Ur. 809. C 5 Pfennig) M0NtltgSltUSgltbe Pfennig) nbonnementS'Bcdingungtn: IlbonnemenlS• jSrciä prönmnerimdo: Lierleljährl. 3,30 Mk, monatL 1,10 äRf., wöchenllich 28 Pfg. frei inä Laus. Einzelne Nummer 5 Pig, Tomiiag?. nununer mit illustrierter Sonntags- Beilage»Die Neue Well' 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Mari pro Monat, Eingetragen in die Post-ZeiNingS. Breislilte, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2,60 Mari, für daZ übrige Ausland <1 Mari pro Monat. PoftadonncmentS nehmen an Belgien. DSnemarl. Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Ruminien, Schweden und die Schweiz, crtchelil«gilt». 30. Jahrg. DK TnfertlonS'Gebülfr betrZgt für die fechsgefpallene Kolonel- zeile oder deren Raum 80 Pfg,. für politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlnungs-Anzeigen SO Pfg. „Kleine Anreisen', das tettgedruckte Wort 20 Pfg. lzulässtg 2 seugedrulite Worte!, jedes watcre Wort 10 Pfg. 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Der Kreisdirektor von Zabern sei für die milde Tonart angesichts der demonstrierenden Be- völkerung, der Oberst des 99. Regiments für die blauen Bohnen gewesen, der Statthalter habe dann dem Per- waltungsbeamten, der Kommandierende des 18. Armee« korps dem Regimentskommandeur Recht gegeben, und schließ- lich sei der schneidige Herr v. Deimling nach Berlin ge- fahren und habe hier an„maßgebender Stelle" Sukkurs für seine Auffassung der Tinge erhalten. Aber wie dem auch sein mag, der Sieg des Militärs auf der ganzen Linie steht fest. Ter Oberst v. Reutter bleibt, der Leutnant v. F 0 r st n e r bleibt, der Sergeant, dessen Name H ö f l i cb bei so seltsamem Widerspruch zu seinem Gebühren steht, bleibt auch. Wer nicht bleibt, sind dagegen die elsässischen Rekruten des 99. Regi- ments, die man von Zabern bereits nach anderen Garnisonen geschickt hat. Tort werden sie wahrhaftig nichts zu lachen haben, sondern man wird es den„W a ck e s" schon, ganz im Rahmen des legalen Dienstbetriebes, eintränken, daß sie die Beleidigungen des Jünglings mit Portep6e und Epaulettes nicht ruhig heruntergewürgt, sondern an die große Glocke ge- hängt haben. Die elsässischen und lothringischen Bezirkstage haben sich bereits gegen die Zaberner Ausschreitungen gewendet: der elsaß-lothringische Landtag wird das gleiche tun, und ebenso der Reichstag— tut alles nichts, Herr v. Deimling bleibt Triumphator, und Herr v. Forstner wird weiter, den Zaberner Bürgern zum Aergernis, durch die Straßen seiner Garnison stolzieren. Was liegt auch an den Bürgern! Bürger siwd im besten Fall das Material, aus dem man Soldaten schnitzt, Bürger müssen den Unterhalt des Soldaten bestreiten, denn langsamer Schritt, Parademarsch und Präsentiergriff sind keine produktiven Tätigkeiten— aber im übrigen haben Bürger das Maul zu halten. Das ist der Standpunkt, den mit besonders erfrischender Offenherzigkeit ein Generalmajor z. T. v. D i t f u r t h in der „Deutschen Tageszeitung" vertritt. Ein militärischer Mit- arbeiter des„Berliner Tageblatts" hatte auf die leichte Mög- lichkeit hingewiesen, den Zaberner Fall durch Versetzung des Leutnants und durch ein paar beruhigende Worte der Militär- behörde gütlich beizulegen. Tagegen tobt der große Stratege des Agrarierblattes in einer Art und Weise, als käme er gerade von reichlichem Frühstück aus dem Kasino. Er nimmt den famosen Herrn v. Forstner in schütz als seinen lieben Sohn, an dem er Wohlgefallen hat: Was er seinen Rekruten gelehrt, war offenbar richtig und einwandfrei; wenn er sich dabei wirklich im Aus- druck vergriffen und in dem Bestreben, seine Unterweisung recht eindringlich zu gestalten, etwas über das Ziel hinausgeschossen haben sollte, so mag er darüber von seinem Kompagniechef oder Kommandeur belehrt werden. Niemand sanst geht die Sache etwas an. Ein Unglück war es jedenfalls nicht, und er st recht kein Verbrechen. Gott bewahre uns davor, daß schon unsere jungen Leutnants gezwungen werden, im dienstlichen Verkehr mit ihren Untergebenen jedes Wort peinlich auf die Goldwage zu legen und ängstliche Rücksicht darauf zu nehmen, daß es etwa in der Oeffentlichkeit bekannt, mißverstanden, mißdeutet und miß» billigt werden könnte! Wir haben der Leisetreter und Angstmeier schon mebr als zuviel. Im Heere wenigstens wollen wir ihnen keine Stätte bereitet wissen. Ei» etwa» allzu schneidig mit Zehnmark-Vclohnungen protzender Leutnant ist unter allen Umständen noch eine sehr viel stznipathischcrc Er- schcinung, als ein im„Berliner Tagcblatt" schriststcllcrnder Sanftmut und Nachgiebigkeit predigender Major a. D. Da? ist so ziemlich der Gipfel! Aber mit dem zur Dispo- sition gestellten alten Herrn, der sich derart räuspert und spuckt, mag man nicht allzu streng ins Gericht gehen. Er weiß es ja nicht besser, und wenn nicht der preußische MilitariS- mus seinen verklärenden Schein über ihn würfe, wenn man ihm'eine breiten roten Hofcnftreifen, seinen Federbusch und seine Goldstickereien ani Kragen raubte, dann wäre er ein trüber Irgendwer, von dem niemand Notiz nimmt, denn es wird nirgends als ein kulturelles Verdienst gewertet, dreißig Jahre lang Soldaten, erst einen Zug. dann eine Kompagnie. dann ein Bataillon, dann ein Regiment und vielleicht schließ- lich gar eine Brigade, auf dem Exerzierplatz hin- und her- kommandiert zu haben. Darum mag man es dem alten Herrn Milde nachsehen wenn er sich in die wattierte Heldenbrust >virft und aus das Zivilistenpack hustet. Aber bedenklich ist. daß dieser alte Herr sich nur als «lnSprachrobrdesganzenSy st emsdarstellt. So denken sie alle die Träger des bunten Tuchs, daß der Zivilist sich chre Angelegenheiten hineinzumischen habe, angefangen vom jüngsten Kadettchen, das sich freut, später auf die Roten losknallen zu können, über den Fähn- rich— dessen Stellung von einem Simplizissimuswitz treffend charakterisiert wird:„Der Lehmann ist Fähnrich geworden und sein Vater lief noch als Landgerichtsdirektor rum!"— bis zu des Kriegsministers Exzellenz, die sich gegen jede Paria- mentarische Kritik hinter die unantastbare Kommandogewalt des Kaisers verschanzt. Zivilisten geht die ganze Sache nichts an! Dieser souveräne Uebermut des Militärs ist ein Erbteil der unglückseligen EntWickelung Preußens und Deutschlands. Als eine Militärkolonie gegen die Slawen wurde Brandenburg gegründet, als Militärinacht wuchs Preußen durch Raub und Eroberung heran, mil roher Militärgewalt wurde die einzige bürgerliche Revolution 1819 niedergeschlagen, und eine mili- tärische Aktion einigte schließlich 1866 und 1879 Teutschland unter einer Pickelha.che. Deshalb ist das Militär der erste Stand im Staate, deshalb„des Königs Rock" das vornehmste Gewand, deshalb zeigt sich der preußische König und deutsche Kaiser nie in Zivil, sondern stets in Uniform: Und wie der Herr, so's Geschcrr! Bismarck, dessen Intelligenz immer- hin über die eines simplen Reitergenerals hinausragte, er- schien stets pallaschklirrend im Koller eines Kürassiergcnerals im Reichstag, B ü l 0 w zwängte sich bei festlichen Gelegen- heiten in eine zigeunerhaft verschnürte Husarenjackc und wenn Bethmann Hollweg etwas vorstellen will, so maskiert er sich als Dragonerosfizicr. Erkürt Wilhelm II. einen Minister, der es zufällig nicht zum Reserveleutnant ge- bracht hat, so wird das Versäumnis schleunigst nachgeholt, denn ein preußischer Staatsminister, der im Militärverhält- ins vielleicht Vizefeldwebel der Landwehr ist— undenkbar! Äll das sind gewiß nur Aeußerlichkeiten. aber sie weisen aus den Kern der Sache hin: daß wir nämlich, weit entfernt von einem konstitutionellen Staat, schlecht und recht in einer Mili- kärmonarchie und unter einer.Militärhierarchic leben, in der der. Soldat, versiebt sich mit Epauletten oder Tresten, alles, der Bürger, versteht sich ohne das d. R. oder d. L. aus der Visitenkarte, nichts ist. In Elsaß-Lothringen, wo man auf eroberter Scholle steht, kommt der souveräne Uebermut des souveränen Militärs doppelt und dreifach unterstrichen zum Ausdruck. An allen Orten tritt es da provozierend aus. Wer jetzt an einem �onntag Metz besucht, glaubt eine Stadt im Belagerungs- zustand vor sich zu sehen. Am Bahnhof Militärpatrouillen, m den Straßen verstärkte Mililärpatrouillen. alle das ge- ladene Gewehr umgehängt, die führenden Feldwebel den ge- ladcnen Revolver umgeschnallt, die Wirtshauspatrouillen mit der Schußwaffe ausgerüstet— und all das wegen einer Harm- losen Prügelei zwischen einem Unteroffizier und jungen Burschen, wie sie überall in der Welt vorkommt. Auch dieses Austreten der Soldateska muß aus die einheimische Bcvölke- rung ähnlich wirken wie die Zaberner Vorgänge, und hält man so eins ans andere, so kommt ein Böswilliger fast auf die Vermutung, es handele sich um bewußte Provokalionen zu dem Zweck, die Elsaß-Lothringcr zu Unbesonnenheiten zu treiben und�dann wieder die Militärdiktatur im Lande aus- nirichteu. Schon einmal, als vor fünfundzwanzig Jahren von Berlin aus die Wiederemfuhning des Paßzwanges in Eliaß- Lothringen gebieterisch geheischt wurde, tauchten solche Ver- mutungen auf: Es scheint, daß man j» Berlin 10 viele dexatorische i'c a ß r e g c 1 11 verlangt, damit die Bewohner von Elsaß- Lothringen zur Verzweiflung gebracht und zu Aufständen ge- trieben werden, damit man dann sagen kann, das Zivil- regiment tauge nicht», man müsse den Be- lagerungszustand erklären. Dann geht die Gewalt aus den kommandierenden General über, der Statt- Halter muß abtreten, und dann wird der General wieder ganz mild, und der Statthalter wird ausgelacht, daß er darauf herein- gefallen ist. Ter solches am 8. Mai 1888 niederschrieb, war allerdings kein Böswilliger, weder ein elsäsfischer Nationalist, noch ein internationaler Sozialdemokrat, sondern der damalige Statt- Halter von Elsaß-Lothringen und spätere Kanzler des Deut- scheu Reichs, Für st Chlodwig zu Hohenlohe- Schillingsfurst! Ale lo» das enden?! Der von der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" veröffent- lichte EtatScntwurf für das Jahr 1gl4 wird sich erst dann in seiner vollen Schönheit skclcttieren lassen, wenn der Etat selbst vorliegt. Erst dann wird sich auch durch eine genaue Berechnung ermittelt lassen, um wievi.l allein die Mi'itärausgaben d s Deutsch, n Reiches die gesamten wirklick?en Einnahmen des Reiches übersteigen. Einst- weilen liegt uns der Bruttoetat vor. der im ordeutlichen Etat mit 3.4 Milliarden balanziert. Wieviel wirkliche Einnahmen darin enthalten sind, bleibt noch festzustellen. Denn erst, ivenn wir im einzelnen sämtliche Betriebsausgaben von den Betriebseinnahmen abziehen können, lernen wir die wirkliche Höhe der Reichscinnahmen kennen. Tann erst wird eS auch möglich sein, sämtliche Aus- gaben für militärische Zwecke zusammenzurechnen und sie den fakti» scheu Reichseinnahmen gegenüberzustellen. Als wir im November 1912 eine solche Gegenüberstellung für den Etat für 1913 vornahmen, ergab sich, daß nur 1821 Millionen wirklicher Reichseinnahmen vorhanden waren, denen eine Ausgabe allein für militärische Zwecke von insgesamt 1861 Millionen gegenüberstand! Ter gesamte Bruttoetat deß ordentlichen Etats ist diesmal um 174 Millionen in Einnahme und Ausgabe niedriger als der Etat des Jahres 1913. DaS kommt im wesentlichen daher, weil diesmal die unter den Einnahmen gebuchten Ueberschüsse aus den Vorjahren um 133 Millionen niedriger sind. Tie Ausgaben des ordentlichen Etats für 1914 sind andererseits um 126 Millionen niedriger, weil die im Jahre 1913 zur Vorausbeschasfung und Be- reitstcllung