Ur- Ä7S. C 5 Pfennig)( 5 Pfennig) BbonnementS'lkdingungen: WonnementZ- ffirci? pränumerando: Bietteljäfirt. 3,3fl SKI, monair. 1,10 Md, wöchentlich LS Pfg, frei ins Haus. einzelne Nummer ö Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonnlags- Beilage„Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Wonnement: 1,10 Mark pro Monat. Singetragen in die Poft-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich. Ungarn LchO Mark, kür das übrige Ausland t Marl pro Monat. PostabonneuientS nehmen tue Belgien, Dänemark, pollanb, Italien, Luxemburg, Portugal, nien, Schweden und die Schweiz. ckschelllt tilglich. 30. Jahrg. vie Insertion;-Lebühr teträgt für die scchsgespalleiie Kolonel- zeilc oder deren Raum 60 Psg., sür politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersammtnungS-Anzcigen 30 Pfg. „Kleine Hnreigen", das fettgedruckte Wort 20 Psg. l zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes wntcce Wart 10 Pfg. Etcllenoeiuche und Schlafstcllenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes toeitere Wort ö Psg. Worte über IS Buch- staben zählen sür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags i» der Expedition abgegeben werden. Tic Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adresse: „StzlMtmknt ftirim", Zentralorgan der fosialdemokrati feben partes Deutfchlands. Redaktion: 8Al. 68. Lindenftraße 69. Fernsprecher: Amt Moristplati, Nr. 1983. Montag, den 30. Oktober 1913. expeditton; 8M. 68, Lindenltraße 69. Fernsprecher: Amt Moristplat!. Nr. 1984. TM Jahre. „Wohin das Auge sah in Deutschland, wohin der Blick siel in deutschen Zeitungen— überall las, sah, hörte man von Festen, Veranstaltung von Festen, Beschickung von Festen. Ist es erhört? Was feiern diese Merkwürdigen? Während die Lage des Landes so ist, daß man in Sack und Asche gehen sollte, seiern sie Feste!" Dieses Zornwort Lassalles drängt sich wieder auf unsere Lippen. Fürchten denn die Allzulauten nicht die Erinnerung? 100 Jahre sind es, seitdem das deutsche Volk. sich mit seinem Blute die nationale Selbständigkeit errang, 100 Jahre aber auch, seitdem der Wortbruch der Fürsten— Preußen in Deutschland voran!— die Sieger über den fremden Eroberer um die Freiheit im eigenen Lande betrog. Meinen die Feiernden vielleicht eiir Anrecht ans Nachsicht zu haben? Sind die Fürsten seitdem in sich gegangen, sind sie Förderer deutscher Freiheit geworden, daß sie so in den Vordergrund sich zu drängen streben, wenn es um Dinge der Freiheit geht? Von dem Drucke des Korsen befreit, hatten sie Deutsch- lands Volk in schmählichere Knechtschaft als je zurück gepfercht. So widerwillig feig und zögernd sie 1813, von ihren„Unter- tauen" getrieben, in den Krieg gegangen waren, so stürmisch enthusiastisch, so glühend leidenschaftlich haben sie den Kamps gegen die Freiheit als ihre eigenste Sache geführt, der öfter- reichische Habsburger, der in dem„schwarzen Kabinett" aller- höchst eigenhändig die Briefe erbrach, nicht minder, wie der Hohenzvller. Wieder erst mußte Bürger- und Arbeiterblut fließen, niußten die Schüsse van den Barrikaden die Mahnung an das Verfässungsversprechen in nicht mehr zu überhörender Weise an das Ohr der Herrscher tragen, bis die Fürsten ihr Wort einlösten, bis der„Gekrönte" den Leichen der Freiheits- kämpfer mit dem Hute in der Hand die schuldige Reverenz erivies, der Kartätschenprinz aus der Stadt entfloh. Und wieder war es Lug und Trug. Wenige Monate nur hatte Preußen eine wirkliche Verfassung. Kaum zeigte sich die innere Schwäche der deutschen Revolution, kaum erivies sich das Bürgertum— ängstlich zitternd vor dem Proletariat, das eine Schlacht geschlagen hatte— zu feig und zu schwach, um rücksichtslos den Sieg über die Fürstenmacht bis zum republi- kanischen Ende zu verfolgen und damit allein zu sichern, als auch schon die Reaktion aufs Neue Mut faßte. Gewaltsam wurde das gleiche Wahlrecht beseitigt, vom preußischen König das Dreiklassenwahlrecht oktroyiert und jene Verfassung ge- schaffen, die seitdem, wenn auch keinen Tag zu Recht, so doch nur allzu wirksam in Kraft steht. Vieles hat sich seitdem geändert. In neuen Kriegen nlußte das deutsche Volk— unfähig, auf revolutionärem Wege Einheit und Freiheit zu erringen—, das Reich mit der preußischen Spitze erkänipfen. TaS gleiche Wahlrecht zum Reichstag wurde das Band, das die einzelnen Teile unauflös- bar zusammenhielt. Aber als die Arbeiter die geringe, so schwer und so spät errungene Bewegungsfreiheit auszunützen sich anschickten, da wurde es wieder offenbar, welche Achtung und Schätzung sich Volksrechte bei den Herrschenden erfreuen: das Sozialistengesetz stürzte die Massen, die auf den Schlacht- feldern ihr Blut vergossen hatten, aufs Neue in Knecht- schaft und Verfolgung. Vorüber. Die Zeit brutalster Unterdrückung wurde über- wunden, nicht zuletzt dank dem gleichen Wahlrecht, das zu rauben trotz heißer Wünsche nicht mehr möglich war. Aber auf dem Wege, der zur Freiheit führt, ist der preußische Sperrhort errichtet. Gegen seine Wälle muß sich der Ansturm richten. Fünf Jahre sind es her; der preußische Wahlrechts- kämpf hatte seine erste Etappe hinter sich, da verlas Wil- Helm II. am 20. Oktober 1908 jene Thronrede, in der er die Wahlrcform verhieß: „Mit dem Erlaß der Verfassung ist die Nation in die Mit- arbeit auch an den Geschäfteu des Staates eingetreten. Es ist mein Wille, daß die auf ihrer Grundlage erlassenen Vor- schristcn über das Wahlrecht zum Hause der Abgeordneten eine organische Fortentwickeluug erfahren, welche der Wirtschaft- lichen Entwickelung, der Ausbreitung der Bildung und des poli- tischen Verständnisses sowie der Erstarkung staatlichen Verant- wortlichkeitsgefühls entspricht. Ich erblicke darin eine der wich- tigsten Aufgaben der Gegenwart. Ihre Bedeutung für das gesamte Staats leben erfordert umfastende Vorar- beiten. die von meiner Regierung mit allem Nachdruck betrieben werden." Fünf Jahre ist es her, daß dieses feierliche Versprechen den Entrechteten, den über ihre Schmach Empörten unter dem Drucke einer zornigen Volksbewegung gegeben wurde. Was ist zur Erfüllung geschehen? Fünf Jahre und die wichtigste Aufgabe ist unerledigt; fünf Jahre und die Regierung macht noch immer keine An stalten zur Erfüllung des Versprechens. Mit Spott und Hohn haben die Herrscher im Dreiklassenhause die Wahlrechtsfrage behandelt— und die Regierung hat Spott und Hohn demütig quittiert und den Wunsch der Dreiklassenmänner respektvoll als Befehl entgegengenommen. Als würdigen Abschluß der Jahrhundertfeier können wir gleich die Fünfjahrfeier des neuen, uneingelösten Königswortes anschließen! Es handelt sich ja auch nur um Volksrechte. Ginge es um eine Militär fordernng, die Regierung könnte auch anders. Der Reichs tag wäre längst aufgelöst, die Wahlen mit allem Nachdruck betrieben. Der Reichstag ist ja nur eine Art Volksvertretung; das Dreiklassenparlament aber, wenn es auch jeder Rechts- grundlage entbehrt, ist die Vertretung des Junkertums, der Bureaukratie, des Großkapitals! Was gilt da ein Königs- versprechen? Es gilt nichts. Und in den fünf Jahren scheint sich ja der, der es gegeben hat, und seine Regierung mit dieser Be- Handlung abgefunden zu haben. Hat sich auch das Preußische Volk damit abgefunden? Die Geschichte lehrt es und das Jahr 1913 prägt es wieder brennend ins Gedächtnis, was Fürstenversprecheii bedeuten, wenn es um Volksrechte geht. Nur eigene Kraft schafft der Freiheit die Gasse. Will und wird Preußens entrechtete Volksmasse diese Einsicht in wir- kende Tat verwandeln, ivird es seine große Kraft an das große Ziel der Demokratisierung Deutschlands setzen? Dann brauchen wir in wieder fünf Jahren nicht abermals dies traurige Jubiläum zu begehen. oeltemlch; Mgmgcheit. In Oesterreich ist man wieder einmal energisch; die-schwarz- gelbe Diplomatie spielt sich als Wählerin des Londoner Friedens, den sie sonst nicht schlecht genug machen koniitc, und als Retterin der(von ihr verhetzten) albanesischcn Aufständischen auf und hat an Serbien ein Ultimatum gerichtet. Die Wiener»Neue Freie Presse" meldet darüber: Ter österrcichisch-ungarische Geschäftsträger in Belgrad, von Storck, hat den Austrag erhalten, seine Demarche wegen R ä u m u n g Albaniens durch die serbischen Truppe» angesichts der ausweichende» Antwort, welche auf den ersten Schritt erfolgt ist, n a ch d r ü ck l j ch st zu wiederholen und hierbei der ser- bischen Regierung für ihre diesbezüglichen Entschlüsse eine acht- tägigc Frist zu sehen. Das österreichische Vorgehen begegnet in Italien einer gewissen Reserbicrtheit, wird aber von der deutschen Regierung mit mehr als nötigem Nachdruck unterstützt. Tie„Nordd. Allg. Ztg." schreibt, nachdem sie der Hoffnung auf baldigen Abschluß der griechisch-türkischcn Friedensverhandlungen Ausdruck gegeben, folgendes: »Ernster ist die Lage, die durch das Vorgehen Serbiens in A l b a n i e n geschaffen worden ist. Die Serben haben sich nicht mit der berechtigten Zurückweisung albanischer Uebergrifsc begnügt, sondern haben in den letzten Wochen wesentliche Teile Albaniens besetzt mcd in einigen Plätzen bereits serbische Ver- waltung eingerichtet. Die Begründung eines selbständigen Staates Albanien beruht auf einem europäischen Beschluß, der erst nach langwierigen Verhandlungen zustande gekommen ist. Sämtliche Mächte sind daran interessiert, daß das von ihnen gc- schaffene Werk erhalten bleibe. Ein besonderes Interesse daran haben aus oft erörterten Gründe» Oesterreich-Ungarn und Jta- licn. Es ist daher selbstverständlich, daß Deutschland für die volle Auf rechter Haltung des London e'r Bc- s ch l u s se s eintritt. Die deutsche Regierung hat in den letzten Tagen in Belgrad ebenso wohlgemeinte wie nachdrückliche Vor- stcllungen erhoben, um die serbische Regierung zu schleuniger Zurückziehung ihrer Truppen und voller Respektierung der Londoner Abmachungen zu veranlassen. Die serbische Regierung, die wiederholt Beweise politischer Klugheit und richtiger Wertung der Verhältnisse gegeben hat, hat es in der Hand, durch u n v e r- z ü g l i ch e s E i n l'c n k e n die Situation zu klären. Hierzu ist Serbien um so eher in der Lage, als die Mächte den Verhältnissen in Albanien alle Aufmerksamkeit zuwenden. Tie internationale Kontrollkommission hat ihre Arbeiten bereits begonnen, und mit einer baldigen Wirksamkeit der internationalen Gendarmerie ist bestimmt zu rechnen. Daß Serbien nach dem reichen Gebiets- zuwachs, der ihnen zugefallen ist, weiterer territorialen Er- Werbungen nicht bedarf, ist auch von serbischer Seite ausgesprochen worden. Nach alledem ist zu erwarten, daß Serbien recht- zeitig Entschließungen fassen wird, die den F 0 r- dcrungen der Mächte entsprechen. So hat die unheilvolle österreichische Einwirkungspolitik wieder einmal eine- ernste Situation geschaffen und die Hoffnung auf Vermeidung von Komplikationen kann nur aus die vernünftige Haltung