Ur. 342. Hbonnements-Bcdingungen: HBonnemcnlä- Preis pränumerando! Pierteljähri. S,Z0 Ml., monatl. 1,10 Ml, wöchentlich LS Psg. frei ins Haus. einzelne Nummer S Pfg. Sonntags- »nunmcr mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Psg. Post. kldonnernent: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen fit die Post-Zeitmigs, Preisliste. Anter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2,50 Mark, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat. Postabonnemcnts nehmen am Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. ktlcheint tZgstch. Verlinev Dolksblnkk. Die Tniertions-GebDIir beträgt für die sechsgcspaltene Kolonel- zeile oder deren Raum M Pfg„ für politische und gewerlschastliche Vereins. Und Versnmnilungs-Anzeigen 30 Psg. „Kleine Anzeigen", das festgedruckte Wort 20 Psg, lzulässig 2 settgedruclte Worte), ledes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafstcllenan- das er""'—' zeigen das erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Psg, Worte über 15 Buch. slaben zählen sür zwei Worte. Inserate str die nächste N fn en bis i uyr nachmittags in der Expcdiston llbgegcben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse! „Sozialdemokrat Berlin", Zcntratorgan der rozialdcmokrattfcbcr» Partei Dcutfchlands. Rcdahtion: 631. 68, Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Mitttvoch, den 17» September 1913. Expedition: 83l. 68, I-indenstrasse 69« Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 198sU Die IMienftreilulebatte. H. St. Jena, 16. September. Wenn es noch des Beweises bedurft hätte, datz eine Diskutie- rung des Massenstreiks keineswegs Zeitvertrödelung oder Uebung in„revolutionärer Phraseologie" bedeutet, so wäre dieser Beweis durch die heutige Masscnstreikdebatte in der denkbar bündigsten Weise erbracht worden. Denn gerade die heute von gewissermaßen autoritativer Seite gemachten Ausführungen bewiesen, wie not- wendig es ist, den Willen zu revolutionärer Tatkraft immer tiefer in die M a s s e n zu versenken, um in der schicksalsschweren Stunde wahrhaft gerüstet zum Kampfe dazustehen. Auch wir betrachten den politischen Massenstreik wahrhaftig nicht als das politische Allheilmittel, als die unwiderstehliche Spring- würz, die uns die ehernen Pforten der Zukunft mit einem Schlage sperrangelweit aufzusprengen vermöchte. Auch wir denken nicht daran, die deutschen Proletarier unbesonnen in schwerste Konflikts hineinzuhetzcn. Auch wir tragen ängstliche Sorge um die Organi- sationen, die jahrzehntelange, mühselige, verdienstvolle Klein- arbeit zu Schuh und Schirm der kämpfenden Arbeiterklasse auf- gebaut hat. Auch wir wollen keinen Putschismus und Shndikalis- mus und sind gründlichst abhold jeder verstiegenen Revolutions- romannk. Aber darum halten wir die Auffassung für nicht minder verfehlt, tatsachenwidrig und parteischädlich, die da meint, die Sorge um die Rcvolutionierung der Geister könne allezeit getrost den ordinierten Instanzen überlassen werden und wenn einmal „die Situation gegeben" sei, würden Parteivorstand und Eeneralkommission unfehlbar die geeigneten Maßnahmen treffen, „um das Erforderliche zu veranlassen", wie es ja wohl im an- mutigen Aktendeutsch heißt. Sicherlich gehören zur möglichst erfolgreichen Durchführung des politischen Massenstreiks die denkbar besten, solidesten Organi- sationen, die diszipliniertesten Mitgliedermassen; allein der Wille zur Anwendung des Massenstreiks muß doch erst gestählt werden und zum Beginn und zur zähen Durchführung des u n- gecheuer schweren Kampfes gehört vor allen Dingen auch die Begeisterung und die Opferwilligkeit, ohne die weder ein Erfolg errungen noch gar ein vorübergehender Fehlschlag— der niemals ausgeschlossen ist— siegreich überwunden werden kann. Und so trefflich die gewerkschaftliche Praxis zu Gewerkschafts- kämpfen gewöhnlichen Schlages qualifizieren mag, so wenig ver- mag sie doch allein jenen unbeugsamen, trotzigen Kampfesmut zu erzeugen, der allein zur Durchfechtung jener unausbleiblichen schweren Kämpfe befähigt, die nun einmal durchgerungen werden müssen. Und die Erörterung des Massenstreiks hat gerade den guten Sinn, daß revolutionsromantische wie r e- v i s i 0 n i st i s ch e Illusionen z e r st ö r t und dem Volke die bittere, aber auch erhebende Notwendigkeit schwerer Eni- scheidungskämpfe vor Augen geführt wird. Ein paar Parteitags- resolutioncn tun es da wahrhaftig nicht, sondern einzig die an- dauernde, intensive Aufklärung und Anfeuerung der Massen zu Opfern, wie sie wohl keiner um ihre Emanzipation kämpfenden Klasse im großen Ringen in der Geschichte erspart geblieben sind. Tie Instanzen und ihre Tüchtigkeit in allen Ehren, aber b e- fohlen, dekretiert werden kann nun einmal der Massen- streik nicht, sondern nur ein genügend vorbereitetes Ge- schlecht kann im rechten Augenblick die notwendige Energie zur energischen Tat aufbringen. Hinzu kommt aber noch ein gewichtiges Moment. Man soll über den Massenstreik nicht sprechen, man soll ihn nicht propa- gieren, sondern man soll ihn getrost dem politischen Takte des Parteivorstandcs und der Gcneralkommission überlassen. Wie nun aber, wenn Reden, wie sie heute der Parteitag von dem Mitglied der Generalkommission, dem Genossen Bauer, vernahm, in ihrem Sinne und ihrer Konsequenz zweifellos auf eine prinzipielle Ablehnung des politischen Massenstreiks hinauslaufen? Soll auch dann noch die Masse die felsenfeste Ueberzeugung hegen, daß die Sache des Massenstreiks nur bei diesen Instanzen am besten aufgehoben sei? Das wäre doch eine Selbsttäuschung, wie sie sehenden und denkenden Parteigenossen wahrhaftig nicht zugemutet werden kann. Erstaunlich bleibt dabei auch, wie denn schließlich Genossen wie Bauer— gerade weil dessen ehrliche Ueberzeugung in allen Ehren gehalten werden soll— für die Resolution des Parteivorstandes zu stinimen vermochten! Es gibt gar mannigfache Nuancen in der Bewertung des poli- tischen Massenstreiks. Viele Genossen betrachten ihn als Mittel der Abwehr, gegen Attentate auf das K 0 a l i t i 0 n s r e ch t und das Reichstagswahlrecht, aber als ganz untauglich zur An- griftswaffe. Wie nun, wenn die Reaktion so pfiffig ist. dem Hund den Schwanz stückweise abzuhacken, statt auf der ganzen Linie mit brutaler Täppischkeit zum Angriff überzugehen? Wie. wenn man z. B. durch kunstvolle Wahlkreisneueinteilungen gerade dort, wo das Proletariat seine festesten Bollwerke besitzt, den sozialdemokra- tischen Besitzstand bedroht? Will man dann zum Massenstreik schreiten, den man doch für allzu riskant erachtet, um die Mauern der b 0 r u s s i s ch e n Reaktion zu erschüttern? I Man sieht, mit der allzu simplen Problemstellung: zur Abwehr ist der Massenstreik gut, zum An g r i f f dagegen vom Uebel, kommt man in der vielgestaltigen, verzwickten Praxis des politischen Kampfes wirklich nicht allzu weit. Deshalb war es, wir wiederholen es, ein Verdienst des dritten Jenaer Parteitages, die Massenstreikfrage wieder einmal aufzu- ' rollen. Mögen die Gegner tausendmal erfahren, was sie sicherlich auch ohnehin wußten, daß wir heute oder morgen nicht zum Massen- streik greifen werden und können— die Hauptsache ist, daß man in den Massen über die Frage der politischen Weiterent- Wickelung abermals ernstlich nachzudenken beginnt, daß man zu r ü st e n beginnt für die späteren unausbleiblichen Kämpfe. Auch wir betrachten wirklich nicht jedes Wort der Genossin Luxemburg als eine Offenbarung. Wir haben wiederholt mit ihr in Fehde gelegen und werden ihr sicherlich auch in Zukunft auf unbegründete Angriffe die Antwort nicht schuldig bleiben. Aber das Zeugnis müssen wir ihr doch ausstellen, daß sie in ihrer heutigen Rede die Debatte erst auf die ihr gebührende Höhe hob, daß sie nicht nur formell glänzend, sondern auch politisch klug die taktischen Kernfragen auseinandersetzte. Daß sie in ihrer halb- stündigen Rede— die ihr eine Minderheit erst nach heftigem Widerspruch zugestand— nicht in alle politischen und Wirtschaft- lichen Tiefen des Problems hinabsteigen konnte, versteht sich von selbst. Aber die herablassende Art, mit der Genosse Bauer sie behandeln zu dürfen glaubte, nahm sich doch um so befremdlicher aus, wenn man die Ausführungen der Genossin an der Kritik ihres Widerparts abmaß. Wer selbst nicht ungewöhnliche Leistungen zu produ- zieren vermag, sollte doch gerechterweise auch von anderen nicht gerade Uebermenschliches verlangen! Und wer pole- mische Unsitten anderer Personen rügt, sollte seine eigenen Aus- führungen doppelt sachlich zu halten bemüht sein! ES kann nicht unsere Aufgabe sein, den Inhalt der in der Debatte zum Ausdruck gebrachten beiderseitigen Zlnschauungen im einzelnen wiederzugeben. Dazu lese man den Bericht selbst nach. Nur das sei im Kurzen gesagt, Latz sich in den Reden der Luxem- bürg und Bauer gewissermaßen die Gegenpole in schärfster Ans- Prägung gegenüberstanden. Genossin Luxemburg vertrat hier die Richtung der Partei, die die Gegenwartserfolge— deren sie sich darum wohl nicht minder freut— an unseren Zielen, unseren unendlich größeren künftigen Aufgaben gemessey wissen will und die darum aller Selbstzufriedenheit gründlichst abhold ist. Und weil sie darum das Bessere und Besserzumachende für den Tod- feind des„Guten" hält, drängt sie auf ein rascheres Tempo, auf energischere Kräfteanspannung, auf jjärkere Beschwörungsmittel, um das Proletariat seinen sozialistischen Zielen näher zu bringen. Mag sein, daß sie dabei manchmal über die Stränge haut und die Bedeutung einzelner Etappen unterschätzt— allein der Rede des Genossen Bauer— so Treffliches sie im Einzelrien über den Wert und den Charakter organisatorischer Gegenwartsarbeit enthielt— kann dann erst recht nicht der Vorwurf erspart werden, daß sie das schon Errungene allzu wohlgefällig herausstrich und mehr das Loblied auf die Zufriedenheit sang, als jene„Begehrlichkeit" an- stachelte, die doch nun einmal das A und O aller proletarischen Po- litik bleiben muß. Sicherlich nur in der besten und ehrlichsten Absicht, das Errungene zu befestigen und zur Grundlage für künf- tige Eroberungen zu machen. Aber aus der ganzen kühlen Ab- wägung sprach doch allzusehr die Sorge, ja nichts aufs Spiel zu setzen, wenn man nicht schon die Bürgschaft für den sicheren Gewinnst in der Tasche habe. So aber darf der wahrhaft weit- sichtige Politiker nicht rechnen, wie es denn überhaupt vom Uebel ist, bei politischen Aktionen großen Maßstabes vom kleinlichsten ge- schäftlichen Kalkül auszugehen. Vom Standpunkt des Viertels- Vorstehers aus kann nun einmal keine Weltgeschichte gemacht werden! Es war daher hocherfteulich, daß neben anderen Rednern namentlich auch Genosse Frank sich nicht nur gegen das Schweigegebot in Sachen des Massenstreiks wendete, sondern vor allen Tingen auch gegen jene„konservative Phraseologie", die Genosse Bauer der vermeintlichen revolutionären Phraseologie entgegensetzen zu müssen geglaubt hatte. Der Massenstreik müsse den Massen zur wohlvertrauten Waffe gemacht werden, wenn man wolle, daß die Arbeiterschaft nicht nur für �ein paar Pfennige Lohnerhöhung, sondern fürs große Ganze schwere Opfer zu bringen bereit sei. Die Erörterung des Massenstreiks stumpfe die Waffe auch keineswegs ab, sondern schärfe sie im Gegenteil für den ernsten Gebrauch zur rechten Stunde. Die Massenstreikdebatte fand in später Stunde ihren Abschluß mit der Annahme der Resolution des Parteivorstandes mit 335 gegen 112 Stimmen. Auch die Befürworter des Massenstreikes könnten an sich mit der Annahme dieser Resolution vollauf zufrieden sein, wenn nicht die Reden so mancher Genossen, namentlich manches Gewerkschaftsführers, einen so eigenartigen Kom- mentar der Resolution gebildet hätten. Die Resolution selbst hält fest an den Beschlüssen von Mannheim und Jena, bezeichnet den Massenstreik auch als Mittel zur Eroberung politischer Rechte und spricht in diesem Zusammenhange deutlich von der Notwendigkeit und Dringlichkeit des Kampfes um die Erringung des gleichen Wahlrechts für Preußen. Wer indessen die Reden von Bauer und anderen gehört hat, dem wird die durch die Resolution ausgesprochene Entschlossenheit zur Anwendung des Massenstreiks nicht allzu glaubhaft erscheinen. Freilich sahen sich verschiedene Gewerkschaftsführer, wie zum Beispiel Genosse Silberschmidt, veranlaßt, ausdrücklich zu erklären, daß sie entschieden hinter den durch die neue Resolution bekräftigten Beschlüssen von Jena und Mannheim ständen und daß die Gewerkschaften im Ernstfall durchaus ihren Mann stehen würden. Wir haben nicht die geringste Ursache, an der Aufrichtigkeit dieser Erklärungen zu zweifeln. Immerhin wird es in erster Linie von der Kampfentschlossenheit der Massen s e l b st abhängen, ob eine ge- eignete Situation auch tatkräftig ausgenutzt wird. In der Debatte kreuzten noch einmal die Anreger der Massen- streikdiskufsion die Klingen mit denjenigen, die eine Erörterung der Frage für überflüssig hielten. Dann erhielt Scheidemann das Schlußwort. Er rechnete vornehmlich mit der Genossin Luxemburg ab; weniger mit ihren Ausführungen auf dem Parteitag, als mit dem, was sie vorher gesagt und geschrieben. Mit dem ihm eigenen polemischen Geschick charakterisierte er sie als Parteischulmeisterin, die besser täte, ihre Sclbsteinschätzung ein klein wenig einzudämmen. Das war sehr amüsant und traf die Genossin Luxemburg sicherlich auch nicht ganz unverdient. Nur kam leider wieder der sachliche Teil der Erörterungen durch das lange Ausspinnen dieser Polemik erheblich zu kurz, und wenn schließlich Genosse Scheidemann die Befürworter der Gegenresolution der Vorliebe für wilde Massenstreiks und eine syndikalistische Taktik bezichtigte, so bewies das nichts anderes, als daß es ihm auch am Ende der Debatte noch nicht gelungen war, die Auffassungen und Beweggründe der Gegenseite objektiv zu würdigen. Auch ein Be- weis, wie notwendig es ist, über Massenstreik und Parteitaktik über- Haupt noch recht ausgiebig zu diskutieren. Und da Scheidemann ja selbst versichert hat, daß es ihm und dem Parteivorstand fern liegt, die Selbstkritik als„Nörgelei" zu verpönen, so sind ja hoffentlich für die Zukunft keine Mißverständnisse mehr zu gewärtigen. Es war auch wiederholt davon die Rede, daß die Befürworte� des politischen Massenstreiks die Partei von der altbewährten Taktik abzudrängen versuchten. Die große Masse der betreffenden Genossen dürfte doch wohl von vornherein gegen einen solchen Verdacht gefeit sein. Die Gefahr aber, daß einzelne einen unheilvollen Einfluß ausüben könnten, ist sür die deutsche Sozialdemokratie geradezu lächerlich gering. Viel größer ist die Gefahr, daß die Verhältnisse die Partei allmählich in ein opportu- nistischcs Fahrwasser, in eine überwiegend auf das so- genannte„Praktische" eingestellte Politik hineintreiben. Jeden- falls halten wir die Bekämpfung einer Politik, wie sie von so zahlreichen Genossen erst wieder in der letzten Nummer der „Sozialistischen Monatshefte" gefordert worden ist, für unendlich viel dringlicher, als einen Feldzug gegen einen vermeintlichen Anarchosozialismus, Syndikalismus oder wie nian das Gespenst sonst nennen mag!___ politische Ueber ficht, Großindustrielle Scharfmacher und Agrarier. Ter halbe Rückzug der Letter des Zentralverbandps deutscher Industrieller auf der vorgestrigen Delegiertenver- sammlung in Leipzig scheint bei den Strategen des Bundes der Landwirte die Befürchtung geweckt zu haben, daß das schöne Herzensbündnis zwischen industriellen Scharfmachern. Lan'dbündlern und reichsdeutschen Mittelstandsrcttern zur Verteuerung der nötigen Lebensmittel doch noch schließlich in die Brüche gehen könnte; die„Deutsche Tagesztg." sucht deshalb die Bedenken der Großindustriellen gegen den so- genannten lückenlosen Zolltarif zu zerstreuen, indenr sitz versichert, die Agrarier verständen unter einem lückenlosen Tarif ja nur gewisse kleine„Ergänzungen" der jetzigen Zollsätze sowie die Ausfüllung einiger Lücken. Wörtlich heißt es in dem betreffenden Artikel: „In einzelnen Fragen können und werden ja die Meinungen auseinandergehen; aber dieses Auseinandergehen macht ein Zusammenarbeiten in der Haupt- fache nicht unmöglich. Wenn der Zentralverband erklärt hat, daß er einer weiteren Erhöhung der Leben�mittelzöllc und einem lückenlose» Zolltarife nicht zustimmen könne, so hat uns diese Erklärung weder überrascht noch ent- täuscht. Es muß ihr gegenüber immer wieder daran erinnert werden, daß der Bund der Landwirte weder durch irgendwelche Beschlüsse noch in seiner Presse für die Erhöhung der Lebens- mittelzölle Stimmung gemacht hat. Er hat im Gegenteil es ab- gelehnt, zu dieser Frage Stellung zu nehmen, da der Zeitpunkt dazu erst gekommen sei, wenn die Frage der Erneuerung des Zolltarifes in den Vordergrund der politischen Erörterung ge- treten s�i. Das, was unter dem lückenlosen Zolltarife zu ver- stehen sei, ist so oft dargelegt worden, daß eine Wiederholung eigentlich nicht mehr nötig sein sollte. Wenn die Forderung eines solchen Zolltarifes erhoben wurde, so hatte sie lediglich die Bedeutung, daß gewisse Lücken im Zoll- tarife ausgefüllt, gewisse Ergänzungen vor. genommen werden sollten, die nicht nur im Interesse der Landwirtschaft, sondern auch im Interesse des Gewerbes liegen. Die Meinungen über diese Lücken und ihre notwendige Aus- süllnng mögen, wie gesagt, auseinandergehen. Das sind Fragen, die später erörtert werden müsse n." Während aber die„Deutsche Tagesztg." in dieser Weise die industriellen Zentralverbändler auf eine spätere beider- seitige Verständigung vertröstet, verheißt sie ihnen anderer- seits, daß, falls sie am Bündnis festhalten wiirden, die Agrarier alle ihre gegen die Sozialdemokratie und die freien Gewerkschaften gerichteten Forderungen tatkräftig unter- stützen wollten: „Die Hauptsache ist, daß man mit boller Klarheit das ge- meinsame Ziel im Auge behält. Jetzt schon und sofort muß aber eingetreten werden in den" gemeinsamen Kampf gegen die gemeinsamen Feinde, ins- besondere gegen die Sozialdemokratie, die bemüht ist, die Auto- rität in den Betrieben zu stürzen und die Arbeitermassen zu der- hetzen. Das sind die Fragen, in denen Land- Wirtschaft, Handel, Industrie, Handwerk, kaufmännischer Mittelstand zusammengehen müssen und die zunächst in Angriff zu nehmen sind. Hier stt die Interessengemeinschaft, wenn man so sagen darf, lückenlos und r e st l o s. Hier kann es keine Meinungs- Verschiedenheiten geben, hier ist das Kampffeld klar und über- sichtlich, hier möge und muß die Gemeinschafts- arbeit einsetzen l", Das sind für das im Zentralverband deutscher Indu- strieller vorherrschende verbissene, an maßloser Selbstüber- schätzung krankende Scharfmachertum gar wunderliebliche Verheißungen. Außerdeni haben die Macher des Zentralverbandes noch allerlei andere, tiefere Gründe, sich die Agrarkonservativen zu Freunden zu halten. Dem„Deutschen Kurier" wird dar- über aus dem rheinisch-westfälischen Jndustrierevier ge- schrieben: „In auffallender Weise hat sich diesmal die Großindustrie an den preußischen Landtagswahlen beteiligt, und über 20 Köpfe stark ziehen Mitglieder oder Angestellte des Zentralverbandes der Industriellen in den neu-n Landtag ein. Diese Erscheinung findet ihre Erklärung darin, daß in der nächsten Zeit das Kohlenshndikat abläuft, und daß seiner Erneuerung große Schwierigkeiten im Wege stehen, weil der von.Kirdorf ausgegangene neue Entwurf die reinen Zechen gegenüber den Hnttenzechen so stark benachteiligt, daß auf dieser Grundlag: eine Syndikatserneuerung unmöglich ist. Dazu kommt, daß die Regierung der Preispolitik des Syn- dikats in den letzten Monaten mehrere Male eine entschiedene Absage erteilt hat, daß aber ohne den Beitritt der fiskalischen Zechen eine Verlängerung des Kohlenshndikats erst recht nicht denkbar ist. Ein Ausweg wäre die Schaffung eines Kohlenberkaufs- Monopols, um die Preise so zu halten, daß Industrie und Ar- beiterschaft zufrieden sein könnten, aber damit wäre den H:rren vom Kohlenshndikat nicht gedient, da bei der Preisfestsetzung für die Kohle dann neben der Regierung auch der Landtag wohl ein Wort mitzureden hätte. Ver- suche, beim Handelsminister einen Umschwung der Stimmung zugunsten der Schwerindustrie herbeizuführen, sind bisher er- folglos geblieben, wohl auch im Hinblick auf die Behandlung, die frühere Minister von dieser Seite erfahren haben. Eine Partei aber hat Einfluß in Preußen, und sie kann man für seine Zwecke gut gebrauchen: die konservative. Zioar haben die Konservativen bisher das Kohlenshndikat oft scharf bekämpft, aber wenn der Zentralver- band nun mit ihnen eine Interessengemeinschaft eingeht, dann lassen si: sich toohl erweichen und werfen ihren Einfluß für die Erneuerung des Syndikats auf ungefähr derselben Grundlage, auf der es bisher bestand, in die Wagschale, und der Zentralverband ist aus allen seinen schweren Röten erlöst." Die fürstliche Wehrsteuer. In der letzten Zeit war mitgeteilt worden, der Wehrbeitrag der Fürsten sei auf 25 Millionen Mark geschätzt worden. Die nationalliberale„Magdeburgische Zeitung" hat sich schleunigst an amtlicher Stelle erkundigt und dort die beruhigende Versicherung erhalten, daß es sich bei dieser Meldung um eine Zeitungsente handele. Die Berechnung des Beitrages der Fürsten sei noch gar picht erfolgt, es fehlten dazu noch alle Unterlagen, denn die würden erst aus dem Vermögensstand vom 31. Dezember d. I. ent- nommen. Gleichzeitig aber wird mitgeteilt, daß der Gesamtbeitrag aller Fürsten sich nicht auf 25, sondern auf höchstens 3 Millionen Mark belaufenwürde. 25 Millionen wären von den 1000 Millionen, die der Wehr- bcitrag insgesamt beträgt, immer noch nicht viel, besonders wenn man bedenkt, daß in den Händen der deutschen Bundesfürsten sich ein ganz geivaltiger Teil des deutschen Vermögens kon- zentriert. Run soll sich aber der Fürstenbeitrag gar nur auf ganze 3 Millionen belaufen, eine Summe, die im schärfsten Kontrast steht zu der Versicherung der Regierung, die Fürsten würden ihre Selbstbesteuerung nach den Grundsätzen des Wehr- beitragsgesetzes einrichten. Vielleicht kommt schließlich der fürst- liche Beitrag aus irgendeinem Grunde noch ganz in Weg- fall! Ans Vaterland, ans teure, schließ Dich an; doch halte fest geschlossen Deinen Beutel! Reform des Militärstrafgesetzbuches. Selbst in den Kreisen der Militärrichter bietet sich, soweit nicht der Disziplinbegriff alle vernünftigen Rechtserwägungen erstickt hat, immer mehr die Ansicht Bahn, daß das heutige barbarische Militär- strafgesetzbuch einer sehr gründlichen Reform bedarf. Der Reichs- miliiärgerichtsrat Dr. v. Schlayer veröffentlicht in der letzten Nummer der„Deutschen Juristenzeitung" einen Artikel über die vom letzten Reichstag beschlossene Novelle zum Militärstrafgesetzbuch. Er ist an sich kein Freund einer solchen Flickreform, gesteht aber zu, daß die Oeffentlichkeit das Gesetz mit großer Befriedigung aufgenommen habe und so führt er weiter auS: .Auch vom Standpunkte der Militärstrafcechtspflege wird man die? bis zu gewissem Grade verstehen. Rückhaltlos ist anzu- erkennen, daß die Zulassung minder schwerer Fälle und die Erweiterung der Strafgrenzen nach unten sachlich berechtigt und erwünscht ist. Es gibt in der Tat Fälle— und sie find gar nicht so selten—, wo die vom Mililärstrafgesetzbuch bisher für eine Anzahl militärischer Verbrechen angedrohten Mindest- strafen unverhältnismäßig hoch und auch durch das militärische Interesse nicht unbedingr geboten sind. Es ist einer der obersten Grundsätze jeder Slrafrechtspflege, daß Schuld und Strafe in richtigem Verhältnis zueinander stehen sollen. Die Strafrahmen des Gesetzes müssen auch nach� unten so weit sein, daß sie dem Richter die Verwirklichung dieses Grundsatzes in jedem einzelnen Falle ermöglichen und ihn nicht zwingen, entgegen seiner eigenen Ueberzeugung auf eine außer Verhältnis zur Schuld stehende Strafe zu eikenneir oder aber der Anwendung des schweren Straf- gesetzes künstlich auszuweichen. Das eine liegt so wenig'im militärischen Interesse wie das andere." Wenn Dr. v. Schlayer sich trotzdem gegen die letzte schwächliche Refimn auf militärrechtlichem Gebiet ausspricht, so deshalb, weil die betreffenden neuen Bestimmungen allerlei seltsame Inkonsequenzen zur Folge haben oder wenigstens haben können. Er führt folgende Beispiele an: „Während das bloße Unternehmen eines tätlichen Angriffs gegen einen Vorgesetzte» auch in minder schwerem Falle mit mindestens 1 Jahr, bei Begehung im Dienst oder mir der Waffe sogar mit mindestens 2 Jahre Gefängnis bedroht ist, kann jetzt der Teilnehmer an einem militärischen Aufruhr, auch wenn dabei ein Vorgesetzter tällich angegriffen wird, künftig mit 6 Monaten und, wenn er selbst hierbei eine Gewalttätigkeit gegen den Vor- gesetzten begangen hat, mit nur einem Jahr Gefängnis bestraft werden.... Noch auffälliger wird das Mißverhältnis bei Vergleichung der jetzigen Mindeststrassätze der 99 und 103 des Militärstrafgesetzbuches. Auf Anstiftung einer einzelnen Person des Soldaten- standes zu einem tätlichen Angriff gegen den Vorgesetzten steht, wenn die Anstiftung Erfolg gehabt hat, nach der nicht geänderten Bestimmung des Z 99 die Strafe des§ 97 des Militärstrafgesetz- buchcs, also mindestens 1, eventuell 2 Jahre Gefängnis. Wer da- gegen mehrere Personen des Soldatenstandes zu derselben Tat anstiftet, sich also des schwereren Verbrechens der Aufwiegelung schuldig macht, kann nach der Novelle, auch wenn der tätliche Angriff stattgefunden hat, mit 6 Monaten Gefängnis bestraft werden! Den Gipfel erreicht aber das Mißverhältnis, wenn nian die Strafandrohung des nicht abgeänderten 8 103 des Militärstraf- gesetzbuches mit den neuen Strafsätzen derZZIOö, 107 vergleicht. Haben nämlich mehrere Personen des Soldatenstandes einen tätlichen Angriff auf einen Vorgesetzten nur verabredet(Meuterei), so beträgt die Mindeststrafe nach � 103 in Verbindung mit Z 97 des Militär- strafgesetzbuches selbst bei Annahme eines minder schweren Falles ein Jahr und drei Monate, wenn der Angriff im Dienst oder mit der Waffe begangen werden sollte, sogar zwei Jahre und drei Monate Gefängnis. Sind sie aber auf Grund der Verabredung unter Zusammenrottung und mit vereinten Kräften zur Ausführung des tätlichen Angriffs geschritten, so können diejenigen Täter, die selbst Gewalttätigkeit begangen haben, bei Annahme eines minder schweren Falles nach der Novelle mit einem Jahre, die übrigen sogar nur mit sechs Monaten Gefängnis bestrast werden, denn die Meuterei geht dann in dem schwereren Verbrechen des Aufruhrs auf." Für den Juristen mögen diese Unstimmigkeiten sicher peinlich sein, und Dr. v. Schlayer verlangt denn auch, daß eine umfassende Reform des Militärstrafgesetzbuches diese Unstimmigkeiten bald be- seitigt, bis dahin aber eine verständige Strafzumessung die durch den Wortlaut des Gesetzes gegebenen Ungleichheilen möglichst zu be« seifigen trachtet. Er hat darin unsere volle Zustimmung. Das jetzige Militärstrafgesetzbuch ist mit seinen der Zeit des Mittelalter- lichen Landsknechts- und Söldnerwesens entlehnten Straf- besiimmungen geradezu ein Hohn auf das heutige Rechtsempfinden und das patriotische Gerede von dem.Volk in Waffen". Vom„deutschen Tchriftstellerkongrest". Die„Blüte des deutschen Schrifttums" hat in den drei Tagen vom 13. bis zum 16. September in Detmold einen„deutschen Schriststellerkongreß" abgehalten und zu verschiedenen Fragen des öffentlichen Lebens Stellung genommen. Die Verhandlungen waren nur zum Teil öffentlich. Man wird wohl erst später durch gesiebte Berichte erfahren, in welcher Weise die Herren Farbe be- kennen. Am ersten Tage sprach L i m a n, der bekannte„nationale" Phraseur über den Kampf gegen Schmutz- und Schundliteratur. Die Resolution betont die Notwendigkeit des Kampfes gegen dieses Uebel, gegen die pornographische Kunst und die Ausartung des Kinowesens, sie sagt aber weiter, daß eine zutreffende gesetzliche Formel für diesen Kampf nicht gefunden werden könne: „Deq deutsche Schriftstellerverband ist ferner überzeugt, daß die wahre Kunst nicht eingeschränkt und in konventionelle Formeln gepreßt werden darf, daß sie vielmehr ebenso wie gegen Un- sauberkeit auch gegen Unduldsamkeit und Schnüffelei zu schützen ist. Da es aber unmöglich ist, mit Hilfe juristischer Formeln eine Grenze zu ziehen, wo Fragen des Taktes und des künstlerischen Empfindens zur Lösung stehen, so erwartet der deutsche Schrift- stellerverband nur dann einen Erfolg, wenn die Schriftsteller und Künstler s»Ibst nach Analogie anderer Sondergerichtshöfe sowohl zur gutachtlichen Prüfung wie zur Urteilsfällung herangezogen werden." Dr. S t o r ck sprach über die Kunstkrittk. Die weiteren Ver- Handlungen waren vertraulicher Art. Uns will scheinen, als«b Lima», der von der„Deutschen Tages- zeitung" abgeschüttelte und in der sozialdemokratischen Presse mehrfach gestäupte Vielschreiber der am wenigsten geeignete Mann sei, über das Kapitel„Schundliteratur" zu sprecheu. Aber schließlich müssen die deutschen bürgerlichen Schriftsteller dieser Art selber wissen, von wem sie sich über die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Schmutz- und Schundliteratur unterrichten lassen wollen. Die Wahl Limans ist jedenfalls bezeichnend. Selbstverständlich haben sie auch die Gelegenheit nicht vorüber- gehen lassen, dem Monarchismus in der kleinen lippischen Residenz ihre Reverenz zu erweisen, und prompt ist die Strafe— Pardon— Belohnung auf dem Fuße gefolgt: mehrere prominente Herren der Gesellschaft haben vom Fürsten zur Lippe Orden und Ehrenzeichen bekommen. Der Hofbericht meldet: „Bei dieser Gelegenheit zeichnete Seine Hochfürstliche Durch- laucht bei» Fürst den 1. Vorsitzenden des deutschen Schriftsteller« Verbandes, Viktor Blüthgen aus Berlin, mit dem Orden für Kunst und Wissenschaft, die lippische Rose mit Eichenlaub, den 2. Vorsitzenden, Dr. Paul L i m a n, ständiger Berliner Ver- treter der„Leipziger Neuesten Nachrichten" aus Berlin, mit dem Ehrenkreuz 4. Klasse, Abteilung A, des Fürstlich lippischen Haus- ordens, und den Schriftsteller Orto Ernst Schmidt, genannt Otto Ernst, mit dem Orden für Kunst und Wissenlchaft, die lippische Rose am Ringe aus. Der Durchlauchtigste Fürst überreichte die Dekorationen den damit Begnadeten höch st eigenhändig. Fleißiges Streben in der heutigen Welt findet also noch immer verdienten Lohn! Im übrigen scheint die ganze deutsche Schriftsiellertagung nichts weiter gewesen zu sein, als eine Reihe von festlichen Veranstaltungen, bei denen es an liberalen Traktaments der lokalen Körperschaften nicht fehlte, und zwar nach dem Grundsätze, daß eine Hand die andere wäscht, daß z. B., wenn die Stadt Detmold ihre Gäste gut bewirtet, sie erwarten darf, dafür von diesen„großmächtigen" Federn herausgestrichen zu werden. Wie man Hofrat und Professor wird. Ein Herr Dr. G. Vorberg schreibt in der„Münchner Medi- zinischen Wochenschrift": „Das.Badener Tageblatt" vom 17. August 1913 enthielt folgende Anzeige: Personen von tadellosem Ruf, die auf offiziellen Orden oder Titel reflektieren, können sich vertrauensvoll unter"W 96 an Püttners Annoncenbureau, Berlin C. 54, wenden. Auskunft kostenlos. Diskretion zugesichert. In meinem Kampfe gegen das Soldschreibertum stoße ich fortwährend auf Professoren und Hofräte, und so erregte diese Anzeige natürlich meine Neugier. Ich schrieb an die angegebene Adresse und bat um nähere Auskunft. Am 22. August erhielt ich einen Brief folgenden Inhalts(hier folgt das Schreiben im Wort« laut; wir geben nur die ersten Sätze wieder): Dr. jur. A. De Mole de Chatel Berlin W 62 Advokat Courbiörestr. 4 L Sehr geehrter Herr! Im Besitze Ihres Geehrten vom 17. cr. gestatte ich mir er» gebenst, Ihnen folgendes zu unterbreiten: Ich bin in der Lage, Ihnen den Hofratfitel vom Fürsten» tum Lippe oder Sachsen-Koburg-Gotha zu verschaffen. Es sind für diesen Titel eine Stiftung Ihrerseits von ca. 3000 M. erforderlich. Ich bin gern bereit, falls Sie Interesse für diesen Titel haben, sofort die Angelegenheit einzuleiten und erwarte darüber Ihren werten Bescheid." Dr. Vorberg meint dazu, der Inhalt des Briefes spreche für sich selbst, er bedürfe keiner Erläuterung. Die in dem Schreiben genannten Höfe sind bisher einer Antwort aus dem Wege gegangen, nur wird in einer amtlich beeinflußten Auslassung der„Lipp. TageS- zeitung" hervorgehoben, daß„die maßgebenden Stellen in Lippe mit der Offerte des Dr. de Mole nichts zu tun haben". Die maßgebenden Stellen werden sich natürlich schön hüten, sich bloßzustellen, aber es hat bisher schon„unmaßgebliche" Stellen genug gegeben, die ähnliche Geschäfte vermittelt haben. Daß mit lippischen Titeln vor Jahren Schacher getrieben worden ist, steht fest, aber vielleicht kann sich keiner der deutschen Höfe der Nicht» beteiligung am Titel- und Ordensschacher rühmen. Die ßalkanfragen. Die Friedensverhandlungen. Konstantinopel, 16. September.(W. T. B.) Gestern fand zwischen den türkischen und den bulgarischen Dele- gierten eine private Sitzung statt, die zwei Stunden dauerte. Ein Communiqus besagt, da die Delegierten über die Haupt- sächlichen Punkte der Grenze einig geworden seien, werde die endgültige Lösung in der nächsten Sitzung am 17. d. M. erfolgen. Es verlautet, in der Sitzung sei die Frage der Zugehörig- keit von Kirkkilisse zugunsten der Türkei geregelt worden, lieber die Frage von D i m o t i k a werde noch ver- handelt werden. fjolland. Die Wahlreform und Sozialversicherung. Haag, 16. September. Die Thronrede, mit der heute die Generalstaaten eröffnet wurden, spricht zunächst von den andauernd freundschaftlichen Beziehungen zu den Mächten. ES soll unverzüglich eine Revision der Verfassung in Angriff genomnien werden, die erstens allen männlichen Holländern das Wahlrecht verleiht mit einigen Ausnahmen, die später noch bestimmt werden sollen, und zweitens das verfassungsrechtliche Hindernis gegen die Erteilung des Wahlrechtes an Frauen beseitigen soll. Eine königliche Kommission wird den Auftrag erhalten, die Möglichkeit einer allgemein befriedigenden Regelung der Unterstützung des privaten Unterrichts zu prüfen und die hierfür unerläßlichen Bedingungen. Im Laufe der Session wird ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, der bedürftigen über 70 Jahre alten Personen unentgeltlich eine Rente gewährt, wofern sie während einer noch zu bestimmenden Zeit Wohltätigkeitseinrichtungen nicht in Anspruch genommen haben. Das Gesetz über die Invalidität soll vereinfacht und im Kranken» g e s e tz soll den Versicherten ein Recht auf ärztlichen Beistand gewährt werden. Eine allgemeine Einkommen- st e u e r, eine Abänderung und Erhöhung der Erbschafts- steuer, eine allgemeine Revision der Strafprozeßordnung werden demnächst vorgeschlagen werden. Zum Schutze von Niederländisch-Jndien wird der Bau eines Kriegsschiffes beabsichtigt, dessen Kosten vom niederländischen Budget zu tragen wären. Die Reorganisation der militäri- schen Streitkräfte soll vollendet werden. Ein Entwurf über die Eindämmung und teilweise Trockenlegung der Zuyder See wird eingebracht werden. Die Regierung wird die letzten Ueberbleibsel von Frondiensten auf Java und Madura be- fettigen und die Erziehung der Eingeborenen fördern, die sich den verschiedenen Bedürfnissen der einzelnen Bevölkerungs- aruppen von Niederländisch-Jndien anpassen und von den Grundsätzen religiöser Toleranz und gegenseitiger Achtung der Rassen geleitet sein soll. CKina. Die Entsendung japanischer Kriegsschiffe. Tokio, 16. September. Außer den bereits genannten beiden Kreuzern ist in Befürchtung weiterer Uebergriffe des Generals Changsuea ein Geschwader von Torpedoboots- Zerstörern nach Nanking gesandt worden. Die Entlassung Changsuens wird als w e s e n t l i ch für die Erledigung der Zwischenfälle angesehen. Amtlich wird erklärt, daß die Entsendung der Kriegsschiffe auf keine aggressiven Absichten gegen China hin- deute, sondern lediglich angeordnet worden sei, um Leben und Eigentum der Japaner zu schützen. SchweKerilcher GewerhFchaflskongreß. Zürich, 14. September. Die Verhandlungen werden eröffnet von G re u l ich- Zürich mir einem Referat über die Stellungnahme der schweizerischen Gewerkschaftsverbände zu den Jugcndorganisafionen. Greulich stellt sich auf den Standpunkt, der Jugendbewegung mög- lichst viel Selbständigkeit und Freiheit der Bewegung zu lassen und ihr nur mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Selbstverständ- lich muß unsere Jugendbewegung auf dem B o de n unseres Parteiprogramms und unserer Parteitagsbeschlüsse stehen. Unter dieser Voraussetzung unterstützen Partei und Gewerkschaft aus ihren Kassen mit bestimmten Jahresbeiträgen die Jugendorganisation. Zur Aufrechtcrhaliung einer steten Verbindung miteinander sollen Partei und Gewerkschaftsbund in die Zentrale der Jugendorgani- sation Vertreter entsenden und an den einzelnen Orten sollen Tele- gierte in die lokale Jugendorganisation gewählt werden, geeignete Ge- nassen, die für die Jugend Verständnis besitzen. Andererseits haben die Jugendorganisationen der Partei und dem Gewerkscha'ts- bund ihren Jahresbericht und ihr Organ zuzustellen. Zu den Parteisitzungen und GeWerk, chastskongressen. wie auch zu den Sitzungen des Parteivorstandes' und des Gewerlsch5aints Groß-Berlin vom 30. August d. J. wird die Kasse am 31. Dezember 1913 geschlossen und gehören die Betriebe sowie die Vcr- sicherten unserer Kasse vom 1. Januar 1914 der Allgemeinen Orts-Kranken- lasse der Stadt Berlin an. Die Ausichußwahlen finden am 28. September d. I. statt und ver- weisen wir auf die Bekanntmachung der Allgemeinen Orts-Krankcnkasse vom 23.'August 1913. Wir bringen dies gemäß tz 301 der N.