Kr. 364. Nbonnements-keSingimgeii: HBomtctncnlä- PreiZ pränumerando! Lrerteljährl. Z,A> MI, monatl. 1,10 MI, wöchentlich 23 Pfg. frei in5 HauS. Einzeln- Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetraaen in die Post-Zeitungs- Vrorölifre. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich. Ungarn llcho Mark, für das übrige Ausland s Mark pro Monat. Postabonncmcnts nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg, Porwgal, Kumänicn, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. Mcheint täglich. �* Berliner Volksblnkk. Die Tnleetlons-Gebüljr Beträgt für die scchsgcspaltene Kolonel- zeile oder dcreti Raum 00 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 00 Pfg. „Uteine Xnrcigcn", das settgedruckie Wort 20 Psg.(zulässig 2 sctlgedritcktc Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Psg, jcde-5 weitere Wort ü Psg. Worte über löBuch» f laben zählen für zwei Worte. Inserate ür die näckfslc Nummer inüsscn bis ; Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werben. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends gevssnet, Telegramm-Adresse: „SozialdeiMlirat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokrati feben parte» Deutfchlands. Redaktion: 8Äl. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1983. Donnerstag, den 9. Oktober 1913. Expedition: 8W. 68, Lindenatrassc 69» Fernsprecher: Amt Moritzplatz, Nr. 1981» Li» Meli an öle Vernunft. Paris, 6. Oktober.(Eig. Ber.) Es ist noch gar nicht lange her, daß der„Temps" zu den schlimmsten Hetzblättern des europäischen Imperialismus zählte. Man weiß, welchen Anteil sein Redakteur T a r d i e u x an den zweideutigen Gründungsaffären in Syrien und Mesopotamien und an den kapitalistischen Machenschaften im Kongo hatte, die dann zur Verschärfung der deutsch- französischen Beziehungen führten, man kennt seine Rolle als publizistischen Lakai der Marokko- Syndikate und weiß, daß er zuletzt noch während der Balkankrise für den Giftmischer I s w 0 l s k i die Pillen gedreht hat. Um so bemerkenswerter ist sein heutiger Leitartikel, worin er die Artigkeiten, die die „Kölnische Zeitung" löblichcrweise der französischen Regierung und Nation anläßlich der Fälle des verunglückten Oberst Winterfeldt und des Militärfliegers Steffen gesagt hat, mit nicht nur höflichen, sondern auch vernünftigen Be- merkungen erividert. Der„Temps" ist zur Einsicht gekommen, daß es zweier großer„vornehmer" Nationen unwürdig sei, ivegen geringfügiger Zwischenfälle in eine auf- geregte, boshafte, beleidigende und gefährliche Diskussion einzutreten. Man müsse die Gesamtentwickclung seit dem Frankfurter Frieden im Auge behalten. Sie gebe Deutschland und Frankreich eine doppelte Sicherhest. Deutschland müsse anerkennen, daß Frankreich, indem es seine Hilfsquellen und seine diplomatische Unabhängigkeit entwickelte, es doch nie an- gegriffen oder provoziert habe. Frankreich seinerseits müsse zugeben, daß Deutschland trotz seines VerHarrens bei der Hegemoniepolitik sich doch allmählich an die neuen, durch die Allianzen, Ententen und Verträge ohne seine Mitwirkung in Europa geschaffenen internationalen Bedingungen angepaßt habe. Mit anderen Worten, Deutschland habe' so wenig für die Suprematie, wie Frankreich für das Gleichgewicht es auf einen Krieg ankommen lassen wollen. Sei es nur ein glück- licher Zufall, daß der Konflikt zwischen beiden eine bloß diplomatische Form bewahrt habe? Dann wäre die Ausrecht- erhaltung des Friedens um so bezeichnender.„Sie würde in der Tat beweisen, daß der Frieden in sich genug Kraft hat, der doppelten Pression zu wider st ehen, die Frankreich zu einem Rcvanchekrieg, Deutschland zu einem Krieg zur Bewahrung des Erlvor- denen h i n t r e i b t." Unier diesen Bedingungen hindere nichts die beiden Teile, an der Herstellung eines relativen Gleichgewichts zu arbeiten.„Beide Länder haben Opfer zugestanden. Frankreich hat seinen Willen zur Wiedcrcrgreifung auf das politische, Deutschland seinen Willen zur Erhaltung des Ertvorbcnen auf das territoriale Gebiet be- schränkt. Frankreich ist immer noch verstümmelt, aber Deutschland ist nicht mehr Gebieter von Europa. Kurz, wir haben nicht unseren Streit durch Blut und Eisen zum Aus- trag gebracht, aber mitten im Frieden unsere gegenseitigen Positionen so verändert, daß ivir als Gleiche einander gegenüberstehen und folglich, unter Vorbehalt der Zukunft, in der Gegenwart auf der Grundlage der Gleichheit verhandeln können. Dies ist der wahre Grund, warum Frankreich und Deutschland in korrekten Beziehungen zueinander leben können. Da>vir nicht den Krieg zur Wicdereroberung unserer vcr- lorenen Provinzen, die Deutschen nicht zur Wiedergewinnung ihrer Uebermacht geführt haben, haben wir nicht das Recht, Deutschland wegen nebensächlicher Konflikte in Aufregung zu bringen. Es wäre kindisch und verbrecherisch, un- wichtige Schwierigkeiten, die zum Kleingeld des internationalen Lebens gehören, nicht auf freund- s ch a f t l i ch e W c i s e z u lösen. Die„Kölnische Zeitung" hat nur von Humanität gesprochen. Wir glauben, daß man auch die Vernunft reden lassen kann. Sind die zwei Schlußforderungen so verschieden?" Dieser Artikel des„Temps" ist vor allem eine glänzende Rechtfertigung unserer französischen Parteigenossen, die der „Temps» selbst und die gesamte nationalistische Skandalpresse immer des Vaterlandsverrats beschuldigt hat, weil sie mutig ausgesprochen haben, was der„Temps" jetzt selbst bekennt nämlich, daß die Politik der dritten Republik niemals den Revanchekrieg ins Auge gefaßt hat. Der„Temps" macht natürlich der Tradition zuliebe den„Vorbehalt für die Zu- kunft" aber»venu die Republik 40 Jahre lang den Krieg um der Revanche willen abgelehnt hat, wie sollte sie ihn nach der vom„Temps" konstatierten Genugtuung Frankreichs auf dem Gebist der internationalen Politik rechtfertigen? Der „Temps" gesteht, indirekt auch, daß die Kritik unserer französischen Genossen, die dem anmaßenden Militarismus ihres Landes innere Unwahrheit vorwerfen, durchaus richtig war. Indem er aber auch zugibt, daß es gar nicht in den Ab- sichten Deutschlands lag, einen Krieg mit Frankreich hervor- zurufen, deckt er nicht damit auch die ganze Lügenhaftigkeit der Kampagne auf, womit in Frankreich die dreijährige Dienst- zeit durchgesetzt wurde, die Unredlichkeit des Arguments voin „jähen Ueberfall", das man gegen die französischen Sozialisten ausspielte, um sie der steventlichen Preisgabe des Vater- ländischen Bodens anzuklagen? Aber der reuige Sünder sei mit Freude empfangen! Wie sollte es die internationale Sozialdemokratie nicht voll Genugtuung bestätigt hören, daß die Menschlichkeit wie die Vernunft heischen, nebensächliche Schwierigkeiten auf intcr- nationalem Gebiet freundschaftlich auszutragen? Sie kann darum großmütig verzichten, nachzuforschen, warum just der „Temps" gleich seinen deutschen Kollegen sehr nebensächliche Affären auf die gewissenloseste Weise aufgebauscht hat, so zum Beispiel zuletzt noch den Zank um Skutari. Es sei auch nicht nachgefragt, welche Motive es sind, die das Organ des französischen Finanzkapitals jetzt so merkwürdig zur inter- nationalen Verständigung und Verständigkeit abschwenken lassen. Sind es Verschiebungen auf dem diplomatischen Feld, sind es Hoffnungen auf die französisch-deutsche Profitkompanie in Vorderasien und anderswo? Oder der wachsende Aerger der industriellen und Kaufman'nswelt über die zollpolitischcn Quengeleien? Gleichviel, die Hauptsache ist, daß die größte Zeitung der Bourgeoisie selbst erklärt, daß die ewige Hetze zwischen Frankreich und Deutschland unvernünftig, verbrecherisch und verlogen ist, weil sie in den Existenzbedingungen und Interessen beider Nationen keinen Grund hatten. Es gibt eine Reihe von Anzeichen, daß die Bedingungen für ein friedlicheres, freundschaftlicheres Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland jetzt, nach der großen militaristi- schen Schröpfung auf beiden Seiten und unter der Wirkung des nach der chauvinistischen Orgie eingetretenen Katzenjammers besser sind als seit langem und bei Vermeidung allzu tappigen Hereinfahres zu erfreulichen Gestaltungen hinleiten können. Dazu ist aber auch in erster Reihe notivendig, daß der alldeutschen H e tz p r e s s e, die nicht Ruhe geben will, das Handwerk gelegt werde. Auch die deutsche liberale Presse, die ja so gern die deutsch-französischc Ver- ständigung begönnert, hat da eine schöne Aufgabe. In ihrer Macht steht es, mitzuwirken, daß die Kampagne gegen die Fremdenlegion nicht unter dem Deckmantel der Humanität und des nationalen Mitgefühls zum widerlichen Exzeß eines lügnerischen Tingeltangel-Ehauvinismus entarte. Der„Temps" hat gesprochen. Werden sich seine deutschen Kollegen auch da- von lossagen, aus Nebensächlichkeiten durch kindische und vcr- brecherische Uebertreibungen gefährliche Verstimmungen zu er- zeugen?_ Der Kölner€rzblfcl)of gegen die Kölner Klchtnng. Dar neue Erzbischof von Köln, Dr. v. H a r t m a n n, hat in Essen vor mehreren tausend Männern eine bedeutsame Rede ge- halten. Der Kirchenfürst wurde begrüßt von dem Geh. Justizrat Laarmann, der die Gelegenheit benutzte, eine Rechtfertigungsrede für die Kölner Richtung zu halten. Das erschien dem rheinischen Zeutrumsmanne wohl um so notwendiger, als der neue Kölner Erzbischof als Gegner der Kölner Richtung gilt. Etwas sehr plump sprach der Redner den Erzbischof an(„Köln. Volkszeitung", Nr. 866): „Ist denn wirklich die Kölner Richtung so abscheulich? Nun, was ver st ehen wir denn unter dieser Rich- t u n g? Nach unserer Auffassung ist es die Richtung, die sich stets bestrebt hat und noch bestrebt, eins zu sein mit ihrem Erz- bffchof.... Mit der Kölner Richtung werden regelmäßig in einem Atem die ch r i st l i ch e n Gewerkschaften genannt. Wenn ich darüber ein Wort sage, so fürchten Sie nicht, daß ich den Frieden von Metz brechen werde. Die Freunde der christlichen Gewerkschaften halten sie für dringend er- forderlich, weil sie als nationale und christliche Arbeiter- Vertretungen machwoll und maßvoll zugleich sind und einen festen Damm gegen die rote Flut bilden. Die christlichen Gewerkschaft- ler selbst denken auch gar nicht daran, gegen die Weisungen des Heiligen Vaters und unserer Bischöfe zu verstoßen. Aber aus- wärtige Kritiker können wir nicht anerkennen. Der Heilige Vater hat uns in der Gewerffchafts-Euzyklika an die hoch- würdigsten Bischöfe verwiesen, und dort sitzt unser alleiniger Richter, dem wir volles Vertrauen entgegenbringen. Doch eine Bitte möchte ich an die Mit- glieder der christlichen Gewerkschaften richten, die ich mir nicht" zu verübeln bitte: Treten Sie alle, wie das schon in großem Maße geschehen ist, den katholischen Arbeitervereinen bei, dann muß auch der letzte Verdacht gegen Ihre Organisation schwinden." Der so angezapfte Kirchenfürst antwortete mit folgenden be- merkenswerten Worten: „Es ist oberhirtliche Sorge, meine lieben teuren Männer vo» Essen, die mich drängt, das zu sagen, was ich jetzt ausspreche: noch eine Gefahr ist es, vor der ich Euch warnen möchte, und das ist der Dünkel, die Einbildung, die sich der Gefahr aussetzt eines glaubensgefährlichen Umganges, die sich der Ge- fahr der gefährlichen Lektüre aussetzt. Sage doch nie- mand von uns, niemand, das kann mir nichts schaden, ich kann mit jedem umgehen, das tut mir nichts und meinem Glauben bringt das keine Gefähr, ich kann alles lesen, das schadet mir nichts. O! Täuscht Euch nicht! Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Das prägt Euch ein." Die Warnung vor dem glaubensgefährlichen Umgang, was anderes kann sie sein, als die Warnung vor dem Inter- k 0 n f e ss i 0 n a l i S m u s der christlichen Gewerkschaften? Und weiter mahnt der Erzbischof: „Wir wollen heute aufs neue bekennen, daß wir dem Heiligen Vater in treuer Liebe ergeben sind. Wir wollen ihm sagen, daß wir alles und jedes fest und unerschütterlich für wahr halten, was die unfehlbare Lehrerin aller Völker, die katholische Kirche, verkündet. Wir wollen gewissenhaft und treu alleS beobachten, was diese Führerin uns zu tun befiehlt, und wir wollen uns auf dem Wege des Heiles leiten lassen von unse- rer heiligen Kirche, die uns nicht auf falsche Wege fuhrt. Wir wollen treue Mitglieder der Herde Christi sein. Der Statt- h a l t e r C h r i st i ist es, der uns st e t S und immer auf den rechten Weg führt. Folgen mir ihm, dann ge h en w i r nicht in die Irre. Dann werden wir wirken zu unserem eigenen Heile und zum Wohle der ganzen menschlichen Gesell- 'schaft." Trotz des Flehens des vorgenannten Essener Zentrumsführers aus der Kölner Richtung fällt also kein Wort für die christlichen Gewerkschaften. Nur Mahnungen und Warnungen, die lediglich gegen die christlichen Gewerkschaften gerichtet sein können. Damit hat sich der Erzbischof von Köln offen an die Seite der„Quertreiber" gestellt. Was wir immer gesagt haben, ist damit bestätigt. Der Papst in seinem unbeugsamen Entschluß, die interkonfessionellen Gewerkschaften zurückzudrängen, hat ihnen einen Kirchenfürsten als Gegner an ihren Kölner Sitz gestellt. Um das liiandat Schubmeicrs. Wien, 8. Oktober.(Privattelegramm des „V orwärt s".) Heute fand die Reichstagsersatz- Wahl für den verstorbenen Abgeordneten S ch u h m e i e r statt, �chnhmeier ist vor zwei Jahren in der Stichwahl gegen den Christlichsozialen mit einer Mehrheit von 800 Stimmen gewählt worden. Heute kam es in diesem Bezirk zur H a u p t- w a h l. Der Sozialdemokrat E l d e r s ch erhielt 5934 Stim- men, der Christlichsoziale Dr. Mataja 7761, der Liberale Blase 2543, der dentsch-nationale und der tschechisch- nationale Kandidat zusammen 800.Stimmen. Vor zwei Jahren haben die Liberalen in diesem Bezirk keinerlei Agitation entfaltet und nur einen Zählkandidaten aufgestellt, aus den 500 Stimmen entsielen. Das Verhältnis zwischen den Christlichsozialen und ihren Gegnern hat sich seit jener Wahl nicht geändert. Die Christlichsozialen, die laut hinaus- schrien, sie müßten die Niederlage von 1911 jetzt gutmachen, habeil dies Ziel nicht erreicht. Sie haben in den zwei Jahren in der Bevölkerung an Boden nicht gewonnen. Die Stich- wähl wird am 14. Oktober stattfinden, und es ist zu erwarten, daß der Sozialdemokrat sicher gewählt wer- den wird. Der Kampf In Dublin. London, 7. Oktober.(Eig. Ber.) Die Bemühungen der englischen Kommissare haben den störrischen Sinn der Dubliner Arbeitgeber nicht zu brechen vermocht. Sie lveigern sich nach wie vor, auf irgendeinen Einigungsspruch einzugehen, der nicht als Grundlage die Vernichtung der Macht und des Einflusses der TranSportarbeUer-Gewerischaft hat. Nach ihrer Ansicht hat der Vorschlag der Kommissare, ein EinigungSamt in Dublin zu errichten, mit dem Problem, das zu löste» ist, nichts zu tun.„Den Unternehmern kommt es weit mehr darauf an", erklärte der Advokat der Arbeitgeber, „den bestehenden Schwierigkeiten ein Ende zu bereiten, als Probien, e in bezug auf künftige lvirtschaftliche Unruhen zu erwägen". Wenn mnn den Zeitungen der Kapitalisten Glauben schenken tvill, so ber- langen die Arbeitgeber vor allen Dingen Bürgschaft für das„gute Betragen" der irischen Geiverkschaft in der Zukunft, und zwar soll die Transportarbeiterföderation mit ihren Geldern für den irischen Transportarbeiterverband Kantion stellen. Wer für die Dubliner Arbeitgeber bürgen soll, wird nicht angegeben. Der Bericht, den die Untersuchungskommission gestern den Ver« tretern der beiden Parteien in öffentlicher Sitzung unterbreitete, atmet den Geist der Mäßigung und der Versöhnlichkeit. Es heißt dort, daß die Ereignisse, die sich in den verschiedenen Industrien zu- getragen haben, darauf hinweisen, daß Beschwerden von beträcht- licher Wichtigkeit vorlagen. Um diese abzustellen, habe der Transportarbeiterverband unter anderen Mitteln auch den Sympathie st reik angewendet. Der Kommissionsbericht gibt folgende Definition vom Sympathiestreik:„Der Sympathie- streik kann beschrieben werden als eine Weigerung von Leuten, die selbst keine Klagen über ihre eigenen Arbeitsverhältnisse haben mögen, in der Arbeit fortzufahren, weil sie im gewöhnlichen Verlauf ihrer Arbeit mit Waren in Berührung kommen, die in irgend einer Weise mit Firmen in Verbindnng stehen, deren An- gestellte ausgesperrt sind oder streiken." Diesen Sympathiestreik ver- wirst der Kommissionsbericht. Es heißt darüber:„Kein Gemein« Wesen könnte bestehen, wenn der Sympathiestreik zur allgemeinen Taktik der Gewerkschaften werden lvürde, da infolge der Abhängig- keit der verschiedenen Industriezweige von einander Streitigkeiten, die selbst nur ein Individuum beträfen, sich unbeschoänkt auSdehnm würden." War der Sympathiestreik in Dublin gerechtfertigt? Die Kommission beantwortet diese Frage also:„Wir haben die vor« gebrachte Behauptung, daß die in Dublin herrschenden Arbeits« Verhältnisse seitens der Arbeiterschaft da? drastische Vorgehen, zu dem man in den letzten paar Jahren seine Zuflucht ge« nommen zu haben scheint, notwendig machten, sorgfältig erwogen. Ohne denjenigen einen ungebührenden Tadel aussprechen zu wollen, die der Ansicht waren, daß diese Verhältnisse die Zuflucht zu den Methoden, die sie zur Remedur anwendeten, nötig machten, sind wir doch der Meinung, daß die Zeit jetzt da ist, in der eine Fortsetzung derselben Methoden für alle Beteiligten verhängnisvolle Folgen haben wird. Tausende von Arbeitern haben sich jetzt dem Transportarbeiterverband angeschlossen, und die Arbeiterschaft i» tiicteit dsr Industrien der Stadt hat in den letzten paar Jahren die Entschlossenheit an den Tag gelegt, sich unter ihren eigenen Beamten zu organisieren." Der letzte Satz ist ein deutlicher Wink für die ArbeitgeLer, dag eine neue Zeit angebrochen ist und daß sich das Pascharegime übcrleht hat. Neöer das Vorgehen der Unternehmer, die ihre Ar- bciter gezwungen haben, ihren Austritt aus der Gewerkschaft zu unterzeichnen, urteilt die Kommission wie folgt:.Was auch die Ab- sichten der Unternehmer gewesen sein mögen, dieses Dokument er- legt dem Unterzeichnenden Bedingungen auf, die mit der Freiheit des Individuums in Widerspruch stehen und deren Annahme man vernünftigerweise von keinem Arbeiter und von leiner Körperschaft von Arbeitern verlangen kann." Um aus der Sackgasse z>r kommen, schlägt der Kommissions- bericht die Einsetzung eines Einigungsamtes vor. Die der- schiedcnen Industrien sollen gruppiert werden, und für jede Gruppe wäre ein Komitee zu bilden, das sich mit Streitfragen über Löhne, Arbeitszeit und Arbeitsverhältnisse zu befassen hätte, ehe ein Streik oder eine Aussperrung erklärt werben könnte. Die Mitglieder dieser Komitees müssen von beiden Parteien gewählt werden. Jede der Parteien soll auch Sekretäre wählen, die an den Diskussionen teil- nehmen könnten, aber nicht stimmberechtigt wären. Eine nicht unwichtige Rolle spielt auch der persönliche Faktor in dem Dubliner Kampf. Der Generalsekretär der Transportarbeiter ist den Arbeitgebern ein Greuel, hauptsächlich wohl weil er so tvenig von der Demiitigkeit zur Schau trägt, zu der sie ihre Arbeitssklaven erzogen haben. Die Kommissare äußern sich wie folgt zu dieser Seite des Problems:„Im gewöhnlichen geschäft- liehen wie privaten Umgang haben die Menschen ein Recht, es abzulehnen, mit Leuten umzugehen, mit denen sie aus irgend einem Grunde nicht zusammentreffen mögen; aber in einem Gemeinwesen wie der Stadt Dublin, das seine un- abhängigen Interessen hat, ist dieses Recht notwendigerweise großen Einschränkungen unterworfen." Von beiden Parteien war während der Untersuchung über Vertragsbruch geklagt worden. Der Kom- missionsbericht schlägt bor. den Vertragsbruch dadurch zu bestrafen, daß man den schuldigen Teil isoliert. Wie schon telegraphisch gemeldet, weigerten sich die Arbeitgeber, den Vorschlag der Kommission anzunehmen. Die Arbeitcrvertreter hingegen erklärten sich bereit, auf Grundlage des Vorschlages mit den Vertretern der Arbeitgeber zu verhandeln. Wie bei der Unter- snchung, so haben die Arbeiter auch diesmal geschickter operiert als die Arbeitgeber, die jetzt bor aller Welt dastehen als das, was sie sind: eigensinnige Despoten, die nicht verstehen wollen, daß sich die Welt bewegt und daß ihre Position unhaltbar ist. politikhc deberficbt. Dynastische Kämpfe und Bergleiche. In dem Kampfe, der in den sogenannten allerhöchsten Kreisen während der letzten Wochen um die Frage geführt worden ist, ob der Prinz Ernst August von Cumberland vor seiner Besteigung des braunschweigischen Herzogsthrones auf Hannover Verzicht leisten muß, scheint die Partei des Prinzen, zu der die einflußreichsten Damen des Kaiserhofes zählen sollen, den Sieg errungen zu haben, denn das Wolffsche Tele- graphenbureau veröffentlicht folgende offizielle Erklärung. Die von verschiedenen Seiten unternommenen Versuche, die unter Berufung auf den Fahneneid abgegebenen Erklärungen in dem Briefe Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Ernst August, Herzogs zu Braun schweig und Lüneburg, an den Reichskanzler zu mißdeuten, stehen, wie uns aus Gmun- den von zuständiger Seite mitgeteilt wird, in scharfem Gegen- satz zu der Auffassung des Prinzen selbst. Der Prinz ist der Meinung, daß seine in diesem Briefe enthaltenen Äußerungen über das in dem Fahneneid liegende Versprechen so klar und bestimmt seien, daß niemand das Recht habe, an seinen Worten zu deuteln und zu rütteln. Es sei für ihn unverständlich, wie jemand daran zweifeln könne, daß dieses Versprechen auch in Geltung bleibe, sobald er deutscher Bundcsfürst geworden sei, da eS eine Verpflichtung enthalte, die sich für einen deutschen Bundesfürsten von selbst ergebe, und daß er sich daher an sein Versprechen für immer gebunden fühle. Die Mitteilungen der„Frankfurter Nachrichten" über die Ver- Handlungen vor der Hochzeit sind, wie wir aus Gmunden und aus Berlin erfahren, unrichtig. Die Besprechungen'des Reichskanz- lerö in Homlmrg mit Seiner Königlichen Hoheit dem Herzog von Eumberland und dem Prinzen erzielten ganz klar das Ergebnis, das in dem Briefe des Prinzen an den Kanzler niedergelegt ist. Die Schilderung eines Auftrittes mit dem Prinzen August Wilhelm gehört in das Reich der Fabel. Tie Erklärung ist recht schön, wird aber in dem Teil, der sich gegen die Mitteilungeir der„Franks. Ztachrichten" wendet, schwerlich viel Glauben finden, denn es läßt sich nicht lvegleugnen, daß zeitweilig zwischen dem Berliner Hos und Gmunden recht gespannte Beziehungen bestanden haben. Dagegen ist nach dieser Erklärung nicht mehr daran zu zweifeln, daß Wilhelm II., der Reichskanzler und die preußische Regierung es aufgegeben haben, eine � Perzicht- leistung auf Hannover von dem Prinzen Ernst August zu fordern, Preußen wird also im Bundesrat die bisherigen Versicherungen des'Prinzen für genügend erklären, und da sicherlich die meisten kleineit Bundesstaaten sich ihm an- schließen werden, werden die Braunschweiger bald ihren„an- gestammten Herrscher" erhalten. Gar mancher ehrsame- brmmschweigische Patriot rechnet schon auf den schönen Titel „Hoflieferant"._ Der Kampf um Kadens Nachfolge. AuS Dresden wird uns geschrieben: Im R e i ch S t a g s w a h l k r e i s e D r e S d e n- N e u st a d t ist der Wahlkampf im vollen Gange. Kann man auch nicht sagen, daß die Wahlschlacht mit besonderer Heftigkeit entbrannt sei, so herrscht doch ans allen beteiligten Seiten eine große Rührigleit. Die Kon- s e r v a t i v e n reisen mit ihrem Kandidaten Dr. Hartmann besonders in den ländlichen Distrikten des Kreises herum, laden aber dort, wo eine sozialdemokratische Oppositton möglich sein könnte, nur königs- treue Wähler zu ihren Versammlungen ein. So glauben sie sich vor unbequemer Gegenrebe gesichert. Die Vorsicht wäre unnötig gewesen, denn unsere Genossen haben noch keinerlei Neigung gezeigt, die gähnende Leere der großen Wählervcrsammlimgcn der Kons«- vntivcn irgendwie zu beeinträchtigen und sie in ihren Privat- Miterhaltungen zu stören. Die Fortschrittler haben für ihren Kandidaten Rechts- nnwalt Dr. Klöppel einen ganzen Stab Parlamentarier mobil ge- macht. Neben Naumann sind und waren Wicmer, Kopsch, Gothein. Potihoff und andere rednerisch tätig. Ueber Platzmangel hatten aber auch sie in ihren Versammlungen nicht zu klagen, ob- wohl auch die N a t i o n a l l i b e r a l e n alles aufbieten, daß Klöppel wenigstens in die Stichwahl kommt. An Optimismus fehlt es, wie man sieht, den Herrschaften nicht. Damit allein wird aber nichts zu machen sein. Natürlich fehlt eS auch an Flugblättern nicht. Für die Konser- vativen arbeitet überdies die große Anzahl der Amtsblätter in dem ausgebreiteten Kreise, der sich von Dresden aus in breitem Streifen über Radeburg und Königsbrück bis zur preußischen Grenze erstreckt und außer vier Städten noch 104 ländliche Ortschaften umfaßt. Daß unsere Genossen eifrig tätig sind, bedarf keiner besonderen Versicherung. Unser Kandidat, Arbeitersekretär Buck, hält jeden Tag, an Sonntagen sogar mehrere Versammlungen ab. Dabei sind wir in Dörfer eingedrungen, wo noch keine sozialdcmo- kratischen Versamminngen stattgefunden haben. Wirksam unter- stützt lvird er von einigen anderen rednerisch tätigen Genossen und in den letzten Tagen sind und werden auch die Reichs- tagsabgeordneten Ledcbour, NoZke, Rühle und Schulz zur Belebung des Wahlkampfes beitragen. Im Gegensatz zu den gegnerischen Veranstaltungen waren unsere Versammlungen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, immer gut besucht. Bis 1890 war der Kreis Dresden-Neustadt in konservativen Händen, dann ging er an die Antisemiten über. 1898 wurde er von Kaden erobert und seitdem ist er ständig in sozialdemokratischem Besitz geblieben. Die Rührigkeit unserer Genossen und der Ausbau unserer Organisation im Kreise läßt uns hoffen, daß es uns am 10. Oktober, wo die Entscheidung bei der Nachwahl fällt, gelingen wird, den Kreis mit großer Mehrheit zu halten. Landtagsersatzwahl in Elberfeld-Barme». In der Landtagsersatzwahl für den verstorbenen Abgeordneten Dr. Hintzmann inatl.) im Wahlbezirk 2 Düsseldorf(Elberfeld, Barmen) wurde der nationalliberale Kandidat Bacmeister mit 403 Stimmen gewählt. Der Kandidat der vereinigten Rechten de Wserth erhielt 322 Stimmen. Reichstagscrsatzwahl in Achern-Bühl-Nastatt. Bei der am Dienstag erfolgten Reichstagscrsatzwahl für den 8. badischen Reichstagswahlkreis erhielt Neuhaus(Z.) 13 268, Unier(liberaler Blockkandidat) 3873 und Müller (Soz.) 1369 Stimmen. N e u h a u s ist somit gewählt. Bei der Walil im Januar 1912 erhielten Dr. Lender(Z.) 13 886,� der Nationalliberale 4296 und der Sozialdemokrat 3217 Stinimen. Die Nationalliberalen verloren 327, die Sozialdeinokratie 618 und das Zentrum 2580 Stimmen. Der Verlust des Zentrums ist also prozentual am er- h e b l i ch st c n. Es zeugt von großer Bescheidenheit, wenn trotzdem die„Germania" von dem„glänzenden Siege des Zentruurskandidaten" spricht I Tie Nationalliberalen nud der Arbeitswilligenschutz. Die„Kölnische Zeitung" ist hochbefciedigt von der Wiesbadener Tagung der nationalliberalen Parlamentarier, so hochbefricdigt, daß sie ein paar ganz kräftige Hiebe nach der„Wormser Ecke" führt, da die Rationalliberalen nicht agrarisch genug waren. Zufrieden ist die „Kölnische Zeiiung" auch mit der Haltung der Wiesbadener Konferenz zur ArbeitSwilligenfrage; sie schreibt: „In gewissem Sinne ist auch eine erfreuliche Klarheit in dem, was über den wirksamen und ausreichenden Arbeitswilligenschutz gesagt ist, wenn es sich auch noch nicht um bindende Richtlinien handelt, sondern nur um die Ankündigung einer Stellungnahme nach der Beratung in einer siebengliedrigen Kommission. Die Zusammensetzung dieser vorberatenden Stelle ist nach BassermannS Worten in der Weise geschehen, daß durch.sie die verschiedenen Standpunkte Berücksichtigung finden, die man bei der Beurteilung der Frage einnehmen niuß, um ihr nach allen Seiten hin die richtige Würdigung zuteil werden zu lassen. Die Klarheir besteht nämlich darin, daß man nun überhaupt eine s e I b st ä n d i g c Stellung der Partei zu erwarten hat. Das entspricht ja gerade den von Basjermann angedeuteten Grundsätzen nationalliberaler Politik, daß wichtige Fragen nicht umgangen werden dürfen, daß man auch nicht warten soll, bis etwa die Regierung in dieser oder jener Form etwas tut und man sich dann erst zu einem Ja oder Nein bekennt. Wie wichtig diese Frage für unser ganze» Wirtschaftsleben ist und wie sehr sie auch polirischc Folgen auszulösen vermag, davon weiß man besonders im I n d u st r i e b e z i r k ein Lied zu singen." Der Schlußsatz deutet an, daß es der„Köln. Zeitung" doch nicht allein darum zu tun ist, daß die Nationalliberalen überhaupt zur Frage des StreikbrecherschutzeS Stellung nehmen, diese Stellung- nähme soll auch der rheinischen Großindustrie behagen. Die ein- gesetzte Kommission wird der„Köln. Zeitung" kaum Anlaß geben, nachträglich von ihrer Zufriedenheit zurückzukommen, haben doch sehr linksstehende nationalliberale Organe wiederholt ein kleines Zuchthausgesetz