( 5 Pfennig)( 5 Pfennig) Nr. 883. Abonnements-Bedingungen; «donnementS- Preis pränumerando! Vlerteljährl. 336 Mk, Mona«. 1,10 Ml. wSchentlich 28 Pfg, frei ins HauS, Einzelne Nummer S Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt' 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat, Eingetragen in die Post-ZeitungS- Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungar» S,S0 Mark, fiir das übrige Ausland 4 Mark pro Monat, Postabonnements nehmen an! Belgien. Dänemars, Solland, Italien. Luxemburg. Portugal. Numänicii, Schweden und die Schweiz, erlchtlnt täglich. 30. Jahrg. Die Interticns-Gcbülir keträgt für die sechsgespaltcnc Kolonel- zcile oder deren Raum 60 Pfg,. sür politische und gewerkschastliche Vereins- u»d Versammlnungs-Aiizeigen M Psg. „«ileine Anreisen", das scttgedruckie Wort 20 Pfg, szulässig 2 fettgedrii-lt- Worte), jedes wittere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlasslclleiiaii- zeigen das erste Wort 10 Psg,, jedes weitere Wort b Psg, Worte über li> Buch- stabcn zählen für zwei Worte, ynscrate siir die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adreffe: „Soslaldcmokrat Berlii". Zentralorgan der rozialdemokratifcben Partei Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Lindcnftraßc 69. Fernsprecher: Aint Moritzpla«, Nr. AS8Z. Montag, de» 87. Oktober ItU». Expedition: SM. 68, Lindenftraße 69. Fernivreclter: Amt Moritrvlat«. Nr. Mecler mit nutzten die getreuen Eckharde ihr Werk vollenden; nächtlich, der- borgen. Jawohl! Brandt war ein modernes Wichtelmännchen, und die Herren EcciuS, Dreger, Mühlon, Röttger, Dewitz waren die Oberwichtelmännchcn. Und Herr v. Krupp zu Bohleu-Halbach war der König dieser Neichs-Wichtelmännchen. Nur darum geschah alles so geheim, nur darum wurden die Kornwalzer erfunden. Nur darum, und weil die christliche Moral heischt, daß man Wohltaten, so man erweist, nicht an der großen Glocke in die Welt läute, son- dorn im Verborgenen tue. Den: kleinen Veilchen gleich, das im Verborgenen blüht. Herr Eccius im Ausland. Im Ausland hat sich Herr Eccius seine Harmlosigkeit betvahrt. Im Auslände kennt man ja den Begriff der Bestechung nicht, wie männiglich weiß. Wer etwa vom wilden Balkan— Halbasien— ins Land der deutschen Treue heimkehrt, ist in seinem Gemüt so oster- männiglich weiß. Wer etwa vom Balkan— Halbasien— ins in puncto Bestechung— zu denken, ja auch nur zu ahnen vermag. Wers nicht glaubt, gehe nach Bukarest und nehme dort«in russisch- römisches Ehrlichkeits-Stahlbad. Der Klub der Ahnungslosen in Essen. Kornwalzer— geheim— geheimer— aui geheimsten! Indiskretionen— Herr von Hagenberg gab sie ganz offen als selbstver- ständlich zu. Aber ein Kruppscher Direktor denkt doch niemals an unrechte Dinge. Jeder Normalmensch riecht den Braten. Aber wir wissen doch, wie auch preußische Wahlvorsteher, Landräte und andere Machtfaktoren nie das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit haben, mögen sie noch so plump in die Maschen des Gesetzes tappen. Und was einem Landrat recht ist, muß schließlich einem Kruppschen Direktor billig sein. Das fordert die Gerechtigkeit. Wir schwören, daß die Herren in Essen allesamt nicht mehr gewußt und geahnt haben als Brandt, der mit jedem Tag ahnungsloser, harmloser wird, dessen Harmlosigkeit nur ganz vorübergehend durch zudringliche Polizeiräte und Untersuchungsrichter getrübt war. Sie dachten von Brandt nach dem klassischen Vorbild des Goetheschcn Schatzgräbers: „Es kann der Knabe Mit der schönen, lichten Gabe Wahrlich nicht der Böse sein." Vorsicht! Fusid,»gel«! Herr Eccius erklärt mit warmer Emphase, er behaupte nicht, daß auch die Konkurrenz unterirdisch gewühlt habe. Ritterlich! Nicht wahr? Nur ganz verderbte Gemüter könnten fragen: Sollte am Ende die Konkurrenz noch einiges von Krupps Schleich- wegen wissen, was sie allzu leicht verraten könnte, wenn ihr allzu sehr zugesetzt wird? Sollte am Ende neben der Spionage beim Vater Staat auch private Industriespionage getrieben sein? Sollte Ehrhardt gefährlich werden können?— Wir weisen so schmutzige Gedanken weit von uns. Ritterlichkeit— nichts als Ritterlichkeit. Ritterliche Erklärungen, denen man zu glauben hat. Noblesse oblige. poUtifcbe Geberlicht Neue Kolonialforderungen? Im Kolonialamt hat man wieder einmal große Rosinen im Kopf. Man plant große Eisenbahnbauten und Bewässe- rungsarbeiten, die eine N e u f o r d e r u n g von nicht weniger als 80 Millionen Mark nötig machten. Nach einer Meldung der„Voss, i�tg." soll es deshalb zwischen dem Kolonialamt und dem Reichsschatzamt zu nicht unerheblichen Differenzen gekommen sein. Auch uns ging eine ähnliche Meldung zu, die noch besagte, daß Staatssekretär Dr. Solf zurückzutreten beabsichtige, falls seine Forderungen nicht Erfüllung fänden. Danach scheint im Kolonialamt der Ressortpartikularismus uach- gerade Tradition zu werden. Die verlorene Handschrift. Wie wir mitteilten, wird am 6. November die„Passauer Donauzeitung" sich vor Gericht zu verantworten haben, weil sie unserem Münchener Parteiblatt den Diebstahl der K e h l h e i m e r Prinzregentenrede vorgeworfen hatte. Dazu erzählt nun die„Tägliche Rundschau" folgendes Geschichtchen: Legatiousrat v. S t o ck h a m m e r n, die rechte Hand des Freiherr« v. Hertling, war in irgendwelcher politischer oder pri- Vater Mission— an amtlicher Stelle wird die politische Mission bestritten— nach P a s s a n gefahren, und zwar mit dem Manuskript der Kehl heimer Prinzregenten- rede in der Aktenmappe. Als Herr v. Stockhammern wieder in München eintraf, vermißte er die Aktentasche. Auch im Zuge war sie nicht mehr zu finden. Er setzte sich nun tele- phonisch niit der sozialdemokratischen Presse in Verbindung und richtete an diese die Bitte, falls ihr das Manuskript der Rede auf den Tisch flattern sollte, keinen Gebrauch davon zu machen, denn die Rede sei ihm im Zuge abhanden gekommen. Tie„Münchener Post" hatte nun in der diesem Blatt eigenen sarkastischen Weise Andeutungen über diesen Verlust gemacht, worauf die„Passauer Donauzeitung" die„Mün- chener Post" des Diebstahls und der Hehlerei bezichtigte. Wir hätten nun gern die Nase besehen, die Herrn v. Sto�>- hammern für seine leichtsinnige Behandlung des kostbaren Manu» skripts bezogen hat. Die Volksfeinde. Daß die Konservativen erbitterte Feinde des gleichen Wahlrechts sind, weiß man ja. Aber in den Wahlkämpfen Pflegen sie diese Gefühle sorgfältig zu verbergen. Manchmal siegt aber der Haß gegen die Volksrechte über die Vorsicht. So schreibt jetzt die„Schlesische Zeitung", das Organ des Herrn v. Heydebrand: „Wir stehen allerdings auch aus dem Standpunkt, daß bas Reichstagswahlrecht ein ausgesprochen klassenfreundliches Wahlrecht ist, und zwar einzig und allein zugunsten der besitzlosen Klasse. Darum das Elend unseres Paria mentalis- m u s und vor allem das Wachstum und die Gefährlichkeit der Sozialdemokratie. Wir würden uns auch keineswegs scheuen, die Konsequenzen daraus zu ziehen, wenn zur Durchsetzung dieser Forderung irgendwelche Aussicht vorhanden wäre." Also das aufrichtige Geständnis, daß die Konservativen sofort das Reichstags Wahlrecht beseitigen wer- den, sobald sie die Macht dazu gewinnen. Die Kampfansage der Kassenärzte. Ein außerordentlicher Deutscher Aerztetag trat gestern im Rheingold zusammen, um zum Kampf gegen die Krankenkassen- vorstände aufzurufen. 4ö8 Delegierte von 384 Aerztevereinen waren anwesend. Es wurde dargelegt, daß nur der Kamps übrig bleibe, wenn die Kassenvorstände die Forderungen der Aerzte nicht erfüllen würden. Einer der Kampflustigen rief unter stürmischem Beifall aus: Es wäre ein Schandfleck für unsere gesamten Kultur- zustände, wenn die Aerzte nicht siegreich aus dem Kampfe hervor- gehen würden. Der Versammluirg lag eine längere Erklärung vor, in der die Aerzte die Verantwortung für die Folgen ihres Kampfes den Krankenkassenvorständen zuschieben. In der Er- klärung heißt es u. a.:„Nachdem die fünf verbündeten Kranken- kassenverbände es abgelehnt haben, sich mit der Vertretung der Aerzte über den Friedensvorschlag zu einigen, in dem ihnen die Aerzte bis an die äußerste Grenze des Möglichen entgegengekom- men sind, bleibt nichts anderes übrig, als mit dem Tage des In- krasttretens- der neuen Krankenversicherung, den den Aerzten aus. gedrungenen Kampf gegen die K a s s e n v o r st ä n d e auszunehmen. Der außerordentliche Deutsche Aerztetag macht es jedem einzelnen Arzt und jeder örtlichen Aerztevertretung zur heiligen Pflicht, von jetzt ab mit keiner Krankenkasse einen Ver- trag abzuschließen und die iassenärztliche Versorgung aller früheren und auch der neu hinzutretenden Versicherten unbedingt abzu- lehnen. Nur die ärztliche Vertragstätigkeii muß aufhören, das gesundheitliche Interesse der Versicherten wird in keiner Weise be- einträchtigt. Die Kranken werden die Hilfe ihres Arztes nach wie vor finden, uneingeschränkt, nur ohne die Einmischung einer Kassenvcnvaltung. Ten Krankenkassen kann unter der Voraus- setzung der Unerfüllbarkeit der ärztlichen Forderungen von ihren Aufsichtsbehörden das Recht verliehen werden, den Versicherten an Stelle der freien ärztlichen Behandlung eine bare Entschädigung zu gewähren. Dieses Recht sollen sie solange ausüben, bis den ärztlichen Organisationen die sichere Gewähr gegeben ist, daß die Kassenärzte ihrem Berufe wieder unabhängig, frei von unsachlicher Beeinflussung und unter angemessenen Bedingungen nachgehen können. Wann dieser Zeitpunkt gekommen sein wird, wird der Geschäftsausschuß des Deutschen AerztevereinsbunöeS festsetzen." Gegner dieser Erklärung kamen durch einen Schlußantrag gar nicht zum Wort, obwohl solche anwesend waren. Die Abstimmung erfolgt« mittels Stimmkarten. Von den 21207 vertreteneu Stimmen stimmten 164 gegen, die übrigen für die Erklärung. Wenn der Landrat arbeitet. Fälschlicherweise wird allgemein angenommen, die Ausübung des Waidwerkes sei ein feudaler Sport, mindestens aber ein Ver» gnügen, das nur der sich leisten könne, der über einen wohlgefüllten Geldbeutel verfüge. Eine irrige Ansicht. Jagen ist eine Arbeit, die in so engem Zusammenhang mit dem landwirtschaftlichen Be- triebe steht, daß Unfälle, die durch Fehlschüsse passieren, nicht dem Schützen zur Last fallen, sondern auf das Konto der landwirtschaft» lichen Berufsgenossenschaft gehören. Mochenfüm. >* i Ticweil des Menschen Fürrccht Lachen ist. Rabelais. Bin noch bor Schreck ganz krumm und lahm. Furchtbare Sache, der Attentatsversuch auf versammelte Bundesfürsten bei Leipziger Völterschlachtdenkmal. Geplantes Attentat auf Niederwald gar nichts dagegen. Schon aus Spott der Sozenpresse über russischen Jüngling in Dresden, der verhaftet wurde und in jeder Tasche Dolch uns Revolver hatte, war für scharfsinniges Gemüt zu schließen, daß großer Coup im Gang«. Und diesmal hatten RevolirtionsHelden besonders scheußliche und fast unfehlbare Methode ausgeheckt: Dolche, gleiten an Panzerhemden ab! Revolver, treffen nicht immer I Bomben, explodieren inanchmal nicht und reißen auf jeden Fall Attentäter selbst in Stücke! Dolche, Revolver, Bomben kamen denn nicht in Betracht, sondern: Löwen! Jawohl, halbes Dutzend ausgehungerter Löwen sollten im feierlichen Augen- blick auf Festversammlung losgelassen werden— umgekehrt wie im ollen Rom: da hetzten Fürsten wilde Bestien auf Umstürzler, hier wollten Umstürzler wilde Bestien auf Fürsten hetzen. Wäre grauen- Haftes Blutbad geworden und Täter vielleicht nicht einmal juristisch faßbar gewesen. Zum großen Glück— Gott sei's getrommelt und gepfiffen!