Nr.»41. BbonncmcnfS'Bcdingungen; SBonnemcnlä. Preis pränumerando: «icrteljährl. Z.ZV MI, monall� l.lv Mk�, wöchentlich 28 Pfg. frei ins HauS. Smzelne Nummer ö Pfg. Sonntag?. nurmner mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt" lv Psg. Post. Wonnement: l.Ul Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitung?. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2ch0 Marl, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen am Belgien, Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. ceschelnt täglich. Verlinev Volksblerkt. Die Tnlerflons-Gcbüljr beträgt für die sechsgespaltenc Kolonel- geile oder deren Raum w Pfg.. für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versamnilungs-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Mmeigen", da? fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes wettere Wort 5 Pfg. B?orte über 15 Buch. stoben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 8 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „Sozialdcitiokrat Rcrlin", Zentralorgan der fozialdemokratircben Partei Deutfchlande. Redaktton: SSI. 68, Lindcnstraasc 69. Fernsprecher: Amt Morikplak, Nr. 1983. Schlieben. Schrieben? Wer ist das? Was soll es mit dem Manne? Schrieben ist den weiten Massen des deutschen Volkes unbekannt! Ganz gewiß, aber da sich von heute auf gestern der einfache Dr. Schrieben in einen Fall Schrieben verwandelt hat, lohnt es schon, sich einmal damit zu beschäftigen. Dr. Schlieben war nämlich bis vor wenigen Tagen Berufskonsul des Deutschen Reichs in Belgrad, und zum F a l l S ch l i e b e n ist er dadurch gc- worden, daß er von seinem Posten dieser Tage abberufen wurde, und zwar, wie man munkelt, nicht aus Gründen, die in der Sache selbst liegen, sondern lveil man ihn dem öfter- reichischen Ministerium des Auswärtigen opfern mußte, dem Dr. Schlicken mit seiner serbenstcundlichen Haltung seit langem höchlich mißfiel. Eben wegen dieser serbcnfreundiichen Stellung soll Dr. Schlieben sich auch bei weitem nicht in der Gunst des deutschen Gesandten in Belgrad, des Freiherrn v. Griesinger, gesonnt haben, sondern zu verschiedenen Malen mit ihm hart aneinander geraten sein. Der Fall Schlieben hat nun ganz gewiß eine prinzipielle Bedeutung, insofern er von einem Stück Klassenkampf zwischen Junkertum und Bourgeoisie auf dem Felde der auswärtigen Politik den Vorhangzipfel lüftet. Die Botschafter, Gesandten und Geschäftsträger, die in dem preußischen Deutschland, von einzelnen ausgefallenen Posten in halbivilden Ländern ab- gesehen, nur aus den Kreisen des blauen Blutes ihren Ersatz bezielfen, sind eigentlich mehr noch Vertreter der Höfe als Vertreter der Regierungen und bringen das auch in dem ganzen höfischen Zeremoniell ihres Auftretens zum Ausdruck. Sie vertreten Wilhelm II. bei Georg VII. oder Nikolaus II., und damit basta! Um ein solches Amt unbefangen ausüben zu können, sind positive Kenntnisse eigentlich vom Nebel. Daher wissen die Herren Botschafter zweifellos in allen Hof- und Klatschgeschichten intimen Bescheid und können die Prinzessinnen des Hofes, bei dem sie beglaubigt sind, bis in die dritte und vierte Linie hinein an den Fingern herzählen, und im Schlaf finden sie im„kleinen Gotha" die Stelle, die sie haben wollen, aber die Ausfuhr- und Einfuhrziffern des Landes, in dem sie hausen, die industriellen Verhält- nisse, die Lage der arbeitenden Bevölkerung— keine Spur und keine Ahnung I Wo kämen wir hin, wollten unsere Hochgeborenen mit solchem Ballast ihre Köpfe belasten I" Und so ist auch der junge Nachwuchs unserer Diplomatie in allen Künsten und Listen des Kavaliers wohl bewandert, � erfährt in Tokio und Rio de Janeiro den neuesten Pariser Hosenschnitt früher als die Elegants von Berlin\V, stellt Meister im Tennis-, Polo- und Golfspicl und hat sich sogar durch das Hin und Her auf dem Erdball eine gewisse Weltläufigkeit erworben, ganz verschieden von der steifen Verkuöcherung der Ceschlcchtsvettcrn, die jahraus, jähr- ein auf dem Kasernenhof in Forbach oder Jnstcrburg Stech- schritt üben lassen, aber nationalökonomische Kenntnisse bei diesen alten Herren der Bonner Borussen und Reserve- Icutnants der Pafewalkcr Kürassiere— keine Spur und keine Ahnung I Anders die Konsuln l Wenn Lothar Bucher schon die Gesandten für überflüssig erklärte und nur in den Konsuln berechtigte Mittler des Wirtschaftslebens verschiedener Völker sah. hatte er für seinen Teil ganz recht. Die Konsuln näm- Uch, ivenn schon auch sie vom Staate angestellt sind, geben sich nicht als die Vertreter der Höfe und Regierungen, sondern als Vertreter der Bourgeoisie und des Kapitals. Sie müssen in der Volkswirtschaft mehr als im Sport des Taubenschießens beschlagen sein, sie müssen die Sprache des Landes beherrschen, in dem sie ihre Wirksamkeit ausüben, sie nrüssen sich über seine ökonomische Verhältnisse auf dem laufenden halten, und wenn sie all das nicht tun. so sind es eben Stümper, die schleunigst zum Gesandten �oder Botschaftsrat befördert zu werden vcr- » dienten. Dr. Schlieben in Belgrad war nun kein Stiimper, sondern wer immer Gelegenheit haste, mit diesem Vertreter deutscher Wirtschaftsintercssen auf dem Balkan zu- sainmcnzukommen, ward sehr schnell der hohen Intelligenz und der großen Energie dieses Mannes inne. Da der Konsul sich nicht damit begnügte, als Aktenmensch an seinem Bureau- pult zu hocken, sondern an die Quellen des Wirtschaftslebens hinabstieg, hatte er nicht nur bald rege und freundschaftliche Beziehungen zu allen Kreisen des serbischen Volkes angebahnt. sondern überzeugte sich auch sehr bald, daß die Serben nicht die verlauste Bande waren, als die sie mit seltener Hartnäckig- keit der„Simplicissimus" und die deutsche Balkandiplomatie zeichneten, sondern ein wirtschaftlich und politisch aufstreben- des Volk, mit dem die deutsche Bourgeoisie gute Geschäfte machen könne. Wenn sie in der Tat gute Geschäfte machte— der deutsch-serbische Handelsverkehr bewegt sich in ständig auf- steigender Linie— war das nicht in letzter Reihe das Ver- dienst von S ch l i e b e n s Umsicht und Tastraft. Bei seinem Streben, die Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern enger zu knüpfen, mußte der Konsul aber notgedrungen mit der deutschen Gesandtschaft in Widerstreit geraten, denn während der Freiherr v. Griesinger sich, getreu der von Berlin ausgegebenen Losung, im Kielwasser der schwarz- gelben Politik schleppen ließ, suchte Dr. Schlieben das berechtigte Mißtrauen und den berechtigten Haß der Serben gegen die Donaumonarchie umzumünzen in Gewinn für die deutsche Bourgeoisie, indem er ihr Aufträge vermittelte, die die österreichische Industrie eingebüßt hatte. Das machte in der k. k. GSsandtschaft in Belgrad natürlich böses Blut, und da Dr. Schlieben auch sonst kein Blatt vor den Mund nahm und freimütig aussprach, was er über die mehr als frivole Politik des Ballplatzes gegen Serbien dachte, fiel er auch bei dem deutschen Gesandten in Ungnade. Der Ausbruch des Balkankrieges im Herbst 1912 gab diesen Dingen den letzten Stoß. Während man auf der deutschen Gesandtschaft bis zum letzten Augenblick Stein und Bein darauf schwor, daß es sich nur um einen Bluff, aber nicht um einen Krieg handle, war sich, dank seiner guten Beziehungen. S ch l i e b e n keinen Moment über den Ernst der Lage im unklaren. Diese Meinungsverschiedenheit, die sehr bald die Entwickelung der Tatsachen zugunsten des Konsuls entschied, wurde gekrönt durch die serbenfreundliche Haltung, aus der Schlieben auch während des Krieges kein Hehl machte, und so wurde denn, wie sich die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" in einem gewundenen Dementi ausdrückt, seine Versetzung„ohne Anregung von dritter Seite schon vor längerer Zeit als not- wendig erkannt und beschlossen". Aber ob mit oder ohne An- regung von dritter, das will sagen: von Wiener Seite, auf jeden Fall wandert Dr. Schlichen zu Gefallen dieser dritten Seite nach dem fernen Ecuador in die Verbannung. Und daß ein tüchtiger Beamter, der sich hervorragende Verdienste um die deutsch-serbischen Handelsbeziehungen er- warben hat, der das Vertrauen der kaufmäninschen Kreise in seiner Heimat wie in Belgrad genoß, der wirklich ein guter Kenner der Balkanverhältnisse ist und der im Herbst 1912 das Kommende richtiger voraussah als die ganze hohe Diplomatie Deutschlands auf dem Balkan zusammengenommen, geopfert wird auf dem Altar jener Wiener Ballplatzpolitik, die in den vergangenen Monden so oft so verbrecherisch mit dem Feuer eines Weltkrieges gespielt hat, ist eine Tatsache von weit- tragender politischer Bedeutung, über die Herr v. Iagow wohl dem Reichstag wird Aufklärung geben müssen. Der Bericht äe§ Farteivoritand«. Jena, 15. September. Es war vorauszusehen, daß die Debatten der letzten Monate in den Referaten des Parteivorstandes ein lebhaftes Echo finden würden. War doch auch der Parteivorstand hier und da mitverant- wortlich gemacht worden für die Stagnation innerhalb der Organi« sationen, für den behaupteten Mangel an politischer Initiative und AktionSkraft der Partei. Es war daher nur natürlich, daß Genosse Scheidemann den Stier gewissermaßen bei den Hörner» packte und aus der Deckung zum cnergischcu Angriff gegen die Kritiker über ging. Das legte ihm schon die Situation nahe, wozu noch kam, daß einem so temperamentvollen Redner die Attacke sympathischer sein mußte als die bloße Abwehr. Witzig und lebhaft, wie man das bei ihm gewohnt ist, führte Scheidemann die Sache des Partcivorstandes. Vielleicht sogar mit einem Ueberschuß von Temperament, das nicht ganz im Verhältnis stand zu dem Charakter und dem Gewicht der Angriffe, die gegen den Parteivorstand erhoben worden waren. Denn im Grunde war ja der Parieivorstand als Instanz kaum für die Erscheinungen des Parteilebens verantwortlich gemacht worden, die man beklagte. Die Bedenken, die gegen die Haltung der Fraktion in der Steuer- frage geltend gemacht worden waren, trafen ja nur zum kleinsten Teil den Parteivorstand, so daß im Grunde— von den Polemiken einzelner Personen abgesehen— nur die Klogen über den allzu bureaukratischen Geist übrig blieben. Aber auch diesen Bureau- kratismus betrachtet man ja nicht als das verruchte Werk bestimmter Personen oder Instanzen, sondern als den Ausfluß der allgemeinen Verhältnisse. Wenn man Scheidemanns temperamentvolle Philippika hörte, hätte man fast glauben können, es gelte den Ansturm einer neuen Jungen- oder anarchosozialistischen Bewegung abzuwehren, während in Wirklichkeit doch die Gefahr der Bureaukratisierung zurzeit sicherlich viel größer ist als die des Putschismus oder irgendwelcher Revolutionsromantik! Auch erlag Scheidemann gelegentlich der rhetorischen Versuchung, die Ansichten seiner Widersacher allzu einseitig herauszuarbeiten. So wenn er aus der Warnung vor dem„Organisationshochmut" etwas wie Verachtung der Organisationen heraushörte, oder wenn er den Kritikern der Fraktion nachsagte, sie hätten quasi bestritten, daß die Besitzsteuery ein Erfolg der Sozialdemokratie gewesen seien. In Wirklichkeit hatte man doch gerade behauptet, daß die deutsche Sozialdemokratie ein so gewichtiger Faktor in der politischen Rechnung der Bourgeoisie sei, daß man auch im Falle einer Reichstagsauflösung und vielleicht gar Schwächung der Fraktion diesmal an den Besitzsteuern gar nicht hätte vorüberkommen können I Wir wollen damit natürlich nicht schulmeisterlich mit Scheide- mann darüber rechten, wie er hätte sprechen sollen. Er hat von seinem Standpunkt aus und seinem Naturell gemäß gesprochen, und wir wollten nun auch von unserem ebenso guten Rechte Gebrauch machen, die Dinge in unserem Sinne zu betrachten. In sehr vielen Punkten traf Scheidemann natürlich den Nagel auf de» Kopf. Seine Warnung vor Schwarzseherei in Sachen des inneren Parteilebens war völlig berechtigt und die von ihm an- geführten respektablen Parteileistungen sprechen wirklich eine beredte Expedition: SM. 68» Lindcnstraasc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr« 1984» Sprache. Nicht minder darf der Parteivorstand die Anerkennung fordern, daß er in Gemeinschaft mit dem Parteiausschuß an organisatorischer Arbeit das Menschenmöglichste zu leisten versucht hat und daß es zum guten Teil die Häufung der politischen Ereignisse und Aktionen war, die den Eindruck der Einzelaktionen schwächte und schließlich eine be- greifliche Evschlaffung der Massenbewegung hervorrief, die aber an sich keineswegs tragisch genommen zu werden braucht, weil sie bald' genug wieder höchster Krästeanspannung weichen wird. Aehnliche Situationen hat die Partei ja schon wiederholt erlebt und jedesmal siegreich überwunden. Klipp und klar nannte Scheidemann auch diejenigen„Rarren", die da glaubten, daß der politische Masienstreik niemals kommen werde. Wenn der Parteivorstand nicht über ihn gesprochen habe, so nur deshalb, weil er das Eingeständnis für überflüssig gehalten habe, daß er zurzeit nicht inszeniert werden könne. Von Reden über den Massenstreik erwarte er keinen Nutzen; die Erziehung des Proletariates zum sozialistischen Klassenkampf bilde seine einzige und beste Vorbereitung. Scheidemann warnte zum Schluß dringend vor Herabsetzung der Organisationen, vor dem Lockern der Disziplin und der Untergrabung des Vertrauens zu den politischen und gewerkschaftlichen Führern. Gerade der Massenstreik unter deutschen Verhältnissen bedinge straffste Disziplin und macht- vollste Organisation des kämpfenden Proletariats. Die Diskussion, die nach dem Bericht über da? Partei- budget und der von der Kontrollkommission erstatteten Rechenschafts- ablegung einsetzte, gab zunächst die verschiedensten Anregungen zur wirksameren Ausgestaltung unserer Propaganda. Dringlich wurde immer wieder die Förderung der Jugendbewegung und die Frauen« und die Familienagitation empfohlen, durch die ganz besonders der sozialistische Geist gepflegt werden könne. Gewiegte Organisations- Praktiker warnten vor allzu rascher Kritik unseres Organisations- wesenS und unüberlegten Experimenten. Wie weit indeffen die lleberzeuguug verbreitet ist, daß zur geistigen Belebung des Organisationsapparates noch mancherlei zu tun übrig bleibt, be- wiesen die beachtenswerten Ausführungen deS Hamburger Genossen Stengele, eines � Mannes, der auch aus vieljähriger Partei- erfahrung spricht und dem man wahrhaftig nicht Hitz- und Ouer- köpfigkeit nachsagen kann. Es wäre wirklich gut, wenn sMe War- nungen nicht in den Wind geschlagen würden! * In der Nachmittagssitzung wurde die Aussprache über den ersten Teil des Vorstandsberichtes geschlossen. Nur die Referenten werden am Dienstag noch daS Schlußwort haben. Die Debatte des Nachmittags beschäftigte sich mit zahlreichen Einzel- fragen: mit Vorschlägen zur Belebung der Agitation, mit der Jugendbewegung, der Ausgestaltung der Parteipresse u. a. m.-Nur Genosse D i ß m a n n ging näher auf Scheidemanns Ausführungen ein. Er erklärt es nur für erfreulich, wenn sich an den Vorstandsbericht eine rege Diskussion knüpfe. Selbst wenn die Kritik gelegentlich über daS Ziel hinausschieße, brauche man deshalb nicht allzu empfindlich zu sein. Scheidemann habe darum vielleicht einen zu großen Aufwand von Kraft und Witz an die Abwehr dieser Kritik geknüpft. Genossin Zetkin versprach— Anregungen von anderer Seite entsprechend— einen leichter faßlichen Lesestoff ver„Gleichheit" für die neu zu gewinnenden Leserinnen. Ueberhaupt ist es vielleicht am Platze, daß allgemein in der Parteipresse mehr Rücksicht auf die Fassungsgabe der noch minder geschulten Elemente genommen wird. Zur Frage der Jugendbewegung steuerte Genosse Adolf Braun durch Humor gewürzte, beherzigenswerte Anregungen bei, denen Genosse Heinrich Schulz jede mögliche Berücksichtigung versprach, wie auch bisher schon nach Kräften im Geiste Brauns gearbeitet worden sei. Sicher sei die Jugendgewinnung durch die polizeiliche Drangsalierung und die ungeheure Begünstigung der bürgerlichen Jugendbewegung außerordentlich erschivert. Aber ein Grund zum Pessimismus liege durchaus nicht vor. Je mehr durch die Schule des Sozialismus ge- gangene jugendliche Proletarier in die Partei hineinwachsen, desto stuchrbarer wird sich auch die Werbearbeit unter der Arbeiterjugend gestalten. Eine scharfe Kritik, die Genosse Adolf Braun am Presse- bureau geübt hatte, gab schließlich noch dem Genossen S t L ck l e n Veranlassung, eine eingehende Darstellung der Schwierigkeiten zu geben, unter denen das Pressebureau arbeitet und mancherlei Be- schwerden als unbegründet mit Entschiedenheit zurückzuweisen. politische CUberficht. Nochmals Herr Kirchhoff und das Auswärtige Amt. Der„Deutschen Tageszeitung" scheint unsere gestrige Veröffentlichung des freundschaftlichen Briefes des Unter st aatssekretärs Zimmermann an den Zeitungs- machcr Artur Kirchhoff recht unbequem zu sein, denn sie wendet die von ihr in ähnlichen Fällen schon öfters beliebte Taktik an, den Brief des Untcrstaatssekretärs, mit dem Kirchhoff 10 0 0 M. aus Staatsmitteln für seine Privatzwecke überreicht wurden, für ganz belanglos zu erklären. Mit schlecht gespielter Verwunderung fragt das Oertelsche Jntelligenzblatt: „Weshals der„Vorwärts" dieses ihm jedenfalls auf dem üblichen Wege zugegangene Schreiben veröffentlicht, ist uns nicht recht klar, Der.Herr UnterstaatZsekretär hat durchaus korrekt gehandelt; auch daraus ist ihm kein Vorwurf zu machen, dah er zur Vorbereitung eines Unternehmens, das immerhin nützlich hätte wirken können, 1000 M. zur Verfügung gestellt hat." Wir begnügen uns damit, als Antwort auf diese kindliche Ein- falt des Hauptagrarierorgans hier die Bemerkungen folgen zu lassen, welche die der.Deutschen Tageszeitung" in mancher Bc- ziehung so seelenverwandte„Post" an den Brief des UnterstaatS- sckretärs Zimmermann knüpft: „AuS dieser Urkunde geht ohne weiteres hervor, daß das Aus- wärtige Amt sich zwar geweigert hat, amtliche Empfehlungen Herrn Kirchhoff zu geben, dag es aber keine Bedenken gehabt hat, für„Unternehmungen, deren Durchführbarkeit praktisch nicht erprobt ist"; lOOO M. zu stiften. Wir sind wiederholt an dieser Stelle für die Erhöhungen des Dispositionsfonds des Aus- wärtigen Amts eingetreten, weil wir genau wissen, welche Mittel anderen Staaten zu geheimen politischen Zwecken zur Verfügung stehen, und wie viele deutsche Schulen, Kindergärten, Vereins- Häuser usw. im Auslande einer Unterstützung bedürfen.... Wir haben aber angenommen, daß bei Verwendung dieser Gelder mit der Sorgfalt eines tüchtigen Kaufmannes vorgegangen würde. Das scheint uns aber diesmal nicht der Fall gewesen zu sein. Das erste hätte doch sein müssen, daß man sich nach der Fähigkeit des Gründers der neuen Zeitung erkundigt hätte. Nun besteht ja über die Unzulänglichkeit der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes geradezu Ucbereinstimmung bei allen Journalisten, die jcinals mit ihr in Verbindung getreten sind. Auch Abgeordnete aller Parteien haben im Reichstage dieselbe Ucbcrzeugung aus- gesprochen. Trotzdem hätte man erwarten müssen, daß diese Abteilung über Herrn Artur Kirchhoff hin- reichend Material gehabt hätte, um von vorn- herein jede Unterstützung unmöglich zu machen. Wenn aber in der Prcsseabtcilung nichts zu erfahren war, so stehen einem Reichsamt bekanntlick auch noch andere Quellen zur Verfügung, aus denen es Aufklärung schöpfen kann. Diese Auskunft würde jedenfalls nicht so ausgesallen sein, daß das Auswärtige Amt es mit seiner Pflicht und seinem Gewissen hätte vereinbaren können, die 1000 M. Herrn Kirchhoff zu be- willigen." Dann bringt die„Post" zum Beweise für den Ruf des Herrn Kirchhoff allerlei bereits von uns erwähnte höchst zweifelhafte Zeitungsgründungen dieses Herrn zur Sprache: die Herausgabe der vom Braukapital subventionierten„Medizinischen Wochenblätter", der illustrierten Wochenschrist„Das Leben", der.Pariser Weltaus st eilung in Wort und Bild" usw. Die„Post" hält die von Herrn Kirchhoff ausgeübte Tätigkeit auf dam Gebiete der Zeitungsgründerei für so wenig ehrenhaft, daß sie zum Schluß erklärt: .Jedenfalls dürste hiermit der Beweis geliefert sein, dah Herr Artur Kirchhoff nicht der geeignete Mann ist, ein großes Presseunternehmen durchzuführen. Das Auswärtige Amt aber hat, indem es diesem Manne 1000 M. zur Verfiigung stellte, nach unserer Ansicht sich nicht hinreichend über die Persönlichkeit, wie es seine Pflicht gewesen wäre, unterrichtet. Es wird Sache des Reichstages sein, die hierfür verant- !o ortlichen Männer zur Rede zu stellen." Die.Post" scheint anzunehmen, daß das Sündenregister des Herrn Kirchhoff damit schon erschöpft ist. Sie irrt gründlich. Auch mit sozialdemokratischen Kreisen hat Herr Kirchhoff einst(im Jahre 1901) Beziehungen anzuknüpfen versucht, um seine.Tech. nischen Blätter" an den Mann zu bringen. Ferner hat er eine Zeitlang eine.W issenschaftliche Korrespondenz" und dann nach der Pachtung des Sonnenlandes Kiautschou die „O st asiatische Korrespondenz" herausgegeben. Auch sonst ist Herr Kirchhoff nicht gerade„stubenrein". Vielleicht erkundigt sich mal die„Post" oder das„Auswärtige Amt" nach dem Streit Kirchhoff-Lemmig. Beschönigungsfiausen. Im Kongreßsaal der Baufachausstellung in Leipzig tagten heute die Delegierten des Zentralverbandes Deutscher Jndufs�ieller, um über das mit dem Bund der Landwirte und dem Reichsdeutschen Mittelstandsverband abgeschlossenen. Ver> t e u e r u n g S k a r t e l l" und die Frage, ob die deutsche Industrie sich an der Weltausstellung in San Franzisko beteiligen solle, zu beraten. Der Vorsitzende des Zentralverbandes, der frühere Land« rat R ö t g e r, präsidierte und eröffnete die Verhandlung sofort mit einem langen Hin« und Hergerede über da« sog..Kartell der schaffen- den Arbeit' und dessen Absichten. Er warf der ReichStagsmchrheit vor. durch ihr Verhalten haben sie die Vermutung aufkommen lassen, daß sie wichtige Interessen des BolkeS zurück« treten läßt hinter Parteiinteressen.(I) Und ftagte dann: Wer verdient mehr den Namen eines selbständigen Mannes, der, der den Parteiführern sich einfach fügt, oder der, der Kritik nicht nur am Gegner übt? Ich war verwundert darüber, daß das Auf- treten unseres Geschäftsführers am 24. August eine solche Beachtung in der Oeffentlichkeit gefunden hat. Ich knüpfe daran die Hoffnung, daß dadurch diese Frage auch bei der Regierung größere Beachtung'finden wird, al« es ohne den Sturm der Ent« rüstung geschehen wäre. Ein wirtschaftlicher Verein wie der unsrige darf sich nicht in die Gefolgschaft einer Partei drängen lassen, sondern muß seine Selbständigkeit wahren. Wir verteidigen unsere Interessen gegen jedermann. Dann nahm das Wort der Geschäftsführer des Zentralverbandes Regierungsrat a. D. Dr. Schweighoffer« Berlin, der sich im Laufe seiner Ausführungen ebenfalls über das neubegründete Kartell der drei Wirtschaftsverbände im obigen Sinne ausließ. Nach längerer Diskussion wurde folgende Erklärung be- schlössen: .AuS dem Wortlaut der Ausführungen des Vertreter? des Zentralverbandes und des Vertreters des Bundes der Landwirte auf dem Reichsdeutschen Mittelstandstag ergibt sich, daß irgend« welche Abmachungen handelspolitischer oder sonstiger Art nicht getroffen sind. Der Zentral- verband hat sich bereits mehrfach dahin ausgesprochen, daß er einer weiteren Erhöhung der schon jetzt von weiten Bolkskreisen als hoch emvfundenen Lebensmittelzölle und einem lückenlosen Zolltarif nicht zustimmen kann. Andererseits hält der Zentralverband fest an seiner bereits am 6. Februar 1891 abgegebenen Erklärung, daß die in ihm ver« einigte Industrie keine Vorteile erstrebt, die nur auf Kosten der Landwirtschaft erreicht werden können. Der Zentralverband hält es für seine Pflicht, auf dem Gebiet der Sozialpolitik einzutreten für die Aufre cht« rhaltung der Autorität de-5 Arbeitgebers und für einen wirk« samen Arbeitswilligenschutz." Ein zweiter Beschluß nimmt Stellung gegen eine Beschickung der Weltausstellung von San Franziska und ein dritter Beschluß gibt der Erwartung Ausdruck, daß die Reichsregierung den jetzt der Jnter- nationalen Vereinigung für Arbeiterschutz vorliegenden Anträgen ihre Zustimmung versagt._ Die Nationalliberalen und das gro�industriell- agrarische Verteuerungskartell. Die Nationalliberalen sehen in dem„Bund der schaffenden Arbeit", den in Leipzig der Zentralverband deutscher Industrieller. der Bund der Landwirte und der Reichsdeutsche Mittelstands- verband geschlossen haben, ein auch gegen die Nationalliberalen gerichtetes feindliches Gebilde. Unzweideutig hat bereits die „Köln. Ztg." gegen das Kartell Stellung genommen und die offizielle„Nationalliberale Korrespondenz für die Rheinprovinz" tritt noch entschiedener auf. Sie kündigt allerhand Ent- hüllungen über die systematische Vorarbeit der Agrarkonservativen im Westen an. Es scheine ernstlich geboten, schreibt sie, die Proklamation von Leipzig als neuestes Glied einer Kette von Ereignissen und Bestrebungen an« zusehen und zu beurteilen, die von gewisser Seite seitmehreren Jahren geschmiedet werde gegen die„popularisierende Tendenz des heutigen Kurses der nationalliberalen Partei", und sie fährt fort: „Wir werden uns vorbehalten, das uns zur Verfügung stehende Material zum geeigneten Zeitpunkt bekanntzugeben. Wer Kenntnis davon hat, wie namentlich seit Anfang 1910 von sehr angesehener agrarisch-hochkonservativer Seite in bestimmten führenden Kreisen der rheinisch-westfälischen Industrie gewirkt wird, wie die Sendboten des Ostens sich bald hier, bald da bei unseren Jndustriefürsten zu Gaste melden, und wer weiß, wie allerdings das Bewußtsein von der Bedeutung der liberalen Welt- anschauung für Industrie und Gewerbe zu zerbröckeln droht, der tut gut, die Leipziger Kundgebung nicht allzu gleichgültig aufzunehmen— trotz des Beruhigungspulvers des Zentral- Verbandes. Sic sind ununterbrochen an der Arbeit, die mit der nationalliberalen Partei den liberalen Gedanken tödlich treffen wollen. Bleiben wir wachsam!" Mit den„liberalen Gedanken" in der nationalliberalen Partei war es nun zwar nie weit her, aber die Minierarbeit der Kon- servativen im Westen, die vom Altnationalliberalismus gefördert wird, mutz schon recht vorgeschritten sein, wenn ein offizielles Organ der Partei solche Marmrufe ausstötzt. Den Agrariern und Junkern ist diese offene Feindschaft der Nationalliberalen nicht angenehm. Ganz besonders ist der„zff:euz. Zeitung" der Vorstoß des„Bundes der Industriellen" auf dessen Generalversammlung nahegegangen. In seinem Wochenrückblick weist das Blatt deshalb darauf hin, daß das Kartell der schaffenden Arbeit ja doch auch die Bekämpfung der Sozialdemokratie auf sein Banner geschrieben habe. Das Junkerblatt hetzt in der bekannten Weise gegen die Sozialdemokratie und hofft dadurch auch die feind- lichen Brüder wieder einfangen zu können. Der einträgliche Gnterschacher. Aus Ostpreußen wird unS geschrieben: Obwohl in den letzten Jahren die Güter im Preise fortgesetzt gestiegen sind, ist auch jetzt noch eine ganz erhebliche Preissteige- rung zu verzeichnen, so daß inzwischen auch einsichtigen agrarischen Kreisen angst geworden ist. Man erklärt, daß diese EntWickelung zum Ruin der Landwirtschaft führen müsse. Selbst der neueste Bericht der ostpreußischen Landwirtschaftskammer meint, es werde auch von den maßgebenden Stellen erkannt, daß die durch eine Steigerung der Rentabilität keineswegs begründete Er- höhung der Bodenpreise für das landwirtschaft- liche Gewerbe eine Gefahr bedeutet. Abgesehen von der zunehmenden Verschuldung des Grund und Bodens würden leider auch der Landwirtschaft Elemente zugeführt, die das Gut nur als eine Verkaufsware ansähen. Die Landwirtschaftskammer führt zum Beweise an, daß stellenweise bereits über 500 M. für den Morgen Land ge- zahlt würden. DaS ist nicht ganz richtig. Nicht nur stellenweise, sondern fast allgemein werden über 500 M. bezahlt. Bei den letzten Verläufen in Ost- und Westpreußen stellte sich mehrfach der Preis auf 600, 700, 800, ja auf über 900 M. pro Morgen. Besonders für die größeren Güter werden ständig höhere Preise angelegt, so daß dieser Handel für die Verkäufer ein äußerst rentabler ist. So hat der Gutsbesitzer Lilienthal sein 815 Morgen umfassendes Gut Lemkühnen bei Zinten mit einer Preis- steigerung von etwa 250 000 M. verkauft. Im Jahre 1904 gab er 185 000 M. und jetzt brachte ihm das Besitztum 430 000 M. Der Agrarier Otto Kuhn auf Heinrichshof verkaufte sein etwa 400 Morgen großes Gut für 221 000 M. Kuhn hatte vor einem Jahr 200 000 M. bezahlt. Samuel Schweigert verkaufte seine Wirtschaft bei Freystadt, die 184 Morgen groß ist, für 105 000 M. an den Landwirt Reinhold Neudorf-Briesen. Schweigert hat vor zwei Jahren 95 000 M. bezahlt. Für den Preis von 280 000 M. ging das Grundstück des Besitzers Lange in Zuckau(Kreis Barthaus), 9 Hufen groß, in den Besitz des Rentiers Knooph-Danzig über. Vor sechs Monaten hat die Besitzung 258 000 M. gekostet. Der Besitzer Reiffenrath verkaufte sein 3200 Morgen großes Gut Sulitz(Kreis Putzig) an den Leutnant Bennecke-Brandenburg a. H. für 1 250 000 Mark. Vor einiger Zeit hat Reiffenrath für das Gut 850 000 M. entrichtet. Er hat also nicht weniger als 400 000 M. mehr er» halten. Für 340 000 M. veräußerte Gutsbesitzer Rosinski sein Gut Adlig-Pollnitz(Kreis Schlochau) an den Landwirt Kierl aus Oberschlesien. Es ist 1100 Morgen groß und kostete vor IM Jahren 220000 M. Auch hier ist in der kurzen Zeit ein Mehr von 120 000 M. erzielt worden. Die neuen Käufer werden sehr bald daS bekannte Lied von der „schrecklichen Not der Landwirtschaft" singen und zu beweisen suchen, daß die Landwirffchaft nicht mehr rentabel ist— also die Zölle auf landwirtschaftliche Erzeugnisse unbedingt erhöht werden müssen. Dann kann sich das arbeitende Volk, auf dem dieser ganze Wucher am schwersten lastet, den Hungerriemen noch enger schnallen, wenn es sich nicht energisch auftafft und dafür sorgt, daß endlich mit den Zöllen auf die nötigsten Lebensmittel aufgeräumt wird. Objektive Breslauer Richter. Einige BreSIauer Richter find von ihrer vorgesetzten Instanz kräftig geschüttelt worden. Gegen einen organisierten Arbeiter hatte daS Breslauer Schöffengericht wegen Beleidigung von Vorgesetzten aus 50 M. Strafe erkannt. Als der Mann Berufung einlegte, wurde diese zurückgewiesen. Die Mundrhkammer aber, die schon manchen Redakteur ins Gefängnis geschickt hat, hielt sich für befugt, folgendes in die Abweisungsbegründung zu schreiben: „Lediglich der Umstand, daß allein der Angeklagte gegen das SchvffengerichtSurteil Berufung eingelegt hat und dieserhalb das Urteil nicht zum Nachteil des Angeklagten abgeändert werden kann, konnte das Berufungsgericht von der Ver- hängung einer empfindlichen Freiheitsstrafe für die frivole Handlungsweise abhalten. Die vom Vorderrichter eingesetzten Geldstrafen von 20 bezw. 80 M. er- schienen überaus milde." Da die Straflummer auch sonst noch eine ganze Anzahl Rechts- irrtümer begangen hatte, wurde ihr Urteil vom Oberlandesgericht aufgehoben. Mit Bezug auf den obigen Satz aber fügte die höhere Instanz hinzu: „Gemäß§ 844 Absatz 2 Str.«P.