Kr. 293. Hbonncmcnts-Bedingunsen: Abonnements- Preis pränumerando: «terteljährl. SSO DKt, monatl. 1,10 SW., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Ewzelne Nummer 5 Psg. Emmtaa?. m»mmer mit illustrierter Sonntags. Beilage»Die Neue Welt» 10 Pfg. Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post. Zeitung-?. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2,60 Marl, für das übrige Ausland 4 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Täncnmrl, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Simnänicn, Schweden und die Schweiz. 30. Jahrg. vie Insertion!-eebühs beträgt für die sechsgespaltene Kolones. zclle oder deren Raum 00 Psg., sür politische und gewerlschastliche Vereins- und VersmnmlungS-Anzeigen 30 P>g. „Kleine Mnieigren". das settgedrulkle Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche urd Schlasstellenan- zeigen dag erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Jnseraie iir die nächste Nummer müssen bis a Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, j- 0 erscheint iZgil«. Verlinev Dolksblntt. Telegramm- Adresse: „Zsiisl-telnotilZi Nerll»". ZmtruXorgnn der roztaldcmokratifchcn Partei Dcutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritiplnt,, Nr. TgtiZ. Donleerstag, den 0. 9!ovember 1913. Sxpedition: SM. 68» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moriüplnt,, Nr. 1984. Sie will nicht! Man erinnere sich an die Haltung der Regierung vor rund einem Jahre, als die Fleischteuerung eine neue Steigerung erfuhr und die nach Fleisch hungernden Massen zur Sättigung mit Pferdekadavern, Hunden und Katzen griffen. Da erklärte die Regierung Bethmann Hollwegs, daß die wachsenden Ansprüche der Bevölkerung an der Fleischteuerung schuld seien, und die Beweisführung endete mit dem Hohn: die Massen seien fähig und gewillt, so viel an Geld für gutes Fleisch zu opfern, daß dadurch die Teuerung hervor- gerufen würde, die es Tausenden wieder unmöglich mache, überhaupt Fleisch zu erwerben. An diese Verhöhnung der Volksnot erinnert die Aus- lassung, die eine offiziös benutzte Korrespondenz jetzt in der Frage der Arbeitslosenversicherung als Anschauung der Regierung verbreitet. In einem Punkt hat eS die Regierung bei der Ablehnung der sozialdemokratischen Forde- rungen leichter als vor einem Jahre. Damals ließ sich die Not in nackten Ziffern über die Preise und den Konsum- rückgang enthüllen. Ueber den Umfang der Arbeits- losigkeit stehen nicht so unwiderlegliche Zahlen zur Verfügung. Aber die Regierung ist es ja selbst, die sich zur Aufstellung einer umfassenden Statistik der Arbeitslosigkeit absichtlich ablehnend verhält. Tie ollgemeinen Daten über den Konjunkturrückgang und die Arbeitslosenziffern der Gewerkschaften sind aber bereits Ma- terial genug, um einen Blick in die bestehende Arbeitslosennot zu tun und jeden Menschen mit warmem Herz zur Abhilfe aufzurufen. Was weiß denn nun die offiziöse Korrespondenz gegen die Notwendigkeit einer Arbeitslosenversicherung zu sagen? Es ist charakteristisch, daß ihre Darlegung damit beginnt, sich die Klage der Unternehmer über angeblich hohe sozialpolitische Lasten zu eigen zu machen. Die neue Reichsversicherungsordnung, die bekanntlich den Arbeitern mehr Lasten und weniger Rechte brachte, und das Privat- angestellten-Versicherungsgesetz. das die Lohnarbeiterschaft im engeren Sinne des Wortes überhaupt nicht berührt, fallen zur Begründung herhalten, daß eine neue Steigerung nicht möglich sei. Zwar fügt die Regierung vorsichtig hinzu, daß auch die Arbeitnehmer vorläufig an die Uebernahme neuer Lasten nicht denken könnten.. Aber diese rührende Sorge wirkt doch muc als lächerliche Heuchelei gegenüber dem beutlich ausgesprochenen Wunsch der Arbeiter nach einer Arbeitslosenversicherung. Höchst oberflächlich ist der weitere Einwand, daß die Aufbürdnng neuer Lasten im Moment die Krise und damit die Arbeitslosigkeit nur verschärfen würde. Einmal angenommen, baß die neuen Beiträge die Unternehmungslust ungünstig be- einflussen könnten— wer fordert denn, daß die Arbeitslosen- Versicherung im Moment geschaffen werden soll? Bis das Gebäude einer solchen Versicherung vollendet ist, würde einige Zeit schon aus rein technischen Gründen verstreichen und bis dahin hätte die Regierung durch Zuschüsse fiir kommunale Arbeitslosenkassen und Gewerkschaften, die Arbeitslosenunter. stützung zahlen, die Not in etwas zu lindern. Eine Reichs- arbeitslosenversichernng läßt sich überhaupt sehr gut auf der Grundlage denken, daß das Reich nach dem Genter Muster gewerkschaftliche oder sonstige Arbeitslosenkassen unter- stützt. Die technischen Schwierigkeiten, auf die sich die Regierung natürlich wieder beruft, sind in keinem Falle un- überwindbar. Der Staatssekretär des Innern, der ja bei den Beratungen der Fleischenquetekommission nach eigenem Zeugnis einen durchaus erfreulichen Lerneifer gezeigt hat, brauchte nur die recht ausgedehnte Literatur über diesen Versicherungs- zweig zu studieren. Auch in versichernngsfachtechnischen Zeitschriften und Werken, nicht nur in der sozialistischen Presse, wird er wiederholt auf den Beweis stoßen, daß eine Arbeits- l 0 s e n V e r s i ch e r n n g durchführbar ist. Tie zahl- reichen praktischen Erfahrungen im Auslände, in Belgien, Holland und Skandinavien, werden dieses Urteil bestätigen. Aber selbst die bisherigen geringen Versuche mit kommunalen Arbeitslosenkassen im In lande, wie in Straßburg und Köln, könnten bereits die Regierung von der Wiederholung so abgebrauchter Einwände abhalten, daß z. B. die Versicherung nur als„Ablösung von Streikunterstützungen dienen würde, deren Höhe für die sozialdemokratische Parteileitung recht beängsti- gende Dimensionen" annähme." Muß es denn immer wiedergesagt werden, daß die Versicherung»ach Genter System bisher überall zu einer Erhöhung der eigenen Ausgaben der Gewerkschaften für Arbeitslosenunterstützung geführt hat? Wenn die Regierung in diesem Zusammenhange auf die Schuldsrage eingehen zu müssen glaubte, so hätte sie sich auch hier nicht gerade ausschließlich den Standpunkt der Unternehmer zu eigen machen sollen, die in jedem Arbeits-> losen einen Arbeitsunwilligen, in jedem Streikenden einen| Frevler, in jedem Ausgesperrten einen zu Recht Bestraften! sehen. Auch ohne jedesmalige gerichtliche Entscheidung haben sich in der Praxis die für die VersichenmgStechnirhotwendigen Unterscheidungen zwischen verschuldeter und unverschuldeter Arbeitslosigkeit fixieren lassen. Bei einigermaßen gutem Willen findet sich durch alle Einzelschwierigkeiten ein Weg. Aber die Regierung benutzt das alles offenbar ja nur als »orwand, um ibrer sozialpolitischen Pflicht auszuweichen.' Und in der Tat ist kein Fortschritt von Leuten zu erwarten, die sich auf folgenden unglaublichen Standpunkt stellen: „Wir stehen zurzeit auf einem Höhepunkt in ber Vcr- sichcrungsgcsctzgcbuug, der nicht überschritten werden darf." Sollte das wirklich in dieser Fassung die Anschauung der Regierung sein, so läge in dieser Ueberhebung der Schlüssel fiir die störrische Abneigung gegen jede auch noch so kleine Verbesserung auf sozialpolitischem Gebiete. England iA durch seine Versicherungsgesetzgebung, die eine wenigstens teilweise Arbeitslosenfürforge bereits einschließt, mindestens Teutichland ebenbürtig. Durch sein Minimallohngesetz hat es das junkerliche Teutichland sogar an sozialpolitischen Maß- nahmen überflügelt. Der Bureaukratenstolz auf unseren Versicherungsapparat lindert noch nicht die Schmerzen, die trotzdem heute Hunderttausende durch Hunger, Krankheit und Arbeitslosigkeit erleiden müssen. Erst durch eine Arbeits- lose 11 Versicherung kann die übrige Arbeiterfürsorge gegen Krankheit. Invalidität und Alter wirklich fruchtbar ge- macht werden, denn gerade die unverschuldete Arbeitslosigkeit raubt dem Arbeiter oft die Möglichkeit, die wahrlich geringen Leistungen der übrigen Versicherungszweige in Anspruch zu nehmen oder später voll ausnutzen zu können. Das Krupp'DMotium in flöten. Otto der fürcbterUcbe. Ott» heißt der Mann, Otto, wie der Heros des Jahrhunderts, der i» diesen schlimmen Tagen der Kruvp-Enthüllungen den Staat, die Kanonenfirma und die deutsche Industrie retten wollte. Otto von Gottberg! Vor Zeiten tvar er ein kleiner Husarenleutnant, der wohl den vornehmsten Rock auszog, weil ihm in dieser schlappen Zeit ja doch keine Aussicht winkte, das Schlachtschwert gegen den welschen Erbfeind oder wenigstens gegen den inneren Feind zu ziehen. Dann würbe er, wie man erzählt, Wcinrcisciider. Aber diese schlichte zivile Tätigkeit bchagte ihm noch weniger. Sein Ehrgeiz ging höher. Und so wurde er denn Zeitungsschreiber bei Scherl, wo er bald durch die verwegensten Kavallcrieattacken wider die rote Rotte einiges Aufsehen, will sagen Kopfschütteln, erregte. Dann aber nahte seine große Zeit: der Krupp-Prozcß. Hier konnte er zeigen, was er gelernt hatte, wie er den Schneid des Husaren- leutnants mit dem Gcschäftsgenie des Wcinreisendcn a. D. zu der- binden wußte. Und feine Stunde kam. Nach der Beschlagnahme der Metzenschen Papiere erwähnte der Staatsanwalt ganz beiläufig, daß sich unter den auszuscheidenden, nicht zur Sache gebörigen Schriftstücken Metzens auch eine Anzahl belgischer Korrespondenzen befänden. Das ging unserem Otto v. Gottberg über das Bohnenlicd. Was erdreistet sich der Staats- anwalt, zog er im Schcrlblatt alsbald vom Leder, von belgischen Korrespondenzen des Retzen zu sprechen. Wenn er von belgischen Briefen spricht, so meint er natürlich belgische Indiskretionen der Metzenschen Briefe, die das deutsche Kanonengeschäft im Ausland aufs schwerste schädigen müssen. Und nicht nur das Kanonen- geschält der Firma Krupp, sondern auch die ganze deutsche In- dustric. Deutschlands Export ist in Gefahr gebracht durch die un- erhörte Denunziation des Staatsanwalts. Darum fort mit ihm und ein Ende gemacht mit dem ganzen Krupp-Prozcß. Und einen Knebel her für den Zeugen v. Metze», damit er kein Wort mehr zu sagen vermag! Nach dieser genialen Rettung des Krupp-Gcschästs und der deutschen Industrie war es natürlich kein Wunder, daß man in Belgien die Ohren spitzte. Und als belgische Parlamentarier eine Interpellation der Regierung wegen der durch Metze» vermittelten Käufe von Krupp-Geschützen veranlaßtcn, da zog Herr v. Gottbcrg abermals vom Leder. Da seht ihr, rief er. was der Staats- a n lo a l t angerichtet hat! Die unerhörte Schädigung der Krupp- scheu Auslandsgeschäfte und des ganzen deutschen Exportgeschäfts ist die unausbleibliche Folge der staatsanwaltlichcn Denunziation. Drum fort mit diesem staatsgefährlichen Subjekt und nieder mit dem ganzen Gerichtsverfahren, das nichts ist als eine katilinarische Verschwörung wider Staat und Ordnung, wider Thron und Altar! Wiederum, wie schon einmal, wandte sich am Mittwoch der Staatsaiuvali gegen den famosen Staatsretter. Nicht er, der Staatsanwalt, habe das Ausland mißtrauisch gemacht, sondern gerade Herr v. G 0 t t b e r g, der im Scherlblatt eine ganz barm- lose und beiläufige Bemerkung von ihm in der unsinnigsten Weise entstellt und aufgebauscht habe. Diese Verwahrung sei um so not- wendiger, als man die erste Anrempelung Gottbergs als eine „offiziöse Rüge" seiner staatsanwaltlichcn Tätigkeit im Krupp- Verfahren aufgefaßt habe. Otz Herr v. Gottberg jemals als offiziöses Sprachrohr benutzt worden sei, wisse er nicht; jedenfalls glaube er aber, daß es nach solchen Leistungen dieses Staatsrettcrs mit seinem Ofiiziösentum ein für allemal vorbei sei. So sehr der Staatsanwalt in der Sache recht hat, so zweifei- Haft erscheint es uns doch, ob seine Ansichten über die Oualitäten des Gottbcrg zum Offiziösen bei der Regierung irgendwelche Bc- achtung finden werden. Bismarck sagte einmal von seinen offiziösen Preßhandlangcrn: „Anständige Leute schreiben nicht für uns." Herr v. Bethmann scheint nicht einmal Leute von den bescheidensten Fähigkeiten zu finden. Herr b. Gottbcrg braucht aber deshalb noch nicht zu verzagen. Langt es bei ihm nicht einmal zum Offiziösen, so ist er vielleicht immer noch gut genug zum hohen Krupp-Beamten. Zum mindesten würde er dann als Journalist der Firma nicht mehr schaden können! Sine Hilfsaktion für das Firiipp-Gelcbäft. Der Staatsanwalt begnügte sich aber nicht etwa mit der Zurückweisung der Gattbergschen Angriffe, sondern er. der doch die wichtigsten Feststellungen so entschieden als angeblich nicht zur Sackie gehörig znrückgelviesen halte, unternahm jetzt selbst eine Hilfsaktion zugunsten des Kruppschen Auslands- geschäftes, die mit dem Gegenstand dieses Prozesses wirk- lich auch nicht das allergeringste zu tun hat. Hegt man im Ausland einen Verdacht gegen die Kruppschen Geschäftspraktiken, so mag man diesem �Verdacht nachgehen und die Sache untersuchen. Aber der Staatsanwalt dachte anders: Er erklärte feierlich, daß in den beschlagnahmten Briefe», die sich auf belgische Angelegenheiten bezogen hätten, nicht die geringste Andeutung von unlauteren Geschäfts- manöverii enthalten gewesen sei, und veranlasste»och nach- träglich die Verlesung dieser Briefe. Zwei Tage zuvor hatte der Staatsanwalt ein Eingehen auf ausländische Tinge mit aller Schärfe als„nicht zur Sache gehörig" ab- gelehnt— und jetzt ging er j e l b st weitläufig aus diese Tinge ein. Natürlich nur insoweit, als es das Interesse der Firma Krupp erforderte. Aber mehr noch. Der Staatsanwalt provozierte auch Herrn V. Metze» zu einer Zeugenaussage, daß er während seiner Tätigkeit in Belgien niemals etwas Unlauteres unter- nommen habe. Beiläufig: Einer der Verteidiger führte in einer späteren Rede aus, daß er als Richter dem Zeugen v. Metzen weder in seinen belastenden noch in seinen entlasten- den Aussagen auch nur ein Wort glauben würde. Man darf wohl annehmen, daß sich diese Auslassungen auch ans die obigen Zeugenaussagen des Herrn v. Metzen be- zögen! Aber davon abgesehen: Vor allem verdient festgenagelt zu werden, daß Staatsanwalt und Gericht von ihrer Praxis sofort abweichen und auch die Erörterung nicht zur Sache gehöriger Tinge zulassen, ja, selbst veranlassen, sobald es sich um die B e lastung der Kanonenfirma Krupp handelt, sondern um eine H i I s s aktioir für die dreimal Heilige. Vier I�rupp-Virektoren der jWttäterlcbaft verdächtig. Im weiteren Verlauf der Mittwochsverhandlungen beschloß nach einem lebhaften Rededuell zwischen Staatsanwalt und Ver- teidiguüg der Gerichtshof, vier der als Zeugen geladenen Krupp- Direktoren wegen des Verdachts der Mittäterschaft nicht zu vercidigcu. Es loaren dies die Direktoren D reger, Rötger, Marquardt und M u c h l 0 n. Aus dem» gleichen Grunde ivurdc auch von der Vereidigung des Zeugen v. Retzen Abstand genommen. Unverständlich bleibt nur, daß man nicht auch Bedenken trug, die Herren M 0 u t h s, Dewitz und R a u s c n b e r g e r zu vereidigen. Denn alle drei kannten und benutzten die Kornwalzeri Herr Mvuths faßte sich ja geradezu an den Kopf ob der In- diskretioncn der Kornwalzer und ziveifcllc nicht daran, daß die Kenntnis des Brandt pur auf bedenklichsten Indiskretionen bc- ruhen konnte. Und Herr Dewitz tvar doch gerade derjenige Krupp- Beamte, auf dessen wiederholten und energischsten Einspruch hin dem Kornwalzerbetrieb nicht ein Ende bereitet tvurde. Und es waren ja gerade die Herren Krupp- Direktoren, die Herrn Dewitz in dieser Weise belasteten.?lber offenbar schloß sich der Gerichtshof der uns total verfehlt erscheinenden Auffassung an, daß nur solche Krupp-Direktorcn und Beamte als der Mittäter- schaft verdächtig in Frage komme» konnten, die an der Vertrags- schließung mit Brandt und der Geldbeschaffung für die Korn- loalzergeschäfte beteiligt lvaren. Das halten wir denn doch für ciiic allzu mechanische und viel zu enge Auffassung des Begriffs der Mitschuld. Nach§ 56 der Strafprozeßordnung sind uubeeidet zu vcr- nehmen„Personen, welche hauptsächlich der den Gegenstand der Untersuchung bildenden Tat als Teilnehmer, Begünstiger oder Hehler verdächtig sind", �ie vereideten Direktoren aber haben die Kornwalzcrei zusammenwirkend mit den Nichtvereideten nicht nur frukiiziert, sondern auch durch Beschlüsse gefördert. Immerhin beweist der Beschluß des Gerickus, wenigstens bei vier weiteren Direktoren den Perdacht der Mittäterschaft anzunehmen, ivie wenig Glauben auch das Gericht den oberfaulen Ausreden und naiven Unschuldsbeteuerungen dieser Herren beizumessen geneigt ist. Solche Jwcifclsucht hatten die Herren offenbar nicht vorausgesetzt. Namentlich Herr v. Rötgcr bc- fand sich in höchster Erregung über das, was der Staatsamvalt zu sagen für nötig hielt. Stürmisch verlangten er und Herr Muchlon noch einmal das Wort zu einer Erklärung, die sie in- dessen erst später abgeben durften. Und in zornigen Bemerkungen gegenüber Herrn EcciuS machte sich die Empörung des Häuptlings des Zcntralverbandes deutscher Scharsmackier Luft. Wie konnte es auch ein Staatsanwalt ivagcn, die Glaubwürdigkeit einer so einflußreichen Persönlichkeit in Zweifel zu ziehen. Hoffentlich schickt er dem alten Herrn nicht gar seine Sekundanten I In Wirklichkeit freilich hätten Staatsanwalt und Gericht allem Rechtsempfinden Hohn gesprochen, wenn ihre Stellungnahme unb Entscheidung anders ausgefallen wäre. Denn die Belastungs- Momente für die vier Direktoren wogen denn doch a l I z.u schwer. Der Brief de? Herrn v. Schütz an Herrn v. Rötger, daß Brandt ein besonders nützliches Werkzeug sei. weil er so vorzügliche Stach- richten bringe, obwohl er„keine direkten Geschenke mache", ließ sich so wenig aus der Welt schaffen, wie das Faktum, daß Herr Rötger die Schmiergelderliquidationcn des Brandt beglichen hat. Obendrein belastete ihn die Mitteilung Marquardts, daß ihm die Aornwalzcr regelmäßig zugingen. Und zu allem Ueberflutz hatte ja auch noch Herr v. Dreger bekundet, daß er einmal besonders ein- dringlich über die Kornwalzcrtätigkeit des Brandt im Hinblick auf daS Gesetz über den unlauteren Wettbewerb mit Herrn Rötger ge- sprocheir habe. Solchen Datsachen gegenüber mußten die pathetischen Unschuldsbeteucrungcn selbst eines Landrats und Krupp- Direktors außer Dienst und eines Borsitzenden des ZentralvcrbandeS deutscher Industrieller federleicht wiegen. Nicht anders lag es bei Herrn Dreger, der sich ja selbst schwer genug belastet hatte, bei Herrn M u c h l o n, der schon am 38. März 1912 durch Dreger von Brandts Kornwalzertätigkcit unter- richtet worden war und ihm gleichwohl eine Gehaltsaufbesserung zuschanzte. Und auch bei Herrn Marquardt, dessen Per- blässende Slusredcn selbst die gutgläubigsten Richter in starres Er- staunen setzten mußte. Obendrein liegt, wie der Staatsanwalt mit. teilt«, gegen den Herrn Marquardt auch Beweismaterial vor, daß er einen sehr tiefen Einblick in das Kornwalzer- wesen gehabt hat. Und dabei luogte Herr Marquardt zu erklären, daß ihm gar nicht zum Bewußtsein gekommen sei, daß die Brandtschcn Kornwalzer ein« ganz besondere Spezialität der Kruppschen Geheimberichte darstellten. Gut wäre es freilich gewesen, wenn der Staatsanwalt die Verteidigung und das Gericht mit seiner Wissenschaft nicht in letzter Stunde„überrumpelt" hätte, — er ist doch sonst kein Freund der Ueberrumpclungen—, sondern wenn er von seinein BcweiSmaterial in dieser Verhandlung den gebotenen Gebrauch gemacht hätte. Man sieht, die Kruppaktien stehen nicht allzu großartig. Es ist allerhöchste Jeit, daß Herr Otto v. Gottderg wieder sein Schlacht- roß sattett? Sie HochfiiiZli? als llnteknehmenii. Die Maßregelung deS Bankangestellten Baron durch die Direktion der Deutschen Bank hat in Bankbcamtenkreisen eine lebhafte Gärung hervorgerufen. Die Bankleitungen sind davon nichts weniger als erbaut und die Deutsche Bank fühlt sich als Hauptschuldige sogar ver- anlaßt, eine Beruhigungsnote an ihre Beamtenschaft zu erlassen. DaS unS im Wortlaut vorliegende gedruckte Zirkular vom S. November d. I. „an die Herren Beamten der Deutschen Bank" versucht den Nach- loeis, daß Herr B. nicht ge maßregelt, sondern wegen Unfähig- keit entlassen wordeir ist. Aber diese Behauptung wird durch da« Zirkular selbst widerlegt. Wie kam die Deutsche Bank dazu,«inen Angestellten zu entlassen, der schon elf Jahre bei ihr tätig Ivar, Weihnachtsgratifikationen und sogar außerordentliche Unterstützungen a»S einem.Wohltätigkeit»"sond« erhielt? Beamten, die Ungenügendes leisten, gewährt man doch nicht Bezüge, die in den Augen der Direktion als„Geschenke" angesehen werden! Selbst da« Ent- lassungsschreiben sagt denn auch deutlich genug:„Nichtsdestoweniger haben Sie... Unruhe unter die Beamtenschaft gebracht..." Also nicht der angeblich schlechten Leistungen wegen, die man erst nach l l Jahren entdeckt hat, sondern wegen seiner Vertretung kollegialer Interessen gegenüber der Direktion ist Herr B. hinau«g«worsen worden. Das Schreiben der Direktion wird deshalb nicht, wie die Direktion glaubt, zur Beruhigung beitragen, sondern gerade das Gegenteil hervor- rufen. Ergibt sich doch aus dem Zirkular die ungeheuerliche Tat- fache, daß die Bank geheime Führungszeugnisse ihrer Beamten aufstellt. Jeder Beamte kann also gemrtig sein, daß er plötzlich auf Grund dieser nicht kontrollierbaren Listen entlassen wird. Such Herrn B. hat man früher nicht« davon gesagt, daß ieine Direktoren mit ihm unzufrieden seien. Jetzt beruft man sich auf geheim gehaltene Urteile, die sich doch offenbar nickit nur auf banktechnische Leistungen, sondern auch auf daS sonstige Wohlverhalten der Beamten beziehen. Gerade hierauf söheint ja die Direktion großen Wert zu legen. Schließt sie doch ihr Schreiben folgendermaßen: „Wir vertrauen auf den gesunden Sinn unserer Beamten- schait, daß sie die Versuche abweist, die auf Stiftung von Un« zufriedenheit und Verhetzung gerichtet sind und deren Umsichgreifen keine andere Folge haben konnte, als eine Störung de« seither er- freulickien guten Einvernehmens zwischen den leitenden und aus- führenden Organen der Bank."— Aber diesen Worten gegenüber kann die Bantbcamtenschaft mit Recht auf die Daten verweisen, auf das unsittliche System ge- heimer Führungslisten unb die ungerechtfertigte Maßregelung eines Beamten, die leider zeigen, daß es der Direktion um die Knebelung, nicht aber um das Wohl ihrer Angestellte» zu tun ist. Alle Beteuerungen politischer Toleranz ändern nichts an diesen Zeugnissen de« nackten Unternehmerstandpunktes der Deutschen Banak. verbot des Karfreitagskonzerts der „Freien Volksbühne" aufgehoben! Der Polizeipräsident v. Jagow hat auf die vom RechtS- onwalt Dr. Heinemann für die„Freie Volksbühne- eingelegte Beschwerde gegen das am 18. März erlassene Verbot des Äarfreitagskonzerts jetzt unter dem 3. November aufgehoben. Ter Bescheid ist auf Grund von Gutachten der Königlichen Akademie der Künste und des Königlichen Instituts für Kirchenmusik erlassen. Sein Inhalt geht dahin: „Die von Ihnen namens des Borstandes der„Freien Volks« bühne" eingelegte Beschwerde gegen meinen Bescheid vom IS. März, betreffend da« Verbot deS Sarfreitagsionzerte« in der Reuen Welt in der Hasenheide in Reutölln, hat zur Einholung von Gutachten der Königlichen Akademie der Künste und deS Königlichen Akademischen In- stitute« für Kirchenmusik Veranlassung gegeben. Diese Gutachten sprechen sich im wesentlichen dahin au«, daß die Oratorien.Franziskus' von Tinel und„Legende von der Heiligen Elisabeth" von Liszt, deren Aufführung am Karfreitag in der Neuen Welt verboten war, zwar nach ihrem Gesamtcharälter, inS« besondere wegen der in ihnen vorkommenden Partien mehr Welt- lichen Charakter«— der Schilderung fröhlichen Lebensgenusses. von dem sich Franz von Assisi dann später abwendet, besonders der Schilderung deS Gelages, sowie in der Heiligen Elisabeth der Darstellung de« Aufbruches zur Jagd, des Marsches der Kreuzritter usw.— sich speziell für den Karfreitag wegen der ganz besonderen Bedeutung dieses TageS nicht eignen. daß sie aber gleichwohl als„geist. Ii che Musik" anzusehen sind. Da nun nach§ 12 der Polizei- Verordnung über die äußere Heilighaltung der Soim- und Feier- tage am Karfteitag ebenso wie am Bußtag jede geistliche Musik zngelassen ist. so läßt sich das Verbot des Herrn Polizeipräsidenten von Neukölln aus den von ihm angeführten Gründen nicht aufrecht- erhalten. Auch den weiteren Verbotsgrund, daß die Neue Welt nicht zu denjenigen Unternehmungen gehöre, deren Zweck e« ist. Darbietungen von höherem Kunstinteresso zu veranstalten, will ich mit Rücksicht auf die erneute» eingehenden Erhebungen, die ich mit Rücksicht aus die Anführungen der Bescbwerdeschrift angestellt habe, fallen lassen. Zwar bleibt die Tatsache be- stehe», daß für die Neue Welt vom StadtouSschuß die Erlaubnis zur Veranstaltung von Gesangsvorträgen ohne höheresKunst- i n t e r e s s e e r t e i l t i st und daß diese Erlaubnis noch aus- geübt wird, insbesondere anläßlich der monatelang dauernden Bockbierkonzerte. Andererseits ist aber auf Grund der Darlegungen der Beschwerdeschrist und der von dem Lokalinhaber nachträglich gelieferten eingehenden Nachweise festgestellt worden, daß tatsächlich i» nicht unerbeblichen, Umfange auch große und bedeutende Konzerte gegeben worden sind, bei denen unzweifelhaft ein höheres Kun st interesse obwaltet. Ich habe eS daher mit Billigung de« Herrn Ministers deS Innern und de« Herrn Oberpräsidenten für angemessen gehalten, diesen letzteren Umstand bei der Frage der Zulassung der Bußtag«- und Karfreitags- konzerte in entscheidender Weise zu berücksichtigen. Demgemäß setze ich nunmehr da« für den ver- gange nen Karfreitag erlassene Verbot— daS übrigens infolge der seinerzeit an Stelle der erwähnten Oratorien zugelassenen Aufführung der Dichtung„Die Seligkeiten" zu einer Schädigung des VolkSchors und deS LokalinhaberS nicht geführt hat— hiermit außer Kraft. (gezeichnet) Jagow. Fast neun Monate also hat es gedauert, bis der Polizei- Präsident sich vorn schlecht Informierten zum besser Jnfor- «icrten wandeln konnte. In derselben Zeit pflegen andere Menschenlinder weit größere Leistungen zu vollbringen. Wäre eine Information vor dem Verbot nicht zweckmäßiger ge- wcsen? Für dieses Jahr ist ja doch die Abhaltung deS Kon- zerteS am Karfreitag nicht mehr möglich. Indessen— man soll mehr Freude haben über einen bekehrten Sünder als über 99 Gerechte. Hoffentlich hält die Bekehrung an und erstreckt sich nicht nur auf künstlerische Veranstaltungen. Politische(Zebersiebt. Es ist erreicht! Die bayerische Königsmache ist fertig. Ter bisherige Prinzregent hat gestern(Mittwoch) auf Grund der vom Land- tag« genehmigten Vcrfassungsmnkreinpelung den bisherigen geisteskranken König Otto für abgesetzt erklärt und als Ludwig III. von Gottes Gnaden den bayerischen Königs- thron mit einer langen Proklamation bestiegen, die vor- mittags überall in München angeschlagen worden ist. Sie lautet:.. �. .Ludwig III. von Gottes Gnaden König von Bayern, Pfalz- gros bei Rhein, Herzog von Bayern, Franken und Schwaben usw. Bayerns Herrscherhau« und Volk empfinden seit mehr als 27 Jahren mit tiefer Betrübnis, daß Seine Majestät König Otto durch schwere Krankheit an der Regierung verhindert ist. Tie Art des Leidens, von dem unser vielgeliebter Herr Vetter seit vielen Jahre« befallen- ist, schließt icie Woglichteii einer Besserung au«. Die ernste Sorg« um das Wohl des Lande« Isat uns zu diesem schweren Entschluß bestimmt, auf Grund der Ver- sassung die Regentschaft für beendigt und den Thrpn als er- l e d l g t zu erklären. Hiermit ist die Thronfolge eröffnet und die Krone des Königreichs Bayern uns als dem Nächstberufenen nach dem Rechte der Erstgeburt und der agnatisch-linearischen Erbfolge zugefallen. Wir haben daher alt König die Regierung des Landes angetreten und von dem uns von Gottes Gnaden zukommenden königlichen Rechte vollen Besitz ergriffen. Ten in der VcrfassungSurkunde bestimmten Eid werden wir in Gegenwart der StaatSininijter, der Mitglieder des Staatsrates und der Abordnung der beiden Kammern des Landtags alsbald leisten. Von dem verfassungsmäßigen Rechte, die während der Re>chs- Verwesung vollzogenen Besetzungen erledigter Aemier zu widerrufen, machen wir keinen Gebrauch, vielmehr verleihen wir allen Ernennungen von Beamten während der Regentschaft hiermit unser« königliche Bestätigung. Wir verordnen, daß sämtliche Stellen und Behörden im Königreich die amtlichen Bescheide von nun an in unserem königlichen Namen ausfertigen und halten uns gern versichert, daß unsere Beamten getreulich, wie bisher. ihre Aufgaben wahrnehmen werden. Unserem Heere entbieten wir unseren königlichen Gruß in der festen Uebcrzeugung, daß es in unerschütterlicher Treue und erprobter Tapferkeit allzeit zu seinem obersten Kriegsherrn stehen wird. Zu allen Angehörigen unserer Erblande vertrauen wir, daß sie unS in unwandelbarer Treu« anhängen und alle Pflichten gegen uns al» ihren rechtmäßig angestammten Landes- Herrn und von Gott gesetzten König erfüllen, wogegen wir sie unserer huldvollsten Gesinnung versichern. Das bayerische Volk hat von jeher seinem Königshaus«, da« mit ihm durch ein ge- heiligte« Treueverhältnis verbunden ist. hingebende Anhänglichkeit bewiesen. Wir erblicken darin eine sicher« Gewähr, daß die Liebe des Volkes, die wir als ein kostbare« Kleinod von unseren Vorfahren überkommen haben, auch fernerhin unser Wirken ge- leiten werde, das auf das Wohl des geliebten