Nr. 259. flbonncmcntS'Bedingungen: Abonnements» Preis pränumerando: Lierteljährl. 820 Dil. monatl. 1,10 Mk., wöchentlich 28 Psg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pm. Post- Adonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für DeiUichland und Oesterreich. Ungarn LL0 Marl, für das übrige Ausland s Marl pro Monat. Postabonncmenis nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Riunänien, Schweden und die Schweiz. 39. I-thrg. Die Infertions-Gcbüljp beträgt für die scchsg espalte, le Kolonelzeile oder deren Nauui 00 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Vcrsnininlungs-Anzeigen 00 Pig. „Kleine Mniefgcn", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pjg. Stellengesuche und Schlafstellenan» zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes ivcitere Wort 5 Pfg. Worte über lö Buch- ftabcn zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Crfdiclnt tZgltch. MOS' Verlinev Dollisblnkk. Zentralorgan der fozialdcmokratifcben parte» Deutfcblands. Telegramm-Adresie: „SoziaidcmoHrat Rerlln". Redahtion: 8 öd. 68, Ltndcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt Moriffplatz, Nr. 1983. Expedition: SCd. 68, Ltndcnstrassc 69. Fernsprecher: Amt Moritiplati, Nr. 1981. Las llrteil im l>inittel-?l'0?eö. Ter zweite Knittelprozeß hat einen schnurrigen Ausgang genommen. Die Straskanliner in R a t i b 0 r hatte vor einem Jahre bekanntlich ihr Urteil dahin gefällt, daß Amtsrichter Knittel freizusprechen sei, weil man ihm faktisch aus politischen Griinden bösartig mitgespielt habe und weil in- sonderheit seine schärfste Behauptung, sein Denunziant. Be- zirkshauptmann Kammler, sei ein boshafter Geisteskranker, durch die Beweiserhebung bestätigt worden sei. Ein formales Vergehen gab dem Reichsgericht die Mög- lichkeit, die Sache an das Landgericht zurückzuverweisen. Sie kam so vor die Strafkammer in Gl ei Witz. Und welches Glück war das! Denn nun ergab sich, nach der Urteilsverkün. dung der Gleiwitzer istrafkaminer, daß sich die Geschichte ge- radc umgekehrt verhielt, als die Strafkammer in Ratibor angenommen hatte. Nicht Hauptmann Kanimler war der ge- meingesährliche Geisteskranke, sondern gerade sein Widerpart, der Amtsrichter und Landwehroffizier Knittel. Denn das Gleiwitzer Urteil erklärt ganz ausdrücklich, daß Knittel, den es zu 1490 M. Geldstrafe verurteilte, noch ganz anders hätte bestraft werden müssen, wenn das Gericht ihm nicht„eine Phantasie" zugute gehalten hätte, die„ein vernünftiger Mensch unmöglich hätte besitzen können". Nur weil das Ge- rächt aus dem Standpunkt stehe, daß man den Angeklagten Knittel„als einen vernünftigen Menschen nicht be- zeichnen könne", nur weil man annehme, daß er sich in„ganz lächerliche Gedankengänge verrannt" habe und„ein Stück Querulant" sei, könne es ihm den Schutz des 8 193 znbiÜigen und von einer Gefängnisstrafe abschen. Welch ein Umschwung binnen einem Jahre, welch ein Widerspruch zwischen der Richterweisheit von Ratibor und Gleiwitzl> Binnen einem Jahre und infolge eines Jahres. Denn die Zeugenaussagen gegen Kammler in Ratibor lauteten wesentlich anders und viel positiver als in Gleiwitz. Aber in einem Jahre kann man ja viel vergessen und sich dann an manches nicht mehr erinnern. Aber deshalb brauchte Knittel doch noch lange nicht ein geistesverwirrter Querulant zu»sein, wie ihm jetzt seine Gleiwitzer Kollegen liebenswürdig attestiert haben. Denn was e r seinem Gewährsmann über die Unzurechnungsfähigkeit und boshafte Tücke des Kanimler glaubte, glaubte ja in Ratibor aus Grund der Knittels Auffassung bestätigenden Zeugenaussagen der ganze Gerichtshof. War Knittel also geistesverwirrt, weil er den„tüchtigen" und„völlig nor- malen" preußischen Hauptmann Kanimler so total ver- kannte, so mußten sich doch die Richter von Ratibor minde- stenS in der gleichen Geistesverfassung wie Knittel befunden haben! Und wenn das Richterkollegium von Gleiwitz seinem Kollegen Knittel stirnrunzelnd predigte: man soll nicht leichtfertig einen Nebenmenschen für verrückt erklären, so predigt der Spruch des Richtcrkollegiums von Ratibor nicht niinder eindringlich den Kollegen von Gleiwitz: man soll nicht allzu vorschnell seinem lieben Nächsten die gesunde Vernunft absprechen! Eine reizende Komödie! Aber in der scheinbar so unkollegialen Urteilsbegründung der Gleiwitzer Strafkammer verbirgt sich für den schärfer Sehenden gleichwohl richterlich-kollegiale Nachsicht und Milde. Amtsrichter Knittel hatte ja nicht nur den Bezirkshauptmann Kammler in seinen Eingaben für einen boshaften Kretin erklärt, sondern auch viel höhere Vorgesetzte, O b e r st- leutnants und G e ii erale, der Lüge geziehen. Da blieb nur zweierlei übrig: entweder die hohen Offiziere und Exzellenzen mußten den Vorwurf der Lüge einstecken, oder ihr Beleidiger mußte als unverfrorener Verleunider verknackt werden. Wurde er aber verknackt, so mußte man ihn schon zu erheblicher Freiheitsstrafe verurteilen: es sei denn, daß man— den Spieß umdrehte und dem A n- geklagten wegen geistiger Abnormität und notorischen Ouerulantcntums mildernde Umstände zubilligte! Und wenn wir uns das Verhalten Knittels näher an- sehen, so müssen wir gestehen, daß wir ihm diese„mildernden" Umstände schon gönnen. Ist der Mann doch zu guter Letzt kläglich umgefallen, uni durch Zurücknahme seiner Beschuldi- gungen um gut Wetter zu bitten. Die abernials von Zeugen bestätigten Unbegreiflichkeiten des Hauptmanns Kammler schrumpften auch ihm angesichts des drohenden Urteils Plötz- lich zu harnilosen„Sonderbarkeiten" zusammen. Das hätte aber allenfalls noch hingehen können. Daß jedoch der klar- sehende I u r i st Knittel sich schließlich auch auf die faniofe Unterscheidung zwischen einer Maßregelung aus p 0 l i- tischen und„rein d i e n st l i ch e n" Gründen einließ, das vermag ihm wirklich keine Sympathien zu erwerben. Er wurde doch zur Landwehr versetzt, weil er für die vom Zen- trum empfohlenen Kompromißkandidaten gestimmt hatte— davon beißt keine Maus einen Faden ab. Hier hätte Knittel politisches und juristisches Rückgrat zeigen müssen. Statt dessen knickte er im entscheidenden Augenblick schwächlich zusammen. Das Votum des Gerichtshofes, daß er „als vernünftiger Mensch nicht bezeichnet" werden könne, trägt er nun als Dank davon! fänrama. suminarum; die Gleiwitzer Strafkammer hat ein wahres Original von einem Bezirksoffizier vom Verdacht des Irrsinns gerettet, aber dafür einem Amtsrichter und Landwehroffizier das Stigma der Abnormität und des �uerulantentums aufgedrückt. Vielleicht aber kriegen wir infolge eines formalen Irr- tums des Gleiwitzer Verfahrens noch eine dritte Verhand- lung, die beide Vorurteile salomonisch miteinander ausgleicht! Bebels erbichskt. Die bürgerliche Pvesse aller Parteirichtungen beschäftigt sich mit der Hinterlassenschaft des Genossen Bebel und behauptet, daß Bebel als Millionär gestorben wäre. Die Artikel und Notizen der bürgerlichen Presse knüpfen meist an eine Nachricht des Pariser „Journal" an, das berichtet hatte, daß Bebels Erben in der Erb- schaftsdeilaration für die Züricher Verwaltung den Betrag von Frank gegeben hätten. Diese Nachricht des„Journal ist unwahr. Bebels Erben haben eine Erbschastsdeklaration bisher weder bei der Verwaltung in Zürich noch bei der einer anderen Stadt abgegeben. Die Erbschaft, die etwa ein Drittel der angege- benen Summe betragen dürfte, ist bisher noch nirgends deklariert worden. Das von Bebel hinterlassene Vermögen stammt zum größten Teile aus einer Erbschaft, die Bebel im Jahre 1001 ge- macht hatte. Damals hatte ihn der bayrische Leutnant a. D. zum Miterben seines Vermögens eingesetzt. K. hatte außer Bebel einen Bruder bedacht, seine anderen Geschwister jedoch nicht. Der Grund für die Enterbung waren Differenzen in der Familie, die mit Veranlassung waren, daß es zu einem ehrengerichtlichen Vor- fahren gegen K. kam, in dessen Verlauf dem Leutnant K. das Recht, die Uniform zu tragen, aberkannt worden war. In diesem Ver- fahren hatte K. den Genossen Bebel wiederholt um Rat gefragt und auch persönlich eine Zusammenkunft mit ihm gehabt. Nach dem Tode K.s erfuhr dann Genosse Bebel, daß K. ihn zum Mit- erben eingesetzt hatte. K. war niemals Sozialdemokrat, ja er war Gegner der sozialdemokratischen Partei, wie aus seinen hinter- lassenen Papieren und aus der Abschrift einer Eingabe an Wil- Helm I. hervorging. Das Wort Sozialdemokratie kommt im ganzen Testament nicht vor. Aus der ganzen Sachlage ergab sich, daß der Leutnant K. nicht die Partei, sondern Bebel persönlich für ihm persönlich geleistete Dienste mit der Erbschaft bedacht hatte. Das Testament war unanfechtbar. Die vom Erbe ausgeschlossenen Ge- schwister wollten das nicht glauben und wiesen eine Abfindungs- summe von 100 000. M., die ihnen Bebel bot, zurück. Dagegen willigten sie in einen Vergleich ein, nach dem der gewinnende Teil die gesamten Prozeßkosten für alle Teile zu zahlen hatte. Vor dem Ulmer Landgericht ging der Prozeß für die Kläger verloren und die Begründung des Urteils brachte ihnen die Ueberzeugung, daß bei den folgenden Instanzen nichts mehr zu erwartet sei. Bebel trat aber aufs neue an die enterbten Geschwister des Leutnants K. heran, obgleich ein gesetzlicher Grund dazu nicht vorhanden war, denn die Erbschaft war ihm sicher. Die nicht bedachten Geschwister des Leutnants K. erklärten sich bereit, die Abfindungssumme an- zunehmen, die ihnen Bebel bot. Das gesamte Vermögen des Leutnants K. belief sich auf über 800 000 M., wovon über 400 000 M. auf Bebel entfielen. Hiervon zahlte Bebel den nicht bedachten Geschwistern 132 000 M., an die sozialdemokratische Partei gab er 45 000 M., an arme Verwandte und Bekannte 18 000 M., für Erbschaftssteuer und Gerichtskosten zahlte er 28 000 M., so daß von der gesamten Summe von über 400 000 M. dem Genossen Bebel nur 182 000 M., also nicht einmal die Hälfte, verblieben. Ist anzunehmen, daß irgendeiner von denen, die Bebel jetzt wegen seines Vermögens verdächtigen, im gleichen Falle so anständig und freigebig gehandelt hätte? Was Bebel über diese Summe hinaus an Vermögen erworben hat, stammt aus dem Ertrag seiner Bücher und Schriften, von denen z. B.„Die Frau" allein 51 Auflagen erlebte. Daß Bebel keine größeren persönlichen Bedürfnisse hatte und bis zu seinem Tode so einfach lebte, wie er das seit Jahrzehnten gewohnt war, wissen alle die, die Gelegenheit hatten, ihm im privaten und im öffentlichen Leben näher zu treten. Gegenüber der gemeinen Verdächtigung, als ob Genosse Bebel sein Vermögen im Ausland angelegt gehabt hätte, um es der Kontrolle der deutschen Steuerbehörden zu entziehen und es nicht richtig versteuern zu brauchen, stellen wir ausdrücklich fest, daß Genosse Bebel Jahr für Jahr mit peinlichster Genauigkeit sein Einkommen und Vermögen bei der Steuerbehörde deklarierte. Wenn in der bürgerlichen Presse weiter„angenommen" wird, daß Bebel als Mitglied des Parteivorstandes 6000 M. Jahresgehalt bezogen habe, so ist auch diese Behauptung aus den Fingern ge- sogen. Bebel hatte als.Vorsitzender der Partei eine monatliche Entschädigung von 50 M. zu beanspruchen. Bebel hat diesen Betrag jedoch niemals erhoben, sondern diese 50 M. der Parteikasse über- wiesen, worüber monatlich in der Parteiguittung öffentlich quittiert worden ist. Ebenso unwahr ist es, daß Bebel für die Mitarbeiter- schaft an der„Neuen Zeit" ein jährliches Fixum von 3000 M. be- zogen hat. Weiter ist unwahr, daß Bebel vom„Vorwärts" ein Fixum bezogen hat. Auch für Artikel, die Genosse Bebel gelegentlich für den„Vorwärts" und die„Neue Zeit" schrieb, bezog er kein Honorar. In seinem Testament hat Bebel der sozialdemorkatischen Partei 20 000 M. vermacht. Außerdem vermachte er 10 000 M. zu Unter- stützungszwecken dem Verein Arbeiterpresse. Ferner hat Bebel der Stadt Wetzlar 6000 M. vermacht unL außerdem setzte er an son- stigen kleineren Legaten 3000 M. aus. Seit dem Tode Bebels sind den Erben des Genossen Bebel schon soviel Bittbriefe um Unterstützung zugegangen, daß das hinter- lassene Vermögen viel größer sein müßte, als es tatsächlich ist, wenn all diesen Gesuchen buch nur zu einem Teile entsprochen würde.■ Die Iflindcftlobirärotcr Groß' britanniens. London, 1. Oktober.(Eig. 33er.) Mit überraschender Schnelligkeit und Leichtigkeit hat sich in Großbritannien und Irland in den letzten paar Jahren der gesetzlich verbürgte Mindestlohn durchgesetzt. Vor vier Jahren>var der gesetzliche Mindestlohn in diesem Lande noch unbekannt. Heute unterstehen dem Lohnamtsgesetze vom Jahre 1909, das die Mindestlöhnc der am schändlichsten aus- gebcutetsten Arbeiterinnen und Arbeiter festsetzen soll, schon 200000 Personen(wovon 70 Proz. Frauen und Mädchen), und wenn die vom Handclsamt erlassene provisorische Verordnung vom Parlament genehmigt wird, werden weitere 300 000 Arbeiter und Arbeiterinnen die Vorteile dieses Gesetzes genießen. Dabei ist nicht zu vergessen, daß auch die 863000 britischen unterirdischen Kohlen- bergarbeiter seit dem letzten Jahre einen gesetzlich ver bürgten Mindcstlohn haben. Der Engländer erkennt selbst als seine größte Schwäche an, daß er sich immer durch eine Schwierigkeit aufs Geratewohl hindurchwurstelt:„muddling through somehow" nennt er es. Aber man muß es ihn! lassen, daß er sehr häufig zum Ziele komnit, wo andere sich in theoretische Bedenken verstricken. In der Theorie erscheinen Hindernisse manchmal als Berge, die in der Praxis nur Kieselsteine sind. Als Erläuterung mag eine sehr auffallende Er- fahrung dienen, die man in England mit dem Lohnämter- gesetz gemacht hat. Vor der Annahme dieses Gesetzes(wie auch vor der Annahme des Mindestlohngesetzes der Berg- arbeiter) wurde darauf hingelviefen, daß die Festsetzung eines gesetzlich gewährleisteten Mindestlohns die alten und schwache« Arbeiter, die den Mindestlohn unmöglich verdienen könnten, arbeitslos machen würde. Um dies zu ver- hindern, wurde in dem Lohnämtergesetzc festgelegt. daß die Lohnäniter in solchen Fällen Arbeiter von den Be stinimungcn des Gesetzes entbinden könnten. Von 200000 Arbeitern sind in der ganzen Zeit nur 121 von dieser Ausnahmebestimmung betroffen worden. Die Praxis hat hier wieder einmal die schweren theoretischen Bedenken der kapi- talistischen Gesetzgeber zerstreut. Den direkten Anstoß zu dem Gesetz über Lohnämter (Trade Boards Act) gab die Veranstaltung mehrerer Heim- arbeiterausstellungen in Grofchritannien nach dem Vorbild einer Berliner Ausstellung. Zu derselben Zeit(1906) wurde die„National Anti-Sweating League"(Reichsverband gegen das Schwitzsystem) ins Leben gerufen, die durch eines ihrer Mitglieder im Jahre 1908 einen Gesetzentwurf im Parlament einbringen ließ, den die Regierung im folgenden Jahre in er- weitcrter Form aufnahm und zur Annahme brachte. Der Rcgierungsentwurf unterschied sich von dem der Liga Haupt- sächlich dadurch, daß er Lohnämter nicht nur für Hciniarbeiter, sondern für alle Arbeitnehmer, die unter dem Schwitzsystem leiden, errichten wollte. Das Gesetz trat am 1. Januar 1910 in Kraft. Es ordnete die Einsetzung von Lohnämtern für folgende Industrien an: die Konfcktionsschneiderei und die im großen betriebene Schneiderei nach Maß; die Herstellung von Schachteln aus Pappe und ähnlichem Material; die Herrich- tung. Ausbesserung, das Stopfen von Gardinen und Spitzen; die Herstellung von Eisenketten. Weitere Industrien können durch eine vom Parlament genehmigte provisorische Verord- nung des Handelsamts in den Wirkungskreis des Gesetzes ge- zogen werden. Für jede dieser vier Industrien wurde ein Zentrallohnamt errichtet. In Irland wurden für die Schneiderei und die Papp- schachtelfabrikation zwei besondere Zentrallohnämter ein geführt. Es bestehen mithin 6 dieser Lohnämter, deren Aufgabe es ist, einen Mindestlohn für die Arbeitnehmer in ihren Industrien festzusetzen; ihre Beschlüsse sind gesetzlich erzwingbar. Das Zentrallohnamt setzt lokale Komitees ein, die ihm beratend zur Seite stehen. Ein Zentrallohnamt setzt sich aus den gewählten oder ernannten Vertretern der Arbeit geber und Arbeitnehmer in gleicher Zahl und drei besoldeten und offiziell ernannten Sachverständigen zusammen. Wenn in einer Industrie eine große Zahl weiblicher Arbeitskräfte beschäftigt werden, so muß einer der Sachverständigen eine Frau sein. Aehnlich setzen sich die lokalen Komitees zusammen; jedem dieser Komitees muß mindestens einer der Sachver- ständigen des Lohnamts angehören. Wir wollen der Klarheit ivegen nicht auf das etwas ver wickelte Verfahren eingehen, nach dem die Mindest-, Zeit- oder Stücklöhne festgesetzt werden. Folgendes möge genügen, um ein Bild von der praktischen Ausführung des Gesetzes zu geben. Ein lokales Komitee schlägt dem Lohnamt die Fest setzung eines Mindestsatzes für Zeit- und Stücklöhne vor. Genehmigt das Lohnamt diesen Vorschlag, so muß' es eine Frist einräumen, während welcher Einsprüche erhoben werden können, ehe es die Minimallöhne festsetzt. Aber nach der Festsetzuug dieser Lohnsätze werden diese noch nicht gesetzlich bindend. Mindestens sechs Monate müssen verstreichen, ehe den Beschlüssen des Lohnamtes Gesetzeskraft verliehen werden kann. Doch während dieser Warte-— oder Ilcbergangsperiode können nur solche Unternehmer als Regierungs- oder Gemeindelieferanten in Betracht kommen, die sich verpflichten, die festgesetzten Mindestlöhne zu. bezahlen. heute sind folgende Mindestlöhne festgesetzt worden Arbeiter, Stundenlohn 40— SS Pf. 40— SS. SO Pf. SO„ 50„ WSW Kettenfabrikation Großbritannien 20 Pf. Spitzenfabrikalion. 22. Pappschachtelfabrikation Irland 24„ Ml«»-!-» Z- In einigen Fällen bedeuten die oben erwähnten Löhne, so gering sie auch noch sind, eine Verdoppelung der früher vor der Festsetzung der Mindestsätze verdienten Löhne. So erhalten die Ketten schmiedenden Frauen von Cradley Heath heute zum Beispiel für eine gewisse Sorte Ketten, für die sie früher nur S1/« Schilling erhielten, ü'/a Schilling. In dieser Industrie zeigten sich die Arbeitgeber anfangs wenig geneigt, den herrschenden skandalösen Zuständen ein Ende zu machen. Sie benutzten die Frist, die zwischen der Festsetzung der Mindest- löhne und deren obligatorischer Einführung verstreichen muß, dazu, um Vorräte von Ketten, die unter den alten Arbeits- Verhältnissen hergestellt waren, aufzuspeichern. Aber die Arbeite- rinnen traten diesem unter der Führung der Gewerkschaftsliga der Frauen entgegen und Jierlnngten die sofortige Bezahlung der festgesetzten Löhne. Sie hatten die Oeffentlichkeit auf ihrer Seite, doch war ein langer Kampf nötig, ehe sie ihre Forderung durchsetzen konnten. Cradley Heath hat auch die Nützlichkeit des Lohnämtergesctzes für die Organisation der Arbeiter bewiesen. Es muß jedermann einleuchten, daß das Heranziehen gedrückter Arbeiterschichten zur Beratung über Löhne und Arbeitsverhältnisse nur fördernd auf die Ent- Wickelung der Gewerkschaftsbewegung wirken kann. In dieser Industrie kam auch der erste Fall der Uebertretung des Gesetzes vor, der streng geahndet wurde. Ein Arbeitgeber mußte für die Uebertretung des Gesetzes eine Strafe von 15 Pfund bezahlen; dazu hatte er noch die Kosten des Ver sahrens in der Höhe von 9 Pfund 9 Schilling zu tragen und mußte außerdem den übervorteilten Arbeiterinnen an Lohn rückständen die Summe von 7 Pfund 13 Schilling und lO3/* Pence auszahlen. Obwohl sich die Löhne durch das Eingreifen des Lohnamtes in der Kettenfabrikation verdoppelt und in einigen Fällen mehr als verdoppelt haben, hat die Industrie nicht gelitten. Sie floriert im Gegenteil mehr denn je nnd all die Prophezeiungen der Arbeitgeber, die deutsche Konkurrenz werde die englische Kettenfabrikation nunmehr vernichten, haben sich nicht bewahrheitet. Die Er Weiterung der Betriebe legt davon ein beredtes Zeugnis ab. In der Spitzenindustrie, die in Nottingham ihren Sitz hat, war die Festsetzung von Mindestlöhnen eine sehr kom- plizierte Sache. Die Textilindustrie ist in allen ihren Zweigen ein sehr verwickeltes Gewerbe und hier wurde die Schwierig- keit einer Regelung der Lohnverhältnisse noch durch den Um- stand erhöht, daß fast alle in den in Betracht kommenden Erwerbszweigen beschäftigten Arbeiteriniren von Zwischen- Meisterinnen beschäftigt werden. Aber bei gutem Willen läßt sich manches erreichen. Die in dieser Industrie festgesetzten Mindestlöhne haben die Löhne der Arbeiterinnen um 190 bis 120 Proz. erhöht. Die Frage der Zwischenmeisterinnen wurde dadurch gelöst, daß man festsetzte, daß eine Ar- veiterin, die sich die Arbeit selbst von der Fabrik holt, für den durch den Gang verursachten Arbeitsverlust entschädigt werden muß. Diese Proletarierinnen lebten bis vor kurzem tu solch jämmerlichen Verhältnissen,, daß man unter, ihnen niemand finden konnte, der sie im Lohnamt vertreten konnte. Dps Handelsamt ernannte deshalb die Vertreter der Arbeiter wie auch die der Unternehmer. Daß auch die Arbeiter in der Pappschachtelfabrikation aus dem Gesetz großen Vorteil gezogen haben, erhellt aus folgenden Ziffern. Nach der aus den Angaben der Unternehmer fußenden offiziellen Statistik verdiente eine voll beschäftigte Frau(über 18 Jahre) durch- schnittlich 12'/« Schilling die Woche vor dem Inkrafttreten des Lohnämtergesetzes und 25 Prozent der Frauen verdienten weniger als 10 Schilling die Woche. Aehnlich verhält es sich mit der Schneiderei, in der die Mindestlohnsätzc erst im Februar dieses Jahres in Kraft traten. Frauen verdienten in dieser Industrie früher durchschnittlich 12 Schilling und 11 Pence die Woche; heute beträgt der Mindestlohn für dieselbe Arbeit beinahe 14 Schilling. Alle Lohnämter haben auch Mindestlöhne für Lehrlinge festgesetzt. In der Spitzen- industrie fängt der Lehrling z. B. mit einem Lohn von 3 Schilling die Woche an, der nach zurückgelegtem 14. Lebensjahr all- mählich zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr bis zum Mindest- lohn der Erivachscnen steigt. Gewiß sind diese Löhne noch weit davon entfernt, die An- spräche eines wirklich zivilisierten Lebens zu befriedigen. Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, wird das Urteil aller einsichtigen Menschen sein. Aber ein erfreulicher Fortschritt ist dennoch zu verzeichnen. Und das wichtigste an diesen Lohnämtern ist zweifelsohne, daß sie ein nicht zu über- schätzendes Mittel sind, große und hoffnungslose Scharen unserer proletarischen Brüder und Schwestern mit der Arbeiter- bewegung in Verbindung zu bringen. Das ist wenigstens die Erfahrung, die man in Großbritannien gemacht hat. Der Appetit kommt beim Essen. Hat man erst die Vorteile des Mindestlohns gekostet und steigern sich die Bedürfnisse, so kommt man leicht aus den Gedanken, die Lebenslage noch weiter zu verbessern. Das ist aber nur möglich durch den Zusammenschluß und das gemeinsame Vorgehen ini Lohnamt. Die gewerkschaftliche Attion ersetzt das Wohlwollen der Regierung. Die englischen Liberalen sprechen seit langem von einer Lösung der Landfrage. In kurzer Zeit will Lloyd George mit einem liberalen Landprogramm an die Oeffentlichkeit treten. In diesem Programm soll der Mindestlohn für die Land- arbetier eine wichtige Rolle spielen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß das liberale Landprogramm die Themse in Brand stecken wird. Doch die Forderung, auch für die bedrückten ländlichen Arbeiter Lohnämter zu schaffen, wird einen guten Resonanz- boden finden.____ Line Schmach des Militarismus. Belgrad, 29. September.