— erlitt Beförderung der Löwen Verzögerung, und so kamen Viecher erst zwei Tage später aus, als Wilhelm II., Friedrich August von Sachsen und Ludwig von Bayern längst schönen Pleissestadt den Rücken gekehrt hatten. Gab aber trotzdem noch schöne Hetzet Völkerschlacht bei Leipzig enno 1913! Die guten Leipziger hatten ihren Spatz dran, schössen zum Fenster hinaus, spritzten mit Wasser, rannten mit Stöcken hinterdrein— mutz ganz famoser Anblick gewesen sein! Am mutigsten aber benahm sich Schutzmannschaft, fast wie Jagows Leute in Moabit! Pfefferte egalweg drauflos, kolossaler Munitionsverbrauch und auf je 100 Schuß ein Treffer. Ganz kriegsmäßig! Auf jeden Fall hat Affäre bewiesen, daß Leipziger Polizei bereit ist, jeder Zeit jeder Art des Umsturzes kühn und entschlossen entgegenzutreten — Sozen> sollen's jetzt nur nochmal mit Straßendemonstrationen versuchen? Werden eklig in die Pfanne gehauen! Ueberhaupt im Zusammenhang mit Jahrhundertruinmel— Pardon! Jahrhundertfeier ist frischer nationaler Zug in die Kolonne gekommen. In Baden ist roten Stänkern und liberalen Windhunden eklig der Hosenboden ausgeklopft worden. Zentrum ist zwar fiir echten Altpreußen wie meine Wenigkeit nicht so ganz angenehm, Leute haben dielfach plebejische Manieren, essen Fisch mit dem Messer und tragen Röllchen, aber Freund Oerie l betont, daß gemeinsame christliche Weltanschauung uns mit Zentrum ver- bindet. Wird also schon stimmen! Wer gemeinsame christliche Weltanschauung nicht hat, ist ein Schweinehund. Christliche Welt- anschauung ist, bitte ich mir aus, etwas sehr Schönes, nur darf man keinen Gebrauch von machen. Kommt bei uns auch nicht vor. Dekorationsgcgenstand! In Baden war übrigens unter Rotblock Schweinerei zu groß. Lehrer, Reserveoffiziere, sogar Staatsanwälte stimmten für Frank und Konsorten. Apropos: Staatsanwalt! In Gotha muß merkwürdige Beamtenschaft sein. Hat dieser Tage ein Staatsanwalt ganz offiziell vor versammeltem Gerichtsvolk zu erklären gewagt. Bismarckfeier sei als nationale Feier nicht zu betrachten. Frech wie Oskar, der Mann! Würden ihn schön bei die Hammelbeine kriegen, wenn in Preußen wäre. Ist bei uns aber ausgeschlossen— Gottlob! Müssen es dahin bringen, durch konsequente Zwiebelei, daß auch andere Bundesstaaten mit preußischem Geist erfüllt werden. Preußischer Geist ist freudiges Gefühl der Untertanen, daß sie Soldat werden, Steuern zahlen und Maul halten dürfen. Echtpreußischcs Gefühl bedingt auch, daß nicht nur Bismarckfeier, sondern auch Heydebrands Ge° burtstag als nationaler Festtag in jedem Winkel gefeiert wird. Mit Gott für König Heydebrand! muß Wahlspruch aller gut- gesinnten Deutschen werden. Prost! Gutgesinnte Deutsche werden auch mit Freuden von künst- lerischer produktiver Betätigung in dynastischen Familien gehört haben. Meine natürlich nicht Madame Tose.lli mit Schund- werk„Bizarre Prinzessin", das nur Anspruch auf Beachtung, sogar auf unbedingteste Hochachtung hätte, wenn Verfasserin noch aus Dresdener Thron. So aber indiskutabel! Meine vielmehr schrift- stellerische Leistungen Familie Wilhelms II. Kronprinz Friedrich Wilhelm hat Theaterstück geschrieben, das demnächst in Stuttgart in Szene geht, von Kronprinzessin Cäcilie wird demnächst„Hand- buch des Tanzens" erscheinen— weiß alleroings nicht, ob Tango schon darin behandelt ist. Scheint aber schnuppe zu sein, denn es ist an sich höchst erfreulich und wirkt im monarchischen Sinne, wenn Mitglieder, sogar weibliche Mitglieder der regierenden Familie höhere geistige Interessen zeigen.„Hanobuch des Tan- zens"— a w bonheur!(Höre übrigens, daß auch Herr Basser- mann mit ähnlichem Werk schwanger geht:„Handbuch des Eiertanzes". Aber Diskretion!) Ueberhaupt kittet nichts Königs- treue bei kleinen Leuten fester, als Einblick in Familienverhältnisse der allerhöchsten Herrschaften.„Berliner Tageblatt" brachte dieser Tage Artikel dieser Art über Besuch von Kindern aus Erholungs- heim bei Majestäten. Beispiel: Nach dem offiziellen Begrützungsakt erhielt jedes Kind eine Schachtel Konfekt. Einer der Knaben sagte treuherzig: „Donnerwetter, die ist aber schwer!" Dann bekam jedes Kind eine Fahne. Die Kleinen hatten nun bald alle Scheu verloren. Sie sangen Kinderlieder und spielten ihren Gast- gebern auch das„Karussellspiel" vor. Mitten in dem fröhlichen Treiben richteten der Kaiser und die Kaiserin an die Kinder viele Fragen. Einen Knaben fragte der Kaiser:„Habt ihr auch genug zu essen bekommen?"„Ich habe täglich fünf Netze Kohl aufgegessen," lautete die Antwort.(Die Kinder hatten Provianttaschen, die Netze genannt wurden.) Er fragte die Kinder oann noch, um wie viel sie an Gewicht zu- genommen hätten, worauf jedes Kind prompt die Ant- wort erteilte. Auch die Kaiserin beteiligte sich an der Unterhaltung und erkundigte sich nach allen Einzelheiten. Sie zog ebenso wie der Kaiser wiederholt Fräulein Kirschner und die Schwestern ins Gespräch. Kurz nach 4 Uhr verließen die Kinder das Schloß, vergnügt mit ihren Fahnen schwenkend. Eins der Kinder machte mit geröteten Wangen seiner Freude Luft, indem es einer Schwester zurief:„Das war aber fein..." Stimmt, klein, aber fein! Theodor Wolfs wird dem Kronenordcn wieder bald nicht mehr entgehen können, verdient ihn redlich von wegen Befestigung monarchischen Gefühls in Berlin W. Während'deutsche Armee immer schlagfertiger und kriegS- bereiter wird, zeigt sich zunehmende Schlappheit in anderen Heeren. In Frankreich sind vier komniandierende Generale auf einmal davongejagt worden— mit Recht, weil sie republikanischer Gesinnung verdächtig waren—, und in England gar ist Offi- zieren— schrecklich!— Tragen des Monokels verboten worden. Scheußlich demokratisches Land! Soll ein Leutnant vom 1. Garde- regiment z. F. vielleicht Stahlbrille tragen wie ein lumpiger Uni- vcrsitätsprofessor? Monokel ist Zierde preußischen Leutnants und wirds bleiben. Unterscheidet ihn auch im Nachthemd von Plebejern. Durch den Kampf mit dem Monokel zum Sieg! Aber alles in allem: Gott sei Dank, daß Jahrhundertrum— pardon!-feicr vorbei. War sehr schön und erhebend, aber fand m verschiedenen Zeitungen folgendes Inserat: | Die beste Illumination ist: Schlichtes Steinhäger!� Patriot wie ich läßt sich so was nicht zweimal sagen..Habe sofort illuminiert, aber feste! Habe davon noch jetzt dicken Kopf, so daß weiterer Bericht unmöglich. Der?«gust. Während der Jagd schoß der Landrat des Kreises Neumarkt» von Tettenborn, eine auf dem Rübenfelde arbeitende Frau in den rechten Arm, so daß sie arbeitsunfähig wurde. Als Schmerzensgeld und Entschädigung für den Lohn- Verlust bot ihr ein Mittelsmann die horrende Summe von 5 M. an. Als die Frau das zurückwies und SO M. verlangte, ging ihr folgendes Schreiben des Herrn Landrats zu: Neumarkt, den 20. Oktober 1913. Den Antrag vom 16. d. M., betreffend Ihre Schadenersatz- anspräche, habe ich ao den Kreisavsschutz Hierselbst abge- geben, da die Ausübung der Jagd einen Bestandteil des landwirtschaftlichen Betriebes bildet, welcher der Unfallversicherung bei der schlesischen landwirtschaftlichen Berufs- genossenschaft unterliegt. Tettonborn, Kgl. Landrat, Geh. Regierungsrat. Nach dieser Logik wäre es nur recht und billig, daß der Kreis- ausschuß die Frau verurteilt, dem arbeitenden Landrat den Sach- schaden zu ersetzen, den e r durch den Unfall gehabt hat. Denn wahr- scheinlich sind doch die Hasen oder Rebhühner, die der Landrat schießen wollte, durch den Schmerzensschrei der Frau gewarnt worden und entkommen. Die griechisch-türkischen Friedensverhandlungen. Athen, 26. Oktober. Die Subkommission der Friedens- delegationen hat heute ihre Arbeiten beendet, deren Ergebnis der Vollversammlung der Delegierten vorgelegt werden wird. Zwischen den Mitgliedern der Subkommission ist ein voll- kommeneS Einvernehmen erzielt worden. Man erwartet noch die Antwort der Pforte, die die jüngsten Entscheidungen der Subkommission ratifizieren soll, und hofft, daß sie heute eintreffen wird. Die Kämpfe m JVIcxiho. Bronmsville(Texas), 25. Ottober. Nach hier eingelaufenen Depeschen scheint sich die Stadt Mo n terch gestern'mittag den Rebellen ergeben zu haben, nachdem dort ein verzweifelter Straßenkampf stattgesunden hatte. Bundestruppen, die zum Eni- satz herbeieilen wollten, wurden nach heftigem Kampfe von den Rebellen geschlagen. )Hiis Groß-ßerUn. Psgoud's Flüge in Johannisthal. 300 000 Zuschauer. Ver gestrige Sonntag brachte Johannisthal einen Der- t?yr, wie es diese vor den Toren Berlins gelegene Flieger- stadt bisher noch niemals gesehen hat. Selbst am Morgen des Starts zum Deutschen Rundflug, der gewaltige Zuschauer- mengen anzog, war der Verkehr bei weitem nicht so stark, als gestern nachmittag. Es schien, als ob halb Berlin nach Ober- schöneweide, Johannisthal und Adlershof hinausgezogen sei, um den Flügen des„Königs der Lust" beizuwohnen. Die Ver- kehrsverhältnisse spotteten, da die beteiligten Behörden voll- ständig versagten, jeder Beschreibung, und so spielten sich auf den Bahnhöfen und den Chausseen Vorfälle ab, die selbstver- ständlich zu zahlreichen Unfällen führen mußten. Ucber den Verlauf des gestrigen Sonntas geht uns folgender Bericht zu: Der Anmarsch der Massen. Mit Kind und Kegel zogen schon bald nach 1 Uhr zahllose Berliner durch den Treptower Park, um, der Oberschöncweidcr Chaussee folgend, den Flugplatz zu erreichen. Alle Zufahrtswegc, die nach dem Flugfeld führten, waren schwarz von Menschen, die nur im langsamen Zug«, sich drängend und stoßend, vorwärts kamen. Die Treptower und die Oberschöneweider Polizeibehörden. die den Verkehr zu regeln hatten, waren auf diesen Massensturm offenbar nicht vorbereitet. Denn obwohl man alle nur verfügbaren Beamten, auch zahlreiche Gendarmen aus dem Kreise herangezogen hatte, gelang es doch nirgends Ordnung in den riesigen Menschen- ström hineinzubringen. Das lag in der Hauptsache daran, daß man an«ine Regelung des nach Tausenden von Kraftwagen zählen- den Automobilverkehrs überhaupt nicht gedacht hatte. In Berlin waren von 2 Uhr äb Automobile für G«ld und gute Worte nicht mehr zu haben. Alles, was an Transportmitteln aufzutreiben Ivar, wurde dazu benutzt, um nach Johannisthal zu fahren. Tie Droschkenautomobile rückten zusammen mit den nach Hunderten Ukeater. KomödienhauS: Hinter Mauern, Schauspiel von Henri Nathansen. Endlich wieder ein Theaterabend, von dem sich Erfreuliches und nur Ersteuliches berichten läßt. � Das Stück des dänischen Autors— in einer Reihe deutscher Städte bereits erfolgreich aufgeführt— künpft in seinem Stil intimer Seelenmalerei an die besten Traditionen des dramatischen Natura- lismus an. Kommt man von Werken wie der Eulenbergschen „Zeitwende" und dem..verlorenen Sohne" Schmidtbonns her, in denen prätentiöse Willkür ihre Purzelbäume schlägt, so weiß man einer dichterischen Kultur Dank, die sich begrenzte Ziele setzt, in solchen Schranken aber wirkliche Gebilde ausgestaltet. Mit der naturalistischen Beobachtung und dem Streben nach durchgängiger Motivierung und klarer Folgerichtigkeit verbindet sich bei Nathansen ein gemütvoll spielender Humor. Nathansen liebt die Leute, die er vorführt, mit allen ihren drolligen Schrullen und weiß dies freund- lich lachende Behagen dem Hörer mitzuteilen. Selbst Jude, schildert er typisch jüdisches Familienleben im Haus des alten strenggläubi- gel? Bankiers Levin. Gleich die ersten Szenen überraschen durch die Fülle anschaulichen und amüsanten Details. Die wackere Alte hat zum Sckabbesabend den Tisch für ihre großen Kinder gedeckt. Da kommt Jakob, der Großhändler, mit Frau und Kind lärmend schwatzhaft und taktlos anmaßend. Er gehört zu jenem Typus, der sich nicht ohne Grund im gesellschaftlichen Verkehr ausgiebiger Mißbeliebheit erfreut, indes hier im Familienkreise lernt man ihn auch von besseren Seiten, in seiner; Anhänglichkeit und seinem stür- mischen Natur-Enthusiasmus, kennen. Der jüngere Sohn, der Arzt, ist ein vornehm-freier Mensch, der, wenn er auch in seinem Denken den jüdischen Glauben abgestreift hat, sich darum nicht weniger als Jude fühlt und mit allen Fasern in dem Elternhause wurzelt. Friedvoll idyllisch auf den gleichen Ton gestimmt, reiht Meyerchen, langjähriger Prokurist bei Levins und heimlicher Verehrer der schönen Tochter Esther, ssch ßem Kreise ein. Esther ist das einzige Wesen, das unter dieser monotonen Stille, dem steten Rücksicht- nehmen auf des patriarchalischen Vaters enge Vorurteile leidet. Trotzig widerspricht sie ihm. Es ist das Vorgefühl des nahen, un- ausweichlichen Konflikt», das sie so reizbar macht. Sie liebt einen der verachteten Christen, einen freisinnigen Dozenten, der obendrein der Sohn des Mannes ist, den ihr Vater seit Jahrzehnten mit alt- testamentarisch zähem Haß verfolgt. Man fürchtet anfangs, der Autor werde nach dem Reichtum dieser charakteristisch lebensvollen Exposition nicht mehr viel übrig haben. Indes er hielt das Interesse im Rahmen einer winzig kleinen Handlung mit unverminderter Spannkrast bis zum Schlüsse fest, durch immer neue Streiflicher seine Personen beleuchtend. Meyerchens Werbung in der Kanzlei Levins ist ein Kabinettstück humoristischer Sittenschildcrung. Der Kampf der Mutter um das zählenden Privatautos in unübersehbarem Zuge heran. Dazwischen