Nr. 296. c 5 Pfennig) Montags auSMde c s pkonnig) Udonnementz-Keäingungen: «donnementZ- Preis pränumerandZ! «iertcljährl. Z.Z? MI., monatl. 1,10 Ml., wöchenMch 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierlcr Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Wonncment: 1.10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft-Zeiwngs- Preisliste. Unter Kreuzband für Dcustchland und Oesterreich- Ungarn 2,S0 Marl, für daS übrige Ausland 4 Marl pro Monat. Poftabonnements nehmen an: Belgien. Diwcmarl, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, »Ittmänien, Schweden und die Schweiz. Crfditint täglich. 30, Jahrg. Die lntertion$'Gebai)r beträgt für die fechSgefpaltcnc Kolouel- zcile oder deren Raum 00 Pfg., für politische und acwerlschaftliche Bercins- und Bersannnlnungs-Auzcigen 30 Pfg. „Uleine Zn-eigen", das fettgedruckle Wort 20 Pfg. lzuläfstg 2 fettgedrnilte Worte), jedes wlitere Wort 10 Pfg. Etcllcngeinche und Schlafstellenan- zeigen das erste Wort 10 Pfg, jcdeS weitere Wort üPfg. Worte über 15 Buch- ftabcn zählen fiir zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer n, ästen bis 5 Uhr nachinittags in der Erpediiion abgegeben werden. Die Expedition ijt bis I Uhr abends geöffnet, Telegramm- Ndreste: „Sozialiltnokrat Rtrlli*. Zcntralorgan der fozialdemokrat» fchen Parte» Deutfcblands. Rcdahtion: SM. 68, Lindcnrtraßc 69. Fernsprecher: Amt Morikpiast, Nr.>9�3. Montag, den 10. November 1013. Expedition: SM. 68, l.indenstraße 69. Kerusprecher: Amt Morifiplati, Nr. Schiebung unä Siebung. Am 14. November tritt im Reichstagsgebäude die Kam- Mission zur Prüfung der Rüstungslieserungen zusamnien. zu der die einzelnen Reichstagsfraktionen je zivei Mitglieder vorzuschlagen haben. Alle von den bürgerlichen Parteien vorgeschlagenen Mitglieder haben bereits die Ein- ladung vom Reichsamt des Innern erhalten: dagegen lehnt die Regierung die Einladung dcS von der sozialdemokratischen Fraktion vor- geschlagenen Abgeordneten Dr. Karl Lieb- k n e ch t ab. Der gleichfalls vorgeschlagene Abgeordnete Noske ist der Regierung genehm, Liebknecht aber nicht— angeblich deshalb nicht, weil sie Wert darauf legt, daß nur solche Kommissionsmitglieder ernannt werden, die an den Krupp- debatten im Reichstage sich nicht in hervorragender Weise be- teiligt haben. Schon als im September der Vorstand der sozialdemo- kratischen Reichstagsfraktion die Abgeordneten Noske und Liebknecht vorschlug, wurden vom Reichsamt des Innern aller- lei Bedenken erhoben und von der Regierung der Wunsch aus- gesprochen, die sozialdemokratische Fraktion möchte in die Kommission für die Rüstungslieserungen die Abgeordneten Noske und Südekum' delegieren, während Liebknecht als Sachverständiger der Kommission in Aussicht ge° uommen würde. Erwähnt wurde dabei, daß. falls die Fraktion Gründe haben sollte, andere Mitglieder in Vorschlag zu brin- gen,„diesbezügliche Wünsche" dem Staatssekretär Dr. Del- brück„zur möglichsten Berücksichtigung" vorgelegt werden möchten. Der Fraktionsvorstand erwidert«, daß die sozialdemokra- tische Fraktion keinen Anlaß hätte, von ihrem wohlcruBgenen Vorschlage abzugehen und dessen Beanstandung eine Berechti- gung nicht zugestchen könne. Die Vernehmung Liebknechts als „Sachverständiger" vermöge keinenfalls die Mitgliedschaft in der Kommission zu ersetzen. Darauf wurde wiederholt vom Reichsamt des Innern der Versuch gemacht, den Vorstand unserer Reichstagsfraktion zu anderen Vorschlägen zu bestimmen, indem erklärt wurde, Liebknecht solle keineswegs ausgeschaltet werden, er könne als Sachverständiger geladen werden. Als unser Fraktionsvorstand es ablehnte, den Wünschen der Regierung nachzukommen, erhielt gestern Genosse Ebert folgendes Schreiben: Reichsami des Innern. Berlin W. 8. 8. Nov. tS13. Wisthelmfir. 74. Euer HochwahlgeHoren erwidere ich auf das gefällige Schreiben vom 7. November 1913 ergebenst, dah der Herr Reichs- lanzler an den in seinem. Auftrage mit Vertretern Ihrer Fraktion mundlich erörterten Bedenken gegen die Berufung des Herrn Ab- geordneten Dr. Liebknecht als Mitglied der Kommission zur Prüfung der Rüstungslieferungen festhält. Nachdem inzwischen mit Ihrer Fraktion eine Verständigung über die Berufung des Herrn?lbgeordn«ten Noske erzielt ist und dieser sein« Bereit- Willigkeit zum Eintritt in die Kommission erklärt hat, bin ich be- austragt. Euer Hochwohlgcboren ergebenst zu ersuchen, ein weiteres Mitglied Ihrer Fraktion für die Berufung in die ge- nannte Kommission mir mit tunlichster Beschleunigung gefälligst in Vorschlag bringen zu wollen. In vorzüglicher Hochachtung gez. L e w a l d, Direktor im RcichSamt des Innern. Damit ist der Genosse Liebknecht rundweg als Mitglied der Rüstungskommission abgelehnt:, obgleich der Reichs- kanzler bei der Zusicherung der Einberufung einer solchen Kommission öffentlich erklären ließ, daß die Wiinschc der Par- teien berücksichtigt werden sollten. Es muß unserer Reichstagsfraktion vorbehalten bleiben, wie sie sich zu diesen» eigenartigen Vorgehen der Regierung zu verhalten gedenkt. Jedenfalls sind die Gründe, die die Regierung fiir ihre Ablehnung anführt, durchaus faden- scheinig. Sie erscheinen als bloß« Ausflüchte, h i n t e r d e n e n manzuverbergensucht.daßLiebknechtsMit- Wirkung in der Kommission von gewissen über die Kruppaffäre erregten Kreisen nicht gewünscht wir d. So wird Liebknechts Ablehnung in der Hauptsache damit begründet, daß die Kommission gleichsam richterliche Funktio- neu habe und daher von der Mitgliedschaft deshalb all« die- jenigen Personen ausgeschlossen werden müßten, di« Jnter- cssenten seien. Aus diesem Grunde seien auch mehrere an sich sehr geeignete Industrielle, die als Aufsichtsrät« von Unter- nehmungen der Rüstungsbranche bekannt seien, nicht als Mit- glieder einberufen worden. Nichts als Redensarten-, denn tatsächlich hat die Kommission gar keine richterlichen Funktio- nen, sondern die Aufgabe der Ermittelung. Sie soll nicht über Personen aburteilen, sondern Mißstände aufdecken und Mittel zu ihrer Abhilfe vorschlagen. Liebknecht kann aber auch nicht mit jenen Industriellen in Parallele gestellt werden, die viel- leicht ein Interesse daran haben, den Tatbestand zu ver- dunkeln. Sein Bestreben wird gerade darauf gerichtet sein, an der Aufgabe der Kommission mitzuwirken. Ebenso kann nicht davon die Rede sein, Liebknecht sei„Ankläger" und des- halb„befangen". Zudem kann für die Regierung dieses Argument kaum maßgebend sein, da sie dem Zentrum vor- geschlagen hat, den Abgeordneten Erzbcrger in die Kom- Mission zu delegieren, obwohl dieser schon damals„eine pro- nonzierte Stellung" eingenommen Hat, als er die Uebervor- teilung des Reiches bei den Panzerplatten-Lieferungen durch Krupp und Stumm zugunsten des Auslandes im Reichstage zur Sprache brachte. Gottberg als Criumpbator! „Vor allem ist nichts vorgebracht worden, was auch nur einen kleinen Ausschnitt des deutschen Offizierskorps in irgend einer Weise als mitschuldig bei den vorgekommenen Unregelmäßigkeiten erscheinen lassen könnte.. Das steht nicht in einem von Krupp sulwentionierien Blatte, ssondern im„Berliner Tageblatt"!. Nehmen wir einen Vergleich.- In Ruhland wird eine an- gesehene Person bei der Polizei angezeigt, daß sie ihr Haus als Hehlcrnesl benutze. Tie Polizei dringt in das Haus ein, per siegelt alle Türen und sucht nur im Keller. Man findet sieben Säcke mit Diebesgut. Darauf erklärt der Polizeiinspektor: Das kann auch vom Portier hier versteckt sein. Irgend ein Zeichen aber dafür, daß auch sonst noch Hehlerware im Hause versteckt wäre, liegt nicht vor. Der Erstatter der Anzeige bittet darum, doch nun auch ein- mal in den übrigen Räumen, vom Parterre bis zum Dachgeschoß, nachzusuchen. Zur Antwort stellt der Poli�eiinspektor vor jede der versiegelten Türen noch einen Gendarmen und gibt an die Presse folgenden Rapport: Bei der Haussuchung im Hause des von einem boshaften Denunzianten verdächtigten U. wurden im Keller sieben Säcke mit Diebesgut gefunden, deren Herkunft auf den Portier deutet. Es wurde hingegen kein Anzeichen dafür gefunden, daß im Hause sonst noch etwas Verdächtiges versteckt sein könnte. Ter Erstatter der Anzeige gibt der Presse volle Aufklärung über den Sachverhalt. Gleichwohl erscheint der famose Polizei rapport. In Rußland natürlich! Nicht einmal, weder vom Jniendanturgericht, noch von der Moaviter Strafkammer, wurde der schüchternst« Versuch gemacht, auch darüber Klarheit zu schaffen, ab denn nicht der Firnia Krupp auch noch von anderer Seite Nachrichten über geheim- zuhaltende Dinge zugingen. And doch hätte eine solche Nachforschung so nahe gelegen All« Fcldzrugseldwebel und-Leutnants beteuerten, daß Brandt ganz unheimlich gut informiert gewesen sei und schon alles ge wüßt habe. Aber auch Direktor Drcgcr erklärte, daß alles, was Brandt über Versuche erfahren habe, ihm längst bekannt ge- Wesen sei. Da hätte man doch einmal»achforschen sollen, woher den» diese erstaunliche Wissenschaft stammte. Obendrein hat jetzt der militärische Gutachter im Moabitcr Prozeß erklärt, daß die von Brandt crspioniertcn konstruktiven Geheimnisse für die Firma überhaupt keine Geheimnisse gewesen seien, weil die Firma zu der betreffenden Zeit diese Tinge auch auf anderem Wege habe erfahren können. Die Richtigkeit dieser Darstellung erscheint uns zweifelhaft, zumal der militärische Sachverständige im ersten Krupp-Prozeß keineswegs so weit gegangen war. Aber gerade wenn sie richtig wäre, so wäre es doppelt notwendig, einmal näheres über Wesen, Art und Umfang der sogenannten„legalen" Informationen fest- zustellen. Erst nach einer gründlichen Untersuchung dieses Gcgensiaudeö unter minutiösester Berücksichtigung des gesamten Kornwalzcr- Materials, erst nach der Untersuchung der Machenschaften des Kruppschen Nachrichtenbureaus und der sonstigen von Liebknecht angedeuteten ÄTupp- Praktiken wäre ein Urteil darüber zulässig. ob die Krupp-Korruption sich wirklich auf die Kreise der Zeug- offiziere beschränkte! Nun, denkt der biedere Staatsbürger, das wird ja die Parka- m e 11 t a r i s ch e U n t e r s u ch n n g s k 0 m m i s s i 0 n auch gründlich besorgen. Ja, Kuchen! Eine Kommission zur gründlichen Unter- suchung des Krupp-Panamas will die Regierung ja gar nicht! Sic will, wie das„Berliner Tageblatt" meldet, eine Kommission in ihrem Sinne, di? nur das tut, was der Regierung vorschwebt! Die Regierung will vor allem nicht einmal dulden, daß Liebknecht überhaupt Mitglied dieser Kommission wird! Er soll nur als Sachverständiger gehört werden, natürlich nur über die Fragen, die die Regierung zuläßt! Dagegen sollen allerlei Vertreter von Handel und Industrie der Kommission angehören! Ein« tolle Sache I Keine U n t c r s u ch u n g s kommission zur Feststellung der gesamten Verfehlungen der Firma Krupp will man, sondern eine B es chö n i g u n g s kommission, um die bei den Gerichtsverhandlungen immerhin beträchtlich ramponierte Ehre der Kanonenfirma wieder aufzupolieren. Man will offenbar weitläufig dartun, was jedermann weiß: daß Spionage- und Schmiergeldwesen den unentbehrlichen Bestand- teil unseres kapitalistischen Geschäftsbetriebs bilden und daß die Firma Krupp insofern doch gar nichts Besonderes verbrochen habe. Mit einem Wort: Herr v. Gottberg soll unsichtbar die Regie dieser wunderbaren Kommission führen! So geht man l>ei uns einem Panama zu Leibe! -1° Doch noch ein Wort über die unbefleckt« Offiziersehre. Selbst- verständlich wollen wir nicht verallgemeinern. Aber was uns in diesem Prozeß an Moralbetätigung ehemaliger Offiziere entgegen- trat, das duftete wirklich nicht nach Ambra. Herr v. Drcgcr war Mitwisser des Brandtschen Spionage- systems, Herr v. Metzen desgleichen, dazu schloß er mit dem v. Mingen noch ein sauberes Privaigesäiäst ab. Und dann Herr Major a. D. W a n g e m a n n. Herr Wongemann ist ein angesehener Militärschrifisieller. Und er ließ sich von der Firma Krupp 4800 M. jährlicher Stipcu- die» dafür zahlen, daß er unter der Maske streng objektiver Wissen- schaft Reklame für die Kanonenfirma machte! Ja, Herr Major a. D. Wangemann soll seine Artikel gelegent- lich sogar an die Firma.Krupp zur Zensur und Korrektur ein- gesendet haben, bevor sie als wissenschaftliche Arlieiten an die Presse gingen. Ter Herr Major, a. D. fand offenbar nichts in diesen sonder- baren Praktiken! Und das militärische Ehrengericht?! De»„Üollisfrcund". Auch ein Freudenfeuer, angezündet von I u n i u s. Im Frühjahr wußten patriotische Blätter zu berichten, daß ein„nationales Komitee" mit einer„großen" Kalcndcridce schwanger ginge. Bethmann Hollweg sollte Patron sein, Erzbergcr und Fuhrmann, Oktavio von Zedliv und ein anderer„Jtz", iiamenS Dewitz, die parteipolitischen Mächte der Ordnung und der frommen Sitte repräsentieren: denn man beabsichtigte nichts Kleines. Seitdem der„Reichsverband" auf Pech und Schwefel Raubbau getrieben hat, ist geeignetes Material zur Vernichtung der Sozialdemokratie so selten geworden, wie Schwalben im De- zember; dennoch will man die Waffen nicht strecken. Wie aus dürrem Sandboden hier und da Ouelle» rieseln, so hat manches nationale Hirn den einen und anderen„Gedanken" ausgebrütet, der Tat geworden, die Sozialdemokrate»' mit Stumpf und Stiel ausrotten würde. Ibud„Heureka!" mag der brave Oktavio Zeolitz gerufen haben, als ihni von ungefähr die Kalcnderidcc zuflog, richtiger: als inan sie bei ihm anregte. Dem Haupt eines der bürgerlichen Protekioren des patriotischen Unternehmens ist unm- lich die Idee nicht entsprungen; sie haben sich nur hinterher zu einer wechselseitigen Versicherungsgesellschaft zusammengefunden. Man kennt die Idee. Ganze drei Millionen Kalender lvollte man drucken lassen, sie zu dem billigen Preise von 10 Reichs- pfennigen au den Mann bringen, au den«kleinen" natürlich, be- sonders an jene, die der bürgerliche Zeitungsjargon Mitläufer der Sozialdemokratie nennt. Natürlich kostet so ein Unternehnicn Geld, denn die bürgerliche Druckerei, die diesen Riesenauftrag be- kommen würde, hätte einen nationalen Extrarabatt sicher nicht bewilligt. Die Geschäftsmänner, die die Sache managertcn, ver» fielen deshalb darauf, alle Großinsereuten und Leuie, die als insertionswillig im Verdacht standen, mit Prospekten zu behelligen, in denen auf diese großartige Propagaiidagclcgenheit hingewiescu ivurdc. Um Zug hineinzubringen, zeigte man im Hintergründe die Protektoren und ließ auch etwas von dem Heiligenschein Sankt Bethniaims aufblitzen. Mau denke: der Kalender gilt für zwölf Monate, wird auf Holzpapicr mit leserlichen Buchstaben bedruckt und enthält Erzählungen, Aufsätze und Praktika, deren Lektüre den längsten Bandwurm samt Kopf abtreibt. Und im Frühjahr erfuhr man auch, daß die„geistige" Leitung in bewährten Händen liegt, daß Oktavio Zedlitz und Matthias Erzbcrger ihren Spiritus auf diese Kohlplantage leiten würden. Noch mehr: Richard Nord- Hausen, den der„März" einmal zu Unrecht als„Galizier" ver- dächtigte, werde den Schollengeruch seiner antisemitisch-alldeutschen- agrarischen-konservativcn Weltanschauung über den ganzen Ka- lcnder ausbreiten. Alles: Stück für Stück 10 Pfennig! Inzwischen ist, wie der„Vorwärts" in Nr. 278 mel- dete, der schöne Kalender erschienen.