Kr. 39. i l Pfennig) Montagsausgabe( Pfennig) BbonncmcnfS'Bcdingungcn: Lbonncmcnts- Preis prLnmncrmido: Lierteljäbrl. Mk, monatl. 1,10 äJ!k., wöchenÄiÄ 33 Pfg. frei WZ HauZ. Einzelne Nummer 5 Pfg. SonnlagS- nummcr mit illuilricrier Sonntags- Beilage»Tie Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Jeitungs- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich, Ungarn 2,50 Mark, für das übrige Ausland •4 Mark Uro Monat. PostabonnementZ nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Crldicint ldglich. 3L Jahrg. Die TnfertionS'Gebflbr bewägt für die scchsgespaUenc Kolonel- zeile oder deren Raum 00 Pfg.. silr politische und aewerlschastlichc Vereins- und Pcrfaminlnungs-Atizeigcn SO Pfg. „Aleine Alnreigen", das fettgedrutlie Wort 20 Pfg.(zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes wntere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlasslellenan- zeigen das erste Wort 10 Plg.. jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IZ Bucki- stabcn zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste igummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition isl bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „ZsützlckemdllkiU RcrUa". Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: 8M. 68, Lindenftraßc 69. Fernsprecher: Amt Moripplat,. Nr.»983. Montag, den 9. Febrnar 1�14. Expedition: 8(0. 68, LtndenstraOe 69. Zpernsvrecher: Amt Moriünknti, Nr. A98ck. veutjche Hunöeöemut. Das Wort stammt von dem ivackeren I u st u s Moser und geprägt wurde es in der zweiten Hälfte des trübseligen achtzehnten Jahrhunderts, als der Bürger, vor allem in Preußen, wirklich als Hund behandelt wurde von den Macht habern und zumal von den hochedlen Herrn im bunten Rock und mit der Plempe an der Seite. Tanials, vor Jena und Auerstädt, war es an der Tagesordnung, daß höhere wie niedere Offiziere unbegueme Bürger beschimpften, prügelten und einsperrten, damals kam es wohl vor, daß der Gouver neur von Breslau Wirkliche Geheime Räte mit Schlingel und Esel anschnauzte und mit dem Stock bedrohte, damals konnte es sich ereignen, daß der Gouverneur einer anderen preußi scheu Stadt, troh des entsetzten Einspruchs der Bürger, auf einem Friedhof die Kreuze ausreißen und die Grabsteine cnt- fernen und auf der geweihten Stätte einen Exerzierschuppen für ein in der Nähe kasernierendes Regiment errichten ließ. Das. war, wie gesagt, vor Jena und Auerstädt. Nachher wurde es. unter dein Druck der Not in der Zeit der Fran- zofenherrschaft, etwas anders und ein wenig besser, und als ein in der Wolle gefärbter märkischer Junker wie der Herr v. d. M a r w i tz, der mit all seinen Anschauungen in der Zeit der Erbuntertänigkeit wurzelte, sich in dcni Preußen nach der Ctein-Hardcnbcrgfchen Reformgcsetzgebung und der Schani- horstschen Armeereform umschaute, schien ihm die Welt auf dem stopf zu stehn. Umflorten Blicks klagte er besonders darüber, daß jetzt der Willkür des Offiziers durch Gesetz- ilnd Gericht Schranken gezogen würden: „Kein Offizier hat persönliche Autorität� keiner darf es wagen, einen w i d e r s p e n st i g c n Unter- ge denen zu bestrafen, weil sich immer irgendein Umstand findet, aus dem demonstriert wird, er habe feine Befugnis überschritten,. Ivao ihn denn unfehlbar auf die Festung bringt. Also beständige Anzeigen und Untersuchungen, wodurch denn die ganze militärische Disziplin einzig und allein in den Händen der Militärjustizbeamten, der Auditeure, liegt. Diese sind nun schon an und für sich, wie alle Rechts- gelehrten, die ärgsten Demagogen, und sodann haben diese zahlreichen Untersuchungen auch schon längst die Kriegs- artikel unzulänglich gemacht. Daher hat denn das Allgemeine ltändrecht auf die Militär-Untersuchungen und-Bestrafungen an- gewendet iverden müssen. Dieses aber ist auf die Freiheit und Gleichheit gegründet und wird nun angewendet auf einen Stand, dessen Wesen in der vollendetsten Ungleichheit be- steht, und in welchem der eine Stufe höher Stehende oder nur um einen Tag Aeltere die unbedingte Gewalt haben soll über den Niederen und Jüngeren!" Und an anderer Stelle janimertc derselbe Junker, kein General gelte etwas, sobald ein älterer da sei, und selbst der älteste und vornehmste müsse sich von jeder Zivilbehörde auf der Na sc spielen lassen. Stiege der selige M a r w i tz heute aus seinem Erb- begräbuis auf, er wischte sich die Augen und rief entzückt: Hallclujah! Es ist alles wieder wie vor 1806! Wieder werden Bürger von Offizieren beschimpft, geprügelt und eingesperrt — siehe den Schloßplatz und den Pandnrenkeller von Zaber»! Wieder werden Räte nicht vorn Gouverneur, sondern vom ersten besten Leutnant angeschnauzt und bedroht— siehe die Zaberner Landgerichtsräte und den Leutnant Schad! Und nicht wie in der Zeit, da Marwitz seine Klagelieder Jere- irnae anstimmte, müssen sich alte und vornebme Generale von jeder Zivilbehörde auf der Nase spielen lassen, sondern um- gekehrt spielt jeder Stabsoffizier den Zivilbehörden auf der Nase herum— siehe den Obersten v. Reuter und sein Verhältnis zur Zivilgewalt in Zabern! Auch kommt es im Zeitalter der glorreichen Putativnotwehr nicht mehr vor, daß ein Offizier seine Befugnisse überschreitet— siebe den Lent- na.lt v. Forst» er in Tettweiler!— und gar die Militär- justizbamteil sind heute alles andere als die„ärgsten Dema- gogen"— siehe die Kricgsgerichtsräte Osiaudcr und M e d i c u s in Straßburg I Was aber auch genau so in Blüte steht wie damals ist die deutsche Hundedcmut. die Hnndedeinut des mit Schimpfworten lind Ohrfeigen. Kolbenstoßen und Fußtritten bedachten deutschen Bürgertums. Als nach der zweiten Zaberndebattc die bürgerlichen Parteien Hahn in Ruh koinmaiidicrt hatten, kam. als wollten die Militärorgane zeigen,>vas sie sich alles leisten können, der Zwischenfall in Sablon bei Metz. Trotz der Ableugnungsvcrsuche des Gene- ratkommandos des 16. Armeekorps hält die„Frankfurter Zeituckg" ihre Darstellung aufrecht, nach der ein paar Loth- ringer, die bei der Kaisergeburtstagsfeier des 20 Pionier- bataillons dem Konzert lauscksten. aus deni Saal verwiesen wurden, weil sie sich in ihrer Muttersprache auf Französisch unterhielten. Sie begaben sich in den Wirtschaftsraum und setzten hier die Unterhaltung fort. Als ein anderer Offizier merkte, daß die Einheimischen auch hier»icht zu der ihnen gar nicht geläufigen deutschen Sprache übergingen, holte er den Major und sagte zu ihm:„Die Leute sprechen ostentativ französisch, um die Kaiserfeier zu stören."(!) Darauf erklärte Major Muth sofort:„Dann werden die Leute verhafte t." Derjenige der vier Lothringer, der sich am besten deutsch ausdrücken konnte, erklärte dein Major, daß er und seine Freunde durchaus nicht die Absicht hätten, das Fest zu stören. Aber der Major fuhr sie an:„Sie haben den Mund zu halten und zu antworten, wenn sie gefragt werden." Darauf„entfernte der Major bellt einen der Lothringer die Mütze vom Kopfe, indem er sagte: „Bor einem preußischen Major haben Sie die Mühe abzu- nehmen." Da einer der Lothringer bemerkt hatte, daß er und seine Freunde aus Familien stammen, die französisch sprechen, soll der Major noch gesagt haben:„Die guten Franzosen sind alle weg, und was hier geblieben ist, ist nur K r c t i und P l e t i fünfter und sechster Klasse." Darauf wurden die Schwerverbrecher von vier Unter- ossizieren und einer unterwegs requirierten �Patrouille auf das Bürgermeisteramt gebracht und dort nach Feststellung ihrer Namen und Wohnungen sofort entlassen. So weit der Tatbestand, der weit schlimmer ist. als lvas anfangs in Zaber» geschah, und der wie ein verwüstendes Hagelwetter auf die„Germanisierungserfolge" in dem ach! so friedlichen Lothringen niederschlagen muß. Während der „oberste Kriegsherr" des Herrn Majors Muth. während Wilhelm II. sich mit eingeborenen Lothringern- mit Vor- liebe auf Französisch zu unterhalten pflegt, werden hier einige ruhige Bürger, weil sie sich ihrer Muttersprache be- dienten, niederträchtiger behandelt, als es überführten Lcr- blechern gegenüber ertaubt wäre, und indem einem der Bürger von dem Offizier die Mütze vom Kopf geschlagen wird, erreicht militärische Anmaßung und militärische Will- kür ibren Gipselpunkt. Und das oppositionelle bürgerliche Deutschland? Es rührte sich kaum. Wie es in welken Blättern raschelt, so raschelte ein jäher Windstoß der Eni- rüstvng durch ein paar fortschrittliche Blätter, und dann schlief alle? wieder ein. Während eine selbstbewußte bürger- liche Klasse, der so von übermütigen Kriegern mit- gespielt wird, auffahren mußte in der Weisglut des Zorns über getretene Menschenwürde und drcinschlagen müßte, daß es Scherben gibt. Wenn statt dessen die bürgerliche Klasse Teutschlands höchstens hinter dem warmen Ofen die Faust ballt, so nicht nur. weil sie in den Maschinengewehren die Wellenbrecher der sozialen Revolution sieht. Auch Frankreichs, auch Eng- lands Bourgeoisie läßt es sich gern gefallen, daß die Armee als Hiiterin des bedrohten Kapitalprofits aufmarschiert, aber webe dein Offizier in Frankreich, wehe dem Offizier in Eng- land, der wie Reuter und Mu th dem Bürger gegenüber aufzutrumpfen wagte! Sie würden von heute auf morgen weggefegt werden, und keine Berufung auf eine vergilbte Kabinettsorder könnte sie retten. Das macht: Frankreichs und Englands bürgerliche Klasse hat sich ihr volitisches Schicksal im Feuer einer großen Revolution selbst gc- schiniedet. während der revolutionäre Anlauf der bürger- lichen Klasse Deutschlands in Halbheiten stecken blieb und schließlich die Revolution von oben init Hilfe der preußischen Bajonette vollendete, was die Revolution von unten nicht zuwege brachte. Während darum drüben die revolutionäre Ueberlicferung verpflichtet und selbstbewußt macht, hängt hüben dem deutschen Bürgertum seine trübe politische Ver- gangenheit heute noch nach und duckt es unter die Bajonette der Soldateska. Nie und nie bat dieses Volk in seines Herzens Tiefen empfunden, was bürgerliche Freiheit heißt, und bei diesem deutsckle.n Biirgertum läuft alles auf das bitter ironische Wort Bambergcrs hinaus:„Hunde sindZvir ja doch!" Und Hunde müssen geprügelt werden! der Streikbrecheragent als Totschläger. Deutschland kann stolz sein afg sein organisiertes Streikbrccher- gesindel. Darum auch rufen die Kulturträger vom Schlage der W c ft a r p und Genossen immer wieder nach erhöhtem Schutz der Arbeitswilligen, nach neuen Drangsalierungcn der Arbeiter- klaffe. Endlos ist die Liste der Untaten, die durch Streikbrecher und ihre Agenten bei deutschen Streiks begangen wurden: straflos begangen wurden. Aber das bisherige Betätigungsgebiet wird den Arbeitswilligenagcntcn und ihrer Ware zn klein. Man beginnt, die deutsche Streitbrcchcrkultur auf das Ausland zn verpflanzen. Gelegenheit zum Export Arbeitswilliger bietet zurzeit der B u ch- drucker streik in Oe st erreich. Mit welchem Erfolg, lehrt das folgende uns am Sonntag aus B 0 d c n b a ch zugegangene P r i v a t t e l e g r a m m: Der Buchdrucker Solinger wurde heute von dem bekannten Streikbrecheragcnten Keiling aus Berlin im Hotel„Stadt Prag" zu T e t s ch e n durch einen Schuß schwerverletzt. An dem Aufkommen des Verletzten wird gezweifelt. Wer daö Vorleben dieses Schützlings des Unternehmertums kennt, konnte keinen Augenblick im Zweifel sein, daß Keiling seine ruhmvolle Laufbahn bei passender Gelegenheit mit einer solchen Bluttat krönen würde. Sieht doch seine Straflifte also aus: 1. 