-B.-O. mit dem Hiirweis zur öffent- lichen Kenntnis, daß etwaige Gläubi- gcr ihre Ansprüche innerhalb 3 Mo- natenimKassenlokal geltend zumachen haben. Die spätere Anincldung von Forderungen kann verweigert werden. Der Vorstand. 275/13 I. A.: Max Reuscher, Vors. Ällpeiue ÖrtskraDkeitee liir iIeb Ämtsbezirk Berlin-Öber- seböneweide. Bekanntmachung. Durch Beschluß des Königlichen Obcrversicherungsamlcs Groß-Berlin vom 39. August 1913 wird die All- gemeine Ortskrantenkasse für den Amtsbezirk Berlin-Oberschöneweide mit dem 31. Dezember 1913 ge- schlössen, nachdem die Zulassung der Kasse rechtskräftig versagt worden ist. Wir machen dies gcinäß Z 301 d er Rcichsversicherungsordnung hierdurch öffentlich bekannt mit dem Hinweis daraus, daß die Besricdigung von Gläubigern, welche ihre Forderungen an die Kasse nicht binnen drei Mo- natcn nach dieser Bekanntmachung angemeldet haben, verweigert werden kann. Für Ansprüche aus der Versicherung gilt diese Bestimmung nicht. Ferner geben wir bekannt, daß Arbeitgeber und Versicherte unserer Kasse init dem 1. Januar 1914 zur Ortskrankenkasse Niederbarnim ge- hören. Die Wahlen zu dem Ausschuß dieser Kasse werden demnächst vorgenommen werden, wozu noch nähere Bekannt- machungen ergehen. 275/15 Berlin-Oberschöneweide, den 15. September 1913. Der Borstand der Allgemeinen Ortskrankenkassc für den Amtsbezirk Berlin- Oberschöncweide. gez.: Schneider, 1. Vorsitzender. fSonnraes 8—10 gcbllnct. Reiseführer, Wanderkarten und Bücher, Kursbücher hält stets am Lager Buchhandlung Vorwärts l-indenstr. 69. Ohne jede Anzahlung k Keine Kassierer, kleine Raten! llett- u. Leibwäsche, Teppiche, Portieren, Bilder, Gardinen, Stores, Stepp- u. and. Decken. 9— MATZXKR.• Hufelandftrafte Nr. 41. mr iw- Hchll-Wbchtz Dauer bis 21. 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A. ä-rnigtni-tb, beeidigter Gerlebrs- Cbeniiker, enthalt „Siems Kraftfleisch44 alle natürlichen Bestandteile des rohen fleische», überragt letzteres an Kährwert und ist leicht n. fast restlos verdaulich! » Mi i, itiinjt iifü Joniiflrts" Der!« IloHislililt.»»»»-»»l,,» Parteitag der deutschen Sozialdemokratie. � Jena, 16. September 1913. Zweiter Tag. Vormittagssitzung. Begrüßungstelegramme sind vom Exekutiblonritee der sozial- demokratischen Partei Rumäniens und von der sozialdemo- kratischen Partei Finnlands eingegangen. Schcidema»» geht in seinem Schlußwort zum allgemeinen Geschäftsbericht zunächst mil einer Bemerkung auf den Bericht der Kontrollkommission ein. B r ü h n e hat eine Sachdarstellung in der Beschwerdesache des Genossen Mehring gegeben und u. a. gesagt:„Nachdem der Parteivorstand auf Grund der Aussprache erklärt hat, eine Regelung des Verhältnisses zwischen dem Genossen Mehring und der »Neuen Zeit" in Aussicht zu nehmen kann die Kontrollkommission der Entscheidung des Parteivorstandes nicht vorgreifen." Diese Annahme der Kontrollkommission stützt sich auf eine mißverstandene Äußerung des Genossen H a a s e, und gegen diese Annahme hat der Parteivorstand sofort Einspruch erhoben. In einem Brief an die Kontrollkommission vom 29. Juni 1913 sagte er:„Der Parteivorstand hat nicht erklärt, eine Regelung des Ver- bältnisjes zwischen dem Genossen Mehring und der„Neuen Zeit" in Aussicht zu nehmen, nachdem im vorigen Jahre die Regelung entsprechend dem Wunsche des Genossen Mehrina vorgenommen worden ist." Mehrfach ist über schlechte Berichterstattung geklagt worden. Auch ich habe, gestützt aus einen mangelhaften ZeiiuugSbericht, mich auf die Aeußerung eines Genossen in Sachsen bezogen, der nach dem „Vorwärts" gesagt haben sollte, der Mißerfolg in der Agitation und Organisation des letzten Jahres sei dem Schwinden des Vertrauens der Massen zur Leitung geschuldet. Der betreffende Genosse hat mir versichert, daß er sich so nicht ausgesprochen habe. Ich freue mich, das feststellen zu können. Auf die Einwendungen gegen das Pressebureau will ich des näheren nicht ein- gehen. Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich ausdrücklich fest- stelle, daß der Parteivorstand niit den Leistungen des Pressebureaus auch nicht ganz einverstanden ist und sie besser wünscht. Ich gebe Ihnen von neuem die Versicherung, daß wir alles versuchen werden, um auch das Pressebureau etwas leistungsfähiger zu gestalten. Ob es gelingen wird, ist eine andere Frage. Auch die„Arbeiterjugend" soll nicht so redigiert sein, wie es gewünscht wird. Ich glaube, dem hier uicht anwesenden Genossen, der sie redigiert, wirklich schuldig zu sNn, festzustellen, daß die„ A r b e i t e r j u g e n d" ta t s ä ch l i ch eine der besten unserer Zeitungen ist. fSehr richtig!) Es mögen ja hier und da Artikel darin sein, die nicht allen gefallen, aber eine Zeitung, die es allen recht macht, gibt es nicht. Un- mögliches kann man von der„Arbeiterjugend" aber auch nicht ver- langen. Stubbe hat angeregt, ob sich nicht eine Abgrenzung der Gebiete für die Partcipresse ermögliche. Dieser Plan ist sehr alt, ich glaube aber nicht, daß er realisierbar ist. Wir haben eine Anzahl großer,_ sehr leistungsfähiger Blätter. Die Parteigenossen auch in den entferntesten Gegenden lesen diese Zeitung und würden sich nicht mit eineni Blatte abfinden, das auf die Hälfte oder ein Drittel reduziert wäre. Das Ideal wäre, daß wir statt der großen Zeitungen eine vier- oder fünffache Anzahl weniger umfangreicher Blätter über das ganze Land verteilt hätten. Das würde der Agitatioii wesentlich bessere Dienste leisten. Bis zu einem gewissen Grade ließe sich das auch durch Kopfblälter erreichen. Solchen Wünschen ist der Parteivorstand entgegengekommen und wir haben vielfach, allerdings nicht immer, gute Erfahrungen damit gemacht. Redner bittet, den Antrag Hannooer, der jedesmal nach Schluß einer Reichstagssession eine Agitationsbroschüre verlangt, dem Parteivorstand zu überweisen, ebenso den Antrag, der statistisches Material über Volkswirtschaft in Broschürenform verlangt und schließlich auch den Antrag 55, der vom Ausbau der„Neuen Zeit" handelt. Mit den Reformvorschlägen der Genossin Zetkin, die eine Geschichte der Parteibewegung in populärer Darstellung in der »Gleichheit" ankündigt, sind wir alle durchaus einverstanden. Das geplante Familienblatt ist zu einem Preise von höchstens 16 Pf., wie ihn ein Antrag verlangt, nicht herauszubringen. Es ist ganz un- möglich, nach genauer Kalkulation ein wirklich gutes Blatt mit Illustrationen auf anständigem Papier zum Preise von lö oder gar 19 Pf. zu liefern. Billig ist nicht immer gut. Man weist auf die Berliner„Illustrierte" hin. Aber andererseits hat man auch aus- drücklich gesagt: wir wollen keine Jnseratenplantage machen(Sehr richtig), wie das solche Zeitungen sind. Wir wollen ein gut ge- leiteies illustriertes Familienblatt, das das Unter- Haltungsbedürfnis befriedigt und die Wünsche, die unterrichtet sein wollen über neue Errungenschast der Wissenschaft usw., erfüllt. Diese Zeitung bat ganz andere Aufgaben als die heute noch vielfach in den Massen verbreiteten Blätter. Ich bitte also, diesen Antrag glatt ab- zulehnen. Die Befürchtung, daß die Massen 25 Pf. für ein wirklich gutes Blatt nicht opfern würden, ist durchaus unbegründet. lieber die Jugendbewegung ist geklagt worden und man hat von Schönfärberei gesprochen. Aus mein Referat trifft dieser Vorwurf jedenfalls nicht zu. Ich habe nur festgestellt, daß wir der Jugend- bewegung eine außerordentliche Bedeutung beilegen und alles tun, um sie vorwärts zu bringen. Aus den Ausführungen der Genossen Schulz und Rosenfeld, die einen großen Teil ihrer Arbeitskraft der Jugendbewegung widmen, haben wir gehört, daß es voran geht. Bei den Biidungsveranstaltungen für finanzschwache Kreise wird der sonst allgemein festgesetzte Preis bis zur Hälfte herabgesetzt, doch weiter heruntergehen kann der Bildungsausschuß nicht. H e i l m a n n hat zu seiner Rechtfertigung gesagt, daß er keine Kenntnis von den Flugblättern des Parteivorstandes während der Militärvorlage und dem Krupp-Skandal gehabt habe. Er habe das darauf zurückgeführt, daß der Parteiapparat zu schwer- fällig arbeite. In dasselbe Horn hat dann auch S t e n g e l e von Hamburg geblasen. Er meinte, es gehe alles schabloncn- mäßig. Genau das Gegenteil davon hat dann Stubbe vorgetragen, der eine noch schärfere und noch straffere Zentralisation wünschte, meines Erachtens auch mit Recht. Es liegt in der Tat nicht an der Zentralisation. Es kommt wirklich auf die Menschen an, daß der Apparat arbeitet. Wenn der eine oder andere Bezirks- sekretär die Sache liegen läßt, so kann dafür die Organisationsform nicht verantwortlich gemacht werden. D i ß m a n n hat besseres Zu- sammenarbeitcn der Fraklioir und des Parteivorstandes mit dem Parteiausschuß bei der Agitation gegen die Militärvorlage verniißt. WaS meint er damit? Die drei Körperschaften haben fortwährend in innigster Fühlung zu einander gestanden. Uebrigens hatte Diß- mann als Ausschußmitglied bei den vielen Besprechungen mit dem Vorstande Gelegenheit, uns rechtzeitig Anregungen zu geben, wenn er meinte, daß etwas versäumt worden sei. Die Anregung Dittmanns aus bessere Ausgestaltung unseres Nachrichtendienstes für die Gesamtpartei wird im Vorstand weiter behandelt werden. Heilmann beklagte sich darüber, daß die Anträge des Partcivorstandes zu spät veröffentlicht worden seien. Das er- klärt sich daraus, daß wir alle Anträge erst dem Partciausschuß vorlegen mußten, und als� der zusammentrat, waren natürlich die übrigen Anträge längst veröffentlicht. Ein Diskussionsredner glaubte, meine Inschutznahme der Partei- und Gewerkschaftsangestellten zurückweisen zu sollen. Er meinte, die Gewerkschaftsbeamten ver- dienen es nicht, daß ich sie in dieser Weise verteidige. Ich habe nicht übertrieben, ich führe zum Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptung nur einen Satz aus der Rede eines Genossen in einer Berliner Versammlung an:„Unsere Angestellten sind eben nur Geschäftsmenschen, sie besitzen keinen Idealismus mehr." Wenn man so etwas liest, muß man in so energischer Weise dagegen Stellung nehmen, wie ich es gestern getan habe. Meine Erkundigungen haben ergeben, daß der Redner leider wirklich diesen Satz ausgesprochen hat. Leute, die so sprechen, bringen schließlich das, was andere redegewandtere Genossen in feinerer Form und weniger deutlich ausführen, nachher nur in populärerer Form so in den Versammlungen vor, wie sie es verstanden haben und wahr- schcinlich auch verstehen sollten. Man muß die angestellten Genossen, die schwer zu arbeiten haben, in Schutz nehmen gegen solche An- griffe, die nur dem Reichsverband Material liefern. (Sehr gut!) Im allgemeinen ist die Kritik am Parteivorstand sehr milde gewesen. Sie haben uns volle Gerechtigkeit widerfahren lassen und wir werden die Anregungen berücksichtigen, wie wir ge- wohnt sind, gute Lehren immer zu beachten.(Brävo I) Braun: Heilmann meinte gestern, die Anregungen, deren Verwirklichung nach meiner Meinung zu viel Geld kosten würde, könnten im Gegen- teil bei ihrer Ausführung der Partei tteberschüsse liefern. Solche Anregungen hatte ich natürlich nicht im Auge, denn Einrichtungen, die Ueberschüsse bringen, sind einem Kassierer immer sehr lieb. Mit der Schaffung einer F n s e r n t e n z e n t r a l e hat sich der Parteivorstand schon vor längerer Zeit beschäftigt, es stehen dem abe» soviel Schwierigkeiten persönlicher Natur im Wege, daß wir bisher nicht dazu gekommen sind. Wir behalten die Angelegenheit im Auge, und wenn die Schwierigkeiten sich überwinden lassen, werden wir über kurz oder lang eine solche Einrichtung schaffen können. Mit meinen Ausführungen über Bayern habe ich keinen Vorwurf verbunden, ich habe mich in der Abwehr gegen- über Aeußerungen eines Mitgliedes des bayerischen Landes- Vorstandes auf dem Pfälzer Parteitag befunden. Die Kaiserslauterner Angelegenheit ist für uns vorläufig erledigt, ich stehe auf dem Standpunkt, daß in Kaiserslautern die Voraussetzung für ein selbständiges Blatt noch nicht gegeben ist und daß man sich vorläufig mit einem Kopfblatt begnügen muß. Kommt die Sache wieder an den Parteivorstand und werden neue Momente ins Feld geführt, dann werden wir erneut die Sache ernstlich prüfen. Wir lassen uns nicht von rein fiskalischen Gründen leiten, sondern berücksichtigen auch die agitatorische Bedeutung solcher Gründungen. Freilich muß auch darauf geachtet werden, daß die Ausgaben mit den Einnahmen in Einklang stehen. Von einem Mitteil ungs- oder Verwaltungsblatt, von so einer Art Partei-Reichs- anzeiger, wie es Dittmann angeregt hat, verspreche ich mir nicht viel. Die Mitteilungen werden in Form von Zirkularen an die Stellen herausgegeben, die die Aktionen auszuführen haben, und wer sich dafür interessiert, kann es stets von den Bezirkskreisvorständen erfahren. Dazu kommt, daß wir die wichtigsten Mitteilungen aus praktischen Gründen nicht der Oeffentlichkeit unterbreiten. Es kommt lediglich darauf an, daß die Funktionäre Kenntnis davon erlangen. Auer hat be- mängelt, daß wir im Bericht gesagt haben, die geringe Mitglieder- zunähme grenze an Stagnation. Wir haben keinen Grund, vor offenbaren Tatsachen die Augen zu verschließen, und wir haben auch den Mut, das festzustellen und offen auszusprechen. Wir treiben weder Schönfärberei, noch malen wir schwarz. Ebenso wie 1907 die Konstatierung der Tatsache, daß der Erfolg der Wahlen unseren Erwartungen nicht entspricht, die Genossen angefeuert hat zu der intensiven Agitationsarbeit, die den großen Sieg von 1912 vor- bereitet hat, so wird auch diese unsere Feststellung die Genossen zu neuer Agitationsarbeit anfeuern.(Sehr richtig I) Noch einige Worte zum Antrag 96. lieber die Notwendigkeit der Einsetzung einer S t u d i e n k o m m i s s i o n zu A g r a r- zwecken besteht kein Zweifel. Auch die Vorschläge über die Art der Zusammensetzung und daß die Kommission das Recht erhalten soll, gemeinsam mit den, Vorstand besoldete Mitaibeiter zur Ausführung der umfangreichen Studienarbeit anzustellen, sind nicht angefochten worden, nur wollte Gottschalk, daß nicht der Parteivorstand und der Parteiausschuß die Kommission einsetzt, sondern daß die Mitglieder sofort vom Parteitag gewählt werden. Ich halte die Art, wie und wo die Kommission gewählt wird, nicht für so außerordentlich wichtig. Auch wenn die Kommission vom Parteivorstand und Parteiausschuß gewählt wird, besitzt sie doch zweifellos das Vertrauen der Parteigenossen, denn diese Körper- schaffen haben dock auch das Vertrauen der Partei. lEehr richtig I> Es handelt sich hier doch mehr um eine Zweckinäßigkeitsfrage. Es kommt darauf an. sachkundige Leute in die Kommission zu bringen, und ich glaube, das gelingt dem Vorstand und Ausschuß besser als dem Parteitag.(Sehr richtig!> Zur Ausführung der Arbeiten wird man schließlich ja doch besoldete Arbeiter zuziehen müssen. Es kommt aher darauf an, daß die Kommission die Grenzen für das Studium absteckt und die Dispositionen trifft und dazu ist eine gewisse Sachkunde nötig. Sie können zu Vorstand und Ausschuß das Vertrauen haben, daß er geeignete Personen wählt. Die Kom- Mission sollte auch kein Agrnrprogramm ausarbeiten, sonder» lediglich Material sammeln, damit die Partei später die Richtlinien für ein Agrarprogramm, oder wenn ein solches für überflüssig er- achtet wird, die Grundlagen für die Tätigkeit unserer Genossen in den Parlamenten für die Agitation schafft. Brühiie(Schlußwort): Die Tätigkeit der Kontrollkommission hat nicht einen einzigen Kritiker gefunden. Die Differenz im Falle Mehring ist durch die beiderseitigen Erklärungen von Parteivorstand und Kontrollkommission erledigt. Dem Parteibor st and wird hierauf e i n st i in m i g Eni- l a st u n g erteilt. Es folgen die Abstimmungen. Der Zusatzantrag Gottschall wird abgelehnt. Der Antrag auf Einsetzung einer Agrarstudienkommission wird angenommen. Ab- gelehnt werden die Anträge aus AuSmerzung der Fremdworte unter Billigung des Preises des Familienblattcs. Alle übrigen be- sprochenen Anregungen auf Ausbau der Presse, Literatur und Jugend- bewegung werden dem Parteivorstand überwiesen. Es folgt die » Diskussion über den Massenstreik. Hierzu liegen vor die Resolutionen 94 und 100. Gott schall- Königsberg beantragt, dem Begründer der Resolution 100 eine halb- stündige Redezeit zu gewähren. Noske-Chemnitz: Das wäre unzulässig, alle Redner haben das gleiche Recht. Wir braten niemand eine Extrawurst. Die GeWerk- schaftsredner könnten dasselbe Recht fordern. Katzciistein: Wie kann man einen so selbstverständlichen Antrag der Gerechtigkeit widersprechen. Es handelt sich um zwei Auf- fossungcn, die in einer aktuellen Frage gegenüberstehen. Da ist ein sachliches Bedürfnis vorhanden, die Sache gründlich zu erörtern. In vielen Parlamenten werden Generalredner mit längerer Redezeit gestellt, so wollen wir es auch hier machen. Dr. David: Der Sinn des Antrages Gottschalk ist, der Genossin Luxemburg eine halbstündige Redezeit zu gewähren. Ich empfinde diesen Antrag als eine Ungerechtigkeit.(Zuruf: Aus Angst.) Nicht aus Angst, wenn aber einem Redner gestattet wird, die dreifache Redezeit in Anspruch zu nehmen, so ist das ungerecht. � Die Dinge werden auf den Kopf gestellt, wenn gesagt wird, Scheidemann sei der Angreifer. Der Angriff geht von der Genossin Luxemburg aus. (Sehr richtig I) Sie hat ausgiebige Gelegenheit gefunden, ihren Standpunkt in schärfster Form in der Presse zu vertreten. Hoch-Hanau: Ohne diese Geschäftsordnungsdebatte hätten wir die halbe Stund- schon gewonnen. Wenn zwei Meinungen einander gegenüberstehen, ist es ständige Praxis, einen Referenten und einen Korreferenten aufzustellen. Weiter ist nichts verlangt worden. Es ent- spricht der Natur der Sache, aber nicht der Natur der Sache entspricht es, wenn David die Frage �auf- wirft, wer ist es denn, der zum Wort kommen soll.(Sehr richtig I) Ob da§ die Genossin Luxemburg oder David ist, ist ganz gleichgültig. Wir wollen kein Vorrecht für die GenossinLuxem- bürg, nur einfache Gerechtigkeit. Wir beschweren uns nicht über die Poleinik Scheidemanns. Das war seine Pflicht, aber dann muß auch der andern Seite Gelegenheit gegeben werden, ihre Ansicht darzu- legen.(Sehr richtig» Was der eine oder andere in der Presse darüber geschrieben hat, kommt nicht in Betracht. Hier ist das Parlament, hier haben beide Parteien ihre Anschauungen darzu- legen. Gvttschalk-Königsberg: Es handelt sich um tiefgreifende Sachen, nicht um Meinungsverschiedenheiten, deshalb mutz auch die Gegen- seite zu ihrem Rechte kommen. Schumann-Berlin: An sich bin ich gegen den Antrag Gottschalk. Sollte aber der Parteitag in seiner Mehrheit dafür sein, dann würde ich es für unbedingt notwendig halten, daß auch einem der Redner, der die gewerkschaftliche Auffassung in dieser Frage vertritt, dieselbe verlängerte Redezeit zugestanden wird.(Lebhafte Zustimmung.) Vorsitzender Ebcrt bittet, nicht die wertvolle Zeit mit einer so ausgedehnten Gcschäftsordnungsdebatte zu vergeuden.(Sehr richtig.) Dr. David: Wenn der Vorschlag Schumann dem Mehrheits- willen des Parteitages�entspricht, lind das nehme ich an, dann be- trachten auch wir die«ache als erledigt. Ledcbour formuliert die Anregung Schumann? als Antrag. Die Anträge Gottschalk und Ledebour werden angenommen. Jaffke-Niederbarnim beantragt, zuerst den Begründern der An- tröge das Wort zu erteilen und dann erst in eine allgemeine Dis- kussion einzutreten. Vorsitzender Ebert: Nach der Praxis der Parteitage ist immer so verfahren worden, daß, wenn Anträge größerer Gruppen zur Ver- Handlung kamen, die eingezeichneten Redner der Reihe nach sprachen. Hatte einer der Rednee einen selbständigen Antrag zu begründen, so bekam er die in der Geschäftsordnung vorgesehene verlängerte Rede- zeit. Es handelt sich hier um eine Frage, die die Gesamtpartei gleichmäßig interessiert. Es wäre wirklich unverständlich, wenn wir nur einer Reihe der Vertreter der Wahlkreise 20 Minuten Redezeit geben und dann erst in die Diskussion eintreten wollten.(Lebhafte Zustimmung.) Als erster Redner in der Debatte erhält da? Wort Eduard Bernstein: Ich bin einer der ersten gewesen, die den Maffenstreik als unter Ilmständen zweckmäßig und vielleicht sogar unabweisbar erklärt haben. Ich stimme für die Vorstandsresolution, weiter gehe ich nicht, denn die deutschen Verhältnisse warnen uns sehr davor, uns in romantische Anschauungen über die Möglichkeit des Massenstreiks hineinzurennen.„Belgisch reden I" Wir alle bewundern die Leistungen unserer belgischen Genossen in ihrem großen politischen Streik. Es müssen aber die ganz anderen politischen Verhältnisse gewürdigt werden, die diesen Streik und seinen relativen Erfolg ermöglicht haben, daß eine Wahlrechtsprüfungskommission ein- gesetzt wird. Die belgischen Genossen haben gestreikt, nur um die nach der Verfassung nötige prinzipielle Erklärung der Kammer für eine Revision des Wahlrechts durch ein neu zu wählendes Parlament zu erlangen, was ihnen geglückt ist. Bei uns aber, in Preußen, wird die Frage nach der Notwendigkeit einer Wahlrechts- änderung von niemand als den Konservativen verneint. Will man bei uns ins blaue hinein einen Massenstreik inszenieren, ohne zu wissen, womit er enden soll? Wie man ihn anfängt, das wiffen wir, aber wie er enden soll— das möchte ich von der Genossin Luxemburg hören. Wollten wir eine solche Streikbeteiligung wie in Belgien erreichen, so müssen wir 2'/s bis 3 Millionen Arbeiter zum Streik bewegen. Wie soll das ohne gewalt- same Zusammenstöße und ohne Abflauen eines großen Teils der Streikenden möglich sein? Der schwedische Generalstreik von 1909 hat den schwedischen Gewerkschaften einen Verlust von 80 bis 90 000 Mitgliedern auf überhaupt 180 000 Mitglieder gebracht.(Hört! hört l) Schade, daß uns kein schwedischer Genosse von ihren Er- fahrungen erzählen kann. Wir müssen also sehr sorgfältig mit uns zu Rate gehen, bei den ganz anderen Verhältnissen in Deutschland. Wann wollen Sie mit dem Generalstreik aufhören, vielleicht erst. wenn uns das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht bewilligt wird? Dann könnt Ihr gleich sagen: Wir hören erst auf, ivenn die rote Fahne über dem Schloß von Berlin weht. Mit einem Hieb gibt uns der preußische Staat nicht das gleiche Wahlrecht.(Sehr richtig!) Wegen einer Teilreform, von der wir gar nicht wisse», wie sie ausfällt, möchte ich es aber auf eine so schwere Sache nicht ankommen lasten. Ich verstehe und empfinde selbst die Empörung der Genosten über den preußischen Wahlausfall und würde gern die Hand zu irgend einer Aktion bieten, die dem Willen der Arbeiterschaft für eme Wahl- rcform in entschiedenerer Weise als bisher Ausdruck gibt. Die Wege würden sich vielleicht finden lassen, aber die heute ge- stellten Anträge sind geeignet, bei einem Teil der Arbeitet falsche Auffassungen und Illusionen zu erwecken, die uns den beute zu führenden Kampf erschweren. Uns fehlt die Tradition großer Revolutionen, aber die deutsche Sozialdemokratie war die erste, die der internationalen Arbeiter- bewegung durch die Ausnutzung des Wahlrechts den Kampf im Parlament gelehrt hat. Wir haben auf den verschiedensten Ge- bieten Organisationen aufgebaut und vervollkommnet, die in lang- samer Arbeit unsere Bewegung zu einem Staat im Staate gemacht haben(Sehr richtig I), der unseren Gegnern viel unangenehmer ist, als wenn wir es auf ein Spiel ankommen lassen. Für ein Spiel ist aber alles das, was wir aufgebaut haben, zu wertvoll. Denkt an das Wort Auers in schwerer Situation:„Bleiben wir uns selbst treu 1" Wir haben nicht alles erreicht, was wir wollten, aber wir haben Großes geschaffen. Halten wir daran fest, bauen wir darauf weiter und lassen wir uns nicht in einer Situation, wie der gegenwärtigen, in eine Bewegung hineindrängen, die, wenn sie einen Sinn haben soll, uns davon abbringt, unseren Feinden zur Freude, zum Schaden des Ganzen.(Beifall.) Clajus-Berlin II: Ich will mich nur mit den Ausführungen Scheidemanns über den Massenstreik beschäftigen. Es ist richtig, daß, wie Scheidemann übereinstimmend mit Bernstein ausführte, der Maffenstreik eine sehr scharfe, aber auch sehr zweischneidige Waffe ist. Es ist auch richtig, daß das Proletariat im gegebenen Augenblick noch nicht reif ist für den Massenstreik. Falsch aber ist, wenn sich Scheidemann dagegen wendet, jetzt wieder die Mastenstreikfrage auf dem Parteftn'g zu erörtern. Die Erörterung ist ein« unbedingte Notwendigkeit. Der Krieger mug seine Waffen kennen, wenn er sie gebrauchen will. Es ist auch falsch, daß die Akademiker oder Theoretiker die Schuld an der Propagierung des Massenstreiks tragen. Das kann ich bezeugen, der ich aus der Werk- statt komme. Die Genossen in den Werkstätten sagen überall: Was nützen die Resolutionen und Versammlungen I Unzweifelhaft entspringt die Masscnstreik-Debatte der wachsenden Unzufriedenheit der Massen. lHörtl hört!) Wenn ein großer Teich keinen Abfluß hat, fängt er an zu gären und zu brodeln. Ich meinerseits betrachte die Führer nicht als Brsvlsrlötze, aber in den Werkstätten und Fabriken heißt es, unsere Führer haben sich den bürgerlichen Idealen schon zu sehr ge- nähert. Sie versuchen zu bremsen. sUnruhe und Widerspruch.) Bebel hat an dieser Stelle 1906 gesagt, daß es nichts Schlimmeres gäbe, als eine Stagnation und so viel Rücksichtnahme auf die Gegner. Wir müssen geradeaus vorwärts schreiten. Das verstehen die Massen, aber nicht das zage Umsichsehen. Allerdings sind die Arbeiter über- zeugt, daß es noch ganz anderer und festerer Organisation bedarf, um die Waffe des Massenstreiks und vielleicht noch andere Mittel zur Anwendung zn bringen. Wir müssen den Massen sagen, daß wir sie zu dem großen Befreiungskampf organisieren. Der IS. März 1919, als Jagow durch die kluge Taktik des Berliner Zentral- Vorstandes vor aller Welt blamiert wurde, war ein Tag des Auf- schwungS für uns. Da hätten sie einmal sehen sollen, wie die Polizei herumgcjagt wurde, wie froh und lustig die Stimmung der Massen war. Ich begrüße es, daß die Frage des Massenstreiks jetzt aus giebig diskutiert wird. fBravo.) Hense-Hamburg: Unter den gegenwärtigen Umständen konnten die Hoffnungen nicht erfüllt werden, die an die große Zahl der Reichstagsmandate und Stimmen geknüpft wurden, da unsere Partei immer noch die Minderheit im Reichstage und im Volke bildet. Wegen dieser ge- täuschten Erwartungen wurde die Frage deS Massen- oder Generalstreiks nicht von den Massen der Parteigenossen, sondern von einigen Literaten und Akademikern(Lachen), die nichts Besseres zu tun haben(große Unruhe) in die Debatte geworfen. Genosse Pannekoek irrt sich, wenn er glaubt, daß die Gegner leichter politische als wirtschaftliche Zugestand- nisse machen. Es wird vielleicht einmal gelingen, die Massen in einen Streik hinein zu bekommen, vielleicht zweimal, aber beim dritten Mal locken Sw keinen Hund hinter dem Ofen her- vor, wenn Sie nicht für die Folgen des Massenstreiks aufkommen wollen. Nun wird gesagt, man könne den Massenstreik heute noch nicht anwenden, man müsse ihn aber diskutieren, um die Massen vorzubereiten. Ich bedauere die ganze Sozialdemokratie und die ganz« Gewerkschaftsbewegung, wenn wir eine Unternehmung jähre- lang vorher diskutieren müssen. Ich stehe mitten in der Masse und verurteile es entschieden, wenn einzelne Personen eine Disharmonie zwischen denen, die im Dienst der Partei und Gewerkschaften arbeiten, und den Massen zu schaffen suchen. Dadurch untergräbt man zum Schaden der Partei das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Rosa Luxemburg: Als ich gestern die große Rede de« Genossen Scheidemann hörte, da beschlich mich ein wehmütiger Gedanke an unsere Eröffnungs- feier am Sonntag und an die dort gehaltenen Begrüßungsreden unserer ausländischen Gäste. Da sind die Vertreter unserer Bruder- Parteien au? Holland, aus Belgien, aus der Schweiz gekommen, und sie haben uns einer nach dem anderen erklärt: Was uns als das wichtigste in Eurer Tagung erscheint, ist die Debatte über den Massenstreik; für uns alle in Holland, Belgien, der Schweiz und anderen Ländern war diese Frage schon brennend. Aber wir find eingedenk dessen— obwohl bei uns die Massenstreikfrage schon praktisch geworden ist—, daß dort, wo es gilt, eine tiefgründige, ernste theoretische Behandlung dieser Frage zu erreichen, da mutz man zur deutschen Sozialdemokratie gehen, die die Vorhut der Internationale ist.— Dann kam die Rede Scheidemanns über den Massenstreik. Ich befürchte, wenn unsere auswärtigen Gäste von der obersten Leitung unserer Partei eine großzügige, tiefein- dringende sachliche Behandlung dieses hochwichtigen Problems er- wartet haben, wenn sie sich der Hoffnung hingaben, von dem Ver- treter des Parteivorstandes eine weitblickende Analyse der poli- tischen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland und inner- halb der Partei zu hören, die im Zusammenhang mit dem Massen- streik bei allen in Betracht gezogen werden mutz, wenn sie erwarte- ten, feste Richtlinien in bezug auf die nächste Zukunft über unser« taktischen Aufgaben gezogen zu sehen, so fürchte ich, sie sind nicht auf ihre Kosten gekommen. Denn die Rede Schetdemanns in bezug auf das Problem des Massenstreiks war alles andere, als«ine ernste sachliche Betrachtung dieses Problems. Diese ganze Rede war gestimmt auf zwei Noten, erstens auf den Ton des Faustschen FamuluS Wagner: Seht, wie herrlich weit wir es in allen Be- Ziehungen gebracht haben, und zweitens auf einen Kampf gegen die Nörgler, gegen die unzufriedenen Kritiker in der eigenen Partei. Wenn man die Ausführungen Scheidemanns hörte, so ist ja der Parteivorstand mit allem in der Partei höchst zufrieden, er findet alles im höchsten Glänze. Ich glaube, die erste Voraussetzung für ernste politische Führer, die dieses Namens wert sind, die Führer einer Millionenpartei, einer Maffenpartei wie die unsrige sind, ist ein überaus empfindliches Ohr für alle?, was sich regt in der Seele der Massen.(Sehr richtig!) Nun unterliegt es keinem Zweifel, daß wir jetzt eine tiefgreifende Unzufriedenheit in den Reihen der organisierten Parteigenossen haben.(Sehr richtig I) Sie brauchen nur in die Versammlungen zu gehen, lim das zu hören. Man braucht auch nur die Berichte von den Parteiversamm- lungen vor dem Parteitag in allen Gegenden Deutschlands zu ver- folgen, um zu sehen, daß Redner aus der Mass« hier heraustreten und bekiirtden, daß dje Massen der Organisierten formlich nach einem frischen Luftzug im Parteileben lechzen, datz sie einen frischen scharfen Ton in unseren Kampf hineingetragen haben wollen, datz sie es satt haben, den Nichts-als-Parlamcntarismus als das alleinseligmachende Mittel immer vorgebracht zu sehen. Aber der Parteivorstand weiß von allem nichts, und Scheidemann sagt: Ihr sprecht von Unzufriedenheit? Wo sind die Beweise des fehlenden Vertrauens der Massen zu ihren Führern? Solche Un- Zufriedenheit können ja nur Schwarzseher erblicken, und Sckjzvarz- {chcc duldet der Parteivorstand nicht in der Partei.(Heiterkeit.) Der Parteivorstand war selbst gezwungen, in seinem offiziellen Bericht und in der Rede Scheidemanns eine ganze Reihe von be- trübenden Tatsachen festzustellen. Es wird festgestellt, datz unsere Mitgliederzahl nicht in dem gewünschten Matze vorwärtsschreitet, daß wir einen teilweisen Stillstand und Rückgang der Abonnenten- zahl unserer Blätter haben. Scheidemann sagte uns. daß jeder verständige Mensch angesichts der Zustände in Preuhen, des preutz,- schen Wahlrechts und des schmählichen Ausfalls der letzten preutz:- schen Landtagswahlen erwarten mutzte, die Massen würden nun in gewaltigem Zorne sich aufbäumen und zum Kampfe heraus- rücken. Und Scheidemann sagte: Man mutz sich wundern, datz die Massen das nicht tun. Und schließlich hat Scheidemann selbst fest- stellen müssen em bedauerliches Abflauen der Bewegung in unserer Partei gegen die Militävvorlage. Auf alle diese Tatsachen fmdet der Parteivoritand nur die leichteste und bequemste Erklärung: Stillstand der Organisationen und der Presse? Ei, die Krise ist es. die schuld ist! Und dabei sollen wir uns beruhigen, datz jede Krise wieder die Mauern erschüttert, die wir in der Zeit der Prosperität mit solcher Mühe aufgebaut haben. Der preußische Wahlrechtskampf ist nicht aufgebraust, wie Scheidemann es für selbstverständlich hielt, nach dem schmählichen Ausfall der Wahlen. Aber das einzige, was der Vorstand, unsere oberste Behörde, zu sagen hat, ist, datz Scheidemann sich wundern mutz darüber. Es würde näher liegen, zu fragen, ob denn nicht unsere Taktik selbst ein bißchen dazu beigetragen hat und ob wir keinen Grund hätten, uns nicht zu wundern, sondern uns zu fragen,, was zu tun wäre, um solche Erscheinungen abzuwehren. Und endlich das Abflauen der Massenbewegung gegen die Militärvorlage, gegen die un- erhörtest« Zumutung des Imperialismus, die wir erlebt haben. Auch dafür hat unsere oberste Beihörde fdjt ausreichende Erklärungsgründe: erstens war ja die Annahme der Militärvorlage ficher, und zweitens: nachdem die Besitzsteuern. schon feststanden, da mutzten sich die Massen sagen, so hat Scheidemann wörtlich ge- sagt, nun war das schlimmste überwunden! Ich mutzte mich wun- dern, datz unsere höchste Parteibehörde eine solche Auffassung hier zum Ausdruck bringen konnte. Wenn es zuträfe, wenn die Massen sich sagen konnten, daß nach der Annahme von Besitzsteuern das schlimmste bei der Militärvorlage überwunden war, so haben wir uns damit ein Armutszeugnis für die Resultate unserer Agitation und unserer Erziehungsarbeit ausgestellt.(Sehr richtig I) Wenn das zutrifft, so war der �arteivorstand als erster verpflichtet, zu alarmieren, die ganzen Massen mit der Frage zu beunruhigen; wenn wir so wenig erreicht haben, dann ist es höchste Zeit, datz wir nach Mitteln und Wegen suchen, um die Massen endlich zur sozialistischen Auffassung zu erziehen.(Sehr richtig!) Statt dessen haben wir Beruhigungsgründe auf allen Gebieten. Soweit die Zustände innerhalb der Partei. Nun gibt es aber«ine ganze Reihe von Momenten in der politischen und Wirt- schaftlichen Situation, die wirklich dazu angetan find, Führer einer 4-Millionenpartei zum ernsten Nachdenken über die Taktik und zur Nachprüfung unserer bisherigen Taktik zu veranlassen. Da macht der Imperialismus einen gewaltigen Vorstoß mit der letzten Milflärvorlage, wie wir ihn seit Jahrzehnten nicht gehabt haben. Da ist das Verhalten der bürgerlichen Parteien— eine neue Konstellation— gegen uns zu verzeichnen. Denn was haben wir erlebt? Während der Kämpfe gegen die Wehr- und Tcckungs- vorlagen haben sich diejenigen Liberalen, die viele Hoffnungen während der letzten ReichstagSwahlen in unseren Reihen wach- gerufen haben, nicht etwa unserem Kampfe angeschlossen, sondern sie haben sich zu dem famosen schwarzblauen Block zusammen- gefunden. Sie sind uns in den Rücken gefallen und haben sich mit dem Zentrum verbunden. Ernste Politiker mutzten diese neue Situation in der Kombination der Parteien verfolgen. Ich weise darauf hin, datz in den letzten Tagen ein Leitartikel der„Vossischen Zeitung" über die preußische Wahlreform gesagt hat:„Tie einzige Hoffnung auf die Wahlreform"— das schreibt ein freisinniges Blatt—„liegt jetzt beim Zentrum. Mit diesem zusammen sollten die Liberalen jetzt eine Wohlreiorm machen." Und was für ein« Wahlreform? Nicht etwa die Abschaffung des Dreiklassen- recht«, sondern eine bessere Verteilung der Abteilungen in diesem Dreiklassenwahlrecht. Was bedeutet denn diese neue Kombination? Sie zeigt, datz der Liberalismus, nachdem er sich vor einigen Jahren durch die Paarung mit den Konservativen bis auf die Knochen blamiert hat, jetzt die letzte von der Geschichte gebotene Möglichkeit, sich noch mehr in der Gesinnung zu verlumpen, ergreifen will, um mit dem Zentrum eine Paarung gegen uns einzu- gehen.