich draußen im Freien zu tummeln, Kriegsspiele zu veranstalten oder auch Feld- und Gartenarbeit zu verichten. Die Entrüstung ist um so großer, als auch der Staat selbstverständlich für die Errichtung dieses Schutzhauses 1500 M, beigesteuert hat. Hier, so meint der Einsender,„darf die Kirche nicht mehr stillschweigen-,„Systematisch-, würde hier ja beabsichtigt, die Jugend der kirchlichen Erziehung zu entfremden und um den sonntäglichen Gottesdienst zu bringen, Fände sich doch in dem Plan nicht einmal der Vorschlag, wenigstens den Sonntagmorgen mit einer kleinen Andacht einzuleiten. Nein, ohne weiteres sollten die jungen Leute am Sonntagmorgen wieder ins Freie hinausgeführt werden. Im Anschluß an diese Mitteilungen ergeht sich da? pastörliche Gemüt in recht ausführlichen Klagen darüber, wie auch sonst die staatlich geförderte patriotische Jugendpflege die kirchlichen Interessen überall schädige. „Ausfallend war es schon, daß von vorneherein die Ausbildung und Erziehung zu körperlicher Tüchtigkeit und Kraft, Ausdauer und Gewandtheit und Leistungsfähigkeit im Vordergrunde stand. Wann machen wir uns frei von dem ungeheuerlichen Worte.Ertüchti« gung"? Die wirklich erziehliche Seite der Jugendpflege, die sich auch des Geistes annimmt, trat fast ganz zurück. Und von reli- giöser Einwirkung ist fast gar nicht die Rede, es sei denn, daß der Pfarrer nach dieser Seite hin seinen Einfluß geltend macht... So lange man der Kirche und ihrer Kräfte bedarf, ist sie will- kommen, glaubt man sich aber stark genug, so geht man vielfach über sie und ihre eigentümliche Arbeit zur Tagesordnung über.- Man kann den Schmerz des Herrn Pastors wohl verstehen. Es mag auch zugegeben werden, daß in seinen Klagen ein berechtigter Kern steckt, insofern nämlich, als die„Ertüchtigung-, wie sie von den Pfad- finderkorpS und Jugendwehren geübt wird, bei ihrer gänzlichen Ver- nachlässigung der geistigen Erziehung alles andereeher als mustergültig ist. An den„patriotischen- Jugenderziehern und Propagandisten der Pfadfinderidee würde es indessen nicht liegen, der Kirche den ge- wünschten Einfluß zu geben: sie wissen wohl, daß die Traktätchen- erziehung unserer Staatskirche ihren Zielen durchaus entgegen- kommen würde. Die Sache ist nun die: Man fürchtet, daß d i e Jugend, die man gern für die„nationale Sache" gewinnen möchte, auf und davon läuft, wenn man ihnen auch noch die Moralpredigten der Herren Pastoren vorsetzt. Man hat Mühe genug. sie durch die Uniformen und sonstigen Kinkerlitzchen bei der Stange zu halten und darf ti nicht riskieren, diese AnziehungSmittel durch die Einführung kirchlicher Exerzitien abzuschwächen. Bus Industrie und Handel. Das Schicksal der Tarifreform. Washington, 8. September.(W. T. B.) Der Senat hat an der Tarifvorlag«, wie sie vom Repräsentantenhause angenommen worden war, etwa 700 Aenderungen vorgenommen; diese beziehen sich in der Hauptsache auf die Abschnitte Metall, Ackerbau, Baumwolle und Wolle. Die endgültige Abstimmung über die Tarifvorlage im Senat wird heute erwartet; es wird angenommen, daß das Konferenz- komitee beider Häuser die Tarifvorlage in zwei Wochen durch- beraten wird._ Kein Biichcrzoll in Nordamerika. Wie ein Telegramm aus Washington meldet, hat der Senat den Einfuhrzoll auf ausländische Bücher wieder gestrichen. Die preußischen Sparkassen erfuhren im Jahre 1912 eine Zu- »ahme der Einlagen um 600 Millionen auf 12 432 Millionen. Diese Zunahme bleibt aber um 130 Millionen hinter der des Vorjahres zurück. Offenbar hat die Teuerung ungünstig auf die Spar- tätigkeit eingewirkt. Vielleicht tritt in den Zahlen auch noch die Wirkung der Kriegsfurcht zutage, die bekanntlich im Herbst v. I. zu zahlreichen Abhebungen führte; erheblich kann dieser Grund aber nicht mehr ins Gewicht fallen, da der Termin für die statistische Erfassung bereits auf den 31. März dieses Jahres fällt. Bei der Berliner Sparkasse hat vorher eine absolute Abnahme der Sparkasseneinlagen um nicht weniger als 5.7 Millionen Mark stattgefunden. Neben den allgemeinen Ursachen muß dafür die Verzinsungspolitik der Berliner Sparkasse verantwortlich gemacht werden; die Kassen der Berliner Vororte und der benachbarten Kreise zahlen durchweg höhere Zinsen. Im übrigen mag auch die Abwanderung der.besseren' Steuerzahler nach den Vororten zu diesem Resultat mitgewirkt haben. Die Verwendung der Sparkassenbestände verschiebt sich von Jahr zu Jahr zugunsten der städtischen Grundbesitzer. Bon 100 M. überhaupt zinsbar angelegter Kapitalien wurden im vergangenen Jahre 42,13 M. in städtischen Hypotheken augelegt. Weitere 19 M. vom Hundert wurden ländlichen Grundbesitzern zur Verfügung gestellt. Einen charakteristischen Rückgang erfahren die Anlagen in Inhaber- papieren(neben Staatspapieren); sie fielen von 23 auf 21,1 Proz. Zum Teil ist dieser Rückgang darauf zurückzuführen, daß die In- Haberpapiere zum Kursivert in die Bilanz eingestellt werden und bekanntlich sind die Kurse der Staatspapiere im vergangenen Jahre erneut erheblich gefallen. Doch soll auch die Anlage der Papiere zum Nennwert einen wenn auch geringeren Rückgang zeigen, was weiter nicht erstaunlich ist, da jede wirtschaftlich arbeitende Kassenverwaltung natürlich Verlusten durch Kursrückgänge vorzu- beugen sucht und daher andere Anlagen bevorzugen wirK An Zinsüberschüssen erzielten die 1760 statistisch erfaßten Kassen mehr als 104 Millionen Mark. 23 Millionen verschlangen davon die Vcrwaktungskosten. Durchschnittlich wurden die Spar- einlagen mit 3,53 Proz. verzinst, während die Kassen aus ihren An« lagen 4,23 Proz. Zinsen zogen. Der Versand de? StahlwerkSverbanbe» im August d. I. beträgt nur 505 607 Tonnen gegen 553 444 Tonnen im gleichen Monat des Vorjahres. Er bleibt also gegen den August-Versand von 1012 um 33 500 Tonnen zurück, wenn er auch gegen den Versand im Juli d. I. um 14 000 Tonnen gestiegen ist. Der Versand von Formeisen zeigt gegen den Juli d. I. ein Minus von 20 000, gegen den August des Vorjahres sogar von 60 000 Tonnen. Da Formeisen besonders für Bauten verwendet wird, sind diese Zahlen ein neues Charakteristikum für die gegenwärtige Lage des Baumarktes. ffocbricbtcn. Unabhängigkeitserklärung des Wilajets Adrianopel. Konstantinopel, 8. September.(Meldung des Wiener k. k. Telegr.-Korr.-Bureaus.) Die Muftis, Notabeln und Ulemas von Guemueldschina, Dedeagatsch, Tanthi, Koschikawak, Ehitschelebi, Dahidere und Kirdschalti teilten den Blättern telegraphisch ihren Entschluß mit, eine Unabhängig- keitserklärung zu erlassen. Sie begründen diese mit der Umwandlung der Moscheen in Kirchen, mit der gewalt» samen Bekehrung von Muselmanen zum Christentum und mit Grausamkeiten, deren Wiederholung sie bei einer zweiten Be- setzung durch die Bulgaren befürchten. Sie erklären, daß sie den Kampf, an dem Griechen teilnähmen, ewig fortsetzen werden, und geben der Hoffnung Ausdruck, daß die Pforte ihre Gebiete den Bulgaren nicht überlassen werde. Nach den Blättern umfaßt die Unabhängigkeitserklärung das ganze Wilajet Adrianopel. Der Chef und vier Mitglieder der pro- visorischen Negierung begaben sich nach Adrianopel, wo sie dem französischen Konsul als dem Doyen des Konsularkorps erklärten, daß sie ihr Land mit allen Kräften verteidigen würden, um nicht unter das Joch der Bulgaren zu geraten. Sie würden nach Konstantinopel reisen, um ihren Entschluß der Pforte und den Botschaften mitzuteilen. Die Revolution in San Domingo. Waflsiiigton, 3. September.(W. T. B.) Nach Depeschen vom amerikmnschen Vizekonsulat zu Puertoplata in San Domingo, wo die Revolution im Fortschreiten begriffen ist, ist die Stadt von Kanonenbooten der Regierung von San Domingo beschossen worden, unter Gefahr für Leben und Eigentum amen- kanischer Bürger. Der Aufftand, der bisher nicht fiir ernsthast ge- halten worden war, wird, wie es heißt, von H e c t o r Velasqnez, dem früheren interimistischen Präsidenten der Republik, geleitet, der die Herrschaft über die ganze Provinz an sich gerissen hat. Ein Gefährt vom Eiscnbahnzug überfahren. Offenbach a. M., 8. September.(W. T. B.) Am Bahnüber- gang an der Spvcndlinger Landstraße wurde heute nachmittag kurz vor 2ZH Uhr ein Milch fuhr werk vom Schnellzuge Frankfurt-Nürnberg erfaßt und beiseite geschleudert. Eine 75 Jahre alte Frau Schäfer, die auf dem Wage» saß, wurde auf der Stelle getötet. Der Besitzer des Wagens, der 47 Jahr« alte Milchhändler Neubecker aus Sprendlingen und seine Frau wurden schwer verletzt in das städtische Krankenhaus geschafft. Neubccker ist inztoischen seinen Verletzungen erlegen. Die Ursache des Unglücks ist, wie die„Offenbachcr Zeitung" mit- teilt, noch nicht aufgeklärt._ Ausstand auf der Stadtbahn in Tiflis. Tiflis(Kaukasicn), 8. September.(W. T. B.) Infolge eines Streiks der Stadtbahnbeamten ist der S t a d t b a h n v e r k e h r vollständig eingestellt. Ausbreitung der Choleragefahr in Rußland. Petersburg, 8. September.(W..T. B.) Das Gouvernement Cherfon und die angrenzenden Kreise, Balta im Gouverne- ment Pooolicn und Djeprowskoin im Gouvernement Tau- rien wurden für cholerabedroht erklärt. Gegen die Einschleppung der Cholera aus Rumänien über die Landgrenze wurde Bessarabien ebenfalls für cholerabedrocht erklärt TAFFET- JUPON Reine Seide, mit gebranntem Volant, in vielen Farben M5 f- 4.50 d.IüertfiewK' r ��Leipziger str!�� Königstrl@? 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Pia 20Pt Frischer Tafelzander... na 60 n. Tafellachs m gm-» ntbm Pia 65 Pt It n Ntwaltuiigsstellt Kerlin. C 54, Fimenstr. 83—85. Telephon: Amt Norden 185, 1283, 1387. 37 la Donnerstag, den 11. September, abends 8 Uhr, im GewerrschastShanse» Engelufer 15, Saal I: Branchen- Versammlung � der Bauanschlüger« Tagesordnung: 1. vericht vom Bauarbeiterschutzlongred und Baufachausstellung in Leipzig. 2. vranchenangelcgenhciten. 3. Verschiedenes. Um pünktliches und vollzähliges Erscheinen wird ersucht. i25ll2 Die OrtaverwaltnnK. r n M Filiale Groß-Berlin. Donnerstag, den 11. September, abends 81/, Uhr, im Gewerkschaftshaus(gr. Saal), Engelnfer 16: nußerordentlkbe General-Versammlung. TageSordnun Arbeiterschaft. Berichterstatter: Kollege angelegenheiten. Tas Mitgliedsbuch ist am Saaleingang vorzulegen.-Mit 35/6_ Tie OrtSverwaltung. Carmen Sulua HMZ Cigaretten Beste Qualitäten Spezialarzt für Syphilis, Harn- u. Frauenleiden— Ehrllch-Hata. Blutuntersuchung.* Sehnelle, sieh. Heilung. 