Nr.S8. Hbonnemcnfs-Bcdlngun�en: Abonnements- Preis rränmnerondo! vierteljährl. 3P0 Ml, monatl. UV Wl, Ivöchenllich 28 Pfg. frei inS Haus. Einzelne Nummer S Psg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Wein 10 Pfg. Post- Abonnement: l.tiZ Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-Zeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für T eutschland und Oesterreich- Ungarn Lchv Mark, für das übrige Ausland s Marl pro Monat. Postabonnements nehmen am Belgien, Dänemari, Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Runiänien, Schweden und die Schweiz. 31. Jahrg. Die Insertion!-Lediihr beträgt für die sechsgespastcne Kolonel, zcilc oder deren Raum KV Pfg„ für politische und gewerkschasUiche Bereins- und Versammlungs-Anzeigeti M Psg. „Kleine Anreizen", das fettgcdruckle Wort 20 Psg.(zulässig 2 fettgedruckt- Worte), jedes weitere Wort lO Psg. Etcllengesuche und Schlasstcllenair zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes »vettere Wort S Pfg. Worte über 15 Buch- staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abcndl geöffnet. CrMjcint täglich. Verliner VolKsblcrkk. Telegramm- Adresse: .�»IStilfMotllSl NklU,-. Tentralorgan cleu rozialdcmokratifcben Partei Dcutfchlands. Redaktion: 8 Cd. 68, Lindenstrassc 69. Fernsprecher: Amt Atoristplat«, Nr. IS83. Donnerstag, de« A9. Januar 1914. Expedition: 8M. 68» landenstrasse 69. Fernsprecher: 3lmt Morihplast, Nr. 1984. Der Kampf um ein Steuer- gefetz. Aus Wien wird uns vom 26. Januar geschrieben: Nach Irrungen und Wirrungen, wie sie nur der öfter- reichische Parlamentarismus hervorbringt, ist der sogenannte kleine Finanzplan zustande gebracht worden, und vom 1. Fe- brnar an werden die neuen Steuern Gesetz sein. In dem „Finanzplan" ist eine Reihe von sehr verschiedenen Steuern und Steuererhöhungen zusammengepfercht, deren Ertrag auch bestimmten Zwecken zu dienen hat. Den Hauptteil bildet die Erhöhung der Branntweinsteuer, die in der Hauptsache zur Sanierung der Finanzen der Kronländer und zur Deckung der von den Ländern zu leistenden Erhöhung der Lehrer- gehältcr dienen soll. Trotz ihres verführerisches Zweckes ist diese antisoziale Steuererhöhung, die um so aufreizender wirkt, als an die unterschiedlichen Liebesgaben für die Schnaps- brenner nicht gerührt wird, von den Sozialdemokraten energisch bekämpft worden. Dagegen hat unsere Fraktion, da der Verwendungszweck keiner Bestreitung unterlag, für die Totalisatorsteuer, für die Schaumiveinabgabe und für die Novelle zum Einkommensteuergesetz nicht nur gestinimt, son- dern auch den Inhalt dieser Steuergesetze sehr eindringlich beeinflußt. Angesichts der Diskussionen, die sich an die letzte Steuerabstimmung im Reichstage geknüpft haben, wird die Darstellung unseres Standpunktes vielleicht größcrem Jnter- esse begegnen. Mit der Erhöhung der Tarife der Einkommensteuer soll die Bedeckung für die neuen Gesetze über die Gehälter der Staatsbeamten und-diener, insbesondere für die darin zum ersten Male verwirklichte automatische Vorrückung der Staats- bedicnstcten in höhere Gehaltsstufen, geschaffen werden. Dank der Mitwirkung der Sozialdemokraten hat nun die Novelle zum Einkommensteuergesetz eine Gestalt erhalten, mit der sehr wichtige soziale Forderungen erfüllt werden. Das neue Ein- kommensteuergesetz verfügt vor allein die Erhöhung des Eristeilzminimulns. Alle, die ein Einkomnien von nicht niehr als 1666 Kronen, zirka 1856 M.(bisher 1266 Kronen) haben, lverden von der Einkommensteuer befreit' so hoch dürfte die Stcuergrenze außer in England�nirgends hinaufreichen. Einer halben Million österreichischer Staatsbürger bringt das neue Gesetz die gänzliche Befreiung von einer drückenden Steuer, die sie bisher entrichten mußten. Das neue Einkommensteuer- gesetz bringt aber auch den Arbeiterfamilien, die ein Ein- koninien von mehr als 1666 Kronen haben, eine dankenswerte Entlastung. Wenn in einer Familie nicht nur der Mann, sondern auch die Frau oder die Kinder zur Arbeit gehen müssen, so wird die Steuerbehörde ihr Einkommen nicht mehr zusammenrechnen, sondern jedem Familienmitglied, sofern es mehr als 1666 Kronen verdient, die Steuer gesondert vor- schreiben; was zur Folge hat, daß viele Familien weit weniger steuern werden als bisher. Während so die Masse der klein- sten Steuerträger entlastet wird, wird der Ausfall durch be- trächtlich höhere Besteuerung der Reichen gedeckt werden. Alle, die ein Einkommen von mehr als 16 666 Kronen haben, werden weit mehr zum Staatshaushalt beitragen müssen als bisher. Die stärkere Heranziehung der Wohlhabenden und Reichen ist von den Sozialdemokraten durchgesetzt worden, obgleich sowohl die Regierung wie das Herrenhaus ihr widerstrebten und die Begeisterung auch bei den bürgerlichen Parteien des Abgeordnetenhauses nicht sehr groß war; durch eine un- erwartete Wendung ist man am Schlüsse noch um drei Pro- zent der Steuer über die Steigerung hinausgegangen, die voni Abgeordnetenhaus ursprünglich beschlossen war. Und bei den ganz Reichen angelangt, erreicht die Progression der Belastung eine Stärke, die sich gleichfalls in keinem anderen Einkommensteuergesetz vorfinden durfte. Erwähnt sei noch der Zuschlag für minderbclastete Steuerträger, die sogenannte Jünggcsellensteuer(wonach Steuerpflichtige,„zu deren Haus- halt keine Person gehört", bei Einkommen über 2466 Kronen bei ihrer Steuer einen Zuschlag von 16 Proz. zu tragen haben, dann die Bucheinsicht, durch die den Steuerhinterziehungen der Wohlhabenden ein Riegel vorgeschoben wird, wonach es klar ist, daß in dieser ersten Steuernovelle, die das demokrati- sierte Parlament geschaffen hat, ein ganz anderer Zug weht, als ihn die österreichische Steuergesetzgebung vormals aufwies. Zum ersten Male ist in Oesterreich ein Steuergesetz geschaffen worden, für das die sozialdemokratischen SIbgeordneten mit gutem Gewissen stimmen konnten. � Und so ist es ganz logisch, daß der Endkampf um die Vor- läge den Sozialdemokraten einen regelrechten Sieg brachte. Wie schon seinerzeit berichtet, entbrannte über eine Reihe von Bestimmungen ein Konflikt zwischen den beiden Häusern des Reichsrates, zu dessen Austragung die in der Geschäfts- ordnung vorgesehene gemeinsame Konferenz von Vertretungen der beiden Häuser(zu 26 Mitglieder vor jedem) einberufen wurde. Da die Herrenhäusler ahnten, daß ihnen eine Nieder- läge auf der ganzen Linie bliihen würde, so kamen sie nun selbst mit der Erhöhung des Existenzminimums, die sie vorher zweimal abgelehnt hatten. Sie verzichteten auch ohne weiteres auf ihre übrigen Beschlüsse, bewilligten auch für die höheren Einkommen(über 16 666 Kronen) eine weitere Belastung, »nd begehrten nur, daß die Einkommen von 1666 bis 16 666 Kronen, deren Steuer nicht erhöht werden sollte, eine Er- höhung auf sich nehmen: in den niedrigeren Stufen eine ganz ' geringe(sie beginnt mit 26 Heller für das Jahr), die bei 16 666 Kronen bis zu 6 Kronen steigt. Abgesehen von dieser letzten Sache, die sich das Herrenhaus als ein„Prinzip" zu- gelegt hatte, bedeuten die Beschlüsse der gemeinsamen Kon- ferenz einen großen Sieg der Sozialdemokratie, die Durch- setzung ihrer gewichtigsten Forderungen. Die Wut der bürger- lichen Parteien, die nun wegen ihrer Ablehnung der Erhöhung des Existenzminimums, wobei sie sich auf den angeblich un- besiegbaren Widerstand der Regierung und des Herrenhauses berufen hatten, wie begossene Pudel dastanden, war natürlich nicht gering. Sie entlud sich in einer christlichsozialen Intrige, die dahin ging, den in der Konferenz einstimmig zustande gekommenen Vergleich, auf den sich alle Parteien verpflichtet hatten, im Abgeordnetenhause zu verwerfen. Wobei die Christ- lichsozialen wesentlich von der Furcht geleitet werden, daß viele Arbeiter, die heute 26 Kronen zahlen und nun 26 Kronen 46 Heller zahlen werden, in den dritten Wahlkörper des Wiener Gemeinderats gelangen werden und dort die gegen- wörtige christlichsoziale Majorität erschüttern könnten. Indes gelang es der Festigkeit der Sozialdemokraten, auch diese letzte Intrige zunichte zu machen und das Gesetz mit Drei- Viertelmehrheit in den Hafen zu lotsen. Dem sachlichen Erfolg unferer Partei stellt sich der moralische ebenbürtig zur Seite. So hat es sich wieder einmal bewahrheitet, daß inmitten der Waschlappigkeit und Charakterlosigkeit der bürgerlichen Parteien die Energie und Zielbewußtheit der Sozialdemokraten ihres Erfolges sicher sein kanm Eine Politik der Grundsätze, die bei dem, was sie als richtig erkannt, kraftvoll beharrt, setzt sich zum Schluß immer durch. Um öus koalitionsrecht. Gegen die Versuche einer noch weiteren Verschlechterung und für die Ausdehnung sowie Sicherung des Koalitionsrechts traten in Bayern wieder einige stark besuchte Versammlungen ein. In Augsburg sprach der Reichstagsabgeordnete Bauer-Berlin vor zirka 1666 Personen. In K e m p t e n und Nördlingen ivaren die Versammlungen gleichfalls über- füllt. Es gelangte überall eine scharfe Resolution gegen die Verkümmerung des Koalitionsrechtes zur Annahme. Fort mit dem Streikpostenstchen! DaS Streitpostensiehen ist ein notwendiger Bestandteil des vom Reichsgesetz garantierten Koalitionsrechts, wie ja selbst das Reichs, gericht in der bekannten Entscheidung vom Februar 1901 ausdrück- lich anerkannt hat. Wer das Recht auf Streikpostenstehen angreift, greift das Koalitionsrecht an. Di« Feinde de? Koalitionsrechts, die ja behaupten, das KoalitionSrrcht beileibe nicht angreifen zu wollen, sprechen bei ihren Angriffen auf das Koalitionsrecht von«Aus- wüchsen des Koalitionsrechts". Wie in Wahrheit die Scharfmacher denken, verrät der von Feindschaft gegen die Arbeiterklasse über- strömende Jahresbericht der Handelskammer zu Hamburg für das Jahr 1913. Es heißt dort S. 53/54: „Veranlaßt durch die Erfahrungen, welche wiederholt bei hiesigen Streiks gemacht worden sind und deutlich bewiesen haben, daß die zurzeit in Geltung bekindlichen gesetzlichen Bestimmungen nicht genügen, um bei Arbcitsstreitigkeitcn einen hinreichenden Schutz der Arbeitswilligen sowie der gewerblichen Betriebe gegen rigoroses Vorgehen der im Ausstände befindlichen Arbeiterkreise und deren schlimmsten Auswuchs, das Streikpostenstehen, zu ge- währen, haben wir im letzten Jahresbericht auf Grund eingehen- der Untersuchung der in den geltenden Gesetzen gebotenen Schutz- maßregeln uns dafür ausgesprochen, daß die im 8 153 der Ge- werbeovdnung enthaltenen Vorschriften derart erweitert in das Strafgesetzbuch herübergenommen werden, daß den von den ge° werblichen und Arbeitnehmerireisen zu stellenden berechtigten Forderungen Genüge geschieht. Bedauerlicherweise hat sich die Reichsregierung zunächst aus einen ablehnenden Standpunkt gegenüber derartigen Forderungen gestellt, wobei von der Auf- saffung ausgegangen wurde, daß die in Geltung besindlichen gesetz- lichen Bestimmungen, wenn sie nur richtig angewandt werden, genügten, um StreikauSschreitungen jeglicher Art entgegenzu- wirken." Also das Streikpostenstehen, ein integrierender Bestandteil des Koalitionsrechts, ist der„schlimmste AusivuchS" des„rigorosen Vor. gehenS"(schreibe: Koalitionsrechts) der für Besserstellung ihrer Familien kämpfenden Arbeiter. Dies Eingeständnis vendieni vcr. merkt zu werden. Arbeitswilliger und Bordell. Der Vorsitzende des Deutschen FleischergesellenbundeS für die Provinz Sachsen und Anhalt. E rn st Rolle, ist verheiratet. Seine Ehefrau Maria wqltet in Magdeburg im Hause 4s des Knochcnhauer. Ufers als Hausfräu. Welch Gewerbe wird dort getrieben? Drei Mädchen gewähren dort, wie wir der„Deutschen Fleischergesellen. Zeitung" entnehmen, käuflich« Liebe. Die Einwohner aus diesem Bordell, das von der Frau des gelben Vorsitzenden geführt wird, find bekanntlich wegen des Schmutze», der an dem Gewerbe klebt, steuerfrei. Räch dem Strafgesetzbuch hätte Polizei und Staats- anwaltschaft gegen Bordelle als Kuppeleibetriebe einzuschreiten. Indessen gegen die Inhaber dieses durch grüne Fensterläden kennt- lichen Hauses wird in Magdeburg nicht eingeschritten. Wohl aber verlangen die ehrsamen Scharfmacher, daß den: gelben Oberhaupt, chem der Nießbrauch aus dem Bordell zusteht, Schutz, Polizeischutz werde, wenn er oder sein« Gesinnungsgenossen gegen das Koa. litionsrecht ehrlicher Arbeiter als„Arbeitswillige" mißbraucht werden. Famose Moral das! Der Streit öer öifchöfe. Herrschte zunächst in der Zentrumspresse Kölner Rich- tnng eine tiefe Niedergeschlagenheit über den Brief des Kar dinals Kopp an den Grafen von Oppersdorfs, die es nur zu allerlei Schmerzensschreien und resignierten Worten des Be- dauerns brachte, so rücken nun doch einige Blätter des„ver- feuchten Westens" zur Attacke vor. Aber auch jetzt noch wagen diese Blätter nicht direkt den Fürstbischof von Breslau an- zugreifen, sondern sie richten ihre Geschosse, gemäß dem be- kannten Sprichwort:„Den Esel meint man, aber den Sack schlägt man", gegen den Reichsgrafen Hans von Oppersdorfs tind zeihen ihn aller möglichen Intrigen und Niederträchtig- leiten. Jeder aber, der die Ausführungen genauer betrachtet, sieht sofort, daß die dem Grafen Oppersdorfs applizierten Hiebe für Se. Eminenz, den Kardinal, bestimmt sind. Die Führung in dieseni Kampf der Bachemiten gegen den Kardinal Kopp übernimmt natürlich die„Kölnische Volks- zeitnng" in einem spitzfindigen Artikel, der„Ein W 0 r t über Achtung vor der kirchlichen Autorität" überschrieben ist. Das Kölner Zentrumsblatt beschuldigt darin, wie schon der Titel andeutet, den Grafen von Oppers- dorff der Mißachtung der kirchlichen Autorität, und zwar der Autorität des Erzbischofs von Köln— klar ersichtlich zu dem Zweck, den Erzbischof von Hartmann gegen den Kardinal Kopp aufzuhetzen. Wörtlich schreibt nämlich die„Kölnische Volkszeitung": In demselben Oppersdorffschen Organ ist lange nach dem Essener Kongreß, 14 Tage vor Veröffentlichung der Darlegung des Kardinals Kopp, in auffallendem Druck ein gegen den Erz- bischof von Köln gerichteter Artikel„von hoher geistlicher Seite" erschienen, welcher in der Verunglimpfung des Oberhauptes der Kölner Erzdiözese bis dahin Unerhörtes geleistet hat. Die ganze katholische Presse hat der Entrüstung über diesen Ausfall den entschiedensten Ausdruck gegeben.... Klarheit und Wahrheit ist das Organ eines Mannes in her- vorragender Lebensstellung, der Mitglied des Deutschen Reichs- tagcs und des preußischen Herrenhauses ist, der auf theologische und philosophische Durchbildung Anspruch erhebt, der dialektisch ganz besonders geschult ist und der zudem den allein echten und gerechten,„integralen" Katholizismus zu vertreten in Anspruch nimmt, der gsivisscrmaßcn als prgeeeptor Gerrnaniae in rebus catholicis auftritt. Wie viel größer ist die Vcranllvortung einer solchen Persönlichkeit, wenn es um die Wahrung der kirchlichen Autorität sich handelt, als diejenige einfacher Arbeiter! Weite Kreise haben mit Bestimmtheit erwartet, daß Graf Oppersdorf seine Angriffe auf den Erzbischof von Köln dem- nächst mit Bedauern zurücknehmen werde. Man wird ihn doch sicher„von hoher geistlicher Seite" daraus aufmersam gemacht haben, welches Acrgernis der Artikel in Nr. 4 von Klarheit und Wahrheit im ganzen katholischen Deutschland verursacht hat. Aber in der Nummer de? Blattes, welches die Darlegung des Kardinals Kopp enthält, findet sicv nichts dergleichen. Ganz im Gegenteil! Unter der Rubrik„Ein Schlußwort zum 18. Dezember 1913" liest man dort folgende im Druck hervorgehobene Sätze: Die„Kölnische Volkszeitung" hat nun die Sprache ver- loren. Auch wir können jetzt schweigen, nachdem wir, genug ge- sagt haben. Freilich bleibt eine Gefahr bestehen: Diejenigen Geistlichen, welche sich nach der Weisung vom 18. Dezember v. I. richten, kommen mit der päpstlichen Enzyklika und so mit ihrem Gewissen in Lionflikt. Mit diesem„18. Dezember 1913" und der„Weisung vom 18. Dezember v. I." ist die Rede des Herry Erzbischofs von Köln in der Generalversammlung der Präsides der katholischen Arbeiter- und Knappschaftsvereine der Erzdiözese Köln gemeint, deren Inhalt der Herr Erzbischof auch durch seinen Neujahrs- brief an Diözesanpräses Dr. Otto Müller in M. Gladbach nicht eingeschränkt, von dem er nichts zurückgenommen, den er viel- mehr aufrechterhalten hat, nur stark hervorhebend, daß diese seine Auffassung sich durchaus im Kahme» der päpstlichen Enzyklika Linxulari quadain bewege. Da diese?„Schlußwort zum 18. Dezember 1913' vom Grafen Oppersdorf uninittclbar hinter dem Brief des Herrn Kardinals Kopp vom 21. Januar 1914 veröffentlicht wird, so wird der Eindruck erweckt, d a ß es im Zusammenhang mit diesem Brief beur- teilt werden muß. Man kommt dann an der weiteren An- nähme kaum vorbei, daß ein gewisser Zusammen- hang hergestellt werden soll zwischen dem jetzigen Briefwechsel des Kardinals Kopp und deS Grafen Oppersdorfs und dem angreifen- den Artikel derselben Zeitschrift Klarheit und Wahrheit in der vorhergegangenen Nr. 2, 1914, gegen den Erzbischof von Köln(vgl.„Kölnische Volkszeitung" Nr. 35 vom 12. Januar 1914), m welchem dem Oberhirten der Kölner Erzdiözese u. a. der empörende Vorwurf gemacht wurde, er„führt daS katholische Volk irre". Zugleich mit der„Kölnischen Volkszeitung" geht auch die „Korrespondenz des katholischen Volksdereins" in einem „Klarheit und Wahrheit" überschriebeneu Artikel gegen den Kardinal Kopp vor, natürlich ebenfalls nicht dirct — so mutig sind die Kämpen BachenW nicht—, sondern in dem es ebenfalls ans den Grafen von Oppersdorfs losschlägt. In welchem Stil dieser mit den niedrigsten Verdächtignngci: ötBeifciiöe Artikel geholten ist, mögen folgende Schlußsätze zeigen: „Es müßte ja die größte Verwirrung im katholischen Deutsch- land anrichten, wenn der Schein bestehen bliebe, daß Klarheit und Wahrheit gewissermaßen im Schatten des für st bischöflichen Stuhles von Breslau fein Wesen treibt. Das Blatt hat die in Preußen hervor- ragcndsten katholischen Persönlichkeiten geistlichen und weltlichen Standes, insbesondere den Oberhirten der Kölner Erzdiözese und den Vorsitzenden der Zentrumsfraktion des Preußischen Abgeord- netenhauscs, aufs schwerste beleidigt und ihre pflichtmäßige Stellungnahme in der Oeffentlichkeit der Mißdeutung und Verdächtigung preisgegben. Es würde im ka- tholischcn Volke nicht verstanden werden, wenn man e s j e tz t noch ruhig geschehen ließe, daß ein wahnwitziger„In- tcgralisnuO" einerseits die bischöfliche Autorität, andererseits Männer, die ob ihrer unvergänglichen Verdienste im öffenUichen Leben das höchste Vertrauen der deutschen Katholiken genießen, herabgesetzt und anschwärz t." Auch das Paderborner„Westfälisckfe Volksblatt", das deur Bischof Schulte nahe steht, holt zuni Hiebe aus, und es leistet sich einige„F c st st e l l u n g e n", die dem Kardinal Kopp recht unangenehm sein dürften, da sie auf die Beschuldigung hinauslaufen, er habe es in seinem Brief an den Oppersdorfs ntit der Wahrheit nicht allzu g c n a ll g c n o m m e n: „Wenn es in Klarheit und Wahrheit 1914 Nr. 4 heißt, die Führer der christlichen Gewerkschaften hätten sich an de« Herrn Bischof von Paderborn gewandt, so ist das eine irrige Auffassung Sr. Eminenz des Herrn Kardinals Kopp, die richtig zu stellen aus mehreren Gründen als not- wendig erscheint. Nicht die Gewerkschaften haben sich an Bischof Dr. Schulte gewandt, sondern umgekehrt: die Initiative ging von dem Herrn Bischof aus, und er wandte sich an Herrn Stegerwald als den Führer der Gewerkschaften. In Zusammenhang hiermit sei erwähnt, daß die ebenda sich findende Bezeichnung des Herrn Bischofs Tr. Schulte als„langjährigen Freund" der christlichen Gewerkschaften im Zusammenhange mißverständlich ist. Erst 1910 befaßte er sich eingehend mit dieser Frage. Herr Kardinal Kopp hat ihm ein Referat über die sc Angelegenheit für die Fuldaer Bischofskon- ferenz übertragen. Dieser Austrag war für ihn die Veranlassung, sich grundsätzlich mit dieser Frage zu beschäftigen und ihrem Studium eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Aber gehen wir zurück zu den von Bischof Dr. Schulte angeregten und veranlaßten Verhandlungen mit den christlichen GeWerk- schoften. Im Verlauf der Erörterungen fand sich, daß die Ge- werkschaften Wert darauf legten, einen Brief des Herrn Kar- dinals Kopp an Geheimrat Porsch vom 10. November 1912, von dem sie Kenntnis bekommen hatten, aus dem Essener Kongreß mitteilen zu dürfen. Deshalb bat Stegerwald den Bischof Tr. Schulte, die Erlaubnis zu dieser Bekanntgabe vom Herrn Kardinal zu erwirken. An Herrn Kardinal Kopp schrieb er in Sachen des Briefes an Porsch. lind es lag nahe, bei dieser Ge- lcgenheit überhaupt Bemerkungen zur augenblicklichen Lage mit- zuteilen und seine Interpretation der fünf Punkte, die für Essen von Bedeutung ivaren, dem Herrn Kardinal zur Kenntnis- nähme beizufügen. II ni Prüfung und Z u st i m m u n g war der Herr Kardinal nicht gebeten worden. Die gegenteilige Auffassung in der erwähnten Veröffentlichung �Klarheit und Wahrheit 1914 Nr. 4) läßt sich nur durch ''A n nähme eines Ni i ß v e �.st ä n d n i s s e s erklären---- Und zum Schluß wendet sich der Artikel des„Westfälischen VoKsblattes" mit folgenden spöttischen Worten an ben Kar- ditial Kopp: „Wenn S. Eminenz in dem in Klarheit und Wahrheit a. a. O. zitierten Briefe es bedauert, sich„an den Maßnahmen zur Beunruhigung der christlichen Gewerkschaften beteiligt zu haben", so waren dafür andere. Gründe ange- geben, nicht die Erkenntnis, daß die Jnter- pre.tation in sich und objektiv unrichtig se i." Wir wissen nicht, inwieweit olle dies«„Feststellungen" richtig sind. Aber sind sie richtig, dann fordert das Verhalten des Herrn Kardinals zu einer nicht minder schärferen Kritik heraus, wie das der Herren Schulte und Dr. Kreutzwald, die, wie wir gestern bereits hervorhoben, bei ihren Vernehmungen im Kölner Gewcrkschaftsprozeß kurzweg verschwiegen haben, daß der Kardinal Kopp längst seine Zustimmung zu der Schulteschen Interpretation der Enzyklika LinKiiIari quadarn zurückgezogen kiatte. Doch das ist Nebensache. Es kommt jetzt nicht darauf an, wer von den hohen Herren sich anständiger benommen hat, sondern wer die Ansichten Roms vertritt! Und in dieser Hin- ficht kann es keinen Zweifel geben: hinter Kardinal Kopp st e h t R o m. So werden auch Herr von.Hartmann und Herr Tr. Schulte sich ducken müssen, ganz gleich, ob sie niit ihrq: Auffassung der Gewerkschaftsfragen mehr oder minder recht haben: denn auf einen Konflikt mit dem Vatikan werden sie es schwerlich ankommen lassen. » Das e r st e O p f e r, allerdings nur ein recht winziges, hat der Streit der Bischöfe schon gefordert: Geheimrat Tr. Porsch. der Zentrumssührer im Abgeordnetenhause, hat sein Amt als fürstbischöflicher Konsistorialrat am Breslauer Bis- tumskoiisistorium niedergelegt. die Arbeitslosigkeit. Herzloses Kleinbürgertum. Unter dem Vorsitz des badischcn nationalliberalen Landtags- abgeordneten Niederbühl tagte am vergangenen Sonntag in Rastatt der Landesverband der badischen Gewerbe- und Handwerker- Vereinigung, um zu der Frage der Arbeitslosenversicherung Stellung zu nehmen. Der Bürgermeister von Rastatt, Dr. Renner, über- trieb in seinem Referat die bei einer Arbeitslosenversicherung sich ergebenden Schwierigkeiten und kam zu dem Schlüsse, daß den Kleingewerbetreibenden aus keinen Fall neue Lasten auferlegt werden dürften. Die Bedenken seien wirtschaftlicher und sozialer Natur; schwer sei es, den Begriff„arbeitslos", noch schwerer den der„unverschuldeten Arbeitslosigkeit" festzustellen. Nach längerer Debatte, in welcher alle Redner bis auf einen sich auf den Stand- Punkt des Referenten stellten, wurde eine Resolution angenommen, in welcher es heißt:„Eine Arbeitslosenversicherung, deren Mittel die Arbeitgeber direkt oder indirekt, ganz oder teilweise aufzu- bringen hätten, wird entschieden abgelehnt." Was kümmert den herzlosen Kleinbürger die Not �>er Arbeits- losen! Die ganze Aktion hat einen politischen Hintergrund; das organisierte Kleinbürgertum will mit seiner Stellungnahme auf den Landtag einwirken, um den von der sozialdemokratischen Fraktion gestellten Antrag, hunderttausend Mark für Unterstützung Arbeits- loser im Staatsctat einzustellen, zu Fall zu bringen. Arbeitslosigkeit vnd Arbeitslosenversicherung. Die Regierung des Fürstentums L i p pe hat die Gemeinden des Landes' ersucht, Feststellungen über den Grad der Arbeitslosigkeit zu machen und im einzelnen anzugeben, ob und welche Notstands- arbeiten ausgeschrieben worden seien. Bei den 13 000 alljährlich zurückkehrenden Wanderarbeitern macht sich im Winter die Arbeits- losigkeit stark bemerkbar und eine Reichsarbeitslosenvcrsicheruug würde gerade hier besonders wohltätige Folgen haben. Bei der bekannten Abhängigkeit der kleinen Staaten ist es allerdings frag- lich, ob die lippeschc Regierung ihre Feststellungen zu einem Vor- gehen im Bundesrat verwerten will. Eine Gemeindevertreterkonferenz der Kreise Blumenthal und Osterholz-Scharmbcck beschäftigte sich am 25. Januar in Vegesack mit der Arbeitslosenfürsorge in den Gemeinden. Nach einem Referat des Genossen Wünschmann wurde eine Resolution ange- nommen, in der die Vornahme regelmäßiger Arbeitslosenzählungen, Inangriffnahme von Notstandsarbeiten bei tarifmäßiger Bezah- lung und die finanzielle Unterstützung arbeitsloser Arbeiter von den Gemeindeverwaltungen gefordert wird. Auch sollen die Ge- meindevorstände für eine reichsgesetzliche Regelung der Arbeits- losenfürsorge wirken.— In der Diskussion wurde lebhaft Klage darüber geführt, daß die rückständige hannoversche Landgemeinde- ordnung der Durchführung von Gcmeindebeschlüssen sehr oft hin- dernd im Wege steht, und daß daher Landrat und Kreisregierung solche Beschlüsse unberücksichtigt lassen. Der Parteitag öer Arbeiterpartei zu Glasgow. Glasgow, 26. Januar(Eig. Ber.) Der 14. Parteitag der britischen Arbeiterpartei findet vom 27. Januar bis zum 30. Januar in der volkreichsten Stadt Schott- lands statt. Glasgow ist nicht allein die volkreichst Stadt Schottlands(es hat eine Einwohnerzahl von über 1 Million), sondern auch vielleicht die fortschrittlichste der schottischen Städte. In bezug auf Munizipalsozialismus marschiert es an der Spitze der briti- scheu Städte. Städtische Wasserwerke, Gasanstalten, Elektrizitäts- werke, Wohnhäuser, Landgüter und Straßenbahnen erschöpfen noch lange nicht die Liste der Unternehmungen, in denen sich die Tat- kraft dieses demokratischen Gemeinwesens offenbart. Die Schotten sind eine Nation mit sehr ausgesprochenen demokratischen Einrich- tungen. Gleich beim Betreten der Stadt, als wir von den Ge- Nossen Gemeinderatsmitgliedern A l st o n und Stewart empfan- gen wurden, sollte uns dies klar werden. Beide Genossen führen den Titel„baillie" CPolizeirichter). Die Schotten wählen ihre Polizeirichter selbst. Alle drei Jahre müssen sich diese der Neuwahl unterziehen. In ganz Glasgow gibt es nur einen berufsmäßigen und bezahlten Polizeirichter, und dieser hat meist nur mit den Fällen zu tun, in denen die städtischen Behörden und einer ihrer 18 000 Angestellten als Parteien auftreten. Niemand wird Glasgow eine schöne Stadt nennen wollen, aber die Bewohner sind nicht wenig stolz auf ihren Heimatsort. Mit Stolz zeigen Gemeinderäte und Behörden dem Fremden die von der Stadt geschaffenen Einrichtungen. Und wahrlich, Glasgow braucht sich seiner Werke nicht zu schämen. Seine prächtigen Straßenbahnen haben fast alle private Konkurrenz bei der Personenbeförderung in der Stadt aus dem Felde geschlagen. Die Stadt betreibt nicht nur die Straßenbahnen, sondern stellt auch ihre Wagen bis auf die Achsen und Räder und die Motoren in einer eigenen Fabrik her. Und sie hat nicht nur ihre eigenen industriellen, sondern auch ihre eigenen landwirtschaftlichen Betriebe. In der Nähe der Stadt besitzt sie eine Reihe Güter; die größeren hiervon hat sie in Eigen- betrieb, die kleineren vermietet sie. Der Gedanke des städtischen landwirtschaftlichen Betriebs tauchte vor vielen Jahren auf, als es sich darum handelte, den Straßenunrat zu verwerten. Die Stadt mietete damals cinStück Land, deffcnMietswcrt nur eiiien'Schilliug den Acre betrug. Als die Packst nach 22 Jahren ablief. War der Pachtwert des Landes infolge der stetigen Bodenverbesserung auf 40 Schilling gestiegen. Ter ganze Gewinn fiel dSin Grundeigentümer mühelos in den Schoß. Durch die Erfahrung gewitzigt, machten sich die Stadtväter nun daran, Güter aufzukaufen, anstatt zu pachten. In einer Farmkolonic(600 Acres) wird den städtischen Arbeitslosen zeitweilig Arbeit gegeben. Der größte Land- komplex, den die Stadt besitzt, ist das Gut Arghle, 40 Meilen von Glasgow gelegen, das der Stadt von einem früheren parlamen- tarischen Vertreter Glasgows geschenkt wurde. Es umfaßt 14 620 Morgen und wird als Vergnügungsort und für Forst- und Vieh- Wirtschaft benützt. Zwei der vorhandenen Schafzüchteieicn werden von der Stadt in eigener Regie betrieben, zwei andere sind verpachtet. Hier züchtet die Stadt Glasgow die besten Schafe in Schottland. 