von Betriebsmitteln für die Militärverwaltung an- gesetzten Beträge in der obigen Höhe in Wegfall gekommen sind. Wenn sich um diese Summe die MilitärcruSgaben diesmal verringert haben, so sind sie auf der anderen Seite durch die kolossalen Ausgaben infolge der Wchrvolage ganz gewaltig angewachsen! Wie wir gestern bereits mitteilten, beziffern sich die militaristi» schen Ausgaben in dem Etatsentwurf für 1914 aus 1836 Millionen Mark. Zu diesen Ausgaben für militärische Zwecke sind aber von den Schuldenzinsen noch mindestens 136 Millionen Mark, ferner die Zuschüsse für die Kolonien in Höhe von 30 Millionen Mark hinzuzurechne». Tie militärischen Ausgaben für das Jahr 1914 erreichen damit bereits eine Höbe von 2936 Millionen Mark. Aber damit sind die Gesamtausgaben iwch lange nicht erschöpf: l Denn auch unter einer Reihe anderer Etatsiitel befindet sick, wie wir in der Nr. 277 des„Vorwärts" vom Jahre 1912 nackiwicsen, noch eine ganze Anzahl weiterer militärischer Ausgaben. In den Vorbemerkungen zum Etat heißt es zwar, daß diesmal, einem Wunsche des Reichstages entsprechend, die bisher in dem Etat des Reichsschatzamts und der Allgemeinen JinanzverwalAing zerstreut angesetzten Ausgaben für Zwecke der LandeZvericidigung nunmehr ausschließlich im Etat der Allgemeinen Finanzvcrwaltun.g gebucht seien; aber auch in anderen Etats,'z. B. in dem des' Reichs- amts des Innern, dem Auswärtigen Amt usw. finden sich noch Ausgaben von beträchtlicher Höhe für militaristische Zwecke. Da aber im Etat für 1913 allein unter dem Titel Allgemeine Finanz- Verwaltung militaristische Ausgaben in Höhe von weit über 199 Millionen gebucht waren und dieser Etatsiitel für da? Jabr 1914 noch um 7,3 Millionen höher angesetzt ist als im Jahre 1913, so dürften auch diesmal die verschiedenen Ausgaben für den Militarismus, die in die Summe von 2939 Millionen Mark nicht ein- begriffen sind, auf mindestens 139 Millionen zu veranschlagen sein. Somit erhielten wir eine vorläufige Endsumme unserer mili- taristischen Ausgaben für das Jähr 1914 von nicht weniger als 2180 Millionen Mark. Daß unter solchen Verhältnissen, bei einer solch ungeheuer- lichen Steigerung unserer Rüstungsausgaben, trotz der annähernd 499 Millionen des Wehrbeitrages, die im Etat für 1914 als Ein- nähme angesetzt sind, die Reichsmittel keineswegs ausreichen, um die Ausgaben zu decken, kann natürlich nicht wundernehmen. Trotz- dem die Ueberschüsse aus den Reichsbctrieben, Zöllen und Steuern nach dem Etaisentwurf für 1914 zirka 38 Millionen mehr bringen sollen als im Jahre 1913, kommt man ohneneuesSchulden- machen nicht aus. Da ist zunächst eine Anleihe von 17,7 Millionen vorgesehen. Aber diese Anleihe würde sich um 69 Millionen erhöhen, wenn dieser zur„Schuldentilgung" angesetzte Betrag wirklich zur Schul- dentilgung verwendet werden würde. Und wenn auch die im Etat für 1914 als Einnahme gebuchten Ueberschüsse au? früheren Jahren um 133 Millionen niedriger sind als im Jahre 1913, so betragen sie immer noch 34 Millionen. Hätten wir also diese Ueberschüsse aus den Jahren 1911 und 1912 nicht zuzubuttern, so erhöhte sich der Anleibebedarf bereits um weitere 34 Millionen. Aber damit nicht genug. Der Wcbrbeitrag von 393 Millionen, der im Etat für 1914 unter den Einiinhincii figuriert, dient ja nicht nur zur Deckung der durch die Wchrvorlage entstandenen ein- m a l i g e n militärischen Mehrausgaben, die nur 269 Millionen betragen; sondern 124 Millionen dieses einmaligen Wehrbeitrages werden auch zur Deckung der fortdauernden Ausgaben ver- wendet. Fallen also künftig die Mittel des WehrbeitrageS fort, so entsteht, da ja die fortdauernden Ausgaben sich nicht vermindern, sondern sich im Gegenteil noch erhöhen, für die nächsten Jahrs ein weiteres kolossales Defizit. Wenn schon der Etat für 1914 nicht ohne rund 18 Millionen Anleihe, 34 Millionen Ueberschüsse aus früheren Jahren und 124 Millionen Deckung fort- dauernder Ausgaben aus de» Mitteln des Wehrbeitrages aus- kommen kann, wenn also in Wirklichkeit ein Tesizii von 196 Mil- lionen vorhanden ist. so kann man sich einen Begriff der küns- t i g e n Finanzentwickelung machen, zumal wenn die Krise sich noch ausbreiten und auf die Reichseinnahmen drücken sollte! So ist also das Endergebnis: Die Militärausgaben find ins Aschgraue gewachsen, sie überflügeln weitaus die wirklichen Reichscinnahmen. und der Schluß ist entweder eine gewaltige Ver- mehrung unserer ohnehin schon so riesigen Reichsschutd oder eine neue„Reichsfinanzreform", die das Volk abermals durch neue schwere Steuerlasten ausplündert! Wird das deutsche Volk, wird die arbeitende Klasse dieser trost« losen Entwickeliing der Tinge auch ferner tatenlos zusehen? poUtifche Geberlicbt Höh« statt Brot. Die„Nordd. Allg. Ztg." komnit in ihrer Ausgabe vom -Sonnabend auch auf die Arbeitslosigkeit und auf die verlangte Arbeitslosenunterstützung zu sprechen. Das Regierungsorgan hat für die große Not unzähliger Arbeiterfamil-en aber nur Worte des Hohnes und Spottes. Das Genter Arbeitslosen- Unterstützungssystem wird von dein Kanzlerblatt mit einer wegwerfenden Handbewegung abgetan. Es meint:„Eine ge- wisse Berechtigung zusprechen könnte nian dem System nur wenn alle Arbeiter und namentlich die ungelernten davon profitierten." Tann höhnt das Blatt: die Gewerkschaften möchten doch ihre ungeheuren Mittel, anstatt sie für Streiks auszugeben, den Arbeitslosen zuwenden. Eine Unterstützung der arbeitslosen Gewerkschaftsmitglieder aus Staats- und Gemeindemitteln sei gleichbedeutend mit der Stärkung des Streikfonds der Gewerkschaften. Uebrigens litten, so be hauptet das Blatt, die kleinen Handwerker noch mehr als die Arbeiter unter dem Niedergang der Konjunktur. Dann heißt es wörtlich: „Soll nicht geleugnet werden, daß eine große Zahl von Arbeitern unverschuldet arbeitslos wird, so läßt sich doch die Frage, wo hier die Grenze liegt, wer schuldlos und wer ver- schuldet arbeitslos geworden ist, außerordentlich schwer ent- scheiden. Die arbeitsscheuen Elemente werden sich naturgemäß in allererster Linie zur Arbeitslosenunterstützung herandrängen und keine ernsthaften Versuche machen, Arbeit zu erhalten. Die Arbeitslosenversicherung kann überdies im Gegensatz zu den übrigen Zweigen der Arbeiterversicherung, bei denen der einzelne Versicherungsfall genau feststellbar ist, nicht auf versicherungS- technischer Basis begründet werden." Vielleicht soll das die Antwort sein, die die Regierung auf die Interpellation im Reichstag hu geben gedenkt. Daß die Regierung für die Arbeltslosen nichts übrig hat, geht auch aus dem Bericht herbor, den der Vorstand des' Deutschen Städtetages über seine jüngste Tagung gibt. Es heißt darin:„Die in großem Umfange von den Städten ver- anstalteten Notstandsarbeiten stellen eine allgemeine Lösung der Arbeitslosenfrage ebensowenig dar wie die jetzt von ver- schiedenen deutschen Städten durchgeführten Versuche, eine städtische Arbeitslosenversicherung einzurichten. Tie Arbeits- losenversicherung ist nur als Reichssache möglich. Auf einen Antrag des Vorstandes vom 25. September 1911, der Bundes- rat wolle ein Gesetz zur Regelung der Arbeitslosenversicherung in den Wettersaisongewerben einbringen, ist leider sei- tens der Reichsregieruilg eine Antwort nicht erteilt worden. Auch Reichs- oder Staats- Zuschüsse zu städtischen Anstalten sind nicht gewährt worden. Ebensowenig ist dem Wunsch? einzelner Städte nach Ermächtigung zur Einführung einer Zwangsversicherung durch die Reichsregierung entsprochen worden." Die Reichsrcgierung darf sich demnach nicht wundern, wenn die Arbeiterschaft stärkere Saiten aufzieht. Ein christlich-sozialer Wahlschwindel. Vor dem Schöffengericht in Dillenburg wurde dieser Tage ein ungeheuerlicher Wahlschwindel aufgedeckt, der von den Leitern des Bundes der Landwirte und der christlich. sozialen Partei im Oberwesterwaldkreis bei der preußischen LandtagSwahl 1908 verübt wurde. Die nationalliberalen Wahlmänner erhielten gefälschte Telegramme, durch die sie von der Teilnahme an der Wahl abgehalten wurden, andere versuchte man telcphonisch von der Wahl zurückzuhalten, einzelnen wurde auch versprochen, sie wür- den im Automobil abgeholt werden und möchten daher nicht mit der Bahn fahren. TaS Automobil kam natürlich nicht, und wer der Aufforderung nachgekommen war, versäumte die Wahl. Gelegentlich der Reichstags-Stichwahl 1912 verriet nun der Schneider August Fehling aus Dillenburg, daß er seinerzeit im Austrage eines Herrn Volland, eines Beamten des Bundes der Landwirte, des Generalsekretärs Rüffer und des Redakteurs Ostehr von der christlich-sozialen Partei den Schwindel gemacht habe. In der Gerichtsverhandlung wurden alle diese Angaben bestätigt. Ein Gastwirt Sturm, in dessen Wirtschaft die Verhandlungen zwischen Fehling und den Anstiftern des Schwindels stattgefunden, sagte auS: „Ostehr, Rüffer und Volland waren am Abend vor der Land- tagSwahl in meiner Wirtschaft zusammen mit Fehling und sprachen darüber, wie man nationalliberale Bahlmänner herüberziehen könne, um die Stimmenmehrheit zu bekommen. Fehling wurde be- auftragt, an einige Wahlmänner zu telephonieren, damit sie von der Wahl abgehalten würden. Es wurde auch darüber verhandelt, Telegramme abzuschicken. Am anderen Tag erzählte mir Fehling, er würde 35 M. für seine Leistung bekommen." Auf die Frage des Verteidigers sagte Sturm weiter aus:„Es kam ausdrücklich zum Ausdruck, daß die Wahlmänner, deren Namen einzeln aufgeführt wurden, von der Wahl abgehalten werden sollten."_ Die Prämiensparkasfe des Bundes der Landwirte ein Fehlschlag. Der Redakteur des Landarbeiterorgans, Genosse Faatz, war wegen Beleidigung eines Vertreters des Bundes der Landwirte, be- gangen durch eine scharfe Kritik der im Frühjahr d. I. gegründeten Prämiensparkasse für Landarbeiter und Gesinde, zu einer Geldstrafe von 50 M. verurteilt worden. Die Berufung gegen dieses Urteil wurde von der Strafkammer in Moabit am Sonnabend verworfen, weil die Ausdrücke„Schwindel der Agrarier",„agrarische Füchse" beleidigend seien.— Bei der Prüfung der Aktivlegitimation des Privatklägers, des früheren Halberftädter Oberbürgermeisters, jetzigen PrämiensparkassenvorstandeS Wadehn, erklärte dieser, daß außer ihm sich Hunderttausende von Mitgliedern des Bundes der Landwirte sich durch die vom„Landarbeiter" an der Sparkasse ge« übten Kritik beleidigt gefühlt hätten. Der Angeklagte erwiderte, daß die angeblich beleidigten Bundesmitglieder offenbar ein Haar in der„Sparkasien"-Suppe gefunden härten: denn sie wären in ihrer großen Mehrzahl bis heute der Kasse ferngeblieben, so daß diese einen völligen Fehlschlag darstelle. Hierauf wußte der klägerische Kassenvorsitzende kein Wort zu erwidern. Er bestätigte damit die in eingeweihten Kreisen bekannte Tatsache der verunglückten agra- rischen Gründung. Die agrarische Steuermogelei wird durch folgende amtliche Bekanntmachung des Vorsitzenden der Einkommensteuer-Veranlagungskommission des st r e n g katholischen und überwiegend agrarischen Kreises Glatz bestätigt: „Die in letzter Zeit zahlreich erfolgten Bestrafungen von Steuerpflichtigen des Kreises Glatz wegen Zuwiderhand. l u n g gegen die Bestimmungen des Einkommensteuergesetzes geben mir Veranlassung, auf die Strafbcstimmungcn des er- wähnten Gesetzes hinzuweisen. Es liegi im Interesse aller Steuerpflichligen, bei der bevorstehenden Abgabe der Steuer- erklärungen möglichst umfassende und genaue Angaben zu machen. da nach einer Entscheidung des Reichsgerichts auch ein Rechts. irrtum nicht vor Strafe schützt. Ich weise noch darauf hin. daß im Wchrbeitragsgesetz die Berhängung einer Freiheits- neben der Geldstrafe vorgesehen ist. In Zweifelsfällen empfehle ich, bei mir anzufragen oder im Steucrburcau Auskunft zu holen." Demnach scheint ja der Kreis Glatz eine recht nette Sorte von Steuerzahlern zu haben. Dafür ist er aber auch patriotisch bis auf die Knochen. Ende des nordfranzösischen Bergarbeiterstreiks? Paris, 23. November.