Ur. 21. HbonncmcnfS'Rdingungen: Abonnements• Preis pränumerando; »ierteliährl. S30 MI, moiioll. 1,10 MI, wöchentlich Ä Pfg, frei ins Haus, Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nutnmcr mit illustrierter Sonntags- Beilage„Die Neue Weit" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingelragen in die Post-Zeilungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland mid Oesterreich, Ungarn 2,50 Marl, für daS übrige Ausland 4 Marl pro Monat. Postabonnements nehmen an: Bclgic». Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. erschein! täglich, Verliner Volksblatt. 31. Jahrg. Die Mertions-Gebflbr Keträgt für die scchsgespaltcne Kolonel. zcile oder deren Nauni 00 Pfg.. für politische und gewarlschaftliche Percius- und Bersnmmlungs Anzeigen 30 P'g, „Kleine Anreizen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pig. Stellengesuche und Schlasstellenaii- zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächslo Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpedition ist bis 7 Uljr abends geössncl, Telegramm- Adresse: „SozialiUmokrat Rciiia". Zentralorgan der fozialdcmokrati fehen Parte» Deutfchlands. Redaktion: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplati, Nr. 1983. Donnerstag, den 22. Januar 1914. Expedition: SM. 68, Lmdenstrasac 69. Fernsprecher: Amt Moritiplat», Nr. 1984. Militarismus gegen Parlamentarismus. Wer für das Verhältnis zwischen Armee und Parlament in einem wirklich parlamentarischen Lande ein paar hübsche Filmbilder finden will, braucht nur nach Frankreich zu gehen. Vor der Eröffnung jeder Kammersitzung marschiert dort, dem Präsidentenstuhl gegenüber, eine Jnfanterieabteilung auf und wenn der Präsident erscheint, ertönt Kommandowort, die Trommel ivirbelt, der Offizier senkt den Degen und die Ge- wehre werden präsentiert. Erschien im Berliner Parlament einmal Infanterie, so geschah es, wie im November 1848, nicht, um der Volksvertretung eine Ehrenbezeugung zu er- weisen, sondern um die Volksvertreter mit Kolbenstößen und unter altpreußischen Flüchen zum Teufel zu jagen und heute fällt' es der simpelsten Ordonnanz, die Aktenmappen für das Kriegsministerium durch die Wandelgänge des Reichstags schleppt, nicht ein, vor dem Patriarchenhaupt des Herrn Dr. K a e m p f Reverenz zn machen. Und als im vorigen Jahre zur Truppenschau des 14. Juli Frankreich seine afri- klinischen Truppen nach Paris schickte und ein Zug schwarzer Senegalschützen am Palais Bourbon vorbeimarschierte, fuhren, da der führende Unteroffizier den Leuten die Bedeu- tung des Gebäudes erklärte, die Hände von selbst salutierend an die Kopfbedeckung— so tief saß selbst diesen Negersoldaten die Ehrfurcht vor der Volksvertretung im Leibe. Bei uns aber schlendert der kassubischste Muschkote nur mit einem ver- ächtlichen Grinsen an dem stolzen Hause mit der schönen golde- neu Kuppel vorüber, denn bei uns ist der Militarismus alles und der Parlamentarismus nichts. Bei uns behandelt der Militarismus den Parlamentaris- mus nicht nur au euuuille, sondern er verlangt wie von einem Untergebenen stramme Achtimgsbezeugung von ihm. Jetzt haben wir, als hätten es die kurzsichtigsten aller Machthaber darauf abgesehen, Oel um Oel ins- Feuer zu schütten, in Straßburg- den Fall B u r g e r. Der Rechtsanwalt Bürger, Mitglied der� Zweiten elsaß-lothringischen Kammer, hatte sich in seiner Eigenschaft als Volksvertreter im Parla- ment gegen die Zaberner Militärausschreitungen gewandt, aber der Herr Abgeordnete war zugleich Oberleutnant der Rc- »erve in einem Feldartillerieregiment. Flugs erhielt er darum ein Dienstschreiben des zuständigen Bezirkskomman- dos. er möge in einem eingehenden Bericht sein Auftreten in der Kammer rechtfertigen. Bürger antwortete, indem er sein Abschiedsgesuch einreichte. So der mehr als skandalöse Tatbestand, der in diesen Tagen, da die Soldateska über Recht, Gesetz und Verfassung hinfegt wie eine Husareneskadron über einen Töpfermarkt, in der Reihe nur eine Verfassungs- Verletzung mehr darstellt, denn klipp und klar sagt der Para- graph 29 der elsaß-lothringischen Verfassung: Äcin Mitglied de» Landtags darf zu irgendeiner Zeit wegen seiner'Abstimmung oder wegen der in Ausübung seines Berufs getanen Aeußcrungen gerichtlich oderdisziplinarischver- folgt oder sonst außerhalb der Versammlung zur Verantwortung gezogen werden. � Aber was Verfassung, die elsaß-lothringische zumall Ein Bajonett her und ihn munter ausgespießt, den Wisch! Was dem Reuter recht ist, ist jedem anderen Stabsoffizier billig, und wo jener wegen seines Rechtsbruchs uud seiner Versassungsverletzung einen triumphalen Freispruch erntet, kann auch der die Verfassung antastende Bezirkskommandcur seines verdienten Lohnes sicher sein. Es ist ja zudem nicht das erstemal, daß es der Militaris- mus wagt, derart in die verbrieften und versiegelten Rechte des Parlaments einzugreifen. Wir haben das beschämende Schauspiel erlebt, daß einer der Präsidenten des deutschen Reichstages, Herr Paasche, wegen einer Aeußerung im Parlanient von den Militärbehörden zur Rede gestellt wurde und mit vorschriftsmäßig zusammengeklappten Hacken seinen Rüssel entgegennahm. Es pnd aber diese unverschämten Ein- griffe nur die letzten Folgerungen jenes unverschämten Systems, das den Ossizier des Beurlaubtenstandes auch auf, seinen politischen Wegen auf Schritt und Tritt gängelt und ihn über die Klinge springen läßt, sobald er wider den Stachel zu löcken wagt— der Fall des Amtsrichters 5t Nittel, der nicht„vorschriftsmäßig" gewählt hatte, war das beredteste Beispiel der letzten Jahre. Wie sollte der Militarismus auch an den Grenzen des ParlamentarismusHalt machen, da ihm gegenüber Parlament und Bürgertuni noch immer im entscheidenden Äugenblick höchst glorreich zusammengeknickt sind. Politische Optimisten fallen immer wieder auf die Hoffnung herein, daß doch in dieser Krise das Bürgertum sich aufraffen und den Bütteln des Mittelalters die Zähne zeigen werde, und jede neue Krise erweist aufs neue das jammervolle Versagen einer Klasse, die den Begriff der bürgerlichen Freiheit nicht einmal vom Hörensagen kennt. In dem. was sich in den letzten Wochen an Unerhörtheiteii aneinandergereiht hat, übergipselt der Militarismus sich selbst. Aber das Bürgertum? Der Herr Bürger hat nicht einmal soviel Entschlossenheit aus- gebracht, den Konflikt durchzufechten, das Bezirkskommando mit Berufung aus die Verfassung in seine Schranken zu der- weisen und abzuwarten, sondern freiwillig hat er den bunten Rock ausgezogen. Und dazu wiederum bringen seine Klassen- genossen nicht die Entschlossenheit auf. Jetzt, da es Tatsache ist, daß die Verfassung unter den Kommißstiefeln des Mili- tarismus zermalmt wird, wo bleiben da die„aufrechten Männer" des„entschiedenen Fortschritts", die da erklären: Wir halten es nicht mit unserer politischen Ehre für vereinbar, das Portepee eines Offizierskorps zu tragen, dessen berufene Vertreter so mit dem verfassungsmäßigen Recht und mit der bürgerlichen Freiheit umspringen. Wir verzichten auf das Leutnant d. R. auf der Visitenkarte. Wir wollen nichts sein als freie Bürger. Wo sind in Nord und Süd und Ost uud West des lieben deutschen Vaterlandes die Mannen hochgemut, die derart dem Kriegsminister ihren Degen zur Verfügung stellen? Wo sind sie? Ein Narr wartet auf Antwort! die Ehrenrettung öer„feilen Schreiberseelen". Das am Mittwochabend verkündete Urteil des Oberkriegs« g e r i ch t s bringt dem Fähnlein der FeucrwerkleutnantS und Feuer« werkfeldwebel eine völlige Rehabilitierung. Sie, die in erster Instanz zu mehrerenMonaten Gefängnis verurteilt worden waren, sind diesmal entweder mit etlichen Wochen schweren oder auch ge- linden Stube narre st s oder aber gar mit völliger Frei- s p r e ch n n g davongekommen. Das Urteil vom ö. August lautete gegen Tilian wegen Bestechung und erschwerten Ungehorsams auf zwei Mo- natc Gefängnis und Dieiistentlasiiing. Diesmal wurde er wegen Ver- jährung freigesprochen. Gleichfalls freigesprochen wurde der am schwersten, nämlich zu sechs Monaten Gefängnis verurteilte Ober- intendantnrsekretär Pfeiffer, da ihm die Schuld nicht mit Sicherheit nachzuweisen sei. Die ZeugleutnaniS Hülst und Schleuder, denen je vier Monate Gefängnis und Tienstentlassnng zuerkannt worden waren, kamen diesmal mit je sechs Wochen schweren Stubenarrestes davon. Feuerwerker Schmidt erhielt statt der S'/e Monate Gefängnis und Degradation nur vier Wochen gelinden Arrest und endlich Zeugleuinant Höge wurde seine Strafe von 43 Tagen Gefängnis auf drei Wochen schweren Stubenarrest herabgesetzt. Kein Mensch wird den Zeugleutnants ihre gelinde Strafe mißgönnen. Wenn der A n st i s t e r all des Unheils, Herr Maximilian B r a nd t, mit drei Monaten Gefängnis davon- gekommen war, sein Auftraggeber E c c i n S gar nur eine G c I d- st r a f e erhalten hatte, und andere Mitschuldige/ wie Direktor Treger, vollends nicht einiual in Anklageznstand versetzt wurden, so kann man es auch den Opfern der Bestechung, den Zcuglcutnants und Feuerwerkern nur gönnen, daß sie der ehrenrührigen Ge- fänguisstrafe cutgangen sind. Ueberaus erstaunlich bleibt. darum aber doch das Urteil. Denn daß selbst nach der diesmaligen Urteilsbegründung die Augeklagten dienstliche Geheimnisse einem Unberufenen verraten und zum Teil sogar gegen Zuwendung von Vorteilen(freie Zechen, aber auch bare Geschenke von Lll-Markstücken und Hundertmarkscheinen!) ver- raten haben, steht nun einmal unerschütterlich fest. Tic Vc- stechung liegt also vor. Wenn aber das Obcrkriegsgericht derartige Bestechungen, begangen au Offizieren, so überaus milde ein- schätzt, daß sie nur mit Stubenarrest zu bestrafen sind und die Verurteilten in der Armee ruhig weiter dienen können, so wird das in weitesten Kreisen des In- und Auslandes geradezu Scn- satiou hervorrufen! Mit der scharfen Sprache des Kriegs- gerichtsrats Dr. Welt über das„schmarotzerhafte Gebaren" und den„entsetzlichen Treubruch" der Zeugoffiziere vergleiche man einfach dies Urteil! Wie sagte doch Herr Dr. Welt so schön: „Wir müssen hier scharf anfassen, denn hier handelt es sich um die preußische Beamtcnchrc.... Wir müssen der Oeffentlichkcit zeigen, daß wir Gerichte, die wir berufen sind, am Staatslebcn mitzuarbeiten, die Macht- das Recht und den Willen haben, durch Strafen dahin zu wirken, daß der Schild des preußischen Bcamtciitiiins und des preußischen Heeres rein bleibt." Dazu paßt nun freilich das Urteil wie die Faust aufs Auge. Die Oeffentlichkcit wird sich denn auch sicherlich allerlei Gedanken über die ungemeine Toleranz machen, die hier ein Oberkriegsgcricht preußischen Offizieren entgegenbringt, die nach der Ueberzeuguug des Herrn Dr. Welt und auch des Gerichtshofes erster Instanz „n i ch t nur traktiert, sondern auch geschmiert" worden waren! Wenn derartige kleine menschliche Schwächen künftig mit der preußischen Ofsiziersehre vereinbar sein sollen— nm so schlimmer für diejenigen, die sich durch all die Monate mit der Verkündung heiser schrien, daß so etwas wie ein Panama bei uns nie und nirgends möglich sei. Seltsamerweise hat das Obcrkriegsgericht auch die Anklage wegen Verrats militärischer Geheimnisse bei allen Angcllagten fallen lassen. Auch die geheimsten dienst- lichen Mitteilungen, von denen das Urteil der ersten Instanz sprach, sollen für Krupp kein Geheimnis gewesen sein! Ueber diesen Punkt, wie über das Urteil selbst, wird noch mancherlei zu sagen sein! Auch über die Freisprechung des am schwersten b e- lasteten Oberintendantursekretärs Pfeiffer. Er war der- jenige, den Brandt ursprünglich am schwersten bezichtigt hatte, der als Quelle aus dem Kriegsministerium zweifellos in Frage kam und der von Brandt die größten Zuwendungen erhalten hatte. Aber er war auch freilich derjenige der Angeklagten, der sich am wenigsten einschüchtern ließ, sich am leidenschaftlichsten wehrte und, wie man munkelt, noch mehr� wußte, als er bis dahin auszusagen für nötig gehalten hatte! Ter Freispruch des Pfeiffer, der aus an- geblichem Mangel an Beweisen erfolgte, beweist sicherlich das eine, daß auch das Oberkriegsgcricht mit der Möglichkeit rechnete, daß im Kriegs Ministerium auch noch ganz andere Per- so neu als Schuldige in Frage komme u könnt eu! Daß die Angeklagten diesmal mit belanglosen Arreststraseu davonkamen, sei ihnen ans Menschlichkeit gegönnt— aber die ganze Art, wie diese verblüffende Korrektur des Urteils erster Instanz zustande kommen konnte, fordert nichts destowenigcr die schärfste Nachprüfung heraus. Auch wir werden es an dieser 54ritik nicht fehlen lassen! wer terrorisiert! In den Materialien, die die Herren der Schichauwerst dem Herrn Professor Bernhard übersandt haben, damit sie ihm zum Besten und er ihnen dann am besten diene, befindet sich das reckst interessante„Protokoll der ordent- lichen Hauptversanimlung des Verbandes der M e t a l l i n d u st r i e l l e n O st- und W e st- p r c u ß e 11", die am 7. Februar 1912 im Bureaugebäudc der Firma F. Schichau, Elbing, stattfand. Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete der Bericht des Vorstandes über das Geschäftsjahr 1911. Darüber sagt das Protokoll: An S t r e i k a n g c l e g e n h e i t e n sind von feiten der Ver- bandsmitglieder im Laufe des berflossencn Jahres folgende zur Anzeige gelangt, die nach Prüfung der näheren Umstände mit Hilfe unserer schwarzen Liste erledigt wurden: 1. Am 1. April 1911 wurden aus Antrag der Firma F. Schichau, Schiffswerft zu Tauzig, 790 bei ihr beschäftigte Schmiede. Schissbauer, Nieter, Stemmer und Zimmcrlcuie und am 24. April 1911 s ä m t l i ch e L e u t c der genannten Firma wegen unberechtigter Arbeitsniederlegung für den Bereich des Ge- samtvcrbandes ausgesperrt und diese Sperre bis auf 369 Mann am 8. September 1911 ausgehoben. Am 20. September wurde die Sperre über weitere 32 Manu und am 23. Oktober 1911 über den Rest aufgehoben. 2. Am 12. April 1911 lourde auf Antrag der Firma Robert Tilk, Thorn, ein'Schlosser wegen unberechtigter Arbeitsniedcr- lcgung für den Bereich unseres Bezirksverbandes gesperrt. 3. Am 19. April 1911 wurden auf Antrag der Kombinierten Schlosserinnuug zu Königsberg i. Pr. LI Schlosser- und S ch m i e d e g c s c l l c n wegen unberechtigter Arbeitsniederlegung für den Bereich des Gesamtberbandes ausgesperrt und diese Sperre am 5. Juli 1911 aufgehoben. 4. Am 26. April 1911 wurden auf Antrag der Firma Georg Lucas. Königsberg i. Pr., 11 Former wegen unberechtigter Ar- bcitsniederlcgung für den Bereich unseres Bezirksvcrbaiidcs g e- sperrt. Diese Sperre wurde am 1ö. Mai 1911 aufgehoben. 5. Am 3. April 1911 wurde auf Antrag der Firma I. Zimmer» manu, Danzig, ein Dreher, welcher a m 1. M ai nicht gearbeitet hatte, für den Bereich unseres Bezirksvcrbaiidcs auf 14 Tage gesperrt. 0. Am 9. Mai 1911 wurden auf Antrag der Kombinierten Schlossermnuiig zu Königsberg i. Pr. weitere 2 Arbeiter, welche sich den bei der genannten Innung bereits streikenden Leuten angeschlossen hatten, ebenfalls für den Bereich des Gesamt- Verbandes gesperrt. Diese Sperre wurde ebenfalls am B. Juli 1911 aufgehoben. 7. Am 10. September 1911 wurden auf Antrag der Firma Waggonfabrik L. Steinfurt G. m. b. H., Königsberg i. Pr., 3 7 Stellmacher wegen unberechtigter Arbeiisniedcrleguiig für den Bereich des Gesamtberbandes gesperrt und diese Sperre am 19. Oktober 1911 aufgehoben. 8. Am 23. September 1911 wurden ans Antrag der Firma F. Schichau, Schiffswerft zu Tanzig, Danzig, B Kupfer� schmiede, welche die Arbeit wegen Nichtbewilliguug unberechtigter Lohiisqrderungeu niedergelegt hatten, für den Bereich des Gesamtberbandes gesperrt. Diese Sperre wurde am 23. Oktober 1911 aufgehoben. 9. Am 25. September 1911 wurden auf Antrag der Firma Eisengießerei für Handelsartikel Eduard Tießen, Elbing, 1 Former und 1 Arbeiter wegen unberechtigter Arbeits» nicderlcguug für den Bereich unseres Bezirksverbandes gesperrt. 1V. Am 29. September 1911 wurden weftere 2 Stellmacher der Firma Waggonfabrik L. Steiiifiirt, Königsberg i. Pr., welche sich den bei der genannten Firma bereits streikenden Leuten an- geschlossen hatten, für den Bereich unseres Bczirksbcrbandes ge» sperrt und diese Sperre am 19. Oktober 1911 ausgehoben. 11. Am 3. Oktober 1911 wurde aus Antrag der Firma Erm- läudische Maschinenfabrik Marienhütte G. m. b. H., Guttstadt. 1 Schlosser wegen versuchter Erzwingung unberechtigter Forde- rungen unter Bedrohung der Geschäftsinhaber und Zertrümmc- rung von Fenstern und Kontorgegenständen durch Steinwürfe für den Bereich unseres Bczirksverbandes gesperrt. 12. Am 27. iKovember 1911 wurden auf Antrag der Firma Union-Gießerci, Königsberg i. Pr., 3 Former wegen unberechtigter Arbeitsniederlegung für den Bereich unseres Bezjrksverbandcs gesperrt. Diese Sperre wurde am 13. Dezember 1911 aufgehoben. 13. Am 39. November 1911 wurden auf Autrag der Firma Uuion-Gießerei, Königsberg i. Pr., BS Arbeiter ihrer Eisengießerei wegen unberechtigter Arbeitsniederlegung für den Bereich des Ge- samtvcrbandes gesperrt und diese Sperre am 13. TiMmber 1911 aufgehoben. 14. Am 4. Dezember 1911 wurden auf Antrag der Firma Union-Gießerei, Königsberg i. Pr., sämtliche bei ihr beschäftigten Leute für tcn Vereich des Gesamtverbairdes gesperrt, da die streikenden Leute ihrer Eisengießerei die Arbeit nicht aufgenommen hatten und sich, die Firma hierdurch veranlaßt sah, ihren Betrieb zu schließen. Kiese Sperre wurde ebenfalls am 13. Dezember auf- gehoben.,. laV Tie Rundschreiben des Gesamtverbandes Deutscher Mctallindustricller betreffend verhängte Sperren. Streik., ngclegenheiten und industrielle Verbältnisie von allgemeinem Interesse sind den Verbandsmitgliedern regelmäßig zugegangen, ebeidso die Rundschreiben der Hauptstelle Oester- reichischer Arbeitgaberorganisationen in Wien. Auch im Jahre 1911 hat sich der Verband als ein segensreiches Institut und eine Wirkungsvolle Maßnahm- gegen vom Zaun ge- brochene Arbeiterftreiks erwiesen. Erinnert wird noch an das Rundschreiben des Gesamt- Verbandes vom 1. Llugust 1997, laut dessen einzelne kontrakt- brüchige, agitatorisch tätige, aufsässige Arbeiter nur in den Bezirks- verbanden, jedoch nicht für den Gcsamtvcrband gesperrt werden sollen.'-•- Tiefe trockene. Aufzählung spricht eindringlidier. als es lange Abhandlungen vennöchten. von der furchtbaren Ab- lmngigkeit der Arbeit vom Kapital. Sie zeigt die fürchterliche Waffe, die die Kapitalisten in den schwarzen Listen be- sitzen und den umfangreichen und rücksichtslosen Gebrauch, den die Herren von diesem Mittel niachen. Hunderte von „Arbeitswilligen" werden zur Strafe dafür, daß sie von ihrem gesetzlichen Koalitionsrecht Gebrauch gemacht haben, nwnate- lang ausgesperrt, das heißt, sie werden, wenn es nach der Ab- ficht der 45 Mitglieder, die der Verband damals zählte, ginge, erwerbs- und subsisbenzlos gemacht. Und diese Herren wagen es. über den Terrorismus der Arbeiter zu zetern, und sie, die unausgesetzt Arbeitswillige an der Arbeit verhindern, sie daran verhindern, sich ausbeuten zu lassen, um leben zu können, die stehen an der Spitze der Koalitionsrechtsfeinde, die ein Arbeitswilligenschutzgesetz verlangen. Und welch großes Vertrauen zu dem Professor Bernhard müssen die Herren der Schichauwerft besitzen, wie sicher nrüssen sitz auf ihn als einen der ihrigen zählen können, um ihm ein Ma- terial zur Verfügung zu stellen, das jeden anderen als einen kapitalistischen Klopffechter von der unbedingten Notwendig- keit, das Koalitionsrecht der Arbeiter zu sichern, überzeugen muß. Wie sehr die Herren aber auf die strengste Einhaltung der Verfehmnng streikender Arbeiter halten, das zeigen ihre Ver- Handlungen über die Angelegenheit Seebcck. Darüber referierte der Vorsitzende Geheimrat Z i c s e von der Schichmi- werft folgendes: Der Vorsitzende des GesamtvcrbandeS hatte in seinen Sitzungen vom 17. und 27. September 1911 beschlossen, den Arbeit- geberverbnnd Unterweser zu veranlassen, die Firma G. Seebcck, Aktiengesellschaft, Geestemünde, wegen ihrer uncntschnld- baren, den Zwecken des ganzen GesamtvcrbandeS hohnsprechenden Verfehlungen aus ihrem Verbände aus- z n s ch l i e ß e n, wodurch diese Firma dann gleichzeitig ans dem Gesamtvcrbande ausgeschlossen würde. Hiergegen erhob der Arbeitgebervcrband Unterwescr bei dem Gcsanüverbmcde Vorstellungen, indem er ausführte, daß er nach Ausschließung der Firma Seebcck aus den Unruhen nicht heraus- kommen würde, da. die begründete Befürchtung vorliege, daß die Fvfnia Seebcck sofort einen eigenen Arbeitsnachweis und. zwar einen paritätischen einrichten würde. Der gegenwärtig etwa 2000 Arbeiter beschäftigende Norddeutsche Llqhd und dio übrigen im Ilnterwesergebiet liegenden Firmen würden Gefahr lausen, in diese Bewegung hineingerissen zu werden. Tie Satzungen des BerbandcK geben im weiteren keine Hand- habe, gegen Soebeck mir Ausschluß vorzugehen. Außerdem habe der Aufsichtsrat der Firma G. Seebcck, Aktiengesellschaft, die bc- stimmte Zusicherung gegeben, daß sich ähnliche Fälle in Zukunft nicht wiederholen werden. Durch Aufnahme entsprechender Satzungsbestimmungen soll der Wiederholung derartiger Fälle vor- gebeugt werden. Die Firma Seebeck selbst wurde zur Zahlung einer Strafe von öOOO M. veranlaßt. Auf Grund dieser ganz im Gegensatz zu den Beschlüssen der diesseitigen Vorstandssitzung vom 7. September 1911 stehenden Er- ledigung des Falles Seebeck durch den Gesamtvcrband in Berlin, schrieb der Vorsitzende unseres Bezirtsverbandes an den Vorsitzenden des Gesamtverbandes. Herrn Gehcimrat von Rieppel, daß die geringe Bestrafung der Firma Seebeck mit nur SOOO M. ganz außerordentliches Erstaunen und Ent» tausch ung hervorrufen müsse. Eine solche geringe Strafe kann bei dem mangelnden Verständnis, welches die Firma hinsichtlich des Zweckes unserer Koali- von entwickelt hat, nur dazu Veranlassung sein, daß dieselbe bei einer neuen Gelegenheit in noch ganz anderer Weise, ohne Gefahr zu lausen, hierdurch der Mitgliedschaft verlustig zu gehen, den .Gesamtverband hintergehen und sich überhaupt nichts mehr daraus machen wird, gegebenen Falles bestreikten Mitgli e d s- fixmen Arbeiter wegzunehmen. Bei der augenscheinlichen Solidarität der Mitglieder des Ar» beitgeberverbandes Unterwescr in solchen Fällen wird diese billige Strafe vielleicht auch daS eine oocr das andere Mitglied dieses Verbandes veranlassen, der Firma Scebeck nachzueifern.� Tie in dem uns vom Gesamtverbano übersandten Protokoll- auszuge enthaltenen Ausführungen sind um so weniger zu billigen, als es nicht darauf ankommt, nach Gründen zu suchen, die das beispiellose Verhalten Seebecks beschönigen könnten. vielmehr verlangt es, wie der Verband der Metallindustriellen Ost- und Westpreutzens in seinen diesbezüglichen Zuschriften an den Gesamtvcrband wiederholt ausgeführt hat, die Ehre des letzteren, daß seine Satzungen und der Zweck des ganzen Zusammenschlusses der Metallindustriellen von allen Mitgliedern ohne Ausnahme unter allen Umständen ernst genommen werden. Es sei vollkommen� gleichgültig, ob die Firma Seebeck eine gc- stellte Frist um zwei Tage überschritten hat oder nicht, Hauptsache bleibt immer, daß diese Firma über fünf Monate lang st r e i k c n- den und gesperrten Arbeitern Unterkunft ge- währt und damit den ganzen G e sa m t v e r b a n d hinters Licht geführt hat. Bei dieser Sachlage kann man sich unmöglich mit einer solchen geringen Strafe zufriedengeben, vielmehr muß man glauben, daß durch dieselbe gerade- das Gegenteil erreicht wird, was man von einer Bestrafung überhaupt ertvartet. Firmen, die ein so weites Gewissen haben, wie es sich in dem in Rede stehenden Falle gezeigt hat, werden sich auf Grund der milden Beurteilung der geschehenen Verfehlung sagen:„Jetzt können wir tun und lassen, was wir wollen, denn es kostet ja nicht viel", und deshalb ist nach unserem Dafürhalten eine Geldstrafe ganz wertlos. Wir halten nach wie vor eine moralische Strafe, wie- Ausschluß aus dem Verbände, als das einzig Richtige und aus- schließlich Wirksame.... Ter Bejsirksverbemd hatte aber kein Glück. Es blieb bei der Ärafe von ok)(X) M. und der Bczirksv?rband konnte nur noch die Fordernnp erheben, daß die 5000 M. seiner Kasse überwiesen werden sollen, fyt seine Mitgliedsfirma Schichau und sein Arbeitsnachweis In Danzig durch das Verhalten von Seebeck in erster Linie geschädigt sind. Man sieht, die Terroristen halten auf Disziplin. die feste kanö in Noröfchleswig. Aus Nordschleswig wird uns.geschrieben: Tie Bevölkerung Nordschleswigs ist aus den Zeiten Mathias v. Köllcrs an eine harte Hand gewöhnt. Die Regierung schien aber mit der Zeit doch eingesehen zu haben, daß ein allzu scharfes Dreinschlagcn dem Schläger mehr Schaden zufügt, als dem Gc- schlagenen. Die Regierung machte die Erfahrung, daß trotz des harten Regiments die dänischen und sozialdcmokra- tischen Stimmen bei öffentlichen Wahlen zunahmen und di� Dänen, nachdem ihnen die Versammlungslokale fast überall ent- zogen wurden, selbst Bersammlungshäuscr bauten. Jetzt find rund 20 solcher Häuser im Gebrauch. Die Regierung schien aus allen diesen Erfahrungen doch etwas gelernt zu haben; die Behandlung der Opposition wurde scheinbar eine mildere. Aber auch dieser „gelindere" Druck hatte natürlich nicht die Wirkung, die man davon erwartete. Eine Bevölkerung, die für ihre eigene Sprache, ihre eigene Kultur und für politische Freiheiten kämpft, kann durch keine Regierungsmaßregeln, wie sie von der preußischen Verwaltungsbehörde praktiziert werden, zum Schweigen gebracht werden. In neuerer Zeit ist die Regierung denn auch wieder zu einer sogen, schärferen Praxis übergegangen. Vielleicht geleitet von der traditionell-preußischen Verwaltungsmaxime, daß fremde opponie- rcnde Bcvölkerungselemcntc nur mit Gewalt niedergehalten werden können; das meiste aber dürfte zu diesem Wechsel der Praxis beigetragen haben, daß eine kleine Gruppe lieber- deutsche immer wieder nach Maßnahmen gegen die Agi- tation der Däne» ruft. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Es soll gar nicht bestritten werden, daß anch von dänischer Seite oft Mittel angewandt werden, die ihren Rechtsfordcrungen nicht nützlich sind; es besteht hier aber ein förmlicher Kriegszustand, unaufhörlich geschürt von deutschen Vereinen, deren Mitglieder von den Verhältnissen hier oben nur aus Reden und Schriften der Ueberdeutschcn Kenntnis erlangt haben. Wer hier Jahrzehnte an der Grenze gelebt hat, weiß jedoch, daß die größere Schuld an der Verschärfung der nationalen Gegen- sätzc die Deutschen und im besonderen die deutsche Verwaltung in der sogen. Nordmark trifft. Wir erinnern nur an das sinnlose Verbot des Gebrauchs der norwegischen Spache im Fall Amundsen. Jedoch die Regierung scheint aus dem allgemeinen Unwillen, der über dies Verbot laut wurde, nichts gelernt zu haben. Die nationalen Leidenschaften wurden bis zur Siedehitze angefacht durch die am 1-1. Dezember v. I. in Flensburg stattgcfundcne„Nord- marken"-VcrsammIung, in der sich die preußische Kasernenkultur in Worten, wie„Schuft� und„Lump" gegen dänische Versamm- lungsbesuchcr Lust machte. Dann folgte ein neues Verbot des Gebrauchs der dänischen Sprache. Diesmal wurde aber davon kein norwegischer Forscher, sondern der dänische Lands- und Folke- thingsabgeordnete Th. Staumng aus Kopenhagen getroffen. Tie Flcnsburger Parteileitung hatte dem Genossen Stanning ein- geladen, über die in Dänemark in Vorbereitung befindliche Ver- fassungsreform, die selbstverständlich für die Bewohner des Grenz- landcs besonderes Interesse hat, in seiner Muttersprache zu referieren, evtl. wenn der Gebrauch der dänischen Spräche nicht gestattet würde, in deutscher Spräche zu reden. Die Regierung genehmigte den Gebrauch der dänischen Sprache nicht und drohte in ihrer Verfügung zugleich, daß der dänische Referent, ivenn er doch in der Versammlung erscheinen sollte, sofort aus- gewiesen würde. Tic gegen das Verbot bei dem Obcrpräsidenien eingelegte Be- schwerde blieb ohne Erfolg. Eine weitere Beschwerde an den Minister des Innern ist bis heute, trotzdem das Telegramm als dringend aufgegeben wurde, ohne Antwort geblieben. Di« Rede, die Stauning zu halten gedachte, wurde, da sie in deutscher Uebersetzung. vorlag, von einem deutschen Staatsbürger verlesen. Die Wirkung dürfte die gleiche gewesen sein. Nachdem sie jetzt durch den Abdruck in der Presse aller Welt bekannt gc- worden ist, ergibt sich, daß auch selbst dann, wenn Stanning sie selber vorgetragen hätte, kein GrUnd gegeben war, ihn deshalb auszuweisen. Die Rede enthält auch nicht ein kritisches Wort über. Zustände in Preußen bczw. Deutschland, sondern referiert rein objektiv über die historische Entwickclung der Verfassungs- und Wahlrcchtskämpfe in Dänemark. ES„war der feierlichste Augenblick in meinem Leben", erzählt Stauning im Kopenhagencr„Sozialdemokraten", als er, umbraust von jubelnder Begeisterung seiner Gesinnungsgenossen, durch einen Polizeibcamten �ms dem Saale geführt wurde. Der Mann, der in seinem Heimatlandc aufgefordert wurde, das Kabinett zu bilden, wurde kurzerhand von einem preußischen Regierungspräsidenten ausgewiesen, von einem untergeordneten Polizeibeamten aus dem Lokal geführt, eine Stunde belvacht und dann zur Bahn geleitet. Durch die im letzten Jahre stattgefundenen und für uns im Norden Schleswigs erneut in Aussicht stehenden Jubelfeiern scheint überhaupt die politische Ueberlegung in den leitenden Kreisen arg ins Gedränge geraten zu sein. Als unsere Genossen in der letzten Stadtverordnctensitzung in Flensburg die Forderung des Magistrats auf Bewilligung von Mitteln für die in Aussicht genommene Oevcrsec- und Düppelfeicr ablehnten mit der Begründung, Handel und Verkehr der Stadt könnten durch die Entfachung neuer Nationa- litätenkämpfe Schaden leiden, wurde von dem Stadtverordneten- Vorsteher erklärt, wenn diese Befürchtungen zuträfen, dann lebten wir offenbar in Zuständen, gegen die mit aller Schärfe protestiert werden müsse. Das ist der Standpunkt der übermütig gewordenen nationalliberalen Deutschtümler, wie wir ihn dieser Tage auch im preußischen Landtage kennen gelernt haben. Es muß demgegenüber mit allem Nachdruck erklärt wcxden, daß in der heutigen Zeit des hochentwickelten internationalen Hau- dels und Verkehrs kein Platz mehr ist für ein solches Herrentum, das sich einbildet, abgeschlossen von allen anderen Völkern leben zu können. Auch ein großes Reich wie das Deutsche ist darauf angewiesen, �»lit anderen Völkern Verkehr zu treiben. politische Uebersicht. Im reaktionären �«hrwasser. Ans dem Reichstag, 2t. Januar. Am Mittwoch sprachen mir bürgerliche Abgeordnete. Daher bekam Staats- sckretär Dr. Delbrück noch nicht die Antwort, die ihm auf seine sozialpolitischen Ausführungen gebührt. Trotz- dem ist es dem Staatssekretär auch schon gestern recht schlecht gegangen. Ter Redner der Fortschrittlichen Volkspartei, Abg. G o t h e i n, behandelte sehr eingebend den Volks- wirtschaftlichen Teil der Delbrückschen Rede und wies nach, daß diese Ausführungen des Ministers im Wesentlichen unzutreffend sind. Das zwang den Herrn, der dem Staatssekretär die Zahlen für seine Volkswirtschaftlichen Ausführungen hat liefern müssen, den neuen Leiter der Volkswirt- schaftlichen Abteilung im Reichsamt des Innern, Ministerial- direktor M ü l l c r, zu dein Versuch, durch neue Zahlen seine alten Zahlen zu rechtfertigen. Ihm folgte alsReduer derfreikonservatibe Abgeordnete Dr. Arendt. Er leistete sich den billigen Hohn, Herrn Gothein daran zu erimiern, daß im liberalen Bürger- tum sich so mancher auch mit dem Zollwuchcr abgefunden hat. Dann lobte er den Staatssekretär, der ganz nach den Wünschen der Zollwucherer Wirtschaftspolitik betreibe und ganz nach dem Wunsche der rücksichtslosesten Ausbeuter den Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung zu verhindern sucht. Dieses Lob Hai Herr Dr. Delbrück in der Tat verdient,— Vorher hatte sich sin konservativer Ueberagrarier für die weitere Verschärfung des Zollwuchers ins Zeug gelegt.