Serbiens rechnen._ Das DationaldenKtnal für 1813. Aus plumpen Quadern türmt sich setzt auf dem Leipziger Schlachtfeld ein Riesenbau, ein Denkmal sür 1813, das die Vertreter der herrschenden Klassen in der letzten Woche mit vielem Brimboriuni eingeweiht haben. Aber es gab schon seit langem ein Nationaldenkmal, bestimmt, die Erinnerung an die Opfergaben wachzuhalten, die 1813 das preußische Volk auf dem Altar des Vaterlandes niederlegte. Als nämlich im Frühjahr 1813 die Freiwilligen zu den Fahnen strömten und die Geldspenden reichlich flössen, erließ Friedrich Wilhelm III., vielleicht in einer selteneii Regung der Dankbarkeit, vielleicht auch gedrängt von edelmütigen Beratern, eine Kabinetts- order, datiert vom 27. März 1813, die der General-Ordens- Kommission die Aufgabe zuwies, alles, was von dem hohen Nationalgeist dieses treuen Volkes in Anerbietungen, Eick- sagungen, Beiträgen und allen sonstigen Aufopferungen in dieser Katastrophe für das Vaterland ausgeht, zu einem„gc- schlossencn Ganzen" zu sammeln,„damit für diese denkwürdige Zeit mit beiu Kriegerverdienst auch das Bürgerverdienst ge- ehrt werde". Nun war es eine erheblich mühevollere Arbeit, als man zunächst angenommen, aus den verschiedenen Pro- vinzen der Monarchie eine genaue Aufstellung der Opfergaben des Volkes zu erhalten und Jahre vergingen, ehe, 1820, das Werk in der Reinschrift vollendet vorlag. Es umfaßte drei in Maroquinleder gebundene Bände und führte den Titel:„Dar- stellung der patriotischen Handlungen und Opfer der Prcußi- scheu Nation während der Kriegsjahre 1813, 1814 und 1813 zum Denkmal derselben aus Seiner Königlichen Majestät allergnädigsten Befehl von der General-Kommission in An- gelegenheiten der Königlichen Preußischen Orden gefertigt und im Jahre 1820 beendigt." Im Januar 1821 überreichte die mit der Abfassung betraute Behörde dem 5könig„die be- fohiene Zusammenstellung der patriotischen Handlungen und Opfer aus den Kriegsjahren 1813/15 zu einem N a t i 0 n a I- d e n k m a I und in dem Begleitschreiben hieß es: „Tie Freudigkeit, tvomit die Eltern ihre Söhne und Enkel, oft ihren einzigen, dahingaben, womit Männer und Frauen der Ansteckungsgefahr in den Lazaretten nicht achteten, ist keiner Darstellung fähig; und sehr viele patriotische Opfer hat der Wille ihrer Urheber selbst jeder öffentlichen Kenntnis cnt- zogen... Die Ration wird in dem Nationaldcnkmal ein allgemeines Anerkenntnis ihrer Königs- und V a t e.r la nd s l i c b c; von ihrem Könige ihr gc- geben, verehren." Aber im Zeichen der Demagogenhetze dachte Friedrich Wilhelm III. längst nur mehr mit dem galligsten Mißmut daran zurück, daß er 1813 die Rolle eines„Jakobiners" hatte spielen müssen und verzichtete darauf» dem preußischen Volke ein„Änerkennttiis" seiner Königs- und Vaterlandsliebe zu geben. Vielmehr verfügte er, daß die Zusammenstellung in dem geheimen Lkabinettsarchiv versiegelt und zu verschwinden hätte. Tort ruhte sie, mit Aktenstaub bedeckt, bis 1913, und erst in diesem Jahre hat der Archivar am Geheimen Staats- archiv zu Berlin, /Dr. Ernst Müsebcck, unter dem Titel „Freiwillige Gaben und Opfer des prcußi- scheu Volkes in den Jahren 1813— 1815" in dem Leipziger Verlag I. Hirzel Sluszüge daraus erscheinen lassen.— Die Veröffentlichung bildet das Heft 23 der Mit- teilungen der K. Preußischen Ärchivoerwaltnng. Das Buch bestätigt, Ivas bereits bekannt>var, daß in den Jahren der Befreiungskriege das preußische Volk ganz ungeheuerliche Opfer ans sich nahm. Fast alle die Provinzen, die miteinander wetteiferten, dem Vaterland ihren letzten Taler darzubringen, waren schon in den vorangehenden Kriegsjahren ausgesogen und erschöpft, und doch brachte Pom- mern über eine, Schlesien fast zlvei, die Neumark fast drei Millionen Taler auf— im ganzen liefen rund zehn Millionen dreimalhundcrttausend Taler ein. Von den freiwilligen Bei- trägen entfielen auf den Kopf der Bevölkerung in Stettin 3*4 in Frankfurt a. O. 4%,, in Menzel 74/T und in Berlin gar 8*� Taler. Vom flachen Lande flössen die Beitrüge spar- licher: da war es schon sehr viel, wenn im Kreise Demmin 2*� Taler ans den Kopf der Bevölkerung entfielen, in den meisten Kreisen kam bei dieser Verrechnung nicht einmal ein Taler heraus. Den Opfern an Gut entsprachen die Opfer an Blnt. Von den Männern zwischen achtzehn und fünfundvierzig Jahren ergriffen freiwillig die Waffen in Landsberg 10 v. H., im Kreise Soldin 131/.,, in Berlin 18*4, in Frankfurt a. O. 21V. v. H. und in Königsberg gar rückte aus dieser Altersklasse jeder dritte Mann sreiwillig ins Feld! Aber das Buch unterstreicht auch mit seinen rein tatsäch- lichen Angaben, daß damals so wenig wie heute die Junker das Monopol für opferbereiten Patriotismus besaßen. Frei- lieh sind nicht wenige Junker da, die an der Wende der Jahre 1812 und 1813 Friedrich Wilhelm Hl. in Immediateingaben auffordern, die Gelegenheit zu nutzen und den Krieg zu be- ginnen, dessen höchster Preis für sie die Freiheit des Getreide- Handels nach England war— wie die Grundlage der ganzen Kriegsstininiung der Wille des Volkes war, zeigt kennzeichnend eine Stelle in einer dieser Petitionen:„Ergreifen Sie auf das Schleunigste die Waffen, daß nicht— was nur zu gewiß zu erwarten ist— im Drange der empörten Rache- gefühle das V 0 l k. a u s eigenem Hochgefühl die Waffen geteilt und ungeordnet ergreife, um das schändliche Joch seiner Feinde mächtig abzuschütteln." Aber als es Opfer spenden galt, da trat mit Anerbietnngen neben dem Landes- Oekonomie-Kollegium von Ostpreußen das Kolleg der Schiffer- Aeltestcn der Kommune des Nieder-Oder-Wassers, neben dem Magistrat der Stadt>Memel die jüdische Gemeinde von Breslau opferwillig hervor. Wenn der Generalinteirdant für die Domänen und Forsten v. I tz e n p l i tz für die Dauer des Krieges auf sein Gehalt verzichtete, so war das gewiß Mr Ehreir trxirt, aber schwerer fiel es sicher ins Gewicht, wenn ein armer Teufel von pensioniertem Hofnotisten sich bereit erklärte,„meine leider kleine Pension mit Freuden aus den Altar des Vaterlandes zu legen, so lange der Krieg dauert". Gin ähnliches Verhältnis findet sich oft. Wenn sich die Gutsbesitzer v. V i s m a r k, v. I tz e n p l i h. v. R o h t, v. tS a n d e m e r, v. B o r st e l, v. L ü d c r i tz und v. B a s s e v? i h, wie es in dem„Nationaldenkmal" heißt, „glücklichen'.Fcumlienverhältnissen entrissen" und freiwillig in die Landwehr traten— schön! Aber auf der nächsten Seite heißt es:„sihec Schuhmacher Montag und Zimmermann H a ß k e r t Uerlicßeu Frau und Kinder und fingen als Frei- lvillige Jäger mit," und bei ihnen entfällt, im Gegensatz zu den begüterten Junkern, das Moment, daß sie die Familie in aiiskönuul chen Verhältnissen ohne Sorgen zurückließen. Von derlei Opfern der Armen und Acrmsten wimmelt es in den Berichten r„Carl Heinr. Fr. Haacke, einziger �-ohn und Ernährer seiner Mutter, einer alten Witwe, und Franz P r ü t t, cing iger Sohn eines über 70 Jähre alten Vaters, aus Bielefeld rüsteten sich als freiwillige Jäger aus uild machten beide Feldzüge mit."„Ter Büdner Schulze zu Tornow hat, obgleich er sich in sehr dürftigen Verhältnissen befand, dennoch seinen jüngsten Sohn ohne fremde Beihilfe ausgerüstet."„Der Statthalter S ch ö n h e i d e aus Jozenow, ein armer Mann, verkaufte selbst Gegenstände der Notdurft und legte bei der Saininlung des Landsturms einen Frie- drichsd'or eia."„Die Handlungsdiener Benjamin Metz und Joh. Erasmus P o l l o e ck verließen ihre vorteilhafte Am stcllung und meldeten sich mit den ersten Freiwilligen. Die Witwe G o e tz hat bei einenl kümmerlichen Einkommen zwei Söhne für beide Kriege ausgeriistet uild unterstützt."„Drei- zehn Bergleute und drei Bergeleven des Waldenburger Re- vicrS meldeten sich schon am 19. Februar als freiwillige Jäger. Tie Beaniten und Knappschaften hatten zu ihrer Ausrüstung L21 Reichstalcr gesammelt, und die letzteren erwarben den größten Teil ihrer Beiträge durch übernommene Arbeiten fiir ihre ins Feld gezogenen Brüder." So häuften sich die Opfer der Armen und Acrmsten, und das Ergebnis? Nichts! Weniger als nichts! Tie brutale Reaktion der Demagogenjagd und die Knute der heiligen Allianz. Nicht einmal der Tank in Fornr des papierenen „Nationaldenkmals" wurde dem opferwilligen Volke darge- bracht, und der gewiß unverdächtige Dr. M ü s c b e ck verrät deu Grund, der den König, auf Einflüsterungen des Fürsten Wittgenstein, bewog. die Zusaminenstellling der Opfer von 18l3/15 der Oeffeutlichkeit vorzuenthalten: „Die Gründe zu Wittgensteins Verhalten lagen in der Bc- sorgnis, daß bei der Erkenntnis der schweren Opfer an Gut und Blut, die sie in jenen Jahren frei- jvillig dargebracht habe, in der Nation das Verlangen nach der U m g e st a l t u n g des Staatswesens, nach einer Berfassung noch wachsen, daß die bestehende Staats form allein den Schaden, die demagogischen Umtriebe allein den Nutzen aus der Einsicht in diese Tabellen oder gar aus der Veröffentlichung ziehen würde." Diese niedrige Gesinnung, aus der heraus Friedrich Wilheliu III. in der Furcht um eigennützigste Interessen sich sogar den papierenen Dank an die Opferwilligen von 1813 verkniff, paßt ganz und gar in das trübselige Gemälde der trübseligen Reaktionszeit, die mit dem Tage von Leipzig begann. Völkerschlacht und völkertrug. So lautete das Thema für die 34 Volksversammlungen, in denen sich die sozialdemokratischen Massen Grotz-Werlins am Sonntag- mittag mit der Leipziger Völkerschlacht und ihrem Jubiläum be- schäftigten. Ein eigenartiges Bild zeigten denn auch deshalb die Straßen Berlins und seiner Vorstädte schon am frühen Morgen: Wer Leipzig anders feiert als die Millionäre rrnd ihre Parteigänger, dem müssen die um ihren Sonntag gebrachten Polizisten den Revolver zeigen! Ileberall, selbst in den Straßen des Luxus und Fremden- Verkehrs, selbst in den stillsten Gegenden und vornehmsten Parkanlagen, erglänzten die bekannten gelben Pistolengürtel der Schutzleute, als die leuchtende Herbstsonne den Morgsnnebcl zer riß. Selbst in der Königgrätzer Straße, am Königsplatz und Unter den Linden martialische Doppelposten und gestiefelte und gespornte Polizeioffiziere— bereit, etwa den Einfall der Franzosen in Berlin abzuwehren? Ach nein: friedlichen Arbeitern galten die Borberei- tungen, wenn sie es etwa wagen sollten, nach den Versammlungen mal die Stadt besuchen zu wollen! In der Tat, die Polizeiverwal tung scheint gefürchtet zu haben, daß die Arbeitermassen der Reichs Hauptstadt den Festzug kostümierter Patrioten und kommandierter Jugendlicher im Pfadsindcrgewand stören würde denn auch die tausende Schutzleute, die die vcrkehrstechnischen Absperrungen be- sorgten, aber auch die, die mit dem Gesicht gegen das Publikum am Dom die Absperrungsgrenzen aufrechterhielten, waren revolverumgürtet, als stünden da nicht fröstelnde Gaffer, sondern mindestens Bomöenschmeitzer. Wer mag nur der hohen Obrigkeit diesen Sorgenfloh in das hochwohlgeborene Ohr gesetzt haben?! In den Arbeitervierteln des Nordens, Ostens und Südens aber sah man gegen Mittag überall starke Züge ernst gestimmter Männer und Frauen den Bersammlungssälen zustreben, und wenn man so in dem hurtigen Wagen des Berichterstatters durch Moabit und den Osten flog, erkannte man sehr bald wieder, wie hier eine gute Organisation die Massen planmäßig verteilte. Sternförmig wur- den die Massen immer stärker, je näher man an eins der Wer- sammlungslokale herankam, weiter draußen waren die Züge schwächer und seltener, bis sie eine Weile aufhörten und nur das surrende Auto ein wenig Leben in die sonntagsstillen Straßen brachte: aber alsbald wieder Gruppen, Reihen, Kompagnien und Bataillone und die Herren Doppelposten, denen man mitunter anmerken konnte, daß sie der Sonntagsdienst mebr ärgerte als sein Objekt. Die Versammlungen waren durchwegs sehr stark besucht, zum großen Teil auch wegen lleberfüllung abgesperrt und dort— wie bei Keller in der Koppcnstraße u. a. a. O.