(Eig. Ber.) Wieder ein Balkanwunder: das serbische Militär war nicht imstande, die Arnauten aufzuhalten. Sie sind tief in das Land eingedrungen und bedrohen schon Monastir und Nesküb. Nun wird die Frage aufgeworfen, wer daran schuld trug, daß die Grenzbesatzung so schwach, die Truppenverschicbung so schlecht war und dle schnelle gegenseitige Unterstützung un- möglich wurde, lind da entwickelt sich Vor der serbischen Oeffentlichkeit ein höchst interessanter Kampf zwischen der Regierung und dem Hauptkommando. Die militärischen Machthaber werden von der Regierung schwer beschuldigt. ES ist keine milde Sprache, die da geführt Deshalb sind sie die neue Zivil da getan haben, wird. So schreibt ein halboffizielles Blatt:.Die Schuldigen, die gestern sehr eifrig in der Erpressung von höheren Posten, von Beförderungen und Auszeichnungen waren, haben unterlassen, die nöttgen Maßnahmen zum Schutze der ruhigen Entwickelung ihres neuen Vaterlandes zu treffen; sie dürfen nicht unbestraft bleiben, und ihre Schuld nicht auf andere schieben." Und wer ist es, über den so geschrieben wird? Das ist der serbische Generalstab, das sind die halbvergötterten Häupter des siegreichen Militärs. Jawohl, sie waren es, die in der Zeit, wo die ganze Nation nur die Opfer tragen mutzte, in erster Reihe an ihren Nutzen gedacht haben. Sie haben den früheren Kriegsminister Oberst Bojowitz zur Demission gezwungen, well. er sich dagegen sträubte, daß fast alle Offiziere, selbst diejenigen, die an dem Kriege nicht teil genoinmen haben, befördert werden. Sie waren es, die ver langt hatten, man solle die neueroberten Gebiete für fünf Jahre unter ihre unbeschränkte Herrschaft stellen. J7n füllen wurde zwischen der Regierung und dem Hauptkommando, in der Tat zwischen Militarismus und Bourgeoisie, ein harter Kampf ge fuhrt um die Frage: Für wen sind die neuen Gebiete in erster Linie erobert worden V Die Bourgeoisie blieb stärker, das Hauptkommando war gezwungen, die Macht in die Hände der Zivilregierung zu legen. Und der eifrigste Streiter für die Militärverwaltung der neuen Gebiete, auch derjenige, der zum Gouverneur ernannt werden sollte, General Z. Mischitz, der bekannte Verschwörer, sollte nach dem Beschluß der Rc gierung pensioniert werden. Sie wollten sich aber doch behaupten. auf den wunderbaren Plan gekommen, Verwaltung zu kompromittieren. Was sie ist wirklicher Landesverrat. Die Regierung hatte beschlossen, 60900 Mann unter den Waffen zu belassen. Das Hauptkommando ließ alle nach Hause geben und behielt mir 29 909 Mann in den Kasernen. Die Regierung war überzeugt, daß die Arnauten Aufstände versuchen werden, und hatte befohlen, die Grenze mit ge- nügenden Kräften zu sichern. Das Oberkommando befahl, 10 090 Mann an die alte Grenze zu senden, um dort zu paradieren, und ließ au der Südgrenze auf einer Länge von 100 Kilometern nur 2900 Mann als Besatzung. Es waren fünf bis acht Tage nötig, damit diese Vvrdertruppen überhaupt unterstützt werden konnten. Das Oberkommando hat die Verkehrs- mittel desorganisiert: Telegraphen- und Telephon- verkehr wurden eingestellt, da die Militärbeamten Urlaub er- halten hatten. Die Regierung verlangte die Pensionierung des Gouver« neurs, ohne es aber bis zur Stunde durchsetzen zu können. Rasch und unerwartet sind die Arnauten gekommen. Die schwache Besatzung konnte sie nicht aufhalten. Di« Behörden verloren den Kopf, die Unterstützung kam zu spät. Man mo- bilisierte, aber das geht bei weiten? nicht so schnell wie früher. Man hat ja den Krieg satt, und jeder einzelne kommt in die Kaserne erst, nachdem er persönlich gezwungen worden ist. Es ist ein wahres Unglück. Die Regierung ist in Vor- zweiflung. Da heben aber die Militärpotentaten ihr Haupt und sagen: Na, haben wir nicht gesagt: Hätten wir die Verwaltung erhalten, dann wäre es zu diesem Unglück nicht gekommen i In der Tat l Denn dann hätten sie nicht das getan, was sie jetzt getan haben, hätten den Staat nicht desorganisiert und nicht verteidigungslos gelassen. Der Militarismus hat sich so gründlich kompromittiert und die Sozialdemokrattc wird ihre Pflicht zu tun wissen und diese Erpresser und Menschcnschlächter den breitesten Volks- Massen in ihrer wahren Gestalt vorstellen. Ein Protest der Sozialdemokrattc. Am Sonntag, den 28. September, war im Äolkshaus eine Volksversammlung zum Protest gegen die Arbeitslosigkeü von der serbischen Sozialdemokratie einberufen worden. DerAusbruch des dritten Krieges und die allgemeine Konflagratton, die, wie es scheint, auf dem Balkan bevorsteht, haben die Parteileitung bewogen, diese Versammlung in eine Protestversammlung gegen den Krieg umzu» wandeln. Die Genossen T o p a l o w i t s ch und Laptschewitsch sprachen scharf gegen die ganze Äriegspolitik der Balkanregierungen, die die Völker nie zur Ruhe kommen lätzt. Hätte man die Arnauten nicht unterjocht, sondern von der Türkenherrschaft befreit und sich selbständig entwickeln lassen, so wären die heutigen Er- eignisse nicht eingetreten. Besonders scharf traten die Redner gegen die Absicht der Regierung. Albanien wieder zu okkupieren, auf. Das würde nutzlos viele Opfer tosten und internationale Kompli- karionen hervorrufen. Könne man denn endlich nicht aus den Tat- fachen lerne» und einsehen, daß im Balkan nicht durch Kriege, sondern nur durch eine allgemeine Völkerverbrüderung die Ruhe und die Kulturentwickelung der Völker herzustellen sind? Die Versammlung war sehr stark besucht und stimmte den Aus- führungen lebhast zu. Tod eines Albanesenführers. Wien, 3. Oktober. Nach einer Meldung der.Neuen Freien Presse" aus Valona, soll der Albanesenführer Riza Bey vor Djakowa gefallen sein. Abflauen des Aufstandes. Wien, 3. Oktober. Die.Südslawische Korrespon- d e n z" meldet aus Belgrad: Amtlichen Berichten zufolge ist der Aufstand im Abflauen begriffen. Die serbischen Truppen stellten im südwestlichen Aufstandögebiete die Ruhe fast vollständig wieder her. Im Ljumagebiefi dauern die Kämpfe noch an. politilcbe deberticbr. Welfenfrage und Liebe. Während einiger Wochen im Hochsommer schien die schöne Welfenfrage eingeschlafen zu sein, wenigstens las man in der Presse nur noch selten etwas von der Anwartschaft des Prinzen Ernst August von Cumberland auf den hannoverschen Königsthron. Soweit die konservativen und liberalen Blätter sich überhaupt mit dem Prinzen und seiner„hohen Gemahlin", der„Kaisertochter", beschäftigten, beschränkten sie sich nieist darauf, das stille Eheglück des„hohen Paares" auszumalen. Seit den letzten Wochen aber hat sich wieder ein recht med- sicher Spektakel in der bürgerlichen Presse eingestellt; denn je näher der Augenblick heranrückt, in dem der Bundesrat zu entscheiden haben wird, ob der Prin� Ernst August Herzog von Braunschweig werden soll, desto wütender streiten sich die Welflinge und Anti-Welslinge darüber, ob der Fahneneid, den der Prinz als preußischer Offizier geschworen hat, für die Gewährung des braunschweigischen Herzoghutes ausreicht, oder ob nicht der Prinz von Cumberland zuvor auf den hannoverschen Thron feierlichst verzichten muß. Der Strett ist höchst lustig— und zwar um so mehr, als durch die Argumente auf beideu Seiten. sowohl die schöne Theorie vom Gottesgnadentuin wie auch der liberale Ver- nunftmouarchismus recht ausgiebig verspottet werden. Ganz besonders interessant erscheint eine von den„Franks. Nachr." veröffentlichte Darstellung des zurzeit in den allerhöchsten Kreisen herrschenden Konflikts, die auf durchaus zuverlässigen Mitteilungen„erster Welfenführer" beruhen soll. Es heißt in dieser Darstellung: „Vor der Verlobung des Prinzen Ernst August mit der Tochter des Kaisers ist ein ausdrücklicher Verzicht des Prinzen Ernst August auf Hannover verlangt worden. Etwa eine Woche oder zwei vor der Bekanntgabe der Verlobung fand in Karlsruhe eine Besprechung statt, an der unter anderen Prinz Ernst August und vom Hause Hohenzollern Prinz August Wilhelm teilnahmen. In dieser Konferenz wurde dem Prinzen Ernst August ein Ver- zicht' auf Hannover nahegelegt. Sofort erhob sich der junge Welfenfürst und erklärte klar und bestimmt:„F ü r mich und mein Haus kommt in er st er Linie die Ehre und er st in zweiter Linie die Liebe." Tann verließ er das Zimmer, in dem die Konferenz stattfand. Die Verlobung wurde gefeieri und veröffentlicht, ohne daß die Frage des Ver- zichts geklärt war. Offenbar war man auf preußischer Seite der Meinung, man würde den Herzog von Cumberland um- stimmen, wenn man erst einmal persönlich mit ihm habe Fühlung nehmen können. Sz> lern die Z�ummmenkunft in Homburg vor der Höhe, zu der auch der Reichskanzler zugezogen wurde. Der Herzog behärrte auf seinem Standpunkt. Die Verlobung und die Heirat seines Sohnes hätten mit der Politik nichts zu tun. Sein Sohn könne die Krinzessin Victoria Luise heiraten, auch wenn er nicht auf den braunschweigischen Thron gelange, aber ein Verzicht auf Hannover wäre weder von ihm noch von seinem Sohn ausgesprochen worden. Tie ganze Art der Ver- handlungssührung war von preußischer Seite durchaus unklar, auch der Reichskanzler hat in Homburg v. d. Höhe durchaus keine Klarheit geschaffen. Doch nahm man auf weifischer Seite an, daß alle staatsrechtlichen Schwierigkeiten behoben seien und der Thronbesteigung des Prinzen Ernst August ohne Verzicht auf Hannover nichts mehr im Wege stände. Dann kam die Ver- öftentlichung des Briefes des Prinzen Ernst August an den Reichskanzler. Der Bridf war ans Veranlassung des Reichs- kanzlers geschrieben worden, der hoffte, mit diesem Brief die öffentliche Meinung beruhigen zu können. Der Herzog von Cumberland und Prinz Ernst Ibugust haben dem Reichskanzler gegenüber aber keine Unklarheit gelassen, daß dieser Brief keinen Verzicht des Prinzen auf Hannover darstelle und nicht darstellen solle. Der Brief enthalte nicht anderes, als das, was man schon bei früheren Gelegenheiten zu erklären bereit war und erklärt habe. Ter Reichskanzler teilte diesen Standpunkt. Des- halb empfand man die Auslegung des Briefes in der offiziösen Press«, als ob der Prinz einen Verzicht, wenn auch nicht in aller Form, so doch in der Sache, ausgesprochen habe, als eine BrüSkiergng. Hierdurch erklärt sich die damals einsetzende scharfe Tonart der Weifen. Ter Herzog habe zu den Welfenfiihrern gesagt, er rechne heute mehr als je auf ihre Treue und ihre weitere tatkräftige Unterstützung. DieKundgebungen von westfi scher Seite seien in vollständiger Sinnes- Übereinstimmung mit dem Herzog von Cumbcr- land erfolgt. Als dann allerdings der scharfe Ton in der welfischen Presse zu lange angehalten, habe der Herzog von Cumberland den Welsen führcrn nahegelegt, nunmehr mildere Saiten aufzuziehen, da der welfische Standpunkt jetzt auch vor der Oefientlichieil klargelegt sei. Nun komme es darauf an, dem Reichskanzler goldene Brücken zu bauen, damit es ihm ge- llllge, im Bundesrat eine Mehrheit für die Aufhebung der. he- kannten BundcSratsbeschlüsse zu finden." Mait sieht, der Prinz Ernst August voll Cumberland hat Grundsätze. Erst das Geschäft, dann das Vergnügen! Was ging da vor? In Thüringen fand in diesen Tagen eine große militärische Uedung statt, zu der nur R c s e r v i st e n und Landwehr- leute herangezogen waren. Es wurde eine kriegsstarke, gemischte, das heißt aus allen Waffengattungen bestehende Brigade gebildet und wie gesagt nur aus Mannschaften des Beurlaubtenstandes. Die Uebung dauerte mehrere Tage und lvurde so„kriegsmäßig" wie nur irgend denkbar durchgeführt. Es sollte die Leistungsfähigkeit der Reservisten und Landwehrleute ausprobiert werden. Davon sollte aber die Oeffentlichkeit so wenig als möglich erfahren. Unser o t h a e r Parteiblatt erhielt folgenden charakteristischen Brief deS dortigen Regimentskommandos: 6„ Thüringisches Infanterie- Regiment Rr. V6 Tgb. Nr. S1S0. Gotha, den 27. S. 1S13. Dem„Gothaer Volksblatt" Gotha. Die Uebung der Reservebrigade ist als„geheim" zu betrachten. ES ist deshalb unstatthaft, daß irgendwelche Er» wähnung von der Uebung in der Presse stattfindet. In Abwesenheit des Regimentskommandeurs Graf von Finden st ein, Oberstleutnant beim Stabe. Wir wollen hier nicht weiter über die sonderbare An- maßung des Regimcntsstabes, der Presse Vorschriften zu machen, reden. Derartige Dinge sind im Kulturstaate Deutschland nichts Neues, und die unabhängige Presse wird ich nicht wie ein Zug Rekruten bevormunden lassen. Die Folge der Geheimniskrämerei ist aber, daß über den Ausgang dieser Brigadeübung die tollsten Gerüchte im Umlaufe sind. Das„Gothaer Volksblatt" schreibt darüber: „Offene Anfrage an die Militärbehörde! Wir glauben im Interesse der Militärbehörde darauf hin- weisen zu müssen, daß die schlimmsten Gerüchte zurzeit im Umlauf sind. Es zirkulieren Meldungen, wonach schreckliche Vorkommnisse während der Reserveübungen passiert sein 'ollen. Wir ersuchen deshalb die Militärbehörde um Auf- schluß über folgende Fragen: Ist es Tatsache, daß 18 Manu gestorben und 399 bis 359 Mann im Lazarett liegen? U n d t r i f f t e s SU, daß die Unfälle auf Ueberau strengung im Dien st e zurückzuführen sind? Wenn auch auf diese Anfrage keine erschöpfende Ant- wort erfolgen sollte, da man es nicht für nötig zu halten scheint, die Oeffentlichkeit über die alarmierenden Gerüchte aufzuklären, so wird jedenfalls im Reichstag Antwort ver- langt werden müssen! Von zurückgekehrten Reservisten und Landwehrleuten wurden uns schon gestern abend und heute jn den Morgenstunden dje ungeheuerlichsten Dinge erzählt! Wir werden in den. nächsten Tagen eingehender über die R es e r v e- B r i g a d e m a n ö v e r berichten. Für heute mag genügen, daß uns vier Todesfälle bestätigt worden sind! Hunderte von Erkrankten sind noch nicht entlassen worde n." Wir erwarten, daß auch das Kriegsministerium die„Kriegsmäßigkeit" nicht soweit treibt, die Folgen dieser Brigadeübung mit dem Schleier des Dienstgeheimnisses zu umkleiden. Aus dem Bundesrat. In der gestrigen Sitzung des Bundesrats wurde die Wahl der Bundesstaaten in die Ausschüsse III bis XI vollzogen. Den zuständigen Ausschüssen wurden überwiesen der Antrag Bayerns, Württembergs, Badens und Elsaß-Lothringens, betreffend den Entwurf eines Gesetzes über die Aenderung dcS Zollvereinigungs- vertrags vom 3. Juli 1367, der Entwurf eines Gesetzes über die Wiederaufnahme eines Disziplinarverfahrens, der Entwurf von Bestimmungen über die Herstellung von Zigarren usw. in der Heimarbeit, der Entwurf von Äusführungsbestimmungen zu § 107/1 des Branntweinsteuergesetzes, der Entwurf von Aus- führungsbestimmungen über die Gewährung von Beihilfen an Kriegsteilnehmer und der Entwurf von Vorschriften zur Abände- rung der Vorschriften über den Befähigungsnachweis und die Prüfung der Maschinisten auf Seedampfschiffen. Zugestimmt wurde der Aenderung der Zuckersteuer-Ausführungsbestimmungen, dem Antrage, betreffend Ausführungsbestimmungen zum Reichsstempel- gesetz vom 3. Juli 1913 und der Vorlage, betreffend die Amtsdauer der gegenwärtigen nichtständigen Mitglieder des Reichsverfiche» rungsamts aus oem Stande der Arbeitgeber und der Versicherten. Meinungsänderung auf Wunsch. Kommenden Sonnabend und Sonntag versammelt sich die nationalliberale Reichstagsfraktion in Wiesbaden. An- geblich handelt es sich nur um eine völlig zwanglose Zu- sammenkunft. Daß dieses Beisammensein jedoch keineswegs so gleichgültiger Natur ist, erhellt aus der folgenden Be- merkung des„Hannoverschen Kurier": .Auf der zwanglosen Herbsttagung der nationalliberalen Reichstagsabgeordneten, die sich an diesem Sonnabend und Sonnlag zusammenfinden, soll bekanntlich auch die Frage eines besseren Schutzes der Arbeitswilligen er- örtert werde n." Die Erörterung einer Frage von dieser Tragweite kann man nicht gut als eine gleichgültige Sache betrachten. Ms der Zuchthausgesetzantrag der Konservativen im Reichstage zur Abstimmung kam, stimmten Ii) Nationalliberale dafür. Die Folge dieser Abstimmung war, daß die Nationalliberalen vor den Vertretern der Schwerindustrie in der allerheftigsten Weise angegriffen wurden. Wie es scheint, hat diese Kritik dazu beigetragen, die Nationalliberalen zu bekehren und den Wünschen der Scharfmacher Rechnung zu tragen. Es ist ziemlich wahrscheinlich, daß manche der würdigen Vertreter des Nationalliberalismus im Reichstage, um sich die Gunst und die Subventionen der scharfmacherischen Großindustriellen zu erhalten, eine kleine Meinungsänderung vollziehen werden. Ter temperamentvolle Erzbischof. Herr v. Hartmann, der neue Erzbischof von Köln, hat bei seinem Amtsantritt den lebenslustigen Rheinländerinncn mahnend zugerufen, nichr in gewischten Chören zu singen. Der nächste Kölner Karneval wird zeigen, wie weit diese Warnung des Kirchen- fürsten Erfolg hat. Jetzt hat der Erzbischof auch in Essen eine flammende Ansprache für die Wahrung der Frauenwürde gehalten. Nach den Berichten der Zentrumspresse lautet sie: „lind nun noch ein Wort, und dieses Wort richte ich an alle, die hier zugegen sind: Haltet hoch die Frauenwürde! Haltet hoch die Frauenwürde, die heutigen Tags in den Kot getreten wird von einer liederlichen Presse, von einer irregeleiteten Kunst, in den Kot ge- trete n bon den Aposteln des Unglaubens. Die Kunst soll heute alles rechtfertigen. Man sagt, die süßliche Art und Weise, wie man früher gemalt habe, könne man nicht mehr mitmachen. Die erhabensten Ideale sind dargestellt in der christlichen Kunst, und statt dieser erhabensten Ideale, die die Malerei auf die Leinwand gezaubert hat, bringt man jetzt aus die Leinwand die allergemciuste und niederträchtigste Sinnlichkeit. Die Frau wird entwürdigt durch die Kunst, durch die schlechte Presse, sie wird auch entwürdigt vielfach durch die schamlose Kleidung, die sich breitmacht. Würde man es wagen, die Produkte der Kunst, die heute feil- geboten werden, die Kleidung, die sich heute breitmacht, vor den Augen der Gottesmutter auszubreiten?" Der Erzbischof wird gut. tun, seine Ansprache über die schäm- lose Kleidung zu wiederholen, wenn er gelegentlich einen Besuch bei Hofe macht. Die Kunstgeschichte scheint er weniger zu kennen, als die moderne Mode, sonst müßte er wissen, daß niemals das Weib in tieferer Sinnenfreude aus die Leinwand gezaubert wurde, als in der mittelalterlichen Blütezeit des Katholizismus. Ein Rundgang im Vatikan könnte Se. Eminenz darüber belehren. Eine neue Partei hat sich in Baden gebildet. Die reichsparteilichen Vereine in Karl«- ruhe und Freiburg haben sich zu einer„Badischen Reichspartei" zu- sammenge, chlosscn. In-inigen Landtagswahlbezirken, so u. a. auch in Karlsruhe hat die neue Partei sogar Kandidaten für die Land- tagSwabl aufgestellt. Wieviel Mitglieder die neue Partei schon hat, wird nicht verraten. Vielleicht einige Bäckerdutzend? Sicherheitsmaßnahmen für den Ueberseeverkehr. Nach der schrecklichen„Titanic"-Katastrophc wurde überall die Frage erörtert, ob die Sicherheit auf den Passagierschiffen über- Haupt den zu stellenden Ansprüchen genüge. Das mußte verneint werden, und es erstand die Aufgabe, durch gesetzliche Vorschriften diese Sicherheit zu erzwingen. Wie Wolffs Telegr. Bureau mit- teilt, fand gestern im Reichsamt des Innern die abschließende Kon- ferenz zur Beratung der Sicherheitsmaßnahmen für die über- sceischc Personenbeförderung statt, an der neben den.Kommissaren der beteiligten Reichsämtcr und preußischen Ministerien sowie der nachgeordneten Reichsbchörden.Vertreter der Bundesregierungen und der bereits an den Konferenzen vom 6. Mai und 28. Oktober 1912 beteiligt gewesenen Körperschaften und Vereine teilnahmen. Wie im Eingange der Verhandlung mitgeteilt wurde, hat die großbritannische Regierung inzwischen die Einladungen zu der internationalen Konferenz in London, für deren Beginn der 12. November 1913 in Aussicht genommen ist, mit folgendem Programm ergehen lassen: 1. Di« Grundsätze über die Gegenseitige Anerkennung der Zertifikate und der Vorschriften über die Sicherheit auf der See. 2. Die Grundsätze über die Schotten und wassendichten Abteilungen sowie die Grundsätze über die Kon- struktion von Schiffen bezüglich des Schiffskörpers, der Ausrüstung «d der Maschinen. 3. Die Grundsätze über die an Bord zu führen- J den Rettungseinrichtungen, Bootsthpen usw. und Anordnungen über s die Ueberwachung, Verftauung, Niederlassen und Handhaben der Boote und anderer Rettungseinrichtungen. 4. Die Grundsätze über die Kontrolle der Schiffahrt und des Sicherheitsdienstes einschließlich der drahtlosen Telegraphie, Signale, Hilfeleistung in Seenot, Eis- und Wrackmeldungen, Dampferrouten usw. Mit Rücksicht auf das nunmehr vorliegende Programm und im Hinblick auf die in der Zwischenzeit erfolgte Stellungnahme fremder Staaten zu den auf der Konferenz zu erörternden Fragen erschien es erwünscht, die an den Vorkonferenzen vom 6. Mai und 28. Oktober 1912 beteiligt gewesenen BeHorden und Körperschaften nochmals gutachtlich zu hören zu dem Zweck, um sich nunmehr endgültig über die Stellung- nähme der deutschen Delegierten auf der Londoner Konferenz schlüssig zu machen. Sämtliche auf der internationalen Konferenz zu erörternden Fragen wurden nochmals einer eingehenden Be- sprechung unterzogen und über alle Punkte der umfangreichen Tagesordnung ein Einverständnis der Versammlung erzielt. Senatorengehälter und Arbeitslosenfürsorge. Die Hamburger Bürgerschaft hatte am Mittwoch auf ihrer Tagesordnung einen sozialdemokratischen Antrag, worin Bürger- schast und Senat ersucht werden, Maßregeln gegen die Arbeits- losigkeit zu treffen. Zur Beratung dieses Antrages kam eS nicht, weil vorher ein Antrag der rechtsstehenden Parteien eingebracht war, die Honorare der rechtsgelehrten Senatoren von 2S009 auf 30 000 M. und die der kaufmännischen Senatoren von 12 000 auf IS 000 M. zu erhöhen. Die Debatte über diesen Antrag füllte den größten Teil der Sitzung aus, so daß für die Arbeitslosen keine Zeit mehr blieb. Eigenartig war die Begründung für die Er- höhung der Senatsgehälter. Der Antragsteller Dr. A l b r e ch t berief sich auf die verminderte Kaufkraft des Geldes und die er- höhten Ansprüche in der Lebenshaltung, ließ aber auch durch- blicken, daß diese Gehaltserhöhung den Senat darüber hinweg- trösten würde, wenn die Bürgerschaft in dieser oder jener Frage (Universitätsvorlage?) seinen Wünschen nicht folgen würde. Die sozialdemokratische Fraktion ließ durch Genossen Stalten ihren ablehnenden Standpunkt vertreten. Genossen Stalten ent- fesselte verständnisvolle Heiterkeit im ganzen Hause, als er aus- führte, der Hamburger Senat(der 18 Mitglieder zählt) sei zu vielköpfig, um nur aus wirklich hervorragenden Männern zu be- stehen. Es seien zu viel Durchschnittskräfte dazwischen, für die sich eine solche Honorarerhöhung nicht rechtfertigen ließe. Man möge den Senat zunächst einmal reorganisieren, die Zahl seiner Mit- glieder herabsetzen und die Verwaltung vereinfachen, die heute so schwerfällig sei, daß ihr gegenüber sogar die preußische noch als Muster dienen könne. Dann macht« Stalten weiter darauf auf- merksam, daß beinahe der Antrag den Eindruck mache, als wolle man nach dem Beispiel einiger süddeutscher Staaten den regieren- den Herren das Opfer des Wehrbeitrags zurückvergüten. Die Sozialdemokraten lehnten den Antrag rundweg ab. Auch die Vereinigten Liberale,: verhielten sich ablehnend. Ihr Fraktionsredner Dr. Petersen, Sioltens Gegenkandidat bei der ReichStagsersatzwahl im ersten Wahlkreis, schloß sich in vielen Punkten der Kritik Stoltens an. Solange die unteren Beamten tatsächlich Not leiden müßten, werde seine Partei sich nicht daran beteiligen, dem Sengt Geschenke darzubringen. Anders verfuhr die Linke, die Fraktion des„mittleren" Bürgertums. Ihre Redner bettelten um die Unterstützung der Mittelstandswünsche durch den Senat und waren dafür bereit, die Gehaltserhöhung zu bswilligen. Diese wurde dann auch mit Zweidrittelmehrheit— gegen Sozialdemokraten und Liberale angenommen. Der A r b c i t s l o s e n a n t r a g soll am 13. Oktober zur Be- ratung kommen. Er fordert beschleunigt« Inangriffnahme staat- licher Arbeiten, Bereitstellung eines Unterstützungsfonds für Ar- beitslose, Speisung bedürftiger Schulkinder, reichsgesetzliche Rege- lung der Arbeitslosenversicherung. Von verschiedenen bürgerlichen Fraktionen sind dazu noch Ergänzungsanträge gestellt. Tie mecklenburgische Berfassungspofse. Ein neuer Akt der endlosen Posse beginnt. Wie die„Landes- zeitung" mitteilt, ist von den beiden Grotzherzogen von Mecklenburg die Wiedereröffnung der Verhandlungen des außerordentlichen Land- tages auf Montag, den 20. Oktober, festgesetzt worden. Die Ver- Handlungen finden wieder in Schwerin statt und betreffen die bekannten Verfassungsvorlagen vom Frühjahr dieses Jahres. Eine Ostafrika-Neife. In Daressaalam findet im nächsten Jahre eine Deutsch-ost- afrikanische Landesausstellung statt, zu deren Besuch das Komitee die Mitglieder des Reichstages eingeladen bat. Die beteiligten Dampferlinien haben die Herabsetzung der Fahrpreise für die Aus- stellungsbesucher und die Entsendung von Extradampfern in AuS- ficht gestellt, wodurch sich, wie das Komitee versichert, die Kosten der Reise verhältnismäßig billig stellen würden. Den Besuchern soll gleichzeitig die Möglichkeit geboten werden, durch die Benutzung der Tanganikabahn das Innere des Landes kennen zu lernen. Oertemieb. RüstungSfolge». Der soeben erschienene Bericht der Gewerbeinspektoren erklärt, daß gewissen Industrien, wie die Heimarbeit der Textil- und Spitzenindustrie im Norden, fast jede Erwerbs- Möglichkeit verloren haben und daß nur jene Unterneh- mungen verschont blieben, welche vom Militärärar zur Lieferung der Heereserfordernisse herangezogen wurden. Von überall werden kolossale Betriebsreduzierungen und Arbeiterent- lassungen— noch aus der Zeit der allgemeinen Hochkonjunk- tur!— berichtet. Als eine andere Folge der Rüstungsära ist ein Erlaß der böhmischen Landesregierung anzusehen, der die Bezirkshauptmann- schaffen zu verschärfter Ueberwachung der Arbeiterorganisationen auffordert, da sich ein st a r k e r Antimilitarismus in den zahlreichen Desertionen äußere. Man vergißt dann den praktischen Antimilitarismus der Regierung, die Familienväter monatelang an der Balkangrenze den Parademarsch üben läßt und die im Begriff ist, das erst vor kurzem auf 212 000 Mann erhöhte Rekrutenkontingent um 40 000 Mann und den Mannschaftsstand der Marine auf 27 000 Mann zu er- höhen. Zmenka. Eine neue Lockspitzelkampagne. Indianapolis, 2. Oktober. Der Schatzmeister der Metallarbeiter, Harry O o n e s, ist unter der Be- schuldigung der Verschwörung verhaftet worden. Es heißt, daß er in die Angelegenheit des in New Jork ver- hafteten Davis verwickelt ist. Die Verhaftung erfolgte aus Veranlassung eines Privatdetektivs, der Oones be- schuldigt, mit 80 anderen Metallarbeitern Dynamit be- fördert zu haben, um das Anwesen der American Bridge Company in die Lust zu sprengen. Der Staatsanwalt hat eine Liste über 12 Dynamitattentate und ähnliche Verbrechen aufgestellt, welche durch die Geständnisse Davis' ausgedeckt sein sollen. Diese Enthüllungen sollen viele ge- heimnisvollc Verbrechen gegen das Eigentum, die in den letzten Jahren vorgekommen sind, aufklären. Soziales. Fünfter Preußischer Fortbildungsschultag. In der Zeit vom 1. bis 3. Oktober tagte in Altona der Fünfte Preußische Fortbildungsschultag. Er ist von etwa 500 Schuldirek- toren, Lehrern, Bürgermeistern und anderen Verwaltungsbeamten besucht. Am Donnerstag beschäftigte sich der Kongreß mit dem wichtigen Thema: Die Fortbildungsschule für ungelernte Arbeiter. Oberbürgermeister Dominikus(Berlin-Schöneberg) hob als Referent hervor, daß in Preußen etwa 300 000 ungelernte jugend- liche Arbeiter utld Arbeiterinnen vorhanden sind, für deren Fort- bildung nur in geringem Matze gesorgt ist. Unter 400 000 Schülern der Fortbildungsschule sind nur 84 000 ungelernte Arbeiter. Von 57 großen Städten init mehr als 60 000 Einwohnern haben 16 den Foxtbildungsschulunterricht für Ungelernte noch nicht eingeführt, darunter sogar Städte, wie Dortmund, Hannover, Halle, München- Gladbach und Potsdam. Die Fortbildung und Erziehung gerade dieser Ungelernten sei besonders notwendig, da sie nicht unter der Aufsicht ciues Lehrmeisters stehen, schon frühzeitig Geld verdienen müssen und deshalb auch Geld unbedachterweise ausgeben können und als Kinder der Aermsten moralischen Anfechtungen besonders stark unterworfen seien. Es sei allerdings sehr schwierig, die Fort- bildungsschule so zu gestalten, daß sie sich für diese Zwecke richtig eigne, weil die Beziehungen zu einem bestimmten Berufe fehlen und die Arbeiter in ihren Arbeitsstellen außerordentlich wechseln. Dennoch sei es dringend notwendig, einen bestimmten Lehrplan auf- zustellen, der sich entweder nach den verschiedenen Branchen oder, wenn dies nicht möglich, nach der verschiedenen_ Begabuna der Schüler zu richten habe. Großes Gewicht sei auf die Auswahl des Lehrermaterials zu legen, Apostelnaturen brauche man da. Es empfehle sich, auch Männer aus der Praxis mit hinzuzuziehen, Ge- Werberichter, Versicherungsanitmänner usw. Der Turnunterricht müsse für alle Fortbildungsschülcr obligatorisch eingeführt werden. In 85 Gemeinden sei das schon geschehen. Auch Schulärzte sollten bei den Fortbildungsschulen eingeführt werden. Jetzt, wo offiziell die Jugendpflege mit der Fortbildungsschule verbunden worden sei, bestehe wohl die Gefahr, daß sich BureaukratiSmus und Schablonen- arbeit breitmache. Dem Müsse entschieden entgegengewirkt werden. Staat, Gemeinden, Lehrerschaft und Unternehmertum sollten ge- meinsam zur Erreichung des FortbildUngSschulzwangeS für unge- lernte Arbeiter wirken.(Beifall.)