Nr. 18. c 5 Pfennig) Montagsausgake c pksnn-s) flöcnnements-Bcdingungcn: BEiomtcmenlä- Preis pränumerando: ZZicrteljährl. Z,ZS Mk., nionald l.lv Mk, wöchentlich 28 Pfg. frei WZ Haus. Einzelne Nummer 6 Psg. Sonntags- nunnner mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Well' 10 Pfg. Post- Wonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen m die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2,50 Marl, für das übrige Ausland 4 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen am Belgien. Dänemarh Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rtunänicn. Schweden und die Schweiz. CrtotlDt täglich. BL Jahrg. Die Insertion!-Lebiii»' beträgt für die sechSgcspallenc Kolonel- zeile oder deren Raum 00 Pfg.. für politische und gewerlschaftlichc Lereins- und VersammlnungS-Anzeigcn 80 Pfg. ..Aletne Znicigen", das fcttgedrulkie Wort 20 Pig. izulässig 2 fettgedru-lt- Worte), jedes writere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasstcllenäil- zeigen das erlte Wort 10 Pfg.. jedes weitere Wort ö Pfg. Worte über 15 Buch- stabcn zählet! für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 3 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ift bis 1 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adreffe: „Sozialdemokrat BtrlH". Zcntralorgan der rozialdcmokratäfchcti partes Dcutfchlands. Redaktion: SSI. 68, Linden TtraOe 69. shernfprecher: Amt Moritiplaü. Nr. lt>8Z. Montag, den 19* Januar 1914. Expedition: SM. 68, Lindenftraßc 69. Äcrnitirprftpr: Amt Mliritivlnii. Nr. llK8t. Säbel unü Paragraphen. Kein Gerichtsherr hat es für nötig gehalten, gegen die Straßburger Urteile mit ihren mehr denn skandalöfen Frei- sprächen Berufung einzulegen, die Reuter, Schad und F 0 r st n e r sonnen sich in ihrem Triumph, und auch bei den ostclbischen Junkern will das Triumphieren kein Ende nehmen. Was sie durch den Mund des Herrn v. I a g 0 w und durch das Sprachrohr ihrer Presse den Kriegsgerichten vorgeschrieben, ist prompt geschehen, und auch der Herr von Heydebrand, der mit dem klassischen Bewußtsein:„Ich weiß den Lümmel zahm zu machen!" am Donnerstag das Dreiklassenparlament betrat, kann sich eines vollen Erfolges freuen: Herr v. Bethniann Hollweg ist zahm gemacht, und es müßte schier mit übernatürlichen Dingen zugehen, wenn er bei der Beantwortung der zweiten Zaberner Jnter- pellation gegen den Stachel des Junkertums lecken wollte. Aber trotz dieser unheimlich klaren Sachlage blitzt für die Liberalen wieder ein Hoffnungssünkchen auf: die bittere Pille, daß die Straßburger Freisprüchc Rechtskraft erlangt, ward ihnen eingewickelt in norddeutsches allgemeines Zei- tungspapier, auf dem zu lesen stand, daß eine„Nachprüfung" über den Waffengebrauch des Militärs eintreten solle. Und die Kinder, die hören es gerne! Statt fest den Fuß beim Male zu halten, ist ja in der ganzen Krise, die nur zufällig von Zabcrn aus sich über das Reich verbreitete, die Falstaffgarde des unentwegten Libera- lismus zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- uckd her- getaumelt. Als der brutale Tronunelwirbel auf dem Zaberner Schloßplatz rasselte und sich ruhigen Bürgern der schwarze Schoß des Pandurenkellcrs auftat, da schlugen Schimmelig, Schwächlich und Bullenkalb mit der Faust auf den Tisch und schwuren, daß sie es diesmal den Machthabern schon zeigen wollten, und wirklich! als int Parlament der Reichskanzler so kläglich auftrat und der Kriegsminister so bärbeißig, da stan- den unter dem Mißtrauensvotum, das der Regierung ausge- stellt wurde, auch die Namen Schimmelig, Schwächlich und Bullenkalb. Aber dann leuchtete durch die Wolken die Sonne von Donaueschingen, und es tvard, wie es der Urberliner Satiriker Glasbrenner schon einstens verhöhnte: Die Pinschgauec haben eine Nevolution gemacht! Juchhe! lind gleich darauf ihrem König ein Vlvat gebracht! Q weh! Denn da man herausrätseln wollte, daß Wilhelm II. auf der Seite der Zivilgewalten stehe, spann sich der Liberalisinus wieder in seine Vertrauensseligkeit ein, die Basserntännlein mühten sich eifrig, die wahre Bedeutung so eines kleinen Miß- trauensvotums abzuleugnen, und als gar dem Sieger von Dettweiler, dem Leutnant v. F 0 r st n e r, ganze dreiund- vierzig Tage Gefängnis aufgebrummt wurden, da hätte der brave Liberale sein rostige Hellebarde befriedigt in die Ecke gelehnt, wenn nicht die Junker ihm gar so bedrohlich vor der Nase herumgefuchtelt wären. Tie Freisprüche, klatschende Ohrfeigen in das Gesicht des ganzen deutschen Volkes, brach- ten dann selbst die nationallibcralen Nachtwächter wieder ein wenig auf die Beine, aber der Entrüstungssturm rauschte doch weit schwächer als im Dezember, und die Tadelsworte über die Unfähigkeit der Militärrichter, den: Volksempfinden Genüge zu leisten, wurden übertönt von der kostbaren Mahnung der „Kölnischen Z e i t u n g", die Bürger sollten sich nicht „durch örtliche Zwischenfälle in einer kleinen Garnison die Freude an ihren beiden höchsten Gütern, ihrer bürgerlichen Freiheit und ihrem Volksheer, verderben lassen". Unter den F a l k e n h a y n, Deimling und Reuter ein Volks- Heer?' Die bürgerliche Freiheit im Pandurenkeller? O Schimmelig, Schwächlich und Bullenkalb! Darum greifen dieselben Herrschaften jetzt nach der Ver- heißung des Kanzlerblattes über die'„Nachprüfung" der Waffengebrauchsvorschriften wie der Ertrinkende nach dem Strick/ Nationallibcralc mit Fortschrittlern suchen auszu- klügeln, wie man gesetzlich den hauenden Säbel durch Para- grapheu fesseln könne, und selbst die fortschrittlichsten Fort- schrittler versichern treuherzig, jetzt, da die Konservativen ihre erprobtesten Sturmböcke gegen den Kanzler anreiinen ließen, könne ein echter liberaler Mann unmöglich auch dem Leiter der Reichsgeschäfte in den Rücken fallen. Nun ist es zweifellos ein schönes und auch nützliches Ding, durch deutliche Gesetzesvorschriften das Einschreiten des Militärs bei„inne- ren Unruhen" festzulegen, aber sich darauf beschränken, heißt aus dem großen Machtkampf einen Streit um eine Polizei- Verordnung machen. An die Wurzel des Uebels rührt man mit Paragraphen nicht, und diese Wurzel des Uebels ist ein- mal die„Kommandogcwalt des Kaisers" und zum zweiten die soziale Zusammensetzung, das will sagen: die Verjunke- rung des Offizierskorps. Zu welchem glorreichen Ende hätte es geführt, wenn der . Oberst v. Reuter und der Leutnant v. Schad, auf eine schnelle Begnadigung hoffend, für zwei oder drei Monate auf Festung gewandert wären? Solange Wilhelm II. der„oberste Kriegsherr" ist, der den Belagerungszustand von sich aus ver- hängen kann, und solange im Offizierskorps der Geist des Staatsstreichs herrscht, der nichts nach Recht, Gesetz und Ver- fassung fragt, sobald der Befehl von oben erschallt, solange wird an dem tatsächlichen Stand der Dinge durch tausend Paragraphen nichts geändert. Kaiser- und Jünkerhecr oder Parlaments- und Volksheer heißt hier das letzte Wort, und nur in einem unerbittlichen Machtkampf, bei dem Alles an Alles gesetzt wird, kann ein Zustand geschaffen werden, der ein neues Zabern unmöglich macht. Früher durchschauten auch die deutschen Liberalen diesen Zusammenhang, erkannten, daß die„Kommandogewalt des Kaisers" die Verfassung in ein wertloses Blatt Papier ver- wandele, das jeden Augenblick auf die Bajonette gespießt werden konnte, und forderten deshalb, daß das Heer auf die Verfassung vereidigt werde.„Die kluge Lehre von der Tei- lung der Gewalten", schrieb noch in den Tagen des prcußi- schen Verfassungskonflikts der Achtundvierziger Ludwig Simon,„ist eitel Theorie. In der Wirklichkeit stellt sich die Sache so: entweder sitzt die letzte entscheidende Kraft in der Krone oder sie sitzt im Volke und dessen Vertretung," aber schon fünfundzwanzig Jahre später verfocht Ludwig B a m- b e r g e r, auch ein Achtundvierziger und keiner der schlech- testen Liberalen, jene„kluge Lehre von der Teilung der Ge- walten" und warnte davor,„einen Gedanken der Spaltung oder gar des Widerspruchs hineinzuscnken zwischen diese beiden lebendigen Träger des deutschen Staatslebens in seiner höchsten Potenz," nämlich zwischen Kaisertum und Reichstag! Heute' nach abermal fünfundzwanzig Jahren ist den Liberalen vollends- das Mark in den Knochen ausgedörrt, uitd während sie sich über die„bürgerliche Freiheit"-unter dem Schutz des herrlichen„Volksheers" freuen, erschauern sie in abergläu- bischer Ehrfurcht vor der„L�omniandogewalt des 5i'aisers" und, wenn ihnen der Kriegsminister dieses Wort wie einen Fetisch entgegenhält, so verneigen sie sich vor dem ersten besten Schilderhaus und schlagen vor Ehrfurcht mit der Stirn auf die Schwelle des nächsten Kasernentores, daß es gar dumpf dröhnt. Aber auch die entschlossensten deutschen Liberalen haben immer nur die Entschlossenheit zur passiven Resistenz und nie den Mut zum kühnen?lngriff. Der wackere Demokrat Franz Zicgler, der doch über die Kops ch und W i e m e r, F i s ch b e ck und P a ch n i ck e hinausragte wie eine Eiche über Krüppel- und Kleinholz, brauchte einmal in einer Rede vor seinen Breslauer Wählern in vorbildlichem Sinne folgendes Gleichnis:„Die Sage erzählt von einem Dänenfürsten Harald, daß er einem angelsächsischen Bauern, einem Deutschen, sein Land wegnehmen wollte: der Bauer stand auf seinem Grund und Boden und sagte: Herr, der Acker ist mein. Der Fürst ward darüber aufgebracht und ritt den Bauer nieder. Der Bauer stand wieder auf und sagte: Herr, der Acker ist mein. Dreimal ritt ihn der Fürst nieder, und als er sich zum drittenmal mit Blut und Staub bedeckt erhob, wiederholte er ruhig: Herr, der Acker ist doch mein! Da erbarmte sich das Pferd des Landmannes, es wollte nicht mehr an den Menschen und der deutsche Bauer war gerettet." Diese duldende Fähigkeit eines Stehaufmännchens ist also vorbildliche liberale Standhaftigkeit. Wir sind etwas anderer Meinung. Wenn die junkerlichen Stegreifritter daher gesprengt kommen, uin den Acker der Volksfreiheit zu zerstampfen, wollen wir uns nicht erst nieder- reiten lassen, sondern Mann und Roß so derb in die Zähne fahren, daß sie das Wiederkommen vergessen. preußentag. Ein vor- einigen Monaten-gegründeter„Preußcnbund" ver- anstaltete gestern tSonntag) unter Ausschluß der Oeffentlichkcit einen..Preußentag". Mau suchte sich das richtige Lokal dafür aus und tagte in der Burg des DreiklassenwahlunrechtS.— Doch nicht etwa im großen Saal, der natürlich auch gerii� für diese Herr- schaften hergegeben worden wäre, sondern im Saal der Budget- kommission, denn er reichte völlig aus, um die Massen des cm- pörten„preußischen Volkes" zu fassen. Wie ein Preußentag verlief, an dem ausschließlich erprobte Konservative unter der FührNiig so bewährter Volksmänner wie der Landtagsabgeordneten v. Heydebrand, Graf v. d, Groeben, v. Kessel usw. teilnahmen, kann man sich denken! Es hagelte Schimpfereien auf den Reichstag, das Reichstagswahlrecht, die De- mokratie— aber das Volk haben diese Privilegienritter natürlich immer auf ihrer»seite! Zwei ohne ersichtlichen Grund aus den Penfionsfonds übernommene Generäle, v. W r 0 ch e m und R 0 g g e, konnten sich im Offizierskasinoton nicht genug tun. Der Heros dieser echtpreußischen Leute ist selbstverständlich der Kriegsminister v. Falkenhayn, an den man auch ein Danktelegramm für sein Auftreten im Reichstag abschickte, während man es trotz maucher Anregungen gegenüber dem Maschinengewehrobcrsten von Zabern an den überschwänglichstcn Lobreden bewenden ließ, da sonst schließlich die Ablehnung der Antelcgraphierung des Reichs- kanzlers doch etwas gar zu ausfällig geworden wäre! Herr v. Heydebrand ließ sich herab, den Leuten guten Tag zu sagen, wobei er einmal ums andere wiederholte, daß der alt- preußische Geist der Gottesfurcht, Königstreue(siehe Kanalvorlage und Wahlreforin!) und Pflichterfüllung nun endlich wieder zu Ehren kommen müsse. Aber der Führer der Landratsfraktion scheint doch einzusehen, daß es die Junker allein nicht machen können, denn er appellierte— gnädiger gestimmt als sonsV— an die guten Preußen in allen bürgerlichen Parteien. Also, Schiffer und Wiemer, auf in den Preußenbund! Es ist die letzte Frist, wollt Ihr nicht völlig entpreußt und cntcigenartct werde». Als richtige Führer unseres Volksheeres wandelten die Gc- ncräle Wrochem und Rogge mit vieler Reuterlieblichkeit den alten schönen Vers ab:„Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!" und vermöbelten im übrigen zum Dank für die widerspruchslose und unverzögcrie Annahme aller Militärvorlagen den Reichstag in der hahnebüchcnsten Weise. Herr v. Wrochem meinte, aus der Besprechung der staunenswert seltenen Soldaten- Mißhandlungen im Reichstage spreche nur das Bestreben,„unsere" Soldaten zu alten Weibern und die Kasernenhöfe zu höheren Töchterschulen zu machen! Ter Oberagrarier Dr. Rösickc, Vor- sitzender des Bundes der Landwirte, klagte über die heutige Sucht nach Gold! Herr Rogge gab offen zu. daß es Preußens Beruf sei, die Durchsetzung des Voltswillens in Deutschland gewaltsam zu hindern, gemäß der Devise:„Lunm cuique"(Jedem das Seine— den Junkern die Macht, dem Volk die Arbeit und die blauen Bohnen!).' Ein von allerlei Krämertagungen her bekannter Herr Jansen aus Barmen wollte als Rheinländer widerlegen, daß der Preußen- bund nur das Werk von Junkern, Agrariern und Pfarrern sei-» aber außer ihm und dem als Vorsitzenden fungierenden Handels- kammerfyndikus Dr. Rocke-Hannover waren alle Redner Groß- grundbesitzer, Generäle oder evangelische Geistliche usw., von denen der eine die göttliche antidemokratische Sendung Preußens bewies, der nächste ein prcußenbündlerisches— Witzblatt forderte und der dritte unbedingtes Festhalten am absoluten Gottesgnadentum pre- digte. � Damit war der mittelalterliche Spuk zu Ende! Kapital unS Wissenschaft. Die Vonrgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheines entkleidet. Sie hat de» Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, de» M a st n der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohn- a r b e i t e r verwandelt. „Kommunistisches Manifest." Man erinnert sich noch des Protestes, den die Erneniumg des Herrn Ludwig Bernhard zum vrdentlicheii Professor der Nationalökonomie an der Berliner Universität hervor- rief. Damals erklärten die Professoren S ch m 0 l l e r, Ad. Wagner und Gering, daß die bisherigen wissenschaftlichen Leistungen Bernhards die Ernennung nicht rechtfertigten. Allein vergebens. Bernhard konnte bleiben, und man wußte auch warum. Er hatte sich aus einen! Sozialpolitiker in einen enragierten Gegner der Sozialpolitik verwandelt: und man konnte von ihni annehmen, daß er die engherzigsten kapitalisti- scheu Profitinteressen als Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Forschung vertreten werde... ES wird deshalb keine allzu große Ueberraschung hervorrufen. aber immerhin die Fäden, die zwischen Scharsiiiachern und Oekonomieprofessoreu hin und her laufen, etwas deut- sicher zeigen, wenn wir unseren Lesern das nachstehende Do- kument vorlegen: F. Schichau, Elbiug. Elbing, Westpreuße», den 7. März ISl2. Herrn Ludwig Bernhard Ordentlicher Professor der Staatswissen schastcu an d«r Universität Hochwohlgeborcn Berlin\\r. 15, Fasancnftraße 35. Sehr geehrter Herr Professor! Es freut mich sehr, aus' Ihrem geschätzten Schreiben vom 4. d. M. zu entnehmen, daß das Ihnen übersandte Material Ihr Interesse gefimdcn hat. Vielleicht darf ich an meine Ihnen bereits gegebenen