— war dann auch alles schwarz von Menschen. Wo neben den Sälen sich Gärten befanden, wurden auch diese benutzt und teilweise auch in ihnen Versamm- tungen abgehalten, in denen Stegreifredner einsprangen. Die Redner, die Genoffen Büchner, Dr. Breitscheid, Dr. Cohn, Däumig, Eichhorn, Ledebour, Robert Schmidt, Wielock, Manasse, Dr. Wehl, Tittmer, Dr. Hcrzfeld, Heinig, Klühs, Lehmann, Meyer, Müller (vom Parteivorstand), Paetzel, Dr. Silberstein, Mermuth, Woldt, Zubeil, Dr. Alfred Bernstein, Tavidsohn, Brühl, Dupont, Haß, Kubig, Lieske, Poetzsch, Stadthagen, Schütte, llcko, Wissel und die Genossinnen Bohm-Schuch und Selinger, zeigten überall, wie die Tradition und die zu Opfertaten fiir das eigene Volk erhebenden Gedanken der um die Früchte des Kampfes gebrachten siegreichen preußischen Volksmiliz von 4813 heute nur lebendig sind, dafür aber um so kräftiger wirkend in den Proletarierinassen, denen dieses 4813 neu aufgerichtete Land das gleiche Recht versagt und für dessen wahren Patriotismus, der nicht einem aber allen dienen will, die arbeiten und eines guten Willens sind, man das Gebot des Gehorsams, die Drohung mit der Gewalt für jede Auflehnung gegen jedes Aufbäumen wider Ausbeutung und Unrecht bereit hat. Sie aber, die offiziell 4813 feierten, der Militarismus des Zwangs, des Gardeprinzips, der Ausnahmegerichtsbarkeit, der adligen Offizierkorps, das Deutschland der Hundertmarktribünen- Plätze am Völkerschlachtdcnkmal, der Geheimen Hofräte, der poli- tischen Polizei und der Thronbesteigungsfiagen, der Staat, der gegen 40 Vertreter des arbeitenden Volkes 432 der Besitzenden und obendrein noch die geborenen und ernannten Gesetzgeber setzt— sie sind die Erben des Systems, gegen das sich das Volk samt Stein und Scharnhorst, samt Arndt und Jahn vor hundert Jahren erhob, des Systems, das der Sprößling der Revolution schließlich zu dem seinigen gemacht hat und an dem es zugrunde gehen mußte!--- Draußen stand wieder die Polizei bereit, um den befürchteten Sturm auf den Kinderfestzug abzuschlagen. Sie bekam keine Arbeit! Zur selben Zeit aber sah man bereits im Norden und Osten die Proletarierjngend zu ihren Versammlungen nach Neu- kölln marschieren. Die Jahrhundertfeier der proletarischen Jugend. Während noch Hunderte älterer Genossen und Genossinnen, ausgesperrt von der Teilnahme der Riesenversammlung in der „Neuen Welt", im Herbstsonnenschein die„Hascnheide" auf und ab promenierten, zog die proletarische Jugend, zum Teil in geschlos- senen Gruppen, heran. Ihr Ziel ivaren die beiden großen Säle des Kliemschen Etablissements, wo sie der Bedeutung des 13. Oktober 4843 gedenken wollte. Durch den an der Straße liegenden Garten strömte die junge Schar, in der sich auch eine größere Anzahl junger Mädchen befand, in die Säle. Dem Be- schauer bot dieser Aufmarsch unserer zukunstsfroheii, nicht von einein verlogen-hurrapatriotischen Jungdeutschlandtuin angekrän- kelten Jugend ein herzerfrischendes Bild.— Bald lvarcn beide Säle gefüllt. Mancher mußte sich mit einem Stehplatz begnügen. Karl Liebknecht und Heinrich Ströbel referierten. Sie hatten ein aufmerksames, lernbegieriges Publikum. Es war keine Verherrlichung von Fürsten und Königen, was die Versam- melten zu hören bekamen, sondern ein grandioses geschichtliches Geschehen rollte sich vor ihrem geistigen Auge ab. Tiefe Einblicke in die geschichtlichen Zusammenhänge der Zeit wurden ihnen er- möglicht. Die große französische Revolution mit ihren Ursachen und Wirkungen wird lebendig. Napoleon, ihr Erbe, tritt in das geschichtliche Gesichtsfeld. Seine Eroberungszüge vollziehen sich. Manchen freien Hauch bringt er mit, natürlich als Eroberer auch schwere Bedrückungen. Deutsche Fürsten liegen ihm zu Füßen. Gute Ratschläge hervorragender Geister der Zeit, so auch solche, das Volk mündiger zu machen, um mit seiner Hilfe zur nationalen Freiheit zu gelangen, finden in Preußen bei dem König Wider- stand. Er zaudert und zaudert, nichts geschieht aus seiner Jnitia- tive. Endlich kommt der„Aufruf an mein Volk", der ihm mühsam abgetrotzt werden muß.„Der König rief, und alle, alle kamen," heißt es in einem verlogenen Licde. Nein, so war es nicht! Eon- dern alle, alle haben gerufen und der König— kam zuletzt. Er kam, weil er kommen muhte, bei Vermeidung einer Revolution, bei Vermeidung des eventuellen Verlustes seiner Krone. Und in dem gewaltigen Ringen siegte das Volk, das vermeinte, zugleich mit der nationalen Freiheit auch Volksfreiheiten zu erringen. Aber schlimme Reaktion kommt. Die Demagogenverfolgungen. Und so weiter.—?luch lvir bewundern den gewaltigen Opfermut der Zreiheitskämpfet von 1813. Wir aber erinnern, indem wir ihrer gedenken, daran» daß Siege nur von einem Volke errungen werden, das für seine Freiheit kämpft. Die Ausführungen der beiden Redner fanden stürmischen Bei- fall.— Ein paarmal drohten die Versammlungen der Auflösung zu verfallen. Bei Ströbel erklärte der überwachende� Polizei- beamtc bald nach Beginn des Referats, daß er das Referat als politisches betrachte. Ströbel trat aber dem Beamten energisch entgegen und riet ihm. sich vorher zu belehren, was ein geschicht- licher Vortrag und was eine politische Reoe sei. Der Beamte schien darauf seine Auffassung aufzugeben. Das Referat konnte dann öfine Störung zu Ende geführt werden. Liebknechts Referat wurde zweimal unterbrochen. An einer Stelle, die ihm nicht behagte, sprang der überwachende Be- amte auf. Blitzschnell vertagte aber der Vorsitzende die Versamm- lung aus fünf' Minuten, worauf sich der Beamte wieder setzte. Dasselbe Spiel wiederholte sich kurz danach. Dieses schnelle zwei- malige Eingreifen des die Vertagung aussprechenden Vorsitzenden, wodurch die Beendigung des Referats auch in diesem Saal ermög- licht wurde, löste natürlich bei den Versammelten. Verständnis- innigen Beifall aus.— In jedem Saal notierten sich die Beamten einzelne Jugend- lichc. Anscheinend will man ihnen einen Prozeß machen und die Versammlungen doch zu politischen stempeln.— In Ruhe ent- fernten sich ans beiden Versammlungen unsere Jugendlichen, ohne daß die Polizei, die an einer Ecke ziemlich stark bereit stand, Ge- legenheit zu Taten erhielt. Jung-Dentschlands Demonstration. Die herrschende Klasse liebt die Demonstration und haßt sie, je nachdem sie ihre Interessen fördert oder bedroht. Im- mcr schon hat sie demonstriert, um ihre Macht zu zeigen und jedes Mittel ist ihr recht, ihre Macht und ihren Einfluß Mockenfilm. ,*, Dieweil des Menschen Fürrccht Lachen ist. Rabelais. Jakrkunclertkeier im fegefeuer. Auch Satan ließ den Leipziger Jahrhunderttag nicht unbeachtet vorübergehen, hatte doch die Völkerschlacht und alles was danach kam, gewaltig zur Bevölkerung seiner höllischen Gefilde und des -Fegefeuers beigetragen. Er veranstaltete daher, eingedenk seiner satanischen Erziehungs- und Läuterungsprinzipien einen seiner Festtage im F«gcfeuer, über die man das Nähere in den uns von WithÄin Hanfs übermittelten Memoiren des Satans nachlesen kann. Natürlich durfte auch diesmal eine Theatervorstellung im Fegefeuer nicht fehlen. Der Herr der Hölle und des Fegefeuers hielt eS für seine Pflegebefohlenen aus den Jahrgängen 1806 bis 4.84V für sehr ersprießlich, wenn er ihnen ihrer Enkel Taten aus dem Jahre 1913, natürlich mittels Kinematographen, vorführen ließ. Das Programm der höllischen Völkerschlachtfeier hatte am Tage Paraden und Fürftencercles gebracht. Bei letzteren wurden in den weiland Rheinbundfürsten sehr peinliche Gefühle geweckt. Denn Satan hatte den in seinem höllischen weihen Saale der- sammelten„hochseligen" Kronenträgern den ausführlichen Bericht über die Kehlheiiner Fürstenzusammenknnft im September 1313 und alle dort gehaltenen Reden vorlesen lassen. Napoleon, der natürlich an diesem bedeutsamen Tage im Vordergrund des Jnter- esses stand, hatte bei der Vorlesung mehrmals höhnisch aufgelacht und seinen einstigen Alliierten zugerufen:„Wir wissen es besser, messieurs n-est-ce-pas?" Besonders die Berufung auf das Gottes- gnadentum der heutige», sächsischen bayerischen, württcmbergischcn usw. Landcspapas machte dem Korsen viel Spaß. Am Abend gab eS, wie gesagt, eine große infernalische Völker- schlacht-Kinovorstcllung. In einem riesigen Festspielhaus fand sich alles ein, was das Inferno an Teilnehmern an den Freiheits- kriegen aufzuweisen hatte. Da waren Loge» für die Fürstlichkeiten. streng nach Rangklassen geordnet, für Marschälle und Generäle, für Diplomaten, die sich um Metternich scharten, für Dichter und Denker usw. Auf den Rängen aber drängte sich das gemeine Volk. Soldaten aus aller Herren Länder, in der Tracht, in der sie vor 100 Jahren den süßen Tod fürs Vaterland gestorben waren. Da sah man neben Gardisten in Prunkenden Uniformen armselige schlesische Landwehrsoldaten in zerrissenen und geflickten Leinen- hosen, Lützowcr und freiwillige Jäger oder Linienmannschaften in ihrer buntscheckigen Mannigfaltigkeit. Natürlich waren auch Kosaken und Baschkiren in struppigen Pelzen und Mützen sehr zahlreich vertreten. Ein unheimliches Summen, in dem sich alle Sprachen und Dialekte Europas vereinten, durchschwirrte das Haus, bis ein grelles Klingelzeichen ertönte. Auf der riesigen Leinwandfläche der Licht- bühne erschien die flammendrote Ankündigung:„Einweihung des Völkerschlachtdcnkmals in Leipzig". Ter höllische Apparat fing an zu schnurren und auf der Weißen Fläche rollten sich in plastischer Deutlichkeit die Szenen ab, die sich eben auf der Oberwelt zu Füßen des gewaltigen Steinkolosses al>gespielt hatten. Da sah man eine Unmenge von Uniformen und Ordenssternen, von Talaren und Amtstrachten, ein Verbeugen und Salutieren— kurz das ganze offizielle Festgepränge, in dem das Deutschland des 20. Jahr- Hunderts so Hervorragendes leistet. Ein mit diabolischer Exaktheit arbeitender Riescnphonograph übermittelte die Präsenticrmärsche, das