bewegten sich schwerfällig die Pferdefuhrwerke, �Kremser, Droschken, Equipagen, Rollwagen und andere Gefährte, bis auf den letzten Platz besetzt. Die riesigen Lasiautomobile mit ihren Anhängern beförderten 150 bis 200 Personen gleichzeitig. Johannisthal besitzt bekanntlich nur zwei große Zufahrtstratzen, von denen die eine über Treptow, die andere über Britz führt. Nun hatten die Polizei- behörden beide Straßen für die Zufahrt freigegeben, ohne zu bc- rechnen, daß die leer zurückkommenden Gefährte die Straßen in übermäßiger Weise überlasten und st langdauernde Störungen j hervorrufen würden. Es wäre besser gewesen, wenn man die An- fahrt nur von Treptow aus, die Rückfahrt nur über Britz gestattet hätte. So aber waren beide Chausseen in der Zeit von 2 bis 3� Uhr fast unpassierbar. Eine Autofahrt vom Halleschen Tor in Berlin bis zum Flugplatz, eine Strecke, die ein Kraftwagen sonst in 20 Minuten durchfährt, dauerte iVi Stunde. Geradezu lebensgefährlich wurde es dabei an den Straßenkreuzungen. Hier sammelten sich riesige Menschenmengen an, die den Damm über- schreiten wollten, jedoch durch die ununterbrochene Kette von Fuhr- werken hieran gehindert wurden. So mußten die Wagen oft 5 bis 10 Minuten warten, bis ein Menschenstrom die Straße passierte. ehe sie ihre Fahrt im Schritt weiter fortsetzen konnten. Dabei kam es dann natürlich zu Zusammenstößen zwischen den Gefährten, die nicht immer ganz harmlos abliefen. Auf der Treptower Chaussee konnte man 8 bis 10 defekte Fuhrwerke zählen. Auf dem Flugplatz. Die freien Felder zwischen Oibcrschöneweidc und Rudow sowie zwischen Adlershof und Grünau waren von riesigen Menschen- mengen belagert, die, wenn man eine Zahl von 250 000 Menschen annimmt, eher zu niedrig, als zu hoch annehmen kann. Der Flug- platz selbst war von etwa 75 000 bis 80 000 Zuschauern besucht, die jeden freien Platz ausfüllten. Pegoud brachte gestern etwa das gleiche Programm, wie am Tage zuvor. Seine Vorführungen waren jedoch durch das tvenig günstige Wetter— es herrschten in 1000 Meter Höhe kräftige Böen— etwas beeinträchtigt. Zuerst brachte er seine verwegenen KurveKilüge und zeigte dann als Neuheit den„Schaukelflug", bei welchem der Eindecker sich unaus- gesetzt scharf nach links und rechts überlegt. Der Flug auf dem Rücken, die schwierigste Nummer des Programms, sah gestern zwar einige Sekunden lang mehr als gefährlich aus, verlief aber ohne Unfall. Die Saltomortales erregten natürlich den Beifall der Zuschauer auch gestern iu>»sdcr aufs höchste, namentlich als Pegoud sich zum Schluß zwölfmal in der Larft überschlug. Er zeigte dabei, daß ihm nichts ausmacht, sich vollständig im Kreise oder etwas schraubenförmig auf einem Flügel um sich selbst zu drehen. ".Auf den Bahnhöfen. Auf den Berliner Bahnhöfen und der Station Ober-Schöne- weide spielten sich während des ganzen Nachmittags skandalöse Szenen ab. Die nach dem Osten, namentlich nach Grünau führende Strecke hat bekanntlich an allen Sonntagen einen sehr starken Ver- kehr zu verzeichnen. Die Eisenbahnverioaltung hatte nun, um dem nach den Erfahrungen des Sonnabends zu erwartenden Riesenver- kehr zu steuern, einige Sonderzüge eingelegt, die jedoch benso wie die fahrplanmäßigen Züge nicht die Hälfte der Fahrgäste befördern konnten. Sowohl auf dem Görlitzcr Bahnhof, als auch auf den Stationen der Stadtbahn herrschte von 1 Uhr ab ein Kampf aller gegen alle. Die Eisenbahnbeamten waren dem Andrang der Massen gegenüber vollständig machtlos, und so ereigneten sich einige böse Unfälle, deren Schuld man niemand beimessen kann. Es mutz jedoch betont werden, daß die Verwaltung nicht alles getan hat, was in ihren Kräften stand, um derartige skandalöse Szenen, wie sie sich gestern abspielten, zu verhindern. Als wirksamstes Mittel, um die Reisenden vor der Stürinung der Züge zurückzuhalten, hatte man die Heranziehung der Berliner Polizei gehalten. Auf dem Görlitzer-, Potsdamer Bahnhof, auf den Stationen Schöne- berg, Charlottenburg, Warschauer Straße, Treptow und so weiter hatte man SchutzmannSaufgebote von 50 bis 100 Mann herangezogen, um eine glatte Abwickelung des Verkehrs zu ermöglichen. Tie Reisenden, die jedoch zum Teil länger als eine Stunde war- ten muhten, che die Reihe an sie kam, durchbrachen immer und immer wieder die Kette der Beamten und stürzten auf die Abteile der bereitstehenden und meistenteils schon in den ersten Minuten überfüllten Züge zu. 30 bis 40 Personen sah man fast in jedem Coupec und sogar die Gepäcknetze wurden als Sitzplatz benutzt. Wer in den Zügen keinen Platz fand, suchte auf die Dächer der Waggons, auf die Puffer usw. zu klettern. Die Schutzleute holten Glück der Tochter, die Zeichnung des Alten in diesen Szenen, wie er, nach einem ersten Ausbruch, in der Erkenntnis, daß er doch nichts ändern könne, seine Selbstbeherrschung zurückgewinnt und höflich das verlobte Paar empfängt, schließt ganz realistisch sich aufs engste der„Bescheidenheit der Natur" an. Alles ist wie im Leben selbst gedämpft und wirkt in dieser Verhaltenhcit nur desto stärker. Auch der Besuch der Levins bei den künftigen Schwieger- eitern, wobei es zu erregtem Streit kommt, und die schließliche versöhnliche Wendung sind trefflich durchgeführt. Esther läßt sich von ihrem Verlobten das Versprechen abringen, die Kinder taufen zu lassen und empfindet das nun, wie sie den Schmerz der Eltern sieht, als schändlichen Verrat. Sie bäumt sich auf. Aber diese Regung des Stammgefühls und Stolzes fesselt den Verlobten nur unlöslicher an sie. In achselzuckender Ergebenheit findet Levin sich mit dem Schicksal ab. Das feine Stück fand eine ganz ausgezeichnete Darstellung. In erster Reihe standen Arthur Bergen und Frieda Richard, die die Alten spielten. Eugen Burg und Fritz L i o n als Söhne und Max Jungks Meyerchen. clt. Montis Operettentheater. Tie Gesellschaft von Berlin WW ist vom Tangofieber geschüttelt. Scharenweise füllten sie den Zuschauerraum, diese wohllebigen Weibsen mit ihren Backfischtöchtern und befrackten Eheherren, alle lustäugig des Moments harrend, wenn der Tango kommt. Daß nun auch ein leistungsfähiger Musiker wie Franz Lehär sich zum Sklaven modischer Narrheit macht, ist bedauerlich— so originell sein Tango klingen mag. Noch bedauerlicher ist es, daß er sein Talent au ein banale» Libretto verschwendet. Denn„Die ideale Gattin" — so heißt es— ist leider nichts Besseres. Darin wird, znm xten Male, das abgedroschene Thema von den Kirschen in Nachbars Garten variiert. Die„ideale" Gattin ist niemals die eigene— immer eine andere. Dieser„andern" jagt hier ein jung ver- heirateter„Vikomte" nack. Daß es seine eigene ist, merkt der verliebte Trottel erst nach zwei Akten, obgleich Donna Elvira sich nur eine schwarze Haarperücke aufgesetzt und als Mutter eine komische Alte, als ihren feurigen Anbeter einen richtiggehenden Hamletdarsteller von Paris mitgebracht hat. Dieser muß natür- lich zur Verschärfung burlesker Kontraste ein edler PopolSky fein. Und dann spielt sich die ganze„Handlung", die im zloeiten Akt so lang und langweilig als möglich ist, in dem Lande ab, wo laut Geibel die Kastanien blühen. Lehär bestrebte sich, nicht bloß eine gute Musik zu schreiben, sondern ihr gerade auch eine feinere Faktur zu verleihen, die dank gediegener Instrumentierung zuweilen auf die Höhen einer komischen Oper gelangt. Daß die Aufführung diesem Bessern ent- sprach, kann trotz der Mitwirkung einiger renommierter Operetten- kanonen doch nicht behauptet werden. Fritzi M a s s« r Y raffte, wie immer, kokett die Röcke; aber manche ihrer Kehllaute erklangen blechern. Gustav Matzner genügte wohl als komischer Hampel. diese Wagemutigen zwar meist wieder herab, doch kam es wieder« holt zu Feststellungen und Verhaftungen. Schließlich postierte man Schutzleute vor den einzelnen Ab- teilungen, die allzu großen lleberfüllungen vorbeugen sollten. Als jedoch auch dieses Mittel nichts half, sperrte man die Bahnhöfe überhaupt, eine Maßnahme, die von den nach Tausenden zählenoen vor den Gebäuden Stehenden mit Johlen und Pfeifen auf- genommen wurde. Besonders übel erging es den Reisenden auf Bahnhof Schöneberg. Dort konnten nicht nur diejenigen nicht be- fördert weroen, die nach Ober-Schöueweide fahren wollten, sondern auch die Reisenden nach dem Potsoamer Bahnhos und den nach Westen zu gelegenen Stationen sahen sich nicht imstande, rhr Ziel zu erreichen, da alle Bahnsteige gesperrt waren. Viele Personen kletterten über die Böschungen und die Zäune an den Gleisen uno stürmten jeoen einfahrenden Zug. Bei dem dabei entstehenden Drängen und Stoßen wurde mancher verletzt, doch sahen sich die Bahnbeamten völlig außerstande, oem Treiben der Menge zu steuern. Noch ungeheuerlicher war eS abends auf den Statioiren Ober-Schönowcide und Adlershof. Hier strömten die Massen nach Schluß der Vorführungen zusammen, und es blieb der Polizei nichts übrig, als die Stationen zu sperren. Die Massen stürmten jedoch die Schalter, drängten die Bahn- und Polizeibeamten einfach beiseite und strömten auf die Perrons, die natürlich die Zehn- taufende nicht im entfernlesten zu fassen vermochten. Frauen und Kinder wurden rücksichtslos beiseite gestoßen, viele Damen mutzten ohnmächtig in das Stationsgebäude gebracht werden. Wer vorn an den Schienen stand, muhte alle Kraft aufbieten, um nicht von den rücksichtslos von hinten Nachdrängenden auf die Gleise hinab- gestoßen zu werden. Trotzdem stürzten zahlreiche Personen die Rampe herab, und nur oer Aufmerksamkeit der Zugführer, die im Schritt in die Bahnhofshalle einfuhren, ist es zu danken, daß nicht zahlreiche töölichc Unfälle vorkamen. Im ganzen wurden jedoch etwa 15 Personen verletzt, die ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußten. Die Zahl der leichten Unfälle ließ sich auch nicht an- nähernd feststellem Um auf die Perrons zu kommen, wurden die unglaublichsten Zugänge benutzt. Viele Reisende drangen durch die Fenster der Aborte des Bahnrestaurants auf den Bahnsteig, andere überkletterten die Zäune und faßten zu beiden Seiten der einfahrenden Züge Posto. Ein schwerer Automobilunfall ereignete sich am gestrigen Sonn- tagnachmittag gegen 2)4 Uhr auf der Treptower Chaussee hinter mit seiner Gattin und seinem 15jährigcn Sohn sowie seiner 14 jährigen Tochter im Droschkenautomobil nach dem Flugplatz Johannisthal begeben. Infolge des überaus starken Verkehrs, der wie oben geschildert, auf der Straße herrschte, mußte der Chauffeur plötzlich stark bremsen. Ter Kraftwagen schleuderte und prallte gegen einen auf dem Bürgersteig stehenden Baum, wobei sämtliche Insassen aus dem Gefährt geschleudert wurden. Während der Chauffeur und Herr Cohn nur mit leichten Verletzungen davon- kamen, wurden die anderen drei Fahrgäste erheblich verletzt. Frau C. erlitt eine Gehirnerschütterung und Verletzung der Wirbelsäule, so daß sie nach dem Britzer Krankenhaus überführt werden mußte. Der junge Mann trug eine Gehirnerschütterung und Rippen- quetschung, das Mädchen eine Gehirnerschütterung und Schlüssel- beinbruch davon. Beide fanden im Oberschöneweider Krankenhaus Aufnahme. Ricsenrundflug zweier Fliegerosfiziere. Eine hervorragende Leistung haben die beiden Fliegeroffiziere Oberleutnant Höpker und Oberleutnant Ruber hinter sich, die am gestrigen Sonntag- nachmittag gegen 3 Uhr kurz bor den Aufstiegen Pegouds in Johannisthal landeten. Oberleutnant Höpker, der steuerte, ist mit seinem Begleiter vor 8 Tagen von Darmstadt abgeflogen, wo beide stationiert"sind, und flog nach Bremen, Stettin. Danzig, Putzig und Schneidemühl. Die Fahrt konnte infolge des starken Nebels und des meist sehr schlechten Wetters nur am Tage erfolgen. Heute mittag flogen die beiden Herren von Schneidemühl um 12 Uhr ab und erreichten Johannisthal um 3 Uhr. Oberleutnant Höpker will morgen über Gera nach Darmstadt zurückkehren. Gcigeudicbc, die ihr Unwesen in den Schulen treiben, sind wieder an verschiedenen Stellen an der„Arbeit" gewesen. Sie be- nutzen gewöhnlich die Mittagspausen, um sich in die Klassenzimmer einzuschleichen und dort aus den Schränken, die sie erbrechen, die Violinen zu entwenden. Eine Geige, die einen Wert von 500 M. hat, wurde erst am Sonnabend wieder einem Schüler des Kaiser- Friedrich-Ghmnasiums in Charlottenburg gestohlen. Der Dieb be- nutzte auch hier die Pause zwischen 12 bis 1 Uhr, um sich in das Klassenzimmer einzuschleichen und sich unbemerkt in den Besitz des wertvollen Instruments zu setzen. mann, aber nicht als Sänger. Julius S p i e l m a n n zeigte auch nur, daß er ein Operettentenor von künstlerischer Kultur gewesen ist. Erfreulicher war Else Adler.'Daneben könnten dann noch Heinrich Peer und Kurt H a r d e n bestehen. Lehär dirigierte sehr lebendig. Zum Schluß gab es närrische Ovationen. est. feftlied zum Einzug in Braunschweig. Allen ist es angenehm, Selbst der Kronprinz billigt, 26000 Em Hamm se schon bewilligt, Fällt das Zahlen auch man schwer, Es muß halt geblecht sein Für neu Bundesfürsten mehr— Mir soll's recht fem. Fahneneid und Ehkontrakt Und als Hochzeitsbraten Einfach Braunschweig eingesackt Als von Gottes Gnaden, Wahrlich, wahrlich, da rentiert Sich so'n bißchen Liebe, Da geht alles wie geschmiert— Mir ist's piepe. Theobald blickt seinem Herrn Treudeutsch in die Augen. Ja, er taugt was, insofern Kanzler etwas taugen, Eifrig schwankt er rechts und linlS Wie'ne Gliederpuppe Und dann dreht er jedes DingS—■ Mir ist's schnuppe l Watsch. Ubeaten Montag, 27. Oktober 1918. Anfang 6 Uhr. i» iv P iv ---------------«/ ri «ssSSs-KI! # Unserem Genossen Z Lerwallll Ledooe W � nebst Gattin® w die herzlichsten Glückwünsche® 8 zur Silberhochzeit. O yf Die Genossinnen u. Genossen K des 646. Bezirks.