C 5 Pfennig)( 5 Pfennig) Ztr. 289, Bbonnements-Bcdingungen- NbonnementS» Preis vrSnumerando! SiertcijShrl. Mi-> monatl. 1,1» MT, wöchentlich 28 Pfg. frei in« Haus, Einzelne Kummer 5 Pfg. Sonnlags, numnier mit illustricrlcr Sonntags. Beilage»Die Neue Welt' 10 Pfg, Post- Wonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich« Ungarn 2,50 Marl, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat. Postabonnemenls nehmen an' Belgien. Dänemarl, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. k licht!», lZqllch. 39. Jahrg. Sie Insertion!-kedühi' beirägt sür die sechsgespaltene Kolonel- zeile oder deren Raum 60 Pfg,, sür politische und gewcrlschaftliche Bcreins- und Bersanimlnungs-Aiizeigei! M Pkg, „Kleine Hnreigen", das fcUgedruckte Wort 20 Pfg. lzulässig 2 fcttgedrucltc Worte), IcoeS wiiterc Wort 10 Pfg. Elellengefuche und Schlafstellenan. zeigen das erste Wort 10 Pfg.. jedes wettere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch. S laben zählen sür zwei Worte. Inserate ür die nächste Nummer müssen bis i Uhr nachmittags in der Ervedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „SdzIauKmollrat Rtrlin". Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: 803. 68, Lindcnftraßc 69. Fernsprecher: Amt Moripplnp, Nr. 1983. Montag, den 3. November 1913. Expedition: S3Q. 68, Lindenftraßc 69. Fernsprecher: Amt Morikplat!. Nr. 1981. Auszug und Einzug. Indes steht ein Spektakelstück bevor, und es ist für Deutschland drollig, daß es eröffnet wird mit einer Bewegung für den„legitimen" Herzog, mit dem geräuschvollen Wunsch nach einem sechsunddrcihigsten Landcsvater. Marx an Engels, Dezember 1863. Fast auf den Tag sind es neunzig Jahre, da schwelgten die braven Bürge? der Haupt- und Residenzstadt Braunschweig in hellster Einzugsfreude. Wimpel wehten von den Dächern und aus den Fenstern, die Handwerkcrgilden loaren auf- marschiert, es wimmelte von Bratenröcken und Uniformen, und auch die weißgewaschenen Festjungfraucn fehlten nicht, denn nach der herzoglosen, der schrecklichen Zeit sollte Braun- schweig wieder seinen angestammten Landesvater erhalten einen Welsen natürlich, den Sohn jenes„schwarzen Herzogs der bei Quatrc-Bras 1815 hatte ins Gras beißen müssen Zur festgesetzten Stunde erschien er denn auch, der Herzog Karl, und Glockengeläut und Jubelrus der loyalen Unter- tanenseelen grüßten den neunzehnjährigen Jüngling. So zog Karl in Braunschiveig ein. Sieben Jahre später, im September 1880, lvar Militär im Braunschweiger Schloßhof aufmarschiert und draußen wogten Volksmassen stürmend gegen Tore und Gitter. Aber die Offiziere schauten unlustig drein und die Soldaten standen Gewehr bei Fuß, auch als die- Tore dem Ansturm nachgaben und die Massen in den Hof strömten und bald auch die Ge- mächer des Schlosses überschwemmten. Doch der zitternde Karl war schon zu einer Hintertür hinausgewitscht, hatte sich in eine Kutsche geworfen und über Stock und Stein es- kartierten ihn seine Husaren bis zur nahen Landesgrenze— aus Nimmerwicdersehn! Keine Wimpel wehten, keine Glocken läuteten, keine Bratenröcke säumten die Straße, sondern nur Flüche und Pflastersteine flogen hinter dem herzoglichen Wagen drein. So zog Karl aus Braunschweig wieder aus! In der Zwischenzeit hatte er sich nämlich als den wiir- digsten Vertreter des Gottesgnadentums erwiesen, als einen zuchtlosen Lotterbuben, dessen verruchte Gemeinheit nur von seinem wahnwitzigen Souveränitätsdünkel übertroffen wurde Der Freiherr vom Stein fand ihn„unsittlich, dünkelvoll. frech und leer", und nicht anders lautete das Urteil der Landeskinder über den erst so stürmisch begrüßten Landes vater. Der Neid muß ihm lassen, daß er keine Gelegenheit versäumte, sich ihren Haß und ihre Verachtung gründlich zu verdienen. Willkür und Ausquetschung zeichneten sein Re gime vor dem anderer deutscher Vaterländer aus, was gewiß viel heißen wollte. Zwischen zwei Neigungen teilte der Knabe Karl seine Zeit: gewaltige Schätze aufzustapeln, die ihm dann das Leben in der Verbannung süßten, und mit wahrer Affen bosheit jeden zu verfolgen, der seinem schamlosen Treiben in den Weg trat. Als ein ihm verhaßter adliger Beamter Vater freuden entgegensah, verbot der Herzog allen Aerzten der Stadt, der Frau in ihrer schweren Stunde beizustehen. Man sagte ihm sogar nach, daß er sich mit Gifttränklein zu schaffen mache, und in seinen jählings hinterlassenen Papieren ent- deckte man. daß er, ein Virtuose des Wortbruchs, sich eine dreifache Form für seine Unterschrift ersonnen hatte: die eine „gültig", die zweite„gilt nicht", die dritte„gilt gerade das Gegenteil". Nach allem begreift es sich und es war auch die höchste Zeit, daß die Braunschweiger unter den Nachwirkungen der Julirevolution diesem angenehmen Zeitgenossen den roten Hahn aufs Dach setzten und ihin schleunigst auf die Strümpfe halfen. Wieder schwelgen heute die braven Bürger der Haupt- und Residenzstadt Braunschweig in hellster Einzugsfreude� Wimpel wehen von den Dächern und aus den Fenstern, die Handwerkergilden sind aufmarschiert, es wimmelt von Braten röcken und Uniformen und auch die weißgewaschenen Fest- jungfrauen fehlen nicht, denn wieder zieht ein Welfenherzog in die alte Stadt Heinrichs des Löwen ein, E r n st A u g u st, des Eumberländers Sohn, der Wilhelms II. Töchterlein heimführte. Wenn wir nicht so durch und durch schlechte und gottlose Menschen wären, wüßte» wir, wie diese Aussöhnung zwischen Hohenzollern und Welsen zustande gekommen ist. Der spätere Zentrumsführer W i n d t h 0 r st hat es nämlich 1868 in einer Art von Erleuchtung im preußischen Abgeordneten- Hause den ungläubigen Annektierern Hannovers versichert: Die im Unglück große Königin Luise von Preußen und ihre Schwester, di« Königin Friederike von Hannover, vereinigen sich d 0 r t 0 b c n i in G e b e t, daß eine volle herzliche und ganze Aussöhnung zwischen dem hannoverschen und dem preußischen Stamme eintrete. Die Erfüllung derselben ist notwendig zu einer ferneren glücklichen Entwickelung unseres Vaterlandes. Meine Herren, treten wir nicht zwischen diese erlauchten Frauen, erschweren wir nicht die Erfüllung dieses Gebetes! Der christliche Bismarck war allerdings damals nur von der Wahrheit des Wortes durchdrungen, daß Nehmen seliger ist denn Geben, sackte seelenruhig, ohne sich an die Luisen und Friederiken„dort oben" zu kehren, das Vermögen Georgs V-„hier unten" ein und bildete daraus den bc- riichtigten Reptiliensonds. aus dem er die ihm ergebenen Schmocks der deutschen Presse reichlich fütterte. Wer will, mag heute getrost annehmen, daß die preußische Luise und die welfische Friederike aus himmlischen Höhen herflb die Sache ins Lot gebracht haben, wir neigen uns der sinnen- fälligeren Erklärung zu, daß B e t h m a n n H 0 l l w e g die Angelegenheit besorgt hat. Nun haben wir schon des öfteren betont, mit welch eisiger Gleichgültigkeit die Massen des beut- scheu Volkes dieser hohenzollernsch-welfischen Familiengeschichte gegenüberstehe». Diese Massen sind mit uns der Ansicht, daß wir in Deutschland bislang nicht einen„legitimen" Fürsten zu wenig, sondern ihrer einundzwanzig zu viel hatten, und wenn wir denn schon ehrlich sein sollen, so ist der unfestlichc Auszug des Herzogs Karl Anno 1830 mehr nach unserem Geschmack als der festliche Einzug des Herzogs E r n st A u g u st Anno 1913. Wir glauben auch, daß die Braun- schweiger Arbeiter, die.man ähnlich um ihr staatsbürgerliches Recht prellt wie die preußischen Arbeiter, gelegentlich dem neuen„Landesherrn" eine Parade von anderer Art vor- führen werden, als er sie heute zu sehen bekommt, denn wo das Volk nach seinen Rechten schreit, ist es mit den Flitter- Wochen des Potentaten vorbei. Um so unbegreiflicher könnte es scheinen, daß in der bürgerlichen Presse ein rechtes Spektakelstück aufgeführt lvird und wirklich in den letzten Wocksen und Monden von einer Bewegung für oder wider den„legitimen" Herzog gesprochen werden durfte. Auch heute schwenken die regierungssrommen Blätter freudig erregt ihre Schnupftücher, lvährend Organe wie„Rheinisch-Westfälische Zeitung" und„Berliner Neueste Nachrichten" ein dumpfes Grollen von sich geben, als sei Teutschland herbste Schmach widerfahren. Nicht daß sie wirk- lich, wie sie vorgeben, eine Wiederbelebung welfischer Umtriebe von der tvelfischen Thronbesteigung fürchten, sondern was sie reizt, ist, daß hier ein Stück Verpreußnng Deutschlands zuni mindesten- verzögert wird. Unter dem Regenten aus dem Hause Hohenzollern sahen sie Braunschweig schon als eine preußische. Provinz an, nun entgleitet es ihnen wieder und wird zum„souveränen Bundesstaat". Urne illae lacrimeal Daher jene Tränen, deren Aufrichtigkeit wir zu würdigen wissen. Aber ob ans dem Wappenschild am Brannschweiger Schloß der hohenzollernsche Adler, ob der welfische Löwe prangt, den Massen in Deutschland, für die der Begriff der Legitimität ein Gespenst ist aus dem achtzehnten Jahrhundert, ist diese welterschiitternde Frage unsagbar gleichgültiger als das Wetter am nächsten Sonntagnachmittag. Von Adler und von Lötve»vollen sie nichts»vissen, sondern von dem Tage, den der Dichter verkiindet mit den Worten: Die Adler flichn, die L ö iv e n fliehn, die Klauen und die Zähne! Und seine Zukunft bildet selbst das Volk, das souveräne! So ist's, und wenn�die Affen des Lcgitimitätswahnsinns auch an dynastischen Stammbäumen hurtig auf- und ab klettern, den Massen ist, zninal in dieser kühlen Jahreszeit, jeder andere Baum lieber, den man lvenigstens zu Kleinholz zerhacken kann._ Internationales ioziaüitiiches Bureau. Brüssel, 2. November. chPrivattelegramm des „V 0 r lo ä r t s".) Das Internationale Bureau ist für den 13. Dezember zu einer Sitzung in London einberufen. Die Berufung nach London ist erfolgt, damit die durch das Exe kutivkomitee eingeleiteten und erfolgversprechenden VerHand lungen über die Vereinigung der f 0 z i a l d eino k rat i- scheu Kräfte Großbritanniens zn einer geschlosse- nen Partei in Gegenwart der Mitglieder des Bureaus fort- geführt und»vomöglich zum gedeihlichen Abschluß gebracht werden. Im übrigen wird sich das Bureau mit der Fest- st e l l u n g der provisorischen Tagesordnung und des Datuins für den internationalen Kongreß in W i c n (1914) zu beschäftigen haben. Dazu schlägt die französische Partei vor, die Frage der Le b e n s m i t t e l te u er u n g, die argentinische die sozialistische Agrarpolitik und die türkische sozialistische Gruppe die O r i e n t f r a g c auf die Tagesordnung zu setzen. Ferner käme nach einem Beschluß des Kopenhagener Kongresses noch der Antrag Vaillant-Keir Hardie zur Kriegsfrage zur Beratung. gröbliche tauichung der Oeffentlichheit. lieber den letzten Vcrhandlungstag des Krupp-Prozesses ist die bürgerliche Oeffentlichkeit ganz falsch informiert Morden und ge- radc in einem entscheidenden Punkte. Denn selbst einer der Verteidiger sprach von der„ungeheuren Tragweite" des Falles Höge. In ihm gipfelt das Krupp-Panama. Gerade hier wäre also genaueste und gewissenhafteste Bericht- erstattung die Pflicht der Presse. Wie aber gerade über diese charakteristischste und bedeutsamste Episode der bisherigen Verhand- lungen von.der bürgerlichen Presse berichtet wird, bciveist folgende Darstellung des„Berliner Tageblatt": Der Vorsitzende befragt den Zeugen(Drcger) dann noch über die Affäre des Zeuglcutuants Höge. Der Zeuge erklärt hierzu: Es ist mir nie eingefallen, wegen Anstellung einer Person mit Exzellenz Bücking oder jemand anderem in Per- bindung zu treten. Auf Vorhalt der hierauf bezüglichen Aus- sage des Zeugen v. Wetzen erklärt der Zeuge: Es ist absolut aus- geschlossen, daß ich Brandt gesagt habe, ich sei schon einmal bei Exzellenz Bücking gewesen, und wenn ich das zweite Mal hinkäme, dann würde er etwas merken. Ich würde Herrn Brandt dann wohl eher gesagt haben:„Kennen Sie Herrn Bücking. Das erste, was er täte, wäre, er schmisse mich heraus, und Ihr Freund flöge hinterdrein." Nach längeren Erörterungen über diesen Punkt,»voran sich außer dem Zeugen auch Herr v. Metze», Iustizrat v. Gor- d 0 11, Dr. L 0 e w e n st e i>1 und der Vorsitzende, sotvic auch der Angeklagte Brandt lebhaft beteiligten, wird festgestellt, daß Brandt wohl einmal eine Aeutzerung über den Wunsch eines Be- kannten, bei der Artillerieprüsungskommission angestellt zu werden, gemacht hat. v. Metten gibt schlicsilich zu, eine Bc- merkung Brandts vielleicht falsch aufgefasst zu hatten. In der gleichen unglaublichen Weise scheint die ganze bürgerliche Presse zu berichten! Wir»vollen annehmen, daß diese Darstellung nur auf Fahr- lässigkeit und nicht auf dreisten Täuschungsabsichten beruht, oblvohl die totale Entstellung des wirklichen Vorganges zugnnstcn des Herrn v. Drcger die letzte Vermutung nur zu nahelegt. Denn in dem Bericht ist nicht weniger als alles falsch und auf den Kopf gestellt! Heben»vir nur die ztvei»vichtigsten Punkte hervor. Dreger hat nicht gesagt, er würde, wen» ihm Brandt ein solches Ansinnen gemacht hätte, gcantivortet haben:„Kennen Sie Bücking" usw., sondern er hat erklärt, daß Brandt ihm tat- sächlich zweimal mit seinem Wunsche gekommen sei und daß er daraufhin dem Brandt geantlvortet habe:„Kennen Sie Bücking" usw. Zweitens ist es eine grobe Unwahrheit, daß Zeuge v. Wetzen schließlich zugegeben habe, er könne eine Bemerkung Brandts viel- leicht falsch aufgefaßt haben. Erstens handelte es sich ja gar nicht um eine Bemerkung Brandts, sondern um die Bemerkung von D reger s zu Mctzen:„Ich habe mich schon einmal an Exzellenz von Bücking gewandt. Ich kann es nicht ein zweites Mal tun, Ter ist so' klug, der merkt sonst etwas." Und von dieser Bemerkung erklärte v. Mctzen nicht eiwa, daß er sie„vielleicht falsch aufgefaßr haben könne", sondern im Gegenteil, und zwar»viederholt und bis zuletzt mit äußerster Entschiedenheit, daß bei ihrer Wiedergabe und Auffassung jedes Mipvrrständnis ausgeschlossen sei! Daß das„Berl. Tageblatt" nicht nur die bodenlose Entstellung der Tatsachen sofort berichtigen, sondern auch für eine künstige wahrheitsgetreue Berichterstattung Vorsorge treffen wird, halten wir für selbstverständlich. Aber wir nehmen auch an, daß die übri- gen Blätter nunmehr der Wahrheit die Ehre geben. Sonst käme zu dem Krupp-Panama noch das Panama der Presse! Kruppsche DIrelitorlal-Iutelligeui. Herr M u e h l 0 n ist erst fünsunddreißig Jahre alt und schon Mitglied des Direktoriums der Firma Krupp. Auf Grund welch besonderer Verdienste ist uns nnbetannt. Doch scheinen Muehlons Vorzüge,»venu man nur aus seinem Austreten als Zeuge schließen sollte, nicht auf dem Gebiet zu liegen, auf dem der Staats- anwalt besondere Ansprüche der Firma voraussetzte: dem der Intelligenz. Denn was dieser Direktor dem Gericht an naiver Leichtgläubigkeit zumuten zu dürfen glaubte, grenzt schon an das Polizeiwidrige. h Als Herr Muehlon von Herrn Metze» in feinem bekaniiien Briefe handgreiflichst mit der Nase auf die Un-sauberkeit und Ge- fährlichkeit des Brandtschen Treibens gestoßen worden war, mußte er sich doch wohl oder übel einmal den Brandt vornehmen. Er will ihm damals strikte verboten haben, seine illegalen Ge» Heimverbindungen fortzusetzen. Als ihm der Vorsitzende vorhält. daß er doch früher anders ausgesagt, nämlich erklärt habe, daß die Brandtscheii Beziehlingen allmählich hätten abgebrochen wer- den sollen, antwortet er: Nein, das„allmählich" bezieht sich auf den Verkehr Brandts, lind»»ii entwickelt sich etwa folgender klassischer Dialog: Ja, wieso denn- Verkehr?— Nu»,'Verkehr mit seinen militärischen F renn den, den Zeugfeldwebeln und Leutnants.— Ja, das waren ooch seine Informationen! Wußten Sie denn das nicht?— Goit behüte! Ich glaubte dieser Verkehr entspringe rein persönlicher Freundschaft und diene keinerlei Nebenzwecken.