... In der Debatte klagte Direktor Fechner-Berlin darüber, daß immer noch viele ungelernte Arbeiter Schwierigkeiten auf den Ar- beitsstcllen haben, wenn sie die Fortbildungsschule besuchen sollen. An kleineren Orten, die hauptsächlich eine Industrie haben, sei es leicht, einen Lehrplan auch für Ungelernte aufzustellen, da gewöhn- lich alle Schüler derselben Branche angehören. Schwieriger sei es in den Großstädten, wo die Arbeiter von Betrieb zu Betrieb, von Branche zu«Branche gehen. Die Jugendpflege müßten Leute i» die Hand nehmen, die auch soziales Empfinden hübeil.— Direktor Gantcnbcrg-Duisburg schildert die überaus schwierigen Verhält- nisse im Jndustriebezirk, wo man es mit einer bunt zusammen- gewürfelten, wenig seßhaften Bevölkerung zu tun hat. Die Unter- nehmcr hätten für die Fortbildung der ungelernten Arbeiter fast gar kein Interesse. Deshalb müsse besonders unter den Unter- uehmern und auch unter den Arbeiterorganisationen für den Ge- danken Propaganda gemacht tperden.— Oberbürgermeister Cuno- Sagcn betonte, daß große Schwierigkeiten gegeben seien, weil der Bergbau der Gewerbeordnung nicht unterworfen sei. Solange sich die Bergherren widersetzen, sei es kaum möglich, die andere"In- dustrie in jenem Bereich für die Fortbildungsschule zu gewinnen. Viele Gemeinden hätten den Schritt zur Schulpflicht wieder zurück- machen müssen, weil dadurch die Industrien am Orte geschädigt worden seien. Es empfehle sich deshalb ein gemeinsames Vorgehen innerhalb eines ganzen Bezirkes. Man solle sich den Interessen der Industrie eng anschließen und die Schulzeit der wechselnden Kon- junktur usw. möglichst anpassen. Es empfehle sich auch, die Schul- räume in die Fabriken hinein zu legen.— Geheimrat Dr. von See- seid vom Handelsministerium wies auf den§ 120 der Gewerbeord- nung hin, durch den die Gemeinden von der höheren Verwaltung?- behörde zur Einführung des Fortbildungsschulzwanges gezwungen werden können. Davon sei zwar noch kein Gebrauch gemacht wor- den, der Paragraph habe aber schon Gutes gewirkt. Die Kurse zur Ausbildung nebenamtlich beschäftigter Lehrer hätten sich bewahrt. Es wurden darauf folgende Thesen angenommen: 1. Die jugeiidlichen ungelernten Arbeiter sind von der gesamten gleichaltrigen Jugend des Volkes am meisten gefährdet; sie bedürfen daher der größten Aufmerksamkeit der öffentliche» Verwaltungen und der privaten Fürsorge. 2. Für die jugendlichen ungelernten Arbeiter ist die Pflicht- fortbildungsschule eine unbedingte Notwendigkeit. 3. Der Unterricht für die ungelernten Arbeiter ist mangels der für die übrigen Schüler der Pflichtfortbildungsschule vorhandenen engen Beziehungen zu einem bestimmten Berufe besonders schwie- rig; es sind deshalb für diesen Unterricht die Lehrer besonders sorgfältig auszuwählen. 4. Entsprechend der besonderen Gefährdung deS ungelernten Arbeiters ist die Stärkung der sittlichen Tüchtigkeit des ungelernten Arbeiters eine spezielle Aufgabe des Unterrichts. 5. Für die ungelernten Arbeiter ist die Llnglioderung einer in- tensiven und liebevollen Jugendpflege an den Pflichtuntcrricht der Fortbildungsschule von ganz besonderer Bedeutung. Die gut gemeinten Thesen nützen recht wenig, solange nicht der Fortbildungsschulunterricht obligatorisch eingeführt ist. Er kann heute nach Z 120 G.O. durch die Gemeinden(Gemeindestatut) obli- gatorisch gemacht werden. Aber die Gemeinden stehen zum großen Teil unter schädlichem Einfluß einiger Agrarier und Groß- industrieller, denen nicht an Fortbildung der jugendlichen Arbeiter, sondern an deren Ausbeutung gelegen ist. Vergeblich versuchten die Sozialdemokraten dem Belieben der Gemeinden die Einrichtung des Unterrichts zu entziehen. Gerade das preußische Handels- Ministerium widerstrebte, Schulter an Schulter mit den Vertretern der agrarischen und großindustriellen Interessen aus der national- liberalen, Zentrums- und konservativen Partei, diesem Vorschlag und hielten dadurch der Jugend das Recht auf Erziehung vor. Hetzte Nadirfchten* Die Zolltarifreform im Repräsentantenhause. Washington, 3. Oktober.(W. T. B.) DaS Repräsentantenhaus hat heute dem Bericht dos Konferenzkomitees über die Tarifbill zugestimmt. Nachdem der Speaker es unterschrieben hatte, ist daS Schriftstück dem Senat zugestellt lvorden, von welchem es an den Präsidenten iveitergegangen ist, dieser will es heute abend um 9 Uhr unterschreiben. Der neue Tarif tritt morgen in Kraft, doch werden die Abgaben augenblicklich' nach den alten Sätzen festgesetzt, um die Einfuhr nicht zu verzögern. Die erforderlichen Bctichti- gungen werden später vorgenommen. Eine Strafexpedition. Melbourne, 3. Oktober.(W. T. B.) Nach Meldungen aus Neuguinea hat eine Patrouille acht Anführer der Eingeborenen, die den Mineralogen Werner, einen Teutsch-Amcrikaner, ermordet und aufgefressen hüben, verhaftet. Die Patrouille hat, da sie bei der Verhaftung der Papuas auf Widerstand stieß, vier Eiugeboreap erschossen und mehrer« verwundet. Seltenes Ansebof für die neue Wohnung •üuelse zurQckgeaetit« Teppiche elozeloc zurück ff esetxte Portieren 900 Fenster Gardinen u. 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Die Herren Schiffer und Otte liesten sich von der Versammlung den Auftrag geben, an die Fabrikantenvereinigung ein Schreiben zu richten! In diesem wird unter anderem gesagt, dast ein Teil der Fabrikanten bis jetzt überhaupt jede Verhandlung über die Lohnsrage ablehnt, ein weiterer Teil jede Lohnerhöhung ablehnt, ein dritter Teil der Fabrikanten nur minimale Zugeständnisse gemacht hat und der Rest sich mit den Arbeitern geeinigt hat. Es wird dann weiter gesagt, dast der Vorbehalt der Zustimmung, den dl- Fabrikanten- Vereinigung macht, den getroffenen Vereinbarungen zuwiderlaufe und dast man den Eindruck habe, als ob die Unternehmervereinigung sich zu einem neuen Kampf vorbereitet. Unter diesen Umständen behalte der christliche Textilarbeiterverband sich ausdrücklich die Zustimmung zu den noch erfolgenden Lohnveränderungen und den jederzeiligen Rücktritt von der Zustimmung zu den Vorschlägeu der Fabrikanten- Vereinigung vom 27. Juli d. I. vor. Nun kann event. die Komödie von neuem beginneu. Im stillen werden die Herren Schiffer und Otte beten: Herr ist es möglich, so nimm diesen Kelch von mir!_ Schiffer will klage»! Der Zentralvorstand christlicher Textilarbeiter Deutschlands teilt mit, dast der Vorstand sich am Dienstag in einer neunstündigen Sitzung mit dem Anklagematerial der Broschüre des Herrn R ö h« l in g gegen den Voisitzenden des Verbandes, Herrn S ch i s f e r. beschäftigte. Nach einer eingehenden Prüfung der gegen den Zentral- Vorsitzenden gerichteten Anklage kam der Zentralvorstand einmütig zu der„bestimmten und ehrlichen Ueberzeugung", dast diese Anklagen voll ungeheuerlicher Verdächtigungen, vollständig haltlos seien. Um jedoch möglichst volle Klarheit zu schaffen, billige und unterstütze der Zentralvorstand den Entschlust seines Vorsitzenden, gerichtliche Klage gegen den Verfasser der Schrift wie auch gegen die fatzbaren Weiter- Verbreiter der verleumderischen Broschüre anzustrengen. Der Zentral- vorstand wird seinerseits ebenfalls den Klageweg gegen jene Roh- lingschen Behauptungen beschreiten, die für den gesamten Zentral- vorstand beleidigend sind. Husland. Trohcndc Aussperrung in der englischen Baumwollindustrie. London, 2. Oktober 1913.(Eig. Ber.) Der Verband der Spinnereibesitzer hat beschlossen, alle seine Mitglieder aufzufordern, ihre Arbeiter am 25. Oktober auszusperren, wenn nicht bis dahin der seit sechs Wochen dauernde Kampf in der Fabrik Beehive zu Bolion beigelegt ist. Die dem Verband an- geschlossenen Arbeitgeber haben 40 Millionen Spindeln im Betrieb, beschäftigen gegen 100 000 Arbeitskräfte und verfügen über ein Kapital von über 40 Millionen Pfund Sterling. Voraussichtlich werden die Arbeitgeber der von ihrem Verbände ausgegebenen Parole wie bei früheren Gelegenheiten folgen. Ein oder zwei Wochen nach dem Beginn der Aussperrung würde eS an Garn mangeln, was zur Folge haben würde, dast auch die Webereien zum Stillstand kämen. Sir Charles Maeara, der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes, erklärt, dast die Industrie seit 20 Jahren nicht vor einer so schweren Krise gestanden habe. Bei dem Streik in der Fabrik Beehive zu Bolton, der den Arbeitgebern als Vorwand zu der Aussperrung dient, handelt es sich um einen tyrannischen Aufseher in der Werkstätte I der Fabrik, dessen Entlassung die Arbeiter fordern. Die Arbeitgeber geben von der Angelegenheit folgende Darstellung: Vor dem Ausbruch des Streiks(13. August) sand eine Konferenz der Vertreter des Spinnerverbandes und des Arbeitgeberverbandes statt, auf der die Anklagen gegen den Aufseher geprüft und als nicht be- wiesen befunden wurden. Die Vertreter der Arbeiter verpflichteten sich, den Angestellten der in Betracht kommenden Firma dringend zu empfehlen, die eingereichten Kündigungen zurückzuziehen. Der Streik brach aber dennoch aus. Am 15. August beschlossen dann die Arbeit- geber der Stadt Bolton eine Resolution, in der erklärt wurde, dast dieser Vorfall die gemeinsame Aktion aller Arbeitgeber nötig mache. Der Dringlichkeitsausschust des Verbandes der Spinnereibesitzer schloh sich dieser Resolusion an und ernannte ein Komitee mit voller Machtbefugnis, das alle Schritte tun sollte, um den Konflikt in der Fabrik Beehive wie die vielerorts herrschenden Streitigkeiten über schlechtes Spinnen beizulegen. Die letzte Frage wurde zwischen den Vertretern der Arbeiter und Arbeitgeber in zufriedenstellender Weise geregelt, doch gelang es den Vertretern des Arbeiterverbandes nicht, die streikenden Arbeiter in Bolton zu be- wegen, die Arbeit wieder aufzunehmen. Die Vertreter der Spinner erklärten, dast die Streikenden von dem Gesamtverband nicht unter- stützt werden würden, dast sie aber nicht sagen könnten, ob der Spinnerverband von Bolton, der dem Gesamtverband angeschlossen ist, den Streikenden beistehen werde. Nach anderen Darstellungen hätte der Kampf, der von dem Ar- beiterverband autorisiert worden ist, beendet werden können, wenn sich die Arbeitgeber nicht gleich auf das hohe Pferd gesetzt hätten. Während der zuletzt erwähnten Verhandlungen ver- pflichteten sich die Arbeitervertreter, den Streikenden zu empfehlen, die Arbeit unter der Bedingung wieder aufzunehmen, kleines feuilleton. Die Jahrmarktszeitung. Das hat uns gerade noch gefehlt! wir haben noch nicht genug Schmücke und Sensationsmacher und Strastenbrüller. Nun hat auch noch der amerikanische Zeitungs- könig— aber sein Thron steht auf den Köpfen der Uankees— der New Aorker Hearst, eine Filiale seines Nachrichtenbetriebes in Berlin aufgemacht und liest ein und ein halbes Pfund bedrucktes Papier für zehn Pfennige vertreiben. Was wollte er?— Propaganda machen für eine Beteiligung der Deutschen an der Weltausstellung in San Franzisko. Aber darüber liest sich reden. Wie aber haben sie es gemacht?— In einer Art, die zeigt, wohin wir kommen, wenn wir nicht bei uns zu Hause die Zeitungsläden sorgfältig überwachen. Gegen diese Burschen ist ja Scherl ein wissenschaftliches Fachblatt und der österreichische Journalist ein stiller Stubenhocker! Da sind über einer Arbeit erst einmal 38 Ueberschriften, und die Artikel lausen in sechs verschiedenen Spalten nebeneinander her. Und was für Artikel I Wahl- und lieblos hat man Musiker, Schrift- steller, Schmöcke, dekorative Nullen aufgefordert, über ei» Thema zu schreiben, das sie allesamt nicht verstehen. Und die geschmeichelten und pholographierten Deutschen krochen auf den Leim, liesten sich drucken und abbilden und inerkten nicht, wie mästig geschickte Unter- nehmer ihnen den Gratisbesuch einer Jahrmarktsbude versprechen. um die Besucher dann selbst auszustellen. Nur ganz wenige haben in eigener Sache gesprochen. Die anderen sind nach dem bewährten Prinzip gefangen worden, das da besagt, die Eitelkeit sei immer noch gröster als die Fachkenntnis. Aber die Aufmachung ist richtig so. Sie zeigt unS den Weg. Denn das Ganze mit seinen Bum-Bum-Annoncen und seinen dumnien Schlagworien und fett gedrucktem Schwatz ist nur eine Steigerung dessen, was immerhin die noch einigermasten gewissenhaften deutschen Zeitungsleute nicht gewagt haben. Ob unser Publikum heute schon mitgeht, ob der Boden so eine Sumpfblüte schon verträgt, wird sich zeigen. Aber man sollte so ein Papier, das voll ist von Entstellungen, Prahlereien und oberfläSlichem Geschrei in Deutschland nur so her- stellen, wie es das verdient: perforiert. tu. Theater. Deutsches Schauspielhaus.„Satans Maske" nennt Paul Cz inner seine Einaktgroteske, die bei ihrer Erstauf- sührung am Donnerstag geradezu Sensation machte. Ort der Hand- lung: ein Theaterbureau. Im Austakt: eine Bockbeinigkeitschose. Fräulein Soundso hat geschrieben: sie werde abends nicht spiele», weil sie krank sei. In Wahrheit verhält eS sich anders. Nur weil der Verfasser des betreffenden Stückes, mit dem sie eine Liebelei hat, nichts mehr von ihr wissen will, nur darum weigert sie sich auf- zutreten. Nun, der Direktor, selbst ein gerissener Komödiant, ver- 1 steht sich auf solche Finessen. Der Dichter müsse sich unter allen Umständen mit der Favoritin versöhnen. Ihr selbst bedeutet er telephonisch: Falls sie aus ihrer Weigerung beharre, würde zu seinem aufrichtigen Bedauern einer anderen Dame die Rolle übertragen werden und so. Primadonnenlaunen— nichts weiter. Aber jetzt komint die Attraktion. Eine fremde Mimin erscheint, um vor dem Direktor irgend- eine Szene aus irgendeinem klassischen oder modernen Drama auf Probe zu spielen. Ob er nun mag oder nicht— sie will es; und sie beginnt. Ja, wie wird uns denn? Könnte da? nicht eine Teufelei wie aus Oskar Panizzas genialischer Satanskomödie „Liebeskonzil" sein? Indes— es ist nur eine Groteslsatire auf das Komödiantentum. Unser ganzes Leben ist Mummerei. Warum sollte die Schauspielkunst was anderes sein? Wir machen euch lachen, wir erschüttern euch bis zu schluchzenden Tränenbächen. lieben Leute, und merkt auf:— alles Komödie, nichts als Komödie! Ohne Frage: das ist kühn und raffiniert erklügelt. Aber was Else Galafrss als Svrecherin und Darstellerin gibt, das ist ein- fach sensationell. Wir erschauern unter dem Bann ihres ge- wältigen Spiels auf unserer Nervenklaviatur. Doch mit dieser un- vergleichlichen Virtuosität verschwistert sich künstlerische Tiefe und Wahr- hasligkeit. Wie gelänge es der Galafrös sonst, uns vollständig ver- gessen zu lassen, dast die in Bewegung gesetzte, so ungeheuer tragisch scheinende Szene mit einem satanischen Gelächter schliesten werde? Und doch konnte sie durch eine geringfügige Gedächtnisschwäche, durch ein bastiges Fehlgreifen auf der Tastatur der Töne leichtlich um ihre Wirkung kommen. Der grasten Kunst der Galafrss, wie ihres ausgezeichneten Partners Paul Otto, der den Direktor mit gesteigerter Kraft bis zum vorgetäuschten Wahnsinn gibt, verdankt der Dichter den Erfolg und das Publikum ein sensationelles Erlebnis. Der dieser Groteske voraufgeschickte Zweiakter„Der erste Beste" von Francis de Croisset(verdeutscht von Otto Eiben- schitz) verblastte total, trotzdem er im Schlustakt eine recht lebendige Lösung erfährt und trotzdem Marie Sera zusanimen mit den beiden vorgenannten Künstlern sich unter Aufbietung alles ihres Dar- stellungsvermögenS um ihn bemühten. ok. DeutschesKünstlertheater:„Hanneles Himmel- fahrt" von Gerhart Hauptmanni„Der zerbrochene Krug" von K l e i st. Hauptmanns„Hannele" in all seiner ele« mentaren Einfachheit ist eine jener ganz grasten Dichtungen, die immer wieder bei jeder Begegnung neu ergreisen und in dem Schmerz des Mitgefühls zugleich zu staunender Beivunderung und freudigem Triumphe stimmen, dast es der Menschengeist im Künstler zu so voll- kommenen Spiegelungen des tief Verborgenen bringt. In dem Schicksal und den Visionen dieses wehrlosen misthandelten Kindes, das in dem Bett des Armenhauses sein junges Leben aushaucht, zieht der Menschheit ganzer Jammer, der unauslöschliche Durst nach Glück und Harmonie, an unserem Blick vorbei, lieber der 1 trostlosen, nüchternen, harten Wirklichkeit erblüht ein lichter Glanz von Träumen, in dem die Fieberphantasie des Mädchens die überschwenglich herrlichste Erfüllung seines innersten Verlangens kommen sieht. Ein einigendes Band umschlingt das Ganze. Die Wunder, die sie schaut, sind nur der erdgeborene vom Traum er- höhte Widerschein dessen, was heimlich, kaum bewustt als Trieb und Regung in ihr wogte. Der Gesaniteindruck der von Rudolf Rittner inszenierten Auf- sührung war stark und packend. Die junge früher am Neuen Volks- Theater beschäftige Annaliese W e g n e r traf überall; in der Angst, ini Staunen, im Jubel wunderbar den Ton der Kindlichkeit. Schlicht und einfach, ganz aus unmittelbarem Naturgefühl herausgeboren, griff dieses Hannele ans Herz. Man glaubte ihr das Mädchen aus dem Volke auch in den höchsten Exaltationen. Und die Linie stieg an. Wie sie am Schlüsse, überwältigt von dankbarem Entzücken, an der Brust des Fremden, des zum Jesus verklärten geliebten Mannes, schluchzt, da rührte sie vielleicht noch tiefer, als in aller Qual des Leidens. Theodor L o o s Ivar ein guter Lehrer Gottwald, Mathilde S u s s i n mit ihrem klangvoll ruhigen Organ eine ausgezeichnete Diakonissin i Hans M a r r ein höchst charakteristischer Mattern. In den Traumerscheinungen, die grösttenteils trefflich Gelungenes boten, gelangte freilich nicht alles zu gleichmästiger Wirkung. Die drei Engel und die Gestalt des Todes, des Jünglings mit den schlvarzen Flügeln, entsprachen so wenig wie das Bild der Mutter in der Wiedergabe der dichterischen Absicht. Indes das waren nur momentane, im weiteren Verlaufe sich verwischende Trübungen. Dem erschütternden Seelengemälde folgte Kleists Komödie„Der z e r b r o ch e n e K r u g", die", von Hauptmann selbst mit grostem Geschick inszeniert, das Publikum in heiterste Stimmung versetzte. Else Lehmann spielte die Frau Martha, Karl Forest den Schreiber, Paschen den Gerichtsrat, Marr und Frl. Serba es das Brautpaar. Eine wirkliche Ueberraschung aber war Herr T i e d t k e, der bei Reinhardt seine glänzend humoristische Begabung erst in kleineren Rollen hatte zeigen können, als Dorfrichter Adam. Sprudelnd von origineller Eigenart, gab er dem Lumpen eine be- haglich runde Jovialität von unwiderstehlicher Komik. Ein glück- verheistender Erfolg. Nach dieser Leistung wäre er der Mann für einen Falstaff. dt. Humor und Satire. Die Beute. Jede Ford'rung ward bewilligt Michel hat sich schlecht gewehrt; Alles, alles wird gebilligt, Moloch kriegt, was er begehrt. Junker sind im Nehmen Meister, Und nachdem nun frei das Geld» Balgen sich die edlen Geister, sucht Profit manch' Kriegesheld. baß alle Beschwerden gegen den Aufseher untersucht werden würden. Aber unter Androhung einer allgemeinen Aussperrung bestanden die Arbeitgeber darauf, daß die Streikenden sofori die Arbeit wieder aufnehmen müßten. Die Garantie, daß dies geschehe, konnten die Beamten der Arbeiterorganisation nicht geben, ohne ihre Mitglieder befragt zu haben. Darauf brachen die Arbeitgeber die Vcr- Handlungen ab. Es hat den Anschein, als ob hinter dieser an- gedrehten Aussperrung mehr steckt, als der Streit um die Entlassung des tyrannischen Aufsehers. Die Arbeit- gebcr in der englischen Baumwollindustrie wissen die Konjunktur meist sehr gut auszunützen. Man erinnere sich nur der Aussperrung zu Ende des Jahres 1911, die den Arbeitgebern sehr gut zu statten kam. Heute ist wieder die Baumwolle teuer; dazu ist eine lieber- Produktion an Garn zu verzeichnen, die den Fabrikanten Kopf- schmerzen verursacht. Gestern schrieben die„Times":„Es heißt all- gemein auf der Börse, daß jetzt vom Arbeitgeberstandpunkt ans der Augenblick sehr günstig ist, wenn nun einmal eine Arbeitseinstellung stattfinden mutz," Die Lage der Arbeitgeber liefert den Schlüssel zu der Situation und dem Gerede von der zunehmenden Disziplinlosigkeit in den Reihen der Gewerkschafter, Als ivenn diese kleinen Störungen in dem System der Verhandlungen nicht auch in früheren Jahren und zlvar viel häufiger vorgekommen wären. IIin die Sympathien des Publikums zu gewinnen, erklären die Arbeitgeber, datz der Streik in Bolton auf die Verbreitung syndikalistischer Ideen zurückzuführen sei. Da? Wort Syndikalismus ist nämlich allmählich in England zu einer Art Schimpfwort ge- worden, unter dem sich der Philister alles Fürchterliche vorstellt. „Ich sehe in diesem Vorfall in der Fabrik Beehive", erklärt der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes,„den verhängnisvollen Einflutz des Syndikalismus, und ich empfehle diese drastische Aktion des Baumwollenverbandes allen Arbeitgebern des Landes, Sie sollten dankbar sein, datz wir ihm so prompt die Stirne bieten."— Ein guter Geschäftsmann, dieser Sir Charles Macara. vom stampf um das ärztliche Gutachten in der flrbeiterverficherung. Das Reichsversichcrungsaint hat kürzlich eine Entscheidung gc- troffen, gegen die im Interesse der Arbeiter entschieden Einspruch zu erheben ist. Die soeben veröffentlichte Entscheidung beschränkt das Recht verunglückter oder invalider Arbeiter, daß der von ihnen vorgeschlagene Arzt zu einem Gutachten über ihre Arbeitsfähigkeit herangezogen werde, Wie wichtig dieses Recht für die Arbeiter ist, liegt auf der Hand. In vielen Fällen ist das ärztliche Gutachten entscheidend darüber, ob und in welcher Höhe der Verunglückte eine Unfallrentc erhält und ob der nicht mehr voll arbeitsfähige Arbeiter eine In- validenrente erlangt. Manche Berufsgenosscnschaftcn der Unfall- Versicherung und manche Verfichernngsanswlten der Jnvalidcnver- sichcrung haben es aber verstanden, für die Gutachten eine Anzahl von Acrzten zu sammeln, die eine besondere Geschicklichkeit darin haben, die Folgen eines Unfalles und die sonstige Abnahme der Arbeitsfähigkeit zu übersehen oder sie möglichst gering einzuschätzen. Insbesondere entdeckten sie gar eine Besserung in dem Zustande eincS Arbeiters, wenn der Arbeiter selbst von der angeblichen Besse- rung bei seiner Arbeit gar nichts merken kann und eine Besserung des Zustandcs in der Tat rricht vorliegt. Mit Hilfe dieser ihrer Vertrauensärzte bringen die Berufsgenossenschaften und Versiehe- rnngSanstalten nur zu oft Gutachten herbei, die die beteiligten Arbeiter mit Recht als eine Schädigung empfinden. Daher fordern die Arbeiter schon seit jeher, datz auch von den Acrzten, die sie vorschlagen, zu denen sie Vertrauen haben, Gutachten eingeholt werden. Die Acrzte müssen von den Bel)örden um ihr Gutachten ersucht werden, denn zur Erstattung der Gut- achten ist Einsicht in die Akten erforderlich, diese befinden sich aber in den Händen der Berufsgcnosscnschaftcn und Versichcrungs- anstalten und sind nur durch die B erHörden den Acrzten zugänglich. Die Sozialdemokraten Itziben seit vielen Jahren im Reichstage Anträge zur Durchführung dieser Arbeitcrfordcrung gestellt. Aber hier wie in fast allen anderen Fragen bekämpften die bürgerlichen Parteien die Anträge der Sozialdemokraten. So kamen nur ganz ungenügende Bestimmungen in die Reichsversicherungsordnnng, Danach mutz das Versicherungsamt, die unterste Behörde fiir die Arbeiterversicherungssachen, unter gewissen Umständen ein Gut- achten von dem Arzt einholen, von dem der Arbeiter es verlangt hat. Dies gilt namentlich fiir den Fall, datz der Arbeiter die Kosten des Gutachtens im voraus bezahlt. Da aber die Berufsgenossenschaften und die Versicherungs- anstalten die Akten in Händen haben, können sie gexfen das Gut- achten des von dem Arbeiter benannten Arztes neue Gutachten von ihren Vertrauensärzten besorgen und dem Arbeiter einen un- günstigen Bescheid schicken. Dann kann der Arbeiter Berufung an Seit ne Wandlung man erfährt Bald nach Schlutz der„Reichstagsbude": Schindgaul wird Remontepferd, Der Major wird„Pferdejude". Er bemmmt sich durchaus„Echt", Und er geizt nicht mit den Mitteln. Michel, es geschieht dir recht, Wenn sie dich so weiter bütteln! _ Effa. Notizen. — Verbilligung der Radiuinbehandlung? Im Londoner Radiuniinstiwt ist es nach unendlich langen Versuchen ge- glückt, die Dämpfe des Radiums in Glasgefätzen ab- zu fangen. Man würde, so hofft man, nunmehr Radium- behandlungen vornehmen können, ohne eigentlich im Besitze von Radium zu sein. Die Dämpfe, welche im Wasser löslich seien, würden auch innerlich gebraucht werden können, und Versuche damit hätten bereits gute Resultate ergeben, so zum Beispiel bei Gicht, Rheumatismus, Arterienverkalkung. Wird Radiumbehandlung nun auch für weniger Bemittelte möglich werben? Oder wird auch diese Hoffnung von kapitalistischer Profitgier durchkreuzt werden? — Theaterchronik. Im Kleinen Theater wird am kommenden Dienstag Eulenbergs Liebesstück„Bclinde" erstmals aufgeführt,— Frank W e d e k i n d S vieraktiges Sittengemälde „Musik" gelangt in den K a m m e r s p i e l e n des Deutschen Theaters am kommenden Donnerstag zum ersten Male zur Dar- stellung,— Tm L u st s p i r l h a u s beginnt am Sonnabend, den 11. Oktober Richard Alexander, der l'/z Jahre in Berlin künstlerisch nicht tätig war, sein Gastspiel in dem Lustspiel„Die Puppenklinik" von Schönthan und Prcsber. — DerMontd'Or durch st ochcn. Gestern geschah der Durchstich des Moni d'Or-Tunnels, der zur Eisenbahnstrecke Fasne- Vallorbe gehört und für den schweizerisch-ftauzösischen Verkehr wichtig ist. Der Tunnel ist 9999 Meter lang und erfordert eine fast drei- jährige Arbeit. —©in Diesel-Bermächtnis. Wie jetzt bekannt wird, hat Rudolf Diesel vor kurzem dem Deutschen Museum in Nürnberg seine sämtlichen Originaldokumente wie Skizzen, Berechnungen, Diagramme usw. aus der Zeit der Entstehung seines Motors über- wiesen. —„Das Weltbild der Gegenwart," Unter dieiem Titel wird ein Ueberblick über das Schaffen und Wissen unserer Zeit in Einzeldarstellungen von Prof, Karl Lambrecht und Dr. Hans F. H e l m o l t bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart in 29 Bänden erscheinen. — Varietöausstelluna. Im nächsten Frühjahr wird in der Ausstellung am Zoo eine erste Varieteausstellung, veranstaltet von der Internationalen Srtistenloge, stattfinden. das Ober versicherungsamt einlegen. Und hier gilt die Bestimmung:„Wenn der Versicherte oder seine Hinterbliebenen beantragen, datz ein bestimmter Arzt gutachtlich gehört werde, kann das Oberversicherungsamt, falls es diesem Antrag stattgeben will, diese Anhörung von der Bedingung abhängig machen, datz der An- tragsteller die Kosten vorschießt und, falls das Oberversicherungsamt nicht anders entscheidet, sie endgültig trägt." Die Sozialdemokraten hatten beantragt, datz die Bestimmun- gen für das Versicherungsamt auch auf das Oberversicherungsamt ausgedehnt werden. Das ging den bürgerlichen Parteien zu weit. Deshalb kam das Zentrum mit der neuen Bestimmung. Abgeordneter Trimborn legte sich fiir