(Privattelegramm des„Bor- wärts".) Die gestrigen Verhandlungen in T o u a i hatten das Ergebnis, daß die Bergbauunternehmer so lange auf die langen Schichten verzichten, bis durch eine Entscheidung des Parlaments die Ueberstundenfrage geregelt worden ist. Die Unternehmer gaben die writere Zusage, daß keine Maßrege- lung von Arbeitern stattfinden soll. Die Vertreter der Ar- beiter sollen diese auffordern, am Montag die Arbeit wieder aufzunehmen. Die Arbeiter beobachteten während des Streiks eine überraschende Disziplin. Türkisch-bulgarische Militärkonvention. Petersburg, 23. November. Ter„Rußkoje Slowo" er- klärt, daß trotz aller Dementis zwischen der Türkei und Bulgarien eine Militärkonvention unterzeichnet worden sei. Aus dem Inhalt dieses Uebereinkommens gibt das Blatt als hauptsächlichste Punkte an: 1. Falls Bulgarien Griechenland den Krieg erklärt, ver- pflichtet sich die Türkei, Bulgarien mit drei Armeekorps zu ' Hilfe zu kommen, die dem bulgarischen Hauptkommando unterstellt werden sollen. 2. Sollten die Verbündeten Griechenlands zu dessen Gunsten intervenieren, so hat die Türkei den Krieg zu er- klären. Dieselbe Verpflichtung besteht für Bulgarien, wenn die Türkei einer der genannten Mächte den Krieg erklärt. 3. Bleibt Bulgarien siegreich, so erhält die Türkei als Belohnung für ihre Hilfe ganz Thrazien bis zum Mestafluß. Studentenkrawalle in Madrid. Madrid, 23. November. Gestern nachmittag gegen 4 Uhr ver- anstalteten die Madrider Studenten einen Umzug. Die Polizei versperrt� ihnen den Weg. Sie wurde jedoch von den in großer Anzahl befindlichen Studierenden bei Seite geschoben, nachdem die Studenten den Kommissar einfach niedergeworfen hatten. Etwas später versuchte die Polizei von neuem, die Studenten aufzuhalten. Ein Agent ging in seinem Eifer so weit, einen der Studenten m,t seinem Stocke zu schlagen. Sofort wurde er erfaßt und von den Studenten weidlich durchgeprügelt. Die Polizei mußte bis zum Schlüsse dem Studentenaufzug ruhig zusehen. Gestern abend gegen 8 Uhr, als die Geschäfte und Fabriken auf dem Puerto del Sol ge- schlössen wurden, versuchten die Studenten von neuem zu mani- fcstieren. Diesmal war ein großes Polizeiaufgebot erschienen und es dauerte nicht lange, so hatte man den Platz von den Temon- stranten gesäubert. Es wurden etwa 20 Studenten verhaftet. Dk Groß-Berliner Parteiorganisation zur flrbejtsloknverüclkrung. Die immer mehr um sich greisende Arbeitslosigkeit gab der Groß-Berlincr Parteiorganisation Veranlassung, sich am Sonntag in einer in Kellers Festsälen, Koppenstraße, abgehaltenen Ver» bandS-Generalversammlung mit der Frage der Ar- beitSlosenversicherung zu beschäftigen. Der Referent, Genosse Molkenbohr, machte dazu folgende Ausführungen: Als nach den Wahlen von 1912 die Sozialdemokratie als stärkste Partei in den Reichstag einzog, glaubte wohl jeder, daß nun Ar- beiterfragen in den Vordergrund der Debatten des Reichstages treten würden. Man hätte erwarten sollen, daß sich der Reichstag mit Arbeiterforderungen beschäftigen wüilde, nachdem die Forderungen der RüstungSinteressenien das Reich dem Bankerott nahegebracht haben. Jetzt sind die Kapitalisten daran, auch ein Stück„Arbeiter. frage" in den Vordergrund zu rücken. Sie schreien nach einem ZuchthauSgesetz, nach Knebelung der Arbeiterklasse. So war es schon früher. Immer wenn ein Raubzug auf die Taschen d«S Volkes beabsichtigt war, wurde die Aufmerksamkeit abgelenkt durch eine Hetze gegen die Arbeiter. Jedem Raubzug ging eine Knebelung der Arbeiter voraus. Unter diesem Zeichen hat Bismarck feine Schutzzollpolitik in? Werk gesetzt. In Amerika bricht die Schutzzoll- Politik zusammen, auch bei uns macht sich ein Umschwung der An- sichten über diese Frage bemerkbar. Daraus erklärt sich das gegen- wältige Geschrei nach einer Knebelung der Arbeiter. Wieder will man die Aufmerksamkeit von allem ablenken, was die Schutzzoll- Politik gefährden könnte. Unter den Folgen dieser Politik leidet da» ganze Erwerbsleben. Wenn der Arbeiter fein ganzes Ein- kommen für die notwendigsten Lebensmittel ausgeben muß und darüber hinaus nichts kaufen kann, muß natürlich die Produktion zurückgedrängt werden. Di« Folge davon ist, daß es weniger Arbeitsgelegenheit gibt und die Zahl der Arbeitslosen mehr und mehr steigt.— Man schreit jetzt nach Schutz der ArbcitSwilli- gen. Selbst der Jndustrierat des H a n f a b u n d es stimmt in dies Geschrei ein. Wenn die Herren die Arbeitswilligen schützen wollen, so haben sie jetzt die beste Gelegenheit, indem sie den vielen Taufen. den, die willig sind zu arbeiten und doch keine Arbeit finden, helfen. Aber diese Arbeitswilligen meinen die Herren nicht. Die H i n tz e- g a r d e wollen sie schützen, da» sind ihre Arbeitswilligen. Die Kapitalisten haben immer ein Interesse daran, daß viele Arbeitslose aus der Straß« stehen, die durch Hunger gezwungen sind, unter jeder Bedingung Arbeit anzunehmen. In solchen Zeiten ver. suchen die Unternehmer die Löhne, die sich die Arbeiter bei guter Konjunktur errungen haben, herabzudrücken. Aber das ist ei nicht allein, wa» die Arbeiterinteressen schädigt. Hunger und Elend sind die Folgen der Arbeitslosigkeit. Nicht nur die Gesundheit deS Ar- beitSlosen. sondern auch die seiner F a m i lienangehörigen Alockenfilm. ,., Dieweil de» Mensche» Fürrecht Lache« ist. R a b e l a i». 'Hurra! Hurra! Hurra! Es kommt frische Luft in die Welt! Habe schon unlängst prophezeit, daß 1913 einst ebenso erhebendes Jahr in Erinnerung des Patrioten sein wird wie 1813. Neueste Ereignisse bestätigen Prophezeiung. Zaberner Klamauk ist erfreu- lichstcs Zeichen für Wiedererwachen de? alten PreuhengeisteS mit der Losung: Druff! Schneidige Kerle: Leutnant Freiherr v. Forstner— bravo I Oberst v. Reutter— bravo I bravo! Kommandierender v. Deimling— bravissimo! Haben eS den AackeS ordentlich zu verstehen gegeben, was echter preußischer Mann von Franzosenköppen hält. Schon Goethe betonte als Kennzeichen echten preußischen Mannes: Bordeaux saufen und Welschen auf die Köppe spucken! Wird gemacht, und wie man sieht, mit avecl Kamerad v. Forstner scheint pädagogisches Genie ersten Range». Kultivierte in Elsässer Bande das Gefühl eigener Minderwertig- keit, indem Mann für Mann vortreten muhte, Hacken zusammen- schlagen und melden, laut und deutlich:„Ich bin ein WackeZ!" Durchaus geeignetes Mittel, Selbstbewußtsein dieser Dickschädel zu brechen. Kmnerad v. F o rst n e r ist auch nicht der Mann, sich an Wimpern klimpern zu lassen, nicht von Zabcrn, nicht vom ganzen Elsaß und von Frankreich auch nicht. Hat mit erfrischender Offen- Herzigkeit den WackeS unter seinen Rekruten gezeigt, welche Ge- fühle in königstreuem preußischen Soldaten durch verdammten republikanischen Fetzen Blau-Weiß-Rot ausgelöst werden. Kerl» im Parlament haben mal übertriebenes weibisches Zartgefühl an Tag gelegt, als sie au? ReichStagSsitzungSsaal KriegSbild von 1870 entfernen ließen, weil darauf eroberte französische Fahne in Staub gesenkt wurde. Lächerliche Sentimentalität! Kamerad v. Forst- «er hat Schlappherzigkeit der Parlamentswaschweiber wieder gut gemacht und deutsche Ehre wieder blank geputzt. Besonders erfreulich aber ist stramme Entschiedenheit, mit der Ausschreitungen Zaberner Straßenpöbels entgegengetreten wurde. Scharfe Patronen ausgeteilt! Seitengewehr aufgepflanzt! Ma. schinengewehre herbei! Jetzt Hand weg von der Butterl Nur schade, daß in WackeS nicht reingepfeffert worden ist. Wäre famoS aewrien! Sind, weiß Gott, unter Deimling mit den Hereros fertig geworden. AuSrotiungSmethode ä U Trotha, und werden doch noch hoffentlich mit ein paar WackeS fertig werden. Wäre iivrigens bciteS Mittel, elsah-lothringische Frage zu lösen: Ma- schinengewehre! Druff I Habe nur ein« vermißt. Fehlte bei Affäre rechte preußische Strammheit im Auftreten gegen Pretzbengcl». WaS Kamerad v. Forstner gesagt und getan, war lediglich Angelegenheit deS königlichen Dienste» und ging Presse nicht die Bohne an. Haben aber überall da» Maul gewaltig aufgerissen. Und Gegenmaßregeln? Dem 15. Armeekorps ist Lektüre„Zaberner Anzeigers" verboten worden und gegen„Elsässer" hat Deimling Strafantrag ge- stellt. Ist wenigstens etwas, genügt aber noch lang« nicht. Steckt kein Murr drin. Oesterreichische Kameraden in Linz haben vor- gemacht, wie man ungewaschene Mäuler von Preßbendels stopft. Sozenblatt hatte randaliert, weil paar Kameraden von Dragonern 6 nachts sich ein bißchen Amüsement mit Musik geleistet. Aber Käme- raden von Dragonern 8 nicht faul, delegieren zwei Leutnant», die schnallen um, hin in die Sozenredaktion. blank gezogen und schnei- dige Attacke geritten gegen elenden Schmierfritzen. Durchaus emvfehlcnswerte Taktik I Hätte Oberst v. Reutter in jede Re- daktion. die geschimpft hat, zwei Leutnant« mit gezückter Plempe geschickt, wäre germanisatorischer Erfolg von Zaberner Aktion noch gewaltiger. Aber auch so bleibende patriotische Erinnerung. Wollen Gläser neu füllen und anstoßen: ES lebe hoch das Regiment, das sich mit Stolz das 99. nennt. wo man den WackeS WackcS heißt und auf die welsche Fahne sch— impft! Auch sonst allerhand erfreuliche Erscheinungen im deutschen Vaterland. Wurde in diesem Jahre von gelehrten Schwachmachi- luffen allerhand gequasselt über Geburtenrückgang in Deutschland. Ist Muntpitz! Habe dicscr Tage gelesen, daß Ob.rpostschaffncr Schmidt aus Briefen dreißigstes Kind bei Standesamt angemel- det hat. Hand an den Helm! Alle Achtung! Schlägt die gesegnetsten Pfarrersfamilien siegreich aus dem Felde. Kann, wenn er Sonn- tag? Familienausflug �unternimmt. Extrazug beanspruchen. Wenn Familie Schmidt sich um Weihnachtsbaum ver- sammelt, fällt das eigentlich unter Vereinsgesetz. Polizei würde ihm auch beikommen, wenn Papa Schmidt ein Roter wäre. Ist aber selbstverständlich staatSerhaltend und monarchisch bis auf die Knochen, denn er liefert erstens Majestät Soldaten, beweist zweitens. daß Postunterbcamtenfamilie bei bestehenden Gehaltssätzen glän- zcnd bestehen kann, denn eS ist keine Kleinigkeit, dreißig Fresser satt zu machen. Und dokumentiert drittens, daß gottgewollt« Steige- rung der Lebensmittelpreise mit Geburtenrückgang absolut nichts zu tun hat. Wäre übrigens Preisfrage: Wenn Postschaffner dreißig Kinder hat. wieviel mutz Kraetke haben? Zahl, auf die August der Starke, ein wahrer„LandeSvater". herabsehen konnte, reicht nicht. Aber Kraetke ist Junggeselle, und die Alimente hassen da« Gcbild auS Menschenhand. Aber wollen mal wieder Gläser füllen und anstoßen: Papa Schmidt aus Briese» soll leben und seine dreißig Göhren daneben! Prost! Aber auch wie Unkraut unter den Blumen deS Feldes bedenk. lich« Erscheinungen zu konstatieren. La» dieser Tage: Herten< Wests.). II. Nov. Nachdem im Heer und in der Marine sich aostinente Soldatcnvereine gebildet haben, hat jetzt auch die Polizei einen„Verein abstinenter Polizei- b e a m t e r D e u t s ch l a n d S" gegründet. Der Verein bezweckt, durch vollige Enthaltsamkeit seine Mitglieder vor den vtelen Gefahren deS AlkoholiSmuS zu schützen und sie 7*nIeitun9 und Studium zu einem tiefern