Hurrarufen, die Reden und Huldigungen, so daß Auge und Ohr der Fegefeuerinsassen auf ihre Rechnung kamen. Oben auf der Galerie der Landwehrlcute sagte ein grob- knochiger Ostpreuße zu einem Kameraden:„Tunnerkiel, Mansch, nu sag mich mal, wo is denn das Volk, wo sind denn unsre Ankel, für die wir uns dunnemals am Grimmaschen Tor die Schädel haben einschlagen lassen?" Der Film gab dem Neugierigen bald Antwort. Der höllische Kinoregisseur hatte dafür gesorgt, daß die Taten und da? Walten der Polizei, ihre Abfperrungsmaßrcgcln und Vigilantenstreiche, zum Greifen deutlich zu sehen und zu hören waren. Auf den Bänken der napoleonischen Kaisergarden hörte man höhnisches Lachen, daß die hohen Bärenmützen wackelten. Auf der preußischen Seite aber erhob sich zorniges Knurren und Murren. Ein Lützower mit einer blutroten Schmarre quer über die Stirn sagte zu einem freiwilligen Jäger, dessen grüne Montur in der Höhe des Herzens ein dunkles, zackiges Loch hatte:„Sag, Bruder- herz, sieht so die deutsche Freiheit nach 100 Jahren aus, nachdem wir gegen Henkerbrut und Tyrannen gestritten?" Der erste Film war abgelaufen. Erregte Gespräche durch- schwirrten den höllischen Theaterraum. Satan aber saß lächelnd in seiner Direktorialloge und freute sich über den erhebenden Ein- druck, den das Geschlecht von 4913 auf seine Pfleglinge von Anno 1843 machte. Der nächste Film brachte die„Deutsche Jugend 1913". Auf der Leinwand rollte sich der ganze bunte Maskcnzug des Jung- deutschlandbundes ab, wie er sich auf der Oberwelt durch die Straßen Berlins bewegt hat. Tie jammervollen Zerrbilder des kriegerischen Heldentums lösten bei dem Fegefeuerpublikum auf allen Plätzen dröhnendes Spottgelächter aus. Nur in der Marschall- löge sprang der alte Blücher polternd von seinem Sitz auf, als er seine Karikatur im Zuge erblickte, und rief wütend:„Donner und Doria, Hab' ich darum bei Sturm und Regen Tag und Nacht im Sattel gesessen, daß die verdammten Hundsfötter einen Kujon und Hanswurst aus mich machen!" „Deutschlands Hcldensöhne 1013" lautete der Titel des nächsten Bildes, das eine Reihe Intimitäten aus dem neudeutschen Ka- sernenlebcn brachte. Da sah man unter anderem einen weiten Kasernenhof, auf dem Parademarsch gebimst wurde. Einzeln, in Rotten, zug- und kompagnieweise stampften die Soldaten vorüber. Es wurde gebrüllt, geknufft und gepufft, immer und immer wieder ertönte das„Nochmal zurück!", das die stumpfsinnige Uebung zur sichtlichen Freude der Mannschaften ins Endlose verlängerte. In der Generalsloge sahen sich Scharnhorst und Gneisenau kops- schüttelnd an. Aus den Bänken der Landwehrleute sagte aber ein schlesischer Leineweber in zerschlissener Litewka, durchlöcherter Leinenhose und Halbschuhen ohne Sohlen zu einem gleichfalls in recht wurmstichiger Montur steckenden Kameraden:«Du, Gustav, wenn mer das esu an der Katzbach gemacht hätte, mcenste, daß de Franzuse aach davongelaafc wäre?" In das den Raum durchhallende grollende Murren leuchtete die flammende Inschrift„Turner 4913". Eine Anzahl Lützower und freiwillige Jäger begrüßten sie mit demonstrativem Hände- klatschen. Es zeigte sich das Bild einer Berliner Schulturnhalle, in der Knaben, Jünglinge und Männer in schlichter Tracht ihre exakten Uebungen an Reck, Barren, Ringen usw. machten. Ein beifälliges Summen ging durch das beruhigte Haus. Der schöne, blonde Friesen sprang in der Mitte seiner Lützower Kameraden aus und rief dem in einer Loge sitzenden alten Jahn:„Heil, Vater Jahn! Noch ist unsere edle tcutsche Turnkunst lebendig bei unfern Enkeln!" Er hatte aber noch nicht geendet, als das Bild auf der Leinwand sich veränderte. In Talare gehüllte Männer mit mit- leidslosen, strengen Gesichtern und Polizeimannschaftcn init Helm und Schwert trieben die Turner mit brutaler Gewalt aus der Halle. Der Film brachte im Anschluß daran eine Szene aus einer Berliner Stadtverordnetensitzung, aus der die Besucher de« Fege- feucrkinos ersahen, daß es sich um eine Vergewaltigung von Ar- beiteriurnern handelte. Die alte Jahnsche Turngcmeinde war stumm geworden. Verlegen und schmerzlich sahen sie sich einander in die Augen. So sah die deutsche Freiheit aus, für die sie vor 100 Jahren den Flammberg geschwungen? Satan aber lachte in seiner Loge das satanischste Lächeln, dessen er fähig war. Er war mit sich zufrieden. Der Ausblick auf da? Jahr 1913 war für seine Fegefeuerinsassen aus der großen Zeit vor 100 Jahren ein wirksames Läuterungsmittel. Lrnst. zu stärken. Von diesem Gesichtspunkt tvar auch der Aufzug des Jungdeutschlandbundes diktiert, der gestern nachmittag in Szene gesetzt wurde. Ein historischer Festzug sollte es sein, wo alles zuströmen sollte, ivas Freude am Klimbim hat. Wir kennen das: Klischee, alles Klischee, und zwar recht altes, verbrauchtes, nur in neuer Aufmachung. War gestern wie immer, nur um ein par Töne höher wie bei sonstigen Gelegen- heiten: verstaubtes Zeughausplunder, phantastisch aufgeputzte Reiter, Schutzleute wie Sand am Meer, Karossen, Banner, Standarten— und viel Jugend. Hochschule und Volksschule— fein säuberlich getrennt—, vom angehenden„jungen Mann" bis zum kleinsten Knirps kostümiert, verwegene Rinaldinihüte. Kniehosen. Speere, Aerte— Räuberromantik ä la Karl May—, so zog die bürgerliche Jugend znr Hundertjahrfeier. Kein Zweifel, die Kinder ivaren mit ganzer seele bei der Sache, nicht bei der Völkerfeier, sondern beim buntfarbigen Fest. Musik, Fahnen, Uniformen, alles Dinge, die das un- befangene, leicht entzündliche Kindergemüt hellauf begeistern können. Auch eine ganze«char junger Mädchen, ebenfalls in„Uniformen", beteiligte sich am Festzug. Und das Ganze wurde gehoben, gekrönt von der Anwesenheit hoher Herr- schaften, die dem Schaugeprängc die eigentliche Weihe gaben. Offiziere marschierten mit im Zuge, mitten unter den Jugendlichen, Leutnants, richtige Leutnants in Uniform— wenn das nicht ziehtl Mit Musik und Gesang ging es von der Kaserne am Kupfergraben ab, über die Schlosibrücke durch den Lustgarten und so weiter nach dem Kreuzbergdenkmal, wo nach dem aufgestellten Festprogramm Generalseldmarschall Freiherr v. d. Goltz, der Führer des Jungdeutschlandbundes, eine Ansprache halten sollte und wohl auch gehalten hat. Zu sehen gab es nämlich bei dieser Feier schon herzlich wenig, zu hörcn�aber gar nichts, zum großen Verdruß all der Gaffer, die in Scharen nach den Stellen geeilt waren, an denen sich die Feier abspielte oder der Zug vorüberkommen sollte. Ueberall war in weitem Umkreise ein Polizeikordon Mzogeii, durch den kein gewöhnlich lebendes Wesen kommen konnte. � Nur wenige Bevorzugte erhielten Durchlaß imd die Erlaubnis, sich den Firlefanz aus nächster Stahe anzusehen. All die übrigen mußten aus meist recht be- trächtlicher Entfernung Aug' und Ohr anstrengen, lim mal cut paar abgerissene Klänge oder das Vorüberflitzen einiger bunter Gestalten erhaschen zu können. Darob gab es bittere Worte und geknickte Patriotenherzen und manche nicht sehr zarte Verwünschung aus vaterländischeitr Munde war zu per- nehmen. Dabei waren sie doch gekommen, um Hurra zu rufen und dem Ganzen erst das imentbehrliche Relief, zu geben. Und nun so. Na, uns soll's recht sein. Gekränkte patriotische Leberwürste haben uns noch nie inehr als heitere Empfindungen abgerungen, und wenn die maßgebenden Stollen so mit deni köstlichen Gut asen, so sind wir ganz da- mit einverstanden. Wonut wir aber nicht einverstanden sind, ist der Um- stand, daß stundenlang ganze Stadtteile und Straßen abge- sperrt und dein freien Verkehr entzogen waren. Wenn ein Dutzend Proletarierkinder einmal zwanglos die Straße ent- lang�geht. gibt es ein schneidige Polizeiattacke und hinterher ein Strafmandat. � Und überhaupt. Jugend und Befreiungsfeier. Daß ich nicht lache! Im Zeitaller der schlimmsten reaktionären Maß- nahmen, in einer Zeit, wo jeglicher freiheitliche Drang schon im Keime erstickt werden soll, wo die Arbeiterjugend keine Vorträge über Schubert und Beethoven anhören darf und Arbeitern untersagt wird, die Jugend in körperlichen Uebungen �zu unterrichten. Ohne was sonst noch auf dem Ge- biete der Jugendschikanierung zu verzeichnen ist. lind wenn am gestrigen Abend auf dein Tempelhofer Felde brennende Holzstöße znin Himmel aufloderten, so er- innerte das nur doppelt und dreifach an die Schmach, daß man im Herzen der Arbeiterjugend das heilige Feuer der Aufklärung, der Erkenntnis, einer hehren und schönen Welt- anschauung. gewaltsam ersticken will. Und brennende Scham muß aufsteigen bei all denen, die mit ansehen müssen, wie dieselben Kreise vor der Jugend die wiedererstandene Freiheit in schwülstigen Worten feiern, die dem größten Teil des Volkes die elementarsten Menschenrechte zu zertrümmern be- strebt sind und der Arbeiterjugend durch die heimtückischen und brutalsten Machenschaften schon frühzeitig zum Bewußt- sein bringen, daß die wahre Freiheit im heutigen Klassen- staat ein unerreichbares Ideal bleibt! Politische deberlicht. Alles klappt. Die braunschweigische Thronfrage ist nach der Versiche- rung der„Norddeutschen Allgem. Ztg." erledigt. Schon in wenigen Wochen werden die guten Braunschweiger das Ver- gnügen genießen können, ihren„angestammten" Herzog von Gottes Gnaden feierlichst in seine liebe Residenzstadt ein- ziehen zu sehen. Das Kanzlerblatt schreibt nämlich: „In der bramischweigischen Thronfrage hat, wie wir be- richtet haben, das preußische Staatöministerium am Tonncrstag Beschluß gefaßt. Für sie Beratung des Bundesrats wird da- nach ein preußischer Antrag die Grundlage bil- den. Dieser Antrag wird don dem Ministerpräsidenten und Reichskanzler mit seiner vollen Verantwortlichkeit gedeckt, und es liegt nicht der geringste Grund dazu bor, es so darzustellen, als beabsichtigte der Reichskanzler bei der Entscheidung der braunschwciqischcn Frage die Person des Kaisers vorzuschieben und sich von der Verantwortung für die zu fassenden Beschlüsse zu entlasten." Jnzwischeu entspinnt sich in der bürgerlichen Presse ein gar niedlicher Streit darüber, ob die schöne Notiz der„Lcipz. Neuesten Nachr." über den Briefwechsel zwischen dem Reichs- kanzler und dem Kronprinzen mit der Billigung des letzteren in das Leipziger Blatt hineingeschoben worden ist. oder ob Herr Paust Liman alias Aorick seine guten Beziehungen zum Kronprinzen dazu ausgenutzt hat. für sein Blatt Reklame zu machen. Einige Blätter, darunter vornehmlich die klerikale „Köln. Volksztg.". suchten ihren Lesern glauben zu machen, die Notiz wäre ohne Wissen des Kronprinzen in die„Leipz. Neuest. Nachr." hineinpraktiziert worden. Wir halten das für ein Märchen. Die auffällige Verkündigung feiner Mei- nung über die Welfenfrage mag nicht aus freieni Antrieb des Kronprinzen erfolgt sein, seine guten Freunde mögen ihn dazu gedrängt haben— aber die Annahme, daß Herr Liman die Veröffentlichung hinter dem Rücken des Kronprinzen ohne dessen Wissen vorgenomnien haben könnte, ist doch gar zu un- wahrscheinlich. Wie- übrigens bekannt wird, hat der Brief des Krön- Prinzen an den Reichskanzler eine recht amüsante Borge. schichte, über welche die„Tägl. Rundschau folgendes zu be- richten weiß: „Als der Kronprinz bor einigen Wochen gelegentlich der Reise von Tanzig nach seinem Jagdschloß Hopfrevcn in Vorarl- berg zwei Tage in Berlin weilte, ließ er den Staatssekretär v. I a g o w durch seinen Adjutanten zu einer Unterredung bitten. Der Staatssekretär konnte aber der Aufforderung des Thronerben nicht Folge leisten, da er durch dringende Be- rufsgcschäfte abgehalten war. Erst infolge einer zweiten, dringlicheren Einladung erschien Herr v. Jagow im Kronprinzcnpalais und hatte eine mehrstündige Unterredung mit dein Thronfolger. Wie wir hören, wünschte der Kronprinz über die Absichten der Reichsleitung in bezug auf die braunschweigische Frage unterrichtet zu werden. Die Unterredung mit Herrn p. Jagow schien d e in Kronprinzen nicht zu g c- n ü g c n, da sich der Leiter des Auswärtigen Amts in dieser heiklen Frage, die übrigens auf das Gebiet der inneren Politik gehört, mit begreiflicher Vorsicht äußerte. Bald nach seiner An- knnft in Hopfrcben richtete der Kronprinz das schon in der Presse erwähnte Schreiben an den Kanzler, das in der Haupt- fache darauf hinausläuft, daß man sich mit den dem Kronprinzen bezeichneten Bürgschaften des Hauses Cnmberland nicht be- gnügen, sondern die Thronbesteigung des Prinzen Ernst August nur nach einem ausdrücklichen Verzicht aus Hannover genehmigen solle."