Aus- führungen noch die folgenden anschließen. Die grenzenlose Gesetzmacherei heutzutage entspringt ohne jede Rücksichtnahme auf die volkswirtschaftlichen Interessen unseres Vaterlandes im Grunde genommen lediglich selbstsüchtigen Zwecken und Motiven, fei es, daß gewissenlose Volksverführcr da- mit ihren Anhängern gern sozusagen ein Zeichen ihrer Existenz- berechtigung geben wollen, sei es, daß andere egoistische Partei- strömungen hierbei ihren Ausdruck finden.» Es werden Gesetze gemacht wie Sand am Meer: sie ziehen förmlich wie eine Heuschreckenplage über unsere deutsche Industrie. Gesetze werden gemacht, die gänzlich überflüssig sind, und von Leuten, die nicht wissen, wofür. Die zwei wichtigsten Gesetze aber, die wir wirklich brauchen, bekommen wir nicht; dafür haben eben die Salonsozialisten' kein Verständnis, kein Interesse. Das erste dieser beiden zu schaffenden Gesetze ist die Herbei- fiihrung eines wirklichen und ausreichenden Schutzes der arbeitS» willigen Leute. Das andere müßte sich gegen daS Predigen der BerufS-Agi- taioren, gegen ihre Verhetzung der Arbeiter zur Revolution dem Arbeitgeber gegenüber richten; denn jeder klar denkende Mensch ' muß doch einsehen, daß diese elende und verführerische Tätigkeit der sogenannten„gewerkschaftlichen", richtig genannt„sozialdemo- kratischen", also staats- und ordnungZfeindlichen Agitatoren über kurz oder lang bei immer weiter fortgehender Verhetzung und Ver- führung der Volksmassen schließlich zur allgemeinen Revolution führen muß, wenn nicht der Staat selbst diesen erbärmlichen Ele- menten durch ein kurzes und bündiges Gesetz endlich einmal Ein- halt gebietet und seiner der Sozialdemokratie gegenüber bisher ge- zeigten unverständlichen Schwäche ein Ende macht. Wenn Sie, sehr geehrter Herr Professor, bei Ihren so einfluß- reichen Vorträgen gelegentlich auch im Sinne dieser Gedanken Anregungen geben wollten, wird auch dieses für die künftige G e st a l t u n g unseres volkswirtschaftlichen Lebens von heilsamer Bedeutung sein. Zur Illustration der Anmaßung und Unverfrorenheit der ge- werkschaftlichen Agitatoren füge ich einige diesbezügliche Notizen in der gestrigen Nummer 26 der hiesigen„Neuesten Nachrichten" zur gefälligen Kenntnisnahme bei. Zweifellos liegt eine große Gefähr für das weitere Gedeihen unseres nationalen Wohlstandes mit darin, daß mangels genügen- den Schutzes der Arbeitswilligen das gesetzliche Koalitions r ech t der Arbeiter infolge der sozialdemokratischen Agitationstätigkeit heutzutage zu einem Koalitions zwang ausgeartet ist, In vorzüglicher Hochachtung sehr ergebenst F. S ch i ch a u. Der Brief spricht für sich selbst. Und wenn auch man die Antwort des Herrn Professors nicht kennt, so zeugt er doch für das schöne Vertrauen, das die Herren der Schichauwerft, die zu den uneriniidlichsten Scharfmachern innerhalb der Werftindustrie nicht nur, sondern der Metallindustrie über- Haupt gehören, in ihren Herrn Bernhard setzen. Das Material, das die Werftherren dem Professor zur Verfügung stellen, besteht aus Schriftstücken, in denen ebenso wie in dem Brief die Verruchtheit jeder Sozialpolitik dargelegt wird, begleitet von höchst despektierlichen Aeuße- rungen gegen die Regierung und den Reichstag, die mit ihrer Gesetzesmacherei die Industrie ruinieren. So wendet sich eine Abhandlung, betitelt:„Die Nachteile einer Verkürzung der Ar- beitszeit", gegen die Einführung des Neunstunden-Arbeits- tagcs auf dctz kaiserlichen Werften, eine andere gegen pari- tätische Arbeitsnachweise, eine weitere gegen Tarifverträge und so fort. So beschaffen sind die Materialien, die den Professor Bernhard informiren, wofür er sich bedankt. Und mit den Herren der Schichauwerft haben auch wir zu ihm das Zu- trauen, daß er„im Sinne dieser Gedanken Anregungen geben" wird. Für den Einfluß dieser Anregungen wird es aber vielleicht nicht ohne„heilsame Bedeutung" sein, daß man die Quelle dieser„Wissenschaft" jetzt dokumentarisch kennt. warum uns öer Militarismus erhalten bleiben muß. Die belanglose halboffiziöse Meldung, daß die Regierung . zu prüfen gedenkt, wieweit die zur Entschuldigung der Reu- terfchen Rechtsverletzungen herangezogene Kabcncttsorder vom Jahre 1820 und die auf ihr beruhenden Dienstvorschriften noch gültig sind oder einer„zeitgemäßen" Korrektur bedürfen, hat die„echtpreußischen" Patrioten vom Schlage der Heyde- brand, Schroeter, Oertel u. Co. in eine höchst bedenkliche ner- vöse Erregung versetzt. Sie sind selbstverständlich der Ansicht, daß an den alten Orders und Militärdienstvorschriften aus der Zeit des absoluten Regiments, mögen diese Orders rechts- gültig sein oder nicht, nicht das geringste geändert werden darf, sondern jedem Versuch einer Abbröckelung der glor- reichen altpreußischen Traditionen aus den verflossenen Jahr- Hunderten mit größter Entschiedenheit entgegengetreten wer- den muß. Verfassungsrecht, Respektierung der bürgerlichen Gesetzesbestimmungen, Volksseele, zeitgemäße Reformen: das sind für sie alles leere, alberne Phrasen. Die wichtigste aller Forderungen ist, daß der reaktionäre, feudalaristokratische wochenßlm. V*• Tieweil deS Menschen Fürrecht Lachen ist. Rabelais. Steht entscheidende Wendung in meinem Leben bevor und iverde darum ftt Sozen im„Vorwärts" kaum mehr Meinung sagen können. Nachdem Hoffnung gescheitert, daß infolge impo- sanier Heeresvcrmehrung wieder aktiviert würde— meinethalben auch Train, meinetwegen auch Zabern!—, standen zwei Berufszweige in Erlvägung. Dachte effektiv zunächst daran, bei Viosse oder Ullstein Unterschlupf zu suchen. Hofl>erichtcrstatter oder so etwas. Rasse Masse und Ullstein hat, gerade weil fortschritt- lich angehaucht, kolossales Faible für arisch-agrarische Gestalten mit 'Erdgeruch und altfeudalem Namen. Wie ergebenst Unterzeichneter. Macht sich pompös und läßt in WW. sämtliche Kommerzien- rätinnercherzen hoher schlagen, wenn etwa Bericht über Verschwin- den kaiserlichen Dackels angefügt wird: Von unserm RedaktionS- hundesachverständigen Egon Botho Traugott Freiherr von Bingelfing-Fingelbing erhalten wir zu dem be- dauerlichen Ereignis, das weite Volkskreise in aufrichtige Trauer verfetzt, nachstehende fachmännische Ausführringen... Gute Chose und kommt Moffe und Ullstein bei Mitarbeiter mit altadligem Namen auf paar Goldfüchse absolut nicht an. Habe mich aber beherrscht und reiflich Entschluß erwogen, mit Durchlaucht Wied nach Albanien zu reifen. Findet sich schon Unterkommen im Hofstaat. Stelle mir das riesig schneidig vor... Pardon! muß Bericht unterbrechen, springen mir weiße Mäuse egal weg übern Tisch: Efelhafte Biester!... Sol... also riesig schneidig: Feierlicher Einzug, Glockengeläut, Kanonen, überhaupt viel Bimbam und Bumbum, na, und nachher Wohnsitz in Residenz nehmen und regieren. Spirituosenverhältnissc auch ganz kolossal! Slibowitz— prima, Primi ssimal Hatte also schon mit Wertheim verhandelt, von wegen Lieferung einer Tropenausrüstung, auf Kredit natürlich. Kavalier zahlt nie bar, aber hatte plötzlich meine Bedenken. Hörte, Klima ungesund. Weniger von Malaria als durch scharfe Schüsse. Soll'ne Art besserer Sonntagssport in Albanien sein, nach Kopf deS Fürsten zu zielen, und Faulenzer da waien Zäben jeden Tag Sonntag. Werde mich aber schwer hüten, Charakter dem Offizierskorps erhakten wird, damit die glor- reiche Armee ein Machtmittel in der Hand des Junkertums bleibt, das sich jederzeit nach Belieben gegen die Volksforde- rungen ausspielen läßt. Am reaktionärsten gebärdet sich natürlich das Oertelfche Bündlerblatt, die„Deutsche Tageszeitung".. Ein Zurück- weichen vor den demokratischen Wünschen in dieser Frage, meint sie, sollte schon deshalb als ausgeschlossen gelten, weil es einen ebenso unrühmlichen„wie politisch bedenk- lichenRückzug vordenElementenderStraße bedeuten würde". Würden seine bisherigen Rechte dem Militär auch nur um Haaresbreite beschnstten, dann hätte ja der Janhagel von Zabern noch weit mehr er- reicht, als er jemals erreichen wollte und zu erreichen hoffen konnte. Wolle Teutschland seiner Armee deswegen die Hände binden,„weil zuchtlose Burschen eine Nacht im Kasernenkeller zubringen mußten", dann würde es sich zum Gespött vor dem In- und Auslande machen; und der Respekt vor der deutschen Macht, der doch in erster Linie dem waffengewoltigen Militär- staat gelte, würde ganz gewiß nicht gefördert. Die Demokratie aber würde durch einen ersten Erfolg zu weiteren und nur noch heftigeren Angriffen gegen das Heer und gegen die monarchische Befehlsgewalt ermutigt werden! „Denn jede Absckwächung der Kabinettsorder von 1826", so heißt es weiter,„würde naturnotwendig eine Minderung der militärischen BcfehlSgclvalt des Kaisers in sich schließen. Aller- dings hat der Kaiser das Recht, zur Dämpfung von Unruhen den Becagcrungszustand zu verhängen; aber diese Befug- nis ist rechtlich nicht ein Ausfluß der Militär- Hoheit des Monarchen, kann viclmchr nur auf Grund eines Beschlusses des Staatsministeriums ausgeübt werden, das dafür dem Parlament verantwortlich ist. Der Kaiser befiehlt dabei also dem Militär nur auf dem Umwege über die Verantwortliche Zivilbchörde. Dagegen ist die Kabincttsorder von 1820 ein Ausfluß des von ministerieller Gegen- zeichnung wie von parlamentarischer Kon- trolle unabhängigen militärischen Hoheits- rechtes, wie in den von der„Norddeutschen Allgemeinen stei- tung" mitgeteilten Beratungen des preußischen Staatsministe- riums seinerzeit ausdrücklich festgestellt worden ist.... Ihre Beibehaltung ist ferner von grundlegender staatsrechtlicher Bc- deutung, weil durch sie erst klar zum Ausdruck gebracht wird. daß das Heer ein Organ der öffentlichen Ge- Walt sui generis ist, das zwar in der Regel nur auf Requisition der Zivilbehörde als solches auftritt, aber gegen- über Notständen auch selbständig handeln, gleichsam automatisch in Funktion treten kann. Zugleich liegt darin ein weiteres Moment von größter praktischer Bedeutung: eine verdoppelte Sicherheit des Staates und der öffentlichen Ordnung; eine Sicherheit, die nur zu begrüßen ist, da nun einmal mit der Mög- lichkeit, daß die reguläre öffentliche Gewalt irgendwo in ihren Funktionen versagt, gerechnet werden muß, zumal es selbst in Preußen schon einmal einen Oberpräsidenten gegeben hat, der beim Ausbruch einer Revolution eine Stellung„über den Par- teien" einnahm.... Seit langer Zeit ist die Stunde kaum günstiger gewestn für ein energisches Halt auf der Bahn der Zugeständnisse an demo- kratische Zeitströmungen, für eine neue Klarstellung und Sicherung der monarchischen Rechte in Deutschland. Das Militär hat in Zabern Recht und Gesetz aufrecht erhalten, die von dem Pöbel unter die Füße getreten und von der Zivilgewalt im Stiche gelassen wurden; und diese Zaberner Vorgänge zeigen deshalb nur. wie heilsam und notwendig uns ein seiner Ehre wie seiner Kraft bewußtes Heer ist." Das ist deutlich. In wenigen Worten zusammengefaßt bedeutet der lange Sermon: Der heutige feudal-reaktionäre Geist muß dem Heer erhalten bleiben, damit es nicht nur ein willfähriges Instrument in der Hand der hohen Bureau- kratie bleibt, jede sogenannte Ordnungsstörung, jede freiheit- liche Volksbewegung niederzuschlagen, sondern damit auch, wenn in der Regierungsbureaukratie sich etwa Bedenken und Gewissensskrupeln gegen ein Blutbad regen sollten, die Sol- dateska aus sich selbst heraus, ohne lange nach den Ansichten der Zivilbehörden zu fragen, gegen den„Pöbel" vorgeht und ihn kurzerhand niederkartätscht. Und gerade jetzt ist. wie das Bündlerblatt meint, eine günstige Gelegenheit, nicht nur die Stellung des Militaris- mus über dem Gesetz aufrechtzuerhalten, sondern diese Stellung noch mehr zu befestigen, denn die Bourgeoisie, vor- Kugelfang abzugeben für... Die verdammten weißen Mäuse, ich mutz doch gleich!... Also wie gesagt: entschied mich in Sachen Albanien mit lautem und deutlichem Nein. War nun ratlos und schwankte kurz« Weile, als mir Berichte über Kölner Polizeiprozeß in Hände fielen. FamoS! kam wie Erleuchtung über mich. Schleunigst Telegraphen- amt und telegraphisch— anmaßender Kerl am Schalter wollte keinen Kredit geben— um nächste freiwerdende Stelle als Polizei- inspektor beworben. Hoffe bestimmt auf Zusage. Dann aber slotteS Leben in großem Stil. A la bonheur! Werde überschüttet von Dankbarkeit der Bevölkerung. Kognak. Arrak. Allasch, Roten, Weißen, Mumm, Roederer, Elicquot— alles wird gvafis und franko ins HauS geliefert. Empfange zu Neujahr von Gastwirten goldene Uhren. Stelle mir auch Frühstückskörbchen reizend vor. Lachs, Trüffeln, Kaviar und zur Auspolsterung Fünfzigmarklappcn. Wird mir stets hocherfreuliche Ueberraschung zum Frühstück sein. Habe mir aber schon heute vorgenommen, gegen Bevölkerung unge- mein leutselig zu sein. Wird nur so Konzessionen regnen auf Gastwirte(Frühstückskörbchen allerdings Voraussetzung!) und nie- mals Anzeigen wegen Ueberschreitung der Polizeistunde. Gegen- teil! Werde selber feste mitfneipen, kurzum: patriarchalisches Regiment! Muß sowieso ausziehen hier... weiß« Mäuse nehmen über- Hand... klettern wahrhaftig an Türrohmen auf und ab... und auf Fensterbank— pfui Deubell... ich... Hilfe!... Anmerkung der Redaktion: Leider bricht an dieser Stelle das Manuskript unsreS geschätzten Mitarbeiters,„D e x konservative A u g u st", mitten im Text mit vielen Klexen ab. Indem wir folgenden uns zugegangenen Brief der Oesfcntlich- keit unterbreiten, da er über das fernere Schicksal des konscrvafiven August Auskunft gibt, bedauern wir gleichzeitig, eine so flotte Feder aus so tragische Weise verlieren zu müssen. Berlin, 16. Januar 1914. Redaktion des„Vorwärts" SW. 68, Lindenstratze 69. Meinen christlichen Gruß zuvor! Sehr geehrte Redaktion? Indem ich um Entschuldigung bitte, daß ich an Sie, der Sie mir unbekannt sind, da ich nur mit streng kirchlichen Kreisen, die sich.Gottlob! und Preis dem Propheten Daniel! auch in diesem nehmlich soweit sie in der nationalliberalen Partei die Ver- treterin ihrer Interessen erblickt, ist in den letzten Wochen vor den Ansprüchen des Militarismus Schritt um Schritt zurück- gewichen, und sie wird weiter zurückweichen, falls nur die Regierung keinerlei Neigung zeigt, irgendwelche Zugeständ- nisse zu machen. politifthe Lebersicht. Postkrcditbriefe. Am Sonnabend hat eine vom Staatssekretär des ReichSpostamts anberaumte Besprechung verschiedener Fragen aus dem Gebiete seiner Verwaltung stattgefunden. Punkt 1 der Tagesordnung be- traf die Einführung von Postkreditbriefen. Tie Einrich- tung ist in folgender Weise beabsichtigt. Tie Posikreditbriefe wer- den in Form eines Heftchens in der Größe von 1214 zu 854 Zentimeter ausgestellt, das zehn Ouittungsformulare für die Abhebung von Teilbeträgen enthält; sie können auf alle durch 50 teilbare Summen bis 3000 M. lauten. Tie Gültigkeitsdauer beträgt vier Monate. Die Ausfertigung der Postkreditbriefe wird den Postscheck- ämtern übertragen. Bestellungen nimmt außer diesen jede Post- anstalt entgegen. Der Besteller hat den Betrag, auf den der Post- kreditbrief lauten soll, mit Zahlkarte zur Gutschrift auf ein Kredit- briefkonto bei dem Postscheckamte, zu dessen Bezirk die Einzahlungs- stelle gehört, einzuzahlen und auf dem Abschnitte der Zahlkarte Namen und Wohnort des Empfängers und derjenigen Person an- zugeben, auf die der Postkreditbrief lauten soll. Der Inhaber eines Postscheckkontos kann den Betrag für den Postkreditbries von seinem Guthaben auf das Kreditbriefkonto