Kr. 273. nbonnementS'Btdln�nngtn: Itbotmcmenl?- Pr�is pränumerando: Vierteljäbrl. S.SO SDit, inonml. 1,10 Mk, wöchentlich 28 Psg, frei ins Haus. Sinzeine Nummer ö Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Somitags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Psg, Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Singetragcn in die Post-Zeitung?- Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2,60 Marl, für das übrige Ausland « Mark pro Monat, Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, «umänien. Schweden und die Schweiz. 33. Jahrg. Crfdxtnt täglich. r f-. Verltnev Volksbl�tt. Die TnfertionS' Gebühr Beträgt für die sechsgcspallenc Kolonel- zellc oder deren Raum no Pfg„ für politische und gewerlschastliche Vereins. und Versnmmltmgs-Anzeige» 30 Pfa, „Kleine Hnreigen", das fettgedruckte Wort 20 Psg. tzuläsfig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafstellemm- zeigen das erste Wort 10 Psg,, jedes wettere Worts Pfg, Worte über löBuch- staben zählen für zwei Worte, Inserate ür die nächste Nuuiiucr müssen bis 5 Uhr nachmittags tu der Expedition abgegeben werden. Die Ervedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: „Sosislllemolltzt Rerlio". p- k' Zentralorgan der rozialdemokratifchen parte» Deutfcblands. RecUhtion: SM. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt Moristplast, Nr. IS«3. Sonnabend, den 18. Oktober 1913. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moristplast, Nr. 19�4. llm Hebels Nahlkreis. Stötten gewählt! Wenn die bürgerlichen Gegner sich tvirklich der törichten Illusion hingegeben hatten, die Sozialdemokratie ails dem 1. Hamburger Wahlkreis zu verdrängen, so sind sie jetzt gründlichst eines Besseren belehrt worden. Bebels Wahlkreis ist nicht einem mehr oder minder nationalliberal gefärbten Kandidaten zugefallen, sondern dem Genossen Stötten, dem Erkorenen der Sozialdemokratie. Dabei hatten es die Gegner diesmal besonders raffiniert angefangen zu haben geglaubt. Nach der Devise: wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen, hatten sie sich nicht auf bürgerliche Sammelkandidaturen geeinigt— was sie doch bei dem Geiste des„hanseatischen Liberalismus" leicht gekonnt hätten, sondern recht viele Sonderkandidatcn aufgestellt. Während 1912 eigentlich nur ein nationalliberaler und ein freisinniger Kan didat der Sozialdemokratie entgegengestellt ivorden waren, hatten sich diesmal nicht nur die Konservativen den Luxus einer Sonderkandidatur geleistet, sondern besondere Schlauberger hatten auch noch die Kandidatur eines Gelben betrieben. Diese Schachzüge haben natürlich vollständig ver sagt. Stolien, der Sozialdemokrat, wurde ge wählt, und zwar mit so gewaltiger Mehrheit, daß den Gegnern wohl für künftig alle Hoffnungen vergehen iverden. Es erhielten diesmal: Rechtsanwalt Karl Petersen sVp.) 4737 Stimmen Hauptpastor Dr. Rode(natl.).. 2421„ Landrichter Dr. Koch(k.)... 984„ Arnholdt(deutschsozial).... 225 Redakteur Otto St ölten(Soz.) 17533„ Zersplittert......... 143„ Demgegenüber wurden 1912 abgegeben: für Bebel... 29 633 Stinimcn Nationalliberalc.. 2 999„ Freisinn..... 6331„ Sonstige.... 500„ Kosaken und freiheitzschlacht. Kx orionte lux! Aus dem Osten konimt das Licht, das den Bölkerschlachtritmmel auf den: Leipziger Blachfeld mit un- barmherziger Schärfe beleuchtet, denn der russische Blutzar ist es, der sich den blutigsten Witz ails die loyale Gedächtnisfeier des deutschen Bürgertums für 1913 erlaubt hat: aus dem Troß von Helmen und Zylinderhüten, Gendarmen und La- kaicn, die sich am 18. Oktober um den Steinkoloß des Völker- schlachtdenkmals drängen, ragt das Gesicht eines Großfürsten aus der berüchsigten Familie der Romanows, ragen die Pelz- mützcn und Tartarenschnauzbärte eines Dutzend Kosaken her- vor! Der Zar hat sie zum Jubiläum entsandt, der Name des Zaren sei gepriesen, und in Purzelbäuincn der Untertänig- keit überschlagen sich alle die Blätter, die jeden kulturbeflissencn russischen Studenten als unerbetencn Gast von Teutschlands Schwelle wegweisen möchten, vor den barbarischen Gästen aus dem Moskowiterreich. Die Dresdner Polizei gar— mir in Sachsen sein, weeß Gnebbchen. helle!— hat den russischen Freunden einen Empfang bereitet, der ihnen die trauten Sitten der rauheren Heimat ins Gedächtnis rufen mußte: irgend einen harmlosen Fremdling, von denen die Fremden- stadt an der Elbe zu ollen Zeiten voll ist, hat sie als„Anarchisten" hinter Schloß und Riegel gesetzt, und damit auch die Zeiten der Demagogenhetze bei dem Leipziger Rummel plastisch hervortreten, ivird es unter den begeisterten Jubiläumsteilnehmern von besonders bc- geisterten Kriminalbeamten und Achtgroschenjungen nur so wimmeln. Eigentlich aber sollte man, statt zu höhnen, dem Zaren für seine Kosakenabordnung aufrichtigen Dank abstatten, denn mit beißenderer Ironie konnte das sozialdemokratische Witz- blatt nicht dartun. was es mit der Freiheit auf sich hat, die in dem großen Ringen vor hundert Jahren hier erkämpft Ivorden. Die kosakische Nagaika und die deutsche Freiheit— sie gehören zusammen und so ist's in der Ordnung! Die bärbeißigen Kosaken am Bölkcrschlachtdenkmal— sie unterstreichen die ganze Komödie erst recht, denn sie erst erinnern daran, daß die Schlacht bei Leipzig ein Sieg der Gegen- revolution war und daß deshalb so urreaktionärc Mächte wie der Zarismus sich fröhlichen Herzens an der Gedenkfeier dieser„Freiheitsschlacht" beteiligen dürfen. Freiheitsschlacht. jawohl! Freiheitskriege, jawohl! Ter deutsche Dichter P l a t e n schon erkannte ihre Bedeutung besser, als er das bittere Distichon schrieb: Freiheitskriege fürwahr! Stand einst Miltiades etwa mit Baschkiren im Bund, als er die Perser bezwang? Denn die Kosaken. Kalmücken und Baschkiren, die ihre' Weile gegen Napoleons Bataillone abschössen, waren mehr � als ein Sinnbild für den Lauf der Dinge. Auch Goethe empfand ähnliches>vie P l a t e n, als er sich im Spät- herbst 1813, nach der Leipziger Schlacht, zu Luden über die politische Lage ausließ: „Und was ist denn errungen oder gewonnen worden? Sie sagen, die Freiheit; vielleicht aber würde» wir eS richtiger Be- freinng nennen; nämlich Befreiung, nicht vom Joche der Fremden, sondern von einem fremden Joche. Es ist wahr: Franzosen sehe ich mehr und nicht mehr Italiener, dafür aber sehe ich Kosaken, Baschkiren, Kroaten, Magharen, Kassuben, Samländer, braune und andere Husaren. Wir haben uns seit einer langen Zeit gewöhnt, unseren Blick nur nach Westen zu richten und alle Gefahr von dorther zu erwarten, aber die Biode dehnt sich auch noch weithin nach Morgen aus. Selbst wenn wir all das Boll vor unsere» Augen sehe», fällt uns keine Besorgnis ei», und schöne Frauen haben Roß und Mann umarmt." Es lag ja an der geringen wirtschaftlichen und politischen Entlvickelung Deutschlands, an der ganzen Misere und Zurück- gebliebenhei't seiner Zustände, daß seinem Volke, das unfähig war, sich selbst zum Wagen und Schlagen aufzuraffen, Revolution wie Gegenrevolution als Geschenk fremder Herren gebracht wurden. Als die Bataillone der Republik und Napoleons Heersäulen über den Rhein drangen, die Miniatur- staaterei zerstörend, den Feudalismus niederlegend, die Leib- eigenschaft auslöschend, der Industrie die Bahn ebnend, da war das die bürgerliche Revolution für Deutschland! Und als die Kosaken und Baschkiren hinter den Trümmern der„großen Armee" über die Memel setzten und russische Hilfe die Schlachten des Jahres 1813 schlagen half, die„heilige Allianz" vor- bereitend, der Reaktion den Weg bahnend, aus die Karlsbader Beschlüsse hinweisend, da war das die feudal- absoluttstische Gegenrevolution für Deutschland! Die Träger der einen die- Franzosen, die Träger der anderen die Russen! Fern liegt es uns gewiß, den Opfermut der Landwehren wie die Tatkraft, Entschlossenheit und Umsicht eines Blücher, eines Gneisenau und eines S ch a r n h 0 r st herabzusetzen, aber darum bleibt es nicht minder wahr: Ohne die Unterstützung des Zarismus kein preußisches 1813!£>hne die Kosaken kein Leipzig! Die preußischen Lerbüydeten, die auf dem Schlachtfeld von den lieben „Bundesgenossen" aus dem Land der ewig kreisenden Fuselslasche bis aufs Hemd ausgeplündert wurden, die deutschen Bauern, gegen deren Familie, Leben und Eigentum die kosakischen „Befreier" hundertfach wilder wüteten als je französische oder rheinbündische Plünderer, bekamen noch während des Krieges einen Vorgeschmack von der Bedeutung der russischen Allianz zu kosten, und auch die preußischen Staatsmänner wurden, während der tollpatschige König immer wieder seinem Freunde Alexander in die Arme taumelte, ihres GistgeruchS innc —„Die russische Politik", sagte der Freiherr vom Stein während der Friedensvcrhandlilngejt,„will, daß wir ver- wundbar bleiben." Mit der Leipziger Schlacht endete die französische und begann die russische Fremdherrschast über Preußen, das zu Zeiten nur ivie eine moskowittsche Satrapie behandelt wurde, und deshalb stehen mit vollem Recht die Pelzmützen und Tatarenschnauzbärte am 18. Oktober im Schatten des Völker« schlachtdenkmals. Der auf Befehl Napoleons erschossene Nürnberger Buchhändler Palm hatte seine Schrift benannt: „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung." Aber mochten die deutschen Potentaten noch so liebedienerisch vor Napoleon in den Staub sinken, mochten die besitzenden Klassen Deutsch- landS dem Imperator noch so.Verschwendensch Weihrauch strenen, seine tiefste Erniedrigung erreichte Deutsch- land doch erst durch Prenßens Abhängigkeit von Rußland. denn die Franzoscnherrschaft war wenigstens die Herrschaft eines entwickelten westlichen Volkes, das auf seinen unvergänglichen Ruhmestitel, die große Revolution, stolz sein durfte, während es sich bei der Russenherrschaft um die Herrschaft einer halb- wilden, barbarischen, grausam reaktionären Horde aus dem Osten handelte. Namentlich die preußischen Junker gefielen sich, vor allem in den Jahren der Reaktion nach der Nieder- iverfling der 1848er Revolution, in wahren Orgien der Knecht- seligkeit vor dem Zarenthron. Als Väterchen eines bei russischen Selbstherrschern unnatürlichen Todes, nämlich an einer Krankheit im Bett, starb, rief der Junker v. G e r l a ch in der Kammer aus: ES herrsche allgeniein der Eindruck, als ob ein Vater gestorben sei, die„Kreuz-Zeitung" erschien mit schivarzeni Trauerrand und die Junker der Garde trugen Traucrmedaillen mit dem Bildnis des biederen Nikolaus am schlvarzen Bande auf dem preußischen Offiziersrock— ja, in Brandenburg wurde die Uniform des Zaren sogar, als käme der„heilige Rock" in Frage, in feierlicher Prozession in die Kirche getragen! Kaum ein halbes Jahr- hundert ist seitdem verflossen und auch in den Tagen der Depesche:„Russische Trauer ist deutsche Traner!" wäre,>vcnn es'nach unseren Junkern, den Geistes- und GesinnnngSverwcmdten der„echt russischen Leute" ginge, es um das Verhältnis zwischen Preußen und Rußland nicht anders bestellt, denn der Zarismus ist trotz seiner.Morschheit und seiner Risse und Sprünge für sie immer noch der Fels, an dem sich die Fluten der Revolution brechen sollen, und ihre hochverräterische Losung lautet nach ivie vor: Lieber die russische Fremdherrschaft als ein demokratisches Deutschland! Solche Gedanken und Erinnerungen Iverden wachgerufen durch die russischen Gäste am Völkerschlachtdenkmal, aber auch die Mahnung lassen sie in den Herzen der Massen erklingen, daß die große Freiheitsschlacht noch zu schlagen ist, nicht im Bunde mit den Kosaken, sondern gegen die Kosaken diesseits Wie jenseits der Grenzen. Line neue Zeppelin-IKataftropfye. „L. 55" ,» der L«ft Der neue Zeppelin Kreuzer„L 2" explodierte am Freitagvormittag IO'/s Uhr bei einer»tili- tärischeu Abnahmefahrt in Johannisthal«»weit des Flugplatzes. Mit furchtbarer Detonation ging der Lenkballon in Sekundeuschnellc in Flammen auf. Unter den herabstürzenden Trümmer» wurde» 27 verkohlte Leichen geborgen. Ein Schwer- verletzter ringt mit dem Tode. Vor wenigen Wochen erst stürzte das Marineluftschiff „L 1", aus 100 Meter Höhe in die Nordsee, die 16 Mann tarke Besatzung in den Wogen begrabend. Und schon ist eine neue, noch furchtbarere Katastrophe zn beklagen. Fanden diesmal doch nicht weniger als 28 Personen der durch die Marineprüfungskommission verstärkten Besatzung einen grau- sigen Flammentov. Und während„L 1" im September den Untergang durch stärkere elementare Gewalten fand, brach das Verhängnis diesmal ganz unvermutet über die Besatzung des stolzen Luftkreuzcrs herein, des größten und modernsten, das bisher die Luftschiffwcrft des Grafen Zeppelin in Friedrichs- Hafen verlassen hatte. Bei ruhigem, windstillem Wetter, kurz nach dem Aufstieg, ereilte dem Luftkreuzer das Verhängnis. Innerhalb weniger Sekunden vernichtete ein furchtbarer Schicksalsschlag zahlreiche Menschenleben. Von dem gewaltigen Luftkriegsfahrzeug blieb nichts übrig als ein rauchender Trümmerhaufen, der verkohlte Menschenlcibcr bedeckte! Wie sich die Katastrophe abspielte! Am Freitag vormittag um 10 Uhr wollte Kapitän F r e Y e r. der Führer des Luftschiffes, eine Probefahrt mit dem Schiff machen, an der auch Korvettenkapitän B e h n i s ch, der neue Leiter des Marine flugwesenS, der nach dem tragischen Tode des bei Helgoland ertrunkenen Korvettenkapitäns v. Metzing dessen Posten übernommen hatte, teilnahm. Außerdem befanden sich noch zwei Jngenieurführer, sechs Obermaate und Steuerleute sowie 11 Mechaniker an Bord. Ferner hatten an der Fahrt zwei junge Offiziere der Armee und zwei Zivilpersonen, offenbar Angestellte der Luftschiffwerst Friedrichs- explodiert. 558 Tote. Ijafeir, teilgenommen. Die Abfahrt erfolgte um 10>/« Uhr. Da» Luftschiff überflog die Albatros-Schuppen und die dort hinter ge- legenen Häuser von Johannisthal. Dann kam es auf das freie Feld, das zwischen Johannisthal und Britz liegt. Die Zuschauer sahen wie üblich dem Luftschiff interessiert nach. In sausender Fahrt rauschte es in 130 Meter Höhe über ihren Häuptern dahin. Man hörte da-S Schnurren der Propeller und den Lärm der 700 Pferdestärken entwickelnden Maschinenanlagen. Nie- mand konnte ahnen, daß im nächsten Augenblick eine furchtbare, alles bisher Dagewesene übertreffende Katastrophe eintreten»verde. In dem Augenblick, als„L 2" die nach Rudow führende Chaussee passierte, schlug plötzlich in der'vorderen Maschinengondel eine helle Flamme empor. Dann folgte eine furchtbare Deto- Nation. Mit einem Krach, mit dem sich nichts vergleichen läßt und der so stark war, daß in allen Straßen Johannis- thals und sogar in den benachbarten Orten, wie in Rudow und Treptow, alle nach dem Felde zu gelegenen Fenster- scheiden ans Entfernungen bis zu 2 Kilometern zertrümmert wurden, dann barst daö Luftschiff. Eine nngehenre Flamme schoß 20 bis 30 Meter hoch zum Himmel empor. Im nächsten Augenblick sah man unförmige Klumpen Eisen- stücke, Leinwand und Gummizeug und menschliche Körper durch die Lust fliegen. DaS nackte Aluminiumgerippc flog noch etwa zwei bis drei Sekunden, etwa 30 bis 40 Meter iveit durch die Luft, da die Motore noch arbeiteten nnd die Propeller sich drehten, durch die Luft. Dann schoß da? Wrack senkrecht zu Boden, was noch atmete, vernichtend. Die Zuschauer standen im ersten Augenblick wie gelähmt. Dann aber eilten Hunderte von Personen auf Wagen lind Fahrrädern, mit Beilen, Aexien und Spaten bewaffnet, auf das Feld, um zu Helsen, um zu retten, ivas noch zu retten war. Tie Triimmerstätte bot einen furchtbaren Eindruck. Auf den ersten Blick erkannte man nichts als einen wirren, gen Himmel ragenden Berg von Aluminium- röhren nnd Spanten, zwischen denen sich unentwirrbar Tauscnde und Abertausende von Drähten hinzogen. Der ganze Platz war von vielen Tausenden von Neugierigen umsäumt, die dicht gedrängt, in atemlosen Schweigen das Bild des Grauens und der Verwüstung umstanden. Alle nur verfügbaren Gendarmen waren herangezogen worden, um in Gemeinschaft mit den Matrosen daS Trümmerfeld durch dicke Stricke abzusperren. Das Publikum folgte den Anord- nungen ohne Murren. Scheu wichen die Menschen zurück, die in den formlosen Leichnamen» die. man an ihnen vorübertrug. Freunde und BekanMc, ja sogar Verwandte vermuteten und vielfach zu erkennen glaubten. Herzzerreißende Szenen spielten sich an den noch immer glühenden und rauchenden Eisenteilen, die die Adlershofer und Johannisthaler Feuer- Mehr zu löfchen bemüht waren, ab. Die Frau des einen Obermaaten irrte mit ihrem kleinen Kinde verzweifelt umher und suchte ihren Gatten. Endlich fand sie ihn. Der Körper des Braven, der im Dienste des Vaterlandes sein Leben ge- lassen hat, war fast vollständig verkohlt. Nur der in der Mütze eingenähte Ztame, der wie durch ein Wunder der Ver- brennung entgangen war, liest sie die Ueberrcste des Gatten erkennen. Ohnmächtig sank sie neben der Bahre nieder und wurde mit dem kleinen weinenden Mädchen von mitleidigen Menschen fortgebracht. Tie Nettungs arbeiten gestalleten sich ungemein schwierig. Die Mannschaften des Marine- Detachements drangen ungeachtet der Verletzungen, die sie sich an den spitzen und scharfen Trümmern zuzogen, mutig in das Gewirr von Metall und Drähten ein. Mit starken Tauen zogen sie daS Gerippe auseinander und suchten an die Leichen zu kommen. In der vorderen Führergondel, fand man die Leichen Kapitänleuwant F r e y e r s, des Korvettenkapitäns B e h n i s ch und der beiden anderen Offiziere sowie des Kapitäns G l u n d. der von der Luftschiffwerft Zeppelin die Fahrt mitgemacht hatte, tot auf. Kapitänleutnant Freyer hatte sich an einen Draht angeklammert und die Lederjacke über den Kopf gezogen, um sich offenbar bis zuletzt vor den Flammen zu schützen. Glund war am Ober« körper völlig verlohlt. Auch die Leiche deS Korvettenkapitäns Behnisch bot einen furchtbaren Anblick. Die Mechaniker fand man nieist neben den Motoren hingestreckt auf ihren Posten, die sie in dem Augenblick eingenommen hatten, als der Tod sie ereilte. Am furchtbarsten hatten offenbar die Mannschaften der Hinteren Gondel zu leiden gehabt. Hier wirkte die Explosion weniger stark und das Feuer vernichtete erst auf dem Boden daS Heck vollständig. Hier wurden auch die Marineoberingenieure Busch und Hausmann gefunden. Die Liste der Toten: 1. Korvettenkapitän Behnisch. 2. Banrat Neumann. 3. Baumeister Pietzker. 4. Technischer Sekretär Lehmann. 5. Technischer Sekretär Priest. 6. Technischer Sekretär Eisele. (Sämtlich vom Reichsmarineamt.) 7. Kapltänlcutnant Freyer. 8. Kapitänleutnant Alexander Trenk. 9. Mariue-Oberingenieur Hausmann. 10. Marine-Oberingenienr Busch. 11. Steuermann Prittelkow. 12. Maschinist Lasch. 13. Bootsmannsmaat Werner. 14. Sigualmaat Kluge. 15. Obermaschinistenmaat Krahmcr. 16. Obermaschinistenmaat Keidel. 17. Obermaschiuistenmaat Treffet. 18. Obermaschinistenmaat Beckert. 19. Obermaschinistermaat Focken. 20. Obermaschinistcnmaat Paethe. 21. Maschinistenmaat Weber. 22. Maschinistenmaat Fricke. 23. Leutnant v. Bleuel. (Sämtlich von der Marinc-Luftschiffabteilung.) 24. Kapitän Glund. 25. Monteur Hohenstein. 26. Monteur Bauer. 27. Segelmannsmaat Müller. 28. Ingenieur Schüler. (Von der Zeppelin-Werft Friedrichshafen.) Das Marineluftschiff„L 2" war der grötzte, schnellste und leistungsfähigste Luflkreuzer, den Deutschland zurzeit besitzt. Die Ersahrungen, die das Reichsinarine- amt mit dem vernichteten ,L 1" gemacht hatte, hatten gezeigt, dast für den Seedienst Schiffe zur Verwendung kommen müssen, die motorisch stärker sein und eine größere Tragkraft be- sitzen müssen, als die Landluftschiffe. Eine ähnliche Katastrophe, wie sie den ,L 1" getroffen hat, erschien bei dem ,L 2', der über eine doppelt so große Ballastreserve verfügt, ziemlich aus- geschlossen. Die Maschinenanlagen von 700 Pferdestärken vermochten selbst starken Stürmen zu trotzen. Aber auch äußerlich unterschied sich„L 2" von dem ersten Marineluftschiff nicht unwesentlich. Die Form des„L 2" war verändert worden. Während das erste Marineluftschiff 17 Ecken zeigte, befaß„L 2" deren 10. Die Länge über alles betrug 100 Meter, der Durchmesser über 16 Meter. Der Gasinhalt der 18 Zellen war auf 27 000 Kubikmeter berechnet. Die Besatzung bestand aus drei Offizieren, vier Steuerleuten und zwölf Mechanikern. Infolge seiner hohen Tragkraft konnte die Mannschaft im Notfalle verdoppelt werden. Tie Ursache der Katastrophe. Vom Reichsmarineamt begaben sich sofort zahlreiche Offiziere an die Unfallstelle, um möglichst die Ursache der Katastrophe fest- zustellen. Aber aus dem Gewirr von Aluminium und Stahldraht, das dort auf dem Felde ruht, läßt sich wenig oder gar nichts mehr erkennen. Nach Ansicht der Fachleute ist der Unfall folgender- maßen entstanden. Infolge einer Fehlzündung oder eines Fehlers am Magnetapparat entstand plötzlich eine Fehl- z ü n d u n g. Tie entzündeten Gase drangen an? dem einen Zh- linder durch die Ansaugrohre in den Vergaser und setzten dort die etwa einen Liter fassende Benzinmengc in Brand. Von hier pflanzte sich dann wahrscheinlich die Ex- plosion in den über der Maschinengondel angebrachten Benzin- behälter fort und setzte die darin enthaltenen 2000 Kilogramm Benzin in Brand. Durch diese gewaltige Explosion wurden die Gaszellen in Brand gesetzt und das Gerippe stürzte zu Boden. Vorkehrungen, um einen derartigen Unfall zu verhüten, bestehen bis jetzt noch nicht. Man kann natürlich auch einen Ver- gaserbrand als Ursache der Explosion nicht zuverlässig als den Grund zu dem Unglück angeben. Es ist ebenso gut möglich, daß hier elektrische Erscheinungen mitspielen. Ein Augenzeuge über die Katastrophe. Ein Genosse schreibt uns: Unsere Tour, auf der wir die Verkaufsstellen der östlichen Vororte der Konsumgenossenschaft mit Brot versehen, führte uns auch am Freitag von Alt-Glienicke nach Johannisthal am Flug- platz vorbei. Wir dewunderten die vier in der Luft befindlichen Flugapparats, als unser Blick auf den vor der Halle befindlichen Marine-Luftkrcuzer„L. 2" fiel. Der Anblick dieses stolzem Eroberers der Luft veranlaßte mich meinen beiden Kollegen gegen» über zu dem Ausspruch: Herrlich ist solch Flugapparat, doch groß- artiger und vor allem sicherer ist ein Luftschiff. Plötzlich surrten die Propeller und der Riese der Lust stieg majestätisch in die Höhe. Ich hielt meinen Wagen an, um den Zeppelin, der unseren Weg kreuzte, besser beobachten zu können. Als das Schiff sich gerade über unserem Wagen befand und wir wegen der geringen Höhe fast jeden Teil unterscheiden konnten, sahen wir plötzlich unter der Mitte des Schiffes in unmittelbarer Nähe der mittleren Gondel eine schwarze Rauchwolke aufsteigen. In diesem Moment erfolgte ein Knall und ein« gewaltige Feuer- garbe umloderte das Schiff. Wir glaubten im ersten Moment, die Besatzung führe blinde Schietzversuche aus. Als wir jedoch sahen, daß das ganze Schiff von den Flammen ergriffen wurde, ver- suchten wir unwillkürlich, uns in Sicherheit zu bringen, in der Annahme, daß es senkrecht herabstürzen würde. Das alles spielt« sich in der Zeit weniger Augenblicke ab. Aber durch die vorwärts- treibende Kraft und die noch im Gange befindlichen; Propeller wurde es noch ungefähr 30 Meter vorwärtsgetrieben und dann stürzte es zur Erde nieder. Einer der Passagiere hing mit beiden Händen an dem Unier- teil des Schiffes, bereit