200 Morgen sind siir die systematische Aufforstung bc- stimmt. Hierhin schickte die Stadt im letzten Jahre auf Antrag des Genossen Baillie Alston 16 000 Mütter und kleine Kinder aus den„slums", damit sie wenigstens an einem Tage im Jahre hinaus aufs Land kämen. Genosse Alston ist die Säule dieser ganzen Gemeindepolitik. Er ist der Vizepräsident des Ausschusses fitr Güterverwaltung und Vizepräsident des Straßenbahnausschusses. Die Straßenbahn ist bielleicht der wertvollste Besitz der Stadt, der in der nahen Zukunft einen großartigen Ausbau des Munizipalsozialismus ermöglichen wird. In weniger als zwei Jahren wird der ganze Wert der Straßenbahn(4 Millionen Pfund) amortisiert sein, und jährlich werden dann eine Viertelmillion Pfund Sterling für genieinnützige Zwecke frei werden. Glasgow bernitzt die Ucberschüsse aus seinen Unternehmungen nicht dazu, um die Gemeindesteuern herabzu- setzen, sondern führt sie dem sogenannten„common goock kunck" (Gemeinnützigkeitsfonds) zu, aus dem unter anderem auch der Kaufpreis der Güter bezahlt wurde. Man kann sich denken, mit welchen Hoffnungen unsere Genossen im Glasgowcr Stadtrat der nächsten Zukunft entgegensehen und wieviel Pläne unser alter Genosse Alston im Kopfe trägt. Mit 2 ZNillionen Mark jährlich läßt sich schon manches ausrichten. Unsere Glasgower Genossen denken zunächst an eine großzügige Wohnungspolitik. Schon heute besitzt die Stadt auf ihrem Terrain große Landkomplexe. Der Boden- besitz der Gemeinde soll vergrößert, gesunde Arbciterwohnungcn sollen gebaut Werden. Hand in Hand damit wird der Ausbau des Stratzenbahnwesens gehen. Die Fahrpreise auf den von allen Be- völkerungsfchichten der Stadt benützten elektrischen Straßenbahnen sind im Vergleich mit denen auf den städtischen Straßenbahnen Londons äußerst billig. Man zahlt etwa 4 Pfennig für eine fast 2 Kilometer lange Strecke. Dieses lebhaft pulsierende Gemeindeleben der großen schotti- r Stadt ist in erster Linie auf die rege Tätigkeit unserer Ge- nassen im Gemeinderat zurückzuführen. Zwar sind es nur 17 So- zialisten unier 113 Gemeindevcrtretern, aber sie bilden das Züng- lein an der Wage und können bestimmen, ob ein liberaler oder konservativer Oberbürgermeister gewählt wird. Ihre Stellung ist nicht unähnlich der, die die irischen Nationalisten im britischen Parlament einnehmen. Jbr Einfluß ist daher unverhältnismäßig groß, und man beweift ihnen alle möglichen Artigkeiten. Als zum Beispiel der Oberbürgermeister erftihr, daß zwei Arbcitcrvertreter einem ausländischen sozialistischen Journalisten die Einrichtungen der Stadt zeigten, beeilte er sich, sie wissen zn lassen, daß auch«r den Fremdling empfangen möchte. In dem prächtigen Kunst- museum stürzte uns der Kurator außer Atem nach, um uns persön- lich die neuerluorbenen Schätze zu zeigen. Freilich im ernsten Kampfe hört der Spaß auf. Noch vor 14 Tagen oder 3 Wochen kam es im Gemeinderat zwischen der bürgerlichen Mehrheit und der sozialistischen Minderheit zu erregten Austritten. Tic Mehr- heit wollte einen Landkauf im geheimen vollziehen. Dagegen pro- testierten die Arbcitcrvertreter, weil das Verfahren der Korruption Tür und Tor öffnen würde. Sie trieben Obstruktion, und schließ- lich ließ man die Polizei kommen. Im Anschluß an den Parteitag der Arbeiterpartei hat die I. L. Pt einen Propagandafeldzug in Schottland unternommen. In jedem Wahlkreise, wo bei den nächsten Wahlen Arbeiterkandi- daten auftreten werden, sollen Versammlungen abgehalten werden. Als wir den Genossen Alston verließen, teilte er uns mit, daß morgen in seinem Wahlkreis eine Massenversammlung stattfinden werde. Er hat dort in Camlachie als alter Sozialist(I. L. P.) und entschiedener Gegner des Wettrüstens keinen leichten Stand; denn in Camlachie wohnen die Arbeiter, die in den Rüstungs- fabriken arbeiten. Er erklärte uns beim Abschiednehmen, daß er den Wählern begreiflich machen werde, daß ihre Arbeitskraft sowohl für sie wie für die Allgemeinheit viel nützlicher in anderer Weise Verwendung finden könne. Aus dem vorliegenden Jahresbericht der Arbeiterpartei werden folgend« Angaben interessieren. Das Einkommen der Partei be- trug 8297 Pfund gegen 7340 Pfund im Jahre 1912. Die Ausgaben beliefen sich auf 10 223 Pfund' darunter befindet sich ein Borschuß von 2000 Pfund an das Unternehmen, das den„Daily Citizen" herausgibt. Das Vermögen der Partei beläuft sich auf 9300 Pfund. Nach dem Bericht ist der Bestand des„Daily Citizen" noch immer nicht gesichert. Aus der Resolution des Bcrgarbeiterverbandes, die auf dem letzten Parteitag angenommen wurde und verlangte, daß sich der Parteitag der Arbeiterpartei mit politischen und der Ge- Werkschaftskongreß mit wirtschaftlichen Fragen befassen sollte, ist nichts geworden; das parlamentarische Koniitee des Gewerkschafts- kongrcsscs hat dem Vorschlag nicht zustimmen können. Ein ähn- lichcs Schicksal hat den Vorschlag erreicht, die Genossenschaften, Ge- werkschaftcxi und die Arbeiterpartei organisatorisch enger anein- anderzuschmieden. Der letzte genossenschaftliche Jahreskongrcß hat sich gegen die Verbindung mit der politischen Arbeiterpartei aus- gesprochen. ** * Eröffnung ües Parteitages. Glasgow, 28. Januar.(Privattelegramm deS„Vor- wärts".) Der Parteilag wurde heute eröffnet. Unter großem Beifall wurde eine Resolution angenommen, die gegen die Unterdrückung der Gewerkschaften und gegen die Proklamation des Standrechts in Südafrika pro- testiert. Die Resolution drückt den ausgewiesenen Gewerkschafts- führcrn und Beamten die vollste Sympathie aus, verlaugt eine gründliche Untersuchung der Angelegenheit und, wenn notwendig, die Rückberufung des Gouverneurs Gladstone. Die Debatte über diese Frage war bemerkenswert wegen der leidenschaft- lichen Rede, mit der Genosse M a c d o n a l d die in Südafrika von den Herrschenden geübten Gewalttätigkeiten verurteilte sowie wegen des Vorschlages Keir Hardies, die englische Regierung zu bc- wegen, im Namen der Krone den südafrikanischen Ministern die Indemnität(Entlastung) vorzuenthalten, bis die Angelegenheit im englischen Parlament besprochen ist. Die Proklamierung des Kriegs- rechts ist im britischen Reiche nämlich nicht gesetzlich. Wenn der Minister in irgend einem Teile des Wellreichs das Kriegsrecht pro« klamiert, so kann er für seine Handlungen vor das Gericht gezogen werden, wenn er nicht durch Annahme einer JndemnitätS- bill(Straflosigkeitserklärung) des Landesparlaments außer Vcr- folgung gesetzt wird. Die englische Regierung muß einer solchen �Bill ihre Zustimmung geben, ehe sie Gesetz werden kann. politische Uebersicht. Zentrumsarbeiterfreundlichkeit und Mittelstandsretterei« Am Mittwoch setzte der Reichstag die Erörterung über die Sozial- und Wirtschaftspolitik des Reiches fort. Zunächst trat Abg. G i e s b e r t s vom Zentrum für mehrere Arbeiterforderungen ein. Dabei wies er nach, daß das Reich auf dem Gebiete des gesetzlichen Arbeitcrschutzes und der Arbeiterversicherung nocki viel zu tun habe. �Jedoch hütete er sich, auf die Gründe dieser bedauerlichen Tatsache so einzugehen, lvie es nötig gewesen wäre. Ist es doch das Zentrum, also seine eigene Partei, die in der Regel unseren Genossen bei ihren Bemühungen für bessere Arbeitergcsetze in den Rücken fällt. Bei solchen allgemeinen Erörterungen, wie jetzt wieder, schickt das Zentrum allerdings auch einmal einen Redner vor, der es an arbeiterfreundlichen Redensarten nicht fehlen läßt. Bei den entscheidenden Abstimniungen dagegen gibt das Zentrum nur zu oft den Ausschlag gegen die Ar- beiter.. � Nach dem Zentrumsredner machte der Staatssekretär Dr. Delbrück in Mittelstandsretterei. Er war so gütig, an- zuerkennen, daß es dem gewerblichen Mittelstand trotz des „Segens unserer Wirtschaftspolitik" recht schlecht geht. Daher versprach er den guten Leuten, die schon ach so lange aus ihre Rettung warten, daß die Regierungen auch in Zukunft die Mittelstandsretterei betreiben, Erhebungen peraustalten und neue Handwerkergesetze vorbereiten werden. Abg. Bart- sch a t von der Fortschrittlichen Volkspartei hatte ganz reckst, als er dem Minister entgegenhielt, wie wenig seine Ver- sprechungen in Wahrheit dein Mittelstand helfen. Ministerialdirektor Caspar quälte sich mit dein Versuch ab, die Angriffe der sozialdeinokratischen Redner, die an den Tagen vorher zn Worte gekommen waren, als nicht ganz bc- rechtigt hinzustellen. Und welch eine unglaabliche Behandlung, der Arbeiter bei uns möglich ist, schilderte sehr nachdrücklich der Pole K u r z a w s k i aus dein Leben und Leiden der polilischen Wanderarbeiter. Morgen geht die Verhandlung weiter. Eine Demonstration Wilhelms II. Zum Geburtstage des Kaisers erschien auch das Präsidium des Deutschen Reichstages im Schloß, uni dem Kaiser die Glückwünsche des Parlaments zu überbringen. Dieser Vorgang spielte sich bisher stets so ab, baß der Präsident und die beiden Vizepräsidenten vortraten: der Präsident sprach dem Kaiser die Glückwünsche des Reichstages aus, der Kaiser reichte dann den Herren die Hand und beauftragte sie. dem Reichstage seinen Tank zu überbringen. Als diesmal das Reichstags- Präsidium vor den Kaiser trat, hörte er völlig gleichgültig den Glückwunsch des Präsidenten Kannpf an, erwiderte kein Wort, beauftragte tue Herren nicht, dem Reichstage seinen Dank auszusprechen und reichte ihnen auch nicht, wie sonst üb- lich, die Hand, sondern ließ sie einfach gehen. Desto leutseliger unterhielt sich Wilhelm ll. mit den unmittelbar darauffolgen- den Präsidien des preußischen Herrenhauses und des prcußi- schon Landtages. Er begrüßte diese echtpreußischen Leute mit kräftigem Händedruck, scherzte mit ihnen, dankte ihnen für die Gratulation und gab ihnen den Auftrag, diesen Dank den beiden Häusern des Landtages zu übermitteln.— Der ganze Vorgang erregte bei der Defiliercour selbst- verständlich das größte Aufsehen, und allgemein hatte man die Uebcrzeugung, daß diese Behandlung des Reichstags- Präsidiums nicht nur diesem, sondern dem ganzen Reichstag galt und gewissermaßen die Antwort sein solle auf das Vcr- halten des Reichstags in der Zabern-Affäre. Wie wir noch erfahren, hat das Präsidium des Reichstags nach dieser Behandlung die Einladung zum Diner zurück- gehen lassen. Im Reichstage wurde dieses Vorkommnis gestern ziemlich lebhaft besprochen, und auch hier teilte man die Auffassung, daß Wilhelm II. mit seinem Verhalten dem Reichstage seine Abneigung zu erkennen geben wollte. Großgrundbesitzer und Landarbeiter. Das Nbßeordiieteiihaus ist am Mittwoch endlich mit der zweiten Lesung des EtatS der landwirtschaftlichen Verwaltung fertig ge- worden. Aber sq glatt, wie die Junker es sich dachten, ging die Er- ledigung nicht von statten, die Herren muhten erst noch einige Wahr- heiten über sich ergehen lassen, die ihnen sichtlich unangenehm waren. Unser Genosse Hofer, der die ländlichen Verhältnisse von Grund aus kennt, zeigte, wo die wirklichen Ursachen des Landarbeiter- mangels zu suchen sind. DaS Bild, das er von dem Los der Land- arbeiter und ihrer Frauen entrollte, ist traurig, aber wahr, und mit vollem Rechte konnte er den Großgrundbesitzern zurufen, daß sie selbst infolge der Ausbeutung ihrer Arbeiter die Landflucht verursacht haben.> Die Herren auf der Rechten bersihrte die Schilderung der Ver« Hältnisse um so peinlicher, als einer ihrer eigenen Berufskollegen es war, der sie entwarf. In ihrer Wut wußten sie sich nicht anders als durch unverschämte Ausfälle gegen die Sozialdemokratie im all- gemeinen und den Genossen Hofer im speziellen zu helfen. Ihr Hauptredner Herr v. d. Osten war auf eine solche Anklagerede nicht vorbereitet, und so glaubte er, über die für ihn und seine Freunde beschämenden Tatsachen mit der Bemerkung hinweggehen zu können, daß Hoser nur krausen Wirrwarr gesprochen habe. So ganz krauser Wirrwarr scheint es aber selbst nach Ansicht der Junker nicht gewesen zu sein, denn sonst hätten sie sich die Mühe gespart, nach Herrn v. d. Osten auch noch Herrn v, O e r tz e n gegen Hofer vorzuschicken. Die Angriffe beider konservativer Redner fertigte Hofer in.einer kurzen Erwiderung nach Gebühr ab. Charakteristisch für die Kampfesweise der preußischen Junker ist eS, daß sie in Ermangelung sachlicher Argumente einen llebersall auf die Sozialdemokrat!� versuchten, wozu sie sich nach Reichsverbands- monier angeblicher Zitate sozialdemokratischer Führer bedienten, Zitate, deren Fälschung ihnen von unserem Genossen Hirsch sofort nach- gewiesen wurde. Darob verstunimten die edlen Ritter. Die weitere Beratung des Etats, die sich in Einzelheiten verlor, gab dem Genossen Adolf H o f f m a n n Gelegenheit, sich der Werder- schen Obstpächter anzunehmen. In vorgerückter Stunde begann noch die Bereitung des Etats der Gestütsverwaltung, die nach unwesentlicher Debatte auf Donners- tag vertagt wurde. Aus unseren Kolonien. Wolfis Telegraphenbureau bringt einen Auszug aus der Denk- schrifl der deutschen Kolonialverioaltung über die deutschen Schutzgebiete Afrikas und der SüI>- see für das Jahr 1912/13, die demnächst im Verlage von Mittler u. Sohn im Buchhandel erscheinen wird. Die Schrift trägt wie geivöhnlich das Bestreben, die Zustände in unseren Kolonien in möglichst rosigen Farben darzustellen. Immerhin kann sie einige kritische Dinge nicht mit Stillschweigen übergehen. So muß sie bei der Besprechung der gesundheitlichen Zustände in Kamerui� zugeben, daß„die große Verbreitung der Schlafkrankheit der Ver- waltung noch schwere Sorge macht; ihre erfolgreiche Bekämpfung wird noch längere Zeit und große Energie erfordern." Der wundeste Punkt der deutschen Kolonialpolitik ist die Arbeiterfrage. Die Kolonialverwaltung berichtet darüber: Mehr und mehr zeigt sich, daß jetzt nach dem Ausbau wich- tiger Eisenbahnstrecken die weitere wirtschaftliche Entwickelung uifferer Schutzgebiete in erster Linie von der Arbeiter- frage abhängt. In Deutsch-Swdivesta fr i ka litt sowohl die Farmwirtschaft wie der Bergbau unter dem zeitweise geringeren Zuzug von Ovamboarbeitern. Ties wäre an sich weniger bedcut- sam, wenn nicht damit gerechnet werden müßte, daß dieser Miß- stand immer wieder hervortritt und sich noch verschärst. In Kamerun, wo große Nachfrage nach Arbeitern war und>00 für die Regelung der Arbeiteranwerbung sowie für Arbeiterfür- sorge manches geschah, machte sich gleichfalls zeitweise eiir empfindlicher Mangel an Arbeitern geltend. In Deutsch-Ostafrika tvaren die Arbeitsverhältnisse iiu allge- meinen befriedigend, was nicht in letzter Linie der kontrollieren- den Tätigkeit der Distriktsiommissare zuzuschreiben ist. Freilich muß der immer größere Bedarf an Arbeit er n aus immer weiter entfernten Gebieten gedeckt wer- den. In Deutsch-Ncuguinea müßte die Zahl der jetzt dort tätigen Arbeiter verdoppelt werden, wenn nur die be- stehenden Unternehmungen ihre Pflanzungsvcrpflichtungen für die aufgenommenen Ländereien einhalten wollen. Zum Abbau der Phosphatlager mußten chinesische Arbeiter herangezogen werden. In S a m 0 a trat bei den öffentlichen Arbeiten ein Arbeiter- Mangel ein. Notgedrungen muß die Denkschrift auch zugeben, daß der An- teil Deutschlands am Gesamthandel der Schutz- gebiete in allen Kolonien z u r ü ck g e g a n g e n ist. Er betrug für alle Schutzgebiete 68,91 Proz. im Jahre 1911, im Jahre 1912 dagegen nur 65,79 Proz. ES muß also omilich, wenn auch stark verklausuliert zugegeben werden, daß gerade auf den wichtigsten Gebieten dD: Kolonialpolitik leine Erfolge und Fortschritte erzielt worden sind. besitzt. Putativnotwehr kann man jetzt nicht ins Feld führen; auch aus Furcht, Schrecken oder Bestürzung hat der freihcrrliche Lcut- nant nicht gehandelt, als er unter Androhung von Gewalt data um der Schule entwachsene Wi-jährige Mädchen verführte. Sein Beginnen>var um so frevelhafter, als er in jener Zeit auch nicht unbedenklich erkrankt war und so die Gefahr bestand, das Mädchen nicht nur moralisch, sondern auch körperlich schwer zu schädigen." In derselben Nummer fragt auch der'„Zabcrner Anzeiger", weshalb man ihn nicht verklage, da er doch in seiner Nr. 144 be- hauptet habe, daß Leutnant v. Forstner ein junges Mädchen nach der Wache bringen ließ und dort längere Zeit eingesperrt hielt; ferner, da er in Nr. 5 berichtet habe, daß Leutnant Schad in einem öffentlichen Lokal, weil er anwesende Zivilisten„Wackes" titulierte, von diesen geohrfeigt worden sei und sich im Verlauf dieses Vor- falles recht wenig gentlemanlike benommen habe. Wenn dieses alles wahr ist— der„Zobernef Anzeiger" will Punkt für Punkt beweisen—, erstrahlt der Militarismus in noch schönerem Licht. Bülow beim Papst. � Der Vater der.liberalen Aera" unseligen Angedenkens, der ver- flosiene deutsche Reichskanzler Bernhard v. Bülow hat dieser Tage dem Heiligen Vater, dem Vater des Antimodernismus, seine Aufwartung gemacht. Es heißt, er sei nebst Gemahlin in längerer Audienz empfangen worden. Leider wird nicht vermeldet, ob der„liberale", von den Päpstlichen verfolgte und gestürzte vierle Kanzler während der langen Zeil etwa auch den päpstlicben Pantoffel geküßt hat. Fürst Bülow erklärte einmal, ein wesentliches Erfordernis des Diplomaten und Staatsmannes sei eine Rhinozeroshaut. Wie Figura zeigt, gedört auch eine C h a m ä l e 0 n h a u t dazu, weiche bekanntlich die wertvolle Eigenschaft hat, in verschiedenen Farben schillern zu können, je nachdem es die Umgebung und die besonderen Umstände erfordern. Kopf und- Rückgrat braucht ein moderner deutscher Siaatsmanu dagegen nicht oder doch nur in möglichst wässeriger und weicher Form zu besitzen. Lindcnberg. Mit dem juristischen Kronzeugen der.Kreuzzeitung' will niemand etwas zu tun haben. Jetzt läßt auch der O b e r l a n d e s- gerichtspräsident Lindcnberg in Posen durch das Wölfische Bureau erklären, daß auch er nicht der Verfasser jenes Artikels sei, der nach der„K'reuzzeilung" von einem hohen preutzi- schen Justizbeamten ausgehen sollte. Allem Anscheine nach ist das konservative Blatt in seiner Sucht, die Zaberner Offiziere unter allen Umständen herauszuhauen, einem Spaßmacher aufgesessen, der seine Pappenheimer kannte und wußte, daß die„Kreuzzeilung" unbesehen aufnehmen würde, was ihr in den Kram paßt. Eine Entdeckung des Reichstagspräsidenten. Zu Wilhelms Geburtstag hat auch der R e i ch S t a g s p r ä s i« denl und Ehrendoktor Johannes Kaempf eine Rede gehalten. Sie enthält sonst nichts von Belang. Erwähnenswert ist daraus nur die Entdeckung des Redners, daß der.Kaiser von dem Geiste des großen Königsberger Philosophen erfüllt" sei. Dieie Entdeckung des Berliner Ehrendoktors Kaempf hat gewiß den Vorzug der Neuheit, gereicht aber seiner Ge- lehrtheit nicht zur Ehre. Der alle Immanuel Kant würde sich zweifellos im Grabe umdrehen, wenn er vernähme, daß ein sonst ehrwürdiger deutscher Doktor in Wilhelm II. Geist von seinem Geist erblickte. Die schöne Entdeckung Kaempfs zeigt nur. daß auch er nicht ersülll ist vom Geiste Kants, wohl aber vom Geiste des Byzantinismus. Erfreuliches vom„Generalpardon". Welch riesenhafte Unsummen von den jetzt auf eimnal„ehrlich' gewordenen Sleuerdrückebergern bisher hinterzogen worden sind, wird durch eine der„ S a a l e- Z e i t u n g" in Halls von gut unterrichteter Seite zugegangene Nachricht aufs neue bestätigt. DaS liberale Blatt schreibt in seiner Rummev vom 25. Januar: „Der Generalpardon hat auch in Halle eine solche Fülle von— brauchen wir ausnahmsweise mal ein Fremd- ivort„latenten" Vermögen ans Tageslicht gebracht, daß dadurch unser städtischer Etat dauernd in recht erfreulicher Weise beeinflußt wird. Es sind Millionen mehr deklariert worden als bisher. Viele Leute in Halle sind viel reicher, als bisher die Steuerbehörde gewußt bat. Zusammengerechnet geben die bisher an amtlicher Stelle nicht bekannt gewesenen Beträge eine riesige Summe, die narürlich den Einkpmmensteuerertrag gewaltig steigert. Die Stadt dürste sich— so wird uns versichert—»ach Schätzungeir, die einigermaßen Anspruch auf Richtigkeit haben, aus jenen Summen ein Sleuermehr von über 399 999'M. herausrechnen. Und noch � seien längst nicht alle Steuererklärungeir ein- gegangen, da die Frist»och läuft." Die Steuerhinterziehung ist also nicht nur ein Privilegium der echt preußischen Junker, sondern auch die Schlotbarone haben es meisterhast verstanden, in bewußter Weise das teure Vaterland und die Gemeinde um Millionen zu bemogeln. Aber dennoch sind und bleiben sie die allein echten Patrioten. Aus der Burschenschast ausgeschlossen. Ein praktisches Beispiel für die Richtigkeit der tu unserem Artikel„Fichte und die Akademiker unserer. Zeit" niedergelegten Anschauungen von der traurigen politischen Rückwärtserci der Uni- versilälskreise ist der Ausschluß Dr. Rudolf Laute Ubachs aus der deutschen Burschenschaft, den der Aus- geschlossene selbst in der letzten Nummer dtt„Tribüne" ausführlich darstellt. Nach diesen Darlegungen ist Dr. Lautenbach wegen eines Artikels aus der Burschenschaft entfernt worden, den er zum Sedantage 1912 in der„Zeit am Montag" an leitender Stelle veröffentlichte, und worin er das mit kirchlicher Frömmigkeit gemischte militärische Pdrade- und Festtreiben ironisierte. Es war ihm aber schon vor Jahren geraten worden,. freiwillig aus der Burschenschaft auszuscheiden, weil seine öffentliche Tätigkeit in den Kreisen der Alten Herren Anstoß und Aergernis errege. Man kann ihm also glauben, wenn er behauptet, daß der inkriminierte Artikel nur den Anlaß zu seiner Entfernung gegeben habe, während der wirkliche AuSschließungSgrund in seiner geiamte.11 demokratisch gerichteten publizistischen Wirksamkeit zu suchen sei. Ebenso zutreffend ist seine Erklärung, daß die deutsche Burschen- schaft aus einem demokratischen akademischen Verbände längst eine reaktionäre Vereinigung geworden sei, die mit den Korps in konservativer Gesinnung wetleifsde und kein Recht mehr habe, den Ehrennamen Burschenschaft zu führen und ihre Farben zu tragen, sondern sich zur Feier ihres hundertjährigen Bestehens am besten begraben lasse. Die Burschenschast ist eben wie die übergroße Masse der ge- samten Akademikerschaft nur ein williges Werkzeug des von Adel, Pfaffen und vureaukraten regierten heutigen Klassenstaates. Idealismus ist den jetzigen Studierenden und Studierten so fern, daß sie einen Idealisten ausstoßen. Wer die Partei des unterdrückten Volkes ergreift, ist ihr Feind. Sie halten c5 mit den derzeit Mächtigen, die ihnen für die Unterwürfigkeit ein gutes glittet» Plätzchen an der Staatskrippc überlassen. Sie sollten in Anbetracht ihrer Bildung des Volkes Führer sein, sind aber meist eingefleischte Gegner seines Aufstiegs, der also wider sie erkämpft werden muß. Aus der Ausschließung Dr. Lauterbachs spricht derselbe Geist, der den Roethe, Bernhard usw. ihre scharfmacherischen Reden � und Schriften eingibt, der Geist, der zu Wilhelms II. Geburtstag feierliche Kommerse veranstaltet und für F i ch t e S hundertjährigen Sterbetag nur eine„schlichte" Andacht übrig hat. Militärischer Schmiergelderprozeft. Dieser Tage wurde vom-Kriegsgericht in Düsseldorf gegen zwei Wachtmeister, drei Sergeanten und vier Unteroffiziere der 5. Batterie des 7. Feldartillerieregiuieiits zu Düsseldorf verhandelt, die hauptsächlich des Vergehens angeschuldigt waren, unerlaubte Geschenke von Untergebenen, nämlich Einjährigen, angenommen zu haben. Der Wachtmeister Dürrbaum gab an, von Einjährigen einmal eine Kiste Zigarren mit einem H u n d er t m a r l s ch c i n und ein andermal einen Hundertmarkschein ohne die obligate Kiste bekommen zu haben. Ueber den Zweck dieser Ge- schenke hätte er sich keine Gedanken gemacht. Der Wacht- meister Sam es erklärte, ebenfalls eine der Kisten mit einem Hundertmarkschein erhalten zu haben; sie ist ihm direkt ins Haus gebracht worden. Er wäre sich über die Unzulässigkeit, solche Geschenke anzunehmen, klar getvcsen, doch habe er der Vcr- suchuilg nicht widerstehen können. Der Sergeant Strehlow hat in drei Fällen an Einjährige gewisse Geschoßteile verkauft, die er selbst erst für eine Mari erstand, die thm aber n u n j e 1 9 M. c i n- brachten. Er hat auch an die Einjährigen etliche Kommißbrote abgegeben un-d dafür wiederum 19 M. erhalten. Seine Entschul- digung lautete, daß die Geschoßteile wohl 19 M. Lademvcrt hätten und er etwa 15 Brote für 19 M. gegeben habe. Der iscrgeant Schmidt hat von einem Einjährigen 19 M. unid eine Einladung zu einer Flasche Sekt erhalten, was deshalb geschehen sem soll, weil ckr wegen einer Nachlässigkeit des betreffenden Ei»- jährigen einen Verweis erhielt. Weiterhin hat er eine Kiste Zigarren mit 29 M. erhalten. Der Unteroffizier L ü ck m a n n hat einmal eine K i st e mit 29 M. bekommen, späterhin noch ein- mal 19 M., angeblich für Ansichtskarten. Er hat außerdem einen der Einjährigen brieflich um ein Geschenk von 19 M. gebeten, das er auch erhielt. Die Behauptung der Anklage, eine der Kisten mit 29 M. auch noch in einem zweiten Falle erlangt zu haben, bestritt er. Die spendablen Einjährigen waren als Zeugen geladen, doch ergab ihre Vernehmung fast nichts. Teils wußten sie sich der Dinge nicht mehr zu erinnern, teils revidierten sie ihre erste protokolla- tische Aussage, zum größten Teil aber verweigerten sie das Zeugnis. Der Anklagevertreter betonte, daß sich die ganze Sache als millder herausgestellt habe, Ivic es anfangs schien, daß aber doch nicht nur einzelne Fälle vorlägen, sondern.ein ganzes System vorhanden sei, weshalb mit strengen Strafen borge- gangen werden müßte. Demzufolge beantragte er Arrcststraftn von einer Woche bis sechs Wochen. Das Gericht trat der Anklage nur zum Teil bei uxrd erkannte auf folgende Strafen: Dürrbaum 6 Wochen gelinden Arrest, Sames 4 Wochen, Hormann einen Tag; Schmidt 2 Wochen Mittelarrest, Lückemann 3 Wochen, Linke 5 Tage, Prüm 2 Wochen; Hormann und Bischof wurden steige- sprachen.,_ Deutsche Truppen in tzaiti. In der Negerrepublik Haiti ist wieder eimnal eine der kandeS- üblichen„Revolutionen" ausgebrochen. Der deutsche Kreuzer „Bineta", der wegen der Unruhen seit dem 26. Januar vor Port-au-Prince liegt, hat nun gestern nachmittag zum Schutze der deutschen Interessen ein Laiidungskorps von achtzigMaun mit zwei Maschuiengewehren gelandet. Auch die amerikanische Regierung hat ein Kriegsschiff hingesandt. Nußlanü. Das russische Knutenregiment und die Armenier. Dieser Tage kam die Nachricht, daß das Mitglied der revolutio« näreil armenischen Partei„Dschnakzutun" Sarkis Kukunjanz. der vor drei Jahren wegen Zugehörigkeit zu der Partei und Fluchvt aus dem Gesäirgnjs zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, in der berüchtigten Gefängnishölle zu Orel gestorben ist. Er stasb in einem Augenblick, wo die russisch� Diplomatie besonders bemüht ist, ihre Armenierfreundlichkeit in ein Helles Licht zu setzen. Noch krasser tritt diese Heuchelei der zarischen Diplomatie hervor, wenn man einige Daten aus dem Leben Kukuichmz' erwähnt. Bor 29 Jahren zog er als junger Student mit einem Trupp Gefinmrngs- genossen nach Türkisch-Armensen, um seine StammeSgenoffep vor den türkischen Baichibozuks zu schützen. Damals aber förderte die russische Diplomatie die türkischen Armeniermetzeleien. Kukunjanz wurde von russischen Behörden gefangen genommen und zu vielen Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Das zweite Mal erhielt er Zwangsarbeit» als er für die Freiheit der russischen Armenier kämpfte. In diesem Kampfe ist er nun als Opfer gefallen. Japan. Unterdrückung der Preßfreiheit. Die japanische Junkerregrerung, die bisher schon jede Regung der Arbeiterbewegung in brutalster Weise niedergehalten hat. geht auf ihrem Wege der Volksentrechtung rüstig weiter. Einige kürzlich verübte politische Attentate gaben den Anlaß. MS ein hoher Beamter des Ministeriums des Aeußern umgebracht wurde, verbot der Staatsanwalt den Zeitungen, irgend etwas darüber zu ver- öffentlichen. Zugleich wurde eine Verordnung erlassen, die unter Erweiterung der behördlichen Befugnisse die Strafen wegen Preß- vergehen erheblich verschärft. Sogleich wurden gegen 18 Zeitungen Geldstrafen von 299 bis 890 Neu verhängt. Eirr Den ist etwa» über 2 M., jedoch ist der Geldwert dort wesentlich höher,«ichi« die Strafen sehr erheblich. Die Leiter der Zeitungen veranstalteten darauf eine Versammlung, in der sie heftigen Protest gegen das Vorgehen der Regierung erhoben und sich verpflichteten, energisch auf eine Abänderung des Preßgesetzes hinzuwirken. Mexiko. Ein Komplott gegen Huerta. London, 28. Januar. Die„Times" bestätigen die Rocki- richt, daß ein weitverzweigtes K om p 1 0 t t gegen die Regierung in Mexiko entdeckt worden sei. Zahlreiche Per- sonen wurden bereits in Haft genommen. Das Gerücht, daß die btziden Gegenkandidaten des Präsidenten Huerta bei der Präsidentenwahl, Gamboa-und Requena, ebenfalls verhaftet wurden, ist jedoch unrichtig. Die Situation ist von neuem sehr gespannt und bedeutende politische Veränderungen sind zu erivarten._ Letzte Nachrichten. Drei Arbeiter durch Explosion einer Mine getötet. Nizza, 28. Januar.(W. T. B.) Heute früh ist auf der im Bau befindlichen Strecke Nizza— Cuiico im Tunnel durch den Col de Braus eine Mine zu früh explodiert. Dabei wurden drei Arbcttcr getötet und zwei schwer verletzt. Die schwarzen Pocken in Belgrad. Belgrad, 28. Januar.(W. T. B.j Infolge epidemischen Aus- trctens der schwarzen Blattern in Belgrad hat der Minister dcS Innern die Impfung der gesamten Stadtbevölkerung angeordnet. Bisher sind 99 Personen erkrankt, von denen 39 ge. jt 0 r b c n sind. Tie Zivilklage gegen Leutnant v. forstner. Die zwilgerichtlichc Klage der Eltern eines jungen Mädchens gegen Leutngnt v. Forstner auf Zahlung von 2999 M. Schaden- ersatz kommt am 17. Februar vor dem Zaberner Landgericht zur Uburteilung. Wegen Verletzung des Z 182 k Verführung Minderjähriger) hat die Militärbehörde die Untersuchung gegen Leutnant Forstner ein- geleitet. Untersuchungsrichter ist Kriegsgerichtsrat Ofiander, der bekannte Ankläger gegen Oberst Reuter und Leutnant Schad. Zu dieser Angelegenheit schreibt der„Zaberner Anzeiger": „Herr v. Forstner entwickelt sich zu einem wirklichen Sorgen- kind seiner hohen Beschützer. Kaum hat man ihn mit Ach und Krach vor den Folgen seiner rohen Tat in Dettweiler geschützt� da kam ein neuer Fall, der mit aller Deutlichkeit zeigt, welche Charaktereigenschaften dieser Angehörige des vornehmsten Berufe» Verband der Jfialer, Saekierer, Anstreicher Bureau: Melchiorftraße 28, Part. Fernsprecher Amt Mpl. Nr. 4787. Male SerUn. U5W. Arbeitsnachweis: Rückcrstraße 9. Fernsprecher: Amt Norden 6798 Diejenigen verheirateten Kollegen, die seit dem 1. Dezember ununterbrochen arbeitslos sind und sich gemeldet haben, kommen am Freitag, den 30. Januar, vormittags 11 Uhr, im„Gewerkschaftshans", Engclnfer IS, im Saal I zwecks Aus- zahlung der Unterstützung zusammen. Für Steglitz, Zehlendors und Lichterselde am Sonnabend, den 31. Januar, vormittags 11 Uhr, 13616 im Lokal von Clement, Düppelstr. 