diesen Borschlag ge- waltig ins Zeug: Er schilderte eingehend, datz das Verfahren un- nötigerweise aufgehalten werden könne, wenn der verunglückte Arbeiter jederzeit die Einholung eines Gutachtens von einem Arzte seiner Wahl verlangen könne. Daher stellte Abg. Trimborn es als viel besser hin, wenn das neue Gesetz es dem Ermessen des Gerichts überlasse, ein solches Gutachten einzuholen. Wir können, rief Abg. Trimborn aus, zu dem Oberversichcrungsamt das Vertrauen haben, datz es alle zur Aufklärung der Ansprüche des Verletzten erforderlichen Matznahmen treffen werde. Wenn in notwendigen Fällen ein Vorsitzender sich einmal weigern sollte, auf Antrag eines Verletzten ein Gutachten einzuholen, so würde sehr bald durch Veröffentlichung in der Presse eine Korrektur geschaffen werden können. Leider hat sich Abg. Trimborn in seinem Eifer gegen die An- träge der Sozialdemokraten wieder einmal arg geirrt zum schweren Schaden der Arbeiter. Nicht nur kommen solche Fälle vor, in denen das Obervcrsichcrungsmnt das von dem Verletzten geforderte ärzt- lichc Gutachten ablehnt, trotzdem durch das Einholen des Gutachtens das Verfahren durchaus nicht unnötig aufgehalten wird; sondern sogar das Reichsverficherungsamt hat die neue Bestimmung in einem Sinne ausgelegt, der mit dem Zweck der Bestimmung und ihrer Begründung selbst durch den Abg. Trimborn im schärfsten Widerspruch steht. Das Reichsversicherungsamt hatte sich als Revisionsinstanz am 24. Juni dieses Jahres mit der Auslegung der neuen Bestimmung zu beschäftigen. Ein Arbeiter hatte vor dem Oberversichcrungsamt beantragt, datz das Gutachten eines bestimmten Arztes eingeholt werde, und hatte sich erboten, die Kosten zu tragen. Das Ober- versicherungsamt hat zwar darauf ein neues Gutachten eingeholt, aber nicht von dem Arzt, den der Arbeiter vorgeschlagen hat, fondcrn von einem anderen Arzt, mit dem die Versicherungsanstalt in Der- bindung steht, und von dem sie den Arbeiter bereits früher hatte behandeln lassen. Dieser Arzt stellte ein ungünstiges Gutachten aus. Infolgedessen wies das Oberversicherungsamt den Arbeiter mit seinem Anspruch ab. In der Sache hatte also das Oberversicherungsamt zugeben müssen, datz eine weitere Aufklärung, ein weitere? Gutachten not- toendig ist. lind dennoch ließ es nicht den Arzt zu Worte kommen, den der Arbeiter vorgeschlagen hatte, zu dem der Arbeiter Ber- trauen hat, sondern rief einen der Vertrauensärzte der Versiche- rungsanstalt herbei. Nach diesem Verfahren bleibt der Vertrauens- arzt des Arbeiters ausgeschlossen. Und dock soll die neu« Bestim- mung gerade den Zweck haben, den Arbeitern die Sicherheit zu geben, datz dort, wo weitere Aufklärung angebracht ist, auch ihr Vertrauensarzt gehört wird! Dennoch bat das Rcicksversichcrungsamt das Verfahren für zulässig erklärt. Es lwt eutsckieden: Tie neu« Bestimmung sckreibt keineswegs vor, datz das Oberver- sichcrungsamt einen von dem Versicherten benannten Arzt hören mutz, wenn sich der Versichertc bereit erklärt, die Kosten zu tragen. Vielmehr gibt die neue Bestimmung dem Oberversicherungsamt nur das Recht, einen Kostenvorschutz von dem Versicherten zu der- langen, wenn es ein Gutachten von dem benannten Arzt ein- holen will. Hiernach legt das Reichsversicherungsamt in der neuen Bestimmung den Sah: falls das Oberversicherungsamt dem Antrage des Versickerten stattgeben will, so aus, datz das Oberversichcrungsamt ganz willkürlich dem An- trage stattgeben kann oder nicht. DaS Reichsvc rsiche ru ngsam t über- sieht bei dieser irrigen Auslegung, datz das Overversicherungsam t den Antrag pflichtgemäß zu prüfen und dem Antrage stattzugeben hat, wenn das neue Gutachten nicht erwa einer zwecklosen Verschleppung des Verfahrens dienen soll, sondern dem Arbeiter zur Verteidigung seines Rechtes nützlich �s«in kann. Ist ein neues Gutachten sachdicnlick. so mutz dein Antrage stattgegeben werden. Das Ivar hier der Fall. Die Sache war nicht spruchreif, sonst hätte das Oberversicherungsamt überhaupt kein weiteres Gutachten ein- holen dürfen. Von einer Verschleppung dadurch, datz gerade der Vertrauensarzt des Arbeiters gehört werden sollte, kann gar keine Rede sein. Denn dieser Arzt war ebenso leicht zu erreichen wie der Arzt, von dem das Oberversicherungsamt das weitere Gut- achten eingeholt hat. Unter diesen Umständen lag für das Ober- versicherungsamt kein Grund vor, den Antrag des Arbeiters abzu- lehnen. Das Oberversicherungsamt hätte nur noch zu entscheiden gehabt, ob der Arbeiter die Kosten vorausbezahlen soll oder nicht. Was sagen die bürgerlichen Parteien, was sagt das Zentrum, was sagt Abg. Trimborn zu jener Auslegung der neuen Bestim- mung? Hätten diese Parteien den Antrag der Sozialdemokraten angenommen, dann wäre eine derartige Schädigung der Arbeiter ausgeschlossen gewesen.— Im Reichstage wird darüber noch weiter zu reden sein.___ ' Hub der Partei. Zum Jenaer Polenbeschlutz. Genosse DaSzynski, der Führer der polnischen Sozial- demokratie Oesterreichs, schreibt im„Dziennik Robotniczy" über den Beschlutz des Jenaer Parteitags über die Aufhebung der P. P. S. in Deutschland: „Der letzte Kongreh der deutschen Sozialisten in Jena hat am Schlüsse seiner Beratungen einen ziemlich sonderbare» Antrag des Parteivorstanbes angenommen. Mit diesem Beschlutz wurde die Vereinbarung vom Jahre 1999 mit der Polnischen Sozialistischen Partei im Preußischen Anteil aufgehoben und die Erlvartung aus- gesprochen, datz die polnischen Genossen sich im Rahmen der deut- scheu Partei organisieren werden. Beim polnischen Volke solle in der Agitation die polnische Sprache angewendet werden, aber die Organisation soll einheitlich sein. Das Hauptargument in der kurzen Debatte war der Hinweis auf die geringe Zahl der in der P. P. S. organisierten Mit- glicder und darauf, datz trotz vielsähriger Subventionierung durch die deutsche Partei die P. P. S. sich nicht entwickelte. Die deutschen Genoffen haben durch diesen Beschluß einen politi- schen Fehler begangen. Einen sonderbaren Eindruck macht nämlich diese gewaltige Partei, eine der größten in der Welt, mit 4% Millionen Wählern, einer Million politfich und über zwei Millionen ge- wcrkschaftlich Organisierter, die über Tausende von �Beamten bis- paniert usw.— einen sonderbaren Eindruck macht diese Partei, die nicht einmal in der Lage ist. zehntausend polnischer Proletarier unter den vier Millionen Polen in Deutschland politisch zu organisieren. Die Schwäche der P. P. S. ist nicht nur für sie allein ein trauriges Zeugnis, sondern auch fiir die deutsche Sozialdemokratie, für ihr politisches Können dort, wo es sich um das deutsche Volk �"�Die' deutschen Genossen haben ihren polnischen Brüdern Gelb- Unterstützungen gewährt, aber gleichzeitig mit dem Getde diktierten sie ihnen, was ihnen zu reden oder zu schreiben nicht erlaubt ist! Die„Gazeta Robotnicza" und jeder ihrer Artikel wurden dauernd als„patriotisch" oder„nationalistisch" denunziert!... Es bildete sich eine Reihe Elemente heraus, die immer uno ununterbrochen jedes in der polnischen Zeitung geschriebene Wort verdrehten, um gegen die Polen zu Hetzen und sie zu verleumden und— sie an das deutscke Geld zu erinnern!, Und die gewaltige Zahl der deutschen Arbeiter, die weder d,e Sprache, noch die Geschichte, noch das geistige Leben Polens kennt, verstand es einfach nicht, datz dem Organ der polnischen Arbeiter isachen am Herzen liegen, für die den deutschen Arbeitern das Ver- stänonls abgeht. In dieser Weise hat die deutsche Subventicm jede Entwickeluiig oes sozialistischen Gedankens unter den Polen paralysiert. Wir werfen den deutschen Genossen nicht schlechten Willen vor, aber völliges politisches Nichtkönncn, soweit es sich um eine wirkliche Hilfe für die polnische' Bewegung handelte. Leute, die sehr gut wissen, was sie für deutsche Arbeiter schreiben und reden sollen, haben keine Ahnung davon, datz das Hineindrängen der polnischen Arbeiter in eine deutsche politische Organisation wie ein Hohn aus- sieht, der keine Rücksicht nimmt auf alle Bestrebungen der polnischen Nation, auf die Bedrückung, die diese Nation in Preußen erleidet, auf die gesunde Portion Äbncigung, die das Preutzcntum in dem polnischen ausgeklärten Arbeiter erweckt, auf die ganze Ideologie der nationalen Zusammengehörigkeit der Polen in den drei An» teilen, auf alles, was Kopf und Herz des denkenden polnischen Proletariers erfüllt. Die polnischen Genossen im preußischen Anteil sind verpflichtet, als Antwort auf diesen Beschluß des deutschen Kongresses ihre Be- mühungcn zu verdoppeln, damit die P. P. S. mehr Mitglieder gc- winnt und ihr„Dziennik Robotniczy" sich aus eigener Kraft er- halten kann, und damit sie von nirgends Subventionen benötigen! Denn kein Kongreßbeschluß auch der stärksten Partei kann die Ver- nichtung der Selbständigkeit irgendeiner anderen Nation dekretieren. Wenn die Deutschen, 99 Millionen an der Zahl, Daseinsberechtigung haben, so haben die 29 Millionen Polen dasselbe Recht. Datz die Deutschen seit einem halben Jahrhundert geeinigt sind, das ist noch keine Ursache, die durch Preußen unterdrückten Polen geringschätzig anzusehen. Durch ganze Jahrhunderte hindurch waren auch die Deutschen entzweit und unter fremdem Joch. Der Beschlutz des Kongresses von Jena versucht die Autonomie der Nationen in dem föderativen Verbände der Internationale zu mißachten, und daher ist es ein falscher Schritt. Und der polnische Arbeiter in Deutschland, der der internatio» nalen sozialdemokratischen Partei angeboren will, ist verpflichtet, sich der Polnischen Sozialistischen Partei und nicht der deutschen Sozialdemokratie anzuschließen. Dort bleibt er nur Beilage zur großen Partei, in der P. P. S. dagegen wird er sein ei» Pionier des befreienden Gedankens, des sozialistischen Godaükens unter seinen am meisten bedrückten und ihm am nächsten stehenden Brüdern." Hierzu bemerkt mit Recht das„Bochum er Volks blatt", in dessen Verbreitungsgebiet zahlreiche Polen leben: „Der deutsche P a r l e i v o r st a n d hat den Genossen der P.P.S. nicht diktiert, was sie reden und schreiben durften oder nicht dursten. Datz aber deutsche Genossen Kritik übten an dem, was die Genossen der P. P. S. sagten und schrieben, das ist doch nichts als die Ausübung eines guten demokratischen Rechtes. Das hat nichts zu tun mit der Nationalität und auch nicht damit, daß der P. P. S. aus deutschen Parteimitteln Unterstützungen getvährt worden sind. Solche Kontrolle und Kritik mutz sich jeder Genosse vom andern gefallen lassen. Ob dabei Verdrehungen vorgekommen sind, wissen wir zwar nicht, aber wir wollen es ganz gern glauben. Es ist uns nämlich auch schon passiert, daß unsere Ansichten im Meinung-- streite verdreht worden sind, ohne daß nationale Gegensätze zwischen uns Und unseren Kritikern bestanden. Die Art der Behandlung dieser Vorkommnisse durch Genossen Taszynski verrät eine über- triebenc Enipfindelei, und der Schluß seines Artikels ist eine natio» nalistische Phrase ssn? phrase. Den Versuch einer Begründung unterlaßt er, offenbar in der Erkenntnis, daß es für solche Redens» arten keine Gründe gibt. Der Beschlutz de- Jenaer Parteitages hat mit Nationalismus, mit nationaler Unterbrückungssucht nichts zu tun. Er ist wesentlich entstanden aus den unerquicklichen Zuständen, die das Zusammen- leben der beiden Organisationen unter der Wirkung der nationali» stischen Empfindclei der Genossen der P. P. S. mit der Zeit uncr» träglich gemacht haben. Was da gesagt und getan wurde, das wurde stets unter die Schablone des Nationalismus gebracht und von da aus unter allen Umständen als hakatistisch beurteilt. Wenn Daszynski die polnischen Arbeiter auffordert, sich nicht der deutschen Sozialdemokratie anzuschließen, so begeht er damit etwas, was er besser unterlassen battc. Das ist eine Einmischung in die Angelegenheiten der sozialdemokratischen Parteiorganisation im Deutschen Reiche, die ihm nicht zusteht. Deutsche Genossen maßen sich auch nicht an, den in Oesterreich oder irgendeinem anderen Lande lebenden Genossen zu empfehlen, der im Lande bestehenden allgemeinen Parteiorganisation nicht beizutreten. Und wir vermögen auch den sachlichen Grund für den Inhalt von Daszhnskis Aufforderung nicht einzusehen. Ihre proletarischen Interessen, sowohl als Arbeiter wie als Staatsbürger, können di« im Deutschen Reiche lebenden Polen nur dann wirksam vertreten, wenn sie sich der deutschen Sozial- demokratie anschließen. Den Schutz ihrer Sprache garantiert ihnen der Jenaer Be- schlutz. Soweit sie besondere nationale Interessen haben, die im Rahmen der allgemeinen Parteiorganisation keine Förderung finden, wird es ihnen unbenommen sein, sich zu deren Förderung besonders zusammenzuschlietzen." Die Organisationen zum Parteitag. Die Parteigenossen Lübecks nahmen am Mittwoch den Be« richt vom Parteitag in Jena entgegen. Von allen Delegierten wurde betont, datz die Beschlüsse der Jenaer Tagung, bis auf den Maifeierbeschlutz, der Partei zum Vorteil gereichen würden. Partei- sekretär Genosse Bramme betonte nachdrücklich, datz die Reso- lution des Parteivorstandes zur Massenstreikfrage inhaltlich nicht sehr verschieden von derjenigen der Genoffin Luxemburg gewesen sei, datz sie aber vor diese den Vorzug gehabt habe, ein besonneneres und deshalb gerade machtvolleres Vorgehen zur rechten Zeit z« empfehlen. Der Ausschluß Rädels sei gerechtfertigt. Dagegen sei die Haltung des Parteitages gegenüber der P. P. S. nicht richtig gewesen. Man hätte wenigstens erst einem Vertreter der Polen das Wort auf dem Parteitag geben müssen. Genosse Arbeitersckre- tär Mehr lein hob hervor, daß die Genossin Luxemburg und die ihr nahestehenden Parteigenossen bei der Begründung ihrer abweichenden Haltung in der Massenstrcikfrage völlig versagt haben. Keinerlei positive Vorschläge für eine andere und bessere Taktik seien gemacht worden. Auch anläßlich der Debatte über die Stcuerbcwilligung seien von den Genossen, die sich auf den be- quemen, aber unfruchtbaren einfach negierenden Standpunkt stell- ten,„diesem System keinen Mann und keinen Groschen", die un- glücklichsten und unmöglichsten Redensarten, aber keinerlei durch- schlagende Gründe gebracht worden. Die Annahme der Resolution Wurm mache die Bahn zu weiterer erfolgreicher positiver Arbeit für die Arbeiterschaft frei. So wenig erfreulich der Maifeier- beschluß ist, so zweckmäßig war die Entschließung in Sachen Radek und der P. P. S. In der Debatte über den Parteitag stellten sich alle Redner auf den Standpunkt der Parteitagsmehrheit. Vom Genossen Redakteur Stelling wurde außerdem dringend ge- wünscht, daß man endlich die Maifeier so regeln möchte, daß alle Arbeiter daran teilnehmen könnten. Genosse Schmidt kritisierte es, daß der Parteworstand anscheinend den im Jahre 1911 in Jena zur Annahme gelangten Antrag, nach dem sich der Internationale Sozialistenkongreß in Wien erneut mit der Maifeier beschästige» soll, nicht ausführen will. Der Parteivorstand sei verpflichtet, Be- schlüsse der Parteitage zu respektieren. Eine Resolution, die«li- drücklich die Beschlüsse des Parteitages, mit Ausliahmc des Ma»- feierbeschlusses, als richtig anerkennt, wurde zurückgezogen, da sich alle Redner in dem Sinne ausgesprochen hatten und deshalb eine besondere Entschließung überflüssig sei. Eine Parteiversammlung in Grünbcrg i. Schl. erklärte sich mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden. Bedauert ümtbe, daß Genosse Davidsohn, der ReichStagSabgeovdnete de« Vichl- kreise« GrünLerg-FvehstaVt, auf dem Parteitage mit der Minderheit gestimmt hat. Gewünscht wurde, datz Genosse �avidsohn seinen ablehnenden Standpunkt in einer Versammlung nn Kreise darlegt. Totenlistc der Partei. Eine alte Parteigenossin, Karoline Seige in Poessncck, die Frau unseres Genossen Paul Seige, ist im Alter von ö8 Jahren gestorben. Eine wackere Frau, die während des Sozialistengesetzes der Partei wertvolle Dienste geleistet hat, bei der in den schweren Zeiten der Partei viele Genossen gastliche Aufnahme � fanden, ist mit ihr dahingegangen. Mutzte ihr Mann, was keine Seltenheit war, die unfreiwillige Staatspension aufsuchen, trug sie die doppelten Lasten mit bewundernswerter Energie. Ihr Andenken bleibt in Ehren bei allen, die sie kennen und schätzen gelernt haben! Eine Gedächtnisfeier. Am Grabe Julius Kräckcrs, dem ehemaligen Führer und Vertreter der Breslau er Genossen im Reichstag«, wurden aus Anlatz der Wiederkehr des 23. Todestages am Donnerstag, den 2. Oktober, in Breslau von Vertretern der Partei und Gewerk- schaften.Kränze mit entsprechenden Inschriften niedergelegt. Das Grab war in recht sinniger Weise mit Blumen geschmückt. Die noch lebende Tochter Kräckers und deren Mann, der Genosse Janiszcwski- Berlin, und einige alte Weggenossen des Ver- storbenen sowie eine Anzahl Genossen der jüngeren Generation wohnten der schüchternsten Feier bei. Die Verdienste Kräckers um die Arbeiterbewegung hatte unser Breslauer Bruderblatt in einem besonderen Artikel hervorgehoben. Julius Kräcker, der nur ein Alter von 4g Jahren erreichte, liegt auf dem Kommunalfriedhof Brcslau-Gräbschen begraben. Em Induftne und f)andcL Tie Zolltarifreform im Senat. Washington, 3. Oktober. Der Senat hat den Kon- ferenzbericht über die Tarifbill mit 36 gegen 17 Stimmen angenommen und den Vermittelnitgsvorschlag des Re- präsentantenhauses betreffend die Besteuerung von Termin- geschäften in Baumwolle abgelehnt und auch seinen eigenen Abänderungsvorschlag hierzu fallen lassen. Hierdurch scheidet diese Frage aus der Tarifbill aus, soweit der Senat in Be- tracht kommt. Die Bill wird beute dem Repräsentantenhause wieder zugehen. Tann wird sie dem Präsidenten vorgelegt und wahrscheinlich von ihm Freitag nacht unterzeichnet und dadurch Gesetz werden._ Der Berliner Arbeitsmarkt im August. Die Bautätigkeit in Grotz-Berlin zeigt noch iinmer kein Zeichen der Besserung, und darunter hat der ganze Arbeits- markt, besonders das Holz-, Eisen- und Metallgewerbe, zu leiden. Soweit diese Jirdustrien vom Baumarkt unabhängig sind, ist bei ihnen eine kleine Besserung zu verzeichnen. An- gezogen hat auch die Beschäftigung in der Damenkonfektion, die einige Tausend weibliche Arbeitskräfte aufnahm. Jni ganzen liegt aber der Arbeitsniarkt sehr danieder: die Arbeitsnachweise werden von Stellensuchenden über- laufen, die Mitglicderzahlen der Krankenkassen gehen bei den Männern zurück, auch die Einnahmen der Landes- Versicherungsanstalt Berlin aus Markenbeiträgen weisen gegen die Parallelzeit des Vorjahres ein Minus von rund 60 000 M. aus. Dazu kommt, daß die Inanspruchnahme der Krankenkassen sehr groß ist, und die Renteneingänge bei der Versicherungsanstalt Berlin selten starke sind, Begleit- erscheinungen von großer Arbeitslosigkeit. Für die Gärtner war die Lage unverändert schlecht. In der Landwirtschaft bestand entsprechend der Jahreszeit rege Nochfrage, das Angebot von brauchbaren Personen war aber gering. Di« BcschäftigungSgelegenheit für die Metall- und Eisenindustrie war befriedigend. Gut melden auch die Kupferschmiede. Für die Eisen- und Metallarbeiter aber, die mit dem Bauberus im Zusammen- hange stehen, war die ArbritSgelegenheit äusserst knapp. Die Rohr- leger und Installateure hatten andauernd schlechten Geschäftsgang; nach Maschinisten und Heizern war die Nachfrage nur gering, am Schlüsse des Monats zählte der Metallarbeitervcrband 3773 Ar- beitslose. Für die Musikinstrumentenarbeiter war die Lage etwas besser. Der Geschäftsgang im Buchbindcrfach war noch anhaltend schwach. Bei den Tapezierern war die Nachfrage gegen denselben Monat des Vorjahres um die Hälfte zurückgegangen. Der günstige Geschäftsgang in der Militärbranch« brachte für die Wagensattler und die Treibricmenbranche bessere Arbeitsgelegenheit. In den übrigen Fächern war die Arbeitsgelegenheit ungünstig. In der Holzindustrie ist eine kleine Besserung eingetreten, doch wurden am Schluß des Monats noch 3083 Arbeitslose gezählt. Auch die Böttcher melden Flaue. Im Bäckereigewerbe machte sich mit der Beendigung der Ferienzeit eine kleine Besserung bemerkbar, wo- durch sich die Nachfrage nach Arbeitskräften steigerte. Vermindert hat sich dagegen die Nachfrage im Brauereigelverbe. Das Schuh- mache rihandwerk war normal beschäftigt, dagegen die Schuhindustrie andauernd ungünstig. Ebenso ungünstig war di? Arbeitsgelegenheit in der Herren-Maßbranche und auch die Wäschebranche hatte unter der geringen Beschäftigungsgelegcnheit zu leiden. Dagegen nahm die Damenkonfektion zirka 3000 weibliche Arbeitskräfte auf und dürfte sich dadurch im kommenden Monat die Lage bessern. Sehr schlecht war die Lage in der Hutindustri«, da für die Damenhutmode besonder« Putzmacherarbeit in Frage kommt. Die Kürschner befinden sich im Streik. Die Nachfrage nach Damenfriseuren war rege. Das Baugewerbe liegt noch immer danieder, nnveränoert un- günstig war die Lage im Gips- und Zementbaufach, ohne Aussicht auf Besserung. Bei den Ofensetzern waren am Schlüsse des Monats noch 344 Arbeitslose gemeldet: wenig Bauten kommen für den Winter in Betracht. Eine grössere Anzahl Zimmerer nähmen in der Provinz Arbeit aus. Nur bei den Malern war eine bessere Nachfrage bemerkbar. Im Buchdruckgewerbe war ziemlich rege Nachfrage; die Steindrucker, Ehemigraphen und Kupferdrucker hatten sehr gut zu tun, während die Lithographen über Arbeits- Mangel klagen. Trotzdem in der Mitte des Monats die eigentliche Handels- saison beginnt, war die Nachfrage nach kaufmännischem Personal nur sehr matzig. Das Angebot von weiblichem Kon- torpersonal überstieg bei weitem die Nachfrage, dagegen war die l Nachfrage nach jungen Anfängerinnen zu niedrigem Gehalt recht rege. Auch die Nachfrage nach Handelshilfsarbeitern war massig; meist wurden nur niedrige Löhne geboten. Im Gastwirtsgewerbe herrscht seit Mitte des Berichtsinonats infolg« Zustrom von Gast- wirtsgehilsen aus den Säisonplätzcn Ueberflutz an Arbeitskräften. Selbst an Aushilfsstellen war infolge der wenig günstigen Witte- rung Mangel. Bei den Köchen blieb die Lage unverändert. Räch dem Bericht des Zentralarbeitsnachweises besserte sich die Lage des Berliner Arbeitsmarktes wohl gegenüber dem Vormonat wie in jedem Jahre; dagegen blieb die Nach- frage im Vergleich zu demselben Monat des Vorjahres sehr erheblich zurück. Nicht allein das völlige Daniederliegen des Baumarktes, sondern der gestörte Handel und Erpokt infolge des Balkankrieges dürften zu dem Niedergang der Lage des Arbeitsmarktes wesentlich beigetragen haben; auch übt der verminderte Konsum weiter Schichte« aus andere Berufe ebenfalls stockend ein. Der Andrang an den Arbeits- nachweisen ist groß. In der Abteilung für ungelernte mänm liche Personen kamen auf 100 offene Stellen 145 Arbeit- suchende, im Vorjahre nur 120 und im Vormonat 164. In der weiblichen Abteilung entfielen auf 100 offene Stellen 115 arbeitsuchende Personen, im Vorjahre 103 und im Vormonat 121. Unter dem Einfluß der schlechten Kon- junktnr zeigten die Löhne ini Berichtsnionat eine sinkende Tendenz. Bemerkenswert ist, daß besonders jugendliche Mädchen für leichte Konfektion zu niedrigen Löhnen gesucht wurden. Dagegen ist die Nachfrage nach Buchdruckhilfs- personal um zirka die Hälfte gegen das Vorjahr gesunken. Nach Dienstmädchen steigerte sich die Nachfrage gegen den Vormonat infolge der Rückkehr der Herrschaften aus den Bädern; auch das Angebot stieg, doch nicht in dem Maße, daß die Nachfrage gedeckt werden konnte. Der Rirscnkrach der Niederdeutschen Bank erfuhr an dem 30. Verhandlungswg des Prozesses gegen den früheren Gene- raldirektor dieser Bank, Ohm, seine zahlenmäßige Beleuchtung. Der als Zeuge vernommene Konkursverwalter der Bank teilte u. a. folgendes mit: Auf Befragen des Vorsitzenden, was er über die Gründe des Konkurses festgestellt habe, gibt der Zeuge an: Die Nieder- deutsche Bank hatte seit Jahren cnic grosse Anzahl Forderungen in den Büchern, die nicht einzutreiben waren. Ausserdem besaß sie grosse Posten Effekten, die sie als vollwertig verbucht hatte, obwohl die Esfelten bei weitem nicht vollwertig waren, schliesslich hatte die Niederdeutsche Bank grosse Forderungen an ihre Tochtergesell- schaften, die nicht prosperierten, und die Bank erlitt infolgedessen erhebliche Verluste. Zuletzt, und zwar ansang? Juli 1910, trat dann eine Zahlungsstockung ein. Den Anlaß dazu mögen wohl die Banken gegeben haben, die mit der Niederdeutschen Bank in Verbindung standen. Die Banken hatten kein Zutrauen mehr zu den Wechseln der Niederdeutschen Bank, unter denen sich zahlreiche Wechsel der Tochtergesellschaften befanden. Auf die ungünstigen Berichte hin drängten dann die Bankgläubiger inkl. SpSreinleger auf Erstattung ihrer Depots, bic nicht mehr vorhanden waren. Der Sturm auf die Bank hatte dann die Schliessung der Kassen zur Folge. Dann folgte die Aktion der Grossbanken unter Führung der Reichsbank, die zu keinem Resultate führte, so daß schliesslich der Konkurs angemeldet worden ist. Kurz vor dem Zusammen- bruch hat das AussichtSratsmitglied Karl Mannesmonn der Bank noch 1 Million Mark zur Verfugung gestellt, wovon 220 000 Mark an die Berliner Handelsgesellschaft und 780 000 Mark an die Filialen der Niederdeutschen Bank verteilt wurden. Das Geld hat aber nicht gereicht. Der Zeuge äussert sich dann über die Schulden der Bant im Konkurs. Festgestellt sind Passiven in .Höhe von 28,33 Millionen Mark. Im Prozeß liegen t'O Millionen Mark. Angemeldet waren ursprünglich 103 Millio- neu. Im ungünstigsten Falle werden aus dem Konkurse 10 Pro- zent verteilt werden, im allergünstigsten Falle 15 bis 16 Prozent. Demnach würde auch im allergünstigsten Falle das Aktienkapital verloren sein. In den weiteren Verhandlungen kommt zur Sprache, daß alle Bilanzposten ausserordentlich ungenau aufgestellt ivaren, daß die angeblichen Forderungen gar nicht zu Recht be- standen oder uneintreibbar waren. So befand sieb unter den Debi- toren(Forderungen) ein Posten„Guthaben an Banken und Bankiers" in Höhe von 4,74 Millionen Mark. Die schuldnerischen Bankiers aber waren— Herr Ohm und Herr Puttmann.— die beiden Hauptgesellschafter der Bank. Am Eiscnmarkt hat sich die Lage weiter verschlechtert. Nach dem Marktbericht der Düssel-dorfer Montanbörse ist der Verkauf still trotz billigerer Preise. Die Preisrückgänge zeigen folgende Notierungen(Preise aus der Vorwoche in Klammern): Gewöhn- liches Stabeisen aus Flusseisen 93— 98(96— 100), Grobbleche aus Flusseisen 104—108(106—110), Kesselblech« 114—118(116—120), Feinbleche 120— 123(122— 127), Fluheisenwalzdraht 117,50 (122,30).