«O. ist die Sache zur ander« weiten Verhandlung und Entscheidung an das benachbarte Landgericht in OelS verwiesen, da nicht zu verkennen ist. daß der sächlich ganz überflüssige Schlußabsatz der Urteilsgründe die Grenze objektiver Be- urteilung überschreitet." Diese Kennzeichnung Breslauer Richter ist vom Präsi- deuten deS Öbe�rlandeSgerichtS, Liehau», selbst ge- zeichnet. Die Balhanfragen. Ein türkisch-frauzösisches Abkommen. Paris, 13. September. Zu der Meldung eines auswar- figen Blattes über die Unterzeichnung eines französisch« türkischen Abkommens zur Regelung finanzieller und wirtschaftlicher Fragen bemerkt der.Petit Parisien":„Wir glauben zu wissen, daß dieses Abkommen vor seinem Abschluß steht. Jedoch sind noch verschiedene Punkte zu erledigen; insbesondere ist sein Abschluß dem Abschluß der türkisch-deutschen Verhandlungen untergeordnet. Die Frage der französschen Bahnen in Anatolien ist an die Frage der Bagdadbahn geknüpft. Das französisch-türkische Ab- kommen wird sich erstrecken: 1. auf die K o n z e s s i o n s- erteilung für Eisenbahnen im ö st lichen Teile von Kleinasien und in Syrien an französische Gesellschaften, 2. auf die Erhöhung der türkischen Zölle, welche die türkische Regierung als unerläßlich für das Gleichgewicht des Staatshaushalts erklärt, und 3. auf die Genehmigung einer türkischen Anleihe von 700 Millionen durch Frankreich._ Nachgiebigkeit der Bulgare». Konstantmopel, 15. September. Der Korrespondent der„Frank- furter Zeitung' erfährt von einflußreicher Seite, daß die Bul- garen in der heutigen Sitzung offiziell auf Kirkkilisse ver« zichten werden, nachdem die Bemühungen durch diplomatische Fürsprache diese Position zu retten, schon daran scheiterten, daß die Diplomaten bei der sicheren Aussicht auf die kategorische Ablehnung durch die Pforte ein Engagement gar nicht mehr versuchten. Den einzigen noch ernstlich zur Diskussion stehenden Puntt bildet D e m o t i k a. Aber auch dabei ist Bulgarien zum Nachgeben bereit, soweit die strategischen Positionen dieses Gebietes in Betracht kommen. Man wird offenbar aus innerpolitischen Gründen wenigstens das Stadtgebiet von Demotika zu retten suchen, wird aber schließlich auch daran da? Friedenswerl nicht scheitern lassen. Oestweicd-Cliigarn. Eine neue Oppositionspartei in Ungarn. Budapest, 14. September. Heute fand die konstituierende Versammlung der von dem Grafen Julius Andrassy ge» gründeten neuen Oppositionspartei statt. DaS Programm führt aus: Männer von verschiedener staatsrechtlicher Auf- fassung haben sich vereinigt, um normale Zustände im Verfassungsleben herzustellen. Das Programm fordert die Reparation der begangenen Rechtsver- letzungen, die Schaffung einer neuen Hausordnung ohne Ausschluß der Mitglieder, durch die aber andererseits die technische Obstruktion verhindert wird, Revision des neuen Wahlgesetzes. Reform des Oberhauses, dessen Mitglieder zum Teil gewählt werden sollen, Abschaffung des Ausnahme- zustandes in Kroatien, bezüglich der äußeren Politik Festhalten am Dreibund und Beibehaltung des Friedenskurses, wobei jedoch die Lebensinteressen der Monarchie geschützt werden sollen. Die Partei erklärt sich bereit, für die Entwickelung der Wehrkraft zu sorgen, deren Vorbedingung jedoch die Hebung der finanziellen Leistungsfähigkeit und die Herstellung des inneren Friedens sei. CKina. Die japanischen Forderungen. Peking, 15. September. Unter den von der chinesischen Regierung angenommenen Forderungen Japans wegen der Zwischenfälle in Nanking befindet sich auch die auf Ab- berusung des Generals Chang aus Nanking. Ein Zusammenstoß. Lwan-Tschoeng-Tsu, 15. September. Hier hat ein Zu« sammenstoß zwischen Japanern und Chinesen statt- gefunden, der durch herangezogene japanische Truppen bei« gelegt(?) wurde._ Fortdauer der Kriegshetze in Japan. Tokio, 15. September. Hier verlautet, daß außer den bereits bekannten Forderungen Japans noch eine weitere bestehe, die bisher unerledigt sei. Die öffentliche Meinung ist durch da? Ent- gegenkommen Chinas enttäuscht, die gesamt« Presse erachtet die Forderungen als ungenügend, besonders die gegen- über General Changsuen, sie wirft der japanischen Diplomatte Schwäche vor und verlangt den Rücktritt des Kabinetts. Hmcnka. Die Wirren in Mexiko. Mexiko, 15. September. Hundert Anurikaner. darunter Frauen und Kinder, die sich auf dem Wege nach Saltillo befanden, sollen den Rebellen in die Hände gefallen sein. Die amerikanische Botschaft hat den mexikanischen Minister des Aeußern um eine Untersuchung der Angelegenheit ersucht._ S(l)welzeiilcl)er GewerWcljaftskongrcß. Zürich, 13. September. Im großen Volkshaussaale eröffnete nach 10 Uhr Genosse Schneeberg er- Bern, Präsident des Schweizerischen Gewerk- schaftsbundeS, mit einer kurzen Ansprache den Kongreh. yao bekannt, daß sich bereits zahlreiche ausländische Gäste erngefundea haben, die an den in den nächsten Tagen stattfindenden Konse- renzen der Landessekrctäre und der internationalen Berufsierrc.are teilnehmen werden. ES find dies die Genossen Legren und Sassenbach aus Berlin, A p p l e t o n- London, M ert en s» Brüssel, Söderberg- Stockholm, T o k o i-Helsingsor�, Hu e b e r» Wien, N a d e r- Wien, B u k s e g- Agram, R aus ch e r- seraieoo, Ja Szai- Budapest, alle Sekretare der gswerk,chaftllchen Landes. zentralen: Tob! er- Hamburg und Schräder. Hamburg. Kl o th- Berlin und S h a w- Manchester, alle mternatronale Be- rufSsekretäre; Professor R e i ch e s b e r g- Bern. S a! a r o f f. S o k o l o w s k i und K r e e w e l e. alle drei Vertreter der sozial- demokratischen Arbeiterpartei Rußlands, und Pa ulfen- Brüssel. Redakteur des.Peuple".(Nachher kamen noch M a d s e n- Kopen- Hagen und P e r k i n s aus Amerika.) Schneeberger wünschte den Verhandlungen des Kongresses den besten Erfolg. Namens der ausländischen Gäste entbot Legten dem Kongreß die besten Glück- wünsche und Erfolge. Er würdigte die Notwendigkeit und Be- den tu na der internationalen Verbindung der Gewerkschaften, der gegenüber die internationale Verbindung des Kapitals, der Unter- nehmer, schon viel weiter gediehen ist. Die ausländischen Gäste möchten die Gelegenheit benutzen, auf diesem Kongreß die schweizo» rische Gewerkschaftsbewegung kennen zu lernen. Er wünschte den Verhandlungen den besten Erfolg. Im Namen der Geschäftsleitung der schweizerischen lozialdemokratischen Partei begrüßte Genosse P flu g e r- Zürich den Kongreß und namenS der Arbeiterunion Zürich Genosse Arbeiterfelretär G s ch w: n d. Hierauf widmete der Präsident Schneeberger dem verstorbene» Genossen Bebel einen kurzen warm empfundenen Rachruf»Ml erhoben sich die Anwesenden zu seinen Ehren von ihren Sitzx«, i Nun gab der Sekretär des GewerkschaftZbundes, Genosse Huggler- Bern längere mündliche Erläuterungen zum gedruckten Bericht des Gcwerkschaftsbundes» dessen gegenivörtigen Stand darstellend. Er stellte fest, daß es in der Schweiz tfirla 900 000 Lohnarbeiter und-Arbeiterinnen gibt, von denen aber nur etwa 800 000 organisationZfähig sind, also eiwa 86 Proz. Gewerkschaftlich organisiert sind gegenwärtig zirka 92 000 Arbeiter im Gewerkschastsbuud und gehören demselben ungefähr 70 Proz. aller in der Schweiz überhaupt wirtschaftlich organisierten Arbeiter an. Angesichts der vielen besonderen Schwierigkeiten, die in der Schweiz der Ausbreitung der Gewerkschaftsbewegung ent- gegenstehen, wie z. B. die Vielsprachigkeit, darf gesagt werden, daß der Stand unserer Bewegung relativ nicht unbeftiedigend ist. Da? läßt sich auch feststellen im Vergleich mit den Zahlen früherer Jahre. So zählte der Gewerkschaftsbund im Jahre 1890 erst 6000 Mitglieder. Gestiegen sind auch die Beiträge der Mitglieder, die Leistungen der Organisationen auf dem Gebiete des Unterstützungs- Wesens und die Fortschritte in der Verbesserung der Arbeits- und Lohnverhältnisse. Graphische Tabellen, die an der Wand des Saales angebracht sind, veranschaulichen in übersichtlicher Weise die Ent- Wickelung dieser Verhältnisse. Sehr eingehend beleuchtete Huggler an Hand der Haushaltungsstatistik die wirtschaftliche Lage der schweizerischen Arbeiterschaft. Sie ist besser geworden, gewiß, aber sie ist zurückgeblieben hinter dem starken Wachstum des sogenannten Nationalreichtums. Die Kosten der Lebenshaltung eines Arbeiters in den Städten schwanken zwischen 1820 und 2430 Fr., die aber die große ZKehrzahl der Arbeiter nicht aufzubringen vermag. Minde» stens 75 Proz. der Arbeiter kommen nicht auf ein Jahreseinkommen von 1500 bis 1800 Fr., sondern nur auf ein Jahreseinkommen von 1200 bis 1400 Fr. Es ist also auch in der schweizerischen Ar- beiterschaft Not genug vorhanden, die bekämpft und beseitigt werden mutz. Befriedigend sind auch unsere Arbeitszeitverhältnisse nicht und gilt eS, den Widerstand des organisierten Unternehmertums gegen weitere Fortschritte durch Stärkung unserer Gewerkschaften zu überwinden und ebenso die Arbeiterschutzgesetzgebung zu fördern. Seine Ausführungen faßte Huggler schließlich in eine Anzahl Thesen zusammen. Die DiSkussio« über den Bericht deS Sekretärs Huggler eröffnete die Arbeitertnnensekrctärin Ge- nossin H ü n i(Walter) mit Ausführungen über die Frauen- bewegung, insbesondere über die Tätigkeit des Arbeiterinnensekre» tariats und regte die Erhöhung des Kredits für diese Institution des Gewerkschaftsbundes an. Den Thesen HugglerS wurde sodann ohne weitere Diskussion zugestimmt. Anträge des Holzarbeiterverbairdes betreffend den U e b e r- tritt von Hilfsarbeitern und Handlangern bei Arbeitswechsel in den jeweilen zuständigen Verband wurden dem Gewcrkschaftsausschusse zur weiteren Behandlung überwiesen. Ferner interpellierte der gleiche Verband das Bundrskomitce betreffend die Herbeiführung einer einheitlichen Recht» sprechung der gewerblichen Schiedsgerichte in Streitigkeiten aus dem Lohn- und ArbeitSver- hältnis auf der Basis der Bestimmungen des schweizerischen Obligationenrcchts. Wie die ersteren Anträge begründete auch diese Interpellation der Redakteur Reichmann von der.Schweiz. Holzarbeiter-Zeitung". Der Interpellant wie auch die nachfolgenden Diskussionsredner: Staude, Bock, Huggler, Rieder, Dürr- Bern, Z i n g g- Bern und Greulich befürworten übereinstimmend ein Borgehen des Ge- Werlschaftsbundes in dieser Richtung durch Sammlung von bezüg- lichen gewerbegerichtlicben Entscheidungen, sowie deren Veröffent- lichung in der Gewerkschaftspresse und Veranstaltung von Konfe- renzen von Arbeiterbeisitzern in den Gewerbegerichten. Bezügliche Anträge von Bock-Basel und Stau de-Zürich werden an- genommen. Ein Antrag des Buchbinderverbandes auf Untersagung der Veranstaltung von Tombolas zur Fundie- rung von Unter st ützungskasscn oder zu anderen Zwecken unter Inanspruchnahme der Gewerkschaften, den Albert» Zürich begründete, fand allseitige Zustimmung. Auf Antrag Huggler werden Ausnahmen zugelassen, wenn es sich um Zwecke zum Nutzen der Gesamtarbeitcrschaft handelt. Auf Antrag S chra d e r S- Basel bedarf es in solchen Fällen der Zustimmung deS BundeSkomitceS. Der Antrag Huggler wurde angenommen. Nun referierte Schneeberger- Bern über die Erhöhung der Beiträge , der Verbände an den Gewerkschaftsbund von 3 Cent, pro männ- UcheS und von 1VH Cent, pro weibliches Mitglied einschließlich der Heimarbeiter auf 5 bzw. 2'A Cent, pro Monat. Im Jahre 1912 p?uen die ordentlichen Beiträge und Subventionen der Verbände 29 4/8 ,yr. betragen; nach den höheren Beiträgen würden sie 36 944 ,, rank betragen und mit den Beiträgen der deutschen General- kommi>sion und der italienischen Gewerkschaftszentrale 43 380 Fr. �.afür würden bisherige Extraleistungen der Verbände in Wegfall kommen, also nach dieser Richtung wieder entlastet werden. Die angeschlossene Diskussion ist durchwegs zustimmend, nur die Uurenarbeiter verlangen, daß in Zukunft die hauptsächlichsten Publikationen des GewcrkschaftSbundcS auch in französischer Sprache herausgegeben werden, wa, beschlossen wurde. Hierauf wurde die Beitragserhöhung einstimmig angenommen. ES folgt das Referat deS Adjunkten Lorenz vom Schweizeri- schen Arbeitersekretariat über die kommende schweizerische Gewerbegesetzgcbung. Heute stehen neben den gesetzlich geschützten 335 009 Fabrikarbeiter zirka 200 000 gewerbliche Arbeiter, die noch ohne gesetzlichen Schutz sind. Wohl haben mehrere Kanwne besondere Arbeiterinnenschutz- ge setze, Gesetze zum Schutze des Wirtschaftspersonals und der Lehr- linge; aber sie werden vielfach nicht kontrolliert und wahrscheinlich auch nicht durchgeführt. Ein schweizerisches Gewerbegesetz könnte diesen Personen Schutz gewähren, auch die Stellenvermittelung regeln und Kinderschutz schaffen. In Betracht kommen 130 000 Be- triebe gewerblicher, hausindustrieller, kaufmännischer usw. Art. Der Referent l'ndet es aus verschiedenen Gründen, namentlich im Hinblick auf das Referendum, zweckmäßiger, für die verschiedenen Gebiete Spezialgesetze zu schaffen. Im einzelnen ist zu fordern der gesetzliche Schutz der Arbeiter in den gewerblichen Betrieben gegen die Unfallgefahren, auch die Unterstellung unter die Unfall- Versicherung; Schutz deS Personal» in der Fremdenindustrie: Eiche- rung des Lohnes der Bauarbeiter; eine umfassende Gewerbeinfpek- tion usw. Aufgabe der Gewerkschaften muß es nun sein, für ihre besonderen Gewerbe Material zu sammeln und dem Gewerkschafts. bund zur Verfügung zu stellen. Dieser soll eventuell in bestimmten Gewerben»nqueten veranstalten oder auch durch das Industrie- departemenf unter Mitwirkung der Gewerkschaften veranlassen. Dieses konnte auch«ine Expertenkommission bestellen, wie es das auch in Sachen der Revision des Fabrikgcsetzes getan. Der Gcwerk- schaftsbund soll eine besondere Kommission für diese Materie be- stellen, welche dann ihrerseits die Forderungen der Arbeiterschaft aufzustellen hat Schließlich empfahl der Referent die Annahme einer Anzahl Thesen, in denen er seine Ausführungen zu. fammenfaßt. In der Diskussion erinnerte R i m a t h e daran, daß auch vor- handene Kategorien von Arbeitern, z. B. die Dienstboten, des gesetzlichen Schutzes bedürfen. Den amtlichen Enqueten steht er sehr skeptisch gegenüber. Greulich wendete sich gegen den Vorschlag der' Spezialgesetz- -UiT, bei der es 30 Jahre dauern würde, bis der geforderte Ar- beiterschutz erreicht würde. Er würde ein Gesetz mit Spezialver- ordnungen vorziehen, eine Praxis, die in der schweizerischen Gesetz- gebung nicht mehr neu ist. Die Spezialaesetzgcbung könnte auch die Arbeiterschaft entzweien, während ihre Einigkeit hochgehalten tottbcn vvch. In seinem Schlußwort hält Lorenz an seinen Standpunkt der Spezialgesetzgebung als den zweckmäßigeren Weg fest. Er könnte sich allerdings auch mit einem einheitlichen Gesetz mit SpezialVerordnungen einverstanden erklären, wenn bei deren Auf- stcllung die Arbeiter mitwirken können, bzw. paritätische Kommissio- nen für diese Aufgabe bestellt werden. Mit einem solchen Zusatz- antrag wird die Resolution Lorenz angenommen und damit die Sitzung geschloffen.__ Parteitag der deutsche« Sozialdemokratie. (Schluß aus der 2. Beilage.) Bromme-Lübeck: Wir begrüßen eS, daß die Agrarfrage wieder auf die Tagesordnung kommen soll, aber ich bitte, von der Wahl der Studien- kommission hier auf dem Parteitag abzusehen. Die richtige Zu- sammensetzung aus Fachmännern, Theoretikern und Praktikern ist schwierig. Die Aussicht, besoldete Mitarbeiter anzustellen, recht- fertigt es, daß die Zusammensetzung der Kommission vom Partei- vorstand und vom Ausschutz gründlich geprüft wird. Für das Familienblatt wäre ein Preis von 15 Pf. das höchste. Auch dafür könnte etwas Gediegenes geschaffen werden. Um eine ähnliche Aufmachung, wie die der Berliner Illustrierten Zeitung kommen wir nicht herum; denn ein gewisses Sensationsbedürfnis besteht nun einmal in den weiten Volksschichten. Ullstein hätte so hohe Abon- nentenzahlen nie erreicht, wenn wir mit einem solchen Blatt recht- zeitig auf dem Platz erschienen wären. Damit schließt die Debatte, die Schlußworte sollen morgen gehalten werden. Von dem Genossen Haas e ist ein Danktelegramm für die ihm übermittelten Wünsche eingegangen. Vom Vorstand der Sozial» demokratischen Partei Hollands ist Genosse Ravesteyn erschienen. Ferner sind Begrüßungstelegramme eingegangen von der briti. schen sozialdemokratischen Partei, den organisierten Frauen Halber st adts und zahlreiche Telegramme aus r u s s i- schen Parteizentren. Schluß 6 Uhr. » Es sind noch folgende Anträge eingelaufen. Im Antrage 94(Massenstreik) die Absätze 2 und 3 zu ersetzen durch: Die Verschärfung der wirtschaftlichen und politischen Gegen- sätze in Deutschland nötigt das Proletariat zur Entfaltung immer größerer Macht für die Verteidigung gegen heimtückische Anschläge der herrschenden Klassen, für die Verbesserung seiner Wirtschaft- lichen Lage und die Erweiterung seiner politischen Rechte. Im Kampf gegen die volitische Entrechtung ist das Proletariat immer mehr gezwungen, die höchste Energie zu entfalten. Dieser Kampf gipfelt in dem Kampf um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zu allen Vertretungskörpern, dessen Eroberung eine Vorbedingung für' den Befreiungskampf des Proletariats ist. Der jetzige Zustand der politischen Rechtlosigkeit des Proletariats, ins- besondere in Preußen, der seinen deutlichsten Ausdruck im Drei- klass-nwahlrecht findet, hemmt das Proletariat in allen seinen Bestrebungen auf Verbesserung seiner Lebenshaltung. ES macht die schlimmsten Feinde gewerkschaftlicher Betätigung und sozialen Fortschritts zum Beherrscher der Gesetzgebung, nicht nur in Preußen, sondern im ganzen Reiche. Dieses schändliche Wahlrecht kann nur einem Wahlrechts- stürm der großen Massen weichen, wie ihn der Preußische Parteitag vom Jamiar 1910 in Aussicht genommen hat. Der Parteitag begrüßt das wiedererwachte Interesse weiter Parteikreise an der Frage deS politischen Massenstreiks. Voraus- setzung für die erfolgreiche Durchführung eines politischen Massen- streiks ist die möglichst vollkommene Organisation des Proletariats in politischer und wirtschaftlicher Beziehung und die Erfüllung dieser Organisationen mit revolutwnärer Kampfbegeisterung und Opferbereitschaft. Der Parteitag macht es deshalb den Parteigenossen zur Pflicht, unermüdlich für tot Ausbau der politischen und gewerkschaftlichen Organisation und für die Verbreitung der Partei- und Gewerkschaftspresse zu wirken. Der Massenstreik kann jedoch nicht auf Kommando von Partei und Gewerkschaftsinstanzen künstlich herbeigeführt werden. Er kann sich nur als Steigerung einer bereits im Fluß befindlichen Massenaktion aus der Verschär- fung der wirtschaftlichen und politischen Situation ergeben. Als Antwort auf die Uebergriffe der Reaktion wie als erste Voraussetzung erfolgreicher Massenaktionen ist eine offensive, ent- schlossene und konsequente Taktik der Partei auf allen Gebieten erforderlich. Nur ein« solche Taktik, die den Schwerpunkt des Kampfes bewußt in die Aktion der Massen verlegt, ist geeignet, in den Reihen der Organisierten die Kampsenergie und den Jdealis- mus wach zu halten, sowie die Unorganisierten in wichtigen Augenblicken mitzureißen und für die gewerkschaftliche und polt- ttsche Organisation dauernd zu gewinnen. Der Parteitag fordert die Parteigenossen und di« Partei- instanzen auf, alle Maßregeln zu ergreifen, damit da? deutsche Proletariat bei den kommenden Kämpfen für alle Fälle gerüstet dasteht. Luxemburg. OSkar Cohn. Kleinspehn. I. Wellmann. P. Reißhaus. Zetkin. Wilh. Apel. Antrick. I. Voigt. Liebknecht. Hofrichter. Helene Schwcida. F. Geyer. Ledcbour. Fuchs. Ant. Pannckoek. Theodor Schwartz. Horn(S.). M. Schnabrich. A. Henke. Donalies. Westnteyer. Hoch. Krüger(Königsberg). Emmel. Ditttnann. Rob. Dißmann. Härtung. Joh. Knief. Rosenfeld. Peter. Linto Antrag 101. Der Parteitag wolle eine Kommission zum Studium der Agrarfrage einsetzen und sie ermächtigen, auch be- soldete Mitarbeiter zur Erledigung ihrer Aufgabe heranzuziehen. Gottschalk. DonalieS. Linde. Krüger(Königsberg). Jul. Gehl. Crispien. Schulz. Peter. Sellin. Dittmann. Westineyer. Speich. Engelhardt. Göft. Bihlmaier. Dißmann. L. Emmel. Otto Antrick. Rühle. Hoch. IZus der Partei. Da« LeichenbegiingniS Heinrich BaererS. Unter sehr starker Teilnahme der Arbeiterschaft von Harburg und Wilhelmsburg sowie aus den Landorlen hat am Sonn» abend das Leichenbegängnis unseres alten Parteiveteranen Heinrich B a e r e r in Harburg staltgefunden. ES war ein imposanter Zug, der sich vom„Wilstorcher Park" nach dem Friedhof bewegte. Genosse Karl Fr ahme, sowie die Genossen Hirschfeld und Seitz sprachen an der Bahre und am Grabe tiefempfundene Gedenkworte. Mit Heinrich Baerer ist wieder einer der ganz Alten dahin- gegangen. Er war einer der Mitbegründer der Partei. Hervorgegangen ans den allerärmlichsten Verhältnissen, ist Heinrich Baerer sein ganzes Leben lang ein echter Sohn der Armut gewesen. Jin Alter von 14 Jahren wird Baerer, da er elternlos war, nach Aushändigung von 2 Talern Reisegeld von seiner Gemeinde Kirch- Hain in Hessen aufs Geratewohl hinaus in die Welt geschickt. Sein Weg führte ihn nach Harburg, wo er das Schuhmacherhandwerk erlernte. Da er fast ohne jede Schulbildung aufgewachsen war, lernte er erst als Schuhmachergeselle fließend lesen. Setne natürliche Begabung ließ ihn die größten Lücken seines Könnens ausfüllen und so kam eS. daß er, als in Deutschland der Boden für eine selbständige Arbeiterbewegung vorhanden war, sich dieser anschloß. 1864 trat Baerer dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bei und arbeitete mit Theodor Jork gemeinsam an dessen Ausbau. Als Dork zu den.Eisenachern" übergetreten war und die Bewegung infolgedessen am Orte ganz daniederlag, war eS Baerer. der im Verein mit einigen Gleichgesinnten die Be- wegung hochhielt.«IS über Hamburg-Altona im Jahre 1880 der kleine Belagerungszustand verhängt und später auch Harburg davon betroffen lourde, fiel Baerer dem Schandgesetz zum Opfer. 1884 am Weihnachtsabende erhielt Baerer die Aus- Weisung. Er ging nach Hannover und war auch kurze Zeit in Buxte- Hude. Im Jahre 1887 wurde Baerer im Wahlkreise Harburg(17. hannoverscher) zum ersten Male als Kandidat aufgestellt. Er ver- einigte auf sich eine große Slimmenzahl, die sich bei den folgenden Wahlen fortgesetzt steigerte. Infolge hohen Alters sah er bei der letzten Wahl von einer Wiederannahme der Kandidatur, die er ein Vierteljahrhundert mit Ehren bekleidet, ab. Mit Heinrich Baerer ist einer jener wahrhaft volkstümlichen Agitatoren für unsere Partei ins Grab gestiegen, die weniger durch theorettsche Gelehrsamkeit als durch packende, dem Leben entnommene Vergleiche zu wirken verstehen. Heinrich Baerer hat ein Alter von 73 Jahren erreicht, er wurde geboren am Neujahrstage 1841. Per- sönlich war Baerer ein herzensguter Mensch und genoß auch bei den Gegnern hohe Achtung. Die Partei wird ihm ein ehrendes Andenken bewahre«. Soziales. Ein moderner barmherziger Samariter. Von der Ortskrankenkasse der Schneider, Schneiderinnen wird uns geschrieben: In seiner Berichtigung hält es der Vertreter de? Dr. med. Bern- hard Friedenheim für angebracht, Bezug auf eine Widerklage zu nehmen, welche die Ortskrankenkasse der Schneider pp. zu Berlin gegen seinen Mandanten angestrengt hatte. Seine Ausführungen treffen aber nicht die Sachlage und nötigen uns zu folgenden Bemerkungen: Welcher Art die Feststellungen des von mehreren Krankenkassen angerufeilen ärztlichen Ehrengerichts waren, entzieht sich auch unserer Kenntnis. Auch uns wurde nur die Mitteilung, daß eine Entscheidung gegen Dr. Friedenheim ergangen und sich die Sache zurzeit in der Berufungsinstanz befindet. Sobald diese gesprochen. wird ja, da die Angelegenheit wiederholt die Oeffentlichkeit be- schäftigte, der notwendigen Aufklärung seitens Dr. F. nichts im Wege stehen. Der Vertreter deS Dr. F. teilt in seiner Berichtigung nur den Ausgang einer Widerklage— die wir als Antwort auf eine Klage des Dr. F. eingeleitet hatten— mit, schweigt sich aber über daS Urteil der Klage vollständig aus. Dadurch wird die Sache auf ein Nebengleis geschoben. Denn eS handelte sich in unserem Falle um etwas ganz anderes. Für seine Hilfeleistung bei der Frau A. verlangte Dr. F.— nachdem wir ihn bereits nach den Sätzen der Gebührenordnung mit 35 M. entschädigt hatten— noch ein Resthonorar in Höhe von 21 M. Als ihm daS, weil es unS nicht genügend begründet war, verweigert wurde, ließ er durch seinen Vertreter beim hiesigen Magistrat auf den Namen der Frau A. eine Klage gegen die Kasse führen, von welcher daS Mitglied keine Ahnung hatte. Diese Klage fiel, nachdem der Magistral durch Vernehinung der Frau A. festgestellt hatte, daß diese weder von der Klage wußte, noch wissentlich eine Bollmacht dazu gegeben hatte. Nunmehr erhob Dr. F. beim Amtsgericht wegen der 21 M. Klage, und dieses Gericht ent- schied— was er in der Berichtigung nicht erwähnt—. daß dem Kläger nur eine Forderung von Z M. gegen die Kasse zu- steht, wies ihn mit der Mehrforderung von 18 M ab und verurteilte ihn, der Kosten zu tragen. DaS ist der Kern- Punkt der Sache. Ehrengericht und Amtsgericht haben stch damit gegen Dr. F. ausgesprochen. Wenn wir angesichts der bekannt ge- wordenen Manipulationen berechtigte Zweifel an der Dringlichkeit der Hilfsleistungen hegten und deShalo durch die Widerklage eine gerichtliche Nachprüfung herbeiführen wollten, so kann daS von Dr. F. überhaupt nicht zur Rechtfertigung seiner Handlungen heran- gezogen werden._ „Lohnender" Nebenverdienst. Welche» große Maß von Vorsicht den Annoncen gegenüber am Platze ist, die lohnenden Nebenverdienst versprechen, und, wie über« aus zahlreich diejenigen sind, die trotz aller Warnungen immer wieder auf den Schwindel hereinfallen, lehrte eine Verhandlung vor dem Gewerbegericht. Der frühere Kaufmann, jetzige Invalide Brücken klagte gegen einen gewissen Walter Hoenig, früher Dresden, auf Zahlung von insgesamt 166 Di. wegen kündigungSloser Entlassung, restierenden Lohnes und einbehaltener Kaution. Der Kläger hatte sich auf eine der bekannten Annoncen hin ge- meldet. Hoenig verlangte eine Kaution zur Sicherstellung des Materials in Höhe von 6 bis 40 M. Der Kläger Brücken stellte 30 M. Er bekam nun auch Briefbogen mit aufgedruckter Firma— die jedoch gar nicht eristierte— zugesandt und trat zum Beklagten in ein B e r t r a g S v e r h ä l t n i s. wonach monatliche Kündigung vereinbart und für die zu schreibenden an Privatleute zu sendenden Briefe pro Stück 20 Pf. zugesichert wurden. Zahlung deö verdienten Lohnes sollte halbmonatlich erfolgen. Aber schon nach der ersten Arbeitsleistung erhielt er weder Geld noch Antwort, schöpfte Verdacht und erstattete Anzeige. Jetzt stellte sich heraus, daß über 800 der- artige Fälle vorliegen. Hoenig wurde wegen Kautionsschwindel strafrechtlich zu 9'/, Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Erledigung deS SIrafverfahreilS konnte die Klage vor dem Gewerbegericht seinen Fortgang nehmen, mußte jedoch wegen Unzuständigkeit abgewiesen werden, denn Hoenig hatte im Strafprozeß zu- gegeben, daß eS ihm lediglich auf di« Erlangung der Kautionssumme angekommen sei. Mithin lag kein gewerb- licheS ArbeitSverhällniS, sondern ein BetrugSfall vor und dafür ist das Gewerbegericht nicht zuständig. Bemerkenswert ist, daß sich unter den vielen Hundert Herein- gefallenen nicht nur solche befinden, die aus tieffter wirtschaftlicher Not zu der.lohnenden Nebenbeschäftigung" als einem letzten, rettenden Strohhalm griffen, sondern daß auch Beamte, Lehrer usw. dabei waren. Diese haben sich zwar nicht aus den öffentlichen Aufruf der Kriminalpolizei gemeldet, aber der Beklagte hat sie dann selbst noch angegeben. Jedenfalls ist e« eine Un- geheuerlichkeit, daß Leute, die sich in f e st e r Anstellung be- finden, sich nicht scheuen, die ungünstige Lage deS LrbeitsmarkteS zu verschlechtern.___ Hetzte NachHcbten. Zur Unterstützung der japanischen Forderunge«. Tokio, 15. September.(W. T. B.) Zwei japanische Kreuzer sind von Saseho nach Nanking beordert worden. HuertaS Opfer für Amerika. New Aork, 15. September.(W. T. B.) Nach einer Meldung aus Mexiko Cith hat Präsident Huerta die Demission deS Ministers des Innern Urrutia angenommen, der der Urheber des sogenannten Ultimatuins an die Vereinigten Staaten war zu der Zeit, wo Linds Mission angekündigt wurde. Explosion auf einem Bergungsdampfer. HelsingforS, 15. September,(W. T. B.) Während oer Ar- betten zur Hebung eines gesunkenen Schiffes ereignete sich auf dem Bergungsdampfer eine Explosion; der Dampfer sank, der Kapitän, ein Taucher und zwei Matrosen sind ertrunken._ Polizeikampf mit Räubern. Kiew, 15. September.(W. T. B.) Als eine Polizeiabteilung in der Vorstadt Podol drei Räuber zu verhaften versuchte, kam es zu einem Feuergefecht; ein Räuber wurde getötet, die beiden anderen entkamen, einer davon verwundet. Ein Schutzmann ist schwer, einer leicht verwundet. A.Wermeun® -- G. in b H. � � J' Leipziger Str. König-Str.»osenthalerStr. Oranien-Str.\J — � v». III. ö. 11. «l RosenthalerStr. Oranien-Str. 7 % M« Damenkleider 50 DamÄnlrlAi�l aus feinwoll. Cheviot, l�dmenKieia Taj|Ie mit Sammet und Tüllrüsche garniert, Rock mit Knopfgarnitur DaTTKknlflfMrl aus Ramage, Taille mo- ■L'dlllCllIVlClQ derne lose Form mit/4C Tülleinsatz, RockmitSeidengürtel u. Knöpfen Tt J.— DomAnirlAij-l aus Wollcoteie, Taille UamenKleid m.Tülleinsatz, Rüschen CO n. 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Ä 1.63 TliiiiInS.Pflauinen»20 Grüne Bohnen-»...IG Kabeljailm. Kopf, in ganz. Fisch., Pfd. 8 Ff. Kabeljau Ohne Kopf,!. ganz. Fisch., Pfd. 1 1 Pf. SeeladlS O. Kopf In ganz. Fischen, Pfd. 1 1 Pf. Schellfisch........... Pfund 12 fu Große Schollen.......«und 25 Pt Steinbutt............. p,und 68 Pt pt Lebende Aale Pfd. 65 85 1.— 1.15 Lebende Karpfen...... Pfund 85 pl Junge Rebhühner Stack 50 pi. bis 1.50 Tauben........ stuck 35 55 70 Pt Große Brathühner 1.20 bis 2.— Eß- und Kochbirnen.zpiund 25«. Kaiserkronen.......«und 20 pl Kochäpfel........pfuud 10«; Diese Artikel werden nicht zugesandt. Graue Reinelten.....«und 10 pt Tiroler Tafeläpfel...,«und 35 pt VVeintrauben Pid.23«. Kiste 75, 1.70 Pfirsiche......... Pfund 35«. Ananas........«und 68, 75 pl Weiß-, Rot-, Wirsingkohl (große Köpfe).......... Kopf 3 Pf. Spinat........... 2 piuud 10«. GroOa Einmache-Gurken rn Pfund 1/ H- Theater. Dienstag, 16. September 1913. Ansang 7 Ubr. Lessing. Peer Gynt. Deutsches Künstlertheater. Wil- Heini Tell. Ansang 7'/, Uhr. äkgl. Opernhaus. Tannhäuser. «gl. Schauspielhaus. KriemhildS Rache. Deutsches. Der lebende Leichnam. «omödienhaus. Das Paar nach der Mode. Ansana 8 Ubr. Urania. Mit dem Imperator nach New Dorl. «ammerspiele. Franziska. «feines. In Ewigkeit Amen. Paul und Paula. Der Barbier von Berriac. Berliner. Filmzauber. «öniggrätzer Strafte. Die süns Franlsurler. Deutsch. Schauspielhaus. Sieben tolle Tdge. Deutsches Opernhans. Der Frei- schütz. Montis Operetten. Der lachende Ehemann. Schiller O. Am Tage des Gerichts. Schiller Charlottenburg. Die Stützen der G-sellschast. Thalia. Puppchen. Theater am Nollendorfplaft. Die Kino-Königln. Vketropol. Die Reise um die Welt in 40 Tagen. «afiuo. Der Aktientenor oder Caruso aus Teilung. Triano». Der abgerissene Glocken« zug. Untreu. Herrnfeld. LiebeSprobe. Schonzeit- Jäger. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshalle«. Stettiner Sänger. Ansang 81;, Uhr. Residenz. Die Frau Präsidentin. Lusiipielbaus. 777: 10. Rose. Die Schiffbrüchigen. Luisen. Weh' dem, der lüatl Nolles Capriee. Ritter Baldrian. Die Mißgeburt. DasAdovtivkmd. Walhalla. Der Liebesonkel. Boigt. Wohltäter der Menschheit. Ansang 8'/, Ubr. Neues Bolkstheater. Die Siebzehn« jährigen. Ansang 9 Ubr. AdmiralSpalast. EiSballett: Flirt m ifst. Moritz. Sternwarte. Jnvalidenstr. b7—«2 Idester lies Vesleas. Beginn der Spielzeit: Sonnabend, den SO. September: Oräfln Flfi. Schiller-Theater 0.1�: Dienstag, abends 8 Uhr: Am Tage des Gerichts. Mittwoch, abends 8 Uhr: Cyrnno von Bergerac. Donnerstag, abends 8 Uhr: Am Tage des Gerichts. Schiller-Theater Thhr� Dienstag, abends 8 Uhr: Die Stützen der Gesellschaft. Mittwoch, abends 8 Uhr: Die Haubenlerche. DonnerSiag, abends 8 Uhr: Freiwild. 8 Uhr: Die fünf Frankfurter. Komödienhaus. 71la Uhr, zum ersten Male: M Paar nach der Mode. Berliner Theater. s mr: Filmzauber. r am ilemlorlplalz. Ensemble-Gastspiel des Berliner Metropol-flieaters: Die Kino-Königin! Anfang 8 Uhr. Montis Öperetten-Theater Schiffbauerdamm 4a.(fr. Neues Th.) Abends 8 Uhr: Gastspiel Der lachende Ehemann. Metropol Theater Abends 8 Uhr. im»mm Gr. AuSstattungSst. m. Ges. u. Tanz In 19 Bild. m. vollständ. sreier Benutzung des lules Verne'sdjc« Romanes von Julius Freund. Musik von Jean Gilbert. ÄfÄ Richard Schultz. Karl Bachmann. Joseph Giampietro. Guido Thielscher. Alfred Sclunasow. Leopold Wolf, Ludwig Wolf. HeleneBallot. IdaRusska. i. Casino« Theater Lothringer Str. 37. Täglich 8 Uhr. Ctnzig. Varietbtheat. i. Ranges. Neu! der phänomenale lules Chero>. Magcagno Truppe. Der rote Domino. Der Aktien-Tenor oder Caruso auf Teilung«. Sonntag, den 21., nachm. 4 Uhr: Ein toller Ehemann. Deutsches Kliosttertheater Sozietät Nürnberger StraBe 70/71, am Zoo. ErUIThnnfrsvorstellani« 7 Uhr: Wilhelm Teil. Mittwoch 71/, Uhr: Wilhelm Tell. Zirkus-Tunnel im Zirkus Schumann, KarlstraBe. Wieder eröffnet. Glänzendes Programm. 25 Mann HauskapeUe. Jeden Sonnabend: BALI«. Wocbentags 20 Pf., Sonnabend mit Tanz 30 Pf. Sonntags statt 50 Pf. nur 35 Pf. IOSE=THEATE| Grotze Frankfurter Str. 132. Täglich 8'/. Uhr: jj Die Schiffbrüchigen. Theaterstück in 3 Akten v. Brieux. Ind.: 8. Wendt 4 A. Schütze. 64 Andrcasstr. 64 Donnerstag, den 18. Septbr. 1913 4 Eröfloongs-Soiree der allgemein beliebten u. bekann ton Xoffmanns Sänger mit vollständig neuem Programm. Anf. 8 Girr. H ach der Soiree; Frei-Tanz. Vorzugskarten haben Gültigkeit. Jeden Sonntag: Gr. äällitilr-Strelchkonz.. Vereinigte Berliner'Volksbühnen. EalMen-Theatcr. I Walhalla-Theater. 8'/, Uhr: Weh' dem, der lügt!> Tüqlich 8V. Uhr: Mittwoch: Dort und Stadt. Der Liebesonkel. Jfreitog: Die Allwördens.| Paffe m. Geinna u. Tanz in 3 Akten. :: Etertiner:: Konzerthaus Mauerstraße 82.— Zimmerstraße 90/91. Konzert des Erkschen Männer- Gesangvereins Chormeister: Prof. Max Stange, nnter Mitwirkung des Berliner Konzerthans-Orchester! Leitung; Komponist Frz. v. Blon und als Gastdirigent: Hofkapeilmeister Prot. Traugott Ochs. Anfang 8 Uhr. Eintritt 75 Pf. Anfang 8 Uhr. Alle Vergünstigungen aufgehoben. hm Brauerei Friedrichshain M Am Königstor. Oel.: Ernst Eiebing. Dienstag, de» 16. September: Volks-Konzert Bliiihner-Orchester(«o Künstler) Dirigent Gnido von Fachs Elisabelli Bölun tan Enden Anfang 8V, Uhr. Abendkasse 1 M. Billetts im Borverkouf ZV Pf. sind bei den.Vorwärts". Spediteuren tianlnoh, Ackerstr. 