7, in MsI-IMen- u. Sterbekasse der Zimmerer (Ersatzkafse) i—------- Oertllche Verwaltung Berlin.■- Steglitz. Die Ortsverwaltnng. Uhr: Heute. Donnerstag, den SV. Januar, abends 81/, �Utgtlcder-Verfamnilung im Gcwerkschaftshaus, Engelufer 15, Aufgang C III. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom 4. Quartal 1913. 2. Wahl der Revisoren. 3. Die Zulassung der Zentral-Krankenkasse der Zimmerer alS Ersatzkasse und das Verhalten ewiger Ortslasjen und Unternehmer. 253/1 Der Vorstand. I. A.: Richanl Sebroesor, Berlin O., Tilfiter Str. 7 v. IV. Das Chrislusproblem gelöst! Soeben erschien: Tor lOOO Jahren! Wer war Jean« Christas! In einer alten orientalischen Bibliothek ist ein Dokument| gefunden worden, das ganz genau mitteilt, wer Jesus Christus war: ein Bundesbrudor des Bssäerbundes, einer Art Prei- maurervereinigun d o st e n: Paul Böhm, Lausttzerplatz 14/16. Geöffnet von 9- 2 und von 4— 7 Uhr. 6. Wuhlkrola: Leo Zucht, Jmmanueltirchstr. IL(Hos). Geöffnet von 11—1'/, und von 4'/,— 7 Uhr. 6. Wahlkpoi«(Hloablt): Solomon Joseph, Wilhelmshaven er St: äffe 48. Geöffnet von 9— 2 und von 4—7 Uhr. W odding; I. Hönisch, Müllerstr. 34a Ecke Utrechter Str., Laden Geöffnet von 9—2 und von 4— 7 Uhr. JKoNcnthuler und Oranienburger Torotiadt: A. Wolgast, Wattstraffe 9. Geöffnet von 9—2 und von 4— 7 Uhr. Cteanndbrunnen: Fischer, Bastian str. 6, Laden. Geöffnet von 9—2 und von 4—7 Uhr. Schttnhanaer Vorstadt: Karl MarS, Greisenhazener Str. 22. Geöffnet von 9—2 und von 4—7 Uhr. chdlerahok: K a rl S ch tv a rz l o j e, vismarckstr. 28. Geöffnet von 7 Uhr morgens bis 8 Uhr abends. .Alt-CIienieke: Wilhelm Dürre, Köpenicker Str. S. Baumsehulenweg: H. Hornig, Marientbaler Str. 13, J. B ernan, Röntgental, Zepernick, Schönow, Schön- brück und Buch: Heinrich Brote, Mühlenstr. 6. Laden. Bohnadort', Falkcnberg und Falkenhorst: Paul Ge tisch, BobnSdorf, Genoffenschastshaus.Paradies". tlharlottenburg: Gustav Scharnberg, SesenHeimer Str. 1. Ge- öffnet von 9—2 und von 4—7 Uhr. I-licI, waide, Schmöckwitz: Oskar Mahle, Stubcnrauchstr. 99. tz-irkner, heu-Zittau: E m i l I w a n g, Scharnwcberstr. 10. It'redersdort-t'eterzhagcu, Bggerudort: S. H ö s e l b a r t H, PelerShagcn. lfrledenau, Steglitz, Südende, Or(!. 2. ßerl. fieichslagswalilkrEis. Bezirk 100. Am 26. Januar verstarb unser Mitglied, der Metallarbeiter Villi Bürger Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Freitag, den. 30. Januar, nachmittags 3'/, Uhr. von der Halle des Heilig- Kreuz- Kirchhofe». Mariendors, aus statt. 205/4 Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. Sozialdemokratischer WalMo I. d. 4. Berl. Reichstagswahikreis Landsberger Viertel. Bezirk 397. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unsere Genossin, Frau Eterta Weigand Werneuchener straffe 13 gestorben ist. Ehre ihrem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 3l. Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Halle des Auferstehungs. KirchhojcS in Wciffenfee aus statt. Um rege Beteiligung ersucht Her Vorstand. Sozialdemokratischer Vahivereiii !. dl Berl. Reichstags-Wahlkreis. Bezirk 642a. Am Dienstag, den 27. Januar. verstarb unser Genosse, der Tischler Ulbert Kock Stargarder Straffe 61. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung sindct am Freitag, den 30. Januar, nach- mitlags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Himmelsahrts-Kirch böses in Niederschönhausen-Nordend aus statt. Um rege Befestigung ersucht 224/10 Her Vorstand. Oeutscber floizarbeiterverband. Zahlstelle Berlin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Tischler Franz Traeger (Wiener Str. 21) im Alter von 39 Jahren gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 29. Januar. nachmittags 3'/, Uhr, von der Halle des SimeonL-KirchhoseS, Riariendorser Weg, aus stall. Um rege Brieiligung ersucht 82/10 Die Ortsverwaltuug. Sozialdemokratischer Wahlvereiii Gruppe III Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genoffe, der Gastwirt Hugo Schulz Huttenstr. 28, gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Freitag, den 30. Januar, nachmittags 4'/, Uhr, von der Halle des Neuen Luisen- Klrchho cs, Fürstenbrunner Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht __ Der Borstand Deutscher Ketaliarheiter-Verhand Verwaltungsstelle Berlin. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser lfrielM Jaguet, Zwinglistraffe 14, am 26. d. M. an Herzschlag gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 29.Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Heilands-KirchhoseS in Plötzensee aus statt. Rege Beteiligung erwartet 111,13 Die Ortsverwaltung. Zentraiverband der HaschiDisten d. Heizer sowie Berufsg.Deutsctil. Geschäftsstelle GroS- Berlin. Bezirk Gesundbrunnen. Am Montag, den 26. Januar, verstarb unser Mtglied, Kollege �uxust öi-üuer. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 29. d. Mts., nach- mittags 3 Uhr, vom Trauerhause Putbuser Str. 10 auS, nach dem Hedwigs-Kirchbos in Weiffensee, Wörthstrabe, statt. 153/1 ��ie�eschäftsstellew Statt besonderer Meldung. Am 22. d. M.. 4-/, Uhr nacht mittags, verstarb durch Unfall aus kurzer, glücklicher Ehe meine liebe Frau, unsere herzensgute Tochter, Schwester, Schwägerin, Tante und Nichte Eüse Neumann geb. Ratsch. im 20. Lebensjahre. Die« zeigen, um stille Teilnahme bittend, tielbetrübt an Ter tieftrauerude Gatte und Mutter Witwe .Agnes Xatsch gib Hagist und die trauernden Au. gehörigen, Grunewaldstr. 81. Die Beerdigung findet am Freitag, den 30. Januar, nach- mittags 3'/, Ubr. von der Kapelle des alten Zwöls-Apostel-KirchhoseS. Schöneberg. Kolonnenstraffe, aus statt. Vf. Simmvl Spezial-Arzf für Haut- und Harnleiden. Prinzenstr. 41,„tÄ 10— 2. 5—7. Sonntage 10—12. Deotscher Transportarbeiter-Verband. Bezirksverwaltung GroB-Beriin. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, der Arbeiter Karl Gniffke am 27. d. Mts. im Alter von 61 Jahren verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 31. Januar, nachmittags 3'/, Uhr, von der Leichenballe des neuen Thomas- KirchhoscS, Hermannslraffe, aus statt. 61/16 Um rege Beteiligung ersucht Die Bezirksverwallung. Danksagung. Unsern besten Dank allen denen sür die zahlreiche und innige Test- nähme bei dem Begräbnis meines liebe» Mannes und guten Vaters Fritz Haseloph ebenso dem Genossen Zubeil sür die trostreichen Worte zu Ehren des Dahingeschiedenen. Witwe Ernestine Haseloph nebst Kindern und Schwiegersöhnen. Statt«arte«. Für die vielen Beweise herz- licher Teilnahme bei dem Heim- gange meines lieben Mannes und geliebten Vaters, des Obsthändlers und Hauseigentümers Heinridi Fretzer sagen wir allen Bekannten und Freunden, besonders Herrn Pastor Henkel unseren herzlichsten Tank. Auguste Fretzer und Sohlt. Spezialarzt s. Haut-, Harn-, Frauenleiden, nerv. Schwäche, Beinkranke jeder Art, Ehrlich Hata> Kuren in Di. Homeyer-V Untersuchung., Fäden t. Harn usw. Fiiedrichsti. 8t, Spi. 10—2, 5— 9, Sonnt. 11—2. Honorar mästig. auch Teilzahl. Separate» Damenzimmcr. gesündeste Her Kakao ist wegen seiner die Gesundheit fordernden Eigenschaften, seines Wohlgeschmacks und hohen Nährwertes Nlhrsalz-Bananen-Kakao Besonders für Blutarme, Ge� nesende. Nervdse Kinder und stillende MOtter. Nicht stopfend. Paket—'/, Pfund 1 Mark, 5 Pakete 4,75 Mark. Paket—'/. Pfund 0,50 M. Alleiniger Fabrikant: D. Mader, Prinzenstr. 86. Zu haben in den Filialen der Konsumgenossenschaft Barlin und Umgegend. Masteffi Willi Ernst. Köpenicker StraBe 55 b, L Amt Moritzplatz Ii 314. Gr. Auswahl! Bill. Preise! Vorzcigcr dieser Annonce er- hält 10 Proz. Preisermäßigung. Paul Obiglo's Konzert- und Festsäle : Koppenstraße 29.: Ernster Saat Sonnabend. d. 14. März, frei geworden."WQ Oskar Wollburg Trauer■ Magazin Berlin N., BrunnenstraBe SS. Große Auswahl in schwarzer Konfektion-, auch einz. 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Nachdem die Deputation der arbeitslosen Holzarbeiter am DienStag voriger Woche vom Oberbürgermeister Mermuth empfangen war, tauchte der Gedanke auf, daß sie auch beim Stadtrat Fisch deck, dem für diese Angelegenheit zuständigen Dezernenten des Magistrats, vorstellig werden könne. Der Gedanke ist ausgeführt worden. Gestern vormittag hatte die Deputation eine einstündige Rücksprache mit dem Stadtrat Fischbeck. In gleicher Weise wie vor acht Tagen dem Ober- bürgermeister wurde gestern dem Stadtrat Fischbeck der Um- fang der Arbeitslosigkeit und die Lage der Arbeitslosen gc- schildert. Ein Mitglied der Deputation war in der Lage, seine eigenen Erlebnisse als Illustration zur Not der Arbeitslosen anzuführen. Der Betreffende ist seit dem 18. Oktober arbeitslos. Durch mangelhafte Ernährung ist er samt Frau und vier Kindern körperlich sehr stark zurückgekommen. Natürlich konnte er auch Miete nicht zahlen. Am vergangenen Sonnabend, als der Mann auf dem Arbeits- nachweise weilte, ließ der Konkursverwalter— der Hauswirt befindet sich in Konkurs— die Familie des Arbeitslosen auf die Straffe setzen. Bei der bitteren Kälte war die Familie obdachlos und wuffte nicht wohin. Auf dem Hofe stand der ärmliche Hausrat. Die paar Bettstücken waren steif gefroren. nasse Wäsche, die man ebenfalls hinausbefördert hatte, war zu Eis erstarrt. Als der Mann nach Hause kam, wandte er sich hilfesuchend an die Armenverwaltung in Neukölln. Man bot ihm Unterkunft im Asyl für Obdachlose an, was aber dem Arbeitslosen widerstrebte. Schliefflich brachten mitleidige Nachbarn 10 Mark zusammen, so daß die Familie eine andere, sehr dürftige Wohnung mieten konnte und die Armen- Verwaltung verstand sich später zur Bewilligung eines Miets- Zuschusses von 10 Mark monatlich. So hat die Familie, nachdem sie einen ganzen Tag auf der Straffe gelegen hat, zwar ein Obdach bekommen, aber die Wohnungssorgen drücken sie nach wie vor und unheimlich grinst sie das Gespenst des Hungers an. Ein anderes Mitglied der Deputatton sah sich gezwungen, bei dem Annenkommissionsvorsteher eines Berliner Bezirks Unterstützung nachzusuchen. Der Armenkommissionsvorsleher mag es getviff gut gemeint haben mit dem Arbeitslosen, denn er teilte ihm auf einer Postkarte die Adresse von zwei Tischler- meistern mit, bei denen er Arbeit bekommen könne. So ver- lockend das auch für den Arbeitslosen war, er durfte nicht bei den Tischlermeistern anfragen, denn als organisierter Holz- arbeiter ist er verpflichtet, den paritätischen Arbeitsnachweis zu benutzen. Dieselbe vertragliche Verpflichtung besteht übrigens auch für den Tischlermeister. Es bedeutet also einen Vertragsbruch, wenn sie den Arbeitsnachweis umgehen, viel- leicht in der Hoffnung, die ihnen durch den Armenkommissions- Vorsteher zugelyicsenen Arbeitskräfte würden besonders billig zu haben sein. Daff den Arbeitslosen ein derartiger Verstoff gegen den Verttag nicht zugemutet werden könne, schien auch Stadtrat Fischbeck einzusehen. Im allgemeinen aber machte er der Deputatton teine Hoffnungen auf Erfüllung ihres Wunsches nach kommunaler Arbeitslosensürsorge. Er verwies darauf, daff nur einmalige Notstandsunterstützungen nicht als Armen- Unterstützung gelten, daff aber jede laufende Zuwendung aus öffentlichen Mitteln nach den gesetzlichen Bestimmungen den Charakter der Armenunterstützung und auch deren Folgen habe. Demgegenüber betonten die Arbeitslosen, das lieffe sich doch vermeiden, wenn die Stadt Gelder zur Unterstützung der Arbeitslosen an Wohltättgkeitsvereine überweisen würde.— Stadtrat Fischbeck kam auch wieder mit den alten Rat- schlügen, die Arbeitslosen sollten sich auswärts Arbeit siichen oder andere Berufe ergreifen, wenn sie in dem erlernten Beruf keine Arbeit fänden. Die Nutz- losigkeit und Undurchsührbarkeit dieser Ratschläge konnten die Arbeitslosen dartun durch den Hinweis darauf, daff die Arbeitslosigkeit in anderen Orten ebenso groff ist wie in Berlin, daff auch in anderen Berufen Arbeitskräfte in Ueber- fluff vorhanden sind und der Uebergang aus einem Beruf in den anderen nach Lage der Verhältnisse meist gar nicht möglich ist. Für die Einführung einer städtischen Arbeitslosen- Unterstützung zeigte Stadtrat Fischbeck keine Sympathie und der Reichsarbeitslosenunterstützung steht er skeptisch gegen- über. Die Arbeitslosen hatten nach Schluff der Unterredung das Gefühl, mit einem Manne gesprochen zu haben, der ihrer Lage wenig Verständnis entgegenbringt und von dem sie des- halb wenig zu hoffen haben. Serlin unü Umgegend. Die gekränkte„Volkszeitung". Die„Berliner Volkszeitung", das Organ der Koch, K e i H n g und anderer Streikbrechervermittler, ist erstaunt und empört dar- über, daß man einen ihrer Berichterstatter in einer Betriebsver- sammlung der Beermann-Arbeiter in Treptow nicht zugelassen hat. Das richtete sich natürlich nicht gegen den Berichterstatter als Person, sondern gegen das Blatt, das ihn entsandte. Wir waren gerade dabei, die Erinnerung des Blattes über seine Stellung zur Arbeiterbewegung aus diesem Anlaß etwas aufzufrischen, als uns folgendes Schreiben aus dem Metallarbeiterverband dieser Aufgabe überhob: Die„Berliner Volkszeitung" bringt in ihrem Morgenblatt vom 28. Januar dieses Jahres einen Artikel, überzeichnet: Der „neutrale" Metallarbeiterverband, worin sie ihrem Schmerz dar- über Ausdruck gibt, daß sie von Angestellten des Metallarbeiter- Verbandes, besonders von B e h r e n d und Cohen, nicht als ein Blatt anerkannt wird, daß nach jeder Richtung hin die Jnter- essen der Arbeiter vertritt. Es wird da alles mögliche zusammen- fabuliert über die Gründe, die die Ortsverwaltung des Metall- arbeiterverbandes zu dieser Stellungnahme veranlassen. Irgend- wie darauf einzugehen oder gar die UnHaltbarkeit dieser Aus- führun�en nachzuweisen, ist nicht nötig; die„Volkszeitung" kennt die Gründe unserer Haltung ihr gegenüber durchaus genau. Wir haben sie seinerzeit dem Vertreter der„Volkszeitung" mitgeteilt. Hier seien sie kurz angegeben, damit auch die Oeffentlichkeit dar- über urteilen kann, ob unsere Haltung de„Volkszeitung" gegen- über urteilen kann, ob unsere Haltung der„Volkszeitung" gegen- Die Berichte im redaktionellen Teil der„Volkszeitung" über Streiks, Lohnbewegungen usw. können im großen und ganzen als einwandsfrei bezeichnet werden. Die Tatsache aber, daß die „Volkszeitung" es seit Jahren mit ihrer Haltung im redaktio- nellen Teil vereinbaren kann, zugleich im Inseratenteil Streik- brechergesuche derselben Firmen aufzunehmen, deren Lohn- bewcgungen im redaktionellen Teil im oben angegebenen Sirrn besprochen werden, ist doch wühl gdöignet, MißtkaüeN zu wecken. Unsere seinerzeitigen Versuche, diese Zwiespältigkeiten zu verhindern, find gescheitert.■ Der Vertreter her",;VoIkszeitung" hat nur erklärt, daß daran nichts zu ändern sei. Wo da die ehr- liche Parteinahme für die Interessen der Arbeiter bleibt, ist uns unverständlich. Wir wurden dadurch gezwungen, uns auf den Standpunkt zu stellen, daß unter diesen Umständen keine Ver- anlassung vorliegt, die„Volkszeitung" anders zu behandeln als irgendein anderes Scharfmacherblatt. Daß auch im gegenwärtigen'Fall(dem Streik der Firma Beermann), der zu der diesmaligen Anrempeluna Anlaß ge- geben hat, die„Volkszeitung" ihr'e alte Methode bei. behalten hat, beweisen die Inserate der„Volkszeitung" in den letzten Tagen. Am Mittwoch, den 28. Januar, kleines Zeuilleton. Friseurpolitik. Wer sie betreibt? Nun, die„Tägliche Rundschau" natürlich und ihr Parlamenlsberichterstatter Herr P e t r e n z. Er schreibt nämlich in einer Art Rückschau über die letzten Zaberner Debatten: „Es war vielleicht ein taktisch ganz richtiger Gedanke der Ge- noffen, als sie zur Sache selbst rein gar nichts zu sagen wußten, von dieser Hilflosigkeit abzulenken durch irgendwelche wilden An» griffe gegen a» sich ziemlich Unbeteiligie. Aber es war, abgesehen von allem anderen, eine Dummheit von hohen Graden, sich zum Gegenstand und zur Folie den— deutschen Krön- prinze» auszusuchen. Just den deutschen Kronprinzen, dem so offensichtlich in den weitesten Kreisen des Volkes starke Sympathien entgegenschlagen. Es ist unpraktisch, wenn ein Miß- gebildeter absichtlich seine Gebresten in helles, grelles Licht setzt und sie steigert dadurch, daß er selbst Vergleiche herausfordert mit nicht Mißgebildeten oder gar Leuchtendem. Und so wird das deutsche Volk der Anregung der Reichstagsgenossen ja folgen dürfen und wählen können zwischen dem sympathischen, ritterlichen, germanischen Kaiseriohn und dem mit Schriftgelehrten durchsetzten, bäuchigen Spießertum der zünftigen Sozialdemokratie. Hie Kronprinz, hie Ledcbour.„Apoll bei einem Satyr." Herr Petrenz bat ja s o recht! Ein nur flüchtiger Blick in die Wellgeschichte zeigt, daß seit je und je das Volk feine politlschen Entscheidungen nqch dem Friseurideal getroffen hat, und darum wird «S selbstverständlich auch bei Zabern nicht das Problem aufwerfen: Wer hat bier recht? Der den Verfassungsstaat verteidigt oder der mit der Militärwillkür liebäugelt?. sondern es wird sich erkundigen: Wer hat den Scheitel besser durchgezogen? Und wer kann besser Tennis spielen? Und danach wird es sich entweder für den Krön- Prinzen mit dem durchgezogenen Scheitel oder für den schlechten Tennisspieler Ledebour entscheiden. So war eS, wie gesagt, stets in der Weltgeschichte. Das Friseurideal siegte. Zum Beispiel war in der großen französischen Revolution Mirabeau ein von Blatternarben zerfreflenes Gesicht und hätte aus keiner Slbönheitökonkurrenz auch nur einen Trostpreis davon- getragen und Maral gar war ein Ausbund von Häßlichkeit, und da auch damals swon das Volk, statt nach politischen Grundsätzen zu handeln, dem Friseurideal de« Herrn Petrenz anhing, wandte es sich mit Abscheu von den Mirabeau und Marat ab und huldigte der Marie Antoinette, die in ihrer gepuderten pikanten Habsburger Majestät etwas„nicht Mißgebildetes" oder sogar etwas„Leuchtendes" war. Mirabeau, Marat und das„bäuchige Spießertum" des Rationalkonvenls unierlagen darum gar elendiglich und die„sym- pathische, germanische Kaisertochter" blieb die triumphierende Siegerin, und wenn sie nicht in hohem Altec glücklich und zufrieden gestorben wäre, lebte sie heute noch. Oder wie war die Geschichte eigentlich, Herr Petrenz? Wilhelm Tcll, der verbesserte Kinoheld. Und noch ein Helfer in der Not, der auch sein Geschäft machen will. Vor dem kerndeutschen Lichtbild sollen die letzten Schatten der Zweifel weichen, die unser Volk bedrücken. Man höre:„Vor hundert Jahren, da sich das Volk zum Kampfe um Recht und Freiheit sammelte, war eS Schiller, der die hehre Figur des Schweizer Bauern, den geliebten Volkshelden, schuf. Aber heute, da das deutsche Volk wieder ein Opfer in Form einer Natiottalspende bringt, schreitet abermals ein Tell über die deutsche Erde." Soll heißen: er flimmert auf der Leinewand, denn„eS ist ein Tell des Films, der heute die Herzen mit sich reißen soll". Geschäft ist Geschäft. Auf ein paar Meter kam eS nicht an, denn man kann das Volk nicht länger im Ungewissen tappen lassen. Von der Leinewand herab muß man seiner Zerrissenheit spotten. Die Photographie jedes einzelnen Bildes ist scharf und klar und die Stärke des Gegensatzes zwischen hell und dunkel versinnbildlicht jene, derer das geliebte Vaterland bedarf. „Der Film deutelt nicht, ganz ungeteilt fängt er den Strom auk. der so mächtig, so ergreifend stark auS der Sage fließt. Und die Tat des Tell hat der Film noch tiefer motiviert als Schiller. Und das i st gut." Gut ist das gewiß nicht, aber das Auffangen von Strömen ist schlechthin bewundernswert. Ja, der Kientopp fängt alles auf, und es wird in seinen Händen zum Spielball der verwerflichsten Spekulation. Reklamehelden schreiten polternd über die deutsche Erde, sie zwingen alles unter einen Hut, sie prostituieren alles, was uns heilig ist— damit das Kinokapital sich mäste. Theater. Charlottenburger Schiller-Theater: HerodeS und Mariamne, Tragödie von Hebbel. Der alte jüdische Geschichtsschreiber Joiephus erzählt, daß der Judenkönig HerodeS in lyrannisch eifersüchtiger Liebe befohlen habe, falls er im Kampfe falle, Mariamne. sein junges schönes Weib, zu töten. Und als er dann heimgekehrt, habe er d>e der Unireue Verdächtige in der Tat enthaupten lasten. Dieser Stoff gab Hebbel den Anstoß zu dienem Drama, das. ähnlich wie seine Gyges-Tragödie, Altüberliefertes symbolisierend in einem völlig neuen Geiste umbildet. Im Gyges gründet der Dichter den tragischen Konflikt darauf, daß Rodope für die Kränkung, die ihr Gatte Gyges ihrer weiblichen Schamhastigkeit zugefügt hat, an dem geliebten Mann blutige Rache nimmt, um»ach Erfüllung dieser„Pflicht" ihm in den Tod zu folgen. Wie Rodope die verletzte Scham des Weibes, so rächt Mariamne an HerodeS, daß er in seiner blinden Liebesleidenschaft ihr Menschenrccht mit Füßen trat. Aber so tief die Darstellung des Konflikts im Seelischen verankert ist. der Dichter treibt es hier wie dort schließlich zu Kon- sequenzen, die, von dem Standpunkt der„Idee" gesehen, gedanklich interessieren mögen, aber psychologisch als leere Konstruktion er» scheinen ohne allen überzeugenden Nachhall im Gefühl. Die Aufführung, mit vielem Beifall aufgenommen, wies in den Nebenfiguren manche schlimmen Nieten auf. Gut war Herr P a e s ch k e als Herodes, rcpräsentabel fand sich Else W a s a mir der schwierigen Rolle der Mariamne ab. ckr. Humor und Satire. D r e T a t. Währenddem die Herrn vom Zentrum, Bassermann und Dove und Die um Herrn Wachhorst de Wenk'nun— Den proiestlerischen Mund Douvtrstllg,?9. Ianvar bringt das Blatt im redaktionellen Teil einen objektiven Bericht über den Streik» der seit etwa 14 Tagen besteht, und am DienStag, den 27., und die vorhergehenden Tage werden im Inseratenteil derselben Zeitung Stellmacher, Dreher, Schlosser, Bohrer usw. für die Firma Becrmann gesucht! Dieses unserer Meinung nach unvereinbar verschiedene Per- halten im redaktionellen und im Inseratenteil, das seit einer ganzen Reihe von Jahren von der„Berliner Volkszeitung" belieh: wird, hat uns zu unserer Stellungnahme veranlaßt. Alle ver- ineintlichen Gründe sind Phantasiegebilde der„Berliner Volks- zeitung". Es sei übrigens in diesem speziellen Falle noch bemerkt, daß das Verlangen der„Berliner Volkszeitung" auf unbedingte Zu- lassung eines Berichterstatters sich auch ohne alle diese Vorkomm- nisse nicht rechtfertigen ließe. Es handelte sich keineswegs um eine öffentliche Versammlung, zu der jedermann Zutritt hatte. sondern um eine Betriebssitzung der Beermann-Arbeiter. Und den Beteiligten muß in diesem Fall unbedingt das Recht zuge. sprochen werden, über die Zulassung oder Nichtzulassung von Fremden zu entscheiden. Heiterkeit aber wird es erregen, daß die„Berliner Volks- zeitung" versucht, die Mitglieder des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes gegen die Ortsverwaltung scharf zu machen, weil der „Vorwärts" von uns gegenüber der„Volkszeitung" bevorzug! wird. Wenn die„Volkszeitung" nur wüßte, wie sehr sie da aus dem Holzwege ist. A d o l s C o h t n. Soweit die Zuschrift. Wir müssen der„Volkszeitung" aber noch einen besonderen Tort antun. Es macht ihr Freude, auf die angebliche Abonnenten. abnähme des„Vorwärts" und den angeblich ständigen Abonnenten zuwachs der„Volkszeitung" hinzuweisen. Es ist richtig, daß um dem Eintreten und Wachstum der Krise der„Vorwärts", ebenso wie andere Blätter auch, einen Teil seiner Abonnenten einbüßte. Die bürgerliche Presse hat diese gar nicht sonderbar« Tatsache. soweit es sie selbst anging, der Oeffentlichkeit verschwiegen, und sich daraus beschränkt, das übliche Geschrei über die Auflage einzu- stellen. W i r haben unser« Genossen von der Wirkung der Krise unterrichtet, um sie zu größerem Eifer in der Propaganda für unsere Sache anzueifern. Ein weiterer Rückgang im Geschäfts- leben ist jetzt fast nicht mehr denkbar. Die Krise hat ihren Tiefttand erreicht. Und damit hat nicht nur das übrigens von der gegne- rischen Presse ins Phantastische übertriebene Fallen unseres Abvn- nentenstandes-aufgehört, sondern wir können jetzt wieder mit Befriedigung ein für die Scharfmacherpresse— inkl. der„Volkszeitung"— höchst betrübliches Zunehmen der Abonnenten konsta- tteren. Am 1. Januar 1914 betrug unsere Auflage 149 891, am gestrigen 28. Januar war sie auf 157 120, in vier Wochen also um mehr als 7500, gestiegen. Auf den Schmerz, den die durchaus korrekte Behandlung durch die Metallarbeiter der„Volkszeitung" verursachte, müssen wir noch den anderen häufen, daß ihr die Schadenfreude verloren geht, die das vermeintliche Mißgeschick eines politischen Gegners in den hämischen Seelen der„Aolkszeitungs"-Reldakteurc wachrief. Aber es spricht für die politische Kurzsichtigkeit der Herren, daß sie glaubten, das Organ einer Partei, der die Zukunft gehört, könne dauernd am Fortschritt gehemmt werden. Achtung, Bauanschlägcr! Die Bautischlerei von Gebrüder Raabc. Usedomstraße 32, zahlt nicht die tarifmäßigen Preise. Der Betrieb ist deshalb gesperrt und ersuchen wir. denselben streng zu meiden,. Deutscher Metallarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Friseurgchilfen! Tariflich geregelt sind die Verhältnisse bei F ö r st e r, Neue Hochstraße 38 und Brückner, Pintschslratze 20. Wegen Tarisbruch sind für Verbandsmitglieder gesperrt: B e h r e n d, Trtftstraße 40 und Krüger, Neukölln, Jägerstratze 3. Verband der Friseurgehilfe«. Deutsches Neich. Der Bäckerverband im Jahre IvtS. Während der Vorband seit dem Jahre 1895 einen ständigen Aufftieg in der Mitgliederzahl zu verzeichnen hatte, sank diese im Nach den aufgeregten Stunden Wieder einmal zugeklappt, Und Herr Müller auf die Wunden Etwas weiße Salbe pappt; Wahrend ferner Herr v. Betbmann, Schiummerlos und stark in Schweiß, Uns die Frage löst: wie dreht man Weiß in Schwarz und Schwarz in Weiß; Kurz: indem in Morgenscheinen Blaß versiukl die Zaber-Nacht. Hat S. M. benebst den Seinen Endlich eine T a t vollbracht. Rings verstummen stracks die Tadler l Was uns fehlte, ward erkannt: Hört! man trägt den Roten Adler Fortan auch am kurzen Band! Knox. Notizen. — Aber In st ab! Prof. Roethe, altgermanischer Kraftprotz und abgesagter Feind aller modischen Verweichlichung, hat als Usurpator des Erich Schmidtfchen Lehrstuhles seine wahre Natur verleugnet. Erich war der erkorene Damenprofessor, aber Gustav duldete bisher nichts Langhaariges in seinem altgermanischen Metsaal. Da er aber Erich Slbmidt vertreten muß. hat er auch die Damenkundschast mit über- nehmen müssen. Aber nur als Vertreter duldet er das schwache Ge- schlecht, in sein ureigenes Gebiet läßt er kein Weib. — Theaterchronik. Die verschobene Erstaufführung von Max Halbes Schauspiel„Freiheit", soll im Deutschen Theater nunmehr Mitte Februar stattfinden. — Vorträge. In der Urania spricht am Freitag in der Reihe der Gelehrtenvoriräge der Physiologe Professor Dr. F r i t s ch über„Die geistig« Tätigkeit der Tiere vom Standpunkt de« Anatomen und Physiologen", ein Thema, das wegen der rechnenden Pferde und Briese diktierenden Hunde besonderes Interesse hat. — Eine öffentliche Ausstellung von Hoff- manns OpernhauSen lwurf verlangt mit gutem Recht die Vereinigung Berliner Architekien in einer Eingabe an das Ab- geordnerenhaus. Es kann selbstverständlich nicht genügen, daß ein paar Kritiker und die Herren Abgeordneten die Angelegenheit er- tedigen. — KantS Grab. Der Königsberger Philosoph kann im Grobe keine Ruhe findender die Ferienzeit verlängert. Dazu kommt die Erhöhung des Uberstundenlohnes, der Sonntags- und Nachtarbeit und Verbesserung ver Fabrik- und Arbeitsordnung. Die Ausgaben für die Unter- Sitzungen sind infolge der vermehrten Arbeitslosigkeit bedeutend gelegen; sie betragen nahezu 250 000 M..Zwar betrug der Ueber- chuß aus den Einnahmen gegenüber den Ausgaben noch über 000 M., bleibt aber gegenüber dem Vorjahre, in dem er 73 000 M. betrug, erheblich zurück.— Das neue Jahr bringt noch kein Anzeichen dafür, daß das Erwerbsleben sich bessern würde. Die Mitglieder werden daher mit aller Energie Agitation und Aufklärungsarbeit unter den Berufsangehörigen betreiben müssen, um die Scharte des Lahres 1913 auszuwetzen.__ Zranzssifcher Parteitag. 3. Tag. Amiens, 26. Januar. fEig. Ber.) Der Parteitag beschließt auf I a u r s s' Antrag, eine Glück- ivunschrefl'lution anläßlich der Wahl Ciprianis au die Genossen Ion Mailans und an Cipriani zu senden, die die Hoffnung auf Am- lestierung Ciprianis ausdrückt, die ihm die Ausübung des Mandats rlauben we.rde, und den Wunsch, daß der Gewählte seine Weigerung, >er erzwungenen Formalität der Eidesleijrung Genüge zu leisten, nicht aufrechterhalte. Zraktionsbericht. Gen. Hubert RouK-r ergänzt seinen gedruckt vorgelegten Bericht. Weni, die Einstimmigqnt der Abstimmungen auch noch nichr völlig .rreicht ist, so zeigt sich doch von Jahr zu Jahr ein Fortschritt. In den wichtigen Fragen ist fast immer Einstimmigkeit vorhanden, die Absplitterüng beträgt gewöhnlich nicht mehr als 1 oder 2 Stimmen. lach Abschluß des Bericbts kam noch die Abstimmung über die l Budget zwölftel,>vo 13 Fraktionsmitglieder da- g e g e n stimmten, die ü'b r i g e n s ich enthielten. In der Diskussion bemängeln mehrere Redner das Fortdauern der Zersplitterung bei den Abstimmungen und greifen einzelne Zepulierte an, wie B a s l y wegen seines Verhaltens in der Frage er Bergarbeiterpensionen und B r i q u e t(Pas-de-Calais), der für ..if Erhöhung der Oifiziersgehalte stimmte. G r azi a n i(Seine) ■ viü. feststellen, daß die Einstimmigkeit der Fraktion seit der Kon- atjiierung des Ministeriums Doumergue in wichtigen Fragen ".ggemeiuen Charakters fehlt, so wie die-Z seinerzeit unter dem Ministerium Monis der Fall war. ES ist merkwürdig, daß sich .iese Erscheinung immer wiederholt, wenn die Regierungspolitik adikal ivird. Wir sind für die grundsätzliche V e r w e i g e- ung des Budgets— auch nach seiner Diskussion— hier aber : at die Fraktionsmehrheit, ohne daß eine Diskussion vorangegangen oäre, sich enthalten. Wir verlangen für die Zukunft Einstimmigkeit m der Ablehnung. Ein Delegierter der Meurthe-et-Moselle fordert die Fraktion auf, i er Verschleuderung der der Nation zustehenden Bodeuscdätze an lapitalistische Spekulanten entgegenzutreten. Genosse Albert Thomas erweist darauf, daß die Fraktion in der Neuza-Frage Zugeständnisse erlangt hat und in einer unaufhörlichen Kontrolle md Intervention gegen die Konzessionen im Osten inehr erreicht als durch Verstaatlicbungsanträge, die liegen bleiben würden. Bracke erklärt, die sehlende Einstimmigkeit bei den Abstimmungen bedeute noch keine Unstimmigkeit in der Fraktion. Im Einstimmigkeit zu erlangen, könnte man, wo die Ueberredung acht ausreicht, das mechanische Spiel der Mehrheit zur Anwendung -ringen. Aber da würde der Zufall der Fraktionssitzungen, denen nicht alle Deputierten beiwohnen können, entscheiden, und er könnte Übst Mehrheiten ergeben, die sich in Widerspruch mit der Mehrheit rer Partei setzen. Jin ganzen können wir mit dem Fortschritt unserer Einigkeit zufrieden sein. Würden wir den Mechanismus der Itehrheitsentscheidung zur Anwendung bringen, wäre die Einheit .in der Enthaltung oft die Lösung. Die Enthaltung kann oft eine sozialistische Politik sein, aber eine Enthaltungstaktik, die ihre Ursache darin hätte, daß die Kohäsion in der Fraktion noch nangelhaft ist, würde uns aus dem Parlament tatsächlich aus- -cheiden.