„Volksfreund" heißt er. Sein Inhalt trieft vor Patriotismus. Sobald alle drei Millionen Stück verkauft sind, sollte Bethmann Hollweg einfach den Reichs- tag auflösen. Es würde dann kein sozialdemokratischer Stimm- zettcl mehr abgegeben. Wcggebaucht wäre die ganze demokratische Pestilenz. Aber wer ist der Mann, der diese gewaltige Idee ausgeheckt bat, der sich mit ihr ein Anrecht auf Unsterblichkeit geivann? Denn hätte Kolumbus Amerika nicht entdeckt, durch die Geschichte mit dem Ei würde er doch immer zu den Ilnsterblicheu gehören. Herr Oktavio von Zedlitz hat leider zu seinen sonstigen vielen großen Verdiensten nicht auch das, der Urvater dieser Idee zu sein. Auch Herr Matthias Erbzerger nicht, Herr von Dewitz ebenfalls nicht, Herr Paul Fuhrmann, der Tugendtvächter des Altnationallibcra- lismus, noch viel weniger, und am allerwenigsten Herr Richard Nordhausen. Wer ist also der Mann, dem ob seiner Idee die Reichsunsterblichkeit sicher ist, weil sie mit drei Millionen billigen Jakobskalcudcrn die Sozialdemokratie totschlägt? Pflicht und Gewissen gebieten es, den bescheidenen Mann der breitesten Oeffentlichkeit vorzustellen. Hier ist er! Er ist der bewährte nationale Z uchthau s b e t e ra n Karl Rudolf Lencer aus Apolda in Thüringen, Mmi muß etwas weiter ausholen. Vor genau 13 Jahren existierte in München ein deutsch-völtischer Verlag Odin, der nationale Broschüren und Zeitschriften herausgab, für die die Trucker hinterher kein Geld bekamen. Herrn Erzberger dürfte es besonders interessieren. Ter„Kampf" des Verlages galt den Nömlingen, die niemals so schlecht gemacht worden sind, als in den Publikationen dieses deutsch-völkischen Verlages. Und der Inhaber dieses Verlages war der genannte Herr Karl Rudolf Lencer, dessen geschäftliche Grundsätze ihn schließlich in einen sehr hartnäckigen Konflikt mit dem Staatsanwalt brachten. Um Ostern 1001 brannte Lencer durch. Einige Monate spater wurde er im heiligen Köln berhaftet. Im März 1902 zierte Lencer die An- kiagebank einer Strafkammer des Münchener Lanogerichts, die ihm nach längerer Verhandlung wegen schwerer Privaturkunden- sälschung, Betrug und Unterschlagung zu acht Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilte. Es kam in der Verhandlung aus, daß der stramm nationale Lencer, der auch Vertrauensmann des allseutschen Verbandes war und eine Zeitlang als Geschäftsführer des deutschen Flottcnvercins für Bayern fungiert hatte, auch die geschäftliche Vertretung der „Täglichen Rundschau" besaß, und daß dieser Patent- nationale, trotzdem er erst 33 Jahre zählte, schon inehrjährige Ge- fangnis- und Zuchthausstrafen absolviert hatte. Tiefer Rudolf Lencer, dessen weitere Geschicke wir gleich er- zählen, war es, der im Sommer 1900, in der nationalen Weißglüh- Hitze des Chinarummels, den Gedanken ausbrütete, einen deutschen „Weltkalender" herauszugeben. Er entwickelte diese Idee in einem Prospekte, mit dem er von Ricsenhotcls und Großinserentcn Annoncen herauszuholen trachtete! Der Kalender sollte in einer Auflage von einec Million Exemplaren erscheinen, 10 Pfennige kosten und die pangermanische Lehre in alle Weltteile tragen. Lencer wollte die Sache aus eigene Faust machen, nationale Verbände nicht daran teilnehmen lassen. Er wollte einen Haufen Gold verdienen, mit einem Schlage ein reicher Mann werden. Der Prospekt ging in Tausenden von Exemplaren hinaus. Doch An- zeigen gab kein Mensch auf, weil man offenbar den Braten roch. Im Jahre 1909 wurde Karl Rudolf Lencer aus dem Zucht- haus entlassen; es waren ihm einige Monate der Strafe nachge- lassen, weil er sich gut geführt hatte. Er kam nun im Beginn des Jahres 1910 nach Berlin, wo er die d e u t s ch v ö l k i s ch e Kon- junktur sofort ausnutzte. Er organisierte die„Deutsche Kanzle i", natürlich nicht als Karl Rudolf Lencer. Er nannte sich nun Karl Rolf, Schriftsteller. In die Deutsche Kanzlei taten sich alle nationalen Verbände zusammen, der alldeutsche, der Ost- markenverein usw. Karl Rolf überwachte das Ganze; er wurde wieder der nationale Vorkämpfer, der er schon in München war, wo er auch alle Sonnenwendfeuer anzündete. Aber der Fuchs läßt das Mausen nicht, und Karl Rolf schmierte die Berliner Nationalen genau so gründlich an, wie er das den Münchenern besorgt hatte. Im Zusammenhang damit nahm Lencer-Rolf die verschüttete Kalcnderidce wieder auf. Sie war nicht sonderlich gewachsen, denn statt einer Million sollten bloß drei Millionen gedruckt werden. Nur konnte„Rolf" die Dinge nicht selbst in die Hand nehmen, denn ihm schwante, daß in München und sonstwo noch mancher lebt, der sich an den Zusammenbruch des Verlags Odin und des Schicksals seines„Inhabers" erinnert. Deshalb nützte Lencer-Rolf feine Be- Ziehungen zu nationalen Kreisen aus, denen er seine Idee zur Verfügung stellte. Nach manchen Zwischenfällen kam sie bei dem Komitee an, das Dewitz und Erzberger, Zedlitz und Fuhrmann bilden, und dessen notwendige Schreibereien Richard Ncrdhausen besorgt.— Als Protektor fungiert St. Bethmann Hollweg, der hier mal wieder arg in die Butter getappt ist. Rolf-Lcncer von der„Deutschen Kanzlei" hatte nämlich die Idee angeregt, daß man den Großinserenten durch Namen bekannter Politiker oder großer „Staatsmänner" imponieren müsse. Es wird wohl noch in Erinnerung sein, daß Lencer-Rolf im Juli 1912 aus Berlin verduftete und daß ihm der Staatsanwalt einen heftigen Steckbrief nachsandte, in der zu lesen war von Meineid, Erpressung, Betrug und Unterschlagung. Mit Kleinig- leiten gibt sich fa so ein nationaler Patriot incht ab; er geht aufs Ganze. Im Januar 1913 wurde er in London verhaftet und aus- geliefert. Noch immer harrt er seines Schicksals. Aber feine große patriotische Idee, die er 1900 schon vergeblich zu realisieren suchte, der nationale Volks- kalender in Millionen aufläge, ist aufgegangen. Nur ist sie«in undankbares Kind. Sie schämt sich offenbar ihres Ur- bebers. Deshalb greifen wir ein, deshalb zerren wir Herrn Karl Rudolf Rolf-Lcncer auf die Bühne, die Huldigungen der„Vater- ländischen" entgegenzunehmen. Ehre, wem Ehre gebührt! LsttezgnZlientümIei'ei. mehr die verschiedenen kuriosen Umstände, unter denen die beiden neuen Fürsten im Strahlenkranz der deutschen Potentaten, der Herzog Ernst August von Braunschweig und der König Ludwig III. vou Bayern, ihre„angestammten" Throne bestiegen haben, selbst dem Einfältigsten im Geiste die ganze Gebrechlichkeit der Gottesgnadentumsidee vor Augen geführt haben, desto eifriger bemühen sich die Anhänger der GottesgnadentnmZfiktion, die tiefen Risse, die ihre schöne Lehre erlitten hat, auszuflicken und mit allerlei albernen staattheoretischen Redensarten zu verkleistern. Besonders ist Herr Tr. Georg Oertel als überzeugter Schiiler des getauften Israeliten und erzreaktionären preußischen Oberstaatstheoretikers Fried- rich Julius Stahl emsig bemüht, der ramvonierten Gottes- gnadentuiusidee wieder auf die Beine zu helfen. In der vor- letzten Nummer seiner„Deutschen Tageszeitung" leistet er sich folgende urkomische Verherrlichung des Gottesgnadentums: «Die eigentliche Wurzel der Fürftentreue ist aber die U e b e r- zeugung vom Gottesgnadcntume. Ter Begriff des Gottesgnadentums wird vielfach mißverstanden. Für uns ist das Gottcsgnadentum nicht ein« mystische Nebeftvolke, die den Kronen- träger über das Menschliche hinaushebt, sondern die Heber- zeugung, daß der König, daß der Fürst seine Krone nicht auf Grund der Verfassung, nicht durch Volks- b c s ch l u ß und d u r ch d c ii V o I k s w i l l e n trägt, sondern durch die besondere Gnade Gottes, dem er auch in besonderem Maße verantwortlich ist. Das Gottcsgnadentum verleiht dem Fürsten nicht nur die höchste Würde, sondern auch die schwerste Bürde. Es gibt überzeugte Anhänger der Monarchie, die es vermeiden, vom Gottesgnadcntume zu sprechen und die lieber von dem eigenen, von dem geschichtlichen Rechte des König- tums reden. Für die staatsrechtliche Auffassung kommt das »schließlich auf dasselbe hinaus. Wer aus d-m Boden der christ- lichcn Weltanschauung steht, für den beruht das sogenannte eigene Recht des Fürsten ebenso auf der Grundlage des GotieSgnadcn- tums, wie das geschichtliche Recht; für den ist das grundsätzliche eigene und das gewordene geschichtliche Recht der Kronenträger nur ein Ausfluß der Gnade Gottes." Bei solcher eigenartigen Verstandes- oder richtiger Ge- mütsverfassung ist es ganz natürlich, wenn Herr Oertel sich furchtbar darüber aufregt, daß die Sozialdemokratie nicht nur nichts von der Gottesgnadentumslehre wissen will, sondern ihr auch so manche Vorgänge der letzten Zeit Stoff zum spöttisch-fröhlichen Lachen geboten haben. Besonders verdenkt er uns, daß wir uns über das lustige(Zuid-pvo-cino-Spiel amüsiert haben, zu dem die braunschweigische Thronfolgefrage geführt hat, und daß wir ferner jüngst die Tatsache, wie dieser Tage in Bayern die Sozialdemokratie von Regierungs wegen dazu aufgefordert wurde, an der Absetzung des fünften bayeri- scheu Königs mitzuwirken, als einen„grausamen Witz der Weltgeschichte" bezeichneten. Und nicht nur hatten wir diesen Witz fröhlich aufgenommen, wir hatten sogar durch die Hinzu- fügung der Worte„Virnt seqnens!"(Es lebe der Folgende?) bekundet, daß, wenn demnächst in einem der diversen deutschen Vaterländer wieder so eine kleine Absetzung vorgenommen werden sollte, wir gern zur Mitwirkung bereit find. Ein solches freimütiges Bekenntnis war selbst der der- nunft-inonarchischen allen„Tante Voß" zu viel, und in jener Besorgthcit um die gute Sitte, die nian so häufig bei alten Betschwestern mit zweifelhafter Vergangenheit findet, bezeich- nete sie unser Bekenntnis als Zynismus. Warum sollte sich also nicht Herr Oertel mit seinem monarchischen Herzen noch in eine viel tiefere„Empörung und Entrüstung" hineinräson- nieren. Aber sind wir denn schuld— wenn uns bei so manchen heiteren Zwischenfällen der letzten Zeit das Lachen Packt, wenn uns z. B. bei der sogenannten Erledigung der braunschweigi- scheu Thronfolgefrage so manche schönen Erinnerungen an frühere fuchtige patriotische Deklamationen der preußischen Regierung wie der lieben vaterländischen Parteien über- wältigen, oder wenn uns bei der Thronbesteigung Lud- wigs III. frühere Episoden aus der Gottesgnadentums- geschichte Bayerns einfallen, beispielsweise das schöne Ver- hältnis Ludwigs I. zur Lola Montez und dessen Folgen? Wir begreifen, daß den Gottesgnadentümlern bei der Erinnerung an jene Begebenheiten etwas übel zumute wird: uns Repn- blikaner aber reizen sie zu einem spöttischen Lachen, und wir Pernehmen wieder jene wundersamen Proben der Partizipial- dichtt'unst Ludwigs L, die er, auf blaue Seide gedruckt, seiner Lola Montez, seiner göttlichen„Gazelle", überreichte. Auch so mancher spottvers aus jenen Tagen fällt uns ein. z. B. der Vers, den Heinrich Heine den Bayernkönig an seinen fürst- lichen Bruder an der Spree richten läßt: Stammvcttvandter Hohenzoller, Sei dem Wittelbach kein Groller, Grolle nicht um Lola Montes, Selber habend nie gekonnt«s! Sind den Verfechtern der Gottesgnadentumsidee solche Spöttereien unangenehm, so mögen sie an die fürstlichen Akteurs, die durch ihre landesväterlichen Taten das Gottes- gnadentum selbst am ärgsten bloßstellen, sich mit der Mahnung wenden, gefälligst ihre Streiche zu unterlassen. Statt dessen aber verlangt Herr Oertel, indem er wütend auf das Sitzen- bleiben der sozialdemokratischen Abgeordneten im oldenburgi- schcn Landtag beim Hoch auf den Großherzog von Oldenburg hinweist, gesetzgeberische Maßnahmen gegen die„Atheisten und R e p u b l i k a n e r", die seine albernen Gottesgnaden- tumslehren nicht anerkennen: „Gewiß," erklärt er,„die Monarchie wirb durch die Gehässig- leiten, die Spöttereien und die Demonstrationen ihrer geschwore- nen Gegner nicht erschüttert. Sie bleibt fest, wenn und so- lange sie aus dem Felsengrundc des Gottes- gnadentums wurzelt. Mit ihren Feinden und Ver- ächtcrn wird sie fertig werden, so oder so. Wir fürchten weder ihre offenen, noch ihre versteckten Gegner. Wenn aber di« be- rufencn Hüter so versagen, wie es geschehen ist, dann wird der Eudkcnnpf erheblich erschwert. Deshalb sind diese Dinge so tiefernst, deshalb dürfen sie nicht leichthin behandelt und als Kleinigkeiten gewertet werden. Beabsichtigte und offenkundige Vorstöße gegen die Monarchie dürfen von den berufenen Hütern der monarchischen Verfassung nicht unter dem Gesichtswinkel der Geschäftsord- nung und der Geschäftsabwickelung betrachtet werden. Das würde die gefährlichste und bedrohlichste Ver- kcnnung der Aufgaben eines Staatsmannes sein, die man sich nur denken kann." Vielleicht schlägt Herr Oertel demnächst vor, in die preußische Verfassung folgenden Paragraphen einzufügen: „Ter Felsangrund der preußischen Monarchie ist die Gottes- gnadcnwmsidee, folglich ist jeder Preuße verpflichtet, sich zu dieser Idee zu bekennen. Wer es unterläßt, verliert seine staatsbürgerlichen Rechte." pditilcke öeberlicht. Ter Hansabund für Arbeitswilligenschutz. Wie wir gestern bereits berichteten, hat auch der„In- dustrierat" des H a n s a b u n d e s sich in einer einstimmig beschlossenen Resolution für einen verstärkten Schutz der söge- nannten Arbeitswilligen ausgesprachen. Nach hansabundfreundlichen bürgerlichen Blättern hat diese nach einem Referat des nalionalliberalen Abgeordneten Streesemann gefaßte Resolution folgenden Wortlaut: „Der Jnoustricrat des Hansabundes erachtet es für die Pflicht des Hansabundes, daß dem immer schärfer aus- geübten Tcrrorismus gegenüber arbeits- ioilligcn Arbeitern mit Entschiedenheit cnt- gcgentreten wird. Unter voller Anerkennung des be- stehenden Konlitionsrechtcs, das der Jndustrierat unangetastet wissen will, hält er zur Sicherung der freien Entschließung der Arbeiter i.n Fällen von ArbcitSstreitigkeiten folgende Matzregel für geboten: ES ist zu verlangen: 1. oaß für eine gleichmäßige und energische Anwendung der bestehenden polizeilichen und strafrechtlichen Vorschriften„zur Sicherung der Ruhe, Bequemlichkeit und Sicherheit des Ver- kchrs" gesorgt wird und daß insbesondere zu diesem Zwecke durch das Reich dafür Sorge getragen wird, daß seitens sämt- licher bundcsstaatlicher, landespolizcilicher oder provinzialer Be- Hörden tunlichst gleichmäßige Verordnungen erlassen werden, durch welche die polizeilichen Exekutivbeamten nicht nur über das Recht, sondern auch über die Pflicht zum Einschreiten bei Streikexzessen an Hand der bestehenden Gesetze bc- lehrt werden; 2. die Einführung eine? beschleunigten Strafverfahrens durch Abkürzung von Fristen und Ver« Minderung von Förmlichkeiten; 3. die Beseitigung der Ausnahmestellung der Gewee: kschaften und Bern fsberei ne durch die Be- stimmung, baß der§ 31 des B.G.B, auch auf nicht eingetragene Gctoerkschcfwu und Berufsvereine entsprechend anwendbar ist; 4. die Ergänzung und Abänderung der§s 240/241 des Strafgesetzbuchs im Sinne einer schärferen Erfassung der Begriffe der strafbaren Bedrohung und N ö t i g u n g." Das sind im