— Morgen geht die Verhandlung weiter. Am Freitag lvird die Zabcrn- Interpellation endlich zur Verhandlung kommen. Ländliche Fortbildungsschulen und Religionsunterricht. Bei der am Mittwoch im Abgeordnetenhause fortgesetzten Be- ratung des Etats der landwirtschaftlichen Verwaltung kam eS wider Erwarten zu einer ausgedehnten religionspolitischen Debatte. Be» kanntlich ist vor zwei Jahren der Entwurf eines Fortbildungsschul- gesetzes an der Meinungsverschiedenheit zwischen Regierung und konservativ-klerikaler Mehrheil über den Religionsunterricht gescheitert. Die Negierung wollie von der obligatorischen Einführung des Religionsunterrichts in den Lehrplan der Fortbildungsschulen nichts wissen. WaS den Dunkelmännern damals nicht gelungen ist, suchen sie nun von hinten herum zu erreichen. Zum Lantwirtschaflsctat stellte Abg. b. Pappen heim sk.) einen erst in letzter Stunde zur Kenntnis des Hauses gebrachten Antrag, der die Regierung ersucht. dort, wo auf Antrag der Gemeinden religiöse Unterireisung in den Lehrplan der Fortbildungsschulen aufgenommen wird, die Genehmigung des Lehrplans lediglich aus diesem Grunde nicht zu ver- sagen. Auf den ersten Blick sieht der Antrag recht Horm- los aus, ja Herr v. Pappenheim konnte in der Begründung sogar mit einem Schein von Recht sagen daß eS ihm darauf ankomme, die Selbstverwaltung der Gemeinde» hoch- zuhalten. Aber der Antrag ist in seiner Tragweite äußerst ge- fährlich; er will nicht etwa verhindern, daß üb«rhaupt kein Religionsunterricht in den Fortbildungsschulen erteilt werden darf, sondern er will entgegen seinem Wortlaut überall den Rcligions- Unterricht einführen. Darüber ließ die Debatte keine» Zivcifcl, und wenn das Zentrum auch tausendmal versichert: der Antrag bedeute nur eine minimale Abschlagszahlung, so ist eS im Innersten seines Herzens doch froh über diese „Abschlagszahlung", die die volle Befriedigung seiner Forderung bedeutet. Die Vertreter der Nationalliberalen, der Fort- schrittler und der Sozialdemokraten durchschauten das plumpe Manöver und bekämpften diesen ersten Versuch auf Einschmugge- Umg des Religionsunterrichts aufs heftigste. Recht wirksam sprach der ncugewnhlte Vertreter für Brandenburg, Abg. Graue. ein Geistlicher, der sich vom Standpunkt der Religion aus gegen den Antrag wandte.- Ganz besonders eindrucksvoll aber waren die Aus« 'ührungen unseres Genossen Adolf Hoffmann, der mit beißender Ironie und vernichtendem Spott, oft von stürmischer Heiterkeit uittcr- brochcn, die VerdummungSbestrebnngen der Mehrheit kcnnzeichncle und dem Mißbrauch, der mit der Sieligion getrieben wird, scharf zu Leibe ging. Daß Hoffmann mit seiner Kritik inS schwarze getroffen hat, bewies die erregte Erwiderung des Abg. Marx(Z.), der sich in den albernsten Ausiällen gegen die Sozialdemokratie erging und in seiner Wut wider Willen das Zugeständnis machte, daß die Religion in Wirklichkeit den Zweck habe, das Volk in Unkenntnis und Dummheit zu erhalten. Wenn er sich auch nicht gerade dieser Worte bediente, so war das doch der Sinn feiner Rede. Auch die Regierung scheint auf ihrem früheren ablehnenden Standpunkt nicht mehr unbedingt zu verharren. Zwar erklärte sich der Landwirtsckaftsininister gegen jeden Zwang zur Teilnahme am ReligionSunierricht. aber andererseits betonte er seine jcderzeitige Bereitwilligkeit, die Genehmigung zur Aufnahme des Religionsunterricht« zu erteilen, wenn ein solcher Zwang nicht ausgesprochen wird. Damit kann die bildungsfeindliche Mehrheit, deren Arn rag gegen die Stimmen der Nalionalliberalen, Fortschrittler und Sozial- demokraten zur Annahme gelangte, zufrieden sein. Vorher hatte da-Z HauS einstimmig einen Antrag angenommen, der die Regierung auffordert, im Bundesrat einen Gesetzentwurf auf Beseitigung der Mißstände im Handel mit Futtermitteln, Dünge- Mitteln und Sämereien einzubringen. Für den Antrag sprach auch Genosse Hofer, der unter Hinweis auf den Verdienst der siska- tischen Kalibcrgwerke die Notwendigkeit einer billigeren Abgabe VeS Kalis an die kleinen Landwirte betonte. Ein weilerer Anlrag auf Errichlung eines Instituts zur wissen- schaftlichen Erforschung sämilicher auf milchwirtschaftlichem Gebiete austretenden Fragen wurde der Agrarkommission überwiesen. Donnerstag: Fortsetzung der EtatSberatnug. Das Ueberpreustentum. In Bayern haben die Prahlereien der Vertreter deL reinen „Prcilßengeistcs" auf den am Sonntag im Abgeordnetenhause abgehaltenen Preußentag eine derartige Verstimmung erregt, daß auch die Hertlingsche„Bayerische Staatszeitung", das bayerische Pendant zur„Nordd. Allgem. Ztg.", sich gezwungen sieht, sich gegen„ d.i e Ans>v ü ch s e" des Ueberprcußcn- tums zu verwahren. Das Hertlingsche Blatt schreibt: Tendenzen und Anschauungen, wie sie auf der neulichcn Ver- sammlung de-Z P r e u ß e n b u n d eS zutage getreten sind, stehen in schärfstem Gegensatz zu den Grundlagen, ans denen das Reich aufgebaut ist, lvie zu den T r a d i- tionen. die biSber in solchen Ländern als maßgebend betrackiet worden sind. Wird das Unzutreffende allzu laut verkündet, wird versucht, den Eindruck der eigenen Selbsteinschätzung durch Her- aushebung anderer zu verstärken, so muß dies versninmrnd auf die übrigen Bewohner deS stolzen Baues Wirten, der sich Deutsches Reich nennt. Eine Berstiminung dieser Art ist durch die jüngste Tagung de? PreußenbundeS in Demschland, man ' möchte fast sagen, unbedackierweise heraufbe'chworen woiden, und es ist nicht zuletzt der Süden des Reiches, der berechtiglcn Anlaß hat, gegen partikularistische Auswüchse solch bedenklicher Art, wie sie hier zum Er» staunen deS ganzen deutschen Volkes zu ver« zeichnen gewesen sind, entschieden Einspruch einzulegen. Nirgends im deutschen Süden, nirgends in Bayern ist eine Kundgebung veranstaltet, ist ein Programm auf- gestellt, ist öffcnttich eine Anschauung geäußert worden, die einen auch nur irgendwie greifbaren Anlaß zu Ausfällen hätte bieten können, wie sie auf der Versammlung des PreußenbundeS erfolgt sind. WaS aber noch in verschiedenen Richtungen zu den TageS- fragen, die die Nation betreffen, hervorgebracht wurde, mußte teilweise wie politischer Verfolgungswahn anmuten, wie ein krankhaftes Symptom, dessen schleunige Behebung im Interesse deS Reichsganzen nicht dringend genug gewünscht werden kann." f Tatsächlich soll, wie verlautet, der Reichskanzler„zur Be- liebung" des„krankhasten Symptoms" au einer feierlichen Er- klärung arbeiten, in der die Aeutzerungen des Generalleutnants v. Kracht dementiert und die Taten der bayerischen Armee im IWdzuge von 1870/71 gefeiert werden. Der Reichskanzler will diese Erklärung im Reichstage vortragen, und um ihre Wirkung zu erhöhen, soll auch der Kriegsminister v. Falkenhayn in daS Lob der bayerischen Truppen einstimmen. Sehr schön; aber besser wäre es noch, den preußischen Generälen würde überhaupt das Reden in der Oeffentlichkeit verboten und auf die Offizierkasinos beschränkt. Schon das eigene Interesse sollte ein solches Verbot herbeiführen; denn die nieisten der von Generälen gehaltenen Reden sind sickerlich nicht geeignet, den Respekt vor den geistigen Qualitäten des Offizierkorps zu erhöhen.____ Vom neuen Rüstungsskandal. Das offiziöse Wölfische Bureau hat. wie bekannt, gemein- sam mit der offiziösen„Norddeutschen Allgemeinen" im Krupp- Skandal von vornherein allen Vertuschungsmanövern geschäft- lichc Helfershelferdienste geleistet. Zu dem vorgestern bekannt gewordenen Siemens-Schuckert-Skandal, über den wir gestern auSsührlich berichteten, verbreitet es prompt folgende Meldung: Berlin. 21. Januar. Zu dem gestrigen Prozeß gegen den Erpresser Karl Richter, auS dem hervorzugehen schien, daß die japanische Tochtergesellschaft der Siemens- Schuckert- Werke Kom- »ussionen an japanische Staatsbeamte bezahlt hätte, wird nnS von den Siemens-Schuckert-Werken mitgeteilt, daß sämtliche Marinegeschäfte in Japan durch einheimische Agenten, wie es in außereuropäischen Ländern üblich ist, getätigt worden sind, wofür dieselben naturgemäß Kommissionen erhalten haben. An japanische Staatsbeamte haben die Siemens-Schuckert- werke niemals Kommissionen irgendwelcher Art direkt oder indirekt gezahlt. Sobald die Erpressung versucht wurde, haben die Siemens- Schuckert-Wcrke der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet und die Behörden in Japan davon in Kenntnis gesetzt. Das Bureau der Siemcns-Schuckert-Werke hat weiter der„B. Z." erklärt, wenn irgendwelche Bestechungen in Japan vorgekommen sein sollten, seien diese auf keinen Fall mit Wissen der deutschen Geschästsleitung geschehen. Gegenüber diesem plumpen Schwhrdel verweisen wir auf unseren gestrigen Bericht, aus dem sich ergibt, daß höchste japamfche Offiziere, z. B. die Admirale Fujii und Jwasaki, voit Siemens-Schuckert dauernd bestochen worden sind, und daß die„Freunde" der edlen Firma im japanischen Marine- aiiit nach einer brieflichen Aeußerung des Berliner Prokn- eisten der Firma, Keßler, für diese„zuverlässig arbeiten". Die Bestechungen sind inszeniert und dirigiert von eben diesem Berliner Prokuristen Keßler und dem Leiter der japanischen Filiole, Herrmann mit Namen, also von de» höchsten verant- ivortlichen Beamten der Firma Sieniens-Schuckert, die in skrupellosester Selbstverständlichkeit auf die Beseitigung und Unschädlichmachung aller unbequemen Beamten aus dem Ma- rineamt in Tokio. und der Londoner Marinekommission hin- wirkten. Wir wollen abwarten, ob die dreisten Ableugnungs- und Verdrehungsmanöver fortgesetzt werden. Sie sollen diesen Champions der internationalen Rüstungskorruption nicht gut bekommen. Protest der bayerischen Abgeordnetenkammer gegen den Preustenbnnd. Am Scklusse der Mittwochsitzung der bayerischen Abgeordneten- brnmer vereinigten sich vor der Abstimmung über das Militärgesetz alle Parteien zu einem scharfen Protest gegen den Preußentag, nach- dem schon am Dienstag der Kriegsminister die Aeuherungen des Herrn v. Kracht über die bayerische Armee zurückgewiesen hatte. Man gab einmütig der Anschauung Ausdruck, daß die nachträgliche Entschuldigung, die Herr v. Kracht versucht habe, nichts bedeute, da es sich nicht um Entgleisungen eines einzelnen handele, sondern um den Geist, der auf dem Preutzentag geherrscht habe. Nur als einziges Mitglied des Hauses, das freilich zugleich Mitglied des Bundes des Landwirte ist, verteidigte Abg. Bsckh den Preußenbund. — Herr Beckh wurde jedoch hernach von seiner eigenen Partei energisch abgeschüttelt. Drei alte Feldzugsteilnehmer ergriffen das Wort, die liberalen Abgeordneten Günther und Hopp sowie Genosse v. Wollmar, und kritisierten in schärfster Weise die Rodomontaden des Generalleutnant» v. Kracht. Sehr bemerkt wurde, daß der Kriegsminister keinen Anlaß fand, trotz des inzwischen erfolgten Entschuldigungsschreibens dcS Herrn v. Kracht, irgend etwas von seinem Protest vom Dienstag zurückzunehmen. Dieses Schweigen, das die Äusrechtcrhaltung des Protestes bedeutet, ist um so beachtenswerter, als heute bereits die „Staatszeitung", die auch einen konfusen Brief deL Herrn v. Kracht erhalten hat, alles zurücknimmt und den Autor der„immerhin mißverständlichen Wort«" als einen„alten und hochangesehenen Kriegskameraden" feiert, ohne zu fragen, tvaS denn eigentlich seine Rede für einen Sinn gehabt haben soll. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hielt am Mittwochabend eine Fraktionsfitzung ab. Genosse Keimling, Redakteur an der„Leipziger Volkszeitung", wurde einstimmig zum FraktionSsckrctär gewählt an Stelle des verstorbenen Genossen Zietsch. Als Redner in der Generaldebatte zu den einzelnen Etats wur- den von der Fraktion gewählt: Reichsversicherungsamt: Bauer, Hoch und Feldmann; Gesundheitsamt: Antrick; Statistisches Amt: Rühle, Göhrc; Kaligesetzgebung: Dr. Cohn, Sachse; Olympische Spiele: Rühle, Heine; Militäretat: Stücklen, Schulz, Schöpflin� Marine: Noskc, Vogtherr, Brandes; Kolonialetat: Dittmann, Henke, Noskc; Justizetat: Landsberg, Cohen, Heine zMSchatzamt: Haasc, Molken- buhr, Stolle; Eisenbahnamt: Hasenzahl, Stolle, Fischer-tzannover; Rcichseisestbahncn: Äöhlc, Fuchs; Etat des Reichstags: Giebel, Lcdebour; Postetat: Ebert, Zubeil; Etat deS Reichskanzlers: Schcidciilaiin, Graduauer; Auswärtiges Amt: Wendel, Bernstein. Auch einer von den cchtpreustischen Leuten. Herr v. Oldenburg» Januschau scheint auf dem Preußentag der echlpreußischen Leute nicbt anwesend gewesen zu sein oder dort keine Gelegenheit zu einer seiner lustigen Ansprachen gefunden zu haben. Er hat deshalb am Dienstag das Versäumte in einer konservativen Versammlung in Tborn nachgeboll. In seiner burschikosen Weise räsonnierte er über Wahlreform. ReichsvermögenSsteuer, Wehrsteuer usw. und machte seinen Freunden den Vorwurf, daß sie im Reichs« tag bei den Verhandlungen über die Zaberner Vorgänge viel zu zahm aufgetreten seien. Der Standpunkt des Königs und dcS Militärs, meinte er, müsse viel mehr zu», Ausdruck gebracht werden. Er sei neun Jahre Leutnant gewesen und habe es immer gewußt, daß das Militär vorgehen dürfe, wenn es von „Bengeln" mit„Dreck" beworfen wird. Wenn nun die Elsaß- Lothringer das Militär mit Dreck bewerfen, dann verdienten st«, daß ihnen die Hosen stramm gezogen würden. Er sei überzeugt, daß so etwas nicht passiert wäre, wenn in Elsaß-Lothnnae» preußische LaitdrSte und ein preußischer Regierungspräsident an der Spitze der Zivilbehörden gc- standen hätten. Er habe eS oft im Reichstag hervorgehoben, daß Trommel und Krück stock die großen Kulturträger Preußens gewesen seien, und wir müßten beute verlangen, daß in Elsaß-Lothringen Ordnung gehalten werde nach preußischem System und daß daS Militär geschützt werde gegen jede Beleidigung. Das Miß- trauensvotum halte er für einen Witz; der Reichstag sei das Par- lament der Geldsäcke._ Tie Landtagsersatzwahl in Schwarzburg-Rudolstadt. Die Landtagscrsatzwahl in Schwarzburg-Rudolstadt ist zuungunste» der Sozialdemokratie ausgefallen. Die sozialdemokratische Landtags- Mehrheit ist dadurch beseitigt worden. DaS Wahlresultat kann aber trotzdem nicht als ein besonders hoch einzuschätzender Sieg der Bürgerlichen bewertet werden. Der betreffende Bezirk ist rein länd- lich. ES wurden dann auch in den dazugehörigen acht Ortschaften bei der letzten ReichStagswahl 012 bürgerliche Stimmen gegen b79 sozialdemokratische Stimmen abgegeben. Der Kreis fiel uns bei der letzten Landtagswahl lediglich infolge der Lässigkeit der Bürgerlichen zu. Der Rückgang unserer Stimmen um 70 erklärt sich aus dem Wegzuge von Arbeitern, da die im Bezirke liegenden Gruben fast alle'stillgelegt worden sind, sodaß die noch im Bezirk wohnenden industriellen Arbeiter stundenweit laufen müssen, um Verdienst zu finden._ Es stimmt! Als Herr v. B e t h in a n n H o l l w e g im Dreiklasseuparlautent gar larmoyant von seinen schlaflosen Nächten sprach, schrieben wir („Vorwärts" Nr. 15): Aber die Junker wollen keinen Kanzler mit schlaflosen Nächten. soitdern den st a r k e n M a n n mit den e i s e r n e n N e r v e n. der sogar zwischen Blutbad und Blutbad die Nacht trefflich schläft� Herr D i e d e r i ch Hahn, der freiwillige Junker, fühlte sich flugs berufen, unsere Auffassung zu bestätigen, denn in einer Ver- sammlung zu Stade sagte er nach dem Bericht der„Deutschen Tageszeitung": Ich bedauere, von dem jetzigen Staatsmann hören zu müssen, daß ieine verantwortungsvolle Arbeit ihm schlaflose Nächte macht, ich bedauere das für ihn und für unS: denn wir können nur Leute gebrauchen, die nachts schlafen und starke Nerven habe». Kennen wir unsere Pappenheimer? Gegen die Säbeldiktatur. Die elsaß-lothringischen Reichstagsabgeordneten haben mit llntcrstützung der polnischen Fraktion im Reichstag einen Antrag eingebracht, in dem sie unter Bezugnahme auf die Vorgänge in Zabern den Reichskanzler ersuchen, baldigst eilten beschleunigten Gesetzentwurf einzubringen, welcher die Befugnis der bewaffneten Macht zur Ausübung der staatlichen Zwangsgewalt für das Reich einheitlich regelt und der RechtSausfassung Geltung verschafft, daß das Militär nur auf Requisition der Zivilbehörden'zu polizeilichen Zwecken verwendet werden darf. Vom preustischcn Landratsburcaukratismus. Ter Bezirksausschuß in Düsseldorf korrigierte in seiner letzten Sitzung ein Burcaukratcitstückchen, das selbst im Kulturstaat Preußen nicht alle Tage vorkommen dürfte. Eine zurzeit in Holland wohnende adlige Gutsbesitzerin war von der Gemeinde Weeze im Landkreise"Geldern, Regicruitgsbezirk D üsseldorf, zu 1214 M. Einka minensteuer veranlagt worden. Ihr dagegen er- hobcner Einspruch wurde von dem Gemeindevorstand abgewiesen. Die Gutsbesitzerin rief die nächste Instanz an und wandte sich— irrtümlicherweise— an den„B o r s i tz e nd e n der Veranla, gungsko IN Mission", statt— wie es das Gesetz bestimutt— an den Vorsitzenden des KreiSauSschusses. Obwohl nun beide Vorsitzcndenmutcr vom Laudrat ausgeübt werde», sandte der Landrat als Vorsitzender der Veranlagungskommission das Schreiben mit dem Bemerken zurück, es müsse an den Vorsitzenden des Kreisausschusses, also ebenfalls an ihn, den Landrat, gerichtet werden. Als dieser Ausforderung von der Frau entsprochen worden war, war die— Einspruchsfrist verstrichen. Der Einspruch wurde daher als zu spät gestellt, abgewiesen. Die Guts- besitzerin wandte sich nun an den Bezirksausschuß in Düsseldorf. Dieser entsprach vernünftigerweise dem Antrage auf Wiedereiu. setzuug in den vorigen Stand. Die Sache wurde an den Kreis- ausschuß zurückverwiesen mit der Begründung, der Landrat habe aus dem Inhalt des Schreibens ersehen müssen, um was es sich handele. Auch bei der Regierung gingen unrichtig adressierte Ein- gaben ein, die aber einfach an die richtige Instanz weitergegeben würden. Wegen des Wortes„Wnckes" verurteilt. Wie aus Metz gemeldet wird, wurde dort vor dem Schöffen- gericht die Beleidigungsklage des früheren Präsidenten des„Souvenir Alsacien Lorrain", Jean, gegen die„Leipziger Neuesten Nachrichten" verhandelt, die Jean in einem Artikel als„WackeS" tituliert hatten. Die„Leipziger Neuesten Nachrichten" wurden zu 30 Mark Geldstrafe verurteilt. Staatsmittel zur Bekämpfung der Landflucht. In den letzten Tagen haben in Ostpreußen Erhebungen statt- gefundcu, die sich mit der Ausdehnung der Landflucht und deren Folgen befaßten. Die Erbebungen haben den Zweck gehabt, fest- zustellen, inwieweit der Staat einzugreifen habe, um die enorme Abwanderung der arbeilenden Landbevölkerung nach den Städten zu verhindern. Tie Erhebungen sollen abgeschlossen sein und das Ergebnis soll die Forderung sein, daß zur Förde- rung der Rückwanderung von deutschen AuS- lvanderern erhöhte Staatsmittel zur Verfügung gestellt werden, wenigstens will dies ein ostpieußischeS Blatt an zuständiger Stelle erfahren haben. In den einzelnen landwirtschaftlichen Instituten sollen geeignete Maß- nahmen zu wirksamer Bekämpfung der Landflucht getroffen iverden. Auch hierzu werden Staatsmittel ver- langt. In den ländlichen Fortbildungsschulen ivird in-nächster Zeit auf die Jugend eingewirkt werden, mehr als bisher an- lässig zu bleiben. Ferner wird in den Großstädten und größeten Provinzstädten, in denen erhebliche Arbeitslosigkeit vorhanden ist, eine geeignete Arbeitsvermittlung nach dem Lände� einsetzen. Dadurch soll zugleich die herrschende Arbeitslosigkeit in den Städten herabgemindert werden. Es scheint alio, als ob der Ruf der Arbeitslosen um Hilfe mit der Bemerkung:„Geht aufs Landl' beantwortet werden soll. Uebrigeizs muß der Landarbeitermangel den Agrariern schon recht lehr auf den Nägeln brennen, wenn solche Erhebungen an- gestellt werden. Natürlich wird man mit diesen Mitteln die Land- flucht nicht beseitigen._ Bewufft rechtswidrig. Ter Kutscher Eduard Nandonat hatte eiueS Tages auf einem Jnsterburger Kascrnenhose zu tun. Er redete den Relrulen zu. nicht daS zu tun. was ihnen befohlen wurde und sagte zu dem Feld- wedelt Herr Feldwebel, streifen Sie die Rekruten doch nicht so, ich bin auch Soldat gewesen. Dafür wurde er von der Jnsterburger Strafkammer zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, wobei noch berücksichtigt wurde, daß er an- getrunken gewesen sei. Selbstverständlich hat das Gericht an- genommen, daß dieser Angeklagte bewußt rechtswidrig ge« handelt hat, denn er ist ein Arbeiter, und Arbeitern fehlt nach der deutsche» Rechtsprechung nie das Bewußtsein der Rechtswidrig» keit. Dock wenn ein Oberst die Maschinengewehre gegen eine wehrlose Menschenmenge auffahren läßt, wenn er wahllos Verhaftungen vornehmen läßt, die Sistierten eigenmächtig der Freiheil beraubt und sie in einen Keller sperrt, dann fehlt dem Herrn Oberst das Bewußtsein der Rcchtswidrigleit und er wird freigesprochen. Steuerhinterziehungen. Im Jahre 1913 sind in Preußen wegen Steuerhinte r z i e h u n g oder falscher Steuerdeklaration 018 584 M. Strafen fest- gesetzt worden. Zur Untersuchung kamen 2441 Fälle. Ferner wurden 172 Fälle den Gerieten übergeben, die auf 194 444 M. Geldstrafe erkannten. Im Anschluß an das Strafversahren sind an Nachsteuer zur Einkommensteuer 529 002 M., an Einkommensteuer 5531 M. in Preußen festgesetzt lvorden. Strafen und Nachsteuer ergaben die Summe von 1057 621 M. Von Erben wurden 2 077 257 M. Nach- steuern eingefordert._ Oesterreich. Einigung in der Steuerfrage. Wie», 21. Januar. Das Abgeordnetenhaus hat nach kurzer Debatte den Bericht der gemeinsamen Konferenz beider Kammern über die P e r s o n a l e i n k o m m e n st e u e r zu- nächst ohne die Steuerskala einstimmig angenommen und sodann die Ab- änderungSanträge abgelehnt. Weiter wurden die Beschlüsse der ge- meinsamen Konferenz in dritter Lesung und damit die Personaleinkommensteuer übereinstimmend mit den Herrenhaus« beschlüsjcn angenommen.(Lebhafter Beifall.) Italien. Die Mailänder Ersatzwahl. Rom, 19. Januar.(Eig. Ber.) Im VI. Mailänder Wahlkreise findet am 25. Januar eine Er» satzwahl statt, da der zum Deputierten gewählte Gen. T r c v e S sich für daS Mandat von Bologna entschieden hat, daS ihm bei den letzten Wahlen gleichfalls zugefallen war. Der Kandidat der Partei bei der Ersatzwahl ist der bekannte Revolutionär Amilcare Cipriani, der unter Garibaldi und in Griechenland gekämpft hat, an der Pariser Kommune teilnahm und im Anschluß an sie de- portiert wurde, nachdem ihm auch sein Vaterland mit nichts anderem als zahlreichen Gefängnisstrafen aufgewartet hatte. Auch heute schweben gegen Cipriani zahlreiche politische Prozesse in Italien, weshalb er, ohne Abgeordneter zu sein, bei seiner Rückkehr sofort verhaftet werden würde. Im Anschluß an eine Verurteilung zu 20 Jahren Zuchthaus sind Cipriani sogar die bürgerlichen Ehren- rechte aberkannt, so daß seine Wählbarkeit zweifelhaft ist. Nicht zweifelhaft ist dagegen seine Wahl am nächsten Sonntag, da in dem seit langem unserer Partei gehörenden Wahlkreise große Begeisterung für den Kandidaten besteht. Die bürgerlichen Parteien sammeln ihre Stimmen von den Radikalen bis zu den Klerikalen auf den Namen eines Kandidaten Pressi. Englanö. Attentat in einem indischen Regiment. Ade«, 20. Januar. Der Ober st und ein eingeborener Offizier des indischen 109. Jnfanterie-Rcgiments, das gegenwärtig hier stationiert ist, sind heute von einein ein- geborenen Soldaten, der zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt worden war, e r s ch o s s e n lvorden. � Rußlanö. Die Orgauisatio» dcö SpitzeldiensteS. Die russische Geheimpolizei arbeitet in der letzten Zeit in Rußland mit besonderem Eifer. Sie ist unter der Leitung eines früheren Inspektors von Scotland Uard, also von der englischen Polizei, neu organisiert worden und steht unter der Oberleitung des Pariser ChesS der russischen Spitzel. In London hat die russische Spitzelei ein eigenes Bureau in einem Hause in Clapham._ Neben der Ueberwachung der russischen Reisenden, Flüchtlinge, Deserteure und Auswanderer scheint sich die russische Spitzelet auch mit Spionage und dergleichen zu befassen. Unser englisches Bruderblatl„Daily Citizen" erklärt: Es ist nicht zweifelhaft, daß die russische Polizei im Auslande das gefährlichste Spionagesystem ist, welches in der Welt besteht. Türkei. Die Berhältniffe der Balkanstaaten. Wien, 21. Januar. Der Konstantinopeler Korrespondent der „Neuen Freien Presse" hatte eine Unterredung mit Enver Pascha, welcher auf die Frage, ob er an einen Krieg zwischen der Türkei und Griechenland wegen der Aegäischen Inseln glaube, die Antwort erteilte, er habe nur die Aufgabe, das türkische Heer zu reorganisieren. Bezüglich der angeblichen Aktion I z z e t Pascha« in Albanten erklärte Enver, Jzzct Pascha sei nicht aktiver türki- scher General. Wenn er wirklich noch Absichten in Albanien gebegt hätte, hätte er da nicht schon längst in Albanien persönlich für seine Sache kämpfen müssen, anstatt in Äonstantinopel zu bleiben? Die türkischen Offiziere in Albanien seien-eben auch keine türkischen Offiziere mehr. Was sollte die Türkei in Albanien wollen? ES liege so weit, und wenn auch die Türkei die Absicht habe, von de» verlorenen Gebieten möglich st viel wieder zurückzugewinnen, so habe dieselbe derzeit viel näher liegende Sorgen.. Wie die Zeitung„Tasvir-i-Efkiar" erfährt, befestigen die Griechen seit einigen Tagen T e n e d o s mit Geschützen, legen vor der Insel Seeminen auS und häufen dort Lebensmittel an. Letzte Nachrichten. Sechs Kinder erfroren. Weipcrt(Böhmen), 2>. Januar. In einer Felsenhöhle fand man sechs Schulkinder von 7— 12 Jahren erfroren auf. Die Kinder waren auf dem Heimwege vom Schnee st urin überrascht worden._ Explosionskatastrophen in Frankreich. Paris, 21, Januar. In R i c a u t bei Tours flog in der staatlichen P u l v c r f a b r i k der Trockenraum in die Luft. Die Gewalt der Explosion war so groß, daß das Gebäude völlig zcr- stört wurde. Fünf Arbeiter, die sich zur Zeit der Explosion im Trockenraum aufhielten, wurden schwer verletzt. Die Ursache der Katastrophe ist auf das Entweichen von Aetherdämpfe» zurückzuführen, die in Verbindung mit der Luft ein stark explo- s bles Gasgemisch herbeiführten. Der angerichtete Schaden ist außerordentlich groß. In Le Havre ereignete sich in einer Eisfabrik eine Explosion durch das Platzen einer Ammoniak enthaltenden Stahlbombe. Neun Arbeiter wurden durch Eisen- sp l i l t e r verletzt, zwei davon sehr schwer. Das gesunkene Unterseeboot A 7 gesunden. Plymouth, 21. Januar...(W. T. B.). Räch fünftägigem Suchen ist es heute nachmittag gelungen, die Licgestelle des gesunkenen Unterseebootes A 7 festzustellen. der JUaler, Sachterer, Anstreicher SoziaiilemokfatiscIierWalilvereiD I. d. 4. ßerl. Reiclistagswalilkreis Straläucr Viertel. Bezirk 299. Ten Mitgliedern zur Nachricht dag unser Genosse, der Brauerei- arbeiter Hssns Enskat sBoisestratze 10) gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 23. Januar, nach« mittags'3'j4 Uhr, von der Halle de? Ostsriedhoses in Ahrensselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht v«? Voi-nt»»«!. Vertanii il. Brauerei- uJiilileii- ariieiier u. verw.Beruisgeoosseo. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, Mitfahrer Johann Enskat (Genossensch.-Niederl. in Stralau) am 20. Januar 1914 im Alter von 33 Jahren gestorben ist. 42/4 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 23. d. Mts., nach- mittags S'/f Uhr, auf dem Ost- sriedhof in Zlhrensselde statt. Um rege Betelligung wird ersucht. Die Ortsverwaltnng. Deutscher Transportarbeiter-Verhand. Bszirksvcrwaltung GroB-Berlin. Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Müll- kutscher Karl Earrel am 15. d. Mts. im itllter von 43 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenken! 61/11 vis Bezirksverwaltung. Am Freitag, den 16. Januar, abends'/JO Uhr, entschlief nach kurzem, schweren Leiden mein treusorgender Mann, unser guter Vater, Bruder. Onlel und Schwa- ger, der Mehllnlscher 129a Ciustav Neumann im. Alter von 47 Jahren. Dies zeigen tiesbelrübl an Frau üimralr Keumann geb. Krieg nebst Kindern. Die Beerdigung findet am Freitag, den 23. Januar, nach- mittags SVa Uhr, von der Leichen- balle des Getbjemane-Kirchhojes, Nordend, aus statt. Hiermit zur Nachricht, dag meine liebe Frau Luise Bock geb. Liehr nach langem schweren Leide:» am Montag, den 19. Januar, ge- storben ist. 92A Im Namen der Hinterbliebenen Altr. Bock, Stargarder Str. 81. Beeroigung: Heute Donnerstag, nachm. 3'/, Uhr, aus d. Gethsemane- Friedhof, N'iederschönhausen. Deutscher Maiiarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf. Ten Kollegen zur Nachricht, dag unser Mitglied, der Einrichter Georg Lesniewski Romintenerslr. 34, am 16. d. Mts. an Lungenleiden gestorben ist. Ehre seinem Andenken! tllsl Die Ortsverwaltung. Für die berzliche Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meiiies lieben Mannes, des Invaliden £>itz Pfllejfep, sage ich dem Sozialdemokratischen Wahlverein des 4. Berliner Reichstagswahlkreises, dem Deutschen Bauarbeiterverband, sowie allen Erschienene« meinen besten Tank. 632b Witwe Marie Pflieger. Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines unvergeßlichen Mannes und beben Vaters sprechen wir hiennit alle» Verwandten und Bekannten, insbesondere dem Herr» Chef und dem Personal der Firma E. Kärger unseren herzlichsten Dank aus. Witwe Berta Bowlu 954t und Tochter. Danesagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meiner unvergeßlichen Frau sage ich allen Bekannten sowie dem Gesangverein „Borwärt« Südost" meinen herz- liv' ten Dank. 9521 Im Namen d; trauernde» Hinterbliebenen: '-i» r 1 R ii e b» e, a Iraiauer Allee 36. Bureau: Melchiorstraße 28, park. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. Male Serlin. USW. Arbeitsnachweis: Rückerstraße 9. Fernsprecher: Amt Norden 6798. Hierdurch ersuchen wir diejenigen Mitglieder, die vom 1. Dezember bis jetzt ununterbrochen arbeitslos waren und verheiratet sind, sich bis zum Sonnabend, den 24. Januar, im Verbandsbureau oder auf den Kontrollstellen zu melden. 136/4* Die Ortsverwaltung. Verband der Hausarzt-Vereine. Bezirk Norden. Große öffentliche Vorträge: Donnerstag, den 22. Januar, abends S'h Uhr, „Borussia-Säle". Ackerstr. 6—7: „Kinderreichtum und Kindersterblichkeit". Referent: Dr. Aese». Freitag, den ä3. Januar 1914, abends 81/. Uhr. „ Zum Kurfürsten�, Pankow, Berliner Straße 102: „Aberglaube in der Medizin." Reserent: Dr. Sochaczewski. Ausnahmen für den Bezirk werden in der Versammlung und in folgenden Geschästsstellen eutgegengen ommen: Hermann Münchow, Lüderitzstr. 3, Ouergeb. III; Hermann Meyer, Swinemünder Str. 97, vorn II, Port. 1; Georg Lange, Malmöer Str. 12, vorn IV; Theodor Geßner, Pankow. Nordbahnstr. 3, Ouergeb. III; Paul Berger. Nordost und Weißensee, Naugarder Str.-14, vorn IV; Otto Wölke, Brunnenslr. 100, vorn HI. Danksagung. Für die vielen Beweise der Teil- nähme bei dem Hinscheiden meines geliebten Gatten und unseres lieben Vaters sagen wir allen hiermit unseren ausrichtigsten Dank. 106A Witwe Schwinger nebst Kindern. Kranken- und Sterbe-In- schußkasse der Schneider und verwandter Kkrufsgenossen Kerlins und Umgegend. Sonntag, den 25. Januar 1914, abends 8 Uhr, im Lokale Adalbertstraste 61: Gellersl-Verssmmlvog. Tagesordnung: 1. Abrechnmig des 3. und 4. Ollar» tals und Jahresbericht. 2. Kassenangelegenheiten. 3. Wahl des Vorstandes. 4. Verschiedenes. 281/20 Um zahlreiches Erscheinen wird ge- beten. Mitgliegsbuch legitimiert. I. Ä.: Der V»r«tanck. » VerwsIttuiK Berlin- Krankknunterstühungs- und SterbeKaffeuvkrtin Kerlin- Friedeau. Sonntag, den 1. Februar 1914, im Restaurant Klabe, Friedenau, Handjeryftr. 61: GeuersI-VersMmIuvg. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Kassen» bericht. 3. Beratung der KeschäsiS. ordnung für den Vorstand. 2. Neu- wähl des Vorstandes und der Revi- soren. 5. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Torwtanck. H. Müller. E. Reiche. 281/19 NiMMitaÄzrtiipte Weiter"SST Sonntag, den 25. Januar 1914, vormittags 91/a Uhr pünktlich: Geverslverssmmiuug im„Bereinshaus Berliner Musiker", Kaiser-Wilhelm-Str. 31(früher 18m). Tagesordnung: 1. Kassenbericht.- 487b' 2. Bericht der Revisoren. 3. Neuwahlen von Borstandsmit- gliedern(2. Vorsitzender und 1. Schrift- sührer). 4. Neuwahl der Revisoren. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorwtand. J. A.: G. Wcgner. av. leiden, Ausfluß:c. sind in vielen Fällen heilbar d. Sanatalkapseln IParacop. Bals.), Sch. 2 M.,d. besonders m. Sanotaiiee(Boldoblätter v. Peru), Pak. 1 M., gebraucht, selbst bei ällcren vcr« schleppten Leiden, wie auch tveiblichen Unterleibs- katarrhen(Weißfluß), sehr wirksam sind. Wenn in Drogerieunicht erhältlich, d. Otto Reichel, Berliii43. Eisenbahiistr.4. Sargtischler. Sonntag, den Si». Januar 1914, vorm. 16 Uhr, bei Michaltfeck, Petersburger Str. 84: St'ancben»Versammlung. Tagesordnung: Verbands- und Branchcnangelegenheitcn. Theatertischler. Sonntag, den LS. Januar, vorm. 9�,'. ttbr, bei Greive, Rungcstr. 30: Svancbcn» Versammlung. Tagesordnung: 1. Wahl der Delegierten zur Generalversammlung. 2. Branchenangelcgen> hellen. 3. Verschiedenes. Einsetzer. Tonntag. den 25. Januar, vorm. 10 Uhr, im Gcwcrkschaftshaus, Engelufer IS, Saal 3: Sran eben»Versammlung. Tagesordnung: 1. Bortrag des Kollegen Tahlke über:„Rechte aus der neue» Reichs- vcrficherungsordnung. 2. Branchenangelegenheiten und Verschiedenes. Zu dieser Bersammlung find die Kollegen der Firma Dahlmann u. Gröndors, Reukölln, besonders eingeladen. Sonntag, de« 1, Februar 1914, in Obiglos Festfäle«, Koppenftr. i!9: Theater-Vorstellung Zur Ausführung gelangt: Kater l�ampe. Komödie in 5 Auszügen von Emil Rosenow. In Szene gesetzt von I. Türk. Gastspiel des Charlottenburg-Nenköllner Theaters. Einlaß 6 Uhr.' Ansang 7 Uhr- Bon 6 bis 7 uhr: I?on2ertmusik. Nach der Vorstellung: bis 2 Uhr. Eintrittskarte inkl. Tanz 60 Pf. Kinder unter 14 Jahren haben kellten Zutritt. Eintrittskarte:! sind auf allen Zahlstellen, beim Gastwirt Greive, un Zigarrengeschäft von Baumann, Rnngestr. 30, und im Bureau zu haben. 82/3 nie Ort.verwnltnng, n m Geschäftsstelle: C. 54, Mulackstr. 10. n Vemaltnugsktlle Lerliu. Fernspr.: Amt Norden 4518. Sonntag, den 25. Januar 1914, nachmittags 2 Uhr: General-Versammlung im 6>ewer-Ii»ed«kt«I»sn»e, Engeluser 15(großer Saal). Tagesordnung: 1. Geschäfts- und Kassenbericht vom IV. Quartal 1913. 2. Bericht vom Jahre 1913. 3. Wahl der Ortsvcrivaltung. 4. Vcrbandsangelcgen- heiten. Mitgliedsbuch oder Karte legitimiert zum Eintritt Ohne Mitgliedsbuch oder Karte kein Eintritt k VHI o ll e g e n! Es ist Euere dringende Pflicht, Mann sür Mann dieser Versammlung zu erscheinen. 42/3* Die Oftsverwaltnng. m Ohne jede Anzahlung Pianos � erstklassiges Fabrikat> vielfach prämiiert, u. a.: Berliner Gewerbe- Ausstellung 1896 Berliner Musik-Fachausstellung 1906 »owi. Flügel und Harmoniums gegen kleine monatl. Teilzahlung. Für jedes Instrument gewähre ich langjährige Garantie., Lieferung nach allen Orten Deutschlands frachtfrei!? i rans Sranse KeMj., ftSÄÄi i Kaufmantisgerielitstiiäller! Handlungsgehilsinnen! Handlungsgehilfen Heute, Donnerstag, den 22. Januar, abends SV* Uhr, in Kellers Xeue Philharmonie, Köpenicker Straße 96/97; Groste öffentliche Versammlung. Thema: Wo steht der Feind? Referenten: Reichstagsabgeordneter Uovk-Dresdm, Kollege Karl Bnblitz. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 77/4' Jentralverband der Handlungsgehilfen. Bezirk Berlin.€ 25, Münzftr. 20 II. Deutscher Tabakarbeiter-Verband Sektion der Zigarettenindustrie. Freitag, den 23. Januar, abends 81/« Uhr, im Rosenthaler Hof, Rosentlialer Str. 11/12: 187/2* Sektions-Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht der Sektionsleitung. Diskussion. 2. Wahl der �eklions- lcitung. 3. Wahl einer Agtlationskommission. 4. Verschiedenes. Tie Kolleginnen und Kollegen werden ersucht, zu dieser Versammlung vollzählig zu erscheinen. Idie �ehtlonsleitnng. Familien- Nähmaschinen sind die vollkommensten! Neue Spezial-Apparate für den Hausgebrauch. SINGER CO. Nähmaschinen Act. Ges. Berlin, Leipziger Str. 92. Läden in den verschiedenen Stadtteilen. �pezialarzt j. Haut-, Harn-, Frauenleiden, nerv. Schwäche, Beinkranke jeder Art. Ehrlich Hata- Kuren in u. Co. tonz. Laborat. s Blut- Untersuchung.. Fäden r. Harm usw. Friedrictistr. 81, ÄS«. Spr. 10— 2, 5—9, Sonnt. 11—2. Honorar mästig. auch Teilzahl. Separates Damenzimmer. »***»-y U4 W Dr. Homeyer Bä'der�egen froskbeulen Hafermark macht alle Kinder stark! Natürliches Nähr- und Kräftigungsmittel für Säuglinge, stillende Mütter. 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Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: BorwärtsBuchdr. u.Verlagsanstalt PaulSinger k Co.,BerIin SW. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhattungsbt. 2i. summ. i. Mk�t des„Öoriüirtö" Derlllltl Poltelilstt. s°n«tt°t.s.2Z.?°.Ml!»i. Gewerkschaftliches. wie tzerr delbrück zitiert! Zn der Reichstagssitzung vom-Ü). Januar hat der Staats� fekrelär Delbrück als Kronzeugen für die Lebenshaltung der t'lrbeitcr u. a. auch die„Holzarbeiter-Zeitung" vom 2. August 1013 zitiert. Die betreffende Stelle des Be- richtes lautet nach der„Post"(das„Berliner Tageblatt" und die„Kölnische Zeitung" bringen denselben Wortlaut): „«selbst die gewerkschaftliche„Holzarbeiter-Zeitung" schrieb am 2. August VJVi: Der Fortschritt geht sreilich nicht von heute aus morgen. Zeitweise tritt sogar ein Rückschlag ein, wenn infolge der verfehlten Wirtschaftspolitik(Sehr richtig 1 links) die Lebensmittel so emporschnellen, wie in den letzten Jahren; aber die Hebung der Lebenshaltung i st doch u n v e r k e n»- bar. isi.ört! hört! und lebhafter Beifall rechts.) So urteilt ein getverkschaftliches Blatt, das ja den Herren Sozialdemokraten sehr uabe steht." Die Tatsache, das; ein Gelvcrkschastsblatt die Hebung der Lebenshaltung der Arbeiter konstatiert, scheint die Konserva- tiven außerordentlich gefreut ztl haben. Ob aber ihr Beifall ebenso lebhaft ausgefallen wäre, ivenn der Herr Staatssekretär richtig zitiert hätte? Wir haben die betresiende Stelle iti der angegebenen Rümmer der„Holzarbeiter- Zeitung" nachgesehen und gefunden, daß dieselbe folgcitdcr- maßen lautet: „Der Fortschritt ist freilich nicht von heute aus morgen zu spüren, zeitweilig treten sogar Rückschläge ein, wenn, wie in den letzten Jahren, infolge der verkehrten Zoll- und Steuerpolitik des Reiches die Preise für die notwendigen Lebensbedürfnisse so riesig cnrporschncllcn, daß die Steigerung der Löhne mit ihnen nicht g l c i ch e n S ch r i t t halten kann. Aber die Hebung der Lebenshaltung ist unverkennbar, wenn ivir uns um wenige Jahrzehnte zurückversetzt denken und unsere Ernährung. Behausung. Kleidung uiiv. von damals nrit der Art vergleichen, wie wir die entsprechenden Bedürfnisse heute zu befriedigen gc- wohnt sind." Die„Holzarbeiter-Zeitung" hat also ausdrücklich gesagt. daß in den letzten Jahren die Steigerung der Löhne nicht gleichen Schritt init der Steigerung der Preise für die not- wendigsten Lebensbedürfnisse gehalten hat. Herr Delbrück hat es anscheinend nicht für erforderlich gehalten, diese Worte zu zitieren, und sich so den lebhaften Beifall seiner Freunde von der rechten Seite des Hauses gesichert. Daß die Lebenshaltung der Arbeiter, wenigsteits dort, wo die Gewerkschaften einen neimenswerten Einfluß ausüben, heute höher ist als vor einigen Jahrzehnten, ist eine Binsemvahrheit. Das ist eine Folge der gewerkschaftlichen Arbeit. Die Politik des Zolllvuchers, die eine so riesige Steigerung der Preise für die notwendigen Lebensbedürfnisse verursacht hat, bedroht aber die Erfolge, welche die Gelverkschasten in langjährigen Kämpfen errungen. Deshalb ist es selbstverständlich, daß die agrarische Politik vom Staitdpunkt der Gewerkschaften auf das schärfste bekämpft werden muß. deutsches Reich. Grhcblichc Zunahme der Arbeitslose» im Deutsche» Holzarbcitcrvcrband. Die Arbcitslosenzählung voin Monat Dezember 15)13 im Deutschen Holzarbeiterverband zeigt, wie in geradezu beängstigender Weise die Arbeitslosigkeit in der Holzindustrie zunimmt. In 870 Zahl- stellen, die 188 761 Mitglieder nmsassen, wurden im Laufe des Monats 18 103 Fälle von Arbeitslosigkeit gemeldet. Mit den 10713 Arbeitslosen, die noch vom Monat November übernommen worden sind, erhöht sich die Zahl der Arbeitslosigkeilsfälle im Berichtsmonat ans insgesamt 28 870. Gegen den Bormonat, wo 10 007 Arbeitslosigkcitssälle erniittclt wurden, ist das eine Zunahme von 0200 Fällen oder 17 Proz. Am Schlüsse des Monats wurden noch in allen Gauen 20 773 Mitglieder, gleich 11,01 Proz. der Gciaintmitgliedschaft, als arbeitslos ge- zählt. Das sind absolut und prozcmual die höchsten Arbeiislosenzahlen, die der Deutsche Holzarbeiterverband seit dem Jahre 1008 aufzuweisen hat. Die beiden ungünstigsten Monate in dieser Zeil waren der Dczenibcr 1908 mit 12 051 Arbeitslosen, gleich 8.80 Proz. und der Januar 1000 mit 10 005 Arbeitslosen, gleich Kleines Zeuilleton. Der Göpel. Gespenstisch, wie eine große Spinne, reckt der Göpel seine vier laugen Arme über den Erdboden. An ihren Enden sind die Zugtiere vorn und hinten an die Stangen gefesselt, damit sie die vorgeschriebene Bahnen gehen müssen. Auf dem Kreuzungö-- punkte der Arme steht ein Sessel, darauf sitzt der Treiber, der mit langer Peiliche die müden Tiere unablässig zu harter Arbeit antreibt. Und so laufen sie im Kreise— immer im Kreise— die Augen verhängt, und keuchend und schnaufend, und wenn sie rasten wollen voiii schweren Werk, treibt sie die rauhe Geißel weiter— unbarin- herzig weiter. So erscheint mir das Volk— das arbeitende Volk. ES ist auch gefesselt mit Striäen und Banden, um ohnmächtig seine Fron- arbeit zu tun im Dienste des Klassenstaats, lieberall Ketten und Stangen, die es hindern, seine eigenen Bahnen zu gehen. Und dabei sind ihm die Augen verhängt mit allerlei Blendtverk: es darf inch-s sehen von der Herrlichkeit der Welt, damit ihm nicht die Lust erwacht, auch seinen Anteil daran zu fordern. Und aus hohem Thron sitzt König Mammon mit der Hungerpeitschc. der treibt die menschlichen Arbeitstiere erbarmungslos. Zu Hunderten und Tausenden sind sie eingeschirrt; schweißtriefend und ächzend und stöhnend, aber rastloö müssen sie ihr schweres Werk tun. rastlos im Kreise sich drehen, sonst saust die Geißel klatschend auf ihre nackten Leiber und zeichnet daraus blutige Striemen. Ihr Wehegeschrei ist ihm Musik, ihre Berwun'chungen kitzeln seine Nerven. Und so gehen sie in ihrem Jocb, stumpf wie das Bieh. und hoffnungslos— tagaus, tagein, jahraus, jahrein, von einem Jahrhunderr ins andere. Da wirfr ein frecher Schlingel von ungefähr einen �stein in das kunstreiche Rädergetriebe und— die Maschine steht still! Steht still mit jähem Ruck, der die moiichen Stricke und rostigen Ketten zerreiß« — mit einem Ruck, der den Quäler von seinem Throne stürzen läßt — muten hinein in die zermalmenden Räder. Und die Sklaven sehen es und reißen mit veldopvctier Kraft an den Strängen. Und die Maschine ächzt und knirscht und zermalmt in hartem Kampf den Slein— und zermalmt den Treiber, der sie so lange be- herrscht— und die Sklaven jauchzen und rennen m wildem Lauf, bis in rasender Geschwindigkeit der ganze Göpel in Stücke und Trümmer geht. Qb das in diesem Jahrhundert geschehen wird? Wer weiß es! Aber geschehen wird's! Tie Kultur«, ligade. Ein Prospekt von einigen 30 Seiten wtrvt für eine große deutsche Kulturausgabe. Kosten: bloß drei Millionen. Was will da heraus?— Eine Wander-Kunsiausstellung für unsere verlassenen Landstädte? Ein Brocken Radium gegen den 0,07 Proz. der Mitgliedschaft. Im Vergleich zum Monat November 1913, in dem die entsprechenden Zahlen am Ende desselben 10 725 und 5,01 betrugen, hat die Zahl der Arbeitslosen um 10 053 oder 91 Proz. zugenommen. Am trostlosesten sieht es im Gau Berlin aus. Dort wurden im Monat Dezember 10 101 Arbeitslose ge- meldet, worunter sich 1521 Uebemommene vom Monat November befinden. Zu Ende des Berichtsmonats waren noch innerhalb des Gaues 7218 oder der fünfte Teil der überhaupt vorhandenen Mitglieder beschäftigungslos. Diese ungünstigen Verhältnisse werden auch durch die Berichte der paritätischen Arbeitsnachweise im deutschen Holzgeiverbe bestätigt. In diesen wurden am 0. Januar d. I. in Berlin 0107. in Haniburg 801, in Leipzig 580 und in Hannover 311 arbeitsuchende Holz- arbeiter gezählt, aber keine einzige offene Stelle war gemeldet. Demzufolge sind auch die Ausgaben für die Arbeitslosen ganz gewaltig gestiegen. Im Monat Dezember wurden insgesamt an 10 803 Mitglieder für 131008 Tage 230 310 M. Arbeitslosen- Unterstützung bezahlt,(»legen den Bormonat haben die unterstützten Arbeitslosen um rund 2000, die unterstützten Tage um 20000 und die Untersiiitzungssumme um 30 000 zugenommen. Außerdem wurden noch im Monat Dezember 0300 Vi. für die Arbeitslosen aus der Reise verausgabt und in einer großen Anzahl Zahlstellen Extra- Unterstützungen und Weihnachtsgratlstkationcn ans lokalen Mitteln bewilligs. Sicher ist, daß durch diese Summen viel Rot und Elend ge- lindert worden ist. Deshalb kann nicht oft genug und dringend die Mahnung ausgesprochen werden, der Organisation� treu zu bleiben, denn diese ist auch in Ärisenzciten eine loertvolle Stütze. Zentralvcrbände und gelbe Werkverein c. Tie Scharsmacherpresse und ihre Nachtrcter fabulieren über den„Rückgang der freien Getvcrkschasten". über den„Abstieg der sozialdemokratischen Perbände" und wie die sensationellen Kapitel- Überschriften sonst heißen. Tie Mitteilung aus unseren eigenen Reihen, daß im 3. Quartal 1013 gegenüber dem Vorjahre ein Mit- gliederrückgang von 20 000 zu verzeichnen war, der sich möglicher- weise im 4. Quartal noch erhöht haben kann, gibt den Anlaß für diese prophetische Kurzweil bürgerlicher Journalisten. Sie haben zum Ucberfluß noch gehört, baß die Gewerkschaften„große Hofs- nungen aus das Jahr 1013 gesetzt" hätten, das den Verbänden einen größeren Mitgliederzmvachs bringen sollte. Von solchen Hoffnungen ist uns nichts bekannt. Als die Krise im vorigen Jahre so stark einsetzte, konnte wohl kein verständiger Mensch mit einer Mitgliederzunahme rechnen. Die Geschästskonjunktur hat noch immer einen starken Einfluß ans die Mitgliederbcwegnng der Gewerkschaften ausgeübt. Greifen wir nur die Jahre der letzten großen ivirtschastlichcn Depression heraus. Im Jahre 1007 war schon der Mitgliederzugang nicht so groß wie in den Vorjahren. 1908 aber sank die Mitgliederzabl rapid, um 33 775, ein Rückgang, der im Jahre 1013 tvahrsaieinlich nicht größer sein wird trotz der viel schlechteren Wirtschastskcmjunktur. Und auch im Jahre 1909 war die Zunahme der Mitgliederzahl keine nennenswerte, erst in den nachfolgenöen drei Jahren stieg die Zahl, im Jahre 1012 aller- dings schon wieder etwas mätziger, weil hier schon der Wirtschast- liche Niedergang einsetzte. Auch damals frohlockten unsere Gegner über unseren Slill- stand und Abstieg, um nachdem doch bald zu verstummen. Das gleiche Schicksal wird ihnen aucki diesmal bcschieden sein. Dem Abstieg der freien Getverkschaften stellen die Scharf- macherblätter den„Aufstieg der gelben Werkvereine" gegenüber, sich selbst damit beweisend,'daß die Arbeiter vom sozialdemo- l'ratischen Terrorismus genug haben und sich den Wirtschastssried- liehen zuwenden. Welch ein Wunder, wenn es in der Tat so wäre! In der jetzigen Zeit der erschreckend großen Arbeitslosigkeit haben natürlich die Gelben gute Zeit. Wirtschastlickw Not nagt auch an der festesten Ueberzeugnng und Gesinnung. Wird aber auch das ganze Sammelsurium der gelben Vereine, Berliner und Augs- burger Richtimg, zusammengerechnet, so sollen rund 180 000 Mit-j glieder zusammenkommen, gleich einer Zunahme von 50 000 in einem Jahre oder 45 Proz. Im Ruhrrcvier und an der Wasser- kante soll oas gelbe Geschäft besonders blühen. Daneben ist im letzten Jahre besondere Sorgfalt aus die Gewinnung jugendlicher Arbeiter zur gelben Fahne verwendet worden, mit dem Erfolge, daß die inzwischen gegründete„Nationale Arbeiterjugend", das Organ der Jugcndabteilungen, 401)0 Leser hat; insgesamt sollen die gelben Werkvereine 7000 jugendliche Arbeiter umfassen. Die Freude aller Scharfmacher und der ihnen vmoandten «äccIch ist eine große. Sie wiegen sicki in der Hoffnung, die freien Gewerkschaften bald verschwinden und den gelben Phönix ans ihrer Asche emporsteigen zu sehen. Feilschen wir nicht um die verschiedenen Tausend unter den Gelben, die Papiersoldaten sind, die überhaupt nicht Arbeiter sind. Noch wird es gute Weile haben, Krebs? Ein Krankenhaus, ein Erholungsheim, etwas gegen die Arbeitslosigkeit?(Oder gar ein neues Riesendenknial für Bismarck?) Bewahre; mit so wenig sensationellen Sachen gibt sich Herr Graetz nicht ab. Herr Oberleutnant Paul Graetz, der„bekannte Afrikaforscher", dessen Forschungssatzkereien„im Automobil quer durch Afrika" und „im Motorboot quer durch Afrika" vor kurzem ein Wissenschaftler (sogar im Lolalanzeiger, man denke!) unter die sportlich inter- essanten, wissen'chastlich wertlosen Experimente gesetzt hat. Er hat Afrika nun anscheinend satt und zum Glück ein Land gefunden, in dem die Eingeborenen noch zehnmal spärlicher und weniger zivilisiert sind als in Afrika; ein Land, in dein für uns Deutsche noch Hundertmal weniger zu holen ist—— Gründe genug, dort- hin eine 3-Millionen-Expedition zu unternehmen. Und zwar im Luftschiff, in einem„Zeppelin"; mit dem schon auf Exerzier- Plätzen schwer zu hantieren ist und der sich darum für Die böse Mischung von Urwald, Bergen und Sümpfen, die Neuguinea nun einmal ist, am besten eignet...... weil man da einsach drüberwcgslicgt.— Kurz: für eine Lustschisfcxpedition nach Neu- guinca soll also das deuische Volk beisteuern. In der Tat: diese ExpeDilion in h ö ck» st notwendig, so notwendig beinahe, wie die herrlich dicken Strümpfe, die alte Bet- schwestern immer noch für die armen Heidenkinder in Afrika stricken.— In Preußen liegt die Jnnenkolonisation jämmerlich danieder, also ist es dringenD erforderlich, daß durch einen Zeppelin sestgestell» wird, daß das Innere Neuguineas in diesem Jahrhundert nicht mehr kolonisiert werden kann.— In Preußen kennen viele Leute das„Reichsland" so lvenig, daß sie es für ein halbes Feindesland halten,— also ist es sehr wünschens- wert, daß sie wenigstens Neuguinea besser kennen lernen. In Preußen ist für wirklich notwendige Kulturaufgaben kein Pfennig auszutreiben,— also müssen unbedingt bei unseren Antipoden 3 Millionen(und etliche Menschenleben dazu) ver- abenteuert werden. Im Ernst—: es wird unseren Psessersäcken und Industrie- Millionären ja zlvar furchtbar schwer fallen, einem leibhaftigen Oberleutnant, der diverse Male in der„Woche" abgebildet war, etwas abzuschlagen. Aber dazu sind sie doch zu klug und nüchtern. Herrn Graetzens Kulturausgabe dürfte unerfüllt bleiben. Wer hat die Internationale komponiert? Ueber die Urheber- i'tüaft der Musik zur„Internationale" entschied dieser Tage der Gerichtshof des Departements Seine in Paris. Pierre de Getzter behauptete, er allein fei der Komponist der„Internationale". Sein Bruder Adolphe de Äeyter nahm dagegen die Urheberschaft der Melodie für sich in Anspruch und die sozialistischen Genossen des Departements Nord stellten sich auf feine Seite. Pierre de Geister verklagte nun seinen Bruder Adolphe. Das Gericht aber entschied bis die Wirtschaft Friedlichen sich neben den 254 Millionen Mitgliedern der Zentralverbände werden sehen lassen können. Bliebe eine hohe Gönnerschaft der Staatsbehörden den Gelben abhold und würden sie nicht durch„sanften Druck" der Unternehmer gesördert. dann Wollten wir einmal sehen, lote es mit ihrem vielgepriesenen „Aufstieg" bestellt wäre. Eine frei»'. Eutwickelung und ein freie'S Koalitionsrecht würden ein wesentlich anderes BilD der gewcrk- schastlichen Organisationen in Deutschland zeigen. streit in den Linte-Hofimann-Werke». Die Kernmacher der Linke-Hoffmann-Werke in Breslau sind in den Streik getreten, weil sie bei den neuen Akkordsätzen den fest- gelegten Stundenlohn nicht erreichen können. Krieg dem Landarbeiterverbandc! Diesen Schlachtruf gaben die Agrarier in der am Dienstag ab- gehaltenen Sitzung der Kasseler LandlvirtschaftSkammer aus. Rittergutsbesitzer Nägel, ein kurhessischer Führer des Bundes der Landwirte, bemerkte, daß sich in Knrhessen bereits„ A g i t a t i o n s- Herde für den Laudarbeiterverbnnd" gebildet hätten. Er(Nägel) habe seine sämtlichen Arbeiter nicht im unklaren gc» lassen, daß jeder entlassen werde, der sich dem Landarbeiter- verband anschließe. Dieser Alarmruf führte den Landrat und Kammerherrn v. D i t f n r t h(Bruder des sattsam bekannten Abgeordneten General v. Ditfurth) auf den Plan. Er redete von einer„großen Gefahr für die Landwirtschaft", die in der Landarbeiter- beivcgung stecke. Dann sagte er, jedes Mitglied habe die Verpflichtung, seine den Landarbeiterverband betreffenden Wahrnehmungen bei d e r L a n d w i r t- s ch a f i S k a m m e r cinzureich en! Die Kammer werde dann eventl. vorstellig bei der Regierung werden, damit diese Maßnahmen t r e f f e n k ö n n e z u r Unterdrückung der B e iv e g u n g! Gleichzeitig könne die Regierung an der Hand des ihr übermittelten Materials prüfen, ob nicht ans Seiten der landwirt- schastlichen Arbeiter eine gesetzwidrige Koalition eingeführt worden sei! Diese Ausführungen des Riniclner Landrats zeigen, daß die junkerlichen Terroristen wohl zunächst durch eine Aktion in dem preußischen Parlamente versuchen werden, den ihnen so unbequemen Landarbeitcrverband zu unterdrücken. ES ist aber auch nicht aus« geschlossen, daß sie mit der im Reichstag geplanten Aktion gegen den „zunehmenden Mißbrauch des KoalitionsrechtcS" eine Attacke gegen den Landarbeiterverband verbinden ivollen. Das Finale des Kölner Gewertschaftsprozeffes. Ter Gcneralsekreteir der christlichen Gewerkschaften, S t e g e r w a l d, sprach in Köln über den christlichen Gewerkschafts- Prozeß. Er ließ deutlich erkennen, daß. der Prozeß eigentlich nicht gegen die sozialdemokratischen Zeitungen, sondern gegen die katho- lischen„Quertreiber" geführt worden ist. Schließlich zog er aus dem christlichen Gewerkschastsstreit dieses Fazit: „Der Kampf zeitigte eine günstige und eine ungü n st i g« Seite. Die günstige Seite besteht in der tiefen und klaren HerauSarbeitnng der Grundsätze der christlichen Gewerkschaften. die für eine junge und neue Bewegung von großer Vcdeutnng und Wichtigkeit sind. Weiter hätten sich durch diese elvige» und nerven- zerrüttenden Kämpfe im christlichen Gewerlschaftslagcr in ver« hältnismätzig kurzer Zeit Führertalents herausgearbeitet, wie sie sonstige ähnliche junge Bewegungen nicht aufweisen. Auch das sei stir die Bewegung von größter Wichtigkeit. Die» n g ii n si i g e Seite des Streites bestehe in der gewaltigen Hemmung der chrisl- lichen Gewerkschaften in ihrer Entwickclung. Durch diese ewigen Auseinandersetzungen sei eine große Müdigkeit, Verdrossenheit im katholischen Lager ausgelöst worden, während im evangelischen Lager daS Mißtrauen, die llnsicherheit und Vorurteile nur ganz langsam zurückgedrängt werden konnten. Ohne diesen Streit zählten heule die christlichen Gewerkschaften Deutschlands mindestens 700000 Mitglieder.... Zum SÄluß erklärte der Redner, daß für die Folgezeit die christlichen Gewerkschaften s i ch a n f d e n S t r e i t im katho- l i s ch c n L a g e r n i ch t mehr e i n l a s s e n w ü r d e n. Born Essener Gewerkschaftskongreß 1912 bis zum Kölner Gewerkschafts- Prozeß habe im Zentralblatt der christlichen Gewerkschasten eine einzige Rottz gestanden, die durch den Metzer Katholikentag not- wendig geworden wäre. Die christlichen Gewerkschasten blieben was sie 1800 aus dem Mainzer Kongreß beschlossen. 1912 auf dem Dresdener Kongreß erneuerten, 1012 auf dem Essener Kongreß besiegelten und was durch den Kölner GeiverkschaftSprozeß zeugen- eidlich bestätigt worden sei. An die Adresse der Quertreiber sage nach eingehender Untersuchung, daß Adolphe de Geyler allein der Komponist der„Internationale" sei. Adolphe de Geister ist ein einfacher Arbeiter in Lille.____ Notizen. — Der Geologe Felix W a h n s ch ci f f e, der a»� der Berliner Bergakademie wirkte, ist am DienStag gestorben. Seine Hauplverdicnste liegen ans dem Gebiete der geologischen Durch- sorschung der Mark. Mit Grubner, Dahl und Potonis zusammen gab er ein Werk über den Gruneweild heraus. Er war 1851 ge- boren. — Vorträge. Im Sozialwissenschaftlichen Verein spricht am Freitagabend Oh� Uhr in der Landwirtschaftlichen Hochschule, In- validenstraße 42,' H. v. Gerlach über„Geschichte und Bestrebungen der Demokratischen Vereinigung". Zutritt unentgeltlich. — Der zweitgrößte deutsche Tunnel. Der bor fünf Jahren begonnene Durchstich der Sandsteinmassc des Distel- rasens zwischen' den Bahnstationen Schlüchtern und Flieden wird wahrscheinlich in diesem Monat zu Ende geführt werden. Der Tunnel Ivird 3800 Meter lang sein und die Schnellzugsverbindung zwischen Berlin und Frankfurt a. M. um fast zwei Stunden abkürzen. Der längste deutsche Tunnel(bei Kochen, a. d. Mosel) ist 4250 Meterlang. — Scotts Tagebücher im Britischen Museum. Am 17. Januar, genau zwei Jahre nach dem Tage, an den: Kapitän Scott den Südpol erreicht hat, sind im Britischen Museum seine Tagebücher öffentlich ausgelegt worden. Sie liegen in einem sin- fachen Holzkasten unter Glas. Im ganzen sind eS 0 große Bücher und 8 kleine Notizhefte. Bon diesen ist das letzte auf der letzten beschriebenen Seite aufgeschlagen; die mit Bleistift gemachten Schrift- züge sind zu entziffern,' aber man sieht an ihnen, wie Scott unter Kälte und Schwäche litt. — Zwei mächtige Staudämme, größ-r als der von Aiiuan, will die ägypliiche Regierung am Blauen und am Weißen N i l bauen, um den dazwischen liegenden Ghesiredistrikt südlich von Chaitum zu bewässern und sruchtbar zu machen. — Eine Statistik der Totgeborenen. Das flau- zösi'che Arbeitsministcrium hat die Zahl der Totgeborenen in F emk- reich jährlich im Durevschmtt auf mehr als 30000 berechnet. Auf 22 für lebend erklärte Kinder kommt also immer ein totgeborenes. Das ist ein Verhältnis von 15: 1000. In Paris beläuft sich das Verhältnis auf 82:1000. Die Verteilung soll auffallend mit den Ziffern des Alkoholkonsmns der einzelnen Gegenden übereinstimmen. — Die c r st e chloroformierte Frau. Die eiste Frau, an der die Wirkungen des Ehlorofonns erprobt wurden, Agnes Thomson, die Nichte des EhlorosormentdeckerS I. A. Simpson, ist 83 Jahre alt gestorben. Sic gab sich zu ihres Oherms Expcri- menten mrd Demonstrationen im Jahre der Entdeckung 1817 mit vertrauensvoller Willigkeit her. er: Schreibt, w a-Z ihr wollt, wir bleiben was wir sind und was wir w a x e n. Auf uns warlet so viel praklischc Arbeit, daß wir keine Zeil mehr sinden, uns auf diese Auseinandersetzung weiter einzulaiien," Solche Reden haben wir von Herrn Stegerwald öfter gehört, und doch ging der Krach weiter. Jetzt wird es auch nickt anders werden. Schon in der hier besprochenen Vcriainmlung bezeichnete der Redalteur Ivos von der„Westdeutschen Arbeiterzeitung� die Oucrlreiberbewegung als„eine g e i st i g e Krankheit", und die Angegriffenen iverden darauf sickcr mit einein groben Keil anl- Worten. Wenn die christlichen Gewerkschaften durch diesen Streit wirklich so gehindert werden, ivie Herr Stegerivald incint, wird es noch lange dauern, bis sie die erträumten 700 000 Mitglieder erreichen.