zum Schutze der Streikbrecher gefordert. Bauunternehmer gegen Arbeitslose. Wie diele andere Städte, so befaßt sich auch die Stadt München gegenwärtig lebhaft mit der Arbeitslosenversicherung. Man glaubt di: Frage durch ein gemeinschaftliches Vorgehen der bayerischen Städte lösen zu können. Jedoch dürfte noch geraume Zeit vergehen, ehe dieses Problem verwirklicht wird, zumal os an widerstrebende» Kräften nicht fehlt. Zu diesen gehört auch der All« gemeine Gewerbeverein in München, eine Vereinigung von Münchener Arbeitgebern. Dieser Verein ist entschiedener Gegner der Arbeitslosenversicherung: er hat an den Magistrat eine Eingabe gemacht, im Interesse der Gewerbetreibenden von der Einführung dieser Versicherung abzusehen, denn ihnen könne eine weitere finanzielle Belastung nicht mehr zugemutet werden. Nicht genug damit: Ju einer Versammlung des Vereins, die zu der Angelegcuhcit Stellung nahm, sprach man von Arbeitslosen als von Arbeitsscheuen. In dem Allgemeinen Gewerbeverein ist es vornehmlich der Ar- beitgebervcrband für das Münchener Baugewerbe, der gegen die Einführung der Arbeitslosenversicherung wütet. Er, der Ver- trcter der Berufe, die jetzt geradezu schrecklich unter der Arbeits« losigkeit leiden, bemüht sich sogar um den Nachweis, daß eine Ar- bcitslosigkeit gar nicht bestehe I Die bürgerliche Presse sekundiert ihm natürlich hierbei fleißig._ Die Arbcitsloscnfrage und die württembcrgrsche Regierung. Auch Württemberg wird von der Krise schwer heimgesucht. Die Stuttgarter Ortskrankenkasseu zählten anfangs 1913 über 4000 mann- liche Versicherte weniger als im gleichen Monat des Vorjahres. Beim städtischen Arbeitsamt Stuttgart stieg im August d. I. die Zahl der Arbeitsuchenden auf 11 998(im gleichen Monat des Vorjahres 11083), während gleichzeitig die Zahl der Stellen an geb ote von 11003 auf 8023 zurückging. Die Stadt Stuttgart hat auf das Drängen der sozialdemokratischen RathauSstaktion hin be- schlössen, alle"irgendwie geeigneten und vorbereiteten Arbeiten un- verzüglich in Angriff zu nehmen. Die Gesamtausgabe für diese Ar- bciteu wird auf 3 Millionen Mark geschätzt. Auch sollen Umflogen in den Volksschulen veranstaltet werden, um den Kindern der Arbeitslosen ein warmes Mittagbrot zuzuwenden. Ein Schul- frühstück erhalten bereits alle bedürftigeu Kinder. Andere Gemeinden suchen gleichfalls der Not entgegenzuwirken. Nur der Staat, dem weit stärkere Mittel zur Linderung de» Elends zu Gebote stehen, rührt sich nicht. Nun wird noch mit- geteilt, daß die Hsrbsttagung des Landtage» ausfallen, die Stände erst im kommenden Jahr zusammenberufen werden sollen, weil— so lautet die osfiziöse Begründung— die Kommissionen ihre Vor- arbeiten noch nicht weit genug gefördert haben. Damit entgeht auch die Regierung dem unangenehmen Drängen der Arbeiter- Vertreter. Ob die Sozialdeninkratie diesem Ausweichen geduldig zu- schauen wird, dürfte allerdings fraglich sein. Der Laudtagswahlkampf in Stuttgart-tObcrsmt hat eine eigenartige Wendung genommen. Wie berichtet, findet die Landtagsnachwahl für den nach Hamburg verzogeneu Genossen Hildenbrand am 23. Okiober statt. In der Haupiwahl am 16. No- vember 1912 erhielt Genosse Hildenbrand 6930 Stimmen, sein nationalliberaler Gegenkandidat Major a. D. Schuster, der von den Fortschrittlcm unterstützt wurde, 2537 Stimmen. Die bauern- bündlcrische Zählkandidatur v. Kraut brachte es auf 173 Stimmen. Die Wählerschaft setzt sich zu 90 Prozent aus Kleinbauern, Arbeitern und Zwergbauern, die ivochenrags im Baubandwerk in Stuttgart und anderen Orten beschäftigt sind, zusammen. Daß für diese hart arbeitenden Bcbölkcrungsschichtcn ein Major a. D. der ungeeignetste Kandidat war, liegt auf der Hand. Da» hinderte die National- liberalen aber nicht, auch zur Nachwahl diesen Kandidaten wieder aufzustellen. Die Fortschrittler verweigerten jedoch die Gefolgschaft. Sie verlangten kategorisch einen anderen„Sammel- kandidaten". Die braven Nntionalliberalen gehorchten pünktlich. Der Herr Major schrieb einen schönen Schreibebrief, sintemalen sich seiner Kandidatur ungeahnte Schwierigkeiren entgegengestellt hätten, verzichte er trotz des Drängen» seiner Freunde usiv. Die lieben Parteifreunde, die den Herrn Major so sehr gedrängt haben sollen, die Kandidnlur zu behalten, halle» jedoch vorficht»- halber gleich einen Rcservelandidateu in petto, einen Pfarrer namens Lamparler, der denn auch da» Opfer bringen will, statt des Herrn Major durchzufallen. Die Spekulation ans den religiösen Sinn der schwäbischen Bevölkerung dürfte gründlich fehlschlagen. Denn ihm ist eine gute Portion Abneigung gegen das offizielle Kirchentnm bei- gemischt. Dem vielbespöttrlten Seklenwesen Würtceinberg-Z ist ein eigenartiger kommunistischer Zug eigen. Und so berühren sich hier vielfach die Extreme, die zielklar dem Kommuuismus zustrebende Sozialdemokratie und die religiöse Schwärmerei der dem Kirchentnm schroff ablehnend gegenüberstehendcn„Gemeinschaften". Ein Pfarrer, dazu»och ein nationalüberaler, bat ebensowenig zu hoffen, als der Herr Major. Aber der Wahlkampf dürfte ein eigenartige» Gepräge erhallen._ Die ßalha?}fragen. Die griechisch-türkischen Verhandlungen. Athen, 8. Oktober.(Meldung der„Agence d'Atheues".) Von heute an wird der M i n i st e r r c: t mehrere Sitzungen der genauen Prüfung des türkischen G c g e n c n t>v u r f s widmen und sodann die ottomanischcn Bevollmächtigten die gefaßten endgültigen Beschlüsse wissen lassen, die als Grund- läge für die Verhandlungen dienen sollen. Tie Prüfung ist nötig, da der ottomanische Gcgcnentivurf in mehreren' Pnntten, die man für geregelt hielt, einschneidende Aende- r u n g e n bringt, die sich sogar auf die Wakuffragc erstrecken, ja, wie die Blätter melden, an die Sonveränitäts- rechte Griechenlands rühren. Der ehemalige Ge- sandte in Konstmiiinopel, Grhparis, wird wahrscheinlich an den Verhandlungen teilnehmen, die sich l a n g>v i c r i q ge- stalten werden, da die Vollmachten der otiomanischen Tele- gierten begrenzt sind. Vom albanischen Kriegsschauplatz. Sofia, 8. Oktober.(Meldung der„Agence Bulgare".) Die serbischen Truppen haben alle bulgarischen Dörfer in de» Bezirken Kitschewo, Dibra und Ochrida zerstört. Die friedferlige Bevölkerung dieser Ortschasten wurde ohne Erbarmen nieder- gemetzelt. In de» meisten zerstörten Dörfern gab es weder Ausständische, noch war irgendeine Bewegung gegen die Behörden vorhanden. OeStemicfo. Demöbilisicrung oder nicht? Das empörende Spiel, das mau mit den zu den Waffen und zum Parademarsch an di- Grenzen gerufenen Ersatzrcservistcn treibt, wird fröhlich fortgesetzt. Nach einer neuen Verfügung werden zwar die Ersatzreservisten der Assent-Jahrgmige 1910 und 1911, aber nicht die 1912 Eingestellten jetzt in den nichtakliven Stand zurück- versetzt. Die 1912 eingestellten Ersatzrescrvisten dienen bereits zwölf Monate st alt zehn Wochen und noch ist lein Ende abzusehen. Und die anderen kommen aus der„Aktivität" de? Exerziecdrills zurück in die Passivität einer völligen Wirtschaft-?- deroute. Und da fordert man eine Milliarde für neue Rüstungen und kündigt außerdem die Umbewaffnung der Artillerie — die zweite in sechs Jahren— an..... Die Eröffnung des ungarischen Parlaweuts. Budapest, 8. Oktober. Bei der heutigen Wiedereröffnung des Abgeordnetenhauses legte Graf Ä n d r a s s y dar, welche Gründe die Opposition verhinderten, an den Beratungen des Parlaments tcilzunehmeik. Er hob insbesondere hervor, daß die P a r l a m e n t s w a ch e für die Ausweisung der Abgeordneten aus- gedehnte Befugnisse besitze, die der verfassungsmäßig garantierten Unverlctzlichkeit der Abgeordneten widersprächen. Nach Schluß seiner Rede erhob sich Graf Andraffy und verließ mit seiner Partei den BeratungSsackl, von höhnischen Zurufen seitens der Regierungspartei begleitet. Ministerpräsident Graf T i S z a polemisierte gegen die Ausführungen des Grafen Aiidrasfy. Die Grundlosigleit der Klage deS Grafen Andraffy über eine Ver- fassungSverletziing und Willlürherrschasr«verde am besten dadurch beiviesen, daß die Stimmung des Landes ausgezeichnet und durch- aus ruhig sei. fraukreick. Gegen die dreijährige Dienstzeit. Paris, 8. Oktober. Wie aus Carmaux gemeldet wird, ver- anstalteten die s o z i a l i st i s ch e n R e k r u t e n, die zu ihre» Nr- gimenteru einrücken sollten, nach einer von I a u r ö s gehaltenen Ansprache eine lärmende Straße nkundgebung gegen das Dreijahrcögesetz. Spanien. Der Besuch des französischen Präsidenten. Herr Poincarö ist in Madrid zu Gaste, um für das wachsende Einvernehmen zwischen Spanien und Frankreich zu demonstrieren. In den Trinksprüchen, die bei dein Gala- diner zwischen, dein König Alphons und dem Präsidenten ge- wechselt wurden, war daher viel von der Einmütigkeit der Interessen und der fruchtbaren Zusammenarbeit(bei der Unterwerfung Marokkos), von der„immer herzlicher werden- den Entente" und der„Zukunft der Intimität" die Rede. ' Stach den Unstimmigkeiten, die seinerzeit wegen Marokkos entstanden waren, zeigen diese Reise und Reden, daß Spanien wieder völlig zur Tripclententc gehört. Hiss der Partei. Die Organisationen zum-Parteitage. Zu den Beschlüssen des Parteitags nahm der sozialdeuwkratische Verein in Weimar Stellmrg. Nach eingehender Debatte,- in der lebhast für und wider die gefaxten Beschlüsse in den Fragen des Massenstreiks und der Steuerbetviiligung gesprochen wurde, fand folgende Resolution einstimmige Annahme: „Die Parteiorganisation in Weimar erkennt an, daß die sich -gegenüberstehende Stellungnahme der Genossen auf dem Parteitage zu den wichtigsten Punkten der Tagesordnung— Massenstreik und Steuerfrage— auf beiden tseiten getragen war vom Geiste tat- kräftiger Propagierung des Gedankens, energischer und sicherer in den weiteren Kämpfen des Proletariats wirken zu können. Da die Beschlüsse des Parteitags als Richtschnur für die prinzipielle und taktische Stellungnahme der Partei zu gelten haben und die Ber- sammlung in der Geschlossenheit und Einheit der Partei die beste Gewähr erblickt, entsprechend ihrer Stärke weitere Erfolge zu er- ringen, erklärt sich die- Versammlung mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden."-____ Parteiliteratur. Sozialdemokratische Slrbeitsloscufursorgc. Als Heft 21 der . S ozi a lde mo kr atischen Flugschriften" erscheint unter vorstehendem Titel im Verlage der Buchhandlung Vorwärts das Referat des Genossen Johannes Timm, das dieser auf dem Parteitage in Jena über die Arbeitslosenfürsorge ge- halten hat..Die Broschüre liefert wertvolles Material für die Aktionen der Partei und Gewerkschaften in nächster Zeit gegen die Plage der Arbeitslosigkeit unternehmen werden. Der Preis deL Heftes beträgt 10 Pf. Für die Organisationen ist eine Ausgabe ohne Unischlag hergestellt, für die bei Masscnbezug ganz billige Preise be- rechnet werden._ Das Landessekretariat der Sozialdemokratischen Partei Sachsens ist nunmehr in Wirksamkeit getreten. Die Geschäfte des Landes vor- standeS werden künftig, durch das Sekretariat geführt. Wir ersuchen daher, von nun an alle für den LandeSvor'stand bestimmten Zu- schriften, sowohl in Angelegenheiten der Parteiverwaltung wie in Fragen der Gcmeindepolitik, ebenso alle Geldsendimgen zn richten an Otto Ilhlig, Dreöden-A., Wettinervlatz 10/11. Die Fern- sprechnummer des LandcSseiretariats ist: 25 201. polizeiliches, CkrübbticKes ulw« Prcstprozcsse. 1 0 0 0 Marl Geldstrafe verhängte das Schöffengericht IV zu Hamburg am Dienstag über den Genossen K ö p k e als Vor- antwortlichen des„Hamburger Echo" wegen Beleidigung des Rc- dakteurs H u b b e von den„Hamburger Nachrichten"". Hirbbc, der eine bewegte journalistisch« Vergangenheit hat, ist bei dem Ham- iburger Scharfmacherblatt Spezialist in Sozialistenbekämpfung ge- worden. Er läßt keine Gelegenheit vorübergehen, um die Arbeiter- bewegung in der giftigsten Weise zu befehden. Als er im vorigen Jahre zur Bürgerschaft kandidierte ünd sich dabei nach allen Seiten hin Anhang zu beschaffen suchte, deckte das„Hamburger Echo" einiges aus seiner Vergangenheit auf. Noch bis vor wenigen Jahren hat Hubbe in Stettin die alldeuifch-antisemitifche„Hoch- wacht" geleitet, in der Judentum und Christentum in gleiche Weise vom S:andpnnkt alldeutscher Rassenpolitik und Wodansverehrung verspottet würden. In Hamburg aber vertritt Hubbe den bibelfesten Kirchcnglanben und verbindet nach der Art Knuten-Oertels seine Sozialistenbckämpfuug mit. frömmelnden Betrachtungen. Neben- her war er noch als KarikatürrNzeichner-und sÄirifcher Plaude- rcr für«ine Wochenschrift tätig. Ter Ijiepa'uf- abgeleitete Vor-. .Äusst- der Doppülziuigjgteit.. gab Hubbe Veranlassung,- gegen das ..Echo" zu klagen, mit dem Erfolge, daß das Gericht das obige Urteil fdüic. Hubbe behauptete und er fand damit beim Gericht Glauben, daß er als.,Hochwacht"-Redatteur nur die preßgesetz- liche Verantwortung getragen, moralisch aber für den Inhalt dieses Bkatres nicht verantwortlich zu machen sei. Die Vorstrafen, die Genosse Köpke schon wegen Prcßvcrgehens erlitten hat, und einige Schlußfolgerungen,, die das„Echo"' über HubbeZ Charakter ge- zogen hatte, dienten zur Begründmig des Urteils, gegen das selbst- verständlich Berufung eingelegt wird. * Die. Elbcrfelder„Freie Presse" berichtete kürzlich über die ArbeiisverhAtnisse in dem Schwelmer Emaillievwerk „Rhenania", erwähnte, daß dort der Direktor eine Rede gegen die Arbeiterorganisationen gehalten und gewarnt hätte, der Organ!» sation beizutreten. Tie Elberfelder..Freie Presse" bemerkte dazu, daß gerade in dem genannten Werke die Organisation bitter not- wendig sei, denn' es würde dort ja sogar geprügelt und die Arbeiter in jeder anderen Art noch. beleidigt ünd' benachteiligt. Der Herr Direktor fühlte sich durch den Artikel beleidigt und stellte Strafantrag. Vor dem Schwelmer Schöffengericht jedoch traten Zerigen aus, die geprügelt haben bezw. geprügelt worden sind. Ein erkrankter Arbeiter habe sich im Bureau einen Krankenschein holen wollen. Diesem habe man jedoch gesagt, daß er wohl„ein paar hinter die Ohren, aber keinen Krankenschein" bekommerr könne. Die Zeugenaussage war für den klagenden Direktor so erdrückend/ daß daL Gericht den verantwortlichen Redakterkr unse- res Elbcrfelder Parteiblattes freisprechen mußte.. * Die Strafkammer in'Bremen verurteilte am Dienstag den Genossen Schwarz, den Vcrantivortlichen der„Bremer Bürger- zeitung", wegen Beleidigung des leitenden Redakteurs des Bremer liberal sein wollenden Amtsblattes zu 450 M. Strafe. Eine Haussuchung fand am Mittwochvormittag in der„Rheinischen Zeitung" zu Köln statt. Das Interesse der Kriminalpolizei galt einem Manuskript eines vor einigen Tagen im lokalen Teil unseres Parteiblattes erschienenen Artikels, in dem gewisse Zustände inner- halb der Kölner Polizeiverwaltiing, die von einem Kriminal- kommiiiar an Gerichtsstelle bcknndcle Geschenkannahme durch höhere und iiiedcre Beanue, scharf kritisiert worden waren. Gefunden wurde natürlich nichts. Ebenso vergeblich wurde in der Wohnung des ver- auiwortlicheii Redakteurs, Genossen Sollmaiiii, nach jenem Manuskript gehaussucht._ Siebenter öflerreic&IScIjer Gewcrh- fcichftS'Kongrcg. (Dritter Tag.) Tele grap yi scher Bericht. Wie», 8. Oktober 1913. In der Debaltc über die gesetzlich eRcgel ring der Heimarbeit, über deren Beginn>vir bereits gestern berichtet haben, ergriff auch Genossin Gertrud Hanna- Berlin von der G'eneralkominission der Gewerkschaften Deutschlands das Wort. Sie schilderte das deutsche Heimarbeiterglend und wünschte den österreichischen Heimarbeitern, daß sich die österreichische Regierung an den Unzulänglichkeiten des deutschen Gesetzes kein Muster nehmen, sondern ein hcssercs Gesetz dem Parlament vorlegen möge. In seinem Schlußwort trat der Referent Abg. S m i t k a ftom Schneidcrverbaiid) gegen den in der Diskussion vertretenen Plan auf, für die Heimarbeiter besondcro Organisationen zw schaffen. Man könne das allenfalls für jene Heimarbeiter tun, in deren Branche Fachorganisationcn noch nicht bestehen, jedenfalls abet müßten die Heimarbeiter überall da, wo bereits Fachorganisationen existierten, ihrer Berufsorganisation angehören, da ja die Heim- «beiter in sehr vielen Fällen es mit denselben Unternehmern zu tun haben, denen auch die Wcrkstälien und Fabriken in der- be- treffenden Industrie gehören.. �. Darauf wurde die bereits mitgeteilte Resolution mit den Einzelforderungen des Heimarbeiterschutzes an die Gesetzgebung e i n st i m m i g a n g e n o in m e n. Es folgte das Referat des Sekretärs der Union der Tcrtil- arbeiter Oesterreichs, Rcichsratsabgeordneten Genossen Hann s ch, über Parlament und Arbeiterschutz. Er setzte auseinander, daß es um den Arbeiterschutz und seinen Ausbau vielfach in den 80er Jahren, als die Arbeiter im öfter- reichischen Parlament noch nicht vertreten waren, besser bestellt gewesen sei, als in der Gegenwart unter dem allgemeinen gleichen Wahlrecht. Richtig ist allerdings, daß damals, weil keine Gewerk- schaften bestanden, die Kleingewerbetreibenden noch nicht im Klassen- kämpf gegen die Arbeiter gestanden haben, daß auch die agrarische Agitation gegen das Aufsteigen des Proletariats Koch nicht einge- setzt hätte und die Kleinmeister und Bauern noch scharf gegen �die neuaufkommende Industrie gerichtet waren, weshalb auch ihre Ver- treter für die Arbeiter Sympathien hatten und betätigten. Die Feudalen waren noch nicht industrialisiert und darum geneigt, Arbeiterschutzgesctze gegen den Willen des von den damaligen Live- ralen vertretenen industriellen Kapitals einzuführen. Gewiß spielte dabei auch die Absicht mit, die Arbeiter gegen die Liberalen ein- zunehmen, um sie der feudalen Sache in ihrer„christlichsozialen" Gestalt anzuschließen. Aber daran, daß sich die. Klassengegensätze so geändert haben, ist nicht das allgemeine Wahlrecht schuld, sondern das ist ein Ergebnis'der ökonomischen EntWickelung. Abg. Hanusch schließt seine Ausführungen mit folgenden Bemerkungen: Was in Oesterreich an Arbeiterichutz in den letzten drei Jahren zustande gekommen ist, ist sehr wenig, und wir protestieren heute als Ver- tretung aller gewerkschaftlich organisierten Arbeiter dieses Staates dagegen, daß die Regierung den Ausbau des ArbeiterschicheS mehr hindert, als fördert. Ist doch vor kurzem der Leiter der„Sozial- politischen Sektion" des Handelsministeriums nach Berlin gefahren, um zu verhindern, daß die deutsche Regierung auf der Arbeiter- schutzkonferenz in Bern der Hinaufsetzung des gewerblichen Schutz- alters für die Jugend auf 13 Jahre zustimme,, und zu erreichen, daß die Grenze weiter bei 16 Jahren festgesetzt wird. Die öfter- reichische Regierung hat auch in Berlin erwirkt, daß auf der Arbeiterschutzkonferenz in Bern nicht ein Beschluß gefaßt wurde, der die Beschäftign.ng der Jugendlichen über 14 Jahren in industrieller Nachtarbeit verboten hätte, welcher Zustand nur einem der allcrrückständigsten Staaten zugute kommt, nämlich Portugal. Alle anderen Länder haben eine höhere Grenze für die Nachtarbeit der Jugendlichen. So sehen wir, daß wir von einem guten Willen der österreichischen Regierung, den Arbeiterschutz vorwärts zu bringen, nicht sprechen können, und daß daher alles getan werden muß, um der österreichischen Regierung Furcht vor den Arbeitern einzuflößen.(Stürmlscher Beifall.) Der Referent legt dem Kongreß eine längere Resolution vor, in der da? Versagen des Parlaments auf dem Gebiet der Sozialpolitik infolge der passiven Resistenz der Regierung, der Obstruktion der bürgerlichen Parteien und der krassen Arbeiter- feindlichkeit des Herrenhauses festgestellt wird. Beherrscht von den egoistischen Interessen der besitzenden Klaffe, machen die bürgcr- lichen Parteien und das Herrenhaus jeden Fortschritt aus sozial- politischem Gebiet unmöglich, indem sie die von sozialdemokratischer Seite eingebrachten Anträge brutal niederstimmen. Der Kongreß protestiert auf das schärfttc gegen die unverantwortliche Vcrschlep- pung des SozialversichernngSgesetzes und aller übrigen vom Sozial- demokratischen Verband eingebrachten Gesetzentwürfe, welche zur Verbesserung der sozialen Stellung und zur Erhaltung der Gesund- heit des arbeitenden Volkes.dienen. Ter Kongreß protestiert gegen das System der.Regierung, die Arbeiterklasse istit einigen nichtssagenden Verordnungen abspeisen zu wollen, während sie auf dem Gebiet der Gesetzgebung jede Initiative vermissen läßt- Der Kon- groß wiederholt und erneuert die.sozialpolitischen Forderungen der Arbeiterklasse.und fordert zugleich vom Parlament und der Regierung die rascheste Durchführung dieser Forderungen: l. Rascheste Beratung und Durchführung des Sozialversiche- ruugsgesetzes, insbesondere aber Einführung der Alters- und Jnvaliditätsbersicherung für alle?lrbeiter und der Witwen- und Waisenunterstützuiig. 2. Reform des Koalitionsgesetzes dahin, daß der Arbeiter- schaft vollste Vereinigungsfreiheit gewährt wird. Abschaffung der Arbeitsbücher. 3. Zehnstündigen Höchstarbeitstag für alle Gewerbebetriebe, achistündiger Höchstarbeitstag für die ununterbrochenen Betriebe, den Bergbau und die Eisenbahner im Vcrkehrsdienst. 4. Sechsnnddreißigstündige Sonntagsruhe. 5. Ausnahmsloses Verbot der Nachtarbeit für Frauen, jugendliche Arbeiter und Kinder, sowie der regelmäßigen Be- schäftigung der Männer zur Nachtzeit. 6. Erlassung besonderer gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz von Leben und Gesundheit in gesundheitsschädlichen Jndu- strien und Betrieben, sowie ausreichende sanitäre Bestimmungen für die Betriebe der Nahoungs�ewerbe und gesetzlich festgelegte Schadloshaltnng der Arbeiter nn Fall von Berusskrankheiten durch die Besitzer des Betriebes. Rascheste Erledigung des Bäcker- schutzgesetzes. 7. Verbot der Beschäftigung schwangerer Frauen in der Dauer von vier Wochen vor der Niederkunft und sechs Wochen nach der Entbindung, für welche Erholungszeit Krankengeld in der vollen'Höhe de? Verdienste? zu bezahlen ist. Zn diesem Zweck haben die Krankenkassen aus der Staatskasse entsprechend hohe Subventionen zn erhalten. 8. Vermehrung der Gewerbeinspektoren. Verkleinerung der Nufsichtsbezirke, Bestellung von Spezialgewerbeinsepktoren, Lehr- lingsinspettoren und Arbeitern und Frauen als Inspektoren und Inspizienten. Bestellung von Inspektoren für land- und forst- wirtschaftliche Betriebe. 9. Reform des Gewerbegerichtsgesetzes, Ausdehnung des passiven Wahlrechts ans die Arbeiterinnen, Vermehrung der Ge- richsthöse und Erhaltung derselben zur Gänze aus den Staats- finanzen. 10. Ausdehnung der Unfallversicherung auf alle Arbeiter, Einbeziehung des Kleingewerbes sowie der Land- und Forst- Wirtschaft. 11. Aufhebung der Bruderladcn und Einbeziehung der Berg- arbeiter in die allgemeine Krauken- und Unfallversicherung. 12. Bestellung freigewählter Berginspeftoren aus der Berg- arbeiterschast. 13. Einführung von Sicherheitsmännern(Inspektoren) zur Ueberwachung der Sicherheit, sowie der Humanitären und sani- tären Einrichtungen bei den Eisenbahnen. Freie Wahl und Immunität dieser Kontrollpersonen aus der Mitte der Be- diensteten. 14. Achtstundentag. Siebenuhrsperre, sechsuuddreißigstündige Sonntagsruhe im Hande-lsgewerbe. 15. Unterstellung der Heimarbeit unter den Arbeiterschutz- 10. Reichsgesetzliche Regelung der Gesindeordnung. 17. Zusammenfassung des gesamten Arbeiterrechts. 1s. Annahme des sozialdemokratischen Antrags betr. Linde- rung der Arbeitslosigkeit zum Schutz der Arbeitslosen vor' Ver- elendmig. Morgen, Dienstag, gehen die Verhandlungen weiter. Hm Industrie und Handel. Gründung einer albanischen Bank. Wie anS Valona gemeldet wird, hat die österreichische und italienische Bankkommission(unter Führung deS Direktors der Banea Commereiale Jtaliana Fenoglio- Italien und Baron Pitner-Oesierreich) ihre Vorarbeiten zur Gründung der albanischen Bank vollendet. Die Bank soll ihre Tätigkeit in drei Monaten aufnehmen. Sie hat vorläufig einen Tresordienst für die provisorische Regierung eingeführt. Dieser Anfang dieses Monats aufgenommene Dienst wird vorläufig von je einem osterreichochen und einem italienischen Beamten geleitet. Di- Banktätigkeit ist zur- zeit auf Valona beschränkt. Sie soll später auch aus andere Orte Albaniens ausgedehnt werden. Zur Eisenkonjunktur. Nach den Ermittelungen des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller sank die Roheisen- e r z e u a u n g in Teutschland und Luxemburg während des Monats September gegen den August(von 1,04 auf 1,59 Mill. Tonnen), war aber um 70 000 Tonnen hoher als im September 1912. Die Etzeugujrg während der ersten neun Monate dieses.Jahres blieb um 1,1 Mill. Tonnen höher als in der gleichen Zeit des Vorjahres.— Der Swtemberversand des S t a h l w e r k s v e r b a n des fiel gegen den vorhergehenden Monat von 524 500 aus 518 000 Tonnen und war um 8000 Tonnen höher als im Vorjahre.—Die oberschle- fische Roheisen Produktion erfuhr für den September gegen- über dem gleichen Vorjährsmonat einen Rückgang um 4000 Tonnen und für die ersten neun Monate einen solchen von 33 800 Tonnen Der Export blieb um 00 bezw. 3444 Tonnen hinter den vorjährigen Ziffern zurück.— In allen genannten Zahlen wird der Konjunkturrückgang nicht so deutlich wie in der Ermäßigung der Eisenpreise. Die amerikanische Petrol-uinindustrie im Jahre 1912. Das Jahr 1912 brachte nach einem Bericht der New Dörfer Handelskammer im Petroleumhandel der Vereinigten Staaten von Amerika verschiedene Ueberraschungen. Da die Produktion mit dem erheblich gestiegenen Verüramhe nicht Schritt gehalten und infolgedessen die Borräte abgenommen hatten, konnte man ja auf eine Versteifung des Marktes rechnen. Aber selbst die sanguinischsten Spekulanten wurden dadurch überrascht, daß der Preis des pennsylvanischen Roh- Petroleums ab Quelle im Januar von 1,35 Dollar für das Faß auf 1,50 Dollar stieg, dann von April an die Steigerung fortsetzte und allmählich his Mitte Dezember die Höhe von 2 Dollar erreichte, so daß der Durchschnittspreis fürs Jahr sich auf 1,00 gegen 1.30 Dollar für 1911 stellte. An Stelle des UeberflusseS von N ophtha, der früher zu seiner Verwendung für Heizzwecke und für die Leuchtgasgewinmmg geführt hatte, war nunmehr infolge des großen Gasolin- und Benzinbedarfes der Kraftwagen ein Mangel an rohem Mineralöl getreten, der bisher nicht für möglich gehalten worden war. Nichf ein Rückgang der Zufuhr, sondern die große stetige Erhöhung des Absatzes seit mehreren Jahren hatte diese Verschiebung herbeigeführt. Die Pr o d u ktio n von Rohpetroleunr war im Jahre 1912 mit 223.9 Millionen Faß etwas größer als im Vorjahre mit 220,4 Millionen; aber die zahlreichen neuen Verwendungszwecke des OeleS iowie die gesteigerte Nachfrage im In« und Auslände für die alten Zwecke trieb die' Mineralölindustrie zu lebhafterer Tätigkeit als je zuvor. Bei der Erhöhung der Preise muße die Verwendung»in mancher Forin eingeschränkt werden; so nahm die Verwendung von Gaköl erheblich ab, und Heizöl war, außer den in Gebieten, wo das geivonnene Rohöl sich lediglich zum Heizen eignet, kaum mehr zu haben. Der Durchschnittspreis für Leuchipetrolemn stieg infolge der Verteuerung des Roböls; er betrug für die Gallone<3,73 Liter) im Faß zu New Jork 3,33 Cent und überstieg den vorjährigen um 1 Cent. Die Ausfuhr betrug im Jahre 1012 au Rohöl, raffiniertem Oele und Naphtha 1 283 Millionen Gallonen, rund 100 Millionen Gallonen weniger als 1911. Aber der Gesamtexport an Mineralöl und Erzeugnissen daraus war mindestens ebenso groß wie im Vor- jähr, denn' an den anderen Produkten als den drei genannten gingen sehr große Menge» aus. Arbeiter-Jugend. Die soeben erschienene Ar. 21 des- fünften Jahrgangs hat u. a. folgenden Inhalt: Internationaler Jugendschutz. Von Fr. Kleeis.--- Die Schlacht bei Kohlhausen. Von E. Reinhard Müller.(Schluß.) — Ferien fährten der Hamburger Arbeiterjugend. Von Rud. Lindau. — Die Seifenblase. Von Albert Neubnrger.(Mit Abbildungen.)— Regierung und Verwaltung in den deutschen Kleinstaaten.— Die Gegner an der Arbeit. Vom Kriegsschauplatz usw. Beilage: Der Sohn des Waldes. Erzählung von R. Kipling. — Laubfall. Von Otto Liithen.— Karl Spitzweg: Von Wilhelm Hansenstein.(Mit Abbildungen.)— Die Familie im Wandel der Zeiten. Von.O. Jenssen.(Schluß.)— Herbstbild.' Von Friedrich Hebbel.— Die Pflasterer. Von Fritz Müller.— Im Bahnpost- lvagen. Von Richard Wagner.— Tanzrondo. Gedicht von Albert Geiger..__ lUtzt« NachnsMctt* Kämpfe zwischen Alüanesen und Montenegrinern. Cetin-je, 3. Oktober.(W. T. B.) Am 6. d. M. haben die Alba- nesen den linken Flügel der montenegrinischen Truppen bei Gusstnje angegriffen, worauf die Montenegriner einen Gegenangriff miter- nahmen. Die Kämpfe, die auch noch gestern fortdauerten, waren heftig. Die montenegrinischen Truppen warfen den Gegner zurück und verfolgten ihn. Die Montenegriner hatten zwei Tote und sechs Venvundcte. Die Verluste der Albanesen sind unbekannt, O-----, Der Bürgerkrieg in Mexiko. New Dork, 8. Ottober.