wefsnilichcn dieselben auf die Unterdrückung aller gewerkschaftlichen Lohnkämpse hinauslaufenden Forde- rungen, die bisher von den großindustriellen Scharfmachern und den Großagrariern erhoben worden sind. Und die Herren vom„Jndustrierat" haben es eilig, ihre vom einseitigsten Unternehmerinteresse diktierten Wünsche erfüllt zu sehen. Sie richten nämlich an das Präsidium und Direktorium des Hansabundes die dringende Bitte, wegen dieser Forde- rungen bei den maßgebenden Behörden sowie beim Reichstag vorstellig zu werden, und zugleich sprechen sie die Erwartung aus, daß alle der Industrie und dem Gewerbe freundlichen Parteien des Reichstags eine baldige Initiative in dieser Frage ergreifen,„u m der durch den übermütigen Terrorismus der Gewerkschaften verur« sachten fortgesetzten Bedrohung der Frei- heit der unabhängigen Arbeiter baldigst e i n E n d e z u in a ch e n". Es ist gekommen, wie es kommen mußte: als Vertreter der großindustriellen und kommerziellen Kavitalsinteressen schließt sich der Hansabund den Wünschen des Zentralverban- des deutscher Industrieller an. Der Profit über alles! Nach diesem Vorgehen ist es ganz selbstverständlich, daß auch d i e von der nationalliberalen Fraktion nieder- gesetzte Zu chthausvorlagekoni Mission zu ähnlichen Forderungen kommt. Damit steht uns für den nächsten Winter ein lebhaftes Kesseltreiben gegen die organisierte Arbeiterschaft in Aussicht, denn die Konserva- tiven haben bekanntlich schon früher den Antrag auf Erlaß neuer Ansnalpnegesetze gegen die Arbeiter gestellt. Die sozial- demokratische Partei und die freien Gewerkschaften müssen ernstlich zum Kampf rüsten? Tie bayerische Zivilliste. DaS dicke Ende kommt nach. Vom bayerischen Finanz- Ministerium ist dem Landtag die Rechnung über di« Königs» macherei eingereicht worden. Biit der Nachtragsforderung für Apanagen beziffert sich die Eesamtforderung für Erhöhung der Zivilliste auf rund 1 400 000 M. In der ersten dem Landtag zugegangenen Vorlage werden zur Erhöhung der Zivilliste 1 168 9S6 Mark gefordert, so daß sich das Mehr dieser Nachtragsforderung auf etwa 230000 M. stellt. „Majestät." Er ist nicht von jener sanften Blödheit, von jener angenehmem Weichheit des Hirns, wie sie manchen koifftitutionellen König aus- zeichnet, nein! er ist wie ein Tier, der Mann, der bis heute „von Gottes Gnaden" König von Bayern war. Abgeordnete des Landtags, darunter Herr E a s s e l m a n n, der Führer der bayerischen Liberalen, haben ihn vor der Entthronung in seinem Fürstenrieder Zlvinger besichtigt. In einem prächtigen Empfangs. saal mit gepolsterten Wänden und Türen— es ist wie in einem Schau«eroman— stand da ein menschliches Wesen, mit den Händen Kreise in der Lust ziehend und Unverständliches vor sich hinlallcnd. Auf nichts reagierend. Ohne Notiz zu nehmen von allem um ihn herum. So ist er seit zehn Jahren, ohne Veränderung seit zehn' Jahren. Lallt und sabbert nur. schlingt hastig sein Essen herunter, besudelt sich und seine Umgebung, schmettert sein Ge- schirr zu Boden und liest es wieder auf, lallt und sabbert.... Diesem Wesen näherte sich der Hofmarschall Baron von Stengel mit den„einführenden" Worten:„Hier, Majestät, sind die Herren Casselmann und Giehrl, welche bitten, ihre Aufwartung machen zu dürfen," und tief verneigte sich Herr Giehrl, tiefer Herr C a s s e l m a n n. Aber das Wesen an der Wand ignorierte alle drei, fliigelte mit den Händen in der Luft umher, lallte und sabberte. „Hier, Majestät!" Wo hat ein eingefleischter Republikaner so das, was man die Würde der Majestät zu nennen pflegt, in den Staub gezogen wie dieser Zeremonicnmeister und die dienernden Abgeordneten? Herr Georg Oertel und der germanische Suff. Die Alkoholgegncr unter den„deutschen" Turnern planen dnt Gründung«ines Bundes enthaltsamer Turner. Dagegen wendet sich in der„Deutschen Turnzeitung" der sächsisch-urgermanische Vorsitzende der Deutschen Turnerschaft, der bekannte Dr. Goetz, mit folgender Verherrlichung der vaterländisch-alkoholischcn Begeiste- rung: „Arbeitet treu und mit gutem Beispiel für Mäßigkeit, be» kämpft in sachlicher Weis« üble Sitten, aber bleibt uns vom Halse mit der Forderung absoluter Enthaltsamkeit! Ein mäßiger Geiinh von geistigen Getränken, der nicht zur täglichen Gewöhn- heit ivird, ist und bleibt unschädlich und wird, solange der Herr- gott Wein und Malz und Hopfen wachsen läßt und dem Menschen Durst gegeben bat, in frohen Stunden die Menschheit und auch die Turner zu Lust und Frohsinn anregen!" Die„Deutsche Tageszeitung" druckt diese Zeilen Verständnis- innig ab. Ganz begreiflich, Herr Georg Oertel, der Leiter dieses Blattes, hat in seiner urgermanischcn Wesenheit stets ein tiefes Verständnis für den deutsch-völkischen Durst gehabt, in der Prosa wie in der Poesie. Der Vers„Die alten Deutschen tranken noch eins!" berührt wesensverwandte Saitenklängc seines Dichtergemüts. Deshalb hat er sich auch als Symbol des spirituöscn Charakters seiner völkischen Schriftstellcrei die bekannte Drcisternen-Kognak- marke erkoren. Abstinenz ist Schwäche, ist antigermanisch— gerade so wie nach Herrn Ocrtcls Ansicht die Heinrich Heincsche Poesie un« germanisch, überempfindsam, krankhast ist, da sie des ostpreutzischen Erdschollen- und Kuhstallgeruchcs entbehrt. Freilich, man kann sich kaum schärfere Gegensätze vorstellen als Herrn Georg Oertel mit seiner völkischen Muse und Heines Gedicht: Du bist wie eine Blume, So hold, so schön, so rein. M-.m denke sich— Herr Oertel als holde Blume I Ter VerS muß zweifellos folgcnderweise umgcdichtet werden: Du bist wie eine Tonne, So rund, so bauchig voll; Vereinigst Du doch beide— John Falstafs mit Apoll. Wie der Ncichsvcrband Beiträge eintreibt. In Königsberg i. Pr. hat der Reichsverband gegen die Sozial» dcmokratie dadurch eine Anzahl Mitglieder gewonnen, daß sein Sekretär in Begleitung von Aufsehern in einer Fabrik von einem Arbeiter zum anderen gegangen ist und di? Arbeiter zum Beitritt in den Reichsverband„ersucht" hat. Andere Arbeiter sind von reichsverbändlerischen Angestellten dem Reichsverband als Mit- glieder genannt worden, ohne daß diese Arbeiter eine Ahnung davon hatten. Sie denken natürlich auch nicht daran, Beiträge zu zahlen. Der Generalsekretär des Reichsverbandes, Herr Max Taube, weiß sich jedoch zu Helsen. Er sckickte diesen Arbeitern folgendes Zirkular: „Sehr geehrter Herr! Aus unseren Kasscnlisten ersehen wir, daß der von Ihnen für 1912 freundlichst gezeichnete Beitrag des Reichsvcrbandes in Höhe von 1 Mk. bei uns noch nickt eingegangen ist. Unser Kassen- böte hat bisher vergebens bei Ihnen vorgesprochen. Da wir für die letzten Monate des Jahres einen Kasse nbeamten leider nicht zur Verfügung haben, bitten wir ergebcnst, den obigen Betrag freundlichst bis zum 5. November an den Unterzeichneten cinzu- senden. Sollte die Zusendung bis zum S. November untunlich sein, dann dürfen wir die Erlaubnis voraussetzen, am 19. Novem- ber den Betrag durch Postnachnahme zu erheben. Wir bitten, diese Maßnahme im Interesse einer glatten Kassenführung und un- screr Bewegung gütigst zu entschuldigen. In vorzüglicher Hochachtung ?Nax Taube, Generalsekretär." Die„glatte Kassenführung" besteht darin, daß der Reichsver- band im November 1913 noch den Beitrag für 1912 einzutreiben versucht. Die Arbeiter sind zum Teil gezwungen worden, Mitglieder zu werden, zum Teil wissen sie gar nichts von einer Mitgliedschaft, und doch versucht man, ihnen jetzt Beiträge abzuzwacken, und zwar durch Postnachnahme. Wie würde wohl der ehrsame Reichsverband über„sozialdemo- kratischc Erpressung" schreien, wenn die Sozialdemolratic in ähn- lichcr Weise Beiträge eintreiben wollte. Jahre der Teuerung. DaS vor kurzem erschienene Siatistiiche Jahrbuch der Stadt Köln enthält auch Tabellen über die Preisbewegung wichtiger Nahrungsmittel im letzten Jahrzehnt. Es handelt sich um die Kleinhandelspreise nach amtlichen Ermittelungen. Dem- nach kosteten in Köln pro Kilogramm Erbsen Linsen Kartoffeln im Jahre 1901.. 81 43 8 . 1907.. 34 76 10 . 1912.. 43 52 10 Sicht man von dem ausnahmsweise hohen Linsenpreise im Jahre 1907 ab Schlechte Ernte), so ergibt sich eine regelmäßige Auf- wärlsbewegung der Preise, die im Jabre 1912 auch für Bohnen, Hafergrütze, Gerstengraupen usw. weit über denen von 1901 stehen. Dieselbe Linie läßt sich für die Preisbildung der Mehl- und Brotsorten ziehen. Es kosteten pro Kilogramm Weizenmehl Roggenmehl im Jahre 1901.. 32 29 . 1912.. 40 31 Schwarzbrot Weißbrot im Jahre 1901.. 22 57 . 1912.. 26 65 In einigen Jahren waren die Preise noch über die des Jahres 1912 gestiegen. Niemals kehrten sie aber auch nur vorübergehend in die Nähe der Preise des JahreS 1901 zurück. Noch deutlicher tritt die enorme Steigerung bei den Fleisch- preisen hervor. Es kostete pro Kilogramm im Kleinhandel Rindfleisch Kalbfleisch Schweinefleisch im Jahre 1907... 169 180 183 . 1910... 180 193 202 . 1912... 196 207 230 Auch die Fleischpreise sanken in leine», Jahre auf die an sich schon hohe Stufe des JahreS 1907. Emige weitere Zahlen mögen das Bild vollenden. Man zahlte in Köln für im Jahre Speck Schweineschmalz Nierentalg 1907.. 109 164 9t 1910.. 188 187 104 1912.. 201 196 115 Sogar das P fe r d e f le i s ch ist seit dem Jahre 1009 von 88 auf 92 Pfennig gestiegen. Das Schlachtgewicht der in Köln ge- schlachteten Pferde betrug übrigens im Jahre 1912 die Kleinigkeit von 520 200 Kilo. Das ist immerhin der dritte Teil des SchlachtgewichtS der Kälber und nahezu ebensoviel wie das Schlachtgewicht der Schafe. Das Kölner Proletariat weiß also die Wissenschaft des Herrn LandwirtschaflSmimsterS von dem hohen Eiweißgehalt des Pferde- fleiiches sehr wohl zu schätzen. Wenn Herr v. Schorlcmcr-Liescr nach Köln kommt, wird er in recht zahlreichen Roßschlächtereien seinen Appetit auf Pferdefleisch befriedigen können. Tas Ciide der Unruhen in 9!eu-Kamerun? Die Unruhen im Neukamcruner Bezirk Sembe sind nach einer soeben aus Buca eingegangenen drahtlichen Meldung des Gouver- nements beendigt. Wie der Bezirksleitcr von Jukaduma, Assessor Hcym, dem Gouvernement berichtet hat. ist es gelungen, den Widerstand des Eba-StammeS durch Einnahme von vier stark befestigten Stellungen und der hartnäckig verteidigten Bergdörfer zu brechen. Hierbei fielen zwei Polizeisoldaten, drei wurden verwundet. Alle Häuptlinge des Sembe- bezirks sind zum Zeichen ihrer Unterwerfung auf der Station er- schienen. Russische Miiristerkrife. Petersburg, 9. November. In den Wandelgängen der Duma wird eifrig über die Wahrscheinlichkeit eines bevorstehenden Mini- sterwechselS diskutiert. Das politische Interesse, das durch den Bciliß-Prozcß in den Hintergrund gedrängt worden ist. ist wieder erwacht, und mit der größten Spannung sidht man der Lösung der latenten Ministcrkrisc entgegen, die eigentlich seit der Ueberncchme der Ministerpräsidentschaft ourch Kokowzew besteht. Um Kokowzew zu entlasten, heißt es. wird der Vcrkehrsminister Ruchlow das Portefeuille des Finanzministers übernehmen. Da Ruchlow nach Livadia zum Zaren berufen worden ist, gewinnt dieses Gerücht an Wahrscheinlichkeit. Unter den Gerüchten, die unter den Abgcord- netcn zirkulieren, verdient auch der Kuriosität halber dasjenige der Erwähnung, daß Graf Witte wieder einmgl ais Kandidat für den Posten de? Ministerpräsidenten auf der Bildfläche erscheint. Der Ausfall der Stadtwerordnctcnwahlen. Die Stodtverordnetenwahlen der 3. Abteilung, die gestern vollzogen ivurden, haben dem Koinmunalfreisinn eine neue Enttäuschung gebracht. Von den 17 zur Wahl stehenden Bc- zirken sind 16 im sozialdemokratischen Besitz, während ein Be- zirk, der 38., dem Freisinn noch verblieben ist. Tie Sozial- demokratie gewanil 2 neue Mandate im 26. und im 36. B-ezirk und steigert somit die Zahl der sozialdemokratischen Vertreter im Noten Hause von 43 auf 45. Gewählt sind von unseren Genossen: Alfred Bernstein, Gottfried Schulz, Paul Böhm, Emil Basiter, Rob. Wengels, E. Barnowski, Hermann Wehl, Theodor Fi'cher, Paul Schulz, Fritz Zubcil, Carl Leid, W. Pfannkuch, Hctzschold, Hehse, Th. Glvcke, Emanuel Wurm. In den zur Wahl stehenden Bezirken wurde auf Grund der neuen Einteilung gewählt und bei der Veränderung be- stimmter Bezirke war der Ausgang in den von Beamten stark bewohnten Bezirken sehr ungewiß. Auf diese Bezirke konzen- trierte der Freisinn auch seine ganze Kraft, während er in den hauptsächlich von Arbeitern bewohnten Stadtvierteln Berlins, im Osten und im Norden, der Sozialdemokratie das Feld kampflos überlassen mußte. Tas Häuflein seiner Anhänger zu zählen, versuchte der Freisinn im Süden der Stadt, wo er in zwei Bezirken der Tempelhofer Vorstadt, in den Bezirken 7 und 8, sich noch Kandidaten geleistet hatte. Ernstliche Hoffnungen auf Wieder- eroberung verlorenen Terrains machten sich die Freisinnigen im Nordwesten, in den Moabiter Bezirken 37 und 41, in denen sie für ihre Kandidaten heranzuschleppen suchten, was sich irgend hcranschleppen ließ. Am heftigsten aber entbrannte der Kampf in ztvei ihnen bisher noch gehörenden Bezirken, im 26. Bezirk, der teils im„Schcuncnviertel", teils in der Schön- Häuser Vorstadt liegt, und im 38. Bezirk, der einen Teil von Moabit samt dem Hansaviertel umfaßt. Tie Kandidaten des Freisinns hatten alle miteinander die Vorsicht gebraucht, ihre Freisinnsfahne zusammenzurollen und sich als die„bürger- lichen Kandidaten" allen bürgerlichen Wählern zu empfehlen. Im 37. Bezirk ging es hart auf hart, und auch im 41. Bc- zirk wurden alle Beamte auf die Beine gebracht. Aber alle Mühe war umsonst. Tie Hoffnung des Freisinns, unserer Partei bestimmte Sitze zu entreißen, ist elend zuschanden ge- worden. Nur ein Sitz, der 38. Bezirk, ist dem Freisinn noch geblieben, wo das Mandat vom Vater auf den Sohn über- ging. Aber der 26. Bezirk, der von uns immer schon hart be- drängt wurde, ist dem Freisinn entrissen worden, ein Verlust, der ihn sehr schmerzen dürfte. Das Mandat im 3t). Bezirk hatte der Freisinn von vornherein verloren gegeben, er kämpfte auch gat nicht mehr darum. Das Gesamtergebnis der gestrigen Wahlen zeigt, daß die Sozialdemokratie inimer neues Terrain erobert und daß ihre alte Stoßkraft neue Streiter in ihre Reihen zwingt. Ter Ausfall der Wahlen zeigt aber ferner auch die große Ungerechtigkeit des Dreiklassenwahlrcchts in der Gemeinde, welches der großen Masse der arbeitenden Bevölkerung nur einen bedingten Einfluß auf die Zusammensetzung des Ge- meindeparlaments gewährt. Den Kampf gegen das elende Dreiklassenwahlrecht in Ge- meinde und Staat energisch zu führen, muß eine der Haupt- aufgaben unserer Genossen sein! Das Wahlergebnis. Im Nachfolgenden geben wir das DlahlergebniS nach Wahl- bezirken, wobei wir bemerken, daß eine Vergleichung mit früheren Wahlen der zum Teil sehr veränderten Bezirksgrenzen wegen nicht angängig ist. 7. Wahlbezirk. Stadtb. 66.-V und B, 70 bis 75B. Bisheriger Stadtverordneter: Alfr. Bernstein(Soz.). Wahlberechtigte: 6972. Abgegebene Stimme?: 2246. Bernstein(Soz.): 1743, Schramm(Lib.): 503. Gewählt: Alfr. Bernstein, Sozialdemokrat. 8. Wahlbezirk. Stadtb. 