___ Bufo calamita. Von P h. S ch e i d e m a n n. So oft mir im Leben besonders Häßliches begegnet ist— wenn ich beispielsweise auf Lüge» und Verleuindungen stieß—, dann überkam inich stets ein Geiühl, als ob mir eine kalte und klebrige Kröte am nackten Körper hinauskrieche» wollte. Pfui Teniel I ..Bulo calamita", so spricht der Zoologe liebenswürdig und gelehrt zugleich die Kreuzkrötc an, die 0 bis 7 Zentimeter lang wird und eiire stinkende Flüssigkeit ausscheidet, Die„Tägliche Rniidschau" ist erheblich größer: sie mißt vom Kopfe biS zum Schwänze 47 und guer über den Rumpf 64 Zentimeter.... Seit nahezu zwei Monaten bin ich aus Amerika zurück. Kaum ein Tag ist vergangen, an dem nicht irgendein bessergesinnteS Älott niir zugestellt worden wäre, das diesen oder jenen Unsinn über meine angeblichen Erfahrungen und Eniläuschungen in den Vereinigten Staaten verzapft halte. Die Quelle war, wie ich fast ausnahmslos feststellen konnte, immer die gleiche: die Korrespondenz des Reichs- Verbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Ich habe alle Erwartungen dieser„patriotischen" Organisation enttäuscht. Trotz der verwegensten Versuche ist es den politischen Apothekern des Ex- generals v. Liebert nicht gelungen, ein branchbares amerikanisches Trünklcin zu brauen oder eine neue Pille zu drehen. Ich habe bisher den von den Rcichsvcrbandspapieren über meine Amerikafahrt gedruckten Unfug unbeachtet gelassen. An der Hand der„Tägl. Rundschau" vom 17. d. M, will ich aber doch einmal die schäbige Mache aufdecken. Da heißt es: „Bekanntlich lehrte der Obergenosse Scheiden, ann von seiner Amcrikareise, die er sich in seines Herzens Tiefen jedcn'alls als einen Trumiphzng vorgeträumt halle, als eine sehr verschnupfte Primadonna zurück." Diesen Albernheilen gegenüber stelle ich fest: Ich bin in hohem Grade befriedigt von meiner Tour aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Unsere aincrikanischen Freunde sprechen von der Tour als„von einem beispiellosen Er- folg". Die 80 Versammlungeu, in denen ick gesprochen habe, ivaren von wohlgezählten 28 300 Männern und Frauen besucht. Die Be- fucherzahl belief sich im Durchschnitt also auf 7801 Die Genossen in Amcriia haben mich(sehr wider ineüien Willen l> vielfach in geradezu iiberschwänglicher Weise gefeiert. Auch die bürgerliche Presse hat sich für die Bersammlungstour in hohem Maße interessiert und— von wenigen Ausnahmen abgesehen— durckaus objektiv über nieine Reden berichtet. Ich bin geradezu bestürnit worden, eine weitere Tour zu übernehmen, sollte dann aber bis San Francisco gehen. Doch sehen wir uns das nationale Papier weiter an. Da ist wörtlich und zwar ln„" zu lesen, als sei an der Nichtigkeit wirklich nichts zu zweifeln: „In einem Abschiedsgruß an Amerika sagte Genosse Scheide- nianii u. a,: „Voir der sozialdemokratischen Arbeiter- Partei und ihrer Presse wurde ich in einer Weise begeifert, ivie ich sie vom Reichsverbund gegen die Sozialdemokratie in Teutschland her kenne." Hier handelt es sich mit eine uugeivöhnlich freche Fälschung. KaS habe ich in Wirklichkeit in meinem Abschiedsartikel für die„New Docker Volkszeitung" geschrieben? Ich habe zunächst meine Genug- tiiiing ausgesprochen über die gut verlaufene Tour und habe dann nach Schilderung von mancherlei Erfahrungen wörtlich ge- schriebe»: „Ich bin mir wohl bewußt, daß die Art und Weise, wie ich hier und da auf Provokationen reagiert habe, bei gewissen Leuten tvenig Begeisterung geweckt hat.(Anm.: Es bandelt sich um syndikalistische und anarchistische Schivätzer, die die Organisalions- arbeil unserer Genossen stören. PH,«ch,j Aber keiner kann ans seincr Haut heraus, lind wenn, um ein Beispiel anzusübren, mir in sechs verschiedenen Versamnilungen immer wieder dieselbe »uehrere Mo»täte alte Nunimer eines söge- u a nute n ArbeiterblatteS überreicht wurde, in der die Partei, für die ich tätig war, in der- selben Weise begeifert ivurde, ivie ich sie voin Reichsverband zur Bekämpfung der Sozial- d e m o k r a t i e in Deutschland her kenne, dann kann. es doch nur Heiterkeit erwecken, wenn man m i r ernstlich zum Vorwurf macht, daß ich schließlich die abgelagerte Skandalnun, n, er abgewiesen habe mit der Be- merkung:„was soll ich mit dem Mist!".... Widerspruch werde ich stets erheben, wenn man mir plausibel machen will, daß ein Blatt den Interessen der Arbeiter dient, das nichts Besseres zu tun weiß, als die sozialistische Partei zu be- schimpf«»." Ich habe also in Wahrheit ein S k a n d a l b l a t t ab- geschüttelt: man lese aber oben nach, wie in der„Täglichen Rundschau" diese Tatsache gefälscht worden ist. Auf die von der «Täglichen Rundschau" übernommenen Schimpfereien des amerikani- sche» Blattes gehe ich nicht ein, sie lasse» mich kalt. Wenn so bei- länsig bemerkt wird, daß ich für jeden Vortrag mit 60 Dollar ge- spickt worden sei, so will ich gern zugeben, daß den Lesern der „T. R." und vielen anderen den, Reichsverband dienenden Blätter» da ein etwas ivetiiger dick aufgetragener Sckwindel vorgesetzt worden i st. Immerhin: in Wirklichkeit wäre ich sehr zufrieden gewesen, wenn ick den zehnten Teil dessen au Honorar bekommen hätte, was mir da in die Taschen hinein- gelogen wird. Den Reichsverbandsmäiinern fehlt wohl das Verständnis für die Tatsache, daß ich nicht nach Amerika gegangen bin, um dort „Geld zu machen", sondern um den Klassenkampf zu propagieren. Und weil diese meine Aufgabe von Erfolg gekrönt war, scheiden alle Kreuzkröten in erhöhtem Maße übel duftende Flüssigketten aus, Soziales. Tarifgllltigkeit.: Abermals forderten in der letzten Jnnungsschiedsgerichtssitzung zwei Malergehilfcn von dem Malermeister Dobschin die tarif- mäßige Landzulagc. Die Kläger hatten in Jüterbog gearbeitet. Weil die Geschäfts- läge im Malergewerbe eine ungünstige ist, glaubte der Beklagte, die Kläger würden mit dem Lohn ohne Landzuschlag zufrieden sein. Vor die Alternative g stellt, willigten sie auch ein. Da aber der Tarif ausdrücklich vorschreibt, daß andere Abmachungen nichtig sind, mußte auch hier, wie in e-nein früheren Falle, Verurteilung erfolgen. „Hirsche" als„Arbeitervertreter" in der Krankenkasse. Recht eigenartige Dinge spielen sich zurzeit im Vorstand der Jlllgemeinen Ortskrairkeiikasse zu Sckikeuditz(Bezirk Halle) ab, wo durch Zufall neben den sechs von den freien Gewerkschaften ge- wählten Vertretern auch zwei Hirsth-Dunckersche Arbeiter in den Vorstand schlüpften und mit den vier Aroeitgedern über genau die Hälfte der Slimmen verfügen. Die erste„Leistung", die von den merkwürdigen Arbciicrvertretern vollbracht wurde, war, daß sie den bisherigen Vorsitzenden, der elf Jahre zur Zusriedcnheit der Kassenmilglieder und der Arbeitgeber in unparteiischer Weise wirkte, nicht wieder zum Vorsitzenden wählten. Da infolge der Stimmengleichheit keine gültige Wahl zustande kommen konnte, oktroiyerte das Bcrsicherungsaint durch Sckinld der beiden Arbeiter- Verräter einen Zwangsvorsitzenden in der Person eines Rechts- anwalts. Während der bisherige Vorsitzende— ein Sozialdemokrat— eine Entschädigung von 400 M. pro Jahr bezog, müssen dem Zwangsvorsitzcnden 1300 M. gezahlt werden. Auch der Posten des zweiten Vorjitzendeir wurde den Arbeitgebern zugeschanzt, während sich einer der beiden Helden zum Tchristfühver wählen ließ. Das nächste Ziel der„Hirsche" war, die beiden bisherigen Beamten der Kasse, von denen der eine bereits über 13 Dienstjahre hinter sich hat, brotlos zu macheu. Vom Versicherungsamt ging den beiden Beamten am 20. Dezember 1018 die Kündigung ibrcr Stellungen zu. In dem Schreiben passierte dem Stadtsekretär ein iataler Irrtum, denn es hieß darin, daß ihre Tätigkeit mit dem 81. März 1013 aufhöre. Am Sylvesterabend kam man durch Verrat dahinter, daß es unmöglich sei, eine Kündigung zu einem längst verflossenen Termin auszusprechen. Abends um 1�8 Uhr holte man den� gerade bei einer göttlichen Andacht in der Kirche sitzenden Stadtsekretär, damit er schleunigst ein neues Dokument „christlicher Nächstenliebe" ausfertige. Und richtig: bereits um 8 Uhr brachte ein in Schweiß gebadeter Beamter den Gemahregcl- ien die neue Kündigung. Die beiden Beamten erhoben gegen die Kündigung Einspruch, mit dem Hinweis darauf, daß die die Kün- digung und Entlassung der Angestellten regelnden Bestimmungen der R.V.O. bereits am 1. August 1011 in Kraft getreten seien. Im § 334 stehe ganz deutlich, daß die Kündigung vom Borstande vorge- nonimen werden müsse. Das Bersicherungsamt hatte sich bei seinem Vorgehen gegen die Beamten auf einen im Sommer erlassenen Ministerialerlaß(Reichsgefetzbl. Nr. 44/13 vom 11. 7. 13) gestützt, der aber nur von Anstellungen und- nicht von Kündigungen spricht. Bei der Abstimmung im Vorstand über den Einspruch der Beamten gegen ihre Kündigung stimmten die beiden Hirsche wieder mit den vier Unternehmern für den Hinauswurf der langjährig tütig ge- wcscncn Liassenbcamtcn. Da wieder Stimmengleichheit war, hatte der Zivangsvorsitzeiide zu entscheiden, der die Sache von juristischer Seite vetrachtcte und für Anerkennung des Einspruchs stimmte. Damit ist die von den Hirsch-Dunckcrfchen..Arbeitervertretern"— von denen der eine Äenelschmied, der andere Tischler ist— und den Unternehmern sehnsüchtig gewünschte Maßregelung verdienstvoller Beamten glücklicherweise abgeschlagen. Das Borgehen der sonder- baren Versichertenvertreter erscheint erst im rechten Lichte, wenn man erfährt, daß einer der Beamten sozialdemokratischer Stadt- verordneter ist. Ein ländliches Schulidhll. Unter welch unwürdigen Zuständen noch manche Lehrer ihr schwieriges Werk der Volkserziehung ausüben müssen, zeigt wieder einmal deutlich eine jetzt bis zur höchsten Instanz mit Erfolg durch- gefochtene Klage des Lehrers B. in Löwensen im Pyruwiitschen. Der Lehrer hatte von 1002 bis 1010 in dem genannten Orte gewirkt und war dann im Alter von etwa vierzig Jahren in den Ruhestand versetzt worden, weil er nach ärztlichem Gutachten wegen eines schweren chronischen Nervenleidens als dauernd dien st unfähig zum Lehrerbcruf anzusehen war. B. behauptete nun, sein Leiden und seine vorzeitige Pensionierung sei durch die gcsuildhritsschädliche» Zustände des Schulhauses verursacht worden; er verlangt« deswegen in feiner Klage Erstattung seincr Arzt- und Kurkoftcn, sowie für Erholungsreisen, Aufenthalt in Krallkeiihäusern; ferner eine jähr- liche Rente für Mehraufwendungen infolge seines Leidens und endlich die Differenz zwischen dem Dienstcinkommen, das er ohne seine Pensionierung bis zum 63. Lebensjahre bezogen haben würde, und dem festgesetzten Ruhegehalt. Aus der Klage ging hervor, daß die Schulstubc noch nicht 100 Kubikmeter Luftraum hatte und daß in ihr regelmäßig 80 bis 90 Kinder untergebracht werden mußten. Die Luft war so schlecht, daß wiederholt Kinder in Ohn- macht sielen und der Lehrer die Klasse verlassen mußte. In welcher» schauderhaften Zustand sich das Schulhaus sonst noch befand, zeigt nach dem„Hannoverschen Volkswillen" die Begründung des Urteils des Oberlandesgerichts in Celle, das eine Augenschcinseinnahme des Schulhauses und seiner Umgebung vornahm und sich darüber folgendermaßen äußert:„Unmittelbar hinter dein Schulhause be- findet sich ein Schweine- und ein Ziegenstall, dessen Seitcnwand mit der des Schulhauses in einer Richtung verläuft. An dieser Seitenwand, also unter den Fenstern der Schulstube vorbei, führt in geringer Entfernung von den Grundmauern der beiden Gebäude eine Rinne entlang. Die schadhafte Grundmauer des Schweine- und Ziegenstalls läßt, wie sich nach Entfernung der einige Tage vor der. Augenscheinseinnahme auf Anordnung des Bürger- meisters(!) angeschütteten Erde herausstellte, Jauche durch. Auf dem Nachbargrundsrück befindet sich, nur einige Meter entfernt, ein Abort mit zum Teil offener Senkgrube, daneben ein Düngerhaufen, bei dem ein Jauchetümpcl steht, und endlich noch ein Schweinestall, dessen Wand ebenfalls Jauche durchsickern läßt. Diese Jauche hat zwar einen Abfluß durch eine hinter dem Stallgebäude des Schul- Hauses entlang und weiter über dessen Hofplatz führende Rinne. Da aber der Garten an der Schulzimmerseite nach dem Schulhause abfällt und die Dächer der anstoßenden Gebäude ohne Dachrinnen sind, so muß bei einigermaßen heftigen Rcgenfällen die unter den Fenstern des Schulzimmers entlangführende Rinne beträchtliche Mengen mit Jauche aus den umliegenden Ställen und Dünger- hänfen vermischten Wassers aufnehmen."— Diese Darlegung, die lebhaft an das von Wilhelm Raabe in seinem„Hungcrpastor mit Dleisterhand gezeichnete Leben und Sterben des ArmenschullehrerS Karl Silberlöffel erinnert, zeigt besser als spaltenlange Artikel, wie dringend notwendig hier eine gründliche Reform ist. Aber für .Kulturaufgaben fehlt es im gesegneten Westclbien sowohl wie in Ostelbien an den nötigen Mitteln. Jugendbewegung. Tie Agitation unter der proletarischen Jugend. Heber diese« Thema werden in der letzten Nummer der„A r- beiter-Jugend" Ausführungen gemacht, die in den weitesten Kreisen der Genossen Beachtung verdienen. Es heißt da u. a.: „Fünf Millionen lugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen gibt eS, gering gerechnet, in Deutschland! Wenn wir demgegenüber bloß hunderttausend Anhänger der freien Jugendbewegung mustern, so bedeutet das, daß das Erreichte im Vergleich zu dem, was noch erreicht werden muß, gering ist: daß die weitaus schwierigste und umfangreichste Arbeit auf unserem Felde noch vor uns liegt. Da- bei ist eS wahrlich nicht der Blick auf die bürgerliche Jugcndbewe- gung, der uns Feuer unter die Sohlen macht. Was wir, gemessen an dieser S-Millionen-Aufgabe, noch nicht erreicht haben, können jene, mit Ausnahme vielleicht der katpolischen Jugendvcrcinc in gewissen cngbezirkten Gegenden Deutschlands, überhaupt nicht erreichen. Di« Hauptaufgabe unserer Ausschüsse liegt deshalb weniger im Kampf mit den gegnerischen Jugcndvercinen. als in der Gewinnung des eigentlichen großindustriellen Jugendproletariats, an das die bürger- liche Bewegung überhaupt nicht herankommt. Unsere Jugendaus- schüsse dürfen sich darum nicht auf den Innendienst beschränken, d. h. nur darauf bedach� sein, wie sie die vorhandenen Einrichtungen unserer Bewegung möglichst vollkommen ausbauen. Nicht minder wichtig ist die Aufgabe, immer neue Anhänger heranzuziehen. Die Propaganda, die Ag.tation muß neben der Bildungs- ackbeit, von der heute nicht geredet werden soll, ein wesentliches, mit allen verfügbaren Kräften zu förderndes Ziel der Ausschüsse fein. Gewiß, auch die vorhandenen Einrichtungen, wenn sie mög- lichst wertvoll und anziehend ausgestaltet werden— also ein Jugendheim, in dem die Jugend sich zu Haufe fühlt, Wanderungen, bei denen der Frohsinn an der Spitze marschiert, Vorträge, die im Gegenstand und in seiner Behandlung den jugendlichen Hörer fesseln. Feste, die wirklich Feste der Jugend sind—, alle diese wpi- schcn Einrichtungen und Veranstaltungen unserer Jugendarbeit werden je vollkommener sie sind, desto wirkungsvoller zugleich als Werbemittel unserer Bewegung dienen. Aber auch die Gewcrk- schaften und die Parteivereine verlassen sich nicht darauf, daß die Klasscngenossen, die den Weg zu ihnen gefunden haben, schon er- kennen werden, welche wirtschaftlichen und kulturellen Vorteile ihnen da geboten werden, und daß sie dann bei ihnen bleiben; fon- dern sie alle haben umfangreiche Vorkehrungen getroffen, um den fernsichenden Genossen auch den Weg zu ihnen zu zeigen. Die freie Jugendbewegung muß auch hierin die Lehren der all- gemeinen AroeitiÄewcgung sich zunutze machen. Wenn ein Aus- schuß erfolgreich arbeiten soll, muß er vor allem sein Arbeitsfeld genau kennen. Sein Arbeitsfeld ist fzberall die Gesamtheit der jugendlichen Arbeiter am Orte. Es ist deshalb durchaus notwendig, daß jeder Jugendausschutz ein möglichst lückenloses Verzeichnis der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen zur Hand hat. Dieses Verzeichnis zu beschaffen, ist vielleicht mancherorts eine schwere, aber es ist nirgends eine unausführbare Aufgabe, denn die Ausschuß- Mitglieder sind doch Arbeiter, die mit ihren jugendlichen Kollegen an der Arbeitsstätte den ganzen Tag zusammen sind, und was sie selbst nicht ausrichten können, dafür haben sie in der Arbeiterschait des Ortes genügend Bekannte und Helfer. Sind die jugendlichen Arbeiter festgestellt, so muß an jeden einzelnen persönlich heran- getreten werden. Jeder jugendliche Arbeiter muß nicht e i n mal, sondern wiederholt, womöglich regelmäßig zu unseren Veran- staltungen eingeladen werden. Jeder jugendliche Arbeiter, der uns noch fernsteht, muh die„Arbeiter-Jugend" zugestellt erhalten, sei eS wiederholt in angemessenen Abständen einzelne Nummern, je: es eine Zeitlang hintereinander die erscheinenden Numme: n, wie de'.n überhaupt für die„Arbeiter-Jugend" so methodisch agitiert werden muß, wie für die Presse der Erwachsenen. Zu all diesen Arbeiten sind unsere jugendlichen Kameraden, die sich uns bereits angefchlossen haben, heranzuziehen. Gerade mit Rücksicht auf die Mitarbeit unserer Jugendgcnopen selber wer- den ja diese Ausführungen hier gemacht, im Blatte der Jugend, in dem immer nur z u der Jugeitd, nicht über die Jugend gesprochen werden soll. Jugcndkameraden, ihr müßt euch beinertbar machen, wenn man euch nicht ruft! Jeder von euch muß das Recht bean- spruchen, seine noch fernstehenden Kollegen heranholen zu dürfen." Peinliche Fragen. Unser Bremer Parteiorgan ricktet an den Jungdeut'cklandbund die Frage, ob es Tatsache ist. daß der General Jung vom Jung- den'iwlandbunde 20 000 M. Gehalt bezieht, dazu 33 M. täglicher Rei>eipesen und Vergüligunq für Fahrt erster Klaffe, und ob ferner der Sekretär deS Bundes 6000 M. Gehalt erhält bei 24 M. täglicher Reiseipesen und ebenfalls Fahrlvergütignng erster Klasse. Die Leitimg des Jungdeutschlandbunees wird sich hüten, über diese„internen" Angelegenheiten die Ocffcntlichkeit zu informieren, obwohl diese, da der Bund ans öffentlichen Mitteln unterstützt wird, ein Anrecht darauf hat. Es wäre doch gar zu peinlich, wenn die Jugend so drastisch erführe, daß der Patriotismus und die Liebe für Deutschlands Jugend eine sehr reale Ursache hat. Mus Inöustrie uns Kandel. Bierbrnuerci und Bierbestcuerung. Die Bierbrauerei war früher ein rein örtliches Gewerbe oder ein landwirtschaftlicher Ncbcnbetricb, doch sind die kleinen Betriebe immer uiehr vor dem Eindringen des Großbetriebes zurückge- wichen. Daran hat auch die Tatsache nichts ändern können, daß man die kleineren Brauereien durch niedrigere Steuersätze für kleineu Malzverbrauch hat aoi Leben erhalten wollen. Tiefe Eni- Wickelung ist im Rechnungsjahr 1012 weiter vorgeschritten, über das in den Vicrteljahrsheften zur Statistik des Deutschen Reiches soeben berichtet wird:...« „Tie Ueberlegenheit der großen Brauereien hinsichtlich der Betriebsmittel, Betriebseinrichtung und Güte des Erzeugnisses kam durch weitere Verschiebung des Absatzes zuungunsten der kleineren Betriebe zum Ausdruck. Namentlich die kleineren, ober- gäriges Bier bereitenden Brauereien haben einen schweren Stand, zumal sich die Zahl der großen Betriebe, die nebenher auch dre Her- stcllung obergärigcn Bieres aufgenommen haben, wieder vermehrt haben." Gegen 1011 waren in der Norddeutschen Braustcuer- gemeinschaft 197 Brauereien weniger in Betrieb, in Bayern 158, in Württemberg 324, im ganzen Deutschen Reiche loeniger 723. Leider kann man aus der Statistik nur für Bayer» festsiellen, wie sich die versteuerte Malzmenge auf die großen und kleinen Brauereien verteilt. ES wurden hier 1012 insgesamt 3 383 730 Toppelzeninci Malz verbraucht. Von dieser Menge entfiel auf die 205 grüßten Brauereien mit einem Verbrauch von min- bestens 2000 Doppelzentnern Malz nicht weniger als 64,8 P r o z. Dagegen hatten die 13 323 k l c i n st e n Braue- r c i e n mit einem Verbrauch von höchstens 300 Doppelzentnern zusammen 37 000 Doppelzentner weniger Ver» brauch als die 6 größten Brauereien für sich allein. Diese Zahlen beleuchten kraß, daß in Bayern die kleinstädtischen uird ländlichen Brauereien so gut wie gar nichts zu bedeuten haben und es allein auf die kapitalistischen Großbetriebe im Braugewerbe heute an- kommt. Ter Bierverbrauch im norddeutschen Braugebiet betrug absolut p"«°ps d-r Bevölkerung Liter Liter 1912.. 39,3 Millionen 78.6 1011.. 41.3. 83.0 1010.. 38.1. 77.6 ISO».. 87,3„ 77,4 1908.. 40,2„ 84,0 Der Bierverbrauch ist also im letzten Berichtsjahre geringer gewesen, doch halten sich die Schwankungen innerhalb so enger Grenzen, daß man weder von einer Zu- noch einer Abnahme des Bierverbraucbes reden kann Entsprechend den Schwankungen im Bierverbrauch wechselten die Einnahmen anS der Biersteuer; für das gesamte Deutsche Reich betrug die Einnahme: 1008(letztes Jahr vor der Sieuererhöhung) 114,1 Millionen Mark, 1900 154,2 Millionen Mark, 1010 210,8 Mil- lionen Mark, 1011 236,4 Millionen Mark. 1012 227,7 Millionen Mark. Daß diese Summe restlos von den Konsumenten aufgebracht worden ist. beweist die Gegenüberstellung der B i e r p r c i s c des letzten Jahres vor der Steuererhöhung mit dem Jahre 1012. LS wurde bei Abgabe aus der Brauerei für 100 Liter gezahlt: l012 1008 ®let,0tte Mark Mark Lagerbier und so-imanme Pilsener.... 18—25 14—22 Exvort-, Bock-. Märzenbier usw...... 20— 28 18— 23 Berliner Weißbier.......... 12—13 7—13 Malz- und Krasibierel früher Malz» und i 13— 20 10—18 süßbiere...../ Reformbiet genannt\ 8—16 bis 80 Braunbier............. 6—16 7—12 Dünnbiere(Einsachbiere)........ 5—8 8—7 Der deutsche Außenhandel. Die jetzt vollständig vorliegenden Ziffern über den Außen- Handel Deutschlands im Jahre 1013 ergeben folgendes Bild: Gegen das Jahr 1912 ist die E i n s u h r um 110 Millionen aus 11 127 Millionen, die A u S f u Ii r um 1082 Millionen auf 10182 Millio-. :ien Mark gestiegen. Die Zunahme der Ausfuhr ist also erheblich stärker als bei der Einfuhr. Deutschland hat im vergangenen Jahre seine Ausfuhr austerordentlich gesteigert, so dast sie nur noch um S4Z Millionen Mark hinter der Einfuhr zurücksteht. Gerichtszeitung. Zum Reichsvcrci, lsrecht. Das Kammergerichl hat am Dienstag sich gegen eine Er- Weiterung der Strafvorschriften des Vereinsgefetzes in be- merkenswerter Weise gewendet. Es handelt sich um die Frage, ob die gegen nicht sofortige Entfernung nach Auf- lösung einer Versammlung gerichtete Strafvorschrift des Reichsvereinsgesetzes auch auf den Fall Anwendung finden darf, wenn die Auflösung auf Grund einer a l l g e m e i it e n polizeilichen Befugnis erfolgte. Das Kammergericht hat diese Frage verneint. Am 28. ftcbruar 1913 sollte im Saale der Löwenbrauerei in Berlin eine öffentliche Versammlung zur Erörterung der Frage nach den wahren und falschen Arbeiterfreunden stattfinden. Der überwachende Polizeileutnant löste die Versammlung auf, weil der Angeklagte Habersaath als Veranstalter auf Verlangen des Beamten die jugeliblichen Personen unter 18 Jahren nicht hinaus- wies, von denen zur Zeit der Eröfnfung etwa 69 im Saale anwesend waren. Der Leutnant berief sich für die Auflösung aus- drücklich nicht auf das Vcreinsrecht, sondern auf K 10, Teil 2, Titel 17, des Allgemeinen preustischen Landrechts, die sogenannte Polizeiklausel. Später erklärte der Leutnant, daß er darum aus dem angeführten Paragraphen des Landrechts aufgelöst habe, weil es eine politische Versammlung gewesen wäre und sich die Jugend- lichen unter 18 Jahren strafbar gemacht haben würden, wenn sie in der Versamnilung geblieben wären. Habersaath wurde nun, weil er sich nicht alsbald nach der Auflösung aus dem Saale entfernt habe, vom Landgericht auf (Irurrd des§ 18, Ziffer 4, des Vereinsgesetzes zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Angeklagte legte Revision ein. Rechtsanwalt Dr. Kurt Rosenfcld führte aus, die Strafvorschrift finde nur An- Wendung, wenn die Auflösung auf Grund des 8 14 des Vereins- gcfetzes erfolgt. Austerdem müsse im Gegensatz zur Ansicht des Landgerichts das Gericht nachprüfen, ob die Auflösung berechtigt war. Das war sie hier nicht, die Freisprechung sei daher gerecht- fertigt. Ter zweite Strafsenat des Kammcrgerichts unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Dr. Roth verkündet« das Urteil dahin, dast die� Vorentscheidung aufzuheben und der Angeklagte Habersaath freizusprechen sei. Zur Begründung wurde ausgeführt: Nach den Feststellungen des Berufungsgerichts habe der Polizei- btamtc die Versammlung aufgelöst auf Grund der Vorschriften des§ 10, Teil 2, Titel 17, des Allgemeinen Landrechts. Tie Vor- schrift des§ 1. Absatz 2, des Rcichsvereinsgesetzes, lvonach unter gewissen Borausscbungen die allgemeinen sicherheitspolizeilichen Bestimmungen des Landrechts Anwendung finden, habe also die Unterlage für die Auslösung gebildet. Es sei infolgedessen die Streitfrage zu entscheiden, ob eine auf Grund dieser Vorschrift erklärte Auslösung einer Versammlung dazu führen könne, dast eine Bestrafung auf Grund des 8 16. Ziffer 4. des Vereinsgesetzes wegen nicht sofortiger Entfernung erfolge. Das Kammcrgericht verneine diese Frage. Denn es nehme an. dast dieser 8 16 des Vereinsgesetzes, der ausdrücklich auf den§ 16 verweise, nur dann Anwendung finden könne, wenn die Auflösung erklärt sei ans de» reichsgefetzlichen Gründen, nämlich aus den Gründen, die aufgezählt seien im§ 14 des Rcichsvcreinsgcsedes. Es könne auch nicht im Wege der Analog ieauslegung die Strafvorschrift des 8 18, Ziffer 4, erstreckt werden auf die Fälle,>00 Auflösungen aus dem 8 1, Absatz 2, des Vereinsgefetzes(in Pveuhcn in Verbindung mit dem 8 10, Teil 2, Titel 17, des Allgemeinen Landrechts) er- folgten. Denn durch das Strafgesetzbuch sei eine derartige Ana- logie verboten. Somit gebe es für die Tat des Angeklagten, da die Auflösungserklärung nicht aus einem Grunde des 8 14 des Vereinsgefetzes erfolgte, keine gesetzliche Bestimmung, wonach er tvegen jener Tat bestraft werden könnte. Daraus folge die Frei- fprechung. Aus die zlvcit« von der Verteidigung aufgeworfene Frage ging das Gericht nicht ein. Zwei Urteile. Der Arbeiter Borowski aus Sterpeiken(Ostprcusten).. der an den Fühen verkrüppelt und Vater von drei Kindern ist, stand bei dem Gutsbesitzer Heinrich v. Tucholke in Laugszargen im Dienst. Eines Tages verlangte er seinen Lohn für das Milchsahren, und als er ihn nicht erhielt, erklärte er, dast er dann nicht mehr arbeite. Daraus schlug ihm der adlige Herr ins Gesicht, und als dieser ein höhnisches Lächeln bei dem Zlrbeiter zu«Micken glaubte, gab er ihm noch einige Stockhiebe. Einige Tage darauf schloß der Gutsbesitzer die Wohnung des Arbeiters, lagte dessen Kinder fort und am nächsten Tage versetzte er dem verkrüppelten Arbeiter Faustschlägc ins Gesicht, daß ihm das Blut auS der Nase strömte. Dann wurde er noch Lump tituliert und mit zwei Stockhieben traktiert, so daß er bei dem Gendarm Schutz suchen mutzte. Das Schöffengericht in Tilsit erkannte die Misthandlung als eine rohe an und verurteilte den Gutsbesitzer zu fünfzig Mark Geldstrafe. Nun das andere Urteil: Aus der Untersuchungshaft wurde der Kuhmclkcr B. vor das Jnsterburgcr Schöffengericht geführt. Er hatte in Kraudischkehmen bei einem Gutsbesitzer gearbeitet, seine Stellung aufgegeben und ging zu seinem Arbeitgeber und ver- langte seinen Lohn. Der Gutsbesitzer war jedoch der Meinung, dast er nichts mehr zu erhalten hatte. Jetzt soll der Kuhmelker nach der Anklage den Gutsbesitzer und dessen Gattin aufs gröblichste be- leidigt und bedroht und trotz mehrfacher Aufforderung die Wohnung des Gutsbesitzers nicht verlassen baben. Und dafür wurde er zu drei Monaten Gefängms verurteilt, wovon ihm ein Monat auf die Untersuchungshaft angerechnet wurde. Man vergleiche: Der Gutsbesitzer prügelt einen verkrüppelten Arbeiter mit dem Stock und der Faust wiederholt uird nennt ihn Lump— weil er seinen Verdienst verlangte. Urteil gegen den Herrn Gutsbesitzer: 50 Mark! Der Arbeiter, der seinen Lohn fordert und sich dabei ungebührlich benimmt, bekommt drei Monate Gefängnis und hat noch in Unrersuchungshaft sitzen müssen. Es gibt aber immer noch Leute, die da behaupten, dast es Klassenjustiz nicht gebe. Autounglück. Ein schweres Straßenunglück beschäftigte gestern die 4. Straf- kammcr deS Landgerichts II. Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung war der Kraftwagenführer Friedrich Franz Reinicker. Am Abend des 22. Oktober V.�J. gegen 11 Uhr hielt an einer Haltestelle in der Hasenheide ein Straßenbahnwagen der Linie 21. Während die Fahrgäste noch beim Ein- und Aussteigen waren, kam Plötzlich von hinten ein Kraftomnibus der Linie 4 in voller Fahrt angefahren. Der Führer des Omnibus fuhr direkt in die Menschen- menge hinein. Der Äammergerichtssekretär Wcndland, der gerade den Straßenbahnwagen besteigen wollte, wurde gegen die Seiten- wand der Elektrischen gequet'cht und an dieser bis zu dem Vorder- Perron entlanggerollt, wo er mit schweren inneren Verletzungen bewußtlos liegen blieb. Austerdem erlitt ein Kaufmann Hickethier Verletzungen. Wendland verstarb drei Tage später an den Folgen der erlittenen Verletzungen. Der Staatsanwalt beantragte, da eS sich hier um eine schon fast nicht mehr Fahrlässigkeit zu nennende Handlungsweise handele, gegen den Angeklagten"ein Jahr Gefängnis und sofortige Ver- Haftung. Von Rechtsanwalt Robert Heine wurde als strafmildernd darauf hingewiesen, dast der Angeklagte, der den ganzen Tag über schweren und anstrengenden D enft getan habe, offenbar in dem kritischen Moment die Herrschast über den Wagen verloren habe. Das Gericht erkannte auf 6 Monate Gefängnis. Auch in Halle a. S. wird— geschmiert. Vor der Halleschen Strafkammer standen der Polizeisergeant Wilhelm Augustin wegen Forderung und Annahme von Be- stechungsgeldern seitens Verhafteter, um sie der Bestrafung zu ent- ziehen, und die Studenten der Medizin Schwarz, Koppe und Kem- pinski wegen Bestechung eines Beamten unter Anklage. Die bis in die Abendstunden hinein dauernde Verhandlung ergab, dast der Polizist die drei Studenten in einer Nacht ans der Straße tvegen angöblichcr Verübung ruhestörenden Lärmes festgenommen und bis nach der Polizeiwache geführt hatte. Vor der Wache liest er sich jedoch von den Studenten, die gern freigelassen sein wollten,„er- weichen" und sagte schließlich:„Na, ich will Euch was sagen, gebt jeder einen Fünfziger, dann soll die Sache erledigt sein!" Die Studenten wollen sofort bereitwilligst die„Geldstrafen" gezahlt haben und dann wieder freigegeben worden sein. Sie wollen ge- glaubt haben— während ihrer Studienzeit in Leipzig sei das zu- lässig gewesen—, kleine Polizeistrafen könnten aus der Stelle er- ledigt werden.� Der Polizist bestritt, der Täter gewesen zu sein. Die Beweisaufnahme ergab aber das Gegenteil. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Polizcibeamten sieben Monate Gefängnis (wieviel Strafen müßten da wohl in Köln verhängt werden?) und gegen die Studenten je 50 M. Geldstrafe. Das Gericht kam zur Freisprechung der Studenten und liest den Polizcibeamten mit einer Geldstrafe von 75 M. davonkommen. Versammlungen. Partei und Gewerkschaft. In der Generalversammlung des ersten Wahlkreises am 18. November wurde in der Diskussion die Frage nach den Ur- fachen des gegenwärtigen Stillstairdcs der Parteiorganisation be- handelt. Bei dieser Gelegenheit machte ein Redner Ausführungen über die Gewerkschaftsbewegung, die von gewerkschaftlich tätigen Genossen als unzutreffende Beurteilung der Gewerkschaftsbewegung aufgefaßt wurden. Infolgedessen fand ein von Hegewald ge- stcllter Antrag Annahme: Ter Wahlverein solle eine Versammlung niit dem Thema:„Die Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung" einberufen uird das Referat einem Politiker übertragen. Dieser Antrag wurde ausgeführt in einer an: Dienstag ab- gehaltenen Generalversammlung des ersten Wahlkreises. Ueber das angegebene Thema referierte Genosse Eichhorn. Eingehend schilderte der Redner die historische Entwickclung der Partei- und Gewerkschaftsbewegung in Deutschland und das Verhältnis, welches sich zwischen diesen beiden Zweigen der Arbciterbetvegung heraus- gebildet. In grundsätzlicher Beziehung vertrat er im wesentlichen den Standpunkt: Es ist die selbstverständliche, unbestrittene Pflicht jedes Parteigcnopen, der Gewerkschaft seines Berufes anzugehören. Die Gewerkschaften haben auf ihrem Tätigkeitsgebiet Außerordent- liches geleistet. Wenn wir das rückhaltlos anerkennen, so dürfen wir aber nicht vergessen, daß der gewerkschaftlichen Tätigkeit ge- wisse Grenzen gezogen sind und dast sie die politische Betätigung der Arbeiterklasse nicht überflüssig machen kaum Das Ziel der sozialistischen Arbeiterbewegung ist die Beseitigung der lapitali- stischen und die Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung. Zur Erreichung dieses Zieles bedarf es der politischen Partei- beivegung, die sich in der Sozialdemokratie verkörpert. Die Gewerk- schaften können ihrer Natur nach dies Ziel nicht erreichen. Ihre Aufgabe ist es, die wirtschaftlichen Verhältnisse der Arbeiter inner- halb der gegenwärtigen Gesellschaft zu verbessern. In dieser Hin- ficht haben sie bedeutende Erfolge gehabt. Selbst wenn man als richtig annehmen würde, dast die Erhöhung der Löhne durch die Steigerung der Lebensmittelpreise ausgeglichen und die Vorteile der'verkürzten Arbeitszeit durch weitgehendste Ausnutzung der Arbeitskraft aufgehoben werden, so bleibt doch immer noch der große Erfolg der Gewerkschaften bestehen, dast sie die Arbeiter in ihren Organisaftonen zu solidarischem Handeln zusammengeführt und da- durch eine wesentliche Vorbedingung des Sozialismus erfüllt haben. Nach dem mit allseiftgcm Beifall aufgenommenen Referat erklärte Hegewald: Die Ausführungen des Referenten könne jeder Gewerkschafter unterschreiben. In der vorigen Generalver- sammlung seien leider andere Ansichten vertreten worden. Tie Getvcrkschaften seien verantwortlich gemacht nwrden für den Rück- gang der Partei. Wäre die Pflicht jedes Sozialdemokraten, der Getoerkschaft anzugehören, nicht in der vorigen Versammlung in Zweifel gestellt worden, dann hätte das jetzige Referat nicht gehalten werden brauchen. Im weiteren Verlauf der Diskussion bemerkte Düwell: In der vorigen Versammlung seien es lediglich einige unglückliche, mistverstandene Aeusterungcn gewesen, welche als Herabsetzung der Gewerkschaften gedeutet wurden. Diese Acusterungen hätten so- fort eine so scharfe Zurückweisung gefunden, dast weitere Aus- einandersctzungen über diese Frage nicht nötig gewesen wären. Der erste Wahlkreis habe noch nie etwas unternommen, was als Herab- setznng der gewerkschaftlichen Tätigkeit oder als Stellungnahme gegen die Getverkschaften aufgefaßt werden könne. Hierauf entgegnete ein gewerkschaftlich tätiger Genosse: Es sei richtig, dast der erste Wahlkreis offiziell noch nie Stellung gegen die Gewerkschaften genommen hat. Aber von einzelnen Genossen habe man derarftge Ausführungen an den Zahlabenden gehört Es sei gesagt worden, die hohen Beiträge der Gewerkschaften verschulden den Rückgang der Partei, die Gewerkschaften seien überflüssig und dergleichen. Derartige Aeusterungen müßten auf junge Parteimitglieder verwirrend wirken. Deshalb sei eine Aus- spräche notwendig gewesen. Mit den von Eichhorn vertretenen Grundsätzen sei jeder Gewerkschafter einverstanden. Auch im übrigen zeigte die Debatte volles Einverständnis in dem Gedanken, den der Referent im Schlußwort nochmals ganz entschieden betonte: Partei und Gewerkschaften arbeiten Hand in Hand, jede auf ihrem Gebiet, aber beide im Interesse der Arbeiter- klaffe. Frauenleid, Frauenkampf, Frauenerlösung. Eine Frauenversammlung des sechsten Kreises, die sich mit obi- gein Thema beschäftigte, war schon lange vor Beginn dicht gefüllt. Und immer neue Proletarierinven kamen hinzu. In atemloser Spannung folgten die Erschiene>en den Worten Emil UngerS. Der donnernde Applaus, der zum Schluß gespendet wurde, liest er- kennen, wie die Frauen sich eins mit de)» Redner fühlten, als er endete:„Ein Halt dem 5ireuzesgang nach Golgatha. Durch Kampf hinaus zu den lichten Höhen des Sozialismus. Dem Weibe durch Fraucnleid, Frauenkampf die endgültige Erlösung!' Die Handlungsgehilfinnen,-gehilsen und die Hausangestellten in ihrem schweren Kampf um Sonntagsruhe und Menschenwürde zu unterstützen, ließen sich die Genossinnen R e i n e r t und L u n g w i tz angelegen sein. Mögen die Arbeiterfrauen Sonn- tags keine Einkäufe besorgen und genannte Kategorien ihren Ver- bänden zuführen. Der kernige Schlußaufrus der Versammlungs- leiterin Genossin Schmidt, sich der Partei anzuschlietzen, die allein für die Gleichheit der Frau kämpft, war von Erfolg begleitet. Tie über 000 anwesenoen Frauen gingen unter brausendem Hoch auf die Sozialdemokratie und lohender Kampfbegeisterung ausein- ander. Alles in allem, eine schneidige Ouvertüre zum kommenden Frauentag am 8. März. Ms aller Welt. Ein Gegenstück zu Zabern. Dank der Kabineltsorder von 1820 wer weiß, wieviel andere ähnlicher Natur noch existieren— haben wir glücklich die Herrschaft des Säbels installiert. Kein Bürger wird es mehr wagen, einen Leutnant scheel anzusehen, vereinigt sich doch in der Uniform alles, was Neugermanieil an politischen und sittlichen Idealen aufzuweisen hat. Einst war daS freilich anders, da verhaftete nicht das Militär die Bürger und steckte sie in den Pandurenkeller, sondern das Bürgertum hatte genügend Mut, trotz der Kabinettsorder von 1820 dem anmaßenden Suldatcngeist entgegenzutreten. Freilich war das im Jahre 1348, einem Jahre, bei dessen Nennung auch unserem neudeutschen Bürgertum eine Gänsehaut überläuft. In Potsdam fanden, wie allerwärtS in diesem Jahre, unter freiem Himmel Volksversammlungen statt und zwar m dem sog. Schrägen am Bornstedter Feld. Die Mannschaften des Garde- Kiirassier-NegimeiltS sympathijierten damals sehr mit den Volks- bestrebungen, während die GardedukorpS konservativ gesinnt waren. In einer eines Sonntags zwischen Ostern und Pfingsten staitgefundencn Versammlung im Schrägen kam cS nun zu Reibereien zwischen Mannschaften der beiden Regimenter, die ain nächsten Tage in einer Versammlung im Kaisersaal in der Kaiser« straße sortgesetzt wurden. Ein früherer Artillerieoffizier hielr dort einen Vorlrag, zu dem sich auch viele Kürassiere ein» gefunden hatten. Plötzlich erschienen nun, unter Anführung des' Wachtmeisters Wen dt, eine große Anzahl Gardcdu- korpS, die sämtlich mit S ch e m e l b e i 11 e n bewaffnet ivaren, die sie zuvor in der Kaserne aus ihren Schemeln herausgeschlagen hatten. Damit schlugen sie auf die gänzlich wehr- lose Menge ein und cS entstand eine große Schlägerei, durch welche die Volksversammlung gesprengt wurde; der Vortragende mußte sich, weil er sehr bedroht ivurde, in einem Kamin verstecken. Inzwischen war aber in Potsdam die Alarmtrominel gerührt, die Bürger wehr trat zusammen und arretierte die GardedukorpS, die nach der Schloßwache gebracht wurden. Dort liest man aber die Leute, welche mau durch das Fortuna- portal hereingebracht hatte, durch das Portal in der H u m b 0 l d t st r a ß c wieder laufen, bis dies bemerkt wurde, ivoraushin die GardedukorpS»ach dem RathauS gebracht wurden. Im Arrcstlokal lagen später die Schcmelbeine auf- geschichtet, und zwar etwa in Höhe eines Haufens Holz. In Poisdam wurde infolge dieses Porganges darum petitioniert, dast die GardedukorpS verlegt würden, andererseits aber von einem Posameniicr Schultz eine Gegenpetition ins Werk gesetzt, die auch Erfolg hatte. Der Berliner Vollswip bcmächligte sich sofort dieier Affäre. Es erschien ein Flugblatt, auf dem zwei verkehrt auf Esel» sitzende GardedukorpS abgebildet waren, und das den Titel führte:„Die PorSdamsche Schemelbecn-Helden, jenannt JardekohrS. Sie reiten hier sehr schön Parade, doch is et um die Esels schade. Ten kleener Anhang zu den Aenreebefebl von Aujust Buddelmeycr» DageS-SchriflsteNer mit'» jrosten Bart." Schreckliches Familicndrama. Unglückliche Familienverhältnisse haben am Dienstag- abend in isolingen die Frau des Fabrikarbeiters Thorn- f e 11 zu einer entsetzlichen Tat gebracht. Während der Ab- Wesenheit ihres Mannes durchschnitt sie ihren drei Kindern im Alter von vier Monaten, drei und fünf Jahren den Hals und suchte sich dann durch einen Sprung aus denr Fenster das Leben zu nehmen. In schwer ver- letztem Z u st a n d e wurde sie aus der Straße aufgefunden und in ein Krankenhaus gebracht. Gin italienischer Armceftandal. Großes Aufsehen erregt in R 0 m die Verhaftung des größten römischen Getreidelieferantcn für die Armee, M a g n a n i. Die Gründe für die Festnahme werden vorläufig noch geheimgehalten. Ein entlassener Angestellter Magnanis namens Consalonieri hatte einem sozialistischen Abgeordneten Geschäfts- bliese für die Summe von 8000 Lire angeboten, um so erpresse» rische Manöver gegen den Getreidelieferanten durchzuführen. Der Abgeordnete übergab die Briefschaften der Polizei. Anicheiueiid sind die Dokumente so belastender Natur ge« wesen, daß die Behörden zur Verhaftung Magnanis schritten. Bo»u Pfaffen in den Tod getrieben. Eine alte d e u t s ch e L e b r e r i n hat sich in der Nähe von Palermo ans Sizilien ins Meer gestürzt und den Tod ge« fmiden. Die bedauernswerte Greisin hatce den Lügen des Priesters F 0 n t a n a Glauben geschenkt und ihm ihr ganzes erspartes Vermögen von eiwa 50 000 M. anvertraut. Der elende Pfaffe verjubelte das Geld in liederlicher Gesellschaft und ging flüchtig. Die Behörden verfolgen ihn jetzt wegen Betruges, werden ihn aber kaum erwischen, weil flüchtigen Pfaffen vielerlei geheime Schlupfwinkel offen stehen, und sogar Klöster geistlichen Verbrechern Unterschliipf gewähren. Wir sind die Letzten, die Vergehen einzelner Glieder dem ganzen Stande zur Last tegen. Aber in der katholischen Geistlichkeit straucheln so viele, daß man auf eine ausgedehnte Fäulnis schließen muß. während doch in einem geistlichen Stande grobe Ver- sehlungen zu den größten Sellenheilen gehören müßten. Kleine Notizen. Absturz eines Fliegers. Am Mittwochvormittag stürzte auf dem Flugplatz der Ftiegerstation Schleißheim der Unter- 0 f f i z i e r s f l i e g e r S ch w e i s s e r aus Nürnberg beim Nehmen einer Kurve aus 35 Meter Höhe ab. Der Flieger wurde sofort getötet und sein Fliigzeng völlig zertrümmert. Rieseiibrand i» Duisburg. Am Dienstagabend um 9 Uhr brach bei der Speditionsfirma M. Z i e tz s ch»1 a n n am Parallel- Hafen in Duisburg infolge Kurzschlüsse« Feuer aus, das erst Mittwoch früh gelöscht werden tonnte. Fünf große Schuppen mit Lagergütern, bestehend ans Zellulosen, Mehl, Z e i tu 11 g S p a p i e r, Mineralöl und Holz sind dem Brande zum Opfer gefallen. Der Schaden, der ans 390900 Mark ge- schätzt wird, ist durch Versicherungen gedeckr. . Folgcnschivcrrr Grrüstcmstnrz. Durch Nachgeben der eisernen Klammern stürzte beim Bau eines Hochofens auf der Donners- marckhüttc bei Zabrze ein Gerüst mit fünf Montage- a r b e i t e r n aus einer Höhe von etwa acht Meter ab. Drei Ar- beiter crliite» schwere Verletzungen, zwei dagegen nur leichlere. Der Unfall soll infolge der Ueberlastung deS Gerüsts, das aut Klammern in der Lufr frei schwebte, entstanden sein. Das Befinden des einen Verunglückten gibt zu Besorgnissen A 11 l a st. Hungersnot. Nach einem Telegramm der„New Aork Tribüne' aus El Paso(Texas) henichl in dem Staate S i n a l 0 a eine große Hungersnot. Viele Hunderte erliegen täglich den Entbehrungen. ßrauen-Leseabenöe. Riederschönliansen-Nordeud. Freitag, den 23. Januar, abeiids S'/j Uhr, Frauenleseabend bei Retttg, Blankenburg«. Str. 4. Vortrag der Genossin Dcmmning. Kapitän- Kautabak (gesetzt geschützt)• tkapitän- Rauch- u. Schnupstabake dlA � hervorragend feine L.«alität so sdmcll beliebt geworden. Zu haben in den einschlägigen(Seschästen eocut. zu erfahren durch v. NSokvn, Kerlin, Gniim Weg 119. Spezialarzt Dr. med. Wockent'uB, Friedrichstr. 125(Oranienb. Tor) für Syphilis, Harn- u. Frauenleiden— Ehrlich-Hata-Kur(Dauer 12 Tage). Biutuntersuchung. Schnelle, sichere schmerzlose Heilung ohne Berufsstörung. Mäßige Preise. Sxirechst. v. 8—8, Sonntags 9—11. Willi Ernst. Köpenicker Straße 55 b, I. Ami Moritzplatz 11314. Gr. Auswahl! Bill. Preise! Lorzeiger dieser Annonce er- hält IV Proz.PrciSerntäßigung. WW lln.SimmS! 8pe?jsI-/VF?t iür iisut- untj Harnleiden. dicht am Moritzplatz 10— 2, 5—7. Sonntags 10— 12. 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Die verbotene Gwdt. Schiller O. MeyerZ. Schiller Charlottenburg. Weh' dem, der lügt! Theater des Beestens. Polenblut. Berliner. Wie einst im Mai. Roniödienhaus. Hinter Mauern. «letues. Jettchen"Gebert. Trianon. ÄnatolcS Hochzeit. Tliatia. Die Tangoprinzessin. Besideuz. Hoheit— der Frmiz. Metropol. Die Reise um die Welt in 49 Tagen. Friedrich- Wilhelmstädtisches. Die Kinotönigin. Rose. Der Schürzenjäger. Kasino. Die olle Webern. Herrnfeld. Was jagen Sie zu Leibusch? Reichshallen. Stettiner Säuger. Wintergarten. Spezialitäten. »Polls. Der Stolz der?. Kom- pagnic. -Ankaug S'/i Uhr. Luisen. Deines Bruders Weib. Walhalla. Tängofieber. goties Caprice. Der Kuckuck. Mmröverschwiudel. Die Samuels. »ldmiralspalast. Die lustigePuppe. Aniang 8'/, Uhr. »ieues BolkStheater. Der Kaller- jäger. Aujang 9 Ubr. Berliner Eispalast. Eissport. CincsNollcndorf-Theater.Variete- Lichtspiele. Sternwarte. Jnoalideustr. 57— 62 Schiller-Theater 0. (Wallner-Theater). Donnerstag, abends 8 Uhr: Jleyers. Freitag, abends 8 Uhr: Was ihr wollt. Sonnabend, abends 8 Ubr: Weh'' dem, der lügt. Sehl! ler-Thealer c*TrT' Donnerstag, abends 8 Uhr: Weh' dem, der lügt. Freitag, abends 8 Uhr; Weh' dem, der lügt. Sonnabend, nachmiltags 3'/, Uhr: Götz von Berllehingen. Sonnabend, abends 8 Uhr: Meyers. Theater des Westens. « ul/r; �omtt. nchm. 3'/, Ii.: Der liebe Augustin Deutsches Künstlertheater Sozietät. Nürnberger Straße 70/71, am Zoo. Kasse: Nollcndorf 1383. Abends S Uhr: Der Bogen des ödgsseus. Freitag, 8 Uhr: Sehlrin und Gertraude. 8 Residenz-Theater 5 URANIA Taubenstraße 48/49. 8 Uhr: Mit Ii allon und l-'lugzeug über Berg und Tal. Hörsaal 8 Uhr: Prof. Dr. P. Seh w ahn: Das Werden der Welten. 'Contcrdlo-Festsäie 64 Andreasstrasse 64 1 Jeden Donnerstag u- Sonntag: 'Soiree der Hoffmann-Sänger Anfang 8 Uhr. Nach der Soiree; Frea-Tajax. ' Vorzugskart. haben Gültigkeit Folies Caprice. Anfang präzise 8'/. Uhr Der Kucknek. Manöverschn indel. Die Samuels. Admiralspalast. 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Jonglier- 1 Truppe, sowie Austreten aller grosien Attraktionen. Z n m Schluß: Orig. NilsstottungS-Pantomime des Zirkus Busch in 5 glänz. Alten. Casino= Theater Lothringer strane 37. Täglich 8 Uhr. Ein neues Berliner Bolksstück: Die olle Weber». Ur-BcrI. Figuren, Ur-Berl. Humor! Einziges Theater in diesem Genre! Im Stile der alten Wallner-Biihne. Somit. 411.: Geheimnisse v New York. Lnise n Theater. Täglich 8'/, Ubr; Deines Bruders Weib. Schauip. iu C Bild, u. 1 Borsp. Walhalla-Theater. Täglich S1/. Uhr: Tangostevcr. Gr. Polle in. Ges. u. Tanz in 3 Akten von C. Urvan. Älusii v. Hugo Hirsch. am ttollemiorfplatz l AllabenMich Qre||# Operette in 3 Akten. Brauerei friedrichshain Täglich außer Sonnabends: Bas stimmungsvollste Bayr. Bockbier- Fest. Mittwochs u. Donnerstags: Elite-Tag. OSE=THEATEI Große Frankfurter Slr. 132. Ansang 8 Uhr: Got Schürzenjäger. Posse mit Gesang u. Tanz in 3 Akten. Musik von Walter Zacher. Freitag: Berlin wie es weint u. lacht. Der uncraüttliehc !r. 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Harlslein in DerStolz d.s. Kompagnie, Kommen! Sehen! Jubeln! und das gr. Januar-Progr. u.a. Bernhard Rorbltz! Oskar Schwarz mit seinen 6 American Girls.» Rauchen gestattet.| Reiebshailen-Thealer Stettiner Sänger No. 13! Urkomische Burleske. Ansang 8 Uhr. Sonntag nachm. 3 Uhr zu crmäß. Preisen: Eine Hochzeil in Metropol-Tlieater. Abends präzise 7 Uhr 55: Die Reise um die Erde in 40 Tagen. Berliner Prater-Theater Kastanien-Allee 7/9. Donnerstag, den 22..Januar 1914: Gastspiel des Äoigt- Theaters. Der Bajazzo und seine Familie. Volksjchausp. in 5 Alt. von D Enncry und Fournicr. Kasscneröffnung 7 Uhr. Ans. 8'/, Uhr. Irmnon-Ikeater. Täglich abends 8 Ubr: Anarwles Hochzeit. Remnerülh-Trio A.dr� Neukölln Latiiistr.'24l- llvheilbare Katarrhe. Die wenigsten Menschen sind sich bewußt, daß Schnupfen, Hals- und l/tacheiwerschleiinnugen usw. ihre Ursache in der Tätigkeit der btleinlebewesen «Bakterien) haben, die in den Schleimhäuten der Atmungsorganc, sobald dieselben durch Erkältunaen oder andere Ursachen gelockert sind, die günstigsten Bedingungen zu ihrer Fortpflanzung findeir. Diese Bakterien, oder für bestimmte Arten Bazillen genannt, verbreiten durch ihre Fortpflanzung gewisse Msonderungsprodukte� die giftig wirken(Toxine) und dadurch weitere Teile der Schleimhäute reizen und für die Ausbreitung empfänglich machen. Auf diese Weise entstehen leicht durch einen vernachlässigten Schnupfen oder Husten die schweren Leiden: Bronchialkatarrh, Asthma, ferner Nachen-, Nasen-, Kehlkopf-, Lultröhrenkatarrh, und die immerhin bedenklichen Hals» und Mandelentzündungen.— Natürlich sind midi alle diese Zustände ansteckend, weil die Baktenen sich im Speichel in Massen befinden und mit dem Atem naä) außen gestoßen werden. In der Apotheke der Natur sind aber für alle Gifie Gegengifte vorhanden, e§ gilt, nur die rich- tioen herauszufinden und recht anzuwenden, um die Toxine unwirll'am zu machen, ohne die menschlichen Organe zu gefährden. Daher haben Pinie- hingen und Gurgeln mit Jod, Hölleusiein usw. oft keinen Erfolg, weil sie nur einen Teil der in- fizierlen Schleimhäute treffen und außerdem unter Ilmstände» das Hebel verschlimmern. Ebenso nützen auch Trinkkuren mit Salzen oder äußere Be- Handlung mit warmen oder kalten Umschlägen Bv»ntwortsfcher Redakteur: Alfred Wiefepp, häusig sehr wenig und können unter Umständen den Zustand des Kranken sogar noch verschlechtern; die lieferliegende Bakterienslora wird dadurch nicht altcriert und nach einiger Zeit ist das alte Leiden wieder da. Deshalb erscheinen diese Zustände den meisten als unheilbare diatarrhe. Es steht aber unumstößlich fest, daß die Entfaltung dieser Bäk- tericnbrul den Luftwegen der Atmungsorgane folgt. Logischcrweiie kann man ihnen also am sichersten nur auf diesem Wege beikommen, d. h. durch Einatmung besonders günstig desinfizierender Dämpfe, welche die Bakterien zum Absterben bringen. Bon der Firma Carl A. Tanerö, Wiesbaden 83, ist ein kleiner sinnreicker Apparat konstruiert, den man beguem in der Tasche tragen kann, und der nach besonderem Verfahren auserwählte wisien- schastlicki begutachtete Stoffe zum Einatmen bis in die tiefsten Luftwege bringt, ohne Kitzelreize zu verursachen oder sonstwie die Schleimhäute an- zugreifen, und zwar auf kaltem Wege, um auch einer neuen Erkältung sicher vorzubeugen. Hkermit find ganz ausgezeichnele Erfolge erzielt worden. worüber sich mehr als 10 999 Patienten, darunter auch zahlreiche Aerzte, in begeistcrlen Briefen aus- sprechen. So schreiben unter vielen anderen: Herr Schmidt in Berlin X. 39. Neue Hoch- straße 43 I: Seit länger als 25 Jahren leide ich an starkem Rachen- und Nasenkatarrh, in den langen Jahren habe ich außer verordneter Medizin alles mögliche an Tee und Tropfen gebraucht, aber ohne Erfolg, habe mehrere Sommer Kurbäder gebraucht, ohne geheilt zu werden, auch die verschiedensten Hausinhalatoren habe ich benutzt, alles umsonst. Was nun alle sogenaimten teuren Kuren in den langen Jahren nicht vermocht haben, haben Sie mir Ihrem kleinen Jnhalier-Apparat in einigen Monaten fast vollständig geheilt. Trotz meiner 79 Jahre fühle ich mich sehr wohl. Der Husten und das Röcheln im Halle hat ausgehört. Auswurf nur selten, schlafe die Nacht durch und fühle mich neu belebt. Ich habe jetzt seit 14 Tagen nicht mehr inhaliert, merke aber bisher keinen Rückgang. Mögen Sie mü Ihrem unvergleichlichen Apparat noch vielen Leidenden helfen, ich werde, Ivo ich kann, Sie bestens empfehlen. Herr Ernst Fischer, Ingenieur, Hennsdorf bei Bertin, Hennigsdorfer Straße 29. Ter im November vergangenen Jahres von Ihnen bezogene Inhalator hat sowohl mir als auch meiner Familie ganz hervorragende Dienste geleistet. Ich litt seit September vergangenen Jahres an einem hart- näckigen Bronchialkatarrh, der allen Heilmitteln trotzte und ich ließ mir deshalb Ihren Inhalator kommen. Schon nach mehrmaligem Gebrauw bekam ich Linderung, der Auswurf erfolgte schmerz- los. der Husten wurde locker. Nach 14:ägigem Gebrauch war der Katarrh gänzlich verschwunden. Seitdem ist der Inhalator das Allheilmittel gegen alle Erkältungskrankheiten in meiner Familie ge- worden. Bei Hais- bezw. Mandelentzündungen wirkt er geradezu Wunder. Letztere sind stets nach nur eintägigem Gebrauch des Inhalators be- seitigt. Das Brennen im Halle hört schon nach einmaligem Gebrauch auf, cllva vorhandener Be- lag verschwindet schnell. Ich werde demzufolge jede Gelegenheit gern benutzen, Ihren Inhalator weiter zu'empfehlen: mehrere befreundete Fainilien haben denselben bereits angeschafft. Aehnliche Anerkelmungsschreiben liegen über 49999 Stück vor. welche durch einen vereidigten Bücherrevisor und polizeilich beglaubigt sind Die Originalbriefe können jederzeit bei uns ein- gesehen werden._ Verlangen Sie den Original-Tancro« Inhalator(Schutzmarke;„Die Kur im Hause"), welcher komplett mit sämtlichem Zubehör und Gc- braud)sauweistmg(sofort gebrauchsfertig), gegen Nachnahme Mark 8.85 franko kostet. Keine weiteren Unkosten, nur ciumalige Anschaffung. An minderbemittelte, vertrauenswürdige Per- Ionen wird der Apparat laut unseren besonderen Bedingungen and) gegen bequeme Ratenzahlung abgegeben. Nähere Auskunft über Tauer öS Inhalator wird von der Firma Carl A. Tancre, Wiesbaden L. 83, gerne kostenlos und ohne Kaufzwang erteilt. Verlangen Sie noch heute gratis belehrende Broschüre. Firma Carl A. Tancre, Wiesbaden 8. 83. Ich wüuiche genaue Auffl irung über Ihr neues Jnhalationsiyüem. Es dürfen mir jedoch keine Kosten hierdurch entstehen. Name u. Stand Wohnort: Genaue Adresse:_ Im offene« sranlieren. Bricsumschiag mit 3 Pfennig Neukölln. Für den Inseratenteil veranffv.: Th. Glocke, Berliu, Druck u. Verlag:Borwärtz Buchdruckerei u, LerlagSan�t�m�mger L- Co, Berlin SW, st. 2i. 3i 3mm. 2jfilüp Ilts JorMrtf DerltUl PoiteHutt �»«1911 Pastor Pfeiffer als Vormund. Jener vor mehreren Monaten im„Vorwärts" geschilderte Kampf um ei» Kind, in dein der bekannte Pastor Wilhelm Pfeiffer und seine Leute vom„KinderrcttungSvcrein" eine Rolle spielten, hatte gestern ein Nachspiel vor dem Landgericht Berlin III(Straf- kämme? 5). Auf die Anklage, das Kind dem Pastor Pfeiffer, seinem Vormund, durch List entzogen zu haben, mutzten der Schneider- meister Paul Geiscndorf und seine Ehefrau Berta Geisendorf sich verantworten. Pastor Pfeiffer hatte nicht nur den Triumph ge- habt, datz in dem Kampf er der Sieger blieb und das Kind aus der Pflege der Eheleute Deisendorf wegnehmen und zu einer Tante nach Amerika geben durfte. Eine aus dem Bureau des „Kinderrettungsvereins" gegen die Pflegeeltern eingereichte Straf- anzeige brachte sie auch noch auf die Anklagebank,'so datz der Frevel, dem Herrn Pastor das Kind nicht sofort ausgeliefert zu haben, nicht ungcsühnt blieb. Das Gericht setzte, das sei hier vorweg festgestellt, keinen Zweifel darin, datz die Angeklagten nur aus edlen Motiven ge- handelt hatten. Frau Geisendorf hatte von einer verstorbenen Freundin, einer Witwe Trogisch, die auf dem Sterbebette ihr die Sorge für ihre als Waisen zurückbleibenden Kinder zur Pslich? gemacht hatte, im Februar 191'2 einen Knaben und ein Mädchen in Pflege genommen. Der Knabe wurde später an eine in Amerika wohnende Tante überlassen, aber das Mädchen Lotte blieb bei den Eheleuten Geisendorf mit Einwilligung der Tante und auch unter Zustimmung der Waiscnvcrwaltung Berlins. Pflegcgeld wollten die Eheleute Geisendorf nicht haben, doch wurde ihnen im Bureau der Waisenverwaltung gesagt, anders wolle man das Mädchen nicht in ihrer Pflege lassen. Frau Geisendorf sparte das Pflegegeld für Lotte, um es ihr später einmal aushändigen zu tonnen. Datz Lotte es gut bei Gcisendorfs hatte, war allen, die das Kind in der Familie sahen, zweifellos— und auch das Ge- richt gelangte zu dieser Ueberzeugung. Vormund war der Pastor Jahnke, aber leider legte dieser sein Amt im Sommer 1913 nieder, und nun trat an seine Stelle— man weiß nicht, aus welchem Grunde und auf wessen Veranlassung— der Pastor Pfeiffer, der Inhaber einer Sammclvormundschast für mehrere tausend Kinder. Die Pflegeeltern erhielten die erste Kenntnis hiervon nicht etwa durch eine Zuschrift des Vormundschaftsgerichts oder gar durch einen persönlichen Besuch des Pastors Pfeiffer als des neuen Vormundes, sondern durch eine Helferin des„Kinderrettungs- Vereins", die ihnen nach Mecklenburg in die Sommerfrische nach- reiste und dort ohne weiteres im Namen des Pastors Pfeiffer— die Herausgabe des Kindes forderte. Vorangegangen war der Versuch, die Pflegeeltern in Berlin in ihrer Wohnung durch die Helferin aufsuchen zu lassen, wo diese niemand antraf. Auch ein dann nach dieser Wohnung gesandter Brief Pfeiffers, der die Ilebernahme der Vormundschaft meldete, gelangte nicht sogleich in die Hände der Pflegeeltern, weil die Nachsendung verabsäumt wurde. Pastor Pfeiffer hatte nicht Lust, lange zu warten, denn ihm war es darum zu tun, das Kind nun doch den Eheleuten Geisendorf wegzunehmen und zu der Tante nach Amerika zu geben. Am 17. Juni wurde er Vormund, am 29. Juni schrieb er jenen Brief— und schon am 2ö. Julf erschien seine.Helferin Frau Mann in der Sommerfrische. Sie hatte— was dort grosses Auf- sehen erregte— sogleich Polizei mitgebracht, obwohl sie noch gar nicht wissen konnte, wie die Pflegeeltern sich verhalten würden. Diese wiesen die sehr energisch auftretende Helferin ab, weil nach der ihnen von der Waisenverwaltung gegebenen Anweisung die „eigenmächtige Ucbergabe an andere Pfleger" verboten sei. In Berlin, wohin sie jetzt schleunigst mit dem Kinde zurückkehrten, wurde ihnen im Bureau der Waisenvcrwaltung dasselbe bestätigt. Pastor Pfeiffer erwirkte einen neuen Beschlutz- des Amtsgerichts, datz ihm das Kind herauszugeben sei. Geisendorf erhob Beschwerde beim Landgericht, aber noch ehe dieses zu einer vorläufigen In- bivierung des Amtsgerichtsbeschlusses gelangte, rückte schon wieder Frau Mann mit Polizei und einem Gerichtsvollzieher an, uin Lotte abzuholen. Hierbei sollen nun die Eheleute Geisendorf über den Aufenthalt des Kindes, das um diese Zeit nicht in der Wohnung war, unwahre Angaben gemacht haben, um es deni Pastor Pfeiffer zu entziehen. Nachdem dann das Landgericht die Ausführung des Amtsgerichtsbeschluffes bis auf weiteres inhibiert hatte, wurde dessenungeachtet der Versuch, das Kind durch einen Gerichts- Vollzieher abholen zu lassen, wiederholt. Selbstverständlich durfte jetzt den Pflegeeltern das Kind nicht abgenommen werden, weil die Entscheidung noch ausstand. Erst als diese dahin ergangen war, datz die Tante berechtigte Ansprüche an das Kind habe und der Vormund diese erfüllen dürfe, gaben die Eheleute Geisendorf das Kind ohne Widerstand an die Frau Mann, die wieder mit Gerichts- Vollzieher und grossem Polizeiaufgebot erschien. Postor Pfeiffer überlietz Lotte der Tante in Amerika, weil sie dorthin gehöre und auch das Klima ihr zuträglicher sei, gegen Geisendorfs aber nahm das Verfahren wegen Kindesentzichung seinen Fortgang. In der Verhandlung vor dem Landgericht beantragte der Verteidiger, zu vertagen, um den nicht erschienenen Assessor Baier aus der Berliner Waisenverwaltung zu laden. Dieser werde bekunden, datz die Angeklagten sich nach den ausdrücklichen Borschriften der Waisenverwaltung gerichtet hatten. Das Gericht lehnte diesen Beweisantrag ab, weil das als wahr zw unterstellen sei. Die Zlnklage stützte sich hauptsächlich auf die Aussage der Frau Mann und des gleichfalls im Dienste des Pfeifferschen „Kinderrettungsvereins" stehenden Assessors Pierau. Er hatte der Frau Mann bei ihrem noch vor Jnhibierung'dcs Amtsgerichts- bcschlusses gemachten Besuch in der Geisendorfsch�n Wohnung assistiert, und ihm sollen Geisendorfs die irreführende Auskunft gegeben haben, datz das Kind zu einem Onkel gegangen sei. Tat- sächlich war es dem Onkel, den Geisendorfs erwarteten, bis zur benachbarten Stratzenbahnhaltestelle entgegengegangen. Dieser bc- kündete als Zeuge, das Kind sei ihm um den Hals gefallen mit dem Ruf, lieber wolle es ins Wasser gehen als die Pflegeeltern verlassen. Gegen Frau Geisendorf brachte Assessor Pierau vor, sie habe erklärt, datz sie das Kind lieber in Stücke reißen als es herausgeben wolle. Die Acutzerung, die übrigens von Frau G. in dieser Form bestritten wurde, sollte beweisen, wie heftig ihr Widerstand gewesen sei. Ter Herr Assessor brachte seine Bc- kundigungen überhaupt in einem Tone vor. wie wem, ihm das Verhalten dieser Frau als schweres Verbrechen gelte. Selbst der Staatsanwalt sah die Sache milder an. Er hob hervor, datz der Widerstand nicht aus Eigennutz, sondern aus Neigung zu dem Kinde zu erklären sei. Schlietzlich beantragte er aber doch je 2 Tage Gefängnis gegen beide Angeklagte. Wenn die Angeklagten, führte hierzu der Verteidiger, Rechtsanwalt Karl f Liebknecht aus, bestraft werden sollen, so würden sie bestraft für ein anständiges und ehrenwertes Verhalten, das den vornehmsten Beweggründen entsprungen ist und sich stützte auf die Ratschläge von Personen, nach deren Ansicht sie sich wohl richten durften. Geisendorfs seien in diesem Kamps um das Kind, den der Pastor Pfeiffer in grosser Eile sofort gegen sie eröffnet habe, geradezu überfallen worden, wobei man nicht einmal die Entscheidung des Gerichts über die Frage der Wegnahme des Kindes abgewartet habe. Ten Angeklagten sei der gute Glaube zuzubilligen, kurtz sie im Recht waren und das Kind einstweilen nickt herauszugeben brauchten. Darum sei Freisprechung geboren. Das Gericht kam zu einer Verurteilung, weil die Äbsicht, durch eine unwahre Angabe das Kind dem Vormund zu entziehen, erwiesen sei. Der Irrtum, sich der sofortigen Ausführung des Amtsgerichtsbeschlusses widersetzen zu dürfen, schütze nicht vor Strafe. Es könne aber eine Geldstrafe von je 19 M. genügei», weil die Angeklagten gewiss nicht ans schichten Motiven, sondern nur aus Liebe zu dem Kinde handelten. Pastor Pfeiffer ist also auch in dem Strafverfahren der Sieger geblieben. Frau Geisendorf, die schon während der Verhandlung bei der Erwähnung des Kindes immer wieder in Tränen ans- brach, war von dem Urteil tief erschüttert. Wir sind aber der Meinung, datz sie und ihr Gatte erhobenen Hauptes die Anklage- dank verlassen durften._ Parteiangelegenheiten. Vierter Kreis. Am Freitag, den 23. Januar, abends 9 Uhr, findet bei Boeker, Webersir. 