(Sehr richtigl) Was ist das anderes, Genosse Scheidemann, als der schmähliche Zusammenbruch Eurer ganzen Dämpfungstaktik seit den letzten Reichstagswahlen.(Zuruf vom Parteivorstand: Ach Unsinn!) Parteigenossen, wenn unsere oberste Parteibehörde aus solchen Tatsachen nicht Anlaß nimmt, eine ernste Prüfung der bisherigen Richtlinien der Taktik vorzunehmen, dann steht es traurig um die Sicherheit in der Vorzeichnung der Linien, auf denen die Politik geführt werden soll.— Dazu kommen ja noch höchst beunruhigende wirtschaftliche Momente. Wir stehen am Anfang einer Krise, die Arbeitslosigkeit wird immer größer, und da haben wir allen Anlaß, als weitblickende Politiker uns zu sagen, datz unsere Poltik, unsere Takftk so gestaltet werden mutz, datz wir die unvermeidliche Entmutigung und Verzweiflung, die in den Massen immer in den Zeiten der Krise Platz greift, daß wir diese Gärung, diese Unzufriedenheit in das richtige Becken einer zielklaren Kampfestaktik leiten und nicht in eine dumpfe Stagnafton ausarten lassen. Parteigenossen, nur durch eine ziel- klare, scharfe, revolutionäre Taktik kann man den Mut der Massen stählen(Sehr richtig!), die durch die Krise getroffen werden. Anstatt alles dessen hielt es Genosse Scheidemann für die dringendste Auf- gäbe auf diesem Partetag, den Kampf gegen die Nörgler in den eigenen Reihen, gegen die Kritiker, die angeblich künstlich die Un- Zufriedenheit schüren und an die Wand malen, zu führen. Und diesen Kampf gegen den inneren Feind hat sich Genosse Scheide- mann wahrhaftig leicht gemacht. Er hat nicht«wa in Wirklichkeit gegen die vorgebrachten Kritiken und Ansichten gekämpft, er hat eS vorgezogen, als ein zweiter Ritter St. Georg den Drachen sieg- reich zu erlegen, den er selbst erst ausgebrütet hatte.(Große Heiter- keit.) Das, wogegen Genosse Scheidemann hier als gegen die an- gebliche Auffassung der Verteidiger des Massenstreiks sich gewandt hat, war ein Zerrbild der wirklichen Ansichten, die wir vertreten. (Sehr richtigl) Speziell was meine Wenigkeit anbetrifft, wenn Genosse Scheidemann auch obne Namensnennung dielfach mich zu treffen wähnte mit seiner Kritik, so kann ich ihm mit Goethe zu- rufen: Du gleichst dem Geist, den Du begreifst.(Große Heiterkeit, Unruhe und teilweise Zustimmung.) Einige Beispiele für die Verzerrung der Ansichten, die man bekämpft hat. Wenn wir in der Presse und in Versammlungen auf Unterlassungen in unserer jüngsten Politik hinwiesen, wenn wir betonen, datz z. B. eine Partei von unserer Stärke und unserer oppositionellen, revolutionären Stellung bei solchen erstklassigen politischen Begebenheiten wie das Kaiser-Regierungsjubilänm, wie den Zarenbesuch in Deutschland nicht ruhig zusehen durste, sondern irgend einen Protest und eine Aktion ins Leben rufen mutzte, da kommt Genosse Scheidemann und sagt: Was, Ihr wollt die Leute auf die Straße treiben, Ihr wollt Tausende von Menschenleben gefährden, und man sah förmlich eine rote Blutlache auf den Stratzen Berlin? entstehen, bei der bloßen Anregung, gegen den Zarenbesuch eine Demonstration zu machen, wie es der Sozial- demokratie gebührt. Al» wenn wir nicht schon in Berlin selbst und in Deutschland vor drei Jahren gewaltige Stratzendemon- straftonen erlebt hätten, bei denen nicht Tausend« von Menschenleben zum Opfer gefallen sind, als wenn wir nicht schon in verschiedenen Ländern und zuletzt auch in Belgien, wie das Genosse Scheidcmann 10 Minuten später so schön ausmalte, einen völlig friedlichen Massenstreik sogar hätten entstehen sehen! Parteigenossen! Wenn Sie sich auf die Weise die Entschuldigung dafür leicht machen wollen, datz überhaupt nicht? getan wurde, nicht einmal gewöhnliche Ver- sammlungen zum Zarenbesuch, nicht einmal ein anständiger Leit- artikel im Zentralorgan, dem„Vorwärts", so fteht eS schlimm um Ihre Gründe. Ein zweites Beispiel: Wenn wir davon sprechen, daß wir in Deutschland wie in allen anderen Ländern mit der eventuellen Anwendung des Massenstreiks durchaus nicht darauf zu warten brauchen, bis der letzte Mann und die letzte Frau ihren Beitrag als organisierte Mitglieder eines Wahlvereins gezahlt haben, wenn wir daraus hinweisen, daß, wo die revolutionäre Situation da ist, wo große historische Aufgaben stehen, die Organisation der Partei wohl die Kraft und den geistigen Einfluß besitzen wird, um auch unorganisierte Massen mitzureißen, wenn wir darauf hinweisen, datz es verkehrt und falsch ist, das Mitgliedsbüchlein als die aus- reichende Legitimation für einen Klassenkampf, für eine revolutio- näre Agitafton des Proletariats zu betrachten, wenn wir erklären: Die Politik, die Taktik der Partei mutz danach angetan fein, um die nöttge Begeisterung und Opferfreudigkeit in den großen Volks- massen auch autzerhalb der Organisierten zu wecken, denn nur auf diese Weise können wir die gewaltige Schar der Unorganisierten mitreißen und für die Organisation gewinnen. Dann koenmt Ge- nasse Scheidemann und sagt: das heißt ja, die Organisation her- unterreißen.(Sehr richtigl) Das heißt ja, die Disziplinlosigkeit, das heißt das Mißtrauen gegen die Funktionäre hervorrufen. Ge- nasse Scheidemann hat in seinen Attacken gegen uns ein paarmal von mangelndem Verantwortlichkeitsgefühl und von SkrupeUosig- keit gesprochen.(Sehr wahr!) Ich will solche Ausdrücke nicht ge- brauchen, aber ich erlaube mir, zu sagen, daß eine solche Art und Weise der Bekämpfung der Ansichten des Gegners baarscharf an Demagogie grenzt.(Scheidcmann: Und das sagen Sie!) Ein drittes Beispiel für die völlige Verständnislosigkeit unserer obersten Führer gegenüber dem, was wir wirklich erstreben und fordern. Man sagt unS: wenn Ihr hier mit Gewalt eine Dis- kusfion über den Massenstreik und die Bedingungen seiner An- weÄung w Deutschland heraufbeschwört und durchsetzt, so zwingt Ihr uns\a nur, zu sagen, daß wir heutzutage noch nicht imstande dazu sind, so zwingt Ihr uns, die Schwäche unserer Position vor den Gegnern preiszugeben(Sehr wahr), und wie verkehrt ist die Politik eines Menschen, der da sagt: ich habe ein mächtiges Schwert gegen Dich in der Tasche, aber ich kann es heute noch nicht ge- brauchen. Ei, Parteigenossen, das sind Gesichtspunkte, mit denen man die größten Volksbewegungen der Weltgeschichte meistern kann.-.redet ja nicht zu laut, ich bitte Euch, datz wir noch eine ge- waltige Schar Unorganisierter haben, sonst könnten es unsere Gegner erfahren, redet ja nicht laut, daß!oir gelbe G-uv-rkschaften baben, denn das ist ja unser Geheimnis.(Heiterkeit und Lachen.) Parteigenossen! Die Schwächen unserer Positton sind kein Ge- heimnis für unsere Gegner(Sehr richtig!), und es ist lächerlich, sich einzubilden, datz man das Für und Wider, datz man die ge- samte Situation, wie sie vom Standpunkte des Massenstreiks be- sprachen und erwogen werden mutz, im geschlossenen Stübchen unter Instanzen geheim behandeln soll. Man wirft uns vor sowohl in der„Neuen Zeit" wie auch hier in der Rede des Genossen Scheide- mann, wir seien ja beinahe Putschisten(Sehr richtig!), wir seien Verschwörer. Das sagen Leute, die die typische Verschwörertaktik auf den modernen Massenstreik anwenden wollen, indem sie sich einbilden, der Ausbruch des Massenstreiks mutz eine Ueberraschung sein, er mutz im geheimen im geschlossenen Stübchen von einer Handvoll Instanzen ausgeklügelt werden.(Lachen.) Diese Frage ist bereits hier auf derselben Tribüne im Jahre 1995 mit aller erwünschten Klarheit festgelegt worden. Ich zitiere die ent- sprechenden Worte des Referenten für den Massenstreik auf dem Parteitag in Jena, des Genossen Bebel. Er sagte:„Hier ist nun der Vorschlag des politischen Massenstreiks gemacht worden. Da sagt man uns, den politischen Massenstreik macht man. aber man spricht nicht davon." lind darauf antwortet Bebel:„Es ist eine Torheit, zu glauben, eine solche Diskussion dadurrb beseitigen zu können, daß man so tut, als höre man sie nicht. Das ist Vogel- Strautz-Politik. Wenn diese Frage uns an allen Ecken und Enden entgegentritt, mutz, gleichviel ob es nun in richtiger oder verkehrter Weise geschieht, sich jeder aufmerksame Mann, besonders aber jeder Führer einer Partei, der diesen Namen verdient, sich fragen, ob es nicht an der Zeit sei, datz die Partei den Vorschlag einmal dis- kutiert."(Sehr richtig!)„Lebhafte Zustimmung" heißt es im Protokoll.(Scheidcmann: Das ist auch damals gestehen!)„Wenn große Massen in Frage kommen, kann man die Maßregeln, bei denen die Masse eine Rolle zu spielen baben, vor den Massen nicht unbesprochen lassen.(Sehr richtig!) Wollen die Massen mit Be- geisterung für eine bestimmte Handlung eintreten, dann ver- langen sie auch die Wirkung und den Zweck der Matzregel zu er- kennen.(Sehr richtig!) Das ist ihr gutes Recht. Außerdem folgen aufgeklärte Massen nicht blind einem gegebenen Befehl. Das wäre eine erbärmliche Partei, die sich durch den Staatsanwalt und durch die Strafgesetze einschüchtern ließ, ihre Menschen- und Bürger- rechte zu verteidigen." Natürlich, �zu den Worten, die Bebel ge, sprachen hat, müssen Sie rufen:„Sehr richtig".(Unruhe.) Ebert: Ich kann nicht zulassen, daß den Mitgliedern des Partei- tages eine solche Unterstellung gemacht wird.(Zuruf: Es kommt auf eine Handvoll nicht anl— Rosa Luxemburg: Das war gar keine Unterstellung.) Wer zu den Worten von Bebel „Sehr richtig" ruft, der tut das aus voller Ueberzeugung.(Leb- hafte Zustimmung.) Rosa Luxemburg(fortfahrend): Ich glaube ja, daß Sie die Worte von Bebel unterschreiben. Sie vergessen bloß, datz diese Worte auch heute noch genau die Bedeutung haben wie 1995. Denn es ist eine völlig verkehrte Auf- fassung, zu glauben, nachdem nun einmal auf einem Parteitag prinzipiell der Massenstreik angenommen worden ist, sei es für die Massen draußen auch schon erledigt. Ja, wie stellen Sie sich die Sache vor? Sie rufen„Sehr richtig!", wenn ich lese, daß Bebel sagte, wenn der Massenstreik zustande kommen soll, müssen sich die Massen damit befassen. Ja glauben Sie, daß es für die Massen, für die Millionen schon erledigt ist, wenn Sie 1995 auf dem Parteitag mal«ine Resolution angenommen haben?(Sehr gutl) Verstehen Sie denn nicht, daß die Massen sich als solche in Massen- Versammlungen damit befassen müssen?(Sehr richtig!) Denn wir sprechen hier nicht zu den Massen, wir formulieren hier nur Dinge, die von den Genossen draußen durchdacht, verdaut und akzeptiert werden müssen. Also wenn Sie„Sehr richtigl" rufen zu dem, was Bebel 1995 gesagt hat, dann ist es eine Inkonsequenz und eine verkehrte Auffassung von der Taktik deS Massenstreiks, wenn Sie glauben: Koma loeuta causa kinfto! Rom hat gesprochen, ein Parteitag hat gesprochen, damit ist die Sache erledigt. Gewiß, der Massenstreik in Teutschland, wie überall, wenn er Aussicht auf Erfolg haben soll, muß aus den Massen heraus kommen, und des- halb sagen wir in unserer Resolution, der Massenstreik kann nicht, wie es sich manche Instanzen heute einbilden, aus Kommando von den Führern der Gewerkschaften und der Partei von heute auf morgen bestellt werden.(Sehr richtigl) Er kann aber ebenso- wenig von den Führern abkommandiert werden, wenn er historisch reif geworden ist.(Sehr richtigl) Aber mit dieser Erkenntnis ist doch unsere Aufgabe nicht erschöpft, denn wir wollen, daß der Massenstreik, wenn er zustande kommt, auch erfolgreich verläuft, datz er uns das Maximum an positiven Erfolgen und Vorteilen, an politischer und sozialistischer Erziehung und Aufrüttelung der Massen einbringt. Dazu ist es notwendig, daß die Massen auf der Höhe stehen, und daß die Partei auf der Höhe steht, wenn die historische Situation kommt. Das heißt, daß wir uns auf diese historischen Ereignisse bewußt vorbereiten und die Massen erziehen müssen. Gewiß, die Partei mutz an der Spitz« der Bewegung stehen, aber damit sie an der Spitze steht, darf sie nicht ruhig ab- warten die revolutionär« Situation, um von den Massen geschleift zu werden, sondern sie mutz durch die Gestaltung der ganzen Taktik und Kampsesweise nach der revolutionären Seite hin in scharfer Offensive die Massen darauf vorbereiten, datz sie unS in vollem Vertrauen folgen. Und wenn Scheidemann seine Resolution mit gehobener Stimme damit empfahl, datz dahinter Instanzen sieben, so glaube ich, der Parteitag ist nicht dazu da, um zu dem Willen und den Ansichten der Instanzen Hurra zu rufen, sondern er ist dazu da, damit die Instanzen lernen, was die Massen wollen. (Sehr richtig!) lind was wir wollen, läßt sich in das eine Wort zusammenfassen: Wir antworten auf alle Uebergriffe der Reartion damit, datz wir klar und offen auf dem Parteitag sage»w Wir schärfen unsere Waffen, und wir sind bereit!(Stürmischer Beftau.) Gustav Bauer-Berlin: Ich glaube, die Rede der Genossin Luxemburg hat den besten Beweis dafür erbracht, wie unnötig es war, die Redezeit zur Be- gründung der Resolution 199 auf eine halb- Stunde zu verlangern. iSehr richtigl) Ich habe vergeblich gewartet, ob sie auch nur einen Satz zur Begründung bringen wurde..«r« ist darauf gar nicht eingegangen, sondern hat sich weitschwelsig mit dem Partei- vorstand über die Taktik der Partei auseinandergesetzt. Das ist doch aber nur eine Nebenfrage. Wir wollen uns beute doch darüber unterhalten, unter Mielchen Voraussetzungen der Massenstreik durchgeführt werden kann. Genossin Luxemburg ist es ,a die mit großer Emphase davon schrieb, datz wir eine tlese Analyse diese, Problems vornehmen müßten. Wo ist denn m' h r e n Ausführungen die tiefe Analyse jetzt geblieben?(Sehr gut?) Ich(habe begierig daraus gewartet) endlich aus diesem berusenen Munde belehrt zu werden, wie der Massenstreik analysiert und durchgeführt werden soll, das ist aber ein G ehe i m n i s, das diese guten Genossinnen und Genossen nicht von sich geben.(Sehr richtig!) Sie behalten das in ihrem Herzen und seder denkt sich die Analyse und Durch- Hifinina ans eine andere Art. So diele Reden wir darüber gehört haben so viele verschiedene Ansichten über die Art und Möglich- keit der Durchführung sind schon laut geworden. Da wäre es aller- dinas sehr verständig gewesen, wenn uns Genossin Luxemburg«ine cmthen tisch« Interpretation gegeben hätte. Sie ist dazu nicht ge- kommen, und wir müssen uns damit abfinden. Es wird fortgesetzt betont, und auch Genossin Luxemburg hat tt wieder betont, daß gegenüber den Versumpfungstendenzen in der Partei und in den Gewerkschaften eine eingehende Diskussion des Massenstreikproblems notwendig sei. Ich möchte die Frage aufwerfen: Was kommt denn nur heraus bei dieser Diskussion, was haben wir bisher an positiven Ergebnissen zu verzeichnen? Eine große Menge von Redereien, allgemeine Redewendungen und Gemeinplätze, revolutionäre Phrasen, an denen einige Genossen sich gern berauschen, aber sonst nichts.(Sehr richtig!) Der Massen« streik wird durch diese Diskussion, das unterstreiche ich besonders, lediglich diskreditiert.(Sehr wahr!) Wenn wir einmal die Waffe des Massenstreiks brauchen und unsere Massen soweit sind, dann garantiere ich Ihnen, geht der Streik auch ohne diese lange Dis- kufsion vonsratten. Me jetzt geübte Art von Strategie widerspricht der gewerkschaftlichen Taktik und Erfahrung auf das Allergröb- lichste. Ich glaube, die Gewerkschaftsführer haben auch ein klein wenig Verständnis von Streik und Massenaktionen. Dort be- reitet man den Streik nicht vor, indem man auf den Markt tritt und fortgesetzt schreit, demnächst werden wir etwas machen! Man arbeitet in den Gewerkschaften vielmehr in aller Stille, und wenn die. Zeit gekommen ist und die Karrees geschlossen sind, dann geht man zum Angriff vor aus den unvorbereiteten Gegner. Sonst verliert der Gegner allmählich die Angst, und er sagt sich, die brüllen zwar viel, aber es steckt nichts dahinter.(Lebhafte Zu- stimmung.) Diese Gegner wissen aus der Diskussion vor und auf dem Parteitag, dag einstweilen an einen Massenstreik in Deutschland nicht �u denken ist. Das ist das ganze Ergebnis. Deshalb glaube ich mit Recht sagen zu können, der Massenstreik wird durch diese Diskussion nur diskreditiert. Es ist hervorgehoben worden, daß die Gewerkschaften sich charakteri sr i scherweise an dieser Diskussion bisher gar nicht b e te i l i g haben. Di« ganze Frage ist ja auch keine Gewerkschaftsfrage. Auch ich spreche hier nicht als Gewerkschaftler, sondern ich sage meine Meinung als Partei- genösse. Die Gewerkschaften hatten keine Veranlassung, sich mit dieser Diskussion zu beschäftigen.(Hört! hört!) Wenn einige Ge- nossen, die ewig unzufrieden sind mit der EntWickelung der Partei und der Tätigkeit der leitenden Instanzen, wenn es denen gefällt, irgendein neues Mittel zu entdecken, mit dem endlich die Taktik in wirklich revolutionäre Bahnen geführt weren soll, dann soll natürlich sofort alles hinterher sein und sich an der Diskussion beteiligen. Genossin Luxemburg war ja sehr enttäuscht darüber, dag in ihrer Versammlung in Berlin IV keine anderen Gegner austraten als schlichte Arbeiter. Wenn die Genossin sich einbildet, dag di« Gewerkschaftsführer in die Luxemburg-Versammlung gehen und dort mit ihr über ihre Theorien streiten, dann kann sie lange warten.(Sehr richtig!) Die Gewerkschaften haben ein bestimmtes Signum für solche Redner:„L. S."— Laßt schwätzen! —(Heiterkeit.) Solche Debatten fortgesetzt zu treiben, bedeutet uicht eine Förderung, sondern eine Schädigung der Organisation, und dazu haben natürlich die verantwortlichen Leiter der Organi- fationen nicht die geringste Veranlassung. Ich glaube, daß die Gewerkschaften dabei getragen werden von dem Gefühl der Stärke. Well sie sich ihrer Macht bewußt find und die Füh» renden ihre Verantwortung kennen, deshalb machen sie derartige allgemein« Redereien nicht mit, bei denen nichts Positives heraus- kommen kann. Genossin Luxemburg gibt ja selbst zu, daß die Möglichkeit, den Massenstreik zu machen, jetzt nicht vorliegt. Wen» wir zur Frage des Massenstreiks Stellung nehmen, so fragt es sich, ob denn für absehbare Zeit das Objekt des Kampfes wert ist die Opfer, auf die wir mit Bestimmtheit dabei rechnen müsse». Es soll der Kampf geschürt werden, wie jetzt allgemein betont wird, zur Erringung des preußischen Wahlrechts. DaS preußische Wahlrecht ist zweifellos«ine außerordentlich wichtige politische Frage, aber ist fi« denn jetzt wirklich so brennend ge- worden, daß es zu einem Stillstand der Bewegung kommen würde, wenn es uns nicht gelingt, das freie Wahlrecht für Preuße« zu erringen? Ich sage nein. Und da halte ich auch ein wcnhz fest an der Erziehung, die wir erhalten haben, als wir als pmge Leute in die Partei traten.(Sehr richtig!) Damals war es ja ein Verbrechen, wenn wir nur für die Beteiligung an den Landtagswahlen eintraten. Viele der Genossen und Genossinnen, die damals diejenigen als Parteiverräter brandmarkten, die für eine LandtagSwahlbeteiligung eintraten, die sind es, die jetzt nicht stürmisch genug den Massenstreik zur Erringung des gleichen Wahlrechts für dieselben LandtagSwahlen fordern.(Sehr gut!) Das zeigt, wi« wenig gefestigt die Ansichten dieser Kreise find. Ich gehe den Mittelweg. Ich sage, daS Wahlrecht ist zwar außerordentlich wichtig, aber bei uns in Deutschland ist es keine Frage, die zu einer Lebensfrage des Proletariats in der Gegen- wart geworden ist. Wir haben durchaus die Möglichkeit, uns organisatorisch zu stärken, unsere wirtschaftlichen und politischen Kämpf« zu führen. Das Reichstagswohlrecht bietet auch ein aus- reichendes Ventil und ermöglicht dem Proletariat seine Kräfte zu zählen und politisch zu betätigen. Wir haben in einer ganzen Reihe von Einzellandtagen doch ein einigermaßen freies Wahlrecht, und da liegt kein Grund vor, alles auf eine Karte zu setzen, geradezu vu banque zu spielen, um mit dem Massenstreik das freie Wahlrecht für Preußen zu erkämpfen. Wenn wir der bis- herigen Taktik weiter folgen, am Ausbau der Organisation arbeiten, Schritt für Schritt den Feind zurückdrängen, dann kommt der Zeitpunkts an dem die Erfüllung unserer Wünsche einfach unauS- dleiblich ist. Darin werden wir wohl alle übereinstimmen mit AuS- nähme derjetilgen, die gern schöne revolutionäre Reden halten. Arbeiten wir doch zunächst erst an der Stärkung unserer Ver- tretung in den Landtagen, die ein freies Wahlrecht haben, sorgen wir dafür, daß eine viel stärkere Vertretung der Partei in den Reichstag einzieht. Dann erst werden andere politische Vorbe- stingungen geschaffen sein, dann erst wird man zu der Frage Stellung nehmen können, ob man bei der offenkundigen Macht- stellung der Arbeiterklasse auf politischem Gebiet nicht irgend welch« Schritte unternehmen kann, um den Widerstand der herrschenden Klassen zu brechen.(Sehr wahr!) Der Einfluß der o r ga n i si e r t e n A r b e i te r scha f t wächst von Tag zu Tag. Wir haben gar keinen Grund verzweifelt zu sein. Rosa Luxemburg machte sich aller- dings darüber luftig, daß der Parteivorstand alles so rosig gefärbt hätte. Sie sieht alles aus»einer anderen Brille an, aber diese Brille paßt nicht für deutsche Verhältnisse. Wir können zufrieden sein mit der EntWickelung. Die Organisationen haben eine glän. zende EntWickelung genommen, und wer die Lage der deutschen Arbeiterschaft ohne Voreingenommenheit betrachtet, wird zugeben müssen, daß wir überall gute Fortschritte gemacht haben, daß die deutsche Arbeiterklasse heute einen großen wirtschaftlichen Einfluß ausübt durch ihre Gewerkschaften und sich eine Erhöhung der Lebenshaltung erkämpft hat, die man früher nicht für möglich gehalten hätte. Daß auch der politische Einfluß der Arbeiter- klasse dank der organisatorischen Tätigkeit ständig im Wachsen be- griffen ist, kann niemand mehr bestreiten., Um so weniger brauchen wir uns in Klagen zu ergehen, wenn einmal in der Organisation ein Rückschlag eintritt. Rosa Luxemburg sagt, wir dürften uns nicht damit zufrieden geben, daß bie Krisen fortgesetzt unsere Organisation schwächen. Sie hätte uns lieber sagen sollen, was wir zu tun haben, um diese Schwächung unserer Organisation durch die Krisen zu verhüten.(Sehr gut!) Solange wir aber in der kapitalistischen Gesellschaft leben, wird es immer unaus- dleiblich sein, daß durch die Krisen auch die Organsationen der Arbeiterklasse geschwächt werden. Wenn Rosa Luxemburg etwas tiefer in unsere Gewerkschaftsverhältnisse hineinblicken könnte, dann würde sie wissen, daß gerade die festgefügten zentralistischen Gewerk- schaften die Krise von Ivv? bis iggg verhältnismäßig günstig überstanden haben, und daß kaum eine Erschütterung eingetreten ist. /Sehr richtig!) Das war nur möglich durch gute organi- sawrische Arbeit und vor allem durch die Unterstützungscinrichtungen i« den Organisationen. Dadurch, daß man die Massen mit schönen Worten begeistert, bekommt man allerdings Beifall in de» Ver- sammlrmgen, aber wenn«na nächsten Tage das graue Elend wieder vor die Massen tritt, dann laufen sie auseinander. Das wichtigste ist, daß ihnen materielle Hilfe zuteil wird.(Sehr richtig!) Da steht in erster Linie die Versicherung gegen Arbeits- losigkeit. Das ist eine viel dringendere Aufgabe, als alle Dis- kufsionen über Massenstreiks.(Lebhafte Zustimmung.) Wenn loir die Möglichkeit des Massenstreiks und seine Wir- kungen untersuchen wollen, dann müssen wir die Erfahrungen aus denjenigen Ländern betrachten, in denen der Massenstreik bereits zur Tatsache geworden ist. Aus diesen Erfahrungen müssen wir lernen. Der erste Massenstreik von größerer Bedeutung wurde in Holland geführt. In der Frankfurter„Volksstimme" haben sich eine Reihe von Kennern über seine Wirkung ausgesprochen und Ankersmit- Amsterdam erklärt ausdrücklich, daß der Streik keine andere Wirkung gehabt hat, als eine verstärkte Hetze gegen die Arbeiter herbeizuführen. Der Streik wurde geführt zur Ab- wehr der Verschlechterung des Koalitionsrechts der Eisenbahner und Staatsarbeiter, und die Folge war, daß ISOö in die Gewerbeordnung außerordentlich reaktionäre Bestimmungen gegen die Arbeiter aufgenommen wurden, u. a. auch ein Verbot des Streikposten- stehens.(Hört! hört!) Eine weitere große Massenbewegung hatten wir in Schweden. Die schwedischen Gewerkschaften, die durch das Unternehmertum in den Kampf hineingedrängt wurden, ver- fügten damals über ausgezeichnete agitatorische Einrichtungen. Es war ein heroischer Kampf, der dort geführt wurde, der aber nur geführt werden konnte, weil diesem kleinen Land die Solidarität des Auslandes zur Seite stand, vor allem die Solidarität Deutsch- l a n d s. Ohne die Millionen ausländischer Unterstützung wäre der Streik längst zusammengebrochen und geradezu zu einem De- bacle für die schwedischen Arbeiter geworden. Wie wird es uns aber in Deutschland in gleicher Situation gehen, von wem haben wir Unterstützung zu erwarten? Deutschland ist das Land, das in der gewerkschaftlichen Internationale an praktischer Solidarität an der Spitze steht. Außer von Oesterreich und Skandinavien hätten wir in einem solchen Kampf keine weitere Unterstützung zu er- warten, als die berühmte Depesche aus Frankreich, die alle Sym- pathien ausdrückt und dann noch 20 Frank beifügt.(Heiterkeit.) In Schweden war die Folge des Massenstreiks die Dezi- mierung der gewerkschaftlichen Mitglicderzahl um mehr als die Hälfte. Auf Jahre hinaus ist dadurch jede größere gewerkschaftliche Altion unmöglich gemacht und die besten Kräfte der schwedischen Arbeiter sind zur Auswanderung ge- zwungen worden. Wenn wir diese Verhältnisse uns zur Lehre dienen lassen, dann werden wir nur mit aller Vorsicht daran gehen können, ein solches Kampfmittel in ernsthafte Erwägung zu ziehen. In Be l g i e n ist der Generalstreik verhältnismäßig günstig verlaufen. Er ist auch keineswegs über die Köpfe der Führer beschlossen, sondern sorgfältig vorbereitet worden. Er war eine wohldisziplinierte Bewegung, die dem belgischen Proletariat nur zur Ehre gereichen kann. Die Genossen, die rm Vordertreffen der Partei in Belgien stehen, bezeichnen den Erfolg im allgemeinen als günstig. Die Meinungen darüber gehen aber auseinander. Wir haben von einem Dutzend der hervorragendsten belgischen Gewerkschaftsführer Informationen eingeholt, und die urteilen' ganz anders als die Parteiführer. Schneider vom Deutschen Fabrikcrrbeiterverbcmd, der in Belgien selbst den Streik beobachtet hat, komnrt zu einem noch ungünstigeren Urteil als die belgischen Gewerkschaftsführer. Diese Gewerkschaftsführer erklären ohne Ausnahme, daß die Zahl der Maßregelungen noch jetzt eine so gxpße ist, daß der Zweck der gewerkschaftlichen Organisation auf lange Zeit hinaus lediglich die Unterstützung der Gemaßregelten sein kann und daß durch den Massenstreik für die Gewerkschaften ein Rückschlag auf viele Jahre hinaus eingetreten ist.(Hört! hört!) Zu bezweifeln ist, daß der Erfolg eines Massenstreiks in Deutsch- land irgendwie in Einklang zu bringen ist mit den Rieseuopfern, die er fordern würde. Die Erfahrungen in anderen Ländern sprechen nicht dafür, daß wir in Deutschland ohne weiteres dieses Experiment nachmachen können. Rosa Luxemburg und andere Genossen operieren gern mit dem Hinweis auf Rußland. Ja, wenn wir russische Zustände, nichts zu verlieren und alles zu ge- Winnen hätten, dann würde es wohl keinen unter uns geben, der einen Massenstreik vermeiden wollte, auch wenn er nur einen Schein von Erfolg versprechen würde. Aber in Deutschland liegen die Dinge doch wesentlich anders. Wir haben ungeheuer viel zu verlieren, eine Arbeit von Jahrzehnten, in der eine Menge von Werten steckt.(Sehr richtig!) So wäre es geradezu verbrecherisch, wenn man fortgesetzt die Arbeiter in eine Stimmung hineinredet, die den Verhältnissen nicht angepaßt ist, wenn man Wünsche er- weckt, die gegenwärtig nicht erfüllbar sind. Die fortgesetzte Or- ganisationSverachtung, die aus den Reden der Genossin Luxemburg herauszuhören ist, schädigt unsere organisatorische Tätigkeit außer- ordentlich. Damit wird nur die Unzufriedenheit der Massen mit den Führern gefördert.(Sehr richtig!) Da wird gesagt: wenn Ihr etwas erreichen wollt, dann laßt diese Bremser nicht weiter wirken, dann überrennt sie einfach, der Massenwille mutz zur Herr- schaft kocktmen! Der kommt immer zur Herrschaft, nur in organi- sierter demokratischer Form, nicht durch wilde Geschichten und da- durcb, daß man die Empörung eines kleinen Häufleins als be- rechtigt anerkennt. Nein, innerhalb der Grenzen der Organisation wird da? erledigt.(Hoch: Wer will etwas anderes?) Sie, der Sie dis Resolution unterschrieben haben.(Hoch widerspricht.) Wenn Sie nichts anderes wollen, dann nehmen Sie die Resolution des Parteivorstandes mit Dank an, dort ist alles gesagt, waS zu sagen ist(Sehr richtig!) Ihre Resolution bringt nichts anderes zum Ausdruck als die Resolution des Parteivorstandes. Sie unter- scheidet sich nur durch eine starke revolutionäre Phraseologie. (Sehr richtig!) Das ist alles. Der Schlußsatz ist inter- essant. Er stimmt mit einer Resolution überein, die die Ge- nossin Luxemburg in einer Generalversammlung de? Kreises Niederbarnim vorgelegt und zur Annahme gebracht hat. Dort steht aber noch ein anderer revolutionärer Satz, der hier Wey- geblieben ist In diesem Satze wird nämlich eine Kampfestaktik gefordert, die vor keiner Konsequenz zurückschreckt(Hört! hört!), das «st ja erschrecklich, diese Konsequenzen, die die Genossin Luxemburg hier vorbringen wird. Was ist daS anders als eine Wortspielerei? (Sehr richtig!) Damit machen wir keinen Eindruck. Unsere Ar- beiter sind in ihrer Mehrheit viel zu vernünftig, um auf diese Phraseologie und dieses Phrasengeklingel Wert zu legen. Genossin Luxemburg sagte, der Parteivorstand wisse nichts von der Unzufriedenheit, die in zahllosen Parteiversammlungen zum Ausdruck gekommen sei. Wenn Genossin Luxemburg nicht bloß die Berichte lesen, sondern häusig solche Versammlungen auch besuchen würde, dann müßte sie wissen, daß diese Resolution von Versammlungen oft in Orten, wo mehrere tausend Or- ganisierte sind, nur von 100 Männern und Frauen besucht werden, und daß dort einige Phraseur«, die von der Parte: nicht ernst genommen werden. Reden halten.(Lebhafte Zustimmung.) Da stellt sich der eine dann hin und verlangt, daß fünf Jahre keine Kinder gemacht werden sollen.(Große Heiterkeit.) So ungefähr sehen diese Geister aus, die sich in der Luxemburgischen revo- lutionären Phraseologie berauschen. Es stob nicht die Massen. Daß die Massen in Deutschland diszipliniert sind, daß sie völlige? Verständnis für einen organisierten Kampf haben, beweisen die Vorgänge beim W e r f ta r b e i t c r st re i k. Das hat auch un- geheure Erregung bei«iiuelnen Parteigenossen hervorgerufen, daß die Werftarbeiter die Unterstützung der Organisation uicht fanden. Aber die Generalversammlung des Deutschen Metallarbeiterver- bandes mit 600 000 organisierten Arbeitern hat einstimmig die Maßnahmen des Vorstandes gut geheißen. Damit sind Organi- sationsgrundsätze festgelegt, die längst in unseren Organisationen verankert sind. Diese 40 000 Werstar-beiter sind nach demokratischen Grundsätzen verpflichtet, ihre 660 000 Kollegen zu fragen, die die Opfer für den Kamp' aufzubringen haben. Die Gesamtlage des Berufs muß berücksichtigt werden. Solche wilden Kämpfe lehnen wir ab. Gekeossin Luxemburg propagiert den Syndikalismus, fortge- setzte Putsche, Aufregung, bald hier ei« wilder Streik, bakd dort. Diese Dinge sind in Deutschland unmöglich. Dafür haben die Gewerkschaften gesorgt. Wohi« hat dtesy�Salkstisch« Taktik Italien geführt? Die gewerkschaftlichen Zcntralverbändc sind auf- gerieben worden, die Arbeiter sind machtlos geworden und in Frankreich, wo man auch den Massenstreik propagiert, sind sie ganz unschädlich den Unternehmern gegenüber. Diese Putsche �habcn gar keinen praktischen Wert. Sie führen nur eine Verschärfung der Gesetze gegen die Arbeiter herbei. Bleiben wir auf dem Boden,' den wir bisher bearbeitet haben. Wir halten fest an dem methodischen Ausbau der Organisation. Wir lehnen diese revolutionäre Projektemächerei.ab. Lediglich die Disziplin und die Schulung der Massen in festgefügten Organisationen kann dazu führen, die Lage der Arbeiterklasse wirtschaftlich wie po- litisch zu verbessern. Von dieser alten Kampfmethode abzuweichen, liegt nicht die geringste Veranlassung vor.(Lebhafter Beifall.) Schreck-Bielefeld: Scheidemann hat sich nach seiner Erklärung, daß wir hier nicht Selbstverständlichkeiten auszusprechen haben, selbst nicht ge- richtet. Aus die Betonung einer Sache kommt es em. Das Aussprechen dessen, was wir im Augenblick nicht können, ist nicht falsch, und schwächt auch nicht unsere Position. Wir haben das immer getan, und das Eingeständnis der augenblicklichen Schwäche hat noch immer dazu gedient, energischer vorwärts zu dringen und so unsere gesteigerte Stärke und Größe mit herbeizuführen.(Sehr richtig!) Die Ankündigung von Mitteln, die das Proletariat nach Erreichung größerer Macht anzuwenden gedenkt, ivirkt auch auf unsere Genossen erzieherisch. Da die gesamten Verhältnisse aus den politischen Massenstreik als eins der Kampfmittel hinweisen, müssen wir auf seine Anwendung— ob zum Angriff oder zur Abwehr— die Massen vorbereiten. In Berücksichtigung unseres zunehmenden Einflusses auf den Reichstag und die Reichspolitik kann der Zustand der erbärmlichen politischen Rechtlosigkeit in den einzelnen Bundesstaaten, besonders aber in Preußen, unmöglich noch allzulange ertragen werden. Den Machthaber« darf kein Zweifel darüber gelassen werden, daß das Proletariat letzten Endes bereit ist, alles einzusetzen, um der schmachvollen politischen Knechtschaft in Preußen ein Ende zu bereiten.(Sehr richtig!) Betrachten die Herrschenden Preußen als das festeste Bollwerk ihrer Macht, dann gilt es auch für uns, unsere Kräfte auf den entscheidenden Schlag hiergegen zu konzentrieren. Für den Sozia- listen darf es ein Unmöglich nicht geben.(Sehr richtig!) Die Herabsetzung unserer bisherigen Tätigkeit und unserer Erfolge schädigt uns, bei aller Selbstkritik dürfen wir niemals unterlassen, auch unser Fortschreiten zu betonen, denn das stärkt unsere Genossen bei der Erfüllung ihrer schweren Pflichten. Die deutsche Arbeiter- klasse verdankt die Besserung ihrer Lebenshaltung, ihren ganzen Aufstieg ihrer Organisation. In dieser lieA auch die Ge- währ für die Durchführung großer politischer Massenstreiks. Strate- aische Fragen haben wir heute uicht zu entscheiden, man sollte des- halb auch das fliegende Feuer nicht mit einer.Handbcwegung abtun. Von der Disziplin hängt die Form mit ab. Es gilt in erweitertem Maß zu rüsten: mehr Zusammenschluß der Massen, strengste Selbst- erziehung zur Tatbereitschaft, Opferwilligkeft und Disziplin. Schlägt dann die Schicksalsstunde in Preußen oder im ganzen Deutschland, dann ist das Proletariat kampfbereit und es wird seine Mission erfüllen.(Bravo I) Pcus-Dessau: ES ist niemand unter unS, der nicht an die Möglichkeit und die Notwendigkeit eines Massenstreiks in Zukunft glaubt. EtwaS anderes aber ist es, ob w:r selbst alles tun müssen, um einen solchen Massenstreik herbeizuführen, nicht etwa überhaupt in irgend welcher Zukunft, sondern jetzt. Ich sehe einen Massenstreik in Deutschland als eine Katastrophe an, aus der wir als Sieger hervorgehen, aber auch ganz außerordentlich geschädigt werden können. Ich erblicke in den Reden der Massenstreikemhusiasten eine schädliche Ungeduld und eine Uebersckmtzung unserer Macht. Wir haben doch schon manche Beschlüsse gefaßt, die durchführbar wären, aber noch nicht durchgeführt sind, die viel weniger erfordern und doch an der Indifferenz der Massen scheitern. Der Schnapsbohkott ist heute schon vollkommen abgeflaut, man kann nicht sagen, daß wir in dieser verhältnismäßig unbedeutenden Frage einen wirklichen Erfolg erzielt haben. Machen wir einen Massenstreik in möglichen Dingen! Machen«vir mal einen Massenstreik gegen den Schnaps, aber nicht nur mit Worten, sondern mit der Tat, machen wir einen Massenstreik gegen die Kirch«, soweit wir innerlich mit der Kirche verfallen sind I(Sehr gut!) Bor allem muß unsere Taktik so sein, daß sie für die Partei, für die Gewerkschaften und für die Genossenschaften paßt.(Sehr richtig!> Und wie verhalten sich diese beiden Bewegungen zum Massenstreik? Die Gewerlschafton haben geschwiegen, und der Ausspruch vou Bauer„Laß schwatzen" deutet darauf hin, wie die Gewerk- schaften urteilen. Die Genossenschaften gehen ihre eigenen Wege, die Genossenschaften würden uns einfach auslachen, wenn wir mit ihnen zusammen den Massenstreik machen wollten, denn der Massenstreik wäre das sicherste Mittel, die Genossenschaften mit einem Schlage bankrott zu machen. Wer immer noch die geringschätzige verächtliche Auffassung über die Konsumvereine hat, der schlägt der Magdeburger Resolution ins Gesicht und erkennt nicht die gewaltige Macht gerade dieser Bewegung an.