76�-780. Bisheriger Stadwerordneter: Gatts r. Schulz(Soz.). Wahlberechtigte: 7685. Abgegebene Stimmen: 3817. Schulz(soz.): 3237, Braun(Lib.): 580. Gewählt: Gottfr. Schulz, Sozialdemokrat. 9. Wahlbezirk. Stadtb. 79-81, 84—92. Bisheriger Stadtverordneter: Böhm(Soz.). Wahlberechtigte: 7038. Abgegebene Stimmen: 3394. Böhm(Soz.): 3371, zersplittert: 23. Gewählt: Böhm, Sozialdemokrat. 16. Wahlbezirk. Stadtb. 164-166, 168—175�. Bisheriger Stadtverordneter: BaSner(Soz.). Wahlberechtigte: 8147. Abgegebene Stimmen: 3285. Basner(Soz.): 3273, zersplittert: 12. Gewählt: Basner, Sozialdemokrat. 22. Wahlbezirks Stadtb. 163, 156—161, 189A, B, E. Bisheriger Stadtverordneter: Wengels(Soz.). Wahlberechtigte: 8613. Abgegebene Stimmen: 3224. Wengels(Soz.): 3307, zersplittert: 17. Gewählt: Wengels, Sozialdemokrat. 26. Wahlbezirk. Stadtb. 202—209, 218—222, 225—226. Bisheriger Stadtverordneter: Alt(Lib.). Wahlberechtigte: 7191. Abgegebene Stimmen: 3654. Barkowski(Soz.): 1945, Alt(Lib.): 1681, zersplittert: 28. Gewählt: Barkowski, Sozialdemokrat. 27. Wahlbezirk. Stadtb. 223, 224, 227—236. Bisheriger Stadtverordneter: Wehl(Soz.). Wahlberechtigte: 7875. Abgegebene Stimmen: 3456. Weyl(Soz.): 2443, zersplittert 13. Gewählt: Wehl, Sozialdemokrat. 29. Wahlbezirk. Stadtb. 242A und C, 247A bis E. Bisheriger Stadtverordneter: Th. Fischer(Soz.). Wahlbereckuigte: 8528. Abgegebene Stimmen: 3799. Fischer(Soz.): 3782, zersplittert: 17. Gewählt: Th. Fischer, Sozialdemokrat. 30. Wahlbezirk. Stadtb. 246A, B, D, 248A— D. Bisheriger Stadtverordneter: Kollokowsky(Lib.). Wahlberechtigte: 6721. Abgegebene Stimmen: 2982. Schulz(Soz.): 2977, zersplittert: 5. Gewählt: P. Schulz, Sozialdemokrat. 31. Wahlbezirk. Stadtb. 249A— F. Bisheriger Stadtverordneter: Zuveil(Soz.). Wahlberechtigte: 7737. Abgegebene Stimmen: 3618. Zubeil(Soz.): 3610, zersplittert: 3. Gewählt: Zubeil, Sozialdemokrat. 32. Wahlbezirk. Stadtb. 246C, 250A— E. Bisheriger Stadtverordneter: Pfannkuch(Soz.). Wahlberechtigte: 7139. Abgegebene Stimmen: 3241. Leid(Soz.): 3229, zersplittert: 12. Gewählt: Leid, Sozialdemokrat. 33. Wahlbezirk. Stadtb. 254A, C, D, E, 321A, B. Bisheriger Stadtverordneter: Leid(Soz.). Wahlberechtigte: 6764. Abgegebene Stimmen: 3728. Pfannkuch(Soz.): 3723, zersplittert: 5. Gewählt: Pfannkuch, Sozialdemokrat. 34. Wahlbezirk. Stadtb. 251—253, 2o4B, 258—260, 265—267. Bisheriger Stadtverordneter: Gru nwald(Soz.). Wahlberecbtigte: 8002. Abgegebene Stimmen: 3346. Hetzschold(Soz.): 3329, zersplittert: 16. Gewählt: Hetzschold, Sozialdemokrat. 37. Wahlbezirk. Stadtb. 273, 275, 300-304. Bisheriger Stadtverordneter: Liebknecht(Soz.). Wahlberechtigte: 7185. Abgegebene Stimmen: 2909. Heysc(Soz.): 1534, Liebner(Lib.) 1373, zersplittert: 2. Gewählt: Hcysc, Sozialdemokrat. 38. Wahlbezirk. Stadtb. 279—2870. Biherigcr Stadtverordneter: Bitter Hofs sen.(Lib.). Wahlberechtigte: 7645. Abgegebene Stimmen: 3202. Poctzsch(Soz.): 974. Bitterhoff jun.(Lib.): 2215, zersplittert: 13. Gewählt: Bitterhvsf. Liberal. 41. Wahlbezirk. Stadtb. 293B und D, 295—299. Bisheriger Stadtverordneter: Glocke(Soz.). Wahlberechtigte: 7763. Abgegebene Stimmen: 3462. Glocke(Soz.): 2216, Madsen(Lib.): 1246. Gewählt: Glocke, Sozialdemokrat. 44. Wahlbezirk. Stadtb. 320B, 322—324. Bisheriger Stadtverordneter: Wurm(Soz.). Wahlberechtigte: 5495. Abgegebene Stimmen: 3111. Wurm(Soz.): 3108. zersplittert: 3. Gewählt: Wurm, Sozialdemokrat. Die Stadlverordnetenwahko in Ctiarlotteobarg endeten für die Sozialdemokratie leider mit dem Berlust des 4. Bezirks, doch gewannen wir den 6. Bezirk. Behauptet wurde der 1., 3., 5. Bezirk. 1. Bezirk. Bisher: Richter(Soz.) und Lehmann(Soz.). Wablbercchtiqte: 5970. Es erhielten: Scharnberg(Soz.) 1307, Richter(Soz.) 1290. Böser(Lib.) 1247, Heise(Lib.) 1242. Gewählt: Genosse Scharnberg und Genosse Richter. 2. Bezirk. Bisher: Bollmann(Lib.). Wahlberechtigte: 7110. ES erhielten: Katzen st ein(Soz.) 1602, Kantzenbach(Lib.) 1835. Gewählt: Kantzenbach. 3. Bezirk. Bisher: Gebert(Soz.). Wahlberechtigte: 9931. Es erhielten: Scharnberg(«oz-) 3086, Laskau(Lib.) 669. Gewählt Genosse Scharnberg. 4. Bezirk. Bisher: Zietsch(Soz.). Wahlberechtigte: 6404. Es erhielten: Rosenthal(Soz.) 1023, Bollmann(Lib.) 1559. Gaivählt: Bollmann. 5. Bezirk: Bisher: Schernberg(Soz.). Wahlberechtigte: 5361. Es erhielten: Gebert(Soz.) 1246, Friedrich(Lib.) 1046. Gewählt: Genosse Gebert. 6. Bezirk. Bisher: Klau(Lib.). Wahlberechtigte: 4818. Es erhielten: Klick(Soz.) 1120, Rotholz(Lib.) 446. Gewählt: Geyosse silick. 7. Bezirk. Bisher: Haack(Lib.). Wahlberechtigt: 6051. Es erhielten: Hirsch(Soz.) 763, Haack(Lib.) 1313. Gewählt: Haack. 8. Bezirk. Bisher: Jolenberg(Lib.) und Motteck(Lib.). Wahlberechtigte: 4304. Es erhielten: Bogel(Soz.) 432, Z i p p e l(Soz.) 427, Baumann(Lib.) 649, Motteck(Lib.) 649. Gewählt: Naumann und Motteck. vie Ltadtverordnetenwahlen in Lchöneberg brachten der Sozialdemokratie einen schönen Er- folg. Der 5., der 6. und der 8. Bezirk wurden behauptet, neugewonnen wurde der 10. Bezirk mit zwei Mandaten. Gewählt sind die Genossen Molkenbuhr, Küter, Bäumler, Cze. minski, Eichelhardt. Die sozialdemokratische Fraktion hat ihre Mandate von 13 auf 15 vermehrt. I. Bezirk. Bisher: Tenecke(Lib.) und Lasser(Lib.). Wahlberechtigte: 2283. Abgegebene Stimmen: 960. Es erhielten Lazar(Soz.) und Eckert(woz.) je 276. Dr. Friedemann iLib.) und Lassen(Lib.) je 486, Friedrichs(Lib.) unld Dr. Röttger (Lib.) je 198 Gewählt: Dr. Fricdemann und Lassen. 2. Bezirk. Bisher: Gottschalk(Lib.). Wahlberechtigte: 2653. Abgegebene Stimmen: 963. Es er- hielten: Reiche(Soz.) 399, Scydel(Lib.) 565. Gewählt: Seydel. 5. Bezirk. Bisher: Molkenbuhr(Soz.). Wahlberechtigte: 2114. Abgegebene Stimmen: 973. Es er- hielten: Molkenbuhr(«oz.) 586, Frankel(Lib.) 386. Gewählt: Genosse Molkenbuhr. 6. Bezirk. Bisher: Küter(Soz.). Wahlberechtigte: 2127. Abgegebene Stimmen: 682. Es er- hielten: Küter(Soz.) 533, Schmidt(Lib.) 149. Gewählt: Genosse Küter. 8. Bezirk. Bisher: Bäumler(Soz.). Wahlberechtigte: 1897. Abgegebene Stimmen: 801. Es er- hielten: Bäumler(Soz.) 632, Ärnstedt(Lib.) 162. Gewählt: Genosse Bäumlcr. 19. Bezirk. Bisher: Bester(Lib.) und Gottheiner(Lib.). Wahlberechtigte: 1961. Abgcgcbcnc Stimmen: 983. Es er- hielten: E z e m i n s k i(Soz.) nnd Eichelhardt(Soz.) je 565, Mirnu(Lib.) uird Schiller(Lib.) je 418. Gewählt: Genosse Ezcminski und Genosse Eichelhardt. letzte Nachrichten. Russische Wirtschaft. Petersburg, 9. November. Der Bcilißprozeß wirft seine Schatten über das gesamte russische Reich. Man meldet heute, daß die Polizei die Lokalitäten einer großen Anzahl hiesiger An- waltburrauS gerichtlich hat versiegeln lassen. Für die Nkaßnahme wird als Grund angegeben, daß sie eine Entgegnung auf den Pro- test der Anwälte gegen den Bcilißprozeß darstellt. Nicht weniger als 110 Anwälte werden sich wegen ihrer Stellungnahme in dem Kiewer Ritualmordprozeß vor Gericht zu verantworten haben. Gräfin und Bursche. Rom, 9. November. Die Gräfin Ti�polo, die Gattin des Hauptmanns im Generalstab, Oggioni, tötete in San R e m o in ihrem Zimmer den Burschen ihres Mannes durch einen Revolvcrfchuß. Nach ihrer Aussage handelte sie in Ehrennotwehr. Theater* Montag, 10. November 1913. Ansang 6 Vlbr. CineS Palost am Zo». Saride, Lichtspiele. Ansang 6'/, Uhr. CinesNollendorf-Thcater.Bsriete- Lichtspiel«. Anfang 7»/, llbr. Kgs. OpernhanS. Mignon. «gl. Schauspielhaus. Die Jung srau von Orleans. Deutsches. Emilia Galott. Airkus Busch. Galavorstellung. Zirkus Schumann. Galavorstellung. Ansang 8 llbr. Urania. 15 Jahre bei den Schwarz- suh-Jndianern. Hörsaal 8 Uhr: Konstr�Jngenirur A. Ketzner: Walzwerke. Deutsches Opernhaus. Der Trou- budour. «öniggrätzer Strasse. Die Krön- braut. «ammerspiele. Der verlorene Sohn. Lemug. Pymnalion. Berliner. Wie einst im Mai. Theater am Nollendorfplat,. Der lachende Dreibund. Theater des Westens. Polenblut. Deutsches Künstler> Theater. HanncleS Himmelfahrt. Der zerbrochene Krug. Deutsches Schauspielhaus. Die heiter« Residenz. Neues Opernrheater(Kroll). Geschlossen. Thalia. Die Tangoprinzessin. «omödienhaus..Hinter Mauern. Montis Operetten. Die ideale Gattin. Schiller O. Zwei Wappen. Schiller«harlottenburg. Die Jungfrau von OrleauS. Residenz. Hoheit— der Franz. Metropol. Die Reise um die Welt in 40 Tagen. Kasino. Ferdinand der Tugend- hafte. Kleines. Gesinnung. Lustipirlhans. Im grünen Rock. Trianon. Seine Geliebte. Herrnfeld. Was sagen Sie zu Leibusch? Wintergarte«. Spezialitäten. Reichsdallen. Stettiner Sänger. Eines Apollo-Theater. Variete- Lichtspiele. Eines Friedrich- Wilhelmftädt. Barietö-Ltchtspiele. Ansang 8'/4 Ubr. Rose. Im weihen Röhl. Luisen. Hopsenraths Erben. Folies Eaprice. Ritter Baldrian. Die Mißgeburt. Das Adoptivkind. Walhalla. Der Liebesonkel. Aniang 8>/, Ubr. Neues BolkSthcater. Die Sieb- zehnjährigen. Ansang 9 llbr. Bdmiralspalast. Die lustige Puppe. EinesNollendorf-Theater.Variete- Lichtspiele. Sternwarte. Jnoalidenftr. 57— 62 | Csrcus| Barum- Schau Neukölln Sportplatz Pflügerstraße Infolge der eingegangenen kontraktlichen Verpflichtungen muü ich den Sportplatz trotz des enormen Er- folgcs wegen Inangrift- nahme von Neubauten räumen und gebe daher Heuie Montag, den 10. November abends S1/« Thr meine Ii in Neukölln Sportplatz PiltiKerstr. mit ungekürztem Oaln- Programm. Ab Mittwoch, den 12. Xovember: » Nur kurzes Gastspiel. in Standplatz: Seume- u. GryphiusstraBe. Premiere: Mittwoch, den 12. November abends 81/4 Uhr: 22 Weltattraktionen. Billettvorverkani nur an der Zirkuskasse ab vormittags 10 Uhr. Die Direktion. A. Kreiser. hausarztverein Mölln. Heute Montag, den 10. 9tovember, abends 8% Uhr Drei öffentliche Derjammlnngen (Zutritt frei!) Petris Festsäle 1 Passage- Festsäle! Hohenstansen- Säle Knesebeckstr. 113. I Bergstr. 151—152. I Kottbuser Tamm 76. Uebcr � j jp AI � � � � � werden sprechen: Dr. med. Alfred Bernstein, Berlin; Dr. med. Lasersteiu, Frauenarzt, Neukölln; Fräulein Dr. Blume, Neukölln, zu dem Thema:„Wie erhalte ich mich gesund!" Ein Weckruf an __ die Arbeiterfrauen. 237/4« J ...(D-D ä J\sA>AÄA-trr~ wivflfitöto cJtibo XC' IPlombe umsonst! Ohne weltereTcrpfllchtanK! Künstl. Zähne usw., auch Teilzahl. Moderne Zahnkunst Henktflln, BergfstraBe 150. Abhandlungen und Vortrage znr sozialistische« Bildung. Herausgegeben 243/19* von Zlai Crnnwald. Heft 6: r s Bon Conrad Haenisch. Preis 40 Pf. 4»MMMaVMVMMVMMMMWlMMMMR> G» BEBEL-BUSTE Der Bildhauer JULIUS OBST-Berlin hat eine Büste von AUGUST BEBEL geschaffen, deren Generalvertrieb die Buchhandlung Vorwärts Berlin übernommen hat Die Büste ist in vier Größen vorrätig; Große 1, 80 cm hoch.... Preis 20 Mark Größe 2, 60 cm hoch.... Preis 15 Mark Größe 3, 40 cm hoch.... Preis 8 Mark Größe 4, 20 cm hoch.... Preis 2.50 Mark Größe 1 eignet sich zur Dekoration von froßen Sälen— Größe 2 ist für kleinere äle, Vereinszimmer, Partei- und Gewerkschaftsbureaus bestimmt Die Größen 3 und 4 sind besonders als Schmuck für Arbeiterwohnungen gedacht Die Abgüsse der vom Bildhauer Julius Obst modellierten Büste tragen ein Schild: Buchhandlung Vorwärts Berlin, worauf wir zu achten bitten. Buchhandlung Vorwärts Lindenstraße 69. ist in jedem Haushalt das geeignetste 05«. tränk für Frauen und Kinder Borussia- Brauerei Berlin- Weibensee m sind ._ �•.. M M»■ w Stoffe "e,, Maßanzüge, Paletots Meter JK. 5, 7, 9 Jtostöra- nnd Ulsterstojje MtrX. 3,A, 5 Persianer imit. Plüsche 130 k e eminenter Philosoph:„Gehst Tu zu Weibern, vergiß die Reitpeitsche nicht!" Ganz mein Fall! Also wie gesagt: Schulmeister wissen heute selber zu viel. Würde ä tempo ander? werden, wenn alte Korporäle statt Gewehr Schul- meisterbakel in die Hand nähmen. Wäre sofort Zug in der Kolonne. Weniger Afterwcishcit. aber mehr Rippenstöße, und Einführung des: Laufschritt— marsch, marsch! Nieder— auf. Laufschritt usw. auf Schulhof diente zur Befestigung der Königstreue. Wenn alte Korporäle Lausbuben des internationalen Proletariats dressierten, hörten nachher auch unsinnige Klagen wegen Soldatemnißhandlung auf. Burschen wären es schon von Schule her gewöhnt, stramm angefaßt zu werden. Teilnahme an Pfadfinderbcwcgung müßte selbstverständlich auch obligatorisch werden; kurz: die Sache hätte Schmiß und den Roten würde das Wasser abgegraben. Ist ja überhaupt hohe, herrliche Zeit in Deutschland für patriotisch gestimmte Seelen. Kommen aus dein Rausch— natürlich patriotischer Rausch gemeint— gar nicht mehr heraus. Wurde eben da drüben Völkerschlachtdenkmal eingeweiht, biegt hier um die Ecke schon Krönungszug neugebackenen Königs oder Herzogs. Sind doch immer noch das monarchistischste Volk der Erde, wir Deutschen, trotz unserer sV4 Millionen Sozcn, denn wir haben die ineisten Monarchen und sie vermehren sich auf jede Art. Hätte gerne in dieser Woche Braunschwciger Ernst August und bayerischen Ludwig begrüßt, obwohl mir Bayern minder sympathisches Land. Zu demokratische Allüren: L u d w i g haben Amnestie erlassen für Majcstäisbcleidiger und Preßbcngels— wäre in Preußen einfach ausgeschlossen. Hätte trotzdem Spritztour nach München gemacht, aber Kleingeld reichte nicht. Kam nur bis Braunschwcig. Auch sehr repräscntable, Pikfeinc Sache! Erstklassiger Einzug! Und riesig Stimmung unter der Einwohncrschait. Zusammenhang zwischen Alkoholismns und Patriotismus wieder zur Evidenz bewiesen. Gab näinlich(außer Einzugssvczialbier-- treffliches Gesöff!) zlvei Schnäpse, die sich sehen lassen konnten:„H o h c n z o l l e r n- b l u m e" und„W c l f c n k o r n".**) Beides brachte Anhänglichkeit an Kaiser und Reich und Wclfentreuc ordentlich in Wallung. *) Anm. d. Setzers: Der Herr Verfasser meint sicher Prophylaxe.