zum Abspringen. Als wir zur Unfall- stelle eilten, lag er zwei Bieter von dem brennenden Trümmer- Haufen mit zerschmetterten Gliedern. DaS ganze stolze Schiff bildete jetzt ein wogendes Flammenmeer. In einer Entfernung von ungefähr 100 Meter befand sich eine Abteilung Pioniere. Als wir bemerkten, daß diese keine Anstalten machten, herbeizueilen, winkten und riefen wir ihnen zu. Plötzlich sahen wir, wie sich in den brennenden Trümmern etwas bewegte. Ich kletterte in das Gerüst und mit Hilfe meiner beiden Kollegen gelang es mir, einen schwerverwundeten brennenden Offizier den Flammen zu entreißen. Wir betteten ihn auf die Wiese. In Die Schlacht bei Leipzig. n. In der Nacht zum 18. Oktober bewies der Sieger in so viel Schlachten sein strategisches Genie aufs neue, indem er im Angesicht des Feindes seinen Halbkreis enger um Leipzig zusammenzog. Sein rechter Flügel lehnte sich an Konnewitz, das Zentrum war in Probst- heida, der linke Flügel stand bei Stötteritz. Der Kaiser selbst hielt fast den ganzen Tag. mit einer einzigen Unterbrechung, an der Ouandtschen Tabaksmühle bei Thonberg und leitete von hier die Be- wegungen der Truppen. Inzwischen formierte Marschall Ney seine drei Armeekorps an der Parthe, die Blücher und seiner schlesischen Armee die Stirne zu bieten hatten, und die Generale Arritzki und Dombrowski hatten den Auftrag, die Vorstadt von Leipzig an der Halleschen Landstraße zu verteidigen. Durch Bertrand endlich, der um 5 Uhr früh von Leipzig aufbrach und um 12 Uhr Herr von Weißenfels und im Besitz der Saalebrücke war, ließ Napoleon seine Rückzugslinie nach Erfurt sichern. Trotz ihrer gewaltigen Ausdehnung hat man die Schlacht bei Leipzig»in Wahrheit nichts anderes als ein Arrieregarden-Gefecht" genannt, und süx den 18. Oktober wenigstens trifft diese Bezeichnung zu. Da sich, endlich und mit Mühe gespornt und gezerrt von Blücher, Bernadotte mit seiner Armee in den Ring schob, der Napoleon bei Leipzig zu umklammern strebte, focht der Franzosenkaiser jetzt nur mehr um einen möglichst ungehinderten Rück- zug nach der einen Seite hin, die ihm noch offenblieb, nach Weißen- fels. Aber diesen Kampf führte er mit sehr wechselndem Glück. Als ihm sechs Wochen zuvor ein Glückwunsch für den Sieg bei Dresden dargebracht wurde, während gleichzeitig die Nachrichten von den Niederlagen seiner Generäle an der Katzbach und bei Kulm vorlagen, hatte er mißmutig geantwortet:„Wo ich nicht bin, geht'S schlecht I" Der 18. Oktober bestätigte die Wahrheit de? Wortes, denn wo er selbst daS Kommando führte, konnte der Feind kaum Boden ge» Winnen. Namentlich um Probstheida, ein großes Kirchdorf mit festen Steinhäusern, entspann sich ein entsetzliches Würgen. Sechsmal gelang es den Verbündeten, in das Dorf einzudringen, sechsmal wurden sie aus der eroberten Stellung wieder herausgeworfen und ganze Leichenhügel türmten sich hier Ivie bei Stötteritz, wo Marschall Macdonald, bei Holzhausen überflügelt, eine neue Position ein- genommen. Inzwischen waren von Blüchers Korps Sacken und V o r ck gegen Leipzig vorgerückt und griffen mit Ungestüm die Ver- schanzungen und Häuser am Halleschen Tor an, während Blücher selbst und Bernadotte die Streitkräfte Neys zwischen Stnntz, Sellerhausen und Schönefeld zurückdrängten. Die Franzosen schlugen sich wie überall in diesen Tagen auch hier mit schier übermenschlicher Tapferkeit und machten den irischen und ausgesuchten Truppen der Nordarmee noch viel zu schaffen, aber als der Abend sich über das Schlacht- und Leichenfeld breitete, waren sie doch bis VolkmarSdorf und Reudnitz zurückgeworfen. Dazu kam ein zwiefaches Mißgeschick, daS den.Sieg" Napoleons auf der Südseite des Schlachtfeldes mehr als illusorisch machte: einmal war nachmittags ein großer Teil der Sachsen. 8000 Mann mit 19 Geschützen, die nur mehr widerwillig den Geboten des fremden Herrn folgten, zu deir Ver- bündeteu übergegangen, während andere sächsische Truppenteile, wie die Kürassicrbrigade und das Leibgrenadierbataillon, bei dem fran- zösischen Heere blieben. Zum zweiten erfuhr Napoleon gegen 7 Uhr abends, daß seine Artillerie nur mehr über 16 000 Geschosse verfüge, nicht genug, um das Feuergefecht auch nur noch zwei Stunden fort- zusetzen. Jetzt blieb nichts anderes als der Rückzug um jeden Preis, der durch Engpässe in einem sumpfigen Gelände nur mit den größten Schwierigkeiten durchgeführt werden konnte. Dazu wurde die Elster- brücke von Leipzig nach Lindenau durch daS Versehen eines Unteroffiziers in die Luft gesprengt, ehe noch daS ganze französische Heer hinüber war. Unter den Zurückgebliebenen, die sich abgeschniltlen sahen, brach eine wilde Panik au«, und, ohne noch eine Hand zur Berteidigung zu rühren, überlieferten sich viele Franzosen freiwillig in die Hände der Verbündeten. Diese waren inzwischen, am 19. Oktober unter verlustreichen Kämpfen gegen die Nachhut deS preußischen Heeres in die Stadt selbst eingedrungen. Karl Bleib treu hat schon(im Montags- blatt de?„Vorwärts" vom 6. Oktober) auf den Streit darüber hin- gewiesen, ob Landwehr oder Linie das Grimmaische Tor zuerst er- stürmte und hat auch zu Recht betont, daß dieser Ruhm der Land« wehr gebührt, und zwar dem Königsberger Bataillon, das der Major Friccius befehligte. Nicht viel später drangen russische Jäger durch daS PeterStor ein, und die von Blücher geführten russischen Truppenteile durch das Gerbertor im Norden. Die Ein- wohner Leipzigs begrüßten die Sieger mit fröhlichem Zuruf und ihnen widerfuhr keinerlei Unbill, aber am Beutemachen nahmen so- gar die preußischen Freiwilligen mit Freuden teil.„So war," schildert ihrer einer diese erbaulichen Szenen,„denn endlich der Kampf geendet, die Stadt in unseren Händen und die Beute un- ermeßlich. Der eine zog ein halbes Dutzend Beutepfcrde nach sich, um sie sogleich an die Kinder Israels zu verkaufen, ein anderer schleppte sich mit schweren Mantelsäcken, ein dritter trug einen zer- brochenen Adler, um ihn gegen das Eiseme Kreuz einzutauschen, ein vierter. Infanterist, bestieg mit Sack und Pack«inen stattlichen Eng- länder, und andere trieben die Gefangenen dutzendweise, wie Schafe, dem Glauben, daß noch mehr Lebende im brennenden Aluminium» gerüst steckten, winkten wir wiederholt zu den Soldaten, die nun» mehr auch herbeieilten. In meiner begreiflichen Erregung über das meiner Ansicht nach zu späte Eintreffen derselben äußerte ich: Das sind min Offiziere, ihre Kameraden brennen hier. Der Offizier, ein junger Leutnant, gab mir eine recht drastische Ant- wort. Es hätte meiner Ansicht nach vielleicht die Möglichkeit vor- gelegen, bei schnellerem Umzingeln der brennenden Trümmer diesen oder jenen Unglücklichen auf die vorhin erwähnte Weise zu retten. D»s Militär zerhieb die Trümmer des AluminiumgerüsteS, um besser an die in den Gondeln Eingeschlossenen heranzukommen. Wir bemühten uns inzwischen um den lebenden Offizier, der einen erschütternden Anblick bot, und versuchten ihn auf seine Frage: „Was ist mit mir los?" nach besten Kräften zu trösten und ihm durch Oeffnen der Kleider und Abziehen der verkohlten Kleidungs- stücke Linderung zu verschaffen. Inzwischen waren vom Flugplatz Sanitätspersonen mit Krankenwagen herbeigeeilt und so über- ließen wir nun berufeneren Händen die Arbeit an der Stätte der grausigen Katastrophe. Nicht die letzte Katastrophe! Unsere Allteutschen und Kriegshetzer haben sich besonders diel auf unsere„Kriegsluftkreuzer", unsere Zeppeline, zugute getan. Dazu war, so wenig wir die Erfindung Zeppelins an sich herabsetzen wollen, wirklich kein Anlaß. Denn von den famosen„Luftkreuzern" wurden seit 1906 nicht weniger als sechs durch Stürme zerstört. Drei weitere verbrannten, und ein zehnter Zeppelin, das Unglncksschiff„L 2" explodierte in der Luft. Von den elf starren deutschen Luft- schiffen, von denen der letzte Nautilus ebenfalls rühm- redig spricht, sind gerade die letzten und vervollkommnetsten innerhalb Iveniger Monate zerstört worden: außer den Zeppelinen auch noch das Schütte-Lanz-Lufischiff. Und die letzte Katastrophe, die des„L 2", war die schlimmste. Nicht nur, weil sie 28 Todesopfer kostete, sondern auch weil sie sich jederzeit unvermutet wieder- holen kann. Denn die Darstellung, daß die Katastrophe des„L 2" durch die Explosion der Benzinvorräte hervor- gerufen sei, ist durch nichts bewiesen. Ebenso möglich ist viel- mehr, daß die das Luftschiff umgebende Atmosphäre von 5htallgas durch den Bcnzinvergaserbrand entzündet und da- durch das furchtbare Unglück herbeigeführt worden ist. Aehn- liches aber kann sich jeden Tag ereignen. Wenn eS nun gar einmal zum Kriege käme und die „stolzen" Lnftkreuzer mit Zündgeschossen überflutet würden, so würde wohl in wenigen Tagen kein einziger von ihnen mehr existteren. Unsere Kriegshetzer und Luftchauvinisten sollten sich also wirklich endlich einmal ihr Triumphgcheul über Deutschlands eingebildete Luftherrschaft verkneifen! Die Regierung scheint denn auch, fiirS erste wenigstens, etwas bedenklich geworden zu sein. Sie läßt mitteilen, daß sie die Ersatzbauten für die vernichteten beiden Zeppeline »L 1" und„L 2" nicht beschleunigen, sondern erst einmal die Erfahrungen aus den letzten Katastrophen abwarten wolle. Das ist sehr vernünfttg. Das zum mindesten sollte die Rc- gierung aus diesen letzten Ereignissen gelernt haben, daß sie nicht wieder wagen sollte,' bei einer neuen Luftflotten- Vorlage die Lebensdauer eines Kriegsschiffes auf— vier Jahre zu veranschlagen! Karl Höger. Der Telegraph bringt uns die schmerzliche Kunde, daß heute vormittag in Wien der- Genosse K a r l Höger, eine der markantesten Erscheinungen innerhalb der österreichischen Arbeiterbewegung, an Lungenentzündung g e st o r b e n ist. Mit Höger sinkt einer der ältesten Vorkämpfer des öfter- reichlichen Proletariats ins Grab. Im Jahre 1847 geboren, trat er im Alter von 12 Jahren als Schriftsetzer in die Lehre. Im jugendlichsten Alter betätigte er sich bereits im Dienste der Arbeitersache, so daß er im Jahre 1873, getragen vom Vertrauen seiner Kollegen, seine Mitarbeiter als Delegierter vor sich her. Unbeschreiblich war die Gier und Habsucht bei manchem.... Es fielen unter anderem auch viele Geldwagen in unsere Hände. Um sie schwärmten die Soldaten wie die Bienen." Während der König von Sachsen, von den rheinbündischen Sa- trapen Napoleons der willfährigste, nur ein Häuflein Unglück war und bald als Kriegsgefangener nach Berlin abgeführt wurde, blähten sich die drei verbündeten Potentaten, Friedrich Wilhelm HI. von Preußen, Franzi, von Oesterreich und Alexander I. von Rußland, als hätten sie die Schlacht geschlagen und gewonnen und nicht die ungezählten Tausende, die, Geiern und Raben zum Fräße, auf dem Blachfelde faulten, und nicht die Zahllosen, die verwundet in Haufen auf einander lagen und Opfer ihrer Ver- letzungen wie der umsichgreifenden Seuchen wurden. Selbst einem G n e i s e n a u, der das Hirn deS Vlücherschen Heeres war, wurde schlecht gedankt.„Der König", schrieb er verbittert an C l a u s e w i tz, „hat mir, als alles in Leipzig auf dem Markte versammelt war, einige kalte, doch etwas freundliche Worte der Zufriedenheit mit unserer Armee gesagt. Mir persönlich nichts. Noch habe ich kein Wort der Zufriedenheit über unseren Elbübergang und die folgenden Kriegsbegebenheiten erhalten.... Sie sehen, wie tief gewurzelt die Abneigung deS Königs gegen alle diejenigen ist die nicht gleiche politische Gesinnungen mit ihm gehabt haben. So wie indessen dieser heilige Krieg vorüber ist, so trete ich aus seiner Armee und will lieber das Brot des Kummers essen, al» diesem un- freundlichen Herrscher mich in seiner Armee aufdrängen." Der Freiherr vom Stein aber schrieb seiner Frau:„Wir danken dieses große Resultat nicht dem Einflüsse feiger Staats- männer und elender Fürsten", und Blücher brachte einen Trink- spruch aus„auf das Wohlsein des Feldherrn, der drei Monarchen in seinem Hauptquartier hatte, und den Feind dennoch schlug". Durch alle Schichten des deutschen BolkeS aber ging ein frohes Jubeln, denn alle glaubten jetzt, da das Joch der Fremdherrschaft zerbrochen, die Tore zur bürgerlichen Freiheit weit geöffnet, und selbst die tiefsinnigsten Schwarzseher ahnten nichts von jener Misere, die bald durch den Mund des demokratischen Dichters Pfau den Toten von'Leipzig die Worte erpreßte: Wofür wir das Blut gelassen In der großen Freiheitsschlacht, Ein Spottlied auf den Gassen Haben sie daraus gemacht. Sie schlugen daS Boll in Bande; DaS heißt ein deutscher Bund— Wann schlummern wir Gefall»«» In einem freien Grund? Ja, wann??!.Ä.W, des österreichischen Buchdrückervereins in der Tarifkonimission vertrat. Die großen Kämpfe der Buchdrucker Oesterreichs sahen ihn stets an leitender Stelle. Doch nicht nur der Ge- Werkschaftsbewegung widmete er seine Zeit und seine geschätzte Kraft, auch innerhalb der Parteibewegung gelangte er bald SU großem Einfluß. Zu jener Zeit, da Viktor Adler an der Einigung der Partei wirkte, stand ihm Höger treu zur Seite. Unermüdlich hat er den schweren Boden beackert, in die Herzen der österreichischen Proletarier den Samen des Sozialismus ausgestreut. Im Jahre 1907 wurde er durch das Vertrauen der Grazer Arbeiterschaft in das Parlament entsandt. Ar- beitsüberbürdung und Alter zwangen ihn. bei der Wahl im Jahre 1911 von einer nochmaligen Kandidatur Abstand zu nehmen. Tie allgemeine Beliebtheit, der sich der Verstorbene erfreute, kam aus dem Parteitage im Jahre 1997 zu würdigem Eindruck. Durch stürmische Ovationen wurde der damals gerade Sechzigjährige von den Delegierten gefeiert. Die Liebe und Verehrung, die Karl Höger bei den österreichischen Arbeitern und weit darüber hinaus genoß, wird ihm auch noch nach dem Tode erhalten bleiben. povtiscbe(leberlicdt. Vom Wahlkampf in Baden. Aus Baden wird uns geschrieben: Da bereits am kommenden Dienstag die Wahlen zur Zweiten badischcn Kammer stattfinden, haben wir jetzt den Höhepunkt des Wahlkampfes erreicht. Tie Schwarzblauen sind, da die unehrliche Wackertaktik nicht den erwünschten Erfolg hat. völlig in die Defensive gedrängt. Welche ge- mischte Gesellschaft sie darstellen, erkennt man am besten aus der verblüffenden Tatsache, daß enragierte Verteidiger der Jesuiten und deren fanatische Bckämpfer, die Evangelibündler, sich liebesselig in den Armen liegen. Die Vertreter des Deutsch- nationalen Handlungsgehilfenverbandes, die in den Städten bisher zu den Nationalliberalen gehalten haben, stehen diesen wegen des für den zweiten Wahlgang in Aussicht genommenen Großblockabkommens jetzt feindlich gegenüber. Und um nicht völlig ausgeschaltet zu werden, haben sich nun diese politisch Obdachlosen den Konservativen verschrieben! Welche Nolle sie hier spielen und welche Kampfesmittel sie anwenden, hat. der Geschäftsführer der„Teutschnationalen", Karl Herzog, in Mannheim in einer im Landorte Wallstadt gehaltenen Rede verraten. Wohl in der Meinung, es seien keine Gegner in der Versammlung, behauptete er, daß 69 Proz. der Waren hausange st elltengeschlechtskran kn'eien und dahereineGefahrfiirdasPublikuntbeim Einkauf von Nahrungsmitteln bilden. Als Herr Herzog sich hierauf in einer vom Zentralverband der Handlungsgehilfen einberufenen Versanimlung verantworten sollte, versuchte er zu kneifen und behauptete, er habe nicht die Mannheimer Handelsangestellten im Auge gehabt, sondern seine Ausführungen hätten sich nur allgemein gegen die Waren- Häuser mit ihren sittlichen Gefahren für die weiblichen An- gestellten gerichtet. Auch habe er bei seiner Behauptung von den 69 Proz. geschlechtskranken Mädchen nur ein norddeutsches Warenhaus gemeint. In der Versammlung trat ein Besucher"der Versammlung in Wallstadt auf und bekundete, daß Herzog auch die Auf- Hebung der Freizügigkeit für den Fall, daß die Arbeitslosen- Unterstützung eingeführt werde, verlangt habe. Die Behörden müßten gegebenenfalls das Recht haben. Arbeitslose von Baden nach Schlesien zu exportieren. Das ist wohl das Schlimmste, was die Deutschnationalen wohl bisher geleistet haben. Die familiäre„Unstimmigkeit im Hanse Hohenzollern. Tie Welfenfrage ist. wie die„Verl. Lokalanz." offiziös mitteilt, gelöst— wenigstens formell. Nachdem Prinz Ernst August sowohl durch seinen Fahneneid als auch in seinem Schreiben an den Reichskanzler Garantien dafür geboten habe, daß er die vermeintlichen Rechte seines Vaters, des Herzogs von Cumberland, auf Hannover zu keiner Zeit geltend machen werde, hält die preußische Regierung in Ueber- einstiinmung mit der braunschweigischen Landesregierung eine über diese Kundgebung hinausgehende ausdrückliche Verzinst- leistung des Prinzen auf Hannover nicht für geboten. Statt ihrer soll der Prinz am Tage seiner Thronbesteigung in einer feierlichen Erklärung die Reichsverfassung anerkennen, die im Artikel 6 die Zugehörigkeit Hannovers zu Preußen aus- drücklich festsetzt. Zugleich sucht der„Lokalanz." in einer ebenfalls offiziösen Notiz, die Einmischung des preußischen Kronprinzen in die reichsgcschäftlichc Behandlung der braunschweigischen Thron- folgefrage als eine rein private Kundgebung„zwecks Informationen" hinzustellen und die Herbeilassung dos Reichskanzlers zu einer Rechtfertigung seiner Haltung damit zu entschuldigen, daß sie erkläre, die Antwort des Kanzlers wäre in einer„entsprechenden Form" erfolgt. Wört- lich heißt es in dem Scherlschen Blatt: .Hinsichtlich der Stellungnahme des Kronprinzen zu der braunschweigischen Thronfolgefrage, die vor mehreren Tagen in einem Schreiben an den Reichskanzler zum Ausdruck gelangt ist, verdient vielleicht hervorgehoben zu werden, daß die Tat- fache einer solchen vom staatsrechtlichen Standpunkt aus rein privaten Kundgebung des Thronerben an den höchsten Beamten des Reiches an und für sich nichts UeberraschcndeS mit sich bringt. Präzedenzfälle aus früheren Zeiten zeigen, daß Kronprinzen mehrfach Gelegen- heit genommen haben, ihre persönlichen Ansichten zwecks In- formation mit denen des Reichskanzlers auszutauschen. Solche Mitteilungen sind auch stets in entsprechender Form beantwortet worden. Ueberrascht hat im vorliegenden Falle nur die Tatsache, daß das obenerwähnte Schreiben des Kronprinzen den Weg in die Presse finden kqnnte." Was heißt„entsprccheude Form"? Die„entsprechende Form" wäre in diesem Falle eine glatte Zurückweisung der unbefugten Einmischung des Kronprinzen in die Staatsge- schäfte. Verfassungsrechtlich hat der Kronprinz nicht die ge- ringste Berechtigung, von dem Kanzler eine Rechtfertigung seiner Stellungnahme zur Welfenfrage einzufordern und diese Tat obendrein durch einen Paul Liman der Welt zu ver- künden. Solche kronprinzliche Leistung ist durchaus keine„rein private", sie geht auch das deutsche Volk an: die Belehrung freilich, die der Kaiser als Vater seinem Sohn dafür ange- deihen lassen will, daß dieser sich wieder mal öffentlich zu ihm in Widerspruch gesetzt und seine Politik aller Welt sichtbar gemißbilligt hat. kann als reine private familiäre Angelegen- heit dem Kaiser überlassen bleiben. Um LiebertS Mandat. Die„Nationalliberale Korrespondenz" schreibt in ihrer AuS- gäbe vom 17. Oktober: „Die Reichspartei wird im kommenden Winter voraussichtlich um eines ihrer wenigen Rcichstagsmandate kämpfen müssen, nämlich um das Mandat des in Borna gewählten Abgeordneten v. Liebert. Gleich nach dem Zusammentreten des Reichstags im November wird wahrscheinlich die Entscheidung über das an- gefochtene Mandat des Herrn v. Liebert gesprochen werden. Ge- schieht das, so wird die Nationalliberale Partei die Arbeit zur Eroberung des 14. sächsischen Wahl- krcisesmitallerKraftaufnehmen. Herr v. Liebert hat es nur besonders glücklichen Umständen zu danken, daß er statt des nationalliberalen Landtagsabgeordneten Nitzschke mit 114 Stimmen Mehrheit mit den Sozialdemokraten in die Stich- Wahl gelangte. Die Lage hat sich in diesem Wahlkreise für die Konservativen seit der letzten Wahl noch verschlechtert, so daß sich ihr Kandidat wohl schwerlich wieder zur Stichwahl zu stellen braucht. Man kann als bestimmt annehmen, daß die Anhänger der Fortschrittlichen Volkspartei des Kreises, wie bei der letzten Wahl, wieder für den Nationalliberalen stimmen werden." Die Nationalliberalen sollten sich nicht falschen Hoffnungen hingeben, der 14. sächsische Wahlkreis, der schon einmal sozialdemo- kratisch vertreten war, wird wieder der sozialdemokratischen Partei zufallen._ Protest der Stettiuer Arbeiter. DaS Klassenurteil des Stettiner Schwurgerichts hat begreif- licherweise den lebhaftesten Unwillen der Stettiner Arbeiterschaft hervorgerufen, ist doch durch den Freispruch des Totschlägers Brandenburg das Leben organisierter Arbeiter geradezu den Dolch- stoßen gemeingefährlicher Streikbrecherrowdys straflos ausgeliefert. Am Montagabend nahmen daher in einer überaus zahlreich be- suchten Versammlung die Arbeiter in Fraucndorf, am Mittwoch in einer ebenfalls durch Massenbesuch ausgezeichneten Versamm- lung die Stettiner Arbeiter Stellung zu dem Urteil im Branden- .burgprozcß. In beiden Versammlungen erörterte Genosse Heise die Tat und die Behandlung � des Täters, sowie das seltsame Ge- richtsurteil. Man müsse den bürgerlichen Geschworenen, führte der Redner auS, in gewisser Beziehung mildernde Umstände zu- billigen, weil sie einmal infolge ihrer Klassenstellung jedem Streikbrecher Sympathien entgegenbrächten und außerdem ihnen im Fall Brandenburg durch eine verlogene Hetze der bürgerlichen Presse eine Notwehrhandlung des Messerhelden von vornherein suggeriert worden sei. Die Klassenjustiz sei eine notwendige Folge der kapitalistischen Klassenherrschaft, die erst mit dieser selbst be- seitigt werden könne. Immerhin hätten die Auswüchse der Klaffen- justiz heute eine derartige Gestalt erlangt, daß die deutsche Nr- beiterklasse in ihren Organisationen beraten müsse, ob nicht gegen solche Urteile, die dem Rechtsempfinden des Volkes dermaßen Hohn sprechen, wie der Freisprach des Frauendorfer Totschlägers, der schärfste Protest, etwa lokale Demonstrationsstreiks, entgegengesetzt werden müßten. Die entrüsteten Arbeitermassen stimmten diesen Ausführungen begeistert zu.>'_ Berichtigung. Von Herrn L. Lensing, Dortmund, erhalten wir folgende Zu- schrift: In Nr. 267 de?.Vorwärts' befindet sich ein Artikel unter der Ueberschrist.Religion und Geschäft", welcher eine Reihe von Un- Wahrheiten gegen mich resp. gegen die in meinem Verlage er- scheinende Zeitung.Tremonia' und gegen den unter meiner Leitung stehenden Verband katholischer Vereine Dortmunds enthält. Ins- besondere ist es 1. unwahr, daß der Vorstand deS Verbandes der katholischen Vereine Dortmunds zusammenherufen sei auS Anlaß von angeblichen Differenzen mit Dortmunder GcschäftSfirinen und daß der Verband eine Kundgebung erlassen habe, daß nur in den Geschäften gekauft werden Idürfe, die der.Tremonia" Annoncen zukommen lassen. Der Vorstand deS Verbandes hat nur im allgemeinen auf die Unterstützung der ZentrumSpresie hingewiesen und die Katholiken darauf aufmerksam gemacht, daß sie bei ihren Einkäufen diejenigen Firmen auch berücksichtigen, welche in der Zentrumspresse annoncieren. Weder ist auf eine hiesige Firma Bezug genommen, noch sind Kund- gedungen bekannt gemacht, wie sie der.Vorwärts" anführt. Von einem Boykott der Firma Ludwig Clemens, um sie gefügig zu machen, in der„Tremonia" zu inserieren, kann keine Rede sein. 2. unwahr, daß die hiesige Firma L. Clemens sich an die hiesige.Arbeiter-Zeitung" gewendet hat, um Aufnahme einer Er- klärung. Ein Angestellter dieser Firma hat vielmehr, ohne Wissen und Willen derselben, der.Arbeiter-Zeitung" Angaben gemacht, über angebliche Differenzen zwischen der Firma L. Clemens und der .Tremonia". die in allen Einzelheiten unwahr sind und welche die Firma veranlaßt haben, den Angestellten sofort zu entlassen. 