(Jaurds ruft; W i r sind die geeinigle sie - ozialistische Partei Europas!) Die mechanische Regel würde der Einigkeit nicht dienen.(Beifall.) Der Fraktionsberzcht wird mit allen gegen jstvei Stimmen ge- i! ehmigt. Die Mandatsprüfungskommission erstattet ihren Bericht. Ver- treten sind auf dem Kongreß 71 Föderationen durch 178 Delegierte. wahltaktik. Tie Diskussion über die Kammerwahlen wird von N a d i(Föderation Dröme) eingeleitet, der für die Resolution seiner Föderalion . intritt. Sie fordert prinzipielle Propaganda und selbständiges Vor- when im ersten Wahlgang und. im zweiten die Bekämpfung der die tepublil bedrohenden Reaktion, Unterstützung der Radikalen, die ach formell für die Aufhebung des Dreijahrgesetzes und für die Verteidigung der weltlichen Schule und für die Steuerreform ver- pflichten. Eompere-Morel: Für uns ist die Wahlaktion vor allem Gelegen- heit für Propaganda und Rekrutierungsarbeit. Eine Wahl ist für uns ein Zwischenfall(Jaurss: ein glückliches! jHeiterkeitj) in unserer Propaganda für die soziale Revolution. Wir müssen Kandidaten womöglich in allen Bezirken aufstellen und jede Kombination, nach links wiex nach rechts, ablehnen. Wir müssen sagen, was wir ptid und was wir wollen und die Frage_ des Eigentums, der Expropriation der Bourgeoisie aufwerfen. In den Wählerveriammlungen laben wir das große Publikum, dein wir das sozialistische Ziel dar- .'gen können. Aber gleichzeitig müssen wir sagen, daß wir nicht ■ute Partei des„Alles oder nicbts" sind, sondern eine Partei— in Wahrheit die einzige— der Reformen, von der kleinsten an- orangen, und daß wir nicht untätig auf die Endkatastrophe warten. Wir kämpfen für die sofortige Rückkehr zur zwei- jährigen Dienstzeit, zum llnterscbied von den Radikalen, die ich jetzt hinter zweideutigen Klauseln verschanzen. In der .? t e il e r f r a g e treten wir für die Einkommen- und Besitzsteuer ■til Derlaration ein. Ter Senat— diese sogen,„republikanische" Körperschaft— hat die Reform verhindert. Wir müssen leine Rolle raigen. Wir sind für die Verteidigung und Fortentwickelung der L a i e n f chu l e. Für mich ist die Fortentlvickelung die beste Ver- ieidiguug..(Beifall.) Wir müssen dje. Jugend den reaktionären Pa- tronagen entreißen, den Fortbilduugsunlerricht ausbauen, die Schul- kantinen verbessern, für Bekleidung der armen Schulkinder sorgen. Die Verteidigung der Laienschule soll nicht nur eine Phrase für Wahlzeiten sein.— Endlich müssen wir die Forderung der Ver- f a s s u n g s r e v i s i o n und der Aufhebung des Senates mit aller Macht erheben. Die reaktionäre Demagogie hat die Deputierte» in Verruf gebracht, man schimpft über ihre Untätig- keit, vom Senat aber spricht man nicht. Jede wirksame Reform- arbeit ist indes unmöglich, solange wir seine Macht nicht t�e- brachen haben. Für den ersten Wahlgang also müssen wir folgende drei Grundsätze beobachlen: 1. Verkündimmg unserer sozialistischen Doktrin; 2. Propagierung unseres ReforniprogrammS; 3. Ausstellung von Kandidaten womöglich in allen Wahlkreisen. Wie aber haben wir uns im zweiten Wahlgang zu ver- halten? Wir müssen uns gegen alle Zweideutigkeit, gegen jede An- steckung durch die politische Jmmoralität der Bourgeoisie wehren. Zwei Möglichkeiten sind gegeben: Entweder halten wir den B e- schluß von C h a l o ii'aufrecht, der im zweiten Wahlgang die Föderation bevollmächtigt. ihre Entscheidung im Interesse des Proletariats und der sozialen Republik zu treffen oder wir geben die Entscheidung dem N a t i o n a l r a t anheim. Ich bin für den Beschluß von Chalon. Sollen wir mitten in der Wahlschlacht die Genossen nach Paris rufen und sie damit betrauen, alle möglichen Einzelfälle, deren besondere Umstände ihnen nicht bekannt sein lönnen, zu entscheiden�— und dies bevor die Föderation selbst sie geprüft hat? Hallen Sie es für gut, just in diesem Moment den Gegnern innere Schwächen zu zeigen? Nein, das ist unmöglich! Es würde Föderalionen geben, die sich dem Beschlutz' des Natioualrats widersetzen würden— welches Bild der An- archie würde das bieten? Aber, wenn ich für den Be- schluß von Chalon bin, so bin ich dafür, ihm präzisere Form zu geben.— Man spricht uns von der Veneidigung der Republik. Ja,� wir sind Republikaner. wir find sogar — eben weil wir Sozialisten sind— die einzigen, wahren Republikaner. Aber eben darum haben wir ebensowenig nach links wie nach rechts zu paktieren. Hervo ist für den Block, vorläufig noch für den Block ohne Ministerialismus. Aber er hat die Tugend, immer die letzten Konsequenzen seiner Meinungen zu ziehen, und so wird er auch noch zum Ministerialismus kommen und sogar Albert Thomas noch übertreffen.(Heilerkeit.) Hat ficu aber det Radikalismus so geändert? Ist das jetzige Ministerium nicht tatsächlich ein Ministerium Clemenceau— das seiner Revanche für die Wahl von Versailles? Und wie haben wir gegen Clemenceau und sein System der blutigen kapitalistischen Diktatur gekämpft?— Der Redner zitiert die„Guerre Sociale" aus der Aera Clemenceau und hält Hervs seine Wandlungen vor. Und wie sollen wir der radikalen Partei trauen, deren heute regierende Politiker in drei Tagen die Forderung der Rückkehr zur zweijährigen Dienstzeit fallen gelassen haben? Redner weist auf die Re- gierungSerklärung und auf die neue Aeußerung des Kriegs- ininisters N o u l e n s hin:„Wie können wir da noch Vertrauen in die Radikalen setzen? Es wäre ein Verrat an unserer Klasse, wenn loir eine Entente mit irgendeiner Fraktion der Bourgeoisie schließen wollten. Ein Block wäre unser Bankrott. Die Blockpolitik während der Aera der anti- klerikalen Gesetzgebung hat den Anarchismus in der Arbeiterschaft großgezogen. Ein Block wäre ein Bruch in der Partei.(Baillant ruft: Der Block ist eine Unmöglichkeit für den So- zialismus!) Treten wir in den Kampf mit einem gemeinsamen Aufruf an die Wählerschaft, der unsere Lehren darlegt. Im übrigen halten wir die Resolution von Chalon aufrecht, in einer ein- schränkenden Stilisierung, indem wir die Gefahren aller Kombi- Nationen mir welcher Partei immer warnend aufzeigen I(Lebhafter Beifall.) In der weiteren Debatte kommen Redner der verschiedenen Föderationen zu Worte, die teils für die Autonomie der Föderationen, teils für eine bindende Wahlparole unter Kontrolle des Rationalrats im Sinne der Beschlüsie des Tarn und der Seine-Mehrheit eintreten. Manche Redner bemängeln, daß die Partei die Proporz- forder ung zurückgestellt habe. Auf die Bemerkung eines Tele- gierten der Seine-el-Oise, daß Compsre-Morel die religiöse Frage vergessen habe, erwidert dieser; So sehr wir das Prinzip: Religion ist Privatsache hochhalten, so wäre es ein Verbrechen, die Kleriiei dort, wo sie uns cntgegegentritt, nicht zu bekämpfen und die Doppelzüngigkeit der Pfaffen, ihr Eintreten für die Kapitalisten, den politischen Kampfgeist der Bischöfe und den desorganisierenden Charakter des Klerikalismus nicht aufzudecken.(Starker Beifall.) Derselbe Delegierte der Seine-et-Oise führt weiter aus. daß nach der Kampagne gegen die Militärvorlage die Partei im 2. Wahl- gang unmöglich untätig bleiben könne. Weder sei eine Ausrecht- erhallung aller Kandidaten möglich,»noch die einfache Zurückziehung der in der Minderheit gebliebenen. Dieses zweite Verhalten wäre jesuitisch, die Wähler würden aber auch gar nicht neutral bleiben. Wir müssen mit Mut und Verantwortungsgefühl Handel». Niemand ist für den Block in der alten Form, aber wir wollen die republikanische Disziplin bei den Wahlen. Das Ver- fahren im Nationalrat wäre nicht so kompliziert, wie es hier dar- gestellt wurde. Der Nationalrat wird eine allgemeine Regel auf- stellen und ihr gemäß die angemeldeten Kandidaturen bezw. Rück- tritte anerkennen oder außer Kraft setzen. D e l o r y ist weiter gegangen als wir, da er auf dem Kongreß des Nord die Unter- stützung auch jener Radikalen, die für die drei- jährige Dienstzeit waren, gegen die Reaktionäre im zweiten Wahlgang ankündigte. Haben wir den Mut, uns in einer allge- meinen Parole auszusprechen! Delory: Wir sind gegen allgemeine Regeln, die zu enge sein könnten. Wir werden z. B. den A b b s L e m i r e in einer Stichwahl gegen den Kandidaten des Bischofs unterstützen, trotzdem 'er für die 3 Jahre war, ebenso in Lille gegen den Klerikalen Grousseau einen Republikaner, der für die Aufrechterhaltung der 3 Jahre und gegen den Proporz ist.(Zwischenruf: Das ist republi- kaniiche Disziplin ins Extrem getrieben!) Würden wir uns durch Resolutionen wie die der Seine binden und ließen wir den Abbö Lemire durchfallen, könnte sich kein sozialistischer Propagandist mehr in diesem Wahlkreis sehen lassen! V a i l l a n t tritt für die Resolution der Seine-Mehrheit ein: Der Block ist für die Sozialisten unmöglich, auch jede Koalition mit irgend einer bürgerlichen Partei. Der' Amsterdamer Beschluß und der Einigungspakl schließen solche Abmachungen aus.— Redner beantragt, daß die Verwallungskommission vor den Wahlen eine Dckla- ralion herausgebe, die die Forderungen der Partei— nicht nur diejenigen, die im Beschluß des Kongresses in die erste Seite gestellt werden, enthält. Wir müssen den Volksmasse» eine Direktive geben. Dies können wir nur, wenn wir zeigen, daß die Sozialisten nicht nur die Partei der Arbeiterklasse, sondern die aller Fort- schritte ist.(Beifall.) Wir sind für das weltliche Prinzip und für die Befreiung des � Geistes. Wenn wir gegen die dreijährige Dienstzeit kämpfen, so kämpfen wir nicht für die Wiederherstellung deS alten Gesetzes, sondern für die allgenieine Volksbewaffnung. Wir sind für den Proporz, weil er alle Parteien ilötigt, mit offenem Visier zu kämpfen. Engels hat darauf hingewiesen, daß die Marxsche Lehre ihren vollen Wert darin habe, daß sie den Be- frciungskampf des Proletariats identisch mit der Befreiung der Menschheit zeige. Der Militarismus bedroht nicht nur das Prole- tariat, sondern die ganze Menschheit. In der Basler Kathedrale hat der Sozialismus alle Proletarier zum Kampf gegen ihn auf- gerufen. Der Kampf hat begonnen. Wir sind ebenso wenig be- siegt, wie die deutschen und die englischen Genossen. Aber wir müssen den Kampf noch verstärken. Er soll unserer Wahlaktion die Hauplrichtung geben und dies muß in unserer Resolution zum Ausdruck kommen. Und nun zum zweiten Wahlgang I Ich sehe keinen Unterschied zwischen ihm und dem ersten. Auch im zweiten müssen wir unsere Propaganda fortsetzen. Aber die Situation kann lompliziert werden. Wir wollen durch den National- rat nicht die Unabhängigkeil der Föderation antasten, aber wir wollen ihm ein Kontrollrecht für strittige Fälle geben. Die Zeit wird genügen. Unser Kongreß zeigt einen großen moralischen Fort- / schritt. Zeigen lvir, daß unsere Konzentration auch inatencll fortgeschritten ist. Die Plakaiierung der motivierten Entscheidung de? Nationalrats»nt der Unterschrift der Föderation wird die nötige Garantie bieten.(Lebhafter Beifall.) Varenne(Puy-de-Dome) erklärt, daß seine Föderation, die immer für die republikanische Disziplin gewesen fei, diesmal die Fest- hallung des Beschlusses von Chalon enipfehle: Seit dem Amsterdamer Beschluß haben wir immer die Rückkehr zur richtigen Taktik(das heißt zum Block) nach den Erfahrungen mit allen anderen voraus- gesehen. Heule sehen wir die alten Gegner uns förmlich übertreiben. Die Seine-Föderation verlangt nichts von den gegnerischen Parteien. Das Resultat wäre besser, wenn wir Bedingungen stellten. Man schlägt uns die Anwendung der einfachen republikanischen Tis- ziplin vor.(Vaillaut; Wir wollen nur sozialistische DiS» ziplin!) Die bürgerliche Linke hat 1906 selbst diese Taktik preis- gegeben, Clemenceau hat uns attackiert. Man hat damals der Tis« ziplin der Programme die der Personen entgegengestellt. Es wurden mehrere radikale Kandidaten aufgeslestellt, davon einer, um die reaktionären Stimmen einzufangeu. Trotz der Einigung von Pau — wo übrigens ein Kartell mit uns abgelehnt wurde— ist die. Wiederholung dieser Taktik möglich und hat schon da und dort begoniien. Lassen wir uns nicht düpieren! DaS Pariser Programm weicht von dem von Pau ab. Wir haben die Erklärungen Doumeraues und Noulens.(Vaillant: Die Hauptsache ist. daß wir in keine bürgerliche Regierung Vertrauen setzen!) Weiter ist die Proporzfrage zu berück- sichtigen. Wir haben für die Wahlreform mit Ernst gekämpft, aber eine Koalition für den Proporz ist undenkbar. Sie wäre unheilvoll für die Partei und für den Proporz selbst. Aber die Partei bleibt vor dem Land der einzige republikanische Bürge der Wahlresorm. Lasse» wir den Proporz im Wahlprogrami» beiseite und geben wir den Wählern den Eindruck, daß wir an der Reform festhalten und keine Ruhe geben, bis wir ihn durchgesetzt haben.(Compsre-Morel: Ich bin einverstanden und habe heute deshalb von ihr nicht ge- sprachen.) Herve, von dem man ein Plaidoyer für den Block erwartet, wird mit ironischem„Aha" empfangen. Seine geschickte und wie gewöhnlich amüsante Rede zeigt aber das Bestreben, sowohl den Widerspruch der den Block ablehnenden, aber die generelle Unter- stützung der Radikalen unter bestimmten Bedingungen fordernden Genossen nicht herauszufordern, wie keine Erregung der anderen Richtung zu provozieren. Hervs sagt: Compsre-Morel und feine Freunde repräsentieren die Doktrin— wir aber etwas, was ebenso notwendig ist: die unmittelbare Aktion. Ich habe als der Erste die Gefahr des Krieges mit Deutschland erkannt und zu ihrer Bekämpfung eine Sprache geführt, die wohl Uebertreibungen einhielt und die Leute erschreckte, ober die doch ihre Wirkung tat und die Partei in Bewegung brachte. Das Marokk'oabkommen hat meine Angst be- schwichtigt. Nach dem Krieg kam die P e st: der Natio- nalismus. Gegen ihn taugt ein anderes Mittel: die K o a l i t i o n der Linksparteien. Ich schlage Ihnen nicht den Block vor, weil wir durch A m st e r d a m und den Einigungspakt gebunden sind. Ich bin blocard für die Zukunft und mache einen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Bourgeoisien: auf der einen Seite der immer ver- folgten protestanlischen und jüdischen wie der freidenkerischen und freimaurerischen, die vor dem Sozialismus begonnen hat, das Volk aufzuklären— und der reaktionären auf der anderen Seite. Es wäre aber sinnlos, die Koalition, die bei den Wahlen begonnen wird, nicht im Parlament fortzusetzen. Ich bin für eine Art Delegation der Linken, ja sogar— wähl nicht für eine Karikatur wie den Millerandismus— aber dafür, daß wir— unter zwingenden Umständen— einen Vertreter unserer Partei in die Re« gierung entsenden. Es wäre 1902 ein Glück gewesen, wenn wir das Marokko-Abenteuer durch einen wachsamen Minister aus unserer Partei hätten verhindern können. Ich bin über- zeugt, daß unsere deutschen Freunde, sobald sie das parlamentarische Regime erobert haben werden, selbst die» j e n i g e n sein werden, die eine Revision gewisser Amsterdamer Formeln, wie der der B u d q e t a b l e h n u ng in allen Fällen, fordern werden.— Redner verliest den Text der Pariser Kongreßresolution von 1900, der für Ausnahmefälle eine Kooperation mit bürgerlichen Parteien zuläßt und erklärt. Wir sind in einem solchen Ausnahmefall. Die Situation ist für das republi- konische Regime viel ernster als Sie glauben. Das Dreijahrgesetz bat keineswegs im ganzen Volk eine flammende Entrüstung geweckt. In unserem Volke ist seit 43 Jahren eine Neurose vorhanden. In Augenblicken internationaler Spannung ist die große Presse im- stände, die Mehrheit des Volkes mit der Vorstellung der Invasion in Schrecken zu setzen.— Eine Koalition mit den Radikalen ist möglich, ebenio mit jenen„unabhängigen" Sozialisten, die Bliand fallen gelasien haben. Wir sollten verstehen, daß das Unifizieren nicht so schnell und einfach geht. Der Antrag Combier(Verbot, die Uiiabhängigeit zu unterstützeii) war einmal notwendig, um unsichere Kantonisten zurückzuhalten. Aber heute müssen wir für die Augagneur, Viviani, selbst für Freund Breton(lebhafter Widerspruch) stimmen. Auf Gruud welches Programms? Es enthält drei Forderungen: 1. Die baldige Rückkehr zur zweijährigen Dienstzeit; 2. die Steuerreform; 3. die weltliche Politik. Darunter verstehe ich nicht nur die Unkirchlichkeit im Privatleben und die Fortbildung der Schule, son« dern auch offenen Kampf gegen die katholische Kirche, die eine poli« tische Macht geworden ist. Und sagt nicht im Grunde die Resolution der Haute-Bienne dasselbe wie ich? Nur daß Sie in die Suppe spucken, die Sic doch schlucken wollen. Das hat die Erklärung D e l o r y s gezeigt, der für Antiklerikale stimmen lvill, selbst wenn sie Anhänger der dreijährigen Dienstzeit sind. Die radikale Partei kann allein nicht regieren. Wenn wir ihr keinen Stützpunkt geben. wird sie ihn rechts suchen müssen und die Republik weiter kom- promiltieren. Eure Rede sei ja. ja, nein. nein. Ich sage j a, G r a z i a n>.(Anbänger der Aufrechterhallung der Kandidaturen im 2. Wahlgange) nein, die Dordogne(die wie Haute-Vienne den Föderationen Freiheit gibt) nicht ja, nicht»ein, die Seine- Mehrheit j a, aber indem sie ihr Haupt verhüllt.(Heiterkeit und starker Beifall.) Uhry will Stichwahlkoalitionen durch Berufung auf das kom- munistische Manifest rechtfertigen. Man wolle keinen Kuhhandel, sondern die Wahrung proletarischer Interessen auch im zweiten' Wahl-rang. Graziani(Seine): Ueber die Taktik im ersten Wahlgang sind alle einig. Für den zweiten verlangen wir eine einheitliche Taktik. Nur die Alterirative-Koalition oder Äufrechterhaltung aller Kandidaturen bleibt. Die Radikalen haben schon ihr Piogramm von Pau preis- gegeben. Wie können wir 14 Tage lang über die Bourgeois anders sprechen, als die 3>/z Jahre, während der wir ihre Verrätereien auf- gezeigt haben? Damit verekeln wir dem Proletariat die politische Aktion und hindern die Einigung mit den Gewerkschaften. Felix(Herault) will nicht, daß man die Radikalen wieder rette. Er protestiert gegen die Hervosche Geringschätzung der Doktrin. Wir können nickt jeden Augenblick eine neue Politik für kurze Frist machen. Der Siadikalismus bat uns acht Jahre lang arbeitcrfcind- liche Ministerien beschert.(Lebhafte Zustimmung.) Die Massen würden einer Parole, aus einmal für die Radikalen einzutreten, nicht folgen und sich von der politischen Aktion abwenden. Meillet(Seine) findet, daß man sich zu sehr aus den Kampf gegen den Militarismus konzeniriere.(Vaillant: Es ist die Parole der Internationale!) Im 2. Wahlgang sollten nicht einzelne Forderungen, sondern das Gesamtinteresse des Proletariats ent- scheiden, und dieses können unter den beuligen Verhältnissen die Föderatsonen am besten beurteilen. Die Vaillamsche Resolution könnte den Eindruck erwecken, als ob der Sozialismus nur eine Fortsetzung des Radikalismus sei. Albert Thomas will keine allgemeinen Probleme aufwerfen. Er findet cs merlwürdig, daß Compsle-Morel für den 1. Wahlgang prinzipielle Forderungen, für den zweiten die Einschränkung auf einige unmittelbare Forderungen vorschlage. Die Kommission sollte eine Erklärung verfassen, die für beide Wahlgänge die sozialistische Idee festhält. Zu« Zweck der Propaganda aber müssen wir schon im 1. Wahlgang einige aktuelle Probleme bor- ausstellen, in die 1. Neihe die Militärfrage, Herbe, mein Komplice im Ministerialismus, meint wir stünden jetzt vor einem außer- gewöhnlichen Fall, Glaubte ich das, würde ich vor dem Kongreß meine ministerialistische Anschauung vertreten. Das Problem ist aber noch nicht gegeben. Die radikale Politik ist nicht io, daß wir die Partei vollständig engagieren müssen, Aber wir müssen den Radikalismus vorantreiben, bis dahin, wo das Block- Problem aktuell wird. Mein Programm gibt der Demokratie einen neuen Antrieb. Frossard lHaut-Rhin) fordert, daß man die deutsch-fran- höfische Annäherung im Programm nicht vergesse. Seine Ausführungen über die Wabltaktik machen starken Eindruck. Die Anirechterhaltung der Kandidaturen würde zur Vernichtung des moralischen Erfolges des ersten Wahlgangs führen. Diese Taktik ist auch nickt revolutionär. Wir können nicht die Verantwortung für die Wahl von Reaktionären übernehmen. Ein einfaches Zurückziehen der Kandidaten würde unsere Partei einfach auslöschen. Aber auch eine Koalition mit den Radikalen ist unmöglich. Wir können unser Schicksal nicht an das radikale Regime binden, das der finanziellen Katastrophe zutreibt. Weil keine organisierten Parteien uns gegen- übersteben, ist eine einheitliche Formel unmöglich und das Verbleiben beim Beschluß von Ehalpn geboten. *'* * Die französische Sozialdemokratie gegen Militarismus und Chauvinismus. Amiens, 28. Januar.(P r i v a t t e l e g r a in m des„Vorwärt s".) Jaures legte namens der Kommission eine einstimmig beschlossene Resolution vor. Sie erinnert an die Amstcr- damer Beschlüsse und betont den Klassenkampf, lehnt entschieden den Block ab, anerkennt aber die Not- wendigkeit, zwischen den verschiedenen Parteien der Republik zu unterscheiden. Vor allem sei der Nationalismus, der M i l i t a r i s m u s und das reaktionäre Kartell des BriandiSmus zu bekämpfen. Die Partei käinpft für die nationale Unabhängigkeit, für den Völker- frieden durch die Volkswehr, gegen die dreijährige Dienstzeit und für die französisch-deutsche Annäherung. Im ersten Wahlgang sind überall Kandidaten aufzustellen, im zweiten ist die militaristische Reaktion mit aller Macht zu be- kämpfen und dort, wo die Partei keine Chancen hat, wird sie die Kandidaten entsprechend ihrem Verhalten zum Militaris- mus unterstützen. Der Kongreß vertraut darauf, daß die Föderationen im zweiten Wahlgang im republikanischen Geist der Chaloner Beschlüsse handein. Im Konfliktsfall zwischen den Föderationen und den Wahlkreisen über Anwendung der Regeln soll die Vertoaltungskommission entscheiden. Die Resolution wird unter großer Begeisterung ein st immig an- genommen und dann der Kongreß geschlossen. jftus der Partei. Internationaler Protest. In einer gutbesuchten Versammlung, die am Sonntag im Kommunistischen Arbeiterbildungsverein in London stattfand, protestierten Arbeiter aller Nationen gegen die Diktatur des Militarismus in Zabern und in Südafrika. polizeiliches, Gerichtliches usw. Der beleidigte Zcntruinsinann. Be! der vorjährigen Landtagswahl waren in Flehe, einem Nock käst rein läudlicken Vororr Düsseldorfs, der Maschinist Joseph T h e i s e n und der Metallarbeiter Joseph Zimmermann als Wahlmannskandidaien der fozialdemoiratiicken Partei aufgestellt worden. Der Ort Flehe weist, wie alle die ländlichen Gemüsebau- orie um Düsseldorf herum, in der Bevölkerung fast nur Zentrums- anhänger auf. Die Sozialdemokratie hat dort keine eingeschriebenen M.tglicd�r und auch nur wenig Wähler. Die Aufstellung der beiden Wahlmänner war auf Gründ der Sladiratswählerltste von 1312 er- folgt, in welcher sie von den sozialdemokratischen Wablkontrolleuren als sozialdemokratische Wähler angezeichnet waren. Von fanatischen Zenirumsleuten in Flehe wurden aber die beiden Arbeiter, die als sozialdemokratische Wahlmänner auf den Stimmzetteln benannt waren, augepöbelt. Räch, der llrivahl verlangten nun die beiden .Kandidaten" vom Vorstand der sozialdemokratischen Partei Düffel- dorfs eine öffentliche Klarstellung der Sacke. Der Vorstand teilte den beiden mit. daß nach näherer Erkundigung ein entschuldbares Versehen infolge eines Irrtums bei der Kontrolle der Stadtrats- wähl vorliege. Während sich nun Zimmermann— der Mitglied des Deutschen Melallarbeilerverbandcs ist— mit dieser Antwort be- gnügtc, ging Theisen zur Siaatsanwaltschair. um gegen die Ge- uossen Berten und W e st k a m p wegen öffentlicher Beleidigung Strafanzeige zu erstallen, da diese beiden Genossen als leitende Personen der Düsseldorfer Sozialdemokialie und deren Wahlausschuß verantwortlich seien. Die Staatsanwaltschaft lehnte eine Strafvcisolgung mangels eines öffentlichen Interesses ab. Darauf erhob Theii'en, der sich als ZentrumeverirauenSmaun bezeichnet, Privatbeleidigungsklage. In der Begründung ivird gesagt, daß Kläger durch seine Ausstellung große Unaunehiniickkeiten gehabt habe, besonders iveil die Gefahr vorlag, daß dem Männergesangvercin. dessen Vorsitzender Theisen ist. bei beantragte städtische Zuschuß zu seiner fiinfzigjShrigeii Jubiläumsfeier nicht gewährt wurde. Das Gericht kam zu einer Freisprechung beider Angeklagten, da die Vor- sätzlichkeit und das Bewußtsein der Ebrverlrtziing sick nickt habe nackweiie» lassen. Die Kosten des Verfahrens wurden der Staats- lasse auferlegt.__ �ugenöbewegung. Jungdeutschlands Erziehung zur Kunst. Die„Deister- und Weser-Zeitung" berichtet: „Ain 18. Januar veranstaltete der hiesige I u n g d e u ts ch- landbund im Saale des Gastwirts Meyer einen Unterhaltungs- abend. Das reichhaltige Programm nahm über drei Stunden in Anspruch. Kinematographische Vorführungen des Lehrers Krull auS Pegestorf, Soloszenen und die theatralische Aufführung: .Eine schauerliche Nacht" fanden allgemein Beifall. Von den Kinobildern interessierten ganz besonders„Onkel TomS Hütte", erster und zweiter Teil, und der von den Vereinigten Lichtspielen in Hameln freundlichst zur Verfügung gestellte Film:„Die Regimentsfeier der löler in Hameln"." Das Theaterstück„Eine schauerliche Nacht" wird sicher„erhebend" auf Herz und Gemüt der jungen Leute eingewirkt haben. Der Jungdeutschlandbund macht damit der klerikalen Jugend. erziehung", die mit Theaterstücken wie z. B.„Der Mord in der Zwiebelgasse" und ähnlichem Schund arbeilet, erfolgreich Konkurrenz._ Arbeiter-Jugend. Die soeben erschienene Nr. 3 des sechsten Jahrganges bat u. a. folgenden Inhalt: Mannhaftigkeit. Von E. Hoc ule.— Die erste Auseinandersetzung im Reichslage über den Klassenkampf der Ar- bester. Barr G. Hoch.— Der gerechte Richter inr Zillertal. Von H. Farwig.— Weitere Beweise zur Abstammungslehre. Von Gg. Engelbert Graf sMis» Abbildungen).— Wie denkt die Sozialdemo- kratie über Frauen- und Kinderarbeit? Bon Therese Schlesinger (Schluß).— Vorstadt. Gedicht von Fritz Sänger.— DeS Lehrlings Leidenschronik. AuS der Jugendbelvegung. Die Gegner an der Arbeit u'w. Beilage: Der Doppelgänger. Erzählung von F. Bautet.— Arbeiterwisien. Gedicht von Fritz Säyger.— Multatuli, der Dichter und Kämpfer. Von C. Döring sSchluß).— Kapitän Scotts letzte Fahrt(Mit Abbildungen).— Die Speisekammern der Tiere. Von Heinz Welten lSchlußs.— Nachtstück. Gedicht von Arno Holz.— AuS Kapitän Scotts Tagebuch. Soziales. Arbeitsnachweise. Neber die Tätigkeit der preußischen Arbcitsnachwcist/srbändc hat der Handelsniinister in diesem Jahre zum ersten Male eine Zusammenstellung veröffentlicht und dem Landtag unterbreitet. Zurzeit bestehen in Preußen 9 solcher Verbände, deren Bezirk sich im allgemeinen auf dte Provinz beschränkt. In einigen Fällen greift er darüber hinaus auf anschließende nicht preußische Ge- bietsteile. Im November 1913 haben die Arbeitsnachweisberbändc sich zu einem preußischen Arbeitsnachweisperbande mit dem satzungsmäßigen Zwecke zusammengeschlossen, den öffentlichen Ar- beitsnachweis im Stamsgeknete zu fördern, die gemeinsamen An- gelegenheiten der Mitglieder in iviederkehrenden Beratungen zu erörtern und die Interessen der Verbandsmitglieder gegenüber den zuständigen Stellen wahrzunehmen. Die Arbeitsnachweisvcrbände sind, nach dem Bericht, ins Leben gerufen worden, weil das bis dahin nur lückenhafte Netz gGncin- nütziger allgemeiner Arbeitsnachweise im Verbandsgebiete, denen es zudem an einer genügenden Verbindung untereinander fehlte, die Regelung des Arbeitsmarktes für Stadt und Land und den Aus- gleich zwischen dem Ueberfluß an Arbeitskräften in den größeren und mittleren Städten und dem Arbeitermangel in kleineren Ge- meinden und auf dem Lande nicht hinreichend ermöglichte. Bei der Verfolgung ihres Zweckes sollen die Interessen der Städte, des platten Landes und insbesondere auch die Landwirtschaft berück- sichtigt werden, eine ihrer wesentlichsten Aufgaben und ein leitender Gesichtspunkt ihrer Tätigkeit bildet die Entlastung der großen Städte von den dort zusammenströmenden überzähligen Arbeits- kräften und die Befriedigung auch der Gesuche der Arbeitgeber in den kleineren Orten und auf dem Lande. In Verfolg dieser Be- strebungen haben die Verbände eine engere Verbindung mit den Herbergen zur Heimat und mit den Wanderarbeitsstätten hergc- stellt. Besonders eng ist die Verbindung mit den Landwrrtschafts- kammern, c. sind direkte Grundzüge für ein Zusammenarbeiten der Landwirtschaftskammern mit.den Arbeitsnachwcisverbänden ausgestellt, wonach die Landwirtichaftskammern sich an der Bildung von Arbeitsnachweisperbänden und deren Bestrebungen beteiligen. Die paritätische Form der Verwaltung ist ausdrücklich ausge- schlössen. In den Vereinbarungen ist lediglich gesagt:„Die Ver- bände erheben die Sicherstellung der Unparteilichkeit in der Ver- waltung und inr Betriebe des Arbeitsnachweises zum Prinzip. Sie erkennen an, daß diese Unparteilichkeit auch ohne die paritätische Form des Arbeitsnachweises gewahrt werden kann." Jnbesondere soll für die Arbeitsnachweise in kleinen Städten und aus dem platten Lande die Form der Verwaltung nur durch die Zweck- Mäßigkeit bestimmt werden. Ganz abgesehen davon, daß der Grundsatz der Parität in diesen Arbeitsnachweisverbänden nicht zur Geltung kommt, scheint es so, als ob sich ihr Augenmerk in der Hauptsache ans die Vermittelung von Arbeitskräften für die Landwirtschaft richtet. Aber davon, daß die Arbeitgeber, denen sie Arbeiter zuführen, zur Jnnehaltung anständiger Lohn- und Arbeitsbedingungen verpflichtet werden, ist nirgends die Rede. Im Gegenteil, man erfährt auf der Denk- schrift nicht einmal, ob sie sich unter Umständen nicht auch zu Streikbrecherbureaus entwickeln. Ter Hinweis daraus, daß die Vermittelung besonderer Klassen von Arbeitsbedürstigen lTrunk- süchtigen, entlassenen Strafgefangenen, Rückwanderern) regelmäßig eine Aufgabe der Verbandstätigkeit bildery läßt dieft Vermutung sogar zur Wahrscheinlichkeit werden. Wirklich Ersprießliches wer- den die Arbeitsnachweise, die der Staat durch Sergabe von großen Mitteln fördert, nur dann leisten können, wenn ihre Verwaltung paritätisch zusammengesetzt ist. Dixser wichtigen Forderung aber mißt die Regierung und messen die Arbeitsnachweisverbände, wie aus der Denkschrift hervorgeht, keinerlei Bedeutung bei.