— A n in. d. Redaktion: So kleine Schnitzer sind dem konservativen August nicht übel zu nehmen: er hat seine Bildung von einer preußischen Kadettenanstalt bezogen. **) Siehe„Kölnische Zeitung":„Neben den schönen Liqucur- marken..Welsenkorn" und..Hohenzollerirblumc" tauchte auch ein Einzugsspezialbier und die Honigkuchcnmarke„Ernst August"(mit Mandeln) und Marke„Viktoria Luise(mit Schokoladenguß) aus." Fällt mir bei dieser Gelegenheit ein: Stadtverwaltung in Westfalen— will Namen schandenhalber verschweigen— zahlt jedem ihrer Arbeiter, der abstinent ist. 20 Pf. Lohnzulage täglich. Stadtoberhaupt muß einen Fummel haben. Wer täglich sein halbes Dutzend Schnäpse schmettert, braucht mehr Moneten, aber nicht, wer sich in Abstinenz hineinflegelt. Außerdem erzieht Abstinenz zur Unzufriedenheit und zum Umsturz, Schnaps aber— ist schon öfter von mir, hervorragender Autorität auf diesem Felde, nachgewiesen — Schnaps macht zufrieden und erzieht zur Anhänglichkeit an die herrschende Dynastie. Siehe„Hohcnzollernblumc" und.Weifen» korn" in Braunschweig. Bin übrigens dabei arg unter den Schlitten geraten. Habe erst„Hohenzollcrnblumc" hinter die Binde gegossen und dann „Welfenkorn". Sagte mir dann, jetzt aufhören, ist Mangel an Ehrfurcht gegen Viktoria Luise—, also noch eine„Hohen- zollernblume"! Jetzt Schluß, schien mir Respektlosigkeit gegen Ernst August—, her mit einem„Welfenkorn"! Und so ging's umschichtig weiter bis zur patriotischen Seligkeit. Wovon noch jetzt der Schädel brummt Dem konservativen August. Kiewer ßlutfeat Der Zar blickt freundlich von dem Thro« Und auch der heilige Synod, Der schnuppert froh, als röch' er scho« So süß als wie ein Mannabrot Den Braten, den in Kiew sein Getreuster Sohn am Spieße dreht, Den Jud, den Blödsinn im Verein Mit Blutdurst ihm schön knusprig brät. In Kiew steht ein Staatsanwalt. Beim Himmel! Der Mann kann etwat, Wen der einmal voll Haß umkrallt, Den hält er sich zum Sonntagsfraß. In Kiew steht ein blöder Pfaff, Der zeugt für seines Gottes Ehr, Bekreuzt sich erst und plärrt dann brav Sein blutges Ammenmärchen her. Herr Staatsanwalt! Herr Gottesinechttj Schleppt nur den Juden zum Schaffott Einst wird er doch an Euch gerächt An Euch und Euerm Wildengott! Dann fegt der Sturm durchs Russenreich, Dann zittert Ihr, das hilft Euch nichts! Tann macht ein Volk dem Boden gleich Die Stätte dieses Blutgerichts l Ratsch, Die lehr Uberale polizei* Wenn ein preußischer Staatsbürger unsere Ueberschrift liest, vermutet er sofort eine journalistische Bosheit und nimmt an, daß der ehrenwerten Polizei ironisch eins ausgewischt werden soll. Wie könnte in Preußen ein normaler Mensch auch auf den Gedanken kommen, daß die Polizei liberal sei? Wir wissen ja aus Hunderten von Wahlkämpfen, daß die Konservativen ihre Lieblingskinder sind. Aber vielleicht ist sie in jenem übertragenen Sinne liberal, der ungefähr dem deutschen„liebenswürdig" entspricht? Ach nein, ach nein, ach nein, ach nein! Eine liebenswürdige Polizei kann sich der preußische Staats- bürger ungefähr eben so leicht vorstellen wie einen arbeiterfreund- lichen Junker. War die Polizei etwa liebenswürdig, als sie ihre Moabiter Schlachten schlug? Als Wehrlose gemißhandelt und selbst tot- geschlagen wurden? Ist die bekannte abgehackte Hand in Breslau ein Zeichen polizeilicher Liebenswürdigkeit? Haben die vielen, vielen Menschen, die auf Polizeiwachen geprügelt wurden, den Eindruck einer überströmenden LiebenS- Würdigkeit erhalten? Oder geht nicht eher von der Polizei ein Hauch des Schreckens aus? Und doch behaupte ich klipp und klar und ohne jede Ironie, daß die Polizei ganz besonders zuvorkommend sein kann! Das soll Wohl ein Wortspiel sein? Sie denken wohl an den bekannten Schießerlaß des Herrn v. Jagow, der den Beamten empfahl, im Revolverschießen den anderen zuvorzukommen? Ich denke, mit Verlaub, an nichts dergleichen! Ich habe alle journalistische Verruchtheit von mir abgetan. Ich behaupte in allem Ernst, daß es preußische Bürger gibt, die in der Polizei eine sehr liberale und äußerst entgegenkommende Behörde sehen. Aber mein Gott, wo existieren denn diese beneidenswerten Menschen? Wie heißen sie? Wer sind sie? ES sind die Bordellwirte in der preußischen Stadt Altona. Gestatten Sie eine Frage, woher wissen Sie, daß gerade diese Individuen so entzückt sind? Auf die Gefahr hin, meinen Umgang zu verdächtigen: ich weiß es von ihnen selber. Von ihnen—? Jawohl. Von ihnen selber. Vor kurzem wurde in den großen deutschen Tageszeitungen eine Wirtschaft in Altona ausgeboten, deren Jahresumsatz auf 120 000 M. angegeben war. Auf eine Anfrage, die von der„Schleswig-Holsteinischen Wirtezeitung" ver- anlaßt war, lief dann eine Offerte ein, in der der glückliche Be- sitzer der Wirtschaft sich als B o r d e l l w i r t vorstellte. Das hat doch nichts mit der Polizei zu tun? Sehr viel sogar! Sie scheinen nicht zu wissen, daß die Polizei für diese Geschäfte ein sehr erheblicher Faktor ist. Ter ehrenwerte Bordellwirt handelte darum ganz logisch, als er in seine offenherzige geschäftliche Darlegung auch die Polizei ein- bezog. Und dies ist wörtlich das Zeugnis, das er ihr auszustellen vermochte:„Die Polizei ist hier sehr liberal und zuvorkommend und genießen, wie Sic sich selbst überzeugen können, Wirte' hier privat wie von den Behörden das größte Entgegenkomme n." Wollen Sie mir nun glauben, daß ich nicht geschwindelt habe? Ueberhaupt erfreut sich diese« Bordellwirt nach seinem eigenen Zeugnis geradezu glänzender Existenzbedingungen. Sein Haus ist mit allem moderne:, Luxus und Komfort aus- gestattet. Nur das beste Publikum läßt sich dort blicken. Seine zehn„Mädchen" müssen je 10 Mark für eine Pension bezahlen, die höchstens 2,50 M. wert ist. Eine'/io Flasche Bier, die ihm 8 Pf kostet, verkauft er mit 50 Pf. Selter und Limonaden, die ihm auf 5 Pf. stehen, werden ebenfalls mit 50 Pf. verkauft. Die für sein Einkommen sehr wesentlichen„Mädchen" sind immer zu haben. Der Betrieb geht Tag und Nacht. Einer ungünstigen Konjunktur sind solche Geschäfte n i e unterworfen. Seine Kollegen sind alle Leute„be s s e r e n Standes" und wohnen in den„b e s s e- r e n" Stadtvierteln, wo sie als P r i v a t i e r angemeldet sind. Der Reingewinn beträgt 22 000—24 000 M. im Jahr. Wir fragen: Wo ist selbst in der bürgerlichen Welt ein Geschäftsmann, der so auf Rosen gebettet wäre? Rechnen wir noch hinzu, daß er als preußischer Landtagswähler s e l b st v e r st ä n d l i ch in der ersten Klasse wählt. Besinnen wir uns, daß er von einer sehr liberalen und äußer st zuvorkommenden Polizei durchs � Leben geleitet wird— dann springt das Endresultat in strahlender Klarheit heraus. Man muß in einer preußischen Stadt Bordell- Wirt s ein, um die angenehmen Seiten des preutzi- schen Staates zu erfahren. jfugend ade! Nicht nur für die Frau steckt ein Stück herber, herbstlicher Tragik darin, wenn es heißt, von der Jugend Abschied nehmen, auch dem. Manne ist es ein saurer Apfel. Ein strammer Kerl war man und ein lustiger Kerl, immer mit Frühling im Herzen, mit Spannkraft in den Gelenken, halli und hallo! Und eines Tages fühlt man es wie einen Hauch Zugluft aus einer Zimmerecke wehen und die große Zehe tut weh, vor dem Spiegel entdeckt man graue, Weiße Haare an den Schläfen, die Gelenke federn nicht mehr so, Welt und Menschen stimmen öfter verdrießlich, und wenn man einmal mit alten Kumpanen beim ersten Hahnenschrei heimgewandert ist. man spürt es in den Knochen! Dann weiß man: der Herbst ist da. und un- aufhaltsam geht es jetzt abwärts, immer schneller und schneller, bis zu dem dunklen Loch, das auszuheben der Spaten schon geschmiedet ist. Wenn man dann zufällig ein Dichter ist. setzt man sich an dieser Lebenswende hin und schreibt Verse, wie L i l i e n c r o n. der sich vom Tod mahnen läßt: In einigen Jahren, ich kenne den Tag, Reitest Du aus in den gtünen Hag. Dein Dunkelfuchs trägt Dich, zwei Pointer zur Seite, Trabst Du, wie stets, vergnügt in die Weite. Im Wald« begegnet ein Mädel Dir, Das tut Dir behagen:„Bleib Du bei mir." Die blinzelt Dich an und lacht Dir zu: „Bübele, sag mir, wie alt bist Du?" Und sie läuft davon und läuft geschwind, Und über Dein Herz zieht ein eisiger Wind. Du jagst ihr nach und holst sie ein Und brichst aus den Hecken ein Rösälein: „Nimm hin, nimm hin, mit der Rose hier, Meine letzte Jugend geht mit ihr." Und Du wendest Dein Pferd und reitest im Schritt, Im Sattel reitet der Winter mit. Andere sagen's in Prosa, aber jeder empfindet es einmal im Lauf der Tage und Jahre, daß hier die große Wende ist. Auch unser Friedrich Engels hat es erfahren. Es war damals, im Januar 1863, als es die einzige ernsthafte Ver- stimmung in seinem Freundschaftsverhältnis mit Karl Marx gab. Am 6. Januar dieses Jahres stirbt plötzlich Mary Burns, ein frisches Proletarierkind, das Engels durch Jahre hindurch eine treue Lebensgefährtin war und ihm mit Witz und Lachen den Tag erhellte. In ein paar Zeilen tut er dem Freunde die schwarze Botschaft kund:„Ich kann Dir gar nicht sagen, wie wir zumute ist.", aber Marx springt mit einem kurzen� kühlen Satz über diesen schmerzlichen Ver- lust zu eigenen Sorgen und Schmerzen über, und Engels ist im Tiefsten verletzt. Alle Freunde, sogar allerhand Bieder- leute, haben ihm Freundschaft und Teilnahme bewiesen, und der beste, der vertrauteste Freund hält den Augenblick für ge- eignet, die Ueberlegenheit seiner kalten Denkungsart zur Geltung zu bringen— gut! heruntexgeschluckt! Aber alles ist wieder im Lot, als Marx aufrichtiges Bedauern zeigt: „Es war von mir sehr unrecht, daß ich Dir den Brief schrieb, und ich bereute ihn, sobald er abgeschickt war." Freundlich antwortet Engels und erklärt, warum ihm Marys Ver- lust so mitgenommen, und da steht unter andern Sätzen dieser: „Ich fühlte, daß ich mit ihr das letzte Stück meinerJugend begru b." f)euhark» Es war in der Herberge eines kleinen Rhcinnestes. Wir hockten müde an den Tischen und genossen die Musik des knistern- den Ofens. Manchmal sang der Wind leis im Rohre. Draußen fielen die bunten Blätter der Bäume.„Ein schöner Herbst," sagten die Vcrgnügungsreisenden, die den Rhein ab- gondelten und den neuen Wein probierten. Wir kannten nur die andere Seite der Jahreszeit: Arbeitslosigkeit, Tippeln, was die Sohlen halten wollten.„Ein schlechter Herbst", klagten die Kunden und klumpten sich abends maulfaul um die Oefen der Pennen. Der Herbergsvater hatte die Gesangbücher austeilen lassen. Seite 13:„Dir, Dir Jchovah..." intonierte der Vater. Die Hälfte der Kunden sang mit, un, wieder mal etwas zu hören. Die andere Hälfte sperrte zum Scheine die Mäuler auf. Einige starrten abwesend zu Boden, husteten und spuckten. Dann kam die Predigt, wie immer vorm Schlafengehen. Ter blonde Vollbart des Vaters zitterte beim Sprechen. Es drehte sich um das Bibelwort, wonach ohne Gottes Willen kein Sperling vom Dache fällt. Der Vater legte alles in die Predigt, was er zu diesem Behufe gelernt hatte. Sein Bart peitschte in der Luft herum und seine volle Stimme tönte die Wände an:„Unser Herr- gott sorgt für uns, wie ein Vater für seine Kinder. Er weist uns unsere Wege, er hält seine Hand über allen Erdenkindern, er gibt uns alle unser täglich Brot und--" die volle Stimme setzte miS, die kleinen blauen Augen über dem zitternden Barte schielten nach d«m Ofen. Gerade dorthin, wo Heukarle seinen grauhaarigen, kantigen Kopf schüttelte. „Er gibt uns allen unser täglich Brot," dröhnte die Stimme nachdrücklicher,„gibt uns täglich unseres Leibes Nahrung und Notdurft----" Der Vater setzte zum ztoeiten Male aus. Es war ihm ge- Wesen, als murrte Heukarles schüttelnder Kopf. Auch die Kun- den hingen die Blicke nach der Ecke hin, in der Heukarle den krummen Buckel in die Ofenwärme rückte. Er war auf allen Pennen de? Rheinlandes bekannt: ein vermickerter Fünfziger, der die Polizeigefängnisse dreier Königreiche in- und auswendig zu schildern wußte. Warum der alt« Kupferschmied unter den Kunden gerade Heukarle hieß, ist nie an den Tag gekommen. Er saß am Ofen, starrte ins Feuer und schüttelte das ungc- kämmt« Haupt, als hätte ein Schnaps zuviel darin gesessen. Des Vaters Predigerbaß nahm einen neuen Anlauf, brach aber zum dritten Male ab und wandte sich der Ofenbank zu: »Was haben Sie dort für sich zu murren? Wie?," Heukarle sah auf, erhob sich langsam, wie er's von der Anklagebank her gewohnt war, sah dem Vater ins aufgeregt dreinschauende Gesicht und sagte langsam:„Weil'S net wahr is, dös vom täglichen Brot!" Die Kunden stutzten, reckten die Hälse. War Heukarle Plötz- lich verrückt geworden? Wollte der auf die Straß: fliegen? „WaS ist nicht wahr?" Des Vaters Augen strahlten Zorn, dann Trauer, dann bekamen sie milden Glanz. Lächelnd sah er im Kreise umher, als wollte er sagen: jetzt will ich's euch mal ganz einfach beweisen. Dann ging der Baß weiter:„Hcukarle, gerade an Ihnen zeigt sich ja Gottes Milde! Sie haben Ihr täglich Brot, trotzdem Sie sich seit zehn Jahren untätig umhertreiben!" „Wann ich ka Arbect net Hab..." „Aber Mann, Ihr täglich Brot haben Sie doch! Erkennen Sie darin Eotte? Güte nicht!" „Na, ich net"— Heukarle strich sich den krummen Rücken— „na..." „Ja, haben Sie vielleicht nicht Ihr täglich Brot?" „Ja, ja," Heukarle strich sich unentwegt den Rücken,„ja, aber wann's mich beim Betteln erwtsch'n, werd ich eig'spirrt..." „Aber Mann, Ihr täglich Brot haben Sic dabei doch!" „DeSzweg'n brauchens mich doch net einzuspirrenl" „Aber Menschenskind," der Vater verlor alle Predigcrhaltung, „in? Gefängnis werden Sie doch eben gebracht, um dort zu ar- beitcn." „Dö Arbeet, dö könnenS mir doch auch drauß'n geb'n als- dann..." „Menschensftnd--" Der Vater suchte nach Worten, hatte eine Röte auf der Stirn, kam hinterm Pult hervor.„Sie sind ein bockbeiniger Mensch. Halten Sie Ihre gottlosen Reden draußen--. Friedrich!" Der Vizeboos kam, die Tür wurde aufgeschlossen, schlug ins Schloß— dann war Heukarle nicht mehr in der Herberge. Der Vater räusperte sich, suchte den rechten Tonfall i nd den verlorenen Faden der Predigt wieder zu finden. Aber die Kun- den wandten die Gesichter unwirsch den Wänden zu, husteten, spuckten und lauschten dem Winde, der im Ofenrohr brauste. Da kam der Vater noch mehr ins Stottern, schlug das Gebet- buch mit einem Amen zu, rief den VizebooS und sagte mit einer Stimme, die nichts Gesalbtes hatte:„Friedrich, rennen Sie mal die Straße lang. Heukarle wird nicht weit sein. Der Kerl soll sein Bett haben, wenn er's auch nicht verdient!"