(Sehr richtig.) Das Schädliche an der ganzen Debatte ist, baß dadurch die Arbeit für die Gewerk- schaften, für die Genossenschaften und auch die Kleinarbeit für die Partei selbst auf das allerschwerste gehemmt wird. Ich begreife nicht, wie man in den Massen den Gedanken hervorheben kann, ein Tag muß es bringen. Nie wird es ein Tag bringen. In der Resolution Luxemburg und Genossen stehen nichts als starke Ausdrücke und Superlative. Höchste Energie, entschlossene Taktik, konsequente Taktik, Kampfesmut, Idealismus! Ja, muß man uns das erst empfehlen? Liegt das nicht ganz von selbst in allen unseren Bewegungen? Sorgen wir dafür, daß hinter den Worten Taten stehen. wirtschaftliche Taten. Wir habe» heute ein erhebliches Stück politischer Macht, aber dieser politischen Macht entspricht nicht ein gleiches Stück wirtschaftlicher Mackit. Gegenüber dem Massenstreik, von dem wir hier reden, empfehle ich den Massenstreik der Konsumenten. Erst dann wird der dauernde Erfolg sich an unsere Fahnen heften, wenn wir über eine entsprechende wirtschaftliche Macht verfügen. Ich wundere mich, daß man das unter Sozialdemokraten noch so stark betonen muß, wir haben doch immer gesagt, politische Macht ist eine Wieder- spiegelung der wirtschaftlichen Macht. Wenn wir allmählich weiter gehen und wenn dann eines TageS dieser Weg organischer Entwick- iung seitens der Gegner mit Gewalt gehemmt wird, dann wird der Massenstreik angebracht sein, dann wird es auch nicht an dem Motiv fehlen, dann werden wir in diesem Kampfe nicht allein stehen, und dann wird der Kampf siegreich sein.(Bravo.) Liebknecht: Im Jahre 1910 war die ganze Partei der Auffassung, daß die Frage der Erringung eines freien Wahlrechts für Preußen die brennendste zentrale politische Frage für Deutschland sei. Wer sich der Stimmung auf dem Preußentage ermnert, wer weiß, mit welcher Leidenschaftlichkeit der preußische Wahlrechtskampf propagiert wurde, wer weiß wie sich damals die Sozial- demolratie im Handumdrehen das Recht auf die Straße erobert hat, wer sich dessen entsinnt uvd nun heute hier hört, daß das Wahlrecht von Preußen einen allzu ernsten Kampf eigentlich gar nicht lohnt; ja, Genossen, ich kann nicht so schnell umlernen, und ich weiß, daß draußen von den Genossen viele auch nicht so rasch umlernen können.(Sehr richtig!) Das ist der Grund, weshalb, nachdem die letzten Landtags- Wahlen alle Hoffnungen auf eine preußische Wahlrechts- reform vernichtet haben, der Ruf nach dem Massenstreik spontan aus dem Lande herausgekommen ist. Der mangelhafte Besuch mancher Versammlungen ist kein Beweis dafür, daß die Massen nichts vom Massenstreik wissen wollen. Wie kann man es so hinstellen, als ob diejenigen, die nach dem Massenstreik rufen, alle« Phraseure wären. Nicht aus irgend einer Laune irgend ««es Akademikers heraus, sondern aus der gesamten Situation herau« ist der Auf»ach de« Massenstreik ertönt. Allerdings kst die©iSfufPon in eine unglückliche Zeit gefallen, aber das kann kein Grund sein, sie so zu diskreditieren, wie es systema- tych geschieht. Ich unterschreibe geWitz nicht alles, was da geredet und geschrieben ist. ich weitz genau, datz auch über die Schnur gehauen ist. Aber ich begreife nicht, wie Schcidemann gestern so unfreundlich gegen jeden Anhänger der Diskussion des Masienstreiks unter den heutigen Umständen polemisieren konnte. Wie konnte er die begeisterten Kämpfer für eine Fortentwickelung des preutzischen Wahlrechts als Phraseure der. schreien und mit ähnlichen Titeln belegen? lScheidemann: Ist mir gar nicht eingefallen I) Die Resolution des Parteivorstandes soll angeblich das Bekenntnis zum Massenstreik erneuern. Das ist nicht nötig, dies Bekenntnis ist bereits in Jena und Mann- heim abgelegt. Die Resolution enthält aber etwas, was sie durchaus ungenietzbar macht, das ist der Hinweis auf die Notwendigkeit riner vollkommenen Einigung aller Organe der Arbeiterbewegung.(Hort! hört I) Das wird sich schwerlich jemals durchführen �lassen. Wenn das Voraussetzung für den Massenstreik gewesen wäre, dann wäre doch niemals ein Massenstreik durch- geführt. Es tritt in dieser Formulierung die Tendenz hervor, den Masienstreikgedanken zu lähmen. Man will der Massenstreik- diskussion Handschellen anlegen. Ich behaupte, datz Scheidemann und andere angebliche Anhänger des Massenstreiks es nur dem Worte nach sind, datz sie aber im tiefsten Innern Gegner des MasienstreikgedankenS sind. Treffen die Bedenken von Scheide- mann, Bauer und Bernstein zu, dann ist ein Massenstreik auf ab- sehbare Zeit ein Unding, und dann brauchten wir überhaupt keine Resolution zu soffen. Unsere Resolution nimmt gegenüber dem Massenstreikgedanken eine freundlichere Haltung ein als die des Partekvorstandes. Resolutionen allein genügen aber nicht, der Massenstreik mutz vorher diskutiert, der Gedanke mutz in den Massen lebendig gemacht werden, damit nicht, wenn der Maffenftreik einmal ausbricht, er in Form eines wilden Streiks zum Ausdruck kommt. Die Waffen, die wir in der Vergangenheit an- gewandt haben, haben nicht genügt. Wem es ernst ist mit dem Maffenftreik, der mutz unserer Resolution zustimmen. In der preutzischen Wahlrechtsfrage gibt es für uns kein Halt, kein Zurück, sondern nach wie vor nur ein Vorwärts.(Lebhafter Beifall.) Dr. Frank-Mannheim: Parteigenossen, da sind wir nun glücklich so weit, datz wir nicht die große Frage diskutieren, ob wir den Massenstreik zum Angriff benutzen wollen, sondern die kleine Frage, ob wir über den Massen- streik reden dürfen. Ich kann nicht finden, datz diese EntWickelung ein Weg aufwärts ist. Der Parteivorstand mixtste am liebsten ein Schweigegebot haben. Das ist überraschend für mich. Es wäre recht belehrend, wenn wir für die Delegierten des Parteitages zu- sammenstellen wollten� was in den letzten drei Jahren im„Vor- wärts*, in allen Parteiblättern, in Flugblättern der Partei an offenen und versteckten Drohungen mit dem Wahlrechtsstreik ge- leistet worden ist.(Sehr richtig!) Es wäre sehr belehrend, wenn wir zusammenstellen wollten, was noch in diesem Jahre bei der Maifeier in taufenden Versammlungen in der Richtung gesagt worden ist, was auch im Reichstag darüber gesprochen worden ist, ohne daß ein einziges Mal der Parteivorstand die alte Weisheit ausgegraben hätte:„Lieber Ede, so was tut man, so was sagt man nicht." Ich will nicht prüfen, inwieweit diese Lebensweisheit, die seinerzeit unser alter Auer an Eduard Bernstein geschrieben hat, für das Verhalten des einzelnen eine richtige Lehre ist. Aber darüber ist doch kein Zweifel: Wenn wir wirklich ernstlich wollen, datz Millionen von Arbeitern und Angestellten einmal Opfer, schwere Opfer bringen, nicht für ein paar Pfennige Lohnerhöhung oder für Verkürzung der Arbeitszeit, sondern Opfer bringen für etwas, da? ihnen keinen unmittelbaren persönlichen Vorteil bringt, dann kann man sich— darin stimme ich der Genossin Luxemburg bei— nicht darauf verlassen, datz die nötige Stimmung und Be- geisterung über Nacht wie ein Tau vom Himmel fällt, sondern dann ist notwendig— darüber war bis vor wenig Wochen in der Partei nur eine Meinung—, datz wir den Massen sagen, was wir wollen, datz wir die Millionen erziehen und begeistern für dies große Ziel. Das heißt, lieber Genosse Scheidcmann, nicht mit einer Waffe spielen, das heißt, die Waffe erst schärfen.(Sehr richtig!) Wenn einer oder der andere unserer Parteigenossen ein Argument daraus entnommen hat, datz ich vor einiger Zeit in einer Versammlung in Bcrlin-Wilmersdorf mich offen dahin ausgesprochen habe: Wir kommen in Preußen, wie die Dinge jetzt liegen, nicht weiter ohne die Waffe des Massenstreiks, so habe ich von dem, was ich dort ge- sagt habe, keine Silbe zu bedauern und kein Wort zurückzunehmen. lBravo!) Damals war in den weitesten Kreisen der Partei tiefe Mißstimmung, eine trostlose, hoffnungslose Stimmung über das Ergebnis der preutzischen Wahlen.(Widerspruch und Sehr richtig!) Darüber wollen wir uns nicht täuschen. Ich sage Ihnen' ganz offen und scheue mich nicht, das auszusprechen: Ich will jetzt dahin- gestellt sein lassen, ob durch eine andere Taktik bei den Landtags- wählen vielleicht die Wablreform auf einem anderen Wege hätte ein Stück vorwärts geschoben werden können. �(Sehr richtig!) Dgrüber zu sprechen, ist jetzt nicht der Ort und die Zeit. Nachdem einmal dieser Weg nicht beschritten war, und nachdem dann die Wahlen das bekannte Ergebnis hatten, nachdem es also aussichts- los geworden war, innerhalb des Parlaments einen schritt vor- wärts zu kommen, da war es Sache der Partei, sich darüber klar zu werden, daß jetzt der andere Weg nur übrig bleibt, das ist der Weg außerhalb des Parlaments, der Weg des Massenstreiks. Das damals zu sagen, hielt ich für mein Recht und für meine Pflicht, weil ich glaubte, es sei nicht gleich- gültig, ob die Regierung und die gegnerischen Parteien sich ein- bilden, es hänge jetzt nur von ihrem Belieben, von ihrer Gnade ab, ob sie dem Proletariat in Preußen das Recht geben wollen, das das Proletariat haben muß. Ich glaube auch, es sei vielleicht nicht ganz wertlos, wenn in jenem Augenblick in recht augenfälliger und deutlicher Weise allen klar'gemacht würde, datz es'in der Frage des preußischen Wahlrechts innerhalb unserer Partei kein Nord und Süd, kein Rechts und Links gibt, sondern eine einheitliche Schlacht- linie zur Erkämyfung unseres Rechts. Das habe ich damals ge- sagt, weil ich damals noch der Meinung war, daß in dieser Vor- frage zweierlei Ansichten bei Sozialdemokraten überhaupt incht vorhanden sind. Ich scheue mich nicht auszusprechen, datz einzelne Wendungen, die heute Genosse Bauer vorgetragen hat, mit das Bedauerlichste sind, was ich auf einem sozialdemokratischen Partei- tage je gehört habe.(Lebhafte Zustimmung.) Genosse Bauer hat, darin stimme ich ihm bei. gewarnt vor der Berauschung an rcvo- lutionärer Phraseologie. iSchr richtig!) Noch gefährlicher aber wäre es. wenn die revolutionäre Phraseologie verdrängt würde durch eine konservative Phraseologie.(Bravo!) Datz wir in Prcutzen nnd in Deutschland solange keine Ruhe geben dürfen, solange nicht das jetzige Wahlrecht aus der Welt geschafft ist. datz das eine Ehrensache für uns ist, darüber dürfen wir nicht strerten, w,r machen uns sonst lächerlich vor der ganzen Welt.(Bravo!) Wie der Massenstreik, wenn er zur Tat wird, aussehen soll. darüber gibt eS ja zwei große Gruppen von Meinungen. Ich kann mich in der Richtung fast in allen Punkten dem anschließen, was Genosse Scheidcmann für den Vorstand erklärt hat. � Ich bin allerdings der Meinung, wir müssen vom Ausland lernen in diesen Dingen. Wer wir sind gezwungen, bei der Ausführung so großer Aktionen uns ver Kräfte zu nedicnen, die wir nun einmal im Lande haben. W'r haben nicht in unseren Arbeitern diesen revolutionären Schwung romanischer Länder, aber wir haben ge- waltige Organisationen, die in der Welt vielleicht nicht ihres- gleichen habcw um die wir t-neidet werden. Wenn der Massenstreik kommt, mutz er sich gründen und stützen auf diese gewaltigen Organisationen, er mutz planmäßig vorbereitet sein, und er kann und wird bei der Disziplin der deutschen Arbeiter friedlich durch- geführt werden. Ter Genosse Scheidcmann hat sich mit ein paar Worten auch beschäftigt mit einer Anregung, die ich nebenbei in der Versammlung in Wilmersdorf in die Debatte geworfen habe. Ich habe gesagt, es wäre möglich, wenn der Massenstreik kommt, daß er nicht im ganzen Reich«us einen Schlag entsteht, sondern von Industriegebiet zu Industriegebiet sich fortpflanzt. Ich sagte '�Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wieleyp, Neukölln. Für den das im Anschluß daran, datz ich zur Aufgabe stellte, wir dürften die herrschenden Gewalten nicht zur Ruhe kommen lassen.(Sehr richtig!) Und müßten deswegen die Aktion wie ein fliegendes Feuer von einem Jndustriegebict zum anderen mit disziplinierten Massen, die dazu bereit sind, datz man jedenfalls diesen guten Vor- sckstag nicht mit ginem schlechten Scherz abtun kann, wie das Schcidemann versucht hat. Ich nehme an, datz er einen guten Witz nicht zur Verfügung hatte.(Heiterkeit.) Was soll nun in diesem Augenblick geschehen? Wir haben die Resolution des Parteivorstandes. Die Mitglieder des Partei- Vorstandes sind viel zu kluge Politiker, um nicht zu wissen, datz an diesem Dinge eigentlich kein Mensch eine rechte Freude hat. (Sehr richtig!) Ich glaube, nicht einmal der Parteivorstand selbst. Es ist eine merkwürdige Sache, wenn wir sie ansehen: es ist kaum ein unrichtiger Satz darin.(Heiterkeit.) Wer hat etwas dagegen einzuwenden, daß wir mit allen Mitteln die Organisation stär- ken? Wer ist nicht überzeugt, daß für eine solche Massenaktion oll die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen gegeben sein müssen, von denen die Rede ist, alles Dinge, über die wir nicht streiten. Aber wenn ich sagen sollte, was darin fehlt— ich kann es schwer in Worte fassen, ich habe das Gefühl, es fehlt darin der Ausdruck eines starken politischen Wollens.(Sehr richtig!) Es wird mir zugerufen, es habe darin gestanden, ich weitz nicht, wer stark genug ist, diesen diktatorischen Partcivorstand zum Verzicht auf das wichtigste zu bringen.(Zuruf: Die In- stanzen?) Es ist dann noch eine Resolution da, die den Namen Luxemburg trägt. Es ist eine lange Resolution(Heiterkeit), und ich kann nicht finden, daß diese vielen Worte das, was der Partei- vorstand mit wenigen Worten nicht sagt, besser ausdrücken,(Heiter- keit.) Ich habe aber ein Bedenken gegen diese Resolution. Ge- nosse Bauer hat schon angedeutet, datz die Resolution in direkter Linie abstammt von der Resolution 12 aus Niederbarnim. Das wäre an sich kein Unglück, es kann auch aus Niederbarnim einmal was Gutes kommen.(Heiterkeit.) Aber die Resolution ist im wesentlichen wirklich abgeschrieben von der Resolution Nieder- barnim, es sind nur einige nicht bedeutungslose Aenderungen, seltsame Aenderungen vorgenommen worden. Es ist dort die Rede davon, man müsse eine solch scharfe revolutionäre Taktik anwenden, wie sie dort empfohlen ist. Hier sind die Woete„scharfe revolutionäre" gestrichen worden. In jener Resolution ist der Schlußsatz augefügt:„eine folche Taktik, die vor keiner Konsequenz zurückschreckt". Auch dies« Worte sind gestrichen. Ja, liebe Ge- nossin Luxemburg, wenn auch Sie zu dämpfen anfangen!(Stür- mische Heiterkeit.) Ich meine, wenn ich eine gedämpfte Resolution haben will, dann nehme ich lieber die des Partcivorstandes. Der versteht das besser als Sie.(Heiterkeit.) Ich komme zu dem Ergebnis: die entscheidende politische Wir- kung,— und darauf kommt es an— unserer heutigen Verhandlungen wird nicht davon abhängen, ob ein Wort mehr oder weniger in der Resolution drinsteht, sondern sie wird davon abhängen, welchen Eindruck draußen die Massen und die Regierung gewinnt, von dem Geist und dem Willen, der hinter unseren Beschlüssen steht. Da ist von allergrößter Wichtigkeit, was Sie auch beschließen mögen, datz draußen nicht der Irrtum entsteht, als wolle die Sozialdemokratie in dieser Frage bloß auf der Stelle treten oder sich gar rückwärts drängen lassen. Ich verstehe ganz gut, daß die Genossen vom Partei- vorstand und von der Gencralkommission von einem starken Ver- antwortlichkcitsgefühl beseelt sind und geneigt sind, zu bremsen. Aber es müssen auch Kräfte da sein, die vorwärtstreiben. Wenn alle bremsen, dann kommt eine Bewegung heraus, die nichts weniger als vorwärts führt. Wir müssen darüber Klarheit nach außen schaffen, dafür sorgen, datz darüber kein Zweifel besteht: es bleibt dabei, in Preußen kommt entweder eine Wahlreform oder es kommt ein Massenstreik. Das mutz die Losung bleiben.(Stür- Mischer Beifall.) Ledebour: Ich freue mich, zum größten Teil mit den Ausführungen des Genossen Frank durchaus einverstanden zu sein. In allem, was er zur Rechtfertigung der Notwendigkeit eines Vorwärtsschreitens auf diesem Gebiet sagte, hat er durchaus meinen Anschauungen entsprochen. Auch darin, was er an kritischen Bemerkungen ein- flocht gegenüber den Ausführungen der Vertreter der Anschauungen des Vorstandes und einer anderen Instanz, der Genossen Scheide- mann und Bauer, hat er durchaus das richtige getroffen. Aber ich war doch höchst überrascht, als er, nachdem er die Vorstands- resolution in Grund undch Boden kritisiert hatte, dann wider alles Erwartens erklärte: Ja, die andere Resolution taugt auch nichts. Die sei ja gedämpft, und das verstehe der Partcivorstand� besser, daher sei es ratsamer, seine Resolution anzunehmen,(scheide- mann: Sehr richtig!) Dies Sehr richtig! des Genossen Scheide- mann desavouiert besser die Deduktionen des Genossen Frank, als ich es vermöchte. Ich möchte ihm gegenüber mich einer Wendung bedienen, die er selber gegenüber Scheidemann gebraucht hat: er wollte nicht gern der Resolution, die wir eingebracht haben, zu- stimmen, und war in tödlicher Verlegenheit nach seinen sonst trcff- lichen Ausführungen, einen Grund dafür zu finden. Er suchte nach einem Witz, um sich aus der Situation zu retten, und da er keinen fand, griff er nach einem schlechten.(Große Heiterkeit.) Um das zu motivieren, konstruierte er sich, daß unsere gedämpfte Resolution aus dem Niederbarnimer Embryo durch Dämpfung her- vorgegangen sei. Das ist ein Irrtum. Es ist begreiflich, da dieselben Personen in Niederbarnim, die hier mitgearbeitet haben, datz in beiden Resolutionen gleiche Wendungen wiederkehren. Es ist überhaupt sehr schwierig, über diese Frage sich so auszudrücken, daß man nicht Worte und Wendungen nimmt, die andere Leute, die im Grunde dasselbe wollen, auch schon gebraucht haben. Aber es ist nicht etwa die Niederbarnimer Resolution genommen und dann irgendwie gedämpft oder geändert, sondern nach einer Aus- spräche haben einige Genossen die Ausarbeitung dieses Dinges übernommen, und die Genossin Luxemburg ist ganz unschuldig an dem, was Sie eine Dämpfung nennen. Es ist gar keine Dämpfung beabsichtigt, es sind nur im Zusammenhang, im logischen Ausbau vielleicht andere Wendungen für denselben Gedanken ge- braucht worden. Ich möchte auf einen Gesichtspunkt hauptsächlich Ihre Auf- merksamkeit lenken. Was ist denn letzten Endes der Grund, datz wir überhaupt jetzt in dieser Zeit, in diesem Jahre, dazu gedrängt werden, einen energischen Schritt vorwärts zu gehen zu dem Mittel des Massenstreiks? Parteigenossen, das entspricht dem kolossalen Anwachsen unserer B ew e g u n g, das zum Ausdruck ge- kommen ist in den enormen Erfolgen bei den Reichstagswahlen, die den Gegnern einen Schreck in die Glieder gejagt haben, nicht weil wir 110 Männer in den Reichstag gebracht haben, sondern weil wir 4s4 Millionen Männer aufgebracht haben auf dem Schlachtfeld, die für die sozialistischen Ziele eintreten. Die Wir- kung dieser Tatsache auf die Gegner ist die, datz sie sich immer enger zusammenschließen, datz auch im Parlament eine Annähe- rung der bürgerlichen Parteien erfolgt ist, die zusammengescheucht sind durch das bedrohliche Anwachsen der sozialdemokratischen Be- wegung. Gerade daraus resultiert der scheinbare Widerspruch, daß die starke sozialdemokratische Fraktion an positiven Erfolgen, um diesen oft zitierten Ausdruck zu gebrauchen, im Reichstag gegenwärtig weniger erreichen kann, als zu gewissen Zeiten, wo sie schwächer gewesen ist. Das beruht darauf, datz wir einem Zeit- Punkt uns genähert haben, wo in Wirklichkeit der Sozialdemokratie eine geschlossene Phalanx der bürgerlichen Parteien gegenübersteht. In dieser EntWickelung der Partei zu ihrer gewaltigen Stärke wird es eine Aufgabe von gebieterischer Notwendigkeit, datz wir mit Massenaktionen einsetzen, um dadutch erst in der gegen- wärtigen Lage parlamentarisch erfolgreiche Tätigkeit für uns zu ermöglichen. Parlamentarismus und Massenaktionen sind richtig verstanden keine Widersprüche, sondern sie müssen sich gegenseitig ergänzen. (Sehr richtig!) In den Jugendzeiten der Partei, wenn die Bewe- gung schwach ist, kann man auf Massenaktionen verzichten. Da kann vie parlamentarische Kritik allein die Wirkung ausüben, die Bewegung vorwärts zu treiben und zu festigen, waS heute Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt, nur noch durch große Erfolge erreicht werden kann. Wir kaffat es nicht fehlen an parlamentarischer Kritik, und Sic werden mir aufs Wort glauben, wenn ich sage, datz ich der Allerletzte bin, der die parlamentarische Kritik unterschätzt. Gerade aber im Jnter» esse der parlamentarischen Tätigkeit müssen wir zu Massenaktionen kommen. Die Zeit ist gekommen in der Partei, wo um ein Wort von Engels anzuwenden, die Quantität umschlagen mutz in die Qualität. Je mehr wir der Durchsetzung unseres Endzieles uns nähern, können wir nur noch durch Massenaktionen überhaupt etwas erreichen. Wenn die Gegner sich darauf verlassen können, datz die gegen die Massenaktionen gerichteten Worte von Bauer der Ansicht der Partei entsprechen, dann brauchen sie die Partei nicht zn fürchten(Sehr richtig!), dann könnten sie sieb alles erlauben, dann würden loir die ivunderbarsten Dinge erleben. Nur dadurch, daß den Gegnern durch unser Auftreten, durch unser Vor- gehen die Uebcrzeugung sich einprägt, datz es unter Umständen zu den gewaltigsten Massenaktionen, Massenstreiks und Massen- kämpfen kommen wird im Fortlauf der Bewegung, nur dadurch können wir heutigen Tages noch einen Druckjiuf die gewaltig zusammengeballten Gegner ausüben. Nehmen sie unsere Resolution an. Sie werden dadurch der Bewegung der sozialdemokratischen Partei den besten Dienst in der GegeiUvart erweisen. �Lebhafter Beifall.) Pannelock-Bremen: Die Diskussion über den Massenstreik wird von verschiedenen Seiten als zwecklos bezeichnet. Wenn aber der Massenstreik kommt. dann würde es die Bewegung schwer schädigen, wenn innerhalb der Organisation nicht durch eine Diskussion der Fayc möglichste Klar- hcit geschaffen worden ist. Wie nötig eine Klärung über diese Frage fft, beweist eine Aeutzerung von Schcidemann, über die man sich bei einem Partcivorstandsmitglicd wundern mutz. Er ivarf uns vor, wir wollten die Massen für das allgemeine Wahlrecht be- geistern, setzten aber zu diesem Zweck den Parlamentarismus Herach Das ist nur scheinbar. Wenn siir den preußischen Landtag das all- gemeine Wahlrecht bestände, dann wäre die Regierung viel macht- loser gegenüber dem Reichstag, der jetzt in der Tat durch den Bundesrat in seiner Macht außerordentlich beschränkt wird. Daraus ergibt sich, daß erst durch Massenaktionen, die für Preußen das Wahlrecht erobern, der Wert des Parlamentarismus verwirklicht Iverden kann. Wenn Schcidemann sagt, unser demokratisches Empfinden müsse sich dagegen sträuben, daß wir als Minderheit unseren Willen der Mehrbeit aufdrängen, so kommen wir damit ans den Standpunkt der Diskussion von 1903: solange man eine Minderheit ist, ist der Massenstreik nickt möglich nnd sobald er eine Mehrheit ist, ist er nicht mehr nötig. Ziele für Massenaktionen sind immer nur solche, die direktes Interesse für die Mehrheit der Be- völkcrung haben. So etwas ist das allgemeine Wahlrecht. Das sozialdemokratische Proletariat kann daher ruhig zum Massenstreik greifen, in dem Bewußtsein, daß es sicher die Mehrheit der Be- völkerung mit bekommt, wenn diese nur erst genügend aufgerüttelt ist. Scheidemanu sagte selbst, daß wir bei einer solchen Aktion sicher drei Viertel des deutschen Volkes hinter uns haben. Damit hat er den bündigen Beweis dafür geführt, daß die Resolution des Partcivorstandes unhaltbar ist, denn dort tvird gesagt, daß der Massenstreik nur ausgeführt werden kann von klassenbewußten Massen, die für die letzten Ziele des Sozialismus begeistert sind. Das wäre nichts als die alte katastrophale Auffassung, daß wir mit einer großen Aktion den Sozialismus erobern müssen. Die weiter in der Resolution geforderte volle Ucbereinstimmung aller Instanzen bei der Durchführung eines Massenstreiks wird nie statt- finden. Nehmen Sie also unseren Abänderungsantrag an.(Bravo!) Dr. David: Durch die Ausführungen Franks ist die Diskussion aus der Sphäre der prinzipiellen in die der aktuellen Diskussion getreten. Die Frage lautet jetzt: sind wir entschlossen in der Frage des preu- tzischen Landtagswahlrechts zum Massenstreik zu greifen? In der prinzipiellen Frage, ob wir den Massenstreik unter gegebenen Um» ständen überhaupt einmal in Anwendung bringen wollen, waren wir einig, aber in der Frage der aktuellen Anwendung in Sachen des preußischen Wahlreckts sind wir nickt einig. Ich teile auch nickt die Auffassung Bauers, daß die preußische Landtagswahlreform eine Frage von sekundärer Bedeutung sei.(Sehr richtig!) Ich halte sie fiir die Zentralfrage der innerdeutschen Politik.(Sehr richtig!) Wenn ich mit Frank der Meinung wäre, daß diese Zcntralfrage nur durch den Massenstreik in unserem Sinne gelöst werden könnte, so würde ich auch für ihn eintreten. Ich lxibe aber die tiefe lieber- zeugung, daß der Massenstreik in den nächsten Jahren nicht zur Er- oberung des preußischen Wahlrechts, sondern zu einer furcht- baren Katastrophe für die nioderne Arbeiterbewegung sübrcn würde nnd deshalb erhebe ich meine Stimme, um Sic vor diesem Wege zu warnen. Es ist ein Wahnglaubc, datz man mit diesem Mittel den preußischen Militär- und Polizeistaat aus den Angeln heben könnte. Wir sind eine Mindcrheitspartei in Preußen wie in Deutschland, die größeren Massen stehen drüben im gegnerischen Lager. Unter den b Millionen der gegnerischen Stimmen sind Kapitalisten und kapitalistisch Interessierte noch keine 2 Millionen. Die anderen 6 Millionen, und das sind mehr wie wir, gehören de» arbeitenden Volksmassen an und die stehen gegen uns.(Hört! hört!) Der Massenstreik ist unmöglich für absehbare Zeit. loci! die Massen dagegen sind. Die Mehrheit auf der anderen Seite hat den Polizeiapparat und die Militärmaschincrie für sich. Ihr sind wir erst gewachsen, wenn wir zur Mehrheitspartei im deutschen Reich und in Preußen würden. Dazu braucht es aber noch Zeit und Arbeit. Wer der Meinung ist, daß man unsere Armee durch blutige Niederlagen an einen kommenden Sieg gewöhnen müßte, der mag die Taktik von Rosa Luxemburg verfolgen. Eine Kette von Revolten wäre die unvermeidliche Folge eines Massenstreiks so lange wir nicht den Massen den wirtschaftlichen Rückhalt geben können, daß sie mindestens 2 bis 3 Monate ohne Arbeitsverdienst ihr Leben fristen können. Was für den Kampf im militärischen Sinne das Pulver� ist� das ist für lhen Kampf bei der Arbeitsverweigerung das Brot,(«ehr richtig!) Aus Hungerrevolten lauern ja unsere Gegner wie Hehde- brand, der gesagt hat: wenn es einmal hart auf hart geht, dann... Genossin Luxemburg hat ihre Taktik dadurch abzuschwächen gesucht, datz sie sagte, beim Zarenbesuch habe man nicht einmal eine kleine Gegendemonstration gewagt. Das ist eine Verschleierung. Sie sagte damals in der Versammlung, die Sozialldemokratie hätte eine Demonstration veranstalten müssen, daß der Zar an seinen Aufenthalt in Berlin zeitlebens denken und es ihm nicht noch einmal gelüsten würde, nach Berlin zu kommen. lHört! hört!) Das wäre wohl erieicbt worden hurch eine Protestversammlung in der Hascnheide(Heiterkeit) oder durch„Vorwärts"-Leitartikcl im Sinne von Rosa Luxemburg?(Heiterkeit.) Wenn die Worte -der Genossin Luxemburg nicht diesen Sinn haben sollten, dann frage ich welchen Sinn? Wo das Militär Spalier bildete, die Polizei in Haufen stand und Geheimpolizisten in Massen verteilt waren, was wäre da wohl der Erfolg einer sozialdemokratischen Massendemonstration auf den Straßen gegen den Zaren gewesen? Ich will-das nicht aussprechen. Wer diese Taktik im Auge hat, darf wohl sagen, wenn das Arbciterblut erst iivs Pflaster färbt, dann kommen wir vorwärts, aber einmal nur in der Geschichte sind durch akustische Effekte Mauern eingestürzt morden im alten Jerichow, und das wird neuerdings von der Wissenschaft bestritten. (Große Heiterkeit.) Mit Wut erobern wir die Bastionen des preu- tzischen Militärstaates nicht. Das haben wir doch eigentlich längst gewußt und unsere Taktik auf die Revolutionierung der Köpf« eingerichtet und nicht auf die Stratzendemonstrationen, die den nicht ausgesprochenen Zweck von Zusammenstößen haben, um da. durch die nötige Stimmung zu erzeugen. Wenn wir einmal di« Bewegung der Arbeitsverweigerung ins Auge fassen, dann mutz Munition vorbanden sein. Dann werden die grotzcn politischen und wirtschaftlichen Organisationen nicht versagen, auch die ge- nossenschaftlichen nicht. (Fortsetzung in der 2. Beilage.) Buchdruckerei a. BerlagSanstalt Paul Singer«.Co., BerlwZM' ».m 2. Irilwt In Jormärts" Knlim DMMM»«■,<. n (Parteitag der deutiche« Sozialdemokratie. (Fortsetzung aus der 1. Beilage.) Tr. David: Wie jede öffentliche Sparkasse, so können auch die Genossenschaften den Mitgliedern, wenn sie in Not sind, ihre Hilfe angedeihen lassen. Für die ersten zwei Wochen im politischen Generalstreik dürfen die Partei- und Gewerkschafts- lassen gar nicht in Anspruch genommen werden. Wir Ivollen die politische Macht erobern und auf diesem Wege liegt auch die Er- oberung des preußischen Wahlrechts. Wir fassen hier die A g r a r- frage an. Wenn wir die Massen auf dem Lande für uns ge- Winnen, so bedeutet das die Eroberung der politischen Macht. Die Arbeit in derselben Richtung wie seither mit aller Macht sortzu- setzen, das ist unsere Pflicht und nicht die Einschlagung einer Taktik, die zu schweren Niederlagen führen muß. Deshalb der- zweifle ich durchaus nicht, auch ohne Massenstreik vorwärts im rechten Sinne zum Sieg!(Lebhafter Beifall.) Hierauf tritt um 1 Uhr die Mittagspause ein. NachmittagSsitzung. Grumbach-Elsatz: Fassen wir die bisherige Diskussion zusammen: Niemand hat gesagt„sofort" und niemand hat gesagt„nie". Alle zusammen, sowohl die Massenstreiksanatiker, wie die anderen, sind sich der ungeheuren Schwierigkeiten eines Massenstreiks in Deutschland vollauf bewußt. Revolutionäre Phraseologie wurde nicht in über- triebener Weise gebraucht und selbst dort, wo die Forderung ihre stärkste Formulierung fand, war man sich sehr wohl bewußt, daß in Teutschland ungeheure Arbeit durchzuführen ist, ehe wir einen Massenstreik mit Aussicht auf Erfolg beginnen können. Früher wurde ein Buch von Rudolf H i l f e r d i n g mit Sympathie be- grüßt, in dem erklärt wurde, in Deutschland könne der Massen- streik nur ein direkter und zwar der letzte entscheidende Zusammen- stoß zwischen Bourgeoisie und Proletariat sein. Heute steht nie- mand mehr auf diesem Standpunkt, sonst wäre es ja ein Per- brechen, jetzt schon den Massenstreik aktiv zu propagieren. Die Mahnungen Davids waren tief berechtigt, wenn auch seine Schluß- folgerungen zu weit nach rechts gehen. Wir alle tragen diese Mah- nungen lies in uns. Der Massenstreik kann evtl. ein Mittel sein, um Reformen durchzubringen, hüten wir uns aber, zu rasch vorzu- gehen. Wir gelten in den anderen Ländern für schwerfällig, für einen gewaltigen Dynamo, in dem der elektrische Strom immer in sich selbst herumsurrt, statt nach außen zu gehen. Wäre es so— nun, wir müssen dafür sorgen, daß dieser Strom der Energie nicht zu früh und nicht stark losgelassen wird, damit er nicht richtige Leitungen verbrennt und damit nicht die kostbare Einigkeit zwischen Partei und Gewerkschaften geschädigt wird. Hat doch in Frank- reich die Frage des Generalstreiks, die Spaltung zwischen Gewerk fchaften und Partei mitverschuldet. Jetzt ist diese unselige Span nung im Schwinden begriffen und zwar in dem Augenblick, in dem die syndikalistischen Gewerkschaften von dem Repetier-General- streik abkommen. In Deutschland sind die politischen Verhältnisse uns ungünstig und auch der politische Charakter des einzelnen Ar- beiters ist es, in dem Augenblick, in dem wir heute schon in die Aktion eintreten. In Deutschland isi uns nicht'die' Revolutio- nierung der einzelnen Geister in dem Sinne, genommen, daß sie in einem persönlichen politischen Selbsländigkcitsgefühl, das un- bedingt die Bisis abgeben muß zur wahren bürgerlichen und sozia- listischrn Demokratie. Für uns aber haben wir unsere Organi- sation und Disziplin. Der Massenstreik darf nicht die Revolutip- nierung der Köpfe herbeiführen wollen, während er nur das Re- sultat der erfolgten Revolutionicrung sein darf und sein kann. Darum heißt es, für diese schärfste Waffe die nötigen Vorbedin- gungen zu schassen. Irgend etwas mutz geschehen, das die Lahmheit der deutschen Massen beseitigt. Es ist nicht die Lahmheit des Parteivorslandes, der Führer, der Gewerkschaften. Wünschten die Massen wirklich den Generalstreik, dann würde kein Bremsen helfen. Beweis Belgien. Die Massen müssen reif gemacht werden, um in Preußen möglichst bald eine Umwälzung herbeizuführen durch die Verwirklichung der preußischen Wahlresorm. Wir müssen uns hundertfach überlegen, che wir dieses Schwert ziehen, aber wenn wir es ziehen, dann müssen wir zum sicheren Siege kommen. �Beifall.) Schumann-Berlin: Manche Redner verkennen völlig die wirtschaftlichen Kräfte sowiöydas gesamte Kräfteverhältnis der sich in Preußen-Deutschland gegenüberstehenden Parteigruppen und manche Reden beweisen eine außerordentlich geringe Kenntnis der Schlvierigkeiten, die sich unserer organisatorischen Arbeit entgegenstellen. Massenstreik- diskussion ist erst in die Massen hineingetragen worden. Von der allgemeinen Mutlosigkeit, die Frank konstatiert hat, habe ich nichts verspürt, obgleich ich mit den Arbeitern in engster Fühlung stehe. Es sind nur die gewöhnlichen Erscheinungen bei jeder Krise hervor- getreten und verschärft durch das Ausbleiben der erwarteten Wir- kung unserer politischen Erfolge. Es war richtig, daß wir den Massen auseinandersetzten, daß wir trotz dieser Erfolge noch nicht stark genug sind, unseren Willen auf politischem und gcwerkschast- lichem Gebiet durchzusetzen. Die ganze Massenstreikdiskussion hat großes Unheil in den Organisationen angerichtet (Hört! hört!), weil den mißmutigen Arbeitern, die wenig verdienen und zum Teil arbeitslos sind, die Lust an der einzig vernünftigen und Erfolg versprechenden Organisationsarbeit zum großen Teil genommen worden ist. �lHört! hört!) Wenn wir die Leute in den Versammlungen zur intensivsten Kleinarbeit ausfordern, um un- seren Organisationen über die Krise ohne große Opfer und ohne Rückgang hinwegzuhelfen, so muß die natürliche Folge von Aus- führungen, wie die der Genossin Luxemburg(daß nicht die or- ganisierten, sondern die unorganisierten Massen uns gegebenen- falls zum Siege führen würden) sein, daß unsere werbenden Kräfte in den politischen und gewerkschaftlichen Organisationen erlahmen und daß diejenigen, die noch nicht fest zu uns gehören, ja, wenn die dies Allbeilmittel haben, dann ist ja die ungeheure Kleinarbeit un- nötige Energievergeudung. Die Leute sagen, daß dann die ganze Frage mit einem Schlage zu lösen sei und man sich mit der Auf- klärung der Indifferenten über die Notwendigkeit der Organisation .nicht auszuhalte» brauchte. Daß Rosa Luxemburg in der Tat der Meinung ist, daß festgefügte Organisationen nicht unbedingtes Er- fordernis zur Erringung von Erfolgen sind, beweist ihr Hinweis in der„Neuen Zeit" darauf, daß der Metallarbeiterkampf in Hagen von LOOOg Arbeitern geführt wurde, von denen 17 OOO unorganisiert waren. Sie führt aus, daß der Kamps tadellos geführt wurde und nicht nur Erfdlge gebracht, sondern auch die Zahl der Organi- sierten verdoppelt habe. Obgleich sie selbst von einer Aussperrung spricht, zeigt sie sich auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Kampfes so wenig erfahren, daß sie nicht tüeiß, daß die 17 000 unorganisierten Arbeiter von den Unternehmern durch die Aussperrung in den Kampf hineingezwungen worden sind. Solche Dummheiten der Unternehmer sind öfter vorgekommen und haben mancher Organi- sation genützt. Wer aber in den Arbeitern den Glauben erweckt, daß die festgefügten Organisationen im Kampf gegen das Unter- nehmertum nicht nötig seien, sündigt schwer an der Arbeiterbewe- gung. lZurus: Wer sagt denn das?) Diese Tendenz zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausführungen mancher Genossen und Genossinnen. Die Wirkung der bisherigen Massenstreikdiskussion ist eine äußerst unangenehme und es ist dringend zu wünschen, wenn mit diesem Parteitag der Sache ein Ende gemacht und wir uns wieder zusammenfinden würden aus der bisherigen bewährten Grundlage der unermüdlichen Organisations- und Agitations- arbeit. Nach den Ausführungen Bauers könnte es so scheinen, als ob uns ein freies Wahlrecht in Preußen nicht den Kampf lohnte. Ich möchte diese Ansicht nicht auskommen lassen, weil wir alle wissen, daß Preußen der Hort der Reaktion gegen freiheitliche Ent- wickelung auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet in Deutsch land ist. Wenn aber die preußische Wahlrcchtsfrage auch eine wichtige Frage ist, so ist sie doch nicht eine Lebensfrage in dem Sinne, daß man jahrzehntelange Erfolge auf das Spiel setzt und einen Kampf führt, dessen Ausgang nicht zweifelhast ist. Wir sind im Moment nicht so stark, um den Kampf gegen die preußische Reaktion wagen zu können und deshalb bleibt uns nichts weiter übrig, als nach dem bisherigen Rezept dafür zu sorgen, daß anstatt 25 Proz. 30, 40, 50 Proz. und mehr der Arbeiter organisiert wer- den. Daß die Phalanx für einen zukünftigen Kampf mehr und mehr geschlossen wird. Wenn wir diese Arbeit leisten, dann haben wir, um mit David zu reden, die Munition geschaffen, die zu einem solchen Kamps notwendig ist, und dann haben wir den Erfolg vorbereitet.