_ Ter Ruf nach Ausnahmegesetzen gegen die Arbeiterklasse erschallt in der nationalliberalen Partei immer energischer. Tie „Königsbergcr Allgemeine Zeitung", das Hauptorgan der ost- und wcstpreußischcn Nationalliberalcn, hat den Syndikus des Ver- bandes ostdeutscher Industrieller, Herrn Dr. John, der zugleich Mitglied der uationalliberalen Partei ist, ersucht, in ihren Spalten seine Meinung über die Frage des Schutzes der Arbeitswilligen zu sagen. Herr Dr. John schreibt, das frühere Verhalten der nationalliberalen Reichstagsfraktion in der wichtigen Frage des Schutzes der Arbeitswilligen habe in weiten Kreisen der deutschen Industrie Befreinden erregt; nicht weniger auch bei vielen Ange- hörigen der Partei selber, die der Meinung seien, daß endlich etwas Durchgreifendes geschehen müsse.... Der Herr Syndikus, der mit dieser Darlegung die Meinung seines Verbandes vertreten dürfte, spricht dann von dem„über- schäumenden Machtgefühl" der Gewerkschaften und von den zahl- reich vom Zaune gebrochenen, als Machtprobe zur Demütigung der Unternehmer ins Werk gesetzten Streiks. Die Arbeitswilligen würden in einer Weise behandelt, die das Blut in die Wangen treibe und die Frage auf die Lippen dränge:„Leben w i r d c n n noch in einem R e ch t s st aa t e?" Die mannigfachen Drang- saliernngen der Arbeitswilligen bei Axbeiterausständen und Boy- kotts im einzelnen zu schildern, die ganze Skala von Unbilden durchzugehen, vom ehrenrührigen Schimpfwort an bis zum blutigen gemeingefährlichen Verbrechen würde zu weit führen.... Man solle meinen, daß das, was man im Punkte der Vergctvaltigungen von Arbeitswilligen im Laufe der letzten Jahre erlebt habe, genügen müßte für jeden, der nicht vor lantcr Doktrinarismus und unfruchtbarem Theoretisicren den Blick für die Wichtigkeit und das Notwendige verloren habe. Zum Schluß schreibt Dr. John: „Ich hoffe zuversichtlich, daß die nationalliberale Reichstags- fraktion auf Grund des inzwischen gewonnenen genaueren Ein- blickes in die tatsächliche Lage der Dinge den Notschrei der Arbeitswilligen und des von den Gewerkschaften terrorisierten Unternehmertums gegenüber entschlossen sein wird, energisch an solchen Maßnahmen posiliv mitzuarbeiten, die, ohne das eigent- liche Koalitionsrecht Der Arbeiter anzutasten, doch dem Äoa- litionszwangc und den damit verknüpften Uebelständen einen Riegel vorzuschieben be- stimmt sind." Diesen Schrei nach einer neuen Zuchthausvorlage gibt das nationatibcrale Blatt kommentarlos wieder. Ter Jesuitenantrag im Bundesrat. Der„Berl. Lok.-Anz." meldet: Ter Bundesrat dürfte sich noch vor dem Wiederzusammentritt des Reichstags mit dem Jesuiten- antrag beschäftigen. Es ist in der Sache eine kleine Verzögerung dadurch eingetreten, daß der mit der Berichterstattung über diesen Antrag betraute hanscatischc Bundesratsvevollmächtigte und Gc- sandte Dr. Klügmann inzwischen aus dem Amt ausgeschieden und diese Aufgabe auf seinen Nachfolger, Dr. Sieveking, übergegangen ist. Dieser beherrscht übrigens als langjähriger Vertreter Elsaß- Lothringens beim Bundesrat die Materie vollständig. Der 8cHffbau-feicrtag. London. 19. CItoocr. Zu der gestrigen Rede Churchills wird noch folgende Ergänzung mitgeteilt. Nach der Feststellung, daß oie gegenwärtigen Flottenausgabcn nur durch ein inter- nationales Abkommen erlcichert werden könnten, fuhr der Redner fort: Sie erinnern sich meines Vorschlages eines so- genannten Schtssbaufeiertages. Seit damals hat der deutsche Reichskanzler geäußert, daß seine Regierung de- taillierte Vorschläge erwarte. Wir haben nicht die Absicht, in die Materie einzutreten, außer wenn die deutsche Regierung dies für angebracht hält. Es ist sehr wichtig, daß von unserer Seite in solcher Sache keine Schritte getan werden, die nicht vollständig fair gegenüber Teutschland wären, oder die so aussehen könnten, als ob wir versuchten, für uns den guten An- schein zu erwecken, als ob wir friedliche Borschläge machten, da- bei aber der Gegenseite das Unrecht einer Ablehnung zuzuschieben suchten. Unsere Beziehungen zu Deutschland haben sich wesentlich gebessert, ohne daß wir unsere Freund. schaft mit anderen Ländern verloren hätten. Deshalb ist der Moment nicht ungünstig, die freundliche Bezugnahme auf die Frage eines Schiffsbaufeiertages aufzunchmen, welche in der Rede des deutschen Reichskanzlers zu finden ist. vie Lage in Mexiko. New?1ork. 19. Oktober. Aus Mexiko wird gemeldet, daß Präsident H u e r t a alle in den Vereinigten Staaten ver- breiteten Gerüchte über irgendeine freiwillige Aenderung in der mexikanischen Regierung kategorisch dementiere. 74 von den HO Abgeordneten, welche am 10. Ok- tober auf Befehl Huertas verhaftet worden waren, sind durch den zweiten Richter des Bundesdistriktes, der die Fälle unter- sucht hat, aintlich als G e f a n g e n e erklärt worden. Tie Abgeordneten sind alle politischer Vergehen beschuldigt, näm- lich des Aufruhrs und der Beamtenbeleidigung. Zehn Ab- geordnete sind heute, 26 andere bereits vorher freigelassen worden. Tins aller Melt. Bin Drama in der parifer GereUfcbaft. Eine überraschende Aufklärung hat ein angeblicher„Unglücks- fall" gefunden, der vor ungefähr einem halben Jahre in der Pariser Gesellschaft großes Aufsehen erregte. Die sunge Frau des Waffenfabrikanten Viktor W a r in i e r. der in der Pariser Gesellschaft eine große Rolle spielt, war seinerzeit an den Verletzungen gestorben, die sie sich durch einen„zufällig zur Entladung gekommenen Revolver" beigebracht haben sollte. Die gerichtliche Untersuchung hatte nichts er- geben, lvas dieser Auffassung entgegengesetzt sein konnte. In gewissen Kreisen wollte man jedoch an einen Selbstmord nicht glauben: aber die Zeit brachte alle gegenteiligen Berichte zum Verstummen. Am Sonnabend ist diese unglückliche Affäre plötzlich wieder aktuell geworden, und zwar in einer Weise, die jene Gerüchte zu bestätigen scheint. Vor dem Untersuchungsrichter eines Pariser Polizeibezirks erschien die bekannte Schauspielerin Frau S ll t a r i y a � und erklärte weinend, daß ihr Gewissen ihr seit langem keine Ruhe lasse, und daß sie es von der Mitwisserschaft a n einem Morde befreien müsse. Sie gab an, daß sie es gewußt habe, daß Frau Warmier nicht cinein unglücklichen Zufall zum Opfer gefallen sei, sondern daß die Bedauerns- werte von ihrem Gatten erschossen worden sei. Warmier sei in sie verliebt gewesen und habe alles in Be- wegung gesetzt, um von seiner Frau los zu kommen. Da Frau Warmier aber in eine Scheidung unter keinen Um- ständen einwilligen wollte, habe der Gatte, um sich ihrer zu entledigen, zur Mordwaffe gegriffen. Die Erklärungen, die Frau S il ta r i y a vor dem Unter- suchungsrichter abgab, machten trotz ihres iiberraschcndenJiihalts durchaus den Eindruck der Wahrheit und sind gestützt durch eine Reihe überzeugender Details und Briefe, die sehr kom- promittierend für Warmier sind. Der Untersuchungsrichter sah sich daher veranlaßt, zur s o f o r t i g e u V e r h a f t u n g W a r in i e r s zu schreiten, was natürlich in Anbetracht des bekannten Namens Warmiers in Pariser Gesellschaftskreisen große Seusation erregt. Warmier beteuerte seine Unschuld mit aller Entschiedenheit, ist aber durch die Tatsachen sehr belastet. Frau Sutariya ist eine bekannte Schausvielerin, die ihren Namen allerdings mehr ihrer Schönheit als ihren dra- matischen Talenten verdankt. Tas Gedächtnitz verloren. Ein Mititäraviatiker, Hauptmann des dritten Jägerbataillons, stürzte mit seinem Apparat infolge Bersagens seines Motors aus beträchtlicher Höhe ab und trug schwere innere Verletzungen towie einen doppelten Beinbruch davon. Merkwürdigerweise hat er durch den Sturz sein Gedächtnis vollkoinmcn eingebüßt. Er war nachher nicht imstande, auch nur die geringsten Angaben über die Ursache des Unfalls oder über irgendwelche Einzelheiten zu machen. Der Unglückliche vermochte nicht einmal seine Frau und seinen Knaben wiederzuerkennen, die ihn am Krankenlager besuchten. Kleine Notizen. Ein schwerer Unfall, dem ein jugendlicher Arbeiier von IS Iah- ren zum Opfer gesallen ist, hat sich ani Sonnabendnachmittag in dem Hüttenwerk von Hofjmann u. Motz bei E b e r s w a l d c zuzc- tragen. Die Firma beschäftigt mit der sehr gefährlichen Arbeit dcS Streckens der aus der Walze kommenden glühenden Eisenstangcn auch jugendliche Arbeiter unter 16 Jahren. Am Sonnabend nach» mittag nun lvar der jugendliche Arbeiter Erich Bctkc damit be- schäftigt, die ans der Walze kommende Eisenstange mit der Zange zum Strecken abzufangen. Er verfehlte sie, das glühende Eisen bohrte sich in seinen Oberschenkel ein und verbrannte diesen voll- ständig. Es bedurfte ziemlicher Anstrengungen, den jungen Men» schen von der durch seinen Schenkel gebohrten Stange zu befreien. Wegen mangelnder Einrichtungen mußte der Schtocrverlctztc nur notdürftig verbunden über eine Stunde liegen, ehe er nach dem Krankenhaus geschafft werden konnte. Diese äußerst gefährliche Arbeit muß von den jungen Leuten auch in Nachtschicht bei ver mangelhaftesten Beleuchtung, die man sich denken kann, verrichtet werden. Eisenbahnzusamincnstosi. Der Eilzug III München— Trcuchi- lingen stieß heute, Sonntag, 1 Uhr früh vor der Einfahrt in den Jngolstädter Hanptbahnhof seitlich mit einer Lccrlokomotivc zu- stimmen. Die Eilzugslokomotivc, ein leerer Postwagen und ein Personenwagen sind