— Auch die Lage am Kohlen- und KokSinarkc ist unverändert schlecht. Tie Vankkrisiz in Indien zieht immer weitere Kreis«. Nach einer Meldung aus Bombay hat die Kredit-Bank von Indien mit einer Agentur in London und zahlreichen Zweiggeschäften ihre Zahlungen eingestellt. Zwei andere weniger bedeutende Banken haben sich in dieser Woche gleichfalls für zahlungsunfähig erklärt. Sie all« sind Banken, die von Eingeborenen geleitet werden. Huö aller Melt. Sturz eines Megers in die Elbe. Der Flieger D a h m, der vor einigen Tagen mit seinem Wasserflugzeuge von Friedrichshafen nach Hamburg geflogen war, wollte in der Nacht zum Freitag von Hamburg aus nach Memel fliegen. Gegen 1li2 Uhr morgens stürzte er vor dem neuen Hafen bei Schulau anscheinend infolge einer Benzin» e x p l o s i o n in die Elbe, auf der dichter Nebel herrschte. Einige Hamburger Herren, die eine Segelpartie unternahmen, wurden durch die Hilferufe des Fliegers aufmerkkam und alarmierten die Be- satzung des in der Nähe liegenden Zollkrruzers Falke, der den Flieger und seinen Passagier an Bord nahm. Dohm, der sich an dem Propeller deS Flugzeuges festgehalten hatte, ist nur leicht verletzt worden, während der Passagier, ein Monteur. schwerer verletzt und mS Krankenhaus gebracht wurde. Das Flugzeug wurde um 8 Uhr morgens durch den Schleppdampfer Hai geborgen._ Das Unwetter in Spanien. Aus Barcelona wird gemeldet, daß der durch die Ueber- schwemmung angerichtete Schaden bedeutend höher ist, als zuerst angenommen wurde. In den Distrikten Sobrejas, Pades und Walle» wird er auf über 10 Millionen Pesetas ge- schätzt. Hunderte von T i e r l e i ch e u liegen auf den Feldern, von denen jetzt das Wasser zurückgetreten ist. Man befürchtet den Ausbruch einer Epidemie. Der Eisenbahnverkehr ist noch nicht wieder eingerichtet; alle Reifenden benutzen den Wasserweg. Die Ortschaft Maresa hat furchtbar gelitten. In Serria sind die Elektrizitätswerke zerstört. In San Giovanni, Villa Tore da sind drei Fabriken, in San Michel und San Magel de Capmajo viele Gobäude und Brücken eingestürzt. Ehetragödie. In der württembergischen Ortschaft Ravensburg wollte am Freitagmorgen 143 Uhr der Gastwirt Wetze! das Schlafzimmer aufsuchen. Als er die Tür verschlossen fand, schöpfte er Verdacht, brach die Tür auf und durchsuchte das Zimmer. Im Schranke ver st eckt fand er einen gewissen Nutz aus einer benachbarten Ortschaft. Der betrogene Ehegatte gab auf den Haus- freund einen Schutz ab, der ihm in den Kopf eindrang. Darauf richtete er auf seine ebenfalls im Zimmer befindliche Ehe- fr au die Waffe und verletzte sie durch einen Schutz i* die Herzgegend. Die Verletzungen der Frau scheinen nicht lebens- gefährlich zu sein._ Eisenbahnunglück im Vogtlande. Am Freitag früh kurz vor 4 Uhr ist auf dem oberen Bahnhof in R e i ch e n b a ch der einfahrende Zwickau-Hofer Güterzug mit der Maschine eine? Reichenbach-Altenburger Güterzuges zusammen- gestossen, wodurch der Zugführerwagen, ein Postwagen und Eilgut- wagen zertrümmert wurden. Mehrere Wagen sind e u t- gleist, der Zugführer Wunderwald aus Zwickau wurde ba- bei tödlich verletzt._ Kleine Notizen. Der Mörder im Priesterrock. Der Befund der Leichenschau- jurh im Fall Aumüller lautet, daß der Priester Schmidt für den To d der Anna Aumüller verantwortlich i st. Während der Verhandlmeg hatte Schmidt einen T o b- suchtsanfall, zerriß seinen Rosenkranz und schleuderte ihn unter die Vertreter der Zeitungen. Ein geisteskranker Muttermörder. Ein� Wjähriger Mann namens Sanchez aus Madrid, der seit kurzem Spuren von Geistes- gestörtheit zeigte, durchschnitt seiner Mutter die Kehle, verwundete das Dienstmäochen, welches der Mutter zur Hilfe eilen wollte, schwer und bedrohte die Polizeibeamten mit dem Messer. Er ergriff dann die Flucht, wurde jedoch in einem Wirtshaus verhaftet. Vor Gericht erklärte er. er habe seine Mutter getötet, weil sie ihm zu nichts nütze war. Vom Eisenbahnzug überfahren und getötet. Auf dem Sternschanzenbahnhof in Hamburg wurden Freitag mittag zwei Bahnarbeiter beim Ueberschreiten der Gleise von einem Vor- ortzug erfaßt und sofort getötet. Schweres Eisenbahnunglück in Spanien. Durch den Zusam- menstotz zweier Züge in der Nähe von M i r a n d a wurden vier Personen getötet und 23 verletzt. Ein Flieger tödlich verunglückt. Der englische Artilleriemajor Merrick ist bei einem Flug über die Ebene von Salisburh ad- g e st ü r z t. Er ist seinen Verletzungen erlegen. Verheerende Unwetter in Texas. Wie aus Austin gemeldet wird, sind infolge zweiwöchiger Wolkenbrüche die,. Wasserläufe in Südtexas ausgetreten. Der Schaden wird auf� 30 000 Dollar geschätzt. Zwölf Menschen sind in den Fluten umgekommen. Fretrrltgiöle Gemeinde. Sonntag, den 6. Oktober, vormittags II Uhr, Kleine Frankfurter Str. S: Bortrag von Herrn M. H. Baege: .Altes und neues Denken".— Damen und Herren als Gäste willkommen. Landsmannschaft tteckermünde< Usedom> Wollin. Die Partei- genossen und«Genossinnen, welche aus obengenanntem Kreise gebürtig sind und bter wohnen, werden ersucht, an der am Sonntag, den 3. Oktober, nachmittags 6 Uhr, im Lokal von Rodrigo, Borfigstr, 24, stattfindenden Versammlung aus Parteinteress« teilzunehmen. Jugendveranstaltunge». Brih. Morgen Sonntag, abends 7 Uhr: Bortrag des Reichstags- abgeordneten Davidsohn über»Heinrich, Heiner Gäste willkommen. Tempelhof-Maricndorf. Für die arbeitende Jugend unserer Orte find folgende Veranstaltungen geplant: Sonntag, den S.Oktober: Besuch der Treptow- Sternwarte(uinematographische Vorstellung). Tresspunkt'1, 3 Uhr im Jugendheim. Fahrtkosten entstehen nicht.— DIenZtag: Reigenabend für Kolleginnen.— Mittwoch: Musik- abend.— Donnerstag: Vortrag: Giuseppe Verdi.(Zum 100. Geburtstag des Komponisten.) Referent: Herr Robert Gritschke.— Sonnabend: HaudwerkSabend. Agitiert und werbt sür Eure Jugendbewegung. Denkt an die Schul-. entlassenen I Adlershof. Heute Sonnabend, pünktlich 8 Uhr, findet im Gesell- schastshaus, Bismarckstr. 10, der Lichtbildervortrag über:»Flugzeug und Motorlustschift" statt. Zahlreichen Besuch erwartet Der Jugendausschuß. Stralau. Sonntag, den 3. d. Mts., nachmittags 2 Uhr- Grosse öffentliche unpolitische Jugendversammlung sür Stralau und Stralauer Viertel im Lokale des Herrn Steinicke, Alt-Stralau 5. Tagesordnung: »Wohin gehört die proletarische Jugend?* Referent; Herr Georg Kassier. Lehrlinge, jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen, erscheint Ii, Masjen Agitiert für zahlreichen Besuch. Marktpreise von Berlin am 2. Oktober 1913, nach Ermittelungen des tgl. Polizeipräsidiums. Mais(mtxed), gute Sorte 16,80—17,10, mittel 00,00—00,00. geringe 00,00—00,00. Viats(runder), gute Sorte 14,70—13,00. Richtstroh 0,00—0,00. Heu 0,00-0,00. Markthallenpreis«. 100 Zkilogr. Erbs«n, gelbe, zum Kochen 30.00—30,00. Speisebobnen. weiss« 33,00— 60,00. Linsen 36,00— 70,00. Kartoffeln(Klcinhdl.) 4,00—7,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindslciich. Bauchfleisch 1,30— 1,80. Schweinesleisch U50— 2,10. Kalbfleisch 1,40—2,40. Hammelfleisch 1,60—2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Tier 4,00— 6,00. 1 Kilogramm Karpfen 1,20—2,40. Aale 1,40—3,00. Zander 1,30-3,20. Hechte 1,20-3,30. Barsche 0,80-2,40. Schleie 1.60—3,20. Biete 0.80-1.80. 60 Stück Krebse 1,50—40,00. Das beste, sparsamste MheWstsmittel, das alle Suppen und jede Tebwaebe ßomllon hräfrtgt, Saucen» Gemülen und Salaten un- vei-gleieklicb feinen(Uohlgercbmach gibt» ist und bleibt HAOfir Würze! AMer-Bildungsschule Berlin. Grenadierstraße 37, Hol geradezu, 1 Treppe Lehrplan für das 4. Quartal 1913. Montag, den 6. Oktober: Ooschichte(Griechische Geschichte) 1. Die griechische Vorzeit. Griechenland und der Orient.— Sagenzeit und dorische Wanderung.— 3. Ständekampf und Tyrannis. Athen und Sparta.— 4. Die kleinasiatischen Griechen und die Kolonion.— 5. Griechenland in der Zeit der Perserkriege.-— 6. Das Zeitalter des Perikles.— 7. Der Pelo- ponnesische Krieg und die gleichzeitigen inneren Umwälzungen — 8. Die griechischen Freistaaten im 4. Jahrhundert. Die Griechen in Sizilien.—!). Griechenlands Unterwerfung durch die Mazedonier und die Eroberungszüge Alexanders des Großen.— 10. Die Zeit des Hellenismus. Vortragender: D r. A. C o n r a d y. Dienstag, den 7. Oktober: IVatarerkenntnis. Einleitung: Natürliche und übernatürliche Weltanschauung. Erster Teil: Weltall und Sonnensystem. 1. Die historische Entwiokeluhg des astronomischen Weltbildes.— 2. Die Hilfsmittel der Astronomie.— 3. Unser Sonnensystem.— 4. Die Weltentstehungstheorien. Zweiter Teil: Geschichte der Erde. 1. Die Kräfte der Erdentwickelung.— 2. Die geologischen Zeitalter. Vortragende: Käte Duncker. Mittwoch, den 8. Oktober: DiteratnrgeHchichte de« nenn- zchnten Jahrhunderts. Erster Teil: 1. Gesellschaftliche und kulturelle Zustände in Deutschland um die Jahrhundertwende.— Die Beziehungen des eigentlichen Volkes zur Dichtkunst.— Der Weimarische Klassizismus am Anfang des Jahrhunderts.— Schillers letzte Lebensjahre. — 2. Goethes Lebenshöhe und Altersschaffen.— Paust.— Dichtung und Wahrheit.— Die Wahlverwandtschaften usw.— 3" Hölderlin.— Jean Paul.— Schund- und Unterhaltungsliteratur zu Goethes Zeiten.— 4. Die Dichter der Befreiungskriege.— Heinrich v. Kleist.— 5. Die Wurzeln der Komantik.— Die Brüder Schlegel. Tieck, Novalis.— 6. Arnim und Brentano.— Des Knaben Wunderhom.— Die Brüder Grimm.— 6. Eichendorff.—£. T. A. Hoffmann.— Die Schicksalstragödie.— 7. Die unpolitische Dichtung.— Die schwäbischen Dichter.— Kückert.— Platen.— Aus der Dichterschar der dreißiger und vierziger Jahre.— 8. Die österreichischen Dichter: Lenau u. a.— Grillparze r. Hebbel.— 9. Die politische Dichtung.— Das junge Deutschland.— Heinrich Heine.— 10. Deutsche Revo lutionsdichtung.— Die politischen Dichter Oesterreichs. Vortragender; Ernst Däumig. Donnerstag, den 9. Oktober: Xatlonalttkonomie. Erster Teil Wirtschaftsgeschichte. 1. Einführung in das Verständnis der volkswirtschaftlichen Grundbegriffe.— 2. Allgemeiner Ueberblick über die wirtschaftlichen Entwicklungsstufen.— 3. Die wirtschaftliche Entwicklung' Deutschlands. Von der bäuerlichen Familienwirtsohaft zur Herrenhofwiitschatt.— 4. Die mittelalterliche Stadtwirt- sohaft.— 6. Die territoriale Staatswirtschaft. Uebergang zum kapitalistischen Industriestaat.— 6. Entwicklung der Industrie. — 7. Landwirtschaft.— 8. Handel. Verkehr. Bankwesen.— 9. Wertwirtschaftliche Expansion und Organisation.— 10. Das soziale Problem. V ort ragender: Dr. E. David. kroitsg, den 10. Oktober; Gewerkschaftswetten(Geschichte der Gewerkschaften). Von der Entwickelung des Handwerks bis zum Großkapitalismus der Gegenwart.— Verlegersystem. Manufaktur und Kooperatien.— Fabriksystem und Industrie.— Der Kapitalismus der Gegenwart,— Vorläufer gewerkschaftlicher Organisationen. Bruderschaften und Zünfte. Zunftverfassung.— Gesellenverbände. — Zerfall der Zünfte und Gesellenorganisationen.— Reichs- abschied von 1731.— Die Arbeiterverbrüderung 1848/49.— Anfänge moderner Arbeiterorganisationen in Deutschland. Internationale Arbeiterassoziation.— Vereinstag.— Allgemeiner deutscher Arbeiterverein.— Sozialdemokratische Partei.— Liberale Partei.— Selbständige Gründung von Gewerkschaften.— Polizeiliche Verfolgungen und Sozialistengesetz.— Von 1874 bis 1878.— Das Sozialistengesetz(1878 bis 1890).— Wiederaufbau gewerkschaftlicher Organisationen(1884 bis 1890).— Zentralisations-Bestrebungen. Einigung der Arbeiterparteien Deutschlands 1875.— Gewerkschaftskonferenzen und Kongresse.— Entwickelung der Freien Gewerkschaften seit 1890. Ausbau der Unterstützungseinrichtungen.— Mitglieder. Finanzen. Streiks und Lohnbewegungen.— Die gegnerischenGewerkschaften. — Entwickelungstendenzon der deutschen Gewerkschaften. Vortragender: EmilDittmer. Sonnabend, den 11 Oktober; GcMchtchfc den SoBialiama«. Erster Teil: Altertum und Mittelalter. Was ist Sozialismus?.— Soziale Verhältnisse und soziale Ideen. — Der Urkommunismus.— Soziale Bewegungen im Altertum. — Die platonische Staatsidee, ihre Anhänger und Gegner.— Der Kommunismus im Urchristentum.— Die soziale Rolle der Kirche.— Die Klöster,— Die Reformation.— Der Bauernkrieg.— Kommunistische Sekten im Mittelalter.— Thomas Münzer.— Die soziale Struktur zu Ausgang des Mittelalters: Feudalismus, Handel. Handwerk, beginnender Kapitalismus. Vortragender; Emil Eichhorn. Jeder Kursus erstreckt sich auf zehn Abende. Beginn pünktlich 8'/. Uhr, Ende 10 Uhr. Die reichhaltige Bibliothek ist an den Unterrichtsabenden von y/a bie S'/a Uhr geöffnet. Der Mitgliedsbeitrag beträgt pro Monat 25 Pf., das Unterrichtsgeld für jedes Fach pro Kursus 1 Mark und ist spätestens am zweiten Abend zu zahlen. Die Aufnahme neuer Mitglieder und Schüler erfolgt bei Beginn jedes Kursus im Schullokal GrenatllerMtr. 37, Hof geradezu 1 Treppe, und in nachstehenden Zahlstellen: Gottfr. Schulz. Admiral- straße 40a; Heul. Bamimstraße 42; Vogel, Lortzingstr. 37; W. Kaczorowski, Ravenestr. 6; Mörsch, Engelufer 15. Ohne Vu X Besondere Veranstaltungen: Sonnlag, den 12. Oktober, abends 6 Uhr, im Schullokal, Grenadierstraße 37: Vortrag des Gen. Franz Diederich über;..Ludwig Büchner'1. Sonntag, den 19 Oktober, abends 7 Uhr, im.,Kiinigstadt-Kasjno", Holzmarktstr. 72. Referent und Thema werden noch bekanntgegeben. Sonntag, den 2. November, abends 6 Uhr, im Schullokal, Grenadierstraße 37, Vortrag des Genossen Ernst Reuter über:„Die nationale Frage in der Geschichte des 19. Jahrhunderts". Sonntag, den 23. November, abends 6 Uhr, im Schullokal. Sonntag, den 7. Dezember, abends 7 Uhr. im„Königstadt-Kasino", Referenten und Themas werden durch Inserat bekanntgegeben. Am Sonntag, den 9. November, findet in den„Industrie-Festsälen", Beuthstraße, ein„Lustiger Abend" unter Mitwirkung bewährter Kräfte statt. 8/7* Alle Zuschriften sind an den Vorsitzenden Hermann UammS, Bcrlln-Ulchtenberg, Rlttergntotr. 25 I, Geldsendungen an den Kassierer H, Ktfitigw, Berlin S. 59, Hasenheide 56. zu richten. Der Vorstand. Monatsgarderobenhaus Türkischer, Prjnzenstr.79..S... Bedeutend vergrößert! Im neuerbauten Laden! Von Kavalieren getragene Ulster, Jackett-, Rock-, Frack-, Smoking-Anzüge, teils auf Seide gearbeitet, sowie großes Lager in neuer eleganter Herren- Garderobe. ___ vun liefere an jedermann ]VIöl>ol Ivr-edit: bei Zahlung einer Monatsrate laut Vereinbarung u. bequem. Abzahl. komplette Wohnungs- Einrichtungen sowie einzelne MöbelstücHe, Polsterwaren, iarb. Küchen Portieren, f�SrHinPn Leib" u Bettwäsche, Steppdecken, Teppiche, UlsICIIf Betten, Kronen, Kinderwagen usw. Garderobe für Herren, Damen u. Kinder Pelze, Stolas, Muffen Grössle Auswahl neuester Fassons ►. 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Für die Vorstellungen am 16. November und 14. Dezember ist nur noch eine geringe Anzahl von Gut- scheinen zu haben. Sodann fordern wir die Organisationen, die Jugend- schriftenverzeichnisse zur Verteilung in den Jugendschriftenausstellungen benötigen, aber- mals auf, uns die Anzahl der Exemplare bald anzugeben. Von großer Wichtigkeit für uns wäre es, wenn uns alle Organisationsleitungen und Bildungsausschüsse, die mit Unterstützung des Bezirksbildungsausschusses Kunstabende veranstalten, über jeden dieser Abende einen knappen Bericht geben würden. Es liegt uns viel daran, über den Verlauf eines jeden Wends, über etwaige Mängel oder Fehler, über Unzuträglichkeiten irgendwelcher Art stets unterrichtet zu sein. Wir ersuchen die in Frage kommenden Genossen daher, sich der Mühe dieser Berichterstattung zu unterziehen. Der Bezirks-Bildungsausschuß Groß- Berlin Lindenstr. 2, Hof L Partei- Hngelegenbeiten. Zur Lokalliste. Auf wiederholte Anfragen teilen wir mit, daß da? Lehrer- dereinshaus am Alexanderplatz, Inhaber Herr Karl Seeger, nach wie vor für die organisierte Arbeiterschaft gesperrt ist. Gleichzeitig weisen wir darauf hin, daß im Hause des Lehrervereinshauses ein automatisches Restaurant eröffnet ist, dessen Inhaber aber ebenfalls Herr Karl Seeger ist. Wir ersuchen, auch dieses Restaurant streng zu meiden. Das Marinehaus, Brandenburger Ufer, ist von der Liste zu streichen und als gesperrt zu betrachten. In Rudow(T.-B.) hat der Gastwirt Richard Rolle sein Lokal zurückgezogen; es ist gleichfalls als gesperrt zu betrachten. In Köpenick hat das Lokal zum Lindengarten den Besitzer ge- wechselt; der jetzige Inhaber Robert Rieck stellt es nach wie vor zur Verfügung. Unter Birkenwerder sU.-B.) hatten wir da? Lokal Restaurant zur Briese mit einem Stern versehen auf der Lokalliste geführt. DaS« selbe liegt im königlichen Jagdrevier. Auf Betreiben des Ober- sörsterS wird vom Besitzer die Streichung des Lokals von der Liste verlangt. Wir kommen dem nach und streichen es von der Lokalliste. Die Lokalkommission. Sechster Wahlkreis. Den Wünschen der Mitglieder Rechnung tragend, werden im Laufe des Oktober-November folgende vier Wissenschast- liche Vortragskurse abgehalten mit dem Thema: Die wissenschaftlichen Grundlagen der modernen Arbeiterbewegung. Am Freitag, den 10., 17., 24., 31. Oktober und 7. No- vcmbcr bei Puhlmann, Schönhauser Allee 147. Referent: Emil Eichhorn. An denselben Tagen in den Pharussälen, Müllerstr. 142. Referentin: Käthe Duncker. Am Donnerstag, den 9., 16., 23., 30. Oktober und 6. November bei Franke, Badstr. 19. Referentin: Käthe Duncker. Durch besondere Umstände veranlaßt, wird der Kursus im Moabiter GesellschastshauS, Wiclefstr. 24, an folgenden Tagen abgehalten: Am Donnerstag, den 9., Freitag, den 17. und 24., Donnerstag, den 30. Oktober und Donnerstag, den 6. November. Referent: Ernst Däumig. Die Teilnehmer erhalten an den Vortragsabenden ge- druckte Dispositionen. Beginn pünktlich abends 8'/, Uhr. Ebenfalls wollen wir noch besonders auf die nächsten Veranstaltungen hinweisen: Am Sonntag, den 19. Ostober, abends 7 Uhr: Beethoven- Abend in den Pharussälen, Müllerstr. 142. Eintritt ö0 Pf. Am Sonnabend, den 2a. Ottober, abends 8 Uhr: Heiterer Kunstabend im Moabiter Stadt-Theater. Eintritt 50 Pf. Am Sonnabend, den 15. November, abends 8 Uhr: Kunst- abend(Moderne soziale Dichter) bei Ballschmieder. Eintritt 60 Pf. inklusive Garderobe. Billetts sind bei den Bczirksführcrn zu haben. Wilmersdorf. Am Sonntag, den ö. Oktober, nachmittags 4 Uhr, findet die Einweih ungsseier des neuen Jugend- Heims, Mannheimer Straße 61. vorn parterre, statt. Ansprache: Schriftsteller Emil� Unger. Mitwirkende: Frl. Wallt Kussel(Rezitation), Wilmersdorfer Männerchor. Eintritt frei. Adlershof. Morgen Sonntag findet eine Besichtigung der Feuer- bestaltungsanlage in Tieptow statt. Treffpunkt 9>/z Uhr vormittags im Lokal von Ziege. Bismarckstr. 19. Mittwoch, den 3. Oktober, abends sstz Uhr, im Lokal von Kaul, Bismarckstr. 1ö: Generalversammlung des Wahlvereins. KaulSdorf. Zu der morgen Sonntag stattfindenden G e- meindeersatzwahl in der Hl. Klasse treffen sich die Genossen um'/«l2 Uhr in Hamanns Gesellschaftshaus. Frankfurter Chaussee. Rüdersdorf. Am Sonntagnachmittag 2»/, Uhr: Mitglieder- Versammlung des Bezirks Rüdersdorf bei Georg Rademacher. Es ist eine außerordentlich wichtige Tagesordnung zu erledigen. Alt-Glienicke. Am Sonntag, den 5. Ottober, findet die Be- sichtigung des Krematoriums Treptow-Baumschulenweg statt. Treff- punkl�vormittags 8>/z Uhr. beim Genossen Bahr. Köpenicker Straße. Ferner findet am Sonntag, den 6. Oktober, der letzte Licht- bildervortrag über:.Bergbau und Hüttenwesen.' im Restaurant Bahn, Grünauer Str. 66 statt. Anfang 7 Uhr. Eintritt 20 Pf Die Arbeiterschaft wird ersucht, diese Veranstaltungen z» unter- stützen. Berliner Nadrncbten. Bunte Welt. Nun steigen die Nebel. Ihre gelblich-weißen Schleier legen sich zäh um Baum und Strauch, verzerren jede Form, verzeichnen alle Linien. In ihr milchiges Gewölk hüllen sie die Welt stundenlang. Nur schwer gelingt es der Sonne, sie zu durchbrechen, und schon zu früher Nachmittagsstunde ziehen ste sich wieder in balligen Schwaden zustimmen. Ihr' fröstelndes Naßkalt hat Halme und Astwerk überhaucht. Feucht schimmern die welken Blätter am Boden. Und wie von feinen Dämpfen überstäubt, hängt das gilbende Laub. In bunten Farben lachen Garten und Wald, und doch ist sichtbarlich eine große Müdigkeit durch sie geschritten. Immer lockerer wird der Zusammenhäng zwischen Blatt und Zweig. Jeder leiseste Windhauch hat eine Macht gewonnen, die kein Sommersturm sein eigen nannte: wie Flocken gleiten unter seinem Odem die Blätter. Und jeder Tag bringt nun neue Farben. Hier fleckt er nur die Ränder, dort tupft er die breite Blattfläche und wieder an anderer Stelle taucht er ganze Zweige des sterbenden Laubes in Purpur und Gold. In einem Gelb von unendlicher Zartheit leuchten die Blätter der Pflaumenbäume, mehr ins Goldige hinein- getönt schimmert der Ahorn. Rot glüht des Weinlaubes Ge- rank von Spalieren und Gitterwerk, und rot leuchtet es auch von den Birnen, die ihre letzten Früchte hergegeben. Von einem bläulichroten Schimmer übergössen hängen die Blätter mancher Johannisbecrarten. Wie brauner Samt schimmert es aus den Wipfeln der Buchen und Kastanien. Nur die Eichen stehen noch in sommerlicher Pracht. Aber in alles Grün ist ein Hauch von Gelb geschossen. Das breitet zu- sehends, bald in helleren, bald in tieferen Tönen seine Herr- schaft aus, während der weiße Glanz der Schneebeere und das ttefe Rot der Ebereschenfrüchte immer prunkender aus diesem Gilben und Bräunen herausleuchten. Nicht nach dem zeittg sterbenden Baum- und Blumen« schmuck der Städte darf man in diesen Tagen die Natur beurteilen. Ihr Gesicht ist jenseits des Großstadtweichbildes ein ganz anderes: ein frischeres, erst in genngem Maße vom Herbst zerwühltes. Sogar an jungen Trieben fehlt es nicht, die die Oktobersonne unzeitig herausgelockt hat. Auch auf den Wiesen und an den Waldrändern sind die Blumen noch nicht ganz gestorben. Aber das Licht ist nur matt; und mag der Himmel auch noch so heiter lächeln, die Herbstnebel haben die Herrschaft angetreten. Was die Nächte noch am Leben lassen, das zerstören sie in feuchten Umarmungen. An Farben ist kein Mangel; so mancher Baum pruntt jetzt in einer ganzen Skala von Tönen, die sich von Tag zu Tag verändern. Die Bunt- heit ist wieder da: freilich nicht die des Blühens, sondern die des Vergehens...___ Der Unterrichtsbeginn der Arbeiterbilduugsschnle. Die ArbeiterbildungSschule beginnt ihren Unterricht am ö. Ottober und folgende Tage. Der Lehrplan enthält, von unwesentlichen Aenderungen ab- gesehen, die alten, bewähtten Fächer: Geschichte des Altertums, Ge- schichte des Sozialismus, Literaturgeschichte, Nationalökonomie, Ge- werkschaftswesen, Naturwiffenschaft. Die Schule verfolgt seit jeher ein bestimmtes und begrenztes Ziel: Dem klaffenbewußten Arbeiter das Wissen zu vermitteln, dessen er unbedingt in seinem großen Befreiungskampfe bedarf. BildungSarbeit dieser Art ist schwierig, sie geht nur langsam, Schritt für Schritt vorwärts, da sie alle Kräfte auss stärkste zu selbständiger Arbeit anspannt; aber sie be- wegt sich in sicheren, zielklaren Bahnen. So kommt es denn wohl, daß ähnliche Bildungsinstitute, die auch zum größten Teil von Ar- beitern benutzt werden, glänzendere Erfolge aufzuweisen haben, be- sonders was die Beteiligung bettifft. Aber das ist nur scheinbar. Der innere Wert ist entscheidend I In nicht allzu ferner Zeit kann die ArbeiterbildungSschule auf ein Bierteljahrhundert ihrer BildungSarbett zurückblicken. Sie hat unter widrigen Verbältnissen schwer um ihre Existenz ringen müssen, aber sie hat sich immer kastvoll behauptet. In der Ge- schichte des Berliner Arbeiterbildungswesens hat fich die Schule Verdienste erworben, wie keine zweite Einrichtung. Sie war und ist der Zentralpunkt aller Bestrebungeu dieser Art. Wenn jetzt in dankenswerter Weise unter der Leitung des Bezirksbildungsausschusses die gewerkschaftlichen und politischen Organisationen mehr und mehr dazu übergehen, selbständige Bildungskurse einzurichten, so ist damit die Schule noch keineswegs überflüssig geworden. Im Gegenteil I Die notwendige Bildungsarbeit der Organisationen kann gewiffer- maßen als erste Vorarbeit betrachtet werden, die dann systematisch in der Schule fortgesetzt werden kann. Denn der Lehrgang der Schule ermöglicht sehr wohl die geistige Höherentwickelung. So wird die Arbeiterbildungsschule nicht überflüssig werden, sondern sie kann unter den veränderten Bedingungen erst ihrem eigentlichen Charakter als Schule gerecht werden. Eine Ehrenpflicht der bildungs« eifrigen Berliner Arbeiterschaft ist eS aber, ihr altes bewährtes Bildungsinstiiut auch in Zukunft mit allen Kräften zu unterstützen Aus der Statistik des Elends. Elendsziffern sind es, die wir im Nachfolgenden wieder- geben: Am 1. Oktober 1913 befanden sich im städt. Familien- obdach 225 Personen und zwar 35 Familien mit zusammen 148 Köpfen(darunter 68 Kinder und 19 Säuglinge) und 77 Einzelpersonen. Der Gesamtbestand betrug am 1. September 43 Personen weniger. Das nächtliche Obdach wurde während des September von 64 487 Männern und 700 Frauen besucht. Der Tag des geringsten Besuches war der 20. September mit 1993 Personen, der des stärksten Besuches der 6. September mit 2422 Personen. Gebadet haben in den Brausebädern täglich durchschnittlich 684 Personen, Wannenbäder wurden während des ganzen Monats an 375 Männer und 491 Frauen verabreicht. Diese trockenen Zahlen beleuchten unsere heuttgen sozialen Zustände im hellsten Licht.