Kr. 383. flbonncmcntS'Bedingungen: HBonncmentä■ Preis fcrärannetmtfc o: Lierteljährl. 3,30 M, nionafl. 1,10 Mk, wöchenilich 28 Psg. frei ins Haus. Tmzelne Nummer S Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Reite Welt" 10 Pfg. Post- Stbonnemcnt: 1,10 Marl pro Monat. lkingetragen in die Post-ZeiwngS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Ccfimcich- Ungarn 2,50 Marl, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat. PostabonnemenlS nehmen an: Belgien, Dänemarl, Holland. Italien. Luxemburg. PorNtgal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 3tK Jahrg. Die TnfertionS' Gebühr beträgt für die sechsgesvaltenc Kolonel- zeile oder deren ütaitm 80 Pfg., für politische und gewerlschaitliche Lercin?. und Bcrsamntlungs-Anzeigen 30 Pig. „kleine Anreigen", das fettgedruckte Wort 20 Psg. szuISsstg 2 scttgedrrickle Worte), jedes weitere Bort 10 Psg. Stellengesuche und Schlafitellenan- zeigen das erste Wort 10 Psg, jedes wettere Worts Psg. Worte über töBuch- i laben zählcti für zwei Worte. Inserate ür die nächste Nilinmer müssen bis > Uhr nachmittags itl der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, kllchcipf tägllcb. Verlinev Dolk�blntt. Telegramm- Adresse: „SozialiUmohrat Rerlia", Zcntralorgan der roztaldcmokrattfchen Partei Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moriupla«, Nr. Krupps ver-waltungsWem. Man muß es der Firma Krupp lassen, daß sie ein gerade- zu geniales Vcr—»valtungssystem durchgeführt hat, uni ihre Geschäftsgeheimnisse, die'ja bei einer Kanoncnfirma ihres Charakters besonders ausgedehnte und delikate sein müssen, nach Möglichkeit zu caschieren. Sie hat da sicherlich nach der Devise gehandelt: Je weniger Mitwisser, desto besser. Und sie hat dies System, die linke Hand nicht wissen zu lassen, was die rechte tut, mit einer Virtuosität durchgeführt, daß nicht nur ein Teil der Direktoren keine blasse Ahnung von deni hat, was einem anderen Teile ein liebes und lvertvolles Ge- heimnis ist, sondern sie hat sogar dafür gesorgt, daß Vor- sitzende des Direktoriums nicht einmal die Kenntnis der elementarsten Geschäftsgeheimnisse haben. So wußte beispielsweise der derzeitige Vorsitzende des Zentralverbandes deutscher Industrieller, Herr Landrat a. D., v. Roetger, obwohl er zur Zeit seiner Tätigkeit bei der Firma Krupp(1901 bis 1909) sogar zum Vor- sitzenden des Direktoriums aufgestiegen lvar, nach seiner Zeugenaussage nicht einmal, daß die bei der Firma ein- laufenden Geheimberichte allgemein als Kornwalzer bezeichnet wurden. Wie soll man sich da noch darüber wundern, daß ein anderer Vorsitzender des Direktoriums, Herr Direktor Hugen- berg, bis zum Jahre 1912 keinen Schimmer von der Existenz der B r a n d t sch c n Kornwalzer hatte. Zwar trugen mehrere der Kornwalzcr des Herrn Brandt einen Vermerk von der Hand des Herrn Hugen berg selbst. Aber dieser Vorsitzende des Direktoriums meinte leichthin, daß ihm bei der Unmasse von Schriftsätzen, die ihm durch die Finger gelaufen seien, natürlich leicht das eine oder andere Schriftstück entfallen sein könne. Welche Unsumme von Geheimmaterial muß da Hcrm Hugcnberg durch die Hände gegangen sein, um so ch a r a t t e r i st i s ch e Dokumente völlig vergessen zu können, wie sie doch die zwar nicht unterzeichneten, aber ihrem In- halte nach doch häufig um so interessanteren Kornwalzcr des Herrn Brandt darstellten! Aber, wie gesagt, die Verwaltung der Firma Krupp ist ebenso genial erdacht wie zweckbewußt dnrchgcstihrt. Das Direktoriuni als Gesamtkörperschaft befaßt sich nur mit den allerwichtigsten Dingen. Nur über Ausgaben, die gewaltige Summen anlangen, wird in eine nähere Debatte eingetreten. Die„kleineren" Ausgaben hat der be- treffende Dezernent zu verantworten. Zwar existiert noch so etwas wie eine Oberrechnungskamnier bei der Firma Krupp. Aber auch diese scheint es mit der Nachprüfung der Ausgaben nicht allzu gründlich zu nehmen. Wozu auch! Es handelt sich ja um die Betriebskosten eines Riesenunternehmens, das einen so hohen Gewinnst abwirft, daß es auf einige Taufende oder auch Hunderttausende wirk- lich nicht anzukommen braucht! Die durch den Militarismus ausgebeuteten Völker zahlen ja die Kriegskosten. Insonderheit auch das deutsche Volk muß so ungeheure Auftvendungen für das Kriegs- Material machen, daß außer den enormen Spesen in Gestalt von märchenhaften Gehältern und ricsenhasten„Funktions- zulagen"— die jährlickstm 3500 M. des Brandt waren ja nur eine Lappalie, gemessen an den Funktionszulagen höher- gestellter Kruppbeamter � auch noch einige 20 Millionen Reingewinn jährlich für die Kanonendynastie Krupp übrig bleiben! So kommt es denn, daß von den heute lebenden Herren Direktoren der Firma Krupp eigentlich keiner mehr recht weiß, weshalb denn der Brandt aus die Subalternbeam- ten der A.-P.-K., der Feldzeugmeisterei und des Kriegsmini- steriums„losgelassen" wurde. Denn nicht nur die geniale Nessorteinteilung der Firma setzt ja allen Ermittelungen eine unüberwindliche Schranke, sondern auch Tod und Krankheit müssen der Firma nützen. Herr Brandt ist seinerzeit zu ganz bestimmten Zwecken in einer für die Firma Krupp kritischen Zeit nach Berlin versetzt worden. Aber der angebliche Antragsteller für die Entsendung des Brandt, Herr v. E? ch ü tz, ist inzwischen g c st 0 r b c n. er hat das Geheim- nis mit ins Grab genommen. Auskunft hätte allenfalls noch der Dezernent für das Nachrichtenwesen, Herr Direktor B n d d e, geben können. Aber auch der hat inzwischen das Zeitliche gesegnet. Und wer nicht gestorben ist, den hat inzwischen Krankheft von der Verantwortung entbunden. Herr v. E c c i u s wäre als Nachfolger Buddes doppelt haftbar gewesen, wenn ihm nicht zur rechten Zeit Krankheit zur Beurlaubung von seinen Geschäften verholfen hätte. Gerade in der Zeit, wo Herr v. Motzen und Brandt selbst die„ahnungslosen" Kruppdirck- toren mit der Nase auf pas Verbrecherische der Brandtschen Tätigkeit stießen, war Herr v. Ercius wegen Krankheit beurlaubt. Der Stellvertreter für Herrn v. Eccins, der nachmalige Direktor v. Much Ion, mußte sich infolge eines Warnungsbriefes des Herrn v. Metzen zwar nach Berlin begeben, um hier Herrn Brandt ins Gebet zu nehmen. allein auch ihm kam die Krankheit des Herrn v. Eccius sehr zu statten. Brandt brach seinem stellvertretenden Vorsitzen- den gegenüber in den Stoßseufzer aus, daß ihn seine Tätig- keit zugrunde richte und daß er„ein a n st ä n d i g e r Mensch bleiben" wolle. Jeden anderen als Herrn von Muchlon hätte etwas Derartiges natürlich stutzig gemacht wid zum eingehenden Jnquirieren des Brandt i veranlaßt. Aber Herr v. Muehlon war nun einmal ein bis zum Stehkragen„korrekter" Kruppbeamter. Er war ja nur der Stellvertreter des Herrn v. Eccius. fühlte sich also keineswegs bewogen, den Brandt nun ein wenig näher auszufragen. Er begnügte sich vielmehr mit der Bemerkung, ob denn Brandt„etwas Ilnrechtmäßiges begangen" habe. Und als Brandt das angeblich verneinte, reiste Herr von Muehlon schleunigst wieder ab, um in der nächsten Sitzung des Direktoriums Bericht über sein Erlebnis zu erstatten. Das war in den e r st e n T a g e n des August 1912. Als aber Herr Muehlon mit seiner wichtigen Sache näher heraus kommen wollte, winkte ihm Herr Direktor Hilgenberg schleir nigst ab. Denn— die Firma hatte in dieser Woche Wich tigeres zu tun, sie hatte ihre Jubiläumsfeier zu arrangieren, und das Jubilieren geht ja in unserem Zeit alter, des Festefeierns bekanntlich über alles. So blieb denn die Geschichte unerörtert bis zum 24. August. Aber auch da kam nicht etwa eine normale Sitzung des Direktoriums in der Angelegenheit Brandt zu- stände, sondern nur eine unverbindliche Besprechung von vier Herren, die schließlich damit endete, alles beim alten zu lassen. Erst als dann Herr v. Motzen mit seinen Drohungen herauskam, hielt man es am 2 5. Oktober für geboten— nicht etwa den Brandt wegen der nunmehr dem Direktorium ganz unverkennbaren Tätigkeit zu entlassen, sondern ihm eine g e>v i s s e R c s c r v c zur Pflicht zu machen Und warum solch unbegreifliche Nachsicht? Angeblich, weil man dadurch sein„schlechtes Gewissen zu verraten" und den zu erwartenden Enthüllungen des Herrn V. Metzen einen Schein von Berechtigung zu geben befürchtete. W e l ch 0 b e r- faule Ausrede! Denn wenn die Firma Krupp wirklich ein so gutes Gewissen hat, hätte sie doch etivaigen Teiiunzia- tionen eines von ihr entlassenenJSeaiiiteii mit größter Seelenruhe entgegensehen können. Sie fühlte sich aber in ihrer h ö ch st b e d e n k l i ch e n Position so schwach, daß sie ein r 0 b u st e s Gewissen zu markieren für nötig hielt, um dem Verdacht eines schlechten Gewissens zu entgehen. Vielleicht freilich auch hielt sie es bei der Stellung, die nun einmal die allmächtige Firma Krupp in unserem- Militärstaate ein- nimmt, immerhin für ausgeschlossen, daß dieser Firma etwas Menschliches passieren könnte! Daß diese letztere Ännahnie keineswegs von der Hand zu weisen ist, verriet am Montag deutlich genug das Auftreten verschiedener Herren„Zeugen". Daß die diversen Herren Krupp-Tircktoren überhaupt als Zeugen auftreten konn- ten, statt auf den ihnen gebührenden bescheideneren Platz, auf der Anklagebank, verwiesen zu werden, ist ja an sich schon etwas absonderlich. Absonderlicher aber noch war es, mit welcher Haltung die Herren Krupp-Direktoren aufzutreten für angemessen hielten. Sie fühlten sich offenbar schon höchlichst chokiert darüber, daß man ihre weitschweifigen Darlegungen, die mit der Form gewöhnlicher Zeugenaussagen verteufelt wenig gemein hatten, von Gerichtsstelle aus nicht ohne weiteres ohne jeden Kam- mentar entgegennahm. Schon Herr Direktor Hilgenberg war sehr unangenehm berührt, als ihm der Staatsanwalt die Frage vorlegte, ob er als ehemaliger V 0 r t r a g e n d e r R a t im F i n a n z m i n i st e r i u m denn nicht gewußt habe, daß Subaltcrnbcamte das Schtveigegebot des Dienstgeheim- nisses streng zu respektiren hätten. Herr Hugenberg meinte, daß so etwas„in der Praxis ja gar nicht d u r ch z u- führen" sei, und daß es dem„Pflicht- und Taktgefühl jedes einzelnen Beamten überlassen." bleiben. müsse, den von dem Unternehmertum ausgeschickten Ausfragern Rede und Ant- wort zu stehen. Auch als der Staatsanlvalt energisch betonte, daß das doch eine höchst laxe Auffassung sei. blieb der Herr Finanzrat a. D. bei seiner allerhöchst subjektiven Auffassung. Viel schneidiger noch glaubte der Vorsitzende des indu- striellen Scharfmacherverbandes, der Herr L a 11 d r a t a. T. V. R ö t g e r austreten zn dürfen. Dieser Herr ivar durch die aktenmäßig vorliegenden Tatsachen b c s 0 n d e r s s ch w e r belastet. An ihn persönlich waren jene Briefe des Herrn v. Schütz gerichtet gewesen, in denen besondere Gehaltsver- günstigungen für den Brandt erbeten wurden, weil Herr- Brandt so wertvolle Mitteilungen zu machen wisse, ohne seine Opfer„durch direkte Geschenke" willfährig zu machen. Herr v. Rötger entsann sich natürlich nicht mehr dieser Dinge. Als ihm der Vorsitzende vorhielt, daß ihm ein derartiger Brief doch habe auffallen müssen, gebürdete sich der Zeuge förmlich entrüstet über eine solche Verdächtigung. Nach „seiner ganzen Vergangenheit" habe er doch Wohl Anspruch darauf, daß man ihm nicht zutraue, unfairen Handlungen seine Billigung gegeben zu haben. Als ob vor Gericht die makellose„V e r g a n g e 11 h e i t" irgendeines Verdächtigen irgendwelche Rolle spiele, als ob nicht allein Tat- fachen als beweiskräftig angesehen würden. Herr v. Rötger h a t mehrfach Briefe des Herrn v. Schütz mit gleich a u s fälligem Inhalt empfange n. Daß er sich nach einer Reibe von Jahren solcher Briefe nicht mehr entsinnt, ist möglich. Aber daß ein ehemaliger Landrat, Krupp-Direktor und Vorsitzender eines Scharfmacherverbandes sich einfach gegen die Beweiskraft schwer-� wiegender Indizien für gefeit hält, verrät denn doch eine erhebliche U eberschätz ung seiner Würden und Titel! Es ist deshalb recht bedauerlich, daß solchen Anmaßungen vom Herrn Vorsitzenden und dem> Staatsanwalt nicht energischer entgegengetreten wurde. Herr Expedition: SM. 68, Lindenstrasae 69. Fernsprecher: Amt Mcrifeplat:, Nr. 1984. v. Rötger mag es sich jedenfalls gesagt sein lassen, daß er der O öffentlich keit durch derartige Ansprüche ganz und gar nicht zu imponieren vermag! Doch um zu dem genialen Verwaltungssystem der Firma Krupp zurückzukehren. Der Herr Oberstaatsanwalt konnte begreiflicherweise sein Erstaunen darüber nicht unterdrücken, daß über die Sitzungen des Direktoriums keinerlei Protokolle geführt wurden. Mochte er sich ruhig wun- dorn! Herr Direktor Hilgenberg erklärte einfach: Wir in Essen machen es nun einmal so! Der Oberstaatsanwalt meinte, in den Sitzungen des Direktoriums würden dock) sicherlich p r i n z i p i e-il e Entscheidungen getroffen, auf die man sich später wieder- beziehen m ü s s e. Herr Hugenberg dagegen erklärte kategorisch: Das gibts bei uns nicht. Bei uns ist„die Tradition mündlich". Die Beschlüsse müssen sich „von Mund zu Mund fortpflanzen". Erlischt die mündliche Tradition, so hat es eben dabei sein Bewenden. In der Tal, wie wertvoll solch mündliche Tradition ist und von wie großem Nutzen es sein kann, wenn kein Mensch mehr etwas von den Dingen zu wissen braucht, die vor ein paar Jahren für die Firma Krupp von so großer Wich- t i g k c i t waren, das belveist ja die Affäre Brandt! Wo so kitzliche und delikate Dinge eine Rolle� spielen, wie bei der Kanonenfirma Krupp, da ist es in der Tat gut, wenn „nichts Schriftliches" existiert! Mit dem Herrn Oberstaatsanwalt wird freilich auch die Oeffentlichkeit den Kopf über solch eigenartiges Geschäfts- gebaren schütteln!_. Die itslieniichen Blahlen. Sozialdemokratische Erfolge. Rom, 27. Oktober.( P r i v a t t e l e g r a m in de?„Bor- wärt?".) Der Gesamtausgang der Wahlen ist für die Partei über Erwarten gut und bedeutet einen großen Erfolg. Von 26 Wahlkreisen, die sie beseffen, behauptet die Partei 21. Außerdem hat sie zehn neue Wahlkreise erobert. In 26 weiteren Kreisen steht sie in Stichwahl, in vielen davon steht unser Kandidat weitaus an erster Stelle. Unsere Stimmenzahlen sind teilweise imponierend. So erhielten Turati 13 000, Morgari Iv ooo, Cipriani, der als Protestkandidat gegen den Reformisten Bissolati in Rom aufgestellt war, 5176 Stimmen, nur um 650 weniger, als der siegreiche reformistische Führer. In Rom steht auch unser Genosse Eampanodzzi in Stichwahl. Die Reformisten behaupten von 15 Bkandaten, die sie inne hatten. 11. In Stichwahl stehen Professor Ferri, Podreeca, der Redakteur des bekannten antiklerikalen Witzblattes„LÄsino", ferner Eanepa und Nofri. Außerdem ist es den Reformisten ge- lungen, fünf weitere Kreise in Süditalien zu erobern. Die Republikaner verlieren einige Mandate. Die Klerikalen haben in Venctien zahlreiche Gewinne zu ver- zeichnen, haben aber in Süditalien eine starke Niederlage erlitten. In Mortara besiegte unser Genosse Eagnoni den Unterstaats- sekretär Bagamasco. Von Einzelresultaten sei noch erwähnt, daß der.berühmte" Exminister N a s i nicht weniger als dreimal gewählt worden ist. In Neapel gewann Arturo L a b r i 0 l a, der früher der Partei angehörte und dann auch eine Zeitlang Syndikalist war, ein Mandat. In Neapel wurde auch Ettore C i e 0 t t i, gleichfalls ein früherer Parteigenosse, gewählt. Die Wahlbeteiligung im Lande betrug etwa 60 Prozent. Weitere Resultate. Rom, 27. Oktober. Bis 1 Uhr waren 359 Wahlresultate bei 508 Wahlkreisen bekannt. Es wurden bis dahin gewählt: 175 M i n i st e r i e l l e Konstitutionelle, 14 der Konstitutionellen Opposition, 38 Ministerielle Radikale, 19 Katholiken, 22 Sozial- d e m 0 k r a t e n, 16 R e f 0 r m i st e n und 11 Republikaner: 64 Stichwahlen waren nötig. Alle Minister und Unterstaatssekretärc sind wieder gewählt worden. Nur die Wahl des UnterstaatssekrelärS der Marine BergamaSco war noch zweifelhaft. Die meisten Politiker von Bedeutung kehren in die Kammer zurück. Zusammenstöße. Rom, 26. Oktober. Der Wahltag ist bisher ohne ernste Zwischenfälle verlaufen. Nur in Nuvo(Provinz Bari) kam es zu Ausschreitungen und ein 14jähriger Knabe wurde durch Nevolverschüsie getötet. Der„Popolo Romano" glaubt, daß von 503 Mandaten 400 gleich im ersten Mahlgang ent- schieden werden dürften. Die Minister Giolitti, Finocchiaro Tedesco, Sacchi sind wiedergewählt. In Rom sind der Ministerielle Guido a c c e l l i und der Republikaner B a r z i l a i wiedergewählt worden._ Das£nde vorn Oed. Tie braunschwcigisckie Thronsolgefrage, die zu so manchen Witzen und fröhlichem Spott Anlaß geboten hat, ist nach offizieller Verkündigung in der„Nordd. Allgem. Ztg." endlich g e l ö st. Die durch die Heirat des Prinzen Ernst August mit der Tochter Wilhelms II. angebahnte Verständigung zwischen dem hohen- zollerischen und welsischen Fürstenhause ist nach verschiedenen gegenseitigen Verwechselungen und Verstimmungen nun doch perfekt geworden— und das schöne Resultat des Ganzen ist: der Prinz Ernst August von Cumberland zieht mit seiner jungen Gattin als angestammter Herzog des Braunschweiger Landes in seine liebe und getreue Restdenzstadt ein— ein neuer Monarch von Gottes Gnaden im Strahlenkranz der deutschen Bundesfürsten. Nachdem in der letzten Zeit die preußische Regierung mit de- kannter Umsicht alles für den Akt der Anerkennung im Bundesrat vorbereitet hatte, ging heute die einstimmige Annahme des preußU schen Vorschlages im Bundesrat glatt vonstatten. Um der Sache eine gewisse Feierlichkeit zu geben und die von Besorgnissen ge� plagten preußischen Ueberpatrioten zu besänftigen, hatte die preußische Regierung sich nicht damit begnügt, einen kurzen formellen Antrag auf Aufhebung des bundesrätlichen Beschlusses vom 2. Juli 1883 zu stellen und die Anerkennung des cumber- ländischen Prinzen als braunschweigischen Thronfolger zu fordern, sondern sie hatte in ihren Antrag noch eine lange Begründung hin- eingearbeitet. Nochmals wird in aller Ausführlichkeit auf die Be- schlüsse des Bundesrats vom 2. Juli 1883 und 28. Februar 1301 hingewiesen, durch die damals erklärt wurde, daß die Regierung des Herzogs von Cumberland in Braunschweig mit„d e n Grundprinzipien der Bündnisverträge und der Reichsverfassung nicht vereinbar se i". Seitdem aber, so wird dann versichert, hätten sich die Beziehungen zwischen den hohenzollcrischen und cumberländischen Fürstenhäusern gründ- lich geändert, so daß heute die Thronfolge des Prinzen Ernst August nicht mehr gegen die ehemaligen„Grundprinzipien" der- stoße— und zwar wird diese Veränderung folgendermaßen ge- schildert: „Durch die Vermählung des Prinzen mit Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Viktoria Luise von Preußen sind zwischen dem preußischen Königshaus und dem Herzoglich braunschweigisch- lünsburgischen Hause enge Familienbeziehungen geschaffen war- den. Seine Königliche Hoheit hat außerdem mit Zustimmung seines Herrn Vaters seine Anstellung als Offizier im Königlich preußischen Heere nachgesucht und Seiner Majestät dem Kaiser und König Treue und Gehorsam eidlich gelobt. Er erblickt in diesem Eide, wie er dem unterzeichneten Reichskanzler und Königlich preußischen Ministerpräsidenten gegenüber schriftlich er- klärt hat, zugleich das Versprechen, daß er nichts tun und nichts unterstützen werde, was darauf gerichtet sei, den derzeitigen Be- sitzstand Preußens zu verändern. An dieses Versprechen erachtet er sich für immer gebunden, da es eine Verpflichtung enthalte, die stch für einen deutschen Bundesfürsten von selbst ergebe. Unter diesen Umständen kann nicht mehr behauptet werden, daß Seine Königliche Hoheit der Herzog von Cumberland und sein Haus sich zu dem Bundesstaate Preußen in einem Verhältnis befinden, das dem reichsverfassungsmäßig gewährleisteten Frieden unter Bundesgliedern widerstreite." Deshalb fühlt sich die preußische Regierung veranlaßt, folgen- den Antrag zu stellen: Der Bundesrat wolle beschließen: 1. die Ueberzeugung der Verbündeten Regierungen dahin aus- zusprechen, daß die Regierung Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Ernst August, Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg, in Braunschweig im Hinblick auf die in- zwischen eingetretene Veränderung der Sach- und Rechtslage mit den Grundprinzipien der Bündnisverträge und der Reichsverfassung vereinbar sein würde; 2. die braunschweigische Landesregierung hiervon zu ver- ständigen. Der Bundesrat wußte diese wichtigen Gründe Preußens natür- lich vollauf zu würdigen. Nachdem der Vertreter der Herzoglich Braunschweig-Lüneburgischen Regierung, Staatsminister Hartwig, uytcr Vorlegung der Verzichtsurkunde davon Mitteilung gemacht hatte, daß Seine Königliche Hoheit der Herzog von Cumberland auf den Thron Braunschweigs verzichtet habe, beschloß der Bundesrat ein st immig, dem Antrag Preußens wegen der Thronfolge in Braunschweig zuzu- st i m m e n. Damit war der rührende Akt beendet; doch hatte sie im Braunschweiger Landtag noch ein kleines landespatrioti- sches Nachspiel. Bald nach 3 Uhr wurde in der Residenzstadt Braun- sckiweig die außerordentliche Landesversammlung im Sitzungssaale des Landwirtschaftlichen Hauses eröffnet. Minister Radkau verlas folgende Ansprache: „Meine Herren Abgeordneten? Auf Höchsten Befehl habe ich - Ihnen den Willkommen Seiner Hoheit des Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg, unseres Gnädigsten Regenten, zu ent- bieten. Seitens des Staatsministers Hartwig als Ersten Be- vollmächtigten des Herzogtums zum Bundesrat ist soeben aus Berlin eine Depesche eingelaufen, welche lqutet: Der Bundesrat hat soeben in seiner außerordentlichen Plenarsitzung in der braunschweigischen Thronfolgefrage gemäß dem Antrage Preu- ßenz einstimmig beschloffen: 1. die Ueberzeugung der Verbündeten Regierungen dahin auszusprechen, daß die Regierung Seiner Äö- niglichen Hoheit des Prinzen Ernst August, Herzogs zu Braun- schweig und Lüneburg, in Braunschweig im Hinblick auf die in- zwischen eingetretene Veränderung der Sach- und Rechtslage mit den Grundprinzipien der Bundesverträge und der Reichsver- fassung vereinbar sein würde; 2. die Braunschweigische Landes- regierung hiervon zu verständigen. Die Erwartung dieses hochbedeutsamen Beschlusses hat die Einberufung dieses außerordentlichen Landtages veranlaßt. Erfüllt von hoher Freude und tiefbewegt stehen wir somit nach 28 jähriger Wirksamkeit des Regentschaftsgesetzes unmittelbar vor der Thronbesteigung Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Ernst August, Herzogs zu Braunschweig und Lüne- bürg. Es mutz dem leitenden Minister vorbehalten bleiben, in der nächsten Sitzung die einschlägigen Vorgänge, soweit solches � zurzeit möglich ist, darzulegen und zu würdigen. Schon heute ist aber hervorzuheben, daß die Landesregierung in formeller und sachlicher Uebereinftimmung mit dem Standpunkte Seiner Kö- niglichen Hoheit es für angezeigt erachtet, die Regelung der landesfürstlichen Rente in Höhe der jetzigen Bezüge des er- lauchten Regenten durch die dem Ausschusse der Landesversamm- lung bereits zugegangene Vorlage noch vor dem Regierungs- antritt Seiner Königlichen Hoheit herbeizuführen. Weitere sach- lichc Vorlagen kommen für die Zeit bis zum Regierungswechsel voraussichtlich nicht in Betracht. Für die Zeit nach dem Re- gierungswechsel muß alles Weitere naturgemäß vorbehalten bleiben. Hiernach erkläre ich Höchstem Befehle gemäß den außerordentlichen Landtag für eröffnet." So haben denn die Braunschweiger wieder einen angestammten Landesvater von Gottes Gnaden, ohne daß sie danach gefragt wor- den sind, ob sie ihn haben wollen. Einige Personen, die Jnter- esse an einer größeren und reicheren Hofhaltung haben, als sie bis- her der Regent, der Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, führte, mögen sich freuen; denn ihnen stellt die Dhronfolge des cumberländischen Prinzen allerlei schöne Titel, Orden, Stellungen und Einkünfte in Aussicht; der Masse des Volkes ist die ganze Ge- schichte höchst gleichgültig; denn ob es von einem mecklenburgischen Herzog oder von einem eigenen Landesvater aus dem Hause Cumberland nach preußischem Rezept unter preußischer Aufsicht regiert wird, das ist gehopst wie gesprungen. Dem braunschweigischen Proletariat ist denn auch die ganze Thronfolgefrage mit ihrem kuriosen Drum und Dran höchst gleichgültig. Der Glaube an die Monarchie ist der Masse, soweit sie politisch denken gelernt hat, längst flöten gegangen. Mochte sie einst von neuen Monarchen allerlei segensreiche und wohltätige Wirkungen erwarten, heute rechnet sie nicht mehr darauf, sondern baut auf sich selbst; und ob der Monarch August, Johann oder Fritz heißt, ist ihr ganz einerlei. Deutlich zeigt sich darin, wie sehr das Ansehen des ganzen Mon- archismus auf die Neige geht. Nahlsbltommen der Cinkspartelen in Baden. Zwischen dem Zentralwahlkomiiee unserer badischen Partei, den Fortschrittlern und Nationalliberalen ist, wie wir bereits in der Sonntagsnuminer des„Vorwärts" meldeten, für den zweiten Wahl- gang der badisiden Landtagswahlen nach längeren Verhandlungen ein Wahlabkommen geschlossen worden, um zu verhindern, daß bei der Nachwahl die klerikal-konservative Koalition die ihr noch an der absoluten Mehrheit fehlenden drei Abgeordnetenmandate und damit im badischen Landtag die Herrschast erlangt. Folgende Vereinbarungen sind getroffen worden: Die Sozialdemokraten ziehen ihre Kandidaturen zurück: 1. Mannheim Hl. wo Nationalliberale und Fortschrittler sich gegenüber- und wir mit unserer Stimmenzahl an dritter Stelle stehen. Die Stellungnahme zwischen den Kandidaten bleibt den Wählern überlassen. Der Kreis war volksparteilicher Besitz. 2. Lahr-Stadt. Sozialdemokraten und Nationalliberale ziehen ihre Kandidaten zugunsten des Fortschrittlers zurück. Stimmen hatten erhalten: Nationalliberale 973, Sozialdemokraten 783, Fortschrittler 314. Der Kreis war sozialdemokratischer Besitz. 3. Karlsruhe IV. Die Sozialdemokraten ziehen ihre Kan- didatur zugunsten des Fortschrittlers zurück. Stimmen harten er- halten: Fortschrittler 2197, Sozialdemokraten 1377, Reichspartei und Zentrum 1101. Der Kreis war sozialdemokratischer Besitz. Durch die Neueinteilung der Wahlkreise wurde er für uns schlechter. 4. Schopfheim-Schönau. Sozialdemokraten und Fort- schrittler ziehen ihre Kandidaturen zugunsten der Nationalliberalen zurück. Stimmen hatten erhalten: Nationalliberale 2033, Sozial- demokraten 831, Zentrum 1484, Bund der Landwirte 113. Der Kreis war sozialdemokratischer Besitz. Er wurde uns beim Groß« blockabkommen 1909 überlassen, weil wir damals mit 1492 Stimmen an erster Stelle standen. 3. Heidelberg II. Die Sozialdemokraten ziehen ihre Kandidatur zugunsten der Nationalliberalen zurück. Stimmen hatten erhalten: Nationalliberale 1439, Sozialdemokraten 739, Zentrum 344, Konservative 221. Die Unterstützung der Nationalliberalen und Fortschrittler erhalten die Sozialdemokraten in folgenden fünf Kreisen, die sämtlich in sozialdemokratischem Besitz waren: Stimmen erhielten: Soziald. Natl. Fortschr. Kons. u. Zentr. 1. Mannheim-Land. 1402 337 232 1289 2. Schwetzingen.. 2211 382 713 2103 3. Bruchsal- Durlach- Land..... 2539— 880 2176 4. Freiburg n..... 1153 816.— 1810 5. Lörrach-Stadt.. 1133— 798 467 Die Fortschrittler erhalten außer in Lahr und Karlsruhs II auch in Konstanz und Triberg-Villingen die sozialdemokratische Unter- stützung. Die Nationalliberalen erhalten sozialdemokratische Unterstützung gegen Zentrum und-Konservative in folgenden Kreisen: Donau- eschingen-Engen, Freibürg III, Baden-Stadt, Bretten-Bruchsal und Heidelberg II. Ausgekämpft werden zwischen' Nationalliberalen und Sozial- demokraten die Kreise: Stimmen hatten: Natl. Soz. Kons. I. Weinheim..... 2330 2202 970 2. KarlSruhe-Land... 1635 1824 1278 Nach dem Blockabkommen vom Jahre 1909 erhielten wir die Unterstützung der Nationalliberalen und Fortschrittler in 3 Kreisen, von welchen uns 3 zufielen. Dagegen unterstützten wir die Fort- schrittliche Volkspartei in 3 und die Nationalliberalen in 12 Kreisen, von welchen den Fortschrittlern 3 und den Nationalliberalen 8 zufielen. Ausgefochten wurden damals zwischen Sozialdemokraten und Nationalliberalen und Fortschrittlern 11 Kreise, von welchen wir 5 eroberten. Unser Stimmenverlust ist am stärksten im Oberland und in den ländlichen Bezirken. Aber auch in den Städten haben wir meist einen absoluten, in allen Fällen aber einen relativen Rückgang zu verzeichnen. Das Stimmenverhältnis stellt sich im Vergleich mit 1909 so: 1313 1909 reiburg.......-. 2 632 3 336 arlSruhe mit dem 39. Landkreis 9 497 10 088 Pforzheim mit dem 49. Kreis.. 7 268 7 037 Mannheim mit dem 37. Kreis. 13 711 13 523 Heidelberg....... 