überweisen. Der Postkreditbrief wird vom Postscheckamt der vom Einzahler bezeichneten Person als Einschreibbrief unter„Eigenhändig" portofrei zugesandt. Ab- Hebungen, die ebenfalls durch 50 teilbar sein müssen und auf 50 bis 1000 M. lauten dürfen, können gegen Vorlegung des Post» kreditbriefes bei allen Postanstalten, also auch bei den in kleinen Orten befindlichen Postagenturen, im Reichspostgebiet sowie in Bayern und Württemberg erfolgen. Der AbHeber hat seine Be- rechtigung zur Empfangnahme von Teilzahlungen durch Vorzeigung einer aus ihn lautenden Postausweiskarte nachzuweisen. Als Ge- bühren sind in Aussicht genommen: 1. für die mit Zahlkarte zu leistende Bareinzahlung oder für die Ueberweisung von einem Postscheckkonto die nach der Postscheckordnung festgesetzten Gebühren; 2. eine Ausfertigungsgebühr von 50 Pf.; 3. für jede Rückzahlung: a) eine feste Gebühr von 5 Pf., b) eine Steigcrungsgcbühr von 5 Pf. für je 100 M. oder Teile davon. Die Einführung der Postkreditbriefe durch eine Ergänzung der Postordnung ist von der Zustimmung des Bundesrats zu den in Aussicht genommenen Gebühren abhängig, deren Einholung dw Reichspostverwaltung in Aussicht stellt. Die neuen Gröften der elsaft-lothringischeu Regierung. Der„Post" wird aus Straßburg gemeldet, daß ein Wechsel in den leitenden Stellen des elsaß-lothringischen Ministeriums bevorstehe. Als Nachfolger des Statthalters werde mit großer Bestimmtheit der kommandierende General des 14. Armeekorps, Freiherr v. Heyningen-Huene, und als Nachfolger des Unterstaatssekretärs der Justiz der langjährige Präsident des Oberlandesgerichts, Molitor, genannt. Als kommender Mann für das Ministerium des Innern gelte der Bezirkspräsident von Metz, Freiherr von Gemmingen, und als Nachfolger des Staatssekretärs Zorn v. Bulach sei der Bezirkspräsident von Colmar, Herr v. Puttkammer, aus- ersehen._ Prozeft gegen den„Zaberner Anzeiger." Der,, Zaberner Anzeiger" hatte am 2. Januar berichtet, Leut» nant v. Forstner und Leutnant Boettge vom 90. Jnfanterie-Regi» ment hätten Soldaten dieses Regiments mißbandelt. Die„Süd- deutsche Korrespondenz" beeilt sich nun, die Nachricht in die Welt zu setzen, die Anschuldigungen des„Zaberner Anzeigers" seien völlig haltlos und das Ermittelungsverfahren gegen die beiden Offi» ziere sei eingestellt worden. Die Akten seien jedoch der Staats» anwaltschaft zugeführt worden zum Vorgehen gegen den.Zaberner Anzeiger" wegen wissentlich falscher Anschuldigung Liberales Landtagswahlkariell in Sachsen Vor einigen Tagen fand im Landtagsgebäude in Dresden eine streng vertrauliche Besprechung zwischen Landtags» Sündenbabel immer extensiver, wenn ich mich so ausdrücken darf, ausbreiten, in Fühlung stehe, zu schreiben wage, möchte ich Mit» teilung machen von einem traurigen und man darf wohl sagen folgenschweren Ereignis, da? Sie insofern mitbctrifst, als es sich um Ihren Feuilleton-Mitarbeiter, der für Sie am Montag unter dem Namen„der konservative August" zu schreiben pflegte, Handels mit dem ich auf einem Korridor zu wohnen die schätzenswerte Ehre hatte. Es hat nämlich leider der Vorsehung gefallen, denn Gottes Weg« find unerforschlich und wir sollten uns stets unserer irdischen Klein» heit neben ixm �Gewaltigen, dessen Name ist HERR! HERR! be- wüßt bleiben, meinem armen Freunde, mit dem ich auf einem Korridor zu wohnen die schätzbare Ehre hatte, die Prüfung einer schweren und, wie es scheint, unheilbaren, denn wenn man ihn anruft im rechten Namen, macht er des Jairi Töchterlein wandeln, Krankheit zu senden. Es traten aber, wer weiß, was die Vor» sehung damit, wenn ich mich so ausdrücken darf, im Sinne hatte!?l gestern nachmittag bei meinem armen Freunde akute Bewußtsein?» störungen auf und, wovon auch das Alt« Testament, Preis und Dank dem Propheten Daniel! Beispiele aufzählt, glaubte er weiße Mäuse in seinem Zimmer zu sehen(für Wanzen bürg« ichl). Da er sich gegen die Tiere geräuschvoll wehrte, wurde er, und auch hier erblickt der Gläubige den Finger der Vorsehung, mit einem Krankenwagen fortgeschafft. Wenn auch die Männer, die meinen armen Freund, mit dem auf einem Korridor zu wohnen ich die schätzbare Ehre hotte, abholten, etwas von Delirium tremens sprachen und wenn er sich auch nicht immer an den Propheten Daniel hielt, so glaube ich, soweit die Vorsehung mein Hirn er» leuchtete, daß solches eine schändliche unchristlich« Verleumdung ist. indem mein armer Freund ein Mann von streng konservativer Gesinnung und echt christlichen Herzens gewesen, wie er denn auch seinen Wandel nach dem Spruche einrichtete: Lebe, wie du. wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben. Ich werde ihn stets in mein« Fürbitte einschließen, und indem ich hoffe, daß auch Sie durch die Gnade Gottes der Prophet Daniel erleuchten wird, bin ich mit Gottesgruß Gerd Fritz Leberecht, cand. theoll, Mitglied deS Wehrverein«. abgeordneten der nationalltberalen und fortschritt. lichen Volkspartei statt, der auch der Generalsekretär der sächsischen Nationalliberalen beiwohnte. Zwischen beiden Parteien und Fraktionen wird schon lange über ein Kartell für die nächsten Landtagswahlen im Jahre 1915 verhandelt. Für einige Bezirke Sachsens soll bereits eine Verständigung erzielt sein, in anderen scheint der Handel aber aus größere Schwierig- leiten zu stoßen. Zu letzteren gehört auch die Lausitz, wo die Sache wegen der N a ch w a h l am 26. Februar aktuell und dringlich geworden ist. Die Fortschrittler haben in der Lausitz noch einen stärkeren Anhang als in anderen Bezirken Sachsens und überdies in der„Z i t t a u e r M o r g e n z e i t u n g" ein verhältnismäßig «inslußreichcs Blatt. Ueber den Lausitzer Bezirk wurde nun in der fraglichen Sitzung verhandelt. Der nationalliberale Vertreter suchte eindringlich dar- zutun, daß es.im Lande einen guten Eindruck und auch S'ch u l e machen" würde, wenn beide Parteien im zweiten Kreise, wo die Landtagsnachwahl für unseren verstorbenen Ge- nassen Riem stattfindet, zu einer Verständigung kommen würden. Die Freisinnigen stimmten dem durchaus zu und erklärten sich zum Entgegenkommen bereit. Man erklärte:„Wenn wir die Lausitz für dieses Kartell haben, dann haben wir das ganze Land!" Der freisinnig« Abgeordnete, der auch im Landesvorstand seiner Partei und im Fraktionsvorstand sitzt, ver- sichert« darauf, daß er persönlich alles tun werde, um eine Einigung zu erzielen. Sie werde allerdings nur auf der »Basis der Parität" zu erzielen sein. Demgegenüber warf der nationalliberale Vertreter die bange Frage auf: Wird denn die .Zittauer Morgenzeitung" damit einverstanden sein und ihre Haltung danach einrichten? Darauf wurde von der anderen Seite erwidert, daß das als selbstverständlich angenommen werden müsse und könne. Darauf der Nationalliberale:„Wir müssen eben zusammenhalten, besonders auch gegen die Konser- vativen." In der weiteren Erörterung spielte die Präsidenten- frage für den nächsten Landtag ein« Rolle. Der frei- sinnige Vertreter meinte, der nationalliberale Präsident sei ge- fährdet, wenn die Konservativen gestärkt aus der Landtagswahl hervorgehen sollten. Schon das müßte für die Nationalliberalen Grund genug sein, den Freisinnigen entgegenzukommen. Auf eine Einwendung des nationalliberalen Generalsekretärs erwiderte der Freisinnige:.An mir liegt es nicht, Herr Generalsekretär."— Nach stundenlangen Verhandlungen kam man— als Grundlage einer Einigung in der Lausitz— zu dem Ergebnis, daß im ersten, dritten und fünften ländlichen Landtagswahlkrcise die National- liberalen die Kandidaten stellen sollen, im zweiten vierten und sechsten die Freisinnigen. Die EinigungSbestrebrmgen der Liberalen kamen also zu einem positiven Resultat. Das kann von Wichtigkeit für den Ausfall der Wahlen werden. Die sächsische Sozialdemokratie wird davon weniger berührt und kaum benachteiligt, weil sie in der Nach- wähl ja auch ohnedies auf liberale Stimmen nicht oder doch nur in ganz geringem Maße rechnen kann. Den Konservativen aber wird ein schwerer Schlag versetzt, wenn sie infolge eines Kar- tclls der Freisinnigen und Nationalliberalen in allen Kreisen auf pch allein angewiesen sind. Der Streik in Südafrika. Der große Streik in Südafrika kann als gescheitert gelten. Sowohl aus den Goldminenbezirken, als aus den größeren Verkehrszentren lausen Meldungen in Kapstadt ein. daß ein großer Teil der Streikenden zur Arbeit zurückkehrt. Tie Regierung führt die von ihr verhängten Ausnahme- maßnahmen mit größter Strenge durch. Sie hat die Aei- tungszensur eingeführt und duldet keine Ansammlungen irgend welcher Art. Zugleich läßt sie massenhaft Verhaftungen vornehmen. Auch ein Mitglied der Arbeiterpartei im süd- afrikanischen Parlament. Creswell, ist, wie aus Johannesburg gemeldet wird, verhaftet worden. ** * Johannesburg, 18. Januar. Das Mitglied des Gemeinde- rats von Bocksburg, Mitgliod der Arbeiterpartei, Williams, ist aus Grund des Kriegsrechtes verhaftet worden. /tus Groß-öerlin. Gröensfalbe. Das preußisck»« Ordensfest, das in der Regel auf den 18. Januar fällt, feiert man noch mit all jenem Pomp und Zopf, wie es vor hundert und mehr Jahren üblich war, und in der Zahl der bestehenden Orden wie in ihrer Verleihung ist der Zopf sogar ein riesiges Stück länger geworden. Ein recht teurer Zopf! Haben es doch die Staatskarrenlcnker fertig bekommen, trotz der aus allen Löchern des zerwühlten Reiches herauslugenden Not noch weitere 150 000 M. für Orden, die Hälfte mehr als bisher, in den preußischen Etat einzustellen. Für solchen Zweck, der die Ordcnsaktirn der Dreiklassenmänner höher steigen lätzt, funktioniert natürlich die Bewilligungs- Maschine immer. An der schier endlosen Ordenslitanei, an der Gründung immer neuer Orden erkennt man so recht, in welchen veralteten, halb versteinerten Anschauungen noch der Hof und alles, was rings um die Sonne scharwenzelt, befangen ist. Auf großzügige Staatsreformcn warten wir vergebens, trotz aller feierlichen Versprechungen... statt der Erfüllung von Rechtssorderungen werden Jahr um Jahr neue Ordensdekorationen geschaffen und zum großen Teil an solche„Ritter" verliehen, die das Volk um seine Rechte bemogeln. Die denkende Welt hat längst für diese Buntspliiter nur noch ein heiteres Lächeln übrig. Für die höfische, militärische, beamtete und neben diesen be- vorzugten Ständen rückhaltlos mithumpelnde Gesellschaft ist die Ordenssalbe, die manckie Freundschaft erlialten und manche Wunde heilen, auch manchen widerspenstigen Mund stopfen soll, immer noch Lebenselixier. Was oft hinter den Kulissen spielt, um einen Orden zu ergattern, mag identisch sein niit einer Schlammflut. Beweist doch die Tatsache, daß einflußreiche oder angeblich viel- vermögende Persönlichkeiten ungeniert in Zeitungsinseraten Orden- und Titelschacher treiben, wie tief der ideale Wert einer Ordensverleihung in beutiger Zeit gesunken ist. Wollte nian gar erst nachforschen, welche Verdienste an den einzelnen OrdensgZchenken kleben, so käme die Welt aus dem Lachen gar nicht heraus. Ob man einem Kellner ein reichliches Trinkgeld oder einem Sonnentrabanten einen Stern gibt, dessen Kosten notabene das Volk bezahlt, das ist so ziemlich dasselbe geworden. Ironisch sagt schon Georg Herwegh: „Jeder Mensch hat seinen Stern, jeder Hofrat seinen!" Von einigen wenigen Sonderfällen abgesehen, die dann oft auch noch zur Kritik herausfordern, hat natürlich derjenige, der zu verleihen geruht, über die zu beglückenden und von ihren Knopflochschmerzen zu befreienden Persönlichkeiten gar keinen Ueberblick mehr. Die Orden werden in der Hauptsache vom Chor der Landräte und von den Spitzen anderer Behörden, die ihre Sammel-Vorschlagslisten der Generalordenskom- Mission einreichen, verliehen. S. M. machen nur noch einen Federstrich. Und so stimmt es wieder, was der Dichter singt: Das ist ein Fürst, der das Talent Huldvoll verschont. Wem keins geworden— Dem deckt er gnädigst und dezent Die Lücke zu mit einem Orden. Groftfeuer in den Eisenbahnwerkstätten des Lehrter Bahnhofes. Ein großes Schädenfeuer wütete in den frühen Morgenstunden des Sonntags auf dem fiskalischen Gelände Lehrterstraße 23/24. In dem etwa 39 Meter langen Werkstättengebäude des Lehrter Bahnhofs war aus bisher unbekannter Ursache ein Feuer ausgekommen, das bei Ankunft des ersten Löschzuges bereits so um sich gegriffen hatte, daß das ganze Gebäude lichterloh in Flammen stand. Da nach Lage der Dinge von dem eigentlichen Wcrkstättengobäude nichts mehr zu reiten war, richteten die Lösch- Mannschaften, insgesamt sieben Fcuevwohrzüge, ihr Hauptaugcn- merk darauf, die in der Nähe stehenden Baulichkeiten zu schützen. Der Brand fand an den Vorräten des im Wevkstättengebäudc unter- gebrachten Magazins, in dem größere Posten Sitzpolster, Hölzer und Wergvorräte lagerten, überreiche Nahrung. In mächtigen Garben schlugen die Flammen zum Himmel empor. Schon fing das Dach eines benachbarten großen Wasserturmes Feuer und auch ein Teil des Daches der Schmiede begann zu brennen, doch gelang es schließ- lich der Wehr, die mit 12 Röhren dem Feuer zu Leibe ging, den Brand auf seinen Herd zu beschränken. Nach etwa dreistündiger Arbeit war die Gefahr beseitigt und ein Teil der Löschzüge konnte den Brandplatz verlassen. Die vollständig« Mlöschung der Brand- trümmcr und die Aufräumungsarbeiten hielten jedoch zwei Züge der Feuerwehr bis in die Nachmittagsstunden auf der Brandstelle fest. Das Werkstättengebäude ist vollständig ausgebrannt. Leider hat sich bei den Löscharbciten ein schwerer U n- glücksfall zugetragen. Der Brandmeister Grabow wurde bei dem Einsturz eines Teiles des brennenden Gebäudes von den Trümmern getroffen und zog sich einen komplizierten Bruch des linken Oberschenkels und verschiedene Kon- tusionen am Kopf zu. Bei der Rettung des Brandmeisters, derunterdenTrümmernbegrabenwurde, erlitten noch mehrere Feuerwehrleute durch nachstürzende Teile des Daches Verletzungen. Brandmeister Grabow wurde nach dem Augusta-Hospital gebracht, während die leichter verletzten Feuer- Wehrleute in ihre Wohnungen geschafft wucken. Wintersport. Die Seen in der Umgebung von Berlin waren gestern das Ziel ungezählter Tausender, die auf den spiegelblanken Flächen sich dem frischen, gesunden Sport hingeben konnten. DaS Eis hatte zwar nirgends eine größere Stärke als 12 bis 13 Zentimeter uno mitunter krachte und knackte es unter den Füßen der Laufenden ganz bedenklich, doch sind schwere Unfälle vom gestrigen Tage glücklichertveise nicht zu verzeichnen. Die Friedrichshagener Polizei hatte noch in den Morgenstunden eine genaue Unter- suchung der Eisdecke des Müggelsees vorgenommen und, da das Eis bis auf einigt Stellen an der Ostseite durchschnittlich 12 Zentimeter stark war, den See freigegeben. Man muß ihn gesehen haben, jenen märkischen Riesen, der schon so manchem WassersportSmann zum Verhängnis geworden ist. Wer erinnert sich nicht an diesen oder jenen stürmischen Tag, wo selbst größere Fahrzeuge seine tückischen Wellen fürchten. Jetzt liegt er gebändigt vor uns und läßt sich buchstäblich mit Füßen treten. Von Friedrichshagen bis zum Rahnsdorfer Ge- münde, von den Wasserwerken bis nach Rübezahl, eine ein- zige gewaltige Eisfläche. Schon in den frühen Morgenstunden pilgerten Alt und Jung mit Schlittschuhen be- waffnet und angetan mit allen möglichen Wintersportkostümcn hinaus. Die Eisenbahn hatte borsorglich Extrazüge laufen lassen, aber gegen Mittag vermochten auch diese kaum, den gewaltigen Menschenstrom zu befördern. In den ersten Vormittagsstunden lag noch ein schier undurch- sichtiger Nebelschleier über dem See. Ein« um 19 Uhr angesagte Eissegelregatta mußte vorläufig verschoben werden, das Eis war zwar gut, aber der Wind fehlte noch. Nach einer Stunde ver- kündeten Böllerschüsse den Anfang der Wettfahrt, und von kräftigen Händen angestoßen, sausten die Schlitten pfeilschnell über die Eis- fläche. Allerdings wähnten sich die Segelsportler Herren des SeeS; unaufhörlich tuteten sie, und wer ihnen nicht Platz machte oder nicht schnell genug bei Seite sprang, bekam ein Schimpfwort zuhören. Ein junger Mann wurde sogar über den Haufen gefahren. Vier Gendarmen sorgten zuerst für Absperrung, um die Menge nach der „polizeilich abgesteckten Bahn" zu dirigieren, aber die immer mehr zuströmenden Menschen machten das später illusorisch. Segel- schlitten, Eisseglcr, Schlittschuhläufer und Spaziergänger in un- gezählter Menge bewegten sich am Nachmittag auf der blanken Fläche, die inmitten der von Rauhreif bedeckten Wälder ein präch- tiges, reizvolles Bild bot. Auch der W a n n s e e, der Schlachten- s e e und der N e u e S e e im Tiergarten waren von vielen Taufen- den besucht. Zeichen der Zeit. Mit einer Kinderaussetzung hatte sich am Sonnabend die Polizei in K ö p e n i ck zu beschäftigen. In einem Haus« in der Garten- straße erschien eine Frau in Begleitung ihrer drei Kinder im Alter von zwei bis zu fünf Jahren. Sie ließ die Kleinen bei einem Mieter unter dem Vorwand zurück, sie werde nur in der Nachbar- > schaft etwas besorgen, worauf sie sich entfernte. Vergeblich warte- ten die Zurückgebliebenen auf die Rückkehr der Mutter. Diese hatte inzwischen Köpenick wieder verlassen und war nach Berlin ge- fahren. Am Sonntag wurde sie hier ermittelt und festgenommen. Sie gckb zu, ihre drei Kinder vorsätzlich ausgesetzt zu haben, und befragt über die Motive, erklärte sie, sie habe es aus großer Not getan. Sie sei von Graudenz nach Berlin gekommen und habe schon hier vergeblich versucht, die Kleinen loszuwerden, da- mit sie nicht zu hungern brauchten. Fuchsjagd in Pankow. Ein seltenes Jagdvergnügen gab es am Sonnabend auf dem Grundstück Breitestr. 