— Äassenvorstandswahl in Essen. Bei den Vertreterwahlen zur Essener Ortskrankenkassc erhielten kürzlich die Christlichen 28, die freien Gewerkschaften 27, Gelbe 4 unid Hirsch-Dunckersche einen Vertreter. Bei der Vorstandswahl fehlten zwei christliche Vertreter, zwei stimmten für einen Gelben, so daß die freien Gewerkschaften 4, die Christlichen 3 und die Gelben einen Vertreter in den Vorstand bekommen. /tos Inöustrie und Sandel. Die Zerstückelung Finnlands. Die Frage der Zerstückelung Finnlands ist noch nicht von der Tagesordnung der ruyischen Machthaber verschwunden, sondern scheint in ein« neue Phase getreten zu sein. Die russischen mini- stcriellen Komitees, die während der letzten zwei Jahre diese Frage behandelt haben, sind schließlich zu!wm Ergebnis gelangt, daß die Abtrennung der zwei Wiborgschcn Kirchspiele auf fast unüber- steigbare Hindernisse stößt. Statt dessen wird nun geltend gemacht, baß die Abtrennung der ganzen Provinz Wiborg leichter durchzu- führen sei. Im russischen Ministerrat wird jetzt über eine Lösung der Frage in dieser Richtung beraten. Auch in russischen Privat- kreisen hat man in jüngster Zeit seine Aufmerksamkeit auf diese Provinz geleenkt. Bor allem ist es die Wasser'rast des Wuoksens und insbesondere dessen vornehmster Stromschnell«, des I m a t r a, die den Appetit der russischen Unternehmer erregt. Der gewaltige Jmatra sit finnländisches Staatseigentum, dessen Wert nicht nur in der ungeheueren Summe von Wasserkraft liegt, die«r repräsen- fteri, sondern auch in seiner imposanten landschaftlichen Schönheit, die für den Touristenverkehr von unschätzbarer Bedeutung ist. Leidep hat es die gegenwärtige finnländisch« Regierung versäumt, die übrigen im Wuoksen gelegenen Stromschnellen anzukauien, um sich auf diese Weise der nötigen elektrischen Kraft für den Eisenbahnbetrieb aus der südlichen Küstenbahn zu versichern. Nun hat ausländisches Kapital diese Kraftquellen ins Auge gesaßt. Unter anderem wurde im vergangenen Jahr der berühmte „Wellinkoski" von einer deutschen Gesellschaft, hinter der die Deutsche Bank steht, angekauft. Der nnnländische Senat wachte nun auf und setzte ein Komitee ein, das eine Möglichkeit suchen sollte, die Wasserkraft des Jmatra für die Bedürfnisse der finnländischen Staatsbahnen auszunutzen. Mitten während der Korniteearbert trat eine russisch-französisch-belgische Gesellschaft un- vermutet mit einem neuen Plan zur Erploitieruvg dieser Wasser- fälle aus. Sie reichte dem Senat ein Konzesftonsgcsuch über die Ausführung eines großartigen Kanalprojektes ein. Sie will nichts mehr und nichts weniger, als die Gewässer des Saimasystems in einen Kanal sammeln, der neben dem Flußbett des Wuoksens diese Gewässer in ein tiefergelegencs Bassin leiten soll, wo die ganze Wassermasse einen gewaltigen Fall von 300 000 Pferdekräften bilden soll. Würde dieses Gesuch genehmigt werden, so wäre offenbar die Folge, daß der obere Teil des Wuoksens mit seinen zahlreichen Fällen, darunter dem weltberühmien Jmatra, fait seines ganzen Wassers beruabt und seinen Charakter wie seine landschaft- liche Schönheit vollkommen verlieren würde. Auch dieses Projekt wird gegenwärtig vom Senatskomitee geprüft, und man befürchtet mit Recht, daß der Senat unter dem Druck der hohen Protektion, die hinter jenem Projekt steckt, das Gesuch nickt abschlägig bescheiden wird. Da jedoch die gesetzlichen Strandrechte einer Anzahl von Grundbesitzern an den Ufern des Saimasees durch die DewilligunK der Konzession verletzt werden würden, ist es noch fraglich, ob eine Verwirklichung des kühnen Planes wirklich dnrckznsctzcn sein ivird. Allerdings würden diese rechtlichen Schwierigkeiten beseitigt wer- de», wenn die ganze Provinz Wiborg von Finnlanv abgetreu r;: und unter russische Verwaltung gestclll würde. So ist die Gefahr der Zerstückelung, die dem Lande droht, durch das Interesse dks ausländischen Kapitals an seiner Wasserkraft bedeutend näher gerückt!_ Der Tarifkrieg. Der Tarrfkrieg zwischen den Großschiffahrtslrnien ist in ein neues Stadium eingetreten. Bisher hatten die englischen Linien ihre Frachtsätze nur für den Verkehr'zwischen England und den VereinDten Staaten heruntergesetzt. Jetzt verkünden jedoch die Cunard Line, die White Star Line und die Canadian Pacific Line, daß sie ihre Frachtsätze ebenso für den Transport nach Eanada heruntersetzen iocrde». Die Reduktion beträgt 20 Schilling für die Frachtsätze nach dem Osten und 10 Schilling für die Frachtsätze nach dem Westen. Der„Exchange Telegraph" veröffentlicht ein Interview mit einem Vertreter der Hamburg-Arnerika-Linre, in ivelchenw erklärt ivird, daß der Tariskrieg zwischen der Paketfahrtgesellschaft und dem Norddeutschen Lloyd bis aufs Messer geführt werden würde. Tie Hamburg-Amerika-Linie wünscht, den gesamten Passagierdienst in ihre Hand zu bekommen, der bisher größtenteils von dem Nord- deutschen Lloyd versehen wurde. Die gestern iviedergegebene Meldung der Hamburg-Amerika- Linie, daß sie noch keine Raten-Herabsetznngen vorgenommen habe, wird nun von der Hapag dahin erläutert, daß sie zwar noch keine bestimmten Beschlüsse gefaßt habe, daß sie sich aber genötigt sehen werde, am 1. Februar die Raten um 3 Dollar herabzusetzen, und daß sie außerdem, wie bereits von uns gemeldet, ab 1. Februar die Z w'i s ch e n d c ck- P a s s a g r e r p r e i s e von Hamburg nach New Uork um 20 M>auf 100 M. e r m ä tz i g en werde. Ter amerikanische Stahltrust verzeichnet für das vierte Ouar- tal des Jahres 1913 an Einnahmen 23 Millionen Dollar, das sind gegen das dritte Quartal 15 Millionen Dollar und gegen das vierte Quartal 1312 gar 22 Millionen Dollar weniger. Auch in Nordamerika macht sich also der Konjunkturrückgang bemerkbar, und der Stahltrust hat dadurch erhebliche Minder- einnahmen. Von Monat zu Monat des Jahres 1313 gingen die Einnahmen zurück; im Oktober betrugen sie noch 11,4 Millionen Dollar(gegen 12,5 im Oktober 1912), im November 7,4 Millionen und im Dezember nur noch 4L Millionen Töllar. Der Rein- gewinn sank daher von 23,8 Millionen im vierten Quartal 1912 aus 17,3 Millionen im gleichen Quartal 1913. Da der Trust die gleichen.Dividenden zahlt wie im vorhergehenden Quartal, mutzten die Ueberschüsse der Gesellschaft herangezogen werden. Das Quar- tal schließt also mit einem Defizit von 1 Million Dollar ab gegen ein Surplus(Mehrüberschutz) von 11,3 Millionen im Vorquartal. Das Jahresergelliris ist trotzdem für den Trust ein sehr günstiges. Das Jahressurplus stellt sich nach Abzug von 15 Millionen Dollar, die für Verbesserungen ausgegeben werden, noch auf lö�b Millionen Dollar. Elektrische Bahn nach Jerusalem. Das ftanzösische Bankhaus P e r i e r hat eine auf 40 Jahre lautende Konzession erhalten zum Bau einer Trambahn von Jerusalem nach Betlehe m, zur Installierung der elektrischen Beleuchtung in der Stadt und zur Anlage einer Wasserleitung von Wadi Forah aus. Versammlungen. Deutscher Bauarbeitervcrband. Die Sektion der Stukka» teure nahm am Montag den Jahresbericht entgegen, den W e n g c l s erstattete. Das Jahr 1913 war eins der ungünstigsten und die Arbeitslosigkeit dementsprechend sehr groß. Es wurden nur 130 Stelle» vermittelt. 1732 Arbeitslose waren eingeschrisben als höchste Zahl. Die Arbeitslosigkeit hat rnancherlei Mißitänbe gezeitigt, und eindringlich wies W e n g c l s darauf hin, daß die Arbeiter alles einzusetzen hätten, um die Errungenschaften der Organisation hochzuhalten. Auch zeige sich bei den Arbeitgebern immer mehr die Tendenz, Arbeiter über 40 Jahre nicht mehr ein- zustellen. Ucbcrstundcn sind zu verweigern. In der Diskussion wurde bemängelt, daß bei den WeihnachiS- Unterstützungen Bons für Warenhäuser ausgegeben wurden, die das Koalitionsrecht ihrer Angestellten nicht respektieren. Weiter wur- den energische Maßnahmen gegen das Ueberstundenwesen gefordert. Bei der Wahl des Sektionsvorstandes wurde als 1. Vorsitzender einstimmig Wengels geivählt. ö Beisitzer wurden von der Ver- sammlung ebenfalls ernannt. Beim 3. Punkt, Gewerkschaftliches, wurde dt« Frage der Uebcrstundcn nochmals aufgerollt. Insbesondere betriftt es die Arbeiten an der Nationalgalerie, woselbst eine Differenz ivegen Ueberitundcnarbeit vorliegt. Bei anderen Bauten wird ebenfalls die Organisationsleitung entsprechende Schritte unternehmen müssen. Zu Beginn der Versammlung hielt Wengels einen Vortrag über„Der Kapitalismus auf der Höhe der Entwicklung", d«r mit großem. Interesse entgegengenommen wurde. Briefkasten üer Reüaktion. Die lurtftych« xprechftunde finde» Ltndenftra»« 69, vorn toter — F a tz r st u v l—, wochentä glich von bis TVtz Utzr atzcudS, SonnntorudS, von tltz bis 6 Utzr adcndS statt. Jeder für den Brirslaften bestimmten Anfrage Ist ein Buchstabe und eine Zaht als Merkzeichen betznftzgen.«rtesttche Antwort wird nicht erteil«. Anfragen, denen keine AtzonnrmentSgutttung drigefügt ist, lerd.» nicht beantwortet. Eilige Fragen trage man in der Storcchftunde«or. Halenkee 500. Der Barbetrag ist Ihr Eigentum, Eine Auseinander- Icbungspslicht bestand»nd besteht nicht,— G. K. 1183. 1. Ja, sallS es sich um eine Steuerforderung handelt, die nicht länger als V, Jahr fällig war, 2. Die Kaisenbeilräge lönnen von dem wegen länger fällig gewesener Steuern unpsändbareu Betrage von 28,85 M, noch gekürzt werden, 3, ES kann auch in der Wobnung vollstreckt werden, auch ist. die Ladung zum Osienbarnngseid zulässig.— C. B. SO. Ihre Angaben Zeichen nicht aus, kommen Sie in die Sprechstunde,— Hermann 158. 1. und 4. Ja. 2. und 3. Nein.— R. R. 070. Nein,— K. 48. Falls der srühere Aufenthaltsort bekannt>var, sragen Sie bei dem deutschen Konsulat an.— A. D. 62. Soviel als der Arbeitgeber zahlt,— E. L. 26. 1. Falls Sie selber veranlagt sind, nein. 2. Reklamiere», und zwar innerhulb 28 Tagen, von der Zultellurrg ab gerechnet.— O. P. 76. 1. Ja. 2. Mit Zustimmung des Konkursverwalters zulässig. 3. An den Konkursverwalter. 4. Eventuell Klage und Zwangsvollstreckung.— H. P. 100. Ihre An- Wesenheit ist nicht notwendig.— 35. I. H. Eine Bestrasung könnte noch erfolgen,— B. R. 100. Der Staat hat in solchen Fällen keine Unter- siühungspflicht. Die Verheiratung zu dem angegebenen Zeitpunkt ist zulässig.— E. R. 29. Das Krankengeld kann gekürzt lverdcn. — E. O. 23. 1, Die Frist werden Sie zweisellos erhalten. 2. Ja. — 100 St. Die Veröffentlichung wäre ohne RechtSwirkung,— T. G. 73. l. Der Wirt bat an den Sachen ein gesetzliches Pfandrecht und könnte die Fortschasiung verhindern, 2. Ja,— A. Tch. 103. Ja,— F. 10. I. Nach Nbinus eines Monats, von der Zustellung ab gerechnet. 2. Das Oberlandcsgericht ist in diesem Falle die letzte Jnslanz,— Kriimmow, Seeite. Nein,— I. Ma. 1. Das ist nicht ersorderlich. Es genügt Ihre schristliche Erklärung, die aus dem Polizeirevier zu beglaubigen ist, 2. Nein. 3. Unbekannt,— S. K 50. 1, nnd 2. Bei der Ortspolizeibchörde. Dort ersabren Sie auch die Höhe der Kosten, 3. In der Regel sofort, 4. Ja.— Neukölln 7. t. Ja. 2. Die Klage des anderen Mädchens erscheint aus» sichrslos. 3, Bis 31. Januar abends.— Meisiner, Rigaerstr. Nein.— St. 100. Nein.— A. P. 100. Der Stempel beträgt für das Kalender« jabr 1 M, Anscheinend bat der Wirt den Mietsstempel für das jetzt lausende Kalendcrquarlal miterhoben.— M. P. 45. Die Lohnforderung der Tochter ist nicht bcschtagnahmesähig, Sie können aber den Bater in Anspruch nehmen.' Falls er nicht gutwillig zabll. erscheint eine Klage gegen ihn durchführbar.— K. F. 47. Sie sind nicht versicherungspflichtig, wohl aber berechtigt, sich zu versichern. H. B. 44. Ja,—(K. St. 2. Die Direktionen der Gesellschaften. Adressen im Berliner Adreßbuch, Teil 2.— 8. 7. Das können Sie bei der Direktton des städttschen StraßenreinigungswesenS Berlin, Kloster» straffe öS, erfahren.— G. D. 09. Ganz nach seinem Belieb«. 1ASM «nlhölt das seit 15 Jahren" � außerordentlich bewahrte, billigste und Desle ElweißnOhipraparal für Körper und Nerven Plasmon-KakaLO(ca. i00/o Eiweifigehalt) ist bedeutend nahrhafter als reiner Kakao im Verhältnis zu seinem hohen Eisweiß- geholte billiger als dieser und sollte deshalb In keiner FamlUe olsi tXglicbes GetrSnk für Kranke und Gesunde fehlen., V« Pfund M. 3.00, V, Pfund M.» SS, V« Pfund M. S S«. PUMHon-BIakult,.Zwieback,-Schokolade,-Heferkakao, Elaen- Piaemon. ErhKMlch in Apotheken und Drogerlen. Musterkollekflon der PlÄamon-P*HpÄ*«uie gegen /, Einsendung von M. t�O überallhin tronko Ausführliche Broschüre versende! THeaker und Vergnügungen Donnerstag, SS,Jan«ar 1914, Anjang ö Uhr. EtneS Palast am Zoo. varietö« Lichtspiele. Ansang S'/, Ubr. EinesNollendorf-Theater.Barietö. Lichtspiele. Ansang 7 Uhr. Deutsches Opernhaus. Parfisal. Ansang VI, Ubr. Opernhaus» Der Barbier von Sevilla. Kgl. Schauspielhaus. Der ge- hörnte Siegfried. Siegfrleds Tod. Deutsches. Ein Sommernacht»- träum. Lcssiug. Peer Ghnt. Königgräuer Strafte. König Richard III. irkns Busch. Galavorstellung. .irku» Schumann. Galavorstellupg. Aniang S Udr. Urania. Mit dem Imperator nach Rem Aork. Hörsaal 8 Uhr: Dr. P. Schwahn: Die Spektralanalyse der Him- mclskörper. «ammerspiele. Torquato Taffo. Deutsches Künstler- Theater. Der Bogen des Odysseus. Komödienhaus. Kammermusik. Theater an der Weidendammer Brücke. Wer zuletzt lacht. Theater am Nollendorfplaft. Prinzeg Gretl. Luftspielhaus. Die spanische Fliege- Montis Operette». Die verbotene «ladt. Schiller v. Was ihr wollt. Schiller Eharlvttenburg. Weh' dem, der lügt. Theater de» Westens. Polcnblut. Bertiner. Wie-inst im Mai. Kleines. Jettchen Gebert. Trianon. AnawleS Hochzeit. Thalia. Die Tangoprmzesstn. Residenz. Hoheit— der Franz. Metropot. Die Reise um die Welt in 40 Tagen. Friedrich- Wilhelmstädtisches. Fräulein Trallala. Rose. Der Meineidbauer. Kasino. Die olle Webern. Herrnfeld. Was sagen Sie zu Leibusch? Reichshall««. Steliiner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Apoll». Der Stolz der 8. Rom- pagnie. etnlang 8'/, Uhr. Luisen. Deines Bruders Weib. Walhalla. Tangoficber. Folies Eapric«. Cafä PringSheim. — Der Heiratsgras.— Meier ftetnS. Ubr. Schiller-Tlieater 0. (W allner-Theater). Donnerstag, abends 8 Uhr: Was ihr wollt. Freitag, abends 8 Ubr: Weh' dem, der INgt. Sonnabend, abend» 8 Uhr: ülarla Stuart. SehilleF-Thealer Chabr«?gtten Donnerstag, abends 8 Uhr: Weh' dem, der lÖBt. Freilag 8 Uhr, zum ersten Male: Die beiden I-eonoren. Sonnabend, nachmittag» 31/, Uhr: Zopf und Schwert. Sonnabend, abends 8 Uhr: Die beiden lieonoren. Theater des Westens. s uhr: Polenblut. Sonnl nchm.Sst.U.: Der sied«»ugveisa Dentsehes Künstlertheater Sozietät. Nürnberger Straße 70/71, am Zoo. Kasse: Nauendorf 1383. Abend» 8 Uhr: Der Sogen des Gdgssens. Freitag, abends 8 Uhr: Schlrln und Gertraude. Theater am Nollendjrfplatz Allabendlich: Prinzeß Gretl. 8 Uhr 8 Uhr. Hoheit— der Fronz! Musitalische Groteske in 3 Akten von Artur Landsberger und Willi Wolff. Musik von Robert Winterberg. Morgen u. s. Tage: llodeit- der»ranz! Friedr.-ffielnistäilt. Theater. Direktion: H. Bryk. Fräulein Trallala. Von Okonkowsli, filhapt Leivziger, llllöcrl. Kasseneröffn. 7 Uhr. Ans. 8 Uhr. Sonntag, d. 1. Febr., nachm. 3 Uhr: ���JWe�Klno�JCöniKlUj�� B0SE=THEATE Ansang 81/, ReueS BolkStbeater. Der Gras von CharolaiS. Anjang 9 Ubr. AdmiralSpalaft. Die lustige Puppe. Berliner Eispalast. Eissport. EinesNollendors-Theater.Varietä- Lichtspiele. Sternwarte, Jnvalidenstr. tl—02 Abend« 71/, Ubr: König Richard III. Komödienhaus. «uhr. Kalmnermußd.«uhr. Zerllver Ihesler. AbendS 8 Uhr: We einst im Mai. Tbeat er s.d. Weidendammerbrücke früher Komische Oper. 8 Uhr: Wer zuleftt lacht... Grotz« Franklurier Str. I3L. Zu der heutigen Bor- stelluna find tämtliche Billetts vergeben. Morgen, Freitag, abends 8 Uhr: Kinder der Groftstadt. Sonnabend 4 Uhr: Die 7 Raben. Abends: Berlin wie es weint u. lacht. Folies Caprice. Premiere. (Iaf6 Prlnjrahelm Posse von Caliban Der Helratagrat Posse von Caliban Musik von Artur Steinte MciersteinB. Eine lustige Paschingsgesohichte von O. Härting.__ l-- ! Ete Zahlstelle Berlin Deutscher Kolzarbeiter-Verbantf Zahlstelle Berlin Sonntag, den I. Februar 1914, In Obiglos FestsSlen, Koppenstraße 29: Theater»Vorstellung zur Aufführung gelangt: Vad-A«. 1 Komödie in 4 Aufzügen von Emil Rosenow, — In Szene gesetzt von Julius Türk.— * on Eintrit I 82,11 Ejfiiä gesetzt --------------- Gastspiel des Charlottenburg-Neuköllner Theaters. Einlaß 0 Uhr. Kinder haben keinen Zutritt, Anfang 7 Uhr. Von 6 bis 7 Ubr: Konzertmusik. Naoh �r9VT0T�telluns BALL. Eintrittekarten ä 60 Pf., inkl. Tanz, sind in allen Zahlstellen, beim Gastwirt Greiwe, Stgarrengeechüft von Baumann, Rungestraßo 30, und im Bureau zu haben. 82/11 Der BlIdnu�auBschnB. Letzte Woche! i YVETTE Robert Steidl| Willy Pantzer Co.| Ballettdivertiss, mm Kostüme: U U III Paul Polroi, Paris und die Januar-iUraktionen! — Rauchen gestattet!— Berliner Prater-Iheater Kastanienallee 7— 9. Donnerstag, den 29. Januar 1914: Gastspiel des Voigt-Theaters: l)er Goldbauer. Kasseneröffn. 7 Uhr. Ans. 8'/, Uhr. Trianon-Theater. Töglich abends 8 Uhr: Anatoles Hochzelt. URANIA TaubenstraSe 48/49. 8 Uhr: Mit dem„Imperator" nach New York. Hörsaal 8 Uhr: Prof.Dr.P.Schwahn Die Spektralanalyse d. Himmelskörper. Vereinigte Berliner Volksbühnen. Imlsen-Theater. Täglich 8«/. Uhr: Deines Bruders Weib. Schauipiel in 7 Bildern. ReichshalleD-Tiieater Stettiner Sänger No. 131 Urkomische Burleoke. Anfang 8 Uhr. Sonntag nachm. 3 Uhr zu crmäg. • Preisen: Eine Hochzeit in der MiillerstraBe. (Log. 1,—.Balkon 0,75.EntreeAstPi. 8 Uhr. Tel.;lBtzow 2757. 8 Uhr. Heute und folgende Tage: Der Stolz der 3. Kompagnie mit Harlslein als llnsketlerDlatelbeck l achen ohne Pause! Vorher das gr Januar-Progr. n. a. Bernhard Htfrbltz Rauchen gestattet! 'Metropol-Theater. Abends präzise 7 Uhr So: Hie Reise um in 40 Tagen. Admiralspalast. Bis- Arena. MF" Täglich; Die lustige iHippe. Grolles Ballett au( dem Eise. Bis 6 Uhr und von lO"/. Uhr ab halbe Kassenpreise. Wein- n. Bier- Abteilung. Walhalla-Theater. Täglich 8'/. Uhr: Tangefteber. Gr. Posse m. Ges. u. Tanz in 3 Akten. von E. Urban. Musik c. Hugo Hirsch Srsuersi Triedrichshain Täglich außer Sonnabends: Das stimmnugsvoHste Bayr, Bockbier- Fest. Mittwochs u. Donnerstags: Elite-Tag. :: Berliner:: Konzerthaus «Clou" r' Mauerstraße 82.— ZimmerstraBe 90/91. Crroßes I>oppel-K.onzert! Musikk. Kaiser-Alexander-Garde-Gren.-Regts. Oirig. Kgl. Musikdir. Brase und Tegernsccr und Klllertbaler Buslkanten, Dirig. Hans Starp. Anfang 8 Uhr. Eintritt 50 Pf. Anfang 8 Uhr. ..... Cr. Nachmillags-Konzen Neue Welt. Arnold 8cholz. Hascnbcido 108/114. Heute Donnerstag, den 29. Januar: 8Ute-7ag! GroBe Schweinebraterei Portion OO Pf. Anfang 7 Chr. Entree SO Pf. Portion 90 Pf. SO bayrische Badl. 6 Kapellen. Im neuen Saale: Großer Ball. Zirkus Busch. Heute Donnerstag, d. 29. Januar. abends?>/, Uhr: Nur noch 3 Tage! Austreten der grossen Januar- Attraktionen U. a.: Marino äer�TJT 3 Renards gymn. Lust-Akt, .Im Reiche der Mitte", Chinas beste Jonglier, u. Gaukler. Zum s ch I u ss: Orig. AusstattungS-Panlomime d-S FlrkuS Busch in 5 glänz. Akten. MOS i. AI»». Heute Oonnerstag, den 29. Januar, abends V/, Uhr: Große Sport-Vorstellung Therese Renz dress. Elefanten u. Ponys. lilttle Freds mit ihr. akrobatischen Hunden Dir. Alb. Schumann mit seinen Original-Sohul- u. Proiheitsdressuren und die übrigen neuen Attraktionen. BV Um 9'/, Uhr:-UMI Das mit so großem Beifall anfgenomm. Ausstattungsstück In 7 Bildern 46 99 Tipp der Derby Favorit 1014 M, Casino- Theater Lothringer Strasse 37. Täglich 8 Uhr. Ein neues Berliner Volksstilck: Die olle Webern. Ur-Berl. Figuren, Ur-Berl. Humor I Einziges Theater in diesem Genre! im Stile der alten Wallner-BUhne. Sonnt. 4 U.: Geheimnisse» New York. Die wilden Feuerlresser in ihren fanatischen Martern. Cola Experimente; Aus dem Jenseits l ebend!' Wstt Oboe Extra-Entree. iConcomio-Festsfiie 64 Andreasstrasse 64 l Jedes DonoersUg- u Sonntag:: »Soiree der Hamann-Sänger Anfang 8 Uhr. Nach der Boirce: Frel-Tan*. ' Vorsugskart. äaheu Gültigkeit r fest Charlottcnourg, Kaiser-Friedrich-Straste 34. Heule in beiden Sälen liruller Für»eu Jnvatt ver Inserate »oeruimm: die Revattton de« OnMitnm gegenüber keiuerlej Beraniworrunq Ouantwortlicher Redakteur: Alfred Wirlepp, Neukölln. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. LerlagSanstalt Paul Singer& Co, Berlin SW, Dr. 28. 31 Jahrgang. 2. Seilnjf Ks Joriaärts" Kerlim Zichte-Geöächtnisfeier. Der Einladung des Bezirksbildungsausschusses folgend, feierte die Berliner Arbeiterschaft am Dienstagabend tms Gedächtnis Johann Gottlieb Fichtes. Eine würdige Feier war es, die sich in fünf Sälen unter sehr starker Beteiligung vollzog. Ehorgesang, von Arbeitergesangvereinen ausgeführt, leitete den Festakt stimmungsvoll ein. Dann wurde von sachkundigen Rednern das Lebensbild des großen Geisteshelden entrollt. Fichtes Werde- gang, sein Leben und Wirken trat in anschaulicher Darstellung den aufmerksamen Zuhörern nahe. Die Wesenszüge eines großen Mannes prägten sich ihnen ein. Eines Mannes, der zwar nicht eigentlich zu den Unseren gehört, denn es waren bürgerliche Frei- heitsideale, die er vertrat. Dennoch kann das moderne Proletariat mit aufrichtiger Verehrung Fichtes gedenken; denn die Anschauun- gen, die er, beeinflußt durch die Grundgedanken der großen fran- zösischen Revolution, in Teutschland vertrat, sind auch heute noch nicht Wirklichkeit geworden. Das Bürgertum hat sie nicht in die Tat umgesetzt. Der klassenbewußten Arbeiterschaft bleibt es vor- behalten, das zu verwirklichen, was vor einem Jahrhundert dem Bürgertum als Freiheitsideal gepredigt wurde. So führen also von dem Denker und Kämpfer Fichte Verbindungslinien nach den Bestrebungen des kämpfenden Proletariats herüber, und mit vollem Recht feiern wir deshalb das Andenken des Mannes, für den das Bürgertum nichts mähr übrig hat. Vergessen von jenen Leuten ist der Mann, der in der Zeit der fteft'ten Erniedrigung Deutsch- lands in leidenschaftlichen Reden sein Volk aufrief zum Aufstände gegen die Napoleonische Herrschaft und zur Aufrichtung der Frei- hcit im eigenen Vaterlande: der„Freiheit, begründet auf Gleich- bcit alles dessen, was Menschenantlitz trägt".— Es waren im Grunde genommen die konsequenten Forderungen der bürgerlichen Demokratie, die Fichte vor einem Jahrhundert vertrat, die aber seitdem ihrer Verwirklichung kaum näher gekommen sind. Wozu dem Bürgertum die Kraft und der gute Wille fehlt, das wird die Arbeiterklasse vollenden. So gedachte man denn auch in den Fest- Versammlungen des großen Vorkämpfers der bürgerlichen Freiheit in dem Bewußtsein, daß die Arbeiterklasse berufen ist, nicht nur das Ideal, das ihm vorschwebte, zu verwirklichen, sondern das höhere Ideal zur Wirklichkeit zu machen, von dem Fichte noch nichts wissen konnte, weil seine Zeit nicht reif für solche Gedanken war: Das Ideal des Sozialismus, der Befreiung aus politischer Knechtschaft und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Nachdem die Redner in diesem Sinne die Bedeutung Fichtes geschildert hatten, setzten wieder die Sänger ein. In machtvollen Akkorden ertönte das Lied:„Das heilige Feuer schüren wir".— Das heilige Feuer, welches die Ketten schmilzt, welches die Nacht durchleuchtet und Erlösung den Unterdrückten bringt. Parteiangelegenheiten. Tie politisch organisierte Jngeud. Unser kurzer Bericht über die ersten Versammlungen der politisch organisierten Jugend im Alter von 18 bis 21 Jahren im V. Kreise hat uns das Ersuchen des 4. Kreises eingetragen, mitzu- leilcu, daß im 4. Kreis« solche Versammlungen schon am 20. Januar stattgefunden haben. Wir müssen hinzufügen, daß unsere Genossen in Neukölln noch früher auf diesem Gebiete vorangegangen sind. Es liegt kein Anlaß zu einer Rivalität auf diesem Gebiete vor; freuen wir uns, daß es überall vorwärts geht und daß unsere Genossen eifrig an der Werbearbeit sind. Vierter Wahlkreis. Heule Donnerstag, den 2g. Januar, abends 87z Uhr, findet im Lokal von Hulh, Warschauer Str. 6l, eine Ver- sammlung der 28. Abteilung statt. Tagesordnung: 1. Lichtbilder- Vortrag des Genossen Winkeunann über:„Mit Rucksack und Wander- stab durch die Mark". 2. Wahl der Abteilungsführer. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Abteilungsleitung. Treptow-Baiiaischulenweg. Heute Donnerstag, abends 87z Uhr: Zusammenkunft aller Funktionäre und tätigen Genosten in der Renn- bahn, Elsenstr. 115/116. Vortrag des Genossen Groger tkber:»Die Parteiorganisation, die Funktionäre und ihre Aufgaben". Trebbin. Am Sonnabend, den 31. Januar: Oeffentliche Ver- saminlung. Reichlagsabgeordneter Genosse Fritz Z u b e i l spricht über »Freies KoalitionSrechl und die Hetze der Scharfmacher". Adlcrshof. Sonntag, den 1. Februar, vormittags 87a Uhr: Haudzettelverbreilung von den bekannten Stellen aus. Lailkwit;. Die Gemeindewählerliste liegt außer im Rathause, Zimmer 24, von 8— 3 Uhr, auch in der Zigarrenhandlung von Dehnst, weidlitzstr. 6, bis abends 8 Uhr aus. Pankow. Am Sonnabend, den 81. Januar, abends 87a Uhr, findet im Lokale von Meißner, Schloßstr. 2, eine Fichtefeier statt. Festrede: Genosse Dr. Rud. Breitscheid. Anschließend zwanglose Unterhaltung. Bezirk Waidmannslust. Sonntag, den 1. Februar, nachmittags 1 Uhr: Oeffentliche Versammlung in HermSdorf, Restaurant Bellevue sJnh. Pfeffer). Tagesordnung:„Freies KoalilionSreckt und die Hetze der Scharfmacher". Referent: Redakteur Paul John. Borsigwalde. Die Genossen beteiligen sich heute Donnerstag, abends 87z Uhr, an der öffentlichen Versammlung in Tegel, Trapps Feftsälen, Bahnhofstr. 1.___ öerliner Nachrichten. Der städtische Arbeitslosenausschust trat gestern zu einer neuen Sitzung zusammen, kam aber nach längerer Erörterung zu einer Vertagung. ES soll weiteres Material beschafft werden. Vom städtischen Beerdigv�gswescn. Die Einäscherungen im Krematorium in der Gericht- straße nehmen ständig zu, und die Stadtverordnetenversamm- lung hat deshalb angeregt, baldigst auf die Errichtung eines zweiten Krematoriums Bedacht zu nehmen. Das Kuratorium hat deshalb in seiner gestrigen Sitzung zu der Angelegenheit Stellung genommen. Es ioll von der Hochbauverwaltung ein Projekt eingefordert werden, nach welchem in der Diestelmeyer- straße, in welcher bereits ein Verbrennungsofen für einzu- äschernde Leichenteile für Anatomieleichen vorhanden ist, ein Krematorium errichtet werden soll. Einen Urnenhain dort herzustellen, wird allerdings nicht möglich sein; ein solcher ist m der Gcrichtstraße im Entstehen begriffen und wird in diesem Jahre vollendet und eine Zierde des Friedhofes in der Gerichtstraße werden. Um der neueren Friedhofskunst mehr Rechnung zu tragen, soll in Zukunft die Aufstellung von Denkmälern mit Glas- kapseln und mit Photographien auf städtischen Friedhöfen nicht mehr gestattet werden. Zahlreiche Friedhossverwaltungen anderer S.ädte haben bereits ähnliche Bestimmungen erlassen. Es soll der Verunzierung der Friedhöfe durch allen möglichen Kitsch entgegengearbeitet werden. Im städtischen-Friedhofs- bureau im Rathause soll dem Publikum Gelegenheit gegeben werden, geschmackvollere Sachen, einfachere wie bessere, sich ansehen zu können.— Endlich soll auch für die städtischen Friedhofsarbeiter ein Arbeiterausschuß errichtet werden. Das Kuratorium hatte früher einen solchen Antrag abgelehnt. Auf Beschwerde der Arbeiter hat der Magistrat die Errichtung eines solchen Aus- schusses beschlossen. Das war gegen Ende November. Hassent- lich wird der Magistratsbeschluß nun endlich ausgeführt. Es hätte nicht das geringste im Wege gestanden, dies schon längst zu tun.