1892 wegen Körperverletzung 4 Wochen Gefängnis. 2. 1892„ Körperverletzung 6 Wochen Gefängnis. 3. 1897„ Betrug 2 Wochen Gefängnis. 4. 1897„ Kuppelei 9 Mon. Gefängnis, 3 Jahre Ehr- Verlust und Polizeiaussicht. 2. 1897„ Körperverletzung 9 Mon. Gefängnis. L. 1899 ,. Uebertretung 1 Monat Haft. 7. 1899., B e t r u g 2 Mon. Gefängnis. 8. 1999 ,. Betrug im Rückfall t> Mon. Gefängnis. 9. 1991„ Diebstahl 9 Mon. Gefängnis und 2 Jahre Ehrverlust. 19. 1991„ D i c b ft a h l 3 Mon. Gefängnis. 11. 1992„ Uebertretung 1 Woche Haft. 12. 1992„ Diebstahl 19 Mon. Gefängnis. 13. 1993„ Hehlerei 8 Mon. Gefängnis und 1 Jahr Ehrverlust. 14. 1991„ D i e b st a h l im Rückfall 1 Jahr 3 Monate Zucht- Haus und 2 Jahre Ehrverlust. 12. 1997„ Betrug im Rückfall 1 Jahr Gefängnis und 3 Jahr Ehrverlust. 16. 1997 Betrug 1 Jahr 6 Mon. Gefängnis und 3 Jahre Ehr- Verlust, unter Einrechnung der Strafe zu 12. 17. 1912.„ Nötigung und F r e i h c i t s b e r a u b n g 1 Monat Gefängnis. Wahrlich, es ist hohe Zeit, daß das Ausland sich vor der aus Deutschland eindringenden Strcitbrecherseuchc durch einen Pest- kordon schützt. Gegen öen Rüftungswahnflnn. Ter von der Stockholmer Arbeiterschaft beschlossene De- m 0 n st r a t i 0 n s z u g gegen die Rüstungstreiberei fand am Sonntagnachinittag unter ungeheurer Beteiii« g u n g statt. lieber die prächtig verlaufene Demonstration meldet uns ein P r i v a t t c l e g r a m m: Stockholm, 8. Februar. Mit helleuchtenden roten Fahnen und Vorantritt von Musikkorps demonstriertcu heute nach- mittag 43 000 organisierte Arbeiter gegen die Riistungs- treiber und für die internationale Verbrüderung. Es war die größte Masseiidenionstration, die Stockholm je gesehen und übertraf fast um die Hälfte den von den Gegnern vor einigen Tagen veranstalteten„Bauernzug". Genosse Brau- t i n g hielt an den M i n i st e r p r ä s i d c n t e n S t a a f f, der den Zug, der 3K- Stunden zum Vorbeimarsch gebrauchte, begrüßte, eine Ansprache, die sich gegen M e h r- forderungen für Militär- und Marinezwecke und Ver» längerung der Dienstzeit richtete und sich für Begren- zung und Verminderung der militärischen Lasten anssproch. Schließlich wurde darin zur Arbeit in Frieden und Brüder- lichkeit aufgefordert. Ter Ministerpräsident erwiderte, er schließe sich der Auf- forderung zum Frieden und zur Briidertichkeit aller Völker wann an. Weiter wies der Minister erneut auf die Neu- Wahlen hin, die im Fall der etwa notwendigen Verlängr- rung der Dienstzeit der Jnfautcric eintreten sollten und gab die Zusicherung, daß er da? volle konstitutionelle R e g i in e gegen ein persönliches Regiment in Schutz nehmeu werde. Tie Frage über die Verlängerung der Dienstzeit der Jnsantorie müsse dem Volke g e- legentlich der Wahlen vorgelegt werden. Tie Regierung werde, von dieser Forderung niemals ab- weichen. Dem Zuge folgte eine große Zuschauermenge, die, ebenso wie die Teilnehmer am Temonstrationszuge, wiederholt Hochrufe auf die Republik ausbrachten. der Handstreich der dreiklasten- männer. Die brave„Ordnungspressc" stellt cS in ihrem unverwüstlichen Wahrhcitsdrang so dar, als ob die Sozialdemokratie aus purem Uebcrmut einen Krawall inszeniert habe. Denn der Vizepräsident Krause sei ganz im Rechte gewesen, wenn er bei der Beratung der Einzeltitcl des Justizctats keine Fortsetzung der General- debatte geduldet habe. Diese Sorte von Presse lebt ja nur vom politischen Schwindel und es wäre deshalb eine unbillige Zu- mutung, von ihr nun gerade in diesem für die Ordnungspartcien des Dreiklassenhauses so blamablen Falle einen ihr so ungewohnten Akt des AnstandeS zu erwarten. Mögen„Deutsche Tageszeitung", „Post" und„Germania" den Sachbcrhalt noch so plump entstellen, die Volksmassen, die es angeht, erfahren dennoch die Wahrheit. Eine Lesart jedoch sei der Kuriosität wegen besonders er- wähnt. Danach hätten die bösen Sozis die ganze Geschichte abge- kartet. Sie hätten dem ahnungslosen Präsidenten arglistig die Schlinge gelegt, in der er sich verhedderte. Die schlecht verhehlte Schadenfreude der roten Gruppe beweise das. Ztun, wäre dem so, so könnten wir uns zu der Pfiffigkeit unserer Landtagsfraktion nur gratulieren. Aber diesmal war es wirklich nur das alte Schwcineglück, das der Sozialdemokratie die Genugtuung bereitete, das Dreiklassenhaus sich bis auf die Knochen blamieren zu sehen. Denn wie hätte unsere Fraktion wissen können, daß sie es im ge- gebenen Moment gerade mit dem„liberalen" Präsidenten zu tun haben werde? Und selbst wenn ihr diese Prophetengabe verliehen wäre, wie hätte sie selbst Herrn Krause für so gottverlasien halten können, gerade beim I u st i z etat durch einen ungeheuerlichen Um- stürz aller bisherigen Geschäftsführung den Beweis dafür zu lie- fern, daß für die Machtgelüste der Dreiklassenhausmehrheit alle Garantien des Rechtes eitel Spinneweben sind?!... Aber auch die fortschrittliche Presse, die obendrein durch die Wortabschneidung des Herrn Cassel sogar ganz direkt an der Sache interessiert ist, scheint die Tragweite des präsidialen Willküraktes, dem die Mehrheit des Junkerparlaments seinen Segen gab, noch nicht recht begriffen zu haben. Man sieht nur die humoristische Seite der Sache: datz es Liebknecht schließlich doch gelang, durch einen geschickten Schachzug die Rede von A bis Z zu halten, die nach dem Machtgebot des Herrn Krause und des reaktiv- nären Blocks nur bei der Generaldebatte hätte gehalten werden dürfen. Gewiß, der Humor dieser Tatsache ist geradezu überwälti- gend. Der Präsident entscheidet: bei den Einzeltiteln dürfen keine Fragen mehr behandelt werden, die bereits in der Generaldebatte Erwähnung fanden oder sonst allgemeinere Bedeutung beanspruchen können. Das Haus billigt durch zweimalige Abstimmung diese Entscheidung. Als aber Liebknecht zum nächsten Einzeltitel einen Antrag im Sinne seiner beabsichtigten Ausführung einbringt, kann er die so feierlich untersagte Rede anstandslos halten! Ein Be- weis der Unsinnigkeit und UnHaltbarkeit des vom Präsidenten und dem Hause eingenommenen Standpunktes, wie er drastischer gar nicht gedacht werden kann. Aber das Lächerliche der Affäre verschwindet gegen das Em- p ö r c n d e, das ihr innewohnt. Oder ist es nicht empörend, daß man sich erst durch Pfiffe und Kniffe das bisher nie verschränkte Recht erlisten mutz, wichtigste Beschwerden gegen die in Rede stehenden Beamtentategorien vorzutragen? Ist es nicht ungeheuer- lich, daß das Haus beim Titel„Amts- und Landgerichte" nur noch über die Schaffung neuer Landgerichte oder Gehaltsfragen und dergleichen Sachen sprechen lassen will, nicht aber über die Amts- führung derer, deren Gehaltsbewilligung in Frage steht?! Man stelle sich vor, daß diese neue Praxis konsequent durch- geführt würde. Zum Beispiel gleich beim Ministerium des Innern, dessen Beratung heute beginnt. Dann dürfte beim Spezial- titel„Landräte" höchstens noch über das Schreibwerk in den Land- ratsstnben gesprochen werden, während doch Jahr für Jahr hier die umfangreichste Aussprache über das ganze ostelbierhafte Regi- ment der Herren Landräte stattfand. Wir wetten 1000 gegen 1, daß man die am Sonnabend vom Präsidenten und vom Haus be- schlossene neue Praxis schleunigst wieder preisgibt, selbst wenn Herr Krause das Pech haben sollte, in höchsteigener Person das Präsi- dium zu führen. Aber gerade wenn man beim Ministerium des Innern wieder zur alten Praxis zurückkehren sollte, bleibt der Gewaltstreich vom Sonnabend doppelt ein Gewaltstreich. Denn gebieten es nicht etwa die Volksinteressen, die Tätigkeit der Gerichte einer ebenso ge- naucn Kontrolle zu unterwerfen, wie die der Landräte? Gerade unsere Rechtspflege schreit nach öffentlicher Kritik und in manchen Fällen nach öffentlicher Brandmarkung! Und wenn man diese Kritik, die bei besonders markanten Einzelfällen nur bei dem Einzeltitel mit der notwendigen Gründlichkeit vollzogen werden kann, unter Verleugnung aller parlamentarischen Vernunft und Tradition unterbindet, so schädigt man damit die vitalsten Volks- interessen! Sallsaison. Berlin steht jetzt im Zeichen der Tanz- und Ballwut. Trotz Wehrbeitragsschmerzen. Zaberngroll und Preußenkummer. Und es geht ein großer, alle Zeitströmungen widerspiegelnder Zug durch diese Massendemonstrationen der Tanzbeine. Selbst die durch ihre Steifheit und Langweiligkeit berühmten Hofbälle sind in diesem Jahre dem Gesetze von der Umwertung aller Werte unterworfen. Dtan denke: die Herren in- Zivil erscheinen nicht mehr im simplen Frack und schwarzer Hose. Auf den Einladungskarten des Hof. marschallamtes wird jetzt Galaanzug, weißseidene Kniehose, lange Strümpfe und Schnallenschuhe vorgeschrieben. Die hoffähigen Schenkel und Lenden werden also in der Farbe der Unschuld pran- gen, und erlauchte, edle und hochwohlgeborene Waden werden in ihrer natürlichen oder künstlichen Rundung von der allerhöchsten Gnadensonne bestrahlt werden. Beachtenswert ist, daß diese Hof- ballreform eine Hochkonjunktur in der Watteinduftrie hervor- gerufen hat. Beibehalten wird dagegen der tiefe Ausschnitt der weiblichen Hofballtoiletten, obwohl von Busen und Nacken mancher Hoch- oder Edelgeborenen das Bibelwort gilt: das Fleisch ist schivach. Aber die Teilnehmer an Hofbällen stehen alle so sehr jcn- seits von Gut und Böse, daß ihre Seele bei dieser Massenausstellung nackter Frauenbrüste keinen Schaden nimmt. Selbst Herr von Jagow, dessen Sittlichkeitseifer an den halbbekleideten Schau- fenstermodellen der Korsettgeschäfte ins Kochen gerät, blickt beim Hofballe mit der Unschuld eines Babv auf die Schaustellung weißen, rosigen oder gelblichen Frauenfleisches. Und beim Tanzen wird mancher Kavalier sich im stillen wie Sabor sagen:„Das läßt tief blicken." Da ist auch der P r e s s e b a I l. Jener bedeutsame Tag im Jahre, an dem sich die Spitzen der Behörden mit den Pressebengels gemein machen. Uebcr das wichtige Ereignis wird in den Rcdak- tionen der anständigen Presse so viel Tinte vergeudet, daß ich füg- lich meinen Füllfederhalter schonen kann. Der Prcsseball ist ein Ereignis, dessen Bedeutung wir Proleten nicht begreifen, denn hier strömt zusammen, wer in Groß-Berlin was ist oder was sein will. Vom Reichskanzler über den Kvmmerzienrat und den von tout WW. approbierten Dichtern bis zum Lokalredakteur für Straßenunfälle der verschiedenen Weltblätter. Das' Motto des Presscballcs aber lautet: Pack schlägt sich und Pack verträgt sich. Neben dem monarchistischen und dem journalistischen Kopfe der Ballhydra ragt der imperialistische. Wenn Bankdirektoren, Großindustrielle in holdem Verein mit Admiralen und abgehalfter- ten aber noch tatenlustigen Generalen die Karten beider Hemi- fphären mit gierigem Auge absuchen, um noch Stellen zu finden, Noch schöner aber wäre es, wenn schon die Erwähnung der Kruppaffäre das Redeverbot nach sich ziehen dürfte! Liebknecht wollte gar nicht mehr auf die Führung des Moabiter Krupp-Pro- zesses eingehen— aber auch dann, wenn er diese Absicht gehabt hätte, wäre das, sofern der Redner sich im Rahmen des Titels ge- halten hätte, sein gutes Recht gewesen. Nicht minder war es das gute Recht des Genossen Braun, andere Prozesse aus Berlin und Köln zur Sprache zu bringen. Sie gehörten unter den Titel„Amts- und Landgerichte". Ihre gründliche Erörterung lag im dringendsten Interesse des Volkes, sie war auch ein unansecht- bares parlamentarisches Recht, lind es fällt der