17, der zweite Vortrag des Kursus über: „Einführung in die Gedankengänge des wissenschaftlichen Sozialis- inus" statt. Zunächst wird Genosse Däumig eine übersichtliche zu- sammenfassende Darstellung geben vom ersten Vortrag, und können infolgedessen noch Mitglieder am Kursus teilnehmen. Teilnehmer- karten a 30 Pf. sind noch am Eingange des haben. Ferner fiirdet am Freitag, den 23. Januar, abends 8Va Uhr, in der Brauerei Friedrichshain, eine Versammlung der 42. Abteilung statt. Tagesordnung: Vortrag des Reichstagsabgeordneten Genossen Büchner über: Das neue Kranlenkassengesetz. 2. Neuwahl der Ab- teilungsführer. Wilmersdorf. Am Freitag, den 23. Januar, abends Uhr, im grossen Saale des„G e s e l l s ch a f t S h a u s", WilhelmSaue 112: Oeffentliche Versammlung. Reichstagsabgeordneter Paul Göhre spricht über das Thema„Kirchenaustrittsbewegung und Sozialdemokratie". Freie Aussprache. Männer und Fratien jeder Parteirichtung sind willkommen. Spandau. Eine Besichtigung des neuen Rathauses durch die Genossen der ersten Abteilung, an der aber auch Genossen aus anderen Abteilungen teilnehmen können, findet am kommenden Sonntag statt. Treffpunkt vor dem neuen Rathanse vormittags pünktlich 10 Va Uhr._ Serliner Nachrichten. Die juristische Sprechstunde findet von heute Donnerstag, den SÄ. Januar, ab wieder von 1I25 Nhr bis Uhr statt. Sonnabends Sprechstunde von V-*» bis« Nhr. Warnungsplakatc auf der Hochbahn sollen die Fahrgäste ans die Gefahren deS Schnellverkehrs aufmerksam machen und zur Vorsicht beim Einsteigen und Aussteigen mahnen. Beratungen, die im Polizeipräsidium stattgefunden, haben zu dem Ergebnis geführt, daß es im Schnellbetriebe wirksame Maßnahmen zur Vermeidung von Unglücksfällen, wie sie vorgekommen sind, nicht gebe. Das Publikum müsse selber Vorsicht üben. Kunsteisbahnen. Die Schlittschuhläufer haben bei dem anhaltenden Frostwetter gute Tage. Ausser den natürlichen Eisbahnen auf Flüssen, Seen und Teichen sind auf vielen Plätzen Kunsteisbahnen geschaffen. Für viele Kinder wird durch die Kunsteisbahnen erst die Möglichkeit ge- geben, Schlittschuhlaufen zu können. Viele Eltern erlauben ihren Kindern nicht, die Natureisbahnen zu benutzen, weil sie befürchten, die Kinder könnten an unsicheren Stellen einbrechen. Oftmals sind auch die höheren Kosten für Bahnfahrten die Ursache, datz Kinder zu ihnen nicht gelangen können. Für die Kinder der Minderbemittelten ist daS geringste Eintrittsgeld schon hinreichend, sie vom Eislaufen auszuschließen. Um solchen Kindern die Bewegung im Freien bei Ftostwetter zu ermöglichen und ihnen die Freude zu bieten, die auf dem Lande jedem Kinde von der Natur unentgeltlich geboten wird, hat die Park- deputation, wie schon in den Vorjahren, wieder auf der Weberwiese, im Friedrichshain und ans dem„Spielplatz an der einsamen Pappel" (Hochbahnhof Danziger Strasse), grössere, und im Humboldthain und Kleistpark kleinere Eisbahnen geschaffen, für die bisher 60000 Frei- karten an Schulkinder der Gemeindeichnlen verteilr sind, oder deren Benutzung ohne Eintrittskarten erlaubt ist. Für ein geringes Eni- gell können auch Kinder, die keine Freikarten haben, die grösseren Eisbahnen benutzen und selbst Erwachsene, die an dem Treiben der vielen fröhlichen Kinder Gefallen finden, oder mit ihnen gemeinsam laufen wollen, können gegen Bezahlung den Platz benutzen. Freiwillige Schulschwestern. Die städtische Schuldeputation hat in ihrer gestrigen Sitzung u. a. beschlossen, in zwei Schulbezirken einen Versuch mit freiwilligen Schulschwestern zu inachen. Die Schwestern sind der Schuldeputation von dem Berliner Verein für häus- liche Gesundheitspflege zur Verfügung gestellt worden. Drei Wochen tot in der Wohnung gelegen hat die 73 Jahre alte Witwe Emilie Lehmann geb. Schulze aus der Grossbeerenstr. 21. Die Greisin bewohnte seit einem Jahre für sich allein zwei kleine Räume im Keller des Ouergebäudes. Sie küm- inerte sich um die Hausgenossen ebenso wenig wie diese sich um die neue Mitbewohnerin. Man wussle nur, dass sie Altersrente und Armenunterstützung bezog. In den letzten Tagen war wiederholt der Geldbriefträger im Hause, um der alten Witwe die Rente zu bringen. Er erhielt niemals Antwort auf sein Klopfen. Als ihm das gestern endlich verdächtig vorkam, wandte er sich an den Haus- Verwalter und nun ergab sich, dass man die Greisin schon seit dem 30. Dezember v. J. nicht mehr gesehen hatte. Der Verwalter, der jetzt nachsah, fand die Wobnungslür nicht verschlossen und die Mieterin in ihrer Küche tot ans dem Fussboden liegen. Nach dem Guiachten des Arztes, der die Leiche besichtigte, muss die Frau schon lange tot sein. Wahrscheinlich ist sie schon am 30. Dezember einem Herzschlage erlegen._ Das Bureau des BerficherungsamtS, Abteilung für Invaliden- und Hinierbliebenenverstcherung wird am Freitag und Sonnabend, den 30. und 31. Januar d. Js.. von Am Köllnischen Park 3 nach Klosterstr. 66/67— Waisen« st r a tz e 28 verlegt. An diesen beiden Tagen kann nur in den dringendsten Fällen ein Geschäftsverkehr mit dem Publikuin erfolgen. Die A u s g a b e st e I l e für Q u i t t u n g S k a r t e n und der A n g e st e l l t c n v e r s i ch e r u n g befindet sich vom Freitag. den 30. Januar d. Js., ab im Hause W ai senstr. 28—(Kilo st er- st r a ss e 65/67), IL Stockwerk. Ein unbekannter Man» wurde dieser Tage besinnungslos iit eine Klinik in der Bülowstrasse eingeliefert; gestern ist er dort ge- storben. Man fand bei ihm Korrespondenzen auf den Namen Wilhetm Klabbagg aus Hannover. Ob der Verstorbene dieser Mann ist, ist noch nicht festgestellt._ Für 8000 M. Zigaretten erbeutet. lieber 200 000 Zigaretten, die zusammen etwa 8000 M. wert sind, erbeuteten Einbrecher in der Nacht zu Mittwoch auf dem Grund- stück Auguststr. 6 a. Dort hat die Türkische Zigarettenfabrik ASkah die Räume des ersten Stockwerkes inne. Die doppelte Flurtür, die zu ihnen führt, war durch eine schwere Eisenstange mit einem starken Vorlegeschloss gesichert. Sie wurde ordnungsmässig verschlossen, als Dienstagabend um CO/., Uhr die letzten Angestellten die Fabrik verließen. Gestern früh um 6 Uhr entdeckten Hausbewohner, dass das Vorlegeschloß mit Gewalt abgerissen oder abgestemmt und dass die Doppeltür erbrochen war. Der Geschäftsinhaber, der in der Oranienburger Strasse wohnt, wurde sofort bc« nachrichtigt und er stellte fest, dass die Einbrecher über 200 000 Zigaretten seiner Spezialmarke Aslah weggeschleppt hatten. 100 000, die als frische Sendung erst am Dienstag ein- gegangen waren und ebensoviele andere, die schon seit längerer Zeit lagerten. Die Einbrecher müssen unbedingt ein Fuhrwerk benutzt haben, um die grosse Masse wegzuschaffen. Im Hause aber hat niemand von ihnen etwas gehört oder gesehen. Auf Zigarren und Zigaretten hatten es Einbrecher in der der- gangenen Nacht auch in der AndreaSstr. 36 abgesehen. Hier drangen sie vom Hofe aus durch ein Fenster, dessen Scheiben sie eindrückten, in den Laden von Kroschnik ein und stahlen für mehrere hundert Marl Waren. Zu deu bevorsteheuden Kaufmaunsgerichtswahlen nimmt der Zentralverband der Haiidtungsgehilfen Stellung in einer heute Donnerstag, den LZ. Januar, abends S1/', Uhr, in Kellers„Neuer Philharmonie", Köpenicker Straße 90/97, stattfindenden öffentlichen Versammlung. Es referieren Reichstags- abgeordneter Buck-Dresden uild Genosse Bublitz-Berlin über das Thema:„Wo steht der Feind?" Es ist Pflicht der Handlungsgehilfen, diese Versammlung zu besuchen. Aufgeklärt ist der grosse Gold- und Juwelcnd'.ebstahl, der vor zwei Wochen in der Schönhauser Allee verübt wurde und wobei den Einbrechern Werte in Höhe von 60 000 M. in die Hände fielen. Die Täter sind ermiiielt und verhastet, darunter drei, die in ihre Heimat Gleiwitz gefahren waren. Im Luiscn-Thcatcr gelangt am Sonnabendnachmittag 4 Uhr zu ganz kleinen Preisen„Prinz Heldenmut", Märchenspiel mit Gesang und Tanz in 8 Bildern von Wilhelm Ernst Asbeck, Musik von Lena Stein-Schneider, zur Erstaufführung. Der Männerchor„Fichte- Gcorginia 1879", M. d. A.- S.- B., (Chorm.: Th, Gervais) gibt am Sonntag, den 26. Januar, in der Singakademie sein zweites Winterkonzert. Mitwirkende sind: kg!. Hofopernsängerin Maria Ekeblad; Eellist Herr A. Liebermann u«d Organist Herr A. Haensgen. Verloren. Auf dem Wege von der Melchiorstrasse bis Lange- strasse(Ecke Markiisstrasse) ist eine braune Brieftasche mit emsri Abrechnungsbuch, Verbandsmarken und einem Verbandsbnch Nr. 7093 verloren worden. Abzugeben im Verbandsbnreau, Melchior- strasse 28, parterre. vorortnachrichte«. die Arbeitslosenunterstützung in Neukölln. Wie unvollkommen und gänzlich unzureichend die Mittel waren, die zur Bekämpfung bezw. Milderung der Folgen der Arbeitslosigkeit von der Gemeinde zur Verfügung gestellt worden sind, zeigte die nunmehr abgeschlossene Tätigkeit der von der Stadtverordnetenversammlung eingesetzten Kommission. Nach einem Beschluß der �Stadtverordnetenversammlung wurde der Kommission ciu Betrag von 10tH0 M.(zehntausend) zur Verteilung au die Arbeitslosen überwiesen. In Betracht kamen nilr solche Arbeitslose, die mindestens 1 Jahr am Ort wohnen und mindestens 8 Wochen arbeitslos sind. Diese letztere Bestimmung lvurde durch die Subkonmnssion dahin gemildert, daß die achtwöchige Arbeitslosigkeit leine ununterbrochene zu sein braucht, sondern daß innerhalb einer insgesamt 8 Wochen betragenden Arbeitslosigkeit 14 Tage gearbeitet sein darf. Die Verteilung des zur Verfügung stehenden Betrages wurde in drei Abteilungen vorgenommen. Von der Unter st ützung ausgeschlossen wurden: Junggesellen unter L4 Jahren, welche keine unterstützungs- bedürftigen Angehörigen haben; Personen, ivelche eine Unfall-, Invaliden-, Altersrente, Krankengeld oder Gewerkschasts- ilnterstützung beziehen und nicht niehr als einen unterstützungs- bedürfttgen Angehörigen habe»; Personen, die Armenunterstützung beziehen. Unterstützung sollen erhalten: Junggesellen über 24 Jahre; Personen/ die eine Rente, Kranken- oder Gewerkschaftslinterstützung erhalten und mindestens zwei unterstützungsbedürftige Angehörige haben. Die Unterstützung wurde inl allgemeinen ist Naturalien� gewährt, und nur Personen ohne eigenen Haushalt(Junggesellen, kinderlose Witwer usiv.) erhielten die Unterstützung in bar. An Naturalien wurden geliefert an Verheiratete bis 2 Kinder 200 Kohlen, 2 Brote a 50 Pf., 40 Pfd. Kartoffeln, 2 Liter Milch, Fleisch im Werte von 1 M., 2 Pfd. Mehl, insgesamt in bar 5,00 M. Verheiratete mit 0—6 Kindern erhielten noch: 1 Brot, 20 Pfd. Kartoffeln und event. 1 Liter Milch. Der Gesamtbetrag machte bis zu 6 M. aus. Verheiratete bis zu 7 Kindern sollten 1 Brot mehr und event. noch 1 Liter Milch erhalten, so daß die Gesamtsumme bis zu 7 M. betragen sollte. Personen ohne eigenen Haushalt erhielten 4 M. in bar. Der Durchschnittssatz, den jeder Unterstützung nachsuchende Arbeits- lose erhalten hat. betrug einschließlich derjenigen, die mehr als einmalig unterstützt worden sind, 6—7 M. Jnsgesantt wurden unterstützt etwa 1800—1900 Arbeitslose. Allgemein ist beobachtet worden, daß die Zahl der Unter- stützung nachsuchenden Arbeitslosen geringer war, als ursprünglich angenonimen und erwartet wurde. Wenn hieraus geschlossen wird, daß die Zahl der Arbeitslosen geringer ist, wie die Be- rechnungen ergeben, so halten wir diese Schlußfolgerung fiir falsch und durch nichts gerechtfertigt. Vielmehr muß der Ge danke naheliegen, daß um dieses geringen Gesamtbetrages wegen viele Arbeitslosen, die noch nicht unbedingt auf diese Summe angewiesen waren, ben vermeintlichen Bittgang nicht machten. Jedenfalls muß auch bei dieser Gelegenheit betont werden, daß das einzige und nicht demütigende Mittel zur Bekämpfung der Folgen der Arbeitslosigkeit die Arbeitslosenversicherung ist. Hierfür fehlt leider in den Gemeinden Groß-Berlins das notwendige soziale' Verständnis und aüch der gute Wille. Hegen ük Hetze üer Koalttionsrechtsfeinöe. In einer Anzahl glänzend besuchter Versammlungen in den Berliner Vororten nahin die Arbeiterschaft Stellung gegen die freche Herausforderung der Scharfmacher-- und Junkercligue. Aus dem Verlauf der Versammlungen geht deutlich hervor, daß die Arbeiter- schäft jedem Versuch, ihr heiligstes stecht zu verkümmern, niit aller Schärfe entgegenzutreten gewillt ist. In Charlotteuburg nahm�eine überaus stark besuchte Protest- Versammlung im Volkshause Stellung gegen„Tie Hetze der Scharf- machcr wider das Koalilionsrecht". Der Referent Sieichstagsabg. Genosse David söhn zeigte zunächst, daß die Angriffe der Unter- nehmer auf dasKoalitionsrecht nie aufgehörthaben. Auf das Sozialisten- geietz folgte die Zuchthausvorlage. Die Niederlage von 1899 haben die Scharsmacher noch bis heute nicht verwunden. Ununterbrochen ver- suchen sie auf den verschiedensten Wegen die winzigen Reckte der Arbeiterschaft zu verkümmern. Und dabei sind die heutigen Bestim- Münzen über das Lloalitionsrecht schon Ausnahme bestimmungen gegen, die Arbeiter. Großen Massen der Arbeiterschaft wird das Kyalitionsrecht vorenthalten..Rechtsgrundsätze, die auf allen anderen Gebieten Geltung haben, werden streikenden Arbeitern gegenüber nicht in Anwendung gebracht. Die Scharfmacher und die Junker verstehen aber ihre Zeit. Um dem Kampfe für die Gewährung des Koalitionsrechts an alle Arbeiter und um anderen Arbeiter- fordetungen aus dem Wege zu gehen, gehen sie zum An- griff auf die winzigen Arbeiterrechte über. Die Antwort der Arbeiter auf diese Angriffe muß ein verstärkter Kampf für den Ausbau des Koalition'srechts sein. Die anderthalbslündigen Ausführungen des Referenten wurden mit lebhaftem Beifall auf- genommen.' In der Diskussion wies Genosse Ohlhof noch be- fonders auf die Hallung der Nationalliberalen hin. zu denen sich im Reichstag ja auch ein Führer einer bürgerlichen Handlungsgehilfen- organisalion rechne. Wenn dieser Führer keine Konseguenzen aus dein Verhalten seiner Fraktionskollegen gezogen hätte, so sollten die Privatangestellten selbst es tun und sich an die Seife der kämpfenden Arbeiterschaft stellen. Die bekannte Resolution wurde einstimmig angenommen. .. Friedenau. In der> ö f f e n t l i ch e n Versa m m l u n g, die am letzten Dienstag stattfand, entrollte Genosse Haenisch ein packendes Bild der stürmischen Angriffe der. Junker und. der Bour- geoisie auf die Grundrechte der Arbeiter. Der Fall Zabern, die Angriffe gegen das Koalitionsrecht und gegen die Sozialpolitik, die Sammlung der. preußischen Junker im Preußenbund, das feige Verhalten der liberalen. Parteien im Preußischen Landtage und im Reichstage, alle diese Zeichen deuten aus Sturm. Besonders. ging er auf die Debatten im preußischen Abgeordnetenhaus ein und kennzeichnete das Verhalten der Konservativen und der National- liberalen. Das Proletariat sei einzig auf. seine eigene Kraft angewiesen. Aus den Debatten des preußischen Landtags habe er die Ueberzeugung. gewonnen, daß auf dem nur parlamentarischen Wege nicht vorwärts zu kommen fei. Die Wurzeln der Kraft des Proletariats sei seine Zahl und feine Unentbchrlichkeit im Produk- twnspMeß.- MS gelte,- so klang seine- Rede' aus,-die Köpfe und Herzen der Arbeiter unermüdkich darauf vorzubereften, sich dieses ihres stärksten Machtmittels bewußt zu»verde m Bereit sein sei alles! , Ein früherer Offizier, namens Schulz, hielt eine Rede ä la Zabern. die durch dessen zutage, geförderte Geschichtsunkelmtnis die stürmische Heiterkeit der Versammlung erregte. Der tapfere Herr wartete eine Entgegnung nicht ab,' sondern trat sofort den Rückzug, oii, " Genosse Bloch widerlegte seine Weisheiten Es sprachen noch mehrere Arbeiter, die meinten, daß das Proletariat durch bloße Versammlungen nicht vorwärts komme. Heute hungerten durch die Arbeitslosigkeit 80 000 Arbeiter, es wäre besser, sie hungerten im Kampf um ihre eigenen Rechte. Der Referent und alle sozialistischen Diskussionsredner fanden starken Beifall. Hierauf wurde eine Resolution einstimmig angenommen, in der zum Ausdruck kommt, daß durch die Heldentat von Zabern die Garantie der Verfassung sich als ein bloßer Wisch Papier offen- bart hätte. Tie kämpfende Arbeiterklasse dürfe nicht untätig warten, bis ihr durch die vereinte.Reaktion das. Fundament ihres politischen und gewerkschaftlichen Kampfes unter den Füßen weg- gespült werde. Die.Versammlung erwartet, daß die sozialdemokratische Partei Und insbesondere die sozialdemokratischen Fraktionen des Reichs- telges und des preußischen Landtags die kräftige und kühne Führung der arbeitenden Bevölkerung in ihrem Kampf gegen die Macht- skellunp der vereinten Gegner übernehmen. In einem Nachsatz wird die Vereidigung des Heeres auf die Ver- fass.uü'g gefordert, wofür eine großzügige Propaganda zu ent- falten sei/ In Ober- Schönewcidc sprach vor einer gutbesuchten Volks- Versammlung Genösse Eugen Brückner-Berlin über das Thema: „Freies Koalitionsrecht und die Hetze der Scharfmacher". Der Redner �ab ein Bild von den immerwährenden Versuchen der Reaktionare und Scharfmacher, das Koalitionsrecht zu erdrosseln. Dem TerrorismuSgeschrei der Scharfmacher stellte er an der Hand von Beispielen den wirklichen Terrorismus der Unternehmerorgani- sationen, Kartelle, Truste gegenüber. Hier schreite kein Staatsanwalt ein. Dagegen werde Arbeitern gegenüber mit der ganzen Strenge der Klassenjustiz verfahren. Die organisierten Arbeiter müßten den Kampf gegen die gesamten Scharfmacher aufnehmen, indem sie mehr wie bisher die Köpfe revolutionieren und für den verstärkten Ausbau der politischen und gewerkschaftlichen Organisationen Sorge tragen. In der Diskusston weist Genosse Oerter darauf hin,� daß wir nicht mit einer Resolution sondern mit einer Tat den Versuch der Beseitigung deS Koalitionsrechts beantworten sollten und zwar empfehle er die Vorbereitung und auch Anwendung des Generalstreiks. Genosse Ramsbrock er- innerte daran, daß die Gelegenheit zu einer Tat vorhanden sei Ende Februar, in der roten Woche, durch Gewinnung neuer Mit- glieder für die politische Organisation und für die Arbeiterpresse. Ii: seinem Schlußwort bemerkte Brückner, daß die Resolution ja davon spricht, daß die Arbeiter mit allen Mitteln, und darunter ist auch der Generalstreik, den Raub des KoalitionSrechtS verhindern werden: Die bekannte Resolution wurde mit dem Zusatz„Stärkung der Organisationen und Vorbereitung des Generalstreiks" angenommen. Mit einem begeisternden. Hoch auf.die Arbeiterbewegung fand die Versamnilung ihr Ende. Bezirk Rüdersdorf. In einer in Tasdorf bei Hoffmaim, Bogels- dorfer Str. 1. tagenden, gutbesuchten öffentlichen Versammlung referierte Genosse Clajus-Berlin über: Das Attentat der Scharfmacher auf das Koalitionsrecht der Arbeiter. Die Ausführungen des Redners wurden von den Versammelten mit großem Juteresse verfolgt. Der Borfitzende ermahnte die Versammelten am Schluß zur Agitation für die Organisationen und die sozialdemokratische Presse, durch die allein »ine Entrechtung der Arbeiterklasse vermieden werden könne. Ricder-Schöneweide.„Das Koalitionsiecht der Arbeiter in Gefahr", dieses Thema behandelte in einer Bolksversammlung im großen Saale deS Restaurants„Loreley" Genosse Wermutb. Die Versammelten folgten den Darlegungen des Redners mit großem Interesse. Seine Aufforderung, in eine umfaffende Agitation einzutreten, um im gegebenen Moment den Schlag der Scharfmacher durch eine tief- ? reifende Bewegung parieren zu können, wurde von den Ver- ammelten mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Am Schluß richtete noch der Vorsitzende Genosse V o ß an die Anwesenden die Mahnung, � viel intensiver als es bisher geschehen, die Indifferenten für die Organisationen der Arbeilerklasse zu interessieren. Herzfeldc.„Freies Koalitionsrecht und die Hetze der Scharfmacher" lautere das Thema, über das Gcwerkschaflssekreiär Hänlein m einer Versammlung referierte. Die Versammlung folgte den mit reichem Tatiackenmalerial gemachten Ausführungen des Redners mit. großem. Interesse und nahm eine in demselben Sinne gehaliene Reioluiion einstimmig an. Am Eingang der Versammlung hatte der Vor- sitzende Genosse W i s l a n g auf die große Arbeitslosigkeit am Ort verwiesen und belont, daß für die Arbeiterschaft alle Veranlassung bestände, der Frage des Koalmonsreckts ein erhöhtes Interesse ent- gegen zu bringen. Des weiteren machte er ans die Arbeiierfelnd- lihkeit der bürgerlichen Gememdevertreter aufmerksam, die diejc bei Berolung des Anirages betreffs Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeilslosigkeit gezeigr. Diese Haltung sei um so empörender, als am Ort etwa hundert Arbeitslote vorhanden wären.. Dabendorf. In einer auch von Frauen stark besuchten Ler- sammlung rief Genosse Karl Jahn- Berlin in zündender Rede zum Kampf gegen die Verschlechterer der Arbeftergrundrechle auf. Charlottenburg. Der Stadthaushaltsctat der Stadt Charlottenburg für das Rechnungsjahr 1914 wird der Stadtverordnetenversammlung dem- nächst zugehen. Der Hauptetat schließt im Ordinariüm mit 39,6- Millionen Mark und im Exlraordinariunr mit 8,2 Millionen Mark ab. Der Gesamterat balanciert in Ein- nähme und Ausgabe mit 83,1 Millionen Mark. Als Zuschlag zur Staatseinkommeniteuer sind 110Prozent Geineindeeinkommen- steuer vorgesehen. Der Dispositionsfonds für Nachbcwilligungen und nicht vorhergesehene Fälle ist aus 300 000 Mark angesetzt.' Die Allgemeine OrtSkrankenkassc für den Stadtkreis Charlotten- bürg hat in der Cauerstraße 9 seil 8 Tagen eine ärztliche Be- r a t u n g s st e l l e für die Frauen und Kinder der versicherten Mit- glieder eröffnet. Daselbst finden folgende Sprechstunden statt: 1. Allgemeine Sprechstunden wochentäglich von 10—12 und ö— 8 Uhr. 2. Für Hals-, Nasen- und Ohrenleiden morgens von 8—9 Uhr. 3. Für Augenkrankheiten von 10— II Uhr. 4. Für Frauenkrankheiten von 12—1 Uhr. ö. Für Kinderkrankheiten von 1l!ß-—1/ß Uhr. Die ärztliche Beratung erfolgt nur auf Grund eines Ausweises über die Kassenmitgliedschaft. Schöneberg-j?riedenau. KaufmannsgcrichtSwahl. Der Zentralverband der Handlungs- gehilfen veranstaltet am beutigen Donnerstag, abends 8% Uhr. im GesellschaflshauS des Westens, Hauptstraße 131 sau der Eisenacher Straße), eine große öffentliche Versammlung, in der Reichstags- abgeordneter Wolfgang Heine über:„Der Kamps ums Koalilions- recht" und Fritz Schmidt über:„Auf zu den Kaufmannsgerichts- wählen" sprechen. Die Versammlung soll Protest gegen die Versuche der Be- schränkung des Koalitionsrcchts erheben und zu gleicher Zeit den Wahlkampf um das Kausmaunsgericht einleiten. Die Handlungs- gehilfen Schönebergs werden ersucht, in dieser wichttgen Versamm- lung zu erscheinen. Lichtenberg. Tie Errichtung einer Landkraukenkaffc neben der bestehenden Allgemeinen Ortskrankenkasse streben bestimmte Kreise unseres Ortes an. Unter dem Vorwande, daß sich„Dienstboten, Auftvarke- frauen, landwirtschaftlich und hausgowerblich beschäftigte Per- sonen im' allgemeinen eines besseren Gesundheitszustandes er- freuen, auch eine gesündere Beschäftigung haben, als die gewcrb- lichen Arbeiterinnen", sucht man die Scheu, Beiträge zu zahlen, zu verbergen. Der Hinweis auf den Unterschied in der Beitrags- höhe zwischen der Ortskrankenkasse Lichtenberg und der Land- krankenkasse Friedenau läßt deutlich genug erkennen, wohin der Weg geht und wer die Interessenten sind. Versicherte sind es sicher nicht, denn bisse halben kein Interesse an niedrigen Beiträgen, son- dern an auskömmlichen Kasseuleistungeu. Dämik hapert eS jedoch bei den Landkrankenkassen gewaltig, weil hier der viel niedrigere Ortslohn und nicht der wirklich derbiente Lohn bei Berechnung der Beiträge wie auch der Kassenleistungeu zugrunde gelegt wird. Eben- so ist die Mindestdauer des Wochengeldbezuges auf nur 4 Wochen bemessen. Die Versicherten, die hier in Betracht kommen, land- wirtschaftlich Beschäftigte, Dienstboten, im Wandergewerbe Be- schäftigte, Hausgewerbetreibende und ihre hausgewerblich Beschäf- tigten, haben also alle Ursache, den gekennzeichneten Bestrebungen mit aller Entschiedenheit entgegenziiasbeiten. Dafür liegt noch ein weiterer triftiger Grund vor. Die Versicherten der Landkranken- lassen sind so gut wie ohne jeden Einfluß aus die Verwaltung. Dies«, Vorstand sowohl wie Ausschuh, wird von der Vertretung des Gemeindeverbandes ernannt. Zieht man ferner in Betracht, daß in einem Ort wie dem unseren die Mitaliederzahl einer besonderen Landkrankenkasse nur eine kleine sein kann, dann kann man leicht ermessen, daß mit den anfangs recht niedrig gehaltenen Beiträgen nicht lange auszukommen fein wird. Schöneberg. Ein von der Agitationskommission für das Genossenschaftswesen veranstalteter Lichtbildervortrag findet heute abend 8'/, Uhr in der Sckloßbrauerei, Schöneberg, Hauplstraße 121 ifatt._ Genosse MiruS spricht über„die Genossenschaftsbewegung in Deutschland und Eng- land". Die Arbeiterschaft wird ersucht, den Vortragsabend zahlreich zu besuchen. Trevtow-Baumschuleuweg. Die ArbeitStosenuntcrstünung verlängert. Genau einen Monat nach der ersten Beschlußfassung hatte sich die Gemeindevertretung zum zweiten Male mit der Bereitstellung von Mitteln für die Ar- beitslosensürsorge zu befassen. Der damalige Beschluß sah eine Unterstützung der einzelnen Betroffenen bis zur Höchstdauer von sechs Wochen vor, der ausgesetzte Betrag von 2000 M. hat aber bei der großen Anzahl Bedürftiger nur drei Wochen gereicht. Die Kom- Mission schlug nun vor, nochmals 1000M.zur Versügungzu stellen. Unsere Genossen beantragten, den Betrag auf mindestens 1S00 M. zu erhöhen, um wenigstens die angenommenen 6 Unterftützungswochen annähernd zu erreichen. Der Gemeindevertreter Klapp, der in diesem Kreise zu den entschiedensten Gegnern jeder sozialen Fürsorge gehört,»rußte zwar anerkennen, daß der angesetzte Betrag der herrschenden großen Not gegenüber unzureichend sei und schnell alle sein werde, doch er kam zu dem entgegengesetzten Schluß wie unsere Vertreter: Die Arbeitslosen sollen den Schmachtriemen eben etwas mehr anziehen. und so beantragte er denn Herabsetzung der Wochensätze. Statt bis- her 10 M. und 1,50 M. pro Kind, wurden diese für die weitere Unterstützung auf 6 M. für Verheiratete mit bis zu zwei Liindern und 1 M. mehr für jedes weitere Kind festgesetzt. Ledige sollen Beihilfen überhaupt nicht mehr erhalten, soweit sie nicht Ernährer von Angehörigen find. Da durch diese Streichung der Betrag nun bedeutend länger reichen wird, können auch noch Neuanmeldungen von Unterstützungsgesuchen berücksichtigt werden. Diese find auf dem Rathause, Zimmer 43, anzubringen. Als weiterer wichtiger Punkt der Tagesordnung rief die Ar- beitsordnung der Gemeindearbeiter eine lebhafte Auseinandersetzung hervor. Die zur Annahme gelangte Vorlage sieht die Herabsetzung der bisher lOstündige« Arbeitszeit auf täglich 9 Stunden vor, ferner neu di: Gewährung von Dienstkleidung sowie die Einsetzung eines«rbeiterausschusses. Die Wäblbarkcii zu diesem ist aber an eine fünfjährige Beschäftigung in der Ge- meinde gebunden. Ein Antrag unserer Genossen, sich mit drei Jahren zu begnügen, verfiel der Ablehnung, ebenso ein weiterer, die ab- wechselnd zu leistende Sonntagsarbeit als Ueberstunden zu bezahlen. Der Urlaub ist auf 3 Tage»ach einjähriger, 2 nach drei und 7 nach fünfjähriger Beschäftigung festgesetzt. Auch hier hielt man krampf- hast an den doch etwas kleinlich ausschauenden 6 Tagen statt der von unseren Vertretern geforderten vollen Woche und einer weiteren Steigerung bis zu 2 Wochen fest. Die Wochenlöhne find auf 27 M. für mindestens 21 jährige Arbeiter, steigend in 14 Die.tstjahren bis auf 34.50 M. normiert. Die Kanatisations- arbeiter erhalten jeweils 1,50 M. mehr. Auch hier zeigte Herr Klapp sein gutes Herz, indem er sich verzweifelt bemühte, das Alter für die unterste Lohngrenze auf 22 Jahre heraufzusetzen, da bei ihm 21jährigs noch„jugendliche" Arbeiter sind. Glücklicherweise blieb er mit dieser Weisheit' allein, doch machte ihm der Gemeindevörstand eine Konzession mit dem Versprechen, im Bedarfsfälle auch einmal billigere jüngere Leute einzustellen. Im ganzen genommen bietet die neue Arbeitsordnung gegen den bis- herigen Zustand einen Fortschritt. Die damit einbegriffene Verkürzung der Arbeitszeit kostet allerdings der Gemeinde nichts, denn die im Laufe des letzten Jahres vorgenommenen Ver- suche des Bauamts haben nach dem in der Sitzung erstatteten Be- richt ergeben, daß die Regelleistiing auch in der kürzeren Zeit erreicht wurde. Das ist durchaus begreiflich, wenn man bedenkt, daß es sich um Arbeiten handelt, die bei Wind und Wetter ausgeführt werden müssen, wo die lange Arbeitsdauer naturgemäß eine frühere Erschöpfung herbeiführt. Die Auslosung eines Gemeindeverordneten der dritten Wähler» klässe für die.im März vorzunehmenden Erneuerungswahlen ergab das Ausscheiden des Genossen Müller. Da außerdem turuns- gemäß Herr Gärtnereibefitzer Nickel ausscheidet, hat die dritte Klasse diesmal zwei Angesessene zu wühlen. Weiftensee. TaS im Oktober eröffnete Ledigenheim ist nunmehr offiziell init dem üblichen Pomp eingeweiht worden. An dem Einweihungsakt nahm eine leibhaftige Prinzessin teil und nach dem üblichen Kaiser- hoch fiel der Segen der Kirche. Unsere zu dieser Einwechungsfeier geladenen Gemeindeverlreter sowie die Gewerbegerichtsbeisitzer blieben der Feier fern, iveil sie wirklich nicht einsehen konnten, weshalb dieselbe mit höfischen und kirchlichen Zeremonien verbunden sein mußte. Neuenhage»(Ostbahn). Gemeindevertretung. Der Antrag: Unterstützung von arbeitslosen G e m e i n d e a n g e h ö r i g e n, der wegen Be- schlußunfähigkeit der letzten Sitzung des vergangenen Jahres erst jetzt beraten wurde, kam in veränderter Form zur Annahme. Bon einer fortlaufenden Unterstützung nach dem Genter System wollte die Mehrheit der Vertrelnng nichts wissen. Ein Großgrundbesitzer und Vertreter der ersten Klasse gefiel sich in haltlosen Reden über horrende Lohnforderungen der Arbeiter. Das Abmähen des Grases seiner Wiese wäre teurer geworden als das Gras selbst, wenn eS gemäht worden wäre. Deswegen habe er es lieber ver- kommen lassen. Ein anderer Vertreter verlangte von den organi- sierten Arbeitslosen, sie sollten nachweisen, daß sie von den auf der Deutschen Bank lagernden Hundelt Millionen der sozialdemokratischen Partei erst unterstützt würden, dann solle auch die Gemeinde zahlen. Die Genosien Göller und Köseling gaben auf derartiges Blech die gebührende Antwort und verteidigten die Vorlage. Zur eiumaligen Unterstützung von arbeitslosen Gemeinde- an gehörigen nach achtivöchentlicher Arbeitslosigkeit wurden 600 Wl. bewilligt. Gesuche um Unterstützung sind an den Ge- meindevorstand zu richten und werden durch die mit Genossen Köse- ling verstärkte Armenkommission geprüft. Die einzelne Unterstützung soll 30 M. nicht übersteigen.