17 in Pankow. In den Fabrikräumen der Firma Gebr. Wienecke vernahmen die Arbeiter nachmittags plötzlich ein verdächtiges Geräusch und plötzlich sprang ein aus- gewachsener Silberfuchs aus einem Versteck hervor. Im ersten Augenblick war man einigermaßen entsetzt über das unan- gemeldete Erscheinen des Tieres. Tann aber wurde eine förmliche Jagd auf Meister Reineke unternommen. Der Flüchtling eilte jetzt auf den Fabrikhof hinunter und hier gelang es, ihn zu er- schlagen. Wie sich herausstellte, war das wertvolle Tier dem Restauraieur Marschner g e st o h l e n worden. Jedenfalls ist der Dieb mit seiner Beute, die recht bissig war. nicht weit gekommen.' Theater. SozictäiStheater: Der Bogen des ObhffeuZ von Gerhart Hauptmann. Das neue Werk Hauptmanns, das am Sonnabend im Künstler- theater Sozietät die Uraufführung erlebte, ist durchaus nicht ein Zeichen neuen dramatischen Aussteigens. Das deutsche Drama gewinnt daran so wenig, wie der Dichter. Aber an Beifall hat es dem Werke keineswegs gefehlt. Von diesem Punkte aus ist sogar zu buchen, daß der Dichter einen so starken und unumstrittenen Erfolg lange nicht gehabt hat. In die Ovationen nach dem Fallen des Vorhangs mischten sich diesmal keine Anzeichen der Opposition, nur die stürmischen Hervorrufe für Hans Marr, den Darsteller des Odhsseus, der allem, wonach des Dichters Phantasie gerungen und was der Leser des Stückes wie aus der Ferne, mehr ver- wundert als erschüttert spürt, einen Ausdruck von wundervoll ein- facher Monumentalität gegeben hatte. Es war das ein Wurf, der diesen bisher meist nur in kleinen Charakterchargen den Reich- tum seines Wesens offenbarenden Schauspieler in die Reihe unserer ersten Bühnenkünstler rückt. Er überraschte durch ein« Seelen- Plastik, die an Karl Wegeners Meisterleistung in dem sonst ja durch eine Welt vom Werke Hauptmanns geschiedenen Strindberg- schen.Totentanz" erinnerte. Sein Spiel schuf eine Spannung, stark genug, die mancherlei Hemmungen zu überwinden, die der Bühnenwirkung durch das äußerst langsame, in vielfachen Wieder- holungen der gleichen Kontraste sich bewegende Entwickelungs- tempo gedroht hätten. Die Keime der Dichtung liegen West zurück. In den Tagebuch. blättern seines Buches„Griechischer Frühling" vom Jahre 1998 er- zählt Hauptmann, wie ihn die Erinnerung an die Homerische Odyssee, an die Gestalten des Telemach und d«S Hirten Eumaios auf der Reise begleiteten. Damals entstanden Szenen zu einem „Tclemach"-Drama, das, nach den Andeutungen, ursprünglich wohl wesentlich naiv und idyllisch werden sollte. In dem Werk, wie es sich dann schließlich ausgestaltete, im„Bogen des Odysseus", klingt dies Moment Homerischer Naivität nur noch in einigen wenigen Stellen an. Telemach, Odysseus Sohn, tritt hinter den Vater ganz zurück und interessiert im Grunde wenig. Von seiner sanften Knabenart hört man nur durch die Spottrcden der Freier und der üppigen, dirnenhaft-frechen Magd Melanto. Die Wandlung zu kriegerisch mannhaftem Sinn wird in dem Stücke durch den Einfluß eines ziemlich blaß geratenen, von Hauptmanns sonstiger Stilart fernabliegenden Heldenmädchens, der Enkelin des Eumaios, motiviert. Dies und alles andere ist bloß ein Drum und Dran, bestimmt, der Scelenschilderung des nach zwanzigjährigen Kämpfen und Irrfahrten Heimkehrenden, die übermütigen Freien strafenden Odysseus, ein äußeres dramatisches Relief zu geben. Nicht der list- reiche, nicht nicdcrzubrechende Odysseus, den die freundliche Schutz- göttin Athene durch alle Fährnisse schließlich zu ruhig stillem Glücke führt, sondern Odysseus, der Dulder, ist der Held des Dichters: ein Dulder, der, grundverschieden vom Homerischen, im Leiden den Glauben an das Glück, ja auch die Fähigkeit dazu verloren, ein Hiob, der, elend in allem strahlenden Ruhme, von der Qual und Nichtigkeit menschlichen Lebens tief durchdrungen ist. So sieht ihn Hauptmann. Aus dieser Quelle der Empfindung fließt die Poesie des Werkes, das lyrisch, nicht dramatisch geivertet sein will. Ein zerlumpter, von Krämpfen gerüttelter, in Wahnideen be- fangener Bettler, der sich nicht mehr entsinnt, was ihn hierher ver- schlagen, naht der Hauptmannsche Odysseus dem Gehöfte des gast- lichen Eumaios. Der Freudenrausch, als er erfährt, das Eiland sei seine Heimat Jthaka, läßt ihn wie tot zusammenbrechen. Lang wahrt er sein Geheimnis in der Brust, halb irr, halb Irrsinn heuchelnd, um den Argwohn der Feinde nicht zu wecken. Er sieht den Sohn, hört ihn von den Heldentaten des großen und berühmten Vaters schwärmen. Da übermannt ihn die Bewegung, es fährt' aus ihm heraus, er selber sei Odysseus. Aber ungläubig und an- gewidert vom Anblick des Entstellten wendet Telemach sich ab. Wie könnte der Erhabene, im Liede Gefeierte in solche Niedrigkeit ver- funken sein! Diese Szene, in eine wilde Klage des" Zurück' gestoßenen austönend, bildet den Höhepunkt des zweiten Aktes und wird vielleicht nur noch durch den schauerlich grotesken Tan� der beiden vom Schicksal geschlagenen Greise im dritten Aufzug über- boten. Odhsseus findet Laertes, den geliebten Vater, gleich ihm selber in Lumpen eingehüllt, gebeugt und elend. Schluchzend fällt er ihm um den Hals, und der kindisch gewordene Greis, durch diese ungewohnte Zärtlichkeit gerührt, drebt sich, alles rings umher vor- gessend, unter dem Gelächter der Mägde mit dem Fremden, dem Heldensohne, taumelnd verzückt im Kreise. Ein schneidend bitteres Bild des Jammers.— Erst die Begegnung mit den Freiern ent- flammt die Kraft des Herrscherwillens in Odysseus wieder, reckt den geduckten Nacken für Augenblicke drohend.auf: der Heros kündigt sich an. So muß endlich auch Telemach erkennen, daß der Fremde, der sich seinen Vater nannte, wahr gesprochen hat. In langaus- gesponnenen Szenen beim Gelage der trunkenen Freier in der Halle des Eumaios, wo Odysseus in Bettlergestalt das Herdfeuer hütet, bereitet sich das Werk der Rache vor. Telemach reicht dem zu mitleidslosem Grimm Gewachsenen den gewaltigen Bogen, den keiner spannen konnte, und höbnend mit wohlgezielten Schüssen streckt der Rächer die verhaßten Feinde nieder. Am nächsten Tage soll die blutige Abrechnung im Königspalaste vollendet werden.„In froher Mordlust" hüpft Odhsseus' Herz. Aber jenseits des Kampfes harrt seiner neues Leid. Er, der so viele listig täuschte, wird selber — er fühlt's voraus, das Mißtrauen— auch da? Mißtrauen gegen Penelope, die Gattin, ob sie die Treue hielt, nie aus der Seele bannen können. Neben dem genialen Spiele M a r r S und guten Leistungen (besonders R e i ch e r s Laertes) lief in der rstm R i t t n e r inszenierten Aufführung auch manches Kümmerliche einher. Herr Laos paßte nach seiner ganzen Eigenart so wenig zu dem Telemach, wie Else Lehmann zur Eurhkleia, der griechischen Schaffnerin. Von den vier Freiern brachte es nur einer zu be- wegterer Gestaltung, die anderen begnügten sich mit Lärmen. Und auch die Darsteller der Hirtenszene, aus der sich viel hätte machen lassen, versagten in der Siebe. � dt. Letzte Nachrichten. Erneuter Ausbrnch des Sakuraschima. Tokio, 18. Januar.(W. T. 93.) Aus Kagoschima wird gemeldet: Gestern kam es zu neuen schrecklichen Eruptionen auf der Insel Saknraschima, die die ganze Nacht hindurch andauerten. Ein großer Teil der Einwohner, welche zurückgekehrt waren, flüchteten aufs neue in Panik. Der Wind trägt finstere Wolken von Staub und Asche aus dem Vulkan nach der Stadt.___ Die Kämpfe in Albanien. Balona, 18. Januar.(Meldung der Agenzia Stefans.) Tie Gendarmerie, geführt von Offizieren, griff heute die Rebellen in der Nähe von Elbassan an. Die Rebellen wurden zurückge- schlagen; die Gendarmerie besetzte die Ortschaften Godolctsch und Labinot. Opfer des Eissports. Esse», 18. Januar.(W. T. B.) Beim Schlittschuhlausen auf der Ruhr sind heute nachmittag in der Nähe von Rellinghausen der zwölfjährige Sohn des MetzgermeisterS Becker und dessen Lljähriger Geselle e i ag ebro ch eu und ertrunle», Theaten Montag, 19. Januar 1914. Ansang 6 Uhr. CineS Palast am Zoo. Variete- Lichtspiele. Ansang SV, Ubr. EinesNollendorf-Theater.Variete- Lichtspiele. Ansang 7 Ubr. Opernkaus. Parsisal. Deutsches Opernhaus. Parsisal. Ansang 7llt Ubr. flgl. Sihauipielliaus. Die Neuvermählten. Die zärtlichen Wer- wandten. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. Semug. Leon« und Lena. Zirkus Busch. Galavorilellung. Zirkus Schumann. Galavorstellung. Ansang 8 Ubr. Urania. Mit dem Imperator nach New Dort. Hörsaal: Dr. H. EliaS: Technik der Luftsabrzeuge. Kammerspiele. Wetterleuchten. Deutsches Schauspielhaus. Wer zuletzt lacht. SuftiPielliauS. Die spanische stiege. Montis Operetten. Die verbotene Stadt. Deutsches Künstler- Theater. Schirin und Getraude. ZtöniggräUer Strafte. Die süns Franksurter. Schiller V. Weh dem, der lügb Schiller Charlotteuburg ihr wollt. Theater am Nollendorfplatz. Freddh und Teddy. Theater des Westens. Polenblut. Berliner. Wie einst im Mai. Komödienhaus. Hinter Mauern. Kleines. Jeltchen Gebert. Triauon. Änatoles Hochzeit. TKalia. Die Tangoprinzesfin. Residenz. Hoheit— der Franz. Mctropol. Die Reise um die Well in 40 Tagen. 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Bezirk Mcukülln II: Mainzer Str. 17, Ecke Biebrichstraße, bei Müller, Freitag, den 23. Januar. Irk Moabit: Siiclcsi"- hol Ii vormittags 10 Uhr Bezirk Tegel: Schiieperstr. 19, Ecke Tresfolvstraße, bei Wegener, Dienstag, den 20. Januar. Bezirk SUdvesten: Bellc-Alliance den 23. Januar. Bezirk SehOneherg: Apostel-Paulus den 23 Januar. Bezirk Weißensee: Lehder Str. 1, Ecke Kölligchaussee 41; bei W. Frentz, Freitag, den 23. Januar. Bezirk Pankow: Fiorastr. 15, Eingang Görschstraßc, bei Winter, Freiing, den 23. Januar. Bezirk Cbarlottenburg: Bismarcksir. 38, bei Wcrnicke, gegenüber dem Deutschen Opernhaus, Dienstag, den 20. Januar. Bezirk Ober-Schiinewelde: Wilhelminenhosstr. 34, bei Emberg, Montag, den 19. Januar. Bezirk I'r ledrieb sbagen: Friedrichstr. 60, im.Jugendheim-, Freitag, den 23. Januar. 281/8' Das Kursusgeid beträgt, Lehrbuch und Schreibbeste inbegriffen, 3,50 M., sür Teilnehmer unter 18 Jahren 2,50 M.— Die tturse beginnen in allen Bezirken, nur mit Ausnahme des Bezirks Moabit, abends 8'/. Uhr. Um rege Beteiligung bittet �rdeiter-Stenoxroptienverein ,8tolTe-8eIirezf» für Berlin und Umgebung. I. A.: Oskar Schlayer, 1. Vorsitzender, Berlin Tempelhof, Kaiserin-Augusta-straße 70. 'Knnahmettellen für„Meine /inzeigen Berlin C.«. J&nfmiirf), Ackerstr. 174. Wr. G. Schmidt, Kirchbachstr. 14. O. Petersburger Pia? 4. Gustav Bogel, Koppeujtraße 82. N. Wciigcls, Gr. Frankfurter Str. 120. MD. L. Zucht. Jmmnnuelkirchstr. 12. I. Renl, Barnimitr. 42. lil. A. Wolgast, Wattsiraße 9.•©. Fischer, Bailianstratze 6. Kart Mars, Greiscnhagcner«tr. 22. I.Hönisch, Müllerstr. 3la H. Bogel. Lortzingllr. 37. A. Tie». Jlivaiidenilr. 124 k'W. Solomon Joseph, Wichclmshavener Str. 48. HW. G. Schmidt. Glieiienaus» 72. Dach», Hagclbergcr Str. 27. 8. St. Friv, Brinzenitr. 3l. H. Lehmann. Kottbuier Damm 8. SD. Paul Böhm, Lansitzer Platz 14/15. P. Horich, Engeluser 15. 4dlersbok. Karl Schwarzlose, Bismarckstr. 28._ Hanrnschaieniveg. H. Hornig, Marienthalcr Str. 13, 1. Borsigwalde. Paul Kicnaft, Räuichstr. 10. übarlottenbnrg. Gustav Scharnbcrg, Selenbeiincr Sir. 1. Pricdrichshagcn. Ernst Werkmann, Köpcnicker Str. 18. türiinan. Franz Klein, Fricdlichstr. 10. dobannistbal. Max Gviischur, Parkslr. 6. Karlsborst. Richard Küter, Nüdelslr. 9. II. Köpenlek. Emil Wiftlcr, Kictzcrilr. 6, Laden. I,lei>tenberg. Otto Settel, SartenBeijjftr. 1. Kicder-Schöneweide. Wilh. Unruh, Brücken str. 10. Alowazwes. Wilhelm Jappe, Lutherstr. 2. Dber-hlebane« eide. Alfred Bader, Wilhelmiilcnhosstr. 17, Laden. Pankow«. Otto Riftmann, Mühlciistr. 30. Belnlekendorl. P. Gnrsch, Provinzstr. 56, Laden. Nenkalln. M. Heinrich, Neckarstr. 2. Conrad, Hermannsir. 50. C. Rohr» Siegsriedstr. 28/-29. Rnramelsburg. A. Rosenkranz, Alt-Roxhagen 56. Sseböneberg. Wilhelm Bäumler» Mariin-Luther-Str. 69 im Laden. 