174, und Zucht, Jmmanuelkirch« ftraße 12, zu Haben. DentschesSchanspielhans Abends 8 Uhr: Sieben tolle Tage. Mos Busch. Heute Dienstag, 16. September, abends 8 Uhr: Das Unlösbare Rätsel deS geheimnisvollen Radfahrers bildet(in der Nr..Das Mirakel') die Hauptattraktion des neuen Programms. Hierzu die glänz. Spezialitäten: Kapt. Wall mit seinen Krokodilen. Briant(Mensch oder Puppe?) Ees Pissiutis, akrobatischer Reitakt. Neue Dressuren. Neue Reiterei. Voigt- Theater Badstrafte 58. DienStag, den 16. September 1913: Wohltäter der Menschheit. Schauspiel in 3 Akt. v. Felix Philipp!. Kasseneröffnung 7 Ubr. Ans. S'/4 Uhr. Passage-Panoptikum Der Mann mit der eisernen Faust d.größt. Kraftphän. allerZeiten lebend zn sehen! Die Offenbarungen der Tranmnialerln Frau Assmann, d. Aufseh. d. wissonsch. Kreise. AGA die schweb. Jungfrau. Bnddha die geheimnisvolle Tafel. Alles ohne Extra-Entree! % Residenz-Theatern Die Frau Präsidentin. (Madame la President«.) Schwank in 3 Akt. v. M. Hennequin und P. Veber. Morgen u. folgende Tage: Die Frau Präsidentin. Trianon-Theater. abmWW: Untreu-' Vorher: Der abgerissene Glockenzug. Admlralspalast Einz. Eispalast der Welt mit prunkvollen Eisballetlen. Angenehm kühler Aufenthalt. Allabendlich Flirt in St. Moritz. Beginn d. Vorstellung'/.ü Uhr. Bis 6 Uhr und von 10'/. Uhr halbe Kassenpreise. Folios Capriee. Anfang 81/. Uhri (Ritter Baldrian Das Adoptivkind [Die Mißgeburt_ ZOOMS ischer Garten Täglich: lilitür-floiipel-Jioiizert. Eintrittspreise: Zoo: 1 M., von 6 Uhr ab 50 Pf. Aquar.: lM.v.d.Straü., 50Pf. v.Zoo Kinder unt. 10 Jahren d. Hälft«. x CU; Wen: AQUARIUM 9 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Zirkus JUbert Sehumatm. == Eröffnungs-Vorstellung-- Wlittwoch, den i7. September OST Abends 8 Uhr-®a Vorverkauf an der Zirknskasse, bei A. Wertheim, Leipziger Straße, und Invalidendank, Unter den Linden. BttflSte. öietzaktd Witifc Bklrltf. Leukölln. Inseratenteil verantw.: in�GlPckc�Be���ruckuiVerlag?�rwärtSÄuchbr?�LcrlagsanstaU l0aulT'nger�Co.,BeriinZ.W. H.erzutz Beilagen».Unterhaltungsbl. »M»»„.» t. KeilM des.Amilrls" Kttlim WilllM Parteitag«1er äeutlchev Sozislöemolil'atie. Erster Verhandlungstag. Jena, IS. September. Bormittagssitzung. Ebert eröffnet die Verhandlungen Scklag g Uhr. Bon der französischen Sozialdemokratie ist folgendes Telegramm eingelaufen: Die französische Sektion der Arbeiter-Jnter« nationale begrüßt die deutsche sozialdeinokratische Partei, die auf ihrem Kongreß vereint ist, und versichert sie der vollen brüderlichen Solidarität in dem Kampfe, den sie gemeinsam führt für das Proletariat der ganzen Welt. sBeifall.) Als Ver- treter der tschechischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei Oester- reichs ist Genösse Stein erschienen. Die Geschäftsordnung ist vom Parteivorstand und vom Parteiausschuß geändert worden. Die Aenderungen sind nur sor- maler Natur. Sachlich ist die alte bewährte Geschäftsordnung bei- behalten. Ohne Debatte nimmt der Parteitag die neue Geschäfts- ordnung unverändert an. Ebert: Parteivorstand und Ausschuß haben beschloffen, auch die s�rage des politischen Massen st reiks zu erörtern. Die Frage steht in Zusammenhang mit der parteipolitischen Situation und mit der Tätigkeit des Parteivorstandes. Der Referent zum ersten Punkt der Tagesordnung soll deshalb die Frage des politischen Massenstreiks ebenfalls erörtern, dann aber sollen die Verhandlungen getrennt werden, und zwar soll zunächst verhandelt lverden über den Geschäftsbericht des Parteivorstandes, die hier einschlägigen Anträge und dann soll gesondert verhandelt werden über die Frage des politischen Masjenstreiks. Darauf wird über die zur Tagesordnung des Parteitages ge- stellten Anträge entschieden. Die Anträge 1 und 87, die die Be- Handlung der Arbeitslose nfürsorge fordern, werden für er« ledigt erklärt, da dieser Punkt bereits auf der Tagesordnung steht. Antrag 2, der die Behandlung der Massen st reikfrage ver- langt, ist ebenfalls erledigr. Die Anträge 3, 4 und 5, die verlangen, daß die Massenstreikfrage zusammen mit der Wahl- rechtsfrage verhandelt wird, werden für erledigt erklärt, da es auch die Ansicht des Parteivorstandes und de? Referenten ist, daß diese Fragen gemeinsam behandelt werden müffen. Antrag 86 wird zurückgezogen. Der Parteitag beschließt, von S bis 1 Uhr vormittags und von S bis 6 Uhr nachmittags zu tagen. Hierauf tritt der Parteitag in die Tagesordnung. Den Bericht des Borstandes erstattet Scheidemann. Der Parteworstand hat schon vor drei Monaten seinen Bericht veröffentlicht. Ich nehme an, daß Sie ihn alle kennen. ES war die letzte Arbeit, woran unser Bebel mitgearbeitet hat. Ich verweise auf diesen schriftlichen Bericht und sehe es nur als meine Aufgabe an, Ergänzungen dazu zu geben. So wie 1S12 das letzte Jahr gewesen ist mir dem Genosten Bebel, so war es das erste Jahr mit dem in Chemnitz eingesetzten Parteiausschuß. Es freut mich, ausdrücklich feststellen zu köonen, daß diese Einrichtung sich außerordentlich gut bewährt hat, und ich freue mich um so mehr, das feststellen zu können, weil auch vereinzelt bereit? gegen den Parteiausschuß und in Ver- bindung damit auch natürlich gegen den Parteivorstand Ivieder schwere Vorwürfe erhoben find. ES ist in einer öffentlichen Bersamm- lung von einem Genosten in einer einflußreichen und verantwortungs- vollen Stellung die Behauptung aufgestellt worden, anstatt den Parteiausschuß mit großen politischen Fragen zu beschäftigen, habe man ihn zur Erledigung von Verwaltungsfragen herangezogen, die ohne ihn hätten erledigt werden können. Wenn ich sage, drese Be- hauptung ist irrtümlich, so trifft das daneben, denn entweder bat der betreffende Genoste nicht gewußt, was der Parteiausschuß bisher gemeinsam mit uns gearbeitet hat, und dann beging er keinen Irrtum, als er diese Behmwtung aufstellte, oder er hat es gewußt und dann ist natürlich die Situation für ihn noch peinlicher. Ich stelle fest, daß alle unsere parteipolitischen Aktionen in Gemeinschaft mit dem Parteiausschuß beraten sind. Und mehr noch. Auch alle Aktionen, die bei dieser oder jener Gelegenheit noch hätten vorgenommen werden können, die aber nicht.stattgefunden haben, sind in Gemeinschaft mit dem Parteiausschuß beraten. Ich werde aus�die Art und Weis«, wie wir gemeinsam gearbeitet haben, noch zurückkommen. Zunächst einige Mitteilungen, die ich pflichtgemäß machen muß. Der Chemnitzer Parteitag hat uns zahlreiche Anträge über- wiesen, mit denen wir uns im Laufe des Jahres beschäfttgen mußten. Ich will nur auf einige hinweisen, die uns längere Zeit hier be- schäftigt haben und die wir auch in Gemeinschaft mit dem Parteiaus- schuß haben behandeln müffen. In Chemnitz wurde uns die An- gelegenheit auf Ausschluß eines Genossen, der aus einer Bruderpartei ausgeschlossen war und den Anschluß in der deutschen Organisation nachsuchte, jedoch abgewiesen und nun in einer anderen Stadt aufgenommen wurde, ausdrücklich überwiesen. In welcher Weise der Parteivorstand im Einverständnis mit dem Parteiausschuß glaubt, in dieser Sache zu Ende zu kommen, ersehen Sie aus dem Antrag 75.— Dann ist vom Chemnitzer Parteilag uns der Antrag 119 überwiesen worden, der bestimmte Veranstaltungen für Jugendliche im Alter von 13—21 Jahren wünscht. ZentralbildungsanSschutz. Parteivorstand und Parteiausschuß sind sich vollkommen einig in der Frage, daß alles geschehen muß. was irgendwie geschehen kann, um die Jugendbewegung zu fördern. DaS ist um so selbstverständlicher. weil wir wissen, wie durch einseitig« Auslegung gesetzlicher Bestim- mungen unsere proletarische Jugendbewegung genau sosehr gehemmt wird, wie man andererseits die ausgesprochen politisch patriotische Jugendbewegung, namentlich den Jungdeutschlandbund, unter allen Umständen zu fordern sucht. Das ist ein ganz besonderes Kapitel. auf das ich natürlich nicht näher hier eingehen kann. Aber das möchte ich doch lurz feststellen: es ist u II e r h ö r t, wenn man sehen muß, wie Veranstaltungen rein wissenschaftlicher und künstlerischer Art unserer Jugendbewegung unterdrückt werden, wie man gewaltsam politische Veranstaltungen konstruiert hat auS Ausflügen, aus Vorttägen über Schubert und Beethoven. lHörtl hört!) Es ist also ganz selbstverständlich, �ir die Jugendbewegung nach Möglichkeit fördern müssen, daß ihr unsere ganzen Sympathien gehören müssen. (Bravo I) Nun war uns also der Auftrag geworden, besondere Veranstaltungen zu treffen für die jungen Leute im Alter von 13—21 Jahren. Das ist die Altersklasse, die bereits berechtigt ist, in politische Organisationen einzutreten, denn es ist ja.nur' denen unter 18 Jahren verboten, während die jungen Leute von 13—21 Jahren natürlich'unvorbereitet, polittsch nicht geschult, in unsere Organisationen hineinkommen, und wir mit ihnen insofern Schwierigkeiten haben als diesen jungen Leuten selbstverständlich das Verständnis für rein geschäftliche Veranstaltungen der politischen Organisation fehlen muß, daß sie sich schließlich in diesen Versammlungen langweilen usw. Deshalb waren eben be- sondere Veranstaltungen für diese jungen Leute verlangt. Was ge- schehen solle, darüber war auch vollkommene Einigkeit zwischen den drei Korporationen. Es ist ein Zirkular ergangen an die Partei- Organisationen und alle Bildungsausschüsse, in dem diese drei Kor- porationen bestimmte Vorschläge machen, wie man am besten diesen jungen Leuten vorwärts helfen kann. ES heißt da: es interessiert die jungen Arbeiter in jenen Jahren, die allgemeinen Fragen der Weltanschauung mit ihren Altersgenosten zu diskutteren. Die Organisation inuß dieser Jungmannschaft deshalb Gelegenheit zu geistiger Fortbildung und zum gelegentlichen Zusammentreffen mit ihren Altersgenossen geben. Es werden dann bestimmte Vorschläge gemacht, wie die großen, wie die kleinen Organisationen arbeiten sollen, wie sie die jungen Leute einführen sollen in bestimmte Wissensgebiete usw. Die Einzelheiten zu schildern, würde zu weit führen. Jedenfalls steht fest, daß wir alles Mögliche tun werden und auch glauben, bisher getan zu haben, um die Jugendbewegung zu fördern. Ich glaube deshalb, daß man wohl die Anträge, die jetzt gestellt worden sind, in denen das ge- fordert wird, was in Wirklichkeit bereits ausgeführt ist, und zwar den Antrag 77 von Weimar, als erledigt ansehen kann. Der vorige Parteitag hat uns aber auch zur Erwägung über- geben emen Antrag, in dem die Einsetzung einer Studienkommisfion gefordert wurde, die die bestimmte Aufgabe haben sollte, auf agra- rischem Gebiete zu arbeiten. Wir haben uns auch mit dieser Frage sehr eingehend beschäftigt und der Parteiausschuß hat allen von uns vorgeschlagenen Maßnahmen zugestimmt. Wir schlagen Ihnen vor. daß eine solche St u die nkom Mission eingesetzt werden soll. Dieser Beschluß ist einstimmig gefaßt worden. Wie diese Studien- kommission arbeiten soll, welche Aufgaben man ihr stellt, ist ein- gehend erörtert worden in eineni Artikel, der in der neuesten Nummer der.Neuen Zerf' vom Genosten Braun veröffentlich wvrden ist. Dieser Artikel ist im wesentlichen der Niederschlag einer Rede, die Braun seiner- zeit in emer gemeinsamen Sitzung mit dem Parteiausschuß gehalten hat. Parteiausschuß und Vorstand schlagen Ihnen vor. die Wahl dieser Studienkommission diesen Korporationen zu überlaffen. Es empfiehlt ich das deshalb, weil man natüklich die Zusammensetzung einer olchen wirklichen Arbeitskommission, die ein ganz bestimmtes Gebiet beackern soll, nicht unter Umständen einer Zufallsmehrheit überlasten soll, sondern weil es nottvendig ist, daß die Leute, von denen man bestimmt weiß, sie bringen dieser Sache Jntereste entgegen und vielleicht schon bestimmte Kenntnisse auf diesem Gebiete mit, mit Sicherheit in diese Kommission hineinkommen. Es soll diese Kommission auch das Recht der Kooperation haben. Das ist wohl selbstverständlich, daß sie die Möglichkeit haben muß, salbverständige Berater hinzuzufügen. Ich hoffe, daß Sie diesen Vorschlägen zu- stimmen würden. Dadurch würden sich die Anträge 13 und 14 er- ledigen. In der Vorlage finden Sie auch in diesem Jahre wie ftüher schon einige Anträge, die die Herausgabe einer besonderen Moden- zeitung verlangen. Wir haben unS im Parteivorstand mit diesem Vorschlag, der gewiß nichts besonders revolutionäres an sich hat (Heiterkeit), lebhast beschäftigt. Wir sind zu der Ueberzeugung gekommen, es empfiehlt sich nicht, diese Angelegenheit breit auf dem Parteitag zu erörtern.(Sehr richtig I) Wir haben wiederholt in langen Sitzungen mit sachverständigen Leuten darüber beraten und sind nach Einholung von Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, daß ein solches Unternehmen für einen Privatkapilalisten, der mindestens eine Million hinein- stecken kann, eine sehr riskante Sache ist, jetzt bei der obwaltenden Konkurrenz und bei den eigenartigen monopolartigen Unter- nehmungen auf diesem Gebiet damit anzufangen. Für die politische Partei erscheint die Ausführung eines solchen Unter- nehmenS absolut unmöglich.(Sehr richtig.) Wir treten aber nicht mit leeren Händen vor Sie hin. Wir haben während der Beratungen einen Beschluß gefaßt, zu dem wir die Zu- stimmung des Parteiausschusses erhalten haben, und zu dem wir auch Ihre Zustimmung erhoffen. Wir haben nämlich beschlosten, ein illustriertes Familicnblatt für die Partei herauszugeben, das alle 14 Tage erscheinen soll. Es soll in Großquartformat auf bestem Papier gedruckt werden, etwa 40 Seiten stark sein und 25 Pfennig pro Nummer kosten. ES soll die beste Unterhaltungsliteratur geboten werden, es soll das Wichtigste auS den Gebieten von Kunst, Wistenschnft und Technik gebracht werden; cS soll aber nicht nur literarische Kost geboten werden, sondern auch den Wünschen, die wir i» den An- lrägen von Teltow-BeeSkow und anderen Vereinen finden, nach Möglichkeit Rechnung getragen werden, indem auch Hauswirtschaft- liches gebracht worden soll, Mitteilungen und Rezepte für Küche und Keller usw., Muster einfacher Kleider, namentlich von Kinderkleidern u. dergl. Ich glaube, so wie bisher dieses Projekt allseitig bei denen, mit denen wir darüber sprechen konnten, Beifall gefunden hat, so werden auch Sie das Unternehmen mit Freude begrüßen. Es wird leider nicht möglich sein, die erste Nummer vor dem nächsten Parteitag herauszubringen. Es sind doch viele Schwierigkeiten damit ver- knüpft. Wir haben alle möglichen Versuche gemacht, eine Redaktion zusammenzubringen, die der großen Aufgabe gewachsen ist. Wir sind mit der Zusammensetzung dieser Redaktion»och nicht zu Ende gekommen. Es kommen auch Schwierigkeiten hinzu bei der Bestellung der Maschmen, denn wir wollen auch hier da« denkbar beste liefern und das Tiefdruckverfahren von vornherein einführen, um die denkbar besten Illustrationen zu bringen. Ich hoffe, Sie werden alles tun, um der Einführung des neuen Blattes die Wege zu ebnen, damit wir die Schundliteratur, die sich vielfach noch in Arbeiter- Wohnungen findet, durch ein wirkliches gutes sozialdemokratisches Blatt verdrängen. Ich komme auf den schriftlichen Bericht zurück. Begreiflicherweise hat es ungemein überrascht, daß die Fortschritte unserer Organisation hinsichtlich der Mitgliederzahl nicht den Fortgang genonimen habe», den wir allgemein erwarteten. Und doch, wenn man den Dingen auf den Grund geht, ist die Ursache sehr leicht zu finden. Wenn in einer Zeit, wo die wirtschaftliche Krise hereinbricht. Tausende und Abertausende arbeitslos werden und ihren Arbeitsort verlassen müssen, ohne daß neue Arbeiter dafür hinzukommen, so ist das schon ein sehr plausibler Grund für den Rückgang oder den Stillstand der Organisation in vielen Orten.(Sehr richtig!) Ich will auf die Einzelheiten nicht näher eingehen, das wird Kollege Braun nach- her tun. Ich habe mich zunächst zu befassen mit eigenartigen Schlüssen, die aus dem geringen Fortgang der Organisation gezogen worden sind und die aus sehr schwere Vorwürfe gegen den Partcivorstand hinaus lausen. Die Gegner haben ja von jeher gesagt, daß die Sozialdemokratie anfange, stillzustehen, sie haben von einem Krebsgang gesprochen und wir kennen ja das Wort von der vorübergehenden Erscheinung. Das sind trügerische Hoffnungen der Gegner. Niemals hat sich die Enl- Wickelung unserer Organisation in gerade auffteigender Linie voll- zogen. Selbst im Wahljahr 1312 mußten wir trotz der Wahl- agitation in nicht weniger als 71 Wahlkreisen einen absoluten Rück- gang in der Organisation feststellen. Das hat also gar nichts Beängstigendes an sich. Es kommen da Ursachen in Betracht, die uns nichr zu schrecken brauchen. Jetzt sind vielleicht diejenigen Parteigenossen— ich bitte, das aber nicht mißzuverstehen— zu- frieden, die bei dem schnellen Wachstum früher immer gesagt haben: wir wachsen viel zu schnell in die Breite, aber nicht in die Tiefe.(Sehr gut.) Der Vorwurf kann jetzt gar nicht erhoben werden. Im Vorjahre ist alles Erdenkliche geschehen, um dafür zu sorgen, daß auch der Sozialismus mehr in die Tiefe dringt. Unsere Arbeitsleistung kann sich sehen lassen. In der inneren Or- ganisationSarbeit sowohl, wie bei der allgemeinen Verbreitung der sozialistischen Lehre und Parteitheorie sind wir vorgegangen in einem Maße wie selten zuvor. Besonders aus dem Gebiete der Jugend- bewegung und der Frauenbewegung haben wir eine Arbeit geleistet wie bisher noch niemals. Redner verweist aus�Zie Zahlen aus dem letzten Geschäftsjahre. Bei ihrer Würdigung ist wohl zu beachten, daß das Berichtsjahr nur neun Monate umfaßt, während die Ver- gleichszahlen für 1912 sich auf ein volles Jahr verteilen. Redner gibt die Zahlen aus dem Vorstandsbericht über die BildungSarbcit, die Jugendarbeit, den Ausbau der Frauenorganisation, die Zahl der Abgeordneten in den verschiedenen Körperschaften usw. Was be- sonders von den Frauen an Kleinarbeit geleistck worden ist, ist aller erdenklichen Dankbarkeit wert.(Beifall.) Wenn ich nun zu einem anderen Teil meine? Vortrage? über- gehe und dabei eine Anzahl von Aeußenmgen mehr oder weniger bekannter Genossinnen und Genossen anführen muß, so werde ich in indirekter Rede zitieren und keine Namen nennen, denn eS kommt auf die sachlichen Ausführungen an. Irgend welche Voreingenommen- heit gegen irgend jemand liegt mir und dem ganzen Partcivorstand fern. Von jedem, der in der Partei über Parteifragen sich äußert, nmssen wir annehmen, daß er es tut in der festen Ueberzeugung, der Partei' damit nutzen zu wollen. Wenn hierbei über die Stränge geschlagen wird, so ist das bedauerlich und wir können nur immer wieder wünschen, daß alle öffentlich redenden und schreibenden Genossen sich jederzeit ihrer vollen Verantwortlichkeit bewußt seien.(Beifall.) In einer sächsischen Versammlung hat ein bekannter Partcigenoffe ge- sagt: der Mißerfolg in der Agitation und Organisation ist dem Schwinden des Vertrauens der Mafien zur Leitung zu- zuschreiben.(Hört, hört!) Solche Worte wirken fort in der Masse, nicht zum Segen der Partei und nicht zum Nutzen des Prole- tariats.(Lebhaste Zustimmung.) Wo sind denn überhaupt solche Mißerfolge in der Agitation und Organisatton? Eine solche Behauptung ist einfach falsch, und wer glaubt, imstande zu sein, den Beweis daftir erbringen zu können, daß die Mafien das Vertrauen zu ihrer Leitung verloren haben? Traurig wäre es. wenn das der Fall wäre. Dann brauchten wir uns nicht zu wundern, wenn die Organisationen statt Fortschritte zu machen, rückwärts gehen würden. 'Ein anderer Genosse, es war auch ein Sachse(Heiterkeit), kriti- fierte die Fraktion in Grund und Boden wegen ihres Verhaltens in einer bestimmten Frage und machte dafür dem Parteivorstand Vor- würfe! Kein verständiger Mensch kann sagen, daß solche unüberlegte Aeutzerungen der Parter nützlich sein können(Zustimmung), und wenn in temperamentvoller Weise von einer greisenhaften Ernrattirngs- strategie, von Organisationshochmut geredet wird und die Nicht- organisierten als Wundcrknabcn hingestellt werden, die alle» Gute in der Partei gemacht haben(Lebhaftes Hört! hört! und Zustimmung), wer wird sich dann wundern, wenn in der Agitation?- und Organi- sationSarbeit Schwierigkeiten entstehen?(Lebhafte Znftim- mung.) Gegenüber den Andeutungen, wie in der Partei eigentlich hätte gearbeitet und gewirkt werden müssen, sehe ich mich geztvungen, einen kurzen Abriß der parteipolitischen Situation zu geben. Unsere große Protestaktton gegen die agrarische LebcnSmittelteuerung fit mit großer Schnelligkeit durchgeführt worden und hat schließlich die Regierung zu einer Reihe von Konzessionen gezwungen, wenn diese auch nur kleinere sind und in erster Linie sür dje Gemeinde- Politik in Betracht kommen. Als durch den Baltankrieg und den Imperialismus die Kriegsgefahr immer größer wurde, hat das deutsche Proletariat, das in Oester- reich und Frankreich seine volle Schuldigkeit getan. Bis ins kleinste Dorf hinein, ist von den Sozialdemokraten über den Jmperalismus gesprochen worden und ist den Leuten, die oft das Wort noch nie gehört hatten, plausibel gemacht worden, was es bedeutet und was für große, jeden einzelnen betreffende Fragen damit zusammen- hängen. In Millionen von Exemplaren wurde ein zwei- sprachiges Manifest in Frankreich und Deutschland ver- breitet, wir hatten eine Bewegung, wie selten zuvor in bezug auf die Zahl, al« auch aus die Wucht unserer große, r DemonstrattonSversammlungen. Man hat in keinem Lande ähnliches gemacht, ich habe es ans eigener Anschauung kennen gelernt. Damals schoß auch die deutsche Polizei den Vogel ab und blamierte sich grenzenlos durch das Verbot an den französischen Genossen Compöre-Morel, in Magdeburg in seiner Muttersprache zu reden. Der Baseler Kongreß war die Krönung der ganzen Parteiarbeit. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam da, als wir in einer großen lebhaften Bewegung waren, die jeden von uns mit Freude und Stokß erfüllen konnte, die neue Militärvorlage, und durch die Reihen der deutschen Proletarier ging, ein Schrei der Empörung. So wie bisher gegen den Imperialismus, so richteten wir nun die ganze Stoßkraft der Partei gegen die Militürvorlage: Versammlungen folgten auf Flugschriften, die Bewegung»ahm zunächst einen mächtigen Aufschwung, dann aber' flaute sie nach und nach ab, aber nicht, weil der Parteivorstand versagt hat, sondern weil allmählich selbst in dem kleinsten Dorf bekannt geworden war. daß die Annahme der Vorlage durch alle bürgerlichen Parteien absolut sicher war und weil dank der sozialdemokratischen Parteiarbeit die Regierung mit direkten Bcsitzsteucrn kam. Die Tatsache kann nicht ans der Welt geschafft werden, eS waren Steuern, die nicht in erster Reihe die Massen treffen konnten, sondern durch die der Besitz herangezogen werden sollte.(Sehr richtig I) Da kamen aber eigenartige Taktiker der Partei und sagten: Das ist ja gar nicht wahr! ES ist immer unbegreiflich gewesen, daß es einige Parteigenossen gibt, die nicht zugeben wollen, daß die Sozialdemokratie etwas erreicht hat. (Heiterkeit und Sehr gut!> Was soll es denn heißen, offenkundige Errungenschaften der Sozialdemokratie einfach aus der Welt wegzudisputieren.(Sehr wahr I) In der .Neuen Zeit' hat ein Genosse geschrieben, daß bei dieser Bewegung die Parteipresse versagt habe. In dieser Allgemeinheit unterschreibe ich den Satz nicht, aber ganz aus der Luft gegriffen, ist er auch nicht.(Sehr richtig!) Mit dem Satz in unserem Bericht:„wir wollen es ununtersucht lassen, ob die Parteipressc alles getan ist. um an die indifferenten Massen heranzukommen" haben wir angedeutet, daß unsere Blätter zu sehr sür die eigenen Parteigenossen schreiben und an die Werbearbeit bei den Indifferenten, die doch unsere Ausdrucksweise und unsere stehenden Formen noch nicht kennen, vergessen. Wetter schreibt der betreffende Genosse in der„Neuen Zeit':-.Auch der Parteivorstand hat wahr« Icheinlich nicht aktiv genug eingegriffen." Wahrscheinlich! Da§ ist ziemlich selbstverständlich.(Heiterkeit.) In den Partei- vorstand wählr man natürlich diejenigen Leute, von denen man an- nimmt, sie werden unter allen Umständen in allen Situattonen ver- sagen und deshalb ist es wahrscheinlich, daß der Parteivorstand nachher versagt hat.(Große Heiterkeit und Sehr gut.) Wahr- scheinlich hat der Parteivorstand versagt. Genaueres weiß man nicht.(Heiterkeit.) Ob überhaupt ein Flugblatt über die Nüstungsskandale und die Liebknechtschen Enthüllungen herausgegcbe« ist, da§ ist dem Nrtikelschreiker unbekannt. Aber sicher ist, daß ein solches Flugblatt nicht verbreitet ist. �Heiterkeit.)— Als diese Nummer der„Neuen Zeit' herauskam, hatte der Parteivorstand über diese ganz spezielle Frage bereits nicht weniger als vier Flugschristen herausgegeben.(Hört, hört!) Die Flugschriften wurden in Millionen verbreitet, und ich bemerke nebenbei, daß man nicht überall das gleiche Flugblatt verbreiten, sondern daß man eS auf die lokalen Verhältnisse zuspitzen soll. Wir haben also getan, was wir nach bestem Wissen tun zu müssen glaubten. In einer eigenen Sitzung des Parteiausschusses ani S. Juli wurde das Abflauen der Bewegung erörtert, und einmütig hat der Parteiausschuß erklärt, daß man die abflauende Bewegung nicht neu entfesseln könne, weil das künstlich nicht zn machen gebe. (Sehr richtig I) Der Parteiausschuß erklärte, daß das Volk' aus den Bewegungen gegen Teuerung, Krieg, Imperialismus und Rüstungen gar nicht herausgekommen sei und daß es nun, wo die Einbringung direkter Befitzsteuern sicher war, unmöglich sei. das Abflauen der Bewegung zu verhindern. Die Genossen, die das erklärt haben, die leben wirklich in der Masse! Die preußischen LandtagSwahlcn brachten uns eine Million Stimmen, aber aus eigener Kraft nur ein neues Mandat und drei weitere infolge einer Verständigung mir der Fortschriltlichen Volkspartei über das Verhalten in einigen Wahl- kreisen. Man müßte doch annehmen, daß es die Massen aufpeitschen muß. wenn sie die empörenden Folgen des preußischen Drciklasscn- Wahlrechts aufs neue erfahren und gesehen haben, daß es aus der einen Seite genügt, tausend abkommandierte Wähler, Landarbeiter und Güterbeamte zu seinen Wählern zu haben, um ein Mandat zu er- langen, während auf der anderen Seite hunderttausend Mann unter den schwierigsten Umständen unter der Gefahr der Maßregelung an den Wahltifch treten müssen, um ein solches Ergebnis zu erreichen. Man mutz sich wundern, daß das Volk nicht in Wallung gerät über derart himmelschreiende Zustände.(Sehr wahr!) Alle' diese Tatsachen riefen naturgemäß ein Unbehagen unter den Parteigenossen hervor, man debattierte und schien immer vorbei zu raten. Bis endlich das Stichwort fiel: Massenstreik! Daran schloß sich eine merkwürdige Debatte, die ergab, daß an einen Massenstreik jetzt nicht zu denken sei. sSehr richtig!) Ge- nossinnen und Genossen, das haben wir uns im Parteivorstand auch gesagt, und deshalb haben wir den Mund gehalten. sLebhafte Heiterkeit und Sehr gut!), weil wir uns sagten, warum brauche ich denn dem Gegner, Meinem Todfeinde, zu sagen, was ich jetzt nicht machen kann.(Sehr richtig!) Wir sind der Meinung gewesen, daß man nicht so weit die Ritterlichkeit zn treiben braucht, dem Gegner zu sagen, Du, ich habe noch eine Waffe. Wenn ich die benutze, dann bist Du verloren. Aber Du kannst getröstet sein, jetzt kann ich sie augenblicklich nicht benutzen.(Große Heiterkeit und Sehr gut!) Das war das Gefühl, das wir gehabt haben und ich bin der festen Ueber- zeugung, daß wir mit dieser Masscnstreikdtzhatte zur unrechtcn Zeit eingesetzt haben. Es ist mehrfach gesagt worden, die ganze Debatte entspreche der Stimmung der Massen. Das bestreite ich.(Sehr richtig I) Das, was wir an Reden gehört und gelesen haben, entsprach in den meisten Fällen nicht der Stimmung der Massen.(Sehr richtig!) Ich gehe allerdings nicht so weit, wie vielfach gegangen worden ist. daß man gesagt hat, sie sei nur das Werk einiger Akademiker. ES ist schon richtig, daß die Unzufriedenheit und der Unwille in de» Massen von Tag zu Tag wächst. Es ist selbstverständlich, daß die � Massen von Dag zu Tag empörter werden über die Zustände, unter denen sie leiden. Aber wer die Massen kennt, und aus dieser Masse sind auch die meisten von uns herausgekommen, weiß, daß heut- zutage die klassenbewußten Arbeiter viel zu gut den Arbeitsmarkt kennen, viel zu gut wissen, wie die Gelben, die Christlichen, die Nichtorganisierten beschaffen sind. Und deshalb sagen sie sich, wenn auch zähneknirschend: Noch ist nicht Zeit.(Sehr richtig!) Parteigenossen I Ich will Ihnen von vornherein klaren Wein einschenken über die Stellung des Parteivorstandes zu dieser Frage. zi- Der Parteivorstand steht in dieser Frage ans dem Boden der Be- schlüsse von Jena und Mannheim. Da ist unter anderem beschlossen worden: sobald unser Parteivorstand die Notwendigkeit eines politischen Massenstreiks für gegeben erachtet, hat er sich mit der Generalkommission der Gewerkschaften in Verbindung zu setzen, alle Matznahmen zu ergreifen, die erforderlich sind, um die Aktionen erfolgreich durchzuführen. Sie dürfen sich darauf verlassen, daß der Parteivorstand gewillt ist, diese ihm mit auf den Weg gegebene Ent- schließung früherer Parteitage unter alle» Umständen zu respektieren und danach zu handeln.(Sehr gut!) Parteigenossen! Was hat der Parteivorstand in dieser Frage versäumt? Es sind auch gegen uns, wenn auch mehr in indirekter Weise, Vorwürfe erhoben worden. Aber ich will ganz davon absehen. Aber eins nehme ich sehr tragisch, das ist der Umstand, daß man in einer Weise, die ich als unverantwortlich bezeichnen muß, gegen die vielen Tausende von braven Arbeitern, die durch das Vertrauen der Genossen»innerhalb der Organisationen tätig sind, gegen die Vertrauensleute, die zu Tausenden bereits zählen, die Parteisekretäre Gewerkschasts- sekretäre usw. unausgesetzt in der schlimmsten Weise Ver- dächtigungen erhöben hat.(Sehr richtig!) Diese Leute sind geradezu bezeichnet worden als Bremsklötze der Bewegung, als diejenigen, die darauf ausgehen, daß nichts geschieht. DaS sist der denkbar schwerste Vorwurf.(Sehr wahr I) Wer die Arbeit dieser unserer Agitatoren kennt, dieser Vertrauensleute der Arbeiter— das sage ich ausdrücklich, denn keiner kommt auf seinen Posten, der sich nicht das Vertranen der Massen, die ihn zu wählen haben, im vollen Matze erworben hat— wird zugeben, das sind wirkliche Kulturpionicre, die das ganze Jahr schwer arbeiten müssen, und man sollte ihnen deshalb das Leben nicht noch schwerer machen, als es ohnehin be- reitS ist. Sie sind nicht Bremsklötze. Mir ist nicht ein einziger von diesen Parteigenossen bekannt, die in der Kleinarbeit tätig sind, der etwa ein prinzipieller Gegner des Massenstreiks wäre. Aber sie find Gegner der Rederei über eine Tat(Sehr gut!), die man tun kann, über die man aber nicht r e d e r, wenn man sie noch nicht ausführen kann. Bei den Auseinandersetzungen über den Massenstreik ist vielfach hingewiesen worden ans Rußland, Belgien rmd Schweden. Alle diese Vergleiche hinken und sind durchaus unzuverlässig. Wir sind genau informiert worden, beispielsweise über die Streiks in Schweden und Belgien, und die geradezu bewundernswerte Vor- arbeit, die unsere belgischen Genossen geleistet haben. Aber, Partei- genossen, eins wird bei diesen Bewegungen in Schweden und Belgien innner vergessen, ein Jmponderabile, von dem man niemals redet. das man aber nicht außer acht lassen dürfte: ohne daß unsere belgischen und schwedischen Genossen auch nur ein Wort von ihrem Streik mit uns zu sprechen brauchten— sie konnten ihren Streik beginnen, wann sie wollten, sie brauchten sich gar nicht vorher mit uns zu verständigen— konnten sie doch in den Kampf hineinziehen mit dem beruhigenden Gefühl, das sie sicherlich niemals täusch«, wirb: jenseits der Grenzen, da wohnt ein großer Bruder von mir, der mir im schlimmsten Falle helfen wird. Parteigenossen, wir sind in der Lage, selber ein großer Bruder zu sein, dem aber ein noch größerer Bruder, der jenseits der Grenzen wohnt, nicht zu Hilfe kommen kann.(Heiterkeit.) Jede Hilfe, moralischer oder sonstiger Art, die uns in einem solch' schweren Kampfe wird, wird uns hochwillkommen sein. Aber in der Be- ziehung sind unsere belgischen Freunde besser dran als wir.(Sehr wahr!) Ich will ferner nicht bestreiten, daß es in Preußen manch- mal sehr russisch zugeht; das haben wir erst m den letzten Tagen erlebt durch die unwürdige-Behandlung der Genossen HuhsmanS und V a n d e r s m i s s e n.