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Schiller u?w. in Fülle vertreten find, aber so gut katholische Dichter und Dichterinnen wie Albing, Baumberger, Bazin, Buol, Chanipol, Dincklage, Dirkink, Domanig, Däfler, Gangl, Godin, Herbert, JeSke-Choinski, Jörgensen, Kaiser, Kümmel, Lingcn, Linzen, Schrott-Fiechte, Spillmann, Sheehau, Zöff, Dransfeld. Eichert, Eschelbach, Heemsteede, Herold, Hlatly. Kernstock. Kralik, Kronich. Krapp. Seeber, Thrasolt, Willram völlig fehlen. Man denke nur, in den Abteilungen Naturwissenschaften, Gewerbe und Technik ist sogar überhaupt kein katholisches Buch! Wenn ein Herner Gewerbetreibender sich mit der kaufmännischen Buchführung vertraut machen will, ist er geradezu gezwungen, seine Konten nach einem evangelischen Rezept einzurichten. Gott sei Dank kann die.Kölnische Volkszeitung" nach einem Ueberblick über die bisherigen Kämpfe in Herne und die bereits er- rungenen, fieilich noch nicht ausreichenden Erfolge versichern:.Die Herner werden nicht ruhen und rasten, bis datz ihnen in der „Paritätischen" Bücherei einer überwiegend katholischen Stadt ihr Recht wird." Man darf also wohl hoffen, daß es baldigst dahin kommt, datz der evangelisch getaufte, im übrigen sogar höchst frcigeistige Johann Wolfgang Goethe durch den gut katholischen Jeremias Kümmel er- setzt wird, und der mehr als ketzerische Gerhart Hauptmann etwa durch den untadeligen Spillmann; bis datz das Gleichgewicht her- gestellt ist und, der Bevölkerung entsprechend. 57 Proz. katholische. 35 Proz. protestantische, 5 Proz. jüdische und 3 Proz. freireligiöse Bücher in der Stadtbibliothek stehen. Außerdem ist wohl zu erwarten, datz auch in anderen Plätzen, wo das MihverhSlwis heute ähnlich ist, die katholische Einwohner- schuft zum Kampfe aussteht und nicht eher ruht und rastet, als bis das Gegenstück aus Unternehmerkreisen: In der Brauerei Brett- reich in Stolp wurde ein Brauer mit folgenden Worten ent- lassen: „Ich kann Ihnen in Ihrer Arbeit nichts nachsagen; Sie sind fleißig und nüchtern gewesen, aber Sie gehören einem sozialdemokratischen Verbände, ja sogar dem V o r st a n d an und Sie waren auch der größte Hetzer bei der Streikbewegung." Der Entlassene tröstete sich mit der Hoffnung, datz man auch in anderen Stolper Brauereien sein Brot verdienen könne. Er wurde aber nirgends eingestellt, weil die Stolper Brauereibesitzer unter Hinterlegung von 300—1000 M. beim Syndikus der Stolper Handelskammer sich verpflichtet haben, vor Ablauf eines Jahres keinen Mann von einer anderen Stolper Brauerei einzustellen. Ein anderer junger, von Brettreich entlassener Brauer wurde in einer anderen Brauerei nicht eingestellt unter Hinweis darauf, datz man sonst Strafe zahlen müsse, obwohl in diesem Betriebe zwei Brauer notwendig gebraucht wurden. Der junge Mann dürfte dann bei Brettreich weiterarbeiten unter der Bedingung, datz er aus dem Verbände austrete. Der Brauerei- und Mühlenarbeitervcrband wird dem Entlassenen durch Schadenersatzklage die Möglichkeit zu der Feststellung geben, ob in Stolp von Rechts wegen die Brauerei Besitzer mit derselben Elle gemessen werden, mit der vom Landgericht Erfurt drei Mälzerei- arbeiter gemessen wurden._ Mitgliederfaug des Leipziger Handlungsgehilfen- Verbandes. Unter den großen Handlungsgehilfenverbänden besteht ein wütender Konkurrenzkampf, der oft niit gänzlich unvernünftigen Mitteln geführt wird. Nach Art der Ramschbazare veranstalten diese Verbände die unglaublichsten Wettrennen um die Gunst der An- gestellten. Die so gewonnenen Mitglieder reißen natürlich bei der nächstbesten Gelegenheit aus, sobald sie gemerkt haben, datz sie nur eingeseift werden sollen. Dann setzen die Werbe- abteilungen dieser Ramschverbände von neuem ein. Wie bei den bekannten Schwindelausverkäufen der Großstadt, so werden den Mitgliedern Lockmittel vorgehalten, um sie von ihren immerwährenden Austritrsgcdanken abzubringen. Der Leipziger Handlungsgchilfenverband z. B. gewährt jedem Mitglied jedes Jahr ein Buch gratis. Also so eine Art Eniporlesebibliothek nach dem Muster von August Scherl. Er will angeblich etwas für die Bildung tun. Die Sache hat jedoch einen Haken. Wenn der gute Mann seine Austrittserklärung einsendet, wird er mit der Entziehung dieser Buchprämie bestraft. Das Statut des Verbandes schreibt nämlich vor, datz der Austritt nur zum Schluß des Kalenderjahres zulässig ist und der Austretende mit dem Tage des Eingangs der Austritts- erklärung keine Rechte mehr an den Verband hat. Sollte ihm aber in gerechter Entrüstung über dieses Verhalten einfallen, nun- mehr auch die Zahlung der Beiträge einzustellen für die Zeit bis zum Austrittstermin, für die er keine Rechte genießt, so bekommt er prompt binnen einer Woche nach Verweigerung der Nachnahme einen Zahlungsbefehl. Die Leitung des Leipziger Handlungsgehilfenverbandes darf nicht glauben, sieh mit solchen Mitteln die Sympathie der Angestellten er- werben zu können oder mit ihrer Emporlesebibliothek die in ihrem Netz gefangenen Mitglieder zu halten. Es ist doch wirklich billiger, wenn man sich die Bücher in der nächsten Buchhandlung kauft. So spiegelt der Leipziger Handlungsgehilfenverband den An- gestellten vor, er wolle ihre Berufsinteressen vertreten. Deshalb mutz dieser unlautere Wettbewerb bei jeder Gelegenheit gebrandmarkt und den Angestellten, wenn der Leipziger Handlungsgehilfenverband und die Verbände ähnlichen Kalibers kommen, zugerufen werden: Augen auf und Taschen zul Wegen Nichtanerkennung des Tarifs legten in Greiffen- b e r g(Schlesien) alle Bauarbeiter geschlossen die Arbeit nieder. Die Unternehmer weigern sich vorläufig noch, die tarif- mätzigen Löhne zu bezahlen, dürften jedoch bald eines besseren belehrt werden, weil die Arbeitsniederlegung einmütig erfolgte und Streik- brecher bis jetzt auch von auswärts ferngeblieben sind. Christliche Streikbrecherlicferante«. Im Juni dieses Jahres traten in dem Karlsruher Sägewerk Langbein u. Co. die frei und christlich organisierten Arbeiter in den sie die paritätische Bibliothek errungen hat— im Interesse der Kultur und des Fortschritts. Theater. Freie Volksbühne(im Schillertheater Charlottenburg): Der Pfarrer von Kirchfeld von Anzengruber. Was dies Thesendrama nicht alt werden läßt, das ist sein echt mensch- licher Gehalt und die Kraft der fortwirkenden Idee des Kampfes gegen die reaktionären Gewalten. Das Zuständliche wie das Zeit« kolorit sind uns heute nur noch Zufallsmerlmole, die wir trotzdem nicht vermissen wollen und können, weil der, Dichter bodenständige Gestalten geschaffen hat. Von diesem Merkmal auS dürfen wir die Aufführung am Sonntag den besten ihrer Art zugesellen. Da ist Georg P a e s ch k e, der dem Pfarrer Hell überragende Gröhe ver- leiht. Wir glauben an ihn, weil er so ganz von warmer Mensch- lichkeit durchdrungen erscheint. In jedem Worte, in jeder Gebärde spiegelt sich der Kampf seiner Seele echt und wahr. Als Sieger über sich selbst und das ihm aufgezwungene Schicksal sehen wir ihn von seinem Platze scheiden. Da sind Leonore E h n als Anna und Hans F. G e r h a r d als Wurzelsepp: zwei der prächtigsten Anzengruberschen gestalten, prächtig verlebendigt durch zwei nach Sprache und Her- kommen heimatständige Gestalter. Und endlich sind Fanny Wolfs (Brigitte), Artur Menzel(Pfarrer Vetter), Wilhelm Krüger (Schulmeister), Alfred Braun(Michael Berndorfer) und Max Reimer(Graf Peter) gute Vertreter ihrer jeweiligen Nebenrollen. Recht drastisch war der Zusammenprall der Wallfahrer und der Hochzeitsgesellschaft herausgearbeitet. Ueberhaupt beivährte sich die Regie im wirksamen Zusammenfpiel, wie in der Fürsorge stimmungsvoller Szenerie. Es war eine Vorstellung aus einem Guß. otn Humor und Satire. Der Fremden legionär Müller. Der Fall des deutschen Fremdenlegionärs Müller, der in Afrika erschossen wurde, ist jetzt durch die ftanzösische Regierung einwandfrei geklärt: , Erstens ist der Fremdenlegionär Müller nicht erschossen worden. Zweitens hat es nie einen Fremdenlegionär Müller gegeben. Drittens war der deutsche Frcmdenlegionär Müller, der erschossen wurde, rechtmäßig verurteilt. Viertens war der Fremdenlegionär Müller, den eS nie gegeben hat, kein Deutscher, sondern ein Schweizer. Fünftens hieß der Schweizer, der erschossen wurde, gar nicht Müller. SechsienS ist überhaupt auch nie ein Schweizer erschossen worden. Siebentes kann die ftanzösische Heeresleitung in der Fremden- legion erschießen lassen, wen sie will. Achtens gibt es überhaupt keine Fremdenlegion! Durch diese bündigen und loyalen Erklärungen ist der peinliche Fall hoffentlich definitiv aus der Welt geschafft! _(.Jugend"� Notizen. — Gerhard Ouckama Knoop, der Romanschriststeller, ist in Innsbruck im Alter von 52 Jahren gestorben. Er stammte Streik, weil der Vertrauensmann schikaniert und plötzlich entlassen wurde. Die 28 streikenden Arbeiter waren in nicht weniger als sieben Verbänden organisiert, davon drei im christlichen Holzarbeiter- und einer im christlichen Metallarbeiterverband. Bald nach Ausbruch des Streiks erklärte der christliche Holzarbeiterverband seinen drei Mitgliedern, datz er keine Unterstützung gewähre, worauf die drei Arbeiter in den Betrieb zurückkehrten. Die Bemühungen der Firma, weitere Streikbrecher zu bekommen, waren zunächst erfolglos, bis sich die Sekretäre des christlichen Zentral- Verbandes der Fabrik-, Hilfs- und Verkehrsarbeiter dazu bereit fanden, Streikbrecher in Jockgrim in der Rhcinpfalz für die Firma anzuwerben, obgleich von diesem Verbände nicht ein einziges Mitglied mit am Streik beteiligt oder iin Betriebe beschäftigt war- Am 11. Juli gab der Bevollmächtigte des christlichen Holzarbeiter- Verbandes vor dem Vorsitzenden des Karlsruher GewerbegerichtS an, datz sie(die christlichen Gewerkschaften) den Betrieb mit 25 Mann besetzt hätten, davon habe den größten Teil der christliche Zentralverband der Fabrik-, HilfS- und Verkehrsarbeiter ge- liefert. Hier ist also der christliche Arbeiterverrat doku- mentarisch festgelegt. Das hindert aber diese christlichen Herren nicht, die Angestellten der freien Gewerkschaften noch obendrein zu verleumden, um damit die eigenen Schandtaten zu verdecken. So wurde von dem Sekretär Kuhn die Schauermär in die Welt gesetzt, er sei am 6. Juni in Jockgrim von 40 Genossen unter der Führung von zwei Angestellten des Tranportarbeiter- Verbandes überfallen und mit Messern und Knüppeln bearbeitet und mit Totschlagen bedroht worden. Anzeige sei bei der Behörde er- stattet. Seit diesem„Ueberfall" ist nun eine lange Zeit verstrichen, aber weder.40 Genossen" noch die angeblichen.Anführer" des llebcr- falles haben von der sonst doch sehr eifrigen Strafbehörd« irgend welche Vorladung erhalten, wodurch es den Anschein gewinnt, datz sich Kuhn den.Ueberfall' aus den Fingern gesogen hat, um als Märtyrer unter seinen Nebenchristen gelten zu können. Fest steht, daß sich der christliche Fabrik-, Hilfs- und Verkehrs- arbeiterverband skrupellos als Unternehmerschutztruppe betätigt. So wurde schon im Juli 1910 in der„GcwerkschaftSstimme", dem Organ dieses Verbandes, aufgefordert, nach der Schweiz zu gehen und dort für die im Streik stehenden Brauereiarbeiter in Arbeit zu treten. Wir sehen den organisierten christlichen Streikbruch in Ein den, in Bremerhaven, in Karlsruhe, in Köln, neuerdings in Forchheim (Bayern), und die Unternehmer können ihr schweres Geld für die be- rufsmätzigen Streikbrecherlieferanten sparen, wenn sie sich Vertrauens- voll an die Herren Kuhn und Konsorten wenden. HusUmö. Abermals ein Tunnelarbeiterstreik in der Schweiz. Dem durch eine Vereinbarung beendeten ersten Streik der Arbeiter beim Bahnbau Münster— Grenchen vom Anfang August ist infolge des Wortbruchs der Unternehmer nach einigen Wochen der zweite Streik gefolgt. Entgegen jener Vereinbarung wurden Arbeiter entlassen, mit denen sich ihre übrigen Kollegen solidarisch erklärten und die ihre Wiedereinstellung verlangten. Da diese nicht erfolgte, legte die gesamte Arbeiterschaft die Arbeit nieder und sie benutzten die Gelegenheit, auch noch andere Forderungen zu stelleu. Die Streikenden verlangen: 1. Es soll alle 14 Tage Zahltag gemacht werden. 