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Dürr und leer steh' ich im Leben— träumte einst von einem Garten, träumte einst von Früchtegeben und von freudigem Erwarten. Ja, es warten viele Kände, viele harte Kungerarme auf des dürren Baumes Spende, der sich ihrer Not erbarme. Kämen nur die Frühlingszeiten! Doch jetzt schneit der kalte Winter seine harten Grausamkeiten auf die unversorgten Kinder. Meine Koffnung ist erfroren in dem bitterbösen Wetter— meine Träume sind verloren wie der Bäume grüne Blätter... Max Barthel. Giftmorö. Giftmordprozesse sind in Deutschland nicht häufig. Der Gift- mord scheint andere klimatische Verhältnisse vorauszusetzen oder Länder, wo das Gift leichter und ohne weitere Umstände zu er- halten ist; einen Revolver oder ein Messer kann jeder lausen; der Weg zum Gift führt nur über einen Apotheker oder einen Arzt. Aber der Giftmord scheint auch einen besonderen Volkscharakter vorauszusetzen; er verlangt kein rohes Draufgehen, er bedarf keines Muts und keiner Äörperkraft, um sein Opfer zu treffen. Ter Giftmord ist das feigste Verbrechen, dem all die persönliche Stärke fehlt, die sonst, wie eine irre geleitete Menschlichkeit, in den meisten Gewalttaten steckt. Die Geschichte kennt nur Giftmische- rinnen und eigentlich nur ein Gescblecht, bei dem auch die Männer so böe., verdorben, weibisch und hinterhältig waren, daß sie das Gift zu ihrem Licblingsmittel machten, die Fcunilie Borgia. Ter pfäffische Einschlag dieses Geschlechts, in dem die Tochter die Ge- liebte des Vaters Papst und des Bruders Kardinal war, hatte alle Stärke so vermorscht, daß es seine Schreckensherrschaft nicht mehr durch offene Gewalt, sondern nur durch die bleiche Furcht vor den unaufhörlichen, geheimen Vergiftungen aufrecht erhalten konnte. Aber von Lukretia Borgia bis zu der Marquise von Brin- willier, und den zwei deutschen Giftmischerinnen, der frommen Bremer Bürgersfrau Geeschc Gottfried und der Nürnberger Dirne Zwanziger, die alle ihre Dutzend Opfer auf dem Gewissen hatten, waren es immer nur Frauen, die gewissenlos und kaltblütig mit Gift mordeten und meist die Reihe ihrer Untaten unter dem Scheit} frömmster Kirchlichkeit verbargen. Nun stand in Frankfurt a. M. ein Mann vor dem Schwur- gericht, der all diese geschichtlichen Erfahrungen umstößt. Er ist fast der erste Mann, der ob solcher Straftaten des Urteils harrt. Es ist kein verweichlichter, entnervter Schwächling, sondern ein Hüne, der bis in die letzte Zeit auf dem Variete sein Kraft- stück zeigte, einen Hammel mit einem Hieb entzwei zu spalten, und der zwischendurch F-echtlehrer war, und dennoch hat er das typische Beispiel jener Giftmischerinnen wiederholt und ist ihm fast in all seinen Mcrkinalen gefolgt: er hat trotz aller zeitweiliger anderer Versuche immer dasselbe Mittel angewandt, mit der gleichen sorglosen Gedankenlosigkeit wie sie; er hat seine Mord- taten auf einen ganz kleinen, eng zusammenhängenden Kreis be- schränkt, was natürlich die Entdeckung wiederum erleichtern mußte; er hat ziel- und zwecklos gemordet, ganz wie jene Frauen, die nach anfänglichen Untaten aus Habsucht von dem verbrecherischen Reiz des Tötens so ergriffen wurden, daß sie Menschenleben ver- nichteten, nicht anders, als man Fliegen tötet. Hopf hat seine drei Frauesi hoch versichert und dann vergiftet oder zu vergiften ver- sucht, weil er in den Besitz der Lebensversichcrungssumme kommen wollte. Auch Vater und Mutter hat er beiseitg zu räumen ver- sucht oder beiseite geräumt, weil seine bedrängten Geldverhält- nisse eine Erbschaft notwendig machten, aber zwischendurch hat er seine zwei kleinen Kinder gelötet, ohne daß der geringste Grund einzusehen ist, einfach um des Tötens willen. Eine Beleuchtung dieser zwecklosen Taten gewinnt man vielleicht, wenn man Hopfs Geschlechtsleben in die Beurteilung mit einbezieht. Man hat bei der Untersuchung seines Hausrats eine Menge obszöner Bilder und sadistische Instrumente gefunden, und darf daraus wohl eine erotische Grausamkeit ableiten, die auch eine der Grundlagen seiner Giftmorde waren. Hopf hat allerdings e>ne neue Spezialität in das Verbrechen eingeführt. Er hat versucht, mit Bazillen zu morden und hat seinen Opfern Typhusbazillen und Tuberkeln in die Speisen ge- mischt. � Es konnte aber nicht nachgewiesen werden, ob diese fast wissenschaftliche Art des Mordes auch den Tod herbeigeführt hat. Hopf selbst scheint der Ansicht gewesen zu sein, daß dieser Weg zu langsam sei, denn er hat immer wieder zum Arsen gegriffen, um den Tod zu beschleunigen. In allen Leichen ist hoher Arsen- gchalt nachgewiesen worden, und wenn Hopf bei seiner Kenntnis der Chemie auch in jenem Fall das Vorhandensein des Arsens anders erklären wollte, so liegt doch gerade darin der Hauptbelveis für eine systematische Vcrbrechenskette. Dieser Frankfurter Bürgerssohn, aus einer redlichen bescheidenen Familie, hat die Laster und bösen Triebe überall in sich aufgenommen, wo er hinkam. Er brachte seine sadistischen Neigungen aus England, seine verbrecherische Kenntnis der Gifte vom aftikanischen Riff, und so belastet mit allem Schlechten machte er kleine abgelegene Dörfer iin Taunus zum Schauplatz von Verbrechen und Orgien, trug er in weltverlorene mitteldeutsche Bauernhöfe den bösen Keim- stoff der großen Welt und fiel ausschließlich nur der Sorglosigkeit zum Opfer, die ihn seine stets erfolgreichen Verbrechen durch Jahre hindurch gelehrt hatten. Während der ganzen Verhandlung gab es im Gerichtssaal nur einen Menschen, den nichts erregen z� können schien, und der immer gleichmütig saß und sprach, und das war Hopf. Man weiß nicht, war es Selbstbeherrschung, war es ein Nachlassen aller seelischen Kräfte, das all die Antworten auf die schlimmsten Beschuldigungen so gleichmütig und unverändert herauskommen ließ. Zeugen und Zeugen traten gegen ihn auf, seine eigene Frau beschuldigte ihn des Mordversuchs an ihr, eingehend wurde dar- gestellt, wie jede Mordtat und der auf sie folgende Geldgewinn gerade zur rechten Zeit kam, um den mit Schulden Ringenden wieder einmal ftei zu machen, aber Hopf erhob die Stimme kaum, wenn er sich verteidigte, er warb um kein Mitleid und um keine mildere Beurteilung, er war wie erstarrt, als sei alle Kraft ons ihm gewichen, seit die Verbrechen ans Tageslicht kamen und er nicht mehr links noch rechts aus dieser schrecklichen Reihe von lebenden und toten Zeugen ausbrechen konnte. Rujstnkultur. Der Großfürst Konstantin Konsiantinowitsch von Rußland hat ein religiöses Drama verfaßt. Es heißt«Der Judcnkönig" und ist vor einigen Tagen„im klassisch-kühlcn Theater der Eremitage in Gegenwart der Großen des Reiches" probeweise aufgeführt worden. Das„Tageblatt" ist in der beneidenswerten Lage, eine Analyse des Werkes zu bringen, die der Großfürst Konstantin höchstselber durchgesehen und zum Abdruck im„Berliner Tageblatt" autorisiert hat. Natürlich ist„die ganze in Musik, Blumenduft und Sonnen- schein getauchte, Frömmigkeit durchwehte Dichtung, die auf dem farbenglüheiiden Hintergrund des Orients das größte Drama der Weltgeschichte widerzuspiegeln sucht, daS Werk eines Poeten. Alles in allem: ein poetisches Werk, in der Nähe des Thrones geboren, aber ein Werk fürs.Vol k". Das Koiowzew- Interview ist überboten. Hurra l Man hat die Erinnerung an die Blutbäder, die der Zarismus dem geknechteten Volke bereitet hat, abgestreift wie ein unbequemes und unmodernes Gewand, die teuflischen Schrecken der Pogrome sind vergessen, man weiß nichts von den Folterungen Unschuldiger in russischen Gefängnissen, man erwärmt sich nicht mehr für das Schicksal der Verbannten und Verfolgten, aber man schmachtet nach der Ehre, einem Großfürsten zu Willen zu sein. „Ein Werk, in der Nähe des Thrones geboren, aber fürs' Volk bestiuiint." Ein Erbauuiigsstoff für das gläubige Volk der„Tage- blatt"-Abonnenten, aber nur eine Verhöhnung jenes Volkes, daS man im Kampfe um Menschimrechte unbedenklich sterben laßt. hohenzollernbriefe. Fn den patriotischen Märchenbüchern ist viel Schönes und Erbauliches zu lesen über die Feuertaufe, die sowohl Friedrich Wilhelm IV. als auch Wilhelm I. in dem Feldzuge von 1814 erhalten haben. Jetzt erschließt eine Briefsammlung") einen Blick in die Sinnesart beider Prinzen und ihrer Schwester Charlotte, der späteren Zarcwna, während obbemeldeter Feld- züge. Wenn der Herausgeber in der Einleitung sagt:„Die Originale der Briefe, die sämtlich bisher ungedruckt sind, be- ruhen(!) im Königlich Preußischen Hausarchive; zu ihrer Veröffentlichung hat unseres Regierenden Kaisers und Königs Majestät Allerhöchstseine Genehmigung zu erteilen geruht: in dem ehrfurchtsvollen Danke hierfür wird mit dem Heraus- geber jeder Leser dieser Hohcnzollernbriefe sich eins fühlen", so mag es doch noch sehr in Zweifel gestellt sein, ob gerade die monarchisch und hohenzollersch gesinnten Leser des Buches sich zu besonderen Dankes- und Freudcnbezeugungen aufraffen iverden, denn im Grunde sind diese Hohenzollernbriefe nichts als eine ermüdende Fülle von Läppischkeiten und Nichtigkeiten. Ter Gerechtigkeit halber sei allerdings erwähnt, daß die Schreiber der Briefe kaum dem Kindesalter entwachsen waren: bei Beginn der Korrespondenz, im März 1813, zählte der Kronprinz siebzehneinhalb, der Prinz Wilhelm sechzehn und die Prinzessin Charlotte gar erst vierzehndreiviertel Lebens- jähre, aber da die Briefe als Wunderwerke der Veröffentlichung für wert gehalten werden, müssen sie sich auch eine Betrachtung mit kritischen Blicken gefallen lassen, so übel sie dabei wegkommen. Schließlich sollte man ja auch erwarten, daß Kinder, die auf den sogenannten Höhen der Menschheit wandeln und deren ganze Erziehung darauf angelegt ist, sie zu Repräsentationsfiguren zu machen, früher reifen als andere, namentlich in Zeiten, da unter Blitz und Donner weltgeschicht- liche Wandlungen sich vollziehen. Aber weit gefehlt! Nicht die Weltgeschichte lebt, sondern der Hofklatsch wuchert in der Gesinnung und in den Briefen dieser Hohcnzollernprinzen. Nicht einmal streift ihr Herz ein Hauch von der histo- rischen Bedeutung dessen, was bei Leipzig und Waterloo entschieden wird; kaum einmal, daß die große Zeit einen großen Gedanken hinter ihrer Stirne weckt, und es ist wie ein einsames Frühlingsveilchen in einer Winterlandschaft, wenn die Prinzessin Charlotte 1814 schreibt:„Wenn die Franzosen leichtsinnig sind, so verdienen sie darum nicht un- seren Haß. Muß man nicht allen Ifationalhaß vergessen, jetzt, da nur e i n Feind der Menschheit ist? Es kann mir daher so leid tun, wenn ich so viele Menschen verbittert sehe gegen die französische Nation; wir leben ja in einer so schönen Zeit, daß man alles Bittere aus dem Herzen verbannen muß und nur eine Allliebe fühlen kann.... Wenn ich so allen Haß und allen Krieg von der Erde verbannen könnte, was gäbe ich nicht darum!" Worte, die wohltuend abstechen von dem wilden Bandengeheul der ungewaschenen Teutschtümler, die zu gleicher Zeit zu einem Vernichtungskrieg gegen alles Welsche aufrufen. Dagegen ist der Grimm auf Napoleon bei den Brief- schreibern groß. Nie wird er anders genannt als mit Schimpf- nanien„Näppel",„Fürst des Abgrundes",„Satan" find die häufigsten, Charlotte klagt, daß der„kleine große Herr" 1812 mit seinem verhaßten Atem die schöne Mailuft in Dresden vcrstänkert habe und als der Besiegte von Waterloo nicht er- .fchosscn, sondern nach St. Helena geschafft wird, finden sich die beiden Prinzen mit der zartfühlenden Prinzessin im Gefühl 'aufrichtigen Kummers zusammen. Den Krieg betrachten sie denn auch mehr als eine Familienangelegenheit der Hohen- zollern. und es ist schon viel, wenn sie ihre Freude äußern, daß einem Volke, nämlich den Franzosen, durch die Siege der Verbündeten, auch sein„rechtmäßiger Herr", nämlich Lud- wig XVIII. zurückgegeben werde. •) Hohcnzollcrnbricfc au 3 den Freiheitskriegen 1813—1815. Herausgegeben von Hermann G r a n i e r. Äerlag von S. Hirzel, Le>vfig 1913. Preußen. O Gott, o Gott. Preußen! Unüberwindlich bist du, Und militärftomm, Und auf Bajonetten und Pickelhauben Trägst du* die Welt. Ich segne dich, schwarzweißeL Preußen, Und halte den Bauch mir. Nicht etwa vor Lachen, Sondern nur, Weil er so dick wird Infolge der mäßigen Steuern, Der guten Verwaltung Und all der unzähligen Räte, So meistens geheim sind. Jegliches Ofenrohr, Jeglicher Nabel Und alle Stätten der Notdurft Werden besichtigt Von trefflich gebildeten Männern Im Gehrock und schwarzen Zylinder; Und solchergestalt fehlt es an nichts. Was aber inskünftig Dem Preußenland sollte crmangeln, Ach das verleiht ihm Die Gnade des Herrn Mit Hilfe der neusten Kanonen. O sei mir gesegnet, du schwarzweißes Preußen! Wirf all' deine Räte Getrost auf den Herrn, Und mäste mit Blut dich, Und sprich dann gelassen: „Luum euique". 2 o IL Zweimal totgeschlagen. Der Herr Rechtsanwalt saß in seinem Sprechzimmer. Es dämmerte bereits. Er zündete jedoch das Licht nicht an, sondern starrte nichts denkend vor sich hin. Ta öffnete sich leise, aber weit die Stubentür und«in Mann trat herein. Er kam ganz nahe an den Sessel des Anwaltes und stellte sich breit davor. Der Mann war gelbbleich im Gesichte. Seine Augen lagen ttsj in de« Hohles. Di« Haiire hingen ihm lang und wirr auf Im übrigen ist nicht gerade viel vom Krieg die Rede und der Kronprinz, dessen Stil schon jetzt auf das genialisch Bizarre dieser widerspruchsvollen Natur hinweist, während der junge Wilhelm bereits nüchtern und pedantisch wirkt„wie ein vierzig- jähriger Stabsoffizier", der Kronprinz also beschwert sich ge- legentlich, daß sie„abscheulich weit" von allem seien, wasTruppcn heißt,„man hört kaum noch in der Ferne kanonisieren." Desto mehr sind die Prinzen im Vordertrcffen, wo es sich um Walzer, Polonäsen und Quadrillen, um Diners und Soupers, um Komödien und Opern, um Bonbons und Parfüms, um Wacht- Paraden und ähnlichen militärischen Krimskrams handelt, und die erschütternde Tatsache, daß der Zar Alexander der Frau des Marschalls Ney den Hof macht, stößt auf lebhafteres Interesse als die Kombinationen über die Neugestaltung der europäischen Länderkarte. Ein Brief des Prinzen Wilhelm aus dem„Sündenpfuhl" Paris ist ein sprechendes Beispiel für die ganze trostlos lang- weilige Gattung.„Papa", heißt es darin,„ist seit ein paar Tagen unpaß; heute ist ihm das Gesicht geschwollen und er hat Zahnschmerzen. Ich bin wieder hergestellt. Heute sind wir beim Mahler(!) Wcrnet gewesen, um seine Bataille von Marengo zu sehen. Man kann nichts Natürlicheres sehen von Schlacht. Montag heißts kommt der König. Mittwoch giebt Stuart einen Ball, da werd ich denn auch die hiesige beau mondc kennen lernen. Es sollen recht hübsche Gesichter mit unter sein, und Toilette außerordentlich, wie Natzmer der- sichert. Der König Vater Papa läßt sich von Gerard ganze Figur machen. Heute Abend gehen wir ins Theater des Varietöes, wo wir unter andern Iss trois ötages sehen werden. Das Theater ist förmlich in drei Teile geteilt." Und so weiter ohne Grazie ins Unendliche! Was Prinzen und Prinzessinnen an politischen Aeuße- rungcn von sich geben, ist natürlich papageienhaft der Meinung ihrer Umwelt nachgeplappert. Deshalb spiegelt sich in diesen Briefen auch die ganze Abneigung der herrschenden Sippe gegen die Volksbewegung und insbesondere der Haß gegen die preußischen Offiziere, die wie der geniale Clausewitz 1812 nicht unter den napoleonischen Adlern fechten wollten und dxshalb ihren Abschied nahmen. Daß die Russen„Mr. C a u s e w i tz"(!) ins Hauptquartier der verbündeten Armeen entsenden, findet Prinz Wilhelm„ein wenig stark" uiid Charlotte berichtet empört dem Kronprinzen:„Gestern haben wir eine Schrift gelesen, welche so ist, lieber Fritz, daß man sie ganz verbiethen sollte. Darin wird das Fechten gegen sein eigenes Vaterland als die größte Tugend geschildert und Tiedemann, Clausewitz und Consorten als die größten Ehren- Männer und Vaterlandsfreunde aufgestellt." Von Männern wie Scharnhorst und Gneisenau ist denn auch nur ganz flüchtig die Rede und des Freiherrn vom Stein wird in dem ganzen Briefwechsel nicht ein einziges Mal erwähnt! Auch zu dem Heere haben die Prinzen kaum ein andercs Verhältnis als zu einer Schachtel Bleisoldaten, und wenn von Truppen lobend gesprochen wird, ist es allemal die Garde, Garde hinten und Garde vorn: die Prinzessin Charlotte darf sogar mit einer souveränen Nichtachtung des Kerns der Armee fragen:„Nicht war, für die Garde- Invaliden wird nach dem Frieden immer gesorgt?" Der Linie dagegen wird kaum gedacht und von der Landwehr heißt es nur einmal in einem Briefe des Prinzen Wilhelm vom August 1805 aus Paris, daß ihre Regimenter„abgerissen" seien und nicht sehr gut aus- sähen— ganz wie der königliche Vater die Landwehren, die durch tausend