Vaterlandes, auf fein Blühe» und Gedeihen gerichtet ist. In gläubigem Aufblick zu Gott, dessen gnädige Hand Bayern bisher geführt hat, erflehe» wir des Allmächtigen Segen und Beistand. Gegeben in unserer Haupt- und Residenzstadt Ludwig. München, den 2. November 1913. Gegengezeichnet: Dr. Frhr. v. Hertling, Dr. Frhr. von Soden. Fraunhofer v. Thelcmann, v. Breunig. v. Scidlein, Dr. v. Knil- ling, Frhr. v. Kreß. Auf allerhöchsten Befehl der Ministerialrat im königlichen Staatsministerium des Innern Anözinger." » ♦ « Zuglsich wurde dies? Proklamation in der bayerischen Abaeordnetenkamincr verlesen zusammen mit einem sogen. „allerhöchsten" Schreiben an die Kammer. Heber die ärztlichen Gutachten bezüglich der Geistes- krankheit des Königs Otto will die Kammer morgen beraten. Tie RüstungSkommission. Wie mitgeteilt wird, soll die Kommission von Reichstags- abgeordneten und RegierungSvertretern, deren Einsetzung der Reichs- tag in seiner Sitzung vom 23. April dieses Jahres forderte, um eine Prüfung der Rüstungslieferungeu vorzunehmen, am 14. November, vormittags 1V Uhr im ReichZtagsgebände zu» sainmentreten. Die Regierung faßt die Ausgabe der Kommission so auf: Sie soll die bisherige Entwicklung der Grundsätze und Me- thoden für die RiistungSliefemngen an Heer und Marine in ihrem Zusammenhange mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung klarstellen und die Zweckinäßigleit der gegenwärtigen Praxis unter vergleichender Betrachtung ähnlicher Staats- oder privater Groß- betriebe des In- und Auslandes einer Untersuckmng unterziehen. Zu Diesem Zwecke sollen von der Kommission auf Grund einleitender Vorträge allgemeineren Inhalts noch einem im einzelnen noch fest- zusetzenden Arbeitsprogramm Sachverständige im kontradiktorischen Versahren vernommen werden._ Wo liegt die Schuld? In der freisinnigen Presse veröffentlicht ein Mitglied der Fleischcnqucte- Kommission eine kurze Uebersicht über die Arbeiten dieser Kommission. Nach dieser Darstellung hat die Unter» suchung ergeben, daß die Viehzüchter, Händler und Fleischer oder gar die Kommunen als Piehhofbesitzcr an der Fleischieuerung nicht schuld sind. In der Preisbildung auf dem Wege vom Produzenten zum Konsumenten liege kein Faktor, der sich bei den heutigen wirt- schaftlichen Verhältnissen ausschalten liehe oder dem die Ursachen an der Teuerung zuzuschieben feien. Gegenüber den Versuchen der Agrarier und auch der Regierung, die Händler und Laden- fleisch«: als die alleinigen Sündenböck« vorzuschicken, kommt diesen Feststellungen der Kommission immerhin ein gewisser Wert zu. Mit Recht betont das Kommissionsmitglied jedoch, daß dieses rein negative Resultat sich ergeben mußte, weil die Frage nach den wahren Ursachen der Fleischteuerung und den geeigneten Mitteln zu ihrer Behebung von vornherein ausgeschloffen wurde. Die Kommission durfte sich nur mit den Einzelheiten der Preis- bildung im inländischen Verkehr beschästigen. Der preisbestim- mende Hauptfaktor, das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. war von der Beratung ausgeschlossen. Tie ungenügende Vieh- Haltung im Jnlande, die Absperrung der Grenzen gegen die Ein- fuhr ausländischen Fleisches müssen bei wachsender Bevölkerung und steigendem Bedarf zu der Höh« der Fleischteuerung führen, die für die breiten Massen das Fleischnahrungsmittel zu einem unerschwinglichen Luxus- und Genußmittel gemacht haben. Erst der Bruch mit der agrarischen Hochschutzzollpolitik kann da Abhilfe bringen. Vor dieser wichtigen Erkenntnis hat die Kommission absichtlich ihre Augen verschlossen. Drohung gegen die Dänen. Bei dem Abichiedsessen für den Landrat Dryander in HaderS» leben, der in das preußische Ministerium de« Innern berufen wurde, hielt der Regierungspräsident von Schleswig eine Rede, in der er direkt mit Ansnahmemaßregeln gegen die Dänen drohte. Nach An- ficht des Regierungspräsidenten ist die Agitation der Dänen so zügellos geworden, daß ihre Einschränkung im Jmeresse des Deutschtums eine unabweisbare Notwendigkeit ist. Mit dem Opianten« vertrag sei den Dänen ein ganz besonderer Vertrauensbeweis ge» geben worden. Die Absicht der Regierung sei aber nicht gewesen, ReichSseindeu ein Heim zu schaffen, vielmehr glaubte man. daß die Naturalisierten sich ruhig verhalten würden. Diese Erivarlungen seien gelauscht worden. Die Agitation sei im Gegenteil schroffer und swlinuner als je. deshalb bleibe nur der Ausweg scharser Gegenmaßregeln übrig._ Eine Bauerurevoltc ist in dein Torfe Nisder-Salzbrunn-bei Waldenburg in Schlesien ausgebrochen. Seit einigen Tagen herrscht in einigen Geböften die Mqul- und Klauenseuche. Der Reglerungspräsident hat deshalb bereits in mehreren Fällen angeordnet, daß das kranke Bich abge- schlachtet werden soll. DaS ist bereits auf elf Gehöften geschehen. In Gegenwart der Behörde und der Tierärzte wurde das kranke Fleisch sofort vergraben, das gesunde aber zum Verkauf freigegeben. Diese raschgeschlachteten Tiere wurden im Handumdrehen zum Spekulationsobjekt. Die Händler kauften das freigegebene Fletsch zv. Spottpreisen auf, um es nachher zu hohen Preisen an die Metzger weiterzugeben. Schon darüber waren die Landwirte sehr erregt und es kam mit den Händlern zu leb- haften Auseinandersetzungen, als ihre Manipulationen bekannt wurden. Tie Erregung erreichte aber am Montag ihren Höhepunkt» als auf Anordnung des Regierungspräsidenten wiederum mit der sofortigen Tötung von � 43 Rindern und 33 Schweinen auf drei Gehöften begonnen wer» den sollte. Die Bauern drängten die Beamten hinaus und ver» sperrten die Häuser und Ställe. Die Bevölkerung nahm für die Landleute Partei, und unter großem Hallo mußten die Beamten. Aerzte und Händler trotz polizeilicher Unterstützung abziehen. AiS zur Stunde sind wettere Maßregeln nicht angeordnet. Im allgc» meinen hält man die Anordnung des Regierungspräsidenten für zu hart. Die Bauern sind der Meinung, daß das kranke Vieh durch strengere Jsolierungsmahregeln doch vielleicht hätte gerettet werde» können. Die Behörden sowohl wie die betroffenen Landwirte habe» die Hilfe deS LandlmrtschastsministerS angerufen. Natioualliberale für ein �»chthausgefetz. Der LandeSausschiiß der Natioualliberale» für Toüiingen wich auch der für Hessen-Nassau besaßlen sick, dieser Tage mit der Frag« eine« größeren Schutzes der Arbeitswilligen. In beiden Verjamm» lung-n erklärte man sich für diesen Schutz. Die mecklenburgische Verfassungsfrage vor dem Reichs« tage. Die liberalen mecklenburgischen ReichstagSabgcordnsten werden im Reichstag mit Unterstützung ihrer Fraktionen eine Interpellation über die mecklenburgische Versassungsfrage einbringen. l>ie Vereinigten Staaten uncl Mexiko. Androhung des Ultimatums. Mexiko, 5. November: Obwohl die Negierung in Washington H u e r t a keine genaue Formulierung ihrer Wünsche unterbreitet hat, so wird doch erklärt, daß die Ein- setzung einer provisorischen Regierung von Wilson und Bryan als mögliche Lösung betrachtet wird. In diesem Falle würden die A u f st ä n d i s ch e n in der Kam» Mission, welche die Negierung vorläufig übernehmen wurde, in starker Zahl vertreten fem. Gestern abend fand im Palast eine Unterredung statt betrefsend die von Washington aus gestellte Forderung des Rücktritts Suertas. Huerta beharrte jedoch in zurück- haltender Verschlossenheit. Die Freunde Huertas äußerten sich zu der Washingtoner Mitteilung, daß sie diese Mitteilung praktisch als einen Befehl ansähen.< r Das Memorandum des Präsidenten Wilson be» sagt: Wenn Huerta nicht u n v e r z ü g l ich zurück» tritt und darnach sich der Leitung der Geschastc und der Bildung einer neuen Regierimg enthält, wird Wilson ei» Ultimatum stellen. Tie Ablehnung dieses Ultimatums würde Wilson veranlassen, an den Kongreß das Ersuchen zu richten. ihn zur Ergreifung strengerer Maßnahmen zu ermächtigen. VariS, 5. November. In hiesigen unterrichteten Kreisen glaubt man zu wissen, daß die Vereinigten Staaten drei mexikanische Hafenstädte besetzen werden als Awangemaßregel gegen Huerta. Die ßalhanfrageii. Athen, 5. November. Die Antwortnote der griechischen Regierung auf die Note JialienZ und Oesterreich-Ungarns er- hebt in Erwiderung auf den Vorwurf. Griechenland schüchtere die Bevölkerung der besetzien Gebiete ein und intrigiere gegen die Arbeir der Internationalen Grenzkommisfion für Südalbanien, die Anklage parteiischen und inkorrekten Vorgehens gegen einige Mit- glieder dieser Kommission und ihre Begleitung. Zum Schlüsse lehnt die griechische Regierung jede Veranwortlichkeit ab für den Fall, daß die Arbeiten der Kommission nicht bis zum 8t). November beendigt sein sollten. Oeltcrmcb-CIngani. Neue Tumulte im ungarischen Abgeordnetenhaus. Budapest, S. November. Abgeordnetenhaus. Die O p Po s i t i o n veranstaltete auch heute im Zusammenhang mit der Spielbankangelegenheit gegen Schluß der Sitzung Lärmszenen. Der Oppositionelle Hußar beantragte, morgen die Spielbankangelegenheit auf die Tagesordnung zu setzen. Während dieser Rede warf der Abgeordnete Siegmund Eitner ein Paket Spielkarten aus den Tisch des Hauses und wurde wegen Verletzung der Würde de» Hauses an den Mitzbilligungs- ausschuß verwiesen. Als Hußar seine Rede über Gebühr auS- dehnte, und ihm der Präsident das Wort entzog, verließ die gesamte Opposition das Haus. Obstruktion. Wien, ö. November. Abgeordnetenhaus. Tic ganze heutige Sitzung, in der über die B r a n n t w e i n st e u e r be- raten werden sollte, wurde durch eine fünfstündige Ob st r u k- t: o n s r c d e des ruthenischen Minoritätsberichtcrstatters Holabo- witsch ausgefüllt. Tic nächste Sitzung findet morgen statt. franhrcicb. Verhandlungen mit Rußland. Paris, 5. November. Der..Petit P a r i s i e n" schreibt an- lätzlich der Ankunft oes russischen Ministerpräsidenten K o k o w- z e w: Der russisch« Ministerpräsioent wird mit den franzosischen Staatsmännern eine Unterredung von höchsterWichtig. k c i t haben. Es handelt sich darum, die neuen französischen und russischen M i l i t ä r m a ß n a h m e n in Einklang zu bringen. So bemüht sich die russische Regierung, ihre st r a t e- gi scheu Schienenwege im Westen, die als sehr unzureichend angesehen werden, auszugestalten. Es handelt sich ferner darum, die Politik der beiden Länder Griechenland gegenüber in Einklang zu bringen. Die Insel frage wird sich von einem Tage zum anderen in noch dringlicherer Weise geltend machen als die albancsische. Schließlich wird auch die kl c i n a s i a t i s ch e Frage mit allen ihren Folgen erörtert werden. Belgien. Eine Massendemonstration der Brüsseler Arbeiter. Brüssel, 4. November. sEig. Bcr.) Vierzehn Tage, seit Beginn Kammersession, dauert bereits das Gefecht zwilcheu den Linksparteien— Sozialisten und Liberale»—. nnd den Klerikalen in der SÄulflage.� Es ist der dritte Angriff auf die Schule, zu dem die Klerikalen seit sie an der Regierung sind, ausholen. Dieser dritte Angriff— bekannilich wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken — überragt weit die beiden ersten: er soll die kirchliche Herr« schafl in der Schule vollenden und zu diesem Zweck sollen Staat und Volk bluten. Die Klerikalen geben vor, daß das Land ihr Schulprojekt, dem sie großtuerisch die Scheinhülle des Zwangsunierrichls leihen, gutheiße, daß sich zum mindest kein Widerstand bemerkbar mache. Die Herr- schoflen meinen wohl, daß die Arbeiterpartei für jede klerikale Schandtat eine kleine Revolution oder weniastens einen Generalstreik inszenieren soll-» damit ihnen mit dem Erlrag ihrer parla« mentarischen Lorbeeren auch gleich womöglich einige blutige niit in den Schoß fallen... Der friedliche Protest, der sich seit Monaten in der Arbeiterschaft und im Bürgerium kundgibt und der nun in noch inlensiveren Formen die Schuldebalte begleitet, zählt nicht und wiegt nicht bei den Klerikalen. Den Protestkundgebungen und Meetings der letzten Wochen reihte gestern die Brüflelcr Föderalion eine Straßenkundgebung an, die an Eindruck und Umfang den besten Veranstaltungen des opferwilligen Brüsseler ProlelariaiS gleichkam. Der Zug formierte sich in den Nebenstraßen und vor dem„Maii'on du Peuple" und zog dann den gewohnten Weg durch die innere Stadt. Den ganzen Weg spielten die Arbeiterkapellen Märsche und revolutionäre Lieder, in die der Gesang und die Rufe der Masten hmeintönten. Im Fackelschein la!»n die Tausende der Spalier bildenden die Standarten und Transparente, die in kräiligen und plastischen Sprüchen das Urteil des Volkes über das klerikale Schulgesetz, die Ambitionen des Klerus und der psäffiichen Regierung zusammenfaßten. Ein und .eine halbe Stunde stand die Stadt in. Bann des dahinflutenden Zuges, der das gewohnte Bild malerisch-bunten Reizes, erhöht noch durch da» groß« Aufgebot von Fackeln, bot: was sich gleichzeitig als symbolische Demonstration des Licht» gegen die Finsternis anließ.... Zum Schluß kehrten die Demonstranten wieder zum VolkshauS zurück, wo vom Balkon herunter die Genossen Wanters und Vandervelde Wesen und Absichten deS klerikalen Schulgesetzes resümierten und die Arbeiter anriefen, den drohenden Folgen der klerikalen Schulpolitik ihre ganze Energie entgegenzusetzen. Die dichtgedrängten Massen gaben begeistert ihr« Zustimmung. Was nicht hindert, daß in der nächsten Kammersitzung die Regierung und ihre Sprecher erklären werden, daß das„Land' ihr ungeheuerliches Schulprojekl dilligt. England. Die Gemeindewahlen. Londau, 3. November.(Eig. Ber.) In den englischen Gemeindewahlen, die am 1. November stattfanden, haben die Sozialisten und Arbeitervartciler schöne Siege errungen. Es handelte sich um die Wahl des Drittels der Gemeinderäte in England und Wales, das jedes Jahr ausscheidet. Wahl- berechtigt sind zienrlich dieselben Personen, die das parlamen. tarische Wahlrecht haben, doch darf bei den Gemeindenwahlcn auch eine beschränkte Anzahl Krauen wählen. In London wurde in diesem Jahre nickt gewählt: hier werden die Ge- meindevertretungen alle drei Jahre gewählt. Das wichtigste Ergebnis der vorgenommenen Wahlen ist der glänzende Sieg der A r b e i t e r v ert r c t e r, die als Arbeiter- varteiler oder Sozialisten kandidierten. Das Gesamt- etgebniS läßt sich stets nur schwer und erst lange nach den Wahlen genau feststellen, doch die vorliegenden Resultate lassen keinen Zweifel an dem großen Vorstoß der organisierten Arbeiterschaft in den englischen Gemeindevertretungen auf« kommen. Insgesamt verloren die Liberalen 49 Sitze und ge- wannen 41: die Konservativen verloren 62 und gewannen 48: Arbeiterparteilcr.und Sozialisten aber verloren nur 14 und gewannen 33 Sitze. Viele dieser Siege wurden über den bürgerlichen Mischmasch der Liberalen und Konser- vativcn errungen, die sich immer häufiger bei Gemeinderats. Wahlen zusammenfinden. Besonders erfolgreich waren die Arbeiterkandidaten in den großen Industriestädten des Nordens. In der sozialistischen Hochburg Bradford gelang es den Genossen, ihre schon stattliche Vertretung um drei weitere Mandate im Gemeinderat zu vermehren. In Wigan haben die Arbeiterparteiler den Konservativen ö Mandate ab- genommen. In Barrow, Leeds und Middlesbrough gewann die Arbeiterpartei je 3 Mandate. In Stockton-on-Tees. wo wegen der Erweiterung der Gemerndegrenzen eine allgemeine Wahl stattfand, nahmen die Sozialisten den Liberalen zwei Mandate ob und ein weiterer Arbeiterparteiler wurde gewählt. Eine der interessantesten Wahlen fand in dem alten historischen Jork statt. Hier hatten die Liberalen mit den Arbeitervertretern bisher die Mehrheit. In diesem Jahre war nun beschlossen worden, den Genossen H a r t l c p, der seit fünfzehn Jahren Ratsherr(aläerwan) der Stadt ist, zum Oberbürgermeister zu wählen. Hartley ist ein Rangierer an der Eisenbahn und ein tätiger sozialdemokratischer Agitator, cker sein Licht nicht unter dem Scheffel verbirgt. Den be- häbigen Patriziern der Stadt wollte die Wahl des Arbeiters gar nicht gefallen. Sie wünschten sich einen Oberbürger- meister, wie sie ihn stets gehabt: einen reichen Mann, der Geld spendieren kann. Bald nachdem die Absicht der Mehr- heit des Gemeinderats bekannt wurde, setzte die Hetze gegen den künftigen Oberbürgermeister ein. der dem Kampfe nicht aus dem Wege ging. Vor einigen Tagen schlug er in Brad- ford dem Faß den Boden aus. Der Ratsherr von Pork war von den Bradforder Genossen eingeladen worden, ihnen im Wahlkampf beizustehen. In einer Wählerversammlung führte er daraufhin aus. daß es ihm sonderbar vorkomme, daß die Stadt Bradford, die Hochburg des Sozialismus, deren Gemeindepolitik für das gesamte Land ein leuchtendes Beispiel sei, nach einem Vertreter des schläfrigen Aork geschickt habe. Man habe ihn zum künftigen Oberbürgermeister� von Bork bestimmt, aber wenn die Leute glaubten, daß er seiner Klasse untreu werden würde, wenn man ihn mit Frau und Kindern in die prächtige Residenz des Oberbürgermeisters schickte, so irrten sie sich: er lasse sich keinen Mautkorb anlegen. Diese freimütige Rede entsachte die Wut' der Aorker Reaktionäre, und die Wahl oder NichtWahl des Sozialisten zum Ober- bürgermeister wurde zur Hauptfrage der Wahlbewegung. Die Wahl fiel sg aus. wie Wahlen gewöhnlich auszufallen pflegen, wenn feindliche Prinzipien hakt aufeinander stoßen: die weichgesottene Mittelpartei wurde zerauetscht. Fünf Ge« meindevertreter. die alle der liberalen Partei angehörten. mußten sich der Neuwahl unterziehen. Sie wurden alle ge« schlagen: vier Mandate wurden von den Konservativen und eins von der Arbeiterpartei erobert. Nun haben die Konser- vativen eine Mehrheit im Stadtrat, und Bork wird noch ein Weilchen warten müssen, ehe es seinen verdienstvollen sozial- demokratischen Stadtrat zum Oberbürgermeister machen kann. Die Gemeinderatswahlcn dieses Jahres bedeuten einen entschiedenen Ruck nach links zur selbständigen Arbeiterpolitik und zum Sozialismus und sind' wohl die beste Widerlegung der Mär. daß sich die englische Arbeiterschaft in steigendem Maße der Politik abwende. Ctrina. Ein Gewaltstreich gegen die Oppositio«. Peking, 5. November.(Meldung deS Reuterschen Bureau».) Die Regierung hat ein Manifest erlassen, ourch das die K u o- mingtangpartei, die Opposition deS Südens, aufgelöst wird und die Sitze ihrer Mitglieder im Parlament für erledigt erklärt werden. Das Manifest begründet diese Maßnahme sehr ausführlich damit, daß der Aufruhr und die fort- gesetzte Opposition gegenüber der Regierung jeoen Fortschritt aufhalte. DaS Manifest hat z>var Aufregung verursacht, doch hat die Regierung, wie der Korrespondent des Reuterschen Bu« reauS an amtlicher Stelle erfährt, entsprechende militärische Maßnahmen getroffen, ehe sie das Manifest erließ, so daß sie keine Unruhen befürchtet. Rußlands Protektorat über die Mongolei. Peking, S. November. Das russisch-chinesifche Abkommen über die äußere Mongolei ist heute unter« zeichnet worden. In diesem wird die Autonomie der äußeren Mongolei unter der Suzeränität China» an«» kennt. China verzichtet auf daS Recht, Truppen nach der äußeren Mongolei zu entsenden, eine chinesische Verwaltung dort zu unter» halten, Kolonien zu gründen und sich in kommerzielle oder indu- strielle Fragen einzumischen. Amerika. Eine schwere Niederlage Tammauh Hall». New Aork, 5. November. Nach einem beispiellos heftigen Wahlkampf hat T a m m a n y Hall, die korrupte„demo- kratische" Parteiorganisation von New Jork, eine schwere Niederlage erlitten und ist vollständig geschlagen worden. Bei den gestrigen Wahlen für die New Aorker Staats- lcgislatur wurde der gegenwärtige Chef des New Jorker Zollamtes. M i t ch e l, der für das Bürger m ei st eramt kandidierte, sowie der abgesetzte Gouverneur von Mbanh, S u l z e r, der sich als Kandidat für die StaatS-Assembly auf- stellen ließ, und eine Reihe anderer Anti-Tammany-K'andidaten mit großen Mehrheiten gewählt. Mitchel hat eine Majorität von mehr als 100 000 Stimmen erlangt. Tammany verliert auch die Majorität in der Staatslegislatur, wo bereits 83 Republikaner, 48 Demo- kraten und 5 Progrcssisten gewählt sind. Das Ergebnis aus 12 Distrikten fehlt noch. Außer in Massachusetts und Virginien wurde auch in New Jersey ein demokratischer Gou- v e r n e u r gewählt, dessen Kandidatur energisch von Wilson und Bryan unterstützt wurde. Demokratische Wahlerfolge. New Aork, 5. November.(53. T. B.) Wahrend Tammany in New Aork eine vernichtende Niederlage erlitten hat. sind an anderen Orten die Demokraten im allgemeinen erfolg- reich gewesen, Präsident W i I s o n ist besonders befriedigt über das entscheidende Ergebnis in New Jersey, das er als eine B e st ä t i g u n g s e i n e r P o l i t i k dnrch seinen eigenen Staat betrachtet. Staatssekretär B r y a n erklärte, die Er- gebnisse der Wahlen seien eine Bestätigung der Politik des Präsidenten. Lisenbahnkatastrophe in franisteich. Eine der furchtbarsten Verkehrskatastrophen, die sich seit langen Jähren in Frankreich zugetragen haben, hat sich in der Nackt zum Mittwoch auf dem Bahnhof M c l u n abge- spiel». Dicht vor der Einfahrt zum Bahnhof fuhr gegen 11 Uhr abends der Postzug Paris— Marseille mit einer Ge- schwindigkeit von 4 0 Kilometern einen: in voller Fahrt befindlichen Schnellzuge Nizza— Paris schräg in die Flanke. Die Wirkung des ungeheuren Zusammenstoßes war um so entsetz- sicher, als die Trümmer beider Züge in Brand gerieten. Die mit dem Leben davongekommenen Passagiere ließen zu- nächst die Hilferufe der in den brennenden Trümmern eingc- klemmten Verwundeten uickcachtet und liefen, von panisdiem Schrecken ergriffen, davon. Den zur Rettung herbei geeilten Bahnhofsbeamten, der Feuerwehr und dem reguierierten Militär bot sich ein wüstes Durcheinander. Nach stundenlangen Lösch, und Bergungsarbeiten wurden 2 0 Tote und zahlreiche Verwundete geborgen; doch wird die Gesamtzahl der Toten auf etwa 30 geschätzt, lieber die Einzelheiten des schweren Unglücks berichten folgende Telegramme: Melun, 5. November. Die Unglücksstellc bietet einen schreck- lichen Anblick. Die Gaslaternen, die an beiden Seiten der Böschung standen, sind ausgegangen und die Unglücksstellc wird nur von dem roten Schein der Fackeln der Feuerwehrleute erleuchtet und inmitten de» Wirrwarrs von Menschen qualmt ei.n riesiger Trümmerhaufen, die brennenden Wagen der beiden verunglückten Züge. An der Unglücksstellc selbst herrscht ein entsetzliches Durcheinander. Feuerwehrleute, Eisenbahnbeamtc, Militär und überlebende Passagiere machen ver- zweifelte Anstrengungen zur Rettung der unter den Trümmern Begrabenen, angespornt durch die gellenden Hilferufe der Verunglückten. Dazwischen irren laut weinend die Angehörigen der Opfer umher, Frauen jammern, Kinder weinen, Männer spornen die Retter zu unermüdlicher Arbeit an. Aus den unentwirrbaren Trümmern ragen ab und zu ver- brannte menschliche Glieder hervor. Melun, ö. November. DaS Eisenbahnunglück wird auf Fahr- lässigkeit des Lokomotivführers des Schnellzuges, D u m a i n e, zurückgeführt, der den von Marseille mit einer Fahrgeschwin- digkeit von öst Kilometer in der Stunde kommenden Zug, trotzdem die Signale ihm die Durchfahrt durch Melun nicht freigegeben hatten, auf das Gleis fahren ließ, auf dem der Postzug ankam. Bis um Mitternacht waren dreizehn Leichen geborgen und vierzehn Verletzte ins Hospital geschafft worden. Um 2'A Uhr traf der Handelsminister an der Unglücksstelle ein. Um 3 Uhr waren noch zwei verkohlte Leichen unter den Trümmern hervorgezogen worden. Die Flammen waren erloschen, so daß vollständige Finsternis herrschte. Tic Verwirrung war unbeschreiblich. Eine junge Frau war unter den Tender der Lokomotive des Schnellzuges geraten. sie hatte das Bewußtsein nicht verloren und rief verzweifelt um Hilfe. Ihr Gatte, ein Hauptmann der Infanterie, starb im Hospital. Ein Postbeamter sagte aus. daß der Zug bei dem Zusammenstoß eine Geschwindigkeit von 40 Kilo, meter hatte, als der Wagen, in dem er sich befand, zer- schmettert wurde. Er sah Menschen wie wahnsinnig davonstürzen, dann hörte er zwei Explosionen. Er glaubt, daß etwa zwanzig seiner Kameraden getötet sind. Neun Leichen sind noch nicht erkannt. Der Zugführer Dumaine ist leicht am Kopf verletzt; er behauptet, das Signal habe auf Frei ge- standen. Der Heizer blieb unverletzt. Melun, 3. Noveucker. Bei der Maschine des verunglückten Schnellzuges Wurden noch vier Leichen geborgen, die so ver- kohlt sind, das; sie fast unkenntlich sind. Die Untersuchung ist im Gange. Es wurde festgestellt, daß die Weichen und Signal- scheiden vollkommen funktionierten Der verhastete Zug- führer erklärte, ihm habe geschienen, als ob er freie Fahrt habe: er habe den Zug erst gesehen, als das Unglück unver- weidlich gewesen sei. Unter den Trümmern liegen noch zwanzig L e i ch e n. Die Verletzten haben außer anderen Verletzungen alle schwere Brandwunden erlitten. Die unter dein Teirder eingeklemmte Frau starbumSUHr früh, nachdem sie acht Stunden in ihrer schrecklichen Lage, ohne das Bewußtsein zu verlieren, zugebracht statte. Paris, 6. November. Es scheint, daß die Mehrzahl der Ver- unglückten Postbeamte sind. In den beiden Postwagen des überrannten Postzuges befanden sich 21 Postbeamte, die sämtlich verschwunden sind. Man hält c» zwar für möglich, daß einige von ihnen, von panischem Schrecken erfaßt, geflüchtet find, fürchtet jedoch, daß die meisten von ihnen den Verbrenn» ngZtod erlitten haben. Unter den Verletzten wird ein.Hamburger, namens Max Ab erb ach. aufgeführt. In dem Marseille? Expreßzuge befanden sich zahlreiche holländische Reisend«, die meist nur unbedeutende Quetschungen durch herab, stürzende Gepäckstücke erlitten haben. * Noch eine Eifenbaknkatattropde. Fast gleichzeitig mit dem entsetzlichen Unglück nt Melun hat sich auf der russischen Elsenbahnlime M o s k a u— K a s a n ein anderes schweres Verkehrsunglück zugetragen. Wie ein Telegramm aus Moskau meldet, entgleiste in der Nacht zum Mittwoch ein von Nischny-Noivgorad nach Pensa fahrender Personenzug. 14 Personen wurden getötet und 16 schwer verletzt. Es liegt der Verdacht vor. daß das Unglück in böswilliger Absicht herbeigeführt wurde. ♦ Zurammcnftoß zweier belgischen Güterzüge. Brüssel, 5. November. Heute nacht hat auf dem Eisen- bastnknotenpunkt G H e n e c bei Lüttich ein Zusammenstoß zweier Güterzüge stattgefunden, wobei drei Personen getötet und mehrere verletzt worden sind. letzte Nachrfebten. Amnestie des neuen Bayernkönigs. Müncken, ö. Ropembcr.(H. B.) König Ludwig hat aus Anlaß seiner Proklamierung eine umfangreiche Amnestie verkündet. Neben zahlreichen Straferlassen wird u. a. angeordnet, daß Vermerke über Verurteilungen wegen Vergehens und Ucbertretung im Straf- register und in den militärischen Listen und Papieren gelöscht »verden,»venu sich der Verurteilte längere Zeit gut geführt hat. „'Runter!" das ist die Devise, mit der fetzt unsere Preise festgelegt werden, und die nebenstehenden Beipiele Können Ihnen das Ergebnis recht gut illustrieren Und beim Besorgen Ihres Mantels be* denken Sie wohl, dass Sie bei uns für einen Paletot aus gutem Stoff(voll geschnitten) mit durchaus moderner, eleg. Verarbeitung jetzt nicht mehr als 18 MarR zu zahlen brauchen! Sonntag* geschlossen Königstr. Chaussecstr. 33 113 SozialdemokratisetierVaiilvereln !.ii.2.Beri.Reieiistass-Watilkreis. Heute. Mittwoch, verstarS am Horzichlage unser langjähriges BorstandSmitglied, der Zeitmigs- ipediteur Hermann ferner im Siv Lebensjahre 206/16 Ehre feinem Andenken! Der Vorstand. SozialdemokraüscherWaiiiYemn LI 4.Berl. Reiebstagswatilkreis. Frankfurter Viertel. Bez. 384 1. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Genosse, der Maschinist Georg Hirsch (Barnim str. 13) gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet morgen Zreitag, den 7. November, nach» inittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Bartholomäus. KirchhoseS in Weigensee aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 218/7 Der Torstand. Zentralrerband der Ministen o. Heizer sowie Beralsg. Dentscid. Geschäftsstelle GroB- Berlin. Bezirk Osten. Am Dienstag, den 4. November, verstarb unser Mitglied, Kollege Georg Hirsch. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 7. d. M.. nachmittags 1 Uhr, von der Leichenhalle des Bartholomäus-ZtirchboseS.Weificn- sie, Falkenberger Straße, aus statt. Wir bitten um zahlreiche Le- teiligungl tuSn Die GescHSftsstellenverwallung. GesangYnreta Jeeterklanf, f ierdurch die traurige Nachricht, unser SMigeSbrudcr �IkreÄ Hahn am Sonntag, den 2. November. plötzlich an Herzschlag gestorben ist. Die Beerdigung findet beute Donnerstag, nachmittags 2'/, Uhr, von der Leichenhalle des.stentral- Friedhoses in JriedrichSjelde aus statt. 60/6 Deiitseher Transportarlieiter- Verband. Bezirksverwaltung GroB-Berlin. Den Mstgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Haus- uicner �lkred ttahn am 2. d. Mts. mi Alter von 22 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 6. d. M.. nach- mittags 2'/. Uhr, von der Leichen- halle des Zenlral- Friedhofes in Friedrich sseldc aus statt.' Den Miiglicdern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Arbeiter Hermaim Zabel verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 6. d. M.. nach» mittags l1/, Uhr, von der Leichen- halle des Gethsemanc-KirchhoseZ, Nicdcr-Schönhausen, aus statt. 69/8 Die Bczirksverwallung. Beutsclier Bauarbeiteryerband. Zweigverei» Berlin. Am 4. November starb unser Mitglied, der Maurer Wilhelm k�ix (Bezirl Neukölln). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 3. November, nachmittags 2 Uhr, von der Halle des Genieinde-Friedhoscs ia Reu- tölln, Maricndorjcr Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 146/9 Der Vorstnnd. Ortsgruppe Grost-Bertin. Den Mitgiiedern zur gefälligen Nachricht, daß unser Kollege Josef Kerber (Anwatts.Bureauoorstcber) an Herzschlag vcrjiorben ist. Echrc seinem Andenken! Die Beerdigung crsolat heule Donnerstag, den 6. Növember. nachmittags 3 Uhr, von der Leichen- balle der Städtischen Friedhofes in Friedrichssclde aus statt. Die Ortsverwaltung. Am 3. November verstarb plötzlieb unser lieber Freund und Kollege und unerwartet 293/18 Wilhelm Schröder. Wir verlieren in ihm einen freuen und selbstlosen Kameraden, dessen viel zu friifaer Tod uns allen tiefsten Schmerz bereitet hat Wir worden ihm stets ein liebevolles Andenken bewahren, Sozialdemokratisches Pressebureau Parteikorrespondenz Partei-Archiv. Die Einäscherung findet am Freitagnachmittag im Krematorium zu Hamburg statt »3KT Deutscber Metallarbeiter-Verband Verwartungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, dafi unser Mitglied, der Schmied Georg �VutT Nazarcthlirchstr. 52, am 3. d. M. gestorben ist Die Beerdigung findet am Freitag, den 7. November, nach- mittags 2'/. Uhr. von der Leichen- balle des'Zcntral-Friedhofes in Friedrichssclde aus statt. Ferner starb unser Mitglied, der Schlosser Paul Gifams Eherzierstr. 21, am 3. d. M. an Wassersucht. Die Beerdigung findet am Freitag, den 7. November, nach- niitiags 2°/, Uhr, von der Leichen- balle des Slädlischen Friedhoses in der Scestrabc aus statt. Ehre ihrem Andenken! Rege Beteiligung erwartet 129/4 Die Ortsverwaltung. Verband der Schneider. Sclineiderinnen u. Wäscfeearbeiter Deutschlands. Den Mitgliedern hiermit zur Nachricht, das; unser Kollege, der Herrcnmatzschneider Franz KIups am&. November im Alter von '.3 Jahren verstorben ist Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags 3'/, Udr, von der Halle des St Michael- Kirchhofs. Neulölln, Maricndorscr Weg, aus statt 164/20 Die Ortsverwaltung Am 4. November verschied nach schwerem Leiden mein innigst. geiiebter, guter Mann, der Tischler Wilhelm Klimm im 50. Lebensjahre. 2866b Beerdigung� Freitag nachmittag >'.3 Uhr von der Halle des Steglitzer Fried doseS, Bergstraße. auS. Tie trauernde Eattin Dänin Kllmni, geb. Schiller. Steglitz, Kieler Str. 5. Beutscher Bolzarheitemriiand. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, dag unser Kollege, der Tischler >Vilhelm Klimm Steglitz, Kieler Str. 5, im Aller von 49 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Freitag, den 7. November, nach- miltagö'le3 Uhr, von der Halle des Steglitzer Gemeinde- Fried- hojs in der Bergstrage ouS statt 91/10 Die OrtSverwalinng. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und Baiers sage ich allen Ber- wandten und Bekannten, insbesondere dtz» Kollege» der Firma Härtung, dem Rauchttub.Ambalema" sowie den Mieteru von klntonstraße 34 meinen herzlichsten Dank. 79A Minna Schraiber nebst Tochter. Metallbetten, Hclzrahmenmatratzen, Kinderbetten billigst an Private. Katalog frei. DInennivdeltndt-tk.SudI I.ThQr. Sozialdemokratiseher Wahlverein Viimersdorf. l inieren Mitgliedern die traurige Nachricht, dag am 3. d. Mts. uns unser Genosse, der Schriftsteller Wilhelm Schröder durch den Tod entrissen wurde. Wir verlieren in dem Ber- ftorbenen, der einige Jahre das Amt des ersten Vorfitzenden be, kleidete, einen eifrigen Kamps- genossen und edlen Menschen, der auch ini Stadtparlament un- ermüdlich und vorbildlich für unsere großen Ideen gestritten hat. Ehre seinem Andenken! Die Einäscherung findet am Freitag im Krematorium zu Hamburg statt, Der Borftand. llrTSImniei Spezial-Arzt für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41,«tÄ 10—2. 5-7. Sonntags 10—12. | Gelegenheitskauf! Schwere Sdilnfhcfhen 5.» ß«a M Pferdedecken! jSt. 250 350 4S0 550 M. 1 Ei» Posten MeitßKiecken dicke tevvdecken grögte Auswahl, billigst/ auch Ausarbeilen alter Steppdecken. »Fabrik Berlin, Wallstr. 72. zwischen Rotz- a. Jnjekstr. �pezialarzt s. Haut-, Harn. Frauenleide». nerv. Schwäche. Brinkranke jeder Art. Ehrlich Hata- Kuren in üs. ÜWgsgs nntersuchung.. Föden>. Harn u'w. ttilickKIt. Si.«ZÜ». Spr. 10— 2, 5— 9, e-onnt. 11— 2. Honorar mdhig, auch Teilzahl. Separates Tamenzimmer. !8l. 1-° ZS" 3' 5 4ZS M. bct�Keisedeeken !3U75 67S 97Sbis36M. y»- viir dicke Portieren _ alle Farbe» I Meter 3,00, 2 50 bis 4,50. j Abgep. Friesmäntel 2,25-8 M 1 Bersand unter Nachnahme. WilLsfevre ! öerliv 8., Branleztr. tSS. Irbeilei'-öjlllullg88eliu!e. Sonntag, den 9. November, in den Jndustrie-Festsäle«, Beuthstr. 10—20; Lustiger Dichter-Abend. U. a.: Bes!lt»ti«nen mit 4«rliit,mnx von lachtblldern; WUheUn Bäsch:„Max und Moritz--. Mitwirkende: Fraa Helene Bachmanskl-Schaul mit eigener Begleitung am Klavier; Beer Richard Goltz, Frankfart a. 31., Rezitationen. Billettö sind in der Schule, Jlrenndieritr. 37, in den Zigarre». Handlungen von �orirv, Engelusee lö. Gottsr. Schulz, Am Ko.tbusee Tor, Bogel, Lortzingstr. 37, und cm der Kasse zu habe». Eintritt 50 Pf. Garderobe frei. 6/12» Kasse, löffnung 0 Uhr. Beginn 7 Uhr. Nachdem: Gemütliches Keisammnsem und Tam. ' Cerantw. Redatt.: Blsred Wieltpp, Neukölln. Lnsergtentetl veranttv. awM««pWM>WMWW>W»>WW»UBM>to JCAlBCnmUKKCimwA'ilKsOUni I. I nur.______ � �____' Nr. 292. 80. Jahrgang. 1. KtilM Ks Jornttf Kniim NxlksM Donnerstag, 6. November 1913. SewerKfcKaMicKes. Hua der Gcfdiäftspraxis der Streikbrecher- Vermittler. Ein Gewerkschaftsangestellter schreibt uns: Seit�dic Ver- mittlung von Arbeitswilligen sich für eine gewisse Sorte von Menschen zu einem Gewerbe herausgebildet hat, tnerden die Unternehmer vielfach mit Angeboten zur Lieferung von Arbeitswilligen geradezu überlaufen. Es scheint sich bei den Streikbrecherlieferanten die Praxis Bahn gebrochen zu haben, daß sie, wenn irgendwo ein Streik oder eine Sperre publiziert wird, der bestreikten oder gesperrten Firma durch Offerten ihre lebende Ware anbieten. Das nachfolgende Schreiben, das ein Streikbrecherlieferant an einen Fabrikanten geschickt hat, beweist dies: „Herrn........... Aus Dem mir vorliegenden Berliner„Vorwärts" ersehe ich, daß in Ihrem Betriebe ein Streik der Metallarbeiter ausgc- brachen ist und gestatte ich mir, Ihnen zur Beschaffung der zur Aufrechterhaltung Ihres Betriebes und zur erfolgreichen Bc- kämpfung des Streiks notwendigen Arbeitswilligen meine Dienste anzubieten. Ich habe stets eine größere Anzahl unorganisierter Arbeiter aller Berufszweige an der Hand, und in einer ganzen Reihe von Fällen durch Gestellung von Arbeitsluilligen die ausgebrochenen �Streiks stets zugunsten der Herren Arbeitgeber bekämpft, wie Sie aus der beigefügten Referenzen belieben zu ersehen. Ich bin gern bereit, gegen Erstattung meiner Reise- rosten zur Besprechung aller Einzelheiten nach dort zu kommen, und sollte cS mich freuen, wenn auch Sie sich meiner Dienste zur Abwendung der gewiß maßlosen Forderungen Ihrer strei- t enden Arbeiter bedienen würden. Ihrer geschaßten Nachricht ob beKv. wann Ihnen mein Be- such genehm ist. bleibe ich gern envartend und empfehle ich mich Ihnen inzwischen hochachtungsvoll." Tä das Schreiben hektographiert ist, also in größerer Anzahl hergestellt, gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir an- nehmen, daß das Zusenden solcher Schreiben an Firmen, die bestreikt oder gesperrt sind, ständige Geschäftspraris ist.— In obigem Falle scheint die Firma auf das Angebot reagiert zu haben, denn sie erhielt bald darauf nochmals ein Schreiben, und zwar folgenden Inhalts: „Herrn........... Ich habe versucht, die Zeitung noch zu bekommen, aber leider ist dieselbe aus der hiesigen Lesehalle entfernt. Es gibt hier in d« Aoalbertstraße eine öffentliche Lesehalle, und da liegen die meisten Volkszeitungen von allen größeren Städten aus. Die Zeitungen Wersen alle zwei Tage ausgewechselt und wandern dann als Makulatur zum Verkauf und ist es mir nicht möglich, die Zeitungen zu erlangen. Auch im hiesigen Metall- arbeiterburstru steht Ihre Firma am schwarzen Brett angeschlagen, und wi.d bor Zuzug nach dort gewarnt. Sollte ich nochmals eine Notiz finden in irgendeiner Zeitung, so werde ich sie Ihnen zuschicken. Hochachtungsvoll." Aus diesem Schreiben geht hervvr, daß die Streikbrecher- lieseranteu auch in der Lesehalle in der Adalbertstraße in Berlin(gemeint ist sicher die Heimannsche Lesehalle) und im Arbeitsnachweis des Metallarbeiterverbandes nach den Adressen solcher Firmen suchen lassen, die init den Arbeitern im Kampf stehen, um so das Geschäft leistungsfähig zu machen. Es ist eine schon seit längerer Zeit von uns beachtete Erscheinung, daß profcssionsinäßige Arbeitswillige die Ber- öffentlichungen in den Arbeiterzeitungen daraufhin durch- suchen, wo ein Betrieb gesperrt ist, um in dem betreffenden Betrieb ihre Dienste anzubieten. Die S P e r r n o t i z e n in den Arbeiterzeitungen sind für diese Leute also g e>v i s s c r nr a ß c n eine Art Arbeits- ir a ch u> c i s. Nun scheinen die Leute, die das Gewerbe der Vermittlung von Arbeitswilligen ausüben, in der gleichen Weise zu ver- fahren. Es wird wobl nötig werden, daß die Gewerkschaften, um diesen Leuten ihr Handwerk zu legen, Streiks und Sperren in anderer Weise bekannt geben, damit den Ver- Mittlern von Arbeitswilligen ihr Geschäft nicht noch un- absichtlich durch die Veröffentlichungen in den Arbeiter- zeitungen erleichtert wird._ BcvUn und Umgegend. Achtung, Putzer! Tic Innenputzer auf dem Bau Lortzing- Ecke Swinemünder Straße, Warenlmus Löwenberg, haben wegen Lohndifferenzen die Arbeit niedergelegt. Der Bau gilt bis auf weiteres für Putzer gesperrt. Deutscher Bauarbeitcrverband, Zweigverein Berlin. Sektion der Putzer. Tie Kutscher und Arbeiter der Firma Theodor Schmiedi- g e n, Hochstr. 3(Schwerfuhrwerk), haben am Dienstag die Arbeit niedergelegt wegen Tarifbruch des Arbeitgebers und Maßregelung des Vertrauensmannes. Herr Schmiedigen hat den Tarifvertrag für die Bau- und Arbcitskutscher(tschwerfuhrwerk) vom Jahre Illlä durch seine Unterschrift anerkannt. Nun glaubte der Herr wohl, die gegenwärtige Zeit der Arbeitslosigkeit dazu benutzen zu können, um den Tarifvertrag zu umgehen oder ganz zu vernichten. Das wäre ihm vielleicht geglückt, aber alle Kutscher und Arbeiter in dem Betrieb sind Mitglieder des Transportarbcitervcrbandcs und befolgen das, was in dem Tarifvertrag niedergeschrieben ist, sehr genau. So forderten in der vorigen Woche einige Arbeiter die Bezahlung der von ihnen geleisteten lleberstunden. Herr Th. Schmiedigen bezahlte auch. Aber prompt erfolgte auch die Ent- lassung derselben Arbeiter. Die Kutscher und Arbeiter nahmen nun in einer Betriebsversammlung dazu Stellung. Das war Herrn Schmicdigen sehr unangenehm und er hat als Antwort darauf den Vertrauensmann, welcher Familienvater ist und sechs schulpflichtige Kinder hat, auch Jahre hindurch in dem Betrieb seine volle Pflicht und Schuldigkeit erfüllte, entlassen. Vertreter haben nun mit Herrn Schmiedigen verhandelt. Tie Verhandlung hatte nicht den erwünschten Erfolg. Darauf legten die Kutscher und Arbeiter die Arbeit nieder. Herr Schmiedigen leistet mit seinen Fuhrwerken Arbeiten, welche die Stadt Berlin ihm über- tragen hat. Ter Streik steht für die Kutscher und Arbeiter sehr gut, wenn auch Herr Th. Schmiedigen selbst Kutscher geworden ist und die Fuhrhcrren, ganz besonders die kleinen Fuhrleute und einige sehr sonderbare Arbeiter Arbeitswilligendicnste verrichten. Die Streikenden sind guten Mutes und fordern alle Kutscher und Arbeiter auf, keine Arbeiten fiir die Firma Theodor Söhmiedigen zu verrichten, auch wenn sie von anderer Seite angeboten wird. veutkehes Reich. Nachklänge von der Lohnbewegung der Papierwaren- arbeiter in Aschcrsleben. Als im Vorjahre die elend entlohnten Papicrwarcnarbeiter und-arbeiterinnen Ascherslebens sich etwas bessere Arbeitsbedin- gungen erringen wollten, versuchten besonders die Inhaber der größten Firma, die vielfachen Millionäre Bcstehorn, mit allen Mitteln dies durchaus berechtigte Bestreben zu verhindern. Sic setzten nicht nur die städtischen und staatlichen Behörden, sondern auch in hohem Matze die Gerichte in Bewegung, um die Lohn- bcwegung zum Scheitern und die Führer derselben möglichst hinter Schloß und Riegel zu bringen. Selbst ein am Streik völlig un- beteiligter Buchdrucker mußte unschuldigerweise acht Wochen lang im Gefängnis sitzen, weil er angeblich einige Adressen der Kunden der Firma Bestehorn an die Wtrcikendcn verraten haben sollte. Als ein Mißerfolg dieser Justizaition so gut wie sicher war, zog die noble Firma ihren Strafantrag gegen den betreffenden Buch- drucker zurück, ohne ihm auch nur die geringste Entschädigung für die unschuldig erlittene Untersuchungshaft zu erstatten. Gegen den Vorsitzenden des Buchbidcrverbandes, Kloth. und den Bezirksleitcr K o r n a ck e r wurden mehrere Prozesse wegen aller möglichen Straftaten angestrengt, aber in allen bisher entschiedenen Pro- zessen zog die Firma Bcstehorn den kürzeren. Und so wurde sie erst kürzlich wiederum vom Schöffengericht in Hannover mit einer Beleidigungsklage eines bei ihr beschäftigten Heimarbeiters gegen K o r n a ck e r glatt abgewiesen, weil erstens nicht nach- gewiesen worden sei, daß Kornacker der Verfasser eines die Be- leidigung enthaltenden Artikels in der„Buchbinder-Zeitung" sei, außerdem aber auch dem Genannten der Schutz des 8 1�3 deS Strafgesetzbuchs zugebilligt werden müsse, da er berechtigt gewesen sei, die unhygienischen und gesundheitsschädlichen Zustände in der Ascherslebencr Heimindustrie zu schildern; auch sei der Wahrheits- beweis als gelungen anzusehen. Die Solinger Taniaszierer, Aetzer und Hilfsarbeiter stehen in einer Bewegung zur Regelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse. Die Unternehmer lehnten nun nicht allein den eingereichten Tarif rundweg ab, sondern vevlveigern auch jede Verhandlung. Eine Versammlung der Dmnaszierer und Aetzer aller drei Organi- sationen, des Metallarbeiter-, des christlichen und des Industrie- arbeitervcrbandes, hat daraufhin beschlosien, die Kündigung ein- zureichen. Dies ist mittlerweile geschehen. Die Unternehmer werden sich Ivahrscheinlich in auswärtigen Zeitungen um Ersatz bemühen. Zuzug ist deswegen dringend fernzuhaltenl Ausland. Dem 29. kanadischen Gewerkschaftskongreß wobnien nach der Internationalen Gewerkschafts-Korrefpondenz 331 Delegierte so- wie Gäste aus den Vereinigten Staaten und England bei. Dieses- mal vertrat der Kongreß 89 801 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter gegen 80 381 im Jahre 1301, die alle den sogenannten „Internationalen Verbänden", die sich auch über die Vereinigten Staaten erstrecken, angehören. Daher beschäftigte sich der kann- dische Kongreß in der Hauptsache nur mit sozialpolitischen Fragen. Ausführlich iourde auch der verzweifelte Kampf der Bergarbeiter in Vancouver, gegen die Unternehmer und Regierung mit Hilfe des Militärs in echt amerikanischer Weise vorgehen, behandelt und die Arbeiterschaft zur lveitgehendstcn Unterstützung dieses Kampfes aufgefordert. Auch der Frage der Einivanderung wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet, da das Land bon arbcits- losen Industriearbeitern durch die Agenten der Unternehmer ge- radczu überschwemmt wird und diese Reservearmee der Industrie zu eine immer größeren Gefahr fiir die Arbeiterschaft in Lohn- kämpfen wird._ Parteitag der deutschen lozialdemo. hratilchen Arbeiterpartei in Oesterreich. Wien, 4, November. Heber den 4. Bcrhandlungstng. Stillstand in der sozialpolitischen Gesetzgebung referiert E l d c r s ch- Wien. Er legt folgende Resolution vor: 1. Die inneren Widersprüche der kapitalistischen Produktions- weise werden in den periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen offenbar. Die Produktion wird eingeschränkt, während das Volk an allen Produkten Mangel leidet. Die Waren häufen sich in den Speichern der Kapitalisten, während den Volksmasfen Nah- rung, Kleidung, Obdach fehlen. Die Erzengnisse der Arbeit sind unverkäuflich, weil die Arbeiter ihre eigenen Erzeugnisse nicht kaufen können. Tie periodische Wiederkehr der Wirtsckiafts- krisen mit der Arbeitslosigkeit, den Feierschichten, den Lohn- kürzungen. der Steigerung des Massenelends in ihrem Gefolge, kann nicht verhindert werden, solange die kapitalistische Prodnk- tionsweisc bestehen wird. Die Wirtschaflskrisen, unvermeidliche kleines Feuilleton. Modernes Heldentum. Etliche illustrierte Blätter brachten ein Bild von dem Marconi-Telegraphisten des untergegangenen Dampfers „Bolturno", aufgenommen während der Katastrophe. Man sieht den Tapferen in seinem Dienstraum,„wie er drahtlose Tele- gram nie aufnimmt" und noch Zeit hat, sich aufnehmen zu lassen. Mitten in den wildfressenden Flammen ist der Sensationshunger erwacht. Mit den Depeschen von den Dampfern, die zu Hilfe eilen, empfängt der Telegraphist in aller Ruhe den Photographen. Er wirft ihn nicht hinaus, obwohl sich schon die Passagiere über Bord werfen. Schon werden die Rettungsboote herabgelassen, aber noch läßt sich der Telegraphisl herab, den Pbotogrophen zu empfangen. Schon baben die Dynamomaschinen für die Pumpen versagt, aber der Telegraphist versagt nicht dem Photographen den Zutritt. Er setzt ihn nicht an die Luft, in die schon die Maschinen auf der Brücke gehen. Während des Umschlagens der Rettungsboote bot sich die schönste Gelegenheit, sein Bild für die Illustrierten zu retten. Es mußte um jeden Preis festgehalten werden— wie sehr auch die entfesselten Elemente rasten. Die Panik trennte Eltern von ihren Kindern für immer, aber der Photograph lächelte verbindlich:„Bitte, recht freundlich. Ich danke." Schwedische Rcchtsfossilien. Kaum ein zweites Land Europas wird neben der modernsten Entwickelung des öffentlichen Lebens, die der zur Macht gekommene Kapitalismus bewirkt, so viel mittel- alterliche Rechtszustäude aufweisen, wie Schweden. In diesem Lande, in dem die..boluASvälds"(die„Macht der Aktiengesellschaften", also des Kapitalismus) eine harte Tatsache ist, hat der Adel noch wichtige Privilegien und untersteht nicht den gewöhnlichen Gerichten, sondern der höheren Instanz, den„Hochgerichten". In diesem Lande der allgemeinen Wehrpflicht, wo auch keine Institution der Einjährig- Freiwilligen existiert, gibt es noch staatliche Werber, die per an- geworbenen Mann bezahlt werden, die zur freiwilligen längeren Dienstzeit vor Beginn der Dienstpflicht animieren. Schweden hat das allgemeine gleiche Wahlrecht, aber im Reichsrat sitzen die Ab- geordneten nicht in Parteigruppen, sondern den Provinzen nach ver- sammelt, ganz wie im Mittelalter. Es hat eine parlamentarische Regierung, aber daS Regierungsblatt, das ReichS-AmtSblatt, ist im Besitze der„Akademie", die auch das Redaktionspersonal ernennt. Schweden vergibt die wisienschafllichen Nobelpreise, aber eS erlaubt seinen Bürgern nicht, sich als religionslos zu erklären. Ein neuer Beitrag zu diesen Rechtsfossilien beschäftigte in diesen Tagen die schwedische Presse. In den größeren Städten gibt es sehr viele Geschäfte, die Pfandscheine aller verfallenen Pfandgegen- stände ankaufen und diese dann weiter verkaufen; natürlich befinden sich auch Gold- und Silberwaren darunter. Jahrzehntelang konnten sie dies ungestört tun, aber da erinnerte sich plötzlich der Stock- holmer Staatsanwalt Stendtahl eines uralten Gesetzes, nach dem für den Gold- und Silberwarenhandel eine besondere behördliche Bewilligung erforderlich ist, und hat nun gegen inehrere dieser Stock- holmer Händler ein Strafverfahren eingeleitet. Dieses uralte Gesetz bestimmt aber auch, daß jene Amtsperson, die die Bestrafung der Händler bewirkte, einen Teil der Geldbuße als Prämie erhält. Also ein Staatsanwalt erhebt bei finanzieller Beteiligung Anklagen im Akkord I Ist das schon für schwedische Zustände bezeichnend, so ist noch bezeichnender, daß kein einziges schwedisches Blatt eine Ab änderung dieser korrumpierenden Gesetze fordert. Man verlangt nur, daß der Staatsanwalt auf seinen Anteil verzichte. Theater. Königgrätzer Theater. Die„Kronbraut Märchenspiel von August S t r i n d b e r g. Der eine Zeitlang in Deutschland halb vergessene Name Strindberg bat in den letzten Jahren, besonders nach des Dichters Tode, einen Klang und Glanz gewonnen wie kaum zur Frübzeit der naturalistischen Bewegung, als er den„Vater" und„Fräulein Julie" schrieb. Die Bühnen wetteiferten in Ausführung seiner Stücke. Indes von allen diesen Experimenten hat schließlich nur ein einziges unzweifelhaften kiinst- lerisckien Gewinn gebracht: Die Darstellung des Totentanzes. Stünde nicht gerade der Name Strindberg vor der„Krön- braut", dies Märchendrama würde schwerlich wohl den Weg a»f deutsche Bühnen gefunden baben. Wie in dem aus der gleichen Periode stammenden Schauspiel„Ostern" beschäftigen den fromm- gewordenen Dichter, auch in diesem Werke christliche Erlösungs- gedanken. Er will die Läuterung einer sündigen Seele zeigen, doch kommt er dabei über billige Rührungen melodramatischen Genres kaum hinaus. Weder in der Sünde der schönen Kersti noch in ihrer Erhebung spürt man eine in den Tiefen des Charakters verankerte Notwendigkeit, die ein Miterleben möglich macht. Es sind nur mit allerhand Märchenspuk und Geisterstimmen versetzte Ueberraschungen, die man kühl vorübergleiten sieht. Kersti scheint die zärtlichste der Mütter. Sie kann sich nicht genug tun, das Kleine, da? sie ihrem Liebsten, dem jungen Müller Mats, heimlich vor aller Welt gebar, zu herzen und zu küssen. In wenigen Wochen soll die Trauung sein. Da naht der Teufel in Gestalt der Hebamme und flüstert ihr zu, wenn sie das Kindlein ihm überlasse, könne sie als unbefleckte Jungfrau mit der Brautkrone das Hochzeitsfest begehen. Vollständig kopflos gibt sie es hin, und noch kopfloser läßt der Liebste sich durch plumpe Lügen täuschen. Kalt und mißtrauisch empfangen Mats Eltern und Geschwister unten in der Mühle die zugefiihrte Braut. Natur und Menschen sind ver- schworen, Kerstis schuldbewußte Furcht zu schüren. Das Mühlrad dreht sich rückwärts, der Ofen wackelt auf sie zu. Der laute Schall der Glocken bleibt ihrem Ohr unvernehmbar. Argwohn blitzt ihr aus den Augen und Worten BritaS, Mats' hartherziger Schwester entgegen. Noch trotzt sie, wahrt ihr Geheimnis vor dem Amtmann, der forschend in sie dringt.� Die Krone auf dem Haupt, tanzt sie den Hochzeitsreigen. Der Schmuck entgleitet in den Mühlbach und unter der Diele, wo die Teufelshexe ihn vergraben, wird der Leichnam des Kindes entdeckt. Ihr Haupt soll fallen. Nach altem Gesetz muß sie gefesselt vor dem Kirchentore Buße tun. Der Teufel erbietet sich, sie zu retten, doch reuig ver- schmäht sie die Flucht. Eine glatt moralisierende Umschreibung von Gretchens erschütternd wahrem Aufschrei:„Gericht Gottes, Dir hob' ich mich übergeben", in der Kerlerizene! Das Kind erscheint ihr als blondes Engelein, von Glaube, Liebe, Hoffnung redend. Bis dann zuletzt der Amtmann ihr ein Begnadigungsschreiben bringt, das er— in barocker Märchenkarikatur— vom Ameisenkönige unterzeichnen läßt. DaS letzte Bild heißt„Ostersonutag". Im verschneiten Walde stoßen die verfeindeten Sippen, Kerstis Verwandte und die Familie Mats. aufeinander. Worte giftiger Verdächtigung fliegen herüber und hinüber. Da naht ein Trauerzug mit Kerstis Leiche und vor der Bahre der Verklärten schmilzt der winterliche Haß. Die Tränen quellen und die Gegner reichen sich die Hände. Was in dem Werke bühnenmäßig bildhaft wirken konnte, hatt die Aufführung mit großem Kunsteifer herausgearbeitet. Irene T r i e s ch war eine im Ausdruck des Leidens rührend schöne Kersti. Und die flüchtig umrissene Figur des Amtmanns erhielt durch W e g e n e r eine wunderbar eindringend-düftere, bodenwüchsig-bäucr- liche' Physiognomie. Auch die teuflische Hebamme, deren Gehaben leicht ins Lächerliche schlagen könnte, fand sehr Phantasie- und» stimmungsvolle Verkörperung durch Herrn Gebühr. Von den anderen Figuren interessierte schauspielerisch am stärksten die tückische Brita des Fräulein Hell. Eine überraschend prächtig originelle Märchenstilisierung schwedischer Motive boten die von Svend Gadc gemalten Hintergründe. August E n n a hatte eine stimmunggebende Musik geschrieben.__ dt, Notizen. — H o f f m a n n s Opern hause utwürfe. Baurat Hoff- mann legte, wie amtlich gemeldet wird, Lorschläge für die Ge- staltung der äußeren Erscheinung und der wichtigsten Jnnenräume des neuen Hauses S. M. vor. Dieser erklärte sich mit der weiteren Bearbeitung des Entwurfs einverstanden. Entwurf und Kosten- anschlag werden dem Landtag mit dem Etat, der die erste Rate für den Neubau enthalten soll,'vorgelegt werden.(Na, wenn S. M. zufrieden ist, ist doch die Sache erledigt l) — Die Architektenrevolte gegen die kaiserliche Bau- Politik zieht immer weitere Kreise. Auch die Preisrichter wollen— so heißt eS— gegen die Zurücksetzung der Preisgekrönten protestieren und die Wahl des Protegvs Ihne annulliert wissen, da sie gegen die Wettbewerbsbestimmungen verstoße. — Eine nelle Oper„Uleuspiegel"(Text und Musik von Walter Braunfels) wurde in Stuttgart mit Erfolg erprobt. — E i n S t u d e n t e n st r e i l. An der Wiener Kunstakademie ist ein Studentenstrcik ausgebrochen, der sich gegen die Berufung eines Professors richtet. Prager Kunstakademiker bejchlossen, in einen Sympathiestreik einzutreten. — Ein unbekannter Rembrandt, daS Bild cineS blondlockigen jungen Mannes, soll in einem Berliner Privathause entdeckt sein. Wenigstens hat Herr Bode ein Attest ausgestellt und ein Kunsthändler das Bild teuer verkauft. — ForscherloS. Der Missionar Greenshield, der zur Mission unter den Eskimos auf der Blacklandinsel in der Arktis weilte, ist nach London zurückgekehrt und berichtete, daß der deutsche Bogel- forscher Hantzsch, der im letzten Jahre eine Forschungsreise von der Mission der Blacklandiusel aus unternahm, gestorben ist. Sein Gc- sundheitszustand war dein Aufenthalt in den nördlichen Regionen nicht gewachsen. In seiner Begleitung befand sich eine kleine Ab- teilung von Eskimos, die alles taten, um ihn zu retten. Seine Auf- Zeichnungen und Instrumente hat Missionar Greenshield nach Europa gebracht.. —„Kältebrand" in der„FrVm"! Amundsen hat die beunruhigende Mitteilung erhalten, daß in der„Fram", die zurzeit in Colon(Mittelamerika) liegt, sich,„Kältebrand" gezeigt habe und daß infolge davon auch ein Teil der SchiffSkonserven sauer geworden seien.(„Kältebrand" ist die technische Bezeichnung einer Holzkrank- heit, die bei Holzschuten ziemlich häufig auftritt und Holzfäulnis zur Folge hat.) Ob dadurch der Termin der Nordpolexpedition Ber- zögerung erleiden wird, steht noch dahin; die bisherige Absicht Amundsens ging dahin, im Mai oder Juni von San Francisco'aus die Fahrt ins Polarmeer anzutreten. Wirkungen b'ce auf das Privateigentum an den Produktions� Mitteln gegründeten Produktionsweise, werden erst mit der An- cignung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft verschwinden. 2, Der Eintritt der schweren Wirtschaftskrise, die jetzt aus der österreichischen Volkswirtschaft lastet, ist beschleunigt, ihre Wirkung verschärft, ihre Dauer verlängert worden durch die Vergeudung der wirtschaftlichen.Kräfte des Landes durch den Militarismus. Der Kampf gegen die abenteuerliche Balkan- Politik der herrschenden Klassen und gegen die maßlosen Forde- rungen des Militarismus ist daher in den stärksten Wirtschaft lichen Bedürfnissen der Arbeiterklasse begründet. S. Die Arbeiterklasse fordert vom Staat, von den Ländern und von den Gemeinden Maßregeln, die geeignet sind, die Ar- beitslosigkeit einzudämmen. Zu diesem Zweck verlangen wir: I. Erschließung neuer Absatzgebiete für die österreichische Industrie durch die Verbesserung der Handelsverträge mit Ser- dien und mit Rumänien und durch die Abschließung von Handelsverträgen mit den anderen Balkanstaaten und mit überseeischen Ländern. 2. Vergebung öffentlicher Arbeiten und Lieferungen in möglichst großem Umfang. Beschaffung der für produktive öffent- liche Arbeiten erforderlichen Mittel durch Einschränkung der un- produktiven Ausgaben. Bei den öffentlichen Arbeiten sind in erster Reihe heimische Arbeitslose, und zwar ohne Herabdrücknng des Lohnniveaus, zu vertvenden. 3. Die Auswanderung der Arbeitslosen darf nicht verhindert werden. 4. Verkürzung des gesetzlichen Höchstarbeitstages. Ueber- stunden sind nicht zu bewilligen. 