Sozialdemokratie gar nicht ein, sich solche Rechte dann durch einen Handstreich rauben zu lassen, wenn es gerade einem Präsidenten oder einer Mehrheit des Hauses in den Sinn kommt. Sicherlich kann die Drciklassenmajorität beschließen, was sie will. Aber nur kraft ihrer Mehrheit, nicht kraft irgend welchen Rechtes kann sie Budgetrecht und langjährige Hebung des Hauses brechen. Uebt sie aber nackte Gewalt, so gebietet es die Pflicht, das Volk gegen die rechtsverachtenden Triarier der Reaktion und der Dreiklassenschmach aufzurufen! politische Uebersicht. Ein Tcchzigjähriger. Adolf Geck vollendet heute sein sechzigstes Lebensjahr. Er wurde am 9. Februar 1854 in Offenburg, der alten badi- schen Temokratenstadt, geboren. Offenburg spielte in der badischen Revolution eine große Rolle. Hier fanden im Frühjahr 1848 die großen Volkskundgebungen statt, von hier aus entsprang der revolutionäre Elan, der das Land in Be- wegung brachte. Das elterliche Haus Adolf Gecks, der „Zähringer Hof" in Offenbnrg, war einer der Sammel- punkte der Revolutionäre, der Vater mitten unter ihnen: was Wunder auch, daß auch in unserrn Adolf Geck der revolu- tionäre Geist nicht zu brechen ist. Freilich, in seiner Iugen sah es einen Moment aus, als wollte er den Weg zu einer braven bürgerlichen Beamtenexistenz einschlagen: an der Karlsruher technischen Hochschule mühte er sich vier Jahre lang, das Jngenieurfach zu meistern, brachte dann dem Mi- lltarisinus ein Jahr seines Lebens zum Opfer und wurde dafür mit der Qualifikation zum Reserveleutnant entlassen. Aber drese Zeit war nur eine Episode im Leben Adolf Gecks. Bald brach der in der Familie der Gecks vorherrschende demokratische Kampfgeist durch und finden wir ihn im Jahre 1879 schon als Parteisekretär der Demokratischen Volkspartei ni Frankfurt a. M. Nun ist es nicht seine Art. auf halbem Wege stehen zu bleiben: kaum daß er im Jahre 1881 sein eigenes Matt in Osfenburg gegründet, tut er den letzten Schritt zur sozialen Demokratie. Das Ausnahmegesetz wuchtete mit seiner Brutalität auf der Sozialdemo- kratie. tausend Mittel galt es zu suchen, die heimtückischen Anschläge der Polizei zu durchkreuzen, und da war Adolf Geck in seinem Element. Für Baden, für Süddeutschland organisierte er den Vertrieb des aus der Schweiz kommenden „Sozialdemokrat" und machte Offenburg zu einem wichtigen Knotenpunkt in dem Netz unserer roten Feldpost. Mit nie erlahmender Ausdauer führte er den Krieg gegen die poli- zeilichen Spürnasen, und diebische Freude erfüllte ihn, wenn es immer wieder gelang, sie hinters Licht zu führen. Aber ohne Wunden kam Adolf Geck auch nicht davon: in verschie- denen Prozessen wurden ihm liF> Jahre Gefängnis aufgeladen. und wenn er sie auch mit gutem Humor überstand, für seine Gesundheit blieb diese Zeit dock, nicht ohne Nach- teil. Genosse Belli erzählt in seiner kleinen Monographie über die rote Feldpost, wie er Adolf Geck noch im September 1890, in den allerletzten Tagen des Ausnahmegesetzes, im Offenburger Gefängnis angetroffen hat: Hinten im Hofe sah ich einen Lockenkopf, er fütterte und tränkte friedlich sein„Volk", die Kaninchen. Zicklein, Tauben und noch anderes Getier. Ich sagte verwundert:„Tu bist ja ein in Freiheit Gefangener!" Er lachte:„Das ist den wo mit Hilfe des Goldes, des Säbels und der 3S-Zentimeter-Tchiffs- kanone dem Gott Mammon neue Erntefelder urbar gemacht werden können, warum sollen nicht die, die solche exotische Sehnsucht im Herzen tragen, das nicht auch in exotischen Bällen zum Ausdruck bringen. Kein Wunder daher, wenn die oberen Zehntausend Bertins auf einem japanischen und siamesischen B a l l f e st e sich zusammenfinden und im Zeichen der Kirschblüte oder des tveißen Elefanten tanzen, flirten und klatschen. Und während Äommerzien- rats Edith als Geisha mit einem germanischen Samurai von den Gardedragonern auf dem glatten Parkett dahinschwebt, können sich die alten Herren über Absatzmöglichkeiten und Kapitalanlagen in jenen Ländern des fernen Ostens unterhalten. Die moderne Ballseuche zieht sogar Revolution und Sozialis- mus in ihren Ball. Mit zynischer Frechheit werden sogar Revo- lutionsbälle inszeniert, im Vorjahre mit einer Guillotine, in diesem Jahre mit Richtklotz und Henkerbeil. Aber die Ballrevolution der Jakobiner aus Berlin W. und der Damen, die nicht aus den Markthallen, sondern mehr aus den Villen von Halensee und Grunewald kommen, schreitet nicht in ehernen Sandalen einher. Diese Art Revolutionäre stürzt Weltanschauungen, Verfassungen und Gesellschaftsordnungen am Kaffeehaustische um, schlägt uytcr dem Strich der Börsenblätter seine unblutigen Freiheitsschlachten und markiert den Bastillensturm im eleganten Ballsaale. Käme einmal die wahre Revolution rnil wehendem Haar und dem dröh- wenden Schritt von Arbeitermassen, dann würden die Rcvolutions- ballöwen in ihre Culotten das verrichten, was Leutnant v. Forstner in seinem Manöverbett tat. Die Herrchen der DohSme aus Berlin W. und die größenwahnsinnigen Literaten, die auf dem Rcvolutionsball die Carmagnole tanzen, wären die ersten, die beim Nahen der proletarischen Revolution nach dem Schutzmann kreischten und ihre arme Seele dem heiligen Jagow empfählen._Denn die revolutionäre Kraft der Arbeiterbctregung ist dieser Sorte von Ballrevolutionären zu wenig ästhetisch, hat zu wenig Linie und Farbe. Ihre Snobistennase kann Arbcitcrschweiß nicht vertragen. Im Dienst ernster Arbeit steht dagegen der sozialistische Ball. Was den Schreibern der halbsozialisiischen Monatshefte nicht gelungen, ihren Tänzern wird es einmal im Jahre zum käst- lichen Fest. Die Versöhnung der Klassen wird zum Ballereignis und statt im Sturmschritt der Arbeiterbataillone schweben im Two- step die Geschlechter der Tanzgesellschast der Zukunft zu. Kein Wunder, daß auf diesem Balle pack, vorangegangenem eingehendem Studium nur opportunistischer Tango, reformistischer Twostep, nur- parlamentarische Maischitsche getanzt wurde. Der alte dogmatische Walzer kam kaum noch zur Geltung, der revolutionäre Galopp und die Katastrophen-Mazurka waren gänzlich verpönt. Mit Recht können sich die Veranstalter rühmen, auf diesem Gebiete anstatt Herrschasten hier gleich, sie denken sich, ich richte drin oder draußen gleich viel Unheil anl" Der Fall des Sozialistengesetzes beendigte nicht den Kampf, er änderte nur die Kampfform. Jetzt waren wieder Versammlungen möglich, und Adolf Geck war einer der Rührigsten, im Schwarzwald und im Odenwald den Sozia- lismus zu verkünden. Sein„Volksfreund", den er glücklich durch das Ausnahmegesetz hindurchgebracht, war das einzige Parteiblatt für das ganze badische Oberland, und als Vor- sitzender der badischen Landesorganisation wirkte er für Her- anbildung fester Kampftruppen. Seit 1885 war er Stadt- verordneter in Offenburg, 1897 zog er in den badischen Landtag ein. dem er jetzt noch angehört. Vorübergehend nahm er darin die Stelle des zweiten Vizepräsidenten ein. Von 1898 bis 1912 vertrat er überdies den Wahlkreis Karls- ruhe im Reichstag. 60 Jahre! Mehr als die.Hälfte davon� waren Jahre aufreibenden Kampfes, aber auch Jahre des Eoieges und der Freude. Die Partei weiß die Verdienste Adolf Gecks zu würdigen— seit 1898 gehört er als Mitglied der Kontroll- kommission der Parteileitung an~ und so fühlen wir uns heute einig mit der ganzen Partei in dem Wunsche, daß sich die in der letzten Zeit etwas erschütterte Gesundheit unseres Sechzigjährigen bald kräftigen und er, der alte, stürm- erprobte Streiter, noch recht lange in den vorderen Reihen unserer Kämpferscharen stehen möge. Eine päpstliche Kundgebung. Durch einen Brief des Kcrdinalstnatssekretärs an den Wiener Fürsterzbischos Piffl. den die„Reichspost" veröffentlicht, be- stätigt der Papst dem österreichischen„Katholischen Volksbunde", daß dieser jede irrige Lehre oder Tendenz, insbesondere in sozialen und politischen Fragen, nachdrücklichst verwerfe und den Gedanken vollständig von sich weise, dem System der interkonfcs- sionellen Vereine in Oesterreich Eingang zu verschaffen, vielmehr entsprechend den Lehrkundgebungen des Heiligen Swhlcs anerkenne, daß die soziale Frage keine reinwirtschaft- l i ch e, sondern in erster Linie eine religiöse und sittliche Frage und in dieser Hinsicht dem Urteil und der Autori- tat der Kirche unterworfen sei. Zugleich wendet sich der Papst aufs neue gegen die chri st lichenGewcrkschastcn mit der Bemerkung, das interkonfessionelle System habe der Papst unter bestimmten Bedingungen und Vorsichtsmatz- regeln aus ganz besmidern Umständen für gewisse Länder als nicht unerlaubt erklärt. Auch diese Aeußerung bestätigt unsere Behauptung, daß der Papst ganz auf der Seite des Kardinals Kopp und nicht auf der Seite der Freunde der christlichen Gctoerkschaficii steht. Strafe mnst sein! Die„Straßburger Post" meldet aus Zabern: Am 1. Oktober 1014 sollte die Zabern er Garnison bekanntlich eine Ver- stärkung durch eine Abteilung Artillerie erhalten. Nach hierher gelangten Meldungen der Militärbehörde wird die geplante Ver- stärkung nun endgültig unterbleiben. Sämtliche Kosten, die durch Abschließung von Kaufverträgen bis jetzt entstanden sind, werden durch den MilitärfiskuL getragen.— Wolffs Telegr.-Burcau bestätigt die Meldung. Von zuständiger Stelle wird ihm mit- geteilt,„daß aus zwingenden militärischen Rücksichten, darunter auch solchen auf die Ausbildung, die Wahl eines anderen Stand- ortes für die zweite Abteilung des Feldartillerieregiments Nr. 84 erwogen wird." Zur Stichwahl im Reichsragswahlkreis Offenburg-Kehl beschloß die Sozialdemokratische Partei, den Kandidaten der natio- nalliberalen Partei Stadtrat K o e l s ch, der wie im Jahre 1912 die von sozialdemokratischer Seite verlangten Stichwahlbcdingungen anerkannt hat, in der Stichwahl mit allen Kräften zu unter- st ü tz e n. Das amtliche Wahlresultat lautet: Bei 27 363 Wahl- berechtigten wurden 24 914 gültige Stimmen abgegeben. Davon entfielen auf Professor Josef Wirth-Freiburg(Zentrum)) 12 259, auf Kaufmann Leopold Koelsch-Karlsruhe(natl.) 9616 und auf Redakteur Franz Geisler-Mülhaufen i. E.