1 389 1 414 ♦ Im Aufruf, in dem das Zentralwahlkomiiee unserer Partei daS obige Abkommen mit der nationalliberalen und Fortschrittspartei veröffentlicht, heißt es: Am 21. Oktober hat daS Zentrum mit seinen konservativen Schleppträgern 34 Sitze erobert. Nur noch drei Abgeordnete fehlen zur absoluten Mehrheit, um welche sie seit Jahren gekämpft haben. Die Nähe und die Größe der Gefahr muß und wird jetzt jene Tausenden von Gleichgültigen und Wahlflauen aufrütteln, die ihre Pflicht nicht getan hüben. Soll unser Land eiu zweites Bayern werden? Wollt ihr, daß durch die drohende schwarze Schreckensherrschaft, deren rücksichtslose Unduldsamkeil sich schon im Wahlkampf gezeigt hat, das Koalitionsrecht der Staatsarbeiter, die Wahlfreiheit der Be- amten, die weltliche, gemischte Volksschule vernichtet werden? Wer aber diese Grundrechte verteidigen und das Schulhaus nicht unter kirchliche Oberaufsicht stellen möchte, der muß alles daran setzen, damit im zweiten Wablgang kein einziger Kreis mehr an die Klerikalen und deren Helfershelfer verloren geht. Dazu müssen alle Kräfte zusammengefaßt und alle Mittel aufgeboten werden. Die Leitung des Zentrums in Baden veröffentlichte ebenfalls einen Wahlaufruf für den zweiten Wahlgang: „Wie für die Hauptwahl, so gilt auch für den zweiten Wahl- gang die Parole: vor allem Kampf gegen die Sozialdemokratie. Leider ist es uns unmöglich gemacht, in diesem Kampf zwischen Sozialdemokraten und Demokraten oder Freisinnigen einen Unterschied zu machen. Wo Kandidaten dieser Parteien mit einander um ein Mandat ringen, muß für die Zentrums- Wähler strengste Wahlenthaltung die Parole sein. Wo aber nationalliberale und sozialdemokratische Kandidaten mit- einander ringen und die Gefahr eines sozialdemokratischen oder linlSliberalen Sieges droht, da verlangt die Rücksicht auf das Interesse der Allgemeinheit, daß wir über daS hinwegsehen, was von der nationalliberalen Partei uns scheidet, wie auch über das. was sie an Leid und Unrecht uns schon zugefügt hat. Eine AuS- nahine wäre nur zu machen, wenn ein nationalliberaler Kandidat durch sein persönliches Verholten dem Zentrumswähler es unmög- lich machen würde, ihm die Stimmen zuzuwenden." Sie Antwort der Kranhenltassen. Auf die von uns bereits mitgeteilte Kampfansage der Aerzte antworten die Krankenkassenverbände mit folgender Erklärung: 1. Auf dem Aerztetage am Sonntag haben die Aerzte- organisationen beschlossen, keine Verträge mehr mit den Krankenkassen einzugehen. Sie wollen die erkrankten Ver« sicherten nur noch als Privatpatienten behandeln, und es empfahl der Vorsitzende des Leipziger Aerzteverbandes sogar, diese nur gegen Vorausbezahlung zu tun. Dieses Vorgehen bedeutet den allgemeinen Kampf gegen die Träger der gesetzlichen Krankenversicherung und den Generalstreik diesen gegenüber. Es wird jetzt das aus- geführt, was bereits am 18. Februar 1912' die Aerzte- organisationen offiziell beschlossen haben:„Zur erfolgreichen Durchführung der Beschlüsse des Stuttgarter Aerztetages sind die bisherigen Einzelkämpfe zu vermeiden. Es ist viel- mehr ein gleichzeitiges, geschlossenes, gleichmäßiges und ein- heitliches Vorgehen aller kassenärztlichen Lokalorganisationen unerläßlich." 2. Es entspricht nicht der Wahrheit, daß den Aerzten der Kampf von den Krankenkassen aufgedrungen worden ist. Die Krankenkassen haben keine Forderungen an die Aerzte gestellt, wohl aber die Aerzteorganisationen sehr viele und ganz unan- gemessene an die Krankenkassen. Die Kassen befinden sich lediglich in der Abwehr. Einigungsverhandlungen sind ge- scheitert, weil die Aerzteorganisationen allgemein die Durchführung der freien Ärztwahl bei den Kassen durchsetzen und das Kassenarztsystem nur noch ausnahms- weise und für eine kurze Uebergangszeit bestehen lassen wollen. Der Arzt selbst sollte nach den Vorschlägen der Aerzte nur durch die Organisationen zur Kassenpraxis zugelassen werden. Die Abstufung der Honorare sollte nach der Höhe der Ein- nahmen der Versicherten erfolgen; alle Arztverträge sollten zum gleichen Zeitpunkte ablaufen. Diese Forderungen der Aerzteorganisationen wurden als Mindestforderungen be- zeichnet. Bei dieser Regelung würde den nach dem Gesetz verantwortlichen Kassenvorständen der Einfluß auf die Kassen- Verwaltung genommen werden. Die Kassen würden schließlich nur noch Beiträge auf- zubringen haben, um die durch die Aerzte verfügten Ausgaben zu decken. Für eine Gestaltung der Verhältnisse, die die Kassen den Aerzteorganisationen so ausliefert, kann kein Kassen- Vertreter die Verantwortung übernehmen. 3. Wenn behauptet wird, daß die Krankenkassen mit den Aerzteorganisationen nicht verhandeln, diese vielmehr zer- trümmern wollten und den sogenannten Herrenstandpunkt ein- nehmen, so entspricht nur das Gegenteil der Wahrheit. Die Kassen haben bei den Einigungsverhandlungen Vorschläge ge- macht, die unzweideutig ergeben, daß sie im Interesse des Friedens in weitestgehender Weise Beschränkungen in ihren gesetzlich gewährleisteten Rechten zugnnsten der Aerzteorgani- sationen vornehmen wollten. Bezeichnend ist, daß diese Vor- schlüge der Kassen nicht nur glattweg abgelehnt, sondern fast totgeschwiegen werden. 4. Die Vertreter der Krankenkassen sind in Anerkennung der hohen Bedeutung des Arztberufes den Aerzten soweit ent- gegengekommen, als es die ihnen auferlegte Verantwortung und die Wahrung der ihnen anvertrauten hochwichtigen Interessen der öffentlichrechtlichen Krankenversicherung zuließen. Die Krankenkassen sprechen deshalb die Erwartung aus, daß sich die Behörden und der Gesetzgeber durch die Aerzte- organisationen nicht einschüchtern lassen und unangemessene Forderungen der Aerzteorganisationen ablehnen werden. Es handelt sich um die Entscheidung, ob die Interessen eines einzelnen Berufsstandes über das Wohl von Millionen von Versicherten gestellt werden sollen. Berlin, den 27. Oktober 1913. auptverband deutscher Ortskrankenkassen, Dresden. auptverband deutscher Bctriebskrankenkassen, Essen. esamtverband deutscher Krankenkassen, Essen-Köln. Allgemeiner deutscher Knappschaftsverband, Berlin. Verband deutscher Jnnungskrankenkassen, Hannover. englische Klaflenluiflz. Verurteilung Larkios. Dublin, 27. Oktober. In dem Prozeß gegen den Arbeiter- führer L a r k i n, der wegen Aufruhrs und Anreizung zum Aufruhr angeklagt ist, führte der General- staatsanwalt, der die Anklage erhoben hat, aus, Larkin würde nicht als Streikführer gerichtlich verfolgt, sondern weil er sich gegen das Gesetz vergangen hätte und ein böswilliger, gefährlicher Verbrecher sei. Larkin wurde für schuldig befunden, aufrührerische Reden geführt zu haben und zu sieden Monaten Gefängnis verurteilt. Noch ein Opfer der Klassenjustiz. Aus London wird uns geschrieben: Unter der Arbeiterschaft Großbritanniens herrscht zurzeit die größte Aufregung über die Verurteilung des Lokomotivführers C a u d l e. den man wegen fahr- lässiger Tötung auf zwei Monate ins Gefängnis geschickt hat. Nicht nur von den Eisenbahnern, sondern von allen Arbeitern wird der Fall lebhaft besprochen und das Urteil scharf kritisiert. Caudle ist der Lokomotivführer des Expreßzuges, der Ansang September bei Aisgill in Nordengland mit einem auf den Gleisen stehenden Expretzzuge zusammenprallte, wobei 16 Personen getötet und viele andere verletzt wurden. Hätte sich unter den Getöteten nicht ein Mitglied der Aristokratie befunden, so wäre das Nachspiel, das mit der Verurteilung Caudles endete, wohl ausgeblieben. So aber mußte man einen Sündenbock haben. Man fand ihn in dem Lokomotivführer des in Bewegung befindlichen Expreßzuges, der freimütig gestand, daß er das auf Gefahr stehende Signal nicht beobachtet hätte. Aber seine Verteidigung war so einleuchtend und sein Ruf als unbescholtener und zuverlässiger Arbeiter so gut, daß sich» die Geschworenen in zwei Totenschaugerichten weigerten, ihn schuldig zu befinden. Erst in einer dritten Leichenschau, bei der wesentliche Zeugen nicht geladen waren, wurde der Schuldspruch bejaht. Während der Untersuchung stellte es sich heraus, daß der erste Expreßzug auf der Station Carlisle eine Extralokomotive verlangt hatte, um mit dem zu schwer beladenen Zug über die Steigung bei Aisgill zu kommen. Diese Extralokomotive wurde nicht gestellt, und der Zug kam, da auch die Kohle schlecht war. auf der Steigung zum Stillstand. Auch Caudle und sein Heizer hatten mit der schlechten Kohle zu kämpfen. Dazu hatte der Lokomotiv- führer noch beständig mit dem Oelen und den Injektoren zu schaffen, um seine Maschine arbeitsfähig zu erhalten. So ist es denn leicht erklärlich, wie das überanstrengte Lokomotivpersonal die Signale bei dem Orte Mallerstrang nicht bemerkte und wie die Kollision entstand. Wenn jemand an dem schrecklichen Unfall schufö war, so waren es die Personen, die die Borbedingungen für das Unglück schufen: die den ersten Expretzzug zu schwer be- lasteten und ihm die Extralokomotive vorenthielten, so daß er zum Stillstand kam, die die schlechten Kohlen lieferten und den Lokomotiv- führer zwangen, seine ganze Aufmerksamkeit seiner Maschine zuzu- wenden, damit er diese vor Schaden und sich selbst vor der Strafe' schütze. Das ist wenigstens die Ansicht der arbeitenden Massen des Landes, deren Gerechtigkeitsgefühl durch den Urteilsspruch aufs r tiefste verletzt worden ist. Der Richter, der den Lokomotwf«hrer> verurteilte, erklärte, daß die Lokomotivführer durch ihre Sorglosigkeit das Leben des reisenden Publikums täglich in Gefähr brächten, und daß deshalb ein Erempel statuiert werden müßte. Dieser Unsinn ist kaum der Kritik wert. Als wenn die Gefahr, sein eigenes Leben zu verlieien, den Lokomotivführer nicht viel wirksamer vor dem Leichtsinn schützte, als die Aussicht auf zwei Monate Gefängnis! Das Volk fühlt, daß die Justiz einen Unschuldigen getroffen hat und im ganzen Lande erhebt sich der Ruf nach sofortiger Freilassung Caudles.• Tie eigentlichen Schuldigen sind die Direktoren und Aktien. besitzer der englischen Eisenbahnen, deren Raffgier keine Grenzen kennt, und durch das ganze Finanzsystem der Bahnen selbst bedingt ist. Die englischen Eisenbahnen, die sämtlich in privaten Händen sind, verwenden nie einen Teil des Gewinnes auf Neuanschaffungen oder auf Ersetzung verbrauchten Materials. Ersatz und Neuanschaffungen werden stets durch neues Kapital gedeckt, das natürlich auch seine Dividende haben will. So mutz denn darauf los gewirt schastet werden, um neue Dividenden zu verdienen. Mögen Loko motivführer und Heizer zusehen, wie sie mit dem Dreck fertig werden, den man ihnen als Kohle liefert. Treffen sie nicht zur Zeit ein oder halten sie ihre Maschine nicht in Ordnung, so setzt es Strafe ab. Ein Wunder ist nur, daß nicht mehr Eisenbahnunfälle in England vorkommen. Wenn dem nicht so ist, so ist dies in erster Linie dem Pflichtgefühl der Arbeiter zuzuschreiben. Lange wird sich England diese private Mißwirtschaft nicht mehr leisten können. Unter den Eisenbahnern, die am schwersten darunter zu leiden haben, hört die Gärung nicht mehr auf. Das erklärt auch, weshalb sie beständig bereit sind, in dem Streik zu treten. Jetzt hat die Regierung eine Kommission eingesetzt, die sich mit dem Verhältnis zwischen den Eisenbahngesellschaften und dem Staate befassen soll. Die Befugnisse der Kommission sind sehr unbestimmt. Es heißt jedoch, daß sie sich u. a. mit der Verstaatlichung der Eisenbahnen befassen wird. Bekanntlich sind mehrere Minister, darunter der Minister Churchill, für die Verstaatlichung. Hansabuud und Arbeitswilligenschutz. Der Geschäftsführer des Hansabnndes, Freiherr. v. Richthofen.- polWcbe CleberHcbt. Reform und Revolutiou. In unserem Sonntags-Leitartikel„Reform und Redolution haben wir ausgeführt, daß die unermüdliche Reformarbeit der Sozialdemokratie dem wachsenden Widerstand der Herrschenden begegnet, ein Widerstand, der vielleicht einst gewaltsame Me- thoden anwenden und damit revolutionäre Entscheidungen herbeiführen werde. Herr O e r t e l müßte aber nicht er selbst sein, wenn ihn nicht das bloße Wort Revolution schon außer Rand und Band brächte(für Rotmalerei wird er ja bezahlt und wieder nicht er selbst, wenn er er nicht die Gelegenheit zu einer dreisten Entstellung benützte. Wir haben gesagt» daß unsere Tätigkeit auf Erreichung immer neuer. Reformen gerichtet sei und daß die Herrschenden durch ihren Widerstand gegen den Aufstieg der Arbeiterklasse es schließlich zur Revolution treiben könnten. Herr Oertel fälscht unseren Gedanken ganz ins gerade Gegenteil; unser Ziel sei nur. auf die blutige Revolution hinzuarbeiten. Womit frei- lich Herr Oertel seine Aufgabe erfüllt und wieder einmal zur treude seiner Auftraggeber ein Ausnahmegesetz gegen die ozialdemokratie gefordert hat. Eine neue Lex Heinze. Wie die„Post" erfährt, ist dem Bundesrat der Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Schundliteratur bereits zugegangen. Leider erfährt man keine Einzelheiten über den Inhalt des Entwurfs. So wünschenswert eine Bekämpfung der Schundliteratur, die Geist und Gemüt vergiftet, unstreitig ist, so vorsichtig muß man sein, wenn diese Bekämpfung in die Hände der Polizei gelegt werden soll. Man wird sich daher den Entwurf, wenn er an den Reichstag kommt, erst recht genau ansehen müssen. Beamte und Sozialdemokratie. Der Regierungspräsident des Regierungsbezirks Düsseldorf erließ unterm S. September 1913" folgende Ver> fiigung. die uns ein günstiger Zufall in die Hände gespielt hat: „Nach einem in Nr. 101 der„Neuen Korrespondenz" vom 30. August d. I. veröffentlichten Artikel, bezeichnet„Sozialdemo- kratie und Beamte", ist der Kolporteur Paul Hanke zu Kattowitz, Vorstand der sozialdemokratischen Partei daselbst, wegen Be« leidiguug eines Beamten von der Beuthener Strafkammer vom 5. September 1912 zu 50 M. Strafe und zu den Kosten des Ver- fahrens verurteilt worden. Hanke hatte in der Agitationszeit zu den ReichSiagSwablen im Januar 1912 ein sozialdemokratische« Flugblatt u. a. auch an einen Polizeisergeanten gesandt, der sich dadurch beleidigt fühlte und Slrafantrag stellte. In der Begründung des oben erwähnten Urteils wurde die Auffassung vertreten, daß die Zumutung an einen Beamten, sich zur Sozialdemokratie zu bekennen, ehrenkränkend sei, und daß der Schutz des§ 193 des St.-G.»B. dem Angeklagten nicht zur Seite stehe. Indem ich auf diese Entscheidung hinweise, ersuche ich, sie allen Beamten zur Kenntnis zu bringen." In Vertretung:. Unterschrift. Der Herr Regierungspräsident, der die Ehre eines Beamten bedroht sieht, dem die Wahl eines Sozialdemokraten zugemutet wird. merkt nicht, daß es für jeden normalen Menschen, gleichviel welcher politischen Gesinnung, eine noch viel robustere Zumutung sein muß. einen Menschen beim Kadi zu denunzieren, der nichts anderes unter nommen hat als den Versuch, für eine von ihm für richtig gehaltene Idee Propaganda zu machen. Das einzige, was man bei dem vom Regierungspräsidenten angeführten Fall beanstanden könnte, ist die optimistische Auffassung des Kolporteurs, auch ein Kattowitzer Polizei sergeanl könnte am Ende noch für politische Vernunft empfänglich sein; aber deswegen ist es doch nicht gleich notwendig, Strafantrag zu stellen. Auf alle Fälle wird also der Herr Regierungspräsident gut tun, für die Zukunft sich mit seinem Erlaß nicht mehr ganz allgemein an die Beamten zu wenden, sondern nur an jene, die mit ihm, der BeuiheNer Strafkammer und dem Kaitowitzer Polizeisergeanten in Auffassung über politische Moral Übereinssimmen. Es könnte sonst leicht einmal der Fall eintreten, daß einer der Uebrigen, die sich eine etwas weniger verbohrte Auffassung bewahrt haben, sich durch das Ansinnen des Regierungspräsidenten, den Denunzianten zu machen, beleidigt fühlt und gegen ihn Strafantrag stellt. Im übrigen aber ist es nur anerkennenswert, mit welcher Strenge der Herr Regierungspräsident von den Obliegenheiten feines Amtes denkt. Es wäre wünschenswert, daß man davon auch etwas merkt, falls die beiden herrschenden Rathausparteien von Düsseldorf. Zentrum und Liberale, wieder einmal versuchen sollten, ihre eigenen Parteiblätter, das„Düsseldorfer Tageblatt" und die„Düsseldorfer Zeitung" in geheimer Sitzung und aus allgemeinen Steuermitteln mit 35 000 M. zu subventionieren— als Pauschalhonorar für eine Propaganda für die Stadt Düsseldorf, von der nur die be- teiligten Stadtverordneten annehmen, daß es eine Propaganda s ü r die Stadt Düsseldorf»st. sprach in Köln in einer großen öffentlichen Versammlung über die Richtlinien des Hansabundes, wobei er über den Schutz der Arbeits- willigen ausführte, der Schutz der Arbeitswilligen könne durch technische Maßnahmen auf Grund einer allgemeinen Instruktion, die im Bundesrat auszuarbeiten sei, erfolgen. Ein weiteres Mittel zum Schutz der Arbeitswilligen fei eine Beschleunigung des Strafverfahrens und Anwendung der Strafbestimmungen gegen Terrorismus und Boykott, nicht aber ein Ausnahmegesetz. . Holdateumitzhandlungsprozefse. Aus der Kriminalstatistik für das Heer und die Marine wird mitgeteilt, daß im Jahre 1912 285 Bestrafungen wegen Mißhand- lung Untergebener erfolgt seien. Der Umstand, daß die Bestrafung wegen Soldatenschindereien von 337 im Jahre 1911 auf 285 zurück- gegangen sind, veranlaßt die bürgerliche Presse zu großen Jubel. Hymnen. Uns soll scheinen, daß 235 be st r a f t e Soldaten- schindereien immer noch so hoch sind, daß man eher Ursache, sich zu schämen, als sich zu freuen hätte. Es darf dabei nicht außer acht gelassen werden, daß es der allerkleinste Prozentsatz der vor- gekommenen Soldatenmißhandlungen ist, der zu Bestrafungen führt._ Das Opferjahr. Zurzeit erscheint in großen deutschen Tageszeitungen folgendes Inserat: „Looists Luises äs Laugus st äs vöpots, Aktiengesellschaft in Lausanne(Schweiz). Filiale der Sociötö Generale in Paris. Aufbewahrung von Wertpapieren, Hinterlegung von Geld, Kollektivrechnungen!— Die von Ausländern, welche ihren Wohnsitz nicht in der Schweiz haben, in den Kassen unserer Gesellschaft hinterlegten Gelder und Wertpapiere unterliegen keiner(schweizerischen) Steuer, weder der ErbschaftS- noch anderen©leuern, u n d s i n d geschützt gegen jede Nach forsch ung. Zweigniederlassung in Brüssel usw." DaS ist für opferscheue Patrioten der Wegweiser, wie sie ihr Vermögen oder einen Teil davon dem Wehrbeitrag entziehen können. Die Schweizer Bankiers wissen natürlich sehr wohl, daß sich ihre Ausgaben iür Inserate rentieren. So sieht der vielgerühmte Patriotismus der„nach Bildung und Besitz Maßgebenden" aus.____ Den Tpieh umgedreht haben unsere Parteigenossen in Waldenburg i. Schi. Bekanntlich hat der konservative Chefredakteur Lippold, der durch anonyme Briefe an die Staatsanwaltschaft urnd durch seine Einwirkung au den Buchdrucker Köhler den vielbesprochenen Meineidsprozeß in- szenierte, eine Reihe der führenden Waldenburger Parteigenossen wegen öffentlicher Beleidigung angezeigt. Es stehen ungefähr zwanzig Zeitungsartikel und VersaiwmlungSäußerungen unter An- klage.— Um der Staatsanwaltschäft nun Gelegenheit zu geben, die Angelegenheit in der objektivesten Weise zu behandeln, haben die drei Redakteure unseres Waldenburger Parteiblattes ebenso wie der Reichstagsabgeordnete des Kreises, Genosse Hermann Sachse, Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft gegen die Redakteure de» konfervattven Blattes erstattet. Die von unseren Genossen als be leidigend bezeichneten Artikel enthalten in der Tat eine Fülle un- erhörter Beschimpfungen. Während die angeblichen sozialdemokra- tischen Beleidigungen sich ausschließlich auf die gerichtsnotorische Feststellung der Denunziation beziehen, strotzt das konservative Blatt von persönlichen Verunglimpfungen. Es sei nur folgende Blütenlese zur näheren Kenntnis erwähnt: Die Sozialdemokratie wird als eine Partei bezeichnet, der d e r Diebstahl im Interesse der Partei nicht als un- moralisch gilt. Es wird von den entsetzlichen Früchten der verabscheunngSwürdigen L>e>h ren der Sozial- demokratie und von den s o z i a l d e>m akratischen Meineidslehren roter Blätter g?e sprachen, die unser öffentliches Leben vergiften. Verbrechen aus Parteiinteresse und Tiefstand der Gesinnung wird der„Bergwacht" und der gesamten roten Presse vorgeworfen. An persönlichen Beschimpfungen unserer Waldenburger Genossen leistet sich das hochvornehme Lippöldsche Grubenblatt u. a. folgendes: „.... Aber zur Besserung der Lebenslage der Arbeiterschaft ist ja das von Arbeitern ersparte und erdarbte Riesenvermögen der Sozialdemokratie und„freien"'(sozialdemokratischen) Ge werkschaften nicht da; eS muß in Streiks, Beleidi- gnngS- und anderen Prozessen unfähiger roter Redakteure und sonstiger P.a r t e i a n ge st e ll t e r verpulvert werden."~\ Ein andermal hält sich das Blatt über ein jetziges sozialdemo kratisches Redaktionsmitglied auf,, daS früher als Bergmann angeb lich ein unfähiger Arbeiter war.. Und schließlich meint das Blatt in bezug auf die Gesamtredaktion: „Nach dieser Probe redaktioneller Tätigkeit der„Bergwacht die sich anderen skrupellosen Leistungen dieses Blattes würdig anreiht, kann man nicht mehr im Zweifel darüber sein. daß bei dem Organ der Waldenburger Genossen die journa- Ii st is che Unfähigkeit ebenso g r o ß ist„wie die journa li st i s ch e Unehrlichkeit." Ferner wird die„Bergwacht", als„Protektorin des Ver- brechens", als S k a n d a l b l a t t und Sprachrohr imguali- fizierbaren Klatsches bezeichnet. Trotz dieser Beleidigungen wäre es unseren beschimpften Genossen nicht eingefallen, zum Kadi zu gehen. Erst als Lippold wegen weit harmkvserer Artikel Anzeige erstattete, haben unsere Genossen den Spieß umgedreht. Ein Antisemiterich. Herr Fritz B l e h, Herausgeber der„Zeitsragen", der Montags beilage der„Deutschen Tageszeitung", untennimmt mit dem ihm stets zu Gebote stehenden Aufwand an sittlicher Entrüstung eine kühne Attacke— gegen alle diejenigen, die durch ihre Proteste gegen die Kiewer Ritnalmordhetze angeblich das russische„Rechtsverfahren" beeinflussen. Wir wollen mit Herrn Fritz Bich nicht rechten, wenn er die selbst von russischen Konservativen als schamlose Mache ge- kennzeichnete Anklage gegen Beilis als„Rechtsverfahren" bezeich net. Wir wollen es auch seiner Zuneigung zu Väterchens Knuten regiment zugute schreiben, wenn er ans die zartsche Jnssiz sein'Ver- trauen setzt. Was aber die schärfste Kennzeichnung und Zurück� Weisung verdient, ist die Art und Weise, wie der Mitarbeiter des Bündlerorgans die Sisien der russischen Pogrompresse auch in die deutsche Presse verpflanzt. Da er die Ritualmordanklage doch nicht aufrecht zu erhalten wagt, fälscht er den Sachverhalt dahin, daß es sich„nach dem Urteile des Psychiaters SiksirSki... nicht sowohl um einen Ritualmord, als unt Anschauungen(?!)" handelt, die in einer rückständigen Gruppe, vielleicht auch-einer jüdischen Sekte, ich erhalten haben". Diese Behauptung ist-aher direkt aus den Fingersi gesogen! Der famose Prof. Sikorski stellt/ans Grund des Obduktionsbefundes der Leiche des ermordeten Knaben durchaus das Gutachten auf, daß es sich im gegebenen Falle um den„kriminal-anthropologischen Typus" der Rassienrache, der„Ben- detta der Söhne Jakobs" handele. Ans Grnnd dieses„Gutachtens" hat die Staatsanwaltschaft gegen'den Juden BeDis— dessen Un- chuld übrigens durch die bisherigen Verhandlungen schlagend erwiesen wird— Anklage wegen„rituellen Mordes" aus„religiösem Fanatismus" erhoben. Mit Recht wandten sich die namhaftesten Gelehrten der ganzen Welt sowohl gegen die Schmach der Ritual- Mordanklage selbst wie gegen das Gutachten des Prof. Sikorsli. Noch dieser Tage erklärte Prof. Ernst Ziemkc, Direktor des In- stituts für Gerichtliche Medizin an der Universität in Kiel, nach einer eingehender Prüfung des ganzen Sachverhalts in der„Deut- schen Medizinischen Wochenschrift":„Nicht allein im Jnter- esse der Menschlichkeit, sondern auch mit Rück- ficht auf unser Ansehen als Sachverständige haben wir A'erzte die Pflicht, dagegen Einspruch zu erheben." Dieses Urteil stimmt durchaus mit der ver- nichtenden Kritik überein, das das Sikorskische„Gutachten" bei den Gelehrten aller Länder gefunden hat. Neben diesen macht- vollen Kundgebungen nimmt das wütende Schimpfen des Herrn Fritz Bley sich wie das Gekläff eines Köters ans, der dem Züchtiger seines Herrn und Gebieters hinterrücks an die Beine fährt. Befangen von der ftxen Idee der jüdischen Weltmacht, betrachtet Fritz Bley die natürliche Empörung der öffentlichen Meinung der Kulturwelt als ein Ergebnis der jüdischen Agitation:„Das Juden- tum," schreibt er,„scheint alles Gefühl dafür verloren zu haben, wie sehr es mit diesem Bestreben, das Urteil von. Kiep? im voraus in Mitzrnf zu bringen, nur dazu beiträgt, das Mißtrauen gegen seine inneren Einrichtungen und geheimen Vorschriften zu ver- stärken.... Fühlen die Veranstalter dieses Rummels nicht her- aus, wie sehr sie ihrerseits damit den Argwohn verstärken, daß es jenseits der wirklichen religiösen alttcstamentarischen Vorschriften noch Lehren gibt, von denen die Welt nichts weiß und unter keinen Umständen, erfahren soll?" Wir hängen diese Sätze niedrig, um unseren Lesern zu zeigen, welche Gemütsathleten in den Spalten des Bündlerblattes ihr Wesen treibet». Wie schade, daß Herr Fritz Bley in dieser für die echten Russen so schicksalsschweren Zeit nicht in den Reihen seiner russischen Gesinnungsgenossen weilt! Welch eine ergiebige Inden- hetze ließe sich sonst mit dieser giftigen Verleumdung in den Mittel- punkten des echtrussischen Holiganentums in Szene setzen! Spanien. Die Krise� Madrid, 26. Oktober. Der König hat Maura mit der Bildung des Kabinetts betraut. Dieser aber lehnte ab und überreichte dem König ein Exposs, das schriftlich die Gründe anführt, die ihn abhielten,, die Bildung des Ministe- riums zu übernehmen. Maura riet dem König, detl früheren konservativen Präsidenten der Kammer Dato mit der Kabinettsbildung zu betrauen. Dato nahm an, behielt sich aber Bedenkzeit bis morgen mittag vor. Als Maura das königliche Palais verließ, wurde von einer Gruppe gepfiffen und„Nieder mit Maura" gerufen. Andere Gruppen riefen wieder„Hoch Maura". Ein Mann, der drohend seinen Stock schwang, würde verhaftet. Es.ent- spann sich ein leichtes Handgemenge, in dessen Verlauf 17 Personen verhaftet wurden. R-uManck. Neue Rüstungen. Die im Anschluß an die deutsche Hecresverstärkung im Juni dieses Jahres angekündigte Verstärkung der russischen Armee beginnt bereits zur Wirklichkeit zu werden. Das offt- zielle Jnformationsbureau kündigt an, das Kriegsministerium habe für die bevorstehende Session der Duma eine Vorlage ausgearbeitet, die die aktive Dienstzeit für die Mannschaften der Armee und Flotte für drei Monate, und zwar vom 1. Januar bis 1. April, verlängern soll. Begründet wird diese Vorlage damit, daß die west- europäischen Staaten ihre Armeen verstärkt haben. Bis zur In- krafttretung des neuen Gesetzes soll die Dienstzeit der Mann- schaften schon in diesem Jahre vom 1. Oktober bis 1. Januar 1914 verlängert werden. Die Logik des Militarismus ist. wie.erstchtlich. Überall dieselbe. Bei der Begründung der deutschen Rüstungsvorlage wurde von den Anhängern der Heeresverstärkung u. a.„die russische Gefahr" an die Wand gemalt. Die Folge hiervon ist nun, daß Rußland seine militärischen Kräfte noch mehr verstärkt. Wie aus den Ankündigungen des Chefs des Generalstabs in der Duma im Juni dieses Jahres hervorgeht, sind außer der obengenannten Vorlage noch eine Reihe weiterer in Aussicht gefaßt, die die Bildung neuer Truppenteile, die Verstärkung der Artillerie usw. bezwecken sollen. Daß diese Mahnahmen verwirklicht werden, ist kaum zu bezweifeln,- denn die reaktionäre russische.Duma! ist in ihrer Mehrheit nicht weniger militärfromm als der deutsche Reichs- tag. Auch an Menschenmaterial mangelt'es der russischen Regie- rung nicht, und die nötigen Mittel werden mit der Steuerschraube aus den arbeitenden Klassen herausgeholt. So geht daS Wettrüsten zur großen Genugtuung der Waffenfobrikanten und RüstungS- lieferanten immer weiter, und selbst die enragiertesten Anhänger der Rüstungsverstärkung in der russischen bürgerlichen Presse ge- stehen offen ein, daß man„kein besonderer Pessimist sein müsse, um zu sagen, daß wir wahrscheinlich vor einer jener riesenhaften Katastrophen stehen, die ans Jahrhundertc hinaus die politischen Schicksale der Völker bestimmen." Mexiko. Die mexikanische Wahlkomödie. Mexiko, 27. Oktober. Die Wähler haben sich an der Präsidentenwahl wenig beteiligt. Man glaubt, daß die geringe Zahl der abgegebenen Sttmmen für eine ver- fassungsmäßige und gesetzliche Wahl nicht ausreicht und daß daher Präsident H u e r t a weiterhin provisorischer Präsident bleiben wird. Es sind keinerlei Ruhestörungen vorgekommen. Die mexikanischen Präsidentschaftskandidaten haben General Huerta zugesagt, falls die Wahl wegen un- genügender Stimmenabgabe ungültig sein würde, ihn bei der Wiederherstellung der Ordnung bis zu den nächsten Wahlen zu unterstützen. Durch ein Dekret Huettas ist der Bestand des Heeres von 85000 aus 150000 Mann erhöht worden. Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes. Infolge der unsicheren Lage m Mexiko ist S. M. S.»Nürn- berg" am 21. d. Mts. von Aokohama aus nach Mazatlan(Mexiko) in See gegangen._ Letzte Nacbricbteiu Fertigstellung eines Kulturwerks. Emden, 27. Oktober.(W. T. P.) Heute wurde der neue Embener Binnenhafen und die neue Seeschleuse in Gegenwart von Vertretern der staatlichen Behörden und Mitgliedern der städtischen Körper, chaften feierlich dem Verkehr übergeben- fl.lOcrthdm Picmtogbis Donnastag bxtmMe Glas, Porzellan, Steingut, Emaille, WirtscHafts- Artikel ßeute billige JjebensitUUel �cls£h,lüurstroorciv.6crtiit)€l5ischt,0bst,öciTuisc «__ H ��odes-Anzeige� ¥ef)iaDddefSattleru.rorte[euiller Deutschlands. Orttwerwaltung Berlin. Den Kollegen hiermit zur Nach- richt, daß unser Mitglied, der Portefeuiller Otto Liibcke verstorben ist. Ehre seinem Zlndenken l Die Beerdigung findet am Dienstag, den 28. d. MtS., nachmittags 2 Uhr, vom Trauerhausc aud nach dem Auserstchungs-Kirch- Hof in Weißens«, Lichtenberg« Straße, statt. 158/4 Die OrtSvcrwaltung. Kation. Gold- d. SUherarlieiter- Krankenkasse. Zahlstelle Xcukttlln. Nachruf. Am Donnerstag, den 23. d. M., verstarb unser Mitglied Moli Heller unerwartet am Herzschlag. Ehre seinem Andenken! 238/5 Der Borstand. Deutseberliletallartieiter-Vertiand Verwaltungsstelle Berlin. X a c h r n f. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Uhrmacher Otto Jache Ackerstr. 117, am 23. d. Mts. an Lnngenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenke» I 128/14 Die Ortsverwaltunq. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß am 26. Oktober, abends 7 Uhr. meine inniggclicbte Frau, Tochter, und unsere Schwester lös Schubert geb. Stelzer Vlößlich nach kurzem, schwerem Leiden sanjt«ntschlasen ist. Melt Schubert nebst Angehörigen. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 30. d. M., nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des städtischen Friedhofes in Friedrichs- selde aus statt. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und unvergeßlichen Vaters, des Kassenbeamten und Stadtverordneten Adolf Heller sagen wir dem soz. Wahlverein, dem Magistrat und der Stadtverordneten- Versammlung, dem Deutschen Metall- arbeiterverbandc, dem Verbände der Bureauangestellten, den Kollegen und dem Vorstände der O.