— Und da wollte.Herr Muehlon sich herausnehmen, dem Brandt den„allmählichen" Abbruch dieses doch so harmlosen Verkehrs znzumnten! Und warum? Weil verruchte Gemüter möglicherweise auch in der rein idealen Freundschaft des Brandt etwas Schliiiiiiies sehen könnten. Welch sonderbare Mischung von schärfst wittcrndciil Spürsinn und nicht zu überbietender AhniiiigS- losigkeit doch dieser Krupp-Dircktor ist! Konnte doch auch sein uiischuldvollcs Kindergemüt absolut nicht begreifen, daß zwischen der„Funktionszulage" des Brandt von 3SlX> M. und seiner Spionage irgendein Zusaiiimenhang bestehe. Metzen hatte ztvar in seinem Briefe an Herrn Muehlon wörtlich geschrieben, daß nach einer abermaligen Erhöhung der 3öcxi M die„Version" der Funktionszulage„nicht mehr aufrecht 5:1 erhalten" sei. Herr Muehlon antwortet zwar brieflich, daß dici; Ansichten Metzens„ganz richtig und bestens vermerkt" seien, aber vor Gericht vermag er irgendeiiien Zusammenhang zwischen der Spionage und den 3S M. Schmiergelder nicht zu begreifen. Gewiß, die Funktionszulage sollte dem Brandt die Möglichkeit zu geselligem Verkehr geben. Aus lauterster Selbstlosigkeit sorgte die Kanonenfirma für das Amüsement des Brandt und seiner Tafelrunde. Denn das stand für Herrn Muehlon felsenfest, dah diese bewirteten und mit Gefälligkeiten über- häuften Freunde Brandt n i e etwas verraten würden. Das taten wieder andere, die dem Brandt aus reiner Leiden- s ch a f t für den Verrat von Dien st geheim nissen ihre Rachrichten aufdrängten! Andere Zeugen in anderen Prozessen würden es kaum gewagt haben, dem Gericht mit solchen Lächerlichkeiten zu kommen. Aber an die Aussagen von Krupp-Direktoren legen Richter und Staats- anwalt wohl einen besonderen Maßstab an. Zwei Urteile. Der hehrste Grundsatz der Rechtspflege, daß ohne Ansehen der Person jedem sein Recht werde, kommt in zwei Urteilen schlesiscfcr Kriegsgerichte wunderbar zum Ausdruck. Der Füsilier Johann Nawrat hatte iin Manöver eines Tages so stark dem Alkohol zugesprochen, daß er s i n n- los betrunken war. In diesem Zustand hatte er sich gegen einen Unteroffizier vergangen und ihm einen Schlag ins Gesicht versetzt. Auch widersetzte er sich der ihn verhaftenden Wache. Das Kriegsgericht in Glatz verurteilte ihn zu einemJahr und einem Monat Gefängnis, ob- gleich zwei Militärärzte begutachteten, Nawrat hätte sich im 3 u stand der Geistesstörung befunden. Das Ober- kriegsgericht, bei dem beide Parteien Berufung einlegten, verurteilte den Füsilier wegen Widersetzlichkeit zu acht Mo- n a t e n Gefängnis. Beantragt waren zwei Jahre Ge- fängnis. Ter Sergeant Renner vom Leibkürassierregiment in Breslau forderte eines Tages den Kürassier Gertig auf, sich zum Antreten zu beeilen. Zur Bekräftigung seiner Auf- fvrderung schlug Renner seinem Untergebenen eine Tuchhose um den Kopf. Als Gertig darauf erwiderte, daß er sich nur waschen wolle, schlug ihm der Soldatenerzieher mit der geballten Faust zehnmal auf die Ohren und den Kopf und stieß ihn dann noch mitvollerWuchtandasBett. Gertig wurde infolge der Mißhandlungen 19 Tage im Lazarett an T r o m m e l- fellverletzung und E i t e r u n g des rechten Mittelohres behandelt. Das Kriegsgericht, vor dem der Sergeant sich zu verantworten hatte, nahm einen minder schweren Fall an. Der prügelnde Sergeant wurde zu einer Woche Mittelarrest verurteilt. Das Oberkriegsgericht, bei dem der Gerichtsherr Berufung einlegte, ließ die ganze Schwere des Gesetzes walten. Es verurteilte den Sergeanten Renner zu vierzehn Tagen Mittelarrest. Gerechtigkeit!_ poUtifchc Geberficbt Neue Entrechtung? Das Vordrängen der Sozialdemokratie in den Gemeinde- Vertretungen ist den Reaktionären seit langem ein Dorn im Auge. Zwar ist in einer ganzen Reihe von Gemeinden schon alles geschehen, um eine wirksame Vertretung der Arbeiter' klasse unmöglich zu machen, doch den Herrschenden ist es noch immer nicht genug. Es soll daher mit Hilfe des preußischen Jünkerparlaments ganze Arbeit gemacht werden. In Schles- wig-Holstein soll der Hebel angesetzt werden. Nach einer Korrespondcnzmeldung wird dem Preußischen Landtag in der kommenden Tagung ein Gesetzentwurf über die Abände- r u n g des s ch l e s w i g- h o l st e i n i s ch e n Gemeinde- lvahlrechts vorgelegt werden. Eine solche Aenderung sei notwendig geworden, weil die Industrialisierung der schles- wig-holsteinischen Städte ein starkes Anschwellen der Sozial- dcmokratie in den Gemeindevertretungen herbeigeführt habe. Das würde gerade noch fehlen, daß das Dreiklassenparla- MocbenfUrn. ,.. Tieweil des Menschen Fiirrccht Lachen ist. Rabelais. Berlin dlO., 1. November 1913. Sehr geehrte Redaktion I Damit daß Ihr konservativer August merkt, daß auch noch andere Leute schreiben können, ergreife ich wieder einmal die Feder, um an Ihnen einige Zeilen zu richten. Ich als anständiger Bürger verstehe einfach nicht, wie Sie als Blatt für das sogenannte arbeitende Volk in einer Tour diese Schnoddrigkeiten eines konser- vativen Schnapsjunkcrs aufnehmen können, während meine Ein- scndungen oft in den Papierkorb fliegen. Ich werde mir dessent- liegen mal an Ihre vorgesetzte Behörde, Preßkommifsion heißt sie woht, wie ich mal gehört habe, beschwerdeführend wenden. Es ist den Arbeitern viel zuträglicher, wenn sie mal eine Stimme aus das liberal gesinnte Bürgertum hören, indem daß beide ja zu- sammen leben müssen und in der Politik ganz gemütlich in einem Grotzblockbunde Arm in Arm gehen können, was sich so schön jetzt in Baden gezeigt hat, woran das„Berliner Tageblatt" so kluge politische Betrachtungen geknüpft hat. Aber von dieses vernünftige Zusammengehen von Bürgertum und Arbeitern wollen Sie nichts wissen, indem daß Sie immer so blödsinnige Sachen von Revo- lution und so schreiben und was sich jetzt auch bei Ihrer Hetzerei zu den Berliner Stadtverordnetenwahlen zeigt, wo Sie den Kom- munalfreisinn so schlecht machen, daß kein Hund mehr ein Stück Brot von ihm nehmen tut. Aber reden wir mal von was anderem. Da haben Sie kürzlich niederträchtigen Artikel über unsere braven Schutzleute gebracht und über das Erholungsheim für sie, und daß Gutsbesitzer Schutz- leute gratis in Pension genommen haben. Natürlich, Sie werden ja dafür bezahlt, daß Sie die Arbeiter gegen die Blauen aufhetzen. Aber wir anständigen Bürger sind mit die Schutzleute ganz zu- frieden und wir wollten mal sehen, wo wir hinkämen, wenn sie nicht mit solcher Schneidigkeit ihres Amtes walteten, wenn wir auch von Zeit zu Zeit über Herrn von Jagown seine Erlasse am Stammtisch schimpfen. Na, und wissen Sic, was Sie mit Ihrem Geschreibsel über den Verein Schutzmannserholungsheim ange- richtet haben: Ich bin mit meiner Frau dem Verein sofort beige- treten. Zumal wie ich gehört habe, daß der Kronprinz der aller- höchste Protektor dieses Vereins ist. Und wir haben das nicht zu bereuen, indem daß wir da am 11. November in die feinste Gesell. schaft kommen. Denn da findet in alle Räume des Restaurants Zoologischer Garten ein großes Fest zugunsten des Vereins statt. „Tanz und Mode" soll das Fest heißen und was meine Frau und meine Tochter, die Trude, sind, die sind jetzt in voller Aufregung. daß sie auch in tipptopper Kluft dabei sind. Es kostet einem ja einen Klumpen Geld, aber für den guten Zweck und für unsere braven Blauen soll es mir nicht darauf ankommen. Und man hat ja auch was für seinen Zaster. Abgesehen von die feine Gesellschaft, meist, statt endlich die W a h l r e f o r in zu machen, neuen Wahl rechtsraub zu verüben wagte! Sammlungspolitik. Tie„Köln. Ztg." hatte den Stichwahlerfolg des badischen Großblocks einen Pyrrhussieg genannt und ihren Partei- freunden dringend zugeredet, doch endlich mit der Großblock- Politik zu brechen. Die Nationalliberalen hätten ihre Erfolge nicht wegen, sondern trotz des Großblocks er- rungen, und dazu habe auch die Taktik des Zentrums beige- tragen, nationalliberale gegen weiter linksstehende Kandi- daten zu unterstützen. In Mannheim sei, obgleich die Sozial- demokraten zahlenmäßig den Ausschlag zugunsten der Frei- sinnigen hätten geben müssen, der nationalliberale Kandidat, der als Reaktionär verschrien wurde, doch gewählt worden. Die„Kreuzzeitung" ist mit diesen Ausführungen natür- lich recht zufrieden und hofft, daß sie von den Nationallibe- ralen jetzt mehr berücksichtigt würden als früher. Das würde, meint das Junkerorgan, auch für eine günstigere Ge- st a l t u n g ihrer Beziehungen zu den konservativen Parteien hinwirken, die uns im allgemeinen nationalen Interesse nur erwünscht erscheint. In der Tat läßt die Entwickelung der nationalliberalen Politik der letzten Zeit der immer wachsende Einfluß der Altnationalliberalen und Scharfmacher die konservativen Hoffnungen als sehr aussichtsreich erscheinen. Kulturarbeit. In Neukamerun, unserer neuesten Errungenschaft, ist es bereits zu heftigen Zusammenstößen mit den Einge- b o r e n e n gekommen, da dies« sich nicht ohne weiteres des Besitzes ihres fruchtbaren Bodens entäußern möchten. Die Häuptlinge zeigten sich gegen die Kwlturbringer feindlich, weshalb eine söge- nannte Strafexpeditton gegen sie ausgesandt wurde. Nach einem Bericht der„Deutschen Kolonialzeitung" fanden dabei 32 Ein- geborene ihren Tod. Nach demselben Blatte hat das deutsche Gouvernement in Buea die nötigen Anordnungen" getroffen, um die Häuptlinge von Nguku und Gabola zu bestrafen und sie zur Anerkennung der deutschen Herrschaft zu zwingen. Amnestie in Brannschweig. Eine Sonderausgabe der amtlichen„Braunschwcigischen An- zeigen" veröffentlicht heute den Erlaß einer Amnestie des Herzogs Ernst August. Alle Freiheitsstrafen bis zu sechs Wochen sotvie alle Geldstrafen bis zu 189 Mark werden erlassen. Außerdem sind Straferlasse in einzelnen Fällen vorgesehen. Oer örtemicbifche Parteitag. Wien, 2. November.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Auf dem Parteitag fand heute die Debatte über die Politik der Reichsratsfraktion statt. Die Forderung der Obstruktionstaktik führte in be° deutenden Reden zu interessanten Auseinandersetzungen über das Verhältnis von Sozialdemokratie und Parlamentaris- mus. Die Aussprache dauerte den ganzen Tag. Morgen findet das Schlußwort und die Abstimmung statt. Semeiiiciewablen in Englanä. London, 2. November 1913.(Privattelegramm des „V o r w ä r t s".) Bei den gestern in ganz England stattgefundenen Gemeinderatswahlen haben nach den bis jetzt vorliegen- den Nachrichten die Arbeiterpartei und die Sozialisten gut abgeschnitten. In vielen großen Städten wurden neue Mandate erobert, so in Hull, Leads, Birmingham, Bristol und Eastbourne. In Birmingham besiegten die Sozialisten einen der bekanntesten konservativen Parteiführer der Stadt. wo man hineinkommt, gibt es ein Promenadenkonzert, kinemato- graphische Vorfiihrungen, Tanzkonkurrenzen in Boston, Tango und Omftep, eine Modefahrt rund um Berlin unter Mitwirkung nam- haftcr Künstler und Künstlerinnen, eine Vorführung des neuesten Tanzes Maxixe BrHsielienne, Kabarettvorträge usw. Und als Preisrichter bei's Tanztournier fungieren leibhaftige Professoren, wie Herr Professor Dr. Oskar Bie und Professor Max Reinhardt. Was meine Frau ist, die will noch fix Tango tanzen lernen, die Trude kann's schon ein bißchen. Aber von diese wohltätige Veranstaltung bringen Sie keine Zeile in Ihr langweiliges Blatt. Da schreiben Sie ewig von die Ar- beitslosigkeit, wo doch schon mein seliger Vater gesagt hat, wer ar- beiten will, findet auch Arbeit. Und es wäre ja noch schöner, wenn man die Tagedieberei auch noch durch sogenannte Arbeits- lofenunterstützung fördern wollte. Und dann möchte ich noch auf eins zu sprechen kommen. Das ist die Braunschweiger Herzogsgeschichte. Meine Frau und ihre Bekannten sind ganz glücklich, daß unser Kaiserprinzehchen nun endlich auf einem Thron sitzen kann. Die lvaren ganz nieder- geschlagen, daß in den letzten Wochen nicht alles in die allerhöchste Familie stimmen wollte. Was hat sie das leid getan, daß die Prinzessin nicht einmal am 22. Oktober zum Geburtstage der aller- höchsten Mama von Rathenow nach Potsdam gefahren ist. Aber jetzt ist alles wieder gut und am Montag zieht das junge Herzogspaar in das angestammte braunschweiger Schloß ein. Daß das Verhältnis des neuen Herzogs zum Schwager Kronprinzen nicht stimmt, mag schon richtig sein, aber auch in die besten Bürgerfamilien können sich manchmal die Schwagers gegenseitig nicht verknusen. Wenn es meiner Frau nach gegangen wäre, wären wir zu die Einzugs- feierlichkciten nach Braunschweig gefahren, aber der Spaß wird mir zu teuer, indem daß das Schutzmannsfest mich schon einige blaue Lappen kostet. Aber viel Interessantes wird man da wieder zu lesen kriegen. Natürlich nicht bei Ihnen, denn was Interessantes bringen Sie ja grundsätzlich nicht. Ich will Ihnen mal ein Beispiel zeigen, wie man solche Ereignisse lebendig und unterhaltend in eine Zeitung bringt. Da hat das„Berliner Tageblatt", wo doch gewiß ein libe- rales Blatt ist, auf die Leitartikclseite über den Abschied des Hcrzogs-Rcgenten von Braunschweig geschrieben. Da konnte man beim Lesen richtig alle Einzelheiten sehen. Es war ordentlich rührend zu lesen, wie der Mann, der doch nach besten Kräften reagiert hat, ging wie der Mohr, von dem Goethe in einem Theater- stück, Othello heißt es, glaube ich, schreibt. Sie bringen über alle die Braunschweiger Geschichten nur kurze, langweilige und boshafte Notizen. Ich will Ihnen aber mal eine Probe geben, wie man so was interessant mackt. damit daß Ihre Leser sehen, wie langweilig Ihr Eure Zeitung macht. In dem Bericht des„Berliner Tage- blatts" über den Abschied J>cs Hcrzogs-Regentcn heißt es: Uebcr den feinen Sand,� mit dem man den Bahnhofsplatz bestreut hat, eilen Beamte geschäftig in die mit Tannengrün ge- schmückte Bahnhofshalle. Das Gepäck des Herzogspaares wird in Hofwagen herbeigebracht, und um Uhr kommt eine Huö 6roß-BerUn. Berliner Zirkusse. Mit dem Zirkus ist jede Bevölkerung, also auch das Ber- linerlum. eng verwachsen. Geradezu international kann man das nennen, was unter den nomadenhaften Begriff des „fahrend Volk" fällt. Der primitive Wanderzirkus, aus dem so manche artistische Größe ersten Ranges hervorging, da auch auf diesem Gebiete alles mit Zähigkeit gelernt sein will und kein Meister vom Himmel fällt, durchrattert mit seinen grünen, gelben, roten Karren die halbe Welt, und auch das fahrende Volk selbst ist international, setzt sich in seinen artistischen Mitgliedern aus allen möglichen Rassen zusammen. Hinter den Kulissen, dm sich in der Regel nur für Bevorzugte lüften, schwirren alle Sprachen der Erde durcheinander. Ein- trächtig neben den Europäern„arbeiten" die für Zirkuskünste besonders geeigneten Chinesen. Japaner, Inder. Das war freilich nicht immer so. Lange Zeit konnte der Zirkus aus seinem noch heute vielfach nach Armut und Fadenscheinigkeit riechenden Milieu nicht heraus. Erst die letzten drei bis vier Jahrzehnte haben ihn mit schnellem Aufschwung in die Reihe großzügiger Unternehmungen gestellt, weil auch die zirzen- fische Kunst gezwungen war, mit den Anforderungen der Zeit und des Nervenkitzels gleichen Schritt zu halten. Das hat die echte Zirkusatmosphäre älterer Zeiten, in der fiir die söge- nannten Ausstattungsstücke kein Raum war. stark beeinträch- tigt, aber die Schaulust kam auf ihre Rechnung und— der Herr Direktor. Heute rangieren die meisten großen Zirkus- direktoren unter den Millionären, und auch die Zirkussterne erster Ordnung bringen es zu erheblichem Vermögen, wenn sie das Geld zusammenzuhalten verstehen. Daneben gibt es in der überwiegenden Mehrzahl gar viele Zirkuseristenzen, die unter dürftigsten Gagenverhältnissen ihre Knochen fast jeden Tag dem Tode auf den Präsentierteller legen und im Alter, wenn die Gelenke steif geworden sind, knapp das Leben fristen. Ernst Renz, der noch zur alten Schule gehörte und trotz- dem als erster den Zirkus aus der Tarife des Großstadtkindes hob, würde das moderne Zirkusleben nicht mehr verstehen. In seinem alten Holzzirkus, der an der Stelle des heutigen Bahn- Hofs Friedrichstraße stand und um die Mitte des vorigen Jahr- Hunderts bis auf den Grund niederbrannte, wurde nur wasch- echteste Zirkuskunst, die auf dem Manegesand großgezogen ist, geboten. Pferdedressur stand in erster Linie, und selbst die komische Figur des„August", die sich die ganze Welt erobert hat, ist hier in der Person des dem Alkohol stark ergeben ge- wesenen berühmten Clowns Tom Belling nur durch einen launigen Zufall entdeckt worden. Auch in dem Renzschen Markthallenzirkus am Schissbauerdamm kam unter dem Nestor )er Manege die moderne Richtung anfangs nicht zur Geltung. Der alte Renz war fiir Neuerungen schwer zu haben und erst ein Sohn Franz, fast mehr Geschäftsmann als Künstler. chlug ganz neue Bahnen ein, die bald im Publikum Gegen- liebe und bei den Direktionskollegen Nachahmung fanden. Das Ausstattungsstück auf dem gelben Sande war geboren. Zwischendurch residierte jahrelang, als Renz das Berliner Pflaster mied, in dem ehemaligen Markthallengebäude der Zirkus Salamonski, und Mitte der achtziger Jahre erstand dicht dabei, neben dem Lessingtheater, unter dem Direktions- szepter Schumanns für kurze Zeit der erste transportable Eisenzirkus, der in zwei Tagen aufgebaut und abgebrochen werden konnte. Im Berliner Westen siedelte sich eine Saison hindurch der amerikanische Zirkus Barnum an. ohne über- mäßige Begeisterung an der Spree zu wecken. In den letzten Jahren haben Schumann in der Karlstraße und Busch am Bahnhof Börse, jeder auf feine Eigenart, das Feld beherrscht. Vorübergehend riß der smarte Direktor Sarasani, vom Volks- Witz„Saure Sahne" getauft, das Publikum mit sich.