(Sehr wahr!) Das sind Zustände, die den russischen verzweifelt ähnlich sehen, aber im ilbriqkn vergleichen Sie doch den russischen Arbeiter mit dem deutschen Arbeiter. Welche Rechte hat denn der russische Arbeiter? Gar keine. Er hat nur sein Recht auf die Knute und auf Sibirien. Er spürt daher ganz andere Triebkräfte in sich, um sich gegen diese Zustände zu wehren. Bei aller unserer Entschlossenheit, bei dem unerschütterlichen Willen,� dem Bolle die Rechte zu erkämpfen, die ihm unter allen Umstanden zu teil werden müssen, dürfen wir eines nicht bergessen: wir müssen klaren Verstand bewahren und müssen uns bewußt sein, daß man nicht durch jede Wand mit dem Kopf rennen kann.(Beifall. Es sind merkwürdige Vorschläge gemacht worden in bezng auf da? Arrangement solcher Massenstreiks. Einer unserer Freunde hat gesagt, es sei gar nicht notwendig, daß ein solcher Massenstreik im ganzen Reiche gleichzeitig ausbricht. Er müsse bald im Westen, im Osten und im Süden, im Norden los- brechen wie ein fliegendes Feuer.(Heiterkeit.) Das heißt, daß der Massenstreik so organisiert wird wie die K a i s e r r e i s e n. Trari, trara, bald hier, bald da!(Heiterkeit.) Das mag für jemand mög- lich sein, dem ein Automobil zur Verfügung steht,' und der im Lande herumreiien kann. Der Massenstreik ist nur aus der Stimmung der Massen heraus möglich, aus der Empörung im Volke. In bestimmte Portionen verteilt, heute am Rhein und morgen in Posen, darüber läßi sich im Ernste nicht reden. Dann will man von anderer Seite eine merkwürdige Methode anwenden, um die Massen zn begeistern. Was kommt denn für den Massenstreik für uns zunächst in Frage: ein scharf um- rissenes Ziel, die Eroberung deS Wahlrechts in Preußen! Was heißt das? Wir wollen die Möglichkeit haben, Vertreter ins Parlament zn schicken, damit sie dort für uns arbeiten. Um nun die Massen für diesen Kampf zu begeistern, setzt man zunächst den Parlamentaris- mus herab I(Sehr richtig und Heiterkeit), setzt Parlamentarismus gleich Kretinismus. Man fragt weiter: Ist denn im Parlament ein Vorteil für das Proletariat zu erringen. Nein, sagt man, deshalb müssen die Massen auf die Straßen gehen. Das ist eine Logik, die mir unverständlich ist.(Sehr richtig.) Ich will die Massen für etwas begeistern, das wir herunterreißen! Ich will sie begeistern für einen Kampf für das Wahlrecht, und um sie frisch und munter zu machen, setze ich das Parlament herunter und sage, das führe zum Kretinismus! (Sehr gut!) Dann braucht man doch nicht den Generalstreik oder Massenstreik, um solch ein wertloses Werkzeug zu erkämpfen, dann ist es doch besser, man spricht die ganze Wahrheit aus und geht aufs Ganze. Man sagt, im Parlament ist nichts mehr für das Prole- tariat zu erringen, deshalb müssen die Massen selbst auf dem Schau- platz erscheinen. Sie sollen sich in Bewegung setzen, sollen auf die Straße gehen, direkte Aktionen werden gefordert. Was heißt denn das und wozu führt das? Wenn man solche Redensarten gebraucht, dann muß man sich auch etwas darunter vorstellen.(Beifall.) Man bat gesagt: „Warum sind nicht bei dem Besuche des Blutzaren' in Berlin republikanische Altionen gemacht worden; wir haben 4 Millionen Sozialdemokraten, die ins Mauseloch kriechen, wenn der Zar kommt; wir hätten mehr Anhänger gewinnen können, wenn wir das und das gemacht hätten"... Ich kann erfreulicherweise feststellen, daß ich in meiner Bekanntschaft keinen Menschen habe, von dem ich annehmen könnte, daß er eine so feige Memme wäre. irgendwie ins Mauseloch zu kriechen, oder aber auch durch solche blutrünstigen Redensarten sich einschüchtern zn lassen.(Beifall.) Was heißt das: auf die Straße gehen, republikanische Veranstaltungen treffen? Das hört sich nett an für diejenigen, die sich im Augenblick nicht überlegen, was es bedeutet. Das würde geheißen haben, daß wir von den Massen verlangt hätten, auf die Straße zu gehen und irgend etwas zu unternehmen. Was hätte das bedeutet? Eine ganz sinnlose Demonstra- t i o n, bei der Tausenden von braven Arbeitern die Köpfe ein- geschlagen worden wären.(Lebhafte Zustimmung.) Das hätte uns keine Freunde zugeführt, sondern uns eine ganze Anzahl von Leuten, die auf der Grenze stehen, und die wir erobern müssen, weg- getrieben. Ich kann mir keinen so skrupellosen Menschen denken, der die Arbeiter durch eine sinnlose Demonstration so auf die Straße hetzen will, dazu ist mir das Blut der Arbeiter zu kostbar!(Leb- hafter Beifall.) � Merkwürdig ist guch über den Wert der Parteiorganisation gesprochen worden. Der Stolz unserer Partei sind unsere Organi- sationen, Alle unsere Bruderparteien beneiden uns darum. Und wie hclt man über diese Organisationen gesprochen? Man hat es so hingestellt, als ob sie geradezu Bremsklötze der Revolution ge- worden wären. Es käme nicht darauf an, wie stark sie sind im Vergleich zu den Nichtorganisierten, sondern darauf, daß die Partei kühn die Initiative ergreife, dann würden die unorganisierten Massen begeistert werden. Die unorganisierten Massen versagen nicht, sagt man, wenn ein politischer Feldzug scheitert, sondern die organisierte Partei und ihre Führer. Derartiges mutz sich die deutsche Sozialdemokratie ins Gesicht sagen lassen.(Hört, hört I) Kautsky hat zutreffend bemerkt: für Abenteuer und Quertreibereien wird die wachsende Organisation ein Hindernis, aber dieser Nachteil iit zu ertragen.(Sehr gut!) Damit sind SO, 99 Prozent der Parteigenossen einverstanden. (Beifall.) Der Parteivorstand steht auf dem Boden der Beschlüsse von Jena und Mannheim, aber mit der Drucklegung jener Resolutionen ist diese Frage ebensowenig erledigt wie mit der Drucklegung der Resolution auf diesem Parteilag. In dieser Resolution ist die Rede davon, daß der Massenstreik nicht nur anzuwenden ist, um uns drohende Attentate auf bestehende Rechte abzuwenden, sondern gegebenenfalls neue Rechte zu erobern. Darauf beziehen wir uns ausdrücklich. Auf dieser damals beschlossenen Ansicht beharren wir auch heute noch. Es kann sich, wie die Dinge bei uns im Reiche liegen, natürlich nur um eine Massenaktion handeln im Hinblick auf da§ preußische Wahlrecht. Wir haben in den letzten Jahren, nachdem wir von der Abstinenz bei der Wahl abgekommen waren, uns an den Landtags- Wahlen beteiligt. Wir haben das Volk zu interessieren versucht, das an den Verhandlungen dieses merkwürdigen Parlaments bisher kein Interesse genommen hatte. Wir haben Flugschriften verteilt und in ganz Preußen Versammlungen abgehalten, wir haben große, imposante Straßendemonstrationen erlebt. Die Arbeit ist nicht ganz vergeblich gewesen, wir haben auch höber hinauf eine ganze Reihe von Leuten mit der Nase auf die Verhältnisse gestoßen, die so bedrohlich sind für die Leute, die sich weigern, dem Volke die ihm. zustehenden Rechte zu geben Wir haben die Thron- rede von 1908 erlebt, in der die Wahlrcftirm angekündigt wurde als eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart. Wir haben die verunglückte Wahlrechtskomödie von 1910 erlebt und schließlich den Ausgang der letzten Landtagswahlen. Denn das scheint in der Tat aussichtslos, daß aus dem Boden des Drciklassenwahlrcchts die Frage ans dem Landtage selber heraus gelöst werden kann. Eben deshalb unsere Parteitagsbeschlüsse von Jena und Mannheim. Wir werden den Massenstreik haben, aber wir wollen uns an das halten, was unser Bebel gesagt hat: Der Massenstreik ist die ultima ratio der Sozialdemokratie.(Sehr richtig!) Alles zu seiner Zeit! Wir müssen uns klar sein, daß von der Frage, die uns jetzt beschäftigt, unter allen Umständen geschieden iverden mutz die Frage des Massen- oder Generalstreik«, der bezeichnet worden ist als ein aus dem Volk heraus wachsendes'Elementar- ereignis, das zu weiteren inneren scharfen Zusammenstößen und schließlich zu einer allgemeinen Entscheidung führen soll. Wir wollen nicht vergessen, daß wir eine Partei sind, die demokratisch ist. die zunächst eine Partei der Minderheit, wenn auch einer sehr großen ist. Keiner wird daran denken, daß wir etwa verlangen, daß die Mehrheit die Politik der Minderheit machen soll, daß wir durch eine große Aktion der Minderheit die Mehrheit aufzwingen wollen. Das wäre undemokratisch. Es kommt an auf eine scharf abgegrenzte selbst- bewußte, auf ein bestimmtes Ziel gerichtete politische Aktion. In einem solchen Kampfe können»vir uns auch auf den von mir schon angerufenen K ö n i g v o n P r e u ß e n beziehen. Ihm können wir zurufen, wir kämpfen für ein Wahlrecht, von dem er selbst gesagt hat, daß es dringend reformbedürftig ist. Wir können auch den Ministern zu- rufen, daß es sich um ein Wahlrecht handelt, daß die Minister Von der Schmach defreit, daß sie bei der Dreiklassenwahl in der dritten Klasse wählen und ehrlose Bordellwirte in der ersten. Wir müssen der ganzen Bourgeoisie zurufen: Wir machen jetzt Ernst mit dem, was Ihr angeblich wollt, mit dem Kamps für das gleiche Recht, mit dem Kamps für das freie Wahlrecht! Wir müsse« dem ganzen Volke zurufen: Wir kämpfen hier nicht nur für etwas, was der Sozialdemokratie nutzen soll, sondern wir kämpfen für das ganze Volk, für die Freiheit aller, für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung aller! Selbstverständlich werden wir in einem solchen Kampfe, der aus der Situation herauswächst und heraus- wachsen muß, drei Viertel des deutschen Volkes hinter uns haben. Aber sind wir heute schon soweit, daß wir einen solchen Kampf wagen können? Heute sind wir noch nicht soweit, werden Sie sagen.(Sehr richtig!) Nun ist gesagt worden: ja, wann denn? Wenn wir heute noch nicht soweit sind, so werden wir niemals dazu kommen. Das ist eine unbegreifliche Vcrkennung der Tat- fachen.(Sehr richtig!) Das setzt voraus, daß man das deutsche Volk und die deutschen Arbeiter so'niedrig einschätzt, wie man sie nicht einschätzen sollte. Ich sage: Wir werden den Massenstreik haben in der Stunde, die es uns gebietet, den Kampf zu führen! Keiner kann glauben, das? sich das deutsche Volk, das preußische Volk auf die Dauer alles gefallen lassen wird.(Sehr richtig!) Ich habe schon gesagt, wie wenig zeitgemäß sich die Debatte über den Massenstreik gehalten hat. Aber noch schlimmer erscheint mir aller- dings die geflissentliche Angstmachcrci und Bangcmacherei(Lebhafte Zustimmung), dazu ist gewiß keine Ursache vorhanden. Diese Bangemacherei könnte schließlich zur Hoffnungslosigkeit oder Anar- chie führen, und dazu liegt gar kein Grund vor. Wenn wir an- gewiesen wären aus die Gnade und Barmherzigkeit unserer groß- mächtigen Herrschasten, unserer Minister Bethmann und Dallwitz, dann wären wir längst erledigt. Die Herrschaften wissen, daß sie mit uns zu rechnen haben als mit einer ganz realen Macht. Daß wir uns kräftig rühren, daß unsere Partei gedeiht, das ist ein Zeichen unserer wachsenden Macht, das legt uns aber auch die Verpflichtung aus, die Augen offen zu halten, die Volksstimmung nicht gegen uns aufzubringen, sondern sie immer mehr für uns zu gewinnen, also keine Dummheiten zu machen, keine unüberlegten Handlungen zu begehen in einer Zeit, die noch nicht reif ist für das, was wir wollen. Die beste Vorarbeit für entscheidende Kämpfe im Interesse der Demokratie und des Sozialismus ist Aufklärungsarbeit und Organisationsarbeit! (Lebhafte Zustimmung.) Ich halte es für falsch, für den Massen st reik besondere Propaganda zu treiben. Ich halte es für richtig, Sozialismus zu lehren, grundsätzliche sozialdemokratische Agitation zu betreiben, die Arbeitermassen zum Klassenbewußtsein zu führen. Dann erübrigt sich das andere ganz von selbst. Die Arbeiter zum Klassenbewußtsein zu bringen, heißt, daß sie die Notwendigkeit des Klassenkampfes erkennen lernen. Wir wissen alle aus jahrzehntelanger Erfahrung, daß der klassenbewußte Arbeiter sich bewußt ist, daß wir schweren Kämpfen entgegengehen, daß es schwerer Kämpfe bedürfen wird, bis dem Sozialismus zum Heile der Völker der Sieg errungen werden kann. Der klaffen» bewußte Arbeiter weiß aber auch, daß man nicht mit dem Feuer spielen darf. Er weiß, daß er in der Stunde der Not, in der Stunde der Notwendigkeit mit seiner ganzen Existenz, mit Leib und Leben einzutreten hat für das, was er für richtig hält, was seine Ueberzeugung ist.(Sehr wahr!) Je kritischer die Situation, um so klarer muß die Erkenntnis von der Notwendigkeit uner- schütterlicher Disziplin sein. Wir haben mehrfach Situationen ge- habt, namentlich in Preußen, die kritisch genug gewesen sind, wo man von oben herunter brutal eingegriffen hat, und wenn es bis» her nicht zu Blutvergießen gekommen ist, wenn wir aus allen den schweren Komplikationen in unblutiger Weise herausgekommen sind, dann hat es an der deutschen Sozialdemokratie, an ihrer e i s e r- nen Disziplin gelegen.(Zustimmung.) Daran will ich Sie absichtlich erinnern, um die Bedenken derjenigen zu zerstreuen, die immer denken, daß ein Massenstreik nicht denkbar sei ohne Blut- vergießen. Davon braucht meines Erachtens keine Rede sein. Daß man solche großen Streiks durchführen kann ohne Zusammenstöße und ohne Blutvergießen, das haben uns die Kämpfe in Bei- g i e n mit aller Deutlichkeit gezeigt. Es ist also nicht absolut notwendig, daß ein Zustand der Verwirrung und Disziplinlosigkeit eintritt, sondern es ist möglich, daß solche schweren Kämpfe ohne derartige Komplikationen durchgeführt werden. Aber das setzt musterhafte Disziplin voraus. Derjenige irrt sich, der da glaubt, man könne den Massenstreik vorbereiten durch die Lockerung der gewerkschaftlichen Disziplin, durch das Ausspielen der Massen gegen die Führer, durch die Verherrlichung der unorganisierten Masse, die bestimmt sei, alles Große in der Welt zu erreichen. Wo Disziplin und Ordnung vorhanden sind, wo der glatte Aufmarsch, das Zu- sammenwirken aller Faktoren besteht, da nur können solche großen Kämpfe erfolgreich sein. Es ist selbstverständlich notwendig, daß die Massen dabei einig sind mit den Führern. Es wäre traurig um die Partei bestellt, wenn bei der jetzigen Situation nicht immer wieder aus den Massen heraus der Ruf käme: Gibt es keine Mög- lichkeit, wie wir schneller aus diesen Zuständen herauskommen können?!(Lebhaftes Sehr wahr!) Kein Zweifel, daß der Unwille, die Empörung der Massen wachsen. Sie werden um so schneller wachsen, je hartnäckiger man dem Volke die Rechte verweigert, die ihm zustehen. Nichts anderes verlangen wir ja zunächst, als die Gleichberechtigung aller. Deshalb rufe ich den herrschenden Gewalten zu. sie sollen nicht ihre Hoffnung sehen auf die Langmut des preußischen und deutschen Volkes. Damit werden sie eine Verantwortung auf sich laden, die sie unter keinen Umständen tragen können. Wenn wir in allen diesen Auseinandersetzungen hinweisen speziell immer auf die Hauptschuldigen in Preußen, auf das Junkerregiment, so F00 Jeim� die Hauptschuldigen, aber ziemlich dasselbe ge- rüttelte Maß von Schuld liegt auf dem deutschen Bürgertum. (Sehr richtig!) Eine Bourgeoisie wie die deutsche, die solche Füll« von Macht repräsentiert, hat kein Recht zu Heulmeiern und zu sagen,„wir möchten gern Reformen, aber wir sind nicht imstande, sie durchzusetzen". Ein Bürgertum, das in Preußen- Deutschland die Macht haben will, hätte die Möglichkeit dazu. (Sehr richtig!) Woher kommt der ganze erbärmliche Zustand, unter dem wir leiden? Daher, daß die Bourgeoisie jahrzehntelang die Junker hat wirtschaften lassen, daß sie den Kamps für die von ihr angeblich vertretenen Grundsätze nicht durchgeführt hat. Und dafür gibt es eine plausible Erklärung. Wir wissen ja, daß schließ- lich die Kerntruppe der Bourgeoisie viel lieber mit den Junkern zusammengeht, als daß sie der anwachsenden Sozialdemokratie, den Proletariermassen gleiche Rechte einräumte.(Sehr richtig?) Wenn das deutsche Bürgertum schweren Kämpfen, die es weit schwerer treffen könnten als das Junkertum, aus dem Wege gehen will, dann soll es sich daraus besinnen, was;eine Pflicht und Schuldigkeit ist. Dann soll es helfen, daß wir das Wahlrecht in Preußen recht bald erkämpfen� können.(Lebhafte Zustimmung.) Daß wir in den Wahlrechtslämpfcn siegen werden und siegen müssen, das steht feit. Das wissen wir, das wissen aber auch unsere Gegner. Wir können Fehlichlagc, wir können Niederlagen erleiden, aber die Sache, die wir vertreten, wird sich durchsetzen, weil sie sich durchsetzen muß- An uns ist es. alle Kraft daran zu setzen, uns so stark zu machen, daß wir vor keinem Kampf zurück- schrecken brauchen. In diesem Sinne empfehle ich Ihnen auch die, Resolution zur Annahme, die Ihnen der Parteivorstand vorge- legt hat. Diese Resolution ist scharf angegriffen worden. Da? haben wir vorausgesehen, damit haben wir von vornherein ge- rechnet. Ich will Ihnen aber sagen, daß es uns dabei nicht auf große Worte, nicht auf drohende Gesten ankommt, sondern auf die Möglichkeit, das in die Tat umzusetzen, was wir zu Papier gebracht haben.(Sehr richtig!) Wuchtige Anklagen haben wir geHort in Verbindung mit den Angriffen auf die Resolution. In den Ar- tikcln schwirrte es nur immer so herum von Worten wie Kapita« lismus und Sozialismus. Imperialismus, Konzentration, Akku- inulation(Heiterkeit). Wahlrechtsväubereien usw. Ich bitte die Ge- nossen, die das geschrieben haben: halten Sie uns denn wirklich, um das Wort einer Genossin auf einem früheren Parteitage zu gebrauchen, für sozialdemokratische Säuglinge(Heiterkeit), daß wir das nicht auch alles wissen, was hier auf dem Spiele steht, daß wir nicht auch alle die politische Situation kennen und sehen, wie sich der Kapitalismus konzentriert und die Absicht wächst, die Ar- bciterklasse niederzuhalten? Das haben wir auch gewußt und ich spreche in dieser Versammlung kein Wort darüber. Ich halte es einfach für deplaciert, das ABC der Sozialdemokratie vor Per- trauensleuten der Arbeiterschaft, die an die höchste Stelle der Partei gestellt worden sind, zu erörtern! Selbstverständlichkeiten brauchen wir uns gegenseitig nicht zu sagen.(Sehr richtig!) Es ist gesagt worden, die Resolution sei weiße Salbe, sie sei das Produkt mangelnder Fühlung der Parteileitung mit den breiten Massen der Parteigenossen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus! (Sehr richtig!) Ueber Massenstreiks und Massen haben am meisten diejenigen geredet und geschrieben, die mit diesen Massen die wenigste Fühlung haben.(Lebhafte Zustimmung.) Wer uns nach- sagt, daß wir mit der Masse keine Fühlung haben, der sollte den Nachweis dafür versuchen. Wir sind das ganze lange Jahr nicht nur in der Masse selber drin, sondern haben fortlaufende Per- bindung mit ihr durch die Vertrauensleute. Wer sagen will, wir wüßten nicht, wie es in Rheinland-Wcstfalen, im Osten und Westen aussieht, dem sagen wir, wir haben doch auch den Parteiausschuß, den Sie uns als treuen Ratgeber zur Seite gestellt haben. Mit solchen Redensarten soll man uns also gefälligst vom Leibe bleiben. Wir kennen die Massen besser als diejenigen, die revolutionäre Artikel schreiben, mit denen man aber keine Massenbewegung machen kann. Ich kann Ihnen sagen, daß die Resolution, die als „weihe Salbe" bezeichnet worden ist und als Produkt einer mangelnden Fühlung mit den Massen, daß diese Resolution das Produkt ernster Beratungen nicht nur des Parteivorstandes und Partciausschusses war, sondern das Produkt und die Vereinbarung aller der für die moderne Arbeiterbewegung in Frage kommenden Instanzen, abgesehen vom Parteitag.(Hört! hört!) Deutlicher will ich nicht werden, aber ich hoffe, daß mich die Genossen ver- stehen, wenn ich sage, alle Körperschaften stehen dahinter, die bei einem Massenstreik überhaupt in Betracht kommen könnem(Be- wegung.) Das bitte ich zu berücksichtigen, und wenn Ihnen das bekannt ist, so glaube ich, dürfen Sie auch mit Vertrauen dieser Resolution zustimmen. Es kommt nicht an auf klingende Worte, sondern auf entschlossene Taten. Dazu sind wir bereit, aber nicht dazu, etwas zu unternehmen, was wir für eine Torheit halten. Ich bin der Meinung, daß man große entscheidende Taten nicht vorbereiten kann und vorbereiten braucht durch Reden und Zeitungsartikel, sondern daß man solche entscheidende Taten am besten durch prak- tische Arbeiten vorbereiten muß.(Sehr gut!) Das heißt arbeiten an der immer größeren Festigkeit'unserer Organisation und durch Bildung unserer Genossen zu zielklaren, klassenbewußten Sozial- demokraten. So wollen wir weiter arbeiten wie bisher, systematisch wie bisher, aber den Blick fest aus das Ziel gerichtet in Einigkeit und Kampfbereitschaft.(Lebhafter Beifall.) Otto Braun erstattet den Kassenbericht: Auch auf dem Gebiet des Kassen- berichts ist ws verflossene Geschäftsjahr mehr em Jahr der inneren Ruhe und der inneren Festigung gewesen. Das Ergebnis ist nicht unbefriedigend, wir haben abgeschlossen mit einem Uebcrschuß von etwa:;S4ö00 M. und haben 315 00« M. zum Vermögen nehmen können. Das ist keineswegs ein zu hoher Ueberschuß. Angenommen. wir würden in vier Jahren der Ruhe wirklich den gleichen Ueber- schuß erzielen, so würden wir für die nächste Reichstagswahl etwa 1'260 000 M. zurückgelegt haben. Nun werden aber die Anforde- rungen an die Hauptkasse von Wahl zu Wahl größer. Im Jahre 1903 haben wir aus der Hauptkasse 282 000 M. zugezahlt, im Jahre 1907 waren es bereits 459 000 M. und im Jahre 1912 sogar 910 000 »lul" Matf. Wenn die Steigerung in dem gleichen Verhältnis weiter fortschreitet, dann ist es klar, daß Rücklagen, wie wir sie in diesem � Jahr gemacht haben, nicht ausreichen. Dazu kommt, daß man jetzt viel von revolutionären Aktionen spricht, bei denen die Massen in Bewegung gesetzt werden sollen. Aber gerade die Erscheinungen im Auslände, auf die man immer hinweist, lehren doch, daß man solche Kämpfe nicht nur mit Begeisterung und Elan ssühren kann, sondern daß auch ein voller Geldbeutel dazu gehört.(Sehr richtig!) Die Beitragsabsührung an die Hauptkasse ist im letzten Jahre etwas besser geworden, aber es gibt immer noch Kreise, die die im Statut vorgeschriebenen 20 Proz. nicht abführen. 63, darunter gut organisierte Kreise, sind mit mehr als 10 M. unter dem Pflichtsatz geblieben. Als wir diesen Kreisen zum. Bewußtsein brachten, daß sie, wenn sie ihre Pflicht nicht erfüllen, auch kein Recht auf eine Vertretung auf dem Parteitag haben, haben sie sich beeilt, schnell eine kleine Summe einzuschicken, um wenigstens einen Delegierten hier zu haben.(Hört! hört!) Ein solches Verfahren ist ganz un- zulässig.(Sehr richtig!) Ich richte an die Genossen dieser Kreise die Aufforderung, ihr Finanzgebaren so einzurichten, daß sie ihren Pflichten der Hauptkcsse gegenüber in vollem Umfange nachkommen können.(Sehr gut!i Den 63 Kreisen, die weniger abgeführt haben, stehen nur 15 gegenüber, die mehr als 10 M. über den Pflichtsatz ab- geführt haben, an der Spitze die 8 Berliner Kreise mit 66 000, die drei Hamburger mit 48 000 M. mehr. Auch Leipzig und Chemnitz haben erheblich über dem Pflichtbeitrag abgeführt, aber es machen sich besonders in Berlin und Hamburg schon Gegenströmungen be- merkbar, die dahin gehen, in Zukunft der Hauptkassc auch nur die 20 Proz. zu zahlen. Wenn diesen Strömungen auch widersprochen wird, so werden wir doch bis zu einem gewissen Grade damit rechnen müssen, daß die Zahl der Kreise, die mehr als 20 Proz. abführen, in Zukunft geringer wird, und wir müssen deshalb das Haupt- gewicht darauf legen, daß alle Kreise ihre volle Pflicht erfüllen. Die gesamten Kreisorganisationen haben im vorhergehenden Geschäftsjahr 1912 an Mitgliederbeiträgen eingenommen 3 080 365.86 . Mark, im Berichtsjahre 1913: 2 754 072,85 Mk. Da das Berichts- jähr sich nur auf 9 Monate erstreckt, müßten wir ein Drittel zu dieser Summe hinzurechnen, wir kämen dann auf eine Einnahme von 3 672 097,18 Mk., d. h. auf eine S t e i g e r u n g um rund 591 000 M. oder um 19,2 Proz. Vergegenwärtigt man sich, daß wir nur eine Mitgliederzunahme von 1,3 Proz. haben, so ergibt sich daraus, daß die tatsächliche Mitgliedcrzunahme an der Hand der Beiträge berechnet doch eine gröpere ist, als aus den Angaben in dem Fragebogen hervorgeht. Selbst wenn man berücksichtigt, daß einzelne Kreise ihre Beiträge erhöht haben, kommt noch immer eine Steigerung von etwa 19 Proz.» die sich aus der größeren Mitglidderzahl resp. aus der besseren Einkassierung der Beiträge ergibt. Dazu kommt, daß noch immer einzelne Kreise nur den Beitrag an die Kreiskasse in die Frage- bogen einsetzen, während die Prozente der Ortskassen einfach aus- fallen. Es ist deshalb nicht möglich, aus der Beitragssumme die genaue Mitgliederzahl zu bemessen. Zweifellos ist die Mitglieder- zunähme viel zu gering. Das liegt in der Hauptsache an der Wirt- schaftlichen Krise, dw jetzt im Anzug ist und die in den Industrie- zcntrcn und den Großstädten heute schon init großer Wucht cingc- setzt hat. Ein Vergleich mit der vorhergehenden Krisis der Jahre 1907 bis 1909 ergibt, daß wir dort ganz dieselben Erschei- nun gen in bezug auf die Mitgliederbewegung zu verzeichnen hatten, wie sie jetzt wieder zutage treten. Dabei ist zu berück- sichtigen, daß wir damals das Wahljahr 1907 mit seiner auf- peitschenden Wirkung hinter uns hatten. Sie wissen, daß das Wahl- resultat die Genossen nicht befriedigte und sie anfeuerte, mit aller Macht sich der Organisationsarbeit zuzuwenden. Wir wissen auch, daß das Wahljahr 1912 mit seinem riesigen Erfolge bis zu einem gewissen Grade auf die organisatorische Arbeit etwas lähmend wirkte. Also unsere Gegner, die sich schon wieder einmal anschicken, wie 1907 über Stillstand und Rückschritt der Sozialdemokratie zu phantasieren, werden sehen, daß sich ihre Hofsnungen nicht erfüllen. Allerdings ist es notwendig, daß wir mit aller Kraft nach dieser Richtung einsetzen, um in der Organisationsarbeit unseren Mann z» stellen.(Bravo!) Wir haben dann untersucht, ob vielleicht unser Verwaltungssystem hier und da die geringe Mitglieder- zunähme erklärt. Wir haben zu ermitteln gesucht, in welcher Form in den einzelnen Organisationen die Beiträge eingezogen werden, wo Hauskassierung besteht, und wie es sich in den einzelnen Kreisen mit der Mitgliederftuktuation verhält. Die Fragebogen sind leider nicht alle prompt eingegangen, es ergibt sich aber daraus immerhin, daß die Zahl der Kreise, die die H a u s k a s s i er u n g eingeführt haben, wider Erwarten groß ist. Die Zahl heträgt 265. Von diesen haben 104 oder 39,2 Proz. Mitgliederverluste zu ver- zeichnen. 35 Kreise ziehen die Beiträge in Zahlabenden ein und von den Restanten zum Teil durch Hauskassierung. Von diesen hatten 18 oder 51,4 Proz. einen Mitgliederverlust. In den Kreisen mit Hauskassierung sind 15,4 Proz. Mitgliederzunahme und 12,5 Prozent Verlust zu verzeichnen, der absolute Gewinn beträgt also 2,7 Proz. In den Kreisen mit Zahlabenden und teilweiser Haus- kassierung der Restanten ergibt sich ein Gewinn von 16 Proz., ein Verlust von 18 Proz., ein absoluter Verlust von 3 Proz., so daß also der ganze Verlust hauptsächlich auf die Kreise entfällt, wo die Hauskassierung nicht vollständig d u r ch g e f ü h t t ist. Es können also bis zu einem gewissen Grade auch durch Vcrwaltungsmaßnahmen die Mitgliederzahlen stabil ge- halten und die Fluktuation verringert werden. Aber das darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Hauptursache der geringen Mitgliederzunahme zweifellos in der wirtschaftlichen Krisis zu suchen ist. Das geht auch aus dem Abonnentenstand der Presse herbor. Die Abonnentenzahl hat absolut abgenommen. Wir hatten 1911/12 89 Blätter. 1912/13 92 Blätter, aber die Zahl der Abon- nenten ist von 1478 042 auf 1465 212 gesunken. Wer die Ver- Hältnisse kennt, der weiß, daß man in knappen Zeiten in Arbeiter- familien bei den Dingen zu sparen anfängt, die nicht zum unmittel- Haren Lebensunterhalt gehören, und da wird zuerst auch bei der Presse gespart, es halten oft zwei Familien zusammen nur noch ein Blatt. Die Zahl der in Parteibetrieben Beschäftigten stellt sich auf 11 089. Dieses große Heer pon Beschäftigten zeigt, welchen Umfang unsere Parteibetriebe angenommen haben. An Zuschüssen für die Presse haben wir 72 800 M., d. h. in 9 Monaten mehr als in 12 Monaten des vorhergehenden Jahres bezahlt, wo diese Summe nur 70 000 M. betrug. An Darlehen für den Ausbau von Partei- geschäften haben wir 396 000 M. gegen 225 000 M. gegeben, und wir haben weiter für diesen Zweck in den ersten 5 Monaten des laufenden Geschäftsjahres fast ebensoviel aufgewandt wie in den ganzen 9 Monaten des vorhergehenden Jahres. Trotz alledem wird uns der Vorwurf gemacht, daß wir auf diesem Gebiete noch nicht genug getan haben. Dieser Vorwurf ist z. B. erst in der vorigen Woche von dem Vertreter des bayrischen Äindesvorstandes auf dem Bezirkstag für die Pfalz erhoben worden. Es ist nicht Acngstlichkeit, die uns davon abgehalten hat, gewisse Neugründungen von Ge- schäften zu unterstützen, sondern die Gewissenhaftigkeit, zu der wir der Gesamtpartei gegenüber verpflichtet sind. In Kaiserslautern fehlen die Voraussetzungen für ein selbständiges Blatt, und deshalb haben wir den Genossen geraten, erst durch ein Kopfblatt von Ludwigshasen den Weg zu einem selbständigen Geschäft zu ebnen. Gerade die bayerischen Genossen haben am allerwenigsten Grund, über mangelhaftes Entgegenkommen des Parteivorstandes zu klagen. Aus dem Gebiet der Presse geht es genau so wie auf allen anderen. Wollten wir alle Wünsche erfüllen, dann würden nicht nur unsere ganzen Einnahmen, sondern auch die Reserven drauf- gehen, und Sie müßten sich dann ein wahres Pumpgenie zum Kassierer wählen.(Heiterkeit.) Die Bureaukraten im Partei- vorstand haben eben die undankbare Aufgabe, alle diese hochfliegen- den Wünsche auf das Vernünftige oder sagen wir höflicher, auf das realisierbare Maß zurückzuführen. Wenn man von Aengstlichkeit reden will, dann könnte man mit weit mehr Recht von der übergroßen Aengstlichkeit mancher Geschäftsführer in bezug auf die Verzinsung und Rückzahlung von Darlehen sprechen.(Heiterkeit.) Darunter sind Parteigcschäfte, die das Geld zur Rückzahlung bereits auf die hohe Kante gelegt hatten und es aus der Bank liegen lassen wollen, wo es Zinsen trägt. (Hört! hört!) Als wir Rückzahlung verlangten, schrieb uns z. B. ein Geschäft: Sie sollten sich doch freuen, daß unser Geschäft sich so vorzüglich entwickelt hat, und'nun verlangen Sie noch das Geld zurück.(Große Heiterkeit.) Gewiß, wir freuen uns, wenn sich die Geschäfte durch unsere Hilfe so vorzüglich entwickeln, aber die Geschäfte sollten auch der Amme gedenken, an deren Brüsten sie in der Säuglingszeit ihres Geschäfts gelegen haben.(Heiter- keit.) Solange der Gebärstreik noch nicht auf die Gründung von Geschäften übergegriffen hat, werden wir damit rechnen müssen, daß die Genossen«och immer selbständige Parteigeschäfte ins Leben rufen und dann schließlich der Hauptkasse überlassen, sie zu ernähren. Wo die genügenden Voraussetzungen fehlen, da greifen diese Geschäfte dann mangels genügender Nahrung sofort wieder zu den Brüsten der altbewährten Amme, der Hauptkassc. Soll die Hauptkasse diesen Anforderungen gerecht werden, dann müssen wir entsprechende Auffüllung verlangen. Wir werden über kurz oder lang ernstlich zu erwägen haben, ob nicht durch gut prosperierenden Parteigeschäften, die oft_ erst durch die tatkräftige Hilfe der Gesamtpartei auf den jetzigen Stand gebracht worden find, wenigstens die mora- tische Pflicht auferlegt werden sollte, erhebliche Beiträge ihrer Ueberschüsse an die Hauptkasse ahzuführen. Im übrigen müssen wir unser Hauptaugenmerk auf eine Erhöhung der regel- mäßigen Beitragsein nahmen richten, und das ist nur möglich, wenn es uns gelingt, die M i tg l i e d e r z ah l zu ver- mehren._(Sehr richtig!) Den mehr als 2 Millionen Gewerk- schaftsmitgliedern stehen kaum 1 Million Parteimitglieder gegen- über. Es ist also noch ein großes Feld zu beackern. Wollen wir Erfolge erringen, dann aber dürfen wir die Erfolge unserer Ge- nassen im Parlament nicht verkleinern und herabsetzen. Wir sollten uns deshalb vor Aeußerungen hüten, aus denen nicht nur die Or- ganisierten, sondern auch die Unorganisierten leicht eine Herab- setzung des Wertes der Organisation herauslesen können. Der Fortbestand und die Entwickclung unserer Organisationen sind nur gesichert durch die Arbeit der Tausende von Genossen, die als Funktionäre tagaus, tagein, durchdrungen von der Sicgessicherheit des Sozialismus, die mühsame Kleinarbeit leisten, ihre kärglichen Mittel, die wenigen Mußestunden, die ihnen die kapitalistische Fron läßt, ja einen großen Teil ihres Familienglücks opfern.(Bravo!) Gerade dieser großen Zahl von Mitarbeitern sind wir Dank schul- dig. Diese große Zahl der kleinen Funktionäre beweist mindestens ebensoviel Idealismus und Opferfreudigkeit und Begeisterung für unsere Sache, wie jene Parteigenossen, die in großen Massenver- sammlungen, umbraust von dem jubelnden Beifall der Massen, die Massen gegen die Führer aufrufen oder in wohlstilisierten Ar- tikeln den Wert der Organisationsarbeit herabmindern.(Sehr wahr!) Wir wollen uns nicht durch Ungeduld von den alten Bahnen ablenken lassen. Wir wollen unsere Organisationen weiter ausbauen und die Ungunst der Verhältnisse durch doppelte Kricht- mrstrengung wettmachen. Parole für das laufende Jahr muß sein: Auf! Der ersten Million Parteimitglieder entgegen!