Verständnis der Alloho. frage zu bringen. Den Vorstand de» Verein» vertreten der Pollzelwachtmelster Berger in Herten und der Kriminalwacht- melster TvkolS ,n Rccklinghaufem Faßte mir i tempo an Kopf, glaubte zu träumen, sah den Anfang vom Ende vor mir. Hoffe stark, daß behördlicherseits sofort eingeschritten wird, denn dieser Sauf-Wasser-wie-daS-liebe-Vieh- Verein ist direkte Gefahr für die staatliche Ordnung— Streik der Parifei Polypen vor ein paar Jahren war harmlos dagegen. Bitte stch nur Folgen auszudenken, wenn Schutzmann sich nicht mehr einen hinter die Binde gießen darf. Schwindet sofort Berufsfreudtg- keit und KönigStrcue. Man stelle sich Moabit vor mit wasser- trinkenden Polizisten. Die werden nicht draufgehen wie Blücher und Pöbel und Passanten unterschiedslos in die Visage hauen, da- mit glorreich betont wird, wer Herr ist in Preußen, sondern werden ötc-petöte sein und Randalierer mit Glacehandschuhen� ansaiseu. Kämen dann auf dem Umweg über die Abstinenz womöglich noch zu englischen Zuständen, wo Schutzmann nicht Herr, sondern'euer des Publikum» ist. Bewahre un, Gott! Zum Schutzmann geyort der Doppelkümmel. Denn Schutzleute haben Sorgen unvschon Wilhelm Busch sagt: Wer Sorgen hat. hat auch Llkor. Dara.is wollen wir mit neugefüllten Gläsern mal anstoßen. Wer niemals angesäuselt ist, das ist kein rechter Polizist! Prost! Wird mir etwas schummrig vor den Augen, glaube, habe zuviel angestoßen, mutz pausieren. Bis zum nächf cn Ter konservative August. Bitte meine Adresse nicht verraten. Fürchte, werde sonst im Prozeß gegen Pussy Uhl alia» Graim Treuberg vorgeladen. Höchst peinliche Affäre! wird dadurch untergraben. Viele werden durch Hunger zum Betteln getrieben, sie gehen auf die Landstraße, werden mit der Zeit Vagabunden, auch wohl auf die Bahn des Verbrechens gedrängt. We diefe sind für die Gefellfchaft dauernd verloren. Die Folgen von Not und Elend kosten der Gesellschaft viel Geld. Nicht nur das, was an Bettelpfennigen verabreicht wird, sondern auch, was aus- gegeben wird für Gerichtskosten und Strafvollzug an denen, die in- folge der Not mit dem Gesetz in Konflikt kamen. Würde man die Mittel, die ein Vagabund der Gesellschaft kostet, hergegeben haben, ehe er auf die abschüssige Bahn geriet, so würde er dauernd ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geblieben sein.(Zustimmung.) ES ist auch billiger, jemand vor dem Elend zu bewahren, als ihn, wenn er im Elend versunken ist, im Siechcnhaus oder im Armen- Haus zu erhalten. Daß gegenwärtig eine Krise herrscht, kann nicht bestritten werden. Auch Scharfmacherblätter geben das zu. Aber, sagen sie, die Krise sei verschuldet durch den Balkankrieg und die durch den Rüstungswahnsinn verursachte Geldknappheit. Sind denn die Arbeiter schuld daran? Nein! Man möge also für den Schaden diejenigen verantwortlich machen, die ihn heraufbeschworen haben. Man kann den Arbeiislosen helfen, indem man eine Ar- beitSlosenversicherung einführt. Daß sie möglich ist, haben Gelehrte seit Jahrzehnten bewiesen. Aber nicht nur theore- tisch ist es bewiesen, sondern auch durch die Praxis. Die Gewerk- fchaften haben in Deutschland für mehr als zwei Millionen Mit- glieder die Arbeitslosenunterstützung geschaffen. Daran hat man sich in anderen Ländern angelehnt. In Gent und anderen bel- gischen Städten werden den Gewerkschaften aus öffentlichen Mitteln Zuschüsse zur Arbeitslosenunterstützung gewährt. Was man in Belgien einführte, hat man in anderen Ländern nachge- macht/so in Dänemark und Norwegen. Auch in Deutsch- land sind Versuche in dieser Richtung gemacht worden. Die Stadt Schöneberg zahlt seit drei Jahren Zuschuß zur Arbeitslosen- Unterstützung der Gewerkschaften. Außerdem erhalten nicht durch eine Geiverkschaft unterstützte Arbeitslose, die eine Spareinlqge haben, Sl> Proz. dessen, was sie in der Arbeitslosigkeit abheben. Wer nicht organisiert ist und auch kein Sparguthaben hat, erhält Speisemarken für die Volksküche. Die Durchführung dieser Unter- ftützung, wie sie Schöneberg hat. ist keineswegs sehr kostspielig. Wenn die deutschen Gewerkschaften jährlich 10 Millionen für Arbeitslosenunterstützung ausgeben und die Gemeinden geben S0 Proz. dazu, so macht das für ganz Deutschland nur S Millionen Mark. Die Gemeinden sind also sehr wohl in der Lage, die Ar- beitslosenunterstützung einzuführen, wenn sie nur wollen. Es fehlt aber am guten Willen. Gewiß ist eS für eine einzelne Ge- meinde Groß-BerlinS schwer, für sich allein die Unterstützung durch- zuführen, aber durch den Zweckverband könnte es gemacht werden. In mehreren Städten der Schweiz ist die Arbeitslosenunter- stützung eingeführt. Auch in Köln hat man einen Versuch, aller- dings in anderer Form, gemacht. England, das bereits 300 Millionen für Altersversicherung ausgibt, hat ebenfalls die Arbeitslosenversicherung eingeführt und gerade in den Berufen, die am meisten von der Arbeitslosigkeit betroffen werden. Würde Deutschland diefe Versicherung für alle der Invalidenversicherung Unterstehenden und mit denselben Beiträgen wie England ein- führen, so würden 334 Millionen Mark an Beiträgen einkommen. Mit dem Zuschuß des Staates wären es 446 Millionen. Eine Summe, die nicht annähernd gebraucht wird zur Arbeitslosenunter- stützung. 2llso durchführbar ist diese Einrichtung. Die Arbeits- losenunterstützung beugt der Armut vor und erspart also auch Aus- gaben für Armenunkerstützung. Wenn auf die angeblich zu hohen Kosten der Arbeitslosen- Unterstützung verwiesen wird, dann muß doch daran erinnert werden, daß einige hundert Millionen unsere StaatSlenker nicht zurückschrecken, wenn sie ausgegeben werden für Rüstungen, durch die unsere Nachbarländer provoziert werden. Warum will man denn für Kulturzwecke nichts ausgeben. Wenn Reich, Staat und Gemeinde Ausgaben machen, dann wird auch, je höher diese Ausgaben werden, um so eifriger die Frage diskutiert werden: Wie läßt sich die Arbeitslosigkeit verhindern? Wenn der wirkliche Bedarf an Schulen, Krankenhäusern und anderen dem Allgemeinwohl dienenden Gebäuden gedeckt werden soll, dann ist für lange Zeit Arbeit für die arbeitslosen Bauhandwerker ge- schaffen. Man kann auch Oedland kultivieren. Man kann die Arbeitszeit regeln. Es gibt also Mittel genug, um die Arbeitslosigkeit auf ein Mindestmaß herabzudrücken. Die Krise, die jetzt in eine durch Lebensmittelwucher ver- ursachte Zeit der Teuerung fällt, trifft die Arbeitslosen mit größerer Wucht als früher. Um so mehr müssen wir fordern, daß die Frage der Arbeitslosenfürsorge großzügig geregelt wird. In dem Kampf, den wir in nächsrer Zeit zu führen haben, wollen wir nicht nur jede Einschränkung der Rechte der Arbeiter abwehren, sondern wir verlangen eine Erweiterung dieser Rechte. damit man in Teutschland endlich dem Beispiel der Staaten folgt. die kühn vorangegangen sind.(Lebhafter Beifall.) kamen Stadtverordnete und Gemeindevertreter zum Wort, die ein Bild gaben von den Bemühungen unserer Parteigenossen um die Förderung der Arbeitslosenfürsorge in den Gemeinden Groß- Berlins. Tupont verwies auf die Kämpfe, die unsere Genossen in der Berliner Stadtverordnetenversammlung seit Jahren wegen der Einführung der Arbeitslosenversicherung führen. Als lSOL die Krise einsetzte, stellten wir einen dahingehenden Antrag. Unser Antrag wurde in eine Deputation verwiesen, die seitdem nur wenige Sitzungen abgehalten hat. Wir vertreten den Standpunkt, daß man die Arbeitslosen nicht auf die Armenunterstützung verweisen darf, sondern daß das Eenter System der Arbeitslosenunterstützung ein- geführt werden soll. Vor zwei Jabren haben wir unsere Vorlage nach diesem System ausgearbeitet und werden sie auch weiter ver- treten. Wir haben noch beantragt, S0 000 M. sofort für die Ar- beitslosenunterstützung zur Verfügung zu stellen. Auch dieser An- trag wurde abgelehnt. Wir haben in der Stadtverordneten- Versammlung einen schweren Stand, werden uns aber nicht abhalten lassen, unsere Forderung auch ferner zu vertreten.(Beifall.) Zlichtcr-Charlottcnburg: Auch in der reichen Stadt Char- l o t t e n b u r g haben wir schwere Kämpfe wegen der Arbeitslosen- fürsorge mit der bürgerlichen Mehrheit zu führen, gerade so wie in Berlin. l90!5 hatte die eingesetzte Tcvutation sich für die Ein- führung eines Systems entschieden, welche» sich an das Genter System anlehnt. Aber der Plan wurde nicht verwirklicht. Die liberale Presse setzte eine wüste Hetze dagegen ins Werk und die Vorlage des Magistrats wurde abgelehnt. Die Liberalen wollen von der Arbeitslosenunterstützung durch die Gemeinde nichts wissen. Sie sagen doS sei eine Sache des Reiches. Aber dieselben Leute würden, wenn sie dem Reichstag angehörten, auch dort gegen die Arbeitslosenfürsorge stimmen. Graucr-Lichtenberg: In Lichtenberg ist für die Arbeits- losenunterstützung noch nichts getan, obgleich die Mehrheit der Einwohner Arbeiter sind und die Arbeitslosigkeit hier b e s o n- der S st a r k in die Erscheinung tritt.?Nan versteckt sich hinter der Redensart: eine so arme Gemeinde könne für die Arbeitslosen nrchtz tun. wenn Groß-Bcrlin in dieser Frage nicht einheitlich vor- geht. Unsere Anträge zur Arbeitslosensursorge sind zwar nicht abgelehnt worden, aber der Magistrat hat sie so gründlich in Er- wagung gezogen, daß er auf Grund seiner Erwägungen bereit ist, «tt ven Gemeinden Groß-BerlinS wegen dieser Frage in Beratung zu treten und etwas zu tun, wenn auch die anderen Gemeinben etwas tun sollten. Thurow-Neukölln: Aehnlich wie in den anderen Orten ist es auch in Neukölln. Schon längst haben wir die Einführung der Arbeitslosenunterstützung beantragt, aber angenommen ist sie nicht. Auch in diesem Jahre haben wir unseren Antrag wieder gestellt. Er ist einer Kommission überwiesen. Die bürgerlichen Vertreter erklären, daß sie an sich nichts gegen unsere Forderung hätten, aber die Kosten der Arbeitslosenunterstützung seien zu hoch, es sei kein Geld dafür da. Die Stadt Neukölln hat beantragt, die Arbeitslosenunterstützung in Groß-Berlin so zu regeln, daß alle Gemeinden nach Matzgabe ihrer Verhältnisse zur Kostendeckung herangezogen werden. Kubig-Pankow gibt der Meinung Ausdruck, daß dieses Vor- gehen von Neukölln zu begrüßen sei. aber es werde wohl nichts dabei herauskommen. Küter-Schönebcrg bemerkte, Oberbürgermeister Wilde habe an- erkannt, daß es in der Frage der Arbeitslosenunterstützung keinen anderen Wcg gebe als das Zusammengehen mit den Gewerkschaften. In Schöneberg sei die kommunale Arbeitslosenunterstützung mit allerlei bureaukratischen Schikanen verbunden. Ter Beamte, der sie zu verwalten habe, ein ehemaliger Sozial- dcmokrat, mache den Arbeitern, die Unterstützung fordern, die größten Schwierigkeiten und lehne die Unterstützung ab, wenn sich irgendein formeller Grund dazu biete. Taubmann-Weißensee: Unsere Anträge wurden zunächst so behandelt, daß es schien, als ob aus der Arbeitslosenunterstützung etwas werden würde. Tie Sache wurde einer Kommission über- wiesen, aber da kam sie nicht recht vorwärts. Die Kommission verfaßte eine Denkschrift, welche die Unterstützung nicht empfahl, sondern sie in Grund und Boden verurteilte. Vor allem wurden die Kosten viel zu hoch berechnet. Nach langer Zeit wurde uns eine Vorlage für Einrichtung einer Arbeitslosenversicherung?