(Soz.) 3032 Stimmen. Zersplittert waren 7 Stimmen. Zwischen Wirth und Koelsch findet engere Wahl statt, die auf den 14. d. M. angesetzt ist. unfruchtbarer Negation positive Arbeit geleistet zu haben. Del Sieg des Reformismus, sein einziger Sieg, ist unbestritten. Die ungebildete und neidische Plebejermasse meint natürlich, daß alle diese Ballveranstaltungen ihren Teilnehmern eitel Lust und Freude bereiten. Wer so denkt, hat natürlich keine Ahnung davon, welche Sorgen mit der Ballsaison in viele Häuser derer, die mittun wollen, einziehen. Die Arbeiterstauen meinen, sie hätten es allein schwer, aber wissen sie denn, wie die Damen der Bourgeoisie sich ihre wohlfrisierten Köpfe zerbrechen müssen, um den Ansprüchen der verschiedenen Ballarten gerecht zu werden? Es gibt da Damen, die überall dabei sein müssen, vom Hofball bis zum Revolutions- schwof. Dabei können sie doch nicht immer dieselbe Fahne anziehen, dieselbe Frisur und denselben Schmuck tragen. Da heißt es Wochen- lang vorher den ganzen Tag im Auto sitzen, bald zum Schneider, bald zum Juwelier und zum Coifseur fahren, die sonstigen Ball- Utensilien einkaufen und was dergleichen Sorgen mehr sind. Wie glücklich die Arbeitevsrauen, die sich solchen austegenden und nerven- anstrengenden Anstrengungen nicht auszusetzen und ihren 5u>pf nicht mit solchen schwerwiegenden Fragen zu zerbrechen brauchen. Ein Glück, daß die„Bilder vom Tage",„Der Weltspicgel" usw. in dieser Ballzeit regelmäßig Toilettenbilder und Toilettenartikel bringen, da kann die Gnädige doch schon beim Kaffeetisch sich orientieren und disvonieren. Nicht reden will ich hier von den zahllosen Alpen ballen, die allem, tuas in Berlin kleinbürgerlich lebt und fühlt, als Gipfel höchster Lebenslust erscheinen. Schweigen will ich auch von den Böse Buben-, Kinder- und B a b y b ä l l e n, wo eine Kind- lichkeit gemimt wird, die der snobistischen und blasierten Gesellschaft schon abhanden kam, als sie noch Klapphosen und kurze Röckchen stug. Auf diesen Bällen dominiert die Welt der Bühne(die ja trotz des Parsisalkollers keine moralische Anstalt ist). Hier blüht der Weizen der Photographen. Denn für die Ballbabys wäre es nur das halbe Vergnügen, wenn sie sich in den nächsten Tagen nicht auf den Scherlschcn oder Mosseschen Bilderbogen abkonterfeit sehen könnten. In dieser Saison sind die Lumpen- und Apachenbälle etwas ans der Mode gekommen. Aber es gibt noch Ballidealisten, die diesen Zweig der Tanzkultur nicht verkümmern lassen wollen. Sie scheuen weder Zeit noch Mühe, die Lumpenbälle wieder zu Ehren zu bringen und ftilecht zu gestalten. In den letzten Tagen. in denen die warme Februarsonne auch auf die Straßen und Plätze des Berliner Nordens und Ostens herabftrahlie, sind diese Ball- und Menschenfreunde auf Studienreisen gegangen. Da fanden sie Modelle und Kostüme en inasse, mit denen sich aus einem Lumpenballe Furore machen läßt. All die Jammergestalten und Lumpenträger, die der Winterstost in Wärmehallen, Kaffeestuben usw. Ms Groß-6erlm. Der Sonntag anf dem Eise. Trotz des Vorfrühlingswetters der letzten Tage konnten am Sonntag die Anhänger des Wintersports auf den Seen der Ilm- gebung Berlins ihre Kunst üben. Obwohl es die Sonne recht gut meinte, pilgerten viele Taufende nach dem Müggelsee, wo sich be- reits in den Vormittagsstunden ein ungemein reger Betrieb ent- wickelte. Aber auch nach dem Wannsee und den anderen Eis- flächen der Umgegend wanderten Unzählige hinaus. Die unangenehme Erfahrung, daß dem durch den Sonnenschein arg zugesetzten Eise doch nicht mehr so recht zu trauen ist, mußten mehrere Personen machen. Auf dem Müggelsee brach an einer verbotenen Stelle ein Schulmädchen ein, ein vier- zehnjähriger Schüler eilte der Verunglückten zu Hilfe, sprang dem Mädchen nach und konnte es solange über Wasser halten, bis andere Leute hinzucilten und die beiden an Land brachten. Auf dem Tegeler See hatten in der Nähe der Insel Scharfenberg mehrere Schlittschuhläufer trotz Warnung eine nicht freigegebene Stelle betreten. Ein junger Mann und seine junge Begleiterin gerieten dabei in eine brüchige Stelle und brachen ein. Mit Hilfe langer Stangen konnten die beiden Verunglückten, die bereits in der Tiefe zu verschwinden drohten, geborgen werden. * Ein Todesopfer forderte der Schlittschuhsport am Sonntagabend auf dem Tegeler See. Eine Dame brach an der Stelle, wo die warinen Abwässer der Borsigschen Fabrik in den See einfließen, ein. Ein am Ufer weilender Herr stürzte sich in das zum Teil offene Wasser, doch gelang es ihm nicht, die Ber- unglückte zu retten. Mit Hilfe eines Kahnes wurde sie- nach längerem Suchen herausgezogen. Trotz drciviertelstündigcr Wiederbelebungsversuche war die verunglückte Schlittschuhläuferin noch nicht zum Bewußtsein zurückzubringen. Das Unglück wäre vermieden worden, wenn man die gefähr» liche Stelle durch Warnungözeichen kenntlich gemacht hätte. TaS war um so mehr nötig, als erst am Sonnabendabend eine Dame an derselben Stelle eingebrochen war. Stadtverordnetenwahlsieg in Eharlottenburg. Bei der ErgänzungAvahl zur Stadtverordnetenwahl im 3. Bezirk wurden am Sonntag von insgesamt 9931 einge- schriebenen Wählern 2529 Stimmen abgegeben. Auf unsere Kandidaten, Maurermeister P e e s ch und Wäschereibesitzer Gustav Leipold entfielen 2526 Stinunen. Tiefe sind so- mit gewählt. Tic Gegner hatten Stimmenthaltung pro- klaniiert.__ Selbstmord eines Greisenpaarcs. In der Nacht zum Sonntag haben der Tchlosserme ister Baer« sicke und seine Ehefrau, wohnhaft Rcichenbcrgcr Straße 48, durch Gasvergiftung ihrem Leben ein Ziel gesetzt. Vor VerÜbung der Tat hat Baersicke an Verwandte in Woltersdorf einen Brief gerichtet, worin er ihnen die Absicht, sich mit seiner Frau das Leben zu nehmen, mitteilt und erklärt, daß man beide nur als Leichen auffinden würde. Als die Verwandten am Sonntag- morgen den Brief erhielten, fuhren sie sofort nach Berlin und ließen durch das zuständige Polizeirevier die Wohnung des Schlossermeisters öffnen. Das Ehepaar hatte die furchtbare An- kündigung wahr gemacht. Man fand die Beiden, der Mann stand nn 73.. und die Frau im tib. Lebensjahre, tot vor. Alle Wieder» belebungsvcrsuche waren vergeblich, da der Tod durch Gasvergiftung schon vor Stunden eingetreten war. Als Ursache des Selbst- Mordes wird dauernde Krankheit des Mannes an- genommen. Baersicke bekleidete das Ehrenamt eines AimenkommissionSvorstehers. * In hochbetagtem Alter haben sich zwei Frauen das Leben ge- nommen. In der Alvenslebenstraße fand man die 74 Jahre alte Privatiere Palaschke in der Küche neben dem geöffneten Gasherd tot vor. Nachbarinnen gegenüber hatte sie sich wiederholt geäußert, daß sie die Ve r e i n s a m u n g— ihr Sohn, mit dem sie früher zusammcnwohntc, hat vor einem Vierteljahr geheiratet— nicht ertragen könne.— Unheilbare Krankheit hat die 64 Jahre alte Ehefrau Wilhclmine des Arbeiters Struck aus der Fehrbelliner Straße zum Selbstmord veranlaßt. Die Frau litt an Magenkrebs und äußerte wiederholt, weil sie keine Besserung erhoffte, sich das Leben nehmen zu wollen. Der Ehe- mann fand sie Sonnabendabend gegen 9 Uhr am Fensterkreuz erhängt auf. Ein Arzt konnte nicht mehr helfen. Familicndrama in Moabit. Eine furchtbare Familientragödie spielte sich in den Abend- stunden des Sonntag im Hause Berlichingenstraße 24 ab. Dort hatte seit einiger Zeit der Straßenbahnführer Träger im ersten Stock eine Wohnung inne, in der seine Frau eine Arbeitsstube betrieb. Mit einer der beschäftigten Arbeiterinnen knüpfte Träger ein Liebesverhältnis an, das seiner Frau bekannt wurde. Als ihm seine Frau am Sonntag nachmittag Vorwürfe über sein Verhalten machte, faßte er den Entschluß, seinem Kinde und sich das Leben zu nehmen. Träger schoß seinem Kinde eine Kugel durch den Kops, dann steckte er das K indcrbctt in Brand, holte sich einen Spiegel und schnitt sich, auf dem Bette sitzend, die Schlag- ader des Halses durch. Als die Frau herbeieilte, gab der Mann nur noch schwache Lebenszeichen von sich und starb bald darauf. Das. schwerverletzte Kind wurde nach dem Krankenhause Moabit gebracht, wo an seinem Aufkommen ge- zweifelt wird. Ein Wüstling. Dem schamlosen Treiben eines Wüstlings ist am Sonntag die vierjährige Tochter eines Schlossers M. aus der Steglitzer Straße zum Opfer gefallen. Vor dem Grundstück Steglitzer Str. 73 hatten mehrere Kinder gespielt, als sich ein fremder, etwa dreißig- jähriger Mann an die Kleinen heranmachte. Mit dem Versprechen, ibm Süßigkeiten zu schenken, lockte er das vierjährige Kind in das Haus. Auf dem Flur fiel der Unmensch dann über das wehrlose Geschöpf her. Als auf das Geschrei des Kindes hin Hausbewohner herbeieilten, ergriff der Attentäter die Flucht. Obwohl man die Verfolgung des gefährlichen Burschen sofort ausnahm, konnte er doch entkommen._ Von der Strastcnbahn totgefahren. Vor dem Hause Ackerstraße 138 geriet am Sonntag nachmittag das vierjährige Töchterchen Erna des Arbeiters Fischer aus der Ackerstraßc 137 beim Spiel unter die Räder eines Straßenbahn- zuges der Linie 22. Das Kind wurde in so schwer verletztem Z u st a n d e unter dem Wagen hervorgeholt, daß es kurze Zeit darauf starb. Wie uns von.Augenzeugen gemeldet wird, soll den Wagenführer keine Schuld treffen. Aeuer in der Königlichen Porzellanmanufaktnr. Auf dem umfangreichen Gelände der Kgl. Porzellanmanufaktur in der W e g e I y st r a ß c am Bahnhos Tiergarten kam am Sonn- tag nachmittag gegen drei Uhr ein beträchtliches Schadenfeuer zum Ausbruch. Der Brand entstand in einem Holzschuppen, der an das massive zwei Stockwerke hohe Gebäude der Ofcnanlage angebaut und mit Holzvorräten fast vollständig angefüllt war. Bereits vor Ankunft der Feuerwehr, die aus Berlin und Charlotten- bürg anrückte, hatte sich das Feuer von dem Holzschuppen in die eigentliche Ofenanlage ausgebreitet, wo es au den dort lagernden .Holzvorrätcn und an den Holzregalen reichliche Nahrung fand. Mit der Ablöschung des Brandes und den Aufräumungsarbeiten hatten die Feuerivshrmannschaftcn bis in die späten Abendstunden zu tun._ Tachstuhlbräudc. Ein größerer Dachstuhlbrand wütete gestern abend in der Chaussee st ratze S5, Ecke Wöhlertstraße. Tie Wehr fand einen ausgedehnten Brandherd vor. Nur mit Mühe gelang eS ihr, die aufgeregten Hausbewohner zu beruhigen. Nach einstündigem Wasser- geben war die Gefahr beseitigt. Ein großer Teil des EckdachstuhlS siel dem Feuer zum Opfer.— Auch in Neukölln, und zwar in der K o p f st r a ß e 4ö, brach gegen 9 Uhr abends ein gewaltiger Tachstuhlbrand auS. Sämtliche drei Löschzüge der Neuköllner Wehr mutzten in Tätigkeit treten..Die Einwohner der vierten Etage schwebten in Lebensgefahr und wurden durch Löschmann- schaften, die mit Rauchhelmen vordrangen, aus ihrer Lage befreit. Der Dachstuhl des Eckhauses ist fast vollständig niedergebrannt. Ueber die Entstehungsursache konnte auch hier nichts ermittelt werden. Verpachtung von Kleingärten bei Hcinersdorf. Der Magistrat teilt mit: Im Norden Berlins(Blankenburg) hat die Stadt Berlin in eigener Verwaltung unmittelbar an die Pächter mit Unterstützung eines aus den Kleinggrtenpächtern schnell gebannt hatte, kamen herausgekrochen und gewankt, um ihr Elend von der Allmutter Sonne erwärmen zu lassen, um dann bei Einbruch der Nacht wieder bor den Asvltüren Spalier zu bilden. Selbst bis zu diesem Zeitpunkt haben zwei Lumpenballenthusiasten ihre Studien fortgesetzt. Und als der Strom menschlichen Elends sich in das Gebäude ergoß, da sagte der eine:„Du, Edgar, ich habe eine pompöse Idee. Wir arrangieren bei unserem nächsten Lumpenball eine Asylistenpolonäse." Und da sage noch einer, daß das zahlungsfähige Berlin keine Kultur hat. birnst. Theater. So zi e tätStheater:„Das Phantom', Komödie von Hermann Bahr. Nach dem physiognomielosen auf Draht gezogenen Schriftdeutsch von Sternheims prätentiöser Snob-Komödie wirkte hier das farbigbunte Spiel des Dialogs um so erfreulicher. Das Stückchen ist kein guter Bahr, doch immerhin ein Bahr. Die skeptisch amüsante Eigenart des Autors, die im„Konzert" so über» raschend zum Ausdruck kam, klingt hier in allerhand Variationen nach. Grundton ist wieder die ironische Verspottung der offiziellen Anschauung, nach der ein Ehemann auf Seitensprünge der ihm standesamtlich zugesprochenen Frau von Rechtswegen stets mit dem tragischen Pathos gekränkter Ehre zu reagieren hat. Ter fidele Dr. Schmorr, schwerreicher Leiter einer Münck'cner Brauerei und Ehenvorsitzender eines Abstinentenbundes im Nebenamt, steht zu dem Dr. Jura im„Konzert", der, halb mitleidig und halb verliebt, die durchgegangene und rasch enttäuschte Gattin sich zurückholt, in enger seelischer Verwandtschaft. Auch er vermag sich keine tragische Stimmung abzuringen. Luzics Geständnis, daß sie ihm