-K.°K. Neu- kölln, dem Verein der Freidenker mid allen Teilnehmern besten Dank. Tie trauernden Hinterbliebenen IHisaheth Heller nebst Tochter. 3MK. monatlich! Da» denkbar lO Pfennig täglich! S-Mt-s CS Tage zur Probe! Nur emc Weltmarke**9<#__■ fcannle'nsafioneiic MOnatC lYreClIt! Neuheiten bringen alle überall! __ 5 Praxis hat gelehrt, "daß unser neuer Sprech-| Apparat mit verbessertem Resonanz-> kästen der Gipfel der Vollkommenheit ist I Der Vorzug der Palhc- Platten, welche ohne Nadel| � spielen, ist allgemein anerkannt. Der Saphirstift nützt die Platten I � nicht ab und ist daher die Verwendbarkeit der Pathe-Plattcn unbegrenzt.; "Auf Pathe-Plattea wurden die größten Künstler aufgenommen. Slczak, Hemel usw.| die Path£- Konzcrt- Aluminium- Sdiolldosc kann eine künstlerische Wiedergabe geben Geehrter Leser! 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Papiere der letzten 3 Jahre verlangt. Hat der Arbeiter sich dieser Musterung unterzogen, so wird er nach der Organr sationszugehörigkeit gefragt. Man vermutet in sedem Ar beitsuchenden ein Mitglied des Metallarbeiterverbandes. Wer erklärt, keinem Verbände anzugehören, wird durch Redcus- arten traktiert wie:„Was, Sie sind nicht im Verband? Sie haben doch in dem Betriebe(A. E. G. usw.) gearbeitet. Sic stnd organisiert. Geben Sie mal Ihr Verbandsbuch her!" Es sind Fälle vorgekommen, wo man sogar die— sagen wir— „Kühnheit" besessen hat, den Leuten die Verbandsbücher aus der Tasche zu ziehen! Wer solche Behandlung für unter seiner Würde hält und sich darüber ungehalten zeigt, dem wird die Tür gewiesen. Alle anderen müssen einen Revers unterschreiben, wonach sie ihren Austritt aus dem Metallarbeiterverband erklären. obgleich sie gar nicht Mitglied sind. Wird bei der Abgabe der Papiere ein Verbandsbuch entdeckt, so wird dasselbe abgenommen mit dem Hinweis, es werde dem Ver- bandsbureau übermittelt. Zu alledem kommt, daß derjenige, welcher in Lammes» geduld alles über sich ergchen läßt, nur dann einen von der Firma Siemens verlangten Schein erhält, wenn er 5ll Pf. entrichtet. Mit Namensunterschrift muß dann ein Revers unterzeichnet werden, der lautet: „Gehöre weder einer gegnerischen Arbeiterorganisation an, noch unterstütze ich eine solche." Auch eine auf seinen Namen ausgestellte Mitgliedskarte vom gelben Bund wird ihm ausgehändigt. Auf der einen Seite stehen die Leitsätze der Gelben, auf der anderen Naine, Geburtstag und Wohnung. Nun ist der Arbeitslose so weit vorbearbcitet. daß er auf dem Jndustriellennachweis Wusterhausener Straße Iß den üblichen Schein erhalten kann, und reif genug, in die Seineirswerke aufgenommen zu werden. Diese Einrichtung mit der schikanösen Behandlung vlpr Arbeitslosen nennt die Unternehmerwelt„Arbeitsnachweis"! Ist es schon brutal, jeden Arbeiter auf dem Industriellen» Bureau einer Kontrolle zu unterwerfen und ohne diese in den Großbetrieben keine Arbeitskräfte einzustellen, so ist das von der Firma Siemens geübte System nichts weniger als Erpressung. Wer die Notlage eines anderen zu seinem Wirt» schaftlichen Vorteil ausnutzt, begeht eine Nötigung oder Er» Pressung. Bei der niedergehenden Konjunktur wird die Ar- beitsmöglichkeit eine geringe und macht ihre wirtschaftliche Abhängigkeit die Arbeiter unfähig, sich der llnternebmerwill- kür mit der Energie und Kraft zu widersetzen, wie es in nor- malen Zeiten der Fall ist. Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, macht mancher den Gang zum gelben Bureau. llnd die Firma Siemens nutzt die Notlage des Arbeiters aus, dem sein Koalitionsrecht geraubt wird und von dem die 50 Pf. nebst der Mitgliedschaft in der gelben Organisation erpreßt werden. Wenn die Firma Siemens erklären sollte, sie habe mit dem gelben Bureau in der Michaelkirchstraße„nichts zu tun". so sei nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen, daß auf jeder Karte der Firma Siemens an die Arbeiter die Adresse des gelben Nachweises gedruckt ist und daß der verantwort» liche Leiter des gelben Bureaus ein Beamter der Firma Siemens ist. Alle Komnmnalverwaltungen bemühen sich auf An- regungen der sozialdemokratischen Vertreter hin, die Arbeits- lofenfürsorge auszubauen. Die Firma Siemens aber, die jährlich Millionen für Aufträge der Staats- und Kommunal- behörden einheimst, macht sich die Notlage der Arbeitslosen zunutze. Soll eine gesunde Arbeitslosenfürsorge eintreten, so ist die Beseitigung derartiger willkürlicher Unternehmerp Praktiken ein dringendes Gebot. Tie Arbeitslosen müssen gegen solche Erpressungsversuche ganz energisch in Schutz ge- nommen werden. Alle Sozialpolitiker und Arbeitervertreter müssen in den Parlamenten den Kampf gegen diesen Raubzug auf Ehre und Recht des Arbeiterstandes aufnehmen. Em solcher Kampf ist des Schweißes der Edlen wert. LerUn und Umgegend. Die Arbeitslosenunterstützung der deutschen Gewerkschaften betrug i. I. 1912 nicht 3 820 342 M.— wie infolge eines Druckfehlers im Leitartikel der Nr. 278 auf Spalte 2 Zeile 2 zu lesen ist—, sondern 8 920 342 M. Für das einzelne Mitglied stellte sich diese Unterstützung aus 4,32 M.(nicht 4,38 M.). Die Gründung einer eigenen Branche für die Maschinenschlosser im Metallarbeiterverbande beschloß am Sonntag eine Versammlung derselben. S i e r in g legte die Gründe dar, die es ratsam erscheinen ließen, zur Bildung einer geschlossenen Berufsgruppe zu schreiten. Im agitatorischen und verbandstechnischen Interesse sei es besser, wenn auch die Maschinenschlosser als die älteste Gruppe der Metallindustrie zur Gründung einer eigenen Branche über« gingen. Es gebe eine ganze Anzahl von Aufgaben, die am besten durch eine geschlossene Gruppe gelöst werden können. Ferner könne man damit den oft wiederkehrenden Klagen einzelner Mitglieder, wonach sie in der Organisation nur zu zahlen, aber nichts zu sagen hätien, der Loden entzogen werden, da innerhalb der Branche jedes Mitglied hinreichende Gelegenheit habe, sich zu betätigen und zu Worte zu kommen. Die Ausführungen des Re- ferenten fanden die vollste Zustimmung der Versammlung und wurden ergänzt durch Koch, der noch die besonderen Gesichts- punkte, die für die Gründung ausschlaggebend sind, hervorhob. Der Antrag, eine eigene Branche zu gründen, wurde einstimmig an- genommen. Als Obmann der Branche wurde Otto Heidel- mann gewählt. Außerdem wurde noch eine zehngliedrige Agitaiions- kommission gebildet. Die Arbeiter der Emaillicrwcrkc haben vor einem Jahre einen Tarif mit den Unternehmern abgeschlossen, worin unter anderem bestimmt wird, daß den Brennern liom 17. Oktober 1913 ab ein Stundenlohn von 03 Pf. zu zahlen ist. Um festzustellen, ob diese Bestimmung des Tarifs von allen Firmen erfüllt wird, hatte der Metallarbeiterverband am Sonntag eine Versammlung der Arbeiter der Emaillierwerke einberufen. Es wurden die Firmen W e i t e n a u, Elle u. Günther, Dichauz, Elle u. Sohn, Bersch, Lichte nstein, G e r st e l genannt und im einzelnen festgestellt, daß diese Firmen ihren tariflichen Verpflichtungen nicht nachkommen. Die Verhältnisse sind nicht bei allen genannten Firmen gleich. Zum Teil zahlen sie den Tariflohn der Brenner überhaupt noch nicht, zum Teil gekommen ihn nur einzelne Brenner, während andere manch- mal erheblich geringere Löhne erhalten. Bei einer Firma, die zwar den Brennern den Tariflohn zahlt, werden die Aufträger unter dem Tarif ent- lohnt. Ueberhaupt erreichen die Löhne der Aufträger in vielen Fällen noch nicht die im Tarif vorgeschriebene Höhe von 37 Pf. Es scheint, daß manche Unternehmer glauben, die nach der Beschäftigungsdauer ab- gestufte Lohnhöhe, die nur für die erste Zeit des Tarifs galt, gelte auch jetzt noch. Diese Uebergangszeit ist längst vorbei und jetzt sind durchweg den Brennern 05 Pf., den Auftrügern 37 Pf. als Mindest- lohn zu zahlen.— Die Firmen, welche nicht allen Arbeitern den tariflichen Lohn zahlen, sollen nunmehr unter Mitwirkung eines Verbandsvertreters angehalten werden, dem Tarif in allen Punkten nachzukommen. Achtung. GastwirtSgehilfen! Der Streik im Nordpark- Bierpalast, Müllerstr. 143-,, dauert unverändert fort. Ter Inhaber Herr E. I a n i k c ist überhaupt ein Gegner jeder Arbeiter- organisation und glaubt, daß er als mehrfacher Hausbesitzer und Obst-EngroShändler die Arbeiter als Mieter oder als Konsumenten nicht braucht. Diese Bestrebungen werden von seinem Geschäftsführer Herrn Eisbolz eifrigst unterstützt. Ter Betrieb ist nach wie vor für organisierte Gehilfen gesperrt. Verband der Gastwirtsgehilfen. Ortsvcrwaltung Berlin I. Oeutscbea Reich. Terrorismusschwindel. Vor einiger Zeit berichteten die„Kreuzzeitung" und einige ihr geistesverwandte bürgerliche Blätter von einem Terrorismusfall in Kaiserslautern, verübt von Mitgliedern des Zimmererverbandes. Christliche Bauarbeiter sollten dort beim Kascrnenbau, weil sie nicht in den Verband der Zimmerer eintraten, beschimpft und mißhandelt worden sein. Nach unseren eingeholten Erkundigungen verhält sich die Sache wie folgt: Am Kaserncnbau war Mangel an Zimmerern vorhanden. Die ausführenden Firmen suchten in der Umgebung Öcwcrkrcbaftllcbcs. Gelber Cerror bei Siemens u. Ralshe. Die Firma Siemens gründete im Jahre 1307 ein Bureau zur Arbeitsvermitielung und setzte den gelben Matador Leb ins als Vorsteher ein. Die Arbeitsvermitteluna, sollte nur Nebenzweck sein: denn wenn die Firma Siemens Ar- beitskrälte benötigte, hatte sie ja als Mitglied des Verbandes Berliner Metallindustrieller den Nachweis dieser Organi- sation zur Verfügung. Tie neue Einrichtung, der man die Bezeichnung„Ar- beitsnachwcis des gelben Arbcitsbundes" gab, sollte dem Zwecke dienen, den Sieinenswerken möglichst viel Arbeiter zuzuführen, die sich bereit finden, dem gelben Unterstützungs- verein beizutreten. Diese Absicht zu erreichen, stellte die Firma nur Arbeiter ein, die einen Schein vom„gelben Arbeitsnach- weis" beibrachten. Dieses System wird noch heute in ver- schärftem Maße geübt. Jeder, der in den Siemenswerken Arbeit zu nehmen ge- denkt, nmß ein Bewerbungsschreiben bei den Werkmeistern einreichen. Ist Vakanz vorhanden, erhält er eine Postkarte folgenden Inhalts: Siemens u. Halske Aktiengesellschaft Wernerwerk Telegrammadresse Wernerwerk Berlin Wir ersuchen Sie hiermit, sich in unserem Arbeiter� Annahme- bureau mit Ihren Papieren versehen am...... in der Zeit zwischen 11—1 Uhr vorzustellen. Aus dieser Benachrichtigung folgt Achtungsvoll keinerlei Anspruch auf Einstellung Siemens u. Halske oder Entschädigung irgendwelcher Art. Aktiengesellschaft. Kommt der Arbeiter daraufhin in das Annahmebureau des Werkes, so werden seine Papiere einer Durchsicht unter- zogen und er erhält eine Karte, die wie folgt aussieht: Siemens u. Halske Berlin-Nonnendamm, d...... 1918. Aktiengesellschaft Wernerwerk Abt. Z..,. Telegrammadresse Herrn..... Wernerwerk Berlin Wir ersuchen Sie hiermit, sich in unserem Arbeiter-Annahme- bureau mit Ihren Papieren und je einem Arbeitsnachweisschein des Verbandes Berliner Metallindustrieller, Wusterhausener Straße 15/10 und des Arbeitsnachweises Michaelkirchstr. 50 versehen am...... in der Zeit zwischen 11—1 Uhr vorzustellen. Aus dieser Benachrichtigung folgt Achtungsvoll keinerlei Anspruch auf Einstellung Siemens u. Halske oder Entschädigung irgendwelcher Art. Aktiengesellschaft. Es wird also nun nicht nur ein Nachweisschein vom Bureau der Metallindustriellen verlangt, sondern auch ein solcher vom„gelben" Bureau. Daß es sich in der Michael. kirchstraße 2v um einen gelben Nachweis handelt, wird ver- schwiegen. Ist es nun schon an sich ein Hohn auf die Ar- beitsvermittelung. den Arbeitslosen soviel Wege und Schi- kanen zu bereiten, so ist die Art der Abfertigung im gelben Bureau als skandalös zu bezeichnen. In dem Jndustriellennachweis erhält ein mit der Karte von Siemens versehener Arbeiter nicht eher einen Schein, als er einen solchen vom Nachweis der Gelben beibringt. Michaelkirchstraße 20 angekommen, wird der Arbeiter ins Kreuzverhör genonunen. Wer glaubt, die Abfertigung da- selbst erfolge in gesitteter Weise, irrt sich gewaltig. Selbst der gröbste Ausfall auf einem Kasernenhof kann den Sau- Herdenton im Bureau Michaelkirchstraße nicht übertreffen. Der Arbeitsuchende erhält ein Flugblatt mit der Ueber- schrift:„Was will der gelbe Arbeitsbund?" und der Anrede: „Der gelbe Arbeitsbund ist die Organisation, welcher Sie sich angeschlossen haben." Dann werden die Entlassungs- kleines feuilleton. Berlin amüsiert sich! In der Potsdamer Straße haben sie wieder einen neuen Vergnügungspalast aufgemacht. Palast... aber der Eintritt kostet dreißig Pfennig. Da steckts: Namen und Wirk- lichkeit klaffen. Was ist drin: Lärm. Aber nicht urwüchsiger Lärm, der sich an sich selbst berauscht, fröhliches Getose fröhlicher Menschen,— sondern Unternehmerlärm, Krach, den man bezahlt hat. Kapellen, Viele Kapellen. Eine Reitbahn, Ein Tanzboden. Eine Rutschbahn. Ein Kabarett. Alles ist da und doch nichts richtig. Und der Berliner fühlt sich durchaus nicht mal wohl dabei: er geht ein bißchen gelangweilt durch all den Brimborium und sieht ihn sich an und ist ja auch schließlich nicht abgeneigt, gelegentlich sich gnädig unterhalten zu lassen. Aber es wird nicht viel draus. Denn er bringt nichts mit als das Portemonnaie, und so wie er sich den Freudenruf.Juhu!" au? Süddeutschland borgte, so muß.er sich von überall her die Formen für seine Lebensfreude pumpen, aus Bayern, aus Tirol— nur nicht aus Berlin. Denn der Berliner ist längst aus der eigenen einfachen Haut gefahren, hat sich fremde Formen aufzwingen lassen, von geschickten Unternehmern, die ihn an der rich- tigen Seite fassen, an der Eitelkeit, und steht nun da: ein Affe der ganzen Welt, Berlin amüsiert sich,... Ein anderes, trüberes aber tritt in Erscheinung, wenn man sich so eine Veranstaltung ansieht wie dieses Odoon, Das ist die Durch- dringung des Berliner Kleinbürgertums mit der Schieberwelt. Kommis und Ladenfräuleins ziehen in den„Lokälern" herum, in denen sie mehr Geld ausgeben, als sie wöchentlich verdienen. Keine Organisation bekäme sie in ihre Reihen,— aber hierfür sind sie zu haben. Es ist ein anderer Typ als der, der die BildungSmittel benutzt, die ihm zur Verfügung stehen, als der, der sich um eine bessere Bezahlung kümmert und bemüht,— aber es ist keine kleine Zahl, die es so treibt. Alle schrauben sich hoch, keiner will das sein, waS er ist, aber jeder eine Stufe mehr, Berlin amüsiert sich.... Die Säbclmenfur auf Bezahlung. Ein Rekord schlagender Burschenherrlichkeit wurde in Heidelberg aufgestellt. In dieser alt- feudalen Studentenstadt hat das Couleurwesen in den letzten Jahren durch mancherlei skandalöse Vorgänge bewiesen, wes Geistes Kind es ist. aber etwas wirklich Neues blieb der Renommiersucht der Landsmannschaft Cheruskia vorbehalten. Für je fünfhundert Mark schlugen dort zwei buntbändrige Messerhelden blutlustig in schwerer Mensur aufeinander los, und zwar auf Einladung einer F i l m f i r m a, die mit dem Schlachtfestruhm deutscher Studentensitte ein Sensationsgeschäft machen will. Die ganze Couleur nahm„in malerischer Gruppierung" an der Sache teil. Nun herrscht in der Heidelberger Couleurbrüderschaft, wie es heißt,„Entrüstung". Natürlich nicht wegen der blutigen Schlägerei, und schwerlich auch wegen der Schaustellung, denn Abbildungen von Mensurvergnügungen sind seit Alters beliebt und gepflegt. Also allenfalls wegen der Bezahlung. Die geschäfts- tüchtigen Cherusker wurden auf ein paar Jahre aus dem Verbände der Landsmannschaft ausgeschlossen und im übrigen wird der Mensurunfug ungestört weiter in Blüte bleiben. So wird eS sein, selbst wenn jetzt eine breitere bürgerliche Oeffentlichieit„Stellung nimmt". Denn das Raufprivilegium gehört zur Vorbereitung der oberklassigen Jugend auf Amt und Würden. Die Kultur der herrschenden Klasfen braucht dies Privileg als Bil- dungSmittel und mit dieser Einschätzung harmoniert durchaus: erstens, daß das Kino sich in den Dienst der Sache stellt, und zweitens, daß die Heidelberger Honorarschläger die rüde Schamlosigkeit ihrer Filmpaukbereitschaft gar nicht empfunden haben. Pögoud ist abgestürzt! Gott bewahre!— Er hat sein Geld weg und sitzt gemütlich bei seinen Managern und raucht sich eins. Aber gesetzt den Fall: angenommen er sei. Der Inhalt der bürgerlichen Nachrichtenorgane zerfällt bekanntlich in zwei schöne und liebe Teile: a) in die Nachrichten, die meist wahr sind, jedoch nicht immer; b) in das, was der Berliner treffend„be- schmusicke" zu nennen pflegt. Diesmal haben sie sich bewährt: die nationalsten Papiere mußten eingestehen, daß der Franzose doch immerhin etwas gezeigt habe, Sie waren sich alle einig. Wie aber, wenn er abgestürzt wäre?— Es hätte nur so Sprich- Wörter gehagelt: Hochmut kommt vor dem Fall und solche schönen Sachen. Und die„Tägliche Rundschau" würde schreibe», hier sehe mau wieder das französische Gaukelspiel, und eS sei nicht alles Gold, was glänze, und gegen die deutsche Zuverlässigkeit— der doch auch man bloß Stücker zehn Ballöner heruntergepurzelt waren, und die nun den elften baut— käme das Gelump nicht aus! Bumm. lind die„Germania" würde das ganze Evangelium Lukas mitsamt dem angrenzenden Matthias zitieren, um zu beweisen, daß dem Menschen- geist Schranken gesetzt seien in Ewigkeit Amen, Die göttliche Bor- sehung aber, meine Lieben, so wie die Stichwahlparole» des Zentrums lassen sich nicht prophezeien, sondern sie walten blind und nur dem Zufall Untertan. Ja. Moste. Ullstein und Scherl aber... sie hätten Gelegenheit ge- habt, sie wären gleich in der Lage gewesen, sie haben es überhaupt schon vorher gewußt, und so sehr man eS bedauern muß, so... einerseits— andererseits— hätten sie gesungen, um keinem wehe zu tun. Nein, er ist nicht abgestürzt. Ich meinte nur... angenommen, er sei... gesetzt den Fall.... Notizen. — Die Architekten und der Kaiser. Der Bund beut- scher Architekten. Ortsgruppe Berlin, trat gestern abend zu einer Beratung der Angelegenheit des Wettbewerbes für das Washingtoner Botschafterpalais zusammen. Es heißt, er wolle protestieren. Wie- viel wird er riskieren? Wollte er Gleiches mit Gleichem vergelten, müßte er Fraktur reden. Wattierte Proteste würden das Uebel nur verschlimmern. — Theaterchronik. Von Henri Nathansen, dem Verfasser von„Hinter Mauern", werden in dieser Spielzeit gleich vier Stücke zur Uraufführung kommen. Sein neuestes Lustspiel„Die Affäre" gelangt in Hamburg, Köln, Osnabrück und Wien, sein Drama „Der Traum" im Leipziger Schauspielhaus, sein Idyll„Danas Garten" im Tüsteldorfer Schauspielhaus und seine Komödie„Mutter hat Recht" im Heidelberger Stadt- Theater zur Uraufführung. — Das Forsch» n gsi ii stitut für experimentelle Therapie, das dritte Institut der Kaiser-Wilhelm-Gcsellschaft, wird heute in Dahlem eingeweiht. Prof. Dr. von Wassermann wird es leiten. — Vorträge, Den ersten der„Kunst- und Künstler-Vorträge' hält am Mittwoch, um O'/i Uhr, in Rudolph Lepkes Kunstauktions- Haus, Potsdamer Str. 122a/b, Dr. Gustav Pauli, Direktor der Bremer Kunsthalle, über„Die historische Mission des JmpressioniS« mus". Der Vortrag wird durch Lichtbilder erläutert.— In der Urania findet am Dienstag, abends 8 Uhr, im großen Auditorium der vierte der Gelehrtenvorträge statt, und zwar wird Herr Professor Dr. Scheffer sprechen über„Die Grenzen der Sichtbar- k e i t Der Vortrag wird die Welt des Kleinsten und u. a. auch das Siedentopfsche Illtramilroskop behandeln. — Der Maler Carlos Grethe ist gestorben. Sein Schaffen gab das Stärkste in Bildern des Meeres, dessen schwere kraftvolle Schönheit er eigentümlich empfand. Auf einprägsamen Gemälden hat er, wie keiner vor ihm, die Arbeit der Seefischer ge- schildert. In jungen Jahren hat er sich an den Küsten Belgiens und der Bretagne, das Leben eines Schiffers führend, geschult. Diese Schule fühlt man in seinen Bildern. Er ist nur 49 Jahre alt geworden. — ExplosionSschutz der Luftschiffe. Im Verein deutscher Chemiker ist der ftanzösisckie Gelehrte Raoul P i c t e t für eine Aenderung der heute gebräuchlichen Ballonfüllung eingetreten. Er sieht in der Verwendung von Stickstoff die beste Sicherung gegen Explosionsgefahr. Seifenblaseii, mit Wasserstoff gefüllt, explodieren bei Aniiähermig eines Streichholzes: sind sie mit 90 Proz. Slickstoff und 10 Proz. Wasserstoff gefüllt, bleiben sie unentzündbar. Der Amerikaner Arno Börner wies zuerst auf die Lösung des Problems durch Stickstoffverwendung hin. — Der Tuberkuloseaus st ellungSzug. Der Staat Louisiana hat, wie die populär-medizinische Monarsschrist„Hhg" mitteilt, einen aus drei Wagen bestehenden Zug gebildet, in dessen erstem 23 Meter langem Wagen sich eine vollständige Tuberkulose- Wanderausstellung befindet, m den beiden anderen eine Ausstellung für Zahnpflege und Alkobolbekämpfung. Ferner erhält der Zug zwei Kinematographen zur Unterstützung der gehaltenen Borträge. Er fährt von Ort zu Ort und üb: unter Eisenbahnern und anderein Publikum eine andauernde segensreiche Tätigkeit aus. Eine nach- ahmenSwerte Einrichtung I — Die B r a ii t n n ch t_ i st— Der„SimplicissimuS" berichtet: Eine von Professor Schmitz-Mancy besorgte und mit Er« läuterungen versehene Schulausgabe der„Dichter der BefreiungS« kriege" bringt zu Strophe fünf von Körners Schwertlied: „Zur Brautnachts-Morgenrvte Ruft festlich die Trompete..." die Anmerkung:„Die Brautnacht ist der Kampf." Berlin-Nonnendamm, d.. Abt. Z.... Herrn..... I,,________ Es meldeten sich zwei früher selbständig gewesene Zimmerer mit ihren vier Söhne». Die Organisation der Zimmerer bat in Kaiserslautern wesentlich mit dazu beigetragen, daß die Lölnie im Baligelverbe bessere geworden sind, und so war es ganz ntuürlich, daß die am Bau beschäftigten Mitglieder des Verbandes der Zimmerer die Zugereisten fragten, ob sie organisiert feien. Auf die Antwort, daß sie nicht organisiert seien, wurde ihnen er- widert, daß niemand ernte» soll, ohne gesäet zu haben; sie als gute Christen würden diesen Grundsah doch wohl anerkennen und sich dem Verbände der Zimmerer anschließen. Die Zugereisten er- klärten sich auch sofort dazu bereit, fanden aber immer nicht die Zeit dazu, dem Verbände beizutreten. Der Vertreter des christ- lichcn Bauarbeiterverbandes Iwtte diesen Techs dasselbe gesagt; er schimpfte aber in grober Weise auf die Mitglieder de» Verbandes der Zimmerer. Da die Beleidigung nickt zurückgenommen wurde, machten die BerbandSinitglieder, die nichr Lust hatten, unter solchen Ilmscanden weiterzuarbeiten, Feierabend. Das zu tun, war ihr Recht, und wenn der Unternehmer dabei Unannehmlichkeiten hatte, so mag er sich bei den Christlichen bedanken. Als die Sechs > sogen ihres Wortbruchs znr Rede gestellt wurden, bedrohten sie die Bervandsmitglieder mit Prügeln, und wenn es nicht zu einer Schlägerei gekommen ist, dann ivar das den Mitgliedern des Ver bandcs der Zimmerer zu danken. Doch die Sechs waren einmal in rauslustiger Stimmung, liefen den VerbandSmitgliedern noch und schlugen sie von hinten mit Bierflaschen und einem Kreuzpickel. Einem Verbandsmitgliede wurde eine Bierflasche auf dem Kopfe zerschlagen. Tie Raufbolde sind der Staatsanivaltschaft übergeben. Bei der gerichtlichen Aufhellung der Sache wird cS sich zeigen, daß es mit dem TcrroriSmus der roten Zimmerer wieder einmal nichts ist. Litte inttrnatlonale tuberkulöse- konferenz. Minister Delbrück begrüßt« die Versammlung und wies der gemeinsamen Arbeit als Ziel die Befreiung der Völker vom Jock; der Tuberkulose, die zwar teilweise in ihrer Kraft gebrochc», aber immer noch der Volksgesundheit und Arbeitskraft der Nationen furchtbare Wunden schlage. Noch wird bei der im erlverbsfähigen Alter stehenden Bevölkerung jeder vierte Mensch Durch Tuberkulose dahingerafft, und bei der Arbeiterschaft der Industrie ist die Hälfte der bis zum 3ö. Lebensjahr eintretenden Invalidisicrungcn auf Tuberkulose zurückzuführen. Alle Länder haben unter Ausbildung ihrer besondere» Methoden den Kampf gegen die Seuche auf- genommen. In Deutschland sind 147 Volksheilstätten für Lungen- kranke mit 15 200 Betten entstanden, daneben 123 Anstalten mit etioa 11(XXI Betten für skrofulöse und gefährdete Kinder, für Knochen- und Gelenktuberkulosc, 114 WaldcrholungSstättcn, 17 Waldschulen»sw. Gefördert wird die Tuberkulosebekämpfung durch die Arbeiterversicherung; 1912 haben die VersichcrnngS- anstalten bei 59 999 Kranken mit einem Aufwand von etwa 99 Millionen(wohl 19 Millionen, der Referent; das vorbeugende Heilverfahren eingeleitet. Greifbare Erfolge der Bestrebungen zeigen sich in dem Rückgang der Sterblichkeit an Tuberkulose um ein Drittel in England, Frankreich, Deutschland und Nordamerika, um ein Fünftel in Oesterreich, der Schweiz und den Niederlanden innerhalb 13 Jahren. Wenn sich an diese Begrüßungsrede eine Diskussion an- geschlossen hatte, würden wir dem Redner zugestanden haben, daß wesentliche Fortschritte erreicht sind. Nur hätten wir betont, daß gerade die viclbefehdeten Selbstverwaltungsorgane der Kassen die Träger des Kampfes sind, und daß zu den gewaltigen Summen für menscheuerhaltende Kultur der Vater Staat keinen roten Heller beiträgt, daß vielmehr die großen Mittel durch die VersicherungS- beitrage der Arbeiter und Arbeitgeber aufgebracht werden. Vor allem aber bleibt der Kampf gegen die Tuberkulose, wie er heute geführt wird, ungeachtet seiner breiten Front auf der Oberfläche. Der Kochs che Tubcrkelbazillus und die individuelle Disposition, die KrankheitSempfänglichkeit des einzelnen, sind nur zwei Faktoren; der dritte wesentlichste ist die soziale Disposition, die durch un- genügendes Einkommen, überlange Arbeitszeit oder Arbeitslosig- keit, durch Unterernährung, Alkoholismus und Wohnnngsverhält- »isse geschaffen wird. Und diese aus der jehigen gesellschaftlichen Struktur stammenden Ucbel sind nicht unabänderlich, aber sie bleiben nnbekämpft und damit der fruchtbare Nährboden für die Schlvindsucht. Es ist ein Traum, so hätte» wir unsere TiStussions- tewer knng geschlossen, über die Tuberkulose als Volksseuche den Sieg davonzutragen, solange sich nicht tiefgreifende soziale Ver- schiebungen durchgeseßt haben. Am ersten Konferenztage wurde das Thema..Ter Mensch und die Tuberkulose" abgehandelt, am Nachmittage über interessante Ergebnisse chirurgischer Behandlung bei Lungentuberkulose be- richtet. Auch die in der Schweiz begonnene Sonnenbehandlung gibt und verspricht gut« Erfolge. Mehr Allgemeininteresse bot dann der zweite Tag mit dem Thema:..Die Bedeutung des Versicherungswesens für die Be- kämpfung der Tuberkulose". In Teutschland werden die Erfolge des vorbeugenden Heilverfahrens durch bessere Auslese der geeig- »etcn Fälle und durch vollkommenere Behandlungsmethoden ständig größer»nd besonders nachhaltiger. Tuberkuloseverdächtige und leichter Erkrankte werden in Walderholungsstätten untergebracht. deren Ausbau zu Heimstätten mit Belegung auch während der "Nacht empfehlenswert erscheint. Tie Anstalten haben ein wesent- liche» Interesse daran, nicht nur die heilbaren Erkrankten zu heilen, landein auch die noch gesunden Familienangehörigen vor der Infektion zu schützen, besonders auch die Kinder— die Versicherten der Zulunst und eventuell Nutznießer von Hinterbliebenen« und Waisenrenten. Darum ist eS erstens eine wichtige Aufgabe, die schwer Tuberkulosen aus ihrer Umgebung herauszunehmen und an Krankenhäuser zu überweisen; die Berliner Versicherungsanstalt nimmt neuerdings auch ganz vorgeschrittene Fälle in Beelitz auf. Zweitens ist ein Fürsorgeverfahren in den Familien und Wohnungen der Erkrankten emzuleiten; dazu hat sich in Anlehnung an die französische Einrichtung der DiSpensaireS ein Netz von mehr als tausend AttSknnflS- und Fürsorgestelle» entwickelt, die von den Ver- sicherungSanstalten Ziischttsse erhalten; teilweise auch wie in Berlin in eigener Regie geführt werden. Neuerdings hat die jüngst entstandene Versicherungsanstalt für Angestellte den Kampf gegen die Tuberkulose in gleicher Weise wie die Organe der Arbeiterversicherung durch Einleitung von Heilverfahren aufgenommen. Redner verschiedener Nationen forderte», daß auch die privaten LebenSversichcruiigSgesellichasten für die nicht geietzlich versickerten Mittelschichten im eigenen Interesse in ähnlicher Weise vorgehen sollten. Von einer amerikaniicheu Versicherungsgesellschaft wird berichtet. daß sie eiiieii Teil ihrer Einkünfte in dieser Art verwende und glaubt den beabsichtigten geschäftlichen Nutzen dabei zu erzielen. Die hanseatische Landesversicherung hat den Witwen ihrer Ver- sickerten statt Waisenrente WaisenhauSpflege angeboten. 1912 noch ohne Erfolg, aber mit gutem Erfolge seit der Verbindung der Waisenpflege mit einem Erholunkiheitn an der Ostsee. Sie hofft so die Widerstandslraft bedrohter Kinder, deren Väter an Tuberlnlose gestorben, zu steigern. Der Sorge für die heranwachsende Generation, deren Tuber- kulosesterblichkeit in den letzten fünfzehn Jahren unverändert ge- blieben, galt auch die Besprechung über Berufsschulen für tuberkulöse- gefährdete Kinder. Aus der Erfahrung heraus, daß der Einlritt in Beruf und Lehre während der an sich schon kritischen EntwicklungS- fahre die Gefährdung steigere und daß die Erkrankung die Berufsausbildung verhindere, hat man an die Kinder- Peilstätten in Hohenlhchen Berufsschulen und Erziehungswerkstätten angegliedert, in denen die jungen Leute unter ärztlicher Beaussichtigung stehen und Erstarkung und Gesundheit des Körpers neben einer voll- gültigen Ausbildung i» den betreffenden Berufen erreichen sollen. Hervorgehoben wurde, wie wichtig eine geeignete Bernsswahl für die Kinder aus tuberkulösen Familten sei. Im Anschluß daran besprach ein Redner die Gefährdung jugend- licher Änaestelltec in Restaurants und Kaffeehäusern durch die lange. Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den gesetzlich nicht beschränkte Arbeitszeit in verdorbener, verqualmter Luft; so sei denn auch die Tuberlulosesterblichkeit in der Berlmer Ortskrankenkasse für das GastwirtSgetverbe 87 Proz. Aus der großen Zahl von Sinzelvorträgen interessierte unS der Hinweis auf die Bedeutung der Kinderheilstätten. Da bislang nur Gemeinden und Wohlfahrtsvereine diese Heilstätten belegen, stehen sie noch im Anfange ihrer Entwickelung; vielleicht könnten auch andere Versicherungsanstalten nach dem Borbilde der hanseatischen dort Waisenpflege und Tuberkulosebekämpfung verbinden. Hus der Partei. Die Montagsnummer des„Vorwärts" konfisziert. Der k. k. Polizeibehörde in Wien hat eS die„Vorwärts" nummsr vom Montag, den 29. Oktober angetan. Die Wiener Volks buchhandlung halte diese Nummer mit dem Bilde Napoleons I. vor den deutschen Fürsten in ihrem Schaufenster ausgestellt. Da auf diesem Bilde auch der Kaiser Franz Josef, allerdings nur als kleine Nebenfigur zu sehen war. fing die schwarzgelbe Polizeiseele zu lochen an. Ein ganzes Heer von Schutzleute» wurde aufgeboten, um die staatsgefährliche Nummer des„Vorwärts" in allen Wiener Buch- Handlungen, Zigarrengeschäften oder Kaffeehäusern aufzustöbern. Ge- fundeii wurde aber nur das Exemplar im Schaufenster der Wiener Volksbuchhandlung._ Eine Fraueitkonsereuz der sozialdemokratisch organisierten Frauen der Provinz SchleSwig-Holstein und deS Fürstentums Lübeck fand am Sonntag, den 2S. Oktober, in Neumünster statt. Anwesend waren 47 Delegiertinnen, fünf Mitglieder des Bezirksvorstandes, sieben Vorsitzende der KreiSorganisotianen, fünf weibliche Mitglieder der Kreisvorstände. Genossin Zietz vom Parteivorstand und 13 Gäste. Seit drei Jahren hatte keine solche Provinzkonferenz getagt, während dem sind die weiblichen Mitglieder auf über 9999 angewachsen. Wie wichtig diese Konferenz war, ging aus den beiden Themen hervor, über die Genossin Zietz sprach: 1. Wie gewinnen und wie schulen wir die Frauen über die politische Tätigkeit? L. Kinder« schütz und Jugendbewegung. Während sie im ersten Referat aus die Notwendigkeit der bessere» politischen Sckulung der proletarischen Frauen hinwies, hierbei eine Reihe An- leitungen gebend. zeigte sie im zweiten Referat an der Hand zahlreicher Beispiele, wie notwendig im Interesse der Proletarierkinder ein besserer Kinderschutz sei, für den einzutreten nur die Sozialdemokratie sich anheischig gemacht habe. Ganz be- sonders sei eS notwendig, die weibliche Jugend zu gewinnen, die furchtbar ausgebeutet werde.— Für wie wichtig man auf der Konferenz die Agitation unter den Frauen hielt, geyt aus der ein- stimmigen Annahme folgender Resolution hervor:„Die am 29. Ok- lober 1913 in Neumüllster tagende Frauenkonferenz empfiehlt den ÄreiSvorstönden, zu veranlassen, daß die weiblichen Vorstands- Mitglieder der einzelnen Orte und Kreise je nach Bedarf zusammen- komme», um sich über die zu entfaltende Agitation zu besprechen." Nach einer äußerst anregenden Diskussion wurde dann die Konferenz nach achtstündiger Tagung geschlossen. poltecUielu», Ömchtlichea uCw« Haussuchung. Gehaussucht wurde am Sonnabendvormittag im Bureau des Parteisekretariats für den Landkreis Breslau. Tin Kriminal- kommiffar und ein Dutzend Kriminalpolizisten suchten nach dem Manuskript einer Eingabe, die sich gegen emen als Sozialistentöter bekannten Gemeindevorsteher eines Vorortes von Breslau richtete. Das Manuskript wurde nach stundenlangen Bemühungen nicht ge- funden, dagegen wurden zwei mit der Maschine hergestellte Ab- schriften des gesuchten Manuskript» beschlagnahmt. Die Hau»- suchung fand in Abwesenheit de» Parteisekretärs, Genoffen S r o w i g, statt. Hus Industrie und Kandel. Zinsfußermäßigung der Reichsbank. Die Besserung der Geldmarktlage in Deutschland hat die Reichsbank am Montag zu einem Schritt veranlaßt, der von den Banken schon seit einiger Zeit gefordert wurde: die Reichsbank hat ihren Zinsfuß für Wechsel(den sogenannten Diskontsotzj von 6 auf 3'/, Proz. und den Lombardzinsfuß(für Darlehen gegen Ver Pfändung von Wertpapieren) von 7 auf 9'/, Proz. herab« gesetzt. Die übrigen deutschen Banken, die das Recht der Notenausgabe benutzen, haben die gleiche Ermäßigung vor genommen. Wie der Vizepräsident in der Sitzung de» Zentral ausschuffes der Bank mitteilte, geschah diese Zinsherabsetzung unter Berücksichtigung der sinkenden Konjunktur, der Besserung der politischen Lage und der geringeren Inanspruchnahme der Bank. Nach dem ReichSbankauSweis vom 23. Oktober hatte die Bank gegen den 17. Oktober für 1,9« Milliarden Mark weniger Noten im Umlauf, d. h. um so viel ist die Beanspruchung der Bank gesunken. Gleichzeitig haben auch die Unterlagen für die Kredit gewährung abgenommen; der Bestand an Wechseln und verpfändeten Wertpapieren und Waren war gegen die Vorwoche um 193 Millionen gesunken. Dagegen war der Metallbestand um 33Vz Millionen ge« stiegen. Gegen das Borjahr stellt sich der Metallbestand um 29« Millioneit höher. Die ReichSbank ist also Kreditansprüchen besser gewachsen und hat außerdem eine geringe Jnanspruch- nähme zu erwarten, so daß eine ZinSerleichterung eintreten kann. Diese Erleichterung ist trotzdem auffällig, da die Bank von England noch Anfang Oktober ihren Diskontsatz erhöht hat und noch nie eine Zinsermäßigung im Herbst vorgenommen worden ist. Ob die ZinS» erleichterung eine größere Belebung der.Kreditgewährung und der gewerblichen Konjunktur hervorzurufen vermag, bleibt bei der relativ geringen Ermäßigung um V, Proz. und bei der sichtlich zunehmenden Tendenz zur Konjunkturabfchwächung fraglich. hat gar kein Jntereffe daran, den Anschein zu erwecken, als ob er beabsichtige, in das Scharfmacherlager zu gehen. Dies könnte für den Mittelstand und insbesondere für den DetaUhandel Verhängnis- voll werden"... Also nicht grundsatzlich, sondern nur aus— Täuschungsabsicht lehnt man öffentlich oder vielmehr das offene Zu- sammengehen mit den Kartellbrüdern ab. Hinter diesem JesuitiS- mus steckt das Zentrum. Aus parteitaktischeu Gründen muß es ein politisches Zusammengehen der Mittelständler mit den Konservativen und Nationalliberalen verhindern. Ein Kartell, das die drei Gruppen umfaßte, würde dem Zentrum Stimmen, Mandate und politischen Einfluß kosten. Das will man unter allen Umständen verhindern. Zu diesem Zwecke soll den Mittelständlern ein Präsent gemacht Iverden. Selbstverständlich müssen die Arbeiter das Opfer bringen. Man höre nur, wie man den Mittelständlern um den Bart geht und was man ihnen schon in Aussicht stellen kann. ES heißt in dem genannteil Blatt weiter: „Geitau so gut wie eine Verständigung mit der Großindustrie die Werlionsunivereine einschränken könnte, werden auch Verhand- lungen bezüglich der Arbeiterlonsumvereine wenigstens mit einem Teil der Arbeiterschaft nicht unzweckmäßig sein. Insbesondere ver- sprechen wir unS einen Erfolg nach dieser Richtung hin von Ver- Handlungen mit den Führern der christlichen Gewerk- s ch a f t e n.(!) Wie es heißt, sollen auch schon diesbezügliche Verhandlungen eingeleitet worden sein. Durch die Schaffung eines sogenannten Kartells der schaffenden Stände werden aber diese Versuche, wie sich aus den bisher schon laut gewordenen Stimmen ergibt, wenig Erfolg haben." In hohen Tönen hat man bisher den Segen der christlichen Konsumvereinsbewegung gepriesen, und nun will man den Segen preisgeben, nur um dem Zentrum Wähler zu erhalten. Trotzdem behaupten die christlichen Gewerkschaften, wahrhaft ehrliche und erfolg- reiche Vertreter von Arbeiterinteressen zu sein. Die freien Gewerk- schaften nennt man Parteiknechte, und selbst befinden sich die christ- lichen Geiverkschaften in einer offenbaren Sllaverei unter Zentrums- Herrschaft. Betriebseinstellung in der Glasindnstrie. In Flensburg ist fämt- lichen Angestellten der Glasfabrik, vom Dircllor bis zum jüngsten Arbeiter, mit Austritt zum 8. November gekündigt worden. Die Fabrih die stillgelegt wird, soll vom Glaskönig Heye in Nienburg aufgekauft sein, der vermutlich in, Auftrage deS G l a S i bn d i k a t s gehandelt hat. Das schwere LoS, jetzt zu Beginn des Winter» sich auf die Straße gesetzt zu sehen, trifft etwa 200 Arbeiter, darunter eine größere Anzahl Mitglieder des Glasarbeiterverbandes. Schwer- lich wird e» für sie an» Orte anderweitige Beschäftigung geben. Preisermäßigimg für Kohle». Die staatlichen Kohlenzechen im Saarrevier haben bereits jetzt eins Preisermäßigung für Kohlen im Umfange von 9,29 bis 1,29 M. pro Tonne für das erste Halbjahr 1914 vorgenommen. Das Kohlensyndikat weigert sich bekanntlich noch immer, emen gleichen Schritt zu tun. Soziales. Ehristlicher Arbciterverrat. In der„Westdeutschen MittelstandSztg." wird in bemerkenswert eigenartiger Weife das sogenannte„Kartell der schaffenden Stände" abgelehnt. Dieses Kartell stelle den Gegensatz zur Arbeiterschaft chroff heraus. Den Arbeitswilligenschutz dürfe man nicht in Gemeinschaft mit dem Bund der Landwirte und dem Zentral- verband deutscher Industrieller betreiben.„Der gewerbliche Mittel- stand, der doch auf die Kaufkraft der Arbeiterschaft angewiesen ist. Serickts-Deining. Unzulässige Kassierung bei Krankenkaffenwahlen. Am Tonnerstag hat das Oberverwaltungsgericht wieder ein- mal eine gegen die freien Gewerkschaften gerichtete behördliche Annullierung von Wahlen aufheben müssen. Auf Betreiben der christlichen Gewerkschaften hatte der Ober- bürgermeistcr von Köln eine Reihe von Stimmlisten für ungültig erklärt, die seitens der Anhänger der freien Gewerkschaften am 23. Oktober 1911 bei der Wahl der Arbeitnehmervertreter zur Generalversammlung der OrtSkranakenkasse Nippes(Köln-Nippes) abgegeben worden waren. Zu wählen waren damals 123 Tele- gierte. Auf den beanstandeten Stimmlisten standen denn auch 123 Namen im räumlichen Zusammenhange. Dann kam aber ein Vermerk:„Ersatzmänner", und darunter waren noch IS Namen aufgeführt. Der Bezirksausschuß zu Köln wies die Klage des Vorstandes der Kasse, mit der dieser die Verfügung des Oberbürgermeisters angefochten hatte ab. Der Kaffenvorstand legte Revision beim Oberverwaltungs- gericht ein, vor dem der Vorstand durch Rechtsanwalt Dr. OSkar Cohn vertreten wurde. Der Anwalt legte in längeren RechtSauS- führungen die UnHaltbarkeit der Auffassung deS Oberbürgermeisters und des Bezirksausschusses dar. Da». Oberverwaltungsgrricht hob die Borentscheidung auf und setzte die Brrfügnng des Oberbürgermeisters außer Kraft. Es führte aus: Der Gerichtshof gehe mit dem Herrn Vertreter der Kasse davon aus, daß wenn keine bestimmten Vorschriften für die Form der Stimmzettel gegeben seien, es darauf ankomme, welcher Wille des Wählers ganz bestimmt aus dem Stimmzettel selber hervorgehe. Hier lägen nun Wahlzettel vor, wo erst 123 Personen genannt seien, die zu Vertretern gewählt werden sollten. Dann folge der Zusatz, wo unter der Bezeichnung„Ersatzmänner" noch 13 Namen genannt seien. Die Frage sei, was sei hier der Wille der Wähler gewesen. Dabei sei zu berücksichtigen, daß hier keine Ergänzungswahl vorgelegen habe, sondern lediglich eine Haupt- wähl von Delegierten, und daß auch nur eine solche ordnungsmäßig bekanntgemacht worden sei. Deshalb sei anzunehmen, daß die Wähler gemeint haben, die 13 als Ersatzmänner überschriebenen Personen sollten für den Fall eintreten, daß einer oder mehrere der in erster Linie vorgeschlagenen 123 Vertreterkandidaten aus irgendwelchem Grund nicht wählbar wäre. Ob für eine Haupt- wähl eine solche Eventualabgabe von Stimmen überhaupt zulässig sei, brauche hier aber nicht erörtert werden. Denn selbst, wenn man es annehmen wollte, so wäre aus dem Zusatz doch nicht er- sichtlich, in welcher Weise die sogenannten Ersatzmänner eventuell eintreten sollten, in welcher Reihenfolge usw. Somit sei der ganze Zusatz nicht nur als unklar, sondern direkt als überflüssig anzu- sehen. Denn jedenfalls stehe fest, daß die zuerst genannten 123 Personen diejenigen sein sollten, die als Vertreter nach dem Willen der Wähler fungieren sollten. Deshalb sei der Zusatz von den„Ersatzmännern" als etwas ganz überflüssiges zu erachten, und er sei, wie auch der Anwalt schon ausgeführt habe, zu be- trachten, als wäre er gar nicht gemacht. Die ersten 123 feien als nach dem klaren Willen der Wähler gewählt anzusehen, und die Verfügung des Oberbürgermeisters fei aufzuhebev- Ban der religiösen Erziehung nach dem Allgemeinen Landrecht. Herr Pohl aus Posen, der evangelisch ist, und seine katholische Frau hatten sich dahin geeinigt, ihr Kind, das bisher die evangelische Schule besucht hatte, katholisch erziehen zu lassen. Sie beriefen sich auf die Bestimmungen im Titel 2, Teil 2 des Allgemeinen Land- recht«, wonach ihnen kein Dritter einzureden hätte, wenn sie sich einig seien. Die Anmeldung für die katholische Volksschule wurde aber nicht angenommen, weil der Vater nicht dem Verlangen der Schulaufsichtsbehörde nachkam, seine Willenserklärung notariell oder gerichtlich oescheiniaen zu lassen. Die Aufsichtsbehörde verlangte, das Kind solle weiter»n die evangelische Schule gehen.— Da das Kind vorübergehend in keine Schule ging, wurde Pohl wegen Schul- Versäumnis angellagt. Das K a m m e r g e r i ch t als letzte Instanz sprach den An- geklagten mit folgender Begründung ftei: Der§ 78, Teil 2, Titel 2 d-S Allgemeinen LandrechtS und die preußische Deklaration vom 21. November 1893(über die religiöse Erziehung von Kindern gemischter Ehen) bezögen sich nur auf den Religionsunterricht. Die Eltern seien verpflichtet, dem Kinde in der R e l i g i o n, die der Vater habe, Unterricht erteilen zu lassen. Wenn sich die Eltern verschiedener Konfession darin einig seien, sei eS ihnen aber möglich, zu bestimmen, in welcher Schule(hier evangelische oder kathollsche) sie das Kind im übrigen unterrichten lassen wollen. Der evangelische Vater und die katholische Mutter seien sich nun dann einig gewesen, daö Kind in die katholische Schule zu schicken. Hier sei die Ausnahme in die katholische Schule davon abhängig gemacht worden, daß der evangelische Bater seinen Willen notariell oder gerichtlich bescheinigen l0'1e®ci Senat sei der Meinung, daß eine derartige Verpflichtung nicht bestehe. Es könne deshalb der Vater nicht bestraft werden. wem, die Schule das Kind mangels solcher Bescheinigung nicht an- nahm wtd es jetzt die Schule versäumte. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckeret u. VertagSanstalt Paul Singer u-T», iverliu BU Nr. 285. 30. Jahrgang. 2. Aeili« i>» Jrairts" Sttlinrt Bolkoliliitt Dienstag, 28. Oktober 1913. ßerkbt über die tätlgüeit der Sozial' demokratischen Fraktion in der Berliner Stadtverordnetenversammlung. 1. Oktober 1911 bis 30. Sepien, ber 1913. Tos städtische Finanzwesen. Mit der Entwickelung der Stadt Berlin sind auch ihre Auf- gaben gewachsen. Der Gemeindebedarf hat einen Umfang an- genommen, wie ihn manches Königreich nicht aufweist; beträgt doch der Etat der Stadt Berlin im Jahre 1913/14 in Einnahme und Ausgabe nicht weniger denn 373 Millionen Mark. Die Aufbringung dieser Mittel erfolgt neben 46 Millionen Mark Anleihe in der Hauptsache aus Steuern, Abgaben und Gebühren und Ueberschüssen aus städtischen Werken. Die Gemeinde ist in Steuerfragcn an die staatliche Gesetzgebung gebunden, die ihr nur engen Spielraum läßt. Um in dieser Beziehung den Staat zu einer Acnderung zu veranlassen, stellte die sozialdemokratische Fraktion an die Stadt- verordnetenversammlung den Antrag, den Magistrat zu ersuchen, bei der Regierung und den gesetzgebenden Körperschaften vor- stellig zu Iverden, das Kommunalabgabengesetz dahin abzuändern, daß den Gemeinden gestattet wird: 1. das Einkommen bis 1899 M. steuerfrei zu lassen; 2. progressive Zuschläge zur staatlichen Einkommensteuer für Einkommen von 3999 M. an, 3. progressive Zuschläge zur staatlichen Ergänzungssteuer für Vermögen von 29 999 M. an zu erheben. Dieser Antrag, der an, 26. Oktober 1911 in der Stadtverordneten- Versammlung verhandelt wurde, fand keine Gegenliebe bei den Kommunalfreisinnigen. Ihn, lag der Gedanke zugrunde, die Möglichkeit für Befreiung niederer Einkommen von Steuern zu schaffen, dagegen die hohen Einkommen für die Gemeinde schärfer heranziehen zu können und durch einen Zuschlag auf Vermögen der Gemeinde neue Einnahmequellen zu eröffnen. Die bürgerlichen Gruppen ließen durch ihre Wortführer nach- einander erklären, daß sie unter keinen Umständen auf den Boden der gestellten Anträge treten könnten; weil sie aber bor den Stadtverordnetenlvahlen gestellt seien, wolle man in einem Ausschusse noch einmal darüber reden. Herr Roscnow erklärte, daß bei einer fakultativen Einführung ein Wettrennen der Gc- mcinden entstehen würde und sagte dam,:„Würde ein solcher Antrag im Abgeordnetenhause überhaupt verhandelt, so würde man uns in der Gemeindeverwaltung nicht mehr ernst nehmen." Der Ausschuß lehnte den Antrag ab und ihm schloß sich das Plenum der Stadtverordnetenversammlung in der Sitzung am 4. Januar 1912 gegen die Stimmen der sozialdemokratischen Fraktion an. Das tat die freisinnige Mehrheit, obwohl ihr nachgewiesen wurde, daß im Jahre 1997 der Vorstand der freisinnigen Volkspartci in Elberfeld bei der Stadtverordnetenversammlung in Elberfeld be- antragt hatte, der Magistrat solle beim Abgeordnetenhaus und Herrenhaus um Abänderung des Kommunalabgabengesetzes vor- stcllig werden in der Richtung, daß die Gemeindebehörden er- niächtigt werden sollten, die Steuerpflichtigen mit einem Ein- konimen bis zu 3999 M. mit einen, geringeren Zuschlag zur Ge- mcindeeinkommensteuer heranzuziehen als die Steuerpflichtigen mit höherem Einkommen. Ein Denkmal besonderer Art hat sich der Berliner Kommunal- freisinn mit der Einführ,„w einer Bier« und Lustbarkeits» st euer gesetzt, die von der Stadtverordnetenversammlung in ihren Sitzungen am 16. Januar 1913 und 6. März 1913 beraten und be- schlössen wurde. Obwohl der- Magistrat in früheren Jahren wieder« tholt versucht hatte, eine Lustbarkcitsstcucr und Billettsteuer der ISürgerschaft aufzuhalsen, war es dank der energischen Haltung der Sozialdemokratie in Verbinoung mit den sehr rührigen Gewerbe- treibenden und Interessenten gelungen, die Vorlage zu Fall zu bringen. Noch am 28.«eptember 19l1 zog der Magistrat seine letzte Vorlage zurück, weil er die Aussichtslosigkeit seines Begin- ncns einsah. Aber in, Januar 1913 trat der Magistrat erneut auf den Plan. Der neue Stadtkämmcrer, der in Finanzfragen noch kleinlicher und kurzsichtiger ist als seine Vorgänger, wollte seine Finanzkunst beweisen. Ihm kam zustatten, daß Berlin den bis- her erhobenen Braumalzsteuerzuschlag mit dem 1. April 1914 auf- geben muß. Tie von ihn, empfohlene Biersteuer sollte einen Er- satz dieses Zuschlages darstellen, während in Wirklichkeit das ge- samte— auch das von auswärts eingeführte Bier— mit einer Steuer belegt wurde. Ferner sollten die Zirkusveranstaltungen, Kinematographentheatcr, Varieteaufführunge», Tanzbelustigungen und anderes einer Steuer unterliegen. Wohl wurde die Ma- gistratsvorlage bezüglich der Biersteucr einer Abschwäckung unterzogen und auch die Steuergrcnze für die übrigen Steuerarten etwas geändert, aber am Wesen der Sache wurde wenig geändert. Trotz energischer Bekämpfung durch die sozialdemokratische Frak- tion, trotz zahlreicher Petitionen großer Interessentenkreise erhob die Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung am ß. März 1913 die Lustbarleitsstcuer zum Beschluß und belastete weite Schichten der Berliner Bevölkerung mit einer Steuer, die sie früher selber als ungerecht bezeichnet hatte. Die vor der Tür stehenden Stadtverordnetenlvahlen bieten Gelegenheit, der Finanzpolitik des Kommunalfreisinns durch die Wahl von Sozialdemokraten die Antwort zu geben, die er ver« dient! »» * Zur Stadtverordnetentvahl im 26. Bezirk. Die Grundbesitzer arbeiten im stillen, um ihrem Kandidaten im 26. Bezirk wieder zum Siege zu verhelfen. Sie bedienen sich hierbei der Mitarbeit der Hausbesitzer, an die sie folgendes An- schreiben versenden: Grundbesiycrvcrcin der Schönhauser und angrenzenden Stadtteile zu Berlin iE. A.>. Berlin N. 58, 22. Oktober 1913. Schönhauser Allee 39a. Sehr geehrter Herr! Wie Ihnen bekannt sein wird, finden am Sonntag, den 9. November d. I., von 19 bis 6 Uhr die Stadtverordneten- Wahlen in der dritten Abteilung statt. Für unseren Stadtteil kommt die Wiederwahl des Herrn Stadrverord« neten Glasermeisters Gustav Alt in Frage. der 23 Jahre hindurch der Stadtverordnetenversammlung angehört hat. Infolge anderweiter Einteilung der Wahlkreise steht zu befürchten, daß dieses Mandat den bürgerlichen Parteien verloren geht, wenn nicht alle Anstrengungen gemach, werden, eS zu halten. Im Interesse der Sache bitten wir Sie in Ihrer Eigenschaft als Hausbesitzer, die beigehende Liste der Bewohner Ihres Hauses gefälligst daraufhin zu prüfen, wer von Ihren Mietern für die Abgabe der Stimme für den Stadtverordneten Alt in Frage' kommen ivürde und diese dann in der Liste durch ein Kreuz zu bezeichnen. Die Namei» derjenigen Mieter, voi, denen Sie bestimmt wissen, daß sie sozialdemokratisch wählen, bitten wir in der Liste zu durchstreichen. Die Grundbesitzer-Bereine unseres Stadt- teils haben sich sämtlich für die Wiederwahl des Herrn Alt ausgesprochen. Die Liste wollen Sie bitte in den beigehenden Briefumschlag stecken und zur Post geben. Wir werden uns dann mit den betreffenden Herren in Ver- bindung setzen. Wenn Sie selbst sich ebenfalls für die Wahl des Herrn Alt interessieren würden, wären wir Ihnen zu besonderem Dank verpflichtet. Sie fördern damit in erheblichem Maße die Arbeit des Wahlkomitees. Hochachtungsvoll Carl Gronewaldt, Stadtverordneter, 1. Vorsitzender. Unsere Genossen ersehen hieraus, welche Anstrengungen unsere Gegner machen; hoffentlich ziehen sie die richtige Lehre daraus. ein Schußbereiter funKerSprößllng. Vor dem Schöffengericht Werder a. H. mußte am Sonnabend ein 19jähriger Schüler Karl v. Äaehnc, Sohn des Rittergutsbesitzers v. Kaehnc auf Petzow am Schwielvwsee, sich wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Er hatte am 2. Pfingstfeiertag aus dem Park des väterlichen Gutes einen auf dem Schwielowsee im Schilf nach Eiern von Wasserhühnern suche, wen Arbeiter Heinrich Thomaske aus Geltow durch einen Schrotschuh im Gesicht verletzt und hinterher einem Zimmermann Karl Born aus Geltow, der in seinem Boot zufällig vorbeikam und sich des um Hilfe rufenden Thomaske annehmen wollte, eine Kugel ins Bein geschossen. Au- zeige hatte gegen den leichtfertigen Schützen nur Born erstattet, so daß von der Staatsanwaltschaft nur wegen dieses zweiten Falles die Anklage erhoben wurde. Als Nebenkläger wurde Born zuge- lassen, der auch als Zeuge auftrat. Die Verteidigung des Ange- klagten lag in den Händen des Justizrats Josephsohn, Rechtsbeistand des Nebenklägers war Rechtsanwalt Karl Liebknecht. Die Affäre hat in Werder und Umgegend großes Aufsehen erregt und eine Eni- rüstung hervorgerufen, die auch im Gerichtssaal unter den in großer Zahl erschienenen Zuschauern nur mit Mühe unterdrückt werden konnte. Der Angeklagte, der noch wenig entwickelt aussieht und keines- wegs den Eindruck eines schon Neunzehnjährigen macht, berief sich darauf, daß gerade an jenem Tage sein Bater ihn angewiesen habe, draußen„nach dem Rechten zu sehen". Als er im Schilf den einen Mann und auf dem See im Kahn einen anderen bemerkte, habe er beide im Verdacht von Ungehörigkeiten gehabt und ihnen nach drei- maligem Anruf gedroht, daß er, wenn sie nicht still hielten,„bis drei zählen und dann schießen" werde. Nach einem ersten Schrot- schütz habe der eine„sich im Schilf niedergeworfen", der andere aber sei trotz erneuten Anrufen und ungeachtet der Drohung, daß er ihm„Löcher in den Kahn schießen" werde, davongefahren.„Ich zählte," so schilderte Angeklagter weiter den Hergang,„bis drei, dann schoß ich einmal links vom Kahn, einmal rechts von ihm, er hielt aber immer noch nicht, darum gab ich einen dritten Schutz auf die Kahnspitze. Ms auch das nicht txirkte, schoß ich zum vierten Mal. Bei diesem Schutz schrie der Mann auf, ich glaube aber nicht, daß ich ihn getroffen habe. Ich habe ihn auch nicht treffen wollen." Daß Born tatsächlich nicht durch ihn angeschossen worden sei, son- dern„sich den Schuß anderswo geholt" habe, diese kuriose Idee trug der Augeklagte ganz ernsthaft dem Gericht vor. Er behauptete, Born sei nachher, noch stehend in seinem Boot, weitergefahren. Diese Darstellung wurde tu der Beweiserhebung auch von Familien- angehörigen des Angeklagten, die vom Ufer aus nachgeblickt hatten, unterstützt. Born selber bekundete, er habe nicht sogleich gemerkt, wie schwer er getroffen worden war. Nachher habe er hilflos in seinem Boot auf dem See getrieben, und er sei schließlich durch Thomaske, den die Familie v. Kaehne festgehalten, aber später wieder fteigelassen habe, aufgesucht und nach Hause gebracht worden. Born hat mit seiner Schußwunde fünf Wochen im Krankenhaus gelegen und ist sieben Wochen arbeitsunfähig gewesen. Von der Schießerei gaben Thomaske und Born eine wesentlich andere Darstellung als der An- geklagte. Thomaske erzählte:„Als ich am User einen Hund sah, wußte ich schon Bescheid, daß ich auch bald Feuer kriegen würde. Ich sah den jungen v. Kaehne schußbereit herankommen, da brachte ich mich in Sicherheit, weil ich doch wußte, daß es auf ein Menschen- leben so genau nicht ankam." Der junge v. Kaehne habe gedroht: „Hall, oder ich schieße!", er aber sei ausgerückt, habe dann einen Schrotschutz ins Gesicht erhalten, sei Schutz suchend bis an den Hals ins Wasser gesprungen und habe um Hilfe gerufen. Als Born ihm zu Hilfe kommen wollte, habe v. Kaehnc diesem zuge- rufen:„Kommen Sie mal ran, oder ich schieße Sie über den Haufen!" Beim vierten Schuß habe Born aufgeschrien:„Er hat mich ins Bein geschossen!" Born hatte verstanden, er solle nicht herankommen. Er bekundete, daß er das auch gar nicht gewagt hätte, v. Kaehne habe seine Drohung, zu schießen, sofort ausgeführt, sei nach den ersten Schüssen auf eine Anhöhe gelaufen und habe an einem Baum anlegend von dort nochmals geschossen. Auf Befragen versicherte der Angeklagte, daß er ein guter Schütze fei und schon Schießpreise erworben habe. Wie leichtfertig der gute Schütze drauflos schoß, das zeigt die Aussage eines Tampfcrführers Kupfer, der während der Schießerei über den Schwielowsee fuhr. Ein Schuß habe kurz vor dem vollbesetzten Dampfer aufgeschlagen. Herr v. Kaehnc, der Vater, schilderte, welche Situation er vorfand, als sein Sohn ihn zu Hilfe gerufen hatte. Ucber BornS Verwun- dung sagte er:„Wer weiß, wo der seinen Schutz hergekriegt hat!" Rechtsanwalt Liebknecht fragte, ob Born vielleicht, als er die Ruder- Partie unternahm, die Schußverletzung schon mitgebracht haben solle. Herr v. Kaehne bestätigt, daß er seinen Sohn instruiert habe, Spitzbuben durch die Schußwaffe zum Stehen zu bringen. Dieselbe Instruktion habe er selber gleichfalls von seinem Vater er» halten, das seifohergebrachter Brauch. Vorgehalten -wurde ihm die Aussage ThomaZkes, daß er diesem, als er aus dem Wasser herausgeholt worden war, angebrüllt habe:„Du Aas!" und sein Verlangen nach einem Arzt beantwortet l>abc:„An Deiner alten Flabbc wirst Du nicht gleich krepieren!" Erst auf wieder- holtes Befragen gab er das zu. Auf dem Lande spreche man eben anders als in der Schreibstube, sagte er. Eine Schwester des An- geklagten, Frl. Mignvn v. Kaehne, erzählte, nach dem ersten Schutz habe sie ihren Bruder sie rufen hören, da habe sie sofort nach Flinte und Patronen gegriffen und sei hinausgelaufen. So nebenbei erwähnte sie, daß sie selber einmal an einem Abend mit gespannter Flinte auf Spitzbuben gefahndet und ein paar Männer/ die sich hinterher als harmlose Fischer entpuppten, mit dem Ruf„Still gestanden,»der ich schieße!" bedroht habe. Zur Kennzeichnung der Schußbcreitschaft des Angeklagte« berief Rechtsanwalt Liebknecht sich aus Zeugen einiger anderer Schußaffären. Ein Arbeiter Altcndorfs bekundete, der junge v. Kaehne habe ihm, den er beim Morchelnsuchen traf, sechs Schrotladungen nachgcfcuert, wovon er vier„auf den Buckel gekriegt" habe. Pfarrer Hoffmann aus Glindow gab die Mitteilungen einer Mutter wieder, daß der junge v. Kaehne ihre zwei Jungen beim Morchelnsuchen getroffen, nach dem einen geschossen, den anderen mit einem Knüppel verhauen und mit Füßen getreten habe. Der Ange- klagte suchte diese Vorfälle als harmlos hinzustellen. Er habe nur Schreckschüsse hintcrhergeschickt, den Jungen nicht getreten, ihn nur zwischen die Beine genommen und ihm mit der Hand den Hin- tern vollgehauen. Auf ein gleichsfalls zur Sprache gebrachtes Ren- konter mit zwei Radfahrern, die er u�j t dem Revolver be- droht haben soll, konnte er sich zunächst gar nicht besinnen. „Ich kann mich," sagte er,„nicht erinnern, solche Fälle kommen so und so oft vor. Das kann man sich nicht so merken, weil solche Sachen fast alle Tage vorkommen." Borsitzender:„Daß Sie alle Tage schießen wollen?" Angekl.:„Nein, daß Radfahrer einen belästigen." Schließlich erinnerte er sich doch an die Geschichte, aber er stellte sie so dar, daß zuerst er be- droht worden sei. Der Amtsanwalt hielt den Angeklagten für überführt der fahr- lässigen Körperverletzung Borns, fand die Fahrlässigkeit sehr grob, sah aber mildernde Umstände und beantragte die Kleinigkeit von 159 Mark Geldstrafe. Für den Nebenkläger Born sprach Rechts- anwalt Liebknecht sich gegen die Zubilligung besonderer Milde aus. Gewiß treffe der schwerste Vorwurf den Vater, der einem so jungen Menschen csiien so verantwortungsvollen Auftrag gegeben habe. Gröbste Fahrlässigkeit aber sei das Verhalten des Sohnes, der in dieser Weise mit Menschenleben gespielt habe. Der Ver- tcidigcr Justizrat Josephsohn mühte sich ab, dem Gericht die Ueber- zeugung beizubringen, daß man dem Angeklagten nicht mal bc- sondere Fahrlässigkeit vorwerfen könne und ihn entweder ganz frei- sprechen oder doch sehr milde beurteilen müsse. Fahrlässig habe— Born gehandelt, der durch seine Flucht verschuldet habe, daß von Kaehne nach dem Boot schoß und dabei ihn traf. Auch Herr v. Kaehne, der Vater, ergriff zur Verteidigung seines Sohnes noch das Wort. Eine Waffe zu führen, sei durchaus notwendig, weil schon Angriffe auf Vater und Sohn erfolgt feien. Ihn selber habe man mal aus dem Wagen werfen wollen.