entgleist. Vom Eilzuge erlitten 19 Reisende, der Lokomotivführer, der Heizer und der Zugfiihrer geringfügige Verletzungen. Der Materialschaden ist unbedeutend. Ein schweres Grubenunglück hat sich in einem Schacht des bc- kannten Bleiberglverks von Gador in der spanischen Probinz Al- meria ereignet. Der Schacht stürzte infolge Nachgebens der Stützen ein»nd verschüttete 14 darin arbeitende Bergleute. Die Rettungsarbciten wurden sofort aufgenommen. Trotz der ange- strengtesten Tätigkeit gelang es aber bisher nur fünf Leichen zu bergen. Es besteht wenig Hoffnung für die Rettung der neun an- deren Verschütteten. Wieder eine Explosion in einer englischen Grube. Eine Explosion fano in einer Mine in Bya bei Lanelly in Wales statt. Etwa 1S9 Arbeiter waren zur Zeit der Explosion gegen 11 Uhr morgens in der Grube beschäftigt; jedoch befanden sich nur 11 Ar- bester in dem Stollen, in dem die Explosion erfolgte. Man eilte so- fort zu ihrer Hilfe herbei. Acht der Arbeiter waren durch die Explosion schiver verletzt worden. Sie mutzten sofort in ein Hospital gebracht werden. Jugendlilticr Raubmörder. Aus Krakau wird gemeldet: In der Nähe des Pruthflusscs nächst Sniatyn hat der 11jährige Schüler Eugen Tomaszcuk seinen Mitsckmler Pawluk, der einen größeren Geldbetrag bei sich hatte, erdrosselt, sich dessen Kleider angeeignet und die Leickw dann in den Pruth geworfen. Der jugendliche Raubmörder ist bereits verhaftet. Hetzte Nachrichten. Unglück auf dem Starnberger See. Min che», 19. Oktober. Auf dein Starnberger See geriet heute abend gegen%7 Uhr infolge dichten Nebels der Personendanrpser „Luitpold", auf dem sich etiva 499 Passagiere befanden, auf Grund. Nach einer halben Stunde gelang es dem Dampfer, wieder loszu- kommen; er hatte aber das Steuer verloren und treibt jetzt steuerlos aus dem See. An den Dampfer mit Schiffen heranzukommen ist infolge des dichten Nebels nicht möglich. Der Dampfer mutz also während der Nacht seinem Schicksal überlassen bleiben. Hilfe kann erst morgen früh, wenn der Nebel aufgehört hat, gebracht ioerden. Der Paffagiere hat sich, wie aus ihren Rufen hervorgeht, eine große Aufregung bemächtigt. Ein tollkühner Flieger. Wien, 19. Oktober. Der französische Avjatikcr Pegoud wieder- holte heute auf dem Flugfelde Aspern unter ungeheurem Andrang des Publikums seine tollkühnen Flüge, wobei er abermals erstaun- liche Leistungen zeigte. Er ließ sich aus einer Höhe von 1299 Metern pfeilschnell zu Boden fallen, wobei er in der Luft nicht weniger als fünf Äiltomortales machte. Zheatcr. M v n ta g, den£0. Oitober 1913, Zlnfang 6 Uhr, Cines Palast am Zoo. Variete- Lichtspiel«. Allsang 6'/, Uhr. CincsSiollendorf-Theatcr.Variete- Lichtspielc. Alisa, ig 7'/, Uhr. Der fliegende Schwanen- Kgl. Opernhans Holländer. Kgl. Schauspielhaus. weig. Deutsches. Torquato Tasso. Königgräher Straflc. Macbeth. Zirkus Busch. Galavorstellung. Zirkus Schumann. Galavorstellung. Ansang 8 Ubr. Urauia. Mit dem.Imperator" nach New Jork. Hörsaal S Uhr: Konstruktion�- Ingenieur A. Keflncr: Thomas« und Martinstahlwerke. Kammerspiele. Frühlings Sr- wache». Lessing. Zeitwende. Deutsches Kunftlertheater. Han- ncles Himmelfahrt. Der zer> brochene Krug. Deutsches Opernhaus. Der Trou, badour. Deutsches Schauspielhaus. Der gute Ruf. Neues Operutheater(Kroll). 'S Liserl von Schliersec. Berliner. Wie einst in, Mai. Dhalia. Die Tangoprinzesstn. Theater am Nollendorfplah. Die Heimkehr deS Odysseus. Komödieuhaus. DaS Paar nach der Mode. Theater des Westens. Gräfin S'fi. Schiller v. Die Stützen der Gesell- schast. Schiller Charlottenburg. Die Groxstadtlust. Montts Operetten. Der lachende Ehemann. Metropol. Die Reise um die Welt in 40 Tagen. Kasino. Ferdinand der Tugend- haste. Kleines. Belinde. Trianon. Seine Geliebte. Herrufeld. Was sagen Sie zu Lcibusch? Wintergarte«. Spezialitäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Ciucs Apollo-Theater. Varietä- Lichtspiele. Eines Friedrich- Wilhelmstädt. Bariets-Lichtspiele. Anfang 8>/. Ubr. Residenz. Im Ehekäsig. Lustspielbans. Puppenklinik. Luisen. Minna v. Barnhelm. Rose. Laura massiert. Folies Caprice. Ritter Baldrian. Die Mißgeburt. Das Adoptiv- iind. Walhalla. Der Licbcsonkel. Ansang 8'/, Ubr. Neues Bolkstheatcr. Die Sieb- zehnjährigen. Alimiig 9 Ubr. Adm iralspalast. Die lustige Puppe. CinesNollendorf-Thcatcr.Baricte- Lichtspiele. *.- Sternwarte, Jnvalidenstr. 57—62 Stoffe lieV Manziige, Paletots 315,7,9 Kostüm- und Ulsterstojje�J.J.;.z Persianer irnit. Plüsche 130MetborKr0950 Seiden-Seal primaSK.15 Kstrachan,�teterv»so«so Meter jll. T V Tuehlager Koch& Seeland G. m. b. H. ßertrauilteiistr. 20/21 vis-ä-vi3der Ebahemü OST Petrikirche Suppenwürfeln jeden Cag fchmachhafte, billige Suppen! 46 Sorten, wie Grbs, pilz, ßlumenhohl, Sierfterncben:c. 1 Cßürfel 3 Celler 10 Pfennig. Ebenso anerkannt sind künorr-Hafermehl, Haferflocken, -Neismehl, Grünkernmehl. sind garantiert trustfrei! 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Da kam der Hofzug nebst Lakaien (an einem schönen Tag im Maien) durch's alte Städtchen.— Just und nun rief eine Bauersfrau ihr Huhn» das voller Maienseligkeit um Nachbargockels Minne freit'. „Huhn", rief sie,„Huhn'.— Bei diesem Schrei fuhr Hoheits Wagen grab vorbei--— „Ha." schnaubte Hoheit—„diese Damen rief mich beim abgekürzten Namen! Beleidigung l Unerhörter Graus I Man schleppe sie inS Spritzenhaus! I' Vergebens jammerte die Frau, (Garline Schulz hieß sie genau): „Nichts BöseS Hab ich wollen duhn, ich rief nur üben meinem Huhn"— Drei Monat drauf ein hoch Gericht mit grabeSernster Miene spricht: „Da- Urteil dahin heut ergeht: Beleidigung der Majestät! Der Fall ist schwer— die Zeit ist mau-» Vier Monat Kerker kriegt die Frau— In dunkler Zelle sitzt sie nun— verhungert ist derweil das Huhn.— Fürst Hunibalds Genugtuung verlieh der Sache höh'ren Schwung.— Die Feder leg ich still bei Seit' und schneuze mich voll Herzeleid.— Ach, lieber Leser, wein' doch nicht, sie ist nicht wirklich, die Geschicht'! Du murmelst Gotha?') Nee, ach nee Ich sprach doch nur von Winkelkräh! Huö Groß-Berlin. Der Herr Direktor kommt! Diese Ankündigung brachte dieser Tage eine große Auf- regung in den Riesenbetrieb der A. E. G. Von den obersten Spitzen der Geschäftsleitung bis zu dein einfachsten Meister war alles in geschäftiger Tätigkeit, um den Direktor würdig zu empfangen und bei ihm eine gute Stimmung hervorzu- rufen. Alles wurde geputzt- und gesäubert. Der Fußboden wurde daraufhin untersucht, ob nicht etwa eine defekte Stelle vorhanden sei, und wo ein Fehler gefunden wurde, erfolgte sofortige Reparatur. Als der Herr Direktor den Toreingang des Btriebes passierte, gab das Telephon sofort überall hin Nachricht, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich von Abtei- lung zu Abteilung die Nachricht: der Direktor komnit! Die Arbeiter nahmen ihre Plätze ein und arbeiteten im Schweiße ihres Angesichts, von ihren Meistern besonders dazu aniniiert. Als der Direktor den Arbeitsraum in seinem Wagen be- sichtigte— der Direktor muß seines leidenden Zustandes wegen gefahren werden—. sah er nur vollen Betrieb. Alle Abteilungen waren voll besetzt: selbst die,, welche sonst nicht beschäftigt sind. Daß dem Herrn Direktor eine Anzahl Ar- beiter, die von einer Abteilunp rasch in eine andere versetzt wurden— Gcschwiirdigkeit ist keine Hexerei— doppelt erschienen, ist bei einem solch großen Betriebe nicht auffallend. Das geniert weiter nicht: die Hauptsache, daß der Herr Direktor einen vollen Betrieb in tadelloser Ordnung findet. Und das wird immer sein, wenn die Ankündigung erfolgt: Der Herr Direktor kommt! Er sollte öfter kommen und unverhofft konmicn! Er würde dann mehr die Wirklichkeit schauen und keine Potem- kinschen Dörfer! ') In Gotha wurde am 30. September der Redakteur dcS VolksblotteS" zu einem Monat Gefängnis verurteilt, weil er in einem Bericht den Namen de-5 Herzogs Eduard mit Ede abgekürzt hatte. Nicht ein Vögelchen schwirrte mehr durch den hereinbrechenden Dämmer. Nur die ekelhaften Fledermäuse mit den stumpfen Nasen und kühlen Krallen. Und da wurde es merkwürdig still in den Mienen der Birke. Schwer fiel ihr das Haar in die Stirn. Und sie mußte es ge» schehen lassen, daß die heraufspringende Abendkühle sich darin fest- setzte und die grauen Sacktücher wusch. Ein bleicher Stern, der zischend vom Himmel fiel und um Haaresbreite das herabgebeugte Haupt der Birke streifte, weckte die Halberstarrte noch einmal aus dem langsamen Hinüber- schlummern. Zwischen den halbgeöffneten Lidern sah sie noch die lang aufquellende Lichterreihe uno dicht dahinter fuhren schon die mör» dorischen Geschütze auf. Ein Schreckschauer rieselte schwer über ihre blasse Stirn. Gleichgültig ließ sie die beiden Verliebten vorüberstreichen, die sich nicht schämten, die Wildgier ihrer Lippen vor den Augen der dielen jungfräulichen Wasserspiegel auf dem Pfad zu schüren. O, diese Jungvcrliebten, die in diesem geizigen raubgierigen Landc doch nur allezeit zwei verlobte Waisenkinder sein werden! Die Birke zitterte stärker auf. Es war nichts. Oder es war eine Uhr, die nicht schlägt. Tödliche Srille vor dem letzten Herzschlag. Auf der äußersten Flanke der Halde flatterten schon die weißen Gewänder der Engel auf, um die Seele der Birke hinweg- zutragen. Feuerbäche brausten in der Tiefe und wehten den metallischen Schaum bis zum Gipfel empor. Die ersten Geschosse knatterten. Dicht vor der zusammengebrochenen Birke schlugen sie ein. Geröllstücke lösten sich los und brachen krackend in das Häufchen Tod. Langsam begruben sie die spärlichen Ueberreste. Der ganze Höllenspektakel der Schlacht rauschte noch einmal auf. Unheilvolles Gebrüll zog Kreis an Kreis. Der Himmel tanzte. Und die Erde tat sich auf. Und aus dem klaffenden Spalt schwebte langsam, von hundert weißen Fittichen getragen, die arme Seele der Birke empor. Glockengeläut schwoll auf. Und die schanervolle schwarze Nacht wallte wie ein unabsch- bares Trauergefolge. Am andern Morgen suchte das verflogme Vögelchen vergeblich die Birke.