- lasse gemacht. Die Arbeiter wurden aufgefordert, sich zu melden, soweit sie sich versichern wollten. Aber das Mißtrauen gegen alle behördlichen Aufforderungen brachte es mit sich, daß sich von 12000 Arbeitern nur 1300 meldeten. Nun sagten die Gegner, die Arbeiter wollten ja von der Versicherung nichts wissen. Als dann der Neuköllner Antrag kam, wurde die Weißenscer Vorlage be- graben. Groger-Neukölln macht eingehende Angaben über die DeHand- lung der Frage der Arbeitslosenfürsorge in den L a n d g e m e i n- den des Kreises Teltow-Beeskow. Das Bild ist hier noch trüber wie in den bereits genannten Orten, namentlich dort, wo in den Gemeindevertretungen keine Sozialdemokraten sitzen. Selbst in Gemeinden mit starker Arbeiterbevölkerung hat die bürgerliche Mehrheit nichts unternommen, und wo die Sozial- demokraten Anträge gestellt haben, da sind sie abgelehnt worden. Brühl-Lichtenbcrg schilderte den Stand der Angelegenheit in den Landgemeinden des Kreises Niederbarnim. Seine Ausführunaen geben ein ähnliches Bild wie die des Vor- redners. In verschiedenen Orten, wo unsere Genossen in den Ge- meindevertretungen Fürsorge für die Arbeitslosen forderten, sind ihre Anträge abgelehnt worden. Nur die klern- Gemeinde Neuenbagen hat 500 M. für die Unterstützung der Arbeitslosen in den Etat eingestellt. Alle Diskussionsredner betonten übereinstimmend, daß nur durch energisches, einheitliches Vorgehen der Arbeiter die brennende Frage einer durchgreifenden Arbeitslosenunterstützung ihrer Lösung entgegengcführt werden kann. In den Versammlungen am Dienstag sei Gelegenheit, zu zeigen, wie groß die Arbeitslosigkeit ist, und die Forderungen der Arbeiterschaft zu vertreten. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: Di« wirtschaftliche Krise, verschärft durch die unsinnige Zollpolitik und die NüstungS- und Kr cgstreibereien, hat Hundertlausende Arbeiter der Grundlag« ihrer Existenz be- raubt. Längere Arbeitslosigkeit ist für die Arbeiterfamilie gleichbedeutend mit Not und Elend. Nicht wenige Arbeiter versinken während der Arbeitslosigkeit in den Sumpf des Lumpenproletariats oder werden auf die Bahn des Ver- brechenS getrieben. Diesem Uebel entgegenzuwirken, ist eine der dringendsten Aufgaben von Reich, Staat und Gemeinde Die beste Hilfe für den Arbeitslosen ist. lohnende Arbeit zu erhalten. Die Versammlung fordert daher, daß die Arbeiten, die in nächster Zeit für Reich, Staat und Gemeinde ausgeführt werden müssen, unverzüglich in Angriff genommen werden. Ferner sind die Arbeitslosen, für die Arbeit nicht zu er- langen ist, zu unterstützen. Die Versammlung fordert die Schaffung eines Geichs- geietzes zur Durchführung einer Arbeitslosenversicherung mit voller Selbstverwaltung durch die Versicherten. Die Versammlung fordert ferner, daß die Gemeinden ohne Verzug ausreichende Mittel zur Verfügung stellen, von denen Arbeitslose für die Zeit Unterstützung erhalten, bis eine gesetzliche Regelung durch die Arbeitslosenversicherung her- beigesührt ist. Diese Unterstützung darf aber unter keinen Umständen den Charakter einer Armenunterstützung an- nehmen *• Vor Beginn des Referates über die Arbeitslosenversicherung er- stattete der VerbandSvorsitzcnde Eugen Ernst den Etschäftsbcncht für daS Halbjahr vom 1. April bis 1. Oktober. Er sagte unter anderem: Am 6. April riefen wir die Parteigenossen aus gegen die unerhörten neuen Forderungen des Mili- t a r l S m u t. In 61 Versammlungen wies die Arbeiterschaft Ber- lins die Forderungen des volksieindlichen Militarismus zurück, getreu der Parole: diesem System keinen Mann und keinen Groschen. Zu derselben Zeit befanden wir uns in der Agitation für die LandtagSwahlen. Bei den U r w a h I e n am 16. Mai hatte Groß-Berlin nicht nur einen bedeutenden Zuwachs an sozialdemo- kratischen Wablmännern, sondern auch eine gewaltige Vermebrung der sozialdemokratischen Stimmen. Während die 12 Berliner Land- tagswahlbezirke im Jahre 1903 178 501 Stimmen aufbrachten, er- hielten wir 1013 212 140 Stimmen. Von allen abgegebenen Stimmen fielen im Jahre 1008 73,21 Proz., im Jahre 1913 aber 79,77 Proz. aus die Sozialdemokraten. Aehnliche Erfolge hatten wir in den drei LandtagSwahlbczirkcn des Kreises Teltow-BeeSkow. Nicder- barnim zeigte noch bessere Ergebnisse. Dort stieg die Zahl unserer Stimmen von 26 411 auf 47 122. Unsere Erfolge sind um so höher zu bewerten, wenn man bÄcnkt, daß die große Masse unserer Parteigenossen dem D.eiklassenwablrcch' mit Verachtung gegenüber- steht. Die Disziplin unserer Genomen, ihre Opfer an Zeit und Geld sind zu bewundern. Es wäre verkehrt, wollten wir resigniert bei- feite stehen, weil nicht alle Hoffnungen, die wir vor der Wahl liegten, erfüllt worden sind. Unermüdlich muß unser Kampf gegen die Gewaltherrschaft, aber auch gegen die Gleichgültig. keitweit?'- Volks kreise gefübrt werden. Am 23, Ma, feierten wir in würdiger Weise das S0jährige Jubrlaum der Gründung deS Allgemeinen deutschen Arbeiterver- eins. Gestern, am 22. November, waren 50 Jahre vergangen, seit- dem die erste sozialdemokratische Volksversammlung in Berlin ab- gehalten wurde. Vor kaum 200 Personen sprach L a s s a l l e. Meist waren Gegner aus Arbeiterkrciscn anwesend. Sie be- schimpften Lassille und jubelten, als er in der Versammlung ver- haftet wurde. Heut hat Groß-Berlin 115009 organisierte Sozialdemokraten und 564000 sozialdemo» kratische Stimmen sind bei der letzten Reichstagswahl ab- gegeben worden. Doch das genügt uns nicht. Wir müssen vor- wärt« schreiten zu weiteren Erfolgen. Am Ii. Juli wurde ein�Flugblatt verbreitet, das zur Einsicht in die Stadtverorduetenwählerliste aufforderte.— Die am 3. August abgehaltene Verbandsgcneralversammlung setzte eine Kommission ein, welche die Ursachen des Rückganges der Zahl unserer Mitglieder und der„Vorwärts"-Abonnenten erforschen und Vorschläge zur Abhilfe machen soll.— Am 17. August hielten wir 16 Versammlungen zum Gedächtnis August Bebels ab. Sie zeigten uns, mit welcher Liebe und Verehrung die Arbeiter- schaft an ihrem Bebel hängt.— Seil einiger Zeit wird nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Orten die freiwillige Geburten- einschränkung propagiert. Die Befürworter derselben kamen zu völlig unsozialistischen Schlußfolgerungen. Da» mit diese Frage vom sozialdemokralischen Standpunkt beleuchtet werde, veranstaltete der Zentralvorstand am 22. August eine Versammlung, wo Klara Zetkin dieser Aufgabe gerecht wurde. Schon im Sommer machten sich die Anzeichen der Wirtschaft» lichen Krise bemerkbar. Deshalb beriefen wir am 25. August eine Zusammenkunft der Stadtverordneten und Gemeindevertreler Groß» Berlins. Es wurde beschlossen, von den Gemeinden die schleunige Inangriffnahme der öffentlichen Bauarbeiten sowie die Einführung der Arbeitslosenversiche- r u n g zu verlangen. Am 12. September sollten die belgischen Genoffen unseren Funktionären ein Bild von den Erfahrungen beim belgischen Massen, streik geben. Mit Androhung der Ausweisung hinderte die Polizei die belgischen Genossen zu reden, aber sie konnte nicht hindern, daß deren Vorträge verlesen und als Broschüre verbreitet wurden.' Den Bericht der Berliner Stadtverordnetenfraktion haben wir in Form einer Broschüre unseren Funktionären zugestellt, damit er an den Zahlabenden diskutiert werden kann.— Für die Ausbildung d�er Frauen haben wir durch Einrichtung von Vor» tragSkursen Sorge getragen. Dem Ausbau der Frauenleseabende diente eine am 9. Oktober abgehaltene Besprechung der Leseabend- leiterinnen und Referenten. Mancher beachtenswerte Vorschlag ist dort gemacht worden.— Am 27. April tagte eine Konserenz der B i l d u n g s a u S s ch ü s s e von Groß-Berlin. Eine zweite derartige Konferenz fand am 13. Juli statt. Die Pretzkom Mission hatte außer kleinen Beschwerden auch einige von größerer Bedeutung zu erledigen. Auf Wunsch der Gewerkschaften, die gewerkschaftliche Uebersicht immer an einer be- stimmten Stelle des Blattes zu veröffentlichen, wurde diese an die Spitze der ersten Beilage gestellt.— Der Arbeiter-Sängerbund war der Meinung, daß seine Aufführungen in unfreundlicher Weise kritisiert würden. Die Preßkommisjion steht auf dem Standpunkt. daß das Recht der Kritik nicht eingeschränkt werden darf, doch solle dieselbe so gehalten sein, daß sie belehrend und an» spornend wirkt. Die Kinder schutz-Kommission nahm am 15. August eine Kontrolle der Erwerbsarbeit der Kinder vor Beginn der Schul- zeit vor. Es wurde festgestellt, daß Tau sende von armen Kin» dern im Alter von 6 bis 14 Jahren zu dieser Erwerbsarbeit ge» zwungen sind. Das ist eine Schande für eine Nation, die Hunderttausende für rauschende Feste ausgibt, die armen Kinder aber dem Elend überläßt. Das allein müßte schon genügen, um die Arbeiter zu unversöhnlichen Feinden der kapitalistischen Gesell- schaft und zu Anhängern des Sozialismus zu machen.— Wir bitten die Genossen, die Bewegung für die Arbeiter-Jugendheime kräftig zu unterstützen.— Wir haben auch Vorschläge gemacht, um die jungen Arbeiter von 18 bis 21 Jahren aufzuklären und sie fester an die Organisation anzuschließen. Auch unter den Arbeitern in den industriellen Betrieben soll eine rege Agitation für die Partei- organisalion betrieben werden. Tie Gewerkschaften haben in Berlin 312 000 Mitglieder, also 200 000 mehr als die Parteiorganisation. Wir haben also für unsere Agitationsarbeit noch ein weites Feld und müssen, nament- lich jetzt, wo die Scharsmacher nach einer völligen Knebelung der Arbeiterbewegung schreien, alle Kräfte aufbieten, um diese 200 000 Arbeiter restlos der Parteiorganisation zuzufüh- r e n. Also, Parteigenossen, stärkt Cure Organisation, damit die Stunde naht, wo die Arbeiterschaft ihre Fesseln abwirft und di« Welt frei macht von aller Knechtschaft.(Lebhafter Beifall.) Den Kassenbericht erstattete Genosse B ö s k e. Er bemerkte, daß der ausführliche Bericht im nächsten Mitteilungsblatt erscheint. er wolle sich deshalb auf die Angabe des Wesentlichsten beschränken. Am 1. April war ein Kassenbeftand von 74 577 M. vorhanden. Die Einnahmen betragen 225 705 M., die Ausgaben 125 878 M. ES bleibt demnach ein Bestand von 99 826 M. Tarin ist abet der Maifonds und der Jugendfonds enthalten. Nach Abrechnung derselben beträgt der Kassenbestand 62 265 M.