---- Als der Vizeboos wiederkam, war Heukarle nicht dabei. Die Nacht hatte ihn verschluckt. Vielleicht hatte ihn der liebe Gott in Polizeigewahrsam geschickt oder unter einem Brückenbogen unter- gebracht, wie so oft. R o b e r t G r ö tz s ch. Wie greift das ans Herz! Ein großer Mann, der die Beziehungen der Menschen auf dem ganzen Erdball klaren Blicks überschaut, ein Kämpfer dazu, der Tag für Tag an dem Rüstzeug der kommenden Revolution schmiedet, ein Unbeug- samer, für den Sentimentalität ein Fremdwort ist, und als dieses kleine, einfache, muntere Frauenzimmerchen für immer einschläft, kommt es doch über ihn:„Das letzte Stück meiner Jugend.. Und Du wendest Dein Pferd und reitest im Schritt, Im Sattel reitet der Winter mit. Vom Jahrmarkt des L-ebens. Der Bürgermeirter mit Grundrätzen. Als obersten Herrn und Gebieter haben die ehrbaren Bürger des märkischen Städtchens Crossen einen Dr. jur. Strauß erkoren. Das war ein weiser Beschluß. Unverdrossen wacht der Herr Bürgermeister über das Wohl und Wehe seiner Untertanen, sorgt er dafür, daß die idyllische Ruhe des Landstädtchens nicht durch neuzeitliche Nörgler gestört werde. Doch alle Wachsamkeit nutzte nichts; eines Tages stand der rote Feind nicht nur vor den Toren, ganz dreist hatte er sich im Innern des Ortes festgesetzt. Und sonderbar: trotz aller weisen Maßnahmen des Oberhauptes der Stadt wurden der roten Nörgler immer mehr und sie in ihren Ansprüchen immer anmaßender. Man denke: eines Tages erfrechte sich der sozialdemokratische Wahlverein zu verlangen, daß der Herr Bürgermeister einen öffentlichen Platz zu einer Versamm- lung hergebe. Und noch dazu zu einer Kommunalwähler. che r s a m m l u n g. Aber da kamen die Frechlinge bei dem Stadt- oberhaupte schön an. Er gab der roten Rotte eine gepfefferte Ant- wort, aus der wir folgende Probe wiedergeben wollen: „Ihr treffliches Parteiorgan„Vorwärts" und die ebenso vor- züglich redigierte„Märkische Volksstimme" würden sich andernfalls einbilden, daß„der Bürgermeister mit Grundsätzen", der„Cato von Crossen", durch Ihre damaligen, den Tatbestand der Beleidi- gung stark streifenden Artikel eingeschüchtert, jetzt plötzlich anderer Meinung geworden wäre. Ganz abgesehen davon, mutz ich mich der Ueberzeugung ver- schließen, daß ein Bedürfnis nach Vertreibung der weltbeglückenden sozialdemokratischen Ideen hier überhaupt vorhanden ist. Crossen ist eine kleine, friedlich« Landstadt, deren Einwohner in auskömmlichen Verhältnissen leben. Sollten die Löhne einzelner Arbeitnehmer zu wünschen geben, dann wird eine Auf- besserung auch sicher ohne Vermittelung der friedensstörenden Sozialdemokratie bald eintreten. Außerdem werden die Jnter- essen der Arbeiterschaft durch den hiesigen„Ratio- nalen Arbeiterverein", der auch in der hiesigen Stadt- verordnetenversammlung vertreten ist, vollauf gewahrt." Vor soviel Weisheit des„Bürgermeisters mit Grundsätzen" beugen wir dcmutSvoll unser Haupt. Ganz leise nur wagen wir die Bürgermeisterarie aus„Zar und Zimmermann" zu pfeifen: Ja, ich bin klug und weise Und mich betrügt man nicht. Ich bin der Bürgermeister, Bin Crossens größtes Licht. IMufterpatnoteri. AIS vor einigen Jahren den Krcfelder Bürgern und ihren mehr oder minder anmutigen Töchtern die langersehnten„Tanz- Husaren" in Quartier gelegt wurden, machten böse Spötter frivole Witze, wie befruchtend die Einquartierung auf die Bevölkerungs- Vermehrung wirken könne. Aber daS waren nur einzelne und sie mutzten vor dem Geschrei der empörten Oeffentlichkeit die Segel streichen. Die neue Heeresvorlage bringt vielen Orten, die bisher vergeblich auf eine Garnison warteten, die lang erwünschte Ein- quartierung. Als gute Patrioten bereiten die mit Garnisonen Be- glückten der Neueinquartierung ehrende Aufmerksamkeiten. Alle die Städte aber werden übertroffen durch zwei neue oberschlesische Garnisonen, nämlich T a r n o w i tz und K at t o w i tz. Vor einiger Zeit brachte eine oberschlesische Zeitung folgende Meldung: „Aus lauter Freude über die nunmehr erhaltene Garnison hat sich in einem oberschlesischen Orte ein Verein gebildet, um Die gnitigelprenkeite Bule» Seltsame LebenSgeschichte eines hohen OrdenS. Von Ret Marut. Es war einmal ein Theaterdirektor, der einen tüchtigen Re- gisseur und eine Schar vorzüglicher Künstler hatte. Mit lobenswerter Beihilfe des Regisseurs und unter gütiger — durch Vertrag geregelter— Mitwirkung der leistungsfähigen Künstlerschar glückte es dem Direktor, zu seinem höchsten Er- staunen eine gut gelungene Vorstellung herauszubringen. Die Vorstellung war so vortrefflich, daß selbst Laien sich her- abließen, der großen Tat ihre Bewunderung und Anerkennung nicht zu versagen. Da begab es sich, daß selbigen Tages„Gockel" ein Regiment Soldaten, daS in dieser gesegneten Thcaterstadt in Garnison lag, besichtigte. „Gockel" war— wem es vielleicht nicht bekannt sein sollte— der regierende Land es fürst. Seine Königliche Hoheit Großhcrzog Joachim Moritz von Lackritzien. Weil sich nun oer rechte Flügeladjutant auf einer Erholungs- reise befand, die er sehr nötig hatte, war Gockel zu seinem größten Leidwesen gezwungen gewesen, den anderen Flügeladju- tanten, den linken also, mitzunehmen. Der tvar entsetzlich un- geschickt. Infolge eines geistigen Defekts, der in der langen Ahncnreihe und in streng ourchgeführter Nassereinheit begründet lag, besaß er auch nicht das geringste Verständnis für die ver- borgcncn, aber trotzdem vorhandenen, kleinen und großen, bcson- deren Wünsche seines erlauchten Herrn. Wußte darum auf nichts, selbst nicht auf das deutlichste Augenzwinkern einzugehen. War deshalb auch nicht befähigt, für geeignete Abhilfe zu sorgen und die Bedürfnisfrage in befriedigender Weise und mit viel Anstand und feinem Takt zu erledigen. Und Gockel langiveilte sich sehr und erinnerte sich infolge- dessen der schönen Künste. In Verfolg dieser herrlichen Aufgabe besuchte er das Theater. Trotz seiner geradezu staunenswerten Sachkenntnis und seines hochkultivierten künstlerischen Geschmacks und ästhetischen Fein- gefühls fand er alles wunderschön und weil der Abend auch sonst noch angenehm verlief und einen völlig befriedigten Abschluß fand, verlieh er dem Theatirdircktor für seine Verdienste um die„schönen Küste und freien Wissenschaften" den„hohen Orden von der grün- gesprenkelten Eule". Ob der Theaterdircktor nun urplötzlich größenwahnsinnig wurde oder das nötige Quantum von ersterbender Unterwürfig- einen PreisoderBelohnung aufzubringen für denjenigen Soldaten, der sich als erster unehelicher Vater aus weisen könne." Der opferwillige Patriotismus hat die tugendsamen Bürger einer anderen neuen Garnison nicht schlafen lassen. Die„Katto- Witzer Zeitung" bringt folgende Meldung: .Nicht nur die guten Tarnowitzer können sich Aihmen, für das„erste Soldatenkind" in stammtischbrüderlicher Aufopfe- rung zu sorgen, auch die K a t t o w i tz e r haben ein solches Zeug» niS von Nächstenliebe und Patriotismus aufzuweisen. Dem ersten Soldatenkinde der Garnison Kattowitz ist eine Sammelbüchse gewidmet, die in der Steinfeldschen Bier- Halle gestiftet worden ist. Das einnehmende Wesen des„blauen Jungen" kann bereits auf gute Erfolge zurückblicken, denn es befindet sich schon eine ganze Reihe von deutschen Reichstalern in seinem feisten Bäuchlein. Also die Ehre ist gerettet: Katto- Witz voran!" Das nennen wir wahren Patriotismus, der nicht nur Küche und Keller, sondern auch die tugendsamen Töchterlein freudig dem zweierlei Tuch ausliefert. Hoffentlich brauchen die Ueberpatrioten für ihr selbstloses Eintreten für die Geburtenvermehrung nicht all- zulange auf die wohlverdiente offizielle Anerkennung zu warten. Dichter vor die front! Inter arma silent niusae. Zu deutsch: Wo man sich prügelt, wird nicht gesungen. Das gilt aber nicht für die Herren Hakatisten, denn die wollen jetzt die Polen auch literarisch auffressen. Der deutsch« Ostmarkenverein setzt nämlich Preise von 10 000, 5000, 3000 und 2 von je 1000 M. für Ostmarkenromane aus,„die das Inter- esse für die Ostmarkenfrage in weite Kreise hineintragen sollen". Was will man mehr? Wir haben zwar schon einen Ostmarken- roman,„Das schlafende Heer" von Klara V i« b i g. Aber der ist z u literarisch und vor allem zu objektiv. WaS die Herren Haka- tisten wollen, ist ein klotziges Machwerk mit knalligen Effekten, in dem die Deuffchen triefen von Edelmut, Güte, Klugheit, Sittlichkeit, Tapferkeit und Milde und die Polen schwarz sind von Niedertracht, Feigheit, Bosheit, Stumpfsinn, Lumperei und Schurkenhaftigkeit. Die Polenfrage aus der Filmperspektive behandelt— daS will man. Etwa so:„Ein giftiger Blick voll Hohn und Hätz schätz blitzschnell au» den Augen Ladislaus NieropolepewsklS zu dem blondbärtigen deutschen Hünen hinüber, der lässig im Bewutztsein seiner Kraft auf den Spaten gelehnt dastand, ein Urbild jener Pioniere de? Deutsch- tums, die Scholle für Scholle hinterlistiger Slawenbrut abringen müssen für di« Fahne Schwarz-Weitz-lliot." Preisrichter sind unter andern Rudolf Herzog, Joseph V. Laufs, Freiherr v. Ompteda, Rudolf Stratz und Fedor V. Z ob el t i tz. Na also! I�ocierne 8oläatener2iekung. Lhampagnernot. Die Proletarier, die von Kartoffeln leben und über die Fleisch- not und die unzulänglichen Regierungsmaßnahmen zur Linderung der Fleischteuerung räsonnieren, können sich trösten. Den reichen Leuten stehen noch schlimmere Zeiten bevor. Eine Champagner. not bricht herein. Wenigstens verkündet das die Firma Henkell u. Co. in Riesenannoncen der bürgerlichen Presse. Glücklicherweise ober können die Feinschmecker, di« ihre Kehle von Zeit zu Zeit mit Champagner spülen müssen, noch einige Monate ihr kostbares Leben fristen, denn die vorsorgliche, weitausschauende Firma Henkell hat in ihren Kellereien grotze Vorräte aufgehäuft. Hier müßten weiffichtige Staatsverwaltungen eingreifen. Um der beginnenden Unzufriedenheit in den besitzenden Kreisen ent- gegenzutreten, sollten von Staatswegen die Champagnervorräte aufgekauft und durch Errichtung städtischer Sektbuden der Cham- pagnernot abgeholfen werden. Was den hungernden Proleten recht ist, sollte der durstenden Bourgeoisie billig sein. Regierungs- maßnahmen sind um so dringender, als dank der VermögcnSkon- fiskation des OpferjahrcS die Regierungsaktien zurzeit sehr tief stehen. Nicht blinder Gehorsam: nein freie Betätigung einer hochentwickelten kriegerischen Individualität im Dienste deS Vaterlandes, das ist daS Gebot für den Soldaten des zwanzigfien Jahrhunderts. HanS v. Angeln, Moderne Soldatcncrziehung. Moderne Soldatenerziehung? Aha! sagt der nächste beste Kor- poral, moderne Soldaienerziehung beginnt mit dem„Verpassen" des Helms, das dem Rekruten den Schädel in einen Brummkreisel verwandelt, setzt sich fort mit der sinn- und geistvollen Ucbung des langsamen Schritts und erreicht ihren Höhepunkt mit der Entfesselung des„heiligen Geistes", der den Mann mit schlechtem Paradenwtsch nachts durch die eigenen Kameraden mit den Klopf peitschen kardätschen läßt. Mag sein! Hier aber handelt es sich nicht um die moderne Soldatenerziehung, wie sie ist, sondern wie sie sein soll, um ein Büchlein über allerhand militärische Reformen, das ein preußischer Offizier— er nennt sich Hans von An- geln— soeben im Verlag von Albert Langen-München hat er- scheinen lassen. Wenn dieser Herr von Angeln auch unter seinesgleichen ohne Zweifel ein weißer Rabe ist, so gibt er sich darum noch lange nicht als Rebellen, denn er erwärmt sich weder für die Miliz, noch tritt er für eine wesentliche Verkürzung der Dienstzeit ein: auf ein Jahr neun Monate allerdings glaubt er die Ausbildungszeit zu fammendrängen zu können. Auch rüttelt er nicht an dem sozialen Gefüg« des Heeres, sondern läßt sich nur von dem einen Gedanken leiten, dieses Heer möglichst gefechtstüchtig zu machen. Dabei wird er aber unter der Hand doch zum Umstürzler, der den ganzen Exerzierdrill unserer Infanterie zum alten Eisen geworfen wissen will, und wettert mit leidenschaftlicher Schärfe gegen die neuen Mißgestalten, die sich in Form von Schematismus, Gleichmacherei, Willkür, Brutalität, Dünkel, Fatzkentum. Bureaukratismus, Denk- faulheit, Stumpfsinn, Schwatzhaftigkeit, Phrasendrescherei, Neid und Strebertum— ein preußischer Offizier schreibt das, kein Sozial dcmokrat!— in den Ecken und Winkeln der Exerzierplätze, Kasernen Höfe und Schreibstuben breit machen, den frischen, fröhlichen Soldatengeist erstickend, die Intelligenz knebelnd, den Fortschritt würgend. Für jeden, der an den Problemen der militärischen Ausbildung Interesse hat, enthält das Werkchen eine reiche Fülle von An regungen, aus denen natürlich im Rahmen eines kurzen Artikels nur einiges wenige herausgegriffen werden kann. So sehr bei der soldatischen Erziehung der Gegenwart fast alles auf Gamaschen- drill und Paradedressur eingestellt ist, so sehr will Angeln alles auf einen möglichst hohen Gefechtswert des Mannes anlegen. Im zwanzigsten Jahrhundert mit seiner„Leere des Schlachtfeldes seinen liegenden und kriechenden dünnen Schützenketten, in denen der einzelne Mann dem Führer aus der Hand gleitet, ist die Hauptforderung einer wirklich kriegsmäßigen Ausbildung, den Schützen zu einem selbsttätig denkenden und handelnden Menschen zu erziehen. Die Methode aber, nach der auf preußischen Kasernen- Höfen und Exerzierplätzen Soldaten abgerichtet werden, schlägt dieser Forderung einfach ins Gesicht, und zwar zugunsten des heiligen Paradedrills. Die Marschausbildung, die nur für den Parademarsch einen Wert hat, frißt unheimlich an der AusbildungS- zeit.„Sechs Paraden", sagt Angeln,„werden mindestens im Jahr abgehalten: Rekrutenbesichtigung, Kaisers Geburtstag, Kom- pagnic-, Bataillons-, Regiments-, Brigodebcsichtigung! Jeder Parade geht ein emsiges Exerzieren, Marschieren voraus. Min- destens vier Vorparaden. Das wären schon vierundzwanzig Paraden im Jahr, also ein Monat Parademarsch! Das heutige Gefecht stellt aber so hohe und vielseitige Anforderungen, daß schon jede Stunde, die auf Paradeexerziercn verschwendet wird, geradezu ein Bei- brechen bedeutet." Denn nur im achtzehnten Jahrhundert war der Stechschritt von Bedeutung für das Gefecht. Die Truppe, die damals in derselben Zeit mehr Schüsse abgab als eine andere, war dieser überlegen. Deshalb wurden, um in der Schlacht viele und gutsitzende Salven zu erzielen, die zahllosen Handgriffe des Ladens und Feuerns exerziermäßig eingedrillt. Da man die Truppe gleichzeitig unauf- haltsam an den Feind heranführen wollte, wurde nur zum Feuern gehalten und das Laden in der Vorwärtsbewegung ausgeführt, und damit dieses Laden schnell und ordnungsmäßig von statten gehe, ließ Friedrich Wilhelm I. es im langsamen Stechschritt ausführen, aus dem unser Marsch entstanden ist. Damals leitete der Exerzierdrill unmittelbar zum Schlachtenerfolg. Seit der Taktik der aufgelösten Schötzenschwärme aber ist der Exerzierdrill ganz und gar wertlos für das Gefecht. Die Exerzierkunst hat heute nur eine ganz untergeordnete Bedeutung und mit dem Kriege nichts mehr zu schaffen. Sie ist ein veraltetes Kampfmittel wie der Vorderlader oder der Spieß. Aber auch das Exerzieren als Schule der Selbstzucht und Disziplin ist nicht von jener überragenden Bedeutung, von der verknöcherte Drillmeister schwärmen. Denn, sagt der Verfasser der„Modernen Soldatenerziehung": Die Exerzierdisziplin ist nur eine passiv«. Sie genügt nichl im entferntesten für den modernen Kampf! Wir benötigen einen aktiven, aus eigenem Willen, eigenem Denken, eigener Lust emporquellen- den Gehorsam. Anstatt also den Willen zu brechen und zu knebeln, die Intelligenz zu ertöten und die Truppe zu einer Maschine zu machen, die unter der Wirkung suggestiver Mittel an den Feind gebracht wird— statt dessen verlangt der heutige Kampf einen höchst gesteigerten Willen, eine zu in äußersten getriebene Entwicklung der seelischen und geistigen Kräfte. Folgerung: Weg mit allen Nebensächlichkeiten und Formali- täten, weg init Präsentiergriff und Stechschritt, weg mit Parade- marsch und Exerzierdrill! Exerziermarsch und Paradedrill, da? stnd� heute nur glänzende, klirrende Ketten, die die kriegsmäßige Ausbildung fesseln. Sie sind irreführende Masken, hinter denen sich alle er- oenkbare Feigheit und Erbärmlichkeit verstecken kann. Es ist ein Luxus, den wir einst mit Blut bezahlen müssen. Heutzutage vergehen die ersten fünf bis sechs Monat« der Aus- bildungszeit, ja! oft acht Monate mit Griffekloppen und Eindrillen schematischer Bewegungen, ohne daß die Rekruten ein einziges Ge- fecht, eine einzige kriegsmäßige Hebung im Nahmen der Kompagnie mitmachten:„noch ging kein Mensch Patrouille, keiner stand aus Posten, keiner war Verbindungsmann. Die Elemente de? Feld- dienstes sind der Mehrzahl noch unbekannt« Größen." Ein« wirk- lich kriegsmäßige Ausbildung des Soldaten aber müßte schon Mitte November, also nach fünf oder sechs Wochen, mit der Einzelaus- bildung fertig sein, und dann beginnen, mit den Retruten Gefecht zu üben, Gefecht und immer wieder Gefecht, denn nur darum handelt es sich im Ernstfall.