8. Soweit der Staat, die Länder und die Gemeinden den Arbeitslosen keine Arbeitsgelegenheit schaffen können, sind sie oerpflichtet, das Elend der Arbeitslosen zu lindern. Wir for- dern daher, nach dem Vorbild des Auslandes, die Gewährung von Staats- und Gemeindezuschüssen zu der gewerkschaftlichen Arbeitslosenunterstützung. Insbesondere unsere Vertreter in den Gemeindevertretungen werden beauftragt, überall die Ge- Währung kommunaler Zuschüsse zu der gewerkschaftlichen Arbeitslosenunterstützung zu verlangen. Nach kurzer Debatte wird die Resolution einstimmig ange- Nammen und ebenso die Anträge der Landesorganisation Schle- sienS und der Bezirksorganisation Mährisch-Trübau, deren Inhalt zum Teil in der Resolution des Referenten entkalten ist. und die außerdem noch verlangen, daß die kompetenten Organisationen sich verständigen, wenn es nötig ist, zum Kampf für die endliche Gesetzwerdung der Sozialversicherung eine große Aktion unter der Arbeiterschaft einzuleiten. Der internationale Kongreß. Dr. Adler-Wien: Als auf dem internationalen Kongreß in Kopenhagen beschlossen wurde, den nächsten Kongreß im Jahre 1S13 abzuhalten und dabei unserer Einladung nach Wien gefolgt wurde, war es für uns eine freudige Ueberraschung. Aber ich sage es Pffen:«S war eine Ueberraschung, weil wir selbst, die wir Äster- reich kennen, nicht gehofft hatten, daß der politische Ruf Oesterreichs in der internationalen Welt sich so verbessert hätte(Heiterkeit), daß man dem alten Oesterreich zutraute, es werde hier ein internatio- naler Sozialistcnkongrcß ohne Schwierigkeiten stattfinden können. Dem alten Oesterreich; denn wir(die Partei) sind ja besser als dieses Oesterreich, und ich hoffe, daß diese Zweifel sich nicht auf unS bezogen hahen. Nach einiger Ueberlegung haben wir uns gesagt: Gut, wir wollen diesem Oesterreich das vielleicht nicht ganz unverdiente Kompliment machen, und wir haben die Er- Wartung, ja die Sicherheit, daß auch die politischen Bedingungen danach angetan sein werden, um uns die Abhaltung des Kongresses ohne Schwierigkeiten zu ermöglichen. Nun ist im vorigen Jahr etwas eingetreten, tvas den Ruf Oesterreichs nicht verbessert und die Schwierigkeiten für den Kon- greß sehr vermehrt hat. Als wir im Oktober v. I. zur Sitzung des Internationalen Bureaus zusammenkamen, standen wir vor der Tatsach« des Ausbruchs des BaltaukriegeS. Sie erinnern sich sehr gut daran, welch ungeheuer gespannte Atmosphäre damals in ganz Europa, besonders aber hier in Wien herrschte. Wir mußten es für außerordentlich bedenklich halten, für den August tgl:- einen Kongreß, der doch eine ganze Reihe vmrVorbercituirgen braucht, gerade nach Wien, in die unmittelbare Nähe des Kriegsschauplatzes und in das Zentrum der diplomatischen Verwickelungen, einzuberufen. Zugleich war es aber notwendig, daß die Jnter- nationale gegen die Kriegsgefahr sofort mit aller Energie und mit dem ganzen Aufwand an Autorität, über die das Proletariat aller Länder gemeinsam verfügt,«ine große Manifestation veranstaltete. So wurde beschlossen, sofort einen außerordentlichen internatio- nalen Kongreß nach Basel einzuberufen. Sie erinnern sich, welch glänzenden geschichtlich denkwürdigen Verlauf diese Manifestation genommen, uick wie groß ihre Wirkung auf die gesamte Ocffent-- lichkcit war. Nun ist ein weiteres Jahr abgelaufen, und der Kon- � greß wird im nächsten Jahr, und zwar wie beschlossen, in Wien ' stattfinden. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß die Behandlung, die unser Baseler Kongreß nachher in Oesterreich erfahren hat, die Art und Weise, wie mit der Baseler Resolution von Justiz, Preßpolizei und Parlament umgegangen wurde, daß dieser Rück- fall in das älteste Oesterreich mir einigermaßen Bedenken gemacht hat, wie Oesterreich sich zu unserem Kongreß verhalten wird. Aber ich sag« mir, das war ein Ausnahmefall, es war mitten in der Aufregung,-die die Kriegshetze erzeugt hatte. Außerdem war es ein Ausnahmefall insofern, als Polizei. Regierung und Parla- meni in größter Verlegenheit waren, wie man sich gegenüber der unerhörten, noch nicht dagewesenen Demonstration in Basel ver- ■halten solle. ES ist eine Tatsache, wenn sie auch nie ausgesprochen wurde, daß man sich hernach von oben bis unten, von der Re- gierung bis zu den bürgerlichen Parteien geschämt hat(Lebhafter Beifall), mit Recht geschämt hat, eine solche Dummheit gemacht zu haben. Ich hoffe nach alledem, daß wir nunmehr auch nach dieser «cite hin den Kongreß mit gutem Gewissen aufnehmen können, und daß wir gegen einen abermaligen Rückfall der Regierung ziemlich gesichert sind. Wir haben nunmehr zu beraten, was gescheben muß, um den Kongreß aufzunehmen. Der internationale Sozialisten- und Ge- werkschaftskongreß 4914 wird ein Jubiläum nach zweifacher Rich- hing sein. Am 28. September 1864 wurde in London in der Martinshall die alt« International« gegründet. Der Wiener Kon- greß wird also der 60jährige Gedenktag der alten Internationale sein. Sie war zu ihrer Zeit eine Sache, die in den Gehirnen nur weniger Menschen eine wirksame deutliche Gestalt gehabt bat, während heute die Internationale der Ausdruck der organisierten Arbeit des Proletariats der ganzen Welt ist. Um uns das zu verdeutlichen, brauchen wir nur daran zu denken, das im nächsten Jahre noch ein zweites Jubiläum gefeiert wird, das eines Viertel- jahrhunderts. E» wird dann 26 Jahre her sein seit der Er- Neuerung der Internationale auf dem Kongreß in Paris 1889. Wenn wir, so alt manche von uns sind, doch noch— auch die Aeltesten von uns— zu jung sind, um vom ersten Vierteljahr- hundert der Internationale aus eigenem Erleben viel zu wissen, so steht das Vierteljahrhundert seit dem Pariser Kongreß in unserem lebhaften Gedenken. Es ist unser aller Leben, unser aller Arbeit, und der internationale Kongreß in Wien wird Ge- dankenreihen rege machen über den Weg, der uns führte von London über Paris bis Wien. Die ein« Tatsache schon, daß man überhaupt in Wien einen internationalen Arbeiterkongreß abhalten kann, ist sowohl, aus der Perspektive von 1864 als auch beinahe noch mehr aus der Perspektive von 1889 ein Beweis über den Fortschritt, den das internationale Proletariat überhaupt, den aber auch daS Proletariat dieses«Landes in dieser Zeit gemacht hat. Nur noch wenige Worte über die technischen Bedin- gungen des Kongresses. Er wird selbstverständlich ver- an staltet vom Internationalen Sozialistischen Bureau, und wir sind nur die Wirte, die unsere Gäste mit größter Freude und in brüderlicher Freundschaft empfangen werden. Die endgültige Entschei düng ist Sache d«S Internationalen Bureaus, das sich ,n einigen Wochen in London damit befassen wird; aber wir schlagen vor, daß-der Kongreß in der letzten Augustwoche, im schlimm- iten Falle— wenn irgendwo«in unüberwindliches Hindernis dem entgegensteht, aber nur ungern— in der ersten September- Woche hier in Wien stattfindet. Ich verweile auf diesem Punkt. weil ich weiß, daß eine ganze Reihe internationaler Fachkongressc nur abwartet, daß der Zeitpunkl fixiert ist, um ihrerseits ihre Vorkehrungen zu treffen. In einer großen Stadt wie Wien ist es nicht gleichgültig, wann ein solcher Kongreß stattfindet. Es handelt sich um die Unterkunft vieler'Personen, und diese läßt sich an dem von uns vorgeschlagenen Termin am leichtesten be- schassen. Auch für die Lokale, die wir für den Kongreß in Aus- ficht nehmen können, müssen wir jene Zeit wählen, die sie nicht für anderes in Anspruch nimmt. Selbstverständlich sind nur die allergrößten und allcrschönsten Saalbauten gerade gut genug, um unsere Genossen aufzunehmen. Die organisatorischen Vorkeh- rungen werden von dem Parteivorstand im Einvernehmen mit den Gewerkschaften und mit dem Internationalen Bureau getroffen werden. Es ist eine sehr bedauerliche Tatsache, die ich nur in einem Satz andeuten will, daß wir nicht, wie ich es in Kopenhagen noch hoffen konnte, den Kongreß in einer völlig geeinten Partei empfangen können. Wir können aus diesem Anlaß leider an dieser Sache nichts ändern. Nun zur Tagesordnung: Meine nur borläufigen Mitteilungen hierüber wollen dem internationalen Bureau nicht vorgreifen. Wir haben noch auf der Tagesordnung einen Rest von Kopenhagen, einen Antrag Keir Hardi e-V a i l l a n t, der sich mit der Frage beschäftigt, welche Mittel dem Proletariat zur Verfügung stehen, um im Kriegsfalle durch die Arbeiter der staatlichen Betriebe und die Verkehrsarbeiter, insofern sie für den Krieg gebraucht werden, ein- z u w i r k e n. Das ist ein Rest, der noch zu erledigen ist, ich ver- mute aber, ohne es an dieser Stelle zu beantragen, wo es ja hin- gehört, daß dieser Punkt im Zusammenhang mit der Frage, die diesen Kongreß und wohl noch einige weitere Kongresse beschäftigen wird, nämlich mit der Frage des Imperialismus und Militarismus überhaupt erledigt werden wird. Daß diese Frage, die brennendste für die ganze Welt. Gegenstand der Erörterung dieses Kongresses sein wird, versteht sich von selbst. Im Zusammenhang damit wird auch die von den sozialistischen Organi- sotionen ausgehende Anregung, über die O ri e n t f r a g e und die Internationale zu reden, erledigt werden. Die sozialistische Partei Argentiniens beantragt, die sozialistische Agrarpolitik auf die Tagesordnung zu setzen. Diejenigen, die sich mit dieser Frage überhaupt beschäftigt haben, müssen wissen, welche Schwierig- leiten einer einheitlichen und zusammenfassenden Erörterung über die Agrarpolitik nicht nur auf internationalen, sondern auch auf nationalen Kongressen entgegenstehen, wie schwierig es ist, gerade diese an den Boden und an die Verschiedenheiten des Bodens ge- bundene Frage prinzipiell zu erörtern, und werden mit uns wohl der Meinung sein, daß ihre Verhandlung auf einem internationalen Kongreß nur in ein unendliches Reden ausarten müßte, für das das Wort.uferlos" erst erfunden werden müßte. Darüber müssen wir vorläufig noch unsere Gelehrten arbeiten lassen. Hoffentlich werden wir zu manchen guten Büchern noch einige dazu bekommen. Dann wollen wir später einmal sehen. ?lnderS steht es mit dem Antrag der französischen Delegation, auf die Tagesordnung..Die Lebensmittelteuerung" zu setzen. Sie ist in der Tat eine internationale Erscheinung, die der heutigen Gestalt des Kapitalismus einen wesentlichen Zug verleiht, und sie kann vom Kongreß sachgemäß und bis zu einem hohen Grade aufklärend und zielführend erörtert werden. Wir werden also zwei Gruppen von Fragen vor uns haben: Auf der einen Seite alle diejenigen, die mit der Weltpolitik, dem Imperialismus und Militarismus, auf der anderen die, die mit dem Kapitalismus zu- sammenhängen. Zunächst also die Lebensmittelteuerungsfrage, und, darüber werden wir uns noch im Bureau auseinandersetzen, viel- leicht noch eine spezielle Frage des Arbeiterschutzes. Viel- leicht wird eS gerade nach den Erfahrungen mit der letzten Berner Konferenz angezeigt sein, vom internationalen Arbeiterschutz, wie wir ihn versieben, auf dem Kongreß zu reden. Vielleicht ergeben sich dabei— wir haben ja eine Reihe von Ländern, wo Partei- genossen das innere Getriebe der Diplomatie ihrer Staaten zu er- kennen vermögen— interessante und wicktige Aufschlüsse. Ueber all das aber haben wir hier nicht zu beschließen. Erwähnen muß ich, daß das internationale Bureau dafür sorgen will, daß über die Fragen, die zur Erörterung kommen sollen, in gründlicherer Weise als bisher Borarbeiten geleistet wer- den, indem durch besondere Kommissionen die Referate vor dem Kongreß vorbereitet und den Delegierten vorher zugänglich gemacht werden sollen. Sie alle haben wohl mit mir daS Gefübl: Wir haben eine Auf- gäbe vor uns, deren Würde— aber auch Bürde— wir vollständig erkennen. Es ist keine leichte Aufgabe, einen internationalen Kon- greß zu ordnen und aufzunehmen. Aber wir hoffen, ihr organisa- torisch gewachsen zu sein und setzen es dabei als selbstverständlich voraus, daß die Wiener Genossen der Parteivertretuna zur Seite stehen werden. Die Arbeiten werden mit jener Pünktlichkeit und organisatorischen Exaktheit, die wir in Wien endlich erlernt haben, erledigt werden. Wir hoffen, den internationalen Sozialisten- kongreß, die bedeutendsten Vorkämpfer des Proletariats aller Län- der. jene Scharen von Menschen aller Zungen, die im Vorkampfe stehen für die Zukunft, für die Freiheit, für die Erfüllung der ge- schichtlichen Mission des Proletariats, hier in Wien, auf dem alten Boden aller reaktionären Kongresse so zu empfangen, daß einmal von einem Wiener Kongreß etwas anderes ausgeben wird, als Unrecht und Bedrückung, daß von ihm ausgehen wird geschichtliche Arbeit für die Fortentwickelung der Menschheit durch das Eingreifen des klassenbewußten Proletariats.(Stürmischer Beifall.) Redner schlägt folgende Resolution vor: „Der Parteitag nimmt mit freudiger Genugtuung zur Kenntnis, daß der internationale Sozialisten- und Gewerkichafts- kongreß in Wien stattfinden wird und beauftragt die Partei- Vertretung mit den Gewerkschaften in Fühlung zu treten und im Einvernehmen mit dem Internationalen sozialistischen Bureau alle Vorbereitungen zu treffen, um die Vertreter der Internatio- nale in Wien würdig zu empfangen." Diese Resolution wird debattelos einstimmig angenommen. Die Wahl der Parteivertretung ergibt die Wiederwahl der bisherigen Genossen. An Schuhmeiers Stelle ist David-Wien getreten. Gleichfalls wiedergewählt werden die Mitglieder der engeren und weiteren Parteikontrolle. Neber die Reakti»» in der österreichischen JustizpraxiS und Justizgcsctzgebung spricht A u st e r l i tz- Wien. In bedeutsamer, mit größter Aufmerk- samkeit angehörter Rede behandelt er das weite Gebiet der Justiz- reaktion und stellt unsere Forderungen in einer Resolution zu sammen. die�in ihren Hauptpunkten lautet: „Die Sozialdemokratie ist sich über Ursprung und Zweck der strafrechtlichen Satzungen nicht im unklaren. Sie weih, daß sie der Niederschlag der ökonomischen Verhältnisse sind, von ihnen hervorgerufen und bestimmt, durch sie erhalten und verändert. Die Strafe hat vornehmlich den Zweck, die gesellschaftlichen Verhält- nisie, wie sie sich ans der kapitalistischen Ordnung heraus cnt- wickelt haben, zu schützen, und ihnen die Fortdauer zu verbürgen. Diese Bestimmung des Strafgesetzes tritt mit besonderer Schärfe im kapitalistischen Klassenstaat auf, und so enthüllt sich das Gesetz des Staates immer deutlicher auch als das Kittel, die Interessen der besitzenden Klassen zu schützen und alle auf die Fortcntwicke- lung der Gesellschaft, also gegen die Herrschastsinteressen gerichtc- ten Täligkeiten als verbrecherisch und strafwürdig zu erklären. Wenn diese Tendenz schon die Gesamtheit der strafrcchltiche.n Satzungen beherrscht, so in hervorragendem Maße jene, die sich auf politische und sozialpolitische Bestrebungen beziehen. Der Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches ist, so weit er sich auf den politischen und gewerkschaftlichen Klassenkamps bezieht, wenngleich er gegenüber den finnlos gewordenen Kautschukbostimmungen des geltenden Gesetzes einen kleinen Fortschritt enthält, durchaus un- zulänglich. Mit der größten Entschiedenheit verwahrt sich der Parteitag gegen alle wie immer gearteten und wie immer ver- steckten Bestrebungen, die sich gegen die Freiheit der Bereinigung locnden, die das Koalitionsrccht antasten wollen. Diesen Absickten wird sich die Partei mit unbeugsamer Kraft widersetzen. Der Kongreß fordert die Beseitigung des jetzigen Ausnahmeschutzes für den Streikbrecher und erklärt, daß jeder Versuch, in das Gesetz weitere Fußangeln gegen den gewerkschaftlichen Kampf einzu- schmuggeln, wie es zum Beispiel mit der hinterlistigen„fahrlässi- gen Gefährdung durch Betriebsstörung" in Sachen des Koalition»- rechtes der Eisenbahner geplant ist, schlechthin ausgeschlossen sein muß. Mit größtem Nachdruck verurteilt der Parteitag die immer gewalttätiger auftretenden Bestrebungen, die im höchsten Sinne sittliche Tätigkeit der gewerkschaftlichen Vertrauensmänner den Erpressungs- oder Nötigungsparagraphen zu unterwerfen. In diesen Richtersprüchen erblickt er nur die Dienstbarkeit der staat- lichen Justiz für die rohesten Sckarfmackerinstinkte. ' Der Parteitag erachtet die Reform des Strafgesetzbuches im freiheitlichen, sozialen und humanen Sinne als unbedingt not- Ivendig. Nicht minder dringend erscheint ihm aber die Reform des sogenannten Polizeistrafrechtes nötig. Insbesondere weift der Parteitag auf die Gewalttätigkeit hin, die das Streitpostenstehen zu verbieten sucht und zu bestrafen pflegt. Dagegen fordert er. daß die Achtung vor der Gesundheit und dem Leben des Arbeiter? unter die Rechisgüter eingereiht werde, deren Schutz das Straf- gcsctzbuch zum Zwecke hat. Der Parteitag erklärt die Ausübung der Rechtsprechung durch die Staatsbürger als ein unerläßliches Postulat des demokrati- scheu Staates. Er verlangt die Reform der Geschworenengerichte. Zum Geschworenenamte sollen tatsächlich die Angehörigen aller Klassen berufen und den Geschworenen oder Schöffen Tagegelder bewilligt werden. Die politischen Delikte sollen ausschließlich, s»- fern ihre Geltung überhaupt zulässig ist, den Geschworenen über- lassen bleiben. Ter Parteitag spricht die schärfste Entrüstung über die Ver- schleppung der Reform dcS Preßrechtes aus. Er verlangt die so- fortige Verabschiedung dieser Reform durch das Abgeordneten- Hans, denn der Skandal des Verbotes der Kolportage und der Skandal der absoluten Konsiskatwnswillkür schreit zum Himmel und schließt Oesterreich aus der Reihe der Kulturstaaten aus. Das veraltete Pretzgesetz muß einem modernen, die Freiheit der Presse verbürgenden Rechte Platz machen." Nach kurzer Debatte wird die Resolution einstimmig ange» nommen. Nach einem anfeuernden Schlußwort des Genossen Perner- storfer wird der Parteitag geschlossen. Etos der Partei. Vom Fortschritt der BildungSarbeit. Bei unserem Zentralbildungsausschutz hat sich dieser Tage ein deutscher sozialdemokratischer Bildungsverein aus Man» treal in Kanada angemeldet und um Zusendung von Mate- rialien gebeten. Der Bildungsverein ist im Juli dieses Jahres von fünf Genossen gegründet worden. Inzwischen hat sich die Mit- gliederzahl auf SS erhöht und die Genoffen hoffen, bis zum Ende dieses Jahres auf 50 zu kommen. In dem Bericht an den Zentral. bildungsauSschutz heißt es, daß ein vorzüglicher Geist unter den Mit- gliedern herrsche. Die ersten Veranstaltungen, die in eigenen VersammlungS- und Lesezimmern abgehalten wurden, hätten gute Erfolge gehabt. Eine Bibliothek sei im Entstehen begriffen, eine Buchhandlung werde in nächster Zeit eröffnet. Bei der Buchhand- lung.Vorwärts" in Berlin habe man Bücher im Betrag von 170 W. bestellt, wovon die Hälfte bereits feste Bestellung der Mitglieder sei. Die Genossen geben die Versicherung ab, daß sie bemüht sein werden, den guten Ruf der deutschen Sozialdemokratie auch dort im fernen Auslände zu rechtfertigen. Kommunalwahlerfolg. Bei den Stadtverordnetenwahlen in Schwedt a. O. wurden vier Stadtverordnetenmandate erobert. Die Sozialdemokratie hat dadurch jetzt acht Sitze im Stadt« Parlament. LandtagSnachwahl im Herzogtum Altenburg. Im Kreise des von Altenburg verzogenen Genossen D i k r e i t e r fand am Montag eine Nachwahl statt, die wiederum zum Siege des sozialdemo- kratischen Kandidaten führte. EZ handelt sich um einen ganz sicheren sozialdemokratischen Kreis; auf die Sozialdemokratie entfielen 1681, auf den Gegner 438 Stimmen. Eine schwarze Arbeiterpartei in Süd-Asrika. Aus Port Elizabeth wird gemeldet, daß dort eine„Arbeiter. Partei der Farbigen" gegründet wurde. Dieselbe kann zweifellos von großer Bedeutung werden, da vier Fünftel der Bevölkerung in Süd-Afrika..Farbige" find. Allerdings sind diese im allgemeine» von der Ausübung des Wahlrechtes so gut wie ausgeschlossen. Slngegangene Druck rdmfren. Im Bttlag von I. H. W. D i e tz N a ch f. in Stuttgart ist soeben«- schienen: R. Tschernyschewsky. Ein Lebensbild von Georg S t e t I o w. 29. Bündchen der Kleinen Bibliothek. Aus dem Inhalt heben wir hervor: TschernyschewSkhS Kinder- und Jugendzeit. Untversslätsiahre.— Allgemeiner Ueberblick über Tschcrny- IchewSkys literarische Tätigkeit.— Philosophische Ansichten von Tschcrny- schewSty. Moral des vernünftigen Egoismus.— Acithcttt und Kritik.— Philosophie der Geschichte.— Kamps der Parteien und die Fragen der politischen Taktik.— Nationalökonomie und Sozialismus.— Ticherny» schewSky und die zcitgenöisischc rusjiscke Gesellschasi.— Seine Verhaftung, Lerurtetlung und Verbannung.— TschernyschewSkyS Leben in Sibirien. Rückkehr nach Nußland. Tod. Ferner ist erschienen: Michael Bakuniu. Ein Lebensbild von Georg S t e k l o w. 30. Bündchen der Kleinen Bibliothek. Au» dem Inhalt heben wir hervor: BakuninS Jugend.— Im Jahre 1848.— Im Gesängnis und in der Verbannung.— Die Jahre der Un- ruhe. Das Leben in London. Die die Anarchie vorbereitende Periode. Die Anteilnahme am polnischen Ausstand.— Die Tätigkeit BakuninS ü» Italien. Der Anarchismus. Seine Teilnahme an der Liga des Friedens und der Freiheit. Die Gründung der.Alliance".— In der Internationale.— BakuninS sozial« Anschauungen, l. Gegen Staat und Polilik. 2. Die Anarchie. 3. Der Putschismus als KampfeSmethode. 4. Di« natio» nale Frage. S. Der PanslawismuS.— Bakanin und die russischen An- gelegenhciten. Nelschajew.— Bakunin während des deutsch-sranzösischen Krieges. Der Ausschluß BakuninS aus der Internationale.— Sein Leben in �ofarno. �er �Qoirfcill mit nnffi Lugano. Krankheit und Tod. Preis eines jeden Bündchens broschiert 76 Ps., geb. 1 M. preis 60 Pf. 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In sozialpolitischer Beziehung haben unsere Genossen im Roten Hause nach weiteren Verbesserungen und durchgreifenden Maßnahmen im Interesse der erwerbstätigen Bevölkerung gestrebt und dabei zeitweise heftige Äämpfc mit der bürgerlichen Klassen- Vertretung sühreit müssen. �Die Einschränkung der Sonntagsarbcii in offenen Verkaufsstellen betraf ein Ortsstatut, das am 16. Februar 1911 von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen worden ivar. leider aber niebt. wie ursprünglich beschlossen, am 1. Mai 1911 in Kraft trat. Ter Grund sollte darin liegen, daß eine Reihe Vororte dem Berliner Beispiel sich nicht anschließen wollten. Unsere Genossen übten an diesem Hinziehen in der Sitzung vom b. Oktober 1911 Kritik, weil zahlreiche Angestellten und kleine Gc- wcrbctreibcndcn um die Sonntagsruhe in den Sommermonaten gekommen waren. Berlin hätte auch ohne Rücksicht auf die Vororte das Ortsstatut in Kraft treten lassen sollen, um überhaupt erst einen Anfang zu machen. Ideal ist dieses Ortsstatut insofern nicht, weil die Verkaufszeiten an«sonn- und Festtagen in der Zeit vom 1. Mai bis 39. Tevtembcr von 8— 10 Uhr vormittags und vom 1. Oktober bis Ai. April von 12— 2 Uhr festgesetzt sind. Die Versorgung der Bevölkerung mit billi- gen Lebensmitteln hält die sozialdemokratische Fraktion für eine der vornehmsten Ausgaben der Gemeinde. Bei dieser Forde- rung sind sich unsere Genossen vollkommen klar darüber, daß die Grundursachen der hohen Lebensmittelpreise in der verkehrten Wirtschaftspolitik des Reiches liegen, die auf die Ausbeutung der breiten Massen zugunsten einer kleinen, aber mächtigen Junker- cliquc basiert. Tie Gemeinden können nur bedingt Maßnahmen zur Minderung der Wirkung der heutigen zollpolitischcn Gesetz- gebung treffen. Die Gemeinde kann, wenn sie will, die Lebensmittelversorgung in die eigene Hand nehmen; cS ist das sogar eine sehr dringliche Aufgabe der Gemeinden. Unsere Genossen haben bei den verschiedensten Gelegenheiten nach dieser Richtung hin Vor- stößc gemacht. Das geschah in der Sitzung am 5. Oktober 1911, als der Magistrat vorschlug, zur Milderung der hohen Fleischpreise in städtischen Markthallen Seefischverkaufs stellen einzurichten. Dieser Vorschlag war das erste Produkt jener auf sozial- demokratischen Antrag hin eingesetzten gemischten Deputation zur Herabminderung der Hoheit Lebensmittelpreise und der erste Ver- such der Gemeinde, selber� etwas zu tun. Um den Secfischverkauf zu fördern, richtete die istadt auf Beschluß der Stadtverordneten am 6. Juni 1912 Seefischkochkurse ein. Mit diesen Maßnahmen war aber wenig getan und so beantragte im Hinblick auf die sich stetig steigende Nahrungsmitteltcucruug die sozialdemokratische Fraktion Ergreifung von weiteren Abwchrmaßnahmen. In der- selben Sitzung, in welcher der neue Oberbürgermeister Mermuth sein Amt antrat, in der Sitzung am 5. September 1912, legte der Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion klar und eindringlich dar, welche außerordentliche Höhe die notwendigsten Lebensmittel und insbesondere die Fleischpreise erreicht haben, und welche Ursachen dieser Erscheinung zugrunde liegen. Die Forderung, welche unsere �Genossen an die Gemeinde stellen, faßte unser Redner in dieser Sitzung wie folgt zusammen:„Wir verlangen, daß nicht nur vorübergehende Maßnahmen getroffen werden, sondern daß ent- gegen dem manchesterlichcn Prinzip, das bisher in unserer gemisch-' ten Deputation zum Ausdruck kam. ernsthaft daran gearbeitet wird, Möglichkeiten zu schaffen, einmal, daß die Stadt sich mit Nahrungs- Mitteln aus eigener Produktion versorgt durch den Ausbau der Laudivirtschaft, die der Stadt gehört, zweitens, daß sie Nahrungs- mittel von auswärts einführt.... Wir müssen nicht bloß vorübcrgebend, wenn ein Notstand da ist. sondern ein für allemal dafür sorgen, daß die Bürger nicht der Wuchcrpolitik der Agrarier wie der Großkapiialisten des Zwischenhandels anheimfallen." Mit einem Worte: Berlin muß aus die dauernde Versorgung der Berliner Bevölkerung mit Lebensmitteln hinarbeiten. Tiefer Grundsatz widerspricht aber den Anschauungen unseres Kommunal- freisinns, und es ist kein Wunder, wenn diese Klassenvertreter sich entschieden den kommunolsozialistischen Forderungen unserer Gc- nossen widersetzten. Vorübergebende» Maßnahmen wolle man sich angesichts der Sachlage nicht widersetzen, schon deshalb nicht, weil selbst die Regierung die Gemeinden aus Selbsthilfe hinwies. Nur so ist cS zu verstehen, daß in Versolg dieser Teuerungsdcbattc in der Sitzung vom 17. Oktober 1912 der 5Nagistrat 600 000 M. an- forderte zum Bezug- ausländischen Fleisches. Zum ersten Male mußte die Gemeinde unter dem Druck der Verhältnisse selbständig Fleisch beziehen und an die Bevölkerung zu von ihr fest vorgeschriebenen Preisen abgeben. Diese an sich nützliche Maß- nähme der Stadt rief aber die Wut der um ihren Prosit bedrohten Schlächtermeister hervor. Die Stadt wollte zunächst nicht selber das bezogene Fleisch verkaufen, wie das uisi-re Genossen verlang- ten. sondern sie bedienten sich einer Anzahl Markthallen schläckitcr, die aber aus jede mögliche Weise das russische Fleisch zu dis- krcdirieren und damit das städtische Beginnen von vornherein zu Wasser zu machen versuchten. Die Bevölkerung Berlins war empört über das Verhalten der Schlächter und es kam zu Szenen, wie wir Sie lange nicht erlevt haben. Ersi, als es gelang, die Konsum- genosscnschaft zur Uebernahme des Verkaufs russischen Fleisches zu bewegen und der konsumierenden Bevölkerung die weilen Wege nach den Hallen zu sparen, konnte der magistratlichc Fleischbezug eher seinen Zweck erreichen, obwohl es an allen Vorbereitungen gefehlt hatte. �Unsere Kommunalsreisinnigen waren aber nur un- willig bei der Sacke, obwohl nickt geleugnet werden kann, daß der Bezug russischen Fleisches mindestens ein weiteres Anziehen der Flcischpreise bintangehallen hat. Ilnd deshalb waren die Herren sehr bald dabei, die Einstellung dieses von ihnen mit scheelen Augen angesehenen Bezuges ausländischen Fleisches während der Sommermonate zu beschließen. Die Folgen machten sich schnell bemerkbar. Sofort stiegen die Fleischpreisc von neuem und die Stadt mußte wiederum den Flesichbczug für die Wintermmuite in die Wege leiten, obwohl ihr von der Staatsregiernng nicht das Entgegenkommen gezeigt wurde, das für einen geordneten Fleisch- bezug unbedingt Voraussetzung ist. Von großer sozialpolitsicher Bedeutung für Berlin ist die Frage des Arbeitsnachweise?. Die Stadt Berlin ermangelt' eines eigenen städtischen Nachweises; sie begnügt sick damit, dem Zentral- verein für Arbeit?