__ Die„Abwnnmelung" der kleinsten Gaskonsumenten. Die Gaswerke der Stadt Berlin hatten lange Zeit hindurch fich bemüht, die Minderbemittelten immer mehr für die Benutzung von Gas zu gewinnen. Diesem Zweck diente unter anderem die Einführung der G a S a u t o m a t e n, die zwar das Gas zu höherem Preise lieferten, aber dem kleinen Konsumenten die Anschaffung eigener Gaslampen und Gaskocher ersparten. Sehr gefördert wurde die Verbreitung der GaSautomaten, als die Gaswerke auf die anfängliche Bedingung, daß ein gewisses Mindestquantum von Gas verbraucht oder bei zu geringem Verbrauch eine Art Strafgebühr entrichtet werden mußte, ver- ständigerweise verzichteten. Das führte, wie zu erwarten war, zu einer roschen und beträchtlichen Mehrung der Gasautomaten, und auch in der Zunahme des Gasverbrauchs war der Einfluß jener Erleichterung zu bemerken. Aber dann kam plötzlich über die Verwaltung der Gaswerke die Erleuchtung, daß an den kleinsten Gaskonsunienten, die man auf diese Weise angelockt hatte, vielleicht doch nicht genug verdient werde. Man hielt für ratsam, den Benutzern von GaSautomaten doch lieber wieder einen Mindest verbrauch aufzunötigen, und dem diesbezüglichen MagisttatSanttag wurde in der Stadtverord-' netenversammlung leider von den Freisinnigen zuge- stimmt. Geradezu toll war die Begründung, durch die der Magistrat auf die freisinnige Stadtverordnetenmehrheit zu wirken wußte. Als„Mißbrauch" wurde eS gerügt, daß manche Leute sich einen Automaten haben aufstellen lassen und dann nicht so viel Gas verbrauchten, wie die Gaswerke es wünschten. Dem sollte durch Wiedereinführung der früheren, erschwerenden Bedingungen ein Riegel vorgeschoben werden. Fortan mußte, wer Gas durch einen Automaten entnehmen wollte, wieder mindestens 300 Kubikmeter pro Jahr verbrauchen oder den Minderverbrauch mit einer Strafe von 3 Pf. pro Kubikmeter büßen. Diese Maßregel, die mit April 1913 für alle durch Automaten neu anzuschließenden Gaskonsumenten in Kraft ttat, hat sehr bald ihre Wirkung getan. Schon im Vierteljahr April— Juni 1913, aus dem jetzt die von der Gaswerksverwaltung zusammen- gestellte Uebersicht über den Gasverbrauch vorliegt, haben die Gasautomaten sich vermindert. Während in den vier Vierteljahren April— Juni 1912, Juli— September 1912, Oktober— Dezember 1912, Januar— März 1913 91 602, 116 396, 123,603, 134 038 Gasautomaten in Benutzung waren, sank im Vierteljahr April— Juni 1913 ihre Zahl auf 121 288. Statt weiterer Mehrung der Automaten, die seit längerer Zeit ununterbrochen an- gedauert hatte, ist jetzt zum ersten Male eine Minderung ein- getreten. Mit den Automaten hatte sich auch die Menge ihres G a S- Verbrauchs sehr bedeutend vermehrt. Für jene vier Vierteljahre war sie(in Kubikmetern) etwa e'/a Millionen, 81/« Millionen, 12V, Millionen, 12� Millionen, um 263/4 Proz., 36 Proz., S91/, Pro- zent, 54Va Proz. mehr als in denselben Quartalen deS vorher- gehenden Jahres. Für das Vietteljahr April— Juni 1913 wurde ein Verbrauch von etwa 9V« Millionen festgestellt, das ergibt gegenüber demselben Zeitraum des Vorjahres ein Plus von nur noch 47 Proz. Gewiß ist auch das noch ein sehr stattliches Plus, aber schon ist an ihm der Anfang einer Abschwächung zu merken. Voraussichtlich wird beim nächsten Mal über einen weiteren Rück- gang der Automatenzahl zu berichten sein. Wer wegen zu geringen Verbrauchs sozusagen bestraft werden und die nicht verbrauchte GaS« menge mitbezahlen soll, der muß lieber ganz auf den Gas- automaten verzichten. Daß eS so komnien würde, ist in der Stadtverordnetenversammlung von unseren Genossen voraus- gesagt worden. Der Berliner Stadtfreisinn kann„stolz" sein auf den Erfolg, den diese seine neueste„Ruhmestat" schon jetzt hat. Nur zu bald wird die beabsichtigte„Abwimmelung" der kleinsten Gaskonsumenten erreicht sein.____ Die Arbeitslosigkeit in Berlin. Die herrschende Arbeitslosigkeit in Berlin tritt besonders in der geringeren Verwendung von Jnvalidenntarken in Er- scheinung. Die Landesvcrsicherungsanstalt Berlin vereinnahmte im August d. I. 64866 M. weniger an Markenbeitraacn als im August 1912. Auch im Juni d. I. wurden 52 978 M. weniger erlöst als im Juni v. I. und im September d. I. ist die Einnahme nach den bisher vorliegenden Abrechnungen keineswegs befriedigend. Diese Mindererlöse aus Marken sind auf die große Arbeitslosigkeit in Berlin zurück- zuführen._ Die Bebauungspläne für Treptow. Der Berliner Magistrat hat im Juni dieses Jahres, um einen erstklassigen und den Forderungen des modernen Städtebaus ent- sprechenden Bebauungsplan für das städtische Gelände in Treptow zu gewinnen, den als Städtebauer bekannten Architekten Hermann Jansen und den auf dem Gebiete deS Wohnungswesens als Autorität geltenden Professor Rudolf Eber stadt mit der An- fertigung solcher Pläne beauftragt. Professor Eberstadt hat seinen Plan in Gemeinschaft mit Professor Bruno Möhring aufgestellt- Beide Pläne sind, wie wir hören, jetzt fettiggestellt und dem Berliner Magistrat übersandt worden. Beide Pläne, denen Er- läuterungSberichte und eingehende Berechnungen über die Wirt« schastlichkeit der vorgeschlagenen Bebauung beigegeben sind, sehen gegenüber dem Plänterwald die Anlage eines ruhigen Wohnviertels teils in offener, landhauSmäßigcr Bebauung, teils unter Anwendung deS Reihenhausbaues vor. Jansen führt die auf den gegenwärtig bestehenden Plan vorgesehene Verkehrsstraße, die dieses Landhausviertel durchschneiden würde, seitwärts in die Neue Krugallee hinein und bewahrt so dem neuen Stadtteil seinen ruhigen Charakter. Er ftihrt ferner durch das gesamte Gelände, das sich auch auf dem Neulöllner Weichbild ausdehnt, einen halbkreisförmig zusammengesetzten Parkgürtel, der den Plänterwald dem Neuköllner Gebietsteil näherbttngt. An Stelle des eng- maschigen, ebenso häßlichen wie unwirtschaftlichen Straßen- netzes, das nach dem alten Bebauungsplan für das städtische Gelände vorgesehen ist. setzt Jansen lange durch- gehende Verkehrsstraßen und an den Wohnstraßen lange Baublocks mit ivenigen Unterbrechungen. Auf Neuköllner Gebiet ist an einem städtebaulich begünstigten Platz die Anlage einer Gemeindeschule vorgesehen. In ähnlicher Weise planen Eberstadt und Möhttng auf dem städtischen Gelände in Treptow ein ruhiges und behagliches Wohnviertel; sie verzichten aber im Hinblick auf den benachbarten Plänterwald und den Treptower Park auf die Schaffung eines Parkgüttels und sehen dafür im Innern deS Baublocks ErholungS- flächen vor. Beide Pläne sollen den Beratungen der gemischten Deputation zugrunde gelegt werden, die von den Berliner Kommunal- behörden für die Erschließung des städtischen Geländes in Treptow eingesetzt worden ist._ Eine neue Schnellbahn. Die Wilmersdorf-Dahlemer Schnellbahn wurde gestern zum ersten Male mit einem besetzten Hochbahnzug befahren. Es fand nämlich die amtliche Vorabnahme der Neubaustrecken statt, an welcher zahlreiche Vertreter der zuständigen Behörden teilnahmen. Die Strecke ist in Abschnitten von 100 zu 100 Metern mit Luft- schachten ausgerüstet, von denen die Mehrzahl zugleich als NotauS- gänoe eingerichtet ist. Vor Station„Nürnberger Platz", wo- selbst die der Gemeinde gchöttgc Bahn beginnt, wird die Strecke drcigleisig, d. h. es ist ein Ausziehgleis vorgesehen, auf welchem die Züge umgesetzt werden können. Dies ist auch noch bei zwei der folgenden Stationen der Fall, so daß auch hier, im Bedarfsfalle, Pendelzüge verkehren können. Der Bahnhof„Nürnberger Platz" ist einfach aber vornehm ausgestattet, die vorherrschende Farbe ist gelb. Weit reicher, fast luxuriös, mutet die Ausschmückung der folgenden Station„H o h e nz o I l e r n- P l a tz" an; statt der luftigen Säulen von Schmiedeeisen sieht man hier massige Granit- Pfeiler die Tunncldeckc stützen. An einem der Wandpilaster ist der Tag der Grundsteinlegung,„6. Oktober 1909", verewigt. Be- merkenswert ist die kunstvolle Schmiedearbeit an den Eingangs- portalen, den Säulcnkapitälen, den Luftschächtcn usw. Die letzteren sind nach der Promenade zu durch— Spinngewebe abgeschlossen, welche den Kampf zwischen Spinne und Fliege plastisch zur Dar- stellung bttngen. Die Dekorationen des folgenden Bahnhofs »Fchrbelliner Platz" erinnern an die gleichnamige Schlacht; schon die Eingangstore zeigen kriegerische Embleme jener Tage. Tie Beleuchtung des Bahnsteigs, der in einer Krümmung liegt, gewährt einen hübschen Anblick. Auf der Fahrt zum„Heidelberger- Platz" wurde die Wandelhalle besichtigt, welche einen Herr- lichen Ausblick auf den Wilmersdorfcr Seepark gewährt. Durch Eisemürcn, welche die Aufschrift„Notausgang" zeigen, gelangte man in die Säulenhalle, welche dem Publikum sonst nur von der Parkscite zugänglich sein wird. Der Uebergang über die Gleise, die unter hochgespanntem Strom stehen, ist nicht ungefährlich. Auf Station„Heidelberger Platz" durfte sich(wie beim Bahn- Hof Jnselstraße) eine freiere Bauweise gestatten, weil die Station wegen der erforderlichen Unterfahrung der Ringbahn, ziemlich tief liegt. Besonders vornehm ausgestattet ist die nörd- liche Vorhalle, von deren Treppen aus man durch zwei elliptisch geformte Bögen in den Bahnhof eintritt. Die folgende Station „Rüdes heimer Platz" steht naturgcmätz unter dem Zeichen des Weinbaues, Gott Bacchus schwingt hier das Zepter über alle Wesen, die ihm Untertan. Besonderes Interesse erweckten die assy- rischen Malereien an den Granitsäulen. Draußen warf man einen Blick auf die Prachtbauten des H a be r l a n d- Villenviertels mit seinen Vorgärten-Terrassen, seinem Laub- und Blumenschmuck. Tie letzte Untergrundbahnstation„B r e i t e n b a ch p l a tz"(früher Ra- statter Platz) erinnert uns schon an die Nähe von Dahlem mit seinen wissenschaftlichen Instituten; an t>en Wänden erblicken wir Tarstellungen aus dem Gebiete der Botanik, Landwirtschaft, der Chemie, der Astrologie usw. Durch den Tunnel geht es über die Dahlemer Strecke, die beim nächsten Bahnhof„P o d b i e l s k i- Alle e" an das Tageslicht tritt. Eine Fahrt über diese Einschnitt- bahn ist besonders interessant, wenn Sonnenschein die herbstliche Landschaft überflutet. Bahnhof„Dahlem Dorf", dessen Emp- fangsgebäude ein Strohdach deckt, wie Bahnhof„T h i e l p l a tz", gliedern sich ebenfalls an ihre ländliche Umgebung. An dem Wagen- schuppen des Bahnhofs wird noch eifrig gearbeitet, ebenso an der „Festhalle", die sich neben ihm erhebt. Unweit des Bahnhofs thront ein mächtiger Findling, den man beim Bau zutage gefördert hat. Der Steinkoloß wird auf 500 Zentner Gewicht geschätzt; er soll später den Vorplatz zieren. In dem Abnahme-Protokoll wurde der Beginn des Probeb et riebes auf nächsten Montag festgesetzt. Die beiden Schnellbahnen haben eine Gesamtlänge von rund 9 Kilometer.____ Selbstmord eines Jugendrichters. Der Amtsgerichtsrat I. Roeder in der Courbisrestraße 3 hat Donnerstagabend seinem Leben ein freiwilliges Ende gemacht. Man fand ihn, der mit seiner Gattin und Tochter eine elegante Wohnung bewohnte, in seinem Arbeitszimmer mit einem Schuß in der Schläfe auf. Roeder wurde sofort nach dem Elisabeth- Krankenhause ge- schafft, wo er bald nach seiner Anlieferung starb. In einem Briefe, den man im Schreibtische des Toten fand, teilte der Amtsgerichtsrat seinen Angehörigen mit, daß er vor einiger Zeit den größten Teil seines Vermögens durch eine verfehlte Spekulation verloren habe. Herr Roeder war am Amtsgericht Berlin- Mitte Jugend- und Bormundschaftsrichter. In dieser seiner Eigenschaft hat er eine Un- masse von Ueberweisungsbeschlüssen in die Fürsorgeerziehung wegen Borliegens angeblicher Verwahrlosung Jugendlicher erlassen. Verhaftung eines Grafen. Nachdem bereits in der vorigen Woche der in Potsdam bei einem Freunde zu Besuch weilende schlesische Graf Sch. unter dem Verdacht, sich homosexueller Verfehlungen schuldig gemacht zu haben, fest» genommen worden ist, erfolgte am Donnerstag morgen auf Ver- änlassung der Hamburger Staatsanwaltschaft die Verhaftung des in einer Pension im Westen Berlins wohnenden Grafen S. Der Graf nmßte jedoch am Abend wieder freigelassen werden, da. der schon vor längerer Zeit ausgestellte Haftbefehl keine Gültigkeit mehr besaß. Zwischen den beiden Verhaftungen soll keine Verbindung be- stehen. Graf Sch. m Potsdam ist inzwischen ebenfalls wieder auf freien Fuß gesetzt worden, da allem Anscheine nach keine strafbare Handlung vorliegt._ Ein Unter grundbahnhof an der Stralauer Straße. Der Magistrat beschloß in seiner gestrigen Sitzung, an die Allgemeine Elektrizitäts- gesellschast gemäß dem mit ihr am 18. März 1912 abgeschlossenen Vertrage das Verlangen zu richten, an der Kreuzung der Neuen Friedrichstraße und der Stralauer Straße einen Bahnhof für die Untergrundbahn Gesundbrunnen— Neukölln anzulegen. Städtische Bauten. Ferner genehmigte der Magistrat die vom Geheimen Baurat Dr. Hoffmann vorgelegten Entwürfe für den Neu- bau eines Diphtheriepavillons und für die Erweiterungsbauten des Badehauses am Krankenhause im Friedrichshain und des Kinderasyls in der Kürassierstraße._ Gefälschte Geldrollen. Einen Schwindel mit gefälschten Geldrollen betrieb seit einiger Zeit ein Mann, der in der Kleidung und der Mütze eine? städtischen Gasarbeiters auftrat. Er besuchte Zweiggeschäste hiesiger Banken in verschiedenen Stadtteilen, um Papier und Gold gegen Zehnpfennig- rollen einzutauschen. Weil die Rollen das Papier zeigten, das die Gasanstalt zu verwenden pflegt und ebenso gesiegelt waren, wie die Anstalt ihre Rollen zu siegeln pflegt, so kamen die Banken um so weniger auf den Gedanken einer Fälschung, als der Mann ja auch durch seine Kleidung sich auszuweisen schien. Beim Nachwiegen stimmte auch jedesmal das Gewicht ganz genau. Erst wenn die Rollen an Bankkunden gelangten, die kleines Geld gebrauchten. stellte sich heraus, daß sie gefälscht waren. Sie enthielten Holzstäbchen, die genau auf die Länge der Zehn- pfennigrollen abgemessen, ausgehöhlt und mit soviel Blei gefüllt waren, daß sie ebenso viel wogen, wie die Zehnpfennigrollen. Die Kriminalpolizei benachrichtigte alle Bankgeschäfte von dem eigen- artigen Schwindel, und als nun gestern der vermeintliche Gas- arbeiter in einer Filiale im Zentrum der Stadt wieder erschien. holte man einen Beamten und ließ ihn festnehmen. Er entpuppte sich als ein 32 Jahre alter Mechaniker E., ein bisher ganz un- bescholtener Mann, der nach seinen Angaben durch Arbeitslosigkeit auf den Schwindel gekommen ist. In seiner Wohnung im Norden der Stadt fand man bei einer Durchsuchung noch eine ganze Anzahl Holzstäbchen, die zum Teil schon gefüllt und zum Teil noch in Arbeit waren. Der Verhaftete wurde dem Untersuchungsrichter vor- geführt.__ Zu einer Revolverschieficrei kam es gestern abend in einem Lokal auf dem Wedding. In dem Hause Kösliner Str. 17 betreibt . der Gastwirt Joseph Spychalla eine Schankwirtschaft, me hauptsächlich von Polen besucht wird. Bor vier Wochen wollte auch der Straßenhändler Emil D o b r a k aus der Kösliner Str. 16 mit Mei gleichaltrigen Freunden das Lokal aufsuchen. Weil die drei oem Wirt jedoch als Störenfriede und Raufbolde bekannt waren, verweigerte er ihnen die bestellten Getränke. Es kam deshalb zu einem Streit und später zu einer Prügelei; die Folge war, daß der Wirt aus einem Revolver einen Schuß abgab, durch den Dobra k schwer verletzt wurde. Nach seiner Wiederherstellung wurde letzterer am Mittwoch außerdem noch wegen dieses Exzesses zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Jetzt schwor er dem Wirt blutige Rache. Mit einem Steinträger Büttner, der ebenfalls in der Kösliner Straße wohnt, drang er gestern abend nach 6 Uhr unvermutet in die Wirtschaft ein. Sie wollten sich ohne weiteres auf den hinter dem Ladentisch stehenden Wirt stürzen, um ihm, wie sie sagten, eine Heimzahlung zu geben. In der Notwehr griff der Wirt"jetzt zum Revolver und schoß auf Büttner. Er traf ihn in den Unterleib, so daß er besinnungslos zusammenbrach. Tobrak ergriff daraufhin die Flucht. Er wurde aber bald darauf in einem Lokal derselben Straße ausfindig gemacht und fest- genommen. Sein schwerverletzter Spießgeselle wurde in bedenk- lichem Zustande nach der Charite gebracht. Johannisthaler Herbstflugwochc. Die Konkurrenzen begannen mit dem Wettbewerb um den kürzesten Auslauf. Hierzu hatten sich Thelen, Rupp, Krieger, Ernst und Viktor Stoeffler uich Jngold gemeldet, die auch sämtlich star- tcten. Es galt bei diesem Wettbewerb in möglichst sanftem Gleit- fluge niederzugehen, um den Apparat in einer Entfernung von höchstens 100 Metern nach dem Aufsetzen auf den Erdboden zum Halten zubringen. Es glückte Rupp mit einem Auslauf von 50,95 Metern Sieger zu werden; Viktor Stoeffler wurde mit 61,80 Metern zweiter und sein Bruder Ernst mit 64,30 Metern dritter. Sablainig, der am Donnerstag vergeblich den Höhenweltrekord mit 5 Passagieren zu brechen versucht hatte, war gestern glücklicher. Auf seinem Union-Doppeldecker, der eine Last von 501 Kilogramm zu tragen hatte, stieg er in 12 Minuten auf 800 und in 15 Minuten auf 1000 Meter Höhe und ging dann in 2 Minuten herunter. Der neue Weltrekord ist also in 17 Minuten aufgestellt worden, einer Zeit, die der Maschine ein glänzendes Zeugnis ausstellt. Fiedler und Reiterer stiegen bis zu 1500 Metern-empor, fanden es dort aber zu böig und landeten nach einiger Zeit. Einen tollkühnen Flug, der leicht ein unglückliches Ende hätte finden können, unter- nahm der Union-Pilot Kanitz. Ter ehemalige Gradeflieger hatte zu einem Höhenfluge gemeldet und stieg, obwohl in der Höhe Luft- Wirbel an der Wolkenbildung zu erkennen waren, mit seinem Passa- gier Töpfer langsam höher und höher. Nach zwei Stunden hatte er 3000 Meter Höhe erreicht und befand sich von dem deutschen Rekord nur noch 100 Meter entfernt. Der Wind wurde aber immer heftiger und zum Unglück brach auch noch der Benzinhebel. Nun bekam der Motor Vollgas und Kanitz war in großer Verlegenheit, wie er den Abstieg bewerkstelligen sollte. Schon in der Höhe von 2000 Metern hatte die Maschine, als sie eine dichte Wolkenwand passierte, Schwierigkeiten gemacht. Das Wasser setzte sich überall fest und ein Zilinder nach dem andern setzte aus. Einen Augen- blick blieb sogar der Mercedes ganz stehen, erholte sich aber wieder und arbeitete weiter, Kanitz mußte also, nachdem er einige Zeit in 3000 Metern geflogen war, niedergehen. Eine Landung mit vollaufendem Motor wäre die sichere Vernichtung der Maschine und der Insassen gewesen. Der Kurzschließer, der den Motor abstellt, versagte, und so mußte Kanitz, der inzwischen bis auf 50 Peter herabgegangen war, sich entschließen, die Hebel, die vom Magnet- apparat den hochgespannten Strom zu den Zündkerzen führen, her- auszuziehen. Diese Arbeit war sebr gefährlich, da zu allem Unglück auch noch der Benzinbehälter leck gewovden war. Da das aus- tropfende Benzin auf den Motor lief, hätte das Flugzeug durch Funkenbildung leicht in Brand gerat enkönnen. Kurz entschlossen nahm Kanitz die Steuerhebel zwischen die Zähne, faßte nach hinten durch und riß die Hebel vom Magneten ab. So konnte er, zwar mit verbrannten Fingern, aber sonst heil, den Erdboden erreichen. Zum Schluß des gestrigen Tages wurden drei Rennen ausgeflogen. Zuerst kamen die schweren Eindecker heran. Hier kämpften Krieger, Jngold, Kohnert und Reiterer um die Palme des Sieges. Erster wurde Jngold, Zweiter Krieger; Gruner hatte-Defekt und war zurückgeblieben, während Kohnert die Wendemarke falsch gerundet hatte. Das Rennen der Doppeldecker wurde in zwei Gruppen aus- getragen. In der ersten Gruppe starteten die beiden Stoeffler. Lindpaintner, Schüler und Janisch. Letzterer blieb Sieger. In der zweiten Gruppe gingen Thelen, Reinus und Kießling an den Start. Erster wurde Kießling, Zweiter Remus, Thelen schied aus. Vorort- JSadmchtem Neukölln. An die Eltern der Arbeiterjngend. Mit rührigem Eifer betätigen sich jetzt in der Schulentlassungs- zeit die Gegner der proletarischen Jugendbewegung. Das will bei einem Arbeitsfelde von über 10 000 Jugendlichen in Neukölln viel besagen. Arbeitereltern, bedenkt, zumal die gegnerische Bewegung auch schon gewisse Erfolge erzielt hat, daß euch eure Kinder durch die chauvinistische Hetz- und Wühlarbeit des JungdeutschlandbundeS entfremdet werden sollen. Dies gilt es zu verhüten. Morgen mittag Punkt 2 Uhr findet in den.Bürgersälen", Berg- straße 147, eine große unpolitische Jugendversammlung statt, in der Dr. Rud. Breitscheid über das Thema:„Proletarische Jugend h e r a u S I" sprechen wird. Proletarische Väter und Mütter, sorgt ftir jugendlichen Massenbesuch!_ Lichterfelve. Für i>ie bevorstehende Delegiertcnwahl zur Allgemeinen Orts- krankenkafse wollen die Vertrauensleute der Gewerkschaften ihre Adresse an Genossen Peter Möckel, Marschncrstr. 3, einsenden. Wilmersdorf. Das Opfer eines räuberischen NcbcrfallS ist in der gestrigen Nacht der Monteur August K. aus der Paulsborner Straße ge- worden. Als K. gegen 11 Uhr die Brandenburgische Straße passierte, traten ihm am Preußenpark drei Männer entgegen und verlangten von dem Monteur die Hergabe seiner Barschaft. Als K. sich weigerte, dem Verlangen nachzukommen, fielen di'e drei über ihn her und schlugen auf ihn ein. Obwohl sich K. energisch zur Wehr setzte, wurde er bald überwältigt, zu Boden geworfen und so lange miß- handelt, bis er die Besinnung verlor. Dann raubten die Burschen ihm das Portemonnaie, in dem sich mehr als 20 M. befanden, und ergriffen die Flucht. Der Monteur, der mehrere blutige Verletzungen im Gesicht und einen Nervenschok erlitten hatte, wurde bald darauf von Passanten aufgefunden und zu einem in der Nähe wohnenden Arzt geleitet. Dann konnte sich der Monteur in seine Wohnung be- geben.— An jener Stelle sollen in der letzten Zeit mehrere derartige Ue Verfälle verübt worden sein. Schmargendorf. Zu der zu gründenden Ortskrankcnkasse soll am Sonntag, vor- mittags lOftz Uhr, in einer Versammlung Stellung genommen werden. Die Versammlung findet im Restaurant Waldkater, Warnemünder Straße 14/15 statt. Eichwalde. Die letzte Gcmcindcvertretersitznng nahm zunächst den Schul- arztbericht entgegen. Aus demselben ist zu entnehmen, daß von 189 untersuchten Kindern 23 körperlich zurückgeblieben, 30 blutarm und 29 kurzsichtig waren, 10 hatten Gehörfehler, 35 fehlerhafte Zähne, 3 Kinder waren zur Heilstättenbehandlung empfohlen, aber nicht verschickt worden, warum, geht aus dem Bericht nicht hervor. Auf die Ausschreibung von 4500 Quadratmeter Mosaikpflaster sind 40 Offerten eingelaufen. Die Angebote schwanken zwischen 30 000 bis 38 000 M.— Die Beschlutzfassung über das„Ortsstatut gegen bauliche Verunstaltung des Ortes" wurde bis zur dritten Lesung vertagt. Der Herr Kreissyndilus soll um ein Gutachten ersucht werden. Bei der Beratung über den vorliegenden Entwurf führte Genosse Allritz aus, daß in dem Ortsstatut unnötige Härten ent- halten seien, wodurch die Bautätigkeit am Orte lahmgelegt würde. — Die Beschlußfassung über die„Erhöhung der Anliegerbeiträge zur Bürgersteigpflafterung" wurde ebenfalls ausgesetzt. Es sollen von anderen Gemeinden Entwürfe eingefordert werden. Der wich- tigste Punkt der Tagesordnung war:„Bericht über die Vorarbeiten zu der am 30. September stattfindenden Gemeindevorsteher- wähl". Hierzu teilte der stellvertretende Gemeindevorsteher, Herr Thom, u. a. folgendes mit: Auf die Bekanntmachung, daß der Ge- meindcvorsteherposten zu besetzen sei, sind 34 Bewerbungen eingegangen. Eine aus vier Gemeindevertretern gebildete Kommission stellt drei Bewerber zur engeren Wahl, zwei noch tätige Bürger- meister und einen Hauptmann a. D. Aus bestimmten Gründen wurden die drei vorgeschlagenen Herren dem Landratsamt zur Be- gutachtung unterbreitet. Als den für Eichwalde geeignetsten Kay» I didatcn empfahl das Landratsamt den Herrn Hauptmann. Bei ' einer provisorischen Abstimmung hat der Herr Hauptmann(Herr Weidner) dann auch die Mehrheit erhalten. In der Debatte über diese Mitteilungen wendete sich Genosse Allritz gegen die Art und Weise, wie die Wahl des Herrn Hauptmanns protegiert worden sei. Der Herr Hauptmann soll sich von allen Bewerbern als der am besten orientierte gezeigt haben. Herr Merz sang ein Loblied auf die altberühmte Sparsamkeit unseres Militärs und er hofft, wenn der Herr Hauptmann als Vorsteher in Eichwalde einzieht, daß eine Verringerung unseres Beamtenpersonals eintreten werde. Ein Offizier hat einen scharfen, klaren Blick und ein solcher Mann sei für Eichwalde notwendig.— Dann wurde die Neuwahl von 8 Kam- Missionen vorgenommen, obwohl dieselben zum größten Teil noch nicht einmal ein Jahr in Tätigkeit waren. Zweck der ganzen Hebung war, wie Genosse Allritz ausführte, ihn, Allritz, aus der sehr einflußreichen, wichtigen Finanzkommission hinauszuwählen. Allritz lehnte daher auch die ihm gnädigst zugedachte Wahl in die für Eichwalde sehr bedeutungslose Armenkommission ab.