(W. T. B.) Nach einer Meldung auZ Lardo in Texas sind der Vundesgene'ral A l v a rez ,' sei n Stab und 1 2 5. M a n n gestern in Torreon auf Befehl des Führers der Konstitutionalisten Franeiseo Stilla e r s ch o s s en w o rden. Die Aufständischen erbeuteten in Torreon, wie aus zuverlässiger Quelle gemeldet wird, die gesamten Waffen und Artillerie der Bundes- truppen. Der Kampf dauerte vier Tage unter schweren Verlusten auf beiden Seiten. Das Wütcn der Cholera in Rumänien. Bukarest, 8. Oktober.(W. T. B.) Nach der über den der- zeitigen Stand der Cholera veröffentlichten amtlichen Mitteilung ist zu den bereits gemeldeten 908 Cholerafällen ein Zuwachs von 880 Neuer! rankungen an Cholera zu verzeichnen, wo- von 380 Falle auf den Bezirk Dolj entfallen. Solidaritätsstreik in Petersburg. Petersburg, 8. Oktober.(W. T. B.) Um ihre Solidarität mit den ausständigen Arbeitern in Moskau zu bezeigen, sind in zwei Petersburger Stadtteilen 9 00 0 Arbeiter in einen eis- tägigen Ausstand getreten. Deutscher Protest gegen amerikanische Zollbestimmungen. New Aork, 8. Oktober.(W. T. B.) Nach einer„Sun"- Meldung aus Washington hat Deutschland beim StaatSdeparte- uient gegen die Zollvergünstigung von 5 Proz. zugunsten ameri- kanifchcr Schiffe protestiert. Außer Deutschland protestierten auch Frankreich und andere Mächte gegen die amerikanische Zollvergiinstigung. Von einem Tiger zerfleischt. Krakau, 8. Oktober.(P. C.) Äährend der. Vorstellung im Zirkus Kladsky in Neu-Sandeck stürzte sich ein Tiger, auf den Dompteur Reiff und zc r f l e i s-ch t c ihn gräßlich. Nur mit Mühe gelang es dem Personal, den blutüberströmten Dompteur aus dem Käfig zu ziehen. Des Publikums bemächtigte sich eine lebhafte Panik. Der Dompteur wurde in hoffnungslosem Zustand ins Krankenhaus gebracht. KSnlgstr. 33 Chaasseestr. 113 •m Bhf. Ales anderpl. Ecke Invalidenstr Sonntags geschlossen! i(i ar Möbel-Cohn l.Gesehilft: Gr. Frankfurter Str. 58 �Geschäft: Grüner Weg 109 SV* Bitte genau auf Hausnummern zu achten."VS Möbel...Kredit MZff- RiesensAuswahl HWx Anzahlungen auf Stube und Küche: Mark 15 SO 50• 75 bis SS bis 45 bis 70 bis lOO Moderne Schlaf-, Speise-, Herren- und Wohnzimmer jeder gewünschten Art von 40 M. Anzahlung an. Einzelne Möbelstücke von 5 M. Anzahlung an. GrSBte Rücksicht bei Krankheit und Arbeitslosigkeit. Liefere auch auHvZrts, Abzahlung wöchentlich, monatlich, resp. nach Uebereinkunft. 0V KÄnfer einer Wohnan�s-Elnrichtung erhält einen eleganten Teppich gratis.-HWZ Vorzeiger dies. Inserats erhält beim Kauf 5 M. gutgeschrieben. SonntageM���geöfhaet. SINGER Familien- Nähmaschinen sind die vollkommensten! Neue Spezial-Apparate für den Hausgebrauch. SINGER CO. Nähmaschinen Act. Ges. 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Er behauptete, in Notwehr gehandelt zu haben. Dagegen behaupteten fast samt- liche Zeugen, bis auf einen, der als Streikbrecher tätig ge- Wesen ist, daß weder Brandenburg noch ein anderer von dem Erstochenen, bedroht wurde. Alle Tatzeugen stimmten darin überein, daß der Angeklagte dem Arbeiter Kühl, als dieser ihn anredete, ohne ein Wort zu sagen, ein langes Messer tief in den Leib rannte, das er vorher unter seiner Weste verborgen getragen hatte.?!ur ein Streikbrecher ivollte gehört Haben, daß Brandenburg nachmittags bedroht wurde- 1311 1312 1913 Mark Mark Mark Reiseunterstützung.... 63 538 68 138 93 265 Arbeitslosenunterstützung.. 613 935 778 338 1 124 738 Krankenunterstützung.... 461428 514 919 612 892 Gemaßregeltenunterstützuug. 54 333 42 649 59 191 Sterbegeld....... 31 244 35 352 38 622 Umzugsunterstützung.... 21338 22 353 24 919 Notfallunterstützung.... 27183 38 271 54 491 Summa 1269 933 1 499 093 2 335 388 Trotz des schlechten Geschäftsganges haben die vom Holzarbeiter- verband geführten Lohnbewegungen kaum eine merkliche Ein- schränkung erfahren. An Streikunterstü.tzung hat der Ver- band in der ersten Hälfte dieses Jahres 438 911 M. ausgegeben gegen 496 926 M. in deni gleichen Zeitraum des Vorjahres. Ab- gesehen von der großen Tarifbewegung, welche der Verband in diesem Frühjahr geführt hat, wobei etwa 45 333 Holzarbeiter in 52 Städten in Betracht kamen, weist die Streikstatistik nach einer vorläufigen Zusammenstellung im ersten Halbjahr 269 beendete Lohnbewegungen mit 12 833 beteiligten Arbeitern auf; außerdem waren zu der Zeit, als diese Aufstellung gemacht wurde, 44 Streiks mit 3714 Beteiligten im Gange. Die hohen Aufwendungen, welche der Verband für Unter- stützungSzwecke zu machen hatte, haben nicht zu verhindern vor- mocht, daß das V e r b a n d s v e r m ö g e n in der ersten Hälfte dieses Jahres eine Steigerung um reichlich 433 333 M. erfahren hat. Es betrug am 1. Juli 7 626 533 M., davon 5 229 993 M. in der Hauptkasse.— Der Rückblick auf die EntWickelung und die Leistungen des Holzarbeiterverbandes in der ersten Hälfte dieses Jahres läßt erkennen, daß die schwere Wirtschaftskrise nicht spurlos an ihm vorübergeht. Die Organisation ist aber so in sich gefestigt, daß sie der Schwierigkeiten Herr wird und die Probe auf ihre Leistungs» fähigkeit, welche ihr der schlechte Geschäftsgang auferlegt, voraus- sichtlich erfolgreich bestehen wird. Der Streik in den Rastenburger Mühlenwerkcn A. Gramberg- Rastenburg ist beendet. Es ist gelungen, nicht nur die eingeführten Lohnkürzungen abzuwehren, sondern auch noch einige Verbesserungen für die Arbeiter durch schriftliche Vereinbarung herauszuholen. Die Arbeiterschaft der Firma Gebr. Salomon, Harburg, Lumpenhandlnng cngros, ist am 27. September in den Streik ge- treten. Die Firma sucht nun Ersatzkräfte, und da der Salomonschc Betrieb in Harburg trotz der Arbeitslosigkeit keinerlei Anziehungs- kraft besitzt, sucht sie Arbeitswillige von auswärts, sowohl aus Ham- bürg wie aus Berlin, Hannover und Bremen heranzuziehen. Vor Zuzug nach Harburg wird deshalb hiermit gewarnt. In Berlin angenommenen Arbeitern wurde gesagt, es bestände kein Streik. Ebenso heißt es in einem nach Hannover gerichteten Schreiben, der Streik in Harburg sei erledigt, die alten Leute wären entlassen und würden nicht mehr eingestellt. Die Situation ist für die Ar- beiterschaft durchaus günstig. Die Firma bietet einen Tagelohn von 4,25 M. und den Arbeiterinnen einen Anfangslohn von 2 M. Das ist aber für Harburg eine durchaus ungenügende Entlohnung, da hier die ganzen Lebensverhältnisse ziemlich teuer sind. W i r warnen deshalb alle Arbeiter und Arbeite- rinnen, auf die Verlockung der Firma hin nach Harburg z u kommen. Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. Zahlstelle Harburg. kleines femUeron Gerupfte Hüte..Meine Damen, bitte Ihre Hüte!' Das ist die verblüffende Aufforderung, die seit dem letzten Sonnabend höflich, aber ohne Nachsicht von den New-Dorker Zollbeamten an die Damen gerichtet wird, die nach der Fahrt aus Europa den Boden der neuen Welt betreten oder wieder betreten wollen. Was bedeutet diese Frage? Was will dieses Ansinnen der ohnehin so ungern ge- sehenen Zöllner? Seil dem letzten Sonnabend ist im New-Aorker Zollamt das neue Tarifgesetz in Kraft getreten: und eine Klausel dieses Gesetzes verfügt in einer schönen Anwandlung von Tierschutz, daß die Einführung von Federn, die lebenden Vögeln aus- gerupft sind, fortan in den Vereinigten Staaten von Nordamerika auf das strengste verboten ist. Das erste Opfer dieser Zoll- bestimmung wurde eine elegante Französin, die mit einem neu- gierigen Lächeln das Zollamt betrat und uicht ahnte, was ihrer harrte. Ein kleiner Samthut, der mir einer kostbaren Aigrette geschmückt ivar. zierte das Köpfchen. Sorglos stand die Dame neben ihren Koffern und harrte der Zollrevision, als ihr auf- fiel, daß ein Zollbeamter sie sehr kritisch musterte. Es war ein er- sahrener und mutiger Zollinspektor, der, mit seinen neuen Dienst- Vorschriften bewaffnet, sich als ein Winkelried der Unpopularität aussetzte und entschlossen aus die erstaunte Madame Bevilaqua zu- trat.„Meine Dame, ich bitte um Ihren Hut." Die Reisende war zu verblüfft, um etwas zu antworten: im nächsten Augenblick streckte sich der Arm des Zollinspektors vor und mit einer Bewegung, die der Geschicklichkeit des Hüters der Zollgesetze alle Ehre machte, war im Nu der schöne Reiher kunstvoll ans dein Hute gentpft. Mit bedauerndem Achselzucken erklärte der Beamte der fassungs« losen Dame die neich Gesetzesvorschrift. Unter einer Flut von bitteren und bissigen Bemerkungen über die„Ritterlichkeit" der Herren Zöllner und der Männer, die diesen„schamlosen" Tarif er« sonnen haben, waren im Handumdrehen ein Dutzend von Damen ihres Federschmuckes beraubt und mußten zähneknirschend mit ihren gerupften Hüten das Zollamt verlassen. Der geistige Urheber der Federklausel ist der Direktor des neuen zoologischen Gartens von New Jork William Hornaday. Neues von Roald Amundsens Plänen. Roald, Amundsen weilt gegenwärtig in Kristiania und ist mit seinen Reisevorbereilungen für seine Rordpolsahrt beschäftigt. Einem Landsinanne hat er hierüber dieser Tage allerlei Mitteilungen gemacht, und dieser gibt das Interview mit Amundsen in„Politiken" wieder. Danach steht jetzt ftst. daß Amundsen im Juni des Jahres 1914 ausbricht� die -rorschungsreis« soll wenigstens fünf Jahre, vielleicht sogar länger dauern, so daß das ganze Polarmeer gründlich erforscht werden kann. Die„Fram" wird zunächst nach San Francisco segeln, von da durch die Behringstraße fahren und dann den Eisdrift am Polar- land entlang folgen. Die Anzahl der Nordpolforscher ist auf fünf- zehn festgesetzt. Besonders interessant ist es, daß Amundsen eine Flugmaschine und einen wichtigen Flieger mitnehmen will; bisher, so meinte er, war die Mastspitze der höchste Aussichtspunkt, von dem man die Umgebung mustern konnte: von der Flugmaschine aus hat mau natürlich einen ganz anderen Ueberblick, und Amundsen selbst will als Fluggast an Flügen teilnehmen. Seine Tätigkeit in Kristiania besteht gegenwärtig in der Beschaffung der Reisevorräte, von denen ein paar hundert Tonnen nötig sind. Amundsen soll übrigens, obwohl er die anstrengende Leistung vollbracht hat. inner- halb eines halben Jahres 153 Vorträge zu halten, vorzüglich aus- sehen. Theater. Kleines Theater: Belinde, ein Liebesstück von H e r b e r t E u l e n h e r g. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis dies mit dem Volks-Schiller-Preis gekrönte, viel diskutierte Drama seinen Weg auf eine Berliner Bühne fand. Die Aufnahme war außerordentlich freundlich. Schade, daß der stark lebendigen Empfindung, die in dem Werke pulst, so viel fremde Elemente bei- gemengt sind, daß sich zwischen groß und bildhaft Geschautes so viele Züge alt Eulenbergscher Willkür und Phantastik drängen. So seltsam unwahrscheinlich die Voraussetzungen berühren, auf denen die Handlung beruht, so interessant bedeutsam erscheint der in l lirisch wundervoll beschwingten Versen dargestellte seelische Konflikt. Man sieht Belinde— sie, die den einst heißgeliebten Gatten, von dem ihr zehn lange Jahre keine Kunde kam, tot glaubt � zu neuem Liebesglück erblühen. Die vergötternde Leiden- i'chaft eines schönen Jünglings wiegt sie in selige Träume. Der Gestorbene, meint sie, sei auch in ihrem Herzen für alle Zeiten tot. Sie versteht nichl, daß ihr Freier sich in eifersüchtigen Qualen um jenes Schattenbild verzehrt. Zum Zeichen, daß sie nichts mehr von ihm zu trennen vermag, ist sie bereit, sich ihm schon vor der Hoch- zeit hinzugeben. Da tritt der Gatte in das Haus. In den zehn Jahren, als er draußen in schwerem Kampfe Schätze sammelte, hat er an_ jedem Tage ihres Treuschwurs gedacht._ Und wenn er niemals schrieb, so nach Eulenbergscher Psycho- logie darum, weil er sich ihrer völlig sicher fühlte I An der Seite der reichen Frau hatte er sich seiner Armut geschämt. Nun ist er Krösus, nun will er sie mit allen Köstlichkeiten schmücken. Entsetzen faßt Belinde, doch im Entsetze» regt sich, wie sie ihn leiden sieht, ein Hauch zärtlichen Mitgefühls. Ein Hauch nur, dann gehört sie wieder völlig dem Geliebten. In grimmem Hasse steheil die beiden Männer einander gegenüber. Ein amerikanisches Duell soll zwischen ihnen entscheiden. DeS Jünglings ahnungsloses Schwesterchen, dem Liebe nur ein heiterftohes Fangspiel schien, wird herbeigerufen, die Lose zu mischen. Der Bruder zieht die weiße Kugel, die den Tod bedeutet. In dieser tiefbewegten Szene kulminiert der erste Teff des Dramas, der in der Uraufführung zu unerwartet starker Bühnen' Wirksamkeit anstieg. Im zweiten Teil ließ die Kraft der beiden bis dahin trefflichen Hauptdarsteller, des Fräulein Käthe Hanneman n in der Belinde»- und Hartaus in der Gattenrolle sichtlich nach. Die Leidenschaft des Mannes geriet allmählich ins Polternde, und im Schmerz Belindens an der Bahre des Geliebten fehlte der Atem fortreißenden Elans. Vor allem aber litt das Interesse dadurch, daß der Dichter hier die ganz unmögliche Figur des Hyazinth, des geckenhaften Bruders der Belinde, breit in den Vordergrund schiebt. Herr P i ck gab die Rolle aber geradezu virtuos, füllte ihre wirren Konturen, so weit nur eine Möglichkeit bestand, mit feinster Nachempfindung für des Dichters Intentionen aus. Aber er konnte die Absurditäten des mit keinem Tröpslein DichterblntS erwärmten Hirn- gespinstes höchstens mildern, nicht vcrgeffen machen. Hyazinth soll eine Art Don Quichotte verstiegenen Aesthetentums sein. Doch statt uns einen solchen Typ als Menschen vorzuführen, uns nahe zu bringen, in dieser Narrheit Züge allgemeiner Menschen- Narrheit abzuspiegeln, läßt er einen konstruierten Popanz im leeren Räume Kopfkegel schießen. Daneben aber spinnt sich ein tiefes seelisches Geschehen weiter fort. Die felsenfeste Zuversicht des Gatten, daß ihre Liebe nicht ausgelöscht sei durch die Jahre, die stillen Huldigungen, mit denen er sie umgibt, bringen Belindens innerstes Gefühl ins Wanken. Sie spürt mit bangem Schreck die Neigung zu dem Manne, der den Geliebten in den Tod getrieben, wachsen. Der Gedanke, daß sie frevelnd in ihres Herzens Unbeständigkeit die Treue nochmals brechen könnte. macht sie grausen. In solcher Wirrnis endet sie ihr Leben, und der Gatte folgt ihr ins Grab. Jedenfalls verdient die Direktion Dank, daß sie es mit diesem eigenartigen Werke— trotz aller offenbaren Mängel wohl des besten, das Eulenberg, bisher gelang, wagte. Von den Darstellern ist neben den schon erwähnten Herr Bildt ehrenvoll zu nennen, der in der Rolle des Liebhabers den schwärmerischen Jünglingsenthusiasmus ausgezeichnet traf. dt • Ein Drama gegen den Alkohol. Aus Bremen wird uns geschrieben:„H e Im ut h Harringa", eine Geschichte aus unserer Zeit nach Dr. H e r m a n n P o p e r t, kam im hiesigen Schiller-Theater in einer dramatischen Bearbeitung von Direktor Adolf S t e i n m a n n zur Uraufführung. Der Roman be- handelt bekanntlich die Geschichte eines Landrichters, der teils im Gerichtssaal, teils in seiner eigenen Familie so oft und nahe den ver- verblichen Fdlgen des Alkoholgenusses ins Antlitz schauen muß, daß er zum begeisterten Apostel der Absiinenzbewegung wird. Die absolut Sozialea. Aus dem Gewerbcgericht. 1. Büfett- und Wettmamsell. Eine Büfcttmamsell klagte gegen den Restauratenr Balzer auf Auszahlung von 130 M. Lohnrest. Die Klägerin hat den Dienst verlassen, weil ihr der gesetzlich zustehende Ausgang nicht gewahrt wurde. Der Beklagte wendete ein, die Klägerin habe sich an Wetten beteiligt, auf die er sich aus Gutmütigkeit und nach wiederholtem Drängen eingelassen habe. Ihr seien auch einige Male Beträge ausgezahlt worden; das andere Geld aber habe er aufgerechnet. Die Klägerin er- widerte, mit der Aufrechnung sei sie nicht einverstanden gewesen. Die Gewinne seien ihr nicht ausgezahlt worden. Der Vorsitzende, Dr. Berttzold, bezeichnete diese Wettabschlüsse zwischen Angestellte und Arbeitgeber als recht merkwürdige. Die Sache kam durch vergleichsweise Zahlung von 30 M. zur Erledigung. Der Klägerin stand ein Recht auf den gesamten Lohnrest zu, weil 1. Aufrechnungen gegen den Lohn nach§ 394 B.-G.-B. unzulässig und 2. Wetten nach Z 762 B.-G.-B. uneinklagbar sind. 2. Kündigungsfrist. Gin Portier klagte gegen die Cinema, G. m. b. H., auf eine lttägige Lobnentschädigung in Höhe von 22 M. wegen kündigungsloser Entlassung. Kläger war in den Abendstunden als Portier tätig und er- hielt dafür II M. Wochenlohn. Er war im Einverständnis mit Beklagten an die Stelle seines Schwagers getreten. Ueber Kün- digung war nichts vereinbart. Der Beklagte machte geltend, bei derartigem Personal sei KündigungSausschluh ortsüblich. Das Gericht verurteilte die Firma dem Klageantrag gemäss zur Zahlung. Nach§ 122 der Gewerbeordnung beträgt die Kün- digungsfrist 14 Tage, falls nichts anderes vereinbart ist. Ein Ortsgebrauch kann diese Vorschrift nicht ändern, es könnte nur unter besonderen Umständen aus einem allgemein üblichen Kündi- gungsausschluss auf eine stillschweigende Vereinbarung der Par- tcien ein Rückschluss gezogen werden. Solche Umstände lagen hier nicht vor. Gerichts-Zeitung. Milde Strafen gegen— Arbeitgeber und Polizei- kommissare. 1. Die Rache eines liebesdurstige», abgewiesenen Agrariers. Bei dem Besitzer Georg Jurkat in Annuschen lOstPreussenj stand eine Arbeiterfrau in Arbeit und wohnte dort zu Miete. Eines Nachts niachte der verheiratete Be- sitzcr der Frau einen Besuch in ihrer Wohnung. Er fand iber keine Gegenliebe und mußte abziehen, ohne seinen Liebes- durst gestillt zu haben. Ehe er das Feld räumte, befahl r der Arbeiterfrau noch, über diesen Besuch zu schweigen, amit seine Frau nichts erfahre. Doch die Ar- citerin erzählte von der Affäre ihrer Freundin. Als Jurkat rfuhr, daß die Frau nicht reinen Mund gehalten hatte, »rang er in ihre Wohnung, beschimpfte sie, vürgte sie, schlug ihr mit einem schweren Schlüssel auf den Kopf und bearbeitete sie dann mit >en schweren Holzklumpen, so daß die Frau b l u t- i b e r st r ö m t aus ihrer Wohnung flüchten und in einem rcmden GeHöst Schutz suchen mutzte. Der Agrarier wurde vom Tilsiter Schöffengericht zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Die überaus rohe und gemeingefährliche Tat, die sich als grober Hansftiedensbruch, schwere Beleidigung und Körper- Verletzung mittels hinterlistigen Ueberfalls unter Benutzung gefährlicher Werkzeuge darstellt, hätte eine nach Jahren zu bemöfsende Freiheitsstrafe verdient. C)der Verdienen Roheiten, venu sie Frauen gegenüber von deren Arbeitgeber verübt wrdcn, besondere Milde? 2, Der Polizeikommissar mit der Hundepeitsche. Der frühere Polizeikommissar Max Posczick atte sich vor der Tilsiter Strafkammer wegen Mißhandlung wcicr Personen zu verantworten. Er hatte am 6. April einen ellstoffarbeiter und einen Barbierlehrling auf der Straße jeohrfeigt und mit der Hundepeitsche ge- ch lagen, so daß der Lehrling Verletzungen davongetragen at und krank gewesen ist. Der Angeklagte, der bald nach dem Vorfall entlassen wurde, weil er zuunrecht Verhaftungen vornahm und sehr oft die Kneipen besuchte, gab m, er hätte sich infolge des Biergenusses in Erregung bc- funden. Das Gericht verurteilte ihn zu IVO Mark Geld- undramatischc Natur de? Stoffes und den tendenziösen Beigeschmack, der seiner Gestaltung die letzte künstlerische Reife nicht zu erreichen gestatiet, hat der Bearbeiter mit bemerkenswertem Geschick zu über- Buden gewußt, so daß das Ganze als solches zwar kein Drama, whl aber eine Reihe von Dramen geworden ist. Notizen. — Theaterchronik. Im NeuenVolks-Theater findet freitag die Erstaufführung von Strindbergs.Rausch' statt. - Das Deutsche K ü n st l e r t h e a t e r bringt als nächste Auf- iihrung aus dem früheren Spielplan des Brahmschen Ensembles un Freitag neueinstudiert Ibsens, Gespenst er'. — Die Gelehrten-Vorträge der Urania beginnen un Freitag, abends 8 Uhr, mit dem Vortrage Prof. W e i n st e i n s iber.Weltentstehung und Weltuntergang". An dem- clben Abend beginnt Prof. Dr. P. Schwahn im kleinen Hörsaal es Instituts einen Zyklus von vier Vortrügen über die Einführung n die Erdkunde. — Anton v. Werner im Abgang? Der Direktor der .'Akademischen Hochschule für die bildenden Künste Professor Anton j. Werner hat einen sechsmonatigen Urlaub zur Kräftigung seiner Gesundheit erhalten. Ob er auf seinen Posten zurückkehren wird, ist noch nicht ausgemacht. Die total zerfahrenen Verhältnisse unserer staatlichen Kunstpflege verlangen jedenfalls eine Reform an Haupt und Gliedern. Aber daS persönliche Regiment ist dem überall im Wege. — Der Dichter, der einen Verleger m Seen sucht. Im»Börsenblatt für den deutschen Buchhandel' veröffentlicht Ernst v. W o I z o g e n, der Verfasser von vielgelesenen Romanen, der in vielen Sätteln gerechte Schriftsteller, folgendes Inserat:.Ich suche für mein Lebenswerk für meine dichterischen Leistungen wie für meine schriftstellerische Marktware einen V e r l e g e r- M ä c e n, der mir durch ein festes Einkommen freies Schaffen erniöglicht. Zwei druckfertige Bünde für den Weihnachtsmarkt vorliegend.' — Die Konfessionen der Stenographie. Auf dem Breslauer Vcrtretertag der Kurzschriftschule Stolze-Schreh beschäftigte man sich unter anderem mit der durch die Presse gegangenen Aeußerung des Vorsitzenden des Gabelsbergerschen Stenographen� bundes Professor Pfaff in Darmstadt, daß ihm von Vertretern preußischer Behörden gesagt worden sei, Gabelsberger wäre das katholische, Stolze-Schrey das evangelische System. Hiergegen wurde lebhaft Einspruch erhoben und die Verquickung der Kurzschriflsysteme mir konfessionellen und parteipolitischen Fragen als unzulässig ab gelehnt. — Die Wiener Zensur hat die Aufführung von Frank W e d e k i n d s EinakterzhkluS„S ch l o ß W e t t e r st e r n' an der Neuen Wiener Bühne untersagt. strafe mit der Begründung, daß das Publikum gegen die Uebergriffe der Polizeibeamten geschützt werden müßte. Würde auch keine Gefängnisstrafe verhängt sein, wenn der Polizeikommissar oder etwa ein„Arbeitswilliger" von einem Zivilisten geohrfeigt und mit der Hundepeitsche ge- schlagen wäre? Traurige Folgen einer Schlägerei lagen einer Anklage wegen schwerer Körperverletzung zugrunde, die den 22 Jahre alten Former Paul Engclbrccht vor die Strafkammer des Landgerichts ll führte. Am Abend des 3. Mai entstand in der Elbestraße in Neukölln zwischen mehreren Personen ein Streit; infolgedessen sammelten sich einige Zuschauer an, darunter auch der Lederarbeiter Paul Schneider. Obgleich dieser mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte, erhielt er plötzlich von einem der Streitenden einen Stoß vor die Brust, so daß er zu Boden stürzte. Er sprang sofort auf und wollte sich gegen seinen Angreifer wenden. Dieser lief aber fort und als er ihn verfolgte, umzingelten ihn einige Genossen des letzteren und einer von ihnen versetzte ihm von hinten einen Schlag gegen das Auge. Der Schläger mutz einen Schlagring, ein Messer oder dergleichen in der Hand gehabt haben, denn die Folgen des Schlages waren überaus betrüblich. Die Ver- letzung war derartig schwer, daß das rechte Auge entfernt werden mutzte. Als Täter sah die Anklage den Angeklagten an, da mehrere Personen ihn als denjenigen wiederzuerkennen glaubten, der den verhän ignisvollen Schlag ausgeführt hatte. Der Staatsanwalt be- antragte gegen den Angeklagten 1)4 Jahre Gefängnis. Das Gericht erkannte auf Freisprechung, da die Rekognoszierungen zum Beweis, daß der Angeklagte in der Tat der Täter war, nicht ausreichten. Polizeibeamte als Geständniserpresser. Die Karlsruher Strafkammer beschäftigte sich gestern mit dem Schutzmann Knicle und dem Schutzmann Dath, die unter der An- klage der Erpressung eines Geständnisses und schwerer Körperver- letzung standen. Ein Kaufmann hatte sein Portemonnaie bei einem Tanzvergnügen verloren. Er erklärt«, in demselben hätten sich 120 bis 140 M. befunden; der Finder erhalte eine Belohnung von 30 M. Der 10jährige Sohn eines Goldarbeiters, Max Linde, machte sich mit der 13jährigen Tochter des Wirts auf die Suche. Sie hatten Glück und lieferten den Geldbeutel mit 152 M. ab. Als der Vater des Kindes Anspruch auf den FiuderloHn machte, lehnte der Verlierer das ab und behauptete, in dem Beutel hätten sich 15 M. mehr befunden. Ter angeklagte Schutzmann Kuiele holte den Knaben aus der Schule, behauptete, er habe 15 M. unter- schlagen. Der Knabe bestritt das energisch. Darauf nahm der Schutzmann den Knaben zur Wache mit und schlug dort mit einem Gummiknüppel auf ihn los. Dann brachte er den die Schuld ab- streitenden Kleinen nach der Wohnung zurück, verlangte, er solle die 15 M. herausgeben. Das konnte der Knabe natürlich nicht. Nun schleppte der Schutzmann Kniete den Knaben wieder nach dem Polizeibureau und schlug— unterstützt von seinem Kollegen Dath— auf das arme Kind so lange los, bis ein„Geständnis' abgelegt wurde. Der Knabe machte dann, verfolgt von den gemeingefähr- lichen Schutzleuten, einen Selbstmordversuck durch einen Sprung in die Nagold. Das Gericht verurteilte die Musterfchutzleute zu je einem Jahre Zuchthaus. Es betonte, daß es lediglich mit Rücksicht auf die bisherige Unbescholtenheit der Täter auf die Minimalstrafe erkannt habe. Erpressung beim Umzug. Bon den Freuden eines Umzuges wurde in einer gestern vor der 11. Strafkammer des Landgerichts I verhandelten Anklage wegen'Erpressung erzählt. Der Angeklagte, Fuhrmann Willy Stein, hatte es übernommen, am 22. März den kleinen Umzug einer Witwe Ebell von der Linienstraße bis zur Dreysestrahe zu bcwerk- stelligen und hatte, alles in allem,«inen Preis von 13 Mark dafür verlangt und auch bewilligt erhalten. Als er am Umzugstagc mit seinem Wagen vorgcfahrcn war und es an das Aufladen der Möbel gehen stillte, erklärte er, daß er zunächst 1 Mark Trinkgeld erhalten müsse. Frau E. gab auch das Geld; sie erschrak aber nicht wenig, als der Angeklagte, indem der Wagen vor der neuen Wohnung in der Dreysestraße angelangt war, an sie herantrat und ihr erklärte, daß er kein Möbelstück abladen würde, wenn ihm nicht noch 8 Mark Trinkgeld bewilligt würden. Vergebens machte Frau E. Vorstellun- gen unter dem Hinweis darauf, daß er den Umzug für den Gesamt- preis von 13 Mark übernommen habe. Sic erreichte nach längerem Verhandeln nur, daß die Forderung auf 4 Mark zurückgeschraubt wurde. Frau E. mußte wohl oder übel nach Abzug der sckon gezahlten 1 Mark noch 3 Mark zahlen. Als nach Abladen sämtlicher übrigen Möbel sich nur noch ein Spind auf dem Wagen befand, erklärt« der Angeklagte, daß er dieses unter keinen Umständen in die Wohnung schaffen würde, wenn er nicht noch 2 Mark Trinkgeld erhalte. Ter Frau blieb nichts übrig, als unter diesem Druck auch diese Forderung noch zu erfüllen.— Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen Erpressung zu 3 Monaten Gefängnis. Unterschlagungen im Amt. 1. Vor dein Schwurgericht des Landgerichts III hatte sich gestern der Eisenbahnhilfsbeamte Artur Grnzer aus Charlottenburg wegen Amtsvcrbrechen zu verantworten. Der Angeklagte war auf dem Charlottenburger Bahnhof etwa zwei Monate lang Fahrkartenver- käufer und hat in dieser Stellung vereinnahmt« Gelder und ganze Posten Fahrkarten unterschlagen sowie die Einnahmen falsch gebucht. Der Schaden, den der Eisenbahnfiskus erlitten hat, beziffert sich auf 2430 M. Die Sucht, auf Rennbahnen zu wetten, hatte den Angeklagten auf die schiefe Ebene geführt. Der Staatsanwalt be- antragte 1 Jahr 6 Monate Gefängnis, das Gericht erkannte auf 1 Jahr Gefängnis unter Anrechnung von 5 Monaten Untersuchungs- Haft.— 2. Wegen Unterschlagungen im Amt und Registerfälschung hatte sich vor dem Schwurgericht gestern der Kanzleisetrctär Albert Albrecht zu verantworten. Der Angeklagte bezog zuletzt ein Gehalt von 2800 M. Von der Militärzeit her hatte er Schulden. Er wurde im April d. I. von der Kaiferlichen Disziplinarkammer in Potsdam wegen Dienstvergehens zur Strafversetzung unter Verminderung des Dicnsieinkommens um ein Zwölftel verurteilt. Bald darauf stellte es sich heraus, daß der Angeklagte von neuem Unregelmäßig- keilen begangen und diese durch Fälschung der Bücher verdeckt hatte. Es ergab sich, daß er während seiner Tätigkeit in dem Bureau, in welchem die Anmeldegebühren für die Patente eingezogen werden, nach und nach 55, 450 und 550 Mark unterschlagen hatte. Er wurde nun sofort vom Dienst susvendiert und unter Anklage gestellt.