3. unwahr, daß die.Tremonia" seit Jahren alljährlich 3006 Mark für Inserate der Firma zu viel abgeknöpft hat. Die Firma Clemens ist genau behandelt wie alle anderen Inserenten, welche in gleicher Weise>me diese Firma der.Tremonia' Inserate zuwenden. Auf Grund§ 11 deS Preßgesetzes fordere ich die sofortige Auf- nähme dieser Berichtigung._' L. Lensing. Die Salkanfragen. Weiteres Bordringen der Serben? Koritza, 17. Oktober.(Meldung der„Agence-d'Athönes.") Die Serben haben die albancsische Grenze überschritten und die Dörfer Kljetsche und Veheani besetzt und dringen sieg- reich gegen E l b a s s a n vor. Ein ernster Schritt Oesterreichs? Wie«, 17. Oktober. Die Antwort der serbischen Regierung auf die Demarche Oesterrei-b-UngarnS und der Dreibundinächte ist bereit« in Wien eingetroffen. Die serbische Antwort entspricht absolut nicht der österreichisch-ungarischen Auffassung. Oesterreich be- steht unbedingt darauf, daß Albanien von serbischen Truppen sofort geräumt wird. Von informierter Seite wird mitgeteilt, daß, falls man in Serbien noch weiter auf dem in der Note niedergelegten Standpunkt bebarrt, man mit der Wahrscheinlichkeit eines neuen Schrittes Oesterreich- Ungarns zu rechnen habe, der dann einen ernsten Charakter haben dürfte. Oettemids.. Die neuen deutsch-tschechischen Ausgleichsverhandlnngen gescheitert. Wien, 17. Oktober.(Eig. Ber.) Die Ausgleichsverhandlungen zwischen Deutschen und Tschechen, die die Siegierung zum xten Male einleiten wollte, sind zu Ende, ehe sie noch recht begonnen haben. Die Deutschbürgerlichen wollten nämlich, daß der Minister- Präsident den Statthalter(Oberpräsidentcn) von Böhmen von der Teilnahme an den Konferenzen ausschließe, was der Ministerpräsident bei der richtigen Stellung des Statthalters nicht tun kann und was er bei der Person des jetzigen Statthalters, de« Fürsten Thun, natürlich auch gar nicht dürfte. Die deutschen Erzreaktionäre haben einen noch tieferen Grund: die Tschechisch. bürgerlichen haben nämlich entschieden die Zuziehung der Sozialdemokraten zu den Ausgleichsverhandlungen gefor- dert, da diese große Partei des Volkes und der Volksvertretung an der Sprachen- und WahlrechtSfrag« sehr interessiert ist. Für die Deutschbürgerlichen aber müssen die Arbeiter natürlich recht- lose Heloten bleiben, die man ausbeutet und niedertrampelt— und die in einer Ausgleichskonferenz überdies nicht„positive Arbeit" für mandatserhaltende Völkerverhetzung leisten, sondern nur die Gemeinheit und Demagogie der Paten tdeutfchen demaskieren würden. frantatteb. Die Maßregelung der Generale.' Paris, 17. Oktober. Die im gestrigen Ministerrat beschlossene Maßregelung von fünf Generalen hat großen Eindruck gemacht. ES heißt, Kriegsminister Etienne, der jedes Interview über diese Angelegenheit ablehnt, habe im Ministerrat erklärt, falls er in der Kammer interpelliert werden sollte, werde er eine Ant- wort verweigern, denn man könne im Parlament unmöglich eine Erörterung über strategische und militärische Eignung zulassen. General F a u r i e. der wegen seines offenen Schreibens an den Kriegsminister vor ein Disziplinargericht gestellt wird, erklärte einem Berichterstatter: Ich werde beweisen, daß ich da? Opfer einer furchtbaren Ungerechtigkeit bin. CS fehlt übrigens nicht an Zeugnissen zu meinen Gunsten. Der General- stabschef der belgischen Arnree, der in Europa als ein aus- gezeichneter Taktiker bekannt ist, hat mir. nachdem er meine Truppen beim Manöver gesehen hatte, wörtlich erklärt:.Ich bin entzückt", und trotzdem hätte ich voraussehen müssen, waS mir widerfahren jst. Sie wissen, mit welchem Haß die Generale verfolgt werden, welche das Unglück gehabt haben, ihre r e» publikanische Gesinnung zur Schau zu tragen. ES war eine regelrechte Verschwörung, eine gehössigc und hartnäckige Intrige gegen mich angezettelt worden. Ich könnte Ihnen die Namen derjenigen nennen, die mir im Hinterhalt auf» gelauert haben. Bei den Manövern nahm ich eine systematische Feindseligkeit gegen mich wahr und erkannte die Sucht, mich auf einem Fehler zu ertappen, selbst als ich die Weisungen desjenigen ausführte, der mich getadelt hat. Ich werde vor dem Disziplinar- rat die Einzelheiten des gegen mich gerichteten Komplotts bekannt geben. Was die brutale Form anlangt, in der ich verabschiedet wurde, so kann ich nur sagen.: Wenn man unsere Armee bis-! kreditieren, die Befehlshaber entmutigen und die Truppen demoralisieren wollte, so könnte man nichts anders vorgehen. Die konservativen und gemäßigt republikanischen Blätter finden die von der Regierung getroffene Entscheidung durchaus gerechtfertigt. Von einzelnen radikalen Blättern wird namentlich die Maßregelung des Generals Fäurie schärft getadelt. So schreibt der General de? Ruhestandes Perein in der „A u r o r e": Der verstorbene Kriegsminister General Andrä hat vor zehn Jahren die reaktionären Generale gemaßregelt, die sich feindseliger Kundgebungen gegen die Regierung schuldig ge- macht hatten. Aber er hat die Gründe ihrer Ungnade nicht ver- heimlicht. Er hat nicht die„C a n a i l l e r i e" besessen, jenen bei den Manövern Fallstricke zu legen. Diese Canaillerie ist soeben begangen worden, nicht vom Kriegsminister Etienne und auch nicht vom Generalstabschef Joffrc, sondern von der Kamarilla, die im KricgSministerium herrscht. Rußland. Der Lockspitzelcr gerichtlich überführt! Petersburg, 17. Oktober.(P..E.) Der Senat hat soeben dem Antrage der Oberstaatsanwaltschaft zugestimmt, daß die Frau S ch o r n i k o w a von der Anklage, an den geheimen Soldaten- Versammlungen teilgenommen zu haben, die seinerzeit mit der sozialdemokratischen Fraktion der zweiten Duma in Verbindung gestanden haben sollen, freizusprechen sei. Als Grund für ihre Bsziehungen zu den Sozialisten und Soldaten hat Frau Schornikowa angegeben, daß sie dies lm Solde und Auftrage der Geheimpolizei getan habe. Das Oberste Gericht hat die Beweise für diese Behauptung geprüft und für richtig befunden und die Frau daher von jeder Verantwortung freigesprochen. Die russische Presse macht darauf aufmerksam, daß, da die Schornikowa seiner- zeit die Soldatendeputationcn zu der sozialdemokratischen Fraktion der zweiten Duma geführt habe, was zur Auflösung der Duma und zur Verhaftung der Fraktion führte, jetzt gerichtsnotorisch festgestellt sei, daß die Verurteilung auf eine Pro- vokation hin erfolgt sei. Kimerika. Die Bereinigten Stnntc« gegen Hnertn. Washington, 17. Oktober. Präsident Wilson erklärte gestern in einer Rede über die Lage in Mexiko, er sei un- widerruflich entschlossen, alle Verbindungen mit der Regierutig Hucrtas abzubrechen. Man erwäge andere Maßnahmen, um in Mexiko den Frieden >v i e d e r h e r z u st e l l e n. Hohe Beamte erklären, es bestehe Geneigtheit, mit den Aufständischen in irgend welche Unterhandlungen zu treten. Amtseutsetzuug des Gouverneurs vou New Dork. Albany, 17. Oktober. Der Gerichtshof erklärte S u l z e r deS Meineids und der Unterschlagung von Beweismaterial für schuldig. Dagegen sprach das Gericht Sulzer von der Anklage der Bestechung einstimmig frei. Mit 43 gegen 12 Stimmen wurde der Gouverneur für abgesetzt erklärt. L,ctzU Nacbrfcbtcit« Mit Leuchtgas vergiftet hat sich gestern in später Abend sturid« der Lljährige Sohn des Schuhinachernieifters Hennig au» der Forster Straße 46. Er wurde in hoftnunaslofem Zustand» von einem Krankenwagen der Feuerwehr»ach dem Krankenhau« am Urban geschafft._ Der„russische Anarchist". Dresden, 17. Oktober.(H. B.) Die sensattonelle Verhaftung eines Fremden, der bei einem aufgeregten Hotelpersonal in den Verdacht kam, ein Attentat auf den Großftirsten Kiryll von Ruß- lcmd zu planen, scheint ein Fehlgriff der Dresdener P o l i z e i zu fein. ES handelt sich nicht um einen Russen, sondern um einen anscheinend harmlosen Berliner Studenten, der nach der Geschmacklosigkeit vieler junger Leute von heute Dolch und Revolver im Gewände führte. Tic Affäre der Canadian Railwad. Wien, 17. Oktober.(P.-C.) Die Affäre der Canadian Pacific Railwah Cy. zieht immer weitere Kreise. Eine große Anzahl von Personen in öffentlichen Stellungen wurde in die Angelegenheit verwickelt. Sämtliche Bureaus und Geschäftsniederlagen der Gesellschaft in Galizien wurden im Auftrage der Behörden geschlossen und die Firmenschilder entfernt. Zahlreiche Agenten in Galizien, die der Gefellschaft angehörten« wurden in Haft genommen. JANDORF 39 h lOMeierLaDüDiüIeD loder Wästlieiiesatz 39pf. |3 Linontücber fltr Damen oder Herren ZS 1 Saatrosen- garnitnr dunkeiblaa, mit weisser Blende 39 pf. 1 Püssee- kragea »us Batlit 39p für Knaben oder Mädchen P?. 1 Haarbärste 39pl 3»stall- Topfreiniger 39pf. 1 Wassersatz 1 Flasche, 13 Gläser zusammen 39 pf. 6 Groggläser auf Puan 39pf. 1 Wasserflasche gescliliffen 39pf. |l Blumenvase ca. 35 cm, mit Gold band 39 pf. 2 Portiößstassea mit Untertassen, geripyte Form, Forzellan 39pf. Soweit Torrat (0el»en 1 Meter Plissg 1 Spittelmarkt Belle- Alliancestr. Gr. Frankfurterstr. Bnumenstr. Kottbnser Damm Bis Sonnabend den 26. Okiober Verlangen Sie bei Einkäufen Rabattmarken Verkauf niefit an 'Wiederverkauf er Porzellan I9r Damen, Kragen and Manschetten 1 Stickereikragen in modernen Mustern, rund oder QQ Schulterform'•*» P'- 1 Jaketkragen au,. t etupftam M all o. Rips IPIissökragen 39 pf. 39 pi. 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PL 4 Kindertassen��r' 4 MUChtöpfe dekoriert 39 PL 4 Kaffeetassen dekoriert 3 Speiseteller 4 Dessertteller reich dekoriert 39 Pf. 2 Abendbrotteller --- mit Goldband QQ, und Linie.... pf- 1 Hyazinthentopf � ,Qler Goldband und Linie........ p'* 1 Teekanne dekoriert I Zuckerdose PL 1 Butterglocke j 1 Menage 3 teuig} zusammen 39 PL Steinsut dfr- IWaschservicekannek riert 6 SpeiseteUer � 39 pl 2 Gemttseschüsseln 39 pl 1 Satz Schüsseln f I Schneidebrett Delft- dekor. 39 PL 1 Bratenplatte......... 1 Kartoff elschttssel...jp1; 1 Anfschnittplatte...f� 1 Salz- und Pfeffermenage., 3 Dessertteller �4mod 39 1 Essig- od. 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Hierzu 4 Bellagrn u. nntkrhaltü»g»bl.� Hr. 273 30. Wr«. J.§t\\� �0„NgWUtS" Kttlilltt POillüilllltt.©kW« 1913. GcwcrhrcbaftUcbes. Das find erfolge! Einzelerscheinungen und Vorgänge, die in besonderen Umständen ihre Erklärung finden, können das Urteil über den Wert und die Bedeutung einer Bewegung leicht nach der einen oder anderen Seite beeinflussen, trüben, sa gänzlich irreleitend gestalten. Eine starke ungünstige Beeinflussung in der Be- Wertung der Bedeutung, Macht- und Erfolgsmöglichkeiten der Gewerkschaften verursachten bekannte Erscheinungen aus der jüngsten Zeit. Sprechen doch die Gegner hämisch von Mutlosigkeit. Müdigkeit. Angst vor Auseinandqisetzungen usw. Das kann und soll die Verzagtheit in unseren Reihen fördern. den Eiser für ein weiteres Mitarbeiten lähmen. Liegt dazu Veranlassung vor? Mit Nichten! Im Gegenteil: eine sach- liche Prüfung der Verhältnisse ist geeignet, die Zuversicht zu stärken, den Eifer anzuspornen. Dazu berechtigen, das der- langen die bisherigen Erfolge. Daß man angesichts einer schweren Krise keine Lust verspürt. Streiks zu inszenieren, daß der Zustrom von Mitgliedern stockt, wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt, das ist etwas Natürliches und überhaupt nichts Neues. Zudem muß man sich vor der Ansicht hüten, als ob die zufällige Streikmöglichkeit und die Summe der Streiks die volle Kampffähigkeit der Gewerkschaften zum Ausdruck brächten, oder gar den Maßstab ihrer Erfolge, ihrer Beein- slussung der Arbeitsverhältnisse abgäben. Das ist höchstens bedingt der Fall. Eine Tatsache als Beweis dafür: Die Groß- eisenindustrie ist von Streiks sehr wenig berührt worden und trotzdein sitzt in ihr: wirkt aus ihr das schlinimste, das ge- ässigste mit größter Zähigkeit gegen die Gewerkschaften etzende Scharfmachertum! Waruni das? Es fühlt den in- direkten Einfluß der Gewerkschaften. Ohne von Streiks direkt betroffen zu werden, erkennt das Großkapital ganz genau, daß ihm die Gewerkschaften die Anerkennung besserer Arbeits- bedingungen abringt. Die Tatsache sollte man nie aus dem Auge verlieren. Die nachweisbaren Erfolge und Kampf- Möglichkeiten dazu gewertet, zwingen zu einem Werturteil, das keinen Mißmut, kein Verzagen aufkommen lassen kann. Daß die gewerkschaftliche Kampffähigkeit nicht abschwächte, das beweist die Streikstatisnk der Generalkommission. Aus den Statistiken, Zahlenreihen, Berechnungen spricht Leben, Kraft, darin stecken Siege, Erfolge, sie rechtfertigen die Taktik des bald energischen Vorgehens abwechselnd mit vorsichtigem Zurückhaften, je nachdem es die Umstände gebieten. Mit Begeisterung allein schlägt man keine Schlachten, strategisches Geschick ist ebenso unentbehrlich als hosfnungsfroher Opti- misnuis. kampflustiger Opfermut. Die Voraussetzungen ge- werkschastlicher Kämpfe haben sich gewandelt. Manches mag man noch anders wünschen, Fehler mögen gemacht werden — die werden immer gemacht—, manchen Einrichtungen mögen Fehler und Mängel anhaften, das aber ist nicht zu leugnen: die Gewerkschaften blicken auf überraschende Erfolge zurück. Hier darüber aus der erwähnten Statistik einige Angaben: 1906 war ein Jahr der Hochkonjunktur. 1912 ein solches mindestens starker Depression in einer Reihe von In- dustrien. Die Zahl der Bewegungen stieg trotzdem von 8150 auf 9961. die Zahl der Angriffsbewegnngen von 4470 auf 6304, die der Abwehrbewegungen von 177 auf 832. Zeugt das von Angst, von Mutlosigkeit, von feigem Zurückhalten und Ausweichen? Sicher nicht! Wie aber steht es mit den Erfolgen? Auch nicht schlecht. Gut sogar, erfreulich gut! Das heißt nicht gut. um nun zu- frieden zu sein, nein, so gut. daß aus den Resultaten Lust kleines feuiUeton. Mt Sott für freihdt und"Vaterland! Von Georg Weerth. 1847. Gott Tür �mheit und Vaterland I" Vom Hdria- zum Ortfeeftrand Erklang der Ruf an Dcuttdilanda Söhne, Und alle Schläfer weckten feine Cänc. Durch alle Cäler drang fein Schall, Vom felfen klang der«Uderhall, froh eilte alles Volk zu feinen Jahnen. Der freiheit mutig einen«leg zu bahnen. Sefchlagen ward die Kaiferfchlacht, Zerfchellt des QnterdrQcfccrs JKacht, Doch frei ward Deutfchland dennoch nicht,— flicht jeder hält» was er verfpricht. Jloch jetzt erklingt's im deutfehen Land: „Mit Sott für Freiheit und Vaterland!" Doch anders ift der Sinn befchaffen, Er beißt;„Mit Sott für Junker und Pfaffen 1" Kriegsgreuel und Bötterschlachtrummel? Der FesteSjubel der bürgerlichen Parteien am 18. und 19. Ottober zur Verherrlichung der Leipziger Schlacht gibt wieder Anlaß, die Scheußlichkeit des Krieges den angeblichen moralischen Wirkungen desselben gegenüber zu stellen. Vielleicht würde mancher Hurraschreier doch verstummen, wenn seine Vorstellungskraft auSreichle. das Bild eines Schlacht- feldes vor seinem geistigen Auge erstehen zu lassen. Wir wollen ihm dazu verhelfen, indem wir einem Augenzeugen der Völker- schlacht bei Leipzig daS Wort geben, der auf dem weiten Leichen- felde, auf dem auS mehr als 20 Dörfern dunkler Rauch gen Himmel aualmte, als Arzt die grausigsten Szenen des Elends und des Todes schauen mußte. Johann Christian Rerl, einer der größten Mediziner des neunzehnten Jahrhunderts, schreibt über die Leiden der bei Leipzig Verwundeten:.Die zügelloseste Phantasie ist nicht imstande. sich ein Bild des Jammers in so grellen Farben auszumalen, als ich eS in Wirklichkeit vor mir fand. Die Kranken lagen entweder in dumpfen Spelunken, in welchen selbst daS Amphibienleben nicht aenua Sauerstoff finden würde, oder in scheibenlosen Schulen und gewölbten Kirchen, in welchen die Kälte der Atmosphäre in dem Maße wuchs als ihre Verderbnis abnahm. An manchen Orten lagen sie geschichtet wie die Heringe in ihren Tonnen, alle noch in den blutigen Gewändern, in welchen fie auS der Schlacht hmaus- getragen worden waren. Unter 29 000 Verwundeten hatte auch nicht ein einziger ein Hemde. Bettuch. Decke. Strohsack oder Bettstelle erhalten. Die mit zerbrochenen Gliedern waren zum großen Te,l rettungslos verloren; viele wurden gar nicht oder nur selten verbunden. Die Binden waren zum Teil aus'Salzsäcken geschnitten, die dre Haut mitnahmen, wo fie noch ganz war. Mit rohen Dachschindeln wurden die zerbrochenen Glieder geschient, Operationen oft versäumt, noch bster von Unberufenen vollzogen. und Kraft zu weiteren Känipfen entquellen muß. Im Hoch- konjunkturjahr 1906 waren 53,8 Proz. aller Bewegungen in vollem Maße erfolgreich, ini Jahre 1912 aber 61,7 Proz.: iu derselben Zeit ermäßigte sich die Ziffer der erfolglosen Bewegungen von 20,9 aus 19,3 Proz. Von den Angriffsstreiks waren damals, im Jahre der Hochkonjunktur, 55,7 Proz. fast restlos erfolgreich, im letzten Jähre aber 61,5 Proz. Für die Abwehrstreiks erhöhte sich diese Erfolgsziffer von 57,7 auf 66,3 Proz. Das sind Erfolge, die sich sehen lassen können, Erfolge, die das Kraftgefühl und das Bewußtsein weiteren Vorwärtsschreitens nur heben und stärken können. Deutfchcs Reich. Ueier eint neue Interessengemeinschaft in der Angestellten- bewegung ging eine Notiz durch die Blätter, die dahin zu berichtigen ist, daß der Verband der Kunstgewerbezeichner, der Verband der Bureauangestellten Deutschlands, der Zentralverband der Handlungs- gehilfen, die Allgemeine Vereinigung deutscher Buchhandlungs- gehilfen, der Verein deutscher Kaufleute, der Allgemeine Verband der deutschen Bankbeamten, der Bund der technisch-industriellen Be- amten und der Deutsche Technikerverband in nähere Fühlung zur Erörterung von Grundlinien für ein einheitliches Angestelltenrecht getreten sind. Von einer organisatorischen Fühlungnahme kann keine Rede sein, noch weniger von einer parteipolitischen Tendenz, wohl aber dürften die Verhandlungen über das einheitliche Angestellten- recht zum Zusammentritt eines Kongresses der Angestellten führen, auf dem das einheitliche Angestelltenrecht beraten werden soll. Diese Förderung des einheitlichen Angestelltenrechts, das auf den letzten Juristentagen sowohl als auch auf der Tagung der Gewerbe- und KaufmannSgerichte zu Leipzig behandelt wurde, ist fteudig zu be- grüßen. Ei» Krawallprozeß wurde am Mittwoch vor der Elberfelder Strafkammer verhandelt. Angeklagt waren 13 Mitglieder des Deutschen Bauarbeiterverbandes aus Barmen, die Arbeitswillige miß- handelt und Sabotage betrieben haben sollten. Die Sache hatte folgenden Hergang: Die Stadt Remscheid ließ in diesem Sommer den Neubau eines Krankenhauses ausführen. Die Plattenarbeiten waren der Firma Hünnebeck in Gelsenkirchen übertragen worden. Weil diese Firma nicht tariftren ist, wurde sie von den freien und christlichen Gewerkschaften für deren Mitglieder gesperrt und be- schättigte dementsprechend nur Streikbrecher. Die organisierten Plattenleger in Barmen wollten nun versuchen, die Streikbrecher zur Solidarität zu veranlassen, um so die Firma zu zwingen, den Tarif anzuerkennen. Zu dem Zwecke, und um selbst Arbeit zu bekommen, gingen die 13 Angettagten am 5. Juli nach Remscheid. Alles gut- liche Zureden war vergeblich. Die Hintzebrüder fühlten sich so fest im Sattel, daß sie in pöbelhafter Weise gegen die Organi- sierten Front mochten. Daraus entstand dann eine Prügelei. Die Erbitterung der Organisierten war so groß, daß sie sich dazu hin- reißen ließen, die Arbeiten der Streikbrecher teilweise zu demolieren und so auch dem Unternehmer Schaden zufügten. Natürlich ivurden sofort Verhaftungen vorgenommen und einige der Angeklagten saßen seit drei Monaten in Untersuchungshaft. Bei der Verhandlung am Mittwoch saßen 19 Personen auf der Anklagebank. Die drei übrigen sind flüchtig. Die Verhandlungen dauerten vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Als Verteidiger fungierten die Rechtsanwälte Dr. Heinemann« Berlin und Lande- Elberfeld. Alle zehn Angeklagte wurden verurteilt und zwar zu Gefängnisstrafen von einem Jahre bis zu vier Monaten. Teilweise ging das Gericht über die Anträge des Staatsanwalts hinaus. Im ganzen wurden sechs Jahre Gefängnis verhängt. Von den zehn Verurteilten sind acht Familienväter. Dieser ganze bedauerliche Borgang hätte sich verhindern lassen, wenn die Stadt Remscheid bei Vergebung der Arbeiten vonr Unter« nehmer die Erfüllung der Lohnklausel gefordert hätte. Man kann sich denken, welches Maß von Erbitterung unter den Arbeitern in Remscheid zum Ausdruck kommen muß, wenn zur Herstellung öffent- licher Arbeiten auswärtige Firmen mit Hintzeschen Siebenmonats- kindern anrücken und einheimische Arbeiter brotlos bleiben und das Zusehen haben. Zu diesem Elend paßte die Nahrung und Unreinlichkeit. Viele starben nicht an ihren Wunden, sondern gingen vor Hunger, Durst, Kälte und Unrat zugrunde. Auf dem offenen Hofe der Bürgerschule sah Reil einen großen Haufen, der aus Kehricht und den Leichen seiner Landsleute bestand: sie lagen dort nackt und Hunde und Raben delektierten sich an ihnen! Daß die Kriegssührung seit hundert Jahren nicht milder ge- worden ist. weiß jeder. Der rusfisch-japanische und der letzte Balkan« krieg haben uns einen Vorgeschmack davon gegeben, wie es nun in einem Weltkriege zugehen würde. Helm, Zylinder und Tango. Ein Blaublütiger, der die hansea- tischen Pfeffersäcke in den„Hamburger Nachrichten" über das Neueste „auS der Berliner Gesellschaft" unterrichtet, meint, das Anheben der Saison merke man in der Reichshauptstadt„eigentlich nur an dem verstärkten Erscheinen von Helm und Zylinder auf den Straßen". und dann sagt er weiter:„Man macht seine Besuche, wirft seine Karten ab. Und spricht vom Tango". Helm, Zylinder und Tango— drei Elemente inmg gesellt. Und„Berlin WW.', so fährt er fort,„will ihn— den Tango— absolut gesellschaftsfähig machen". Das werde aber nicht gelingen. selbst nicht, ivenn noch 59099 Exemplare des berühmten„Tanz- Breviers' gekauft werden. Trotzdem, so gibt er zu, könnte man von einer.Tangokrankheit' sprechen: »Wenn in der neuen Posse deS Thalia-Theaters die Tangoprinzessin mit Herrn Junkermann die ersten Schritte dieses argen- tinischen Wundergebildes beginnt, reckt die gesamte Weiblichkeit die Köpfe, um sich einen Pas abzusehen. Leute, die bis dato ganz vernünftig waren, haben in Lokalen, deren Namen sie früher nur von den Säulen her kannten, nachmittagsTangostunden genommen und bis zwanzig Mark für den Unsinn bezahlt.' Und abermals setzt der Blaublutkenner bei: das sei aber um- sonst, denn die„wirkliche Gesellschaft" werde den Tango nie aner- kennen, weil er immer sinnlich bleibe, auch wenn er noch so vorsichtig und dezent getanzt werde. Er bleibe der Tanz der Ballokale, von denen er seinen Einzug gehalten hat. So hat der Tango immerhin das Gute, wieder einmal hinreichend deutlich zu entschleiern, wie innerlich unfest die Kultur jener sogenannten.Welt' ist, die sich als eigentliche„wirkliche Gesell- schast' und als Träger der feineren Kultur überhaupt fühlt. Bor der Kokottenkultur der Ballokale, die man kennt, aber nicht nennt, springeil ihre Türen weit auf. Helm, Zylinder und Tango finden sich einträchtig zusammen. Welt und Halbwelt fließen ineinander ohne Grenzen. Der Gerichtsdiener. Die Verhandlungen vor den Strafgerichten find in Deutschland öffentlich. So?