(Beifall.) Klara Zetkin: Zu den Zöllnern und Sündern, die Scheidcmann gestern wegen unberechtigter Kritik an den Schandpfahl angenagelt hat, gehöre auch ich.(Heiterkeit.) Zwei Aeußerungen, die er zitiert hat, von der greisenhaften Ermattungsstrategie und von dem Organisation� Hochmut stammen von mir her. Ich halte sie in dem Zusammen- hang, in dem sie gefallen sind, durchaus aufrecht. Von der Er- mattungsstrategie habe ich gesprochen in einem Artikel im Zu- sammenhang mit der Tatsache, daß meines Erachtens die ganze geschichtliche EntWickelung in Deutschland uns allmählich zwingt, aus der Defensive, die nach dem Fall des Sozialistengesetzes erklär- lich und vielleicht notwendig war, herauszugehen zu einer kraft- vollen immer schärfer vorwärts dringenden An- griffspolitik auf der ganzen Linie nach dem altbewährten Grundsatz: der Hieb ist die beste Verteidigung. Meines Erachtens zwingt uns die im Zeichen des Imperialismus stehende Wirtschaft- lichc und politische Situation dazu, zu einer solchen scharfen'An griffstaktik überzugehen, nicht nur um den Gegnern gegenüber gewachsen zu sein, sondern auch um in immer größerem Maße die noch schlafenden Massen zu wecken, zu sammeln und zu organisieren. Es ist nicht das sanfte Säuseln einer nach Konzessionen lüstern Politik und Taktik, die diese Massen weckt, sondern vielmehr die schärfste proletarisch-revolutionäre Taktik, die wir selbst anwenden müssen.(Sehr richtig!) Denn die weckt das Klassenbewußtsein und schult es dort, foo es bereits erweckt worden ist. Eine solche Taktik wendet die Massen immer mehr von allen bürgerlichen Par- teicn ab und sammelt sie um das eigene stolze Banner her Sozial- demokratic. In diesem Zusammenhang habe ich darauf hinge- wiesen, daß meines Erachtens sowohl der Kampf gegen Militär- und Teckungsvorlagen wie auch die preußische Wahlbcwegung nicht den vollen Erfolg erzielt hat, den wir gerade auf Grund der mühe- und opferreichem Kleinarbeit erwarten durften. Von Organ:- sationshochmut habe ich wortwörtlich so gesprochen: ich erklärte, ich begreife nicht nur, sondern finde gerechtfertigt den Stolz der deutschen Arbeiterklasse aus ihre machtvolle Organisation. Die Theorie ihres Kampfes hat sie zum größten Teil von Klassen- fremden erhalten, die Organisation ist ihr eigenes stolzes Werk, und sie hat sie aufgebaut unter Mühen und Opfern, unter wirr- schaftlichen und politischen Schwierigkeiten, wie vielleicht das Prole- tariat keines anderen Landes. Ich habe ferner erklärt, das Prole- tariat braucht notwendiger als jede andere Klasse eine stolze und umfassende Organisation, weil das Proletariat in seiner Gesamt- heit einer organisierten Macht gegenübersteht, weil der einzelne im Proletariat schwach ist. Dieser Umstand macht es notwendig, daß wir die Organisation nie genug schätzen können. Uns wird die Pflicht auferlegt dadurch, bis zum letzten Atom der Kraft so zu arbeiten, als könnten wir den letzten Mann, als müßten wir die letzte Frau in die Organisation hineinziehen. Aber wir dürfen uns nicht entmutigen lassen, daß uns das nicht gelingt, und wir dürfen uns nicht hochmütig gegen die Unorganisierten draußen ab- schließen. (Unruhe.) Das dürfen wir um so weniger, weil die Krise uns immer daran erinnert, daß es nicht eine dicke Mauer ist, sondern oft ein dünnes Blättchcn Papier, was die Organisierten von den Unorganisiikrten trennt. Ich habe daran die Mahnung geknüpft, unermüdlich an der Stärkung der Organisation zu arbeiten. Die Organisation darf sich auch nicht der Erkenntnis verschließen, daß die organisierte Elite nicht allein die schweren vorstehenden Kämpfe durchzuführen vermag, sie bedarf auch der Unorganisierten draußen. Bei den künftigen Massenbewegungen wird die organi- sierte Elite das denkende, leitende Gehirn der Bewegung sein, das feste organisatorische Rückgrat. Heißt es, die Organisation in ihrer Bedeutung unterschätzen, wenn man so spricht? Wenn man es tut, dann nutzt nian der Organisation mehr, als wenn man ihr rechts und links Komplimente über das bereits Erzielte macht. (Lcbh. Zustimmung.) Ich stelle fest, daß in der geschlossenen Mit- gliedervcrsammlung, in der ich das ausführte, mit einer einzigen Ausnahme die Gewerkschafts- und Parteibcamtcn erklärt haben, daß sie nieinen Standpunkt völlig teilen. Aber was würde unser Freund Schcidemann sagen, wenn ich nach seinem Muster aus seinen verschiedenen Reden, gestützt auf unvollständige Berichte, Worte herausgreifen würde und sagte: hier hat Schcidemann gesprochen wie ein Verfechter der allerplattesten Opportunitätspolitik! Und wenn ich morgen sagen würde: er war nach seinen Ausführungen der feurigste Verfechter einer proletarisch aggressiven Klasscnpolitik Ein Dritter würde dann vielleicht erklären, der Scheidemann ist ein ganz Schlauer und ganz Geschickter. Seine Hand rührt die Trommel der Tämpfungsweise, aber sein Mund bläst kräftig die Revolutionssansare.(Große Heiterkeit.) Gerade in dem, was ich kritisiert habe, darin stimme ich Frank zu, liegt meines Erachtens das Wesen der Resolution des Parteivorstandcs. Da wird auch unter Hinweis auf die früheren Resolutionen die Revolutions- trompete geblasen, aber gleichzeitig auch die Trommel der Dämpfung kräftig gerührt. ?lls Frank mit Recht sagte, in dieser Resoluten finde er nicht den Geist der Sympathie für den Massenstreik, sticht den Willen zur Tat, da antwortete Scheidemann durch einen Zwischenruf: „Das ist eben herausgekommen!" Es heißt ja, die Frauen seien besonders neugierig. So wird man mir die bescheidene, diskrete, ganz leise Frage erlauben:„Wie ist es' denn ssekommen, Genosse Scheidemann, daß aus Jicr Resolution das herauskam� was Frank darin vermißt hat?"(Sehr gut!) Nun einige Worte zu den Aus- führungen der Genossen Bauer und Schumann, die insofern große Bedeutung beanspruchen können, als beide der Generalkommission der Gewerkschaften angehören.� Bauer hat begonnen mit einem Bekenntnis zu der Vorstandsrcsulution und den Resolutionen von Jena und Mannheim, er hat ahcr damit geendet, den Massenstreik überhaupt zurückzuweisen und ihn in das Altenstübchen zu ver- weisen.(Sehr wahr!) Ich stelle fest, daß das, was er hier über die Folgen deS Massenstreiks in Belgien erklärt hat, den lebhaften Widerspruch der belgischen Delegierten hervorgerufen hat(Hört! hört!), die bereits eine offizielle Erklärung dagegen eingereicht haben.(Hört! hört!) Wenn Sie ferner den Bericht über den Generalstreik in Holland nachlesen, so steht dort etwas ganz ande- res als das, was Bauer gesagt hat. Dort steht, daß die politische Entwickclung nicht gelitten hat, daß die gewerkschaftliche Bewegung durch den Streik den'Anstoß erhalten hat zu einer ersprießlichen Auseinandersetzung mit den Zlnarchisten und zur Bildung zentrali- sierter Gewerkschaften. Bauer hat auch die guten gesetzgeberischen Folgen des Generalstreiks nicht erwähnt, daß z. B. die Arbeits- bedingnngen der Eisenbahnbediensteten, die Privatangestellte sind, gesetzlich festgelegt worden sind. Im ganzen lautet der Bericht durchaus nicht absprechend über den Streik, sondern er hebt den allgemeinen guten Einfluß auf das Klassenbewußtsein� hervor. David hat von dem Hunger der Arbeiter gesprochen. �Müssen die Arbeiter in der Krisenzeit nicht unfreiwillig hungern?(Sehr wahr!) Er sprach auch vom Blutvergießen. Eine stark disziplinierte Or- ganisation wird wahrhastig auch eine Massenbewegung ohne Blut- vergießen durchführen können. Denken Sie daran, daß in sechs- undzwanzig Jahren reichlich 10� Millionen auf dem Schlachtfeld der Arbeit gefallen sind. Deshalb sage ich Ihnen: Lehnen Sie die Resolution des Vorstandes ab, stellen sie sich auf den Boden der Gegenresolution unter der Losung: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!(Lebhafter Beifall.) Klingeler-Berlin: Die Frage des Massenstreiks ist aktuell geworden, weil sich die Partei in den letzten Jahren viel zu sehr mit der sogenannten Gegenwartsarbeit beschästiat hat. Die positiven Erfolge aber sind ausgeblieben und darum der Ruf nach schärferen Kampfmitteln, nach dem Massenstreik. An den Massenstreik für das preußische Wahlrecht glaube ich'vorläufig noch nicht. Es ist doch viel schwerer, die Massen von seiner Notwendigkeit zu überzeugen, als die Ar- beiter eines Betriebes von der Notwendigkeit einer Lohnbewegung. Das ist schon schwer genug. Wenn wir den Arbeitern sagen werden, ihr müßt streiken zur Erringung des NeichstagswahlrechtS in Preußen, so wird uns die große Masse fragen: ja, was hat uns denn das Reichstagswahlrecht schon gebracht, daß wir einen Kampf ausnehmen sollen um Sein oder Nichtsein. Trotz des Reichstags- Wahlrechts ist dem Volt eine Wirtschaftspolitik aufgezwungen worden, die ihm jedes Jahr 2% Milliarden kostet. Ich glaube nicht an die Begeisterung der Masse für ein solches Wahlrecht zu kämpfen. Aber da man auch auf den Austritt aus der Landes- kirche und die Steuerverweigerung hingewiesen hat, so frage ick. wie es mit einem Mietestreik zur Erringung des Wahlrechts wäre Wie wäre es, wenn wir durchführen würden, von einem gewissen Zeitpunkt an bezahlen alle diejenigen, die ein anderes Wahlrecht wollen, keine Wohnungsmiete mehr.(Große andauernde Heiterkeit.) Bei einem solchen Streik werden die Streikenden mit seiner längeren Dauer stärker und die Gegner immer schwächer. Ein Viertel, mindestens ein Fünftel des Arbeitsverdienstes muß für Wohnungsmiete ausgegeben werden. Wenn diese Summen dem Wirtschaftsleben entzogen lverden(andauernde Unruhe), so wird das gewiß auch eine Wirkung ausüben. Unsere National- ökonomen sollten diese Frage einmal untersuchen. Der Gedanke eines Mietestreiks darf bei den künftigen Wahlrechtskampfen mdit außer acht gelassen werden. �„ ich iDcitßt bflit» CEtcilß, qiidg ich eine W Erklärung der belgischen Delegierte» zur Kenntnis des Parteitages zu bringen. Sie lautet: 1. Die belgischen Gewerkschaften haben im allge- meinen an Mitgliedern infolge des Generalstreiks nicht ver- loren.(Hört! hörtl) Die Zahlen der organisierten Arbeiter drei Monate vor nnd drei Monate nach dem Streik beweisen dies vollständig. Wenn man von Verlusten in gewissen Gegenden oder Organisationen spricht, so muß man auch die Gewinne in anderen Gegenden und anderen Organisationen nicht vergessen. (Hört! hört!) 100 weniger 10 ergibt 90, aber 90 plus 10 ergibt wiederum 100.(Heiterkeit I) 2. Es ist unrichtig zu behaupten, daß die Gewerkschaften in Belgien heute den größten Teil ihrer finanziellen Kraft zur Unterstützung der Opfer des letzten Generalstreiks aufwenden müssen.(Hört! bört!) Die Sammlungen zur Unterstützung der Opfer sind seit mehr als 2 Monaten geschlossen.(Hört! hört!) Wie wir auch der klerikalen Presse gegenüber bewiesen haben, hat der Generalstreik die Gewerkschaften finan- ziell nicht gefährdet und noch weniger gelähmt. (Hört! hört!) In Brüssel allein brachte die am Sonnabend ab- geschlossene Subskription für die ausgesperrten Wagenmacher (welche 6 Wochen ausschließlich aus der eigenen Kasse unterstützt wurden und fast mehr als 3 Monate ausgesperrt sind) mehr als 100 900 Fran an freiwilligen Unterstützungen auf. Ge- schwächt sind die belgischen Gcwcrschasten als» keineswegs, und sie bereiten sich zu neuem Kampfe vor.(Hört! hörtl und Bravo!) 3. Die Konflikte bei den Brüsseler ausgesperrten Wagen- machern, bei den Brüsseler ausgesperrten Hutmachern und bei den Antwcrpener Metallarbeitern(deren 2000 ohne Arbeit sind, weil die Industrie schwer unter der KrisiS leidet! sind rein ökonomischer Natur. Die zwei ersten entstanden schon vor dem Generalstreik, und was die Metallarbeiter betrifft, so nahmen sie im Einverständnis mit den Arbeitgebern am General- streik teil. Es kann also von keiner Maßregelung die Rede sein. Diese Berichtigung bedeutet keineswegs, daß die belgischen Delegierten zu deutschen Angelegenheiten irgendwie Stellung nehmen wollen. Jede Nation hat ihre eigene Taktik zu bestimmen, aber es war die Pflicht der hier anwesenden belgischen Dele- gierten, einer Legendenbildung über den belgischen Massenstreik entgegenzutreten. Noske-Chemnitz: Daß es noch als nützlich empfunden werden könnte, Kurse zur prinzipiellen Aufklärung von Parteitagsdelegierten zu veranstalten, habe ich bis vor wenigen Minuten nicht geglaubt. In dieser Be- ziehung bin ich eines Besseren belehrt worden. Die Genossin Luxemburg wunderte sich über unsere geringen Erfolge im Kampfe gegen die Militärvorlage und meinte, sie achte besonders auf die feinen Regungen der Volksseele. Dann hätte sie aber einen sehr wichtigen Grund für die Erfolglosigkeit unseres Kampfes gegen die Militärvorlage in den außerordentlich rückständigen russischen Verhältnissen finden müssen, die dazu führten, daß während der Balkankrise hunderttausende russischer Soldaten an der deutschen Grenze standen, wovon die Folge förmliche Kriegspaniken in einem großen Teil der Grenzbezirke war. Tie Genossin Zetkin meinte, vor blutigen Zusammenstößen brauchten die Arbeiter nicht zurückzuschrecken. Gewiß, wenn e S a n K o p f u n d Kragen geht, wird die Arbeiterklasse ihr Leben in die Schanze zu schlagen wissen. Aber wenn schon Blut fließen soll, ist es der deutschen Arbeiterklasse un- würdig, daß sie sich nicht zur Wehr setzen kann und daß die Mög- lichkeit, gegen Schutzmannssäbel andere Waffen anzuwenden, vor- läufig äußerst gering ist. Ich möchte das Schauspiel nicht wieder- holt sehen, daß ich bei Wahlrechtsdemonstrationen sehen mußte, daß aufrechte deutsche Arbeiter wie eine Schar gescheuchter Hammel haben davonlaufen müssen vor Schutzleuten, die den Säbel ge» schwungen haben. Darüber herrscht allgemeine Uebereinstimmunz, iaf, zur Abwehr von Angriffen auf Bolksrechte wir entschlossen sind, vor den äußerste» Konsequenzen nicht zudickzuschreckcn. DaS wissen auch unsere Gegner. Auf der Tagung des Bundes der Industriellen hat ein Redner ganz offen ausgesprochen, daß er deshalb von einem Angriff auf das Reichstagswahlrecht nichts wissen wolle, weil das bedeuten würde die Entfesselung der Revolution in Deutschland. Darüber wollen wir unsere Gegner allerdings nicht im Zweifel lassen, daß alles daran gesetzt werden würde, wenn die Reaktion versuchen würde, ein solches Attentat zu unternehmen.(Bravo!) Die Ausführungen, als ob es der deutschen Sozialdemokratie am Willen zur Tat, an Offensive fehle, verstehe ich nicht. Ist denn unsere ganze Parteibewegung etwas anderes gewesen als eine fortgesetzte Offensive, ein fortgesetztes Vorgehen zur Tat, selbst unter den allcrschwierigsten Verhältnissen? Not- wendig war, daß in der Debatte auch klar gestellt wurde, um welche Dinge denn eigentlich ein Massenstreik bei uns in Deutsch- land propagiert werden soll. In einer ganzen Anzahl von Preß- auslassungen ist nicht nur von dem Kampf um das preußische Wahlrecht die Rede gewesen, sondern auch darauf hingewiesen worden, daß es notwendig sei, den Massenstreik zu propagieren, um rascher wirtschaftliche Vorteile für die Arbeiter herauSzu- holsn. Der Vergleich mit Belgien ist nicht angebracht. Dort hat man gekämpft um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht. Dieses Wahlrecht haben wir, wenn ihm auch einige Mängel an- haften. Das macht erklärlich, daß die ganze Stimmung des Volkes, die Voraussetzungen für die Führung eines politischen Massenstreiks andere sind als in anderen Ländern. Das Reichs- tagswahlrecht ist für eine ganze Reihe von Leuten vorläufig noch das Ventil, durch das die Unzufriedenheit der Empörung ab- fließt. Tatsache ist, daß breite Schichten der Bevölkerung noch sehr wenig Neigung zeigen, sich für eine Aenderung des Land- tagswahlvechteS Hals über Kopf in schwere Kämpfe zu begeben. Die Millionen Arbeiter lernen natürlich noch viel schwerer, als cS Genosse Liebknecht von sich sagt, ist ihnen doch vor gar nicht langer Zeit immer wieder gesagt worden, man solle den Landtag verfaulen lassen. Einen weiteren Ausbau der Agitation und Organisation haben wir auch bisher mit aller Energie betrieben. Wenn unS die Massenstreikanhänger nichts weiteres empfehlen wollen, dann rennen sie nur offene Türen ein. Berten-Düsseldorf: Der Parteitag für den Niederrheinischen Agiiationsbezirk hat am 28. Juni d. I. in einer Resolution die Erwartung ausge- sprachen, daß der Parteivorstand mit der Generalkommission eine die Propagierung des Massenstreiks betreffende Entschließung für den Parteitag gemeinsam vorbereiten soll. Scheidemann hat ja erklärt, daß der Parteivorstand in dieser Frage in Uebereinstim- mung mit allen in Betracht kommenden Faktoren handele. Di« erste Forderung unserer Resolution ist also erfüllt, nicht aber die zweite, daß der politische Massenstreik propagiert werden soll. Scheidemann hat durch seine Begründung der Resolution gezeigt, daß der Parteivorstand praktisch auf dem Standpunkt des Kölner Gewerkschaftskongresses angekommen ist, daß möglichst wenig vom politischen Massenstreik gesprochen werden und daß eine Propa- gierung des politischen Massenstreiks unterbleiben müsse. Wenn man der Meinung ist, daß der Massenstreik gegebenenfalls e:n Kampfmittel ist, dann muß man auch die Massen damit bekannt machen. Wenn man die Begeisterung der Fabrik- und Werk- stättenarbeiter bei einer Diskusfion über dieses Thema steht, dann kann man sich dem Verlangen nach einer verschärften Aktion nicht entgegenstellen, dann darf man die Genossen nicht mit nichts- sagenden Resolutionen hinhalten. Für die Arbeiter handelt es sich dabei nicht bloß um das preußische Wahlrecht, sondern um die Niederringung des Kapitalismus im allgemeinen. Es er- scheint, als ob der Parteivorstand von der Generalkommisston be- einflußt worden ist. Charakteristisch dafür war die durch den Mund Scheidemanns erfolgte offizielle Warnung des Parteivor- standes, allzuviel im radikalen Sinne über den Massenstreik zu diskutieren, damit nicht daS Vertrauen zu den Führern er- schüttelt werde. Ich möchte es als einen groben Unfug bezcich- nen, wenn man jede Kritik, die an den Führern geübt wird, als einen Versuch hinstellt, die Massen geaen die Führer aufzuhetzen. Auch die Führer stehen nicht über der Kritik. David hat in grellen Farben die Gefahr des Massenstreiks gemalt. Wenn man seinen Kassarrdrarufen folgen wollte, dann wäre überhaupt kein Wirt- schaftlicher oder politischer Kampf mehr möglich. Nehmen Sic die Resolution Luxemburg an, sie ist die einzige, die die Konse- quenzen zieht.(Bravo!) Silberschmidt-Berlin: Die Ausführungen meines Kollegen Bauer lassen den Schluß zu, als ob er und seine Freunde die Erringung des Wahlrechts nicht sehr hoch bewerten. Ich bin zu der Erklärung ermächtigt, daß Bauer diese Auffassung durchaus nicht hat, sondern die Er- ringung des Wahlre(XXI Bergarbeiter in Frage, in Deutschland über 990000. Ein Streik dieser Massen müßte auf die wirtschaftlichen' Verhältnisse bereits einen unge- heuren Einfluß ausüben. Aber wir müssen gestehen, daß die de- stehenden Verhältnisse einem solchen Massenstreik der Berg- a r b e i t e r und der Verkehrsarbeiter nicht beson- ders günstig sind. Im Bergbau find die Vorbedingungen für die Durchführung eines solchen Streiks nicht gegeben.(Hört! hört!) Wir denken nicht daran, uns von den Unorganisierten ab- zuschließen, aber sie zu gewinnen, ist schwieriger, als viel über den Massenstreik zu diskutieren.(Sehr richtig!) Diejenigen, die be- haupten, man könne die unorganisierten Massen einfach mitreihen, hätien vor eineinhalb Jahren im Ruhrgebiet bei dem Streit Studien sammeln können über das Verhalten der Massen und der Gegner. Wir müssen auch bedenken, daß die Gegner bestrebt sein werden, es zu Putschen zu treiben und den Kampf im Blut zu er- sticken. Bon den 900 000 Bergarbeitern sind etwa 120 000 bei unS organisiert. Die anderen Massen hätten wir gegen uns und dazu die ganze Oeffentlichkeit. Lassen wir es bei der Resolution des Parteivorstandes, darüber hinaus können wir als gewissenhafte Menschen nicht gehen.(Beifall.) Ein Antrag auf Schluß der Debatte, der von Vetters- Gießen empfohlen und von Ledebour bekämpft wird, wird mit großer Mehrheit angenommen.� Bauer«- Berlin bemerkt persönlich: Gegenüber den Erklärungen der belgischen Genossen stelle ich fest, daß das, was ich gesagt habe, mir von einer Reihe belgischer Gewerkschaftsführer mitgeteilt wor- den ist. Auch in Belgien gehen die Meinungen über die Wirkung des Generalstreiks erheblich auseinanoer. Ich habe davon nichts zurückzunehmen. Genossin Zetkin hat mir vorgeworfen, daß ich über den Ausgang des Streiks in Holland nur das Ungünstige bc- tont und das Günstige verschwiegen hätte. Das Günstige besteht darin, daß die Verhältnisse der Eisenbahner gesetzlich geregelt worden sind. Ob das gegenüber dem. Verbot des Koalitionsrechtes als ein Erfolg anzusehen ist, darüber werden die Meinungen er- heblich auseinandergehen. Dann sind meine Ausführungen so verstanden worden, als ob ich gewissermaßen in der Frage deS preußischen Wahlrechts eine abweichende Stellung ein- nähme. Wer mein« Ausführungen objektiv prüft, wird diese Auf- fassung nicht haben können. Ich erklärte: die preußische Wahlrechts- frage ist keine Lebensfrage der organisierten Arbeiterschaft in dem Sinne, daß sie in der jetzigen Situation zu Maßnahmen greifen müßte, die schließlich Kopf und Kragen kosten könnten. Damit habe ich nicht andeuten wollen, daß die preußische Wahlrechtsfrage nicht eine der wichtigsten Fragen ist, die die preußische Ar- beiterschaft zu lösen hat. Auch ich stehe aus dem Standpunkt, daß alles, was in unseren Kräften steht, getan werden mutz, um so bald als möglich die preußische Wahlrechtsfrage zu lösen- Darin sind alle organisierten Arbeiter einig.(Bravo!) Das Schlußwort erhält Scheidemann: Ich habe in meiner Rede gestern die Befürchtung ausge- sprochen, daß die Aussprache über den Massenstreik in der jetzigen Zeit dem Massenstreilgedanken selbst nicht sörderlich wäre. Ich habe mit meiner«-Befürchtung recht gehabt. Tie Debatte ist vom Zaun gebrochen worden in einer Zeit, wo sie nicht am Platze war. (Sehr richtig!) Ich habe daraus hingewiesen, daß alle Redner, die sich außerhalb des Parteitags mit der Frage des Massenstreiks beschäftigt haben, zu dem übereinstimmenden Ergebnis gekommen sind: Jetzt können wir an einen Massenstreik nicht denken. Ich habe aus die Massen verwiesen, in denen die Empörung lebt und die Dreiklassenschmach beseitigen wollen. Ich habe- auch gesagt, daß die Massen, die die Gelben, die Christlichen, die Nichtorgani- sierten aus nächster Nähe kennen, zähneknirschend sagen: Noch ist es nicht Zeit.(Sehr wahr!) Klar und deutsch habe ich gesagt, daß der Parteivorstand und der Parteiausschuß auf dem Boden der Beschlüsse von Jena und Mannheim stehen. Ich habe gesagt: ein Narr, der sich einbildet, wir würden niemals einen Massenstreik machen können, ein Narr, der sich einbildet, das Volk würde sich auf die Dauer das gefallen lassen. Ich habe gesagt und wiederhole eS: wir werden den Massenstreik haben, wenn die Stunde eS uns gebietet.(Sehr richtig!) Trotz diese» klaren Be- keuntnisseS aber bin ich hier gehörig gezupft worden.(Heiterkeit.) Die Genossin Luxemburg hat mich geschildert wie einen roten Struwelpeter, der einen Drachen ausbrütet.(Heiterkeit.) Ich kann beschwören, daß ich noch niemals einen Drachen ausgebrütet habe.(Erneute große Heiterkeit.) Sie wollte damit sagen, ich hätte mir den Drachen erst künstlich konstruiert, das heißt, ich hätte mich an Ding? geklammert, die nicht vorhanden sind. DaS stimmt nicht. Genossin Luxemburg war natürlich heute die lilien- weiße Unschuld und vor allem die große Weisheit, und ich die menschgewordene Unwissenheit.(Große Heiterkeit.)„Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir", Genossin Luxemburg, daS haben Sie mir gesagl. Ich will Ihnen anworten mit einem anderen Wort von Goethe an Tasso: „Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen, daß ich verstehen kann, wie sie es meinen." Und daran möchte ich die Bemerkung knüpfen: „Ich freue mich aber nicht, wenn klug« Frauen sprechen, so daß man nicht klar verstehen kann, wie sie es meinen!" (Große Heiterkeit und sehr gut!) Und dann noch eins über diese Art, von oben herunter über alle diejenigen zu urteilen, die nicht mit ihr einer Meinung sind.(Sehr gut!) Ich habe gar kein Hehl daraus zu machen und kann es ganz offen aus- sprechen, daß ich klug genug bin, um zu wissen, daß ich noch lang« nicht so klug bin wie die Genossin Luxemburg.(Große Heiterkeit.) Ich kann auch gar nicht so klug sein, denn Jbr alle wißt, daß ich ein ganz einfacher Arbeiter gewesen bin, der daS bißchen Wissen, über das die Genossin Luxemburg spottet, sich in nächtelanger Arbeit erst hat aneignen müssen.(Bravo!) TaS wollte ich Ihnen sagen, Genossin Luxemburg, weil Sie nicht allein mir gegenüber in dieser Art operiert haben, sondern auch anderen Genossen, sogar ganzen Versammlungen gegenüber. Sie sagen, ich hätte meine Rede auf zwei Töne abgestimmt: erst: wie herrlich weit haben wir es in der Partei gebracht, und zweitens hätte ich mich gegen die Nörgler in der Partei gewandt. Wie liegt es in Wirklichkeit? Gegenüber den Klagen über den Stillstand in der Organisation, über die mangelhaften Ergebnisse in der Agitation und gegenüber den Angriften, die im Zusammenhang damit gegen den Parteivorstand erhoben wurden, habe ich es für meine Pflicht gehalten, darauf hinzuweisen, daß diese Schwarz» seherei falsch un dunangebracht ist, und deshalb babe ich nachgewiesen, daß die Partei im letzten Jahr alles geleistet hat. Ich will allerdings nicht verhehlen, daß ich dabei eine ge- wisse Nebenabsicht hatte. Ich hatte die Nebenabsicht, doch den einen oder den anderen, der glaubt, daß der Parteivorstand das Tchreckensgebilde ist, als das er vielfach hingestellt wird, dazu zu dringen, daß er einsieht, daß der Parteivorstand«inen, wenn auch bescheidenen Anteil an sieser geleisteten Arbeit für sich in An- spruch nehmen kann. Gegen die Nörgler soll ich den Kamps führt haben. Natürlich habe ich den Kampf geführt nickt gegen die Nörgler der Partei im allgemeinen, dazu würde die Zeit eineS Parteitages nicht ausreichen(Große Heiterkeit), sondern gegen die Nörgler, die dem Parteivorstand und der Partei offenkundig unrecht getan haben, die bemüht sind, die Partei in andere Bahnen zu bringen, die uns abbringen wollen von einer Taktik, di« wir •W und 50 Jahre mit glänzendem Erfolg beschreiten, gegen die Nörgler, die sich einbilden, die berufenen Sckulmeister der ganzen deutschen Sozialdemokratie zu sein.(Lebbafte Zustimmung. Zuruf: Namen nennen!) Ich bin gern bereit dazu. Das war ganz speziell aus die Genossin Luxemburg zugespitzt. Ich meinte die Genossin Luxemburg, die alle Welt schulmeistert und die unserer Part ei in der Hauptsache doch nur Schwierigkeiten bereitet hat.(Starker Beifall. Un- ruhe.) Genossin Luxemburg ist heute außerordentlich milde ge- Wesen. Sie war sehr milde im Vergleich zu dem, was von ihren Lippen und aus ihrer Feder vor dem Parteitag geflossen ist. Was wir vor dem Parteitag alles gehört haben, muhte jeden empören. der da weiß, daß die Dinge anders liegen, als sie sie darstellt..Heute hätte ich erwartet, daß Genossin Luxemburg mit etwas größerer Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht hätte, was sie unter der neuen Takttk, unter der tönenden Initiative, und wie diese schönen Worte alle heißen, sich eigentlich vorstellt. Draußen haben wir es gehört. Vorher haben wir hören und lesen können, wie die Partei und namentlich die Parteiorganisationen vor ihr eingeschätzt wurden. Heute hat sie versucht, das abzuschwächen und eS klingt jetzt ganz anders. Jetzt hat sie nichts gesagt, was irgendwie anfechtbar wäre. Vor dem Parteitag aber hat sie geschrieben, daß«S unmöglich fein wird, die Massen dauernd mit Flugblattagitationen und Wahl- schlepperdiensten zu beschästigen. Ist das nicht geradezu eine Ver« spottung alles dessen, was bisher das Rückgrat der Partei gewesen ist. Sie hat sich weiter lustig gamackt, wie man sich vorstellen könnte, wenn man den bureaukratischen Kleinkram mechanisch ins Riesen- hafte steigere, um es mit der Zeit zu zwei, drei oder vier Millionen Mitglieder zu bringen, und ihre Ausführungen wurden dann ge- krönt durch die Sätze::„Allerdings können die Massen nur dann Er» folge erzielen, wenn die Führung der Partei konsequent,«nt- schloffen und durchsichtig klar ist. Wird auf zwei Schritte vorwärts ein Schritt zurückgemacht, dann werden auch schließlich die Massen- aktionen verpuffen. Dann versagt aber nicht die unorganisierte Masse, sondern die organisierte Partei und ihre Führung."(Hört! hört!) Und noch einen Satz will ich Ihnen vorlesen:„Die Sozial- demokratie ist historisch dazu berufen, die Vorhut des Proletariats zu fein. Sie soll als Partei der Arbeiterklasse führend ooraisstehen. Bildet sie sich aber ein, sie sei dazu berufen, die Geschichte zu machen, die Masse selbst sei nichts, dann kann sich leickt ergeben. daß die Soznoldemokratie zum bemmenden Moment im Klassen- kämpf wird und daß sie, wenn die Zeit reif ist, der Arbeiterklasse nachlausen mutz, um von ihr wider Willen zur Entt'cheidungsschlackit geschleppt zu werden."(Lebhaftes Hört! hört!) Ist das' die Art und Weise, wie man unserer Partei nützlich sein kann?(Zurufe: Nein! nein.» Ist da? die Einleitung zur kühnen Initiative, daß nvan in dieser Weise den Genossen die Organisation verekelt. Wir dürfen nicht damit beginnen ,die Organisationen zu diskreditieren und«s so hinzirstellen. als ob uns von den Unorganisierten nur ein«tuck Papier trennt. Ist denn das Mitgliedsbuch, ist denn der Schern, auf dem der Beitrag quitttert wird, alles, was uns von den Unorganisierten trennt? Wer so redet, kennt weder die Organi- sierten noch die Unorganisierten.(Lebhafte Zustimmung.) Dann hat Genossin Luxemburg gesagt, sie' habe in ihren Versammlungen gesehen, wie die Massen nach der neuen Taktik lechzten.(Lachen.) Ich will Ihnen sagen, wie die Massen lechzen. Die Genoinn Luxemburg sprach am 22. Juli in einer Berliner Versammlung. In der Diskussion traten ibr 3 Arbeiter entgegen, er* widerte sie am Schluß: ES ist beschämend, daß nicht andere Gegner aufgetreten sind.(Hört! hört!) Das ist dieselbe Nichtachtung, die selbe Geringschätzung der Arbeiter, die die Genossin Luxemburg heute mir gegenüber hier bekundet hat.(Gr. Unruhe u. lebb. Zust.) Das ist nicht daS Lechzen nach einer neuen �.aktik, sondern ein hochmüttgeS Urteilen über die Arbeiter von oben berab.(Er- neute Unruhe und nerneute Zustimmung,) Massen werden überhaupt ganz verschiedenartig eingeschätzt. Eine temperament- volle Genossin hat in einer Steglitzer Versammlung in den Ton eingestimmt: die Masse trifft immer das Richttge. die Masse mutz die Führung übernehmen und den Fuhrern de» Korporalstock aus der Hand schlagen. Zwei Tage später fand m Berlin in der„Neuen Welt" die Debatte über den Gebiirstreik statt. Da war die führende Genossin auf einmal anderer Meinung, Da sagte sie den Massen nach, daß sie vom Sozialismus noch keine Ahnung bätten und erst dazu erzogen werden wußten. i>sturmlsche Heiterkeit und Sehr gut!) Wer soll denn«e Massen erziehen? Etwa die Führer? Oder sollen die Massen die iruhrer erziehen? Die Führer find ge- wiß nicht immer kluger als die Maye. Aber ein Führer, der Ver- antwortlichkeitSgezuhl hat, mutz den Mut haben, auch einmal gegen die Masse zu sprechen.(Sehr richtig!) Das deckt sich vollkommen mit dem, was Bebel vor dem großen Berliner Bauarbeiterstreik gesagt hat. Es ist gegenüber der Resolution des Parteivorstandes höhnisch von den Instanzen und obersten Parteibehörden gesprochen worden. Solche Ausführungen wollen wir doch lassen. Wir haben gar keinen Anlaß, in dieser ernsten Zeit uns selbst das Leben sauer zu machen und daS Vertrauen zueinander zu untergraben. (Schluß im Hauptblatt.) Theater* Mittwoch, 17. September 1313- -JIntnng 7 Mr. Lessing. Peer(Spitt. Anlang 7'/; ntjr. Sgl. cpernhons. Figaros Hochzeit. «gl. Tchanipt�lhaus. Schwanrn- weiß. Deutsches. Hamlet. Deutsches«ünstlerthcater. Wil- Helm Tell. Änlang 8 Mir. Urania. Mit dem Imperator nach New Dort. Kammeripieir. Franziska. «omödienliaus. Das Paar nach der Mode. Kleines. In Ewigkeit Amen. Paul und Paula. Der Barbier von Berriac. Berliner. Filmzauber. Königgrntzer Strafte. Da? vierte (tlcbot.' Deutsch. Schauspielhaus. Fräulein Julie. Deutsches Lpernhans. Die Jüdin. Montis Operetten. Der lachende Ehemann. Schiller O. Cyrano von Bergerac. Schiller(kharlottenburg. Die Haubenlerche. 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Freitag, abend« 8 Uhr: vis Stütreo cker tZesellscbalt. öerliner Idealer. « mr: �ilmxsuber. rdMig fof Köoirätzer Straße 8 Uhr: Das vierte Gebot. Komodienhaus. 8 Uhr: Bas Paar nacli der Mode, Idealer des Westens. Beginn der Spielzeit: Sonnabend, den ZV. September: «ritlin Flfi. F.nHenible-Gastspiol des Berliner Metropol-TliBaters: Die Kino-Königin! Anfang 8 Ubr. Montis Operetten-Theater Schifsbauerdamm 4a.(fr. Neues Th.) Abends 8 Uhr: Gastspiel Der lachende Ehemann. OeutsetiesBiliistlertlieater Sozietät Nürnberger Straße 70/71, am Zoo. Heule Mittwoch 7'/, Uhr: Teil. Donncrolag. 7»/,U.: Wilhelm Tell. Uhr Uhr Die Frau Präsidentin. (Madame la Presidente.) Schwank in 8 Akt. v. M.Hennequin und P. Veber. Morgen u. folgende Tae-e- Die Fran t,iä»i,ienJ|n ■ 0SE=THEATEI »rohe Fr-antiurter Str. 182 Täglich 8',. Ubr: lZie SctiifMiigen, Theaterstück in 3 Akten v Sri cur. Sonntagnachm. 3 Uhr: Maria Stuart Trianon-Theater. Äenb«38 Dperetten-Gastsp.-ihMZ Durchschlagender Ersolg deS Metropol-Theaters. Die Kino-Königin. Operette in 3 Akt. v. Jean Gilbert. Borvcrfausbilletts v. 0,50— 1,50 M. bei Loeser>:. Wolff, Neukölln, Berlinerstr. 1; Bödmann, Neu- kölln, Bergstraße Ecke Rosenstrasie, und im Restaurant.Neue Welt". Ansill�Uhr�tals� follss Kaprice. Ankang 8-/« Uhr Ritter Baldrian Das Adoptivkind Die Mißgeburt Germania- Praelitsäle N., Chausseestr.110. K. Richter. Heute Mittwoch: Paul Mantheys lustige "länger. Anfang 8 Uhr. Eintritt 30 Pf. Nachdem Freitanz. — BorzugSkarten gelten.— Jeden Montag: Mmaims Sänger. Admiralspalast Elnz. Eispalast der Welt mit prunkvollen Eisballetten. Allabendlich Flirt in St. Moritz. Beginn d. Vorstellung'/,S Uhr. Bis 6 Uhr und von lO*/, Uhr halbe Kassenpreise. Zirkus-Tunnel im Zirkus Schumann, KarlstraOe. Wieder eröffnet. Glänzendes Programm. 25 Mann Hanskapelle. Jeden Sonnabend: B ,4 I.E. Wochentags 20 Pf., Sonnabend mit Tanz 80 Pf Sonntags statt 50 Pf. nur 36 Pf. ReukersWerke - 3 Bänt» 4 wart Buchhandlung Vorwärt» > er«,„igt««erlinvr Volksbühnen. En Isen-Theater.| Walhalla-Theater. 8'/. Uhr: Dorf und Stadt. Täglich 8>/, Uhr- Schauspiel in 5 Auizügen. Der Elehesonkel. Morgen: Die Intrigantin. j Posse m. Gesang u. Tanz in 3 Alten. ' �" Berliner Konzerthaus MauerstraSe 82.— ZimmerstraSe 90/91. Großes Doppel-Üonzert! Berliuer Konzerlhaus-Orchester mit Jt0.kal- Leitung: Komponist Frz. v. Blon. Musikkorps des 2. Niederschi. Feld-Artillerie-RegimenU No. 41 aus Glogau. Leitung: Oberm. W. Baarz. Anfang 8 Uhr. Eintritt 36 Pf. Anfang 8 Uhr. woehentagen: Gr. Nachmltlags-Ronzerl Zirkus JMbert Schumann. m Eröffnungs-Vorstellung* Mittwoch, den 17. September DV Abends 8 Ehr Vorverkauf an der Zirkuskasse, bei A. Wortheim, Leipziger otraße, und Invalidendank, Unter den Xiinden. Reichshallen-Theater ifelier Säier Anfang 8 Uhr. .jf Meysel als Hospelrott, jfrM tfDtlon als Sehn ule, Ruselli als„Ren tier Knopploch 1A 4�.1. im Ehejoch". Nächsten Sonntagnachm. 3 Uhr: Familienvorstellung z. llein. Pr. jm Brauerei Friedrichshain aim Königstor. Oef.: Ernst Eleblng. Dienstag, den 30. September, abends 81/. Uhr: Popullires Konzert des Bluthner- Orchester(«o zuwstier) und des Männ-�chors Ffchto-ktsorxziais IL7S MHLs Dirigent jür Chor und Orchester Th. Oervals, Abendfasse 73 Pf., Billetts im Borverkauf a 30 Pf. sindZ bei den„Vorwärts--Speoileurcn Zucht, Jmmanuelfirchslraffe 12 und Hanisch, Ackerstr. 