$ Koche mif Kimht Knorr- Rafermehl, Knorr- Rafcrf locken, die altbewährte, kräftigende J�ahrung für Kinder sowie magen- fchwache und blutarme )VIen sehen. Ebenso anerkannt sind Knorr-Suppenwürfel in 46 Sorten. 1 Würfel 3 Teller 10 Pfg. Versuchen Sie Knorr-Äausmacher- Suppe! I JfchtUtlQff, f. 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Tiiüringer Fieiscliwurst.. Pfund 95 pf. Metersi Westfälische Art Pfund l10 Zeri/eiat- u. Sntemiwurst Pfund i25 Tomiiienlelieni'iirst____ pfund i20 SclilnkensnscK....... p�d l20 Mnussciilnken........ p�d l30 Gänseferust geräuchert... Pfund 1 3 iMisi'-lise Kock- nnd Backfiütter.. Pfund l05 Feine MoSkereiliutter 65 pf. Llmlmrsei' Köse...... pumd 38 pf. Tilsiler Köse voiuett... Pfund 65 pf. LandkQsß........ 2 stuck 25 pf. Brleköse voiifett...... pfund 75 pf. Eckter Emineatküler... pfund 95 pf. Bnyr. Emmenthaier.... p�nd 85 pf. Cnmemliert.......... stück 17 pl Romatour.......... stück 28pf. ßetante. Redakteur: Carl Leid, Berlin. Inseratenteil verantw.: TH.Glocke.Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u.Berlagsanstalt Paul Singer& C.. Berlin SW. Hierzu 1 Beilage. i. wt,™ KtilliP Ks Jomiärts" Attlim MMM««».i« Die große Löwenschlacht zu Leipzig. Ein Lleberlebender:„Behandelt haben sie mich wie'nen Sozialdemokraten". Z�rupp für j�enfeKenUebe. Eines ist jetzt schon im Krupp-Prozes; festgestellt worden: das; die Firma Krupp auf ein philanthropischen Grundsätzen aufgebautes, lediglich der Wohlfahrt ihrer Angestellten dienendes Unternehmen ist. Die Kanoncnfabrikation ist nur ein Vorwand, der eigentliche Zweck ist, dem Personal Zulagen und Gratifikationen zu bewilligen. Frühere Unteroffiziere beziehen eine Rcpräseiuationszulage in der Höhe des Gehalts älterer Landgerichlsräle, erhalten mindestens alle zwei Jahre eine Belohnung von einem braunen Lappen, einfach daiür, dast sie der Firma Krupp ihre Dienste weihen, und die treffliche Kanonenfabrik will als Gegenleistung nur ein heiteres Gemüt und einen kindlich-dankbaren Sinn bekundet sehen. Nun ist aber bekanntlich die Welt verderbt und schlecht, und ganz Verworfene sind auf den wahnsinnigen Gedanken gekommen, diese Zulagen und Gratifikationen seien in der Absicht gegeben, den Angestellten die— meine Feder sträubt sich, als wäre sie aus Krnppstahl— die Bestechung zu erleichtern und sie fürs Bestechen zu belohnen! Ein Schrei des Unwillens ging durchs deutsche Volk, als diese Verdächtigung bekannt wurde. Pfui I Nein, dazu ist Berta Krupp nicht fähig. Das fühlte man in nationalen Kreisen ganz deutlich, und die mutzten Bescheid wissen. Ueblen sie doch auch Triarierlreu und Redlichkeit ganz ohne Entgelt aus und nehmen nur schüchtern und verlegen das Gegengeschenk des dankbaren Staates in Gestalt sämtlicher Landralsstellen und ähnlicher Lappalien enl- gegen. Wenn Bcria Krupp noch irgend eine Rechtfertigung gebraucht hätte, so wäre sie ihr einfach in der herzergreifenden Erscheinung des Herrn Direktors EcciuS geworden. Nein, diese wahrhaft kindlich reine Lauterkeit! Diese sütz verträumte Weltfremdheit! Was ein Herz von einem Menschen, was eine Seele von einem Direktor. Da kann der Vorsitzende lange fragen. Da kann der Staatsanwalt lange nörgeln. Dies Kind, kein Engel ist so rein, antwortet schlicht und offen nichts als:.Dabei habe ich mir nichts gedacht!" oder .Das ist mir nicht aufgefallen!" Solche Lauterkeit entwaffnet. Datz Brand systematisch seine ganz uneigennützige Mildtätigkeit nur auf Zeugleutenants beschränkte, datz einem Mann ohne jede Vorbildung Jahr für Jahr ein brauner Lappen einfach geschenkt wurde, datz so und so viele Leute dem Direktor Eccius sagten, am Ende gehe es bei den.Kornwalzern" nicht ganz mit rechten Dingen zu—.Dabei ist mir nicbts aufgefallen!" Herr Eccius war so sehr von der Natur der Kruppwerke durchdrungen, nicht dem Gelderwerb, sondern der vollständigen Befriedigung der Angestellten nachzustreben, datz er sich bei nichts was gedacht hat. Wenn das ganze Direktorium von Krupp au? solchen Idealisten besteht, dann ist es einfach nicht zu verstehen, dutz die Werte nicht schon längst Pleite gemacht haben. Wahrscheinlich hat der weichherzige Träumer auch nur darum dabei zugestimmt, datz das Kriegsmaterial von Krupp an Deut'chland bedeutend teurer verkauft werde als ans Ausland, um mit dem Mehrerlös die Gratifikationen der Beamten auf- zubessern. Krupp ist, wie man sieht, nicht mehr und nicht weniger als ein Triumph der Menschenliebe. Datz er nur Massenmord- instrumente fabriziert, ist nichts als ein Zufall, ein unglücklicher Zufall. Der Prozetz wird ein ganz objektives Bild von der Unschuld der Angeklagten liefern. Dieser Herr von Motzen soll ja zwar ein Belastungszeuge sein, aber der Herr wird sich wundern, wie man mir ihm umspringt. Sonst ist der Staatsanwalt mit sämtlichen Belastungszeugen ein Herz und eine Seele und auf. Du und Du. Aber in diesem Prozetz treibt er die Objektivität so weit, datz er, ehe der Zeuge auch nur ein Wort gesprochen hat, den Angeklagten hochherzig zusichert, er werde ein strenges Auge auf den Zeugen haben. Also selbst auf den Staatsauwalt hat die Un» eigennützigkeit der Kruppwerke schon abgefärbt, selbst er entdeckt sein Herz für die unschuldig Verfolgten. Nur der Vorsitzende hält au seiner wenig schönen Voreingenommenheit gegen die Opfer der Ver- leumdung fest. Erstens kann er eS nicht unterlassen, das gute Einver- nehmen zwischen Gerichtshof und Angeklagten ständig dadurch aufs Spiel zu setzen, datz er mit den ollen Kamellen kommt, mit Be- stechung und ähnlichen empörenden Vorwürfen, welche die Angeklagten zu verbittern geeignet sind. Man lasse doch endlich diese An- spielungen, die Herr v. Heeringen schon vor Dreivierteljahren im Reichstag, ehe eine Untersuchung eingeleitet war, so treuherzig zurück gewiesen hat. Es zeigt wenig ritterlichen Sinn, die Reinheit der Gesinnung dieser Angeklagten immer wieder in Zweifel zu ziehen. Zweitens aber: Wie kommt der Vorfitzende dazu, einen Direktor von Krupp einfach mit Herr Eccius anzureden? Wenn ein Pretzkuli auf dem Armesünderbänkchen sitzl. da heitzl's allerdings o.hne weitere Umschweife„Angeklagter". Das kommt natürlich in diesem Fall nicht in Frage. Aber Herr Eccius ist Legationsrat a. D. Also bitte, Herr Vorsitzender, nicht.Herr Eccius", sondern.Herr Legationsrat", wenn Sie nicht Gefahr laufen wollen, datz man Sie für vor- eingenommen halten soll. Unseren Milpatrioten können wir die angenehme Versicherung geben, datz in wenigen Tagen der Ehrenschild der Firma Krupp, dieses würdigen Gegenstandes ihres nationalen Stolzes, wieder ganz blank gerieben sein wird. Wie wir aus guter Quelle erfahren, hat die Firma die.Kornwalzer" von Brandt nur deswegen schicken lassen, um einen Vorwand zu haben, den Guten mit Wohltaten überschütten zu können. Sie wurden in Essen nie benützt, ja, nicht einmal gelesen und Herr Eccius war bei der Gerichtsverhandlung unter Ausschlug der Oeffentlichkeit ganz überrascht, als er sah, datz sie von den Preisen der Konkurrenz handelten. Jedoch um allen bösen Schein zu vermeiden, hat die Firma Krupp jetzt schon beschlossen, die„Kornwalzer" abzuschaffen, und, bei Erhöhung der Repräsentationsfonds für ihre sämtlichen Schreiber, damit sie in der Lage seien, auch höhere Militärs stände?- gcmätz zu bewirten, den Entschlutz gefatzt, in Zukunft nur noch Weizenroller" zu führen. Von der Einführung des Titels K r u p p z e u g l e u t n a n t s" hat sie auf hohen Wunsch abgesehen. Beiz. Der Kehrreim in der flacht. Nacht. Um die neunte Stunde. Ich komme aus der Stadt, aus jenem Viertel, das am Tage schläfrig liegt wie eine fau- lenzende Kokette oder wie ein nichtstuerischer Flaneur und das ! am Abend erwacht zu lärmender, nutzloser Lustigkeit. Die Licht- reklamen flammen auf, die Fenster der Restaurants erleuchten sich lockend, und der stoßende Mitzklang zahlloser Automobilhupen brüllt die Fanfaren des allnächtlichen Grotzstadtrausches. Es ist auch ein halbroter Dunstschleier über die schmalen Himmelsausschnittc gezogen, die über den Verschneidungen der endlosen Straßen ficht- bar bleiben— der dicke mißduftende Atem über heißen, wollüstigen Banketten. Hier draußen ist es still. Die spärlichen Schritte Heimkam- mender tappen hallend zwischen den Häuserfronten. Schon fallen hier und dort die Rolljalousien mit einem etivas ärgerlichen Schnarren über ihre frühzeitige Solidität. Und nur hier uns dort eilen Pärchen und unternehmungslustige Jünglinge zum Bahn- hos, hineingezogen in die Lichtsülle des Nachtlebens in jenem Viertel, aus dem ich floh. Älaks! Da ist etwas aus dem Fenster gefallen. Etwas Weiß- cingelvickeltes. Ein alter, humpelnder Hausierer vor mir sondiert den Fund mißtrauisch, aber interessiert mit dem Krück- stock. Schließlich hebt er es auf und entfernt die Hülle im Schein der nächsten Laterne. Dann flucht er.„Na, dct is aber....! So'nc schöne Stulle? Und mit Ei be- legt is se! Und det schmeißen die Leute aus'm Fenster! Nich mal anjebisscn haben sc sc. Und unscrener wetz nich mal, wo er'ne Schmalzstulle herkriegen soll." Und immer brummelnd und in seiner Art über die soziale Verteilung in der Welt philosophierend beißt er in das von Glück- lichercn verschmähte Brot hinein. Nun aber rollt mir etwas entgegen. Undeutlich erst und phan- tastisch groß. Dann fällt es mächtig zusammen und wird erkenn- bar als ein ärwlicher Kinderwagen, geschoben von einer jungen Arbeiterfrau. Sie sagt etwas, unaufhörlich. Von weitem klingt es wie ein monotones Lied. Nun wird es deutlicher und ich vcr- nehme, daß auch das Kino im Wagen sich an diesem Zwiegesang beteiligt. Endlich unterscheide ich Worte. Der kaum zweijährige Bub im Wagen lallt:„Vata— wo?" Und dann wieder:„Da— da— Vata— Vata— wo?" Und immer wiederholt die Mutter, eintönig und halb singend:„Vater is auf Arbeit, Geld verdienen!" Und immer wieder und wieder fragt das Kind:„Vata— wo?" mit der Beharrlichkeit seines kleinen, unmündigen Hirns, und un- ermüdlich antwortet, tröstend bald und bald verweisend, die junge Mutter:„Auf Arbeit. Geld verdienen.— Vater is Gcldverdiencn, auf Arbeit." Wie ein melancholisches Volkslied war es, dieses Zwiegespräch zwischen Mutter und Kind, oder wie ein Vers, den die Kinder, immer wiederholend, beim Spiel auf der Straße singen. Diese Mutter kehrte vielleicht selbst erst von der Arbeit zurück, oder sie hatte den Jungen aus der Pflege geholt, in der er tagsüber bleiben mußte. Und ich sah im Geiste den Vater, der jetzt viel- leicht, in der Nachtschicht, die Spitzhacke schlvang bei irgendeiner Straßenbuddelei. Und dieses monotone:„Vata— wo?— Auf Arbeit! Geld verdienen!"