— Da gehen Sie einmal nach Moabit und versuchen Sie die Probe aufs Exempel. Da sitzt vor jeder Tür ein bissiger Höllenhund und belfert. Und im Gerichtssaale wirft er Sie zwar nicht heraus, aber er gibt doch deutlich zu erkennen, daß eigentlich ER hier Recht spricht.... Natürlich find es kleine Unteroffiziere mit einem dreckigen Ge« halt. Aber statt etwas dafür zu tun, daß eS besser wird, schlagen sie sich auf die Seite ihrer Brotgeber— die übrigens so viel Kulanz gar nicht verlangen-7 und behandeln die Zuhörer, wie sich nur Deutsche behandeln lassen. Einer steht im Zuschauerraum auf. weil ihm vermutttch die Beine eingeschlafen sind— schon ist jener da und befiehlt:.Setzen!' Was find das alles für Dummheiten! Er soll lieber aufpassen. daß nicht so oft daS Schild;„Zuschauerraum ist überfüllt!' an den tteberstundenarbeit und Arbeiterentlassungen bei Krupp. Eine vom Deutschen Metallarbeiterverband einberufene Ver- sammlung Kruppscher Arbeiter in Essen nahm am Mittwoch Stellung zu den direktionslosen Zuständen, die gegenwärtig in diesem Betriebe bestehen und die sich vornehmlich in Arbeiter- entlassungen bei gleichzeitiger lleberstundenwirtschaft äußern. Nach einem Referat des Geschäftsführers des Metallarbeiterverbandes über diese Zustände und einem solchen des Geschäftsführers deS Holzarbeiterverbandes über die Notwendigkeit der all- gemeinen Verkürzung der Arbeitszeit nahm die Versammlung einstimmig eine Resolution an, in der unter anderem beantragt wird: Zur Verhütung weiterer Kündigungen eine Plan- mäßige Verteilung der Aufträge an die einzelnen Betriebe, Be- seitigung der U eberarbeit, zweckmäßige Ueberweisung überschüssiger Arbeiter nach vollbeschäftigten Betrieben und Ver- kürzung der täglichen Arbeitszeit. Das Bureau wurde beauftragt, diese Entschließung dem Direktor der Firma Krupp zu übermitteln. Die Christlichen als Streitbrecher. Kaum ist der organisierte Streikbruch dem christlichen Textil- arbeiterverband dokumentarisch von einem seiner früheren Auge- stellten nachgewiesen, da erfährt die Haltung des christlichen Metall- arbeiterverbandes eine sehr eigenartige Beleuchtung bei einem Be- leidigungsprozeß in Stuttgart. Tort hat der Direktor einer Fabrik chirurgischer Instrumente einen Geschäftsführer des Metallarbeiter- Verbandes verklagt, weil dieser in einem Zeitungsartikel behauptet hatte, daß der Direktor— Teufel ist sein Name— mit einem christlichen Sekretär die Abrede getroffen habe, daß dieser ihm Streikbrecher liefern solle. Auch wegen der Zurückweisung einer Behauptung, die darin gipfelte, daß Streikende und ihre tftanen während des Streiks Streikarbeit verrichteten, fühlte sich der Ti- rektor beleidigt, weil dies als aufgelegter platter Schivindel vom Angestellten des Metallarbeiterverbandes bezeichnet wurde. In der Verhandlung spielte nun der christliche Bezirksleiter eine sehr eigenartige Rolle. Er gab als Zeuge unter Eid an, daß sie— die Christlichen— jeden Streik daraus prüfen, ob es ein Lohn streik sei oder ein Mackt streik. Bei Lohnstreiks üben sie Solidarität, bei Machtstreiks blieben sie„neutral". Neutral sei, wenn sie die Firma nicht sperren, ihren Mitgliedern wohl Kennt- nis geben von dem Bestehen des Streiks, es ihnen dabei aber frei- stellen, ob sie in dem bestreikten Werke anfangen wollen oder nicht. In dem vorliegenden Falle habe es sich um einen Machtstreik ge- handelt— die Firma wollte nämlich die Organisation ihrer Ar- beiter, die alle dem Deutschen Metallarbeiterverbande angehörten, zertrümmern und sie hatte auch den bestehenden Tarifvertrag ge- kündigt—, deshalb habe er auch„Neutralität" geübt und seine Leute nicht abgehalten, dort anzufangen, lieber die Nichtberechtigung des Streiks habe er vom U n t e r n e h m c r s e.I b st Auskunst erhalten, mit dem er zum Zwecke der Information im Nebenzimmer des Bahnhofshoiels in Ludwigsburg eine Zu- sammenkunft hatte, bei welcher der christliche Sekretär Gen gl er dem Direktor auch mitgeteilt habe, daß der christliche Metallarbeiter- verband sein Werk nicht sperren werde. Ob er dem Direktor dabei versprochen habe, Mitglieder seiner Organisation als Arbeits- willige zuzusenden, daran konnte sich Gengler„nicht mehr erinnern". Tatsache ist, daß bis zum Ausbruch des Streiks kein christlich organisierter Arbeiter im Werk beschäftigt war, daß aber während des Streik? zirka 15 bis 29 Mann die Arbeit dort als Arbeitswillige aufnahmen. Gengler behauptete in der Verhandlung aus das Bestimmteste, er habe jedem seiner Mit- glieder davon Mitteilung gemacht, daß dort gestreikt werde. Dem gegenüber steht aber die auch beschworene Aussage eines christliw organisierten Mendener Metallarbeiters, daß ihm G e n g l e r nichts von einem Streik gesagt habe und daß er sofort wieder ausgekört habe, als er erfuhr, daß die freien Metallarbeiter dort streiken. Diese etwas unbequeme eidliche Aussage versuchte Gengler da- Türen klebt, auch ivemt's leer ist, statt sich Uebergriffe zu erlauben, die man nicht nur wörtlich beantworten sollte. Eine Kleinigkeit— gewiß. Aber die ganze Indolenz, der ganze Stumpfsinn des Publikums zeigt sich hier, wo ein paar gehörige Zurückweisungen gegen einen genügen würden, um die ganze Gattung in Raison zu bekommen. Jedes Volk hat die Subaliernen, die es verdient. Diese hier verdienten— sagen wir... ein anderes Volk.— Der Man» im Souffleurkasten. AuS München wird uns ge- schrieben: Ein unverdientes Geschick bereitete ein' radausüchtiger Premierenjanhagel im Schauspielhaus der Thaddäus Rittner« schen Komödie:„Der Mann im Souffleurkasten". Rittner arbeitet mit dem Hohlspiegel der Ironie, wie Streheim, mit dem seine Art verlvandt ist. Er ivill die Illusionen des modernen Theaterbetriebs zerstören, den Künstler- und Theaterrausch, die Bühnensuggestion im Licht des Alltags zeigen, den unverstandenen Erlebnisdrang einer 18jährigeii Komödiantin aus dem Dunkel der immer im blauen Dunst'lebenden Theaterleute enthüllen als Mumpitz. Auch der Geniettaum des phantastischen Jünglings, der die Nächte im Souffleurkasten zubringt, um sich an der Luft'der Bühne zu be- rauschen, wird aufs Koru genoinffieu. Das Gauze ist als Groteske gedacht, umhüllt freilich von einem Schleier aus Scherz, Ironie, Phantastik und tieferer Bedeutung. Die Münchener Darstellung vergriff alles im Ton und Vortrag und war hauptsächlich schuld daran, daß die Absichten dieses Dichters vom Amüsierpublikum gröblich mißverstanden wurden. m. � Notizen. — Theaterchronik. Das Lessjng-Theater gibt nunmehr die Nachricht aus, daß demnächst Georg Büchner» „Wozzek" gemeinsam mit„Leo nee und Lena" iu Szene gehen i oll.— Im K 0 m ö d i e n h a u s e ist die Erstansfiihrung von Henri Nathansens Schauspiel„Hinter Mauern" bereit« auf nächsten Sonnabend, den 25. Ottober, festgesetzt worden. — Vorträge. Julius Türk veranstaltet am Sonntag. den 26. Ottober, im Harmonium-Saal, Steglitzer Straße 85, einen humoristischen Vortragsabend. — S) et erste weibliche Seekapitän. In Kopen« Hägen hat die Witwe eines Arztes, Frau von Banditz, die letzten Examen an der höheren Seemannsschule mit sehr gutem Erfolge abgelegt und die Bewilligung, als Seekapttän zu fungieren. erhalten. Wie hat auch schen eine Stelle gefunden und wird Ende dieses Monats einen 8999 Tonnen großen Dampfer nach englischen und russischen Häfen führen. Für ihren Mut und für da? in sie gesetzte Vertrauen spricht ihre erste Fernfahrt: durch die gefürchtetsten Teile der Nordsee. Was unsere Philister sich wohl denken mögen, wenn sie da den ersten weiblichen Kapitän auf der Kommandobrücke im Kampfe mit Sturm und Wogen sehen würden?, — Der magnetische Südpol scheint der schon vor vier Jahren aufgestellten Behauptung entgegen doch noch nicht gefunden zu sein. Dr. Mawson bestreitet, daß er während der Shackleton- Expedition festgestellt worden ist; man habe sich nur innerhalb der Polfläche befunden und wahrscheinlich gebe es mehrere um dem magnetischen Hauptpol verteilte Pole. — HalSringe für Modenarren. In Paris ist neuer- dings die Mode aufgekommen, um den Hals einen massiven Gold- ring zu tragen, der höchstens mit eingelegten Schmucksteinen geziert fein darf. Böse Zungen behaupten, diese Ringe sähen HimdehalS- Bändern verteufelt ähnlich. mit zu entkräften, daß er diesen Arbeiter als Alkoholiker und Epi- leptiker bezeichnete, der nicht wisse, was er rede. In eine noch unangenehmere Situation kamen der klagende Direktor und der christliche Bezirksleiter, als sie den Beweis an- treten sollten über die Lieferung von Streikarbeit durch Streikende .Der Direktor Teufel hatte nämlich während des Streiks an Gen gl er einen Brief geschrieben(!) und in diesem mitgeteilt daß er— der Dirktor— ihm jederzeit die Bewise lifere, daß Streikende nicht nur Streikarbeit machen, sondern froh wären, wenn sie noch mehr bekommen könnten. In der ganzen Zentrums- presse und in Hunderttausenden Flugblättern haben die Christlichen damals diese Unwahrheit verbreitet, um die Aufmerksamkeit von ihrer Arbeitswilligenvermittelung abzulenken. In der Verhandlung mußte G e n g l e r zugeben, daß er überhaupt die ganze Sache nur vom Hörensagen kennt. Als er vom Gericht aufgefordert wurde, den Brief herbeizuschaffen, den der Direktor Teufel an ihn ge- schrieben, erklärte Gengler, er wisse nicht, wo er den Brief habe. Er habe ihn Wohl verlegt und der Beklagte verlangte die Vorlage des Briefes wohl nur deshalb, um aus dem anderen Inhalt des Briefes Material gegen den christlichen Metallarbeiterverband zu schlagen. Durch Gerichtsbeschluß wurde Gengler nun beauf- tragt, den Brief zur Stelle zu schaffen; doch er kam nach einiger Zeit wieder und erklärte, er könne den Brief nicht finden, er müsse ihm wohl unter einen Stoß Akten gekommen sein. Da Gengler eidlich bekundete, den Brief gesucht zu haben, so muß wohl die christliche Registratur etwas durcheinander fein, wenn ein so wich- tiger Brief, mit dem die Christen monatelang krebsen gingen, auf einmal nicht mehr zu finden ist. Die Beweisaufnahme über den„Streikbruch durch Streikende fiel mehr als kläglich aus. Direktor Teufel und sein Werk- führer erklärten: Namen nennen sie nicht, damit diese Leute nicht hinterher terrorisiert werden. In die Enge getrieben, gestand der Werkführer dann zu, daß an eine ganz und gar am Streik un- beteiligte Frau Arbeit abgegeben wurde, die diese an die Frau eines Streikenden weitergegeben haben„s o l t". Wer diese Frau aber war, die die Arbeit durch eine andere erhalten haben soll, konnte nicht festgestellt werden. Die Verbreiter des Ge- rüchts verweigerten darüber die Aussage. Mut- maßen läßt sich, daß es sich um eine Frau handelt, deren Mann am Streik nicht beteiligt war und die Arbeit, um die es sich handelt, ist für die Streikenden ohne jede Bedeutung gewesen.(Bit wurde bei früheren Streiks schon gemacht, da sie jahraus, jahrein von Frauen in Heimarbeit hergestellt wird und auf die Fertigstellung von Waren ohne eigentlichen Einfluß ist. Das Märchen wurde also gründlich zerstört und die christliche Verbreitung von Unwahrheiten gerichtsnotorisch festgestellt. Tie geringe Strafe von 10 M., die der Geschäftsführer des Deutschen Metallarbeiterverbandes wegen formaler Beleidigung der Firma erhielt, wird mehr als reichlich aufgewogen dadurch, daß es in dem Prozeß gelungen ist, durch die eidliche Aussage eines Be- zirksleiterS des christlichen Metallarbeiterverbandes festzustellen, daß seine Organisation es den Mitgliedern frei- stellt, die Vlätze der Streikenden zu besetzen, die im Äanipfe mit dem Unternehmer stehen. Und dieses Agitations- Material ist auch ohne die Vorlegung des Briefes herbeigebracht worden._ LohiÄetvegung in der Offenbacher Karronn agenindustrie. In den Offenbacher Kartonnagefabriken find die Löhne noch äußerst schlechte. Die Arbeiterinnen werden im Durchschnitt 3—5 M. pro Woche niedriger entlohnt als in allen anderen Berufen. Auch in hygiemscher Beziehung lassen die Arbeitöräume alles zu wünschen Übrig. Die Arbeiter und Arbeiterinnen haben sich nun zahlreich dem Buchbinderverbande angeschlossen, sie streben einen Tansvertrag an, der gewisse Mindestlöhne vorsieht, um annähernd die Löhne zu erreichen, die in anderen Industrien längst gezahlt werden. Sie verlangen ferner bessere Reinhaltung der Betriebe und für jede Person alle 14 Tage ein Handtuch. Von dem Verhalten der Fabri- kanten wird eS abhängen, ob e» möglich ist, in Frieden zu einer Verständigung zu kommen. Arbeitsangebote nach Offenbach sind strikte abzulehnen. Kus cler parteü Gchetdemim» in den Bereinigten Staaten. New Jork, 3. Oktober.(Eig. Ber.) Auf Karl Liebknecht, DaAzhusti und Legten folgte Schetdemann. Der sozialistische Ver- treter Solingens im Deutschen Reichstag kam am Dienstag in N e w J o r k an, um aus Veranlassung der deutschen Sprachgruppe der Sozialistischen Partei eine mehrwöchige Agitafionstonr durch die Vereinigten Staaten zu unternehmen.-Gestern sprach der Genosse Schetdemann hierzulande zum ersten Male in einer öfienllichev Versammlung und zwar im Labor Lhceum(Arbeiter- hauS) in Brvotlyn(Groß-New Jorker Stadtteil) über die„Kampf- methodeu des Proletariats". Die trotz des argen Unwetters von etwa 2000 Personen besuchte Versammlung nahm einen glänzenden, Erfolg verheißenden Verlauf. Schechemanns Ausführungen über die Notwendigkeit der gegen- seitigen Ergänzung der gewerkschaftlichen und der klassenbewußten politrschen Tätigkeit der Werktätigen Bevölkerung klangen dem größeren, mir den deutschen Zuständen nicht bekannten Teile seiner Zuhörerschaft wie eine Offenbarung. Auch soweit sie noch den bürgerlichen Parteien Gefolgschaft leistet, fühlt die Mehrheit der Arbstterschaft der Vereinigten Staaten instinktiv, däß sie von den herrschenden Klassen nichts zu erwarten hat. Sie empfindet das VedürsntS nach selbständiger politischer Aktion, hat aber in ihrer überwtsgendeu Majorität Mangels der klaren Erkenntnis nicht die Energie zur Tat, Außerhalb der sozialistischen Partei kamen die die bestehenden Zustände und die Radikalisierung die innerhalb der demokratischen Partei in die getretene Scheidung in Gemäßigte und Fortschritt- wie iurch die Loslösung der unter Roosevelts Führung nden Progressiven von der republikanischen Partei zum Ans- druck. Ans die Dauer lassen sich die unzufriedenen Elemente der noch im Fahrwasser der kapitalistischen Parteien treibenden Arbeiter- massen nicht mit radikalen Redensarten abspeisen, in Wirklichkeit aber verraten. Und etwas anderes prakfizieren weder die Jünger de? Rauhreiterobersten Teddy Roofevelt noch der radikale Flügel der Demokraten. Aber es vollzieht sich ein durchgreifender Wandel in der poli- tischen Auffassung des amerikanischen Proletariats. Er geht sogar in flottem Tempo vonstatten, wie die 838 000 bei der letztjährigen Präsidentenwahl abgegebenen sozialistischen Stimmen(gegen 424 000 im Jahre 1908) beweisen. Aber dieser Umschwung muß und kann durch die Verbreitung der Erkenntnis von der Klassen- scheidung innerhalb der Gesellschaft und der ausschließlichen Gegen- fätzlichkett der Interessen von Kapital und Arbeit beschleunigt �Dieser Aufgabe wurde der Genosse Scheidemann gestern abend mit seltenem Geschicke gerecht. Durch theoretische Darlegungen läßt sich der Amerikaner nicht leicht überzeugen. Glücklicherweise konnte Scheidemcmn an der Hand der in Deutschland gemachten Erfahrungen die ersprießlichen Folgen der sozialistisch-politischen Betätigung«us dem Gebiete der Sozialgesetzgebung wie der Ab- wehr reaktionärer, arbeitexieindlichcr Anschläge und die Notwendig- keit de? Zusammengehens der Gewerkschaften mit der Sozialdemo- krafie als politischer Partei nachweisen. Im Amerikaner steckt «in gut Teil Autoritätsglaube. Des vorübergehenden Reichstags- Vizepräsidenten Ausführungen läßt er doppelt auf sich einwirken. Bei der Stärke des deutschsprechenden Elements in den Ver- einigten Staaten, bei der kosmopolitischen Zusammensetzung der verschiedensten Nationalitäten durch die gleichen Gewerkschaften wird dt« agitatorische Tätigkeit Scheidemanns auch aus Arbeiter. kreise, die des Deutschen nicht kundig find, im Sinne unseru: Sache eine ante Wirkung auSuben. Und darin liegt d,e hauptsächlichste pedeutnng der AgitafionStour des Genoffen Scheidemann. Die Organisationen zum Parteitage. Der sozialdemokratische Berein für Köln-Stadt und Köln- Land hat m einer dritten Mitgliederversammlung die Aussprache über den Parteitag beendet. Mit Dreiviertel-Mehrheit wurde diese Entschließung angenommen: Die Parteiversammlung bedauert lebhaft die Art der Be- Handlung des Falles Rädel auf dem Parteitag. Sie hätte be stimmt erwartet, daß der Parteitag Rädel ei» geordnetes um parteiisches Rechtsverfahreu gewährt hätte. Sonstige Beschlüsse wurden nicht gefaßt. 8o2iales. Der Kampf zwischen Krankenkassen und Aerzten hat in Breslau in seinem ersten Stadium mit einem Siege der Krankenkassen geendet. Wie anderwärts, hatte auch in Breslau der Leipziger Verband seine Mitglieder, die Kassenärzte sind, verhindert, die fertigen Einigungsbedingungen zu unter schreiben. Sie mußten die bekannte Gruppeneinteilung und die freie Arztwahl verlangen.> Da dies bei dem Stande der Breslauer Kassen unerfüllbar war, kam es zur Kündigung der bisherigen Aerzte. Wenn diese gehofft hatten, es würde sich kein Ersatz finden, so täuschten sie sich sehr. Aus den zahlreichen Bewerbungen konnten etwa 60 erprobte und einwandfreie Aerzte aus gewählt und vertraglich für den 1. Januar 1314 verpflichtet werden Diese neuangestellten Aerzte beschlossen, den sämtlichen Kassen- Mitgliedern— es kommen mehrere Kassen in Betracht— unter sich die freie Arztwahl zu gestatten. Damit ist ein vorläufiger Stillstand der Fehde zu verzeichnen, aber auch die letzte Hoffnung der Aerzte, das Oberversicherungsamt, dürfte in diesem Falle ver- sagen._ Bolksfürsorge. Recht gehässige Feinde hat die„Bolköfürsorge" in dem mär- kischen Städtchen Kirchhain in der Provinz Brandenburg. In dem daselbst erscheinenden Amtlichen Anzeiger für den Kreis Luckau („Neueste Nachrichten" heißt das Blatt) erscheint als Inserat ab und zu folgende Anzeige: „Kein nationaler Arbeiter läßt sich und seine Angehörigen bei der sozialdemokratischen„Volksfürsorge" versichern. Man weise den Agenten, d-ie auf dem Lande herumlausen, sofort die Tür." Wir zweifeln nicht daran, daß, wenn in einem Arbeiterblatt eine solche Aufreizung gegen die Agenten der agrarischen Lebens- Versicherungsgesellschaften oder der Deutschen Volksversicherung A.°G. veröffentlicht würde, die ganze bürgerliche Presse den Staatsanwalt gegen solchen Terrorismus aufhetzen würde. Aber der„Volks- ürsorge" gegenüber glaubt man sich alles erlauben zu dürfen. Schaden wind das der„Volksfürsorge" allerdings nicht; denn dieser Haß der Reaktionäre beweist mehr als alle Reklame die Güte der „Volksfürsorge". Die Versicherung ist ein glänzendes Geschäft für die kapita- listischen Gesellschaften, ihre Aktionäre und Aufsichtsrätc! Im Jahre 1312 erzielten die 45 LebensversicherungSgcsellschasten einen Gesamtüberschuß von 175 908 281 M., davon entfallen aus die 26 Aktiengesellschaften 103 392 003 M., aus die 13 GegenseitigkeitS- gesellschaften 71916278 M. Von diesem Ueberschutz erhielten die Aktionäre 3 230 653 M., die AufsichtSräte an Tantiemen 3 863 265 Mark, die Kapital- und andere Reserven 3 051 153 M. An ihre Aktionäre zahlten z. B. die Thuringia-Erfurt 1 200 000 Mark, die Wilhelma-Magdcburg 1050 000 M., die Viktoria-Berlin 300 000 die Bayr. Versicherungsbank 850 000 M., die Providentia- Frankfurt 700 000 M.. die Friedrich-Wilhelm 570 360 M., Nordstern- Berlin 471 564 M., die Germania-Stettin 432 000 M. usw. Tantiemen an Aufsichtsrat und Vorstand zahlten: Viktoria 870 825 M., Nordstern-Berlin 324 131 M., Friedrich-Wilhelm 250 139 M., Thuringia-Erfurt 199 155 M., Wilhelma-Magdeburg 151 617 M., Providentia-Frankfurt 143 524 M. Da die„Volks- ürsorge" ihr Aktienkapital nur mit 4 Proz. verzinst, Dividende und Tantieme an Vorstand und Aufsichtsrat nicht bezahlt, kommen bei ihr alle Ueberschüsse restlos den Versicherten zugute. Sericbts- Leitung. Hinterpommersche Justiz. Vor der Strafkammer des Landgerichts in S t o l p als Berufungsinstanz stand ein bisher unbescholtener Streiksünder, den das dortige Schöffengericht wegen öffent- licher Beleidigung in Tateinheit mit versuchter Nötigung zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt hat. Seine Berufung wurde verworfen, weil die Hirsch- Dunckerschen Streikbrecher behaupteten, der Angeklagte habe ihnen zugerufen: Streikbrecher, Eisböcke, Lumpen, wenn Ihr nicht vom Bau geht, schlage ich Euch die Knochen entzweil Außerdem lvurde ein Eni- lastungszeuge vom Staatsanwalt in Haft genommen, weil ihn ein Streikbrecher beschuldigte, Zeugenbeeinflussung versucht zu haben. Dasselbe Gericht verhandelte dann gegen einen Kinder» s ch ä n d e r. der einen vierjährigen Knaben zu seinen geilen Lüsten mißbraucht hatte und wegen Sittlichkeitsverbrechens bereits vorbestraft war. Das Urteil gegen diesen lautete ebenfalls auf zwei Monate Gefängnis. Der harmlose Streiksünder, der seinem Zorn über die Arbeitswilligen in einigen nicht ernst zu nehmenden Schimpf- Worten Luft macht, scheint also der hinterpommerschen Justiz ebenso straswürdig zu sein wie der gemeingefährliche Sittlich- keitsverbrecher._ Der betrunkene Amtmann auf dem Hundekarren. Ein Beleidigungsprozeß, der einiges Anflehen erregte, kam vor der Bielefelder Strafkammer zur Verhandlung. Angeklagt war der Bauunternehmer Wilh. Gülker aus Hedem. Es war ihm zur Last gelegt, dem Amtmann Nuykrn aus Hedem Trunkenheit, Schankkonzessionsgeschäfte und sonstige ehrenrührige Sachen nachgesagt zu haben. G. erzählte öffentlich, der Amtmann habe seine vorzeitige Ent- lassung vom Militär durch starken Genuß von Essig herbeigeführt, indem er vorgab, von einem schweren Magenleiden geplagt zu werden. Weiter warf Gülker dem Amtmann vor, als Amtssekretär sei er einmal so betrunken gewesen, daß er von einem Chaussee- Wärter auf einem Hundekarren nach Hause befördert werden mußte. Eine Schankkonzession habe er einem Ziegeleibesitzer versprochen, falls dieser dem Amtmann unentgeltlich Steine zu einem Neubau liefere. In Begleitung eines Likörreisenden habe der Amimann die Inhaber von Reformwirtschaften besucht und sie zu Bestellungen veranlaßt mit den Worten:„Kauft nur, wenn Anzeigen wegen un- erlaubten Ausschanks kommen, fliegen sie in den Papierkorb!" Endlich machte Gülker dem Nuhken zum Vorwurf, daß er sich, ob- wohl er ein Einkommen von 4000 M. hatte, selbst einen Bedürftig. keitsschein für sich ausgestellt habe. Auf diese Weise habe er aus Gemcindemitteln einen Zuschuß von 300 M. zu einer Badekur er- halten. Die umfangreiche Beweisaufnahme, zu der etwa 20 Zeugen geladen waren, bestätigten im großen und ganzen die Behauptungen Gülker». Bemerkenswert war die Bekundung eines Mühlenbesitzers Darmöller aus Holsen. D. war wider Erwarten nicht in den Gemeinderat gewählt