— Der Hgent. Von Chr. E n g e l st o f t. Ein braver Mann saß an einem Dezembervormittag in einer Mainarde und schrieb an einer Liebesgeschichte, die von zwei Leuten tä � einander nicht kriegen durften... für fünf Pfennige m« Zeile(falls die Zeitung die Geschichte haben wollte). Die Liebenden waren für immer getrennt worden und dem tiefsten Kummer und Elend preisgegeben. Aber die Sonne schien blaß und freundlich durchs Fenster zu dem braven Mann herein und ließ einen anmutigen Lichtschein aus eine Agave und zwei „Fleißige Lieschen" fallen, die aus dem Fensterbrett standen. Und der brave Mann war so mild gestimmt und ganz vergnügt und mit seinen Gedanken weit weg von all dem Gräulichen und Schreck- liehen, das er ausmalen wollte. Er legte die Jeder fort und sann nach. Da klingelte es. Er blieb sitzen. Es k on nie die Rechnung vom Schuhmacher sein; es konnte aber auch der Pharmazeut Petersen sein, der ihm bis morgen, Freitag, fünf Kronen geliehen hatte, oder Herr Thorvaldsen, der Wirt. Der brave Mann rieb sich die Stirn. Er ging aber doch hinaus. Niemand entgeht seinem Schicksal, sagte er sich. Und er öffnete. Draußen stand, bescheiden und ein wenig schwermütig, ein ältlicher Mann, der den Graukopf herabneigtc und mit den knochigen, mageren Händen an die Krempe seines großen, verschossenen Hutes tastete. Der brave Mann suchte und fand zu seinem Erstaunen ein Fünfundzwanzigörestück in einer Falte seiner Westentasche und wollte es dem Fremden geben. Es war gewiß ein Bettler. Ter Fremde hatte den Hut unter den linken Arm genommen und angefangen, in der großen Innentasche seines Rockes herum- zukramcn. Nun zog er ein paar Papiere daraus hervor. Da ließ der brave Mann das Fünfundzwanzigörestück stecken. Das war wohl nicht das Richtige für diesen Herrn. Nun reichte ihm der Fremde mit ernstem Gesicht die Papiere, zeigte darauf und sagte still:„Sind Sie in einer Lebcnsversiche- rung? lKein Name ist Inspektor Hansen." „Nein," sagt« der brave Mann entgegenkommend— bedauernd. »Dann müssen Sie sich versichern. Es ist die höchste Zeit!" Der Inspektor zog seinen Bleistift hervor.„Sic sind dreißig Jahre." Er betrachtete den braven Mann untersuchend.„Das macht 22 Kronen im Quartal für 3000 Kronen. Vergleiche Tabelle IS." „Ja. Herr Inspektor...." „DaS ist die Pflicht jedes Menschen." „Ich habe ja auch wirklich schon lange daran gedacht... Der brave Mann setzte sein allergutmütigstes, allergemütlichstes Gesicht auf.„Es ist ganz richtig, daß man im Lenz seiner Jugend an die grauen Jahre des Alters denken mutz. So lautet ja wohl das Motto auf Ihrem Rektameprospett?" „Ja." Der Inspektor zog ein Antragsformular hervor und schickte sich an, daraus Notizen zu machen.„Sie müssen sich ver- sichern, ehe es zu spät ist. Hier ist das Formular. Da der Name!" Er wollte es ihm in die Hand stecken. «Ja ja..." Der brave Mann kratzte sich an der Schläfe und trippelte hin und her. „Auf der Stelle! Stehenden Fußes! Die Gesellschaft ist solide. Hier ist der Prospekt. 3« Millionen als Reservefonds." „Aber heute, Herr Hansen.. „Heute!" wiederholte der Inspektor sehr entschieden. Was Hausbesitzer sich erlauben. Wir haben dieser Tage an der Hand Berliner Mietsvertrügc dargelegt, welche Rechte die Hausbesitzer bei Vermietungen sich vor- behalten und daß sie den Mietern nur Pflichten auferlegen. Viel- fach bleibt es auch dabei nicht. Es gibt Hausbesitzer oder auch Hausverwalter, die sich die Dreistigkeit erlauben, auch in die pri- vaten Verhältnisse der Mieter sich einzumischen. Ein solches Stück- chen hat sich dieser Tage die in der Linkstraße 2g domizilierte Berlin-Boxhagener Bodengesellschaft geleistet. Diese Gesellschaft besitzt in der Lenbachstratze ein Haus, das von einem Verwalter beaufsichtigt wird. Nun hatte ein Mieter, weil er einige Tage verreist war, die fällige Miete einige Tage nach dem Monatserstc» gezahlt und war infolge eines besonderen Vorfalles mit den Ver- waltersleutcn in Differenzen geraten. Aus diesem Grunde gingen die Mieter dem Verwalter aus dem Wege. Zu ihrem Erstaunen erhielten die Mieter von der genannten Bodengesellschaft einen Brief mit der Aufforderung, in Zukunft pünktlich am Monats- ersten zu zahlen, und zwar nicht mehr an den Verwalter, sondern auf dem Bureau in der Linkstrahe. Charakteristisch ist folgende Stelle im Briefe: „Sie haben sich dadurch, daß sie.Herrn und Frau(folgt der Name der Verwaltersleute) nicht grüßen, einer st rasbaren Beleidigung schuldig gemacht, und wir muten unserem Herrn Verwalter nickt mehr zu, sich noch irgendwie mit Ihnen einzu- lassen." Es ist ganz hübsch, wenn die Gesellschaft für ihren Verwalter eintritt, aber sie hat kein Recht, dem Mieter vorzuschreiben, wie er sich in seinem privaten Leben zu verhalten hat. Soweit uns bc- richtet, hatten die Mieter alle Ursache, den Verwaltersleuten aus dem Wege zu gehen. Aber ob sie das mit Recht oder Unrecht tun, der Bodengesellschaft geht das garnichts an. Sonderbare Begriffe mutz die Gesellschaft haben, wenn sie meint, durch das Nichtgrüßcn hätten die Miieter sich einer st r a f b a r e n Beleidigung schuldig gemacht. Mit dieser Behauptung löst die Gesellschaft nur Ge- lächter aus. Eine ernste Seite hat aber der obige Schreibebrief. Er zeigt, was sich manche Hausbesitzer herauszunehmen glauben. Das Gute ist nur, daß wir heute au keinem Wohnungsmangcl leiden und kein Mieter derartige Dreistigkeiten ruhig einzustecken braucht. Im Streit erschoffen. Wegen Auszahlung des Lohnes kamen am Sonnabend nach- mittag in Glienicke an der Nordbaha Arbeiter- mit dem Besitzer einer Villa zu AuScinanderseKungen, in deren Verlauf der Villcn- besitzer Mathesius einen Revolver zog und zu schießen drohte. Um den schießlustigen Herrn die Waffe zu entreißen, kam es zu einem Handgemenge. Dabei entlud sich der Revolver und die Kugel traf den Villenbesitzer in den Kopf. Schwerverletzt brach der Getroffene mit einem lauten Aufschrei zusammen. Tie Arbeiter holten sofort Hilfe herbei und alarmierten einen Arzt aus Tegel. Als dieser eintraf, war der Tod bereits eingetreten. Tie Kugel hatte das Ge- Hirn durchbohrt.-Die Leiche blieb einstweilen in der Villa. Der Arbeiter, der den tödlichen Schuß verursacht hatte, begab sich nn- mittelbar darauf nach Frohnau und stellte sich dort der Polizei- behörde. Er gab an, daß der Schuß ohne seine Absicht losgegangen sei. Nach der Vernehmung wurde der Arbeiter in Hast behalten. Die Ursache des Streites lag darin, daß der Bankier erklärte, er habe mit dem Meister, dem er die Arbeiten— Malerarbeiten— übertragen habe, einen Vertrag geschlossen und ihm ginge die Lohn- frage nichts an. Der Meister wiederum war aber nicht in der Lage, den Lohn zu zahlen und deswegen hatten sich die Arbeiter an den Villenbesitzcr gewendet._, � Seine Geliebte erschoffen. Der rätselhafte Tod des jungen Mädchens, das, wie wir berich- tcien, mit einer Schußwunde in der linken Schläfe in einem Ge- strüpp der Grünauer Forst ausgefunden wurde, beschäftigte gestern auch die Militärbehörde. Die Erschossene, die IS Jahre alte Näherin „Nein... nein! Ich bin nicht in der Lage." „Nicht in der Lage?" „Augenblicklich nicht, sehen Sie... Ich habe eine ganze Anzahl Schulden." Die Augen des braven Mannes flackerten verlegen vor dem scharfen Blick des Inspektors. „Sie können bei uns ein Darlehn aus eine Police bekommen," ermunterte ihn Herr Hansen in milderem Ton. „Mein Schneider und mein Schuhmacher und Thorvaldsen, der Wirt, rennen mir ja die Tür ein." Der brave Mann erklärte seine Lage. „D ie müssen warten. Hier handelt eS sich um Ihr ganzes Leben." Der brave Mann nahm sich zusammen und legte feierlich die Hand auf die Türklinke.„Nein, nein, ich kann heute nicht. Ich muß diese Unterredung abbrechen. Meine Zeit...." „Keine Ausflüchte hier!" Ter Inspektor reckte sich zu seiner vollen Höhe auf; er war fürchterlich groß und stark. „Aber mein Herr, ich habe, so tvahr ich lebe, kein anderes Geld, als dieses hier," rief der brave Mann verzweifelt und reichte ihm die fünfundzwanzig Oere hin. „Was? Was haben Sie nicht?«.. Wollen Sie mir hier etwas von Ihren Schulden vorlügen und.... Sie bewohnen doch eine Wohnung! Wie kann das sein?.Heraus mit der Sprach«! Sind Sie krank? Gehen Sie nicht Ihrer Arbeit nach? Arbeiten Sie überhaupt? Oder sind Sie arbeitslos? Sehr ordentlich gekleidet sind Sie ja. Verbummeln Sie etwa Ihre Zeit? Sehen Sie mich an!" Die Augen de? Inspektors schössen Blitze, der brave Mann starrte halb verwirrt zu Boden. „Darf ich mir ordentlichen Bescheid ausbitten? Na, eins. zwei.... So ein großer starker Mensch wie Sie darf nicht den ganzen Tag faulenzen und fünf gerade sein lassen.... Du mußt die Sache mal anders anpacken, Freundchen. DaS geht nicht mchr so weiter. Du versäumst Deine heiligste Pflicht." Der brave Mann rieb sich unruhig die Hände, faltete sie und streckte sie, flehentlich gleichsam, nach dem andern aus. Der Inspektor steckte seine Papiere wieder in die Tasche, knöpfte seinen Ucberzieher zu und blickte den Elenden streng und verächtlich an. „Am Freitag komme ich wieder," sagte er mit Stentorstimme. „Lassen Sie mich nicht vergebens kommen." Langsam stieg der Fremde die Treppe hinab. Noch einmal drehte er das kalte, strenge Gesicht um und heftete seine Augen auf den Unglücklichen. Leise schloß der Mann seine Tür und schlich wankend in seine Kammer zurück. Nun war es dort kalt geworden. Die milde Sonne war fort. Die„Fleißigen Lieschen" ließen die Köpfe hängen. Die Agave durchjpießte den Raum mit ihren metall- harten, lanzcnartig spitzen Blättern, wie mit bösen Hörnern. Den braven Mann schauderte es, und er schrieb aus angst- vollem Herzen von der Not der Liebenden und den unerbittlichen Forderungen des Lebens. Hertha Jonelei t(nicht Haagh ist eine Stieftochter des Porträtmalers Haag, bei dem sie in der Bergmannstraße 19 wohnte. Man schenkt den Angaben des Unterosfiziers, mit dem das Mädchen ein Liebes- Verhältnis unterhielt, keinen rechten Glauben. Er gibt an, daß seine Geliebte sich selbst erschossen habe, doch wird angenommen, daß er dem Mädchen die Kugel in die linke Schläse gejagt hat, und zwar aus dessen ausdrückliches Verlangen, ihm selbst aber dann der Mut gefehlt hat, auch seinem Leben ein Ende zu machen. Der Verdächtigte, ein Unteroffizier Äust von der 6. Kompagnie des Kaiferin-Augnsta-Regiments, wurde gestern von einem Gerichts- offizier eingehend vernommen. Obwohl er auch bei diesem Verhör seine Angaben aufrecht hielt, wurde er unter dem dringenden Ver- dacht, seine Geliebte erschossen zu haben, in Haft genommen. Die Lage der Leiche und der Umstand, daß die Kugel in der linken Schläfe sitzt, lassen darauf schließen, daß das Mädchen sich nicht selbst erschossen hat._ Eine verunglückte Filmaufnahme. Eine Berliner Filuifirma wollte gestern einen Auiomobilunfall aufnehmen und hatte zu diesem Zwecke zwischen Schildhorn und Pichelsbergc ein altes Automobil, aus dem man den noch brauch- baren Motor herausgenommen hatte, mit mehreren Puppen be- mannt, worauf man es die dort steil abfallende Chaussee hinunter- sausen lassen wollte. Das Automobil sollte dann, unten ange- kommen, sich überschlagen und in den See stürzen. Tie Szene verlies auch ganz programmäßig. Das Auto sauste den Berg hin- unter, während unten der Operateur dicht neben der Chaussee Aufstellung genommen hatte und den Vorgang filmte. Da aber das Automobil durch das Fehlen des Motors vorn zu leicht war, über- schlug es sich unten am Wasser nicht, sondern wurde von der Chaussee abgelenkt und überrannte den Operateur mit samt seinem Apparat. Ter Operateur, der die Böschung hinunterstürzte, erlitt ziemlich er- hebliche Verletzungen am Kopf und an den Armen und mußte in einem anderen Automobil mit Motor ins Krankenhaus geschafft werden. Mutter und Kind von der Straßenbahn überfahren. Bei der Rettung ihres Kindes ist am gestrigen Sonntagnach- mittig eine Frau Heyse in Charlottenburg verunglückt. Frau H. hatte mit ihrem dreijährigen Töchterchen einen Spaziergang ge- macht und kam in die Wilmersdorfer Straße. Plötzlich lief das Mädchen vom Bürgersteig und setzte sich zwischen den Schienen nieder, als in einiger Entfernung der Motorwagen 27SS der Linie 54 auftauchte. Die entsetzte Mutter stürzte auf den Damm, um ihr Kind zu retten. Infolge dG dichten Nebels erkannte der Stratzcnbahnführer die Gefahr erst im letzten Augenblick und gab sofort Gefahrbremse. Trotzdem konnte er seinen Wagen nicht recht- zeitig mehr zum Stehen bringen. Frau H. geriet mit dem Kinde nnter den Vorderperron und blieb bewußtlos liegen. Man schaffte Mutter und Kind auf die Unfallstation, wo der Arzt bei der Frau Verletzungen am Kopf und im Gesicht sowie eine Gehirnerschütte- rung feststellte. Das kleine Mädchen war, da die Mutter es mit ihrem eigenen Leibe gedeckt hatte, mit einigen Hautabschürfungen davon gekommen. Frau Heyse mutzte in das Krankenhaus Westend überführt werden, während das Kind in die elterliche Wohnung gebracht wurde._ Bodeneinbrccher sind wieder in verschiedenen Stadtteilen tätig. Besonders werden kleine Leute von diesen Gaunern schwer gcschä- digt. wenn ihnen ihre Wäsche gestohlen wird. Man sei deshalb aus der Hut!