(Lebhafter Beifall.) Es folgt der Bericht der Kontrollkommission. Referent ist Genosse Brtihne: Die Kontrollkommission hat im letzten Jahre einen sehr schweren Verlust erlitten.(Der Parteitag erhebt sich von den Sitzen.) Unser alter, von der Pike auf gedienter und in den schiveren Zeiten des Sozialistengesetzes erprobter Genosse August Kaden ist in Dresden am 21. Juni gestorben. Seit 1890 gehörte er der Kontrollkommission an. Alle, die ihn kannten, liebten ihn wegen seiner geraden, offenen Ansichten. Unsere Parteigenossen in Dresden können sein Andenken nicht besser ehren, als dadurch, daß sie seinen alten Wahltreis mit großer Mehrheit wieder erobern.— Die PrüfungderKassengeschäftedes Parteivorstandes, des„Vorwärts", des Presseburcaus, der sozialdemokratischen Partei korrespondenz, des Parteiarchivs, des Bildungsausschusses, der Parteischule, der Jugendzentrale, des Dietzschen Verlages in Stutt- gart sowie des Rheinisch-westfälischen Bureaus hat zu B e a n« standungen keinen Anlaß gegeben. Die Kontrollkom- Mission hat ihre Aufmerksamkeit der gesamten Tätigkeit der Partei- institute zugewendet und der dadurch gewonnene Einblick hat An- laß zu eingehendem Meinungsaustausch mit dem Parteivorstand und zu mancherlei Anregungen der Kontrollkommission gegeben. Da die Leistungen der staatlichen Angestelltenversicherung äußerst mangelhaft sind, ist die Regelung getroffen worden, daß den an der oberen Grenze der Versicherungspslicht befindlichen Angestellten im Parteivorstand durch eine entsprechende Zulage eine bessere Für- sorge anderer Art durch Abschluß einer privaten Versicherung zu ermöglichen. Die Kontrollkommission hatte sich mit zwei Be- schwerden gegen den Parteivorstand zu beschäftigen. Genosse Mehring- Berlin-Steglitz beschwerte sich über den Parteivor- stand und dann auch über den Genossen K a u t s k y. Genosse Mehring versandte am 10. Februar d. I. durch das Presseburcau drei Artikel, die den wesentlichen Inhalt eines von der Genossin Luxemburg im Vorwärtsverlag veröffentlichten Wissenschaft- lichen Werkes zusammenfaßten. Der Parteivorstand erklärte in einem Rundschreiben an die Parteipresse die Veröffentlichung dieser Artikel durch das Pressebureau als eine unzulässige miß- bräuchliche Benutzung des Presseburcaus. Gegen diese Erklärung des Parteivorstandes erhob Genosse Mehring Beschwerde bei der Kontrollkommission und begründete sie damit, daß er sich zu der Veröffentlichung seiner Artikel durch das Pressebureau für be- rechtigt hielt, da der Parteivorstand im vorigen Frühjahr sogar die Verbreitung persönlicher Angriffe Kautskys gegen ihn genehmigt hätte. Dann beschwerte sich Genosse Mehring darüber, daß der Partcivorstand nicht gemäß der ihm vom Jenaer Parteitag 1905 auferlegten Pflicht gegen den Artikel eingeschritten ist, den Genosse Kautsky in Nr. 23 der„Neuen Zeit" unter dem Titel„Partei- Polemik" veröffentlicht hatte. Die Kontrollkommission hat Kläger, Beschuldigte und Zeugen vernommen. I. Mehring verlangte von der Kontrollkommission 1. den Vertrieb seiner Artikel über das Buch der Genossin Luxemburg für zulässig zu erklären, 2. für den Fall, daß die Kontrollkommission in dem Vertrieb der Artikel eine miß- bräuchliche Benutzung des Pressebureaus erblicken sollte, einen Tadel auszusprechen, weil er im vorigen Jahre die Verbreitung der Kautskyschen Erklärung und der Mehringschen Erwiderung durch das Pressebureau genehmigt hat. II. Mehring ersucht die Kontrollkommission, den Parteivorstand zu einer unzweideutigen Erklärung darüber zu veranlassen, ob er es gebilligt hat,_ daß Kautsky, nachdem Mehring einige dem Parteivorstand mißfällige Artikel veranlaßt hat, von Mehring eine Einschränkung der pnbli- zistischcn Befugnisse beanspruchte. III. Mehring beschwert sich darüber, daß der Parteivorstand nicht gemäß dem Jenaer Beschluß gegen den Artikel Kautskys„Parteipolemik" eingeschritten ist.— Die Kontrollkommission hat entschieden: I.: Auf Grund des§ 5 Abs. 2 der Bestimmungen über die Einrichtungen des Pressebureaus, beschlossen zu Essen 1907(„ausgeschlossen von der Tätigkeit des Pressebureaus ist die Lieferung politischer Leitartikel sowie die Behandlung parteitaktischer und parteitheoretischer Fragen") ver- urteilt die Kontrollkommission jede Benutzung des Pressebureaus zur Versendung der oben gekennzeichneten Artikel und hält sowohl die Versendung der Artikel von Kautsky und Mehring im vorigen Jahr als derjenigen Mehrings in diesem Jahr für unzulässig. Es wurde festgestellt, daß Mehring die Versendung seiner Artikel über das Buch der Genossin Luxemburg durch den Leiter des Pressebureaus nicht als eine mißbräuchliche Benutzung dieser In- stitution betrachtet hatte. Diese Auffassung wird dadurch, bestätigt, daß der Parteivorstand seinen Tadel nicht gegen den Genossen Mehring gerichtet hat. Die Kontrollkommission bedauert im übrigen, daß die Redaktion des„Vorwärts" in dieser Sache ohne Wissen des Parteivorstandes ein Zirkular des Parteivorstandes zum Abdruck gebracht hat, das nicht für die Oeffentlichteit bestimmt war, denn dadurch verschärfte sie den an sich geringfügigen Streit ganz erheblich. II. Die Kontrollkommission hat von der Erklärung des Ge- Nossen H a a s e als Vorsitzenden� des Parteivorstandes Kenntnis genommen, daß der Parteivorstand seinerseits nicht daran gedacht hat, die publizistische Befugnis des Genossen Mehring in der „Neuen Zeit" einzuschränken, daß er aber auch in der vom Ge- nossen Kautsky vorgeschlagenen Neuregelung des Redaktions- Verhältnisses betreffend Mitarbeit des Genossen Mehring keine solche Einschränkung erblicken konnte. Die entgegenstehende Auffassung des Genossen Mehring dar- über erklärt sich wesentlich dadurch, daß seine Stellung, die bisher auf„freundschaftlichem Verstehen" mit der Redaktion beruhte, eine Aenderung erfahren sollte, die er als eine Beeinträchtigung seiner bisherigen Stellung betrachtete, wie sie sich durch ein langjähriges, niemals beanstandetes Gelvohnheitsrecht gebildet hatte. Nachdem der Parteivorstand auf Grund der geschehenen Aus- spräche erklärt hat, eine Regelung des Verhältnisses zwischen dem Genossen Mehring und der„Neuen Zeit" in Aussicht zu nehmen, kann die Kontrollkommission der Entscheidung des Parteivorstandes nicht vorgreifen. III. Die Kontrollkommission ist der Anschauung, daß die Be- schlüsse des Jenaer Parteitages 1905 dem Parteivorstand nicht das Recht gaben, gegen den Genossen Kautsky wegen seines in Nr. 23 veröffentlichten Artikels„Parteipolemik" einzuschreiten. Diese Beschwerde ist daher unbegründet. Eine weitere Beschwerde lag vor von dem Genossen Juli a n Borchardt in Großlichterfelde. Er führte Beschwerde gegen den Partcivorstand, weil dieser in dem gegen Borchardt schwebenden Schiedsgerichtsverfahren den dritten Berliner Wahlkreis mit der Ernennung der drei Beisitzer zum Schiedsgeicht beauftragt hat. Borchardt verlangt in seiner Beschwerde, die Kontrollkommission solle den Beschluß des Pateivorstandes aufheben und die Ernennung der beiden Beisitzer durch die beiden beteiligten Kreise, den dritten und vierten Wahlkreis, vornehmen lassen.— Nach unserem Organisationsstatut kann jede Parteiorganisation die Einsetzung eines Schiedsgerichts beantragen. Im Falle Borchardt hatte der dritte Berliner Wahlkreis am 28. Mai, der vierte am 11. Juni ein Schiedsgerichtsverfahren gegen den Genossen Borchardt bean- tragt. Der Parteivorstand beauftragte den dritten Wahlkreis als denjenigen, welcher zuerst die Einsetzung eines Schiedsgerichts be- antragt hatte, die drei Besitzer zu ernennen. Die Kontroll» kommission schloß sich einstimmig diesem Beschluß an und wies die Beschwerde des Genossen Borchardt als unbegründet ab. Nach dem Tode unseres unvergeßlichen Genossen August Bebel hätte rmch§ 15 unseres Organisationsstatuts die Kontrollkommission nach Anhörung des Parteivorstandes und des Parteiausschusses das' Recht gehabt, eine Ersatzwahl zum Parteivor st and anstelle des Genossen Bebel vorzunehmen. Wegen der kurzen Zeit, die uns noch von dem Parteitag trennte, hat die Kontrollkommission einstimmig von einer Ersatzwahl Abstand genommen und Überläßt die Wahl dem Parteitage. Die Kontrollkommission beantragt einstimmig: Der Parteitag wolle beschließen, daß dem Partcivorstand für das abgelaufene Geschäftsjahr die Entlastung erteilt wird. lBcifall.) Vors. Ebert schlägt vor, beim Geschäftsbericht des Partei- Vorstandes au alle Anträge zu behandeln, die sich beziehen auf Agitation, Bildungsbcstrebungen, Jugendbewegung, Agrarfrage, Presse und Literatur. Damit ist der Parteitag einverstanden. Genssgend unterstützt werden die Anträge 17. 96. 13»). 14. 15. 16. 53, 54, 77, 47. 51, *) 13. Harburg: Es soll eine Studienkommission eingesetzt werden, die sich mit der Agrarfrage zu beschäftigen hat. Die Er- gebnisse sind dem nächsten Parteitage zu unterbreiten. 14. Königsberg i. Pr.: Der Parteitag wolle eine Korn- Mission zum Studium der Agrarfrage einsetzen und sie ermächtigen, auch besoldete Mitarbeiter zur Erledigung ihrer Aufgabe» huan-, zuziehen, IE, 58 mid' BT. ÄnfMjj 56 ßkb" zvrLckg�Sgen. Die Anträge AS, 19, 91, 48, 49, 50 finden nicht die genügende Unterstützung. Von den Anträgen zum Massenstreik werden die Anträge Ül, 12 und 88 genügend unterstützt, ebenso die Resolution des Parteivorswndes. Nicht genügend unterstützt werden die Anträge 8 9, ,10 und 90. Dann wirb in die VisKuffion «ingetreten und Mar zunächst über den allgemeinen Teil des Ge schäftsberichts. Dazu liegt ein weiterer Antrag vor: Der Parter tag wolle eine besondere Kommission zum Studium der Agrarfrage einsetzen und fie zu bevollmächtigen, auch besoldete Mitarbeiter zur Erledigung wichtiger Aufgaben heranzuziehen. Sollmann-Köln: Scheidemann hat in seinem Bericht die Hauptursache des Still standes in der Organisation auf die Krisis Mrückgesührt. Ich warne davor, daß man den Stillstand lediglich auf die Krisis zurückzuführen sucht. Der Partcivorstand hat in dankcnsnxrter Weise darauf hingewiesen, daß unsere Parteipresse sündigt und nicht allgemeinverständliche Propaganda treibt. Ich habe in Arbeiterkreisen im Rheinland Erhebungen angestellt und überall Zustimmung gefunden, wenn auf die unverständliche Schreibweise zahlreicher Parteiblätter hingewiesen wurde. Frauen haben die Zeitung abbestellt, weil das Feuilleton zahlreicher Zeitungen für weite Arbeiterkreise ungenießbar ist. Diese Zeitungen glauben, daß jeder Arbeiter ein Dhcaterabonnement in der Tasche hat und sämtliche Klassiker gelesen hat. So sehr wir dafür eintreten müssen. daß unsere Genossen zum Kunst- und Litcraturverstandnis erzogen werden, so unverständig ist es anzunehmen, daß die großen Massen tief in diese Fragen eingedrungen sind. Ich habe das Gefühl, daß viele Redakteure als Journalisten glänzen wollen und nicht bedenken, daß es darauf ankommt, daß die Massen den Inhalt der Zeitung zu würdigen wissen. Der Parteivorstand wird gut tun. dieses wichtige Problem recht bald einer Redakteurkonferenz vorzulegen. Die Behauptung des Parteivorstandes, daß sich unsere Jugend bewegung den Angriffen der Gegner gegenüber glänzend behauptet und gute Fortschritte gemacht habe, ist eine Schönfärberei.(Oho!) In Braunschweig, Bremen, Breslau, Burg, Köln, Dresden, Elber- feld, Frankfurt, Hannover, Leipzig und an anderen Orten ist die Jugendbewegung zurückgegangen, und daran kann nicht die Krisis schuld sein, sondern da müssen wir uns fragen, ob wir wirklich unsere Pflicht getan haben. In weiten Parteikreisen wird die be- deutende Gefahr der bürgerlichen Jugendbewegung unterschätzt, Vergessen Sie nicht, daß die bürgerliche Jugendbewegung in den letzten Jahren ganz andere Formen angenommen hat und zu einer gewissen Gefahr für unsere Bewegung geworden ist. Das uns gebotene Werbematcrial entspricht nicht den Bedürfnissen der Jugend. Diese Schriften versteht die Jugend nicht. Wir haben noch keine Agitationsbroschüre für die weibliche Jugend. Vierzehn- jährigen Arbeiterinnen wird in einer zur Werbung der weiblichen Arbeiterjugend bestimmten Broschüre von der modernen Natur- forschung nach Charles Darwin, von den grandiosen Ergebnissen der Chemie und Physik und dergleichen mehr erzählt, vom Aufstieg der Menschheit, von der glühenden Sehnsucht nach Freude und Freiheit usw. Das sind wunderbare Worte, aber junge, unauf- geklärte Arbeiterinnen scheuchen sie ab. Auch die.Arbeiter-Jugend" ist»icht recht geeignet. Für die weibliche Jugend wäre eine be- sondere Organisation oder mindestens eine eigene Beilage zu schaffen. Zunächst müssen wir die stark bedrohte Jugend von 14 bis 18 Jahren gewinnen, dann erst kann die Gewinnung der Jugend von 18 bis 22 Jahren eine ernste Frage werden.(Beifall.) Stengele-Hamburg: Die Tätigkeit des Parteivorstandes war sicherlich vollständig anzuerkennen. Als Verwaltungskörperschaft hat er ausgezeichnet gearbeitet, aber auch in bezug auf Initiative darf ihm kein Vor- wurf gemacht werden, wenn sie auch natürlich mitunter nach einer anderen Richtung gegangen ist. als der eine oder andere vielleicht gern gesehen hätte.(Heiterkeit.) Der Stillstand im Wachstum der Organisation und der teilweise Abonnentenrückgang stimmt mich nicht pessimistisch: eS wird da bei den Klagen derselbe Ueber- schwang der Gefühle geäußert, wie seinerzeit bei der Vermehrung unserer Wählerstimmen nach der anderen Richtung. Darin sah man eine Weltenwende und in einem kleinen Rückgang der Orga- nisation sieht man die Götterdämmerung der Sozialdemokratie! 15. 20. sächsischer Wahlkreis: Der Parteitag möge beschließen, mehr Wanderlehrer in der Partei für Bildung?» und llnterrichtSkurse einzustellen.' lg. Spandau: In Anbetracht dessen, daß d,e herrschende Klasse unter Zuhilfenahme aller ihr zu Gebote stehenden Macht- mittel die denkbar größte Anstrengung macht, um die Jugend für ihre reaktionären Zwecke einzufangcn, erscheint eS notwendig, daß die Partei mehr als bisher ihre Aufmerksamkeit arif die Auf- klärung der weiblichen Jugend richtet. Der Parteitag fordert deshalb den Parteivorstand auf. die Aufklärung der weiblichen Jugend über den künstigen Beruf als Mütter und Erzieherinnen ihrer Kinder im sozialistischen Sinne vorzubereiten. 17. Hannover: Der Parteivorstand w,rd beauftragt, nach jedesmaligem Schluß einer Reichstagssession die in dieser vor- genommenen gesetzlichen Maßnahmen, soweit sie für d,e Allgemein. heit von Wichtigkeit sind, in Gestalt leichtverständlicher Agrtations- b«»schüren herauszugeben, unter Berücksichtigung der Stellung unserer Fraktion zu den betreffenden Gesetzen. Die Broschüre wirb den Wahlkreisorganisationen zum Zwecke der Verteilung gratis zur Verfügung gestellt. � m..., Der Parteitag beauftragt den Vorstand, eine Broschüre heraus- zugeben, die den Kampf um die Heeresvorlagen und die DeckungS- vorlagen behandelt.„. 51. Teltow-BeSkow: In der.Gleichheit- find mehr Artikel aufzunehmen, die dem Verständnis der Neu- eintretenden angepaßt find. Der Raum dafür ist durch Kürzung der Agitationsberichte zu schaffen. 52. Niederbarnim: Der Parteivorstand wird beauftragt. statistisches Material über Volkswirtschaft(eventuell durch gra- phische Darstellung und Diagramme) in Broschürenform im Buch- Handel permanent erscheinen zu lassen. 5Z. 13. sächsischer Wahik reiK: Um den Jugend- »uSschüss en, Jugendbeiräten nnd Jugendhel- fern eine ständige Belehrung über ihre Aufgaben zuteil werden zu lassen und um Ersahrungen zu sammeln und einen Meinung?- auStausch zu schaffen, ist es nötig, eine besondere Zeitung zu gründen. Die Zentralstelle für die arbeitende Jugend wird mit der baldigen Lösung dieser Aufgabe betraut. 54. IL. sächsischer Wahlkreis: Um den in der pro- letarische» Jugendbewegung tätigen Parteigenossen und Genoffinne» ihre bildende und erzieherische Tätigkeit zu«rleich- ter», ist ein pädagogisches Zentral blatt für Jugend- beiräte und Jugendhelfer zu schaffen. 55. Kiel-West: Der Parteitag beauftragt den Parteivor- stand, die Frage des dringend notwendigen Ausbaues der „Neuen Zeit" einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. 57. Miilheim. Wipperfürth- Gummersbach: Der Parteitag möge beschließen, daß, wi« früher, die Kinder. beilage der„Gleichheit- eingebunden und zu einem mäßigen Preis« in den Handel gebracht werde. 96.„Der Parteivorstand wird beauftragt, mit dem Partei» auSschuß eine Kommission von neun Genossen einzusetzen, die die Aufgabe haben soll, die Entwickelungstendenzen und die derzeitigen Verhältnisse der Landwirtschaft zu swdieren und der Partei das gewonnene Material zu unterbreiten. Gemeinsam mit der Kom- Mission kann der Parteivorstand besoldete Mitarbeiter zu den Urbeiten der Kommission heranziehen/ Parteivor stan d. 7. Halle a. S.: Der Jenaer Parteitag von 1913 bestätigt die Parteitagsbeschlüffe von 1905 und 1906(Jena und Mannheim) Wahrscheinlich find ivir, Seil wir eine verhältnismäßig junge Par- tei sind, diesem Ueberschwang unterworfen, bald himmlisch jauch- zcnd, bald zu Tode betrübt. Es äußert sich darin aber auch das, was Caprivi Le rage des nornbres genannt hat. Wir operieren immer mit den Zahlen als mit etwas Absolutem, ihr Aufftieg oder Rückgang stimmt uns optimistisch oder pessimistisch. Bei kleinen Schwankungen der Organisation kommen mehr oder minder Z u- f ä l l i g k e i t e n in Betracht, und die Hauptsache spielt dabei die allgemeine Wirtschaftslage. Pessimistisch aber können wir darüber sein, daß das innere Leben der Partei unbe- friedigend geworden ist. Die Parteiversammlungen befassen sich mit Quisquilien; in dem größten Parteiort, in Berlin, werden über die Frage des Gebärflreiks, die wirklich alles andere ist, nur nicht eine sozialdemokratische Angelegenheit(Sehr richtig!), große Versammlungen abgehalten, und die Genossinnen, die den sozial- demokratischen Standpunkt ganz richtig vertreten, werden von einer für irgendeine Phantasie fanatisicrten Menge niedergebrüllt! Da muß man allerdings ftagen: Sind wir auf der richtigen Bahn? Es ist dies ein Symptom, daß wir in den letzten Jahren es allzu- sehr unterlassen haben, die Bewegung zu vertiefen. Wir alle können etwas Schuld daran sein. Ich glaube, daß für unser Parteileben gefährlich ist die Mechanisierung der Partei, wie sie mehr und mehr stattgefunden hat, das Bestreben, alles nach bestimmten Regeln und Schablonen einzurichten in dem einen Ort genau wie in dem anderen, in Schlesien wie an der Wasserkante, in Schleswig-Hol- stein wie in Oberbayern. Dies ist eine Gefahr für das innere Leben der Partei. Da muß bei einem derartigen Aufbau die Bureaukratie eine bedeutende Macht erlangen, ohne die Schuld der betreffenden Personen. Man soll wohl erwägen, ob man mit der Vermehrung der gewiß notwendigen Verwaltungsbeamten in dem- selben Tempo fortfahren soll wie bisher. Dem einzelnen Genossen geht die Uebersicht verloren, und mehr und mehr wird der ange- stellte Beamte und Sekretär derjenige sein, der allein den ganzen Mechanismus beherrscht, dadurch wird er eine autoritäre Person, und weil er notwendigerweise in der Organisationstätigkeit seine Hauptaufgabe sieht, so unterbleibt vielfach das tiefere Eindringen der Parteigenossen in die sozialdemokratischen Prinzipien. Durch das Verlassen auf die Initiative der Verwaltungsbeamten und des Parteivorstandes wird die Initiative der einzelnen Organi- sationen und der einzelnen Mitglieder beschränkt. Ich gebe dies zu bedenken, ohne bestimmte Anträge zu stellen.(Die Redezeit ist abgelaufen.) Kirschbaum-Entcn unterstützt die Anträge, nach denen die Jugendzentral- t e l l e die Funktionäre fortgesetzt über ihre erzieherischen Aufgaben unterrichten soll, denn unsere Mitarbeiter sind doch ausschließlich Lain. Wir lernen wohl, die Jugendlichen gewinnen, aber um sie estzuhalten, sind erzieherische Kenntnisse erforderlich. Deshalb ollte für die Rundschreiben der Zentralstelle eine pädagogisch ge- chulte Kraft gewonnen werden. Das wird nicht zuviel kosten. Heilmann-Chemnitz: Scheidemann hat meinen Artikel in der.Neuen Zeit' kriti siert. Meine Bemerkung, die Parteipresse habe im Kampf gegen die Militärvorlage vielfach versagt, habe ich so gemeint und meine ie auch heute noch so, daß wir nicht wie früher beim Kampf um große Vorlagen— ich denke zum Beispiel an die Zuchthaus- Vorlage— Tag für Tag die Presse nur mit diesem einen Thema angefüllt und alle Energie der Genossen auf diesen einen Punkt konzentriert haben. Wir haben während des Kampfes um die Militärvorlage unsere Kräfte viel zu sehr zersplittert. Noch mehr hat Scheidemann meine Bemerkung mißfallen, daß der Parier Vorstand wahrscheinlich auch versagt habe. Auf dem Wort„wahr "chetnlich" ist er herumgeritten, wie jeder geschickte Redner auf einem Steckenpferd. Das Wort wahrscheinlich bedeutet einfach, >aß ich nicht in der Lage war, es ganz genau festzustellen. Es ist Sitte, daß den Parteiredaktionen die Flugblätter des Partei- Vorstandes zugestellt werden, aber über den Liebknecht-Skandal (Heiterkeit)— ich meine über die Lrebknechtschen Enthüllungen— haben wir kein Flugblatt bekommen. Ich habe mit der Möglich- keit gerechnet, daß diese Flugblätter erschienen sein könnten und daß sie uns lediglich aus einem technischen Versehen nicht zu- gestellt sind, und darum habe ich das mildernde Wort.wahr- cheinlich- hinzugefügt. Wenn die Flugblätter erschienen sind, ist eS mir sehr zweifelhaft, ob sie die Wirkung gehabt haben, die t da? wiederrage de» empfiehlt dazu dringend die weitere Stärkung und Ausbreitung aller Partei-, Gewerkschafts, und Genossenschaftsorganisationen. Er erwartet neben der Propagierung der Idee des Massenstreiks, daß die Partei in allen ihren Teilen und Instanzen— im Falle bei Ernstes und der zwingenden Notwendig- keit einer kommenden politischen Gesamtsttuation— alle vorbereitenden und ausführenden Maßnahmen mit den Gewerkschaften und Genossenschaften ergreifen wird, um eine Generalstreiksaktion zielsicher und erfolgreich zur Förderung höchster Lebensinteressen ,zeS Proletariats durchzusetzen. Der Parteitag rechnet also unbe- dingt darauf, daß die sozialdemokratische Partei einer solchen historischen Ausgabe und kritischen Situation unter keinen Um- landen ausweicht, sondern tatbereit sei» wird, alle erforderlichen Konsequenzen daraus zu ziehen. 11. Frankfurt a. M., WirgeS. Hanau: Der Sozial. demokratische Verein zu Frankfurt a. M.(bzw. die 5kr«iSg«neral- Versammlungen zu Wirges und Hanau) begrüßen die Stimmung im Lande, die eine Erörterung der Frage der Massen- aktionen d«S Proletariat» zur Ervingung de» allgemeinen und gleichen Wahlech-tS in Preußen im Zusammenhang mit der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Situation verlangen. Eine gründliche Behandlung dieser Fragen durch den Parteitag und die Organisationen ist daher dringend geboten. 12. Niederdarnim: Der Parteitag begrü erwachte Interesse weiter Parteikreis« für die Massenstreiks als ein Zeichen der KampfeSstimmung der Massen und ihre? richtigen Gefühls für die Tatsache, daß die Sozialdemokratie auf die Dauer mit den parlamentarischen Mit- teln allein nicht auskommen kann. Der Massenstreik kann jedoch nicht auf Kommando von Partei- und Gewerkschaftsinstanzen künstlich herbeigeführt werden. Er kann sich nur aus der Verschärfung der wirtschaftlichen und p» titischen Situation ergeben, als Steigerung einer bereit» in Fluß besindlichen Massenaktion. Eine solche Situation ist in Deutschland in naher Zukunft unvermeidlich. Die Versumpfung der preußischen Wahlrechtssache, die Vorstöße des Imperialismus mit der ständigen Kriegsgefahr, der Stillstand der Sozialreform, die immer dringendere Not- wendigkeit, das KoalftionSrecht zu verteidigen und«S für die Land- Proletarier und die Arbeiter und Angestellten der Staatsbetriebe zu erobern, endlich das völlige Versagen der bürgerlichen Parteien machen das kräftige Eingreifen der arbeitenden Massen zur g«. bieterischen Pflicht, soll die Reaktion auf der ganzen Linie nicht triumphieren. Als Antwort auf die Nebergriffe der Reaktion wie als erste Voraussetzung erfolgreicher Massenaktionen ist gegenwärtig eine offensive, entschlossen? Taktik der Partei auf allen Gebieten un- bedingt erforderlich, so auch im Reichstag und namentlich im preußischen Wahlrechtskampf. Nur eine scharfe revolutionär« Taktik, die den Schwerpunkt des Kampfes bewußt in die Aktion der Massen verlegt, und die vor keiner Konsequenz zurückschreckt, ist geeignet, in den Reihen der Organisierten die Kampfenergie und den Idealismus wach. zuhalten, sowie dje Unorganisierten in wichttgen Augenblicken mit- zureitzen und für die gewerkschaftliche und politische Organisation »auernd zu gewinnen. ierlin IV: Da die bisherigen Kampfmittel der Arbeiter- klaffe zur Erreichung des allgemeinen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle öffentlichen Körperschaften allein nicht den gewünschten Erfolg gezeitigt haben, soll der Parteitag beschließen, sie planmäßige Erzieh«»« der Arbetterklasse zum Massenstreik zum Problem des politischen Massenstreiks. Der Parteitag i» bie Wege zu leiten.______ im Lande geführt werden.__(Schluß«n Der 2,.Betlage.) Keranftvortlicher Redakteur: Alfteh Mieftp«, Neukölln. Für tze» Jnjerätenteil verantw.: Ttz E> locke, Berlrn. Druck». Verlag: LorwärtS�Buchdruckerei g. Verlagsanstalt Paul Singer a. Co., Berlin SSL sie bei rechtzeitigem Erscheinen und bei größter Verbreitung auf Anregung der Zentralstelle hin hätten haben müssen. Wir sind wohl in der Zentralisation etwas zu weit gegangen. Denn bis die Genossen in den einzelnen Orten die Flugblätter erhalten und ihre Verbreitung beschließen können, ist soviel Zeit verflossen. daß die Flugblätter' längst ihre Wirkung verloren haben. Bei den Vorschlägen zur Verbesserung der Parteipresse oder zu ihrer Aus- gestaltung handelt es sich vielfach nicht um Aufgaben, die Mittel erfordern, sondern um Unternehmungen, die in absehbarer Zeit sogar Ueberschüsse abwerfen. Wie wäre es mit der Herausgabe einer aktuellen Jllustrationszeitung zum Preise von 10 Pf. und»n Verbindung damit mit einer I I l u st r a t i o n s- zentrale für die Parteipresse? Das Zeitungswesen könnie dadurch we,t besser gefördert werden als es bisher durch das Pressebureau geschehen ist.(Sehr richtig!) Auf dem Gebiete des Zeitungswesens sollte der Parteivorstand einmal ein Gesamt- Programm aufstellen, was von der Zentrale aus unternommen werden soll. So wäre z. B. eine gemeinsame Inseraten- zentrale sehr gut durchführbar. Unangenehm aufgefallen ist es. daß in den Anträgen zum Parteitag, die in der Presse ver- offentlicht sind, die des Parteivorstandes gefehlt haben. Der An- trag zum Fall R a d e k hätte doch wohl rechtzeitig den Genossen unterbreitet werden können. Welche unangenehmen Aktionen diese späte Veröffentlichung nach sich gezogen hat, ist Ihnen allen bekannt. Gern ist niemand in außerorganisatorischer Form vor die Partei getreten. Im Hinblick auf den Fall Rädel wird man Scheidcmaun nicht zu warnen brauchen, daß er nicht allzu gerecht sei, damit er nicht verderbe. Aber er verdirbt manches, weil er allzu witzig sein möchte. Lüth-Hamburg: Vor zwei Jahren hieß es, der Parteivorstand brauche neues Blut. Da haben wir Braun und Scheideinann hineingewählt. Jetzt treten die alten Klagen wieder auf. Ein Berliner Genosse hat sogar in der„Neuen Zeit- darüber geklagt, daß die Partei- genossen nur noch Statisten und Paradesoldaten seien. Was muß der Genosse für eine Ahnung von der Parteiorganisation haben (Sehr gutl), die in Berlin genau so demokratisch ist wie ander- wärts. Eine große Anzahl von Parteigenossen scheint wirklich am liebsten über Fragen zu schreiben, von denen sie gar nichts verstehen. Auch Genosse Stengele hat ja an der allzu starken Zentralisation Kritik geübt, aber doch mit der Vorsicht, die seinem Wesen entspricht. Wir sollten wirklich etwas vorsichtig sein, wenn wir an der eigenen Partei Kritik üben. Es ist gar keine Rede davon, daß wir an einer Verknöcherung oder Bureaukratie leiden; der Stillstand in der Mitgliederzahl ist sicherlich auf die vorüber- gehenden wirtschaftlichen Zustände zurückzuführen. Gehrmann-Zeit: Der Vorstand ist nicht unschuldig daran, daß unsere Organi- sation nicht die nötigen Fortschritte gemacht hat. Er hat bei der Bearbeitung der Jahresberichte ungeheure Fehler gemacht, die der Organisation geschadet haben. So wird vom Vorstand in Zeitz- Weißenfels ein Mitgliederrückgang von 19 Proz., nämlich von 6805 auf 5501 festgestellt; dies beruht auf der irrtümlichen Angabe der Mitgliederzahl im Vorjahre mit 6805. Da waren die Frauen mit- gerechnet. Trotz unserer Bitte ist Richtigstellung nicht erfolgr. In Wirklichkeit beträgt unser Mitgliederrückgang nur 9,76 Proz. und die Schuld daran trägt bei uns die Verdrängung deutscher Arbeiter durch Kroaten und Polen. Die Herausgabe des Familien- blatteS begrüße ich, aber 25 Pf. ist zu teuer. Dürr-München: Zur Illustration des Familienblattes müssen sachkundige Männer herangezogen werden. Die Bebel-Ertranummer des „Vorwärts- war beschämend. Solch jämmerliche Illustrationen, wie die von dem Leichenbegängnis in Zürich finden wir in der kleinsten Winkelpresse Deutschlands nicht mehr.(Sehr richtigl) Die„Neue Welt- müßte besser und billiger ausgestattet werden.— Täuschen wir uns nicht darüber, daß wir nicht genug Parteigenossen und Genossinnen haben, die genug Pädagogen sind, um mit der Jugend umzugehen. Der JugendleiterkurS in Berlin genügt nicht, das müßte in allen großen Städten gemacht werden. Haben wir erst diesen Unterbau, dann werden wir die Jugend dauernd fest- halten. Unsere heiligste Pflicht ist eine höhere Propaganda unter den jungen Leuten vor dsc Einziehung zum Militär und nach der Entlassung vom Heer. Stubbe-Hamburg: Nach dem Rückgang um 12 009 Abonnenten hat die Partei- presse nur IX Millionen Leser, das sind 35 Proz. unserer Wähler, während 65 Proz. großenteils bürgerliche Blätter lesen. In Ham» bürg ist daS Verhältnis am günstigsten und auch dort haben wir bei 158 000 Stimmen nur 58 000 Abonnenten zur Zeit der letzten Reichstagswahlen gehabt. Dagegen haben die bürgerlichen Blätter Hamburgs 200 000 Abonnenten, während nur 87 000 bürgerliche Stimmen abgegeben wurden. Um die Parteipresse stärker zu ver- breiten, müssen die Verbreitungsgebiete verkleinert werden, damit die Zeitung überallhin rechtzeitig gelangt. Kleine Lokalblätter könnten auch mehr Lokalangelegenheiten behandeln. In der Organisation wird Nicht zuviel zentralisiert, im Gegenteil. ES muß die Abholung der Beiträge möglichst überall durchgeführt werden und die Mitgliederversammlungen müssen sich auch wirklich mit sozialen Angelegenheiten beschäftigen. Gehen wir so vor, dann werden wir treue Kämpfer für die Organi- sation gewinnen, auf die wir uns gegebenenfalls vollständig ver» lassen können.(Bravo!) (Mittagspause.) NachmittagSsitzung. Dihmann-Frcmkfurt a. M.: ES ist selbstverständlich, daß die Genossen im Lande beim Er- scheinen des Vorstandsberichts die Frage erörtern, ob der Erfolg dem Aufwand der Kräfte entsprochen hat. Darum hätte ich ge- wünscht, daß heute morgen Genosse Scheidemann der angeb- lichen Kritik gegenüber mit etwas weniger Aufwand an Kraft und Witz vorgegangen wäre. Wir sind uns alle einig über die Be- deutung der täglichen Kleinarbeit und der mühseligen Organisa- tionstütigkeit. Mit einer abfäMgen Kritik würden wir uns doch nur selbst ins Gesicht schlagen. Die wirtschaftliche Krise ist nur ganz bedingt als die Hauptursache deS Stillstandes im Wachstum der Organisation zu bezeichnen; in den nächsten Jahren wird uns die Krisis mehr zu schaffen machen. Zu dem Stillstand hat die Tatsache, daß nach den gewaltigen Anstrengungen der letzten Jahre, besonders nach den Reichstagswahlen, die Mitgliedschaft in der fortgesetzten Anspannung ihrer Kräfte etwas erschlafft ist, zweifel- los mit beigetragen. Das Reservoir, aus dem wir in leichterer Form gewaltige Massen von Mitgliedern gewonnen haben, ist zwar nicht erschöpft, aber die Gewinnung neuer Mitglieder schwieriger geworden. Die Anstrengungen müssen größer werden. Unsere weiteren Reservoire, wo Hundertausende von Arbeitern in Frage kommen, liegen in schwierigeren Gegenden, wo der Aufftieg lang- samer sein wird, als in den Großstädten. Je enger und besser das Verhältnis zwischen Partei und Ge- werkschaft ist, desto erfreulicher sind fstx die Ar- beiterbewegung die Erfolge. Einer Stimmung, die dahin gehen sollte, die Parte i b c a m t e n in der Achtung und im Vertrauen herunterzusetzen, hätten wrr uns mit aller Kraft entgegenzu stemmen. Aber natürlich sind etwa vorhandene Mißstände in der Organisation auch auszusprechen. Wir müssen in Zukunft die Situation besser ausnutzen. Es war das schlnnmste, daß die Massen glaubten, die neuen Heereslasten träfen fie nicht. Fraktion, Parteivorstand und Organisationskörper hätten sich von vornherein mit der Parte, presse üb« den Rahmen des zu eröffi. nenden Kampfes verstandigen müssen, damit in dem Moment der parlamentarischen Entscheidung die Organisation auf dem Sprunge stehen und die gewaltigste Massenbewegung in Szene setzen konnte. Ich hoffe, daß wir darüber demnächst im Parte, ausschuß sprechen können; auch über die Frage der Gelben. Hoffentlich wird der parlamentarische Kampf in engster Verbindung mit den Massen im Lande geführt werden.