> Die Stadtverordnetenversammlung wird sich in ihrer heutigen Sitzung nnt dem Antrage der sozialdemokratischen Fraktion, die Vermehrung der Armendirektion um drei weib- li ch e Delegierte betreffend, beschäftigen. Städtische Hochbauten. In der städtischen Hochbaudeputation hat der Stadtrat Masse den Vorsitz niedergelegt, Stadtrat Panofski hat denselben über- nommen. In der gestrigen Sitzung der Deputation wurde neben kleineren Vorlagen der Jnventar-Kostenanschlag über 164 000 Mark für den Neubau der VIII. Pflichtfortbildungsschule an der Grün- thaler Straße genehmigt. Desgleichen der Entwurf für den Neubau einer Lazarettbaracke auf dem Grundstück des Waisenhauses in Rummelsburg. Der Kostenanschlag beträgt einschließlich des In- ventars 48 000 Mark. Ein weiterer Entlvurf für den Neubau einer Baracke für ansteckender Krankheit verdächtiger Personen auf dem Grundstück des städtischen Obdachs in der Fröbelstraße wurde an das Kuratorium zwecks weiterer Verhandlungen zurückverwiesen. Große Schwierigkeiten bereiten den städtischen Behörden, die seit längerer Zeit in einzelnen Gewerben vorhandenen Ring- bildungän, durch welche die Etats der einzelnen Verwaltungen nicht unerheblich belastet werden. Die Hochbau-Deputalion ver- sucht diesem geradezu als groben Unfug zu bezeichnenden Vorgehen der Unternehmer dadurch entgegen zu treten, daß die hierbei in Betracht kommenden Arbeiten anstatt in beschränkter Submission, öffentlich ausgeschrieben werden. So mußte für die Be- und Entwäsierungsarbeiten, die seit dem 28. Mai 1913 versuchsweise beschränkt ausgeschrieben worden sind, das öffentliche Verfahren beschlossen worden. Auch für das Betongewerbe machte sich diese Maßnahme notwendig. Die Versuche, den Ring der Linoleum- fabrikanten zu durchbrechen, sind bisher gescheitert, auch Versuche mit ausländischen Firmen haben zu keinem Resultat geführt. Die Deputation beschloß daher, die Lieferung des Linoleums auf die Dauer eines Jahres drei hiesigen Firmen zu übertragen, die Verlegerarbeiten aber von der Lieferung zu trennen. Durch diese Maßnahmen glaubt man dem Syndikat und seiner Preisbildung am wirksamsten entgegen zu wirken. Von unseren Genoffen wurde in der Sitzung auch darauf ,hin- gewiesen, daß einige Bautischlerfirmen bei der Ausführung städtischer Arbeiter die tariflichen Vereinbarungen nicht ein- halten. Jjpi. sind dies die Firmen: Glatzer, Neukölln; Rachfall, Kastanien-Allee, und Martens, Turmstraße. Bon den« Vertreter des Stadtbaurats wurde ausdrücklich betont, daß alle Firmen an- gewiesen sind, die in den Gewerben bestehenden Verträge ein- zuHallen. Soweit dies bei den genannten Firmen nicht geschieht, werden die gemachten Angaben nachgeprüft und die Firmen zur Einhaltung des Tarifs angehalten werden. Der städtischen Schuldrputation wurde in ihrer gestrigen Sitzutig unter Vorsitz des Stadtschulrots Dr. Fischer unter an- dercin ein Ministerialerlaß vom 29. Dezember v. I. zur Kennt- nis gebracht, noch dem auswärtigen Volksschullehrern zur Ab- Haltung von Lehrproben und persönlichen Vorstellung vor ihrer Anstellung im hiesigen Schuldienst kein Urlaub mehr gewährt werden darf. Die Deputation bedauerte diesen Erlaß, der ihr die Gewinnung geeigneter Lehrkräfte erschwert, außerordentlich und einigte sich dahin, daß die Ferienzeiten für die einzelnen preu- ßischen Provinzen ermittelt werden und versucht werden soll, die Bewerber während ihrer Ferienzeit einzuberufen; falls die Ferien mit denen der Berliner Gemeindeschulen zusammenfallen, sollen die Probelektionen an den Schulen der beiden städtischen Waisenhäuser abgehalten werden. Der Schutzmann muhte von seiner Waffe Gebrauch machen. Dieser Bemerkung begegnet man sehr oft in der Presse, wenn berichtet wird, daß ein Schutzmann gegen eine Zivilperson tätlich geworden ist. In Wirklichkeit wird durch eine derartige Bericht- erstattung daS scharfe Vorgehen der Polizeibeamten von vornherein zu rechtfertigen gesucht. Einen Beweis für diese Ansicht liefert ein Vorgang, der sich in der Nacht vom Sonntag zum Montag an der Ecke der Brunnen- und Veteranenstraße ereignete. Dort gerieten zwei Leute in Streit. Dabei wurde der eine von dem anderen derart gestoßen, daß der Schleifer Max Grnbel aus der Sonnenburger Straße in die Schaufensterscheibe eines dortigen Cafes fiel; dabei wurde die Scheibe zertrümmert. Auf Veranlassung des Portiers kam ein Schutzmann, der den Grubel feststellen sollte, während in Wirklichkeit doch derjenige der Schuldige war, der den G. in die Scheibe gestoßen hatte. Dabei kam es zu einem hin und her; es kam ein weiterer Beamter hinzu und schließlich sah sich der Schutz- mann nach einem polizeilich inspirierten Bericht„gezwungen, von der Waffe Gebrauch zu machen". G. wurde mit dem Säbel schlimm zugerichtet und mußte nach der Unfallstation und von da nach dem Krankenhause gebracht werden. Unwillkürlich muß man die Frage aufwerfen: Wußte denn der Schutzmann von der Waffe Gebrauch machen? Viele Zuschauer verneinen diese Frage. Der Sistierte ser vollkommen unschuldig gewesen. Schwindler vom Balkan. In neuerer Zeit treiben zwei Schwindler ihr Unwesen, die mit gefälschten Batkanpapieren umhergeben und Bureauutensilien ver- kaufen, wie Durchschlagpapier, Bleistifte, Federn usw. Sie geben vor. auf der Flucht befindliche Ausländer zu sein. Der eine nennt sich Robilow. der andere Popovic; sie wechseln aber ihre Namen; appellieren ständig an das Mitleid und scheuen sich nicht, sich aus bekannte Parteigenossen zu berufen, wie aus den Genossen Richard Fischer u. a. Die Papiere, die sie vorzeigen, erwiesen sich als ge- fälscht. Als den Burschen das aus den Kopf zugesagt wurde, gaben sie klein bei und ergriffen die Flucht. Es sei vor ihnen gewarnt. Ein Generalmajor auf der Straffe gestorben. Gestern nachmittag brach vor dem Hause Berliner Straße 130 infolge Herzschlages der Generalmajor z. D. Hermann von Münster- Donnerstag. 29. Jannar 1914. berg und Miinkenau, geboren am 2. April 1847 zu Beuthen, tot zusammen. Die Leiche wurde nach der Wohnung in Wilmersdorf, Kaiserallee 159 geschafft. Der General war zuletzt Kommandant des Truppenübungsplatzes Arys._ Beide Beine abgefahren. Ein schwerer Straßenunfall ereignete sich gestern abend gegen 7 Uhr an der Ecke der Wiener und Skalitzer Straße. Dort wollte zur genannten Zeit die b4jährige Frau Berta Wiese geborene Stein den Fahrdamm überschreiten. Dabei geriet sie unter einen schwer beladenen Heuwagen, dessen Vorderräder über sie hinweggingen. Der Bedauernswerten wurden beide Beine fast vollständig abgetrennt; außerdem trug die Frau schwere innere Ver- letznngen davon. Die Schwerverletzte erhielt von hinzugerufenen Aerzten Notverbände und wurde mittels Krankenwagens nack� dem Krankenhause Bethanien geschafft. Der Zustand der Verunglückten ist sehr bedenklich. Der Arbeiter-Abstinentenbund(Aktionsausschuß Groß-Berlin) veranstaltet auch in diesem JWjre volkstümlich-wissenschaftliche Vorträge über die Alköholsrage im Berliner Gewerkschaftshaus, Engeluser 16. Es sprechen: Freitag, den 30. Januar: Schriftsteller Simon Katzenstein: Einleitung— Geschichtliches—' Die Stellung ausländischer Par- teien zur Alkoholfrage. Freitag, den 6, Februar: Reichstagsabgeordneter Georg David- söhn: Wirtschaftliche Seite der Alkoholsrage— Verwüstung von Lebensmitteln und Arbeitskräften— Wirtschaftliche Schädigungen — Macht des Alkoholkapitals. Freitag, 13. Februar: Schriftsteller Wilhelm Düwell: Deson- dcre Bedeutung der Alkckholfrage für die Arbeiterklasse— Folgerungen im allgemeinen— Abstinenz und Prohibition. Freitag, den 20. Februar: Landtagsabgeordneter Konrad Haenisch: Forderungen an die Arbeiterbewegung. Montag, den 23. Februar: Dr. med. Salo Drucker: Forderun- gen an Staat und.Gemeinde: Versorgungseinrichtungen— Heilstätten und Anstalten.» Montag, den 2. März: Schriftsteller Ernst Reuter: Forderun- gen an Staat und Gemeinde: Schule— Jugend— Bildungswcsen. Freitag, den 13. März: Bundesvorsitzender August Neumann: Forderungen an Staat und Gemeinde: Gemeindebetriebe— Steuern— Gemeindebestimmungsrecht und Staatsverbot. Eintrittskarten a 40 Pf., Einzelvortrag a 10 Pf. sind zu Be- ginn der Vorträge erhältlich. Getränke werden nicht ausgeschänkt. Beginn pünktlich 8V2 Uhr abends. Zeugen gesucht! Personen, die ain Sonnabend, den 1. No- vember 1913, abends zwischen 7 und 9 Uhr, auf dem Bahnhos Waidmannslust gesehen haben, wie einem jungen Mädchen vom Zuge beide Beine abgefahren wurden, werden gebeten, ihr« Adresse> an Hussock, Berlin, Müllerstr., 30, oder bei Spracklis, Waidmanns- fyist, Düsterhauptstr. 2, pari., abzugeben. Kleine Nachrichten. Die Pulsader der linken Hand durch- schnitten und außerdem erhängt hat sich die Witwe Bender, An. der Fischerbrücke wohnhaft. Die Frau war krebsleidend.— Der Schneider Fritz ans der- Jakobikirchstr. 3 hat sich durch Ertränken das Leben genommen. Seine Leiche wurde gestern vor dein Grundstück Alt-Stralau 5 aus der Spree gelandet.— In der Jungfernheide erschossen aufgefunden ivurde gestern vormittag im Jagen 5 auf Charlottenburger Gebiet die Leiche eines nnbe- kannten'Mannes von etwa 30 Jahren. Ter Tote, dessen Leiche nach der Halle in der Sophie Charlottestraße gebracht wurde, ist etwa 1,70 Meter groß, hat blondes Haar- und trug einen neuen grünen Plüschhut, einen dunkelgestreiften Winterüberzieher, einen Rockcmzug, ein weißpunktiertes Oberhemd, einen lila Schlips ult? halbe— Im städtischen Obdach verstorben ist in der vergangenen Nacht ein Mann von etwa 50 Jahren, dessen Persönlichkeit sich nicht bestimmt feststellen ließ. Möglicheriveise handelt es sich um einen Peitschenhändler Kunze. Der Tote ist etloa 1,60 Meter groß, hat dunkelblondes Haar und ebensolchen Schnurrbart und trug eine gestreifte Hose, dunkles Jackett und Weste und schwarze' Schniirschuhe. Die Leiche befindet sich im Schauhause.— An einer Ranchvergiftung, die er sich bei einem Wohnungsbrandc zugezogen hatte, ist gestern abend der zwei Jahre alte Sohn Egon des Kaufmnns H n h n s aus der Mir- bachstr. 69 gestorben. Die Leiche des Kleinen wurde von der Po4 lizei beschlagnahmt und nach dem Echauhause gebracht.— In seiner Werkstatt erhängt hat sich der Jalousiefabrikant Otto Lenz ans der Palisadenstraße. Schlechter Geschäftsgang und schwere Krank- heit haben den Mann in den Tod getrieben. Vorortnachrichten. Nenkölln. Ans dem Neuköllner Krankenhaus zu Buckow erfahren wir wieder sehr sonderbare Dinge. Gegen diese Anstalt ist der Vorwurf erhoben worden, daß in ihr ein mit Diphtberie eingeliefertes Kind sich eine Geschlechtskrankheit geholt habe. Daß ein Beweis hierfür erbracht worden sei, glaubt die KrankenhauSdeputation nach dem Ergebnis der angestellten Unter- suchung bestreiten zu dürfen. Die Umstände aber, unter denen die Erkrankung aufgetreten ist, sprechen wirklich nicht zugunsten deS Krankenhauses. DaS Kind, ein vierjähriges Mädchen Frida G., lag vom 19. No- vember ab etwa 37a Wochen in der Diphtheriestation 14d bezw. zu- letzt in einer dazu gehörenden Baracke. Frida wurde am 13. De- zember auf Anordnung des Krankenhauses wieder nach Hause entlassen, wobei man sie als geheilt bezeichnete. Noch am Abend desselben Tages entdeckten die Eltern bei dem Kinde deutliche Spuren eines Trippers, doch wurde ihnen die Art der Erkrankung nicht so- gleich klar. Ein zu Rate gezogener Arzt belehrte sie darüber und sagte ihnen, daS Kind müsse im Krankenhaus angesteckt worden sein. Da zunächst keine Besserung eintrat, so brachte der Vater ant 26. Dezember das Kind in daS Krankenhaus zurück. Der Anstalts- arzt, der es vor der erneuten Aufnahme untersuchte, äußerte sich über die Krankheit nicht. Als aber die Eltern ihr Kind in der für Geschlechtskranke bestimmten Station 20 wiederfanden, wußten sie Bescheid. Hier gab ihnen auf ihre Frage schließlich ein Arzt die vielsagende Auskunft:„Na. Sie wissen doch— l" Am 6. Januar ging der Vater zum Rathaus und trug bei der Krankenhaus- depuiation eine Beschwerde vor. Darin erklärte er, daß er für die erneute Anstaltspflege nichts zahlen werde, weil das Kind im KrankenhasZ, angesteckt worden sei. Jetzt hat die Deputation ihm geschrieben, was ihre Untersuchung ergeben hat, Sie muß bestätigen, daß es sich um Tripper handelt. Einen Beweis für Ansteckung im Krankenhaus sieht sie, wie schon gesagt, nicht erbracht. Nicht einmal wahlscheinlich sei das, meint sie. Soll vielleicht die Ansteckung, noch am Entlassungstage zu Hause erfolgt und die Krankheit dann schon am Abend ausgebrochen sein? Nein, so geschwind vollzieht sich die EntWickelung denn doch wohl nicht I Die Krankheit war übrigens bereits so entwickelt, daß ste schon einige Zeit bestanden haben muß. Soll etwa das Kind schon damals, als es mit Diphtherie eingeliefert wurde, auch mit Tripper angesteckt gewesen sein? Dann hätte er dock wohl in 372 Wochen so weit fortschreiten müssen, daß diese neue Erkrankung dem Pflegepersonal nicht entgehen konnte. Die KrankenhauSdeputation will, waS der Vater für seine Behauptung anführt, als belanglos hinstellen. Dabei muß sie ein paar sehr befremdliche Um» stände zugeben, die auf die Anstalt ein seltsames Licht werfen und den Verdacht einer dort erfolgten Uebertragung der Geschlechtskrank- heit eher bestärken als entkräften. Wir ersehen auS dem Bescheide daß Frida, nachdem sie aus Station 14b nach einer Baracke verlegj worden war. einmal mit einein anderen Kinde zusammen in ein ge meinsames Bett gesteckt wurde. An jenem Abend kamen soviel Neu- aufnahmen, dah schließlich die ganze Diphtheriestation und die Baracken überbelegt waren. Reservebetten waren nicht sogleich zur Stelle, darum wurden für eine Nacht vier kleine Mädchen, bei denen Diphlheriebazillcn nicht mehr nachweisbar waren, in zwei große Betten gelegt. Wir wundern uns über den Mangel an Reserve- betten, aber eine Tripperübertragung brauchte man wegen der Doppelbelegung allerdings nicht sofort anzunehmen. Die llebertragung wird auch nicht in der Baracke, sondern schon in Station 14 b zustande gekommen sein. Hier befand sich nämlich zu derselben Zeit, wo Frida in ihr lag, ein tripper- krankes Mädchen, das mit Diphtherie aus Station 20 herübergebracht worden war. Die Deputation versichert, daß nicht etwa auch dieses Mädchen zusammen mit einem anderen in einem gemeinsamen Bett gelegen habe. Beide Kinder seien nie mit ein- ander in Berührung gekommen, auch habe man besondere und weit- gehende Vorsichtsmaßregeln getroffen. Welcher Art sie waren, wird nicht gesagt. Wie stand es denn um das Pflegepersonal? Hatte das eine geichlechtskranke Kind eine besondere Pflegerin oder mußte eine gemeinsame Pflegerin auch dieses Kind mitbesorgen? Ungeachtet des Geständnisses, daß ein geschlecht S krankes Kind in de» Saal des Diphtheriepavillons gelegt lv u r d e, hat die KrankenhanSdeputation den Mut, von dem Krankenhaus jede Verantwortung abwälzen zu wollen. Auf Ein- ziehuug der Kosten für die erneute Krankenhauspflege der Frida G. käinie, sagt sie zum Schluß, nicht verzichtet werden. Das Kind liegt noch jetzt im Krankenhaus, so daß schon wieder Kurkosten für mehr als 3» Tage in Hohe von über 90 M. entstanden sind. Da wird wohl nur übrig bleiben, daß der Vater abwartet, ob mast ihn auf Zahlung verklagen wird. Will der Magistrat es darauf an- kommen lassen, daß ein Gericht prüft, welche Zustände damals im Neuköllner Krankenhaus geherrscht haben? Die körperliche Erziehung des Kindes. Der nächste Vortrag »Die Pflege des Kindes im ersten Lebensalter" wird vom 1. Arzt der städtischen Säuglingsfürsorgestelle Dr. M. Cobn am heutigen Donnerstag im alten Sitzungssaal des Rathauses, Eingang Berliner Straße 61 I, gehalten werden. Beginn abends 8 Uhr. Der Zutritt ist unentgeltlich.— Da diese Vorträge bisher sehr stark besucht waren, empfiehlt es sich für die Teilnehmer, pünktlich zu er- schewen. Volkstümliche Borträge. Der fünfte der von der Städtischen Rechtsauskunftsstelle Neukölln veranstalteten Vorträge(Kranken- Versicherung, 2. Teil) findet nicht am Freitag, den 30. d. Mts., sondern erst am Freitag, den O.Februar d. I., abends 8>/z Uhr, statt. Lichtcrfelde. Als Gemeindevorsteher von Lichterfelde wurde in der Sitzung der Gemeindevertretung von den drei in die engere Wahl ge- brachten Kandidaten aus Neukölln, Lichtenberg und Wilmersdorf der Stadtrat B r o h m- Wilmersdorf erkoren. Der Amtsantritt soll zum 1. April erfolgen. Gemeindeverordneter Blell hat sein Amt niedergelegt. Herr Blell hat sich besonders dadurch um das Gemein- wohl verdient gemacht, daß er mit aller Kraft für das von einigen Leuten ausgeheckte Projekt der Errichtung eines„vornehmen" Gemeinderestaurants für die„besten Kreise" eingetreten ist. Der Zeilpunkt, wann dieses prunkvolle Klassenwirtshaus entstehen soll, ist dem Gemeindevorstand überlassen worden. Zurzeit hat er drückendere Sorgen, die er sich vorläufig durch eine ziemlich erhebliche Erhöhung der Gemeindesteuern einigermaßen erträglich zu machen versucht. ES besteht also glücklicherweise Aussicht, daß die Idee der Erbauung ciiies monumentalen Bierpalastes auf allgemeine Regimentsunkosten von der schäumenden Flut des kommunalen Defizits endgültig er- säuft wird.— Die übrigen Punkte der Tagesordnung waren be- t�uglos und für die Oeffentlichleit von keinem besonderen� Interesse. Steglitz. In einer von Mittelständlern einberufenen Versammlung sprach vor einigen Tagen ein Herr Wulfes aus Hamburg über: Mittel- stand, Konsumgenossenschaften und Sozialdemokratie sowie über Mittelstand und heimlicher Warenhandel. Weil die schon hundertmal widerlegte Notiz unwidersprochen in einer Kölner Zeitung gestanden, deshalb sollte erwiesen sein, daß die Preise in der Konsumgenossen- schaft höher und die Waren schlechter sind als beim Kaufmann. Und die Tatsache, daß führende Genossenschaftler Sozialdemokraten sind und daß v. Elm in einer Hamburger Versammlung gesagt bat: „Erst den Konsum organisieren, dann die Produktion, dann wachsen wir allmählich in den Sozialismus hinein," bestimmte den Refe- reuten, die Genossenichaften als sozialdemokratiich zu stempeln. Daß die Sozialdemokratie gerade diesen Satz v. Elms als Grund- satz ablehnt und das Proletariat zum Klassenkamps erzieht, ist dem Hamburger Pückler-Epigonen fremd. Sein Wissen scheint er nur den,„Lokal-Änzeiger" oder ähnlichen Blättern zu entnehmen. Kühn behauptet er, daß die Gewerksrbaften und Genossenschaften mit eigenen Mitteln nichts für die Arbeitslosen tun. Geschnorrt hätten sie bei den Geschäftsleuten und die Bons dann bei den Waren- Häusern in Zahlung gegeben. Dann kam die bekannte Schnee- schaufelinär und die Behauptung, der größte Teil der angeblichen 80000 Arbeitslosen sei arbeitsscheu. Derselbe» Meinung ist auch der kriegt schon welche",«o beschimpfen die Mittelstandsretter die Arbeiterschaft, von der sie Hilse im Kampfe um die Existenz erwarten. Genosse T h i e I i ck e wies die Unwahrheiten und Verleumdungen zurück und machte die Händler mit den wahren Ursachen ihres Niederganges bekannt. Darauf rückte die Versammlung merklich vom Referenten ab. Vollständig isoliert stand der Herr, als er unsern Genossen Bebel beschimpfte. Tie Versammelten, bis auf zwei oder drei, drückten unverhohlen ihre Mißbilligung über diese Verleumdungen aus. Und Herr Wulfes stand da und wunderte sich darüber, daß es auch bei den Mittel- ständlern noch anständige Menschen gibt. Am 17. Februar wird sich in Albrechtshof eine Versammlung mit dem Genossenschaffswesen, seinen Freunden und Feinden beschästigen. Johannisthal. Das gute Gelingen des vorjährigen VortragSlursuS veranlaßt den biefigen Bildungsausschutz auch in diesem Jahre einen Kursus von vier Abenden zu veranstalten. In demselben soll das Thema »Entwickelungsstufen des Wirtschaftslebens" behandelt werden. Referent ist Reichstagsabgeordneter Genosse Otto Rühle. Die Vor- träge finden an den Donnerstagen, 29. Januar, S., 12. und \Q. Februar, im Lokal„Senftlebens Volksgarten" skleiner Saal), pünktlich abends 8>/z Uhr, statt. Der Bildungsausscbuß ersucht um recht rege Teilnahme an den Vorträgen und macht besonders darauf aufmerksam, die jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen über 18 Jabre zu veranlassen, diesen Kursus zu besuchen. Einlaßkarten für alle vier Vorträge sind zum Preise von 40 Pf. pro Person in den mit Plakaten belegten Geschäftsstellen und beim Lagerhalter der Ver- kaufsstelle der Konsumgenoffenschast zu haben. Schmargendorf. Die Wählerlisten zur bevorstehenden Gemeinderatswahl liegen noch heute und inorgen während der Geschäftszeit im hiesigen Rat- hause zur Einsicht aus. Wildau-Hoherlehme. T>c auf Antrag unserer Genossen eingeführten amtlichen Legitimationskartcn für die bevorstehenden Gcmeindewahle» sind bereits ausgegeben worden. Wer eine solche noch nickt erhalten hat, versäume nicht, die Wählerliste während der Dienststunden im Gemeindebureau in Hoherlehme einzusehen. Eine Abschrift der Allste liegt L» Wildau beim Genossen Tänzer aus. PotSda«. In der lebten Stadtverordnetrnsibung trat der Oberbürger- Meister Vosberg der Auffassung entgegen, daß seine Rede gelegentlich der Einführung der Stadwerordneten und des neuen Bürger- Meisters nach einem Teil der Presse eine Stellungnahme gegen die Regierung bedeute; dieses habe ihm vollkommen ferngelegen. Besonders im Auge gehabt habe er die Schwierigkeiten, die der Stadt Potsdam bezüglich der Eingemeindung und in anderer Bc- ziehung von den in Frage kommenden Landräten gemacht werden. Ein besonderer Gegner der Ausdehnungsbestrebungen Potsdams scheint hiernach der Landrat des Kreises Osthavelland zu sein, der nicht nur bezüglich der Eingemeindung von Teilen seines Kreises, 'sondern auch in kommunalwirtschaftlicher Beziehung nicht unerheb- liche Schwierigkeiten macht. So hatte z. B. kürzl'ch auf Betreiben des Landrats von Osthavelland die Garde-Maschrnengewehrabtei- lung und das 1. Garde-Ulanenregiment, das auf osthavelländischcm Gebiet liegt, der Stadt den Vertrag über die Wasserlieferung ge- kündigt. Dieses Vorgehen schien um so ungerechtfertigter, als Potsdam bisher das Wasser für die beiden Regimenter geliefert, dort Brunnen gebohrt und auch die Abführung des Schmutzwassers mit ziemlich erheblichen Kosten übernommen hatte. Die Stadt hat sich nun an die Militärverwaltung gewandt, um das Wasser an die ganze Garnison zu einem einheitlichen verbilligtem Preise abzugeben. Auch hat sie sich dein Landkreise gegenüber bereit er- klärt, die Kosten der voreiligen Röhrenlegung zu übernehmen, um ihn somit schadlos zu halten.— Eine Reihe Etats für die Jahre 1914 bis 1916 wurden sodann einstimmig genehmigt.— Der Deutsch-Evangelische Frauenbund unterhält in der Brauerstraße ein Kasfeeküche. Die Unkosten dieser Einrichtung stehen trotz des guten Geschäftsganges mit den Einnahmen nicht in Einklang, weil die daselbst verabfolgten Speisen und Getränke zu äußerst billigen Preisen abgegeben werden. Man bewilligte hierzu den Betrag von 300 M. Schon bei der Errichtung dieser Küche im vorigen Jahre wurde um die Bewilligung eines Beitrages ersucht, von den Stadt- verordneten aber abgelehnt, weil ihnen die Errichtung in der Gegend des Rathauses nicht gefiel; denn nach ihrer Ansicht„könn- ten sich daselbst Elemente zusammenfinden, die der Nachbarschaft zu einer Plage werden können". Die Erfahrung hat nun aber die Stadtväter eines anderen belehrt.— Eine auswärtige Firma will an verschiedenen Stellen der Stadt Stühle ausstellen, aus welchen die Passanten zur Reinigung ihrer Fußbekleidung Platz nehmen können. Da der Stadt hieraus keinerlei Kosten erwachsen, wurde diese Ausstellung genehmigt. Trebbin. Da zur Borstandswahl für die Ortskrankenkasse nur je eine Liste der Arbeitgeber und Arbeitnehmer eingereicht ist. so erübrigt sich die Wahl am 1. Februar. Die von den freien Gewerkschaften aufgestellte Liste ist somit anerkannt. Buchholz. In einer gut besuchten öffentlichen Versammlung referierte Ge- nosse Clajus über das Tbema:„Freies Koalitionsrecht und die Hetze der Scharfmacher." Der Redner betonte am Schlüsse seines beifällig aufgenommenen Vortrages: Gegenüber den reaklionären Bcstre- bungen der Scharfmacher müsse es Aufgabe jedes Arbeiters sein, durch die Macht der Organisation das Roalitionsrecht zu befestigen. Der Vorsitzende machte am Schlüsse der Versammlung noch auf die bevorstehende Gemeindeverlreterwahl aufmerksam und forderte auf, die bis zum 30. Januar im Gemeindebureau ausliegenden Wähler- listen einzusehen._ Sitzungstage der Stadt- und Gemeindevertretungen. Friedrichshage«. Freilag, den 30. Januar, nachmittags 5 Uhr, im Gemeinvesitzungssaal, Friedrichstr. 87. Spandau. Heute Donnerstag, nachmittags 4'/< Uhr, im Sitzungs- saal des neuen Rathauses. Ticle Sitzungen find Sstentlich. Jeder GcmcindcangehSrige tfi berechtigt, ihnen als Zuhörer beizuwohnen. /tos alier Welt. vom Klaffencharakter der Kirche. Auf dem Kongreß der anglikanischen Kirche der Vereinigten Staaten hielt der sozialistische Bischof S p a l d i n g von Utah eine Rede, der wir nach dem jetzt erschienenen stenographischen Bericht folgende Stelle entnehmen: „Wir beten unseren Gott in einer großen Kirche wie diese hier an und vergessen den tiefen Untergrund auf der andere» Seite der Straße. Wir schauen aus die reichen P r i c st c r k l e i d c r der Bischöfe und Priester und vergessen, daß Millionen unserer Mitglieder nur Lumpen als Kleidung haben. Wir � diskutieren über theologische Lehrsätze, Namen und Formeln und ver- gessen die Millionen, die vergebens einen Lohn fordern, von dem sie leben könnten. Wir verhandeln über Hymnen und Gebete und vergessen, daß Zchntausendcn unserer Mitbürger das Herz zu schwer zum Singen ist, daß ihren Glauben das Elend so geschwächt hat, daß sie das Beten verlernt haben. Man kann unbedenklich das jährliche Einkommen der Tcilnehmcr dieser Konvention aus das Zehnfache des Durchschnittslohns des amerikanischen Arbeiters veranschlageii. Das heißt, daß Ihr jährliches Einkommen im Durchschnitt etwa 3500 bis 9500 Dollar beträgt. Wie würde es Ihnen gefallen, von einem Zehntel dieses Betrages zu leben?... Wenn die Religion finanziell unterstützt wird, erhält sie diese Unterstützung aus den Pro- fiten der Kapitalisten, nicht aus den Löhnen der Ar- bester. Daher besteht die Kirche nach dem Urteil des klaffen- bewußten Arbeiters nur dank den Gaben der Kapitalisten, die diesen die Plünderung der Armen möglich gemacht hat. Auch das Einkommen aus eigenem Kirchenbesitz stammt nur aus dem Raube der Vergangenheit. Darum drängt die Selbstachtung die denkenden Arbeiter, dies organisierte Christentum zu verschmähen wie eine Wohltätigkeit, die Anstand und Selbst- gefiihl sie verachten läßt. Der Arbeiter denkt: Der Kapitalist bezahlt den Prediger, also ist er sein Herr. Denkt der Kapitalist nicht ebenso? Was soll nun die Kirche tun? Sie soll die Wahrheit annehmen, die die Arbeiterdemokratie entdeckt hat: daß die Arbeit, nicht das Kapital die Grundlage der Produktion ist. Ich fordere, daß die Kirche sich gegen das kapitalistische System wendet, das unvermeidlich die Ausbeutung der Männm-, Frauen, ja selbst der kleinen Kinder bedeutet." Trotz der trefflichen Schilderung des Klassencharakters der Kirche wird Bischof Spalding in den Wind sprechen. Kapitalismus und Kirche stehen heute so zueinander, daß man sich wohl einen Kapitalismus ohne Kirche, aber beileibe nicht die Kirche ohne den Kapitalismus denken kann. Wenn das nicht hilft... Das Wolffsche Telegraphenbureau meldet aus Zabern: Der Geburtstag des Kaisers wurde hier besonders festlich begangen. Am Vormittag fanden Schulfeiern und Festgottesdienste statt. Die Feier im Gymnasium war ausnehmend gut besucht, auch von Ver- tretern der staatliche» und städtischen Behörden. Im Bahnhofshotel fand eine Feier statt, an der 65 Herren teilnahmen. Den Toast auf den Kaiser brachte Landesgerichtspräsi- d e n t Fürst aus, der auch im Rainen der versammelten„Bürger und Beamten der reichstreuen Stadt Zabern" ein Huldigungs- und Glückwunschtelegramm an den Kaiser! nach Berlin sandte. Die Stadt trug reiche« Flaggenschmuck. Und trotzdem„Wackcs"? Sclbstregierung in der Schule. In einem Wiener Staatsgymnasium wurde an Stelle des Systems, das den Lehrer zum Fronvogt der Schüler macht, die Selb st regier ilnz der Schul« r eingeführt. Der Tirettor berichtet nun, daß damit die besten Erfolge erzielt wurden. Es sind seitdem keine Disziplinarfälle vorgekommen, Streitfälle wurden ohne Anrufung der Obrigkeit geschlichtet, und die„Klassen- inspektoren", die jeden Monat wechseln, so daß keine„Erbmonarchie" aufkommen kann, hielten die Ordnung viel besser aufrecht, als das Zwangsregime der Strafen dies jemals getan hat. Die Stadt Wien plant die Einführung eines ähnlichen Systems in ihren Schulen. Aber Preußen--- l Die altpreuhische Sparsamkeit. Einen Einblick in das verschwenderische Treiben mancher Offi- ziere gewährt der finanzielle Zusammenbruch des Hauptmanns Hör st- Mühlens vom 44. Artillerieregiment in Trier, lieber das Vermögen des Herrn Hauptmanns ist dieser Tage der Konkurs verhängt worden. Die an sich gleichgültige Tatsache wird inter- essanter, wenn man erfährt, wie das kam. Der Herr Hauptmann ist nämlich seit sechs Jahren mit einer Frau verheiratet, die ihm das nette Sümmchen von einer halben Million Mark in die Ehe gebracht. Der Herr hat aber in diesen sechs Jahren nicht nur das ungeheuere Vermögen verpulvert, sondern auch noch 75 000 Mark Schulden gemacht. Noch vor iventgen Wochen ver- anstaltcte er, obwohl vor dem Ruin stehend, ein großes Diner, an dem alle Honorationcn teilnahuicn. Das deutsche Volk aber wird demnächst das Vergnügen haben, einen Pensionär mehr zu erhalten, der in sechs Jahren mehr verpulvert hat, als mehrere Arbeiterfamilien zusammen ihr ganzes Leben lang ausgeben können. Kleine Notizen./ Eine Pulvermühle in die Luft geflogen. Am Mittwochnach- mittag ist die zwischen den italienischen Orten Masone und Meie gelegene Pulverfabrik A r e z z i in die Luft geflogen. Nach den bisherigen Meldungen sind fünf Tote und mehrere Ver- letzte die Opfer dieser schweren Katastrophe. Gefahren der Landarbeit. In L u b l i n i tz(Schlesien) ver- suchten zwei Dominalarbciter aus einem Schober Rüben heraus- zunehmen. Nachdem sie bereits ein ziemlich tiefes Loch gegraben hatten, stürzten die Erdmassen ein und begruben die beiden Arbeiter unter sich. Der eine fand den Tod durch Er- sticken, während der andere schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht wurde. Die abgestürzte Leiche. J» der Ortschaft E s m o r i z in Por- tugal brach in einem Saale in dein Augenblick, als man einen isarg fortschaffen wollte, der Fußboden ein. Dabei stürzten etwa fünfzig Personen, zum größten Teil Frauen und Kinder, in das darunter befindliche Stockwerk. Der Sarg und die Personen wurden mit großer Mühe geborgen. Mehrcrc Per- soncn sind verletzt worden. Kranken-, Sterbe- und Zuschufikasse für männliche Personen aller Berufe Grofi-Berlin. Kassenstunde jeden Sonnabend abends 7 bis 10 Uhr Gr. Hamburger Str. 18/19. Ausnahme neuer Mitglieder. Jugendveranstaltung e». Neukölln, Heim I, Ideal- Passage. Heute Donnerstag: I.Vortrag des Herrn Pieck über:„Geschichte des 19. Jahrhunderts". Veranstaltungen. Schöneberg. Freitag, den 30. Januar er., abends 8'/, Uhr, in den „Neuen Rathaussälen". Meininger Str. 8: Frauen-Versammlung mit dem Tbema:„Frauenarbeit". Referentin: Genossin Luise Zietz. Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Montag. den 2. Februar, abends 8'/, Uhr, in Kellers„Neuer Philharmonie", Köyc- mckcr Str. 96/97: 1. Vortrag. Jugendfürsorge. Ref.: Herr Rudolf Wissel!. Gäste willkommen: besonders die Mitglieder der Kiiiderschutz- kommissionen sind eingeladen._/ Eingegangene Druckschristen. Die Umwälzung in den Grundanschauiingen der Raturwissen- schast von Dr. I. H. Ziegler. 3 Fr. Fr. Semminger, Bern. Das Eigenhaus in Hcllerau. 63 S. Verlag der Gartenstadt Hellerau. Die Gefahren des Bergbaues und die Grubenkontrolle im Ruhrrevier von Dr. R. Pöller. Geh. 4 M. Duncker u. Humblol, Leipzig. Marktpreise von Berlin am ti7. Januar 1914, nach Ermittelungen des kgl. Polizeivräsidwms. Mais Onixed), gute Sorte 16,80— 17,20. Donau 16,00— 16,30. Mais(runder), gute Sorte 14,90— 15,30. Richtstroh 4,60—5,00. Heu 6,80—7,80. Marktballenvreise. 100 Kilogr. Erbsen, gelbe, zum Kochen 84,00— 50,00. Sveisebabnen. weiße 35,00—60,00. Linien 36,00—80,00. Kartoffeln(Kleinddl.) 4,00— 7,00. 1 Kilogramm Rindsteisch, von der Keule 1.60—2.40. Rindfleisch, Bauchfleisch 1,30— 1.80. Schweinefleisch 1,40— 2.00. Kalbflcilck 1. 10— 2,40. Hammelfleisch 1,50— 2,40. Butler 2.40—3,00. 60 Stück Eier 4,80— 7,20. 1 Kilogramm Kardien ILO— 2.60, Aale 1,60—3,40. Zander 1,20-3,20. Hechle 1,60—2,80. Barstbe 0,80— 2,2a Schleie 1,60—3,20. Bleie 0,80—1.60. 60 Stück Krcbie 3,00—24,00. BSttterungSübersich« vom 28. Januar 1914. iBI a.|Ä| f« B1 ö='o etäUmai iE-», 5■= �7«Setter !l|sf ä Swinemde.!764 WSW Haniburg i766/WSW Berlin s767!>sW Franks. a.M77l!SW München 1771iSW Wien j769WNW Sechticc 2bedeckt fiwolkig IDuiiit 3 Nebel tos i? MÄ 1 1—1 £Z HavarandallbjSW Petersburg 75>2-NW (Stillt) M«N Abcrdeen Paris ■69i SS9JSS 761© 769 SSO 2 wolkig 3 Schnee 2 wolkig 2 wolkig 1 bedeckt -24 -11 v 3 0 .....---- 2 ftebeckt—6 ZSetterprognoie für Donnerstag, den 29. Januar 1914. Zeitweise aufklarend, jedoch vorwiegend trübe mit geringen Nieder» schlagen und ziemlich frischen südwestlichen Winden; Temperatur wenig verändert. Berliner W e t t c r b u r e a n. rSafferftandS-Nackirichte» der LandeSanstalt für Gewäsierwnde. mitgeteiU voui Berliner Wetterburcau�. Wasserstand Memei, Tilsit P r e g e l, Jnsterburg Weichsel. Thorn Oder. Ratibor „ Krossen , Frankinrt Warthe. Schrimm , Landsberg Netze, Vordamm Elbe, Leitmeritz „ Dresden , Bardo , Magdeburg am 27. 1. am 346fi 13l-) 114») 168») 166») 272-) 198») 226») 106») 104 -159 110») 88») ieit 26. 1. am») -i-S 0 fi-2 +2 —5 V 0 +10 —7 —3 Wasserstand Saale, Grochlitz Havel. Svandau») , Rathenow») Spree. Svremberg») „ Beestow Leser. Münden Minden Rhein. Mafimiliansau , Kaub Köln Neckar. Heilbronu Main, Hanau Mosel. Trier am 27.1. om 194 96») 122 92 150 165 219») 360 188») 211«) 98 316») 100 seit 26.1. cm»). +1° 0 — 2 — 1 417 —19 —18 —7 —7 +8 +8 —25 «)+ bedeutet Wuchs,— Fall.—*) llnterpegel.—»J SiSstem». ») Treibeis.—•) Eisfrei. Ms Die prostituierte. Wir leben in einem Kulturstaat. Unsere Staatsrcligicm ist die Religion der Liebe, die alle Menschen für Brüder erklärt. Und doch haben auch wir eine Kaste der Parias, eine Kaste von Menschen, — die gehetzt und verfolgt werden—, die beinahe vogelfrei sind und so verachtet, daß man die Berührung mit ihnen meidet. Wie die indischen Parias sind sie ausgeschlossen von der Gemeinschaft mit den anderen Menschen' wie sie dürfen sie das Haus eines Reinen nicht t«reten, und sie öaben keine Heimat, die sie ihr eigen nennen dürfen. Aber die Kaste der Parias, die unter uns leben, setzt sich nur aus Frauen zusammen. Die christliche Religion, die angeblich die Stellung der Frauen gehoben hat, kennt für diese Parias kein Mitleid. Das tugendhafte Philistertum erklärt diese Parias für notwendig, aber seine Frauen und Töchter hütet es sorgfältig vor jeder Berührung mit ihnen. Der Staat nimmt ihnen Steuern ab, aber er tut wenig für ihren Schutz und ihre Rechte. Tie Parias der europäischen Kultur sind die Prostituierten. Ihr trauriges Gewerbe ist die bezahlte Liebe. Die Zahl der Prostituierten ist ungeheuer groß. Eingeschriebene Prostituierte, d. h. Frauen, die unter polizeilicher Aufsicht stehen, gibt es in Berlin z. B. gegen 20 000. Es sind aber dort mehrere Hunderttausend, die außer diesen ihr trauriges Gewerbe ausüben. Spricht das satte Philistertum von diesen unglückseligen Geschöpfen, so geschieht es nur mit Verachtung. Seiner Meinung nach sind die Gründe dafürj daß Frauen ihre Liebe verkaufen, gewöhnlich in Lasterhaftigkeit, in Vergnügungssucht, in Faulheit zu suchen. In Romanen wird ja das Leben dieser Unglücklichen häufig so glanzvoll und verführerisch geschildert, daß man sich danach leicht ein falsches Bild macht. Die Wirklichkeit ist ganz anders. Sie ist so unendlich traurig, daß man doch nach anderen Gründen forschen mutz, um sich zu erklären, wie so unendlich viele Frauen sich cnt- schließen können, sich in die Kaste dieser Parias zu begeben. Bei den Indiern werden schon die Kinder als Parias geboren. Leider ist auch bei uns der Grund zur Prostitution schon häufig in der allerfrühesten Kindheit zu suchen. Nicht umsonst stammt ein so großer Prozentsatz der Prostituierten aus dem Proletariat. Nicht Lasterhaftigkeit, nicht Vergnügungssucht, nicht Faulheit sind der Grund, sondern in unendlich vielen Fällen ist es Not, bitterste Not. Da ist vor allem das Wohnungselend des Proletariats. In Berlin leben über 600 000 Menschen in einem Wohnraum, den sie mit mehr als sechs Personen teilen müssen. Aehnliche Wohnungs- Verhältnisse findet man in anderen Städten. In Stuttgart z. B. gibt es noch über 500 Einzimmerwohnungen, die von mehr als zehn Personen bewohnt werden. Die Wohnungsspekulanten, die alles tun, um die Wohnungen der Reichen mit allen Forderungen der modernen Hygiene auszustatten, tun so gut wie nichts für die Wohnungen der Proletarier. Es fehlt an Licht, an Luft und Sonne, einerlei, ob es sich um eine Wohnung in einer Mietskaserne der Großstadt oder um eine elende Hütte in einem Dorfe Ostelbiens handelt. Für diese Wohnstätten müssen die Proletarier aber eine «summe zahlen, die in keinem Verhältnis steht zu ihrem geringen Einkommen. Aber die Wohnungsspckulanten kommen ihnen ont- gegen, um ihnen zu ermöglichen, die Miete aufzubringen. Sie erlauben ihnen, Mieter aufzunehmen. So kommt es, daß eine ganze Reihe von Prostituierten, die in den Häusern der„Reinen" nicht Zutritt haben, in den Wohnhöhlen des Proletariats auf- genommen werden. Während die Eltern zur Arbeit fort müssen, bleiben die Kinder ihrer Aufsicht anvertraut. Sie üben ihr trauriges Gewerbe gewissermaßen unter den Augen der Kinder, so daß diese nichts Anstößiges mehr darin sehen. Ein Wunder ist es nicht, wenn sie dem Beispiel folgen, das ihnen von Klein auf vertraut ist. Ebenso verderblich ist das Schlafgängertum. In dem einen Raum wohnen die Menschen nicht nur zusammen. Ist es ein Wunder, wenn die Kinder des Proletariats frühreif und auf- geklärt werden. Wie oft kommt es vor, daß da kleine Mädchen vergewaltigt und aus den elenden Wohnungen direkt in die Prostitution getrieben werden. Aehnliche Zustände herrschen aber auch auf dem Lande, wo die Hütekinder und all die anderen, die zur Feldarbeit herangezogen werden in dem engen Zusammen- wohnen und Schlafen mit Knechten und Mädchen schutzlos schlim- mcren Einflüssen preisgegeben sind. Zu dem Wohnungselend kommt weiter der Hunger. Wie so viele arme Proletarierkinder als höchsten Wunsch angeben, einmal in einem Bett allein schlafen zu dürfen, sd ist für andere das Ziel ihrer Sehnsucht, sich nur einmal sattessen zu dürfen. Wie manches arme Mädchen läßt sich durch diese Lockung verführen, und dann trifft so leicht die alte Wahrheit aus dem Faust ein:„Du singst mit einem heimlich an, bald kommen ihrer mehre dran, und wenn dich erst ein Dutzend hat, so hat dich auch die ganze Stadt". Ferner beruht die moderne Prostitution auf der Wirtschaft- lich trostlosen Lage der alleinstehenden Mädchen, die auf den un- zureichenden Ertrag ihrer Arbeit angewiesen sind. Die Löhne der Landarbciterinnen, der Fabrikarbeiterinnen, der Handlungs- gehilfinnen, der Choristinnen, der kleinen Schauspieleriimen und vieler anderer sind in den seltensten Fällen ausreichend für die allerbescheidensten Lebensbedürfnisse. Dazu werden häufig, wie bei den Schauspielerinnen, Verkäuferinnen und anderen, gewisse Ansprüche an Toilette gemacht. Was wissen die Frauen und Töchter der satten Philister, die wohl behütet sind und keinen Finger für ihren Unterhalt rühren brauchen, von solchem Elend. Aber ihre Männer, ihre Väter verstanden es, ihren weiblichen An- gestellten den Weg zur Lösung zwischen schlecht bezahlter Krauen- arbeit und Existenzmöglichkeit zu zeigen.„Wozu haben Sie die Nacht?" Das ist die typische Antwort zur Lösung des Rätsels. Aber nicht nur Wohnungsnot, Hunger, der Jammer verlassener aussichtsloser Kinder, schlecht bezahlte Frauenarbeit sind Gründe für die große Anzahl der Prostitution. Es kommt noch die Lieb- losigkeit, die Unbarmherzigkeit so vieler Menschen dazu, die sich Christen nennen. Noch immer werden unzählige Mädchen, vielleicht nur, weil sie nie im Leben Liebe kannten und sich nach Liebe sehnten, das Opser� gewissenloser Verführer. Wieder heißt es dann wie im Faust:„Und wenn Dir dann auch Gott verzeiht, auf Erden sei vermaledeit". Die doppelte Moral des Philistertums, die dem Manne alles verzeiht, verdammt das Weib.'Sie verstößt die un- verheiratete Mutter. Sie macht es ihr häufig zur Unmöglichkeit, durch Arbeit sich und ihr Kind durchzubringen. In seinem schönen Roman:„Die Armen und Elenden" schildert uns Victor Hugo das Los einer solchen armen Mutter. Sie verkauft erst ihre schönen Haare, um Geld für ihr Kind zu schassen. Dann läßt sie sich ihre weißen Zähne ziehen, für die ihr viel Geld geboten werden. Endlich geht sie auf die Straße und verkaust ihren Leib, um den Hunger ihres Kindes stillen zu können. Was da im Roman geschildert wird, das ist nur zu oft traurige Wirklichkeit. Eine Reihe von Prostituierten treiben ihr Gewerbe, um Brot für ihr Kind zu schaffen. Nun wird ja allerdings eingewendet, daß die Prostituierten. denen man zu einem geordneten Leben verhelfen will, selten von diesem Angebot Gebrauch machen. Das ist aber begreiflich. Das Gewerbe, das sie treiben, hält sie mit tausend Ketten fest. Ob sie in Bordellen wohnen oder auf gewisse Straßen angewiesen sind, überall tverd-r sie ausgenützt so daß sie sich aus dem Netz von Verpflichtungen kaum befreien können. Ihr« Stellung ist eine so verachtete und geknechtete, daß sie den Weg in die menschliche Ge- meinschast. die sie ausschließt, kaum wieder zurückfinden. Ihre Lebensweise ist esne so entnervende, daß sie für wirkliche Arbeit kaum noch zu gewinnen sind. Wie die Parias verdammt sind, ewig in ihrer Kaste zu verkehren, so gibt es auch für die Prostituierte kaum einen Weg zurück in die bürgerliche Gesellschaft, die die Notwendigkeit ihres Gewerbes proklamiert, aber sie gleichzeitig verdammt. öer Irauenbeweg »Vorwärts" Nr. 28.— Donnerstag, den 29. Januar 1914. Eine Lösung dieses Konfliktes ist erst denkbar, wenn gesunde Moralbegriffc bei uns herrschen, wenn z. B. keine Geldheiraten, die doch im Grunde auch Prostitution sind, geschlossen werden, wenn wir keine doppelten Moralbegriffe mehr haben, wenn für alle Frauen ausreichende Erwerbsmöglichkeiten geschaffen sind, wenn Hunger und Not, diese mächtigen Faktoren der Prostitution, aus der Welt schwindem Wenn unser höchstes Ziel erreicht wird, daß alle Menschen frei und glücklich werden sollen, dann wird auch die Kaste der Prostituierten nicht mehr denkbar sein. A. B. Die ßrauen in üer Partei. Eine Frauenkonferenz für Hannover tagte am Sonntag im Gewerkschastshanse zu Hannover. Die Konferenz war von 25 De- legierten aus Hannover-Linden und 57 Delegiertinnen aus 45 Orten der Provinz beschickt. Als Vertreterin des Parteivor- standes war Genossin Luise Zietz anwesend. Ende Dezember 1013 waren im Agitationsbezirk 4210 weibliche Wahlvereinsmitglieder vorhanden .ch funden. In der Marineabteilung sind drei weibliche Personen an- gestellt. Während die Lehrerinnen in Belgien noch immer ver- geblich auf eine Gleichstellung mit den männlichen Lehrpersonen ivarten— erst neulich hat die Kammer wieder ein feindliches Votuni in dieser Richtung abgegeben— sind die weiblichen Angestellten des Postministeriums den männlichen gleichgestellt. Die weibliche Jugenöpflege. Der Rot gehorchend, hat die staatliche Jugendpflege seit einiger Zeit auch die weibliche Jugend unter ihre dunklen Fittiche ge- nommen. Für den Regierungsbezirk Köln ist Anfang Januar im Beisein des Regierungspräsidenten und anderer erlauchter Herr- schaften von einem Regierungsrat folgendes Programm entworfen worden: 1. Die Einrichtung von Mädchenheimen, für deren Ausgestaltung staatliche Mittel zur Verfügung ständen, zu der aber auch die private Hilfstätigkeit heranzuziehen sei. 2. Die Bereitstellung der für männliche Jugendliche vorhandenen Einrichtungen(Heime, Spiel- und Turnplätze, Büchereien usw.) auch sür die schulentlasscne weibliche Jugend unter Berück- sichtigung der Eigenart und Bildungsrichtungen dieser letzteren. 3. Heranziehung von Frauen zu den Arbeiten der Orts- und Kreisausschüsse und der Jugendlichen selbst zu der Vertvaltung und Führung bestebender Einrichtungen. 4. Teil- nähme von Frauen in größerer Zahl als bisher an den Jugend- Pflegekursen zur Heranbildung von Jugendpflegerinnen, auf deren Anstellung für größere Bezirke zur Organisation der Jugendpflege Rücksicht zu nehmen sei. 5. Abhaltung von Wander- Vorträgen zur Vorbereitung der Kenntnis von der Notwendig- keit einer geregelten Jugendpflege. 6. Einführung praktischer Uebungen sür haus- und landwirtschaftliche Verrichtungen in größerem Umfange wie bisher. 7. Zusammenschluß verstreut gelegener Kreise und dergleichen zu verbundenen, um so mit größeren Mitteln höhere Ziele zu verfolgen. 8. Einwirkung aus die Berufswahl, und zlvar möglichst schon vor der Schulent- lassung. 0. Bereitstellung reichlicher. Mittel zur Durchführung der vorgenannten Zweck«. Geld ist wie Heu vorhanden, das ist auck bei dem Werben um die weibliche Jugend das Zauberwort der staatlichen Jugend- pflege. Wcr dabei mitwirkt, das zeigte der fernere Verlauf der Veranstaltung. Es sprachen ein„Turninspektor", zwei Pfarrer und vier adlige Damen. Bedauernswert die junge Arbeiterin, die sich in eine solche Erziehung begibt. Aber Pflicht der prole- tarischen Mutter ist es. allen reaktionären Bestrebungen zum Trotz ihre Töchter der freien Jugendbewegung zuzuführen. Litterarisches.* Wachstum und Schöpfung. Neue Elterngesinnung und Kinder- führung. Von Hulda Maurenbrecher.(Ernst Reinhardt, München. 2 M.) Ihrem seinm:zeit hier besprochenen Buche„Das Allzuweib- liche" hat Hulda Maurenbrecher rasch eine nach Form und Zielen ähnliche Sammlung von Betrachtungen zur Erziehungsfrage folgen lassen— wieder unter einem reichlich preziösen Titel. Die Verfasserin kommt zu dem Resultat:„Eine ganz neue Organisation der Jugenderziehung wird notwendig", und wirklich ist der Geist, der dies Buch erfüllt, nicht nur modern-pädagogischcr, sondern zum Teil sozialistischer Geist. Gerade darum ober sind wir berechtigt, einen um so strengeren Maßstab anzulegen. Diese Neuorganisation des Erziehungswesens als notwendig zu erweisen, geht Hulda Maurenbrecher denn doch zu planlos vor. Wer nicht von vornherein mit ihr auf gleichen Boden steht, wird nicht bereit fein, mit ihr dieselben Konsequenzen zu ziehen. Gewiß, sie versteht es, durch plastisch erzählte Beispiele Mängckl der Er- ziehungspraxis in Helles Licht zu stellen. Aber— zwei ganz verschiedene Gruppen von pädagogischen Grundsätzen und Forderungen gehen durcheinander. Einmal handelt es sich um pädagogische Fehler, die noch zu jeder Zeit Fehler gewesen sind; die Kritik richtet sich da einzig gegen Torheit, Unwissenheit, Nachlässigkeit und Mangel an Beirantwort- lichkeitsgefühl der Erzieher. Nichts in diesen Aufsätzen, was nicht auch bürgerliche Erzieher unterschreiben könnten. Hulda Maurenbrecher hat nun genug Fühlung mit den Arbeiter- schuft, um nicht zu erkennen und zu betonen, daß die Erfüllung selbst- der elementarsten Erziehungsforderungen im Proletariat au dem Mangel an Vorbildmcg, Geld, Zeit und Wohnraum scheitert. Diese Einsicht fiihrt sie mit Recht zu der Forderung des„freien", d. h. religiös und politisch neutralen Kindergartens vmd der Um- gestaltung unserer Schule zum Tagesheim der Kinder. Um sich davon zu überzeugen, daß diese Vorschläge für uns nichts Neues sind, lese man Heinrich Schulz' Buch:„Die Sozialdcunokratie und die Schulreform". Wir hätten nur gewünscht, daß Hulda Maurcnübrecher diesen Nachweis, daß soziales Elend zugleich pädagogisches Elend ist. in den Mittelpunkt ihrer Darstellung gerückt hätte. Dann wäre auch erst die zweite Gruppe von pädagogischen Grundsätzen, die in konftiser Mischung zwischen den anderen stehen, ins rechte Licht geraten. Diese Prinzipien beruhen auf einer ganz neuen Bc Wertung des Menschen, wie sie in der Sozialdemokratie lebendig ist. Dahin gehören die Betonung des Rechts der Kinder auf eigenen Willen, die Forderung weitgehender SelbstverantNiortlichkeit, die Polemik gegen die Zwangsautorität der Erzieher, wie sie sich in sinnlosem Strafen, erzwungenem Respekt und Gehorsam äußert, endlich die Forderung der gemeinsamen und möglichst gleichen Er- ziehung von Knaben und Mädchen. Was soll eine kirchlich-bureau» kratisch-militärisch gegängelbändelte Gesellschaft mit solchen demo- kratischen Erziehungsgrundsätzen? Lohnt es wirklich, sich gleich- zeitig an das hoffnungslos kleine Häuflein bürgerlicher Demokraten und Intellektuellen zu tvenden mit solchen Forderungen? Und wenn, dann mußten diese Splitter des Bürgertum? säuberlich pou seiner Hauptmasse getrennt werden. Aber Hulda Maurenbrecher verwischt alle Klassengegensätze, indem sie ganz allgemein mit einem Aufruf an alle„deutschen Eltern" schließt, sich zu vereinigen, um „eine neugesinnte und neuorganisierte Menschheit, möglich zu machen". Während sie fordert, die Schule zum„Tagesheim", die Familie zur.Feierabendgemeinschaft" zu machen und ihr die lebenslänglich erwerbstätige Frau der Zukunftstypus de» Weibes ist, bringt sie es gleichzeitig fertig,„proletarische und nicht- proletarische Eltern" unter einen Hut zu bringen„in der Berant- wortung für ihre Kinder und im Gefühle dieser Verantwortung". Ebensogut könnte man sagen: Bourgeoisie und Proletariat gehören zusammen in der Sorge für die Zukunft von Staat und Gesellschafi! Hulda Maurenbrechers Buch wird kein Unheil anrichten» aber es fördert auch keine klare Erkenntnis. Wir brauchen Bücher, die viel klarer und entschiedener den Nachweis führen, daß die Er- ziehung der Kinder durch die soziale Notlage des Proletariats gefährdet ist, und die umgekehrt die Erziehungsgrundsätze und die neuen pädagogischen Jeale aus den sozialen und politischen Zielen des kämpfenden Proletariats ableiten. Fritz ElSner. Ein Kulturskandal. Der Artikel unter dieser Tpitzmarte in der vorigen Frauenbeilage enthält infolge von Druckfehlern einige statistiswe Irrtümer. Die Zahl der weiblichen AroenSkräfte im Jahre 1010 betrug: bis zu 14 Jahren 5 856 von 14— 16 r 167 225 „ 16-21, 489 130, über 21 Jahre 770 428 I insgesamt. 1 432 639 Der Zuwachs an Arbeiterinnen von 1910 auf ISN beträgt 133 004 oder 9 Proz. Adtimgi Brauereiarbeiter! Achtung! Sonntag, den 1. Februar, vormittags lIl/2 Uhr im Lokal Nene Welt, Hasenheide 108114(großer Saal) örsuereiardeiter- Versamniliitin. Tagesordnung: Bericht der Lohnkommission, Zu dieser Versammlung find sämtliche in den Lagerbierbrauereien, Mälzereien, Malzbierbrauereien und Biernieder- läge« in Berlin und Umgegend beschäftigten und den unterzeichneten Organisationen angehörenden Arbeitnehmer eingeladen, als da find: Brauer, Hilfsarbeiter, Böttcher und deren Hilfsarbeiter, Flaschenkellerarbeiter, Hilfsarbeiter, Maschinen- und Kesselpersonal und Hilfsarbeiter, Handwerker und deren Hilfsarbeiter, Verschiedene, Fahrer, Mitfahrer, Reservefahrer, Lastchauffeure, Bremser und Stalleute![42/0 Kollegen! Erscheint in Massen in dieser wichtigen Versammlung! Sollegen! Wir richten an Euch das dringende Ersuchen, pünktlich zu erscheinen, da der Saal um 1I2S Uhr geräumt werden mutz und die Polizeibehörde unter keinen Umständen die Abhaltung dieser Versammlung am Vormittag gestattet. Die Einberufer: Verband der Brauerei- und Mühlenarljeiter, Deutscher Transportarbeiterverband. Verband der Maschinisten und Heizer. Deutscher Metallarbeiterverband. Verband der Böttcher. Deutscher Holzarbeiterverband. Verband der Maler und Lackierer. Verband der Kupferschmiede. Verband der Sattler. Aligemeiner Deutscher Gärtnerverein. ■■ Ortsverwaltungen Berlin.» SINGER Familien- Nähmaschinen sind die vollkommensten! Neue Spezial-Apparate für den Hausgebrauch. SINGER CO. Nähmaschinen Act. Ges. Berlin, Leipziger Str. 92. Läden in den verschiedenen Stadtteilen. Kapitän-Kautabak (gesetzt, geschützt)* Kapitan- Kauch-«. Schnupftabake � � hervorragend feine Otalitüt so schnell beliebt geworden. Zu haben m den einschlägigen Geschäften event. zu erfahren durch Cm Röcker, Kerlin, Gröuer Meg tl9. stSumi� Jedes Wort 10 Pfennig. Dm fettgedruckte Wort 20 Ptg.(zulSul* 2 fettgedruckte Worte). Stellengefuche und Schlafstellen-Anzeigen 5 Pfo.; das erste Wort(fettgedruckt) 10 Pfg. 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Z Atllllgt llfÖ AtllM Illlllslilllt!. 91� Reichstag. 200. Sitzung. Mittwoch, den 28. Januar 1914, nachmittags 2 Uhr. Sm BundeSratstisch: Dr. Delbrück. Die zweite Lesung des Etats des Reichsamts des Innern wird fortgesetzt. Abg. Giesberts(Z.): Wir geben zu, dah das Rcichsamt des Innern in dem letzten Jahre eine grotze Fülle von Arbeit gehabt hat. Insofern brauchen wir eine gewisse Arbeitspause, um Atem zu schöpfen. Aber diese Arbeitspause mutz dazu dienen, um Kräfte zu sammeln zur Lösung neuer Probleme. Es gibt noch eine grotze Menge unerledigter Fragen, die die Reichsgesetzgebung angehen. Ich erinnere an die Herabsetzung der Altersgrenze auf öS Jahre. sSehr richtig.) Wir erwarten die Erklärung der Re- gierung. wann eine solche Vorlage zu erwarten ist. Notwendig ist ferner ein Ausbau der erst in den Anfängen befindlichen Witwen- und Waisenversicherung. Eine wichtige Aufgabe ist weiter die Bekämpfung der Gewerbekrankheiten. Eine Re- gelung der Löhne in der Heimarbeit ist notwendig, ebenso eine Verbesserung der Verbältnisse im Ga st Wirtsgewerbe. Ich erinnere weiter an die Rechtsverhältnisse der Bureau- g e h i l f e n. Bedauerlich ist, datz die Reichsregierung auf der Berner Internationalen Schutzkonferenz nicht für Erhöhung des Schutzaliers für Jugendliche, wenigstens für die Nachtarbeit, ein- getreten ist.— Wir haben zurzeit eine soziale Müdigkeit, nicht bei den Arbeitern, aber bei den Arbeitgebern und ihren Kor- porationen zu verzeichnen, die ihre Wirkung auch auf die Regierung ausübt und die teilweise zu einer sozialen Reaktion ausartet. Gewitz legt die Sozialpolitik den Unternehmern Lasten auf. Eine Sozialpolttik, die nichts kostet, hätte keinen Wert. Deshalb treten wir für die Aufrechterbaltung unserer Wirtschaftspolitik ein, die es den Untelnehmern ermöglicht, diese sozialen Lasten zu tragen. Be- rechnet man übrigens die Lasten der sozialen Versicherung, so stellt sich heraus, datz sie nur drei bis vier Prozent der Lohn- fumme ausmachen, die in Deutschland bezahlt wird. Außerdem gibt es wohl heute keinen Unternehmer mehr, der so dumm ist, die Beiträge für die Arbeiterversicherung nickt in die Preise hinein- zukalkulicrcn. Ich möchte den Mittelstand und die Landwirtschaft warnen, den Klassenkampf von»den mitzumachen, der sich heute in dem Bestreben geltend macht, das Auswärtsstreben des Arbeiterstandes hintanzuhalten und der den Klassen- kämpf von unten zur n 0 t w e n d> g e n F 0 l g e hat. Der Mittel- stand, der doch aus eine konjumsähige Arbeiterschaft angewiesen ist, sollte sich hüten vor solchen Scharfmackereien und follte seinen alten Traditionen treu mit uns eine verständige Sozialpolitik treiben. Die Leute, die sich über die großen Lasten der sozialen Gesetzgebung beklagen, hätten die Pflicht, erst einmal nachzuweisen, wo denn zu viel in der Sozialpolitik geschehen ist. Gewitz ist die Lebenslage der Arbeiter gestiegen, aber die Hauptfrage ist doch, ob die heutige Lage der Arbeiter im richtigen Ver- hältnis steht zur Gesamtlage des Volkes. Und da findet man, datz es bis jetzt»och nicht gelungen ist, die großen Tiefen zu überbrücken, datz unser soziales Leben noch außerordentlich traurige Schattenseiten hat, die zu dem Glanz aus der anderen Seile im merkwürdigen Gegensatz stehen. In den Kreisen der Arbeitslosen und der Heimarbeit finden wir auch eine Summe sozialen Elends und sozialer Not, datz wir, wie Frhr. v. B e r l e p s ck es einmal ausdrückte, sagen müssen, daß, menn man an solche Zustände denkt, sich einem d e r B i s s e n im Munde berumdreht. Traurig ist, datz in Deutschland die soziale Denkart nicht gleichen Schritt gehalten hat mit dem Erwerbs- trieb. Der Sturm gegen das Koalitionsrecht ist ganz unberechtigt. Das S t r e i k p 0 st e n st e h e n ist eine berechtigte Waffe bei Arbeits- einstellungen und bietet nur einen sehr geringen Ausgleich für die Fülle von Mitteln, mit denen die Unternehmer Arbeitswillige heran- ziehen und die Arbeiterbewegung beobachten. Wenn man uns christliche Gewerkschaften von feiten der Rechten auf den TerroriSmuS der sozialdemokratischen Gewerkschaften uns gegenüber hinweist, so werden wir mit dem schon fertig. Wir werden ihn solange moralisch brandmarken, bis auf der andern Seite andere Mittel angewandt werden und wir haben erfreuliche Anzeichen dafür, datz man nicht mehr so wie früher terroristische Mittel in den Führerkreisen passieren lätzt. Dagegen wird heute schon in großem Umfange Torrorismus von den Arbeitgebern geübt. Aus den zahllosen Fällen will ich nur einen anführen. In einer Papierfabrik hatten sich 30 Arbeiter der christlichen Gewerkschaft angeschlossen. Darauf wurden die Kinder der Organi- sierten von der' W e i h n a ch t S b e s ch e r u n g in der Fabrik a u S- geschlossen und als für diese Kinder dann eine besondere Feier veranstaltet wurde, wurden als Weihnachtsgeschenk sämtliche christlichen Arbeiter entlassen. sHörtl hörtl) Herr Arendt hat dann an die christlichen Gewerkschaften die freundliche Aufforderung gerichtet, unS mit den sogenannten Wirtschafrsfriedlichen. den Gelben, zu verbinden und gemeinsam den Kampf gegen die Sozialdemokratie zu führen. Nun, den Kampf gegen die Sozial« demokratie haben wir seit jeher geführt, aber Herr Arendt irrt, wenn er meint, datz die soziale Krise in Deutschland mit solch wünsch- losen, rückgratloscn Elementen überwunden werden kann, wie es die Gelben sind. Sie kann vielmehr nur überwunden werden mit Leuten, die zwar ihre Pflichten anerkennen, aber auch auf ihren Rechten bestehen. Die sogenannten Wirtschaftsfriedlichen sind doch keine selbständigen Arbeitervereine, sondern es sind Vereine, die von den Unternehmern in deren Interesse gegründet werden. sSehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ihnen gehören Leute an, die nickt genügend Standes- und Selbstbewußtsein haben. Wir. die christlich-nationale Arbeiterbewegung, führen den Kampf für unser Reckt— auch durch Streik, aber nicht um des Kampfes willen. Wir kämpfen um die Gleichberechtigung und Selbständig- keit der Arbeiter. Von diesem Kamps allein wird es abhängen, ob die soziale Krise in Deutschland friedlich oder mit einer politischen Krise endet. Wir iverden uns in den christlichen Gewerkschaften durch keinerlei Ereignisse abhalten lassen, auf dem Boden der Monarchie im Sinne der christlichen Kulturideale den Kampf für die Gleichberechtigung der Arbeiter weiter zu führen. sBravo l im Zentrum.)' Staatssekretär Dr. Delbrück: Der Abg. Gothen« hat mir im„Berliner Tageblatt" vor- geworfen, ich hätte in meiner Lobrede auf die Wirtschaftspolitik die Gesamtgulhaben der Sparkassen mit den jährlichen Einnahmen verwechselt. Allerdings konnte der Wortlaut meiner Aus- führungen zu diesem Mißverständnis führen, aber Sie werden mir glauben, datz ick mir vollständig darüber klar gewesen bin. datz es sich nickt um die Jahresvermehrung handeln konnte, sondern um das Gciamtguthaben. Wenn ich für die Sparkassen 11 Milliarden ansetzte und zugleich sagte, datz unser Wohlstand ganz allgemein um 8 bis 10 Milliarde» zugenommen habe, so kann die Oeffent- lickkeit über den tatsächlichen Wert dieser Daten nicht getäuscht werden.