„Der Exerzierplatz," sagt Angeln,»ist dak Mistbeet des Stumpfsinns, das Gelände aber, wo es am zerklüf testen ist, bedeutet die Muttererde für alle kriegerischen Tugenden und Talente. Also fort aus der Fron des KommisseS in die Freiheit des ungebundenen Kriegsspiels." Mehrere Gefechte an einem Tag, allermindestens fünfhundert Gefechte im Jahre— das wäre eine kriegsgemäße Ausbildung, das übte den Verstand, das ent- wickelte die Persönlichkeit der Mannschaften. Hand in Hand damit müßt« freilich gehen eine krtegSgemäße Schießausbildung, bei derber Schütze ein abwechslungsvolles Gelände mft Häusern, Sträuchern, Gräben, Bäumen und Hügeln vor sich hat und auf schnell auf- tauchende und schnell wieder verschwindende Scheiben Schüsse ab- gibt, und zwar müßte man den Schützen jeden zweiten Tag gefechtS. mäßig schießen lassen. Ter Patronenverbrauch wäre dann zwa: erheblich größer als unter dem herrschenden System, aber durci Verstaatlichung aller Pulverfabriken könnte die erforderliche Patronenzahl ohne wesentliche Kostenerhöhung geliefert werden. In diesem Zusammenhang erwähnt HanS v. Angeln den Ausspruch eines Vorgesetzten, den er schaudernd mit anhören mußt«: WaS nützt cS mir, wenn ein Schütze drei Zwölfen schießt und er hat dabei einen schlechten Anschlag." Er könnte bei dieser Gelegen- heit eher an den Ausspruch eines preußischen Kricgsministers er- innern, daß ihm ein„gutgesinnter" Schlumpschütze lieber sei, als der beste Schütze mit sozialdemokratischer Gesinnung. Hier nämlich liegt der Hase im Pfeffer! Das moderne Gefecht verlangt ganz gewiß selbständig denkende und handelnde Soldaten und einen aktiven, aus eigenem Willen, eigenem Denken, eigener Lust empor- quellenden Gehorsam, aber der moderne Militarismus verlangt ge« knebelten Willen, getötete Intelligenz und im Kadavergehorsam zu Maschinen erstarrte Menschen, denn er ist ja nicht in erster Reihe ein Mittel zur Vaterlandsverteidigung, sondern da? Instrument einer Klassenherrschaft. Selbsttätig denkende und handelnde Sol- baten schießen nicht auf Vater und Mutter, durch Exerzierdrill ab- gerichtete stumpfsinnige Kreaturen halten in den Schrecken der modernen Schlacht nicht stand: aus dieser Zwickmühle kommt der Militarismus nicht heraus und an dieser seiner inneren Dialektik. wird er sich eines Tages verbluten. Vorläufig aber ist die Angst vor der Lockerung des Kadaver- keit und allertieffter Ergebenheit und Ehrfurcht nicht aufzubringen vermochte oder infolge von unheilbarer Gemütsroheit die be- glückende Besitzseligkcit eines Stückchens gezackten Goldblechs nicht fühlte, wird ewig unerforschlich bleiben. Denn wer vermag die krausen Gedankengänge eines vom Erfolg berauschten Theater. oircktors zu ergründen?! Wer was der Mann jetzt tat, steht bisher einzig da in seiner höchst sonverbaren Art und wird so bald nicht wieder geschehen. DaS walte der Himmel! Denn sonst— Der Thcaterdirektor empfing den hohen Orden, ließ nächsten Tages einen scchszölligen Nagel in die schwarze Probentafel hin- eindonnern und hängte hier den Orden an topasgelber Schleife auf. Ilm sich nicht der Majestätsbeleidignng schuloig zu machen und dadurch die sittliche Oualifikation zur Leitung eines Theaters einzubüßen, heftete er unter den Orden ein Schreiben, in dem unter anderem folgende Sätze vorkmnen:„Nicht ich. sondern Sie. meine verehrten Herrschaften, haben durch Ihre vorzüglichen Leistungen dazu beigetragen, daß mir diese seltene Ehre zuteil geworden ist. Er gebührt Ihnen so gut wie mir. Ich hänge ihn hier auf als Ansporn zu neuer tüchtiger Arbeit und zur Erin- nerung an die Gnade uns-res allcrgnädigsten Landesherrn, des Beschützers unserer herrlichen Kunst." Hier hing der Orden nun eine ganze Weile. Nachoem er von vorn und von hinten, von oben und von unten, von links und von rechts, von innen uno von außen ein- gehend und hinreichend von allen Mitgliedern des Theaters be- trachtet und untersucht worden war. fand er sich eines Tage? im Konversationszimmer wieder. Hier diente er zeitweise als Tändel- objekt nervöser Schauspieler. Bald lag er in oer Sofaecke, bald unter einem Stuhl, bald benützte man ihn als Türklemme, um daS Zufallen der Tür zu verhindern. Das ging so lange gut, bis an einem Abend ein Herr, der einen Minister darstellte, zu seinem Austritt gerufen wurde und in demselben Augenblick bemerkte, daß er den vorgeschriebenen Orden nicht angelegt hatte. Ohne eine Miene zu verziehen nahm der Darsteller den Orden vom Beleuchtungskörper, wo er in letzter Zeit als Zugknebel gedient, herunter und heftete ihn an feine Brust. Damit war das Schicksal der grüngesprenkelten Eule end- gültig und unwiderruflich besiegelt. Denn nach der Vorstellung wurde der Schauspieler von seiner Freundin erwartet. Deshalb mußte er sich schnell abschminken uno umkleiden und vergaß da- bei. den Orden abzustecken. Der Garderobier, der am nächsten Morgen die Kostüme ordnete, fand den Orden und gab ihn dem Requisiteur. Der war ein einfacher Mann und hatte noch nie in seinem Leben einen richtigen Orden von nahe gesehen. Darum verleibte er den Orden seinem Fundus ein. So kam der Orden in eine alte Zigarrenkiste zwischen alle die vielen Bühnenorden aus Messing, Weißblech, gepreßtem Gold- und Silberpapier. Anfangs wollte er sich hier ein wenig aufplustern, aber die proletarischen Insassen der Zigarrenkiste brachten ihm gleich das nötige Assimilierungstalent bei, so daß er nicht mehr„muck" zu sagen wagte und bald ein recht beschauliches Dasein führte. Wie nicht anders zu erwarten war, wechselte im Verlauf der nächsten zwei Jahre das Künstlerpersonal vollständig, und damit verschwand auch jeglicher Gedanke an die strahlende Größe und Herrlichkeit des Ordens. Nun endlich, nach so vielen Irrfahrten, die keinem wahrhaft Unsterblichen der Erde erlassen werden, war es dem hohen Orden vergönnt, eine achtbare und höchst verdienstliche Lebensaufgabe zu erfüllen, wie es sonst nur wenigen seinesgleichen gelingt. Er schmückte abwechselnd Erbprinzen, Minister, Generäle, Dorfküster, Weichensteller und Schützenkönige ohne Ansehen der Person. Mil gleicher Toleranz dekorierte er Deutsche, Franzosen, Russen. Engländer, Niggerboxer und Indianerhäuptlinge. Seine größten Triumphe feierte er jedoch, wenn er auf der Brust oder auf einem anderen edlen Körperteil des Burleskenkomikers herum bammelte, oer in einer Posse mit Gesang und Tanz einen fetten, kugelrunden, glatzköpfigen, srisch dekorierten Rentier und ehemcrli gen Glascrmeisier darstellte. Donnernde Lachstiirme durchbrausten dann das Haus über die possierlichen Sprünge der grüngespren leiten Eule. Was hätte die Eule darum gegeben, wenn es ihr möglich gewesen wäre, ihre Echtheit dem Publikum ins Gesicht zu schreien? Die zu Eis erstarrten Gesichter de? Publikums dann zu sehen, was wäre das für ein Erfolg geworden! Die Götter hätten müssen neidisch werden. Eines Abends jedoch löste sich die, von Schminkflecken schon ein wenig rötlich gewordene, topasgclbe Schleife von der Brust eines Darstellers, und„der hohe Orden von der grüngesprenkelten Eule" fiel durch eine Spalte der Bühnenversenkung in das Unter- geschoß deS Hauses. Trotz einigen Suchens ward er nicht mehr gesehen. Friede seiner Asche! Höbercr Friede seiner Seltenheit! Er war der einzige echte Orden, der eine wirkliche Lebcnsauf- gäbe zu erfüllen hatte, sie getreulich in aller Demut und Beschei- denheit erfüllte und fähig war, sein« Existenzberechtigung und Daseinsnotwendigkeit zweifelsfrei nachzuwerfen. Er war der einzige unter den ungezählten Millionen seiner Artgenoffen, der nicht nur seinem jeweiligen Träger Freude be- reitet«, sondern mehr noch denen, die ihn an der Brust»ine» anderen sahen. Und daß ihn jeder ohne giftigen Neid bei seinem Träger sehen konnte, ist ein Beweis für seine unvergängliche Größe. Diesen ehrenden Nachruf bin ich ihm schuldig,--— Guter Rat. Neulich klagte Gott ich meinen Kummer, Weil ich fand die Menschen gar so schlecht; Und da sah er her aus halbem Schlummer Und erwiderte:„Mein lieber Knecht l Ja, ich kenn' der Menschen Missetaten, Und dein Kummer ist nicht ohne Grund; Ja, ich weiß, sie sind sehr schlecht geraten, Und sie kommen ganz noch auf den Hund, Ja, ich weiß dies alles schon von selber, Und ich seh' verfehlt der Menschen Ziel; Dumm sind ihre Dummen wie die Kälber, Und die Weisen wissen auch nicht viel. Aber, lieber Freund, WaS soll ich machen? Teuer ist da wirklich guter Rat. Weißt du was? Du darfst nicht drüber lache«: Wende dich doch an den prcuß'schen Staat! Der hat Ordnung in der Welt zu schaffen, Denn er ist ja in der Welt voran; Hat den Krupp und hat ein Heer von Pfaffe«.?- Meinst du nicht, daß er euch helfen kann?* Wie der Herr gesagt daS, ging er wieder Und er klopfte sich die Pfeife auS, Und ich nahm zusammen meine Glied« Und begab mich in ein GotteShauS. Und da wurden Waffen schon gesegnet; Und die Untergötter sahen zu, Und dann hat es Dynamit geregnet, Und auf Erden war nun wieder Ruh. Loki. ichorscrms noch allzu grog. als daß Nofornivorschlägo, wie sie dieser ür seinen Berus ehrlich begeisterte preußische Offizier macht, bei ieu leitenden Persönlichkeiten der Armee ein geneigtes Ohr finden önnten. Durchführbar sind diese Reformen nicht im Heere des tlassenstaats, dem vielmehr der Drill Naturnotwendigkeit ist, son- crn nur in dem PolkSheer, wie es die Sozialdemokratie anstrebt. KerUner UKeater. Lustfpielhaus: I ni grünen Rock, Schwank von Gustav Kadclburg und Richard Skowrounck. Dieser wue Spietzerschmarrn der ergrauten Toppelfirma schien selbst dem Zpießer zu niatt und fad. Die Küche brachte nichts zuwege mit 'em alten Rezept, das den Bühnenerfolg aus der Anregung der leinen Lust am Pech des anderen erkitzeln will. Denn auch hier .ärift daS Spiel im ganzen und einzelnen darauf hinaus, daß die Absichten und Wünsche närrisch enttäuscht werden, um sich zu guter Letzt vom blinden Zufall annehmbar entschädigen zu lassen. So eachtet sich in diesem Neppschwank ein nach Ruhe begehrender Professor«ine Jagd und er findet draußen als Jagdgcfährtcn einen mausstehlich schwatzenden Hofbäcker samt lärmendem Änbang, dessen unerschütterliche Dickfelligkeit und erwachsene Rübenhaftigkeit nun por allem berufen ist, das Stück auf drei Akte zn bringen. Vergebens müht der Professor sich ab, den unbequemen Pachtgcnopen oSzuwerden; aber Wenns mit der gesuchten Ruhe nichts werden oll, so begegnet er doch der üblichen adligen Witwe, mit der er sich im dritten Akte verlobt. In saftlos krankhafter Macke zieht das Spiel pechvogeliger Reinfälle und gegenseitigen Hineinlegen� vor- iber. Dürr und ungenutzt verging selbst die einzige Szene, in der ein immerhin sinnvoller, freilich entlehnter Scherz steckte: der Augenblick, wo der Bock, den der Professor sich zutreibe» läßt, gemächlich und unversehrt im Hintergrunde vorüberschreiten kann, vekl der Jäger im Vordergründe inzwischen ins Kußgelände ab- zeirrt ist. Die Personen des Stückes sind von abgeklatschter Leere ind eS gelang auch keinem Spieler, mehr zu geben, als ihm zugeteilt war, weder Heinrich S ch r o d t, der den Professor gab, noch Franz Arnold, der den Hofbäcker Strösemann berlinerte, noch Julie Zerda, die für die angeblich märkische Freiherrin eingesetzt war. Freie Volksbühne: Der lebende Leichnam von Tolstoi. Im Deutschen Theater wurde gestern den Mitglie- xrn der Freien Volksbühne das Drama Tolstois, das abge- 'chlossen in seinem Nachlaß ruhte, geboten. Aus der krampfenden Not um Wahrheit gegen sich selbst und gegen jedermann gingen >ie Szenen dieses merkwürdigen Werkes hervor. Willst du dieser Wahrheit gemäß leben, so wächst ein unerbittlicher Feind vor dir .'mpoc: die Gesellschaft. Ihr Institutionen schützen die Lüge. Du wüßt verschwinden wie ein Toter, wenn du vor dir selber rein be- 'krhen willst. Es gibt noch einen zweiten Weg, sein Bestes zu sichern, wenn du nicht fähig bist, dich in den Organismus der Gesell- schast als ein mitlaufendes Rädchen einzufügen: Lehne dich auf als ein Rebell! Aber diese Kraft fehlt dem Fedja, den Tolstoi in die Mitte seines Dramas stellt. Fedja gehört zu den Widerstandslosen, für die nur der eine Weg bleibt, verzichtend unterzutauchen in den avgeschlvemmteu Ab- schäum der Deklassierten. Er ist ein Ucberflüssiger der Gesellschaft und er fühlt, daß er es ist. Rur einer Tat ist er fähig: sich von ihr zu trennen, und diese Tat, die ihn befreit von dem Betrüge, den ■r an seinem Weide übt, vollführt er. Die Kraft dazu quillt ihm, per ein lastergeschlagener Schwächling des Lebens ist, aus dem Znnersten seines Wesens, das die Lüge nicht erträgt. Er sinkt in üe Verkommenheit des Trinkers, aber in Lumpen loächst seine Ge- kalt der Gesellschaft gegenüber empor. Werner K r a u ß hatte diesen Träger Tolstoischen Denkens und Richtens, Leidens und Wollens in der gestrigen Aufführu ng zu verkörpern. Es ist mehr in der Gestalt, als der Künstler geben konnte. Es blieb viel Unausgesprochenes an innerer Oual hinter den erstarrt-bcrstörten Mienen. Mächtiger, feiner, beseelter müßte durch die äußere Hülle, die von der Schwäche dieses Menschen zeugt, hervordringen, was seine tatfähige Kraft ausmacht. Aber das soll ficht heißen, daß die Aufführung dem Dichter unwürdig gedient ätte. Sie hatte stark ergreisende Szenen. Vor allem Cornelie ü e b ü h r s Gattin Fedja war ein tief durchfühltes, nachwirkend gezeichnetes Frauenbild. Die Schenkkeller-Szeue machte die Tage lebendig, in denen Reinhardt die Ausführung von Goriis„Nacht- ashl" zu einem Ereignis deutschen Thcaterschaffens werden ließ. Srä. Klei n e S Theater: Drei Einakter von Hans Müller. Das Publikum nahm des Wiener Autors Plaudereien, sie, sonst recht anspruchslos, an die Gutgläubigkeit der Hörer um so stärkere Anforderungen stellten, freundlich auf. DaS erste Stück- hen,»Gesinnun g", der Intention nach wohl eine Satire auf ie Schlamperei und Streberei österreichischer Ministerkreise, war ugeachtet des gewiß dankbaren Stoffes leider recht mißraten. Der dlige Herr Abgeordnete, der seine Berufung ins Ministerium erartet und meint, die Regierung werde der tschechischen Position genüber jetzt wieder mal ideutsch-nationale Trümpfe ausspielen, bt seiner böhmischen Maitressc, der berühmten Diva, aus diesem runde nicht etwa nur den Laufpaß— er möchte sie auch gleich erheiraten! Noch ein gut Teil unmöglicher, als die Pojsenszene, ; der er einen schüchternen Kollegen nach dieser Richtung hin be- weitet, ist die Pointe. Vom Ministerpräsidenten bedeutet, der find sei umgesprungen, man werde eine Politik der Kompromisse wziehen, proklamiert der Kandidat, zum Zeichen, wie sehr er selbst :r friedliche Verständigung der Nationen sei, seine Verlobung mit r Böhmin. Aber die Dame hat unterdessen an dem Trottel von ollegen Geschmack gefunden, und dieser trägt das Portefeuille mit- >mt der Braut'davon. Nicht einmal eine flüchtige Schwank- irkung— von der Satire ganz zu jchtveigcn sprang dabei eraus. Auch in der Lebensretterkomödie„Das Höchste", in der mnch hübscher Einfall anklingt, störte die skrupellos gepflegte .'ebertreibung. Die gerührte Begeisterung des Retters über seinen welmut und der Aerger des aus der Donau von ihm heraus- esischten Fräuleins, einer Mcisterschwimmerin, die durch die uner- fiene Hilfsaktion um den Schwimmerpreis gebracht wird, schloß ch in der Idee zn fein ironischem Kontrast zusammen. Der Aus- ührung aber schlten