(Schluß in der 2. Beilage.) mi«i»,» 2. Jtilajf dkg Jutmärtö" Knlim WsdN IParteitag der deutschen Sozialdemokratie. (Fortsetzung aus der 1. Beilage.) Klara Zetkin: Ich will einige Ausführungen machen zu den Anträgen, die sich auf die Ausgestaltung der„Gleichheit" beziehen. Nicht nur in diesen Anträgen, sondern auch sonst ist der Wunsch laut ge- worden nach einer populäreren Ausgestaltung der„Gleichheit". In diesem Ruf vereinigen sich verschiedene Strömungen, von denen mir die eine volle Beachtung zu verdienen scheint. Niemand weih besser als ich, daß der Ruf nach Popularität bei einigen auf ganz falscher Einschätzung des Populären, des Volkstümlichen beruht. Als volkstümlich stellt man sich verworrene, seichte Gedankengänge vor, die in einem mangelhaften Deutsch vorgetragen werden.(Leb- hafter Widerspruch.) Warten Sie doch erst ab. Ich sage, es gibt einige, die sich das so vorstellen. Als Redakteur habe ich die Be- weise dafür und bekomme sie oft genug; jeder Redakteur wird mir bestätigen, daß solche Auffassungen vorhanden sind. Aber es liegt auch heutzutage bei diesem Ruf nach Popularität ein sehr tief begründetes und wichtiges Bedürfnis vor. Die Verhältnisse haben sich gegen früher geändert. Früher war die„Gleichheit" ausschlietz- lich das Organ der Genossinnen, die von vornherein eine Elite des weiblichen Proletariats darstellten, die zum Teil schon in der all- gemeinen Bewegung eine größere Schulung erhalten hatten. Diese geschulte Elite zusammenzuhalten und noch weiter zu erziehen, war die vornehmste Aufgabe der„Gleichheit". Aber gerade das opferfreudige und verständnisvolle Wirken dieser Hunderte, die zu Tausenden von Genossinnen geworden sind, hat dazu geführt, daß unsere proletarische Frauenbewegung verhältnismäßig rasch einen sehr großen Umfang erreicht hat. Wir erhalten heute in unseren Organisationen einen Zustrom von proletarischen Frauen, die zwar mit ihrem ganzen Herzen instinktiv mit uns fühlen, die aber in- folge ihrer ganzen Lebensumstände, infolge des Erbteils, das sie als Angehörige des weiblichen Geschlechts für ihre geistige Physio- gnomie mit sich bringen, noch nicht das ABC unserer Auffassungen kennen und nun das ganz berechtigte Bedürfnis danach haben, daß ihnen dies ABC beigebracht wird.(Sehr richtig!) Man hätte bielleicht früher denken können, daß die Tagespresse der geeignetste Platz wäre, um diesem alltäglichen Bedürfnis zu genügen. Es ist aber nicht so und vielleicht kann es gar nicht so sein, weil eben unsere Tagespresse in dem Maße, als das Gebiet der Betätigungen der Partei nach den verschiedensten Richtungen hin sich verbreitert und bereichert, von den Tagesaufgaben in wachsendem Umfang in Anspruch genommen wird. Dazu kommt, daß unsere Tagespresse in erster Linie, wie Scheidemann ganz richtig betonte, vielleicht zu viel das Organ der bereits geschulten Genossen ist und zu wenig werbendes Organ für die Ideen der Sozialdemokratie außerhalb dieses Kreises. Hier liegt meiner Ansicht nach auch eine Aufgabe vor, die die„Gleichheit" künftig erfüllen muß. Sie muß sich wenden an die Genossinnen, die an uns herantreten, die zuerst einmal die Elemente unserer Auffassungen, unserer Ueber- zeugungen lernen müssen. Ich meine, die Genossinnen müssen zu- gunsten dieser Nachrückenden, die morgen oder übermorgen an unserem eigenen Platz stehen werden, auf einen Teil des Raumes der„Gleichheit" verzichten, damit für solche populären Artikel Raum geschaffen wird. Allerdings will ich bemerken: das, was Sie an der!, Gleichheit" meinen tadeln zu müssen, die unpopuläre Schreibweise, unterscheidet sich im allgemeinen in nichts von der Schreibweise auch sonst in der Partei. Es sind die nämlichen Mit- arbeiter und Mitarbeiterinnen, und ich kann hinzufügen, daß wir vielleicht kein Organ in unserer Partei haben, das daneben in so großer Zahl Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus den er- wachenden Schichten des Proletariats zählt, wie gerade die„Gleich- heit". Meinen Sie, ich würde in ausgesuchter Bosheit und Dumm- heit gute populäre Artikel über unsere sozialistischen Ideen nicht annehmen, wenn ich sie bekäme? Nicht mit einer, nein mit zwei Kußhänden würde ich sie veröffentlichen.(Große Heiterkeit.) Aber das Pech ist eben, ich warte und warte, aber solche Artikel gehen mir äußerst selten einmal zu. Wenn wir den Genossinnen, die erst anfangen, sich für unsere Theorien zu erwärmen und zu interessieren, unsere Ideen nahe- bringen wollen, so kann das vielleicht zunächst gar nicht in Artikeln über unsere Theorien geschehen, sondern nadf langer Ueberlegung scheint es mir weit zweckmäßiger mit einer Artikelserie über die Geschichte der Sozialdemokratie zu beginnen. Ich meine durch-eine solche Einführung in die Geschichte der Sozialdemokratie wird das Interesse an den Ideen, an dem Tun unserer Partei gerade in den Kreisen am ersten erregt werden. Wenn ich aber diesen Plan durchführen will, so werden sich die Genossinnen damit bescheiden müssen, daß der Raum, der ihnen jetzt zur Verfügung steht für Agitationsberichte usw., ein wenig geschmälert wird. Ich meine die Agitationsberichte, wie sie jetzt überall in unserer Tagespresse erscheinen. Ich begreife darunter nicht eine Einschränkung der Berichte, die von der Tätigkeit unserer Genossinnen in den Kinder- schutzkommissionen, von ihrer Mitarbeit in Gemeindeinstitutionen usw. handeln, mit einem Worte, die ein Bild und Anregungen geben für die ganze große praktische Betätigung unserer Genos- sinnen auf so vielen Gebieten. Es kann auch notwendig werden, daß ich gelegentlich den einen oder anderen Artikel ausfallen lasse, die die„Gleichheit" jetzt gebracht hat, zumal auf sozialpolitischem Gebiet, das ja in umfangreicher Weise in unserer Tagespresse be- arbeitet wi;d und in einer Weise, die gerade für die vorgeschrittenen Genossinnen, die als Lehrerinnen, Agitatorinnen unter die breiten Massen hinausgehen, durchaus verständlich und nützlich ist. Ich hoffe, daß Sie mit dieser Art, dem Bedürfnis entgegenzukommen, wohl einverstanden sein werden. Ich habe dann für später auch andere Artikelserien in Aussicht genommen, die vielleicht zu- sammenfasscnd auch als Broschürenliteratur erscheinen können. Ich will in Verbindung damit sagen, daß wir im allgemeinen keine in die breitesten Massen dringende einfache Agitationsliteratur über unsere Grundsätze haben. Die alten Broschüren, wie„Unsere Ziele",„Nieder mit der Sozialdemokratie",„Zu Schutz und Trutz" sind gewiß volkstümlich, knüpfen aber zum Teil an Verhältnisse und Fragen an, die heute längst für das Proletariat in den Hinter- grund getreten sind und deshalb nicht mehr aktuell und packend wirken. Nun zu dem Wunsch, die K i n d e r b ei l a g c der„Gleichheit" möge als Buch erscheinen. Soweit es auf die Redaktion atÄommt, die würde es sofort machen. Die Redaktion der„Gleichheit" kann sich das Zeugnis ausstellen, daß sie noch nie mit ihrer Arbeit ge- spart hat, wenn es das Interesse der Partei erforderte. Aber hinter mir stebt der Verlag, und Genosse D i e tz behauptet, er hätte mit der Herausgabe des früheren Kinderbuchs der„Gleich- heit" gar keine guten Erfahrungen gemacht. Es hätte so lange gedauert, bis zr die Auflage abgesetzt hatte, daß ihm die Lust nach einer neuen Auflage vergangen sei, auf die ich— ich bin ja nun einmal ein unruhiger Drängler— seit Jahren hingedrängt habe. Er meint, der Wunsch sei auch dadurch erfüllt, daß Einband- decken für die Kinderbeilage zu einem ganz mäßigen Preise vom Verlag herausgegeben werden, so daß jede Mutter sich die Blätter sammeln und sie in den Einband legen kann und auf diese Weise ein hübsches Buch hat. Ich will mich mit diesen Ausführungen be- gnugen und nur noch auf eines hinweisen, nämlich auf die Be- deutung, die es hat. an unsere Frauenbewegung mehr und mehr unsere Jugendbewegung anzugliedern. Das ist die beste Lösung der Wünsche, die heute morgen hier laut geworden sind.(Großer Beifall.) Dr. Adolf Braun-Nürnverg: Genossin Zetkin hat die wichtige Frage der Parteipresse erörtert. Aber dort, wo sie kritisiert hat, ist gar nicht der wichtigste Anlaß zur Kritik. Gerade in der Parteipresse haben wir leider vielfach Veranlassung zur Unzufriedenheit. Ein großer Teil unserer Parteipresse hat eine überaus bedauerliche U n i f o r m i- tat, und diese Uniformität hat im letzten Jahrzehnt Formen an- genommen, daß wir es als einen Mangel an Sparsamkeit des Parteivorstandcs bezeichnen müssen, daß er keine Plattcnfabrik ein- gerichtet hat. Eine Plattenfabrik würde— es ist ja sehr traurig, daß ich das als Redakteur sagen muß— eine große Menge Kosten ersparen, namentlich an Redakteurgehältern.(Heiterkeit.) Eine solche Fabrik würde an dem Zustand einer großen Anzahl unserer Blätter auch außerordentlich wenig ändern. Die Genossen würden die Unterschiede gar nicht bemerken.(Sehr gut!) Von den 80 täg- lich erscheinenden Parteizeitungcn sind sich heute 78 ungeheuer ähnlich, es macht gar keinen Unterschied, ob sie im äußersten Nord- osten oder im äußersten Nordwesten erscheinen. Es ist genau der gleiche Leitartikel, und nur durch den Kopf und den lokalen Teil unterscheiden sie sich. Es ist leider noch kein ingeniöser Mann auf- getreten, der auch ejne Korrespondenz für den lokalen Teil macht. der in Königsberg in Ostpreußen und in Straßburg im Elsaß der gleiche wäre. Dann hätten wir eine vollendet gleichmäßige Zeitung. (Heiterkeit.) Heute sich über die Stimmungen in der Partei klar zu werden, ist außerordentlich schwierig, weil man ja eine uniforme Meinung hat, die man eventuell auf telephonische Anfrage in Berlin schon am Abend vorher wissen kann. Aber die Korre- spondenzen unterstehen ja nicht der Aufsicht des Parteivorstandcs und des Parteitages, mit Ausnahme des Pressebureaus und des rheinisch-we st fäli scheu Bureaus. Zu meinem größten Bedauern mutz ich sagen, daß das Pressebureau in keiner Weise den Anforderungen der Redakteure oder der Leser entspricht. (Sehr richtig!) Es ist das eine außerordentlich peinliche Sache für einen Mann wie mich, der Kollegialgefühl hat, das sagen zu müssen, aber ich bin hier nicht als Kollege, sondern als Delegierter, als Parteigenosse und ich glaube, die Verpflichtung zu haben, das einmal offen auszusprechen. Wenn wir das immer wieder ver- hehlen, dann ist keine Möglichkeit, Besserung zu schaffen. Der Nachrichtendienst des Pressebureaus ist vollkommen unzu- länglich.(Sehr richtig!) Die Möglichkeit, auf telephonischcm Wege Auskunft zu bekommen, schafft nur dem Reiche Geld in Form von Telephongebühren, aber uns keine Nachrichten. Das Material der Berliner Zeitungen wird von dem Pressebureau leider fast gar nicht richtig ausgenutzt. Es sind das sehr bedauerliche Verhältnisse, und ich glaube, daß das Geld, das das Prcssebureau kostet, in ganz anderer Weise nutzbringend verwendet werden könnte.(Sehr gut!) Das Pressebureau leidet an Haupt und Gliedern, an Inhalt und an Form. Nicht viel besser ist es mit dem Rheinisch-westfälischen Bureau. Auf der einen Seite haben wir zuviel Korrespondenzen und auf der anderen Seite haben wir zu wenig Redakteure. Eine ganze Reihe unserer Kollegen wollen in Berlin wohnen, wollen nicht in der Provinz Parteiredaktcure spielen, sie glauben, wenn sie für SC Zeitungen das Gleiche schreiben, sich mit wenig Arbeit ein leichtes Leben schaffen zu können.(Sehr richtig!) Wir Rcdak teure sind vollständig machtlos dem Pressebureau gegenüber, die Kosten des Bureaus werden einfach auf uns umgelegt. Wenn uns eine andere Korrespondenz nicht paßt, kündigen wir sie, dem Presse bureau können wir nicht kündigen, da ist uns eine Kopfsteuer ausi gelegt(Heiterkeit), da müssen wir bezahlen, gleichviel, ob wir das Bureau benutzen oder nicht. Würde der Parteitag beschließen, daß wir kündigen dürfen, dann könnten wir sofort Besserung schaffen, dann würden wir sofort einen Gebärstreik machen, der sehr gut wirken wird.(Große Heiterkeit und sehr gut!) Ich bm sehr gern bereit, dem Parteivorstand Einzelheiten mitzuteilen, aus denen er ersieht, wie das Pressebureau arbeitet. Der erste Diskussionsredner hat aus einer Broschüre eine für junge Mädchen völlig unverständliche Stelle zitiert. Wir treffen aber den Ton der Jugend auch dann nicht, wenn wir zu der Jugend 'prechen, wir begreifen die Jugend nicht; wir sind eben leider alle alte Knaben geworden.(Zustimmung und Widerspruch.) Wir reden uns ein, daß die Jugend ebenso verständig, klug und nüchtern ist, wie wir leider schon geworden sind.(Große Heiterkeit.) Ich habe unlängst einmal Gelegenheit gehabt, einen alten Berliner Freund zu sprechen über die Berliner Jugendbewegung, und der ägtc, Liebknecht ist an allem schuld. Ich sagte: Was fällt Ihnen ein, in Nürnberg ist die Helene Grünberg an allem schuld.(Heiter keit.) Der Liebknecht und die Lelene Grünberg sind zwei ganz ver schiedene Leute(Große Heiterkeit); es ist nicht die Helene Grün berg, und es ist nicht der Liebknecht schuld, daß unsere Jugend bewcgung nicht vorwärts geht. Wir wollen uns doch nicht täuschen lassen durch den offiziellen Bericht, es geht nicht vorwärts, die bürgerliche Jugendbewegung dagegen geht vorwärts. Die Jungen in der bürgerlichen Jugendbewegung haben das Gefühl viel größerer Freiheit und Selbständigkeit, viel geringerer Bevormundung als bei uns. Sie werden vielleicht dort mehr bevormundet und ge- gängelt als bei uns, aber sie merken es nicht so. Bei uns aber merken sie, daß sie so gescheidt gemacht werden sollen. Nicht so gescheidt, wie der Frank von 18 Jahren war, sondern so gescheidt, wie er jetzt ist, will man bei uns die Jungen machen.(Heiterkeit.) Wir verstehen nicht, die Jugend zu behandeln, weil wir sie ebenso machen wollen, wie wir sie haben wollen, weil wir vergessen haben, wie wir im Alter von 18 Jahren waren. Wir müssen uns in das Denken und Fühlen der Jugend hineinversetzen können, wenn wir die Jugend erziehen und mit ihr Erfolge erreichen wollen, die nicht nur gedruckt zu lesen sind.(Beifall.) Heinrich Schulz: ES gehört erfreulicherweise zu den regelmäßigen Erscheinungen unserer Parteitage, daß wir beim Vorstandsbericht eine Bildungs- und Jugenddebatte haben. Eine solche Debatte ist nicht nur notwendig, sondern auch selbstverständlich. Selbst solche Kapuziner- predigt, wie wir sie eben gehört haben, ist durchaus erfrischend und erfüllt an ihrem Teile ihren Zweck. Braun hat durchaus recht, wenn er einem großen Teil der Genossen diese Vorwürfe gemacht hat. aber glücklicherweise treffen sie für einen großen Teil auch nicht mehr zu, denn das, was Braun bei der Behandlung der Jugend haben will, das haben wir auch schon früher als Wunsch des Parteitages festgestellt und in diesem Sinne werden auch die Jugendleiterkurse gehalten. Wch» wünschen, daß die Jugendleiter sich in die Stimmung der jungen Leute hineinfinden. Ich unter- stütze deshalb auch durchaus die ernste Mahnung des Genossen Sollmann bei seinem Hinweis auf die bürgerliche Jugendbewegung. Sie ist groß und stark und wächst überall. Alle Mittel des Herr- schenken Staates, von der Schule bis zur Kaserne, stehen ihr zur Verfügung. Gerade in diesen Tagen ist vom Kriegsministerium eine Kundgebung herausgegeben worden, in der alle die Ver- günstigungen zusammengefaßt werden, die der Jugendbewegung von den Ministerien eingeräumt worden sind. Gerade, weil der Jugend alle Mittel zur Verfügung stehen, gerade weil die Autoritäten der bürgerlichen Gesellschaften sich in den Kampf hineinstellen, darum haben wir um so mehr Ursache, unserer- seits zu tun, was nur für die Jugend möglich ist. Und da geschieht noch nicht alles, was geschehen könnte. Aller- dings sind wir auch an Grenzen gebunden, da eS an Kräften feh«; sie müssen erst heranwachsen und herangezogen werden. Die- jenigen, die durch unsere Jugendbewegung hindurchgegangen sind, loerden später auch die geeigneten Pfleger für unsere Jugend sein. So erst kann langsam bei uns die Führerschaft heranwachsen, die in der bürgerlichen Jugendbewegung schon da ist in den Lehrern und anderen Persönlichkeiten, die sich ihr zur Verfügung stellen. Wenn wir sagen: Nehmt Euch der Jugend an! so heißt das nicht, daß wir die Jugend umschmeicheln und sie durch pädagogische Mittel auf- päppeln wollen. Es wäre ganz falsch, wenn wir den jungen Leuten die Meinung beibringen wollten, sie seien die Blüte der ganzen Ge- sellschaft und um sie müsse sich alles drehen. Das geschieht aber auch bei uns nicht. Andererseits bleibt aber auch die Notwendigkeit bestehen, daß wir für die Jugendpflege alles aufwenden müssen, was möglich ist. Es ist durchaus falsch, wenn man manchmal noch hört, wir haben es ja auch nicht so gut gehabt wie die Jungen und wir sind etwas geworden. Die Zeiten haben sich geändert und wir sind jetzt verpflichtet, Dinge zu tun, die früher an uns nicht getan worden sind. Die Bewegung ist gewachsen an moralischer Kraft, an materiellen Mitteln, und die müssen wir in den Dienst unserer Jugendbewgung stellen. Die Kritik an der Jugendbewegung be- grüßt die Zentralstelle ebenfalls, wir wünschen auch, daß Mangel der Zentralstelle kritisiert werden. Wir haben das ehrliche Be- streben, daß unsere Jugendbewegung nicht zur Schablone erstarren soll. Wenn Sollmann unsere Schriften vor dem Parteitag kritisiert hat, so kann ich ihm auf diesem Wege nicht folgen. Aus einer Schrift von 32 Seiten einige Sätze herauszugreifen, die viel- leicht zufällig nicht so populär gehalten sind wie die übrigen, das ist keine Methode. Wenn Sollmann ernste Bedenken gegen diese oder jene Schrift der Zentralstelle hat, dann soll er uns das mitteilen und es wird für Abhilfe gesorgt werden. Ebenso falsch ist es, wenn er mit einer Handbewegung zu verstehen gab, die„Arbeiterjugend" sei nicht das, was sie fein sollt«. Ich bin im Gegenteil der Mei- nung, daß sie ein Blatt ist, auf das die Arbeiterbewegung stolz sein kann(Sehr richtig!), daß sie das bisher noch nicht vorhandene Familienblatt in denkbar bester Weise ersetzt hat. Es ist ein Blatt, das ruhig auch die erwachsenen Arbeiter lesen können. Ein solches Blatt, das für die 14. bis 20jährigen jungen Leute redigiert wird. kann natürlich nicht in jeder Zeile dem geistigen Niveau des 14jähri- gen angepaßt sein. Ich glaube aber, daß bisher die.Arbeiter- jugend" eine gute Mischung gefunden hat. Daß sie ein vortreff- liches Blatt ist, geht ja auch aus der Tatsache hervor, daß sie bisher etwa 100 OOl) Abonnenten erworben hat.— Ich unterschätze die Jugendarbeit der Gegner, besonders der Katholiken, gar nicht. Ich weiß, daß unter den katholischen Jugendpflegern ein« Reihe vor- züglicher Pädagogen sind. Wir können auch viele der pädagogischen Erfahrungen der Leute für uns nutzbar machen. Der Antrag lö rennt ofsene Türen ein, denn der Zentralausschuß stellt Wander- lehrer an nach dem Bedürfnis und nach der Möglichkeit, sie zu be- kommen. Antrag 16 verlangt mehr Tätigkeit für die weibliche Jugend. Ich empfehle, ihn der Zentralstelle zu überweisen, obwohl diese auch bisher in der Aufklärung für die weibliche Jugend nichts unterlassen hat. Es kommt dabei freilich der Wunsch zun: Ausdruck, die weibliche Jugend auch für die spätere Wirk- samkeit als Hausfrau und als Mutter vorzubereiten. Eine sehr wichtige Aufgabe ist die Fürsorge für die schulpflichtigen Kinder durch Ferienspiele usw. Wir müssen uns dieser jüngsten Generation annehmen, nicht um sie zu Soziqldemok raten zu machen, sondern um unsere erzieherischen Pflichten in gemeinsamer Arbeit gegenüber den Kindern noch mehr zu erfüllen als bisher. Die Anträge 43 und 44 verlangen ein pädagogisches Zentralblatt für die Jugendpfleger. Ueberweisen Sie auch diese Anträge der Zentral- stelle, wir sind Anregungen zugänglich und greifen zur richtigen Zeit ein, wenn auch die richtigen Personen da sind. Es ist an- geregt worden, den Jugendleiterkursus nicht nur in Berlin ab- zuhalten, sondern auch in der Provinz. Die Zentralstelle wird das ernstlich erwägen. Die Frage der 18- bis 21 jährigen lege ich Ihnen dringend ans Herz. Ich bin nicht der Meinung, daß diese Maßnahmen für die 13-bis 21 jährigen in erster Linie zu einer antimilitaristischen Propaganda benutzt werden sollen, sondern um aus ihnen klare, bewußte Sozialdemokraten zu machen. Dann ergibt sich ihre Stellung zum Militarismus und als spätere Soldaten von selbst.(Sehr richtig!) Wie wichtig diese Frage ist, beweist ein Artikel Erzbergers:„Jungzentrum. Er will eine junge Generation der Zentrumsanhänger für die poli- tischen Zwecke des Zentrums ins Leben rufen. Wir sollen vom Gegner lernen, auch vom Zentrum. Wir treiben mit der Jugend- bewegung keine Schönfärberei, wir haben aber auch keinen Grund zum Pessimismus. Die Jugendbewegung wächst mit unserer Be- wegung. Je mehr die jungen Leute aus der Jugendbelvegung in die maßgebenden Körperschaften der Partei hineinkommen, desto mehr wird die Partei für die Jugendbewegung tun.(Beifall.) Davidsohn-Berlin: Es ist nicht möglich gewesen, trotz mehrfacher eifriger An- regungen, für die mittlere und kleine Presse über eine Sache von so ungeheurer Bedeutung, wie die Dubliner Angelegen- heit aus dem Pressebureau irgendwelche Notizen oder Depeschen zu bekommen. Eine Institution der Partei, die mit einem Soll und Haben von rund 90 000 M. arbeitet, sollte wirklich solchen be- rechtigten Wünschen nachkommen. Antrag 77 will die Beschrän- kung der Fremdwörter auf das möglichste Mindestmaß. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der man von einer Feier wie von der gestrigen nicht mehr als von einem Kommers rodet! Es kommt in der Parteipresse nicht auf die Popularität an, wie die Genossin Zetkin in den Vordergrund gestellt hat, sondern auf die Verstäi«dlichkeit. Wenn nur eine von unseren 90 Redaktionen den Antrag berücksichtigen würde, dann hätte es sich gelohnt, ihn anzunehmen. Ein Familienblatt zum Preise von 25 Pf. ist zu teuer und wäre ein Eliteblatt mit einer derartigen geringen Auf- läge, daß die Institutionen der Partei, die sich damit zu befassen haben, nicht auf die Kosten kommen, wenn sie nicht eine Scherlschc Jnseratenplantage daraus machen, was wir nicht hofien wollen. Heilmann schlug vor, man solle neben der 25-Pf.-Ausgabe eine lO-Pf.-Ausgabe machen. Warum beides? Mau sollte sich nur auf die 10-Pf-Ausgabe beschränken und höchstens 15 Pf. fordern. Be- denken Sie, wie es in ruhigen Zeiten aussieht mit unseren Abonne- mcntsverhältnissen, wie soll das in Krisenzeiten sein? Und doch muß auch solchen Anstürmen stand gehalten werden. Der„Wahre Jakob", der 10 Pf. kostet, ist im letzten Jahre um 9500 Exemplare in der Auflage zurückgegangen. Bodenken Sie, wie groß der Rückgang bei dem 25.Pf..Blatt gewesen wäre! Heilmann sagte, wir wollen keine„Berliner Illustrierte Zeitung". Sehr richtig, aber die Auflage der„Berliner Illustrierten" könnten wir durchaus gebrauchen. Ullstein hätte sie mit 25 Pf. nie und mmmer erzielt. Bedenken Sie, daß die Großberliner Ge- nossen eben daran sind, alle Parteiinstitutioncn zu bestürmen, daß der„Vorwärts" bei siebenmaliger Ausgabe in der Woche nur 25 Pf. pro Kopf kosten soll, während er jetzt 1,10 M. pro Monat lüftet. Da wollen Sie der Provinz mit diesem 2S-Pf..Älatt kommen? Das kann unter Umständen 75 Pf. pro Monat aus- machen, da zweimal im Jahre im Monat drei Nummern erscheinen. Aus dem Bericht geht hervor, daß 216 Kreise mit 225 570 Mit- gliedern, also SS Proz. unserer sämtlichen organisierten Genossen. noch mit 30-Pf.-Belträgen pro Monat arbeiten. Und nun wollen Sie mit einem Blatte kommen, das diesen selben Monatsbeitrag noch einmal erheischt! Diese Berechnung muß noch einmal über, >rüft Werken. DaS LeHrgekd, das die Partei sonst zahlen müßte. würde unter Umständen sehr teuer sein.(Sehr richtig!) Genossin Ryneck-Berlin spricht über die Forderung nach populärerer Schreibweise der .Gleichheit". Einige Artikel der Wiener„Arbeiterinnenzeitung" erwecken das Gefühl, als wenn eine liebevolle Freundin unsere Frauen an der Hand nimmt, um sie so in die sozialistische Zu- kunftsgesellschaft einzuführen. Die„Gleichheit" hat nicht eine ein- zige der zum Teil wertvollen Broschüren der vom Vorstand heraus- gegebenen sozialdemokratischen Frauenbibliothek besprochen und empfohlen. Die Worte der Genossin Zetkin haben bestätigt, daß unsere berechtigten Wünsche nicht berücksichtigt worden sind. Dittmann-Solingen: Seheidemann hat heute morgen es Heilmann übelgenommen, daß er behauptet hat, der Parteivorstand habe keine Flugblätter über die Militärvorlage herausgegeben. Scheidemann stellte dem- gegenüber fest, daß der Parteworstand bereits vier Flugblätter herausgegeben hätte. Der Fall ist mir ein Symptom dafür, daß es in der Partei für das Gros unserer Vertreter in den gesetz- gebenden und BerwaltungSkörperschaften und für unsere Ver- trauenSmänner an einem laufenden Mittel der Orientierung und Information fehlt. Wenn wir heute ein Examen vornehmen würden, ob der einzeln« Parteitagsdelegierte informiert ist über das, was gegenwärtig eingeleitet morden ist von der Gesamtpartei in allen Zweigen ihrer Tätigkeit, so würden unter 100 wohl 96 die Prüfung nicht bestehen. ES ist unter den heutigen Verhält- wissen gar nicht möglich, über alles orientiert zu sein. Die Be- wegung ist so vielseitig geworden, daß der einzelne sich notge- drungen auf ein einzelnes Arbeitsgebiet beschränken muß. DaS bringt die Gefahr der Einseitigkeit mit sich. Es gibt ein Mittel, dem einzelnen, selbst wenn er sich vornehmlich auf einem Arbeits- gebiet betätigt, den Gesamtüberblick zu erhalten. Ein Beispiel da- für ist das Mitteilungsblatt, das für unsere Parteigenossen in Groß-Berlin schon seit acht Jahren besteht. ES ist natürlich zu- geschnitten auf Groß-Berlin. Wenn wir aber die Sache auf unsere gesamte Parteiorganisation übertragen und ein vielleicht Istägig erscheinendes, ähnlich gehaltenes Mitteilungsblatt einführen wür- den, in dem der Parteivorstand die Aktionen der nächsten Zeit, so- weit sie nicht streng vertraulicher Natur sind, den Vertrauensleuten im Lande zur Kenntnis bringen würde und dem auch von der Jugendzentrale, vom MldungsauSschuß und von der Zentrale der Frauen wichtige Mitteilungen gemacht würden, dann würden die Funktionär« im Reich informiert, und die heute so vielfach vor- kommende Kollision zwischen den einzelnen Arbeitsgebieten könnte vermieden werden. Ich will hier keinen formellen Antrag stellen, sondern nur ein« Anregung geben, bin aber gern bereit, mit dem Parteivorstand die Anregung mit allen ihren Konsequenzen ein- mal durchzusprechen. Vielleicht genügt das schon, um die Anregung zu verwirklichen, und eS bedarf nicht erst des Beschlusses eines späteren Parteitages. ES ist viel geredet worden von dem Rückgang unserer Parteipresse. Da scheint eS mir angebracht, auf einen Grund hinzuweisen, der als eine Rückwirkung gewerk- schaftlicher Taktik anzusehen ist. Bor zehn und mehr Jahren waren die Redakteure der Parteipresse die Berater und Helfer der gewerkschaftlichen Filialleitungen an den einzelnen Orten bei den Lohnbewegungen usw. DaS alles hat sich gewandelt im Laufe der Zeit. Die Gewerkschaften haben sich konsolidiert, haben sich einen großen Beamtenapparat geschaffen und es geht nicht mehr an, daß etwa die Gewerkschaftsleitungen ihre Taktik auf offenem Markt austragen können. Aber das hat dahin ge- führt, daß meines Erachtens heute weit über das Ziel hinaus- geschossen wird. Heute gehen die großen Gewerkschaften bei großen Lohnbewegungen so tveit, daß sie so gut wie keine einzige Zeile in die Partei presse hineingeben. Das hat zur Folge, daß die Generalanzeiger-Presse sich der Dinge be- mächtigt, überall horcht und in den meisten Fällen sowohl auf der Unternehmer- wie auf der Arbeiterseite von dem Stand der Dinge etwa» erfährt, so daß dann unsere gewerkschaftlich organftierten Arbeiter aus der parteilosen Generalanzeiger-Presse ihre Jnfor- mationen über den Stand der Bewegung beziehen. Die Folge ist, daß sich eine Mißstimmung gegen die Parteipresse in den Kreisen der Gewerkschaftsmitglieder festgesetzt hat, und daß gerade die auf- geklärten gewerkschaftlichen Arbeiter, die für die Ausbreitung unse- rer Parteipresse in den Gewerkschaften arbeiten sollen, auf diese Parteipresse schimpfen, anstatt die Kollegen zum Abonnement zu ermuntern. Ich will nicht verallgemeinern oder persönliche Vor- würfe erheben. Aber«S ist dringend notwendig, zwischen den leitenden Kreisen unserer Partei und den großen Gewerkschaften eine Rücksprache vorzu- nehmen, um diesem Uebermaß von Zurückhaltung ein Ende zu machen und um dafür zu sorgen, daß unsere Parteipresse auch ber großen Bewegungen die Mitglieder auf dem Laufende« halten kann über daS. waS sich Vielleicht in geheimen Zirkularen abspielt. Ich möchte deshalb bitten, daß man in der Sitzung deS Partei- ausschusseS, in der man über die Parteipresse reden will, auch diesen Fragen ernsteste Beachtung entgegenbringen möge.(Bravo!) Westkamp-Düsseldorf: Aus dem vorigen Parteitag wurde dem Parteivorstand ein Antrag überwiesen, der eine besondere Llteratiw für d,e taub- stummen Parteigenossen verlangte. Wir haben bisher noch nicht gehört, daß der Parteivorstand seinem voriahr.gen Bev- sprechen nachgekommen wäre. Wir dürfen wohl hoffen, datz das in nächster Zeit geschieht. ES mag sonderbar erscheinen, wenn man einer solchen besonderen Literatur daS Wort redet. Wenn wir aber sehen, wie seitens der Protestanten sowohl wie der Katho- liken, seitens der Nationalliberalen wie anderer Parteien vi« größten Anstrengungen gemacht werden, m diesem KreiS Anhänger für ihre Ideen zu gewinnen, so dürfen wir ebenfalls nicht taten- loS zusehen, sondern müssen auf diesem Gebiet tätig sein. Was die Agitation betrifft, so steht fest, daß ein großer Teil der Parte,- genossen von dem Ausfall der preußischen Landtags- wählen nicht sehr erbaut, sondern vielmehr enttäuscht war. Von diesen Genossen find wohl auch in letzter Zeit die meisten Vorschläge zur Förderung der Agitation gemacht worden. Mit Recht hat Scheidemann verschiedene Artikel der„Neuen Zeit", die sich mit Organisationsftagen beschäftigen, kritisiert. Ich meine auch, daß die Redaktion der„Neuen Zeit" alle Ursache hätte, solche Artikel vor der Aufnahme kritisch unter die Lupe zu nehmen. Antrag BS verlangt, daß die„Neue Zeit" mehr ausgebaut werden und leichter verständliche Artikel bringen soll. ES kann jedenfalls nicht dazu dienen, der„Neuen Zeit" neue Abonnenten zuzuführen. wenn Polemiken in unserem wissenschaftlichen Organ geführt wer- den wie in letzter Zeit zwischen zwei unserer hervorragenden Schriftstellern. Ueber den Antrag öl brauche ich nichts mehr zu sagen, nachdem wir gehört haben, daß die Genossin Zetkin von ihrem früheren Standpunkt abgekommen ist, daß wir in der „Gleichheit" nicht zu den Massen heruntersteigen, sondern die Massen zu uns heraufztehen müßten.