_ Straßenuufällc. Am gestrigen Sonntagmorgen gegen 8 Uhr hatte der Landgerichtsrat Nauscster aus Wilmersdorf mit seinem Zweirad eine Spazierfahrt unternommen und wollte die Char- lottenburger Brücke passieren, als ein Automobil in schneller Fahrt herannahte. Der Landgerichtsrat wollte dem Kraftivagen aus- biegen und kam dabei mit seinem Hinterrad dem Motorwagen 269 der Linie dl zu nahe. Herr N. wurde zu Boden geschleudert und erlitt eine starke Kopfverletzung sowie eine Gehirnerschütterung. Er wurde in die nächste Unfallstation und von dort in seine Woh- nung gebracht.— Durch die Unsitte, Straßenbahnwagen während der Fahrt zu besteigen, ist am Sonnabendabend der siebenjährige Schüler Werner StephanuS verunglückt. Der Knabe versuchte an der Ecke der Frankfurter Allee und der Tilsiter Straße den Hinter- Perron eines Zuges der Linie 78 zu besteigen, kam jedoch zu Fall und geriet mit dem rechten Arm unter den Schutzrahmen des An- Hängewagens. Der Kleine wurde befreit und in die Unfallstation gebracht, wo der Arzt einen Armbruch feststellte. Ein Zusammenstoß zweier Straßenbahnwagen, bei welchem zwei Angestellte verletzt wurden, ereignete sich am gestrigen Sonn- tagabend gegen 9H Uhr in Tempelhof. Auf der eingleisigen Strecke in der Germaniastraße fuhr infolge des dichten Nebels, der in den Abendstunden herrschte, der Wagen 12 der Linie I in der Richtung Britz auf den ihm aus Schöneberg entgegenkommenden Motor- wagen 27 derselben auf. Bei dem ziemlich heftigen Zusammen- stoß, der trotz sofortigen Bremsens beider Gefährte nicht mehr ver- mieden werden konnte, wurde der Vorderperron des Wagens 12 stark beschädigt. Der Fahrer Koppe stürzte zu Boden und geriet unter den Vorderperron. Mit Hilfe der von Passanten herbei- gerufenen Feuerwehr wurde er befreit und nach dem Garnison- lazarett in Tempelhof geschafft, wo die Aerzte eine Quetschung beider Beine feststellten. Der Fahrer Rosien erlitt Schnittwunden im Gesicht und begab sich in seine Wohnung. Die Fahrgäste kamen mit dem Schrecken davon. Kleine Nachrichten. Aus Verzweiflung hat sich eine Frau Katschke aus der Skalitzer Straße Kehle und Pulsadern durch- schnitten, weil sie seit einiger Zeit an heftigen Zahnschmerzen litt und auch keine Linderung fand, nachdem ihr der Arzt zwölf kranke Zähne gezogen hatte.— Mit Lysol vergiftet bat sich der Gürtler Rudolf Keil, weil sich einer Heirat Schwierigkeiten in den Weg stellten.— Der Schneidermeister Oskar Ebel aus der Scklvedter Straße vergiftete sich mit Gas.— Aus der Spree gelandet' wurde gestern in Treptow die Leiche eines unbekannten Mädchens von etwa 20 Jahren. Tie Tote, deren Persönlichkeit sich nicht feit- stellen ließ, hat blondes Haar, eine hohe Stirn und ein rundes Kinn, ist kräftig gewachsen und trug schwarze Schnürstiefel, braune Strümpfe, weiße Unterwäsche und ein dunkles Kostüm mit schwar- zem Einsatz und rotbraunem Gürtel. Spiel und Sport. Stützen des Jungdeutschlands-Bundes. Wer jetzt Sonntags übers Tempelhofer Feld geht, stfeht zahlreiche Fußballspieler. Von allen Seiten hört man lautes Geschrei und laute Zurufe. Das bunte Gemisch der Farben erinnert fast an Kölner Karneval. Jede Farbe ist vertreten. Rotweiß, gelbweiß, blauweiß gestrichen, oft auch kreuz und quer oder quadratisch, wie eine mit vielen Flicken versehene Hose eines Handwerksburschcn. Alle Spieler eines Feldes sind in Bewegung. Jede Partei will den Ball zuerst vor- wärts und dann ins gegnerische Tor bringen. Plötzlich er- tönt das bekannte„Goal", der ersehnte Erfolg für eine Partei. Noch einige Minuten hin und her, zwei Psiffe, das Spiel ist zu Endo.„Hipp-hipp Hurra!" rufen sich die Spieler gegenseitig zu. * Ein anderes Bild. Die Jugendabteilung eines Deutschen Turnerschastsvereins hält an der Saubucht im Grunewald. Ein leibhaftiger Gardeoffizier, hoch zu Roß. erklärt die Ge» fechtslage. Die Vorposten des Feindes halten den Kaiser» Wilhelm-Turm besetzt. Sie sollen von ihreni Haupttrupp, der noch bei Drewitz steht, abgeschnitten werden. Patrouillen werden ausgesandt. Langsam zieht das Gros hinterher. Eine Meldung wird erstattet. Mit Hurra geht es den Berg hinan. Oben am Turm angelangt, ist niemand zu scchen. Ter Offizier ruft alle Jugendliche zusammen und hält eine An- spräche. Ich hörte:„seht um Euch, Ihr deutschen Jungen, überall blühende Dörfer und Städte. Friedlich kann jeder Deutsche seinem Berufe nachgehe«. Das war nicht immer so. Erst seitdem die Hohenzollern in die Mark Brandenburg ein- zogen. Große Verdienste haben sich die Hohenzollern um Eure Heimat erworben, darum bewahrt ihnen die Treue. Denn Treue um Treue." Noch schallt„Teutschland über alles" an mein Obr, doch ich habe genug von der Jugend- erziehung dieser einst demokratischen Deutschen Turnerschaft. Fußballresultate: Viktoria, 2. Mannschaft gegen Fichte 3, 2. Mannschaft 6: 1 für Viktoria.— Mariendorfer Sportklub Rapid gegen Freie Turncrschaft Schmargendorf 6:0 für Rapid. Neuköllner Sportklub Vorwärts gegen Tcmpclhof-Mariendorf 6: 1 für Vorwärts. Freie Turnerschaft Tempelhof- Mariendorf gegen Freie Turnerschaft Nowawes-Drewitz 24: 1 für Tempelhof-Ntariendorf. Rapid, Neukölln gegen Wilmersdorf, 1. Mannschaft 2:1 für Wilmersdorf. Union, Pankow, 1. Mannschaft gegen Fichte 16, 1. Mannschaft 3:1 für Union.— 2. Mannschaft gegen Fichte 4, 2. Mannschaft 5: 4 für Union.. Spiel- und Sportverein Lankwitz gegen Zehlendorser Bor- wärts 3: 1 für Lankwitz.— Das Resultat in der letzten Montag- nummer ist beim Spiel Zehlendorf gegen Wilmersdorf dahin zu berichtigen, daß Zehlendorf mit 6: 0 über Wilmersdorf gesiegt hat. — Fichte 7, Jugend gegen Sportklub Mahlsdorf 4: 0 für Fichte.— Adler 2 gegen Charlottenburg 3 20: 0 für Adler 2.— Fichte 17, 1. Mannschaft gegen Borussia 4:1 für Fichte. R. B. C., i. Mannschaft gegen V. S. B. Friedrichshagen, 1. Mannschaft 5:1 für R. B. C.— 2. Mannschaft gegen Fichte 8 kampflos gewonnen von R. B. C.— 1. Jugend gegen Fichte 17 5: 2 für R. B. C.— Merkur gegen Fichte 9, 1. Mannschaft 4: 0 für Merkur.— Vorwärts, Friedrichshagen, 1. Mannschaft gegen Fichte 3 2: 1 für Vorwärts.— Arbeiterturnverein Pankow gegen Fichte 12, 2. Mannschaft 7; 2 für Pankow.— Fichte 12, 1. Männermannschaft gegen Tempelhofer Viktoria 1:1.— Overspree, 1. Mannschaft gegen Turnverein Adlershof 9: 1 für Oberspree. — Wemannia, Friedrichshagen gegen Schöneberg, 1. Mannschaft 2: 1 für Schöneberg.— Fichte 3, 1. Jugend gegen Schöneberg 1: 1. — Adler 1 gegen Fichte 4 1: 0 für Adler.— Freie Turnerschaft Schönholz, 1. Jugend gegen Fichte 17, 2. Jugend 7:9 für Schön- holz.— Freie Turnerschaft Schönholz, 2. Jugend gegen Pankow, 2. Jugend 9:0 für Pankow.— Liberia, 1. Mannschaft gegen Charlottenburg 3: 2 für Charlottenburg.— Liberia, 2. Mannschaft gegen Fichte 16 5: 1 für Liberia.— Freie Sportvereinigung, 1. Mannschaft gegen Alt-Glienicke, 1. Mannschaft 8: 0 für Freie Sportvereinigung.— 3. Mannschaft gegen Gigant, 2. Mannschaft 2:1 für Gigant.— 1. Jugend gegen Rummelsburg 14:0 für Rummelsburg.— 2. Jugend gegen Lichtenberg, 1. Jugend 10:0 für Lichtenberg.— Adler, 3. Mannschaft gegen Hertha, 2. Mann- schaft 11:2 für Hertha.— Jugendsport-Pankow, 1. Mannschaft gegen Schönholz 9: 0 für Pankow.— Fichte 10 gegen Fichte 8 1:1. Eine hochinteressante Weltreise sür nur 15 Pf. pro Woche. WoS regt den Getst von neuem an. bringt Frohsinn und Schaffensfreude wieder——? Reiselust und Reisen! Wir wollen erfahren, wie die Welt in Wirk- lichlcit mit all den, Reichtum ihrer Naturschönheitcn mSsieht und wie die Menschen daraus leben. Wer Zeit nd Geld hat, der reist. Aber wie weit lägt ihn 'in Beruf fortgehen? Er muß meistens nach kurzer ,eit wieder daheim sein. Viele können dies der überhaupt nicht, und sollen sie es sich entsagen? !ein!— Wir wollen dem lerneifrigen Sinn den ganzen errlichen Erdenrund schenken, indem wir diesen durch lenner in Wort und Bild entrollen lassen. Länder, Völker, Naturbeirachtungen sollen unsere Leser fesseln und erfreuen. Sie werden mit uns von Land zu Land, von Ort zu Ort reifen. Wir versprechen unseren Leiern genußrelche Stunden und wollen ihnen ein freundlicher aufmerksamer Führer sein. Trete jeder mit uns getrost die Weltreise an und lerne die Macht der Natur, die Sitten und Gebräuche der verschiedenen Menschenrassen ohne Rcisebeschwerden, teure Aus- rüstungeil und Reisegelder kennen. Er kann alles im gemütlichen Heim sür 15 Ps. pro Woche durch unsere Zeitschrist„Durch alle Welt» genießen. Zu einer Reise gehört aber auch eine allgemeineOrientierung über Städte, Gebirge, Ströme. Seen, die besucht werden. Auib dies haben wir vorgesehen. ES erhalten alle Abonnenten in Lieferungen ausierdeui einen groben Universal-Hand-Ültlas, enthaltend über ZA) Voll- vollständig und Nebenkarten. _ gratis. Bei uns einen guten Platz für die Resse zu belegen ist nicht schwer. Jeder Platz ist gleich guk Sobald Sie den angebogenen Bestellschein ausgefüllt und eingesandt haben, wird die Reise angetreten. 1KS/S Bestellschein VW. An die Expedition von Berlin-i .Durch alle Welt" -chöneberg. Am Park 14. Ich abonniere hiermit„Durch alle Welt" albPs. pro Heft wöchentlich durch Boten srei ins HauS. Name:. Ort, Straße:, «— J Unseren Genossen Bezirkssührer , Paul Rowe und Frau und, j eöermann Kabelt und Frau zu, tz ihrer silbernen Hochzeit die herz- i i jichsten Glückwünsche.> * Neukölln, 20. Oktober 1913.[ iDic Geflossen des Bezirks 694., mmmmmmmmm mmmmmmm m m i 1 Kaflee-QroHösterei Sebr.Grossien Neue SciiönhauserStr.14Ad� 627; eSlit Faankfurter Allee 188. 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