� Auch die kleinen Wanderzirkusse, die hier und da an der Weichbild- grenze ihr Zeltlager bauten, fanden Liebhaber.______ kriegsstarke Kompagnie des 02. Infanterieregiments mit Schellenbaum und Regimentsmusik unter dem Kommando des Grafen v. Lehsten herangezogen. Kommandorufe erschallen und in schnurgerader Linie sieht man die grauen Mäntel und die schwarzen Helmbüsche aus dem gelben Sande stehen. Wenige Minuten vor 165 Uhr erschienen Oberbürgermeister R e t e- m e y e r, die Stadtverordneten, der Präsident des Landtages und alle anderen Vertreter von Zivil- und Militärbehörden. Dann hört man vereinzelte Hoch- und Hurrarufe aus der dichten Menschenmasse. Jenseits des Publikums wird ein Pikett von Schutzleuten zu Pferde sichtbar. Der Polizeipräsident Freiherr von dem Bussche eröffnet den Zug der Hofwagen, die mit blaugalonierten Dienern besetzt sind. Dann wird der hell- blaue, von sechs purpurgeschmückten Schim- mein a I a D a u m o n t bespannte Staatswagen sichtbar, in dem der Herzogregent und seine Gemahlin sitzen. An ihrer Seite reitet der Oberstallmeister Freiherr v. G i r s e- Wald in blauer, s i l b e r b e t r e tz t e r Hofuniform mit dem Dreispitz auf dem silberweißen Haare, während die Braunschweiger Husaren mit dem Major Graf v. Schwerin an der Spitze den Beschluß des farbenreichen Zuges machen. Langsam und feierlich fährt die himmelblaue S t a a t s k a r o s s e vor der Bahnhofsrampe vor, wo Oberst- leutnant v. Il e ch t r i tz und S t e i n k i r ch, der Kommandeur der Braunschweiger Husaren, Oberst v. W i n t e r f e l d, der Bruder des jüngst verunglückten deutschen Militärattaches und Kommandeur des 92. Infanterieregiments und der Kommandeur des niedersächsische» Feldartillerieregiments Nr. 49 in Wolfen- büttel, v. Häven st ein, Aufstellung genommen haben. D i e Herzogin im dunklen Reise kl eid mit schwarzem Federhut, der Herzog in großer Generals- uniform, mit dem Bande und der Kette des Ordens Heinrichs des Löwen über dem Mantel, entsteigen dem Wagen, lind während die Herzogin sich ins Fürstenzimmer begibt, um sich von den dort erschienenen Herren und Damen des braunschwcigischen Hofstaates zu verabschieden, schreitet der Herzog langsam und ernst die starre Reihe der Ehrenkompagnie hinab. An deren Ende haben vier Herren der braunschweigischcn Kriegcrvereine im schwarzen Rock und Zylinder mit ihren Fahnen Ausstellung genommen und auch ihre Meldung nimmt der Herzog freundlich lächelnd entgegen. Infanterie und Husaren haben sich inzwischen zum Parademarsch formiert; zum letzten Male ziehen sie unter den Klängen der Regimentsmusik an Herzog Johann Albrecht vorüber. Dann nimmt der Herzog Abschied von den Herren seiner Umgebung. Das ist interessant, das ist lebendig, farbig und zugleich er-- greifend. So mutz eine Zeitung gemacht werden. Aber das werden S i c niemals lernen. Und es soll mich wundern, ob Sie diese meine Zeilen Ihren Lesern unterbreiten. Sollten Sie es aber dennoch tun. so bitte ich um baldige Uebersendung des Honorars. damit daß ich mir auf dem Schutzmannsfest was Extracs leisten kann. Womit ich verbleibe mit der Ihnen gebührenden Hochachtung Friedrich Wilhelm Schulze Rentier und Hausbesitzer. Era*. Run setzt sich Busch zur Ruhe, weil er das Heu herein hat und auch keine Neigung hat, den Appetit des Steuer- molochs zu befriedigen. Allzu viel Tränen wird aber die Ber- liner Bevölkerung dem jetzt hurrapatriotisch gestalteten Unter- nehmen nicht nachweinen._ Massenvergiftuugcn im Osten der Stadt. Nach dem Genutz von Hackfleisch sind im Laufe des Sonnabends und Sonntags mehrere Familien in der Dolziger- und Samariter- ftratze unter schweren Vergiftungserscheinungen erkrankt. Die Er- krankten, mehr als 2t> Personen, leiden alle an heftigem Fieber und Erbrechen, so datz sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mutzten. Die Kriminalpolizei hat Reste des Hackfleisches, auf dessen Genutz die Vergiftungen anscheinend zurückzuführen sind, beschlagnahmt und zur genaueren Untersuchung dem Institut für Infektion?- krankheiten übersandt. Ueber die Massenerkrankungcn, die in dem betreffenden Viertel grotze Unruhe hervorgerufen haben, erfahren wir folgendes: Die Kinder mehrer Eheleute aus der Dolziger- und Samariter- straße holten von einem Schlächtermeister in der Nachbarschaft am Freitagabend Hackfleisch, von dem alle Familienmitglieder atzen. So u. a auch der 41 Jahre alte städtische Arbeiter Ferdinand Graband aus der Dolzigerst ratze 35 mit seiner 41 Jahre alten Ehefrau und drei Söhnen von 16, 1b und 6 Jahren, sowie der 46 Jahre alte Arbeiter Friedrich Els, der mit der 41 Jahre alten Witwe Else Grünberg in der Dolzigerstratze 46/41 einen gemein- schaftlichen Haushalt führt. Neben diesen atzen auch ein 14 Jahre alter Sohn des Arbeiters, zwei 13 und 16 Jahre alte Söhne der Witwe und deren S Jahre alte Tochter von dem Fleisch. Auch sie liegen, ebenso wie mehrere andere Familien aus der Samariter- stratze, nach dem Gcnutz des Fleisches schwer danieder. Tie Ar- beiter Graband und Els mutzten am Sonnabend ihre Arbeit ein- stellen und sich nach Hause begeben, wo sie die anderen Familien- Mitglieder schon erkrankt vorfanden. Els benachrichtigte auch schon am Sonnabendabend durch Nachbarn einen Arzt, während die Familie Graband, obwohl sie alle schon stark fieberten und heftige Erbrechen hatten, erst gestern ärztliche Hilfe herbeiholte, Es sind wahrscheinlich noch mehr Personen ertrankt als bisher amtlich bekannt geworden sind. Erst Sonnabendabend meldete sich noch eine Frau aus der Elbinger Stratze, die ebenfalls Hackfleisch genossen uno jetzt an Vergiftungserscheinungen schwer daniederliegt. Sie hatte das Fleisch auf dem Markt gekauft. Wie sie sagt, war ihr die dunkle Farbe des Fleisches aufgefallen und autzerdcm habe es schlecht gerochen. Trotzdem verzehrte sie eS, weil sie nicht glaubte, datz eS schädlich wirken könne. Ei» Opfer des Sllkohols. Der 26 Jahre alte Arbeiter Friedrich Z. aus der Lietzmann- stratze hatte nach Geschäftsschlutz stark über den Durst getrunken. Als er sich gegen 8 Uhr auf den Heimweg machte, vermochte er sein Zweirad nicht mehr ordentlich zu lenken. In oer Alten Jakob- stratze fuhr er vor dem Hause Nr, 116 gegen einen Pferdeomnibus der Linie 18. Hierdurch kam er zu Fall und geriet so unglücklich unter die Räder, daß ihm diese über Kopf und Hals gingen. Tic Verletzungen Ivaren so schwer, Satz ein sofort hinzugerufcner Arzt nicht mehr helfen konnte. Ter Verunglückte starb auf der Stelle. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Beide Beine abgefahren. Ein entsetzlicher Unglücksfall hat sich in der Nacht zum Sonn- tag auf der Stettiner Bahn zugetragen. Die zwanzigjährige Buch- halterin Tora Husen, Bchrenstratze 86 wohnhaft, hatte auf dem Bahnhof Waidmannslust einen bereits in der Fahrt begriffenen Vorortzug nach Berlin besteigen wollen. Sie rutschte jedoch auf dem Laufbrett ab und kam so unglücklich zu Fall, daß sie mit beiden Beinen unter die Räder des Wagens geriet. Ehe der Zug auf die Rufe von Beamten zum Halten gebracht werden konnte, waren mehrere Wagen über die Unglückliche hinweggegangen. Beide Beine wurden der H. vollständig abgefahren. In dem gleichen Zuge wurde die Schwerverletzte nach dem Stettincr Bahnhof und UKeater. Lessingtheater: Pygmalion, Lustspiel von S h a w. Ter Shawsche Pygmalion hatte bei einem dankbaren Publikum großen HeiterkeitScrfolg. An Komödien wie die Shawschcn„Hcl- den" oder auch an seinen.Arzt am Scheidewege" durfte man freilich nicht denken. DaS neue Lustspiel ist eine jener witzig dialogisierten Plaudereien, die er in anspruibsloser Laune spielend improvisiert. Er schüttelt einen Haufen paradoxer Einfälle kaleidoskopisch durch- einander und freut sich an der Buntheit, unbekümmert darum, ob die Farben auch zusammen stimmen. Der Pygmalion der Sage ist ein Künstler, der sich in sein Kunst- loerk, die Marmorstatue einer Jungfrau, verliebt, durch die Glut der Liebe das Geschaffene zu eigenem Gefühl und Leben weckt. In dem Verhältnis des spleenig wunderlichen Professors Higgins, eines enragicrtcn Dialektforschers, zu dem Londoner Stratzenmädel, deren Jargon er in sechsmonatiger Lehrzeit zur korrektesten Sa- lonsprache umzubilden gewettet hat, läßt sich jedoch irgendeine paro- distische Beziehung zum alten Märchen kaum erkennen. Das Nlädel wandelt sich im Handumdrehen zur eleganten Dame und wird den Meister dann standesamtlich an sich fesseln. Aber weder kann der gelehrte Herr dies Werk der Wandlung seiner.Kunst zugute schrei- den, noch scheint er dadurch sonderlich enthusiasmiert. Immer- hin, es wäre das ein dankbares ironisches Motiv gewesen. Freilich hätte das Konzentration verlangt. Mit� einer aufs grobianisch SErullenhaftc und auf erotische Blindheit eingestellten Possenfigur wie HigginS läßt sich das nicht machen. So wenig wie das Pvgmalionmotiv, so wenig wird ein an- dcres durchgeführt. Datz das von Higgins aufS Geradewohl erwählte Experimcntalobjekt in einem Halbjahr einen Chik gewinnt, der es ihm ermöglicht, als angebliche Herzogin zn glänzen— diese Idee verspottet hübsch den Dünkel jener Kreise, die exklusiv mit ihrem„guten Ton" zu prunken Pflegen. Ein bißchen Dressur und weibliche Geschchmcidigkeit genügt, um es im Talmi solcher„Bil- dung" ihnen gleich zu tun. Indessen Shaw vergißt dann wieder, wo es ihm Paßt, die Absicht. Bei der ersten Probe im Teesalon von HigginS Mutter läßt er die kleine Doolittle die allerdümmsten Dummheiten verzapfen. Nicht nur die äußere Politur ist trotz gewonnener Wette mangelhaft geblieben, die innere noch viel mehr. Der Liebe, die das Mädel zu ihrem widerborstigen Erzieher unterdes gefaßt hat, fehlt jede sanftere Sittenanmut. Noch am gleichen Tage, an dem sie in der Herzoginnen-Garderobe parodierte, wirft sie dem Ah- nungSlosen die Pantoffel an den Kopf. Das ist die Ouvertüre zu dem HochzeitSmarsch. Sie zanken sich noch einen ganzen Akt hin- durch, bis der Professor dann erkennt, datz er sie nicht entbehren kann. Ueberall lustig originelle Ansätze, doch keiner, der zu wirk- lich lustspiekmäßiger Entfaltung käme. Die eindrucksvollste aller Episoden, in der der Shawsche Witz seine respektloseften Purzel- bäume schoß, war die Erscheinung des alten Doolittle, des jovialen Müllkutschers, der einen kleinen Erpressnngsversuch riskiert und bei der Gelegenheit vor dem Professor seine philosophischen An- schauungen über bürgerliche Maral entwickelt. Am Schlüsse sieht man ihn dank eines Testaments in der Würde eines neugebackenen Bourgeois und Wandcrpredigers. von dort nach dem Krankenhaus Am Urban gebracht. An dem Aufkommen des jungen Mädchens wird gezweifelt. Kleine Nachrichten. Acht Tage tot in ihrer Stube gelegen hat, ehe man von ihrem Hinscheiden etwas merkte, die 75 Jahre alte Rcntenempfängerin Franziska MattkowSka aus der Hollmannstraße 7. Tic alte Frau hatte-dort für sich allein eine Stube inne und lebte ziemlich für sich�zurückgezozen.— Mit Cyanlali vergiftet hat sich in der Nacht zum«onntag der 46 Jahre alt« Versicherungs- agent Hermann Meyer aus der Scllerstraße. Unheilbare Krankheit hat den Mann zu der Tat getrieben.— Aus dem Landwehrkanal gelandet wurde gestern am Charlottenburger Ufer die Leiche eines jungen Mädchens von etwa 18 bis 22 Jahren. Die Tot« ist ungefähr I,ö6 Meter groß und schlank, hat braune Augen und vollständige Zähne und trug eine lange blaue Golfjackc, ein blaues Kostüm, gelbe Halbschuhe, braune Strümpfe und 8. 8. gezeichnete Wäsche. Die Leiche scheint etwa drei Wochen im Wasser gelegen zu haben.— Auf einen Kindcsmord läßt ein Fund schließen, den man gestern im Müblendammwehr, hinter der Städtischen Sparkasse, machte. Ein dort treibendes Paket enthielt die Leiche eines weiblichen Kindes, das, nach äußerlichen Verletzungen zu schließen, von der un- natürlichen Mutter nach der Geburt getvaltsam getötet worden ist. Was geht in der A. E. G. vor? Eine von etwa 4666 Personen besuchte Betriebsversammlung aller in der A. E. G. sTurbinenfabrik) beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen nahm am Sonntag in Kellers Festsälen, Koppen- straße, den Bericht des Arbeitorausschusses über die Verhandlungen mit der Direktion entgegen. Die Verhandlungen machten sich vor allem notwendig wegen der Abzüge an den Akkorden und wegen der rigorosen Behandlung durch einen Teil der Meister. Wie die Mitglieder des Arbeiterausschnsses, Fritze und K r ä t k e, mir- teilen konnten, ist die Direktion den Forderungen der Arbeiter nur teilweise entgegengekommen. Nach Ansicht der Direktion seien die Befürchtungen, daß die Arbeiter in Zukunft nicht mehr auf ihre bisherigen Lohnsätze kommen könnten, unbegründet. Auch wurde Abhilfe versprochen, soweit c8 sich um das rigorose Auftreten der Meister handelt. Im großen und ganzen, so betonten die Refe- rcntcn, sei jedoch das gewünschte Resultat durch die Verhandlungen nicht erzielt worden. Die sehr lebhafte Diskussion endete schließ- lich damit, daß die Vcrsammluug einstimmig beschloß, daß der Ausschuß noch einmal bei der Direktion vorsprechen und ver- suchen solle, auf gütlichem Wege noch etwas mehr zu erreichen, als die Direktion dem Arbeiterausschuß versprochen hatte. �us aller Melt. Lippendicnft Gott sei Dank gibt es auch in unserer materialistisch ge- finnten Zeit— siehe Kruppzeugprozeh— immer noch Idealisten, die unseren guten alten Ruf, daß wir ein Volk der Denker und Dichter seien, aufrecht zu erhalten wissen. Sie leben der ernsten Forschung und sorgen dafür, daß unsere Kultur vorwärts gedrängt wird. Natürlich können sie sich um so nebensächliche Dinge wie etwa das Problem der Arbcitslosenfürsorge nicht kümmern. Ihr Blick ist auf Größeres, Wichtigeres gerichtet, den Nichtigkeiten de? Lebens können sie ihr« Zeit nicht widmen. Ter ganzen Menschheit ist ihr Streben geweiht, den Ursachen der menschlichen Ent-wickelung gilt ihr Forschen. Das wirb einem jeden klar werden, wenn er beispielsweise das Thema eines Vortrages hört, den der bekannte Genealoge Kammerherrr Dr. Stefan Kekule von Stradonitz am Frei- tag in der Berliner Gesellschaft für Rassenhygiene hielt. An Hand zahlreicher Lichtbilder behandelte er die„Entstehung und Vererbung der sogenannten Habsburger Lipp e", jenes„berühmten Familientyps des Hauses Hadsburg". Nach einem uns zugegangenen, sehr verläßlichen Bericht ver- wies in der interessanten Diskussion über dies hochwichtige Kultur- Problem ein Sachkenner auf die Tatsache, daß die Habsburger Hängelippe sich in ganz eigenartiger Anpassung an daS Milieu auch bei gewissen Lakaien und Höflingen vorfindet. Durch die mit diesem Beruf öfters verbundene Notwendigkeit d«S Stiefel- Dein Stück kam eine ungewöhnlich feine Aufführung zu Hilfe. Tilla D u r i e u x in der Figur des schmutzigen Straßenmädchens und der späteren Dame sprudelte von Temperament. Ebenso Stein rück in der schwierigen Rolle des bärbeißigen Experimen- tators. Jlka G r ü n i n g war eine reizend gütige Mutter, E k e r t im ersten Akt ein unvergleichlicher Doolittle. ckt. IVliiliK. Theater des Westens:„P o l« n b l u t", Operette von Leo Stein, Musik von Oskar Nedbal. Die