« ackweis Beihilfen zu gewähre». Diese Beihilfen sind gestiegen von 3000 M., die dem Verein vor 20 Jahren, gegeben wurden, auf ISO 000 M.. die jcyt verlangt werden. Tie sozial- demokratcn haben wiederholt die Einrichtung des Arbeitsnachweises durch die Gemeinde verlangt, weil das ihre Aufgabe ist, anderer- seitS aber die Stadt ohnehin ziemlich die gefamten Kosten des vom ult um-t Zentralverein geführten Arbeitsnachweises zahlt. Die sozialdemo. in der'größten Kälte oft stundenlang auf das Erscheinen der hohen kratnchen Antrage erfuhren stets Ablehnung ohne jede Begründung. Herrsckaften warten durften. Man hat selbst im Hosinarschallamt aber die Entwickelung des Arbeitsnachweises ging von selber die ein Einsehen gehabt, nicht etwa deshalb, weil dieses Warten dem Richtung, daß früher oder später die«oterdt die Arl'citsvcrmittlung Berliner Kommnnalfrcisinn nicht würdig wäre— denn dafür hatte selber übernehmen muß, wie daS bereits in vielen Gemeinden der> er selber kein Gefühl—. sondern weil man aus menschlichen Rück- Fall ist. Am 30. Januar 1913 bzw. am 27. Februar 1913 mußten> sichten die vielen alten Herren vor Erkältung bewahren wollte. die Stadtverordneten erhöhte Geldmittel tür den Arbeitsnachweis| Einen besonderen Anlaß, ihren Patriotismus hell leuchten zu bewilligen; das �geschah aber nur unter der Voraussetzung eines lassen, bot sich unseren Kommunalsreisinnigen anläßlich der das Weitere am 2S. September 1312 beschlossen. Nur noch ein kleiner Schritt und Berlin hat endlich den von den Sozialdemo- traten geforderten städtischen Arbeitsnachweis. Eine wichtige Frage für unsere Genossen in den Parlamenten des Reichs, im Staate und in der Gemeinde ist die der Arbeits- l o s i g k e i t. Wir wissen, daß die Arbeitslosigkeit eine Begleit-' crscheinung unserer beutigen kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist und nur verschwinden kann, wenn ihre Wurzeln, die planlose kapitalistische Produktionsweise, beseitigt sind. Nichtsdestoweniger hat die Gesellschaft die Pflicht, die furchtbaren Folgen der'Arbeits- losigkeit— Not und Elend— zu mildern. Bisher bat die Herr- sehende Klasse der Arbeitslosigkeit untätig gegenüber gestanden, weil eine ständige Reservearmee im Interesse der Kapitalisten liegt und die Opfer der heutigen Wirt'chaftsweife den Armenverwaltungen zugewiesen. Aber in den Zeiten der Krisen zeigt sich besonders deutlich, daß man an dieser Erscheinung nicht mehr ganz unbeacht- lich vorübergehen kann, und die Sozialdemokratie, als die Vertrete- nn der Bedrückten und Geächteten, bat überall versucht, lindernde Maßnahmen zu erreichen. Das haben unsere Genossen im Rat- Hause gleichfalls getan. Schon vor Jahren sind dahingehende An- träge in der Stadtverordnetenversammlung gestellt worden, welche die Schaffung einer gemeindlichen Arbeitslosenversicherung und die eines Arbeitsnachweises zum Ziel hatten. Diese Anträge wurden in eine gemischte Deputation versenkt, um hier den Schlaf des G reckten zu schlafen. In der Stadtverordnetenversammlung am 4: September 1913 machten unsere Genossen erneut einen heftigen Vorstoß nach der gleichen Richtung. Sie forderten schleunigste In angriffnahme aller städtischen Hoch- und Tiefbauten und die so- fortige Einberufung der seit Jahren nicht mehr zusammengetrete neu Deputation zur Beratung der Arbeitslosigkeit. Sie wiesen auf die heranziehende Krise hin, die bereits im Baugewerbe und in der Holzindustrie Taufende von Arbeitslosen auf die Straße geworfen bat, und betonten, daß die Arbeitslosigkeit im kommenden Winter sich steigern werde. Da könne die Gemeinde nicht mehr untätig beiseite stehen. Soweit die Stadt eS könne, müsse sie hier mildernd eingreifen. Vom Magistrat wurde zugesagt, alle Arbeiten zu bc- schleunigen und vorzugsweise bei den städtischen Äauten ver- heiratete Arbeiter aus Berlin zu beschäftigen. Damit gaben sich die bürgerlichen Vertreter zufrieden und meinten, daß der voranSahnende Magistrat schon alles bübsch besorgt habe. Eine Arbeitslosenversicherung aber habe die größten Bedenken gegen sich. man volle darüber reden, bezweifle aber, ob aus den Beratungen etwas herauskomme. Bezeicknend für bestimmte reaktionäre Strömungen im Magistrat war die Feststellung der Tatsackc, daß im selben Augenblick, da der Magistrat an die städtischen Vertval- tungen das Ersuchen richtete, die beschlossenen Bauten baldigst aus. zuführen, der Kämmerer seinerseits die HinauSschiebunfl solcher beschlossenen Bauten verlangte, um mit einem möglichst hohen Ueberschuß vor die Stadtverordneten treten zu können, und daß andererseits der Vertreter der Armcnvcrwalturig im Juni an die Armenvorsteher das Verlangen nach weiterer Einschränkung der Unterstützungen richtete. Wie man sieht, Maßnahmen verlangte, die von einer totalen Verständnislofigkeit der wirtschaftlichen Lage und von wenig sozialem Verständnis Zeugnis ablegten. Soll es auf sozialpolitischem Gebiete in der Gemeinde mehr vrowäris geben, so müssen unsere Genossen dafür Sorge tragen. daß am 9. November die Kandidaten der Sozialdemokratie mit großen Stimmenzahlen gewählt werden. Waisenpslege— Fürsorgeerziehung. In der Waisenpflege ist in der Berichtszeit eine von unseren Genossen wiederholk geforderte Einrichtung zur Wirklichkeit ge- worden: die Einrichtung der Berufsvormundschaft. Am 21. Dezember 1911 legte, her Magistrat der Stadtverordnetenvcr sämmlung eine Vorlage vor, nach lvelcher für die nack dem 1. April 1912 in Berlin geborenen unehelichen Kinder die«tadt die Vor- mundschaft übernimmt. Städtische Beamte werden den Vormund- schaftsrichtern als Berufsvormünder vorgeschlagen. Vom Vor. mundschastSamt werden die Interessen der unehelichen Kinder nach jeder Richtung hin wahrgenommen, insbesondere ist die Regelung der Alimentationspflicht der Erzeuger eine wcsenltiche Aufgabe dcS Berufsvormundes. DaS Amt hat infolge der religiösen Unduldsam- Zeit dcS katholischen Chart tasverbandes, der einen Anspruch aus die Vormundschaft für uneheliche Kinder katholischer Mütter erhebt, mit nicht unerheblichen Schwierigkeiten zu kämpfe». Aus dem Gebiete der Fürsorgeerziehung reifen der- schicdene aus Anlaß der von unserer Partei ausgedccklen Greuel von Miclzyn von den städtischen Behörden eingeleiteten Re formen ihrer Vollendung entgegen. Die städtische Erziehungs anstalt Lichtenberg wird zu einer Handwerkerbildungsanstalt um gestaltet, wozu der Magistrat in Vorlagen vom 28. November 1912 lind vom 17. April 1913 die nötigen Mittel anforderte. Und in StruerSbof entsteht eine nevc Erziehungsanstalt, deren Errichtung in den Sitzungen vom 24. April und 26. Jnni 1913 beschlossen wurde. Bedeuten dicse�Einrichtungen auch aus dem Gebiete des Fürsorge Wesens einen Schritt vorwärts zur Besserung, so ist doch nicht zu verkennen, daß die heutig« Fürsorgeerziehung noch sehr im argen liegt, und es ist Sache der Sozialdeniokratie, auch hier vortvärtS treibend zu wirken, damit die armen unglücklichen Kinder, die als Opfer unserer beutigen sozialen Verhältnisse in die Fürsorge- erziehung gesteckt werden, wirklich erzogen werden. Nack dem heutigen Stande der Fürsorgoerziehung fehlt es aber an einer wirk- lichen Erziehung. Besserung der wirtschaftlichen Lage der breiten Masse der Bevölkerung, Sckoftung von Kinderhorten u. a. dürfte das beste Vorbeuglingsiuittel fein, die Kinder vor der Fürsorge- erziehung zu bewahren. Wurden die 12 Millionen Märt, die im Jahre 1911 in Preußen für die Fürsorgeerziehung ausgegeben und. für vorbeugende Zwecke ausgegeben werden, so stünde es heute um vieles besser. Aber in unserer heutigen Gesellschaft gilt eben der Grundsatz: Erst läßt man den Armen schuldig werden, dann überläßt man ihn der Pein! Kommunalfreisinuigcr Patriotismus. llnscre Dreiklassenmänner im Rathause tun sich besonders auf ihren Patriotismus etwas zugute. Bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten lasse» sie ihn im hellsten Lichte erstrahlen. Gilt es, einen fremden Potentaten zu empfangen, so werden Straßen und öffentliche Gebäude mit buntem Papier und Fahnen ausstaffiert, um auf kurze Zeit„Berlin im Festesglanz" erstrahlen zu lassen und um„oben" gut angeschrieben zu werden. Die Sozial- demokratie hat bei allen diesen Gelegenheiten mit allem Rachdruck gegen die VeNvendung von Steurrgeldern zu höfischen Empfangs- seierlichkeiten Stellung genommen und zum Ausdruck gebracht, daß es im bürgerlichen Leben allgemein üblich ist, daß derjenige, der Besuch erhält, selber die Pfticht hat, aus eigenen Mitteln seinem Gaste den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. In der Berichtszeit ist insofern ein« kleine Aendemng eingetreten, als bei ossiziellen Empfängen fremder Fürsten wie beim Einzug eines neuen Brautpaares mit dem alihergevrachten Brauch ge- brachen worden ist, Oberbürgermeister und Stadtverordnete nach dem Brandenburger Tor zur Begrüßung am Kutschenschlag zu „befehlen", wo die sreistnnigen„Männer" im Sonnenbrand oder Einflusses der Stadt auf den Arbeitsnachweis. Dieser Einfluß, welcher der Stadt im Vorstande des Vereins die Mehrheit durch ein besonderes Kuratornim sichert, wurde der Stadt zugestanden und H u n�d e r t j a h r f e i e r des Jahres 1813. Der Magistrat hatte vorgeschlagen, am Tage der Hundertjahrfeier einen Kirchgang nach der Nikolaikirche zu machen, und zwar, auf einen Wink von oben hin, am Geburtstage der Königin Luise. DaS ganze Arvangement war nicht ein Gedenken an das Volk, das im Fahre 1812 für die Freiheit gestritten hat, sondern ein höfisch-byzantinischer Akt. den die Sozialdemokratie entschieden ablehnte._ Ter Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion gab deshalb in der Sitzung am 29. Februar 1913 eine Erklärung ab, in der es hieß: „Die Befreiung von der Napoleonischen Fremdherrschaft bat leider dem Volke nicht das gebracht, ums die ersten Vorkämpfer der Erhebilna erhofft haben und was sie erwarten durften. Der König von Preußen bat das in der Not gegebene Ver- sprechen einer sreibeitlichcn Verfassung für die preußischen Lande nichl eingelöst. Es bedurfte vielmehr noch jahrzehntelanger Kämpfe und zahlreicher unglaublicher Opfer, bevor es gelang, das Volk von den drückendsten Schäden der in Vorurteilen bc- fangenen absoluten Monarchie zu befreien. "Noch heute steht ein großer Teil des preußischen Volkes, vor allem die Arbeiterklasse, in einem erbitterten Kampfe um die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, die ihr vorenthalten wird von der preußischen Burcaukratie med einer herrschsüchtigen Junkerkaste." Diese Erklärung löste bei unseren freisinnigen Patrioten im Rathause wahre Tobsuchtsanfälle aus. Einer nach dem andern sagte sein Sprüchlein her; eist er nach dem andern beteuerte buch und beilig seine Liebe zum angestammten Fürstenhause und erklärte, auch als Jude den Kirchgang in die evangelische Nikolaikirche zu machen und hier in voller Dankbarkeit der Errungenschaften der Ereignisse von 1813 gedenken zu wollen. Das sind die Männer. die vorgeben, für Volkssreibeiten zu kämpfen. Sie wissen nicht oder wollen nickt wissen, daß das Polk mit der Abschüttelung der napoleonischen Fremdberrschafi in neue Fesseln geschlagen worden ist und noch heute um sein elementarstes Recht schwer kämpfen muß. Auch gegen die Aufftellung eines Kolonial! ricger- denk m a l s im Osten der Stadt erklärien sich am 8. Mai 1913 unsere Genossen. Am 22. Mai und am 6. SU(U_1913 beschloß die Stadtverordneteiwersammlung eine Jubiläum svorliage über die II m g e st a l t u n g des II n i v c r s i tä t s V i e r te Is und Schaffung von Zugängen zum neuen Museum. Für unsere Freisinnigen ivar in erster Linie maßgebend, daß das Werk als Jubiläumsgeschelik bestimmt Ivar. während unsere Genossen diese Gründe ablehnten. Für sie handelte es sich um ein Kulturwerk großen Stils, dem sie von diesem Gesichtspunkt auZ sehr wohl ihre Zustimmung geben konnten. Am Sonntag, de» 9. November, ist Gelegenheit. diesen Patrioten. die so sehnsüchtig nach oben schaucn, ob ihnen ein Bündchen ins Knopfloch geflogen kommt, die verdiente Antwort zu geben. Schlnstbemerkungen. Die sozialdemokratische Fraktion hat in der Gemeinde auf Grund ihres Kommunalprogramms zu allen wescutlichen Fragen Stellung genommen, und soweit sie sich nicht aus Anträge beschränkte, auch zahlreiche Anregungen gegeben, die bei ihrer Fülle in diesem Bericht nickt alle im cinzelnen aufgeführt werden konnten. Immer war Grundsatz: die Interessen der erwerbstätigen Bevölkerung, die sich mit den A l l g e m e i n i n t e r e s s e n decken, wahrzunehmen gegen die auch im Raibause zum Ausdruck kommenden k a p i t a l i- st i s ch e n Interessen. Eine weniger in der Oeffentlichkcit wahrnehmbare Tätigkeit entfalteten unsere Vertreter in den De- putationen und Kuratorien der einzelnen städtischen Verwaltungen. Besonder? bemerkt sei, daß das Kuratorium für das Bcstattungs- Wesen auf sozialdemokratischer Initiative hin dem unwürdigen Zu- stände der bisher üblichen Armenbeerdigungen ein Ende machte. Bisher erfolgten die auf Kosten der Gemeinde vorzu- nehmenden Bestattungen armer Personen in der Weise, daß am Vormittage die Armenleicheu von de» Friedhossarbeitern in ihrer � schmutzigen Arbeitskleidung nach dem Grabe getragen und ein- gescharrt wurden, wie man einen Hund verscharrt. ES wurde be- schlössen, die Arinenbeerdigmige» an Nachmittagen in Verbindung mit den Zahlleichen vorzunehmen, und zwar in der gleichen Weise wie letztere, d. h. die Fiiedhossarbeiter legen auch bei Beerdigungen von Armenleichen die gleiche schwarze Kleidung an wie bei Zahl- leicheu, so daß ein Unterschied in der BestattuugSweise nicht mehr vorhanden ist. Dieser Zustand ist seit Anfang ISIS eingeführt worden. Auch in anderen Deputationen haben unsere Genossen Verbesserungen durchgesetzt. Andere iviStige Fragen sind in der Schwebe und harren der Lösung. Die nächsten Jahre stellen die Stadt vor neue Aufgaben. Eine der Wichtigsien Ausgaben der nächsten Zeit ist die Frage: Soll es in Berlin erhört sein, daß eine private Erwcrbsgcsellschaft auch fernerhin das Monopol hat, Kraft und Licht an die Beböllc- rung abzugeben, und sollen die Gewinne aus diesem Unternehmen auch ferner in die Taschen von Aktienbesitzern fließen? Die sozial- demokratische Fraktion hat bereits durch ihren Redner zum Etat am 4. März 1913 darauf hinweisen lassen, daß im Jahre'1915 der Vertrag der Stadt mit den Berliner Elektrizi- täts werken abläuft, und daß die Stadt alle Vorbereitungen zu treffen habe, die Elektrizitätswerke im Jahre !91S in eigene Regie zu nehmen. In Verfolg dieser sozial- demokratischen Anregung ist der Vertrag auch gekündigt worden. Es sind aber einflußreiche Kräfte am Werke, erneut dem Privat- kapital den Steigbügel zu halten und auf Jahre hinaus die Berliner Bevölkerung wiederum der Ausbeutung einer Privat- gesellschaft preiszugeben. Das darf nicht sein! DaS muß ver- hindert werden! Wirksam kann daS Allgemeininteresse nur durch die Wahl sozialdemokratischer Vertreter wahrgenommen werden. Und des- halb:?luf am 9. November zur Wahl sozialdemokratischer Kandi, daten!__ Kommunale Aahlbemgwg. 29. Äommunalwahlbczirk. Genosse Dr. Oskar Cohn sprach am Dienstag in den „Berolinasälen" vor sebr gut besuchter Versammlung. In trcff- lichcr Rede kritisierte er die Mißstände in unserer so.freisinnig" regierten Hauptstadt. Besonders eingehend behandelte Redner die städtische Wohlfahrtspflege, die SäuglingSsürsorge und das Schul- Wesen. Zum Vergleich, was eine Stadt wie Berlin auf dem Schul- gebiete leisten könnte, zog er die allerdings nicht..kommunalfrei- sinnig" regierte Stadt Kopenhagen heran. Haben wir bei uns Echiilklassen mit bis zu 60 Schülern, so finden wir dort überhaupt keine Schulklasse, die über 30 Möpse zählt. Gleich brach liegt bei uns auch die Armenpflege, locnngleich auch auf diesem, wie auf allen anderen Gebieten durch die unausgesetzte Kritik und Arbeit der Sozialdemokralie ein reiferer und moderner Geist eingezogen ist. lim der mahnenden Stimme der Sozialdemokratie im Roten Hanse mehr Nachdruck zu verleihen,- heißt es, am Wahltage die sozialdemokratischen Kandidaten mit ungleich höherer Stimmenzahl ins Rote Haus zu senden. Sodann ergriff nach kernigen. Wahlaufmunterungen zweier Genossen der Kandidat Theodor F i s che r zu einer längeren, instruktiven Ansprache das Wort. In Würdigung, daß die Kom- munalpolitik nicht mit der Landes- oder gar der Reichspolitik ver- glichen wird, wünschte er doch, daß die stadtischen Angelegenheiten in den breitesten Volkskreiscn ebenso viel Interesse fänden, wie die ersteren. Das kommunale Gebiet bietet des Interessanten genug. Im iveitcren Verlauf seiner Ausführungen streift Redner die ver- schiedensten städtischen Einrichtungen, um dann zu dem Schluß zu kommen, daß wie trob unserer Achtung vor den Parlamenten nicht unsere Hoffnung allein aus diese setzen; denn unsere Kraft liegt in der Stärke unserer Organisationen. Darum aus zur Kräftigung unserer Reihen, um dem Kommunalsrcisinn nicht nur mit Man, daten, sondern auch mit riesiger Stimmcnzahl aufzuwarten. 31. Kommu« alwaW ezirk. Ueber die Abgaben der Sozialdemokratie referierte in Ziitz- nrilchs Festsälen, Bornstolmer� Straße, Genosse K a 6 l e n z e r. Solange die Herren Freisinnigen nicht durch die Soziatdemotratie in ihrem Schlafe gestört wurden, plätscherte daS Wasierlem der kommunalen Verwaltung Berlins ruhig dahin. Bis die Sozialdemo- lratie dann als Hecht in? Karpfenteiche erschien, die Arbeiterfragen in den Vordergrund stellte und nun das Feld der Rede, man darf sagen, beherrschte.� Es ist denn auch gelungen, die Burg?;rlichen durch dieses fortgesetzte Arbeiten zu zwingen, unseren Vorschlägen zum Teil zuzustimmen. Im Berliner„Dreiklassenhaus", in dem die Junker und Pfaffen fehlen und nur die Liberalen, die Vcr- fechter der„Freiheit, als einzige Gegner uns gegenüberstehen, -nützte, sollte man meinen, daß auch freiheitliche Politik getrieben merde. Aber weit gefehlt. Nur, wo die Freisinnigen in der Minorität sind, finden sie liberaltönende Worte. Redner untersuchte mit großer Kenntnis kritisch die cinzelirm Zweige der Kommunal- gesetzgebuna. Mit wuchtigen Hieben gcitzelte er das schmachaolle Verhalten des Freisinns in den Stcuerfragen, der auch nach bc- rühmten Muster die Interessen der Besitzlosen autzer acht läßt. Für all seine volksfeindlichen Taten mutz dem Freisinn an? Wahltage die gebührende Qnittung in Gestalt riesiger Stimmenziffern ent- richtet werden. Die Anwesende-? zollten den trefflichen Ausführun- gen lebhaften Beifall. 37. Kommunalwahlbczirk. Im dichtgefüllten Saale des„Artushof" sprach Genosse Lieb- k n e ch t, der die sozialen Aufgaben � der Stadt Berlin in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte. Es war ihm ein Leichtes, an Hand der Tatsachen die volle Rückständigkcit des Kommunal- freisinnS in das gebührende Licht zu rücken, nicht??ur im Hinblick auf unsere sozialen Forderungen, sondern auch in bezug auf das Wahlrecht. Der Kampf um ein besseres kommunales Wahlrecht hänge aber auf das innigste mit dem preußischen Wahlrcchtskampf zusammen. Anschließend an daS beifällig aufgenommene Referat hielt der Kandidat H e y s e eine Ansprache au die Versammlung, wonach einige anfeuernde Worte des Versammlungsleiters den Beschluß bildeten. Hermann Aerner tot. .Fallen seh' ich Blatt um Blatt" I Der Tod hält diesen Herbst reiche Ernte unter unseren älteren Genossen. Mit Hermann Werner verliert die Berliner Sozial- demokratie einen ihrer bravsten nnd treuesten Kameraden. Er war kein Redner, kein Schriftsteller, er stand nicht an weitragender Stelle, aber welche Aufgabe die Partei ihm immer stellte, was immer sie von ihm forderte, ohne Zaudern und ohne Zagen tat er seine Pflicht und ehrte das in ihn gesetzte Vertrauen. Er gehörte allmählich schon zur.alten Garde'— nicht an Lebensjahren, wohl aber an Dienstjahren. In Jüterbog 18öS ge- boren, kam er nach Ableistung seiner Militärdienstzeit in Brandenburg in den 80«r Jahren in Berlin in die GewerkschaftS- und polirische Bewegung öffentlich, so weit da« unter dem Sozialistengesetz möglich, geheim, so weit eS notwendig war. Wenn einmal im Kreise der Genosien von jenen Kampfjahren gesprochen wurde, so verweilte Hermann mit Vorliebe bei den Schnippchen, die damals der Polizei bei der Verbreitung des.Sozialdemokrat" geschlagen worden sind— und Hermann? sinnige, nachdenkliche Art wußte immer neue Mittel und Wege zu finden, wenn der Spürsinn der Polizei die alten ver« legt hatte. Damals, in seinen jungen Jahren, war Werner auch noch flink und hurtig, und die Aufpflanzung der roten Fahne an einer Pappel in Lchöneberg anläßlich des 18. März und die daran sich schließende Jagd der Polizisten, die zu spät aufgeständen waren, gehörte noch nach Jahre»? zu seinen liebsten Erinnerungen. Anfang der neunziger Jahre, nachdem der Buchbinder Kleinert der Proletarierkrankheit erlegen war, wählten ihn die Genossen des zweiten Wahlkreises an dessen Stelle zu ihrem Vertrauensmann; er blieb mit einer kurzen Unterbrechung an dieser Stelle, bi« dies« Organisationsform geändert wurde, dann aber war er jahrelang Vorsitzender oder doch Vorstandsmitglied des Wahlvereins. Auch auf den deutschen Parteitagen war er wiederholt der Vertreter der Berliner Genossen, ebenso auf den Internationalen Kongressen von Amsterdam und Stuttgart. In allen Kämpfen, welch« im letzten Menschenalter von der Berliner Sozialdemokratie geführt wurden, stritt Hermaim Werner an vorderster Stelle; er war ein ausgezeichneter Organisator, nicht» war ihm zu geringfügig, keine Arbeit zu unbedeutend, er ging stet« mit gutem Beispiel voran. Und wenn der 2. Berliner Reichstags» Wahlkreis seit 20 Jahren immer wieder— trotz der ungeheueren Anstrengungen der Gegner zur Wiedereroberung— der Sozial» demokratie erhalten blieb: Hermann Werners unermüdlicher Klein- arbeit, seiner weitausschauenden OrganisalionStäligkeit, welche die Parteigenossen zu freudiger Mitarbeit zwang, ist das mit in erster Linie zu danken. An allen Verfolgungen, welche über bi- Sozialdemokratie in Berlin hereinbrachen, trug er sein redlich Teil. Als am 8. Februar lSö6 durch den Verrat eineö gewissen Krüger die„Korpora" in der Admiralstraße aufgehoben und die Verhaheten nach dem Alexanderplatz gebracht wurden, war natürlich Hermann Werner an ihrer Spitze, und im Prozeß Hinze und Genossen(am 28. April ISSS) figurierte er als angeblicher„Leiter". Auch im OrganisalionSprozeß Auer und Genossen am 9. November 18S6 saß er auf der Anklage- bank, wie er denn überhaupt eine Anzahl„Strafen" wegen seiner politischen Tätigkeit auf seinem Verdienstkonto stehen hatte. Wie so viele Genossen, denen das Eintreten für die Partei die Arbeitsstelle gekostet hatte, war Werner auch einige Jahre„Partei- budiker", aber besonders wohl sühlte er sich dabei nicht. Als die Gelegenheit sich bot. machten ihn die Parteigenossen zum Spediteur des.Vorwärts' und sie hatten das nie zu bereuen. Wie er die ihm übertragenen Parteiarbeiten auf das Gewissenhafteste verrichtete, so war er auch in seinen geschäftlichen Angelegenheiten von muster- hafter Gewissenhaftigkeit, ordnungsliebend bis an die Grenzen der Pedanterie. Bon Beruf war er Putzer und seine frühere gewerlschaftliche Tätigkeit hat ihm die Liebe seiner Berufsgenossen bi« in die letzten Tage gesichert. Seit Jahren litt er schwer an Gelenkrheumatismus, in diesem Sommer erlitt er einen leichten Schlagairfall, der bei seinen Freunde» schwere Besorgnis erweckte. Ein mehrwöchentlicher Ferienaufenthalt, den er auf den? Grundstück eines befreimdeten Ge- nassen an der Havel verlebte, schien die Gefahr einer Wiederholung auf längere Zeit hinausgeschoben zu haben. Gestern mittag erlitt it einen zweiten, schwereren Schlaganfall; bewußtlos wurde er nach dem Krankenhaus Urban geschafft, wenige«stunden später war er, ohne wieder zum Bewußtsein gekommen zu sein, gestorben! Hermann Werner war ein Idealist; die Hingabe an die hehren Aufgaben der Sozialdemokratie: die Befreiung der Menschheir durch die Befreiung der Arbeiterklasse, war ihm Lebensaufgabe. Dafür setzte er seine ganze Seele ein, Und weil er kein anderes Ziel, kein andere» Streben kannte, weil er seine ganze Krast zu allen Stunden d-S Tages und der Nacht für die Sache der Arbeiterklasse opferte. deshalb forderte er das gleich- von anderen und ward manchmal etwas zu strenge in diesem Fordern. Dafür ward ihm auch die «iebe und Achtung aller derer, die ihn näher kannten. Möge sein Beispiel für die Jüngeren ein Airsporn zur Nach- eiferung sein. Die Berliner Sozialdeinokratie zählt ihn stolz zu ihren Besten und wird seiner nimmer vergessen. Partei-?Zngelegenkeiten. Dritter und vierter Wahlkreis. Morgen Fi r e i t a a, abends 7 Uhr: Flugblattverbreitung zur Stadtverordnctenwahl für den 9., 16. und 22. Kommunal- ivahlbezirk. Dritter Wahlkreis. Den Genossen und Genossinnen zur Nach- richt, daß der erste Bortrag des Genossen Dr. Duncker über die Ge- schichte des Sozialismus erst am Freitag, den 11. November, statt- finden kann. Weitere Vorträge finden am Montag, den 17. No- veinber, Mittwoch, den 19.(Bußtag) und am Freitag, den 21. November, im Luisenstädtischeu Kasino, Oranienstr. I3l, statt. Anfang abends 8% Uhr. Der Vortrag am 19. November(Bußtag) beginnt vormittags 9l/a Uhr. Der Bildungsausschuß. 5. KreiS. Sonntag, den 9. d. M., für die 1., 1a., Id. und 2. Abteilung, Sonntag, den 16. d. M., für die 3.-7. Abteilung Besuch des Museum« sür Meereskunde(Georgenstraße.) Treff- Punkt Il3/< Uhr mittags vor dem Museum. Die Führung an beiden Tagen ha? Genosse Dr. Hannauer übernommen. Zahlreichen Besuch erwartet Der BildungSausschuß. Lichtenberg. Zu de»? am Sonnabend, den 8. d. Mts. in Keller« Festsälen stattfindenden Kunstabend sind noch eine beschränkte Anzahl von Billett« zum Preise von 40 Pf. in folgenden Verkaufsstellen zu haben: Restaurant Wilh. Schulz. Kronprinzenstr. 47; Restaurant Krüger, Türrschmidlstr. 40; Zigarrengeschäft Gergo, Wilh-mstr. 64; Restaurant Paul Werner, W-lhelmstr. 36; Restaurant Blume, Alt- Boxhagen 56; Zigarrengeschäft A. John, Gartnerstr. 33. Schmargendorf. Sonnabend, den 8. d. Mts., findet im Restaurant „Waldkater", Warnemünder Str. 14/lS, daS 21. Stiftungsfest des WahlvereiriS statt. Die künstlerische Leitung übernimmt die Konzertdirektion Blumenthal-Derfla. DaS Konzert wird ausgeführt vom Berliner Sinfonie-Orchester. Anfang 9 Uhr. Um rege Beteiligung der Genossen wird ersucht. Trebbin. Am Sonnabend, den 8. Nove???ber, abends 8lL Uhr, im.SchützenhauS"(W. Tromm): Oeffentliche Kommunalwähler- Versammlung. Tagesordnung; 1. Die Aufgaben der Sozialdemo- krali« in der Gemeinde. Referenten; Stadtvervdneten Schönsee und Heintze. 2. Diskussion. Niederschönhauscn. Morgen Freitag, den 7. November, abends pünktlich 8®/,, Uhr. findet der zweite Vortragsabend des Kursus: „Die wissenichafrlicken Grundlagen der modernen Arbeiterbewegung" statt. Die Beteiligung hieran ist auch denjenigen Genossen zu empfehlen, die den ersten Abend versäumt haben. Karlen sind am Eingang des Lokals, Restaurant Liedemit, Am Kirchplatz, zu haben. Borfigwalde- Wittenau. Freitag, den 7. November, abend» 7®/, Uhr, von den bekannten Stellen aus wichtige Flugblatt- Verbreitung. Reinickcndorf-Ost. Vom VortragSzyku«:„Einführung in die sozialistische Weltanschauung"(Vortragender: Genosse Emil Eichhorn) findet heute abend 3�/, Uhr im.Seebad". Residenzstr. 49, der vierte Vortragsabend statt. Der geringe Eintrittspreis von lO Pf. ermöglicht jedem Parteigenossen und jeder-Genossin die Teilnahme an den Borträgen. Tegel. Zu der am 28. Dezember stattfindenden Weihnachtsfeier des Wahlverein« ist eine Reigenaussührung geplant. Da die Uebungen zu derselben jetzt swoii beginnen, wollen dir Eltern, deren Kinder dabei mitwirken wollen, diese a?n Montag, den 10. d. Ml«., abend« Uhr, nach dein Jugendheim) Bahnhofstr. 16, schicken. Frauz.-Buchholz. Zu der am Sonntag, den 9. November, statt- findenden Jugendschriften- und Wandschmuck-AuSstellung im Nestau- rant Rossack, Hauptstraße 71, wollen die Genossen sich heute DomierS- tag. den 6., abends 7� Uhr, zu einer Flugblattverbreitung bei Kähne, Berliner Straße 39, zahlreich einfinden. Lerlmer I�admebten. Oeffentliche Bibliothek und Lesehalle Berlin. Die Oeffentliche Bibliothek und Lesehalle in Berlin SO., Adalbertstr. 41, hat am 24 Oktober d. I. ihr 14 Geschcists- jähr beendet. Der stetige Fortschritt in der Wirksamkeit des Instituts, über den seit der Begründung regelmäßig be- richtet werden konnte, hat erfreulicherweise auch im abgelau- fenen Jahre angehalten. Der Verkehr wickelte sich dank der praktischen Einrichtungen in ruhigen Bahnen ab, obwohl die Bibliothek während der täglichen 414 stllndigen Betriebszeit äußerst stark in Anspruch genommen wurde. Das Institut wurde seinerzeit zugunsten der Arbeiter- schaft Groß-BerlinS begründet und es ist erfreulich, feststellen zu können, daß 55 Proz. der Leser aus gewerblichen Arbeitern und Arbeiterinnen bestehen. Die.Sandelsangestellten beiderlei Geschlechts bilden 22 Proz. der Benutzer, während die rest» lichen 23 Proz. des Leserkreises sich auf die liberalen Berufe, Beamte, Lehrer, Studenten und Personen ohne Beruf ver- teilen. Die Zahl der seit Eröffnung der Bibliothek ausge- stellten Leserkarten beläuft sich auf 23 654 Stück, von denen im Berichtsjahre 4411 in Benutzung waren. Wie die nachfolgende statistische Uebersicht ergibt, ist die Nachfrage nach belehrendem Lesestoff gegen das Vorjahr wiederum gestiegen. Dieser Erfolg dürfte zum Teil darauf zurückzuführen sein, daß die Verwaltung es sich angelegen sein läßt, einen Kontakt mit den Lesern zu schaffen und diese durch entsprechende Hinloeise zu nutzbringender Lektüre an- zuregen. Als besonders fördernd hat sich auch eine täglich wechselnde Ausstellung von Schriften zur Einführung in die verschiedenen Wissensgebiete oder wichtige Tagesfragen be- währt. Diese Ausstellung führt dem Besucher die Reichhaltig- keit der Bibliothek ständig vor Augen und gibt ihm Gelegen- heit, sich durch eigene Anschauung über den Inhalt der Bücher zu unterrichten, bevor er sie entleiht. In der Ausleihbibliothek wurden im 14. Betriebsjahre 76899 Bände nach Hause verliehen gegen 69612 Bände im Vorjahr. In Verlust geraten sind 19 Bände. Von der Ge- samtzahl der Entleihungen entfallen 45 963 Bände auf schöne und 24 936 Bände auf belehrende Literatur. An letzterer Zahl sind die einzelnen Wissenszweige in folgender Weise be- teiligt: Geschichte und Lebensbeschreibungen 4838, Geographie 3116, Naturwissenschaften 5693. Rechts- und Staatswissen- schaften, Volkswirtschaft 3675, Gewerbekunde, Technik 3236, Philosophie. Religion. Pädagogik, Sport 2815, Kunst. Musik, Literaturgeschichte usw. 2715 Bände. Die verlangten wissen- schaftlichen Bücher machten im Berichtsjahre 35 Proz. aller Entleihungen aus. Insgesamt sind im 14. Jahre 85 851 Bände in und außer dem Hanse entlehnt worden; in den 14 Bctriebsjahren zusammen 1045544 Bände. Von dem ein- zeluen Leser wurden im letzten Jahre durchschnittlich 16 Bände nach Hause entliehen und zwar 11 unterhaltende und 5 be- lehrende Bücher. Diese Ausleihziffern könnten leicht ge- steigert werden, wenn die Verwaltung es sich aus wohl- erwogenen Gründen nicht zum Grundsatz gemacht hätte, jedem Leser— von Ausnahmefällen abgesehen— immer nur ein Buch niitzugeben. Die Lesehalle wurde im 14. Betriebsjahrc von 67 312 Personen gegen 65 898 Personen im Vorjahr, und zwar 64 255 Männern und 3657 Frauen, in den 14 Jahren zusammen von 882 240 Personen besucht. Die Zahl der hier ausliegenden periodischen Schriften hat wiederum eine Vermehrung erfahren und beträgt jetzt 619 Zeitungen und Zeit- schriften jeder Art und Richtung. Die im Lesesaal aufgestellte, 2131 Bände zählende Nachschlagebibliothek wurde von den Besuchern in umfassender Weife zu Rate gezogen. Die Gesamtzahl der Besucher, die iin 14. Betriebsjahr Bibliothek und Lesehalle benutzten, belief sich auf 138 211 Per- sonen. Seit der Eröffnung vor 14 Jahren haben insgesamt 1 737 421 Personen das Institut aufgesucht. Die Oeffentliche Bibliothek und Lesehalle, die jedermann zu unentgeltlicher Benutzung offensteht, ist werktäglich von — 10 Uhr abends, an Sonn- und Feiertagen von 9—1 und 3-�-6 Uhr geöffnet.