— es war wie ein Kehrreim im dröhnenden, höhnenden Lebensgesang einer ganzen Menschenklaffe. A n s e l m u s. Die JVIemoircn Katharinas II. Der eigenartige ästhetische Reiz der Memoirenliteratur stammt aus dem persönlichen Erlebnis. Das Bild des achtzehnten Jahrhunderts entfaltet sich in frischeren Farben, wenn mau selber als ein leibhaftiger Mensch im achtzehnten Jahrhundert auf der Erde wandelte. Den wissen- schaftlichen Ueberblick und das wissenschaftliche Urteil muß nian beim Historiker suchen! die künstlerische Lebendigkeit der Schilderung aber findet map am ehesten beim Memoiren- fchreibcr. Die persönliche Färbung seiner Arbeit, die historisch-sachlich als ein Nachteil angesehen werden muß, wird künstlerisch zu einem Vorzug. Am interessantesten müssen naturgemäß die Erinne- rungen eines Menschen aussallen, wenn der Kreis seines Lebens bedeutend war und wenn er die Ereignisse mit über- lcgenem Geist anzuschauen verstand. Es gibt zwar Memoiren, die ihren historischen und selbst ihren künstlerischen Wert ledig- lich dem Stoff verdanken. Die Denkwürdigkeiten vom päpstlichen Hofe Aexanders VI., die Burcardus mit einem entsetzlich trockenen Stift aufgezeichnet hat, bieten hiervon ein Beispiel. In solchen Arbeiten findet sich gleichsam nur das Farben in»terial, und es bleibt der Phantasie des Lesers überlassen, das künstlerische Bild zu schaffen. Man arbeitet sich mühsam durch viele lange leere Seiten, um dann irgendwo einen beglückenden Pinselstrich zu finden, den nur der Verfasser geben konnte, weil nur er die Dinge in frischer Lebendigkeit vor sich sah. Am reizvollsten wird jedoch die Lektüre immer dann sein, wenn die Niederschrift nicht nur aus einer bedeutungsvollen Zeit, sondern auch aus einer bedeutungsvollen Feder stammt. Was man aber immer von Katharina II. historisch halten mag: an dem entsetzlichen Hof, an dem sie lebte, war sie zweifellos eine überlegene Erscheinung, und da sie zudem eine sehr lebendige Feder führte, strömt uns aus ihrer Arbeit der eigentümliche Memoirenreiz in ungebrochener Kraft entgegen. Vor allen Dingen hat sie mit starker Menschlichkeit ein Bild des damaligen russischen Hoflebens geschaffen, das an satter Farbenfrische von einem Historiker nur sehr schwer erreicht werden könnte. Bevor wir uns indessen mit diesem Bild etwas näher befassen, mögen einige kurze Worte über die beiden deutschen Ausgaben gesagt sein, in denen die Erinnerungen der Kaiserin bis jetzt vorliegen. Die Memoiren wurden zum ersten Male im Jahre 1859 von dem berühmten russischen Publizisten Alexander Herzen herausgegeben, und diese Ausgabe hat in der vortrefflichen Memoirenbibliothek von Robert Lutz in Stuttgart ihre Auf- rrstehung gefeiert. Die Ausgabe Herzens basierte auf einer jener Abschriften, die damals in Rußland heimlich im Um- lauf waren. Im Jahre 1997 hat nun aber die kaiserlich russische Akademie der Wissenschaften eine offizielle Ausgabe nach dem ursprünglichen Manuskript Katharinas veranstaltet, die einerseits die Echtheit der Herzenschen Ausgab« bewies, andererseits aber auch klar werden ließ, daß er nur ein B r u ch st ü ck der ganzen Memoiren in der Hand gehabt hatte. In der eigenhändigen Niederschrift der Kaiserin bestehen die Memoiren aus sieben französischen und zwei russischen Stücken, von denen Herzen 1859 das umfangreichst« fran- zösische Stück veröffentlichte. Sechs französische und zwei russische Stücke waren. demnach der Sesfentlichkeit unbekannt und sind uns erst im laufenden Jahr« von dem bekannten Jnsel-Verlag in Leipzig in zwei starken Bänden vor- gelegt worden. Die Ausgabe des Jnsel-Verlags darf also für sich in Anspruch nehmen, daß sie zum ersten Male das vollständige Werk bietet, und ist dadurch selbstverständ- lich der einfacheren Ausgabe bei Lutz in Stuttgart überlegen. Neben der Vollständigkeit hat sie dann auch noch einen reichen Apparat von Anmerkungen aufgeboten, der den Text der Memoiren in ausgezeichneter Weise illustriert. Wer aber in seinen Mitteln beschränkt ist, wird auch aus der billigen Aus- gab« bei Lutz in Stuttgart ein glänzendes kulturhistorisches Bild gewinnen können. Im ersten Band der Insel-Ausgabe findet sich auf Seite 249 eine Schilderung, die dem höfischen Leben einen so bezeichnenden Hintergrund schafft, daß wir sie mit- teilen wollen. Damals noch viel mehr als jetzt, berichtet Katharina, wurde es dem Adel im allgemeinen sehr schwer, Moskau zu verlassen, die Stadt, die sie alle so lieben, wo Trägheit und Nichtstun ihre Hauptbeschäftigung ist. Hier würden sie gern ihr ganzes Leben damit zubringen, sich in einer übertrieben vergoldeten gebrechlichen Karosse sechs- spännig umherfahren zu lassen, ein Symbol des falsch ver- standenen Luxus, der da herrscht, und den Augen der Masse die Unsauberkeit des Herrn, die Unordnung seines Haus- Wesens und seiner Lebensführung verbirgt. Es ist keine Seltenheit, aus einem großen, von Hausen Schmutz und Unrat erfüllten Hofe, der zu einer elenden Baracke aus ver- faulten Brettern gehört, eine prachtvoll gekleidete Dame in einem wundervollen Wagen mit sechs schlechten, schmutzig ge- schirrten Pferden herauskommen zu sehen, mit ungekämmten Lakaien in hübscher Livree, der sie durch ihr linkisches Be- nehmen Schande machen. Im allgemeinen verweichlicht sich Mann und Weib in dieser großen Stadt: sie sehen und treiben nur Armseligkeiten, die auch das ausgesprochenste Genie ver- kümmern lassen müßten. Weil sie nur ihren Launen und Einfällen folgen, umgehen sie alle Gesetze oder führen sie schlecht aus. Das Ergebnis ist. daß sie niemals befehlen lernen, oder daß sie zu Tyrannen werden. Nirgends in der bewohnten Welt istderBodenfürdenDespotismus so günstig wie dort. Vom zartesten Alter an gewöhnen sich die Kinder an ihn, weil sie sehen, mit welcher Grausamkeit ihre Eltern die Dienerschaft behandeln. Denn gibt �s etwa ein Haus, in dem sich nicht Halseisen, Ketten und ähnliche Werkzeuge vorrätig finden, um wegen des geringsten Ver- gehens diejenigen zu martern, welche die Natur dieser un- glücklichen Klasse angehören läßt? Wer in den Memoiren das intimeLeben des da- nialigen russischen Hofes mit erlebt, wird immer wieder an diese farbige Schilderung aus Moskau erinnert werden. Immer wieder kommt durch Prunk und Glanz der Feste die schmutzigste und widerwärtigste Barbarbei zum Durchbruch: immer wieder wird man an die prachtvoll ge- kleidete Dame erinnert, die zu einer elenden Baracke aus ver- faulten Brettern gehört. Damals liebte ich den Tanz über alles, erzählt Katharina an einer Stelle, und wechselte bei den öffentlichen Bällen gewöhnlich dreimal meine Toilette. Meine Kleidung war stets sehr gewählt und wenn mein Maskenkostüm allgemein Beifall fand, so erschien ich gerade deshalb nie wieder darin, weil ich mir sagte, daß ein Anzug, wenn er einmal großen Effekt gemacht, zum zweitenmal nur einen geringen erzielen werde.... Sicher hatte die Koketterie damals am Hofe einen so hohen Grad erreicht, daß es nur noch die Frage war, wer es am besten verstehe, die Feinheiten des Anzuges in größter Vollendung zu ent- falten. An demselben Hofe aber, an dem die weibliche Klugheit zu einfachen Kostümen zurückkehrte, weil sie daran ver- zweifelte, die Toilettenpracht der anderen zu überbieten, fehlte es an den notwendig st en Möbeln. Der Hof litt da- mals so großen Mangel an Möbeln, daß dieselben Betten, Spiegel. Stühle, Tische und Kommoden, die im Winterpalast gebraucht wurden, in den Sommerpalast und von dort nach Petersburg, ja selbst nach Moskau geschafft wurden. Wäh- rend des Transports wurde natürlich eine große Anzahl zerstoßen und zerbrochen: nichtsdestoweniger aber mußte Katharina, als die Gattin des Thronfolgers, sie benutzen. In Moskau bewohnte sie gelegentlich einen aus Holz ge- bauten Flügel, in dem daS Wasser am Gebälk herniederlief und alle Zimmer an großer Feuchtigkeit litten. Ihre Kammermädchen. Kammerfrauen und Diene- rinnen— 17 Frauen und Mädchen— wurden i n eine S t u b e z u s a m m e n g e p f e r ch t. In ihrem eigenen Schlafzimminer wimmelte es derartig von Ungeziefer, daß sie nicht zu schlafen vermochte. Als einmal in Moskau das Schloß brannte(die Kaiserin Elisabeth verlor bei dieser Gelegenheit 4999 Kleider), wurde die großfürstliche Familie in dem Hause eines vornehmen Höflings untergebracht. In diesem Hause fegte der Wind nach allen Himmelsrichtungen hindurch: Fenster und Türen waren halbversault, in den Fußböden befanden sich Oeffnungen von 3 bis 4 Zoll Breite. Dazu strotzte es von Ungeziefer und an Möbeln fehlte es fast ganz. Mit der glücklichen Hofdame aber, die zu diesem vortrefflichen Haus gehörte, verspielte Katharina in einem Jahre allein 17 999 Rubel. Nach 6 Wochen wurde die großfürstliche Familie insofern begnadigt, als sie uunmehr in ein Haus übersiedelte, das tu Kaiserin gehört« und das Bischofshaus hieß, weil sie es von einem Bischof gekauft hatte. In diesem kaiserlichen Haus waren die Oefen so alt und voller Risse, daß man das Feuer hindurchscheinen sah, wenn sie geheizt wurden, und der Rauch die Zimmer erfüllte. Tie Herrschaften liefen hier alle mit Kopf- und Augenschmerzen herum und Katharina selber bekam eine starke Halsentzündung, begleitet von heftigem Fieber. Da es sich nur um einen Holzbau handelte, der als Ausgang nur eine hölzerne Treppe besaß, waren sie zudem in ständiger Gefahr, lebendig verbrannt zu werden. Und wie die äußeren Lebensverhältnisse waren, so waren auch die Mensche n. Unter der höfischen Tünche kamen immer wieder die rohen und selbst die schmutzigen Barbaren zum Vorschein. Der halbidiotische Großfürst hatte neben ihrem gemein- samen Schlafzimmer, nur durch einen Bretterverschlag ge- trennt, einen Hundestall eingerichtet und amüsierte sich damit, die armen Tiere bis aufs Blut zu quälen. Er befofs sich mit seinen Bedienten und traktierte sie mit Stockschlägen, wenn sie im Rausch vergaßen, daß er ihr Herr und Meister war. Die Kaiserin Elisabeth glaubte an Hexerei in der dümmsten Form und ließ das Land von ihren fortwährend wechselnden„Günstlingen" ausbeuten. Auf einem Hofball wußte man keinen geistreicheren Scherz, als daß die Männer in Frauenzimmerkleidung erscheinen mußten, während umge- kehrt die Damen Herrenkostüme trugen. Mit brutalem Suff und wildem Hasadieren wurde die Oede des Tages tot- geschlagen. Und mitten in diesem Mischmasch aus Dummheit und Roheit erscheint dann ein affektierter Stutzer als dänischer Gesandter, um mit dem ewig besoffenen Großfürsten über das Schicksal Hol st eins zu verhandeln. Erich Schlaikjer. Mas ist ein Verein? Ja, lieber Freund, da sagst du: Das ist doch ganz einfach! Das ist doch ganz klar! Das ist doch— na, wie kann man über- Haupt so dumm fragen?! Und erklärst mir: Ein Verein ist eine Vereinigung von Leuten zu einem bestimmten Zweck; sie wählt sich einen Vorstand, beschließt Satzungen, erhebt Beiträge usw. Ja, früher Hab' ich das ja auch gedacht. Aber es ist eine sehr veraltete Ansicht, werter Zeitgenosse. Die Sache verhält sich näm- lich ganz, ganz anders und ist bei Licht besehen wesentlich einfacher. Das Essener Landgericht hat uns da ein Licht aufgesteckt, das kein Talglicht ist. Es hat einen Genossen verknackt, weil er Spiele für die Abonnenten der„Arbeiter-Jugend" veranstaltete. Das aber waren Vereinsveranstaltungen, weil„das Gericht zu der An- nähme gelangt ist, daß es sich um einen Verein handle, zwar nicht um einen Verein im gewöhnlichen Sinne, doch sei ein festes Band zu erkennen, das die Gruppe umspanne, ein gewisses recht- liches Band" usw. Siehste! Das verdau' erst mal, mein Junge. Und dann über- lcg's dir zwei Stunden. Und dann lern'S auswendig. Vor- u n d rückwärts. Und wenn du das alles überstanden hast, dann h a st du die Erkenntnis. Nämlich: Menschen mit irgendeiner gemeinsamen Willen?