— Tie Landtags- wählen erforderten eine Ausgabe von 97 706 M., eingenommen wurden nur 21 778 M. für den Wahlfonds, so daß ein Defizit von 68 938 M. vorhanden ist, waS durch die laufenden Einnahmen der Kasse gedeckt werden kann. Eine Debatte über den Geschäftsbericht wurde nicht beliebt; der Kassierer wurde einstimmig entlastet. Hetzte Naebrkhte�. Tic(Äewerbegerichtstvahl in Münchei!. München, 23. November. Hier fanden heute unter reger Beteiligung die Beisitzerwahlen der Arbeitnehmer zum Ge- werbegerichl statt. Insgesamt wurden 21 582 Stimnien ab- gegeben. Davon entfielen a u f die Sozialdemokra- ten 18736, auf die Christlich Sozialen 2842 Stimmen. Da nach dem Verhältniswahlsystem gewählt wurde, so erhalten die Sozialdemokraten53 und die Christlich-Sozialen 7 Beisitzer._ Tie Zurückbehaltung der Gefangenen. Sofia, 23. November. Meldung der Agence Bulgare. Tie Re» gierung richtete an ihre Vertreter bei den Großmächten eine Zirku- lardepesche, in der sie darlegt, daß trotz ihrer wiederholten Schritte die griechische Regierung fortfahre, die bulgarischen KriegSgefange- neu entgegen den internationalen Rechtsbestimmungen, Gebräuchen und Konventionen in Gefangenschaft zu halten. Der Minister des Aeußern Ghenadiew habe dem französischen Geschäfts, träger vorgeschlagen, diese Angelegenheit dem Schiedssprüche des Präsidenten Poincare zu unterbreiten, und er- klärt, Bulgarien nehme im voraus vorbehaltlos das Urteil dieses hohen Schiedsrichters an. Statt einer Antwort habe die Regierung aber Nachrichten erhalten, denen zufolge mehrere hundert bulga- rische Kriegsgefangene aus Jthaka nach Saloniki gebracht und dem Kriegsgericht überwiesen worden seien, um a>ls Rebellen abgeurteilt zu werden. Da diese Gefangenen unter der bulgarischen Nationalflagge in den Reihen der bulgarischen Armee gedient hätten, erklärt die Negierung, daß sie jede» Attentat gegen das Leben der unglücklicben Gefangenen als Mord betrachte, und daß die Folgen eines solchen Verbrechens auf Griechen- land zurückfallen würden. Ter Aufstand in Mexiko. El Paso, 23. November. Wie der Jnsurgenten-Generol Villa mitteilt, sind zwei Militärzüge mit 1500 Mann Bundes. truppen auf der Strecke von Chihuahua nach Juarez, 66 Meilen südlich von Juarez, auf Dynamit-Minen gestoßen und in die Lust geflogen. Viele Soldaten sollen umgekom. men sein. General Villa hat Juarez geräumt. Schweres Dampfcrunglück. Kristianlund, 23. November. Der dänische Dampfer„Kong Helge", der heute in havariertem Zustande hier eintraf, hatte aus seiner Reise am letzten Sonntag nördlich von den Färöern ein schweres Unwetter zu bestehen. Sturzseen rissen die Kommandobrücke fort, auf der sich der Kapitän, der erste Steuermann und ein daS Steuer bedienender Matrose befanden. Alle drei ertranken. €bcatcr. Montag, 24. November. gnfang 6 tibi. TineS Palast an Zoo. Bariete- Lichtspiele. Bnlana 6'/, Nbr. UinesNollcndorf-Thcater.Darietö- Llchlspiele. SgUOperuhaus. Götterdämmerung. Anlanq 7'f, Uhr. Sgl. Schauipielliaus. Die Ztuben- steincrin. Deutsches. Biel Lärm um Nichts. Zirkus Busch. Galavornellung. Zirkus Schumann. Kalavoislellung. Reichshalicu. Stettin« Sänger. Nniatro 8 ITit. Urania. Japan und die Japan«. Keiiina. Pygmalion. ttammeripieic. Frühlings Erwachen. Uouiggräner Straft«. Die Krön- braut. Dheater am Nollendorfplatz. Der Mikado. Theater des Westens. Polenblut. Berliner. Wie einst im Mai. Deutsches Künstler- Theater. HanneleS Himmelsahrt. Der zerbrochene Krug. Deutsches Opernhaus. Undwe. Deutsches Schauspielhou». Die hett«e Residenz. Ddalia. Die Twigoprinzelstn. KomSdicnhauS. Hinter Mauern. MontiS Operette«. Die ideale Katttn. Schiller«». Rolenmontag. Schiller Sharlottendurg. Jugend- sreund«. Residenz. Hoheit— d« Franz. Metropol. Die Reis« um die Well in 40 Tagen. Soslno. Ferdinand d« Tugend- haste. Kleines. Beltnde. Suhivielhaus. 777: 10. Trianon. Seine Geliebte. Herrnfeld. Was sagen Sie zu Leibusch? Wintergarten. Spezialitäten. Eines Rpollo- Theater. Varielä- Lichtspiele. Eines Friedrich- Wilhelmftüdt. Dt« Kmolönigin. klniang 8'lt llbr. Rose. Berlin, wie eS weint und lacht. Luisen. Kasernenlust. Folirs Eaprice. Mißgeburt. DaS Adopttolind. Walhalla. D« Liebesonkel. Aniang S'l, Uhr. Rene» BolkStheater. Rausch. Aniang S Udr. RdmiralSpalaft. Die lustige Puppe. TtursNollcndorf-Theater.Barietä- Lichtlpiel� Sternwarte. Jnvalidenstr. d?— 62 Das alkoholarme ist in jedem Haushalt das geeignetste Ge» tränk für Frauen und Kinder Borussia- Brauerei Berlin. Weihensee bergsweg 16-17(2 Min. t, Boaenth. Tor) III Beinickendorfer Straße 14 Der Liebe Zauberinacht. Bomantische Erzählung— Kolorierter Film. Anfang 6 Uhr. Moritzplatz Hasenheide Die Waisen der Ansiedlung Episode aus dem wilden Westen. Die Herzogin von Folies Berg&res Lustspiel in 3 Akten. Anfang 6 Uhr. I Spez\a\avzt Dr. med. Karl Uclnhardt. f. Geschlechtskrankheiten. Harnleiden, Schwache, Ehrlieh-Hata-Kuren. Blut- und Harn-Untersuchungen. Institute: Neanderstraße 12 Potsdamer Str. 1 17 i1iÄi,TAiTs?Äi: Hachweislioh vollkommenstes Heilverfahren. SftT' Vorzügl. 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Landtagsabgeordnete Konrad Kaenisch, Paul Hirsch, Heinrich Ströbel. IM' Sämtliche Arbeitslosen Berlins und der Vororte sind zu diesen Versammlungen eingeladen! Die Einberufer: Verband der sosialdemokratischen Wahlvereine KelverbschastskommisölNl Sellins Kerlins und ilmgegend. und llmgegtud. 197/11*_ I. A.: Eugen Ernst. I. A.: A. K ö r st e n. J€chtiin(j! ii ii ii ii tnoclHardt CcLvatnel�&ietr diu bcliebt-cOe£rfrirch.urt®soctrarih i. haushält SrHfr-bmleweH Berlin Gegründet 1908. Sonnabend, den 6. Dezember 1913 im großen Saal Koppenstr. 29 Großer Projektionsvortrag begleitet von ca. tOO farbenprächtigen Kunstlichtbildern. Vortragender: Genosse Kranse. Im Reiche des Lichts I. Das Licht als Beherrscher der Menschheit. II. Der Mensch als Beherrscher des Lichts. III. Die Wunder des Lichts in der Natur. Die Gesangeinlagon werden ausgeführt vom Berliner �ängerehor (M. d. D. A.-S.-B.). Saaiaffnung Vls Uhr.— Beginn pünktlich 81/, Uhr. IPIombe umsonst! Ohne weltereVerpfllchtang! Künstl. 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Die Meister und das Bäuerlein hielten noch immer ihre Geld- stücke hypnotisiert zwischen den Fingern, die kleine Kellnerin stierte wie ein ganz, ganz schlechter Automat, und die Alte saß noch immer aufgeplustert da. wie einer jener grauen Papageien, die stundenlang, halb mürrisch, halb boshaft lauernd, sitzen können, ohne Beiregung, bis sie endlich bedächtig, wie wenn dies das Resultat ihrer langen Versunkcnheit wäre, mit den Krallen an den Schnabcl greift« und dabei listig ein Auge zudrücken.— So, ganz genau so mackue es die Alte. Wie entrückt, wie aus irgendeinem vergangenen Jahrhundert zu uns versetzt, unheimlich alt saß sie da und fuhr langsam mit der Hand nach ihrer gekrümmten Nase, ein-, zwei-, dreimal dabei blinzelnd. fWie alt sind Sie. Madame?) .Wir erlauben uns, Menschen zu fein wie Sie. meine Hoch- verehrten, ganz wie i-ie, und wenn wir Ihnen jetzt gute Nacht wünschen, in Anstand und Höflichkeit, ist es nur Ihre Pflicht, Ihre Menschenpflicht, auch uns eine gute Nacht zu wünschen, um so mehr als— na ja! Gute Nacht!"— Also der Große. Man hörte die Wirtin schnaufen. Und lauter:„Gute Nacht!" Man hörte alle am Tisch schnaufen. Schwerfällig näherten sich zwei, und lärmend zwei weitere Fuße der Türe. Aber da stand schon die kleine Kellnerin. Wie ein eben vom -vogen geschossener Pfeil war sie dabingeschnellt. v- Ärn' ä'erschr zohrnl" sagte sie feurig, schaute aber dabei m Die Ofenecke. „??J*0v&ronbe zog eine spöttische Miene.„So— o! Na. »r nr war der Wein zur Erheiterung der andern Herren, hörst du, um diese Presse gegen angebliche Verdächtigungen de» Auslandes zu verteidigen. Sie ist sogar so naiv, der Hapag darin Glauben zu schenken, daß der Artikel 16 nie angewandt worden ist, obgleich die Hapag sie kurz vorher anlog, daß„es absolut falsch ist, daß im Poolvertrag Bestimmungen enthalten seien, nach welchen Zeitungen, die den Pool angreifen, die Annoncen entzogen werden". Der Kommentar zum Poolvertrag spricht doch aus- drücklich davon, daß der Artikel 16 sich in langjähriger Anwendung bewährt habe. Ist eS da übertrieben zu sagen, daß dem P a na m a der Schiff- fahrtSgesellschaften das der deutschen bürgerlichen Presse eben- bürtig ist? Vom Jahrmarkt des Gebens. Gute Sitten. Eine ganz ausgemachte Flegelei leistete sich dieser Tage in G ö t t i n g e n eine Anzahl Korpsstudenten. Im größten Saale der Stadt feierte die katholische Gemeinde in besonders feierlicher Weise den Tag, an dem der römische Kaiser Konstantin die christ- liche Religion zur Staatsreligion machte. Während der Rede des Universitätsproseffors B o y e r l e drangen mehrere Korpsstudenten in Hemdsärmeln und Couleur in den Saal ein. Wiederholt wurden sie freundlich aufgefordert, den Saal zu verlassen und mutzten schließlich, da sie nicht gingen, schroff hinausgewiesen werden. Einer der Studenten, der sich als Senior seines Korps vorstellte, weigerte sich ganz entschieden, den Saal zu verlassen, weil er einen Anspruch auf Zutritt habe, denn er wäre leider infolge testamentarischer Bestimmung Katholik. Die christliche Feier wurde durch das Auftreten der Studenten noch wiederholt gestört, da immer wieder die jungen Leute in Hemdsärmeln in den Saal einzudringen versuchten. Wieviel Monate Gefängnis würden Arbeiter erhalten, wenn sie sich in ähnlich rüpelhafter Weise betragen würden. Ist doch neulich erst ein Arbester in Breslau zu 14 Tagen Gefängnis derurteilt worden, weil er es gewagt hatte, einen Vertreter der heiligen Hermandad unehrerbietig anzuschauen. Nach diesem Strafmaß gemessen, würden die Herren Studenten reichlich Gelegenheit bekommen, hinter schwedischen Gardinen über ihre Flegeleien nachzudenken. Aber das brauchen sie nicht befürchten. Sind sie doch keine Arbeiter, sondern Vertreter der goldenen Jugend, die sich so etwas schon erlauben dürfen. Da mancher von ihnen SsvatSanwalt oder Richter werden möchte, ist nur Geldstrafe standesgemäß. 0er neueste, Scklsger. Kaum ist der Vorhang über das Genrebild aus dem Leben der Panzerplattenpatrioten gefallen, und schon wieder entrollt sich ans der Bühne der Strafkammer in Moabit ein neues anderes Charakterbild. Tiesmal sind nicht die Brandt und Eccius und darüber hinaus das gesamte Kruppdirektorium die Angeklagten, sondern der edlen Gräfin F i s ch l e r v. T r e u b e r g ist die Haupt- rolle auf den Leib geschrieben. Dieser Prozeß der grancke amoureuee ist ein so gelungener Ausschnitt aus dem gesellschaft- lichen Leben Berlins, wie er besser durch keinen noch so hervor- ragenden Satiriker gezeichnet werden könnte. Da ist zum Beispiel die Hauptperson, Freifrau Fischler v. Treuberg, Lebedame und Heiratsvermittlerin. Leistet den Offenbarungseid, lebt naftrlich in einer Wohnung von fünf glän- zend ausgestatteten Zimmern— Preis 1800 Mark—, macht Reisen nach Monte Carlo, auf denen sie 10 000 bis 80 000 Mark ausgibt; kurz: sie genießt das Leben wie es einem„anständigen" Menschen zukommt. Ihr Liebhaber und Verlobter: Angehöriger des Wehrstandes, Oberleutnant, zurzeit natürlich a. D. Lobte als aktiver Offizier nach den Zeugenaussagen zum Teil von den Mitteln seiner Schönen; zum Dank dafür wird sie hin und wieder von ihm geprügelt. In richtiger Erkenntnis des Satzes, daß das Geld rund ist und sich drehen müsse, bekommt die Gräfin das Geld von ihren zahlreichen Liebhabern, gibt es ihrem Verlobten, der es dann wieder mit anderen Weibern durchbringt. Natürlich hat der Herr Oberleutnant von der Herkunft des Geldes keine Ahnung. Ebenso werden ihm auch Schuhe, seidene Strümpfe, Bruder Dynamiter? Was, er rülpst?— Na, also aus Edelmut. Fünf Kreuzer?— Wieviel Prozent vom Tagesverdienst schätzen die Herrschaften?"-- Und er zählte ganz langsam, ironisch einen Heller nach dem andern auf den Tisch, eine lange Reihe. Dann stolperte er zur Türe hinaus, dem Schwarzen, Firisiern nach. Der Mond schien auf die Schwelle und machte sie ganz hell; plötzlich verdunkelte sie sich aber wieder, weil droben wilde Wolken jagten. Man hörte das nahe Rauschen der Gartcnbänme und das ferne des Waldes, sich entfernende Tritte und noch ein paar ab- gerissene Töne des LiedcS: ,.K. u. k. Infanterie Re— gi— ment." „Bazi!" sagte die kleine Kellnerin mit Ueverzeugnng. aber niemand gab ihr Antwort. Die Zote. Pariser Skizze von Otto Flake. Als sie über die Brücke gingen, sahen sie unten am Ufer Menschen einen Kreis um einen Körper schließen, der auf dem gemauerten Bett der Seine lag. Es war eine tote Frau, die man eben aus dem Waffer gc� zogen und auf den Bauch gelegt hatte. Ter Rock, unter dem sie nichts mehr trug, war schamlos bis zu den Hüften zurückgeschlagen. Das Wasser hatte die Beine aufgequollen, und sie war wie eine riesenhafte Statue, die man herabgenommen und umgelegt hat, sie war gigantisch und voll Majestät. Tie Schenkel waren grün angelaufen, aber von da oben sah es nur wie eine Patina aus, die Patina des TodeS. ES dauerte lange Zeit, bis einer der Agenten kam, deren Amt es ist, eine Leiche in die Morgue schaffen zu lassen; er betrachtete sie mit derselben Gleichgültigkeit wie die Umstehenden, dann schob er mit seinem Stiefel den Rock über die Beine der Toten zurück.