2. Es soll schichtweise jeder zweite Sonntag freigegeben werden.(Bis jetzt haben die Arbeiter überhaupt keinen freien Tag, es wird ununterbrochen gearbeitet. 3. Das Prämiensystem soll beseitigt werden.(An Stelle der bisherigen Prämien ist den Arbeitern des„Avancements", Mineure, Bohrer usw., ein fester Lohnzuschlag von 25 Prozent, den übrigen Arbeitern, die bisher Prämien bezogen, ein fester Lohnzuschlag von 15 Prozent zu bezahlen). 4. Im übrigen sollen die Bestimmungen der Vereinbarung vom 5. August 1913 in allen Teilen auftecht er- halten bleiben. 6. Wegen Teilnahme am Streik dürfen Matzrege- lungen nicht stattfinden. Die noch auf dem Platz anwesenden Ar- beiter sind wieder einzustellen. 6. In Kandersteg haben seinerzeit die Tunnelarbeiter eine Kollekte zum Ankauf von Mufik- instrumenten veranstaltet. Aus dem Ergebnis der Geldsamni- lung sind die Musikinstrumente gekauft worden. Die Musik- instrumente sind also Eigentum der Arbeiter. Die Unternehmer nahmen sie aber mit frecher Willkür den Arbeitern weg, die sie wieder zurück- haben wollen. Zu allen diesen Provokationen gesellt sich noch die aus dem bremischen Patriziat, und diese Herkunft aus dem Milieu der Exklusiven verleugnet sich in seiner schriftstellerischen Art nicht: er blieb literarisch für sich, hielt sich von den Strömungen seiner Zeit abgesondert. Seine Romane bezeugen in ästhetisch feiner, besonnener Form den klugen Beobachter der seelischen Wirklichkeit. Er war nicht gegenwartsfremd, Uetz aber das Leben seiner Romane mit Vorliebe in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts spielen. Ehe er die Schriftstellerei begann, war er als Fabrikschemiker tätig, — Theaterchronik. Die Eröffnung des Deutschen KünstlertheaterS ist von Freitag auf kommende« Dienstag verschoben worden. An dieser Verzögerung ist der immer noch nicht fertige Umbau des HauseS schuld.— Am Donnerstag findet im kgl. Schauspielhause die deutsche Erftaufftihrung von S t r i n d- b e r g s Traumdichtung Schwanenweiß statt. Fräulein Thimig spielt die Titelrolle.— Die Reihe der Strindber�-Abende des Deutschen Schauspielhauses eröffnet Direktor Lantz am Donnerstag mit der Aufführung von„Fräulein Julie". Die Titelrolle wird von Paula Somarh dargestellt.— Frau Melanie Kurt, die das kgl. Opernhaus verlassen hat, singt heute abend zum erstenmal auf der Charlottenburger Bühne die Leonore im„Fidelio". — Die Humboldt-Akademie hat soeben ihr Programm für das kommende Wintervierteljahr veröffentlicht. Die Gebiete sämtlicher Wissenschaften und ihrer praktischen Anwendung werden in� 241 Vorlesungsreihen behandelt. Das Lehrvierteljahr beginnt Dienstag, den 7. Oktober. — Das Kino als Theater stütze. Auch in Mühlhausen in Thüringen bedrohen seit geraumer Zeit die jlinoS das Stadt- theater. Die Mühlhausener Stadtväter sind der unliebsamen Konkurrenz mit salomonischer Weisheit entgegengetreten. Sie haben beschlossen, dem Stadttheater eine jährliche Subvention von 5000 M. zu überweisen, die aus den Beträgen der von den Kinos auf- gebrachten Steuern bestritten werden soll. — Ein Kopernikus-Denkmal soll vor dem Schlosse zu Allenstein errichtet werden. Ein Fonds von 40 000 M. steht zur Verfügung. — Siegfried Wagners Sternengebot wird im Laufe dieser Spielzeit zum erstenmal im Hoftheater in Hannover zur Aufführung gelangen. — Internationaler Naturschutz. Infolge einer An- regung des Zoologenkongresses in Graz läßt der schweizer Bundes- rat bei den europäischen Regierungen anfragen, wie sie stch zu einer internationalen Konferenz für Natur- und Heimatschutz stellen würden. In dieser Konferenz soll die Frage besprochen werden, wie sich der Vernichtung einer großen Anzahl wichtiger und interessanter Tier- arten sowie Pflanzenatten entgegentreten läßt. — Unfinn, du siegst! Der australische Keulen- s ch w i n g e r Burrow wollte kürzlich in London seinen Weltrekord von 107 Stunden auf 120 Stunden erhöhen, mutzte den Versuch aber bei 97 Stunden 35 Minuten abbrechen. Die an sich refpektable Leistung ist eine blödsinnige Kraftvergeudung, aber nicht der Blöd- sinn entscheidet, sondern die pekuniäre Einträglichkeit, und die ist nicht gering, denn nichts auf Erden ist so dumm, es findet doch sein gemeine Beschimpfung der Italiener als �Tagediebe' und ihrer Krauen als»Huren und faule Menscher� durch den leitenden schweize» rischen Ingenieur Rothplatz. Darauf reagierten natürlich die Arbeiter und ihre Frauen, die kapitalistische Regierung des Kantons Solo thurn packte aber nicht den frechen Rothplatz, sondern beschloß. Militär aufgebot gegen die beleidigten und provozierten Arbeiter. Gegen über dieser Brutalität und Gewalttätigkeit des kapitalistischen Klassen regiments der schweizerischen Bourgeoisie ist die schweizerische Ar beilerschaft mit ihrer Solidarität bei den vergewaltigten Italienern. ftitentstioiisle Konferenz zur Bekämpfung der Meltslolighelt. Gent, 6. September 1913. .Der Vertreter des ständigen Komitees für Sozialversicherung, F u st e r- Paris erstattet den Generalbericht über die Frage der Arbeitslosenversicherung. Er legt dar, daß er aus dem Studium der Berichte der natio- nalen Sektionen nirgend einen Anhalt für bestimmte Anträge über die beste Form der Arbeitslosenversicherung habe gewinnen können. Die Erfahrungen seien noch in keinem Lande sicher genug. Soviel sei jedoch jetzt schon zu sagen, daß die Arbeitslosenversicherung eine öffentlich-rechtliche sein müsse und daß sie nicht ohne Mitwirkung der Arbeiterverbände geschaffen werden könne. Die Einrichtung selbst muß von den öffentlichen Gewalten organisiert werden, denen auch neben den Unternehmern und den Arbeitern ein Teil der Lasten zugewiesen werden müsse. Eine der Hauptbedingungen, feste Unterlagen für die Einrichtung der öffent- lichen Arbeitslosenversicherung, sei die großzügige Organisation des Arbeitsnachweises. Die Diskussion eröffnet Dr. Rademacker- Köln, der einen Ueberblick über die bekannte Kölner Arbeitslosenkasse gibt. Der Kasse sind jetzt 26 Arbeiterorganisationen mit 11 105 Mitgliedern angeschlossen. Die Zahl der Einzelmitglieder beträgt nur 189; das System der Sparvcrsicherungen ist alio recht schwach. Der Redner schließt mit der Versicherung, daß er sich noch nicbt davon habe überzeugen können, daß die allgemeine öffentlich-rechtliche Arbeits- losigkeitsversicherung notwendig sei. Trocclet- Lüttich führt aus, daß die Schlußfolgerungen des Neserenten nach seiner Rede eigentlich noch schärfer zugunsten der Zwangsversicherung gefaßt hätten sein können. Die Arbeiter- organisationen müßten auf jeden Fall zur Mithilfe herangezogen werden, damit nicht die einen das größere Risiko der anderen Be- rufe tragen, müßten. UebrigenS fei es notwendig, daß die Unternehmerbeiträge zur Versicherung nicht geringer als die Arbeiter- beitrüge festgesetzt werden. Dr. Zacher«Berlin sVertreter deS Reichsstatistischen SmteS): Heute sind noch weit die Anschauungen verbreitet, daß eine Arbeits- losenversicherung undurchführbar sen Diese Auffaffung zu zerstreuen, muß unser erstes Bestreben sein. DaS Problem kann nur auf dem Wege der nationalen Gesetzgebung gelöst werden, und zwar muß die Organisationsform eine Zwangsversicherung nach beruflicher Glie- derung darstellen. Die Lasten haben nicht nur die Arbeiter und Unter- nehmer, sondern auch die Gemeinden und der Staat zu tragen. Die Leistungen der Versicherung können nur nach einer gewissen Warte- zeit gewährt werden, weil der Arbeitslose die erste Zeit für sich selbst sorgen müsse und nicht die Kassen durch all die kleinen Arbeits- losigkeitsfälle überlastet werden dürften. Er habe schon vor zwanzig Jahren einen Vorschlag gemacht, der als geeigneter Weg der Arbeits- losenversicherung gangbar wäre. Die Arbeitslosen, die durch die natürlichen wirtschaftlichen Erscheinungen in ihre schlechte Lage ge« bracht worden sind, sollten durch die UnfallberufSgenoffenscvasten unterstützt werden swirtschaftlicher Unfall!) und die auS persönlichen Gründen Arbeitslosen(Streik, eigene Kündigung usw.) sollten von den Gewerkschaften unterstützt Werdern........................ Bcvrridgc, Direktor der staatlichen Arbeitslosenversicherung Englands, gibt eine Darstellung der englischen Erfahrungen und spricht auch einer Gliederung nach Berufen in der Versicherung das Wort. Die Hauptgrundlage der Arbeitslosenversicherung müffe der Arbeits- Nachweis sein. Umbreit- Berlin: Die Vorschläge des Herrn Fuster sind zu wenig positiv und behandeln die Frage als Problem. Der Kongreß sollte sich für beschleunigte Maßnahmen erklären. Die Resolution neigt der englischen Versicherung zu und erklärt zugleich, daß die englischen Erfahrungen unzulänglich sind. Desto mehr sollte darauf hingewiesen werden, daß die Gewerkschaften schon ganz hervorragende positive Arbeit in dieser Frage geleistet haben. In der 1911 von der Generalkommisfion der deutschen Gewerkschaften herausgegebenen Denkschrift sind genaue rechnerische Grundlagen gegeben und die meisten öffentlichen Körperschaften haben Kenntnis davon. Die gewerkschaftlichen Zentralverbände Deutschlands haben 1912 8,9 Millionen Mark für Arbeitslosenunterstützung bezahlt. Seit 1891 haben sie über 68 Millionen für diesen Zweck aufgebracht. Der Staat und die Gemeinden hätten die soziale Pflicht, diese Selbsthilfe durch öffentliche Zuschüffe zu erleichtern und der Kongreß sollte aussprechen, daß von den Gewerkschaften gegründete Arbeits- losenversicherung da? Nächstliegendste und Notwendigste ist. Die Kölner Rückversicherungskasse betrachten wir nur als ein intereffantes Experiment. Wir sind nicht prinzipiell gegen eine Zwangsversicherung, halten aber vorerst nur die Förderung der gewerkschaftlichen Arbeits- losenfürsorge für durchführbar und notwendig. Das sollte auch der Kongreß aussprechen. Der Kongreß stimmt schließlich folgender Resolution zu: Die internationale Vereinigung nimmt mit großem Interesse Akt van den Feststellungen, die Herr Fuster von den in