— Dem Wahrspruch der Geschworenen gemäß wurde Albrecht im Sinne der Anklage zu 2 Jahren Gefängnis, 3 Jahren Ehrverlnst, sowie Aberkennung der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Bemter auf die gleiche Dauer verurteilt. Kua aller Welt. Russische Zustände. Ein typisches Beispiel siir da« in Rußland immer mebr empor wuchernde Räuberunwefen ist ein Ueberfall, der in der Nacht zum Mittwoch inmitten der Stadt WladikawkaS im Kaukasus er- folgreich durchgeführt wurde. Im Mittelpunkte der Stadt haben v i e r z i g R ä u b e r einen Juwelierladen beraubt und dabei durch Revolverfchüsie zwei Schutzleute getötet, einen höheren Polizeibeamten, einen Schutzmann und den Laden- befitzer verwundet. Die Räuber brachten ihren Raub in bereifftehende Wagen und fuhren davon. Rußlands Machthaber ernten mit diesen anarchischen Zuständen nur da», was ihre Gewaltpolitik gesät hat. Wenn sie die ganze Kraft einsetzen, jede freiheitliche Regung niederzuschlagen, wenn der gesamte Regierungsmechanismus dazu benutzt wird, die vorwärts- drängende Arbeiterschaft am Boden zu halten, muß sich diese Gewalcholitik im Anwachsen des Räuberunweseus bemerkbar machen. Und schließlich ahmen die Räuber nur das Treiben eines großen Teiles der russischen Bureaukratie nach, der in voller Oeffentlichkeit den Staat um ungezählte Millionen betrügt. Kleine Notizen. Zur Luftschiffkatasttophc auf der Ostsee. Nach einer Meldung aus G e s st e m ü n d e ist vom Dampfer„Juno' 16 Meilen von Helgoland eine Leiche in Marineuniform, deren Hemd mit de» Namen Balte gezeichnet>oar, aufgefischt worden. Die Leiche wurde nach Seemannsbrauch im Meere versenkt. Ferner hat der Dampfer eine jedenfalls noch vom I- I stammende kleine Ledertas che und eine Marinemütze, in der der Name Adam stand, und die dem Bande nach ebenfalls von einem Angehörigen der Besatzung von I, I stammt, aufgefischt. Schweres Grudenuiiglück. Auf Zeche Baldur bei Reckling- hausen wurden drei Bergleute verschüttet. Zwei waren so» fort tot, der dritte wurde schwer verletzt. Der„Bauernschreck". Die Bemühungen, sich der seit langem auf Kor- und Stubalpe im steiriich-kärntischen Grenzgebiete hausenden, als Bauernschreck verfolgten Raubtiere zu bemächtigen, die fort- gesetzt Vieherden anfielen, sind bisher erfolglos geblieben. In Graz traf die Nachricht ein, daß an der fteirisch-niederösterreichischen Grenze ein Raubtier in den letzten Tagen zwei K n aben ver» folgt hat. Einer der Knaben bezeichnete nach einem ihm vor» gelegten TieratlaS das Tier als Puma. Am Dienstag früh S Uhr ver- schied sonst nach langem, schwerem Leiden mein lieber Mann, unser trcujorgcnder Vater, Schwieger- und Großvater, der Gastwirt Julius Last im 58. Lebensjahr. 79a Dies zeigt, um stille Teilnahme bittend, ticsbetrübt an im Namen der Hinterbliebenen Witwe Anna Last. Die Beerdigung findet am Freitag, den 10. Oktober, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen- balle des Philippus-Apostel-Kirch- Hufes in der Müllerstraße Ecke seestraße aus statt._ Sozialdemokratischer Wahlverein f. d. 6. Bert. Reichstagswatilkreis Am 7. Oktober verstarb unser Genosse, der Gastwirt JLast (Müllerstr. 126a, Bezirk 777). Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags 3'lt Uhr. von der Halle des städtischen Fried- boseS in der Müllerstraße, Ecke Seestraße, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 230/18 Der«orstand. Sozialdemokratischer Vahiverein Spandau. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Töpser Karl Fischer Weißcnburgcr Straße. Bezirk lv im Atter von 48 Jahren plötzlich verstorben ist. Ebre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, nachmittags 4'/, Uhr, von der Halle des Friedhofs in den Kisscln aus statt. Uni rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Tanksagung. Für die überaus große Teilnahme und die prachtvollen Kranzsvcnden bei der Beerdigung memcs lieben Mannes und treusorgenden Vaters, Groß- und Schwiegervaters jage ich hiermit allen Verwandten, Freunden und Bekannten sowie dem Herrn Cbes nebst Familie und. den Kollegen der fiima H. Ouchl unseren herzlichsten anl. 261 2b Frau Wwe. Emma Wcrkmann n e b st Kindern. lonttslvosdgnt! der Töpfer ll. Berufsgenossen Deutsctil. Filiale GroS-Berlin. Den Miigliedern zur Nachricht, daß am 4. Oltoder unser Mit- giicd, der Kollege Karl Fischer (Bezirk Spandau) im Alter von 48 Jahren an Asthma verstorben ist. Ehre seinem Andenken t Die Beerdigung findet am Freitag, 10. Ottober, nachmittags 4'/« Ubr, von der Leichenhalle des Spandauer Gemcinde-Fried- Hosts, In den Kisseln, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 193/3_ Der Vorstand. UanUHasune. Für die zahlreichen Beweise herz» lichcr Teilnahme anläßlich des Tode» meines BruderSlknelolt sage allen Freunden und Bekannten sowie seinen Kollegen der Firma Gommlich meinen innigsten Dank. 261lb Eeiuarel Xehiuer. Swinsmiiier GesellsctialMäiis Swinemünder Str. 42. Jotdifannteg'StSS1* noch frei._ 26106 s teppdeeken Speziatas Emil Lefevre Bepiln Oranienstr. 158. Farben 5� bis 21°° dK 600bis 2700 oliv 00 Seidener». Wollatlas Daiinenieeken 25°� 125 Puppensteppdeekea••• 35 w. MMen.. 2'°bw3K°° '/r7u'e°8MtöMeli dlach auswärts per dlscbnadme. Sliöki-ll-ks!s!l>g 650 Abbildungen gratis ll. fr. Buchhandlung Vorwärts Lindenstraße 69 Soeben erschien: IS Urkundliche Beiträge zur Jahrhundertfeier gesammelt von A. CONRADY Erster Teil• Leinenband 1.— Mark gebunden Der zweite Teil erscheint in wenigen Tagen 1 ä6€©€€€«• f yritz ßoffmann$ G Hospiz Buch, zum achtzigsten® W Geburtstag: Unsere» Gruft! E A vis lZsnoessn /t D. Kolleg, von G.L. 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KeilM in Joanörtf Krlim Solblilall Domlerstag, 9. Oktober 1913. Die Berliner IParteigenoHen und der Jenaer Parteitag. Am Dienstag nahmen die Berliner Parteigenossen zu den Beschlüssen des Jenaer Parteitages Stellung. Ueber den Verlaus der Versammlungen erhalten wir folgende Berichte: Erster Wahlkreis. Bolz mann als Delegierter erstattete Bericht und rekapitu- lierte die Verhandlungen auf dem Parteitage. Bezüglich des Masfenstreiks meinte Redner, dah die Genasfin Luxemburg auch nicht gesagt habe, wie es gemacht werden solle. JJr habe gegen den Antrag Luxemburg gestimmt und sich auf den Standpunkt der Re- solution des Parteivorftondcs gestellt. In der Stcuerfrage sei er für den Antrag Wurm eingetreten. Bei den Wahlen zum Partei- vorstand, wo Brühl von Groh-Bcrlin vorgeschlagen worden sei, sei es leider anders gekommen, als Groh-Berlin es gewünscht Hab«. Im übrigen könne man sich freuen, daß alle diejenigen Gegner, die von dem Parteitage eine Spaltung der Partei oder sonstige Sensationen erwartet haben, gründlich enttäuscht worden seien. Ter Parteitag habe trotz aller Streitfragen die vollste Entschlossen- heit der Partei zum Ausdruck gebracht. B u b l i tz: Er könne mit den Ergebnissen des Parteitages nicht zufrieden sein. Dem Parteitag habe die Geschlossenheit, die feste Richtung gefehlt. Gut sei es aber, dah der Parteitag sich mit der Jugendbewegung beschäftigt habe, denn wir müßten alles tun, um den bürgerlichen Jugendbestrebungen entgegenzuarbeiten. Daß der wirtschaftliche Niedergang bis zu einem gewissen Grade schuld sei am Stillstand in der Parteibewegung, treffe zu; aber auch das geistige Leben der Partei zeige eine gewisse Stockung. Wenn gesagt worden sei, die Masscnstveiksrage ist nicht aus den Diassen ge- kommen, sondern einige Akademiker hätten die Frage aufgeworfen, so stimme das nicht. Die Frage habe sich aus den Massen geradezu herausgedrängt. Es sei besser, Klarheit über den Massenstreik zu schaffen, ehe man ihn anwende. Er hätte gewünscht, daß die Rc- solution Luxemburg angenommen worden wäre. Mit der Reso- tution des Parteivorstandes wisse man nicht, was man anfangen solle. Bauers Rede habe wohl auf den Parieivorstand so dcpri- mierend gewirkt, d die Parteivorstandsmitglieder sich veranlaßt fühlten, in ihrem Schlußwort wieder schärfer zu reden. Nu» zu den Wahlen zum Parteivorstand. Er glaube, daß, wenn die Rcvi- sionisten zur Herrschaft kommen, sie viel konsequenter seien. Kein Zweifel, der Revisionismus bat auf dem Parteitag eine Verstärkung erfahren. Brühl habe sich erlaubt, in der Masscnstreikfrage anderer Meinung zu sein als der Parteivorstand und sei deshalb auch her- ausgewählt worden. Dies betrachte er, Redner, als ein Zeichen reinlicher Scheidung. Man brauche darüber nicht betrübt zu sein, denn es wird die andere Seite veranlassen, sich nunmehr auch fester zusammenzuschließen. Die Zlrt, wie der Fall Radek erledigt wurde, entspreche nicht den bisherigen Gepflogenheiten der Partei. Eine solche Rückdatierung, wie der Parteitag sie vorgenommen habe, hätte er nicht für möglich gehalten. Er, Redner, sehe weiter nichts als Unklarheit, sowohl in der Frage des Massenstreiks, als auch in der Steuerfrage. Nur in der Frage der Arbeitslosenfürsorge habe der Parteitag gut gearbeitet. Im übrigen sei ein hörbarer Ruck nach rechts zu verzeichnen. Peter mann stellt richtig, daß Berlin nur berechtigt sei, «inen Beisitzer zum Parteivorstand zu stellen. Der Ausschuß habe sich geeinigt, daß, wenn einer durchfallen sollte von.den beiden vorgeschlagenen Genossen, die Wahl dann auf den ältesten fallen müsse. Auch der Fall Radek fei genau untersucht worden, und schon im vorigen Jahre sollte Radek nicht mehr aufgenommen werden. Samuel schließt sich im großen und ganzen Bublitz an. Er könne nicht sagen wie Bolzmann, daß der Parteitag gut gearbeitet habe. Aber so weit wie Bublitz könne er auch nicht gehen. Wurm und Kautsky seien sicher nicht zum Revisionismus zu rechnen. Immerhin habe der Revisionismus an Ausdehnung gewonnen. Es wäre richtiger gewesen, wenn die Fraktion die Wehrsteuer abgelehnt hätte. Wir sollten die Wähler nicht für so dumm halten, daß sie nicht begriffen hätten, warum wir die Wehrsteuer ablehnen mutzten. Zur Frage des Massenstreiks erklärte der Redner, der Parteivor- stand hätte nicht nötig gehabt, in dieser Schärfe gegen die Anhänger des Massenstreiks vorzugchen. Scheidemann habe hier das zu- lässige Matz überschritten. Die Rede Bauers war bedauerlich, noch bedauerlicher aber die Rede Scheidemanns. Im Falle Radek hätte man niemals rückwirkende Beschlüsse fassen dürfen. Der Fall Radek sei kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Partei. Von Wels war «s nicht ganz vornehm, sich aufstellen zu lassen. Bedauerlich sei es, daß man es dem Parieivorstand überlassen habe, die Agrar- kominission zusammenzustellen. Wer weiß, ob der Parteivorstand in seiner jetzigen Zusammensetzung nicht etwa einen Genossen wie Dr. Schulz mit heranziehe. Schwabedahl: Der Parteitag habe fruchtbringend ge- arbeitet. Man dürfe doch nicht vergessen, daß für die Beschlüsse, die dort gefaßt wurden, eine Zweidrittelmehrheit vorhanden war. Die Massenstreitfrage ist nicht aus den Massen gekommen. Theo- retiker waren es, die die Massenstreikdiskussion aufgeworfen haben. Er nehme es ihnen ja auch gar nicht übel; auf Grund ihrer theo- retischen Erwägungen und Untersuchungen konnten sie ja zur Be- fürwortung des Massenstreiks kommen. Andererseits gäbe es aber doch zu denken, wenn die höchsten Instanzen sich'veranlaßt fühlen, die Frage der Verantwortung in den Vordergrund zu stellen, und die Verantwortung in dieser Frage ist eine ungeheure. In der Frage der praktischen Anwendung dieser Waffe ist die Genossin Luxemburg die Antwort schuldig geblieben. Wenn man etwas propagier«, müsse man auch die Wege zeigen. Das Verlassen auf die Unorganisierten ist verkehrt. Diejenigen, die die Resolution des Parteivorstandes unterstützt haben, waren sich ihrer Verant- wortung bewußt. In der Steuerfrage teile er die Ansicht der Fraktivnsmehrheit. Was Radek anbetreffe, so wäre mit jedem ein- fachen Genossen auch nicht anders verfahren worden.'Alles in allem: der Parteitag habe sehr viel Nützliches geleistet. Düwell: Wenn gesagt wurde, unsere Gegner seien nicht aus ihre Rechnung gekommen, so treffe dies zum Teil zu, zum Teil auch nicht. Ein Teil der Gegner sei zufrieden, und das könnte unS_ Gelegenheit geben zu prüfen, ob wir zufrieden sein sollen. Er sei nicht mit allem einverstanden. Es ist ein Reflex der allgc- meinen Mißstimmung und Unsicherheit, den wir beobachten konnten. Und das datiert von der letzten Reichstagswahl her. Die Unsicher- heit, die Verschwommenheit hat gesiegt. Hätte der Revisionismus gesiegt, gut; aber diese Mittellinie, das sei nicht erfreulich. Vor dem ausgesprochenen Revisionismus habe er immer Achtung gehabt. Jetzt aber sei ein Hin und.Her, ein Schwanken auf und ab zu bc- vbachten, das sich am charakteristischsten in der Stcuerfrage zeige. Die Reichstagsfrakrioii�wollte sich durch ihre Stellungnahme in der Steuerfrage nur die Sanktion für ihre Stellung zu der Militär- vorläge sichern. Es tvar ein Fehler, daß man die Deckungsfrage von der Wehrvorlage getrennt hat. Es sei kein Beweis vorhanden, daß schlechtere Steuern gekommen wären, wenn wir die Besitz- steuer nicht angenommen hätten.� Vielmehr hätte die Regierung, wenn die Besitzsteuern gefallen wären, wieder zur Erbschaftssteuer greifen müssen. Redner geht des näheren auf die Konstellation und die Debatten im Reichstag zu jener Zeit ein und kommt zu dem Schluß, daß unsere Fraktion dem Zentrum und den Konservativen die Kastanien aus dem Feuer geholt habe, und das alles aus der Befürchtung heraus, daß der Reichstag aufgelöst werden könne. Mit welcher Parole hätte die Regierung ihn auflösen sollen? Wir hätten gar nichts anderes wünschen können als�di« Auflösung. Wir hätten vielleicht ein paar Mandate verloren. So wie es jetzt stehe, seien aber die Mandate zu teuer bezahlt worden. Dieses Verhalten könne sich später noch schwer rächen. Bezüglich des Massenstreiks sei er, Redner, noch so pessimistisch wie früher. Die Verhältnisse in Teutschland lägen so ungünstig, daß an die Durchführung des Massenstreiks vorläufig noch nicht zu denken sei. Aber reden könne man darüber. Es wäre ja noch schöner, wenn man das nicht dürste. Es sei bezeichnend, daß Scheidemann und Ebert gezwungen wurden, schärfer zu werden in ihrem Schlußwort, daß sich selbst Frank gegen die konservative Phraseologie Bauers habe, wenden müssen. Durch Scheidemann sei die Frage des Massenstreiks vollständig verschoben worden. Die Genossin Luxemburg habe sich ja gerade dagegen gewendet, daß der Massenstreik für das Wahlrecht angewendet wer- den soll. In Wilmersdorf habe Frank den Putschismus für den Massenstreik empfohlen, und gerade die Genossin Luxemburg war es, die ihm entgegentrat, und sie habe erklärt, daß man den Massen- streik nicht machen könne. Auf dem Parteitag habe sich aber Scheide- mann gerade in der schärfsten Weise gegen Genossin Luxemburg gewendet, dem Genossen Frank aber nur sehr leicht die Backen ge- streichelt. Dadurch sei die Sachlage vollständig verschoben worden. Eigentümlich habe es berührt, daß Scheidemann gerade für sich so das Verantwortungsgefühl in Anspruch genommen habe, und sagte, das Blut der Zlrbeiter sei ihm zu schade. Da sei es ja kein Wunder, wenn die Gegner immer kecker würden. Dabei werde täglich auf dem Schlachtfelde der Arbeit soviel Arbeiterblut vergossen infolge mangelhafter Arbeiterschutzgesetze. Die Verhandlungen über die Maifeier seien ebenfalls unangenehm. Wenn man sie für verfehlt halte, dann weg mit ihr. Die Aufhebung des Nürnberger Be- schlusses in Chemnitz sei verfehlt gewesen. Von den'Arbeitern, die kein festes Einkommen haben, verlangen wir, daß sie Opfer bringen sollen; aber diejenigen, die angestellt sind, die wollen zum Teil nichts opfern. Da hrauchc man sich über die Folgen nicht mehr .zu wundern. Was jetzt beschlossen worden sei, sei auch nicht richtig. So gehe es nicht weiter. Es müsse beschlossen werden, daß alle, die am 1. Mai Verdienst haben, diesen Verdienst abgeben müssen. Bezüglich Rädels sei es ganz egal, zu welcher Richtung er gehöre. Aber da er einmal durch eine Lücke unserer Parteistatuten in die Partei gekommen war, so durfte man ihn nicht wieder ausschließen. Das sei keine Rechtsgarantie. Gerade weil Radek sich unangenehm gemacht hatte, durfte man nicht einen rückwirkenden Beschluß fassen. Noch unangenehmer sei die Frage der Wahlen zum Parteivorstand. Tie Maßregelung des Genossen Brühl und das Hiueinklettern des Genassen Wels fei mehr als peinlich. Redner bespricht den Fall Wels. Er, der die gefaßten Beschlüsse kannte, habe den Beschluß des Zentralvorstandes mißachtet. Ja, Wels soll sogar für seine Wahl auf dem Parteitage mündlich Propaganda gemacht haben. Wenn so etwas möglich sei, dann könne in der Parteiorganisation nicht alles intakt sein, und die Genossen hätten allen Grund, sich einmal gründlich damit zu beschäftigen. Langner: Es komme nicht darauf an, wer die Frage des Massenstreiks angeregt hat. Man müsse die Ansichten Bauers unter- stützen, wenn man sehe, wieviel von den'Arbeitern organisiert und wieviel nicht organisiert sind. Bei kleineren Streiks gäbe es schon viele Streikbrecher, wieviel wären erst bei einem Massenstreik zu verzeichnen, ganz abgesehen von den Christlichen und Gelben. Ob man aber auch gerade so scharfe Mittel wie deu Massensrreik an- wenden solle, sei fraglich. Vielleicht greife man einmal zu-anderen Streiks, z. B. zum Fuselstreik, Kirchcnstreik usw. oder zum Streik, soweit es das Halten bürgerlicher Klatschblätter im'Arbeiterheim betrifft. Ter Parteitag habe richtig gehandelt, wenn er sagte, heute lassen wir noch die Finger davon. Alt ermann: Ter Parteitag habe vor Problemen ge- standen, die etivas Neues darstellten. Für ihn, Redner, sei die Scheidung ganz klar. Unsere ganze Parteitaktik werde beeinflußt von den Geirerkschaftcn. Darum sei es für uns nicht mehr ganz gleich, ob der Staat uns Lasten auferlege oder nicht. Das habe sich gezeigt bei der Wehrvorlage. Es stand doch fest, daß die Wehr- vorläge angenomnien worden wäre von den Bürgerlichen, und da kam für uns nur noch die Deckungsfrage in Betracht. Es wäre ein gelvagtes Experiment gewesen, es zur Auflösung kommen zu lassen. Die Masse hätte keinen Vorteil davon gehabt. Vor allem sei sie dafür, daß die Lasten auf die Schultern der Besitzenden gelegt werden. Er, Redner, ist auch der Meinung, daß der Ruf nach Massen- streik aus den Massen gekommen sei. Tie belgischen Verhältnisse dürften aber bei der Beurteilung der Frage nicht mit herangezogen werden, da sie ganz anders seien wie in Deutschland. Wir hätten heute noch nicht die Möglichkeit, den Massenstreik so durchzuführen, wie es nötig wäre. Das zeigen am besten die großen gewerkschaft- lichcn Kämpfe. Darum sei es gut, wenn man mit dieser Frage vor- sichtig verfahre. Großen Wert legt der Redner auf die Arbeitslosen- Versicherung. Wenn nian von dem Fall Radek absehe, könne man sagen, daß der Parteitag gute Arbeit geleistet habe. Düwell: Wenn der Vorredner meint, die Taktik der Partei sei bedingt durch die Gewerkschaften, so sei das zum Teil richtig. Darin aber sei eine gewisse Ablehnung des Parlamentarismus ent- halten. Heute stehen Leute auf der rechten Seite der Partei, die früher die Gewerkschaften als belanglos beiseite geschoben haben, sie aber nunmehr als Allheilmittel betrachten. Die Partei sei groß geworden; aber was sie an Hoffnungen erweckt habe, habe sie nicht erfüllt. Darum die Unbefriedigung. Kein Zugeständnis in sozial- politischer Hinsicht und dann noch die Bewilligung von Ausgaben. Trotz der Mehrheit der Linken im Reichstag sei eine Majorität für den Wuchertarif vorhanden. Und angesichts dieser Zustände zeigt sich bei uns dieses Lavieren ohne festes Ziel. Ter eine verzagt, und der andere sucht auf Schleichwegen zum Ziel zu kommen, beides sei falsch. Daß wir anders können, haben die Straßendemon- jtrationen gezeigt. Ob wir wollen oder nicht wollen, wir werden zu Massenaktionen gezwungen werden. Es sei keine Phrase, weun man sage: agitiert und organisiert. Aber man soll bei der Agitation nicht die materiellen Vorteil« in den Vordergrund stellen, sondern die großen Gesichtspunkte hervorheben, soll sagen, daß eventuell auch Blut fließen könne. Nicht weil w i r wogen, sondern weil die Gegner es wollen. Wir müssen der herrschenden Gesellschaft sagen: Wenn Ihr unser« Rechte antastet, dann gehen wir aufs Ganze. Dem Trotz der Scharfmacher setzen wir den Trotz der Arbeiterschaft entgegen. Und wir können es. Genossin Aufhäuser ist auch der Meinung, daß schon seit den Neichstagswahlen eine gewisse Dämpfung zu verzeichnen ist. Eine fast zu große Ruhe ist eingetreten. Wir beschränken uns nur noch auf Versammlungen und Resolutionen. Von Demonstrationen sei keine Rede mdstu Diese Dämpfung komme überall zum Aus- druck. Und ist dann jemand nicht damit einverstanden, so sagt mau gleich: Der guckt durch die russische Brille. Man hätte den Reichs- tag ruhig auflösen lassen sollen. Kein Mensch habe gesagt, daß wir morgen schon in den Massenstreik eintreten wollen. Weil der Massenstreik Opfer kostet, müssen wir beizeiten darüber reden. Franks Verhalten sei ein Eiertanz gewesen. Ter Beschluß in Sachen Radek gehe ihr, der Rednerin, gegen den Verstand. Warum konnte man nicht den ordnungsmäßigen Weg gehen. Ein Gesetz für Radek durfte man nicht schaffen. Scheidemann habe ihr nicht ge- fallen; mit schnodderigen Witzen sei in ernsten Fragen nichts getan. Immerhin habe der Parteitag manches Gute geleistet. Peter mann spricht zum Fall Radek und meint, man solle Radek keine Träne nachweinen. Ferner stellt Redner noch einmal die Abmachungen des Kreisausschusses in der Frage der Parteivor- standswahl dar und weift nach, daß der Kreisausschuß ganz korrekt verfahren sei. B o l z ma nn: Es sei nicht wahr, daß in der Frag« der Mai- feier ein Autrag angenommen worden sei, der besage, wenn einet eine kleine Arbeit verrichte, dann brauihe er nichts abzugeben vom Verdienst. Vielmehr ist deutlich ausgesprochen worden, daß man von jedem Genossen ertvarte, daß er seinen Beitrag abliefere.(Zu- rufe: Erwartet! Erwartet! Ironisches Lachen.) Zweiter Wahlkreis. Die Generalversammlung für den z weihen Berliner Reichstagswahlkreis tagte im großen Saale der Bock- brauerei am Tempclhofcx Berg. Als Kandidaten für die Stadtverordnetenwahlcn wurden die bis- bcrigen Vertreter für deu 7. und 8. Kommunalwahlbezirk wieder aufgestellt. In die Berichter st attungüberden Parteitag teil- ten sich die Delegierten Rennert und Clajus. Genosse Rennert gab ein Bild von den Verhandlungen icher die ersten vier Punkte der Tagesordnung des Parteitags. Eingehen- der ließ sich Redner über die Massenstreikdebatte aus, die nach deu Erörterungen in der Presse und in Versammlungen notwendig war. Er verhielt sich dabei in der Hauptsache referierend. Als vielleicht das wichtigste praktische Ergebnis des Parteitag» bezeichnete Redner die Beschlüsse zur Arbeitslosenfrage. Es gibt keinerlei Meinungs» Verschiedenheiten bei uns darüber, daß es unsere Pflicht ist, in der Richtung zu wirken. Verkünden wir den Hunderttausenden Arbei. tern und ihren Familie», die unter der Geißel der Arbeitslosigkeit leiden, und verkünden wir allen anderen, die sie befürchten müssen, daß die sozialdemokratische Partei die einzige Partei ist, die mit Wucht und Kraft das Interesse der Arbeiterschaft wahrnimmt. Ich glaube, wir werden damit Erfolge haben. Wir werden natürlich mit größeren Versammlungen aufwarten, um den Unternehmern zu zeigen, daß es Ernst ist mit der Aktion für die Arbcitslosenfürsorge. (Lebhafte Zustimmung.) Genosse Clajus behandelte in seinen: Bericht eingehend die weiteren Verhandlungen des Parteitags. Mit Genugtuung ton- statierte er, daß es bezüglich der Maifeier dabei bleibt, daß die Ar- beitsruhe am 1. Mai die würdigste Art der Feier sei. Was die Er- klärung angeht, die der Parteitag über die Ablieferung des Tages- Verdienstes der Angestellten in Partei und Gewerkschaft beschloß, hätte es Redner lieber gesehen, wenn die Pflicht dazu direkter aus- gesprochen wäre und nicht bloß durch die Worte: erwartet der Parteitag. Bei Referierung über die Verhandlungen zur Steuerfrage be- tonte' Redner, daß es sich hier um eine der schwierigsten taktischen politischen Fragen handele, in der eine vollständige Einigkeit wohl niemals herrschen werde. Einen großen Eindruck habe die BeHand» lung der wichtigen Frage durch Genossen Wurm gemacht, die der Parteitag mit ausgezeichneter Ruhe entgegen genommen habe. Er bitte die Genossen, wenn darüber diskutiert werde, denselben Ernst zu bewahren, den der Jenaer Parteitag gezeigt habe. Ten Genossen müsse bei der hohen Bedeutung und Schlvierigkeit der Frage drin- gcnd empfohlen werden, im Protokoll des Parteitags die Ausführnn- gen nachzulesen und besonders sich in die von Wurm zu vertiefen. Redner bedauerte, daß solche wichtigen Fragen nicht mehr zu An- fang des Parteitags verhandelt werden konnten. Denn so sei durch den Schluß der Diskussion mancher nicht mehr zum Wort gekommen, der sicher etwas Wichtiges zu der Frage gesagt haben würde. Was beschlossen lvorden sei, gelte nun natürlich als Gesetz. Danach richte man sich und in der Richtung agitiere man. In«Sachen Radek geht des Redners persönliche Meinung bezüglich der Art, wie in der Sache Schluß gemacht worden ist, dahin, daß man vielleicht noch ein Letztes hätte tun und noch ein Schiedsgerichtsverfahren hätte be- ivilligen könne». Jetzt nach dem Parteitag heißt es wieder, alles zusammenhalten, was im Interesse der Partei liegt, an einem Strange zu ziehen und vor allein das preußische Junkertum dabei nicht zu vergesse». Es gilt, das Ziel im Auge zu behalten, vorwärts zu blicken: los, drauf und durch!(Lebhafter Beifall.) Zur Diskussion nahm Genosse Artur Stadthagen das Wort: Meines Erachtcns hat der Parteitag keinen erhebenden Eindruck gemacht, keinen solchen, daß man sagen kann, es seien die Waffen geschärst und die Partei vorwärts gestoßen worden. Der Glanzpunkt lvar die Stellungnahme in der Arbeitslosenfragc. In der Behandlung der Massenstreikfrage und der Steuerfrage ist schon durch die formelle Behandlung Licht und Schatten nicht richtig verteilt worden, und es ist so nicht zu der Klärung gekommen, die kommen sollte. Zur Massenstreikfrage wäre die Resolution Luxem- bürg das richtigere gewesen. Sie rechnete auch damit, daß im Augenblick kein Massenstreik möglich ist, aber sie betonte für den einmal kommenden Fall ein mutvollcs, konsequentes und ent- schlosseues Vorgehen. Aus der Vorstandsresolution, für die man nach dem Ausscheiden der Resolution Luxemburg wohl oder übel stimmen mußte, kann man dagegen manches herauslesen. Redner kritisiert dann die Resolution Wurm in dex Steuerfrage und ver- tritt die in der Resolution Geher-Luxemburg enthaltene 2luf- fassung, daß in erster Linie der Kampf gegen die Hauptstütze des Kapitalismus, gegen den Militarismus, komme, und erst in zweiter Linie die Stcuerfrage. In erster Linie muß alles getan werden, lvas das militärische System schädigt. Die Sache ist die: kommt eine Militärvorlage und wird damit die Frage akut, ob indirekte oder direkte Steuern dafür in Betracht kommen, dann haben wir nickt nur die Vorlage, sondern auch alle Mittel dafür abzulehnen, weil wir sonst den Kampf gegen den Militarismus abschwächen. Zu anderer Zeit aber haben wir gemäß unserem Programm zu versuchen, die indirekten, das Volk besonders belastenden Steuern durch direkte zu ersetzen. In der Tcckungsfrage hat die Mehr- heit ein Quentchen vorübergehender Vorteile angenommen gegen einen Zentner Nachteile für die Zukunft.— Bedauerlich seien auch Vorgänge bei der V o r st andswahl. Bei der Frage der Wahl eines Parteisekretärs sei von den auf der linken Seite stehenden Genossen, nachdem Genosse Dißmann zugunsten Fleißners zurück- getreten war. Fleißner ausersehen. Auch die Berliner Delegation habe sich dainit einverstanden erklärt; der von einer Seite gemachten Anregung, Wels vorzuschlagen, wurde unter Hinweis darauf ab- gelehnt, daß nur ein kenntnisreicher, entschiedener Charakter ge- wählt werden sollte, und daß die Berliner, die den Kandidaten kennen, über solche Kandidatur empört sein würden. Fleißner lehnte ab. Es mußte am Freitag mittag Stellung genommen werden. Einstimmig erklärten die Berliner sich für Dißmann. Er unterlag, weil seine Kandidatur von mancher Seite als zurück- gezogen galt und auch Genosse Bartels zu den linksstehenden ge- rechnet wurde. Mit dieser Wahl kann man sich gern abfinden. Anders steht es mit der Wahl der B e i s i tz e r. Hier war in Jena einstimmig von den Berlinern beschlossen, für Brühl und Wengels einzutreten. Zur Ueberraschung insbesondere der Berliner Delegierten stand auf der Vorschlagsliste auch der Name des Genössen Wels. Er ist nicht von den Berlinern vorgeschlagen, aber es mögen manche auswärtige Delegierte das angenommen haben. Vorgeschlagen wurde er von den Bayern und dem rechten Flügel der Sachsen. Er selbst— und das ist eine Erscheinung, die glücklicherweise bislang noch kein Parteitag geboten hat— trat im Stillen für seine Kandidatur lebhaft ein. Erst wollte er Partei- sckrelär werden, lehnte im Parteiausschuß aber ab, als er merkte, daß seine von ihm selbst vorher Brandenburgern als aus- sichtsreich bezeichnete Kandidatur keine erhebliche Gegenliebe fand. Dann trat er, eHne daß die Berliner eine Kenntnis davon hatten, als Gegenkandidat gegen Brühl für den Beisitzer auf und wirkte für seine Kandidatur. Er ist als Vertrauensmann der Rechtsstehenden dann niit 12 Stimmen gewählt. Seine Wahl hat ja die«stue er- frcuficfje Folge, daß er nicht mehr als Vorsitzender der Preß- kommission fungieren kann. Aber im übrigen ist es tief bedauer- lich, daß in dieser Weise von hinten herum entgegen dem Beschluß der Berliner und durch eigenes Betreiben ein Parteivorstands� Mitglied, und zwar ein Berliner, gewählt ist. Hoffentlich sind nachträglich so manchem die Augen darüber geöffnet, was er vom Ge- nossen Wels zu halten hat. Gewiß müssen wir uns nach den Be- schlüssen richten. Dadurch ist aber den Genossen, die mehr Kühn- heit und belebendes Feuer im Kampfe sehen wollen, die Hand nicht gebunden, aufzurufen zu einer entschlossenen kühnen Taktik,. die das Endziel stets im Auge behält. Die Zeit wird kommen, und vielleicht kommt sie bald, wo es mit den Worten Clajus heißt: Durch, drauf, vorwärts!