— Der zweite Antrag: Abhaltung der Gemeiirdevertret erwählen an gesetzlichen Ruhetagen sollte durch einen einfachen Hinweis des Gemeinde- Vorstehers, daß die Ansetzung der Wahl seine Sache sei. erledig: sein. Dieses Recht wurde ihm von sozialdemokratischer Seite gar nicht streitig gemacht, aber es wurde darauf hingewieien, daß der Gemeindevorsteher einem Beschluß der Vertretung Rechnung tragen müsse. Heftig widersprach der Gemeindevorsteher, ließ aber nach notwendiger Gegenwehr unserer Vertreter doch abstimmen mit der Bemerkung, daß er sich durch einen solchen Beschluß als gebunden nicht erachtet. Mit fünf gegen fünf Stimmen wurde der Antrag abgelehnt. Der eventuell zu zablende Anteil von der Abfindungssumme für Uebernalime der Kreischaussee(Elchenallee) soll allen in Beirachl kommenden Anliegern gezahlt werden.— Die Terraingesellichaft Winkler(Gartenstadt"Hoppegarten) ist ihren Lerpfliaitungen laut Vertrag der Gemeinde gegenüber nrcht nachgekommen. Diese hat Subhastation beantragt. Dadurch könnten ungefähr 143 Par- zellenkällfer(Handwerker. Beamte, Gewerbetreibende), die mit Winkler einen Vertrag abgeschlossen haben, ihre mit so mühsam zusammengesparten Mitteln fast ganz bezahlten Grundstücke leicht wieder loswerden. Sie alle haben noch keine Auflassung und obne werteres kommen die Grundstücke zur Konkursmasse. Da nun_ die Gemeinde auch ohne diese Parzellen für ihre Forderung(Pflaster- kosten zirka 24 000 M.) trotzdem noch genügend Sicherheit hat, wurde einstimmig beschlossen, gegen sofortige ihlung der AnsiedelungS» gebühren und Pflasterkosten an die Gemeinde, werden die Grundstücke entpfändet. Der Gesellschaft eine gerichtliche Ausschub- frist zu gewähren, wurde einstimmig abgelehnt. Petershageu-�rcdersdorf. Heber die Aufgaben der Gemeindevertretung referierte in einer gut besuchten öffentlichen Gemeindewählersiyung in Fredersdorf Genosse Grunow-Oberschöneweide. Der Redner verstand eS, durch sachdienliche Ausführungen die Versammelten für die wichtigsten Fragen aus dem Gebiete des kommunalen Lebens zu interessiere». Seine Darlegungen wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Der Vorsitzende, Genofie Claaß, ermahnte die Versammelten, die Ausführungen des Referenten zu beherzigen und am Tage der Wahl nur von der Sozialdemokratie aufgestellten Kandidaten ihre Stimme zu geben. Vor Beginn und am Schluß der Versammlung brachte der Arbeitergesangverein Sangeslust-PeterShagen einige stimmungsvolle Lieder zu Gehör der Anwesenden. Spanva». Die Anhänger des„Propheten" Weißcuberg, der durch den Be- leidigungsprozeß vor dem hiesigen Schöffengericht bekannt geworden ist, scheinen hier sehr zahlreich zu sein. Während eines Vortrages de§ Oberpfarrers Recke über das Thema„Die Zukunft der Seele und Weißenbergs Geisteswanderungen" am Dienstagabend im Gemeinde- saal der Rikolaikirche kam es, wie die„Spandouer Zeitung" berichtet, zu erregten Zwischenrufen, als Redner die„Liebeslaube' in Seege- feld erwähnte. Um sich Ruhe zu verschaffen, drohte der Referent, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen. Am Schluß des Vor- träges verlangten die Anhänger des„Propheten" stürmisch freie Diskussion und als diese verweigert wurde, trotzdem in der öffent- lichen Bekanntmachung freie Aussprache zugesichert war, entfernten sich dieselben nur widerwillig unter lebhasten Protestrufen. Pankow-Niederschönhausen. Verein Arbeitcr-Jugendhcini. Am Sonnabend, den 24. Januar. abends 8'/a Uhr, findet im Lokal„Türkisches Zelt", Panlow, Breite- Straße 14, die Generalversammlung statt. Tagesordnung: 1. Be« richt des Vorstandes: a) des Kassierers, b) der Heimleitung. 2. Neuwahl des Vorstandes. 3. Verschiedenes. Es wird zahlreiches Er- scheinen erwartet. Remickendorü. Einen Wettbewerb zwecks Erschließung des Gemeindegeländes auszuschreiben beschloß die Gemeindevertretung in ihrer Sitzimg vom 11. Juni vorigen Jahres. Für das zirka 42 Hektar große Terrain, das sich anschließend an daS Schweizcrbiertel bis zur Lindower Straße hinzieht, war bereit? ein Bebauungsplan vor- Händen, der aber allen städtebaulichen Forderungen der Neuzeit nichi im geringsten entsprach. Die Regierung lehnte denn auch diesen Entwurf ab und verlangte, daß zirka 4 Heltar iur Grünflächen aus- gesondert werden sollten. Als alle Reißbrettkünste deS Gemeindebauamtes versagten, entschloß man sich zur Ausschreibung des Weit- bewerbe?. An Preisen wurden ausgesetzt 2500 M. für den ersten, 15Q0 SR. für den zweiten und 1tXX> M. für den dritten Preis. ES sollte ein sogenanntes.besseres" Wohnviertel geschaffen werden. Wohnungen von unter zwei Zimmern durften nicht vor- gesehen werden. Den Entwürfen waren auch Entwürfe für Wohtt- haustypcn, für Stratzenanlagen eine Rentabilitätsberechnung bei- zufügen. Hinterhäuser. Seitenflügel waren ausgeschlossen. Ferner war die Anlage von fünf Genieindeschulen, einer höheren Töchter- schule und eines Rathauses für eure Gemeinde von etwa L00(XX) Seelen vorzusehen. Wesentlich erschwert wurde die Aufgabe durch bereits völlig hergestellte und der Bebauung erschlossene Strahen. Das Schiedsgericht bestand aus den bekannten Städtebauern Jansen, Möhring und G ö ck e sowie dem Gemeindcinspektor und drei Mitgliedern der Gemeindeverwaltung. Da? Ergebnis des Wettbewerbes liegt setzt vor. 31 Entwürfe sind bis zum Ablauf des Termins eingegangen, von denen der Entwurf der Regierungsbaumeistcr Israel und B u l l i n g den ersten Preis erhielt. Der ziveite Preis entfiel auf den Entwurf de? Architekten H. Groß und der dritte auf den Entwurf der Herren Stadtbaumeister Z o 1 l i n g e r und Regierungsbaumeister D a i b e r. Ferner wurden angekauft für je ö(X) M. die Entwürfe des Verkehrs- technüers A rtur Funke und des Architekten Karl Kegel, sowie deZ Architekten Max Taut. Die Entwürfe, unter denen sich einige recht interessante Lösungen des. Problems finden, sind— leider nur noch heute bis nach- mittags 3 Uhr— im großen Sitzungssaale des Rathauses aus- gestellt. NowaweS. Die Herbergsfrage, an der ja naturgemäß die Gewerkschastr» besonders intcreisierr find, hat jetzt dank der Bemühungen des Ge- Iverkschastskartells eine befriedigende Lösung gefunden. Der Inhaber des Lichtspieltheaters und Restaurants Lindenstraße 23, Genosse Rudolf Wendel, hat in einem auf seinem Grundstücke separat stehen- den Hause eine den Zeitverhältnisscn entsprechende Herberge einge- richtet, deren Benutzung den durchreisenden Gewerkschaftsmitgliedern empfohlen werden kann. Tegel. Die erste Gcmeiudevcrtretcrfiyiuig im neuen Jahre wurde vom Bürgermeister Stritte mit einem Rückblick auf die kommunale Be- tätigung 1913 eröffnet, in dem er u. a. auf die Erwerbung des Borfigschen Gaswerks durch die Gemeinde hinwies, dessen Besitz hoffentlich für Tegel noch von außerordentlicher Bedeutung werden möchte. Die Verlegung der elektrischen Leitungen sei ebenfalls durchgeführt; viele Anschlüsse seien zu erwarten und auch durch die elektrische Bahn nach Hciligensee erwüchsen der Gemeinde Vorteile. Der Straßenausbau habe etwas viel an Geldkostew. verursacht, des- halb müsse man sich vorläufig abwartend verhalten und zusehen. auch, hier wieder etwas herauszuholen. Betreffs Verkauf f von Gemeindeland. zn Bauzwecken erklärte Herr Stritte, daß man in Zukunft wohl nicht mehr so verkaufen würbe wie bisher. Tegel entwickele sich immer mehr zu einer Industrie- und Handels- stadt, wie die Erweiterungen des Borfigwerks, des Hafen- und Jndustriebähnbrtriebes zeigten. Für das kommende Jahr, in dem ein notwendiger wirtschaftlicher Aufschwung erst noch abzuwarten sei, ständen der Gemeindevertretung viele größere Aufgaben bevor, so eine. Verbesierung der jetzt so miserablen Verkehrsverhältnisse; zu diesen Verhandlungen sei seitens der Gemeinde der Zweckverband bereits in Anspruch genommen. Auch soll die Höherlegung der Staatsbahn erfolgen, ferner ein weiterer Aufschluß von Gemeindeländereien unter günstigeren Bedin- gungen als bisher, eventuell noch eine Hatenerweiterung und Ausgesialmng deS Feuerlöschwesens durch eine Automobilspritze nebst-Zubehör. Mit der Gemeinde Lübars-WaidmannSlust würden Verhandlungen gepflogen wegen einer Straßenbahnverbiiidung, doch sei es andererseits nötig, sich nicht allzuviel vorzunehmen in Rück- ficht auf die vorhandenen Mittel. Nach diesen Ausführungen des GenieindeoberhaupleS erstattete Herr Assessor Lewh als neuer kommissartscker Hilfsarbeiter der Gemeindeverwaltung einen Bericht über neue Grundsätze für die Armenpflege; er erwähnte dabei die Verhandlungen aus der Konferenz der Berliner Armenverbände, so u. a. daß nicht mehr nach bestimmten Sätzen für Kinder unter Is JabrenPflegegeld gezahlt werden sollte, sondern die tätsächlichen Kosten zu erstatten wären. Der Bürgermeister rügte dem noch hinzu, daß nunmehr danach verfahren werden sollce und das Armenamt die nötigen Aufstellungen hierzu beschaffen werde.— Aus der umfang- reichen vertraulichen Tagesordnung wurde die S t r a n d s ch l o ß- fache teilweise öffentlich verhandelt, weil eine Zeitung unrichtige Angaben hierüber veröffentlicht hatte. Es wurde. dem Gemeinde- vorstand der Vorwurf gemacht, in der Zwangsversteigerung fich dieses vorteilhafte Objekt �besonders in Rücksicht auf die günstige Lage am Hafen) zu Erweiterungen nicht gesichert zu haben; eine solche günstige Gelegenheit, sich größeren Einfluß und größere Einnahmen zu verschaffen, hätte der Vertreter der Gemeinde an Gerichtsstelle wohl verpaßt, Wie der Bürgermeister aber hierzu mit Nachdruck ausführte, hätte er die ihm bekannt gewordenen Tatsachen auch rechtzeitig verfolgt, die Verwaltung habe sich mit dem eventuellen Erwerb durch Subhastation befaßt, aber nach reiflicher Erwägung die Notwendigkeit des Erwerbes verneint. Tie Bewirtschaftung deS Etablissements wäre ein zu großes Risiko gewesen: an den sogen.„Ratsstubcn" habe man vorläufig genug,' auch hier müsse man erst noch Vorteile für die Gemeinde abwarten. Zudem wollte aber auch die Gemeinde im Termin bis auf 399 999 M. gehen; die sofort an Gerichtsstelle gebildete G. m. b. H. hat aber mehr geboten, um keine Ausfälle zu erleiden. Da noch dazu die erste Hypothek weiter stehen blieb, sei das„Strandschloß" an diese neue Gesellschaft, zu der auch die Patzenhofer Brauerei gebört. übergegangen. Der öffentlichen folgte noch eine vertrauliche Aus- spräche in dieser Angelegenheit und noch in anderen Sachen. Sitzungstage der Stadt- und Gemeiudevertretnugcn. Spandau. Heute Donnerstag, nachmittag» i'U Uhr, im Sitzungs. saal des neuen Rathauses. Bernau. Freitag, den 23. d. M., im Rathanse. calientcke(Nordbahn). Freitag, de» 23. d M., avendS 7 Uhr, im Ge- meindebureau, Hauptstr. 18. Tltsc Sitzungen find öffentNch. Jeder GemeindcangehSrige ifi berechtigt. ihnen als Zuhörer beizuwohnen. Sriefkasten öer Redaktion. Tie juristische Sprechstunde findet von heute Donnerstag, de» ÄS. Januar, ab tvieder von'/zS Uhr bis VjS Uhr statt. Sonnabends Sprechstunde von.'/K bis Uhr.•.. M. K. 68. In unserer Buchhandlung; Andenstr. Vg. erhalten Sie dle gewünschte Literawr.— A. G. 87. Jedes. StandeSanit gibt Jhnew die gewünschte Auskunst.— A.<2. 74. Wir kennen die Gesellschaft nicht, doch ist bei Versicherungsabschlüssen mit privaten Gesellschaften Porsicht, stets ge- boten.— E. 2. 7. �Richt der Laie,(öndern der Fachniarm hat diese Fragen zu bcavtworfar.— Walter Balkoru»nd A. N. 38. Wir müssen es ablebfien, private Schulen zu empsehleii.—•£». B. Die neue Berliner Genosienschastsbäilerei in Reiniclendorj einpsiehlt als Spezialität das Schlüterbröt.— Taucher 4Z0.� Bei etwa«9 Meter liegt-die Kretize, wo der Taucher noch exislieren kann, schon das Tauchen auf 39 Meter er- sordert«inen sehr geübten, lrästigen Menschen. Die Diese der Ostsee be- trägt 39 bis 469 Meter.— M. H. 78. Ofscnbacher Frauenkassc, W. Hinz, Berlin, Prinzenilr.«6 IV.—(S. E. 158. G. Swienty, Ebarlottenburg, Stuttgarter Platz 9.—-A. H. 57. Berlin, KöniglwAuguita-Str. 25-27, (8�-3 Übt).— H. W. 35. Unseres Erachtens nicht.— Atz H,-17...-Ja, — A. K. 86. Fragen. Sie beim Markifchcn Museum, Berlin.'Mqrhschct Pl atz, oder beim Museum für Völkerkunde. Berlin. itzi>»iggrätzcr Strätze 129, an.— 61. 101. Im Berliner Adresibuch nicht orrzeichnec. Erkimdigen Sie sich dem AmlSvoistcher in Wannsce.— F.<£-. 13. Ein Univcrsal- mittel dagegen gibt es nicht. Zu beseitigen durch Abkratzen oder Abklopsen, — Fr. 75. Wenden Sie sich an das kgl. Hcrvldamt.-Börlt», Wilhelmsir. 73 — C. P. 8. Besteht Gefahr für die öffentliche Stziieicheil, so müssen Sie der Aufforderung nachkommen.— Greifcnhagcncr Straffe P. m. Der Vermieter.— R. G. R. 38. Bei Wohnräumen 4,39 M. pro Jahr. K. B. 350. Sie sind zahlungspflichlig.— P. T. Ja.— H. F. 30. l. Nein. 2. Ihre Frau mutz den Gläubiger unter cSlaudhasIMachung ihrer Eigentuncsaiffprüche zur Freigabe auffordern. Gibt der Gläubiger, cioch Ablauf der gesetzten Frist die Sachen nicht. frei, so nmsz Ihre. Frau die Jntervcntion-klagc- erheben.— F. P. 33. Zur Zurücknahme, des Apparats-ist die Finna nicht verpflichtet. Der Lohn kann nur gepfändet werden, soweit er 28 Marl 85 Pfennig pro Wache übersteigt. Marktpreise von Berlin am30. Januar 1014. nach ErmUtelüngen des kgl Polizeivräsidimn-. Mais(mixed), gute Sprit 19,89—17.99. Donau 99,99—99,99. Mais(runder), gute Sorte 14,80—15,20. Richtstroh 9,99. Heu 6.80-8,09. Martlhallenbreise. 199 Kilogr. Erbseti, gelbe, zum Kochen 34,99—59.99. Sveisebobncn. Meitze 36.09—69.09. Linien 3VzüO— 89,99. Kartoffeln(Klemddl) 4,00—7,90. 1 Kilogramm Rindfleisch, von der Keule 1,69—2,49. Rindfleisch, Bauchfleilch 1,39— 1.89. Schwrinefleffch 1,40—2,00. Kalbfleisch 1.40—2,40. Hammelfleisch 1;59— 2,40. Butter 2,40—3,00. 60 Stück Eier 4,89—7.29. 1 Kilogramm Karpfen 1.20— 2,40, älalc 1,60—3,20. Zander- 1,40-3,20. Hechle 1,60—3,00. Barsche 1,20—2,20, Schiere 1,60-3,20. Bleie 0,80—1.60. 60 Stück Krebs« 3,99—24.99. WitteruugSnbersichr vom 31. Januar lill l. d* Ä» Dz» ,—8 1—8 —7 «latwneu S- 1; ij . avarcmda 7475W Diersburg 757 WSW (3 Uta Seilly Slbcrdccn Paris 762to®C 767ÄlSW 763 RND _ 2 -4 S bedeckt lffSchnce 4 wolkig 1 heiter i 1 ( 1 bedeckt|-3 st# K-* Ii äk Wetterprognose für Tonnerstag, de« 33. Jan«ar 1S14. Zeitweise aufklarend, vorwiegend nebelig bei zicmiiih strengem Frost und mit schwachen nordöstlichen Winden; keine ivescMstchcn Niederschläge. Berliner W echter b ur« a w WaüerstaudS-N uetzrichte» der LandcSanflalt4ür Gcwäsiertunde. mitgeteitt vom Berliner Wctterburcaa Wafferstand W e m e!. Tilsit .P r e g e l, Jnjterburg Weichsel, Thorn Oder, Rattbor . Krojjen' Frankffcrt Warthe, Schrimm '', LandSberg ■92. e tz c, Vordamm Elbe, Zeitnieritz , Dresden .' Barbv Magdeburg 's+ bedeutet Wuchs.— Fall.—'s Uinterpegel. *) Oberhalb der Stadt Eisstand.—'s Treibeis. Wasserstand Saale, Grochlitz Havel, Svandau') Ralbenowff Spr.ee, Sprembergfl BeeSkow Weser, Münden , Mmden Rhein. MarnnilianSwi ,. Kaub , Köln N e ck a r. Heilbronn Main, Hanau Mosel. Trier am 29.1. cm 208 110«) 138-> 110 160-) 188-) 314-) 443 274 331-) 127 173.°) 176 seit 19.1. cm") -10 0 0 —2 +5 —7 —8 -714 —18 —37 —14 8) Eisstand. au„Süd-Ost" Manteuffeistr. 40 a. d. Oranionstr. Alle Arten Bäder. sich; Russisch- römische und itrische Bäder für Tamrn nnd rrrn. Lieferant sämtl Kranken- m jür Berlin und Vororte.* i>ie reellsten und billigsten Möbel and Polsterwaren erhält man zu Kassapreisen in 4er seit 35 Jahren bestehenden Möbelfabrik von A. 8clialBt Reichenberger Straße 5. Größte Auswahl in allen Holz- und Stilarten mit zehnjähriger Garantie.(5 Pxoz. Kassaakonto.) Ev. an! Ratenzahlung K.OK- VUsCOTSf Leineweber �erlitt C Roßstr. 34 Rsllniseber i 4»6 Zischerstr. 1 im II. Stock Große Auswahl! B Billige Preise 1 Spezia!- Katalog über ORIGINAL-TRACHTEN, einzelne Kleidungsstücke und Schmucksachen gratis und frankol IkÄJ «« Aufgabe des Hauses Potsdamer Str. 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BSegcn Streik oder Lohn- difserenzen sind gesperrt: Für die Holzleisteu-Branche der Betrieb von Ilvalx, Teliowcr Str. 18/19. Das Berliner ArbettswiNigen- vermittelungsburcau d. gelben „Handwerkcrschunverbandcs». Ilrbeitsnachwets d. Stellmacher- tnnnng und der stLageufabri- kanten, Kaiser-Franz-Grenadier. Platz. 81/ l» Zuzug ist streng iernzukalten. Die Ortsverwaltung Berlin des üeutseben Holzarbeiterverhande» "verantwortlicher Redafteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Für de» Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.VerlaglBorwärtSBuchdruckerei u. Vcrlagsanstalt Paul Singer L- Co, Berlin SW, iir.2l 3t. MiMtz. 3. ßeilajt Ks Lamilrts" Kerl« KsllisM. lonuerstag. 22. Januar 1914 Reichstag. ISS. Sitzung. Mittwoch, den 21. Januar 1914, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesrats tisch: Dr. D c I b r ü ck. Der Abg. L i e b e r t sRp.) hat sein Mandat niedergelegt. Etat des Rcichsamts des Innern. Bierter Tag. Abg. Wcilnböck(k.): Gegen die Erklärung des Staatssekretärs, daß die Vorlegung einer Zolltarifnovelle und die Kündigung der ablausenden Handels- Verträge nicht beabsichtigt wird, erheben wir keinen Ein- Ivand. Doch können Umstände eintreten, die eine andere Haltung bedingen; die Verbündeten Regierungen können unmöglich auf die autonoine Gestaltung des Zolltarifs und die Wahrung der deutschen Interessen gegenüber zollpolitischen Matz- nahmen des Auslandes verzichten.— Die deutsche Landwirtschaft hat nur vor übergebend unter niederen Liebbeständen zu leiden gehabt: jetzt ist der Viehbesland wieder sehr grotz und die deutsche Landwirtschaft ist völlig imstande, unfern Fleisch- bedarf zu decken. Die erleichterte Einfuhr von Fleisch aus dem Auslände hat auf die Erstarkung unserer Viehbestände aller- dings hemmend und verzögernd eingewirkt. Bei den Matznahmen gegen die Maul- und Klauenseuche, speziell mit der Abschlachtung ganzer Biehbestäudc sollte man recht vorsichtig vorgehen.— Der mittlere und kleine Besitz ist in besonders übler Lage, er kann die fortwährend steigenden Lasten auf st c u e r l i ch e m und sozialem Gebiet auf die Dauer nicht aushalten.— Wir müssen die Lebensmittel für unser Volk im Inlands beschaffen, um im Falle eines Krieges von der Zufuhr des Auslandes unabhängig zu sein. Dasselbe gilt auch von den Futtermitteln.(Sehr richtig! rechts.) Dazu noch ciuigc Zollwünschc. Der Hopfen ist 1902 entschieden zu kurz gekonnnen; der Zoll auf Hopfen sollte so bald als möglich erhöht werden. Ein anderes Sorgenkind vieler Grundbesitzer ist der Tabak. Ebenso »nützte der Zoll auf die verschiedenen Gemüsesorten erhöht werden, speziell habe ich hier einen Wunsch im Interesse inenics �Wahlkreises, nämlich den Zollschutz für Meerrettig. Sehr wichtig loäre auch ein Zollschutz für Milch und Rabm.— Unter unserem Zoll- und WirrichaftSnfftcin hat unser Land einen Aufschwung erlebt, an den» Industrie, Gewerbe und der A r b e i t e r st a n d reilgenommen haben. Auf Verbesserungen der Zollsätze»nüssen wir aber hinweisen, schon des- halb, weil andere Staaten sich auch darauf einrichten, sich durch Zölle Lorteile auf unsere Kosten zu verschaffen.— Für eine innere Kolonisation treten alle meine Freunde ein, doch»nutz sie in v e r ii ü n f t i g e in Rahmen durchgeführt werden und die Schaffung nicht nur kleinen, sondern klewen, mittleren und größeren Besitzes zum Ziel haben.(Zustimmung rechts.) Direktor im Reichsamt des Innern Müller: Der Abg. Meyer-Kaufbeuren sprach über unerfreuliche Matz- nahmen Rußlands auf politischem Gebiete. Man»nutz bei den Ge- treidezöllen zwischen Rußland und Finnland unterscheiden. Nach unserem Handelsvertrage kann Rußland in Finnland Getreidezölle nicht einführen, ohne sich mit uns ins Benehmen zu setzen. Die Reichsregierung ist auch mit der russischen in Erörterungen über die Einführung von Mehlzöllen in Finnland eingetreten.— Die Ausfuhr von Hölzern kann Rußland nach dem bestehenden Handels- vertrage durch Zollmatznahmcn nicht erschweren. Allerdings ist in Rußland der Eisenbahntarif für verschiedene für uns in Betracht kommende Hölzer erhöht worden; aber diese erhöhten Tarife gelten im inneren Verkehr ebenso wie für die zur Ausfuhr kommenden Hölzer. Abg. Gothei»(Lp.): Daß man nach dem Riesenwerk der Reichsversichermigsordnung nicht gleich wieder mit neuen großen Gesetzen kommen kann, sehen wir ein. Auch die boa constrictor braucht eine gewisse Ver- dauungspause, wenn sie einen großen Affen verschluckt hat. (Heiterkeit.) Daß die Landkrankenkassen besonders gut vorbereitet feien, könncir wir allerdings nicht zugeben. Durch sie ist die Selbstverwaltung aus der Versicherung herausgetrieben und die Bureaukratic hereingekommen. Im Gegensatz zu den Absichten des Reichsamts des Innern hat der preußische Handels- »ninister La»dkra»»keilkaffen für Ricscnbezirkc zugelassen, wo vorher sehr leistungsfähige Ortskrankenkassen vorhanden waren. In den Kreisen der beteiligten Versicherten herrscht über die Ver- schleckterung ihrer Lage große Erbitterung. Ob eine LrtS- krankenkasse aufgelöst wird oder bestehen bleibt, hängt ganz von der Willkür deS betreffenden LandralS ab.(Hört! hört! links.)— Daß ein gesetzliches Recht für die Tarifverträge vorläufig nicht geschaffen werden soll, bedaure ich sehr. Daß ein Reichseinigungsaml auch ohne Bollstreckungszwang gut funktionieren könnte, hat die Bermittelung in dem Streit zwischen Aerzten und Krankenkassen bewiesen. Nur der Verhandlungszwang wäre not- wendig.— Eine einheitliche Regelung der Bestimmungen für die ge- samtc deutsche Binnenschiffahrt, wie sie die Sozialdemokraten verlangen, halte ich für unausführbar. Dazu sind die Ver- hältnisie auf den Strömen zu verschieden. Die lange Arbeitszeit hört sich ja surchlbar an. aber es ist nur die Zeit der Arbeiisbereit- schafl. Vielfach wird die Arbeit von der Frau erledigt, während der Mann in der Kajüte schläft. Gewiß mag eS auch Mitznände in der Ausnutzung der Arbeitskraft geben, aber eins allgemeine Regelung ist nicht möglich. Dagegen sind wir für eine Regelung der Rächt- und Sonntagsruhe in der Binnen- s ch i f f a h r t, nachdem cS nicht gelungen ist, sie durch Tarifvertrag herbeizuführen. Run zu den WirtschaftSfragen. Der Staatssekretär hat als zweiter Saloow das hohe Lied vou der bewährten Wirtschaslspolitil gesungen. Ich glaube aber, daß er auch einmal zu der Einsicht kommen wird: ES ist alles eitel. Welche Wirtschasispolitik hat er denn eigentlich gemeint?(Sehr gut! links.) Die Bismaickiche, die 1379 einsetzte, oder die Capriviiche, die von 1892—1906 dauerte, oder die seitdem betriebene Bülowscbe? Daß die Wirtschafispolilil in diesen drei Epochen ganz verschiede» tvar, geniert einen großen Geist wie Herrn Delbrück nicht. Ter A n S l a n d s h a n d e l ist gerade in der Zeit der Capriviichen Handelsvertragspolitik am stäiksten ge- stiegen.(Hört! hört! links.) Dagegen ging es in der Zeil der Bismarckichen Zollpolitik der I n d ü st r i e ganz erbärmlich. Der glänzende Aufschwung von Handel und Industrie setzte darni erst ein in der Aera C a p r i v i. Natürlich spielen hier auch viele andere Momente mit, aber für Herrn Delbrück ist das alles nicht da. er sieht nur einen Kainpler der Enlwickelung. Wenn nur die Zollpolitik ausschlag- gebend wäre, wie wäre dann zu erklären der enorme Aufschwung des Bergbaus, der T e c r f a r b e n i n d u st r i e, des technischen cschrssbanS usw., die alle keinen Zollschutz hatten. Wenn der Schutzzoll ausschlaggebend wäre, inützlc ja die Eutwickelung der Industrie in F r a n k r e i ch weit stärker sciu als bei uns. Weit» der heilige Immanuel noch lebte und hörte, ivas heute alles an Logik von den 5iegierungSbänken verzapft wird, er würde sich im Grabeh erumdrehen.(Große Heiterkeit.) Man vergißt ganz. daß wir durch das Zeitalter der angewandten Naturwissenschaften der Erziehung der Arbeiter und Ingenieure zu einer höheren und qualifizierteren Arbeit hindurchgegangeu sind. Diese Entwickelung h a t v i c l mehr zum Aufschwung der d c u t s ch c n I n- d�ustrie beigetragen als die ganze Zollpolitik. (Sehr wahr! links.) Bei der Steigerung der Ausfuhr ist auffallend, daß je feiner die Waren sind, desto geringer die Ausfuhr ist. Das ist d i e F a l g e unserer Schutzzollpolitik und der durch sie begünstigten Bildung der Kartelle. Ein bißchen Staatsaufsicht nützt nichts gegen die Shndikate, das zeigt sich wieder beim Kali- shndikat. Bei den Textiliertigwaren mit Konfektion ist z. B. ein Rückgang des Exports Vv» 100 Millionen zu verzeichnen. Das liegt an der künstlichen Begünstigung der Halbfabrikate, die zum Vorteil des Auslands geradezu ver- schleudert werden— auch ein Erfolg unserer„bewährten Wirtschaftspolitik".— Was die Landwirtschaft anlangt, so konstatiert selbst die amtliche Denkschrift, daß Deutschland seit dem neuen Zolltarif mehr und mehr auf die Einfuhr von G c- treibe angewiesen ist. Und wie unheilvoll die Steigerung der Getreidepreise gewirkt hat, hat der preußische Landwirtschaftsminister v. Arnim selbst zugegeben, als er offen sagte, der ganze Vorteil der Zölle für die Landwirtschaft werde cSkampliect durch die Steigerung der Gütsrpreise und der cschulden.(Hört! hört! links. Zuruf: Das ist ihm auch schlecht bekommen!) Gewiß„Wer die Wahrheit kennt und saget sie frei, der kommt nach Berlin in die H a u S v o g t e i"— und wenn er Minister ist, wird er abgesägt.— Die geschichtliche Darstellung des Staatssekretärs über die Einfuhrscheine war nicht einwandfrei. Der Hauptfehler war, daß bei Schaffung der Getreidezölle der Identitätsnachweis nicht aufgebobcil wurde. Dadurch wurde der Handel im Osten und auch die Müllerei geradezu ruiniert. Deshalb wurde damals die Aufhebung deS Identitätsnachweises von meinem Freunde R i ck e r t und auch von Konservativen wie Graf M i r b a cki ge- fordert. Als dann die Einfuhrsckeine kamen, betonte der preußische Finanzminister v. Miquel ausdrücklich, daß sie natürlich nicht zu Aus- fuhrprämien werden dürfte».(Hört! hört! links.) Erst du»ch den Bülowtarif van 1907 haben die Einfuhrscheine diesen Charakter bekommen, was zu einer ganz ungesunden� Ausdehnung des Acker- baueS geführt bat. Die Aeußerung des Staatssekretärs, daß die Einfuhrscheine dazu dienen, daß die Landwirte bei der Ausfuhr den WeltmarklvreiS bekommen, kann nur unsere Heiterkeit erwecken. Nein, die Landwirte bekomincn den Wellmarktpreis pluö die Anweisung an die Reichskasse in Gestalt des EinsuhrscheineS, also pluS Zoll. — Redner schildert des weiteren ausführlick das immer zunehmende Aufkaufen von Bauern d u r cki Großgrundbesitzer und seine Folgen, die Entvölkerung des Landes usw. Das einzige Mittel, unsere wirtschaftliche Position zu stärken, ist die innere Kolonisation, die Schaffung von mehr Kleingrundbesitz. Man behauptet immer pathetisch, die deutsche Landwirtschaft habe in der Viehzucht ihre Pflicht gegen das Baterland getan, und zwar wird diese Behauptung gerade immer van den Großgrundbesitzern ausgestellt, die am wenigsten für die Hebung der Viehzucht tun. Höchstens könnte man sagen, die deutsche Zuchtsau habe ihre Pflicht gegen das Vaterland erfüllt.(Heiterkeit.) Der Staatssekretär betonte die Steigerung der Lebenshaltung der Arbeiter. Dann müßten doch auch die G e n u tz m i t t e l in stärkerem Maße verbraucht worden sein. Aber der Verbrauch an Brantwein, Bier, Tabak, Kaffee usw. pro Kopf der Bevölkerung ist erheblich zurückgegangen. Wenn eS den Arbeitern zum Teil besser geht, so beruht das aus ihrer Selbsthilfe durch Einschränkung der Geburten. Der Geburtenrückgang ist geradezu erschreckend. Bei diesen Folgen der„bewährten" Wirtschaftspolitik begreift man, daß man jetzt nicht mit einer neuen Zolltarifsnovelle kommen will. Aber „die man rief, die Geister, wird man nun nicht los". Am meisten imponiert hat mir der Herr, der einen Zoll für Meerrettich verlangte.(Heiterkeit.) Daß der Deutsche Reichstag auf dieses Niveau elendester Jntcresscupolitik herabgezogen ist, ist auch eine Folge unserer„bewährten" Wirtschaftspolitik. Man klagt über die Landflucht. Will man die Leute auf dem Lande halten, so mutz man für sie menschenwürdige Zustände schaffen; dazu gehört vor allem auch ein vernünftiges Arbeiterrccht statt der Gesindeordnungen aus längst vergangenen Zeiten. Aber Sie(nach rechts) wollen den Leuten ja nicht einmal das K o a l i t i o n S r e ch t geben. Wir haben eS ja in große» Teilen Deutschlands. Ist es da zu einem Ecntestreik geloinmcn? Wenn cS frivol ist, das Koalitionsrecht für die Landarbeiter zu verlangen, so war Bismarck frivol, als er cS 1866 forderte. Nack» dem Feldzug haben die Junker jreilich die Beratung und Durchführung dieser Vorlage verhindert. Ter Staatssekretär will eine„ver- ständige" Sozialpolitik, die den Arbeitgebern wirtschaftliche und moralische Ellbogensreiheit sichert. Dasselbe verlangen wir auch für die Arbeiter, und die Landarbeiter haben diese Wirt- schaftliche und moralische Ellbogenfreiheit nicht.(Lebhafte Zu- stimmung links.)— Und wie behandelt man den Reichstag! Die innere Politik wird nicht hier gemacht, sondern im preußischen Landtag, von dort holt sich der Reichskanzler und die Staatssekretäre ihre Instruktionen. Dort sitzen ja nicht gewählte Herren, die über uns als gemischte Gesell- schast spotten. Bor allem sind wir eine gewäblte Ge- s e l l s ch a f t, sogar eine sehr g e lo ä h l t e, und deshalb kennen wir die Leiden und Gefühle deS Volke? und haben Anspruch darauf, Einfluß zu üben auf die innere Politik. Statt dessen sucht man jetzt einen preußischen Partikularismus groß zu ziehen, der im schärfsten Gegensatz steht zu den Bemühuiigeu bei und nach der ReichZqründlmg, moralische Eroberungen zu machen.(Bravo! bei der Volkspartei.) Direktor im Reichsaint des Innern Müller: Die Kernfrage ist, ab unsere Zoll- und Wirtschaftspolitik zu unseriit allgemeinen wirlschaftlichen Aufschwung beigetragen oder ihn erschwert hat. Darüber werde ich mich mit dem Ab- geordneten Gokhein nicht verständigen. Herr Gothein meint, die Ausfuhr von Fertigfabrilaten sei zurückgegangen Run. seit 1907, also gerade in der Zeit, die Herr Gothein die Bülowsche Epoche nennt, ist unsere Ausfuhr um Ol Proz. gestiegen. Gewiß find dabei auch die Rohstoffe und Halbfabrikate mitgerechnet. In einigen Branchen ist die Ausfuhr von Fcrtigfabrikaten allerdings zurückgegangen, in anderen dagegen ist sie außerordentlich gestiegen. und im ganzen gerechnet ist sie ganz erheblich gestiegen. Auch der Verbrauch an Genußmilte ln ist in Deutschland nicht zurückgegangen, sondern gestiegen.(Zuruf links: P f e r d e f l e i s ck, I) Auch der Konsum an Reis. Tee und anderen Gcnußmitieln ist pro Kopf der Bevölkerung nicht zurückgegangen, sondern gewachsen. (Beifall rechts.) Abg. Dr. Arendt(Rp.): Herr Gothein ist die letzte Säule der einstigen stolzen Frei- Handelspartei. Auch in seiner Partei bricht sich die E r i e n n l n i s immer mehr Babn, und ehe es zum Abbröckeln der Zölle kommt, wird es zum Abbröckeln der Bolksparteiler zum Schubzoll kommen. (Heiterkeit rechts.) Was hat uns Herr Gothein nicht alles bei der Beratung des Zolltarifs prophezeit! Nie würde man Handels- Verträge schließen könne!!.