— Sie gingen nach Hause und wandten sich jeder dem zu, was seine Arbeit war. Keiner hatte ein Wort über die Tote gesagt. und so taten sie auch weiterhin, als dächten sie nicht an sie. flber am Abend, nachdem sie sich schweigend lange gegenübergesessen hatten, kam ei heraus, daß sie beide voll von ihr waren. Sie waren ein junges Paar, das sich noch nicht lange gefunden hatte und ihr Gefühl hatte noch nicht den Punkt der Sättigung erreicht. Sie waren sich noch neu. und die Liebe war vor allem dem Mädchen neu. das noch nichts von den Herzensgeschichten anderer wußte und nur fand, sein Gefühl sei unerschöpflich und groß. seidene Westen und noch intimere Bekleidungsstücke beileibe nicht geschenkt, sondern geradezu aufgedrängt. Als Naive macht in dem Spiel die Tochter der Gräsin großen Effekt. Sie lebt und genießt in ihrem kindlichen Unver- stand und geht nebenbei auf den besseren Strich. Ten soliden B e a m t e n st a n d vertritt ein Regie- r u n gsb a u m e ist e r. Er hat das Bedürfnis, seine gute Art fortzupflanzen und wendet sich an die Gräsin um Heiratsvermitte- lung. Natürlich stehen gleich vier Bräute mit je einer Million Mark Mitgift zur Verfügung, die alle das drin- gende Bedürfnis haben, ausgerechnet mit dem Herrn Regierungs- bauoieister eine Liebesche einzugehen. Helferin in diesem Ämorspiel ist eine Prinzessin Dsen- b u r g- B ü d i n g e n. Auch sie macht in Heiratsvermittelung. natürlich nur la-Ware. Gegenwärtiger Aufenthalt unbekannt. Briefe holt sie sich aus einem Hotel in München, wo sie sich aus- halten soll, ab. Bleibt also im Hintergründe. Etwas mehr in Aktion tritt ein anderer Edelster und Bester, Graf Günther v. KönigSmarck. Seine Antrittsarie erregt allgemeine Heilerkeit, da er bei seiner Vernehmung sofort erklärt, daß er nicht glaubt vereidigt werden zu können, denn seine Familn. wolle ihn wegen Irrsinns und unverbesserlicher Trunkenheit entmündigen Um diese Hauptpersonen in dem Charaktcrbilde gruppieren sich wirkungsvoll andere Darsteller, die den Chor und die Statisten« rollen besetzen. Vertreten sind Bardamen, Heiratsschwindler, Wechselreiter, Agenten, ehvbare Kaufleute, Großhändler und andere Mitglieder der guten Gesellschaft. Das Stück hat andauernd große Zugkraft und wird sich wohl noch längere Zeit auf der Bühne halten. öchnapsgcfchäft und Kirche. Im jüngst erschienenen Halbjahreshericht der Aktiengesellschaft „Benedictine", die den bekannten, von den Benediktiner- mönchen herstammenden Likör herstellt, ist zu lesen:„Tie Fünfzig» jahrfeier der Erneuerung des„Benedictine" wurde mit unver- gleichlichem Glänze gefeiert. Unserem Rufe waren mehr als 1000 Eingeladene gefolgt, darunter der Herr Erzbischos Fuzet, PrimaS der Normandie, und Herr Lemonnier, Bischof von Bayeux, mehrere Mitglieder des Senats und der Kammer, der Präsident der französischen Handelskammer in New Jork.... Presse und Kino haben der Welt die dielfachen Einzelheiten dieses zugleich religiösen, kaufmännischen und so» zialen Fe st es übermittelt. Es begann mit einer Messe, in deren Verlaus seine Hochwürden Herr Fuzet, mit Beredsamkeit das Evangelium auslegend, mit viel Geschick die Pflichten des Reichtums und der Arbeitgeber darlegte. Er beglückwünsckite un-- sere Direktoren, diese immer, wie einst die Benediktiner, edelmütig erfüllt zu haben. Die Segnung der neuen Betriebsstätten durch die hochwürdigsten Herren Bischöfe beschloß diesen ersten Teil de? Tages." Die hochwürdigsten Herren haben gewiß alle Veranlassung, diese kapitalistischen Nachfolger ihrer frommen Mitglaubensstreiter von Herzen zu segnen. Nicht allein sind sie zumeist selbst Freunde eines„guten Tropfen?"— der Alkoholvcrtrieb kommt auch der Kirche selbst in doppelter Weise zugute. Die edelmütigen Direk» toren werden gewiß einem so kostbaren Verbünderen gegenüber nicht mit ihren Spenden kargen. Und das alkoholisierte Volk bleibt noch für lange im Banne der Kirche wie des weltlichen Aus- beutcrtums. Daß dabei Krankheit, Laster, Not und � Verbrechen von demselben Alkohol in einer alle ernsthaften Sozialpolitiker Frankreichs entsetzenden Weise erzeugt werden, das braucht die Herren Bischöfe, deren Sinn ja nur dem Himmlischen zugewandt ist, nicht zu genieren. Wenn das Geld im Kasten klingt, der Segen auf Schnaps und Aktien springt. Coleranz. Die deutschen Katholiken fönneu befreit aufakmen, Ihnen geht e? nicht so, wie den Offizieren, denen der Tangotanz in Uniform durch kaiserlichen Erlaß verboten wurde. Der Papst, an den sich mehrere Bischöfe gewandt hatten, ob der Tango auf den Index gestellt werden müsse, konnte sich nicht entschließen, den neuesten Modetanz zu verbieten, sondern er wird die schwierige Frage dem Rate der Kardinäle unterbreiten. Die kompli» Und doch war eS nun, weil sie fiinf Minuten auf den Leichnam einer Frau hinabgeschaut hatte, nicht anders, als sei, durch ihre oder deS Geliebten Schuld, der erste Atem eines jener Stürme über sie hinweggegangen, die die Herzen austrocknen und be- wirken, daß zwei Menschen sich voneinander wie Bretter lösen, aus denen man die Nägel gezogen hat. Sie war in einem jungen und glühenden, in einem mänaden- haften Tahinstürzen Plötzlich angehalten worden, und dieses heftige Stehenbleiben erschütterte und machte elend. Sic sah, daß der Körper verivesi, und sie, die sich in ihrer Liebe so tief als Körper fühlte, wurde von einem Ekel ergriffen. Alles, loas zur großen Materialität gehört, war schmutzig und niederziehend: Essen, Verdauen. Sichnähren, Säfte haben, und nun — nun gehörte auch Sichlicben dazu. Sie lehnte sich gegen ihren Körper auf, sie suchte sich von ihm freizumachen und sah. daß sie in ihn eingeschlossen war. Nie hatte sie sich klar gemacht, warum sie fiir einen Augen» blick gleichsam die Augen hatte schließen müssen, so oft sie sich hin- gab; nun ahnte sie, daß sie sich über einen Punkt hatte Hinwege setzen müssen, der ein Herabschreiten bedeutete, ein Herabschreiten zur Lust; sie ahnte, daß alle Lust eine Lüge enthält, weil man glaubt, sich um eines anderen willen zu überlassen, und sie doch um seiner selbst willen sucht. Und seltsam mischte sich eine andere Empfindung hinein: ein Respekt vor der Toten und eine Billigung, daß sie den Tod gesucht hatte. Vielleicht lvar sie im Leben nur eine elende Kreatur voller Schwäche und Feigheit getvcsen, aber daß sie dann zuletzt sich aus- gelöscht, hob alles Schlimme auf. Nicht loeit sie sich nicht mehr verteidigen koiuite, gewann sie Achtung, sondern weil sie sich be» freit hatte, indem sie— schien eS dem Mädchen— jeden Widerstand gegen die Materialität aufgab, hinging und zu einer ver« wesenden und fürchtertickxn Masse wurde. Aber wenn in den Tod gehen groß war. dann mußte auch am Ende alles Lebens Oual und lleberdruß stehen? Ein Grauen erfaßte sie, ihr Blick wandte sich der Ferne des eigenen Schicksals zu und wandte sich hilflos zurück zu dem, der ihr doch noch gegenübersaß, dem Geliebten. Und der bemerkte, daß etwas Feindseliges in ihre Augen kam, eine kalte und ver» zweifelte Prüfung. Er stand auf und legte den Arm uiy sie. Die ganze Nacht hielt er sie im Arm und suchte sie fühlen zu lassen, waS er fühlte — daß es vor den großen Mächten, die keine guten Götter, sondern finster und alte Gottheiten der Materie find, nun eine Rettung gibt: sich zusammenzutun und, zwei arme Kinder, einander mit einem demütigen Trotz in den Armen halten, nicht weiterschweisen. sondern ineinander ausruhen und sich helfen, ein Bruder und ein« kleine Schwester. zkerie Frage, ob einem Sterbenden, der nachweislich den Tango ge- tanzt Hai, Absolution zu erteilen ist, wurde dahin beantwortet, daß bis auf weiteres der Tango das Seelenheil der Toten n i ä, l gefährden solle, die Sterbesakramente also zu erteilen seien. Und da rede noch einer über Unduldsamkeit der katholischen Kirche. Hus Groß-ßerlin. Totensonntag. Ter Totensonntag bot auf den Berliner Friedhöfen nicht das gewohnte Bild. Während sonst an diesem, dem Gedenken der Traten gewidmeten Tage alle diejenigen auf den Gottes- acker zu pilgern pflegen, die Angehörige zu betrauern haben, war es gestern auf allen Friedhöfen weniger voll als sonst. Das ungewisse Wetter, der dichte Nebel mochte wohl viele vom Besuch der Friedhöfe abgehalten haben. Tagegen war schon am Bußtag und am Tonnabend ein starker Besuch zu verzeichnen, wie man aus den fast auf allen Grabhügeln liegenden frischen Kränzen und Blumenspenden deutlich er- kennen konnte. Lediglich am Nachmittag des gestrigen Tages sehte ein stärkerer Verkehr ein, doch hat die Besucher- zahl nach fachmännischer Schätzung kaum den dritten Teil der Vorjahre erreicht. Die Blumenhändler und die„fliegen- den Kranzhändler" in der Nähe der Friedhöfe wurden durch das Wetter in recht erheblichem Maße geschädigt. Die Kauf- lust des Publikums war schwach und den Händlern blieb am Abend der größte Teil ihrer Gewinde zurück. Nur die billigen Kränze und die aus künstlichen Blumen wurden stärker be- gehrt. Für die lebenden Pflanzen fand sich nur hier und da ein Käufer. Auch die Ausschmückung der Gräber war ent- sprechend der ungünstigen wirtschaftlichen Lage lange nicht so farbenfroh und reichhaltig wie sonst. Man sah viele Grab- Hügel, die nicht einen einzigen frischen Kranz aufwiesen. Mit Einbruch der Dunkelheit verließen die letzten Besucher die Begräbnisstätten, um sich nach Hause zu begeben. Wie immer waren auch am Sonntag die Frommen am Werke. Sie verteilten auf den Friedhöfen ihre Traktätchen. In den Straßen Berlins erhielt man alle Augenblicke von jungen Leuten Zettel in die Hand gedrückt, die zum Besuche von Arrangements christlicher Büß- und Betbrüder der ver- schiedensten Sekten einluden. Der Verkehr vollzog sich im wesentlichen in ruhigen Bahnen, obwohl der starke Nebel einen lähmenden Einfluß Mlsübte._ Risiko der Arbeit. Am Sonnabend ereignete sich in der A. E. G. in Hennigsdorf ein schwerer Unglücksfall. Ter Maurer A. Behrendt, in Hcnnigs- darf wohnhast, arbeitete in der Neuen Halle, während in den oberen Räumen abmontiert wurde. Plötzlich fiel eine Eisenschiene herab und traf den Behrendt so unglücklich, daß ihm der Schädel einge- schlagen wurde. Sofort erfolgte die Ueberführung nach dem Rei- nickendorfer Krankenhause. Dort ist Behrendt gestorben. brand ablöschten, brachten andere Feuerwehrleute da? Mädchen, das über große Schmerzen im Rücken klagte, nach dem Kranken- Haus am Friedrichshain. Lebensgefahr scheint vorläufig nicht zu bestehen. Schwerer Automobiluufall. In der Pittoriastraße in Lankwitz ereignete sich am Sonn- tagnachmittag ein schwerer Automobilunfall. Ein mit einem Ber- liner Ehepaar besetztes Droschkenautomobil, das von dem Lichter- felder Kirchhof zurückkehrte, geriet ins Schleudern. Das Auto wurde mit großer Wucht gegen einen Baum geschleudert und die beiden Insassen schwer verletzt. Sie wurden nach dem Lichterfelder Krankenhaus gebracht. Das Auiomobil wurde bei dem Anprall stark beschädigt._ Straßenunfälle. Ani Sonnabendabend trat ein Fräulein Martha Beier, Moritzplatz, Ecke der Stallschreiberstraße, rücklings vor dem Motorwagen 1451 der Linie 41 auf die Straßenbahn- schienen und wurde umgestoßen. Die B. erlitt eine Quetschung am linken Knie sowie eine Kopfwunde und wurde in ihre Wohnung geschafft.