(Lebhafter Beifall!) Genosse Clajus: Den Vorgang bei der Vorstandswahl habe ich versehentlich nicht vorgetragen; ich stehe vollständig auf dem Standpunkt, den Genosse Stadthagen soeben eingenommen hat. Genosse Schulz stellt sich in feinen Ausführungen auf den- selben Standpunkt wie Stadthagen und hebt noch hervor, daß er als Arbeiter sagen müssp, wir hätten einen gewaltigen Schritt nach rechts zur Reformpartei gemacht. � Genosse Emanuel Wurm wendet sich gegen Stadthagen. Stadthagens Ausführungen gipfeln in dem Satz:„Alle Steuern, mögen sie sein wie sie wollen, werden doch in letzter Linie von den Arbeitern getragen, die alle Werte schaffen." So richtig, wie der Nachsatz ist, so unrichtig ist der Vordersatz. Vor.der Besteuerung kommt der große wirtschaftliche Prozeß der Verteilung der ge- schaffenen Werte als Mehrwert für die Unternehmer und als Lohn für die Arbeiter, der sich nach den jeweiligen Stärkeverhält- nissen und der wirtschaftlichen Situation richtet. Da n a ch dieser Teilung die Steuern erhoben werden, da ist es doch durchaus nicht gleichgültig, in welcher Höhe sie den Lohn belasten. Nach Stadthagen ist der Kampf gegen den Militarismus durch die Zu- stimmung zum Wehrbeitrag und zur Vermögenszuwachssteuer ge- schwächt worden. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Tie Militärvorlage konnte durch unsere Steuerbewilligung gar nicht mehr beeinflußt werden, sie loar angenommen. Es kam nur noch darauf an, die Arbeiter in steuerlicher Beziehung zu schützen.— Redner legt da? noch näher dar im Sinne seiner bekannten Aus- führungen auf dem Parteitag und der dort angenommenen Leit- sätze.— Richtig ist, daß die Diskussion auf dem Parteitage in Viesen Fragen zu kurz kam. Das lag aber an der Verkettung einer Reihe von Umständen, wozu auch gehörte, daß die infolge der Krise besonders akut gewordene Arbeitslosenfrage noch in die Tagesord- nung ausgenommen werden mußte. In der Massenstreikfrage wird von dem Mut gesprochen, der mehr hervortreten müsse. Nun, es gibt zweierlei Mut, den Mut der Besonnenheit und des Ilbwartens und den Mut der Unüber- lcgtheit. Wenn man ein so scharfes Mittel anwenden will wie den Massenstreik, dann muß man die Ueberzeugung haben, daß der Arm auch stark genug sei, damit alle Räder still stehen, sonst reißen sie den Arm aus. Die Debatte war jetzt unnötig. Wir haben uns eingestehen müssen— und die Gewerkschafter aus ihren praktischen Erfahrungen heraus haben es uns bestätigt, daß wir jetzt noch nicht stark genug sind. Ist es nötig, das den Gegnern zu sägen? Wäre eS nicht richtiger, erst vorzuarbeiten, ständig aufzuklären und für unsere Organisation zu werben, und dann im richtigen Moment auf den Kampfplan zu treten? Unsere Siege verdanken Ivir der ruhigen, stillen Arbeit, die darauf ausgeht, Aufklärung zu schaffen. Nur auf dtzesem Wege haben wir unsere Erfolge erzielt, und wenn wir unseren eigenen Genossen nicht diese Erfolge verkleinern, dann werden wir auch weiter wachsen. Wenn wir aber unsere Erfolge selber herabsetzen, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir eines Tages vor leeren Sälen stehen.(Lebhafter Beifall.) Genosse Stadthagen nahm nochmals das Wort zu einigen kurzen Erklärungen. Zunächst sei festzustellen, daß auch die Reso- lution Luxemburg in der Massenstreikfrage davon ausgehe, daß zurzeit kein Massenstreik möglich sei. Nur eine klare Taktik wollte sie vorbereiten. Ferner stelle cs Wurm so hin, als ob in der Resolution Geyer-Luxcmburg zur Steuerfrage stehe, daß es gleich- "gültig sei, ob die Steuern direkte öder indirekte' wären.' Das stimmt nicht. Im Anschluß an einen mehr allgemeinen grundsätz. lichcn Teil der Resolution komme darin vielmehr auch zum Aus- druck, daß indirekte Steuern durch direkte ersetzt werden sollen. Da sei also gesagt, es sei nicht gleichgültig. Nach einigen zur tatkräftigen Parteiarbeit anfeuernden Worten dcS Vorsitzenden wurde die Versammlung geschloffen. Dritter Wahlkreis. Die im Gewerkschaftshaus stattgefundcne Versammlung war ziemlich schwach besucht. Zunächst beschäftigte sich die Versammlung mit der Aufstellung eines Stadtverordnctenkandidatcn für den 9. Bezirk. Dieser Be- zirk gehört zum Teil auch zum vierten Wahlkreis. Der Vorsitzende Genosse Pohl moniert es, daß der vierte Kreis wieder einmal eine Kandidatenaufstellung vorgenommen hat, ohne sich mit dem dritten Wahlkreis in Verbindung zu setzen. Dagegen müsse pro- testiert werden, obwohl gegen die Kandidatur des Genossen Böhm vom Vorstand des dritten Kreises keine Einwendungen zu erheben sind. Die Versammlung erklärt sich gleichfalls mit der Person des Kandidaten einverstanden. Die Versammlung schreitet nunmehr zur Berichterstattung über den Parteitag. Genosse K a w i e r hielt eine Berichterstattung für überflüssig und verlangte sofortigen Eintritt in die Diskussion. Nach Ablehnung des Antrags begann zunächst Genosse Fritz Schmidt mit der Berichterstattung. Im allgemeinen beschränkt sich der Redner auf eine referierenoe Wiedergabe der wichtigsten Verhandlungspunktc, die aus den Zeitungsberichten bekannt sind. Die Rede der Genossin Luxemburg zum Massenstreik hielt der Redner für den Höhepunkt des Parteitags, aber auch Scheidemanns Antwort war glänzend. Auch der zweite Redner, Genosse Fels mann, gab im wesentlichen eine referierende Wiedergabe eines Teils der Be- ratungspunkte. Für sehr unglücklich hält der Redner den Maifeier- beschluß dcS Parteitages. Der angenommene Antrag des Parteivorstandes legt keine Verpflichtung zur Abführung des TagelohneS auf, so daß es zu vielen Unzuträglichkeitcn kommen wird. Un- verständlich ist das Verlangen, die Maifeier der Arbeitsruhe zu ent- kleiden. Die Aenderung oder Aufhebung der Maifeier wäre ein Sieg unserer Feinde. Bei der Steuerfrage hätte der Redner einen Korreferenten gewünscht. Die Gegner der Haltung der Fraktion konnten sich in der Diskussion nicht genügend aussprechen. Daß der Parteitag das Verhalten der Fraktion gebilligt hat, ist durchaus richtig. Wenn die ReichstagSmehrheit die Steuern allein bestimmt hätte, sähen sie sicher weit schlimmer aus. Der Fall R a d e k ist zur Zufriedenheit der Delegierten des 3. Wahlkreise? erledigt worden. Im allgemeinen kann man zu der Arbeit des Parteitages nur seine Zufriedenheit aussprechen. In der Diskussion erhielt zunächst Genosse I u d i s das Wort. Die Genossin Luxemburg habe sich in ihren Ausführungen streng an die sozialistischen Theorien gehalten; sie kenne aber die Massen nicht gut genug. Die Gewerkschaftsführer haben täglich Fühlung mit der breiten Masse und wissen, daß heute noch die Reife zum Massenstreik fehlt. Es sollte dafür Sorge getragen werden, daß Redner und Rednerinnen mit den Fähigkeiten der Ge- nossin Luxemburg mehr Vortragszyklen für die Genossen veranstalten, dann wird es auch auf dem Gebiete der sozialistischen Auf- klärung vorwärts gehen. Die Steuerfrage ist nicht im Sinne des Redners erledigt worden. Wenn auf diesem Wege forige- schritten wird, werden auch wir bald der Meinung sein, das Parka- ment ist unsere einzige Waffe. Das Parlament darf ober für uns nur das offene Fenster sein, aus dem heraus unsere Ideen in die weitesten Kreise dringen. Gent: Es ist keine Ursache, mit dem Parteitag zufrieden zu sein. Bei den besonders wichtigen Abstimmungen waren große Minderheiten zu verzeichnen. Frappierend war die Rede des Ge- nossen Bauer. Es ist nichb richtig, daß sich die Lebenshaltung der Arbeiter gehoben hat. Die Kleidung ist eine bessere, die Er- nährung ist schlechter geworden, das zeigt, schon der ungeheure Kon. sum von Margarine und anderen Surrogaten. Die Junker haben es verstanden, uns mehr zu nehme» als wir gewonnen haben. Die Forderung der Arbeitslosenfürsorge ist nicht nur eine praktische, sie ist auch eine revolutionäre. Ausreichende Arbeitslosenfürsorge zu gewähren, heißt das Recht auf Arbeit anerkennen. Unsere Kapitalisten iverden aber nicht freiwillig auf die Reservearmee verzichten. Zum Massenstreik ist es ziemlich gleichgültig, ob Reso- lutioncn gefaßt werden. Wenn die Zeit reif ist, werden alle Reso- lutionen nur ein Stück Papier sein. Die Genossin Luxemburg faßt die Masse falsch auf. Ein großer Teil der Unorganisierten Will nur ernten, aber nicht säen. Diese Unorganisierten werden sich bei einem Massenstreik auf die Seite stellen, die ihnen größere wirtschaftliche Vorteile verspricht. Die Maifeier darf nicht auf- gehoben werden. Das wäre ein Triumph der Gegner. Viel mehr Sorgfalt muß der Bildungsarbeit gewidmet iverden. Genosse Alexander Fröhlich: Ter Parteitag hat Gutes ge- schaffen. Da die Hoffnung der Gegner auf ein zweites Dresden nicht in Erfüllung ging, posaunen sie jetzt einen Sieg des Revi- sionismus in die Welt. Diese Auffassung ist falsch. Der Massen- streik ist theoretisch berechtigt. In absehbarer Zeit ist er noch nicht möglich. Genossin Luxemburg sollte nicht immer scharf machen. Jetzt würde uns durch einen Massenstreik genommen werden, was wir in langen Jahren mühsam aufgebaut haben. Bei den Deckungsvorlagen haben wir einen Erfolg unserer Ideen zu verzeichnen. Endlich ist es einmal gelungen, oie Steuern auf die kräftigen Schultern abzuwälzen. Die Militärbegeisterung wird nachlassen, wenn erst die blauen Lappen gezahlt werden müssen. Genosse Mau ist gegenüber dem Genossen Gent der Mei- nung, daß die Lebenshaltung der Arbeiter gestiegen ist. Die Ar- beiter müssen nur um die Befriedigung der erhöhten Bedürfnisse ebenso kämpfen wie früher für die geringeren. Mit der> Stellung der Fraktion zu den Tcckungsvorlagen ist Redner vollkommen ein- verstanden. Tie Leitsätze zur Steuerfrage sind zu unklar. Diese lassen alle möglichen Deutungen zu. Der Streit um die Steuern wird jetzt erst richtig beginnen. Was wird werden, wenn die Rc- gierung neben direkten auch indirekte Steuern vorschlägt? Wir kommen in Gefahr, daß dann, um nicht nur indirekte Steuern zu bekommen, unsere Fraktion neben den direkten auch indirekte Steuern schlucken muß. Zur Führung eines Massenstreiks denkt die heutige Arbeiterschaft zu materiell. Zwar steht auch beim Massen- streik wenigstens ein indirekter materieller Vorteil in Aussicht. Die unorganisierten Arbeiter sind aber noch nicht aufgeklärt genug, um das zu begreifen. Mit der Resolution zum Massenstreik ist Redner durchaus einverstanden. Es ist an der Zeit, den Genossen, die die Frage des Massenstreiks immer wieder anschneiden, gründlich die Wahrheit zw sagen. Genosse Braun: Es darf nicht wieder vorkommen, daß unsere Fraktion bei wichtigen Abstimmungen unvollzählig ist, wenn nicht gerade Krankheit einige Genossen zwingt, dem Parlament fernzubleiben. Auch unsere Stellungnahme zu höfischen Kund- gebungen im Reichstage muß geändert werden. Wir müssen einfach sitzen bleiben. Die Erledigung der Steuerfrage wird die Regierung und die bürgerlichen Parteien nicht hindern, uns nächstes Jahr wieder eine Militärvorlage zu bescheren. Der gegenwärtige Zeit- Punkt mag für einen Massenstreik ungeeignet sein, dem Genossen Dr. Frank gebührt aber Dank, daß er darauf hingewiesen bat, daß wir alles einsetzen müssen für eine Besserung der preußischen Zustände. Wenn Genosse Bauer auch auf dem Parteitag aus- drücklich sagte, er spreche als Parteigenosse, nicht als Gewerkschafter, so hat er Zweifellos doch der Meinung der Generalkommission Aus- druck verliehen. Dieselben Meinungsäußerungen liest man in allen Gewerkschaftszeitungen. Genossin Mittag: Man zerbricht sich den Kopf über den Mit- gliederschwund, ohne daran zu denken, daß es einfach der Hunger ist, der den Rückgang verursacht. Die Meinung, daß die jetzige Zeit ungeeignet wäre für einen Massenstreik, ist falsch. Gerade in den Zeiten des Hungers hohen die Arbeiter nichts zu riskieren. Wenn das Elend so groß wird, daß die'Arbeiter nicht mehr ein noch aus wissen, dann sehen auch die Unorganisierten ein, daß sie nichts zu verlieren haben als ihre Ketten. Den Hemmschuh bilden die ange- stellten Genossen, die keinen Hünger"mehr' kennen. Aber alle Dämpfungen werden nichts nützen, der Hunger wird die Arbeiter in den Massenstreik' treiben. Unverständlich ist es, wie man eine Resolution für den Massenstreik annahmen und zu gleicher Zeit gegen die Arbeitsruhe am 1. Mai sein kann. Die Opser am 1. Mai haben nichr die Gewerkschaften gebracht, deren Kassen etwas geleert wurden, sondern die Arbeiter, die sich für ihre Ueberzeugung aus- sperren ließen. Diese ungeheuren Opser dürfen nicht umsonst ge- bracht worden sein. Der Mangel an Idealismus ist weniger bei den Arbeitern als bei den Partei- und Gewerkschaftsbeamten vorhanden. Den Deckungsvorlagen hätte die Fraktion nicht zustimmen dürfen, denn alle Steuern werden doch von den Arbeitern geteilt. Genosse Ritter: Ueber den Rückgang der Mitgliederzahl ist mehr geredet worden, als nötig ist. Zum Pessimismus ist kein Grund vorhanden. Durch das viele Reden erwecken wir bloß den Anschein bei unseren Gegnern, als ob wir Angst haben, wir könnten schwach werden. Wer da weiß, wie unsere ReichStagswähler zusammengesetzt sind, wird nicht annehmen können, daß wir jemals auch nur den größten Teil in unsere politischen Organisationen be- kommen. Die Diskussion über den Massenstreik war nur ein Ber- legenheitsprodukt einiger Akademiker, denen es nicht schnell genug vorwärts ging. Die Masse hat damit nichts zu tun. Die GeWerk- schaften sind in cht Gegner des Massenstreiks. Doch ist cs nicht ihre Aufgabe, denselben zu propagieren. Das ist ein Gebiet der polt- tischen Organisationen. Die Gewerkschaften können durch eine eigene MassenstreikproMganda höchstens den Dociteren Abschluß von Tarifverträgen gefährden. Ein Beweis für das geringe Interesse, das der Diskussion über den Massenstreik entgegengebracht werde, sei der schlechte Besuch dieser Versammlung. In der Stcuerfrage steht der Redner auf dem Standpunkt des Genossen W u r m. Ter Vorwurf, Wurm habe seine Meinung geändert, treffe den Genossen nicht. Es sei keine Schande, sich eines anderen zu belehren. Daß die Resolution W u r in noch zu vielen Diskussionen führen werde, ist richtig. Diese Resolution soll aber auch nicht den Ausgang unserer Steuerpolitik bilden. Die Besitzsteuern können nicht so ein- fach abgewälzt werden. Wäre die Abwälzungstheoric richtig, könnten wir mit der ganzen Gewerkschaftsarbeit einpacken, die wäre dann nur Sisyphusarbeit. Ueber die Deckungsvorlagen hätte cs außerhalb des Reichstages gar keine Diskussion gegeben, wenn nicht die Minderheit der Fraktion aus Verärgerung die Fraktionsange- legenheiten an die große Glocke gehängt hätte. Im allgemeinen können wir sagen, daß die Arbeiten des Parteitages zufriedenstellend sind. Wir müssen jetzt fleißig agitieren und dafür sorgen, daß die Versammlungen, die sich mit programmatischen Fragen beschäftigen, besser besucht werden. Nachdem die weitere Diskussion durch die Annahme eines Schlußantrages unterbunden wurde, konstatierte der Vorsitzende Ge. nosse Pohl, daß die Diskussion gezeigt habe, daß die Anwesenden im allgemeinen mit den Arbeiten des Parteitages zufrieden sind. Unter Geschäftlichem machte Genosse Pohl dann noch folgendes bekannt: In der Versammlung vom 18. Mai, die beschlossen hat, gegen den Genossen Julian Borchardt das AuSschlußverfahrcn zu beantragen, wurde der Vorstand beauftragt, drei Beisitzer zu er- nennen, die nicht Mtglieder des dritten Wahlkreises sind. Der Vorstand wählte daraufhin folgende Genossen: den Reichstagsabge- ordneten Silberschmidt sowie die Stadtverordneten Glocke und Zucht. Da Genosse Borchardt sich beim Partetvorstand u. a. auch darüber beschwert hat, daß die Beisitzer nicht von der Mit- gliederversammlung ernannt wurden, bitte ich, das jetzt nachzuholen. Die Versammlung ist einstimmig für die genannten Genossen. Nachdem noch beschlossen wird, den Restaurateur H c i nz e, Dnncnstr. 1, wegen Nichtbetciligung aus der Partei auszuschließen, findet die Versammlung ihr Ende. Vicrtcr Wahlkreis. Den Bericht für das Köpenickcr Viertel gab der Genosse Melle. Er ist fest davon überzeugt, daß der Parteitag gute und vorzügliche Arbeit geleistet habe. Der ent- schlossenc Wille zur Tat war cs, der auf dem Parteitag zum Aus- druck kam, der Wille, unablässig zu arbeiten, um die kapitalistische Gesellschaft niederzuzwingen und, wenn die Pen gekommen ist, auf den Trümmern der heutigen Welt- und Gesellschaftsordnung das siegreiche Banner des Sozialismus auszupflanzen. In der Diskussion erklärte sich der Genosse Schmidt einder- standen mit den Beschlüssen zur Polensrage und zum Fall Nadek. Auch die Stellung der Fraktion bei der Deckungsvorlage findet seine Zustimmung. Nur mit der Erledigung der Maifeierfrage sei er nicht zufrieden. Es heißt in dem Antrage:„es wird erwartet's usw., da werden wir wobl nicht viel zu erwarten haben! Ferner bedauert er, daß Genossin Luxemburg in so herabsetzendem Tone diskutiert habe. Da war es erklärlich, daß Genosse'scheidemann auf dem Parteitage Gleiches mit Gleichem vergalt. Z t ck s ist ebenfalls mit dem Verhalten der Genossin Luxem« bürg nicht einverstanden. Oskar I e n t j ch ist der Meinung, daß der Parteitag eine größere Bedeutung habe als alle übrigen dadurch, daß die Steuer- frage auf der Tagesordnung gestanden habe. Auch erjnlligt die Haltung der Fraktion. Man könne nicht aus einem Standpunkt stehen bleiben, auf dem man vor 29 Jahren gestanden habe. In der Massenstrcikfrage habe sich Klingler einen Denkstein gesetzt. Ferner bedauert er, daß in dieser Frage der Genosse Scheidemann einen so exponierten Standpunkt eingenommen lwbe. Er hätte zu seinen Ausführungen eine andere Form wählen sollen. Er bläst Trübsal; das schreckt die Arbeiter ab. Redner stehe nicht auf dem Standpunkt der Genossin Luxemburg; aber hätten wir sie nicht, dann hätten wir lauter Genossen Bauer. Die Versammlung für das Görlilier Viertel fand bei Graumann, Naunynstr. 27, statt. An Stelle des Genossen Adolf Hoffmann, der in Lissabon weilt, hatte Genosse Büchner die Berichterstattung übernommen. Redner bedauert. daß die' Berichterstattimg so spät stattfindet, nachdem man in fast allen Gegenden Deutschlands fertig sei. Die Stellungnahme der Berliner Genossen interessiert draußen sehr. In der Stcuerfrage steht Redner wie bisher auf dem Standpunkt der Minorität. Da? bewährte alte Prinzip ist durchbrochen worden. Der parlamen- tarische Bericht besagt, daß soziale Arbeit infolge anderer Arbeilen nicht geleistet, worden ist. Tie beste Arbeit des Parteitages war die Lösung der Arbcitslosenfürsorge. Der Fall Radei ist richtig behandelt worden. Im großen ganzen hat der Parteitag gute Arbeit geleistet; unsere Aufgab« ist es, ganze Arbeit zu machen. In der Diskussion bedauert Genosse Künstler, daß manche Delegierte nicht nach den Beschlüssen des Kreises gestimmt hätten. Scheidcmanns Rede habe lächerlich gewirkt. Redner wendet sich ebenso wie Büchner gegen die Ausführungen Kolbs in den„Sozia- listischcn Monatsheften"; ferner bedauert er die Wahl des Genossen Wels in den Parteivorstand. Genosse Chrzanowski wünscht ebenfalls mehr Diskussion des Massenstreiks in kleinen Zirkeln. Die Maifeier muß inter- national behandelt werden: entweder— oder. Daß die Ange» stellten ihren Tagesverdienst am 1. Mai opfern sollen, findet er ungerecht; denn wir fordern doch sonst die Bezahlung der Feier- tage. In längeren Ausführungen wendet sich dann Redner gegen die Auflösung der P. P. S. und fordert deren Weiterbestehen. Genosse Grün fordert mehr die Förderung der Jugendbewe» gung; in unserer Gegend fehlt notwendig ein Jugendheim. Eben- falls beklagt er sich über Scheidemanns Rede. Seinem Vorredner tritt er wegen der Maibeiträge energisch entgegen. Genosse Henning fen will'bemerkt haben, daß eine mittlere Linie entstanden ist, und hat den Eindruck, daß man cs nicht zu Entscheidungen kommen lassen will; man kneift. Mit den Abstim» mungen einzelner unserer Delegierter ist er auch nicht einver- standen. Die Maiseier sollte man unter den jetzigen Verhältnissen abschaffen. Der Verdruß der polnischen Genossen ist verständlich. Genosse Zubcil bestreitet das Entstehen einer mittleren Linie, das Haben die verschiedenen Abstimmungen ergeben. In der 'Skeucrftage gibt die Resolution keine Richtlinien. Wurm und Südeku m waren sich gleich; es fehlte das- Korreferat. Die Anficht«» Südekums kann sich eine Reformpartci zu eigen machen. Tie Ab- stimmungen der Groß-Berliner Delegierten haben ein Bild der Zerrissenheit ergeben, eine Freude für die Süddeutschen. Die Maifeier muß nochmal gründlich aus dem Wiener Kongreß be- handelt werden. Sie wäre die Vorbedingung für einen Massen- streik; aber die Gewerkschaften haben sie abgewürgt. Scheidemann muß gezeigt werden, daß den Arbeitern die Massenstreikidce heilig ist. Mengclder müssen abgeführt werden; der Beschluß ist lau. Die'Polenfrage ist richtig'behandelt worden. Genosse Büchner faßt im Schlußwort alles nochmals kurz zusammen und betont, daß die Polen sich den gefaßten Beschlüssen fügen müssen. Im Stralauer Viertel in den Comenius-Sälcn erstattete Genosse Paul H o f f m a n n den Bericht. Er referierte im wesentlichen die bekannten Tinge. Mit einem„Vorwärts, durch Kampf zum Sieg" schloß Redner seine Ausführungen. In der Diskussion erklärte sich Genosse Brück- n e r mit der Haltung der Fraktion in der Stcuerfrage einver- standen. In der Frage des Massenstreiks kritisiert Redner die Stellungnahme eines Delegierten zum Mieterstreik und betont, daß davon die Junker gar nicht berührt werden. Es müsse viel» mehr dahin gewirkt werden, das Landproletariat klassenbewußt zu erziehen, damit auch dieses mit Leib und Seele für das gleiche Wahlrecht eintrete. Durch die Beschlüsse der Gewerkschaftskongresse sei eine klare Stellungnahme der Gewerkschaften zum Massenstreik gegeben. Beachtenswert für die Berliner seien die Ausführungen von Peus gewesen, wonach diese statt 3 Millionen, die sie in eige- ncn Betrieben produzieren, 39 Millionen und mehr in eigener Bäckerei herstellen könnten, ohne daß der einzelne Opser zu brin- gen habe. In der Arbeitsloscnfrage verweist Redner auf die Stellungnahme der Berliner Stadtverordnetenmehrheit, die nicht warui, nicht kalt erklärten, das sei Sache des Staates. Der Staat erkläre wiederum, cs sei Sache der Kommune. Bei den dies- jährigen Stadtverordnetenwahlen müsse diesen Vertretern der Standpunkt klargemacht werden. Der Fall Rädel sei vom Refe- reuten nicht berührt worden. In diesem Falle stimme er nicht mit der Haltung des Parteitages überein. Genosse Sniati(Pole): Durch die Entziehung der Sub- vention seien die Polen peinlich berührt. Er verweist darauf, daß die Polen in den Gewerkschaften auch Tausende an Opfern bringen. Genosse Hoffmann meint, die Interessen der polnischen Genossen feien am besten in der deutschen Organisation gewahrt. Genosse Schuhmacher zitiert das Resümee des„Berliner Tageblattes", kritisiert das Verhalten Bauers und den Geist in den Gewerkschaften. Genosse Kaiser meint, bei den Polen sei in erster Linie Nationalismus getrieben worden, erst in zweiter Linie Sozialis- mus. Das Militär sei der Nachtwächter der Geldschränke, des- halb müßten die Kosten von letzteren getragen werden. Bedauern müsse man das Schmeicheln der unorganisierten Massen. Unsere Stärke habe immer in der Organisation gelegen, darum sei die scharfe Linie zwischen Anarchisten und Syndikalisten gezogen worden. Brückner verteidigt nochmals seinen Standpunkt bezüglich des Massenstreiks gegenüber Schuhmacher. Es fei da nicht nötig, zu reden, da müsse man handeln. Ruhiges, besonnenes Handeln mache beim Gegner mehr Eindruck. Genosse Schröder meint, die vor langen Jahren betriebene Propaganda der deutschen Genossen unter den Polen sei erfolg» reicher gewesen, als die der polnischen Genossen. Schuhmacher polemisiert nochmals gegen Brückner und führt aus, wenn man über Massenstreik rede, brauche man nicht die Pläne preiszugeben. Er stimme nicht in allem mit der Ge- nossin Luxemburg übcrein, aber zum Massenstreik müsse Begeiste- rung vorhanden sein. Folgende Resolution wurde in getrennter Abstimmung angenommen: Die Versammlung des Stralauer Viertels des 4. Berliner ReichStagswahlkreises erklärt sich mit den Beschlüssen des Partei- tages einverstanden und erklärt in ihrem Sinne zu arbeiten. (Gegen 18 Stimmen angenommen.) Ebenso hält sie den Fall Rädel für erledigt und kann daher der Auslegung des diesbezüglichen Parteitagsbeschlusses durch die Bremer Parteiorganisation nicht beitreten. Landsberger Viertel. Im„Elysium", Landsberger Allee, referierte Genosse K l i n g l e r. Trotz tiefgehender Meinungsverschiedenheiten sind die De- batten in Jena streng sachlich geführt worden. Beim Geschäfts- bericht des Vorstandes wurde über die wenig volkstümliche Schreib- weise der meisten Parteiblätter geklagt. Die Erörterung der St euer frage hat nicht die notwendige Klarheit gebracht und mehr als bisher wird sich die Partei mit dieser Frage befassen müssen. Die Debatte über den Massen st reik, meint Redner, ist vor dem Parteitag eingeleitet und geführt worden von Per- sonen, die von dieser Sache nichts � verstehen. Unter lebhaftem Widerspruch der Versammlung äussert er sich dahin, daß die Aus- einandersetzungen über diese Frage in erster Linie von den „Literaten" geführt worden seien. Durch die Annahme der Vor- standsresolution sei nunmehr auch in der Frage des Massen- streiks die nötige Klarheit geschaffen, wären doch anderenfalls � die mitbeteiligten Körperschaften, wie die Generalkommission der Ge- werkschaften, geradezu vor den Kopf gestoßen worden. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt Redner dann auf den von ihm schon in Jena empfohlenen Mieter st reik zu sprechen. Er verwahrt sich dagegen, daß auch in dieser Versammlung sein �Vorschlag mit Heiterkeit entgegengenommen würde. Wie so viele / Fragen in der Partei sich erst nach und nach durchsetzen könnten — Redner erinnert an die.Frage der Beteiligung an den Land- tagswahlen— so dürfte auch dieser Vorschlag im Laufe der Zeit genügend Anhänger finden. Wenn auch sein Vorschlag als eine Dummheit bezeichnet worden sei, so tröste er sich damit, daß viele Anregungen in der Partei, welche sich heute durchaus bewähren, in der ersten Zeit verhöhnt und verlacht worden seien. Beim Problem der Arbeitslosen frage herrschte die vollständigste Einmütigkeit. Die Debatte über die Maifeier war nicht gerade erhebend. Durch die in Jena gefaßten Beschlüsse hat dieser Ge- danke wieder schweren Schaden erlitten.— Was den Fall Radet anlängt, so bezeichnet Redner den Beschluß des Parteitages als einen schweren Fehler. Da R a d e k deutsches Mitglied war, hätten die Instanzen gewahrt werden müssen. Alles in allem ge- nommen, hat der Parteitag einen Ruck nach rechts gemacht, ist doch bei allen Beschlüssen, die gefaßt wurden, die opponierende Linke unterlegen. Doch die Hoffnungen, daß die Sozialdemokratie ein- mal eine zahme Arbeiterpartei werden könnte, müßten zuschandcn gemacht werden.