Erstaufführung brachte mehr denn einen glänzenden Erfolg: den Beweis, daß unsere zeitgenössische Operettenproduktion sich nicht in hoffnungslose Unfruchtbarkeit zu verlieren braucht. Leo Stein hat zum„Polen- blut" einen Text geliefert, der sich weit über die seichte Unter- haltnngs-, Zoten- und Mätzchenmache der heutigen Operettennorm erhebt. Der verschuldete polnische Landedelmann Baranski führt in Gesellschaft prassender Freunde ein Luderleben, das seinen Besitz total zerrüttet hat. Sein väterlicher Freund Pan Zarembo, zu- gleich sein stärkster Gläubiger, möchte ihm seine Tochter Helena zur Frau geben. Auf einem Ballfest in Warschau sucht er ihm sein Kind nahe zu bringen, doch vergebens. Diesen machen die Reize der Tänzerin Wanda Kwasinkaja blind gegen die unverdorbenen Werte des jugendfrischen Landfräuleins. Lieber will er sich in eine Bäuerin verlieben... Diesen Ausspruch soll er büßen. Das verschmähte Mädchen verdingt sich, als Bauernmagd verkleidet, auf seinem Gut als Wirtschafterin und läßt bier ihre Liebe still walten zum Segen des Gutes und seines von ihr gezügelten Herrn. Das Erntefest zeigt den Aufschwung des Gutsbetriebes. Ihre Mission ist damit erfüllt. Da durchkreuzt der plötzliche Besuch der Tänzerin die Aussprache zwischen BarinSki und Helena, doch die Eifersucht dieses Gastes führt zur Klärung aller Mißverständnisse. Die jetzt verschmähte Tanzdiva tröstet sich mit VarinskiS Freund Popicl, Helena aber wird die Gattin ihres geliebten BarinSki. Zu dieser in allen Momenten spannenden und mit Humor durchwobenen Handlung hat OSkar Nedbal eine ebenso geschmack- und reizvolle wie bluttvarmc Musik geschrieben. Grazie und Frische lösen einander ab in den vielerlei vortrefflichen„Schlagern", unter denen aus dem ersten Akt das Tanzduett„Hören Sic, wie'S fingt und klingt", aus dem zweiten das fesche Biarschlied„So lang s noch solch.' Frauen gibt, ist Polen nicht verloren", sowie das ur- komische Baucrndnett von der Gutswirtschaft mit seiner an- schließenden Mazurka in echtem Volkston besonders hervorgehoben seien. Die musikalische Pracht schwingt sich im dritten Akt gerade- zu zu opernartiger Grandezza auf, wofür daS feingearbeitete Erntedanklied und die jubelnden Tanzchöre der Dorfjugend volle Belege bieten. Die Aufführung war glänzend. Vortrefflich und sicher sind unter der Regie Gu'*av Charles die Massen geleitet und gruppiert, reizvoll die Einzelarrangcments ausgearbeitet. Von den Darstellern setzte sich jeder einzelne mit trefflichem Gelingen für den Erfolg ein. Ein männlich frischer und gewinnender Mensch ist der Graf BarinSki Albert K u tz n e r s, der mit seinem sympathischen, klangvollen Tenor wahre Freude weckt. Marie O t t m a n n als Helena Zaremba steht ihm würdig zur Seite. Boll köstlichen Humors leckens entwickelt sich der die Unterlippe herabziehende Muskel bisweilen besonders stark und hält dann die Lippe in herab- hängender Stellung. Dadurch entsteht eine ähnliche Mißbildung. Bei diesem Worte wurde der Redner durch Pfuirufe unterbrochen, und die Versammlung endete in Tumult. Aus dem unterirdischen London. Zu einer blutigen Schlägerei ist es in der Nacht zum Sonntag in einem nördlichen Vorort von London gekommen. Ein Soldat geriet in einer Kneipe mit einem Matrosen in eine Schlägerei und versetzte diesem mehrere Fußtritte gegen den Unterleib. Die Ver- letzungen des Matrosen waren so erheblich, datz er kurze Zeit daraus starb. Als mehrere Polizisten den Mörder abführen wollten, nahm die Menge eine so feindliche Haltung an, daß die Polizisten gezwungen waren, Verstärkungen zu holen, um sich der Angriffe der Menge zu crtvehren. Die zur Verstärkung ein- treffenden Polizeibeamten mußten einen förmlichen Sturm- angriff gegen das Publikum unternehmen, um ihre Kameraden zu befreien. Hierbei wurde ein Mann getötet und sieben verwundet. Mehrere Polizisten wurden gleichfalls durch Steinwürse verletzt. Tie Polizisten gewannen schließlich die Oberhand und nahmen sechs Verhaftungen vor. Die Sintflut in Norditalien. Die Ucbcrschweinmungcn im Süden der lombardischen Ebene sind nach den letzten Nachrichten noch umfangreicher gewesen und haben größere Verheerungen angerichtet als die ersten dürftigen Berichte erkennen liehen. Die ganze riesige Ebene gleicht einem flachen See und ganze Ortschaften sind Pom Verkehr untereinander abgeschnitten, so daß man von der Größe des Schadens noch kein richtiges Bild haben kann. Sehr viel Groß- und Meinvieh ist den Fluten zum Opfer gefallen. Dabei schwillt das Wasser noch andauernd an, und der Bewohner bemächtigt sich wachsende Unruhe. Die Regierung hat mehrere Regimenter Soldaten zur Hilfeleistung nach dem Ueberschwemmungsgebiet ab- gesandt.__ Hetzte Nachrichten* Die öticbwabl in Italien. Rom, 2. November. Tie Stichwahlen fanden heute in ganz Italien unter großer Beteiligung statt. Im ersten Wahlkreise der Stadt Rom wurde der Nationalist Federzoni gegen den Sozialisten Campanozzi ge- wählt. Im Wahlkreise Como wurde der friihere Minister Carcano wiedergewählt. In Mailand wurden gewählt: im ersten Wahlkreise der ministerielle Liberale Decapitani gegen den Republikaner Eugenio Chiesa, im zweiten Wahl- kreise der ministerielle Liberale Agnelli, im dritten Wahlkreise der Sozialist M a f f i o l i, im vierten Wahlkreise der Radikale Gasparotti._ Revolverschießerei eines Betrunkenen. Rastatt» 2. November. Heute nacht ein Uhr gab der Arbeiter Hermann Scham aus einer Browningpistole auf offener Straße mehrere Schüsse ab. die zwei Schutzleute sowie einen Passanten namens Koch schwer verletzten. Scham, von dem man annimmt, daß er die Tat in der Trunkenheit begangen hat, wurde verhaftet. Die Verletzten wurden in das Krankenhaus geschafft._ Großfeuer im Lübecker Hafen. Lübeck, 2. November. Heute nachmittag gegen vier Uhr kam hier ein riesiges Feuer zum Ausbruch. Es entstand auf den weit ausgedehnten Holzplätzen der Firma B rügmann u. Sohn am Hafe neingang und wütete bis zum späten Abend mit unverminderter Gewalt. Die Stadt und ihre Umgebung waren taghell erleuchtet. Hilfe leisteten die Feuerwehr von Lübeck und zahlreiche Wehren der Umgegend, ebenso die Matrosen der ersten Minensuchdivision. Den vereinten Anstrengungen gelang es, ein Uebergreifen des Feuers auf die benachbarten Holzplätze zu verhindern. Der Brand erinnert an die Feuersbrünste, die sich im Mai und Juni d. I. hier ereigneten und deren Urheber noch nicht ermittelt werden konnten. und herziger Sonnigkeit ist der Frauenfreund Popiel in Gustav Müllers Wiedergabe, fesch und voll sprudelnder Eleganz Rosy W e r g i n z Tänzerin Kwasinkaja, neben deren Grazie die alte Theaterinutter Poldi A u g u st i n S eine köstliche Folie der Komik bietet. Eine überragende Sonderleistung bilden die Tranzproduktionen des russischen Sololtänzers Fedia S t c p a n o f f; aber auch die Ar- rangements der Gruppentänze können sich daneben wohl behaupten. DaS Orchester klingt graziös, dezent und reich nuanciert und bietet prächtige Farben. In Kapellmeister Max Roth hat die Auf- führung einen feinfühligen und schwungvollen Leiter. Der Erfolg des Abends war ein ganzer und ein Ehrlich vev- dienter. S. Deutsches Opernhaus, Charlottenburg. Albert L o r h i n g S„U n d i n e" weckt die Erinnerung an eine Oper gleichen Namens, die der„Gcspenster"-Hoffmann zu einem Libretto von Fouque, dein Dichter dieses bekannten MärchenS, 1813 ge- schrieben hat. Sic kam drei Jahre später mit Dekorationen nach Entwürfen Schinkels am Kgl. Schauspielhaus in Berlin dreiund- zwanzigmal zur Aufführung, wurde aber feit dem Brande dieses Theaters nicht mehr gegeben, obgleich Carl Maria v. Weber das Werk als„eines der geistvollsten, das uns die neuere Zeit geschenkt hat", bezeichnet hatte. Daß Albert Lortzing, als er 1843 den Plan zu seiner„Undine" faßte, die Hoffmannschc Partitur jemals vor Augen gehabt habe, ist ausgeschlossen. Er schrieb sich, wie immer, sein Libretto selbst, in Anlehnung an Fonques Erzählung, aber mit mannigfachen freien Erfindungen. 1843 wurde die Oper zum erstenmal gegeben. Seitdem hak sie sich mannigfaltige Verkürzungen gefallen lassen müssen: durch unsinnige Streichungen wie auch durch„Einlagen" von anderen Komponisten. Die letzt zur Aufführung gelangte„Undine" hat zunächst den Vorzug, ganz aus Lortzingscher Musik zu bestehen. Neu hinzugenommen hat Direktor Hartmann daS Duett im zweiten Auftritt des ersten Aktes, und zwar in seiner viersätzigen Voll- ständigkcit; ferner das Terzett zwischen Hugo, Bertalda und Undine im siebenten Austritt des dritten Aktes, wodurch die Vor- gänge deutlich motiviert erscheinen. Andererseits wieder erweisen sich einige Kürzungen als notwendig. Ganz gestrichen ist Bertaldas Hochzcitsfcst im vierten Akt, und daS ist gutzuheißen. Unzerftückelt kommt jetzt die eigentliche Handlung zum rascheren Abschluß, wenn auch die Vorstellung, alles in allem, noch immerhin drei Stunden beansprucht. Zu dieser textlichen und musikalischen Auffrischung tritt eine zum Teil prächtige Dekoration, die den Stilcharakter des 15. Jahrhunderts getreulich zum Ausdruck bringt. Nicht ganz vermochte die Aufführung selbst zu befriedigen: sie war weniger frisch, als man es bisher im Opcrnhause gewohnt war. Namentlich bewegte sie sich im ersten Akt etwas in älteren Gleisen. Ohne die Vortrefflichkeit Julius L i e b a n S als Schild- knappen Veit und Peter L o r d m a n n s als Kellermeister anzu- tasten, sei jedoch gesagt, daß jedwede Uebertreibung der Spaße vom Ilcbel ist. Elisabeth Boehm van Endert war eine echte Undine, im Schlußbildc auch wahrhaft sylphidisch. Hertha Stolzenberg sah und hörte man seit Puccinis Mädchen aus dem goldenen Westen nicht mehr so vorzüglich wie diesmal. Paul Hansen sRitter Hugo) singt kernig genug, um aus seinem Ritter nicht einen schmachtstimmigen Seladon zu machen. Werner Engel(Kühleborn), Ernst Lehmann(Pater) spielten und sangen ziemlich untadelig, auch die Chöre klangen rein. ek. 'Cheaten Wontag, 3. November 1913. Ansang 6 Uhr. Eines Palast am Zoo. Variete- Lichtspiele. Ansang 6'/, Uhr. CiuesNollendorf-Theatcr.Variete- Lichlipicle. Ansang VI, Uhr. Der Rosen- Kgl. Opernhaus kav alier. «gl. Schauspielhaus. Schwanen- weih. Deutsches. Torquato Tasso. Zirkus Busch. Galavorstellung. Zirkus Schumann. Galavorstellung. Aniang 8 Ubr. nach Konfir.- Ingenieur Hammerwerke und Der verlorene Urania. Mit dem„Imperator' New Jork. Hörsaal: A. Kehner: Preßwerkc. Kammerspiele Sohn. Dheater am Nolleudorfplatz. Der lachende Dreibund. «öniggrätzer Strafte. Die fünf Franlsürter. Lessiug. Pygmalion. Theater des Westens. Polenblut. Deutsches Künstler- Theater. HannelcZ Himmelfahrt. Der zerbrochene Krug. Deutsches Opernhaus. Lobctanz. 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Verbandsangelegenheit. ■ Rur Mitgliedsbuch legitimiert k— 135/17* Die Versammlung wird pünktlich eröffnet,— Zahlreichen Besuch erwartet IMe Ortsverwaltnngr. Das alkoholarme ist in jedem Haushalt das geeignetste Ge- tränk für Frauen und Kinder Borussia- Brauerei Verlia- Weitzensee Heines Werke . 3 piuve 4 mart■ Buchhandlung Vorwärts SelowsKy,a Caruso-Cigaretten sind garantiert trustlrei! Spezialarzt f. Geschlechtskrankheiten, Harnleiden, Schwäche, Ehrlich-Hata-Kuren, Blut- _ und Harn-Untersuchungen. DrT med. Karl Reinhardt. Institute: NponrlprctraRp 1? nahe d. Köpenicker Straße. nearuiersiraiie iL sprechst. 5-7, sonntags 10-11. Pntcrtampr Qtr 117 a. d. Lützowstr,, Sprechst. ll,ll-2. roibaamer oir. 1 w u. 8-�,10 u. abds., sonnt. 11-1. Nachweislich vollkommenstes Heilverfahren. Yorzügl. Daaererfolge, auch bei schwersten, veraltetsten Fällen. Keine Berufsstörung. Mäßige Preise. Teilzahlung gestattet. 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Man kann nicht anders sagen, als daß Oberstaatsanwalt und Gerichtshof dem Zeugen V. Metzen gegenüber eine Mäßigung beweisen, die dieser Verräter an einer heiligen Sache wahrlich nicht verdient. Da sind die Herren vom Direktorium schon andere Kerle. Sie sitzen, ihrer Einkünfte sich bewußt, in einer Ecke beisammen, riskieren manchmal ein kleines Hohngelächter, wenn der Zeuge v. Mctzen der Ansicht Ausdruck gibt, unmoralische Handlungen könnten der Firma doch einmal schaden, und tvenn er etwas ganz Unangenehmes aussagt, dann wissen es die allmächtigen Herren sehr wohl mit Anstand, Würde und Achtung vor dem Gericht zu verbinden, daß sie sich grün vor Wut zurufen: Der Schuft! Der gemeine Schuft I Ja, so spricht eben die Unschuld und das reine Gewissen. Diese Unschuld wird natürlich dadurch in keiner Weise ge- trübt, daß Briefe bekannt werden, in denen zu lesen ist:„Es ist uns gelungen, einem Freunde eine Stellung zu verschaffen, an der er uns sehr nützlich sein wird." Es will natürlich auch gar nichts sagen, daß sich herausstellt, der Freund sei der Zeugleutnant Höge und die Stellung sei in der Artillerie-Prüfungskommisfion, also derjenigen Behörde, die teils über Kruppsche Erzeugnisse zu befinden hat, teils Versuche anstellt, durch deren Kenntnis die Firma ihre Produktion genau einrichten kann. Nur ein im Dienste des Erbfeindes stehender Bursche kann unserm Krupp daraus einen Vorwurf machen, daß er einen Spion in solcher Stellung zu haben wünscht und dafür seine Berliner Vertreter mobil macht. Das ganze Bestreben in Essen ging doch dahin, dem Vaterland in der � hochherzigsten Weise zu dienen. Und genau so, wie man durch Brandt Zeugleutuants bestechen ließ, um einen Vorwand zu haben zur Herabsetzung der Preise, genau so schmuggelte man einen Ver- trauten in die Artillcrie-Prüfungskommission, um dem Vaterland womöglich das liefern zu können, was es vor dieser Kommission in tiefstem Vertrauen erst erproben ließ. Etwas ganz Merkwürdiges hat der Krupp-Prozeß bis heute zutage gefördert. Die deutsche Sprache verliert nämlich ihre fest- gelegte, seit Alters bekannte Bedeutung, die Worte wechseln ihren Sinn, und wenn nicht irgendein freundlicher Krupp-Direktor von Zeit zu Zeit so liebenswürdig wäre, unserer Unbildung nachzu- helfen, so wären wir gar nicht imstande, den Verhandlungen zu folgen. Da heißt es in einem Brief:„Ihre Schreiben über Brandt habe ich erhalten. Auch er selbst hat mir geschrieben. Aus nah e- liegenden Gründen will ich nicht darauf antworten." Der schlichte Bürger, der keine kruppstählerne Stirn hat, denkt, die nahe- liegenden Gründe heißen: über unser Spionicrsystem äußere ich mich nicht schriftlich. Weit gefehlt, Herr Lcgationsrat a. D. Eccius weist, allerdings unter vornehmem Verschweigen aller Gründe, nach, daß„aus naheliegenden Gründen" heiße: weil ich Brandt nicht schreiben mag oder weil ich ja doch später mit einer Vertrags- änderung antworte. Der Laie staunt, der Kenner ist geneigt, etwas von sagenhafter Kühnheit zu murmeln. Oder es heißt in einem anderen Brief, Brandt habe in Berlin so sehr viel Erniedrigungen und Frechheiten erdulden müssen, um zu den Berichten zu ge- langen, die in Essen mit soviel Interesse gelesen werden. Also— so denkt das schlichte Gemüt— ist es ihm wie jedem Spion gegangen, daß er eben des öfteren stark abgefallen ist und nicht immer nur Leute gefunden hat, die für eine Flasche geschmierten Weins sich selbst schmieren ließen. Ja, Kuchen! Herr Brandt erhebt sich mit einer Sicherheit, die ihn als Kandidaten für einen Direktorposten bei Krupp qualifiziert, und erzählt, diese Erniedrigungen und Frechheiten habe er von der— Haushälterin seines früheren Chefs zu erdulden gehabt.. Hier ist der Kenner vor Staunen außer sich, und der Laie ist geneigt, das Wort„Unverschämtheit" anzuwenden. Der Nachrichtenspürhund im Kamps mit der Haus- hälterin, dies Bild hätte Krupp auf seinen Jubiläumsdenkmünzen, wenn er welche geprägt hat, sich nicht entgehen lassen dürfen. Viel- leicht nimmt er wenigstens die„Haushälterin" in seinen Depeschen- Geheim-Code auf, etwa als Deckwort für die erschlichenen Preis- tabellen der Konkurrenz. Sonst nichts Neues in Moabit! Denn daß ein Direktor von Essen nach Berlin gefahren kommt, um Brandt vor die Frage zu stellen: Entweder Fortsetzung der Spioniertätigkeit oder die Re- Präsentationszulage wird Ihnen entzogen!, das ist siir den nichts Neues mehr, der sich, dem Zwang gehorchend, etwas mit den Prak- tiken dieser