Strapazen bis unter die Mauern der fran- zösischen Hauptstadt vorgedrungen waren, abfertigte: „Schmutzige Leute! Sehen schlecht aus!" Mit Bagatellen wie Volk und Vaterland geben sich natürlich Hohcnzollernprinzen in ihrem Meinungsaustausch erst recht nicht ab. Oder doch: über die Begeisterung der Berliner im März 1813 äußert sich der Kronprinz nicht gerade hochachtungsvoll:„Solch' ein Gebrülle ist mir noch nicht vor- gekommen," und als er bei dem Heere in Sachsen weilte, berichtete er mit denselben Gefühlen über„Zapfenstreich mit Musik und Gebrülle":„Ueberhaupt scheinen die Sachsen sehr die Stirne und um die Schläfen. Die weißen Lippen waren etwas auseinanderstehend und die Zähne kamen fletschend zum Vorschein. Er trug einen schwarzen Gehrock und schwarze Hosen. Eigentüm- licherweise ab«r war er barfuß. Die Nägel an den Zehen und den Fingern waren äußerst lang gewachsen. Der Mann strich sich durch die Haare und ganze Büschel davon blieben ihm an den Fingernägeln und zwischen den Fingern hängen. Er achtete �»esien jedoch nicht. Mit einer matten Stimme, durch welche es manches- mal wie leiser Hohn klang, begann er: „Ich bin ein Totgeschlagener und suche mein Recht." Der Rechtsanwalt nickte und setzte sich bequem in seinem Sessel zurecht, wie um sich den Fall vortragen zu lassen. Der Mann begann wieder: „Ich bin ein zweimal Totgeschlagener." Der Rechtsanwalt nickt« noch lebhafter. Der Fall schien inter- essant, versprach etwas. „Das erste Mal. als ich totgeschlagen wurde, geschah es im Streit mit einem Nachbarn. Er schoß mir eine Kugel da herein." Der Mann knöpfte seinen Gehrock auf, schob das Chemisette zurück— ein Hemd hatte er darunter nicht— und zeigte auf seine Brust. Eine schwarzbrandig aussehende Wunde war da zu er- blicken, von der ein furchtbarer Geruch ausströmte. Er ließ die Wunde eine Zeitlang besehen. Der Anwalt nickte sehr lebhaft. Dann schob der Mann das Chemisette wieder in Ordnung und knöpfte langsam seinen Rock zu. „Er hat gut getroffen. Ich war gleich tot. Mein Nachbar wurde verhaftet und eine Untersuchung wegen Totschlags gegen ihn eingeleitet. Mir konnte das eigentlich sehr wurst sein. Lebendig wurde ich dadurch doch nicht mehr. Ich war tot und begraben. Meinen Angehörigen konnte es auch gleichgültig sein. Ich— ihr Ernährer— war weg. Und ihr Leid wurde dadurch nicht behoben, daß sich der Staat nun anschickte, Sühne für den Totschlag an mir zu heischen." Der Rechtsanwalt riß den Mund auf und warf den Kopf zurück, als wolle er etwas sagen. Aber er nickte nur und sein Be- such ließ ihn auch nicht zu Worte kommen. Mit seiner gleich- mäßigen und monotonen Stimme fuhr er fort zu reden. Der An- walt begleitete jeden Satz mit einem taktmätzigen Nicken. „Meine Angehörigen— ich habe eine Frau, zwei erwachsene Töchter und einen Buben von vierzehn Jahren— hatten ihrem Totgeschlagenen ein bißchen Achtung und ein gutes Andenken, viel- leicht noch ein wenig Liebe bewahrt. Ich war kein anderer Mensch, als wie die große Mehrheit der Menschen ist. Hab' viel an meinen Kindern vernachlässigt und viel UebcrflüssigeS an ihnen getan. Mit meiner Frau Hab' ich gut gelebt, trotzdem wir uns manchmal ge- zankt haben und ich- mit der, wie man's nennt, ehelichen Treue nicht haarscharf genommen habe. Aber ich Hab' immer für die Meinigen gesorgt und im großen und ganzen hat es schon gestimmt, wenn es in der Traueranzeige geheißen hat: Mein lieber Mann brüllustig gesinnt zu seyn, denn auch die Dresdner, trotz deS strengen Verboths der hochlöblichen Jmmediat-Commission, brüllten, so oft mir uns su musss sehen ließen." „Brüllustige" Untertanen werden denn vielleicht durch diese Hohenzollernbriefe zu neuen Brüllorgien begeistert werden. fim öem antisemitischen Sumpfe In der gesamten deutschen Presse wird man vergeblich nach einem zweiten Blatte Umschau halten, das so viel» Wandlungen durchgemacht und so oft die Farbe gewechselt ha:, wie die in kurzem das Jubiläum ihres fünfzigjährigen Bestehens feiernde„Staats- bürge r--Zeitun g", das Zentralorgan des Antisemitismus. Ihr Begründer, der alte Achtundvierziger Heidt, schied zwar bald aus oc: iHekvktwu aus, trotzdem aber b.n-ö d e„Staaksbürger- Z-ttung' im großen und ganzen ihrem Programm ircu und verlrat fast zwei Jahrzehnte lang eine links liberale Politik. Hat sie auch niemals großen Einfluß ausgeübt, so war sie doch damals ein ernstes, angesehenes Blatt mit einem ziemlich bedeutenden Leser- kreise. Anfang der 79cr Jahre erstanden dann mehrere liberale Preß- organe, die der„Staatsbürger-Zeitung" eine scharfe Konkurrenz machten und sie in den Hmtergrund drängten. Die Leierzahl sank ständig. Der Abonnentenschwund machte riesige Fortschritte, und im Jahre 1879 diskutierte eine Versammlung der Gesellschafter ernsthaft darüber, ob man das Blatt eingehen lassen solle, da eS doch nicht mehr lebensfähig sei. Schließlich einigte man sich dahin, die liberale Vergangenheit zu verleugnen— und es mit dem Antisemitismus zu versuchen, der seit etwa Jahresfrist seine ersten Wellen schlug. Als liberales Blatt hatte sich die„Staatsbürger-Zeitung" zur antisemitischen Bewegung ablehnend verhalten, eine Versammlung des Hofpredigers Stöcker als„S t ö ck e r- Th ea t e r" bezeichnet und die Hofsnung ausgesprochen, der„antisemitische Spuk" möge bald ein Ende nehmen. Kaum vier Wochen später— der Not ge- horchend, nicht dem eigenen Triebe— verschrieb sie sich mit Haut und Haaren den Antisemiten. Mit dem Programm- und Gesinnungswechsel nahm die Zeitung einen neuen Ausschwung, und unter Bachlers Leitung, der für ein„j u d e n r e i n e s C h r i st e n t u m" kämpfte, stieg die Auflage nach und nach auf 28 009 Exemplare. AIS„M o n i t e u r Ahl» wardtS" hielt sich das Blatt auf dieser bis dahin nie erreichten Höhe; aber gleich nach dem moralischen Zusammenbruch dcZ „Rektors aller Deutschen" ging es wieder bergab; langsam zwar, aber stetig, zumal da den meisten Lesern die frumbe Stöckersche Richtung nicht behagte, die die„Siaatsbürger-Zeitung" unter dem verstorbenen Redakteur D a h s« l. dem eigentlichen Leiter de? Blattes, eingeschlagen hatte. Gegen den Ausgang de? Jahrhunderts war daS Häuflein Abonnenten derartig zusammengeschmolzen, daß die Zeitung wieder einen harten Kampf um ihre Existenz führen mußte. Nun trat Herr Wilhelm Bruhn, der bis dahin ein frei- sinniges Blatt in Weißensee bei Berlin herausgab, als Gesell. schafter in die„Staatsbürger-Zeitung" ein und führte mit dem Geld« seines Schwiegervaters dem kranken Blatte wieder frische? Blut zu. Tie Auffrischung erwies sich jedoch nicht als kräftig und nachhaltig genug, weshalb nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder die frühere Blutleere eintrat. Not macht erfinderisch; was wunder, daß auch dem neuen Verleger eine Erleuchtung kam. Er kalku. lierte also: wenn ich nicht gegen die Juden auf einen grünen Zweig kommen kann, so will ich e? mit ihnen versuchen, dann geben sie auch der„Staatsbürger-Zeitung" ihre Geschäftsanzeigen, die sie ihr bisher vorenthalten haben- Diesen großartigen Ge» danken setzte Bruhn auch in die Tat um, indem er die Redaktion anwies, alle Angriffe gegen die Juden zu unterlassen und jedem Artikel antisemitschen Inhalts die Aufnahm« zu versagen. Die Spekulation auf den Geldbeutel der Juden schlug, wie vorauszu. sehen war. jedoch gründlich fehl. Sie hielten die Taschen zu. Als der frühere Oberleutnant der Künigsulanen. Frey tag, der ein großes Portemonnaie besaß, in die„StaatSbürger-Zeitung und unser guter Vater.' Freilich war dies nur richtig vom Stand- punkte meiner Frau und der Kinder aus. Ich selbst Hab' mich fast ein bißchen geschämt darüber." Der Anwalt tat einen mächtigen, fast ungeduldigen Nicker. Der Mann aber hielt ihm, wie beschwörend, die Hand entgegen und sagte lauter: „Es kommt gleich!" Dann nahm er sein« Erzählung wieder auf: „Auch soifft war ich ein Mensch, wie die Vielen. Ich habe mich herumgestrittcn, hier und da ärger, als notwendig war; Hab' meinen Zorn gehabt; meine Wut; war rachsüchtig und Hab' auch manch- mal zugeschlagen. Auch meinen Rausch Hab' ich öfter gehabt. Bin ich damit nach Hause gekommen, so hat mich meine Frau rasch in» Bett gestopft, damit die Kinder nichts merken. Im Geschäft— na, ich Hab' halt meinen Vorteil gesucht und, nicht wahr, jeder Vor- teil gilt." Bei diesen Worten nickte der Rechtsanwalt sehr lebhaft. „So bin ich gewesen: Im großen und ganzen, wie's die heutige Welt ansieht, ein achtbarer und ehrenwerter Mann, denn ein gutes Geschäft hatte ich und etwas Vermögen habe ich hinter mich ge- bracht." Der Anwalt schien aufzuhorchen, nickte dann aber, wie be- friedigt, weiter. „Und nun kam die Verhandlung gegen meinen Totschläger! Da werd' ich nun vor Gericht und vor der ganzen Welt splitternackt ausgezogen und geschunden, daß kein guter Fetzen mehr an mir bleibt. Jeder Zank mit meiner Frau, den zufällig einer angehört hat, wird besprochen und behandelt. Jeder Rausch, den ich gehabt Hab', wird vor Gericht breitgetreten. Jeder Streit wird ausführ» lich dargestellt. Daß ich manchmal mit anderen Frauen ein Techtel- mechtel gehabt Hab', wird durch Zeugen festgestellt und lange er» örtert. Jede Rauferei seit meinem zwanzigsten Lebensjahr ist Gegenstand langer Aussagen. Daß ich im Geschäft hier und da einen über das Ohr gehauen habe, wird lang und breit erzählt. Kurz— ich werde als ein verkommener, verlumpter und erbarm» licher Mensch bloßgestellt. Und das vor meiner Frau, vor meinen Kindern, vor aller Welt! Und Hab' ich was getan, um so gestrast zu werden? Nicht das geringste. Ich bin moralisch totgeschlagen worden, weil mich einer körperlich totgeschlagen hast Und nun frage ich Sie: War das notwendig? Mußte da? fein?" Der Mann reckt« sich hoch auf und schien bi? an die Deck« hinauf zu wachsen. Der Recht?anwalt begann die Augen weit auf- zureißen. nickte aber immer nur noch mit dem Kopfe. „Ich sage es Ihnen," k-nn die Stimme deS Manne? fast oben von der Decke des Zimmers herunter,„od mein Totschläger int Gefängnis kommt oder nicht, ist mir Wurst. Aber daß ich bei der Geschichte erst recht totgeschlagen wurde, da? ist eine Gemeinhettk Dagegen will ich mein Recht haben." Der Anwalt nickte sehr lebhast und murmelt«! Der preußische Militarismus in üer englischen Satire. Glorreicher Sieg! Nach dm Lo�on«„Evening NewS'. ®. m. v. H." eintrat unj> das Blatt wieder flott machte, wurde auch der Antisemitismus wieder in seine Rechte eingesetzt. Nach dem Ausscheiden Bruchns holte sich Freytag als Chefredakteur den Berg- theater-Direktor W a ch l e r. Beide verbannten jetzt das Christen- tum aus den Spalten der.Staatsbürgcr-Zeitung". machten Propa- ganda für den altgermanischen Mauben und mühten sich ab. ihre frommen Leser, die von Dahsel gelehrt waren, in Stöcker den ersten prote st antischen Heiligen zu sehen, zum W o t a n I u l t zu bekehren. Das gelang aber glänzend vorbei. Wachler. der ein guter Feuilletonist war, eignete sich nicht zum politischen Redakteur. Er drang mit der Erneuerung der Religion der alten Germanen nicht durch; merkte auck gar nicht, daß ihm Dahsel entgegenarbeitete, und warf endlich verärgert die Flinte ins Korn. Auch Frehtag erkannte bald, daß die„Staatsbürger- Zeitung" in unheilbares Siechtum verfallen und an Genesung nicht zu denken war. Deshalb überließ er sie ihrem Schicksal und suchte sich in Italien und Aegypten über den Verlust von etwa 60 000 Mark zu trösten, den er als Gesellschafter des Blattes erlitten hatte. Seine Mitgesellschafter trauerten folgenden Beträgen nach: Dedo Müller 30 700 Mark, die beiden Klockow je 14 400 Mark, Neuendorff-Henze 34 000 Mark. Frau B r u h n 32 000 Mark, Wilhelm B r u h n 6500 Mark, Erich Kammer 10 000 Mark, und Rechtsanwalt Dr. Willy Hahn 10 000 Mark. Der neue Geschäftsführer, Redakteur Erich Kammer, vcr- kaufte die„Staatsbürger-Zeitung" bald darauf an den Lizentiaten Mumm, den Schwiegersohn EtöckerS, der als Kaufpreis die 54 000 Mark Schulden des Blattes übernahm. Lizentiat Mumm, der schon eine Zeitung.„Das Reich", besaß, fütterte jetzt mit dem dem .Reich" entnommenen Text die„Staatsbürger-Zeitung", so daß diese zu einem sogenannten„kopslosen" Blatt degradiert wurde.. Sein„Reich" aber war nicht von dieser Welt; es erlitt das Schicksal aller ganz überflüssigen Blätter: es mußte sein Erscheinen ein- stellen. Mit dem Hinscheiden des„Reich" wäre auch der„Staats- bürger-Zeitung" das Lebenslicht ausgeblasen worden, wenn sich ihrer nicht ein Käufer in der Person deS Dr Oe st erreicher erbarmt und sie vor dem sicheren Tode bewahrt hätte. Nachdem er eine Zeitlang an dem„lebenden Leichnam" herumkuriert hatte und endlich einsehen mußte, daß auf Besserung nicht zu rechnen war, bekam er ebenfalls die Geschichte satt und verschenkte die Zeitung an seine Angestellten, den Redakteur Buch. Buchow und den Expedienten Bode. Diese wollten nur noch die Weih- nachtsinserate mitnehmen. Am 81. Dezember(1S10) sollte das Blatt eingehen. Bevor eS soweit kam, fanden die neuen Besitzer in HanS Hcrrwig einen Teilhaber, der 20000 Mark in die leere Kasse legte— ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn eise täglich erscheinende Zeitung mit einer Auflage von nur 2000 Exemplaren und knapp einer Seite Annoncen ist nicht lebensfähig.— Infolge einer Spekulation, die jedoch hinterher fehlschlug, gründeten die Gesellschafter eine neue Firma: Verlag Deutsche Bürger- künde G. m. b. H. mit einem Kapital von 30 500 Mark, auf das folgende Stammeinlagen übernommen wurden: H e r t w i g 20 000 Mark. Bode 6000 Mark, Buch-Buchcw 4000 Mark und Kammer 500 Mark. Die„Staatsbürger-Zeitung" erschien von da ab im Verlage der Deutschen Bürgerkunde G. m. b. H. Jedesmal, wenn die Nächstbeteiligten glaubten, daß endlich der Zeitpunkt gekommen sei. wo das Blatt sein Erscheinen einstellen müsse, tauchten im letzten Augenblick immer wieder Helfer auf, die dem hoffnungslos daniederliegenden Patienien neue Lebenskraft einflößten. Als im Frühjahr 1912 der Verlag Deutsche Bürger- künde alias„Staatsbürger-Zeitung" mit seinen Mitteln zu Ende war. führte der Generalsekretär der konservativen Partei, Richard Kunze, dem Unternehmen ein Kapital von 50 000 Mark zu. Kunze, ein ehemaliger Volksschullehrer, dann freisinniger Stadtverordneter von Schöneberg, hatte einen Millionär, Herrn v. W.. zur Hergabe des Geldes veranlaßt. Dieser wollte nicht selbst Gesellschafter der Deutschen Bürgerkunde werden, deshalb stellte er dem Kunze die 50 000 Mark zur Verfügung, damit Kunze Gesellschaftsrechte erwerbe. Diese Hergabe des Kapitals machten v. W. und sein geschäftlicher Berater, der Bankvorstcher des Schle- fischen Bankverein». Fritz Ouitz in Breslau, von der Bedingung abhängig, daß Geschäftsanteile in Höhe von 10 500 Mark von den bestehenden 30 500 Mark an Kunze abgetreten würden, damit sich insgesamt 60 500 Mark Geschäftsanteile und damit die nach dem Gesetz und dem Gesellschaftsstatut wesentliche Dreiviertelmajorität in den Händen des Kunze vereine. Diese Bedingung erfüllte Hert- wig, indem er die Geschäftsanteile von Bode und Buch-Buchow, die inzwischen aus ihrer Stellung in der„Staatsbürger-Zeitung" auS- geschieden waren, sowie von Kammer, der schon früher seinen Ab- schied genommen hatte, für insgesamt 500 Mark erwarb und an Kunze abtrat. An Stelle des Bode war der Redakteur Johann Hermann W i l k e. aus Friedenau Geschäftsführer der Deutschen Bürgerkunde geworden und führte noch dem Eintritt deS Kunze mit diesem die Geschäfte gemeinschaftlich. Einige Monate vorher hatte Hertwig dem Verlage ein bares Darlehen von 3000 Mark gegeben, wozu noch die von ihm auf- gewendeten 500 Mark für die Ablösung der 10 500 Mgrk traten, so daß Hertwig insgesamt 3S00 Mark persönlich zu fordern hatte. Kunze zahlte dem Hertwig aber nur die Hälfte auS und steckte die andere Hälfte(1150 Mark) ein, und zwar angeblich für sein« Bemühungen um die Beschaffung der 50 000 Mark. Ueber den Hergang dieser Sache hat Hertwig folgendes erklärt: „Eidesstattliche Versicherung. Ich versichere an EideSsiatt folgendes: Ich hatte seinerzeit dem Verlag Deutsch« Bürgerkunde G. m. b. H.