- richtung sind ein Verein. Vorstände, Satzungen, Beiträge— das war bloß früher. Jetzt sind wir ein Stück weiter. Wenn du zum Beispiel in einer Kneipe sitzst und andere Gäste mit dir, und ihr trinkt gar aus einem Faß, so ist hier ein festes Band zu erkennen, das alle in einer gemeinsamen Willensrichtuikg beisammen hält. Ihr seid ein Verein. Oder: Tu fährst in der Eisenbahn, in der Elektrische», im Omnibus. Du willst, sagen wir mal, zum Spittelmarkt. Tie anderen auch. So seid ihr ein Verein. Denn ein gewisses festes Band umspannt die Gruppe. KebeUion. Die Welt soll erzittem vor unserem Schreiten, wir branden und landen, ein donnerndes Meer. Wir wälzen und wühlen mit unsern befreiten, entfesselten, großen Gedanken einher. Wir stürmen die Klippen— wir fressen das Land, in modriges Dachwerk zuckt unser Brand. Wir kommen, die Sklaven, mit Äerrschergebärde, daß brünstiges Träumen Gewißheit werde! �_ Max Marthel. Der Prälat. Eine Episode aus belgischen Streiktagen. Die Kinder der streikenden Arbeiter vckn Verviers sollten nach Brüssel kommen, um dort für die Dauer des Kampfes bei besser gestellten Genossen und Freunden untergebracht zu werden. Erklang doch im Frühjahr durch ganz Belgien und von außerhalb her von allen Arbeitern, die es irgend machen konnten, der solidarische Ruf: Lasset die Kinder zu uns kommen. Und sie zogen aus die Kinder mit kleinen Päckchen unter den Armen, in der armen, aber sauberen Kleidung, die ihnen ihre Eltern mitgeben konnten. Sie zogen nach Holland, nach Frank- reich, sie zogen von einer Stadt in Belgien nach der anderen und waren es auch nur wenige— überall wurden sie von jubelnden Herzen empfangen. Die Arbeiter wußten, daß ihnen ihre kämpfen- den Kameraden das Teuerste anvertrauten, was sie hatten, ihre einzigen und besten Güter, und nahmen daher diese kleinen, aber so kostbaren lebenden Schätze in treue und brüderliche Hut. Ich kann die Tage, wo ich die Kinder von Alost, dann einige von Brüssel in die Ferne ziehen sah, geleitet von Männern und Frauen, die sie während der Fahrt betreuten, nie vergessen. Ja, ich schäme mich nicht, es zu gestehen, daß mir dabei die Tränen in die Augen traten. Sah ich doch, wie das Große, das Gewaltige, was das internationale Proletariat verbindet und dereinst zum Siege führen wird— die Solidarität— lebendig geworden war in Tausenden von Arbeiterherzen! Und so etwas greift tief hinein in das Gemüt, erschüttert und befreit und löst alle Hofsnungen aus auf die große Zukunft, di« errungen werden muß.— Weil ich erfahren hatte, daß den Kindern von VervierS ein großer Empfang von den Brüsseler Arbeitern zugedacht war, be- schloß ich, um diesen Empfang recht auf mich wirken zu lassen, den Kindern bis Löwen entgegen zu fahren. In Löwen ange- kommen, mußte ich noch etwa zwei Stunden auf den Zug von Verviers warten, während der ich einen Spaziergang durch die Stadt unternahm. Als ich dann die Rue de la Station wieder zum Bahnhof zurückging, schritt vor mir ein höherer Geistlicher einher. Sein langer, schwarzer, kaftanartiger Rock ging bis auf die Füße herab. Er war mit violetten Säumchen eingefaßt. Violett- färben war. auch die Schärpe, welche der Prälat um den Leib trug. Die Ränder seines muldenförmigen Hutes waren mit Schnüren an den Kopf herangebogen. Mit großer Würde schritt der Mann dahin, die demütigen Grütze der Enrgegenkommenden nur leicht und kaum merkbar erwidernd. Mich interessierte dieser Diener Christi, und da ich desselben Weges mußte, wie er, ging ich hinter ihm her. Seine Bewegungen hatten— vielleicht infolge des langen, frauenhaften Rockes— etwas Weibisches. Ich mußte lächeln, wenn er eine Ouerstratze überschritt, die nicht gerade sehr sauber war und dann seinen Rock mit einer gewissen Grazie raffte und seine violetten Strümpfe sehen ließ. Kurz vor dem Bahnhof kam ihm ein nettgekleidetes Kind entgegengesprungen. Aber er winkte schon von weitem ab und rief ihm ein lautes und hartes „In Ewigkeit, Amen" zu. bevor noch das Kind sein„Gelobt sei Jesus Christus" gesagt hatte. Das Kind blieb, als er die Hand abweisend ihm entgegenstreckte, erschrocken stehen. Als ich an der Kleinen vorüberging, sah ich, wie Tränen in ihren Augen standen. Auf dem Bahnhos angekommen, war der Zug von Verviers noch nicht eingetroffen. Ick wandelte in W Bahnhofsha-- auf und ab. Ter Prälat auch. Er hatte sein Brevier hervorgezogen und durchschritt mit langen hastigen Schritten die Halle. Noch nickt alt, hatte durch eine gewisse Gewöhnung sein Gesicht bereits tiefe Falten und zeigte etwas Starres und Abweisendes. Ich glaube noch heute, daß er sein Brevier weniger des BetenS wegen vor das Gesicht hielt, sondern nur um auf Grüße nicht danken zu müssen. Als endlich der Zug einlief, öffnete er rasch, bevor ihm der rol- bemühte Bahnhofsbcamte, der dazu schon auf der Lauer stand, helfen konnte, eine Türe zu einem Abteil erster Klasse und stieg ein. Auch ich nahm in dem Zuge Platz. Angelangt in Brüssel, war die ganze Einfahrtshall« schwarz vor Menschen, welche alle auf die Kinder von Verviers warteten. Ich stieq au? und, mich mühsam duxch die Menge arbeitend, sah ich, daß einige Abteiltüren noch geschlossen waren. Hinter den Fenstern bemerkte ich die Kinder, die mit erstaunten und erschreckten Augen auf die vielen Menschen schauten. Unwillkürlich blickte ich mich nach dem Prälaten um. Er stand noch weit hinter mir, alS zögere er, sich in das Menschengewühl zu begeben. Plötzlich schritt er in energischem Entschluß vorwärts. Man machte ihm bereit- willigst Platz, ohne ihn irgendwie besonders zu beachten. In dem Augenblick aber, wo er vor den bisher geschlossenen Kupeetürcn ankam, wurden diese geöffnet, und nun stürzte alles herbei, die Kinder herauszuheben und an die Herzen zu drücken. Laute Will- kommenrufe erschallten. Begeistert klatschte die Menge in die Hände. Da war nun an ein Durchkommen vorläufig nicht zu denken. Dep Herr Prälat, der jetzt dicht an meiner Seite stand, mußte sich gedulden. Sein Gesicht wurde so starr, als versteinere es. Die Augen schauten finster auf das mein Herz so tief er- greifende Schauspiel. Er murmelte mit zusammen gekniffenen Lippen etwas vor sich hin. Dann wandte er sich an einen nahe- stehenden Bahnbeamten und rief, auf die Kinder deutend, laut und scharf:„Ist der Bahnhof nur für diese da?" Der Beamte beeilte sich, ihm Platz zu schaffen. Aber nun setzte sich der Zug der Kinder in Bewegung—«s waren ihrer nur einige zwanzig— und alles strömte dem Ausgang zu. Ter Geistliche wurde gleich mir mit fortgeschoben. Vor uns gingen die Kinder, geführt von jungen Mädchen, Frauen und Männern. die ihnen ihre kleinen Bündel trugen. Mir schnürte sich das Herz zusammen vor innerer Bewegung. Der Prälat starrte düster vor sich hin. Als wir an die Bahnhofssperre kamen, sah ich, wie der ganze weite Platz Charles Rogier vor dem Nordbahnhof mit Men- scheu geradezu besät war, die in dem Augenblick, als die Kinder aus der Bahnhofshalle traten, in begeisterte jubelnde Zurufe, be- gleitet von lautem Händeklatschen, ausbrachen. Auch der Prälat sah das großartige Schauspiel. Aber er blinzelte mit den Augen, als träfe ihn ein mächtiges, gewaltiges Licht. Mit einem Gesicht, von Wut und finsterem Zorn entstellt, drehte er sich um, rücksichtslos, fast grob, brach er sich durch die nachdrängende Menge Bahn und verschwand in der düsteren Bahn- hofshalle. Ich aber trat hinaus ins Freie, reihte mich dem Zuge ein. der sich rasch bildete und schritt hinter den Kindern her durch die Straßen Brüssels bis in da? Arbeiterviertel, wo sich das Volt?» Haus erhebt, von dessen Balkon herab den Kindern ein Plakat«nt- gegenrief: Willkommen den Kindern unserer streikenden Käme- raden von VervierS! Und auS allen Fenstern des VolkShaufeS und der umliegenden Häuser streckten Kinder, Frauen, Männer Oder, noch einfacher: Du gehst zu Fuß. Schiedst dich im Gedränge die Friedrich- siraße entlang. Die mit dir in einer Richtung gehen, sind deine Vereinsbrüder dezw.-schwestern.(Vielleicht paßt dir das nicht, aber: Ijelf er sich!) Oder: Du gehst in eine Rotunde. So seid ihr ein Verein. Oder: T>u legst dich in einer einsamen Kammer zu Bett. Ganz solo. So bist du d o ch ein Vereinsmitglied. Denn auch hier ist ein ge- wiffes festes Band zu erkennen, das die Gruppe der Schlafenden umspannt.... Ergo: Fahre, sitze, gehe oder stehe. Du kannst deinen Vcreinsmit- gliedschaften nicht entrinnen. Selbst im Tode bist du noch Klub- genösse. Vom Vereine jener, die fertig sind mit dieser buckligen Welt.... Ist dir die Sache nun klar, lieber Mitmensch? Nicht? Du hältst fest an Vorstand, Satzungen usw.? Das sind keine Kriterien eines Vereins. Ganz im Gegenteil. Die„Freie Volksbühne" z. B. hatte alles das. Und hat jähre- lang prozessiert um Anerkennung ihres Vereinscharakters. Sie wollte ohne Zensur spielen. Siehst«, lieber Freund, da kam ein Gericht und noch ein paar und sagten: Vorstand? Satzungen? Beiträge? Geschlossene Auf- führungen? Wenn schon. Aber ein Verein? Nein. Ohne Zensur spielen? Keine Spur! Also: Wenn zehn, hundert, tausend oder hunderttausend Leute ein bestimmtes Blatt lesen, so sind sie ein Verein. Aber ein Verein mit zwanzig- oder dreißigtausend Mit- Gliedern, der Statuten, Vorstand usw. hat, oas ist kein Verein. Was murmelst du in deinen Bart? Gesunder Menschenverstand und so? Ja, mein Lieber, mit dem �gesunden Menschenverstand hat dies alles nichts zu tun. Das Leben will juristisch genossen werden! Vom Jahrmarkt äes Lebens. laicht Roß, nicht Reifigc..... Der Sage nach soll bei einem Fürstenstreite Eberhard mit dem Barte, Graf von Württemberg, sich als den reichsten aller Fürsten gepriesen haben, weil er sein müdes Haupt jedem Unter- tauen getrost in den Schoß legen könne. Doch das ist lange her. Und wie alles in der Welt, ist auch die Liebe zum Fürstengeschlecht dem Wechsel der Zeit unterlegen. Heutzutage denken die Fürsten materieller. Sie glauben offenbar, daß Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist und darum rühmt sich auch heute keiner mehr, daß er getrost sein Haupt im Schöße jedes Staatsbürgers bergen könne. Recht sinnenfällig trat das in die Erscheinung bei der Denk- malseinweihung in Leipzig. Außer der gesamten Po l i z e i, verstärkt durch Bureaubeamte des Rates der Stadt Leipzig und den irgendwie verfügbaren Gendarmeriebeamten, war noch Militär aus Leipzig, Halle, Altenburg, Chemnitz und Riesa in Stärke von 3000 bis 4000 Mann aufgeboten, um die anwesenden Fürstlichkeiten vor allzu temperamentvollen Ausbrüchen der Ver- ehrung des Volkes zu schützen. Insgesamt etwa 6000 in Waffen starrende Männer gaben der Erinnerungsfeier an die Befreiungskriege da? würdige Relief. Kein Wunder, daß Prinz K y r i I l nach der Rückkehr ins heilige Rußland sagte:„Majestät, tröstet Euch, da drüben ists noch ärger, wie bei unS im Lande!" Lörick im Ramsch. Herr Paul Liman. die nationalliberale Leuchte aus Leipzig, einstmals unter dem Pseudo Aorick hervorragender Mitarbeiter deS Oertelfchen Organs für die geistig Schwerfälligen, wird jetzt in einem Berliner Warenhause im Ramsch ausverkauft. In feiner Sünden Maienblüte, bevor er noch als strammer Agrarier Aorick auch gegen die Regierung frondierte, war er, wie jetzt wieder, ein begeisterter Hohenzollernverehrer und machte als solcher in Hofhistoriographie. Zwei umfangreiche Wälzer ent- flössen seiner patriotischen Feder. Das eine betitelt: Hohen- zollern. Ein Bild der Enttvickelung des ruhmreichen Ge- schlechts; das andere: Der Kaiser. Ein Charakterbild Wil- Helms II. Sein Verleger, offenbar ein etwas weltfremder Gc- schäftsmann, glaubte bei einem Preise von je fünf Mark mit den patriotischen Büchern sein Geschäftchen zu machen. Doch die schönsten Legenden bleiben manchmal Ladenhüter. Jahre ver- gingen und Limans Geistesblitze lagerten im Geschäftskeller; sie blieben wertlose Makulatur. Um wenigstens etwas herauszu- schlagen, werden sie jetzt zum Preise von 25 Pf. pro Stück verramscht, d. h. immer noch über dem Wert. Das ist das Los des Schönen auf der Erde! Man kann im Zweifel sein, ob der Grund der mangelnden Kauflust beim Ver- fasser oder bei der Materie liegt. Vielleicht auch bei beiden! Gut fjeil! Die politische Verlumpung unseres Bürgertums trägt die Schuld, daß jede freiheitliche Regung in Preußen-Deutschland er- stickt wird, daß Polizei und Bureaukratie wie ein Alp auf dem Volke lasten. In allen Gliedern unseres Bürgertums tritt die politische Verlotterung klar zutage. Nicht am wenigsten bei den deutschen Turnern. Als vor- 50 Jahren die Turner aus allen Gauen Deutschlands in Leipzig zusammenströmten, um mit dem Bundesfeste gleichzeitig auch die Erinnerung an die Freiheits- kriege festlich zu begehen, ertönten begeisterte freiheitliche Reden. Der Leipziger Professor Roßmäßler konnte unter dem Jubel der Versammelten in einer Rede erklären:„Dieses Fest muß einen Gedanken haben, anders taugt es nichts. Der Gedanke unseres Festes ist aber der:„Wir brauchen angesichts unserer Turnerci keine st ch enden Heere meh r." In derselben Versammlung wurde es abgelehnt, den Herzog von Koburg zum Protektor der deutschen Turnvereine zu erwählen. Die Turnerei bedürfe keines Protektors, ertönte es stolz. Damals wurde den Berliner Turnern feierlich ein Efeukranz überreicht, dessen Widmung lautete:„Ihr beuget Euch nicht fürstlichem Eigenwillen, sondern er- kämpftet unerschrocken der Freiheit eine Gasse!" Und heute? Heute gehören die deutschen Turner korporativ dem Jungdeutschlandbunde an und