verschiedenen Ländern gemachten Erfahrungen abgeleitet hat; sie beschließt, das Mandat des Berichterstatters zu verlängern und ihn zu bitten, die weiteren Fortschritte der Arbeitslosigkeitsversicherung zu verfolgen und macht die verschiedenen Sektionen auf die Berichte der Direktion der englischen Arbeitslosenversicherung besonders aufmerksam. Infolge der vorgeschrittenen Zeit werden die übrigen Gegen- stände sehr kurz behandelt. Ueber die Frage der internationale« Arbeiterwanderungen hat Dr. F e r e n c s i- Budapest einen Bericht geschrieben. Er be- gründet seine Forderung: Die internationale Vereinigung zur Be- kämpfung der Arbeitslosigkeit möge die Wanderungsfrage in ihr Programm aufnehmen. Die Arbeiterwanderungen find eine Teil- erscheinung der Arbeitslosigkeit und darum mußte sich unsere Ver« cinigung damit befassen. Ich hege große Hoffnung, daß das gemeinsame Studium der Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz init dem Koinitee für Arbeiterverfichenmg große Erfolge für die unglücklichste Art der Arbeitslosen, für die Auswanderer, zeitigen wird. Ich glaube, daß schon in kurzem sich eine noch viel größere Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ergeben wird und daß darum die Wanderarbeiterfrage brennend wird. Die Frage der ArbcitSlosenstatistik kam sehr kurz weg. Die Beteiligung an der Versammlung läßt er« kennen, daß schon ein großer Teil der Delegierten abgereist ist. Vom Vorstandstisch wird vorgeschlagen, sich auf die Bescklüffe der Züricher Konferenz von 1912 von neuem zu berufen. Diese Be« schlösse befagen, daß eine genaue Erfassung der Arbeitslosigkeit nicht aus einer einzigen statistischen Unterlage gewonnen werden kann. Die drei hauptsächlichsten Quellen sind: 1. Allgemeine Arbeitslosen- Zählungen, die durch örtliche— ergänzende oder selbständige— Er- Hebungen vorzubereiten und zu unterstützen sind; 2. die gewerkschaft- lichen'Arbeitslosenzählungen; 3. die von den Arbeitgebern und von amtlicher Seite veranstalteten Erhebungen über das in den industriellen Betrieben beschäftigte Personal. Was Industrie und Handel betrifft, so ist als der Ausgangspunkt jeder genauen und vollständigen Arbeitslosenstatistik die allgemeine obligatorische Bolls» zählung oder noch besser die Berufs- oder Betriebszählung zu be- trachten. Ferner wird auf die gewerkschaftliche Arbeitslosenstatistik, auf die Statistik von schon bestehenden Arbeitslosenversicherungen hin- gewiesen. Diese Sätze werden angenommen. Dann wurde die Konferenz mit ein paar eilfertigen formellen Worten geschloffen. Soziales. Ein«oderner barmherziger Samariter. Unsere Leser werden sich des unter der obigen Spitzmarke in der Nummer vom 39. August v. I. besprochenen Vorfalls erinnern, wo- nach der praktische Arzt Dr. Friedenheim, Kottbuser Ufer 40, be- schuldigt wurde, daß er in mehreren Fällen den im Operaiionsstuhl liegenden Patientinnen ein unausgefülltes Blatt Papier zur Unter- schrift präsentierte, welches sich später als eine auf einen hiesigen Rechtsanwalt ausgestellte Prozeßvollmacht entwickelte. Mit dieser Vollmacht wurde dann im Namen der betreffenden Patientinnen Klage gegen die zuständige Ortskrankenkaffe auf Zahlung von Arzt- Honorar erhoben. Die Angelegenheit hat auf Veranlassung der ge- schädigten Kassen zu einem ehrengerichtlichen Verfahren gegen Dr. F. geführt, das in erster Instanz zu einer Verurteilung führte. Merk- würdigerweise weigert sich das Ehrengericht, von dem Erkenntnis der ersten Instanz, gegen das der Angeklagte Berufung eingelegt hat, den Beteiligten eine Abschrift zu erteilen. Zur Arbeitslosenfrage mußte das Würzburger Gemeinde- kollegium infolge eines sozialdemokratischen Antrages Stellung nehmen, der beim Magistrat angefragt wissen will, ob reguläre Arbeiten in Aussicht genommen seien und worin diele bestünden, ferner in welcher Weise auch in diesem Jahre für Notstandsarbeiten vorgesorgt sei; weiter wird an einen schon bei der vorjährigen Etatberatung eingebrachten und angenommenen sozialdemokratischen Antrag erinnert, die Einführung der Arbeitslosen- Versicherung in Erwägung zu ziehen, und um Auskunft ge- beten, ob der Magistrat in dieser Frage schon Stellung genommen habe. Nach Abschluß einer Debatte, in der auf bürgerlicher Seite das Wort fiel, man müßte eher eine Arbeitslosenunterstützung für Arbeitgeber schaffen, wurde der Antrag mit einem liberalen Zusatz angenommen, daß man in der Frage der Arbeitslosenversicherung »keine Stellung nach irgendeiner Seite nehmen wolle". Diese Klausel ist durchaus liberal. Die Errichtung eines städtischen Wohnungsamtes mit obliga- torischem Wohnungsnachweis ist in Nürnberg schon vor fünf Jahren von den sozialdemokratischen Gemeindevertretern Verlangl worden, damals gelang es aber dem Treiben der Hausagrarier, das Zustandekommen einer solchen Einrichtung zu verhindern. Nach wiederholten vergeblichen Versuchen hat nun der Magistrat auf einen neuen sozialdemokratischen Antrag beschloffen, die bestehenden Ein- richtungen für Wohnungsstatistik, Wohnungspflege und Wohnungs- fürsorge zu einem städtischen Wohnungsamt zusammenzufassen und ihm emen Wohnungsnachweis mit obligatorischer Meldepflicht an- zugliedern.___ Brief karten der Redaktton. — Schöneberg 52. 1. Nur von der Staatseinkommensteuer. 2. Ein eseierter Held der Karolingischen Sage. 3. u. 4. Strecke Alexanderplatz— -chöncberg im Jahre 1898. 5. Nein.— Pflege. Wenden Sie sich an den Verein.Hauspflege-, Adreffe Frau Kirschner, Berlin NW. 21, Alt-Moabit 90. — H. I. 41. Ist nicht im Briefkasten zu behandeln.—®. Z. 72. Fragen Sie an bei dem Genossen Camille Huysmans, Maison du Peuple in Brüssel. — A. L. 1004. Sachgemäße Auskunft erteflt dt« Zentralstelle für Aus« a-anderer. Berlin, Karlsbad 9/10.— Ernst ZI. Sprechen Sie mal per- sönlich bei der SttstungSdeputation des Magisttats vor, Poststr. IS.— A. B. 102. Wenden Sie sich dirett an die Freireligiöse Gemeinde. Pappelallee 15/17.— H. E. 40. Fragen Sie bei der Flug, und Sport- platz-Gesellschast Berlin-Johannisthal an, Berlin, Potsdamer Str. 112.— Marktpreise von Berlin am 0. September 101Z, nach Ermittelungen des kgl Polizeipräsidiums. Mais lmixed), gute Sötte 17,00—17,20, mittel 00,00—00,00, geringe 00,00—00,00. Mais(runder), gute Sötte 15,10—15,40. Richtsttoh 4,70—4,80. Heu 0,00—7,70. Markthallenpreise. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Koche» 30,00— 50,00. Spcifebohnen, weiße 35,00—60,00. Linsen 36,00— 60,00. Kattofieln(Kleinbdi.) 4,00—8,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchflcisch 1,30— 1,80. Schweinefleisch 1,50— 2,10. Kalbfleisch 1.40—2,40.. Hammelfleisch 1,60—2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,60— 5,50. 1 Kilogramm Karpfen 1,20—2,60. Aale 1,40—3,00. Zander 1,40—3,20. Hecht- 1,40—2,80. Barl che 0,80—2,40. Schleie 1,70—3,50. Bleie 0,80—1,80. 60 Stück Krebse 1,00—40,00. Wttternngsüberficht vom 8. September 1S1Z. Stationen II e| »=/ taparanda eterSburg Scilly Aberdeen Patts 766 N 766 771 Ii fgfttft NNW NO 769 W 766-NNO wollenl ijbalb bd 3 bald bd. Ichedeckt 21halb bd. ** K* iL 8 6 14 9 14 Vielfach wolkig, am Tage ziemlich mild bei mäßigen südwestlich eu Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. WasierstandS-Nachrichte« der LandeSanstalt für Gewäsferkunde, mstgeteUl vom Berlwer Setterbureau -s- bedeutet Wuchs,— Fall.—•) Unterpegel. Todes-Anzeigen Am 6. d. M., vormittags 10 Uhr, entriß mir der Tod meinen geliebten Mann, den Ken- sorgenden Vater meiner Kinder krieliriev Scvrsüer im Alter von 34 Jahren. Schmerzers üllt zeigt dies hier- mit an Ann» Schräder geb. Jakob. Die Beerdigung findet am Mittwoch, nachmittags 4fl, Uhr, von der Leichenhalle des Hellig- Krcuz-Kirchhoscs, Mariendorf, aus statt. 70a Ld. 2.Beri.Reiebstags-WaiU. Bezirk 93. Am 6. September verstarb unser MUglied, der Lackierer Priedfidi Schräder Gncisenaustr. 8. Ehre seinem Zlndeuke» l Die Beerdigung findet Mittwoch, den 10. September, nachmtttags 41/, Uhr, von der Halle des Heilig-Kreuz-Kirchhofes in Ma- ttendors, Eisenacher Straße, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 206/10 Der Vorstand. Vuriialld der Maler, Lackierer, Anstreielier nsw. Filiale Berlin. Sektion der l-acktarer. Wir erfüllen hiermit die trau- ttge Pflicht, indem wir den Mit- gliedern zur Nachricht bttngen, daß unser Kollege rriedried Zedrsder verstorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet morgen Mittwoch, nachmittag» 4'/, Uhr, von der Halle des Heilig-Kreuz- Kirchhofes, Mariendorf, Eisenacher Straße, aus statt. 135/6 vie Ortsverwallung. SozialdemokratiseberWaiilferein f. d. 6. Kerl. Reiebstagsvatilkreis Am 6. d. Mts. verstarb unsere Genossin rrsu Luise Müller (Hochmeisterstraße 23, Bez. 520). Ehre ihrem Andenke«! Die Beerdigung findet heute Dienstag, nachmittags S Uhr, von der Halle des Gethscmane-Kirch- hoses m Nordend auS statt. Um reg« Beteiligung ersucht 230/2 Ider Torstand. Sozialdemokratischer Waiilverein Mölln. Am 6. September verstarb unser Parteigenosse, der Glaser Richard Steffen Selchower Straße 3, 22. Bezirk. Ehre seinem Andenken 1 Die Beerdigung findet heute Dienstag, den 9. Septbr., nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle deS JakobikirchhofeS in der Hermannstraße auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 238/8 Ter Borftand. Am Sonntag,?. September 1913, starb nach langem, mit großer Geduld erttagenem Leiden mein inniggeliebter Mann, unier guter Vater. Schwicger- und Großvater, Bruder, Schwager und Onkel, der Gastwirt Karl Wan?Iidc •im 64. Lebensjahre. DieS zeigen mit der Bitte um stille Teilnahme tiesbctrübt an Im Namen der kauernden Hinterbliebenen Wwe. Berta' Wansllck nebst Kindern, Berlin-Treptow, 8. Septbr. 1913, Am Treptower Park 27. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 11. September, nachmittags 3 Uhr, vom Trauer- hause aus nach dem neuen Trep- tower Gemeinde-Fttedhose. Kies- holzstraße. statt. 2178b DentseberHetaliarbeiter-irerband Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachttcht. daß unser Mitglied, der Metallarbeiter Robert Brunzel am 5. d. M. an Lungenentzündung gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute DienStag, den 9. September, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Epiphania- Kirchhofs in Stahnsdott auS statt. Rege Beteiligung erwartet 125/13 Oie Ottsverwaltung. Dentseher Banarhelterverhand. Zweigverein Berlin. Am 6. September starb unser MUglied, der Jfolirer Gustav Lehmann (Bezirk Norden L) Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 9. September, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Halle des Gethsemane- Kirchhofes in Nordend auS statt. 145/2 Der Torstand. | Am 4. September, nachmittags 4 Uhr, starb plötzlich an Herz- krämpsen unsere liebe Schwester, Schwägerin und Tante, Frau l.fsdia Reinholdt R.BB8et..d. Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung hat bereits aus Wunsch der Vettlorbenen m aller Sttlle stattgefunden. 21S7b Am Sonnabend verschied plötzlich meine liebe Mutter, Schwieger- und Großmutter, die VU«e Marie Klein im 83. Lebensjahre. DieS zeigen tiefbetrübt an die kauernden Hinterbliebenen. Dtto Klein. Die Beerdigung findet am Mtt- woch, den 10. September, nachmittags 5 Uhr. von der Leichenhalle deS neuen Jatobi-Kirchhoss, Neukölln, Hermann- straße, auS statt. 83A Hiermit die kauttge Mitteilung, dag unser lieber Bruder, Schwager und Onkel, der Maler �dohr Fröschke am Sonnabend, den 6. Septem- ber, plötzlich verstorben ist. Die trauernden Geschwister und Verwandten. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 10. d. M., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle deS Gethsemane-tkirchhofs. Niederfchönhausen- Nordend, aus statt. 34a _ung. Für die vielen Beweise herzlicher Tetlnahme bei der Beerdigung meines lieben ManneS, unseres guten Vaters Franz Wagner spreche ich allen Verwandten und Bekannten, insbesondere den Kollegen der Firma Bastuba unseren besten Dank auS. 93A Ann» Wagner _ nebst Kindern. Ton der Kelae xorttck: Dr. med. W. Kraram, Ackerstr. 79. Klnmtu- und Kraittlnudere! oou Röder! Meyer,' Jnh.: P. Göll et* Marianncnstr. 2. Tel. Mpl.346. Oskar Wollburg Trauer- Magazin Berlin N., BrunnenstraSe 56. 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Referenten: Genossen Fabian, Groger, Hilbig, Mermuth. 2. Freie Aus- spräche. 3. Bericht von der Kreisgeneralversammlung und Partei- angelegenheiten. Zahlreiches Erscheinen der Genossen und Gc- nossinnen dringend erwünscht! Gäste willkommen! Der Vorstand. Alt-Glicnickc. Mittwoch, den 10. September, �ahlabend des ersten Bezirkes bei Henschel, Grünauer Strafie, zweiter Bezirk bei Bahr, Köpenicker Str. 45. Für den Ortsteil Falkenberg findet der Zahlabend Sonnabend, den 13. d. M., bei Meier, Strafie am Falkenberg statt. Schmargendorf. Die Mitgliederversammlung des hiesigen Wahl- Vereins findet morgen, Mittwoch, abends 8'/« Uhr, im Restaurant H. Goetsch sWaldkäter), Warnemünder Str. 14, statt. Johannisthal. Heute Dienstag, 8'/, Uhr, im.Arbeiterheim', Restaurant Lindenhof: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Bericht von der Kreisgeneralversammlung. 2. Diskussion der aktuellen Parteifragen. FriedrichShagcn. Mittwoch, den 16. September, abends 8l/, Uhr, bei Lerche, Friedrichstratze 112: Gemeinschaftlicher Zahl- abend. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag des Genossen Sepp Detter über Arbeitslosenversicherung. Spandau. Mittwoch, den 10. September, abends 8'/, Uhr, ge- meinschaftlicher Zahlabend der Bezirke 1—4 bei Madetzki, Bismarck- straße 3._ Berliner JVaefmebtem 3ln ihren Kruchten sollt ihr sie erkennen! Eine Straße in einem Vororte. So nach sechs Uhr abends. Ich stehe vor einem Hause und warte auf einen Bekannten, der aus der Arbeit kommen soll. Die Straße steigt hügelig an. Kurz vorher war ein Gewitterschauer niedergegangen und da rieselt das Wasser noch im Rinnsteine nieder. Ein kleiner, barfüßiger, schmieriger Junge im zerfetzten Gewand geht hin und her. Ich beobachte ihn. Oben auf der Steigung läßt er eine hohle Nußschale in den Rinnstein gleiten und folgt ihr dann langsam. Dicht vor dem Kanalgitter greift er in das Rinnwasser, trägt die Nuß- schale dann behutsam hügelan, läßt sie abermals in das Rinnwasser gleiten, folgt wieder unermüdlich, ganz vergnügt. ... Er hat sicher keine andere Spielsache. Und muß sich mit dem bescheiden, was andere verächtlich fortwerfen, mit der leeren Nußschale— mit Rinnsteinfreuden. Ein anderer kleiner Junge steht in seiner Nähe. Auch ärmlich, aber rein gekleidet. Er hat die Hände in den Hosen- tafchcn und späht aus. Er scheint jemand zu erwarten. Da kommt von oben her ein kleiner, feingekleideter, paus- backiger Junge an der Seite seiner»Mademoiselle". Er schlenkert mit den Armen, reißt sich jeden Augenblick loS— kurz ein rechtes Muttersöhnchen. Wie der nun an dem kleinen spielenden Jungen vorüberkommt, pufft er ihn in die Hüfte. Der Junge fährt mit einem Schrei auf, da gleitet die Nuß- schale gerade durchs Känalgitter. Und jetzt speit das Mutter- söhnchen nach dem Kleinen. Der fängt leise zu weinen an und schleicht fort. Sein einziges Spielzeug ist ja verloren. Und der Schlag schmerzt so... Der andere kleine Junge aber, der mit den Händen in der Hosentasche wartend dort steht, zieht diese jetzt heraus und man sieht zwei geballte kleine Fäuste. Und seine Augen funkeln. E'' kennt schon so ein Muttersöhnchen. Und richtig: wie es der ihm ist, will er auch diesen Jungen puffen. Aber der stürzt auf ihn los und prügelt ihn. Die Mademoiselle will den Angriff abwehren, aber es nützt nichts— der Junge hält erst inne, bis er ganz müde ist. Da gehe ich zu ihm hin und streichle ihm den Kopf. Aber er wehrt ab. Er sagt nur:„Ich werd' mich doch nicht schlagen und anschreien lassen— von so Einem!" Wie er das sagt:„Von so Einem!" Aber mehr will er über den Vorfall nicht sprechen. Doch noch eines erfahre ich: er ist der Sohn meines Bekannten. Der kommt gerade. Ruhig, wieder die Hände in den Hosentaschen, geht der Junge dem Vater entgegen und be- grüßt ihn. Aber er erwähnt kein Wort von dem Vorfalle. Ist er ihm zu unwichtig, zu alltäglich? Nun begrüßte ich den Vater, weise nach dem Jungen, der geprügelt und seiner einzigen Spielsache beraubt, sich feige und ohne Abwehr weinend davongeschlichen hat, und frage: „Wem gehört denn der Junge dort f" „Der? Dem Schmidt! Auch ein Gießer, aber"— ein verächtliches Lächeln— ein echter Gelber!" Und da fährt mir die Alltagsweisheit durch den Kopf: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Und mich drängt es. diesen Jungen zu liebkosen, der so selbstsicher dahin- schreitend, die Hände in den Hosentaschen und fest entschlossen ist, sich niemals etwas gefallen zu lassen—„von so Einem". Vom preustischen Städtetag. In der letzten Vorslandssitzuiig des preußischen Städtetages, die am 3. d. M. im Berliner Rathaus stattgefunden hat, ist die end- güllige Tagesordnung für die BrcSlauer Hauptversammlung am 6. und 7. Oktober festgestellt worden. Neben dem Wohnungsgesetz- emwurf sollen auch die bevorstehenden Aenderungen des Kommunalabgabengesetzes besprochen werden; den Bericht über das Kommunal- abgabengesctz wird der Geschäftsführer des preußischen Städietages Dr. Luther erstatten. Zum Kommunalabgabengesetz hat der Vor- stand auch eine Dcnlschrift an die Staalsregierung eingehend beraten, die alle Fragen des Kommunalabaabenrechts erörtert. Der Vorstand nimmi darin sehr bestimmt gegen die geplante Be- schränkung der städtischen Steuerhoheit im Gebiet der Grundsteuer Stellung und legt dar, daß etwa gebotene Einschränkungen der im übrigen zu Unrecht angefeindeten Steuer nach dem gemeinen Wert sachgemäß nur in der einzelnen Gemeinde durchgeführt werden können und niemals durch eine allgemeine gesetzliche Formel. Auch die ministerielle Ausführungsanweisung zum Sparkassengesetz, gegen die bei den Städten lebhafte Bedenken obwalten, wurde besprochen. Ferner soll bei der Staatsrcgierung eine angcmesicne Entschädigung der Städte für den Fall beantragt werden,"daß sie bei der Veran- lagung und Erhebung der Besitzsteuer herangezogen werden. Endlich wurden die Leitsätze festgestellt, die der Vorstand der Breslauer Hauptversammlung zum WohmmgSgesetzentwurs vorschlagen will. Das Ständchen der Schulkinder im Schlosihofe. Die in weiten Kreisen eingetretene Mißstimmung über die kühle Entlassung der 7000 Schulkinder vom Schloßhofe(ohne den schon seit 5 Uhr früh auf den Beinen gewesenen Kindern eine Erfrischung zu reichen) soll nun nachträglich auf eine sonderbare Weise noch beseitigt werden. Es wird berichtet, daß der Kaiser angeordnet habe, sämtlichen Kindern und Helfern an dem Zustandekommen des Jubiläumsständchens am 16. Juni im Schloßhofe die Reproduktion eines Kaiser- bildes als Erinnerung zuzustellen. Damit wird wenigstens die Erinnerung an den 16. Juni eine dauernde. Ob angenehme, ist eine andere Sache!_ Todcssturz aus dem Fenster. Gestern morgen gegen 7 Uhr stürzte fich die 40jShrige Magistrats sekretärwitwe Amanda Bodeck aus einem Fenster der dritten Etage deS Hauses Zietcnstr. 26 zu Schöneberg. Die Lebensmüde schlug auf den gepflasterten Hof auf und zog sich außer einem doppelten Schenkelbruch einen Bruch der Wirbelsäule zu. Die Schwerverletzte wurde nach dem Elisabelh-Krankenhaus gebracht, wo fie kurz nach der Einlieferung starb. Das Motiv zu der Tat ist in dem Kummer zu suchen, in den die Frau durch drei kurz aufeinander folgende Todesfälle unter ihren Kindern geriet. Die Tote hinterläßt zwei unmündige Kinder, von denen das jüngste vier Jahre alt ist. Slutomobilunglück. Ein Automobilunfall beschäftigt gegenwärtig die Mariendorfer Polizeibehöede. Am Sonntagabend fuhr der Gärtnereibefitzer Fischer aus der Katzbachstraße in Berlin mit seinem Automobil, in dem sich drei Bekannte des F. befanden, von Zofien nach Berlin zurück. Fischer bemerkte auf der Lichtenrade! Chaussee in der Nähe der Renn bahn mehrere verdächtige Gestalten, die sich an den Chaufieebäumen zu schaffen machten. In der Annahme, daß hier ein Drahtseil- attentat geplant werde, brachte er seinen Kraftwagen schnell zum Halten und stieg mit seinen Bekannten ab, um den Fall zu unter- suchen. ES kam schließlich zwischen den Automobilisten und den Un bekannten zu einer Schlägerei. Schließlich zogen sich die Ver- dächtigen zurück und die vier Herren bestiegen ihr Fahrzeug wieder. Fischer kurbelte den Motor an und wollte eben das Tritt- brett besteigen, als ein anderes ebenfalls von Zossen kommendes Automobil in schnellstem Tempo herannahte. Der Chauffeur des fremden Wagens bemerkle erst im letzten Lugenblick, daß sich ein Mensch vor seinem Wogen befand und wollte das Auto herumreißen. ES war jedoch schon zu spät. Fischer wurde von dem linken Kotflügel deS anderen Gefährts erfaßt, wobei sein Mantel fich in der Schein« Werferanlage verfing. So wurde der Gärtner etwa 200 Meter weit mitgeschleist, ohne daß der Fahrer sein Gefährt zum Stehen brachte Endlich stürzte der Gärtner zu Boden und blieb blutend und bewußt- los liegen, während der gewissenlose Chauffeur in rasendem Tempo weiterfuhr. Da das hintere Erkennungszeichen des Automobils un- beleuchtet war, konnte die Nummer leider nicht festgestellt werden. Die Freunde des Schwerverletzten waren über den Vorfall so be- stürzt, daß sie dem Verunglückten zunächst nicht zu Hilfe eilten, sondern die Polizeibehörde benachrichtigten, deren Beamte Fischer schließlich in das Marienheim brachten, wo schwere innere und äußere Verletzungen festgestellt wurden. Nach Meldung von anderer Stelle sollte bei der Bahnstation Wulschdorf, in der Nähe von SchwiebuS, ein Automobil einen Mann totgefahren haben. Die