die Treue brach und einen anderen liebt, bringt Schmorr— zur äußersten Entrüstung der Sünderin und der allen„neumodischen" Theorien gründlich abgeneigten wackeren Schwiegermutter—, anscheinend wenigstens, nicht im Geringsten aus der Laune. Derlei passiere öfters, wozu sich unnötig erregen? Am Ende könne die Ge- schichte bei richtiger Behandlung sogar noch gute Folgen haben. Er- wägungcn. die freilich der abseitigen philosophierenden Literaten- natur des Dr. Jura besser als dem robusten Spaßmacherphlegma dieses Brauereidirektors zu Gesichte stehen. Nur Einzelwendungen sind lebensvoll charakteristisch, nicht die Personen selbst— außer etwa der Schwiegermama mit ihrem hartnäckig protestierenden ge- sunden Menschenverstand. Jrn zweiten Akte, wo die Alte fehlt, und in dem dritten, der sichs mit der Lösung allzu lustspielmäßig leicht macht, flaute die angeregte Stimmung merklich ab. Mit dem„Tbeo- sophen", der hier an Stelle des Virtuosen im„Konzert" als Frauen- ideal und Ehestörer figuriert, hat der Autor nichts Rechtes anzu- fangen gewußt. Schmorr sucht den Schwätzer auf, flirtet ein wenig mit der nach der„großen" Liebe fahndenden Gemahlin des be» rühmten Mannes und stellt ihn dann, man weiß nicht recht wes- halb, zur Rede: Er wäre der Geliebte seiner Fvaul Ter Herr, dem seine Anziehungskraft aufs weibliche Geschlecht bei mangelnder erotischer Veranlagung selbst höchst fatal ist, führt den bündigen Nachweis, daß er die Briefe, die die Dame an ihn schrieb, ablehnend beantwortet habe. Frau Schmorr liebt also nur platonisch-unglück- lich, uud gerade diese Nichterwiderung ihrer Neigung hat ihr Ge- fühl zur Leidenschaft entflammt. Der Gatte schleppt den unschal- digen Verführer mit nach Haus. Tie Frau soll sie beide beisammen sehen, soll glauben, daß der Angeschlvärmte nun um sie werbe, uud dann prüfend wählen. Eine Kur, die, wenn der Doktor, statt die Spaßmachermiene aufzusetzen, bei dem Geständnis ernsthafter ge- Wesen wäre, ganz von selbst sich erübrigt hätte. So kurz die Auf- fiihrung dauerte, für die magere Schlußpointe einer so herbei- geführten Lustspielumarmung war das Stück um ein gut Teil zu lang. Ten Hauptanteil an dem Erfolge gebührt Else Lehmanns vorzüglich echter Schwiegermutter. So drohend ihr bebrilltes Ant« litz drein schaute, gelvann sie sich bald alle Herzen. Der Doktor Schmorr ivar durch Herrn Forest, das theosophische Ehepaar war durch Theodor L o o Z und Mathilde Süss i n gut vertreten. dt. Neues Volks-Theater(Neue Freie. Volksbühne): Courteline-Abcnd. Georges Courteline(Moinlaui, der, gleich Maupassant und anderen namhaften Schriftstellern, längere Zeit als Ministerialbeamter tätig war, ist einer der ge- schätztestcn Pariser Satiriker, dessen Stücke auch auf deutschen Bühnen Heimatsrecht genießen. In seiner„Alltags-Komödie"(die in einer deutschen Ausgabe bei Georg Müller in München erschienen sind) funkelt es von Scharfsinn, Ironie und boshafter Laune. Alle diese Vorgänge und Szenen aus der Gesellschaft und namentlich der französischen Beamtensphäre sind mit raffinierten technischen Mitteln aufgebaut und bis zum allerletzten Kettengliede krimina- listischer Logik gesteigert. So oft man befürchten zu sollen glaubt, die vorgeführte Situation werde sich ins Sentimentalische verlieren — schon im nächsten Moment beweist uns Courteline, daß sein Witz wie sein Einblick in das Hirn- und seelenlose Formelgetriebe des Staatshämorrhoidismus unerschöpflich sind. In„B o u b o u r o ch e", einer zweiaktigen tragischen Posse, dreht es sich um die Erörterung des bis zur Uebersättigung be- handelten Themas von der weibgeschlechtlichen Treulosigkeit. Es ist ja nicht so schlimm, als uns die französischen Dramatiker glauben machen wollen. Aber angenommen. Adele ist«ine Grisette, die den braven Boubouroche schon seit acht Jahren mit einem Jüngelchen betrügt— was muß er dann für ein Dussel sein: Also geschieht ihm ganz recht damit. Die beiden folgenden Einakter spielen in der Polizei- und Gerichtshierarchie. Man verspürt da angesichts der militärdiktato- rischen Skandalszenen in Zabern beinah eine gewisse Aktualität— so stupend ist die Wirkung, die sich in dem„unerbittlichen Wachmann", der zweiten Gabe des Dichters, auf groteske Art verkörpert. Diesen Labourbourax, das Prototyp eines ewig Straf. anzeigen einreichenden Polizisten, den ein philanthropisch ange- j sich bildenden Vereins heute schon etwa 129 Morgen in kleinen Stücken als Kleingärten verpachtet. Der Pachtpreis liegt weit t unter dem sonst in Berlin üblichen. Dabei werden dem Pächter die zum Bau von Lauben, Zäunen und dergleichen nötigen Hölzer frei Garten zu billigen Preisen geliefert. Auch einige Spielplätze, Tief» brunnen und dergleichen befinden sich auf dem Gelände. Da nun eine Reihe von Jahren hindurch die unmittelbare Vergebung von einer städtischen Gutsverwaltung aus sich bewährt hat, beabsichtigt die Stadt, einen gleichen Versuch im Süden Berlins zu machen und zwar aui Anregung der Stadtverwaltung Teltow am Bahn- Hof Teltow. Dort befindet sich auf dem Gute Heinersdorf eine mehrere 109 Morgen große, ein Wäldchen umschließende, vom Wasser durchslossene Fläche, welche sich hervorragend zu diesem Zweck zu eignen scheint. Da zu hoffen steht, daß auf der Anhalter Bahn der Vorortverkehr in nicht zu langer Zeit eröffnet wird, darf man wohl auf gleiches Gedeihen hoffen, wie es im Norden auf den Nieselgütern zu verzeichnen ist. Das Gut Heinersdorf, etwa Vi Gehstunde vom Bahnhof Teltow entfernt, ist bereit, Auskunft über alle Einzelheiten zu geben. Ter Obergärtner, dem auf den südlichen Gütern alle gärtnerischen Anlagen unterstellt sind, ist ebenso, wie es im Norden mit Erfolg geschehen ist, bereit, gärtne- rischen Rat bei der Anlage zu erteilen." Letzte Nacheichten. Die Äundgcbung der christlichen Gewerkschaften. Bochum, 8. Februar. Heute fand hier eine von 1099 Tele- gierten katholischer Arbeiter Westdeutschlands besuchte Konfe- renz statt, in welcher man in schärfster Form gegen das Organ der sogenannten Integralen im katholischen Lager Stellung nahm. Nach einem Referat des Arbeitersekrctärs G i l s i n g wurde fol» gende Entschließung angenommen: „Seit mehr als einem Jahrzehnt werden die zu den christ. lichen Gewerkschaften gehörigen katholischen Arbeiter in ihrem wirtschaftlichen und sozialen Organisationsbestrebungen durch Kreise, die selbst die Mißstände und Ungerechtigkeiten im Arbeits- Verhältnis nie praktisch durchgekostet haben, unausgesetzt gestört und beunruhigt. Für zutage liegende soziale Schäden, für die Verteidigung unentbehrlicher� Rechte der Arbeiter fehlt ihnen jedes Gefühl. Während sie an der OrganisationS- Politik der übrigen Stände unbekümmert vor- übergehen, konstruieren sie ein Ausnahmerecht gegen die Arbeiter und ihre Organisationen. Eine große Menge Arbeitsfrcudigkeit ist durch die fort- währenden Quälereien unter den strebsameren der katholischen Arbeiter zerstört worden. Gegen diese Treibereien erheben die Versammelten lauten und schärfsten Protest. Es erbittert sie, neben ihrer schweren Organisationsarbeit sich unausgesetzt von Sozialdemokraten mit Waffen bekämpft zu sehen, die aus dem integralen Lager fort und fort geliefert werden. Der sich stets verschärfende 51ampf droht mit jedem Tage neue Verwüstungen anzurichten und das k a t h o- lisch e Deutschland auf die Dauer in ein Trümmerfeld umzuwandeln, wenn kein Einhalt ge- boten wird. Die Treibereien einer Gruppe von Quertreibern erschöpfen sich nicht mehr in der Arbeiterorganisationsfrage: sie haben sich zu einem Skandal für das gesamte katho» lische Dceutschland ausgewachsen. Tie Versammelten erlvartc», daß.das gesamte katholische Deutschland sich erhebt und klar ausspricht, daß es diese Trei- bereien verabscheut und daß jetzt endlich ein Ende gemacht werden mutz. Führer und Volk müssen sich vereinigen in dem Gedanken, daß die vielseitigen Aufgaben des katholischen Volks- teils eine weitere Störung nicht mehr dulden. Den rastlosen Anklägern, Ketzerrichtern und Totengräbern unserer Einigkeit und Tatkraft weisen wir rücksichtslos die Tür." Das sind schöne Worte. Wenn aber der Papst will, werden die Zentrumsführer morgen anbeten, was sie heute verfluchen. Ein Revolverattentat in Barcelona. Barcelona, 8. Februar. lNach Schluß einer Versammlung, die von Anhängern des früheren konservativen Ministerpräsidenten und Parteiführers Maura einberufen worden war, wurde ein Dutzend R e v o l v e r s ch ü s s e abgegeben, wobei eine Person getötet wurde. haucht er Baron einen Esel genannt hat, könnten sich auch unzählige Ordnungsmänner diesseits des Rheins— hinter die geehrten Ohren schreiben. „Die S ch lv e b e b a h n" ist nun gar eine putzige Pariser Gerichtsszene. Jemand ist wegen Vergehens der Unsittlichkeit vor die Schranken geladen. 13 678 Fahrgästen einer dicht unter seinem Fenstern vorbeiführenden Schwebebahn soll La Brige, so heißt der Jmmoralitätsverbrecher, seine nackte Hinterseite gezeigt haben. Gegen verschiedene städtische und private Verwaltungsinstanzen an- gestrengte Prozesse wegen seiner geschädigten Wohnung hat er glatt verloren. Nun wird er auch noch vom Sittenrichter in Strafe ge- nommen. Natürlich nicht ohne seinerseits eine vernichtende An- klage gegen das ganze System heillos verrotteter Rechtsprechung zu schleudern. Die Aufführung fand starken Beifall, der auch, was anerkannt werden soll, den vortrefflichen schauspielerischen Leistungen einiger Hauptdarsteller galt. Vor allem zeichneten sich Otto Pah lau, Emil R a m c a u und Aurel Nowotny in ihren verschiedenen Rollen aus. Grotek-komisch, auch hinsichtlich seiner Riesengestalt, wußte Hugo Werner-Kahle den Wachmann Labourbourax hinzustellen.«fc. Krause. Wieder mal im hohen Hause Wütete der Präses Krause, Und die Mehrheit hieb, nicht faul, Stets geübtem Brauch aufs Maul. Uebler wird es stets und toller In dem Land der Hohenzoller Und es mehren sich geschwind Die, die nicht zuftieden sind. Dies darf nicht im„Allgemeinen" Und auch nicht„s p e z i a l' erscheinen, Diese Logik ist bequem, Wenn ein„Fall" nicht angenehm. Dazu hat man ja das Klasse» Parlament: um zuzufassen Und die Ordnung im Geschäft Legt man aus, wie's gerade trefft. Hierzu dient dem hohen Hause Ganz besonders Vize K r a u se< Welcher schon vom Namen her Liberal und populär, Theater» Montag, 9. Februar 1914. Anfang 6 Ubr. vines Palast am Zoo. Variete Lichtspiele. Aniang 6'/, vbr. CineöNollendorf-Theater.Bariete- Lichtspicle. Ansang 7 Ubr. deutsches Opernhaus. Parfisal. Ansang VI, Ubr. Kgl. Opernhaus. Violetta. «gl. Schauspielhaus. 1612. Deutsches. König Lear. Zirkus Busch. Galavorstellung. Zirkus Schumann. Galavorstellung. Anfang 7» Uhr. Metropol. Die Reise um die Welt in 40 Tagen. Ansang 8 lldr. Urania. Winter in der Schweiz. Hörsaal: Dr. H. Elias: Luftlöcher und Böen. Lessing. Simson. jköniggräner Strafte. Hinter Mauern. Deutsches Künstler> Theater. Der Bogen des OdhsseuS. Kammerspiele. Mein Freund Teddy. Komödienhaus. Kammermusik. Theater an der Weidendammer Brücke. Wer zuletzt lacht. Theater am Nollendorfplatz. Prinz eh Grell. Sustipielkaus. Die spanische Fliege. MontiS Operetten. Die verbotene Stadt. Schiller O. Was ihr wollt. Schiller«tharlottenbnrg. HerodeS und Mariamne. Theater des Westens. Polenblut. Berliner. Wie einst im Mai. Kleines. Jettchen Gebert. Trianon. Anatoles Hochzeit. Tdatia. Die Tangoprinzessin. Residenz. Hoheit— der Franz. Friedrich- Wilhelmstädtischce. Fräulein Trallala. Roic. Othello. Kasino. Die olle Webern. Herrnfeld. WaS sagen Sie Lcibusch? Reichshallen. Stettiner Sänger. Wintergarten. Spezialitäten. Apollo. Der Stolz der 3. Kom« pagnie. Ansang S'l, Ubr. Luise». Das erste Ehcjahr. Walhalla. Tangofiebcr. Folies Caprice. Cass PringsHeim. Der Heiralsgras. Meyersteins. Ansang 8'/, Ubr. NcueS Bolkstheater. Der Kaiser- jäger. Adunralspalast. Die lusllge Puppe. Aniang 9 Ubr. Berliner Eispalast. Eissport. EiuesNollcndorf-Theater.Bariets- Lichtspiele. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57— 62 1;: Erstklassige Briketts lOOO MtHck 71. 7.60. Riesenformat 7�. Halbsteine M. 0.73, Gaskoks I M. 1.75, Steinkohlen M. 1.75,| - Brennholz. M : Michel-Brikett-Vertrieb |.Venk€»IIn,Xelephonl610 j Knesebeckstr. 148. Angnstabad Köpeuicker Str. 60/61. 4965* Heines Werke • 3 Lände 4 JTIact• Buchhandlung Vorwärts 3b Zlkieo Slooeeo - Die- Wochenschrift für Arbeiterfamilien Wöchentlich 1 Heft für 10 Pf. in preuken. preis 20 Pf. Ein unentbehrlicher Datgeber für alle, die aus der Kirche auszutreten beabsichtigen oder die über das geltende Kirchensteuerrecht Auskunft wünschen. W fr- Aueh durch die.,VorwSrts". Ausgabestellen zu beziehen. Spezialarzi f. Geschlechtskrankheiten, Harnleiden. Schwäche. Ehrlich-Hata-Kuren, Blut- _ und Harn-Untersuchungen. DrT med. Karl Reinhardt. Institute: Neanderstraße 12 Potsdamer Str. 1 17 Für Frauen: Nur 3— 4 Uhr. Nachweislich vollkommenstes Heilverfahren. S>F~ Vorzügl. Dauererfolge, auch bei schwersten, veraltetsten Fällen. Kerne Berufsstörung. Mäßige Preise. Teilzahlung gestattet. Man■»rot-lanfra lm eigenen Interesse 48 Seiten starke ITlall VCFIallgC Broschüre gratis und franko per Post i. verschloss. Kuvert, auch i. d. Instituten während d. Sprechst. gratis orhältl. Weitere Auskünfte i. d. Sprechstund. kostenlos. Ufopnimn vor mindenvert. Heilverfahren u. ungeheuer- nill llUUy Ucher Preisforderung angeblicher Spezialärzte. Der nächste Herren-Vortrag aäeDndsnevJt?S' utr, in den Arminhallen, KommandantenstraBe 58/59, über: Harnleiden, wirksame und kurpfuscherhafte Behandlungsmethoden, Chrlinh Uofa mit Demonstrationen an natur- Llli IIUII■ lidld betreuen WachsmodeUen. Arbeiter- Oejuntcheits- Kibliothek. In dieser Sammlung find bisher erschienen:. Heft 21. Atemgymnastik. Bot» Otto Rühle. Heft 22. Haut- und Haarpfleg«. Von Dr. Chajes. Hcst 23. Wie hüten wir uns vor Hcrzerkranknngcn? Von Dr. Eugen Rebsisch. Hes!24. Tie Hygiene der Arbeiter» Wohnung. Von Hugo Hillig-Ham- bürg. Hest 25. Die Schmarotzer des Menschen. Von Dr. A.'Lipichütz. Hest26. TicKrankheitc» dcsLhrcs, der Rase und� dcS RachcnS. Von Dr. Hans Schmerin. Hcst 27. Sport uud Arbeiter. Von Dr. R. Silberftcin. Hcst 28. Die Jahre der Geschlechts» reife. Von Dr. Povitz-Lripzig. Heft 29. Volksernährung. Von Dr. Julian Markus«. Heft 30. Die Berufswahl mit Rücksicht aus die Tauglichkeit sür den Bertis. Von Dr. Zadel. Hest 31. Die Berufskrankheiten der Buchdrucker. Von Dr. v?Ilbcr< stein. Heft 32. Die Arzneimittel und ihre Verwendung. Bon Dr.-A. L!p- schütz. Heft 33. Das Auge und seine Er. lrankungcn. Von Dr. W. Seeligiohn. Hest 34. Die BerufSkraukhriten ' der Gaöarbeiter. Von Dr. W. Hanauer. Hcst 35. Tie Berufskrankheiten der Schneider und Textil- arbeite«. Von Dozent Dr. Grat- jahn. Heft 36. Die Berusskrankheiten der Maurer und Bauarbeiter. Von Dr. med. E. Thefing-Magde- bürg. Hest 37. Die Krcbskraukheit. Von Dr. I. Zadel jr. Hest38. Uuserc GeuuKmittel. Von Dr. A. Lipschütz. dedes lielt kostet 29 Pf.=3 in besserer Ausstattung 50 Pf. Buchhandlung Vorwärts Lindenstr. 69(Laden). Buchhandlung Vorwärts L-lndenstr. 69. Sozialdemokrat. FlugsehriftEo: «o. 91. SozlaimoMe ddiI iisiosemur; /Referat v. Joh. Timm-München erstattet auf dem Parteitage zu Jena 1913. Der Preis beträgt pro Heft IO Pfennig. 249/5 Sie Welt in Waffen » Mit den besten zeitgenössischen Bildern 60 Hefte ä 20 Pf. Jedes Heft ist reich illustriert pver Verfasser behandelt in seinem Werke die Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts von dem Beginn des polnischen Aufstandes und seiner heldenmütigen Volkskämpfe, die die Polen aus der todbringenden Umarmung des russischen Knufentums befreien sollten, bis zu den jüngsten Ereignissen im Balkan, bei denen zum Entsetzen aller Menschenfreunde die Kriegsfurie in all ihrer Scheußlichkeit: Frauenschändung, Ermordung von Greisen und Kindern, seine Wiederauferstehung feierte. Das Werk sollte von jedem nach Aufklärung strebenden Arbeiter gelesen werden. Wir bitten von dem nebenstehenden Bestellschein Gebrauch zu machen. der Der Unterzeichnete bestellt bei Hauptexpedition des „VORWÄRTS" SW.68, Lindenstr. 69 iiiMnitinmiiinmmiHHHiniimmimiiinmiimmnnmuni in BO reich illnstrierlen Heften zum Preise von 20 Pfennig vBehenllleli ins Haus zu liefern. Name: Ort: Wohnung:__ (Dieser Zettel kann auch der Botenfrau mitgegeben werden.) 5 Verantw. Rebakt.: Alfred Wielep», Neukölln. Inseratenteil veronsw. Td. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: LorwärtsBuchdr.u. Verlagsanstalt Paul Singer& C., Berlin SW, Hierzu 1 Stitoa*. Jotmärts" jteliiitt WllisM Montag, 9 itkm f91i Das Sühne-Denkmal. Nun laßt die Glocken von Turm zu Turm Durchs Land frohlocken im Zubclslurm. Den ausgebürsteten Frack zieht an Zur Denkmalswcihe kommt alle heran, Zu ehren die deutschen Helden. O sehet sie da in ZNarmorstein, Den Reuter, den grimmen, im Ordensschein, Den Forstner. der'nen Lahmen besiegt. Den Schad, der Richter beim Kragen kriegt. Sie wurden hier ausgehauen. Dies Denkmal Deutschlands Größe erweist. Jetzt, Achtung, präsentiert das Gewehr, Roch triumphiert der Landsknechtsgeist. Maschinengewehr' zum Salukschicßen her! And murrt der Bürger zu Zeiten auch. Dann lauscht Herrn Basfermanns Rede.— Vorm bunten Rock liegt er doch auf dem Bauch So wird enden die Zaberner Fehde. wie der Zulu vor seinem Fetisch. Den Siegern weiht man ein Denkmal. Lanöratsbriefe. Lieber alter Freund! Dag man wieder etwas von Dir gehört hat, verdankt man leider der schäbigsten Einrichtung, die Gott sei Dank in meinem Kreis, wenn auch nicht im Format, so doch im Geist Oertels er- scheint, der Zeitung. Tu gehörst jetzt also wirklich auch zu den Antelegraphierten! Das ist heutzutage mehr wert als ein Orden und hat bis jetzt noch jedem zu standesgemästem Vorwärtskommen geHolsen. Gratuliere darum herzlichst und kann nur sagen, datz ich sowohl wie mein Vezirkshauptmann entschlossen sind, uns daran zu halten, daß die nächsten Telegramme nach Norddeutschland sallen. Gewisse Parität muß sein, und wir können geradeso gut immer fpste drauf gehen, wie die im Süden, mag dabei schließlich drauf gehen, wer will. Von mir ist nichts weiter zu berichten. Du weißt ja, wir Londrätc haben eigentlich nur in Wahlzeiten zu tun, und da es in meinem Kreis weder Polen noch Dänen gibt, weih man manch- mal wirklich nicht, wohin mit der Strammheit. Wenn nicht das Wereinsgesetz wäre! Ich war immer gegen die Befleckung mit den linken Brüdern, aber eins muß ich sagen: das Vereinsrecht haben unsere Leute mit den Rosaroten phänomenal gefingert. Es ist eine Quelle steten Genusses für uns, die wir weder auf der Grenzwacht, noch mitten im Umsturz stehen, sondern leider Gottes unter einer Bevölkerung leben müssen, die nichts als Königstreue ausdünstet. Ich selber habe das Gesetz natürlich noch nicht gelesen; aber mein Sekretär sagt mir, einfach fabelhaft. Nicht eine Bestimmung, an die wir uns zu halten brauchen! Geschlossene Versammlungen gibts bei uns nicht. Wir haben uns extra einen Polacken gekaust, den wir für teueres Geld aus Posen kommen ließen. Aber das Geld hat sich rentiert. Der Kerl ist auf meine Kosten Mitglied sämtlicher Vereine, hat die strikte Anordnung, bei Beginn jeder Versammlung das Wort zur Geschäftsordnung auf polnisch zu verlangen und eine Versammlung, in der polnisch geredet wird, ist natürlich von vornherein politisch und öffentlich. Früher hatten meine Gendarmen keine andere Abwechselung, als Landstreicher auf den Schub zu bringen und auf Sie Volizet- stunde(natürlich bei den niederen Kreisen) aufzupassen.'Jetzt sitzen sie jeden Abend in einer anderen Versammlung und freuen sich wie die Schneekönige über das Freibier, für das sie natürlich(denn Bestechung ist nicht!) ihren Groschen Trinkgeld zahlen. Am besten haben wir uns amüsiert, als neulich die Frau unseres einzigen Demokraten und Vaterlandslosen im Sterben lag. Der Bursche hatte es wirklich fertig gebracht, drei von seinen rosaroten Brüdern, angeblich Professoren der Berliner Universität, zu einer Konsultation hierherzubringen, obwohl unser alter, trinkfester Kreis- arzt, der in den konservativen Familien, herumdoktert, für ihn wohl auch gut genug gewesen wäre. Ich habe natürlich die Versammlung dieser drei zweifelhaft christlichen Berliner Herren auf Grund des Vereinsrechts sofort aufgelöst, den Mann wegen Nichtanmeldung einer Versammlung mit einer gehörigen Strafe belegt und ihn durch den Sekretär rausweisen lassen, als er noch groß das Maul auf- reißen und Beschwerde führen wollte. Am meisten Spaß macht es uns, wenn wir von unserem Hono- ratiorensstammtisch aus hören, wie draußen in der Wirtsstube fürs gemeine Volt, wo die Unzufriedenen hocken, einer anfängt:.Meine Herren, hören Sie mal..." oder ähnlich. Das verstößt nämlich auch gegen das Vereinsgesetz und kostet. immer einen Taler. Auch die Jugendlichen siüd eine Quelle stiller Heiterkeit für uns. Wir haben im Ort ein schlechtes Frauenzimmer, hat schon seine vfer Kinder, keinen Mann, ist aber für brenzlichc Zeugencide außer- ordentlich brauchbar. Von diesem tüchtigen Mädchen pumpen wir uns für Wahlzeiten immer ein Kind, setzen es unter einen Tisch und sobald irgend so ein Aufrührer zu sprechen beginnt, wird von Gesetzes wegen ausgelöst. Jugendliche dürfen in keine politische Versammlung, da hilft keine Beschwerde. Neulich hat mein Wachtmeister etwas besonders Feines aus- geknobelt. Haben in dem einen Wirtshaus einen Stammtisch, an dem laut den Berichten der Kellnerin äußerst verdächtige Reden gehalten werden gegen Dreiklassenwahlrccht und ähnliche hochver- räterische Redensarten. Diese zweifelhaften Burschen haben eine Kasse gegründet; wer zu spät, kommt, zahlt einen Groschen. Mein Wachtmeister hat' nun entdeckt, daß der Vetter eines der Haupt- rädelsführer bei seinem letzten Berliner Besuch mit einer sozial- demokratischen Visitenkarte auf die Reichstagstribüne gekommen ist. Wir lesen aber auch manchmal Zeitungen, und da sehe ich, daß im Rheinland Kassen und Zahlstellen, wenn im Verdacht des Um- sturzes, einfach als politische Bereine behandelt werden. Was mache ich? Ich erkläre den Stammtisch samt seiner Kasse für politisch und wenn die Burschen nun zu einem Glas Bier zusammenkommen wollen, müssen sie jedesmal ihre Versammlung anmelden. Ist daS Staatskunst oder nicht? Wie gesagt, besonders in den langen Winterabenden wüßten wir nicht, was wir in unserer Einsamkeit anfangen sollten, wenn wir nicht zur Unterhaltung die Handhabung des Vereinsgesetzes hätten.— Mit echt preußischem Gruß Dein Leibbursch � Jtzenplitz. „Avil ausgeschlojlen". Seit der Kronprinz sickr als Schriftsteller von PresberS Gnaden betätigt, ist es auch für den letzten Leutnant a. D. keine Swande mehr.