„Das ist," wetterte er, „das Verhalten der Leute, die den h L ch st c n Lohn verdienen und viel zu viel Feierabend bekommen." Das Gericht sprach den Angeklagten schuldig. Fahrlässig sei die voreilige Annahme, daß Born etwas Strafbares vorhatte, grob fahrlässig auch der rasche Entschluß, nach dem Boot zu schießen, ohne zu überlegen, daß dabei ein Mensch getroffen werden konnte. v. Kaehne scheine auch sonst schon öfter mit dem Schießgewehr schnell bei der Hand gewesen zu sein. Daß er so nicht Verfahren dürfe, solle ihm durch eine schwerere Strafe zu Gemüte geführt werden. 400 Mark Geldstrafe seien eine angemessene Sühne, Partei- Ungelegenkeiten. Karlshorst. Heute Dienstag, abends 8>/z Uhr, im „Fürftenbad"(Jnh. Bartels): M i t g l i c d e r- V e r s am m l u n g. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Karl Mermuth: „ W i s s e n s ch a f t u n d R e l i g i o n 2. Diskussion. 4. Bezirks- angelegenheiten. Bernau. Donnerstag, den 39. Oktober, abends 3>/g Uhr, findet im Restaurant„Bellevue" jJnh. Fr. Salzmann) eine öffentliche Kommunalwähler- Versammlung statt. Tagesordnung: Arbeiter- intcressen und Kommunalverwaltung. Referenl: Landtagsabgeordneter Genosse Otto Braun. Genossen, agitiert für starken Besuch dieser Versammlung.___ Berliner Naebriebten. Zugzusammcnstoh auf Bahnhof Potsdam. Ein schwerer Zusammenstoß zweier Eisenbahnzüge, bei welchem fünf Personen mehr oder weniger schwer verletzt wurden, hat sich in der Nacht vom Sonntag zum Montug um 12ll3 auf dem Hauptbahnhof in Potsdam abgespielt. Dort fuhr wahrscheinlich infolge zu früher Signalfrcigabc ein Güterzug auf einen im Bahnhofe haltenden Personenzug auf. Die letzten drei Wagen des Personen- zuges, die zum Glück nur schwach besetzt waren, entgleisten und schoben sich ineinander. Auch die Maschine des Güterzuges und zwei Wagen entgleisten. Bis jetzt wurden fünf schwerer und etwa acht bis zehn leicht Verletzte festgestellt. Wir erfahren darüber folgendes: Um 12 Uhr 25 Minuten Ivar in den Potsdamer Hauptbahnhof der Personrnzug 499 eingelaufen, der um 11 Uhr 69 Minuten vom Potsdamer Bahnhof in Berlin abgefahren war. Der Zug war nicht allzu stark mehr besetzt, da die meisten Reisenden in Potsdam ihr Ziel erreicht hatten. Nur etwa 199 Personen befanden sich noch in den Abteilen der vorderen Waggons. Der Zug hatte bereits drei Minuten Verspätung, da er, wie stets an Sonntagen, auf den ein- zelnen Stationen längeren Aufenthalt gehabt hatte. In dem Augen- blick, als der Stationsvorsteher das Zeichen zur Abfahrt geben wollte, brauste der Güterzug 6949 heran, der nach Magdeburg bestimmt war und aus Berlin kam. Der Lokomotivführer erkannte bei der eigenartigen Lage des Potsdamer Bahnhofes die Gefahr erst im letzten Augenblick und gab sofort Gegendampf. Trotzdem war ein Zusammenstoß un- vcrmeidlich. Die Maschine des einfahrenden Zuges prallte mit so großer Wucht auf die haltenden Waggons auf, daß die drei letzten. aus den Schienen sprangen. Mit furchtbarem Krachen schoben sich die langen Wagen auf- und ineinander. Die starken aus Schmiede- eisen bestebenden Untergestelle wurden vollständig deformiert. Die starken Achsen und Räder wurden wie dünnes Blech zusammen- gepreßt. Die Maschine des Güterzuges war ebenfalls erheblich be» schädigt worden, so daß der Dampf in mächtigem Strahl aus dem Eisenleib entwich und die Halle erfüllte. Im ersten Augenblick Ivar infolge des Dampfes nichts zu erkennen, und so nahm man infolge der lauten Hilferufe der Verwundeten an, daß die Katastrophe einen viel größeren Umfang annehmen werde, als dieS glücklicher- weise der Fall. Die Scherben der zersplitterten Fensterscheiben wurden weil zerstreut und verletzten einige Bahnbeamte und Reisende. die auf dem Perron standen, im Gesicht und an den Händen. Der Lokomotivführer und Heizer der Gütermaschine hatten sich im letzten Augenblick durch Abspringen gerettet und waren unverletzt davon ge- kommen. Die beiden ersten Güterwagen waren bei dem Anprall aus den Schienen gesprungen und hatten sich quer vor die nach- folgenden Waggons gelegt. Das ganze verfügbare Bahnpersonal wurde sofort nach dem Zllsannnenstoß zusammengezogen, um die Rettungs- und Aufräumnngsarbeiten vorzunehmen. Außerdem wurde telegraphisch ein Hilfszug herbeigerufen. In dem letzten Wagen befanden sich zwei Unteroffiziere und ein Trompeter des Feldartillerie-RegimentS Nr. 3 in Brandenburg, die bei dem Unfall am schwersten verletzt worden waren. Alle drei saßen zwischen den zusammengeschobenen Bänken und Wänden des Wagens und konnten sich nicht befreien. Der Vizewachtmeister Seidel hatte eine Kopf- und Untersckienkelverletzung davongetragen der Trompeter Schneider einen Bruch des linken Unterarme», der Unteroffizier Oertel eine Ouetichung beider Beine. Alle drei wurden in das Potsdamer Garnisonlazarett übergeführt. In dem letzten Wagen saßen der Lackierer Fritz Schmidt. Berlin, ZSaßmammstr. 18 wohnhaft, de? eine Naben« und Kopfverletzung aufwies, und der Küraffier Kleber von der 4. Eskadron des Kürassier« regimentS Nr. S in Brandenburg a. H., der mit einigen leichten Quetschungen davongekommen war. Schmidt wurde in das Pots« damer Krankenhaus eingeliefert, während Kleber ärztliche Hilfe nicht in Anspruch zu nehmen brauchte. In den änderen Wagen wären einige Reisende durch den gewaltigen Stoh von den Bänken ge- schleudert worden und klagten über Schmerzen im Rücken. Zwei Damen erlitten»inen Nervenchoe. Die AufräumungSarbeiten be» gannen noch in der Nacht, so daß am Morgen das Gleis zum größten Teil wieder freigemacht war. Eine Verkehrsstörung ent- stand nicht, da die Züge über das Magdeburger Ferngleis und den zweiten Bahnhofstrang abgeleitet wurden. Die Schuldfrage ist bis zur Stunde noch nicht geklärt. Der Führer des Güterzuges erklärt, daß das Signal vor dem Bahnhof auf freie Fahrt gestanden habe und er deshalb weiter gefahren fei. Gegenwärtig wird das Stell« werk genau untersucht, ob etwa ein Defekt in der Maschinerie vorliegt._ Ein kaiserliches Geschenk zu dem Huldiguugsständcheu der Berliner Gemeindeschulkmdcr ist etwas' sehr post festum eingetroffen. Sollten daran nur die Erörterungen schuld sein, die in der Presse über die Tatsache gepflogen wurden, daß das Kaiserpaar für die siebentausend singenden Schulkinder gerade ein paar knappe Dankesworte übrig hatte? Der adelige Hofpagc, der an der Hoftafel bedient, wird mit Konfekt be- laden. Die Tausende vom Laufen, Warten und Singen an- gestrengten Kinder, die nach Kinderart etwas erwartet hatten, bekamen nicht die geringste Erfrischung, muhten mit leeren Händen nach Hause marschieren. Jetzt ist jedem dieser sieben- tausend Kinder in ihren Schulen ein Bild des Kaisers in Kabinettform überreicht worden. Es trägt die Unterschrift: „Zur Erinnerung an das Huldigungsständchen der Gemeinde- schulkinder am 16. Juni 1913. Wilhelm I. R.". Mancher helle Berliner Junge wird sich dabei sein Teilchen gedacht haben. Auch der Rektor, der das kommandierte Ständchen kom- mandierte, erhielt jetzt erst seine Belohnung, den Kronenorden vierter Güte. Vielleicht sehen nun endlich auch die Eltern dieser Kinder ein, welchen Fehler sie machten, als sie ihre Kinder zu hurra- patriotischen Zwecken nach dem Schlohhof sandten. Umleitung von Straßenbahnlinien. Die Straßenbahn muh zum Einbau der neuen Kreuzungsanlage auf dem Auguste-Viktoria-Platz wegen des Baues der Untergrundbahn in den Nächten vom 27.128. Oktober und 3.-4. November die Linie A von 1.30 an über den Auguste-Viktoria-Platz, die Hardenberg- und Joachimsthaler Strahe, 81 nach Berlin von 1.30 an über die Kurfürstenstrahe, den Kurfürstendamm und die Kantstrahe umleiten. Ferner müssen wegen Auswechselung der Gleiskreuzung Alt-Moabit an der Ecke der Gotzkowsky- strahe die hier verkehrenden Linien in der Nacht vom 30./31. d. M. von 12 Uhr an umgeleitet werden: 10 und 18 über Beusselstrahe, Turmstraße, Stromstrahe und Alt-Moabit, W und Q über Berliner Strahe, Charlottenburger Chaussee, Brückenallee, Lessing- und Stromstrahe sowie Alt-Moabit, 17 über Lessing-, Strom- und Turmstratze, 14 über Alt-Moabit, Strom- und Turmstrahe. Einheitliche Regelung des Eissports auf den Havel- und Spreegcwässern. Uns wird geschrieben:„Wohl mancher Freund des Eissports hat an schönen klaren Wintertagen schon den Wunsch gehegt, weitere Ausflüge auf dem Eise der schönen Havel- und Spreeieen zu unter- nehmen, und sich nicht auf den Waiiiisee, die Müggel usw. beschränken zu müssen. Leider ist dieser Wunsch nur in seltenen Ausnahmefällen bei strengem, schneelosem Frost erfüllbar, da entweder autzerhalb der gefegten Bahn eine Schneedecke die Schlittschuhläufer hindert oder, wenn neu einsetzender Frost nach leichtem Tauwetter die Bahn spiegel- glatt gemacht hat. solche Ausflüge nur mit Lebensgefahr unter- nommen werden können. Schon beinahe 10 Jahre sind verflossen seit jenem der- hängnisvollen Sonntage im Januar 1ö04, an dem nicht weniger als 7 Unfälle auf dem Eise der Havel stattfanden. Wenn diese bedauerlichen Verluste an Menschenleben auch in der Haupt« fache auf den Leichtsinn der Schlittschuhläufer zurückzuführen waren, so konnten sich die Behörden doch nicht der Erkenntnis verschtietzen, daß die ungeregelte polizeiliche Zuständigkeit auf den Eisflächen— die Polizeibezirke folgen den kommunalen Grenzen, die oft regellos zwischen den Ufern verlaufen— einen wirksamen Schutz sehr erschwerte. Der Regierungspräsident in Potsdam teilte deshalb das Havel- und Spreegebiet in der Umgegend Berlins in einzelne Abschnitte sEispolizeibezirke) und wies die Ausübung der Eispolizei auf diesen Flächen jeweils dem am nächsten wohnenden AmtSvor- steher oder städtischen Polizeivcrwalter zu. Die Befugnisse und Pflichten der Eispolizeibehörden sowie der Pächter der Eisbahnen wurden durch die Eispolizeiverordnung vom 31. August 1S04 geregelt. Leider fehlt noch immer eine Stelle, die den Groß-Berliner Eissport nach einheitlichen und höheren Gesichts- punkten zum Nutzen aller Liebhaber dieser schönen und gesunden Erholung gestaliet. Der Regierungspräsident in Potsdam hat deshalb bereits im Sommer dem Zwcckverbande die Frage vorgelegt, ob er geneigt sein würde, die Regelung des Eissports aus den Gewässern in der Um- gegend Berlins in die Hand zu nehmen, sobald er Eigentümer der angrenzenden Waldflächen geworden sei. Der Verband hat sich bei dem Stande der Verhandlungen mit dem ForstfiskuS seine Stellung noch vorbehalten müssen, es ist aber wohl anzunehmen, datz er, wenn die Walderhaltungsfrage erst gelöst ist, auch auf diesem vielen am Herzen liegenden Gebiete die Grotz-Berliner Jnter- essen in wirksamer Weise wahrnehmen wird." Der hier geäußerte Wunsch nach einheitlicher Regelung des Eis- sports dürfte um so eher in Erfüllung gehen können, wenn der FiSkuS das Waldgebiet dem Zweckverband einfach kostenlos über' läßt und sich an der Unterhaltungspflicht Genüge sein ließe. Aber wenn auch der Zweckverband nicht Käufer deS Wald« bestandes ist, können wir nicht einsehen, was eine Regelung hindern sollte._ Totgefahren. Ein tödlicher Straßenbahnunfall hat sich am Sonntagnachmittag gegen S Uhr in Treptow ereignet. Der Kaufmann Heinrich Büß. Reuterplatz 1 in Neukölln wohnhaft, war in Johannisthal gewesen, um den Pögoudschen Flugvorführungen beizuwohnen. Auf dem Rückwege wollte er an der Ecke der Karpfenteichstraße und der Straße am Treptower Park auf einen fahrenden Straßenbahnzug der Siemens u. HalSke-Bahn aufspringen. B. glitt jedoch aus, stürzte und fiel unter den Vorderperron deS Beiwagens, dessen Räder über ihn hinweggingen. Dem Bedauernswerten wurden beide Beine dicht unterhalb des Rumpfes glatt abgetrennt. Der Schwerverletzte wurde mittels Krankenwagens nach dem Krankenhause Bethanien geschafft, wo er bald nach seiner Aufnahme verstarb. Psgoud fliegt auch am Mittwoch i« Berlin. Mit Rücksicht darauf, daß bei den bisherigen Flügen des Pegoud Tausende und Abertausende Johannisthal nicht erreichen konnten, fliegt Pögoud Mittwoch, den 29. d- Mts., nochmals, und zwar zum letztenmal in Berlin, da er bereits am nächsten Tage in Hannover aufsteigen wird. Er wird wiederum präzise.3 Uhr mittags aufstiegen und zwei Flüge von je 2ö Minuten Dauer absolvieren. Der jkriminalbeamte Boß, über dessen angebliche schwere Ver- fehlung wiederholt berichtet wurde, bleibt nach wie vor in Haft. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Frey, hatte, wie erst kürzlich mitgeteilt wurde, beantragt, ihn gegen eine Bürgschaft von 10 000 M. aus der Untersuchungshaft zu entlassen und gegen die Ablehnung dieses Antrages Beschwerde erhoben. Jetzt hat die Beschlüßkammer auch diese Beschwerde zurückgewiesen. Das Ver- fahren gegen Voß nimmt seinen Fortgang. Bon einem Straßenbahnwagen überfahren und schwer verletzt wurde gestern nachmittag vor dem Hause Frankfurter Allee 48 ein unbekannter Mann. In bewußtlosem Zustande wurde er nach dem Krankenhaus Am Friedrichshain gebracht. Die Persönlichkeit ves Verletzten konnte noch nicht festgestellt werden; scheinbar handelt eS sich um einen Händler Lehmann. Verloren gegange» ist am Sonnabend bei einer Veranstaltung der Mechaniker in der„Brauerei Friedrichshain" ein Trauring mu einem roten Stein. Der Finder wird um Abgabe an A. Weiß, Weißensee, Lehderstr. 117, gebeten. Druckfehlerberichtigung. In dem Artikel unseres Montagsblattes „Eine Wende der Flugtechnik", der die mutmaßliche Bedeutung der Kopfftürze P ö g o u d S für die Flugtechnik behandelte, hat leider ein technisches Versehen gleichfalls einen Kopfsturz angerichtet. Der 6. Absatz deS Artikels ist nämlich versehentlich vor die beiden ihm folgenden Absätze geraten, während er im Manuskript diesen beiden Absätzen folgte. Kleine Nachrichten. Im Tiergarten erschossen hat sich in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag der 31 Jahre alte Kellner Karl Weiß aus der Strausberger Str. 26.— Ein großer Silber« diebstähl wurde in der Wohnung des Geheimrats Faßbender aus- geführt. Es sind Gegenstände im Werte von 4000 M. mitgenommen worden. � Vorort- JVacbncbten* Neukölln. Streit um Berichtigung der Wählerliste. In die Wählerliste der Stadt Neukölln, welche vom 13. bis zum 30. September 1912 offen lag, war der Demokrat Max Roß in der 3. Abteilung mit einem Steuersatz von 72 M. eingetragen. Er be- antragte nach vergeblichem Einspruch durch die Klage eine Berich- tigung der Wählerliste dahin, daß ihm der Steuersatz von 4 M., den seine noch unmündige Tochte,r zu zahlen hatte, zu- gerechnet werde und er deshalb mit insgesamt 76 M. Steuern in die 2. Abteilung aufrücke. Er berief sich auf den K 5 der Städteordnung, welcher die Voraussetzungen für den Erwerb des Bürger- rechts aufführt und im Absatz 3 u. a. bestimmt: „Steuerzahlungen� Einkommen, Haus- und Grundbesitz der minderjährigen beziehungsweise der in der etterlichen Gewalt befindlickien Kinder, werden dem Vater an- gerechnet." Der Kläger stellte sich auf den Standpunkt, daß, was hiernach für den Erwerb des Bürgerrechts maßgebend sei. auch bei der Bewertung des Stimmrechts in d e r K l a s s e n« e i n t e i l u n g nach Einkommen und Steuernzu berücksichtigen wäre. Und das um so mehr, weil§ 13 der Slädteordnung,. der die Klasseneinteilung für die"Zwecke der Stadtverordnetenwahlen be- handele, gleich einleitend Himer„die stimmfähigen Bürger"»n Klammern die§Z 3 bis 8 in Bezug nehm«. Der Bezirksausschuß wies jedoch, indem er sich der Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung anschloß, die Klage ab. Das Gericht stellte sich auf den Standpunkt, daß für die vorliegende Streitfrage der sowohl im§ 18 der Städteordnung als auch im K 1 des Gesetzes vom 30. Juni 1900 enthaltene Satz entscheidend sei, daß die Wähler nach den von ihnen zu entrichtenden Steuern in Wählerklajsen eingeteilt werden. Die Steuern seiner Tochter„entrichte" aber der Kläger nicht. Was für de» Erwerb des Bürgerrechts maßgebend sei, gelte also nicht für die Klaffen- einteilung, soweit die Steuern minderjähriger Kinder in Frage kommen. Das Oberverwalttingsgericht, bei dem Roß Berufung einlegte, erkannte am Montag nach längerer Verhandlung und Beratung auf Aufhebung der Vorentscheidung und dahin, daß der Kläger in die Liste für 1912 statt mit 72 M. mir 76 Mark Steuern einzureihen sei.(Also in die 2. A b t e i l u n g.) Zur Begründung wurde ausgeführt: Es sei ja zuzugeben, daß man bei strenger Betonung des Wort- lauts der gesetzlichen Vorschriften zu einer Auslegung, wie sie der Bezirksausschuß gegeben babe. kommen könne. Indessen muffe mehr auf den Sinn des Gesetzes, auf das zugrunde liegende Prinzip gesehen werden. ES sei auf die geschichtliche Entwickelung zurückzugehen und dabei besonders auf die Vorläuferin der Städte- ordnung von 1833 und des Gesetzes von 1300, nämlich auf die Gemeindeordnung von 1830. Damals fei zum ersten Male davon ausgegangen, daß Steuerzahlungen usw. der Ehefrauen und auck d e r u Um ü n d i g e n Kinder für den Erwerb des Bürgerrechts dem Manne bezw. Vater zugerechnet werden sollen. Aus den damaligen parlamentarischen Verhandlungen gehe hervor, daß der Gesetzgeber sich bewußt gewesen sei, einen neuen Grundsatz aufzustellen. Und zwar den. daß der Ehemann und Vater als Reprä- sentant seiner Familie zur Ausübung des Bürger- rechts berufen werde. Daraus ergebe sich o h n e weiteres, daß der Grundsatz, auch nach Uebernadme in den ß 3 der Städte- ordnung, nicht nur beim Erwerb des Bürgerrechts, sondern auch bei der Frage, in welcher Weise die Einteilung in Abteilungen stattfinde, maßgebend sein sollte. Auch nach Erlaß des Gesetzes vom 30. Juni 1900 sei eS dasselbe geblieben. Somit sei der Anspruch deS Klägers Roß gerechffertigt. Die von seiner unmündigen Tochter gezahlte Steuer mußte nach seinem Wunsche bei der Aufstellung der Wählerliste berücksichtigt werden. Zu dem Bauunfall in der Finowstraße, worüber wir am Sonntag berichteten, wird unS von einem Fachmann folgendes geschrieben: Ueber der dritten Etage des betreffenden Baues sollte an der Fassade ein Gesims von vier Schichten gleich 30 Zentimeter Höhe und einer Auslage von zirka 23 Zentimeter heraus gemauert werden. Tie Auslage war auf die vier Schichten folgendermaßen verteilt: Die erste Schicht wurde schräg gehauen und 4 Zentimeter heraus- gestreckt, die zweite wieder 18 Zentimeter vor. die dritte mit der zweiten lotrecht und die vierte nochmals 3 Zentimeter heraus- gestreckt. Um eine Auslage der zweiten Schicht von 18 Zentimeter zu ermöglichen, wurden auf die erste, also die 4 Zentimeter vorstehende' Schichv Flacheisenstücks gelegt, so daß die- selben zur Bauflucht winlelrecht, mit einem Ende auf die Wand ge- legt war, während das andere Ende zirka 18 Zenlimeter nach" außen ragte. Diese Eisenstücke lagen immer zirka 40 Zentimeter ausein- ander. Auf die vorstehenden Enden wurden dann wieder lange Flacheiien, mit der Front parallel lausend gelegt, jedoch lose, ohne mit den wintelrecht liegenden vernietet zu sein, und hierauf wurden dann die nächsten drei Schichten ausgemauert. Anstatt leichte poröse Steine, wurden Kalksandsteine verwendet, die bedeutend schwerer sind, als gewöhnliche Ziegelsteine und der Mörrel bindet daran auch sehr langsam. Datz bei einer Ausladung von 23 Zentimetern in vier Schichten bei dieser Verteilung ein regelrechtes lleberbinden der einzelnen Steinlagen unmöglich ist, weiß jeder Fachmann. Es mußte daher die hierzu benötigte Flache isenkonsttuktion gur vernietet und an den Balten befestigt' werden, so daß ein Ueberkippen der ungeheueren hervorstehenden Last ausgeschloffen gewesen wäre. Hierzu kommt noch, daß die Auflage der Balken, die immer zirka 73 Zentimeter auseinander siegen, das Maüerwerk der Front unterbrechen, so daß jedesmal vor dem Balken« köpfen das Gesims fast vollständig in der Schwebe hängt. Das Mauern des.Gesimses, wurde, wie.iu Grotz-Bersin üb.lich, von der Balkenlage so ausgefuhtt, daß die Maurer auf den Knien liegen und zirka 30 Zentimeter herunter und zirka 63 Zentimeicr nach außen überlangen mußten, was, ohne mindestens mit einem Fuß auf dem frischen Mauerwerk zu stehen, unmöglich ist. Tritt der Maurer hierbei nur ein wenig zu weit nach vorn herüber, so muß das ein- treten, was hier eingetreten ist: das Gefims stürzte in seiner ganzen Länge"herunter, schlug das in Parterrehöhe befindliche Schutzdach in Trümmer, und es ist ein reiner Zufall, daß nur ein Maurer damit herunterfiel und den Tod fand: ebenso konnten auch noch etwa unter dem Schutzdach befindliche Arbeiter verschüttet oder Straßenpafsanten erschlagen werden. Warum kann sich die Bauberufsgcnosienschaft nicht zu der Ansicht belehren, beim Ueberhandmauern in jeder Etage ein Schutzdach vor- zuschreiben. Im Berliner Baugewerbe wird in dieser Beziehung mit Arbeiterleben gespielt. Würden die Bauarbeiter Berlins sich in größerem Maße als bisher ihrer Organisation anschließen, dann könnte durch solidarisches Handeln der Arbeiter so mancher Mangel der Gesetzgebung auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes beseitigt werden. Aus der Magistratssitzung. Der Vertrag mit. dem Justiz« siSkuS� wegen Errichtung eines zweiten Amtsgerichts- gebäudes in Neukölln wird genehmigt, desgleichen der Vertrag mit der Provinz Brandenburg wegen Ueberlassung von Gelände zur Errichtung einer Provinzial-Hebammen-Lcbranstalt.— Mit dem Abschluß der Verträge betreffend das Neuköllner Theater mit dem Theaterdirektor Türl und dem Gastwirt Wittenburg nach den von dem. Theaterkomilee gefaßten Vorschlägen erklärt sich der Magistrat einverstanden� Ueber die Fortführung deS Theaters im Jahre 1914/13 soll bei Gelegenheit der Etatsberatung Beschluß gefaßt werden.— Nach den Vorschlägen der ein- gesetzten Deputatton wird die Einrichtung des beschlossenen Spon- und Spielplatzes auf dem zirka 28 000 Quadratmeter großen städtischen Gelände der Abteilung IV in der Nähe der Grenzallee beschlossen. Ter Spielplatz soll unter Hinzunahme des das Pllschelsche Grundstück östlich begrenzenden StraßengeländeS der Straße 1 möglichst bald aufgeschüttet, planiert und mit einer Drahleinfriedigung versehen werden. Die weitere Anlage des Platzes nach den von der Deputation gemachten Vorschlägen soll dann so beschleunigt werden, daß der Spielplatz in der gedachten Ausdehnung bereits im Sommer n. Js. in Benutzung genommen werden kann. Für die Herstellung des Platzes in vorstehendem Umfange einschließlich Beleuchtung, Brunnen und Entwäfferusgsanlage sowie der vorgeschlagenen Bauten soll ein Betrag von 80 000 M. im Hauptexrraordinarium für 1914 vorgesehen werden. Der Stadt- verordnetenversammlung soll unverzüglich. eine Borlage gemacht werden.— Von den Beschlüssen der Konunission zur Beratung von Maßnahmen zur Bekämpfung der Folgen der Arbeits- l o s i g k e i t nimmt der Magistrat Kenntnis und beschließt, bei der Stadtverordnetenversammlung zunächst die Zurverfügungsstellung von 6000 M. zwecks Speisung, von Kindern Arbensloser durch den Freiwilligen Erziehungsbeirat zu beantragen. Die erforderlichen Mittel sollen dem SrädlverordnetendiSpositwnsfondS entnommen werden. Tempelhof. Recht unangenehm ist den maßgebenden Personen eine An« gelegenheit, die auf dem letzten Verbandslage des Brandenburgischen Fcuerwehrverbandes zur Erörterung kam. Bereits im vorigen Monat hatten einige sozialdemolratische Gemeindevertreter aus der Suche nach der„Nachtwache" das gesamte Feuerwehrgrundstück einer Besichtigung unterzogen und, selbst den Pferdestall in Augenschein genommen. Dieser Besuch in später Stunde sührte zu dem Ergebnis, daß.Herr Bürgermeister Wiesener die solche unerbelenen Beiucha Ausführenden im Wiederhölungsfall« mit, Strafmandaten bedrohzep Die Feuerlöschstudien wurden jedoch fortgesetzt. Nach Rücksprache mit dem Bürgermeister in Britz wurde eine Besichtigung der dortigen Feuerlöscheinrichtungen in bereitwilligster Weise gesiatlet. Unter sachkundiger Leitung wurde ein Exerzieren an der Mororspritze vor« geführt und unter Führung eines Fachmannes wurde das Depot mit Fahrzeugen, Führer» und Mannschastsstuben, Maschinen- und Kesselraum besichtigt. In der Polizeiwache wurde die elektrische Alarmvorrichtung erläutert und praktisch vor« geführt. Es zeigte sich nunmehr erst recht, daß Tempelhof mir seinen 30 000 Einwohnern iu puuoto Feuerlöschwesen von Britz mit seinen kaum 14 000 Einwohnern-überflügelt ist. Selbstverständlich gaben die an der Besichtigung beteiligten Herren ihrer Freude an dem Ge« sehencn Ausdruck und sie wünschten, daß auch in Tempelhof ein besseres Alarmwesen eingerichtet werden möge. Ein Bericht über diese Besichtigung fand mit einigen Bemerkungen auch in der.Branden« burgischen Feue'rwehr-Zeilung" Ausnahme. Was tat nun der Ver- bandslag? Zunächst� gab der Tempelhofer Brandmeister im Auf- trage seines Vorgesetzten eine Erliärung in„richligstellender" Form ab. WaS wurde denn da eigentlich richtig gestellt? Es soll zugegeben werden, daß in letzter Zeit die Feuer- wehreinrichlungen..nicht mehr so nebensächlich behandelt werden. Manches ist besser geworden, namentlich aber bewies der Brand in den Häusern der Dorfftraße am besten, daß trotz der Tüchtigkeit der Mannschaft manches sehr notwendig war. Gab nicht Bürgermeister Mussehl selbst zu, daß in Zukunft nicht mehr so billig gewirtschaftet werden könne? Die letzten Bewilligungen für das Kapitel Feuerlöschwesen beweisen es doch am besten. Wenn jedoch der Verbandslag zum Ausdruck brachte, daß lrilische Beröffent« lichungen unterbleiben und nur Artikel in- der Feuerwehr-Fachpreffe Aufnahme finden sollten, die die hohe Obrigleit vorher eingebend ge- grüsl hat, so soll uns das gleichgültig sein. Die sozialdemokratische Presse wird auch in Zukunsr bestrebt sein, öffentliche Mißstände aus» zudecken und aus deren Beseitigung zu dringen. Pankow.'" Ter Verkauf russischen Fleisches durch die Gemeinde hat am letzten Sonnabend wieder begonnen. Er ist vorläufig nur in der Verlaufsstelle des Herrn Blaue, G a i.I l a r d st r a ß e 6, ein- gerichtet worden, doch sollen später nach Bedarf noch weitere Ver- laufsstcllen den Vertrieb deS Fleisches übernehmen. Der Verkauf findet unter denselben Bedingungen wie im vorigen Jahre statt. Bernau.: In der Stadtverordnetenversammlung gab der Vorsteher ein Schreiben der Handwerkslainmer bekannt, worin um die Errichtung einer FortbildungSichUle in Bernau ersucht wird. Genosse Hetbig wieS darauf hin, daß von unserer wie auch von bürgerlicher Seite Anträge auf Errichtung einer Fortbildungsschule gestellt, diese leider aber abgelehnt worden seien. Hoffentlich bringt die Anfrage nunmehr das Projekt der Verwirklichung näher. Als Beisitzer zu den am 13. und 14. November er. stattfindenden Ergänzungswahlen zur Stadtverordnetenversammlung wurde der Stadtverordnete Gruban und Geizosie Salzmann und als Stellvertreter die Stadtverordneten Schulze und Ewert gewählt. Hierbei rügte Genoffe Helbig. daß auch diesesmal der Magistrat die Wahl nicht auf einen Sonntag fest« gesetzt habe. Man sollle doch nicht so lange warten, bis das letzte Dort im Kreise Niederbarnim sich zur Abhaltung der Wahl für einen Sonntag erklärt habe. Auch brachte er ein Antworlschreiben des Magistrats zur Verlesung, daß dieser auf sein Gesuch, die Wahl auf einen Sonnlag zu verlegen, an ihn gerichtet habe. Es wird darin erklärt. daß der Magistrat die Wahl auf einen"Sonntag nicht festsetzen wolle. Helbig fügte hinzu, daß die sozialdemokratischen Vertreter sich zu gegebener Zeit diese« Schreibens erinnern werden. Hierauf wurden uoch für auszuführende Arbeiten Zuschläge eneilt, außerdem faßte die Versammlung Beschluß, die hier stattfindenden Pferde- und Lieh« markte aufzuheben. MuHlenbeck. In der Mitgliederversammlung deS Wahlverein? erstattete Ge- nossin Ä r e n d s e o den Bericht vom Parteitag. Die Rednerin führte im wesentlichen das auS. was sie in ihrem Referat in der Tegeler Organisation betont hatte. Wir haben hierüber in groben Umrissen berichtet. In der Diskussion sprachen die Genossen Buch- weitz. Seifert und Paul und Max Bruckmann im zustimmenden Sinne. Alsdann gab Genosse B ä r s ch den Bericht au§ der Gemeinde- Vertretung. Am Schlüsse der Versammlung wurde die Abhaltung einer öffentlichen Versammlung angeregt. Besonders wurden die Ge- Nossen ersucht, dafür zu wirken, dasz die gegnerischen Zeitungen aus den Arbeiterwohnungen entfernt werden. NowaweS. Ueber die Tätigkeit der Gemeindevertretung, besonders über die in letzter Zeit immer mehr in die Erscheinung tretende Ge- pflogenheit, wichtige Gemeinöeangelegenheiten in geheimer Sitzung zu behandeln, scheint nunmehr auch in bürgerlichen Kreisen Un- zusriedenheit zu herrschen. So wurde z. B. kürzlich im Haus- besitzervereiu einer Anregung der Mitglieder, sich mit den Wirt- schastlichen Pereinen des Ortes zusammenzuschließen und zur Be- sprechung kommunaler Fragen aus jedem Verein einige Personen in einen Ausschuß zu wählen, entgegengehalten,„daß bei uns jede Einwirkung aus die Beschlüsse der Gemeindevertretung unmöglich ist, weil alles in geheimer Sitzung beschlossen wird, die Oesfent- lichkeit also zu spät davon erfährt". Das ist vollkommen richtig. Es wird kaum dagegen etwas einzuwenden sein, wenn die ein- zelnen Vorlagen in den Kommissionen gründlich vorberaten werden, um unfruchtbare und zwecklose Debatten im Plenum zu vermeiden; dies darf jedoch nicht so weit ausarten, daß die öffentlichen Sitzun- gen, die doch den Gemeindeangehörigen einen Einblick auch in wichtigere Gemeindeangelegenheitcn gewähren sollen, das Bild einer mechanischen Abstimmungsmaschine darbieten. Die Vertreter der Arbeiterschaft im Gemeindeparlament sind entschiedene Gegner einer solchen Methode und haben dies oft genug deutlich zum Aus- druck gebracht, allerdings ohne merklichen Erfolg. Soll also in der Behandlung der Gemeindeangelegenheiten eine wirksame Aende- rung eintreten, dann mögen sich die Herren in den bürgerlichen Vereinen nicht mit bloßer Kritik in engem Kreise begnügen, sondern den Hebel zur Besserung dort ansetzen, wo es nötig ist: bei den Vertretern, die sie gewählt haben I Potsdam. Eine recht überflüssige Debatte brachte in der letzten Stadt- berordnetensitzung die Abänderung der Bestimmungen über die Ge- Währung von Renten an städusche Bedienstete und Arbeiter sowie deren Witwen und Waisen! Die einzige Aenderung war die, daß die Witwen und Waisen nach dem Tode eines städtischen Arbeiters, die infolge seiner langjährigen Beschäftigung in den Genuß des Witwen- und Waisengeldes gelangen, das Gehalt für einen auf den Sterbemonak folgenden Monat erhalten sollen und daß erst dann die niedrige Witwen- und Waisenpension eintreten soll. Diese ganz geringfügige Verbesserung, die heute schon den Hinterbliebenen von Pensionären zugute kommt, brachte eine derart langwierige Debatte, wie man sie bei Geldbewilligungen für manche unnötige Zwecke nicht gewöhnt ist; sie erschien den Stadtverordneten so wichtig. daß erst noch mal eine Kommission darüber befinden muß. Selbst den Magistrat schien diese Kleinlichkeit zu weit zu gehen, denn der Oberbürgermeister nannte es eine Erschwerung der kommunalen Arbeit, wenn selbst die kleinsten Vorlagen erst einer besonderen Kom- Mission überwiesen würden.