Insassen, ein Herr und eine Dame aus Berlin, sollten den Toten in den Graben gelegt haben und dann weilergefahren sein. Wie der.Vossischen Zeitung' aus Wutschdorf mitgeteilt wird, liegt dieser Meldung ein harmloser Vorfall zu Grunde. Sonntagabend in der Dunkelheit fuhr ein Auto an einem Manne vorbei, der bewußtlos auf der Chauffee lag. Die Jnfaffen stiegen aus und stellten fest, daß es sich um einen Betrunkenen handelte, den fie an den Chausseerand legten. Von Kindern, welche diesen Vorgang aus der Ferne beobachtet hatten, wurde dann die irreführende Nachricht verbreitet. Auf der Suche nach einem eigenen Heim wollte sich ein Liebespärchen befinden, das zu vermietende, aber noch bewohnte Räume eigens zu dein Zwecke besuchte, um Gelegen heit zu Diebstählen zu erhalten. Ein früherer Kaufmann Ernst Klatke und dessen Geliebte Elisabeth Worms gaben sich bei den Ver- waltern oder Hausbesitzern als Brautleute aus und ließen sich die Wohnungen unter dem Vorwandc zeigen, daß sie auf der Suche nach einem freundlichen Heim seien, das fie sich in allernächster Zeit gründen wollten. Sie wählten bei ihren Besichtigungen nur Wohnungen aus, deren bisherige Inhaber noch nicht ausgezogen waren. Bei den Abmessungen, ob ihre angeblich schon gekaufte Einrichtung auch in die Räume passe, verstand einer von beiden, irgendeinen wertvollen Gegenstand unbemerkt verschwinden zu lassen. Es gelang ihnen auf diese Weise, eine ganze Reihe von Familien in Charlottenburg, Schöneberg, Friedenau und Wilmers- dorf zu bestehlen. In der Hardenbergstraße wurde der Mann gerade beobachtet, als er eine silberne Handtasche verschwinden ließ. Der Dieb wurde festgenommen, während dessen Begleiterin Ge legenheit fand, zu verschwinden. Gestern konnte aber auch sie ding' fest gemacht werden.___ Scglerunglück auf der Dahme. Ein aufregender Vorfall! der die gerechte Entrüstung de§ Publikums hervorrief, ereignete sich am Sonntag nachmittag in der Nähe von Grünau. An der allen Seglern bekannten.Bammelecke' kenterte ein kleines Segelboot„Maricchen", in dem sich ein Herr und eine Dame befanden. Da die Dame des Schwimmen« nicht kundig war, mußte ihr Begleiter sie über Wasser halten. Fu diesem Augenblick fuhr das Motorboot.Fahrwohl', das zu Vergnügungsfahrten vermietet wird, vorüber. Obwohl der Führer das Kentern des Segelbootes gesehen hatte und ihm vom User aus von verschiedenen Seiten zugerufen wurde, helfend einzugreifen, künimerte er sich nicht im geringsten um die mit den Wellen Rlngenden und fuhr weiter. Schließlich kam vom Lande aus ein anderes Motorboot den beiden Verunglückten zu Hilfe und vermochte noch zur rechten Zeit die beiden Erschöpften auf- zunehmen._ Der Zcntralvcrcin für Arbeitsnachweis, Gormannstr. 13, macht gelegentlich des bevorstehenden UmzugSlerminS auf seine kostenlose Vermmutclung von ungelernten Arbeitern zu Umzügen aufmerksam. Es wird gebeten, die Bestellungen rechtzeitig aufzugeben. Telephon Amt Norden 3731/97. Auch ist die persönliche Annahme der Arbeiter durch den Arbeilgeber oder dessen Beaustragten zulässig und er« wünscht. Bei der großen Zahl der den Arbeitsnachweis auf- suchenden Personen kann allen Ansprüchen sofort und sachentsprechend nachgekommen werden._ Mnsscnnnfalle bei einer Negimentsübnng. Das Generalkommando des GardekorpS teilt zu den, Artikel in Nr. 224, 2. Beilage des.Vorwärts" vom 30. August 1913, mit: .Es sind nicht 82, sondern 2 Mann nach dem Einrücken in die Kaserne vom Hitzschlag betroffen worden. Hiervon ist Sergeant Dominke an Herzschwäche gestorben, während das Befinden deS anderen in das Lazarett überführten Mannes zurzeit gut ist. Von feiten des Generalkommandos. Für den Chef des Generalstabes: v. T h a e r, Major. Hierzu ist zu bemerken, daß in der fraglichen Notiz gar nicht behauptet worden ist, daß die Unfälle sämtlich erst uach dem Ein- rücken in die Kaserne passierten. Erkundungen, die wir nach den verschiedensten Richtungen angestellt haben, bestätigten� die Zahl von 32 Erkrankungssällen, wovon der größere Teil eben während der Uebung selbst sich ereignet hat. Auf verhänignisvolle Weise hat der 37jährige Arbeiter Karl Schwarz aus KönigLwusterhausen den Tod gefunden. Sch. hatte einen Ausflug nach dem bei Wusterhausen belegenen Dorfe Kal- dinchen unternommen. Als er in vorgerückter Abendstunde den Heimweg antrat, irrte Sch. vom Wege ab; er geriet an den Rotte- kanal heran und stürzte die steile Böschung hinab ins Waffer. Da der Verunglückte des Schwimmens unkundig war, so mußte er hilflos ertrinken. Die Lerche wurde gestern mittag geborgen. Brandunglück in der Lützowstraffe. Ein schweres Brandunglück hat sich gestern früh in der Lützow» st r a ß e 61 zugetragen. Im dritten Stock des Gartenhauses wohnte dort feit mehreren Jahren die Modistin Anna Maria Haberland, die sich ihren Lebensunterhalt durch Abvermieten von Zimmern er- warb. In letzter Zeit war sie aber sehr kränklich und mußte ihre Chambregarnisten aus diesem Grunde ziehen lasten. Sie lebte ganz zurückgezogen und schrieb an ihre Verwandten und Bekannten, daß sie sich sehr krank fühle und ärztliche Hilfe benötige. In der letzten Nacht muß sie anscheinend wieder von ihrem Leiden sehr befallen worden sein. Sie stand kurz nach 3 Uhr morgens aus dem Bett auf, um sich Umschläge zu machen. Hier- bei ist fie vermutlich ohnmächtig geworden, so daß fie zu Boden stürzte und die brennende Lampe in Trümmer ging. Eine Stichflamme setzte die Kleider der Frau in Brand und die Unglück- liche erlitt hilflos den Berbrcnnungstod. Das Unglück wurde erst bemerkt, als Rauch aus der Wohnung der Modistin drang. Man alarmierte sofort die Feuerwehr, die gewaltsam in die Wohnung ein- drang und die Modistin mit vollständig verbranntem Kopf als Leiche vorfand. DaS Feuer hatte auch einen Teil des Fußbodens ersaßt, wurde aber schnell gelöscht. Die Leiche wurde der Polizei über- geben._ Zu der FamilientragSdie in der Liegnitzer Straße, wo, wie wir ausführlich berichteten, der Hauswirt Braun mit seiner Frau und seiner 20 Jahre alten Tochter freiwillig den Tod suchte, wird uns mitgeteilt, daß jetzt alle drei Personen an den Folgen der Gas- Vergiftung gestorben sind. Die Tochter verschied bereits am Sonn- abend abend, am Tage darauf folgte ihr die Mutter in den Tod und gestern ist auch der Mann verschieden. Bon Einbrechern gewürgt und beraubt wurde gestern nach- mittag die Portierfrau Marie Dukow vom Küstriner Platz 7. Die alleinstehende Frau hat dort eine kleine Kellerwohnung inne, die kurz nach Mittag ohne Aufficht zu stehen scheint. Einbrecher, die diese? ausgekundschaftet hatten und mit den örtlichen Verhältnissen genau vertraut gewesen sein müssen, gedachten diese Zeit zu einem ungeladenen Besuch auszunutzen. Frau Dukow leidet jedoch an einer Lungenkrankhcit und hatte sich, weil sie sich gestern nicht wohl fühlte, angekleidet auf das Bett gelegt. Plötzlich hörte sie, wie von außen versucht wurde, ihre Türe gewaltsam zu öffnen. Zur gleichen Zeit drang ein junger Bursche von 17 bis 18 Jahren durch das Kcllerfenster ein und warf sich, als er unvermutet die Frau antraf, auf dies«, warf sie aus den Fußboden und würgte sie so stark, daß sie die Besinnung verlor. Dann raubte er ihr ein Portemonnaie mit sechs Mark und ergriff mit seinem Spießgesellen, der fich ver- geblich an der Tür zu schaffen gemacht hatte, die Flucht. Sie ent- kamen auch beide. Eine Hausbewohnerin sah sie noch davonlaufen, doch wußte diese nicht, um was es sich handelte. Ihr Einbrecher- Werkzeug, darunter das Stemmeisen, mit dem sie die Tür aufzu- brechen versuchten, wurde später noch vorgefunden. Auf die Er, greifung der gefährlichen Burschen ist eine Belohnung von 300 M. ausgesetzt worden. Der eine, der die Frau würgte und beraubte, ist schlank und trug eine blaue Kapitänmütze, deren Deckel hinten und vorn etwas höher war und ebenso, wie sein Spießgeselle, der etwa 18 Jahre alt gewesen sein mag. einen blauen Anzug. Dir Deutsche Gartenbaugesellschaft hatte für die Ausstellung der Laubenkolonistcn zwei silberne Medaillen gestiftet, von denen eine dem Verein.Gemütlichkeit', die andere Herrn Karl Moder für Einzelleistungen zugesprochen wurde. Vorort- ftedmebten. Neukölln. Stadtverordneten-Ersatzwahl. Am Freitag, den 12. September, findet die Stadderord- neten-Ersatzwahl im 2. Bezirk für die II. Abteilung statt. Wir richten an die Genossen das dringende Ersuchen. alles aufzubieten, damit unser Kandidat, der Genosse Restaurateur Richard Felsch, als Steger auS der Wahl hervorgeht._ Spielpartie. Am Mittwochnachmittag findet wieder eine Spiel- Partie nach dem Plänterwald statt. Die Kinder treffen fich um 2 Uhr am Wildenbruchplatz. ES wird auf zahlreiche Beteiligung der Kinder gerechnet._ Heber eine Märchenveranstaltung deS Vereins für Volksbildung und Unterhaltung zu Neukölln(Körperschaftl. Mitgl. d. Ges. für Ver- breitung von Volksbildung) wird uns geschrieben:„Wenn die Er« Wartungen auch in Anbetrocht deS niedrigen Eintrittsgeldes(10 Pf„ reserv. Platz 20 Pf.) nicht sehr hoch gespannt waren, s o wenig hatte man doch nicht erwartet. Um 1 Uhr war Kaffenöffnung angesetzt. Als ich um Vi2 Uhr mit meinen Kindern zur Ver- anstaltung ging(eS war ausdrücklich auf den Zetteln an den Anschlagsäulen gewünscht. daß die Eltern die Kinder begleiten möchten, um mit ihren Kindern ein paar„vergnügte" Slunden zu verleben) stand schon eine große Zahl Kinder und Erwackisener vor Gröplers Lokal und wartete auf die Kassenöffnung um 1 Uhr. Als dies endlich um �2 Uhr geschah, kann man sich da« Gedränge denken, das entstand. Im Saale stellte sich heraus, daß die Veranstalter mehr Billekts verkauft hatten, als Plätze vorhanden; nach vielem Zusammenschieben wurden endlich alle untergebracht, ein Teil mußte stehen. Als um V« 3 Uhr der Vorhang hoch ging, sah man ein Weißes Tuch ausgespannt und— die Datoma ma�ioa-Vorstellung begann. ES war wohl niemand im Saale, der geglaubt hatte, er ginge zu einer Kientopp- Vorstellung; dazu noch zu einer solch minderwertigen. Mehrere Herren, darunter auch der Redakteur vom„Neuköllner Tage« blatt" lasen Märchen vor, dazu erschiene» Bilder. Im ganzen wurden vier Märchen sehr schwer verständlich vorgelesen(Peters Reise, Schneewittchen, Froschkönig, Marienkind). dann sangen alle Kinder noch zwei Lieder und dann war» aus. Nach dem Anschlag- zettel sollte noch ein Märchen veranstaltet werden, aber niemand wartete darauf, alles„rennet, eilet, flüäitet". Um �4 Uhr waren wir und die allermeisten draußen. Die� Mißstimmunc; war allgemein. Für so wenig und so schlecht waren auch KZ Pfennig, geschweige denn 20 Pfennig zu viel, es waren zum größten Teil Arbeiterfamilien da, die das Geld sicherlich nicht ausgegeben hätten, wenn sie das vorausgeahnt hätten. Die Veranstalter haben wohl selbst das Gefühl gehabt, daß sie dem Publikum zu wenig fürs Geld geboten haben, denn einer der Herren führte in einer kurzen Ansprache aus, daß sie dieses Mal leider nicht eine richtige Vor- sührung geben könnten, das aber das nächste Mal„richtige Menschen' die Märchen spielen werden.