-(Beifall.) In der Diskussion verwahrte sich Genosse P o e tz s ch gegen die Ausführungen, daß die Massenstreikdcbatte lediglich von Literaten propagiert worden sein soll. Hat doch in früheren Ver- sammlungen Geiwssc Klingler sogar selbst den Massenstreik empfohlen und dabei den Zweck und Nutzen der parlamentarischen Tätigkeit angezweifelt. Was die Durchführbarkeit des Massen- streiks anlangt, ist Redner der Meinung, daß die große Masse der Arbeiterschaft für diese Frage nicht reif ist. Als Beispiele ver- weist er auf den letzten großen Bergarbciterstrcik, des weiteren auf einige Porgänge in Berlin, wo trotz lebhafter Propaganda in der Kirchenaustrittsfrage die Kindtaufen, Konfirmationen und kirchlichen Trauungen in den letzten Jahren noch zugenommen haben. Also sogar bei diesem mit keinerlei persönlichen Opfern verknüpften Protest hat die große Masse der Arbeiterschaft versagt. — Redner ironisiert dann die Ausführungen des Genossen Kling ler bezüglich des Mi et er streiks. Dem Genossen R a d e k ist Unrecht getan worden. Mari müsse sich doch ver- gegenwärtigen, daß in Polen mehrere Organisationen vorhanden sind, die sich nicht gerade mit den sachlichsten Mitteln bekämpfen. In der Maifeierfrage war es an der Zeit, nun endlich diesen weitgehenden Beschlüssen früherer Parteitage ein Ende zu machen. Genosse Krause hält dem Genossen Klingler die Wider- spräche vor in bezug auf seine Ansichten über den"Massenstreik vor dem Parteitag und die heute in seinem Referat direkt entgegen- gesetzten Ausführungen. Nicht die Akademiker und Literaten wollen den Massenstreik, sondern die Arbeiterschaft, hatte schon damals nach den großen Demonstrationen zur Erringung des Reichstagswahlrechts für Preußen den politischen Massenstreik ge-' fordert. Wenn Genosse K l i n g l e r nicht an die Begeisterung der Massen für ein besseres Wahlrecht in Preußen glaubt, dann hätte er gegen die Ausgaben bei der Landtagswahl protestieren müssen, haben uns doch die letzten Wahlen zum preußischen Abgeordneten- hause runh 120 000 M. gekostet. Genosse Sassen protestiert gegen die Aeußerungen des Ge- nassen K l i n g l e r in Jena, welche dahin ausklangcn, daß die Arbeiterschaft nicht gewillt sei, für die Erweiterung seiner Rechte zu kämpfen. Der Genosse K I i n g l c r dürfte Ivohl mit seiner Ansicht allein stehen, daß die Erkämpfung und Erhaltung des Reichstagswahlrechts— trotz seiner anhaftenden Mängel—. ein Kampf um Sein oder Nichtsein, in der breiten Masse keinen Wider- hall finde. Redner bedauert, daß eL einem Vertreter des vierten Kreises vorbehalten blieb, von der Tribüne des Parteitages der- artige Aeußerungen zu machen, die unseren ganzen bisherigen Kämpfen und Traditionen entgegenstehen. Ueber den„Mieter- streik" noch Worte zu verlieren, hieße diesem Vorschlag zu viel Ehre arstun. Genosse M i l k u s ch ü tz ist ebenfalls der Auffassung, daß der Parteitag mit seinen Beschlüssen stark nach rechts neige. Redner ist gleichfalls der Meinung, daß die Delegierten nicht im Sinne ihrer Auftraggeber gehandelt haben. Den Genossen K l.ingl er erinnerte er an seine Ausführungen auf einer Generalversammlung von Groß-Berlin, wo derselbe nicht nur die parlamentarischen Erfolge verkleinerte, sondern auch von einem„Byzantinismus des Par- lamentarismus" sprach. Genosse Pohl sagt, als er den Bericht übca die Ausführungen des Genossen Älingler gelesen, habe er sich geschämt, und er verstehe nicht, wie man derartige Flachheiten vortragen kann. Wenn schon ein Redner eine Dummheit mache, dann solle er sie auch eingestehen und nicht durch allerhand Redereien beschönigen. Daß so viele Partei- und Gewerkschaftsangestcllte den Tagesver- dienst am 1. Mai nicht abführten, müsse uns den Ausspruch des Genossen Bebel ins Gedächtnis rufen:„Parteigenossen, seht Euch Eure Führer genau an". Genosse Neu mann: Seit langem hat kein Parteitag vor so schwierigen Aufgaben gestanden wie der diesjährige. In längeren Ausführungen geht Redner auf die Steuerfrage ein. Die An- nähme oder Ablehnung von Steuervorlagen müsse man schon der Reichstagsfraktion überlassen. In seinem Schlußwort geht Genosse Klingler auf die erhobenen Vorwürfe ein. Er bestreitet, dem Massenstreik„jemals das Wort geredet zu haben. Nur Klarheit sollte der Parteitag in dieser Frage schaffen. Dem Genossen Sassen erwiderte er, daß der Mictcrftreik durchaus kein Unsinn sei, sonhern in anderen Ländern, z. B. Amerika, schon mit Erfolg angewandt wurde. Redner ergänzt dann sein Referat noch dahin, daß in der Frage, ob ehren besoldeten Vorsitzenden oder nicht, er es ftir richtiger halte, einen besoldeten Vorsitzenden zu haben, da dadurch auch einem Arbeiter die Möglichkeit gegeben sei, einmal Vorsitzender der Partei zu werden. Die Mitgliederversammlung des Frankfurter Viertels nahm den> Bericht im Lokal von Boeker, Webcrstr. 17, entgegen. Die Referentin � Genossin Fahrenwald streifte die einzelnen Punkte der Tagesordnung des Parteitages kurz, da ja im„Bor- wärts"'sehr eingehend berichtet wurde. Aus den Ausführungen des Genossen Scheidemann hebt die Rednerin speziell die Schaffung einer Organisation für die Jugendlichen hervor. Des weiteren geht Rednerin auf die Schikanierungen der Jugendlichen durch mt Polizei ein. Pflicht der Eltern und Verwandten ist es, schon in den Kindern den sozialistischen Geist wachzurufen. In der Deckungsfrage zur Militärvorlage ist Rodnerin der Meinung, daß keine Mittel für den Militarismus bewilligt werden durften. Je- doch erhielt die Resolution Wurm eine Majorität und wurde da- durch die Stellung der Fraktion gebilligt. Seit dem Frühjahr dieses Jahres ist die Massenstreikfrage in Fluß, und wurde dem Parteivorstand zum Vorwurf gemacht, daß er hierzu geschwiegen habe. Es waren dem Parteitag zu diesem Punkte Anträge über- wiesen, selbst solche vom vierten Kreis, welchen die Rednerin nicht zustimmen konnte. Es wäre nicht zu verantworten gewesen, wenn beim Zarenbesuch mit Demonstrationen vorgegangen worden wäre und wenn man das Proletariat vor die Kleinkalibrigen ge- lockt hätte. Reduerin erwähnt u. a. noch das vorzügliche Referat des Genossen Timm über die Arbeitslosenfrage, in welchem dem Staat und den Kommunen zur Pflicht gemacht wird, die Arbeits- losenverficherung einzuführen. In der Maifeierfrage erhielt) lediglich die Resolution von Jena ein Anhängsel, und bedauert Rednerin die Annahme desselben. In der Diskussion sprachen sich die Genossen Glas und Rybicki scharf gegen die Behandlung der Polen aus. Es durfte dieser wichtige Punkt nicht am Schlüsse das Parteitages behandelt werden. Die deutsche Partei habe die Jnternationalität mit Füßen getreten. Die deutsche Partei trete im Parlament gegen die Entrechtung der Polen auf und handle außerhalb selbst nicht anders. Genosse Lehner polemisiert in nicht wiederzugebender Weise gegen den Parteitag und wird während feiner Ausführungen mehr- mals unterbrochen. Die Genossen Köbbel und Seigrit sind im allgemeinen mit den Beschlüssen des Parteitages einverstanden und weist Ge- nosse Köbbel das unerhört« Auftreten des Genossen Lehn er zurück, während Genosse Seigrit dem Genossen Rybicki ent- gegentritt und die Stellung des Parteivorstandos in der Polen- frage verteidigt. In ihrem Schlußwort weist die Genossin Fahrenwald die Ausführungen der Genossen Lehn er und Rybicki scharf zurück. In der Versammlung für das Petersburger Viertel in der Riebeckbrauerei erstattete Genosse Gutekunst den Bericht vom Parteitag. Bewunderungswürdig wäre die Sachlichkeit der Verhandlungen gewesen, hauptsächlich in der Massenstreikfrage. Die Schlußworte des Genossen Scheidemanu waren andere als das Referat. Im übrigen ist Redner der Ansicht, daß ein Massenstreik nicht nur als Abwehrstreik, sondern auch als Angriffsstreik möglich ist, wenn er genügend propagiert worden ist. Eine der größten Leistungen war die' Behandlung der Arbeitslosenfrage durch Ge- nassen Timm. In der Behandlung der Steuerfrage sei Redner enttäuscht gewesen, indem die Genossen Wurm und Südekum beide als Referenten aufgetreten sind. Fest steht, daß in dieser Sache das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. In der Maifeier- und Polenfrage habe der Parteitag das richtige getroffen, ebenso im Falle Radek. In der nun folgenden Diskusston beklagt sich Genosse Ostrowski über die zu späte Berichterstattung. Der Stillstand innerhalb der Organisation sei erklärlich gegenüber dem Schwinden des Vertrauens zu den Führern. Die Fraktion sei in eine Sack- gasse geraten, indem man erst die Militärvorlage erledigte und dann zur Teckungsfragc schritt. So konnte die Fraktion nicht mehr an das Volk appellieren. Daß das Volk ein Wort zu reden hat, be- weist die Hinausschiebung der Abstimmung vom Sonnabend auf Montag nach Bekanntwerden des Erfurter SchrcckcnSurteils. Aus- siihrlich geht Redner auf die Massenstreikfrage ein. Die Rede des Genossen Bauer bezeichnet er als das traurigste, was bisher ge- leistet wurde. Sie hätte mit mehr Entrüstung zurückgewiesen wer- den müssen. Der Massenstreik muß kommen, nur müssen wir mehr Willen zeigen. Aufs tiefste bedauert er das Sichgehenlassen der Gewerkschaften. Er habe erwartet, daß bekannte Berliner Dele- gierte für die Resolution Luxemburg gestimmt hätten. Ferner wendet er sich gegen die Wahl der Parteiangestellten zum Partei- vorstand. Hierzu müßten unabhängige Genossen gewählt werden. Die Genossen Ehlert,Bensch und V o ß wenden sich gegen die Ausführungen des Genossen Ostrowski zum Massenstreik. Genosse Krause verurteilt ebenfalls die Rede des Genossen Bauer. Im übrigen billigt er die Haltung der Fraktion in der Deckungsfrage. ' Genosse Schneider führt aus, daß unsere Fraktion auf dem besten Wege ist, regierungsfähig zu werden; auch er ist gegen die zwei Referate in der Steucrfrage. Die Arbeitslosenfrage brauchte kein besonderer Punkt der Tagesordnung zu sein. Genosse Müller ist mit Genossen Geyer der Ansicht, keinen Mann und keinen Groschen. Die Auflösung des Reichstags sollte man nicht fürchten. Lieber ehrlich Mandate verloren, als durch Kuhhandel gewonnen. Nack Annahme der Wurmschen Resolution sei es den Badensern und Württembergern ein leichtes, das Budget zu bewilligen. Im übrigen habe der Parteitag Negatives geleistet. Ein Antrag des Genossen Ostrowski, daß die Berichterstattung vom Parteitag spätestens eine Woche nach demselben zu erfolgen hat, gelangte einstimmig zur Annahme. Fünfter Wahlkreis. Den Berichc vom Parteitag erstatteten die Delegierten Huhn- fleisch und Reppenhagen. Der erjtcre beschäftigte sich u. a. mit der Frage des Massenstreiks und bemerkte, daß beide Delegierte des Kreises für die Resolution des Parteivorstandes gestimmt haben. Die Ausführungen des Genossen Bauer seien zutreffend gewesen, er habe kein Wort zu viel oder zu wenig gesagt. Dagegen habe die Genossin Luxemburg vollständig versagt. Ihre Rede sei nur formell glänzend gewesen. Wenn Genosse Ströbcl am 17. September im „Vorwärts" schrieb, die Genossin Luxemburg habe die Massenstreik- dcbatte erst auf die ihr gebührende Höhe gehoben, so wage ich— sagte der Redner— zu behaupten, daß außer Ströbel niemand aus dem Parteitag anwesend war, der das gleiche Gefühl hatte.— Hinsichtlich der Deckungsfrage bemerkte der Redner, daß beide Dele- gierte des Kreises der Resolution des Parteivorstandes zugestimmt haben. Reppenhagen sprach über die ArbcitSlosenfürforge und die Maifeier. Zum Fall Radek vertrat er den Standpunkt: Nachdem Radek mehrere Jahre Mitglied der deutschen Parteiorganisation war, hätte man ihn nicht auf Grund des früheren Ausschlusses aus einer Bruderpartei aus der deutschen Partei entfernen sollen.— Zur Wahl des ParteivorstaudeL sagte der Redner: Genosse Brühl hat als Mitglied des Parteivorstandes gegen die Resolution des Parteivorstandes zum Massenstreik gestimmt. Außerdem wurde auch bekannt, daß er in Niederbarnim geäußert hatte: die Führer hätten die Fühlung mit den Massen verloren. Aus diesem Grunde kamen viele Berliner Delegierte zu der Auffassung, daß sie Brühl nicht wiederwählen können. Das haben wir noch vor der Wahl dem Genossen Ernst mitgeteilt, damit in einer Sitzung der Berliner Delegation dazu Stellung genommen werden solle. Vor der Wahl konnte aber keine Sitzung niehr abgehalten werden. An den vor dem Parteitag gefaßten Beschluß der Delegation hielten lvir uns nach dem, was erst auf dem Parteitag bekannt geworden war, nicht mehr gebunden. Warum sollten wir auch. Haben doch die radikalen Führer Stadthagen, Ledebour und Rosenfeld schon früher erklärt, daß Beschlüsse der Delegation für sie nicht bindend sind. Also sind sie auch für uns nicht bindend. Wir begrüßen es mit Freuden, daß Wels vorgeschlagen und gewählt worden ist. Wels, der als erster Diskussionsredner das Wort nahm, verbreitete sich über die Arbeiten des Parteitages im allgemeinen und vertrat die Haltung der Mehrheit besonders in den Fragen des Massenstreiks und der Kostendeckung der Milttärvorlage. Dann kam der Redner auf die Erörterungen zurück, die sich au seine Wahl- in den Parteivorstand geknüpft haben. In Nicderbarnim ist gesagt worden, ich hätte nicht kandidieren dürfen, ivcil ich als Mitglied des Berliner Zentralvorstandcs an den Beschluß gebunden gewesen sei, wonach Wengeis und Brühl als Kandidaten Berlins bestimmt waren.— Es ist wohl bekannt, daß ich gewohnt bin, mich an die Beschlüsse des Zentralvorstandes zu halten und mich nicht leichtfertig darüber hinwegsetze. In diesem Falle war ich nicht als Mitglied des Zeniralvorstandes', sondern als Abgcord- neter eines brandenburgischen Kreises auf dem Parteitage. Seit- dem ,di« Organisationen von Berlin und der Provinz Brande»- bürg gegen den Willen der letzteren voneinander getrennt sind, halten auch die Delegierten der beiden Landsmannschaften gc- trennte Sitzungen ab. Die Brandenburger Delegierten haben zur Vorstandswahl nicht Stellung genommen. Ich mache dem Ge- nossen Brühl keinen Vorwurf daraus, daß er gegen die Resolution des Parteivorstandes stimmte. Aber es ist doch Sache des Partei- tages, wie er ein solches Verhalten bewerten und wen er in den Borstand wählen will. Jedem Genossen muß doch der Weg in den Vorstand offen stehen.— Man sagt, ich sei als Vertrauensmann der Rechten gewählt worden. Da muß ich doch fragen: Wer ist denn radikal? Ich habe aus meiner Ansicht nie ein Hehl gemacht und stets das vertreten, was ich im praktischen Leben gelernt habe. Wenn Stadthagen und Genossen sagen, ich gehöre zum rechten Flügel, so sage ich: Meinungsverschiedenheiten in der Partei sind notivendig und müssen zum Austrag gebracht werden, aber die Geschlossenheit de.« Partei darf darunter nicht leiden. Das ist auch die Ansicht des allergrößten Teils der Parteigenosseli. Wenn das radikal sein soll, baß eine Absplftterung von der Partei propagiert ivird, ein Gedanke, den ja Geher mit dein Hinweis auf die Möglichkeit des Entstehens einer neuen prolc- tarischen Partei berührt hat, dann bin ich nicht radikal. Wehn das radikal sein soll, daß man alles mitmacht, was Artur Stadthagen und Rosa Luxemburg machen, dann bin ich nicht rabika» Wenn es' Mode wird, daß man jeden, der das nicht mitmacht, als im Sumpf stehend bezeichnet, dann will ich Hern mit Kautsky und anderen Meisterir unserer Theorie im Sumpf stehen. Gewiß, wir haben auf der rechten Seite der.Partei Leute, die das Pro- gramm revidieren wollen. Aber in Jena saßen die Revisionisten auf der linken Seite. Die Resolution Lüxcmburg-Geher zur Steuerfrage bedeutet eine Revision des Parteiprogramms.— Wenn Stadthagen sagt, er freue sich, daß ich aus'der Preßkommsssion herauskomme, so kann ich ihm das nachfühlen, denn wir beide haben in der Preßkommission Auseinandersetzungen gehabt, die es mir verständlich machen, daß er seiner Freude'so unverhohken Ausdruck gab. Aber das kam« ich dem Genossen Stadthageu sagen: Los ist er mich noch lange nicht. Der Aerger, dem man jetzt Ausdruck gegeben hat, entspringt nicht daraus, daß ich die Kandidatur zum Parteivorstand angenommen habe, sondern baß ich gewählt worden bin. Wäre ich durchgefallen, dann hätten sich viele gefreut und mir meine Kandidatur nicht vorgeworfen. Daß ich gewählt wurde, daran bin ich unschuldig. Das hat der Partei- tag getan. Wenn der in Niederbarnim ausgesprochene Wunsch, mir ordentlich eins auf den Mund zu geben, heut in den Ber- liner Versammlungen erfüllt werden sollte, dann sage ich: Viel Vergnügen. Das Maulaufreihen ist mein gutcS Recht und das gute Recht jedes anderen. Sein allgemeines Urteil über den Parteitag faßte der Redner dahin zusammen: Der Parteitag hat vor allem klar gestellt, daß die innere Geschlossenheit der Partei nichr angetastet'werden darf. Dieser Parteitag war. einer- der besten, die wir gehabt haben. Blanke billigte die Hältung des Parteitages in der Massen- streikfrage iind kritisiert die von Stahthagen in Mderbarnim gegen Wels geiiiachten Aeußerungen. Robert Schmidt sagt« zur Vorftandswahl: Die in Nieder- barnim zum Ausdruck gekommene Anffassling-entspreche nicht' den 'demokratischen Grundsätzen. Man solle keine gebundenen Listen aufstellen. � Jeder einzelne muß daö Recht haben, zu wählen wen er will. Kein Beschluß darf ihn in dieser Hinsicht binden. Der Zentralvorstand hat gar kein Recht, den Delegierten vorzuschreiben, wen sie wählen sollen, er hat mich nicht das Recht, jemandem Vorschriften darüber zu machen, ob er kandidieren darf.— In längeren Ausführungen ging der Redner auf die Fragen de? Massenstreiks und der Steuerpolitik ein. Er billigte die Haltung der PartcitagSmehrheit. Die Haltung der Fraktionsmeyrheit zur Deckungsvorlage entspreche den« Standpunkt, den die Partei stets eingenommen und namentlich in der Agitation betont hat: Weirn neue Steuern nicht verhindert werden können, müssen wir bestrebt sein, sie auf die leistungsfähigen Schultern zu legen.— Die Partei steht heute auf einem sehr verantwortungsvollen Posten. Das hat der Parteitag erkannt, und er hat gezeigt, daß er die Kräfte der Partei richtig abzuschätzen weiß, und daß sie— wie Kautsky schrieb— ihre-Hccrhaufen nicht dahin dirigieren' wird, wo sicheres Verderben ihrer wartet. Achtung bor jeder lieber- zeugung, auch vor der, die uns ungestüm vorwärts drängen will. Aber cS sollen auch die Genossen berücksichtigt werden, welche glauben, daß mit den Kräften ocr Partei nicht v» bengu« gespielt l oerdcn darf. V o l m a r s h a u S betont«, daß die Radikalen den Massenstrci' auch nur dann wollen, wenn er notwendig ist. Man dürfe ihnei also nicht syndikalistische Bestrebungen vorwerfen, womit nur die Genossen bange gemacht, werden sollen. WelS habe schon seit Jahren beim Bericht vom Parteitag immer gegen Stadthagen gefsTrochen. Man solle doch nicht in dieser Weise die eigene Person in den Vordergrund drängen. Diese Angelegenheiten interessieren die Genossen doch nicht so wie die allgemeinen Parteifragen. Friedlänver sagte zun« Fall Radek: Wenn nur ein Tüpfelchen von dem wahr ist, was das Schiedsgericht den pölnisck, Genossen unter Vorsitz von KarSkh und Rosa Luxemburg festgesi'.. hat, dann gehört Radek nicht in die Partei. Zu der Angefagenhc Brühl-Wels sagte der Redner: Stadthagen und Brühl spekulier! auf eine gewisse Mißliebigkeit des Genossen Wels in den Reih> der Berliner Parteigenossen. � Diese Mißliebigkeit kommt dahe- weil Wels in den Generalversammlungen von Groß-Berlin oft Anträge des Zentralvorsiandes zu begründen hatte, die bei den Parteigenossen heftigen Widerspruch fanden. Weiter führte d Redner aus: Die ganzen Diskussionen drS Parteitages haben nicht erkennen lassen, worin die neue offensiv« Taktik der Partei bestehen soll. In der letzten Sonntagsnummer dxr„Leipziger VolkZzeitung" empfiehlt Genosse Pannekoek die offensive Taktik; aber mich er sagt nicht, was damit gemeint ist. Wenn damit gemcivt sein foll�— was anzunehmen ist—, daß unS die russische Takt ik empfohlen wird, die aus jeden politischen Prozeß mit einem Streik antwortet, so kann uns diese Taktik nicht zum Erfolg fiihren. Dr. Weinberg führte aus, daß er sowohl in der Massenstreik- wie in der Tecknngsfrage mit der Minderheit gestimm: haben würde. Die dem Genossen Wels wegen der VorstandLwabl gemachten Vorwürfe billigt der Redner nicht. Die allgemeine Ansicht des Redners über den Parteitag ist die: Der Parteitag biete keinen Anlaß zum Jubel, aber auch keinen Grund zur Verzagtheit. Die Meinungsverschiedenheiten, die in Jena zum Ausdruck frimen, seien weniger auf fachliche Unterschiede als auf Verschiedenheiten des Temperaments zurückzuführen. SchmilinSky sagte: Er nehm« eS dem Genossen Wels nicht übel, daß er die Wahl in den Vorstand angenommen hw aber den Berlinern, die für ihn stimmten, mache er den Vorwnr', daß sie den Beschluß der Delegation nicht gehalten haben. Genossin Nemitz beschäftigte sich hauptsächlich mit einigen in der Diskussion gefallenen Bemerkungen über die„Gleichheit'. Im Gegensab zu Dr. Weinberg, der den Inhalt der„Gleichheit" als auch für Durchschnittsarbeiterinnen verständlich bezeichnet hatte, berief sich die Rednerin darauf, daß die in der Werbearbeit stehen den Genossinnen die gegenteilige Erfahrung gemacht hätten. Es fti notwendig, daß die Grundsätze, welche die Genossin Zetkin ain oem Parteitage über die Redaktionsfiihrung vorgetragen hat, auch ausgeführt worden. Z u ch t halt es nicht für richtig,, baß die Delegierten an gewisse, vor dem Parteitag gefaßte Beschlüsse gebunden werden. Die Besprechung der Delegierten könne nur«ine unverbindliche sein. Aus den Debatten auf dem Parteitage müsse sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Wenn sich Brühl jetzt darauf beruft, daß der Partei- vorstand, schon öfter geteilter Meinung� war und die ÄorstandSmii- glieder auf dem Parteitage gegensätzliche Ansichten vertreten haben. so kann Brühl keinen Fall anführen, wo ein Mitglied des Vorstandes gegen eine Vorstandsresolution gestimmt hat. Wenn Stadthagen sich freut, daß Wels auS der Preßkommission ausscheidet, so soll Stadthagen nicht glauben, daß die Art, wie er früher die„Fackcft redigierte, ivo er oft ettren großen Teil öcS Blattes mit dem Abdruck von Reichstagsrcdcn füllte, jeht auch i«i„Vorwärts" Platz greifen darf.— Tie Diskufsionen über den Massenstreik erklärt der Rodner für müßiges Gerede, woran sich am meisten solche Gc Nossen beteiligen, die nichts davon verstehen. Robert Schmidt bemerkte noch: Es sei doch nicht daran M denken, daß jetzt, wo wir 700 000 Arbeitslose haben, ein Massen- streik ins Werk gesetzt werden kann. Immerfort über ein Kampf- mittel reden, das man noch nicht anwenden kann, das müsse den Gegnern als Schwäche evschech-n. Nach einem Schlußwort der Referenten konstatierte der Vor- sitzende Friedländer ohne Widerspruch, daß die Versammlung m i t der Haltung ihrer Delegierten auf dem Partei- tage einverstanden ist. Hierauf wurde Genosse Barkowski als Kandidat für die Stadtverordnctcnwahl im 26. Bezirk einstimmig aufgestellt, Ein Antrag, der die Einrichtung einer besonderen Sektion des Wahlvcrcins für Genossen von 18 bis 21 Jahren fordert, wurde nach kurzer Diskussion dem Vorstande zur Berücksichtigung über wiesen. Sechster Wahlkreis. Die Vorschläge zur Aufstellung der Kandidaten zur Stadtver. ordneteiMMhl fanden widerspruchslose Zustimmung der Versamm- lung. Nachdem noch einem Ausschluhantrag gegen Rettig zuge- stimmt wurde, � nahm S t ä f f l c r das Wort zu dem Bericht vom Parteitag. Er streifte die einzelnen Verhandlungs punkte, verweilte ettvas länger bei der Frage des Massenstreiks, in, dem red ie Zustimmung zur Resolution des Parteivorstandes da- mit rechtsertigtc, daß es notwendig sei, die Gegensätze möglichst auszugleichen, um geschlossen den Kampf aufnehmen zu können. Trotzdem brauche man aber nicht mit jedem einzelnen Wort ein- verstanden zu sein. Vor allem sei es crsorderlich, die Idee des Massenstreiks zu propagieren, damit die Kämpferscharcn mit der Waffe im gegebenen Augenblick vertraut sind. Die Verhandlung über die Arbeitslosenfrage, so führte der Referent weiter aus, wurde durch die vom einheitlichen Willen des Parteitags getragene Resolution zu einer imposanten Kund- gebung. Bei der Erörterung über die Steuerfrage ibodnuertc der Red- ner, daß es der Minderheit in der Fraktion nicht möglich gewesen sei, ihren Standpunkt eingehend darzulegen. Ob aber die An- nähme der zu diesem Punkte vorliegenden Resolution von Nutzen sein werde, müsse er bezweifeln. Die Fraktion solle es in Zukunft lieber auf eine Auflösung ankommen lassen. Wenn sich in der Praxis herausstellen sollte, daß die Resolution nicht von Nutzen sei, müsse sie der nächste Parteitag wieder beseitigen. Er wünsche, daß die Massen künftig erst befragt werden, ehe die Fraktion eine Stellung von so weittragender Bedeutung einnehme. Ter Referent warf weiterhin einige kurze Streiflichter auf die weiteren Punkte und erörterte dann die Vorgänge bei der Vorstandswahl. Wenn Wels behaupte, Brühl sei nur von einer Minderheit vorgeschlagen, befinde er sich im Irrtum; Brühl sei vielmehr einstimmig vor- geschlagen und Wels hätte sich dem fügen müssen. In der Debatte wendete sich Pfuhl dagegen, daß der Partei. tag in der Steuerfrage von der altbewährten Taktik so sehr abgc- wichen sei. Ein Schritt fehle nur noch bis zur Budgetbewilligung. Wie wir es früher getan haben, sollten wir auch jetzt noch die Steuerbewilligung den Bürgerlichen überlasse». Auch die BeHand- lung des politischen Massenstreiks berühre eigentümlich. Es dürfe nicht unwidersprochen bleiben, was Scheidemann gesagt habe in bezug auf die Genossen, die eine andere Ansicht haben als der Parteivorsiand, der anscheinend die Massen einschläfern wolle. Der Parlamentarismus sei ohne die politische Aktion der Massen ohn- mächtig. Bezüglich der Vorstandswahl scheine ihm, daß Wels allzu sehr nach der Sonne fliege, und er werde sich die Flügel noch ver- brennen. Brühl sei ein Opfer der Nieder-Barnimer Resolution geworden. Wels aber habe sich über Beschlüsse unfair hinweg- qesctzt. Schubert bedauert, daß die Maiseier durch das Verhalten getvisser Genossen aus Gcwerkschaftskrcisen herabgewürdigt sei. Auch das Verhalten Scheidemanns, vor allen, auch die Worte Bauers in bezug auf den Massenstreik seien deprimierend. Heide: Die Richtlinien, die uns der Parteitag gegeben hat, sind kaum als solche anzusehen. Der Verwendungszweck darf auch bei indirekten Steuern nicht außer Betracht bleiben. Zum Massen- streik ist eine Entschließung angenommen, die vor fast zehn Jahren ähnlich auch angenommen wurde. Wann aber ist endlich der Zeit- Punkt zur Anwendung der Waffe gekommen? Ledebour: Der Unterschied, der mich vom Referenten und von anderen Genossen trennt, in bezug auf die praktische Stellungnahme zur Massenstreikfrage, liegt darin, daß ich und einige andere Genossen in der Resolution des Parteivorstandes ein Vcrlegenheitsprodukt erblicken. Der Parteivorstand hätte am liebsten nicht an die Frage getippt. Wenn aber jemand nur mora- lisch gezwungen zu einer Frage spricht, kommt in der Regel nichts Vernünftiges heraus. Es haben sicher außer dem Parteivorstand noch andere Instanzen an dem Zustandekommen der Resolution mitgewirkt. U eberflüssig war, daß Scheidemann Genossen nnt anderen Anschauungen persönlich herabsetzte. Ich habe im Reichstag unter Zustimmung der Fraktion er- klärt, daß die Massen zum Massenstreik greifen müßten, wenn sie in Preußen kein gleiches Wahlrecht bekommen. Und jetzt sind wir deshalb Syndikalisten? Nachdem wir den Wahlkampf in Preußen hinter uns hatten und sich gezeigt hatte, daß wir eine irgend unse- rer Größe entsprechende Vertretung nicht bekommen, mutzte auf dem Parteitag die Notwendigkeit des Massenstreiks betont werden, und zwar mit aller Energie. Jetzt mutzte aber auch der ernste Wille zur Tat bekundet werden!