— Der Etat für das demnächst zu er- öffnende Werner-Alfred-Bad wurde endgültig festgesetzt. Er umfaßt den Zeitraum vom t. Oktober 1313 bis 31. März 1314, also ein halbes Jahr. Die Einnahmen werden auf 16 200 M. und die. Aus- gaben auf 24 260 M. veranschlagt, so daß ein Fehlbetrag von 8060 M. entsteht. Diese ungünstige Balanzierung entsteht da- durch, daß das Bad erst in einigen Tagen in Betrieb ge- nommen werden kann, während das Bedienungspersonal bereits feit dem 1. Oktober angestellt ist. Der nächste Etat dürfte also günstiger sein.— Die Regelung der Pensions- und Hinterbliebenen- fürsorge für die städtischen Beamten einschließlich der besoldeten Magistratsmitglieder wurde einer Kommission zur Borarbeit über- wiesen. Bevor diese Sache nicht erledigt ist. wird die Wahl des zweiten Bürgermeisters nicht stattfinden.— Das städtische Verkehrs- amt sollte nach dem Ludwigschen Laden im Palast Barberini verlegt werden. Da dort die Räume ziemlich groß sind, soll ein Teil an das Warenhaus Wertheim-Berlin mitvermietet werden, welches daselbst ihren Billettverkauf einzurichten gedenkt. Dieses Zusammengehen mit der Warenhaussirma wiesen die Stadtver- ordneten von sich. Schließlich wurde die Vorlage zurückgezogen, um ihr eine andere Gestalt zu geben. Zum Verhalten des Leiter« der Berlagsgesellschaft deutscher Konsumvereine Herrn Kaustnann in der Unternehmerorganisation gegen die organisierten Buchdrucker nahm die K o n s u m g e n o s s e n- schaft„Hoffnung" am Sonntag in ihrer gut besuchten Generalversammlung Stellung. Nachdem vom hiesigen Vorsitzenden des Buchdruckerverbandes das Verhalten deS Herrn Kaufmann in längeren Ausführungen entsprechend gewürdigt und von verschiedenen Rednern scharf kritisiert worden war, wurde folgende Resolution ein- stimmig angenommen: „Die Generalversammlung der Konsumgenossenschaft„Hoffnung", Potsdam, nimmt mit Entrüstung davon Kenntnis, daß es Herr Kauf- mann als Leiter der Berlagsgesellschaft deutscher Konsumvereine fertig gebracht hat, den vor allen Aistanzen erledigten Konflikt in der Verlags- druckerei in scharfmacherischer Weise in der Versammlung der Unter- nehmerorganisation gegen die organisierten Buchdrucker ausschlachten zu lassen und in Gemeinschaft mit dem technischen Leiter der Ver- lagsbruckerei Stemhorst dabei tätig mitzuwirken. Die General- Versammlung erwartet von den AufsichtSinstanzen der Verlagsgesellschaft. daß den Leitern dieses Arbeiterunternehmens, welches dem Solidaritätsgedanken der organisierten Arbeiterschaft sei» Entstehen verdankt, klar gemacht wird, daß sie kein Recht haben, die Genossenschaftsbewegung durch ihr arbeiterfeindliches Verhalten fort- gesetzt zu diskreditieren. Die Generalversammlung hat weiter kein Verständnis dafür, daß die Leiter eines Arbeiterunternehmens Mit- glieder einer Unternehmerorganisation sind und sogar hervor- ragend tätigen Anteil an deren arbeiterfeindlichen Bestrebungen nehmen. Die Generalversammlung beaustragt ihren Vertreter, in der Generalversammlung der Berlagsgesellschaft obige Resolution cnt- sprechend zu vertreten."_ Sitzuugstage von Stadt- und Gemeindevertretungen. Hohen-SchönhaNseu. Mittwoch, den 23. Oktober, nachmittags 6 Uhr, im Verwaltungsgebäude,. Handlung. Von Dr. Pick. 1.50 M. O. Coblentz. Berlin W 30. Aerztliche Merkblätter über berufliche Bergiftungeu. Aus- gestellt und veröffentlicht von der Konserenz der Fabrilärzte der deutschen chemischen Grogindustrie. 1,80 M. I. Springer, Berln W 3. Reclams Universum. Hest 4. Illustrierte Wochenschrist. 35 Ps. Ph. Rcclam jun.. Leipzig. Die volntsche Frage«nd Europa. Von Pros. I. Flach übersetzt. 333 S. S. Knaster, Berlin. Die junge Welt. Herausgegeben von I. L. Stern. Bd. 6. Mädchen- buch. Von Adelheid Popp. 20 Ps. I. Brand u. Co.. Wien VI. Gedankengut ans meinen Wanderjahren. Von M. Dauthendeh. Zwei Bände. 3 M., in zwei Leinenbänden 12 M. A. Langen, München. WttterungSüberücht vom 27. Oktober 1913. tFtffflffWfW Swinemde. Hamburg Berlin Franks. a.M München Wien 758 758 760 762 765 764 iE SW SW SW ttll W v-Uer t*K ci% 5« i* wS> 3.halb bd. 11 wollig 11 heiter 1 12 Nebel i 9 wolkenlj 10 wollig j 8 «tattonen Saparanda etersburg Scillh Aberdee» Paris 753 762 747 745 758 i! 8® V SO SSW SO Setter 2 bedeckt Schnee 5 wolkig 3 wolkig 2>halb bd. 2 S -5 1 13 11 11 Wetterprognose für Dienstag, den 88. Oktober 1913. Mild und vielsach beiter, aber veränderlich mit leichten Regensällen und ziemlich lebhasten südlichen Winden. Berliner W e tt erb ur c a u. WasserftandS-Nachrichtcn der LandeSanffatt für Eewälserlunde, mitgeteckt vom Berliner Wellerburean Wasserstand Memel, Tilfit P r e g« l, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder, Rattbor , Krassen , Franttnrt Warthe, Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Lettmcritz , Dresden , varbh Magdeburg am 26.10. am 144 — 2 194 120 123 127 34 14 —10 —41 — 164 70 65 seit 25.10. cm1) _ 2 5 — 4 — 1 — 3 0 —4 —1 0 0 +2 —3 Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Spandau , Rathenow') Spree, Svremberg') , Beeslow Weser, Münden , Blinden Rhein, MaximUilmSan , Kaub , Köln Neckar, Heilbronn Main, Hanau Mosel, Trier am 26.10. cm 58 32 3 80 83 110 184 335 131 110 35 110 48 seit 25.10. cm'j —5 —1 ->-5 _» —1 —1 —1 —3 —1 —5 —1 —6 ')+ bedeutet Wuchs,— Fall.—•) llnierpegel. Sechster Wahlkreis. am Dienstag» den S8. Oktober 1913, abends H'/3 Uhr für dm 3'?. Kommunalwahlbezirk im ,» A r t« s h o f". Perleberger Straße 26. Tagesordnung: 1. Vortrag des Stadtverordneten Karl Lerd. 2. Diskussion. Anapracliv de» Kandidaten. Am Mittwoch, den 29. Oktober 1913, abends SVs Uhr für dm S8. Kommunalwahlbezirk im Restaurant„Caf6 Gärtner", Holsteiner Ufer 27/28, Tagesordnung: 1.„Warum muh die Sozialdemokratie im Roten Hause vertrete« sein?" Referent: Sladtoerordnctcr Dr. Kart Roaenfeld. 2. Diskussion. Ansprache de» Kandidaten. 231/11*' Die»ozialdemokratlachen Wahlkomitce«. w»»! Glllgslhltiscr und GlaslilSsn! Mittwoch, den S9. Oktober, abends 8 Uhr, bei Boeker, Weberstr. 17: Mit gliecle �-Versammlung der Zahlstelle Berlin. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom 3. Ouattal 1313 und Bericht. 2. Ergäiizungs- Wahlen zur Ortsverwalwng. 3. Bekanntgabe der Kandidaten zum Beamten. 4. Verschiedenes. Es ist Pflicht, daß jedes Mitglied erscheint. Die DrtaverHraltnna. 71/10 I. A.: A. Schröder. Lehmanns Vereinhaus Schöneberg Haoptatraße S. Schttneberg. 5alk, Ktgelbahnkk, Vereinszimmer°''Kn�°'verAn.°''' Spezialarzt j. Haut.. Harn.. Frauenleiden. nerv. Schwäche, Bcinkranke jeder Art. Ehrlich Hat«> Kuren in u.Co. konz. Laborat. j Blut- Untersuchung., Fäden L Harn usw. Friedrichstr. 81, ÄÄ«. Spr. 10—2, 5—9, Sonnt. 11—2. Honorar mästig, auch Teilzahl. Separates Damenzimmer. Dr. Homeyer 3» Stelen Stnnöen Die lvochenschrist für Arbeikerfamtlieu Wöchentlich 1 Heft für 10 pf. Verband der JAaler, Sackterer, Unstreicher Bureau: Melchiorstraße 28, Part. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. Tttisle Serlin. USW. Arbeitsnachweis: Rückerstraße 9. Fernsprecher: Amt Norde» 6708. Donnerstag, de» 39. Oktober 1913, abends 8� Uhr: Iflltgiieder- l7ersaimiiil«ingf im Creiverkschaftshanse(großer Saal), Engeluser IS. Tagesordnung: 1. Bericht des Borstandes für 1912. Wahl deS Vorstandest. 2. Kassenbericht für das l.< 2. und 3. Ouartal 1313. Verbandsangelegenheit. N«r Mitgliedsbuch legitimiert k...... Die Versammlung wird Pünttllch eröffnet.— Zahlreichen Besuch erwartet 135/16" Die Ort«vcrwaltpng. Dentslhn Transporlarbkiter-Unlmd. IlezIrktiTcrwaltang CiroB-Bcrlin. Sektion II. Mitglieder des DenMen Erausportarbkittr-Nerbölldts aus sämtlichen Krauereieu und Niederlagen Sellins und Nmgegend! Donnerstag, den 39. Oktober, abends 7'/2 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engelufer 13. Saal 1: Mitglieder-Versammlung Tagesordnung: 1. Prosperität und Ertragsfähigkeit des Braugewerbes. Re- serent: Kollege D ö ri n g, 2. Verbandsoorsitzender. 2. Der Ablauf der Tarife i» de« Brauereien und Niederlagen. 3. Tätigkeitsbericht der Branchenleitung. 4. Verbandsangelegenheiten. Kollegen! Fn Anbetracht der wirtschaftlichen Lage und der kommenden Lohnbewegung ist cS Pflicht eines jeden Kollegen zu erschemen. Mitgliedsbuch legitimiert, ohne dasselbe kein Eintritt. 63/2 vi« BranchenleKiiDS. Der neue Band der Vorwärts-Bibliothek: Erräldungen aus dem Proletarierleben von H, Anderten Nex8. Preis gut gebunden 1 Mark. Buchhandlung Vorwärts ------ Llndenstr. 69: Laden------- IAuch durch alle„Voncsrts"- ausgabestellen zu beziehen.* Aufpolsterung! Sofa, Matratzen billig, im. außerm Hause. Karl- steaße 18, Ouergebäudc, Schäfer. Schönebergf. Sozialdcmohrarircber Maklverein. Dienstag, den S8. Oktober ISIS, abends 8 Uhr, in den Neue» Rathanssälen, Meininger Strafte 8: Mitglieder Uerjammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag über„Religion*. Referent: Genosse G. Franke. 2. VerernZangelegenheiten. 16/4 Da wichtige Mitteilungen zu geben sind, so wird zahlreicher und Pünktlicher Besuch erwartet. Vor» Vorstand. ttr Oeffentliche Versaminlungen. IMMrelh g/eg/en d. I�taatekirche Dienstag, 28. Okt., abends H'j, Uhr. .■-'■(Für Unkosten 10 Pfennig.)— Moabiter Gesellschaftshaus n Brauerei Friedrichshain:: Neue Welt:: Viktoriagarten(Wilhelnisaue). Redner: Adolf Hoff mann— Klauke(Frankfurt)— Dr. Karl Liebknecht— Prof. Wilh. Ostwald (Leipzig)— Pens(Dessau)— Tschirn(Breslau)— Vogtherr(Setttin) und Dr. Bruno Wille. Die Geistlichkeit aller Bekenntnisse und die theologischen UWWr Hochschullehrer sind zur Diskussion eingeladen.— Es gilt, durch eine Massenkundgebung aller Bolkskreise eine wichtigste stütze der Reaktion zu schwächen und zu brechen. 293/ i* In den Versammlungen werden Kirchenaustritts- ------------------ erklärungen eingesammelt.------------ VösWltungZSiöllö Beflili. N 54, Linienstr. 83-85, Telephon; Amt Norden 185, 1239, 1987, 9714. Mittwoch, den SS. Oktober ISIS, abends« Uhr: Nkchwiillllilg dkl chiriirzislhtil tiunichc im Rosenthaler Hos, Rosenthaler Straße 11/12. Tagesordnung: 1. Lerbandsangelcgenheitc». 2. Branchcnangclcgenhciten. 3. Wer- schicdenes._ Mittwoch, den ÄS. Oktober ISIS, abends 8Vz Uhr: Mitglieder-Versammlung der Gold- und Silberarbeiter und verwandten Bernfsgenoffen im Dresdener Garten, Dresdener Straße 45. Tagesordnung: 1. Vortrag des ReichstagSabgeordnetcn Genossen Davidsohn über: Ludwig Dhoma. 2. Verbandsangelegenheiten lind Verschiedenes. IM- Mitgliedsbuch legitimiert."Mg Branchen-Vcrsatnmlungcii der Eisen-, Metall- und Revolver- dreher sowie Rundschleiser Mittwoch, de» ÄS. Oktober ISIS, abends S Uhr, in Obiglos Aestsälen sfrüher Keller), Koppenstraße 29, Donnerstag, den SS. Oktober ISIS, abends 6 Uhr, im großen Saale der Bockbraucrei, Chausseestraße 64. Tagesordnung: 1. Die FestseUung der Zlkkordpreise durch KalkulationsiureauS und unsere Stellung dazu. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zu der Versammlung am 29. Oktober sind die Kollegen aus dem 1., 2., 3., 4., 9., 10. 21. und 22. Bezirk, zu der Versammlung am 30. Oktober die Kollegen aus dem 13., 14., 16., 16. und 17. Bezirk besonders ein- geladen. Alle Kollegen, die die Versammlungen am 22. und 23. Oktober aus irgendeinem Grunde nicht besuchen konnten, müssen am 29, oder 30. Oktober zur Versammlung erscheinen. Zahlreichen Besuch obiger Versammlungen erwartet 128/13 Dl« Ortsvcrwaltung. ttr Verwaltung Berlin. Mitglieder Nersammlungen Perlmutter', Horn-- und Steinnuß' arbeiter u.'arbeiterlnnen. Mittwoch, den ÄS. Oktober 4S1S, abends v Uhr, im„. (W allner-Tlieater). DienStag, abends 8 Uhr: Die Großstadtluft. Mittwoch, abends 8 Uhr: Wenn der nene Wein blüht Donnerstag, abends 8 Uhr: Die Großstadtlnft. Schiller-Theater Charlottenbnrg. DienStag, abends 8 Uhr: dngendtreimde. Mittwoch, abends 8 Uhr: Rosenmontag. Donnerstag, abends 8 Uhr: Jngendfrenude. 7'/, uhr.- Macbeth. Komödieahaus. «Uhr: Hinter Mauern. Serüller Tbeater. 8 Uhr: Wie einst im Mai. DentschesSchansplelhaas 8 Uhr: Die heitere Residenz. Tlealer am flßlWorfplatz S. Täglich abends 8 Uhr: Die Heimliehr des Odyssens. _ Burleske-Operette, Theater des Westens. Der liebe Augastin. 8 Uhr: Sonnabd.: Z.t,Male Rolenhlnt. «.Uesilleiil-Thezlel» Holsett— der Frewz! Musikalische Groteske in 3 Akten von Artur Landsberger und Willi Wolff, Mllsik von Robert Winterberg, Morg. u.s.Tagc: Nobeit— der Franz! Sonntag, 2. Zwo., nachm. 3 Uhr: _ Die Fran Prfisldentln. Montis Operetten-Theater Schifibanerdamm 4a. 8 Uhr: Gastsp, Fritzi Massary. Julius wplelmann: Die ideale Gattin. Operette i. 3 Akten, IOSE-THEATEI Grotze stronffurttr■Str. 132, Im weißen Rßss'l. Lnstsptcl in 3 Akten von Blumenthal u. Kadelburg. > Ansang 8l/t Uhr. Mittwoch: Im w-elßoa Rßss'l. Sonnabendnm. 4 Uhr: Asehanbrödel. Passage-Panoptikum Mundmaler Scimldis der Kalael ohne Arme bei seinen Arbeiten. Lebend zu sehen! Und die anderen Attraktionen. Die gr. Kino-Variete-Vorstellung von 5(Sonntags 3) bis 11 Uhr. btv* vsj»»» JlCUfU pu»■—--- �---- � verantwortlicher Redakteur:«lfred Wielepp, Reukölln. Für den Jmeratenieil oerantw.: Tb Glocke. Berlin Druck u. Verlag. Vorwart» Buchdrucker«» u. VerlagsanftaU Paul Singer u. Co.. Berlin TaubenstraBe 48/49. 8 Uhr: Prof. Dr. W. Scheffer: An den Grenzen der Sichtbarkeit. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Dr. C. Kaßner: Wettervorhersage. Voigt- Theater Badstrafte 58. Morgen Mittwoch, den 29. Oktober: Historisches Drama in 5 Aufzügen von Fr. Tietz. Kasseneröffnung 7 Ubr. Ans. 8>/, Uhr. ReiebsbaHen-Theater Stettiner Sänger „Alarm!" Milit. Humoreske. Ansang 8 Uhr. Sonntag nachm. 3 Uhr: Einmal. Aufführ, „Der Kompagnie- Ball'1 Log. 1 M., Balk. 75 Ps., Enlree 39 Pf, Metropol Theater Abends 7 Uhr 55 präzise: Gr. AusstattungSst. m. Ges. u. Tanz in 19 Bild. m. vollständ. freier Benutzung des wies Verneffchen RomaneS von Julius Freund. Musik von Jean Gilbert. In Szene gef. v. Dir. Richard Schustz. Karl Bachmann. Joseph Giampietro. Guido Tbielscher. ilired Schmasov. Leopold Woii. Ludwig Woli. HeleneBallot. idaüusska. J. de Lande. Ken! Bon 9-1 Uhr: Ken! Metropol-Bar Rendezvous der vornehmen Lebewelt. Z Kapellen._ Vereinigte Berliner Volksbülmen. I/nlsen-Theater. Dienstag S1/, Uhr: Ton Stufe 7,0 State. Lebensbild mit Ges. 11. Tanz in 3 Bild. W alhalla Theater. Täglich S'/f Uhr; Der Idcbesonkcl. Poffe mit Gesang u, Tanz in 3 Akten. Brauerei Friedrichshain am Königstor. Oekonom; Emst Liebing. Rlttwoch, den 29. Oktober er.: Heiterer Künstler-Abend. Sensations- Programm. Anfang 8 Uhr. Entree 39 Jb»Clou« " Mauerstraße 82.— Z :: Berliner:: Konzerthaus MauorstraBe 82.— ZimmorstraBe 90/91. Crroßes I>oppel- Konzert! Berliner Konzorthaus-Orchester. Leitung: Komponist Frz.*. Blon und als Gasldirigent: Hafkapollmeister Prof. Traugott Ochs. Musikkorps Kaiser-Franz-Garde-Grenad.-Regts. Oirig. Oberm. A. Becker. Anfang 8 Uhr. Eintritt 50 Pf. Anfang 8 Uhr. Wochentagen: Gf.»SeillMM'üollier'l ��ri� Exceisior-Lichtspielhaus;; Bergstraße 151-152 Neukölln Bergstraße 151-152 Vom 28. bis 30. Oktober: Oerminal. Großes Drama aus dorn Bcrgwerksleben in o Aiten nach Emile Zola. Ein Meisterwerk der Kinotechnik. Der moderne Bergwerksbetrieb, katastrophale Ereignisse usw. werden in Filmaufnahmen, die an Ort und Stelle gemacht worden sind, vorgeführt� und die straff durchgeführte, scannende Handlung zwingst den Besucher bis zum Schluß in ihren Bann. Dazu das sorgfältig gewählte Programm. Anfang 5 Uhr. Zirkus Busch. Heute Dienstag, den 28, Oktober, abends I'/s Uhr: Hagenbecks lustiges Sebimpansen-Trio in Ihren fabelhaften Produktionen. Ferner nur noch wenige Tage die grotzen Oktober-Atlraktioncn, Zum Schlutz: Die neue Ausstatt.-Pantomime Aus unskre« Kolouieu. Die „Z CINES ftheskier Apollo-Theater Täglich Anfang 8 ühr. Palast am Zoo Täglich Anfang 6 Uhr, Sonntag» 9 Uhr Matlase. Komplettes Programm grosser Varlelö-Akte sowie unsere renommierten Lichtspiele Friedr.-Wllhelmst. Richard Wagner 1813— 191S Eine Filrobiographle rum 100. Geburtstage des Meisters täglich von 4 Uhr an. Xnr awel Preise 35 n. 6© Pf. Keine teureren Plätze. Nachmittags Lichtspiel•Vorsiellungen Apollo-Theater Täglich Anfang'/.S Uhr. Nur zwei Preise 85 Pfennig und 60 Pfennig. Nollendorf-Theater Cleopatra Die Herrin des Nils Das Filtnwander der Well Wochentag/s Anfang ß1'? u 9 Uhr Sonntags 4, 6'/, und 9 Uhr. Jugend-Vorstellung Wochentags 4 Uhr zu halben Preisen, Folies Gaprice. Anfang «'/. Uhr Ritter Baldrian Das Adoptivkind Die Mißgeburt Zirkus ilb. Schumann. Heute Dienstag, 28. Oktober, abends 7-/, Uhr: Kar noch 5 Tage! 10 Bengal-Königs-Tiger 10 vorgeführt von Herrn Sawade. Zoolog-Potpoorrl. Miß Octavia. Die Schlenderfahrt im Laf tsebiff! u. die übrigen Okt.-Attraktion. mr um 9-/, uhr:-ns Tango vor Gericht! Pantomimen-Burleske in 3 Akten mit Gesang u. Tanz. Trianon-Theater. Täglich abends 8 Uhr: Seine Geliebte. UT Weinbergs-ll T weg 16—17 �2 Min. v. Ro- U 1 senth. Tor) Moritz- Platz Hasen- beide Reinicken- dorfer Str. Die Insel der Seligen inzeniert von Professor Max Reinhardt CasinosTheater Lochringer Str. 37. Täglich 8 Uhr. Der neue Saison-Possen-Schlager Ferdinand der Tugendhafte. DaS droll. Stück seit Bestehen d. Theat. Vorher das ersttl. Sveziatilät.-Progr. Sonntag, nachm. 4 Uhr: Hattcrllchc._ Admiralspalast. Eis- Arena.— Allabendltch das neue mit durchschlagendem Erfolg aufgeführte Eisballet» S)ie lustige Puppe. Beginn der Vorstellung 8-/. Uhr. Bis 6 Uhr und von 10°/, Uhr halbe Kassenpreise. Aar den Jnuat» der I» eraze »hernimmt hie Revaktion dem >0»lblitum gegenüber keinerlei Berantworrnn«. Nr. 283 30. Iahrsasz. 3. Inlngc des Lmirls" Setlintr AMIM. Ditnskg. 28. Oktober Wl3. Der neue Krnpp-Prozeß. Berlin, 27. Oktober 1913. Vierter Tag. Tic Verhandlungen in der Anklage gegen Direktor Eeeius und Bureauvorstehcr Brandt nahmen heute ihren Fortgang. Di« Ver- Handlungen wurden kurz nach 9 Uhr durch den Vorsitzenden Land- gericbtsrat Karsten mit dem Zeugenaufruf eröffnet. Als Zeugen sind heute erschienen die Direktoren der Kruppaktiengesellschaft. Als erster Zeuge wird der Vorsitzende des Direktoriums Geheimer Ainanzrat Hugenberg vernommen, und zwar unter Aussetzung der Vereidigung.— Vors.: Feh möchte von Ihnen hören, wer verantwortlich ist für eine ordcnt- liche und einwandfreie Berichterstattung in Berlin, und zu diesem Zwecke bitte ich Sic, uns nähere Angaben über die Organisation der Verwaltung der Firma Krupp zu geben.— Zeuge Geh. Rat H u g e n- berg: Die Firma wird verantwortlich geleitet durch ein Dirck- korium, das aus 11 Mitgliedern besteht, von denen eins in Magdeburg ist. Die Firma ist eine Aktiengesellschaft und den Vor- stand bildet das Direktorium. Di« Verwaltung zerfällt in einige Dezernate. Es ist schon mit der Ausdehnung der Gesellschaft Wert darauf gelegt worden, daß die Leiter der Dezernate ihr« Geschäfte selbständig und verantwortlich führen. Jedes Dezernat hat einen außerordentlich großen Ilmfang. Ein Ergebnis dieser Geschäftsein- tcilung ist, daß die meisten Gcschäfke durch die Dezernenten selb- ständig geführt werden. Es werden aber auch gewisse Dinge im Plenum des Direktoriums verhandelt. Jeder Dezernent hat die Bc- fugnis, einzelne Fragen vor das Plenum zu bringen. Anderer- seitS sieht auch dieselbe Befugnis dem Vorsitzenden zu. Bestimmte Punkte müssen überhaupt im Direktorium besprochen werden. Dahin gehören alle Bewilligungen grösserer Ausgaben, sobald sie eine gewisse Höhe erreichen. Die Höbe dieser Summe ist dauernd ver- größcrt worden. Ich kann zurzeit nicht angeben, von lvelcher Höhe an die Ausgaben jetzt im Plenum verhandelt werden müssen. Das bat ja auch mit diesem Fall nichts zu tun. Das Dezernat für das Kriegsmaterial lag in den Händen des Herrn E c c i u s. so daß die Verantwortlichkeit dafür i h m zufällt. Ein großer Teil der Tinge, die im August zur Besprechung zwischen verschiedenen Direk- toren kamen, würden auch vom Dezernenten allein erledigt worden sein, wenn Herr Eeeius in dieser Zeit nicht wegen Krankheit be« nrlaubt worden wäre. Die Geschäftsführung war durch die Krank- beit des Herrn Eeeius erheblich gestört. Sonst ist es üblich, daß bei IlrlaubSzcit der Dezernent auch weiter die Geschäfte völlig in der Hand behält. Das war bei Herrn Eeeius nicht möglich, die Ver- bindung war zu jener Zeit vollständig abgebrochen. Herr M u e h l o n hatte seine Vertretung, aber er hatte nicht Sitz und Stimme im Direktorium. Ich bin im Jahre 1999 in das Dirck- torium eingetreten. Tie Entwickelung der Dezernate ivar vor dieser Zeit eingetreten und ich weiß deshalb darüber nichts Näheres. Vor- bcr gab es kein besonderes Dezernat für Kriegsmaterial, sondern diese Tinge gehörten zum Inland de zernot, das in den Händen des Herrn Budde lag, Herr EeeinS hatte die kaufmännische Leitung in diesem Dezernat.— Vors.: Was war Herr v. Dewitz?— Zeuge: Bis 1912 war Herr v. Dewitz ohne Zeichnungsbefugnis. Er hatte nur Handlungsbefugnis und war Untergebener des Herrn Eeeius. — Bors.: Mit den Angelegenheiten der Berliner Vertretung war also zunächst Herr Budde befaßt, nachher Herr EeeiuS, und während dessen Krankheit als Stellvertreter sein Untergebener Herr Mucblon, und das ausführende Organ war er, wenn ich richtig verstanden habe, Herr v. Dewitz— Zeuge: Herr b. Dewitz hatte gewisse Aufsichtsbcfugnisse über das Kriegsmaterial. Er hatte auch die Sammlung der vertraulichen Berichte unter sich. — Vors.: Also der„Kornwalzer".— Zeuge: Kornwalzer ist der allgemeine(fade für alle vertraulichen Berichte.— Vors.: Ist Ihnen bekannt, daß Herr v. Dewitz vertrauliche Berichte gesammelt hat? — Zeug«: Ich habe davon erst Anfang August 1912 erfahren.— Vors.: Ist von der Tätigkeit und den Befugnissen Brandts im Direktorium gesprochen worden.— Zeuge: Vor diesem Zeitpunkt war mir davon nichts bekannt.— Vors.: Es kommt uns darauf an, zu wissen, ob Brandt vom Direk- torium oder einem der Direktoren nach Berlin geschickt worden ist, um solche Nachrichten zu beschaffen. — Zeuge: Mir ist vor Anfang 1912 überhaupt nichts darüber bekannt geworden und auch sonst nur das, was in der Untersuchung vorgekommen ist.— Vors.: Haben Sic„Kornwalzer" gesehen?— Zeuge: Da auf einigen mein Zeichen steht oder der Stempel, so muß ich wohl einige davon gesehen haben. Ich kann auch jetzt nur sagen, ich erinnere mich nicht, daß mir jemals ein„Kornwalzcr" vorgelegen hat. Bei der Fülle des Materials, das mir zu Händen kommt, kann ich nicht alles übersehen. Es ist aber möglich, daß mir zufällig unter dem von Herrn Eeeius oder v. Dewitz vorgelegten Material die beiden Korn Walzer, die in Frage kommen, auch vorgelegen haben. Jedenfalls habe ich die Kornwalzcr nicht ständig zu lesen gehabt.— Vors.: Was ist im August 1912 über die Tätigkeit deS Herrn Brandt in der Sitzung de? Direktoriums zur Sprache gc- kommen?--- Zeuge: Herr Muehlon hat in einer Sitzung am 3. August seine Reise nach Berlin zur Sprache gebracht. ES war das unmittelbar vor der am 8. August stattfindenden Jubiläumsfeier der Firma Krupp.— Vors.: Können Sie mir sagen, weshalb Herr Muehlon nach Berlin gefahren ist?— Zeuge: Jetzt habe ich das gehört. Damals wußte ich nicht, daß die Ver- anlassung dazu ein Brief war, den Herr v. Metze» am 22. Juli an Herrn Muehlon geschrieben hatte.— Vors.: Was erzählte nun Herr Muehlon?— Zeuge: I m einzelnen kann ich das nicht sagen. Ich habe die Erörterung im Plenum darüber bald abgeschnitten. — Vors.: Weshalb denn das? Zeuge: Wir hatten eingehende Besprechungen über die Jubiläumsfeftlichkeitcn, und da erklärte ich, daß im Augenblick nicht die Zeit sei, uns mit der anderen Sache zu befassen. Herr Muehlon sollte nach den Festlichkeiten die Sache erneut zur Sprache bringen. Soweit ich unterrichtet bin, hat dann Herr Muehlon noch n a ch der Sitzung verschiedcnen Herren des Direk- toriums eingehendere Mitteilungen gemacht. Infolge ver- schicdener Umstände, Reisen usw. ist diese Angelegenheit dann erst wieder am 24. August zur Besprechung gelangt. Erst im Laufe der Untersuchung ist mir in Erinnerung gekommen, daß überhaupt die Erörterung schon Anfang August begonnen hatte. Deshalb habe ich zunächst nur vom 24. August sprechen können. Dieser letzteren Sitzung nun wohnten außer mir Herr Mucblon. Direktor EhrenSbergcr und noch ein Herr aus dem Direktorium bei. Herr Muehlon äußerte sich dahin, daß er ihm sehr unsympathische Vorgänge, die sich in Berlin abgespielt hätten, zur Sprache bringen müßte. Anläßlich seiner Anwesenheit in Berlin seien Differenzen zwischen den Herren Brandt und v. Metzcn hervorgetreten. Brandt habe von seinen ihn unangenehmen Repräsentationspslichten gesprochen und gesagt, er könne das Leben nicht aushalten, «r wolle Mensch bleiben. Herr Muehlon hätte ihn darauf gefragt: Wieso denn, tun Sie etwas Unrechtes? Was Brandt verneinte.— Darauf sagte Brandt: Herr v. Metzen mache ihm das Herz schwer. Brandt sei dann auch auf seine Berichte zu sprechen gekommen, und Herr Muehlon habe ihm erwidert, daß diese Berichte für die ffkma nicht den mindesten Wert haben. Wenn er sie einstellen wolle, möge er es tun. Darauf habe Herr Brandt gefragt, ob er dann auch seine Bezüge beibehalten könne— oder ich glaube, er bat wohl gefragt, ob er sg«n« Stellung behalten könne, wenn er die Berichte einstelle. Herr Muehlon sagte, daß er erwidert habe, wenn Brandt nicht irgend etwas tue, was nicht in Ordnung sei, und wenn er seine Arbeit weiter verrichte, würde er die Stelle nicht verlieren. Im Direktorium kam nun die Rede auch auf die Stellung Brandts. Herr Muehlon sagte, er habe erst seit ganz kurzer Zeit mit den Berliner Dingen zu tun. Er betonte, daß diese Berichte von ganz geringem Wert seien, und daß man auf sie gern verzichten könnte, worauf ich sagte: Weshalb macht man dann überhaupt diese Sache? Muehlon erwiderte: Ja, man hat in früheren Zeiten grösieren Wert darauf gelegt, unsere Fabritations- und kaufmännischen Einrich- tungen seien aber jetzt so weit, daß die Berichte nun ganz entbehr- lich wären. Ich gewann daraus den Eindruck, daß diese Berichte eine überflüssige Einrichtung seien. Herr Muehlon stellte auch den formellen Antrag, die Berichterstattung aufzugeben und Herrn Brandt von seiner Berliner Stellung abzuberufen. Er sagte, daß es sich um Angelegenheiten handle, die da? minimalste Interesse der Firma beträfen, nämlich das K l e i n g c s ch ä f t mit dem Kricgsministerium. Es ist inzwischen ja nachgewiesen worden, daß diese Geschäfte auch in finanzieller Beziehung für die Firma ganz bedeutungslos waren. Aus dem Ganzen hatte ich den Ein- druck, daß die Abberufung des Herrn Brandt unbedingt erfolgen könnte, und sie wäre ancb, ohne daß diese Ereignisse eingetreten wären, erfolgt. Für mich war es nur eine Frage des W a n n u n d nicht das Ob. Nach den Mitteilungen des Herrn Muehlow mußte ich annehmen, daß die Tätigkeit des Herrn Brandt eine Gefahr in sich enthielte, so daß irgendein öffentlicher Skandal entstehen konnte, der für die Firma Krupp unangenehm werden könnte. Ich sagte mir das, nachdem ich gehört hatte, daß Herr Brandt von einer derartigen Berichterstattung gesprochen hatte, bei der er die Rcpräsentations- pflichten nicht aushalten könne. Es kamen auch in Betracht die Beziehungen eines Subalternbeamten zu Be- Hörden, und es lag darin eine Gefqhr, daß bei öffent- lichen Verhandlungen dies« Beziehungen in das schwärzeste Licht gestellt werden könnten, und daß man mehr dahinter sehen könnte als wirklich war. Ich habe in dieser Sache van vornherein etwas mit dem Standpunkt der Firma nicht zu Vereinbarendes gesehen, ich habe es aber auch nicht für richtig gehalten, sofort mit Feuer und Schwert einzugreifen, und zroar weil die Herren nur Mangel- hast unterrichtet waren, weil infolge der Ferien einige Herren fehlten, und weil namentlich der Dezernent abwesend war. Herr Eeeius mußte ja auch balD daraus zurückkommen, er war nicht nur 1912, sondern auch 1911 außerordentlich viel krank und abwesend gewesen. Er war schon jahrelang vorher leidend und mußte von Zeit zu Zeit vertreten werden, und da ihn Dr. Muehlon mit Erfolg vertreten hatte und das Bedürfnis bestand, Herrn Muehlon seine Stellung auch in Zukunft angenehm und so zu gestalten, daß er mit Interesse weiter arbeitet, war in einer ganz vertraulichen Be sprechung mit dem Vorsitzenden des Aussichtsrats, Herrn v. Bohlen, erwogen worden, eine Teilung des Dezernats für Kriegsmaterial- lieferungen zwischen Herrn Eccius und Dr. Muehlon eintreten zu lassen, und zwar in der Weise, daß Dr. Muehlon zunächst unter Herrn Eccius stehen, aber eine gewisse Bewegungsfreiheit und Selbständigkeit übernehmen sollte. Es wäre das selbstverständlich kein ganz klarer Zustand geworden, und eS lag darin die weitere Entwickelung enthalten, daß Dr. Muehlon mit der Zeit auch Mit glied oeS Direktoriums werden dürfe. Das ist inzwischen a n ch geschehen. Gerade deswegen aber, weil eine solche Lösung der Personalfrage in Aussicht genommen war, erschien es nicht angebracht, über den Kops des Dezernenten hinweg einzugreifen.— Vors.: Auf welche Weise hatte Dr. Muehlon die Feststellungen darüber getroffen, wie Brandt in den Besitz seiner Nachrichten gekommen war? Ist darüber gc sprachen worden?