worden. Der Amtmann empfahl ihm nun, Einspruch gegen die Gültigkeit der Wahl zu erheben, er wolle ihn dabei unterstützen. In der Tat hatte der Einspruch Tarmöller» Erfolg. Beim zweiten Wahlgange wurde er gewählt. Der Amt- mann, der schon vor Erledigung des Einspruches geäußert hatte, Darmöller müsse sich aber erkenntlich zeigen, erhielt von D. eine fette Gans, die er annahm mit den Worten:„Das braucht aber niemand zu wissen." Das Gericht sah den Wahrheitsbeweis als geführt an, insbesondere sei erwiesen, daß N. als Bierleiche aus einem Hundekarren nach Hause gebracht worden sei. Der Auge- klagte wurde daher freigesprochen. Ablehnung eines Richters durch einen Staatsanwalt. Der in der Gerichtspraxis gewiß seltene Fall, daß ein Staats- anwalt den Vorsitzenden des Gerichts als befangen ablehnt, er- eignete sich vor der Strafkammer in Stolp in Pommern. Unter der Anklage der Urkundenfälschung und des versuchten Betruges stand der aus dem Zuchthaus vorgeführte frühere Besitzer Josef v. Skowronsky aus Recklinghausen. Die Anklagen waren auf zwei hintereinander folgende Termine verteilt. Bar Eintritt in die Ver» Handlung der ersten Strafsache beantragte der Staatsanwalt v. Koenen, die zweite Strafsache zuerst zu verhandeln, da so die Beweisaufnahme in der elfteren wesentlich erleichtert werde. Ter Vorsitzende der Straflammer, Landgerichtsrat Lang-Heinrich, er- klärte darauf:„Da kommt ja doch nichts dabei heraus." Als nun der Staatsanwalt darauf bestand, um die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu verstärken, erklärte der Vorsitzende,„der Zeuge sei ein unsicherer Kantonist". Der Staatsanwalt beantragte darauf, eine Reihe von Zeugen aus einer Schwurgerichtsverhandlung gegen den Angeklagten zu laden. Darauf erklärte der Vorsitzende:„Sie haben überhaupt keine Anträge zu stellen." Nunmehr lehnte der Staats- anwalt den Vorsitzenden wegen Befangenheit ab. Darob großes Befiemden. Die unter Vorsitz eines neuen Richters gebildete Spruchkammer wies den Antrag des Staatsanwalts als unbe- gründet zurück, da die fragliche Aeuherung des Richters als eine beiläufige Bemerkung in einer unterbrochenen Verhandlung ge- fallen war. Die Sache selbst wurde vertagt. Das verrückte Komma. Wegen Urkundenfälschung hat das Landgericht Stettin am 7. Februar d. I. den Güteragenten Otto Falk zu 6 Monaten Ge- sängnis verurteilt. Der Gutsbesitzer Fuchs wandte sich im No- vember 1911 zwecks Verkaufs seines Gutes an den Angeklagten. Dieser erbot sich, den Verkauf für eine gewisse Provision zu ver» mittel» und zwischen beiden wurde eine dahingehende schriftlich« Vereinbarung getroffen. Ter Verkäufer hatte sich aber vorbe- halten, wegen des Grundstücksverkcmss sich auch an andere Agenten wenden zu dürfen. Deshalb war in der schrifllichen Vereinbarung folgender Satz aufgenommen worden:„Das Abkommen hindert den Verkäufer jederzeit nicht, auch mit noch anderen Vermittlern in Verbindung zu treten." Nachdem nun der Besitzer sein Gut verkauft hatte, aber nicht durch Vermtttelung des Angeklagten, trat dieser an ihn heran und verlangte die vereinbarte Provision, indem er sagte, laut schriftlicher Vereinbarung habe der Besitzer sich ver» pflichtet, nicht mit anderen Agenten zwecks Verkaufs seines Gute» in Verbindung zu treten. Der Angeklagte hatte sogar seine Provisionsforderung an einen Gläubiger verpfändet und diesen zur Klage auf Zahlung der Provision gegen den Besitzer veranlaßt. Im nun seinen Anspruch auf die Provision glaubhabt zu machen und zu beweisen, daß der Besitzer nicht mit anderen Agenten hätte in Verbindung treten dürfen, hatte der Angeklagte in der schrist- liehen Vereinbarung die bereits erwähnt« Stell« durch Verrücken des KonimaS ihrem Sinne nach geändert. Er hatte nämlich das Komma ausradiert und vor das Wort„nicht" gesetzt, so daß' die wagliche Stelle alsdann lautete:„Das Abkommen hindert den Verkäufer jederzeit, nicht auch mit noch anderen Vermittlern in Verbindung zu treten." Darin ist die von dem Angeklagten be- gangene Urkundenfälschung erblickt worden. Das Reichsgericht ver- warf am Donnerstag die Revision des Verurteilten. Berliner Automobilapachen. Am 24. April verhandelte die Strafkammer gegen 5 Ein- brecher Süßkind, Schröter, Leonhardt, Kehler und Bosseler.. Bei ihren Einbrüchen bedienten sie sich eines Automobils. Auf ihr Konto fällt u. a. der Einbruchsdiebstahl bei Mädler, bei Krüger u. Oberbeck und bei der Magdeburger Maschinenfabrik Wulf. Die Verhandlung verfiel der Vertagung, weil sich die Notwendigkeit herausstellte, den Angeklagten Leonhardt auf seinen Geisteszustand zu untersuchen. Jetzt erfolgte die Forfletzung der Verhandlung. Sie führte zur Verurteilung der Angeklagten. Mitangeklagt war der Schankwirt Kille wogen Beihilfe. Die Anklage batte behauptet, das Lokal Killes sei der Polizei als Treff- punkt von Verbrechern, den sogenannten„Weddingjungens". be. kannt. Dort hätten die Angeklagten ihre Raubzüge geplant und vorbereitet. Die Verhandlung ergab, daß die Kille betveffenden Behauptungen der Anklage durchaus haltlose sind und daß sein Lokal als ein durchaus anständiges bekannt ist. Kille wurde deZ- halb unter Ueberbürdung der Kosten auf die Staatskasse frn- gesprochen._ Hus aller Welt. Zur©rubenhatartropbe bei Careüff. Alle Versuche, das Feuer m der Universal- Grube z» löschen, waren bisher vergeblich. Kaum ist an einer Stelle der Brand etwas zurückgedrängt, so flammte anderwärts das Feuer mit verstärkter Gewalt wieder auf. Unausgesetzt versuchen die Reltungs- Mannschaften trotz der drohenden Gefahren das Feuer zu ersticken, um so an die Eingeschlossenen heranzukommen. Ein Mann der Rettungskolonne wurde Frestag früh von einer ein- stürzenden Versteifung erschlagen. Draußen vor dem Grubeneingang warten noch immer in dumpfer Ver- zweiflung die Angehörigen. Nur ab und zu ertönt aus der Menge ein Aufschrei, wenn wieder einmal ein armes Weib vor Schmerz und Schwäche zusammenbricht. * Der Deutsche Bergarbeiterverband hat den Gefühlen seiner tiefen Trauer in folgendem Telegramm an die Leitung der englischen Bergarbeiterorganisation Ausdruck gegeben: Tiefgerührt von dem schrecklichen Grubenunglück in Cardiff. welches Hunderten von englischen Bergleuten das Leben kostete, sprechen wir Ihnen und den englischen Kameraden unsere tief- gesühlteste Teilnahme aus. Ein besserer internationaler Berg. arbeiterschutz ist nötig, um zukünftig solche schmerzlichen und traurigen Ereignisse zu verhüten.„ �. Verband der Bergarbeiter Deutschlands. H. Sackse. Otto Hue. Maffenstürze von Militärflieger«. Das jüngste Glied des Milttarismus. das Flugwesen. hat am Freitag einen schwarzen Tag gehabt. Drei Militärflugzeuge stürzten in verschiedenen Gegenden Deutschlands ab, wobei d r e i T o t e zu beklagen waren und außerdem drei mehr oder weniger schwer Verwundete ge- borgen wurden. Ueber die schweren Unglücksfälle berichten folgende Telegramme: Nmuterg, 17. Oktober. In Kirchlauter bei Bamberg in Unterfranken stürzte heute früh ein Doppeldecker, der von Niedcrneuendorf kam, ab. Der Flieger Oberleutnant Koch und Sergeant Monte vom 37. Infanterie- Regiment find tot. Altcngrabow 17. Oktober. Ein Miliäreindecker mit Ober- leutnant v. Frehberg als Führer und Hauptmann Hesel er vom Feldartillerie-Regiment General-Feldmarschall Graf Waldersee, kommandiert zum Großen Generalstab, als Beobachter, der um IVa Uhr morgens in Döberitz zur Fahrt nach Köln ausgestiegen war, machte um 2� Uhr eine Notlandung in der Schweinitzer Forst. Hierbei ereignete sich eine Explosion, das Flugzeug geriet in Brand und Hauptmann v. Heseler wurde getötet, während Oberleutnant v. Freyberg Brandwunden erlitt. Strasburg(Ukermork), 17. Oktober. Durch Versagen des Motors war der auf der Rückfahrt von Swinemünde nach Döberitz begriffene Fliegeroffizier Oberleutnant Schröder vom Infanterieregiment Nr. S9 gestern nachmittag genötigt, im Gleitflug niederzugehen. Wenige Meter über dem Erdboden wurde das Flugzeug von einer Bö erfaßt und gegen einen Baum geschleudert. Oberleutnant Schröder kam unter den Motor zu liegen und erlitt erheb- iche Verletzungen. Er wurde in das Stettiner Garnison- lazarett übergeführt. Sein Begleiter kam mit einigen Schrammen davon._ Die Aviatik in der Praxis. Am Mittwochmorgen ist in Frankreich der e r st e L u f t p o st- d i e n st eröffnet worden, der die schnellere Expedition der zweimal im Monat nach den Antillen abgehenden Post ermöglichen soll. Ein Militärflieger, Leutnant Roiin, übernahm auf dem Flugfeld von Villacoublay 1l) Kilogramm Korrespondenzen und brachte sie nach dem Flugplatz Saint- Julien bei Bordeaux. Die erste Etappe— der Weg von Paris nach Villacoublay— und die letzte — von St. Julien nach Pauillac, von wo der Postdampfer abgehl— sind im Automobil zurückgelegt worden.— ES besteht die Absicht, den Dienst regelmäßig einzurichten und von Zivilfliegern besorgen zu lassen. Den Kosten entsprechend soll ein Z u s ch l a g s t a r i f eingehoben werden. Die Briefschaften werden den Vermerk:„xar avion"(mit Flieger) aufgedruckt bekommen, damit auch die Brief- markensammler eine Freude haben. Vom Titel und Charakter. Der Professor Gaffky, ein bekannter Mitkämpfer gegen die Lungenschwindsucht, zieht sich aus der aktiven Tätigkeit im Tuberkuloseinstt»»«„Robert Koch"' zurück. Weil er also jetzt nicht mehr so wie früher mitraten wird, ernennt man ihn vom„Ge- Heimen" zum„Wirklichen Geheimen Obermedizinalrat"! Ver« stehen wirst Du das nie, Untertan, darum sollst Du auch nicht erst darüber nachdenken. Kleine Notizen. Erfolge der Knutenpolckik. In der Beilis-Affäre sind bisher 17 Zeitungen mit erner Summe von 4650 Rubel bestraft worden. Konfisziert wurden bis jetzt vier Zeitungen und zwei Broschüren, geschlossen eine Zeitung und ein Redakteur verhastet. Der Mönch als Mörder. Auch fromme Gesinnung schützt be- kanntlich nicht vor dem Bösen. Ein Mönch des Bisjukowklosters inCherson erschlug denAbtdes Klosters, Benjamin. Es liegt ein Racheakt vor. Vorsicht bei der Wahl der Eltern. Ein anständiges Hochzeits- geschenk machte der bekannte Stahlkönig Henry Clay Frick seinem Sohne bei dessen Hochzeit mit Miß Dixon. Bor der Trauung rief der liebende Vater das Brautpaar beiseite und überreichte seinem Sohne einen Scheck auf 12 Millionen Dollar, während sich seine Schwiegertochter mit der Kleinigkeit von 2 Millionen Dollar, ebenfalls in Gestalt eines Schecks, begnügen mußte. Erdbeben in Zentralamerika. Ein Telegramm aus San Juan d e l Sur in Nicaragua meldet, daß ein heftiges und andauerndes Erdbeben die Städte Managua, Masaya und G r a n a d a erschüttert hat, die ausgeschreckte Bevölkerung verließ die Häuser und schläft im Freien. Ein Haus in Granada ist e i n g e st ü r z t._ Briefhaften der Redaktion. Alex 150. Ihre Frau ist zahlungspflichtig. Die Kosten scheinen richtig angegeben zu sein. Wir raten deshalb zur Zahlung, da sonst weitere Kosten entstehen.— Lottchcn 33. Der Schneider ist zur Anmeldung verpflichtet. Die Fortsetzung Ihrer Mitgliedschast in der Kausmannskasse ist nicht zu- lässig.— P. F. Falkcnhorst. ZahlungSweigernng hat nur dann Zweck, wenn Sie beweisen können, daß das mangelhaste Funktionieren aus Fehler im Alaterial oder in der Konstruktion zurückzuführen ist. Da dieser Beweis nach Lage der Sache schwierig sein dürste, raten wir, eS aus einen Prozeß nicht ankommen zu lassen.— N. 35. Die Beschlagnahme ist zulässig, so lange das Urteil zu Recht besteht. Sie können aber nach Ihrer Darstellung mit Aussicht aus Ersolg eine neue Klage erheben, soweit es sich um den Unterhaltsanspruch Ihrer Ehefrau handelt. Auch haben Sie dai Recht, Herausgabe des Kindes zu verlangen. Wird dies verweigert, so müssen Sie Klage aus Herausgabe erheben. Auch die Scheidungsklage erscheint nicht aussichtslos. Antrag aus Armcnattest ist beini Armenvorsteher Ihres Be- zirkS zu stellen.— Curt 3. 1. Mindcststrase 1 Tag. S. Etwa iO M. 3. Solange Sie den geringen Verdienst haben, ist eine Beschlagnahm« nicht zulässig. Kranken-Unterstiitzungs- ddö Begrätinisverein für Bau- d. gewerli- liclie Arbeiter Berlins n. Bfflgegenil. Sonntag, den 19. Oktober, vormittags 10 Uhr, findet unsere lZellersl-VersammlunA Waldemaritraße 75, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Abrechnung vom III. Quartal 1913. 2. Bericht der Revisoren. 3. Vereinsangetegenhciien und Ver- schiedenes. Arbeiter jeden Berntes, welche has 15. Jahr erreicht und das 50. nicht überschritten haben und beitreten wollen, werden in der Versammlung vom Rendanten ausgenommen. XB. Die Mitglieder werden er- sucht, zahlreich zu erscheinen. 37/5 Der Borstand. Aentral-strankenkasse der Maurer uw. Verwaltungsstelle Charlottenburg. Mitglieder-Versammlung Mittwoch, den 23. Oktober, abends 8 Uhr, im VollShaus. Rosinen- straße 3(Partci-rezimmer). Tagesordnung: 1. Abrechnung vom M. Quartal. 2. Bekanntgab« der Statuten der Zu« schnßkaffe. 3. Allgemein« Kassen- angelegeoheiten. Um zahlreiches und pünktliches Er- scheinen ersucht 151/9 Die örtliche Verwaltung. I. A.: 0. Lraum, Meerscheidtslr.45 II, EckcHäselerstr. frelrellglorc Gemeinde Sonntag, den 19. Oktober, abends 6'/. Uhr, im Luisenstadt-Kasino, Oranienstr. 180: Vortrag des Herrn Crnst Rotter: „Vas Seelenleben der Pflanze", Nach dem Vortrag- GtMIltllljjkS KtlsMlNtNsejN Mit TssM. Garderobe 10 Pfennig. f55/17j Eintritt 10 Pfennig. XUlWlX Kohlen-Briketts» Großhandlung Lagerplatz n. 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Frankfurter Str. 123 Chaussee-Str. 114-115 Schßncbg., Hanpl-Str. 146 Neukölln, Berg-Strafe 25 CharL.Wflraerxlorier St». 40 Die Cefe als reichhaltigste Wochenschrift zur Unterhaltung und Bildung ist in Arbeiterkreisen so bekannt und ge- schätzt, daß wir Inhalt und Bedeutung nicht zu erwähnen brauchen. Neu ist, daß von jetzt ab jeder Abonnent schon nach Bezug von 13 Kesten(a 15 Pf.) ein Buch als Geschenk erhält und jederzeit abbestellen kann. „vre Bücher der Lese gehören mir rum Retten, was die Oeuttche Literatur hervorgebracht bat." Altenburger VolkSztg. Jedem Arbeiter eine Bibliocheh kostenlos! Von Oktober 1913 bis Dezember 1914 erhalten die Leser unserer Zeitung vorerst folgende fünf Bücher: Erstens: Dora Kohlfeld, Die Frauen der Familie Nebelsiek; Zweitens: Th. Etzel, Lustabenteuer; Drittens: Neue Nordische Novellen; Viertens: R.£>. France, Das Rätsel der Natur; fünftens: Oskar Wöhrle, Ein Kandwerksbursch der Biedermeierzeit. Ke stell sdiein. Hn die partetbucbhandlung de« „Vorwärts", Berlin SKI, Linden(tr. 68. Unterseicbneter abonniert hiermit auf „Die Lcfc" wöchentlich ein Rcft für 15 pf. und erhält beim Bezüge der Refte Ofetober-Dezember igta das z. Buch 1913 �(anuar-filärz 1914 das s. Buch 1914 Hprtl-�um 1914 das z. Buch 1914 Juli-Beptember 1914 das j. Buch 1914 Ohtober-Oezonber«914 das 4. Buch«914 ............................ Ort u. Datum:............. Strasse:..................... Verwaltungsstelle Berlin. Linienstr. 83-85. Telephon: Amt Norden 185, 1239, 1987, 9714. Montag, den SV. Oktober 1S13, abends 6 Uhr: Versammlung aller Metallarbeiter, Handwerker und Helfer aller Betriebe der Stadt Berlin i» den Sophien-Sälen, Sophienstraße 17/18. Tagesordnung: 1. Vortrag des Stadtverordneten Genossen Paul Hirsch über: »städtische Arbeitervolitik." i. Diskussion. 3. Verschiedenes. IW Mitgliedsbuch legitimiert. Me Mitglieder unseres Verbandes werden erwartet. -«--e' LIeKttomonteure unä Heller LroK-Herlins. Montag, den SV. Oktober ISIS, abends 8 Uhr, in den Mnfikersälcn, Kaiser-Wilhelm-Str. St.: Mssenschattlicher Vortrag deS Genossen Otto Roth- Berlin: l>ie dcutfcbc Rocbreefifcbem in der JVordree. Mit 85 Lichtbildern und kinematographischen Ausnahmen. Slchtnug!» Achtung! Montag, den SS. Oktober ISIS, abends S'/z Uhr: iüüü Versammlung � aller in den Betrieben der Militäreffektenbranche beschäftigten Kollegen und Kolleginnen in den Arminhallen, Kommandantenstr. 58/69. Tagesordnung: 1. Dtud Ueberitunde» iu unserer Brauche notwendig? 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. In Anbetracht der wichtigen TageSordnnng muß jeder Kollege und »de Kollegin anwesend sein. Die Ortsvcrvaltanif- jede! 128/1 Sonntag, den 10. Oktober, abends O Uhr, in der Xenen Philharmonie, Köpenicker Straße 96/97: Vortrag über„Taonhäuser" (W agner) am Klavier und durch Gesang erläutert von Herrn Dr. I. Hirschberg, Dozenten der Musitwissensohaft.— Eintritt 30 Pf. Kaoh dem Vortrag Tanz(30 Pf.). Arbeitslose haben freien Eintritt. SO/13 Der BlldungsansschuS. Istler Mi Verwaltung Berlin. Die Mitgliederversammlung der in den Brauereien beschäftigten Tischler findet der politischen Versammlungen wegen am Sonntag, den 19. Oktober, vormittags 9 Uhr, statt. W/13 ! Hcrrenbflte von Mk. 2,00 an ! Herrenbüte von Mk. 1,50 an Hut-Arnold Dresdenerstr. 116 (Kein Laden) am Oranienplatz Sehr grosse Auswahl in Mützen u. Pelzwaren Ausserordentlich niedrige Preiset A.'f... ,;V; r kauft ganz Berlin in dem bekanntesten Waren- und Möbel-Kredithaus C. 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Die Parteigenossen treffen sich Sonntagvormittag 11 Uhr in den Zahlabendlolalen zum gemeinschaftlichen Besuch der Versamm- lung im Casv Bellevue. Lankwitz. Heute Sonnabend, den 18. Oktober, findet bei Ging!, Kaiser-Wilhelm-Str. 34, ein Vortrag statt über:.Die Wirtschaft- lichen und politischen Zustände in Preutzen vor hundert Jahren." Die Parteigenossen werden um regen Besuch dieses geschichtlichen Vortrags ersucht. Friedenau. Die öffentliche Versammlung am Sonntag mittag 12 Uhr findet gemeinsam mit Steglitz im.AlbrechtShof", Albrecht- strotze 2, statt. Tempelhof. ES sei besonders darauf hingewiesen, datz die öffent- liche Versammlung ain Sonntag, den 19. Oktober, im Lokal.Zur Stadt Dresden", Berliner Str. 78, stattfindet. Zehlendorf sWannseebahn). Sonntag, den 19. Oktober, morgens 8 Uhr: Wichtige Flugblattverbreitlmg von den bekannten Lokalen aus. Karlshorst. Zum gemeinsamen Besuch der Versammlung im .Blumengarten' in Ober-Schöneweide treffen sich die Genossen um llS/4 Uhr in den Zahlabendlokalen. Abmarsch pünktlich 12 Uhr. Alt-Glienicke. Die WahlvereinSbibliothek befindet sich jetzt im neuen Jugendheim, Grünauer Str. 7, parterre rechts. Die Ausgabe der Bücher findet SonMagSvormittags von 11—12 Uhr statt. Königs-Wusterhausrn und Umgegend. Am Sonntag, den 19. Ok- tober: Flugblattverbreitung. Die Genossen von Königs- Wusterhausen treffen sich zu diesem Zweck früh 7,/a Uhr beim Genossen Ernst Gebert, Luckenwalder Str. 5. Bon Wildau-Hoher-Lehme beim Genossen Wilhelm Kodanek in Wildau. Von Deutsch-Wusterhausen beim Gastwirt Kirsche!. Die Genossen, welche den Autzenbezrrk be- legen, treffen sich pünktlich 7'/« Uhr am Bahnhof Königs- Wüster- Hausen. Zeuthen. Nach der im vorigen Jahre erfolgten Trennung von Eichwalde bildet der hiesige Ort einen eigenen Wahlverein. Als solcher feiert derselbe mit Miersdorf zusammen heute sein erstes Stiftungsfest, verbunden mit Konzert, Gesang und turnerischen Auf- führungen. Freunde und Gönner unserer Partei sind hierzu herz- lichst eingeladen. Die Feier findet im Lokale von W. Heinrich (Hankels Ablage) statt. Saalöffnung pünktlich 8 Uhr. Reinickendorf-West. Heute Sonnabend, den 18. Oktober, feiert der Wahlverein in I. GördeS Waldschlötzchen, Waldstrahe 50/51, sein diesjähriges Stiftungsfest. Da der BildungSausichutz für diesen Abend erstklassige Kräfte gewonnen hat, erwartet derselbe, datz die Parteigenossen das Vergnügen zahlreich besuchen. Anfang des Konzerl» 8'/,. der übrigen Darbietungen pünktlich um 9 Uhr. Nach- her grotzer Ball. Zur Teilnahme an der Volksversammlung in Borsigwalde, Borsigwalder Festsäle, treffen sich die Genossen und Genossinnen am Sonntag, mittags 12 Uhr, im Lokal von Lange, Eichbornstr. 49. Bezirk Schöneiche und Umgegend. Die Parteigenossen beteiligen sich an der morgen. Sonntag, mittags 2 Uhr. in Friedrichshagen bei Lerche stattfindenden öffentlichen Versammlung. Treffpunkt IVs Uhr am Bahnhof Rahnsdorf. vruchmühle. Heute Sonnabend, 8'/z Uhr, Zahlabend bei Mille. Eggersdorf sNiederbarnim). Heute Sonnabend, den 18. Oktober. abends 8'/z Uhr: Zahlabend im Lindenhoi. Die Mitgliedsbücher sind mitzubringen. Spandau. Morgen Sonntag, früh 7 Uhr: Wichtige Flugblatt- Verbreitung zur Stadiverordnetenwahl von den Bezirkslokalen ans. tür den Nonnendamm findet diese Flugblattverbreitung am ienstag, den 21. d. Mts., abends 7 Uhr, vom Genossen Kant aus statt.