174, zu haben. AnUcrordentllche Mtglieder- Versammlung der Sterbe- und Kranbeu-Wer- stützungsbaffe Nr. 55 am Donnerstag, 25. September 1913, abends 8'/, Uhr, im Kassenlofal, Linienstr. 8. Tagesordnung: 1. Bericht über das versicherungs- technische Gutachten betreffend Er- höhung des Sterbegeldes. 2. Abänderung der ZK 6, 10, 16 und 34 der Satzung. 2238b Der Vorstand. Bekanntmachung. Orts- Krankenkasse für den Amtsbezirk Tegel mit Ausschluss von Plötzeusee in Bcrlin-Tegel. Kaffenlok.: Bahnhosslr. 1, Berlin-Tegel. Abschrift. Kgl. Oberversichcrungsamt Groff-Berltn. Nr. B. K. 522/13. Berlin-Charlottenburg, den 30. Aug. 1913. Berliner Str. 11. Beschluß. Die Orts« Krankenkasse für den Amtsbezirl Tegel mit Ausschluß von Plötzensee In Berlin-Tegel wird geschlossen, weil die Zulassung der Kasse rcchtsträslig versagt worden ist. Die Schließung tritt mit Ablauf des 31. Dezember 1313 in Kraft. gez. von Gostkowski. Veröffentlicht 275/16 Berlin-Tegel, den 13. Sept. 1312. Der Vorstand. Oswald Ar lt. Karl Müller. Vorfitzender. Schristsührer. Möbel Wir liefern direkt an Private frei Haus durch eig. Gespann Stube u. Küche M. 208, 244,50, 276,50, 317, 357. 370, 423, 493. 2 Stuben u. Küche M. 280, 309, 359, 427,50, 501, 590. Schlafzimmer M. 223, 276, 313, 355, 429, 460, 640. Suchen M. 51, 58, 75, 92. Ständ. Lager 300 Einrichtungen. Reichhalt. Preis b. gratis u. franko. Abgabe einzelner Stücke ohne Preiserhöhung! Höfftm's Möbel-Engroshaus Berlin N. 201 Ueberau zuhaben in Flaschen von lOPl.an. Fabiik: CiKtnacheWerkeLubszyniki ACo, Aktiengesellschaft. 8 erlin- Lichtenberg. Augusla-Bad Ktfpenlcker 8tpaBc 60/61. 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Freudenberg WelB'.Wollw., Trikot. � MäX EßSilliCkfi Chausseestr. 67. M. Gardeis Hoppe, E., Scharnweberstr. 52. Juncker, H. Semannstr.in. Carl Klein, Höchstestr.16, N.O 1». Robert Kutsche, Gubenerstr. 56. Fr. Oliwctzkl, Alls Jikobzlr. 137. Schrom, Lina, Mirbachstr. 31. Hermann Meyer, SeUrslbeiierSt iL U Schneider, Weberstr. 61 Albert Vogt vJb�ttT- C Wild u. Geflügel p.Rildeßrandt&Tä. Schmidt, E., Spandau, Havelat.t> Dfiby, H., Neukölln, Bergzt. 18N-K-1 179 M.Gorodiski,Blb*Ntchr.Branncnst.86 O.HlllerWfinnieiJterstlO.l IT.Xd.767l. Hercid,H..Elsas, erst 97;Soienl»l.Pl«b) Körber, O.,il«riei!di>rf,ClisMi»eilM0l W. Kyratb, 0. 112. Voiglstr. 8, L Deoltekner�Ä?« H. Llndeke, Warschauerstr. 80. R Mende. Scbulstr.117, EckeSuatr. Zahn- Atel. Volkswohl, Mullerit.lfStjk M. Rasenke, Birkenstr. 22. Karl Sommer, ftankfnmr Allee 104. Witte, Max ää1 Uormitwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärt? Buchdruckerei u. Verlagsanftalt Paul Singer u. To., Berlin AM flr. 242. 30. Jahrgang. Z. Lnlqk dks DrüMs" Kttlim NslKsdIM. Mittwoch. Vi. September 1918. öewerkrchaftUcbea. Polizei i-'jid Streikposten. Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß die Polizei eine ganz besondere Methode besitzt, um das Streikpostenstehen illusorisch zu machen. Die Scharfmacher haben es gar nicht nötig, nach Ausnahmegesetzen zu rufen; die Polizei versteht es auch ohnedem, das Koalitionsrecht einzuengen. Das wird gemacht, indem die Polizei die Streikposten auf Schritt und Tritt verfolgt und ihnen mit Verhaftung droht. Es ist die Methode, nach der kleine Kinder durch die fortwährende Drohung mit dem Schutzmann oder Schornsteinfeger graulich gemacht werden. Naturlich wird den Streikposten immer und immer wieder von der Organisationsleitung versichert, daß die Ausübung des Streikpostenstehens ein gesetzlich g e- w ä h r l e i st e t c s Recht ist, das nicht durch Belieben irgend eines Polizeibeamten beseitigt werden kann. Auch der Streik in der Berliner Kürschnerbranche zeigt, in wie hohem Maße die Polizei im Interesse des Unter- nehniertums diensteifrig tätig ist. Kaum war die Arbeits- einstelluna erfolgt, so trat auch prompt überall die Polizei in Aktion. In den verkehrsreichen Straßen im Innern der Stadt tritt sie bescheidener auf, um Auftritte zu vermeiden; um- gekehrt geht sie in abgelegenen Gegenden, wo verhältnismäßig wen�g Verkehr ist. mit aller Strenge vor. Wie die Polizei ihre Befugnisse auffaßt, soll hier an einem speziellen Fall illustriert Iverden. Am Montag abend standen etliche Kürschner in der Büschingstraßc Posten, wo im Hause Nr. 17 sich die Werkstatt des Herrn R u h s befindet. Außer ihnen standen ini Interesse des Unternehmertums zwei Schutzleute Posten, später kamen noch zwei andere und ein Kriminalbeamter hinzu. Dieser Kriminalbeamte Kühn, Nr. 1377, ist nun ein recht aufgeregter Herr, der allein schon durch seiu Vorgehen nichr dazu beiträgt, den Verkehr zu stören, als es drei Dutzend Streikposten fertig bekämen. Er ist an dem fraglichen Montagabend wohl 6 bis 7� mal an einen der Kürschner herangetreten und hat ihm mit Verhaftung gedroht, wenn der Betreffende nicht mache, daß er aus der Gegend komnie. Wie sehr dieser Beamte begehrte, seine persönlichen Kräfte zu probieren, läßt sich aus seiner Aeußcruug ersehen:„Solche I u ngens nehmen wir noch unter dem Arm!" Obwohl der so Angeredete weder eine Antwort gab, noch auch nur ein einziges Mal stehen blieb, war es ihm schließlich nicht mehr möglich, seine Aufgabe als Streikpostcil zu erfüllen, weil er fürchtete, nachher arretiert zu werden. Er ging deshalb nach dem Verbands- burcau, Weinstr. 8, unl dort von dem Vorgehen der Polizei Mitteilung zu machen. Auf dem Hausflur begegnete ihm der Genosse Regge von der Redaktion des„Kürschner", den er bat, er möge sich doch persönlich von dem Vorgehen der Polizeibeametn überzeugen. Beide gingen nunmehr durch die� Büschingstraßc und bis Hausweite in die Mehnerstraße. An der Ecke stand ein Schutz- mann allein, zu dem sich sofort Frau Ruhs(die zuerst in der Haustür stand) gesellte, und den Beamten auf die beiden auf- merksam machte, als diese zurückkamen. Unbeirrt dadurch gingen beide jedoch den Weg wieder nach der Barnimstraße und schritten dann über den Damm nach dem Büschingplatz zu und um den Platz herum. An jeder Ecke des Platzes der Büschingstraßc zu stand je ein Schutzmann, in der Mitte des Platzes außerdem ein Schutzmann mit einer Mütze und der Kriminalbeamte Kühn. Als Regge mit seinem Kollegen wieder der Büschingstraßc zuschritt, trat der Schutzmann Wolff Nummer 323(1 auf beide zu und sagte ihnen, sie möchten machen, daß sie fortkämen, sie dürften hier nicht stehen bleiben. Die beiden waren noch gar nicht zum Stehen gekommen! Regge fragte, was der Beamte eigentlich von ihnen»volle, ob sie hier nicht gehen könnten.„Nein, nicht hier!" lautete kategorisch die Antwort. Gleich war auch der Kriminalbeamte Kühn heran- gekommen und meinte, die beiden sollten„keinen Auflauf"(!) machen. Regge bedeutete den Beamten, daß s i e es ja seien, die den Auflauf verursachten.„Na. wenn Sie nicht machen, daß Sie hier fortkommen, können Sie bis 9 Uhr auf der Wache bleiben, bis hier alles vorbei ist," meinte der Beamte Kühn in aufgeregtem Tone. Regge erwiderte, die Straße diene doch dem Verkehr.„Hier, wo gestreikt wird, dürfen Sie nicht gehen!" Als R. nochmals betonte, daß er das Recht habe, dort zu gehen und die Polizei nicht einfach das Streikposten- stehen aufheben könne, wurde er auch schon von dem Schutz- mann Wolff mit großer Rücksichtslosigkeit am Aermel gefaßt, um nach der Wache abgeführt zu werden. Erst auf energischen Protest Regges ließ der Beamte von ihm ab. Als auf der Wache die Personalien Regges festgestellt wurden und die Beamten meinten, daß es ein Skandal sei, solchen Auflauf zu machen, erwiderte R., daß er ja gerade gekommen sei, um sich von dem Treiben der P o l i z e i persönlich zu überzeugen. Und als Regge nach der Feststellung die Aufnahme eines Protokolls darüber verlangte, weshalb er verhaftet worden sei, meinte der diensthabende Wachtmeister:„Das werden Sie schon sehen, wenn Sie die Anzeige(!) erhalten werden!" Das ist so der gewöhnliche Gang der Dinge, wie die Polizei Verhaftungen der Streikposten herbeiführt, wie sie Anzeigen und Strafmandate fabriziert und wie sie ans die denkbar einfachste Weise das Recht des Streikpostenstehens auf- hebt. Entweder rücken die Streikposten vor Angst aus, dann läßt die löbliche Polizei Gnade vor Recht walten. Aber wer die Beamten auf das gesetzliche Recht verweist, der wird ein- fach arretiert! Regge hat durch seinen Rechtsanwalt wegen seiner ungesetzlichen Verhaftung Beschwerde beim Polizeipräsidenten eingelegt und man darf gespannt sein, was der Herr Polizeipräsident zu dem Vorgehen seiner Beamten zu sagen hat.__ Berlin und Umgegend. Zum Streik der Linoleumlegcr»nd Tcppichnäher. Am Montag gab Schulze einen Situationsbericht. Von den Lohnwerkställen, auf die sich die Bewegung ausgedehnt hat, haben sich 10 Werkstätten verständigt und zwar wesentlich auf der Grund- läge einer Zulage von 5 Ps. die Stunde. Von den Akkordbetrieben haben 3 den neuen Tarif erhalten, der ihnen im Jahre eine Auf- besserung von etwa 250 M. bringt. Bei den Firmen, die bewilligt haben/ arbeiten 110 Arbeiter, Die Lohnarbeiter haben durchweg 5 Pf. Zulage erhalten, mit Aus- nähme der der Firma Israel, wo für die Arbeiter aber auch so ziemlich zufriedenstellende Lohnbedingungen erzielt werden konnten. Ein einheitlicher Tarif ist für die Lohnwerkstätten leider nicht erreicht worden, während für die Aikordwerkslätlen dies vollständig zu ver- zeichnen ist. Der Redner unterzog auch die Behauptung der Arbeiter von Ouantmeyer u. Eicke einer entsprechenden Korrektur, wonach sie einen günstigen Erfolg durch selbständige Verhandlungen mit der Firma erzielt und im übrigen schon längst die Sätze, wie sie anders- wo jetzt bewilligt worden seien, erhalten hätten. Wie verlautet, soll sich der Geschäftsführer der genannten Firma dahingehend geäußert haben, daß er später den Tarif auch unter- schreiben wolle, aber nicht in der jetzigen Zeit. Zuletzt beschloß die Versammlung, den allgemeinen Streik für beendet zu erklären. Die organisierten Linoleumleger und Teppichnäher sind nunmehr im Besitze von grauen Kontroll- karten, die als Ausweis gelten. Bei dem Zwischenmeister Karl Scholz, Stallschreiberstr. 85, dauert der Streik fort._ Der Streik der Militärsattler in den Offizierausrüstungs- betrieben hat mit dem Ablauf der vorigen Woche eine recht bedeui- same Wendung genommen. Die vom Streikbrecheragenlen Koch beschafften Arbeitskräfte haben sich nur zwei Tage betätigen dürfen, dann wurden sie wegen hervorragender Leistungen entlassen. Bei dieser Sachlage hielten es einige der Herren Unternehmer doch für ratsam, sich mit der Organisation zu verständigen. Sie mußten ein- sehen, daß die Taktik des Herrn Nasse vom Bund der Arbeitgeber- verbände zu einem vollständigen Ruin ihrer Geschäfte führen würde. Die eingeleiteten Verhandlungen brachten in den wesentlichsten Punkten folgendes Resultat: Verkürzung der Arbeitszeit von 33 auf 32 Stunden wöchentlich. Festlegung eines bestimmten Mindestlohnes in Höhe von 60 Pfennig pro Stunde, der nach halbjähriger Beschäftigungsdauer auf 63 Pfennig steigt. Für sämtliche Lohnarbeiter eine Erhöhung der bisherigen Wochenlöhne um 10 Proz. und für Akkordarbeiter eine Zulage von 8 Proz. zu allen Akkordsätzen. Besonders schlecht gestellte Artikel, wie Tornister und Kartentaschen, wurden um 13 bezw. 13 Proz. erhöht. Von besonderer Bedeutung ist es weiter, daß die Forderung ans Gewährung eines Sommerurlaubcs prinzipiell durchgesetzt wurde, indem allen Arbeitern, die mindestens ein Jahr im Betriebe beschäftigt sind, ein solcher von 3 Tagen bei voller Be- zahlung axwährt wird. Der neue Vertrag sieht eine Geltungsdauer von 3 Ähren vor. Anerkannt wurde der neue Verlrag bisher von den Firmen W. G o m m l i ch, H. Welcher, Richard Scherbe und Collani u. Co. Bei diesen Firmen wurde die Arbeit bereits wieder aufgenommen. Im Streik befinden sich noch die Sattler bei den Firmen: Deutsche Militär- ausrüstungsgesellschast, Alexandrinenstraße 11; C. Pose, Schlesische- straße 18 und F. Damaschke, Jüterboger Straße 9. Besonders er- schwert ist den Arbeitern der Kampf bei der Deutschen Militär« ausrüstungsgesellschast, da die Polizeibeamten recht einseitig zugunsten des Unternehmers eingreifen und das Streikpostenstehen so gut wie unmöglich machen. Dabei ist bis heute nicht das geringste vorgefallen, womit ein solches Verhalten zu rechtfertigen wäre. Trotz dieser Hilfe wird auch diese Firma sich über kurz oder lang mit den Arbeitern verständigen müssen. Bis dahin ist jeder Zuzug nach den bestreikten Betrieben fernzuhalten. Gesperrt ist ferner die Kommißwerkstatt von L u d e w i g, Lindenstr. 93, da Herr L u d e w i g als einziger Militäreffektenfabrikant sich weigert, den für die ganze Branche geltenden Tarifvertrag anzuerkennen. In den Wurstfabrike» Wilh. Vehr, MöbeS Nachfolger, C. Laeske und K. K i i ch befinden sich die Gesellen in einer Tarif- beweaung. Die Hauptforderung ist die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit. Mit der Firma M ö b e s Nachf. ist es schon zum Ab- schluß eines Tarifvertrages gekommen. Es wurde eine Arbeits- Verkürzung von 4Vz Stunden pro Woche, eine Lohnerhöhung von 2 M. Abschaffung des Kostwesens und Gewährung von Ferien er- reicht. In den Wurstfabriken sind die Fleischergesellen alle organisiert und ist es ihnen möglich, ihre Forderungen zur Anerkennung zu bringen. Mit den anderen Firmen wird es wohl im Laufe des Monats ebenfalls zu Tarifabschlüsjen kommen. Den Inhabern der Zuckerwarenfabrik von Seifert u. Haacke, Lietzmaunstr. 20/21, scheint der Streik ihrer Arbeiter vom vorigen kleines feuiUetoti. Volksversammlung. Du gehst mißmutig zur Versammlung. Du fragst: Nützen die Reden etwas? Da lauschst du auf— ein zuckender Schlag hat dich getroffen!— Du fühlst, wie es warm deinen Leib durchsickert,— wie Glut in dir wächst, und bist der Gläubigsten einer. Hart fallen die Worte des Redners in den rauchigen Saal und pochen hammerschwer an die Stirnen der Menge. Abstimmung! Wer stimmt mit: Ja? Hastig stoßen die armen zerschlagenen Hände hoch, und über dem Pfeilergewirr der Arbcilerarme rundet sich mächtig im Augenblick die Kugel der Welt... Max Barthel. Liebe fürs Geld. Die„Bayrische Staatszeitung" ist bekannt- lich eine Lieblingsschöpfung des großen Staatsmannes von Hert- ling. Er hat sie ans dem ganzen Reichtum seines politischen Könnens heraus geschaffen und sein Auge wacht väterlich darüber, daß keine Dummheit im Staate Bayern passiere, der nicht eine andere in der„Staatszeitung" parallel laufe. Wenn man dies Blatt längere Zeit liest, so versteht man durch- aus, warum dies Ministerium so beweglich um die Zulassung von Jesuiten bittet. Hcrtling braucht eben eine sachkundige Leitung in der Diplomatie, der die Sprache bekanntlich zum Verschweigen gegeben ist. Er hofft unter jesuitischer Anleitung jene abrupten Offenheitsanfälle vermeiden zu können, die heute das Entzücken aller Kenner bilden. Denn einem Jesuiten wäre das Zugestand- nis sicherlich nicht entschlüpft, das dieser Tage in der Staats- zeitung" anläßlich einer Betrachtung über die Verdienste der Land- bürgcrmeister zu lesen war und folgendermaßen lautete: „Eben deshalb aber dürften äußere Anerkennungen, die sonst Privatpersonen für Geldspenden so reichlich zukommen, wenigstens alten und bewährten Vorstehern größerer Dorfgemeinden von feiten der Behörde noch häufiger zuteil werden, als dies bis jetzt der Fall war." Nicht etwa, daß es eine große Neuigkeit wäre, wenn man hört, Orden werden für Geld verliehen, also verkauft. Aber Orden sind doch der Köder des heutigen korrupten Regierungswesens, und so dumm war bisher nod) keine Regierung, daß sie ihre eigenen Lock- mittel dadurch entwertete, daß sie ihre Käuflickikeit zugab. Es blieb Herrn von Hertling vorbehalten, den Preis seiner Gunst in der Oefscntlichkeit festzusetzen. Wenn die Mädchen, denen man in München so sehr auf die Socken geht und so gern durch die Finger sieht, einem verehrlichen Adel und Vürgcrstand ihre Käuflichkeit ins Gedächtnis zurück- rufen wollen, so annoncieren sie schüchtern als„Masseuse" oder „alleinstehende Dame sucht einen Wohltäter". Der Staat Bayern betont in schlichter Offenheit und ohne Umschweife, seine Gunst käme Privatpersonen für Geldspenden reichlich zugute. Wie verlautet, wird die„Staatszeitung" in den nächsten Tagen einen vollständigen Preiskurant veröffentlichen, aus dem jeder er- sehen kann, welchen Titel oder welchen Orden er sich seiner Per- mögenslage entsprechend leisten kann. Nur bayerische Minister- stellen sind nicht käuflich. Um die zu erreichen, bedarf es des Nachweises einer desonderen Unfähigkeit, die angeboren sein mutz. Theater. Lessing-Theater:„PeerGyn t." Dramatisches Gedicht von Henrik Ibsen. Fünf Stunden dauerte, mit der um- rankenden Musik, die Ibsens Landsmann Grieg zu dem„Peer Gynt" komponiert hat, die Aufführung des Werkes. Eine Unsumme von Kosten und Arbeit war daran gesetzt. Die Tradition des Lessing Theaters, das unter Brahm klassische Jbsenbühne wurde, mag Direktor Barnowski, dem neuen Leiter, den Anstoß gegeben haben. das Experiment zu wagen, das vor Jahren in dürfligem Rahmen einmal von der Lessing-Gesellschaft unternommen worden war. In- dessen der Erfolg bestätigte nur den Eindruck von damals, daß dieses Werk des großen Norwegers der Bühne sich versagt. Die dichterischen Intuitionen, die in dem ersten Teil aufblitzen, packen beim Lesen ungleich mehr als von der Bühne herab, wo der rasche Flug der Bilder, durch ernüchternde Pausen des Dekorationswechsels fort- laufend unterbrochen, das phantastisch Hingeworfene durch einen schwer beweglichen Apparat(z. B. die Hochzeils-Statisterie bei der Entführung Ingrids) illustriert werden muß. Vor allem aber tut es hier der Wirkung Abbruch, daß der Zuschauer nicht wie der Leser die Stellen überschlagen kann, m denen Ibsens Dichterflug von leerem Spintisieren abgelöst wird. Die Bühne bringt das Ganze, Lebendes untz Totes, mit unparteiisch gleicher Breite vor und würde, selbst bei vollkommener Darstellung, durch den so mit- geschleppten Ballast die Empfänglichkeit ermüden. Ein Gcdankendrama will der„Peer Gynt" offenkundig sein, aber es fehlt ihm doch völlig die wuchtig konzentrierte, im Ausstieg einer klar geschauten Handlung sich offenbarende Einheil der Idee, wie sie der gleidffalls in den sechziger Jahren, kurz vor„Peer Gynt" entstandene„Brand" mit seiner Losung„Alles oder Nichts" besitzt. Jener soll Repräsentant der haltlosen Phantastereien, des Schwindel- und Lügengeistes sei», den Ibsen damals, enttäuscht und bitter grollend, daß Norwegen Dänemark im Kampfe gegen Preußen nicht j beigestanden, als schlimmste Schwäche seines Volkes empfand. Sein Drama tnüpft an eine Gestalt der Volkssage an. Und diese Figur �— das war die Absicht— sollte zugleich ein allgemeiner Menschen- ! typus werden, der Typus einer Persönlichkeit, die von Einbildungen ' und Eitelkeiten unihergelrieben wird, aber trotz aller Sündenmakel schließlich doch in einer verzeihenden und selbstlos reinen Liebe Er- höcung finden kann. Daß Solvetg, die Gütige, unbeirrbar an Peer geglaubt hat, er- bebt ihn aus der Niedrigkeit. Aber diese„Erlösung" erscheint im Stücke beinahe als Zufall, unvermittelt durch einen seelischen Wand- lungs- und Läuterungsprozeß des Helden. Noch mehr verliert Peer, den wir zuerst als ungebärdigen, wild abenteuerlichen Bauernjungen in den Bergen kennen lernen, im zweiten Teile jede indi- viducllere Kontur und den Zusammenhang mit der Vergangen- heil: er ivird zum Träger spielerisch geheimnisvoller Allegorien: farbloser Kollektivvertreter aller aufgeblasenen Menschentorheit. Wir sehen ihn in der Zeilmaske eines durch Negerhandel reich- gewordenen Nabobs an der afrikanischen Küste, wie er einer inter- nationalen Tischgesellschaft seine zynischen Grundsätze vorträgt. Dann wieder ist er orientalischer Prophet und Haremsfürst, den eine arabische Tänzerin leicht betrügt. Es folgen Szenen vor einem Irrenhaus, dessen Jnsaffen Peer, durch eine Art von Wahlverwandt- schaff zu ihm hingezogen, zu ihrem Kaiser wählen wollen. Das letzte Stadium seines Lebensweges, ehe Solveig dem Heimgekehrten, von Angst und Reue Gequälten, ihre segnende Hand aufs Haupt legt, iü die Begegnung mir dem mystischen Knopfgießer, einem Tenfelchen, das die für die Hölle zu leicht befundenen llebeltäter in einem Löffel einzuschmelzen hat. Das alles gleitet im Theater' wie völlig wesenloser Spuk vorüber. Und auch der schöne Schluß, das Wiedersehen mit Solveig, erhält als Bühnenbild, von der Musik zu lange hingezogen, den Beigeschmack des Opern- haften. Der Ton in den Massenszenen(z. B. der Versammlung der Trolle), auch in den Reden Peers ward oft zu laut genommen, so daß im Lärm viel verloren ging. Die prächtige Erzählung Peers, wie er auf dem Rücken eines Zauberbockes über den Berggrat ge- ritten— ein Glanzstück der Dichtung—, kam bei der atemlosen Hast, mit welcher K a y ß l e r sie herunterjagte, nur in Bruchstücken zu Gehör. Was er im ganzen bot. war eine achtungswerte Leistung, in der aber der künstlerische Wille die Distanz zwischen der Individualität des Schauspielers und der ihr so fremden Jbsenschen Figur nicht hatte überbrücken können. Es fehlte seinem Auf- schneider ein Zug des instinktiv Natürlichen, des strömend Leichten, Liebenswürdigen, das, was in jener sonst dürftigen Auf- führung der Lessinggesellschaft Wintersiein aufs glücklichste getroffen hatte und was dem Burschen überhaupt erst einige Sympathie erwerben kann. Nur einmal in jener berühmten Szene, da Peer am Bett der sterbenden Mutter sich in die Vision der Schlittenfahrt hineinphantasiert, gelang es ihm anscheinend, das Publikum mit starker Suggestivkraft mitzureißen. Er wurde da von dem natura- listisch-pittoreskeu Spiele Jlka Grünings, die die mit dem Tode ringende Alte gab, vortrefflich unterstützt. Lina Lossen war eine rührend schlichte Solvetg, Tilla Durieux in der Episodenrolle der arabischen Tänzerin von exotisch schwülem Reiz. Svend Gade hatte sehr stimmungsvolle Dekorationen der nordischen Berglandschaft entworfen. Das Publikum, da? wohl unmittelbarer als durch das Stück, durch die anmutige, weiche Gricgfche Musik gerührt wurde, spendete am Schluß demonstrativen Beifall. ät. Notizen. — Große Entdeckungen. Ein Korrespondent de»„Daily Chronicle" interviewte Madame Curie, die gegenwärtig an einem wissenschaftlichen Kongreß in Birmingham teilnimmt. Frau Curie sagte, Dr. Rutherheld' stelle zurzeit umfangreiche Experimente über Radioaktivität an. Alles deute darauf hin, daß demnächst weitere große Erfindungen bekannt würden, gegen die die Erfindung des Radiums verschwinden und das Radium nur zu einem Grund- stoff würde. — Karl Spitteler, der Dichter des Olympischen Früh- lings, der zu den bedeutendsten Dichtern der Gegenwart gehört, gibt jetzt die Erinnerungen seiner Kindheit heraus; sie werden zunächst unter dem Titel:„Meine früheren Erlebnisse" in den„Süddeutschen Monatsheften" erscheinen. — John Galsworthys„Menschenfreund", eine Tragikomödie, erlebte im Prager Deutschen Theater seine deutsche Uraufführung. Der Menschenfreund ist ein wohlhabender Maler, der in jedem Verkommenen einen vom Schicksal Verfolgten sieht, ihn in seine Wohnung bringt, um ihn zu bessern, von allen seinen Schütze lingen aber betrogen wird. Das Stück soll unter Breiten und Wieder- holungen leiden. — Lilli Lehmanns Memoiren werden unter dem Titel „Mein Weg" demnächst im Leipziger Verlage von Solomon Hirzel erscheinen. — Ein Denkmal im Polargebiet. Die Londoner „Rature" ineldet, daß für den russischen Forschungsreisenden Eduard v. Toll auf der Kotelnyi-Jnsel ein Denkmal in der Form einer Bronzetafel mit dem Bildnis des verschollenen Forschungsreisenden errichtet werden soll. Die Kotelnyi-Jnsel ist die größte der Neu- Sibirischen Inseln, wo im Jahre 1902 der junge Forscher um- gekommen ist. Er unternahm von seinem Schiff„Sarja" aus im Juni 1902 eine Reise nach der Bennctt-Jnsel, von wo er nicht mehr zurückgekehrt ist. Niemals ist sicher festgestellt worden, wo und wie der Untergang seiner Expedition erfolgt ist. Ja?r noch g«waMg in den Gliedern z« Regen. Brachten fle«S doch fertig, sich jetzt folgende einstweilige Verfügung zu erwirlen: Iustizrat Dr. Wrede, Rechtsanwalt am Landgericht I. Dr. Niemann, Rechtsanwalt am Landgericht�IL Dr. Lipschütz, Rechtsanwalt am Landgericht Hl, Berlin W. 35, Potsdamer Str. 104(Sfmt Kurfürst 9456. Beglaubigte Abschrist l D. R. Nr. 891 Schilling, Gerichtsvollzieher. 35. 0. 23. 18. Einstweilige Verfügung: Auf den Antrag der Firma Seifert u. Haacke in Berlin, Lietz« mannstr. 20/21, Prozeßbemächtigter Justizrat Wrede in Berlin W. 85, Potsdamer Str. 104, Antragstellerin, wird gegen den Bäcker Alfred Scheibe in Berlin, Manteuffelftr. 22 Hl, folgende einstweilige Verfügung erlassen: Dem Antragsteller wird bei Vermeidung einer Haftstrafe von 2 Monaten für jeden Fall der Zuwiderhandlung verboten, Flug- blätter On vre Abnehmer der Antragstellerin zu senden oder sonst» wie verbreiten, die Angaben über die Firma der Antrag- stellerm, über ihren Betrieb, über ihre Lohnverhälwisse sowie über das Verhältnis zu ihrer Arbeiterschaft enthalten, die geeignet sind, das Ansehen der Antragstellerin in der öffentlichen Meinung herab- zusetzen und darauf gerichtet sind, der Antragstellerin die Kund- schaft abspenstig zu machen und das kauflustige Publikum zu be- stimmen, vom Kauf der Waren der Antragstellerin Abstand zu nehmen. Berlw, den 21. August 1913. Königliches Landgericht I. gez. Philippi u. Pohlmann. Schlichting. Ausgefertigt Berlin, den 21. August 1913. gez. Kroll. L. S. Gerichtsschreiber de? Königlichen Landgerichts I. Beglaubigt zwecks Zustellung: der Justizrat: Wrede. Wir glauben nun wohl, daß es der Firma S ei fert u. Haacke unangenehm sein muß. wenn der Oeffentlichkeit bekannt wird, welche Löhne da gezahlt werden und daß dies geeignet ist, sie in ihrem Ansehen herabzusetzen. Dafür aber können w i r doch nicht. Wenn man so aus sein Ansehen bedacht ist, soll man doch zeitgemäße Löhne -zahlen. Wir find aber auch der Meinung, daß sich die Kundschaft dafür bedanken wird, von solchen Firmen ihre Waren zu beziehen und vor allem werden die Berliner Arbeiter darauf achten, welche Geschäfte Abnehmer der Firma Seifert u. Haacke sind. Verband der Bäcker und Konditoren. Achtung, DestillationSgehilfen! Die von dritter Seite an» gebahnten Verhandlungen mit Herrn Meyer, Fennstr. 1, sind ge- scheitert. Herr Meyer wollte iveder den geforderten Lohn zahlen, noch die IZstündige Arbeitszeit anerkennen. Ebenso wollte er das gemeinschaftliche Logis mit fremden Personen nicht beseitigen. Als Arbeitswilliger fungiert der Dreher Erwin Braun, Bergstr. 34. Der Betrieb ist für organisierte DestillationSgehilfen gesperrt. Verband der Gastwirtsgehilfen. Ortsverwaltung BerNn. DeotTcbes Ketcb. Liberaler Arbeiterbetrag. In Königsberg i. Pr. verlangen die Straßenbahner eine Erhöhung ihres Lohnes. Der Betried ist bekanntlich von der Stadt auf 30 Jahre an eine Gesellschaft verpachtet. Nach dem Vertrage sollen die Straßenbahner nicht schlechter gestellt sein als die städtischen Arbeiter. Diese erhielten in diesem Sommer eine Zulage von 30 bis 50 Pf. pro Tag. Dasselbe fordern auch die Straßenbahner. Da sie aber nach dem vorjährigen Streik ihre Organisation zum Teil verlaffen haben, so sind sie jetzt nicht im- stände, ihre Forderung durchzudrücken. Da versucht sie nunmehr der Verein liberaler Arbeiter und Bürger zu ködern. Der fortschrittliche Parteisekretär Stark- Königsberg hat in Ver- sammlungen gesprochen und nach einer Hetze gegen die Sozialdemo- kratie den Straßenbahnern folgende Mittel zur Erreichung ihres Zieles empfohlen: Ihr ersterGang soll einBittgang zurDirektion der Straßenbahngesellschast sein. Sollen sie abschlägig beschieden werden, so sollen sie an das Gerechtigkeitsgefühl der Direktion appellieren und nachweisen, daß die anderen besser stehen. Ist auch das umsonst, so soll auf den Vertrag zurückgegriffen werden, nach dem die Straßenbahner nichl schlechter gestellt sein sollen, als die städtischen Arbeiter. Kommt man zur entgegengesetzten Beantwortung dieser Frage, so soll an die moralische Pflicht der Direktion appelliert werden, sie soll ersucht werden, nicht zurückzustehen. Ist auch dieser Hinweis nicht ausreichend, so soll an die Stadtverwaltung heran- getreten werden, und hat diese kein Einsehen(der fortschrittliche Parteisekretär scheint also zu seinen Parteifreunden, die das Rat- haus beherrschen, kein großes Vertrauen zu haben), so kommen die Stadtverordnctenwahlen, wo der liberale Verein vorzugehen wissen wird. Und Hilst das alles nichts, so sollen die Straßen- bahner warten, bis der Pachtvertrag abläuftl! Denn ein neuer Vertrag soll dann nicht geschlossen werden. Freilich, dieser Zeitpunkt tritt erst nach 27 Jahre» ein!!! Sollte aber den Straßen- bahnern diese Zeit denn doch etwas zu lange dauern, dann prophe- zeit der Parteisekretär, daß dann„andere Schritte kommen" sollen — welche sagt er natürlich nicht—, hinter denen dann die g e- samte Bürgerschaft, also auch das Kapital stehen wird. Wenn dieser ganze Instanzenweg eingehalten werden soll, sind natürlich die meisten der jetzt lebenden Straßenbahner längst ver- starben. Man ficht hier besonders deutlich, wie die Arbeiter von den Herren Liberalen an der Nase herumgeführt werden. Lohnbewegvng der Linoleumleger in Hamburg-Altona- Wandsbek. In diesen drei Städtegebieten stehen die Linoleumleger in einer Lohnbewegung, die am 18. September zur Arbeitsniederlegung führte, nachdem die bereits seit 14. August eingeleiteten Verband- lungen mit den Unternehmern rcsultatlos blieben. Nach anfänglichem Entgegenkommen durch den Verein der Linoleumhändler und drr Organisation der Unternehmer, die sich bereit erklärten, wegen Ab- schluß eines Tarifvertrages mit der Verbandskommission zu ver- handeln, beschloffen diese plötzlich am 29. August, weitere Wünsche der Linoleumleger müßten durch den Gehilfenausschuß der Zwangs- innung der Tapezierer Hamburgs unterbreitet werden? dieser werde die Verhandlungen führen. Da sich die Unternehmer der Linoleumbranche bisher noch nie um den Tarif im Tapezierergewerbe gekümmert hatten, lehnte die Versammlung der Arbeiter dieses Ansinnen ab und verlangte ge- sonderte Verhandlungen zum Abschluß eines SpezialtarifeS� mit den Unternehmern der Branche. Vor einigen Tagen nun erklärten die Unternehmer, die Linoleumbranche unterstehe dem allgemeinen, im Jahre 1911 für daS Tapezierergewerbe abgeschlossenen Tarifvertrage, der bis 1916 Geltung hat: außerdem zahlten sie enl'prechende Löhne. deshalb müßten die Forderungen abgelehnt werden. Die große Mehrheit der Arbeiter in der Linoleumbranche setzt sich zusammen aus Holzarbeuern und ungelernten Arbeitern, nur ein Teil sind ge- lernte Tapezierer. Die Versammlung lehnte es ab, ihre bisherigen Lohn» und Arbeitsbedingungen durch solche Winkclzüge noch ver- schlechtern zu lassen, denn das wäre der Fall, wenn plötzlich diese Tariflöhne für die schwere Arbeit der Linoleumleger in An- rechnung kämen.. Bei den Einzelverhandlungen konnte nur mit drei Firmen eine Einigung erzielt werden, die die Forderungen vollinhaltlich aner- kannten. Jedenfalls ein Beweis dafür, daß die Forderungen der Arbeiter akzeptabel sind. Wir ersuchen die Arbeiterschaft um Solidarität. Haltet den Zu- zug von Arbeitswilligen fern, dann werden die Hamburger Linoleum» leaer nicht erfolglos kämpfen. Achtung, Tapezierer? In Marbach am Neckar stehen bei der Firma Bock u. Teil die Polsterer und Lederarbeiter in Differenzen. Die Firma sucht in allen möglichen Zeitungen nach Arbeitern; Zuzug ist semzuhalten I______ Gerichts-Zeitung Eine sonderbare Jrrenhausaffäre. In einer ungewöhnlichen Zivilklage stand gestern bor der 20. Zivilkammer des Landgericht III. in Charlottcnburg Termin an. Es handelt sich um eine Entschädigunasklage, die der Freiherr von der Horst in Kolonie Grunewald, vertreten durch den Rechts- anwalt Dr. Ehrenfr'ed gegen den Dr. med. Sinn im Sana- torium Neubabelsberg, den praktischen Arzt Dr. Bindemann in Kolonie Grunewald und den Professor Dr. Henne berg in Eharlottenburg angestrengt hat. Der Kläger hatte«s Februar 1912 eine Jagdreise nach Ostafrika angetreten und wurde nach seiner Ankunft daselbst durch mehrere Telegramme beunruhigt, die ihm mitteilten, daß seine schleunige Rückkehr erforderlich sei, da inzwischen seine Ehefrau in einer Privatirrenanstalt unter- gebracht worden sei. Der Kläger trat auf diese alarmierende Nachricht hin sofort die Rückreise mit dem nächsten Dampfer an und fand, hier wieder angekommen, die Bestätigung der Nachricht vor. Die Ehefrau war am 3. März zu ihrer erkrankten Schwester nach Hessen gereist, hatte dort und in Frankfurt a. M. einige aufregende Familienangelegenheiten zu ordnen und als sie zurück- kam, konsultierte sie Herrn Dr. Bindemann wegen ihres Herzens. Sie behauptet, daß sie im Verlauf weiterer Besuche des Dr. B. mit diesem in Meinungsverschiedenheiten geraten sei, daß dieser ihr eine? Tages gegen ihren Willen eine Morphiumeinspritzung gemacht, daß dann zu ihrer Verwunderung Dr. B. mit dem Prof. Hcnneberg bei ihr erschienen sei, der gleichfalls eine Injektion vorgenommen habe. Sie sei dadurch in einen Erschöpfungszustand geraten und gegen ihren Willen in ein bereitstehendes Auto transportiert und nach der Anstalt des Beklagten Dr. Sinn geschafft und in die ge- schloffene Abteilung übergeführt worden. Die Ehefrau des Klägers ist bis zum 5. August 1912 in der Dr. Sinnschen Anstalt fest- gehalten worden und dann infolge der Intervention des Klägers freigelassen worden.— Der Kläger behauptet nun, daß seine Ehe- frau nicht geisteskrank und nicht gemeingefährlich gewesen sei, son- dern nur der Ruhe und der Fernhaltung von Aufregungen bedurfte und daß die Einsperrung in eine Irrenanstalt ein grobes Ver- schulden der Beklagten darstelle, durch das seine Ehefrau ungeheuren seelischen und sozialen Schaden erlitten habe und dauernd übler Nachrede ausgesetzt worden sei. Die Gesamtkosten, welche dem Kläger durch die nach seiner Meinung widerrechtliche Jnternierung entstanden sind, betragen 4600 M., der Kläger verweist auch darauf. daß er infolge dieses Zwischenfalles die Reise nach Ostaftika völlig nutzlos gemacht habe und seiner Ehefrau ein unberechenbarer im- materieller Schaden zugefügt worden sei. Da es dem Kläger im wesentlichen auf die Feststellung des Rechtsprinzips ankommt, hat er das Klageobjekt nur auf 900 M. bemessen.— Man wird auf die Weiterentwickelung dieser Angelegenheit gespannt sein dürfen und abwarten, wie die Beklagten den Behauptungen der Ehefrau über die Vorgänge vor und nach ihrer Jnternierung entgegen- treten werden. Zu einer materiellen Verhandlung kam es im gestrigen Termin nicht, da von den Vertretern der Beklagten Ein- wände gegen die Form der Vollmacht des klägerischen Anwalts er- hoben wurden und eine, weitere Beglaubigung desselben erst nach- geholt werden soll. Die gepfändete Rennbahntrivüne. Unter der Anklage des Pfandbruchs hatte sich gestern der frühere Direktor der„Olympiapark-Rennbahn G. m. b. H.", Adolf Elsner, jetzt in Frankfurt a. M., vor der 5. Strafkammer des Landgerichts III zu verantworten.