— Bei einem Zusammenstoß zwischen einem Straßen- bahnwagen und einem Gemüscfubrwcrk aus der Friedrich-Brücke stürzte am Sonnabendnachmittag der Kutscher des Pserdewagens vom Bock und zog sich Verletzungen am Kops und an der Hand zu. Nach Anlegung eines Notverbandes wurde er in seine Wohnung geschafft.— Am Alexanderplatz ereigneten sich am Sonnabendab.nd zwei Unfälle. Der Arbeiter Karl Hartwig wurde von einem Motor- wagen der Linie 1k umgestoßen und zog sich eine Rückcnquetschung zu.— Ein Herr Wilhelm Tombach wollte den Motorwagen 1857 der Linie 59 während der Fahrt besteigen, stürzte jedoch und zog sich einen Bruch des linken Unterschenkels zu. Wegen grober Schiebereien hat die Polizei einen Kaufmann Heinrich Armenier verhasten können. Ter schon lange Gesuchte hatte sich in den letzten Jahren mit Automobilschicbungen und an- deren Scbwindelgründungen befaßt. Zabl und Umfang'der»Grün- düngen" sind so groß, daß eine lange Zeit vergehen dürfte, um den nunmehr Verhafteten abzuurteilen. AuS der Spree gelandet wurde am Sonnabend an der Schlcuscnmsel die Leiche des 25 Jahre alten Redakteurs Hermann Walter David aus der Präger Str. 31. Der aus Altona sta�nmende junge Mann redigierte eine hiesige Kino-Theater-Zeiiung. Seit dem 6. d. M. war er plötzlich spurlos verschwunden, bis jetzt seine Leiche gelandet wurde. Ein schweres Nervenleiden hatte ihn in den Tod getrieben.— Krankheit hat auch den 75 Jahre alten Kaufmann Adolf Scheurig, der in einem Altersheim in der Schulstraße wohnte, zum Selbstmord veranlaßt. Der Greis wurde so sehr von einem rheumatischen Leiden geplagt, daß er sich, um den Schmerzen ein Ende zu bereiten, in seiner Stube am Bettpsosten erhängte. Totgefahren. Ein tödlicher Straßenunfall ereignete sich am Sonnabendabend gegen 7 Uhr an der Ecke der Schwäbischen und Grunewaldstraße in Schöneberg. Dort wollte'eine etwa 48- bis 59 jährige, offenbar dem Arbeiterstande angehörige Frau den Fahrdamm überschreiten, wurde jedoch von einem in übermäßig schneller Fahrt herannahen- den Bäckerwagen umgestoßen und stürzte so heftig zu Boden, daß fie einen komplizierten Schädelbruch und innere Verletzungen er- litt. Man schaffte die Verunglückte nach dem Schöneberger Kranken- Hause, wo sie bald nach ihrer Einlieferung verstarb. Bei einem Brande aus dem Fenster gesprungen. Ein aufregender Vorgang spielte sich Sonntag nachmittag im Hause Pettenkoferstr. 26, im Osten Berlins, ab. Dort war in der Küche im zweiten Stock ein junges Mädchen Wally H e ck e r damit beschäftigt gewesen, Fett auszubraten. Sie hatte den Topf mit dem Fett auf dem Herdfeuer zu stehen und war dann an das Küchenfenster gegangen, um etwas zu nähen. Plötzlich fing das Fett Feuer und eine Stichflamme schoß bis zum Fenster und setzte die Gardinen in Brand. Das junge Mädchen schrak zusammen und glaubte, eS brenne schon die ganze Küche. In seiner Todesangst tijj eS das Fenster auf und sprang auf den Hof hinab. Man alar- „ui/rte schleunigst die Feuerwehr, die auch mit dem 7. Löschzuge schnell zur Stelle war. Während einige Mannschaften den Küchen- Hu 9 aller Weit. Folgenschwerer Einsturz. In der französischen Garnison L o n g u y o n stürzte am Sonnabendabend ein W a g e n s ch n p p e n ein und begrub eine Anzahl Soldaten unter seinen Trümmern. Es sind zwei der unter dem Schuppen arbeitenden Jäger durch herabfallende Gesteinsmassen getötet worden, sieben an- dere befinden sich in lebensgefährlichem Zustande im Hospital. Man befürchtet, daß auch von diesen sieben noch einige ihren Verletzungen erliegen werden. Die Zahl der leichter Verletzten beträgt acht. Das Kriegsministerium hat einen Spezialkommissar nach der Unfallstelle' entsandt, der den Grund des Einsturzes feststellen und etwaige Schuldige zur Verantwortung ziehen soll. Der Eid des gräflichen Offiziers. Die Straffammer zu Frankfurt a. M. verurteilte am Sonnabend den ehemaligen Bezirkskommandeur Grafen Eugen Hertzberg wegen Betruges und fahrlässigen Falscheides zu zwei Jahren Gefängnis. Der Verurteilte gehörte dem aktiven Heer bis 1999 an und war dann als Offizier bis 1911 dem Bczirkskommando in Frankfurt a. M. zugeteilt. Er hat seine gesell- schaftliche Stellung seit Jahren dazu benutzt, unter Hinweis auf seine brasilianischen Güter zahlreiche Personen, namentlich Mit- glieder von Kriegervereinen, um bedeutende Summen zu betrügen. Außerdem soll Hertzberg, als er den Offenbarungseid leisten mußte, falsch ausgesagt haben._ Spiel und Sport Ergebuisse feudalen Sports. Der feudalste Sport ist der Pferdesport. Er findet auf den sttennplätzen seinen rohesten Ausdruck. Ter Staat fördert die Pferdeschinderei durch Auswerfen von Preisen und durch andere Maßnahmen. Mit diesen Pferderennen ist das Spielen und Wetten untrennbar verbunden, macht sogar die Haupt- fache der ganzen Rennerei aus. Wer vom Wetteufel ergriffen worden ist, hat ans den Rennbahnen schon ganze Vermögen verspielt und ist zum armen Manne geworden. Andere, die nicht über eigene Mittel verfügen, haben sich durch eiueil Griff in fremde Kassen dauernd unglücklich gemacht. Tausende von Menschen hat der Spielteufel auf seinem Gewissen. Ter Staat kommt der Spielleidenschaft entgegen; er hat auf den Rennplätzen besondere Wettmaschinen eingerichtet, den Totalisator. Aus dieser Einrichtung zieht der Staat enorme Summen. Wie hoch die Umsätze auf öen Berliner Rennplätzen während der abgelaufenen Rennsaison gewesen sind, beweist die nachfolgende Aufmachung: Der Gesamt- totalisatorumsatz in Berlin beträgt, nachdem nunmehr auch die Trabrennsaison beendet ist. 35 698 520 M., also 4 180 420 M. mehr als im Vorjahre. Das Jahr 1012 hatte gegen das Jahr 1911 eine Steigerung von einer Million eingebracht. Auf der in dieser Saison eröffneten Trabrennbahn in Mariendorf gingen 2 769 200 M. durch die Wettmaschino, während im Vorjahre noch in Weißensee 3 013 600 M. am Totalisator umgesetzt wurden. Allerdings muß man dabei berücksichtigen, daß in Weißensee noch 28 Trabrenntage vor sich gingen, während es in Mariendorf nur 24 waren. Auf der zweiten Trabrennbahn in Ruhlcbcn ist der Umsatz bei der gleichen Zahl von Renntagen von 2 875 600 M. auf 2 342310 M. gesunken. Da bekanntlich 162/z Proz. von allen Wetten am Totalisator für den Staat abgezogen werden, so nimmt der Fiskus allein auf den Ber- liner Rennbahnen die ansehnliche Summe von nahezu sechs Millionen Mark ein, wovon er allerdings die Hälfte den Vereinen für Rennpreise wieder zur Verfügung stellt Die gewaltigen Summen, die unter der Hand in den privaten Wettbureaus angelegt werden, sind auch nicht an- nähernd zu schätzen. Die Wettseuche hat leider große Kreise der Bevölkerung erfaßt, die dann für ernste Bestrebungen schwer zu haben sind._ Fußball-Resultate. Turn- und Sportverein Schmargendorf gegen Nowawes-Dre- Witz: 4: 2 für Schmalge, idors.— Uuion-Pankow, 1. Mannsch.. gegen Bernau, 1. Mannsch.: 7: 1 für Union.— Union, 1. Mannsch., gegen Fichte 5, 1. Mannsch.: 7:9 für Union. Fichte bei Halbzeit abge- brachen.— Union. 2. Mannsch., gegen Weißensee, 2. Mannsch.: 3: 9 für Union.— Mariendorfer Rapid, 2. Männermann sch., gegen Tempelboser Teutonia, 2. Männermannsch.: 13:9.— Hansa-Jo- bannisthal gegen Rüstig-Vorwärts, 2. Jugendmannsch.: 9: 2 für Rüstig-Vorwärts, Halbzeit 2: 1 für Hansa.— Hansa gegen Sport- Hub Arkona: 2: 9 für Hansa.— Pankow, 2. Mannsch., gegen Eiche- Tegel, 2. Mannsch.: 5: 2 für Eiche.— Fichte 4, 1. Jugendmannsch.. gegen Weitzcnsce: 4: 3 für Fichte 4.— Stralauer Ballspielklub gegen Freie Turnerschaft Jung-Stralau: 4:9.— Fichte 3 gegen Spandau: 5:3.— Adler, 2. Mannsch., gegen Hertha, 3. Mannsch.: Adler kampflos gewonnen.— Fichte 16 gegen Fichte 17: 2:9 für Fichte 17.— Freie Sportvereinigung, 1. Mannsch., gegen Fichte 16: 13:9 für Sportvereinigung.— Dieselbe gegen Fichte 3: 2:2.— Fichte 17 gegen Fichte 18, 1. Jugendmannsch.: 4:1 für Fichte 18. — Sportklub Lichtenberg gegen Friedrichsfelde: 19:9 für Frie- drichsfelde.— Rummelsburg gegen Jahn-Treptow: 4:2 für Rummelsburg.— Friedrichsfclde gegen Stralau: 19: 2.— Fichte Ii gegen Liberia: 7:2 für Fichte II.— Reinickendorf gegen Bernau: 12:1 für Reinickendorf.— Hertha gegen Eiche-Tegel, 1. Mannsch.: 19: 3 für Hertha.— Bertha, 3. Mannsch., gegen Adler, 2. Mannsch.: 6:4 für Adler.— Fichte 11, 1. Mannsch., gegen Liberia, 1. Mann- schaft: 7:2 für Fichte 11.— Fichte 11. 2. Mannsch., gegen Wilmersdorf: 5:2 für Wilmersdorf. -EHE«««» Unsrem Genossen Ä - Panl Ilazanke die herzlichsten Glückwünsche zu seinem 50. Geburtstage. öi Die Genossen u. Genossinnen des 808. Bez. 6. Kreis. HZSSAZ'SEEHEHSH Unserem lieben Genossen Karl Kurtze| A nebst Gemahlin die bcrz- I lichsten Glückwünsche zur© Silberhochzeit. 816 H 4. Reichstags-WAhtkreis. Ä 329. Bezirk. M Orts-Krankenlmfle Hohen- Schönhausen. Am Montag, den 1. Dezember. nachmittags 6 Uhr. findet im Lokal von Zl. KaB hierselbft, Berliner Str. 92, eine Ordentliche Leverst-Vei'zsmmllliill statt. Tagesordnung: 1. Beamtenangelegen heilen. 2. Wahl des AuSlck usseS sür die Prüfung der Rechnung des lausenden JahreS(ein Arbeitgeber, zwei Arbeit- nebmerl. 3. Verschiedenes. 298/19 Vorfitzender. Einmaliges Angebot für die Leser des Vorwärts Die Buchhandlung Vorwärts liefert, solange der Vorrat reicht: Tv*_\«---Kl-. Bilder des Lebens, Treibens und Denkens der Halbkulturvölker.— Mit 376 Abbildungen im Text und 5 Tafeln. JJie reiiere Menscnneit v.n I � PrnK«n5.T, Gebunden statt Mk. 750 nur Mk. 2.00 «irRckrcfor» Von Korea über Wladiwostok nach der Insel Sachalin. Reisen und Forschungen unter den Eingeborenen und russischen IfTl oli jjGrot0H v-�roicn Verbrechern. Mit 87 Illustrationen und 5 Karten. Von Ch. Hawes.— Gebunden statt Mk. 10,00 nur Mk. 3,50 f p.•pcjlr 4-£\r,|-v'i 1 /"l zi'p TO l�l AI mi I � t- Von Dr. W. Marshall::: Gebunden statt Mk. 6,00 nur Mk. 1,30 �ndraKterDIlQer aus Oer neimiscnen lierwut Marshan ist bekannt als ausgezeichneter Kenner der Tierwelt. Sein reich illustriertes und geschmackvoll ausgestattetes Buch wird jedem Naturfreund eine Freude bereiten, Coster. m m Erste und ungekürzte deutsche Ausgabe von iselski. Gebunden statt Mk. 6,50 nur Mk. 3,00 Eulenspiegel, dieser vagabundierende Schalksnarr und Philosoph der Landstrasse, in seinen Torheiten und Heldentaten, in seinen Träumen und Kämpfen wird uns hier geschildert. Mit ihm aber auch die Geschichte Flanderns unter Philipp II. und das Scheusal, die Inquisition, die über das blühende Land und seine Bewohner Tod und Verwesung brachte und auch Eulenspiegel zur Bußfahrt nach Rom verurteilte. Eine Pilgerfahrt, die durch Italien und kreuz und quer durch Deutschland geht, und auf der Eulenspiegel, unerschöpflich in Listen und Streichen, seine belustigenden Tollheiten ausführt. Uilenspiegel und Lamme Goedzak �0bneKta�edses( Verantwortlicher Redakteui Hans Weber, Berlin. Für den A»,etale»le>l oeraiuw Tb uuoue.-'eriin. T ruck u. Verlag. Vorivarts Buchdruckerei u. VerlagSauiialt Pau� smger n. kaufen Sie von Kavalieren wenig getragene sowie im Versatz gewesene.lackettanattge, RockunzUgc. Paletots, Sene I: lb-18 SI., Serie II:®0--30-M.. größtenteils auf beide. Ferner Gelegenheitskäufe in neuer Maßgrarderobc enorm billig. Riesenposten KJeluer, Kostüme, Plttschmäntel, auf Seide, früher 150. jetzt SJO— 35 it. 7, f' stolas in Skunks, Marder, Wer*, l'Uchsen, früher bis StOO, jetzt �.0—75-I. Uro�o Auswahl in Herren-Gehpelzen, Gelegenheitskäufe in Damen-, RelHC- und wagen-. Pelzen. Extra- Angebot in Lombard gewesener Teppiche, Gardinen, Portleren, Betten, Wäsche, Brillanten, Uhren und Goldwaren zu enorm billigen Vreisen.— Vorwürtsleser erhalten IO% extra.______ � �o,. Berlin l