„Literatur" zu produzieren. Also, daß man beinahe (wider alle Prinzipien) dem Miliiärregiment dankbar sein möchte. Weil es die Offiziere Seinet Majestät vor der Presse bewahrt, ge- treulicher als je ein Kindermädchen die Grafensprößlinge vor Proleten- kindern in acht nahm... Denn was s o n st— auf daS erhabene Beispiel hin— an„Literatur" das Licht der Welt erblicken würde... Ganz—■ ganz entfernt kann man sich das' vorstellen, wenn einem der Zufall einmal eines der Blätter und Blättchen in die Hand wirft, in denen der sogenannke„Geist unseres Heeres" in hellster(von Zivilistenpoplichkeit ungestörter) Flamme brennt. Ein Blatt für Offiziere, wenn möglich. Läßt sich da in der Zeitschrift „Das OffiziershauS" ein Herr Kamerad xost festum über Neujahr aus.„Silvesterdienst und NeujahrScour." Was macht man an Neujahr in der Großstadt? Der Herr Kamerad ist gut orientiert. Und so„plaudert" er, damit es sich die Herren Kameraden für nächstes Jahr merken können: „Wo man sitzt?— In der Bar natürlich. Einem netten, in- timen Baichen.(!) Zivil ausgeschlossen. Man entschädigt Wirt und Huldinnen schon für den Ausfall.-- Kann man's besser haben: Gute Freunde unter sich, famose Drinks, famose Mädels, noblen Rahmen?" Hier hat einmal einer(„unter sich") sein Herz aufgetan.... „Zivil ausgeschlossen". Das ist das richtige Wort. Hört man den Forstucr nicht reden? Selbstverständlich: Zivilisten- Volk hat doch nicht zuzusehen, wenn sich Kgl. pr. Leutnants be- saufen.„Famose MädclS" haben ganz allein für blaues Tuch reserviert zu fein. Wird sich doch von Zivilistenglotzaugen nicht die Laune verderben lassen. War' ja noch schöner! „Zivil ausgeschlossen". Tja ja—: gelehrige Jüngcl- chen, unsere Leutnants. Haben schvn erfaßt, worauf es ankommt. Bis die erst so alt sind, wie der Herr von Reuter, wissen sie ganz genau, wie mau Krapule und Paragraphen auf den Kopf spucken darf. „Zivil ausgeschlossen".— Oder sind diese zwei Worte nicht die Maxime, nach der im Heer des deutschen Volkes(wenn der Ausdruck gestattet ist I) alles funkliouiert? Oder wenigstens fuukitoniereu soll?— Bei allem, was innerhalb der Behörden, der Kaserne, des Exerzierplatzes vorgeht—: Zivil ausgeschlossen. Wenn em Kriegsgericht über einem Soldatenschinder tagt—: Zivil ausgeschlossen. Bei allem, was die berühmte„Kommandogewalt" be- treffen könnte— am Freitag hat es ein preußischer Junker und Partikularist erst dem Reichstag zugerufen:' Zivil ausgeschlossen. Hätte Krupp nicht zum Himmel gestunken, so hätten wir noch nicht einmal den Popanz von einer RüstungSkommiffion. Motto Zivil ausgeschlossen. Im übrigen hätten wir nicht einmal'was dagegen, wetcki W, Herren Kameraden, die hohen und die niederen, exklusiv sind. Bloß müßte es dann auch bei der nächsten Wehrvorlage, wenn's an's Zablen geht, ebenso heißen. Genau so: Zivil aus» geschlossen! Keine Bange I Das deutsche Volk wird für den„noblen Rahmen", die. famoien Drinks und die famosen.Mädels Wtd— die famose Exklusivität schweifwedelnd weiter bezahlen. Die Generalgewerkschaft. In seinem kürzlich erschienenen Buch„Eines Arbeiters Weltreise" schildert Genosse Kummer recht ergötzlich seine Auf- nähme in einen Zweigverein des amerikanischen Maschinen- bauerverbandes. Die strenge Beobachtung des Formelkrams, die Geheimtuerei, die Umständlichkeit und Schwierigkeit der Aufnahme, die nicht nur von der Bezahlung eines hohen Ein- trittsgeldes, sondern auch von dem Ausfall einer eingehenden fachlichen Prüfung abhängig gemacht ist, all das könnte unsere Heiterkeit erregen, wenn wir nicht wüßten, daß es sich da um sehr ernste Gebrechen der amerikanischen Arbeiterbewegung handelt. Allerdings wird heute auch die A. F. of L., der amerika- nische Gewerkschaftsbund, nicht mehr ganz von diesem zünftle- rischen Geist regiert. In den letzten Jahren haben viele der ihm angeschlossenen Vereine den Versuch gemacht, ihre Taktik den geänderten Verhältnissen anzupassen. Man hat bei ver- schiedenen Vereinen den Eintritt leichter gemacht; bei anderen wurde allerdings zur selben Zeit das Eintrittsgeld erhöht. Man hat sogar wenigstens an einigen Orten versucht, die Un- gelernten zu organisieren; aber alle diese Modernisierungs- versuche haben doch bis heute noch nicht den Grundcharakter dieser aristokratischen Arbeiterorganisation zu ändern ver- mocht. Kein Wunder daher, daß sich die ungelernten Arbeiter, zum großen Teil Einwanderer, die bei den Vereinen der A. F. of L. keine Aufnahme und keine Unterstützung fanden, die auch nicht imstande gewesen wären, aus ihren kargen Löhnen die hohen Eintritts- und Mitgliedsgebühren zu be- zahlen, nach anderen Organisationsformen unisahen. Meist erwachte dieses Streben allerdings erst im Augenblick des Kampfes, wenn die zur Verzweiflung getriebenen Lohnsklaven sich gegen ihre Ausbeuter erhoben und nun plötzlich an sie die Notwendigkeit herantrat, einheitliche Forderungen aufzustellen, gemeinsam zu handeln, die Schwächsten zu unterstützen, für die Kinder zu sorgen, den Behörden entgegenzutreten, mit den Unternehmern zu unterhandeln. Die Fachvereine der A. F. of L. verweigerten hier meist schon deshalb ihre Hilfe, weil die Streikenden gar keinem Beruf angehörten, dessen Angehörige im Fachverein organi- siert sein sollten. Für unorganisierte Arbeiter eines fremden Berufs sich einzusetzen, hatten aber die Gewerkschaftler um so weniger Lust. Wo aber die A. F. of L. versagte, dort sprang die junge Zentralorganisation der I. W. W., der„Industrie- arbeiter der Welt", ein. Sie sind in erster Linie die Ver- einigung der Ungelernten, der von der A. F. of L. Vernach- lässigten. Sie schickten in die Streikgebiete ihre Agitatoren und Organisatoren, sie sammelten Gelder, brachten die Kinder der Streikenden bei Genossen unter, stellten Rechtsanwälte, um die Rechte der Ausständischen zu schützen, veranlaßten eventuell auch Interventionen in den gesetzgebenden Körper- schaften. Freilich, Geld konnten sie selbst nicht viel geben, denn daran gebricht es naturgemäß einer Organisation, die zum größten Teil aus Ungelernten besteht. Aber diesen Mangel behaupten die I. W. W., nicht sehr schmerzlich zu empfinden. Ebenso wie die französischen Syndikalisten machen sie aus der Not ein Prinzip und erklären die gefüllte Gewerk- schaftskasse für ein Schwergewicht, das die Aktion eher hemmt, als fördert. Tatsächlich kann sich ja auch eine Organisation der schlechtest bezahlten Arbeiter nicht auf ihre finanziellen Hilfsquellen verlassen, eine Organisation, deren Bestand und Festigkeit noch besonders durch die unerhörte Vielsprachigkeit der hier in Frage kommenden Arbeiter, durch ihr oft sehr niedriges Kulturniveau und durch ihre ewige Wanderschaft fortwährend gefährdet wird. Sie muß an die Begeisterung der Kämpfenden, vor allem aber auch an die Solidarität der Kameraden appellieren. So kommt es, daß diese aus voll- kommen anders gearteten Verhältnissen entsprossene Bewe- gung sich ihre Ideologie, ja ihre Ausdrucksweise, zum großen Teil von den französischen Syndikalisten entlehnte. Hier wie dort die zur Schau gestellte Verachtung von Gewerkschafts- lassen und Gewerkschaftsdisziplin, die Berufung auf die alle Hindernisse bezwingende Kampfbegeisterung und auf die hilfs- bereite Solidarität der Klassengenossen, endlich die Neigung zur„direkten Aktion". Aber die Aehnlichkeit ist doch tn vielen Heimarbeit. In einer Stube, dicht zusammengezwängt, Vom Odem ihres Elends halb erstickt, Die matten Augen heiß und ungetränkt, Tief über ihre Arbeit hingebückt. So sitzen sie und werden nicht gewahr, Wie sich der Frühling vor dem Fenster zeigt. Sie sehen nicht, wie sich das blonde Äaar Der Jüngsten ties zum Tisch hinabgeneigt. Erst, als ihr Stöhnen durch die Enge quillt, Da seh'n sie alle auf wie toterschrocken... Sie wissen, wem das dumpfe Stöhnen gilt. Doch ihre Augen bleiben hart und trocken. Leo Heller. Der Musterarbeiter. Von Emil U n g e r. So oft unser Chef an ihm vorbeiging, huschte über sein Gesicht ein Zug der Befriedigung. Ja, das war ein Arbeiter nach seinem Sinn. Ach, daß doch alle so wären! Man merkte kaum seine Anwesenheit. Morgens, pünktlich auf die Sekunde, trat er an und während der Arbeitszeit saß er wie festgemauert auf seinem Platze und arbeitete unverdrossen, weder rechts noch links schauend. Nur selten, daß er einmal eine Silbe sprach. Und auch das nur, sofern es unbedingt nicht zu umgehen war. Sonst konnte man ihm jedes Wort mit der Beißzange aus dem Munde ziehen, wenn er reden sollte. O ja, er war vorbildlich als Arbeiter, dieser Franz Treugold (so hieß er), oft genug bekamen wir es durch die Blume zu hören. Unser Chef nahm jede Gelegenheit wahr, uns seinen Musterarbeiter unter die Nase zu reiben. Wir aber schwiegen und dachten unser Teil, nur ein ver- ständnisvolles Lächeln huschte von Mund zu Mund. Wußten wir doch, daß der Tag nicht ferne war, wo unser Arbeitgeber sein blaues Wunder erleben würde. Jeder von uns kannte Franz Treugold schon lange genug, um zu wiffen, wie er anzufangen und auch Stücken nur rein äußerlich, und gerade in der Organisations- frage tritt der Gegensatz zwischen dem französischen und ameri- kanischen Syndikalismus scharf hervor. Das Grundprinzip der französischen, auf kleinbürger- lichem Boden erlvachsenen Organisation ist das der Föderation, des losen Bundes. Die Gewerkschaftszentrale ist ihrem Statut gemäß nicht viel mehr als ein Korrespondenzbureau und ver- fügt auch tatsächlich nur über sehr bescheidene Mütol. Das Programm der I. W. W. hingegen geht auf straffste Zentrali- sation aus. Die„Industriearbeiter der Welt" verlangen den Zusammenschluß in Jndustrieverbänden, im Gegensatz zu den Fachverbönden, die heute noch in der A. F. of L. maßgebend sind. Allerdings fehlt es auch im amerikanischen Gewerk- schaftsbund nicht mehr an Versuckien, sich zu Jndustri.ver- bänden zusammenzuschließen, wie bei den Berg- und den Brauereiarbeitern. In anderen Industrien, wie bei den Me- tall- und den Bauarbeitern besteht wenigstens eine Art von Kartellverband. Trotzdem herrscht noch immer in der A. F. of. L. eine ungeheure Zersplitterung vor, die eben mit dem zunftmäßigen Charakter dieser Organisation zusammen- hängt, die auf die Bedürfnisse gelernter Facharbeiter zuge- schnitten ist. Die I. W. W. hingegen rekrutieren sich aus der ungelernten Mannschaft der modernen Riesenbetriebe, wo alle Grenzen und Schranken zwischen den Berufen aufgehoben sind, in denen oft sogar verschiedene Industrien vereinigt sind. Bei den I. W. W. kann daher von Fachvereinen von vornherein nicht die Rede sein, ja, ihnen genügt schon der Jndustriever- band in unserem Sinne nicht mehr. Ihre Redner verlangen schon den„Verband der Verbände", den allumfassenden „Klassenverband", die Vereinigung aller Arbeiter in einer ungeheuren Generalgewerkschaft. Diese Forderung hat sich aus den Verhältnissen geradezu mit Notwendigkeit ergeben. Zunächst mußte schon der energische Appell an die Klassensolidarität, an das Zusammen- gehörigkeitsgefühl der gesamten Arbeiterschaft, dessen Betäti- gung allein imstande wäre, sich dem übermächtigen Unter- nehmertum gegenüber zu behaupten, dazu führen, diese ge- samte Arbeiterschaft auch organisatorisch zusammenzufassen. Dieses Bestreben mußte aber noch dadurch wesentlich bestärkt werden, daß Amerika das Land der großartigst ausgebildeten Formen der Unternehmervereinigungen ist. der Ringe, Kar- telle, Trusts usw. Der Solidarität der Arbeiter muß die Solidarität der Ausgebeuteten entgegengestellt werden. End- lich mögen aber bei der Aufstellung dieses Programms auch noch Traditionen an eine Glanzzeit