— Der Angeklagte war Teil- Haber und Direktor der„Olympiapark-Rennbahn G. m. b. H.", die sich im Jahre 1911 kurz nach ihrer Gründung fortgesetzt in schwie- rigen finanziellen Verhältnissen befand, so daß der Gerichtsvoll- zieher bald der eifrigste„Rennbahnbesucher" wurde. Am 15. August 1911 hatte der Gerichtsvollzieher Burow im Auftrage des früheren Teilhabers Hoffmann auf der Rennbahn eine Pfändung vorzu- nehmen. Da sich sonst keine geeigneten Pfandstücke auf der Bahn befanden, war der Beamte genötrgt, die große Zuschauer- tribüne zu pfänden. Er pappte die berühmten„blauen Vögel" an mehreren Stellen an und erklärte die Tribüne für ge- pfändet. Einige Tage später wurde dem Gläubiger Hoffmann mit- geteilt, daß der Angeklagte aus Aerger darüber, daß die Siegel an so auffälligen Stellen angebracht waren, diese einfach abgerissen habe. Der Gerichtsvollzieher konstatierte auch, daß tatsächlich seine vielgeliebten„blauen Vögel" ausgeflogen waren. Die Folge war, daß gegen Elsner Anklage wegen Pfandbruchs erhoben wurde. Das Schöffengericht verurteilte ihn zu einer Gefängnis st rase von zwei Wochen. Gegen dieses Urteil legte der Angeklagte unter Beistand der Rechtsanwälte Willi Beyer und Dr. Werthauer Berufung ein. Vor der Straftammer trat der Angeklagte den Beweis dafür an, daß er in einem anderen von Zeugen beobachteten Falle berechtigt gewesen sei, das Siegel abzureißen. Der aus der Untersuchungshast vorgeführte Gerichts- Vollzieher Becker aus Charlottcnburg, der inzwischen wegen um- fangreicher Amtsunterschlagungen verhaftet worden ist, bekundete- auch, daß er dem Angeklagten, nachdem er die Schuld bezahlt hatte, erlaubt hatte, die Siegel abzureißen. Bezüglich der übrigen Siegel trat der Angeklagte den Beweis dafür an, daß diese von dem Regen abgeweicht und wirklich weggeflogen waren. Das Gericht hielt diesen Beweis für geführt und erkannte auf Aufhebung des ersten Urteils und kostenlose Freisprechung des Ange- klagten. Ein Exzeß im Gerichtssaal lag einer Anklage wegen Körper- Verletzung zugrunde, welche das Schöffengericht Bcrlin-Mitte be- schästigte. Angeklagt war der Gelegenheitsarbeiter Erich Menzel. — Am 19. Juni d. I. hatte sich der schon mehrfach vorbestrafte An- geklagte unter der Anklage der Zuhälterei vor der 4. Straflammer des Landgerichts I zu verantworten. Nachdem er sich schon wäh- rend der Verhandlung wiederholt dreist benommen hatte, so daß ihm der Vorsitzende eine Ordnungsstrafe androhen muhte, begann er wahrend der Urteilsverkündigung zu toben und zu schimpfen. Plötzlich sprang er mit einem mächtigen Satze über die Schranken der Anklagebank hinweg und wollte sich auf die Zeugen stürzen. Der diensttuende Gerichtsdiener Schackow warf sich dem Tobenden entgegen, dessen ganze Wut sich nunmehr gegen den Beamten richtete. Der Angeklagte schlug auf den Gerichtsdiener ein, so daß dieser ihn nur mit großer Mühe überwältigen konnte.— Der Amtsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von 4 Monaten. Das Schöffengericht verurteilte den Angeklagten zu einer Zusatz- strafe von 3 Monaten Gefängnis. Ueberfahren und— bestraft! . Für rechtsgültig erklärte das Kammergericht die Bestimmung der Verordnung des Regierungspräsidenten zu Wiesbaden vom 28. März 1907,' welche Handlungen mit Strafe bedroht, die den Betrieb der Straßenbahnen mit Maschinenbetrieb stören. Zwar sei der Begnff der Betriebsstörung ziemlicy allgemein; er iei aber nicht so unbestimmt, daß er sich nicht fassen ließe. Das Kammer- gericht billigte die Verurteilung eines Herrn H e s s c m e r in Wiesbaden, die erfolgt war, weil er durch fahrlässiges vor- eiliges Betreten der Strahenbahngleise den Führer eines schnell daherkommenden Straßenbahnwagens ge- zwungen habe, durch Anziehen der Kurzschlußbremse den Wagen zum Stehen zu bringen. So habe H. durch eine fahrlässige.Hand- lung den Betrieb gestört! In Frage kämen bewußte und fahrlässige Handlungen. H. war bei dem Vorfall selbst verletzt worden. /ins aller Alelt. freihurg i. ß.— Königsberg. Eine aviatische Glanzleistung hat der deutsche Flieger Stief« Vater gestern mit einem Fluge Freiburg i. B.— Johannisthal— Königsberg ausgeführt. Stiefvater, der sich um die 100 000-Mark- Prämie der Nationalflugspende bewirbt, stieg gestern ftüh 4 Uhr 36 Min. mit seinem Passagier, Oberleutnant Zimmermann, in Frei» bürg i. B. zu einem Fernfluge auf. Gegen S'/s Uhr unternahm er auf dem Flugplatz in Gotha eine Zwischenlandung, sich mit frischem Oel und Benzin zu versehen. Um 9 Uhr 20 Min. stieg er zum Weitersluge nach I o h a n n i s t h al auf, wo er um 11 Uhr 28 Min. landete. 12'/z Uhr ging es von dort weiter und nach einer nochmaligen Zwischenlandung in E I b i n g landete er um 6 Uhr 35 Min. vor dem Luftschiffhafen in Königsberg i. Pr. Stief- Vater, der auf dem Fluge eine Luststrecke von 1150—1160 Kilo meter zurücklegte, hat damit den weitesten Flug vollführt, den ein deutscher Zivilflieger bisher unternahm. Der Flug ist um so be« merkenswerler, als der Flieger auf dem größten Teil der Strecke mit recht stürmischem Wetter und Regenschauern zu kämpfen hatte. Automobilunfall eines deutschen Militärattaches. Während der zurzeit stattfindenden französischen Manöver hat der zur Teilnahme daran kommandierte deutsche Militärattache Oberstleutnant v. Winterfeldt in der Nähe der Ortschaft Grisolles einen schweren Automobilunfall erlitten. An einem Automobil, in dem sich v. Winterfeldt mit mehreren anderen Ossi- zieren befand, platzte ein Reifen, der Wagen stürzte um und fing Feuer, doch konnten sämtliche Insassen schnell hervorgezogen werden. Oberstleutnant v. Winterfeldt wurde an der Brust und an den Beinen schwer verletzt, jedoch hat die ärztliche Untersuchung ergeben, daß unmittelbare Gefahr nicht vorhanden ist. Die übrigen Insassen des Wagens kamen mit leichteren Haut« quetschungen davon._ Tie Cholera in Serbien. Wie ein Telegramm aus Belgrad meldet, nimmt trotz aller ergriffenen Maßnahmen die Cholera in N i s ch zu. In den letzten fünf Tagen sollen sich über achtzig neue Fälle, darunter viele mit tödlichem Ausgange ereignet haben. In Belgrad sollen Montag zwei neue Fälle festgestellt worden sein. Opfer der Kolonialpolitik? Die Passagiere des Kongodampfcrs„Albertville", der Dienstag mittag in Antwerpen eingetroffen ist, erzählen, daß man bei ihrer Abreise ernsthaft beunruhigt gewesen sei über das Schicksal von zwei Offizieren und 25 Mann, die in das Gebiet eines im Aufruhr befindlichen Stammes am K a s s a i entsandt worden waren. Seit mehreren Wochen habe man keine Nachricht von ihnen, und fürchte, daß sie niedergemacht worden seien. Der Prozeß gegen Hauptmann Sauchez. Am Dienstagvormittag hat vor dem Kriegsgericht in Madrid der Prdzeß gegen den Hauptmann S a n ch e z und seine Tochter begonnen, die angeklagt sind, den Rentner Jalon in der Kriegsschule, deren Hausverwalter Sanchez war. ermordet, den Leichnam i n Stücke geschnitten und diese in dir Ausgüsse und Wasser« rinnen geworfen zu haben. Die Sitzung wurde durch die Verlesung der Anklageschrist ausgefüllt, in der der Anklagevertreter den Haupt« mann und seine Tochter schuldig des Mordes und des Diebstahles der Kostbarkeiten, welche das Opfer bei sich trug, erklärt und gegen den Hauptmann die T o d e s st r a f e und gegen seine Tochter lebenslängliches Gefängnis beanttagt, die Mitangeklagten Hausgenossen dagegen, nämlich die Ordonnanz deS Hauptmanns und einen alten Mann, freizusprechen beantragt. Kleine Notizen. Zur Einsturzkatastrophe in Koburg. Am Dienstag wurden die letzten Toten, die Leichen der siebenjährigen Charloite Becken« d o r f, der Käraben Alfred Alex und Richard Schnetter und des Kindes Bauer, aus den Trüminein des eingestürzten Hauses geborgen. Insgesamt sind bei dem furchtbaren Unglück dreizehn Personen getötet worden. Durch giftige Gase getötet. Auf den Röphlengschen Werken in Wölflingen verunglückten bei Reparaturen durch ausströmende giftige Gase vier Arbeiter. Einer war sofort tot. Zwei liegen hoffnungslos infolge der Einatmung der giftige» Gase danieder. Schweres Bootsunglück. Auf einer Fahrt im Hafen von Marseille wurde ein Boot mit. fünf Insassen, darunter zwei Kinder, von einer gewaltigen Welle erfaßt und zum Kentern gebracht. Alle Insassen ertranken. Gasexplosion. In G r o s n y j(Kaukasus) wurden in einem Naphtawerk der Gesellschaft Nest durch eine Gasexplosion drei Arbeiter getötet und mehrerevcrletzt. Folgenschwerer Schornsteineinsturz. Ein Schornstein der Werk» stätten der Woriington Jron and Steel Company in Workington (England) ist Dienstag früh eingestürzt, wobei fünf Personen getötet und etwa zwanzig verletzt wurden. Ein englischer Dampfer gesunken. Der englische Dampfer „Mavis", der auf der Fahrt von London nach Rotterdam begriffen war, ist an der Mündung der neuen Maaß mit dem deutschen Dampfer„Colmar" zusammengestoßen, der von Rotterdam nach Antwerpen fuhr. Der„Mavis" sank sofort. Die Besatzung konnte bis auf einen Mann gerettet werden. Der„Colmar" mußte infolge der erlittenen Havarie nach Notier- dam zurückkehren._ frauen-Lefeabende. Karlshorft. Heute 81/, Uhr im Restaurant Poser. Hentigstrabe. Vortrag der Genossin Martha Demminng: und Kindcrschutz".___ Tönhoffstr. 8. Eck« „Kinderausbeutung «asserftandö-Nackirichte» drr LandeSanstall sür G-wäss-rtunde. mugetestl vom Berliner Wettcrburca« Wasserstand M e w e t, Tilsst P r e g c I, Jm'lerburg Weichtet. Thorn Oder, Rattbor , Krossen , Frantjurt Warthe. Schrimw Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz Dresden Starbt; Magdeburg �Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wiclepp, Neukölln. Für d«n iZnjeralenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck».«erlag: Vorwärt» + bedeutet Wuchs,— sfan.—«> nnterpegti._ Kuchdruckeret u. Le clagSanftalt Paul Singer u. Co., Berlin S1Ä~ Nr. 242. 30. Iahrgavs. 4. firilnjt des.Kmiick" Sttlinrr PolMlatt. Mittwoch, 17. September 1913. Arveiter, die Jugend ist die Zukunft! Sammelt für den Bevelftmds! Das QormundMtöftsamt der Stadt Berlin hat jetzt über das erste Jahr seiner Tätigkeit berichtet. Es stellt fest, daß schon im ersten Jahre fich sogleich der Segen der endlich auch für Berlin zustande gekommenen Berufsvormundschaft gegeigt hat. Der von den Berliner Gemeindebehörden gefaßte Beschlutz, daß die Vormundschaft über die in Berlin geborenen u n e h e- lichen Kinder künftig von der Waisenverwaltung übernommen werden solle, trat am 1. April 1912 in Kraft. Im Verwaltungs- fahr 1912 sl. April 1912 bis 31. März 1913) gingen aus den Standesämtern dem Vormundschaftsamt der Staidt 9169 Meldun- gen über die Geburt unehelicher Kinder zu. Oft hatten aber die Helferinnen des Vormundschaftsamtes bei ihren regelmäßigen Be- suchen der Gebäranstalten sich im voraus mit den Schwangeren oder Wöchnerinnen schon in Verbindung gesetzt. Das Vorverfahren wurde eingeleitet mit einem den Müttern der unehelichen Kinder vorgelegten Fragebogen, entweder in den Gebäranstalten durch die Helferinnen des Vormundschaftsamts oder in den Wohnungen durch die Helferinnen der das Vormundschaftsamt unterstützenden Säug- lingsfürsorgestellen. Die Fragebogen wurden dann mit den nötigen Vorschlägen bezüglich der Vormundschaft an die Gerichte weiter- gegeben. Das Vormundschaftsamt erledigte in dieser Weise bis zum Jahresschluß 9967 Fälle. In 1682 Fällen brauchte eine Vor- mundschast nicht vorgeschlagen zu werden, 293mal, weil die Kinder schon wieder gestorben waren, 96mal, weil die Kinder durch nach- folgende Eheschließung der Eltern legitimiert worden waren, 1293mal, weil die Mütter von außerhalb nur zur Entbindung nach Berlin gekommen waren und in ihren Heimatort zurück- kehrten. In 414 Fällen wunde es für zweckmäßiger gehalten, statt eines amtlichen Berufsvormundes einen privaten Einzelvormund zu empfehlen. Ein Berufsvormund wurde in 3826 Fällen emp- fohlen. Nur hilfsweise wurde die Berufsvormundschaft außerdem in 1699 Fällen vorgeschlagen, in 1988 Fällen, wo bereits ein Kind derselben Mutter seinen Vormund hatte, in 271, wo der Groß- Vater Vormund werden wollte, in 247, wo die Mutter Ausländerin war und die Zulässigkeit einer deutschen Vormuirdschaft in Zweifel stand, in 3 Fällen aüS sonstigen Gründen. 1S36mal, meist bei minderjährigen Müttern, die den Wohnsitz ihres außerhalb wohnen- den Vaters teilten, wurde ein Berufsvormund nur für den Fall vorgeschlagen, daß ein Berliner Gericht die Vormundschaft führen werde. Die Gerichte übertrugen dann durch ihre Entscheidungen den Berufsvormündern die Vormundschaft in 4213 Fallen. Als Berufsvormünder waren zunächst zwei Beamte der Waisenverwal- tung bestellt, doch mutzten sie noch im ersten Jahre auf vier ver- mehrt werden. Bereits in demselben Jahre erledigten sich 843 der übernommenen Vormundschaften, 481 durch Tod der Kinder, 231 durch Legitimation, 1 durch Ehelichkeitserklärung, 98 durch Ab- gäbe an andere Gericht«, 39 durch Bestellung eines anderen Vor� mundes, 2 aus sonstigen Gründen. Man beachte hier wieder die hohe Zahl von Kindern, die durch den Tod der Fürsorge des Vor- mundschaftsamts entzogen wurden. Unter den Aufgaben der Berufsvormünder steht obenan die, den UnterhaltSanspruch der Mütter deS unehelichen Kindes gegen dessen Erzeuger zu verfolgen. Ueber das Ergebnis der diesbezüglichen Bemühungen macht der Bericht Angaben, die sich auf den Stand vom 31. März 1913 beziehen. Nach Abzug von 1892 Fällen, die aus verschiedenen Gründen außer Betracht bleiben müssen, z. B weil die Kinder verstorben waren, oder weil die Mütter die Erzeuger nicht nennen wollten usw. usw., ist über 2411 Fälle zu berichten. In 1773 dieser Fälle erkannten die Erzeuger den Unterhaltsanspruch an, in 638 Fällen wurden sie im Prozctzwege zur Zahlung verurteilt. Die Erzeuger soogtcn dann für ihre Kinder in 1651 dieser Fälle, in 769 Fällen unterließen sie das. Es ist gestattet, direkt an die Mutter zu zahlen. Das Vormund- schaftsamt kassierte für 313 Kinder 58 532 M. ein. für die übrigen 1338 Kinder schätzt der Bericht die von den Vätern direkt an die Mutter geleisteten Zahlungen auf 259 999 M.. so daß im ganzen über 399 999 M. den unehelichen Kindern zugeführt worden wären. Zu dieser Sicherung des UnterhaltSanspruchcs kommt die Für- sorge fiir die Gesundheitspflege. Sie ist den Säuglings- fürsorgestellen übertragen, und die Mutter oder Pflegemutter der bevormundeten Kinder werden angehalten, die Fürsorgestellen regelmäßig aufzusuchen. Der Bericht faßt das Ergebnis des ersten Jahres zusammen: „Unverkennbar füllt die Berliner Berufsvormundschaft eine bisher vorhandene Lücke aus; schon im ersten Jahre war sie ein wirk- samer Faktor zur Hebung der sozialen Lage der unehelichen Kinder Berlins. Wird aber das wirtschaftliche Elend, dem bisher gerade diese Kindergruppe am meisten preisgegeben war, verringert, so wird schon dadurch allein der Gesundheitszustand der Kinder ge- hoben; tritt dann noch eine zielbewußte Gesundheitspflege hinzu, so darf man hoffen, daß sich die Wirkung in einem weiteren Sinken der Sterblichkeitsziffer äußern wird. Die unter Berufs- Vormundschaft getretenen Kinder werden vor Verwahrlosung, die großenteils doch nur eine Folge sozialen Elends ist, besser geschützt sein als ihre Vorgänger; es ist zu erwarten, daß sie kräftige und brauchbare Mitglieder unserer Gemeinde und unseres Volkes werden." Das alles schon von der Berufsvormundschaft allein zu erwarten, ist ein bißchen kühn. Aber wenn wir ihre Bedeutung nicht überschätzen wollen, so verkennen wir doch nicht, daß sie den unehelichen Kindern und ihren Müttern ein wertvoller Schutz sein kann. km Candwelstkaiino erschossen. In den Räumen de? Landwehrkasinos in der Hardenbergstraße zu Charlottenburg vollzog sich vorgestern abend kurz nach 8 Uhr der blutige Austrag eines Streites zwischen zivei Persönlichkeiten, deren Namen in der Berliner Gesellschaft wohlbekannt sinn. Der Lippesche Hofmaler Professor Heinrich Maaß, Brückenallee 6, gab nach einem tätlichenAngrisf des livpischenKammerherrn und Rittmeisters d. R. Lothar v. Westernhagen einen Schutz ab, der diesen mitten in das Herz traf. v. Westernhagen, der ftüher bei den Pasewalker Kürassieren stand, starb unmittelbar darauf. Die Leiche deS Rittmeisters wurde nach dem Garnisonlazarett in Westend gebracht. Professor Maatz stellte fich den Behörden zur Verfügung, wurde aber nach seiner Vernehmung gestern früh auf freien Fuß gesetzt. Ueber die Ursachen des Vorganges kursieren die verschiedensten Gerüchte. Amtlich wird darüber kurz folgendes gemeldet: »Nach Erledigung einer Vernehmung durch den Ehrenrat wurde »er Rittmeister der Reserve Baron Lothar v. Westernhagen, lippischer Kammerherr, durch eine von ihm tätlich beleidigte Zivilperson, den Bildhauer und Maler Professor Heinrich Maatz, in der Erregung und Notwehr auf der Treppe zum Beratungszimmer mittels eines Revolvers niedergeschossen.' Wie fich der Borgang abspielte, wirb jetzt geschildert:.In einer»TitelverleihungS- Affäre' stand vorgestern vor dem Ehrengerichtsrat im Landwehr-Offizierkasino eine Verhandlung an, zu der auch Professor Maatz als Zeuge erschienen war. Die von ihm abgegebene Aussage soll den Herrn v. Westernhagen stark belastet haben. Eine Entscheidung wurde nicht gefällt, und v. W. wie auch der Zeuge entfernten sich aus dem VerhandlungS- zimmer. Als Professor Maatz die Treppe hinabstieg, um zum Garderobenraum zu gelangen, stellte ihn v. W. Es kam zwischen beiden Herren zu einer kurzen Auseindersetzung. Professor Maatz gab eine ausweichende Antwort auf eine an ihn gerichtete Anfrage und wandte seinem Gegner den Rücken, um seinen Weg fortzusetzen. Kaum war dies geschehen, als er auch schon einen wuchtigen Schlag von hinten erhielt. In seiner Bestürzung griff M. zu einem geladenen Revolver, den er bei sich trug, und gab auf seinen Angreifer einen Schuß ab. Obgleich tödlich getroffen, vermochte sich v. W. doch noch die Treppe bis zum Beratungszimmer hinaufzuschleppen. Hier brach er zusammen mit dem Ausruf: .Ich»in getroffen!- Die noch im Zimmer anwesenden Herren bemühten sich sofort um den Schwerverletzten und beranlatzten, daß ein Arzt herbeigerufen wurde. Bevor dieser aber erschien, hatte v. W. bereits seinen Geist aufgegeben. Die Leiche wurde nach dem Garnisonlazarett in Westend gebracht. Professor Maatz stellte sich den Herren zur Verfügung und blieb die Nacht hindurch im Kasino. Gestern früh erschienen von den inzwischen benachrichtigten Behörden der Erste Staatsanwalt am Landgericht III Krause, Kriminalinspektor Krause von der Charlotten» burger Polizei und Kommissar Kremser. Professor Maatz wurde nach dem Polizeipräsidium in Charlottenburg gebracht, nach ein gehender Vernehmung aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Be- Hörde nimmt an. dah M. nicht fluchwerdächtig ist und bei Begehung der Tat in Notwehr gehandelt hat. Auch durch Zeugen ist bereits festgestellt, daß der tätliche Angriff von dem Erschossenen er- folgt ist.'_ Partei- Hngelcgenbeitcn. Zur Lokalliste. Auf wiederholte Anfragen teilen wir mit, daß der.Blüthner Saal', Lützowstr. 76, zu künstlerischen Veranstaltungen frei ist. In Buckow bei Britz sind die Lokale von Kloxin und Schulz nach wie vor gesperrt. Im 6. Kreis hat da? Lokal.Ausschank der Löwenbrauerei', Badstr. 67, den Besitzer gewechselt. Der jetzige Inhaber Ernst Poisler stellt sein Lokal nach wie vor zur Verfügung. _ Die Lokalkommisfion. Britz-Buckow. Zur ersten Vorstellung im Neuköllner Theater am Sonntag, den 21. September d. I., nachmittags 2'/, Uhr, sind den Genossen von Britz und Buckow Billetts zur Verfügung gestellt, die beim Genossen Max Sucker. Chausseestr. 127 I, für den Preis von 69 Pf. inkl. Garderobe zu haben sind. Ferner findet an demselben Tage die Besichtigung des Krematoriums in Baumschulenweg statt. Treffpunkt früh 8°/« Uhr beim Genossen Behnisch, Rudower Straße, Ecke Hannemannstratze. Abmarsch Punkt 9 Uhr. Bohnsdorf bei Grünau. Mittwoch, den 17. September, abends Uhr: Außerordentliche Generalversammlung des Wahlvereins in der.Villa Kahl'. 1. Bortrag. 2. Diskussion. 3. Vereins- angelegenheiten(Stellungnahme zu dem Schreiben des Vorstandes). 4. Verschiedenes. Oranienburg. Heute Mittwoch, abends 8'/, Uhr, im Lokal .Waldhaus Sandhausen', Schützenstr. 34: Mitgliederversammlung. Auf der Tagesordnung steht u. a.: Die Aufstellung der Kandidaten zur Stadtverordnetenwahl sowie wichtige kommunale Anträge. berliner Nadmcbten« Eine zeiigemafte Küche. Ein jeder weiß, daß das Wort Küche in verschiedenem Sinne gebrauch: wird. Man spricht von der einfachen, von der bürger- lichen und von der feinen Küche, von der Küche für Gesunde und Krank«, von französischer, englischer und deutscher Küche oder Kochkunst usw. Nicht in diesem Sinne soll hier von der Küche geredet werden, sondern von der zeitgemäßen und zweckmäßigen Einrichtung einer Schulküche, die die Stadt für die 5..Fortbildungsschule für Mäd- chen, Gubener Straße 53, hat einrichten lassen. Seit der Begründung dieser Schule im Jahr« 1899 ist fort und fort an der Vervollkommnung und Ausgestaltung der inneren Einrichtungen gearbeitet worden. Schon die Lage des Küchengebäudes inmitten eines schattigen, von herrlichen Baumgruppen eingeschlossenen Schulhofes, fern von allem Geräusch und sonstigen Störungen des Strahenlärms, trägt den hygienischen Bestrebungen unserer Zeit voll und ganz Rech- nung. Noch mehr ist nach dieser Richtung hin durch die Sorge für eine praktische innere Einrichtung der Küche geschehen. Sechs große Fenster geben dem Innern der Küche reichlich Licht und Luft. Der Küchenraum selbst ist 11 Meter lang, 7 Meter breit und 6 Meter hoch. Vom Standpunkt der Hygiene aus betrachtet also erstklassig. Das Innere der Küche wirkt und gefällt durch seine vornehme Ausstattung in bezug auf Wandbekleidung, Kochherde, Küchen- möbel und Kochgeräte. Die Wände sind in einem passenden Farbenton gestrichen, die Wandgesimse mit malerischen Stilleben geschmückt, die Wandpaneele aus hellgelblichen Kacheln hergestellt, — alles Wahrzeichen des guten Geschmacks und der peinlichsten Sauberkeit. Neben dieser mehr äußerlichen Gegenwartsaufgabe ist auch für die Hauptaufgabe, den eigentlichen Kochbetrieb, das beste gewählt, was für die Erhaltung der Gesundheit und das wirtschaftliche Leben von Bedeutung und Borteil ist. Es bedarf wohl kaum des Rachweises und der Begründung über die Not- wendigkett einer zweckentsprechenden innere« Kocheinrichtung, da jedem bekannt ist, daß eine sachgemäße Kücheneinrichtung nicht ohne Einfluß und Bedeutung für die Nahrungsaufnahme d«S Menschen ist. Deshalb ist ein möglichst vollkommener Kochherd eine Haupt- bedingung für eine zeitgemäße, gute Küche. Hier ist nicht die schöne äußere Form allein entscheidend, son- dern die Konstruktion, die zugleich auch auf die Menge deS Ver- brauchs und auf die Art des Brennstoffes Rücksicht nimmt. Es muß möglichst alle erzeugte Wärme nutzbar gemacht werden. Auch nach dieser Richtung hin ist die 1. Schulküche musterhast eingerichtet. Da das Kochen mit Gas in Berlin in allen Familie» Eingang finden soll, so sind reine Gasherde und kombinierte Herde in ge- trennten Abteilungen aufgestellt worden, um den vorhandenen Be- dürfnissen ganz zu entsprechen. Es ist hier nicht die Stelle, um auf die Vorzüglichkeit dieser Herde und ihre Einrichtung einzu- gehen. Nur auf eins soll hingewiesen werden, daß daS Kochen mit Gas neben Bequemlichkeit und Sauberkeit auch den Vorzug der Billigkeit hat. Anzufügen wäre hier nur noch«in kurze» Wort für die Hebung der wirtschaftlichen Lage und Bekämpfung sittlicher Schäden unserer Jugend, indem kurz der Zweck dieser Einrichtung gestreift wird. Diese Schulküche, wie auch alle übrigen, hat zunächst den Zweck, nicht mehr schulpflichtigen Mädchen aller Stände, Haupt- sächlich aber den in geiverblichen Betrieben beschäftigten Frauen und Mädchen Gelegenheit zu bieten, sich in ihrer freien Zeit, be- sonder» abends, die zur Führung einer guten einfachen und bürgerlichen Küche nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten anzu- eignen. Die Kochteilnehmerinnen sollen in den Stand gesetzt werden, einen Haushalt selbständig führen zu können. Sie werden deshalb nicht bloß im Kochen unterwiesen, sondern auch unter anderem mit den Nährwerten der wichtigsten Nahrungs- mittel, sowie mit dem Einmachen von Früchten, Einkäufen, Servieren usw. vertraut gemacht. Aus der Elendsstatistik. DaS Obdach der Stadt Berlin hatte eine Reihe von Jahren hindurch eine ununterbrochende Mehrung der zu be- herbergenden nächtlich Obdachlosen gehabt. Im Etatsjahr 1912 (1. April 1912 bis 31. März 1913) ist, wie wir aus dem jetzt vor- liegenden Jahresbericht der Obdachverwaltung ersahen, diese Auf- wärtsbewegung zum Stillstand gekommen. Für die Etatsjahre 1996 bis 1911 wurden 549 496, 629178, 866 399, 969 363, 1921 494, 1 139 494 beherbergte nächtlich Obdachlose gezählt, eS war mithin im Zeitraum von sechs Jahren eine Verdoppelung der Frequenz ein- getreten. DaS EtatSjahr 1912 hat nun mit 1 125 615 beherbergten nächtlich Obdachlosen abgeschlossen, so daß man den Beginn einer Abwärtsbewegung vermuten möchte. Die Minderung von 1911 zu 1912 ist allerdings ganz gering und kaum nennenswert. Sie be- trägt mit nur 4789 noch nicht mal soviel wie z. B. die Belegungs- ziffer eine« einzigen Wintertages, deren Maximum im letzten Winter sich auf 5136(am 31. Januar 1913) belief. Der Bericht hebt besonder? hervor, daß die Zahl der jugendlichen Obdachlosen, die schon seit einigen Jahren im Rückgang war, sich weiter ver- mindert hat. ES fehlt aber wieder, wie in den Berichten der frühe- ren Jahre, jede Angabe darüber, mit welchen Zahlen die Jugend- lichen überhaupt an der Obdachfrequenz beteiligt waren. In einem Gegensatz zum Stillstand der Frequenzzunahme, der für 1912 bei der Abteilung für nächtlich Obdachlose zu bemerken ist, steht die gleichzeitige Mehrung der Insassen der Familienabteilung. Aufgenommen wurden diesmal 732 Familien mit 2149 Köpfen und außerdem. 1849 Einzelpersonen, während im vorhergehenden Jahr nur 639 Familien mit 1868 Köpfen und außerdem 2972 Einzel- Personen aufgenommen worden waren. Beachtung verdient auch, daß die Dauer de? Aufenthalts in der Familienabteilung fich be- trächtlich gesteigert hat. In 1912 kam auf jeden Insassen eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 23 Tagen, gegenüber nur 16 Tagen im Vorjahr. Ueber die wirtschaftlichen llr- fachen, die dem Obdach die Hilfesuchenden zutreiben, sagt �er Bericht wieder— wie üblich— kein Wort. Wie kann die Frequenz des Obdachs sich in dem EtatSjahr 1913 gestalten, das am 1. April begonnen hat? Noch ist nicht die Hälfte des neuen EtatSjahreS verflossen, aber schon jetzt haben wir recht Unerfreuliches darüber zu melden. In den ersten Monate« war bei der Familienabteilung der Zustrom von obdachlosen Familien noch stärker als in denselben Monaten von 1912. Die Abteilung für nächtlich Obdachlose aber hatte gegenüber ISIS wieder eine Frequenzsteigerung, die sehr bedeutend war. In den fünf Monaten April bis August von 1913 mutzten schon wieder 494 817 Obdachlose beherbergt werden, gegenüber 367 965 in denselben fünf Monaten deS Vorjahres. Jede Hoffnung auf einen Umschwung zum Besseren, die etwa durch daS Ergebnis von 1912 geweckt worden ist. muß gegenüber diesen Zahlen schwinden. Welche Flut von Elend wird erst im Winter fich über daS Obdach«rgießenk Zum Fall« Sänke gibt daS Nachrichtenamt des Magistrats folgend« Veröffentlichung: Der Magistrat Berlin vertritt die Meinung, daß die anscheinend amtliche Notiz, die gestern durch Wolffs Telegraphisches Bureau ver- breitet wurde, in ihren wesentlichen Punkten bereits durch die gestrige städlische Erklärung ihre Erledigung findet. Diese Notiz beschränkt sich auf die Erörterung, ob die Sonderbesteuerung von Objekten über 5 Millionen Mark im Kreise Niederbarnim Wirt« schaftlich gerechtfertigt sei und ob bei der Genehmigung der Steuer- erhöhung eine ungewöhnliche Beschleunigung obgewaltet habe. Aber sie lätzt die Frage unbeantwortet, ob es für zulässig angesehen wird, eine Steuerordnung zu erlassen, durch die ein bereits in die Erscheinung getretener Rechtsakt getroffen werde. Wenn sonst Steuer- oder Zollerhöhungen staltfinden, so sucht man nach Uebergangsbestimmungen, um im Laufe befindliche Rechts- Verhältnisse nicht zu schädigen. Hier ist daS Umgekehrte der Fall. Der Eigentumsübergang LankeS gibt den Anlaß, ihn und nur ihn allein nachträglich zu besteuern. Die Erklärung der Re- gierung enthält ebensowenig wie die deS königlichen Landrats eine Widerlegung der in der Magistratsvorlage aufgestellten Be- hauptung, daß kein anderes Objekt als Lank« der fö höchst auf- fällig gestaffelten neuen Steuer unterfällt. Der eigentsiche springende Punkt wird also in der Regierungserklärung übergangen. Wenn die Eile im Falle Lank« mit dem Hinweis darauf bestritten wird, daß die Genehmigung der Berliner Steuerordnungen gleichfalls Be- schleunigung erfahren habe, so hätte hinzugefügt werden sollen, daß die Aufsichtsbehörde die Berliner Steuerordnungen bereits monate- lang vorher im Besitz gehabt und der technischen Prüfung unter- zogen hat, daher die Abferttgung binnen wenigen Tagen einen von langer Hand vorbereiteten, lediglich formellen Akt darstellte. Dies trifft im Fall Sänke, bei dem übrigens noch die Instanz deS BesirkS- ausschusseS hinzutritt, nicht zu, eben weil erst das BekanntwNden des bevorstehenden Ankaufes Anlaß zu dem alsbaldigen und eiligen Vorgehen gab, wie dieS ja übrigens der Herr Landrat selbst zu- gegeben hat._ Mit Vorficht zu geniefiende Wissenschaft. NnS wird geschrieben: Dieser Tage hat die.Humboldt-Akademie" im Inseratenteil des. Vorwärts� ihre Wintervorlesungen an- gekündigt. In einem Rundschreiben, das den Organisationen zuging, wurde überdies auf den.Hinzutritt ausgezeichnet empfohlener Do- zenten* hingewiesen. Die Berliner Arbeiterschaft hat bisher den Darbietungen der .Humboldt-Akademie"(die sich im Untertitel„Volkshochschule" nennt) mit wohlwollender Neutralität gegenüber gestanden. Wird sie diese Stellung ändern müssen?— Zu den.ausgezeichnet empfohlenen Dozenten", deren Hinzutritt besonders betont wird, gehört ein gewisser Dr. Wilhelm Sternberg. Dieser Maiin soll in der„Mathematisch-ngturwissenschaftlich- medizinisch-technischen Abteilung" der Akademie zwei Vorträge halten: einen über„Die diätetische Küche für Magen-, Darm- und Zuckerkranke", den zweiten über„Die Physiologie des Ge- nusses der Genutzmittel".— Das klingt recht harmlos und— wissenschaftlich, wenn nur nicht derselbe Dr. Wilhelm Sternberg vor Jahren dasselbe Wissenschaft- liche Mäntelchcn um all die Vorträge gehängt hätte, die er im Auf- trage und im Solde der reichsten'Braukapitalisten Deutschlands an allen Ecken und Enden hielt. Bis ihm durch die vom Deutschen Arbeiter- Abstinentenbunde herausgegebene Broschüre„Das Braükapital und seine Knappen" das Handwerk gelegt wurde. Als.wissenschaftlicher" Vortragsreisender des Breslauer Geh. Kommerzienrats Haase und anderer Bierkönige kam Dr. Wilhelm Sternberg von da an nicht mehr in Betracht, und auch seine schrift- stellerische Tätigkeit im Sinne des Alkoholgenusses erlitt einen empfindlichen Stotz. Einflutzreiche Freunde sorgten dafür, datz Stern- berg beim jüngsten Ordensregen ein kleines Kreuz auf die brennende Wunde gelegt bekam, und jetzt schiebt er sich in die Kurse der Humboldt-Akademie hinein. Wahrscheinlich hat sich die Leitung dieser Anstalt um Dr. Stern- bergs Vergangenheit nicht gekümmert. Sonst wäre. der Mitzgriff einfach unerklärlich. Jedenfalls darf man in bezug auf die Stern- bergschen Vorträge mit Herrn v. Jagow sagen: Wir warnen Neugierige!_ Die Gemei ndeschulen Berlins werden mit Beginn des Winter- Halbjahres auf 308 vermehrt. Gegenwärtig haben wir, abesehen von 19 Hilfsschulen und 2 Schwerhörigenschulenschulen, 306 Ge- meindeschulen der normalen Art. Zum Winter wird eröffnet eine 307. Gemeindeschule für Mädchen im Mietshaus Naugarder Str. 5, das schon die 306. Gemeindeschule beherbergt, und eine 303. Ge- meindeschule für Knaben und Mädchen in den Schulbaracken am Leopoldplatz, die bisher von der 72. Schule benutzt wurden. Hinzu kommt autzerdem eine auf dem Schulgrundstück Danziger Str. 62a in Baracken unterzubringende Schule für Mädchen, die die Bezeichnung.21. Gemeindeschule" erhält. Die bisherige 21. Schule auf dem Schulgrundstück Hinter der Garnisonkirche war bereits in der Auslösung und geht jetzt ganz ein, bis auf ein paar Rest- Ilassen, die zunächst noch als Filiale der auf demselben Grundstück befindlichen 24. Schule weitergeführt werden. Die„neuen" Ge- meindeschulen sind übrigens nur zum Teil als Zuwachs anzusehen. So ist die neue 307. Schule weiter nichts als eine Erweiterung der Filiale der 306. Schule, die schon besteht und mit im Mietshaus Naugarder Str. Nr. S untergebracht ist. Auch die„neue" 21. Schule ist nichts anderes als die Erweiterung einer Filiale, desjenigen der 290. Schule,' die schon seit dem vorigen Jahre besteht und in den Baracken der Danziger Stratze haust. Aehnlich wird zum Winter eine Schule für Schwerhörige, jetzt die dritte, im Mietshaus Stratzmann- stratze 5 aus den bisherigen Hörklassen der dort befindlichen 6. Hilfsschule gebildet. Zu berichten ist auch über einige S ch u l u m z ü g e, die infolge Fertigstellung neuer Schulhäuser möglich geworden sind. Nach dem Neubau Antonstr. 10/15 ziehen die 14. Schule aus dem Mietshaus Müllerstr. 30, die 72. Schule aus den Baracken am Leopoldplatz, die 14. Hilfsschule aus dem alten Schulhaus Schul- stratze 14/16. Die 66. Schule, bisher im Mietshaus Kolonicstr. 8, erhält als Heim den Neubau an der Goienburger Stratze, in den auch bereits die 18. Hilfsschule, gleichfalls aus dem Mietshaus Koloniestr. 8, übergesiedelt ist, Der Neubau Lütticher Str. 47/48 nimmt die 66. Schule und die 301. Schule auf, die beide bisher das Mietshaus Lütticher Str. 4 benutzten. In Lütticher Str. 4 mutz aber, weil da drautzen der Schulenmangel noch immer nicht behoben ist, eine Filiale der 66. Schule weitergeführt werden. Verlegt wird auch die 11. Hilfsschule aus dem Mietshaus Brunnenstr. 186 nach dem Schuihaus Bergstr. 58, das durch Einziehung der bisher hier untergebrachten Filiale der 210. Schule frei wird. M i e t S- Häuser und Sckulbaracken spielen, wie man sieht, eine wichtige Rolle in dieser Zusammenstellung. Leider bleiben noch übergenug davon auch nach Fertigstellung der erwähnten neuen Schul- Häuser übrig. Ein Sonderzug zur Internationalen Baufachansstellung wird am nächsten Sonntag, den 21. d. M., von Berlin nach Leipzig ab- gelassen werden. Abfahrt vom Anhalter Bahnhofe 7,36 vorm., An- kunft in Leipzig, Hauptbahnhof 10,10 vorm. Rückfahrt Sonntag- abend 11,10, Ankunft in Berlin 1,36 nachts. Die Fahrpreise betragen j e für Hin- und Rückfahrt: 3,00 M. slll.) und 4,40 M.(II. Klasse). Die Rückfahrt darf auch noch an den drei folgenden Tagen gegen Zulösung einer halben Fahrkarte derselben Klasse angetreten werden. Der Verkauf der Sonderfahrkarten findet bis Sonnabendabend 7 Uhr anr Anhalter Bahnhof statt, falls die zur Verfügung stehenden Plätze nicht schon früher vergeben sind. Die polizeiliche Kontrolle der Taubcnbörsen und Taubcnböden, die zum ersten Male im vorigen Jahre stattfand und in diesem Jahre erneuert worden ist, hat in den Kreisen der Berliner Taubenzüchter starken Widerspruch herausgefordert. Angeblich sind es sanitäre Gründe, die zur verschärften Kontrolle geführt haben. Man glaubt aber in den beteiligten Kreisen, datz mit dieser Kon- trolle vielleicht gar eine Hilfsaktion zugunsten der Steuerbehörde verknüpft ist. Nach einer Angabe von anscheinend fachmännischer Seite soll es in Berlin 5000 Züchter mit einer halben Million Zuchttauben geben. Sind doch dem Verbände der Berliner Tauben- Züchter nicht weniger als fast 40 Vereine angcschlossep. In den Berliner Markthallen finden wir einige Stände/ wo rein gewerbs- mätzig ausschlietzlich mit Zuchttaubcn gehandelt wird. Weitere Zuchtstätten sind zahlreiche, schon durch die gemalte Taube an der Schaufensterscheibe oder durch einen Taubenkäfig im Schaufenster kenntliche Gastwirtschaften, die vielfach noch die ausdrückliche Be- zcinung„Zur Taubenbörse" führen. Hier wird aber in der Regel nicht von Gast zu Gast gehandelt, sondern der Gastwirt ist der Verkaufsvermittler mit einem minimalen Gewinn, der pro Stück 20 bis 30 Pf. gewöhnlich nicht überschreitet. Reinrassige Tiere, die selten sind und Werte bis zu 300 M. repräsentieren, werden meist auf dem Wege der Vereine und der alljährlichen Tauben- ausstellungen gehandelt. Die Arten sind autzcrordentlich viel- seitig. Allein die Berliner Spielarten umfassen Dutzende von Sorten mit charakteristischen Namen, die nur für den Kenner Be- Beutung haben. Mit Vorliebe wird der Taubenzuchtsport in Ar- bciterkreisen, auch in den Laubenkolonien, gepflegt. In Zeiten der Arbeitslosigkeit, wie augenblicklich, müssen viele solche kleinen Züch- ter schweren Herzens ihre Taubcnbestände, die nicht unerhebliche Futterkosten verursachen, Verkäufen. Eine eingehendere Kontrolle der Taubenbödcn hat noch nicht stattgefunden, nur eine Feststellung ihrer Zahl. Dagegen sieht sich die Behörde die„Taubenbörscn", also die Gastwirtschaften, in denen viele Arbeiter zusammen- kommen, um ihre Erfahrungen auf dem Gebiete des Taubensports auszutauschen, mit recht auffallender Neugier an.?luf eine An- frage, was die Kontrolle bedeuten solle, hat das Polizeipräsidium geantwortet, datz die Erhebungen in den Taubcnbörsen seitens der einzelnen Polizeireviere lediglich im öffentlichen gesundheitspolizei- lichcn Interesse der beteiligten Schankwirtschaften vorgenommen werden.,.