Herren Direktoren befaßt hat, die sich nicht scheuen, einem früheren Angestellten, der gegen sie prozessiert, die Anwälte abzutreiben und dann swenn wir recht gehört haben) seinem Vater zu schreiben:„Wir sind gern bereit, Ihren Sohn trotz der Ent- lassung so weit als möglich zu schonen, seines A d e l s w e g e n!" Ist zum getreuen Bild dieser Gesellschaft noch etwas nötig? Biel- leicht der Zug, daß sie ihren Spion, der nicht mehr mittun will, jährlich 1000 Mark Zulage versprechen, die aber erst nach 10 Jahren fällig sein sollen, wenn der Mann dann noch in ihren Diensten ist! So daß also zwei Möglichkeiten bestehen: der Mann spioniert brav und darf dann vielleicht bei Krupp bleiben, oder er spioniert nicht, wird entlassen und die Firma damit von einer lästigen Vcrpflich- tung befreit. Vornehm, sozial gedacht, kruppfähig! Wie sagte doch jener Herr Direktor auf der Zeugenbank in Moabit? Er knirschte mit den Zähnen und sagte: Schuft! Ge- meiner Schuft l Brot. Der westliche Himmel flammte im Abendrot. Der feierliche Schimmer verbrämte die grämlichen Mietskasernen, und die trüben Fenster waren blank und glänzend. Die Bäume, die an den ver- steinten Straßen wurzelten, reckten und bauschten sich im Abend- wind. Ihre Aeste breiteten sich wie hungrige Arme in den Licht- schimmcr. Auf den Straßen spielten Kinder. Ihr Lachen und Schreien klang gequält uird zerbrochen. Ab und zu ratterte ein Wagen übers Pflaster, und die Straßenbahnen waren voll heimkehrender Arbeiter. Häßliche Pfeifen schrillten auf, und immer mehr Männer und Frauen kamen truppweise auf die Straße. Plötzlich stockte der Verkehr. Alle Leute blieben stehen, eine ungeheure Ueberraschung verzerrte ihre Gesichter. Vom Zentrum der Stadt, vom Volkshause, stampfte ein mächtiger Zug Männer und Frauen, die eine rote Fahne trugen. Es war nicht das maschinenmäßige Schreiten der Soldaten, ein bisher ungekannter Takt machte die Luft erschüttern— ein Takt war es, eisern, ab- gerissen und bestimmt, wie die seltsame Inschrift der roten Fahne. Die Arbeitslosen demonstrierten! Es mochten wohl an die zweitausend Menschen sein, kleine einzelne Leben und Geschicke, die sich heute zu einem flutenden Strom zusammenballten, zu einem Strom, von dem eine ungeheure Macht ausging, von dem elektrische Schläge in die Zuschauer sprangen und Haß, Verwunderung und Brudergefühl erweckten. Die Arbeiter und die Frauen jubelten auch, als ihre arbeits- losen Genossen vorbeimarschierten. Viele stimmten in das herlige Lied der Armen, in die Internationale, ein. Andere reihten sich zum Zuge, und alles sah nach der roten Fahne mit der schwarzen schweren Inschrift: Brot k Aus den Geschäften liefen die Leute, die Fenster öffneten sich, die Straßenbahnen hielten an, und alles schaute verwundert nach dem Zug. Einige Schutzleute stellten sich dem Menschenstrom ent- gegen— ein Drängen und ein Ruck— und die Menge flutete weiter. Die Kinder hatten längst mit ihren Spielen aufgehört und scharten sich zu beiden Seiten der Straße zusammen, die unter der Wucht des Marsches erbebte. Die Fahne trug ein baumlanger Kerl. Sein Gesicht war grau und rauh, wie ans Sandstein ge- meißelt, und seine Fäuste eckig und sehnig, wie aus Eisen ge- schmiedet. Aller Augen sahen nach der Fahne. Von der entgegengesetzten Seite marschierten Soldaten mit auf- gepflanztem Bajonett. Ein Taumel riß die Menge weiter, hart tönte ihr Schreiten, und das Lied aus den zweitausend Kehlen übertönte den Marsch des Gegners. An einer Straßenkreuzung prallten die Heere zusammen. Wie auf Kommando blieb alles stehen, und das Lied verstummte. Die Soldaten hatten ihre Gewehre gesenkt und sahen starr auf das blitzende Eisen. Ein blutjunger Leutnant, hoch im Sattel, fiihrte sie an. �„Zurück I" schrie die heisere Stimme..Zurück! oder ich lasse schießen!" Zuerst lähmendes' Schweigen— dann unterdrücktes Murmeln-- wie wenn ein Quell hochspringt, und dann ein wilder Schrei! „Brot!" klang es aus zweitausend Kehlen. „Zurück!" schrillte die Stimme, doch sie erstarb in dem wilden Berzweislungsschrei.„Schießt nicht, Brüder!" gellte eine harte Stimme!„Schießt nicht, Brüder!" kreischte das Echo! Der Fahnen- träger schivang seine Fahne. Alles wurde still. „Brüder!" rief er,„laßt Euch nicht provozieren? Wir fintz eine Stunde aus unserem Elend gekommen— wir wollen kein Blut: Wir wollen Brot!".„Brot!" riefen zweitausend Arbeits- lose.„Wir wollen Arbeit!"„?lrbeitl" rief die Masse wie im Taumel. Tie Fahne schlug in der Luft einen Bogen, alles wurde still. „Genossen!" rief der Fahnenträger,„unser Zweck ist erreicht! Wir haben gezeigt, daß wir da sind, daß wir leben. Unser Schrei wird nicht ungehört verhallen!" Er überlegte und rief weiter:.Brüder, biegt links ein und löst die Reihen. Arbeit und Brot!" Di« Ant- wort löschte das Abendrot aus. Ein Ruck und die Zweitausend bogen linke ein, die Fahne bauschte sich hoch auf, das heilige Lied ertönte, und die Menge zer- schlug sich in ihre Hungergaffen. Die große Stadt schauerte im Fieber, und überall draunte das Wort der roten Fahne. Die freundfcbaft zwifcben jVIarx und Engels. Der vor kurzem bei I. H. W. Dietz Nachfolger in Stutt- gart erschienene öierbändige Nriefwechsel zwisc�n Karl Marx und Friedrich Engels, herausgegeben von Bebel und Bernstein, erschließt nicht nur eine schier unüber- sehbare Fülle von unschätzbarem Material für die Zeit- und Parteigeschichte, sondern läßt auch einen Blick tun in eine Freundschaft, in eine, mit Marx zu sprechen,„Orestes- Pyladesschaft", wie ihrer alle Jahrhunderte kaum einmal eine vorkommen dürfte. Allerdings war es eine ganz und gar männliche Freund- schaft, die beide verband. Schon als sich 1844 der junge Marx und der junge Engels fanden, hatten sie sich manchen Wind um die Nase wehen lassen und vor allem beide ihre Sache aus die Revolution gestellt. Die nähere Be- kanntschaft offenbarte eine so tiefsitzende Uebereinstimmung in Gedanken, Gefühlen und Anschauungen, aber auch eine so auf- richtige Wertschätzung der Charaktere, daß aus beiden zu- sammen diese unverbrüchliche Freundschaft erwuchs, die fast vierzig Jahre, bis zum Tode des älteren, währte. Bon dem Freundespaar war E n g e l s, der Sohn eines Barmer Groß- kaufmanns, der Nabob, aber auch der, dem das Blut leichter durch die Adern floß. Auch diese Briefe malen sein Bild als das eines Junggesellen, der dem Leben nicht eben gram war. In seinen Briefen aus Paris ist gelegentlich die Rede von „hübschen Grisettenbekanntschaften und viel Pläsier" und in dieser mit Spannung geladenen, aber noch tatenarmen Zeit des Vormärz seufzt Engels einmal aus:„Hätte ich 5000 Franken Renten, ich täte nichts als arbeiten und mich mit den Weibern amüsieren. Wenn die Französinnen nicht wären, iväre das Leben überhaupt nicht der Mühe wert." Auch als er in Manchester auf deni Kontorschemel der Baumwollfirma Ermen u. Engels sitzt, ist er nicht dem Karthäusertum zu- getan. Sein Vater hat ihm ein Reitpferd zu Weihnachten geschenkt und hier und da nimmt er Gelegenheit, eine Fuchs- Hetze mitzureiten,„sieben Stunden im Sattel. So eine Ge- schichte regt mich immer für ein paar Tage höllisch auf, es ist das großartigste körperliche Vergnügen, das ich kenne. Im ganzen Felde sah ich nur zwei, die besser ritten als ich, sie hatten aber auch bessere Pferde. Wenigstens zwanzig Kerle fielen vom Pferde oder stürzten, zwei Pferde wurden ruiniert, ein Fuchs getötet." Bescheiden wie er ist, gesteht der Fuchs- jäger übrigens ein paar Briefe weiter, daß Reiten die ein- zige körperliche Fertigkeit sei, in der er es wenigstens bis zur Mittelmäßigkeit gebracht habe, und als im Mai 1858 M a r x zu Besuch in Manchester weilt, wird auch er auf einen Gaul gesetzt— triumphierend berichtet Engels an Frau Jenny Marx:„Ter Mohr hat heute zwei Swnden ge- ritten und findet sich so wohl danach, daß er anfängt, Enthu- siasmus für die Sache zu bekommen." Auch seinen Wein- keller hält Engels in Ordnung. Wie oft ist in seinen Briefen die Rede von Claret, Rheinwein oder Bordeaux, den er dem„Mohr", wie oft von Portwein oder Sherry, den er Frau Jenny zur Stärkung sendet: eine Einladung nach Manchester unterstreicht er einmal mit der Bemerkung, es sei Zeit, den 1857 er Rheinwein auszutrinken und dabei müsse ihm Marx helfen, und noch in dem letzten trüben Lebens- jähre 1882/ als Marx krank und niedergedrückt auf einer Erholungsreise in der Schweiz sich aufhält, empfiehlt Engels ihm mit liebevoller Vertiefung in Einzelheiten— „roter Neuchllteller, Cortaillod, der etwas schäumt, der Schaum bildet einen Stern mitten im Glase"— allerhand Weine:„Trinke recht tapfer von allen diesen Sorten!"— ein Trübsalbläser war er nun einmal nicht, der große Friedrich Engels. Auch Marx neigte nicht zu einer schwermütigen Be- trachtung der Dinge, aber einmal lastete mit Not und Krank- heit das Schicksal schwerer auf ihm als auf Engels; außer an seinen eigenen Leiden hatte er noch an denen der geliebten Frau und der Familie zu schleppen und schließlich schwamm er auch nicht mit so leichten und sichern Stößen im Strom wie der Freund. Wenn Engels Humor besaß, so hatte Marx Witz, der in Bekümmernissen und Fährnissen weniger taugt als jener. Freilich auch er kann sich ab und zu mit Lachen über sein Elend wegbringen, so, wenn er in der eigenen Person ein gutes Thema für eine Novelle erblickt: „Vorn der Mann, der seinen inneren Menschen mit Port, Bordeaux, Stout und massivsten Fleischmassen regaliert. Von vorn der Schlemmer. Aber hinten auf dem Buckel, der äußere Mensch, verdammter Karbunkel", doch gepreßten Herzens ge- steht er ein andermal:„Ich beneide die Kerls, die es verstehen, Purzelbäume zu schlagen." Aber was beiden gemeinsam eignet, ist die herbe Zurückhaltung von Gefühlsbekenntnissen. In der ersten Zeit hat Engels eine Liebesgeschichte, die ihm scharf an die Nieren geht, er deutet es in einem Briefe an den Vertrauten nux flüchtig an und in einem späteren Briefe berichtet er kurz und bündig:„Meine Liebesgeschichte hat ein Ende mit Schrecken genommen. Erlaß mir die lang- weilige Auseinandersetzung, es kann doch nichts mehr helfen. und ich habe so schon genug mit der Sache durchgemacht." Diese knappe Erledigunst einer ihn doch stark mitnehnienden Gefllhlsangelegenheit ist bezeichnend für beider Art: sie tragen ihr Herz nicht auf der Zunge, sie machen keinerlei Wesen von sich und sie sprechen tausendmal von der Sache, der sie dienen, ehe sie einmal von der eigenen Person reden. Es ist schon ein ausschweifender Gefühlserguß, wenn Marx einen Brief schließt:„Lieber, teurer Freund!" Und wenn er in der Nacht, da der erste Band des„Kapital" fertig korri- giert vor ihm liegt, an Engels schreibt:„Bloß Dir ver- danke ich es, daß dies möglich war! Ohne Deine Aufopferung für mich konnte ich unmöglich die ungeheuren Arbeiten zu den drei Bänden machen. Ich umarme Dich dankerfüllt", so will das bei dieser Natur unendlich mehr heißen, als wenn sich etwa im empfindsamen Zeitalter W i e l a n d seinem Freunde Merck mit einem schwärmenden Schreiben in die Arme wirft:„Bruderherz, Dein Brief, den ich eben itzt erhalte, nein. Du bester, Du einziger, edler, guter Mann! ich kann's nicht zu Worte bringen, wie heilig er mir ist, wie ich Dich liebe, was für einen süßen Schauder er durch mein ganzes Wesen ausgegossen, was für neues Leben er mir gibt, wie ich Dich an mein Herz drücke, mich inniglich freue, daß der Himmel Dich mir zum Gefährten, Waffenbruder und Her- zensfreund für die andere bessere Hälfte ineines Lebens auf- gespart habe! O Freundschaft, Freundschaft! Du heilige Brunst! Süßer Trost!" So schtvatzselig sind die Gefährten, Waffenbrüder und Herzensfreunde Marx und Engels nicht auf den Höhepunkten ihres Freundschaftsverhältnisses. Selbst gegen gute Bekannte wie Georg W e e r t h, den Dichter und Mitredakteur der„Neuen Rheinischen Zei- tung", verschließt sich Marx: als Weerth ihn, der„bis an den Hals im Drecke sitzt", in London besucht, ist es ihm peinlich,„einen so feinen Gentleman sich gegenüber zu haben, vor dem man die gar zu beschämenden Dinge verheimlichen muß". Für Engels aber, der so sehr ein Freund nicht nur des Freundes, sondern auch seiner Familie ist, daß sich Laura Marx nicht ohne seine Zustimmung mit La- fargue verloben will, gibt es keine Schleier und Hüllen: in seiner ganzen erschreckenden Nacktheit und Blöße offenbart sich ihm das tiefe Elend, in dem Marx immer wieder zu versinken droht. Wenn es schon ein alter Brauch der Deutschen ist, ihre großen Geister darben und hungern zu lassen, so hat doch wohl selten ein gewaltiger Genius Jahre und Jahr- zehnte einen so erschütternden Kampf gegen Hunger und Not in ihrer gemeinsten Form durchgekämpft wie Marx in den bitteren Tagen der Londoner Flüchtlingsmisere. Vermögens- los wie er ist, muß er sich mit seiner Feder durchschlagen, aber die meisten Blätter nehmen keine Artikel von dem ge- fürchteten Revolutionär und Kommunisten, und die sie ab- drucken, wie die„New Jork Tribüne", bezahlen schlecht und noch dazu unregelmäßig. So ist im Haushalt Marx die ökonomische Krisenstimmung in Permanenz erklärt: der Kopf schwirrt ihm vor Schulden, die Gläubiger stürmen das Haus, ie Steuerbehörde droht mit Pfändung, Bäcker und Fleischer wollen nicht mehr borgen, der Hauswirt skandaliert wegen rückständiger Miete, die Gasgesellschaft stellt dem säumigen Zahler die Beleuchtung ab, die Psandhauszinsen wollen be- l�ignon von I�aeKne auf Petzow am Schwielowsee. Kennst Du das Land, wo die Kartoffeln blühn? Die dicksten sind's im weiten Umkreis hin. Ein scharfer Wind von oben immer weht, Und stramm der Untertan vor Junkern steht. Kennst Du es wohl? Dahin! Dahin Möcht' ich zu der Familie Kaehne ziehn l Kennst Du ihr Haus? Auf Säulen ruht ihr Dach, Von Waffen glänzt und schimmert das Gemach, Und die Gewehre stehn und sehn mich an: Was hat man Dir, Du armes Kind, getan? Du weißt es nicht? Egal! G schwind, Nimm das Gewehr und schieß ein bißchen, Kind I Kennst Du den See? Hier sucht auf schwankem Steg Das Großmaultier benebelt seinen Weg. In Höhlen wohnt der Häusler freche Brut. Man schießt auf sie, sie stürzen in die Flut. Weißt Du das wohl? Hurra l Hurra I Denn so befahl es schon der Großpapa. ?. Die feftrede. Von A. K u p r i n. Das zweihundertste Jahr der neuen Aera neigte sich seinem Ende zu. Nur fünfzehn Minuten fehlten noch zum Ablauf des Monats, deS Tages und der Stunde, in der sich vor kaum zivei- hundert Jahren der letzte Staat— Deutschland—, der sich am hartnäckigsten jedem Fortschritt entgegenstellte, endlich entschlossen hatte, die veraltete und lächerliche nationale Selbständigkeit fallen zu lassen, und zur großen Freude der ganzen Welt dem inter- nationalen sozialistischen Bund der freien Menschen beigetreten war. Nach dem alten, christlichen Kalender aber war es der Weih- nachtsabend des JahreS 2906. Nirgends jedoch begrüßte man das neue Jahr so herrlich und feierlich, wie auf dem Nord- und Südpol, auf diesen Haupt- stationen der großen elektromagnetischen Assoziation. Im Verlaufe der letzten dreißig Jahre hatten einige tausend Ingenieure, Tech- niker, Astronomen, Mathematiker und Architekten mit bewun- derungswürdiger Selbstverleugnung an der Verwirklichung der höchsten, erhabensten, grandiosesten Idee deS zweiten Jahrhunderts gearbeitet. Sie hatten es sich vorgenommen, den Erdball in eine gigantische, elektromagnetische Kugel umzuwandeln, und zu diesem Zwecke umspannten sie sie von Norden nach Süden mit einer Spirale von Stahldrähten in der Länge von ungefähr vier Milliarden Kilometern. Auf beiden Polen wurden riesenhafte Elektromotore aufgestellt, und schließlich stellte man die Verbin- dung mit allen Winkeln der Erde her. Die Verwirklichung dieses bewunderungswürdigen Unternehmens wurde nicht nur auf der Erde mit allergrößtem Interesse von den Bewohnern verfolgt, sondern auch von den benachbarten Planeten, mit denen die Erd- bewohner in ständiger Verbindung sich befanden. Viele jedoch betrachteten diese titanenhaften Anstrengungen der Assoziation mit einigem Mißtrauen, andere wieder mit Angst und'Entsetzen. Das abgelaufene Jahr aber hatte der Assoziation einen vollen Triumph gebracht und jeden Zweifel für alle Zeiten beseitigt. Die allmächtige magnetische Kraft hatte alle Fabriken, Werkstätten, Ackerbaumaschincn, Eisenbahnen und Dampfschiffe in Bewegung gesetzt, alle Gassen und Häuser beleuchtet und alle Wohnungen er- wärmt. Das Benützen von Steinkohle, deren Lager bereits er- schöpft waren, war nun überflüssig: die großen, dampfspeienoen, luftverpestenden Kamine verschwanden von der Oberfläche der Erde; schließlich wurde die Ertragsfähigkeit deL Erdbodens in un» geahnter Weise dadurch gehoben. » Einer der Ingenieure der Nordstation, den man für diesen Tag zum Präses gewählt hatte, erhob sich von seinem Sitz. Alles ringsumher wurde still, während der Präses zu sprechen begann: „Genossen! Wenn es euer Wunsch ist, so werden wir uns sofort mit unseren teuren Mitgenossen, die am Südpol arbeiten, verbinden. Vor einigen Augenblicken habe ich von ihnen ein Signal erhalten.. Das Bild des riesengroßen BcratungssaaleS begann mit un- endlicher Geschwindigkeit in die Ferne zu eilen. ES war dies ein herrlicher Bau, ganz aus Glas, Eisen und Marmor, geschmückt mit exotischen Blumen und prachtvollen Bäumen, mehr einem Wintergarten ähnlich als einem öffentlichen Lokal. Außerhalb deS Gebäudes herrschte tiefe Nacht, aber dank gewissen Konden- satoren übergoß goloeneS Sonnenlicht das Grün der Bäume und Blumen, alle Bilder, Säulen, Statuen und alle die Hunderte und zahlt sein— so geht es fort und fort. Traurige Weihnachten gibt es:„Da meine Frau," heißt es 1858,„selbst kein Weih- nachtsfest den Kindern bereiten kann, statt dessen von allen Seiten mit Mahnjjetteln gehudelt ist und dabei Mannskript schreibt, und dazwischen nach der Stadt in die Pfandhäuser laufen muß, ist die Stimmung außerordentlich düster." Zu allem Elend sucht Krankheit das Haus häufig heiin. Marx selbst leidet an Rheumatismus und Gallenerbreck)en, au Fu- runkeln und Karbunkeln und an dem, was er kurzweg die „Königlich Preußischen" zu nennen pflegt und ihn am sitzen hindert, seine zarte Frau wird von Nervenansällen geplagt und bringt ein Kind zur Welt, das gleich nach der Geburt stirbt.