marschieren stolz in den Fest- zögen, die der preußische Leutnant kommandiert! Heute ver- richten deutsche Turner freiwillig P o l i z e i d i e n st e, wie das bei der Jahrhundertfeier in Leipzig geschah, wo 650 Turner der Polizei und Gendarmerie als Hilfstruppen zur Verfügung standen. ver Scherbenleutnant. Drüben in England haben sie den Offizieren das Monokel verboten. Da sei es kein Wunder, wenn eine solche Armee gegen die Buren unterliegen mußte? Im Gegenteil, Lord Kitchener, der Monokelfeind, behauptet, gerade durch das Tragen der Scherbe im Dienst seien Fehler vorgekommen.... Aber das ist ihre Sache. Wie ist's bei üns? Das ist sehr lustig: ein rundes Glas ist hierzulande durchaus kein rundes Glas, sondern ein Adelsattrtbut. Das Bürgerauge hat sich so daran gewöhnt, im Träger des Monokels einen Menschen erster Klasse zu sehen, daß der Kommis den umgekehrten Schluß macht, sich ein Uhrglas kauft und abends beim Tanzen den Baron markiert. Alles mit einem Auge. Mit einem Glasauge, sozusagen. Die englischen Offiziere haben das Monokel getragen. Aber noch nie wird man einen englischen Diplomaten, einen englischen adligen Zivilisten, einen englischen hohen Beamten so gesehen haben, mit dem eingeklemmten Glas. Warum nicht? Weil niemand drüben den Offizieren nacheifert, die man nicht be- wundert, sondern höchstens für nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft hält, so wie die Lampenputzer, Weichensteller, Philo- logen und so weiter. Hier ist's anders. Bei uns blickt der gemeine Mann ehrfürchtig,— heute schon nicht mehr mit dem geradezu religiösen Gefühl wie früher— zu dem Kriegsmann auf, der ihn durchs Glas anblitzt. Und weil es dem Bürger immer aus dem ungeübten Aug« fiel, hielt er das gespaltene Pincenez für gött- liche Fügung, verlor die Balance und hielt den Monokelmann in und Greise den Kleinen die Arme entgegen. Hier war das Wort Wahrheit geworden und hatte Leben gewonnen: Lasset die Kindlein zu mir kommen! Sepp Oerter. Mürmer. Von Eduard KaboS. Terentius, der Zöllner, war alt geworden und zog hinaus in die Wildnis. Die Menschen interessierten ihn nicht mehr, er bereitete sich darauf vor, daß ihn die Götter zu sich nehmen, und wollte deshalb zum Abschied mit den Wolken. Bäumen und Erdschollen reden. Einmal lag er rücklings in der Wildnis und spähte durch das Laub nach den Augen der Götter. Er sah die vielen blauen Flecke deS Himmels, alle lächelten gleich, doch die Augen der Götter ver- mochte er in keinem zu erkennen. Mit seinem gelblichen, ver- schimmelten Haar, seinem verdorrten, fahlen Gesicht, seinen gras- farbenen, zerlumpten Kleidern sah Terentius in dem dürren Laub so aus, als wäre er selbst dürres Laub. Ein arglos daherkommendes Reh wäre ganz einfach über seinen Leib spaziert und hätte nicht einmal bemerkt, daß dort ein Mensch liegt. Langsam vergaß auch Terentius, daß er ein lebender Mensch sei; er verschmolz ganz mit der Wildnis, schlief ein. Beim Erwachen spürte er, daß sich etwas auf ihm bewege. Eine Hirschkäferfamilie hatte sich aus ihm niedergelassen, irgendwo in der Gegend der Brust. Das Weibchen mochte den alten Terentius wirklich für dürreS Laub gehalten haben, flog auf ihn hinab und lockte die ganze Familie nach. Und dort balgte, wälzte, liebkoste sich nun die ganze Hirschkäferfamilie. Der alte Hirschkäfer spielte mit seinen Jungen, nahm das eine auf sein Ge- weih und stieß es fortwährend in die Höhe. Es ist klar: er wollte das Junge fliegen lehren. Aber der Kleine hatte eine schlechte Auffassung; er breitete wohl seine harten Flügel aus, fiel jedoch immer wieder auf die Erde zuück, will sagen, auf die Brust des TerentiuS. Dieser aber dachte bei sich, er habe kein Recht, das schön« Familienleben zu stören. Deshalb blieb er liegen und lag regungslos, bis sich das Hirschkäferjunge doch das Fliegen an- geeignet hatte. Als es schon in der Luft kreiste und die ganze Hirschkäferfamilie mit lautem Brummen nachgefolgt tvar, regte sich Terentius. Er streckte sich in dem dürren Laub, denn seine Glieder waren von dem regungslosen Liegen steif geworden. Da sprach ihn von der Höhe eine? Baumes ein Hirschkäfer an, und— seltsamerweise verstand er seine Worte: „Du bist ein Mensch, nicht Erde?" „Ich werde zu Erde, weil ich ein Mensch bin," antwortete Terentius. „Und Du hast Dich nicht einmal gerührt, während sich meine Geschwister auf Dir herumtrieben?" Terentius lächelte still: „Nun, es wäre auch mir nicht lieb, wenn sich die Erde be- wegte, während ich auf ihr wohne. Ich bin verpflichtet, mit eben. solcher Geduld die kleineren Käfer zu tragen, mit der mich die Erde trägt." Der Hirschkäfer sprach vom Baum: „Mich dünkt. Du bist nicht zum Menschen geschaffen. Ich will, daß Du uns Käfer noch mehr liebst. Von nun ab wirst Du die Sprache der Käser verstehen, der Vögel, die in der Luft flattern, des Wildes, das sich in der Wildnis tummelt, der Würmer, die unter der Erde kriechen.. Damit flog der Hirschkäfer davon. Terentius ging gegen Mittag in die Stadt, und da wurde ihm ein wenig wunderlich zumute, denn er hatte das Gefühl, als summten ihm die Ohren, aber viel stärker denn jemals früher. ES hatte sich bloß zugetragen, daß in der Stadt der Kaiser gestorben war; Wehklagende gingen in den Gassen umher, und in der Lust flogen, kreisten scharenweise die Krähen. Zwei tummelten sich über dem Kopf des Terentius. und er hörte, wie sie einander aufmunterten: „Sie bringen ein Aas... Sie bringen ein Aas.. In der Stadt begegnet« er dem Trauerzug. Das ganze Land war auf den Beinen, und die Soldaten blendeten mit ihren glitzern» den Lanzen die alten Augen des Terentius. Wie viele Menschen! Wie viele Soldaten! Wie viele Lanzen! Welcher Prunk! Aber natürlich: der Kaiser wird zu Grabe getragen. Die beiden Krähen in der Luft riefen sich auch jetzt noch froh- lockend zu: „Sie bringen ein Aas... Sie bringen ein Aas..." „Ihr seid aber doch respektlose Krähen!" sprach Terentius kopfschüttelnd und schloß sich unwillkürlich dem Trauerzuge an. Wo alles ergriffen war, konnten auch seine Augen nicht trocken bleiben. Denn Terentius war ja nicht weise, nur gut, sehr gut. Er beweinte den toten Kaiser. Und sing die Bemerkungen der Menge auf, wie gut dieser Kaiser gewesen: er ließ das Volk nicht geißeln, aus niemandes Rücken Riemen schneiden, ließ sich sogar manchmal mit Bettlern in ein Gespräch ein und aß ebenso mit dem Mund wie Mucius, der Schuster. Terentius war ganz gerührt und rief zwei-, dreimal tadelnd in die Luft hinauf, wo die respektlosen Krähen auch jetzt noch Ehren, die er nötig hatte. Er— der Monokelmamk, und er— der Bürger. Das Monokel den preußischen Offizieren verbieten,— das wäre gerade so, als wolle man der Polizei die Schikanen, den Deutschen die Strafmandate, der katholischen Kirche die Ohren- beichte nehmen. Gotteslästerung! Umsturz! Revolution!— Rlenn der Kaifcr jagt I Wie alljährlich fand Anfang Oktober in der wildreichen Schorf. Heide große Hofjagd statt. Wilhelm, ein großer Jäger vor dem Herrn, ist besonders gnädig gestimmt, wenn es ihm gelingt, einen schönen Vicrundzwanzigender zur Strecke zu bringen. Das weiß jeder Forstbeamte. Und es ist daher kein Wunder, daß das Wild wohl gehütet lvird. Diesmal arbeiteten zur Zeit der Jagd elf Steinsetzer, Rammer und Hilfsarbeiter an einem Straßenbau im Forstrevier. Als die Jagdzeit sich näherte, wurde den Arbeitern bedeutet, daß sie aussetzen müßten, die Hirsche würden durch den Klingklang der Pflasterhämmcr und der Rammen g e st ö r t und seinen nicht zusammenzubringen, wenn die hohen Jagdgenossen erscheinen. Da für den Arbeiter in Deutschland bekanntlich auf da? beste gesorgt ist, war es den elf Arbeitern eine Kleinigkeit, in der Zeit der Hosjagd zehn Tage lang ohne irgendwelche Entschädigung auszusetzen. Wir glauben daher auch nicht, daß das Wort von der schwersten Strafe, die den treffen soll. der einen anderen an freiwilliger Arbeit hindert, hier in die Tat umgesetzt wird. Kurc. Wenn der sanfte Bürger mit der Näse In die Spalten seines Leibblatts kimmt, Stößt er neuerdings auf manchen Käse, Der sich etwas stänkerig benimmt. Erstlich: Manuel— man rümpft den Zinken, Und Prinzeßlein— man verzieht das Maul. Dieser Ehekäse scheint zu riechen. Er läuft auseinander— faul, schon saull Zweitens: Eine prima Kruppsche Marke. Etwas brandig bloß, vaschtehste woll l Ach herrje, man hat von diesem Ouarke Noch vom Sommer her die Neese voll. Als bemerkenswerte dritte Sorte Kommt ein Stück IromaZe äs Breslau jetzt. Eine feine Nummer(haste Worte!) Und von kleinen Mädchen stark durchsetzt. �— Dies ist nischt für'ne honette Näse? Warum bohrt ihr denn den Riechestist In den eingangs präsentterten Käse, Wenn er euch so unterkütig müfft l Uno. Spiel und Sport. Schufte, Nägel- und Scherbenstreuer. Neben den treu-deutschen„unpolitischen" Turnern fühlten sich auch die bürgerlichen Radfahrerverei:?e aus einigen schlesischen und sächsischen Gauen berufen, Wilhelm II. aus Anlaß des Jahrhundertfeier-Rummels in Leipzig ihre patriotische Gesinnung durch Ueberreichung einer Urkunde untertänigst ergebenst zu versichern. Diese Urkunde wurde durch Stafettenfahrer von Breslau aus an Ort und Stelle befördert. Ueber diese Fahrt bringt nun„D i e R a d w e l t", das offizielle Organ des Deutschen Radfahrerbundes, in deni leider immer noch sehr viele gewerkschaftlich und politisch organisierte Arbeiter zu finden sind, einen Bericht, der am Schluß folgende a u s g e s u ch t e G e- m einheilen gegen diejenigen Bevölkerungsschichten ent- hält, die von dem politischen Klimbim nichts wissen wollten. kreisten und einander aufmunterten, weil dl« Leute ein Aas brachten Er ging mit dem Volk und geleitete den Kaiser auf seinen letzten Weg, zum Friedhof. Ein alter Soldat sprach ihn, obzwar sie einander nicht kannten, an: „Weiht Du, Mitbürger, daß er auch sein Roß mit sich bc- graben läßt?" Glücklich, gerührt schüttelte der alte Soldat den Kopf: „Was für ein Kaiser das ivarl Was für ein Kaiser!" Terentius verstand dies zwar nicht ganz, doch auch er erklärte schon seinem Nachbar, was für ein Kaiser da» war, was für ein Kaiser der Verstorbene war! Sein Roß läßt er auch mit sich be- graben! Und beim Eintreffen auf dem Friedhof hatten schon alle Ver- sammelten die Gründe ihrer Ergriffenheit gegenseitig ausgetauscht. Der eine war dicsetwegen, der andere jenetwegen gerührt; aber die ganze Menge war gerührt. Und nie würde die Welt glauben, aus wie mannigfaltigen Gründen man einen Kaiser beweint, wenn er stirbt. Dann begruben sie den Kaiser und neben ihn sein Roß. Die Menge weinte. Sie beweinte den Kaiser und sein Pferd. Inzwischen wurde es Abend, und der Himmel begann auch zu weinen. Ein Platzregen strömte auf den Friedhof hinab und jagte der Menge soviel Angst ein, daß sie ebenso den Kaiser wie sein Roß vergaß. Es vergingen keine fünf Minuten, und der Fried- Hof war leer. Nur Terentius blieb dort. . Er setzt« sich auf das frische Grab und dachte nach. Sturm und Regen waren schon vorüber, die Stern« glänzten, wie vom Regen reingewaschen, viel frischer; die Blumen des Fried- Hofes öffneten ihre Blüten und dufteten. Es war eine wunderbare Nacht. Und Terentius sah dort auf dem frischen Grabhügel ti«f in Gedanken versunken. Plötzlich krochen satt«, dickbäuchige Würmer zwischen den Schollen des frischen Grabes hervor. Einer sagte: „Ich Hab mich sattgefressen." Ein anderer fragte: „Welches war der Kaiser, welches war daL Roß?" Ein dritter antwortet«: „Eines hat ganz so wie das andere geschmeckt." Terentius verstand alles und wanderte, tief in Gedanken ver- funken, in die Wildnis zurück... Uedersetzt von Stefan I. Klein. T?e„Radwelt�, da? anitlichc Sprachorgan der bürgerlichen Nadfahrervereine schreibt: „Einen Mißton brachten lediglich wieder die Schufte aller Schufte, die Nägel- und S ch e r b c n st r e u e r in die fönst vorzüglich verlaufene Sportveranstaltung hinein.' Wenn von gewisser seite jahrelang systematisch gegen allen Straßenrennsport gehetzt wird, und- wenn diesmal die Rennver- anstaltung obendrein einen patriotischen Hintergrund hatte, so braucht man nicht zu lange' zu suchen, um zu wissen, aus welchem .Lag e r. Kiese'unsäglich kläglichen, feigen und nieder- trächtigen Attentate auf die Pneumatiks sportfroher junger Leute entstammen." Und solche Gemeinheiten lassen sich zahlreiche Arbeiter•">. den Kops--erfen, ohne diesen gemeine-: Ver- Icumdern sofort die richtige Antwort durch ihren Austritt aus den bürgerlichen Radfahrervereinen zu geben. Wer von ihnen trotzdeni noch Mitglied bei dieser Gc- sellschaft bleibt, der hat die Achtung im p o l i t i s ch e n Leben verloren._ Fußball. Freie Turnerschaft Spandau gegen Ncu-Hellas 3; 1 für Neu- Hellas, Spiel- und Sportverein Lankwitz gegen Freie Turnerschast Tempelhof-Wmendors 5: 4 für Tempelhof, Fichte 6 gegen Fichte 1 4:1 für Fichte 6, Fichte 4.1. Männermannschaft gegen Union- Pankow 1. Männermannschaft 4: 1 für Union, Fichte 4 2. Männer- Mannschaft gegen Sperber 2. Männermannschaft S: 2 für Sperber, Fichte 4 1. Jugend gegen Fichte 12 Jugend 6:0 für Fichte 4 . s Halbzeit 2: 0), Fichte 4 2. Jugend gegen Schönholz 1. Jugend ö:1 für'Schötihölz, Nöwawes Jugend gegen Wilmersdorf Jugend � 8: 0 für Nowawes, Spiel und Sport Weißensee Jugend gegen � Reinickendorf Jugend 22: 1, Fichte 16 1. Mannschaft gegen Bernau! 