� Weiter wollte unsere Resolution nichts. Unsere kolossal angewachsene Partei kommt mit den bisher angewandten Mitteln nicht mehr aus. Die Quantität muß in Qualität umschlagen, wie Engels sagt. Wir werden mit unseren III Mandaten weniger denn je sozialdemokratische Forderungen durchsetzen können. Unter den bürgerlichen Parteien be- steht das Bestreben, die Sozialdemokraten allein reden zu lassen, um so die Debatte zum Absterben zu bringen. Mit plumpem Hohn wagt man es, sogar uns gegenüber in u ns er e n Reihen die gleiche Taktik zu empfehlen. Wenn die Bürgerlichen uns parlamentar-isch aushungern wollen, müssen wir zu Massenaktionen kommen. Es wird sich aber zeigen, daß das, was unsere Resolution will, von selbst und nur zu bald kommt. In der Steuerfrage erscheint die Lage nwst so ungeklärt wie möglich. In der Fraktion bestand der Kardinalfehler in der Ein- willigung zur Trennung von Heeres- und Teckungsvorlage. Da- durch wurde unsere Stoßkraft gegen erstere geschwächt. Die Schuld an der Flauheit der Masse lag darin, daß es von vornherein hieß, die Annahme der Heeresvorlage sei nicht zu verhindern, und da darf man sich nicht wundern, wenn die Massen sich fragen: weshalb sollen wir uns darüber noch aufregen? Auch die Angst vor einer Reichstagsauflösung, die bei einzelnen bestand, war ein Fehler, war geradezu beschämend und durchaus einer„revolutionären" Partei unwürdig. Die Resolution, die angenommen ist, ent- scheidet gar nichts. Stets von neuem wird der Mcinungskamps wieder auftauchen. Mit der Erledigung des Falles Radck kann ich auch nicht einverstanden sein. Ich halte sie für ein schweres Unrecht. Nicht, daß der Fall an sich uns hier interessierte; aber es bestehen keine allgemeinen Grundsätze über die Frage, was als ehrlos gilt. Deshalb mutzte ein deutsches Schiedsgericht eine Unter- suchung einleiten, zumal das auch die polnische Organisation wünschte. Daß aber einem Gesetz rückivirkende Kraft verliehen wurde, ist geradezu eine Ungeheuerlichkeit. Diese» Beschluß rück- gängig zu machen, ist eine Pflicht der Gerechttgkeit- Die Wahl des Genossen Wels an Stelle des Genossen Brühl hätte ich gern nnerörtert gelassen, weil dadurch ein persönliches Moment hineingetragen wird. Es besteht kein Zweifel, daß Brühl seiner Ueberzeugung wegen aus dem Parteivo rstan d hii i a usgc- Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielrpp. Neukölln. Für den wählt wurde. Daß Brühl für seine Neberzeugung eintrat, ohn« ein Hehl daraus zu machen, ehrt ihn. Die Tatsache, daß urspriing- lich die Frage gestellt wurde, wen im gegebenen Fall die Berliner fallen lassen wollten, hat zweifellos gewissen Leuten die Möglich- keit gegeben, das Gerücht auszusprengen, die Berliner wollten Brühl gar nicht. Uns, die wir Wels aus der Fraktion kennen, ist er ja als Opportunist bekannt, aber im allgemeinen hält man ihn noch für einen gemäßigten Radikalen, wie er sich selbst, nach seiner Erklärung zu schließen. Dißmann hat sich in einem Schreiben an mich zu der im„Vorwärts" aufgestellten Behauptung Wels wie folgt geäußert: „Wir hatten bei unserer Stellungnahme in Chemnitz keine Beanstandung bczügl. der gefestigten Grundanschauungen bei den Genossen Brühl und Wengels. Uns kam es darauf an, den Genossen aus dem Reich die Möglichkeit zu geben, bei der Nomi- nicrung der Kandidaten(Beisitzer im Parteivorstand) ein Wort mitreden zu können. Deshalb wünschten wir vor der Kandi- datenaufstcllung eine Aussprache und Verständigung mit den Vertretern der Berliner Genossen, damit die Genossen des Reichs nicht einfach von jeder Mitwirkung ausgeschlossen sind. In diesem Sinne verhandelten verschiedene unserer Parteifreunde, darunter auch Gottsckalk-Königsberg und ich, mit Vertretern der Berliner Genossen. Unter letzteren befanden sich die Genossen Ernst, Henschel, Wels. Diese Verhandlungen können Genoffen Wels nicht den ge- ringsten Anlaß geben, Ausführungen wie oben skizziert zu machen. DaS bestätigt mir ebenfalls Genosse Gottschalk-Königs- berg in einem Schreiben. Rob. Dißmann." Der Parteitag hat eine aufklärende Wirkung gehabt in der sogenannten Richtungsfragc. Liebknecht: Ich möchte mich mit wenigen Worten gegen die Lösung der polnischen Frage wenden, wie sie der Parteitag beliebt hat. Die Frist, die gefetzt wurde, um ein Jneinanderleben der Polen mit der allgemeinen Organisation herbeizuführen, ist zu knapp bemessen. Den Ausführungen Daszinskis stimme ich zu. Auch ich bedauere den Ausgang des Falles Radek. Der Fall war und sollte in seinen Einzelheiten nicht erörtert werden. Der Parteitag hat aber über das Materielle ein Urteil gefällt, ohne den Fall zu kennen. Besonders die Stigmatisicrung Radeks durch Müller trug dazu bei, daß einem Beschluß rückwirkende Kraft ver- liehen wurde. In der Steuerfrage weiche ich von der Anschauung Ledebours ab. Die Erörterung war mit die unerquicklichste des Parteitages. Die theoretische Erörterung wurde völlig von der taktischen erdrückt. Eine einzigartige Erscheinung war die völlige Uebcreinstimmung von Referat und Korreferat. Beide, die mehr als vier Stunden ausfüllten, und das Schlußwort hinzugenommen, einschließlich der Debatterodner, gaben somit der Fraktionsmehrheit 7 Stunden Zeit, ihren Standpunkt darzulegen, während die Minderheit knapp zwei Stunden zur Verfügung hatte. Das mußte zu einem Theatererfolg der Mehrheit führen. Ich gehöre zur Minderheit und stehe doch auf dem Boden der Wurmschen Reso- luiion, weil sie durchaus auf gleicher Basis mit der Nürnberger Resolution steht und keineswegs einen Schritt zur Budgetbewilli- gung bedeutet. Eine Verweigerung der Deckung hätte im vor- liegenden Falle nicht die Durchführung der Militärvorlage ver- hindert. Diese wäre event. unter Etatbruch durchgesetzt worden. Wir haben eine Angstmeierei wegen'der drohenden Reichstagsauflösung durchzumachen gehabt. Die Mandate, die auf schwachen Füßen stehen, ind ein Bleigewicht in allen ernsten Fragen und sind in solchen Augenblicken mehr von Uebel, als sie sonst nützen. In der Frage des Massenstreiks stehe ich vollkommen auf gleichem Boden mit Ledebour. Die Resolution des Parteivorstandes sucht geradezu ihrer ganzen Tonart nach mies zu machen. Das trat insbesondere auch in den Reden hervor. Aber leider erstreckt sich auch das Miesmachen auf die preußische Wahlrcchtsfrage, und das ist über- aus betrübend. Hängt diese Frage nicht mit der Reichspolitik aufs innigste zusammen? Auch die Frage der Arbeitslosenfürsorge und die der Niederwerfung aller Reaktion sind eng verknüpft mit der Wahlrechtsfragc. Die Resolution des Parteivorstandes dedeutet eine Diskreditierung der Masscnstreikfrage. Wir aber lvollcn eine Förderung. Die preußische Wahlrechtsfrage ist die Zentralfrage, um die wir alles einzusetzen bereit sein müssen. Dazu ist nötig, den Willen zum Massenstreik zu wecken und zu stärken. Genossin Reichert: Mir hat der Parteitag keinen so un- günstigen Eindruck hinterlassen, wie den Genossen Ledebour und Liebknecht. Rednerin legt ihre Auffassung dar, kommt dann aus die Frauen- sowie Jugendbewegung zu sprechen und fordert zu tätiger Mitarbeit auf diesem Gebiete auf. Ein Schlußantrag wird angenommen. S t ä f f l e r verteidigt im Schlußwort seine Auffassung gegen- über den Ausführungen Liebknechts und Ledebours. Als der Ver- 'ammlungsleiter das Einverständnis der Versammlung mit dem Verhalten der Delegierten konstatieren wollte, tönte ihm aus einem Teile der Versammlung ein„Na, na!" entgegen. Neukölln. Vor wohlgefüllter Versammlung berichtete hier Genosse P ä tz e l. Der eigentliche Geschäftsbericht des Parteitages gab teenig Grund zur Debatte, bis auf den politischen Umblick. Bc- önders die Frage des Massenstreiks, des Jubiläumsrummels und der Abonnenteneinbuße boten Anlaß zur Diskussion.� Hier hätte gezeigt werden müssen, was wir versäumt haben. Wäre das aber gelungen, dann hätten eben alle geschlafen. Oder ist es denn kein Belveis intensiver Arbeit, daß wir III Reichstags-, 271 Landtags- und 809 Stadtverordnete besitzen. Weiterhin in 3000 Gemeinden zirka 9000 Vertreter und 320 Magistratsmitglieder. Gewiß geht es langsam vorwärts, aber doch stetig. Was sich im Jahresbericht lviderspicgelt, ist die nicht zu übersehende Kleinarbeit. Doch will Redner nicht bestreiten, daß, wenn wir mit der Portion Klassen- bewußtsein, mit dem die Bourgoisic kämpft, arbeiten würden, wir bedeutend weiter wären, als wir sind. So hätte uns das Jahr 1912 bei einer derartigen Gärung mehr bringen müssen, als wie ge- chehen. Daß nur 12 000 Zieuausnahmen zu verzeichnen sind, ist vohl bedauerlich, erfreulich dagegen ist, daß es meistens Frauen ind, die den Weg zur Partei gefunden haben. Wenn er bedenkt, daß loir zurzeit 92 Tageszeitungen haben, die in 63 eigenen Ge- chäften mit einem Personalbestand von 11 000 hergestellt werden und sogar noch 312 000 M. Ueberschutz erzielten, so liegt wirklich kein Anlaß zur Trübsalsbläserei und Schwarzseherei vor. Ditt momentane Flauheit wird in dem Augenblick? schwinden, sobald die wirtschaftlichen Verhältnisse sich bessern. Zurzeit haben wir 1% Millionen Abonnenten der Parteipresse, natürlich bei weitem niehr Leser, besonders in den kleinen Jndustrieortcn. Wir dürfen eben nicht vergessen, daß sich die Konjunktur in absteigender Kurve bewegt. Eine erfreuliche Tatsache ist der Stand der..Arbeiter-Jugend", die heute schon 107 000 Exemplare Auflage zählt. Genau so er- -reulich ist aber auch der Vorsatz, sich mit der 18— 21jährigen Jugend eingehender zu beschäftigen als bisbcr. Sehr recht habe Soll- mann gehabt, als er auf die notwendige, vorzunehmende BildungS- arbeit in diesen Reihen hinwies, diese ist sehr zu begrüßen. Viel wird durch die Agrarkommission gewonnen werden. Diese muß das nötige Material sammeln und verarbeiten, um die so ganz anders gearteten ländlichen Verhältnisse zu klären. Auf dem Lande mutz man eine sozialdemokratische Schablone beiseite lassen; es heißt hier den Wirkungen(Siedlungspolitik) auf den Grund zu gehen. Verhütet inuß werden, daß die kleinen Leute als aus„der Landwirtschaft Nutzziehende" vom Bund der Landwirte geködert werden; denn wir haben für diese Kleinen zu sorgen. Selbst- verständlich sind in dieser Kommission alle Richtungen, wohl auch A r t u r Schulz, vertreten. � Am Parteihimmcl war bis zum Sommer kein Wölkchen zu erblicken. Da kamen der Jubiläumsrummel, der Zarenbesuch und die näheren Ergebnisse der Landtagswahl. Mit Fug und Recht hat dann Frank in Wilmersdorf die Frage aufgeworfen, was ist nun zu tun? Daß Genossin Luxemburg als Antipode Franks seinen Standpunkt nicht teilte, sei erklärlich. Doch auch hier liegt die Wahrheit in der Mitte; denn ohne Erörterung können wir bei der heuttgen bürgerlichen Parteikonstellation(Dreigestirn — Bund der Landwirte, Industriellen und Mittelständler) in den schönsten Massenstreik geraten. So sollte es die Regierung nur versuchen, die Gewerkschaften anzutasten, oder die Vereinsvermögen zu konfiszieren, oder gar eine Reichstagswahlrechtsverstümmelung vorzunehmen und wir hätten den Massenstreik. Zu verurteilen war das heftige Aufeinanderlosgehcn. Unter den gegebenen Verhältnissen konnte die Reichstags- fraktion gar nicht anders handeln, als wie sie es getan. Nimmer hätten wir bei einer Reichstagsauflösung draußen den Leuten klar- machen können, daß wir an der Seite der Konservativen gegen die Belastung der Besitzenden stimmen. Neue Heeresvorlagcn wirken. Bürden wir dem Besitz wieder die Lasten auf, so wird ihm die Affenliebe zum Militarismus schon vergehen. Bei einer Urab- stimmung würde wahrscheinlich der größte Teil der Genossen der Fraktion recht geben.(Lebhafter Widerspruch.) In gründlicher Erörterung wurde dm Frage der Arbeitslosig- keit verhandelt. Die Regierung sowohl als die Kommunen müssen dieser Frage nähertreten. Fest scheint zu stehen, daß Grotz-Berlin bald eine Arbeitslosenversicherung bekommen mutz. Als der Wurm, der nicht sterben kann, ist die Maifeier zu be- zeichnen. Sie ist tot geredet und geschrieben worden und kann doch nicht enden. Durch moralischen Druck wird hinreichend auf die Parteiangestellten eingewirkt werden, so daß sie den Beschlutz, betreffs Ablieferung des Tagesverdienstes, nachkommen.(Wider- spruch.) Die Quintessenz der Steuerfrage ist, daß wir nicht nach einer Schablone arbeiten können, sondern die Frage entscheidet: �„Wie trifft die Steuer nicht die Armen, sondern die Besitzenden?" Da man Arbeiter dutzendweis ausschließe, habe er die Ge- rechtigkeitsonkelei im„Fall Radek" nicht begreifen können und, wie auch Scholz, fiir den Ausschluß gestimmt. Das neugewählte Parteivorstandsmitglied Otto Wels war früher nie Pätzels Mann; doch habe er ihn später als treuen Kamerad und Drauf- gänger schätzen gelernt. �Ueber Brühl will er damit absolut nichts gesagt haben. Zum Schluß wendet er sich gegen die Art der Parteitagskritik der„Bergischen Arbeitersttmme", um dann mit der ..Neuen Zeit" zu schließen: Der Parteitag hat gezeigt, daß wir bleiben, was wir waren.(Beifall.) P o d a m y ist unzufrieden mit dem Polenbeschluß. Es sei ein großer Fehler, daß über der P. P. S. der Stab gebrochen ist. Wenn man auf der einen Seite die Germanisationspolitik be- kämpfe, so dürfe man in den eigenen Reihen solche nicht durch die Auflösung der P. P. S. treiben. Da nur der gutbezahlte Arbeiter sich den„Vorwärts" leisten kann, müßte er billiger werden, so wie die Provinzpresse. Ausschließlich und öfters von lebhaftem Widerspruch begleitet behandelte dann in zirka% Stunden Genosse Zcopernick die Polenangelegenheit. Ueber diese Frage sei P ä tz e l zu kurz hin- weggegangen. Wer hat dem Parteftag das Recht gegeben, sich über die große geschichtliche Entwickclung des Polentums hinwegzu- setzen? Jetzt wird der Fluch der bösen Tat sein, daß ein Kampf unter den Genossen entbrennen wird. So vielleicht bei der Reichs- tagswahl.(Stürmisches Pfui.) Unseren Abgeordneten müsse die heuchlerische Maske heruntergerissen werden.(Große Unruhe.) S k u h r betont, daß er mit der P. P. S. gearbeitet habe. Von beiden Vorrednern werde die Sache schief hingestellt; es seien eben Polen. Nicht die Deutschen, sondern die P. P.«. vergewaltigt. Das können wir auf keinen Fall weiter dulden. In Oberschlesien ist von den Polen kein Pfennig dem Pressefonds überwiesen, aber sehr gern deutsches Geld angenommen worden. Bei der Agitation sind es immer die Polen, die gegen die Genossen treiben. In glühender Entrüstung fragt Redner, was die P. P. S. nun eigent- lich geleistet habe? �Nichts; denn sie seien erst Polen, dann erst Sozialdemokraten. So wählen denn die Polen einen S o s i n s k i und Korfanty, aber keinen Sozialdemokraten. Redner geht dann auf das eigentliche Thema ein. Er. hält eS für unangebracht, daß erst jetzt, drei Wochen nach dem Parteitag, der Bericht gegeben wird. Er glaube wohl, daß Sch-v« d em an. w mehr aus sich her- ausgehen würde, wenn er könnte, doch muß er den Gesamtvorstand vertreten. Alle Welt brannte darauf, vom Parteitage Richtlinien zu empfangen, darin sei er sehr getäuscht. Besonders Bauers Aus» nihrungen waren nicht am Platze. Er hätte gewünscht, daß keine Resolution angenommen worden wäre, sonst..resolutionicre" man den Massenstreik genau so zu Tode wie die Maiseier. Wenn ge- sagt wird, Rosa Luxemburg habe keine Fühlung mit den Massen, so ist das sehr deplaciert. Führer und Massen haben Hand in Hand zu arbeiten. Nicht über das Können an sich ist zu reden, darüber sind wir uns klar, nein, ein jeder hat die Pflicht in sich zu fühlen, mitzumachen, wenn es gilt.(Lebhafter Beifall.) R a d k e gibt der Meinung Ausdruck, daß Bebel nicht so weit nach rechts gegangen wäre, wie der Draufgänger Scheide- m a nn. Die um Rosa Luxemburg haben recht mit der Be- hauptung, uns trenne von den Unorganisierten nur ein Blatt Papier. Partei und Geiverkschaften müssen zusammenarbeiten. Zur richtigen Zeit muß Begeisterung in die Massen getragen wer- den; denn Unterstützungen dürsten wohl schwerlich bei einem politi« scheu Massenstreik gezahlt werden. Klar hat sich die Masse darüber zu sein, daß� sie eventuell auch ihr Leben aufs Spiel setzt. Vom praktischen Standpunkt ist der Fraktion recht zu geben. Im übrigen hätte die Polenfrage ruhiger und kühler behandelt werden können. Ein Vertagungsantrag setzte dem großen Diskussionshedürfnis ein vorläufiges Ziel. frauen-l�eleabencie. Maricndorf. Freitag, den 10. Oktober, 8 Uhr, bei Benschcck, früher Buhrow, Chausseestr. 27: Vortrag des Genossen Farwig über:„Bürgerliche Jugendpflege und proletarische Jugendbewegung". WttterungSüberncht vom 8. Oktober 1913. Ktaftonen X B £ 5! 4= i«i II Swinemde. 7o5;SD Hamburg 75ÄOSO Berlin 7S1SO Franks. a.M 1 753| äD München 754S Wien 17 53; SD Bellet »K rii Ä Ii 5? m« m Ctottonen je« 717- NW 753 ONO 752SSW 2 wölken! 2 Regen Iwolkig KRegen Äbedeckt —8 « 12 S 12 5 Dunst S Havaranda 758sNW 3 Dunst 10 Petersburg 755 373 1 bedeckt 11 Scilly----- 1 bedeckt 11 Aberdeen 1 bedeckt 13 Paris ?!? Wetterprognose für Tonnerstag. den 9. Oktober 1913. Ziemlich mild, zeitweise ausllarend, vorwiegend trübe mit Regensälle« und sehr lebhasten südwestlichen Winden.. Berliner W e t t e r b u r e a u. Wen et ** K* Ii £« WasserstandS-Nachrichien der LandeSan stall sür Gewässerkunde, mitgeteilt vom Berliner Wetlerburea» Wasserstand Kemel, Tilfit Brezel, Jnsterburg Weichsel, Thorn Oder, Ratibor , Krossen Frankiurt Warthe, Schümm Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeütz Dresden Barby Magdeburg Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau') , Rathenow') Spree, Spremberg') , Beeskow Weser, Münden , Minden Rhein, MaximllianSau Kaub Köln Neckar. Heilbronn Main. Hanau Mosel. Trier Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke. Berlin. Druck».Verlag Vorn ü,. i) 4- bedeutet Wuchs,— Fall.—») Unterpegel.__ Biick'd'-nckerel u. Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SHK ilt.264. 30. lalirSa.4. 3. Stllllgt!ltS DtlÜlltl AllHiSlllllü. 9. M.bkr ISlZ. Partei- Angelegenheiten. Aicrt« Wahlkreis. In der gestrigen Notiz über die Veran« staltungen der Kurse heißt es, Teilnehmerkarten... zum Preise von 20 Pf. sind bei den Bezirksführern zu haben. ES muß heißen: S0 Pf. Reinickendorf-Ost.„Von der Postkutsche zur elektrischen Schnell- bahn" ist das Thema eines Lichtbildervortrages, den der Bildungs- ausschuß am kommenden Sonnabend sll. Oktober), abends 9 Uhr, im Restaurant Anders, Hauptstr. 51, veranstaltet. Dem Vortrage schließt sich ein gemütliches Beisammensein(mit Tanz) an. Der Eintrittspreis beträgt inkl. Garderobe 30 Pf. BillettS sind noch jetzt bei den Bezirksführern zu haben. Mit diesem Vortrage soll die Bildungsarbeit des kommenden Winters eingeleitet werden. Wir er- suchen die Genossen und Genossinnen um rege Teilnahme. Berliner Nachrichten. Behördlicher Mißgriff. Als ein Mißgriff der in Betracht kommenden Behörden stellt sich der vom Landrat zu Bentheim angeordnete Rücktransport der Ber- liner Auswanderer heraus. So sehr Warnungen vor Auswanderung nach Brasilien angebracht sind— und wir haben oft genug ae- warnt—, so hatte nach Lage der Sache der Landrat von Bentheim kein Recht, die Leute zwangsweise, nach Berlin zurückzusenden. Man hatte den Auswanderern in Berlin anstandslos die erforderlichen Ausweispapiere gegeben, da sie überhaupl nicht verweigert werden konnten, hatte ihnen aber keinerlei Bestimmungen mitgeteilt, welche den Landrat von Bentheim zu seinen Maßnahmen berechtigten. Das scheint selber das Ministerium eingesehen zu haben. Es hat in einer Konferenz unter Leuung des Ministers des Innern die Anordnung getroffen, den zwangsweise zurücktransportierten Leuten Zehrgeld und Reisegeld für die Reise nach Bentheim zu bewilligen. Der größte Teil der Auswanderer hat gestern die Reise nach Holland auf Kosten des Ministeriums wieder angetreten. Ueber die seltsame Angelegenheit wird noch berichtet: Die gesetzliche Bestimmung der„Verhinderung" zur Aus- Wanderung hat eine Auslegung erfahren, die nicht als gesetzlich anzusehen ist. Das hat anscheinend auch das Ministerium ein- gesehen und angeordnet, daß eine zwangsweise Rückbeförderung in Zukunft zu unterbleiben hat. Die Verpflegung und die Reise nach Holland des über 100 Personen starken Auswanderertrupps hat etwa 3000 M. Kosten verursacht. Zahlreiche Familien haben hier in Gasthöfen übernachten müssen, weil sie nicht zeitig genug von den behördlichen Anordnungen in Kenntnis gesetzt worden sind. Ein großer Trupp der Auswanderer umlagerte während der späten Abendstunden gestern den Lehrter Bahnhof, was zu dem falschen Gerücht Anlaß gab, daß weitere zwangsweise nach Berlin beförderte Auswanderer hier eingetroffen seien. Es scheint ein schwerer behördlicher Mißgriff vorzuliegen, zumal unter den Auswanderern Leute waren, die aus eigene Kosten reisen wollten, andere wollten zu ihren Angehörigen fahren. Eine öffent- liche Erklärung darüber, wem die Schuld an diesen Borfällen zuzu- schreiben ist, ist nicht zu umgehen. Nach einer Auskunft der Auskunftsielle für Auswanderer seien im vorliegenden Falle die Bestimmungen des Reichsgesetzes für das Auswandererwesen vom 9. Juni 1897 zur Anwendung gebrocht worden. Der betreffende Paragraph lautet:„Verboten ist die Be- förderung sowie der Abschluß von Verträgen über die Beförderung von Angehörigen des Deutschen Reiches, für die von fremden Re- gierungen der Beförderungspreis ganz oder auch nur teilweise be- zahlt wird oder Vorschüsse geleistet werden." Wie oben schon dargelegt, trifft diese Bestimmung nicht aul alle Auswanderer zu. Bemerken wollen wir aber, daß jeder gut tut, die gewissenlosen brasilianischen Auswandereragenten sich vom Halse zu halten. Bon der Gcmeinde-Wertzuwachssteuer in Berlin. Um große Summen handelte es sich bei den Prozeffen des Bankiers Magnus und seiner Schwester, der Frau Rasch- dau, gegen den Berliner Magistrat, durch die sie Herabsetzung der Gemeindc-Wcrtzuwachssteuer beanspruchten. Der Berliner Magistrat hatte beide auf Grund der Ber- liiter Wertzuwachssteuerordnung unter Annahme eines Wert- zuwachsez von mehr als auderthalb Millionen Mark zur Wert- zuwachssteuer herangezogen, und zwar mit mehr als 300000 M., nachdem sie ihnen gehörende � Grundstücke am Kupfergraben an den Fiskus veräußert hatten. Der Magistrat hatte mit Rücksicht darauf, daß der Fiskus als Käufer vertraglich die Zahlung der Wertzuwachssteuer übernommen hatte, bei Be- rechnung des Wertzuwachses den Steuerbetrag dem aus- bedungenen Veräußcrungspreis zugerechnet. Beide steuerpflichtigen Veräußcrer klagten auf Herab- setzuug ihrer Steuerbeträgc um je etwa 87(XX) M., weil der Steucrbctrag, wenn auch der Fiskus seine Zahlung über- noinmen habe, kein Teil des Veräußcrungserlöses im Sinne der Berliner Wertzuivachssteuerordnung sei. Der Bezirksausschuß gab den Klägern recht und ermäßigte ihre Steuersummen entsprechend. Das Oberverivaltungsgcricht hob aber als Revisionsinstanz die Urteile in beiden Sachen auf und wies die Ermäßigungs- anspräche der Kläger endgültig ab. Begründend wurde aus- geführt: Man verstehe unter dem Beräußerungserlös die Ge- saintheit der Leistungen, die als Entgelt für die Uebertragung des Eigentums ausbedungen sind. Hierzu gehöre auch die Wertzuwachssteuer in den Fällen, wo der Eriverbec sie ver- traglich übernehme. Mit Recht habe der Senat die ent- sprechenden Beträge neben dem vereinbarten Preis als Teil des Veräußcrungserlöses behandelt. Proletarierkind k In unser Bureau tritt abends ein ganz kleines Mädel, blaß und fahlblond und recht unansehnlich, so etwa fünfjährig. Diese Selbständigkeit des Kleinchens freut uns.„Na, was bringst Du, Kleines?".Die Quittung!"„Welche denn?"„Na. fllr'n Lokal- Anzeiger!"„Ach so— na gehst Du denn schon in die Schule?" »Ja!"„In welche Klasse denn?"„In die vierte!"„Was...?" Einen Augenblick ist alles still, sogar unsere Boten, zwei Arbeiterjungen auS dem Nordosten. Dann fragt der eine von ihnen das kleine Kind nach seinem Alter:„Zehn Jahre" ist die Antwort. Und kein Mensch würde ihm mehr als fünf Jahre geben!_ Durch Stellungslosigkeit zur Schwiudlerin geworden. Erwischt wurde jene Schwindlerin, die es aus Kinder abgesehen und die in der letzten Zeit in Moabit ihr Unwesen trieb. Sie hatte mit deni alten, bekannten Kniff, die Kinder mit einem erdichteten od« vorgespiegelten Auftrag wegzuschicken, einem Knaben 10 Mark abgenommen. Die Häufung derartiger Schwindeleien in dem Stadtteil veranlaßte die Kriminalpolizei zu besonderen Beobachtungen. Hierbei sah nun gestern ein Beamter, wie sich ein Mädchen, auf das die Beschreibung der Schwindlerin paßte, an ein kleines Sckml- mädchen heranmachte und eifrig mit ihm sprach. Als die Ver- dächtige endlich die Kleine wegschickte und sich selbst nach einem Hausflur begab, um zu verschwinden, griff er zu und hatte in der Tat die lange gesuchte Schwindlerin gefaßt. Sie wurde festgestellt als ein 18 Jahre altes Kindermädchen Hedwig S., das noch un- bestraft ist und angibt, es sei durch Slellungs- und Wohnungs- losigkeit dazu gekommen. Die Verhaftete hat eine ganze Anzahl von Fällen eingeräumt. Eifersuchtsattentat. Eine Eifersuchtstragödie, bei der ein junges Mädchen von 17 Jahren durch eine Rcvolverkugel getötet wurde, die für ihre ältere Schwester bestimmt war, spielte sich in der vergangenen Nacht vor dem Hause Gartenstr. 46 ab. Der am 10. März 1872 zu Pasewalk geborene, in Schöneberg, Gasteiner Str. 30, wohnhafte ehemalige Zigarrcnhändler Max Jaskolsky gab aus Eifersucht auf seine Braut, die 21 Jahre alte Arbeiterin Else Stürmer, die mit ihrer jüngsten Schwester Margarete bei der Großmutter im Hause Gartenstr. 47 wohnt, vier Revolverschllsse ab. Die Kugeln verfehlten ihr Ziel. Eine Kugel drang jedoch der an der Affäre völlig unschuldigen Margarete Stürmer in die Brust und führte ihren als- baldigen Tod herbei. Mit einer fünften Kugel versuchte sich der Attentäter zu töten. Schwerverletzt wurde er in das Lazaruskranken- haus gebracht. Der Kaufmann Jaskolsky hatte die Else Stürmer vor etwa drei Jahren kennen gelernt und sich mit ihr verlobt. Da er seit längerer Zeit ohne jeden Verdienst war und sich auch um eine Stellung nicht bemühte, so gab das Mädchen das Ver- hältnis zu ihm auf. Jaskolsky wollte aber von einer Trennung nichts wissen, wurde von maßloser Eifersucht gepackt und beschloß, das Mädchen und sich zu töten. Als dieses gestern nacht in Begleitung ihrer Schwester und eines jungen Kauf- manns von dem gemeinsamen Besuch einer Freundin nach Hause zurückkehrte, stürzte vor dem Wohnhause der Mädcheu der I. aus seinem Versteck hervor und gab kurz nacheinander fünf Schüsse ab. Else Stürmer, der die Kugeln galten, blieb unversehrt, ebenso der männliche Begleiter der beiden Schwester». Die 17 Jahre alte Margarete Stürmer starb kurze Zeit nach der Tat auf dem Trans- Port nach einem Krankcnhause. Die fünfte Kugel hatte sich Jaskolsky auf der Flucht in den Kopf geschossen. Der Mörder wird als Polizeigefangener nach der Charits übergeführt werden. Seine Ver- letzung scheint nicht lebensgefährlich. Selbstmord eines Direktors einer Darlehnskasse. Wegen großer Verluste der Jnnungs-, Spar- und Darlehnskasse, Stadtteil Roscnthaler Vorstadt, E. G. m. b. H., die ihren Sitz im Hause Kaiser-Wilhelm-Str. 43 hat, beging gestern vormittag der Direktor der Kasse, Hermann Hufschneider, geboren am 19. Oktober 18öS, Selbstmord durch Vergiftung mit Leuchtgas. Wie weit der Direktor Hufschneider an den Verlusten der Kasse persönlich be- teiligt ist und wie groß die Verluste sind, bedarf noch der Auf- klärung Ein raffinierter Kautionsschwindler, der den Namen der Deutschen Versicherungsgesellschaft„Jduna" in Köln mißbraucht, wird gegenwärtig von zahlreichen Polizeibehörden gesucht. Der Schwindler, der auch in Berlin sein Unwesen treibt, erläßt,.�in gelesenen Zeitungen Inserate folgenden Inhalts: An- ständiger, umsichtiger Herr für Vertrauensposten— Kontrolle und Inkasso— gegen Kautionsstellung gesucht. Offerten unter.... Wenn sich Bewerber meldeten, so erhielten sie den Besuch des „Generalvertreters der Jduna" in Köln, der die Stellungsuchenden ausführlich examinierte, sich Referenzen geben ließ und schließlich bei der Wichtigkeit des zu besetzenden Postens eine Kaution von 1500 M. forderte. Waren die Stellungsuchenden nicht in der Lage, einen derartig hohen Betrag hinterlegen zu können, so ging der„General- Vertreter", der sich Arnold Fitzner nannte und in Erfurt zu wohnen vorgab, bis auf eine Forderung von 600 M. herunter. Dann empfahl sich der Schwindler und erklärte, daß er erst noch ausführliche Erkundigungen über den Bewerber einziehen wolle. TagS darauf erhielt der letztere eine Postkarte, worin er gebeten wurde, sich in einem Hotel, wo F. wohnte, einzufinden und die Kaution in Papiergeld mitzubringen. Bei dieser Zusammenkunft wurde der Vertrag ausgefertigt und vor den Augen des Geprellten die Kaution in einem Geldbrief an die„Jduna" nach Köln ein- gepackt. Wollte der Neuengagierte im nächsten Monat seine Stellung antreten, so erfuhr er zu seinem Schrecken, daß er einem raffinierten Schwindler in die Hände gefallen sei. Die betreffende Versicherungs- gesellschaft kennt natürlich einen Herrn Fitzner nicht und hat auch nie Kautionsgelder von ihm erhalten. Der Schwindler hat stets die Geldbriefe mit den darin enthaltenen Summen nicht abgeschickt, viel- mehr, sobald seine vertrauensvollen Opfer sich von ihm entfernt, die Kautionen für sich behalten. Der Schwindler ist etwa 45 bis 50 Jahre alt, hat blonden Schiturrbart, leicht ergrautes, blondes Haar und tiefliegende graue Äugen. F., der in Berlin mehrere Herren geprellt hat, wohnte, wie wir erfahren, mehrere Tage unangemeldet in Erfurt. Raubansall auf eine Kontoristin. Gestern früh gegen 3V� Uhr erschien im Baubureau des Architekten Endel, Kurfürstendamm 24, ein etwa 21 Jahre alter Man» und fragte die dort allein anwesende 17jährige Kontoristin Eva Ludwig, ob Herr Endel nicht zu sprechen wäre. Als die Frage von der Kontoristin verneint wurde, schlug er das Mädchen sofort nieder, so daß es bewußtlos auf dem Korridor liegen blieb, und begab sich darauf nach den Kontorräumen, wo er sämtliche Behälter erbrach. Das Mädchen hörte noch, daß das Telephon klingelte, und daß der Räuber eiligst davonlief. Es war ihm nur ein kleiner Geldbetrag sowie eine Anzahl Briefmarken in die Hände gefallen. Der Architekt, der auf seine telephonische An- frage aus seiner Privatwohnung keine Antwort erhielt, begab sich daraufhin sofort nach dem Kontor und fand hier die Eva Ludwig schwer verletzt und bewußtlas auf. DaS Mädchen erholte sich jedoch bald wieder und gab eine Beschreibung des Täters, der bereits gestern nachmittag in dem Bureau gewesen war. Bisher konnte er nicht er- griffen iverden. Ein ungewöhnlicher dreister Raubanschlag wurde gestern abend in der Friedrichstraße verübt. In dem Hauze Nr. 34 betreibt der Uhrmacher Karl Heinz Barth ein Goldwarengeschäft nebst Uhr- macherwerkstatt. Als Barth kurz nach 8 Uhr allein in seinem Laden anwesend war, trat ein junger Mann von etwa 20 Jahren herein, setzte dem überraschten Mann einen Revolver vor die Stirn und forderte von ihm die Tageskasse. Barth stieß den gefährlichen Räuber jedoch durch einen kräftigen Stoß beiseite, lief auf die Straße und schrie um Hilfe. Ein Hausbewohner, der zuerst herbei- geeilt war, ging in den Laden hinein. Als der Räuber ihn sah, legte er die Waffe auf ihn an. Ter Mann stürzte sich jedoch auf ihn und packte ihn so, daß er den Revolver nicht losdrücken konnte. Mit Hilfe anderer Leute übergab er dann den Burschen einem Schutzmann, der den dreisten Räuber nach der Revierwache brachte. Hier gab der Verhaftete, bei dem noch 50 scharfe Patronen gefunden wurden an, daß er Karl Becker heiße und aus Frankfurt a. M. stamme. Er halle sich schon seit längerer Zeit wohnungslos hier auf. Der Beihilfe verdächtigt werden noch zwei junge Männer, die vor der Tür standen; es aber vorzogen, die Flucht zu ergreifen, als sie sahen, daß ihr Komplice überwältigt worden war. Ein Achtzigjähriger. Im dritten Kreise war er lange tätig, der Genosse Fritz Hoffmann, der heute seinen 80. Geburtstag feiern kann. Mitte der 60er Jahre trat Hoffmann schon in unsere Be- wegung und besuchte die Versammlungep, in denen Lassalle die Ar- beiter ausrief. Und später in der schwethn Zeit des Schandgesetzes war Hoffmann unentwegt bei der Sache. Und so lange er kämpf- fähig war, hat er seine Schuldigkeit für die Partei getan. Wenn unser Veteran heute im Hospital der alten Leute in Buch, wo er mit seiner Ehefrau lebt, seinen achtzigsten Geburtstag feiert, so senden ihm seine Parteifreunde die besten Wünsche mit der Hoffnung aus einen ruhigen Lebensabend. Vorort- 1>sacKrid)tein Neukölln. Stadtverordnetenversammlung. Nach wochenlanger Pause fand am Dienstagnachmittag eine außerordentliche Sitzung statt, der am Freitag eine weitere folgen soll. Vor Eintritt in die Tagesordnung entspann sich eine lebhafte GeschäftsordmingSdebatte. Stadtv. Dr. Silberstcin(Soz.) protestierte energisch gegen die Willkür- liche Art, wie die Sitzungen einberufen werden. Der sozialdemo- kratischc Antrag betr. Ergreifung von Rdatznahmen gegen die Ar- bcits losigkeit befinde sich seit Anfang September bereits in den Händen des Bureaus; die Schularztfrage harre— auch nach Auffassung des Dezernenten— dringend der Erledigung. Trotzdem bleibe alles liegen, bis schließlich das Material sich angehäuft hat und den Stadtverordneten zugemutet werde, die Berussverpflich- tungen beiseite zu werfen, um in einer Woche in zwei Sitzungen mit endloser Tagesordnung die wichtigsten kommunalen Fragen durchzupeitschen. Gegen eine derartige Rücksichtslosigkeit, an der den Magistrat ein gerüttelt Maß Schuld mit treffe, niüsse nachdrück- lichst Front gemacht werden. Die sozialdemokratische Fraktion werde es sich jedenfalls nicht mehr bieten lassen, daß die von ihr gestellten äußerst wichtigen Anträge in unveranttvortlicher Weise verschleppt werden, sondern sie werde im Wiederholungsfalle ernstliche Maß- nahmen dagegen ergreifen. Beim Abteiankauf und ähnlichen Dingen habe man sehr eilig die Stadtverordneten zusammengeholt; tu solchen Fällen waren für einen crkranktey Dezernenten auch flugs mehrere Magistratsmitglieder zur Vertretung bereit. So dürfe es nicht tveiter gehen.