___ Ein Frauenmord festgestellt. Die Obduktion der an der Waisenbrücke gefundenen Frauen- leiche hat ein sensationelles Ergebnis gehabt. Nach der Dienstag vorgenommenen Besichtigung des aufgefundenen Oberkörpers konnte man annehmen, daß es sich um einen Selbstmord handelt und daß die Zerstückelung durch Schiffsschrauben erfolgt sei. Dieser Ansicht lvar Medizinalrat Dr. Hoffmann auch bei Beginn der gestern inittag um 1 Uhr erfolgten Obduktion. Um festzustellen, ob die Verletzung im Rücken von einem Messer oder einem Boots- haken herrühre, wurde eine eingehendere Untersuchung vorgenommen. Hierbei entdeckten die Aerzte in dem Körper eine Messerklinge, die abgebrochen war. Nach diesem Befund muß angenommen werden, daß d<;r zweifellos tödliche Stich mit ungeheurer Wucht geführt worden ist. Nunmehr konnte auch festgestellt werden, daß der Oberkörper von den noch nicht gefundenen unteren Teilen gleich- falls mit einem Messer abgetrennt worden ist. Die Körperteile weisen glatte Schnittwunden auf, wie sie nur von einen? Messer herrühren können. ES handelt sich also zweifellos um einen bestialisch ausgeführten Mord. Die Kriminalpolizei nimmt an, daß die noch fehlenden Körperteile von dem Mörder an irgendeiner Slelle aufbewahrt werden. Noch weiß inan nicht, welcher Act da« Verbrechen ist und vor allen? kennt man auch noch nicht die Persönlichkeit der Toten. Nach der Feststellung der Obduktion ist die Unbekannte durch den Messer- stich in den Rücken gelötet und erst nach ihrem Tode in da« Wasser geworfen worden. Dafür zeigte die Lunge, die noch mit Blur durch- setzt ist, die typischen Merkmale. Der Stich ist zwischen der fünften und sechsten Nippe auf der rechten Seite des Rückens tief in den Körper eingedrungen. Wäre das mit großer Wucht in den Körper gestoßene Messer nicht abgebrochen, so wäre es wohl ganz durch den Körper hindurchgegangen. Das abgebrochene Stück der Klinge ist noch 12 Zentimeter lang und an der Bruchstelle 2'/, Zentimeter breit und an der Spitze scharf zugeschliffen. Aus dem Grade der Abschleifung und der schwärzlichen Färbung der Klingen- spitze ist zu schließe!?, daß das Messer schon älter und länger im Gebrauch gewesen ist. Ohne Zweifel ist es ein Messer mit einem Holzgriff geivesen, wahrscheinlich ein langes Schlächter- oder»Brot- messer. Bon den? Fabrikzeichen steht aus dem abgebrochenen Stück l?ur ein Teil. E« ist zunächst ein kleines Kreuz mit gleichen Balken. Jeder der vier Balken zeigt an? Ende drei kleine Ringe.» die kleeblattartig angeordnet sind. Dann stehen in der ersten Reihe die Buchstaben.7. A. und in der zweiten darunter die Buchstaben Lal, ohne Zweifel der eine Teil de§ Worte« Solingen. Der Täter hat sein Opfer nach dem Tode in zwei Teile zerlegt, um die Leiche besser beseitigen zu können. Diese Trennung des Unterkörpers vom Oberkörper bat er ebenfalls mit einem Messer bc- wirkt. Wahrscheinlich aber nicht mit dem abgebrochenen, sondern mit einem anderen, denn die Schnittflächen, die bei der Auf- findung des Oberkörpers verwaschei? und unregelmäßig erschienen, sind ursprünglich glatt und scharfrandig gewesen, nicht bloß bei der Körpechaut, sondern auch bei den inneren Organen, einer Niere und dem Magen. Alle anderen Verletzungen rühren von Dampserschrauben und Bootshaken her. Nach Vollendung der Obduktion beschlagnahmte Amtsrichter Dr. Kohle die Leiche, um sie sür die Gerichtsverhandlung im Falle der E-nnttelung des TäierS konservieren zu lassen. Zur Ermittelung der Persönlichkeit sei noch darauf aufmerksam gemacht, daß das Gebiß der Toten bis auf einen Zahn noch er- halten war. Die Zähne sind aber zum großen Teil schlecht, wie bei Personen, die auf Zahnpflege kein großes Gewicht legen. Im Ober- tiefer fehlt der linke Ichneldezahn. Er ist durch einen tünstlichen Zahn, der an einer Kaurschukplait« befestigt ist. ersetzt. Die Krimi- »alpolizei» hat gestern durch Säulenanschlag eine iSelohnung von 2000 Mark ausgesetzt. Die Einäscherung der Leiche deö Genossen Wilhelm Schröder erfolgt am Freitagnachmittag in Hamburg. Die genaue Zeit steht noch nicht fest._ Bon einem Träger erschlagen. Von einem eisernen Träger erschlagen wurde am Dienstag- mittag der SS Jahre alte Hilfsarbeiter Franz Burk« auS der Brunnenstraße 86. der in der A. E.-G. beschäftigt war. Burk- lud mit einem anderen Arbeiter an einen? Neubau in der Vollastraße Schienen und Träger ab. Hierbei kam er, wahrscheinlich infolge Ausgleiten« so unglücklich zu Fall, daß ein schwerer Träger ihm auf Kopf und Brust stürzte. Der Verunglückte wurde nach dem Lazarus- Krankenhause gebracht, wo er bald nach der Aufnahme starb. Die schwere Last hatte ihm den Schädel und den Brustkorb eingedrückt. Eine Familientragödie. Auf eine Familientragödie scheint ein vierfacher Leichenfund hin- zuweisen, der gestern vormittag gegen 11 Uhr in immirrelbarer Nähe des märkischen Jndustriebahnhof« Lübars bei Hermsdorf gemacht wurde.. Ein Lokomotivführer, der mit seinem Zug von Friedrichs- felde in der Richtung naiv Tegel fuhr, iah am Bahndamm bier Leiche,? liegen und erstattete bei den? Slationsvorstand von Lubar« Anzeige.. Der Stationsvorsteher begab sich daraus sofort mit einigen Babnbeamten nach der bezeichneten Stelle und fand d?e ttngaben deS Lokomotivführers bestätigt. Die vorläufige Bestckittgung ergab, daß alle vier Personen tot waren. Der männliche Tote stand im vorgerückten Alter; neben ihn? lagen drei Mädchen un. ter von etwa 13, 20 und 80 Jahren, offenbar die Tochter des Mannes. Aflc vier zeigten Schußwunden in den rechten Schläten, woraus wohl geschlossen werden darf, daß alle vier in? gegenseitigen Ein- Verständnis aus dem Leben geschieden sind. Ob der Vater erst die Töchter und dann sich selbst oder ob sich alle v.er einzeln erschossen haben, wird sich voraussichtlich nicht aufklären lassen. Bei den Toten fanden sich keinerlei Papiere. Neben den-voten lag ein Revolver und ein Papagei, der gleichfalls durch einen«chuß in Kopf getötet worden war. Die Leichen blieben einstweilen an Ort und Stelle liegen, bit die Untersuchungilonunission eingetroffen ist. Durch die Gendarmerie wurde die Fundstelle in weitem Bogen ab- gesperrt, da sich die Kunde sehr rasch in Lübars und den benachbarten Ortschaften verbreitete. Wie sich später herausstellte, handelt eS sich um den 67 jährigen Photographen Lichtenfeld aus der Rheinsberger Strafte in Berlin und seine 36 und 34 Jahre alten Töchter und ein 13 jähriges Enkelkind. Ueber die Ursache zu dem schrecklichen Entschluft wird berichtet: Die beiden ältesten Töchter deS Herrn Lichtenfeld, die verheiratet waren, standen am Montag vor Gericht wegen Abtreibung der Leibesfrucht und wurden auch zu einigen Woche» Gefängnis verurteilt Das haben sich die Leute sehr zu Herzen genommen und noch am Montag den Entschluft gefaftt, auS dem Leben zu scheiden. An diesem Tage schrieben sie Abschiedsbriefe und gestern führten sie ihren schrecklichen Entschluft aus. Ein Automobil unter dem Eiscnbahuzuge. Ein schrecklicher Unglücksfall, bei dem zwei Personen sehr schwere Verletzungen davontrugen, ereignete sich gestern abend kurz nach 6 Uhr zwischen Wildau und Königs-Wusterhausen. Ein mit zwei Personen besetztes GeschäftSautomobil des Berliner Warenhauses Hermann Tietz fuhr in der Dunkelheit gerade in dem Moment durch die geschlossene Schranke eines Bahnüberganges, als vom Görlitzer Bahnhof ein Vorortzug herangebraust kam. Die Schranke wurde durch die Wucht des Automobils zertrümmert und letzteres geriet unter den Eisenbahnzug. Durch den Anprall wurden der Chauffeur und sein Begleiter von dem Automobil herab- geschleudert, während dieses selbst vollständig demoliert wurde. Der Gasbehälter der Lokomotive explodierte, ohne indessen weiteren Schaden anzurichten. Die beiden Insassen des Automobil« hatte« bei dem Sturz so schwere Verletzungen erlitten, daft sie in bedenk« lichem Zustande nach dem KönigS-Wusterhansener Krankenhause ge- bracht werden muftten. Die Namen der beiden Verunglückten konnten wir bisher noch nicht erfahren. Unfälle auf dem Flugplatz. Gestern vormittag kurz vor 16 Uhr stürzte aus dem Flugplatz Johannisthal der Russe Garns mit einem Hanuichke-Eindecker auS 16 Meter Höhe ab. Gaili» erlitt nur leichtere Verletzungen und wurde in das Elisabeth-Krankenbaus in Oberschöneweide gebracht.— Ebenfalls verunglückt ist der Monteur Junker von der Sportfliegergesellschaft. I. wollte den Propeller einer Etrichtaube andrehen. Er geriet hierbei in den Propeller und wurde mit schweren Verletzungen an den Armen und Beinen in das Krankenhaus gebracht. Zirkus Barum. Neben den in Berlin bodenständigen Zirkus« unternehniungen Schumann und Busch hat gegenwärtig ein gröfterer Wanderzirkus die Nähe der ReichShaupistadt aufgesucht. Auf dem in der Nähe des Berliner Südosten aus Neuköllner Gebiet gelegenen Sportplatz an der Pflüger-, Ecke Pannierstrafte, bat seit Dienstag der Zirkus Barum fein Riesenzelt aufgeschlagen. Am Abend deS ge- nannten TageS wurde bereits die Eröffnungsvorstellung gegeben. Was dem vollbesetzten„Hause" hier geboten wurde, unterscheidet sich, wenn man von dem sonst der Prachtcntfaltung dienenden Bei- werk absieht, nicht sonderlich von dem, was uns die einheimische zirzensische Kunst zu bieten vermag. Wir sahen zwar nicht jenes prächtige und reichhaltige Pferdematerial wie bei Busch und Schu- manm jedoch da« Bestreben vorherrschend, das Beste aus dem Gebiet der Pierdedressur zu bieten. In der Marno-Truppe. den Schleuder- bretratrobaten. finden wir erstklassige Krim«, die erstaunliches leisten. Araber produzieren sich als Feueriresser und Flammentänzer. Chinesen zeigen sich in ihren heimatlichen Künsten und zahlreiche CiownS suchen mit ihren Späften die Zuschauer durch komische Ein- lagen zu belustigen. Im Schluftteil der Vorstellung kommt die Raublierdresiur zur Gellung: Direktor Kreiser mit seiner Eisbären- gruppe, Dompteur Arengo mit seinen Berberlöwen und Bären. Im Wintergarten leistet jetzt der Komiker Paul Becker« mit seinen derben Witzen das Menschenmöglichst«, um die Lachmuökeln des Publikums in Bewegung zu setzen. Sein Fliegentütencouplet «ntfesselt wahre Beifallsstürme und bringt auch den ernstesten Menschen m Bewegung. Die Operettendiva Grete Freund und die italienische Sängerin C e r u t t i ergänzen sich in gewisier Be- ziehung. Während die erstere mehr durch ihre leichteren Sachen unterhält, gibl Frl. Cerntti stimmlich Achtungswerles. Als Hand- standlünstler, wie wir sie lange nicht in dieser Vollendung und Kraft- leistung gesehen hoben, produziert sich daS O r p i n g t o n- T r i o. Originell ist Herr Willard. Der Mann wächst vor unseren Augen, ohne sich etwa aus die Zehenspitzen zu stellen. Willard reckt sich und dehnt sich und verlängert sich in kaum glaublicher Weise. Er er- zählt uns auch, ivie er das macht, aber verstehen kann ihn keiner. In Frank RaffinS Affcnzirkuö produzieren sich Affen als Ringlämpfer und Akrobaten in recht drolliger Weise und eine Reihe anderer recht guter Piccen vervollständigen daS recht reichhaltige Novemberprogramm. Ein Großfeuer in der Swinemünder Straße kam in der Nacht zum Mittwoch aus. Der Dawstuhl des Hauses Swinemünder Strafte 3S stand in ganzer Ausdehnung in Flamm«!. Di« Feuer- wehr halle noch bis zum gestrigen Morgen zu tun. Der Dachstuhl des groften Eckhauses ist vollständig durch das Feuer zerstört worden, sodaft der Schaden bedeutend ist. Ansang« waren auch die Nachbar- gebäude stark gefährdet, da sich ein grofter Funkenregen entwickete. Im ganzen hatte die Feuerwehr sechs Schlauchleitungen' vorgenommen, ans denen von vier mechanischen Leitern und von den Treppen aus Wasser gegeben wurde. Die Flammenentwicklung war ganz enorm und der Dachstuhl glich einer einzigen brennenden Fackel. Unfälle sind bei den Löscharbeiten nicht vorgekommen.— Lufterdem hatte die Feuerivehr in der letzten Nachts in der Prenz- lauer Allee 242/47 zu tun, wo durch Kurzschluß ein Teil der Dach- konstruktion in Brand geraten war. Hier konnte die Gefahr in kurzer Zeit beseitigt werden.— Ein Automobil hatte vor dem Hause Friedricvstrafte 12S Feuer gefangen. Feuer auf einem städtischen Lagerplav. Gestern abend wurde die Feuerwehr nach dem städtischen Lagerplatz in der Seestrafte 82 gerufen, wo bei Ankunft der Löschzüge ein grofter Schuppen in Flammen stand. Das Feuer war weithin sichtbar und rötete den Himmel. Die Situation sah anfange recht bedrohlich ans, weshalb Brandinspektor v. Borch sofort mit vier Schlauchleitungen stärksten Kalibers Wasser geben lieft. Die Flammen waren auch schon aus ein Faftlager übergesprungen und gefährdeten einen benachbarten Holzplatz. Durch unausgcietztes kräftiges Wassergeben konnte der Brand schlieftlich aus seinen Herd beschränkt werden. Der Schuppen, in dem sich eine Böttcherei befand, ist aber vollkommen eingeäuschert worden. Ueber die Ursache deS Feuers konnte nichts ermittelt werden. Die vollständige Ablöschung der Brandstelle mit den Aus- räumungsarbeiten zog sich bis in die Nachtstunden hin. Aus dem Fenster gestürzt ist gestern abend daS 23 Jahre alte Dienstmädchen A u gu st e Lande aus der Calvinstrafte S. Das Mädchen, da« seit Anfang August bei dem Kaufmann Rantorowicz beschäftigt war, sah gestern abend kurz nach 8 Uhr auS dem Flur. fenster im dritten Stock hinaus nach dem Hofe. Sie lehnte sich da« bei zu weit vornüber, verlor Das Gleichgewicht und stürzte hinab. Mit zerschmetterten Gliedern blieb sie besinnungslos auf dem ae- pflasterten Hof liegen. Ein hinzugerufener Arzt leistete ihr die erste Hilfe und lieft sie. da sie noch schwache Lebenszeichen von sich gab, nach dem Krankenhaus Moabit bringen. Bei der Ankunft dorr war sie jedoch schon gestorben. Die Leiche wurde deshalb beschlag- nahmt und nach dem Schauhause gebracht. Man rechnet hei dem Absturz deshalb mit einem Unglücksfall, weil für einen Selbstmord des jungen Mädchens keinerlei Gründe vorliegen. Noch kurz vor ihrem Tode war sie sehr vergnügt und lebensfroh. Kleine Nachrichten. In einem Privathotel erschossen hat sich der 38 Jahre alte Reisende von Elten aus Krefeld.— Aus der Spree gelandet wurde gestern an der Gotzlowskybrücke die Leiche der 19 Jahre alten Näherin Elisabeth Frenzel, die bei einem Onkel in der Kopenhageiler Strafte wohnte. Da« junge Mädchen sprang vor 14 Tagen, wie wir damals meldeten, aus Liebesgran, von der Gotzkowskyblücke in die Spree, nachdem es Hut und Mantel ab- gelegt hatte.— Eine fette Beute machten Fuhrwerksdiebe gestern morgen mi der Groftmarkthalle am Bahnhof Alexanderplatz. Hier stand kurze Zeit unbeaufsichtigt ein Wagen des Schlächtermeisters Scherzbcrg aus Reinickendors, der mit acht halben Schweinen und einem Rinderviortel beladen war. Die Diebe machten sich die Ge- legcnheit zunutze und fuhren unbsnierlt davon. Die Ladung, die sie wahrscheinlich in kleineren Teilen zu Geld z» machen versuchen werden, ist mit dem gestohlenen Gespann über 1666 M. wert. Der Schlächterwagen hat ein braunes Untergestell und rot gestrichene Räder und war mit einer braunen Ponystute bespannt. Vorort- f�ackrickten« Trcvtow-Baumschulenwcz. „Ein Kommunalkonflitt in Treptow". Unter dieser Stichmarke erschienen vor kurzem in Berliner Zeitungen sensationell aufgemachte Notizen, deren Ursprung auf den hiesigen Grundbesitzeiverei» bin- leitete. Bald daraus brachte auch das Orrsblatt einen Bericht über eine Versammlung dieses Vereins, die widerspiegelte, wie dort die brave Bürgersecle ins Kochen geraten war. Die Herren wollten nämlich ganz sicher wissen, daft der Gemeindeoorstand trotz einer angeblich ichlechien Finanzlage gerade jetzt das grofte Gut Groft-Machnow bei Miltenwaldc für Ricselzwecke lausen und mit der Zinsenlast der von den Herren daraus berechneten 4'/, oder gar 6 Millionen Mark später die armen vielbelegten Hausbesitzer beglücken wolle. Die Berichte bezeichneten dieieS Vorgehen ohne einen Versuch billigerer Regelung als verwcrslich und deuteten zum Teil auf einen cnipsehlenS- werte» Änschluft an Neukölln hin, Weiler wurde mitgeteilt, daft der Verein eine wohlriechende Rieselfeldreiolution zum Protest an den Gcmeindevorstand, den Landrat und auch gleich an den Regicrungs- präsidtnlen gesandt habe. An einer anderen Stelle lieft man sogar da« Vertrauen zum Gemeindevorstand„im Schwinden bc- griffen" sein, iveil er nämlich von Hausbesitzern in der Baumschulenitrafte Pflasterkosten verlangte. Man sieht. die Herren wissen auch einmal kräftige Worte zu finde», wenn es ihnen an den Beutel zu gehen droht. Ueber das Bäcker- dutzend ihrer Versammlungsberncher hinaus war allerdings in der Gemeinde von solch einem Kommunalkonflikt nichts bekannt. Im Gegenteil stellte sich die Gemeindevertretung in ihrer letzten Sitzung recht einmütig hinter den Gemeindevorsteher, als dieser über die Eingabe des CrundbesitzervereinS öffentlich berichtete. Danach hat die Gemeindevertretung selbst auf Grund eine« Berichte« des Bau« amteS einen Ausschuft eingesetzt, der daS ganze KanalisationS- wesen einer Untersuchung unterziehen solle, inwieweit diese« und die bestehenden Verträge mit Berlin der künftigen Entwickelung der Gemeinde genügen. Dieser AuSschuft habe soivohl das Klärwesen studiert, wie Anknüpfungen an andere Gemeinden gesucht, doch seien dessen Arbeiten durch die vor- zeilige Behandlung der Kragen in der Oeffentlichkeit gestört worden, zumal viele der dort gegebenen Mitteilungen unrichtig seien. Der Ausichuft, dem auch Mitglieder des beschwerdeführenden Vereins an- gehören, hat einmütig die dort gepflogene Art der Behandlung dieser noch schwebenden Frage als gegen die Interessen der Gemeinde wirkend bezeichnet, welchem Urteil sich die Vertretung gegen die Stimme des Vorsitzenden deS fraglichen Vereins an« schlaft. Der Gemeindevorsteher erklärte in diesem Zu- sammenhange. daft er für den Borsitzenden eine« groften Verein» stets zu sprechen sei, um vielem über schwebende Fragen Auskunft zu geben, damit nicht derart falsche Tarstellungen in die Oeffentlichkeit kämen. Mit dem Kommunalkonflikt war es also nichts, dagegen entspann sich in der öffentlichen Sitzung ein gar ergötzlicher Konflikt zwischen den protestierenden Hausbesitzervertretern selbst, der ins Komische umschlug, al-Z einer von ihnen erklärte, in der fraglichen Versammlung nicht gegen die Resolution gestimmt zu haben, weil er sonst ausgelacht worden wäre, gewift ein Tapferer, an dessen Oualifikation zum Gemeindevertreter man nicht mehr zweifeln wird. Arbeitereltern! Endlich ist es gelungen, auch für die Jugend in Treptow ein Heim in der Beermannstr. S, erste« Ouerg. 1 Tr., zu errichten. Damit ist der Jugend eine Stätte geschaffen, durch die sie den Gefahren des Lebens entzogen werden soll. Pflicht der Eltern ist es nun, dafür zu sorgen, daft ihre Jugendlichen regel- mäftig das Heim besuchen, in dem sich dieselben unterhalten und durch belehrende Vorträge fortbilden können. Am Sonntag, den 9. November, nachmittags 4 Uhr, findet die Einweihung des Heimes statt, wozu die Eltern und Gönner der Jugendlichen herz- lichst eingeladen sind. Das Jugendheim ist werktäglich von bis VjlO Uhr und Sonntags von 4 biS VjlO Uhr geöffnet. Neukölln. Bon einem Postwagen überfahren und schwer verletzt wurde vor- gestern abend gegen 9 Uhr der 26 jährige Arbeiter Friedrich Hagedorn aus der Donaustrafte SO. H. wollte am Askanischen Platz ans einen Slraftenbahnwagen während der Fahrt aufspringen, kam jedoch zu Fall und wurde von einem Postwagen, der neben der Straftenbahn fuhr, überfahren. H. erlitt einen Bruch des rechten Oberschenkels und schwere Gesichtsverletzungen. Der Verunglückte erhielt auf der Unfallstation in der Eichhornstrafte Notverbände und wurde von bort nach der Charilv gebracht. Weihensee. Lebhaftes Befremden erregt zurzeit da» Boraehen der Rqchbar- gemeide Hohen-Schönhausen, die sich an der Grenze beider Ort- schafte» ein Terrain zu Rieselanlagen aufstellen läßt. Seit drei Jahren arbeiten die Geineinden Weiftensee, Heinersdorf und Hohen- Schönhausen an der Gründung eine« Kanaltsations-Zweckverbandes, die Druckrohrleitungen beider Gemeinden sind bereit« an das Weiftenieer Druckrohr angeschlossen und Heinersdorf hat den Betrieb auch eröffnet. Das plötzliche Umschwenken Hohen-SchönhausenS hat in den interessierende» Kreisen um so gröftere Verwunderung erregt, als die neu gedachten Rieselanlagen Weiftensee bedeutenden Schaden zufügen können, da dieselben sich in der Nähe de« SäuglingSkronken- Hauses und des neu errichteten VolkSparkeS befinden, auch besteht die Absicht, in dortiger Gegend ein Gartenstadtviertel zu errichten. Mit Rücksicht hieraus glaubten bürgerli-be Vereine, daft die Aufsicht«- behörde dem Projekt Hohen-Schönhausen« die Zustimmung versagen wird. Auch wir halten das Borgehen Hohen-Schönhausen« für ver- sehlt; Rieselanlagen sollte man möglichst weit von einem aufstrebenden Ort anlegen; mindestens sollten solche nicht in der Nähe von Wohl- fahrtsanstalten und öffentlichen Anlagen angelegt werden. Das Zu- standekommen des Kanalisations-Zweckverbande« wäre hier die glück- lichste Lösung, zumal die Borbereitungen so gut wie abgeschlossen waren. Am Donnerstag, den 13. November er., abends pünktlich 8� Uhrbeginnt bei Peukert, Berliner Allee 2S1, der Kursus über die ReichSvers icherungsordnung. Vortragender: Genosse Gchlemminger. Teilnehmer wollen sich beim Genossen Gründler, Berliner Allee 251, melde». Am Sonntag, den 30, November er., findet in der Gcmeindesesthalle ein B u s ch- A b e n d statt. Der Anfang ist auf 6 Uhr festgesetzt. Zur Aufführung gelangen neben Lichtbildern auch Rezitationen, für die Herr Emil Kühne vom Deutschen Theater gewonnen ist. Nachher Tanz. Für die Kinder ist eine Vor- stellung mit Buschbildcrn und Liedern zur Laute für 3 Uhr nachmittags festgesetzt. Der Eintrittspreis beträgt für die Abendveranstaltung 20 Pf., während die Kinder am Nachmittag 5 Pf. zahlen sollen. Karten sind von Sonntag ab bei den Hau«- kassieren, zu haben. Wilmersdorf. Wilhelm Schröder. In den Nachrufen, die unserem Wilhelm Schröder im politischen Teil de» Blatte« gewidmet wurden, ist bereits geschildert worden, wie der Tod de« wackeren Kampfgenossen in den weitesten Kreisen der Partei Schinerz und Trauer aus- lösen muft. Ganz besonders herb empfinden den großen Verlust diejenigen, die sein Wirken in der Nähe zu beobachten Gelegenheit hatten. Ein gut Teil seiner unermüdlichen Arbcitskrast stellte Schröder bereitwillig in den Dienst der WilmcrSdorfer Partei- Organisation. Hier wurde er durch das Vertrauen der Mitglieder zum Vorsitzenden des Wahlverein« gewählt. In diesem Amt, das er bis vor einem halben Jahre inne hatte, ivar er stctS bemüht, auch unter schwierigen Verhältnissen und auf einem dürren Boden, der bisweilen nur kärglichen Ertrag liefert, die Qrgani- sation zu fördern und auSzulmilen. Kein Miftcrfoig konnte ihn entmutigen, sondern unverzagt wirkte er fort für die von ihm al« gerecht erkannte Sache. Der WilmerSdorfer Stadtverordnetenversammlung gehörte er, wie vorher schon der Gemeindevertretung, seit fast 3 Jahren an, wo er, getragen durch das Vertrauen der Entrechteten, inmitten einer überaus rückständigen Kommune zugunsten der Arbeiterklasse eine aufopfernde Tätigkeit entfaltet hat. Auch die Gegner senken ihre Fahnen vor dem kenntnisreichen Manne, der bei vornehmer Ruhe und konzilianten Umgangsformen mannhast und zielbewußt für seine Ueberzeugung gestritten hat. Mit groftem Eifer hat er sich im Plenum und in den zahlreichen Kommissionen betätigt und gerade auf sozialpolitischem Gebiete mannigfache Anregungen ge- geben. Auch der Magistrat gedenkt in einem Kodolenzschreiben „dankbar der guten Dienste, welche der Verewigt« in seiner ehre». amtlichen Tätigkeit der hiesigen Gemeinde geleistet hat". Seine Lebensarbeit war nicht vollendet. Noch in der letzten Zeit sprach er zu seinen Angehörigen, die in Verehrung zu ihm aufblickten und ihm die Leidcnszcit möglichst crträglch zu machen suchten, von der Fülle der Arbeit, die noch der Erledigung harrte. Er hatte den brennenden Wunsch, noch eine Reihe von Jahren sich der ihn befriedigenden Arbeit widmen zu können. Nun hat der Tod allzu früh, wenige Tage vor dem 53. Geburtstage, den Nimmermüden dahingerafft. An Ehrlichkeit der Gesinnung, an selbstloser Opferwilligkeit findet Wilhelm Schröder, der im wahrsten Sinne de« Wortes edel, hilfreich und gut war, so leicht nicht seine«- gleichen. Deshalb trauert mit der Familie, den zahlreichen Freun- den an seiner Bahre vor allem die Arbeiterschaft von Wilmersdorf, für deren Interessen er so wacker und vorbildlich gestritten. Sic wird dem Sobn des. Volkes ein dankbares Andenken bewahren eingedenk des DichttrwortcS: Was vergangen, kehrt nicht wieder; Ging es aber leuchtend nieder, Leuchtet's lange noch zurück. Charlotteaburg. Elternverem für freie Erzichung. Sonnabend, den 15, d. MtS., findet im Volkshaus. Rosinenstr. 3< großer Saali. ein großes Herbst- vergnügen unter Mitwirkung des Berliner Mandolinen-Orchesters „Eon pussions", zirka 35 Mann. Dirigent H. Ernotte statt. Außer- dem gelangt zur Aufführung„Johannistrieb". komische Szene für drei Damen von Marie Knttschke. Anfang 8 Uhr. Eintritt 60 Pf. Tanz frei. BilletlS sind zu haben bei: Bürehner. Steve Christstr. 5: Busse, Sophie-Charlotten-Str. 21; Albrecht. KnobelSdorffstr. 48: Luttcr, Nürnberger Str. 17; Baseler, Stuttgarter Platz 20; Kratz. Spreestr. 