— In der v. Achenbachstraße war ein Straßenschild und in der Stubenrauch- straße Laternen demoliert worden. Herrn Naninga blieb es vor- behalten, den nichtgcfatzten Tätern politische Motive zu unter- schieben. Der Herr wurde sofort in gebührender Weise von nnse- rem Vertreter und selbst von seinem Freunde Merz zurechtgewiesen. — Die nachdem stattgefundcne geheime Sitzung beschäftigte sich mit der Verleihung des Gemeinderechts an den zu wählenden Gemeinde- Vorsteher. Hierbei kam die interessante Tatsache zur Sprache, daß zufällig nur einer der Herren Bewerber in Eichwalde gemeldet war, daher konnte auch nur dem einen das Gemeinderecht verliehen werden, und das war der Herr Hauptmann Weidner. Gemeldet war der Herr Hauptmann bei unserem stellvertretenden Gemeinde- Vorsteher Herrn Thom. Wie wir nachträglich erfahren, ist inzwischen Herr Hauptmann Weidner zum Gemeindevorsteher gewählt. Bei einer früheren Gelegenheit wurde bekanntgegeben, daß der Herr die Berechtigung zum Tragen der Uniform besitzt, das scheinen die bürgerlichen Herren sich besonders hoch anzurechnen. Spandau. Zur zweiten Stadtverordnetensstzung im neuen Rathause hatten sich wieder eine größere Anzahl Zuhörer eingefunden, die auch bis zum Schluß den Beratungen beiwohnten. Zunächst wurde das Orts- statut über die Verpflichtung zur polizeilichen Reinigung der öffent- lichen Wege im Stadlbezirk Spandau genehmigt und dem Abschluß eines Vertrages mit der Versicherungsanstalt Deutscher Haus- und Grundbesitzer betreffend Vermittelung der Haftpflichtversicherung der Haus- und Grundbesitzer beigetreten. Hieraus wurden zur Zurück- zahlung von überhobenen Kanalisationsbeiträgen an die Pulver- sabrik 14 323 M. aus dem Kanalisationsreservefonds bewilligt. Debattelos wurden dann 10 200 M. bewilligt für. die Auswechselung des Straßenrohrs in der Feldstraße, das dem Gasverbrauch in diese? Gegend nicht mehr genügt. Eine Magistratsvorlage beantragte die Erbauung eines Kesselhauses im städtischen Krankenhause und Beivilligung der Kosten in Höhe von 70 000 M., die durch eine Anleihe ausgebracht werden sollen. Die Anleihe soll mit 3'/z bis 4 Proz. verzinst und mit Proz. getilgt werden. Weiter wurde die Bewilligung von 3500 M. für das Pro- visorium, das bis zum 1. Januar weitergeführt werden soll, ver- langt. Wie Stadtv. Weber mitteilte, mußten im Juni d. I. infolge Durchrostens die beiden Kessel im Krankcnhause außer Betrieb gesetzt werden. Der Betrieb wurde durch eine entliehene Lokomobile, die zum Mietspreise von täglich 12,50 M. zur Aufstellung gelangte, auf- rechterhalten. Stadtv. Lierow kritisierte die hohen Kosten des Pro- visoriums und verlangte die Vorlegung eines Kostenanschlages. Die Vorlage gelangte hierauf nach kurzer Debatte mit letzterer Bestim- mung zur Annahme. Ueber die Bewilligung von 2400 M. für Belegung des Fuß- bodens der Turnhalle der 12. Gemeindeschule entspann sich eine längere Debatte. Wie Stadtv. Walter erwähnte, war die Halle erst 1911 in Benutzung genommen worden, und schon nach einem Jahr haben sich Kinder Splitter eingerissen, weil seiner Meinung nach minderwertiges Material verwendet worden sei. Die Meinungen gingen sehr weit auseinander darüber, ob der Unternehmer Stadtv. Hülsebeck, der die Arbeit ausgeführt hat, haftbar zu machen fei, weil er eine Garantie von fünf Jahren übernommen habe. Genosse Pieck trat energisch dafür ein, daß mit dem jetzigen Submissions- Wesen einmal gründlich aufgeräumt werde. Magistratsmitglieder und Stadtverordnete dürften unter keinen Umständen städtische Arbeiten übernehmen. Im übrigen sei der Unternehmer, wenn er schlechtes Material geliefert habe und fünf Jahre Garantie über- nommen hat, für den Schaden haftbar zu machen. Genosse Götze war gleichfalls der Meinung, daß der Fußboden nicht einwandfrei ist, da direkt zu sehen sei, daß stellenweise minderwertiges Holz ver- wendet sein muß. Die Vorlage wurde hierauf zur nochmaligen Prüfung zurückverwiesen. Die wichtigste Vorlage betraf die Errichtung einer Badeanstalt in der Wilhelmstadt. Hierüber lag eine Vorlage zur Kenntnis- nähme vor, wonach das Gutachten über die Scharfe Laake ein- gegangen sei und die Allen demnächst der Versammlung vor- gelegt werden sollen, ein fester Vorschlag für die Errichtung der Badeanstalt aber noch nicht gemacht werden könne. Stadtv. Rupke führte aus, daß die Angelegenheit schon seit 1904 schwebe und der Magistrat beinahe zehn Jahre dazu gebraucht habe, um ein Gut« achten zu beschaffen. Wenn im Gutachten gesagt sei, das Wasser im Grimnitzsee und der Scharfen Lanke sei für Errichtung einer Fluß- badeanstalt nicht geeignet, so treffe das nicht zu. Stadtbaurat Paul stieß mit seiner Mitteilung bei den meisten Rednern auf Widerspruch, für die Wilhelmstadt ein Hallenschwimmbad zu errichten. Hierzu habe sich der Magistrat entschlossen, da die Kosten für die Errichtung einer Flußbadeanstalt zu hohe seien. Genosse Pieck kritisierte, daß hier, wo es sich um eine Kulturaufgabe, um das Wohl und Wehe eines ganzen Stadtteils handle, kein Geld dafür vorhanden sei. Wenn es sich aber um Aus- gaben für den Militarismus handle, dann sei Geld in Hülle und Fülle vorhanden. Redner wünschte, daß der Magistrat jetzt endlich mit mehr Eifer an die Errichtung einer Flußbadeanstalt für die Wilhelmstadt herangehe. Stadtv. Dr. Kantorowiez hielt das Wasser des Grtmmtzsees und der Scharfen Lanke mindestens ebenso ge- eignet für Errichtung einer Flußbadeanstalt, wie es das Wasser in Berlin sei. Nachdem noch eine Anzahl Stadtverordnete hierzu ge- sprochen hatten, wurde die Debatte über diesen Punkt beendet. Für Erweiterung des Friedhofs in der Pionierstraße wurde die Bewilligung der Kosten in Höhe von 72 000 M. verlangt. Da zu- nächst nur die eine Hälfte der Erweiterung zur Ausführung kommen soll, sv sollen 36 000 M. hierzu aus den Ueberschüffen des Rechnungs« jahres 1912 entnommen werden. Die Mittel für die andere Hälfte der Erweiterung werden später in einer besonderen Vorlage be- antragt werden. Die Stadtverordneten Wolter und Weber sprachen sich gegen die Vorlage aus, da erst ein genauer Kostenanschlag auf- gestellt werden müsse. Werde eine runde Summe bewilligt. so werde das ganze Geld einfach verpulvert, wie man das am besten am Wröhmännerparl gesehen habe. In der Debatte wurde auch wieder angeregt, den einzelnen Fraktionen aus- führliches Material zu den Vorlageu zugehen zu lassen. Die Vor- läge wurde mit knapper Majorität angenommen. Bei der Besprechung des Gesuches des Brückenwärters Ouast um Gewährung einer Pension machte Stadtverordneter Wolter recht interessante Mitteilungen. Danach ist dem Brückenwärter nach 22 jähriger Dienstzeit deshalb plötzlich gekündigt worden, weil er mit einein höheren Polizeibeamten eine Differenz� hatte. Trotzdem er sich zur Bedienung der Brücke auf seine Kosten noch einen Arbeiter halten mußte, betrug sein Monatsgehalt nur 78 M. Da die jetzt mit der Bedienung der Brücke betrauten städtischen Arbeiter die Arbeiten mcht zur Zu- friedenheit ausführe», stellte Oberbürgermeister Koeltze in Aussicht, den alten Brückenivärter wieder anzustellen. Die weitere Debatte über diesen Punkt wurde in die geheime Sitzung verlegt. Nach Erledigung einer Reihe kleinerer Vorlagen wurde hierauf die öffentliche Sitzung geschloffen. Die Cefe als reichhaltigste Wochenschrift zur Unterhaltung und Bildung ist in Arbeiterkreisen so bekannt und ge- schätzt, daß wir Inhalt und Bedeutung nicht zu erwähnen brauchen. Neu ist, daß von jetzt ab jeder Abonnent schon nach Bezug von 13 Äeften(a 15 Ps.) ein Buch als Geschenk erhält und jederzeit abbestellen kann. „Die Bücher der Lefe gehören mit zum Betten, was die Deutsche Literatur hervorgebracht hat." Altonburger Poüsztg. Jedem Arbeiter eine ßibliotbek Mtenlos! Von Oktober 1913 bis Dezember 1914 erhalten die Leser unserer Zeitung vorerst folgende fünf Bücher: Erstens: Tora Kohlfeld, Die Frauen der Familie Nebelsiek; Zweitens: TH. Etzel, Luftabenteuer; Drittens: Neue Nordische Novellen; Viertens: N. Ä. France, Das Rätsel der Natur; Fünftens: Oskar Wöhrle, Ein Äandwerksbursch der Biedermeierzeit. ßelteUfcheui. Hn die parteibuchhandlung des „Vorwärts", Berlin SCO, Lindenftr. 68. Unterzeichneter abonniert hiermit auf „Die Lcfc" wöchen tUcb ein Reft für 15 pf. und erhält beim Bezüge der fiefte Ohtobcr-Dczembcr 1913 das 2. Buch ,9,3 Januar-März 1914 das 1. Buch 19,4 Hpril-Juni 1914 das 2. Buch 1914 Juli-September 1914 das 3. Buch 1914 Obtober-Dezcmber>914 das 4. Buch>9,4 ............................ Ort u. Datum$..............».. Straße:..................... Sonnabend, 4. Oktober 1913. ?liiiang 3'/a Übt. Theater am Nollendorfplatz. Minna von Barnhelm. Ansanft 4 Uhr. Rose. Rotkävpchen. Uranin. Durch Dänemarl und Südschweden. üttiinna 6 Uhr. Eineb Palast am Zoo. Variete- Lichtspiele. Ansanc, 6'/, Uhr. Teutsrheo. fsauft. 2. Teil. CineoRollendorf-Theater Variete- Lichtspiele. Ansanq 7 llbr. Kgl. Opcrnhauo. Tristan und Isolde. Ansang Tl, Uhr. Berliner. Wie einst im Mai. Dbalin. Die Tangoprinzessin. Kgl. Tchauipielliaus. Die 3 Brüder von Damaskus. Lessing. Peer Gynt. Zirkus Dchnmnnn. Galavorstellung. Zirkus Busch. Galavorstellung. Aniang 8 Ubr. Urania. Mit dem Imperator nach New shork. KammersPiele.DiegoldenenPalmen. Deutsches Künstlerthcater. Der zerbrochene Krug. Hanneies Himmelsahrt. Deutsches SchnuipielhauS. Der erste Beste. Satans Maske. Königgrntier Strafte. Das vierte Gebot. Theater am Nollendorfplaft. Die Heimkehr des Odysseus. Komödienhans. Das Paar nach der Mode. Theater des Westens. Gräfin Fifi. Deutsches Opernhaus. Mdelio. Schiller O. Chrono von Bergerae. Sdtiller Gharlottenbnrg. Wenn der neue Wein blüht. Montis Operette».' Der lachende Ehemann. Kleines. In Ewigkeit Amen. Paul und Paula. Der Barbier von Berriae. Neues Operntheater(Kroll). Der eloige Jungg'sell. Metropol. Tie Reise um die Welt in 40 Tagen. Kasino. Der Aktientenor oder Caruso _ aus Teilung. Triano». Seme Geliebte. Herrnfeld. Was sagen Sie zu Leibusch? Wintergarten. Spezialitäten. Reichsballen. Stettiner Sänger. Eines Apollo-Theater. Varietä- Lichtspiele. Eines Friedrich- Wilhelmstädt. Valicts-Lichtspicle. Aniang 8V, Ubr. Residenz. Im Ehekäflg. Lnstspielbans. 777: 10. Rose. Die Ahnsrau. Luisen. Web' dem. der lügt. Folies Envriee. Ritter Baldrian. Die Mißgeburt. Das Adaptiv- kind. Walhalla. Der Liebesonkel. Aniang 81/, Uhr. Neues Bolkstheater. Die Sieb. zehnjährigen. Ansang 9 llbr. Admiralspalast. 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Oktober"ME Del Aktien-Tenor u. das glänzende Varicte-Programm. Freitag, d. 11. Oktober, zum 1. Mal: Ferdinand der Tugendhafte. Sonntag, nachm. 4 Uhr: Am grünen Strand der Spree. Reiehshalien-Theater Stettiner Sänger N°u-„Alarm!" _ xMilit. Humoreske £53 Anfang 8 Uhr. Morgen nachm. fcAlLfl 3 Uhr zu er» mähigt. Preisen: „Sanatorium �'sy�l» Sonnenstich". (Logen 1 M.. Balkon 75 Ps., Entree 3» Pf.) Vereinigte Berliner Volksbühnen. Enisen-Thcnter. 8'/, Uhr: Weh' dem, der lügt! Lustspiel in 5 Akten von Grillparzer. Morgen 3 Uhr: Die gelbe Gefahr. Walhalla-Theater. Täglich 8'/. Uhr: Der Eiebesonkcl. Posse in. Gesang u. Tanz in 3 Akten. � Brauerei Friedrichshain m Dienstag, den 14. Oktober, abends 8 Uhr; Populäres Konzert des Berliner Volks- Orchesters Alfred Hirsch sowie Gastspiel der Opernsängerin Erna Hallen sieben, Dr. Heinz Caspary— Lieder zur Laute— und Wladimir Dawingolf aus Petersburg, der einzige Kapellmeister, welcher durch hunderte Posen und Bewegungen Musik illustriert. Abendkasse öv Pf., Pillctts im Aorvcrkanf a 30 Pf. sind bei den.BorwärtS�-Speoiicuren Zucht, Jmmanuelkirchstrahe 12 und Hanisch, Ackerstr. 174, zu haben. � 1 Maiiopetpüßo HO_ 71 :: Berliner:: Konzerthaus MauerstraSe 82.— ZimmerstraBe 90/91. Großes Doppel-Konzert! Berliner Konzerthans-Orchester mit seinem Vokal-Quartett. Leitung; Komponist Frz. v. Blon. Musikc. 4. Garde-Regiments z. F. Dirigent: Überm. Schräder. Anfang 8 Uhr. Eintritt SO Pf. Anfang 8 Uhr. wo.'h.Äli.n: Ur. Naclimlllags-iotizerl Zirkus Busch Heute Sonnabend, den 4. Oktober, I abends 7>/. Uhr: Gr. Gala-Sports-'Porstellung.| Auftreten aller groften Attraktionen. Zum Schlich: Die neue Reiterpantomime Aus unseren Kolonien! Avis: Morgen: 2 große Galavorstellungen, nachm. 3'/, und 1 abends T/2 Uhr. Nachm. hat jeder I Erwachsene das Recht, ein Kind[ unter 10 Jahren aus allen Sitzplätzen trei einzusühren. Jedes weitere Kind unter 10 Jahren j zabli die Halste aus den Sitzplätzen. Folies Gaprice. Anfang 81/, Uhr Ritter Baldrian Das Adoptivkind Die Mißgeburt p assage- Panoptikum Mundmaler Schuldis der Rafael ohne Arme bei seinen Arbeiten. Lebend zu sehen! Der Haan mit der eisernen Hand und die anderen Attraktionen. Zirkus Alb. Schumann Sonnabend, den 4. Oktober Anf. 71/., Endell Uhr lO Bengalische 10 Königstiger vorgef. von Herrn Sawade. Die(Schleiiderfahrt im EufttichlfT. 10 Luftvoltigeure 10 Hc�clmanii-Triippe und weitere 14 Attraktionen. Sonntag, den 5. Oktober: 2<>>. Vorstellungen 2 1 nachm. 3'/» abends 71/, Uhr. Metropol Theater Abends 7 Uhr 55 präzise; lim Voigt- Theater Badstrafte.»8. Morgen Sonntag, 5. Oktober 1913: Nachmittags 3 Uhr: Die Mönche im Nonnenkloster. Abends 7 Uhr: Gvfl. Schausp. in 5 Aittz. von Nich. Boh. Kassenerösfn. 10 Uhr, Ans. 3 u. 7 Uhr. Volicslhöaler Neukölln Hermannstrafte 30. Sonntag, den 5. Oktober, 7'/, Uhr: Das Tagebuch einer Verlorene«. Lebensbild in süns Auszügen von W. v. Metzsch-Schilbach. Montag, den 6. Oktober, 8'/t Uhr: Der Dieb. Schauspiel von H. Bernstein. Gr. Ausstattungsst. m. Ges. u. Tanz in 19 Bild. m. vollstünd. freier Benutzung des lules Verne'jdjen Romanes von Julius Freund. Musik von Jean Gilbert. In Szene ges. v. Dir. Richard Schultz. Karl BactimaDD. Joseph Giampietro. Guido Thielscher. Allred Schmasow. Leopold Wolf. Ludwig Wolf. Heleneßallot. IdaRusska. J. de Lande. Morgen Sonntag, nachm. 3 Uhr: 's IMKillerL Wen! Bon 9-1 Uhr: Bfen I Metropol-Bar Rendezvous der vornehmen Lebewelt. 2 Kapellen. Admiralspalast Einziger Eispalast mit prunkvollen Eisballetten. Flirt in Bt. Horitz. Tango a. d. Eise— Hilde Rückert Bis 6 Uhr und von 108/4 Uhr halbe Kassenpreise. Restaurant I. Hanges. Wein- u. Bier- Abteilung. Beginn d. Vorstellung'/,!) Uhr. 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(Bezirk Wedding.) Ehr« seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 4. Oktober, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des Sebastian-KirchhofeS in Rewickendors-Weft, Humboldt- stratz«, aus statt. 145/14 Der Vorstand. Deutseber MetallarbeiHM Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Automaten- Einrichter dokana Dahms gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 4. Oktober, nach- mittags i1/, Uhr, von der Leichen- �alle des Zentral- Friedhofes in sriedrichsselde aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Former Nikolaus Mudra Bernauer Str. 35 am 1. d. Mts. ob Bauchfellentzündung. Di« Beerdigung findet am Sonntag, den 5. Oktober, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Hedwias-5kirchhoses in Reinickendorf aus statt. Ehre ihre« Andenken! Rege BeteMgmrg erwartet 127)9 Die Ortsverwaltung. [ Am 30. September entriß uns der unerbittliche Tod meinen ge- liebten, unvergeßlichen Mann, unseren Sohn, Schwiegersohn, Bruder und Schwager, den Holz- bildhauer Pnvm Semrau im 26. Lebensjahre. Um stille Teilnahme bitten die kauernden Hinterbliebenen Witwe Emma Semrau nebst Ettern und Geschwistern. Die Beerdigung findet heute Sonnabend, den 4. Oktober, um 3 Uhr, von der Leichenhalle des Zenttal-Friedhoses in Friedrichs- selbe aus statt._ Nachruf. Am 13. September verstarb in Rußland unser Parteigenosse, der Metalldrücker 238/11 petan Denzler Pannierstr. 14. 3. Bezirk. Ehre seinem Andenken! Der Borstand. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung unseres so plötzlich verstorbenen lieben Sohnes, Bruders und Schwagers 27A .Alkrsd»uinann sagen wir hiermit allen Freunden, Bekannten und Verwandten, seinen Kollegen und Kolleginnen der Ver- golderbranche, dem 4. Berliner Wahl- kreis und dein Deutschen Holzarbeiter- verband unseren herzlichen Dank. Im Namen der kauernden Hinter- bliebenen Barl Venmann und Fran. ReukersWerke . 3 bände 4 Mark• Buchhandlung Vorwärts Für die dielen Beweise herzllcher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben ManneS und treufvrgenden Vaters sagen wir allen Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dank. A Anna Briese und Tochter. tr- ciuLt# 56�4- ttr Vernmltutlgsstklle Kerlm. C 54, linienör. 83—85. Berwaltnng: Tcleph.: Amt Norden 1987. Kassierer: Amt Norden 185. Arbeitsnachweis: Amt Norden 1239, 9714. �.clitunx! Achtung! Der„Metallarbeiter-Zeitung" für diese Woche liegt ein Flugblatt, betreffend die Volksfürsorge bei. Die Mitglieder werden ersucht, das Flugblatt aufmerksam zu lesen. Ferner machen wir alle Mitglieder darauf aufmerksam, das? von der 41. Woche ab, also mit dem 4» iOktobet beginnend, der Wochenbeitrag SO Pf. beträgt. Dafür tritt vom gleichen Dage an eine Erhiihnug der Arbeitslosenunterstützung um£ M. und der Streik- und Gemastregeltenunterstützung um 1 M. pro Woche ein. Die Orts Verwaltung. Sfeinarheifer! Montag, den 6. Oktober, vorm. von 10— IS Uhr, im Verbandsbureau, Engelufer 1ä, l, Zimmer 7a: Arbeitslosen-Zählung. Jeder arbeitslose Kollege, gleichviel welcher Branche, ist verpflichtet, sich zu melden.— Das be- nötigte Jahrgeld wird zurückerstattet. 71'19* Die Ortsverwaltung. Zahlstelle Berlin. Etuisbranche. Sonntag, den 5. Oktober 1913, im kleinen Saale der Arminhallen, Kommandantenstraste 38—59, 1. Stock, vormittags 10 Uhr: Branchen- Versammlung. Tagesordnung: 1. Die Antworten der Arbeltgeber. 2. Beschlußsassung über die weiteren Maßnahmen. Kollegen und Kolleginnen! Wir erwarten, daß m dieser Versammlung sämtliche Branchenmitglieder erscheinen; gilt es doch, über die eventuelle Arbeitsniederlegung Beschluß zu lassen. Das Verhalten der Arbeitgeber fordert zu einmütigem Handeln unsererseits, darum darf keiner fehlen, nur Geschlossenheit führt zum Ziele. Die Tarifkommiision. Die Ortsverwaltung. IMeKieis�erd-er. Sonntag, den 5. Oktober 1913: Schlachtetest. Es ladet freundlichst ein Der Alte Freund.* 4froße Maine Tage für PKlsGhmSntel Kostüme Ulster «k. Mohren jfr. 37a H Eleu. Plöschmäntel sonst. Preis 42, 65, 86, 100 M. Rekl.-Preis 86, 58, 65, 86 M. Phantasie-Kostüme sonstiger Preis 26, 39, 55, 94 M. Reklame-Preis 18» 32, 48, 82 M. Praktische Ulster sonstiger Preis 16.— i, 27.—, 35.—, 56— M. Reklame-Preis 13.—, 31.—, SO.—, 46— H. Gesellschaftskleider Reklame-Preis... 85.—, 55.—, 75.— M. sonst Ws 150.— M. m- Eitra weite Stöcke am Lager Or Wollpiaschmäntel 10 Jahre Garantie. 6r.FpanKfurferytr.lI5., Brokat-Piflsehmantel ReklamepreU M. 68.- Sonniag geOKnet 12—»Uhr Anzüge Ulmt.r, Fal.totn,(«trasene Mo- natagardaroba ron Hemch.f- t.n, Karalioren eto. in be«t.n Werkit&tt.n(taili anf Said.) f.« arbeit.t, für j.d. Figur pauaad auf Lagar. 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Der ffiord Im Tiergarten. ist die Frage, die die zweitägiger Verhandlung be- »Mord oder Selbstmord 1', das schworenen des Landgerichts I nach antworten sollen. Aus der Anklagebank sitzt ein zwanzigjähriges, hübsches, schlankes Mädchen unter der schweren Anklage des Mordes. Die Verhandlung leitet Landgerichlsrat Schlichting, die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. G H I a e, die Verteidigung liegt in ou! Händen der Rechtsanwälte Justizrat Leonh. Friedmann und Rechtsanwalt Dr. Ledermann. Angeklagt ist die zwanzigjährige Expedientin Hedwig Müller. Sie ist beschuldigt, in der Nacht des 8. März im Tier- garten den 19jährigen Hausdiener Georg R e i m a n n er- schössen zu haben. In der angegebenen Sonnabendnacht hörten Leute, die durch den Tiergarten gingen, am Hopfengraben drei Schüsse fallen und als sie hinzueilten, fanden sie einen jungen Mann und ein junges Mädchen— den Reimann und die Müller— regungslos am Boden liegen. Der junge Mann war tot, die Hedwig Müller kam bald wieder zur Be- sinnung und erzählte, daß eS sich um den Abschluß einer Liebes- tragödie handelt, daß sie sich selbst habe erschießen wollen, der Revolver ihr aber von Reimann entrissen worden sei und letzterer sich selbst er- schössen habe. Die Sache schien auch wahrscheinlich zu sein. Der Mund des Reimann war für immer geschlossen, aber die Leiche wurde zum stummen Ankläger gegen die Angeklagte, denn es wurde fest- gestellt, daß der Gelötete zwei Schüsie in dem Hinterkopfe halle, von denen schon der erste tödlich gewesen sein muß. Es wird daher angenommen, daß in Wirklichkeit die Angeklagte auf Reimann geschossen und seilen Tod verursacht hat. Wie der Vorsitzende mitteilt, hat die Angeklagte im Unter- suchungsgefängnis eine ausführliche Darstellung ihres Lebens, ihrer ganzen geistigen Entwickelung und der Tat selbst nieder- geschrieben. Dieses lange Schriftstück, welches im gewähltesten Deutsch geschrieben ist und ein ganz eminentes feuilletonistisches Talent verrät, läßt der Vorsitzende zunächst zur Verlesung bringen. Die Angeklagte erzählt in ihrer Darstellung zunächst von ihrer Jugendzeit. Sie fei von guter Herkunft, sei die Tochter eines Architekten, habe in der Jugend eine mehrivöchige Nervenkrankheit durchgemacht, an Veitstanz gelitten und sei gedächtnisschwach. Sie wisse, daß sie ein„außerordentlich geistig aufgewecktes" und„ziem- lich graziöses" Kind gewesen sei, das vielfach Bewunderung erregt habe, sie habe eine„anmutige, bescheidene Art zu fragen" gehabt und dies habe den Leuten gefallen. In ihrem 6. Lebensjahre habe einer ihrer Brüder einer studentischen Verbindung angehört. Es habe ihr immer eine„diebische Freude" bereitet, wenn sich ihr Gelegenheit bot, sich mal in den Kreis der Großen - einzuschmuggeln und ein„schmucker Student" sei bald der Gegenstand ihrer stillen Bewunderung gewesen. Sie fei bald der er- klärte Liebling des studentischen Stammtisches gewesen. In der Volksschule habe sie sich nicht wohl gefühlt, dort habe sie„die letzte Bank gedrückt" und allerlei Dummheiten gemacht. Eine Abneigung gegen Zwang und Form habe ihr immer inne gewohnt und fo sei sie viel in innere Konflikte gekommen. Nach der Einsegnung habe ihr ihre Tante erzählt, daß ihr Urgroßvater und Großvaler sehr be- deutende Künstler gewesen seien, aber bei ihrer ungewöhnlichen Be- gabung und Intelligenz deni Leichlsinn verfallen seien unb davon der Niedergaug der Familie stamme. Da sie immer„guten Ge- schmack" gehabt habe, habe sie die Schneiderei bei ihrer Tante be- trieben, aber es habe sich bald herausgestellt, daß die Ent- würfe, die der Kopf erdachte, durch die Hand nicht ausgeführt werden konnten. Sie erzählt dann von ihrer Tätigkeit als E m p f a n g s fr au lein bei einem Zähnarzt-ifttd als Schreib» maschinenfräulein bei einem Rechtsanwalt. Sie fei nur zu toller Ausgelassenheit geneigt gewesen, volle �Jugendlust habe sie beseelt und sie sei immer sehr bald der Mittelpunkt des Interesses der Herren geworden, sie sei„umschwärmt" worden und habe oft die Eifersucht der jungen Mädchen erregt. Sie sei aber immer so klug gewesen, ihrem Stolze den Männern gegenüber nichts zu ver- geben und ihr Prinzip sei es immer gewesen,„nur nicht einein Menschen auf die Nerven fallen". Eine Freundin habe sie nie besessen. Den jungen Männern habe sie oft eine„lachende Gleichgültigkeit" gezeigt, viele junge Männer kamen ihr immer so„gcckig" vor, daß es ihr eine Lust war, ihnen die Wahrheit zu sagen. Sie habe in ihrem Uebermut so in den Tag hinein gelebt. Ein sehr ernstes Interesse habe sie an einem Dr. St. gehgbt. Sie habe mit Bewunderung zu diesem ausgesehen, er sei gewissermaßen zum Erzieher für sie ge worden, dann sei ein richtiges Liebesverhältnis daraus geworden. „Das Herz ging mir aber nicht mit dem Verstände durch, indem ich mich nicht ganz in Liebesfesseln schlagen ließ, sondern eine gewisse Schranke zwischen uns zog, die es uns ermöglichen sollte, in jedem Augenblick wieder frei zu werden. Es war kein alltägliches Ver hältuis, Sinnlichkeit war nicht die Triebfeder zu dem Verkehr, zwischen uns trat keine niedrige Gesinnung zutage, sondern wir achlelen und liebten uns in wirtlich herzlicher Zuneigung." Die Angeklagte erzählt dann weiter, daß sie als Ex p e d i e n t i n in einer bekannten Buchhandlung tätig war und den Georg R e i m a n n kennen gelernt, der dort als Hausdiener beschäftigt war. Sie habe in dieser Tätigkeit bis dahin nur „dürftiges Menschenmaterial" sich abplacken gesehen, Reimann aber fei ein„manierliches Bürschchen, ein behender, amüsanter, netter Junge gewesen, der eine schnelle Auffassungsgabe hatte." Sie habe bald bemerkt,„daß sie sich diesen Jungen nicht erst gefügig zu machen brauchte", er habe förmlich ihre Gedanken erraten und fei stets bereit gewesen, sie auszuführen. Er habe begonnen, ihr Auf nicrksamkcitcn zu erweisen; er naschte gern Süßigkeiten, brachte Tüten mit Konfekt mit und präsentierte ihr davon. Er sei„ein Mittelding zwischen Kavalier und Pagen' und ein intelligenter guter Junge gewesen, der wert ge wesen wäre, in einem besseren Milieu sich zu bewegen. Reimann habe sie dann mit Liebesanträgen verfolgt, sie habe auch zunächst eine Art mütterlicher Zuneigung zu ihm bewiesen, habe ihm gute Lehren erteilt und unter anderem ein Taschenbuch, ein Buch der Erotik in Wort und Bild, bei ihm ge- sehen, ihm dies weggenommen und zerrissen. Die Liebe des Jungen zu ihr sei immer glühender geworden,„er fiel mir auf die Nerven", schließlich sei sein Benehmen brüsk und roh geworden, er habe ihr die widerwärtigsten Szenen bereitet und sein„albernes Liebes gewäsch" sei ihr schließlich unbequem geworden.„Das tolle Ge plänkle ging auf Kosten meiner Nerven, ich zitterte täglich um meine Stellung". Reimann habe schließlich Kenntnis von i h r e m J8 e r h ä l t n i s z u dem Dr. St. erfahren, ihr die tollsten Szenen gemacht, ihr ihre Briefe besorgt und dabei unbefugt Kenntnis von dem Inhalt ihrer Briefe an diesen erhalten. Nun sei er sehr eifersüchtig geworden, habe allerlei Anforderungen an sie gestellt»nd sie so drangsaliert, daß sie der Sache eine Ende zu machen beschloß, da sie dem R. nicht„Schweigesold in Gestalt ihrer Person" geben wollte. Denn er habe gedroht, dem Dr. St. von ihrem doppelten Liebesleben Kenntnis zu geben. Nachdem Rei- mann aus dem Geschäft entlassen war, habe sie ihn endgültig ab- schütteln wollen. Es sei ihr aber nicht gelungen, denn als sie ihn in der Friedrichstraße traf, sei ein Rippenstoß die erste Begrüßung gewesen und er habe verlangt, daß er sie besuchen dürfe und sie habe ihn nicht loSiverden können. Eines Abends habe er sie mit Dr. St. in dessen Haus treten sehen und dies habe dem Faß den Boden ausgestoßen. Roimann habe bis spät abends vor dem Hause des Dr. St. gelauert, und als sie aus dem Hause trat, sei er sofort auf sie losgestürzt, sie am Arm gepackt und ihr eine fürchterliche Szene bereitet. Plötzlich sei er auf sie losgestürzt, habe ihre Handtasch ergriffen und ihr den Hausschlüssel des Dr. St. entrissen. Am nächsten Tage habe sie ihm einen fünf Seilen langen Brief geschrieben und darauf eine Antwort erhalten, in welcher er für sein ganzes Benehmen um Entschuldigung bat und ihr weitere Vorwürfe wegen ihres Umganges mit Dr. St. machte. Als sie wieder zu Dr. St. kam, habe ihr dieser einen an ihn gerichteten B ri e f d e s R e i m a n n gezeigt, der si wie ein Keulenschlag getroffen habe. In dem Briefe stand: Dr. St. sollte nicht denken, er sei der einzige der ihre Zuneigung habe, denn auch ihm, de in Brief schreibet, habe sie sich hingegeben. Dr. St habe ihr gut zugeredet, sie sehr bedauert, er habe ihr seine Hilfe angeboten und ihr gesagt, sie solle nicht den Kop' verlieren. An demselben Tage habe sie noch zufällig den Reimann am Siegmundshof getroffen und alsbald hagelte» wieder Vorwürfe auf sie nieder. Als sie dann nach Hause gekommen, sei sie ganz schwermütig gewesen, ihr ganzes bisheriges Leben sei kaleidoslop artig an ihr vorübergezogen, die Zukunft habe sich ihr grau in grau gezeigt und sie habe beschlossen, aus dem Leben zu scheiden. Reimann habe sie zu einem Rendezvous am 8. März nach dem Tiergarten bestellt, wo er angeblich ihr den Hausschlüssel des Dr. St. wieder geben wollte. Sie habe sich einen Revolver und die Munition gekauft und sich dann zu Hause erst niedergelegt und über alles Mögliche nachgedacht. Ihr sei alles durch den Kopf gegangen. Sie Hab von ihrer Mutter lieb und zärtlich Abschie genommen und sei dann zu dem Zusammentreffen mit Reimann gegangen. Auch dort sei es wieder zu einer heftigen Aussprache gekommen, und sie habe sich in verzweifelter Stimmung befunden.„Die ganzen unterdrückten Seufzer Härte ich hinausschreien mögen." Sie habe vergeblich um Rück gäbe des Hausschlüssels gebeten und R. dann erregt verlassen. Dieser aber sei ihr nachgeeilt und habe sie gestellt: sie sollte mit ihm nach Hause gehen. Sie habe ihn ab gewiesen. Da habe er zu weinen angefangen und sich selbst Vor würfe gemacht, sie habe„sein Geflenne" mit angehört, es habe sich bei ihr eine Schwäche bemerkbar gemacht, sie fühlte eine Leere im Kopf, so daß sie sich an eine Bank lehnen mußte.„Er setzte sich auf diese Bank und weinte erbärmlich" und was dann kam, müsse eine Bestimmung des Geschickes gewesen sein.