— Ob sie auf diese Weise erst das Geld dazu aufbringen wollten? Denn ein Geschäft haben die Herren ohne Zweifel dabei gemacht. Ob's ihnen noch einmal gelingt? Adlershof. Genossin Wurm sendet unS folgende Zuschrift: In dem Bericht über die Versammlung in Adlershof:„Für oder gegen den Gebär streik'(„Vorwärts" vom 7. September) sind mehrere Irrtümer enb halten. 1. Nicht auf Oesterreich habe ich hingewiesen, das gegen Deutsch- lond um 9 Proz. schlechter stehe, sondern i ch sagte, daß in Frank reich 89 Proz. der weiblichen Bevölkerung erwerbstätig seien, in Deutschland aber nur 39 Proz., was beweist, daß ein Rückgang der Geburten die wirtschaftliche Lage der Frauen nicht bessert. In bezug auf Oesterreich verwies ich aus die Tatsache, daß die massenhafte Einziehung von Arbeitern anläßlich der letzten Mobil rnachung den Arbeitsmarlt für die Zurückgebliebenen nicht gebessert, sondern verschlechtert habe. 2. Nach dem Bericht war ich mit Dr. Moses„darin einig, daß ein zu großer Kindersegen die Arbeiterschaft wirtschaftlich zurückhalte, damit selbstverständlich den Emauzipationskampf hindere'. Das genaue Gegenteil war der Fall. Ausdrücklich habe ich mich gegen diese Schlußfolgerung des Dr. Moses gewendet nnd wiederholt be- tont, daß die Geburtcncinschränkung wohl die Lage der einzelnen Frau und Mutter etwas erträglicher gestalten könne, aber nicht geeignet sei, die Klassenlage der Proletarier zu ändern oder zu bessern. Ich müßte es ganz entschieden ablehnen, auch nur nach einer Richtung den Anschauungen des Genossen Dr. Moses über Gebär- streik irgendwie beigetreten zu sein. Britz-Bnckotv. Die Fcrienspicle, die so günstige Aufnahme gefunden haben, sollen, wenn auch im beschränkten Maße, dauernde Fortsetzung finden. Regelmäßig jeden Mittwoch, auch im Winter, finden Ausflüge statt, um den Kindern neben entsprechenden Spielen mit den Schönheiten der Natur bekannt zu machen. Die Teilnahme an diesen Ausflügen sollten alle Eltern ihren Kindern ermöglichen und dafür sorgen, daß der Kreis der aufstrebenden Jugend immer größer wird. Treffpunkt, jeden Mittwoch Vs2 Uhr. Jahn- und Rungiusstraßen-Ecke. DaS Ziel des nächsten Ausfluges ist die Plantschwiese Tempelhofer Feld. Ober-Schöneweide. Die Gcmcindcvcrtrctersitzungcn, welche bislang in der Schulaula in der Frischenstraße abgehalten wurden, finden von jetzt ab in der Aula des Realgymnasiums statt. Es ist eine nette Begleiterscheinung einer preußischen sogenannten Selbstverwaltung, daß die Gemeinde als Eigentümerin dieser Anstalt erst die Genehniigung des Provinzial- schulkollegiums zur Benutzung der Aula nachsuchen mußte, welche jetzt in aller feierlichen Form eingegangen ist. Die erste dort statt- findende Sitzung am heutigen Dienstag, den 3. d. M., nachmittags .5 Uhr, wird sich auch mit einem Antrage auf Schaffung eines kollegialen Gemeindevorstandes zu befassen haben. Schöneiche(Nicder-Barnim). Bon Hunden überfalle» und bös zugerichtet wurde unser Genosse Rühl. Als der alte Mann in später Abendstunde seine Wohnung aufsuchen wollte, wurde er in der Nähe der Parkstraße von vier Bulldoggen angefallen, umgerissen und an Kopf und Beinen zer- fleischt, so daß er stark blutende Wunden davontrug. Durch das Hinzukommen eineS Einwohners erst gelang es, die wütenden Tiere zurückzuhalten, die dann zu ihren in kurzer Entfernung befindlichen Besitzern zurückkehrten. Als der Verletzte diese, zwei Frauen, um ihren Namen bat, soll ihm die eine— Frau Marine-Ingenieur Grühn, während die andere eine Frau GrabowSki war— geantwortet haben:„Ich werde mich hüten, Ihnen meinen Namen zu nennen". Nicht einmal ein Wort der Entschuldigung oder deS Be- dauerns soll die Frau gefunden haben. Nur dem Zufall, daß der Zeuge des Vorganges auch die beiden Hundebesitzer kannte, ist eS zu danken, daß dem Verletzten wenigstens die Möglichkeit gegeben ist, seine Schadenersatzansprüche geltend zu machen. Pctershagen bei Fredersdorf. In der Gemcindcvcrtretersitzuiig vom 6. d. M. wurde beschlossen, : betreffs Einführung eines Ortsstatuts für die Straßenreinigung, sich zunächst an eine benachbarte Gemeinde, in der ein solches schon be- steht, um Ueberlaffung eines solchen zu wenden. Ein Antrag auf Anstellung eines Feldhüters wurde, weil zurzeit nicht mehr an- gebracht, bis zum nächsten Jahre vertagt. Der auf dem Grundstück der� Madeischen Gastwirtschaft befindliche Fcuerwehrturm soll, da derselbe etwas wacklig geworden, durch einen Sachverständigen be- sichtigt und durch Streben eventuell neu befestigt werden. Die An- schaffung eines Mannschaftswagens wird, weil vorläufig keine rechte Unterkunft für denselben vorhanden, vertagt. Die am Eggersdorfer Weg stehenden Bäume sollen zur Versteigerung kommen. Der Zu- schlag soll an denjenigen erfolgen, der� sofort bezahlt und sich vor- pflichtet, die Stubben mit herauszunehmen. Spanvan. Der verschärfte Boykott des„Roten Adlers", der der organi- fierten Arbeiterschaft durch die Entziehung des Lokals aufgezwungen worden ist, hat nun auch die anderen bürgerlicheu Saalbesitzer aus ihrer Ruhe aufgeschreckt. Dieselben haben, da sie auf den Besuch der Arbeiterschaft angewiesen sind, eine Eingabe an den neuen Stadt- kommandanten dahingehend beschlossen, ihre Lokale allen Parteien freigeben zu können, ohne von dem Militärbohkott bedroht zu werden. Die Lokalfrage kann natürlich nur dann zu aller Zufriedenheit gelöst werden, toenn die bürgerlichen Saalbesitzer auch ohne Zustimmung des Stadtkommandanten alle Parteien ihre Räume zu Versammlungen zur Verfügung stellen. Herr Leichter, der Unter- Pächter des„Roten Adlers", empfiehlt schon seit längerer Zeit seine Räume zu Sedan- und Kaiser-Geburtstagsfeiern und scheint seine ganze Hoffnung auf diese Geschäfte zu setzen. Bei der ersten Feier ist er ziemlich leer ausgegangen. Die Wichtigkeit der Lokal- frage wird leider insbesondere von den jüngeren organisierten Arbeitern noch nicht voll erkannt. Es darf keine Gelegenheit und keine Sitzung vorübergehen, wo nicht auf den Boykott des„Roten Adlers" für organisierte Arbeiter hingewiesen wird. Theatervorstellungen wie überhaupt alle Veranstaltungen in diesem Lokal sind von jedem organisierten Arbeiter streng zu niciden. Wenn Herr Leichter und Herr Passig nur den Patrioten den„Roten Adler" zur Verfügung stellen, dann mögen die Patrioten aber auch allein für die Unterhaltung des Lokals Sorge tragen. Gerichts-Leitung. Eifersuchtswahn. In einer Strafsache wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung, die dem Vorkosthändler Albert Oertel und dessen Ehefrau vor das Schöffengericht Berlin-Mitte führte, hat— «in seltener Fall— die Anklage erst auf Anordnung des Kammer- gerichts erhoben werden können. Der Klempnermeister Metzentin lebt mit Oertel seit längerer Zeit in erbitterter Fehde, da er ihn des Ehebruchs mit seiner Frau verdächtigt. Nachdem er diesen Verdacht wiederholt in Beschimpfungen Ausdruck verliehen, wurde er in die Edelsche Anstalt gebracht, nach 5 Tagen aber auf Antrag seiner Ehefrau wieder entlassen. Als Oertel dann am 13. Januar wegen weiterer Beschimpfungen um polizeilichen Schutz ersuchte, wurde Metzentin zur Polizeiwache sistiert. Der herbeigerufene zuständige Kreisarzt entließ ihn aber und attestierte, daß Metzentin nicht gemeingefährlich sei. Nun stellte Oertel Strafantrag gegen M. In diesem Verfahren schwor Oertel den Ehebruch ab, während die Frau Metzentin die Aussage verweigette. Es erfolgte in der Verhandlung vor dem Schöffengericht die Freisprechung des Metzentin, und zwar nach Anhörung des Gerichtsarztes Dr. Strauch, auf Grund des Z 51 mit der Begründung, daß bei dem Angeklagten auf dem Gebiete der Eifersucht Wahnvor- st e l I u n g e n vorhanden seien und er die Straftaten unter einer krankhaften Wahnidee ausgeführt habe. Ueber diese Freisprechung unter dieser Begründung geriet Metzentin in große Erregung und erschien wiederholt vor und in dem Oertelschen Laden und be- zeichnete Herrn Oertel mit weithin dröhnender Stimme als„Mein- eidbauer",„Lump",„Schuft" und dergleichen. Das Oertelsche Ehe- paar behauptet, daß, wenn Metzentin vor ihrem Laden erschien, die Nachbarn zusammenströmten und man sich gegenseitig zurief: „Der Löwe kommt!" Am 25. Januar erschien er zweimal vor und in dem Oertelschen Laden und es kam dabei zu einer wüsten Szene, die damit endete, daß, wie die Anklage behauptet und wie das Oertelsche Ehepaar auch zugibt, Metzentin gewaltsam entfernt wurde und durch Schläge mit einem Spazierstock bezw. einem kleinen Eiscnstabe einige nicht ganz ungefährliche Verletzungen am Kopf und am Arm erhielt.— Auf seine Anzeige lehnte die Staats- anwaltschaft aber ein Einschreiten ab, da sie das Vorliegen von Notwehr annahm. Oertel gab im Ermittelungsverfahren an, daß er seinerseits keinen Strafantrag stelle, da Metzentin an ..Eifersuchtswahn" leide und deshalb ein Strafantrag zwecklos sei. Die hiergegen eingelegte Beschwerde wurde von der Oberstaats- anwaltschaft zurückgewiesen. Gegen diesen ablehnenden Bescheid hat auf Antrag des Rechts- anwalts Ehrenftied das Kammergericht die Staatsanwaltschaft an- gewiesen, gegen die Oertelschen Eheleute die öffentliche Klage wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu erheben. So standen sich denn gestern die Parteien kriegsbereit gegenüber: auf der einen Seite der Nebenkläger Metzentin unter Assistenz des Rechtsanwalts Dr. Ehrenfried, auf der anderen das Oertelsche Ehepaar, verteidigt durch Rechtsanwalt Dr. Arnold Cohn! Ein Novum war es jedenfalls, daß Herr Metzentin durch Zirkular die verehrliche Nachbarschaft zur Teilnahme an diesem gerichtlichen Turnier eingeladen und dabei auch genau den Zugang zum Zuhörerraum angegeben und mit- geteilt hatte, wie viele Personen dort Platz finden. ES ging in der Verhandlung recht lebhaft zu. Die Angeklagten behaupteten, in Notwehr gehandelt zu haben: sie hätten sich vor dem Neben- kläger überhaupt nicht mehr retten können und seien am 25. Januar dadurch gereizt worden, daß Metzentin gegen Frau Oertel aggressiv vorgegangen sei und sie an die Wand geschleudert habe. Nach Ver- nehmung des Nebenklägers beantragte der Verteidiger, diesen nicht zu vereidigen, da er wegen mangelnder Verstandesreife und eistesschwäche keine Vorstellung von dem Wesen und der Be-- deutung des Eides habe. Das Gericht lehnte den Antrag ab und beeidigte den Zeugen. Es stellte sich nach längerer Verhandlung heraus, daß die Ladung der einzigen Augenzeugin zum gestrigen Termin nicht hatte erfolgen können und die Sache mutzte deshalb vertagt werden. Es wurde beschlossen, diese zu einem nächsten Termin vorzuladen, ferner die Vorprozeßakten einzufordern, da- gegen wurde der Antrag, Herrn Dr. Strauch zum Beweise der Unglaubwürdigkeit des Zeugen Metzentin zu laden, abgelehnt. Ein Schwefelsäureattentat gegen die eigene Eheftau führte gestern den Arbeiter August Perchner vor die 2. Ferien- strafkammer des Landgerichts I.