— S tadtvero cd netcnvorsteher- Stellvertreter Scholz erklärt«, die Verzögerung der Sitzung dürfte daraus zurück. zuführen sein, daß die Borlagen dem verreisten Stadtverordneten- Vorsteher nachgesandt und von diesem die Dispositionen getroffen worden sind.(Zuruf: Regiert bei uns das Generalbureau?)— Di« Stadtvv. G r o g e r(Soz.) und W u tz k y(Soz.) verwahrten sich entschieden gegen eine solche Erledigung der Geschäfte im Umher- ziehen; in Abwesenheit des Vorstehers sei dessen Stellvertreter dazu berufen, und sonst niemand.— Die unregelmäßige Einberufung der Versammlung wurde von den Stadtvv. Abraham und Winter ebenfalls gerügt.— Oberbürgermeister Kaiser versprach, daß der Magistrat künftig alles tun werde, un: eine geschäftsordnungSmäßige Abwickelung der Geschäfte zu ermöglichen. Die Gültigkeit der im 2. Wahlbezirk der 2. WählerabteiTung• stattgehabten Stadtverordnete nersatz wähl wurde aner- kannt und im Anschluß daran der gewählte Vorschulleiter R o s e n o w eingeführt und vom Vorsitzenden verpflichtet. Der Bericht zur Vorberatung des O r t s st a t u t s betr. die Reinigung öffentlicher Wege(Bürgersteig« usw.) lag gc- druckt vor. Es soll darin der bisherige, gewohnheitsmäßige Zustand formell festgelegt werden. Danach fällt die Verpflichtung zur Reini. gung der Bürgcrsteige von Schnee und Eis und zur Bestreuung der- selben bei eintretender Glätte den Grundstückseigentümern zu. Die Haftpflichtversicherung für die Eigentümer und die von diesen be- austragten Personen will nach§ 6 des Entwurfs die Stadtgemeiude übernehmen. Trotzdem haben die Grundbesitzer dagegen Sturm ge. laufen. Auch Stadtv. Gröpler polemisierte in langatmigen Aus- führungen dagegen, ohne wesentlicheres anführen zu können, als daß durch den Zwang des Ortsstatuts die Eigentümer polizeilichen „Belästigungen" ausgesetzt würden. In offensichtlicher Ver- fchleppungsabsicht beantragte schleunigst Stadtv. S e r n o Zurück- Verweisung des Entwurfs an die Kommission, was trotz des lebhaften Widerspruchs des Stadtrats Mier von den hausagrarischen Sach- waltern auch durchgesetzt werden konnte, da die Kommunalfort- schrittler, welche in der Kommission für das Ortsstatut gestimmt hatten, umfielen. Den vorgeschlagenen Abänderungen de» De- bauunßsplanes, Abteilung II(an der Kirchgoffe und im Hafengelände) wurde zugestimmt. Ueber die Rechnungslegung der st ä d t i s ch>e n Spar. k a s s e berichtete Stadtv. G r o g e r(Soz.) und beantragte Ent» lastung. Das Guthaben der Sparer betrug 23 089 143 M. im Jahre 1911 und stieg aus 26 339 846 M. Ende 1911 waren 51 080 Stück, 1912 dagegen 57 554 Stück Bücher in Umlauf. Als Einlage ent- fielen durchschnittlich auf ein Buch 457,65 M.(1911; 452,02 M.). Im Rechnungsjahr 1912 wurden 42 587 645 M. in bar und 6 921 564 Mark in Wertpapieren umgesetzt. Die Versammlung stimmte dem Bericht debattelos zu. Für den Wahlausschuß referierte Stadtv. K o y e über die ein- gegangene» Einsprüche gegen die Stadtverordneten- w ä h l e r l i st e. Die von zwei Wählern verlangte Einsetzung der Stadtgemeinde selbst als Steuerzahler beantragte er als unbegründet zurückzuweisen. Ein Entscheid des Oberverwaltungsgerichts bezeichne das ausdrücklich als unmöglich, und zwar„weil die Gemeinde sich nicht selbst besteuern kann".— Stadtv. Abraham riet ebenfalls davon ab, dem Einspruch zu folgen, und führte ein weiteres Urteil des Oberverwaltungögerichts an, in welchem der Klaije einer zur Steuer herangezogenen städtischen Sparkasse auf Freistellung stattgegeben worden ist. Die Stadtväier krochen denn auch diesmal nicht auf den Leim der Herren Höffler und Kurtzrock, welche mit ihrem Einspruch durch Einstellung der bedeutenden städtischen Steuersummen eine neue Wahlrechtsverschlechterung an- strebten, und lehnten den Einspruch ab. Die Vorlage über Bildung einer Deputation zur V«�» äußerung und Verwertung städtischen Grund» b e s i tz e s wurde nach hitziger Debatte an eine gemischte Deputation verwiesen,, der u. a. auch Genosse W u tz k y angehört. Hierauf nahm die Versammlung die Wableu für 6 unbe- soldete Magistratsmitglieder vor, deren Wahlperiode mit dem 31. März 1314 abläuft. Die bisherigen Stadträte wurden wieder» gewählt: Thiemann erhielt 33 Stimmen, der sozialdemokra» tische Gegenkandidat Dr. Fürst 28 Stimmen; F i s che r 34, Stadtv. W u tz k y(Soz.) 27 Stimmen; Dr. Vogel 32, Stadtv. G r o g e r (Soz.) 26 Stimmen; Adam 32, Stadtv. Conrad(Soz.) 26 Stimmen; Niemeh 32, Stadtv. Thurow(Soz.) 26 Sttmmen; Z i e g r a wurde mit 60 Stimmen wiedergewählt. Die übrigen Punkte der Tagesordnung wurden auf Freitag vertagt und in ein« geheime Sitzung eingetreten� Mariendorf. Aus der Gemeindevertretcrsiyung. Zunächst stand eine An- regung des Kreises Teltow aus Abschluß eines Vertrages betreffend die Kanalbrücken zur Verhandlung. Der Gemeindevorsteher Dr. Prühß betonte hierzu, daß man mit dem Abschluß eines derartigen Vertrages im allgemeinen zufrieden sein könnte; e» müsse abtt der Gemeinde das Recht zugestanden werden, Kabel, Robrlettungen und sonstige Anlagen auf den betreffenden Brücken unentgeltlich ausführen zu können. Ebenfalls müsse es möglich sein, Abwässer unter Umständen in vierfacher Verdünnung in den Teltowkanal zu leiten. Auch bei einem event. Ausscheiden aus dem Kreise müsse das Interesse der Gemeinde sichergestellt werden. Die Gemeinde- Vertreter Sauer und E. Noack sprachen sich im gleichen Sinne aus; letzterer regte noch an, daß auch eine sich als notwendig heraus- stellende Verstärkung der Konstruktion der Brücken auf Kosten des Kreises ausgeführt werden müsse. Nachdem noch Genosse Neichardt sich mit den Ausführungen des Gemeindevorstehers einverstanden erklärt, wurde beschlossen, dem Vertrage mit den auf Grund der Kommissionsbeschlüsse vom Gemeindevorsteher vorgetragenen Aenderungen zuzustimmen.— Eine längere heftige Debatte zeitigte der Antrag Gelenthin betreffs Genehmigung und Errich- tung einVc Radrennbahn aus dem Fürst Stollbcrg-Wcrnigerode- schen Gelände an der Schöneberger Straße. Wie der Gemeinde- Vorsteher dazu ausführte, fMt sich die Baukommission eingehend mit diesem Projekt beschäftigt; es sei vom Haus- und Grundbesitzer- verein Südende und auch von Mariendorf ein Schreiben einge- gangen, die Genehmigung nicht zu erteilen. Die Kommission habe die angegebenen Gründe geprüft und sei zu dem Entschluß ge- kommen, dieselben als stichhaltig nicht zu betrachten. Er empfehle deshalb im Auftrage der Kommission, dem Antrage im Prinzip zuzustimmen. Die Gemeindevertrcter Th. Noack, Sauer und Jahn sprachen sich entschieden gegen die Errichtung einer Radrennbahn aus. Letzterer speziell machte auf das Geräusch aufmerksam, das durch das Geknatter der Motore entstehe; die Mieter in dem Villenterrain Südende würden in Massen ihre Wohnungen kündi- gen, und die Gemeinde würde die besten Steuerzahler verlieren. Der Gemeindevertreter Schmidt sprach sich für die Errichtung der Rennbahn aus; wenn, wie angeführt werde, das Terrain dadurch entwertet würde, hätte er das größte Interesse daran, dagegen zu stimmen, weil er Grundstücke in nächster Nähe des Terrains bc- sitzt. Genosse Weber ist der Meinung, daß die Gründe der Gegner nicht stichhaltig sind; das Geräusch sei nicht halb so schlimm, als es dargestellt werde. Mit demselben Recht könnte man sich auch gegen das Geräusch der Luftschiffe und Flugapparate, welche in größerer Zahl fast jeden Tag den Ort überfliegen, wenden. Ge- nosse Reichardt wies darauf hin, daß durch eine derartige Anlage der Ort nur gewinnen könne; man müsse damit rechnen, daß Mariendorf dadurch bessere Bahnverbindung am ehesten erzielen könne. Die Gemeinde erhalte auch ganz bedeutende Einnahmen. Redner erinnerte außerdem noch an Steglitz und Friedenau; beide Gemeinden hätten zu einem guten Teil ihre EntWickelung auf die vorher bestandenen Radrennbahnen zurückzuführen. Gerade in nächster Nähe der Bahnen habe die Bautätigkeit zuerst eingesetzt. Herr Jahn war durch die Ausführungen unserer Genossen und des Herrn Schmidt sehr aufgeregt; er kündigte, sobald die Majorität für die Genehmigung stimmen würde, einen Krieg an, wie ihn Mariendorf bisher noch nicht erlebt habe; er werde gegen die Er- richtung der Radrennbahn kämpfen„bis zum letzten Blutstropsen". Außerdem machte Redner dem Genossen Reichardt und Herrn Schmidt den Vorwurf, wider besseres Wissen Behauptungen auf- gestellt zu haben; wegen dieser Aeußerung wurde Herr Jahn vom Gemeindevorsteher zur Ordnung gerufen. Genosse Reichardt so- wohl wie Herr Schmidt verwahrten sich gegen derartige Unter- stellungen und Genosse Weber meinte ironisch, wenn Herr Jahn aus diesem Grunde sein kostbares Blut verspritzen würde, so möchte er am liebsten gegen den Antrag stimmen. Auf Antrag Th. Noack erfolgte hierauf namentliche Abstimmung, um, wie der- selbe begründend ausführte, nach Jahren noch in der Lage zu sein, den Herren ihren jetzigen Standpunkt vor Augen zu halten. Für die Genehmigung zur Errichtung einer Radrennbahn stimmten außer unseren vier Genossen noch die Gemeindevertreter Dillges und Schmidt, sowie der Gemeindeborsteher und der Schöffe Machon; dagegen stimmten die Gemeindevertreter Ed. Noack, Th. Noack, Treppens, Sauer und Jahn.— Hierauf erfolgte noch eine geheime Sitzung. Weisjensee. Aus der Gemeindevertretung. Der Vertrag mit dem Fuhr- Unternehmer, der die Wagenverbindung zwischen Säuglingskranken- haus und Pfarrkirche leistet, wurde auf ein Jahr unter den alten Bedingungen erneuert. Bei dieser Gelegenheit wurde das schlechte Pferdematerial wie da? miserable Aussehen des Wagens bemängelt. Zu Vorsitzenden des Gewerbegerichts für das Jahr 1914 wurden der Beigeordnete Dr. Klamroth, Syndikus Knothe und an Stelle deS Rechtsanwalts Dr. Weinberg der Nationalökonom Dr. Brandt ge- wählt. Dem Wunsche, die Sitzungen des GewerbegerichtS nicht vor drei Uhr nachmittags beginnen zu lassen, sowie die Verhandlungspunkte zu beschränken, soll nachgekommen werden. Der vor zwei Jahren erfolgte Erlaß einer Polizeiverordnung für das öffentliche Fuhrgewcrbe hat dem Regierungs- sowie dem Polizeipräsidenten Anlaß gegeben, einige Aenderungen vorzuschlagen, um eine Einheitlichkeit mit den schon bestehenden Vorschriften zu erzielen. Die Polizeiverordnung umfaßt 82 Paragraphen, sie wird jedoch für den Ort keine Verlvendung finden, da eine Konzessionierung von Droschken und Autos für Weißensee nicht nachgesucht werden dürfte.— In der geheimen Sitzung wurde nochmals über die Aufnahme einer Anleihe von 1 Million Mark beraten, die der zu errichtenden Anstalt für zweite Hypotheken zur Verfügung gestellt werden sollen. Vom Kreisausschuß wurden Bedenken erhoben, dieses Geld schon jetzt aufzunehmen, bevor die Genehmigung zur Er- richtung einer solchen Anstalt von der vorgesetzten Behörde erfolgt sei. Die Gemeinde hat jedoch Gelegenheit, von einem Geldinstitut zu angemessenen Bedingungen diese Million zu erlangen, was aber bei einer HinauSichiebung der Anleihe nicht mehr möglich ist. Durch nochmaligem Beschluß und auf den dringenden Hinweis der Notlage der Haus- und Grundbesitzer soll der 5lreisausschuß gefügig gemacht loerdcn. Es wurde bekanntgegeben, daß schon Anträge zur Hergäbe zweiter Hypotheken vorliegen, die über 935 999 M. lauten, trotzdem die Genehmigung ztir Errichtung der Hypothekci, anstatt noch sechs bis achr Wochen dauern rann, lieber die im Orte befindlichen Gänse- Mästereien und deren Verbreitung übler Gerüche ivurde lebhaft Klage geführt; Herr Gemeindevorsteher Schmicdecke verlangte, daß unser „Polizeipräsident" mal mit eiserner Faust dazwischen fahre. Lankwitz. Eine Aendernng der Bniigebührcnordmi ng wurde in der letzten Sitzung der Gemeindevertretung vorgenommen. In den Vau- gebührenordnungen Groß-Berlins ist allgemein der Passus enthalten, daß der Reichs- und Laudesfiskus bei Errichtung von Gebäuden nur die Hälfte der Gebühren zu entrichten braucht. Die Aufsicht der Gemeinde erstreckte sich bisher jedoch nur auf die Prüfung der Baugesuche. Nach einem neuen Erlaß soll sich in Zukunft die Be- aufsichtigüng der Baupolizei auf die ganze Dauer der Bauten er- strecken. Es wurde deshalb beschlossen, bei Staatsbauten dieselben Kosten wie bei Privalbauten zu erheben. Ob dieser Aenderung die Genehmigung erteilt werden wird, steht noch in Frage. In nicht öffentlicher Sitzung wurden drei Gcmeindevertreter in den Vorstand der Kaiser-Wilhelm-Jubiläumsstiftung gewählt. Nieder- Schönhausen. Eine»„guten Fang" machte am Dienstagmittag ein Wächter des hiesigen Schloßparks. Schon seit geraumer Zeit wurde von den An« gestellten des Parks die Wahrnehmung gemacht, daß von den Bäumen fallende Eicheln und Kastanien aus unaufklärbare Weise ver> schwanden. Es mußte also Spitzbuben geben. Endlich wurde auch die Vermutung bestätigt. Zwei Schuljungen, deren Weg durch den Park führte, sah man eifrig nach etwas Bestimmten suchen. Man sah aber auch schon mit eiligen Schritten, jeden Baum als Deckung benutzend, den Wächter der Eicheln und 51astanicn hinzueilen. Sollte er wirklich den Verbrechern auf der Spur sein? Noch ein Schritt, ein Sprung und— auf frischer Tat ertappt hatte er einen bei der Binde. Und nun mit ihm zur Wache. Wenn das Mit- nehmen von auf dem Wege liegenden Eicheln usw. verboten ist, warum macht man nicht durch einen Hinweis darauf aufmerksam? Als vor einiger Zeit Frauen auf die schamloseste Art belästigt wurden, gelang es nicht, dieses Palrons habhast zu werden. Eicheln suchende Kinder sind indessen schneller und besser zu fassen. Kalkberge-Rüdersdorf. Wie verlautet, wird sich die R ü d e r s d o r f e r Dampf« s ch i f f a h r t s- A k t i c n- G e s e l I s ch a f t auflösen. Der Grund hierzu liegt in dem geringen Dampferverkehr, der durch die Konkurrenz der Straßenbahn noch ungünstiger geworden ist. Der Vorstand des Aufsichlsrats wird der nächsten Generalversammlung die Liquidation der Aktien-Gesellschaft vorschlagen. Potsdam. Die Stadtverordnetenversammlung beschäftigte sich in ihrer letzten. Sitzung mit einem Antrage des Magistrats, zur B e- känipfung der Arbeitslosigkeit 6999 M. zur Verfügung zu stellen. Das Gewerkschaftskartell hatte hierzu eine Eingabe an den Magistrat und die Stadtverordneten gesandt, in Anbetracht der gegenwärtig in Potsdam herrschenden Arbeitslosigkeit Er- Hebungen über den Umfang derselben anzustellen und vor allen Dingen baldmöglichst Notstandsarbeiten in Angriff zu nehmen. Der Magistrat hat sich der tatsächlich in Potsdam herrschenden Not nicht verschließen können, es soll deshalb mit Notstands- arbeiten begonnen und hierbei vor allen Dingen Familiestväter berücksichtigt werden. In Aussicht genommen sind vorläufig die Ausschachtungsarbeiten zu den neuen Schulbauten, die Vorarbeiten zu der Walderholungsstätte usw. Recht sonderbar war der Vor- schlag des Stadtverordneten Horstmänn, der von dem Stadtver- ordneten Pauli unterstützt wurde, man möge den ledigen Arbeits- losen das Fahrgeld geben, damit sie sich nach Hoffnnngstal oder Reppen in die Bodelschwinghschen Anstalten begeben können. Eine Kritik an diesem Vorschlag ist wohl nicht erst nötig.— Einen großen Raum der Tagesordnung nahm die Aufnahme einer 19-Millionen- Anleihe ein, welche die im Rathause sitzenden Hausbesitzer in eine IS-Millivnen-Anleihe umwandelten. Diese Anleihe sollte nämlich mit 3 Millionen auch zur Schaffung eines Hypothekenfonds ver- loendet werden, um mit dieser Summe den Hausbesitzern bei der Aufnahme zweiter Hypotheken unter die Arme zu greifen. Die Summe war den Hausbesitzern jedoch zu gering; bei der Zu- sammensetzung auf dem Potsdamer Rathause war es deshalb nicht schwierig, die Summe für den Hhpothekenfonds auf 5 Millionen hinauszusetzen und damit die Anleihe zu einer 12-Millionen-An- leihe zu machen.— Die Satzungen für die Landkrankenkaffe, deren Errichtung man vor einiger Zeit beschlossen hatte, trotzdem sich das Bersicherungsamt, die Allgemeine Ortskrankenkasse und die be- teiligten und gehörten Arbeitgeber und Arbeitnehmer gegen die Errichtung ausgesprochen hatten, wurden genehmigt. Als Beitrag sollen 4�2 Proz. des Lohnes(bei der Allgemeinen Ortskranken- kasse nur 4 Proz.) erhoben werden. Als Krankengeld werden 59 Proz.(bei der Allgemeinen Ortskrankcnkassc 64 Proz.) gewährt. Die Mitglieder der Landkrankenkasse stehen sich in bczug auf Leistungen und Gegenleistungen bedeutend schlechter wie die Mitglieder der Allgemeinen Ortskrankenkaffe. Es wurde ein Aus» schütz aus neun und ein Vorstand aus sechs Mitglieder» gewählt.— Die Zufahrten zu dem Palast Barberini, in dem sich jetzt ver- schiedene Abteilungen des Magistrats befinden, sollen reguliert werden, wozu 7159 M. bewilligt wurden.— Eine Gesellschaft aus Dresden will an verschiedenen Stellen der Straßenbahn Wetter» fchutzhäuschen unentgeltlich aufstellen, doch sollen diese Häuschen mit Rcklameschildern von der Gesellschaft aus versehen werden. Die Stadtverordneten sind gegen diese Häuschen und vertraten die Ansicht, daß man selber derartige Schutzhallen bauen könne, wenn solche notwendig sind.— Gelegentlich eines Punktes betr. Nachbewilligung für die Friedhofbevwaltnng aus dem Rechnung». jähr 1912 fragt ein Stadtverordneter an, wie es mit dem Bau des Krematoriums stehe und ob Schwierigkeiten bezüglich der Einge- meindung des in Frage kommenden Terrains beständen. Die Frage wurde vom Oberbürgermeister dahin beantwortet, daß das Projekt bis ans Kleinigkeiten genehmigt sei und daß man mit dem Bau nicht früher beginnen könne, bis die Entschädigung für die Eingemeindung festgesetzt sei, weil sich sonst die Entschädigungs- summe erhöhen werde. Bis zum Jahre 1915 werde voraussichtlich die Eingemeindung vollzogen sein. Jugendveranstalt«ngea. Neukölln. Heim I. Heute Donnerstag, abends 8 Uhr- Vortrag des Herrn H. starwig über:„Die Kultur der Urzeit". Ein zweiter Vortrag über dasselbe Thema wird am Freitag, den 17. Oktober, gehalten. Heim II. Heute Donnerstag, abends 8 Uhr: Vortrag des Herrn Schulz über:„Welchen Wert hat die Bildung für die arbeitende Jugend?" Die Heime befinden sich in der Jdealpassage(Heim I) und Nogatstr. 15 (Heim II). Gharlottenburg. Heute Donnerstag, abends 8 Uhr. findet im kleinen Saale des Vollshauses ein Vortrag des Genossen Dr. Konrad Schmidt statt über: G e r h a r t Hauptmann. Eintritt für Jugendliche unter 18 Jahren frei. Die Jugendlichen und deren Eltern sind freundlichst eingeladen. Der Jugcndausschuß. Pankow- Niederschönhausen. Heute Donnerstag, den S. Oktober, abends 8 Uhr: OcffenUiche Jugendversammlung in Reinickendorf-West im Lokale von Wohlfahrt, Eichbornftr. 18. Die Bankow-Nicderschönhauscner Arbeiterjugend wird ersucht, sich recht zahlreich an dieser Veranstaltung zu beteiligen. Abfahrt pünktlich st, 8 Uhr Pankow, Nordbahnhos.'Fabrgcld 26 Ps. Die erwachsene Arbeiterschast wird gebeten, die Jugendlichen aus diese Versammlung aufmerksam zu machen. Brill. Heute abend pünktlich 8 Uhr findet im Heim der erste Vortrag des naturwisscnschaftlicheit Zyklus über:„Die Geschichte der Erde" statt. Referent: Herr Wegen«.'_ Bnefkaften der Redaktion. Elc lortfttlche EPrechstande findet Ltndenstrahe SS, vorn vier Trepxe» — F a h r ft u d l—, wochcntäglich von tth diö 7� Uhr-liends, E-nn-denvS, von m bis 6 Uhr adrnds statt. Jrder für den Bricsiasten bcstimmlcn Änfrage ist ein Buchstave und eine Zahl als Merlzcichcn detjnfstgen. Briefliche Antwort wird nicht ertrUt. Anfragen, denen keine Adonnementsanitiung beigefügt ist, verde» nicht bcantwortrt. Eilige Fragen trage man in der evrechftnnde vor. H. D. Et. Adlershof. 1. Nach der bisherigen öäesetzgebung nein. 2. ES steht eine Abänderung des Gesetzes in Aussicht. Wird eine solche beschlossen, dann würde Ihr Vater bezugsberechtigt sein. Die Adresse kann nicht an« gegeben werden, da Sie den Wohnsitz Ihres Vaters nicht mitgeteilt gaben. — H. K. 41. Ein Recht aus Lösung des Mictsvcrtragcs steht Ihnen nicht zu.— S. 142. 1. u. 2. Nein.— M. K. 221. Falls es sich um einen eingeschriebenen Brief bandelt, legen Sic den Postichein bei der Steuerbehörde vor, andernfalls läßt sich nichts tun.—!». T. II. Nach Ihrer Darstellung haben Sie die preußische Staatszugehörigkeit. Um diese nachweisen zu können, beantragen Si.c beim Polizeipräsidium die Erteilung eines Nachweises.— I. H. Z. 1a. Durch Verzicht aus die Erbfolge würden Sie befreit werden. Ib. Am zweckmäßigsten beim Notar und zwar bevor sechs Wochen nach dem Tode de? Vaters verstrichen sind. 1o. Ja. Ucbcr die Nachlaßobjekte dürfen Sic, abgesehen von der Bestreitung der Becrdigungs- kosten, nicht verfügen. 2. u. 4. Ja. 3. Ja, sofern das Objekt 150 M. übersteigt. (£. R. 100. Ja, setzen Sic eine Frist. Falls diese erfolglos verstreicht, können Sie beim Amtsgericht Klage erheben.— K. P. 150. Ja. Marktpreise von Berlin am 7. Oktober 10IZ. nach Ermiltctungcn des kgl. Polizeivräsidiums. Mais(mixed), gute Sorte 00,00—00,00, mittel 00,00—00,00, geringe 00,00—00,00. Mais( runder), gute Sorte 00,09—00,00. Rtchtstroh 4,80. Heu 6,00—8,00. Martthallenpreise. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Svcisebobnen. weiße 35,00—60,00. Linien 36,00-�70,00. Kartoffeln(KIcinhdI.) 4,00— 7,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30—1.80. Schweinefleisch 1,50— 2,00. Kalbfleisch 1.40—2,40. Hammelfleisch 1,60— 2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 4,00— 6,00. 1 Kilogramm Karpsen 1,20—2,40. Aale 1,40—2,80. Zander 1.30—3,20. Hechle 1,20—3,00. Barsche 0,80—2,40. Sckleie 1.60—3.20. Bleie 0.80-1.80. 60 Stück Krebie 1,00—40.00. Leipzig: 1913 Internationale Baufach� Ausstellung; mit Sonder? Austeilungen W elt» Ausstellung für Bauen und Wohnen Mai bis Ende Oktober Mai bis Ende Oktober Am Fuße des Völkersohlaclitdenkmals erbaut auf einer Fläche von 400 900 qm. Besondere Sehenswürdigkeiten; Leipzig um 1800— Dörfchen mit anschließender landwirtschaftlicher Sonderausstellung— Gartenvorstadt Marienbrunn— 50 000 qm großer Erholungsparfc— Täglich große Künstler- und Militär-Konzerte— Abends Festbeleuchtung der Ausstellungsbauten und Leuchtspringbrunnen. An Elitetagen— in der Regel Montags— Große Festillumination. Bis heute rund S'/a Million Besucher- Kur der offizielle Katalog und Führer sind maßgebend. Die deutsche und ausländische Presse hat schon während der Vorarbeiten der Ausstellung das größte Interesse entgegengebracht. Nach der Eröffnunj; haben die bedeutendsten Publizisten sie einer eingeiiendea Kritik gewürdigt. Wir riticrcn folgende Zeitungsstimmen: Gerade diese Vielseitigkeit darf als ein besonderer Vorzug der IBA bezeichnet werden. Nicht für den Fachmann und nicht für den einzelnen ist sie bestimmt, sondern für jeden, der nicht verständnislos dahinlebt, sondern der seine nächste Umwelt begreifen möchte, um sie zu vorsohönem..... Kieler Zeitung Ein künstlerischer Geist hat in der Anlage des Ganzen gewaltet. Eine ungeheure Fülle des menschlichen Wissens, Schaffens und Strebens ist dort angesammelt worden, an dem sich viele Tausenda in den nächsten Monaten erfreuen und von dem aus reiche Anregung und Belehrung ausgehen werden..... Schlesische Zeitung, Breslau ..... das große Werk..... Eine Kühnheit, die gerade wir Berliner besonders würdigen und preisen müssen, da wir sie bisher nicht bewiesen haben, und wie es scheint, in absehbarer Zeit nicht beweisen werden..... Es verdient die Bezeichnung durch sefnen Umfang, durch die Art, wie es mit der Entwickelung der Stadt in Beziehung gesetzt ist, durch die Planung der Gesamtanlage und durch die technisch einwandfreie Ausführung bis in die letzte Ecke. Es steht in allen diesen Dingen weit über den sogenannten Weltausstellungen, die Städte von gleichem Rang im Ausland veranstaltet haben, und zeigt, wie fruchtbar die Ideen der modernen deutschen Bewegung schon geworden sind.... Berliner Tageblatt ..... diese Ausstellung, über deren feierliche Eröffnung wir berichteten, bietet unendlich viel mehr als trockenen Fachkram, der die Allgemeinheit wenig interessieren könnte; sie gibt eine völlige Ausschöpfung des Begriffes Baufach und verfolgt ihn in seinen Ausstrahlungen bis in fast alle anderen Kulturgebiete." Tägl. Rundschau Leipzig hat den Beweis geliefert, daß es auf dem Gebiete des Weltansstellungswesens mit jeder europäischen Großstadt in die Schranken treten kann..... und weiter..... Eins aber steht fest: Die IBA wird in der Geschichte des modernen Ausstellungswesens als eine Musterleistung gebührend gefeiert werden, und die Besucher, die aus allen Gegenden der Welt nach der alten Pleißestadt zu pilgern beginnen, werden die Reise nicht zu bereuen haben..... Kölnische Zeitung Es mag ausdrücklich nochmals hervorgehoben sein, daß die Internationale Baufach-Ausstellung, zwar aus der Praxis für die Praxis geboren, doch eine reiche Fülle anschaulicher Unterweisung und belehrende Aufklärung umfaßt, die auch für die Allgemeinheit von größter Bedeutung ist.... Neue Preußische Kreuzzeitung Die Leipziger Weltausstellung für Bau- und Wohnwesen ist das stolze Dokument unserer wieder wahr gewordenen, festgegründeten, großzügigen, ehrlichen und phantasiereichen neuen Baukultur..... Frankfurter Zeitung ..... Also eine nationale Ausstellung und erfreulicherweise zum guten Teil als nationales Unternehmen ist die Leipziger Schau zu werten, denn dem Rufe der Leipziger haben viele andere Städte, haben vor allem Staaten wie Preußen, Sachsen und Bayern Folge geleistet..... So kann die ganze Ausstellung, trotz aller erhobenen Einwände, klärend und kultnr- fördemd wirken, und muß deshalb als ein Dokument und Monument deutscher Kultur und deutschen Geistes dankbar begrüßt werden. Auf dem, was hier als Leistungen unserer Zeit vorgeführt wird, soll sich dereinst wieder eine wahrhaft künstlerische Kultur erheben. Möge dem so sein. Hannoverischer Courier Allem Anschein nach wird die heute eröffnete Internationale Baufach- Ausstellung in nichts hinter der Hygiene-Ausstellung in Dresden zurücksahen, um so mthi, da ja das Bauwesen im allcrongsten Zusammenhang mit der menschlichen Kultur steht und fast in alle Zweige des inenschiiohen Lebens eingreift, so daß auch der Laie des Interessanten und Belehrenden so viel findet, daß er gern der Ausstellungs- und Feststadt Leipzig einen Besuch abstatten wird..... Die Post, Berlin Wenn die Internationale Baufach-Ausstellung vor den Toren Leipzigs auf den Grundlagen und Erfahrungen der Dresdener Hygiene-Ausstellung aufgebaut ist, so ist das ein erfreulicher Beweis für die Abkehr von der wachsenden Planlosigkeit der Weltausstellungen der letzton Jahre. Vor allem wird auch der Besucher in der glücklichen Lage sein, bereichert und belehrt von. ihr nach Hause zu gehen.... Dresdener Anzeiger JB Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Armrol-msii cecontro. Tb Glocke. Berlin. Druck u. Vertag. Vorwart» Buchoruckeiei u. Ve etagsanftalt Paul Singer u. Co.. Lerltn SW,