„Meine Frau ist krank," schreibt er ini Septeniber 1852,„Jennychen ist krank, Lenchen hat eine Art Nerven- fieber. Den Doktor kann und konnte ich nicht rufen, weil ich kein Geld für Medizin habe. Seit acht bis zehn Tagen habe ich die Familie mit Brot und Kartoffeln durchgefüttert, von denen es noch fraglich ist, ob ich sie heute auftreiben kann." Unter diesen widrigen Umständen ein gigantisches Werk wie das„Kapital" zu schreiben, ist eine der bewunderns- wertesten Leistungen menschlichen Genies im Kampf gegen die Materie. Freilich wäre Marx ohne die stete Opferbereit- schaft seines Freundes Engels unfehlbar zusammenge- krochen. Schon gleich zu Anfang ihrer Freundschaft zeigt sich diese Opferbereitschaft. Marx sitzt nach seiner Auswei- sung aus Paris in Brüssel und Engels verspricht ihm sein Honorar für einen Artikel:„Die Hunde sollen wenigstens das Pläsier nicht haben. Dich durch ihre Infamie in pekuniäre Verlegenheit zu bringen." Von da ab reißt die E n g e I s sche Hilfe nicht mehr ab. Um dem Freunde und Mitkämpfer in seinen Lebensnöten wirksam beistehen zu können, nimmt er selbst ein hartes Opfer auf sich. Statt als Schriftsteller vom Ertrag seiner Feder zu leben, setzt er sich ins Kontor der Firma Ermen u. Engels, deren Teilhaber sein Vater ist, und kriecht so unters Joch, denn der„süße Handel" war für ihn doch ein recht saurer Apfel, in den er, wollte er M a r x helfen, notgedrungen beißen mußte. Was ihni die Freiheit und also der Verzicht auf die Freiheit war, kommt fast rührend zum Vorschein in dem Brief, in dem er von feinem ersten freien Tag nach Verlassen des Geschäfts berichtet: er feiert ihn durch einen langen Spaziergang in die Felder. Das aber war nach neunzehn Jahren Fronarbeit über Hauptbüchern und Baumwollaufträgen, nach Jahren, die es möglich machten. daß er Monat für Monat hundert oder zweihundert Mark oder auch mehr seinem Freunde überweisen konnte. Als Engels dann dem Baumwollhandel den Rücken kehrt, ge- schiebt es unter so günstigen Bedingungen— er hat, um seine Bedingungen zu stellen, sich vorher nach der Gesamtsumme der Marx scheu Schulden erkundigt—, daß er für die nächsten Jahre dem Freunde eine Summe von jahrlich 7000 Mark zur Verfügung stellen kann. Und das alles mit einer edlen Selbstverständlichkeit: Marx das Genie, das für Welt und Menschheit arbeiten kann, aber ein armer Teufel dabei, Engels in der Lage, durch kaufmännische Tätigkeit für beide genug zu verdienen, also tut er's! Und nichts auf der Welt kann für E n g e l s natürlicher sein. Ihren Lohn trägt diese seltene Opferwilligkeit in sich selber, da sie die Genug- tuung verschafft, ganz wesentlich das gewaltige Lebenswerk des großen Denkers erleichtert zu haben, und immer,>venn Marx es peinlich empfindet, Engels um neues Geld bitten zu müssen, kommt die beruhigende Antwort:„Wegen des„Pressens" auf mich lasse Dir nur ja keine grauen Haare wachsen; ich würde es Dir übelnehmen, wenn Du mich nicht von der Notwendigkeit der betreffenden Intervention der Sovereigns unterrichtetest." Die Briefe von Marx und Engels handeln zehnfach mehr von Politik und Oekonomie als von den persönlichen Verhältnissen der Schreiber und es finden sich tausendfach mehr Bemerkungen darin über Geschichte, Volkskunde und Sprachwissenschaft als Freundschaftsbeteuerungen und Her- zensergüsse, und doch spiegelt der Briefwechsel das erhabene Bild einer seltenen, großen und reinen Freundschaft, die nicht nur die Freunde ehrt, fondern auch die moderne Arbeiter- klaffe, deren Befreiung dieses Freundschaftsverhältnis ge- widmet war. Im. aber Hunderte der versammelten Festgäste. Drei Wände des Be- ratungssaaleS waren durchsichtig, die vierte aber, gegen welche der Ingenieur mit dem Rücken zugewendet stand, bildete eine vier» eckige Fläche aus ungemein dünnem, glänzendem, zartem GlaS. Nachdem alle ihr Einverständnis erteilt hatten, drückte der Vorsitzende auf einen kleinen Taster, der sich auf dem Tische be- fand. Die Glastafel erhellte sich in diesem Augenblicke plötzlich und dahinter sah man einen ebensolchen, wunderschönen Pala'u in welchem, ebenso wie hier, siegesgewaltige Festgäste beim Mahle saßen. Und diese und jene, obwohl durch LöOOO Kilometer von sich getrennt, erkannten einander und lächelten sich zu. Da stand der Präses wieder von seinem Platze auf und sofort verstummten seine Freunde und Mitarbeiter auf den beide» Endvunkten der Weltkugel. Und er begann zu sprechen: „Meine teuren Brüder und Schwestern! Tapfere Genossen und ihr lieben Frauen! Höret mich jetzt! Hoch das ewigjunge» wundervolle, unerschöpfliche Leben! Hoch der einzige Gotl auf Erden, der da heißt— Mensch! Laßt uns preisen all die Freuden seines Leibes, laßt uns preisen seinen großen, unsterblichen Geist! Ich betrachte euch hier, meine Teuren, wie ihr so stolz, so kühn, so tapfer, so froh vor mir dasteht und mein Herz flammt auf in jauchzender Liebe! Nichts fesselt den Flug unseres Geistes, nichts vermag unseren Wünschen eine Schranke aufzulegen! Wir kennen keine Ergebenheit und keine Gewalt, keinen Neid und keinen Be- trug. Jeder neue Tag eröffnet uns immer neue Abgründe deS Lebens und immer lichter vermag unser Geist die Allmacht des Wissens zu erkennen. Selbst der Tod vermag uns nicht zu äng- stigen, denn wir verlassen die Welt nicht mit einem wilden«nl- fetzen in den Augen und mit einem Fluch auf den Lippen, sondern in Schönheit, mit einem Lächeln auf dem Antlitz,— klammern uns nicht ängstlich an die letzten Reste des Lebens, sondern schließen leise die Augen, wie müde Wanderer. Nnserc Arbeit ist uns die höchste Wonne. Und die Liebe, der wir huldigen.— ähnlich ist sie der Liebe der Blumen und ist so heilig, so frei! Und unser einziger Gebieter ist— der Genius der Menschheit! Meine Freunde! Möglicherweise sage ich euch hier Dinge, die jedem schon lange bekannt sind. Aber ich mußte es auch sagen. Heute früh laS ich ein höchst interessantes, dabei aber schreckliches Buch. Es war dies die Geschichte des zwanzigsten Jahrhundert?. Als ich dieses Wert las, fragte ich mich unwillkürlich, ob dies nicht vielleicht eine Fabel sei? So unglaubwürdig, so abscheulich, so jeden Sinnes bar erschien mir das Leben unserer Vorfahren, die neun Jahrhunderte vor uns diese Erde bewohnten! Schmutz- triefend, grausam und verbrecherisch, behaftet mit zahlreichen Krankheiten an Seele und Leib— ähnelten sie abscheulichen Kreaturen, die in einem großen Käfig gefangen gehalten werdenl Vom Jahrmarkt des Lebens» Em JMärcbcii von heute. ES war einmal ein armer Mann. Im Schweiße seines Ange- sichtS mühte er sich, sein kärgliches Leben als Schriftsteller zu fristen. Mit gleicher Liebe bedachte er parteilose, nationalliberale, ultra- montane und sozialdemokratische Zeitungen. Doch er blieb dabei arm. MS er eines Tages mit einem Packen abgelehnter Manuskripte verzweifelt heimkehrte, begegnete er einer gütigen Fee, die ihn boldlächelnd fragt«, warum er so grimmig dareinschauc. Unter Schluchzey klagte ihr der arme Mann sein Leid, jammerte er, daß er trotz allen Fleißes kaum sein täglich Brot habe. Ich will dir Helsen, sagte die gütige Fee. Dir geht es nur schlecht, weil du keine Grundsätze hast. Gehe hin und suche solche. Wenn du sie findest, wird es dir gut gehen. Und der arme Mann ging und suchte. Aber trotzdem er sich in verschiedenen Redaktionen betätigte, blieb er arm. So kam er auch in eine sozialdemokratische Redaktion. Doch auch hier fand man an ihm keinerlei Grundsätze, und da er a r m blieb, merkte auch er, daß er seine Grundsätze noch immer nicht gefunden habe. Schwerer Kummer nagte am Herzen des armen Mannes. Arm sein erschien ihm als das größte Unglück. Da hörte er eines Tages, daß die Unternehmer, die er als Sozialdemokrat stets ge- schmäht hatte, in arger Bedrängnis seien. Sie drohten dem An- fiurm der Arbeiter zu erliegen und suchten daher nach einem Manne, der in Rede und Schrift den Arbeitern die Gemeinsam- keit der Arbeiter- und Unternehmerinteressen schildern sollte. Da der arme Mäktn gerade keiner anderen Partei verpflichtet war, setzte er den Arbeitern auseinander, daß die Unternehmer ihnen gerne mehr Lohn geben würden, aber sie könnten leider nicht, weil es ihnen schlechter ginge, als den Arbeitern. Wenn aber die Arbeiter sparsam sein würden, und ihr schweres Geld nicht mehr den roten Führern, die sich von den Arbeitergroschen m ä st e n, in den Rachen würfen, könnten sie sich später auch Fabriken kaufen, da alle Unternehmer nur durch ihre Sparsam- keit es zu etwas gebracht hätten. Der arme Mann, der das alles den vor Neid gelbgewordenen Arbeitern lehrte, war nun nicht mehr arm. Während er sonst in einem unscheinbaren Stübchen lebte, konnte er jetzt eine große Wohnung im Westen einer großen Stadt bewohnen. Da merkte er, daß er auf dem richtigen Wege sei, daß er nun s e i,n e Grund- sätze gefunden habe. Der arme Mann, der sich nunmehr nicht mehr Arbeiter, son- dern Bürger nannte, lehrte nicht nur Sparsamkeit, sondern betätigte sie auch selbst. Und es gedieh ihm alles wunderbar. Nach sechs Jahren konnte er sich in einem Billenvorort ein prächtiges Haus kaufen. Der arme Mann wurde ein angesehener Bürger seiner Gemeinde, um so angesehener, als er nun 18000 Mar! Einkommen versteuern konnte. Und darum nennt man ihn jetzt Staatsbürger. * Wer aber glaubt, daß Märchen immer erlogen sind, dem wollen wir verraten, daß die.Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker" mitteilt, der Schriftsteller Rudolf Lebius, wohnhaft in Frohnau, habe die.StaatSbürger-Zeitung" käuflich erworben. Zentrumshunft ES ist eine der alten heidnischen Lügen, daß daS Zentrum kunstfeindlich sei. Die paar tausend auf den Index gesetzten Autoren beweisen durchaus nicht, daß die Herren mit der Tonsur den Musen abhold sind. Ganz im Gegenteil. Aus der Tätigkeit der Jünglings- und Jungfvauenvereine wissen wir. daß die gött- liche Kunst eiftig gepflegt wird.„Der blutig« Knochen im Hunger- türm" und ähnliche wiederholt zur Aufführung gelangte Bühnen- wrrke beweisen, daß nur blasser Neid die Kunstfeindlichkeit des Z-ntrums behauptet. Wie weit die Toleranz der Geschorenen in jmnstdingen geht, kann man daraus ersehen, daß man in katholischen Vereinen sogar den alten Sünder Shakespeare zu Wort« kommen läßt. Die„Mülheimer Volkszeiwng" brachte dieser Tage folgende Anzeige: Einer stahl dem anderen den letzten Bissen Brot vom Munde weg, Wohnungen, Felder, Grundstücke entrissen sich diese„Menschen" gegenseitig, Legionen nichtstuender Schmarotzer und Lumpen trieben einen Haufen betrunkener Arbeiter gegen den anderen, eine Schar von Idioten gegen die andere und lebten davon! Und diese Erde, oiese so schöne und weite Erde, war für die Menschen zu eng und war so finster und dumpf, wie ein Gefängnis. Aber auch damals gab es unter diesen geknechteten Mensch- Tieren Leute, deren Seele stolz und groß war. erhabene Helden mit einem flammenden Herzen! Diese Menschen blieben auf allen Wegkreuzungen und Plätzen stehen und riefen unablässig zu der Menge:„Vereinigt euch!",„Es lebe die Freiheit!",„Sterbet für die Zukunft und eure Nachkommen!" Und für dieses Verlangen rech Freiheit mußten sie den Tod erleiden, ihr Blut wurde auf dem Straßenpflaster der Großstädte vergossen. Sie verfielen dem Wahnsinn in finsteren Gefängnissen. Freiwillig sagten sie sich von jedem Vergnügen los und dachten nur an eines— an den Tod für das freie Leben der kommenden Menschheit.... Meine Freurwe! Seht ihr nicht diese aus menschlichen Leichen erbaute Brücke, die unser strahlendes Dasein von heute mit dem furchtbaren Gestern verbindet? Seht ihr nicht diesen blutigen Strom, der oie ganze Menschheit dem Ozean des allgemeinen Glückes zugeführt hat? Ehre, unvergängliche Ehre, euch, o ihr schweigenden Märtyrer. Als ihr starbet, leuchtete in euren hellseherischen Blicken ein selige? Lächeln.... Ihr sähet damals uns, die große, freie, trium- phierende Menschheit, und dieses euer Lächeln hat uns gegolten. Meine Freunde! Ohne alle Worte, still und jeder mit seinem Herzen allein, wollen wir dieser großen Märtyrer gedenken!" Alle saßen schweigend. Nur eine Frau von wunderbarer, be- rückender Schönheit, die knapp neben dem Redner saß, drückte den Kopf an seine Brust und begann zu weinen. Und auf die Frage, nxrrum sie weine, erwiderte sie leise:.— Und doch..., wie gerne hätte ich mit denen... mit denen damals zusammen sein wollen..(Deutsch von S. O. Fangor.) ?Zl!tagsgefcbicbten. Der triftige Grund. Der Herr Rat greift wütend nach Hut und Stock. Er empfindet große Lust, die Wohnungstür krachend zuzuschlagen. Aber er tut «» nicht. Seine Frau hat für derlei Ausbrüche ein feines Gehör, und dann bekommt sie für eine Woche Migräne. Das macht die Sache nur ärger, nur ärger.., Marianische Jünglings-Kongregation Herz-Jesu-Pfarre. Sonntag, den 2ß. Oktober 1913, abends 7 Uhr, im Saale des Herrn I. Rcbholz, Regentenstratze 9, aus Anlaß des 11. Stiftungsfestes Festversammlung, bestehend aus turnerischen Aufftihrungen Theater.