______ ßcrlimr Nachrichten» An die arbeitende Jugend! Morgen Sonntag, den 19. Oktober, nach- mittags 2 Uhr, finden in Kliems Festsälen, zwei große unpolitische Jugendversammlnnge« statt mit der Tagesordnung: „Der 18. Oktober des Jahres 1813." Referenten sind Reichstagsabgeordneter Dr. Karl Lieb- k n e ch t und Landtagsabgeordneter Heinrich Ströbel. Die arbeitende Jugend wird zu zahlreichem Besuche dieser Versammlungen eingeladen. Die bürgerliche Jugendbewegung, allem voran der Jungdeutschlandbund, veranstaltet an diesem Tage einen großen patriotischen Rummel, verbunden mit Festzug, Ansprachen usw. Die arbeitende Jugend läßt sich zu solchen Zwecken nicht gebrauchen. Zu einem derartigen Rummel oder gär zu Umzügen bietet ihr dieser Gedenktag nicht den geringsten Anlaß. Das überläßt sie getrost dem Jungdeutschlandbunde, der wieder einmal die Zeit für ge- kommen erachtet, um auf diese Weise für sich Reklame zu machen und Gimpel zu fangen. Vermutlich wird auch an diesem Tage die bürgerliche Jugend, wie man das bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich beobachten kann, wieder einmal mit Hurra und Radau so mancherlei Straßenszenen aufführen. Es braucht wohl demgegenüber nicht besonders betont zu werden, daß die arbeitende Jugend sich von derartigen „Späßen" der bürgerlichen Jugend vollständig fernhalten und wie stets ruhig und besonnen die beiden Versammlungen in Kliems Festsälen verlassen und nach Hause gehen wird. In den Versammlungen wird der arbeitenden Jugend die BedeU' tung des Tages im Lichte der historischen Tatsachen gezeigt werden; damit hat sie mlf ihre Weise diesen Gedenktag be- gangen. Darum heißt es: auf in die Versammlungen! Die Stadtvcrordnetenersaüwahl im 34. Gemeindewahlbezirk, HI. Abteilung, der bisher durch die Sozialdemokratie ver- treten lvar, ist nunmehr gleichfalls auf Sonntag, den 9. No- vember, von vormittags 10 bis nachmittags 6 Uhr, festgesetzt worden._ Wie ein Gefangener seine Freilassung anordnete. Ein raffinierter Streich a la Hauptmann von Köpenick, durch den ein Gefangener seine Flucht aus dem Moabiter Untersuchung»- gefängnis bewerkstelligt hatte, verursacht augenblicklich den Gerichts- und Polizeibehörden einiges Kopfzerbrechen. Die Hauptrolle in dieser Komödie spielt der Kaufmann Wilhelm Wiener, der kürzlich nach VerÜbung zahlreicher Schwindeleien in Hannover verhaftet worden war. Wiener halte u. a. zahlreichen Personen unter dem Versprechen, ihnen Hausverwalterstellen zu verschaffen, größere Beträge abgenommen. Als er die Aufdeckung seiner Schwindeleien fürchten mutzte, ergriff er die Flucht, bis ihn in Hannover sein Schicksal ereilte. Er blieb dort längere Zeit in Untersuchungshaft und sollte in der vergangenen Woche zu dem vor der Strafkammer des Landgerichts II am Sonnabend anstehenden Termin nach Berlin übergeführt werden. Offenbar war eS ihm in Hannover gelungen, sich in den Besitz eines amtlichen Formulars zusetzen, welches er mit einer aus einem anderen Schriftstück heraus- geschnittenen Siegelmarke versah. Dieses Formular füllte er wie folgt aus:„König!. Staatsanwaltschaft Hannover: In der Strafsache gegen den Kaufmann Wilhelm Wiener wird der auf den 11. Oktober angesetzte Termin aufgehoben, die Zeugen und der Angeklagte sind abzubestellen. Außerdem ist der Beschuldigte sofort auf freien Fuß zu setzen." Nachdem W. in das Moabiter Untersuchungsgefängnis eingeliefert worden war, verstand er eS, sich an den Tisch des Oberinspektors des Untersuchungsgefängnisses heranzuschlängeln und dort das ver- fälschte Schriftstück niederzulegen. Als der Oberinspektor von dem Inhalt Kenntnis genommen hatte, wurde Anweisung gegeben. Wienersofortaus derHaftzu entlassen. Da sich die Entlassung etwas verzögerte, wurde W. noch grob und drohte mit UöllleHcHIacHten und KlaMämpfe. Die Landwehr als Retterin in der Not. Mit Freuden vernehme ich, datz die Bildung der Landwehr bei Ihnen so trefflich von statten geht. Auf eine solche Entwickelung des Nationalgeistes war von jeher mein Streben gerichtet; auf sie allein setzte ich meine Hoffnungen; ohne sie wird das Wirken der stehenden Armee immer gefahrvoll sein; mit ihr darf man Unfälle nicht mehr fürchtem Alle Operationen der Armee kann man, wenn die Landwehr und der Landsturm gebildet ist, auf diese mit Sicherheit gründen. In dieser Ueberzeugung, welche der General von Scharnhorst völlig mit mir teilt, haben wir beide eine Schrift an den Hof gelangen lassen, worin wir unsere Ansicht entwickeln und mit Gründen unterstützen und uns erklären, datz wir ohne Landwehr und Landsturm für einen glücklichen Erfolg nicht ein- stehen können. Gneisenan an Eichhorn aus Rochlitz, 11. April 1813. Pertz, Gneisenan, II, 561. » Tapferkeit der Landwehr und Raubsucht der Kosaken. Du kannst nicht glauben» watz unsre Landwehren braff sind, auch die Russen, die ich bey mich habe, sind sehr braff, die Cosacken stehlen aber wie die Raben. Blücher an Bonin aus Bautzen, 22. Sep- tember 1813. Blücher ,n seinen Briefen, S. 33. * Die Leipziger Schlachtbank. Mit welchen Strömen von Blut die Freiheit der Welt erkauft ist, davon mag man nur wenig Begriff anderwärts haben. Vier Tage lang hat sich die schlesische Armee geschlagen. Von den 103 000 Mann, die sie am Anfang des Feldzuges stark war. ist sie auf 40 000 Mann geschmolzen.... Auf Meilen weit sind die Felder mit Toten, Verstümmelten und Verwundeten bedeckt.... Noch des anderen Tages lag alles voll Sterbender, Leichname von Menschen und Pferden. Trümmer, umgestürzte Kriegsfahrzeuge, Waffen, Sättel. Die Erde war mit Blut getränkt. Es war dies ein jammervolles Schauspiel des höchsten menschlichen Elends. G n e i s e n a u an die Privzessin Luise von Preutzen aus Freiburg an der Unstrut, 22. Ok- tober 1813. Pertz, Aus Steins Leben, I, 702, 8. * Wem der Zusammenbruch des Bonapartismus nicht zu danken ist. Napoleon ist geschlagen, in unordentlicher Flucht. Wir ver- danken dieses große Resultat nicht dem Einflüsse feiger Staats- männer und elender Fürsten; es ist hervorgebracht durch zwei blutige, tatenvollc, lorbeer- und tränenreiche Feldzüge. Stein an seine Frau, 2t. Oktober 1813. Pertz, Leben Steins, III, 433. Goethe über den„Sieg der Freiheit" reserviert. Sie sprechen von dem Erwachen, von der Erhebung des deui- schen Volkes und meinen, dieses Volk werde sich nicht wieder ent- reißen lassen, was es errungen und mit Gut und Blut teuer erkauft hat, nämlich die Freiheit. Und was ist denn errungen oder gewonnen worden? Sie sagen, die Freiheit; vielleicht aber lvürden wir es richtiger Befreiung nennen; nämlich Befreiung nicht vom Joche der Fremden, sondern von einem fremden Joche. Es ist wahr: Franzosen sehe ich nicht mehr und nicht mehr Italiener, dafür aber sehe ich Kosaken, Baschkiren, Kroaten, Magharen, Kassuben, Samländer, braune und andere Husaren. Wir haben uns seit einer langen Zeit gewöhnt, unseren Blick nur nach Westen zu richten und alle Gefahr von dorther zu erwarten; aber die Erde dehnt sich auch noch weithin nach Morgen aus. Goethe im Gespräch mit Luden, kurz nach der Leipziger Schlacht. Luden, Rückblicke in meinem Leben, S. 121, 2. * Stimmungsbild vom Frankfurter Fürsteukonvent. Die Sintflut von Prinzen und Souveränen beginnt sich zu verlaufen; sie sind viel besser behandelt worden, als sie verdienten. ... Der lächerlichste und zugleich abscheulichste ist der Württem- berger Tyrann, ungeheuer an Gestalt und Stolz; seine Feigheit und Völlerei— es ist unmöglich, datz dieser Mensch nicht ein solchen Charakters würdiges Ende habe. Alle diese anderen Prinz- lein sind schwache Leute, sehr erstaunt, datz man soviel Umstände mit ihnen macht und ihnen ein viel ehrenvolleres Dasein zugesteht, als sie durch ihr erbärmliches Betragen verdienen. Stein aus Frankfurt a. M. an seine Frau, 27. November 1813. Pertz, Aus Steins Leben, I, 731. » Revolution und Demokratie. Auch das hat die fürchterliche französische Revolution, die wir jetzt unsere, die europäische Revolution nennen müssen, uns heller als das Sonnenlicht gezeigt, datz der alte Zustand Europas ver- gangen war und vergangen ist, datz wir in den Vorhallen einer neuen Zeit stehe». Arndt. Ueber künftige ständische Verfassungen in Deutschland.(1814.) Schriften für und an seine lieben Deutschen, Bd. II, 82. Alle Staaten, auch die noch keine Demokratien sind, werden von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr demokratisiert werden. Ebenda, S. 99. » Gneisenau über den Wiener Kongreß. ... UebrigenS ist das dortige gesellschaftliche Treiben des hohen Zweckes unwürdig, wegen dessen man sich versammelt hat. Sowie bei dem Beitritt Oesterreichs zur Koalition wohltätig, so wirken hier entzweiend die Huren, und eS sind darüber hier die ärgerlichsten Anekdoten im Umlauf. Um Metternich seinerseits wieder zu ärgern, hat der Kaiser Mexander dessen Geliebte ge- zwungen, ihm zu entsagen und dessen Nebenbuhler, den Fürsten von Windisch-Grätz, in ihre(letzte?) Gunst einzusetzep. Man wird an der Vorsehung irre, wenn man sieht, welcher Mittel und Per- sonen sie sich bedient, um die Welt zu verwirren, zu versöhnen und zu retten. Gneisenau an Clausewitz aus Berlin, 12. De- zember 1814. Pertz-Delbrück, Gneisenau, IV, 302. Pessimismus Steins. Oesterreich billigt den Widerstand der Fürsten gegen Einrich- tung von Landständcn. Preutzen zaudert, sich den Wünschen eines Volkes hinzugeben, dessen unermetzliche Opfer wohl die Treue bewiesen haben; der König schwankt; der gute Greis an der Spitze der Verwaltung(Hardenberg) wird erdrückt vom Gewicht der Ge- schäfte, da er das einzelne tun will und nicht wagt, sich mit kräftigen Männern zu umgeben und sich ihnen anzuvertrauen; er hängt an den kleinlichen Ruhm, alles selbst zu tun, und fürchtet, in einen Weg gezogen zu werden, den er nicht kennt. Da ich auf diese Weise die allgemeine Lage der Geschäfte ansehe, so ist es natürlich, datz ich mich in mich selbst verschlietze, da ich nicht durch Aemter zur Tätigkeit berufen bin. Ich ziehe es vor, mich mit jeder anderen Sache zu beschästigen, als mit einer gehässigen Gegenwart.... Stein an Capodistria, Nassau, 21. Juni 1816. Pertz, Aus Steins Leben, II, 312. » Arndt flcflcil die Reaktion. Verwirrung und Bosheit ist bei denen, deren kleinem Sinn und kleinem Mut die Zeit und ihre Gewalt zu mächtig ist. Diese schreien: Weg mit eurem neuen Deutschland, mit eurer Deutsch- heit, eurer Landwehr, mit eurer Pretzfreiheit und euren Vcr- fassungen! Zurück, zurück, damit wir die Frömmigkeit, den Ge- horsam, die Ruhe und das Glück der guten, alten Zeit wieder- bekomme». Sie meinen die schlechte Zeit von 1580— 1790, die schlechteste Zeit, welche Deutschland je gehabt hat; sie meinen Be- quemlichkeit und Faulheit, Gleichgültigkeit gegen Volk und Vater- land und gegen alle politischen Dinge, blinden Gehorsam unter dem Stock, Fronpslichtigkeit, Leibeigenschaft, Kantonwesen und andere Sauberkeiten. Diese Art kennt man daran, datz sie immer klagte: Diese Zeit räsonniere zuviel. Arndt, Geist der Zeit, IV(1818). S.27. Aber sollten die Finsterlinge und Ankläger und Bcseufzcr der Zeit siegen und uns durch Rede und Schrift überwältigen, sollen die Schergen der Dummheit und Faulheit deutsche Menschen zu stummen und hündischen Knechten machen..., dann hätten Gott und Schicksal in den letzten Jahren ein furchtbar ironisches Spiel mit uns gespielt, eine Tragikomödie, wie sie die Geschichte nicht kennt. Ebenda, S. 89. * Aus der Schädelstätte von Waterloo. Recht so!— Mag Frankreich jetzt in Fesseln schäume»! Wohl knirscht's am Zaum, doch sind wir freier heut? Schlug sich die Wcli, um einen fortzuräumen, Nicht, um die Könige Gerechtigkeit Zu lehren?— Wie, der aufgeklärten Zeit Soll Knechtschaft neu geflickt als Götze dienen? Soll, wer den Löwen schlug, jetzt dienstbereit Dem Wolf sich beugen, mit ergebenen Mienen Vor Thronen knechtisch knien? Erst prüft, dann huldigt ihnen. » Wo nicht, was prahlt ihr mit des Zwingherrn Falle? Umsonst dann bleichte Gram die Rojenwangen, Als des Zerstörers Fuh die Blüten alle Europas niedertrat; umsonst vergangen Sind Jahre dann voll Knechtschaft, Todesbangen.... Byron, Childc Haroll», 3. Gesang. (ISIS.) Uebersetzt von Janert, Beschwerden bis zum Justizminister hinauf, so dah die Beamten im Eiltempo davonliefen, um das Erforderliche zu veranlassen� Gerade in dem Augenblick, als die Kapelle des 4. Garderegiments mit klingendem Spiel vorübermarschierte, ließ W. das Gefängnistor hinter sich. Hier verschwand er sofort in der Menschenmenge und— ward nicht mehr geseh'n. Als der Streich zur Entdeckung kam, spielte sofort der Telegrapb nach allen Himmelsrichtungen, insbesondere wurden die Kiistenstädte benachrichtigt. Alle Bemühungen, des Ausreißers wieder habhaft zu werden, sind bisher ohne Erfolg geblieben; wie angenommen wird, hat Wiener längst da? Ausland erreicht. Sehr sonderbar ist die Tatsache, daß keiner der in Frage kommenden Beamten daran gedacht hat, daß die Staatsanwalt- schaft in Hannover kein Recht hat, einen von der Berliner Staats- anwaltschaft erlassenen Haftbefehl oder einen von dem Berliner Ge- richt angesetzten Termin aufzuheben. Durchstechereien ihres Einkäufers ist die Geschäftsleitung der Kinder- und Backfischkleiderfabrik von Fischbein u. Mendel in der Lindenstr. 44—47 auf die Spur ge- kommen. Der Angestellte war schon länger als 20 Jahre bei der Firma tätig und genoß deren vollstes Vertrauen. Seit einer Reihe von Jahren war er Leiter der Knopfabteilung. Diese Stellung hat er, wie sich vorgestern herausstellte, dazu benutzt, um seine Firma durch Zusamnienarbeit mit einem früheren Knopflieferanlen um größere Summen zu schädigen. Wie mitgeteilt wird, dürfte sich die Gesamisiunme auf höchstens 50 000 M. belaufen. Strafanzeige hat die Firma weder gegen ihren Angestellten, noch gegen die beteiligte Knopffabrik erstattet. Sie will des- halb davon abschen, weil sich beide Teile bereit erklärt haben, für den gesamten Schaden aufzukommen. Aus diesem Grunde blieben sie auch lange Zeit unentdeckt. Sie kamen so zustande, daß der ungetreue Angestellte als Einkäufer der Knopfabteilung bei dem Knopflieferanten, mit dem er zusammenarbeitete, größere Bestellungen auf bessere Knöpfe machte und die Lieferungen, die in Wirklichkeit aus schlechterer Wate bestand als die bestellte, honorierte. Den Differenzbetrag, der hierdurch entstand und oft eine erhebliche Summe ausmachte, teilten sich dann der Einkäufer und der Knopf- lieferant._ Ein gefährlicher Hotelbetriiger, der schon mehrfach vorbestraft ist, wird von der hiesigen Kriminal- Polizei und anderen Behörden gesiicht Er hat in Berlin, Char- lottenburg und in vielen deutschen Großstädten Betrügereien in Hotels und bei Juwelieren verübt. Mit Hilfe von Bildern ist es nun gelungen, festzustellen, daß dieser Gauner, der unter den ver- schiedensten Namen auftrat, ein am 4. Februar 1874 zu Moskau geborener Kaufmann Bernhard Glück ist. Er war erst am 25. Mai dieses Jahres nach Verbüßung einer sechsjährigen Zuchthausstrafe wegen ähnlicher Betrügereien aus der Strafanstalt Sonnenburg ent- lassen und zur weiteren Strafvollstreckung den russischen Behörden übergeben worden. Wie er die Freiheit wiedergewonnen hat, weiß man noch nicht. Eine.Spezialität" des Gauners, der früher auch als Hoteldicb und Pfandscheinschiebec aufgetreten ist, ist es auch, mit reichen Damen, die mit ihm im selben Hotel wohnen, Be- ziehungen anzuknüpfen und ihnen größere Summen oder Wertsachen abzuschwindeln. Kriminalkommissar Krüger hat jetzt eine umfassende Fahndung nach dem gefährlichen Gauner, die sich auch auf das Aus- land erstreckt, eingeleitet. Im Humboldthain erschossen hat sich Donnerstag vormittag ein unbekannter Mann von ungefähr 65 bis 70 Jahren. Ein Parkwächter fand ihn tot auf einer Ruhebank sitzen. Der Unbekannte, dessen Leiche von der Polizei beschlagnahmt und nach dem Schauhause ge- bracht wurde, ist ungefähr 1,60 Meter groß, hat graumeliertes Haar imd ebensolchen Schnurr- und Vollbart und eine große Adlernase. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, eine grauwollene Jacke, Schnallen- stiefel, braune Schuhe, eine dunkelblaue Schirmmütze und ein graues Halstuch. Bei sich hatte der Tote, der völlig zahnlos war, einen igelben Stock mit einer schwarzeu Hornkrücke. Auf eine Liebestragödic ließ ein Leichenfund im Landwehrkanal schließen. Am vergangenen Dienstag landete inan an der Schöneberger Brücke ein ertrunkenes Mädchen, dessen Beschreibung auf eine Dresdenerin paßte, die mit ihrem Geliebten aus ihrer Heimatstadt verschwunden war. Die Ver- mißten hatten von Berlin aus geschrieben, daß sie hier gemeinsam in den Tod gehen wollten. Diesen Plan haben sie auch ausgeführt, denn gestern vormittag gegen 9 Uhr wurde ganz in der Nähe, wo man die Leiche des Mädchens landete, vor dem Grundstück Königin« Augusta-Str. 58, auch die Leiche des jungen Mannes aus dem Land- Wehrkanal gefischt. Bei diesem fand man auch noch einen Abschieds- brief, den beide, bevor sie den Tod im Wasser suchten, an ihre Hinterbliebenen geichrieben hatten. Die Toten sind ein erst 20 Jahre alter Hausdiener Rudolf Pönitz und ein ebenso altes Dienstmädchen Elisabeth Altmann, die beide aus Dresden gebürtig sind. Die Leichen wurden beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Eine ncnc Funkenstatio» wird gegenwärtig auf dem Gelände de? Telegraphen-Bataillons Nr. 1 in Treptow errichtet. Der schmale eiserne Mast für die drahtlose Telegraphie erhebt sich schon in doppelter Haushohe dicht an der Straße Am Treptower Park, vor der nach Neukölln führenden Bouchöstraße. Er ist zwischen de» Bataillousgebändeu lvetterfest verankert. Die Montage in luftiger Höhe ohne Gerüst sieht lebensgefährlich aus. Das Ende des Zirkus Busch. Wie berichtet wird, soll der Grund des Aufhörens des Zirkus Busch nicht durch die städtische Lustbarkeits- steuer veranlaßt sein. Der Grund soll vielmehr der sein, daß der Staat den Platz, auf dem sich der Zirkus befindet, für andere Zwecke gebraucht und daher nicht den Pachtvertrag mit dem ZirkuS Busch zu erneuern beabsichtigt. Zur Hundertjahrfeier der Schlacht bei Leipzig. In den Schau- sensteru der Buchhandlungen nehmen die Jubiläumsschriften über die Befreiungskriege augenblicklich den breitesten Raum ein. Eine be- trächtliche Menge dieser„Festschriften" ist in lobrednerisibem Tone abgefaßt und von betriebsamen Verlegern in geschickter Aufmachung und reichem Bilderschmuck hergestellt worden. In der Darstellung für naiv empfindende Gemüter trefflich zugeschnitten, gleitet diese „Literatur" über die politischen, ökonomischen, sozialen und morali- scheu Zustände im Deutschland jener Zeit mit patriotischen Schlag- Worten hinweg und beschränkt sich gewöhnlich auf eine Zusammenstellung der Ereignisse, deren Acußerlichkeiten und Einzelheiten. Der Arbeiter, der sich über den tatsächlichen Verlauf der Dinge unterrichten und in das historische Verständnis jenes Zeitabschnittes eindringen will, findet in der Oeffentlichen Bibliothek und Lesehalle, 80., Adalbertstraße 4l. eine reiche Auswahl von wertvolleren geschicht- lichen Gesamtdarstellungen, Biographien, Memoiren und kuliur- geschichtlichen Werken. Ebenso die Schöpfungen der an der Freiheits- bewegung beteiligten Dichter und Denker, die in der künstlerischen Gestalt der Erzählung und des Schauspiels eindrucksvolle Bilder jener von der Legende dicbt iibcrsponneuen Jahre geben. Die Ver- leihung der Bücher findet völlig kostenlos statt, und zwar in den Abendstunden von vVg— 91/» Uhr und Sonntags vorniittags von 9 bis 1 Uhr. Im Lesesaal des Instituts, der während derselben Stunden geöffnet ist, liegen 618� Zeitungen und Zeitschriften jeder Art und Richtung aus; auch steht den Besuchern eine Nachschlage- bibliothek von mehr als 2100 Bänden zu unmittelbarer Verfügung. BcrkehrSbcschrankungcn am Sonntag, den 19. Tktobcr. Das Polizeipräsidium erläßt folgende Bekanntmachung: Aus Anlaß des am Nachmittage des 19. d. Mts. als Gedenkfeier der Schlacht bei "eipzig stattfindenden Festzuges werden folgende Verkehrs- be'chränkungen erforderlich: Etwa von IL'/z Uhr nachmittags ab bis nach beendetem Durchzuge werden nach Bedarf für jeden Ver- kehr gesperrt: der Lustgarten, die Schloßfreiheit, die Schloßbrücke, die Kaiser-Wilhelm-Bnicke. die Fahrdämme und Bürgersteigs der Georgenstraße zwischen Prinz-Lonis-Ferdinand-Straße und Kupfer graben, der Prinz« Friedrich- Karl- Straße, der Universität� straße zwischen Georgen- und Dorotheenstraße, der Straße „Am Kupfergraben" zwischen Schloß- und Ebertsbrücke, der Monbijoubrücke, der Burgstraße zwischen Friedrich- brücke und Königstraße, der Kaiser-Wilhelm-Straße zwischen Kaiser-Wilhelm-Brücke und Spandauer Straße, der Spandauer Straße, der Heiligegeiststraße, der St.-Wolfgang-Straße und der Neuen Friedrichstraße zwischen Friedrichbrücke und Kaiser-Wilhelm Straße.— Von etwa 21/< Uhr nachmittags ab wird für die Dauer des Durchzuges der Fahrverkehr abgelenkt werden: Auf dem Platze am Zcughause, dem Kaiser-Franz-Joseph-Platz, sowie in der Längst richtung der Nordseite der Straße„Unter den Linden", der Wilhelm straße zwischen„Unter den Linden" und Hedemannstraße, der Hedcmannstraße, der Königgrätzer Straße zwischen Hedemann- und Großbeerenstraße, der Großbeerenstraße, der Kreuzbcrgstraße zwischen Großbeeren- und Lichterfelder Straße, der Lichterfelder Straße und der Drcibundslraße östlich der Lichtcrfelder Straße: Tödlicher Straßcnbahnunfall. Gestern abend wurde das Dienstmädchen Hedwig Müller, als es die Greifswalder Straße überschreiten wollte, von einem Straßenbahnwagen der Linie 59 erfaßt und geriet mit dem Körper unter den Wagen. Nach Anheben des Wagens schaffte man die Besinnungslose mittels Droschke nach dem Krankenhaus am Friedrichshain, wo aber nur noch der bereits eingetretene Tod festgestellt werden konnte. Die von Studenten hiesiger Hochschulen, insbesondere der Tech- nischcn Hochschule veranstalteten„Freien Fortbildungskurse für Arbeiter" zeigten auch im verflossenen Semester einen erfreulichen Aufschwung. ES wurden von 50 Studenten etwa 500 Arbeiter in 23 Kursen unterrichtet. Der Unterricht im Winterhalbjahr beginnt am 3. November, die Anmeldungen finden statt in der 3. Gemeinde- schule in Charlottenburg. Schloßstr. 2. am 30. und 31. Oktober und l. November, abends 8l/„ bis 9l/2 Uhr. Unterrichtet wird in den Elementarfächern Deutsch, Rechnen. Schönschreiben und in Maschinen- zeichnen, Geometrie, Buchstabenrechnen, Erdkunde, Buchführung und Naturlehre am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 8 bis 10 Uhr. Jeder Kursus findet wöchentlich einmal statt und kostet für das ganze Halbjahr 50 Pf. Lehrpläne können beim Schuldiener m der 3. Gemeindeschule kostenlos eingefordert werden. Dem Berliner Aquarium sind zwei prächtige Riesensalamander zum Geschenk gemacht worden, die ihren Einzug direkt auS Japan in die Süßwasserabteilung am Kurfürstendamm gehalten haben. Die Tiere haben die lange Reise in flachen, zur Hälfte mit Wasser gefüllten Bottichen gut überstanden und geben ein paar herrliche Schaustücke ab. In ihrer Heimat werden diese riesigen Lurche als Delikatesse verspeist und stehen deshalb auch in Japan schon hoch im Preise. Sie hausen dort unter den Steinen von Gebirgswässcrn und verlassen ihr feuchtes Element nie. Die Augen dieser merk- würdigen Geschöpfe sind winzig klein und auf der warzigen Haut nur schwer aufzufinden. Sie bemerken die vorbeischwimmendeu Fische, ihre bevorzugte Beute, an der Wasserbewegung und schnappen mit ihren: riesigen Nachen blitzschnell zu. Vermißt wird seit Montag, den 13. d. Mts. nachmittags, der geistesschwache Arbeiter Wilhelm Graste. Wiener Straße 39, Hof, Keller wohnhast. Derselbe ist zirka 1,52 Meter groß und war be- kleidet mit graubraunem Jackett, hellbrauner Hose, schwarzen Filz« schuhen und graugrünem Schlapphut. Es wird vermutet, daß der Kranke planlös in Berlin umherirrt. Personen, die den Vermißten gesehen haben, werden gebeten, dies sofort der Ehefrau oder dem nächsten Polizeirevier zu melden. Einen für ihre Verhältnisse empfindlichen Verlust hat eine Arbeiterin zu beklagen. Dieselbe verlor am Sonnabendabend von der Neuen Königstraße bis Alexanderplatz ihren Wochenlohn. Im Portemonnaie befanden sich auch Konsummarken. Der ehrliche Finder wird gebeten, Mitteilungen unter Becker, �bei Herrn Schulz, Gottschedstraße gelangen zu lassen. Vorort- l�admcbten. Neukölln. Ihr Kind erstickt und sich selbst durch einen Revolverschuß schwer verletzt hat vorgestern abend die 26 Jahre alte Wirtschafterin Auguste Kordex aus der Bergstr. 34. Die Wirtschafterin bewohnte dort im zweiten Stock mit ihrem sechs Monate alten Svhnchen Max und ihrem Geliebten, einem 25 Jahre alten Monteur Max Sch., Stube und Küche. Die jungen Leute beabsichtigten zu heiraten. Ihrer Ehe- schließung stellten sich jedoch Hindernisse in den Weg. Dies machte die Wirtschafterin so schwermütig, daß sie beschloß, mit ihrem Kinde in den Tod zu gehen. Abends gegen 7 Uhr hörten Nachbarn in ihrer Behausung einen Schuß fallen. Nichts Gutes ahnend, be- nachrichtigteu sie die Polizei, die bei ihrem Erscheinen die junge Mutler blutüberströmt im Bette liegend vorfand. Sie hatte sich mit einem Revolver eine Kugel in die rechte Schläfe geschossen und gab noch schwache Lebenszeichen von sich. Neben ihr auf dem Fußboden lag ihr Kind, das sie, wie der Befund erkennen ließ, mit einem Kopfkisten erstickt hatte. Die Schwerverletzte wurde sofort von einem Arzt verbunden, und nach dem Krankenhaus in Buckow gebracht. Man hofft, sie hier am Leben zu erhalten. Vom Tode ereilt wurde Donnerstagabend der Schutzmann Otto Breitsch aus der Münchener Str. 20. Der Beamte brach plötzlich, als er auf seinem Rundgang begriffen war, vor dem Hause Her- mannstr. 