* Die Reversseite der glänzenden Medaille, die ich in meiner letzten EtatSrede gezeigt habe, sind die Verhältnisse des gewerblichen Mittelstandes, der sich in einer ganz besonders ungünstigen Verfassung befindet. Bon oben bedrängen ihn Handel und Industrie, von unten der Aufstieg der Arbeiterklasse. Die Aufgabe der tech- nischen und wirtschaftlichen Erziehung fällt in das Gebiet der Einzel- staaten, die hier mit großem Erfolg gearbeitet haben. Das Reich aber hat durch die Neuregelung des Genossenschaftswesens, durch die Bestimmungen über die Ausbildung von Gesellen, über den Schutz des Meistertitels, über den kleinen Befähigungsnachweis usw. sein« Aufgaben zu erfüllen getrachtet. Wir haben Enqueten über die Handwerkerb e triebe veranstaltet. Bei der Enquete über die Müllerei haben wir freilich keine guten Erfahrungen gemacht. Ein großer Teil der kleinen Betriebe hat sich außerstande gezeigt, unsere Fragebogen befriedigend zu beantworten. Wenn ich jüngst von einer sozialpolitischen Pause sprach, so meinte id) natürlich damit nickt, datz uns nun jetzt überhaupt nichts mehr zu tun übrig bliebe. Einige Mittelstandsfragen sind besonders aktuell, so die Frage der Einschränkung des Hausierhandels, der Beschränkung der Wander- l a g e r und die Wünsche der Kleinbetriebe auf eine zweckmäßige Ausgestaltung der Sonntagsruhe. Zu allen diesen Fragen liegen Gesetzentwürfe vor, die bereits von Kommissionen beraten werden. Als besonders dringend wird auch die Frage des Lieferun gs- und VerdingungswesenS hingestellt. Auch mit ihr beschäftigen sich bereits einige Kommissionen, und auch die Kommissioi� für die Rüstungslieferung soll feststellen, ob der Staat nickt etwa zuviel bezahlt. Wir wollen abwarten, zu welchen Ergebnissen die Kommission über das Berdingungswesen kommt. Ich würde es bedauern, wenn sie auf einer reichsgesetzlichen Regelung bestände. In Preußen arbeitet man bereits an einer Verbesserung der geltenden Be- stimmung, was dort erzielt wird, wird auch im Reiche berücksichtigt werden. Notwendig ist es, datz das Handwerk zu größeren Organisationen kommt. Eine Zentralstelle für das Ver- dingungswesen, vom Handwerk begründet, könnte ersprießlich Wirten. Das Reich würde einen Zuschuß für die ersten Einrichtungen zur Verfügung stellen. So kommen wir trotz der scheinbar etwas lang- wierigen Verhandlung allmählich dem Ziele näher. Der Redner geht in seinen weiteren Ausführungen auf daZ Verbot des geheimen Warenhandels ein und wendet sich zum Schluß gegen das Bestehen mehrerer Innungen für dasselbe Gewerbe in einem Bezirk. Abg. Dr. Böttger(natl.): Auf die Frage des Koalitionsrechts geht ein anderer meiner politischen Freunde ein. Eine Beeinträchtigung des KoalitionS- rechts wünschen wir jedenfalls nicht, aber wir wünschen auch nickt, datz diese Dinge sich zu einem Koalitionszwang mit Boykott und Terrorismus entwickeln. Der allgemeinen Charaktcrifierung, die Abg. G i e s b e r t§ den wirtschaftlichen Vereinen hat zuteil werden lassen, indem er sie als rückgratlose Elemente be- zeichnete, kann ich nicht zustimmen. Datz sie den Streik direkt ab- lehnen, ist nicht richtig. fWiderspruch bei den Sozialdemokraten.) Die Mittelstandspolitik halten wir für eines der wichtigsten Probleme. Zwischen den beiden Mühlsteinen der großen industriellen Unter- nehmungen und der Arbeiterschaft darf der Mittelstand nicht zerrieben werden. Eine Neuorganisation des Handwerks ist notwendig. Der zweite Teil des Gesetzes zur Sicherung der Bauforderungen sollte von Reichs wegen allgemein durchgeführt werden, damit dem Unwesen der Bausch wind ler energisch entgegengetreten werden kann. Die Hypotbekengläubiger müssen geschützt werden gegen Verfügungen über die Miets- und Pachtzinsen. Ministerialdirektor Caspar erwidert auf die Ansrage des Abg. Giesberts. datz eine Denkschrift über die Frage der Herabsetzung der Altersgrenze dem Reichstag bis Ende 1914 zugehen werde.---- Abg. Bartschat(Vp.): DaS Handwerk hat erkannt, daß bei den Konservativen seine wahren Freunde nicht sitzen. Geschäftsleute, die nicht konservativ wählen, werden direkt boykottiert, wie das z. B. in L i e g n i tz und S t 0 l p vorgekommen ist. Durch die Geschäftsstelle des Bundes der Landwirte werden zahlreiche Mittelstandsexistenzen geschädigt. Die von dem Staatssekretär twr zwei Jahren in Aussicht gestellten Enqueten über die Lage der Kleingewerbe- treibenden werden autzerordentlich langsam betrieben. Wenn der Staatssekretär so fortfährt, jedes Jahr nur ein einzelnes Gewerbe herauszugreifen, so werden schließlich, wenn die Enquete abgeschloffen ist, die ersten Erhebungen schon wieder völlig veraltet sein.(Sehr richtig! links.) Ein etwas schnelleres Vorgeben wäre wirklich am Platze. Redner kritisiert weiter das Submisfionswesen. Die in Preußen auf diesem Gebiete bestehenden Verordnungen werden nicht eingehalten.— Im Wirtschaftlichen Ansschutz, der zweifellos vor Abschluß der neue» Handels- Verträge gehört werden wird, sollte auch das Handwerk vertreten sein.— Auch die Warenhäuser der Offiziers- und Marinevereine bilden eine schwere Konkurrenz für die selbständigen Gewerbe- treibenden.— Von dem sogenannten Bund der Handwerker wollen die grotzen Organisationen des Handwerks nichts wissen.(Bravo I bei der Volkspartei.) Abg. Kurzawski(Pole) kritisiert die Rechtsverhältnisse der ausländischen Arbeiter. Mit diesen Arbeitern wird ein wahrer Menschenhandel ge- trieben. Gewissenlose Agenten lassen die Leute, die der deutschen Sprache kaum mächtig sind, ungünstige Ver- träge unterschreiben, indem sie ihnen gute Arbeit mit hohem Verdienst versprechen. Im Interesse der Würde des Deutschen Reiches liegt e�, diesem Agentenunwesen ein Ende zu machen. Die Verhältnisse dieser ausländischen Arbeiter sollten endlich einheitlich durch das Reich geregelt werden, etwa nach dem Muster des dänischen Gesetzes.(Bravo! bei den Polen.) Die Weiterberatung wird vertagt auf Donnerstag 1 Uhr. Schlutz 7 Uhr._ Mbgeorönetenhaus. 13. Sitzung. Mittwoch, den 28. Januar 1914, nachmittags 12>/, Uhr. Am Ministertisch: V. S ch 0 r l e m e r. Beratung ües Lanüwirtfchaftsetats. Beim Titel Arbeitsnachweise ergreift das Wort Abg. Hofer(Soz.): Die deutsche Arbeiterzentrale hat 1912 6S875 männliche und S0 9ö9 weibliche Arbeitskräfte vermittelt, die Landwirtschaflsämter im gleichen Jahre 11467 Männer und" 2938 Frauen. Arbeiter- lcgilimalionskarten überhaupt wurden ausgestellt für ausländische Arbeiter im ganzen 397 364 im Jahre 1911,12 und 387 912 für das Jahr vorher. Diese von Jahr zu Jahr an- schwellenden Ziffern beweisen uns die traurige Tatsache, datz unsere heimischen Landarbeiter l a n d s l ü ch t i g geworden sind. Man wirft uns Sozialdemokraten vor, datz wir die Landarbeiter vom Lande weghetzten. Das ist ganz falsch, wir möchten die Arbeiter gern auf dem Lande behalten und dort zu Sozialdemokraten machen, um Sie(nach rechts) bei den Wahlen aus Ihren ländlichen Burgen zu vertreiben. Würden Sie aber, als die Jndustrieentwicke- lung begann, den Landarbeitern entgegengekommen sein und ihre Lebenslage gebessert haben, dann hätte die Landflucht niemals solchen Umfang erreicht. Sie haben sich aber den veränderten Ver- hältnisscn nicht anpassen könne». Sie haben dagesessen und immer nur auf die Hilfe des Staates gewartet. Damals hätten Sie mit wenigem die Arbeiter halten können, heute werden Sie sehr tief in den Beutel greife» müssen. Die unleugbar eingetretene Lohnerhöhung verdanken die Landarbeiter einzig und allein der sozialdemokratische» Agi- t a t i 0 n.(Widerspruch rechts.) Jawohl, die Aufbesserung der Landarbeiterlöhne setzte ein, als Mitte der neunziger Jahre von uns zum ersten Male das platte Land systematisch agitatorisch bearbeitet wurde. Die Teuerung der Gebrauchsgegenstände, aber auch die der Lebensmittel betrifft auch die Landarbeiter, die durch das indirekte Steuersystem aus- gepowert werden. Die barbarische Ausbeutung, daß die Arbeit von Soiineuaufgang bis Sonnenuntergang währte, haben sich dje Arbeiter, als sie knapper wurden, nicht mehr gefallen lassen. Aber auch heute noch dauert die Ärbeitszelt auf dem Lande gewöhnlich von 5 Uhr früh an und in der Erntezeit gewöhnlich so lange, bis man den Abend st« rn am Himmel erkennen kann.(Hörtl hörtl b. d. Soz.) Von der kurzen Arbeitszeit im Winter haben die Landarbeiter nichts, denn da sitzen sie in ihren eingeschneiten lumpigen Wohnungen und können Winterschlaf halten. Geben Sie den Landarbeitern im Frühling und in der Ernte- zeit abends eine Stunde der Erholung noch bei Sonnenschein— die Landarbeiter würden Ihnen dafür dankbar sein und die Besitzer würden dahei nicht zu kurz kommen, denn bei unbegrenzter Arbeits- zeit müssen die Arbeiter mit ihrer Kraft haushälterisch um- gehen; in 13 Stunden können sie ebensoviel(eisten wie m 14 Stunden. Wenn auch seit. dem Beginn der sozial- demokratischen Agitation schüchterne Versuche begonnen haben, die Wohnungen zu verbessern, so findet man im Osten noch massenhaft ungedielte Wohnungen, die nur Lehmschlag haben und in denen Küche, Wohn- und Schlafzimmer in eines zu- sammenfallen. Da haust die ganze Familie zusammen, und bekannt ist die ergreifende Antwort, die einstmals ein L a n d a r b"e ite r- kind auf die Frage gab, was es sich am meisten wünsche: „Nur einmal allein in einem Bcttchen schlafen!" (Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) Woher sonst, wenn nicht von den schlechten Wohnungen, käme die massenhafte Verbreitung der Tuberkulose auf dem Lande? Sie aber haben sogar die Landkrankenkassen für unnötig erklärt. Gewitz wurde auf den grotzen Gütern im allgemeinen der Arzt geholt, wenn es die Leute verlangten, aber die langen Apothekerrechnungen, die die Arbeiter fast stets selb ff bezahlen mutzten, hielten sie ab, allzu häufig den Arzt zu verlangen. In den Dörfern und bei den kleineren Be- sitzern sah es mit der Arztbelchaffung ganz autzerordentlich traurig aus; bevor man sich entschloß, den Arzt zu holen, war es sehr häufig Zeit, zum Pfarrer zu schicken.(Sehr wahr! links.) Manche Besitzer tun ja etwas für ihre alten Arbeiter, bei diesen bleiben denn auch die Kinder der Familien wohnen. Die meisten Besitzer aber suchen die allen Arbeiter abzuschieben, und die Altersversorgung in den Dörfern, das Einlegerwescn ist bekannt ge- nug. Wen» auch die Behandlung etwas besser geworden ist, so kommen doch noch genug Roheitsakte vor. Auf den Gutshöfen herrscht der Absolutismus, gemildert durch die Leutenot. Während Herr v. Heydebrand hier behauptete, man müsse heute nur Arbeiter sein, um Recht zu bekommen, sagen die Land- arbeiter allgemein:„Wir bekommen ja doch kein Recht!" Oft genug leistet der A m t s v 0 r st e h e r b� Differenzen dem Ersuchen des Gutsbesitzers, den belrcffendM Arbeiter zu be- strafen, Folge, ohne den anderen Teil auch nur zu hören. Wird gegxn den Strasbefehl Berufung eingelegt, dann sind gewöhnlich Gutsbesitzer d i e S ch ö f s c n. Da verlieren die Arbeiter na- türlich das Vertrauen zur Rechtsprechung und sie hoffen, in Stadt mehr Recht zu finden. Warum führt man nicht auch auf dem Lande eine Art Gewerbegerichte ein? Mein Freund, der Großgrundbesitzer E b h ä r d t hat Schiedsgerichte eingeführt und ist dabei nicht schlecht gefahren, sein Gut ist ein Musterbetrieb und er leidet nicht unter der Arbeiternot. Die Gesindeordnung und daS Koalitionsverbot erregen natürlich Erbitterung und ver- treiben die Leute vom Lande. Jeder Versuch, dies g e w.a l t s a m zu hindern, kann die Erbitterung nur steigern.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Fort mit diesen Ausnahmegesetzen! Die Arbeit der Landarbeit er frauen sollte möglichst auf die allernöligstc Erntezeit eingeschränkt bleiben. Diese Frauen haben doch genug häusliche Pflichten und führen heute ein wahres Martyrium; ist es ein Wunder, weirn sie in der Stadt ein besseres Leben er» hoffen?(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wie in der Stadt, so werden auch auf dem Lande gerade die intelli- gentesten und besten Arbeiter Sozial demo- traten, dafür fliegen sie aber unweigerlich vom Hofe und sogar dann, wenn Sie nur annehmen, sie könnten einen roten Zettel in die Urne gelegt haben. Ich halte es für sehr wenig vornehm, Menschen, die von mir wirb schaftlich abhängig sind, zu hindern, ihrer Ueberzeugung frei zu folgen.(Sehr gut! links. Lärm rechts.) Wir haben nicht» gegen die ausländischen Arbeiter, aber sie sollen mit den einheimischen Arbeitern völlig gleichberechtigt sein, sie sollen der Unfall- und Krankenversicherung usw. teilhaftig werden. Aber das ist Ihnen zu teuer und wenn es sich um Ihr Profitiutcresse handelt, dann geht Ihr Patriotismus zum Teufel, dann mag ganz Deutsch- land polnisch werden!(Lärm rechts.) Bei der Frage der Arbeitslosenvcrsichernng erklärten Sie, die Arbeiter sollten doch aus das Land zurückgehen. Nun, vor kurzer Zeit boten sich niir zwei ostpreutzische Arbeiter hier in Berlin an. Ich konnte sie nicht beschäftigen, trat mit drei Nachbarn, von denen ich wußte, datz sie nur die Hälfte ihrer Arbeiterstuben besetzt haben, in Verbindung, holte mir aber drei Körbe!(Hört I hört l bei den Sozialdemokraten.) Dann lassen Sie aber doch das Gerede, daß die Arbeitslosen aufs Land kommen sollen! Wir Sozialdemo» kraten wollen das platte Land nicht entvölkern und Ihre Güter nicht devastieren, denn wir wollen einst die Erbschaft antrete». Aendern Sie die Zustände auf denr Lande in dem Sinne, den ich Ihnen bezeichnet habe, dann wird es möglich sein, die Landflucht einzudämmen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. v. d. Osten(k.): Trotzdem mein Vorredner fast eine Stunde über ländliche Ver« hältnisse gesprochen bat. hat er doch nur eine sehr geringe Ahnung davon.(Abg. S t r ö b e l(Soz.j: Arroganter Kerl I) Präs. Graf v. Schwerin-Löwitz ruft den Abg. Ströbel zur Ordnung. Abg. v. d. Osten(fortfahrend): In den letzten Jahrzehnten sind die Löhne um 100 bis 299 Proz. gestiegen, während der Preisstand der Produktc sich nicht erhöht hat. Auch die Wohnungsverhältnisse haben sich ge- bessert. Die Leute auf dem Lande sehen den Großgrundbesitz als ein soziales Amt an.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Ihr (zu den Sozialdemokraten) ganjer Kummer besteht nur darin, daK> Sie auf dem Lande keinen Einfluß haben. Nicht Sie, sondern wir sind eine Arbeiterpartei. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Aber wir erstreben die Klassen- Harmonie, nicht den Klassenkampf.(Lachen bei den Sozialdemo- kraten.) Sie(zu den Sozialdemokraten) benutzen die Arbeits- vermittclunz zur politischen Agitation.(Beifall rechts.) Bor einigen Tagen bat der Abg. Hirsch gesagt, der Klassencharakter der Sozial- demokratie schließe nicht aus, daß diese Partei auch für die Jnter- essen der Allgemeinheit eintrete. Herr Hirsch bewies damit, datz er die Schriften der Größen seiner Pachei nicht kennt, vt würde sonst wissen, datz K a u t s k y und G 0 rt e r gerade>as Gegenteil ge« schrieben haben.(Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Abg. v. Oertzen(fk.): AiiK ich»mß die Vorwürfe des Abg. Hofer entschieden znriicklvcisen. Die beste» A r b e i t e r w o h n n ng e» in den Städten sind oft noch schlechter als die schlechteste» auf dem Lande, besonders trifft das für Mecklenburg zu. Auf denr Lande babeu die Arbeiter st e t S>» e h r e r e Zimmer, in den Städken nieistens nur eins. Die Gutsbesitzer sorgen in ihrenr eigenen Interesse für gute Wohnungen. Rechnet man die Naturalien niit, so find die ländlichen Arbeiter besser bezahlt, als die städtischen. Die Arbeitszeit loird vonr Weiter beeinflußt. Von schlechter Behandlung ist keine Rede, im Gegenteil leiden die kleinen Besitzer häufig unter der Unverschämtheit der Arbeiter, und müssen gute Miene dazu machen, da sich sonst leicht ein Stein in die Maschine verirrt. Der Arbeiterstrom aus Rußland ivird mit der Zeit versiegen, daher müssen wir die innere Koloni- sation fördern.(Bravo I rechts.) Abg. Hofer(Soz.): Dem Abg. v. d. Osten erwidere ich, daß ich nur Tatsachen an- aneinandergereiht habe und wenn der Abg. v. d. O st e n darin eine Hetzrede sieht, dann sind es die Tatsachen, die hetzen. Wenn die Landarbeiterlohne wirklich gegen früher um 100 bis 200 Proz. gestiegen wären, dann müßten die Landarbeiter früher u»i s o n st gearbeitet haben, sie verdienen doch jetzt erst pro Familie höchstens 800 M. Dagegen sind die Preise der land- wirtschaftlichen Produkte, speziell des Fleisches, gegen früher um 100 Proz. gestiegen. Vor einigen Tagen noch erklärten Sie uns als eine Klassenpartei der Arbeiter, und heute sprechen Sie uns den Charakter einer Arbeiterpartei ab. Natürlich vertreten wir nicht die Interessen der Gutsbesitzer, sondern die von 0 0 bis 95 Proz. des gesamten Volkes. Ihre Maßregelungs- sucht entspringt nur der Furcht vor den Arbeiterverbänden, und Sie verwerfen auch die christlichen Arbeilerverbände. Den, Abg. v. O e r tz e n erwidere ich, daß zwar manche Schlaf- burschen in der Stadt schlecht wohnen, das; aber sonst die Wohnung? Verhältnisse in den Städten ungleich bessere find. Die Arbeiterzentrale bedroht jetzt zahlreiche aus- ländische Industriearbeiter, die seit Jahren in Deutschland sind, mit Ausweisung, wenn sie nicht aufs Land gehen und Stellung suchen. Dieses unerhörte Verfahren will ich hier doch brandmarken. Uebrigens vertreibt die Massenzufuhr slawischer Aus« l ä n d e r auch die heimischen Arbeiter, die aus gewissen Gründen mit diesen Leuten und Lohndrückern nicht zusammenarbeiten wollen. (Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Hirsch(Soz.): Ich werde kurz auf die Ausführungen des Abg. b. d. Osten eingehen, der das von Kautsky bevorwortete Buch von Gorter über den„Historischen Materialismus" hier angegriffen und zitiert hat. Cr hat auf eine meiner Aeußerungen, die besagte, daß wir Sozialdemokraten den Interessen der Gesamtheit dadurch am besten dienen, daß wir die Interessen der Arbeiterklassen wahrnehmen, Bezug genommen und daraus gefolgert, daß mir die Anschauungen der Größen meiner Partei nicht bekannt seien. Ueber das Buch von Gorter und die K a u t s k h s ch e Vorrede wurde schon ein- mal hier im Februar 1910 gesprochen. Schon damals bewies ich, daß die Zitate zum allergrößten Teil gefälscht waren. (Hört! hört! bei de» Sozialdemokraien.) Trotzdem der Abgeordnete v. d. Osten doS Buch mit auf die Tribüne gebracht hat, muß ich ihn, den Vorwurf machen, daß er falsch zitiert hat. Er hat folgende» Satz von Kautsky verlesen:„Und wo Proletarier auf die Gegnerschaft der Kapitalisten stoßen, sind sie auch zu unbedingter Wahrhaftigkeit diesen gegenüber verpflichtet". Dann übersprang er einen, wie er sagte, nebensächlichen Satz. Aber gerade dieser Satz lautet:„Wer Zvollte etwa von streikenden Arbeitern verlangen, daß sie den Kapitalisten die volle Wahrheit über den Stand ihrer Streikkassen nritteilen".(Hört I hört I bei den Sozialdemo- kraten.) In dieser Weise springt man hier mit der Wahr« heit um. Ebenso verhält es sich mit einer anderen Stelle, die Herr v. d. Osten zitiert hat. Es wird also nur das gesagt, was gegen uns ausgeschlachtet werden kann und zwar nur deshalb, ausgeschlachtet werden kann, weil man die entscheidenden Stellen ausläßt. Sie sollten sich hüten, ein Buch gegen uns auszuspielen, das Sie nicht verstehen und dessen Enlstehungs- geschichie Sie nicht kennen. Dieses Buch richtete sich gegen die Be- hauptung eines früheren Sozialdemokraten, daß die führenden Ge- »offen die Massen belügen dürften. Es hatte also einen s i t t- I i ch e n Zweck, trotzdem stellt man es hier als sittenwidrig hin!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) KcmtSky selbst bat sich längst öffentlich gegen eine solche Mißdeutung gewandt. Mag OrtskrailktMlisse silrdllsKuOrllckgrwerbk f» Kerlin. Jnjolge unserer Bekanntmachung vom 22. Dezember 19(3, betreffend die Wahlen der Vertreter und der Ersatzmänner zum Ausschuß der Kasse für die Zeit bis 31. Dezember 1917, find von den Versicherten zwei Wahl- vorschlage beim Vorstände eingereicht worden, welche beide als gültig aner- kannt sind. Der erste Wablvorschlag, eingereicht durch die Herren Albert Massini und Rudolf Mbrecht, beginnend mit dem Namen Albert Xlasslnl und endigend mit dem Namen Ernst Barschat, erhielt die Bezeichnung Liste I. Der zweite Wahlvorschlag, eingereicht durch die Herren Franz Kleefoth und Ernst Silex, beginnend mit dem Namen Wilhelm Fischer und endigend mit dem Namen Max Walter, erhielt die Bezeichnung Liste IL Die Wahlvorschläge können im Kassenlokal, Alexandrinenttr. 44, Hof links II, wöchentags in der Zeit von vormittags 8 Uhr bis nach« mittags 3 Uhr eingeichcn. auch die Wahlausweise für die Mitglieder in Empsang genommen werden. Die Wabl findet anr Sonntag, den 15 Februar 1914, von vormittags 9 bis nachmittags 2 Uhr, in den in! unserer Bekanntmachung vom SÄ. Dezember 1S13 angegebenen BSabllokale» statt, dieselben sind aus der Rückseite der Walilausweiie aufgeführt. Der Stimmzettel hat die Ordnnngsnummer des Wahlvorschlages zu culhalten. sür die der Wähler stimmen will. Es muß von weißer Farbe und einer Größe von 10X8 cm sein. nun die O effentlichkeit beurteilen, ob bei Herrn v. d. Osten Mangel an Verständnis oder an Wahrheitsliebe vorgelegen hat.(Beifall, bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Der Abg. v. Oertzen hat vorhin mitgeteilt, daß er mich vor zwei bis drei Jahren besuchte, abxr das erbetene Material zur Be- gründung unserer dlritik der ländliche» Zustände nichr erhalten habe. Er kam damals so überraschend, daß ich Material zu meiner Angabe über die. sozialen Verhälmisie auf dem Lande nicht zur Vorlegung hatte sammeln können; aber wenn er sich in das Bureau des Verbandes der Land-, Wald- und Weinbergs- arbeit er begeben will, wird er dort wohl mehr solches Material vorfinden, als ihm lieb sein dürfte.(Zustimmung bei den Sozial- demokraten.) Abg. v. Kessel(k.) wünscht Blumenschmuck für das Gebäude des Landwirtschafts- Ministeriums. Die weitere Debatte beschäftigt sich mit der wirt- schaftlichen Lage des Eichsfeldes, mit Meliorationsfragen örtlicher Natur usw. Die Abgg. Graue(Vp.) und v. Oertzen(fk.) treten sür den Aus- bau der Wasserleitung für die Lbstpflanzungen zu Werder an der Havel ein. Abg. Ad. Hoffmann(Soz.>: In W e r d e r sind wirklich Obstparadiese aus dem Nichts ge- schaffen. Wenn aber arme Leute sonst in der Mark, ohne Staals- Hilfe zu verlangen, sich bestreben, auf wüstem Land Obst zu züchten, so soll man sie nicht durch die Polizei von ihrem Boden weg- Hetzen.(Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Abg. Bethge(k.) begründet einen Autrag, der die Regierung ersucht, die nötigen Mittel zur Ausgestaltung des Instituts sür allgemeine Bererbungs- lehre und. Züchtungslehre in den Etat einzustellen und betont den Wert dieser Forschungen für die Hebung der Viehzucht und der Zuckerrübenkultur. Abg. Freiherr v. Loc(Z.) unterstützt diesen Antrag. Minister Freiherr v. Schorlcmcr: Das gewünschte Institut soll der Universität Berlin angegliedert werden. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, inwieweit eine Erhöhung der Mittel erforderlich ist. Der Antrag wird angenommen. Ohne Debatte wird der Etat des Landeswafteramtes bewilligt, womit die Beratung des LandwirtfchaflsetalS beendet ist. Der Gcstütsetat. Die Abgg. Dr. Becker Köln(Z.). v. Plcwe(k.) und Wachhorst de Wcnte(natl.) sprechen über Pferdezuchlfragen und wünschen, daß die Remontekommissiouen ihre Ankäufe weniger bei den Händlern und mehr bei den Züchtern bewerkstelligen. Abg. v. Oertzen(fk.) spricht gegen eine Konzessionierung von Buchmachern. Die Weiterberatung wird vertagt auf Donnerstag 11 Uhr; außerdem Domänenetat. Schluß S»/« Uhr.___ Gerichtszeitung. Unschuldig verurteilt. In Leipzig hatte dieser Tage das Jugendgericht in einem Wiederaufnahmeverfahren gegen das 18 Jahre alte Hausmädchen G. zu verhandeln, das im Juni v. I. wegen Diebstahls und Unter- schlagung zu vier Wochen und einem Tag Gefängnis verurteilt worden war. Das Mädchen war bei einen? Gastwirt Cajeri in L.-Gohlis in Stellung gewesen und hatte sich gut geführt. Im Januar 1018 vermißte Frau C. plötzlich eine goldene Uhr mit Kette, die sie zuletzt einige Wochen zuvor getragen hatte. Weil nun unter den Sachen der G. einige der Herrschaft gehörige wertlose Kleinigkeiten entdeckt wurden, kam das Mädchen in Verdacht, Uhr und Kette, deren Wert auf 300 M. angegeben wurde, ge- stöhlen zu haben. Einem Kriminalschutzmann gestand es— wie es angab, durch die Vernehmung ganz verwirrt— auch ein, Uhr und Kette an sich genommen, dann aber verloren zu haben. Später widerrief die G. ihr Geständnis. Das Gericht glaubte ihr aber nicht, sondern verurteilte sie zu der angegebenen Strafe, wobei ihr :,lügenhaftes Wesen" strafschärfend in Betracht gezogen wurde. Im Tcpteinbcr wurden dann Uhr und Kette, in einem Papier« licutcl verpackt, iin Schreibtisch des Herrn C. gefunden. Die Eheleute C. bekundeten als Zeugen übereinstimmend, daß es ausgeschlossen sei/ daß das Mädchen nachträglich die Gegen- stände dahin gelegt haben könnte. Sic nahmen vielmehr an, daß sie von ihnen selbst dahin gelegt und dann vergessen worden sind. Das Gericht kam nach dieser Beweisaufnahme zur Freisprechung der Angeklagten und legte die Kosten der Staatskasse auf. Das Mädchen war also mit knapper Not dem Gefängnis entgangen. Unverständlich bleibt es aber, wie die Dicnslhcrrschost in so leicht- fertiger Weise ein unbescholtenes Mädchen ohne genaue Prüfung der Sachlage verdächtigen, in ihrer Ehre kränken und in ihrem Fortkommen so schwer schädigen konnte. Dem Mädchen war jede Möglichkeit genommen, Diensisielleir zu bekommen, zu denen ein Zeugnis verlangt wurde, denn in diesem war angegeben worden, dag die G.„unter dem schweren Verdacht des Diebstahls" entlassen worden sei. Etwas vorsichtiger sollten Herrschaften und auch Jugendgerichte doch mit der Ehre und der Existenz anderer um- gehen, auch wenn es sich„nur" um Dienstboten handelt. Haftet der Vaumeisier? Das Reichsgericht hat am Montag die Revision der Stadt Lichtenberg in dem Prozeß wegen Schäden des städtischen Eick- trizitätswerkes zurückgewiesen. Im Jahre 1003 zeigten sich am Gebäude des städtischen Elektrizitätswerkes zn Lichtenberg beim Betrieb der Svo-Pferbekraft-Gasmaschincn erhebliche Schwingun- gen. Zu deren Beseitigung wurde von einem Regierungsbaumeister ein Umbau vorgenommen. Nach Fertigstellung des Umbaues zeigten sich an den neuen Fundamenten Risse, die erhebliche Nach- teile sür das städtische Werk zur Folge hatten. Die Stadt verlangte Schadenersatz. Der Baumeister klagte darauf sein Resthonorar ein und verlangte gerichtliche Feststellung, daß der Stadt Schaden- ersatzansprüchc gegen ihn nicht zustehen. Die Sachverständigen begutachteten, daß die Rißbildung an den Fundamenten nicht auf eine Schuld des Klägers zurückzuführen sei. Tie Stadt unterlag in allen drei Instanzen. Amtsunterschlagung? Eigenartige Manipulationen mit städtischen Geldern haben dem Bureanassistcnten Gerhard Becker eine Anklage wegen Unter- schlagung im Amte eingebracht, die ihn gestern vor die 1. Straf- kammer des Landgerichts I führte.— Der Angeklagte, welcher in der Steuerannahmestelle am Luisenufer als Bureauassistent an- gestellt ist. ist mehrfacher Hausbesitzer und verfügt auch über ein größeres Bardepot. Wiederholt kain er mit seiner eigenen Equi- page des Morgens zum Dienst gefahren, ebenso ließ er sich nach Dienstschluß wieder abholen. Bon den in jenem Bezirk ansässigen Zensiten wurden wieder- holt die fälligen Steuerbeträge mit einem Scheck beznhlt. Es fiel deshalb auch nicht weiter auf, als sich eines Tages in der Kasse ein Scheck über 1400 M. befand, der die Unterschrist..G. Becker" trug. Als dieser Scheck der-betreffenden Bank zur Einlösung vor- gelegt wurde, verweigerte die Bank die Annahme, da das in Frage kommende Konto nur noch 1377 M. betrug, der Scheck also über- zogen war. Es stellte sich hesaus, daß der Aussteller des Schecks der jetzige Angeklagte war, der einfach aus der Kasse 1400 M. bares Geld entnommen und dafür den Scheck hineingelegt hatte. Es ergab sich ferner, daß der Angeklagte ähnliche Manipulationen schon wiederholt vorgenommen hatte.— Die Staatsanwaltschaft erblickte hierin eine Amtsuntcrschlagung und erbob A"klage. Vor Gericht behauptete der Angeklagte, daß er irrtümlich der Meinung gewesen sei, daß sein Konto bei jener Bank noch über 1400 M. betrage, so daß der Scheck anstandslos eingelöst worden wäre. Jedenfalls habe er nicht geglaubt, daß er sich durch eine derartige Handlung strafbar mache. Der Staatsanwalt bentragte die med- rigste zulässige Strafe von 3 Monaten Gefängnis. Der Auge- klagte habe keinesfalls annehmen können, daß die Eigentümer des Geldes, im vorliegenden Falle die Stadt Berlin und der Släat, damit einverstanden sein würden, daß einer ihrer Beamten mit den amtlichen Geldern derartige Wechselgeschäfte vornehme. Rechtsanwalt Dr. Kirschbcrg wies darauf bin, daß erst jetzt von dem Magistrat eine besondere Dienstanweisung erlassen sei, in welcher derartige Handlungen mit städtischen Geldern verboten worden seien. Das Gericht gelangte zu der Ansicht, daß zwar objektiv eine Amtsunterschlagung vorliege, dagegen sei in subjek- tiver Hinsicht dem Angeklagten nicht nachgewiesen, daß er da? Bewußtsein der Rechtswidrigkeit gehabt habe. Das Urteil lautete oeshalb aus Freisprechung. Von den ZEbeitgebern ist nur ein Wahlvorschlag, eingereicht durch die Herren Artur' itvcholcm und Franz Francke, beginnend mit dem Namen Dr. Gustav Breithaujit�(in Firma Hempel u. Co.(8. m. b. H.) efried Lesser(in Firma Eyck u. s(TQ k T n rt v~r riedländer) eingegangen; derselbe wurde'ebenfalls als gültiger Wahlvor- to' und endigend mit dem Namen �»lexlrled Friedländer) eing schlag anerkannt. Die in dieser Liste an erster Stelle benannten fünszehn Arbeitgeber gelten nach§ 9 der Wahlordnung ohne Wahlgang als Vertreter der Arbeit- geber im Ausschuß der Kasse bis zum 31. Dezember 1917, die in der Liste weiter benannten dreißig Arbeitgeber als deren Stellvertreter für die gleiche Zeit gewählt. Die Gültigkeit der Wahl kann innerhalb eines Monats nach der Be- kanntmachung des Wahlergebiiiffcs bei dem Kassenvorstand oder dem Ver- jicherungsamt der Stadt Berlin ailgcsochtcn werden. 207,11 Verlin, den 26. Jamiar 1914. Der Vorstand: J. B I e n z, Vorsitzender. Otlo Wonitzki, Schriftführer. io haben In Flaschen«on 10 Pf.e* Fabiik: Chemische Werke Luösryns kl i Ca Aktiengcselischalt, Berlin- Lichtenberg. Heines Werke 3 Bände 4 ZNark- Buchhandlung vorwärt« AetAntwortllcher' Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.. Für de» Inseratenteil vercmtw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag:VorwärtLBuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SWT"