56, und in der.VorwärtS''-Spedition, Sesenheimer Str. 1. Abendkasse findet nicht statt. Zehlendoxf(Wannseebahn). I» der Mitgliederversammlung des Wahlverein« gab Genosse Hahn den Bericht von der Gemeindevertretersitzung. Redner verwies besonders darauf, daft die bürgerlichen Gemeindevertrcter versucht hätten, die Borlage über die Wiedereinführung de« russischen Fleisch- verkauf« mit allen erdenklichen Gründen zu Fall zu bringen. Da ihnen da« aber nicht gelungen sei. müsse nunmehr die Arbeiterschaft Zehlendorf« auch ausgiebigen Gebrauch von dieser Einrichtung machen und den Herren beweisen, daß die Notwendigkeil dazu vor- liegt. Am Schluß seiner Ausführungen ermahnte der Redner, mit aller Kraft dafür einzutreten, daft bei der im nächsten Frühlahr statt- findenden Wahl auch unsere Vertreter Sitz und Stimme tm Dorf- Parlament bekommen. In der Diskussion gingen die Genossen Krekeler und Hecking noch eingehend auf die kommunal-politischen Zustände in unserem Orte»in, sie kritisierte« besonder« da« Ver- halten derjenigen Gemeindevertreter. die sich um den Bürgermeister gruppieren, an deren Zusammenhalten jede Opposition zerschellt. Auch diese Genossen betonten die Notwendigkeit einer sozialdemokratischen Vertretung. Wenn alle Genossen auf dem Posten sind, müsse e« uns auch gelingen, einige Mandat« zu erobern. Sodann gab Genosse Döhring den Kassenbericht vom 2. Quartal; demnach steht einer Ein- nähme von 184,50 M. eine Ausgabe von 53,44 M. gegenüber. An den Zentralwahlderein konnten 123,00 M. abgeführt werden. Nach Erledigung einiger interner Angelegenheiten teilte der Borfitzende mit, daft der nächste Frauenleseabend am Freitag, den 7. November, statt- findet. Ferner gab er bekannt, daß da« Gewerkschafttzkartell am 29. November einen Unterhaltungsabend veranstaltet, AdlerShof. Dir Kiadkrschutzkvmmissw» veranstaltet auch in diese« Jahre wieder Gpielnachmtttag«. Dieselben finden jeden Mittwoch und Freitag, nachmittag« von 2 bi« 4 Uhr, tm Jugendheim, Bismarck. strafte 31(früher 1t). statt. Erster Spieltag: Freitag, de« 7. Ro- vember.» KaulSdorf. Rege« Interesse rief die am Sonntag hier zum ersten Male arrangierte JugendschriftenauSstelluna bei der Lrbetterdevölkerung hervor. In Verbindung mit der Ausstellung fand eine Versammlung statt, in der Gen. Brühl-Ltchtenberg über da« Thema:.Warum schlieft«!» wir un« der Sozialdemokratie an" sprach. Redner ging in groften Zügen auf die Anwürfe unserer Gegner ein und zeigte an Beispielen au« der jüngsten Zeit, wie berechtigt unser Kamps gegen den Kapitalismus, falschen VacriotiSmu« und die christliche Moral- Heuchelei ist. Der reiche Beifall am Schluft de» Bortrag«» bewies, daft die Ausführungen de« Redner« nicht unverstanden geblieben war«,. Tiensdorf ani Scharmützelsee. In einer öffrutliche« Versammlung, die von zirka 200 Per- s o« e n besucht war. sprach am Donntaanachmittag der Reichstags- abgeordnete des Kreises Genosse Fritz Zubeil über da« Thema: „Wo bleiben die Steuergroschen r Der Redner zeigt« an der Entwicklung de» indirekten Steuersystem«, wie gerade die unteren Schichten so schwer belastet werden. Die Steuergroschen würden nicht zu kulturellen Zwecken, sondern hauptsächlich dem Mtlitari«mu» zu Wasser und zu Lande geopfert. Am Schluft seiner«u«führungeir wurde dem Redner reicher Betfall zuteil. Der Vorsitzend« forderte die Anwesenden auf, den Organisationen, sowohl den politischen wie auch den gewerkschaftlichen beizutreten. Mit einem begeistert auf- genommenen Hoch ans die internationale Sozialdemokratie ging die interessante Versammlung auseinander. Alt-Landsbcrg. Au» de» letzte« Gemetutzevertreterfitzimg«« ist zu erwähnen, daft die LandesversicherungSanftalt Brandenburg den Zinsfuß für da» der Stadt ößeritoffene Darlehn von 3»/« auf 4 Proz> erhöht hat. Eine erregte Debatte rief der von der Kleinbahngescllschaft vorge« legte Bertrag über die Lichtleitung nach Süd hervor. Der 19 Para-- graphen enthaltende Entwurf lieht nur Pflichten der Stadt vor. Ob- wohl letztere die zum Bahnbau erforderlichen 70 00» M. zinslos hergeben mußte, zeigt die Gesellschaft jetzr kein Entgegenkommen. Das alte Rathaus soll verkauft werden, die Vertreiung stimmte einem bereits vorliegenden Angebot von 23 099 M. zu. Die Kassen- rechnung ergab einen Bestand von 29 429 M. Der Kreis leistete zur Pflasterung einer Straße 67ö M. Beihilfe. Bernau. Mit einer gut besuchten Versammlung wurde die Agitation für die kommende Stadtverordnetenwahl eröffnet. Genosse Otto Braun sprach über das Theina.Arbeiterinteressen und Kommunal- Verwaltung'. Einleitend hob der Referent hervor, daß die Arbeiter- schaft ftüher wenig Wert auf die Gemeindewahl gelegt habe, mit dem steigenden Einfluß unserer Vertreter im Stadtparlament sei indessen das Interesse der Bevölkerung an den Berhaudlungen in demselben gestiegen. Alsdann ging Redner auf die einzelnen Gebiete der städtischen Verwaltung ein und zeigte an der Hund unserer Forderungen die Sünden der bürgerlichen Mehrheit in der Stadt- Verwaltung. Am Schlüsse seiner interessanten, mit lebhaftem Beifall aufgenomincnen Ausführungeir ersuchte Genosse Braun, für eine starke Wahlbeteiligung Sorge tragen zu wollen, damit der 13. und 14. November ein Ehrentag für die sozialdemokratische Arbeiterschaft Bernaus werde. Genosse Brase fordert die Anwesenden auf, für die sozialdemokrati- schen Kandidaten Gen. Bruno Schneider und Adolf Sasse als Kandidaten der dritten Abteilung, sowie die Gen. Emil Wünsche, Max Rosen ow und Ludwig Stock low als Kandidaten der zweiten Abteilung rege zu agitieren. Diesem Ersuchen schloß sich auch Gen. H e l b i g an. der noch besonders betonte, daß auch die Frauen viel zum Besten unserer Sache beitragen können, wenn fie beim Einkauf von Waren diejenigen Geschäftsleute berücksichtigen, die uns bei der Wahl ihre Stimme geben. Mit einem Hoch auf die Partei wurde die Versammlung geschlossen. Bruchmühle. Den Bericht über dir letzten Borkommuiffe in der hiesigen Ge- meinde erstattete Genosie Biedermann in einer am Sonntag bei Nagel stattgefundenen öffentlichen Versammlung. Dem Bericht folgte eine rege Diskussion, an der sich besonders die Bürgerlichen be- leiligten. Sie anerkannten den Wert einer solchen Versammlung und waren offenbar erstaunt über die Sachlichkeit mit der die Materie behandelt wurde. Hatten die Herren vielleicht von einer gewissen Weltfremdheit befangen vermutet, daß solche Berichte aus einer wüsten Schimpferei bestehen? Sitzungstage von Stadt- und Gemeiudevertretungem Frauz.-Buchholz. Heute Donnerstag, nachmittags 5 Uhr, im Amtshause. Lankwitz. Heute Donnerstag, abends 6 Uhr> im Rathaussaal. Diese Titzungen find öffentlich. Jeder Gemeindeangehörige ist be- rechtigt, ihnen als Zuhöre« beizuwohnen. Der Glasarbeiter Strauch, der mit einer Geldstrafe belegt ist, weil er von seinem Recht, die Feststellung deS angeblichen Kriminalbeamten Kessel zu verlangen, in zu lauter Weise Gebrauch gemacht haben soll, hat gegen das auffallende Urteil Berufung eingelegt._ Hu s aller Welt. Eine zwolfköpfigc Familie ermordet. Wie ein Telegramm aus W i l n a meldet, überfiel in der Ortschaft I a m n i s ch k i bei Wilna eine Räuberbande das Haus des jüdische n K a u f m a uns M o n c z e w s k i. Tie gesamte aus z tv b l f P e r s o n e n bestellende Faniilie des Kaufmanns wurde von den Banditen ermordet. Zwanzig Verdächtige wurden verhaftet. Kleine Notizen. Ein Drama im Walde. Beim Wildern von einem Förster er- fchosien wurde in der Forst Kaltipring bei Gr. Srbliewitz in Pommern der Besitzer Max P i c s i k aus A b b a u L i n ck. P. hatte schon lauge gewildert und man war ihm auch auf der Spur, trotzdem schreckte ihn nichts zurück. Er hinter läßt eine Frau und drei kleine K i n d e r. Im Scherz erschossen. In M o r g e n a u(Schlesten) erschoß der zwölfjährige Bauern lohn Niklas im Scherz den neunzehnjährigen Knecht Winde mit einem Jagdgewehr seines Vaters. Unfall in der französischen Marine. Das Unterseeboot C u g n o t ist mit dem Torpedobootszecstörer Dague auf der Touloner Reede zusammengestoßen. Menschen- leben sind nicht zu beklagen. Der Torpedobootszerstörer Dague erhielt ein Leck, das sofort verstopft wurde. Auf dem Unterseeboot Cugnot wurde der Vordersteven gebrochen. Die beiden Sckiiffe wurden nach dem Arsenal geschleppt. Zentralverband der Handlungsgehilfen. Heute Donnerstag, be» 6. November, abends 8'/, Uhr, findet in den.Pasiage-Feftsälen-. Bergstraße 1S1/lö2 zu Neukölln, eine öffentliche Versammlung statt. Dr. Rudolf B r e i t s ch c i d wird über das Thema:»Kamps gegen zwei Fronten' sprechen._ Jugendveranstaltuuge». Neukölln. Heim l, Idealpassagc. Heute Donnerstag, 6. November i Bortrag des Herrn Dr. Fürst über„Alkohol und Tuberlulose'. Freitag, den 7. November: Mädchenabend. Bortrag des Herrn Dutzty über„Körperkultur".__ Briefhaften der Redahtfou. XU lutifitldit Spreastnnde findet LtndenstraSe SS, vorn«te« Xrc»»e» — Fahrfiulil—, ivodientägliai von bis 7>z> Uhr abends, Sonnabends, »on i'.i bis 6 Uhr«bcnbs statt. Jeder für den Beiestasien bestimmten Anfrage ist ein Bnchkiabe und eine Zahl als Merl.-::»en beizusügen. Brteftiqe Antwort wird nicht erteilt. Ansragcn, denen keine AbonnemeutSauittnag deigefüg» ist, ,erd-n nicht bcaniwortce. Eilige Jragen irage man in der Ebrechftnnde bor. CT. M. 31. Wenn im Termin Anträge nicht gestellt sind, und der Jntervcnient cinen Anwalt beigeordnet hatte, betragen die Kosten etwa 8 M.— B. 96. Are Frau ist zahlungsvslichlig. Eine Reklaniation ist aussichtslos.— W. S. III. 1. Nur dann, wenn sich nachweisen läßt. daß der Mann'eine Zustimmung in bestimmter Form erteilt bat. Der von Ihnen außerdem angegebene Grund ist bedeutungslos. 2. bis 4. Ja.— Alimente 147. 1. u. 5. Ja. 2. Sie selber. 3. Klage bei dem Amts- geiichl, in dessen Bezirk der Schwängerer seinen Wohnfitz hat. Der An- spruch verjährt mit dem 23. November 1914. 4. Rur dann, wenn das BormundfchastSgcricht dies anordnet.— R. B. Kommen Sie oder Ihre Frau mit den Schriststücken. insbesondere mit dem Zahlungsverbot und Ueberweilungsbeschlns! in die Sprechstunde. Ein Antrag aus Erlaß der Steuer läßt sich allerdings nicht mehr stellen, da die dieimonalige Frist von dem Zeitpunkt der Beendigung der Arbeitslosigkeit gerechnet, verstrichen ist.— Klara 0863. Machen isir der Gcscllichast durch eingeschriebenen Brief sofort Mitteilung von dem Unfall und verlangen Sie ein Anerkennt- niS, daß die Gesellschaft für den entstandenen und noch entstehenden schaden ersatzpflichtig ist.— Unwissender. Sie können noch zur Bcrbüßung der restlichen Strafe gezwungen Wersen.— E. K. 87. 1. u. 2. So allgemein im Brie stallen nicht zu beaulworten. 3. Nach dem Gesetz nicht.— Gerichts- Zeitung Der„vorwärts" uud der„Landarbeiter" vor dem Reichsgericht. Ani Dienstag hatte das Reichsgericht über zwei Ver- urteilungen zu befinden. bei denen es sich um Aus- legung des Z 19Z des Strafgesetzbuches(Wahrnehmung berechtigter Interessen) handelt. In beiden entschied das Reichsgericht entgegen unserem und wohl dem allgemeinen Rechtsgefühl auf Verwerfung der von den Angeklagten ein- gelegte Revision. 1. Unser verantwortlicher Redakteur, GenosseAlfred W i e l e p p war, wie unseren Lesern erinnerlich, vom Land- gericht Berlin I wegen angeblicher Beleidigung des Land- gerichts Göttingen zu 200 R! a r k Geldstrafe verurteilt. Zn Göttingen war jenes aufsehenerregende Urteil ergangen, das zwei streikende Arbeiter lvegen vermeintlichen Nötigungs- Versuches verurteilte, wiewohl der eine der Verurteilten kein Wort gesagt hatte. An die Wiedergabc der Gerichtsver- Handlung war die Bemerkung geknüpft„Und es wird immer behauptet, Klassenjustiz gäbe cS nicht". Das Landgericht Berlin I lehnte den Antrag ab. daß der„Vorwärts", wie eine Reihe seiner Artikel dartun, unter Klassenjustiz un- bewußte Voreingenommenheit, nicht aber, wie die Anklage be- hauptete, bewntzte Beugung des Rechts versteht. Der Antrag wurde abgelehnt, Wahrnehmung berechtigter Interessen dem Angeklagten nicht zugebilligt. DaS Reichs- gericht bestätigte jetzt dies Urteil. Dem Recht bchagt trotz der jetzt bestätigten Verurteilung das Göttinger Urteil keines- Wegs: es bleibt ungerecht. 2. Genosse F.r i tz F a a ß wurde am 4. Juli vom Land- gericht Berlin I als verantwortlicher Redakteur des„Land- urbeiter" zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Der Artikel hatte geschildert, daß auf dem Gute des Rittcrgutspächtcrs und Amtsvorstehers Dr. Klausa in Pilsnitz bei Breslau russische und gnlizische Arbeiter mit den unverheirateten Arbeiterinnen aus dem Gut nachts verkehren. Die Folge sei die Entbindung einer Arbeiterin gewesen. Die Entbindung sei ohne Hebamme erfolgt. Der Amtsvorstehcr meinte, er fei durch den Artikel beleidigt, weil er an den Mißständen keine Schuld trage. Das Landgericht sprach die Verurteilung aus, toiewohl aus keinem Wort ans die Absicht einer Beleidigung zu schließen war. Wahrnehmung berechtigter Interessen, meinte es, liege nicht vor. Denn der Amtsvorsteher habe eine führende Stellung im Reichsverband gegen die Sozialdemokratie, während der Augeklagte Sszialdemokrat ist. Hieraus schloß das Gericht. dem Angeklagten sei eS nicht um Aufdeckung und Beseitigung der gerügten Mißstände zu tun gewesen, sondern er habe dem Reichsverbändler einS auswischen wollen. In diesem juristischen Saltomortale erblickte das Reichsgericht keinen„Rechtsirrtum" und bestätigte deshalb das harte Urteil. Selbstredend wird auch Genosse Faaß durch solche Unfälle im Betriebe der Urteilsfabriken sich nicht davon abhalten lassen, nach wie vor die Interessen der geplagten Landarbeiter wahrzunehmen. Rim erst recht! Ei» Polizeispitzel. Ju unserer Dienstagsnummcr berichtete» wir über eine Gerichts- Verhandlung in Neukölln, in der ein angeblicher Kriminalbeamter eine Rolle spielte, dessen Persönlichkeit festzustellen Schutzleute und Polizeiwache ablehnten, wiewohl dringende Veranlassung zur Fest- stellung der geheimnisvollen Persönlichkeit vorlag, die unter den Jugendlichen sich auffällig bemerkbar gemacht bat. In der Verhaud- luna kam nur zur Sprache, der Betreffende heiße Keßler. Es hat darauf der Monteur Franz Keßler aus Neulölln, Hermann- straffe nnS gebeten festzustellen, daß er mit den: polizeilichen Herrn uichr identisch ist- Wir kommen diesen, Wunsch um so lieber nach, als es sich herausgestellt hat, daß der Name des polizeilich uiisesr- stellbaren Polizeimanns nicht Keßler, sondern Kessel ist. Ueber die Art seiner Beschäftigung hatten wir bereits berichtet.___________ '— ß�rantwm?liT�Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den Allgemeine Orts- Krankenkasse Spandau. Am Tonnerstag, den 13. November 1913, abends 8'/, Uhr, bei G. Haak, Germauiasäle, Stresow- platz 19: Oi-d«-ntlKcl»e General'Versammlung. Tagesordnung: 1. Beratung und Beschlußsassung über die Dienstordnung der Beamten. 2. Beratung und Beschlußfassung über die Krankeuordnunz. 3. Festsetzung des Voranschlages für das Jahr 1914. 4. Wahl einer RechnungsprüsungS- kommitfion. XL. Bemerken wollen wir noch, daß zu dieser Generatoeriammluiig nur die Delegierten für das Jahr 1913. nicht die bereits neugewählten Ausschußmitgtieder, Zutritt haben. Zu 1 der Tagesordnung muß die Majorität der Arbeilgeber und die der Arbeitnehmer zur Bcschlußsasiung vorhanden sein. Aus dieicm Grunde ersuchen wir um vollzähliges Er- scheinen. 279/2 V«!» V«r-»t»»«l. R. A p p o I d t, Vorsitzender. Mitesser, Pickel, auch die hartnäckigste». fettglänzendc Haut und sonstige Hautnnreiuigteite» werden am sicherste» durch meine seit säst 25 Jahren bewährte» Spczialmittel beseitigt. Garantiert wirksam und unschädlich!'Z.SO M. Otto Reichel. Bcrli>l4J. Eisenbahnftr.4. Buchhandlung Vorwärts 08, I.lndcnstr. 69 (Laden). Zu empfehlen ist: 2«, 8 Ueber»» zuhaben InFlaichsn»on lOPt.ar. Habiik: CnemischeWerkeLubszynaki& Co Akücngesellrchalt. Berlin� Lichtenberg. Der Kleingarte«, seine Anlage, Einteilung und Bewirtschaftung von Aiax Hesdörffer. Preis drosch. 60 Pf. Praktisches Taschenbuch für Gartenfreunde. Ein Ratgeber für die Pflege und sachgemäße Bewirtichaslung des häuslichen Zier-, Gemüse- und Obstgartens. Von Max Hesdörffer. Mit 137 Textabbildungen. Preis geb. 3..'»9 M. Ztr. 2,25« Reritnei-, Berlin, Lohmlihlenstr.26. Gewinn garantiert E| Zi« L Ziehung schoi 18. Movemb. Münchener otterie Gewinne im Werte ron Mark Wer 2 Lose kauft, eine gerade u. eine ungerade ftummer, muss gewinnen. erto u. Liste 31) PI. Lose 2 M. H.C.iröier 3ERL1 1 W8, Fricllrichsir. 193a »--- Tai-Adr.:„tiolUqneüe".-»-» Goncoidia- Festsäle Inh.; M Wendt u A. Schütze 64 Xndreas-Straßc 64. 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Bitte genau auf No. 9» zu achten Jnjetarentetl vsrantrv Tb Gl ecke, Berlin. Ich sage es Ihnen immer wieder: Sie müssen genau auf das geschlossene Paket mit Bild und Namenszug des Pfamrs Kneipp achten. Nur dann erhalten Sie echtm Kathreiners Malzkaffee. Seien Sie vorsichtig: Es gibt täuschend ahnliche Packungen. Druck u. Verlag. Borwärtt Puck0ruck°rei u Pt ctagSänftalt 8,. 292 3(u.bw z. Keilllge des Jonviirts" Kerliller Volksblatl. Der neue Krupp-Prozeß. Elfter Tag. Berlin, k. November 1V13. Die heutiae Verhandlung beginnt mit einer längeren Erklärung des Oberstaatsanwalts Dr. Chrzescinski: Es ist hier schon davon die Rede gewesen, daß Vorgänge in dieser Verhandlung zum Teil zu Folgen im Ausland geführt haben, und die neuesten Zeitungsnachrichten geben darüber näheres. Es ist die Ehre belgischer und italienischer Offiziere, um die es sich dabei handeln kann, und ivir haben ein Interesse daran, klar- zustellen, daß � in diesem Saale die Ehre irgendeines aus- län duschen Offiziers oder irgendeiner anderen ausländischen amt- .lichen Stelle mit keinem Wort angegriffen worden ist, und daß auch nicht die mindeste Grundlage dafür vorhanden ist. Ter heutige.Berliner Lokal-Anzeiger", auf den ich schon einmal hier habe kommen müfien, bringt die Nachricht, daß man in Belgien den Verdacht geäußert habe, als habe Herr v. M e tz e n unlautere Beziehungen zu belgischen Offizieren gehabt, und daß man öffentlich Aufklärung darüber schaffen wolle.(Ter Oberstaatsanwalt meint hier die Meldung, daß iu der belgischen Kammer der Kriegminister über diese Dinge inter- pelliert werden soll.) Ich könnte wohl hinzusetzen: Das kommt da- von, wenn man den Staatsanwalt, der berufen ist, in dieser Sache die Interessen der Rechtspflege und die Interessen des Staates so miteinander zu vereinigen, daß keines von beiden Schaden leidet, �der seit Monaten mit dieser Sache genau bekannt ist, sie Tag und Stacht durchdacht hat. in einem Moment, wo er nach bestem Wissen und Gewissen daS allein Richtige beantragt, beschuldigt, als habe er die Zügel seines Amtes so aus der Hand verloren, daß sie in andere Hände übergehen müßten. Man hat sogar behauptet, es sei mir eine offiziöse Rüge erteilt worden, weil ich unbedachterweise ein gefährliches Geheimnis ausgeplaudert hätte. Ich weiß nicht, ob die Stelle, von der diese Publikation ausgegangen ist, jemals Vermitt- l e r in einer amtlichen Meinung oder Absicht gewesen ist, aber ich glaube, wenn es jemals der Fall gewesen sein sollte, so dürfte es damit nach diesem Vorfall für immer vor- bei sein. Meine Herren! Auszusprechen, aber auch zu beweisen, daß «Ii leiner Stelle hier die Ehre irgendeiner ausländischen amtlichen Stelle, insbesondere, nachdem das Spezielle zur Sprache gekommen ist, irgendeines belgischen oder auch eines italienischen Offiziers an- gegriffen worden ist und angegriffen werden kann, nach dem uns bekannten Material dies auszusprechen und in dem nötigen klmfang zu beweisen, halte ich für eine Verpflichtung, der ich mich rücht entziehen kann. Es sind bisher zwei Briefe aus dem bcschlag- „ahmten Briefwechsel nicht verlesen worden, weil ihre Verlesung zu- nächst beanstandet wurde; es sind zwei Stellen darin, die das deutsche staatliche Interesse berühren. In der einen Stelle wird ein deutsches artilleristisches Geheimnis mit einem Worte gestreift und in -der anderen wird ein Staatsgeheimnis der deutschen Staatsregierung oder, vorsichtiger gesagt, ein Vorgang, der wahrscheinlich zurzeit im Interesse der deutschen Staatssicherheit besser noch nicht in die breite Ocffentlichkeit gebracht wird, mit ein paar Worten gestreift. Deshalb können diese beiden Stellen zurzeit nicht öffentlich ver- lesen werden. Ich bitte den Herrn Sachverständigen, diese mir schon privatim mitgeteilte Ansicht zu bestätigen.— Sachverständiger Major v. Waltershausen: Ich kann das bestätigen. Im übrigen bitte ich aber, die Briefe nunmrhr zu verlesen und weiter Herrn v. Mellen als Zeugen darüber zu vernehmen, daß er zu keinem belgischen Offizier jemals in irgend einer unlauteren Beziehung gestanden hat. Tie Verteidiger Justizrat Dr. v. Gordon und Rechtsanwalt Löwrnsteiu schließen sich diesen Worten des Oberstaatsanwalts an. Der Oberstaatsanwalt nimmt Bezug auf ein Mißverständnis des Justizrats v. Gordon, der die Worte.das kommt davon" auf sich bezogen hatte, und erklärt, daß seine Ausführungen sich natürlich nichr auf Herrn v. Gordon bezogen, sondern sie waren eine Folge der unerhörten Angriffe, die unter der Bezeichnung>,Otto v. Gottbcrg" im„Lokal-Anzeiger" erschienen sind.— Es folgt die Verlesung einiger Briefe, die zwischen EcciuS und v. Metzen gewechselt wurden, die aber völlig belanglos sind. Bei der Verlesung wird ein Name tveggelassen. da über die betreffende Person verletzende Bemerkungen enthalten sind. Es wird nun Herr«. Mellen vorgerufen. Er erklärt, daß der Verkehr zwischen ihm und den belgischen und italienischen Offizieren sich stets in der lautersten Weise' abgespielt habe, daß die betreffenden Briefe nur technische Anfragen, die an ihn als de» Vertreter Krupps gerichtet wurden, enthalten und nicht das geringste ergeben können, was einen anderen Eindruck macheu würde. Die Briefe können also hier durcbaus verlesen werden. Einige der Herren ausländischen Offiziere sind übrigens bereit, unter ihrom Eid hier dasselbe zu bekunden. Ich habe eine Anfrage von einer belgischen Zeitung über diese Angelegen- heil erhallen und es ist mir deshalb angenehm, die Erklärung hier abgeben zu können.— Oberstaatsanwalt: Damit i st die Sache ausgetragen. Ich bitte nur, um weitere Mißverständnisse zu vermeiden, zu sagen, was die betreffenden Briefe bedeuten.— Zeuge v. Metzen: Ich möchte betonen, daß ich nicht die Ursache bin, daß solche Dinge hier zur Sprache kommen. sondern nach meiner Meinung lediglich die überflüssigen Artikel des„Lokal-Anzeigers". Deswegen ivkrd der Sache eine außeuordcntliche Bedeutung beigelegt. Ich bitte aber, anstatt noch weitere ergänzende Erksärungen abzugeben, mich auf meine eben abgegebene Erklärung berufen zu können.— Oberstaatsanwalt: Also es ist jetzt gewiß, daß nicht der mindeste Grund für einen Angriff auf die Ehre eines ausländischen Offiziers oder einer ausländischen Regierung hervorgetreten ist und daß jeder An- griff nach dieser Richtung hin unberechtigt ist. Es wird hieraus der Sachverständige Major Freiherr v. Waltershausen von der artilleristischen Abteilung im Kriegsministerium vernommen. Er erklärt: Die Kornwalzer enthalten zum größten Teil Mit- teilinigcn über artilleristisches Gerät, die im Interesse der Landes- Verteidigung geheim zu halten sind. Der Firma Krupp als Liefe- rantin de» artilleristischen Geräts sind unsere Geräte bekannt; deshalb sind auch die Kornivalzer der Firma Krupp gegenüber, soweit Interessen der Landesverteidigung in Frage kommen, nicht geheim. Zwischen der Firma Krupp und der Heeresverwaltung besteht ein vielfaches Zusammenarbeiten. DaS gleiche ist aber auch gegenüber den anderen Firmen, die sich mit der Entwickelung und dem Bau artilleristischen Geräts befassen, der Fall; Krupp genießt hierin keine Sonderstellung. Der Sach- verständige verbreitet sich dann übdr die Art des Geschäftsverkehrs mit der Firma Krupp sowohl bei den Versuchsangelegenheiten, wo er sich zwischen der Firma und der ArtillerieprüsungSkommission ab- wickelt, als auch bei der Schaffung neuem, oder der Aenderung des bereits eingeführten Geräts, wo das Kriegsministerium mit der Firma verhandelt. Auf eine Frage des Rechtsanwalts Löwenstein erklärt der sachverständige, daß die genaue Prüfung der in diesem Prozeß vorliegenden Kornwalzer durch die Heeresverwaltung er- geben habe, daß Nachrichten, welche im Interesse der Landes- Verteidigung selbst der Firma Krnpp gegenüber geheim zu halten sein würden, in diesen Schriftstücken uicht enthalten sind.— Angeklagter Direktor Eecius: Herr Major, Sie sprachen davon, daß die Firma Krupp eine Sonderstellung nicht genieße. Aber im gewissen Sinne ist das doch der Fall, namentlich da, wo die Firma allein gewisse Ge- genstände für die Heeresausrüstung herstellt.— Sachverst.: Iu dieser Beziehung allerdings ja. Der Vorsitzende teilt darauf mit, daß weitere Kornwalzer ver- lesen werden sollen. Anf Antrag des Staatsanwalts wird die Oeffent- lichkeil ausgeschlossen. Der Vorsitzende bemerkt jedoch, er hoffe, heute noch die Oeffentlichkeit wieder herstellen zu können, namentlich für die Frage der Vereidigung der bisher unter Aussetzung der Ver- eidigung vernommenen Zeugen. Nach wiederhergestellter Oeffentlichkeit erhält das Wort der An- geklagte Eccius, der noch einige Fragen zu stellen wünscht, zunächst an den Zeugen Direktor Mouths: Ist cS richtig, daß mir nie- m a l s die Kornwalzer nachgeschickt worden sind, wenn ich ver- reist oder krankheitshalber ablvesend war?— Zeuge Mouths: DaS ist richtig. Ich möchte mich im Zusammenhang darüber äußern, lvie die Kornivalzer vorgelegt wurden. Das geschah in ziemlich flüchtiger Weise. Man muß sich nur vorstellen, wie ei im Zimmer eines Direktors oder Prokuristen der Firma Krupp hergeht. Wenn Eccius von der Reise oder von einem Krankheitsurlaub zurückkam, hielt ich ihm Vortrag über die zu erledigenden Sachen oder er kam auch zu mir und fragte mich danach. Aber nicht etwa um die Kornwalzer zu lesen, sondern es wurde Gott weiß was besprochen und dann wurden beiläufig auch die Kornwalzer dutzendweise vor- gelegt. In diesen Zimmern geht es manchmal zu wie in einem Taubenschlag. Da wird telephoniert, da werden Telegramme erledigt und einer gibt dem anderen die Tür in die Hand. Da- zwischen wurden die Kornwalzer erledigt. DaS Interesse des Direlwrs Eccius dafür war eigentlich recht minimal. Vor dem Militärgericht wurde einmal der Ausdruck gebraucht, EcciuS hätte eine schnoddrige Art und Weise gehabt, manche Sachen zu erledigen. DaS möchte ich nun ja gerade nicht sagen. Aber er hatte eine gewisse burschikose Art. In wenigen Minuten gingen wir über Dutzende von Kornwalzern hinweg. Es waren manchmal auch Sachen darunter, die ein etwas lebhafteres Interesse erweckten. So zu der Zeit, als die falsche Ansicht kursierte, daß die Heeresverwaltung die Firma Krupp bevorzuge. Da ergab sich aus den Kornwalzern, daß die Aufträge au verschiedene Firmen verteilt worden waren, woraus unzweifelhaft hervorging, daß die Heeresverwaltung außerordentlich objektiv vorgegangen war. für unseren Geschmack natürlich zu objektiv.— Angekl. EcciuS: Dann möchte ich von dem Zeugen Direktor v. Dewitz wissen, ob eS richtig ist, daß ich mich erst bei ihm über den Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Vergebungen und Lieferungen und zwar crsl im Läse der Untersuchung informiert habe.— Zeuge v. Dewitz: Erst im Laufe der Untersuchung hat sich Direktor EcciuS darüber unterrichtet, was eigentlich für ein U n t e r s ch i e d z w i s ch e n freihändigen, öffentlichen und beschränkten Ver- gedungen oder Verdingungen besteht. Ich habe ihm das auf Grund der Dienstvorschriften auseinandergesetzt und zwar habe ich ihm die ganze Sache aufgeschrieben, nachdem ich sie mit ihm durchgegangen war. DaS war aber erst jetzt in der Zeit der Unter- suchung. Früher ist nie darüber gesprochen worden.— Vors.: Man müßte doch annehmen, daß jeder der Herren diesen Unterschied kennen müßte. Zeuge v. Dewitz: Wenn die Vergebungen lamen, wurde garnicht darauf hingewiesen, waS es für Vergebungen waren, sondern eS wurde nur gefragt, was eigentlich verlangt werde.— Angekl. Eccius: Ich möchte nur, daß der Zeuge den Eindruck bestätigt, daß ich früher von diesen Dingen nichts gewußt habe.— Zeuge v. Dewitz: Das ist vollständig richtig. Herr EcciuS sagte, er verstehe das nicht, ich müßte es aufschreiben, ob es eine öffentliche oder eine beschränkte Vergebung ist.— Vors.; Wann haben Sie ihm das ge- sagt und wann habe» Sie es aufgeschrieben:— Zeuge� v. Dewitz: Nun jetzt.— Angekl. EcciuS; Es ist in der geheimen Sitzung über eine große Reihe von kleinen Notizen gesprochen worden, die sich in den Kornwalzern über das finden, toas angefordert wurde. Es handelt sich dabei um seitenlange Aufführungen. Habe ich die je mals durchgesehen?— Zeuge v. Dewitz: Eccius hat das niemals durchgesehen, ich habe es getan. Wenn das geschehen war, gab ich das Formular an die zuständige Stelle weiter.— Bert. R.-A. Löwen stein: Ich möckte den Zeugen Mouths fragen, wie er nach seiner per sönlichen Beurteilung den Charakter und die sonstigen Eigenschaften des Angeklagten Brandt einschätzt.— Zeuge Mouths: Als Brandt nach Berlin kommen sollte, wurde natürlich im Bureau erörtert, ob er nach seinem Charakter für diese Stellniig geeignet sei. Brandt war mir als ein sehr ehrenhafter, wahrheitsliebender Mensch bekannt, als ein Mann, der, was Allgemeinbildung betrifft, die aus dem gleichen«tand hervorgegangenen Herren übertrifft. Er arbeitete fortgesetzt an seiner eigenen Weiterbildung. Er musizierte, malte in Oel und war überhaupt, ivas man so sagt, ein lieber Kerl. In der ersten Zeit war er natürlich wenig beliebt, weil jeder Neuling, namentlich wenn er von solchen Qualitäten ist, als Eindring- ling betrachtet wird. Als er aber im Bureau eine höhere Stellung erlangt hatte,>oar es gerade umgekehrt. Er hatte die Eigenschaft, daß sich mit seiner Gutmütigkeit ein gewisser Mangel an Energie verband, und er trat vielfach für seine Untergebenen ein, wenn ihnen etwas vorgeworfen wurde, sodaß es mir als dem Personaldczer- nenten manchmal schwer war. seine Forderungen zu vertreten. Brandt ist auch gesellig veranlagt, und ich erinnere' mich, daß er mir in Essen einmal sagte, bei solchem Gehalt könne er nicht all zu viel Ge selligkeit treiben. Ich sagte ihm darauf, daß das wohl auch in Berlin nichl anders sein würde. Als er später nach Berlin kam. hatte ich fort- ivährend Fühlung mit ihm wie mit der Berliner Vertretung über- Haupt, die mir zwar nicht unterstellt war, was aber der Ge- schäftsgang mit sich brachte. Ich kann nur wiederholen, daß sich der Eindruck, den ich früher von ihm hatte, als er mein Untergebener war, in späterer Zeit auch nicht verändert bat. Ins- besondere war er außerordentlich zuverlässig.— Verl. Rechisanwalt Löwenstein: Halten Sie eS mit Rücksicht auf Ihre Kenntnisse des Charakters Brandts für glaubhaft, daß er aus Gefälligkeit, ivenn er mit seinen Freunden zusammen trank, die Zeche bezahlte, ihnen gelegentlich kleine Gaben machte, vielleicht auch einmal eine Weih- nachtsgrotifikation, ohne dabei die selbstsüchtige Absicht gehabt zu haben, daß ihm die Herren daraufhin Nachrichten gäben.— Vorsitzender: Das ist aber doch ein Urteil.— Bert. Rechtsanwalt Löwenstein: Aber ein Urteil auf Grund der Kenntnisse des Zeugen voll den Eigenschaften deS Angeklagten Brandt.— Zeuge Mouths: Das sind zwar Kombinationen. Aber nach meiner Kenntnis Brandts glaube ich, diese Frage dahin beantworte» zu können, daß ich persönlich nicht daran zweifle, daß er die Geschenke ohne solche Absicht gegeben hat. Aber in welchem Maße das zutrifft, das weiß ich nicht.— Vors.: Wir kommen jetzt zur Vereidigung der vernommenen Direktoren und Beamten der Firma Krupp und des Herrn v. Metzell.— Oberstaatsanwalt:»Ich beantrage, von der Vereidigung der Zeugen Landrat a. D. Rötger, Direktor Dregerj, Direktor Muchlon und Marquardt Abstand zu nehmen.— Vert. J.