(Klara Zetkin: Absolut nicht!) DaS soll kein Vorwurf sein. Aber Sie haben �bisher immer gesagt, es fei nicht möglich, die„Gleichheit" populärer zu gestalten, und heute haben Sie zugestanden, daß Sie eines besseren belehrt sind. Das geplante Familienblatt ist unbedingt notwendig, und ich kann nicht zugeben, daß der Preis von 25 Pf. für unsere Genossen unerschwinglich wäre. Wir dürfen nicht vergessen, daß der größte iLeil der Parteigenossen die Schaffung eines solchen Familienblatte» verlangt. Dr. Rosenfeld- Berlin: In bezog auf die Jugendbewegung kann ich den pessimistischen Ausführungen einiger Vorredner nicht zustimmen. Zahlen be- weisen und man kann doch nicht von Schönfärberei sprechen, wenn die Tatsache vorliegt, daß die Zahl der Leser der„Arbeiter-Jugewd" gestiegen ist in einer Zeit, wo die Parteiorganisationen einen Still- staird erlebt hat und die Arbeiterjugendbewegung Erfolge aufWest, wie die Partei zur Zeit des Sozialistengesetzes. Mir sehen doch auch, daß dt« Gegner von Befürchtungen erfüllt sind über das Wachs- tum unserer Jugendbewegung. Wenn Herr Dr. Oertel in der „Deutschen Tageszeitung" das äußere und innere Anwachsen der sozialistischen Jugendbewegung beklagt, so können wir uns in dieser Beziehung auf Herrn Dr. Oertel schon verlassen. Das beweist uns doch, daß wir auf dem richtigen Wege sind, der bergan führt. Durch die Z e n t r a l st e l l e hat die Arbeiterjugendbewegung eine reiche Förderung erfahren. Aber die Zentralstelle könnte noch mehr tun, um das Verständnis für die Notwendigkeit der Jugendbewegung unter den Parteigenossen zu verbreiten. Darum bedaure ich es, daß der Bericht der Zentralstelle nur den Parteitagsdelegierten gedruckt vorgelegt wird. Ich würde wünschen, daß unsere Partei- genossen in der Lage wären, durch einen ausführlichen, auf dem Parteitag borgetragenen Bericht eingebender als bisher sich über die Jugendbewegung zu informieren. Die Zentralstelle sollte auch mehr als bisher durch materielle Beihilfe die Jugend- bewegung in kleineren Städten unterstützen. Die Ausgaben der Zentralstelle dafür sind noch immer verhältnismäßig gering. Sie betragen in diesem Jahr noch nicht einmal 14 000 M. Auf einer Konferenz der JugenldauSschüsse in Thüringen hat man darüber geklagt, daß die Zentralstelle kein Geld dafür hat, in Thüringen einen Fugendsekretär anzustellen. Auch das Rundschreiben, da? die Zentralstelle herausgibt, mühte mehr ausgestaltet werden. Von der Bekämpfung der Jugendbewegung durch unsere Behörden können gerade wir in Berlin ein Lied singen, wo wir das Ver- gnügen haben, unter Herrn v. I a g o w die Berliner Arbeiter- fugend für unS zu gewinnen. Wir halten von der Jugendbewegung die Politik streng fern. Darüber, daß unsere Jugendbewegung unpolitisch sein muß, besteht heute keine Meinungsverschiedenheit mehr. Ich möchte das.aber doch auf unserem Parteitag betonen, weil die Behörden immer noch der Ansicht sind, wir meinen es mit dem Fernhalten der Tagespolitik von der Jugendbewegung gar nicht ernst. Anders liegt es aber mit den Jugendlichen über 18 Jahren. Gegen deren politische Betätigung und Aufklärung besteht kein pädagogisches oder juristisches Bedenken. Es hat reichlich lange gedauert, bis unsere leitenden Behörden in der Partei sich auf den Standpunkt gestellt haben, daß für diese Jugendlichen Maß. nahmen zur politischen Aufilärung notwendig sind. Die hier von Scheidemann und Schulz angeführten Maßnahmen reichen aber nicht auS und ich halte daS eigentlich für keine Erledigung deS ParteitagSbeschlusses vom vorigen Jahre, daß lediglich ein Zirkular mit gewissen Anregungen herausgegeben wird. Mindestens muß die Möglichkeit gegeben weiden, daß Jugendsektionen der Wahlvereine für über 18 Jahre alte gegründet werden. Ich möchte wünschen, daß der Parteivorstand im nächsten Jahre noch mehr sein Augenmerk aus die Agiiationsarbeit unter den über 18 Jahre alten richtet. Das wird zur Stärkung der Jugendbewegung und zur Stärkung unserer Partei dienen.(Beifall.) Birkholz-Hamburg: Es scheint mir notwendig zu sein, gegen die Forderung, die mein Vorredner zuletzt vertreten hat, Stellung zu nehmen. Ich freue mich über die vom BildungSausschuß in Verbindung mit dem Parteivorstand vorgeschlagene Resolution, aber die Forderung, die zum Beispiel bezweckt, innerhalb der politischen Organisationen besondere Jugendsektionen zu gründen, sind entschieden verfehlt. Dringend notwendig ist es, daß den über 18 Jahre alten die Möglichkeit gegeben wird, sich in geeigneter Weise wissenschaftlich auszubilden und zu schulen. Braun gegenüber möchte ich bemerken, daß unsere Genossen auch in kleinen Orten so weit find, den Jugendlichen das Selbstbetätigungsrecht zu gewährleisten. Der Fehler liegt auf anderem Gebiet. Es fehlt namentlich in den kleineren Städten an pädagogisch vorgebildeten Jugendleitern. Vor allem möchte ich deshalb die Herausgabe einer Zeitung empfehlen, die für die I A g e n d l e i t e r bestimmt ist, und des- halb bitte ich dringend um Annahme der Anträge 53 und 54. Auf die Dauer werden wir unbedingt Kräfte für die Jugendbewegung anstellen müssen. Wittich-Leipzig begründet die Anträge 53 und 54. Die Partei muß für einen Zweck, der sich schon in wenigen Jahren hundert- und tausendfach bezahlt machen wird, die notwendigen Mittel hergeben. Die Per- sonenftage kann heute als gelöst gelten. Wenn ein derartiges Blatt für die Jugendleiter erscheint, wird es auch aus den Reihen solcher Lehrer bereitwilligst Unterstützung finden, die jetzt öffentlich ihre Meinung nicht sagen dürfen, während sie doch mit unserer Bewegung sympathisieren. Wir müssen eine größere Anzahl von Jugend Heimen schaffen und für die Entfchädigung derjenigen sorgen, die als Jugendpfleger und Beiräte in Frage kommen. Wenn die Zeitung so rasch wie möglich eingeführt wird, wird eS mit der Jugendbewegung rascher vorwärts gehen. Gottschalk-Königsberg spricht zu den Anträgen auf Einsetzung einer Agrarstudien- k o m m i s s i o n. Die Studienkommission muß von dem Vertrauen der Gesamtpartei getragen und deshalb vom Parteitag gewählt werden, wie sie auch auf dem Parteitag Rechenschaft zu geben hat. Auch 1894 wurde die Agrarkommission von der Partei selbst ge- wählt. Wir können dem Parteivorstand und dem Ausschuß das größte Vertrauen entgegenbringen, aber noch mehr Vertrauen müssen wir zu unS selbst haben. An Zeit zur sorgfältigen Vor- bereitung der Wahlen fehlt es auf dem Parteitag nicht. Ich be- antrage daher, daß der Parteitag die Agrarstudienkommifsion selbst wählt. Panzrr�vayreuth: Wenn unsere Jugendbewegung nicht die erwünschten Fort- schritte macht, so mutz man bedenken, daß die Matznahmen gegen die Arbeiterjugend geradezu ins Ungeheuerliche gestiegen sind. In Bayreuth ist den Fortbildungsschülern unter Androhung von Straf« verboten worden, den Stenographieunterricht des JugenidausschusseS mitzunehmen, und wer trotzdem dorthin ge- gangen ist, ist vom Gendarm aus der Fabrik i» den Karzer abgeholt worden. So wird bei uns in Oberfranken gegen die allgemeine Arbeiterbewegung aufgehetzt. Es klingt daS zusammen mit der infamen Agitationsweise unserer Liberalen, mit denen wir noch dazu in wilder Ehe zu leben gezwungen sind. Die Liberalen haben bei ihrer Agitation den Unternehmern versprechen müssen, ihnen möglichst zu Diensten zu sein. Wenn diese die Kosten für die Sekretäre tragen, so suchen sie mit Hilfe der Unternehmer die Arbeiter zu zwingen, in ihre Unterstützungsvereine einzutreten. In den letzten Tagen ist es ihrer maßlosen Hetze gelungen, daß unsere Zeitung konfisziert wurde, weil wir ein Klischee vom„Vor- wärtS" über die Feier in Kelheim abgedruckt haben. In Preußen war das Bild nicht beanstandet worden. DaS illustrierte Wochenblatt, das herausgegeben werden soll, wird beim Preis von 25 Pf. kaum eine Zukunft haben. Durch die Massen- aufläge würde ein billigerer Preis leicht ausgeglichen werden können. Das Zentrum hat in Bayern gerade durch seine billigen Familienblätter große Erfolge erzielt. Stuhl-Spandau: Nach den Ausführungen des Genossen Schulz hoffe ich. daß die Zentralstelle dem Antrag 16 Reckmung tragen wird, weil wir alle Ursache haben, auch die weibliche Jugend aufzuklären für ihren späteren natürlichen Beruf als Mütter und Erzieher der Kinder. Schrader-Hannover bittet, den Antrag 17 anzunehmen oder wenigstens dem Partei- vorstand zur Berücksichtigung zu überweisen. Wenn über die Gründe der Setllungnahm« der ReichStagSftaktion gleich nach Ab- schluß der Verhandlungen Bericht erstattet wird, dann wird mancher zu weit gehenden Kritik, wie bei der Militär- und DeckungS- vorläge, der Boden entzogen werden. Kritik in der Partei soll gewiß stattfinden, aber nur bis zu gewissen Grenzen. Wenn Heilmann sagt: Ja, ich bin darüber nicht informiert, so geht «S über das VerantwortlichkeitSgeftihl hinaus, wenn man trotzdem in dem Maße Kritik übt, wie das von verschiedenen Seiten der Fall gewesen ist. Damit wird uns die Agitation nur erschwert. Ein Schlußautrag wird abgelehnt. Jungnickel-Annaberg: Ein Mangel an Lehrern für die Unterrichtskurse besteht in der Tat. Es ist uns beinahe unmöglich, in den entlegenen Orten Kurse abzuhalten. Der Bildungsausschuß sollte für einzelne Pro- vinzen Lehrer zu gewinnen suchen, die, wie zum Beispiel im Erz- gebirge, wo wir mittellos sind, noch billiger arbeiten müssen, als das bisher beim weitesten Entgegenkommen des Bildungsausschusses möglich war. Dann werden wir den Sozialismus auch in die ent- legensten Dörfer verbreiten können. Fries-Köln: Wenn Scheidemann sagt, daß sämtliche Angestellte Kultur- Pioniere seien, so möchte ich als einfacher Arbeiter das stark be- zweifeln. Ich protestiere dagegen, daß die Genossen, die an den Angestellten Kritik üben, als Beamtenhetzer hingestellt werden. Die Genossen, die sich eine Kritik einzelner Angestellter gestattet haben, haben die hauptsächlichste Parteiarbeit geleistet. Wir wollen durch solche Kritik Partei und Gewerkschaft nur fester zusammen- schmieden. Bei der Maifeier werden die Angestellten ja Gelegen- heit haben, zu beweisen, ob sie wirklich Kulturpioniere sind oder nicht. Auer-München: In bezug auf die Zeitung in Kaiserslautern hat Braun wohl nur seiner persönlichen Meinung Ausdruck gegeben; denn unsere Verhandlungen mit dem Parteivorstand sind noch nicht ab- geschlossen. Für die Frage, ob eine neue Zeitung gegründet werden soll, dürfen nicht nur fiskalische Gründe maßgebend sein, sondern es müssen auch der politische Wert und die wirtschaftliche Notwen- digkeit berücksichtigt werden. Wenn der Parteivorstand in seinem Bericht davon spricht, daß wir eine so geringe Mitgliederzunahme zu verzeichnen haben, daß es an Stagnation grenzt, so hätte er auch die Ursache mitteilen sollen. Es ist doch Tatsache, daß wir heute bei Zulassung unserer Mitglieder einen viel strengeren Maßstab anlegen als früher. Früher haben wir Tausende von Mitgliedern geführt, die keine Beiträge gezahlt haben, während jetzt eine viel genauere Durchsiebung erfolgt. Dieses Mo- ment sollte man berücksichtigen und nicht nur flau machen. Auch unsere Jugendbewegung geht vorwärts, obwohl sie mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu rechnen hat. Die unermüd- liche Kleinarbeit, das harmonische Zusammenwirken und der un- erschütterliche Glaube an den Sieg unserer Sache müssen uns zum Ziele führen. Zur Kopfhängerei haben wir gar keine Ursache. (Beifall.) Helene Grünberg-Nürnberg: Unsere freie Jugendorganisation hat auch darunter zu leiden, daß sich so viele Vereine aus unseren eigenen Reihen, wie Turn-, Schwimm-, Gesangvereine und stenographische Klubs um die Jugendlichen bemühen. Auch die Geldfrage spielt eine Rolle. Die Arbeiterbewegung braucht selbst viel Geld, und da bleibt für die Jugend nicht allzuviel übrig. Trotzdem geht es vorwärts. In Nürnberg haben wir im letzten Jahre einen Zuwachs von 890 Jugendlichen gehabt. Wenn die Zahl der Abonnenten der „Arbeiter-Jugend" maßgebend sein soll, so müssen wir darauf sehen, daß sie so ist, daß die jungen Leute sie auch lesen. Sie ist zetzt geschrieben für junge Leute über 18 Jahre. Wir geben sie aber den jungen Leuten unter 13 Jahren in die Hände. Wir wollen die jungen Leute zu selbständigen Menschen erziehen, und wenn uns dabei die„Arbeiter-Jugend" etwas näher zur Seite stünde, wäre das nur zu begrüßen. Aber ihre Artikel sind zu schwer verständlich. Auch der kleine Druck feuert nicht zum Lesen au. Lieber halb soviel Stoff und das, was im Blatt steht, mit größerer Schrift und mehr dem Verständnis der Jugend angepaßt. Dann werden die jungen Leute die„Arbeiter-Jugend" lesen, und es wird mit unserer Jugendbewegung vorwärtsgehen. Stücklen-Berlin: Wen« Ad. Braun sich so aufgehalten hat über die llniformität der Press«, so ist er doch auch nicht ganz sündensrei.(Hört! hört!) Auch die„Fränkische Tagespost" bringt ziemlich viel aus dem ver» pönten Presiebureau. Alle schimpfen, alle drucken ab, aber keiner sagt, wie man es besser machen soll. Di« Tätigkeit der Kollegen im Pressebureau ist kelneswegS beneidenswert. ES ist nicht ange- nehm für die ganze Parteipresse den Prügelknaben abzugeben. (Sehr richtig!) Ich hoffe, daß Braun dem Parteivorsiand nächstens Vorschläge unterbreitet, wie eine Besserung herbeigeführt werden soll. Bei der Gründung war der Gedanke maßgebend, das Presse- burau soll politisch geschlechtslos sein(Heiterkeit), es soll ein« eigene Meinung überhaupt nicht haben. Das ist an sich nicht leicht. Wir haben radikale und nicht radikal« Blätter, und so zu schreiben, daß es allen paßt, ist auch ein« Leistung, die man nicht allzu gering anschlagen sollte. Ich habe schon bei Schaffung des PveffebureauS daraufhingewiesen: Wo sollen wir denn die Nach- richten hernehmen. Wir können doch nicht in die Ministerien und Reichsämter gehen, um dort Nachrichten zu holen. Vielleicht wür- den wir sie das erstemal bekommen, aber sobald wir unsere Kritik daran knüpfen, würde man uns die Tür von außen zumachen. Wir sind also auf die bürgerliche Presse angewiesen und müssen daS, was sie bringt, mit entsprechenden Bemerkungen begleiten. Man wirst uns vor, daß unsere Schwänze zu lang seien.(Heiter- keit.) Wir haben sie verkürzt, haben uns aber leider noch immer nicht allen Wünschen anpassen können.(Erneute Heiterkeit.) Wir baten einmal einen Genossen, der als Schriftsteller einen gute» Ruf genießt, in das Pressebureau zu kommen und uns zu zeigen, wie es zu machen ist. Er hat sich den Beirieb angesehen, und gege» 8 Uhr vormittags meinte er, jetzt müßten doch eigentlich die Nach- richten kommen. Aber was nicht kam, das waren die Nachrichte». Wenn das Pressebureau nicht richtig funktioniert, tragen die Ge- nossen in der Parteipresse die Schuld. Entweder geben sie unS überhaupt keine Nachricht oder solche, die bereits in ihren Blättern erschienen find. Es war vorgesehen, daß der politische Redakteur der Parteipresse das Pressebureau bedienen soll. Aber statt dessen hat man die Mitarbeiter ausgesucht nach dem Gesichtspunkt: Wer kann am besten das Honorar gebrauchen.(Zuruf: Das können wir alle gebrauchen!— Heiterkeit.) So kommt es, daß wir Mitarbeiter haben, die unS erst ein bis zwei Stunden, nachdem das Blatt er- schienen ist, bedienen. Darunter leidet die Berichterstattung ganz außerordentlich. Wir haben alles getan, was wir tun konnten. Wir haben höfliche Briefe geschrieben und Briefe, die das Gegen- teil von Höflichkeit waren.(Heiterkeit.) Aber wir haben nichts er- reicht. Gerade aus Nürnberg bekommen wir gar nichts, eben- sowenig aus München und Hamburg, trotz aller Mühe, die wir uns gegeben haben. Soll das Presseoureau besser funk- tionieren, dann müssen in allen politischen Zentren des In- und Auslandes fest besoldete Berichterstatter angestellt werden. Aber das würde mit enormen Kosten verknüpft sein, und es soll ja immer nichts kosten. Davidsohn hat bemängelt, daß wir über Dublin so wenig berichtet haben. Soviel wir wissen, hat die Generalkommission sich um Nachrichten be- müht, aber es ist ihr nicht gelungen. Wir haben uns damit ge- Holsen, 4>aß wir Auszüge aus den„Vorwärts"berichten telephoniert haben. Wir können keine Nachrichten geben, die wir uns selbst nicht beschaffen können. Auch sind die Wünsche sehr verschieden. Ueber die Kommissionsberatungen im Reichstag will das eine Blatt lange Berichte, das andere nur ganz kurze Auszüge haben. (Die Redezeit wird verlängert.) Man könnte sagen, eS sollen zwei oder drei Berichte hergestellt werden. Aber im Pressebureau sitzen nur drei politische Redakteure, deren Arbeitszeit 13 Stunden be- trägt und die im Sommer nur a&e fünf Tage ernen Tag frei haben. Uns kann also nicht vorgeworfen werden, daß wir nicht mit dem nötigen Eifer bei der Sache sind. Wir haben einen Bei- rat für das Pressebureau, in dem fünf erfahrene Redakteure sitzen. Die werden bestätigen, daß wir uns feit Jahren um den weiteren Ausbau des Nachrichtendienstes bemühen. Bisher ist aber alles fehlgeschlagen. Meint man, daß das Pressebureau eine vollkommen verfehlte Gründung ist, so wird man am besten tun, es zu be- seifigen. Solange aber nicht der Weg zur Besserung gezeigt ist, weise ich alle Borwürfe gegen das Pressebureau zurück. (Schluß im Hauptblatt.). Bneffeafteti der Rcdafttton. Ile juristisch- Epreast»»»- fiabrt»««»-ustrast- 69, vor» vier Treppe» — Faprstuhl—, wochentäglich von iVt bis 7Vi Uhr abends, Eonnabend», von bis 6 Uhr abends statt. Jeder für de» Vriefiafte» bestimmten Anfragt ist ein«uchftade and eine Zahl als Merizctchcn deizusstgen.«riefliche Antwort wird nicht erteilt. Aufragen, denen keine Abonnementsquittuug beigefügt ist, werden nicht beantwortet. Eilige Fragen trage mau t» der eprechftnnde vor. M. B. Fragen Sie bei der Kopenhagener Glyptothek na ... �.. JO* fern' der Militärpflichtige das 25. Lebensjahr vollendet hat.— X. Ja. — W. I. 111. Läßt sich erst beantworten, wenn Sie uns angeben, in welchem Betriebe Ihr Sohn tätig ist und wieviel Arbeiter dort beschästtgt sind.— L. SS. Ja.— W. H. 1VS. Ihr Mann kann durch Erklärung beim Standesamt auch jetzt»och dem Kinde seinen Namen geben. Dadurch wird die Unterhaltspflicht deS Erzeugers nicht berührt. AuS dem ergangenen Urteil kann gegen denselben jederzeit vollstreckt werden. Erfüllt der Vormund seine Pflicht nicht, so machen Sie eine Eingabe an das Bor- mundschaftsgericht. Es kann auch beantragt werden, daß Ihr Mann die Vormundschast erhält.— A. ft. 50. Sie sind zur Kostenzahlung ver- pflichtet.— P. 100. 1. Leider ja. 2. Weitere Schritte sind aussichtslos: — H. 153. Kommen Sie mit dem Vertrage in die Sprechstunde.— SB. 84. 1. Nein. 2. Angemessene« Lagergeld je nach Inanspruchnahme und Höhe des Mietszinses. 3. In 30 Jahren.— M. E. 55. Falls im Wietsvertrag keine Verpflichtung sür Sie festgesetzt ist, den Mietsstempel zu zahlen, find Sie dazu auch nicht verpflichtet. Auf die Höhe der Kirchen- steuer hat die Höhe der Miete kewen Einfluß, sie richtet sich nach dem Staatseinkommcnsteuersatz.— P. B. 1863. Eine solche Verpflichtung ist im Gesetz nicht sestgelegt. Jedoch halten wir eine Strafe sür aus- geschlossen, da nach Ihrer Darstellung der Wächter sich nicht in b e- r e ch t i g t e r Ausübung seines Amtes besuvden hat.— M. 8. 1. Sosern gegen Ihre Schwester kew Schuldtitel vorliegt, kann sie auch nicht zur Ableistung des Offenbarungseides gezwungen werden. 2. In dem geschilderten Fall könnte Betrug angenommen werden.— W. M. Nein. Eingegangene Dnichrcbrifren. ®te Brüder Mört. Roman von Gustas as Gcijerstam.(Fischers Bibliothekl 5. Reihe, 8. Band.) 1 M.. in Leinen t.2S M. Sechs Oelde« ckbilder: Weitling, Lassalle, Marx, Engels, Liebknecht und Bebel. Preis zusammen 50 Ps. M. Ernst, München. » G wASSK ' Unserem Freunde und Ab- teilungsführer SKA® Gustav Gliese die herzlichsten Glückwünsch« zum 40. Geburtstag. Die Funktionare des 6. Viertels UcHtenberg. ÄIASSSSSHHEEGH sESGE«««-SSSÄSSk Unserem Genoffen 91A ninui• uÄl u' GEILuuiiii zu ihrer ftlbernen Hochzeit T die herzlichsten Glückwünsche. Kuren in Dl. Homeyer Wi Untersuchung., Fäden i. Harn usw. lil-ililiM. 81,«S, Spr. 10—2, 5— 9, Sonnt. 11—2. Honorar mähig, auch TeUzahl. Separates Damenzimmer. Orts- Krankenkasse für daS Tapezierer- Gewerde zu Berlin. Kassenlokal: Xeanderstr. LL Geöffnet werktäglich v. 8—2 Uhr. Nachdem der unterzeichneten Kasse die Fulaffung alS besondere Orts- Krankenkasse vom kgl. Oberverfiche» rungSami Groß-Berlm versagt worden und die hiergegen eingelegte Beschwerde vom Minister für Handel und Gewerbe .-wiesen ist, wird die Orts- ankcnkasse sür das Tapezierer-Ge- werbe zu Berlm am 31. Dezember 1913 geschloffen. Gemäß§ 301 der Reichsversicherungsordnung bringen wir dies mit dem ausdrücklichenHinweis zur öffentlichen Kenntnis, daß etwaig- Gläubiger ihre vermeintlichen An- sprüche innerhalb dreier Monate vom heutigen Tage ab im obigen Kassen« lokal schriftlich geltend zu machen haben. 275/12 Die Besriedtgung später einlausender Forderungen kann verweigert werden. Der Vorstand der Ort»- Krankenkasse fSt daS Tapezierer-Gewerbe zu Berlin. I. A.: H. Ludwig, Vorfitzender. Dr. Simmel Spezial-Arrt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41, Äp""»z 10— 2. 5— 7. Sonntags 10—12. Lo« nur 50 Pfg. Ziehung am 23. Septbr. LSchneidetnGhler Automobil- and Pferde- otterie 3 SOO(ie Winne 1. Werte r. Mark 100000 1. Hauptgew.: 1 Automobil Wert H. 15000 2 Hauptgew.: 1 Vi wer zu Wer« IM. 10000 Ion SO Pf. 11 Lose ans verschied. 1.» Tausenden 5 M, Porte u. Liste 80 Pf. extra durch das Oeneral-Deblt H.C. Kröger Berlin W 8, Frledrlchstr. 193a KWy sowie alle dureh Plakate MV kenntlichen Verkaufssteil. 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Zum Vergnügen erhebt nicht einmal der."'el- geschmähte Niederbarnim« Kreistag Stttiern, sondern weil die Steuern notwendig sind, um Aufwendungen zu bestreiten, die dem Kreise durch seine Lage zur Reichshauptftodt erwachsen. Wenn ab« d« Erlas; der angefeindeten Steuerordirung beschleunigt war- den ist, so ist das deshalb geschehen, weil die Einwohner deS Kreises es nicht verstehen können, weshalb sie in imm« zunehmendem Matze diese Laste» allein tragen sollen, während der größte Grund- besitzer im Kreise und zugleich die steuerkräftigste Stadt des Reiches mit ihrem bald 60 000 Morgen umfassenden Giiindbesitz von d« Einkommensteuer befreit ist.. m Dann«griffen mehrere Kreistagsabgeordnete das Wort, die sich zum Teil in wenig schmeichelhafter Weise über Berlin auS- lietzen. Eine leibhaftige Exzellenz, Ritter hoher Orden PP., brachte es sogar fertig, von Gesindel zu reden, das unserem Kreise durch die Nähe Berlins aufgehalst werde. Auch der bekannte Freiherr von Zedlitz hat sich dahin ausgesprochen, dah« der Verwaltung des 5fteises nur Glück wünschen könne zu d« neuen Steuerordnung. Wenn er Landoat des Kreise« wäre, würde er Berlin gegenüber genau so verfahren. Auch seine Meinung will er der Stadt Berlin noch sagen. Unsere Genossen gaben die Erklärung ab, daß sie in diesem Falle gegen die Erhöhung der Steuer gestimmt hätten, wenn die Beweggründe dazu vorher bekannt gewesen wären. Sonst würden sie natürlich für die höhere Besteuerung privater Grund- stücksspekulanten immer zu haben sein. Nach diesem Vorspiel wurde in die eigentliche Tagesordnung eingetreten, deren wichtigster Punkt die Beratung deS neuen Statuts der allge- meinen Ortskrmnkenkasse Niederbarnim war. Zuerst ein im Reserveleutnantswn gehaltenes Referat!, und dann prompte Ablehnung fast aller Anträge, die unsere Genossen im Jnt«esse d« 80 000 Mitglied« der neuen Kasse gestellt hatten. Die Ablehnung erfolgte selbst in solchen Fällen, wo der Referent ihre Annahme als unbedenklich bezeichnete. Angenommen wurde ein Antrag, der den Beitritt von fteiwilligen Mitgliedern bis zu« S0. Lebensjahre gestattet. Im Entwurf waren 4b Jahre borge- sehen. Weit« ein Antrag, wonach der Vorstand berechtigt ist, erkrankten Mitgliedern den Aufenthalt in ein« Erholungsstätte zu gewähren und außer dem Krankengeld den Botrag des Fahrgeldes, sowie die Kosten des Mittagessens aus Kassenmitteln zu bestreiten. Die Fürsorge für Genesende, namentlich durch Unterbring-mg m ein Genesungsheim, kann bis zur Dau« von 43 Wochen nach Nb-> lauf der Krankenhilfe gewährt werden. Im Entwurf waren 6 Wochen vorgesehen. Für Mitglieder, welche im Laufe der Woche von einer cmd«en Kasse übertreten, tritt Befteiung von der Zah- luna des Wochenbeitrages ein, wen» sie den zweckentsprechenden Nachweis der Beitragsleistung in der anderen Kasse erbringen. Nack der Vorlage sollte die Erhebung des Beitrages selbst in den Fällen«folgen, wo derselbe für dieselbe Woche in einer anderen Kasse gezahlt war. Der Entwurf sah weiter die Beschlußfähigkeit deS Ausschusses bei 40 Anwesenden vor. Jetzt heißt es die Hälfte. Auch ein Kurios um sei erwähnt. Bei den Versammlungen des Ausschusses sollten Verhandlungscmträge nur zulässig sein, wenn sie von mindestens 80 Vertretern schriftlich gestellt sind. Demnach konnten die Arbeitgeber, deren Zahl im Ausschuß nur 20 beträgt, selbständig überhaupt keinen Antrag stellen. Es bedurfte«st dieses Hinweises, um die Zahl der Unterzeichn« von Anträgen auf 10 herabzusetzen. Ebonso war von uns beantragt, daß die Kündigung oder Entlassung von Angestellten, die d« Dienstordnung unt«- stehen, nach fünfjähriger Beschäftigung nur aus einem wichiigen Grunde stattsindcn darf. Dieser Antrag fand Zustimmung. Alles andere wurde abgelehnt. Beantragt war die Gewährung sogenannter klein«« Heilmittel und Hilfsmittel bis zum Betrage von S0 M. auszusprechen. Es bleibt bei 30 M. Abgelehnt wurde weiter unser Antrag, daß die Leistungen der Kasse nicht gekürzt werden, wenn ein Versicherter gleichzeitig aus ein« anderen Versicherung Krankengeld«hält. Der Referent wies auf die Unbedenklichkeit der Annahm« dieses Antrages hin. Auch der Hinweis unser« Genossen, daß durch eine entgegen- gesetzte Bestimmung nur die offenherzigen und ehrlichen Mitglieder getroffen werden, vermochte die Herren nicht umzustimmen. Der Ablehnung verftelen auch unsere Anträge, die die Gewährung von Schwangerenunterstützung und Zahlung von Stillprämien vor- sahen. Besonders bezüglich der letzteren verwies man uns auf die private Säuglingsfürsorge und— auf die Hilfe der Regierung. Als St«begeld sah die Vorlage 60— 150 M. vor. Unsere Vertreter beantragten eine Staffelung von 50— 180 M. Es erfolgte Ab- lehnung mit d« Begründung, daß man bei der Bemessung der Unterstützungen die größte Vorsicht walten lassen müsse. Auch die beantragte Gewährung von Sterbegeld beim Tod« eines nicht- versich«ten Ehegatten(FamiNenhilfe) fand wegen der voraussichtlich hohen Belastung keine Gnade. Eine recht engherzige Bestimmung bleibt ebenfalls bestehen. Sie lautet, daß der Erkrankte während desselben UnterstützungSfalleS den Arzt nur mit Genehmigung deS Vorstandes wechseln darf. Der AbänderungSantrag, der mehr Be- Wegungsfreiheit verlangte, fiel glatt unter den Tisch. Weitere An- träge, die die Erhöhung der Zahl der Vorstandsmitglieder von S auf 18 und die der Ausschußmitglieder von 60 auf 90 forderten, wurden trotz deS Hinweises, daß 80 000 Versicherte, die über so viele Orte zerstreut sind, in solch kleinen Körperschaften keine ge- rechte Vertretung haben, abgelehnt. Eine» geradezu klassischen Beweis von Mittelstandsfeindlichkeit lieferte dies Parlament mit der Ablehnung der Anträge, die eine Kürzung der Arbeitgeber- stimmen bei den Ausschußwahlen forderten. Demnach bleibt es bei der Fassung, daß ein Arbeitgeber bis zu 30 Stimmen führen darf, während wir als höchste Zahl 5 gelten lassen wollten. Vom Referenten selbst wurde zugestanden, daß dies« Passus eigens zu dem Zweck aufgenommen sei, um die Großindustrie für ihre höheren Beitragsleistungen zu entschädigen. Die Sozialdemokraten als Retter des Mittelstandes! Auch eine Vereinfachung der AuS- schußwahlen konnte nicht erreicht werden. Beantragt war, daß der Kassenbezirk den Wahlbezirk bildet. Nach' erfolgter Ablehnung verbleibt es bei der Einteilung in 14 Wahlbezirke, deren jeder getrennt wählt. Auf die Wahlkreisgeometrie kann man gespannt sein. 8 93 enthält die Bestimmung, daß der Vorsitzende dem Ver- sicherungsamt— will sagen Landrat— von der Anberaumung jeder Sitzung rechtzeitig Kenntnis zu geben hat. Vergeblich wiesen wir darauf hin, daß es Sache deS VersicherungSamtes sei, sich selbst darum zu kümmern. Durch diesen Passus sollen angeblich die guten Beziehungen des Vorstandes zum Versicherungsamt aufrecht er- halten werden. Auch der Antrag, die Beamten der aufgelösten Kassen zu übernehmen, wurde abgelehnt, nachdem der Referent betont hatte, daß es dem neuen Vorstande überlassen bleiben muß, einzustellen, wen er will. Nach dem ganzen Verlauf dieser Be- ratung wird es Sache der Versicherten sein, bei den kommenden Ausschußwahlen alle Kräfte anzuspannen, um nicht nur den nötigen Einfluß auf die Leitung der Kasse, sondern auch auf die Ver- waltungspraxis derselben ausüben zu können. Aus ganz bestimmten Aeußerungen ist zu entnehmen, daß die Organisation der neuen Kasse vom Verficherungsamt übernommen wird. Punkt 2 der Tagesordnung brachte die Annahme deS Antrages auf Beteiligung des KreiseS an der zu gründenden GaSwerkSver- einigung Niederbarnim-Ost.(Siebe Vorwärts vom 29. August.) Unter Punkt 3 erfolgte die Wiederwahl der ausscheidenden KreiSausschußmitglieder Freiherr von Veltheim-Schönslietz und Bürgermeister Petzold-Bernau. Mit d« Wahl von Sachverständige» zur Abschätzung d« L«ldliefer»ugen rot Fall««net Mobilmachung«reicht« die Tagung Hr Enoe, parte!- Hngelcgcnbeiten. Charlottenburg. Der hiesige Wahlverein hält heute, abends 8'/2 Uhr, im Volkshause, Rosinenstraße 3, eine Mitgliederversamm- lung ab. Auf der Tagesordnung steht: 1. Bericht der Stadt- verordnetenftaktion. 2. Diskussion. 8. Vereinsgelegenheiten. 4. Ver- schiedenes. Es wird zahlreiches, pünktliches Erscheinen erwartet. Mitgliedsbuch legitimiert. Steglitz-Friedena«. Donnerstag, den 13. September, abends 8 Uhr, im.Birkenwäldchen*, Steglitz, Schützenstraße: Lichtbildervortrag:.Unsere heutige Kenntnis von der Abstammung des Menschen*. Vortragender: Genosse M. H B a e g e. Eintritt 20 Pf. Karten sind bei den Bezirks- jührern und Hauskafsiere» zu haben. Der BildmigS- und Fugendausschuß. Tempelhof. Mittwoch, den 17. d. MtS., abends 8l/t Uhr, im „Wilhelmsgarten*, Berlin« Str. 9: Mitgliederversammlung. Tages« ordnung: 1. Vortrag. 2. Bericht von der Kroisgeneralversammlung. 3. Verschiedenes. Adlershof. Heute Dienstag, abends pünktlich Uhr, findet im Jugendheim der zweite Vortrag.Zur Einführung in den wissen- schaftlichen Sozialismus* statt. Die Genossen werden ersucht, sich rege zu beteiligen. Die Vorträge sind völlig unentgeltlich. Teltow. Mittwoch, den 17. September, abends 8'/, Uhr: Mit- gliederversammlung. PotSda». Am Mttwochabend w allen Bezirkslokalen Zahl- abend. Spandau. Heute Dienstag, den 16. September, abends S'L Uhr, im Lokal von Emil Köpnick, Pichelsdorfer Str. 39: Mitglieder- Versammlung(Fortsetzung vom 26. August). 1. Fortsetzung der Dis- kussion zum Vortrag über den politischen Massenstreik. Der Referent Genosse Emil Eichhorn ist anwesend. 2. Bericht von der letzten KreisgeneraUwrsammlung. 3. Bericht von d« Provinzialkonferenz. LerUner Nacbrlcbten, Der Berliner Magistrat und der Fall Lanke. Zu der Erklärung des Landrats von Ried«barnim über die Er- höhung d« KreiSumsatzsteu«, die am Sonnabend im Nieder- barnim« Kreistag erfolgt«, gibt der B«liner Magistrat durch das Nachrichtenamt bekannt: .Im Niederbarnim« Kreistag hat dessen Vorsitzender am 13. September sich bestrebt, die schwere Klage zu entkräften, welche von der Stadt Berlin und nicht von ihr allein gegen den Kreis erhoben worden ist, weil er die gemeinnützige, opfermütige Er- Werbung Lankes mit ein« in Eile zustande gebrachten Sondersteuer belegte. Wir nehmen an, daß Berlins Vertretung die nächste in der Oeffentlichkeit sich bietende Gelegenheit wahrnehmen wird, um diesen Widerlegungsverfuch im einzelnen zu beleuchten. Nachdrücklich her- vorhoben müssen wir aber schon jetzt, daß die Beweisführung des H«rn Landrats geeignet ist, den eigentlichen Gegenstand der Beschwerde Berlins ans dem Auge zu rücken und zu verhüllen. Das gilt besonders von dem Bestreben, die seit Jahren und Jahrzehnten im Kreise Niederbarnim befindlichen Berlinischen Rieselfelder als für den Kreis und dessen Steuerkraft schädlich dar- zustellen. Berlin wird fich«lich nicht ermangeln, einmal in zu- sammengefaßter Darlegung vor Augen zu führen, welche weit- reichenden Borteile vermögensrechtlicher und anderer Art die Rieselfelderwirtschaft, die übrigens doch auch an sich lediglich dem öffentlichen Wohle dient und für die Reichshauptstadt nicht Einnahmen, sondern Ausgaben zur Folge hat, gerade im Kreis Niederbarnim bringt. Aber durch solche Erörterungen darf die Stadt Berlin sich ihre gerechte Beschwerde über den vorliegenden Steuerfall nicht hinzögern oder verkümmern lassen. Bei dem Erwerb von Lanke stehen die gemein- nützigen Zwecke West im Vordergrund«, welche nicht der Riesel- Wirtschaft Berlins, sondern der Gesundheit und Wohlfahrt der ganzen Bevölkerung der Großstadt dienen. Zudem handelt eS sich hier um die Vorteile oder Nachteile de» Berliner Grundbesitze? für den Kreis Niederbarnim überhaupt nicht, sond«n darum, ob das Steuerrecht dazu gebraucht werden darf, um«inen vor dem Abschluß stehenden einzelnen Rechtsvorgang noch schnell mit einer Steuer zu belegen. Auch die Reinickendorf— Liebenwald« Bahn steht mit der vom Kreise im Falle Lanke beliebten Handhabung sein« steuerrechtlichen Befugnisse in keinem wie immer gearteten Zusammenhang. Die Darlegungen, welche der Berlin« Magistrat hinüber in die Lanker Vorlage aufgenommen hat, beruhen auf zuverlässiger In- formation. Sie sollen außer Zweifel stellen, daß zugunsten der Bahn katkrästige Bestrebungen im Gange find, denen es, wenn ihnen nicht unnötig« Widerstand entgegengesetzt wird, sicherlich gelingen werde, die jetzt nach allgemeinem Urteil sehr zurückgebliebenen Verkehrsverhältniss« der Bahn zu heben. Diese Bestrebungen finden in weiten Teilen deS Kreises Niederbarnim selbst die lebhafteste Unterstützung und entspringen der wohlerwogenen Würdigung starker Interessen, die durch den zu «wartenden gesteigerten Besuch Lankes wesentlich gefördert werden. Es ist also durchaus abwegig, wenn der Versuch gemacht wird, der Stadt Berlin die Verantwortung dafür aufzubürden, ob der Kreis und die sonstigen Teilhab« der Bahn deren Betrieb kräftiger als bisher i» die Hand nehmen werden. Und jedenfalls hat diese Frage mit der Besteuerung deS Lank« Verkaufe? nicht das mindeste zu tun.