69 auf dem Bürgersteig zusammen und verschied auf der Stelle. Passanten holten einen Arzt herbei, der den wahrscheinlich infolge Herzschlag eingetretenen Tod des Beamten feststellte. Reinickendorf« Ein Bauunfall ereignete sich gestern abend kurz nach Feierabend auf dem Neubau Verner- Ecke Genterstraße. Dort fiel der Arbeiter Ernst Zorn, indem er beim Einschalen eines Balkons mit dem Riist- brett durchbrach, aus der zweiten Etage auf den darunter liegenden Balkon und von dort auf die Straße hinab. Der Arbeiter brach sich dabei das linke Bein sowie beide Arme und zog sich auch noch einen Schlüsselbeinbruch zu. Mittels Privatautomobil wurde der Schwer- verletzte nach dem Reinickendorfer Krankenhaus gebracht. Weiftensee. In der Generalversammlung des Wahlvereins erstattete Genoste Schlemminger den HalbjahrSbcricht. Die Mitgliederbewegung zeigt gute Fortschritte. Während am 1. März d. I. nur 1648 vollzahlende Mitglieder vorhanden waren, konnten wir am 30. September 4832, mithin 184 neue Mitglieder aufweisen. Befriedigen kann trotz- dem dieses Resultat schon aus dem Grunde nicht, weil in dieser Zeit 296 Neuaufnahmen zu verzeichnen waren.— Genoste Schwarzburger« Oberschöneweide gab hierauf den Parteitagsbericht. Mit dein Verlauf vieler Bcrhandlungßpunkte ist Redner schon des- halb nicht zufrieden, weil nirgends solche Zerfahrenheit unter den Landsmannschaften herrschte, wie unter den Berlinern. In der Masscnstreiksrage hätte der Partcivorstand am liebsten ein Schweigegebot erlassen, iveil ihm der jetzige Zeitvunkl. über diese Frage zu diskutieren, alsnicht augebracht erschien. Auch die Rede des Ge- notien Bauer zumMassenstreikhabe weite Kreise verletzt und den Gewerk- schaften keinen guten Dienst gcleistxt; gerade die letzteren müßten über den Massenstreik diskutieren, da vielleicht gerade sie am aller- ersten denselben als Abwehnnittel anwenden müßten, wenn beispielsweise das Koalitionsrecht bedroht würde. Bei der Ab- stimmung sei die Frage nicht geklärt worden, selbst die Niederbarnimer Delegierten hätten nicht geschlossen für die Resolution Luxemburg gestimmt, was Redner � sehr bedauert. Die Wahlen zum Parteivorstand hätten das sehr auffällige� Ergebnis der Wahl deö Genossen Wels gebracht. Wenn Genosse Brühl durch- gefallen sei, so besage die Wahl des Genossen Wels, der von den Süddeutschen vorgeschlagen, und gewählt wurde, alles. In der Diskussion warf Genosse Woldt dem Berichterstotter vor. zu wenig objektiv berichtet zu haben; seine rein persönliche Anficht über die Ä�rhandlungsgegenstäude sei zu stark unterstrichen gewesen Der Massenstreik sei für ihn als zurzeit undiskutabel; wenn man nicht einmal ernsthaft gewillt oder nicht imstande sei, den 1. Mai durch Arbeitsruhe zu feiern, wie viel weniger werde man fähig sein, den Mafsenstreik zu machen. Den Delegierten aus ihrem Verhalten bei den Abstimmungen einen Vorwurf zu machen, sei ganz ungerechtfertigt. Delegierte mit gebundenen Mandaten zu entsenden, sei ganz und gar zu verwerfen. Mit den sonstigen Ausführungen des Berichterstatters könne man sich einverstanden erklären, dasselbe gelte auch im allgemeinen von dem Parteitag. Unter Bezirksangelegenheiten wurden zunächst die Delegierten zu den Kreis- und Verbandsgeneralversammlungen auf 1 Jahr gewählt. Die Landagitation ist jetzt so geregelt, daß die von unserm Bezirk bearbeiteten Landorte vom Kreise selbst bearbeitet werden. Heiners- dorf wird unserm Bezirk als Tochterbezirk angegliedert. An Stelle eines verzogenen Bibliothekars ist Genoste Oskar Schmidt in Vor- schlag gebracht worden. Mit einem Hinweis auf die am Sonntag stattfindende Demonstrationsversammlung wurde die mätzig besuchte Tagung geschlossen. Spandau. Die Stadwerorbnetenversammlung am Donnerstag, die erst um 10 Uhr ihr Ende erreichte, führte zu lebhaften Debatten. Bei der Wahl von fünf unbesoldeten Stadträten, mit der sich zu Beginn der Sitzung die Stadtverordneten in geschlossener Verhandlung über eine Stunde beschäftigten, platzten die Gemüter schon heftig auf- einander. Die bisherigen Stadträte Sturm und Dr. Engelhardt wurden mit 44 bezw. 42 Stimmen wiedergewählt. Die Stadt- verordneten Siefert und Diedrich wurden mit je 31 Stimmen zu Stadträten gewählt. Die mit Spannung verfolgte Auszählung der Stimmen für den bisherigen Stadtrat Adler und den reaktionären Stadtv. Schob ergab für beide Kandidaten je 23 Stimmen. Das Los entschied zugunsten des Stadtv. Schob. Die Bewilligung von 2400 M. zur Belegung des Fußbodens der Turnhalle der 12. Gemeindeschule mit einem Eichenftabfußboden beschäftigte die Versammlung zum zweitenmal. In der vorigen Sitzung war die Vorlage zurückgewiesen worden, um den Unter- nchmer, der schlechtes Holz verarbeitet haben soll, haftbar zu machen. In der neuen Vorlage erkennt der Magistrat an, daß er unpassendes Holz ausgeschrieben habe und deshalb den Unternehmer nicht ver- antwortlich machen könne. In der Diskussion wurden schwere Vor- würfe gegen das Hochbauamt erhoben, welches die Arbeit seinerzeit ausgeschrieben habe und doch wissen müsse, welches Holz sich zum Fußbodenbelag eigne. Es wurde sogar der Antrag gestellt, die Bauverwaltung für den Schaden verantwortlich zu machen. Wie Genosse Pieper gehört haben will, soll das Material schon vor der Verlegung mangelhaft gewesen sein. Kein Stadtverordneter oder Magistratsmitglied dürften städtische Arbeiten übernehmen, denn der Stadtverordnete, der städtische Arbeiten ausführe, könne nicht mehr energisch dem Magistrat entgegentreten. Die Vorlage wurde mit der Acnderung angenommen, daß Linoleum gelegt wird. Für die neuzuverlegenden Hochspannungskabel wurden die hierzu erforderlichen Mittel in Höhe von 675 000 M. verlangt. Die Arbeiten sollten, wie die Vorlage verlangt, freihändig an die Firma Siemens vergeben werden, da die großen Elektrizitätswerk ein Kabelfhndikat gebildet hätten und schwerlich die Arbeit ebenso billig übernehmen würden, wie die Firma Siemens. Außerdem müßten die Arbeiten schnell ausgeführt werden, da am 1. Februar der Anschluß an das jtrciskraftwer? erfolge. Kritisiert wurde insbe- sondere, daß das Hochbauamt ein ganzes Jahr dazu gebraucht habe, um den Stadtverordneten diese mangelhast begründete Vorlage vor- zulegen. Genosse Pieck wandte sich entschieden dagegen, daß der Firma Siemens die Arbeiten konkurrenzlos übertragen würden und stellte den Antrag, daß die Stadt die Arbeiten in eigene Regie übernehm«. Im Falle der Antrag abgelehnt werde, stellte Redner einen weiteren Antrag, daß dann der Unternehmer verpflichtet »verde, hiesige Arbeiter zu tarifmäßigen Löhnen zu beschäftigen. Letzterer Antrag wurde auch angenommen. Bewilligt wurden nur 327 000 M. für die Kabellegung nach der Stadt. Bei der Bewilligung von 550 000 M. für Beschaffung von 80 000 Tonnen Gaskohle und von 134 500 M. für weitere 10 000 Tonnen zur Vermehrung des eisernen Bestandes an Gaskohlen wies Genosse Pieck darauf hin, daß die Gasdeputation mit einem hiesigen Lieferanten, einem Magistratsmitgliede, schlechte Er- fahrungen gemacht habe. Der Satzungsentwurf für die am 1. Januar zu errichtende Landkrankenkasse wurde einer gemischten Kommission überwiesen, welche erst die einzelnen Paragraphen durchberaten soll. Hierauf gelangte folgender Antrag der Genossen Pieck, Pieper, Götze und Bciler zur Verhandlung:„Anfang 1907 wurde vom Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung beschlossen, den Feuerhausarbeitern der städtischen Gasanstalt eine achtstündige Arbeitszeit bei einem Lohn von 70 Pf. die Stunde zu bewilligen. Dieser Beschluß ist bei der Inbetriebnahme der neuen Vertikal- öfen seitens der Gasanstaltsverwaltung wieder aufgehoben. Die Antragsteller verlangen für die Fcuerhausarbeiter die Wicderein- führung einer achtstündigen Arbeitszeit bei einem Lohn von 70 Pf. die Stunde." Genosse Pieck begründete die Vorlage mit der schweren körperlichen und geistigen Anstrengung, die mit dieser Arbeit ver- bunden sei. Trotz dieser schweren Arbeit müßten die Arbeiter 12 Stunden arbeiten, bekämen aber nur 11 Stunden bezahlt. Die Stadt müsse doch ein Interesse daran haben, ihre eigenen Arbeiter anständig zu bezahlen. Stadtbaurat Paul führte aus, diese Arbeit wäre so leicht, daß heute beinahe die Arbeiter mit Glacehandschuhen und weißer Weste dieselbe verrichten könnten. Genosse Pieck kriti- sierte die Rückständigkeit des Stadtbaurat Paul, der für die ihm unterstellten Arbeiter kein warmes Herz habe und brachte noch einen Fall zur Sprache, wonach ein Arbeiter nach dreitägiger Arbeit an einem derarttgen Ofen Selbstmord verübt habe, weil er die schwere Arbeit nicht leisten konnte. Nachdem noch Genosse Pieper für die Vorlage eingetreten war, wurde der Antrag nach weiterer Debatte einer gemischten Kommission überwiesen. Der letzte zur Verhandlung stehende Punkt betraf die Einführung der Sonntagswahl bei den Stadtver- o rd ne t e n w ahl e n für die dritte Abteilung, und zwar soll dieselbe am Sonntag, den 2. November, stattfinden. Stadtv. Ruhl slib.) begründete die Vorlage und beantragte, die Wahl von 10 Uhr vormittags bis 6 Uhr abends vorzunehmen. Nachdem Genosse Pieper sich gleichfalls für die Sonntagswahl ausgesprochen hatte, äußerte sich der„Arbeitervcrtreter" Kirch im Namen der Kommunalen Ver- emigung, der rückständige Mittelstandsvertreter Neusth und der reaktionäre Stadtv. Schob gegen die Sonntagswahl. Genosse Pieper kritisierte die fadenscheinigen Gründe der Gegner der Sonntags- wähl, die nur deshalb für die Wahl an einem Wochentage sind, weil dann die Staatsrverkstättenarbeiter zur Wahl Urlaub erhalten und unter Beaufsichtigung von M e i st e r n und Aufsehern zur Wahl geführt würden. Naäh längerer. zum Teil stürmischer Debatte, gelangte der Antrag mit-0 gegen 18 Stimmen zur Annahme. . ÄÄ»'ÄÄS.S»! religiöse Vörlelung VorinsttagS 1.1 Uhr. Kleine FranLutter� Straße�- Vortrag i Humors. Vortrag Zr&Z Dr™c: WUhelin Raab-, der Meister des deutschen der Metallarbeiter Sonntag, den IS. 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Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß der Kollege Paul Stöhr am 15. Oktober verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 18. Oktober. nachmittags 4 Uhr, aus dem Jerusalems- Kirchhos, Hermann- jtraße 89/90, statt. Ferner starb am 15. Oktober der Kollege Kasimir Daranovski. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 20. Oktober, nach- mittags 3'/, Uhr aus dem neuen Jakobitirchhof, Hermannstraße 99, statt. 32/11 Der Borstand. Zentrafterliaiid der Bandlungs- geWUeL Bezirk Grost-Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege Paul Friebe nach langem, schwerem Leiden verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Sonnabend, nachmittags 2'/� Uhr, von der Halle des Städtischen Fricdhoses, Müllcrstraße, Ecke See- straße, aus statt. Um rege Beteiligung bittet 292/13 Die Ortsverwaltung. Hiermit die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, unser guter Vater, Bruder, Schwieger- und Großvater Max Herklotz nach schweren Leiden sanft ver- schieden ist. Im Namen der Hinterbliebenen Witwe Herklost. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 19. Oktober, nachm. 3 Ubr, aus dem Johannislirchhof in Plötzensee statt. 44A Für die vielen Beiveise herzlicher Tetlnahme bei der Beerdigung meine» lieben Mannes, des Schlossers 7Sa �rtur Ihierne sage ich allen Beteiligten hiermit meinen herzlichsten Dank. Wwe. Marg. Thlemc nebst Kindern. Am 16. Oktober verschied meine liebe Frau Minna Schmidt an einer Leberoperation. Die Beerdigung findet statt am Montagnachmitiag 2'/, Uhr aus dem Zentraljriedhos in Friedrichs- selde. 2700b P. Schmidt nebst Kinder» Dunckerstr. 84. Danksagung. Für die Beweise inniger Teilnahme beim Ableben meines lieben Sohstes, unseres guten BruderS 44A Lrnst Jache sagen wir hiermit allen Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dank. Im Namen der Hinterbliebenen vsk. Jache. Danksagung. «b Beerdigung meiner' lieben. unvergeßlichen Frau sagen allen Be- kannten, insbesondere den Herren Chcss sowie dem Personal der Firma Bebr. Lewlnsteln unseren tiesgesüblten Dank. 67A <3. Tftnbler nebst Kinder» und Schtvägert». m— Teilzüiiluns gestattet! Vornehme Kerren-llisfer Poletots, Anzüge ! fertig und nach Mass J. Kurzbers Mass-Schneiderei Rosenthaler Str, 36 Frankfurter Allee 104 Reinickeniiorfer Str. 4 .:«.« ii,. t Vl'-ViTe v* r, Vi":.- : Js: WWKW� J KoStÜIlie, modern Ulster, äußerst schick Plüschniäntel, elegant Kinder-Paletots Blusen und Röcke direkt aus Arbeitsstuben billigst Magnus Meyer' Blüchers tr. 13, L Eiage. Sonntags geötfnot. Kein Laden. Partelmltgl. erhalt 8•/, ErmäBIg, m Greift zu! JecL Herrn, der sich«leg. u. bUI. kleiden will, empfehle elegante Monatsgarderobe in feinsten Werk- statt. Berlins gearb., von Herrschaften, Doktoren, Kavaüeren nur kurze Zeit gebr.(für jed. 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Links- schieber war. Ein Zeuge behauptet mit aller Bestimmtheit, daß M. Linkshänder gewesen sei. Andere Zeugen meinen, der Er- fchossene sei Rechtshänder gewesen. Eine gratze Reihe von Zeugen bekunden, Menzel sei ein ruhiger, anständiger Mensch gewesen, bei dem Zeichen von Schwermut nie wahrgenommen wurden. Der Gastwirt Zersinski bestreitet die Behauptung Nickels, daß er diesem nach der Beerdigung Menzels gesagt habe: Menzel habe den Eindruck eines Wahnsinnigen ge- macht und starren Blicks dagestanden. Der Arbeiter Fürch, einer der bei Menzel wohnenden Schlaf- burschen, hat noch am späten Abend des S. Dezember im Menzel- fchen Lokal mit zwei anderen Schlafburschen und Menzel Billard gespielt. Alle waren sehr vergnügt und sangen fröhliche Lieder. Nickel hatte in dieser Zeit geschlafen und ist gegen 11 Uhr auf der Bildfläche erschienen. Gegen 12 Uhr ist der Zeuge mit den ande- ren Schlafburschen schlafen gegangen. Nickel blieb bei Menzel zurück. Nach der Ansicht des Zeugen ist Menzel an jenem Abend in keiner Weise schwermütig, ärgerlich oder unzurechnungsfähig gewesen. Auf zahlreiche Fragen des Vorsitzenden und mehrerer Geschworenen bekundet der Zeuge noch, daß nach seinen Beobach- tungen ein Liebesverhältnis zwischen Nickel und Frau Menzel be- stand, denn sie haben sich geduzt und auch geküßt; der Zeuge hat gesehen, daß sie auch einmal, während Menzel schlief, eng anein- ander geschmiegt, Backe an Backe auf dem Sofa gesessen haben. Am Morgen des 6. Dezember ist der Zeug« mit anderen an die Leiche herangetreten und habe dabei nicht den Eindruck gewonnen, daß Selbstmord vorläge, denn Menzel, der noch röchelte, lag ganz ausgestreckt an der Erde, als wenn er in einem Sarge läge, und der Revolver lag in Kopfhöhe. Frau Menzel, die schon an Ort und Stelle erschienen war, tveinte und schluchzte heftig; der Zeuge hat dies nicht für Komödie gehalten. Das Verhältnis des Menzel zu seiner Ehefrau sei ein ganz gutes gewesen, die Frau habe es an Fürsorge für ihren Ehemann nicht fehlen lassen. Der Arbeiter Schröder, gleichfalls ein Schlafbursche des Men- zel, spricht sich im Sinne des Vorzeugen aus. Aus der Aussage der Zeugin Strauch, die Dienstmädchen bei Menzels war, ist hervorzuheben, daß diese Zeugin am ö. Dezember früh 5V2 Uhr in die Küche des Menzelschen Lokals kam, und, als sie von dort mit der brennenden Lampe ins Schankzimmer trat, Herrn Menzel sterbend am Boden liegend vorgefunden hat. Sie hat dann Leute herbeigeholt. Auch diese Zeugin hat von Anfang an nicht an Selbstmord geglaubt, da sie wußte, daß Menzel noch am Tage vorher Vorsorge für die nächste Zukunft getroffen und Einkäufe für das Geschäft gemacht hatte. Als Frau Menzel er- fuhr, was geschehen war, hat sie sehr geweint und gerufen:„Mein armer Mann, wer hat das bloß gemacht!" Der Zeuge Knoblich hat mit Nickel zusammen in einer Stube geschlafen. Nickel hat ihm gegenüber mehrfach erzählt, daß er in der Wohnung der Frau Menzel gewesen sei und von dieser Geld erhalten habe. Der Zeuge ist am 6. Dezember früh vom Dienst- mädchen Strauch geweckt worden und ist mit ihr zusammen in das Schankzimmer gegangen. Dieses war ganz dunkel und es mutzte erst die Küchenlampe geholt werden. � Da sah er den Menzel in einer Blutlache tot am Boden. Die Stühle waren in der gleichen Weise, wie es Menzel jeden Abend bei Geschäftsschlutz zu tun pflegte, ordentlich aus die Tische gestellt. Der Zeuge lief zunächst zum Arzt und dann zur Frau Menzel, die laut aufschrie. Ihr Weinen erschien durchaus echt. Der Zeuge hat dann auch den Nickel geweckt, der fest im Schlafe lag und es nicht glauben wollte, als ihm gesagt wurde, daß sich Menzel erschossen habe. Nickel ist dann in das Schankzimmer gegangen, als die Leiche gerade in das Krankenhaus gebracht wurde und ist dann mit nach dem Kranken- hause gegangen. Einen Revolver hat der Zeuge weder bei Menzel noch bei Nickel bemerkt. Der Zeuge bestätigt auf eine Frage, daß im Januar 1911 Nickel zur Frau Menzel gekommen sei und sie überreden wollte, das Geschäft durch ihn weiterführen zu lassen. Frau Menzel habe dies aber abgelehnt. Ein Hausnachbar des Menzel, der Zeuge Ewald, der den Verstorbenen schr genau gekannt hat, glaubt nicht an einen Selbst- mord, da Menzel ein fröhlicher, ruhiger Mann war, der schwerlich auf solche Gedanken gekommen wäre. Gegen einen Selbstniord spreche auch die folgende Tatsach«: Am ö. Dezember gegen Abend sei er(Zeuge) noch mit Menzel in dessen Keller gewesen, und Menzel habe ihm bei dieser Gelegenheit gesagt: er habe jetzt so viel Schnäpse gemacht, daß er auf ein halbes Jahr damit versorgt sei. Der Zeuge weiß, daß Menzel seinen Revolver in einem schuhe des Schanktisches zu liegen hatte. Ein anderer Nachbar des Erschossenen, Kaufmann Günther, ist, als die Leiche aufgefunden Ivorden war, hinzugerufen worden. Die Lage der Leiche war so. als ob sie so hingelegt worden wäre, nicht aber so, als ob ein Selbstmörder zu Boden gestürzt wäre. Die Schußwunden waren auf der linken Seite, der Revolver aber lag rechts neben der Leiche. Aus alledem hatte der Zeuge sofort di Ueberzeugung, daß Menzel sich nicht selbst getötet habe. Bei dem Hinzukommen des Zeugen war Menzel noch nicht ganz tot, sondern röchelte noch. Die medizinischen Sachverständigen besichtigen noch einmal den in einem besonderen Zinuner auf, bewahrten Kopf des Ermordeten. Der Kopf war, nachdem er schon über ein Jahr in der Erde gelegen hatte, exhumiert und den ge- richtlichen Sachverständigen zwecks Feststelluirg der Richtung der Schußkanäle übermittelt worden. Nach der Ansicht des Dr. Simon, der s. Z. als Arzt der Unfall station zu der Leiche gerufen worden War, mag Menzel, der noch röchelte, etwa drei Stunden gelegen haben, ehe er aufgefunden wurde. Auch der s. Z. an den Tatort geeilte Dr. Heimann äußert sich über die Lage und den ersten Befund, der sich bei der Be- sichtigung ergab. Als Frau Menzel am Tatort erschien, sei sie sehr aufgeregt gewesen und habe ein echt erscheinendes Entsetzen ge- zeigt. Kriminalkommissar Gericke- Charlottenburg bekundet, er habe mehr ocr Ansicht zugeneigt, es liege ein Mord vor, Kriminal, inspektor Krause hingegen habe die Ansicht vertreten, daß Selbst mord vorliege. Raubmord konnte nicht vorliegen, da Frau Menzel durch einen Blick in die Kasse oberflächlich feststellte, daß Geld nicht fehlte. Längere Zeit beansprucht die Vernehmung des Zeugen Hausbesitzers Leberecht Adler. Dieser ist Besitzer des Hauses Cauerslr. 18; er ist unverheiratet und hatte im Jahre 189ö, als er eine Wirtschafterin brauchte, die Frau Menzel als solche angestellt, Diese war schon seit fünf Jahren verheiratet. Der Zeuge überwies ihr von seiner vierzimmerigen Wohnung zwei Zimmer, und sie erhielt auch noch mancherlei pekuniäre Borteile. Der Ehemann Menzel wußte von den näheren Beziehungen, die zwischen dem Zeugen und der Frau Menzel bestanden. Die Beziehungen sind so eng gewesen, daß der Zeuge für die Entlassung der Frau Menzel aus der Untersuchungshaft eine Kaution von 30 IM M. angeboten hatte. Auf Vorhalt erklärt der Zeuge, daß ihm während seines Verkehrs mit der Frau keine Fälle bekannt geworden seien, wo Frau Menzel in Ohnmacht zur Erde gefallen sei. Der Zeuge hält es seinerseits nicht für unwahrscheinlich, daß Menzel Selbstmord verübt haben könne, denn er habe ihm mehrfach über den schlechten Gang des Geschäfts, den vielen Verdruß, den er mit rohen Gästen oft habe, über gegen ihn verübte Gewalttätigkeiten usw. geklagt und öfter geäußert, daß er oas Leben satt habe.— Der Borsitzende verlveist den Zeugen auf seinen Eid und gibt ihm den Rat, recht vorsichtig zu sein. Denn als er f. Z. von dem Untersuchungsrichter nach seiner Ansicht über den Tod befragt wurde, habe er gesagt:„er stehe hier vor einem Rätsel". Menzel sei ein stiller, verschlossener und leicht erregbarer Mensch gewesen. Den Angeklagten Nickel habe er als einen anscheinend arbeitsamen Menschen kennen ge lernt, später sei er anderer Ansicht geworden. Nickel sei ihm oft eigentümlich erschienen und habe ihm erzählt, ihm sei einmal ein Bolzen auf den Kopf gefallen, ferner, daß ein Bruder von ihm geisteskrank gewesen sei. Frau Menzel, bekundet der Zeuge Adler weiter, habe ihm er- zählt, daß Nickel sie mit Liebcsanträgcn verfolge und sie absolut nicht in Ruhe lasse. Durch den Tod des Ehemannes sei Frau Menzel sehr niedergedrückt gewesen und habe wirkliche Trauer um den Tod ihres Mannes gezeigt. Er habe sie längere Zeit be- ruhigen müssen. Der Angeklagte Nickel habe ihn unter falschen Darstellungen von seiner Lage dazu zu bewegen verstanden, ihm Geld zu geben, einmal sogar 100 M. Nickel soll aber das Gels vApraßt haben, so daß der Zeuge schließlich ihm bedeutete, ihn in Ruhe zu lassen. Frau Menzel habe ihm einmal im März 1911 ge- sagt, daß Nickel ihr einen Heiratsantrag gemacht habe, er habe ihr aber dringend davon abgeraten. Eine Frau Albisch, bei der Nickel längere Zeit gewohnt hafte, gibt als Zeugin an. der Angeklagte sei sehr selten nüchtern nach Hause gekommen, mitunter sei er eine ganze Woche lang betrunken nach Hause gekonimen. Nickel habe ihr erzählt, er habe eine reiche Braut, von der er ständig Geld erhalte, er brauche überhaupt nicht zu arbeiten. Wenn er irgend etwas zu bezahlen hotte und kein Geld besaß, so sei er nur zu der Frau Menzel gegangen, dann habe er gleich wieder Geld gehabt. Nickel habe ibr auch wiederholt erzählt, daß er im Februar die Frau Menzel heiraten werde. Wenn sie nicht wolle, so wisse er, was er mit ihr mache. Des Nachts habe Nickel laut gestöhnt und gejammert, so daß es den Zuhörern ganz graulich wurde. Sie habe geglaubt, daß nur jemand mit einem schlechte» Gewissen so ängstlich stöhnen und ächzen könne. Eines Morgens habe sie das Bett des N. stark blutig gefunden. Auf ihre Frage, woher das komme, habe Nickel ihr erzählt, er habe auf der Frau Menzel seinen Schirm zerschlagen. Borsttzcnder(zu Frau Menzel): Weshalb hat Nickel Sie denn geschlagen? Angeklagte: Weil ich nicht so wollte wie er. Angeklagter Nickel: Das ist nicht wahr. Sie hat mir im Bett in den Arm gebissen, und da habe ich ihr auf die Nase gehauen, daß sie blutete. Angeklagte Menzel: Das ist nicht wahr, auf der Straße hat er mich geschlagen, nachdem wir in Streit darüber geraten waren, daß ich ihn nicht heiraten wollte. En, Zeuge Garski. bei dem Nickel kurze Zeit geloohnt hatte, schildert folgenden Borfall: Nickel und er selbst wären s. Z. arbeits. los gewesen, und als N. eines TageS kein Geld mehr hatte, habe er geäußert, er müsse von seiner rerchen Braut Geld haben. Wen» sie ihm nichts gebe, so passiere etwas. Nickel habe dann in einer Kneipe einen Brief an die Frau Menzel geschrieben, den er, Zeuge, nach deren Wohnung gebracht habe. Frau M. l)ab� den N. dann um 9 Uhr nach dem„Knie" bestellt. Nickel sei dann nachts be- trunken nach Hause gekommen und habe ihm Geld, zirka 100 M., gezeigt, welches er von der Frau Menzel erhalten habe.?luch dieser Zeuge bestätigt, daß Nickel des Nachts furchtbar aufgeschrien und Hilfe gerufen habe. Es folgt die Vernehmung mehrerer Zeuge», denen gegenüber die Angeklagte Frau Menzel schon im Sommer d. I. eingestanden hatte, daß Nickel ihr am Tage nach der Tat erklärt hatte, er habe ihren Mann erschossen.