Lebensreiz und spielende Ananut. Der junge Rann, den man in seiner Güte licbgeivinncn, für den man minde- iens ein physiologisches Interesse haben soll, verharrt im Zustand programmatischer Puppenhaftigkeit. Aus Verzweiflung, daß er licht genügend Gelegenheit gefunden, den angeborenen Drang der Ulfsbereitschaft zu betätigen, soll er Selbstmord geplant haben! lud was dergleichen paradoxe Mätzchen mehr sind! Für die Ver- fichtung seiner Retterillufion entschädigt ihn die Aussicht auf das -tandcsamt. Die Donaunixe hat einen Haufen von Verwandten, m denen sein« Hilfsleidenschaft sich hinreichend sättigen kann. Den Abschluß bildete ein Spielchen, das ganz ergötzlich das "Heina vom betrogenen und unentwegt treugläubigen Liebhaber ariiert:„Die Garage". Ter in die schöne Ninon vernarrte ebemann, dem der Geliebten Freund, ein Koinödienschreiber, als lnhalt seines neuesten Lustspiels wortwörtiich die Geschichte vor- ragt, wie er und Ninon ihn geprellt, merkt keine Anzüglichkeit, :nd als ein anderer ihm ein Licht darüber aufsteckt, genügen ein aar durchsichtige Flunkereien des Dämchens, um seine Schwärme- ei von neuem zu entzünden. Die Darstellung war gut, hervor- agend Herr Gustav Waldau in den Figuren des gutmütig Geprellten und des Lebensretters. ät. Hm Groß-ßcrlin. Vom Wahltag. Das Wahlgeschäft am gestrigen Sonntag wickelte siich recht ?latt ab. Punkt 10 Uhr eröffneten die Wcchlvorsteher den Wahlakt. An den Nebentischen hatten die Blockführer ihre Verantwortlickier Redakteur: Huas Weber, Berlin. Für den Plätze eingenommen, während vor den Wahllokalen die Zettel- Verteiler den Namen des zu wählenden Kandidaten den Wäh- lern zuriefen. Die bürgerlichen Parteien traten mit beson- derer Anstrengung iin 26., 37., 38. und 41 Bezirk auf den Plan. Auf großen Plakaten, die vor den Wahllokalen ausge- hängt waren oder von den Zettelverteilern getragen wurden, präsentierte sich in Riesenlettern diese Anpreisung. Im 38. Bezirk hatte man den Einsall gehabt, es mit einer doppel- seitigen Wahlreklame zu versuchen. Tie Plakate der Zettel- Verteiler zeigten aus der einen Seite ein Unschuldweiß mit der Anpreisung des Herrn Biiterhos als bürgerlichen Kan- didaten. die andere Seite aber trug auf„staatsgesäbrlickzem" Rot nichts als die Mahnung:„Wählt Bitterhofs!" Geschleppt wurde voir den Freisinnigen mit einem Eifer, der Wicht mehr zu überbieten war. Uni den Wahlfaulen den Weg zum Wahl- lokal möglichst zu erleichtern, holte man sie in Automobilen heran. Der Freisinn„hats ja dazu". In Moabit liefen sogar „fromme Schwesrern" von Haus zu Haus, um die Säumigen an ihre Wahlpflicht zu mahnen. Handlungsgehilfen waren von ihren„Prinzipalen" als Schlepper hergeliehen worden. Im 26. Bezirk benutzten die Freisinnigen einen 13jährigen Schneiderlehrling zn Boiendiensien, die er den ganzen Tag hindurch ohne Ruhepause leisten mußte. In den Wahllokalen ging das Wahlgeschäft schleppend vonsiatten. Bit Mittag hatten viele Wähler ihre Pflicht erfüllt, aber es mußten trotzdem manche geschleppt werden, di« ohne Aufforderung hätten kommen sollen. Auch Abweisungen von Wähleni sind zu melden. Es wurden eine Anzahl Wähler deshalb abgewiesen, weil ihr Vorname nicht richtig in der Liste stand. Es gab aber auch verständige Wahlvorsteher, die diese Leute zur Wahl zuließen, weil ein Zweifel an der Person des Wählers nicht bestand. Ein Fall ist uns gemeldet wor- den. nach dem ein Wähler nicht in der Liste stand, obwohl er vom Magistrat eine Zuschrift vorwies, nach welcher er in der Liste nachgetragen sei. Es liegt hier eine sträfliche Bummelei der Wahlbureaus vor. In den einzelnen Wahlbureaus, Zentralbureaus wie in den Schlepplokalen waren unsere Genossen in der an- erkennenswertesten Weise auf dem Posten, um das Ergebnis der Wahl zu einem recht günstigen für unsere Partei zu ge- stalten. Und als um 6 Uhr das Resultat zusammengestellt wurde, war die Meinung allseitig: Das nächste Mal müssen wir»och mehr tun, um unseren Gegnern weiteres Terrain abzuzwingen. * Wenn die Fromme» wählen. Während bei der Stadtverordnetenwahl alles in größter Ruhe sich abwickelte, konnte man bei der Kirchenwahl d e r E l i a s g e m e i n d e in der Seneselderstraße beobachten, daß sich die gegnerischen Briider in Christo wiederholt in den Haaren lagen. Eine regelrechte Prügelei zwischen Positiven und Liberalen konnte nur durch das Dazwischentreten eines unserer Genossen verhindert werden, der die Kampfhähue»in- dringlich darauf hinwies, daß sie doch„christliche" Bruder seien._ Durch Arbeitslosigkeit in den Tod getrieben. Selbstmord verübt hat gestern der 19 Jahre alte Mechaniker August W.. der bei seinen Eltern Gottschedftraße 37 wohnte. W. war seit längerer Zeit ohne Beschäftigung. Vergeblich bemuhte er sich, wieder Arbeit zu bekommen. Hierüber verzweifelt, beschloß er, sich das Leben zu nehmen. Gestern schrieb er an seine Braut einen rührenden Zlbschiedsbrief, ging dann nach dem Boden hinauf und erhängte sich an einem Wäschebalken. Als die Eltern später den Sohn vermißten und das ganze Haus nach ihm absuchten, fanden sie ihn zu ihrem Entsetzen erhängt auf. Selbstmord zweier„freunde". AuS der Weinstraße wird berichtet, daß im Hause Nr. 27 zwei Männer tot aufgefunden wurden, die freiwillig in den Tod ge- gangen sind. Es handelt sich um den Hausdiener Paul Schramm und einen 37 Jahre alten Apotheker August Ulrich, denen nachgesagt wird, daß sie in einem eigenartigen Freundesverhältnis gestanden haben. Als man die beiden auffand, waren sie elegant gekleidet; der Apotheker hatte über seinem Anzug jedoch seinen Laboratoriums- mantel. Er lag vor dem Fenster auf dem Fußboden, der HauS- diener auf dem Bett. Auf dem Tisch standen Bilder von Ange- hörigen der beiden. Sic waren mit Flor umgeben. Außerdem war der Tisch mit vielen Blumen geschmückt. Zahlreiche Briefe, zum Teil von dem Apotheker, zum Teil von dem Hausdiener, die man vorfand, wurden von der Polizei beschlagnahmt. Ihr Tod ist durch den Genuß von Zyankali erfolgt. Außerdem fand man noch eine Flasche mit Chloroform und eine Schachtel mit Verona!. Der Grund des Doppelselbstmordes ist nicht ganz geklärt. Man nimmt jedoch an, daß der schwer leidende Apotheker seinen„Freund" überredet hat, mit ihm gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Ueberfahrene Geschwister. Ein aufregender Unglücksfall ereignete sich gestern in der Eisen- bahnstraße. Zwei kleine Mädchen, Geschwister, waren im Begriff, Hand in Hand gehend, den Fahrdamm zu überschreiten, als ein Droschkenautomobil angefahren kam. Die Mädchen wollten dem Wagen ausweichen, wurden nun aber verwirrt und rannten infolge- dessen vor den Kraftwagen. Ehe der Führer anzuhalten vermochte, waren die Kinder vom Kühler umgestoßen worden. Sie wurden eine Strecke mitgeschlcift und erlitten an den Beinen und Armen sowie im Gesicht teilweise erhebliche Verletzungen sowie Hautab- schürsungen. Von einem Arzt in der Nachbarsch«, st erhielten die Kinder Notverbände. Ans der Stadt der Intelligenz. Um einen Unstern von seinem Haupte zu verscheuchen, hat ein junges Mädchen wieder einmal einer wahrsagenden Zigeunerin ihre Ersparnisse geopfert. Die Wahrsagerin deutete zwei Hans- niäochen einer Herrschaft in der Markgrafenstraße für 3,5l> M. die Zukunft, als gerade auch die Erzieherin der Kinder dazu kam. Sie machte sich erst noch über die beiden Mädchen lustig, wurde dann aber sehr bedenklich, als ihr die Zigeunerin scheinbar erschrocken ins Gesicht sagte, daß ein großer Unstern über ihrem Haupte schwebe. Es dauerte nicht lange, da glaubte auch sie an die Wahr- sagerin, die eifrig auf sie einsprach, und erklärte sich bereit, sich den Unstern von der kundigen Frau verscheuchen zu lassen. Kosten sollte das Mittel nichts. Nur mußte, das gehörte zum Erfolg, die Erzieherin ihr Geld von der Zigeunerin in eine Schürze stecken lassen. Darin sollte es verschnürt werden und bis zur Wiederkehr der Zigeunerin in der Kommode liegen bleiben. Die junge Dame paßte genau auf, wie das Weib ein Geldstück nach dem anderen in die Schürze hineinsteckte. Trotzdem war die Schürze bis aus einige Pfennige leer, als sie sie nach vergeblichem Warten aus die Rück- kehr der Zigeunerin, endlich öffnete. Das Weib hatte durch LnieralemeU verantw.: Ty.Gtockr.Berftn. Druck a. Verlag. Vorwärt»' Taschenspielerkünste die Münzen in seine eigens Tasche verschwind« lassen, ohne daß die Erzieherin etwas merkte. Die Dummen werden eben nicht alle. Tie Verzweiflungstat eines junge» Mädchens rief gester» nachmittag an, Langcnsee Aufsehen hervor. Am Rande der Müggel» berglHerregte eine Ausflüglerin dadurch die Aufmerksamkeit der Spaziergänger, indem sie fortwäbrcnd hin und her rannte. Plötz- lich eilte sie behende ans User heran und stürzte sich mit einem erschütternden Aufschrei in die Fluten des Sees. Sobald als mög- lich unternahm man Rettungsversuche, die aber erfolglos blieben. Die Selbstmörderin war bereits in der Tiefe verschwunden und ertrunken. Es handelte sich um ein etwa ILjähriges Mädchen, das mit einem Zuge aus Berlin in Friedrichshagen eingetroffen war. /Jus aller Gleit. Zurückgepfiffen. Gelegentlich des Völkerschlachtrummels brachte die liberal schillernde„Eberswaldcr Zeitung" ein Inserat, in dem zum Be- such einer von unseren Genossen arrangierten Massenversamm- lung zun, 18. Oktober aufgefordert wurde. Das ging den EberS- ivalder Patrioten um so mehr gegen den Strich, als unsere Ver- sampilung sich tatsächlich eines Massenbesuches erfreute, während diverse patriotische Feiern eine recht mangelhafte Beteiligung hatten. Als Sündenbock klagten die nationalen Macher die harmlose„Eberswalder Zeitung" an. Hatte sie doch durch Aufnahme des Versammlungsinserais der Sozialdemokratie Vorschub geleistet. Die Patrioten nahmen untereinander Fühlung — Terrorismus ist ihnen fremd— und ließen u. a. von den wehrlosen Arbeitern der Eisenbahn Werkstätten folgenden Fehde- bries unterschreiben: Eberswalde, den 20. Oktober 13. An die Redaktion der Eberswaldcr Zeitung h i e r s e l b st. Unter Bezugnahme auf das Inserat des hiesigen sozialdemo- kratischen WalilvereinS in Nr.... Ihrer Zeitung eröffnen Ihnen die Unterzeichneten folgendes: Es hat uns in unserem nationalen Empfinden aufS tiefste verletzt, daß Sie Ihrerseits dazu beigetragen haben. die uns allen teuren Erinnerungen an die Errungenschaften unserer Väter vor hundert Jahren herabzusetzen und zu ver-unglimpfcn. Denn nichts anderes ist es, wenn Sie zum Jubiläum der Völkerschlacht von Leipzig ein Inserat in die Spalten Ihrer Zeitung aufnehmen, das die Männer und Frauen unseres Ortes auffordert, in Massen herbeizueilen, um gegen den gekünstelten und widerwärtigen Patriotismus Stellung zu nehmen, wie er in diesen Gedächtnisfeiern zum Ausdruck kommt. Wir erachten solche Publikationen(auch im Annoncenteil) für eine Rücksichtslosigkeit gegen alle diejenigen Ihrer Leser, die sich politisch nicht zur Sozialdemokratie bekennen. und indem wir hierdurch ent schieden st e Verwah- r u n g dagegen einlegen, sprechen wir die bestimmte Erirnirtung auö, daß Sie künftig derartige, weite Kreise unserer Bürger- schast verletzende Veröffentlichungen unterlassen; wir müßten sonst annehmen, daß Sic auf das Urteil und Interesse Ihrer national gerichteten Leser. schast keinen Wert mehr legen. Mit diesem Ukas erschienen dann drei Oberpatriotcn in der Redccktion und setzten alles in Aufregung. Vom„Leitenden" bis zum jüngsten Setzerstift war man in tausend Aengsten. An, nach- sten Tage prangte daher im„liberalen" Blatte folgende demütige Abbitte: In Nr. 243 dieses Blattes ist eine Anzeige erschienen, welche für alle, die den nationalen Festtag der Völkerschlacht freudigen Herzens gefeiert haben, verletzend war. Wir erklären, daß dies infolge eines bedauerlichen Versehens unserer Jnseratenannahmestclle geschehen ist, und daß es nach wie vor unser Grundsatz bleibt, auch in den Anzeigenteil unserer Zeitung nichts aufzunehmen, was unsere Leser und Mitbürger beleidigen und in ihren berechtigten Empfindungen beeinträchtigen könnte. Eberswaldcr Zeitung. Mut zeigt auch der Mameluk; Gehorsam ist des Christen Schmuck. Hoch klingt das Lied vom braven Mann. Große Männer soll man preisen und darum auch ihm— nämlich dem Oberpostschafsner Schmidt aus Briefen in Westpreußen— die wohlverdient« Ehrung! Er hält den Rekord als kinderreich st er Vater. Dieser Tage meldete er die Geburt seines dreißigsten Kindes, eines Knaben, an. Trotz Moses und Propheten.... Spiel unä Sport. Fustbnllresultate. R. B. C. gegen Fichte 4, 2. Jugend 5:2 für R. B. C.— Fichte 18 gegen Eiche, Tegel, l. Jugend 1:0 für Fichte 18.— Freie Turner- schast Jung-Stralau�2. Mannsch. gegen Rüstig-Vorwärts 9:3 für Stralau.— Jung-Stralau, 1. Jugend gegen Sport-Vereinigung Adlershof 12:2 für Stralau.— Lichtenberg gegen Germania. Weißensee 1. Mannsch. 2:1 für Weißensce.— Lichtenberg, 1. Jugend gegen Friedrichsselde 2. Jugend 2:1 für Lichtenberg.— Freie Turnerschaft Schönholz gegen Weißensee 1. Jugend 3:0 für Schön- holz.— Fichte 11, 2. Mannsch. gegen Tempelhof-Dlariendors 3:0 für Fichte 11.— Fichte 5, 1. Mannsch. gegen Fichte 16 4:1 für Fichte 16.— Fichte 18 gegen Charlottenburg 2:1 für Fichte 18.— Fichte 3 gegen Weißensee 9:1 für Weißensee.— Fichte 4, 1. Mannschaft gegen Bernau 19:1 für Fichte 4.— Fichte 4, 1. Jugend gegen Reinickendorfer Freie Turnerschaft 7:0 für Fichte 4.— Jugendsport-Pankow gegen Sportvereinigung Weißensee 3:1 für Pankow.— Fichte 10, 1. Mannsch. gegen Fichte 7 6:1 für Fichte 10. — Fichte 12, 2. Mannsch. gegen Charlottenburg 17:2 für Fichte 12. — Fichte 12, 3. Mannsch. gegen Ficht« 16, 2. Mannsch. 3:0 für\ Fichte 16.— Freie Sportvereinigung 1. Jugend gegen Friedrichs- feldc 8:3. Sperber, 2. Mannsch. gegen Weißensee Freie Turner- schast 3:2 für Sperber.— Reinickendorfer Freie Turnerschaft gegen .Merkur 4:2 für Merkur; gegen Liberia 1. Jugend 3:2 für Reinicken- dorf.— Liberia, 2. Mannsch. gegen Weißensee 1:1.— Fichte 11 gegen Aleinania-Friedrichshagen 8:4 für Alemania s Fichte 1l hat abgebrochen).— Fichte 12, 1. Mannsch. gegen Charlottcnburg 3:2 für Charlottenburg.— Fichte 8, 2. Mannsch. gegen Charlottenburg, 3. Mannsch. 2:1 für Fichte 8.— Schöncbcrg gegen V. S. B. Friedrichsbagcn 1. Mannsch. 3:2 für Schöneberg; 1. Jugend gegen Fichte 10 1. Jugend 1:0 für Schöneberg.— Stralauer Ballspielklub gegen Friedrichsselde 1. Mannsch. 7:3 für Friedrichsfelde.— Liberia gegen Viktoria 3:2 für Liberia.— Hertha 2. Mannsch. gegen Borussia 2. Mannsch. 18:0 für Hertha.— Sperber 1. Mannsch. gegen Adlershof 13:1 für Sperber.— Fichte 11, 2. Mannsch. gegen Tempelhof-Mariendorf 3:0 für Fichte 11.— Fichte 5, 1. Mannsch. gegen Fichte 16 4:1 für Fichte 16.— Fichte 8 gegen Charlottenburg 2:1 für Fichte 8.— Fichte 3 gegen Weißensee 9:1 für Weißensee. — Fichte 4 gegen Bernau 19:1 für Fichte 4.— Spiel u. Sport» Weißensee 1. Jugend gegen Fichte 3, 1. Jugend 3:0 für Weißen- see.— Wilmersdorf, 1. Mannsch. gegen Laukwitzer Sportklub 2:3 für Wilmersdorf.— Johannisthaler Ballspielklub 2. Mannsch. gegen Oberspree 2. Mannsch. 8:0 für Johannisthal._ "ZsfilchSruikere,«. Berlagsaninfit Paul Singer«.Co., Berlw SVL