■.. Der Neuköllner Stichkanal, der vom Endpunkt des alten Neu- köllner Schiffahrtskanals bei der städtischen Gasanstalt nach dem Teltowkanal geführt wird, ist jetzt im Rohbau nahezu fertig und auch schon fast auf seiner ganzen Strecke mit breitem Wasser ge- füllt. Die neue Wasserlinie, die in einer guten Stunde be- gangen werden kann, weist nicht weniger als vier Brücken auf, die zwar schon den notdürftige» Uebergang für Futzgänger ge- statten, aber noch nicht dem öffentlichen Verkehr übergeben sind. Die erste Brücke liegt dicht bei der Gasanstalt, wo auch schon ein mächtiger Laufkran sich den neuen Wasserweg zunutze gemacht hat, die zweite und lvichtigste gegenüber dem Süd- ringbahnhof Kaiser- Friedrich- Strasse, die dritte bei der Köllnischen Allee, die vierte kurz vor der Einmündung in den� Teliowkanal. Bagger sind allenthalben tätig und haben noch viel zu tun, das schniutzige Wasserbett zu vertiefen. Bis zum Bahnhof Kaiser- Friedrich-Stratze ist ein eisernes Ufergitter aufgeführt, dahinter ist noch alles weit zurück. Die Brücken sind aus grauem Sandstein, in der Architektur äusserst einfach, zeigen aber breite Fahrbahnen. Die projektierte Uferpromenade auf der Treptower Seite lätzt sich vorläufig erst denken. Noch ist hier alles Sandwüste. Es wird ungeheuerer Arbeit, aber auch ungeheuerer Kosten bedürfen, ehe mit der verbesserten Schiffahrt die übrige Ver- kehröverbesserung einigermatzen mitkommt. Das Charakteristikum der ganzen Gegend ist ja bekanntlich die Laubenkolonie. Nirgends in der Berliner Unigebung hat diese Schöpfung des Volkes ähnlichen Umfang angenommen als auf den weitgcdchnten Köllnischen Wiesen. Die vier Brücken über den Stichkanal sind also in weiser Voraus- schau darauf berechnet, datz hier später eine grohzügige Bautätigkeit einsetzt, die das Wiesen- und Laubengelände, also einen doppelt so grohen Komplex als der Treptower Park, schlietz- lich ganz ausfüllt. Die Verlängerungen der Karpfenteichstratze bis zur Neuköllner Gasanstalt und der Treptower Parkstratze bis zum Südringbahnhof Kaiser-Friedrich-Stratze dürften Hauptverkehrs- ädern werden. An den breiten Sand- und Feldwegen zwischen den Laubenkolonien erkennt man schon heute die kommende Entwickelung und damit die bauliche Verbindung Neuköllns mit Treptow und Baumschulenweg. Ehe es aber soweit ist und den Laubenkolonien auf den Köllnischen Wiesen der GarauS gemacht wird, kann noch eine Spanne Zeit vergehen. Durch einstürzende Erbmassen verletzt wurde gestern der auf dem Grundstück der Norddeutschen Eiswcrke, Köpcnicker Stratze, mit Aus- schachtungsarbeiten beschäftigte Bauarbeiter K. Der Verunglückte muhte infolge der erlittenen Verletzungen nach dem Krankenhaus Bethanien geschafft werden. Beim Rollschuhlaufcn verunglückt ist gestern der 7 jährige Schüler Kurt Rutschmann. Der Knabe lief in der Alten Jakobstratze Roll- schuhe und versuchte an der Ecke der Schmidtstratze kurz vor einem in der Richtung nach der Frankfurter Allee fahrenden Stratzenbahn- wagen der Linie 6 über das Gleis zu gelangen. Dabei blieb er mit einem Rollschuh in der Schienenrille stecken und vermochte sich nicht zu befreien. Infolge der kurzen Entfernung konnte der Fahrer seinen Wagen nicht mehr rechtzeitig zum Stehen bringen; der kleine R. geriet mit dem rechten Futz unter den Schutzrahmcn und erlitt einen Bruch des Oberschenkels. Durch Anheben des Wagens mittels der mitgeführten Winden wurde der Verunglückte befreit und nach der nahen elterlichen Wohnung gebracht. Nachdem ihm dort ein Not- verband angelegt worden war, wurde der Knabe nach dem Rudolf- Virchow-Krankenhause geschafft. Ein Betriebsunfall hat sich in der Fabrik von Borchardt, Kott- buser Ufer 40, zugetragen. Im Maschinenraum war der 20 Jahre alte Schlosser Bruno Höpsner, Wassertorstr. 49 wohnhaft, damit be- schäftigt, einen Treibriemen auf ein Maichinenrad aufzulegen. Er stand dabei auf einer Kiste, die plötzlich umkippte. H. stürzte ab und fiel so unglücklich in eine Eisenspitze hinein, datz diese sich ihm in den Körper einbohrte. Man schaffte den jungen Menschen schleunigst nach dem Krankenhause Bethanien, wo die Aerzte schwere innere Verletzungen feststellten. Das Bolkskouzert des Philharmonischen Orchesters bei Happoldt war, wie uns mitgeteilt wird, auch am Sonnabend wieder so über- füllt, datz die Besucher erneut unter dem kürzlich von uns erwähnten Mitzstand zu leiden hatten. Allgemein war man der Meinung, datz die mit dem Billettvertrieb betrauten Organe nicht die genügende Uebevsicht über die Anzahl der zu verkaufenden Einlatzkarten haben können, denn anders wäre ein solcher Zustand nicht zu erklären. Erhängt aufgefunden wurde am 16. d. M. in der Tegeler Heide ein 40— 45 Jahre alter Mann, 1,70 Meter gross, von schlanker Statur, mittelblondes Haar, vorn Glatze, mittelblonder Schnurr- und Backenbart, hageres, längliches Gesicht, blaugraue Augen.— Bekleidung: schwarzer steifer Filzhut mit braunem Futter und Firma: E. Schöenberndt, Hamburg-Eimsbüttel, Gärtnerstr. 12l, dunkelblau- gestreifter, guterhaltener Jackettanzug, schwarze Halbschnürschuhe, braune hellgestreifte Strümpfe, weisses Hemd, gez. Id., weisses Chemisett und Stehkragen, schwarzer Schlips(Schleife), dunkle, weiss- gestreifte Hosenträger. � Die Leiche befindet sich in der Tegeler Leichenhalle.— Rekog»oszenten wollen sich im dortigen Amtsbureau � Zimmer 41— oder auf der Polizeiwache melden. Zum Bau der Nordsüdbahn. Das Polizeipräsidium macht be- kannt: Wegen Einbaues der Pankebrücke und Rampenschllttung auf der Nordseite der Spree wird der Schiffbauerdamm zwischen Schlüter- steg und Weidendammer Brücke in vier Perioden, je nach dem Fort- schritt der Arbeiten, in diesen Tagen gesperrt, und zwar: 1. Periode. Schiffbauerdamm zwischen Stratze am Zirkus und Albrechlstratze. 2. Periode. Schiffbauerdamm zwischen Schlütersteg und Zufahrt- stratze zu Montis Operetten. Theater f ferner Albrechtstratze von Nr. 11 bis zum Schiffbaucrdamm. 3. Periode. Schiffbauer- dämm zwischen Weideudammer Brücke und Theaterzufahrt- Stratze; ferner Strasse am Zirkus und Zirkus Schumann bis Schiffbauerdamm. 4. Periode. Schiffbauerdamm zwischen Stratze am Zirkus und Albrechtstratze. Die Regelung der An- und Abfahrt, sowie die Auf- stellung der Fuhrwerke für Montis Operetten-Theatcr, bezw. Zirkus Schumann wird folgendermatzen geregelt: 1. Periode. Die Anfahrt der Wagen erfolgt nur durch den Schiffbauerdamm von der Albrecht- stratze und Marschallbrücke. 2. Periode. Die Anfahrt der Wagen erfolgt nur durch den Schiffbauerdamm von der Weidendammer Brücke her. Die Abfahrt erfolgt in umgekehrter Richtung. Wagen- aufstellung: Unbestellte an der Häuserseite Schiffbauerdamm, Spitze vor Nr. 4. Bestellte an der Wasserseite in gleicher Höhe. 3. Periode. a) Für Montis Operctten-Theater. Die Anfahrt der Wagen erfolgt nur durch den Schiffbauerdamm von der Albrechtstratze und Marschall-Brücke her. Die Abfahrt der Wagen erfolgt durch die Stratze am Zirkus nach der Karlstratze. d) Für den Zirkus Schumann. Die Anfahrt der Wagen erfolgt nur von der Karlstratze her. Die Abfahrt erfolgt durch die Zirkusdurchfahrt und die Stratze am Zirkus nach der Karlstratze. Bestellte Wagen stellen sich vor dem Hause am Zirkus 9. Spitze nach Montis Operetten-Thcater zu auf. 4. Periode. Die Anfahrt der Wagen ersolgl nur durch den Schiffbauerdamm von der Weidendammer Brücke her. Die Abfahrt erfolgt in umgekehrter Richtung: Wagenaufstcllung: Unbestellte an der Häuserseite. Schiff« bauerdamm, Spitze vor Nr. 4. Bestellte an der Wasserseite in gleicher Höhe. Der Mäimcr-Gcsangvcrcin Gesiindbrunncr Harmonie(Chor- Meister Hermann Schulken) oeranstallel am Sonntag, den 21. Sept., im grotzen Saale der Brauerei Friedrichshain ein Konzert. Mit- wirkende: Konzert- und Operettensängerin Margarethe Blume (Kurfürsten-Oper), Berliner Tonkünstler- Orchester(Dirigent Musik- direktor Fritz Blume), am Flügel und Orgel: Fritz Blume. Anfang des Konzerts 6 Uhr. Billetts im Vorverkauf SO, an der Kasse 60 Pf. Nach dem Konzert: Ball bei grossem Orchester. Vorort- l�acbrickten. Charlottenburg. Zur Beratung von Maßnahmen gegen die LebenSmittelteuenmg hatte der Magistrat am Montag die dafür eingesetzte Deputation zusammengerufen. Die Verhandlungen standen unter dem Eindruck der grotzen Arbeitslosigkeit. Wäre eine Steigerung derselben mit Beginn des Winters zu befürchten, dann wäre die Sitzung schliesslich für später anberaumt worden, da nach Mitteilung des zuständigen Dezernenten die Preise wichtiger Nahrungsmittel im Sinken begriffen seien. Für Fleisch treffe das ohne weiteres zwar nicht zu; im Gegen- teil: es sei zu befürchten, datz der Preis für Rindfleisch enorm an- ziehen werde. So aber wolle man auch in dieser Beziehung vor- beugend wirken. Mit dem Bezug russischen Fleisches seien gute Erfahrungen gemacht worden, nur des Sommers wegen wurde derselbe unter- brachen. Ein in Höhe von einigen Tausend Mark entstandener Schaden lasse sich weit machen, wenn das unterbrochene Vertrags- Verhältnis mit Berlin: Fleisch aus Rutzland abzunehmen, wieder hergestellt und solches durch die Stadt verkauft werde. Der Vieh- antrieb in Rutzland sei gross, grosse Mengen Fleisch können infolge- dessen eingeführt werden; autzerdem seien die Einrichtungen dafür noch vorhanden, so datz als sicher gelte, datz das Fleisch bedeutend billiger wie hiesiges abgegeben werden könne. Der Konsumgenossenschaft, der der Fleischverkauf übertragen worden war, wurden warme Worte der Anerkennung für ihre Tätig« keit ausgesprochen. Ursprünglich wurde in drei Läden verkauft, schliesslich schon in sieben und da der Vertrag mit der Genossenschaft eine grohe Bewegungsfreiheit zulätzt, besteht die Garantie, datz erforderlichen Falles noch mehr Verkaufsstellen eingerichtet werden können. Die Deputation beschloh, zunächst den Bezug von russischem Fleisch in die Wege zu leiten und den Verkauf desselben wieder dem Konsumverein zu übertragen. Sollten die Verhältnisse dazu zwingen, dann soll auch Vorsorge getroffen werden, dasselbe auf den einen oder anderen Wochenmarkt zu vertreiben. Ferner soll der S ch u l s p e i s u n g grötztmöglichste Aufmerksam- keit gewidmet werden. Schliesslich sollen zwecks Errichtung einer zweiten Volksspeise- Halle im Nordwesten der Stadt die Verhandlungen weiter geführt werden. Bemerkt sei noch, datz mit dem Verkauf wilder Kaninchen in deu Seefischhandlungen in einigen Wochen begonnen werden soll. Gchöncderg. Zu den bevorstehenden Stadwerordnetcnwahlen wird von den Liberalen ein sonderbarer Trick angewendet. Jeder Wähler erhält einen Brief, in dem ein abgeschmacktes Loblied auf den liberalen Kandidaten gesungen wird; ausserdem liegt eine an die Bezirksgrötze Bamberg bezw. M i ch a l s k i adressierte Karte bei mit dem Ersuchen, für den auf der Karte bezeichneten Kandidaten zu stimmen. Viele Wähler senden die Karte mit einem Ver- merk zurück, der teilweise die Meinung des Wählers wieder- gibt, anderenteils für den Empfänger nicht schmeichelhaft Ningt. Auf dem Kuvert oben rechts wird die Nummer der Wählerliste vermerkt, ebenso auf der darin liegenden Karte. Auf dieser Nummer wird dann die Marke vorsichtig aufgeklebt; kommt die Karte ohne Unter- schrift zurück, so kann der Absender, der gleichzeitig Empfänger ist. sofort feststellen, wie der Wähler heitzt, der den Vermerk ab- geschickt oder sonst eine Unterlassungssünde begangen hat. Es mutz »m beide Sorten Liberalismus sehr schlecht stehen, wenn zu der« artigen die Wähler beeinflussenden Mitteln gegriffen werden mutz. Merkmale und besondere Kennzeichen spielten bisher nur im Wirt- schastlichen Kampf eine Rolle; jetzt scheinen sich auch die Liberalen so unfairer Mittel im Kommunalwahlkampf bedienen zu wollen. Die beste Antwort der Wählerschaft ist, datz sie diesem Geschreibsel der Bezirksgrötzen keine Beachtung schenken und am Tage der Wahl auf den Kandidaten der Sozialdemokratie ihre Stimme ver« einigen. Friedenau. Gcwerbegerichtswahlen. Am Montag, den 22. September, von 2 Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends, finden in unserem Ort die Wahlen zum Gewerbegericht in der Turnhalle des Gymnasiums, Handjerystratze 96/96 statt. Wahlberechtigt ist, wer das 26. Lebensjahr vollendet und am Ort Wohnung oder Beschäftigung hat. Als Ausweis der Arbeitnehmer genügt ein Zeugnis ihres Arbeitgebers oder der Polizeibehörde, durch welches bestätigt wird, datz der Arbeiter innerhalb des Gemeindebezirks in Arbeit steht oder wohnt. Die Anerkennung anderer Ausweise bleibt dem Ermessen des Wahlvorstandes überlassen. Formulare zu den Bescheinigungen werden im Gemeindebureau, Feurigstr. 8, Zimmer Nr. 2, unentgeltlich abgegeben. Es ist nun Pflicht der am Ort beschäftigten und wohnhasten Arbeiterschaft, dafür zu sorgen, datz die Beteiligung an der Wahl nichts zu wünschen übrig lätzt, so datz wir eine glatte Wahl der Liste der freien Gewerkschaften zu verzeichnen Haben- Neukölln. Zur Borbereitimg der Delegiertenwahlen für die Neuköllner Handwerkerkrankenkasse finden zwei grotze öffentliche Mitglieder- Versammlungen statt, und zwar: Donnerstag, den 18. September, abends i/oS Uhr in der„Neuen Philharmonie" zu Berlin, Köpenicker Stratze 96 und Freitag, den 26. September, abends'/»S Uhr in den „Bürgersälen" zu Neukölln, Bergstr. 142. In beiden Versammlungen sollen nach Erörterung der Frage: „Was ist zu tun, um unsere Krankenkasse zu einem segensreichen Institut auszubauen?" die Kandidaten ftir die bevorstehenden Delegiertenwahlen aufgestellt werden. Im Interesse der Herbei- führung geordneter Zustände sind diese Wahlen von autzerordent- licher Wichtigkeit, der Besuch der angesetzten Versammlungen daher dringend zu empfehlen. Mit Leuchtgas vergiftet hat sich der 60 Jahre alte Fabrikant Gr. aus der Thüringer Stratze 17. Vorgestern fand man ihn in seinem Privatkontor tot auf. Er hatte den Gashahn geöffnet, und der ganze Raum war mit Gas angefüllt. Wiederbelebungsversuche, die ein Arzt anstellte, blieben erfolglos. Die Ursache der Tat soll in geschäftlichen Missverhälwissen zu suchen sein. Heute abend 8'/« Uhr spricht bei Bartsch, Hermannstr. 49. in der Jugendsektion Genosse Fritz Carl über:.Kapitalkonzentrationen". Nachdem Diskussion und Verschiedenes. Der Referent wird die Entwickelungsformen und Acutzerungen des Kapitalismus eingehend darlegen. Da die heutige kapitalistische Wirtschaftsordnung letzten Endes der Ausgang der elenden Lage des Volkes ist, ist es Pflicht der jungen Arbeiter und Arbeiterinnen, diese Versammlung zu be- suchen. Ober-Schönetveide. Die Schließung der katholischen Volksschule hat sich aus Anlatz der Erkrankung des Schuldieners an Diphtherie notwendig gemacht. Es wird inzwischen eine umfassende Desinfizierung des ganzen Ge- bäudes vorgenommen, um nach einigen Tagen den Schulbetrieb wieder aufzunehmen. In den letzten Tagen find wieder mehrere Falle dieser Erkrankung im Orte vorgekommen. Der besoldete Schöffe Dr. Kühn, der sein Amt noch nicht lang« verwaltet, wird seine Dienste am Orte aufgeben, da er zum Bürger- meister in Eschwege gewählt ist. Eichwalde. In der letzten Gemeindcvcrtretersitzung teilte der stellver- tretende Vorsteher Herr Thom u. a. mit, daß die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den Gemeindevertreter Naninga eingestellt habe.— Bei der Beratung eines neuen Ortsstatuts äußerte Herr Naninga die Befürchtung, daß, wenn wir den Bau größerer Häuser zulassen, in Eichwalde Kanalisation eingeführt werden müsse. Ge- nasse?lllritz erwiderte dem Herrn sofort, daß es dann manchmal des Abends nicht mehr so— riechen würde.— Der Verkauf der Gemcindeablage wurde, nachdem Allritz sich entschieden dagegen gewandt hatte, abgelehnt, weil es das einzige Grundstück ist, das die Gemeinde am Zeuthener See besitzt.— Zwecks Erweiterung der Leichenhalle sollen Kostenanschläge eingefordert werden.— Auf Antrag unseres Vertreters Allritz stand„Einführung der Berufs- Vormundschaft" auf der Tagesordnung. Die Beschlußfassung wurde bis zur nächsten Sitzung vertagt, da noch andere Statuten einge- fordert werden sollen.— Für Anschaffung von Turngeräten wur- den MO M. bewilligt. Nach der Tagesordnung waren die Geräte für die hohe Schule gefordert; auf Anfrage unseres Vertreters wurde mitgeteilt, daß die Geräte für die gemeinsame Turnhalle bestimmt sind.— Ferner wurden 500 M. für Anschaffung von Feuerlöschgeräten bewilligt.— Zu dem Prosekt, den„Plumpen- graben" zu kanalisieren, soll der Vorstand weitere Schritte unter- nehmen.— Um den mißlichen Verhältnissen auf dem Müllplatz entgegenzuwirken, wurde beschlossen, eine„Müllabladeplatz-Ord- nung" zu erlassen.— Für Doppelfenster im Bcamtenwohnhaus wurden 600 M. bewilligt; auch wurde die Pflasterung der Zufahrt- straße zur Gasanstalt beschlossen. Schmargendorf. Die Mitgliederversammlung des Wahlvereins nahm zunächst einen Vortrag des Genossen Gehrke über: Leibeigenschaft und Junker- tum mit Beifall entgegen. Alsdann wurde mitgeteilt, daß am 12. Oktober eine Agitationstour stattfindet. Das diesjährige Stif- tungsfcst soll im Waldkater abgehalten werden Zum Schluß wurde auf die Rekrutenabschiedsfeier des Arbeiter-Turnvereins, die am 20. September im gleichen Lokale stattfindet, aufmerksam gemacht. BeeSkow. „Nieder mit den Sozialdemokraten" lautete das Thema, welches Genosse Aysche am letzten Sonntagnachmittag vor einer Versamm- lung unter freiem Himmel behandelte. Auf die Einladung waren Männer und Frauen zahlreich erschienen. Ein Beweis dafür, daß es auch hier im schwärzesten Winkel unseres Riesenwahlkrcises zu tagen beginnt. Die vorzüglichen Ausführungen des Referenten fanden lebhaften Beifall. Zur Diskussion meldete sich niemand. Mit der Aufforderung, lebhaft für unsere Sache zu agitieren, schloß der Leiter, Genosse Böhm, die imposante Versammlung mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie, in das die Versammelten begeistert ein- slimmtcrr. Tegel. Tie Jugeudfeier aus Anlaß der Eröffnung des neuen Jugendheims in der Bahnhof st r. 15 am letzten Sonn- tag nahm einen prächtigen Verlauf. Von dem herrlichen Sommer- Wetter begünstigt, füllte sich der Garten des„Gesellschaftshauses" mit festcsfroher Jugend und ihren Freunden. Zahlreich waren auch die Berliner Kameraden herbeigeeilt, um das Fest ihrer Tegeler Kollegen mitznbegehen. Eingeleitet wurde die Jugendfeicr durch das Tonstück:„Krönt den Tag", das der Gesangverein„Immer- grün" in guier Besetzung zum Vortrag brachte; dann hielt Genosse Emil Unger in zu Herzen gehender Weise ein schönes Referat über die Arbeiterjugcndbewegung und ihre Widersacher. Er richtete an jung und alt die Mahnung, die Treue zu den hohen Idealen der modernen Arbeiterbewegung bis zum letzten Atemzuge zu bewahren. Auf der Arbeiterjugend beruhe die Zukunft; sie zu unterstützen durch Schaffung von Jugendheimen, durch Unterweisung im Jugendschutz und Fürsorge, durch frohe Unterhaltung und Spiele und nicht zuletzt durch ernste Belehrung und Aufklärung, das seien die Aufgaben, die wir uns stellen und zur Erfüllung zu bringen suchen, allen Feinden zum Trotz. Reicher Beifall lohnte diese Aus- führungen, denen abermals Gesang und ein von einem Jugend- lichen gut vorgetragener Prolog folgte. Dann bildete sich ein Zag von mehr als 300 Teilnehmern, der seinen Weg von dem Festlokal nach dem neuen Heim in der Bahnhofstraße unbehelligt, aber leb- Haft begrüßt von den flutenden Ausflüglerscharen nahm. Im Hofe, der mit gärtnerischen Anlagen versehen wird, und der mit seinen bunten Fliesen und glasierten Steineinfassungen einen netten Ein- druck macht, hatte der Gesangverein Aufstellung genommen und hier ließ derselbe noch einige prächtige Volks- und Freiheitsliedcr er- tönen; dann übergab der Vorsitzende des Vereins Arbeiterjugend- heim, Genosse Domaschka, mit einer kurzen Ansprache das Heim mit dem Wunsche, es gut zu pflegen und ihm treue Anhäng- lichkeit zu bewahren. Tiesem Wunsche gab auch hier noch ein von einem Jugendgenossen vorgetragenes Aufmunterungsgcdicht Ausdruck, und schließlich folgte ein Dank der Jugend für das ihr neu eingerichtete Heim, das zwar klein, aber ein„Eigenheim" ist im wahren Sinne des Wortes, unabhängig von Einflüssen, wie sie in den patriotischen, fälschlich„unabhängigen".Heimen zu finden sind. Dann gings zurück zum Festlokal, wo Gesänge und Deklama- tionen die Jugend noch einige Zeit zusammenhielten. Der vor- gesehene Tanz mußte hier leider infolge behördlicher Intervention unterbleiben. Aber man wußte sich Rat: die Jugend kam in einem anderen Lokal doch noch zn diesem Vergnügen, und das ohne Unkosten. Spandan. Ucbcr die Kanalisations- und Kläranlagen gab aus Anlaß einer von einer Anzahl Genossen vorgenommenen Besichtigung der städtischen Kläranlage in der Adamstraße Herr Stadtbauführcr Micksch an der Hand von Zeichnungen lehrreiche und interessante Aufschlüsse. Redner betonte, daß das Rieselvcrfahren sich nickt viel billiger stelle als das Klärverfahren. Da Spandau aber ständig an Einwohnerzahl zunehme und die Kläranlagen bald nicht mehr aus- reichen, so habe die Stadt das Rittergut Wansdorf zu Nieselzwecken angekauft. Im Verlaufe von fünf Jahren dürften die Klärstationen überflüssig sein. Spandau müsse für seine Kanalisations- und Kläranlagen etwas mehr Kosten pro Kubikmeter Abwässer auf- bringen wie einige Groh-Berliner Gemeinden. TaS liege aber daran, weil Spandau infolge seiner großen Ausdehnung ein weit verbreitetes Kanalisationsnetz unterhalten müsse. Nach dem Vor- trage erfolgte eine Besichtigung der Kläranlage unter Führung des Herrn Micksch, wobei derselbe den Reinigungsprozetz des Wassers, den dasselbe bis zum Abfluß in die Havel durchzumachen habe, eingehend erläuterte. Wie die Erschienenen sich überzeugen konnten, Ivor das Wasser bei seinem Abfluß so geklärt, daß die Havel keineswegs dadurch verunreinigt wird, insbesondere fault das Wässer nicht nach. Leider sind die Abwässer der Privatfabrikcn und auch die der 5iöniglichcn Fabriken bei ihrem Abfluß in die Havel so stark verunreinigt, daß sich zeitweise eine Oelschicht auf der Oberfläche des Wassers bildet. Durch diese starke Verunreini- gung des Wassers ist dasselbe zum Baden völlig ungeeignet, ebenso wird dadurch das große Fischsterben hervorgerufen.— Die Besichtigung der Wasserwerke wird in nächster Zeit erfolgen. Auch zu dieser will Herr Micksch bereitwilligst die Führung übernehmen. Reinickendorf. Aus dem Spandauer Schiffahrtskanal gelandet wurde gestern die Leiche des 57 Jahre alten Maurers K. Der Mann war früher Pförtner in der Neuen Hochstraße und zog von dort vor zwei Jahren nach Reinickendorf. Er war schon früher lungenkrank und hielt sein Leiden für unheilbar. Das mag ihn wohl veranlaßt haben, ins Wasser zu gehen. Potsdam. Die Hirsch-Dunckcrschcn Arm in Arm mit den christlichen und gelben Arbeitern. Die Hirsch-Dunckerschen wurden in Potsdam immer noch zu den Freisinnsleuten gerechnet, die lieber das kleinere Nebel, die Sozialdemokratie, bei den Wahlen unterstützten, als daß sie ins rechte Lager wanderten. Dies hat sich seit der Wahl zum Ausschuß' der Allgemeinen Ortskrankenkasse, die in der vorigen Woche stattfand, geändert. Die Hirsche haben sich hier mit den christlichen und gelben Arbeitern vereinigt, um gegen die Liste des Gewerlschastskar'tells zn stimmen. Man muß nun aller- dings wissen, wie diese gegnerische Liste zustande gekommen ist: Nicht etwa, daß diese Liste aus den Kreisen dieser christlichen und gelben Versicherten oder der Hirsche heraus gekommen wäre. Vielmehr haben sich hier der Krankenversicherung vollständig Fernstehende an die Arbeit gemacht und dabei die einzelnen versicherten Personen als Strohmänner benutzt. Nicht weniger als 48 Namen beim Magistrat beschäftigter Personen enthält die gegnerische Liste. Ferner ist mit Hilfe des Reichsvcrbandes gegen die Sozialdemokratie, Ortsgruppe Potsdam, ein Flugblatt aus- gearbeitet worden, das an Verdrehungen und Verleumdungen manches reichsverbändlerische Flugblatt bei der letzten Reichstags- Wahl in den Schatten stellt. Die Hirsche haben sich mit dem Inhalt dieses Flugblattes einverstanden erklärt. Aus diesem von Lügen und Verleumdungen strotzenden Flugblatt sei nur die dreiste Be- hauptung mitgeteilt, daß bereits im ersten Vierteljahr der sozialdemokratischen Verwaltungstätigkcit in der Krankenkasse eine Unterbilanz von 20 000 M. entstanden sei, welche auf das Konto der Sozialdemokraten zu setzen ist und daß die Behörde habe eingreifen müssen, um wieder geordnete Ver- Hältnisse zu schaffen. Wer nur ein klein wenig mit den Pots- damer Kassenverhältnissen vertraut ist, weiß, daß die damalige Unterbilanz durch die augenblicklichen Verhältnisse in Verbindung mit anderen Zufälligkeiten entstanden ist. Sie auf das Konto der Sozial- demokratie zu setzen, ist bis heute noch keinem Menschen eingefallen, und dieses kann nur jemand, den es auf jeden Fall auf Verleumdung und Ehrabschneiderei ankommt. Wie lange sich die Hirsche in ihrer jetzigen Umgebung wohl befinden werden, bleibt abzuwarten, jeden- falls haben sie sich jetzt in einem Lichte gezeigt, das den freien Gewerkschaften alle Veranlassung gibt, sich mit Verachtung von ihnen zu wenden._ Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Mariendorf. Donnerstag, den 18. September, nachmittags b Uhr. im Rathause, Kaiserstraßc. Spandau. Donnerstag, den 13. September, nachmittag» i'/, Uhr, im alten Rathause. Diese Sitzungen sind öffentlich. Jeder GemeindeimgehSrige ift berechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Eingegangene Drudtlldmften. Roland. Heft 8/9. Monatsschrift für freiheitliche Erziehung in Haus und Schule. Herausgegeben von H. Scharrelmann. Einzelhest 40 Pf. A. Janssen. Hamburg. Ter Eid im Zivilprozcs«. Bon Monitor. 80 Pf. M. u. H. Marcus, Breslau, Bus dem Tagebuch deS Robinson Erusoe. Berse und Bilder. Von Fried Stern. Gebrüder Knauer, Franlsurt a. ll>!. 1,50 M. Die Hetzjagd. Sioman von F. von Zobeltitz. E. Fleischel u. Co., Berlin W. 9. 5 M. Marktpreise von Berlin am IS. September 1913, nach Ermittelungen des tgl Volizeivräsidiums. Mais(mixcd), gute Sorte 17,00— 17,30, mittel 00,00—00,00, geringe 00,00—00,00. Mais(runder), gute Sorte 14,90—15,30, Richtstroh 0,00.' Heu 0,00—0,00. Markthallenpreise. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Sv-isebobnen. weiße 35,00—80,00. Linien 30,00—00,00. Kartosseln(Kieinhdi.) 5,00—7,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchflcisch 1,30— 1,80. Schweinefleisch 1,50—2,10. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,60—2,40. Butter 2,20—3,00. 60 Stück Eier 3,60— 5,50. 1 Kilogramm Karpscn 1,20—2,40. Aale 1,40—3,00. Zander 1,40—3,20. Hechle 1,40—2,80. Barsche 0,80—2,40. Schleie 1,60—3,50. Bleie 0,80—1,80. 60 Stück Krebse 1,00—30,00. Witterungsübersicht vom 16. September 1913. Etattonen � ß ef £ 1 Swincmdc. Hamburg Berlin Franks. a.M München Wien SZ 755 W 756 SSW 757® 758|SD 759:D 759® (Senn 2 bedeckt -Ihcitcr llbcdcckt IrDunst äwolkeni 1 woltenl Ii »— 769 747 s Bf N Still OSO 754 NW ,4I 753SO Wetter 2bedeckt Nebel llhalb bd. 2Regeii �bedeckt 1- £s Wetterprognose für Mittwoch, den 17. September 1913. Zunächst vielfach heiter, am Tage wieder wärmer bei ziemlich lebhasten südlichen Winden; nachher zunehmende Bewölkung, etwas Regen und Ge- witterneigung. Berliner Wctterbureau. KmfKarten der Redaktion. Xle turtstlsche evrcchftnnbc findet Lindenftraße 69, vorn vier Trerpeo — Fahrstuhl—, wolhentäglich von ttß bis 7>z> Uhr abends, Eonnabend», von 4M> bis C Uhr abends statt. Jeder siir den Briestaften bestimmten Anfrage ift ein Buchftabc und eine Zahl als Merfzetche» betzufügen. Briefliche Antwort wird nicht rrtcil». Anträgen, denen lcinc Abonncmentöqutttung brtgefüg« ist, orrd-u nicht beantwortet. Eilige Fragen trage mau tu der Sprechstunde vor. — 1000, Am 9. Dezember 1881. Es verunglückten 450 Personen dabei. — P. F. 38. Darüber könnte Ihnen ein Vogelhändicr Auskunsl geben. — I. S., Neukölln. Wenden Sie sich an den Verein für Feuer- bcstattuiig, Berlin, Breite Sir. 5.— X. 7,. Am besten ttm Sie wohl, wenn Sic sich nach der Buchhandlung Vorwärts, Lindcnstr. 69, bemühen wollen, um nach mündlicher Aussprache die geeigneten Schristen sich vor- legen zu lassen.— Z. 30. Adressen im Berliner Adreßbuch 2. Bd. Teil 2 S. 18l. In der Provinz sind uns leine bekannt.— E M., Eharlotten bürg 53. Durch die Jnspizicniin jür den HnushaltiingSimierricht Frau Jnspcltorin Vurow, Charlotteuburg, Haveistr. 8, dürsten Sie die beste Aus- kunst erhalten.— P. K. 100. 1. Bors. Rich. Karras, Schönlcinstr. 11. 2. Vors. Paul Kupfer, Landsberger Allee 58. 3. Geschäftsstelle: Proseffor Dr. A. Blaschko, Wilhelmsir. 48.— E. I. 35a. Frühling 21. März. Sommer 22. Juni, Herbst 23. September und Winter 22. Dezember. — P. K. 100. �„Gummi-Zeitung", Berlin, Blücherstraße 31. — K. 1. 1. Es kann der gesamte Lohn beschlagnahmt werden. 2. Ja, sosern Austrag Ihrer Frau vorlag.—(8. K. Nr. 100. Nur dann, wenn durch c!n Ausgcbotsvcrsahren die Vorerben für verschollen erklärt sind.— ft. S. 38. Ja, aus Grund einer Polszciverordnung.— R. Z. 19. 1. Die Ocssnung der Wohnung und die Pfändung war zulässig. 2. und 4. Zahlen Sie den Rest und sorder» Sie unocrzügliche Freigabe. Eifolgt diese nicht, so lömicn Sie bei dem Gericht, welches früher entschieden hat, die Vollstrcckungsgegentlage erheben. 3. Nein.— H.<8. 85. 1. Ja. 2. In zwei Jahren, von Fälligtcü abgerechnet.— Ni. S. 53. Aus Verlangen muß sich das Zeugnis über Leistungen und Führung auslassen.— I. P. Ohne Kenninis des Akicninhalts läßt sich die Sdch- und Rechtslage nicht bciiitcilcii. Besprechen soie die Angelegenheit mit Ihrem Anwalt. Eine Beschwerde gegen den letzteren bat nach Ihrer Sachdarstellnng icine Aus- ficht aus Erfolg.— F. G. 18. Anrichte, eventuell auch Vertiko, sind pfändbar.— E. R. 41. Die Bclcidigungsllnge erscheint nnssichtlos, da der Gegenpartei voraussichtlich Wahrung berechtigter Interessen zugebilligt werden würde.— Schönleinstratze.„Zahntechnische Rundschau", Verlag Berlinische Vcriagsanstalt G. ni. b. H., Berlin, Claudiusstr. 15, wo Sie auch alles Nähere crsabrcn werden.— P. S. 1000. 1. und 2. Nein. — C- M. 35». Den Termin müssen Sic und Ihre Frau wahrnehmen. — Tegel 7. 9. Nach Erhebung der Privalklagc wird von Ihnen ein Kostenvorschuß erhoben. Sollten Sic obsiegen, so haben Sie einen Er- stattungsanspruch. Die Gcrichtskasse zahlt'nichts zurück.— R. E. 66. 1. Bleiben Sic bei Ihrem Antrag aus Erlaß der Steuer für die Zeit der Arbeitslosigkeit besicheu. Jni kommenden Jahr werden Sie wahrscheinlich nicht nach dem Verdienst des jetzt lausciidcu Jahres, sondern nach dem mut- maßiichcn Verdienst des Steucrfahres eingeschätzt werde». 2. Ja, sosem nicht Berufswechsel vorliegt.— G. 99. 35. Ja, sofern Sie auch dV Aeußerung des Vermieters beweisen tonnen.— R. N. 58. 1. und Unseres Erachtens ja. 3. Die Klage wäre nicht aussichtslos.— R. R. Id. 1. 1,44 M. 2. Dafür intcresfiere» wir uns nicht, deswegen unbekannt.- 99. S. 48. In der Regel ja. Bestimmte LIuSkunst kann nur nach ge- naucr Kenntnis deS Sachverhalts erteilt werden. Wir stellen anHeim, in die Sprechstunde zu kommen.— C. B. 100. 1. Ja. 2. Ja. §£; 381, 1432 ReichSversichcrungsordnung.— W. I. III. Es besteht keine gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit. Diese dars jedoch nicht so aus- gedehnt sein, daß die Gesundheit gefährdet wird.— A. B. 1000. 1. Stellung eines Anwalts ist nicht ersorderlich. 2. Wiederholen Sie die Anfrage und geben Sie noch an, wann die Ehe geschlossen und wo der erste Ehcwohnsttz gewesen ist.— A. I. 380. Zn einer Rückzahlung der eingezahlten Beiträge ist die Gesellschaft nicht verpflichtet. Sic haben An- spruch aus Freipolice. Auch nach Slblaus der Frist erfolgt nicht die Rückzahlung des Gesamtbetrage.— M» 99 9Ute Jakobitratze. Nein. Todes-Anzeigen 8lj!i'sIiIeiiiliIiMc>iei'M>vei'ein k. d. 4. Herl. Reichstagswalilkreis. Stralauer Viertel. Bez. 301 I. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Dreher .Julius Günther Markgrafendamm 29 gestorben ist. Ehre seinem Nndenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 18. September, nachm. 5 Uhr, von der Halle des Zentral-Friedhofes in Friedrichs- fcidc aus statt. Um rege Beteiligung ersucht _. Der Vorstand. LeutMi'IüetMi'Iieiter-Vei'iialid Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Dreher .Julius Günther Markgrajendamm 29, am 11. d. M. an(Gehirnschlag gestorben ist. Ehre seinem 9tiidenkrn! Die Beerdigimg findet am Donnerstag, 18. September, nachmittags 5 Uhr, von der Leichen» halle des Fricdrichsscider Fried- hojeS aus statt. Rege Beteiligung wird erwartet. 126/5 Die Ortsverwaltung. SozialderookratischerWatilverein I. d. 4. Berl. Reichstagswahlkreis. Görlitzer Viertel. Bezirk 157. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Tischler Friti Schnell Manteufsclstraße 51 gestorben ist. Ehre seinem Slndenkeu! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 18. September, nachm. 6 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Michaeiis-Kirch- HojeS, MariendorscrWcg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht I>v>- Vorstand. Deutscher Holzarheiter-Verhand, Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Fritz Schnell Manteiisseistraßc 51, im Alter von 36 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 18. September, nachmittags 5 Uhr. aus dem Sanll MichaeliS-Kirchhose, Marlcndorser Weg, statt. Um rege Beteiligung ersucht 88/20 Die Ortsverwaltung. Neuköllner Liedertafel. Am Eonntaa, den il. Sept., verstarb nach langen Leiden unser langjähriges Mitglied Hermann Stahlberg. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 17. September, nachmittags 3'/, Uhr, aus dem Neuköllner Gemeinde- Friedhos (Mariendorfer Weg) statt. 60/2 Der Borstand. Sozialdemokrat. Kreiswahiverein Riederbarnim. Bezirk Lichtenberg. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß die Genossin, Frau �Jarie Ginzel Kronprinzenstr. 5 verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle in Marzahn au« statt. 14/17 Der Vorstand. Danksagung. Den Kollegen von der Finna Rich. Weise, Wcißensec, sage ich für die Beteiligung und herrliche Kranzspende bei der Beerdigung meiner Frau meinen herzlichsten Danl. 93a Karl Wagner. Sozialdemokratischer Wahlverein l.d.6.Berl. Reichstags-Wahlkreis Am 14. d. M. verstarb unser Genosse, der Schuhmacher Heinrich Kinwon Ruppincrstr. 46(Bezirk 507). Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittag« 4 Uhr, von der Halle des Zions-Kirch- Hosts in Nordend aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 230/5 Der Borstand. BÄBSS? PJ Sozialdemokratischer Wahlverein f Kreis Kiederharnim. Bezirk Reinickendorf-West.| Den Milgiiedem zur Nachricht, daß der Genosse .Adoll Tiepke (Wachholderstr. 39) gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet heute Mittlvoch, den 17. Septbr., nachm. 4st, Uhr, von der Leichenhalle deS Gemeindefriedhofcs Reinickendorf- West, Hiimboldtstraßc, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 241/6 Tie Bezirksleitung. Am 16. September entschlics sanst im 55. Lebensjahre nach langem, schwerem Leiden meine inniggcliebtc Frau, unsere gute Mutter, �ochwieger- u. Großmutter Emilie Schmidtke geb. Utast. DieS zeigen ticsbetrübt an Wiliielm Schmidtke, gW. und Kinder. 15A Die Beerdigung sindct oir. Freitag, den 19. September, nach- jj mittags stz4 Uhr, von der Hallo- d-s Gemeindesricdhoscs Neuköllns � Mariendorscr Weg, aus statt.'■> geiaBSgayaaBaBJwuigj taiiwJuaa>,wsaBSFr-pi Am Montag verstarb nach lnr- 1 zcm Krankenlager meine treue[ Kampsgenossin, unsere liebe Mut- tcr, Tochter und Schwester Frau Elise Sickert geb. Wnlseltlee. Beerdigung am Freitag'/«5 Uhr! aus dem Neuköllner OKmeinde-j Friedhos, Mariendorscr Weg. VIkr. t9iei»ert nebst Kindern, s Rcntcrstr. 36. äaa�— am_ nn mn.an«i Fsmaa-i- DeulseherTabakarbeiter-Verbaiid Zahlstelle Berlin. Xachriif. Am 9. September er. verstarb unser treues langjähriges Mitglied, der Zigarrensabrilant. Richard Fricke. Ehre seinem Andenken: 187/15 Die Ortsverwaltung. Ii eben Mannes erwiesene Teilnahme spreche ich hiermit allen Teilnehmern meinen herzlichsten Dank aus. 2281b Wrw. llofftuann. Mohrensti37ä Kolonne den, QrrranKfurtertfr: 115: Trauer- Magazin Kleiaer.Hüfeelc ?»- Äußerste Preise-wc .. färbige Konfektion in größtem Moß6tabe tu bll ligsten -Preisen— Westmann Ktagenstärketid ist während der gefährlichen Obstzeit Santa£lieia StärktmgS'Jtotwein TL ISO n. 2£ Käuflich in Apotheken, Drogen- und Delikateß-Geschp.ften- Bleiben Sie ehrlich in Ihrem Urteil and Sie werden nach einmaligem Versuch zugeben, dass Sie nie besser gewaschen haben, wie mit Persii. Millionen Hausfrauen brauchen und loben es täglich I HENnKiLr.?H��üS�RF- Henkers Bleich-Soda. ist der schönste Ausflugsort? � Immer noch Pichelswerder, an der neuen Heerstrafte beim Alten Frennd. Haben Sie Stoff? t davon Aazaf od. Pmlatoi las», schick, dtmerh. Zutaten > Mark an. Moritz L*bands Neue PromsnaJtS, IL(Stadth. Bon.) 51 Garbai Qualiiat Verkäufe. J TePPich-TftomaS, Oranf enstr. 126 verkaust larbsehlerhaste Teppiche spottbillig; Gardinen, Steppdecken, Tisch- decken halben Preis. 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