— Zur Aufführung gelangt: Julius Cäsar Trauerspiel in fünf Aufzügen nach W. Shakespeares Julius Cäsar für die Verein sbühne bcar- beitet von Arnold Münch, in Szene gesetzt von dem Schauspieler Herrn Hildebrant vom Barnier Stadt- theater. Wat sagste nanu? Oer K.eKtor aller Deutlchen. Ein fast Vergessener taucht aus der Versenkung wieder auf, Rektor Hermann Ahlwardt, einstmals ein strahlender Stern am deutschen Aniisemitenhimmel. Der„Judenflinten"-Schrift- steller wirft eine Broschüre auf den Markt, die sich„Die Vertrustung Deutschlands" nennt. Nicht mehr wie einst die Juden sind es, die an allem Unglück in Deutschland schuld sind, sondern die Trusts sind das Grundübel, das es zu bekämpfen gilt. Reumütig erklärt der Rektor aller Deutschen, daß er sich früher geirrt habe, aber noch sei es Zeit, dem Uebel zu begegnen. Er will eine nationale Volkspartei begründen, deren erster Programmpunkt sein mutz: kauft unter allen Umständen nicht bei Trustfirmen! Wie das gemacht werden soll, verrät er an einer Stelle seiner Broschüre, die neben einigem Richtigen, sehr vieles Falsches enthält, folgender- maßen: „Sehr schwer wird es natürlich sein, unsere Frauen und Mädchen aus Trustgeschästen herauszubringen und sie wieder freien Geschäften zuzuführen. Hier ist es wirklich angebracht, wenn all die jungen Männer sich vereinigen, nicht mit weiblichen Personen zu verkehren und sie in der Gesellschaft zu schneiden, die in Trustgcschäften, z. B. in Warenhäusern, Trustcafes usw. gesehen werden. Junge Männer können sich hieraus geradezu einen Sport machen und werden bald eine erfteuliche Wirkung wahrnehmen." Mit solchen Forderungen wird Ahlwardt wohl keine nationale Volkspartei begründen können. Soweit wir die nationalen Jüng- linge kennen gelernt haben, war es bisher ihr Sport, den jungen Mädchen in aufdringlicher Weise nachzustellen und das wird trotz Ahlwardt nicht anders werden. Golclatenpflicht und katholisches Eewlffen. Di« französische Militärbehörde hat in Tarbes, einer in der Nähe des Wallfahrtsortes Lourdcs gelegene Stadt eine klerikale Propagandabroschüre mit Beschlag belegen lassen, die den Titel führt:„Sei ein guter Soldat"! Die Vorrede dazu hat General Jeannerot, ehemaliger Kommmidant des 1. Armee- korps in Lille, geschrieben. Man darf also wohl sagen, daß man hier die klerikale Auffassung von den Pflichten und Rechten des Vaterlandsverteidigers mit dem beglaubigenden Stempel eines nicht in zivilistischer Friedensduselei auf Abwege geratenen Be- rufskriegers unterbreitet erhält. Um so bemerkenswerter ist die Offenheit, womit der Verfasser erklärt, daß dem katholischen Sol- baten die religiösen Pflichten den patriotischen voran- gehen müssen. Die nationale Fahne dürfe ihm nicht das höchste Heiligtum sein:„Christ, du hast eine andere Fahne. Du kennst sie wohl. Es ist ein Kreuz— das Kreuz, das das Bildnis bcS göttlichen Gekreuzigten trägt. Soldat, erfülle auch das Gebot des Christen. Das Kruzifix ist deine Fahne, vergiß es nicht. Es ist noch tausendmal heiliger als die Fahne des irdischen Vaterlandes." Dieselbe Tendenz erfüllt die ganze Schrift, von den ein- leitenden Sätzen an, die lauten:„Christ in meiner Seele, zöge ich es vor, auf der Stelle füsiliert zu werden, statt eine Heiligtum- schändung zu begehen oder sie anzubefehlen. Niemand hat das Recht, gewisse Handlungen zu befehlen, deren Ausführung das Ge- wissen aller Katholiken verletzt. DaS hieße für mich meine Taufe verleugnen und an den Eiden meiner ersten Kommunion zum Es ist so schon zum Teufel holen. Jetzt liegt sie ihm seit Wochen damit in den Ohren, daß sie ins Bad und eine Entfettungs- kur durchmachen müsse, denn sie werde zu dick. Aber das ist ein Unsinn! Sie hat seit drei, vier Jahren die richtige mittlere Körper- fülle, wie eS ihm bei Frauen gerade sympathisch ist. Sic aber schwärmt für Schlankheit. Und wenn sie glaubt, daß ihr das vor- jährige Kostüm zu enge geworden, weil sie voller wird, so ist das falsch. Sie kommt ganz einfach in die Jahre, in denen sie es nicht mehr verträgt, sich so fest zu schnüren. Aber, wenn er ihr das sagen wollte— das gäbe eine Szene! Ob sie ihm zu alt werde und so weiter! Und so weiter! Sie gibt ja nicht nach. Das ist eine alte Sache. Und sie wird auch dicsesmal nicht nachgeben— er wird sie wirklich ins Bad schicken müssen. Sie wird schlank zurück- kommen— ja— schlank! Mager wrd sie sein! Brrr! Er schüttelt sich. Und daS Geld, das daS kosten wird! Er schüttelt sich nochmals. Der Chauffeur an der Ecke öffnet die Tür des Autos. Der Herr Rat wird doch wie gewöhnlich ins Amt fahren? Und das hat er auch wirklich tun wollen. Aber ihn überkommt plötzlich die Lust, jemand anzuschreien, zu widersprechen, und so schreit er: „Nein! Danke!" und geht wütend an dem Auto vorüber. Und wie um seine Haltung zu rechtfertigen, steigt ganz automatisch in ihm der Gedanke auf: „Jetzt, da ich solche Ausgaben haben werde— das Bad!" Und er ärgert sich immer mehr, über seine Frau, über die Mode der Schlankheit, über sich selbst— weil er so dumm war, kein Auto zu nehmen, über das Menschengedränge, kurz über alles. Wie er zum Amte kommt, ist er wütend und möchte so gerne je- mand ausscherten. Den Gruß deS Porfters bemerkt er gar nicht. Und sonst dankt er doch stets so leutselig. Nun ja, der Portier hat mancherlei interessante Neuigkeiten zu'berichten. Aber heute schert er sich den Teufel um Neuigkeiten? Er betritt die Amtsräume. Ein vielstimmiges„Guten Morgen, Herr Rat!" tönt ihm entgegen. Aber er denkt in diesem Augen- blicke gerade: „Diese fixe Idee mit der Schlankheit hat sie nur von ihrer Cousine, der Nelly. Die ist ja auch so spindeldürr! Pfui!" Und eben dieses„Pfui!" war die Antwort auf den Gruß der Beamten. Er tritt in sein Bureau und mustert rasch den Einlauf. Viel- leicht weiß er es selbst nicht— aber er hat den Wunsch, irgendein Schriftstück zu finden, das ihm Anlaß gibt zu einer lärmenden Szene, zum Schreien, Schelten, Fluchen. Er braucht einen Blitz- ableiter. Er setzt sich rascher als sonst an den Schreibtisch und liest auf- merksam all« Aktenstücke durch. Liest sie nochmals durch. Und wird Meineidigen werden. Ich habe nicht das Recht, ein Mein- eidiger zu sein und niemand hat das Recht, mir zu befehlen, es zu werden." Es liegt uns durchaus fern, an diesen Sätzen, die die uu- verbrüchlichen Rechte des menschlichen Gewissens gegenüber des blinden Gehorsam heischenden Autorität verkünden, etwas auszusetzen. Aber wohl dürfte man von den Klerikalen verlangen, daß sie diese Rechte auch den nicht konfessionell Gläubigen zugestehen, die ein über die historische„irdische" Vaterländerei hinausstreben- des Ideal haben und daß sie diese nicht unredlich den Nutznießern dieser Vaterländerei denunzieren. Vann ade, ade, ade! (Zeitgemäße Variationen eines bekannten Themas.) Wenn ein nackter Korpsstudente Sich das Leipziger Monumente In die Hosentasche steckt, Und'ne steche Spatzensippe Auf AlfonsoS Unterlippe Ihre Deszendenten heckt— Tann ade, ade, ade! Wenn ein Häuptling der Reserve Teils mit K n i t t e l n, teils mit Verve Tante Meier überfällt, Und ein Jnsterburger Zossen Beitel Rachmann und Genossen Für ein paar Majore hält— Dann ade, ade, ade! Wenn ein Brand mit einer Zwiebel Einen alten Leutnantsstiebel Statt des Eigentümers schmiert, Und ein Kammerrat aus Sachse» Die geschwoll'nen Vorderhaxen Stolz mit Kaiser mehl paniert-» Dann ade, ade, ade! Wenn des Deutschen Reiches Leiter Als geschätzter Mitarbeiter Gratis für den„Vorwärts" schreibt. Und die Generalsynode Diese meine neueste Ode Dem Gesangbuch einverleibt— Dann ade, ade, adel Uno. Vas Httentat» Der Landesfürst in höchsteigener Person wollte seine getreuh Stadt besuchen. Bei allen Gutgesinnten brach darob natürlich lauter Jubel aus. Die Väter der Stadt bewilligten zehntausend Mark, um vor dem Bahnhof eine große Ehrenpforte zu errichten und um die Straßen, die das landesväterliche Gefährt würde passieren müssen, sinnig zu zieren. Beinahe einstimmig wurde die Summe bereit- gestellt. Bloß so ein paar rote Sozi... na, man weiß ja, wie sie sich in solchen Fällen zu verhalten pflegen: Unerhörte Äerschwen- dung der Steucrgroschen... Zeit der Arbeitslosigkeit... man sollte lieber Hungernden satt zu essen geben... und so fort. Rentier Blasemüller widerlegte die Hetzreden, wie das Tage- blatt berichtete, glänzend. Was aber natürlich nicht hinderte, daß die Roten eine Protest- Versammlung der Arbeitslosen einberiefen und auch sonst einen Mordsflandal machten. Die Masten wurden trotzdem aufgerichtet, die Ehrenpforte wuchs enipor. Sic war wirklich schön, istadtbaurat Schulze hatte sie eigenhändig entworfen; fast wie ein Triumphbogen aus Tannen grün sah sie aus. Vorn leuchteten aus dem Grün, aus lebenden Blumen zusammengestellt, die Worte:„Heil unserem Landes- Herrn!" und innen im Torweg standen rechts und links in Nischen je eine Riesenvase ans imitiertem Porzellan auf hohen mamo» gestrichenen Sockeln, voll blühender Orchideen, Rosen und anderer langstieliger Pflanzen, täuschend naturgetreu nachgemacht. Der Etat wurde dadurch leider um einige tausend Mark über- schritten. Aber dafür machte es sich auch emfach großartig, lliid die gesamte Bürgerschaft war voll des Lobes und eines freudigen Stolzes. wütend. Nicht der geringste Anlaß, sich zu ärgern! Er schiebt die Aktenstücke unmutig von sich fort, erhebt sich und schreitet wütend durch das Zimmer. Dabei brummt er: „Nichts als Aerger hat man! Nichts als Aergec! Den ganzen Tag nichts als Aerger!" Aber die ihm Untergebenen kennen diese Stimmung imd sind heute vorsichtig. Ihm wird kein Aktenstück abgeliefert, das diese Entladung herbeiführen könnte. Und es geht schon an Mittag und darüber ärgert er sich wieder, denn er weiß ganz genau, daß sie heute mittags ihren Willen durchsetzen wird! Er pendelt durch das Zimmer. „Nicht als Aerger I Nichts als Aerger!" Wieder wird ein Aktenstoß gebracht. Er eilt zum Tisch und sieht ihn durch. Plötzlich ertönt seine Stimme laut, scharf, aber doch freudig erregt: „Herr Müller!" Ein älterer Beamter erscheint und nun geht das Donner- Wetter los.„Bitte, hierher zu sehen! Wie oft ist nicht anödrück- lich gesagt worden, daß bei derartigen Berichten der Rand links fünf Zentimeter breit sein solle, hier ist er aber nur vier Zenli- meter breit! WaS für Wirtschaft ist daS denn!" Herr Müller will eine Bemerkung machen, aber das gelingt ihm nicht. DaS Unwetter geht Satz für Satz weiter und dann kommt die Frage: „Wer hat das geschrieben?" „Der Fiedler!" „Entlassen Sie den Mann.>." „Verzeihen, Herr Rat— der Mann ist brauchbar, aber erst kurze Zeit hier— vielleicht könnte man.. „Wollen Sie, bitte, meinen Anordnungen ohne Widerspruch nachkommen!" Herr Müller entfernt sich und der Herr Rat durchschreitet wieder das Bureau. Aber schon viel ruhiger. Dann ruft er wieder:„Herr Müller!" Dieser erscheint. „Haben Sie dem Manne gekündigt?" „Jawohl, Herr Rat." Und da wird dieser noch ruhiger. Bald darauf schleicht ein dürftig gekleideker Mann zum Tore hinaus. Er läßt den Kopf sinken und atmet schwer. Da hat er nun geglaubtz wenigstens für einige Zeit sich das Notwendigste ge- sichert zu haben— und nun— er kann nicht begreifen, warum— kann nicht verstehen— weiß nicht... Ja, er weiß nicht, daß die Frau Rat durchaus schlank werden will, daß der Rat aber die Fülle liebt und trotzdem in eben dieser Stunde wird nachgeben müssen. Und das kann«r sich doch nicht so ohne weiteres gefallen lagen! Nun also.,, C. M. Mit Ausnahme der Sozi, versteht stch. Die ärgerten sich und fuhren fort zu Hetzen und zu wühlen. lind leider sollte ihre Hetzarbeit einen schändlichen Erfolg haben. Sie führte zu einem Attentatsvcrsuch aus die geheiligte Person des Landesfürften, wie er in der Geschichte Wohl nicht seinesgleichen hat. Nur der besonderen Aufmerksamkeit und dem unermüdlichen Pflichteifer des städtischen Polizeikommissars Anton Wohlgemut war es zu verdanken, daß der Anschlag im letzten Augenblick noch vereitelt wurde. Polizeikommissar Anton Wohlgemut ließ es sich nicht nehmen, im Morgengrauen, eine halbe Stunde vor der Ankunft des teuren Landesherrn, noch einmal den bereits für das Publikum abge- sperrten Weg für die Fahrt des hohen Herrn in die Stadt zu in- spizieren und alle Vorbereitungen noch einmal auf ihre Wirkung und Sicherheit hin zu prüfen. So kam er auch durch die Ehren- Pforte. Und da entdeckte er im Frühlicht etwas Furchtbares. Mitten im Torweg, dort, wo am Abend vorher noch hoch von der grünen Wölbung hernieder der stattliche Wimpel mit dem Wappen des landesherrlichen Hauses geflattert hatte, da baumelte jetzt unbeweglich, dunkel eine menschliche Gestalt. Näheres Hin- sehen ließ keinen Zweifel, daß es ein älterer, schlecht gekleideter Arbeiter war, der augenscheinlich in der Nacht an dem Holzgerüst emporgeklettert war und sich dort oben erhängt hatte, das käsige Gesicht dem Bahnhof, von wo der gnädigste Fürst kommen mußte, zugewandt. Polizeikommissar Anton Wohlgemut alarmierte natürlich so- fort die Feuerwehr, die auch schleunigst anrückte. Glücklicherweise gelang es, den Hängenden herabzunehmen, ehe die königliche Hoheit kam. Wie eine dunkle Ahnung dem wackeren Polizeikom- missar schon gesagt hatte, trug der Tote einen Zettel in seiner Tasche, auf dem er sich als Arbeitslosen bezeichnete, der es nicht mehr mitansehen wolle, wie seine Kinder Hunger litten, um dann in dem üblichen wirren und phrasenreichen Stil solcher Individuen fortzufahren, sein Tod solle zugleich ein Protest sein gegen die „Verschwendung" der städtischen Gelder und solle den fürstlichen Gast darüber aufklären,„wie in Wirklichkeit die Dinge ständen". Das Freventliche der Tat dieses Menschen braucht"nicht weiter erläutert zu werden. Man male sich nur aus, Polizeikommissar Wohlgemut hätte den Mann nicht bemerkt, wohl aber die königliche Hoheit. Ein Ncrvcnchok wäre dem hohen Herrn bei dem Anblick sicher gewesen, zumal der Kerl ja nicht einmal einen anständigen Rock anhatte. Im Polizeibureau und auf der Bürgermeisterei bedauerte man allgemein, daß er völlig tot war und deshalb nicht mehr zur exemplarischen Bestrafung herangezogen werden konnte. Aber wenigstens wurde beschlossen, den wackeren Polizeikommissar für eine höhere Auszeichnung vorzuschlagen, weil es ihm gelang, den nichtswürdigen Anschlag zu vereiteln. Außerdem werden die Arbeitslosen nun natürlich lange darauf warten können, daß ihnen die Stadt irgendwie entgegenkommt. Euch eine Jugenclbilänerin. Man hört oft darüber klagen, daß die Beziehungen zwischen Schule und Familie manchmal recht unfreundlich seien. Die Schuld wird meist der Familie zugeschoben, der es nur zu oft an der gebührenden Achtung vor der Schule und ihrer Arbeit fehle. Als Beweis müssen dann die von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Fälle herhalten, in denen ein Vater oder eine Mutter wegen Be° leidiguiig eines Lehrers oder einer Lehrerin auf die Anklagebank geschleppt worden ist. Es versteht sich von selber, daß wir Aus- schreitungcn, die sich gegen Lehrer oder Lehrerinnen richten, nicht billigen können. Mitunter muß man aber doch fragen, ob es wirklich unbedingt nötig war, wegen eines unüberlegten Wortes sogleich Staatsanwalt und Strafrichter in Bewegung zu setzen. Wir haben Fälle kennen gelernt, in denen durch ein sehr unge- höriges Verhalten der betreffenden Lehrer die Beleidigungen pro- doziert worden waren. Indes, das schützte die Mütter, die ihrer berechtigten Entrüstung einen gar zu ungeschminkten Ausdruck verliehen hatten, nicht vor Anklage und Verurteilung. Einen sehr beachtenswerten Beitrag zu dem Kapitel„Schule und Familie" hat eine Berliner Gemeinde schul» lehre rin geliefert, ein Fräulein A. Otto, das an der L3 7. Mädchen-Ge mein beschule in der Skalitzer Straße tätig ist. Diese Dame hat sich erlaubt, den Vater einer Schülerin in einer so kränkenden und verletzenden Weise zu behandeln, daß ihr Verhalten wohl alles bisher Dagewesene überbietet. Nur der Besonnenheit und dem Takt des Beleidigten ist es zu danken, daß nicht auch hier„auf einen groben Klotz ein grober Keil" gesetzt worden ist, was dann sicherlich wieder dem Vater, obwohl zuerst er beleidigt wurde, eine Anklage eingebracht hätte. Der Anlaß zu dem Streit war der leider notwendige Kampf gegen die Läuse, den Fräulein Otto, pflichtgemäß auch auf das Aeußere ihrer Schülerinnen achtend, zu führen hat. Man weiß, daß diese lästigen Bewohner von Kinderköpfen in den Schulen nicht unbekannt sind, selbst nicht bei Kindern, die aus „besserer" Familie kommen uno eine höhere Schule besuchen. Gegen Kinder, die Läuse„auflesen", braucht deshalb noch nicht der Vorwurf der Unsauberkeit erhoben zu werden, und auch auf Un- sauberkeit der Familie darf man daraus keineswegs sogleich schließen. Bei Fräulein Otto scheint es nun Brauch zu sein, daß sie in ihrem Kampf gegen die Läuseplage scharst Rügen anwendet. Zu einer Schülerin sagte sie vor versammelter Klasse, daß für eine Friseurstochtcr, wie sie es sei, Läuse geradezu eine Schande bedeuten. Weil der Vater hierin einen Vorwurf gegen die Familie sah, so schrieb er der Lehrerin folgenden, hier wort- getreu wiedergcgebenen Brief: „Wertes Fräulein! Da Sie wiederholt meiner Tochter Vor- würfe über Ungeziefer machten, sogar die Aeußerung er- laubten, Friseurstöchter dürfen kein Ungeziefer haben, möchte ich Sic höflichst bitten, diese Aeutzerungen zu unterlassen, da meine Tochter gut erzogen und sehr zartfühlend ist. Wir geben uns die möglichste Mühe, aber leider trägt sie immer wieder Ungeziefer aus der Schule mit. Meine zweite Tochter E..... sitzt sogar mit Zigeunerkindern zusammen, da ist es wirklich kein Wunder, daß meine Töchter von dem Uebel belastet werden. Es zeichnet achtungsvollst(folgt Name, Beruf, Wohnung)." Man wird zugeben, daß die Form dieses Briefes an ruhiger Besonnenheit nichts vermissen läßt und auch den Forderungen der Höflichkeit genügt. Wie aber wirkte er auf die Lehrerin? Ihr war der Brief nicht höflich genug, auch bemerkte sie darin einige Fehler, die ihr empfindliches Auge beleidigten. Flugs tauchte sie ihre Feder in rote Tinte, korrigierte den ganzen Brief durch wie ein Schuldiktat und— schickte ihn so zurück an den Absender. Gewissenhaft hatte sie die aus- gelassenen Interpunktionen eingefügt, auch waren ein paar orthographische Fehler verbessert und einige Ausdrücke, mit denen sie sich nicht einverstanden erklären wollte, unterstrichen. Nebenbei bemerkt: in dein Wort„Zigeuner" hatte sie das falsche äu in rich- tiges en verbessert, aber das falsche ie statt i stehen lassen. Wir führen das nur an, um zu zeigen, daß selbst Fräulein Otto nicht unfehlbar ist.