(Abg. Gothein sVp.j: Brauchbare!) Run, wir haben brauchbare Handelsverträge bekommen, denn die Industrie hat init diesen Handelsverträgen einen ungemeinen Aufschwung erfahren.(Sehr richtig! rechts. i Sie wagen auch gar nicht mehr, die Beseitigung der Zölle zu fordern.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Doch! doch!) Das wollen wir uns merken, daß die Sozialdemokraten zur Freihandelspolitik zurück- kehren wollen: die Freisiiniigen wollen das nicht, sie wollen dem Hund den Schwanz nur stückweise abschneiden. Herr Gothein wies auf die gestiegenen Güterpreise hin. Die Prodill- tivität der Landwirtschaft ist gestiegen, also»nüssen auch die Güter- preise steigen.(Abg. Gothein(Vp.j: Wozu also Zölle?) Damit die Landwirtschaft überhaupt leben lann und Brot für das Volk schaffen. Dem Arbeiter nützt auch das billigste Brot nicht, wenn er es nicht kaufen kann, weil eS ihm au Arbeitsgelegenheit fehlt.(Sehr richtig! rechts.) Durch die«chutzzollpailtil, die sich den größten Taten Bismarcks anschließt, haben wir einen so starken ivirt- schaftlichcn Aufschwung geschaffen, daß er durch die Eaprivische Handelspolitik nicht ganz ertötet werden konnte.— Für die Erneuerung der Handelsverträge haben wir Wünsche nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die I n d u st r i e. Für die S o z i a l p o l i t i k ist eine der wichtigsten Borausfetzungen, daß man die Leistungsfähigkeit der Unternehmer nicht aus dem Auge verliere. Unternehmer und Arbeiter sind auf Gedeih und Verderb mit einander verbunden. Daß das auch in den Arbeiterkreisen mehr erkannt wird, zeigt daS Anwachsen der wirtschaftsfriedlichen Arbeiterbewegung uitd daS Zu rückgehe it der Streikgewerkschaften. (Lachcil bei den Sozialdemokraten.) Ich wünschte nur, daß zwischen den christlich eil Gewerkschaften und der großen wirt- sch astsfriedliche n'Arbeiterbewegung, die heranwächst, bessere Beziehungen beständen. Haben doch beide denselben Gegner und die- selbe nationale Grundlage. Die ReichSversicherungsordnung halte ich für daS größte sozialpolitische Werk aller Zeiten. Einige Schön- heitSfehler, wie die nicht erfolgte Herabsetzung der Altersgrenze, werden bald zu beseitigen sein.— Ueber die Landkranken« lassen habe ich Klagen in der Presse nicht gelesen, wohl aber starke Klagen über die OrtLkrankenkassen; ich erinnere an die Bor- gänge in« ch ö n e b c r g. Für die Dienstboten sind die Landkranken« kassen die geeigneteren Einrichtungelt. Das hat man überall eingesehen, nur nicht in der Reichshauplstadt.— Daß die wirtschaftliche Krisi« stärker in die Erscheinung getreten ist, ist eine Folge unterer Wirt- schaftSpolitik und der guten Ernten. Wenn jetzt der Zinsfuß weiter herabgesetzt wird, werden wir die Schwierigkeiten des WirtschaftS» lebens um so leichter überwinden können. Die Verhältnisse in der ReichSbank sind unter der Leitung des Herrn Havenstein wesentlich besser geworden.(Sehr richtig! rechts.) Wenn unsere bewährte HandelSvertragSpolitik nicht angetastet wird, werden wir einem neuen wirtschaftlichen Aufschwung entgcgengeben.(Bravo! rechts.) Die Weiterberalung wird vertagt auf Donnerstag 1 Uhr. Schluß Off« Uhr._ Mgeorönetenhaus. 8. Sitzung. Mittwoch, den 21. Januar 1914, vormittags 11 Uhr. Am Ministertisch: v. S ch 0 r l e m e r. Zweite Lesung des Landwirtschaftsetats. Abg. Dr. Faßbeuder(Z.) begründet einen Antrag, der die Beseitigung der Mißstände aus dem Gebiete des Handels mit Fnttermittelzöllen, Düngemitteln und Sämereien zum Gegenstände hat und die Einbringung eines ent« sprechenden Gesetzes fordert. Die Abgg. v. Keffel(k.). Lieber(natl.), Barenhorst(fk.) und Ehlers(Vp.) unterstützen diesen Antrag. Minister v. Schorlemer: Die Regierung hat beim Reichsamt des Jnnenr eine solche ge» sctzlichc Regelung angeregt, wie wir glauben, mit guten Aussichten. Die Abgg. Vrors, Dr. Becker(Z.) und Wendlandt(natl.) unter- stützen die Forderung nach gesetzlicher Bekämpfung der Futtermittel- fälschung. Abg. Dr. v. Campe(natl.) tritt dafür ein, daß die in der Schweiz approbierten Tierärzte den Titel Dr. med. vet. in Preußen führen dürfen und wünscht eine dementsprechende Verwendung des LandwirtschaftsministerS beim Kultusministerium. Abg. Hoscr(Soz.): Die fiskalischen Kaliwerke verdienen 100 Prozent beim Per« laus ihrer Produkte an die Konsumenten. Sie könnten daher den kleineren Abnehmern das Kali wesentlich billiger abgeben. Ein großer Krebsschaden des Futtermittelvertriebes besteht darin, daß durch die Fälschungen besonders die kleinen Bauern und Arbeiter, die für ihr Vieh Kleie und Futtermittel einkaufen, viel zu leiden haben. Die Großgrundbesitzer kaufen die Futter- mittel waggonweise ein und sind in der Lage, sie untersuchen zu lassen, so daß sie selten betrogen werden. Eine solche Unter- suchling ist für die kleinen Leute zu kostspielig. Ich boffc, daß der Anlaß zu dem Antrage, der von den Konservativen eingebracht worden ist, ein Vorgang war. der sich vor einiger Zeit in M a s u r e n abgespielt hat. Eine Betriebs stelle de s Bundes der Landwirte hatte die Futtermittel, die von ihr selbst gefälscht worden waren, massenhaft an Kleinbauern verkauft. Im übrigen geben wir dem Antrage unsere Zustimmung, da wir uns niemals solchen Anträgen ablebnend verbalten>ve»den. die bestimmt sind, unsere wirtschaftlichen Verbältnisse auf eine gesunde Basis zu stellen.(Bei- fall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Hoeveler(Z.): begründet einen Antrag der Zentrumsfraktion, die zur Hebung der inländischen Milchwirtschaft die Schaffung eines Instituts zur wissen« schaftliche» Erforschung sämtlicher milchwirtschaftlicher Fragen fordert. Abg. Baercckc(k.) schließt sich diesem Antrage an, ebenso di» Abgg. Hoff(Vp.) und Westermnnn(natl.) Acinlster v. Schorlemer: Der Verwirklichung dieses Antrages stehen in Preußen groß« Schioierigkeiten entgegen. Durch die Schaffung eines Zentral- instituteS, das den Forderungen der Praxis zu fern stehen würde, müßten die bestehenden ähnlichen Institute beeinträchtigt werden. Die Verwaltung wird die Angelegenheit im Auge behalte«— Der Antrag auf Errichtung der milchwirtfckaftliche» Zentral- anstalt wird an die A g r a r l 0 m m i s s i 0 n überwiesen. Der Antrag Faßbender(gesetzliche Beseitigung der Futter- mittelfälschung) wird einstimmig anzei, ommen. Abg. Dahlem(Z.) spriibt für den Ausbau der Wein-, Obst- und Gartenbaulehranstalt in Geisenheim. Abg. v. Pappenheim(k.) begründet einen Antrag, daß dort, wo auf Antrag der Gemeinden religiöse Unterweisung in den Lehrplan der Forrbildungs- schulen aufgenommen wird, die Genehmigung des L-hrplans lediglich aus diesem Grunde nicht zu Verlagen sei. Der Minister sagte, er lehne jeden Zwang ab. aber in Wahrheit ist der Zwang, den er ausüben will, weit größer als wir ihn wollen. Wir erwarten, d a ß d e r M i it i st e r unsere Wünsche erfüllt und den Gemslnden, die den Religionsunterricht einführen wollen, keine Hindernisse in den Weg legt.(Beifall rechtS.) Abg. Dr. Kaufmann(Z.): Wir halten den NeligionSuiiterricht tiur dann für ersprießlich, wemt er in den Fortbildungsschulen obligatorisch eingeführt wird. In dem Antrag v. Pappenheun sehen wir nur eine minimal« Abschlagszahlung. Je mehr man den Religionsunterricht beschränkt, desto mehr blüht der Weizen der Sozialdemokratie Es flill den Einfluk dieser Partei ans unsere Jugend zu brechen. iLcbhafler Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Landwirtschaftsniinistcr v. Schorlemrr: In der vorliegenden �rage stimme ich mit dem Handelöminister vollkommen darin überein, dag ich unter keinen Umstünden einen Z iv a n g zur Teilnabme am Religionsunterricht eingeführt wissen will. Dagegen bin ich jederzeit bereit, die Genehmigung zur Auf- nähme des Religionsunterrichts an den Fortbildungsschulen zu erteilen, falls ein Zwang nicht ausgesprochen wird. Bon der Wichtigkeit des Religionsunterrichts an den Fort- bildungsschulen ist die Regierung durchaus durchdrungen. Aber der Regierung ist eS unmöglich, ihren die zwangsweise Einführung ab lehnenden Standpunkt den Wünschen des Zentrums entsprechend auf- zugeben. Begnügen Sie sich also mit dem Angebot der Regierung (Beifall rechts.) Abg. Dr. v. Campe(natl.) polemisiert gegen den Abg. v. Pappenheim, nanientlich gegen dessen Behauptungen über frühere Zustimmung der Regierung zum Rcligions Unterricht. Früher war gar keine Rede davon, dah die Gemeinden hierin absolut freie Hand haben sollten. Darauf kann man sich nicht berufen und der Vorwurf, dag die AuSführuugS bcstimmungen dein Gesetz widersprächen, ist unberechtigt. Sie sind vielmehr von wahrhafter Religiosität erfüllt. Abgesehen von der Ltechisfrage, ob mau über 14 Jahre alte Schüler zum ReligionS- Unterricht zwingen kann, soll man in diesem Alter keine Stonflikte erzeugen I(Sehr wahr I links.) Nur die Schulaufsichtsbehörden. nicht die Gemeinden haben über den Lehrplau zu beftimnien. Den Antrag lehnen wir a b I Wenn uns Abg. Kaufmann beweisen kann, dasi in der Fortbildungsschule sozialdemokratische Bestrebungen sich breit machen, so welden wir die Regierung auf fordern, den eisernen Besen zu gebraucheir(Bravo I recht« und im Zentrum), denn Politik gehört nicht in die Schule!(Stürmische Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wir wollen eine gute Forn bildungSschule mit religiösen Impulsen(Aha! bei den Sozialdemokraten), denn nur auf sittlich- religiöser Grundlage kau» die Jugend erhalten, was sie braucht— aber wir wollen keinen Rcligionszwang.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Abg. Ramdohr(fk.): Ich stimme dem Antrag v. Pappenheim bei und lese im Unter- schied zu dem Abg. v. Campe aus ihm heraus, dah der ReligionS Unterricht nicht obligatorisch, sondern fakultativ erteilt werden soll. Abg. Graue(Vp.): Wir lehnen den Antrag v. Pappenheim ab. Wir hoffen, dah die Regierung de» Bestrebungen des Zentrums nach dem obligato- rischen Neligionsuntekricht an den ländlichen Fortbildungsschulen entschiedensten Widerstand entgegenbringt. Das Verlangen nach Fortsetzung des Religionsunterrichts in den Fortbildungsschulen stellt dem Religionsunterricht in der Volksschule ein schlechtes Zeugnis aus.(Beifall links.) Abg. Adolf Hoffman»(Soz.): Den Abg. v. Pappenheim hier im preuhischeu Abgeordncteu- hause eintreten zu sehen für die Selbstverwaltung der Gemeinden, das ivird einem nicht alle Tage geboten.(Sehr wahr I links.) Herr Cassel links, Herr R o s e n o w rechts und Herr v. Pappen- h e i in in der Milte.(Heiterkeit.) Bei dem Zweckverbandsgeietz und bei der Elektrisierung der Berliner Stadtbahn hat man von der Freund- schaft des Abg. v. Pappenheim für die Selbstverwaltung nichts gc- sehe». Na— wir kennen unsere Pappenheimer!(Heiterkeit.) Viel- leicht wird Herr v. Pappenheim demnächst Spreepräfekt oder Lderpräsident, dann.kann er ja seine Liebe für die Selbstverwaltung der Stadt Berlin beweisen.— Die Mehrheit dieses Hauses wünscht ja den Religionsunterricht von der Wiege bis zum Grabe, oder modern ausgedrückt, vom Brutapparat bis zum Krematorium, zuerst in der Schule, dann noch vor der Rekruienzeit, schließlich in der Ka- ferne. Nun, besser können Sie den Schülern die Religion gar nicht verekeln, als wenn Sie ihnen nach der Schulpflicht noch reli- aiöien Umernchi aufzwingen. Die Regierung weicht Schritt für Sidritt zurück. Sie will jetzt zwar noch nicht den Zwang, aber, ge- stehen Sie es doch, soviel, wie Sie bekommen, dah nämlich nach der Anweisung de-Z Ministers der im Gesetz nicht begründete Religions- uiilmichr bei den anderen Fächern mit eingeschmuggelt werdcii soll, soviel haben Sie garnicht erwartet. Noch mehr Geistliche als fcho» jetzt sollen FortbildungSschullehrer werden I DaS alles soll nur der Unterdrückung und Nicdcrhaltung der arbeitenden Massen dienen. Dah Sie meinen, ohne den Gendarm die Jugend nicht mehr in einen Neligionsunlerricht hineinzubekommen ist ein b e- d e n k l i ch e S Zeichen der RoligioiiSlosigkeit und des schwindenden GonvertrauenS auf Ihrer Seite.(Heiterkeit,)— Glücklicherweise ist es eine ganz andere Freiheit, die Herr v. Pappenheim ineint und für die wir eintreten. Von der Sorte Freiheit, für die Herr v. Pappenheim und seine Freunde schwärmen, könnten wir keinen Gebrauch machen. Herr v. Pappenheim sagte, dah die Regierung in die Hergäbe der Schulräume nichts hineinzureden hat. Das gefällt mir! Aber in Berlin hat die Regierung die Stadt gezwungen, die Schulräume dem Arbeilerturnvereiu zu entziehen. Also, Herr v. Pappenheim, mischen Sie die Regierung energischer aus, damit sie derartige nach Ihren Worte» ungesetzliche Eingriffe unterläht!(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die Verfassung gewährleistet die Gewissensfreiheit, darum darf der Religionsunterricht nicht eingeschmuggelt werden in andere Unterrichtsfächer und es müssen Lehrer und nicht Geistliche an den Schulen tätig sein. Für die Behauptung einer sozial- demokratischen Agitation in der Fortbildungsschule vcr- langen wir Beweise; wenn Sie aber Kinder von Sozialdemokraten nicht haben wollen, dann dürfen Sie sie auch nicht als Soldaten holen I(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten) Ihr ganzes Tun ist Mißbrauch ihres Amtes und ihrer Religion, UM die Kinder vor dem Geist der neuen Zeit zu schützen. Der sozialdemokratische Gedanke greift überall hin, Sie mühten denn einen Zellenunterrichl einfühten; wenn aber die Jugend von 15 bis 15 Jahren Gerechtigkeitssinn hat und Sie das Sozialismus nennen, so kann das für uns nur ehrend fei».(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Herr Kaufmann sagte, die Regierung hätte bei dieser Sache den Beifall der Sozialdemokratie. Ach nein, da inühte sie schon ganz anders aussehen! �Heiterkeit.) Die Regierung hat immer einen Standpunkt— aber wir wissen nicht, wie lange!(Grohe Heiterleit.) Sie haben doch so oft schon die Re- giernng gezwungen, sich Ihren Wünschen zu fügen! Wenn aber hier eine strenge Handhabung des Versammlungsgesetzes gefordert lonrde— gut. wenden Sie es richtig an: wir kommen dabei nicht zu kurz.'Wollen Sie bestreiten, dah die jetzige Art des Re- ligionsunterrichts die Kinder geradezu abschreckt? Sie wissen, dah Sie ohne Zivang die Jugend nicht hineinbekommen. lleberdies verbietet das Gesetz einen Zwang zur Religion bei Personen über 14 Jahre. Sie werden alto durch einen Zwang entweder die Jugend abschrecken von der Religion, oder sie gerade in der Sturm- und Drangperiode in Konflikte und Kämpfe hi»einziehen. Die Fortbildungsschule sollte allein den Zweck haben, die mangelhafte Arbeit unserer Volksschule zu ergänze», der Jugend zu lehren, was die Gesetze vorschreiben, wie sich der Arbeiter behandeln lasse» kann und wie nicht. Sie ober mihbrauchen die Schule zu politischen Zwecken. Wir wider- sprechen dem in llebereinstiminung mit Herrn v. Campe auf das culschiedensie. Die Ausnutzung der Schule zur Niedcrhaltuug der Massen ist ein M i h b r a u ch gegen die Interessen deö Volkes.(Ruf rechts: Zur Ordnung!) Ach verzeihen Sie, wenn ich Sie aus dem Schlafe gestört habe.(Stürmische Heiterkeit.) Wir wissen ja, dah die Junler etwa auf dem Standpunkt stehen: Zum Kartoffel- buddeln lernen die BengelS noch viel zu viel! Der Etat beweist, dah die Fortbildungsschulen zum Beispiel im Regierungsbezirk A l l e n st e i n fast ganz vom Staate erhalten werden müssen. Sie nehmen gar kein Interesse an ihr. Sie sollten aber ein Preisansschreiben erlassen, wie dem Rezept des Ministers nachgekommen und etwa die Religion mit dem Rechen Unterricht verquickt werden soll.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Eine grohe Anzahl bedeutender Gelehrter hat sich seinerzeit gegen den Religionsunterricht ausgesprochen und da wollen Sie es mit einem Konflikt mit der in der Sturm- und Drangperiode befindlichen Jugend versuchen? Tun Sie es und Sie werden sehen, wie elend Sic Fiasko machen werden!(Lebhafter Beifall bei den Sozial- demokraten.) Abg. Marx(Z.):. Die Sozialdemokraten sind in religiöser Beziehung höchst in- tolerant. Sie wollen nur Freiheit für den llnglaubeu. Bei unserem Tolcranzantrag verlangte der sozialdemokratische Abg. K u n e r t die Beseitigung des Religionsunterrichts in allen deutschen Schulen, während in Frankreich wenigstens freie religiöse Schulen zugelassen sind. In einer Proiestveriaminlung in Antwerpen haben die Sozialdemokraten erklärt, mit dem Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihrer Kinder müsse aufgeräumt werden. Unser Weihnachtsfest hat der„Vorwärts" begeifert. Das lassen wir uns nicht gefallen. Wo der K a t h o l i z i S m u s seine ganze Kraft entfalten kann, findet die Sozialdemokratie keinen Boden.(Lebhafter Widerspruch der Sozialdemokraten. Beifall im Zentrum.) Die katholische Religion ist daS festeste Bollwerk gegen die Sozialdemokratie.(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Köln!) Auch wir wollen die Fortbildungsschule.(Abg. H o s f m a n n: Aber was für eine!) Wenn Sie(zu den Nalioualliberalen) unser konsessionelles und politisches Vorgehen weiter in ei» unrichtiges Licht stellen— und daS verbitten wir uns, Herr v. Campe--.'so erschweren Sie es uns, mit Ihnen geuieinsam Front zu machen gegen die Sozialdemokratie. Und daS ist gerade jetzt besonders notwendig. Wenn die Wellen der Umsturzbewegniig weilerrollen(Huhu! bei den Sozialdemokraten), dann wird die Zeit bald kommen, wo der Staat auf seine christlich-gläubige Bevölkerung angewieseii sein wird. Wir iverden weiter dahin streben, dah die Religion als gleichberechtigter Umerrichtsgegenstand in die Fortbildungsschule aufgenommen wird.(Stürmischer Beifall im Zentrum.— Zischen bei den Nationalliberalen.) Abg. Frhr. v. Richthofcn(k.): Aus Gründen der S t a a l s r a> s o n sollte die Regierung den Wünschen der Gemeinden nach Einführung des ReligionSiinter richls sich nicht entgegenstellen. Im Kampf mit der Sozialdemokratie hat der Religionsunterricht«ine grohe Bedeutung. Dem Evan gelium der Erlösung, das der Abg. Ho ff mann heute verkündet hat, fetzen wir das Evangelium Christi entgegen. In den verschiedenen Ressorts der Regierung scheint keine völlige Einig- keit in bezug auf diese Frage hergestellt z» sein.— Der Redner wendet sich dabei vor allem gegen einige Auffassungen des Handels Ministers.— Die z>v a n g S lv e i s e Einführung des Religionsunterrichts ist iinmerhtit noch et» gc rtngerer Zwang als der TcrroriSmuS der Sozial d e m o k r a t i e. Um Sein oder Nicht-Sein des künlligcn jungen Deutschlands handelt es sich.(Beifall rechts.) Der Abg. Styczhnski(Pole) erklärt sich für den Antrag v. Pappenheim. Abg. Ad. Hoffmann(Soz.): Es ist eine U n w a h r h e l r, Herr Marx, dah wir Hohn und Spott für die Religion habe»(Lachen ini Zentrum), wir kämpfen nur gegen den Mißbrauch der Religion, gegen Ihren Mißbrauch! Der„Vorwärts" hat auch das Weihuachtsfest nicht geschmäht. Der Antrag K u n e r t forderte nur gemäh unserem Programm Weltlichkeit der Schule— der Religionsunterricht soll den Eltern, die ihn wünschen, überlassen bleiben und der K i r ch e. Sie klagen ja sonst so oft, dah die Schullehrer nicht die richtige Religion lehrten I Auf den Kirchenauslrilt kommen wir noch später — aber besser könnte er nicht gefördert werden, als durch den Religionözwang in der Fortbildungsschule. Sie sind blind gegen den Abgrund, in den Sie hineintaumeln. Das Wissen, das Sie lehren wollen, kennen wir: Borrom äus« e n z y k l i k a und Modernisteneid sind seine Kennzeichen. Der Oberlandesgcrichlsrat Marx konnte nicht widerlegen, dah ein Reli- gionszwang gegen mehr als 14jäbrige ungesetzlich ist. Für einen Pädagogen halle ich mich nicht, Herr v. Richthoien. denn ich habe nur die armselige preußisch« Volksschule besucht. Aber daS Er ziehungStalent Ihrer Junker und Unteroffiziere übertrifft noch jeder Arbeiter! Herr Marx sprach von einem Zentrums antrag, der den Religionöwechsel von der Zustimmung der Eltern abhängig machen wollte. Nun— wir kennen Fälle, wo katholische Geistliche heimlich nichtkatholische Kinder g e l a u fi haben und erst das Gericht sie aus dem Taufregistcr streichen muhte. (Hört! hört! bei den Sozialdemolraren.) Offen hat Herr v. Richl Hofen zugegeben, dah nicht der Goitcsglaube, sondern die Staatsräson de» Religionsunterricht erfordere, die Staatsräson, die Machifrage, die Erhaltung des Volles in Ab- hängigkeit und Unterdrückung.(Sehr wahr! bei den Sozialdemo- kral'eii.) Man hat das Buch des Pastors I l g e n st e i n zitiert, daS natürlich in Reichsverbandsweiie geschrieben ist— anders können Sie a nicht schreiben— aber schreiben Sie. was Sie wollen und geben Sie Millionen au«, die Arbeiterjugend gebt Ihnen nicht auf den Leim! Sie reden von Idealen bei Ihnen und von Gift bei uns. Nun, Ideale gibt cS heute nur»och in der Ärbeilerschafr, und Sie werden noch einsehen, welche Kraft diese Ideale haben und dah sie u»S befreien werden von der Herrschaft der Junker und derjenigen, die die Religion zu ihren HerrschastSzwecken mihbrauchen.(Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.— Ironischer Beifall rechts.) Abg. Frhr. v. Zedlitz(frk.): Wir stimmen für den Antrag in dem Stiine, daß er nicht einem obligatorischen Religionsunterricht die Wege ebnen soll. Die Debatte schließt. Abg. Marx(Z.— persönlich): Beweise für Dinge, die das ganze Haus weih, find wohl unnötig, aber ich werde sie noch er- bringen. Der Antrag v. Pappenheim wird gegen die National- liberalen, Fortschrittliche Volkspartei und Sozialdemokraten an- genommen. Donnerstag 11 Uhr Weilcrberatung. Parlamentarisches. Das Petitionsrecht der Reichsbeamten. Am Mittwoch ivurde in der Budgetkommission des Reichstages die Debatte über den geplanten ErlveiterungSbau der ReichSdruckerei abgebrochen und die Beschluhsassung ausgesetzt, um der Kommiision Gelegenheit zur Besichtigung des Grundstückes in der Oronienstrahe zu geben. Bei Behandlung der Petitionen wurde die Frage erönert, ob nur solche Beamtcnpctilione» zur Diskussion zugelassen werden sollen, die vorher der zuständigen Behörde vorgelegen haben � entsprechend einem von den Abgg. Oertel(k.) und GieSbertS(Z.) unterstützten Vorschlage ErzbergerS(Z.)— oder ob jode Petition in der' Kommission verhandelt werden soll, wie dies von den Abgg. Kopsch(Vp.), Beck(natl.), Eberl(Soz.), Hubrich(Vp.) und NoSke(Soz.) unter Hinweis auf das den Beamten zustehende verfassungsmähige PetilionSrecht, das nickt verkümmert werden dürfe, gefordert wurde.— Staatssekretär Kraetke pflicktete dem Vorichlage ErzbergerS bei und betonte die Bereit- Willigkeit der von ihm vertretenen Zentralverwaltung, Beamten- deputationen jederzeit zu empfangen»nd anziihören. Die Abgg. Eberl(Soz.) und Struve(Vp.) fowie GieSbertS(ß.) forderten die Erricktunq von Beamten- und Angestellten-Auöschüssen. die ein gc- eigneteZ Instrument zur Vertretung der in zahllosen Einzelpetitionen geäußerten Wünscke sein könnte», mit dem Erfolge, dah Staats- sekretär Kraetke erklärte, von seinem bisherigen Standpunkt in dieser Frage nicht abgehen zu können. Schatziekrelär Kühn kündigte daS baldige Erscheinen der in Aussicht gestellten B e a m t e n b e s os dungS Novelle an. Das Ergebnis der Aussprache wurde vom Vorsitzenden in den Wunsch der Kommission zusammengesaht, daß petitionierende Beamte möglichst den Jnstanzeniveg einhalten möchten, ohne dah damit eine Wer- kllrzung des PstitiouSrechteS beabsichtigt oder ausgesprochen sein solle. Die vorliegenden Petitionen wurden als Material überwiesen. Die noch in Angriff genommene Beratung des E t a t S d e r P o st- und Telegraphen Verwaltung wird am Donnerstag fort» gesetzt.__ Noch ei» ungültiges Rcichstagsmandat. Die WahlprüfuiigSkommission des Reichstages erklärte das Mandat deS sreitonservativen Abg. v. H a l e m für ungültig. Der Wahlschwindel, der in diesem Kreise— Schwetz— getrieben wurde, steht in den Analen des Reichstages ohne Beispiel da. Das Reichskolouialgcricht. Die 21. Kommission des Reichstages, die die Frage des Kolonial- gerichtshofes vorzuberaten hat, ist am Mittwoch nach einer zivci Sitzungen ausfüllenden Beratung zur Entscheidung über den S i tz des Gerichtes gekommen. Die neuangeregtc Angliederung an das Reichsgericht wurde mit il gegen 7 Snminen abgelehnt, auch in der Form, dah das Gericht als selb- ständiges Gericht neben den, Reichsgericht in Leipzig errichtet werden soll. Mit 14 gegen 7 Stimmen wurde dann H a m p u r g als Sitz des Kolonialgerichtshofes bestimmt, der den Titel Reicks- kolonialgerickt führen soll. Die Regienrngsvertretor haben sich über die Stellung der Regierung zu diesem Beschluß noch nicht erklärt. Der von den sozialdemokratischen Mitgliedern der Koni« Mission gestellte Antrag auf Zuziehung von Laien als Richter wurde gegen die Stimmen der Antragsteller abgelehnt. GewerbeordnungSkommission des Reichstags. Die Regierung hatte das von der Kommission rn der letzten Sitzung gewünschte Material noch nicht übermittelt. Es cNtspaim sich deshalb eine lange Geschäftsordnungsdebatte. Schließlich wurde mit knapper Mehrheit beschlossen, in die Generaldebatte über Artikel I einzutreten. Minisierialdircktor Dr. Ea Spar gab ein- leitend eine knappe Begründung der Vorlage. Er gab zu, daß nur ein heimlicher Handel im Umherziehen mit Pfandscheiiieu crisliere, der statistisch nickt zu erfassen sei.— Naumann(Vp.) sprach über den Handel mit Gegenständen, die zur Verhütung der Empfängnis be- stimmt sind. Er teile nickt die Ansicht der Sozialdemokraten, dah die wirtschaftliche Not, Zollfragen usw. die Ursachen deS Geburtenrückgauges seien.— Avg. Diez(Z.) schloß sich dem Vorredner an; dem Verlangen der Regierung, diese Gegenstände von, Verkauf im Umherziehen auszuschließen, könne man zustimmen. Im übrigen sprach er gegen die Wandcrlager im Haunerergewcrbc. Abg. Poppe(Z.) erwiderte seinem Fraklionsgcnosien, daß die Hausierer ordentliche Leute seien, die einen schweren Beruf haben und diesen reell betreiben. Bei Erteilung eines Gewerbescheines au Jugendliche könne man allerdings einige Einschränkungen treffen. Die sozialdeniokraiischcn Redner legten dar, Sah durch die Bc- stiminungcn der Gewerbeordnung der Betrieb im Uniherziehen immer mehr eingeschnürt worden sei. Die zur Verhandlung stehende Regierungsvorlage bringe weitere Beschränkungen; sie lei ein ganz reaktionäres Machwerk zum Schutze des sogenannten Mittelstandes. Die Generaldebatte war damit erledigt. Mus öe? Partei. Aus der italienische» Pariciprcsse. Rom, den 19. Januar.(Eig. Ber.) Die Halbmonatsschrift der italienischen Partei, die in Mailand erscheinende„Erilica Sociale", geht aus den Händen ihres bisherigen Redakteurs, Filippo Turatis, zeitweise in die des Genossen Treveö über. Ursache dieics Wechsels sind die wenig zufriedeustellenden GesundheilSverhältnisse'Turatis, der sich namentlich während der letzte» parlamentarischen Arbeilen sehr überanstrengt hat und sich zurzeit zur Erholung in der Riviera befindet._ Parteilitcratur. Eine kleine Fichtc-Gedächruisschrift, verfaßt von Kurt Eis» er, Haider Verlag Buchhandlung Vorlvürts im Auftrage deö B e z i r k s b i l d u n g S a u S s ch u s s e S für G r o h- B c r l i n soeben herausgegeben. Die kleine, acht Seiten umfassende Schrift soll daS Leben und die Lehren deS Mannes, dessen 100. TodeStage im Laufe der nächsten Woche eine ganze Anzahl Versaminlungen in Berlin und in der Provinz gewidmel ist. weiteren Arbeiterkreisen bekannt machen. DaS Proletariat ehrt diesen Freiheitskämpfer mit mehr Recht als eS die„Patrioten" des beutigen preußisch- d-ulschcn Militär- und Polizeistaates tun, die Fichtcö Namen so oft miß- brauchen. Den BildungSauSschüsien sei die kleine Schrift, die nur 5 Pfennig kostet, angelegentlichst zur Verbreitung empfohlen. Deutscher sozialdemokratischer Verein Vorwärts, Stockhol»,. Wir machen die reisenden Parteigenossen aufmerksam auf diesen Verein. Er hat jeden ersten Sonnabend im Monat Versammlung, jeden driuen Sonnabend zwangloses Zusammensein.„Vorwärts", „Neue Zeil" und„Der wahre Jakob" liegen im VercinSlokal, Restaurant zum Heidelberger, Stortiirkobrinken. aus. Weitere Aus- kunft erteilt der Vorsitzende, Genosse Otto S t i tz, Nybrogatan 8. Die Partei- und Gewerkschaftspresse wird um Abdruck gebeten. polizeiliches, Gerichtliches usw. Eine sonderbare Verfügung. Genosse Dr. Alfred Bernstein- Berlin sollte in diesen Tagen in Mülheim am Rhein über die„kulturelle Bedeutung des Geburten» rückgangeS" reden. Die Mülheimer Polizciverwaltung sandte ihm eine Verfügung, wonach ihm der Vortrag nur gestattet werden sollte, wenn dieser nicht»gegen die guten Sitten und die öffentliche Ordnung" verstoße. Vor allein sei„jede Empfehlung cmprängnisverhütender Mittel" verboten, und da« Thema dürfe lediglich als wissenschaftliches Problem behandelt iverden. 150 M. Geldstrafe wurden für den UebcrtrelungS- all dem Genossen Bernstein angedroht. Erwlüerung. Zu den Ausführungen E d. B e r n st e i n s über die EntstebungS» geschickte deS Züricher»Sozialdemokraten" geht uns noch 'olgende Erwiderung zu: R. Ebensowenig wie der von uns veröffentlichte Brief Bebels an Marx aus der Well zu schaffen ist. ebenso steht cS fest, dah Marx und Engels den Dreigestirn-Ariikcl in dem von mir dargestellten Sinne auffahteu. Wenn Genosse Bernstein jetzt selbst schreibt, daß„Marx und Engels den verhängnisvollen Jahrbuchartikel ' ch l i in m e r a u f f a 1 s e ir muhten, als die Umstände rechtfertigten", gibt er damit alles zu. was ich in meinen einleilendeu Worten behauptete, die durchaus nicht eine Geschichte der Gründung deS„Sozialdemokraten" fein tvollicn? Der Artikel war o„schlimm", dah Ivir verstehen, warum die„Londoner Apostel" gegen seine Verfasser(erst später erfuhren sie, dah Bernstein darin nur mit IS Zeilen beteiligt ivar) so voreingenommen ivaren und allen„Ohrenbläsereicn" von Hirsch mehr Glauben schenkten, als sie cS verdienten. Der soeben angekündigte dritte Band von Bebels Eriinierungen wird Bernstein die von ihm gewünichte Gelegenheit bieten, endlich „einmal eine lückenlose Darstellung der Gründung und Geschichte des Züricher„Sozialdemokrat" zu schreiben. Er rst dazu der bc- rufenste Mann. Wen» seine Geschichte erscheint, werde ich mich meine Ansicht revidieren, und Genosse Bernstein wird sehen, dah ich ehrlich" genug bin, um einen Irrtum einzugestehen, ohne mich durch Rechthaberei in bezug auf nebensächliche Belanglosigkeiten zu decken. Dann wird er auch endlich die Legende vom„Canoffagang" nach London, die ich einige Male von Bebel gehört habe, gründlich zerstören können. " Osvantwortlicher Redalteurt Alfred Wieletzp. Neukölln. Für den Inseratenteil vercmtw.: Th. Glocke, Berlin. Drück u. Verlag-Vorwärt» Buchdruckerei u. VerlagSanjtalt Paul Singer& Co, Berlin SW,