(„StaatSbürger-Zeitung") ein bares Darlehen von 3500 Mark gegeben. Als bald darauf dieser Verlag sein Kapital um 50 000 Mark erhöhte und der Generalsekretär der deutschkonserativen Partei, Richard Kunze zu Friedenau, Beckerstr. 7, zum Geschäftsführer des Verlages er- nannt wurde, zahlte er mir das Darlehen zurück zog sich aber die Hälfte(1750 Mark) ab dafür, daß er mir das Dar- lehen wieder zurückzahlte. Kunze suchte eS später alS Provision für die Beschaffung der 50 000 Mark darzustellen, waS aber den Tatsachen nicht entspricht. Er wollte mich sogar verleiten, daß ich dem Geldgeber gegenüber 5000 Mark, anstatt der wirklichen 3500 Mark, in Anrechnung bringen sollte und mich dann mit der Hälfte— 2500 Mark — begnügen sollte, worauf ich nicht einging. H. Hertwig, Lankwitz, Luisenstr. 26a.' In einer früheren Erklärung schildert jedoch Kunze den Her- gang anders, und zwar ebenfalls eidesstattlich: ..... Herr Hertwig hatte mir vielmehr erklärt, daß er an die Gesellschaft Deutsche Bürgerkunde eine Forderung von 3500 Mark habe, und wir waren übereingekommen, daß ich die Hälfte dieser Summe als Lohn für meine Bemühungen erhalten sollte, wenn es mir geläng«, die Gesellschaft neu zu finanzieren und damit sein ganzes Geld zu retten. Herr Hertwig hatte mir aber verschwiegen daß er sich selbst 2000 Mark von der Gesellschaft geborgt hatte. DaS erfuhr ich erst viel später von Herrn Wille. Hätte mir Herr Hertwig seine wahren finanziellen Beziehungen zur Gesellschaft mitgeteilt, so hätte ich weder diese Provision angenommen, noch für die Auszahlung dieser 3500 Mark Sorge getragen. ES ist unwahr, daß ich Herrn Hertwig für den Plan gewinnen wollte, sich 5000 Mark mit mir zu teilen... Herr Hertwig hatte mir sein Ehrenwort gegeben, über die Pro« vision überhaupt nicht zu sprechen. Ich hatte dies g�- wünscht, weil ich nicht gewohnheitsmäßig Geld vermittele. Das Ehrenwort hat Herr Hertwig gebrochen... Friedenau, den 27. Oktober 1912. Richard Kunze, Generalsekretär." Es ist nicht unfere Aufgabe, die Widersprüche in den beider- fettigen Erklärungen zu lösen und zu entscheiden, auf welcher Seite die lautere Wahrheit steht. Als„Generalsekretär" der deutschkonsecvativen Partei war Kunze gesetzlich wie moralisch verpflichtet, s eine Arbeits« kraft ausschließlich dieser Partei zu widmen; er nahm dennoch den Posten des Geschäftsführers der Deutschen Bürgerkunde an, be- „Ja. ja, Sie haben ganz recht. Ich werde Sie vertreten. Zahlen Sie, bitte, draußen dem Bureauvorsteher fünfzig Mark Vorschuß--" Da wurde die Stimme des Manne? fürchterlich:„Sie brauchen mich nicht zu vertreten. Sie nicht!" Eine große Hand griff von oben herab und packte den Anwalt ins Genick. Dabei rief der Mann: „Ich nehme mir mein Recht schon selbst. An ihnen nehm' ich's. Denn Sie haben mich vor aller Welt zum zweiten Male tot- geschlagen." Damit stieß der Mann den Rechtsanwalt mit der Nase auf den Schreibtisch. Der Anwalt fuhr empor, rieb sich die Nase und blickte entrüstet um sich. Der Mann war verschwunden. Leise strich sich der Herr Rechtsanwalt über die Stirn. Endlich kam er Völlig zur Besinnung. Mit einem bedrückten und verlegenen Lächeln murmelte er vor sich hin: „So ein Blödsinn! Es war doch meine Pflicht im Interesse der Verteidigung des Angeklagten."' Schleunigst klingelte er nach Licht. Sepp Oerter. Was ist Unzucht! Ja, was ist Unzucht? Unzucht ist etwas, das„das Schamgefühl des normal empfin- denden Menschen gröblich verletzt." Abgesehen davon, daß der„normal empfindende Mensch"(wie nahezu alle kategorisch rubrizierenden Begriffe) nur in der Theorie existiert, und daß eS an Unmöglichkeit grenzt, das Schamgefühl eines theoretischen Wesens zu verletzen— abgesehen davon ist doch das Tbftraktum Schamgefühl etwas subjektiv Variables, für das eine Norm aufzustellen eine Utopie wäre. Nicht im geringsten ist es aber meine Absicht, gegen die juristische Definition des Wortes„Unzucht" zu polemisieren(das wäre Donquichotterie), sondern gegen die Anwendung oder viel- mehr(in prinzipielle» Fällen) Nicht anwendung dieses Begriffes. Ich scheide die in letzter Zeit vorgekommenen Konfiskationen harmloser Reproduktionen noch harmloserer plastischer Bildwerke aus. Möge doch der Staatsanwalt X., der dies oder jenes als„un- züchtig" empfindet, dessen„Schamgefühl" durch das oder anderes „gröblich verletzt" wird, sich für den Typ des normal empfindenden Menschen halten. Möge er ignorieren, daß vielleicht produktive (demnach abnorm empfindende) Menschen gerade diese Bildwerke vielleicht für ganz unangenehm züchtig halten(gibt es einen anderen Gegensatz zu„unzüchtig"?-- das ist unwichtig. Denn: der Herr Staatsanwalt X. hat nicht Lust, sein„Schamgefühl" fort- Während„gröblich verletzen" zu lassen, und weiter: der Herr Staatsanwalt X. hat die Macht und das Recht, daS abzustellen; also, warum sollte er es nicht abstellen? DaS ist unwichtig. Hingegen hat sich daS Folgende ereignet: In Frankfurt a. M- hat man eine Zimmervermieterin mit einem Monat Gefängnis be- dacht. Warum? Sie vermietete(wohl zu beachten: mit Genehmi- gung der Polizei) an Prostituierte Zimmer. Daß nun in diesen Zimmern die Prostituierten nicht... wie Nonnen lebten, dürfte wohl leicht erhellen. Aber eS begab sich, daß ein„normal empfindender Mensch" an einem der Fenster eines dieser Zimmer eine unbekleidete„Frauensperson"(am Rande: ist eS nicht unglaublich, daß der terminus tecfrnicus noch heute„Frauensperson" lautet?) zu erblicken glaubte. Die Folge war, daß der„normal empfindende Mensch" das tat, was der„normal empfindende Mensch", dessen„Schamgefühl gröblich verletzt wird", in seiner Lage tut: er denunzierte. In der Gerichtsverhandlung zeigte es sich, daß dem„normal empfindenden Menschen" anscheinend eine optische Täuschung geschehen war.(Warum bestraft man d i e Menschen nicht, die hinter zugezogenen Gardinen unbekleidete „Frauenspersonen" wittern?) DaS Resultat also: ein Monat Gefängnis für die Zimmerver- Mieterin. Dieweil es sich nämlich(merkwürdigerweise) heraus- stellte, daß die gebilligten Prostituierten in ihrer g e- n e h m i g t e n Wohnung ihrem erlaubten Gewerbe nach- gingen! Welcher Fortschritt ist daS jedennoch! Vor nicht zu langer Zeit nahm man noch den Standpunkt ein, daß Prostituierte, streng offiziell genommen, nicht existierten; und demgemäß natürlich auch keine Prostitution. Nun ist man zum mindesten doch schon s o weit, zu sagen: wohl gibt eS Prostituierte, aber eS darf keine Profti- tution geben. Vielleicht, vielleicht dämmert eines TageS die Erkenntnis, daß es nur verständlich sei, wenn Prostituierte sich prostituieren... und daß irgendwo ein Haken sein muß, wenn Behörden irgend- welchen„Frauenspersonen" einen„Gewerbeschein" ausstellen, sie aber mit allen Schikanen an der Ausübung ihres„Gewerbes" zu hindern suchen. Natürlich, sagt die Polizeibehörde, darf eine Wirtin an Profti- tuierte vermieten Ja, aber, fügt der Gerichtshof(ergänzend I) hinzu, sie darf nicht der„Unzucht"„Vorschub leisten". Vergeblich sucht man hier nach Konsequenz. Ist nicht, genau genommen, schon da» Beherbergen von Prostituierten„Vorschub- leisten"? Und: welcher„normal empfindende Mensch" wird„in seinem Schamgefühl gröblich verletzt", wenn irgendwo irgendwelche Dinge geschehen, die er nicht sieht, von denen er nichts hört, und die, das ist das Wesentliche, offiziell nicht verboten sind? Duldet nicht jede Polizeibehörde, die Protituierte duldet, die „Unzucht"?„Leistet" sie ihr nicht„Vorschub"? Da ist dann eine höher« Instanz, die noch„normaler empfindet", als jene'Polizei- behörden... Grenzt eS nicht an Gesetzlosigkeit, wenn etwas, das von der einen Seite indirekt bewilligt wird, von der anderen Seite direkt revozlert wird? Das ist analog der Art, wie Konfiskationen„unzüchtiger" Kunstwerke erledigt zu werden pflegen: der Angeklagte hat nachzu- weisen, daß er nicht objektiv„unzüchtig" gehandelt zu haben sich bewußt war.(DaS gelingt ihm in den meisten Fällen entweder selbst oder mit Hilfe von Sachverständigen.) Hier liegt nun wiederum die Gesetzlosigkeit: objektive„Unzüchtigkeit"(also wieder etwas nur in der Theorie Existierendes) wird verfolgt, nachweisbar objektive„Unzüchtigkeit" kann nicht bestraft werden. Vergeblich sucht man auch hier nach Konsequenz. Was ist Unzucht? Rcate, tatsächliche, evidente Vergehen, als da sind: Mord, Totschlag, Diebstahl usw. können(und sollen) bestraft werden. Zu- stände, abstrakte Dinge, Irreales kann man nicht„bestrafen". Wenn Grenzen, Normen, Definitionen fehlen und unmöglich sind, ist jedes Vorgehen nach Paragraphen ausgeschlossen, zumal, um nur ein Beispiel zu nennen, etwa Oskar Wildes„Bildnis des Dorian Gray"(im gesetzgeberischen Sinn) weitaus„unzüchtiger" ist als die„unzüchtigsten" Delikte eines Dutzends notorischer Ex, hibitionisten._ 8- Soll man grüßen! Ein Erlebnis im Eisenbahnabteil. I» saß zuerst im Abteil. Dann stieg ein Herr mit einem Zylinder ein. „Jw will sehen, ob der grüßt." dachte Ich. Rein, et grüßte nicht. Dann kam ein GesckäflSreiiender herein, sah unt mit einem � leeren Blick an und gnißle nicht. Ein Leutnant in Zivil war der nächste. Man sah«< an der Haltung. Ein Gruß? Fiel ihm nicht«in. Dann kam eine halbe Stund« Schweigen, nichts als Schweigen. Da» Schweigen stieg aus unseren Augen kältenebelnd in die Höhe. Das Schweigen hing in dicken Wolken an der Decke. DaS Schweigen schlug sich an die kalten Fensterscheiben und rann in zähen Tropfen auf klebrigen Gleisen. Auf einmal kam ein Gespräch zustande. ES betraf das Grüßen: Soll man grüßen, ivenn man in ein Abteil tritt? Alle wäre» einig: Rein, man giüßt nicht. „Es wäre Beleidigung," sagte der Herr, dessen Zylinder leicht im Neye oben schaulelte. „Es gehört sich nickt," sagte der Leutnant in Zivil. „Man grüßt nur Leute, die man kennt." sagte der Reisend«. Und dann sahen sie alle auf mich. „Und Ihre Meinung?" fragte der Reisende. Da stieg ein Mädchen ein. Es sab srisch und ftöhlich aus. sah uns unbefangen an und sagte„Guten Tag". Worauf der Zylindermann, der Leutnant, der Geschäftsreisende und ich freundlich nickten und au» einem Munde sagten:„Guten Tag". Fritz Müller. willigie sich ein monatliches Gehalt von 200 Mark und wartb auf seinen konservativen Agiiationsreisen der„Staaisbürger-Zeitung" Abonnenten, zum großen Aerger des„Reichsboten" und anderer konservativer Blätter, die zu dem Gehalt und den Spesen des Generalsekretärs ihren Teil beizutragen haben. Er führte in der„StaatsHürger--Zeitung" ein strammes Regiment und gab den Redakteuren von oben herab Direktiven. Zum großen Aerger der Redakteure besaß nämlich der Herr Generalsekretär den krank- haften Ehrgeiz, für einen politischen Schriftstellcr gelten zu wollen. Er verlangte von den Schrifileitern, seine kurios zurechtgestutzten „Leitartikel", die er vbcndrein mit seinem vollen Namen unter- zeichnete, abzudrucken. Ibach Kvei Monaten war die Lage wieder unhaltbar geworden und Hertwig und Wille erklärten ihm unumwunden, daß sie nach Bekanntwerden der Provisionsgeschichte und im Hinblick auf seine Vergangenheit nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollten und ihn ersuchten, seinen Geschäftsführerposten niederzulegen. Kunze tat dies auch und trat seine Anteile, die in Höhe von 10 öllO Marl handelsgerichilich eingetragen waren, an den Bankdirektor Ouitz ab, den Bevollmächtigten des Herrn v. W. Nach dem Ende Juni erfolgten Ausscheiden des Kunze blieb Nunmehr der lThesredcrkieur Johann Hermann Wille alleiniger Geschäftsführer, dem jetzt die Pflicht oblag, dem Ouitz über alles Ge- schäftlicha, insbesondere über das Kassenwesen fortlausend Bericht zu erstatten. Dieser Verpflichtung entzog sich aber Wilke, zumal jede eigentliche Kontrolle fehlte. Herb« ig brauchte selbst größere Summen und hatte schon einen Teil seines Gehalts als Vorschuß entnommen, und da auch sein eigener Schwager, der Rechtsanwalt Dr. K.. Darlehen aus der Geschäftskassc der„Staatsbürger-Zeitung" erhielt, so durste er es mit Wilke nicht verderben. Ouitz aber war insofern machtlos, als er mit seinen Anteilen(10 500 Mark) gegen die Anteile des Hertwig (20000 Mark) nicht auftommcn konnte; denn die 50 000 Mari Kapitalserhöhung waren noch nicht im Handelsregister eingetragen. Am 26. März 1312 war zwar die Eintragung bcschloffen worden und am 24. April erfolgte auch durch Hertwig uud Wilke die An- Meldung des Erhöhuiigsbcschlusses. Wilke zahlte aber den vom Register verlangten KosicruMschuß nicht ein, und schließlich zeigte er dem Gericht unterm 13. Septeuiber an, daß der Erhöhungs- beschluß rückgängig gemacht sei. Hertwig und Wilke hatten näntlich am 12. September eine„Gesellschafterversanvnlung" abgehalten, auf der 10 500 Mark Geschäftsanteile(Ouitz) nicht geladen und nicht vertreten waren, und in der die Aufhebung des Erhöhungsbeschluffes„beschlossen" wurde. Allerdings wußten wohl Hertwig und Wilke, daß Ouitz die Eintragung der Kapitalserhöhung erzwingen konnte. Um ihm aber die Dreiviertelmehrheit für diesen Fall zu nehmen und dadurch die Auflösung der Gefellschaft zu verhindern, verfielen sie auf den Trick, die Behauptung aufzustellen: Die 10 500 Mark seien eine Provision gewesen, die dem konservativen Generalsekretär Kunze für feine Bemühungen um Beschaffung der 50 000 Mark gewährt worden wären; er sei deshalb nicht berechtigt, al� Gesellschafter der Deutschen Bürgcrkunde aufzutreten und in dieser Eigenschaft Handlungen vorzunehmen. Sie stellten deswegen beim Gericht den Antrag, mittels einer einstweiligen Verfügung dem Kuntze (und damit auch seinem Rechtsnachfolger Ouitz) die Gesellschafter- rechte zu nehmen. Mit dieser juristischen Ungeheuerlichkeit fielen sie jedoch gründlich hinein. Schließlich versagten alle Kniffe und Wilke mutzte am 21. November die Geschäftsräume am Hafen- platz verlassen. — Die Deutsche Bürgertunde G. m. b. H. trat sofort in Ligui- dation und verkaufte die„Staatsbürger-Zeitung" an den bekannten Führer der„Gelben", den Redakteur Leb ins, der sie am 1 Oktober 1913 übernahm, vom Jahrmarkt öes Lebens. wir verzeihen! Das„Berliner Tageblatt" vertritt in glücklicher Vereinigung zwei Richtungen. Im M o r g e n b l a t t findet man eine sanft säuselnde liberale Tendenz, die nur dann stärkere Töne nach rechts anschlägt, wenn sich die Redaktion der fatalen Tatsache erinnert, daß trotz allem Wohlverhalten cS noch immer nicht möglich ist, daß jüdische Mitbürger in Deutschland Offiziere werden. In der mehr für den Stratzenverkauf bestimmten Abcndaus- gäbe aber kommt eine radikaler abgetönte liberale Politik zu Worte. Dabei ist der Redaktion vor einigen Tagen das Mißgeschick widerfahren, daß ein selbst für das Mosscblatt etwas saftig ge- ratener Angriff auf den„Vorwärts", der offenbar für die sanft säuselnde Ausgabe bestimmt war, in den Spalten der radikal ab- getönten Nummer erschien. Doch ein Unglück