— Zeuge: Nein, darüber hoben Erörterungen nicht stattgefunden, und zwar von meinem Standpunkt aus unter dem Gesichtspunkt, daß nach den Mitteilungen Dr. MuehlonS mir überhaupt sofort klar war, daß die ganze Sache beseitigt werden müsse. Im Geschäftsieben pflegt man ja der Vergangenheit der Dinge nicht nachzugehen, wenn man entschloffen ist, sie so oder so zu regeln.— Vors.: Warum sollte Brandt abberufen werden? Was hatte er denn gemacht?— Zeuge: Ich hatte den Eindruck, daß er mit Beamten herumgekneipt hatte, und selbstverständlich lag der Gedanke nahe, daß dabei auch eine Durchbrechung der Bcamtendisziplin vorkommen konnte. Vom Standpunkt der Firma Krupp aus war es selbstverständlich nicht möglich, diesen Zustand bestehen zu lassen, schon deshalb, weil zu befürchten war, daß eine derartige Durchbrechung der Beamten- disziplin vorkommen konnte. ES erscheint mir nicht unwichtig, ein« zufügen, daß es mir, und ich glaube, auch einem anderen Herrn des Direktoriums, damals nicht bekannt war, daß für die Subalternbeamten der Militärverwaltung ein unbedingtes Schweigegebot besteht?— Vors.; Das wußten Sic nicht?— Zeuge: Ich habe das erst im Mai d. I. zu fällig durch eine Unterhaltung mit einem höheren Offizier er- fahren. Ich bin ja selbst Beamter gewesen, kenne also die Ver- Hältnisse in unserer Beamtenschaft durchaus undjtenn nur sagen, daß ich damals in einem derartigen Verkehr mit Subaltcrnbeamtcn an sich ni ch t schon etwas Sträfliches erblickt habe. Ich habe auch nicht die Auffassung gehabt, daß diese Beamten nicht berechtigt wären, Mitteilungen zu machen. Ich weiß jetzt, daß die Schweigepflicht besteht, aber praktisch betrachtet kann ich mir auch jetzt nicht vorstellen, wie sie Praktisch durchführbar sein soll, z. B. bei kleinen, unerheblichen Dingen, wo es eine außerordent- liche Belästigung der Referenten bedeuten würde, wenn man des- ivegen zu ihnen ginge. Da liegt für jeden, der im Geschästsleben Bescheid weiß und der das Beamtenlcbcn als Zivilmcnsch kennt, der Gedanke nahe: in unwichtigen Dingen wende ich mich an den Subalternbeamten. Ich habe das früher in meiner Tätigkeit auch oft getan. Die Grenze, wo die Schweigepflicht beginnt, ist für den Außenstehenden nicht so leicht zu erkennen. Ich wiederhole also, daß das Bestehen einer unbedingten Schweigepflicht m t r und anderen nicht bekannt war.— Vors.: Wer daß für ge- wisse Dinge die Schweigepflicht bestand, das mußten Sie ja wissen. — Zeuge: Gewiß, und gerade deshalb ging ich davon ans, daß ein solcher Verkehr zwischen Brandt und den Beamten, wie ihn Dr. Muehlon geschildert hatte, uicht bestehen dürfe, schon des- wegen, weil bei einem öffentlichen Bekanntwerden eines solchen Verkehrs die Firma Krupp in der Ocffentlichkeit als diejenige hin- gestellt würde, die die Integrität der Beamten angetastet hätte.— Vors.: Wurde uicht auch erörtert, ivas Brandt eigentlich getan?— Zeuge: Ja, ich glaubte, es seien 3099 M. Funktionszulage: ich er- fuhr erst später, daß es 3599 M. waren. Ich hatte aber nicht den Eindruck, so bemerkt der Zeuge auf eine weitere Frage des Vor- sitzenden, daß diese Bezüge etwas Besonderes seien; derartige Fnnktionsznlagen bestehen auch anderweitig und mir persönlich war durch Wünsche der betreffenden Herren bekannt, daß in zwei Fällen detachierte Beamte ähnliche Funktionszulagen bekamen.»- )ors.: War es denn nichts Ungewöhnliches, daß der Bureauvor- steher in Berlin ein solches Gehalt bekam?— Zeuge: Das war gar nichts Außergewöhnliches, denn es muß dabei ge- dacbt werden, daß durch seine Hände die gesamte, streng geheime Korrespondenz zwischen der Firma, dem Kriegs- Ministerium, der A.-P.-K. usw. ging. Wir haben eine sorgenschwere Verpflichtung, die aus uns lastet, und uns von den Behörden ganz selbstverständlich auferlegt wird, die militärisch geheimen Dinge entsprechend zu behandeln, und wir würden uns der größten Ver- antwortlichkcit aussetzen, wenn wir Beamten, wie Brandt, dem alle geheimen Dinge ausnahmslos, ohne Grenzen, bekannt wurden, nicht ein entsprechendes Gehalt gäben. Da die gesamte Korrespondenz durch seine Hände lief, war er genau so unterrichtet .wie sein Vertreter selbst.— Vors.: Wurde nicht erörtert, daß bei einem solchen hohen Gehalt die Gefahr bestehe, daß Brandt noch einen Schritt weitergehen und Beamte zu Mitteilungen verleiten könne usw.?— Zeuge: Es ist selbstverständlich, daß man in solchen Situationen auch an derartige Dinge denkt. Ich kann nun nicht sagen, ich habe damals daran gedacht, daß Brandt Bestechungen sich zuschulden kommen lassen könnte; ich kann nur sagen, daß ich»ach der ganzen Situation Bestechungen nicht für wahrscheinlich gehalten habe. Nach meiner Meinung hat keine Veranlaffung vorgelegen, Bestechungen darzubieten.— Vors.: War es nun ein Antrag oder eine Anregung, Brandt abzuberufen, und die Einrichtung dieses Nachrichtendienstes aufzuheben, und von wem ging der Antrag aus?— Zeuge: Im Anschluß an seine Mitteilungen sagte Dr. Muehlon sofort, er halte eZ für richtig, so vorzugehen. Es war keine formelle Sitzung, und eS waren überhaupt nur 4 stimmberechtigte Mitglieder de? Direkto- riums anwesend.— Vors. � Und das Ergebnis? Zeuge: Ich muß im allgemeinen als Sinn dieser Unterredung wiedergeben, daß alle Herren damit einverstanden waren, diesdm Zustand ein Ende zu machen, schon um die Firma nicht einem Skandal auszu- setzen, aber auch deshalb, weil man Wert und Zweck der Einrichtung nicht einsehen konnte. Man war aber auch einmütig der Ansicht, daß man heute das noch nicht machen könne, da Eccius in drei Wochen wieder hier sein würde und dann die Gelegenheit gegeben sei, die Sache von ihm selbst in die Hand nehmen zu lassen.— Vors.: Und die weitere Entwickelung?— Zeuge: Anfang September 1912 erfolgte die Ausdeckung der Berfchlungcn deS Herrn v. Metze« in Italien und zwar so, daß Dr. Muehlon mir sagte: Ich habe da eine unglaubliche Sache festgestellt; Herr v. Metzen hat seine Sendnng in Italien verkauft. Es war nämlich, so fährt der Zeuge fort, dem Herrn v. Metzen die Anwartschaft gegeben worden, die Vertretung in Italien zu übernehmen; er sollte sich die Verhält- nisse ansehen und feststellen, ob er bei den italienischen Behörden persona grata sein würde, was ja für eine erfolgreiche Vcrtretertätigkcit von größter Wichtigkeit ist. In diesem Sinne war ihm auch gesagt worden: Für den Fall, daß Sie die Vertretung nicht selbst übernehmen sollten, wäre es zweckmäßig, daß, wenn Sie jetzt nach Italien gehen, Sie sich auch nach anderen Leuten umsehen, die in Betracht kommen könnten, und da war ein Herr v. Win gen genannt worden, v. Metzen hatte dann in nicht ganz zu klärender Weise die Vertretung für Italien ausgeschlagen, er sagte, er zöge es vor, nicht nach Italien zu gehen, und hatte Herrn v. Wingen als Ver- treter empfohlen. Nachher hatte Herr v. Metzen in einer Unter» Haltung zur Zeit des Jahrhundertjubiläums der Firma zu Dr. Muehlon die Bemerkung gemacht, er könne Herrn v. Wingen doch nicht empfehlen, dieser sei doch nicht der Charakter, den die Firma brauche, und schließlich hatte Herr v. Metzen Herrn Muehlon gesagt, Wingen habe ihm Geld angeboten für den Fall, daß er, Metzen, ihm die Vertretung ver« schaffe. Dr. Muehlon sagte darauf: Herr v. Metzen, Sie sind doch sicher, daß Sie sich nicht irren? Herr v. Metzen hat darauf das Thema verlassen, Dr. Muehlon hat sich auch nicht weiter darin vertieft, sondern abgewartet, bis kurze Zeit darauf Herr v. Wingen nach Essen kam und ihm dann aus den Kopf zugesagt, daß man auf seinen Antrag, die Vertretung der Firma in Jtalren zu über- nehmen, nicht eingeben könne, denn er habe ja versucht, Herrn v. Metzen Geld anzubieten. Herr v. Wingen war aufs höchste be« stürzt und fragte, ob Dr. Muehlon Briefe des Herrn v. Metzen darüber habe. Dr. Muehlon antwortete aus- weichend, daß v. Metzen selbst sich darüber zu ihm geäußert habe. Herr v. Wingen geriet in große Erregung und erklarte, er werde den Gegenbeweis führen, das Ge g e n t e i l der Metzenschcn Behauptung sei wahr. Er sei im äußersten Maße von Herrn v. Metzen gedrängt worden, ihm die Vertretung zu überlassen und werde dies durch die Korrespondenz nachweisen. Diese Korrespon- denz traf nach wenigen Tagen in Essen ein und ergab für uns das ganz klare Bild, daß Herr v. Metzen die Gelegenheit seines Aufenthalts in Italien und den ihm erteilten Auftrag, auch mit anderen Bewerbern zu sprechen, mißbraucht hatte, um Herrn v. Wingen nahezulegen, daß er, v. Metzen, auf die Ver, tretung verzichten wolle, wenn Herr v. Wingen ihm eine Entschädigung zahl«. Aus dem Briefwechsel ergibt sich klar, daß v. Metz.» in keiner Weise im Interesse der Firma, sondern lediglich in seinem privaten Jnter, esse gehandelt hat. Er hat in diesem Briefwechsel die vertrau- lichsten, zum Teil richtigen, zum Teil unrichtigen Dinge auS dem Geschäftsgang in Essen in bezug auf die dort bestehenden Person- lichen Beziehungen erwähnt. Das war also ein ganz außerordentlich grober BertrauenSbruch, und eS bestand für uns kein Zweifel darüber, daß, wenn wir uusc- ren Beamtenkörper aus anständigen Elementen erhalten wollten, wir solche Leute, wie Herrn v. Metzen, ausschalten mußten. Er wurde a!so entlassen.— Vors.: Und wie entwickelten sich die Dinge weiter?— Ter Zeuge schildert dann die schon mehrfach er- wähnte Unterredung in Baden-Baden mit Eccius, die sich um die Teilung des Dezernats zwischen Eccius und Muehlon drehte. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Fall v. Metzen und die geplante Versetzung Brandts besprochen.— Vors.: Haben Sie hievbei Herrn Eccius nicht nach der Brandtschen Tätigkeit gefragt?— Zeuge: Herr Eccius sagte, er habe in der Brandtschen Tätigkeit nichts Un- zulässiges gefunden, er glaube nicht, daß etwa? Unzulässiges in Berlin passiert sei. Im September kamen die ersten Drohungen des Herrn v. Metzen, insbesondere bei einem Besuch Brandts in Schlachtcnse'e, wo Metze» durchblicken ließ, daß er die von ihm zu-- rückbchaltcncn sogenannten Kornwalzer" als ein Gegenatout gegen die Firma Krupp im Kampf um seine Stellung gebrauchen wolle. Dr. Dreger berichtete dann in einer Sitzung am 25. Oktober über die Verhältnisse in Berlin.— Vors.: Wurde nicht erörtert, was mit Brand und mit den Kormvalzern geschehen solle und ob nicht der Firma Unannehmlichkeiten drohten?— Zeuge: Meines Wissen? habe ich mich mit der Frage, die Kornwalzcr zu beseitigen, niemals befaßt. Sie haben ja auch im vollen Umfange dem Untersuchungsrichter zur Verfügung geitanden. Ich habe daran festgehalten, daß Brandt versetzt werden müsse, Dr. Dreger warf aber ein, daß Brandt zurzeit die Berliner Vertretung proviso- r i s ch führe und daß in Ermangelung eines Vertreters Brandt im Augenblick nicht versetzt werden könne, und endlich, daß eine Ver- etzung Brandts in diesem Augenblick beim Bekanntwerden de? ganzen Dinge als eine ««ußervnz schlechten Gewissen? gedeutet werden würde. Ich schloß mich dieser Auffassung au. Meine ursprüngliche Auffassung, Brandt alsbald zu versetzen, war, wie ich jetzt einsehe, nicht die"richtige. In jener Zeit erfolgte ja die Dennnziatien, in der schon gesagt iit, daß die Firma alles daran setzen würde, um die Spuren zu verwischen; hätten wir in diesem Augenblick Brandt abberufen, so wäre der Anschein schlechten Gc- Wissens unvermeidlich gewesen. Also die Stellungnahme, die unsere Firma damals einnahm, war die richtige. Es sollte erst gewartet werden, bis ein neuer Vertreter für Berlin an Stelle des Herrn v. Metzen gefunden war, und dann sollte Brandt abberufen werden. �— Vors.: WaS ist mit Herrn Drcger über die Regelung der Berichterstattung gesprochen worden?— iZcuge: Herr Drcger machte den Vorschlag, daß die Berichte künftig dem Vorsitzenden unterbreitet werden sollten. Er meinte auch, daß die un unterschriebenen Berichte leicht zu Miß- deutungcn führen könnten.— Vors.: Sollte aber die Bericht- crstattung wie bisher fortgesetzt werden?— Zeuge: Es war von allen Seiten betont worden, daß diese Berichte etwas ganz Wertloses für die Firma seien und ohne sachliche Schädigung ihre Einstellung erfolgen könnte. Auch ist wohl die Bemerkung erfolgt, daß eine Einschränkung wünschenswert sei. Herr Drcger sollte Herrn Brandt verwarnen in bezug auf eine ordnungsmäßige Be- richterstattung.— Vors.: Haben Sie Ihrer Aussage noch etwas hinzuzufügen?— Zeuge: Nein.— Oberstaatsanwalt ChrzeScinski: Ich habe noch einige Kragen an den Zeugen zu richten. Der Herr Zeuge hat gesagt, ihm sei vorher nicht bekannt gewesen, daß eine absolute Schweigepflicht für die subalternen Beamten bestehe. Sie sind doch früher Bortragendtr Rat im Finanzministerium gewesen. Würden Sie es für zulässig halten, wenn ein mittlerer Beamter des Finanzdezernats Auskunft erteilen würde über den noch nicht zur Beratung gestellten, sondern in Vorbereitung befind- lichen Etat?— Zeuge: Das kommt auf den Fall an.— Oberitaats- anwalt: Ich frage Sie nochmals, würden Sie es für zulässig halten, tvenn jemand sich an einen Subalteru-beamten im Finanzministe- rium wendet, um Auskunft über B a u b c w i l l i g u n g e n zu er- halten, indem er sagt: Bitte, halten Sie mich über diese Bewilli- gungen auf dem Lausenden. Das würde ein ganz analoger Fall sein mit dem hier zur Verhandlung stehenden. Ich frage Sie also, halten Sie eS für zulässig, daß ein mittlerer Beamter des Königlichen Finanzministeriums diese Frage beantwortet?— Zeuge: In diesem Falle würde ich es nicht für zulässig halten, aber es kann doch nicht jede Auskunfterteilung unzulässig sein.— Oberstaatsanwalt: Wer bestimmt denn dann die Grenze?— Zeuge: Das hängt von dem Pflicht- und Taktgefühl des einzelnen Beamten ab.— Oberstaatsantoalt(mit scharfer Betonung): Das muß ich als königlicher Beamter ganz entschieden bestreiten. Ich ziehe die Grenze für meine Beamten ganz allein, und wehe dem, der sich nicht daran hält. Das muß für jeden königlichen Beamten gelten. — Zeuge: Ich bestreite das ganz entschieden. Der Jubaiternbeamte wird nicht bei jeder einzelnen Anfrage sich an den Vorgesetzten wgnden.— Oberstaatsanwalt: Das stimmt nicht. Es ist ihm absolut verboten, mit ganz bestimmter Grenze.— Zeuge: Ich weiß nicht, welche Bestimmungen der Herr Oberstaats- anwalt getroffen hat. Aber es kann nicht für jede Auskunft- erteilung eine absolute Schweigepflicht maßgebend sein. Es würde ja geschäftlicher Unsinn sein, wenn der Untcrbcamtc wegen jeden Drecks — ich will sagen, wegen jeder Kleinigkeit— sich erst an den Vor- gesetzten wendet. Ich kann nicht annehmen, daß der Subaltern- beamte derartig enge Vorschriften hat. Ich halte es geschäftlich für außerordentlich zweckmäßig, daß bei Anfragen über Vub« Missionen ohne weiteres eine AuSlunftSerteiluug erfolgt. Es würde eine falsche Bureaukratie sein, dem Subalternen jede Be- Wegungsfreiheit zu nehmen.— Oberstaatsanw.: Ich kann das nicht zubilligen, daß irgendein Ressortchcf seinen Beamten derartig eigenmächtig« Handlungen gejjo-ttet. Es scheint mir das ein fest- stehender Grundsatz unseres Beamtenlebens zu sein.— Zeuge: Das trifft nicht den Kern der Sache. Ich habe unsere preußischen Subalternbeamten nicht bloß amtlich, sondern auch menschlich sehr genau kennen gelernt und muß sagen, so leicht bestechen läßt sich keiner. Aber in bezug auf die Äuskunftserteiluug spricht der Herr Erste Staatsanwalt nicht aus der Praxis. Tie Subaltenibeaiuten baben in bezug auf AuSkunstserteilung weitgehende Befugnisse. Ich weiß wohl, daß die Beamten an die Tisziplinargeseye gebunden sind; aber Leute, die das Vertrauen der Beamten genießen, werden weitgehendste Auskunft verlangen können. Die Grenzen sind hier außerordentlich flüssig. Ich. der ich bekannt bin als anständiger Mensch, der keinen Mißbrauch damit treiben wird, kann alles mög- liche erfahren. ES spricht das nicht gegen unsere Beamten, sondern zu ihren Gunsten und hebt den Wert unserer Subaltcrnbeamtcn.— Oberstaatsanw.: Ich habe nur feststellen wolle», was Ihre Auf- fassung ist, über meine Auffassung werde icki an anderer Stelle sprechen.— Vert. R.-A. Dr. Löwensiein: Ist dem Herrn Zeugen aus seiner Praxis bekannt, daß auch in der Staatsanwaltschaft in Berlin ganz verschiedene Bestimmungen gelte», daß in der einen die Beamten weitgehendste Befugnisse haben, und in der anderen sehr starke Einschränkungen hinsichtlich der ÄilSkunftserteilung be- stehen?— Zeug«: Gewiß, ebenso wie die Mitteilsamkeit der höheren Beamten«ine ganz verschiedene ist, schwankt auch die des mittleren Beamten. In m n n eh e n Bureaus macht der B u r e a u v o r- st eher alles, wie das eben die Umstände mit sich bringen. Als der Verteidiger Dr. Löwensiein dann noch weitere Kragen über die Geschäftsführung in den Sekretariaten bei der Berliner Staats- anwaltschaft an den Zeugen stellt, bezweifelt der Oberstaatsanwalt, daß der Zeuge aus eigener Erfahrung Kenntnis über diese Tinge habe.— Zeuge: Mir ist bekannt, daß in ein und demselben Ressort verschiedene Beamten verschiedene Befugnisse haben.— Oberstaatsanwalt: Wissen Sie, was Sie Herrn Eccius über die Tätigkeit Brandts bei der ersten Zusammenkunft gesagt haben?—- Zeuge: Ich glaube, daß ich gesagt habe, daß Herr Muehlon über den un- glücklichen Eindruck in Berlin uns berichtet hätte und die Versetzung Brandts wolle. Herr Eccius sagte, daß er nichts gegen die Ver- sichung einzuwenden habe.— Oberstaatsanwalt: Ich möchte aber wissen, was Sie Herrn Ecciuö gesagt haben über diesen u n a n g e- nehmen Eindruck?— Zeuge: Das kann ich nicht sagen. Soviel ich weiß, habe ich ihm dann unter verschiedenen anderen Dingen beiläufig auch gesagt, da sei noch der Fall Brandt, den lege ich ihm ans Herz, er möge sich, wenn er die Geschäfte wieder übernehme, darum kümmern.— Oberstaatsanwalt: Ist nicht bei den Besprechungen im Direktorium übersehen worden, daß das eigentlich Anstößige in den Quellen für die Berichte zu suchen sei?— Zeuge: Ich habe mir gesagt, daß Brandt seine Nach- richten dadurch erlangt, daß er mit Subaltcrnbeamtcn auch aus dem Ministerium herumkneipte und daß leicht eine Berlebung der Beamtcndisziplin vorkommen könne.— Oberstaatsanwalt: Haben Sie das nicht Herrn . Eccius gegenüber ausgesprochen?— Zeuge: Das mag sein." Ich habe aber den Eindruck gehabt, daß der Fall Brandtnur als eine nebensächliche Angelegenheit hingestellt worden war. Dann war der Zwischenfall v. Metzen in den Vordergrund getreten. Herr Brandt hatt« schon gesagt, daß ihm Herr v. Metzen das Herz schwer gemacht hätte. Nun kam Herr v. Metzen mit diesen Drohungen. Für unsereins, der nicht von der Voraussetzung ausgeht, daß unsere Beamten Bestechungen zugänglich sind, konnte es sich nur um nebensächliche Tinge hau- deln, und es war für uns die Frage, welche Rolle Herr v. Metze» dabei spiele, ob das ganze nicht ein Revolver des Herrn v. Metze» sei Ich habe immer an der Auffassung festgehalten, daß Herr Brandt unbedingt zu versetzen sei, weil die Nachrichten, die er durch Herumkneipen mit Subaltcrubeamteu erfahren hatte, nicht an- gängig sind für die Firma Krupp mit Rücksicht auf Mißdeutungen. Als Herr Nueblon im Januar wieder seine Geschäfte aufnahm, verhandelte er mit Herrn Drcger von neuem über die Regelung des Geschäftsbetriebs. Ich verbürge mich absolut dafür, daß Brandt auch versetzt worden Wäre, wenn keineAnzeig« erstattet worden wäre.— Verteidiger Dr. v. Gordon: Sic haben es für ganz unwahrscheinlich gehalten» daß irgend eine Bestechung vorgekommen sei?— Zeuge: Nein, das habe ich nicht angenommen nach meiner Auffassung über die Beurteilung unserer Snbalternbcamten. Ich habe nicht an- nehmen können, daß wubalternbeamte unserer Zentralbehörden, also auserlesene Leute, sieh bestechen lassen werden.— Verteidiger Dr. v. Gordon: Sind bei der Entlassung des Herrn v. Metzen Erwägungen gepflogen worden nach der Richtung hin, daß man in Herrn v. Metzen einen unbc- quemen moralischen Mahner loswerden wolle?— Zeuge: Ich kann das nur als lächerlich bezeichnen. Es ist niemals irgendwo zum Ausdruck gekommen, daß Herr v. Metze» ein unbequemer Mahner sei. Von dieser Rolle des Herrn v. Metzen ist mir niemals etwas bekannt gewesen. Derartige Gedankengänge sind im Direktorium nie aufgetaucht. Herr v. Metzen ist einzig und allein entlassen worden, weil er sich durch die Art seines Vorgehens in Italien unwürdig des Vertrauens gezeigt hatte, und nicht mehr für diese Stellung zu verwerten war. Wir hätten doch, wenn er in Berlin unbequeme Dinge über uns zu enthüllen gehabt hätte, die gegen- tciligc Behandlung ihm zuteil werden lassen müssen. Lediglich unser Gerechtigkeitsgefühl hat uns bei den Maßnahmen gegen Herrn v. Metze» geleitet.— Verteidiger Dr. v. Gordon: Hat nicht Herr v. Nketzen bebauptet, daß die Firma Krupp an ihn ein Schreiben des Inhalts gerichtet babe. man möge sich mit ihm einigen. — Zeuge: Das unrichtig. Herr v. Metze» ist mehrfach an uns mit seinen Drohungen herangetreten und insbesondere hat er sich an Herrn Dreger gewandt. In einem Gutachten, das durch einen Rechtsanwalt überreicht wurde, loar von ihm zum Ausdruck gebracht worden: die Firma Krupp hat mich nicht wegen dessen, was ich in Italien getan habe, entlassen, aber die Firma Krupp hat dazu nicht das moralische Recht. Nachdem, was ich von den Geschäften der Firma.Krupp gesehen habe, ist das Direktorium nicht würdig, mir gegenüber von dem Paragraphen Gebrauch zu machen. Er drohte auch mit der Ein- leitung einer Zivilklage, in der unliebsame Dinge zur Sprache kommen würden. Diese Zivilklage ist denn auch im Januar ein- gereicht worden. Inzwischen hat er dann auf irgendeinem Wege sich an Herrn Dreger gemacht und Vergleichsverhand- langen vorgeschlagen, die darauf hingingen, ihm min- destens ein Zeugnis zu geben. Er knüpfte dabei an eine Bemerkung von mir an anläßlich seiner Entlassung. Ich hatte damals gesagt, daß wir seinem weiteren Fortkommen nichts in den Wey legen wollten, daß wir aber nicht durch Ausstellung eines Zeugnisses die Verantwortung übernehmen könnten, und daher das Zeugnis ver- weigerten. Hinsichtlich dieses Zeugnisses haben wir von Essen es äür richtig gehalten, die Verhandlungen mit Herrn v. Metzen� durch In neu außerhalb der Firma stehenden Juristen, durch Herrn Justiz- rat v. Simson, führen zu lagen. Schließlich haben wir im Direk- liorium uns auf den Standpunkt gestellt, daß kein Weg zu finden sei, ihm ein Zeugnis zu geben, denn es würde ,das der erste Schritt zu Erpressungen getvescn sein. Daher lehnten wir es ab.— Ein Beisiger richtet an den Zeugen die Frage, ob irgend welche schriftlichen Grundsätze, Exposes über die Verteilung der Geschäfte und die Selbständigkeit der Dezernenten bei der Firma bestehen.— Zeuge: Nein, in bezug auf diese Dinge arbeiten wir sozusagen ohne Grundlage. Was an Statut vorhanden ist. ist veraltet und durch die Verhältnisse über- holt.— Vors.: War die Versetzung Brandts nach Berlin nicht eine Angelegenheit, die im Direktorium besprochen werden mutzte?— Zeuge: Nein, das ist eine selbständige Angelegenbeit des Vertreters.— Vors.: Aber die Gehaltserhöhung gehörte doch vor das Direktorium?— Zeuge: Da kommen Hunderte solcher Fälle zur Sprache, und es wird immer nur die Gesamtsumme genannt. Es ist möglich, daß ein Einzelfall einmal von dem Dezernenten als ihm besonders wichtig erscheinend hervorgehoben wird.— Vors.: Es gibt also keine Geschäftsordnung für das Di- rektorium, aber mir ist aufgefallen, daß auch keine Protokolle vor- banden sind.— Zeuge: Es gibt eine Art Protokoll, aber dieses Protokoll enthält nur Stichworte über die Gegenstände, die ver- handelt worden sind, und Aufstellungen über die Ausgaben, die für unsere Oberrechnungskammer, die RechnungsrevisionSkommis- sion, bestimmt sind. Er ist daS keineswegs ein Ausfluß großer Iln- ordnung.— Oberstaatsanwalt: Ich habe angeregt, mich Einblick in die Protokolle nehmen zu lassen, und zu meiner Ver- wunderung erfuhr ich, daß Protokolle über die DircktoriumSsidungen nicht existieren. Es müssen doch aber prinzipielle Entscheidungen, auf die man später zurückzugreifen hat, irgendwie schriftlich fixiert sein.— Zeuge: Nein, das geschieht bei uns nicht. Die Tradition ist mündlich. Es müssen sich die Dinge von Mund zu Mund fort- pflanzen, und wenn das nicht mehr geschieht, dann sind sie über- flüssig. Auf weitere Fragen erklärt der Zeuge, daß weder die Höhe der Weihnachtsgratifikation an Brandt noch die Höhe der Aus- gaben für seine Stelle etwas Außergewöhnliches sei. Er bestreitet, daß diese Höhe gerechtfertigt worden sei durch die wichtigen Nach- richten, die Brandt gegeben hat. Schon in Essen habe Brandt an- nähernd KOOV M. gehabt und als Bureauvorsteher in Berlin habe er doch eine größere Verantwortung gehabt. Außerdem habe Brandt auch Jahre lang nicht nur als Bureauvorstehcr, sonder» direkt als Vertreter gewirkt.— Verteidiger Dr. Löwensiein: Können Sie uns bezüglich der Glaubwürdigkeit des Herrn v. Metzen etwas an- geben? Hat Herr v. Metzen, nachdem seine Verfehlungen in Italien festgestellt waren, sie offen eingestanden?— Zeuge: Er war, als ich ihm die erste» Vorhaltungen machte, wie zerschmettert. Aber er hat sich mit erstaunlicher Gewandtheit schnell erholt und sagte: man darf mir das nicht übelnehmen, es war nicht böser Wille, sondern ein dummer Streich, und die Sache ist von Herrn Wingen eingefädelt worden. Aus der Korrespondenz sah ich aber, daß Herr v. Metzen nicht offen war. Der nächste Zeuge ist der Vorsitzende des ZrntralvcrbandrS Deutscher Industrieller, Landrat a. D Roetger, der als Vorgänger HugenbergS von 1001 bis Ende 1009 Borsitzender dcS Direktoriums der Firma Krupp war. Auch seine Vereidigung wird vorläufig ausgesetzt. Vorsitzender: Wie war denn die Ver- waltung organisiert? Wer war für den Nachrichtendienst verant- worllich? Zeuge: In der Zeit, wo ich im Direktorium war, bestand zwischen der Firma und den Stellen der Heeresverwaltung ein sehr weitgehendes Vertrauensverhältnis und volle Offenheit. Meine« Dafürhaltens wäre es außerordentlich tböricht gewesen, wenn in Essen irgend jemand von den leitenden Persönlichkeiten, denen man doch eine gewisse verständige Handhabung der Geschäfte von vornherein zutrauen durfte, auf den Gedanken gekommen wäre, dieses Vertrauensverhältnis leichtfertig aufs Spiel zu setzen dadurch, daß man in Berlin sich über Dinge unterrichtete, die, sagen wir mal, unrecht sind, neben einem sehr engen Verkebr zwischen den Dienststellen in Essen, die mit Kriegsmaterial speziell zu tun hatten, und den Stellen in Berlin lag der Verkehr mit dem Kriegsministerium dem Berliner Vertreter ob. und das war nicht nur seine Haupt-, sondern seine einzige Aufgabe. Dieser Vertreter war damals Herr v. Schütz, der früher Direktor beim Gruson- werk i» Magdeburg gewesen war und von Krupp übernommen wurde. Mitte der 90er Jahre wurde er nach Berlin versetzt, da man ihn in Magdeburg nicht weiter brauchen zu können glaubte. Der Posten des Berliner Vertreters war eigens für ihn gegründet worden, und zwar in einer Zeit, in der die Verhältnisse noch sehr einfach lagen. ES dürfte daher wohl erklärlich sein, daß Herr v. Schütz, als er nachher mit zunehmendem Alter größeren Schwierigkeiten, die namentlich mit dein Anwachsen der Konkurrenz im Zusammenhang standen, gegenübergestellt wurde, selbst auf den Gedanken gekommen ist, daß er den Verhältnissen nicht mehr voll gewackisen war in bezug auf Aufmerksamkeit und Agilität. Er äußerte den Wimsch, einen Assistenten ihm beizugeben. Es war mir nicht betanui, daß er früher schon eine solche Anregung ohue Eriolg gegeben hatte; ich habe aber in den Zeitungen jetzt gelesen, daß er wiederholt vergebens um einen Assistenten ersucht hatte. Das war mir nicht bekannt; ebenso ivenig kann ich mich erinnern, daß ich mit der Entsendung Brandts irgendwie in Berührung gekommen bin. Ich glaube, Brandt das erste Mal am vergangenen Donnerstag hier im Gerichtsgebäude gesehen zu baben. In Essen unterstand Brandt dem verstorbenen Direltor Budde. Als ich die Geschäfte nach dem Tode meines Vorgängers, des Geheimen Finanzrats Jenle, übernahm, babe ich sein Dezernat übernommen, und zivar aus aus- dnicklichcu Wunsch des verstorbenen Herrn Krupp; ich war also lediglich Vorsitzender desDicektoriu ms und kümmerte mich nur um die ordnungsmäßige Erledigung der Geschäfte auch in den Sitzungen, aber nicht um Einzelheiten.— Vors.; Also die Anregung, Brandt nach Berlin zu versetzen, ist von Herrn v. Schütz ausgegangen und nicht vom Direktorium.— Zeuge: Ich nehme das an, von mir ist sie jedenfalls nicht ausgegangen.— Bors.: In wessen Zuständigkeit: gehört die Anordnung der Versetzung Brandts nach Berlin.— Zeuge; In die deS Direktors Budde.— Vors.: Er war also verantwortlich dafür, nicht das Direktorium?— Zeuge: So ist es. Der Berliner Vertreter spielte damals in den Beziehungen zwischen Heeresverwaltung und der Firma eine sehr untergeordnete Rolle. Der Hauptverkehr spielte sich ab zwischen den zahlreichen Beamten in Essen, die mit den Herren in Berlin Fühlung zu nehmen hatten, und den verschiedenen Stellen der Heeresverwaltung in Berlin. Herr v. Schütz war etwas bequem geworden.— Vors.: Wie war man gerade auf Brandt gekommen? — Zeuge: Aus eigener Wissenschaft kann ich das nicht sagen. Es wird dann das Ersuchen des Herrn v. Schütz um einen Di s Position S fonds erörtert. Bekanntlich begründete Herr v. Schütz dieses Ersuchen in eissem Schreiben, worin er auf die Ausgaben hinwies, die Brandt zum Zwecke der Nachrichtensammlung durch die Bewirtung seiner Freunde erwuchsen. Direkte Geldgeschenke machte Brandt prinzipiell nicht. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob dem Zeugen nicht die erheblichen Beträge dieser Ausgaben aus- gefalle» seien, antworlet Landrat a. D. Roetger: ES sind jetzt sieben Jahre her und es ist m i r a l s o n i ch t z u z u m u t e n. daß ich mich an solche Einzelheiten erinnere, insbesondere als Vorsitzender einer derartigen Verwaltung. Ich glaube, daß außer Budde kaum jemand im Direktorium sich um die Entsendung Brandts gekümmert hat. Jedenfalls wird eS wohl für jedermann verständlich sein, daß der Vorsitzende des Direktoriums sich um das Personal für die Verrretcrbureaus nicht gekümmert hat. Es muß natürlich auffällig erscheinen, daß in dieser Angelegenheit eine Korrespondenz des Vertreters mit den, Vorsitzenden des Direk- toriumS über die Frage der Erstattung der Auslagen angefangen wurde, die seinem Assistenten in Berlin durch den Verkehr mit seinen Freunden entstanden sind.