* Die StaatSregierung wendet sich in einer durch das„W. T. B.* verbreiteten amtlichen Erklärung gegen die in der Stadtverordneten- Versammlung erhobenen Angriffe, daß sie die vom Niederbarnimer Kreistag beschlossene Umsatzsteuer mit besonderer Beschleunigung ge- nehmigt habe. In der Erklärung wird weiter der Satz von 1 Proz. als nicht besonders hoch bezeichnet und betont, daß u. a. auch für den Kreis Teltow eine solche Steuer genehmigt worden sei. An unsere Abonnenten! Unsere Zeitungsausgabestelle, bisher Salzwcdeler Str. 8, verlegen wir am Mittwoch, den 17. September, nach der Wilhelmshavener Str. 48, Laden, und die Ausgabestelle. bisherRheinsberger Str. 67, nach der Wattstr. 9, Laden, an der Usedomslraße. Wir bitten unsere verehrten Abonnenten, alle Bestellungen. Ummeldungen, Inserate usw. vom 18. September ab an die neuen Adressen zu richten. _ Die Hauptexpedition. Frauenmord in der Palisadenstra�e. Gestern vormittag machte ein Beamter des 44. Polizeireviers in der Palisadenstraße einen grauenhaften Fund, der auf ein Kapital- verbrechen schließen läßt. Der Arbeiter Gottlieb Buder, der in der Palisadenstraße 6g im Ouergebäude mit seiner am 15. Mai 1846 zu Meseritz geborenen Frau Wilhelmine eine Küche bewohnte, sprang am Donnerstag vorig« Woche nachmittags in d« Schle« fischen Straß« in dt« Spree, wurde ab« gerettet und zunächst nach dem Kranlenhause am Urban gebracht. Hier«kannte man, daß man es mit einem Geisteskranken zu tun hatte. Der Unglück- liche wurde nach Herzberge gebracht, nachdem man ihm eine Ver- letzung an der rechten Halsseite, deren Herkunft noch nicht bekannt war, verbunden hatte. Gestern vormittag sollte nun ein Beamter deS 44. Reviers in der Wohnung feststellen, ob Frau Buder mit der Unterbringung ihres Mannes in der Irrenanstalt einverstanden sei. Der Beamte klopfte wiederholt an die Tür, erhielt aber keim Antwort. Als � nun Leute aus dem Hause erzählten, daß sie schon seit Donnerstag voriger Woche Frau Buder nicht mehr gesehen hätten, setzte der Beamte eine Leiter an, öffnete das Fenster und stieg ein. In der ärmlich eingerichteten Behausung bot sich ihm ein schrecklicher Anblick. Auf einem Sack, der auf dem Fußboden ausgebreitet war, lag Frau Buder tot da. Sie lag auf dem Rücken mit einem Kissen unt« dem Kopfe. Die Leiche war mit einem Kopftuch zugedeckt. Die Hände waren auf der Brust ge- faltet. Als der Beamte das Tuch entfernt hatte, entdeckte er eine große Menge geronnenen Blutes, das aus Mund und Nase gefloffen war, und neben dem Kopf auf dem Kiffen einen Strick. Bald darauf erschien die Mordkommission, die Kriminalkommissare Hoppe und Schlosser und Beamte des Erkennungsdienstes, außerdem Bezirkskommiffar Dr. Grllnberg, Amtsrichter Dr. Kohle und von der Staatsanwaltschaft Assessor Dr. Rusche, um den Tat- bestand aufzunehmen. Die Gerichtsärzte Medizinalrat Dr. Hoffmann und Dr. Strauch stellten fest, daß der Tod der alten Frau durch Strangulationen herbeigeführt worden ist. Der Täter ist nach den weiteren Ermittelungen der Kriminalpolizei ohne Zweifel der Ehe- mann der Getöteten, der am 11. Oktober 1847 zu Grutke bei Meseritz geborene Arbeiter Gottlieb Buder. Das wird aus den nachfolgenden Tatsachen geschlossen. Nach seiner Einlieferung im Krankenhause Am Urban begann Buder bald wirre Reden zu führen. Er beklagte sich, daß er seit Jahren verfolgt werde und erzählte, daß er sich jetzt mit dem Beil habe das Leben nehmen wollen, weil seine Frau auch tot sei. Wann und wie die Frau gestorben sein könnte, davon sagte er nichts. Buder wurde nun als geisteskrank sobald als möglich nach der Irrenanstalt Herzberge ge- bracht. Die Prüfung des Befundes in der Wohnung und die eigenen Angaben des Mannes lassen erkennen, daß Buder nach Erdroffelung seiner Frau sich die Verletzungen mit dem Messer und dem Beil, die gefunden wurden, selbst beigebracht hat. Von ihm rührt auch die Blutlache am Bett neben der Tür her. Seiner Frau hat er, soweit die Besichtigung der Leiche ergab, mit diesen Werkzeugen keine Ver- letzungen beigebracht. Um sie zu töten, gebrauchte er lediglich den Strick. So scheint es wenigstens. Genaues kann im einzelnen erst die Obduktion ergeben, die auf heute Dienstag, nachmittag 2 Uhr, angesetzt ist. Die Leiche wurde nach den erforderlichen Photo- graphischen Aufnahmen und sonstigen Feststellungen am Tatort nach dem Schauhause gebracht._ Hilflos gestorben! Ueber den Tod eines Kindes macht man uns Mitteilungen. die sehr befremdlich klingen. Ein in Neukölln wohnendes Ehe- paar S. gab einen acht Monate alten Knaben täglich in die Krippe (Kanner Straße), weil neben dem Vater auch die Mutter erwerb- tätig war und tagsüber nicht zu Hause sein konnte. Als der Kleine zu kränkeln anfing, versicherte die in der Krippe tätige Pflegeschwester, es sei nur eine Halsentzündung. Das sagte sie' auch am Abend des Dienstag, und noch am Mittwoch wurde das Kind wieder zur Krippe gebracht. Am Morgen des Donnerstag aber hatte der Zu- stand sich so verschlimmert, daß die Mutter mit dem Kleinen nach Berlin zur Klinik in der Ziegelstraße fuhr. Hier erklärte man, es liege eine Lungenentzündung vor, das Kind solle unverzüglich der C h a r i t ü überwiesen werden. Die Mutter wollte das sofort tun, und zur Beschleunigung nahm sie trotz der Kürze des Weges eine Droschke. Von den Aufnahmeverhandlungen, die in der' Charitö geführt wurden, gibt sie folgende Schilderung. Sie meint, man habe sie gefragt, ob sie Geld bei sich habe. Nachdem sie das verneint hatte, habe man ihr geraten, den Magistrat von Neukölln um Auf- nähme des Kindes im Neuköllner Krankenhaus zu bitten. Man habe ihr jetzt auch gesagt, daß in der Charitö gar kei» Platz für das Kind frei sei. Ein Beamter der Charitö habe noch versucht, durch telephonische Anfrage bei mehreren Anstalten eine Aufnahme zu erwirken, doch sei das erfolglos geblieben. Die Mutter verließ schließlich, so schildert sie weiter den Hergang, mit dem kranken Kinde die Charitö, um Heimzusahren. Der draußen noch wartende Droschken- kutsch«, dem sie erst jetzt die Fahrt von der Klinik zur Charits bezahlte, nahm ihr nicht den vollen Betrag, sondern nur 40 Pf. ab. Dafür fuhr er hilfbereit sie auch noch bis zur Straßenbahn, auf der sie nach Neukölln gelangen konnte. Im Straßenbahnwagen erregte die Mutter. die weinend ihr schwerkrankes Kind in den Armen hielt, Aufsehen bei den Mit- fahrenden. Der Schaffner sprach die Vermutung aus, daß daS Kind wohl schon im Sterben sei. Als Frau S. in Neukölln vor ihrer Wohnung eintraf, schickte sie in ihrer Angst noch von der Straße aus eine Nachbarin zu einem Arzt. Dies« kam bald, nach Verlauf etwa einer Biertelstunde, aber et konnte nur noch fest- stellen, daß das Kind schon tot war. In der Krippe. wo die Erkrankung des Kindes für minder schwer gehalten worden war, wunderte man sich nicht wenig über den raschen Tod. Wundern muffen wir uns auch darüber, daß ein so schwer krankes Kind nicht in der EharitS zurückbehalten worden ist. Die Frage nach Geld, von der die Mutter erzählt, scheint uns jjanz unverstandlich. Wenn sie die dort geführten Verhandlungen richtig ausgefaßt hat, so bleibt nur die Annahme übrig, daß in der Charitö tatsächlich für das Kind kein Platz zu schaffen war. Wir hätten es dann hier wieder einmal mit einem Fall zu tim, der aufs neue zeigt, wie dringend nötig die Vermehrung unserer Kinder kranken« Häuser ist.___ Ein internationaler Lebemann und Schwindler» der unter den Namen Fürst Dolgoruli, Baron v. Rosen u. a. m. in aller Welt aufgetreten ist und von verschiedenen Strafbehörden ge- sucht wurde, fiel gestern nach einem neuen Schwindel der hiesigen Kriminalpolizei in die Hände. Am Sonnabendabend machte sich im Metropoltheater bei der Premiere ein Kavali« an zwei Herren heran, stellte sich als Fürst Dolgoruki vor und besuchte mit ihnen später ein Weinlokal in der Jägerstraße. Die beiden Herren waren hier bereits wohlbekannt und ihr Begleiter gab sich den Anschein, als ob er ihr bester Freund sei. So hatte denn der Wirt nicht die geringsten� Bedenken, als der ihm sonst fremde Gast ihm die mäßige Zeche mit einem Scheck über 1000 M. auf den Credit Lionais bezahlie. Ohne das geringste Mißtrauen gab er den Ueberschuß heraus. Erst später erfuhr der Wirt, daß die beiden bekannten Gäste ihren Begleiter auch eben erst kennen gelernt hatten und nichts Näheres von ihm wußten. Der Wirt zweifelte nun, daß der Name des Gastes auf dem Scheck richtig sei, und machte Anzeige bei der Polizei. Diese ermittelte gestern den Verdächtigen in einem anderen Nachtlokal und nahm ihn fest. Der Verhaftete entpuppte sich als ein 1885� geborener kurländischer Baron Iwan Engelhardt, der ftiiher in einem russischen Regiment Offizier war, seitdem aber ohne Geld den Globetrotter spielte und üb«all Schulden machte und Betrügereien verübte. Aus der Krankenhausverwaltuug. Die jüngste Sitzung der städtischen Kranke« hau.s« deputatisu hat verschieden« die Allgemeinheit wterrjfierende Beschlüsse gezeitigt. Die Stadtverordnetenversammlung hatte be- kanntlich zur Beschaffung von 200 Milligramm Mesothorium 20 000 M. bewilligt; außerdem erklärte sie sich mit dem vom Magistrat vorgeschlagenen Ankauf von 600 Milligramm Radium zum Preise von 222 000 M. einverstanden. Für die Behandlung geeigneter Krebskranken mit diesen so- genannten � radioaktiven Stoffen sollen zunächst im Virchow- krankenhause 20 Betten zur Verfügung gestellt werden. Hier sollen Kranke aus allen Anstalten— auch den Siechenhäusern— unter Aufsicht ihrer Aerzte behandelt werden. Hoffentlich gehen die Erwartungen, welche an diese neue Behandlungsart sich knüpsen, in Erfüllung.— Alsdann gelangte jener Fall zur Verhandlung, der den Lesern des»Vorwärts" noch aus einer Beschwerde vom 1. August iit Erinnerung fein dürfte. Im Kinderkrankenhause an der Reinickendorfer Straße war eines Nachts ein zehnjähriger Knabe, der mit Scharlach eingeliefert worden war, aus seinem Bett aufgestanden, zog die Hose eines anderen kranken Knaben an und sprang durch das offene Fenster des im Erdgeschoß liegenden Saales aus einer Höhe von etwa zwei Metern in den Garten hinab. Er erhob sich unverletzt vom Nasen, lief nach dem Tor der das Anstalts- grundstück gegen die Straße abgrenzenden Mauer, kletterte über die Eisenstangen der Gittertür und gelangte ohne Sturz glücklich ins Freie. Er war aber inzwischen bereits bemerkt worden, und eine mit dem Portier nacheilende Schwester erwischte auf der Straße den kleinen Ausreißer. Die Schuld an dem Fluchtversuch des Iranken Kindes traf nicht die diensttuende Nachtschwester, die in jener Nacht mehrere Räume mit zusammen 45 Kindern gleich- zeitig zu beaufsichtigen hatte. Hier lag eine bedauerliche Unzulänglichkeit der Beaufsichtigung vor; die Krankenhausdeputation mußte eingreifen und schlennigst das Nötige tun, um eine Wiederholung solcher Fluchtversuche nach Möglichkeit zu verhüten. Der von einer Seite gemachte Vorschlag durch Einbau von Fensterscheiben in die Trennungs- wände der Krankenzimmer des Scharlachpavillons der diensttuenden Schwester einen befferen Ueberblick über die Patienten zu ermög- lichen, wurde als unzweckmäßig empfunden. Angenommen wurde der Antrag des Genossen Dr. Wehl, eine Reorganisation des Pflege- dienstes vorzunehmen, um die Räume durch eine größere Anzahl von Schwestern beziehungsweise Pflegerinnen überwachen zu lassen. — Am 29. Mai d. I. hatte die Stadtverordnetenversammlung auf Antrag des Magistrats beschlossen, den zwischen der Stadtgemeinde und der königlichen Charits bestehenden Vertrag vom 31. März 1879 — betreffend die Errichtung eines Jrrcndepots in der Charits— zu kündigen. Unter willkürlicher Ausnutzung der städtischen Langmut und der städtischen Finanzen hatte die Charitsdirektion ohne vor- herige Genehmigung der Stadt oder der Armendirektion alle Woche ihre überzähligen Geisteskranken nach Dalldorf abgeführt, auf Grund dieses ganz unglücklich gefaßten Vertrages; Es war der Charitö gleichgültig, ob eine Verpflichtung der Stadt bestand oder nicht. Nicht nur diejenigen, die Ortsangehörige waren, wurden uns zugewiesen, sondern alle, die sie nicht mehr gebrauchen konnte, die sie los werden wollte. Bei der Besprechung dieser Vor- läge in der Stadtverordnetenversammlung führte der Redner unserer Fraktion, Genosse Dr. Zadel, aus, daß jetzt, wo wir die Charits nicht inehr brauchen, die Stadt auch die Pflicht hat, bei plötzlichem Aus- bruch gemeingefährlicher Geisteskrankheit, für Tobsüchtige usw. besser zu sorgen als bisher. Künftig sollen die Geisteskranken unmittelbar einer städtischen Irrenanstalt zugeführt werden und in besonders eiligen Fällen eine vorübergehende Aufnahme in einem städtischen Kranken- Hause finden. Dazu sind erforderlich mehrere sichere Jsolierräume und genügendes sachverständiges Wartepersonal. Im Verfolg dieser Betrachtungen beantragte nunmehr� Genosse Dr. Wehl in der Krankenhausdeputation: in allen städtischen Krankenhäusern aus- reichende Einrichtungen zur vorübergehenden Unterbringung von Geisteskranken zu treffen. Nach den Feststellungen der Verwaltung sind im Urban- und im Virchow-Krankenhause geeignete Räume und geschultes Wartepersonal vorhanden. Auch im Moabiter und FriedrichShain-Krankenhause mangelt eS nicht an sicheren Isolier- räumen, wohl aber an geeigneten Pflegern. Der obige Antrag unseres Genoffen wurde zum Beschluß erhoben, und die zuständigen Direktionen angewiesen, für schleunige Ausbildung einer Anzahl Pfleger in der Wartung von Geisteskranken Sorge zu tragen. Unter einem umstürzenden Wagen erdrückt. Einen schrecklichen Tod fand der JZjährige Arbeiter Paul Schneider, Schenlestr. 6a zu Karlshorst. Sch. war in der Dampf- sägerei von Radge am Wilhelmsstrand in Ober-Schönetveide be- schäftigt. Als er am Sonnabendabend init anderen Kollegen einen Wogen, der mit Holzplatten hochbeladen war, über den Hof nach der Hebebühne transportierte, kippte das Gefährt, dessen Ladung verrutscht war, plötzlich um. Während es den anderen Arbeitern gelang, sich schleunigst in Sicherheit zu bringen, konnte Sch. nicht mehr zur Seite springen. Er wurde unter dem Wagen und der Ladung begraben. Obwohl sich die Kollegen sofort daran machten, den Verunglückten aus seiner qualvollen Lage zu be- freien, vermochte man Sch. nicht mehr zu retten. Der Bedauerns- werte war unter der schweren Last erdrückt worden. Er hinter- läßt eine Witwe mit mehreren unmündigen Kindern. Am Donnerstag, den 18. September, abends 3'/» Uhr, geben die Thiloschen Chöre mit dem gesamten Berliner Phil- harmonischen Orchester im großen Saal der Brauerei Friedrichshain ein Konzert. Zur Aufführung gelangen u. a. »Matrosenchor" aus dem„Fliegenden Holländer" von Wagner, Erntelied von Fried, Chor mit großem Orchester. Als Solist ist der erste Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters, Herr Thornberg, gewonnen. Kinder unter 10 Jahren haben keinen Zutritt. Mctropol-Theater. Auf das Genre des Metropol-Theaters hat die von den Berliner Gemeindebehörden beschlossene Lustbarkeils- steuer einen bestimmenden Einfluß geübt. Die seit elf Jahren im Metropol gepflegte JahreSrevue, welche der neuen Steuerordnung unterliegen sollte, ist ersetzt worden durch das S ch a u st ü ck.„Die Reise um die Erde in 40 Tagen" ist die diesjährige Herbst- novität betitelt, die in Anlehnung an die Idee des Jules Berneschen Romans in drei Akten und 19 Bildern die Reiseabenteuer des Sohnes von Philius Fogg auf die Bühne bringt, die er auf der von ihm infolge einer Wette unternommenen Weltreise überstehen muß. Die Reise führt uns nach Rußland, Sibirien und China. Wir erleben die Paß- und Zollplackereien, die durch den Rubel beseitigt werden. Die Schwierigkeiten der Beförderung in dem schneeverwehten Sibirien kommen uns zum Bewußtsein und schließlich genießen wir die Pracht eines Festes in Peking. Dann geht die Reise nach Japan, wo wir die den Geist zerrüttenden furchtbaren Wirkungen des Dämons Opium in ihrer ganzen Tragweite kennen lernen. In bunter Abwechselung begleiten wir Mister Fogg mit seinem Kammerdiener Passepartout nach dem Hafen in New Dork, sehen einen Ball an Bord, eine Kala- strophe. den Kampf mit den Wellen, landen in Cherbourg, von wo aus es im Aeroplan zurück nach London geht, wo nach Ueberwindung der ersten Einbildung, die gemachte Wette verloren zu haben, ein großes Fest im Exzentrikklub stattfindet. Das neue Stück ist reich an interessanten witzlgen Emfallen und hübschen Schagern, wozu Jean Gilbert die Vertonung geliefert hat. Und was die Hauptsache ist, es gibt der rührigen Direktion von neuem Gelegenheit zu großartiger Prachtentfaltung sowohl was Beleuchtung wie Kostümierung betrifft. Eine solche Modenschau, wie sie im Schlußbild zu Tage tritt, dürste kaum gesehen worden sein. Das trifft aber auch auf das Premierenpublikum ani Sonnabend zu. Welcher Aufwand von der Berliner Gesellschaft da gezeigt wurde, ist kaum zu sagen... m.. Um das Gelingen der Neuheit machten sich wie immer Giampietro (als Mister'Fogg) und Guido Tielscher j Kammerdiener Passepartout) verdient, zu denen sich die Herren Bachmann und Alfred Schmasow und die Damen Ballot und Ruska gesellten.___ Weräntwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für de» Schwere Strastenbahnunfälle. Ein schwerer Unglücksfall hat sich gestern morgen gegen'V,? Uhr in der Prenzlauer Allee ereignet. Dort versuchte an der Ecke der Wichertstraße der Arbeiter Karl Stegemann auf einem Zweirade vor einem in der Richtung nach Mariendorf fahrenden Straßenbahn- wagen der Linie 73 das Gleis zu kreuzen. Er wurde jedoch an- gefahren, umgestoßen und geriet unter den Vorderperron, mir dem rechten Arm unter den Schutzrahmen. Der Verunglückte wurde durch Anheben des Wagens befreit und dann nach der nächsten Unfall- station gebracht. Hier wurde festgestellt, daß Stegemann einen Bruch der Wirbelsäule erlitten hatte. In hoffnungslosem Zustande fand der Arbeiter Aufnahme im Krankenhause Friedrichshain. Vor dem Hause Jnvalidenstraße 152 wollte Fräulein Johanna Schwarz vor einem herannahenden Straßenbahnwagen der Linie(4 das Gleis überschreiten, sie wurde von dem Bahnwagen erfaßt und umgestoßen. Die Sch. geriet mit beiden Beinen unter das Schutz- bretl des Vorderperrons und trug Bruch beider Oberschenkel davon. Nachdem die Verunglückte auf der nächsten Unfallstation Notverbände erhalten hatte, wurde sie nach demKrankenhause Friedrichshain geschafft. Der Zirkus Busch eröffnete am Sonnabend seine diesjährige Saison mit einem ausverkauften Hause. Fast scheint es, als ob die zirzensische Kunst ihr bestimmtes Publikum hat, das mit Ungeduld des Tages harrt, an dem auf diesem Gebiet die Saison beginnt. Das Progranim wies neben einer Reihe von Freibeitsdresiuren einige besonders sensationelle Darbietungen auf. In Kapitän Wall, dessen Vorführungen mit seinen Alligatoren lebhaftes Interesse erregten, sahen wir einen vorzüglichen Taucher, der unter dem Wasser raucht, ißt, trinkt und arbeitet. Als artistisches Rätsel war schon Tage vorher„Das Mirakel" angekündigt worden. Wenn auch dieses Mirakel hoch oben an einer globusartigen Kugel mit dem Kopf nach unten hängend geht und mit dem Fahrrad gefahrvolle Fahrten aus- führt, so schien es doch, als ob sich das Publikum seine eigenen Gedanken machte. Denn ohne elektrische Energie oder magnetische Kraft wäre dem Mirakel das„artistische Rätsel" wohl nicht geglückt. Aus der Fülle des Gebotenen erwähnen wir außerdem die von Herrn Emerich Ankner auf einem Schimmel aus dem russischen Gestüt Orloff gerittene hohe Schule, sowie die Pferdedressur des Herrn Jean Bono mit seinen vier Schimmelhengsten als Turm- springer. Die Tricks des Mr. Bricet in der Szene„Mensch oder Puppe" wirkte zwar verblüffend, doch konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, daß der„Puppenmensch" sich die Möglichkeit, eine schlenkernde Puppe nachzuahmen, durch einige Schmerzen erkaufen muß. Das Corps de ballet bot dem Auge eine Reihe färben- schöner und abwechselungsreicher Bilder und für die Anregung der Lachmuskeln sorgen wie üblich die Clownspäße. Zu einem Zusammenstoß zwischen einem Straßenbahnwagen und einem Bierwagen, bei dem drei Personen verletzt wurden, kam es am gestrigen Montagvormittag gegen s/«9 Uhr in der Belle-Alliance- Straße. Dort wollte an der Ecke der Teltower Straße der Führer eines Bierwagens kurz vor einem nach Mariendorf fahrenden Stratzenbahnzuge der Lmie 70 das Gleis kreuzen. Er hatte jedoch die Entfernung zu kurz bemessen und wurde angefahren. Infolge des Anpralles wurden der Kutscher Wilhelm Geisler und der Mit- fahrcr Wilhelm Müller von ihren Sitzen geschleudert. G. erlitt Hautabschürfungen im Gesicht, M. eine Verstauchung des rechien Fußgelenkes. Der Straßenbahnführer Wolter trug einen Bruch des rechten Knöchels davon. Müller und Geiseler erhielten in der nahen Unfallstation am Tempelhofer Ufer ärztliche Hilfe und konnten ihren Weg fortsetzen. Der Straßenbahnbeamte dagegen wurde nach dem Garnisonlazarett in Tempelhof und von dort, nachdem er Notverbände erhalten hatte, nach dem Urbankrankenhaui'e geschafft. An dem Bahn- wagen wurde der Vorderperron eingedrückt. Am Grabe seiner Kinder erschossen hat sich gestern nachmittag der 65 Jahre alte Schlosser Friedrich Weidner aus der Burgsdorfstr. 13. Der betagte Mann lebte mit seiner Frau in glücklicher Ehe, aus der zwei Kinder, eine Tochter und ein Sohn, hervorgingen, die jetzt 21 und 18 Jahre alt waren. In den letzten Monaten erkrankten beide Kinder und starben kurz nacheinander. Dieser herbe Verlust machte den Vater schwermütig. Gestern nach- mittag verließ er, während seine Frau allein zu Hause blieb, die Wohnung und besuchte die Gräber der Verstorbenen auf dem städtischen Friedhof an der Ecke der Müller- und Secstratzc. Hier schoß er sich eine Kugel in den Leib. Eine Frau, die später den Friedhof aufsuchte, fand den ihr unbekannten Mann tot daliegen und machte dem Inspektor Mitteilung. Dieser ließ die Leiche nach dem Schauhause bringen, wo die Persönlichkeit festgestellt wurde. Die Leiche ist wahrscheinlich noch beraubt worden, denn auch die Waffe wurde nicht gefunden. Die Leiche einer unbekannten Frau von etwa 35 bis 40 Jahren wurde gestern vormittag gegen 0 Uhr vor dem Grundstück Weigand- ufer 25 aus dem Neuköllner Stichkanal gelandet. Die Tote ist mittelgroß und trug einen schwarzen Rock, eine schwarze Bluse, ebensolche Achselschürze und Schnürschuhe und ein dunkles, ge- strciftcs Umschlagetuch. Die Leiche wurde von der Polizei beschlag- nahmt und nach dem Schauhause gebracht. Zwei Selbstmorde aus Nahrungssorgcn. In seiner Wohnung Beckerstr. 20 in Schöneberg hat sich am gestrigen Montag der 51jährige Chemiker Ludwig S. das Leben genommen. Er hatte vor etwa drei Monaten infolge längerer Krankheit seine Stellung verloren und bemühte sich nach seiner Gesundung vergeblich um neue Beschäftigung. Da alle seine Bemühungen vergeblich waren, geriet er schließlich in große Not und wurde schwermütig. Als auch gestern seine Hoffnung, eine Stellung zu finden, sich nicht erfüllte, nahm er in seiner Wohnung, als er allein zu Hause war, Gift, dem er erlag, ehe Hilfe zur Stelle war.— Wegen langer Stellungslosigkeit hat sich gestern der b2jährige Kaufmann P a u l M e r f e l d aus der Düsseldorfer Str. 14 erschossen. Auch er konnte trotz eifrigster Be- mühungen keine Stellung finden. Obwohl er gute Zeugnisse aufzu- weisen hatte, wurde er überall seines Alters wegen abgewiesen. Aus Verzweiflung über die trostlose Lage, in der sich M. befand, verübte er gestern Selbstmord, indem er sich eine Revolverkugel in die rechte Schläfe schoß. Der Kaufmann wurde, zwar noch lebend aufge- fanden, verstarb jedoch ehe der herbeigerufene Arzt zur Stelle war. Sportpark Treptow. Die Rennen am Sonntag, die in der Hauptsache aus Dauerrennen bestanden, zeitigten in denen der Klasse A hübsche Kämpfe. Demke und Przyrembd konnten je einen Lauf auf ihr Konto bringen. Auch Schulze hielt sich gut, hatte aber unter Motorschaden zu leiden.— Im Nennen der Klasse B erwies sich Jenske als der beste Mann; Schrinner kam nur durch das Versagen von Jenskes Motor an die Spitze.— Einige Fliegerrennen vervollständigten das Programm. Die Rennen verliefen ohne Unfall und hatten einen guten Besuch auf- zuweisen. Ergebnisse: Hauptfahren. 40, 30, 20, 10 M. 1. H o f f- mann, 2. Pawke, 3. Rabe, 4. Amort.— Prämienfahren. 40, 25, 15 M. 1. Pawke, 2. Hoffmann, 3. Amort.— Verfolgungs- rennen. 1. Häusler-Theiß-v. Natzmer, 2. Amort-Rabe- Ehlert.— Dauerrennen. 15 Kilometer(Klasse B): 1. Jenske. 2. Schrinner, 3. Bordoni.— 20 Kilometer(Klasse A): 1. H. P xzy- rembel. 2. Demke. 3. A. Schulze.— 25 Kilometer(Klasse B): 1. Schrinner. 2. Jenske, 3. Bordoni.— 40 Kilometer (Klasse A): 1. Demke. L. Przhrembel, 3. Schulze.— Sftosschei- dungsfahren: 1. Pawke, 2. Rabe, 3. Häusler. Vorort- J�acbriedtern Lichtenberg. Wo die Polizei ist und wo sie nicht ist. Ueber diese Frage, so wird uns geschrieben, können die Anwohner der Rittergutstraße zurzeit lehrreiche und interessante Betrachtungen anstellen. Besagte Straße liegt in einer Gegend,„wo sich die Füchse gute Nacht sagen". Allerdings hat hier die Konsumgenossenschaft für Groß-Berlin ihre Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Anlagen, bei denen sich auch eine Anzahl Wohnhäuser befindet. Andere Wohnhäuser gibt es in dieser Straße noch nicht viel. Da- gegen ist dieselbe mit industriellen Anlagen ziemlich dicht besetzt. Das letztere hat zur Folge, daß die Straße vor Beginn und nach Schluß der gewöhnlichen Arbeitszeit nicht stark belebt ist. Das haben die Anwohner derselben schon wiederholt recht übel empfinden müssen; denn die Stille und Abgelegenheit haben sich schon wieder- holt Rowdhs zunutze gemacht, um anständige Passanten— Männer, Frauen und Kinder ohne Ausnahme— in übler Weise zu be- lästigen. Nicht nur, daß zur Nachtzeit von der Arbeit oder aus Sitzungen heimkehrende anständige Arbeiter belästigt und auch mißhandelt worden sind: die Frechheit mancher Burschen geht sogar so weit, daß bei hellichtem Tage— in der stilleren Zeit— Frauen und Kinder in der unflätigsten Weise belästigt und verfolgt werden. Dieses schamlose Treiben kann ungestört vor sich gehen, weil es der Lichtenberger Polizei anscheinend bisher an Beamten ge- fehlt hat, um hier für Sicherheit zu sorgen. Denn bekannt muß es der Polizeiverwaltung sein, daß sich hier solche fragwürdigen Elemente herumtreiben. So wurde im vorigen Jahre ein gcfähr- licher„Kinderfreund" durch einige beherzte Passanten festgenommen und der Polizei eingeliefert. Von den vorgekommenen nächtlichen Ueberfällen wird sicher die Polizei auch schon erfahren haben. Trotz- dem aber hat es ihr anscheinend an den nötigen Kräften gefehlt, um hier genügende Aufsicht ausüben zu können. Das wird nun- mehr voraussichtlich anders werden; denn seit einigen Tagen ist hier ständig ein Schutzmann postiert, zeitweise waren es sogar zwei. Es ist hier nämlich in einem Betriebe der Metallindustrie ein Streik ausgebrochen und da sorgt die Polizei jetzt für die nötige„Ordnung". Die Herren Schutzleute, die damit betraut sind, haben einen sehr leichten Dienst, da die Ordnung durch den Streik absolut nicht gestört ist. Die?lnwohner der Rittergutstraße dürfen daher wohl in der festen Zuversicht leben, daß in Zukunft auch dann Schutzleute in dieser Straße anzutreffen sind, wenn es not- wendig sein sollte, anständige Leute und besonders Frauen und Kinder vor den Angriffen verkommener Elemente zu schützen. Die Lichtenbcrgcr Polizei wird ja wohl nicht den Nachweis er- bringen wollen, daß sie nur dann zur Stelle ist, wenn es gilt, Unternehmerinteressen zu schützen. Steukölln. Krankenkassen- Ausschußwahlcn. Die einzelnen Gewerkschaften und die Vertrauensleute der einzelnen Betriebe werden dringend ersucht, die Namen für die Kandidaten der Arbeitnehmer umgehend bei Albert Hendrischke, Thomasstr. 26, oder im Bureau des Wahl- Vereins, Neckarstr. 3, abzugeben. Schönebcrg. Ein tödlicher Automobilunfall hat sich gestern morgen um i/z7 Uhr am Kaiser-Wilhelm-Platz zugetragen. Als der 18jährige Ernst Ziegler aus der Potsdamer Straße 78 auf dem Wege nach seiner Arbeitsstelle auf einem Zweirade den Platz passierte, kam ihm ein Autoomnibus der Allgemeinen Berliner Omnibus-Aktiengesellschaft entgegen. Der Chauffeur gab, als er des Radlers ansichtig wurde- Warnungssignale. Z., der nach langer Pause gestern zum erstenmal wieder Rad fllhr, wurde durch die Zurufe des Chauffeurs offenbar verwirrt und unsicher. Er bog nicht weit genug aus und stieß gegen die Seiteuwand des Kraftwagens. Der Zusammenprall war so heftig, daß der Radfahrer in weitem Bogen auf das Straßenpflaster geschleudert wurde. In besinnungslosem Zustande wurde der Ver« unglückte nach der nahen Unfallstation in der Vorbergstratze gebracht, wo der Arzt einen Schädelbruch und einen Bruch des linken Unter- schenkels feststellte. Ehe dem Schwerverletzten Notverbände angelegt werden komiten, verstarb er. AU- Glienicke. Eine Arbeitcr-Samaritcr-Kolonne hat sich auch im hiesigen Orte gebildel; dieselbe macht sich zur Aufgabe, ihre Mitglieder auSzu- bilden in der ersten Hilfeleistung bei plötzlichen Unglücksfällen und Erkrankungen. Die ncugegründete Kolonne hat im Monat Sep� tember ihren ersten LehrlursuS begonnen. Der nächste Lehrabend findet heute Dienstag, den 16. September, und zwar in dem Lokal von Fritz Bah, Köpenicker Str. 45, statt. Jeder, der sich der guten und interessanten Sache widmen will sowie Gäste sind willkommen. Schöneiche(Nieder-Barnim). Die bösartigen Hunde, die unseren alten Genossen Rühl über« fallen und übel zugerichtet hatten, treiben nach wie vor ihr Un- Wesen, so daß einige Einwohner schon öffentlich um Schutz ersucht haben. In einem„Mehrere Einwohner" unterzeichneten»Ein- gesandt" der„Niederbarnimer Zeitung" wird behauptet, daß die Hunde als bissig bekannt seien, schon verschiedentlich Radfahrer vom Rade geholt und kürzlich einen Passanten gestellt hätten; es wird festgestellt, daß alle diese Vorgänge den Besitzer noch nicht bewegt haben, den Hunden Maulkörbe anzulegen.„Noch am letzten Donnerstag führte er seine Hunde— so wird mitgeteilt— aufs neue ohne'Maulkorb, ohne Leine spazieren. Flugs stürzten sich die Tiere auf eine Radlerin, und nur durch das Hinzuipringen von Spaziergängern wurde größeres Unheil vermieden." Die Einsender fordern deshalb im Interesse sämtlicher Einwohner, daß bei der Polizeiverwalttmg die Untersuchung und eventuelle Tötung der gemeingefährlichen Tiere beantragt wird. Das ist bereits von dem Verletzten, dessen Zustand sich verschlimmert hat, geschehen. Als Charakteristikum wollen wir noch erwähnen, daß Frau Gruhn sogar noch versucht haben soll, den Ueberfallenen für das Vorkommnis selbst verantwortlich zu machen, indem sie den stets nüchternen Mann der Trunkenheit verdächtigte und ihm vorwarf, er hätte doch nicht mit den Füßen um sich stoßen.sollen. Es ist höchste Zeit, daß die Polizei sofort Maßnahmen trifft', die eine weitere Gefährdung von Passanten durch diese bösartige Tiere unmöglich macht. Potsdam. Bei der stattgefundenen Krankcnkassenwahl entfielen auf Liste 1 (Gewerkschaftskartell) 1490 Stimmen und auf Liste 2(nationale Ar« beiter) 710 Stimmen. Liste 1 erhält somit 34 Sitze und Liste 2 erhält 16. 13 Stimmen waren ungültig. Im ganzen wurden 2213 Stimmen abgegeben. Bei den Arbeitgeberwahlen erhielt Liste 1(Freie Vereinigung für soziale Versicherung) 12 Stimmen und Liste 2(vereinigte JnnungSmeister) 361 Stimmen, so daß Liste 1 einen Vertreter und Liste 2 24 Bertteter hat. Spandau. Tie Einweihung des neuen Rathauses fand gestern in Gegen- wart von 200 geladenen Gästen statt. rtcGren". dem auf Kosten der Steuerzahler veranstalteten Festessen wurden ine üblichen Hochs und Trinksprüche ausgebracht, liniere partelgenöffischen Stadtverordneten hatten ihr Erscheinen zu der Einweihungsfeicr abgelehnt..____ Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Reinickendorf- Ost. Mittwoch, den 17. September, abends 5 Uhr, im Nalbaus, Hauptstratzc 38/40(groß« Sitzungssaal). Glienicke. Mittwoch, den n. September, abends 8 Uhr, im Gemeinde- bureau. Hauvtftr. 18.%-io � Spandau. Donnerstag, den 18. September, nachmittags 40. Uhr, im allen Rathause.________ frauen-Lereabeudc. Adlershof. Morgen Mittwoch, den 17. September. 8»/, Uhr. tm Jugendheim:„Bebel und die Frauen." Rcsercntin: Genossin Sledcl- Neukölln.__ Arbeiter-Abstiuemen-Bund. Ortsgruppe Berlin-West. Morgen Mittwoch, abends 8'/, Uhr: Versammlung im Charlottenburger VollshauS, Rosincnstr. 3. Vortrag. Diskusston. Gäste wMlommen. Wetterprognose für Dienstag, den 1«. September 1913. Zunächst, mlld, vielfach wolkig bei mähigen südweflichen Winden, etwa» Regen und Gewitterneigung, nachher kühler.__. ivuchdruckerel u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co, Berlin S9&'