0: 1 für Bernau, Fichte 16 2. Mannschaft gegen Weißensee 3! 4:1 für Weißenfee, � Fichte 16 Jugend gegen Pankower Turner- schaft 0: 3 für Fichte 16. Das Spiel Wilmersdorf 1 gegen Rapide 1 wurde von Wilmers- dorf gewonnen, Wilmersdorf 2 gegen Rüstig Vorwärts 2 3:8 für Rüstig Vorwärts. Reinickendorf 1. Mannschaft gegen Neukölln 1. Mannschaft 4: 2 für Neukölln, Eintracht-Schönholz gegen Fichte 4 5:11 für Schön- holz, Liberia'2. Mannschaft gegen Adler 2. Mannschaft 10:0 für Liberia, Merkur 1. Mannschaft gegen Weidmannslust 1. Mannschaft i 17: 1 für Merkur, Freie Sportvereinigung Berlin gegen Vor-! wärts-Friedrichshagen?, Lichtenberger Sportklub gegen Eintracht- Mahlsdorf 5: 0 für Eintracht, Jung-Stralau 1. Jugend gegen Rummelsburg 2. Jugend 4; 0 für Rummelsburg, Freie Turner-' schaft Lichtenberg gegen Stralauer Ballspielklub 6: 0 für Lichtenberg, Gesellschaftsspiel Freie Turnerschaft Lichtenberg gegen Friedrichsfelde 5:1 für Lichtenberg, Fichte 1l 1. Mannschaft gegen Viktoria 2:0 für Viktoria, Hertha 1012 2. Mannschaft gegen Fichte 12 2. Mannschaft 3: 1 für Hertha,— 3. Mannschaft gegen■. Charlottenburg 3. Mannschaft, Hertha kampflos gewonnen, Schöne- j berg 1. Jugend gegen Fichte 6 1. Jugend 5: 0 für Schöneberg, Fichte 17 1. Jugend gegen�Fichte 9 1. Jugend 9:0 für Fichte 17, 1 Freie Turnerschaft Jung-Stralau 2. Mannschaft gegen Stralaucr Ballspielklub 2. Mannschaft 14: 0 für Jung-Stralau, R. B. C. 1 � gegen Friedrichshagener Allemania 3: 1 für Allemania,— 2 gegen| Fichte 7 13:0 für R. B. C.,— 1. Jugend gegen Eiche-Tegel 8:4 für R. B. C., Oberspree gegen Britannia �8: 2 für Obcrfpree, Fricdrichsfeldc 1. Jugend gegen Sportklub Mahlsdorf 1. Jugend, 5:1 für Fridrichsfelde,— 2. Jugend gegen Freie Sportvereini- � gung 1. Jugend 7:1 für Freie Sportvereinigung, Fichte 18 gegen Rinickendorfer Freie Turnerschaft 2: 1 für Fichte 18, Jung-Volk- Rosenthal gegen Weißensee 14: 1 für Rosenthal, ischöneberg 1. Mannschaft gegen Fichte 12 1. Mannschaft 2: 1 für Schöneberg,— 2. Mannschaft gegen Neu-Hellas kampflos gewonnen für Schöne- berg, Sportklub Brigant gegen Johannisthaler Ballspielklub kämpf- los' gewonnen für Brigant._ Radrennen in Treptow. Sonntag, 26. Oktober. Ter große Abschiedsvreis. der heute mit' Hall, Demke und Schulze ausge- fahren werden sollte, mußte des eintretenden Regens halber schon Hehn ersten Lauf abgebrochen werden. Das Programm soll am nächsten Sonntag seine Fortsetzung finden. Der Besuch war wegen des Auftretens von Pegoud in Johannisthal nur ein schwacher. Lilie©ende der flugtechnik? Mancher von denen, die am Sonnabend und Sonntag in Johannisthal Pegouds Wunderflüge anstaunten, mochte sich jener anderen Völkerwanderung erinnern, die sich zum Halleschen Tor hinaus ergoß, um die Flugkünste des amerikanischen Wunder- mannes Orville Wright zu sehen. Viele Zehntausenoe umsäumten dainals das Tompelhofer Feld und jauchzten dem Kühnen begeistert zu, der auf jener seltsam anzuschauenden Maschine wiegenden Fluges 20 bis 30 Meter hoch das Feld umkreiste. Hingerissen wurde vollends das Publikum, als Orville Wright damals einen Höhenrekoro aufstellte. In getvaltigem Anlauf— die Energie des Mannes übertrug sich förmlich auf die Tausende der Zuschauer— brachte er es auf 176 Meter Höhe. Er hatte damit den„Welt- rekord" um ein oder zwei Dutzend Meter gedrückt! Das war vor vier Jahren— es ist wirklich noch nicht länger her, denn die geschilderten Szenen spielten sich im Jahre 1909 ab. Und heute steht der Welthöhenrekord auf 5800 Meter, heute hat die Flugmaschine nnt 2160 Kilometer Tagesleistung sogar die längste Zeppelinfahrt um ein Beträchtliches geschlagen, heute fliegt � man von Paris nach Warschau in einem Tage oder man überquert zur Abwechslung. auch einmal das Mittelmeer in seiner größten Breite. So hätten wir es glorreich weit gebracht, so könnten wir ! uns in der Tat der Eroberung der Luft rühmen, wenn nicht das ungeheure Leichenfeld der Aviatik wäre. Mehr als 300 Luft- � Pioniere sind tödlich abgestürzt, sind mit ihren Apparaten an dem ' feindlichen Erdboden zerschellt, zum Teil elend verbrannt. Die Ursachen dieser Katastrophen lagen klar auf der Hand: sobald die Maschine durch einen Windstoß oder ein ungeschicktes Steuermanöver aus ihrer normalen Lage gebracht wurde, stürzte sie ab. Nahm der Flieger eine Kurve zu jäh, so rutschte er seitlich ' ab; nahm er zu steil eine Steigung, so glitt er nach hinten in die Tiefe; stellte er den Gleitflug zu steil ein, so sauste er kopfüber zu Boden. Was lag da näher, als auf Mittel zur Schaffung einer „automatischen Stabilität" zu sinnen. Man baute zahlreiche Vor- richtungen, die durch selbsttätige Auslösung von Steuerbewegungen einen kippenden Apparat wieder ins Gleichgewicht bringen sollten. Oder man suchte durch besondere Verlegung des Schwerpunkts die Maschine an sich stabil zu machen: wie ein Stehaufmännchen sollte sie sich aus jeder Lage von selbst wieder aufrichten. Aber so gc- schickte Anordnungen man auch erfand, die Erfolge waren doch nur mäßige. Auch die„stabilsten" Apparate kippten und stürzten ab, und Die wahrhafte„automatische Stabilität" blieb bis jetzt noch ein Traum der Technik. Und da kommt nun urplötzlich ein ziemlich neugebackener sran- zösischer Flieger und sagt uns: Ihr Flugtechniker befindet Euch aus dem Holzweg. Ihr sucht etwas, was Ihr gar nicht braucht. Ihr wollt die Flugmaschine so bauen, daß sie nicht mehr abrutschen und kippen kann. Wpzu denn aber? Laßt die Maschine doch kentern und abstürzen soviel sie will— sie i st ja so stabil, daß sie jederzeit die normale Lage wiedergewinnt, wenn nur der Pilot sein Handwerk versteht und nicht den Kops verliert. Es gibt keine Lage, und wenn er auf den Kops stünde, aus der der Apparat nicht wieder mit Leichtigkeit in die Balance zu bringen wäre. Die Flugmaschine, die Ihr so ängstlich die Gleichgewichtslage er- halten wollt, ist ein viel virtuoseres Fluginstrument, als Ihr Euch je träumen ließet. Sie ist viel leistungsfähiger, als ein Vogel. Sie kann ganz gefahrlos nach vorne und hinten Purzel- bäume in der Lust schlagen, was ihr kein.Vogel nachmacht. Laßt also die Piloten nur ordentlich fliegen lernen und Ihr könnt auf jede automatische Stabilität verzichten. Und Pegoud behauptet das nicht nur, er demonstriert es uns sä ocuIos. Er zeigt uns, welche Wunderdinge man einer Flug- Maschine, einem ganz normalen Bleriot-Apparat, zumuten kann. Er bringt diesen Apparat in alle Stellungen, in die ihn ein Wind- stoß oder ein Zufall überhaupt bringen kann. Er läßt ihn seit- lich abrutschen, er läßt ihn nach vorn und nach hinten kippen. Er schlägt ganze Ketten von sechs, sieben Purzelbäumen hinter- einander. Jede einzelne seiner Evolutionen würde für jeden anderen Flieger den Todessturz bedeuten. Von Akrobatik wird man auch deshalb nicht sprechen dürfen,, weil eine Flugkunst wie die Pegouds in der Tat gegen die meisten Absturzgefahren zu sichern scheint. Wir wüßten wenigstens nicht, was Elementargewalten einem solide gebauten Apparat noch an- haben könnten, den ein Mann wie Pegoud lenkt. Nur dicht über dem Boden, bei Abflug und Landung, könnte ihn Unheil in Gestalt eines nicht mehr zu parierenden Windstoßes ereilen. Aber dagegen würde auch keine noch so vorzügliche automatische Stabilität sichern können. Aber Pegoud richtet den Apparat im Nu mit einer spielenden Eleganz wieder auf, daß man an gar keine Gefahr denkt und das graziöse Linienspiel dieser Flugkünste ästhetisch zu genießen ver- mag. Dabei hat Pegoud nur die Verspannungen verstärkt und die Steuerflächen etwas vergrößert, sonst aber an der bekannten Bleriot-Type nicht das geringste verändert. Handelt es sich hier also nur um die Akrobatik eines toll- kühnen Fliegerartisten oder hat der Franzose recht, wenn er be- hauptet, erst durch seine Methode, zu fliegen, gelange man zur Lustbeherrschung und zur Ueberwindung der Absturzgefahr? Pegoud sagt, seine Flugkünste könne ihm nach vorsichtiger Uebung jeder beherzte Flieger nachmachen. Das ist auch sehr glaubhaft. Auch die Gebrüder Wright hat man ja ursprünglich als Luft- akrobaten verschrieen, und heute haben wir Tausende geprüfter Flugzeugführer, von denen uns jeder einzelne versichert, daß das Fliegen wirklich keine Hexerei sei. Vielleicht haben wir also in wenigen Jahren tausende von Pegouds! Wir glauben auch nicht, daß es Pegoud besonders viel aus- machte, wenn bei einem seiner Sturzflüge oder Saltos der Motor nicht wieder anspränge. Denn da der Apparat ja in jeder Lage so willig dem Steuer gehorcht, würde Pegoud wohl auch jederzeit zum Gleitflug übergehen können. Töricht wäre es natürlich, wenn man nun blindlings mit jedem Apparat die Kunststücke des französischen Fliegers nachmachen wollte. Denn dazu gehört natürlich eine besonders geeignete Form des Apparates und vielleicht auch ein besonderer Motor, der Ro- tationsmotor. Unsere massiven, geschweiften Tauben und unsere kolossale» Doppeldecker dürften sich kaum zu Flügen ü!a Pegoud eignen. Man wird sich deshalb auch nicht zu wundern brauchen, wenn gerade unsere Flugindustrie und vielleicht auch unsere Militärver- waltung den Ansichten und Leistungen Pegouds mit?»hler Skepsis begegnen sollte. Man lernt nicht gern um und zahlt nicht gern allzu hohes Lehrgeld. Aber auf die Dauer wird man sich der Be- dcutung der neuen Flieger- und Flugtechnik schwerlich verschließen können. Uns will es wenigstens scheinen, als könne man das be- kannte Goethewort so variieren: von heute und hier ab beginnt eine neue Epoche der Flugtechnik und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen! mtra» Heute Vormittag Hz 12 Uhr ver- Ichicd sanft nach kurzein, schwerem Leiden mein lieber Mann, unser guier Bater, Bruder, Schwager, Onkel und Großvater, der Nestau- raleur \VjIKeZm Küster im 52. Lebensjahre. Dies zeigen iiefbetrübt an pneilsricks Küster geb. Waller liebst Kindern. Berlin, den 24. Oktober 1313 Die Beerdigung findet am Montag, den 27, Oktober, mittags 12 Uhr, vom Trauerhause Beüssel- straße 23 ans aus dem städtischen Friedhof in der Seestroße, Ecke Miillerstraße, statt. Beisetzung daselbst 1H, Ilbr. Am 25. Oktober 1913 verstarb nach kurzem, schwerem Leiden unser lieber Vater. Schwieger- vater und Großvater fäaML Schlick Pappel-Allee 12/13. Die trauernden Hinterbliebenen Die Beerdigung findet am Dienstag, den 28. Oktober, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- balle des Gethsemane-Kirchhoss. Nordend, aus statt. Heines Werke > 3 Bände 4 Marf- Buchhandlung Vorwärts H erre für Herren in Jackett-, Kock- ferrrn, in hochmodernen Farben. aus besten Stoffen, selbst angefertigt, für jode Figur passend, auf Lager, werden zu folgenden billigen Preisen zum Verkauf gesteUt: Jackett- Anzüge Tl. 10, 16, 20 etc. Oehrock-Anzug„ 18,22,27„ Winter-Ulster„12,15,22„ Herren-Paietots„ 6, 8,12„ Jünglings- Anzug, 8,10.14„ Hosen....„ 2, 3 bis 6.- Institut für Verleihung eleg, OeseUschafts- Anzüge. Garderobenhaus. Hauptgeschäft; Gr. Frankfurter Straße 116 an der Andreasstraße. Zwci!; Seliönhanser Allee 1B1. Gesch. t tzHEHHHEGEHEGEHV� Unserm Genossen August Thetmeyer nebst Frau die besten Glückwünsche Silberhochzeit. Die Genossen der 45. Gruppe zur des Wahlvereins Lichtenberg Wererfmdet? Erfindungen werden zu kaufen gosnebt! Anfr. und Ang.(auch Ideen) au Adolf Seng. Kassel 143� Kaffee-Qrop-Jiösterei GebrCrossien NeüßScl]önhauserS{r.14Adei602r; gelchlit Feankturter Allee 188. Postscheckkonto 9845. 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