— Vors.: ES muß auch schon auffallen, daß ein solckies Sckreiben an den Vorsitzenden des Direk- toriums gerichtet wird.— Zeuge: Ich habe mir den Kopf zerbrochen, was v. Schütz dazu veranlaßt?, und ich bin zu drei Möglichkeiten gekommen. Einmal, und daS war gewiß der Fall, war es eine gewisse Wichligtuerei von Herrn v. Schütz, daß er auch seine Liquidationen an den Vorsitzenden richtete und dieses Pauschale zur Vereinfachung seines Geschäftsganges beim Vorsitzenden beantragte; es kann aber auch fein, daß er sich serner Subordinationsverhältnisses zu meinem Vorgänger erinnert hat und infolge der Tatsache, daß er vor meiner Zeit dem Vorsitzenden des Direktoriums persönlich verantwortlich war. sich direkt an mich wandte; eS kann aber auch seiii,� daß die Erkrankung Buddes daran schuld war.— Vors.: Kamen«re auf den Gedanken, daß bei der Höhe der Beträge vielleicht Bestechungen vorkommen könnten.— Zeuge: Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, wäre ich ein- geschritten.— Vors.: In dem Brief spricht Herr v. Schütz von Bewirtungen der Freunde und hebt hervor, daß Brandt direkte Geldgeschenke nicht gemacht habe.— Zeuge: Ich nehme an, daß ich den Inhalt des Brieses iiberhaupl nicht vorgelegt bekommen habe. Ob ich und was ich mit Budde darüber gesprochen habe, entzieht sich meiner Erinnerung. Ich habe Herrn v. Schütz immer für einen Ehrenmann gehalten und das, was er getan und gesagt, immer für richtig und wahr, wie seder andere im Direktorium auch, und cS ist möglich, daß ich die 2000 M. auf seinen Antrag angewiesen habe, ohne darüber überhaupt weiter zu sprechen. — Vors.: Was sollte Brandt mit dem Gelds überhaupt tun?— Zeuge: Herr v. Schütz wünschte es. um Brandts Auslagen zu er- statten. Ich habe von dem Verkehr Brandts damals über- Haupt nichts gewußt. Das kann ich bestimmt versichern, weil ich annehmen muß, daß. wenn ich davon etwas gewußt hätte, und diesen Brief bekam, ich mir wohl gesagt hätle, daß ich eiuschreiteu müsse.— Vors.; Der Brief spricht aber doch ausdrücklich von einer Bewirtung der Freunde usw.— Zeuge: Ja, aber doch nur von Freunden.— Der Vorsitzende hält»un dem Zeugen vor, daß die Hervorhebung, Brandt habe nicht direkt Geldgeschenke gemacht, doch auffällig sei.— Zeuge: JÄ kann nur bei meiner Erklärung bleiben.(Erregt und mit sehr lauter Stimme fortfahrend): Nach meiner ganzen Vergangenheit kann man mir doch etwas anderes nicht zumuten.)— Vors.: Aber wir wollen doch die Sache in aller Ruhe erörtern, nicht wahr?— Zeuge(erregt): Es handelt sich aber hierbei weniger um Brandt, als um Beschuldigungen gegen mich. Ich bin soweit Jurist, um unterscheiden zu können, was sich gegen Brandt und was sich gegen mich richtet.— Vors.: Aber mir liegt daran, alles aufzuklären.— Oberstaatsanw.: Bei der Bc- wirtung und den Geldgeschenken, bei diesen direkten und indirekten Geldgeschenken, grenzen die Verhältnisse so aneinander, daß ich au dieser Frage, die ich amtlich auf« geworfen habe, nicht vorbeigehen konnte. Ich mußte die Frage nach der Verantwortlichkeit aufwerfen.— Zeuge: Ich konnte den Ausdruck„direkte GeldgeschenltS" nicht so auffassen, wie der Vertreter der Anklagebehörde es eben tut.— Oberstaatsanw.: Ich habe diese Beschuldigung nicht zum Gegenstand der Anklage gemacht, aber ich trete der Empörung darüber entgegen mit den Worte», haß ich diese Beschuldigung nach dein mir vorliegenden Marterial pfl chtmäßig erheben mußte.— Es wird nun die Erhöbung der von Herrn v. Schütz vorgeschlagenen Gratifikation für Brandt von 000 M. auf 1000 M. besprochen. Der Zeuge erklärt, sich nicht erinnern zu können, dazu etwas getan zu haben. Wenn er mit dem ebenfalls zuständigen Herrn Marquardt eine Unterredung darüber gehabt haben solle, so könne sie nur einen Augenblick gedauert haben, und unter den vielen Tausend Beamten, die die Firma habe, werde er sich garnicht über- legt haben, um welchen einzelnen Beamten es sich handelte. Die Sache dürste io gewesen sein, daß Marquardt davon sprach, daß Brandt den Wunsch geäußert habe, beim Abschluß eines neuen Dienstvertrages seine Gratifikation gesichert zu sehen, und der Zeuge werde dazu gesagt haben: Sagen Sie ihm. daß daran selbst« verständlich nichts geändert wird.— Landrat a. D. Roetger fügt hinzu: In der letzten Zeit, wo ich in Essen war, haben wir ziemlich reichliche Gratifikationen aller Art verteilt, um die GehaltSverhältuisse der Beamten babe ich mich nie gekümmert.— Vors.: Ist Ihnen nicht der Gedanke gekommen, ob wohl die Bezüge Brandls für seine Nachrichten- sammlung die Gefahr bedeuten, daß er das Geld für die Er- lang» ii g von Nachrichten aufwenden könnte?— Zeuge: lieber die Verwendung der FunklionSzulage ist gar nicht gesprochen worden, und wenn mit mir darüber gesprochen worden wäre, so würde ich auch nicht auf einen solchen Gedanken gekourmeu sein; die Funltionszulage erhält der Mamr als sein Eigentum und kann sie ausgeben, wie er will. Ich würde also in der Gewährung der Zulage nichts gefunden haben, wenn ich mich damit zu beschäftigen gehabt hätte. Auf die Frage dcS Vorsitzenden, ob der Zeuge von der Art der Berichterstatiung Brandts Kenntnis gehabt habe, erklärt er, durch Justizrat Dr. von Gordon Kornwalzerabschriflen vorgelegt bekommen zu haben. Gr criniierte sich hierbei, da'st in einzelnen Berichten von Schütz Konkurrenzpreise angegeben waren. Wenn auch diese Berichte an ihn adressiert waren, so brachte es der Geschäftsgang in Essen mit sich, datz er h v ch st e n s e i n c n B l i ck h i n e i n iv a r f und sie dann an den betreffenden zuständigen Herrn weiterschicktc. Es sei also ganz klar, daß er sich nicht an Einzelheiten erinnern könne. Den Ausdruck„Kornwalzer" hat der Zeuge erst hier von dem Untersuchungsrichter gehört.— Verteidiger Justizrat Dr. v. Gordon: Ist es richtig, daß Herr v. Schütz etwas eigenartig war und nur mit dem Vorsitzenden des Direktoriums verkehren wollte, vielleicht deshalb, weil er vorher, im Grusonwerk, Direktor gewesen war und bei der llebernahme allen Grusonbeamten gesagt worden ist, daß sie keinerlei Beeinträchtigung erleiden sollten?— Zeuge: Das kann sehr wohl sein; ich erinnere mich, daß, als Herr v. Schütz nach Essen kommen sollte, um die Zentenarschrift der Firma zu bearbeiten, er das Verlangen stellte, in Essen stets als Direktor behandelt zu werden. Schließlich gibt der Zeuge noch an, mit Herrn v. Metzen kaum mehr als einmal gesprocben zu haben und gewiß nicht über die Tätigkeit Brandts.— Auf eine Frage des Verteidigers Rechts- anwalt Löwenstein erklärt der Zeuge, daß Brandt nicht bloß ein untergeordneter Bureauvorsteher, sondern auch ein Gehilfe des Herrn v. schütz gewesen sei, und daß sich daraus die Höhe seines Gehalts erkläre. Es wird hierauf der Zeuge Mouths, der früher Assistent des Direktors Budde in Essen war und jetzt F a b ri k d i r e k t o r in Ulm ist, vernommen. Er war früher aktiver Offizier und bei verschiedenen höheren Kommando- stellen der Artillerie tätig. Er wird ebenfalls wie die Vorzeugen unter Aussetzung der Vereidigung vernommen und gibt an. daß von Herrn v. Schütz angeregt worden sei, daß jemand nach Berlin komme. Herr Budde habe sich über Brandt erkundigt. Brandt sei ein tüchtiger Arbeiter und besitze Organisationstalent. Er schien befähigt, Herrn v. Schütz in seiner Arbeit zu unter- stützen. Schon in Essen hat sich Brandt außerordentlich unter- richtet gezeigt, er hörte förmlich das Gras wachsen. — Vorst: Ist bei der Berufung Brandts auch in Erwägung ge- zogen worden, daß dieser ein ehemaliger Feuerwerker war und in verschiedenen militärischen Instituten in Berlin beschäftigt gewesen ist, so daß er für die Beschaffung von Nachrichten besonders geeignet erschien, namentlich durch die Pflege kameradschaftlichen Verkehrs 2 -— Zeuge: Das kann ich nicht sagen, aber die Vor- bilduug Brandts war bekannt.— Vors.: Wie war nun die Tätigkeil Brandts?— Zeuge: Herr v. Schütz war viel durch andere Dinge in Anspruch genommen und halte die Berichterstattung bernachläsfigt. Brandt organisierte zu- nächst das Bureau neu und die Berichterstattung wurde nun prompter. Wir bekamen nun auch Berichte über Dinge, die Herr v. Schütz nicht beachtet hatte, z. B. über das Kleingeschäft.— Bors.: In welcher Form erfolgten die Berichte?— Zeuge: Zuerst hat Herr Brandt seine Berichte unterschrieben, später kamen sie ununterschrieben.— Vors.: Können Sie sagen, in e s h a I b das geschah?— Zeuge: Ja. Unter diesen Berichten befanden sich auch verschiedene, die auf Indiskretionen beruhten, und es konnten da leicht die Personen, die diese Indiskretionen begangen hatten, disziplinarisch festgestellt werden.— Vors: Ist das von Berlm aus mitgeteilt ivorden?— Zeuge: Nein, das ivar meine Auffassung. Vorsitzender: Hat Herr Budde über die Berichte ge- sprachen?— Zeuge: In der ersten Zeit war er sehr entzückt und auch ich fand sie sehr gut. Wir hatten bis dahin über diese Dinge nichts erfahren. Es gehörte zu meinen Pflichten, den Direktor von diesen Berichten Mitteilung zu machen. Herr Budde sagte dann später, daß die Berichte ihm wegen der Indiskretionen nicht sympathisch seien.— Vorsitzender: Sie haben einmal gesagt, daß Sie sich an den Kopf gefaßt hätten.— Zeuge; Wir haben uns über de» Inhalt mancher Berichte gewundert.— Vorsitzender: War Ihnen der Gedanke gekommen, daß durch die Gewährung von Vorteilen an Militärbeaniten die Nach- richten erlangt sein könnten?— Zeuge: Nein, das nicht. Mit Herrn v. Metzen hat der Zeuge über die Berichte nicht gesprochen, da er mit ihm nicht gut stand. Brandt habe ihm erzählt, daß er Kainc- raden zu Hause empfange und gelegentlich auch mal ins Theater führe. Einmal hat der Zeuge Brandt mit einem Herrn im Deutschen Thealer auf einem sehr guten Platz geseßen. Wir haben nie an eine Slrasbarkeir im Sinne eines strafbaren Delikts gedacht, sondern an einen Verstoß von Oberfeueriverkern gegen die Diszipliuarbestimmungen. auch nie daran, daß Brandt Bestechungen begehe. Im Gegenteil habe ich die Versicherung Brandts, daß er kein Geld für Nachrichten aufwende, durchaus für glaubwürdig ge- halten. Das Gehalt Brandts in den ersten Jahren seiner Tätigkeit war recht bescheiden. Er war ein gutmütiger Charakter und ich halte es tür durchaus möglich, daß er in selbstloser Weise seine Kameradeu in, Wirtshaus freigehalten ha*t. Hirrauf tritt eine kurze Mittagspause ein. Als erster Zeuge in der Nachmitlagssitzung wird Finaiizrat Hauck-Esse», Mitglied des Direktoriums der Firma Krupp, vernommen. Er hat unter anderem das allgemeine Personaldezernat und hält einen längeren Vortrag über die Bezahlung der Kruppschen Beamten. Seinen Ausführungen ist zu entnehmen, daß bei der Firma Krupp ein festes G e h a l t s s y st e in mit bestimmten Kategorien, Gehalten» und Zulagen usw. nicht besteht, sondern daß die einzelnen Direktoren die ihnen geeignet erscheinenden Bewerber engagieren und nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer Tätigkeit, aber auch unter Berücksichtigung der allgemeinenÄonkurrenz der Industrie, nämlich des Bestrebens anderer Firmen und des öffentlichen Dienstes, fähige Beamte an sich zu ziehen, entlohnen. Er schildert die aus der bis- herigen Verhandlung bereits bekannten Einkommensverhältnisse Brandts und erklärt es vollkommen ausschließen zu müssen, als hätte dieses Einkommen eine auffällige oder verdächtige Höhe gehabt. Es sei vielmehr vollkommen motiviert dadurch, daß Brandt aus einem außerordentlich wichtigen Vertrauensposten stand, daß die geheimste Korrespondenz zwischen Krupp und der Heeres- und Marineverwallung durch seine Hände gehen mußte, daß aber auch das sogenannte kleine Geschäft von Brandt bearbeitet wurde, wobei es sich nicht um gewaltige Summen, aber um eine große Menge von Einzelfällen handelte, daß Brandt endlich sehr häufig und durch lange Zeil den Berliner Vertreter zu ersetzen hatte und daß schließlich daS Leben in Berlin teurer sei als in Essen. Der Zeuge erklärt u. a., daß die Firma Krupp sich gerade bei denjenigen Beamten, die geheime Dinge in die Hand bekommen, davor sichern müsse, daß ihr Vorkommendenfalls vorgeworfen werde oder ein solcher Beamter mit einem Schein des Rechts behaupten könne, die Beamten würden schlecht bezahlt. Ich setze den Fall. Brandt hätte sich gegen die Geheimhaltung solcher Dinge vergangen, welch ungeheurer Lärm wäre in deutschen Landen losgegangen! Auch die Heeresverwaltung hat daS größte Interesse daran, daß die Firma Krupp ihre Beamten gut bezahlt, sie könnten ihr sonst mit Recht große Vorwürfe machen. Schließlich bespricht der Zeuge die Gehaltsverhältniffe im Kommunal- und Staatsdienst und weist darauf hin, daß namentlich in den rasch wachsenden Gemeinden auch mittlere Beamte recht hoch bezahlt seien, daß aber die öffentlichen Beamten das Steuerprivileg genießen und keine Beiträge zu dem PeusionS- fonds zu zahlen haben, was alles für die Kruppbeamlen nicht in Betracht kommt. Der Borsitzende schneidet schließlich diese mehr als dreiviertelstündigen Darlegungen mit den Worten ab, daß dies doch zu weit führen würde. Auf eine Frage des Verteidigers Dr. v. Gordon bestätigt der Zeuge, daß Direktor EcciuS bei Gehaltsoder GratifikationSwünschen deS ihm unterstellten Personals entgegenkommender gewesen sei, als mancher andere.— Der Zeuge Hauck gibt dann weiter au, daß ihm Muehlon erzählt habe, daß Brandt in Gegenwart von v. Metzen ihm in bezug auf seine Bericht- erstattung gewisse Andeutungen gemacht habe, wie„er wolle ein anständiger Mensch bleiben. er könne das Wirtshausleben nicht ertragen". Muehlon habe ihm darauf erwidert, Sie werden doch nichts Unrechtes getan haben, das geht dann auf Ihre Verantwortung. Ich war mit Muehlon der Ansicht, daß die Sache mit Brandt nicht weitergehen dürfe. Die Firma Krupp darf sich nicht dem aussetzen, daß ein Beamter derartige Sachen macht.— Vors.: Muehlon hat aber nicht festgestellt, nach welcher Richtung diese Andeutungen gingen?— Zeuge: Nein, das hat er mit Absicht nicht getan.— Vors.: So. Hat er Ihnen gesagt, daß er das mit Absicht unter- lassen habe?— Zeuge: DaS nicht, aber ich hatte die Empfindung, daß sein Verhalten ganz richtig war.— Vors.: Jnwie- fern?— Zeuge: Muehlon war stellvertretender Vorsilicnder des Di- rektoriums und es handelte sich um eine ältere Sache. Außer- dem war Herr v. Metzen anwesend. Meiner Empfindung nach war es deshalb richtig, daß er es unterließ, aus diese erste Anzapfung näher einzugehen. Muehlon war der Ansicht, daß man Brandt in dieser Stellung nicht lassen dürfe.— Vors.; Weshalb nicht?— Zeuge: Weil es nicht angängig ist, daß ein Beamter in derartiger Stellnng solche Andeutungen macht.— Vors.: Was haben Sie denn aus den Andeutungen Brandts entnommen?— Zeuge: Herr Präsi- dent, eS ist schwer zu sage», was hinter diesen Andeutungen stecken sollte. Muehlon beschränkte sich darauf, ihm zu sagen, wir brauchen Ihre Berichte gar nicht. Irgend etwas Näheres von der Tätigkeit Brandts habe ich nicht gewußt. Erst in der Voruntersuchung habe ich von der Sammlung der Korn- walzer bei Herrn v. Dewitz erfahren.— Oberstaalsanwalt: In dieser Zeugenaussage finde ich eine Lücke. Sie bricht an der ent- scheidenden Stelle ab. Wenn man solche Andeutungen hört, so muß man doch der Sache auf den Grund gehen: waS ist in Berlin geschehen? Der Zeuge mußte doch die Frage auswerfen, was gibt Brandt Veranlaffung zu solchen Bemerkungen, lieber diese Stelle ist das Zeugnis hinweggegangen.— Zeuge: Ich stehe auf dem- selben Standpunkt wie Muehlon. Wenn ein Beamter solche Andeutungen macht, darf er nicht in der Stellung bleiben.— Oberstaatsanwalt: Das verstehe ich vollkommen. Aber haben Sie denn nun nicht festgenagelt, weshalb Brandt in seiner Stellung nicht ein anständiger Mensch bleiben konnte. Nach meinem Empfinden fehlt doch da das Fleisch an der ganzen Sache.— Zeuge: Das bestreite ich. Ich betone nochmals, daß ich das Ver- halten Muehlon? durchaus richtig fand, daß er i n d i e s e in Augenblick nicht den Inquisitor spielte, sondern als stellvertretender Direkior erst die Sache dem Direkt o- rinm unterbreitete.— Oberstaatsanw.: Ich würdige diesen Stand- Punkt vollkommen. Aber ich kann dennoch das eine nicht verstehen, daß gesagt wird, weil Brandt solche Andeutungen gemacht hat, deS- halb muß er von der Stellung weg. Ich begreife nicht, daß Herr Muehlon sich mit diesen Angaben begnügte, und daß auch Sie der Sache nick» auf den Grund gegangen sind.— Zeuge: Ich bestreite gonz entschieden, der Sache nickt auf den Grund gegangen zu sein. Wir wollten nur in diesem Augenblick darauf nicht näher ein- gehen, sondern erst die Jubiläumsfefilichkeiten vorübergehen lassen. Wir hatten den Eindruck, daß da eine delikate Angelegenheit berührt sein könnte. Oberstaatsanwalt: Ich will mit Ihnen keineswegs über Ihre Handlungsweise rechten, aber ich habe das Gefühl, daß etwas fehlt. Zeuge: Ich bilte mich dann zu inquirieren und ich werde Auskunft geben. Ich habe mich bemüht, psychologisch die Sache zu erklären. Ich bin seit 18 Jahren bei der Firma Krupp und habe sehr große Erfahrung in Pcrsonalangelegenheiten. Ich kann nur noch- mals sagen, es lag kein Anlaß vor, jetzt auf die Sache näher einzugehen. Im Gegenteil, es waren Gründe genug vorhanden, die Herrn Muehlon veranlaßten, die Sache so zu behandeln, wie eS geschah.• Innerlich muß ich ihm reckt geben. In jenem Augenblick war nicht die Zeit für ein weiteres Eingeben.— Oberstaatsanwalt: Wenn jemand sagt, ich möchte ein anständiger Mensch bleiben, so ist es doch auffällig. daß man nicht sofort zu erfahren sucht, was liegt denn vor?! Gerade das erscheint mir psychologisch das Naheliegendste für einen Ehrenmann. Man mußte doch fragen, ob der Verkehr mit den 5lameraden irgendwie diese Aeußerung veranlaßte.— Zeuge: Muehlon sagte, e r lege auf die Berichterstattung keinen Wert.— Oberstaatsanwalt: Dann habe ich Sie doch jetzt bei der Berichterstattung. Es ist also bei dieser entscheidenden Stelle schon von der Berichtcrstiittung gesprochen worden.— Verteidiger Dr. Löwenstein: Der Zeuge hat das ja gleich erwähnt.— Oberstaatsanwalt: Ich konstatiere, daß au dieser Stelle der Zeuge Hauck nicht mit einer einzigen Silbe von der Be- richterstaltung gesprochen hat. Er hat gesagt, eine solche Sache durften wir nicht auf uns ruhen lassen, da ein Verdacht auf die Firma fallen könnte. Ich habe mit Spannung erwartet, daß der Zeu�ze hiervon sprechen würde, aber er hat nicht eine Andeutung über den Inhalt der Bemerkungen gemacht.— Ein Beisitzer stellt fest, daß der Zeuge schon anfangs gesagt hat.in bezug auf seine Berichterstattung ein anständiger Mensch bleiben".— Oberstaatsanwalt: Aber wenn jemand sagt, er könnte nicht ein anständiger Mensch bleiben, er könne das Wirtshauslcben nicht ertragen, so mußte man doch fragen, WaS hat das alles mit der Berichterstattung zu tun?— Zeuge: Nach dem Jubiliäum sollte das ja im Direktorium zur spräche gebracht werden. Dann wollten wir als ruhige und vor- sichtige Menschen überlegen, was man in dieser Situation zu tun hat.— Vert. Dr. v. Gordon: Hat Herr Muehlon vielleicht in der Bemerkung Brandts eine Drohung erblickt?— Zeuge: Darüber hat er sich nicht geäußert. Ich will das eine noch erklären: Die Firnia Krupp befindel sich in schwieriger Lage. Was über und gegen die Firma geschrieben wird, findet in ziemlich weiten Kreisen der Oeffentlichkeit Wiederhall und wir Mitglieder des Direktoriums tragen die Verantwortung für das Werk und(mit erhobener Stimme) auch an anderer Stelle»m deutschen Vaterlande die Verantwortung. Wir müssen als vorsichtige Männer handeln und dürfen nicht Oel ins Feuer gießen.— Der Zeuge ichildert dann die weitere Behandlung des Falles Brandt. Er selbst hat erst wieder im Oktober den Sitzungen des Direktoriums bei- gewohnt. Dort wurde mitgeteilt, daß Brandt abberufen werden olle. Dreger erhob Bedenken gegen die sofortige Ab- berufung mir Rücksicht auf den Fall v. Metzen. Es konnte das von diesem als ein Einverständnis aufgefaßt werden, obwohl ja nichts Unrechtes an der Sache sei. Es wird hierauf der Prokurist K l ö p f e r von der Firma Krupp vernommen. Er war dem Direktor Hauck zugeteilt und hat de» neuen Vertrag mit Brandt nntunterzeichnet. Er gibt an, daß für die Nichterwähnung der nichtpensionsfähigen Zulage in dem Ver- lrage ein Besonderer Grund nicht maßgebend gewesen sei, da eS sich bierbei um eine Zulage für eine Abkommandierung gehandelt habe, die wegfällt, sobald die Abkommandierung aufhört. Der nächste Zeuge ist Herr v. Dewitz, Handelsbebollmächtigter der Firma Krupp. Er gibt an, daß ihm Nachrichlen über die Preise der Konkurrenz zugekommen sind. Er hat die sämtlichen Kornwalzer bekommen, sie geprüft, dann den in Betracht kommenden Herren zugeschickt und sie schließlich zurück- bekommen und aufbewahrt.— Vors.: Haben Sie sich nicht überlegt, woher die Informationen kommen konnten, die Brandt bei der Herstellung der Kornwalzer benutzte?— Zeuge; Ein sehr großer Teil der Kornwalzer sind Resultate der Offerten.— Vors.: Darunter waren aber viele freie Bergebungen, deren Resultate Brandt doch nicht auf geradem Wege erfahren konnte.— Zeuge: Den Dingen konnte man nicht ansehen, ob sie sich auf eine freie oder beschränkte Vergebung bezogen.— Bors.: Haben Sie das nickt scstgesiellt?— Zeuge: Früher war mir das ganz gleich- gültig, erst jetzt in der letzten Zeit, seitdem die Sache hier an- hängig gemacht Ivorden ist. habe ich mich darum geküinmert.— Vors.: Sind Ihnen nicht einmal Gedanken gekommen, daß hier doch Indiskretionen vorliegen?— Zeuge: Im allgemeinen nicht, höchstens vielleicht in einigen Fällen.— Vors.: Es mußte sich aber doch um militärische JndtSkrelionen handeln.— Zeuge: Ach nein, es handelte sich doch um Sachen, die voll- ständig in unser Fach einschlügen.— Vors.: Na, aber es handelte sich auch um neue Sacken, die geheim waren.— Zeuge: Solche Sachen haben mir nicht vorgelegen. Mir waren die Dinge alle be- kannt und deshalb konnte mir nicht der Verdacht kommen, daß hier militärische Geheimnisse vorliegen.— Bors.: Sie mußten sich aber doch sagen, daß hier häufige Vertraucnsbrüche von Militärpcrsonen begangen sein mußten!— Zeuge: Ja, jetzt, wenn man die Sachen genau nachprüft, dann kann man sich das denken, aber damals dachte ich nicht daran.— Auf weiteres Befragen gibt der Zeuge an, von der Bezahlung Brandts nichts gewußt zu haben. Er äußert sich dann über die Aufbewahrung der Korn- Walzer, die er dein Untersuchungsrichter sreiwilli� ausgeliefert hat. Da eine Anzahl von Kornwalzenr aus der Zeit ISIS fehlen. erklärte er, daß sie, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden, vernichtet worden sind, um io mehr, als es sich um rasch veraltende? Material handelte.— Vors.: Hat man Ihnen nickt gesagt, daß die Korn- walzer sehr bald vernichtet werden müßten?— Zeuge: Nein, Herr Muehlon hat mich nur mal gefragt, was ich mir den Kornwalzern eigentlich mache. Hätte er mich beauftragt, sie rasch zu vernichteu, so hätte ich das natürlich getan. Bei einer anderen Gelegenheit erzählte er mir, daß er in Berlin mit Brandt Krach gehabt hätte und daß Brandt ihm gesagt hätte, er sei gar nicht mehr zufrieden, worauf ihn Herr Muehlon gefragt hat, ob er denn verkehrte Sachen mache, waS Brandt verneint hat.— Vors.: Es ist aber doch recht zusammenhangslos. Da muß doch Herr v. Metzen oder Herr Brandt vorher etwas davon gesagt haben, daß diese Sachen nicht mehr weitergemacht werden sollten usio.— Der Zeuge erklärt, hiervon nichts zu wissen, da es sich um eine sehr kurze Unterredung gehandelt habe.— Der Vorsitzende weist dann daraufhin, daß die Berichte, solange sie ununterschrieben nach Essen gingen. als K o r n w a l z e r bezeichnet, nicht journalisiert und nicht aufbewahrt wurden, daß aber von der Zeit an, wo sie Herr Dreger unterschrieb, sie als vertrauliche Berichte bezeichnet, journalisiert und aufbewahrt wurden. Der Zeuge gibt zu, daß diese Schriftstücke jetzt nicht mehr als Kornwalzer, sondern als ver- trauliche Berichte bezeichnet werden.— Ans eine Frage des Justiz- ratS Dr. v. Gordon erklärt der Zeuge, sich zu Herrn Dreger über den Wert der Kornwalzer einmal dahin geäußert zu haben, daß er Wert auf die Kornwalzer lege, um die Resultate der Vergebungen zu wissen und zu erfahren, was aus seinen Offerten ge- worden sei.— Vors.: Waren die Kornwalzer nicht auch von Wert für spätere Offertabgaben?— Zeuge: Ja, aber nur. wenn genau derselbe Gegenstand wieder ausgeschrieben wurde. Daun kam ja in Betracht, wenn man daS vorige Mal niit den Preisen zu niedrig gewesen war, hinaufzugehen, und wenn man vielleicht zu hoch war, herunterzugehen. Aber in den drei Jahren konnte nur bei 29 von 289 Kornwalzern etwas Derartiges passieren. Ich habe das genau festgestellt, um auf eine derartige Frage vorbereitet zu sein. Zeuge von Dewitz gibt auf Befragen noch an, daß ein bis zwei Mal auf Grund der Korn- Walzer Preiserhöhungen stattgefunden haben, im allgenr einen aber sei man im Preise herunter» g e g a n g e n. Vorsitzender: Aus Grund der Kenntnis der Preise der Konkurrenz? Zeuge: Nein. Nachdem wir bei der ersten Lieferung gesehen hatten, daß wir mit den Preisen nicht auskamen, sind wir in die Höhe gegangen, obwohl wir die niedrigen Preise der Konkurrenz kannten. In anderen Fällen aber waren wir 39, auch 69 Prozent unter den Preisen der Konkurrenz und sind bei Neuausschreibungen dock nicht heraufgegangen, obwohl wir die Preise der Konkurrenz kannten. Es handelte sich in allen Fällen bei diesen Kornwalzern um kleine Gegenstände. Ich habe die Kornwalzer selbständig bearbeitet und sie Herrn EcciuS nur zur flüchtigen Einsichtnahme beim Vortrag vorgelegt. Der gesamte Briefwechsel über das gesamte Kciegsmaterial, auch der Briefwechsel mit der Feldzeugmeisierei und dem Kriegsministerium ging durch die Berliner Vertretung. Der Vorsteher des Bureaus für Preisbildung G r ü n w a l d- Essen bekundet, daß niemals die Kornwalzer Anlaß gegeben hätten, die Preise zu erhöhen, aber man habe Nachkalkulatiouen vor- genommen. Dagegen sei es häusig geschehen, daß die Preise herab- gesetzt wurden. Wenn wir aus den Kornwalzern erfuhren, das; Äusträge in Aussicht standen, konnte die Fabrikation danach eingerichtet werden, so daß eine schnellere Lieferung möglich war. Niemals ist mir der Gedanke gekommen, daß von Brandt eine Bestechung vorgenommen worden sein könnte. ES kamen von 259 Kornwalzern für die Preisbildung überhaupt nur 29 in Betracht. Der Zeuge führt dann aus Befragen noch einen Fall an, in welchem die Firma zuerst für 7,59 M. eine Lieferung gehabt hatte und dann auf Grund einer Nachkalkulation bei der Neulieferung auf 11 M. hinaufgegangen ist. Wir hätten aber sehr ruhig noch höher gehen könne», da ivir wußten, daß die Konkurrenz 1t M. gefordert hatte. Der letzte Zeuge der heutigen Sitzung, Bureauvorsteher Pie- t r o w s k i- Essen, bekundet, daß Brandt seinen Kollegen gegenüber sehr freigebig war. Der Zeuge erhielt einmal von ihm ein Darlehn und Brandt sagte, er brauche sich keine Bedenken über die Rückgabe machen.— Der Vorsitzende bringt nun die Frage der Vereidigung der heute vernommenen Zeugen zur Sprache.— Der Ober- staatsaiiwalt erklärt, daß er gegen die Vereidigung der Zeugen Klöpfer und Grünwald nichts einzuwenden habe. Ueber die anderen Zeugen habe er sich im Augenblick nicht zu äußern und wolle sich auch nicht äußern. Er sei ganz entschieden gegen die Entlassung sämtlicher Zeugen.— Rechtsanwalt Dr. Löwenstein hält es für zweckmäßig, daß auch die Zeugen Grünwald und Klöpfer erst am Schluß vereidigt werden, da sie bei neuen Vernehmungen sonst erst immer wieder auf den geleisteten Eid hingewiesen werden müßten. Er bittet um Entlassung des Zeugen Pietrowski.— Ober» jtaatsanwalt: Den Namen Pietrowski habe ich niemals gehört, es ist ein Zeuge der Verteidigung. Ich habe also nichts gegen dessen Entlassung. Dieser Zeuge wird darauf vereidigt und eutlassen, die übrigen Zeugen auf morgen früh 9 Uhr wieder bestellt. 'Morgen früh soll' mit der Vernehmung de? Zeugen v. Metzen begonneil werden. Jugendveranstaltuuge«. Brib-Buctow. Heute Dienstag, abends 8 Uhr, im Jugendheim, Nuiigiusstraße 3: Mädchcnabend. frauen-Lefeabende. Grünau. Mittwoch, abends S Uhr, im Restaurant Köpenicker Str. 88: F r a u e n v e r s a m m t u n g. Bortrag der Genossin Ryncck. Gäste will- kommen. Johannisthal. Heute abend 8'/, Uhr, im Arbeiterheim, Friedrich- stratze 9t. Vortrag:„Die Frau gehört ins HauS". Niederschöneweide. Heute abend 81/, Uhr, bei Benglch, Biitzer straße 17. Rowawes. Heute abend 8>/, Uhr, bei Htcmkc, Wallstr. SS. Röntgental, Zeperuirt, Buch. Heute abend 8'/, Uhr, bei Lange, Siemenöstraße 11 lRöiilgental). Vortrag der Genostm A. Matschkc-Berüu über.Die Schule". � Marktpreise von Berlin am SS. Oktober 1913, nach Ermittelungen deS tgl. Pottzeivräsidiums. Mais smtxed), gute Sorte 16,39— 10,70, mittel 00,90—00,00, geringe 00,00—00,00. Mais(runder), gute Sorte 14,20—14,60, Richtstroh 4,80—5,20. Heu 0,00—7,60, Martthallenvreise. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 30,00—50,00. Speijebobnen. weiße 35,06—00,00, Linien 36,00— 70,00. Kartoffeln(Kleinhdl,) 4,00—7,00. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1.70-2.40. Rindfleisch, Bauchfletsch 1,30—1.80. Schweinefleisch 1,50-2.00. Kalbfleisch 1.40— 2,40. Hammelfleisch 1,60—2,40. Butler 2,40—3.00. 60 Stück Eier 4,20—6.50. 1 Kilogramm Karpsen 1,20—2,40. Aal« 1,40—3,00. Zander 1.20-3,20. Hechte 1.30-2,80. Barsche 1,00-2,40. Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80-1,80. 00 Stück Krebst 1,00-30,00. Teppiche(sebleihaste) Gelegen. heitskauf. Fabriklager Manerbog, Große Franksirrterstraße g. 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