des amerikanischen Ge- Werkschaftslebens mitgewirkt haben, an den erstaunlichen Auf- schwung der„Ritter der Arbeit". Und doch hätte gerade die Erinnerung an den raschen Aufstieg und den baldigen Niedergang dieses„Edlen und heiligen Ordens der Ritter der Arbeit" seinen Nachfolgern eine Warnung sein können. Diese zuerst geheiine, seit 1878 öffentliche Organisation bezeichnete sich selbst als„die große Vereinigung aller, die sich in Arbeit mühen, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Glaubensbekenntnis oder Farbe". Denn, wie sie erklärten,„das Herz der Arbeit pocht mit gemeinsamem Schlag". Bei ihnen war jede Organisation nach Berufen überhaupt verpönt. Es gab nur Ortsgruppen von Arbeitern. Es erinnert das an die überwiegende Bedeutung, die mit ähnlicher Motivierung den lokalen„Arbeitsbörsen" im Gegen- sah zu den Fach- und Jndustrieverbänden von den französi- schen Syndikalisten beigemessen wird. Im Jahre 1883 be- trug die Mitgliederzahl der„Ritter der Arbeit" erst 62 000. Drei Jahre später wurde die Zahl auf 500 000 bis 800 000 geschätzt. Doch von da ab ging es unaufhaltsam bergab. Eine Periode wilder Streiks setzte ein. Jede Organisation vertraute darauf, daß ihr ja die anderen zu Hilfe kommen würden, und dabei waren durch die Agitatoren des Ordens zu Propagandazwecken noch außerordentlich übertriebene Darstellungen seiner Macht verbreitet worden. Ter Rück- schlag konnte nicht ausbleiben. Die leichter organisierbaren bessergestellten gelernten Arbeiter fielen massenhaft ab. weil sie fürchteten, für die streiklustigen Ungelernten die Zeche bezahlen zu müssen, und bei diesen selbst stellte sich bald Ent- täuschung und Entmutigung ein. Im Jahre 1891 soll die Mitgliedschaft des Ordens schon weniger als 200 000 betragen haben. Seine Bedeutung war zugleich hinter der der neu- gegründeten A. F. of L. wesentlich zurückgetreten. wieder zu enden pflegte. Er wurde allgemein„Bruderherz" ge- nannt und war schon ein dutzendmal im Verband gewesen, wir kümmerten uns schon gar nicht mehr um ihn und verzichteten gern auf seinen Wiedereintritt. Seine Arbeitsstelle wechselte er sehr oft aus„unwiderstehlichen" Gründen. Bruderherz stand schon im Anfang der Vierziger. Er war klein und gedrungen von Gestalt und hatte ein breites, rotes Gesicht, das von einem noch röteren Bart umrahmt wurde. Er war Jung- geselle. Brachte man ihn zum Sprechen und fragte man ihn. warum er nicht geheiratet habe, so lautete die lakonische Antwort: „Hab's vergessen." Also, Bruderherz hatte bei uns angefangen zu arbeiten. Vier Wochen weilte er bereits in unserer Mitte, und längst schon er- warteten wir den Ausbruch seines stärksten Charakterzuges. Unsere Erwartung sollte sich denn auch sehr bald erfüllen. An einem Montagmorgen fehlte Bruderherz beim Glockenschlag sieben. Durch unsere Reihen ging ein leises Raunen, und mit Spannung blickte jeder von Zeit zu Zeit mal nach der Tür. Bald kam der Erwartete auch. Seine Augen starrten gläsern ins Leere, strack und steif, als habe er einen Besenstiel verschluckt, suchte er seinen Platz auf, der neben dem meinen lag... Langsam zog er seine Jacke aus, band die Schürze um. Dann setzte er sich gemächlich hin. Lange kramte er in seinem Werkzeug herum, fortwährend vor sich hinbrummelnd. Zuletzt begann er aber doch zu arbeiten, und niemand achtete mehr seiner. Der Chef war auch mehrere Male durch den Saal gegangen, ohne daß ihm an seinem Günstling etwas aufgefallen wäre. Als das Frühstückszeichen ertönte, drehte sich Bruderherz Plötz- lich mit einem Ruck auf dem Schemel herum und fauchte mich zornig an: „Wat wolltest Du mit dem Dolche? sprich!"' Da er meinen verwunderten Blick sah, begann er vergnügt zu lachen. Schließlich fragte er in bittendem Ton: „Bruderherz, hast Du Soroff?" Nein, ich mußte bedauern, Schnaps hatte ich wirklich nicht. Da wandte er sich enttäuscht ab. Eine Weile blickte er stier zum Fenster hinaus, dann stieß er seinen Vordermann an: „Bruderherz, haste keen Soroff?" Der wimmelte ihn ärgerlich ab. Einige Minuten saß er un- schlüssig da, mit beiden Händen die Schnurrbartspitzen zwirbelnd. Endlich stand er auf und zog aus seiner Rocktasche eine ziemlich große, aber leere Schnapsflasche. Eine Sekunde hielt er sie prüfend gegen das Licht. Dann ging er fort, im Vorübergehen seinem Vordermann wütend zuzischend: Doch diese Spuren schrecken die heutigen Vertreter der I. W. W. nicht. Mit voller Entschiedenheit erheben sie die Forderung nach„ons big union", nach dem„einen großen Verband". Allerdings scheinen sich die Führer der Bewegung noch darüber nicht ganz einig geworden zu sein, wie sie sich diesen„Klassenverband" vorstellen sollen. Die einen stellen ihn geradezu wie einen straff zentralisierten allumfassenden Verband hin, die anderen wollen den einzelnen Industrie- verbänden noch gewisse Autonomierechte lassen. Daß dabei dieser geplante allgemeine Arbeiterverband ebenfalls meist „Jndustrieverband" genannt wird, erhöht nicht gerade die Klarheit der Auseinandersetzung. Charakteristisch für diesen Gebrauch des Ausdrucks ist es, daß die amerikanischen Syndi» kalisten in der„Internationale", die sie als ihr Kampf- lied betrachten, den Schlußvers,„die Internationale wird die Menschheit sein", mit den Worten übersetzen„tbe industrial union sball be the human race", d. h. also wörtlich, der Jndustrieverband wird das Menschengeschlecht sein. Wenn nun aber die Arbeiter aller Berufe und Industrien in einer Generalgewerkschaft vereinigt werden, kann es nickst deren Hauptzweck sein, die Spezialinteressen der einzelnen Arbeiterkategorien wahrzunehmen, sondern die allen Arbei- tern gemeinsamen Interessen. Die Hauptaufgabe dieser Or- ganisation ist dann nicht mehr der Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse im einzelnen Betriebe oder Beruf, sondern der Kampf gegen die der Arbeiterklasse gemeinsamen Gegner, also gegen das Unternehmertum und den Staat. Tatsächlich sind auch die I. W. W. folgerichtig zu diesem Schluß gekommen. Zwar erklären ihre Vertreter meist noch, in der sozialistischen Partei den politischen Ausdruck ihrer Prinzipien zu sehen. Doch schon fast vor einem Jahr hat Ge- nosse Debs, der Präsidentschaftskandidat uhserer amerikanischen Bruderpartei, der selbst an der Gründung der I. W. W. be- teiligt war, sich später aber von ihnen abwandte, gegen diese Organisation den Vorwurf erhoben, daß sie sich zwar, so oft sie in Verlegenheit kommt, sehr energisch an die Partei um Hilfe wendet. Sobald aber die Gefahr vorbei, dann schlagen die I. W. W. der Partei sofort ins Gesicht. Neben einer solchen Generalgewerkschaft, wie sie die I. W. W. planen, ist auch tatsächlich für eine politische Partei kein Raum mehr. Die der ganzen Arbeiterklasse gemeinsamen Interessen sind eben ihre politischen, d. h.. sie können nur der Gesamtorganisation des Ausbeutertums. dem Staat, gegen- über durchgesetzt werdhn. Ihre Geltendmachung ist nicht mehr Aufgabe der Gewerkschaften, sondern Sache der Partei. Nimmt eine Generalgewerkschaft es selbst in die Hand, mit gewerkschaftlichen Pressionsmitteln, vor allem also durch den Streik, dann aber auch eventuell durch Sabotage und andere Mittel der„direkten Aktion" jene Konzessionen den Herr- schenden abzuringen, so macht sie damit die Partes über- flüssig. Die„eine große Union" kann ihrem Wesen nach nichts anderes sein als eine Organisation des politischen General» streiks. Allerdings, faßt man jene Forderung der Generalgewerk- schaft nur in dem Sinne auf, daß in jedem Lande starke Jndustrieverbände gebildet werden sollen, die einen gemein- samen Ausschuß bilden, der die Verständigung zum Zwecks wechselseitiger Hilfe erleichtern und eventuell auch gemein- same Streikfonds verwalten soll, dann verliert diese Forde- rung ihren revolutionären Anstrich, dann wird sie eine Frage ruhig abzuwägender technischer Zweckmäßigkeit; dann hört die„Generalgewerkschaft" aber auch auf. ein Schlagwort der Agitation zu sein. Nur die ruhige Erwägung erfahrener und sich ihrer Verantwortlichkeit bewußter Gewerkschaftspraktiker ist dann berufen, das Maß festzustellen, in dem diese Forde- rung jeweils zu verwirklichen ist. In Amerika haben die eigenartigen Zustände auf gewerk- schaftlichem und politischem Gebiet, die � zünftlerrsche Be- schränktheit der Vereine der A. F. of L., die daraus folgende Isoliertheit der Ungelernten, sowie andererseits die Schwäche der noch jungen politischen Partei dazu geführt, daß mit der Forderung der„einen großen Gewerkschaft" sehr übertriebene, utopistisch? Hoffnungen und Erwartungen verknüpft wurden. In Deutschland durste für solche Vorschläge, wie sie in letzter Zeit aufgetaucht sind, kaum ein günstiger Boden sein. El. IS. „Det sollst Du am Kreuze bereuen!" Bruderherz blieb eine volle Stunde fort. Er war über die Hintertreppe hinab gegangen und kam auch dann wieder auf dem» selben Wege zurück. Sein Blick war nunmehr noch starrer wie zuvor, und sein Gesicht hatte einen bläulichen Schimmer angenom- men. Kein Zweifel, Bruderherz war sternhagelvoll. Nur mit Mühe vermochte er sich auf seinem Schemel gerade zu halten. Eine Weile balanzierte er, und als er endlich das Gleichgewicht gefunden hatte, stellte er die Flasche, die bis oben hin mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt war, auf den Werktisch, sie mit verklärtem GesichtsauSdruck musternd. Dann fuhr er mit seinen zitternden Händen streichelnd, liebkosend an ihr herab. Das dauerte geraume Zeit, zuletzt ent- korkte er sie umständlich und reichte sie mir zum Trunk hin. Als ich das Angebot sehr energisch abwehrte, wandte er sich an seinen Vordermann. Doch auch da hatte er kein Glück. Da setzte er die Flasche selbst an den Mund und ließ die Flüssigkeit glucksend in die Kehle hinabrinnen. Als die Flasche etwa um ein Drittel ihres Inhalts erleichtert war, stellte Bruderherz sie unter den Tisch. Nun suchte er sich allmählich auf seine Arbeit zu besinnen. Aber er kam bald wieder davon ab und eine Weile später lag sein Kopf schwer auf dem Tisch. Eine gräuliche Schnarchsinfonie Hub an und eine Wolke von Fuseldunst hüllte in weitem Umkreis die Stelle ein, wo Bruderherz schlief. Nach einiger Zeit schüttelte ihn der Bordermann derbe hin und her, und als auch das nichts half, spritzte er dem Betrunkenen kaltes Wasser ins Gesicht. Der Chef hatte sich bemerkbar gemacht. und wir wollten nicht, daß er Bruderherz schlafend antreffen sollte. Dieser richtete sich denn auch auf und blickte mit irren Augen um sich, ohne in seinem Schnapsrausch zu wissen, was um ihn herum geschah. Er war auch dann seiner Sinne noch nicht mächtig, als hinter ihm die Stimme des Arbeitgebers laut wurde, der mit dem Vorarbeiter etwas besprach. Gerade, als Bruderherz die gefüllte Schnapsunke wieder an die Lippen setzte, blickte der Chef herüber. Wir dachten alle in diesem Augenblick, der Herr würde sich in eine Salzsäule verwandeln, ein so maßloses Verwundern und Er» schrecken malte sich in fernen Zügen. Franz Treugold, sein Lieb» ling, das Muster eines Arbeiters— faß total betrunken vor ihm und hatte die Schnapsflasche am Munde! Herr Stöhr konnte das noch gar nicht erfassen. Er schien aus allen Wolken zu fallen. Tann trat er hin und sagte in strengem, vorivurfsvollem Tone: „Aber Herr Treugold, das hätte ich von Ihnen nicht erwartet.' Beim Klang der Stimme wandte sich Bruderherz um und al» er den Arbeitgeber erblickte, richtete er sich entschlossen