— Einer Zeugin Heimig, die sich zu gleicher Zeit in Untersuchungshaft befunden, hat die Angeklagte jenes Gc- ständnis während der Haft diktiert,'da.sie selbst zum Schreiben zu nervös und aufgeregt war. Der Rechtsanwalt Bahn und Rechtsanwalt Dr. Wicgcrt, die s. Z. die Verteidigung der Frau Menzel geführt hatten, bekunden folgendes: Die Angeklagte habe zu Anfang immer erklärt, sie sei unschuldig, ebenso Nickel, ibr Mann habe Selbstmord begangen. Bei einer Unterredung, die Dr. Wiegcrt Ende Juni d. I. mit der Angeklagten hatte, fei sie plötzlich niit der Behauptung hervorgetreten, Nickel habe ihr eingestanden, er habe ihren Mann er-! schössen. Da sich Rechtsantualt Bahn die Entschließungen in einer so wichtigen Sache persönlich vorbehalten habe, so habe er diesem sofort hiervon Mitteilung gemacht. Rechtsanwalt Bahn, der die Angeklagte daraufhin aufgesucht hatte, bekundete hierzu, daß er in seinen Handaktcn folgenoe Notiz über dieses Gespräch habe: Im Februar 1912 zum zweiten Male verkehrt unter der Drohung, Adler von dem Verkehr zu benachrichtigen. Nickel sagte dabei, er hätte den Menzel erschossen, drohte aber, die Angeklagte„kalt zu machen", wenn sie Anzeige erstatte. Da diese Angaben allen bis- herigen Erklärungen widersprachen, habe, wie Rechtsanwalt Bahn bekundete, er sie mit großer Skepsis aufgenommen, da es sich ja auch ebensogut um eine Ausrede zum Zweck der Verteidigung hau- dein konnte und besonders bei einer Morosache Vorsicht geboten sei.— Der Zeuge hat die M. dann befragt, weshalb sie erst jetzt mit diesen neuen Angaben hervorkäme, und die Antwort erhalten, daß sie a»S Angst vor Nickel geschwiegen hätte. Es werden noch mehrere Zeugen vernommen, denen gegenüber die Frau Menzel ebenfalls angegeben hatte, daß Nickel ihr zu- gegeben hatte, ihren Mann erschossen zu haben. In der neunten Abendstunde wurde die Verhandlung ab- gebrochen und auf heute, Sonnabend, vertagt. Bus Induftrie und Handel. Neber die Ausdehnung des Kauftchukverbrauchcs wurden dem Kolonial-Wirtschaftl. Komitee folgende Mitteilungen gemacht: Der Wcltverbrauch betrug 1909/10 rund 76 000 Tonnen und ist im Jahre 1911/12 auf 99 560 Tonnen gestiegen. Die Weltproduktion wuchs in der gleichen Zeit von 76 550 Tonnen auf 93 670 Tonnen. Diese Ziffern zeigen neben der außerordentlich gestiegenen Pro- duktion eine wesentliche Steigerung des Verbrauchs, die bcispiels- weise im Jahre 1911/12 gegenüber dem Vorjahre nahezu 25 Proz. des Gesamtverbrauchs beträgt. Bemerkenswert an der Steigerung des Verbrauchs ist der Umstand, daß eine so große Zunahme des Konsums trotz der schlechten Geschäftslage, trotz der durch lieber- vroduttion hervorgerufenen Krise in der amerikanischen Automobil- induftrie und der allgemein wirtschaftlichen Depression möglich wurde. Besonders zu berücksichtigen ist hierbei der wichtige Faktor der Verarbeitung von Regeneraten, d. h. der aus Gummiabfällen zurückgewonnenen Kautschukpräparate. Ein niedriger Preis, wie er jetzt durch die rapide Steigerung der Produktion eingetreten ist, wird nun der Berwendung des Kautschuks zahlreiche neue Absatzgebiete eröffnen und die Verwend- barkeit von Gummiwaren aller Art als Bedarfsartikel breiterer Schichten der Gefamtbevölkerung ermöglichen. In Frage kommt insbesondere die Bekleidungsindustrie, ein erweiterter Verbrauch von wasserdichten Kleidungsstücken, gegen Nässe schützender Fußbekleidung usw. Bei der enormen Steigerung der Lederpreise kommt auch die Verwendung von Gummiabsätzen und-ecken, die sich in den letzten Jahren einen kolossalen Markt erobert haben, immer mehr in Be- tracht. Ein anderer Massenartikel, welcher infolge Preissteigerung des Naturproduktes dem Gummiartikel das Feld wird räumen müssen, ist der Schwamm, Der gewöhnliche Naturschwamm, der in Qualität und Quantität ständig zurückgeht, wird durch den Gummischwamm, der gegenüber jenem viele Vorteile besitzt, voll und ganz ersetzt tvcrden. In Frage kommen ferner Sportartikel, wie Fußbälle, Golfbälle, Tennisbälle usw., sodann Gummi-Mosaik- fußbodenbelag, der sich auf Schiffen bereits besonderer Beliebtheit erfreut. Die Preise sind seit März 1911 für Pflanzuilgskautschuk um 70 Proz., für den aus Wildbäumcn gewonnenen Kautschuk um 49 Proz. gesunken. Der Unterschied in den Werten des Wildkautschuks und des Pslanzungskautschuks ergibt sich daraus, daß der Verkauf des Wildkautschuks in den Verbrauchsländern in einer beschränkten Zahl von Händen liegt und seine Beherrschung dadurch leichter ist, während der Pflanzungskautschuk, zum bestmöglichen Verkauf, meist in Versteigerungen, nach Europa gesandt wird und auf diese Weise Schwankungen mehr ausgeliefert ist als der Wild- kautfchuk. Außerdem spricht für den höheren Preis des letzteren, daß seine Güte, jahrelang erprobt und allgemein als gleichmäßig und zulässig bekannt ist. Bei Pflanzungskautschuk zeigt sich immer noch eine große Verschiedenheit in den einzelnen Sorten, die von der verschiedenartigen Aufbereitung auf den Tausenden von Pfan- zungen herrührt. Tie Verhältnisse treiben aber gebieterisch zu weiteren Verbesserungen und zu einer Vcrbilligung in der Her- stcllung der angepflanzten Ware. Marktpretie von Berlin am 16. Oktober 1913, nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräsidiums. Mais(mixed), gute Sorte 16,40—16,81), mittel 00,00—00,00. geringe 00,00—00,00. Mais(runder), gute Sorte 14,20—14,80. Richtstroh 0,00-0,00. Heu 0,00-0,00. Markthallenvreise. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Sveisebobnen, weiße 35.00—60,00. Linsen 36,00— 70,00. Kartoffeln(KleinhdI.) 4,00—7,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,70—2,40. Rindfleisch, Bauchfleilch 1,30—1,80. Schweinefleisch 1,50—2,00. Kalbfleisch 1.40—2,10. Hammelfleisch 1,60—2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 4,20—6,50. 1 Kilogramm Karpfen 1,20—2,40. Aale 1,40—3,00. Zander 1,40—3,20. Hechle 1,20—2,80. Barsche 0,80—2,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80—1,80. 60 Stück Krebse 1,00—18,00. WaiserstandS-Nackirichten der Landcsanflatt für Gewässerkunde, mitgctcill vom Berliner Dctlerbureao Wasserstand M-mel, Tilsit P r e g e l, Fusterburg Weichsel. Thorn Oder, Ratibor . Krassen . Frankiurt Warthe. Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz , Dresden , Barby , Magdeburg ')+ bedeutet Wuchs.— Fall.— Nnterpegel. Die Haupimarke! Unsere Marine" Schlager in Qualitäf. Diebesie 2}>�CIgarerie sxooo K JA5MATZI A. G. DRESDEN... Größte deutsche O�areffenfabriki. 7 K 7' MMim Besehteii Sie meine 7 Sebenfeneter« Cutiway-Kq! 1«75« Oslior(Oolliiuri, 56-57 Brunnenstrasse 56-57 Herbst-Moden ROStllnißÄZr35w49?2 ülstßr;£«;l65t237536� aUS �UCb, Plüsch, Frmienmtüüei ZI" 38" 4JMZ5! Z5 Aendernngen sofort n. gratis. 5S Darob Selbettabrlkatlon Im croOen Stil ebne Jeden SSwleehonhandel slud meine Preise sowie lttaw Aaswalil nnvcrglelchllch. UM Beachten Sie meine 7 Schaufenster. 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Berktolz, IfBpenlckeratr. 70. A. E. Lange, Brunnonatr. 168 Liepe, SchCneberg, GroawaUrtr.iO. ÄeTer,P.�ililla.,Beriinoretr.49— 50 EU Renzel» Brei tarnt. 24, Spandau. J. Ck. PeUntaaa. Utkrisuntr. 66. M��ran�r�l�niekona. Str. 11. BS ir o. MliorsleB A.Albat,Markt5t.l2 13,R«üutkeid«rt Aibrertit, B., Frnchtgtr. 29. Lindbrotbicker. Herrn. Albredit P. Anders, Zionekirchitr. 17. R. Anderson, Thüringeratr. 82 Azmui, WUb� reetemuderrtr. IL K. Anst, Drontbeimer Str. 40. Will». Bagge, Wiclefetr. 66/6. WUly Bär, Stromstr. 48. Paul Berger, Mirbaebstr. 99 Joaef Bretka, Kirciibofatr, 48/47 Bant Bnier..1-n-nnt.tr., de 28 IlflII» ÜClcl Gr, Frankfnrteretr. 69 E. Beyer, Xhorneretr. 6. JLEilkelQliliiflerstraüe 33. Otto Blllepp, Kisltslei-illtt 81 1 99 Alw. Brämer, Romlnteneratr. 40 Brotfabrik Heineradorf ar Mühle P.Bockenkarap.Cainphausenat.S PBulBodmig.luk*«, udrsehstr.il Rudolf Brechlln.Ockerst. 3 Nklla. F. Breitkopf, Exenieretr. 19 s. Hermann BuS, Grünauers tr. 12. Ewald Buchler, Weseratr. 47. Ernst Buller, Brüsselers tr. 48. Qnst. BShm, Gubeneratr. 88 O. Büchner, Nordbaiuenentr.89 Alb. Dadtwik, Kamemnerstr. 16. Panl Dolly, Markusstraüe 15. Albert Denkewitz, Itbleaiklitr. 14 Doliwa, Ferdinand Torellatr. 4 Otto Donath, Stolplschestr. 88. B. Donner, SobönfUeüeretr. 1 Rud.Dnncker, Pankow, HUlesstn W. Ernst, Füoklerstr. 42. Franz Faulwetter, lf»iiteulfeletr.87. Carl Feilt, Friedenstr. 101. Frledr.Flemmlng, Boi»ijeteritr.r. Paul Freitag, Stuttgarteretr. 13. E. Freyer, Wumetslr. 72.£. Martiuitr. R-Frledrlch, Marienburgerstr. 3« HelnrldiFrleter.Pttko w.Floraat.50 F. George, M iUelaiksTtsentr. 83. B, Glerszewzkl, Waldenseratr.O. Fritz Glauner, Chanazeeitr. 80. Ontanlor, R. Poaenerstr. 18. Wllb. Godt, Emdenerstr. 59. B. Oonslcj-, Treptow, Grätzstr. 85. OroBe-KhodcReinlckendorfcret. 95 Oroü-Bäckerei„Berollna" I.West. PaulGrlaard, Pankow, FlorastrlO. Faul Gärtner, Treakowstr. 44 A. Günther, Gr. 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Es liegt daher im Interesse aller Beteiligten, daß noch mehr Wohmtngsuchende bn der gemeinnützigen Einrichtung Ge- brauch machen. Die Wohnungsvermittlung erstreckt sich auf alle Wohnungen bis zu zwei Zimmern mit Küche und Zubehör. Für die Hausbesitzer besteht gemäß Polizeiverordnung vom 1. April 1913 der Anmeldezwang für alle zu vermietenden und der Abmelde zwang für alle vermieteten Kleinwohnungen. Man hat sich vorläufig auf die Vermitlelung dieser Kategorie von Wohnungen beschränkt, weil die mit dem Wohnungs Wechsel verknüpften Uebelstände sich besonder? bei den erwerbstätigen Volkskreiscn fühlbar machen; sie können meistens nicht die nötige Zeit für die Suche einer Wohnung gufwenden. denn jeder Zeitverlust bedeutet für sie fast immer eine Einbuße vom Arbeitsverdrenst. Im Wohnungsnachweis finden die Wohnungsuchenden genaue Angaben über Lage, Größe und Preis der Wohnungen, so daß sie sich ein sicheres Bild von jeder Wohnung machen können, dadurch bleiben ihnen viele zwecklose Besichtigungen erspart, denn sie werden selbstverständlich nur die Wohnungen besichtigen, die in allen Einzelheiten ihren persönlichen Wünschen entsprechen. So erhält jeder Wohnungsuchende nur eine Auswahl von solchen Wohnungen notiert, die seinen individuellen Arbeits-, Lohn- und Familienverhältnifien angepaßt sind. Ebenso erhalten die Mieter Auskunst, ob Schlafstellenvermietung oder Zimmervermietung in der betreffenden Wohnung gestattet ist; sie werden über die Forderungen der Wohnungs« und Schlafftellenaufsicht aufgeklärt, um dadurch etwaigen späteren Beanstandungen vorzubeugen. Der WohnungS« Nachweis ist ferner eine zuverlässige Auskunftsstelle über die Lage des Wohnungsmarktes, er kennt die durch- schnittlichen Mietspreise und kann die auswärtigen Jnter- esfenten über die hiesigen Wohnverhältnisie informieren. Tie Beamtin nimmt in persönlicher Rücksprache(Sprechstunden täg- lich von 9—1 Uhr) sämtliche Wünsche des Mieters entgegen. Im ersten Halbjahr seiner Tätigkeit sind 704 Wohnungsanmeldungen und 807 Wohnungsgesuche eingegangen. Tempelhof. Aus der Gemeindevertretung. Der Fleischverkauf soll in der bisherigen Form von der Gemeinde wieder aufgenommen werden. An den auf Berlin durch den Fleischbezug entfallenden Unkosten ist die Gemeinde mit 1100 M. beteiligt. Da Berlin in der letzten Zeit des Fleischverkaufs Schwierigkeiten zu bestehen hatte, ließ es den alten Bedingungen zwei neue hinzufügen, nämlich, daß der Verkauf bis 31. Dezember durchgehalten werden mutz und die Ge- meinde sick) verpflichtet, von keiner anderen Seite Fleisch einzu- kaufen. Tie Gemeinoevertretung äußerte ihr Einverständnis mit dieser Angelegenheit. Von sozialdemokratischer Seite wurden Wünsche auf eine Kontrolle bei der Abfertigung der Käufer sowie die Errichtung eines zweiten Ladens geltend gemacht. Ersterer Anregung soll entsprochen werden, doch konnte sich der Bürger- meister nicht entschließen, dem zweiten Wunsche nachzukommen, da die Genwinde im vorigen Jahre gern mehr verkaust hätte. Sollte der Fleischverkauf jedoch so � florieren, daß ein Laden nicht ausreicht, so dürfte die betreffende Kommission dieser Sache näher- treten. Der Verkauf findet wieder Friedrich-Wilhelm-Straße 21, voraussichtlich am Donnerstag, den 23. Oktober, statt. Bereits vor mehreren Jahren mutzte der damalige Bürger- Meister Mussehl zugeben, datz der Ort nicht im Besitz einer zweck- entsprechenden Obduttionshalle sei. Die alte Halle an der Stolberg- stratze sei auch mit Rücksicht auf die fortschreitende Bebauung der Straße— vorn das Schulgebäuoe. hinten Wohnhäuser und in der Mitte die Obduktionshalle— äußerst bedauerlich. Durch den jetzigen Beschluß wird die Gemeinde diesen Mißstand beseitigen. Tie Leichen von Selbstmördern sind zwar jetzt zeittveilia auch im Keller des Germania-Kirchhofes ärztlich untersucht worden, aber auch dieser Zustand ist auf die Dauer unhaltbar. Um eine mög- lichst billige Obduktwnshalle zu schaffen, wurde eine derartige Anlage in versteckter Lage, unter der Unterführung der in der Nähe gelegenen Eisenbahn bewilligt. Genosse Frantz verlangte, daß die Beerdigungen nicht vom Keller aus stattfinden, der zeitweise mehr einer Rumpelkammer ähnele als einer Leichenhalle. Es gehöre sich auf einem Gemeindekirchhof, alle Beerdigungen, auch die ohne geist- lichen Beistand, von der Kapelle auS stattfinden zu lassen. Nach- dem Genosse Schmidt noch Wünsche auf Errichtung einer heizbaren Wartehalle ausgesprochen und eine bessere Ausgestaltung der Kapelle befürwortet hatte, wurde vom Vorstandstische bedeutet, daß man bereit? im neuen Etat Mittel zu einer Restaurierung der Kapelle vorsehen will. Nur wundere man sich, daß jetzt eine Anzahl Anregungen gegeben werden, während bei der Bewilligung der Kosten für die Anlagen, welche den Kirchhof freundlicher gestalten sollen, nichts geäußert worden sei. Es konnte auch diesmal vom Genossen Frantz darauf hingewiesen werden, daß die Kosten nicht im Plenum, sondern in der Kirchhofskommission bewilligt worden seien, in der man bekanntlich Sozialdemokraten nicht haben wolle. So bleibe auch hier nichts anderes übrig, als diese Wünsche und Mißstände im Plenum vorzubringen. Nachdem wiederholt die Gerätestage gestreift worden war, beteuerte die Bauleitung, daß sie bei einem Besuch alles in Ordnung und im Keller nur«Leichen von Selbstmördern" gefunden habe. Der Betrag von 750 M. wurde bewilligt. Da durch die örtlichen Verhältnisse dieser Kirch Hof immer mehr auch ein Kirchhof der Wohlhabenden geworden ist und nicht nur ein solcher für die ärmer« Klasse, wird man auch hier oie verbessernde Hand anlegen. Bei der Auslosung eines turnusmäßig ausscheidenden Gc- meindeverordneten fiel das Los auf die dritte Klasse und hier auf Genossen Schmidt. Es finden also im nächsten Frühjahr, da zwei Mandate erloschen und zwei durch die Vermehrung der Vertretung neu zu besetzen sind, in der dritten Abteilung in allen vier Be- zirken, das ist ganz Tempelhof, Wahlen zur Gemeindevertretung statt. Ihr 17. Stiftungsfest feiert heute Sonnabend im Wilhelms- garten, Berliner Slr. 9, die Freie Sängerschaft Tempelhof M. d. A.-S.-B. Da der Verein die Bestrebungen der Partei stets unterstützt, so wird ersucht, das Fest zahlreich zu besuchen. Ober-Schöneweide. Die letzte Gemeindevertretrrsitzung hatte sich mit den Anträgen unserer Genossen über Maßnahmen gegen die Arbeits- losigkeit und Schaffung einer Arbeitslosenversiche- rung zu beschäftigen. Genosse Muth betonte, daß die aus Anlaß unseres Antrage? vor zwei Jahren eingesetzte Kommission noch nichts Positives geschaffen habe, trotzdem bei der jetzt noch größer gewordenen Arbeitslosigkeit die Notwendigkeit gegeben sei, Maß- regeln zu ergreifen. Die von den Groß-Berliner Gemeinden be- schlossene Petition an den Reichstag zwecks Einführung einer Reichs-Arbeitslofenverficherung nutzt uns zurzeit nichts; die Ge- meinden müssen selbst Hand anlegen, um die Arbeitslosenversiche- rung vorwärts zu bringen. In Ober-Schöneweide ruht die Bautätigkeit vollstänoig, und da auch zahlreiche Entlassungen in den größeren Werken vorgenommen feien, habe der Ort als reine Jndustriegemeinde die Verpflichtung, schnellste Hilfe zu leisten. Bei der Ausführung von Gemeindcbauten müsse auf die Durch- sührung tariflicher Löhne gesehen und Arbeiter auS Groß-Berlin, insbesondere solche vom Orte in erster Linie eingestellt werden, damit nicht, wie bei den Zimmererarbeiten des Schulneubaues, die Abbindearbeiten der Dachverbande in Liebenwalde hergestellt werden könnten, wodurch der Unternehmer 25 Pf. an Stundenlohn spart, weil er nicht nach dem Groß-Berliner Tarif bezahlen brauche; dadurch seien hiesige Zimmerleute aber arbeitslos. Redner stellte den Antrag, in die Submissionsbedingungen eine Klausel aufzunehmen, welche den Unternehmer verpflichtet, nur die von den Organisationen festgelegten tarifmäßigen Löhne zu zahlen. De? weiteren ersuchte er, die Summe von 8500 M. zu bewilligen, womit sich nach genauen statistischen Berechnungen vor- läufig die Arbeitslosenversicherung durchführen ließe. Bürgermeister Berthold hält die Einführung für unseren Ort allein nicht für möglich. Die Arbeitslosigkeit sei auch nicht so groß wie angenommen, da in einem hiesigen größeren Werk(gemeint ist die A. E. G.) gegen das Vorjahr nur 150 Arbeiter weniger beschäftigt seien und weitere Entlassungen nicht mehr vorgenommen weroen. Beigeordneter Kühn meinte, Voraussetzung der Versiche- rung sei ein Arbeitsnachweis, den Ober-Schöneweide jedoch nicht habe. Genosse Schwarzburger schilderte nochmals die Not und das Elend m den Arbeiterfamilien bei eintretender Arbeitslosigkeit des Ernährers, gleichzeitig wie? er darauf hin, daß auch der Mittel- stand, die kleinen Geschäftsleute und sogar die Hauswirte davon in Mitleidenschaft gezogen würden, die Vertretung müsse daher das größte Interesse an der Einführung der Arbeitslosenversiche- rung haben. Gemeindevertreter Wolff, der Direktor der N. A. G., führte die Entlassungen in diesem Werk zum großen Teil auf die ungeheuer hohen Löhne, die zede Konkurrenzfähigkeit unmöglich mache, zurück. Im übrigen versuchte sich der Herr mit dem Eimvand abzufinden, die sozialdemokratischen Reden wären ja nur zum Fenster hinaus gehalten, auch behauptete er, daß die A. E. G.-Werke jetzt schon höhere Lasten übernehmen als nötig sei. Gemeindcvertreter Engel stellte den Antrag, 3000 M. für die Ar« beitSlosen zur Verfügung zu stellen, aber nicht zum Zwecke der Arbeitslosenversicherung. Unsere Genossen betonten, daß seit Jahren die Löhne laufend reduziert würden. Der Arbeitsnachweis müßte allerdings anders aussehen wie der von der A. E. G., durch den jeder Arbeiter, der sich einmal mißliebig gemacht habe, von der Einstellung ausgeschlossen werde. Sämtliche Anträge wurden nach 2�stündiger Beratung der bestehenden Kommission über- wiesen. Es wurde aber vom Genossen Muth ein schnelleres Ar- beiten verlangt und ersucht, daß die nächste Sitzung dann eine end- gültige Stellung hierzu nehmen soll. Einem lange gehegten Wunsch der Einwohner ist durch den Beschluß Rechnung getragen, oaß die Ostbahnen das Gütergleis in der Wilhelminenhofstraße zwischen Edison- und Rathenaustratze einpflastern. Die Pflasterung des westlichen Teils der Straße ist in Aussicht gestellt und der Baukommission überwiesen. Der Wasservert-ag mit Lichtenberg ist noch nicht zum Abschluß gebracht, da eine von Lichtenberg gewünschte Aenderung des Vms träges abgelehnt wuroe. Die Verlegungsarbeiten fiir das Abwasserdruckrohr find der Firma Bernhard, Berlin, zum Mindestangebot von 32 700 M. übertragen, das nächstfolgende Angebot jDar 4g ggg M und da« Höchstgebot 58 330 M. Genosse Muth ist der Ansicht, daß daS niedrige Angebot zum großen Teil auf Kosten der Arbeiter durch Zahlung geringer Löhne möglich ist, er beantragt daher Ausführung der Arbeiten in eigene Regie, um arbeitslose Arbeiter unseres Ortes zu angemessenen Löhnen dabei zu beschäftigen. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Pflasterung der Siemensstratze kann zu End« geführt werden, da dem Vertrage mit Berlin über Durchlegung von Wasserrohren zugestimmt ist. Berlin hat hiernach insgesamt 26 000 M. an Pflasterkosten an die Gemeinde zu zahlen. Dem Verkauf von russischem Fleisch durch die Gemeinde wurde zugestimmt, ebenfalls sollen Fischkochkurse wie im Vorjahr eingerichtet werden. Hierzu wurden insgesamt 500 M. bewilligt. Jugendveranstaltunge». Pankow- Nied erschön pausen. Die Arbeiterjugend beteiligt sich am Sonntag, nachmittags 2 Uhr, an der Groß-Berliner Dcmonstralioiisgcr- sammlimg in Kliem« Festsälen. Hasenbeide 15/18. Treffpunkt: �,12 Uhr Pankow, Kirche. Zlbfabrt 12 Uhr mit Linie 49. Treptow-Baumschnlenweg. Zur Teilnahme an der am Sonntag, nachmittags 2 Uhr. bei Kliem, Hasenhaide, stattfindenden Versammlung Ab- sahrt von Baumschulenweg 12,48 Uhr. Treffpunkt 1 Uhr am Görlitzer Bahnhos. Von dort gemeinsamer Abmarsch nach dem Versammlungslokal. Stcglitz-Friedena«. Die für Sonntag, den 19. d. M., geplante öffentliche Iugendvcrsanunlung findet am 2. November Im„Albrechizhos* statt. Die Jugendlichen von Steglitz und Friedenau werden gebeten, fich Sonntag, den 19. d. M., an der gemeinsame« Kundgebung der Berliner Jugend in der Hasenhetde zu beteiligen. Treff- Punkt:'1,1 Uhr an der„Kaiser-Eiche" in Friedenau Tempelbof-Mariendorf. Die arbeitende Jugend trifft fich zum Be- such der am S 0 n n t a g, den 19. Oktober, nachmittags 2 Uhr. in Kllems Festsälen. Hasenheldc 13—15, stattfindenden Versammlung:*/,! Uhr im Jugendheim. Nachmittags von 5 Uhr an: Unterhaltungs, und Spielabend im Jugend- heim. Dienstag, den 21. Oktober: Reigenabend. Mittwoch, den 22. Oktober: Vortrag!.Die bürgerliche Jugend» Bewegung". Referent: Herr Karl Graes. Donnerstag, den 23. Oktober: DIslutierabend. Sonnabend, den 25. Oktober: 3. Stiftungsfest unserer Jugendbewegung im Restaurant„Zur Stadt Dresden", Tempelhof, Berlwer «tr. 78. Nieder- und Qberschöneweide. Zu der am Sonntag iu der Hasen- beide stattfindenden Jugendversammlung treffen fich die Jugendlichen tm Jugendheim, Klarastr. 2, um von dort um 12 Uhr gemeinsam abzumar- schieren. Sonntag, abends 7 Uhr, beginnt im Jugendheim der Vortragszyklus über„Deutsche Geschichte". Starke Beteiligung an beiden Veranstaltungen ist Pflicht. Sitzungstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Kaulsdorf. Am Montag, den 20. Oktober, abends 7 Uhr, im Schul« gebäude, Adolsftraße. Diese Sitzungen find öffentlich. Jeder GemeindeangehSrige iß berechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Wetterprognose für Sonnabend, den 18. Ottover 1913. Mild und zeistveisc aufklarend, jedoch vorherrschend wolkig bei lebhaften südwestlichen Winden; keine erhebliche» Niederschläge. Berliner Wetterbureau. Ächtung, Arbeiter! Eröffne ein neues Monatö- und Berufs> Garderoben- Geschäft. Auch hier kausen Sie PatetotS, Ulster, Anzüge bekannt billig. Jeder Käuser erbält Sonnabend und Sonntag beim Kaus von 10 M. an eine Weste gratis. 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