bleibt selten allein. Die mit Wolffschem Witz stilisierte Notiz, in der der„Vorwärts" als Pöbelblatt bc- zeichnet wurde, das an gewisse Skcmdalblätichen erinnere— Moste hat die Jnseratenplantage dieser SkaudaMätichcn noch nicht ge- pachtet— bat die freudige Zustimmung einer verwandten Seele gesunden. Der„Allensteiner Zeitung", einem unter f r e i k o n- servativer Flagge segelnden amtlichen Kreis- blatt übelster Art, hat das Wolffsgehcul so gut gefallen, daß sie die Notiz in ihrer Nummer vom 15. d. M. als f r e i k o n- servative Weinung ohne Angabe der Quelle w o r t w ö r t- lich nachdruckt. Das Unchück bewegt uns doch, dem Mostekonsortium trotz aller Differenzen unser herzlichstes Beileid auszusprechen. Wenn dem leitenden Redakteur schon ein Lapsus passierte, so hart brauchte er nicht gestraft werden. Der Spürhuaö. Ein Drama, wie nur das Leben es spielt, roftie sich letzte Woche vor dm Schranken des Berliner Schwurgerichts ab. Ein vom 'Schicksal arg zerschlagenes junges Menschenkind ist freigesprochen worden; wohl selten wurde ein Urteil mit so großer Befriedigung aufgenommen. Das arme Wesen, das sich wegen Meineides zu verantworten hatte, ist ein Opfer doppelter Nieder- t rächt. Vom Arbeitgeber verführt, wird es Mutter. In der größten Not versucht ein menschlicher Spürhund, ein Detektiv, es meineidig zu inachen. Er schlängelt sich in Gestalt eines feurigen Liebhabers an das arme Ding heran, erweckt in dem Mädchen Hoffnungen, daß noch alles bester werde und erpreßt ihm die Aussage, die er braucht. Als treue Gehilfin bei diesem Schurkenstreich steht ihm seine holde Gattin tatbereit zur Seite. Sie weint unter der Maske der mitleidigen Freundin Krokodils- tränen und segnet den vermeintlichen Liebesbund zwischen ihrem Manne und der gemeinsam Betörten. Und noch eine robuste Natur agiert in dieser Kabale: der Arbeitgeber des Detektivs Bruno H o f f m a n n, der Detektiv Karl G r a e g e r. Ihm erscheinen solche Lumpereien Selbstver- ständlichkeiten. Er entschuldigt sich als Zeuge mit dem Ausspruch: „Ich weiß, daß noch ganz andere Sachen gemacht wer- Verantwortlicher Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für den den. Ich bin lange bei der politischen Polizei gewesen und habe es da auch nicht anders gelernt! Als wir früher wiederholt daraus hinwiesen, daß Beauftragte der politischen Polizei unglaubliche Niederträchtigkeiten und Treu- brüche begangen hätten, als in den Parlamenten öffentlich An- klagen gegen Beamte und Beauftragte der politischen Polizei er- hoben wurden, hat stets der Polizeiminister seine schützende Hand über die Angeschuldigten gehalten und die Anklagen als Ausflüsse politischer Gegnerschaft erklärt. Sind solche Dinge, wie sie der Detektiv Graeger andeutete, bei der politischen Polizei gang und gäbe, so ist es höchste Zeit, daß der Augiasstall ausgekehrt wird. Die Abgeordneten aber, die auch in Zukunft der politischen Polizei die Geheimfonds bewilligen, machen sich mitschuldig, wenn mit den Geldern des Volkes Menschenleben zerschlagen werden. Die Nationalspenöe. Unsere neuliche Anregung, zur besonderen Ehrung des durch das Straßburger Kriegsgericht so glänzend rehabilitierten Leut- nants v. Forstner eine Nationalspende zu eröffnen, hat in unserem Leserkreise den erwarteten Anklang gesunden. Ein könig- lich preußischer Beamter a. D. übermittelte uns unter dem Motto: „Wenig, aber mit Liebe" den Betrag von 0,01 M., über den wir hiermit dankend quittieren. Die Verwendung des Fonds hängt natürlich von den weiter einlaufenden Summen ab. Wir können daher dem Spender des ersten Beitrages auch nicht mit Sicherheit versprechen, ob sein gutgemeinter Vorschlag, aus dem Fonds ein „Musterinstitut zur chemischen Reinigung von Unterhosen" zu errichten, durchgeführt werden kann. So hoch- fliegende Pläne hatten wir bei Einbringung unseres Vorschlages übrigens nicht gehabt. Uns schwebte vielmehr die Uebcrreichung eines Ehrensäbels mit dem zeitgemäßen Wahlspruch „Bravo! I m m e r f c st c d r a u f I" vor. Der Offizier als prügelmeifier. Welche Anmaßung unseren Edelsten und Besten innewohnt, zeigte wieder einmal eine Kriegsgericht ÄwrHandlung gegen den Oberleutnant Wolf v. Ehren st ein vom Ulanenregiment Nr. 17 in Oschatz. Der Herr Oberleutnant verlebte seine Sommer- fcricn auf dem Gute seiner Schwicgcrmama, der Frau v. C ra u s- haar in Langen-Hennersdorf. Eines Tages mopste ein vierzehn- jähriger Junge von den Obstbäumen der Gutsberrin einige Früchte, die er sofort verzehrte. Die in ihrem Verüwgen schwer geschädigte Edelfrau ging, als ihr das gemeldet wurde, mit ihrem Schwiegersohn nach dem Hause des Gutspächters, wo der Junge Botendienste verrichtete, packte ihn und zog ihn in den Hausflur. Jetzt trat der Herr Oberleutnant in Funktion. Er schlug dem Jungen zuerst mit den Händen wiederholt ins Gesicht und aufs Gesäß. Aber die Züchtiguniz war nach Ucb�zeugung des Herrn Oberleutnant Wolf v. Ehrenstein noch nicht genügend. Während die Schwiegermama festhielt, verabreichte der Herr Schwiegersohn dem Jungen mit einem d i ck e n Spazier stock 10 bis 15 kräftige Schläge aufs Gesäß. Die erziehe- rische Tätigkeit des Kriegers hatte den Erfolg, daß der Junge blutete. Nachdem das Schösseitgericht die Frau v. C r a u s- haar bereits zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt hatte, machte der Herr Oberleutnant jetzt noch vor dem Kriegsgericht geltend, daß er sich für berechtigt gehalten habe, den Prügelmeistcr zu spie- len; er habe nur im Austrag seiner Schwiegermutter gehandelt, der als Gutsherrin ganzbestimmtdasZüchtigungsrccht zustand!!— Das Kriegsgericht hatte aber kein Verständnis für die mittelalterlichen Rechisgrundsätze des deutschen Kriegers; es verurteilte ihn zu 150 Mark Geldstrafe. Wie denkt der sächsische Herr KriegSminister über die Schneidig- keit des Herrn Oberleutnants? Ist auch er der Meinung seines preußischen Kollegen, daß die Arntee solcher jungen pflichttreuen Führer dringend bedarf? Selbsterkenntnis. Eine ganz außergswöhnliche Ehrlichkeit zeigt eines der reab- tionären Organe, die„E l ö e r f e l d e r Zeitung". In einer Polemik mit unserem Elberfclder Bruderblatt über die Zaberner Vorgänge schreibt sie: „Unter dem Gesichtspunkt des„Deliriums" werden wir auch alle weiteren Auslassungen der„Freien Prcste" in der Zaberner Angelegenheit betrachten, und erst, wenn nach einwandfreiem ärztlichen Ausweis an Stelle des Deliriums wieder einigermaßen normale psychische Zustände getreten sind, das edle Sozia- listenorgan wieder als journalistisch behandlungsfähig ansehen." Die KarnevalLzeit muß in der Redaktion des nationalen Blattes ja geradezu furchtbar wirken. Hoffen wir, daß die chronische Alkoholvergiftung wenigstens mit dem Aschermittwoch geheilt wird. Spiel unö Sport. Schlittschuhsport. Endlich wieder einmal ein Winter, der auch unsere Flüsse und Seen mit Eis bedeckt. Ter älteste Wintersport, der Schlittschuhlauf komntt wieder zu Ehren. Kein Sport ist so populär. Aber auch bei keinem legt man auf das Gerät so wenig Gewicht. Nicht nach dem Zweck, sondern nach dem Aussehen kauf man Schlittschuhe.„Vernickelt" oder„n i ch t vernickelt" ist die erste Frage, wenn mau sich beim Eisen- Händler oder im Wareithause die unter irgendeinem nichts- sagenden Phantasicnanten angebotenen Schlittschuhe vorlegen läßt. Aber nicht die Vernickelung, sondern die Gestaltung der Lauffläche ist das wichtigste für den Schlittschuhläufer. Die Form des Eisens muß verschieden sein je nachdem, ob man auf Seen und Flüssen weite Touren unternehmen, ob man dem Schnellauf pflegen oder auf kleinen Kunstbahnen Kreise und Figuren ziehen will. Zuin Touren- und Schnellauf braucht man l i n c a l° gerade Gleitslächen, die sich nur vorn mehr oder minder hoch erheben. Das gegebene Modell sind die holzbeschlagenen „Holländer" oder„Friesen", eventuell— namentlich für das Schlittschuhsegeln— die langgestreckten stählernen„Schweden". Die Gleitfläche sei für unser weiches Eis breit, nur für hartes Eis schmal geschliffen. Die Hohlkehle früherer Jahrzehnte ist zu verwerfen.— Namentlich für die Schulkinder kommt mehr der Aufenthalt auf der Kunsteisbahn in Frage und da- mit ein anderes Schlittschuhmodell. Hier gleitet man nicht geradeaus, sondern in schnellen Wendungen dahin. Für diesen Zweck ist besser ein gebogener Lauf. JacksonHaynes, einer der berühmtesten Eisläuser für alle Zeiten, geivisscr- maßen der V�sgoud des Eislaufes, der die unglaublichsten Pirouetten, Sprünge und Tänze auf dem Eise vollführte, hat genau die Forni des Vogens festgelegt, den die Lauffläche eines guten Kunstlauf-Schlittschuhes haben muß. Man inesse Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Berlag: Vorwärts die Länge des Beines von der Kugel im Hüftgelenk an bis auf den Fußboden mit einer Schnur. Mit derselben Schnur ziehe man nun einen kleinen Kreisbogen von der Länge des Schlittfchuhlaufes, wobei die Entfernung zwischen Gelenkkugel und Fußboden den Halbmesser des Kreisbogens bildet. Die so erhaltene Kurve ist die beste für den Laus eines Schlitl- schuhes, der dem Kunstlauf oder dem Lauf auf der Kunsteis- bahn dienen soll. Mit anderen Worten: der Schlittschuh eines Erwachsenen muß eine flachere Kurve aufweisen als der eines Kindes; der eines kleinen Kindes muß stärker nach vorn und hinten in die Höhe streben als der eines größeren. Die Befestigungsart des Schlittschuhes ist von sekundärer Bedeutung. Wer sich's leisten kann, hat ein Paar besonderer, jnchtenlederner Stiesel, an welche die Schlittschuhe ange- schraubt sind. Man wechselt dann zum Zwecke des Schlittschuh- laufes die Schuhe. Das kommt aus pekuniären Gründen je- doch nur für wenige in Frage. Gut ist auch eine Befestigung mit im Absatz eingelassener Platte. Die diversen Schnapp- Vorrichtungen mit Federn betrachte man mit Mißtrauen Besser sind Schrauben, Dornen und Riemen, die namentlich bei den Holländern und Friesen noch in großem Ansehen stehen. Und nun hinaus auf die spiegelblanke Bahn, hinaus auf Flüsse und Seen:„Gut Ei s!" Fußballresultate. Freie Sportvereinigung(Alte Herren) gegen Fichte 8, 8:1 für Fichte 8. Fürstenwalde gegen Fichte 10, 2:2. Ficht« 18 gegen Fichte 9, 4:1 für Fichte 3. Fichte 4 gegen Pankow, 6:1 für Pankow. Neukölln gegen Oberspree, 2:0 für Neukölln. Rummelsburg gegen Rüstig Vorwärts, 5:1 für Rummelsburg. Fichte 7 gegen Fichte 8, 6:2 für Fichte 8. Fichte 3 gegen Borussia, 3:0 für Borussiia. Weißensee gegen Vorwärts, 4:0 für Weißcnsee. Neu-HellaS gegen Spandau, 6:3 für Neu-HellaS. Schönbberg gegen Viktoria 6:1, für Viktoria. R.B.C. gegen Alemannia, 6:1 für Alemannia. Liberias gegen Fichte 12, 5:2 für Fichte 12. Tempelhof-Mariendorf gegen Zohlendorf, 6:2 für Tempelhos(vom Schiedsrichter abgebrochen), /Im aller Welt. Eine dringliche Forderung. Der Geburtenrückgang macht nicht nur unseren Regierenden schwere Sorgen, auch die katholische Geistlichkeit wettert mit allen Himmelsstrasen gegen die aus der sozialen Not ge- borene Erscheinung, die wahrscheinlich sofort verschwinden würde. wenn wir unter in enschen würdigen Zuständen lebten. Erst dieser Tage wieder haben die in Fulda zu einer Konferenz versammelten Bischöfe in einem reichlich langen Hirtenschrcibcn alle Register der Empörung ob des frevelhasten Beginnens auch vieler katholischen Ehegatten gezogen. Es heißt in dem Schreiben: Ihr wisset, Geliebte, daß die Ehe nicht nur ein Privat- bertrag zwischen zwei Menschen ist, nicht nur eine wichtige bürgerliche Einrichtung, sondern ein Lebensbuitd. den der allmächtige Gott zugleich mit Erschaffung des Menschen ge- stiftet, den er schon im Paradiese gesegnet und mit seiner Schöpfer- kraft befruchtet hat. Diesen Lebcnsbund hat Jesus ChrishiS in seiner Kirche zur Würde eines Sakraments erhoben. Es ist nun nach des Apostels Wort ein großes Geheimnis, aber in Christus und in der Kirche(Eph. 5, 32). selber ein Abbild der wunderbaren Vereinigung des Gottmeufchen mit feiner Kirche. Das aber ist der Hauptzweck der Ehe: durch die unlös- liehe Lebens- und Liebesgemeinschaft der beiden Ehegatten eine Familie zu gründen, Kindern das Leben zu schenken, die Fortpflanzung des Menschengeschlechts, den Fortbestand der Kirche und des Staates zu sichern. Allen denen aber, die bockbeinig genug find, selbst nach der bischöflichen Ermahnung in p a s s i v e r R e s i st e n z zu verharren, wird folgendes angedroht: Wenn aber, was Gott verhüten wolle, katholische Eheleute so v e r st o ck t und verblendet wären, daß sie dem göttlichen Gebote den Gehorsam verweigern, unserer Mahnung Ohr und Herz verschließen und auf solchen bösen Wegen weiter- wandeln, so mögen sie wissen, daß sie dadurch sich selbst vom Empfang der hl. Sakramente ausschließen; denn solange sie in ihrer Sünde verharren, können sie der Los- sprechung nicht teilhaftig werden. Da man ja nun leider noch nicht genügend geistliche Gendarmen hat, um am Ehebett die reguläre Begattung kontrollieren zu können, erlauben wir uns vorderhand einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn man das Cölibat aufhöbe? Wenn das manchmal auch inoffiziell heute schon geschieht,, würde es doch wahrscheinlich eine recht befruchtende Wirkung auf die Volksvermehrung ausüben. Im Schueesturm gescheitert. Ein schweres Schisfsunglück hat sich nach einer Meldung aus C e t t e am Sonnabendabend im G o l f v o n L i o n zu- getragen. Die kleine französische Tmnpferschaluppe„Mar- guerite-Marie", auf der sich 15 Mann Besatzung b e- fanden, scheiterte in einem furchtbaren S ch n e e st u r m. Die Rettungsboote wurden über Bord gespült. Die drahtlosen Hilferufe des Dampfers wurden von keinem Schiffe aufgenommen. Der Kapitän beschloß im Augenblick der höchsten Not, die ganze Besatzung in das noch übriggebliebene Rettungsboot steigen zu lassen und auf dies« Weise zu versuchen, die Küste zu erreichen. Infolge des hohen Wellenganges schlug das Boot um. Neun Per- sonen ertranken; die übrigen sechs mußten sich meh- rero Stunden lang in dem eisigen Wasser an dem Rettungsboot festklammern, bis zufällig ein schwedischer Dampfer vorüberkam, der die Schiffbrüchigen ausnahm. Ter Rattensturm. Entsetzen herrschte am Sonnabend unter den Frauen deS Newvorker Vororts Flushing. Schreiend flüchteten sie in die Hänser ob des unerwarteten Besuchs, den ein Ratten- und Mäuseheer der Stadt abstattete. Eine riesige Flunvelle hatte die Tiere aus ihren Löchern in der FlusHingbucht vertrieben und zu Tausenden ergoß sich der Ratten st rom in die Stadt, wo er sich besonders den Laden eines Kaufmanns als Zufluchtsort ausgesucht hatte. Käuferinnen und Verkäuferinnen flüchteten und auch dem männlichen Personal blieb nichts anderes übrig, als der großen Uebennacht das Feld zu räumen. Auch einem verstärkten Aufgebot gelang es nicht, die Tiere zu verscheuchen und erst die herbeigerufene Feuerwehr war in der Lage, den Platz zu säubern. Immerhin wird man in Flushing noch lange gegen den kleinen Feind zu kämpfen hoben. Kleine Notizen. Die Kälte in Spanien. Die für den sonnigen Süden abnorme Kälte und der starke Schneekall hat im ganzen Lande schwere Folgen gezeitigt. Eine Anzahl Dörfer ist durch den Schneefall voll- kommen von der Außenwelt abgeschnitten. Heber das Schicksal der Bevölkerung ist man sehr beunruhigt. Aus den Feldern hat man Lei che n erfrorener Arbeiter ge- sunden. In Madrid betrug die Temperatur 10 Grad unter Null, in Saragossa sogar 19 Grad unter Null. Züchdruckerei u. Vcrlagsanjtalt Paul Singer& Co., Berlin SW,