-R. Gordon: Ich beantrage, diese Herren zu vereidigen. Es würde eine sehr schwierige und eigentümliche Lage sein, ivenn diese Herren hier aus dem Saale unvereidigt hinausgitzgen, nachdem das Ver- fahren gegen sie eingestellt worden ist, wenn also gewissermaßen»och der Verdacht der Mittäterschaft auf ihnen lasten würde. Der zuerst genannte Zeuge ist Herr Landrat a. D. R ö t g e r. Auch er ist offiziell in die Voruntersuchung hineingezogen gewesen und es war gerade der Herr Staatsauwalt selb st, der, nachdem die Vorlmtersuchung sehr eingehend und speziell auch gegen Herrn Rötger geführt worden war, den Antrag stellte, gegen ihn das Verfahren einzustellen. Bekanntlich handelt es sich bei dieser ganzen Frage gar niibt darum, ob den Herren Glauben zu schenken ist, sondern lediglich um die rein prozessuale Frage, ob sie der Mittäterschaft verdächtig sind. Nun ist geltend gemacht worden, daß gegen Herrn Landrat Nötger als das einzige Moment in Betrackn kommen könnte die Korrespon- d e n z, die Herr v. Schütz mit ihm 1305 und anfangs 1907 geführt hat. In dieser Korrespondenz hat Herr v. Schütz einmal bei Ge- lcgenheit des Dispositionsfonds ffr Brandt geschrieben, daß das Er- frenliche an dem Manne sei, daß er sich in legalen Grenzen halte und daß er.„„ direkte Geldgeschenke nicht mache. Auch in den anderen Briefen hat er jedenfalls das legale Vor- gehen Brandts hervorgehoben. Es fragt sich nun, ob jemand als Philologe in den Worten, daß er keine direkten Geschenke gemacht habe, das Eingeständnis erblicken könnte, Brandt habe indirekte Geldgeschenke gemacht. Da ist aber vom Standpunkt deS Herrn v. Schütz, der von allen Seiten als Ehrenmann geschildert wird, zu erwägen, daß, wenn er von legalen Wegen spricht, er das auch meint und daß er nicht an Bestechungen gedacht hat. Man darf nicht mit Spitzfindigkeiten diesen Satz auszulegen ver- suchen. Aber auch abgesehen davon, was Herr v. Schütz sich dachte, muß man sich doch fragen, ob Herr Rötger jedes Wort in den Briefen auf die Goldwage gelegt bat, oder ob nicht nur der Gesamteindruck in seiner Seele haftenblieb. Herr Landrat Rötger hat. wie alle Zeugen bekundeten, nicht das geringste mit den Korn Walzern z u t u n g e h a b t; er ist ein Mann, der im öffentlicheil Leben eine bedeutsame Rolle spielt, und er hat versichert, daß er den ganzen Kornwalzerbetrieb nicht gekannt hat. Er ist zu der Korrespondenz mit Herrn v. Schütz überhaupt nur gekommen, weil damals der De- zcrnent beurlaubt ivar, mit der ganzen Sache hatte er aber nichts zu tun. Der Herck Staatsanwalr hat in seinem Antrag auf Ein- stellung des Verfahrens selbst in der präzisesten Weise dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß es nicht denkbar sei, daß Landrat Rötgcr etwas anderes annahm, als daß Brandt einen gesell- schaftlichen Verkehr mit seinen Kameraden pflegte und daß eS dabei zu unbedachten Vertraulichkeiten kam, die aber nicht als bewußte Gegenleistungen aufgefaßt werden können. Es ist unmöglich, den Gegenbeweis gegen Landrat Rötger zu führen. weil die Kornwalzer aus jener Zeit ordnungsgemäß kassiert worden sind und in glaubwürdiger Weise versichert worden ist, daß er von dem Inhalt derselben keine Kenntnis hatte. Nun ist als neues Moment in dieser Verhandlung die Korrespondenz des Zeugen Marquardt zutage getreten. Herr Marquardt hat jedoch unter seinem Eide e» klärt, daß er über de» ganzen Kornwalzerbetrieb nicht orientiert war und daß seine Angaben tatsächlich unrichtig sind. Er ist von der Annahme ausgegangen, daß die Kornwalzer auch Landrat Rötger zugänglich gewesen seien; diese Annahme fällt aber fort. denn tatsächlich hatte Landrat Rötger mit ihnen nichts zu tun. Es ist unmöglich, zu sage», daß er damit etwas zu tun hatte, weil er einmal mit Herrn v. Schütz über den Dispositionsfonds Brandts korrespondiert hat. Ich beantrage daher mit Nachdruck, Herrn Land- rat Rötger zu vereidigen. Der zweite Zeuge, dessen Nichtvereidigung beantragt worden ist, ist Herr Drcger. Ich muß da offen aussprechen: Keine Persönlichkeit hat hier mit solcher erfrischenden Offen- h e i t, ohne jemals zu diplomatifiercn, von Anfang bis zu Ende ausgesagt wie Herr Dreger; er ist offen und frei aufgctretcu und hat gesagt: Ich habe niemals angenommen, daß Bestechungen vorgelegen haben. Herr Dreger hat sich erboten, für den Betrieb durch seine Unterschrift die Verantwortung zu übeemchmen. Das tut eine Persönlichkeit wie er nicht, wenn er nicht angenommen hätte, daß zwar Indiskretionen, aber keine Bestechungen vor- gekommen sind. Der Herr Oberstaatsanwalt ist ja mit seinem Antrag abgewichen von seiner eigenen früheren Rechtsanschauung. Ich bitte, daß uns der Herr Oberstaatsanwalt sagt, worin die An- stiftung liegen soll. Weshalb hat der Herr Staatsauivalt selbst die Einstellung des Verfahrens gegen Herrn Dreger beantragt? Was den Zeugen Muehlon anbetrifft, so hat gr alles getan, ivas er als stellvertretender Direktor tun konnte. Er ist sofort nach Essen gegangen und bat mit süddeutschem Temperament den Herren erklärt, daß der Sache ein Ende gemacht werden müßte; wenn die Herren mit der-geschäftlichen Skepsis des Alters damals die Erörterung abschnitlcn und sie auf eine spätere Zeit verschöbe». so hat es nicht an ihm gelegen, daß nicht schon am 3. August der Sache mit Brandt ein Ende gemacht wurde; er hat sich selbst un- glücklich gefühlt. Wie kann da von einer Teilnahme die Rede sein?— Dann kommt noch der Zeuge Marquardt in Frage. Gegen ihn' ist Anklage erhoben worden, die Eröffnungskammer hat ihn jedoch außer Verfolgung gesetzt, meines Erachtcns mit vollem Recht; denn die Anklage stützte sich darauf, daß cc formell den Vertrag mit Brandt über die Funktionszulagen geschlossen hat. Er hat das aber nicht aus eigener Verantwortung getan, sondern auf direkte Weisung des Dezernenten, Direktors Eccius. Was der Oberstaatsauivalt in seinem Einstellungsantrag zugunsten des Landrats a. D. Rötger ausführt, nämlich daß für die ganze erste Zeit Kornivalzer nicht mehr vorhanden sind und daß Landrat a. D. Rötger von dem Inhalt keine Anhnug hatte, trifft voll und ganz auf Herrn Marquardt zu; auch er hat von dem Inhalt keine Kenntnis gehabt. Nun ist noch die. eine große und ernste Frage zu erörtern, wie es mit dem Zeuge» v. Mellen sein soll. Soll er vereidigt werden oder nicht? Auch er ist der Teilnahme verdächtig und auch gegen ihn aus voll- kommen richtigen juristischen Gründen das Verfahren eingestellt worden. Run ist aber in dieser Verhandlung ein schwerer Belastungszeuge gegen Herrn v. Atetzcn aufgetreten. Dieser Zeuge hat bekundet, daß Herr v. Metzen schon seit langer Zeit, wohl schon seit seinem Eintritt in die Berliner Stellung, die Heber- zeugung gehabt hat. es handele sich bei Brandt um Bestechung. Trotzdem hat er bei Eccius und der Direktion veranlaßt, daß Brandts Bezüge erhöht wurden. Er war der Vorgesetzte Brandt? und dqher verpflichtet, der Dircttion zu schreiben, daß Brandt ab- berufen werden müßte. Da er dieser Rechtspflicht nicht genügte, ist er der Mittäterschaft schuldig. Ich müßte also sciuc Nicht- Vereidigung beantragen. Aber es ist mir zweifelhaft, ob man auf Grund des Zeugnisses dieses Belastungszeugen Mittäterschaft annehmen kann, denn dieser einzige Belastungszeuge ist Herr v. Metzen selbst. Aus diesem Grunde stelle ich keinen Antrag auf Nichtvereidigung, weil ich dem B c l a st u n g s z c u g e n gegen Herrn v. Metze» keinen Glauben schenken kann. Verteidiger Rechtsanwalt Löwenstein: Ich stehe bezüglich der Vereidigung des Zeugen v. Metzen weder aus dem Standpunkt der Anklage noch auf dem meines Mitverteidigers. Durch sein eigenes Zeugnis, und allein durch dieses, hat der Zeuge v. Metzen sich der strasbaren Teilnahme an der den Gegenstand der Verhandlung bildenden Bestechung schuldig gemacht. Trotzdem hat der Staatsanwalt seine Nichtvereidigung nicht beantragt.' Ich stehe da bor eiuem der vielen RStsel dieser»erhanbluug. Ti£ Teilnahme v. Metzens an den angeblichen Bestechnngen Brandts ergibt sich schon daraus, daß v. Metzcn die Rücklage von jährlich IMo Ml. für Brandt edvirtic, die doch nach seiner eigenen Behauptung dem Brandt erst das Rückgrat zu seinem Verhalten gaben. Aber ich glaube Herrn v. Mehen kein Wort, weder was er zu seiner Entlastung noch zu seiner Belastung an- führt, ganz gleich, ob er schön färbt oder schwarz färbt, ob er unter Tränen oder unter Lachen etwas sagt. Wenn ich Richte r toäre, so würde ich aus Grund seiner eigenen Mitteilungen Herrn v. Metzen nicht für schuldig halten. Aber der dringende Verdacht der strafbaren Teilnahme liegt doch gegen ihn auf Grund seiner eigenen Bekundungen vor. Alle hier vernommenen Zeugen haben, mit Ausnahme des Herrn v. Metzen. bekundet, sie seien bereit zu beschwören, dast sie beim Lesen der Kornwalzcr nicht an eine strafbare Handlung gedacht haben und daß, wenn dies der Fall gewesen wäre, sie ihr aufs schärfste entgegengetreten sein würden. Wenn man die vier Herren Direktoren nicht vereidigen will, warum denn dann die Unterscheidung zwischen Herrn v. Metzen und ihnen. Sie haben sich b e r e i t erklärt, den Eid zu l c i st c n, und der Verdacht der Teilnahme ist damit hinfällig. Ich habe die Frage rein juristisch behandelt und verstehe nicht, ivie der Ober- staatSanwalt die Bahnen der Logik so ivcit verlassen kann. Oberstaatsanwalt EhrzeScinsti: Daß ich gar nichts zur Begründung meines Antrages gesagt habe, war wohl genügend klar. Ter einzige Grund, den ich fiir meinen Antrag anzuführen hatte, lvar dem Gericht bekannt. Es handelte sich allein um die Frage, ob ein Verdacht der Teilnahme in ivgendeiner Richtung besteht. Diese Frage aber hängt mit der Frage der Glaubwürdigkeit eines Zeugen eng zusammen. Ich hatte den guten Willen, alles. fortzulassen, waö peinlich wirken könnte. Aber da mir Mangel an Logik vorgeworfen wird, muß ich mehr sagen. Justizrat v. Gordon hat einen Teil der Be- gründnng meines Antrages auf Außerverfolgungsetzung des Land- rats a. D. Roetger vorgelesen. Ich will die Begründung ganz vorlegen: .ES steht in tatsächlicher Richtung, zu entscheiden, welche in leitenden Stellungen befindliche oder benndlich gewesene?ln gestellte der Firma Krupp überführt sind, das Geld zu den Brandtschen Bestechungen hergegeben oder beschafft zu haben, den» darin allein kann man die Mitwirkung finden. Die erste derartige Geldbeschaffung, de» Dispontirmsionds von 2000 M., ist zwischen dem Herrn v. Schütz und dem Laudrat a. D. von Roetger erörtert»rtd die Bewilligung von letzterem ausgesprochen worden. ES muß angesichts des Briefwechsels zwischen diesen beiden Per. stmen betont werden, daß ein schwerer Verdacht der Teilnahme an der Bestechung auf dem letzteren nach wie vor ruht. Es kann nicht mit Erfolg bestritten werden, daß dieser über die Tätigkeit des Brandt, sofern sie darin bestand, ehemalige Kameraden auszuhorchen, um die Konkurrenzpreise zu ermitteln, im allgemeinen unterrichtet war. Roetger muß sich gesagt haben, daß zum mindesten die Gefahr der Verleitung dieser ehemaligen Kameraden zur Pflichtverletzung damit ohne weiteres gegeben ist. Er muß sich auch gesagt haben, daß die Bereirhaltnng von Geldmitteln zu dem Zweck dieser Aushorchnng die Gefahr einer strafbare» Verwendung dieser Nittel ohne weiteres mit sich bringt. Daß er sich dies nicht nur sagen mußte, sondern auch tatsächlich gesagt hat, erweist klar der Inhalt der Briese deS Herrn v. Schütz an Landrat Roetger:.Direkt« Geldgeschenke gibt Brandt nicht. Er macht olle» auf legalem Weg." Zu RoetgerS Gunsten kann nur angeführt werden, daß er möglicherweise ge- glaubt hat, die Grenze deS strafrechtlich Zulässigen werde tat- sächlich von Brandt nicht überschritten. Denkbar war eS aller- Vings an und für sich, daß Brandts geselliger Verkehr mit seinen ehemaligen Kinneraden nur die Gelegenheit zur Ausforschung darstellte und daß die Mitteilungen dieser Kameraden mehr oder minder unbedachte Vertraulichkeit und nicht Gegenleistungen gegen die Annehmlichkeiten diesoS Verkehrs darstellen� ES ist aber bewiese«, daß mehr geschehen ist, daß eine fSrmliche Offenlegung deS Akteniahalts und eine ivstematische Benachrichtigung über alle einschlägigen Vorgänge bei allen Militärbehörden mindestens von Ansang 1010 an statt- gefunden hat. Dieser Beweis ist in den vorhandenen Korn- Walzern gegeben. Er ist aber heutigen TageS sür Landrat a. T. Roetger nicht mehr vollkommen vorhanden." ?Jn steigender Erregung fortfahrend:) Ich habe das nicht gern vor- gelesen. Aber man hätte sich nicht auf mich berufen sollen. Was den Zeugen D reg er anlangt, so erkenne ich gewiß die frische Offenheit, mit der er seilt Zeugnis abgelegt hat, freudig an, um so freudiger, als ich an anderer Stelle meine Hoffnungen nicht in gleichem Maße erfüllt gesehen habe. Sine üble Meinung aber habe ich von seinem Verhalten nach Zö. Oktober. Da mußte diese Geschichte aushören. Da aber ist noch ein neues Opfer gefalle« in der Person des Feuerwerkers Schmidt. Es war damals in der Direktorialsitzung. der Beschlutz gefaßt und von der Hand des Zeugen Dreger medergeschrieben worden, daß alles nur ein falscher Schein sei, der auf die Firma falle. Damit er ver- mieden werde, solle Dreger von nun an seinen Namen unter die Sachen setzen. Er hat cs getan und dadurch dazu bei- getragen, daß noch nach dem 2 2. Oktober ein neues Opfer den Verlockungen Brandts erlegen ist. Ferner hat Dreger dem Brandt den Rat gegeben, dir Kornwalzcr zu verbrennen und alles Belastende beiseite zu schaffen. Das ist ein Rai, in dem ich eine Begünstigung sehe. Ich habe das auch nicht gern gesagt, aber man härte mir nicht Mangel an Logik vorwerfen sollen. ES ist weiter richtig, daß der Zeuge Direktor M u e h l o n die«sache zur Tvrache gebracht hat. Er hatte den tiefsten Einblick und hat eS endlich zur Sprache gebracht, aber doch nicht so wie jemand, der ein warmes Empfinden dafür hat, daß die Sache nicht fair ist und daß sie nicht geschehen darf. Als er schon einen Einblick in die«ache hatte, hat er dem Brandt noch die 500 M. gegeben, und es ist nachgewiesen, daß Direktor Muehlon gesagt hat, man könnte dem Brandt auch 20 000 M. geben, aber dann werde die Fiktion sich nicht aufrecht erhalten lassen, daß die Firma«ichts wisse. Marquardt endlich hat den berühmten Vertrag vom IL. Dezember 1S0S unterschrieben. Der Beweis, daß Marquardt sehr tief i« die Kornwalzer eingedrungen ist, kann geführt werden, wenn es sein muß. Er ist hier nicht ge. führt worden, weil Marquardt hier nicht mehr Angeklagter war. Bezüglich meiner Meinung über den Zeugen v. Metzen hat mich Rechtsanwalt Löwenstein ja au» der Liste der Juristen gestrichen.! Wir Staatsanwälte gelten ja meist al» die reinen Menschenfresser aus dem Märchen, die nur deshalb nicht so gefährlich sind, weil sie so täppisch sind. Ich habe von dem Zeugen v. Metzen eine ganz andere Meinung als der Verteidiger. Ich spreche nicht von der Glaubwüvdigkcit. Man hat mir schwere Vorwürfe gemacht, daß ich meine Bedenken gegen den Zeugen V. Metzcn von vornherein ft-W babc Ich hatte meinen guten Grund dazu. Ich frage nicht toÄÄÄ ich tue. jemandem gefällt..Ich w«. was ich für Aber ci ist mir i» meiner funsundzwanzigiabrigen als Staatsanwalt noch nicht vorgekommen, daß ein Zeug« — j.y�Knnrttirf�r�alteig; Clfret)«irlepp. Neukölln. Für den vor der Verhandlung sich in der Presse als ein Hauptbelasiungs- zeuge hinstellt und erklärt, er wolle dadurch Vergeltung üben. Nie- mand hat ein größeres Mißtrauen gsgen solch« Zeugen wie der Staatsanwalt, denn wir haben das dringendste Interesse daran, Zeugen zu haben, denen wir glauben dürfen. Sehe ich mir sein Zeugnis richtig an, dann ist ibm Brandt von vornherein ein Dorn im Auge gewesen. Oben war Dreger und unten Brandt. Und der ehrgeizige und gewinnlüsterne Metzen in der Mitte. Ich will ihn nicht beleidigen, aber ich habe den starken Eindruck gehabt, daß er gewinnen wollte. Er ist nun nicht geradeaus gegangen, sondern hat, wie cs seine Art ist, von Hintenberum daran gearbeitet, Brandt beiseite zu schaffen. Eine Mittäterschaft kann immer nur in der Hergabe von Geld gesehen werden, und damit hat Herr v. Metzen nichts zu tun. Wenn er gefragt hat, ob Brandt auch die Zinsen von den taufend Mark bekommt, so war das eine rein geschäfts- mäßige Rückfrage. Metzen hat ferner nur gesagt, wenn Brandt in Berlin bleibe, dann müsse er eine feste Bureaustellung haben. Er mußte doch dann diesen Bureaubeamten etatisieren. Ich wäre am liebsten bei dem geblieben, was ich zuerst gesagt habe. Mes. was ich jetzt gesagt habe, habe ich nur gesagt, weil eS als Erwiderung notwendig war. Bert. Rechtsanwalt Löwenstein: Die Art der Mitwirkung, die in der Geldbesckasfung liegt, ist nebensächlich. Man kann" sehr wohl auch durch Rat und Tat, durch Anregung, durch Stärkung der Position des anderen und durch anderes mehr Mittäterschaft leisten. Die Ausführungen des Oberstaatsanwalts waren gewiß für einen der Herren, der hier im Saale ist, sehr wenig erfreulich. Aber daß sie nötig oder gar fachdienlich gewesen wären, ist mir nicht klar geworden. Wenn der Oberstaatsanwalt jetzt feinen Antrag auf Äußerverfolgungsetzung Rötgers vorgelesen hat, so muß doch gesagt werden, daß darin Ueberzeugungen nicdergelegt sind, die drei Monate zurückliegen. Und dann: ist denn alles, was wir an klaren Dokumenten und eiiuvandfreien Zeugen über Herrn v. Metzcn gehört haben, für den Wind gewesen? Wir haben doch gehört, daß er schon im ersten Brief aus Berlin nach Essen schrieb, daß Brandt für ihn unentbehrlich sei. Handelt einer, der jemanden beiseite schaffen will, so, daß er ihn zum Bureauvorsteher macht? Auch in den späteren Briefen schreibt Metzen, daß Brandt zu seiner vollsten Zufriedenheit wirke. Er sucht ihm verschiedene Vergünstigungen zu schassen und schreibt, daß seine Bezahlung nicht im Verhältnis zu seinen Leistungen steht. Aus der ganzen Verhandlung hat man den Eindruck gewinnen müssen, daß Herr v. Metzen mit der Tätigkeit Brandts einverstanden war. wenn ihm vielleicht auch von Zeit zu Zeit Brandt etwas zu groß geworden toar. Er hat mit seinen Bedenken gegen Brandt erst angefangen, als seine eigene Stellung durch das. was er in Italien gesündigt hatte, wurmstichig geworden war und er� sein« Position zu halten versuchte dadurch, daß«r eine andere Stellung erschütterte. Bis dahin aber hatte er Brandt an seinem Platz gelassen und ihn ge- schützt. Darin erblicke ich den Verdacht einer strafbaren Teil- nähme. Justizrat Dr. v. Gordon tritt dann nochmals für die Ber- eidigung der vier Direktoren ein.— Sodann treten die Zeugen Landrat a. D. Rötger und Direktor Muehlon vor.— Vors.: Ich kann den Herren jetzt das Wort nicht geben.— Zeuge Direktor Muehlon: Ich bitte, eine Feststellung machen zu dürfen.— Vors.: In diesem Augenblick nicht.— Bert. Löwcnstcin: Ten Zeugen mutz doch Gelegenheit gegeben werden, ihre Aussagen zu ergänzen.— Zeuge Direktor Muehlon: Jawohl, das wollte ich.— Vors.: Das können Sie später, die Beweisausnahme ist noch nicht geschlossen. Jetzt wird da» Gericht erst über die Vereidigung beraten.— Zeuge Direktor Muehlon: Ich wollte mich gerade zur Vereidigung äußern.—. Bors.; Nein, ich erteile Ihnen dazu nicht das Wort. Wir haben nocki die Angeklagten zu hören.— Die Angeklagten schweigen, worauf sich der Gerichtshof zur Beratung zurückzieht.— Zeuge Landrat a. D. R ö t g e r stürzt aus dem Saal, kommt aber sofort zurück und ruft in großer Erregung dem Angeklagten E c c i u s zu: Man ist ja schlimmer dar»«, als aus der Anklagebank. Sie können sich wenigstens noch verteidigen, Sie haben das I e tz t e W o r t. Das ist ja unerhört! Nach mehr als einstündiger Beratung erscheint der Gerichts- Hof loieder im Saale und unter großer Spannung verkündet der Vorsitzende Landgerichtsdirektor Dr. Karsten folgenden Beschluß: Die Zeugen Rötger, Dreger, Muehlon, Maronardt und V. Netzen werden nicht vereidigt, weil sie hinsichtlich deS den Gegenstand der Untersuchung bildenden Tatbestandes der Teilnahme oder Begünstigung verdächtig sind. Der Vorsitzende ruft nun die anderen noch zu vereidigenden Zeugen vor und vereidigt, nachdem seine Frage, ob die Aussagen abgeändert oder ihnen noch ettvas hinzugefügt wird, verneint ist, folgende Zeugen: Geheimen Finanzrat Hugenberg, Direktor Mouihs, Finanzrat Haux, Handelsbevollmächigtcn v. Dewitz, Direktor Rausenberger und die Beamten der Firma Krupp Klöpfer, Grün- lvald und Kern. Der Zeuge Direktor Muehlon ergänzt seine Aussage durch folgende Worte: Ich soll dem Herrn Brandt eine Gehaltszulage verschafft haben, nachdem ich die Feststellung schon getroffen hatte, daß in Berlin etloaS nicht in Ordnung sei. Das ist nicht richtig. es war monatelang vorher.— Es meldet sich nun der Zeuge Direktor Dreger zum Wort und erklärt mit bewegter Stimme: Ich möchte einige Irrtümer in bezug auf meine Aussage berichtigen. ES ist nicht richtig, daß ich mich angeboten hätte, die Vertretung während der Zeit vom 26. Oktober bis zur Verhaftung Brandts zu leiten. Das ist eine mir unangenehme Mission ge- tvesen, die mir aufgetragen wurde und die ich ziemlich schweren Herzens übernommen habe. Ich sagte doch, daß mir das so war, wie wenn ein kommandierender G e ner a l beauftragt würde, einen Kompagniechef zu ver- treten.(Der Borsitzende nickt bestätigend.) Die andere Angabe ist in der Boruntersucbung von anderer Seite gemacht worden, stimmt aber mit der Wirklichkeit nicht überein. Ich habe die Mission in der Hoffnung übernommen, hier Gutes zu stiften und zu bessern. Ich bin, soviel ich weiß, der einzige gewesen, der Brandt gefragt hat, ob Bestechungen vorliegen, jedenfalls aber der einzige, der sich von Brandt hat schriftlich geben lassen, daß keine Bestechungen vorliegen. AuS meiner eigensten Initiative heraus habe ich diese Tätigkeit im Bureau eingeschränkt, und zwar gegen- über dem Auftrag, den ich von der Firma bekommen habe. Ich habe diese Tätigkeit eingeschränkt quantitativ, denn ich habe dem Herrn Oberstaatsanwalt nachgewiesen, daß unter meiner Leitung nur die Hälfte der Berichte hinausgegangen ist wie vorher; ich habe sie aber auch sachlich eingeschränkt, denn eS ist mir hier auch ,n der geheimen Verhandlung nicht ein Fall vorgelegt worden, wo ein Brief, der von mir unterschrieben war, zu irgendwelchen militäri- schon oder sonstigen Beanstandungen Anlaß gegeben hätte. Es ist dann gesagt worden, ich wäre schuld daran gewesen, daß noch ein Zeugunieroftizier hineingezogen wurde. Es ist nicht meine Schuld, daß, als die Voruntersuchung nicht stattfinden konnte, der Vertreterposten erst so spät besetzt wurde, und namentlich nicht, daß die polizeilichen Ermittelungen, die hier kurz nach der Uebernahme meines Posten» begonnen haben, ein Vierteljahr lang gedauert haben. Die Schultz liegt vielleicht viel eher an tzer Polizei als an mir. Ich bitte also, diese Umstände nicht mir zur Last zu legen, es gebt mir näher al» manchem anderen. iDer Zeuge Tirekior Dreger hatte diese Aeußerungen mit sehr bewegter Stimme, durch die man Tränen ziitern hörte, abgegeben.) Bei Besprechung de» Plane» für die weitere Fortführung der Verhandlung erklärt Oberstaatsanwalt Dr. Shrzescmsli: Ich werde noch einen»«trag zur BeweiSaufuahm« zu stellen haben. Inseratenteil verantw.: Td. Glocke. Berlin. Druck u.LerIag: Vorwärt» ES ist mir heute morgen eine Zuschrift zugegangen, in der Absicht, die Beschuldigungen zn verstärken, aber auch auszudehnen in einer anderen Richtung. Ich bin der Meinung, daß ich in diesem Verfahren das nicht unter den Tisch fallen lassen kann, und halte es sür zweckmäßig und richtig, die Sache in diesem Verfahren abzumachen. Ich will deshalb zum Freitag den Major Wangemanu laden und auch den Zeugen v. Metzen darüber nochmals zu hören.— Bert. Justizrat D. v. Gordon: Im Anschluß hieran werde auch ich noch einen Zeugen laden.— Die Zeugen Rötger. Mouths, Klöpfer, Grünwald, Haux und Kern werden entlassen. Ter morgige Donnerstag bleibt s i tz u n g s- frei, am Freitag werden die Zeugen General v. Bücking, Major Ahlers, Major Wangemann vernommen, worauf die P la i d o y e r s beginnen, die den Freitag und zum Teil auch den Sonnabend in Anspruch nehmen werden. Es ist fraglich, ob das Urteil noch in dieser Woche gefällt werden wird. So2iaUs. Fürsorgezöglinge als Lohndrücker. Am 26. Oktober teilten wir mit, daß beim Ausbau der Strecke.Hamm-Löhm die Unternehmer nicht die gewerbs- üblichen Löhne zahlten und deshalb ausländische Arbeiter, sodann Fürsorgezöglinge bei den Erdarbeiten beschäftigen. Vom Vorsteher der Fürsorgeanstalt in Schweicheln bei Her- ford erhalten wir nun folgendes Schreiben: Auf Grund des PreßgeietzeZ ersuche ich, nachfolgende Be» richtigung des Artikel»:.Fürsorgezöglinge als Lohndrücker' (cf. Nr. 281 de? Blattes) aufzunehmen: 1. Es ist nicht wahr, daß der Leiter der Erziehungsanstalt in Schweicheln Fürsorgezöglinge zum Lohndrücken benutzt hat. Von dem Unternehmer find vielmehr dieselben Stundenlohnsätze ge- fordert, welche derselbe an die anderen Arbeiter zahlte. 2. Es ist deshalb auch nicht wahr, daß das.Fürsorgesystem die Zöglinge als AuSbeutungsobjelte unter den üblichen Löhnen arbeitenden Unternehmern zur Verfügung stellt, sie als Schmutz- konlurrenten ehrlicher Arbeit benutzt und in ihnen den Rest de» sittlichen Empfindens gefährdet'. Siebold. Vorsteher der Anstalt in Schweicheln. Der Einsender übersieht, daß die gezahlten Löhne nicht die g e w e r b s üblichen sind. Das ist der entscheidende Punkt, der unsere Auffassung durchaus rechtfertigt. Bo« kommunale» Wohnungsbau. Es mehren sich die Städte, die zum Eigenbau von Klein« Wohnungen übergehen. In der Stadtverordnetenversammlung in Pr.-Holland(Ostpreußen) ist anerkannt worden, daß der Mangel an guten Arbeitskräften im Osten auf das Fehlen guter Arbeiter« Wohnungen zurückzuführen sei. Es ist deshalb der Bau von Arbeiterwohnungen durch die Stadt empfohlen worden. Der Bürgermeister hat erklärt, daß der M a g i st r a t dieser Frage bereits nähergetreten sei und die Vorlage der Stadtverordnetenversammlung demnächst zustellen werde. Versammlungen. P erb und tzer Maler, Lackierer, Anstreicher. Tie am DienSlaa abgehaltene Generalversammlung setzte die in der vorigen General-. Versammlung nicht erledigte Tagesordnung fort. Vor Eintritt in die Verhandlungen gab Bischof eine Erklärung ab, welche besagt, der Bericht in Nr. 287 des„Vorwärts" über die letzte General- Versammlung sei parteiisch gefärbt. Diese Behauptung stützte der Redner auf den Passus des Berichts, welcher sagt, die Redner, welche den Antrag, den Vorfitzenden Mietz zu kündigen, befnr- worteten,„ergingen sich in allgemeinen Aeußerungen des Unwillen» gegen Mietz, aber keiner sagte, durch welche Tatsachen dieser Un- Wille begründet ist. Man warf Mietz vor, daß er auf der Seite des Hauptvorstandcs stehe. Inwiefern das ein Vorwurf sein kann, wurde ebenfalls nicht gesagt."— Bischof berief sich darauf, daß die Gründe, welche gegen den Filialvorstand sprechen, schon in zwei der letzten Generalversammlung vorher gegangenen Versamm- lungen vorgebracht worden seien; man habe die einzelnen Tatsachen deshalb in der Generalversammlung nicht wiederholen brauchen. Dem Filialvorstand macht der Redner den Vorwurf, daß er über die vorhergegangenen Versammlungen, wo kein Berichterstatter an- wcsend war. dem„Vorwärts" keinen Bericht eingesandt habe. Berichterstatter R e i n k e, der den Bericht über die vorige Generalversammlung abgefaßt hat, nahm das Wort. Er verwahrte sich entschieden gegen den Borwurf, den Bericht parteiisch gefärbt zn haben. Der vom Vorredner kritisierte Passus des Berichts ent- spreche der Wahrheit, denn es se, richtig, daß gegen Mietz nur eine allgemeine Unzufriedenheit zum?lusdruck kam, die durch keine Tat- fache begründet wurde? Hierauf nahm Bischof den Vorwurf der Parteilichkeit gegen den Berichterstatter zurück, er habe nur dem Filialvorstand den Vor- wurs machen wollen, daß er dem„Vorwärts" nicht über die vorher« gegangenen Versammlungen berichtet habe. Wäre das geschehen, dann wüßten die Leser des„Vorwärts", weshalb die Mitglieder mit dem Vorstand unzufrieden sind. Die Versammlung schritt nun zur Vorstandswahl, soweit die- selbe in der vorigen Versammlung nicht schon erledigt worden ist. Es wurde über die vorgeschlagenen Kandidaten diskutiert. Die Wahl selbst wurde durch Stimmzettel vollzogen, Stichwahlen mußten vorgenommen werden, infolgedessen zog sich die Wahl bis Mitternackt hin. Gewählt wurden als Schriftführer Frank, al» Beisitzer Opitz, Bischof und Kaiser.— Von den bisherigen Vorstandsmitgliedern ist keiner wiedergewählt worden. Die Wahl der Revisoren soll in der nächsten Generalversammlung borge- nommen werden, wo auch die übrigen Punkte der Tagesordnung zu erledigen sind.______ Marktprctie von Berlin««S.SIovember lvtZ. nach ermittelunge» deS kgl. VolizeivräsidiumS. MaiS(mtxcd). gute Sorte 1S.40— 16,80. mittel 00,00-00,00. getrnae 00,00— 00,00. Mais(runder), gute Sorte 14,40—14,60. Rtchtstroh 4,60—1,00.>eu, alt 6,00—7,60. M- r t l b a I l e n v r e i s e. 100 Kilogr. Erbten, gelbe, zum Koche« 30,00—50,00. Sv-itebobn-n. weiße 35.00—60,00. Linien 36.00—70,00. Kartoffeln\ 4 nA_7 nn 1 fftlnornmm 3RhthFT«M<«. v«*. 1.60—2.40. Kalbtleilch BZtrteruu«»»verstcht vom S. November l«I3- Swinemde. 1 78 J,® SS Frankt.a.M 7Ä9N0 München ,�11® Wien' 763lS«ll »Nebel 2Nebel r» 1 bedeckt Nebel chSettervrognote für DounerStag. den 6. November ISIS. Nacht» kühl, am Tage wieder mild, oielsach nebelig oder woMg. mü etwa« Regen und m-jzigen südlichen Winden. Berliner Wetterbure-». Buchdruckerei a. verlagsantzalt Paul Singer o. So. Beetst, flflL