„Verbessert" hatte sie Iveiter auch die Anrede „Wertes Fräulein!" in„Sehr geehrtes Fräulein!" und die Unter- schriftsformel„Achtungsvollst" in„HochachtungSvollsi". � Mancher wirD das alles nur lustig und lächerlich finden, der Vater aber sah in der Rücksendung seines ihm'torrigierten Briefes eine be- le'Sigendc Dreistigkeit. Tie Krone aufgefetzt hatte die Lehrerin diesem ihrem Werk durch folgende Antwort, die der Vater auf der Rückseite seines Briefbogens fand: 1. Ich n wchte Sie bitten, sich in Zuschriften an mich einer Form zu bedienen, die der Achtung entspricht, die Sie vor der Lehrerin Ihres Kindes haben müssen; sodann empfehle ich Ihnen, erst einmal die deutsche Sprache gründlich zu erlernen, ehe Sie mir Ratschläge erteilen. 2. Ich erteile Ihnen keine Ratschläge über das, was Sie in Ihrem Geschäft zu tun und zu lassen haben. Ich kenne meine Pflicht und weiß, ivas ich als Beamtin zu tun und zu lassen habe. Ich muß auf Sauberkeit halten. Sie sollten mir dankbar sein, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, damit mein Be- streben unterstützt wird. Das Kind bat keine Schuld. Allerdings bin ich der Meinung, daß das Kind eines Friseurs den andern ein leuchtendes Beispiel sein muß. Ich habe heute wieder die Sauberkeit der Köpfe kontrolliert und bitte Sie, mir künstig den Namen desjenigen Kindes mit- zuteilen, von dem Ihre Tochter das Ungeziefer aufgelesen haben soll, aber mich mit allgemeinen Beschuloigungen zu verschonen. A. Otto, städt. Lehrerin. So etwas muß ein Vaier sich von der Lehrerin seines Kindes bieten lassen! Das Maß von Ueber Hebung, das aus diesem Verhalten der Lehrerin spricht, ist wirklich ein starkes Stück. Die Lehrerin gibt dem Friseur keine Ratschläge über sein Geschäft, darum soll auch er ihr keine Ratschläge geben dürfen? Gewiß, wir sehen nicht, welches Interesse eine Lehrerin an der Tätigkeit eines Friseurs haben sollte. Aber ist es nicht das Recht und sogar die Pflicht eines Vaters, sich darum zu kümmern, wie es seinem Kinde in der Schule ergeht? Und hat nicht die Lehrerin selber den Vater und sein Geschäft in ihre dem Kind erteilte Rüge hinein- gezerrt, indem sie auf die„Friseurstochter" hinwies? Er soll „erst einmal die deutsche Sprache gründlich er- lerne n", ehe er einer Lehrerin Ratschläge gibt! Ja, hat er ihr denn Ratschläge über Deutschunterricht geben wollen? Soll einem Vater, weil er nicht jedes Komma setzt und ein paar Schreibfehler macht, das Recht genommen werde», über die erziehliche Behandlung seines Kindes mitzureden? Eine Lehrerin, die sich herausnimmt, den Vater ihrer Schülerin in dieser Art zu behandeln, will noch über Mangel an Höflichkeit klagen! Sie fordert von ihm höflichere Form, entsprechend der Achtung, die er vor der Lehrerin seines Kindes haben müsse. Sie selber hat das„Sehr geehrte Fräulein" und das„Hochachtungsvollst" in den Brief des Vaters hineinkorrigiert, aber ihr eigenes Schreiben entbehrt jeder Anrede und jeder Unterschristsformel. Wir bitten, das nebeneinander zu halten und sich Abficht und Wirkung klar zu machen. Wenn der Friseur sich eine solche Korrektur eines L-ehrerinnenbriefes erlaubt hätte und gleichzeitig in seinem eigenen Brief an die Lehrerin jede Höflichkeitsformel weggelassen hätte, so würde jede Lebrerin und mit ihr die Schuldeputation darin die offen. bare Abficht einer Kränkung und Beleidigung erblicken. Jeder Staatsanwalt würde dem Strafantrag bereit- willigst stattgeben, jedes Gericht würde den Beleidiger durch harte Strafe darüber belehren, welches Matz von Achtung er der Lehrerin seines Kindes schuldet. Die Dame spielt in ihrem Brief vielsagend darauf an, daß sie„Beamtin" ist. Wird die ihr vor- gesetzte Behörde sie darüber belehren, daß sie nicht nur von den Eltern Achtung zu fordern hat» sondern auch selber den Eltern Achtung schuldet? Wir wollen es uns versagen, das ganze Verhalten dieser Lehrerin mit demjenigen kräftigen Wort zu kennzeichnen, das hier wohl jedem sich sofort aufdrängt. Auch der Vater hat darauf ver- zichtet, ihr die gebührende Antwort zu erteilen. Er wird nicht mal eine Beschwerde an die Schul deputation richten, weil er sich davon nichts verspricht. Wir können ihn, leider darin nicht unrecht geben. Die Schuldeputation ist rasch geneigt, sich mit der Straf- Verfolgung von Eltern wegen Lehrerbeleidigung einverstanden zu erklären. Wie sie Beschwerden der Eltern behandelt, davon ist schon manche Probe im„Vorwärts" mitgeteilt worden. Spiel lind Sport. Das Hockey-Spiel. Die Spiele im Freien finden auch unter der Arbeiterjugend immer mehr Freunde. Das ist nicht nur verständlich, sondern auch erfreulich. Unsere Jungen und Mädels haben acht Jahre die Schul- dank gedrückt, viel Gutes, aber auch viel Ueberflüssiges in ihre Köpfe pressen müssen, und nun kommen sie in die Fabriken oder in die Kaufhäuser, um von früh bis spät sich für wenige Mark zu plagen. Da kommt mit einmal das Verlangen nach etwas Freude und Lust am Leben und sie fragen sich: Wo finden wir das? Gar mancher Wissensdurstige greift zum Buche, um sein Wissen zu be- reichern, aber dann meldet sich der wachsende Körper, die sich ent- wickelnde Kraft, und das Verlangen nach Körperübung, nach Wan- dern und Spiel stellt sich ein. An Spielen gibt es eine große Zahl, die.je nach dem Tempera- ment des einzelnen verschieden bewertet werden. Zwar sollen wir nach Schiller nur mit der Schönheit spielen, allein.unsere Arbeiterjugend verlangt im allgemeinen doch kräftigere Kost. Während der vornehme Nichtstuer auch beim Spiel die Arbeit ver- abscheut und sich mehr dem tändelnden und graziösen Tennis oder Kricket zuwendet, will der Arbeiter mehr seine Kräfte proben und sich ausarbeiten. Daher ist auch von allen Spielen, die uns das sportfreudige England beschert hat, eigentlich nur das Fußball- spiel in die breiten Massen gedrungen. Es macht den so Vorzug- lichen deutschen Turn spielen recht fühlbare Konkurrenz. In neuerer Zeit beginnt auch das Hockey spiel, ebenfalls aus Eng- lang eingeführt, sich in Deutschland rapide zu entwickeln, mit dem wir uns daher etwas beschäftigen wollen. Das Hockehspiel(sprich Hocke) soll einen Vorläufer bereits bei den alten Römern gehabt haben. Dort wurde zur Winterszeit das Spiel Paganica betrieben, sobald die Landleute die Wintersaat in der Erde hatten. Auch aus dem Mittelalter sind Nachrichten und alte Bilder von dieser Art Schlagballspiel erhalten; es wurde in Frankreich, Italien und Holland gepflegt. Die Hautevolee erbaute sich sogar besondere Spielsäle, um von her Witterung ganz unab- hängig zu sein. Das eigentliche Hockey entstand aber erst Ansang des vorigen Jahrhunderts in England, als die Spielbcwegung sich dort lebhaft zu entwickeln begann. Anfänglich waren noch keine festen Regeln vorhanden, so daß es zu vielen Ausschreitungen kam und manche dem Spiel wieder untreu wurden. Erst in den acht- ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als englische Klubs die Regeln des bereits zu großer Beliebtheit gelangten Fußballspiels sinngemäß ans das Hockehspiel übertrugen, rnrhm letzteres einen großen Aufschwung. Seitdem sind Fußball und Hockey sehr eng verwandte Spiele. In dieser Zeit verbreitete sich das Spiel bald über den ganzen Kontinent und kam auch nach Deutschland. Die eigentliche Ein- führung als Sport ging von Fußballspielern aus. die sich desselben mit Begeisterung annahmen, so daß heute das Hockeyspiel bereits gut organisiert ist. Sehr viele Hockehklubs haben ihre Damenmann- schaft, und interessant dürfte es sein, daß der erste in Berlin ge- gründete Klub ein Damenhockeyklub war. Die Arbeiterschaft hat sich erst in neuester Zeit dieses früher auch die Arbeiter immer größere Anforderungen an die Schönheit und Gefchicklichkeit stellen und das Krafwollc wngsamer, aber sicher etwas zurückgedrängt wird, das Hockehspiel sich bald weitere Freunde werben. Wer gelegentlich nach dem Treptower Turnplatz des Turnvereins„Fichte" kommt, kann dort das Spiel beobachten. Beim Hockeyspiel wird ein kleiner weißer, aus Leder hcrge- stellter Kricketball benutzt, der mit einem kräftigen, höchstens 800 Gramm schweren, hakenförmigen Stock geschlagen wird. Die Spielfeldeinteilung ist eine ähnliche wie beim Fußball und hat eben. falls an den beiden Schmalseiten je ein Tor. Zu Beginn des Spiels wird ein sogenanntes„Bully" ausgeführt, d. h. zwei Gegner treten sich in der Milte des Spielfeldes gegenüber und berühren dreimal abwechselnd mit ihren Stöcken über dem Ball den Erdboden und den Stock des Gegners. Dann kann das Treiben des'Balles los- gehen und jede Partei versucht, der anderen den Ball durchs Tor zu jagen. Ganz besonders interessant ist das Eishockey, denn dazu gehört nicht nur Gewandtheit und schnelles Erfassen jeder günsti» gen Situation, sondern vor allem müssen die Spieler auch tüchtige Schlittschuhläufer sein. Schneller Lauf, Wenden, Uebertreten usw. dürfen den Spielern keine Schwierigkeiten machen. Schlittschuhe mit scharfen Spitzen oder Haken sind nicht zu benutzen. Wenn dann der Ball über die glatte Fläche gleitet, die Spieler blitzschnell, aber doch sicher und immer bereit, sofort zu schwenken oder zu bremsen, über die glitzernde Eisbahn jagen, dann gibt es ein schönes Bild. Und wenn durch das Zusammenspiel von Damen und Herren dem Spiel noch etwas von seinem kraftvollen Draufgängertum ge- nommen wird, dann kann es wohl trotz feiner Lebhaftigkeit auch in seiner vollen Schönheit zur Geltung kommen. Fußballresultate. Fußballklub Johannisthal gegen Berliner Sportklub Chaussee 1311 6: 1 für Johannisthal, Halbzeil 1:1.— Fichte 9, 1. Mannfch., gegen Froh und Frei, 1. Mannfch., 6: 3 für Fichte 9.— Fußballklub Neu-Hellas gegen Borussia 2:1 für Neu-Hellas.— Tempel» hofer Viktoria gegen Alemania 5: 4 für Alemania.— Fichte 4 gegen Fichte 3, 2. Mannfch., lo: 1 für Fichte 4.— Mariendorfer Fußballklub Rapid gegen Nowawes Freie Turnerschaft ö: 3 für Rapid.— Nowawes, Jugendmannsch., gegen Zehlendorfer Jugend 2:0 für Nowawes.— Fichte 10, 1, Jugend, gegen Alt-Glienicke, 1. Jugend, 1:4 für Alt-GIknicke.— Fichte 3, 1. Mannfch., gegen Freie Sportvereinigung 6:2 für Fichte 3.— Fichte 6 gegen Freie Turnvereinigung Schmargendorf 3: 0 für Schmargendorf.— Sport- und Spielverein Lankwitz gegen Rüstig-Vorwärts 4: 3 für Lankwitz, Halbzeit 3: 0 für Lankwitz.— R. B. C., 1. Mannsch., gegen Filmte 12 6: 1 für R. B. C.— R. B. C., 2. Mannfch., gegen Charlottenburg kampflos von R. B. C. gewonnen.— R. B. C., 1. Jugend, gegen Fichte 18 3:3.— Fichte 17 gegen Eiche-Tegel, 1. Jugend, 4:1 für Fichte 17.— Stralau, 1. Mannfch., gegen Eintracht, 2. Mannfch., 6: 2 für Stralau.— Stralau, 2. Mannfch., gegen Gigant 2: 1 für Gigant.— Stralau, 1. Jugend, gegen«Port- klub Mahlsdorf 3:0 für Stralau.— Sperber gegen Gigant 1ö: 1 für Sperber.— Fichte 18 gegen Waidmannslust 6: 1 für Fichte 18. — Fichte 16 gegen Fichte 12, Jugend, 14: 0 für Fichte 16.— Fichte 8 gegen Alt-Glicnicke 12: 8 fiir Fichte 8.— Borsigwalde gegen Schönholz kampflos von Schönholz gewonnen.— Arbciter- turnverein Pankow gegen Union, Pankow. 7: 1 für Union.— Charlottenburg gegen Fichte 11, 1. Mannfch., 6:4 für Fichic 11.—■ Turnverein Jahn. Baumschulenweg, gegen Sportvereinigung Berlin 8:0 für Jahn.— Sportklub Obersprec gegen Alt-Glienickc 6: 2 für Alt-Glicnicke.— Adler, 1. Mannsch., gegen Bernau 11: 0 für Adler.— Hertha 1912, 2. Mannsch., gegen Fichte 17 4:1 für Hertha.— Liberia gegen V. B. S., Fricdrichshagcn, 6: 2 für Liberia.--- Merkur gegen Eich«, Tegel, 1, Mannsch., 6: 1 für Merkur.— Fichte 17 gegen Spandau, I. Mannsch., 5:4 für Fichte 17.— Fichic 5 gegen Reinickendorfer Turnverein 6:3 für Fichte 5.— Fichte 5, Jugend, gegen Pankower Freie Turnerschast 5: 0 für Fichte 3.— Rummelsburg gegen Vorwärts, Friedrichs- Hägen, 1. Mannsch., 3: 0 für Rummelsburg.— Friedrichsfclde, 1. Mannsch., gegen Germania, Wcißcnsce. 2:1 für Germania. — Friedrichsfelde, 1. Jugend, gegen Freie Turnerschaft Lichtenberg 8:1 für Friedrichsfeldc.— Jung-Stralau. 1. Mannsch., gegen Sportklub Weißensee 8: 1 für Weißcnsee. �— Rüstig-VorwärtS gegen Jung-Stralau, 2. Jugend, 5: 0 für Jung-Stralau.— Fichte 7, 2. Mannfch., gegen Freie Sportvereinigung 3: 2 für Fichte 7.— Fichte 7, 1. Fugend, gegen Freie Sportvereinigung, 1. Jugend, 3: 1 für Fichte 7._ Schwimmer. Der Schwimmvercin„Neptun" 1834 Lichtenberg veranstaltete gestern nachmittag in der Badeanstalt an der Schillingsbrücke sein diesjähriges Hallenschivimmfest. Nicht Gold- und Silberpreise, nicht Lorbeerkränze und Diplome sollen den Arbeiterschwimmern Interesse abnötigen, so führte ein Schtoimmgenosse in seiner Ansprache über die Ziele des Vereins aus, sondern die Freude an den Vorfüh- rungcn selbst. Die einzelnen Schwimmen zeigten, daß der Verein über eine Anzahl gute Kräfte verfügt, besonders die Damen lic- fcrten den Beweis, daß auch sie auf diesem Gebiete Tüchtiges ge- lernt haben. Radrennen in Treptow. Sonntag, 2. November. TaS am letzten Oktobersonntag unterbrochene Rennen fand heute bei mäßigem Besuch seine Fortsetzung. In den Tauerrcnncn starteten wiederum Demke, Hall und Schulze. Im ersten Lauf belegte Demke den ersten Platz, mußte dann aber im zweiten Lauf wegen Defektes seiner Schrittrnachermaschine das Rennen aufgeben.— Hall fuhr gut und gewann den zweiten Lauf überlegen vor Schulze, nachdem er im ersten Rennen dicht hinter Demke geendet hatte.— Die Fliegerrennen sahen Lorenz als Sieger. etwas„aristokratischen" Spiels angenommen. Jedoch dürfte, da Lerantwortllcher'Redalteun: Hans'Weber, Berlin. Für�dea Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke, Berlin. Drucku. Verlag: Vorwärt» SozialileniokFatlsElierWshiYerein !.l 3. Berl. Reittisiagswalilkreis. Den Mitgliedern zur Kenntnis. dag unser Genosse, der Buchbinder Karl Pursch gestorben ist. Ehre seinem Andenken Die Beerdigung findet am Montag, den 8. November, nach. mittags i Uhr, aus dem St. Michaeltirchhos. Manendorf, Gott- lieb-Dnnkel-Strage, statt. vor' Vorst«»«!. Gesangverein Weddinger Harmonie 5lm sonnabeiid, den 1. Nov., srübS'/.UHr, verschied nach langem. schwerem Leiden im 62. Lebens- iahre unser langjähriger 1. Vorsitzender. der Dreher Oskar Günter. Wir werden sein Andenken in Ehren halten. Die Einäscherung findet am Dienstag. 4. Nov., nachm. 3 Uhr, im Krematorium, Gerichtstr., statt. Der B o r st a n d. ÄÄalileisiglss'aliNsiei'Valilvei'eiii k. lI.S.Lei'I.kleictiZlazz«aIiII(i'eiz. Am Freitag den 31. Oktober verstarb nach langem Leiden unser alter verdienter Partei- genösse, der Schlosser Oskar Gunter Neue Königstraße 70 Bez. 446, 2. Abteilung. Die Einäscherung findet am Diensiag, den 4. November, nach- mittags 3 Uhr. im Krematorium Gerichtstraße statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Buchliandlung Vorwärts Undcnstr. 09. Neuerscheinung: Nikolaus Welter Hochofen Ein BUchlctn Psalmen. Preis 1.20 M. Luchdruckerei u. VertagSanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SM