— Der Angeklagte, wlcher seit zwanzig Jahren verheiratet und Bater von fünf Kindern ist, lebte seit April d. I. von seiner Frau getrennt, die sich als Portierfrau mühsam ihren Lebensunterhalt verdienen mutz. Die Ehe selbst war von Aiffang an nicht glücklich gewesen, da der Angeklagte, wenn er überhaupt arbeitete, seinen Berdieifft stets vertrank. Wiederholt forderte er von seiner Ehefrau Geld, um es in den Kneipen durchzubringen. Wenn sie sich weigerte, fiel der Ange- klagte über sie her und mißhandelte sie in der rohesten Weise. Außerdem trieb er sich mit anderen Mädchen herum und entwendete, um sich mit diesen amüsieren zu können, seiner eigenen Tochter und seiner Frau die geringen Ersparnisse. Die Frau machte diesen greulichen Zuständen schließlich dadurch ein Ende, daß sie nach Lichtenberg verzog und dort eine Hausreinigungsstelle annahm. Der Angeklagte erschien dort wiederholt und versuchte unter Drohungen, von ihr Geld zu erlangen. Als er abgewiesen wurde, beschloß er, sich an ibr zu rächen. Am 6. August, gegen 7 Uhr abends, erschien der Angeklagte in dem Hause, bewaffnet mit einer großen Flasche Schwefelsäure. Kaum wurde er seiner Frau an- sichtig, als er die Ahnungslose von oben bis unten mit der ätzenden Säure übergoß. Die an Hals und den Armen schwer ver- brannte Frau lief hilferufend davon, während der Angeklagte, nach- dem er von den empörten Hausbewohnern eine wohlverdiente Tracht Prügel erhalten hatte, der Polizei übergeben wurde.— Das Gericht ahndete die brutale Tat dieses„Mustergatten" mit einer Gefängnisstrafe von 2 Jahren. Der Staatsanwalt hatte 3 Jahre Gefängnis beantragt. Verdorbenes Fleisch. Wie die so häufig auftretenden Fleisch- und Wurstvergiftungen mitunter entstehen, zeigte ein Fall, der gestern die zweite Ferien- strafkammer des Landgerichts II beschäftigt. Angeklagt wegen wissentlichen Verkaufes verdorbener und gesundheitsschädlicher Nahrungsmittel war der Schlächtermeister Robert Gerth.— Am 7. Juli d. I. fand in der Dreibundstraße in Schöneberg ein Wochen- markt statt. Bei einer Revision der Verkaufsstände eutdeckte der Polizeitierarzt Dr. H i l d e b r o n d t in dem Verkaufsstand des jetzigen Angeklagten ein großes Stück Schweinefleisch, welches offen- bar verdorben war. Das Fleisch wurde beschlagnahmt, da es sich in einem selbst für den Laien schon deutlich erkennbaren verdorbenen Zustande befand. Trotzdem hatte der Angeklagte, wie frische Schnitte bewiesen, schon Teile davon verkauft. Nach dem Gutachten des Medizinalrats Dr. Hoffmann ist der Genuß eines derartig ver- dorbenen Fleisches geeignet, schwere gesundheitliche Störungen, ja sogar tödliche Vergiftungen hervorzurufen. Der Staatsanwalt be- antragte eine Gefängnis st rafe von sechs Monaten, da gegen derartig leichtfertige Händler mit Nahrungsmitteln mit aller Schärfe des Gesetzes vorgegangen werden müsse. Das Gericht ver- urteilte den Angeklagten zu einer Gefängnis st rafe von einem Monat. er aber als Jude nicht da» Recht, inMoSkan zu lebe«. Set» Freunde machten alle möglichen Bemühungen, um ihm wenigstens die Erlaubnis zu einem ganz kurzen Aufenhalt zu erwirken. Der Polizeichef fand es aber absolut nicht nötig, die erbetene Erlaubnis zu erteilen. Dabei sind die Moskauer Theater überffillt, wenn ein Drama von Juschkewitsch gegeben wird, und auch der Polizeichef selbst verschmäht es keineswegs, von der ihm unentgeltlich zur Ver- fügung stehenden Loge Gebrauch zu machen. Jahrelang war der berühmte russische Dichter Frug— der ebenso wie Juschkewitsch sehr unbedacht in der Wahl feiner Eltern war— in Petersburg als Hausdiener angemeldet, nur auf diese Weise konnte er sich dort das Wohnrecht verschaffen. In Saratow wird der Polizeibeamte Iwanow dem Ge- richt übergeben, weil er eine Baptistin mit der Peitsche geschlagen hatte, um sie— zum Uebertritt zur Orthodoxie zu zwingen. Religiöse Propaganda nach echt russischem Muster! Außerdem ließ derselbe Beamte die Tochter eines Kaufmanns ärztlich untersuchen und der Sittenpolizei. zustellen. weil sie sich weigerte, ihm willig zu sein. Huq aller Melt. JVKttelaltcrlicbcs vom heutigen Cage, Der bekannte russische Dramaturg Semjon I u s ch k e w it s ch wollte unlängst nach Moskau kommen, um mit mehreren Theater- Unternehmern über die Aufführung seiner Werke zu unterhandeln und der Einstudierung eines neuen Werkes beizuwohnen. Nun hat D»c«nßballabteilung des Schöneberger Arbeiter-SurnvereinS ladet hiermit alle Fußballsreunde zu emer heute, Dienstagabend, bei Obst, ____________________________ Martin-Luther-Straße, stattfindenden Versammlung freundlichst ein. verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiejepp, Neukölln, Für Pen Inseratenteil verantw.t Th. Glocke. Berlin. Druck», sbxrtag: Vorwart« Buchdrucker«, u. VerlaaSanstalt PantSmgei■. Em, jHerlre SWL Eine Schreckensszene im Bärenkäfig. Auf der Genter Weltausstellung hat sich in einer Menagerie am Sonntag ein schwerer Unglücksfall zugetragen. In der Menagerie Bostock führte der Dompteur Baron gegen 13 Uhr unter Mit- Wirkung eines jungen Mädchens sechs große russische Bären vor. Plötzlich stürzte sich eines der Tiere von hinten auf ihn, warf ihn nieder und verletzte ihn durch Bisse an derKehle lebensgefährlich. DaS junge Mädchen bearbeitete da» Tier mit der Peitsche, worauf sich die Bestie von Baron abwandte nnd das Mädchen angriff, das durch Tatzenhiebe ebenfalls erheblich verletzt wurde. Den Wärtern gelang es end« lich mit Hilfe von Eisenstangen, daS Tier von dem Mädchen abzubringen und Baron sowie seine Gefährtin dnrch das Vorschieben eines Eisengitters von ihrem Angreifer nnd den anderen Tieren, die ebenfalls anfingen nnrnhig zu werden, zu isolieren. Des zahlreich erschienenen Publikum» be- mächtigte sich während dieser Vorgänge eine starke Erregung. Baron und seine Begleiterin wurden inS Krankenhan» gebracht. Während die Verletzungen des jungen Mädchen» zwar schwer, aber nicht lebensgefährlich sind, ist zu befürchten, daß der Tierbändiger nicht mit dem Leben davonkommen dürste. Bryan als Akrobat? Die Vereinigten Staaten haben wieder ihre Sensation, die alleS andere in den Schatten stellt. Der Konflikt mit Mexiko, die Affäre Thaw, der Kampf Sulzers um den Gouverneurposten, alle Affären sind zu Kleinigkeiten zusammengeschrumpft vor der Aufregung, die der Entschluß des Staatssekretärs des Auswärtigen Bryan her- vorgerufen hat, seine Einnahmen durch Auftreten in einem V a r i e t ö zu erhöhen. Wie telegraphisch gemeldet wird, ist die amerikanische Presse voll von Einzelheiten über diese Tat. Bryan erklärt, daß er sich genötigt sieht, sich eine „kleine Nebeneinnahme" zu schaffen, da sein Gehalte, das er als Staatssekretär bezieht und das 60900 Mark be- trägt, für seine Bedürfnisse nicht genügt. Er hat mit dem Manager eines Wanderzirkus einen Vertrag abgeschlossen und wird allabendlich zusammen mit Akrobaten. Feuerfressern und Degenschluckcrn austreten. Bryan erhält für seine Mlwirkung die Kleinigkeit von 10 000 Dollar pro Abend sowie die Reisekosten nach Washington zurückerstattet. Diese Kosten dürften allerdings nicht gering sein, da er jeden Morgen zur Erledigung der laufenden Geschäfte in Washington sein muß. Eine Uebertragung dieser echt amerikanischen Spezialität auf Deutschland ist, auch wenn eS sich nicht nur um eine Reklame des ZirkuSdireltorS handelt, nicht zu fürchten. Unsere Minister sind so begütert, daß ihnen der Gedanke nach solchem Nebenverdienst nicht kommen wird. Sollte das auch wirklich einmal der Fall sein, so würde der Plan schon um deswillen zu Wasser werden, weil wir keinen wüßten, für dessen Schaustellung das Publikum sich in Un» kosten stürzen würde._ Kleine Notizen. Die Katastrophe auf der Kölner Radrennbahn. Von den bei dem Radrennen in Köln Verunglückten sind der Schrittmacher GuignardS L a w s o n und der Rennfahrer Scheuer mann gestorben. Auch das Befinden des Schrittmachers M ei n h o l d- Steglitz ist ernst. Schweres Grubenunglück in Oberschlesieu. Vier Bergleute. die seit Mittwoch auf der Hedwigwunschgrube in Borsigwerk vermißt wurden, sind am Sonntag von einer Rettungskolonne auf einer alten Strecke erstickt aufgefunden worden. Geschützcxplosion in der russischen Marine. Während einer Schieß- Übung auf dem Torpedoboote Prytky RuS platzte ein 7b-Zenti- ineterge schütz; zwei Mann wurden getötet, drei scher verletzt. Wieder ein Eisenbahnunglück. Auf der Strecke Londonderrh— Strabane ist ein Zug entgleist. Eine Person wurde getötet, zwölf wurden verletzt. Grosffcuer in einem Harzkurort. Wie die„Braunsckjtoeigische Landeszeitung" berichtet, brach am Montag abend in dem Harz- ku-rorte Wildemann in dem Hause des Kaufmannes Eberl auf bisher noch nicht aufgeklärte Ursache ein Feuer aus, das in kurzer Zeit noch sechs andere, gleichfalls, wie das de» Kaufmanns Ebert, neben der„Alten Post" liegende Häuser ergriff und mit allen Neben- gcbäuden einäscherte. Abgebrannt sind außer dem Anwesen des Kaufmanns Ebert noch die Häuser der Einwohner Schlüder, Lüh, ring, zwei Häuser des Einwohners Brandt und das Haus des Ein, wohners Rosenthal. Zurzeit wütet das Feuer noch weiter. Auf eigenartige Weise ums Leben gekommen. Als der In- genieur Heinrich Ackert von Wernigerodes. Harz mit seinem Automobil von einem Ausflug zurückkehrte und auf der Chaussee einem ihm entgegenkommenden Fuhrwerk ausweichen wollte, richtete sich seine Gattin erschreckt im Automobil auf. Im Vorbeifahren ritz ein herabhängender Ast eines Baumes dex Frau den Kopf glatt ab. Explosionsungliick. In der Oemberger Pyrotechnischen Fabrik von Rutkowski fand am Montag eine Explosion statt. Ein Ge- Hilfe wurde getötet, Rutkowski und ein anderer Gehilfe erlttten schwere Verletzungen. Zwei Knaben kamen mit leichteren Verletzungen davon. Die Fabrik gleicht einem Trümmerhaufen. Unfall des„Zeppelin I". DaS während der Kaisermanöver in Liegnitz stationierte Luftschiff„2 L", das der blauen Armee zu- geteilt wurde, verunglückte am Montag nachmittag bei seiner Rück- kehr, indem es beim Landen zu scharf auffetzte, wobei mehrere Streben zerbrachen. Ein Mann kam unter da» Lnft- schiff zu liegen und erlitt so schwere Verletzungen, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Graf Zeppelin, der sich in der Führergondel befand, blieb unver- letzt. Man hofft, daS Luftschiff während der Rächt soweit herzu, stellen, daß es heute wieder aufsteigen kann. Der zweite Flug Berlin-PariS. Der Flie«- RekcheTTtfi am Montag in Varize im Departement Eure et Noir, 12 0 Kilo- meterhinterPariS gelandet. Er wird gegen abend nach Paris zurückfliegen.__