„Ich glaube an eine Art von Kismet, es sollte alles so kommen." Sie sei von einem leisen Schwindel erfaßt worden und habe sich an einen Baum gelehnt, er sei hinzugetreten. Da habe sie die Waffe aus der Tasche gezogen, er nrüsse wohl die Waffe ge sehen haben, sei auf sie losgestürzt und habe ihr den Revolver entreißen wollen, indem er geruken habe „Um Gotteswillen I Dann schieße ich Dich und komme nach!" Dann habe sie ein Krachen gehört, wahnsinniges Entsetzen habe sie gepackt ihr erster Gedanke sei der an eine etwaige Verstümmelung ihres Körpers gewesen. Sie könne sich nur denken, daß, als er ihr den Revolver entrissen, sie in der Angst seine Hand gefaßt habe und dann die Schüsse losgegangen seien. In ihrem Kopfe sei ein wirres Durcheinander gewesen, als sie zur Besinnung gekommen. Sie habe das dunkle Empfinden gehabt, daß sie aus der Erde gelegen habe und sich erst aufgerafft habe, sie habe ein Tosen, Rauschen und Rieseln im Ohr gehabt und habe sich in einer Art traumhaften Zu standeS befunden, als sie Stimmen gehört, die sie fragten, ob sie Gift genommen. Erst auf der Polizeiwache habe sie die Gedanken einigem maßen sammeln können. Im Anschluß an diese Verlesung geht der Vorsitzende mit der Angeklagten nochmals auf verschiedene Einzelheiten ihres Lebens ein. Der Vorsitzende weist darauf hin, daß der Hintergrund der ganzen Sache, die Sinnlichkeit, die Liebe, und die Leidenschaft bilde. Auf verschiedene Vorhaltungen des Vorsitzenden erklärt die Ange- klagte, daß sie zu Reimann nur eine Art mütterliche Liebe gehabt habe. Reimann habe aber bald ihr Benehmen falsch ver- standen und mehr von ihr verlangt. Einige zur Verlesung gebrachte Karten mit zärtlichen Liebesworten erklärt die Angeklagte damit, daß sie den Schein wahren wollte, da sie Angst hatte, Reimann würde ihr, wenn sie sich ablehnend verhielte, im Geschäft Unannehmlich leiten bereiten. Eine derartige Karte beginnt mit den Worten: Mein kleiner, lieber, dummer Junge I Warum habe ich keinen Glück- wünsch in der neuen Wohnung bekommen?" Der Vorsitzende hält der Angeklagten vor, daß sie, wenn sie nur den Schein habe wahren wollen, den R. doch nicht zu einem Kaffeeklatsch in ihrer Wohnung habe einladen brauchen mit dem Hinweise, daß sie allein sei. In einem an Dr. St. gerichteten Brief bedauert die Angeklagte, daß sie im Augenblick gerade„nichts zum Küssen" habe. In einem von dem erschossenen Reimann in der Wut geschriebenen Briefe an die Mutter der An- geklagten, der aber nicht zur Absenkung gekoinmen ist, gesteht er dieser seine intimen Beziehungen zu der Angeklagten mit dem Hinweise, daß sie ihn, als sie in Fangschleuse allein auf Sommer Wohnung war, aufgefordert habe, über Nacht dort zu bleiben.„Wann ist ein Tor nicht willig, wenn eine Törin will?" heißt es im Anschluß hieran in dem Briefe des Reimann. In einem Taschenbuch des R., welches fast ausschließlich Liebes gedichle enthält, hatte R. drei Daten besonders angegeben und unter- strichen, an denen er mit der M. zusammengetroffen lvar. In der Beweisaufnahme wurden zuerst mehrere Angestellte aus dem Geschäft vernommen, m welchem auch die Angeklagte und Reimann tätig waren. Die Zeugen bekunden, daß ihnen zwar manches auffällig vorgekommen sei, daß zwischen beiden ein Liebesverhältnis bestand, hätten sie jedoch nicht wahrnehmen können. Die beiden Schwestern des Erschossenen be kündeten, daß ihr Bruder stets ein guter Junge gewesen und in die Angeklagte riesig verliebt gewesen sei. Er habe geglaubt, daß diese nur ihn wirklich lieb habe, während sie mit Dr. St. nur seines Geldes wegen in Beziehungen stehe. Der Zeuge Dr. St. stellt der Angeklagten das Zeugnis eines außerordentlich liebenswürdigen und intelligenten Mädchens aus. Es wurden dann eine Reihe von Zeugen vernommen, die über plötzliche Bewußtseinsstörungen der Angeklagten Auskunft geben sollten. Der Zahnarzt Oppler, bei dem die Angeklagte kurze Zeit als Assistentin tätig war, bekundete unter anderem, daß die M. bei Operationen, bei denen sie assistieren mußte, ohne vorherige An- zeichen, wie Gesichtsblässe usw.. plötzlich u m g e f a I l e n sei und inehrere Minuten wie tot dagelegen habe. Einer früheren Freundin hat die Angeklagte erzählt, daß sie häufig von Plötz- lichen Ohnmächten befallen werde. Der Bureauvorsteher des Rechtsanwalts Dr. Freundlich, bei dem die Angeklagte als Steno- lypistin tätig gewesen war, bekundete dagegen, daß diese während ihrer Tätigkeit vergnügt lvar und niemals Schwächean- fälle gezeigt habe.— Der Photograph Ritzer erklärte als Zeuge, seine Frau, der das hübsche Gesicht der Angeklagten auf- gefallen war, habe sie eines Tages, als sie bor seinem Schaufenster stand, in den Laden gebeten und gefragt, ob sie Modell für Kopf- aufnahmen stehen wolle. Die Angeklagte habe zugesagt und sich mehrmals photographiere» lassen, toofür er Beträge bis zu 20 M. an sie gezahlt habe. Als eines TageS Reimann für die Angeklagte Bilder abholte und feine Frau im Scherz sagte, sie solle dem R. ein Bild schenken, habe die Angeklagte sich geweigert mit dem Be- merken, Reimann könne das Geschenk vielleicht falsch auffassen. Die Mutter der Angeklagten vermag die Angabe der Angeklagten, daß sie auch zu Hause Ohnmachlsanfalle gehabt habe, nicht zu bestätigen. Wie die Zeugin weiter bekundet, habe sie eines Tages den Georg Reimann kennen gelernt. Ihre Tochter habe dabei ge» sagt, Reimann sei ein junger Mensch, der keine Stellung habe und dem man deshalb helfen müsse. Einige Zeit darauf habe ihre Tochter während ihrer Abwesenheit in Begleitung des Reimann, der Mädchenkleider getragen habe, ihre Wohnung auf- gesucht. Sie habe sich weiter keine Gedanken darüber gemacht, sondern geglaubt, daß es sich um einen Scherz handelte. Auf eine Frage des Vorsitzenden erklärt die Zeugin, daß sich einer ihrer Brüder aus Furcht vor einer Ärankheu erschossen habe, ihr eigener Ehemann sei sehr leichtsinnig gewesen und habe sich nächtelang herumgetrieben. Auf weitere Fragen bezüglich des Charakters ihrer Tochter er- klärt die Mutler u. a.: Sie kleidete sich nett, ohne große Ausgaben dafür aufzuwenden: sie wußte aus Nichts etwas zu machen.— Rechtsanwalt Ledermann läßt sich durch die Zeugin bestätigen, daß ihre Tochter mehrfach ein gewisses, auf Gut- mütigkeit zurückzuführendes Interesse für Reimann bekundet hat; beispielsweise habe sie der Mutter gesagt, daß R. gern Flammerie esse und gebeten habe, ihm doch etivas Flammerie zu machen und um Hut, Schlipse usw. für ihn ersucht habe. Die Zeugin hat auch von ihrer Tochter gehört, daß Reimann ihr einmal Briefe habe ent- reißen wollen. Es sei nicht wahr, daß ihre Tochter sie schlecht be» bandelt habe.— Vors.: Sie scheinen keinen großen Ein- fluß auf Ihre Tochter gehabt zu haben, sonst hätten Sie doch den Verkehr mit Dr. St. verhindern sollen.— Zeugin: als Mutter nicht.— Vors.: Na, da wohl nicht die richtige Vorstellung von einer Mutter. Sie hatten aber Ihrer gegenüber nicht die genügende Stärke.— Das kann man haben Sie doch dem Einflußgebiet energischen Tochter Zeugin: Wir haben uns gut verstanden; wir haben beide ge arbeitet. Die Angeklagte bleibt auf Vorhalt dabei, daß sie die photographischen Bilder, die Reimann von ihr besaß, ihm nur auf dessen fortgesetztes Verlangen und wiederholte Drohungen überlassen habe.— Eine S ch w e st e r des Reimann tritt noch einmal vor und erklärt: Ihr Bruder habe mit der Angeklagten im besten Einvernehmen gelebt; das Zerwürfnis sei erst gekommen, als Dr. St. auftrat und von der Stunde an, als der Bruder außer Stellung war. Von da an habe er angefangen, das Fräulein zu verfolgen. Er sei auch nicht bloß einmal, sondern mehrere Male in deren Wohnung gewesen.— Den Darstellungen dieser Zeugin widerspricht die Angeklagte wiederholt energisch mit Zwischenrufen wie:„Absolut nicht I",„Es ist gar nicht dran zu denken!" usw. Sie behauptet u. a., daß Reiniann ei» Ver- hällnis mit einem jungen Mädchen gehabt habe, welches in einer Erziehungsanstalt gewesen sei. Medizinalrat Dr. Hoffmann bekundet: Die Obduktion der Leiche des Reimann hat ergeben, daß dieser zwei Schüsse er- halten, an denen er zugrunde gegangen ist. Beide befanden sich am Hinterkopf und jeder einzelne war tödlich. Wer eine n solchen Schuß bekommen hat, ist nicht imstande, selbst noch einen zweiten Schutz auf sich abzugeben. Die Schüsse sind mit Rücksicht auf die vorgefundenen Vrandränder als Nahschüsse aufzufassen. Die Schußkanäle sprechen dafür, daß eine etwas kleinere Person geschossen hat.— Staatsanwaltschaftsrat Dr. G y s a e: Der Ge- lötete war 1,67 Meter groß, die Angeklagte ist 1,68 Meier. groß.— A n g e k l.(unterbrechend): O bitte, 1,64 Meter ohne Absätze.— Medizinalrat Dr. H o f f m a n n erklärt, er habe noch keinen derartigen Selbstmord gesehen; nach Lage der Schußkanäle hätte der Selbstmörder seinen Körper ungewöhnlich verrenken müssen.— Rechtsanwalt Ledermann: Es kann nachgewiesen werden, daß Reimann eine ganz außerordentliche Elastizität der Glied- maßen besaß; er konnte die Beine über die eigene Schulter legen, die Arme verrenken usw.— Auf Vorhalt des Justizrats Friedmann bestätigt Medizinalrat Dr. Hoff mann, daß die Angeklagte auf seinen Antrag auf sechs Wochen zur Unter- suchung ihres Geisteszustandes einer öffentlichen Anstalt überwiesen worden fei. Sie wollte gar keine Erinnerung an die Tat haben, behauptete, sie habe zwei Seelen in ihrer Brust, führe ein Doppel- leben usw. Dazu kam eine anscheinend nicht unwesentliche erbliche Belastung und Erscheinungen nervöser und hysterischer Art. Im Untersuchungsgefängnis habe sie einen hysterischen Anfall nicht gehabt. Sachverst. Dr. Steinitz hat die Angeklagte als 12jährigeS Mädchen am Veitstanz behandelt; es handelte sich aber um keinen schweren Fall. Nichtig sei es, daß Veitstanz bei psycho- pathischen Individuen häufiger vorkomme als bei normalen. Im vorigen Jahre ist die Angeklagte einmal in seine Sprechstunde ge- kommen und habe über Nervosität, Schlaflosigkeit und dergleichen geklagt.. Sie sei ihm so aufgefallen, daß er sie fragte:„Was ist eigentlich mit Ihnen? Haben Sie Aerger gehabt oder Kummer oder haben Sie an der Börse spekuliert? Tatsächlich ist sie sehr nervös gewesen. Hier wurde die Verhandlung abgebrochen. Sie soll heute um g Uhr fortgesetzt werden._ Gerichts- Zeitung. Ein Rembrandtprozes? vor dem Reichsgericht. Ein in Kreisen von Künstlern und Juristen viel besprochener Prozeß gelangte am Donnerstag vor dem Reichsgericht, das sich zum zweiten Male mit der Sache zu beschäftigen hatte, zum Abschluß. Es war zu entscheiden, ob der Besitzer einer Gcmäldefvmmlung die infolge seines Auftrages erfolgte Versteigerung eines Bildes anfechten kann, das er für das Werk eines Rrmbrattdt-Schulers gehalten hat, von dem sich aber nach der Versteigerung herausstellte, daß es ein Werk des Meisters selbst ist. Die Geschichte dieses nicht alltäglichen Rechtsstreites ist folgende: Der Großkaufmann Hermann Emden in Hamburg war Besitzer einer wertvollen Sammlung alter Gemälde. Unter diesen Bildern befand sich auch ein Gemälde„Tobias mit den Engeln", das E. als von Rembrandt herrührend gekauft hatte. Der Professor Dr. F. in Berlin prüfte dieses Bild und gab sein Gutachten dahin ab, daß das Gemälde kein echter Rembrandt sei, ihm aber ziemlich nahe tehe; wahrscheinlich sei es von einem Schüler Rcmbrautns, Govaert Flinck, gemalt worden; es habe einen Wert von 8006 M. E. ließ dann seine Gemäldesammlung durch das Kunstauktionshaus Lepke in Berlin versteigern. Im Versteigerungskatalog ist das Bild be» zeichnet als Govaert Flinck und dazu bemerkt:„am unteren Rande links fiilschlich mit dem Monogramm R. bezeichnet". Der Direktor des.Kaiscr-Fricdrich-Museums in Berlin, Gcheimrat B., erstand das Bild auf der Auktion durch einen Mittelsmann für 6000 M. Er schenkte es dem Kaiser-Friedrich-Museum und vertrat dann die Ansicht, daß es sich in der Tat um einen echten Rembrandt handele, der 60 000 M. wert sei. Das Bild hängt auch im Museum unter den echten Rembrandts. Als Emden hiervon durch Zeitungs- notizcn erfuhr, hat er die Versteigerung des Bildes wegen Irrtums und arglistischer Täuschung angefochten und gegen den Preußischen Fiskus als jetzigen Eigentümer des Bildes auf Grund des Z 822 B.G.B,(ungerechtfertigte Bereicherung) eine Klage auf Herausgabe des Bildes, eventuell auf Zahlung von 54 000 M. als Wertersatz angestrengt. Er machte geltend, er sei icher den Wert des Gemälde? im Irrtum gewesen und würde es natürlich nicht für 6000 M. her- gegeben haben, wenn er gewußt hätte, daß es sich um einen echten Rembrandt handele. Das Kammergericht zu Berlin hat in Ueberemstimmung mit dem Landgericht die Klage zunächst abgewiesen, weil nicht d«r Klaget zur JITaflc legitimiert sei, sondern nur das Kunstaultions- Haus Lepke. Dieser Entscheidungsgrund ist vom RcichSgericht für unrichtig erklärt und deshalb die Sache an das Kammcrgcricht zurückverwiesen worden. Dies hat nunmehr wiederum die Klage abgewiesen. Seine Entscheidung gibt folgende Begründung: Die Anfechtbarkeit des Verkaufs des Bildes wegen Irrtums des Klägers ist nicht gegeben. Zwar wird auch ein Irrtum über die Urheberschaft eines Bildes als Irrtum über die Eigenschaft einer Sache(8 119 B.G.B.) anzusehen sein, wenn diese Urheberschaft eine große Rolle für den Wert des Bildes spielt. Ein Irrtum liegt aber hier gar nicht vor. Der Kläger hat das Bild selbst als einen Rcmbrandt erworben. Infolge des Gutachtens des Professors F. hat er das Bild bei der Versteigerung als einen Govaert Flinck einsetzen lassen. Bei dieser Sachlage muß angenommen werden, daß der Kläger in bewußter Unklarheit über die Urheberschaft des Bildes gewesen ist. Das ist aber kein Irrtum im Rechtssinne. Ein solcher Irrtum würde nur vorliegen, wenn der Kläger die ganz bestimmte positive Ansicht ge- habt hätte, daß das Bild nicht von Rcmbrandt herrühre. Das ist aber nicht anzunehmen, er befand sich nur in Unklarheit darüber. Auch die Versteigerungsbedingungen stehen dem Kläger entgegen. Darin ist erklärt, daß keinerlei Reklamationen nach dem Zuschlag berücksichtigt werden und daß eine Garantie für die Richtigkeit der Angaben im Katalog nicht geleistet wird. Der Kläger hat damit von vornherein auf die Geltendmachung eines etwaigen Irrtums verzichtet. Diese Geltendmachung wäre nur dann möglich, wenn er, wie er behauptet, von Geheimrat B. über die Urheberschaft des BildeS arglistig getäuscht worden wäre. Das ist aber zu verneinen, weil Geheimrat B. erst nach dem Kauf sich die Ueberzeugung ge- bildet hat, daß es sich um einen echten Rcmbrandt handelt. Die vom Kläger versuchte Revision ist vom Reichsgericht zurück- gewiesen worden.(Aktenzeichen: IV. 180/13.) Wem gehört die Kundschaft? Kürzlich erhob ein Hauswirt gegen einen Mieter einen An- sprach, der als Ausfluß der Bodenwucherei einiges Interesse be- anspracht. Es gehört zu den Grundsätzen der Hausbesitzer, den Gebrauchswert, den ein Haus durch äußere Umstände oder den Fleiß anderer Personen erlangt, für sich zu beanspruchen. Ein Laden z. B., der vor 19 Jahren 1909 M. Miete kostete, wurde drei Jahre später auf das Dreifache gesteigert. Ein tüchtiger Kauf- mann hatte darin ein Geschäft errichtet, das er durch Fleiß und Geschick in Blüte brachte. Der Hausbesitzer hatte dabei nicht ge- halfen, aber er beteiligt sich an dem Erfolg— durch Steigerung des Mietszinses. Das kann jeder Tölpel I Der Kaufmann ver- doppelt seine Anstrengungen, um die Beute des Hausbesitzers wieder einzubringen. Nach drei Jahren drehte dieser die Mietpreisschraube wieder an. Nun kostet der Laden schon 19 990 M. Miete. Und so geht es fort. Je tüchtiger und erfolgreicher der Kaufmann oder der Fabrikant, der in gemieteten Räumen sein Geschäft betreibt, ist, um so mehr schraubt der Haus- und Grundbesitzer den Mietzins in die Höhe. Gibt es doch in manchen Städten Läden, für� die 39 999 M., ja 199 999 M. Miete pro Jahr gezahlt werden, selbstverständlich müssen die Konsumtcn den Zins auf- bringen; der Kaufmann schröpft sie, um den Grundbesitzer mrt seinen ungerechtfertigten Ansprüchen befriedigen zu können. Nun hatte ein Kaufmann drei Jahre vor Ablauf eines auf längere Zeit abgeschlossenen Mietskontraktes ein eigenes Haus in unmittelbarer Nähe seines gemieteten Ladens bezogen. Die für diesen vereinbarte Miete zahlte er pünktlich weiter. Das Schaufenster benutzte er noch zur Ausstellung seilrer Waren, hing dazu eine Bekanntmachung hinein, die Kauflustige auf die neue Wohnung verwies. Der Hausbesitzer verlangte nun, der Kaufmann sollte sein Geschäft in der alten Weise in dem gemieteten Laden weiter beireiben, sein Haus habe«in Anrecht aus die Kundschaft, die ihn durch die Schließung des Ladens nicht entzogen werden dürfe. Offenbar wollte der Hausbesitzer die Kundschaft nach Ablauf des alten Vertrages einem neuen Mieter„verlauten". Zu solchen Ansprüchen reizt das kapitalistische System sie zeigen, wie Prosit gemadst wird. ZvitterungSubersicht vom 3. Oktober 15)13. Stoflonen Iii 4= - g e? Stvmemde.:"eijeSSB Hamburg 761 WSW Berlin Franks. a.M' 764 Still München 7661® Wien 1765. Still L e Kettet all §? ÄSJ 2 heiter 12 Ähalb bd. 11 Ibeiter (Nebel Scheiter Nebel IS Sl ä S l*:' e« Ctattonen ibö 5s sl Kettet») ii| Ii f- j3[___«• Haparanda Petersburg Scillv Aberdecn Paris 76SOSO 7oW 763! Still 762;® 2iJtcgcn 1(Regen Ichalb bd bedeckt l Mollig Wetterprognose kür Sonnabend, de» 1. Oktober 15)13 Mild und vielfach heiler, aber veränderlich mit etwas Regen und schwachen südwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. WasserstandS-Nachrichte« d er'LandeSanstall sür Gewässertunde, milgeleill vom Berliner Welterbureau Wasserstand Memel. Tilsit P r e g e l, Jnsterburg W e i ch! e l, Thorn Oder. Rattbor , Krassen . 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Dieses Urteil entspricht vollkommen einem bereits von uns erstrittenen Urteil des Kammergerichts und stellt die denkbar glänzendste Rechtfertigung gegen alle Vorwürfe dar, die gegen unsere Oeschäftshandhabung erhoben worden sind. Unser Direktor bezieht nicht einen Pfennig Gehalt, sondern begnügt sich nur mit dem auf seinen Geschäftsanteil entfallenden Gewinn. Unser Verkaufssystem verbürgt daher nicht nur die denkbar größte und strengste Reellität, sondern ist auch ein außergewöhnlich billiges Angebot. Neuheiten in HerrenoUlster, Paletots, Anzügen.— Vorzuglicher Sitz. Deutsche Bekleidunss- Gesellschaft m. b. H. Turmsfrasse 80 nahe Kl« Tiergarten Vertrieb von Herren- und Knaben- Garderobe Chausseestrasse 27 Grosse Frankfurter Strasse 4 Ecke Fruchtetrasse nahe Invalidenstrasse Neukölln Bergstr. 7-8 Ecke Prinz-Kandjery-Str. �i�emein-usriciiietes Cimnow's Kaffer Vcrsd. Dresdnerst.TO Spranz Abraham Ifaint.Messina-u R6mertrank-Kell. i pöoitGr-BemlsHleidun! 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Die Anstellung erfolgt nach den Bestimmungen des Vereins Arbeiterpresse. Es wird aus eine erste Kraft reslektiett, die mit den Arbeiten eines solchen Jiislituls durchaus vertraut ist und womöglich eine mehrjährige Tätigkeit in gleicher Stellung nachweisen kann. Dienstjahre werden angerechnet. Der Antritt muffte möglichst zum 1. November dieses Jahres erfolgen. Eine Probearbeit wird vorbehalten. Bewerbungen sind bis zum 15. Oktober dieses Jahres an den Vorsitzenden des Gewerkschastskartells Magdeburg, August Jstügge, Große Mlluzslraffe 3, zu senden. 291/18* Arbeitersekretür für Halle a. S. gesucht! Für das Arbeitersekretariat in Halle a. S. ist zuni 1. Januar 1914 die Stelle eines ArbeitersekretärS zu besetzen. Reflektiert wird nur aus eine tüchtige Kraft, die schon in gleicher Stellung tätig war. Die Anstellung erfolgt nach den Bedingungen de» Vereins Arbeiterpresse. Dienstjahre werden angerechnet. 291/17 Bewerbungen sind bis zum 25. Oktober d. I. an Max Schnabel. Halle a. S.. Harz 42/43, mit der Ausschrist„Bewerbung* zu richten. Versdiieltenes. Patenlauwalt Wessel. Gitschiner- straffe 94a. Batenianwalt Müller, Gilschiner» straffe 16 Handwäscherei Heinrich, Köpenick, Glicnickerstraffc 8. wäscht schonendst sauber Laken, Leibwäsche, vier Hand- tücher 0,10. Kein Vertauschen. Ab- holung Montags. 2573b 18. Ottober frei geworden.„Le- wandowsky- Sänger*, Quitzow- straffe 105.__ x126* Gesaiigvereiu, welcher gewillt ist, mit einem sparverein am Toten- sonntag ein Vergnügen im„Märkischen Hos* abzuhalten, wird ersucht, Adresse an Eberlein, Britzerstraffe 22, abzugeben. 25716 Parteigenosse, möglichst wissenschaftlich tätig, gesucht, bei 3ljährigen Philologen zwecks Namensänderung adoptiert. Geldansprüche beiderseits ausgeschlosien. Offerten unter A.?. 31 Eharloltenburg, Postamt 2 lagernd. Gefunden u. verloren Tuchnadel mit kleinen Brillanten aus dem Wege von Kaiser-Wilhelm- straffe 4 bis Hackenbergstraffe 11 ver- loren Wiederbringer erhält den vollen Taxwert als Belohnung. Protze, AdlerShos, Kaiser-Wilhelm- straffe 4. 1476K Vermietungen. W'odnimxen. Zweizimmer-Wohnung, Heizung, Versorgung, 37 Mark, Pankow, Binz- straffe 36/37. 2556b* Soldinersteafte 16 Stube, Küche, sofort. Sonnenburgerstraffe 27 Stube. Küche sofort.__ 2555b* Ä Stuben, Küche, sofort, billigst. Linienstraffe 127. 2557b* SctilsksteUen. Schlafstelle, allein, Schlafstelle, zwei Herren, Woche 3,—. Hoffmann, Dragonerftraße 18. 2567b* Mietsgesuche. Zimmer, einfach möbliert, sofort, sucht junges Mädchen mit Baby. Preisangebote an„Luise Willi*. Post- lagernd Postamt 25. 2553b* Arbdtsmarkt. Stellenangebote. Marmorschleifer, tüchtige, sucht Leder, Buckowerstraffe 5. 2538b* Papicrzuschncider, tüchtiger, welcher bereits längere Zeil als solcher gearbeitet hat, findet bei bobem Lohn dauernde Beschäftigung. 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Pertag: Vorwärts vuchdruckerei u. BertagSanstalt Paul Singer u. l£o* Berlin SSL Nr. 259. 30. Jahrg. des Jorniiirls" füt Sieii'Ulelttn. L Oktober 1913. Vorort- Nachrichten. Tempelhof. Kaum glaubliche Mißstände haben sich bei dem Bau des Real- gymnasiums ergeben. Obwohl der unler der Leitung der Firma Köhler u. Kranz ausgeführte Bau kaum drei Jahre besteht, sind während dieser Zeit bereits für„Reparaturen am Dach" 2500 M. ausgegeben worden; trotz aller Reparaturen fallen immer mehr Dachsteine an windigen Tagen herunter, und die Verwaltung lernte einsehen, daß die ganze Flickerei keinen Zweck mehr hatte. Bald stellte sich heraus, das; bei der Eindcckung des Daches die Sturm- haken vergessen wurden; die Folge davon ist, daß das ganze etwa 4000 Quadratmeter große Dach unigedeckt werden muß. lieber diese Notwendigkeit herrschte seltsamerweise volle Einmütigkeit, nicht aber über die Frage der Kostendeckung. Nach dem Ver- trage mit der ausführenden Firma sollte der größte Bau, den die Gemeinde bisher aufzuweisen hat, nach den besten Regeln der Technik ausgeführt werden. Diese Firma wiederum vergab die Eindeckungsarbeiten an die Firma skristoph, von der aber Sturmhalen nicht verlangt wurden, da sich sonst der Preis pro Quadratmeter um 50—60 Pf. hoher gestellt hätte. Die Firma Köhler u. Kranz hat sich durch Gutachten bescheinigen lassen, daß der Bau„ganz einwandfrei und sachgemäß" hergestellt sei und will es auf einen Prozeß ankommen lassen. Vom Bürgermeister wurde in der Gemeindevertretung hervorgehoben, daß die ersten Mängel sich schon anfangs gezeigt hätten, bei anderen Bauten hätten die Pfannendächer sich unter denselben Bestimmungen gut bewährt. Dr. Schmidt machte seine.Bedenken bereits bei der Besichtigung geltend, während Genosse Schmidt sein Bedauern darüber aussprach, daß bei dem Millionenbau der Gemeinde Fehler gemacht worden sind, die selbst bei einem sogen. Schwindelbau nicht vorkommen dürfen. Wenn der Baumeister Bräuning äußere, daß hier bei dem Bau das neue Pfannendach eingeführt sei, so betone er, daß diese Art Dach seit 20 Jahren bekannt und bereits Häuser mit dieier Dachart selbst im Ort vorhanden seien. Auch die Baukommission sei" nicht ganz von schuld freizusprechen; während damals die sozialdemokratische Fraktion einen tüchtigen Bauleiter mit späterer Anstellung als Bau- meister verlangte, hätten sich die maßgebenden Herren an eine Person geklammert; die betreffende Kommission kümmere sich wenig oder gar nicht um die Ausführungen der Bauten und so müsse die Gemeinde auslöffeln, was die Baukommission eingebrockt habe. Und das alles deshalb, weil sie Leute von der Praxis nicht haben wolle. Bürgermeister Wiesener nahm selbstverständlich die maßgebendste Kommission der Gemeinde in Schutz, die Ausführungen Schmidts seien voller Irrtümer und dem Wunsche Schmidts, den Zuschlag einer Arbeit im Plenum zu geben, halte er für immer ausgeschlossen. Während Wiesener die Sache als einen nicht so horrenden Verstoß ansah, gab Schöffe Seyffart ohne weiteres sofort die Möglichkeit der Hafrbarmachung beider Firmen zu. Renner Metzner pflichtete den Ausführungen Schmidts teilweise bei, während sich Herr Trennert, das neueste Sprachrohr Wieseners, für die Baukommission ins Zeug legte. Durch freie Vereinbarung hatte sich die Firma Kristoph bereit erklärt, gegen Erstattung von 4500 M. das Dach neu zu decken. Dieser Vorschlag des Vorstandes bekam die Mehrheit, eine Prämie für mangelhaste Arbeit! Die Einbeziehung der anderen Hälfte des entstandenen Schadens soll nochmals in der Kommission, zu der ausnahmsweise auch Genosse Schmidt herangezogen wird, er- wogen iverden. Den beiden Baumeistern wurde in den Sitzungen der Bau- kommission die Erteilung des Stimmrechts zugesprochen; Genosse Frantz widersprach dem, da ja dann die Verwaltung jederzeit in der Mehrheit sei und die Vertreter nur ja zu sagen brauchten. Durch die Erteilung des Pflasterkonsenses für die Werberg-, Albrechlstraße, Straße 20b, 25, 26, 27 und den Platz nördlich der Albrechtstraße an die Frankeschen Erben, dem Schmerzenskinde Tempelhofs, werden die bösen Baustellen an der Berliner Straße verschwinden und der dringende weitere Anschluß erzielt. Die Be- sitzer verpflichten sich,' die Straßen auf ihre Kosten anzulegen und kostenlos der Gemeinde aufzulassen. Die Straßen werden sämtlich ausnahmsweise mit Gußasphalt versehen, dagegen wird die Unter- Haltungspflicht von 5 auf 10 Jahre erhöht werden. Gewünscht wurde die umgehende Auflassung des dortigen Parkes. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß durch das Entgegenkommen der Frankeschen Erben ein schweres Hindernis für die Entwickelung Tempelhofs beseitigt ist. Zum Schluß der Sitzung wurde beschlossen, die Zahl der Gemeinde- Vertreter ab 1. April 1914 von 15 auf 21 und die der Schöffen von 3 auf 5 zu erhöhen. Obgleich von unseren Genossen befürwortet wurde, doch bald die Höchstzahl einzuführen und nicht noch mehrere Jahre„durchzuwackeln", wurde dieser Wunsch vom Bürgermeister abgewiesen; auf die Höchstzahl von 24 soll gegangen werden, wenn die Bebauung des Feldes iveitere Fortschritte gemacht habe; auch müsse in diesem Falle noch ein zweiter besoldeter Schöffe angestellt werden. Ueberfahrcn wurde gestern nachmittag vor dem Hause Berliner Straße 104/107 ein unbekannter Mann in dem Augenblick, als er über den Straßendamm ging. Er geriet unter einen Straßenbahn- wagen und wurde so schwer verletzt, daß er mit dem Krankenwagen nach dem Krankenhause geschafft werden mußte. 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